Physiognomische Fragmente, zur Befoͤrderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe, von Johann Caspar Lavater . Gott schuf den Menschen sich zum Bilde! Erster Versuch . Mit vielen Kupfern . Leipzig und Winterthur , 1775 . Bey Weidmanns Erben und Reich, und Heinrich Steiner und Compagnie. An Herrn Carl Friederich Marggrafen zu Baaden . Verehrungswuͤrdigster Fuͤrst! S ie muͤssen in den mir unvergeßlichen Stunden, da ich die hohe Ehre hat- te, mich mit Hochdenselben uͤber die wichtigsten Dinge zu unterhal- ten — wahrgenommen und empfunden haben, daß es nicht Schmeicheley, nicht irgend eine Art von niedrigem Eigennutz, sondern bloße, innige Vereh- A 3 rung, rung, Zutrauen, Hinwallung und Liebe eines bewegten Herzens seyn mußte, die mich drang, Sie, wuͤrdigster Fuͤrst, um die Erlaubniß zu bitten, Hochdenselben diese ersten schwachen physiognomischen Fragmente zueignen zu duͤrfen. Aber das konnte Jhnen, bester Fuͤrst, die edle unverstellte Bescheiden- heit, die ich an Jhnen so sehr bewundern mußte, nicht sagen, daß ich diese Bitte zugleich deswegen that, um auch fuͤr meine geringe Person eine Gele- genheit zu haben, es oͤffentlich — und o daß ichs nur stark genug koͤnnte — zu sagen; daß es eine meiner angenehmsten Erinnerungen, meiner frohesten Gedanken einer ist und seyn wird: „So viel Weisheit und Menschlich- keit, so viel Religion und Tugend in der Person eines regierenden Fuͤr- sten lebendig und wirksam zu sehen.“ Die Welt weiß es schon, aber sie weiß es nicht genug — Solche Seiten Jhres edlen, großen und wahrhaft Fuͤrstlichen Charakters, solche Gemuͤths- verfassun- verfassungen, wie ich wahrzunehmen das Gluͤck hatte, wird sie schwerlich zu bemerken Gelegenheit gehabt haben. Jhr Bild, wuͤrdigster Fuͤrst, — ach! wie schwach, wie unvollstaͤndig ausgedruͤckt auf diesem Blatte — wie tief hat es sich ohne Jhr Wissen und Bestreben in meine Seele gegraben! Wie schlaͤgt mir mein Herz, wenn ich Jhren Namen, den Namen Jhrer großen, in so mancher Absicht unver- gleichbaren Gemahlin, Jhrer edlen und hoffnungsvollen Prinzen — wenn ich nur Carlsruhe nennen hoͤre — — Wie gluͤcklich bin ich, wenn diese, freylich weit unter Jhrer allzuguͤti- gen Erwartung, unreife Arbeit, Sie, wuͤrdigster Fuͤrst, bisweilen an die ehrfurchtsvolle Liebe erinnert, — welche Jhre Weisheit und Guͤte mir einfloͤßen mußten; — wenn sie Jhnen einen Menschen ins Gedaͤchtniß zuruͤck zu rufen vermag, der gewiß bey jeder Nachricht von Jhrem hohen Wohlbefinden, und Jhrem maͤnnlichen festen Fortgang in der Erkenntniß und und Liebe der heilsamen Wahrheit — Freudenthraͤnen vergießen, und bis in die letzten Stunden seines Lebens sich freuen wird, daß Sie — sind, und seyn werden; und daß er mit Jhnen ist, und ewig seyn wird Zuͤrich, den 2. November 1774. Jhr Mitanbeter Gottes Johann Caspar Lavater. Fragmente Vorrede , O der Fragment einer Vorrede; — denn ein Buch wuͤrde die Vorrede werden, wenn ich alles sagen wollte, was sich zur Wegraͤumung aller Vorurtheile, und zur Warnung vor allen schiefen Gesichtspunkten, aus welchen dieß Werk be- urtheilt werden wird, sagen ließe, und was, wenn's meine Muße erlaubte, um so vieler Schwacher willen gesagt werden sollte. Also nur Fragment einer Vorrede. Jch weiß nicht, welche von beyden Thorheiten die groͤßere ist; „die Wahr- „heit der menschlichen Gesichtsbildung zu laͤugnen“ — oder: „Einem, der sie laͤu- „gnen kann, sie beweisen zu wollen?“ — Der erstern von diesen Thorheiten macht sich ein großer Theil der heutigen Welt schuldig; und die andere begeh' ich. Jch Thor, der ich weiß, wie unuͤberzeugbar unter tausenden wenigstens neunhundert und neunzig sind; haben sie sich einmal vorher, mehr oder weniger oͤffentlich, wider die Sache erklaͤrt, wovon man sie uͤberzeugen will! Aber — nenn es nun Stolz oder Blindheit — ich schreibe nicht blos, schreibe nicht sowohl fuͤr mein Zeitalter — Nicht dieß, das folgende Jahrhundert soll urtheilen; denn ich weiß, daß ich bey dem gegenwaͤrtigen, wenige Weise aus- a genom- Vorrede . genommen, verlieren werde; verlieren wuͤrde, wenn ich auch nichts, als Worte Gottes schreiben koͤnnte ... „weil man einmal und zehenmal gelacht hat“ — Der Feind der Wahrheit hat in jedem Falle so viel als gewonnen, wenn er zu lachen machen konnte; — also — Erwart' ich bey der Herausgabe dieses zum Theil ungewoͤhnlichen Wer- kes mit fester Ruhe eine unzaͤhlige Menge der demuͤthigendsten Urtheile! Jch erwarte Spoͤttereyen, Satyren, Hiebe, falsche zerstuͤmmelte Alle- gationen, Chikanen, Anekdotenkuͤnsteleyen aller Arten — von beruͤhmten und unberuͤhmten Namen. Auch treffliche, wichtige Belehrungen, scharfsinnige Einwendungen, und auch wichtige Beytraͤge und Ergaͤnzungen von manchen verstaͤndigen, billigen, un- partheyischen Wahrheitsfreunden — Beyfall selber von solchen, die bisher wider mich und meine Meynungen, ehe sie Gelegenheit hatten, dieselben deutlich und vollstaͤndig genug zu hoͤren, und ruhig genug zu pruͤfen, eingenommen wa- ren — aber weit mehr unbruͤderliche, feindselige, abgeschmackte Urtheile — erwart' ich. Jch mache mich darauf gefaßt. Data fuͤr meine Erwartung liegen haͤufig vor meinen Augen, toͤnen mir alle Tage um die Ohren — unter hundert Lesern wird nicht Einer meine Gruͤnde unpartheyisch pruͤfen! — Lachen und Wehkla- gen! Seufzen und Spotten! das werden die Gruͤnde seyn, welche die meisten mir entgegen setzen werden. Der leichteste Weg! von hundert tausenden betreten! die Heerstraße der Dummheit, und der Geistessclaverey! Beobachtung aber wird Beobachtung, Erfahrung Erfahrung, und Wahrheit Wahrheit bleiben, was man immer fuͤr elende Kunstgriffe ausdenken mag, sie erst mit Koth zu bespritzen, ihre Glorie zu verdunkeln, und spottend dann auszurufen: „Wo ist die Heilige?“ Jch Vorrede . Jch will alles erwarten, und in allem auf den sehen, auf den so wenige bey ihren Arbeiten und bey ihrem Urtheilen ihr Augenmerk richten — den Va- ter der Wahrheit. — Unzaͤhlige male hab ich mich geirrt; unzaͤhlige male vermuthlich werd ich auch auf dieser, zumal so wenig betretenen, Bahn, straucheln; niemals aber hart- naͤckig bey einer Meynung bleiben, wenn man mir, bruͤderlich oder unbruͤderlich — uͤberwiegende Gegengruͤnde vorlegt. Aber — Gruͤnde sag' ich — alles andre, wie's auch Namen haben mag, ist Staub in die Augen, fuͤr Thoren oder Knechte! Man sag' uͤber meine physiognomischen Versuche, was man will; man kann schwerlich so viel Schlimmes davon sagen, als ich selber davon denke. Es ist nicht auszusprechen, wie viel in allen Betrachtungen mir fehlt, um in irgend einem ertraͤglichen Sinn ein Wiederhersteller dieser menschlichsten und goͤttlichsten Wis- senschaft zu werden. Aber man verwechsle das Objekt nicht mit dem Subjekte! den Physiogno- misten nicht mit der Physiognomik! Jch kann schlecht und schwach uͤber die Physiognomik schreiben, und Sie kann dennoch eine wahre, in der Natur gegruͤndete Wissenschaft seyn. Wer diese Fragmente alle gelesen hat, und dann an diesem letztern noch zweifelt — der wird an allem in der Welt, was er nicht selbst ausgedacht hat — zweifeln, oder zu zweifeln vorgeben. „Aber daß ich von dieser Sache schreibe? Ein Geistlicher und Physiogno- „mik! “ „welch ein Kontrast!“ — Jn den Worten, oder in der That? — Lie- ber Leser! wenn du dieß Werk gelesen hast — (ich appellire auf nichts, als dein ruhiges, unpartheyisches Lesen!) — so antworte du fuͤr mich. a 2 Jtzt Vorrede . Jtzt nur dieß Wort: „Wenn Gott dem Pferd' eine Lobrede haͤlt, darf ich „dem Menschen keine halten? wenn Christus die Herrlichkeit der Lilie aufdeckt; „ist's mir, dem Schuͤler, unanstaͤndig, die Huͤlle uͤber Gottes Herrlichkeit in dem „Antlitz und der Bildung des Menschen mit bescheidener Hand wegzuziehen? Was? „das Gras des Feldes, das nicht arbeiten, nichts schaffen, und nichts sprechen kann, „das heute steht, und morgen in den Ofen geworfen, oder zertreten wird, fand „an dem Herrn aller Welten einen Lobredner, und mir soll's Suͤnde, meiner un- „wuͤrdige Beschaͤfftigung seyn, den Herrn des Erdbodens, das lebendigste, spre- „chendste, wirksamste, erhabenste, schaffendste Geschoͤpf, das unmittelbarste Bild „der Gottheit zur Ehre des unerreichbaren Urbildes zu preisen? Urtheile, wer „urtheilen kann!“ Wie ich uͤbrigens zu dieser Arbeit veranlasset, oder vielmehr in dieselbe hineingerissen worden sey, wird dir bald gesagt werden. Und endlich glaub ich, daß der Urheber aller Talente sich nicht widerspre- che, und daß ein jeder Mensch verbunden sey, gerade die Talente anzubauen, zu uͤben und zu nutzen, die er hat, und daß wer zween Talente hat, nicht blos anderthalbe auf Wucher legen darf. Was mir Gott giebt, warum sollt' ich's den Menschen nicht wieder geben duͤrfen, wenn's ihnen Nutzen bringt, und dem Urheber aller Kraͤfte Ehre macht! „Aber ich habe versprochen — nichts mehr Physiognomisches zu schreiben?“ Zum Theil wahr! aber anstatt aller andern Antwort nur dieses: Die allermei- sten meiner froͤmmsten und meiner philosophischsten Freunde und Leser gaben mir dieses Versprechen zuruͤck, und wollten mir's schlechterdings nicht abnehmen. Jch will Beweise davon vorlegen, wann man will, und wem man will. „Aber dieses Werk ist sehr kostbar und prachtreich?“ Antwort: Es ist durchaus nicht fuͤr den großen Haufen geschrieben. Es soll von dem gemeinen Manne nicht gelesen und nicht gekauft werden. Es ist kostbar seiner Natur nach; kostba- Vorrede . kostbarer als andere Werke mit Kupfern, weil sehr viele Zeichnungen und Ku- pferplatten fehlgeschlagen sind — uͤbrigens, koͤnnen's verschiedene zusammenkaufen und gemeinschaftlich besitzen. — Jch sparte nichts, das Werk nach dem Geschmacke der Leser, fuͤr die ich es bestimmt hatte, einzurichten. Wenn ich zu einem Fuͤrsten gehe, so zieh ich mein bestes Kleid an. Wenn Pracht nicht Zweck, sondern nur Mittel zu einem weit wichtigern Zweck ist, sollte sie dann unerlaubt seyn? Dieß wirst du verstehen, hast du dieß Werk mit Nachdenken gelesen — und am Ende, wenn dich die Auslage gereut; wenn wegen des Ankaufs des- selben dir dein Gewissen Vorwuͤrfe der Verschwendung macht; wenn's der Ar- me, Nothleidende entgelten muß; wenn dieß Werk nichts dazu beytraͤgt, dich fuͤr die Zukunft, zum Besten duͤrftiger Nebenmenschen sparsamer zu machen; o so hab ich Unrecht gethan, ein so kostbares Werk heraus zu geben, welches je- doch so manchem Kuͤnstler in und außer meinem Vaterlande huͤbschen Verdienst und Anlaß, sich in seinem Studium zu vervollkommnen, darbot. Also, Leser! nimm diese Fragmente, die mehr als alle Fragmente in der Welt diesen Namen verdienen — nimm sie und lies sie, nicht fluͤchtig! lies sie mit stillem, pruͤfendem Nachdenken. Lies sie im Geiste an meiner Seite — Laß dir seyn, ich unterhalte dich persoͤnlich mit meinen Beobachtungen, theile dir meine Empfindungen einfaͤltig mit — Kalte Beobachtungen, wenn ich kalt beobachte, warme Empfindungen, wenn ich warm empfinde, ohne allemal erst meine Beobachtung, Empfindung, oder meinen Ausdruck, irgend einem gefuͤhllo- sen Journalisten in die Censur zu senden — Lies, Bruder, als ein Bruder — lies und beurtheile mich so, wie du's thun wuͤrdest, wenn wir dieselben neben ein- ander laͤsen — Lies sie, willst du sie fuͤr dich richtig beurtheilen, wo immer dei- ne Geschaͤffte es erlauben, zweymal; und willst du sie oͤffentlich widerlegen, we- nigstens — Einmal. a 3 Lies, Vorrede . Lies, ich will nicht sagen, ohne Vorurtheil fuͤr oder wider mich, fuͤr oder wider die Physiognomik; beydes waͤre zu viel! — Aber lies mit so ru- higer Pruͤfung, und so fester Ueberlegung, als es dir moͤglich ist; und wenn du mit dieser Gemuͤthsverfassung aus dieser Schrift nicht gelernt hast — Dich und deinen Nebenmenscheu, und den Schoͤpfer von beyden bes- ser zu kennen; „Nicht gelernt hast, dich zu freuen, daß du bist, und daß solche und „solche Menschen neben dir sind; dich zu freuen, „ Daß dir eine neue Quelle von edlen, menschlichen Vergnuͤgungen „aufgeschlossen ist; — „Wenn du nicht mehr Achtung fuͤr die menschliche Natur, mehr heilsa- „mes Mitleiden mit ihrem Verfalle, mehr Liebe zu einzelnen Menschen, mehr „ ehrfurchtsvolle Freude an dem Urheber und Urbilde aller Vollkommenheit „in dir zu erwecken gelernt hast; „Wenn du am Ende in sehr nuͤtzlicher Menschenkenntniß nicht weiter „gekommen bist;„ O so hab ich umsonst geschrieben; so hat die laͤcherlichste Thorheit mich blind gemacht; so sage, wie, und wann und wo du willst, daß ich dich betrogen habe — so verbrenne dieß Werk, oder send' es mir zu, und ich will dir — deine Auslage erstatten. — Jch verspreche nicht (denn solches zu versprechen waͤre Thorheit und Un- sinn) das tausendbuchstaͤbige Alphabeth zur Entzieferung der unwillkuͤhrlichen Na- tursprache im Antlitze, und dem ganzen Aeußerlichen des Menschen, oder auch nur der Schoͤnheiten und Vollkommenheiten des menschlichen Gesichtes zu liefern; aber doch einige Buchstaben dieses goͤttlichen Alphabeths so leserlich vorzuzeichnen, daß jedes gesunde Auge dieselbe wird finden und erkennen koͤnnen, wo sie ihm wieder vorkommen. Zugabe Zugabe zur Vorrede. Etwas uͤber den Plan und Jnnhalt dieses Werkes. M an weiß es schon, daß ich weder Lust, noch Kraft habe, eine Physiogno- mik, oder irgend eine Art von physiognomischem System zu schreiben; — daß ich nur Fragmente zu liefern gedenke, die unter sich eben keine Verbindung haben, und kein Ganzes ausmachen werden. Um alle Erwartung von ir- gend etwas Ganzem, Zusammenhaͤngendem, ganz zu zernichten, und mir zu- gleich die oft so beschwerliche Muͤhe einer leicht uͤberschaubaren Rangordnung der Materien zu ersparen — war mein erster Gedanke, dieß Werk in Form eines Wochenblattes herauszugeben. Es fanden sich aber nachher Schwierig- keiten, wobey der Verleger und der Leser allein eingebuͤßt haͤtten; ich allein ge- wonnen haͤtte, so, daß ich diesen Gedanken fahren ließ. Jch fuͤhr ihn aber doch an, um meine Leser in Absicht auf die Ordnung des Werkes nichts Vollstaͤn- diges erwarten zu lassen. Der Plan, den ich mir seither oft vorzeichnete, hat sich durch immer neue unvorgesehene Ereignisse so oft veraͤndert, daß ich vor Vollendung des Werkes dem Leser kaum etwas vorlegen darf, das als Plan angesehen werden koͤnnte. Auch kann ich nicht einmal alle die Materien be- stimmt genug nennen, womit ich meine Leser unterhalten werde. Was und wie viel in jeden Band kommen, wie viel Baͤnde das Werk ausmachen werde, das laͤßt sich itzo schlechterdings nicht bestimmen. Je nach dem mir Gesundheit, Muße, Kraft und Lust vergoͤnnt werden wird; je nach dem meine Versuche dem Publikum gefaͤllig und nuͤtzlich seyn werden, werd ich mich ausbreiten, oder ein- schraͤnken. Sehr vermuthlich aber werden vier Baͤnde das Wenigste seyn, was ich versprechen oder draͤuen kann. — Jch werde mit einigen vorbereitenden Abhandlungen den Anfang ma- chen; und Verschiedenes, das in denselben behauptet werden wird, mit Zeich- nun- Zugabe zur Vorrede. nungen belegen. Diese vorbereitenden Abhandlungen sollten verschiedene allge- meine Vorurtheile gegen die Physiognomik uͤberhaupt wegraͤumen, den Scha- den, der daher besorgt, den Nutzen, der gehofft werden kann, die Leichtigkeit und Schwierigkeit der Physiognomik, den Character und die Eigenschaften des Men- schenbeobachters — beleuchten. Jn jedem Bande werden einige allgemeine Betrachtungen und sehr viele besondere Wahrnehmungen und mehr oder weniger wichtige Anmerkungen und physiognomische Uebungen, das Resultat haͤufiger entwickelter und unentwickel- ter Beobachtungen vorkommen. Jch werde erst vieles nur gelegentlich sagen; — nachher zusammen fas- sen, und, wenn der Leser genug vorbereitet ist, und einiges Zutrauen gewon- nen hat — zu foͤrmlichen Schluͤssen und Entscheidungen fortschreiten. Jch werde, obgleich ich nicht die mindeste Vollstaͤndigkeit verheissen kann, dennoch schwerlich einen wichtigen Punkt ganz uͤbergehen, wenn mir Gott Zeit und Kraft dazu schenket. Mannichfaltigkeit und Reichthum der Bemerkungen; Deutlichkeit, Be- stimmtheit und uneinschlaͤfernde Staͤrke im Vortrage, darf ich, mit einander zu vereinigen, nicht immer versprechen; aber versprechen, immer darnach zu streben. Von allen Nationen, allen Gattungen der Menschen, allen Kraͤften der menschlichen Natur sollt' ich reden. Jch will's nicht versprechen; aber mich be- eifern, mehr zu leisten, als ich versprechen darf. Daß das Jnteresse des Werkes immer steige, daß besonders das Ende — die Abstractionen aus allen zerstreuten Beyspielen — reif werden, und die schaͤrfste Pruͤfung der Menschenerforscher aushalten moͤge; daß die Wahrheit dessen, was ich, Zugabe zur Vorrede. ich, obgleich nicht immer, obgleich selten im Docententon sagen werde, dem offnen Auge und Herzen — des Weisen in der Natur begegne; daß er oft mit geheimer Freude ausrufe — „da ist sie! da koͤmmt sie! Jch kenne sie!“ Wie wuͤnsch ich mir das! wie mach ich mir's zum Ziel — aber! — wer fuͤhlt's, wie schwer es ist, dieß allemal zu erreichen! Es bisweilen zu erreichen, dieß darf ich hoffen; sonst waͤr's unverantwortlich, wenn ich ein physiognomisches Wort schriebe. Ueberhaupt aber wird das ganze Werk durchaus zeigen, daß es mir unmoͤglich war, irgend etwas Ganzes, oder im eingeschraͤnktesten Sinne etwas Vollkommenes zu liefern. Jn dieser Absicht sind den Fragmenten sehr oft Zugaben beygefuͤgt, wor- inn groͤßtentheils was nachgeholt, oder gesagt wird, das einige Beziehung aufs Hauptbruchstuͤck hat; oft auch etwas nur einigermaßen dazugehoͤriges, ohne Ruͤck- sicht aufs Vorhergehende, beleuchtet wird. Anders konnt ich mir oft nicht hel- fen, wenn ich bey meinem Hauptgesichtspunkt, wo ich schlechterdings nothwen- dig stehen bleiben muß — nur Fragmente zu liefern, bleiben — und es doch dem Leser einigermaßen erleichtern wollte, — den Weg, um nicht zu sagen, den Plan des Werkes zu uͤberschauen; und dieß und jenes zu suchen und zu finden. Hauptkupfertafeln und Vignetten werden sehr selten bloße Zierde, groͤß- tentheils Hauptsache, Fundament, Urkunde seyn. Es war unmoͤglich, daß alles von Meisterhaͤnden gemacht wurde. Das Werk waͤre nie zu Stande gekommen, kein Verleger haͤtt' es uͤbernehmen, und kein Publikum bezahlen koͤnnen. Das glaub ich behaupten zu duͤrfen, daß sehr viele nicht nur in Absicht des Ausdruckes, worauf doch eigentlich am meisten gesehen werden sollte, son- dern auch der mahlerischen Ausfuͤhrung, sich Kennern duͤrfen sehen lassen. Haͤrte ist's wohl, was man manchen Tafeln vorwerfen kann und wird; aber da es b vornehm- Zugabe zur Vorrede. vornehmlich um Bestimmtheit des Ausdruckes zu thun war, und da die Tafeln eine betraͤchtliche Anzahl Abdruͤcke aushalten muͤssen, wenn das Werk dem Ver- leger nicht zum groͤßten Schaden gereichen soll, so war wohl eine gewisse Haͤrte und Schaͤrfe bisweilen schlechterdings unausweichlich. Doch darf man Hoffnung ma- chen, daß jeglicher Theil auch in dieser Absicht vollkommner und fehlerloser her- auskommen werde. Wie vieles sollte noch gesagt werden — aber wer kann, wer mag al- les sagen! da es doch schlechterdings unmoͤglich ist, sich gegen jeden Vorwurf zu rechtfertigen, und Thorheit, zu erwarten, daß nicht tausend Menschen aus den verschiedendsten Jnteressen statt zu nutzen, was ihnen vorgelegt wird, und zu genießen, was da ist, lieber tadeln, und herzaͤhlen werden, was nicht da ist. Schriebs Oberried, den 7. Maͤrz 1775. Jnnhalt Jnnhalt des ersten Versuchs . Zueignung an Herrn Friedrich Carl, Marg- grafen zu Baden. Vorrede. Zugabe zur Vorrede. Einleitung. Wuͤrde der menschlichen Na- tur. Seite 1 I. Fragment. Geringheit der physiognomi- schen Kenntnisse des Verfassers. 7 II. Fragment. Von der Physiognomik. 13 Zugabe. 15 III. Fragment. Einige Gruͤnde der Verach- tung und Verspottung der Physiognomik. 17 Zugabe. 21 IV. Fragment. Einige Zeugnisse fuͤr die Physiognomik. 23 V. Fragment. Ueber die menschliche Na- tur. 33 VI. Fragment. Von dem Bemerken der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten uͤberhaupt. 38 VII. Fragment. Von der Wahrheit der Physiognomik. 44 VIII. Fragment. Die Physiognomik, eine Wissenschaft. 52 IX. Fragment. Von der Harmonie der mo- ralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. 57 1. Zugabe. Ueber fuͤnf Koͤpfe einer Vignette. 78 2. Zugabe. Judas nach Holbein. 79 3. Zugabe. Christus nach Holbein. 83 4. Zugabe. Ueber ein Rembrandsches Ecce Homo. S. 85 5. Zugabe. Demokritus nach Rubens. 92 6. Zugabe. Greuel der Trunkenheit nach Ho- garth. 96 7. Zugabe. Ein Hogarthsches Blatt voll le- bendiger Laster. 98 8. Zugabe. Der tiefste Grad der menschlichen Lasterhaftigkeit, nach Hogarth. 100 9. Zugabe. Drey idealische Koͤpfe. Umrisse. 102 10. Zugabe. Drey Profile nach Possi und Cho- dowiecki. 103 11. Zugabe. Ueber einige Umrisse aus Wests Pylades und Orest. 110 12. Zugabe. Ueber die Adieux de Calas von Chodowiecki. 112 13. Zugabe. Thomas nach Raphael, von Pi- kart. 114 14. Zugabe. Vier Portraͤte von Raphael. 117 15. Zugabe. Knipperdolling und Storzenbe- cher. 118 16. Zugabe. Judas und Compagnie nach Rembrand. ebend. 17. Zugabe. Ein Kopf nach Raphael. 120 18. Zugabe. Drey Karrikaturen. 122 19. Zugabe. Acht Umrisse. 124 20. Zugabe. Herkules zwischen der Tugend und Wollust nach Ponssin. 125 21. Zugabe. Ueber den vatikanischen Apoll. 131 b 2 X. Fragment. Jnnhalt des ersten Versuchs. X. Fragment. Von den oft nur scheinbaren Fehlschluͤssen des Physiognomisten. S. 136 Zugabe. 140 XI. Fragment. Von einigen Schwierigkei- ten bey der Physiognomik. 142 Zugabe. 148 XII. Fragment. Von der Leichtigkeit der Physiognomik. 152 XIII. Fragment. Vom Nutzen der Phy- siognomik. 156 XIV. Fragment. Vom Schaden der Phy- siognomik. 163 XV. Fragment. Der Physiognomist. 170 XVI. Fragment. Von einigen Physiogno- misten. 180 XVII. Fragment. Physiognomische Uebun- gen zur Pruͤfung des physiognomischen Ge- nies. 185 A. Sechs Waysenknaben. 186 B. Sechs Silhouetten von Waysenknaben. 188 C. Sechs maͤnnliche Umrisse von Silhouetten. 191 D. Sechs weibliche Silhouetten. 192 E. Vier weibliche Silhouetten. 194 F. Ein maͤnnlicher Kopf H ... e 196 G. Ein Kopf nach Raphael. 198 H. Ein zweyter Kopf nach Raphael. 200 I. Zwey Koͤpfe nach Le Bruͤn. 202 K. Dieselbe. 202 L. Ein Kopf nach Piazetta. 204 M. Ein Kopf nach Le Bruͤn. 205 N. Ein Kopf nach Le Bruͤn. 206 O. Vier Profilumrisse. 207 P. Eine Tafel mit kleinen Chodowieckischen Koͤ- pfen nebst kurzen Urtheilen daruͤber. S. 209 Q. Noch eine. 211 R. Ein ausgearbeitetes Profilportraͤt. 213 S. Giorgione oder Georgius Barbarelli. 219 T. Eine große maͤnnliche Silhouette. 219 U. Neun erdichtete Silhouetten. 222 V. Neun andere. 224 W. Neun andere, groͤßtentheils Karrikatur. 226 X. Zwey ganz erdichtete maͤnnliche Silhouetten. 227 Y. Eine Gruppe imaginirter Koͤpfe. 228 Z. Michel Schuͤppach. 230 AA. Drey Profilkoͤpfe. 232 BB. Kleinjogg. 234 CC. Ein zuͤricherischer Landmann B. 239 DD. Vier Silhouetten von trefflichen Maͤnnern. 241 EE. Homer nach einem in Constantinopel gefun- denen Bruchstuͤck. 245 FF. Anson. Derselbe im Umriß. 247 GG. Ein Paar Knaben. 249 HH. Ein maͤnnliches Profilportraͤt. 251 II. Einige Umrisse von Kuͤnstlern. 253 KK. Machaon Wepfer. 255 LL. Acht Paar Augen. 256 MM. Ein Profilportraͤt eines jungen Genies. 258 NN. Ein Religiose. 260 OO. Heinrich Blatter. 263 PP. Rameau. 266 XVIII. Fragment. Vermischtes. 267 Lied eines physiognomischen Zeichners. 272 Fragmente Fragmente zur Einleitung . Gott schuf den Menschen sich zum Bilde. Phys. Fragm. I. Versuch. B „Herr! unser Herrscher! Wie herrlich ist allweit dein Name! Du, dessen Loblied dort droben schallet uͤber den Himmeln; Und der sich hier den Mund des Saͤuglings zur Veste bereitet! Herr! wenn ich deine Himmel ansehe, deiner Finger Werk, Den Mond, die Sterne, die du gemacht hast! Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, Des Menschen Sohn, daß du dich also sein annimmst? Kaum hast du ihn etwas unter die Engel erniedert; Aber mit Ehr' und Schmucke kroͤnest du ihn! Du hast ihn zum Herrn gesetzt uͤber deiner Haͤnde Werk, Alles hast du unter seine Fuͤße gethan, Schaf' und Ochsen und wilde Thiere, Voͤgel in der Luft! Fische im Meer, und was im Meere gehet. Herr! unser Herrscher! Wie herrlich ist allweit dein Name!“ Einleitung. Wuͤrde der menschlichen Natur . „ U nd Gott sprach: „Lasset uns Menschen machen, unser Bild „Gestalt der Aehnlichkeit, die uns gleiche. „Wie hier die Schoͤpfung stillesteht und wartet — Wasser und Luft und Erde und „Staub — alles erfuͤllt, belebt, wimmelnd und wogend! aber, wo ist sinnlicher Zweck deß „Allen? Einheit? — Jedes fuͤr sich eine Jnsel! Jedes ein genießendes Geschoͤpf auf Ei- „nem Punkte! wo Etwas, das gewissermaßen alle genieße? Blick, der sie alle sammle? „Herz, das sie alle fuͤhle? Die ganze Schoͤpfung scheint zu trauern, zwecklos zu genießen, und „nicht genossen zu werden! Wuͤste! Oedes Gewimmel! Der Puls der Schoͤpfung harret! „Jst's moͤglich, ein solches Geschoͤpf, die Krone, die hoͤchste sinnliche Einheit alles „Sichtbaren! Waͤr's — Es waͤr gleichsam ein Nachbild, ein Repraͤsentant der Gott- B 2 „ heit Einleitung . „ heit in sichtbarer Gestalt .... ein Untergott, ein Statthalter, ein Herrscher — die Gottheit „in seinem Bilde! — Welch Geschoͤpf! „Die Gottheit berathschlaget — noch schlafen die Kraͤfte dieser neuen Schoͤpfung! — „Diese Gestalt im Bilde waͤre so dann innig, unendlich schoͤner, und lebender, als Fluren, „Hayn und Gebuͤrg und Elysium! Jnnig schoͤner und lebender, als Fisch und Voͤgel, Ge- „wuͤrm und Thier aller Gattungen und Arten! Jn ihn gleichsam der Gedanke, die Schoͤ- „pfers- und Herrschungsgabe des Unsichtbaren gesenkt! Wie wuͤrde sein Blick! wie That, „Leben, Gestalt! Was waͤre die ganze Natur gegen diese menschliche Seele! — Was waͤre „ rathschlagend, wie Er! Schaffend, herrschend, das sichtbare Ebenbild der Gottheit — „Der Rathschlag ist vollendet. „ Gott schuf den Menschen sein Bild! „Zum Gleichniß Gottes schuf er ihn, „Er schuf sie, Einen Mann! und Ein Weib! „Konnte in aller Welt mehr das Menschengeschoͤpf geehrt, und gleichsam vergoͤttert „werden, als durch diese Pause, durch diesen Rathschlag Gottes? Durch Praͤgung zum Bil- „de Seiner. „ Gott schuf den Menschen, Sein Bild! „Er schuf ihn zum Gleichniß Gottes. „Einfaͤltig, edel und aufschließend fuͤr die Natur des Menschen! „Siehe da seinen Koͤrper! die aufgerichtete, schoͤne, erhabne Gestalt — Nur „Huͤlle und Bild der Seele! Schleyer und Werkzeug der abgebildeten Gottheit! wie spricht „sie von diesem menschlichen Antlitz in tausend Sprachen herunter! offenbart sich mit tausend „Winken, Regungen und Trieben nicht darinn, wie in einem Zauberspiegel, die gegenwaͤr- „dige, aber verborgne Gottheit? — So ein unnennbares Himmlisches im menschlichen Auge: „das Zusammengesetzte aller Zuͤgen und Mienen — So zeichnet sich die unanschaubare Sonne „im kleinen truͤben Wassertropfen! Die Gottheit in eine grobe Erdgestalt verschattet! — „Gottheit wie kraͤftig und freundlich hast du dich im Menschen offenbart! ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ „Siehe Wuͤrde der menschlichen Natur . „Siehe das schoͤnste Vorbild von Einkleidung und Schoͤnheit! — den menschlichen „Koͤrper! Einheit im Mannichfaltigen! Mannichfaltiges in Einem! — Wie er da „steht in seinem hohen Eins! — Wohlgestalt, Ebenmaße, Symmetrien durch alle Formen „und Glieder! und welch ein Mannichfaltes! Jmmer Eins und immer, wie sanft wie bieg- „sam veraͤndert .... „Betrachte dieß goͤttliche Seelenvolle Menschenantlitz! Mannichfaltigkeit und Ein- „heit! Einheit und Mannichfaltigkeit! Der Gedanke dieser Stirn, Blick des Auges, Hauch „des Mundes, Miene der Wange! wie alles spricht, und zusammenfließt! Einklang! alle „Farben in Einem Stral der Sonne! .... Gemaͤlde des sanftesten unermeßlichsten „Jnnhaltes! „ Gott schuf den Menschen, sein Bild, „Zum Gleichniß Gottes schuf er ihn, „Er schuf ihn, Mann und Weib. „Da steht Er! Jn all seinem Goͤttlichen! Gleichniß Gottes und der Natur! Jnn- „begriff aller Rege, Schoͤpferskraft und Wirkung! Studirt ihn; zeichnet seine Gestalt, „wie die Sonn' im Wassertropfen — all Euere Goͤtter, Helden und Goͤttinnen, weß Alters, „Zeichens, Stellung, Bedeutung sie seyn moͤgen — disjecti membra Poëtae! und das „hoͤchste aus aller Welt gesammelte Engelsideal, wie's etwa Plato Winkelmann traͤumen, „und Appelles-Raphael mit einem zitternden Zuge schaffen kann — Venus Anadyomene „und Apollo wirds nimmer werden: Nur schoͤne Schattenbilder, diese in Einer Gestalt oft „tiefgeneigte Schatten am Untergange der Sonne — Lasset Kuͤnstler und Dichter, wie Bie- „nen, den Reichthum, und Kraft und Suͤßigkeit und Fuͤlle aus der ganzen sichtbaren Natur „sammeln: Bild Gottes, Jnnbegriff der Schoͤpfung, Gemaͤchte voll Rege und Be- „deutung nach hohem Gottesrathschluß — Es wird Jdeal der Kunst seyn und bleiben! ‒ ‒ ‒ „Menschheit! — Heiliges und entweihetes Bild Gottes! geschwaͤchter und zerrißner „Jnnbegriff aller Schoͤpfung! Tempel, in dem und an dem sich die Gottheit zuerst, und „nach Wunderzeichen und Propheten, zuletzt, zu offenbaren wuͤrdigte — durch den Sohn! „den Abglanz der Herrlichkeit Gottes! den Ein und Erstgebornen! durch den, und in B 3 dem Einleitung. Wuͤrde der menschlichen Natur . „ dem Welten verfasset worden! den zweyten Adam! — o Menschheit! was solltest du „seyn, und was bist du geworden!“ Herders aͤlteste Urkunde des Menschengeschlechtes, I. Theil. Waͤre die große Wahrheit, die in dieser Stelle liegt, mir immer gegenwaͤrtig, inniglebendig in mir, welch ein Buch wuͤrd' ich schreiben! Sobald ich sie vergesse, wie unertraͤglich werd' ich dir seyn, dir — fuͤr den ich eigentlich allein schreibe, — Glaͤubiger an die Wuͤrde und Gottaͤhnlichkeit der menschlichen Natur. Erstes Erstes Fragment . Von der Geringheit meiner physiognomischen Kenntnisse. E s liegt mir gar sehr viel dran, meine Leser nicht mehr von mir erwarten zu lassen, als ich ihnen wirklich zu geben im Stande bin. Wer ein großes physiognomisches Werk herausgiebt, der scheint zu verstehen zu geben, daß er unendlich viel mehr uͤber die Physiognomie zu sagen wisse, als seine Zeitgenossen. Er setzt sich dem beißendsten Spott aus, wenn ihm einmal ein Fehlur- theil entrinnt; — und macht sich wenigstens bey denen, die ihn nicht lesen, bloß um seiner ihm vielleicht nur angedichteten Praͤtensionen willen — laͤcherlich. Von ganzer Seele veracht' ich, (Gott und alle, die mich kennen, wissens,) alle Char- latanerie, alle die laͤcherlichen Praͤtensionen — von Allwissenheit und Unfehlbarkeit, die so man- che Schriftsteller unter tausend Gestalten blicken lassen, und ihren Lesern insinuiren wollen. Vor allen Dingen also sag' ich, was ich schon oft, was ich bey allen Gelegenheiten gesagt habe; ob gleich es alle, die uͤber mich und mein Unternehmen urtheilen, sich und andern zu verheh- len belieben: „ daß ich sehr wenige physiognomische Kenntniß besitze; daß ich mich unzaͤh- lige male in meinen Urtheilen geirret habe, und noch taͤglich irre “ — Daß aber gerade eben diese Jrrthuͤmer und Fehlschluͤsse das natuͤrlichste und sicherste Mittel waren, meine Kennt- nisse zu berichtigen, zu befestigen, und zu erweitern. Vielleicht wird es manchem meiner Leser nicht ganz unangenehm seyn, etwas von dem Gange meines Geistes in dieser Sache zu wissen. An alles in der Welt dacht' ich wol vor meinem fuͤnf und zwanzigsten Jahr eher, als daran, daß ich je ein Wort uͤber die Physiognomie schreiben, daß ich nur die mindeste Nachfor- schung druͤber anstellen wollte. Es fiel mir gar nicht ein, nur ein physiognomisches Buch zu le- sen, oder die mindesten Beobachtungen zu machen, vielweniger zu sammeln. — Die aͤußerste Em- pfindlichkeit meiner Nerven ward indeß bisweilen von gewissen Menschengesichtern das erstemal, da ich sie sahe, solchergestalt in Bewegung gesetzt, daß die Erschuͤtterung lange noch fortdauerte, nachdem sie weg waren, ohne daß ich wußte, warum? Ohne daß ich auch nur weiter an ihre Phy- I. Fragment. Von der Geringheit Physiognomie dachte. Jch urtheilte einige male, ohne urtheilen zu wollen, diesen ersten Ein- druͤcken gemaͤß, und ward — ausgelacht, erroͤthete, und wurde — behutsam. — — Jahre giengen vorbey, eh ich's wieder wagte, ein schnelles, durch den ersten Eindruck gleichsam abgenoͤ- thigtes, Urtheil zu faͤllen — Unterdeß zeichnet' ich etwa einen Freund, auf dessen Gesicht mein Auge einige Minuten vorher stillbetrachtend verweilt hatte. — Denn von meiner fruͤh'sten Jugend an hatt' ich einen sehr starken Hang zum Zeichnen und besonders zum Portraͤtzeichnen, ob wol ich wenig Fertigkeit und wenig Geduld dazu hatte. Durchs Zeichnen fieng mein dunkels Gefuͤhl an, nach und nach sich einigermaßen zu entwickeln, die Proportion, die Zuͤge, die Aehnlichkeit und Unaͤhnlichkeit der menschlichen Gesichter wurden mir merkbarer — Es fuͤgte sich, daß ich etwa zween Tage nach einander ein paar Gesichter zeichnete, die gewisse sehr aͤhnliche Zuͤge hatten; dieß fiel mir auf — und ich erstaunte noch mehr, da ich aus andern Datis zuverlaͤßig wußte, daß die Personen sich durch etwas ganz besonderes in ihrem Character auszeichneten. Jch will eine der ersten Veranlassungen dieser Art, und was sollte mich davon abhalten? noch umstaͤndlicher erzaͤhlen — Die Physiognomie des beruͤhmten Herrn Lambert, Jch haͤtte gar sehr gewuͤnscht, mit dem Bildniß dieses großen Geistes mein Werk zu zieren. Aber alle Versuche, es zu erhalten, waren vergeblich. der sich vor mehr als zwoͤlf Jahren in Zuͤrich aufgehalten, und den ich nachher wieder in Berlin zu finden das Vergnuͤgen hatte, war eine von den ersten, die mich durch ihre ganz außerordentliche Bil- dung frappirte, meine innersten Nerven zittern machte — und mir ein Jch weiß nicht was — von Ehrfurcht inspirirte — — Diese Eindruͤcke wurden aber bald von andern verdraͤngt; ich vergaß Lamberten und seine Gesichtsbildung — Wol drey Jahre nachher zeichnet' ich, um noch wenigstens sein Bild zu retten, meinen toͤdtlich kranken Herzensfreund Felix Heßen. Auch dieses Bild waͤr ich meinen Lesern schuldig, und wuͤrd' es ihnen mit großem Vergnuͤgen mittheilen, aber ich bin es nicht im Stande: Es war das beste, das fleißigste, das ich je gezeichnet, weit unterm Ori- ginal — aber doch nicht unaͤhnlich! Jch sandt es nach dem Tode des Seligen an unsern gemeinschaftlichen Freund Herrn Fuͤeßlin nach London, daß er es male- risch ausfuͤhren, und in einer allegorischen Dekoration radiren sollte! Aber es gefiel der Fuͤrsehung nicht, daß ich das, zwar kraͤnkelnde, Bild meines nun verklaͤrten Bruders behalten, viel weniger gemein machen sollte. Jn Tau- send- der physiognomischen Kenntnisse des Verfassers. sendmal hatt' ich ihn angesehen, ohn einmal seine Physiognomie mit Lamberts zu vergleichen; Jch hatt' ihn in Lamberts Gesellschaft gesehen, mit Lamberten controvertiren gehoͤrt und, — wol ein unwiderleglicher Beweis meines, wenigstens damals, stumpfen Beobachtungsgeistes — und beobachtete nicht die mindeste Aehnlichkeit. Aber indem ich zeichnete, fiel's mir so gleich auf — stand so gleich Lamberts erwecktes Bild vor mir — „Du hast Lamberts Nase!“ sagt' ich meinem Freunde. Je mehr ich dran zeichnete, desto spuͤrbarer wurde mir die Aehnlichkeit. Jch will Heßen nicht mit Lamberten ver- gleichen; — nicht sagen, was Heß haͤtte werden koͤnnen, wenn es Gott gefallen haͤtte, ihm meh- rere Jahre zu schenken. — Heß hatte keine Ader zur Mathematik; hatte gewiß nicht das tiefdrin- gende Genie dieses so einzigen Mannes; sein Temperamentscharacter ist von Lamberts sehr ver- schieden, so verschieden, als ihre Augen und Stirnen — Aber in der Feinheit, in der Art ihrer Nasen, waren sie sich ziemlich aͤhnlich — und beyde zeichnen sich in ungleichem Grade durch gros- sen, hellen, vielfassenden Verstand aus. Dieses wußt' ich ohne alle Ruͤcksicht auf ihre Physiogno- mien: — Aber diese Aehnlichkeit der Nasen schien mir so sonderbar, daß ich auf dergleichen Aehn- lichkeiten wenigstens beym Zeichnen aufmerksamer zu werden begann. Dieß Zusammentreffen verschiedener Gesichter, die ich zufaͤlliger Weise, oft in Einem Ta- ge zeichnete, und die sich mir gleichsam aufdringende Aehnlichkeit wenigstens gewisser Seiten des Characters der Urbilder — ward mir immer wichtiger, machte mich immer aufmerksamer. — Doch bey dem allen war mir noch nicht in Sinn gekommen, auf Beobachtungen gleichsam aus- zugehen, vielweniger die Physiognomie zu studiren. Selber das Wort Physiognomie war mir noch eins meiner ungebrauchtesten Woͤrter. Von Jn Herrn Fuͤeßlins Wohnung brach Feuer aus — al- les, was er hatte, ein Schatz der kostbarsten Zeichnun- gen, sieben uͤber Leben große Apostel, die er fuͤr eine Kirche in England fertig hatte, und hundert gedanken- reiche Skizen, handschriftliche Poesien — und unter diesen allen auch das Bild meines Freundes, brannten zu Asche. — Wer etwas von Fuͤeßlin weiß, wird die- se Anekdote nicht fuͤr geringfuͤgig halten; Fuͤeßlin, der so manche Talente von Klopstock, Raphael und Mi- chelange in sich vereinigt. Phys. Fragm. I. Versuch. C I. Fragment. Von der Geringheit Von ungefaͤhr fuͤgt' es sich, daß ich einmal neben Herrn Zimmermann, itzigem koͤniglich- großbrittannischen Leibarzt in Hannover, da er noch in Brugg war, am Fenster stand, einem militaͤrischen Zuge zusahe — und durch eine, mir voͤllig unbekannte, Physiognomie, meines kur- zen Gesichts ungeachtet, von der Gasse herauf gedrungen wurde, ohne die mindeste Ueberlegung, ohne den mindesten Gedanken, daß ich etwas Merkwuͤrdiges sagte, ein sehr entscheidendes Urtheil zu faͤllen. Herr Zimmermann fragte mich mit einigem Erstaunen — „worauf sich mein Ur- „theil gruͤnde?“ — „Jch las es aus dem Halse,“ war meine Antwort. Dieses war eigentlich die Geburtsstunde meines physiognomischen Studiums. Herr Zimmermann versuchte alles, mich aufzumuntern; er zwang mir Urtheile ab. Erbaͤrmlich waren die meisten, eben deswegen, weil sie nicht schneller Ausdruck schnellen unstudirten Gefuͤhls waren — und ich kann bis auf den heutigen Tag nicht begreifen, wie dieser große Geist sich dadurch nicht abschrecken ließ, mich immer fort zu noͤthigen, meine Beobachtungen aufzuschreiben. Jch fieng an, mit ihm Briefe zu wech- seln; Gesichter aus der Jmagination zu zeichnen, u. s. w. Aber bald ließ ich es wieder, ließ es Jahre lang liegen, lachte uͤber alle diese Versuche — las nichts, und schrieb nicht ein Wort mehr druͤber. — Auf einmal, da die Reihe mich traf, der naturforschenden Gesellschaft in Zuͤrich eine Vorlesung zu halten, und ich nicht wußte, woruͤber? — fiel ich wieder auf die Physiognomik, und schrieb, Gott weiß, mit welcher Fluͤchtigkeit, diese Vorlesung; Herr Klockenbring von Hannover bat mich drum fuͤr Zimmermannen. Jch gab sie ihm in aller der Unvollkommenheit ei- nes unbrauchbaren Manuscripts. Herr Zimmermann ließ sie ohne mein mindestes Wissen dru- cken — Und so sah' ich mich auf einmal als Vertheidiger der Physiognomik in die offne Welt hineingestellt. Jch ließ die zweyte Vorlesung dazu drucken, und glaubte nun, auf einmal — aller weitern oͤffentlichen Bemuͤhungen in dieser Sachelos zu seyn. Allein — zwo entgegengesetzte Maͤch- te reizten mich aufs neue — noch einmal Hand anzulegen. — Die erbaͤrmlichen Urtheile, die man, nicht uͤber meine bisherigen Versuche, denn die erkenne ich fuͤr aͤußerst unvollkommen, und ihre Unvollkommenheit ist in keiner, mir zu Gesichte gekommnen, Recension geruͤget worden: — Son- dern die erbaͤrmlichen Urtheile, die man uͤber die Sache selber faͤllte, bey meinem taͤglichen Wachs- thum im Glauben an die Wahrheit der Gesichtsbildung. — Diese Urtheile auf der einen — und auf der andern Seite, die unzaͤhligen Aufforderungen der weisesten, redlichsten, froͤmmsten Maͤnner in und der physiognomischen Kenntnisse des Verfassers. und außer meinem Vaterlande — — Dieß und meine taͤgliche Freude an neuen Beobach- tungen — und noch einige andre Gruͤnde — bewogen mich, einige meiner Beobachtungen, Empfindungen, Radotages, Traͤumereyen, Schwaͤrmereyen — wie man's nennen will, be- kannt zu machen. Seit diesem Entschlusse, den ich vor ungefaͤhr anderthalb Jahren gefaßt hatte, und in des- sen Ausfuͤhrung ich freylich taͤglich hundert unvorgesehne Schwierigkeiten antraf, hab ich dennoch beynahe taͤglich neue Beobachtungen gemacht, die mich in den Stand setzten, wenigstens etwas zu versprechen. Jch ließ rechts und links Versuche von Zeichnungen aller Art machen; Jch betrachtete und verglich unzaͤhlige Menschen und allerley Arten menschlicher Bildnisse. Jch bat Freunde, mir behuͤlflich zu seyn. Die haͤufigen taͤglichen Fehler meiner Zeichner und Kupferstecher waren die kraͤftigsten Befoͤrderungsmittel meiner Kenntnisse. Jch mußte mich uͤber vieles ausdruͤcken, vieles tadeln, vieles vergleichen lernen, was ich vorher noch zu sehr nur uͤberhaupt bemerkt hatte. — Mein Beruf fuͤhrte mich zu den merkwuͤrdigsten Menschen aller Arten, fuͤhrte die sonderbarsten Menschen aller Arten zu mir. Eine Reise, die ich meiner Gesundheit wegen, und aus inniger Sehnsucht nach vielen mir von Person unbekannten Freunden — vornahm, — fuͤhrte meinem mit der großen Welt ganz unbekannten — uͤbrigens nicht ganz uͤbungslosen Aug' ein unzaͤhliges Heer neuer Gestalten zu: Ohne allemal beobachten zu wollen, mußt' ich bisweilen beobachten. So bevestigte, berichtigte, erweiterte sich meine Einsicht — Jch wollt' oft alle Schriftsteller von der Physiognomie durchgehen, fieng an hier und dort zu lesen, konnte aber das Gewaͤsche der meisten, die alle den Aristoteles ausschrieben, kaum ausstehen. Dann schmiß ich sie sogleich wieder weg — und hielt mich, wie zuvor an die bloße Natur und an Bilder — gewoͤhnte mich aber besonders seit langem, immer nur das Schoͤne, das Edle, das Gute und Vollkommne aufzuspuͤren, zu bestimmen, mein Gesicht daran zu gewoͤhnen, mein Gefuͤhl daran zu waͤr- men, — fand taͤglich neue Schwierigkeiten und neue Befoͤrderungsmittel meiner Kenntnisse — irrte mich taͤglich, und wurde taͤglich sicherer; ließ mich loben und schelten, auslachen und er- heben: — lachte uͤber beydes, weil ich beydes gleich wenig zu verdienen glaubte; freute mich immer mehr, des Nutzens, der Menschenfreude, die ich durch meine Schrift zu veranlassen C 2 hoffte, I. Fragment. Von der Geringheit der physigonom. Kenntnisse des Verfassers. hoffte, und troͤstete mich damit gegen die Beschwerlichkeiten und Lasten, die ich mir dadurch selbst aufgelegt hatte. Bey dem allem fuͤhl' ich unaufhoͤrlich, daß ich Lebenslang zu schwach seyn werde, et- was nur ertraͤglich Ganzes zu liefern; zu schwach, nur ein einziges Feld hinlaͤnglich zu bear- beiten. Es wird hin und wieder noch Gelegenheit geben, meine Duͤrftigkeit solcher Kenntnisse zu bekennen, ohne die es unmoͤglich ist, die Physiognomik mit festem Blicke und sicherm Fort- schritt zu studiren. Jtzt will ich zum Beschlusse dieses Fragments nur dieß noch beyfuͤgen, und in den Schooß wahrheitliebender Leser deponiren: Daß ich von den schwaͤchsten Menschen physiognomische Urtheile gehoͤrt habe, die richti- ger waren als die meinigen, Urtheile, wodurch die meinigen beschaͤmt wurden — Daß ich glaube, wenn manche andre ihre Beobachtungen zeichnen und aufschreiben woll- ten, wuͤrden viele von den meinigen in kurzer Zeit ziemlich entbehrlich werden — Daß ich taͤglich hundert Gesichter sehe, uͤber die ich kein Urtheil zu faͤllen im Stande waͤre — — Daß sich keine Menschenseele vor meinem Blicke zu fuͤrchten hat, weil ich bey allen Men- schen auf das Gute sehe, und an allen Menschen Gutes finde. — Daß seit der Zeit meiner eigentlichen Menschenbeobachtung meine Menschenliebe gewiß nichts verloren, ich darf wol sagen gewonnen hat. Zweytes Zweytes Fragment. Von der Physiognomik . D a dieses Wort so oft in dieser Schrift vorkoͤmmt, so muß ich vor allen Dingen sagen, was ich darunter verstehe: Naͤmlich — die Fertigkeit durch das Aeußerliche eines Menschen sein Jnnres zu erkennen; das, was nicht unmittelbar in die Sinne faͤllt, vermittelst irgend eines natuͤrlichen Ausdrucks wahrzunehmen. Jn so fern ich von der Physiognomik als einer Wissen- schaft rede — begreif' ich unter Physiognomie alle unmittelbaren Aeußerungen des Menschen. Alle Zuͤge, Umrisse, alle passive und active Bewegungen, alle Lagen und Stellungen des mensch- lichen Koͤrpers; alles, wodurch der leidende oder handelnde Mensch unmittelbar bemerkt werden kann, wodurch er seine Person zeigt — ist der Gegenstand der Physiognomik. Jm weitesten Verstand ist mir menschliche Physiognomie — das Aeußere, die Ober- flaͤche des Menschen in Ruhe oder Bewegung, sey's nun im Urbild oder irgend einem Nachbilde. Physiognomik, das Wissen, die Kenntnisse des Verhaͤltnisses des Aeußern mit dem Jnnern; der sichtbaren Oberflaͤche mit dem unsichtbaren Jnnhalt; dessen was sichtbar und wahrnehmlich belebt wird, mit dem, was unsichtbar und unwahrnehmlich belebt; der sichtbaren Wirkung zu der unsichtbaren Kraft. Jm engern Verstand ist Physiognomie die Gesichtsbildung, und Physiognomik Kenntniß der Gesichtszuͤge und ihrer Bedeutung. Da nun der Mensch so verschiedene Seiten hat, deren jede sich besonders beobach- ten und beurtheilen laͤßt, so entstehen daher so vielerley Physiognomien — so mancherley Physiognomik. Man kann zum Exempel die Bildung des Menschen insbesondere betrachten — die Proportion, den Umriß, die Harmonie seiner Gliedmaßen, seine Gestalt — nach einem gewissen Jdeal von Ebenmaß, Schoͤnheit, Vollkommenheit — Und die Fertigkeit, diese richtig zu beur- theilen, und mit diesem Urtheil das Urtheil uͤber seinen Hauptcharacter zu verbinden — Funda- C 3 mental- II. Fragment . mental-Physiognomik heißen; oder, wenns nicht mißtoͤnend und ungeschickt ausgedruͤckt waͤre, die physiologische. Man kann durch die Zergliederung Theile des Menschen zu Oberflaͤchen machen — ge- wisse innere Theile koͤnnen besonders beobachtet werden, entweder durch aͤußere Endungen, oder durch Aufschließung der Koͤrper. Die Fertigkeit von diesen Aeußerlichkeiten auf gewisse innere Beschaffenheiten zu schließen, waͤre die anatomische Physiognomik; diese beschaͤfftigt sich mit der Beobachtung und Beurtheilung der Knochen und Gebeine, der Muskeln, der Eingeweyde; der Druͤsen, der Adern und Gefaͤße, der Nerven; der Banden der Gebeine. Man kann die Blutmischung, die Constitution, die Waͤrme, die Kaͤlte, die Plumpheit oder Feinheit, die Feuchtigkeit, Trockenheit, Biegsamkeit, Reizbarkeit eines Menschen wiederum ins- besondere betrachten: Und die Fertigkeit in solchen Beobachtungen und daraus hergeleiteten Urthei- len uͤber seinen Character — koͤnnte man Temperamentsphysiognomik heißen. Medicinische Physiognomik diejenige, die sich mit Erforschung der Zeichen der Ge- sundheit und Krankheit des menschlichen Koͤrpers beschaͤfftigt. Die moralische, die die Gesinnungen und Kraͤfte des Menschen Gutes oder Boͤses zu wirken, oder — zu leiden, aus aͤußern Zeichen erforscht. Die intellectuelle, die sich mit den Geisteskraͤften des Menschen, in so fern sie durch seine Bildung, Gestalt, Farbe, Bewegungen, kurz durch sein ganzes Aeußeres, erkennbar sind, beschaͤfftigt. Und so verschiedene besondere Seiten der Mensch haben mag, so vielerley Arten der Phy- siognomik sind moͤglich. Wer bloß nach den ersten Eindruͤcken, welche das Aeußere eines Menschen auf uns macht, richtig von seinem Character urtheilt — ist ein natuͤrlicher Physiognomist; — wer bestimmt die Zuͤge, die Aeußerlichkeiten anzugeben und zu ordnen weiß, die ihm Character sind, ein wissenschaftlicher; und ein philosophischer der, der die Gruͤnde von diesen so und so be- stimmten Zuͤgen und Ausdruͤcken, die innern Ursachen dieser aͤußern Wirkungen zu bestim- men im Stande ist. Aus Von der Physiognomik uͤberhaupt . Aus dem wenigen, was bisher gesagt ist, erhellet, wie unendlich weitlaͤuftig die Phy- siognomik, und wie schwer es ist — ein ganzer Physiognomiste zu seyn. Jch glaube, es ist unmoͤglich, daß Einer es werden koͤnne. Wol dem, der nur Eine Seite des Menschen so kennt, wie es ihm und der menschlichen Gesellschaft nuͤtzlich ist, sie zu kennen. Es ist keines Menschen, keiner Akademie, keines Jahrhunderts Werk eine Physiogno- mik zu schreiben. Zugabe . Man wird sich oͤfters nicht enthalten koͤnnen, die Worte Physiognomie, Physiognomik in einem ganz weiten Sinne zu brauchen. Diese Wissenschaft schließt vom Aeußern aufs Jn- nere. Aber was ist das Aeußere am Menschen? Warlich nicht seine nackte Gestalt, unbedach- te Geberden, die seine innern Kraͤfte und deren Spiel bezeichnen! Stand, Gewohnheit, Be- sitzthuͤmer, Kleider, alles modificirt, alles verhuͤllt ihn. Durch alle diese Huͤllen bis auf sein Jnnerstes zu dringen, selbst in diesen fremden Bestimmungen feste Punkte zu finden, von de- nen sich auf sein Wesen sicher schließen laͤßt, scheint aͤußerst schwer, ja unmoͤglich zu seyn. Nur getrost! Was den Menschen umgiebt, wirkt nicht allein auf ihn, er wirkt auch wieder zuruͤck auf selbiges, und indem er sich modificiren laͤßt, modificirt er wieder rings um sich her. So lassen Kleider und Hausrath eines Mannes sicher auf dessen Character schließen. Die Natur bildet den Menschen, er bildet sich um, und diese Umbildung ist doch wieder na- tuͤrlich; er, der sich in die große weite Welt gesetzt sieht, umzaͤunt, ummauert sich eine kleine drein, und staffirt sie aus nach seinem Bilde. Stand und Umstaͤnde moͤgen immer das, was den Menschen umgeben muß, bestimmen, aber die Art, womit er sich bestimmen laͤßt, ist hoͤchst bedeutend. Er kann sich gleichguͤltig einrichten wie andere seines gleichen, weil es sich nun einmal so schickt; diese Gleichguͤltigkeit kann bis zur Nachlaͤßigkeit gehen. Eben so kann man Puͤnktlichkeit und Eifer darinnen be- merken, II. Fragment. Von der Physiognomik uͤberhaupt. merken, auch ob er vorgreift, und sich der naͤchsten Stufe uͤber ihm gleichzustellen sucht, oder ob er, welches freylich hoͤchst selten ist, eine Stufe zuruͤck zu weichen scheint. Jch hoffe, es wird niemand seyn, der mir verdenken wird, daß ich das Gebiet des Physiognomisten also er- weitere. Theils geht ihn jedes Verhaͤltniß des Menschen an, theils ist auch sein Unternehmen so schwer, daß man ihm nicht verargen muß, wenn er alles ergreift, was ihn schneller und leichter zu seinem großen Zwecke fuͤhren kann. Drittes Drittes Fragment. Einige Gruͤnde der Verachtung und Verspottung der Physiognomik . E h' ich fortgehen kann, zu beweisen, daß die Physiognomik eine wahre, in der Natur gegruͤn- dete Wissenschaft sey; eh' ich von ihrem ausgebreiteten Nutzen rede — eh' ich meine Leser auf die menschliche Natur uͤberhaupt aufmerksam machen kann, finde ich noͤthig, einige Ursachen anzufuͤh- ren, warum man so sehr wider die Physiognomik, besonders die moralische und intellectuelle eingenommen ist, warum man so sehr dagegen eifert, oder so laut daruͤber lachet. Daß dieß geschieht — das wird wol keines Beweises beduͤrfen? Unter hunderten, die daruͤber urtheilen, werden immer uͤber neunzig seyn, die, obgleich sie insgeheim, wenigstens bis auf einen gewissen Grad, an die Physiognomik glauben, oͤffentlich darwider sich erklaͤren, und dar- uͤber lachen. Einige thun es auch von ganzem Herzen. Die Ursachen dieses Betragens sind nicht alle zu ergruͤnden; und wenn sie's waͤre, wer waͤre kuͤhn genug, sie alle aus der Tiefe des mensch- lichen Herzens herauszuholen, und dem hellen Lichte des Mittags vorzulegen? Aber es ist dennoch moͤglich und wichtig, einige der unlaͤugbarsten anzuzeigen, warum der Spott und der feindschaftliche Eifer wider diese Wissenschaft so allgemein, so heftig, so unversoͤhn- lich ist — Jch glaube, man wird folgende Ursachen nicht ganz verwerfen koͤnnen. 1. Man hat erbaͤrmliche Dinge uͤber die Gesichtsdeutung geschrieben. Man hat die Herrlichkeit dieser Wissenschaft in die unvernuͤnftigste und abgeschmackteste Charlatanerie verwandelt; man hat sie mit der weißagenden Stirndeutung und Chiromantie, oder Handwahr- sagerey vermischt; Es kann nichts seichters, grundloseres, allen Menschenverstand empoͤrenderes gedacht werden, als was von Aristoteles Zeiten her daruͤber geschrieben worden. Und dagegen, was hatte man Gutes, das dafuͤr geschrieben war? Welcher Mann von Verstand und Geschmacke, welches Genie hat die Unpartheylichkeit, die Geistesstaͤrke, die Wahrheitsliebe bey der Untersu- chung dieser Sache angewandt, die sie, sie moͤchte gegruͤndet oder ungegruͤndet seyn, allemal des- wegen zu verdienen scheint, weil wenigstens vierzig bis funfzig Schriftsteller aus allen Natio- Phys. Fragm. I. Versuch. D nen III. Fragment. Ursachen nen davon und dafuͤr geschrieben haben. Wie leise und schwach ist die Stimme aller Maͤnner, von entscheidendem Ansehen, fuͤr die Wahrheit und Wuͤrde dieser Wissenschaft! Sehet das folgende Fragment. Wer ist maͤnnlich, fest und selbststaͤndig genug, etwas fuͤr heilig zu halten, was durch Entheiligung ganzer Jahrhunderte laͤcherlich und abgeschmackt geworden ist? — Jsts nicht der alltaͤgliche Gang aller menschlichen Dinge? Erst zu sehr vergoͤttert, dann zu tief erniedrigt zu wer- den? Mit schlechten Gruͤnden vergoͤttert; dann mit schlechten Gruͤnden mißhandelt? Durch die ekelhafte Weise, wie diese Wissenschaft mißhandelt worden, wurde sie selber ekelhaft. Welcher Wahrheit, welcher erhabnen Religionslehre ists anders ergangen? Welche gute Sache in der Welt kann nicht durch schlechte Gruͤnde und schlechte Sachwalter wenigstens eine Zeitlang zur schlechtesten gemacht werden? Wie viel tausende haben sich deswegen von dem Glauben an die evangelische Wahrheit entfernt, weil man ihnen diese Wahrheit mit den elendesten Gruͤnden ver- theidigt, die Wahrheit selbst in einem verfaͤlschenden Lichte vorgetragen hat? 2. Andre eifern wider die Physiognomik mit dem besten, menschenfreundlich- sten Herzen. Sie glauben, und nicht ganz ohne Gruͤnde, daß die meisten Menschen sie zum Nachtheil ihrer Nebenmenschen mißbrauchen wuͤrden. Sie sehen die vielen erbaͤrmlichen und belei- digenden Urtheile voraus, die unwissende und boͤsherzige Menschen uͤber andre faͤllen wuͤrden. Die Verlaͤumdungssucht, die keine Thaten erzaͤhlen kann, wird die Absichten — und um dieß zu koͤnnen, die Gesichtsbildung verdaͤchtig machen. Diese liebenswuͤrdigen Seelen, um deren willen allein schon die Physiognomik wahr zu seyn verdiente, weil sie gewiß bey ihrem Lichte in neuer Schoͤnheit erscheinen wuͤrden — muͤssen darwider eifern, weil nicht sie, sondern so manche Menschen, die sie fuͤr viel besser halten, als ihre Gesichter, verlieren wuͤrden, wenn die Gesichts- deutung eine wahre Wissenschaft werden sollte. Jch werde unten in dem Fragmente von dem Nutzen und Schaden der Physiognomik und ver- hoffentlich durch die Art, wie ich von dieser Sache schreiben werde, diese guten Herzen sehr zu beruhi- gen suchen. 3. Sollten nicht auch sehr viele aus Schwachheit des Verstandes darwider ei- fern? — Wie wenige haben beobachtet? koͤnnen beobachten? wie wenige selbst von denen, denen nicht der Verachtung der Physiognomik . nicht alle Beobachtungsgabe abgesprochen werden kann, koͤnnen ihre Beobachtungen fest genug hal- ten? Genug zusammenfassen? ‒ ‒ ‒ und sind unter hunderten zween, die sich nicht vom Strom allherrschender Vorurtheile mit fortreissen lassen? Wie wenige haben Staͤrke oder Ehrbegierde ge- nug, eine neueroͤffnete Bahn zu betreten? — Die alles umfassende, allbezaubernde Traͤgheit — o wie stumpft diese den menschlichen Verstand ab! Wie ist sie maͤchtigwirkende Ursache unversoͤhn- licher Feindseeligkeiten gegen die schoͤnsten und nuͤtzlichsten Wissenschaften? 4. Es mag auch solche geben, die aus Bescheidenheit und Demuth darwider eifern. Man hat ihnen, wegen ihrer Gesichtsbildung Complimente gemacht, die sie nicht wollen an sich kommen lassen. Sie halten sich in ihrem Herzen, geheimen demuͤthigenden Erfahrungen zufolge, fuͤr schlimmer, als sie, nach ihrer Physiognomie geschaͤtzt werden, und darum halten sie die Physiognomik fuͤr eine betruͤgliche, grundlose Sache. 5. Die meisten aber — traurige, aber Gott weiß, wahre Beobachtung! — Die mei- sten eifern wider die Physiognomik, weil sie das Licht derselben scheuen. Feyerlich er- klaͤr' ich mich, wie's aus dem bishergesagten bereits erhellet: „ Nicht alle, die wider die Phy- siognomik eifern, sind boͤse Menschen “ — Jch habe die verstaͤndigsten, die liebenswuͤrdigsten Menschen darwider eifern gehoͤrt. Aber das darf ich behaupten: „ Beynahe alle boͤse, schlim- me Menschen eifern darwider “ und, wenn ein boͤser Mensch sie in seinen Schutz nimmt, so hat er vermuthlich seine besondern Ursachen dazu, die leicht zu begreifen sind. Und warum eifern die meisten boͤsen Menschen oͤffentlich darwider? — — weil sie heim- lich daran glauben; weil sie bey sich empfinden, daß sie nicht so aussehen, wie sie aussehen wuͤrden, wenn sie gut waͤren, und ein frohes heiteres Gewissen haͤtten. Es ist ihr groͤßtes Jnteresse, diese Wissenschaft als eine Chimaͤre zu verwerfen und laͤcher- lich zu machen. Je staͤrker ein Zeuge wider uns zeuget, je wichtiger und unverwerflicher uns sein Zeugniß vorkommt; — desto unertraͤglicher ist er uns; desto mehr werden wir allen unsern Witz auf bie- ten, ihn von irgend einer andern Seite laͤcherlich zu machen. Der Geizige, der seinen Geiz zwar auf alle moͤgliche Weise zu befriedigen, aber zugleich auch auf alle moͤgliche Weise zu verbergen sucht, sollte der nicht die groͤßte Ursache haben, die D 2 Phy- III. Fragment. Ursachen Physiognomik, die ihn in seiner Bloͤße wahrnehmen koͤnnte, laͤcherlich zu machen? und wuͤrde er's thun, wenn er nicht heimlich wenigstens zum Theil glaubte, und besorgte, daß doch etwas an der Sache seyn moͤchte? Wenn der Geiz keine verraͤtherische Merkmale hat, warum wird ihm so aͤngstlich, wenn man von erkennbaren Merkmalen des Geizes redet? — Wer sich noch nicht als den Sklaven einer heftigen unedeln Leidenschaft bekannt gemacht hat; — wem alles dran liegt, daß diese seine schwache Seite nicht bekannt werde; — der wird, je fester er an die Wahrheit der Physiognomie glaubt, um so viel mehr dagegen einzuwenden wissen. Und gerade diesen heftigen Eifer der Lasterhaften wider die Physiognomik seh' ich als einen merkwuͤrdigen Beweis ihres geheimen Glaubens an dieselbe an. Sie sehen an andern Menschen die Wahrheit derselben, und fuͤrchten um so viel mehr, daß andre an ihnen nicht weniger Beweise fuͤr ihre Wahrheit finden duͤrften. Dieß wird um so viel wahrscheinlicher, weil ich sicherlich weiß, daß eben die Leute, die oͤffentlich am meisten druͤber spotten, dennoch groͤßtentheils von einer un- uͤberwindlichen Neugier getrieben werden, physiognomische Urtheile zu lesen, und zu hoͤren; und ich darf mich sicherlich auf jeden Leser, der wider die Physiognomik eingenommen ist, oder es zu seyn affektirt — berufen, ob er nicht heimlich wuͤnsche, daß jemand, der ihn nicht personlich kennte, und seinen Namen nicht wuͤßte, sondern nur etwa ein Bild von ihm haͤtte, ihm den Com- mentar uͤber seine Physiognomie machte? Und, fragen moͤcht' ich, ob irgend einer, der vorgiebt, „er halte die ganze Sache fuͤr eine Grille, die keiner Aufmerksamkeit werth sey“ — deswegen diese Fragmente nicht lesen werde? — O ich weiß — ich weißage es, ohn' ein Prophet zu seyn: — Jhr, heftigsten Eiferer wider die Physiognomik, ihr werdet mich lesen und studiren, mir oft bey- stimmen — euch oft freuen, Bemerkungen ausgesprochen zu finden, die ihr bey euch selbst, ohne sie in Worte zu fassen, gemacht habet — und dennoch — mich oͤffentlich widerlegen! Mir in euerm Cabinette bisweilen bruͤderlich Beyfall zulaͤcheln, und dann uͤber eben das spotten, — was ihr als Wahrheit fuͤhltet; — Jhr werdet von nun an mehrere Beobachtungen machen; fuͤr euch selbst sicherer werden, und dennoch immer fortfahren, alle Beobachtungen laͤcherlich zu machen; denn es gehoͤrt auch mit zu dem respektablen philosophischen Bonton des Jahrhunderts — „oͤffent- lich das mit Hohngelaͤchter anzufallen, was man heimlich glaubt, und glauben muß.“ Zugabe. der Verachtung der Physiognomik . Zugabe . Nun noch einige Worte von der Gleichguͤltigkeit gegen die Physiognomik, denn diese und nicht so wohl Verachtung und Haß werden wir bey den meisten Menschen antreffen. Es ist ein Gluͤck fuͤr die Welt, daß die wenigsten Menschen zu Beobachtern gebohren sind. Die guͤtige Vorse- hung hat jedem einen gewissen Trieb gegeben, so oder anders zu handeln, der denn auch einem je- den durch die Welt hilft. Eben dieser innere Trieb kombinirt auch mehr oder weniger die Erfah- rungen, die der Mensch macht, ohne daß er sich dessen gewissermaßen selbst bewußt ist. Jeder hat seinen eigenen Kreis von Wirksamkeit, jeder seine eigene Freude und Leid, da er denn durch eine gewisse Anzahl von Erfahrungen bemerkt, was ihm analog ist, und so wird er nach und nach im Lieben und Hassen auf das festeste bestaͤtigt. Und so ist sein Beduͤrfniß erfuͤllt, er empfindet auf das deutlichste, was die Dinge fuͤr ein Verhaͤltniß zu ihm haben, und daher kann es ihm einerley seyn, was fuͤr ein Verhaͤltniß sie unter einander haben moͤgen. Er fuͤhlt, daß dieß und jenes so oder so auf ihn wirkt, und er fragt nicht, warum es so auf ihn wirkt, vielmehr laͤßt er sich dadurch auf ein oder die andre Weise bestimmen. Und so begierig der Mensch zu seyn scheint, die wahre Beschaffenheit eines Dings, und die Ursachen seiner Wirkungen zu erkennen, so selten wird's doch bey ihm unuͤberwindliches Beduͤrfniß. Wie viel tausend Menschen, selbst die sich einbilden, zu denken und zu untersuchen, beruhigen sich mit einem qui pro quo auf einem ganz beschraͤnkten Gemeinplatze. Also wie der Mensch ißt und trinkt und verdaut, ohne zu denken, daß er einen Magen hat, also sieht er, vernimmt er, handelt, und verbindet seine Erfahrungen, ohne sich dessen eigentlich bewußt zu seyn. Eben so wirken auch die Zuͤge und das Betragen anderer auf ihn, er fuͤhlt, wo er sich naͤhern oder entfernen soll, oder vielmehr, es zieht ihn an, oder stoͤßt ihn weg, und so bedarf er keiner Untersuchung, keiner Erklaͤrung. Auch hat ein großer Theil Menschen vor der Physiognomik als einer geheimnißvol- len Wissenschaft eine tiefe Ehrfurcht. Sie hoͤren von einem wunderbaren Physiognomisten mit eben so viel Vergnuͤgen erzaͤhlen, als von einem Zauberer oder Tausendkuͤnstler, und obgleich mancher an der Untruͤglichkeit seiner Kenntnisse zweifeln mag, so ist doch nicht leicht einer, der nicht was dran wendete, um sich von so einem moralischen Zigeuner die gute Wahrheit sagen zu lassen. D 3 Lassen III. Fragment. Ursachen der Verachtung der Physiognomik. Lassen wir nun Haͤsser, Veraͤchter und Gleichguͤltige, jeden in seiner Art und Wesen, wie viele sind nicht wieder, denen dieses Buch als das was es ist, willkommen seyn wird. Es waͤre ein thoͤrichtes Beginnen, alle Menschen auf einen Punkt, und wenn dieser Punkt die Menschheit selbst waͤre, aufmerksam machen zu wollen. Wem es ein Beduͤrfniß ist, taͤglich an der menschlichen Na- tur naͤhern und innigern Antheil zu nehmen, wer nicht Noth hat, sich in eine kalte Beschraͤnkt- heit zu verstecken, nicht durch eine anhaltende Verachtung anderer sich empor zu halten noͤthig hat, der wird mit viel Freude seinen eigenen Gesinnungen begegnen und seine innern Gefuͤhle manchmal in Worte ausgebildet sehen. Viertes Viertes Fragment. Einige Zeugnisse fuͤr die Physiognomik . D aß Zeugnisse und Authoritaͤten selbst in Sachen des Verstandes bey den meisten mehr gel- ten als Gruͤnde, — ist gewiß. Jch fuͤhre also, um die schwaͤchern meiner Leser einigermaßen aufmerksam zu machen, und um den staͤrkern einige Populargruͤnde fuͤr die schwaͤchern an die Hand zu geben, einige mehr und minder wichtige Zeugnisse weiser und gelehrter Maͤnner an, in deren Gesellschaft ausgelacht zu werden — ich mir zur Ehre rechne. Wenige unvollstaͤndige Zeugnisse, — die aber dennoch nicht von allen Gruͤnden entbloͤßt, vielleicht manchem unerwartet und wichtig seyn duͤrften. 1. Salomo . „Ein schalkhafter falscher Mensch gehet daher mit einem verkehrten Munde: Mit seinen „Augen winkt er: Er scharret mit seinen Fuͤßen. Er zeigets mit seinen Fingern. Er blinzelt mit „seinen Augen, verkehrte Dinge zu denken, und wenn er seine Lefzen zusammen beißet, so voll- „bringt er Boͤses. Spruͤchw. VI. 12. 13. „Das Angesicht des Weisen zeiget Weisheit an, aber die Augen des Thoren schweifen „durch alle Lande. XVI. 30. „Wo Hoffart der Augen ist, da ist Stolzheit des Herzens. XVII. 24. „Wenn sich schon der Gottlose in seinem Angesicht fest haͤlt, so verstehet doch der Fromme „sein Vornehmen wohl. XXI. 4. 29. „Es ist eine Art, die ihre Augen erhoͤhet, und ihre Augenbraunen hoch aufwirft. XXX. 13. 2. Jesus, Sirachs Sohn . „Das Herz des Menschen aͤndert das Angesicht, es sey gut oder boͤse. Ein froͤliches An- „gesicht zeiget ein gut Herz an. Aus dem Angesicht erkennt man den Mann und ein vernuͤnftiger merket IV. Fragment. Einige Zeugnisse „merket den Mann an seinen Gebaͤrden. Die Kleidung des Menschen, das Gelaͤchter, und das „Weisen seiner Zaͤhne, auch sein Gang zeigen an, was in ihm sey. c. XIII. 29. 30. XIX. 26. 27. „XXV. 28.“ 3. Galenus . „Natura membra componit, prout moribus animae convenit.“ 4. Plinius . „Fronsque hominis tristitiae, hilaritatis, clementiae, severitatis index est“ 5. Cicero . „Figuram corporis habilem \& aptam ingenio humano dedit natura; nam cum „caeteras animantes abjecisset ad pastum, solum hominem erexit, ad coelique quasi cogna- „tionis domiciliique pristini conspectum excitavit. Tum speciem ita formavit oris, ut in „ea penitus reconditos mores effingeret; nam \& oculi nimis arguti, quemadmodum ani- „mo affecti simus, loquuntur; et is qui appellatur vultus , qui nullo in animante esse „praeter hominem, potest, indicat mores: cujus vim Graeci norunt, nomen omnino „non habent. Omitto opportunitates habilitatesque reliqui corporis, moderationem „vocis, orationis vim, etc.“ De Legib. 1. 9. 6. Montagne . „Il n'est plus rien vraysemblable que la conformité \& relation du corps à l'esprit. „Il n'est pas à croire, que quelque dissonance advienne sans quelque accident, qui a in- „terrompu le cours ordinaire ... Je ne puis dire assez souvent, combien j'éstime la beauté, „qualité puissante \& avantageuse ... Non seulement aux hommes, qui me servent, „mais aux bêtes aussi; je la considere à deux doigts près de la bonté.“ Liv. III. C. XII. 7. Bacon. fuͤr die Physiognomik . 7. Bacon . „Descriptio, qualis possit haberi notitia de anima ex habitu corporis, aut de cor- „pore ex accidentibus animae duas nobis peperit artes, vtramque praedictionis: in- „quisitionibus alteram Aristotelis, alteram Hippocratis decoratam. Quanquam au- „tem tempora recentiora has artes superstitiosis et phantasticis mixturis polluerint, re- „purgatae tamen ac in integrum restitutae, et fundamentum habent in natura solidum, „et fructum edunt ad vitam communem vtilem. Prima est Physiognomia, quae per „corporis lineamenta animi indicat propensiones; altera somniorum naturalium in- „terpretatio, quae corporis statum et dispositionem ex animi agitationibus detegit.“ De Augm. L. IV. 1. 8. Ernesti . „Ex eo etiam animi corporisque cernitur conspiratio, quod fere solet naturalis „corporis habitus cum habilitatibus propensionibusque animi consentire, vt ex oratione, „incessu, colore de animi ingeniique ratione conjectura fieri possit. lidem enim corpo- „ris animique celeres habere motus solent; qui sermone contra et incessu natura lento, „ingenio etiam hebetiore esse solent et tardiores animi impetus plerumque habent; nihil „vt de eo dicam, quod quidam ex oris vultusque lineamentis, totius capitis conforma- „tione de animi natura et indole judicari posse existimant, in quo quidem experientiam „minime illi habent repugnantem. Quamquam enim accidit interdum, vt animi homi- „num conformationi oris non respondeant satis; non tamen propterea negandum est, „naturalem animorum indolem talem fuisse, qualem vultus prodit; cum opera et studio „propensiones naturales ita infringi et dejici, vitiaque ingenii emendari possint, vt eorum „nullum pene vestigium relinquatur. Quam in rem insigne est Socratis exemplum. etc. Init. Solid. Doctr. p. 170. Phys. Fragm. I. Versuch. E 9. Haller. IV. Fragment. Einige Zeugnisse 9. Haller . „Deus omnis Societatis Auctor voluit, vt adfectus animi in ipsa voce, in gestu, „in vultu potissimum se efferrent, adeoque homini lingua infallibili et ab omnibus intel- „lecta amorem suum et iram et reliquos animi adfectus proderet. Sed neque brutis „animalibus ejusmodi lingua negata est, qua amorem venereum, amicitiam socialem, „pietatem maternam, iras, gaudium, dolorem, metum, praecipuos omnino affectus, „exprimerent. Haec lingua omnibus quadrupedibus \& auibus communis est, vt „omnino et se inuicem intelligant, et hominem, et ab homine intelligantur. Iras „enim hominis canis adprime ex facie legit, exque voce colligit: iras tauri homo ex „mugitu adgnoscit; leonis rugitum omnia quadrupeda horrent. De sonis quidem „brevis ero, quos tamen certum est in omni affectu singulares edi. Sed in vultu „potissimum characteres adfectuum sedent, adeo faciles lectu, vt pictores omnes ani- „mi motus solo vultu et a latere spectato, adprime exprimant. Elegans est speculatio, „cujus primas lineas describamus. „Amor, admiratio, adgnoscuntur fronte sursum ducta, exporrecta, oculis „elevatis, vnaque palpebris. Occipitalis et rectus superior oculi agit, et palpebrae „levator. „Curiositas, admiratio dicentis oratoris, os vna aperit, vt aër sonorus ad tubam „possit venire. „Laetitia et risus oculos habent pene clausos, angulum oris sursum ductum, „cutem narium corrugatam, os distractum per buccinatorios et risorios musculos. In „multis hominibus fouea tunc in gena nascitur, et gratiam addit inter, puto, tumentes „fasciculos zygomaticos. „In fletu et tristi adfectu, labium inferius detrahitur, vt facies longior vi- „deatur; anguli labiorum distrahuntur a triangularibus. Oculus clauditur, et pupilla „se sub palpebram superiorem recipit. „In fuͤr die Physiognomik . „In ira et odio labium inferius super superius eleuatur; frons descendit ad- „tracta et rugis caperatur. „Contemtus inaequalem habet vultum, vt alter oculus pene claudatur, alter „despiciat. „In terrore musculi validissime os et oculos aperiunt, manusque eleuantur. „Hinc nascitur Physiognomia. „Recte perspectum est non dudum, plerosque quidem dominantes adfectus in „vultu inspecto legi, vt laetum hominem et jocosum: tristem et seuerum: super- „bum: mitem et benignum: inuidum: innocentem et pudicum, humilem, vno ver- „bo fere omnes etiam compositos adfectus aut suborta vitia, indeque natas virtutes „manifestis in vultu et vniuerso corpore signis se prodentes distinguas. Id fit, quia muscu- „li, qui sunt adfectus alicuius characteristici, in eo homine, in quo is adfectus dominatur, „frequentius agunt, vt necesse est frequentius contrahi irae musculos in homine irato. „Ita fit denique repetito vsu, vt ii musculi inualescant et reliquis in eo temperamento „otiantibus potentius se esserant, ideoque etiam, postquam adfectus animi se remisit, „tamen aliqua pars characteris regnantis adfectus in facie supersit.“ Elementa Phy- siologiae Tom. V. p. 590. 591. 10. Sulzer . „Es ist eine nicht erkannte aber gewisse Wahrheit, daß unter allen Gegenstaͤnden, die „das Auge reizen, der Mensch in allen Absichten der interessanteste ist. Er ist das hoͤchste, und „unbegreiflichste Wunder der Natur, die einen Klumpen todter Materie so zu bilden gewußt hat, „daß er Leben, Thaͤtigkeit, Gedanken, Empfindungen und einen sittlichen Character sehen laͤßt. „Daß wir nicht beym Anblick eines Menschen voll Bewunderung und Erstaunen stille stehen, „kommt bloß daher, daß die unablaͤßige Gewohnheit den groͤßten Wundern ihre Merkwuͤrdig- „keit Sollte wohl heißen: Bemerkbarkeit. benimmt. Daher hat die menschliche Gestalt, und das Angesicht des Menschen selbst E 2 „fuͤr IV. Fragment. Einige Zeugnisse „fuͤr gemeine, unachtsame Menschen nichts, das sie zur Aufmerksamkeit reizet. Wer aber uͤber „das Vorurtheil der Gewohnheit sich nur einigermaßen wegsetzen, und bestaͤndig vorkommende „Gegenstaͤnde noch mit Aufmerksamkeit und Nachdenken ansehen kann, dem ist jede Physiognomie „ein merkwuͤrdiger Gegenstand. Wie ungegruͤndet den meisten Menschen die Physiognomik, oder „die Wissenschaft aus dem Gesichte und der Gestalt des Menschen seinen Character zu erkennen, „vorkommen mag: so ist doch nichts gewissers, als daß jeder aufmerksame und nur einigermaßen „fuͤhlende Mensch etwas von dieser Wissenschaft besitzt; indem er aus dem Gesicht und der uͤbri- „gen Gestalt des Menschen etwas von ihrem in demselben Augenblick vorhandenen Gemuͤthszu- „stand mit Gewißheit erkennt. Wir sagen oft mit der groͤßten Zuversicht, ein Mensch sey traurig, „froͤhlich, nachdenkend, unruhig, furchtsam u. s. f. auf das bloße Zeugniß seines Gesichtes, und „wuͤrden uns sehr druͤber verwundern, wenn jemand uns darinn widersprechen wollte. Nichts „ist also gewisser, als dieses, daß wir aus der Gestalt der Menschen, vorzuͤglich aus ihrer Gesichts- „bildung, etwas von dem erkennen, was in ihrer Seele vorgeht. Wir sehen die Seele in „dem Koͤrper. Aus diesem Grunde koͤnnen wir sagen: Der Koͤrper sey das Bild der „Seele, oder die Seele selbst sichtbar gemacht“ — Allgemeine Theorie der schoͤnen Kuͤn- ste. II. Th. Art. Portraͤt. 11. Wolf . „Wir wissen, daß nichts in der Seele vorgehet, dem nicht eine Veraͤnderung im Leibe „zutraͤfe, absonderlich aber keine Begierden in der Seele hervorkommen, auch kein Wollen in ihr „entsteht, wo nicht zugleich eine ihnen gemaͤße Bewegung in dem Leibe zu gleicher Zeit erfolgte. „Weil nun alle Veraͤnderungen des Leibes aus seinem Wesen herkommen, das Wesen aber des „Koͤrpers in der Art der Zusammensetzung bestehet; so muß die Zusammensetzung des Leibes, fol- „gends seine Gestalt, und die Gestalt der Gliedmaßen mit dem Wesen der Seele uͤbereinkommen. „Und solchergestalt muß sich der Unterschied der Gemuͤther durch den Unterschied der Leiber zeigen. „Naͤmlich der Leib muß etwas in sich haben, sowohl in seiner Gestalt, als in der Gestalt seiner „Theile, daraus man die Beschaffenheit des Gemuͤthes von Natur abnehmen kann. Jch sage „mit fuͤr die Physiognomik . „mit Fleiß von Natur; denn hier ist nicht die Rede von dem, was durch die Auferziehung, den „Umgang mit andern, guten Unterricht u. s. w. kommt. Solchergestalt hat die Kunst, der Men- „schen Gemuͤther aus der Gestalt der Gliedmaßen und des ganzen Leibes zu erkennen, welche man „die Physiognomie zu nennen pflegt, wohl einen richtigen Grund: Ob man aber bisher es ge- „troffen, wenn man besondre Auslegungen von dieser Verwandschaft des Leibs mit dem Gemuͤthe „machen wollen, laß ich vor dießmal an seinen Ort gestellt seyn. Wenn ich hier von der Ge- „stalt des Leibes und seiner Gliedmaßen rede; so versteh' ich dadurch alles, was sich davon deut- „lich erkennen laͤßt, als da sind die Figur, die Verhaͤltniß ihrer Theile gegen andre, und ihre ei- „gentliche Lage. „Unterdessen, da der Mensch durch die Auferziehung, Gesellschaften, guten Unterricht „und geschickte Uebungen seine natuͤrlichen Neigungen aͤndern kann, welches ich als eine aus der „taͤglichen Erfahrung bekannte Sache annehme, so kann man aus der Beschaffenheit der Glied- „maßen des Leibes nur erkennen, wozu der Mensch von Natur geneigt ist, nicht aber, was er er- „greifen wird, indem er durch die Vernunft, oder eingewurzelte Gewohnheit seinen natuͤrlichen „Neigungen widersteht. Es ist wohl wahr, daß sich in der Seele keine Aenderungen ereignen „koͤnnen, es muß auch eine mit ihnen uͤbereinstimmende im Leibe geschehen. Allein gleichwie man „befindet, daß die natuͤrlichen Neigungen sich noch bestaͤndig wider die Vernunft und Gewohnhei- „ten, ja auch, wenn sie gut sind, wider die boͤsen Gewohnheiten regen; so ist auch daher zu schlies- „sen, daß die im Leibe vorgegangene Veraͤnderung, die mit ihnen uͤbereinstimmende Gestalt der „Gliedmaßen nicht voͤllig aufheben kann. Die Sache ist delicat, und ich fuͤrchte gar sehr, die „Physiognomie erfordere mehr Einsicht, als zu der Zeit in der Welt gewesen, da man sie in Re- „geln zu bringen, sich unterfangen — — „Da die Lineamente des Angesichts hauptsaͤchlich zu den Mienen dienen; die Mienen „aber eine Anzeige der natuͤrlichen Neigungen geben, wenn sie ungezwungen sind, so dienen „auch die Lineamente zur Erkenntniß der natuͤrlichen Neigungen, wenn man sie in ihrer rech- „ten Lage betrachtet.“ Vernuͤnftige Gedanken von der Menschen Thun und Lassen — §. 213. 14. 16. 19. E 3 12. Gellert. IV. Fragment. Einige Zeugnisse 12. Gellert . „Auf den Mienen beruht (in Ansehung der Wohlanstaͤndigkeit) unglaublich viel — — „Das, was sich der Welt in der Miene am meisten empfiehlt, oder beschwerlich macht, ist der „Character des Geistes und Herzens, der durch das Aug' und Gesichte redet. Ein heiteres, be- „scheidenes, sorgenfreyes, edles, sanftmuͤthiges, großdenkendes Herz, ein Herz voll von Leutse- „ligkeit, Aufrichtigkeit, und gutem Gewissen, voll von Herrschaft uͤber seine Sinne und Leiden- „schaften; dieß Herz bildet sich gern in den Gebaͤrden des Gesichtes, und in den Wendungen des „Koͤrpers ab; dieß Herz erzeugt meistens die bescheidne, gefallende, einnehmende und bezaubernde „Miene, die gesetzte, edle, erhabne und majestaͤtische Stirne, das Sanfte und Leutselige der Ge- „sichtszuͤge, das Aufrichtige und Treuherzige des Auges, den Ernst der Stirne mit Heiterkeit ge- „mildert, das Freundschaftliche des Blickes mit Schaamhaftigkeit verbunden; und die beste Far- „be der Gesichter oder die beste Miene ist die gute Farbe des Herzens und Verstandes. Die „Miene truͤgt, werden sie sagen? Ja, — man kann sie nachaͤffen; aber selten, daß man die „Nachaͤffung nicht durch den Zwang verraͤth; und die Wahrheit in der Miene laͤßt sich eben so „leicht unterscheiden, als die Wahrheit eines richtigen und eines bloß schimmernden schoͤnen Ge- „danken. Die Schminke wird nie die Haut selbst, so fein sie auch aufgetragen ist. Ferner irrt „mich auch dieses nicht, daß Gesichter mit guten Mienen oft ungesittete Herzen haben. Jch „schließe vielmehr daraus, daß diese Personen viel natuͤrliche Anlage zu denen Eigenschaften ge- „habt, deren Merkmaale in ihrer Bildung anzutreffen sind. Endlich mag es wahr seyn, daß „oft unter einer finstern Miene ein sanftes und frohes Herz, und unter einem drohenden und „trotzigen Auge ein liebreicher Character verborgen ist. Diese Mißhelligkeit kann entweder „von uͤbel angenommnen Gewohnheiten der Miene, und einem schlechten Umgange, oder „daher entstehen, daß der Character, den sie verkuͤndigt, Naturschuld ist, oder von den er- „sten Jahren an unser eignes boͤses Werk auf lange Zeit gewesen ist, ob wir es gleich nach- „her unterdruͤckt haben. „Daß fuͤr die Physiognomik . „Daß boͤse und lasterhafte Neigungen aus dem Herzen gern in die Miene uͤbergehen, „dessen versichert uns eine untruͤgliche Erfahrung; wenigstens von gewissen Lastern. Und was „ist die schoͤnste Bildung des Gesichtes, in die sich die gehaͤßigen Zuͤge der Wollust, des Zorns, „der Falschheit, des Neides, des Geizes, des Stolzes und der Unzufriedenheit eingedruͤckt ha- „ben? Was ist aller aͤußerlicher Anstand, wenn ein unedles, oder leichtsinniges Herz durch die „Miene hervorblickt? Das sicherste Mittel, sein Gesicht, so viel in unserer Gewalt steht, zu „verschoͤnern, ist also dieses, daß man sein Herz verschoͤnere, und keine boͤse Leidenschaften dar- „inn herrschen lasse. Das beste Mittel, keine leere und einfaͤltige Miene zu haben, ist, daß „man richtig und fein denken lerne. Das beste Mittel, einen edeln Reiz uͤber sein Gesicht aus- „zubreiten, ist, daß man ein Herz voll Religion und Tugend habe, welche Hoheit und Zufrie- „denheit in demselben ausbreitet. Der große Young sagt an einem Orte, daß er sich keinen „goͤttlichern Anblick denken koͤnnte, als ein schoͤnes Frauenzimmer auf ihren Knieen in der „Stunde ihrer Andacht, die sie unbemerkt verrichtete, und auf deren Stirne die Demuth und „Unschuld einer frommen Seele sich vereinigten. Und in der That muͤßte das liebreiche und „dienstfertige Wesen, das wir in dem aͤußerlichen Betragen so sehr schaͤtzen, uns nicht frey- „willig und uͤberall folgen, wenn wir immer die liebreichen und dienstfertigen Menschen waͤ- „ren, die wir zu scheinen, uns so viele Muͤhe geben? Eine Muͤhe, die wir kaum noͤthig „haͤtten, um es wirklich zu seyn. Man nehme zween Minister von gleichen Naturgaben, „und gleichen aͤußerlichen Vortheilen an. Der eine soll ein gebildeter Christ, der andere nur „ein gebildeter Weltmann seyn. Welcher wird am meisten durch sein aͤußerliches Betragen „gefallen? Jener, dessen Herz voll edler und dienstfertiger Menschenliebe wallt: oder dieser, „den die Selbstliebe gefaͤllig macht? — — „Auch die Stimme ist oft der freywillige Ausdruck unsers Characters, und sie wird „also auch das Gute und Fehlerhafte desselben an sich nehmen. Es giebt einen gewissen Ton, „der das Leere des Verstandes verraͤth; man wuͤrde ihn verlieren, wenn man denken lernte — — „Das Leben der Stimme bleibt allezeit das Herz mit seinen guten Neigungen und Empfin- „dungen.“ Moralische Vorlesungen S. 303—307. Genug, IV. Fragment. Einige Zeugnisse fuͤr die Physiognomik. Genug, und vielleicht mehr als genug — vorgegriffen vielleicht! — Jch unterschreibe nicht durchaus alles in diesen angefuͤhrten Zeugnissen, und ich werde Gelegenheit haben, das eine und andre wieder aufzunehmen, zu bestaͤtigen, naͤher zu bestimmen, und ich hoffe, bisweilen — zu berichtigen. Jndessen enthalten diese Zeugnisse immer so viel Lehrreiches, und so viel Licht, obgleich nach meinem Beduͤnken, keins tief genug geht, daß sie den Verdacht der Charlatanerie, in welchem bisher die Physiognomik bey so vielen Menschen gestanden hat, vorlaͤufig einigermaßen soll- ten schwaͤchen koͤnnen! — — Sollten beschaͤmen koͤnnen, die erbaͤrmliche Seichtigkeit, — die sich erdreistet, dieselbe mit dem veraͤchtlichen Namen Zigeunerkunst zu Boden treten zu wollen. Fuͤnftes Fuͤnftes Fragment. Ueber die menschliche Natur . D as allerwichtigste und bemerkenswuͤrdigste Wesen, das sich auf Erden unserer Beobachtung darstellt — — ist der Mensch. Auf jeder Seite moͤcht' ich dieses sagen: — welchem Menschen der Mensch, wem seine Menschheit nicht das Wichtigste ist — der hoͤrt auf, ein Mensch zu seyn. Vollkommneres, Hoͤheres hat die Natur nichts aufzuweisen — Der wuͤrdigste Ge- genstand der Beobachtung — und der einzige Beobachter — ist der Mensch. So wie sich der Mensch uns darstellt, ist er ein in die Sinne fallendes, ein physisches Wesen. So wie er nur durch die Sinne erkennt, so kann er nur durch die Sinne erkannt werden. Der Mensch hat das mit allen Dingen in der Welt gemein — daß gewisse Seiten, ge- wisse Theile an ihm zum Vorschein kommen, gewisse nicht; daß man etwas von ihm vermittelst der Sinne wahrnimmt, und etwas anderes, das auch zu seiner Natur gehoͤrt, nicht unmittel- bar, vermittelst der Sinne wahrnehmen kann. Er besteht aus Oberflaͤche und Jnnhalt. Etwas an ihm ist aͤußerlich, und etwas innerlich. Dieß Aeußerliche und Jnnere stehen offenbar in einem genauen unmittelbaren Zusam- menhange. Das Aeußerliche ist nichts, als die Endung, die Graͤnzen des Jnnern — und das Jnnre eine unmittelbare Fortsetzung des Aeußern. Es ist also ein wesentliches Verhaͤltniß zwischen seiner Außenseite, und seinem Jnn- wendigen. Der Mensch ist das vollkommenste aller, unsern Sinnen bekannten, organischen Wesen; das lebendigste unter allen. Es sind in keinem einzigen organischen Wesen so mannichfaltige Leben vereinigt, wie in dem Menschen. Er hat ein physisches, ein intellectuelles, ein mo- ralisches Leben. Er hat Verstand, Willen, Kraft. Er kann erkennen, das Erkannte wuͤn- schen und verlangen — und sich wenigstens einen großen Theil davon verschaffen. Dieß drey- fache Leben im Menschen ist — zwar aufs genauste, vereinigt, und vielleicht im Grunde nur Phys. Fragm. I. Versuch. F Eins; V. Fragment . Eins; aber es laͤßt sich dennoch nicht nur in Gedanken unterscheiden, sondern es ist wirklich in dem Menschen selbst verschieden. So verschieden, als ein Glied vom andern ist. Jedes dieser Leben hat seinen eigenthuͤmlichen Sitz, seine besondern Werkzeuge und Vehikuln. Keine Sache in der Welt ist gewisser, und keine scheint mehrerm Streit ausgesetzt, oder weniger ausdruͤck- lich zugestanden zu seyn, als diese. Eine gewisse, — wills Gott — ihrem Untergang nahe Afterphilosophie, die Feindinn der Natur — die alles sahe, was — nicht war, und nur das nicht, was war; — die viel zu stolz war, den gemeinen Menschenverstand auf das anzuwen- den, was in die Sinne fiel, und lieber Systeme baute, mit denen weder die Sinne noch die Erfahrung zu thun hatte — Diese Afterphilosophie, sag' ich — hat uns uns selbst und unsern natuͤrlichen Wahrnehmungen und Empfindungen so weit entfuͤhrt, daß wir kaum glauben zu sehen, was wir sehen, und zu empfinden, was wir empfinden. Wenn uns diese Philosophie nicht blendet — wenn wir bloße Beobachter unserer Natur sind, so werden wir finden, daß der Sitz der Denkenskraft in unserm Haupte und zwar innerhalb der Stirne, der Sitz der Begier- de, des Verlangens, mithin des Willens im Herzen, und der Sitz unserer Kraft im ganzen Koͤr- per und vornehmlich in der Hand und im Mund ist. Noch kein gesunder vernuͤnftiger Mensch hat behaupten duͤrfen, daß das moralische Gefuͤhl seinen Sitz im Haupte, und der Verstand im Herzen habe, oder, daß wir mit dem Verstand und Herzen ohne Koͤrper, wirken, das ist, aus- ser uns Veraͤnderungen hervorbringen koͤnnen — und dennoch, so abgeschmackt es waͤre, so etwas zu behaupten, so getraut sich dennoch beynahe niemand, dem andern ausdruͤcklich zu gestehen: mein denkendes Jch ist im Kopfe; mein empfindsames, begehrendes, wollendes oder moralisches Jch im Herzen; mein wirkendes Jch im ganzen Koͤrper, besonders im Munde und in der Hand; mithin ist das, was man meine Seele, den unsichtbaren, herrschenden, belebenden Theil meiner Natur nennt — im ganzen Koͤrper; sondern man will, weils einmal eine gewisse Modephilo- sophie so will, lieber behaupten — trotz aller Unmoͤglichkeit, es zu beweisen, trotz aller widerspre- chenden Erfahrungen — behaupten; „meine Seele ist eine einfache Substanz, (dieß behauptet ein unbekannter, sonst sehr verdienstvoller Schriftsteller) ist, „so wie eine Stunde, nicht in mei- „nem Koͤrper — und nicht außer demselben — und dennoch etwas Wirkliches“ — oder: „Sie „hat ihren Sitz in irgend einem atomischen Punkte des Koͤrpers — und zwar ausschließender „Weise Ueber die menschliche Natur . „Weise im Haupte,“ oder: „sie ist nirgends und ist doch“ u. s. w. — und alles ist bloß Vorstel- „lungskraft in ihr; „sie ist eine einfache Substanz — folglich hat sie nur — Eine Kraft, folg- „lich nur die Vorstellungskraft, folglich ist moralisch Gefuͤhl und koͤrperliche Wirksamkeit nichts „als leidsame Vorstellungskraft — folglich ist alles im Menschen nur Gedanke“ — Jch will auch noch ein Folglich beysetzen, und folglich, antwort' ich — sind alle deine Schluͤsse falsch, weil sie die unmittelbare taͤgliche Empfindung und Erfahrung aller Menschen umstoßen. — Dreyfach also, sag' ich, ist das Leben der Menschen, und jedes dieser Leben ist von dem andern abhaͤngig und unabhaͤngig. Man kann animalisch leben, animalisch gesund, und mora- lisch krank oder todt, moralisch gesund und lebendig, und physisch krank seyn — Man kann sehr scharfsinnnige Schluͤsse machen, und moralisch und physisch krank seyn. Die wirkliche Verschieden- heit dieser Leben erhellet nirgends her mehr, als aus der Verschiedenheit der Nahrung, die sie zu ihrer Unterhaltung beduͤrfen. Erkenntniß, Wahrheit, Wissenschaft in Worten und symbolischen Zeichen ist Nahrung fuͤr das Leben des Verstandes; ruͤhrende Beyspiele, sinnliche Darstellung der Beduͤrfnisse anderer, und entsprechender Huͤlfsbegierde und Huͤlfskraft, Nahrung fuͤr das Herz; Speise und Trank, oder — Fleisch und Blut anderer organischer Koͤrper, die Nahrung fuͤr das physische Leben. Man kann einen Thoren mit Brod und Wein nicht zu einem Weisen machen; alle mathematische Demonstrationen werden das moralische Gefuͤhl nicht beleben; und alles Moralisiren wird uns nicht beym Leben und bey Kraͤften erhalten. — Die Verschiedenheit, und wenn ich so sagen darf, die Dreyfachheit des Lebens im Men- schen ist also offenbar. So dreyfach indeß das menschliche Leben ist, so ist es dennoch im Grunde nur Eines. Eben dasselbe einzige Jch denkt im Kopfe, empfindet im Herzen, leidet und handelt durch die Sinne. Jeder Zweig dieses Lebens ruͤhrt von Einem Geiste her — Und damit ich wieder auf die Hauptsache einlenke, — jede Art des Lebens haftet in koͤrperlichen Organen. Es ist uns kein Leben in der ganzen Natur bekannt, das nicht in einem organischen Koͤrper hafte; nicht nach der Verschiedenheit dieses organischen Koͤrpers verschieden sey, nicht mit demselben ent- stehe, und mit demselben zu Grunde gehe. Und so ist es auch mit dem intellectuellen, moralischen und animalischen Leben der Menschen. Jedes hat sein koͤrperliches Organum. Jedes ist nach der Verschiedenheit dieses Organons verschieden. Jedes entsteht und vergeht mit dem ihm angewiese- F 2 nen V. Fragment . nen Organum — (so weit naͤmlich unsere bisherigen Beobachtungen reichen; ich sage Beob- achtungen, denn was philosophische Vermuthungen oder goͤttliche Offenbarungen uns weiter hier- uͤber mehr oder weniger klar und bestimmt sagen, das laͤßt der bloß beobachtende Naturforscher, als solcher, auf der Seite) Alles also an dem Menschen ist, bloßen klaren Beobachtungen zufol- ge — physisch. Der Mensch ist im Ganzen, ist in allen seinen Theilen, nach allen seinen Kraͤf- ten und Eigenschaften, in so fern er beobachtet werden kann, bloß ein physisches Wesen. Sein Verstand ist nichts mehr, sein intellectuelles Leben ist hin, wenn gewisse Gegenden und Fibern sei- nes Gehirns verletzt, oder gekraͤnkt werden. Er wird animalisch leben koͤnnen, gesund seyn koͤn- nen — und sein intellectuelles Leben wird ihn seyn — Der allermoralischte Mensch wird der un- moralischte werden koͤnnen, das heißt, alle Begehrungskraͤfte des Menschen werden zum Scha- den, zur Zerruͤttung anderer geschaͤfftig seyn, oder sein moralisches Gefuͤhl wird gleichsam stocken, wenn gewisse Unordnungen in seinem Unterleibe oder seinem Kopfe herrschen. Man haue einem Menschen die Hand, man stoße ihm die Fuͤße ab — man verstuͤmmle ihn von außen, und verwun- de viele Theile seines Koͤrpers — sein animalisches Leben wird sich vermindern, seine physische Wirksamkeit sich einschraͤnken — — aber sein intellectuelles und moralisches wird dasselbe bleiben koͤnnen. Jedennoch ist wiederum wahr, daß ungeachtet jedes gewissermaßen fuͤr sich allein zu be- stehen, und von dem andern unabhaͤngig zu seyn scheint, dennoch der genauste Zusammenhang un- ter ihnen ist, und Eins mit dem andern in Eins zusammen fließt; daß Speise und Trank, Schlaf und Erhohlung alle drey staͤrken und erfrischen; Unmaͤßigkeit, Schlaf, Ohnmacht alle drey zu- gleich — beynahe ausloͤschen koͤnnen. Es ist gewiß, daß dasselbe Blut aus dem Herzen in den Kopf steigt, und aus dem Kopfe ins Herz zuruͤck kehrt. Gewiß, daß die Nerven und Fibern des Herzens und des Kopfes in der genauesten Verbindung stehen, einen analogischen Character haben — mithin, daß sich vom Gebluͤte im Haupte auf das Gebluͤt im Herzen, von dem Cha- racter der Nerven und Muskeln des Angesichts auf das Jnnere der Brust des Menschen schließen laͤßt. Diese gewisse Erfahrungswahrheit ist in Absicht auf die Kenntniß des Menschen aus seinem Aeußern von der groͤßten und augenscheinlichsten Wichtigkeit, und uͤberhaupt alles, was wir bis dahin gesagt haben, leitet uns in dieser Absicht zu wichtigen Grundsaͤtzen. Wer Ueber die menschliche Natur . Wer den Menschen, das wuͤrdigste Wesen auf Erden, kennen will — der muß das Physische, das an ihm kennen, was von ihm in die Sinne faͤllt. Er muß das dreyfache Leben der Menschen wohl unterscheiden — das animalische, das intellectuelle, das moralische; oder mit andern Worten, seine Kraft, seine Erkenntniß, seinen Willen. Er muß jedes erst einzeln besonders an denen Orten, und in denen Aeußerungen die das naͤchste, das unmittelbarste Verhaͤltniß damit haben, untersuchen. Er muß sodann diese drey Leben in ihrem Zusammenhang, ihrer Vermischung, ihrer Ein- fachheit, Simultanitaͤt, Verwebtheit, oder wie man es nennen will, betrachten. Das heißt — er muß die Physiognomie des Koͤrpers, der Wirkungskraͤfte, oder die physiologische; die des Verstands, der Erkenntnißkraͤfte, oder die intellectuelle; die des Herzens, der Empfindungs- kraͤfte, der Begierden und Leidenschaften, oder die moralische besonders — und sodann die drey Character in Einem als ein Ganzes erforschen lernen. Ob es nun, muß ich abermal fragen, eine laͤcherliche, eines Naturforschers, eines Wei- sen, eines Menschen, Christen, oder Theologen unwuͤrdige Beschaͤfftigung sey, den Menschen, das Schoͤnste und Goͤttlichste, was sich uns auf Erden darstellen kann, zu erkennen, und zu erfor- schen — und durch die Mittel und Wege, die Merkmaale zu erforschen, durch welche allein er am naͤchsten und unmittelbarsten erforscht werden kann — wird wohl keine Frage mehr seyn? Jeder, der dieß ins Gelaͤchter ziehen kann, zeigt, daß er nicht die mindeste Kenntniß von seiner eignen Natur habe, und daß er selbst im hoͤchsten Grade belachenswuͤrdig sey. F 3 Sechstes VI. Fragment. Von dem Bemerken Sechstes Fragment . Von dem Bemerken der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten uͤberhaupt. D ie menschliche Natur ist zugleich vollkommen und unvollkommen; sie ist noch nicht, was sie werden kann, und was sie seyn wird — aber sie ist, was sie in ihrer gegenwaͤrtigen Lage (alle und jede Bestimmungsgruͤnde zusammengenommen) seyn kann. Wir koͤnnen sie nicht rich- tig — oder vielmehr, wir koͤnnen sie richtig, aber nur von Einer Seite, nur aus unserer Lage und unserm Gesichtspunkt — der wahrlich nichts als Punkt ist, beurtheilen. Aus diesem Ge- sichtspunkt erblicken wir an jedem Menschen Vollkommenheiten und Fehler. Gehen wir auf Fehler aus; so finden wir unzaͤhlige. Suchen wir Vollkommenheiten, so finden wir (so unbe- greiflich es manchem vorkommen wird, dreiste behaupt ichs) an jedem, auch dem fehlervollsten Menschen, — ebenfalls unzaͤhlige; — die es vermuthlich in den Augen aller vernuͤnftigen We- sen sind — da ich hingegen zum Theil zweifele — ob alles, was uns fehlerhaft und unvollkom- men vorkommt, hoͤhern Wesen, die mehrere Verhaͤltnisse und Verbindungen der menschlichen Na- tur wahrnehmen und uͤberschauen koͤnnen — nicht ganz anders vorkommen muͤsse. Je mehr wir die Natur erforschen (und gehoͤrt der Mensch nicht auch zur Natur? ist er nicht das vollkom- menste, ich mag nicht sagen: Werk der Natur? Jst er er nicht die vollkommenste aller uns durch die Sinne bekannten Naturen? ‒ ‒ ‒) Je mehr wir die Natur erforschen, destomehr bemerken wir, Ordnung, Verhaͤltniß, Zweck, wohlthaͤtige Absicht: und wo das ist, ist da nicht Vollkommenheit? und wo wirs noch nicht sehen, duͤrfen wirs nicht auf das, was wir sehen, glauben? und kann der, der das nicht glaubt, eine Gottheit glauben? Kann die hoͤchste Weisheit das geringste uͤberfluͤßig machen? Die hoͤchste Macht das geringste un- zureichend lassen? Die hoͤchste Guͤte die geringste Disharmonie in dem dulden, was da ist? Unvollkommenheit bleibt indessen uns immer ein unentbehrliches Wort. Unvollkom- menheit bleibt immer in Vergleichung hoͤherer Vollkommenheit — Mangel. Ein Kind ist ein vollkom- der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten uͤberhaupt. vollkommenes Kind — aber kein vollkommener Mann. Es laͤßt sich also immer sagen: „Es fehlt ihm zur Vollkommenheit eines Mannes noch dieß oder jenes.“ Der Lasterhafte ist ein voll- kommener Lasterhafter — und im Zusammenhange aller Dinge, im Plan des hoͤchstweisen — ein sehr wesentlicher Ring in der großen Kette der Wesen — denn — Er ist; und was ist, ist nach dem Plane des Hoͤchstweisen. Aber der Lasterhafte ist kein Tugendhafter. Der Boͤse ist nicht gut, obgleich es gut ist, daß der Boͤse sey — Es laͤßt sich also immer sagen: „Es fehlt ihm zur Vollkommenheit eines Tugendhaften sehr vieles.“ — Oder: ein Wesen ist nicht das, was ein anderes seiner Art ist. Das thoͤrichte Kind ist nicht das weise; das tugendhafte nicht lasterhaft. Jegliches aus seinem Zusammenhange heraus- genommen — in welchem es ganz anders, als außer demselben beurtheilt werden muͤßte — aus dem Zusammenhange, in dem es das ist, was es nach der Absicht des Vaters aller — der auf Mil- lionen Wegen — alles zur Vollkommenheit leitet — seyn soll — Jegliches, aus seinem Zusam- menhange herausgenommen, sag' ich, und — beyde neben einander gestellt, laͤßt sich sagen — das eine ist schoͤn, das andere heßlich — das eine ist vollkommener oder unvollkommener, als das andere, das eine liebenswuͤrdig, das andere abscheulich. Aber, wie nun? Soll der Naturforscher, der Menschenbeobachter — sich mit den Voll- kommenheiten, oder Unvollkommenheiten der menschlichen Natur oder mit beyden zugleich beschaͤff- tigen? Mich duͤnkt — Er soll alles beobachten, was ihm vorkommt, das Schoͤne wie das Schlechte, das Schlechte wie das Schoͤne; — aber — er soll sich bey dem Schoͤnen und Voll- kommenen lieber verweilen — das Schoͤne und Vollkommene sich und andern lieber vorzeichnen und analysiren. Wer das Schoͤne kennt — wird von selbst das Schlechte kennen lernen: aber nicht allemal wird der, der das Schlechte kennt, deswegen wissen, was schoͤn ist. Wer immer nur die besten und niedlichsten Speisen genießt, wird wenig Geschmack an den schlechten finden. Wer sich aber an rohe starke Speisen gewoͤhnt hat, wird nicht so leicht an delikaten Geschmack finden. Es ist freylich leichter, Schwachheiten, Unvollkommenheiten, Fehler und Laster an seinen Neben- geschoͤpfen zu entdecken, als Schoͤnheiten, Vollkommenheiten, Ebenmaß und Tugenden. Jede VI. Fragment. Von dem Bemerken Jede Unvollkommenheit ist auffallender, als die Vollkommenheiten. Tausend Gutes wird gemeiniglich an einem Menschen nicht bemerkt, dahingegen ein einziger Fehler oder Fehltritt leicht alles wider ihn in Bewegung setzen kann. Freylich hat's auch etwas Reizendes, da Unvollkommenheiten zu bemerken, wo der an- dere nichts Mangelhaftes; vielleicht gar Vollkommenheiten sieht — und es ist fuͤr den Witz eine sehr unterhaltende Beschaͤfftigung — sich durch Herzehlung und Ausmahlung der Unvollkommenhei- ten des andern weit weit uͤber ihn wegzusetzen. Wenn dieß mit einiger Zuversicht, welche die Miene der Bescheidenheit annimmt, geschieht, so kann man sich dadurch von andern das stille Lob erschlei- chen: „was das fuͤr ein Mensch seyn muß, der mit dieser Zuversicht und Bescheidenheit diese Fehler dadurch von sich weglehnen darf, daß er sie so aͤußerst fein — laͤcherlich machen kann.“ Aber ich gestehe aufrichtig, daß ich mich vor nichts so sehr, als vor meinem eigenen Herzen fuͤrchten wuͤrde, wenn ich einen staͤrkern, oder auch nur eben so einen starken Hang in mir fuͤhlte, Fehler und Un- vollkommmenheiten an meinen Nebengeschoͤpfen aufzusuchen, als Schoͤnheiten und Vollkommenhei- ten. Wer nur auf Fehler, oder mehr auf Fehler, oder lieber auf Fehler ausgeht, als auf Schoͤnheiten und Vollkommenheiten, der wird weder ein guter Physiognomist, noch ein guter Mensch werden. Kein guter Mensch; — denn die Guͤte des Menschen mißt sich nach seiner Lust an Schoͤnheit, Freyheit, Vollkommenheit anderer — Willst du wissen, ob dein Herz boͤse sey — frage dich nur: such ich an andern lieber Vollkommenheiten, als Fehler — oder lieber Fehler, als Vollkommenheiten auf? — Kein guter Physiognomist, denn er wird das entgegengesetzte Eine Schoͤne deswegen nicht finden, weil er tausend Abweichungen davon wahr- genommen hat. Da er hingegen, wenn er das Eine Schoͤne gefunden hat, weiß, daß alles, was nicht dieß eine ist, Abweichung, Minderschoͤnheit, Unvollkommenheit, Fehler ist. Die Kenntniß Einer Schoͤnheit und Vollkommenheit ist fuͤr den Physiognomisten unend- lich wichtiger und fruchtbarer, als die Kenntniß von Millionen Fehlern, aber auch weit schwerer. Oder ist es nicht viel leichter, tausendmal das Ziel, auf welches du den Pfeil richtest, nicht zu treffen: als es ist, das Ziel einmal zu treffen? So viel leichter ists, Unvollkommenheiten als Vollkommenheiten zu finden, zu zeichnen, zu beschreiben und zu entwickeln. Jede der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten uͤberhaupt. Jede Art von Vollkommenheit ist nur Eine, aber die Abweichungen davon sind unzaͤhlig. So wie nur Eine Wahrheit ist, aber die ihr entgegenstehenden Jrrthuͤmer sind un- zaͤhlig. Tausend Jrrthuͤmer sind leichter gesagt, als Eine Wahrheit. Ein mittelmaͤßiger Zeichner entwirft in einem Tage hundert Gesichter von Thoren und Boͤsewichter, und der geschickteste zeichnet in dieser Zeit vielleicht kaum Ein rechtschaffen weises, edles, oder erhabenes Gesicht. Es erfordert also bey der Menge von Unvollkommenheiten, mit denen wir umringt sind, und bey der Leichtigkeit, womit man diese herzeichnen, beschreiben und entwickeln kann, — und bey dem offnen Felde, das sich dem Witze zu den lustigsten Bemerkungen und unterhaltendsten Ein- faͤllen darbeut; es erfordert, sage ich, anfangs viel Selbstverlaͤugnung, oder ein großes Maas bruͤderlicher Menschenliebe — das stolze Verlangen, Unvollkommenheiten an andern zu bemerken, und daruͤber zu triumphiren — bey sich zu unterdruͤcken und im Zaum zu halten, und vornehm- lich nur das viel seltnere Schoͤne, Edle, Erhabene, Vollkommene, das um so viel schwerer wahrzunehmen und zu beschreiben ist, zum naͤheren und ersten Gegenstande seiner Beobachtungen und Beschreibungen zu machen. — Aber diese Verlaͤugnung fuͤhrt, je schwerer sie ist, um so viel groͤßere Belohnung mit sich. Wer in der Welt Freude genießen und andern Menschen weise Freude machen will, der geh auf Vollkommenheiten aus, und gewoͤhne sein Auge, Schoͤnheiten zu suchen und zu finden, lasse sich den schrecklichen Verfall der schoͤnen menschlichen Natur (die doch ja nur deswegen so tief gefallen ist, damit sie ihr unerforschlicher Urheber himmelhoch erhebe) nicht abhalten, immerfort Schoͤnheiten zu suchen, so weit er sie immer suchen kann. Nichts wird geschickter seyn, seinen Verstand, seine Schauenskraft zu uͤben und zu schaͤr- fen, seinen Geschmack zu verfeinern, und sein Herz zu verbessern und zu erweitern. Nichts ist geschickter den Menschen menschlicher zu machen, als die Entdeckung und Beobach- tung der Schoͤnheiten und Vollkommenheiten der menschlichen Natur. Und allent- halben wo er ist, werden sich seinen offenen Augen Schaͤtze darbieten, die unschaͤtzbar sind — wenn gleich beynahe niemand ihren Werth kennt, wenn gleich unzaͤhlige es sich zur Religion machen, die menschliche Natur, die doch warlich, so sehr wie alle Geschoͤpfe Gottes, gut und Phys. Fragm. I. Versuch. G unver- VI. Fragment. Von dem Bemerken unverwerflich ist, zu erniedrigen. — Lerne erst die Vollkommenheiten der menschlichen Natur kennen, und dann, wenn du willst, magst du auch ihre Unvollkommenheiten kennen ler- nen. — — Jch denke aber, wenn ich eine Goldgrube finde, so laß ich diese nicht ungenutzt liegen, um tausend Kothpfuͤtzen nachzugehen. Jst das Auge geuͤbt, Vollkommenheiten zu bemerken, so ist es auch geuͤbt, Voll- kommenheiten zu suchen. Schaͤrft sich freylich mit der Empfindsamkeit fuͤrs Schoͤne und Vollkommene zugleich auch Ekel und Widerwillen vor allem Schlechten und Unvollkomme- nen — so schaͤrft sich dennoch das Auge, oft da die liebenswuͤrdigsten Vollkommenheiten zu entdecken, wo das fluͤchtige Auge vielleicht nichts als Truͤmmern und Gestraͤuche wahrzuneh- men faͤhig ist. Allenthalben, wo andere Nichts sehen, oder Langeweile haben, oder nur Un- vollkommenheiten sehen, sieht das Schoͤnheit suchende Auge, Schoͤnheit, Ordnung, Spuren des Ebenbilds der Gottheit, und schoͤpft Freude, die unerschoͤpflich ist; allenthalben findet es seinen Gott, allenthalben den Einzigen, allenthalben denselben, der es beseelt und erleuch- tet, allenthalben unter allen Ruinen der Menschheit noch Fleisch von seinem Fleisch und Ge- bein von seinen Gebeinen. Der weise Beobachter wird zwar das Schwache, das Unedle, das Unvollkommene nicht uͤbersehen; wird nicht sogleich die Augen davor zuschließen, wird sich auch die Charactere der Dummheit und des Lasters einzupraͤgen suchen, aber dieser Beobachter wird den Menschen nie von dem Beobachter trennen, sein Herz wird dabey ein Menschenherz, ein Bruderherz bleiben. Er wird sich mit den wirklichen Vollkommenheiten, und mit den noch unentwickelten Anlagen zu mehreren Vollkommenheiten, die er mit der Begierde eines Dursten- den aufsuchen wird, troͤsten und staͤrken. Er wird sich durch die oͤftere Beobachtung des Un- edlen und Unvollkommenen desto besser in den Stand setzen, die entgegenstehenden Schoͤnheiten leichter aufzusuchen, staͤrker und lebendiger zu empfinden; — und, was mehr ist als alles dieß, — sich nach und nach der groͤßten aller Kuͤnste, der Verbesserung der menschlichen Natur, mit jedem Schritte naͤhern, um welchen er der Kenntniß ihrer Unvollkommenheiten naͤher koͤmmt. Der weise Arzt, wie viel hat der schon gewonnen, wenn er die Kennzeichen der Krank- heit aufgefunden, und nun eigentlich weiß, wogegen er zu kaͤmpfen hat. Aber der Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten uͤberhaupt. Aber ja, wie Geheimnisse, die ihm eine Gottheit anvertrauet hat, und wie Suͤnden, die man ihm unter dem heiligsten Siegel der Verschwiegenheit gebeichtet hat, wird er, in beson- dern Faͤllen, seine unangenehmen Beobachtungen bey sich bewahren, und keinem, der sie zum Schaden der menschlichen Gesellschaft mißbrauchen koͤnnte, mittheilen. Der Menschenfreund (der allerverschwendeteste Namen und die groͤßte Seltenheit un- ter den Menschen) wird immer lieber die Schoͤnheiten, die Vollkommenheiten der menschlichen Natur aufsuchen, wahrnehmen, entwickeln, bekannt machen, anpreisen, und die Aufmerksam- keit der Menschen darauf lenken, als — ihre Unvollkommenheiten. Jst es gleich schwerer, Vollkommenheiten zu sehen, und zu entwickeln, so ist es doch besser. Es ist besser, wenig Gutes und Nuͤtzliches, als viel Schlimmes und Schaͤdliches zu sagen. Und in einer Welt, wie die unsrige ist — guter Gott, wer kann Unvollkommenhei- ten bekannt machen, ohne mehr zu schaden, als zu nutzen? Jch werde mich jedoch bisweilen, um den Ge- gensatz sichtbarer zu machen, genoͤthiget sehen, theils auf Haupttafeln, theils in Vignetten einige schwaͤ- chere und zerfallene Gesichter zu charakterisiren. Jm Ganzen aber wird jedem nicht blinden Leser, auf- fallen muͤssen, daß dieß Werk mehr Vollkommenhei- ten und Schoͤnheiten aufsucht, als Haͤßlichkeit und Fehler. G 2 Siebentes VII. Fragment . Siebentes Fragment. Von der Wahrheit der Physiognomie . E iner der vornehmsten Zwecke meines Werkes ist, zu beweisen, darzuthun, fuͤhlbar zu ma- chen, daß es eine Physiognomie giebt; daß die Physiognomie Wahrheit, das ist, daß sie wah- rer sichtbarer Ausdruck innerer an sich selbst unsichtbarer Eigenschaften ist. Da nun jede Zeile des ganzen Buches diesen Zweck mittelbar oder unmittelbar erreichen hilft, so werde ich also keine besondere ausfuhrliche Abhandlung uͤber die Wahrheit, und die innere objectivische Zu- verlaͤßigkeit der Physiognomieen voransetzen. Jch wuͤrde darinn beynah alles das sagen muͤs- sen, Von der Wahrheit der Physiognomie. sen, was ich in den folgenden Bruchstuͤcken, bey verschiedenen Beyspielen schicklicher, verstaͤnd- licher und einleuchtender zu sagen Gelegenheit haben werde. Also hier nur einige vorlaͤufige, vorbereitende — Gedanken. Alle Gesichter der Menschen, alle Gestalten, alle Geschoͤpfe sind nicht nur nach ihren Klassen, Geschlechtern, Arten, sondern auch nach ihrer Jndividualitaͤt verschieden. Jede Einzelheit ist von jeder Einzelheit ihrer Art verschieden. Es ist die bekannteste, aber fuͤr unsere Absicht die wichtigste, die entscheidendste Sache, die gesagt werden kann: „Es „ist keine Rose einer Rose, kein Ey einem Ey, kein Aal einem Aale, kein Loͤwe einem Loͤ- „wen, kein Adler einem Adler, kein Mensch einem andern Menschen vollkommen aͤhnlich.“ Es ist dieß, (damit wir nun bey dem Menschen stille stehn,) der erste, tiefste, sicher- ste, unzerstoͤrbarste Grundstein der Physiognomik, daß bey aller Analogie und Gleichfoͤrmig- keit der unzaͤhligen menschlichen Gestalten, nicht zwo gefunden werden koͤnnen, die, neben ein- ander gestellt und genau verglichen, nicht merkbar unterschieden waͤren. Nicht weniger unwidersprechlich ists, daß eben so wenig zween vollkommen aͤhnliche Gemuͤthscharacter, als zwey vollkommen aͤhnliche Gesichter zu finden sind. Mehr sollte man nicht wissen duͤrfen, als dieß — um es als eine keines weitern Be- weises beduͤrfende Wahrheit anzunehmen — „daß diese aͤußere Verschiedenheit des Gesichtes „und der Gestalt mit der innern Verschiedenheit des Geistes und Herzens in einem gewissen „Verhaͤltnisse, einer natuͤrlichen Analogie stehen muͤsse“ — Was? die innere zugestandne Ver- schiedenheit des Gemuͤths aller Menschen, diese — sollte von der, abermals zugestandnen, Verschiedenheit aller menschlichen Gesichter und Gestalten, diese von jener kein Grund seyn? Nicht von innen heraus soll der Geist auf den Koͤrper, nicht von außen herein soll der Koͤrper auf den Geist wirken? Zorn schwillt zwar die Muskeln auf, aber aufgeschwollne Muskeln und ein zorniges Gemuͤthe sollen nicht als Wirkung und Ursache angesehen werden duͤrfen? Feuer, schnelle blitzaͤhnliche Bewegung des Auges — und ein durchdringender Ver- stand und schneller Witz sollen zwar hundertmal beysammen gefunden werden; aber keine Be- ziehung auf einander haben? Sollen zufaͤlliger Weise zusammen treffen? Zufall — soll's G 3 seyn, VII. Fragment . seyn, nicht natuͤrlicher Einfluß, nicht unmittelbare wechselseitige Wirkung, wenn gerad in dem Augenblicke, da der Verstand tiefblickend, der Witz am geschaͤfftigsten ist, das Feuer, die Be- wegung oder Stellung der Augen ebenfalls sich am merklichsten veraͤndert? Ein offnes, heiteres, uns gleichsam entgegenkommendes Auge, und ein offnes, heiteres, uns entgegen wallendes Herz sollen sich bey tausend Menschen zufaͤlliger Weise beysammen fin- den, und keines des andern Wirkung und Ursache seyn? Jn allem soll die Natur nach Weisheit und Ordnung handeln, allenthalben sollen sich Ursachen und Wirkungen entsprechen — allenthalben soll man nichts sicherer wahrnehmen, als dieß unaufhoͤrliche Verhaͤltniß von Wirkungen und Ursachen — Und in dem schoͤnsten, edel- sten, was die Natur hervorgebracht hat — soll sie willkuͤhrlich, ohne Ordnung, ohne Gesetze handeln? Da, im menschlichen Angesichte, diesem Spiegel der Gottheit, dem herrlichsten aller ihrer uns bekannten Werke, — da soll nicht Wirkung und Ursache, da nicht Verhaͤltniß zwischen dem Aeußern und Jnnern, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Ursach und Wirkung statt haben? — Und das ists, was alle Bestreiter der Wahrheit der Physiognomie im Grunde behaupten. Sie machen die Wahrheit selbst zur unaufhoͤrlichen Luͤgnerinn; die ewige Ordnung zur willkuͤhrlichsten Taschenspielerinn, die immer etwas anders zeigt, als sie sehen lassen will. Der gesunde Menschenverstand empoͤrt sich in der That gegen einen Menschen, der be- haupten kann: daß Neuton und Leibnitz allenfalls ausgesehen haben koͤnnten, wie ein Mensch im Tollhause, der keinen festen Tritt, keinen beobachtenden Blick thun kann; und nicht ver- moͤgend ist, den gemeinsten abstrakten Satz zu begreifen, oder mit Verstand auszusprechen; daß der eine von ihnen im Schaͤdel eines Lappen die Theodicee erdacht, und der andere im Kopfe eines Labradoriers, der weiter nicht, als auf sechse zaͤhlen kann, und was druͤber geht, unzaͤhlbar nennt, die Planeten gewogen und den Lichtstral gespaltet haͤtte? Der gesunde Menschenverstand empoͤrt sich gegen eine Behauptung wie diese: ein star- ker Mensch koͤnn' aussehen, wie ein schwacher; ein vollkommen gesunder, wie ein vollkommen schwindsuͤchtiger; ein feuriger, wie ein sanfter und kaltbluͤtiger. Er empoͤrt sich gegen die Behau- Von der Wahrheit der Physiognomie. Behauptung: Freude und Traurigkeit, Wollust und Schmerz, Liebe und Haß, haͤtten diesel- ben, das ist, gar keine Kennzeichen im Aeußerlichen des Menschen; und das behauptet der, der die Physiognomik ins Reich der Traͤumereyen verbannet. Er verkehrt alle Ordnung und Verknuͤpfung der Dinge, wodurch sich die ewige Weisheit dem Verstande so preiswuͤrdig macht. Man kann es nicht genug sagen, die Willkuͤhrlichkeit ist die Philosophie der Tho- ren, die Pest fuͤr die gesunde Naturlehre, Philosophie und Religion. Diese allenthalben zu verbannen, ist das Werk des aͤchten Naturforschers, des aͤchten Weltweisen, und des aͤchten Theologen. Jch habe schon gesagt, daß ich mir in diesem Fragmente nicht selber vorgreifen wolle; aber folgendes muß ich noch sagen. Alle Menschen, (so viel ist unwidersprechlich,) urtheilen in allen, allen, allen — Din- gen nach ihrer Physiognomie, ihrer Aeußerlichkeit, ihrer jedesmaligen Oberflaͤche. Von dieser schließen sie durchgehends, taͤglich, augenblicklich auf ihre innere Beschaffenheit. Jch muß die allertaͤglichsten Dinge sagen, um eine Sache zu beweisen, die so wenig Beweise beduͤrfen sollte, als unsere Existenz. Aber, ich muß den Schwachen schwach, fast moͤcht' ich sagen, den Tho- ren ein Thor werden, um der Wahrheit willen. Welcher Kaufmann in der Welt beurtheilt die Waaren, die er kauft, wenn er sei- nen Mann noch nicht kennt, anders, als nach ihrer Physiognomie? Anders, als nach dieser, wenn er sie auf den Mann hin gekauft hat, und seiner Erwartung gemaͤß, oder anders, als seine Erwartung findet? Beurtheilt er sie anders, als nach ihrer Farbe? Jhrer Feinheit? Jhrer Oberflaͤche? Jhrer Aeußerlichkeit? Jhrer Physiognomie? Alles Geld nach seiner Phy- siognomie? Warum nimmt er den Einen Louisd'or an, wirft den andern weg? Warum wiegt er den dritten auf der Hand? Um seiner bleichern oder roͤthern Farbe, seines Gepraͤges, seiner Aeußerlichkeit, seiner Physiognomie willen? — Kommt ein Unbekannter, der ihm et- was verkaufen, oder abkaufen will, auf sein Comtoir, wird er ihn nicht ansehen? Nichts auf sein Gesicht rechnen? Wird er nicht, kaum mag er weg seyn, ein Urtheil uͤber ihn faͤllen? „Der Mann hat ein ehrliches Gesicht;“ oder: „Er hat ein schlimmes Paar Augen;“ oder: „Er hat was Widriges oder Einnehmendes?“ Urtheil' er richtig, oder unrichtig, was thuts zur VII. Fragment . zur Sache? Er urtheilt. Er urtheilt nicht ganz, aber doch zum Theil von dem Aeußern des Menschen. Er macht daraus einen Schluß auf sein Jnneres. Der Bauer, der durch seine Felder, oder durch seinen Weinberg geht, bestimmt seine Hoffnung, wornach? Nach der Farbe, Groͤße, Stellung, Aeußerlichkeit — nach der Phy- siognomie des bluͤhenden Saamens, der Halmen, der Aehren, des Weinstocks, der Reben: „Diese Kornaͤhre ist krank, dieß Holz gesund. Dieß wird gedeyhn, jenes nicht,“ sagt er auf den ersten oder zweyten Blick; sagt bisweilen — „wie schoͤn diese Weinrebe scheine — sie wird „wenig Trauben bringen“ — Warum? Er bemerkt, wie der Physiognomist am schoͤnen leeren Menschengesicht, — Leerheit des Triebes — Und wie? Abermal an irgend einer Aeußerlichkeit? Der Arzt, sieht er oft nicht mehr aus der Physiognomie des Kranken, als aus allen Nachrichten, die man ihm von seinem Patienten bringt? Wie erstaunlich weit es hierinn gewisse Aerzte bringen — kann Zimmermann unter manchen lebenden, und unter vielen verstorbnen Kaͤmpf, dessen Sohn von den Temperamenten geschrieben hat, Beyspiel seyn. Der Mahler. Doch von dem will ich nicht reden, die Sache redet, redet allzubeschaͤ- mend fuͤr den bey manchem eben so kindischen als stolzen Eigensinn der angeblichen Unglaͤubigen an die Physiognomie. — Der Reisende, der Menschenfreund, der Menschenfeind, der Verliebte — und wer nicht? Alle handeln nach ihrem wahren oder falschen, klaren oder konfusen physiognomischen Urtheil und Gefuͤhle. Dieß Urtheil, dieß Gefuͤhl erweckt Mitleiden oder Schadenfreude, Lie- be oder Haß, Mißtrauen oder Zuversicht, Zuruͤckhaltung, oder Offenherzigkeit. Und wird der Himmel nicht taͤglich nach seiner Physiognomie beurtheilt? Keine Speise, kein Glas Wein oder Bier, keine Schale Koffee oder Thee koͤmmt auf unsern Tisch, von deren Physiognomie, deren Aeußerlichkeit, wir nicht sogleich auf ihre innere Guͤte oder Schlechtigkeit einen Schluß machen. Man bringt uns ein Koͤrbgen mit Birnen oder Aepfeln; warum suchen wir aus? Warum waͤhlen wir die einen, und lassen die andern liegen? Warum ruft uns, wenn wir aus Bescheidenheit ein schlechteres Stuͤck waͤhlen, die gefaͤllige Hoͤflichkeit zu: „Lassen Sie „dieses liegen! Nehmen Sie das bessere!“ Warum? Um der Physiognomie willen! Jst Von der Wahrheit der Physiognomik. Jst nicht die ganze Natur Physiognomie? Oberflaͤche und Jnnhalt? Leib und Geist? Aeußere Wirkung und innere Kraft? Unsichtbarer Anfang; sichtbare Endung? Welche Kenntniß, die der Mensch immer besitzen mag, gruͤndet sich nicht auf Aeußer- lichkeit, auf Character, auf Verhaͤltniß des Sichtbaren zum Unsichtbaren, des Wahrnehmli- chen zum Unwahrnehmlichen? — Die Physiognomik in weiterm und engerm Verstande ist die Seele aller mensch- lichen Urtheile, Bestrebungen, Handlungen, Erwartungen, Furchten, Hoffnungen, aller ange- nehmen und unangenehmen Empfindungen, welche durch Dinge außer uns veranlasset werden. Von der Wiege an bis zum Grabe, in allen Staͤnden und Altern, bey allen Nationen, von Adam an bis auf den letzten, der sterben wird, vom Wurm an, den wir zer- treten, bis auf den erhabensten Weisen, und warum nicht bis auf den Engel? warum nicht bis auf Jesum Christum? — ist die Physiognomie der Grund von allem, was wir thun und lassen. Jedes Jnsekt kennt seinen Freund und seinen Feind; jedes Kind liebet oder fuͤrchtet, ohne zu wissen warum, durch die Physiognomik; und es lebt auf dem Erdboden kein Mensch, der sich nicht taͤglich durch die Physiognomie leiten laͤßt; kein Mensch, dem sich nicht ein Ge- sicht vorzeichnen ließe, das ihm entweder aͤußerst liebenswuͤrdig, oder aͤußerst abscheulich vor- kommen muͤßte; kein Mensch, der nicht jeden Menschen, der das erstemal zu ihm kommt, mehr oder minder anschaut, mißt, vergleicht, und physiognomisch beurtheilt, wenn er auch das Wort Physiognomie in seinem Leben nie gehoͤret hat; kein Mensch, der nicht alle Sachen, die ihm durch die Haͤnde gehen, physiognomisch, das ist, den innern Werth derselben nach ih- rem Aeußerlichen beurtheilt. Selbst die so sehr der Physiognomik entgegengeworfne Verstellungskunst gruͤndet sich bloß auf die Physiognomik. Warum ahmt der Heuchler dem Redlichen nach? Als weil er, und, wenn's noch so leise, noch so wenig herausgedacht waͤre, weil er denkt, aller Augen be- merken den Character der Redlichkeit? — Welcher Richter — von Verstand und Unverstand — er mag's sagen oder nicht, da- wider protestiren oder nicht, — richtet in diesem Sinne nie nach dem Ansehen der Person? Welcher kann, darf, soll ganz gleichguͤltig seyn, in Ansehung des Aeußerlichen der Personen, Phys. Fragm. I. Versuch. H die VII. Fragment . die ihm vorgestellt werden? Ac mihi quidem cum illa certissima sunt visa argumenta, atque indicia sceleris, tabellae, signa, manus, denique vnius cujusque confessio: tum multo certiora illa, color, oculi, vultus, tacitur- nitas. Sic enim constupuerant, sic terram intueban- tur, sic furtim nonnunquam inter se conspiciebant, vt non ab aliis judicari, sed ipsi a se viderentur. Cicero. Conscientia eminet in vultu. Seneca. — Welcher Regent erwaͤhlt einen Minister, ohne auf sein Aeußerliches mit ein Auge zu werfen, und ihn darnach, wenigstens zum Theil, wenigstens bey sich selbst zu beurtheilen? Der Officier waͤhlt keinen Soldaten, ohn' auf sein Aeußerliches — die Laͤnge nicht gerechnet, mit zu sehen. Welcher Hausvater waͤhlt einen Bedienten, welche Frau eine Magd, daß ihr Aeußerliches, daß ihre Gesichtsbildung, sie moͤgen richtig oder un- richtig urtheilen, moͤgen sichs bewußt oder unbewußt seyn, — bey der Wahl nicht mit in An- schlag komme? Blos das fluͤchtige Andenken an die unzaͤhligen vor Augen liegenden Beyspiele, die das allgemeine stillschweigende Eingestaͤndniß aller Menschen, daß sie ganz von der Physiognomie geleitet werden, unwidersprechlich bestaͤtigen, ermuͤdet mich, und Widerwillen ergreift mich, daß ich, um Gelehrte von Wahrheiten zu uͤberzeugen, Dinge schreiben muß, die jedes Kind weiß, oder wissen kann. Wer Augen hat zu sehen, der sehe, wen aber das Licht, nahe vors Gesicht gehalten, toll macht, der mag mit der Faust drein schlagen, und sich die Finger dran verbrennen. Jch rede nicht gern diese Sprache; aber ich darf, ich muß dreiste reden, weil ich dessen, was ich sage und sagen werde, gewiß bin, und weil ich im Stande zu seyn glaube, mich der Ueberzeu- gung aller redlichen und aufmerksamen Freunde der Wahrheit durch Gruͤnde, die schwerlich zu widerlegen seyn duͤrften, bemaͤchtigen zu koͤnnen, und weil ich es nicht fuͤr unwichtig halte, den muthwilligen Kitzel einiger großen Tongeber zur bescheidenen Zuruͤckhaltung ihrer despotischen Ur- theile herabzustimmen. Es bleibt also dabey, nicht deswegen, weil ich es sage, sondern, weil's auffallend wahr ist — weil's wahr seyn wuͤrde, wenn's nicht gesagt wuͤrde — Es bleibt also dabey, daß die Physiognomie alle Menschen, sie moͤgen's wissen, oder nicht, taͤglich leitet — daß, wie Sulzer sagt, jeder Mensch, er mag's wissen, oder nicht, etwas von der Physiogno- mik versteht; daß nicht ein lebendiges Wesen ist, welches nicht aus dem Aeußerlichen auf das Jnnere, Von der Wahrheit der Physiognomik. Jnnere, wenigstens nach seiner Art, Schluͤsse macht, nicht von dem, was in die Sinne faͤllt, das beurtheilt, was an sich nicht in die Sinne fallen kann. Diese Allgemeintheit des, wenigstens stillschweigenden, Eingestaͤndnisses, daß das Aeußere, das Sichtbare, die Oberflaͤche der Sache, das Jnnere, die Eigenschaft desselben anzeige; daß alles Aeußere Ausdruck von der Beschaffenheit des Jnwendigen sey, ist, deucht mich, in Absicht auf die menschliche Physiognomie von der aͤußersten Wichtigkeit und einer entscheidenden Klarheit. Wenn jede Birne, muß ich wieder sagen, wenn jeder Apfel eine eigenthuͤmliche Phy- siognomie hat, sollte der Herr der Erde keine haben? Das Allereinfachste und Lebloseste hat sein characteristisches Aeußerliches, wodurch es sich von allem, selbst von allem Seines gleichen, unterscheidet — und das schoͤnste, edelste, zusammengesetzteste, belebteste soll keine haben? — Was man also auch immer und immer, von beruͤhmten Akademien an bis zum bloͤdsich- tigsten Poͤbel herunter, wider die innere Zuverlaͤßigkeit und Wahrheit der Menschenphysiogno- mie sagen mag, und sagen wird, so sehr man auch immer auf jeden, der sich merken laͤßt, daß er an die Allbedeutsamkeit des menschlichen Koͤrpers glaube, mit dem beleidigenden Blicke des philosophischen Stolzes oder Mitleidens herablaͤcheln mag; so ist und bleibt dennoch auch in dieser Absicht keine interessantere, naͤhere, beobachtungswuͤrdigere Sache, als der Mensch, und es kann uͤberhaupt kein interessanteres Werk geben, als eines, das dem Menschen die Schoͤnheiten und Vollkommenheiten der menschlichen Natur aufdeckt. H 2 Achtes VIII. Fragment . Achtes Fragment. Die Physiognomik, eine Wissenschaft . „ A ber nie, und wenn wirklich auch etwas Wahres dran seyn sollte, nie wird die Phy- „siognomik eine Wissenschaft werden.“ Wenigstens von den Philosophen der Baum- gartenschen Schule werd' ich diesen Einwurf nicht zu besorgen haben. Man kennt seine idealische Defini- tion von Scientia, und dennoch macht er sich kein Bedenken, die Semiotik unter die Wissenschaf- ten zu setzen. Est Scientia Signorum. Metaph. §. 349. — Das ist's, was tausend Leser und Nichtleser dieser Schrift sagen, — und vermuthlich, so leicht und klar sich auch diese Einwendung beant- worten, und so wenig sich auch wider die Antwort sagen laͤßt, als wenn nichts drauf gesagt worden waͤre, fortbehaupten werden. Und was laͤßt sich darauf antworten? „Die Physiognomik kann eine Wissenschaft werden, so gut als alle unmathematische „Wissenschaften!“ So gut als die Physik; — denn sie ist Physik! So gut, als die Arzneykunst, denn sie ist ein Theil der Arzneykunst! So gut als die Theologie, denn sie ist Theologie! So gut wenigstens als die Lithotheologie! So gut als die schoͤnen Wissenschaften, denn sie gehoͤrt zu den schoͤnen Wissenschaften. So wie diese alle kann sie bis auf einen gewissen Grad unter bestimmte Regeln ge- bracht werden; hat sie ihre bestimmbaren Charactere — die sich lehren und lernen, mittheilen, empfangen und fortpflanzen lassen. So wie diese alle muß sie sehr vieles dem Genie, dem Gefuͤhl uͤberlassen; hat sie fuͤr vieles noch keine bestimmte, oder bestimmbare Zeichen und Regeln. Wer die leichte, jedem Kinde moͤgliche, Muͤhe nehmen mag, das nicht aus den Augen zu setzen, was alle, wenigstens unmathematische, und nicht rein mathematische Wissenschafteu gemein haben — der sollte sein Lebtag nichts mehr gegen die Wissenschaftlichkeit der Physiogno- mik Die Physiognomik eine Wissenschaft . mik einwenden. Entweder wird er allen Wissenschaften diesen Namen absprechen, oder ihn der Physiognomik so gut als einer andern geben muͤssen. So bald eine Wahrheit oder eine Erkenntniß Zeichen hat, so bald ist sie wissenschaftlich, und sie ist es so weit, so weit sie sich durch Worte, Bilder, Regeln, Bestimmungen mitthei- len laͤßt. Es wird also blos darauf ankommen, ob sich der auffallende unlaͤugbare Unterschied der menschlichen Gesichtsbildungen und Gestalten — nicht nur dunkel wahrnehmen, sondern unter bestimmte Charactere, Zeichen, Ausdruͤcke bringen lasse? Ob gewisse Zeichen der Staͤrke und der Schwaͤche, der Gesundheit und der Krankheit des Koͤrpers, der Dummheit und des Verstandes, der Großmuth und Niedertraͤchtigkeit, der Tugend und des Lasters, u. s. f. sich angeben und mittheilen lassen? — Dieß ist bey der gegenwaͤrtigen Frage der einzige Untersu- chungspunkt. — Dem muß es entweder an Logik, oder an Wahrheitsliebe fehlen, der statt dieß zu untersuchen, wider die Physiognomik deklamirt; den Verfasser laͤcherlich macht, oder — statt der Antwort auf die lichthellste Frage — eine irgendwo aufgehaschte Luͤge wider ihn — erzaͤhlt, niederschreibt, drucken laͤßt, — gemaͤß dem Geiste des Muthwillens, der in un- serm Jahrhunderte so maͤchtig arbeitet, die getriebensten Bahnen durch Staubaufwuͤhlung zu bedecken! — Was wuͤrdest du sagen, lieber Leser, wenn jemand Naturforschung, Arzneywissen- schaft, Gottesgelehrsamkeit, Schoͤnewissenschaft, — u. s. w. außer das Gebiet der Wissenschaf- ten verbannte — deswegen, weil in jeder so viele unbearbeitete Felder voll Daͤmmerung, Unsicherheit, Unbestimmtheit sind? Nicht wahr, mein Freund, bis auf einen gewissen Grad kann der Physiker seine klaren Wahrnehmungen verfolgen, sie zerlegen, sie in Worte kleiden und fortpflanzen; sagen: „So und so hab ich geforscht! dieß und jenes beobachtet! so viel Beobachtungen gesammelt; „so geschlossen — den Weg bin ich gegangen, den gehe auch du!“ — Aber wird er das im- merhin sagen koͤnnen? Wird der feine Beobachtungsgeist nie zu solchen Beobachtungen vor- „fliegen, die sich nicht mittheilen lassen? nie weiter sehen, als er dem, der ihm nachstrebt, oder nachkriecht, zeigen und vorbuchstabieren kann? — und ist deswegen die Physik weniger Wissenschaft? — — Wie viel Vorempfindung der Wahrheit hatte Leibnitz, ehe Wolf die H 3 Kreise, VIII. Fragment . Kreise, die sein Genius durchflog, zu Bahnen machte, die nun jeder kalte Logiker betreten und ruhig wandeln kann? Mit welcher Wissenschaft ist's anders? Faͤngt's je bey der Wis- senschaft an? Jsts nicht tausendmal Adlerflug oder Adlerblick, der Jahrhunderten voreilt? Wie lang waͤhrt's, bis dann Wolfe kommen, und zu jeder erfundenen, vorhergefuͤhlten, vor- hererblickten oder erhaschten Wahrheit — den Hin- und Herweg finden, betreten, bahnen? — Welcher der neuern Weisen ist wissenschaftlicher, als Bonnet? Wer verbindet so gluͤcklich Leibnitzens Genie und Wolfens Kaltbluͤtigkeit und Deutlichkeit? Wer ist mehr Beob- achter, als Er? Wer unterscheidet mehr das Wahrscheinliche vom Wahren? die Beobachtung von der Folgerung? Wer fuͤhrt euch mehr, wer sanfter und anmuthiger an der Hand — — aber, wem wird er alle sein vorauseilendes Wahrheitsgefuͤhl, dieß Resultat und diese Quelle von vielen kleinen unbestimmbaren, schnellen, tiefdringenden Beobachtungen — wem dieß mit- theilen, wem in Zeichen, Toͤnen, Bildern und Regeln aufloͤsen koͤnnen? — und ist's anders mit der Arzneywissenschaft? mit der Gottesgelehrsamkeit? mit welcher Wissenschaft, welcher Kunst anders? — Mahlerkunst, die Mutter und Tochter der Physiognomik — Jst sie nicht Wissen- schaft, und wie wenig ist sie's? „Das ist Ebenmaaß, jenes Mißverhaͤltniß — dieß Natur, „Wahrheit, Leben, athmende Kraft, jenes Zwang, falschbeleuchtet, unedel, heßlich“ — Das kannst du sagen, mit Gruͤnden beweisen, die jeder Schuͤler fassen, behalten und wiedererzaͤh- len kann — aber kannst du mit allen Collegien uͤber Mahlerey — einem Mahlergenie geben — so wenig, als durch alle Lehrbuͤcher und Lehrmeister der Schoͤnenwissenschaften — Dichtergenie einhauchen? Wie unermeßlich weit fliegt der Mahler, der Dichter, den Gott schafft — uͤber alles hinauf, was sich in woͤrtliche Regeln fassen laͤßt? Jst aber deswegen, weil sich sein Großgefuͤhl, seine Blicke und Triebe und Kraͤfte nicht in Gemeinformen gießen, nicht in Re- geln bringen lassen, nichts Wissenschaftliches, nichts Bestimmbares in dieser Kunst? So nun auch in der Physiognomik. Bis auf einen gewissen Grad laͤßt sich phy- siognomische Wahrheit bestimmen — in Zeichen und Worte fassen, mittheilen — sagen: „das ist Character hohen Verstandes — dieser Zug ist der Sanftmuth, dieser dem wilden „Zorn eigen! So blickt die Verachtung! So die Unschuld! wo dieß Zeichen ist — da ist „diese Die Physiognomik eine Wissenschaft . „diese Eigenschaft!“ — Laͤßt sich sagen: „ So mußt du beobachten! den Weg mußt du ge- „hen, dann wirst du finden, was ich fand, dann hierinn zur Gewißheit kommen!“ — Aber soll der geuͤbte Beobachter der Feinergebaute auch hier, wie in allen andern Dingen, die Wissenschaft heißen, nicht mehr, nicht heller, nicht tiefer sehen? nicht weiter fliegen? nicht haͤufig Anmerkungen machen, die sich nicht in Worte kleiden, nicht in Regeln bringen lassen? und sollte deswegen das, was sich in Zeichen ausdruͤcken, und in Regeln mittheilen laͤßt, weniger Wissenschaft heißen? Hat die Physiognomik dieß nicht mit allen Wissenschaf- ten gemein? Oder, nochmals, wo ist die Wissenschaft, wo alles bestimmbar — nichts dem Geschmacke, dem Gefuͤhle, dem Genius uͤbrig gelassen sey? — Wehe der Wissenschaft, wenn eine solche waͤre! — Albrecht Duͤrer maß; Raphael maß und fuͤhlte den Menschen. Jener zeichnete Wahrheit, wissenschaftlich; dieser gemessene, idealisirte — und doch nicht weniger wahre Natur. Der blos wissenschaftliche Physiognomist mißt wie Duͤrer; das physiognomische Ge- nie mißt und fuͤhlt, wie Raphael. Je mehr indeß die Beobachtung sich verschaͤrft; die Sprache sich bereichert; die Zeichnungskunst fortschreitet; — der Mensch, das Naͤchste und Beste dieser Erden, den Menschen studirt — desto wissenschaftlicher, das ist, desto bestimmter, desto lernbarer, und lehrbarer wird die Physiognomik. — Sie wird werden die Wissenschaft der Wissenschaften, und dann keine Wissenschaft mehr seyn — sondern Empfindung, schnelles Menschengefuͤhl! denn — Thorheit, sie zur Wissenschaft zu machen, damit man druͤber reden, schreiben, Collegia halten und hoͤren koͤnne! dann wuͤrde sie nicht mehr seyn, was sie seyn soll. — „Wie viel Wissenschaften und Regeln haben den Genies, wie viel Genies den Wis- senschaften und Regeln ihr Daseyn zu danken? — Also — Was soll ich sagen? was soll ich thun? — Physiognomik wissenschaftlich machen? — oder nur, den Augen rufen zu fe- hen? die Herzen wecken, zu empfinden? — und dann hier und dort, einem muͤßigen Zu- schauer, daß er mich nicht fuͤr einen Thoren halte, in's Ohr sagen: „Hier ist was, das auch du sehen kannst. Begreif nun, daß andere mehr sehen!“ — Das VIII. Fragment. Die Physiognomik eine Wissenschaft. Das letzte, was ich diesem Fragmente noch beysetze — sey, wiewohl es in anderer Absicht gesagt worden seyn mag, einem großen Manne nachgestammelt, der nebst vielen tiesen und seltenen Kenntnissen auch die Gabe der Geisterpruͤfung hatte, vermittelst welcher er blos durch den aͤußerlichen Blick entschied, ob einer, den keine Arzneykunst heilen konnte, den Glauben hat- te — gesund zu werden — „Jetzt erkennen wir noch Stuͤckweise — und unser Auslegen und „Commentiren ist Stuͤckwerk! weg mit diesen Fragmenten, wenn die Vollkommenheit koͤmmt! „Noch ist's Stammlen eines Kindes, was ich schreibe! Kindische Einfaͤlle und Bemuͤ- „hungen werden sie mir einst scheinen, wenn ich Mann seyn werde! Denn jetzt sehn wir die „Herrlichkeit des Menschen nur durch ein duͤster Glas — bald von Angesicht zu Ange- „sicht — Jtzt fragmentsweise; dann werd ich's durch und durch erkennen — wie ich — von „dem erkennt bin, aus dem und durch den und in dem alle Dinge sind! Ehr' sey ihm in Ewig- „keit! Amen!“ Neuntes Neuntes Fragment. Von der Harmonie der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . E s fragt sich: „Jst eine sichtbare, erweisliche Harmonie und Zusammenstimmung der mo- „ralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit? Eine Harmonie zwischen moralischer und koͤrperlicher „Haͤßlichkeit? und eine wesentliche Disharmonie zwischen moralischer Schoͤnheit und koͤrper- „licher Haͤßlichkeit; zwischen moralischer Haͤßlichkeit und koͤrperlicher Schoͤnheit?“ Von Millionen Stimmen der Natur wird diese Frage laut bejahet; wie koͤnnt' ich sie verneinen? — — Es wird auf Beweise ankommen. Moͤchte der Leser mit der Geduld sie hoͤren und pruͤfen — mit welcher ich sie vorlegen will. Es wird eine Zeit kommen, hoffe ich, fast moͤcht' ich sagen, ich verheiß es, eine bessere Zeit, wo mich jedes Kind auslachen wird, daß ich dieses noch erst bewiesen habe — vielleicht auch das Zeitalter ausla- chen — oder edler beweinen wird, wo es Menschen gab, denen man dieses noch beweisen mußte! Hoͤre die Stimme der Wahrheit, wer will, ich kann nur etwas von dem nachstam- meln, was ich aus ihrem Munde vernehme. Wahrheit ist Wahrheit, werde sie angenommen oder nicht! Mein Ausspruch macht nicht wahr, was wahr ist; aber weil's wahr ist, will ich reden! Voraus gesetzt! — daß wir das Werk einer hoͤchsten Weisheit — seyn — faͤllt's nicht sogleich auf, daß es unendlich schicklicher ist — daß zwischen physischer und moralischer Schoͤnheit Harmonie sey — als daß keine sey? daß es schicklicher sey — der Urheber aller moralischen Vollkommenheit druͤcke sein hoͤchstes Wohlgefallen daran — durch eine natuͤrliche Uebereinstimmung der physischen mit der moralischen aus? Man setze doch nur das Gegen- theil — wer wird an eine unendliche Weisheit und Guͤte glauben — und den Gedanken er- tragen koͤnnen. — „Nicht etwa nur zufaͤlliger Weise, nur unter gewissen Umstaͤnden geschiehet Phys. Fragm. I. Versuch. J „es — IX. Fragment. Von der Harmonie „es — sondern es ist so die allgemeine Einrichtung und Natur der Dinge — daß, wo die „hoͤchste moralische Vollkommenheit ist, die hoͤchste physische Unvollkommenheit zum Vorschein „komme, daß der tugendhafteste Mensch der haͤßlichste; der erhabenste, edelste, großmuͤthigste „Wohlthaͤter des menschlichen Geschlechts — das ekelhafteste Geschoͤpf sey — daß Gott der „Tugend alle Schoͤnheit versage, um sie ja nicht zu empfehlen, daß die ganze Natur darauf „eingerichtet sey, das, was der Gottheit das Liebste, und an sich das Liebenswuͤrdigste ist, gleich- „sam mit dem Siegel seines Mißfallens zu stempeln.“ — Wer, Bruͤder, Freunde der Tu- gend, Mitanbeter der hoͤchsten Weisheit, die lauter Guͤte ist — wer kann diesen — beynah' haͤtt' ich gesagt, gotteslaͤsterlichen Gedanken ertragen? — Setzet den aͤhnlichen Fall mit dem Verhaͤltniß der Erkenntnißfaͤhigkeiten zu der koͤr- perlichen Feinheit. Koͤnnt ihr's schicklich, der hoͤchsten Weisheit angemessen finden — in dem Maße Plumpheit zum Vorschein kommen zu lassen, in welchem die innere Verstandskraft da ist, und sich entwickelt? Saget, was ihr wollt, nimmermehr koͤnnt ihr es — und wie un- endlich viel weniger liegt doch an dieser, als an jener Harmonie? Wie unendlich viel mehr ist dem Urheber unserer Natur um die Entwicklung und Vervollkommnung des moralischen Theils unserer Natur zu thun, als des intellectuellen? — Weiter — wer wird es schicklich, und der hoͤchsten Weisheit angemessen finden koͤn- nen, daß sie dem schwaͤchsten Koͤrper die Form und den Schein des staͤrksten, und dem staͤrk- sten die Form und den Schein des schwaͤchsten gebe? (Jch rede nicht von Zufaͤlligkeiten und Ausnahmen, ich rede von durchgaͤngig allgemeiner Einrichtung der Natur —) — Und doch waͤre diese Vorstellung, diese unwuͤrdige Spielsucht noch Weisheit und Wuͤrde — in Verglei- chung mit dem Betragen — zwischen moralischer und physischer Schoͤnheit eine sichtbare Dis- harmonie in der ganzen Natur zu veranstalten. Doch ich will es zugeben: dergleichen metaphysische Praͤsumtionen, so einleuchtend sie scheinen, und so viel sie wenigstens bey gewissen Leuten gelten sollten, sind nicht beweisend ge- nug. Es kommt auf die Wirklichkeit der Sache in der Natur, mithin auf sichere Beobach- tungen und Erfahrungen an. Jch der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . Jch setze zum voraus, was auch der schlechteste Beobachter seines eigenen oder anderer Angesichter nicht mehr laͤugnen kann: Jeder Gedankenzustand, jeder Empfindungszustand der Seele hat seinen Ausdruck auf dem Gesicht. Unaͤhnliche Zustaͤnde der Seele haben nicht aͤhnliche Ausdruͤcke des Angesichts, und aͤhnliche Zustaͤnde nicht unaͤhnliche Ausdruͤcke. Jch setze voraus, was auch kein Moralist laͤugnen wird; daß gewisse Zustaͤnde der Seele, gewisse Empfindungen, Empfindungsweisen, Neigungen, schoͤn, anmuthig, edel, groß sind, und jedem empfindsamen Herzen Wohlgefallen, Achtung, Liebe, Freude gleichsam abnoͤ- thigen; daß andere hingegen ganz das Gegentheil seyn, und wirken; haͤßlich, widrig, unan- genehm, abschreckend, ekelerregend seyn! Jch setze voraus, was jedem gesunden, auch ungeuͤbten Auge einleuchtend ist: daß es Schoͤnheiten und Haͤßlichkeiten der Zuͤge des Angesichts gebe, (wir reden vors erste auch nur von diesem, Man theilt mir eben noch eine Stelle aus dem Quintilian mit, die ich hier, als Anmerkung, ein- schalten will: man koͤnnte sie noch den obenangefuͤhr- ten Zeugnissen beyfuͤgen: Dominatur maxime vultus. Hoc supplices, hoc minaces, hoc blandi, hoc tri- stes, hoc hilares, hoc erecti, hoc submissi sumus. Hoc pendent homines, hunc intuentur, hunc spe- ctant, etiam antequam dicamus. Hoc quosdam amamus, hoc odimus, hoc plura intelligimus. Hic est saepe pro omnibus verbis. was man auch fuͤr seltsame Einwendungen gegen eine wesentliche Schoͤnheit des Koͤrpers uͤberhaupt, gegen ewig wahre, staͤndige Principien koͤrperlicher Schoͤnheit ausge- heckt hat: Jch stelle den schoͤnsten Menschen neben den haͤßlichsten, und kein Mensch wird aus- rufen: „Jener wie haͤßlich! Dieser wie so reizend schoͤn!“ Und eben derselbe schoͤne Mensch schneide allerley Gesichter: Zuschauer aus allen Nationen des Erdballes werden immer mit einer Stimme rufen: „Das war ein haͤßliches — das ein scheußliches, das ein ekelhaftes — dieß nun „wieder ein ordentliches, ein anmuthiges, ein schoͤnes Gesicht!“ u. s. f. Die meisten Einwendun- gen gegen eine wesentliche Schoͤnheit, die nicht in dem willkuͤhrlichen Geschmacke des Zu- schauers bestuͤnde, waren immer von dem verschiedenen oft seltsamen Urtheile der Nationen uͤber die Schoͤnheit des menschlichen Koͤrpers hergenommen; allein daß alle, die zu der Nation gehoͤren, gerade alle die, und dann weiter keiner mehr, ein gegebenes Ding, so seltsamer Weise fuͤr schoͤn oder fuͤr haͤßlich halten: — daß gerade alle Hottentotten, und sonst dann niemand J 2 weiter, IX. Fragment. Von der Harmonie weiter, die unflaͤtige Hautrinde fuͤr Zierde; gerade nur der Mohr die Stumpfnase fuͤr schoͤn haͤlt, und sonst niemand; — nur ein Voͤlkchen die Kropfhaͤlse liebt: — zeigt ja klar, daß das nur die Tyranney eines hochhinabgeerbten Nationalvorurtheils war, die das na- tuͤrliche Gefuͤhl des Schoͤnen in solchen Faͤllen zu tilgen oder zu kruͤmmen vermochte! Und gerade diese alle werden uͤber den Punkt der Schoͤnheit und Haͤßlichkeit in allen großen starken in die Augen fallenden Faͤllen — mit allen Einwohnern der Erden wieder gleich urtheilen, werden das gleiche Gefuͤhl des Schoͤnen und Haͤßlichen verrathen, wenn ihr die Faͤlle aus- nehmt, wo ein Nationalvorurtheil im Wege steht. Jch sage naͤmlich mit Vorbedacht in großen Faͤllen; in stark abstechenden Extremen von Schoͤnheit und Haͤßlichkeit. Denn je nach dem die Gegenstaͤnde vom haͤßlichsten und schoͤnsten Punkte einander naͤher ruͤcken, ein desto fei- neres geuͤbteres Auge wird wiederum erfordert, es zu unterscheiden — was man denn nun frey- lich bey groben Menschen nicht erwarten darf. Und tausend Jrrthuͤmer im Punkte der Unter- scheidung und des Gefuͤhls feinerer Grade von Schoͤnheiten koͤnnen so wenig eine Einwen- dung gegen die immer wesentlichen Unterschiede der Schoͤnheiten abgeben; so wenig als zwanzig Linien um deßwillen nicht wahrhaftig an Groͤße verschieden sind, weil jede nur um einen Punkt groͤßer ist, und also die Unterschiede zu fein sind, als daß sie gemeinen Augen sicht- bar wuͤrden. Wir fassen zusammen: Was in der Seele vorgeht, hat seinen Ausdruck auf dem Angesichte. Es giebt moralische Schoͤnheiten und Haͤßlichkeiten. Es giebt koͤrperliche Schoͤnheiten und Haͤßlichkeiten der Zuͤge im menschlichen Angesichte. Nun ist's noch um den vierten Satz zu thun: Sind die Ausdruͤcke der moralischen Schoͤnheiten auch koͤrperlich schoͤn? die Ausdruͤcke der moralischen Haͤßlichkeiten auch koͤrperlich haͤßlich? Oder ist hingegen der Ausdruck moralischer Schoͤnheiten, Haͤßlichkeit, und der mora- lischen Haͤßlichkeiten, Schoͤnheit? Oder sind die Ausdruͤcke moralischer Beschaffenheiten und Zustaͤnde weder schoͤn noch haͤßlich? Oder ohne zureichenden Grund bald schoͤn bald haͤßlich? Wir wollen nun sehen. Man nehme zum Beyspiel nur den unmittelbaren Ausdruck von mancherley leidenschaftlichen Zustaͤnden der Seele! — Man zeichne einem Kinde, einem Bauren, der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . Bauren, einem Kenner, einem jeden andern, das Gesicht eines Guͤtigen und eines Nieder- traͤchtigen, eines Aufrichtigen, und eines Falschen. — Man zeichne ihm dasselbe Gesicht in einem Augenblicke edler begegnender Guͤte, in einem Augenblicke verachtender Eifersucht — und frage: „welche dieser Gesichter haͤltst du fuͤr schoͤn, — fuͤr die schoͤnsten? und welche fuͤr „die haͤßlichsten?“ Und siehe da! Kind und Bauer und Kenner, werden dieselben Gesichter fuͤr die schoͤnsten halten und alle dieselben fuͤr die haͤßlichsten. (Dem Kenner nur werd' ich meine Frage um etwas naͤher bestimmen muͤssen; ich werde ihm sagen muͤssen: „Jch frage nicht, „welche sind am besten gemacht, welcher Ausdruck ist am wahrsten getroffen, welches ist der „Kunst halber das schoͤnste? sondern welche Gesichter sind an sich, ohne Ruͤcksicht auf die „Kunst des Zeichners, schoͤn und welche haͤßlich?“) Jch frage weiter: von welchen Leidenschaften, welchen Gemuͤthszustaͤnden, diese haͤßli- chen, jene schoͤnen Gesichter der Ausdruck seyn? Und siehe! Es findet sich, daß gerade die haͤß- lichsten Ausdruͤcke auch die haͤßlichsten Gemuͤthszustaͤnde bezeichnen. Man vergleiche auf der naͤchsten Tafel die Gesichter der Gemuͤthsruhe, I. Tafel. und der Verachtung und des Hasses; der Liebe, Freude, Hochachtung und des Zorns — und urtheile. Man vergleiche dann auch nur einzelne Zuͤge, Mund und Mund; Aug' und Aug'; Nase und Nase, Stirn und Stirn — Wo sind die sanftfließenden, allmaͤhlig weichgebogenen, gleichern, geordnetern Linien — die schoͤnern Linien? an sich schoͤnern Linien, auch ohne Ruͤcksicht auf Ausdruck? — Und wo sind die haͤrtern, schiefern, ungleichern Linien? die schlechtern, an sich weniger schoͤnen, an sich haͤßlichen Linien? — Welches Kind, welcher Bauer wird fehl rathen! Man kann zum Beyspiel, von dem hoͤchsten Grade der edlen Guͤte, bis zu dem hoͤchsten Grade von Bosheit, Schalkheit, Grausamkeit, auch nur die Umriß- linien der Lippen zeichnen, und man wird finden, daß man ordentlich von der weichsten, schoͤn- sten Linie, zu steifern, flaͤchern, plumpern, dann zu schiefern, haͤrtern, krummern, ver- zogenern kommt; und daß ordentlich mit zunehmender Haͤßlichkeit der Leidenschaft auch die Schoͤnheit der Linie abnimmt. Dieß wird sich nachher in einigen Zugaben noch II. Tafel. auffallender zeigen. J 3 Dasselbe IX. Fragment. Von der Harmonie . Dasselbe gilt nun auch bey allen den tausendfaͤltigen Vermischungen und Zusammense- tzungen aller moralisch schoͤnen, und moralisch haͤßlichen Gemuͤthszustaͤnde und ihrer Ausdruͤcke! Bis hieher, denk' ich, hat die Sache wenig Schwierigkeit. Ja vielleicht moͤchten mich manche schon einer entbehrlichen Weitlaͤufigkeit beschuldigen. Allein der naͤchste Schritt ist eben so wenig mit Schwierigkeit umfangen. Ein jeder vielmals wiederholter Zug, eine jede oftmalige Lage, Veraͤnderung des Ge- sichts, macht endlich einen bleibenden Eindruck auf den weichen Theilen des Angesichts. Je staͤrker der Zug, und je oͤfter er wiederholet wird, desto staͤrkern, tiefern, unvertilgbarern Eindruck (und wie unten wird erwiesen werden, selbst auf die knochigten Theile von fruͤher Jugend an) macht er. Ein tausendmal wiederholter angenehmer Zug druͤckt sich ein, und giebt einen bleiben- den schoͤnen Zug des Angesichts. Ein tausendmal wiederholter haͤßlicher Zug druͤckt sich ein, und giebt einen bleibenden haͤßlichen Zug des Angesichts. Viele solche schoͤne Eindruͤcke auf die Physiognomie eines Menschen geben zusammen (bey uͤbrigens gleichen Umstaͤnden,) ein schoͤnes; viel solcher haͤßlichen, ein haͤßliches Angesicht. Moralisch-schoͤne Zustaͤnde nun, haben zu folge dessen, was wir oben gesagt haben, schoͤnen Ausdruck. Dieselben Zustaͤnde, tausendmal wiederholt, machen also bleibende schoͤne Eindruͤcke auf das Angesicht. Moralisch-haͤßliche Seelenzustaͤnde haben haͤßlichen Ausdruck. Kommen sie nun oft und immer wieder, so machen sie bleibende haͤßliche Eindruͤcke. Und zwar verhaͤltnißmaͤßig staͤrkere und tiefere, je oͤfter und staͤrker die einzelnen Aus- druͤcke des oft wiederkommenden Zustandes der Seele geschehen. Ferner: Es giebt keinen Gemuͤthszustand, der nur in einem einzelnen Gliede, oder Theile des Angesichts, schlechterdings ausschließungsweise, seinen Ausdruck habe. Wenn schon der eine Zustand der Seele, sich mehr in diesem, als jenem Theile des Angesichts ausdruͤckt, in der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. in dem einen sehr starke, in dem andern beynah unmerkliche Veraͤnderungen macht; so wird doch eine genauere Beobachtung lehren: daß bey keiner Bewegung der Seele, kein weicher Theil des Angesichts unveraͤndert bleibt. — Was nun von einem Ausdrucke auf einem Gliede oder Theile des Angesichts wahr ist, das ist von allen wahr; Alle veraͤndern sich bey schlech- ten Zustaͤnden der Seele ins schlechtere; alle bey schoͤnen ins schoͤnere. So, daß das ganze Angesicht jedesmal ein harmonirender Hauptausdruck eines gegenwaͤrtigen regierenden Gemuͤths- zustandes ist. Jn allen Theilen des Angesichts geben also verhaͤltnißmaͤßig, oft wiederholte Gemuͤths- zustaͤnde, haͤßliche oder schoͤne bleibende Eindruͤcke. Oft wiederholte Gemuͤthszustaͤnde geben Fertigkeiten; Gewohnheiten kommen von vor- handenen Neigungen, und geben Leidenschaften. Also faß' ich diese Saͤtze zusammen, und sie lauten in einem Satze also: „Die Schoͤnheit und Haͤßlichkeit des Angesichts, hat ein richtiges und genaues Ver- „haͤltniß zur Schoͤnheit und Haͤßlichkeit der moralischen Beschaffenheit des Menschen.“ Je moralisch besser; desto schoͤner. Je moralisch schlimmer; desto haͤßlicher. — Nun brechen Einwendungen hervor, wie Waldwasser. Jch hoͤre sie rauschen. Mit furchtbarem Sturze stuͤrzen sie daher, pfeilgrade gegen das arme Huͤttgen, das ich mir gebaut hatte, und worinn mir so wohl war. — Nicht so veraͤchtlich lieben Leute! Etwas Geduld! Nicht ein armes Strohhuͤttchen auf ein Sandbaͤnkchen — ein massiver Pallast auf Felsen erbaut! Und die furchtbaren Waldstroͤme zerschaͤumen, und ihre Wuth wird sich le- gen am Fuße des Felsen! — Oder sie moͤgen auch fortrauschen, der Fels steht und der Pal- last! Man mag's mir verzeihen, wenn ich zuversichtlich spreche! Zuversicht ist nicht Stolz. Jch will mich demuͤthigen lassen, wenn ich Unrecht habe. Man spricht hoch und laut: „daß „dieß tausend taͤglichen Erfahrungen zuwiderlaufe; wie viele haͤßliche Tugendhafte, und schoͤne „Lasterhafte es nicht gebe!“ Schoͤne Lasterhafte? Lasterhafte mit schoͤnen Farben? Schoͤnem Fleische, oder schoͤnen Dingen? — Doch ich will nicht vorgreifen. Man hoͤre Antwort! 1. Fuͤr's IX. Fragment. Von der Harmonie 1. Fuͤr's erste trifft diese Einwendung meinen Satz nicht recht. Jch sage nur: Tu- gend verschoͤnert; Laster macht haͤßlich: — Jch behaupte wohl nicht: Tugend allein ist's, von der alle Schoͤnheit des menschlichen Angesichts gewirkt wird, Laster allein ist's, das haͤßlich macht. Wer wollte das behaupten? Wer laͤugnen, daß es nicht noch andere, naͤhe- re, unmittelbare Ursachen der Verschoͤnerung und Entstaltung des menschlichen Angesichts gebe? Es liegt am Tage! Wer doͤrft's, wer wollt's laͤugnen, daß Verstandeseigenschaften, daß am allermeisten urspruͤngliche Bildung aus Mutterleibe; ferner die von dem Zoͤglinge selbst unab- haͤngige Erziehung, Lebensumstaͤnde, Krankheiten, Zufaͤlle, Beruf, Klima u. s. f. so viele naͤchste Ursachen der Schoͤnheit und Haͤßlichkeit der Menschen sind, und abgeben koͤnnen? Voͤl- lig analogisch ist meine Behauptung mit dem unlaͤugbaren Satze: „Tugend befoͤrdert die aͤußere „Wohlfahrt des Menschen, und Laster zerstoͤrt sie.“ Wird's nun Einwendung gegen diesen Satz seyn: „Es giebt doch viele hundert Tugendhafte, die ungluͤcklich, und Lasterhafte, die „gluͤcklich sind?“ Will man mit der ersten allgemeinen Behauptung mehr sagen, als etwa: „zum Gluͤcke oder Ungluͤcke des Menschen sind zwar viele andere wesentlich mitwirkende Ur- „sachen, als nur seine Tugend oder Lasterhaftigkeit; seine Moralitaͤt aber ist dennoch neben „vielen andern auch eine der wichtigsten und wesentlichsten Ursachen und Mittel.“ Gerade so nun auch mit unserm Gegenstande: Tugend verschoͤnert; Laster macht haͤßlich; aber sie sind es nicht allein, die auf Schoͤnheit und Haͤßlichkeit Einfluß haben. 2. Fuͤr's zweyte; von der Erfahrung, die man uns entgegen setzen will, geht, wenn wir's naͤher betrachten, auch noch was ab! Ja, sie fuͤhrt, glaub' ich, was mit sich, das wohl eher noch unsere Behauptung bestaͤtigen hilft. Erfahren wir nicht oft, und rufen aus: „Ein schoͤnes Frauenzimmer, ich laß' es gelten: aber mich nimmt sie gar nicht ein!“ Oder wohl gar: „Jch koͤnnte sie nicht ausstehen!“ Und hingegen, wie oft: „Ein haͤßlicher Mensch, „doch hat er, trotz aller seiner Haͤßlichkeit, im ersten Augenblick einen angenehmen Eindruck „auf mich gemacht; ich fuͤhlte gleich, daß mir recht wohl um ihn seyn koͤnnte“ u. s. w. Und bey der Untersuchung findt sich's, daß gerade jene Schoͤne, die wir nicht ausstehen koͤnnen, und jene Haͤßlichkeit, die wir lieben muͤssen, durch die haͤßlichen oder liebenswuͤrdigen Eigenschaf- ten, die sich auf ihrem Antlitze ausdruͤcken, diese Antipathie und Sympathie erwecken. Und der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Und da diese guten Zuͤge mitten aus einem haͤßlichen Gesichte, und die haͤßlichen Zuͤ- ge, mitten aus einem schoͤnen — so sehr hervorstechen, daß sie kraͤftiger auf uns wirken, als das andere alle; beweist das nicht eben mit, daß diese Schoͤnheitslinien feiner, edler, sprechen- der sind, als die uͤbrigen mehr koͤrperlichen? Man sage nicht: „daß diese Sympathie, und Antipathie, erst durch Umgang, wo sich „Haͤßlichkeiten, oder Schoͤnheiten der Seele aufdecken, erzeuget werde.“ Jm ersten Augen- blicke geschieht dieß, wie oft! Man sage auch nicht: „daß dieß durch einen Schluß auf die „Gemuͤthsart der Person geschehe; weil wir vorher etwa in aͤhnlichen Faͤllen, oft erfahren „haben, daß Personen, die bey ihrer Haͤßlichkeit noch solche Zuͤge haben, liebenswuͤrdige, oder „die bey ihrer Schoͤnheit, noch solche unangenehme Zuͤge haben, schlechte Seelen seyn.“ Freylich geschieht dieß sehr oft; aber dadurch wird die Wahrheit unserer Behauptung nicht aufgehoben. Beydes kann neben einander stehen. Die Kinder zeigen, wie wenig diese Ein- wendung zu bedeuten habe. Kinder, die, noch vor aller solcher Erfahrung, mit ihren Augen wonnevoll an einem Gesichte hangen bleiben, das nichts minder als fleischlich schoͤn, als huͤbsch ist, das aber eine schoͤne Seele ausdruͤckt; und hingegen im umgekehrten Falle, so oft herzlich zu schreyen anfangen. An einem jaͤhrigen Kinde hab ich von beyden in einer halben Stunde den frappan- testen Beweis gesehen. Ein Bauergreis, eingefallenen Angesichts, krumm und dabey wohl toͤlpisch in Schritt und Manier, — seine grauen glatten Haare fielen ihm unordentlich uͤber die Stirne herunter, und deckten ihm oft das halbe Gesicht: — der tritt herein. Kaum sieht er das Kind an, naͤhert's sich ihm, stammelt sehr gespraͤchig, was es im Vermoͤgen hatte, thut freundlich und legt sich mit seinem Arme uͤber seine Kniee. Es war, wie ich ihn schon lange gekannt hatte, ein guter, frommer Alter. Jn derselben halben Stunde tritt ein junger, herrischer Muͤllers- oder Schulzensohn herein — wohl ge- putzt, mit rothem Camisol und silbernen Knoͤpfchen — ein huͤbsch Gesicht und gute Gestalt. Das Kind wirft einen Blick auf diesen Kerl — recht so mitten im Angesicht, kehrt sich sachte um und entfernt sich. Man mußte ihm befehlen: geh hin, biet ihm das Haͤndchen. Es geht langsam thut's kurz, und kehrt schnell zuruͤck, und ein Seufzer verrieth zuruͤckgehaltenes Weinen. Phys. Fragm. I. Versuch. K — Der IX. Fragment. Von der Harmonie — Der huͤbsche Bauerssohn war aber auch Stadt- und Landbekanntermaßen ein stol- zer, harter, hitziger, frecher Mann, und sein Gesicht ein zu treuer Ausdruck davon. — Der- gleichen Wirkungen menschlicher Angesichter, beobachtete ich schon eine Menge an dem Kinde, viel fruͤher als dieß geschehen war; und an welchem Kinde nicht? Die Kinder die besten Physiognomisten, die wahrsten Gegenstaͤnde der Physiognomik, waͤren wohl eines besondern Fragments — waͤren eines ganzen Bandes werth. Aber wer will es verfassen? 3. Fuͤr's dritte muͤssen wir uns nur uͤber die Worte recht verstehen. Geht man man hin und spricht den Satz so schlecht und roh aus: „der Tugendhafte „ist schoͤn, der Lasterhafte koͤrperlich haͤßlich:“ so giebt's auch beynahe eben so viele Einwen- dungen als verschiedene Begriffe von tugendhaft und lasterhaft! moralisch gut und schlimm! Die hoͤfliche Welt, die jeden Menschen, von dem sie nicht geradezu sagen darf, er sey laster- haft, einen tugendhaften nennt; und der schwache Religiose, dem jeder, den er nicht nach sei- nem Jdeale tugendhaft nennen kann, lasterhaft heißt; der Officier, der den Mann von Ehre, und den Soldaten, der gut in seinen Dienst taugt, tugendhaft — der Poͤbel; der niemanden, als wer wider den Buchstaben des sechsten, siebenten, achten und neunten Gebots suͤndigt, laster- haft nennt; und der Bauer, der tugendhaft bleibt, so lang er nicht in des Landvoigts Ge- richt faͤllt; der eingeschraͤnkte Moralist, der nichts moralisch gut heißt, als was durch Wider- stand und aͤngstliche Verlaͤugnungen erworben ist, oder dem Tugend gar Stoicismus ist: — diese alle werden, ein jeder nach seinen Begriffen, gegen diesen so schwebenden, unbestimmten, para- dox-vorgetragenen Satz aufstehen, und zeugen! Allein man hat ja schon von oben herunter merken koͤnnen, daß ich hier die Woͤrter Tugend und Laster im allerweitesten Umfang, in der groͤßten Ausdehnung nehme, oder eigentlich nur uͤberhaupt von moralischer Schoͤnheit und Haͤßlichkeit rede! Zu jener rechne ich alles Edle, Gute, Wohlwollende, zu guten Zwecken sich Regende und Wirksame, wie's immer in die Seele gekommen seyn mag; zu dieser alles Unedle, Uebelwollende, Widrige, Kleine, wie's immer in's Herz gekommen sey. So kann es also kommen, daß der eine viel vortreffliche Anlagen, viel Gutes hat, auch lange Zeit dieses Gute angebaut hat, aber spaͤter einer Leidenschaft den Zuͤgel laͤßt — in einem der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. einem Grade, daß ihn alle Welt, nach dem Sprachgebrauch vollkommen richtig, als lasterhaft verurtheilt. Will man nun sagen: „Siehe da deinen lasterhaften Schoͤnen! was will denn „deine Harmonie der Tugend und Schoͤnheit!“ Aber wir haben ja angenommen, daß der Mann „vortreffliche Anlagen, viel Gutes“ hatte? daß er seinen natuͤrlich guten Character eine Zeitlang weiter fortgebaut und befestigt? Er hatte also und hat noch Gutes, nachahmens- anstrebenswuͤrdiges Gutes? und je natuͤrlicher Was natuͤrlich gut, oder boͤse, Tugend, La- ster, so auch Vernunft, Verstand, Genie, Einsicht, natuͤrliche Anlage, Erwerb, u. s. w. heißen koͤnne, davon werden wir haͤufig zu reden Gelegenheit ha- ben. Naͤhere Bestimmungen werden bey unsern Un- tersuchungen unentbehrlich seyn. es ihm ist, je tiefern Grund es in seinen ersten Anlagen hat, desto tiefern und festern Eindruck schoͤner Zuͤge hat's auf sein Angesicht gepflanzt. Die Wurzeln und der Stamm koͤnnen noch sichtbar seyn, obgleich wilde Zweige eingeimpft worden; der Acker, der gute Grund noch merkbar, obgleich Unkraut unter den guten Waizen gesaͤet ward! So, wer kann's nicht begreifen, wie das noch ein schoͤn Gesicht ist, ungeachtet der Lasterhaftigkeit der Person! desto wahrer bleibt unser Satz. Und dann warlich braucht's kaum ein wenig geuͤbte Augen, so wird man finden und gestehen muͤssen, daß eben das Gesichte, wovon wir reden, vor der Herrschaft dieser Leiden- schaft noch schoͤner war? und nun wenigstens haͤßlicher sey, als ehedem! Ach wie viel unange- nehmer, groͤber, haͤßlicher, sey als ehedem — wenn's auch lange noch nicht auf den Grad kommt, den Gellerts Lied bezeichnet: „Wie bluͤhte nicht des Juͤnglings Jugend; „Doch er vergaß den Weg der Tugend, „Und seine Kraͤfte sind verzehrt! „Verwesung schaͤndet sein Gesichte, „Und predigt schrecklich die Geschichte „Der Luͤste, die den Leib verheert!“ Jch habe recht schoͤne und gute Juͤnglinge gesehen, die sich in wenig Jahren durch Geilheit und Unmaͤßigkeit sehr verhaͤßlicht haben; man nannte sie uͤberhaupt noch immer schoͤn; sie waren's auch; aber guter Gott! wie tief unter der vormahligen Schoͤnheit! K 2 So IX. Fragment. Von der Harmonie So kann auf der andern Seite ein Mensch mit besonderer Disposition zu unedlen Lei- denschaften, denen eine verderbte Erziehung noch auf den Thron geholfen hat — und die also Jahre lang uͤber ihn geherrscht haben, der also auch ziemlich haͤßlich drein sieht — von einer ge- wissen Zeit an sich seine Vervollkommnung aͤußerst angelegen seyn lassen — gegen seine niedri- gen Leidenschaften zu Felde ziehen, auch bisweilen nicht geringe Siege uͤber sie erhalten: Er kann wenigstens viele grobe Ausbruͤche derselben vermeiden, und aus den edelsten Absichten sie schwaͤchen. Dieß heißt also in einem sehr richtigen Sinne ein eigentlich tugendhafter Mensch; — und es giebt einen moralischen Richter, dessen Urtheil uns uͤber alles gilt, der in ihm wirklich groͤßere Tugend sieht, als in keinem natuͤrlich guten Geschoͤpfe; und den wird man also als ein Beyspiel anfuͤhren wollen, von einem haͤßlichen Tugendhaften? Freylich! Seine Haͤßlich- keiten aber sind jedennoch ein treuer Ausdruck von allem dem moralischen Unflath, der doch in ihm lag und lange wirkte, und dessen schwere Menge das Verdienst seiner Tugend, ja eben um so mehr erhoͤhet. Und abermal, ehe diese Bestrebungen der Tugend anfiengen, wie viel haͤßlicher war die Haͤßlichkeit des Gesichtes! und seither, man beobachte! wie hat es sich verschoͤnert! Sokrates von allen Physiognomisten und Antiphysiognomisten tausendmal angefuͤhrtes Bey- spiel gehoͤrt ganz hieher. Ein sehr gescheuter, aber dabey, ich sag' es ungern, sehr unbilliger Sehr gelinde heiß' ich es Unbilligkeit, wenn ein Recensent von 3 oder 4 Gruͤnden, die ein Schrift- steller fuͤr seine Meynung oder zur Rechtfertigung der Herausgabe seiner Schrift anfuͤhrt, 2 oder 3 unter- druͤckt, den schwaͤchsten heraushebt, noch falsch aus- schreibt, und sich druͤber mit dem Publikum uͤber den Verfasser lustig macht. Wie wuͤrde man in Rechts- sachen, einen solchen falschen Richter ansehn? Welche Namen ihm geben? Recensent mei- nes ersten unreifen physiognomischen Versuchs, den ich nennen koͤnnte, aber nicht nennen mag, hat mit der Miene des triumphirenden Spottes gefragt: „ob Constantinus nach seiner Be- „kehrung andere Gesichtszuͤge gehabt haben werde, als vor derselben?“ — Jch wuͤrde glauben, einen Menschen auf keine Weise tiefer erniedrigen und beschaͤmen zu koͤnnen, als wenn ich ihm alles sagen wollte, was sich auf diese Frage antworten ließe, und gewiß wuͤrde seine Physiognomie nach diesen Beantwortungen eine ganz andere seyn, als vor denselben! — Doch von der Verschoͤnerung und Verschlimmerung der Physiognomie ein eigenes Fragment. Man der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Man erwege ferner: Es giebt eine unzaͤhlbare Menge mannichfaltiger, kleiner, niedriger, unangenehmer Denkarten, Manieren, Grobheiten, Launen, Unmaͤßigkeiten, Haͤnge, kleinlicher Begierden, Unflaͤtereyen, Narrheiten, Schiefen, Kruͤmmen des Herzens, die man einzeln, und auch hau- fenweise beysammen, doch noch lange nicht Laster heißt; — deren viele zusammen aber einen Menschen haͤßlich erniedrigen, verderben, verekeln koͤnnen. Behaͤlt er seine Treue im Handel und Wandel, hat keine Hauptlaster und noch oben drein ein wenig von einer gewissen buͤrger- lichen Froͤmmigkeit — so nennt man ihn einen braven, einen recht braven Menschen, wider den man nichts haben kann. Freylich so giebt's eine Menge braver und doch haͤßlicher Leute. — Jch hoffe, mich hieruͤber bestimmt genug erklaͤrt zu haben. 4. Und viertens muͤssen wir den Standpunkt, aus dem wir die Harmonie der morali- schen und koͤrperlichen Schoͤnheit betrachten, nur etwas entfernter nehmen, so werden einerseits noch viele Einwendungen wegfallen, und anderseits wird nur die Sache um so viel wichtiger werden. Wir betrachten naͤmlich nicht nur die unmittelbarsten Wirkungen der Moralitaͤt und Jmmoralitaͤt auf die Schoͤnheit des menschlichen Angesichts; sondern auch mittelbare Fol- gen derselben zur koͤrperlichen Verschoͤnerung oder Verunzierung des menschlichen Geschlechtes. Jch geh' unter eine Menge Volks — ich sehe den Poͤbel — ich wandle durch Doͤrfer — klei- ne Staͤdte, große Staͤdte — sehe die Schlechtesten jedes Orts — vornehmen und gemeinen Poͤbel! und eine traurige Verwuͤstung, eine traurige Menge haͤßlicher, verzogener Gesichter — Carikaturen aller Arten treff ich an. — Die Bemerkung entgeht mir nie, daß der Poͤbel zu- sammengenommen ordentlich die groͤbste Carikatur des National-Stadt-Dorfcharacters ist. — Aber so entsetzlich viel Haͤßlichkeit, daß meine Seele tief bedruͤckt und verwundet umherwan- delt, und meine Augen sich wenden, wenn mich das Bild eines mittelmaͤßig schoͤnen Men- schen — das auch gewiß nicht uͤberspannte Jdeal einer Menschenfigur, verfolgt. Es ist wohl eine Verfolgung, das spaͤte Vorschweben des Gluͤckbildes, was man besitzen koͤnnte, und von dem man ach so entfernt ist! K 3 Einen IX. Fragment. Von der Harmonie Einen Augenblick vergeß ich besonders in meinem Leben nicht; denn er hat zu tief ein- geschnitten in mein Herz. Jn einem Garten war's im schoͤnsten Monate, als ich vor einem Beete, voll der herrlichsten Blumen, wonnevoll stand. Mit lusttrunkenem Blicke hieng ich eine Weile auf diesen schoͤnen Kindern Gottes, und in diesem suͤßen Gefuͤhl stieg ich in meinen Gedanken zu lebendigern Thierschoͤnheiten, und so fort zum Menschen empor, zu dem hoͤchsten, das ich durch meine Sinnen erkennen kann! zu ihm, der so viel perfektibler ist, als alle Blu- men! stand, und ein herrlich Menschenbild war vor meiner Stirn — das mein Herz mit ho- her Wonne umfieng; — ein Geraͤusch Vorbeygehender unterbrach mich. Jch blickte auf — Gott! mit welchem Wehmuthsschrecken mich das Bild traf — Jch sahe drey, gerade die aller- versunkensten, haͤßlichsten, ekelhaftesten Kerls, drey Jdeale von Landstreichern! — Auch seitdem denk' ich oft nach, warum doch das, in seinen Anlagen so herrliche, das schoͤnste Geschlecht von Erdegeschoͤpfen, am tiefsten in so mannichfaltige Gestalten der Haͤßlich- keit und Ekelhaftigkeit, und des Abscheues versunken sey. — Und je mehr ich nachdenke, desto mehr find' ich, daß doch immer der Mensch — das Geschlecht selbst, und hiemit jedes Jndividuum an seinem Orte hieran Schuld ist; desto mehr find' ich, daß auch dieß in dem Kreise der menschlichen Perfektibilitaͤt liegt: — desto mehr werd' ich uͤberzeugt, daß dieß gerade nur wieder Tugend und Laster in allen Nuͤancen, und in ihren und entferntern Folgen ist: Naͤmlich auf folgende doppelte Weise: Einmal: moralische Erschlaffung zieht in tausend kleinern und groͤßern Dingen Ver- fall, Verunedlung, Vergroͤberung — Verderbniß nach sich; und moralische Kraft, Ener- gie, Thaͤtigkeit, Leidensstaͤrke, zieht von diesem allen zuruͤck, — und bildet allerley Anlagen zu Schoͤnem und Gutem, mithin auch den Ausdruck desselben, Schoͤnheit aller Art, aus. Jn kleinen Schritten geht immer eine Verschlimmerung vor sich, die sich bis in tau- sendfaͤltige Carikaturen nach den mannichfaltigsten determinirenden Gruͤnden hinaus modificirt — wenn kein recht warmer Trieb zur Vervollkommnung dagegen wirkt. Und hingegen wo z. B. und vornehmlich der Trieb der Menschenliebe — der Guͤte im Menschenherzen herrscht, auch ohne Ruͤcksicht auf den unmittelbaren liebenswuͤrdigsten Aus- druck derselben; — welche feine, welche feste Bildung giebt sie nicht! welch' angenehme Ver- schoͤne- der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. schoͤnerungen! — Wen sie belebet, der ist hurtig, hoͤflich, sanft, nicht ungeberdig, nicht schlaͤferig, nicht plump, nicht zur Erde gebuͤckt, nicht launisch, nicht — und so hat er noch hundert negative und positive Eigenschaften, die des Menschen Angesicht verschoͤnern, je fruͤher diese Haupttu- gend aller Tugenden, diese Seele aller, — in dem Menschen geweckt, genaͤhrt, geschonet, ge- staͤrkt wird — wenn auch nur ein wenig gearbeitet und Bahn gemacht wird — zu den man- nichfaltigen schoͤnen Wirkungen, die sie haben kann. b ) Und dennoch — was in unserer Materie am allermeisten Aufschluß giebt, und die mehresten Einwendungen weglenkt: — Tugend und Laster, Moralitaͤt und Jmmoralitaͤt, im weitesten Sinne, haben viel mittelbare Folgen auf die schoͤne oder haͤßliche Bildung der Kinder! Wie richtig beantworten sich da so viele Faͤlle, wo man etwa fragen kann; „War- „um dieses von der ersten Jugend an mit so viel Fleiß erzogene, wirklich auch so lenksame, so „tugendhaft gewordne Kind — dieses so viel bessere Kind als etwa sein fruͤh gestorbener Va- „ter — dennoch so viel Widriges, so viel Haͤßliches in seiner Gesichtsbildung habe?“ — be- „halten habe“ muß man sagen. Und „ geerbt, oder aus Mutterleib empfangen ha- „be “ setz ich hinzu. Jch kenne wenig groͤbere handgreiflichere Jrrthuͤmer, die doch von so großen Koͤpfen, noch bis jetzt gehegt und unterstuͤtzt werden, als den: „Es komme alles bey dem Menschen „von der Erziehung, Bildung, Beyspielen her — nichts von der Organisation und der ur- „spruͤnglichen Bildung des Menschen, diese sey bey allen gleich.“ Helvetius hat bekanntermaßen in seinem liebenswuͤrdigen Enthusiasmus fuͤr die Ver- besserung des Menschengeschlechts, mithin der Erziehung ꝛc. die Sache gegen alle handgreifliche Erfahrung so weit getrieben, daß ich im Lesen meinen Augen kaum mehr getraut habe. Es wird noch hin und wieder in diesen Fragmenten Gelegenheit zu mehrerer Ausfuͤh- rung des einen und andern dahin gehoͤrenden Satzes geben. Jtzt nur so viel fuͤr unsern Zweck: So wenig ein erwachsener Mensch einem andern voͤllig gleich sieht — so wenig ist ein Kind zu finden, das in der allerersten Stunde seines Lebens irgend einem andern neugebohr- nen Kinde ganz gleich saͤhe. Man IX. Fragment. Von der Harmonie Man nehme einer nicht unempfindsamen Mutter ihr Kind weg, wenn sie es nach der Geburt nur zwo Minuten mit einiger Aufmerksamkeit angesehen hat, und leg es un- ter hundert neugebohrne Kinder derselben Stadt oder Gegend (wo hiemit die Menschen ein- ander noch aͤhnlicher sind, als sonst nirgends in der Welt) sie wird es gewiß bald aus allen hunderten hervorfinden. Nun ist's ferner weltkundige Erfahrung, daß neugebohrne Kinder sowohl, als aͤltere Kinder, ihrem Vater oder ihrer Mutter, bisweilen beyden, so wohl in Ansehung der Bil- dung, als einzelner Zuͤge auffallend aͤhnlich sind. Wie sich Physiognomien durch viele Geschlechter herunter erhalten, und so kenntlich immer wieder hervorkommen, daß du aus einer Menge solcher Familienportraite, die unter einer Menge anderer gemischt wuͤrden, gar viele zur Familie gehoͤrige wieder zusammenfinden koͤnntest, verdiente wohl in einem eigenen Fragmente von Familienphysiognomien beleuchtet zu werden. Es ist ferner die ausgemachteste Erfahrungssache, daß man in der Gemuͤthsart beson- ders der juͤngsten Kinder frappante Aehnlichkeiten mit der Gemuͤthsart ihres Vaters, ihrer Mutter, oder beyder zugleich wahrnimmt. Jn wie manchem Sohne haben wir den leibhaften Character des Vaters, des Vaters Temperament und seine meisten moralischen Eigenschaften! Jn wie mancher Tochter den Chara- cter der Mutter vollkommen wieder, oder auch den Character der Mutter im Sohne, den des Vaters in der Tochter. Und zum Beweise, daß dieß nicht von Erziehung und Umstaͤnden herruͤhre, dient ge- rade das, daß Geschwister von gleichen Umstaͤnden und gleicher Erziehung ganz verschiedenen Characters sind. Und der groͤßte Erziehungskuͤnstler, der den urspruͤnglichen Anlagen und Be- schaffenheiten des Kindes am allerwenigsten zuschreibt, giebt ja gerade durch seine Erziehungs- regeln, durch seine Kunstgriffe, dieser und jener sich fruͤh aͤußernden Gemuͤthsart so und so zu begegnen, den fehlerhaften die beste Wendung zu geben, und gute wohl zu gebrauchen und anzubauen; gerade dadurch giebt er ja zu: „die moralischen Anlagen seyn ganz verschieden, ja „bey jedem Kinde verschieden.“ Und der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Und wie sehr auch immer eine solche urspruͤngliche Beschaffenheit des Gebluͤtes und des Temperamentes, solche moralische Dispositionen Man erlaube mir, bis ich Gelegenheit finde, mich naͤher zu erklaͤren, diesen nicht ganz richtigen, wenigstens dem Mißverstand ausgesetzten Ausdruck, und andere von dieser Art, mehr fortzugebrauchen. So viel aber sey nur vorausgesetzt, daß eigentlich der Mensch weder moralisch gut noch boͤse auf die Welt kommt, ungeachtet keiner ist, der nicht gut werden kann, und keiner, der nicht boͤse wird. durch Erziehung zu leiten sind, und obgleich von dem schlimmsten auch noch einiger guter Gebrauch gemacht werden kann; so ist doch offenbar die eine urspruͤngliche Anlage besser, die andere schlechter, die eine unter eben denselben vorhandenen Umstaͤnden verbesserlicher und lenksamer, die andere haͤrter, unbiegsamer, unverbesserlicher. Von Schuld oder Unschuld des Kinds hiebey ist ja gar nicht einmal die Frage; — Es behauptet ja kein vernuͤnftiger Mensch, daß ein Kind bey der schlimmsten Disposition die mindeste moralische Schuld deshalben auf sich habe. ꝛc. ꝛc. Nun sind wir ja da, wohin wir sollten. Es werden Zuͤge und Bildungen geerbt. Es werden moralische Dispositionen geerbt. Wer wird nun nach den bisher ausgemachten Saͤtzen daran zweifeln koͤnnen, daß Harmonie zwischen den geerbten Zuͤgen und Bildungen — und den geerbten moralischen Dispositionen sey? — Jch kenne (und wie viele Menschen von dieser Art sind zu kennen! —) ein Ehepaar; der Mann ist furchtbar hitzig, zur Entruͤstung geneigt, tief in der groͤbsten Wollust versunken; und in seiner Gesichtsfarbe ist auch wirklich diese Mischung von Heftigkeit und Wollust sichtbar; seine Gesichtszuͤge sind aufgeschwollen, vergroͤbert, in bestaͤndigem Zittern, unruhigem Hin- und Herstre- ben — Es zappelt alles an ihm nach etwas außer ihm. Sein Weib hingegen, eine feine, etwas sanguinisch-melancholische Person — edlen Herzens, mit mancherley feinen weiblichen Tugenden geziert, und ihre Bildung wirklich fein weiß, ihre Zuͤge edel und angenehm; ihre Miene hei- ter, gefaͤllig, ruhig, voll bescheidenen Gefuͤhles ihrer innern Seelenruhe — Diese Aeltern ha- ben zween minderjaͤhrige Soͤhne, einen, der beynahe ganz des Vaters, einen andern, der bey- nahe seiner Mutter Art an sich hat. Man hat hievon schon die haͤufigsten Proben. Das sagt Phys. Fragm. I. Versuch. L man IX. Fragment. Von der Harmonie man dir voraus; und du bekommst diese zween Knaben zu Gesichte — siehst an dem einen wil- den Blick, groͤbere Gesichtszuͤge, staͤrkere Augenbraunen, trotzigen Mund, braunroͤthere Ge- sichtsfarbe; — der andere hat sanften Blick, weißre Farbe, kurz dieser sieht seiner Mutter aͤhnlich, wie jener dem Vater, und nun! was raͤthst du? „Der dem Vater so aͤhnlich sieht, „der hat den Character der Mutter? der der Mutter so aͤhnlich sieht, des Vaters Character?“ Oder wirst du sagen: „Jch weiß es nicht zu errathen; doch kann der dem Vater aͤhnliche Kna- „be, so gut der Mutter Character haben, als jener ꝛc. ꝛc.“ Wer wuͤrde hier nicht Ungereimt- heit fuͤhlen? Wer nicht die Wahrheit des Gegentheils? Wenn das nun richtig ist; wenn sich Haͤßlichkeiten der Seele und hiemit auch des Lei- bes — des Leibes und hiemit auch der Seele, forterben koͤnnen; so haben wir da den besten Aufschluß, warum so viele schoͤne, schoͤngebohrne Menschen sind, die sich verschlimmern, und doch bey weitem nicht so auffallend haͤßlich, als manche andere aussehen? warum so viele haͤß- lich gebohrne Menschen sind, die sich sehr bessern und tugendhaft werden, und bey weitem nicht so auffallend schoͤn und einnehmend sind, als manche andere, die um ein namhaftes we- niger gut sind? Aber sehet, wie ewig fest die Harmonie zwischen moralischer und koͤrperlicher Schoͤnheit da steht! wie sie sich durch dieß alles bestaͤtigt! Nehmet die schoͤnsten herrlichsten Menschen; setzet, daß sie und ihre Kinder sich mora- lisch verschlimmern, unbaͤndigen Leidenschaften sich uͤberlassen, und folglich auch in mancherley Suͤmpfe und Pfuͤtzen von Jmmoralitaͤt und Niedrigkeit nach und nach immer tiefer versinken: o wie sich diese Menschen, wenigstens ihre Physiognomien, von Geschlecht zu Geschlecht ver- unstalten werden! welche aufgeschwollene, tiefgedruͤckte, verfleischichte, verplumpte, verzogene, neidhagere, rohe Gesichter! welche tausendfaͤltige groͤbere, und weniger grobe, poͤbelhafte Car- rikaturen nach und nach entstehen! von Geschlecht zu Geschlecht immer haͤßlichere Figuren! wie viel tausend Kinder, voͤllige Ebenbilder schon ganz schlimmer Aeltern, und durch Erzie- hung noch schlimmer als ihre Aeltern! noch weniger Gutes in ihnen entwickelt, noch mehr Schlimmes hervorgelockt, noch fruͤher genaͤhrt! — Gott! wie tief sinkt der Mensch von der Schoͤnheit, die deine vaͤterliche Milde ihm so reichlich anschuf; dein Ebenbild! wie tief sinkt es der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. es in Sumpf der Haͤßlichkeit, verwandelt sich gar bisweilen in Teufelsgestalten — daß der Menschenfreund nicht aufsehen darf vor Wehmuth! — Laster, Leidenschaft, Unbaͤndigkeit, Sinnlichkeit, Unmaͤßigkeit, Habsucht, Faulheit, Schalkheit, Laster, Leidenschaft! welche Graͤßlichkeiten bringst du vor mein Gesicht! wie verunstaltest du meine Bruͤder! — — Nehmen wir noch dazu, was damit wesentlich verbunden ist, was aber, wenn's moͤg- lich ist, an besondern Orten weitlaͤufiger wird erwiesen werden; daß nicht nur das Angesicht, nicht nur die weichen Theile desselben, nicht nur die festern, sondern daß das ganze Knochen- system sammt seiner Befleischung — daß alles, alles — Figur und Gesichtsfarbe, und Stim- me, und Gang, und Geruch — alles am Menschen, im Verhaͤltniß mit dem Angesichte — verekelt, verschlimmert, oder verschoͤnert werden kann; nehmen wir dieß dazu, machen wir un- serer Einbildung hievon Gemaͤlde; — oder leider! gehen wir hin, Wirklichkeit zu schauen — gehen hin, vergleichen ein Armenhaus, ein Zuchthaus, das eine Versammlung liederlicher, vertrunkener, verlumpter Muͤßiggaͤnger ist — mit irgend einer besserdenkenden Bruͤderschaft — so unvollkommen sie sey, so viel Menschliches auch noch an ihr sichtbar seyn mag — mit einer Versammlung von maͤhrischen Bruͤdern, oder Mennoniten, oder — nur mit einer Zunft arbeitsamer Handwerksleute, welche lebendige Ueberzeugung wird uns das von unserer Behauptung geben! Und dann mehr noch als nur hievon lebendige Ueberzeugung — Es wird Gefuͤhle fuͤr uns und andere in uns erwecken, die, so traurig sie seyn moͤgen, so heilsam doch sind; — und diese sind mein Zweck. Allein der Mensch ist nicht nur gemacht, daß er fallen kann; — er kann auch wieder zuruͤcksteigen; er kann auch wohl hoͤher steigen, als wovon er gefallen ist. Nehmt den haͤßlich- sten Menschen diejenigen Kinder, die auch wirklich schon ausgedruͤcktes Ebenbild ihrer Aeltern sind — entreißt sie ihnen, und erzieht sie in einer oͤffentlichen wohleingerichteten und gut exequirten Anstalt. Der Schritt, den auch die Schlimmsten zu ihrer Verschoͤnerung gethan ha- ben, wird in die Augen fallen. Setzet diese, wenn sie erwachsen sind, in Umstaͤnde, die ihnen die Tugend wenigstens nicht zu schwer machen, wo sie keine außerordentliche Reizungen zum Laster haben; und laßt sie sich unter einander heurathen; setzet den Fall, daß in allen wenig- stens einiger Trieb nach Verbesserung fortwirke; daß nur einige Sorgfalt und Fleiß, eben nicht L 2 der IX. Fragment. Von der Harmonie kunstmaͤßigste, auf die Erziehung gewandt werde; daß die Kinder von diesen sich auch nur wie- der unter sich verheurathen, u. s. w. Jn der fuͤnften, sechsten Generation, welche immer schoͤne- re Menschen werdet ihr haben, (wofern sich nicht ganz sonderbare Vorfaͤlle dazwischen gedraͤngt) nicht nur in ihren Angesichtszuͤgen, in der festen Knochenbildung des Haupts, in der ganzen Figur; in allem! Denn wahrlich in Gesellschaft der andern Tugenden und der Gemuͤthsruhe, erzeugt ordentliche Arbeitsamkeit, Maͤßigkeit, Reinlichkeit; — und einige Sorgfalt fuͤr diese Dinge bey der Erziehung, wirklich Schoͤnheit des Fleisches, der Farbe; Wohlgestalt, Frey- heit, Heiterkeit — und diejenigen Haͤßlichkeiten, die von Krankheiten, Kraͤnklichkeit u. s. f. her- kommen, muͤssen ja auch abnehmen, weil alle diese Tugenden Gesundheit und freyen Glieder- wuchs mit sich bringen und befoͤrdern. Kurz; „Es ist keine Art koͤrperlicher Schoͤnheit — „an keinem Theile des Menschen, wohin guter oder schlimmer Eindruck der Tugend und des „Lasters im weitesten Sinne, — nicht hinreiche.“ Welchem Menschenfreunde wallet bey diesen Aussichten das Herz nicht! Hat doch Gott der Schoͤnheit des menschlichen Angesichts und der menschlichen Gestalt eine so hohe Kraft auf das menschliche Herz gegeben! — Was fuͤhlest du empfindsamer Menschenfreund? wenn du vor des Alterthums herrlichen Jdealen — wenn du vor Raphaels, Guidos, Wests, Mengs, Fuͤeßlins — herrlichen Menschen- und Engelsgeschoͤpfen — stehst! Sprich, o welche Triebe, wel- che Reize — welche Sehnsucht nach der Veredlung und Verschoͤnerung unserer gesunkenen Na- tur wandeln dich an, und bringen deine Seele in Bewegung? O ihr Erfinder, Befoͤrderer und Liebhaber der schoͤnen Wissenschaften, der edelsten Kuͤnste, vom schoͤpfrischen Genie, bis zu dem Reichen, der sich mit dem Ankauf eurer Werke verdient macht — hoͤret die wichtige Lehre: — Jhr wollet alles verschoͤnern? Gut, dieß danken wir euch! und das Schoͤnste unter allen, den Menschen wollet ihr haͤßlich machen? — das wollet ihr doch nicht? — so hindert es nicht, daß er gut werde; so seyd nicht gleichguͤltig, ob ers sey oder werde! so braucht die goͤttlichen Kraͤfte, die in euren Kuͤnsten liegen, den Menschen gut zu machen, und er wird auch schoͤn werden! Die Harmonie des Guten und Schoͤnen, des Boͤsen und Haͤßlichen, ist ein großes allweites, herrliches Feld fuͤr eure Kuͤnste! Denket nicht den Menschen zu verschoͤnern, ohne ihn der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. ihn zu verbessern. So bald ihr ihn verschoͤnern wollt, ohne auf seine moralische Guͤte Ruͤck- sicht zu nehmen: so bald ihr den Geschmack bilden wollt auf Unkosten des Herzens: — so wird er verschlimmert; und dann macht, was ihr wollt, er wird gewiß auch verhaͤßlichet, und der Sohn und der Enkel, wenn's so fortgeht, wird's noch mehr; und wie sehr habt ihr denn gegen euren Zweck gearbeitet! Taͤndelt ihr ewig mit den Menschen ihr schoͤnen Kuͤnstler? Was heißt das? Es heißt: Jhr wollt ein praͤchtiges Haus bauen, und wollt den Bau durch den Rahmenschnitzler und Vergolder ausfuͤhren! Jhr hofft, mit Wollust reizenden Stuͤcken seinen Geschmack zu bilden? Was heißt dieß? Es heißt: Jhr wollt einem Sohne die Weisheit Gottes in der Einrichtung des menschlichen Koͤrpers lehren, und geht hin, ihm die verborgenen Theile eines Cadavers zu anatomiren. Doch hievon noch manches. — Jch ende mit einem hohen Trostworte fuͤr mich und alle, die wir noch Ursache genug haben, uͤber manches Stuͤck unserer Physiognomie und Bildung, die vielleicht hienieden nicht mehr zu tilgen sind, unzufrieden zu seyn, — und die dennoch emporstreben nach Vervollkomm- nung des innern Menschen: Es wird in Unehre gesaͤet und herrlich auferweckt. am 2ten Jenner 1775. L 3 Erste IX. Fragment. 1. Zugabe. Von der Harmonie Erste Zugabe. M an verweile einige Augenblicke bey der Vignette, die dieser Zugabe vorgesetzt ist, sie wird Mitzeugniß der Wahrheit der Physiognomie und zugleich Bestaͤtigung der bisher behaupteten Harmonie seyn. Fuͤrs erste: Wer siehet nicht, wer kennt nicht die Verschiedenheit dieser fuͤnf Gesich- ter? Welches Kind wird nicht wenigstens alsdenn die Wahrheit der Physiognomie empfinden, wenn man ihm den Character derselben nennt? Man mache den Versuch mit einem Kinde, das nur faͤhig ist, die Bedeutung der Worte zu fassen; man geb ihm folgende fuͤnf Namen in die Hand, und heiß es zu jedem Gesichte denjenigen legen, der ihm zukommt. — Man sage ihm; „Unter diesen fuͤnfen ist ein leichtsinniger suͤßer Geck! Ein stolzer Windbeutel! Ein Trunkener! Ein Geizhals! Ein geiler Bock! — Es wird schwerlich irren, und diese Namen unrecht vertheilen. — Aber zweytens: — Macht nicht gerade das Unehrwuͤrdige, Haͤßliche dieser Character — diese Gesichter haͤßlich? Jst es nicht jedes in dem Grade, in welchem seine Lasterhaftigkeit vor- ausgesetzt wird? — Wie viel angenehmer wuͤrde jedes dieser Gesichter aussehen, wenn die Seele frey von Leidenschaft waͤre! — Wenn der erste seinen Mund schloͤsse, und seinem Blicke mehr Aufmerksamkeit gaͤbe? Der zweyte den Kopf nicht so hoch truͤge, und der Un- tertheil der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. tertheil seines Gesichts nicht so aufgeblasen waͤre? Wenn der dritte nuͤchtern waͤre? der vierte ein frohes, offenes, wohlthaͤtiges Herz haͤtte? der fuͤnfte nicht seine ganze Bocksseele ins Gesicht jagte — u. s. f. Man vergleiche diese Gesichter mit unzaͤhligen aus den Gemaͤlden und Ku- pferstichen eines Lairesse, Le Bruͤns — u. s. f. Man vergleiche Rembrands, Duͤrers, Golzius, Holbeins, Hohepriester und Pharisaͤer in der Leidensgeschichte — mit den aposto- lischen Gesichtern eines Titians, eines Vandyks, mit Westens Pylades und Orest — Wie bald waͤr ein Band voll der frappantesten Vergleichungen dieser Art zusammengeschrieben? — — Doch, was muß ich Dinge sagen, die Millionen Menschen taͤglich eingestehen — und wovon die ganze Welt uͤberall voller Beyspiele ist. — Aber nun noch eins, lieber Leser! deute nicht auf Veranlassung der oben stehenden Gesichter — auf diesen oder jenen wirklichen Menschen. Es sind keine Portraite: — — lauter Jdeale, — die hingesetzt sind — dich durch den Anblick der Verunstaltung, welche Leichtsum und Laster wirken, von Leichtsinn und Laster abzuschrecken. — Zweyte Zugabe. Judas nach Holbein. D er naͤchste Kopf ist ein genau durchgezeichneter Umriß von Judas aus einem Nachtmal- stuͤck von Holbein, das sich auf der Bibliothek zu Basel befindet, die durch einige unschaͤtz- bare Meisterstuͤcke dieses großen Mannes, und durch unzaͤhlige Handrisse der beruͤhmtesten Kuͤnstler sich zu einer betraͤchtlichen Gallerie erhebt. Als großen Mahler und trefflichen Zeichner, wer kennt Holbeinen nicht? Aber diese Wahrheit des Ausdrucks in erdichteten Personen hab' ich ihm nie zugetraut. Jch will ihn Raphaeln nicht vergleichen — noch weniger an die Seite setzen, so nah' er ihm auch bis- weilen in der Zeichnung und im Colorite gekommen seyn mag. Seine Christuskoͤpfe sind mehr wahre Natur, in Absicht auf Zeichnung und Faͤrbung, und — auf den Ausdruck — gewis- sermaßen Modekoͤpfe — und nichts weniger als hohe Jdeale. Wiewohl mir auch noch keiner von Raphael zu Gesichte gekommen, an dem nicht verschiedenes auszusetzen waͤre. Von Holbeinen habe indeß nichts gesehen, das den reichhaltigen, den unerschoͤpflichen Ausdruck des Jtalie- IX. Fragment. 2. Zugabe. Von der Harmonie Jtalieners haͤtte. Sein todter Christus, dieß Meisterstuͤck von Zeichnung und Natur, hat kei- nen Zug von Raphaels hohem Sinne. Auch der Christus in demselben Nachtmalstuͤcke, den ich auch beyfuͤge, um die Wahrheit meiner Behauptungen sichtbarer zu machen, ist, bey aller Simplicitaͤt und Wuͤrde, dennoch unter allen Jdealen des unvergleichbaren Genies. Aber den- noch zum Erstaunen weit, unbegreiflich weit, bracht's das sich selbst uͤberlassene Genie des Schweizers, das vielleicht Grundkraft genug gehabt haͤtte, jenem nachzufliegen, wenn's ihm vergoͤnnt worden waͤre, durch's Anschaun erhabener Werke, sich Nahrung und Freyheit genug zu verschaffen. Viele physiognomische Einsicht leuchtet gewiß aus allen seinen Werken heraus. Es ist nicht nur Physiognomie in seinen Gesichtern, sondern Geist der Physiognomie. Nicht nur einzele Zuͤge sind weislich bestimmt und gluͤcklich zusammengesetzt: Es ist im Ganzen seiner Gesichter ein sanfter, lebendiger, uns entgegenkommender Geist, der tiefes inneres Gefuͤhl ver- raͤth. Seine Erasmus alle, die er auf mancherley Weise mahlte, seine Pelikans, Ho- wards, Morus u. s. f. haben durchaus dieß unerreichbare, unbeschreiblich geistige, was so vielen tausend glaͤnzenden Portraiten der beruͤhmtesten Mahler fehlt. — Jch glaube nicht, we- nigstens laͤßt mich's seine, in allen seinen Bildnissen, mehr kraftvolle und gewaltsame, als er- habene Physiognomie — nicht glauben, daß er jemals, selbst, wenn er Raphaels Schuͤler ge- wesen waͤre, seinen hohen Ausdruck erreicht haben wuͤrde; aber Wahrheit ergriff er mit gewal- tiger Hand, und wirkte sie reichlich in seine Gesichter, und seine Stellungen. Von beyden diesen Bemerkungen sey der nachstehende Judas ein Beyspiel. Es ist erstaunlich viel Wahr- heit darinn, aber keine Erhabenheit. Die wahre Physiognomie eines Geizigen; aber nicht ei- nes geizigen Apostels; eines Niedertraͤchtigen — aber nicht einer großen Seele, die von einer Leidenschaft maͤchtig ergriffen — zwar ein Satan wird, aber immer noch große Seele bleibt. Man lache nicht zu fruͤh uͤber diese seltsamen Zusammensetzungen. Sie sind nicht aus der Luft herabgegriffen. Judas ist der niedertraͤchtigste und dennoch ein großer Mann, auch in seinen Unthaten scheint noch der Apostel durch. Wenn Judas so ausgesehen haͤtte, wie Holbein ihn zeichnet, so haͤtte Christus ihn gewiß nicht zum Apostel gewaͤhlt. — So ein Gesicht kann's keine Woche in Christus Gesell- schaft aushalten. Jsts gleich das niedertraͤchtigste, das sich gedenken laͤßt; fehlt gleich noch sehr vieles der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. vieles zum vollen Ausdruck der Falschheit, und schmeichelnden Schlauigkeit, so ists doch fuͤr die gute Seite und die großen Anlagen dieses apostolischen Mannes lange nicht gut genug. Holbeins Judas ist ein Dieb, der tief in der Seele daruͤber zuͤrnet, daß von den hundert Pfennigen ihm nichts wird, die die Salbe, am Herrn verschwendet, werth seyn mag. Er ist faͤhig, den besten Menschen, seinen ergrimmtesten Feinden, um einen geringen Preis feil zu bieten. Er lauert anf die Tritte der wohlthaͤtigen Unschuld; er forscht mit schlauer Un- ruhe das Vorhaben seines Meisters aus. Er fraͤgt mit einer unbeschreiblichen Kaͤlte: Bin ichs? Er bleibt ungeruͤhrt, scheint's wenigstens bey der treffendsten Warnung, die je in zehn oder zwoͤlf Worten gegeben worden. Er geht, vom Satan besessen, sich an die Spitze der Verfolger seines Herrn zu stellen — giebt den verfluchtesten Kuß — aller dieser Niedertraͤchtigkeiten ist der Mann faͤhig, der bey den letzten herzdurchdringendsten Reden des goͤttlichsten Menschen so gefuͤhl- los da liegt, und mit dieser Stirn, diesem Blicke, dieser Lippe dem Herrn ins Angesicht schaut; — aber dieser Stirn, der so manche Niedertraͤchtigkeit moͤglich ist — Es ist ihr nicht moͤglich, sich so schnell und so hoch wieder zu erheben, und dem tausendfachen Strome zermalmender Ge- danken mit dieser edlen Kraft entgegen zu arbeiten — Judas hat gehandelt wie ein Satan, aber wie ein Satan, der Anlage hatte, ein Apostel zu seyn. Jn dem Holbeinischen Gesichte sind wenig Spuren von der mir noch immer ehrwuͤrdigen Groͤße seiner Seele — Nichts von der furchtbaren Elasticitaͤt, die in dem einen Augenblicke an die Pforten der Hoͤlle, in dem andern uͤber die Wolken treibt. Eine abgehaͤrtete, verjaͤhrte Bosheit, die sich von Abgrund zu Abgrund fortgewaͤlzt hat: Ein Geiz, der jedes Menschen Em- pfindung gelassen Hohn spricht, das ists, was uns vornehmlich in diesem Gesicht aufstoͤßt: aber wenige Stunden nach der schrecklichsten That geht dieser Judas nicht hin die ernsthaftesten Ueber- legungen uͤber sein Herz und sein Betragen zu machen! dieser schaut nicht mit nagender Sorgsam- keit: „Wie gehts meinem Herrn! wie der Unschuld, die ich verrathen habe?“ umher! Er zittert nicht in allen Grundfesten seiner Natur bey dem Gedanken: „dießmal entgeht er seinen Feinden „nicht wie mehrmals! Es ist, ist's moͤglich, o weh mir! es ist um ihn geschehen!“ — Dieser eilt nicht hin, der noch lebenden Unschuld gegen die Stimmen vieler tausend, das entscheidendste Zeugniß zu geben! opfert nicht sein liebstes, vermuthlich die groͤßte Summe, die er in seinem Leben beysam- Phys. Fragm. I. Versuch. M men IX. Fragment. 2. Zugabe. Von der Harmonie men hatte — der Stimme seines Gewissens auf! bringt's nicht denen zuruͤck, die es nie wieder zuruͤckgefordert haͤtten, die in die groͤßte Verlegenheit kamen, daß er's ihnen zuruͤckbrachte — Nein! dieser wird sich aus Geiz, aber nicht deswegen erhaͤngen, weil er den Gedanken — sich so vergangen zu haben, nicht ertragen kann; Nicht, daß er nicht mehr Geld bekommen — Nein, daß er unschuldiges Blut verrathen hatte! daß er sahe, daß uͤber den gehofften Messias das Todesur- theil gefaͤllt war — — Wehe dem Herzen, das in Judas Betragen nicht die schrecklichste Nieder- traͤchtigkeit, aber weh' auch dem, das nicht noch apostolische Groͤße darinn fuͤhlt! Holbein zeigt uns nur den Verraͤther. Raphael wuͤrd' uns zugleich den Apostel gezeigt haben. Und nun noch ein paar Worte, lieber Leser, von dem allgemeinen Urtheil aller Menschen uͤber die Physiognomie, die wir vor uns haben! — und damit abermal ein Beweis, wie wahr die Physiognomie sey! abermal ein Beweis von der Harmonie moralischer und koͤrperlicher Schoͤnheit! Was wuͤrdest du sagen, wenn man unter dieß Bild, ich will nicht sagen, den Namen Christus, sondern — Petrus, Paulus, Johannes — schreiben wuͤrde? wie wuͤrde dir des Mahlers Seele vorkommen, dessen Apostelsideal so ein Gesicht waͤr'! Kaͤm's dir nicht laͤcherlich vor, wenn ich dies Gesicht also commentiren wollte: „Schau! welch ein offenes, edles, großmuͤ- „thiges Herz! Hat die Stirn nicht das entscheidende Gepraͤge von einer reinen sich mittheilenden „Seele, die ihr Gluͤck in dem Gluͤck anderer sucht! welch ein offenes, menschenfreundliches Aug'! „welch eine maͤnnliche hohe Augenbraune! Jst nicht diese Nase die Nase eines Erhabenen! wer er- „blickt nicht in der Mittellinie der Lefze, eine liebliche Guͤte, die nur bey unmittelbaren Schuͤlern „ Jesus zu suchen ist! Stellung, Bart, Haare, alles ist edel, gefaͤllig — alles spricht von „Groͤße und Wuͤrde des Characters.“ Was wuͤrdest du sagen, wenn ich nun so uͤber dieß Gesicht urtheilte? — Weiter will ich nun nichts sagen. Hast du Augen zu sehen, so wirst du sehen. Hast du keine, so kann dir mein Wink keine geben. Aber nun noch eine entsetzliche Frage: — „Wenn der Mensch mit dieser Stirn, dieser „Bildung geboren wird, so waͤre ihm ja besser, daß er nie geboren waͤre?“ — „und daß er so gebo- „ren wird, ist es seine Schuld?“ — Nein, mein Freund! Er ist nicht seine Schuld, wenn er so ge- boren wuͤrde; aber er wird nicht so geboren — Diese Falten der Stirn, dieser Blick des rechnenden Geizes der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Geizes ist nicht Natur, so wenig der Geiz eine natuͤrliche Anlage ist. Der Geiz und sein Ausdruck sind — Folgen der Angewoͤhnung. „Aber diese Stirn? dieser Umriß des Oberhauptes?“ — auch dieß kommt so nicht unmittelbar aus der Hand der Natur — und Stirnen, die zu dieser Form die Grundlage mit auf die Welt zu bringen scheinen, haben sich, durch das ganze Maaß aͤußerlicher Ein- druͤcke, zu den Edelsten, oder doch zu den Heldenhaftesten geformt. Doch — wenn's auch moͤglich waͤre, daß Judas so ausgesehen haͤtte, als Holbein ihn zeichnet; ja wenn's moͤglich waͤre, daß er schon bey seiner Geburt, den Hauptzuͤgen nach so ausgesehen haͤtte; — auch alsdann waͤr's dem, der die große Hoffnung giebt: Siehe ich mache alles neu; auch dann noch moͤglich, aus diesem Ge- faͤße seines Zorns ein Gefaͤß der Ehre zuzubereiten. Denn, o Tiefe des Reichthums der Weis- heit! wie unergruͤndlich sind seine Wege! wie unerforschlich seine Gerichte! — denn, — er hat alle unter den Ungehorsam beschlossen — daß er sich aller erbarmte. den 7. und 8. Febr. 1774. Dritte Zugabe. Christus nach Holbein. D en Christus-Jdealen will ich ein eigen Fragment wiedmen. Die Sache verdient in mehr als einer Absicht umstaͤndliche Beleuchtung. Jetzt nur ein Woͤrtchen uͤber diesen Holbeinischen Christus, das zu unserm Zweck dienen kann. Der Unterschied ist auffallend. Man frage wieder, wen man will, ohne daß man diesen beyden Koͤpfen Namen gebe: „Welcher ist schoͤn? welcher tugendhaft? welcher haͤßlich? welcher „lasterhaft? welcher gefaͤllt dir besser? mit welchem willst du lieber umgehen?“ Keine Frage in der Welt wird schneller beantwortet werden koͤnnen, wie diese. Vergleichet Stirn und Stirn, Mund und Mund, Gesicht und Gesicht — Wer wird anstehn? Nimmermehr wuͤrde diese Stirn so offen, so runzellos, so heiter und edel seyn, wenn die Unruhe des gierigen Geizes, sie oft in drohende, verdruͤßliche Falten gelegt haͤtte. Ein offenes, absichtloses, sich jedem Herzen gern mittheilendes Herz, das nicht leichtsinnig, sondern groß ist — (zwey Dinge, die so oft mit einander verwechselt werden) wird seinen Augen- braunen selten Wendungen geben, die — die Anlagen zu widrigen Runzeln der Stirne wuͤrden. M 2 Wenn IX. Fragment. 3. Zugabe. Von der Harmonie Wenn das Aug' dieses Kopfes offen waͤre (diese Art des Niedersehns ist fuͤr die Schoͤnheit die fatalste Lage) welch eine Guͤte und Redlichkeit wuͤrde dir entgegen leuchten! Der Mund ernst zwar und nachdenkend — und durch den zu harten und unbestimmten Umriß der Unterlippe etwas fade, und sonst in mancher Absicht mangelhaft — wie viel schoͤner dessen allen ungeachtet, als des Judas! und wie viel edlern Gemuͤths! wer kann's ausstehen, diesen von jenem gekuͤßt zu sehen? Jch wuͤrde den fuͤr den groͤßten Mahler halten, der den Kuß des Judas, die beyden Ge- sichter, in ihrem wahren Kontraste, ohne Uebertriebenheit und Affektation, aber doch jedes in sei- ner unvergleichbaren Jndividualitaͤt, zeichnen und mahlen koͤnnte. Die nachstehende Vignette — hat sehr wenig von dem, was ich fordern wuͤrde. Vierte der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Vierte Zugabe. Ueber ein Rembrandsches Ecce Homo. R embrand und Hogarth sind wohl unter die groͤßten Meister in Gesichtern von schlechten und zerruͤtteten Menschen zu rechnen! Schlechte verunstaltete Gesichter kann jeder auch der schlechteste Mahler leicht entwerfen; ja der schlechte Mahler kann keine andere, als schlechte Ge- sichter zeichnen! aber wenige wissen, ihren schlechten Gesichtern einen bestimmten Character zu ge- ben, wissen den Grad des moralischen Verfalls gehoͤrig auszudruͤcken; haben Gefuͤhl fuͤr die bestimmte Harmonie der moralischen und koͤrperlichen Schlechtigkeit — — Hogarth und Rem- brand scheinen diese Carrikaturen der Menschheit entweder tief studirt, oder tief gefuͤhlt zu haben. „Uebertrieben aber, immer uͤbertrieben?“ wird man sagen — Ja und Nein! — Hogarth offenbar mehr, als Rembrand; und doch moͤcht' ich fast behaupten, daß die Na- tur in allen Absichten hoͤher und tiefer ist, als die Kunst; daß die Kunst nie, oder sehr selten zu der hoͤchsten Hoͤhe der schoͤnen Natur emporfliegen, oder zur tiefsten Tiefe der gefallenen Natur herabsinken kann. Jch glaube kaum, daß ein Mahler den Menschen je so schoͤn oder so schlecht gemacht, oder ein Dichter ihn so gut oder so schlecht gedichtet habe, als er ist. Der Mensch ist, meines Ermessens, unendlich besser, als eine gewisse theologische Bescheidenheit, und unendlich schlimmer, als eine gewisse philosophische Unbescheidenheit ihn haben will. Man hat noch nie von dem Menschen so viel Gutes durch Gebote und Vorschriften fordern duͤrfen, als ein guter Mensch zu leisten im Stande und Willens ist; noch nie alle das Boͤse ausdruͤck- lich nennen und verbieten duͤrfen, das ein boͤser Mensch zu thun und zu wollen im Stande ist. Jch moͤchte noch mehr behaupten: Jch glaube, der beste Mensch hat, wenigstens verschlossen in der Tiefe seines Herzens, mehr Boͤses in sich, als man nie von dem Schlimmsten, und der Schlimmste mehr Gutes, als man nie von dem Besten gesagt hat. Wer sein Herz genau be- obachtet, wird immer die Hoͤlle und den Himmel drinn finden; Liebe, die alles außer sich zu beleben — Eigenliebe, die alles außer sich zu zerstoͤren arbeitet — Guͤte, die sich allem unter- wirft; Eigenliebe, die uͤber alles herrschen will — Man verzeihe diese kleine Ausschweifung, M 3 derglei- IX. Fragment. 4. Zugabe. Von der Harmonie dergleichen es noch manche geben duͤrfte, weil ich unter dem Nachdenken: wo etwa jedes, was ge- sagt werden sollte, hingehoͤren moͤchte, nur allzuleicht diesen oder jenen mir wichtig scheinenden Gedanken gaͤnzlich vergessen koͤnnte. Also wieder auf Rembranden zuruͤck. Jch denke nicht, daß seine Gesichter in dem Stuͤcke, das wir vor uns haben, unter der Menschlichkeit und Wahrheit seyn. Jch glaube, daß wenn es Menschen gaͤbe, die noch schlimmer waͤren, als die wider Jesum rasenden Pha- risaͤer und Sadducaͤer, daß sie noch weit schlimmer, als diese aussehen wuͤrden; und ich se- he mich leider! genoͤthiget, zu glauben, daß es heut zu Tage noch wenigstens eben so schlimme Menschen giebt, die eben das, vielleicht noch etwas aͤrgers als das zu thun im Stande waͤren, was diese gethan haben. Aber auch dieß nun bey Seite gesetzt — Schau nun, lieber Leser, die Gesichter dieses Stuͤcks an! Sie moͤgen vielleicht in der Copie gewonnen oder verlohren haben. — Schau die an, die hier vor dir liegen, und empfind und urtheile! — Nicht uͤber das Christus-Gesicht — das wollen wir nun unbeurtheilt lassen; so trefflich uns zu unserer Absicht ein gluͤcklicher Kon- trast zu statten gekommen waͤre — Raphaelen gelang kein Christus-Gesicht ganz, was wird in diesem Stuͤcke von Rembranden zu erwarten seyn? — Also nur die uͤbrigen Gesichter! Welches unter allen gefaͤllt dir? welchem willst du dich anvertrauen? welches um seine Freundschaft bitten? welches empfiehlt sich dem besten oder schlechtesten Menschen durch sprechen- de Redlichkeit — empfindsame Guͤte? welches ist nicht verwildert? welches nicht in dem Gra- de koͤrperlich haͤßlich, in welchem sein Character moralisch haͤßlich zu seyn vermuthet wird? Oder mit andern Worten: von welchem wirst du nicht nach dem Grade seiner Haͤßlichkeit, Verdorbenheit seines Herzens vermuthen? — Da wir keine lebendige Seele durch Commentirung schlechter Gesichter nach der Na- tur zu beleidigen gedenken, und es doch theils zur Belehrung des Lesers, theils zur Veredlung des Menschengeschlechts nicht ganz gleichguͤltig seyn duͤrfte, die Zeichen des Verfalls der menschlichen Gestalt erkennbar zu machen, so will ichs versuchen, uͤber diese und einige andere Tafeln gottloser und lasterhafter Jdeale meine Gedanken etwas ausfuͤhrlicher mitzutheilen. Man der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Man bemerke vor allen Dingen uͤberhaupt auffallende Aehnlichkeit und Unaͤhnlichkeit dieser auf so verschiedene Art verruchten Gesichter! Der Mann, der den Heiland vorfuͤhrt, ist mehr roher, wilder, abgehaͤrteter Soldat; ein Mann, der gewohnt ist, mit steinerner Unempfindlichkeit einen Menschen, er sey schuldig, oder unschuldig, auf den Tod geißeln zu sehen — Er ist blos Soldat — blos rohe, grausam, und dabey sehr leichtsinnig. Wie ganz anders niedertraͤchtig und veraͤchtlich ist das hoͤchststehende Pharisaͤer-Gesicht am Mantel des Heilandes! hier nicht die offne drohende, barbarische, planlose Grausamkeit! Aber Fuͤlle des Neides! aber die allerweichlichste und niedertraͤchtigste Bosheit, voll gleichsam herabtriefender Ueppigkeit! Gefuͤhllos durch langsitzendes Verprassen des fetten Wittwen- und Waysenraubes! Augen voller Ehbruch! den Mund voll der spottendsten Verachtung! Hier keine hohe sich fuͤhlende, herabgebietende Staͤrke! Drohung zwar! wehmuͤthige, klaͤgliche, hell- heulende Stimme des Heuchlers, der den Kopf nicht mehr aufrecht tragen kann — aber in- wendig keine Kraft der Beredung! Ein leeres toͤnendes Faß! — Stimme, der man ge- horcht, weil man alles von ihrer niedertraͤchtigen Seele zu befuͤrchten hat. Aber nicht Stim- me, der man glaubt! — Nicht Philo, der ruft: „Wir sind Besiegte! Wir schweigen! „Aber davon kann Philo nicht schweigen, ihr Jsraeliten! „Daß ihr am Hange des Abgrunds vielleicht schon hingeneigt schwindelt, „Euer Verderben zu waͤhlen! Jch rede mit Angst, doch red ich! Nicht Kajaphas: — — „Der sich anfeurt, zu waͤhnen, die Gottheit „Decke getuͤnchte Graͤber nicht auf! Doch nannte sein Herz ihn „Heuchler! Es fuͤhlt' es und stand mit unverrathendem Auge „Vor der Versammlung, von Grimm, von uͤbermannender Wuth voll.“ Messias IV. Gesang. So spricht das Gesicht nicht. Es ist das Gesicht eines offenbaren Schurken! Ha! Wie's so einen Kerl aufgebracht, wie eine Wespe tief gereizt haben muß, wenn die Machtstimme der geraden IX. Fragment. 4. Zugabe. Von der Harmonie geraden einfaͤltigen Wahrheit ihn so kurz und so treffend zeichnete — „Auswendig weiße Tod- „tengraͤber! Jnwendig Verwesung!“ — Wie das Volk dieses gefuͤhlt haben muß! wie's auf der Stirne der Boͤswichter zu lesen, wie's ihre Schalkheit im Gesichte zu entziefern erweckt wor- den seyn muß! Larve ward abgerissen! Schimmer, Lichtdunst der Kleidung, der Wuͤrde, der Amtsmiene, des breiten Denkzettels — Murmeln des Gebeths — Ernster Tritt! Vorhaͤngen des Kopfs! Bedenkliche Gebaͤrde! Hoͤrbare Seufzer: „Jch danke dir o Gott! daß ich nicht „bin — wie dieser Zoͤllner — ich gebe den Zehenden von allem“ — wie leicht das alles den Poͤbel blenden, das alles Dunst um ein Teufelsgesicht herweben kann, daß man ihm zwar nicht glaubt — aber sich der Suͤnde drum fuͤrchtete — ein Urtheil druͤber auszusprechen, oder auch nur heraus zu denken! — aber wie's dann auch der roheste Poͤbel fuͤhlt, wie's ihm dann doch, so sehr er's sich verbergen wollte, aus dem Herzen heraus gesprochen ward — wenn mit offnem unverwirrtem Angesicht, wenn mit aufgerichteter Brust, wenn mit dem absichtlosen Blicke der festen Tugend, wenn mit dem allmaͤchtigen Tone der sich fuͤhlenden Redlichkeit und der entbrannten Menschenliebe Johannes rief: „Nattergezuͤchte! wer unterweist euch, dem „kuͤnftigen Zorn zu entrinnen!“ — Wenn die noch erhabnere, noch sanftere Unschuld, deren Zorn um so viel furchtbarer, um so viel ihre Guͤte noch menschlicher und goͤttlicher war, wenn diese unerschuͤttert, diese nicht niedergeblendet von dem tiefgefuͤhlten, und dennoch ohnmaͤchtigen, unertraͤglichfrechen, und dennoch kriechenden Blicke dieser Verworfnen — ihnen so ins gebrannd- markte Angesicht rief: „Heuchler! Weh Euch! Blinde Fuͤhrer! alles thun sie, um von den „Leuten gesehen zu werden! Jhr scheint auswendig vor den Menschen gerecht! Jnwendig seyd „ihr voll Gleißnerey und Ungerechtigkeit“ — — Aber nun das rasende Gesicht mit der Pelzmuͤtze, dem grimmigen falschen Aug' und offenem Mund! Wie's unsinnig sich zerarbeitet, dem Poͤbel Verbrechen der Unschuld an den Fingern vorzuzaͤhlen! oder den volkaufwiegelnden Pharisaͤer noch mehr aufzuwiegeln, und ihn, wie ein Satan zu inspiriren! wie's nur keine Spur mehr von Religion zeigt! Nicht mehr heucheln will und kann! wozu heucheln? Er heult, wie ein Hund und duͤrstet nach Blut! nach Blut vom Creuze des Nazareners! — Neben der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Neben ihm, in der flachen Muͤtze, mit erhobner Seelenloser Hand, ein Kerl voll grau- samer zaͤher, lederner Dummheit! Dummheit in den Falten seiner Stirn! Falschheit und Wol- lust im Blick seiner Augen, Bosheit in seinem Munde, besonders in seinen Zaͤhnen! Ob das aͤußerste Gesicht neben ihm, mit der hohen Muͤtze und dem wilden Bart, noch verruchter sey, — wer will's bestimmen? Fester gewiß! Maͤchtiger — heulender vielleicht! Vermischung von Grimm und Furcht! Unfestigkeit, boͤses Gewissen, in der Haltung der Hand! uͤbrigens ohne Gewissen! voll Teufeley — zwar nicht Mit vernichtendem Stolz im hohen Auge geruͤstet, aber Jn Meere verruchter Gedanken, in sich verloren, Derer sich, waͤr er ein Mensch, selbst Adramelech nicht schaͤmte. Aber der untere noch mit der Stange! Wer will da Worte finden, den Graͤuel der Niedertraͤchtigkeit zu zeichnen! wie fehlt da aller Stolz! aller Schatten von Wuͤrde des Cha- racters oder Amtes! Wie scheint da alle Menschlichkeit ein Ende zu haben! wie ist da unerbitt- liche Schmerzensfreude, uͤber das breite gevierte Gesicht, entsetzliche Gefuͤhllosigkeit, beson- ders uͤber Mund und Backen, und Kinn und Nase verbreitet! — und auch diese Hand! — wie verschieden von einer wohlthaͤtigen Hand, die arbeitet, um einen Armen zu naͤhren, und die vom errungenen Brodte, der vergeßnen Duͤrftigkeit den halben Bissen, von Gott nur ge- sehen, darreicht! Kann man sich wahrere Bildnisse von menschlicher Schlangen-Brut gedenken, als wir vor uns haben? Wer kann's ausstehen, die Unschuld in den Haͤnden solcher Verruchten zu sehen? wer fuͤhlt die Groͤße des goͤttlichen Schweigens nicht? „die das verbirgt, was Welten „erschuf.“ Ein Wort, und als Todtengerippe waͤren sie dagelegen! Ein Blick — und zu Asche zerblitzt staͤubt' er sie in die Luft — aber — Sie uͤberlaͤßt sich dem, der da recht richtet — die himmlische Unschuld! Sie ist nicht gekommen, die Seelen der Menschen zu verder- ben, sondern selig zu machen! — die ewige Erbarmung! Bring ihr eine Thraͤne danken- der Anbethung dar, kannst du die gewisseste aller Geschichte glauben — Jesus auf Gabba- Phys. Fragm. I. Versuch. N tha! IX. Fragment. 4. Zugabe. Von der Harmonie tha! .... Ach! unter allen kein Blick des Mitleidens! der zuruͤckgehaltenen uͤbertaͤubten Schaam! Kein Kampf mehr zwischen Tugend und Laster! Kein Zweifel: — Thun wir recht oder unrecht? Keine Furcht: was wird erfolgen? Keine vielleicht mehr — vielleicht der Heilige Gottes! Ueber das alles sind die eisernen Seelen weit weg! was kuͤmmert sie dieß? Nicht einer schaut an den Leidenden empor, deß Anblick auch den ungerechten Richter, dessen Auge Grausamkeiten zu sehen vermuthlich, und zu gebieten gewiß gewohnt war, dennoch ruͤhr- te; — auch nicht gleichguͤltig einer! alle in Bewegung, und alle in Bewegung wider ihn! Aufwiegler alle des wankenden Poͤbels. — Wer ist faͤhig, sie wuͤrdig zu beschreiben, als jene Meisterhand des unsterblichen Dich- ters — dessen Pharisaͤer und Sadducaͤer alle so verrucht da stehen wie Rembrands — aber frey- lich immer mit weit mehr Staͤrke, mehr Wuͤrde, denn diese, wenn anders noch ein Schim- mer, ein Schatten von Wuͤrde in eine Seele kommen kann, die fuͤr die goͤttlichsten Reden und Thaten und fuͤr die unmenschlichsten Martern des edelsten und besten Menschen kein Ge- fuͤhl mehr zu haben faͤhig ist. — „Meine Seele bewegt sich in mir; mein bebendes Knie sinkt; „Schwermuth und Mitleid und Angst erschuͤttern meine Gebeine; „Wenn ich dieß alles in ernsten Betrachtungen uͤberdenke. „Und ein Abscheu vor Menschen, ein Schauer vor denen, die Gott schuf, „Ueberfaͤllt mich, so oft ich es denke, wie wenig ihr dieses „Bey Euch empfindet, wie niedrig ihr seyd, nur menschlich zu fuͤhlen; „Wie ohnmaͤchtig, die Religion und die Mordsucht zu sondern, „Und, wie poͤbelhaft klein, die lichten Stralen der schoͤnen „Und der liebenswuͤrdigen Unschuld, nur dunkel zu sehen! „Doch was sorget die Unschuld, von Euch gesehen zu werden: „Gott sieht sie; der Himmel mit Gott! Sie wird nicht erzittern, „Wenn der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. „Wenn sie der niedrige Suͤnder verdammt; wenn Seraphim dastehn „Und sie bewundern, ihr hoch vom Himmel der Ewige laͤchelt!“ — Hier zu einiger Erhohlung ein sehr unvollkommenes aber dennoch nicht ganz leeres und unedles Heilandsgesicht nach Werner. Solche Nase, Aug', und Mund wirst du gewiß bey kei- nem schlechten, unedeln Menschen finden! Verlasse dich drauf, und findest du wo ein Gesich- te, das diesem aͤhnlich ist, so freue dich, und suche seine Freundschaft, und du wirst mir's noch in der zukuͤnftigen Welt danken, oder nicht mir — sondern dem, der alles durch alle thut — N 2 Fuͤnfte IX. Fragment. 5. Zugabe. Von der Harmonie Fuͤnfte Zugabe. Demokrit nach Rubens. W ir haben hier nicht den weisen Demokrit vor uns, den uns Bayle und Wieland zeich- nen; nicht den Mann, von dem uns der letztere versichert — „ Demokritus haͤtte sich unter „andern auch mit der Physiognomie abgegeben, und theils aus seinen eigenen Beobachtun- „gen, theils aus dem, was ihm andere von den ihrigen mitgetheilt, sich eine Theorie davon „gemacht, von deren Gebrauch er (sehr vernuͤnftig, wie uns deucht) urtheilte, daß es damit „eben so, wie mit der Theorie der poetischen Kunst beschaffen sey. Denn so wie noch keiner „durch die bloße Wissenschaft der Regeln ein guter Dichter geworden sey, So wenig, als einer durch die beste Sittenlehre zu einem Tugendhelden geworden — und doch, denk' ich, ists nicht ganz vergeblich, Sittenlehren zu schrei- ben — welche Wissenschaft in der Welt hat nicht ihre Mysterien? hat's die Moral nicht so gut, als die Physiognomik? und nur derjenige, „welchen Natur, Begeisterung und lange Uebung dazu gemacht habe, geschickt sey, solche „recht zu verstehen und anzuwenden; so sey auch die Theorie der Kunst aus dem Aeußerlichen „des Menschen auf das Jnnerliche zu schließen, nur fuͤr Leute von großer Fertigkeit im Be- „obachten und Unterscheiden brauchbar, fuͤr jeden andern hingegen eine hoͤchstungewisse und „betruͤgliche Wissenschaft, und eben darum muͤsse sie als eine von den geheimen Wissenschaf- „ten oder großen Mysterien der Philosophie immer nur der kleinen Zahl der aͤchten Epopten „vorbehalten bleiben.“ Wielands Merkur. V. B. 11. St. Nicht diesen weisen Mann, (dessen Jdeen wir gewiß folgen, obgleich wir physiogno- mische Fragmente schreiben —) sehen wir hier vor uns — Nicht einen schoͤnen Genius, einen reichen durchdringenden Geist, der zu allem faͤhig waͤre, ein Erfinder alles Unerfundenen, ein Vervollkommener alles Erfundenen! Nicht den Mann, der sich die Augen aussticht oder aus- brennt, um das Gemuͤth von allen Zerstreuungen abzuziehen und den abgezogensten Betrach- tungen obzuliegen! Nicht den Feind aller Wollust und aller fleischlichen Vermischung! Venerem damnavit Democritus, vt in qua homo alius exsiliret ex homine. Plinius Lib. XXVIII. Nicht der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Nicht diesen Mann sehen wir in dem Bilde, das wir vor uns haben! — wir sehen blos Demokritus, den Lacher, der Ridebat quoties a limine mouerat vnum Protuleratque pedem. Wer uͤber alles und alle lacht, ist nicht nur ein Thor, sondern ein Boͤsewicht; so wie der, der uͤber alles und uͤber alle weint, sehr wahrscheinlich ein Kind, ein Narr, oder ein Heuchler ist. Das Gesichte des ewigen Lachens wird unausstehlich, und muß sich verunedlen und Carrikatur werden. Das Gesicht unsers Demokrits ist nichts weniger, als das Gesicht eines Dummkopfs in seiner Anlage! Der Bau des Hauptes hat zwar nichts Erhabenes; aber Demokrit mit solchem Kopfbau waͤre dem Sokrates nahe gekommen. Aber das unaufhoͤrliche Spottlachen, so weit verschieden von dem menschlichen und goͤttlichen Laͤcheln des Mitleidens, und der flehen- den oder warnenden Zaͤrtlichkeit, ach! so weit verschieden von dem Laͤcheln der Menschenfreude, der Unschuld, dem Laͤcheln des Bruderherzens — das unaufhoͤrliche Spottlachen muß das schoͤnste, wie viel mehr ein sonderbares Gesicht? verunstalten. Alle Zuͤge der Guͤte, die selbst in dem schlimmsten Gesicht, das aus den Haͤnden der Natur kommt, eben so wenig vergessen wor- den, als die Augen selbst bey dem bloͤdsichtigsten Geschoͤpfe! — verziehen sich nach und nach so stark, daß sie ein fatales Gemische von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Freude und Schalk- heit werden! — Was ist Spott eigentlich, als Freude an Fehlern, an Disharmonie, an Schaden des Nebenmenschen? Kann dadurch ein Gesicht veredelt, verschoͤnert werden? Der Spott druͤckt die Augen zusammen, und faltet die Haut um die Augen herum auf eine aͤhnliche Weise, wie wir's an den meisten Wahnsinnigen bemerken. — Wahnsinnige, was sind sie groͤßtentheils anders, als Larven von lachenden Demokrits? — Spott treibt die Wangen kugelfoͤrmig auf, wie auch zum Theil an Lamettrie in der unten stehenden Vi- gnette zu sehen. Und, was das Vornehmste ist: er giebt dem Munde, dem herrlichsten, spre- N 3 chend- IX. Fragment. 5. Zugabe. Von der Harmonie chendsten Theile des Angesichts eine solche Schiefheit und Disproportion, daß er sich kaum mehr in einen Stand edler Ruhe und Symmetrie zuruͤck arbeiten kann. Wer kann unsers Demokrits Mund schoͤn finden? Wer sieht nicht, daß er vor- nehmlich durch den Spott haͤßlich ist? So nuͤtzlich der Spott fuͤr den halben Thoren seyn mag, oder fuͤr den, der in Gefahr ist, ein Thor zu werden — so sehr Montagne recht haben mag, wenn er deswegen den Spott dem Weinen vorzieht, „weil er demuͤthigen- „der, und unserm Verdienst angemeßner“ ist, Essay de Montagne L. I. C. 50. als das Weinen; so ist dennoch der Spott einem Menschen unanstaͤndig, und ich moͤchte deswegen, weil der Spott oft so sehr nuͤtzlich ist, so wenig uͤber Menschen mir Spott erlauben, als ich deswegen Scharfrichter seyn moͤchte, weil's doch in der Welt kaum etwas Nuͤtzlicheres giebt, als den Scharfrichter. Es kommt mir eben so ungereimt und widersinnig vor, daß ein Mensch befugt seyn soll, uͤber einen andern Menschen, so belachenswerth er seyn mag, zu spotten, als es mir unge- reimt und widersinnig vorkommt, daß ein Mensch befugt seyn soll, einen andern Menschen zu toͤdten, und so wie ich glaube, daß die Physiognomie eines Scharfrichters, und wenn er sonst der sanfteste und edelste Mensch waͤre, sich schon dadurch verunedle, daß er in der Befugniß zu seyn glaubt, gegen andere Menschen bisweilen ein Unmensch zu seyn, so glaub ich, daß kein Spoͤttergesicht in der Welt zu finden sey, welches nicht gerade durch den Spott sich verhaͤßliche. Jch habe ein moquantes Gesicht im Schatten gezeichnet; kaum sah es das Origi- nal, wollt's noch einmal sitzen, fuͤhlte den Mißzug im Gesichte, und sucht ihn zu ver- bessern. Was Leßing in einer andern Absicht von dem Portraͤt der Vignette dieses Blattes sagt, moͤcht' ich von dem Urbilde, moͤcht' ich von jedem Spoͤtter sagen: „ La Mettrie, der „sich als einen zweyten Demokrit mahlen und stechen lassen, lacht nur die erstenmale, die „man ihn sieht. Betrachtet ihn oͤfter, und er wird aus einem Philosophen ein Geck: aus „seinem Lachen wird ein Grinsen.“ Leßings Laocoon. 8. 25. Jch der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Jch beschließe diese Zugabe mit einer andern Anmerkung dieses vortrefflichen Gelehrten, der uns in unsern Untersuchungen noch oft begegnen, oft die Hand reichen wird, und bis- weilen auch vielleicht mit einigen Fragen des Zweifels beunruhigt, nein, nicht beunruhigt, zu unsrer Belehrung ehrerbietig aufgefordert werden duͤrfte: „Es giebt Leidenschaften,“ sagt Er, „und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die haͤßlichsten Verzerrun- „gen aͤußern, und den ganzen Koͤrper in so gewaltsame Stellungen setzen, daß alle die schoͤ- „nen Linien, die ihn in einem ruhigem Stande umschreiben, verlohren gehen.“ Und ich thue hinzu: Verloren bleiben, wenn der Mensch sich zu tief in diese Leidenschaft herunter ge- arbeitet hat. Sechste IX. Fragment. 6. Zugabe. Von der Harmonie Sechste Zugabe. Greuel der Trunkenheit nach Hogarth. VII. Tafel. „ W o heulet man? wo schreyet man? wo ist Gezaͤnke? wo ist Klage? wo Wunden und „rothe Augen? Bey denen, die sich bey dem Wein aufhalten, und kommen dem, was einge- „schenkt ist, nachzufragen. Beschau den Wein nicht, wie er roth-sey, und seine Farbe in dem „Becher spiele: Er gehet wohl glatt hinein; aber sein Letztes wird beißen, wie eine Schlange, „und stechen, wie ein Basilisk. Alsdann werden deine Augen nach fremden Weibern sehen, „und dein Herz wird verkehrte Dinge reden; und du wirst seyn, als wenn du mitten auf dem „Meere schliefest, und oben auf dem Mastbaum laͤgest.“ Prov. XXIII. 29 — 34. Roußeau fuͤhrt seinen Aemil, — und der vorige Koͤnig in Preußen seinen Kronprinzen in ein Siechenhaus, um durch die sichtbaren Folgen der Unzucht vor Unzucht zu warnen — Ein Staat, wo man alle Jahre einmal die vertrunkenen Mißgestalten von Menschen in Proceßion mit einem Gemaͤlde nach Hogarth, wie das nachstehende ist, herumfuͤhrte — sollte dieß nicht mehr als alle Predigten gegen die Trunkenheit wirken? Nichts verunstaltet den Menschen so sehr, als das Laster! Feste, donnernde Wahrheit! Nichts verschoͤnert den Menschen so sehr, als die Tugend! Feste, herrliche Wahrheit! — Der Hauptinnhalt, die Seele meines Werks! wenn dieß nicht empfunden wird, diese Empfindung nichts wirkt, so wuͤnscht' ich, keine physiognomische Zeile geschrieben zu haben. Siehe das Blatt an — und laß deiner Empfindung den Lauf! — wie tief sinkt der Mensch unter die Menschen, der ein Held ist, Wein zu saufen! wie erniedrigt er sich zum Tho- ren! zum Boͤsewicht, zum Hunde! wie schief, wie ekelhaft, wie laͤcherlich nnd abscheulich, wie leichtsinnig und frech! wie rasend und ohnmaͤchtig wird er zugleich! welche allgemeine Erschlaffung und Nervenlosigkeit! welcher seichte Spott und Schwindelgeist! welche allgenugsame Leerheit be- maͤchtiget sich seiner! — welche Hoͤlle von Gesellschaft erblickst du hier — Siehe! empfind! urthei- le! — wie, wie koͤnnten solche Gestalten Buͤrger des Reichs Gottes seyn! — wie unertraͤglich muͤß- ten sie einem Menschen, wie unertraͤglich ihnen ein Mensch seyn, der auch nur wie der Wernersche Christus in der Vignette eines vorgehenden Blattes aussaͤhe! Wie der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Wie hat der fette Tabaksschmaucher oben an der Tafel alle seinen Geist in Fleisch verwandelt! welches Sattseyn ohne Genuß! welch unbewegliche Traͤgheit! und der, der neben ihm das Glas in die Hoͤhe haͤlt — wie erniedrigt ihn kleingeistiger Spott! Tolles Geschrey! Bosheit ohne Kraft! Und der sich mit der Tabakspfeife anlehnt, in welcher stierigen gedankenlosen Genuͤgsamkeit! Er schaut hin, ohne was zu sehen! Er horcht, ohne zu hoͤren! — Wie niedrig der neben und unter ihm mit der schiefen Parucke, mit dem schiefen liebaͤugelnden Gesichte! und der neben diesem mit der Pfeife in der einen, mit der andern Hand auf sich deutend, mit dem eingekerbten Kinn, dem etwas uͤber sich schauenden Auge, unvermoͤgend, einen Menschen zu intereßiren, oder etwas hervor- zubringen — uͤberhaupt, in allen diesen schaͤndlichen Gesichtern die Zerstreuung, die Nichttheil- nehmung, die Atonie, die der Ueppigkeit eigen ist — Die Vignette dieses Blattes ist ein Portraͤt eines durch Brandtewein entnervten gichti- schen unbekannten Menschen, der in einem Hospitale vermuthlich sich selbst und der menschlichen Ge- sellschaft zur Last war. Jch haͤtte gewuͤnscht, daß der Zeichner ihn nicht verschoͤnert haͤtte, welches ich wenigstens aus dem Auge zu vermuthen Ursach habe! der Mann muß sonst gewiß nicht der schlechteste in seinen Anlagen gewesen seyn! — und wenn er nicht Verstand im Handeln gezeigt hat, so hat er doch sicherlich in die Classe derer gehoͤrt, die Talente hatten, die sie sehr gut haͤtten nutzen koͤnnen. Phys. Fragm. I. Versuch. O Siebente IX. Fragment. 7. Zugabe. Von der Harmonie Siebente Zugabe. Ein Hogarthsches Blatt voll lebendiger Laster. W ie das Laster verunstaltet, erblicke hier von neuem! Ermanne dich, den abscheuerwecken- den Anblick zu ertragen, und beweine mit mir den Verfall der menschlichen Natur. Sieh hier alles vereinigt, was Leichtsinn und Bosheit und Niedertraͤchtigkeit Schreck- liches und Abscheuliches haben! Verachtenden Zorn eines Entschloßnen und Maͤchtigen. Die seelenloseste Bosheit der faͤlschesten und spottendsten und teuflischsten Hurenge- sichter. Wehgeheul des verzweifelnden Lasters! Dumme Wuth und betaͤubtes Staunen des betrogenen Betrugs. Die abgeschmackteste Coketerie; Wahnsinn eines arm gewordenen Verschwenders! Den allerkriechendsten Geiz — Voͤllige Entkraͤftung der Menschheit durch Leichtsinn und Thorheit. Unten — eine Gruppe aus dem Stuͤcke: Paullus vor Felix. Felix horchend, mißtrauisch, erschrocken, planvoll, drohend, — da er das erste- mal vielleicht in seinem Leben von Gerechtigkeit, und Maͤßigkeit, und dem zukuͤnftigen Ge- richt mit dem Ernste des Wahrheitsgefuͤhls reden hoͤrt — drey in ungleichem Grade veraͤcht- liche Horcher um ihn! der naͤchste an ihm eine weichliche Vettel mit aufgesperrten Augen und voll Schrecken. — Der neben ihm, sich mit der Hand auf ein Tischchen lehnend, das verach- tende der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. tende Horchen einer unempfindlichen Seele, die eine empfindliche deconcertiren will. Aber — aber — der Hohepriester in der Ecke sich auf die eine Hand lehnend, die andere aufs Knie pflanzend, wie vereinigt der alles, alles, was Verachtung, was Neid, was wolluͤstiger Witz, was Abhaͤrtung gegen die Stimme der Wahrheit heißen kann — Erhole dich, lieber Leser, an diesem jungfraͤulichen Gesichte voll Einfalt und Unschuld. O 2 Achte IX. Fragment. 8. Zugabe. Von der Harmonie Achte Zugabe. Der tiefste Grad der menschlichen Lasterhaftigkeit, nach Hogarth. VIIII. Tafel. F asse dich, Leser! Und du, weiser Vater oder du fromme Mutter, nimm deinen Sohn, oder deine Tochter bey der Hand, und schau, und wenn eine Zaͤhre dir ins Auge zit- tert — und sie dich fragen: warum weinest du? — so zeig ihnen dieß Blatt — und sprich — „Siehe! diese haben ihre Leiber durch sich selber geschaͤndet, und die Herrlichkeit „des anbethenswuͤrdigen Schoͤpfers unter die Gestalt der Bestien erniedrigt“ — Das der Vervollkommnung faͤhigste aller Geschoͤpfe kann das allerunvollkommenste, kann das herrlichste und kann das schrecklichste werden. Alle Creatur Gottes ist gut, und nichts verwerflich! Gott macht den Menschen schlecht und recht; Er aber sucht Betrug und Arglist! Soll ich von oben herab, soll ich von unten heraufsteigen — etwas von dem Greuel zu bemerken, der aus allen diesen Gesichtern, wie Blut aus der Wunde des Er- mordeten, hervorquillt! Rachgrimm! Hohngelaͤchter der kraftlosesten Schadenfreude! oder hochverachtender, Blut, wie Wein, duͤrstender Wuth! Gebrandmarkte Unzucht! Raubsucht, und Entsetzen vor dem Gedanken, entdeckt zu werden! Doch ich uͤbergehe die Verruchtheiten alle, und bemerke nur noch mit Entsetzen den allerhoͤchsten Grad — der Teufeley in dem Gesicht, das einer flehenden Mutter mit einer namenlosen grimmighoͤnischen Verachtung entgegen trutzt! Wenn Hogarth dieß Gesichte gesehen und diese Stellung copirt hat, so ist das Original — ein Jnnbegriff von Teufeln! Hat er's erschaffen — so ist Hogarth — nein! Er hat's zusammengedichtet aus vorhandenen Gesichtern, und so ist er und das Menschengeschlecht gerettet — Doch! ach, Gott! ich habe schon Gesichter, Gebehrden und der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. und Stellungen gegen Muͤtter gesehen — die zwar nicht so waren, aber so haͤtten werden koͤn- nen! Jch wende mich von dem Gedanken weg, aber wenn eine Gesellschaft aus 16. oder 18. solcher Hunde, wenn eine solche Gesellschaft nur acht Tage deine einzige Gesellschaft seyn sollte — welcher Mensch wuͤrde Unmensch genug seyn, nicht alles zu thun, nicht alles zu lei- den, was Tugend und Religion thun und leiden heißen koͤnnen — um dieser Gesellschaft zu entrinnen .... Jch kehre zu einem Menschengesichte zuruͤck, das wenigstens im Original Demuth und Einfalt, Froͤmmigkeit und Guͤte, Weisheit und Geist vereinigt, weit mehr Geist, als der Mund hier blicken laͤßt. O 3 Neunte IX. Fragment. 9. Zugabe. Von der Harmonie Neunte Zugabe. Drey idealische Koͤpfe. Umrisse. X. Tafel. K einer apostolisch erhaben, und doch in allen was Edles und Schoͤnes! Jmmer Erholung fuͤr das ermuͤdete Auge des Lesers, und fuͤr sein beklommenes Herz beym Anblicke der unmenschlichen Menschengestalten, die wir so eben betrachtet! Horchende Guͤte, die herabschaut etwa nach einem Kinde, das ehrfurchtsvoll an den heiligen Mann heraufstaunt, erblick ich im ganzen Profile zur Linken! Das Haar von Drat abgerechnet, welches zarten menschlichen Seelen niemals weder mit dem Pinsel noch mit dem Grabstichel angedichtet werden sollte — spricht der Bau des Hauptes, die Stellung und der Mund — Bonhomie und Menschenfreundlichkeit. Das Naßloch taugt nichts! Das Aug' ist vornen zu weit geschlossen, und zu unbestimmt gezeichnet. Das zweyte Gesicht zur Rechten, ebenfalls ganz Profil, ist andaͤchtige Sehnsucht! weni- ger dumme Bigotterie, als wirklich redliche Froͤmmigkeit! Wie verschieden vom Pharisaͤerblicke! Nicht die erhabenste Andacht — aber dennoch unnachahmbar dem Heuchler! Das dritte Vollgesicht leuchtet mir durch seine Offenheit, seine Paralelisme, die Perpen- dikularitaͤt der zwar nicht schoͤnen Nase — und durch diese Art von hoher Stirn ein — (wir wer- den an andern Arten sehen, welche hohe Stirnen und welche kurze vortrefflich sind) Schade, daß der Mund vom Barte mehr als halb bedeckt uns nur seinen Paralelisme mit den Augen sehen laͤßt. Mich duͤnkt auch, daß diese Falten der Wange nicht ganz vortheilhaft sind. — Zehnte der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. Zehnte Zugabe. Drey Profile nach Possi und Chodowieki. XI. Tafel. „ E s sind, sagt Winkelmann, viele wahrhaftig schoͤne Kinderkoͤpfe aus dem Alterthume uͤbrig. „Das allerschoͤnste Kind aber, welches sich, wiewohl verstuͤmmelt, aus dem Alterthum erhalten „hat, ist ein kindlicher Satyr, ungefaͤhr von einem Jahr' in Lebensgroͤße, in der Villa Al- „bani. Dieses Kind ist mit Epheu bekraͤnzet, und trinket, vermuthlich aus einem Schlauche, „welcher aber mangelt, mit solcher Begierde und Wollust, daß die Augaͤpfel ganz aufwaͤrts „gedrehet sind, und nur eine Spur von dem tiefgearbeiteten Stern zu sehen ist. Ein bekann- „tes Vorurtheil, welches sich gleichsam, ich weiß nicht wie, zur Wahrheit gemacht, daß die „alten Kuͤnstler, in Bildung der Kinder, weit unter den neuern sind, wuͤrde also dadurch „widerlegt.“ Winkelmanns Geschichte der Kunst I. Th. IV. Cap. S. 234. Jch glaube, daß die zwey obern von Pfenningern nach Possi geaͤzten Profile eben das Koͤpfchen vorstellen, wovon Winkelmann spricht. Aber ich gestehe aufrichtig, daß sie mir nicht gefallen. Jch rede von den Copien, die jedoch richtig und getreu zu seyn scheinen. Es ist wahr, Kinderkoͤpfe haben selten zuruͤckgehende Stirnen; haben sie nie so, wie dieselben Koͤpfe, wenn sie aͤlter und fester sind. Aber diese hohe, so perpendikulaͤre, so in der Mitte eingebogne Stirn ist an einem Kinde unertraͤglich, ist ein unverzeihlicher Fehler wider die Natur, und wider die Schoͤnheit, um so viel unverzeihlicher, weil das Hinterhaupt des Kindes so stark vorgewoͤlbt ist. Diese starke Vorwoͤlbung des Hinterhauptes ist, wie wir noch oft zu bemerken Gelegenheit haben werden, groͤßtentheils feingebauten, zarten, furchtsa- men, bis zur Bloͤdigkeit guͤtigen, eigen. Solche Stirnen hingegen, wie die sind, die wir vor uns haben, sind durchaus der Character der Hartnaͤckigsten, Unbiegsamsten, Eigensinnigsten, Unerbittlichsten. Sie sind das Werk der Natur! Aber zugleich auch der Leidenschaft! Eine solche Stirne hat die Natur keinem Kinde dieses Alters angeformt! Eine solche Stirne konnte bey IX. Fragment. 10. Zugabe. Von der Harmonie bey einem Kinde dieses Alters keine Leidenschaft und keine Gewohnheit bilden! Am allerwenig- sten kann ein Kind mit diesem Hinterhaupte eine solche Stirne haben! — Von der Disharmo- nie dieses Gesichtes ließe sich noch manches sagen. Die meisten Zeichner scheinen von dieser von der Natur so heilig beobachteten Harmonie und Homogeneitaͤt der menschlichen Bildung, be- sonders des Gesichtes, nicht nur nicht den mindesten Begriff, sondern auch nicht einmal die geringste Ahndung zu haben. Wir werden uns mehrmals noch naͤher daruͤber erklaͤren. Jtzt noch ein Woͤrtchen von unsern Profilen. Dieß Profil ist nicht schoͤn! und dieß Profil ist das Profil eines boͤsen verwilderten Kin- des. Der Mund im zweyten ist fatal. Das einzige Gute im Gesicht ist das Auge! Nun vergleiche man beide! den bloßen unschattirten Umriß mit dem schattirten; und bemerke die kleinen Unterschiede in der Zeichnung und im Effecte dieser Zeichnung. Der Einschnitt im bloßen Umriß unten an der Stirn ist etwas schaͤrfer — dadurch wird das Kind noch unkindlicher. Diese Schaͤrfe schickt sich auch gar nicht zu dem ruhigern, natuͤrlichern, genußfrohen Umrisse des Mundes, der viel angenehmer ist, als der im schat- tirten. Warum? weil er guͤtiger, kindlicher, unschuldiger ist! — Die kaum merkbare kleine Beugung im Umriß giebt dieß Angenehmre, dieß Kindlichere, Unschuldigere. Das Zu- ruͤckstehen der Unterlippe, das mehrere Vorstehen der Oberlippe im bloßen Umrisse ist mit ein Grund dieser mehrern Schoͤnheit und dieser mehrern Liebenswuͤrdigkeit. Das Auge hingegen im ersten ist viel schwaͤcher als das im zweyten, zugleich aber so unrichtig gezeichnet, daß sich nichts druͤber sagen laͤßt. Das dritte Profil nach einem Chodowiekischen Handrisse. Es ist schoͤner und edler, als die obern Profile. Es ist, meines Beduͤnkens, das Gesicht einer klugen, edeldenkenden, großmuͤthigen Seele. Und doch fehlt — wie viel, daß es ganz schoͤn, ganz edel und groß- muͤthig sey. Der Umriß der Stirn und der Nase bis auf die Oberlippe des Mundes ist schoͤn und edel. Auch das Kinn ist ganz leidlich. Aber was nimmt nun dem Gesichte seine Schoͤn- heit, und was nimmt ihm zugleich Adel und Liebenswuͤrdigkeit? Jsts nicht offenbar — der Mangel an Augenbraunen? Die Unbestimmtheit, Unlauterkeit des Augsterns? Die Unbe- stimmt- der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. stimmtheit, Unvollendung des Naslaͤppchens? Die Unbestimmtheit, Leerheit der Lippen? Je mehr ich beobachte, je mehr ich forsche, desto mehr find ich Harmonie zwischen koͤrperlicher und moralischer Schoͤnheit, koͤrperlicher und moralischer Haͤßlichkeit; desto mehr find ich, daß keine Verunstaltung und Verschoͤnerung der Seele ohne Verunstaltung und Verschoͤnerung des Koͤr- pers vorgehen kann. Jndem ich dieses schreibe, faͤllt mir aus Herrn Sulzers Theorie der schoͤnen Kuͤn- ste, der Artikel schoͤn und Schoͤnheit zu Gesichte. Jch kann mich nicht enthalten, einen Aus- zug daraus meinen Fragmenten einzuverleiben. Seine Gedanken stimmen so sehr mit den mei- nigen uͤberein, und gehoͤren so eigentlich und genau zu dieser Materie, daß ich keinen Augen- blick zweifle, meinen Lesern durch Hersetzung derselben ein wahres Vergnuͤgen zu machen. „Daß die menschliche Gestalt der Schoͤnste aller sichtbaren Gegenstaͤnde sey, darf nicht er- „wiesen werden; der Vorzug, den diese Schoͤnheit uͤber andre Gattungen behauptet, zeigt sich „deutlich genug aus ihrer Wirkung, der in dieser Art nichts zu vergleichen ist. Die staͤrksten, „die edelsten und die seligsten Empfindungen, deren das menschliche Gemuͤth faͤhig ist, sind „Wirkungen dieser Schoͤnheit. Dieses berechtiget uns, sie zum Bild oder Muster zu nehmen, „an dem wir das Wesen und die Eigenschaften des hoͤchsten und vollkommensten Schoͤnen an- „schauend erkennen koͤnnen.“ „Bey der großen Verschiedenheit des Geschmacks und allen Widerspruͤchen, die sich in „den Urtheilen ganzer Voͤlker und einzeler Menschen zeigen, wird man nach genauerer Unter- „suchung der Sache finden, daß jeder Mensch den fuͤr den Schoͤnsten haͤlt, dessen Gestalt dem „Auge des Beurtheilers den vollkommensten und besten Menschen ankuͤndiget. Koͤnnen wir „dieses außer Zweifel setzen, so werden wir auch was Gewisses von der absoluten Schoͤnheit „der menschlichen Gestalt anzugeben im Stande seyn!“ „Ueberhaupt also — wird nach der allgemeinen Empfindung dieses nothwendig zur „Schoͤnheit erfordet, daß die Form des Koͤrpers, die Tuͤchtigkeit, sowohl des Koͤrpers uͤber- „haupt, als der besondern Glieder, zu den Verrichtungen, die jedem Geschlecht und Alter na- „tuͤrlich sind, ankuͤndige. Alles, was ein Geschlecht von dem andern, als der Natur gemaͤß Phys. Fragm. I. Versuch. P „erwar- IX. Fragment. 10. Zugabe. Von der Harmonie „erwartet, muß durch das Ansehen des Koͤrpers versprochen werden, und die Gestalt ist die „schoͤnste, die hieruͤber am meisten verspricht.“ „Aber diese Anforderungen beruhen nicht blos auf aͤußerlichen Verrichtungen und koͤr- „perlichen Beduͤrfnissen. Je weiter die Menschen in der Vervollkommnung ihres Characters ge- „kommen sind, je hoͤher treiben sie auch die Forderungen dessen, was sie erwarten. Verstand, „Scharfsinn, und ein Gemuͤthscharacter, wie jeder Mensch glaubt, daß ein vollkommener „Mensch ihn haben muͤsse, sind Eigenschaften, die das Auge auch in der aͤußern Form zur „Schoͤnheit fordert. Ein weibliches Bild, das Wollust athmet, dessen Gestalt und ganzes We- „sen Leichtsinn und Muthwillen verraͤth, ist fuͤr den leichtsinnigen Wolluͤstling die hoͤchste „Schoͤnheit, an der aber der Gesetztere und in dem Besitz seiner Geliebten mehr als muthwil- „ge Wollust erwartende Juͤngling noch viel aussetzen wuͤrde.“ „Auch die Urtheile uͤber die Haͤßlichkeit bestaͤtigen unsern angenommenen Grundsatz. „Was alle Menschen fuͤr haͤßlich halten, leitet unfehlbar auf die Vermuthung, daß in dem „Menschen, in dessen Gestalt es ist, auch irgend ein innerer Fehler gegen die Menschlichkeit „liege, der durch aͤußere Mißgestalt angezeiget wird. Wir wollen der verwachsenen und ganz „ungestalten Gliedmaßen, die jedermann fuͤr haͤßlich haͤlt, nicht erwaͤhnen; weil es zu offenbar „ist, daß sie uͤberhaupt eine Untuͤchtigkeit zu nothwendigen Verrichtungen deutlich anzeigen; „sondern nur von weniger merklichen Fehlern der Form sprechen.“ „Die Bildung eines Menschen sey im uͤbrigen wie sie wolle, so wird jedermann etwas „Haͤßliches darinn finden, wenn sie einen zornigen Menschen verraͤth: oder wenn man irgend „eine andere herrschende Leidenschaft von finsterer uͤbelthaͤtiger Art darinn bemerkt, und keine „Gestalt ist haͤßlicher, als die, die einen ganz widersinnigen, muͤrrischen, jeder verkehrten Hand- „lung faͤhigen Character anzeiget. Aber auch darinn richtet sich das Urtheil, oder der Ge- „schmack nach dem Grad der Vervollkommnung, auf den man gekommen ist. Unter einer „Nation, die schon zu Empfindungen der wahren Ehre und zu einem gewissen Adel des Chara- „cters gelangt ist, ist das Gepraͤg der Niedertraͤchtigkeit, das man bisweilen tief in die Phy- „siognomie eingedruͤckt sieht, etwas sehr Haͤßliches; aber es wird nur von denen bemerkt, die „jenes Gefuͤhl der Wuͤrde und Hoheit besitzen.“ „Jede der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. „Jede Schoͤnheit ist eine gefaͤllige Gestalt irgend einer wirklichen Materie, das ist, sie „haftet in einem in der Natur vorhandenen Stoff. Dieser, wenn er auch leblos ist, hat seine „Kraft, das ist, er traͤgt das Seinige zu den in der Natur bestaͤndig abwechselnden Veraͤnde- „rungen bey, und hat seinen Antheil an dem, was in der Welt Gutes oder Boͤses geschie- „het, kann folglich nach der besondern Art seiner Wirksamkeit, (nach den eingeschraͤnkten „menschlichen Begriffen zu reden) unter gute oder boͤse Dinge gehoͤren. Jch getraue mir die „kuͤhne Vermuthung zu wagen, daß jede Art der Schoͤnheit in dem Stoff, darinn sie haftet, „etwas von Vollkommenheit oder Guͤte anzeige.“ „Aber wir wollen, ohne uns auf Hypothesen und Spekulationen zu verlassen, den an- „gefuͤhrten Zweifel, ob innere Vortrefflichkeit und Verderbniß, sich durch aͤußere Schoͤnheit „und Haͤßlichkeit ankuͤndigen, aus unzweifelhaften Erfahrungen, aufzuloͤsen suchen.“ „Es kann gar nicht gelaͤugnet werden, daß es verstaͤndige und unverstaͤndige, scharf- „sinnige und einfaͤltige, gutherzige und boshaftige, edle, hochachtungswuͤrdige und niedri- „ge, recht verworfene Physiognomien gebe, und daß das, was man aus der aͤußerlichen Ge- „stalt von dem Character der Menschen urtheilet, nicht blos aus den Gesichtszuͤgen, sondern „aus der ganzen Gestalt geschlossen werde. Die unleugbaren Beyspiele, da entscheidende „Zuͤge des Characters sich von außen zeigen, sind voͤllig hinlaͤnglich, die Moͤglichkeit zu be- „weisen, daß die Seele im Koͤrper sichtbar gemacht werde. Eben so unleugbar ist auch die- „ses, daß das, was in der aͤußern Gestalt gefaͤllt, niemals etwas von dem Jnnern des „Menschen anzeiget, was Mißfallen erweckte, es sey denn, daß dieses aus Jrrthum oder „Vorurtheil entstehe, wie wenn z. B. einer zaͤrtlichen aber etwas schwachen Mutter die edle „Kuͤhnheit im Character ihres Sohnes mißfiele, ob sie gleich den Ausdruck derselben in der „Gestalt mit großem Wohlgefallen sieht. Dergleichen Ausnahmen schraͤnken die Allgemein- „heit des Satzes, daß hier auch das Zeichen gefalle, so oft die bezeichnete Sache gefaͤllt, „nicht ein.“ „Also kann die aͤußere Gestalt den innern Character des Menschen ausdruͤcken, und „wenn es geschieht, so hat das Wohlgefallen, das wir an dem innern Werth des Menschen P 2 „haben IX. Fragment. 10. Zugabe. Von der Harmonie „haben, den staͤrksten Antheil an der gefaͤlligen Wirkung, die die aͤußere Form auf uns „thut; wir schaͤtzen das an der aͤußern Gestalt, was uns in der innern Beschaffenheit „gefaͤllt. Wir sehen in dem Koͤrper die Seele, den Grad ihrer Staͤrke und Wirksam- „keit, und „Unter dem Licht der Augen und unter den Rosen der Wangen „Seh'n wir ein hoͤheres Licht, ein helleres Schoͤnes hervorgehn.“ Die Suͤndfluth. II. Ges. „Noch ehe sich der Mund oͤffnet, ehe ein Glied sich bewegt, sehen wir schon, ob eine „sanftere oder lebhaftere Empfindung jenen oͤffnen, und diese bewegen wird. Jn der vollkom- „mensten Ruhe aller Glieder, bemerken wir zum voraus, ob sie sich geschwind oder langsam, „mit Verstand, oder ungeschickt bewegen werden.“ „Hier koͤnnen wir von der bloßen Moͤglichkeit der Sache auf ihre Wirklichkeit schlies- „sen; weil sie allen uͤbrigen wohlthaͤtigen Veranstaltungen der Natur vollkommen gemaͤß ist. „Es war nothwendig, wenigstens heilsam, dem Menschen ein Mittel zu geben, Wesen seiner „Art, mit denen er nothwendig in Verbindung kommen mußte, und die so sehr kraͤftig auf „seine Gluͤckseligkeit wirken, schnell kennen zu lernen. Die Seelen der Menschen sind es, die „unser Gluͤck oder Ungluͤck machen, nicht ihre Koͤrper. Also mußten wir ein Mittel haben, „diese schnell zu erkennen, zu lieben, oder zu scheuen. Schneller als durch das Anschauen „der sichtbaren Gestalt, konnte es nicht geschehen. Da dieses moͤglich war, warum sollten „wir laͤnger daran zweifeln, daß der Koͤrper nichts anders, als die sichtbar gemachte Seele, „der ganze sichtbare Mensch sey? Kann es einem verstaͤndigen Menschen zweifelhaft seyn, „daß die Natur durch die hoͤchstliebliche und einnehmende Gestalt, die der Kindheit eigen „ist, Wohlwollen gegen dieses huͤlf- und gunstbeduͤrftige Alter habe erwecken wollen? „Hat sie nicht so gar in die sichtbare Gestalt der Thiere etwas gelegt, das den Verstaͤndigen „vor ihnen warnet, oder sie suchen macht?“ „Aus der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. „Aus diesem allem (und mehr noch, das wir hier uͤbergehen, und das in andren Stel- „len unsrer Fragmente seinen Platz finden wird,) wird der Schluß gezogen: daß derjenige der „schoͤnste Mensch sey, dessen Gestalt den, in Ruͤcksicht auf seine ganze Bestimmung, vollkom- „mensten und besten Menschen ankuͤndiget.“ — Mich duͤnkt, diese Stelle ist ein angenehmer Ruheplatz fuͤr den Leser und fuͤr mich auf der Mitte eines Spazierwegs — wo schoͤne und haͤßliche Statuen abwechseln. P 3 Eilste IX. Fragment. 11. Zugabe. Von der Harmonie Eilfte Zugabe. Ueber einige Umrisse aus Wests Pylades und Orest. XII. Tafel. D as Original, wornach diese Umrisse getreu, jedoch etwas hart, durchgezeichnet sind, ist eins der schoͤnsten Stuͤcke, die ich kenne. Jch werde vielleicht noch an einem andern Orte davon reden, jetzt sag ich nur so viel, diese Koͤpfe alle sind eine neue Bestaͤtigung, unserer schon oft geaͤußerten Behauptung — Es ist Harmonie zwischen koͤrperlicher und moralischer Schoͤnheit. Zuerst denn die 4 weiblichen Koͤpfe. Wie herrlich der Kopf der Jphigenie, obgleich das große tiefe Gefuͤhl des herannahenden Menschenopfers gaͤnzlich darinne vermißt wird. Dieses truͤbfreundliche Auge, dieser freundlich athmend geoͤffnete Mund, kuͤndigt keiner Taube den Tod an, geschweige zweyen maͤnnlichen kraͤftigen Figuren, deren Gegenwart auf mehr als eine Weise maͤch- tig auf die weibliche Seele wirken sollte. Sie scheint eine Jungfrau zu seyn, die einer Braut oder einer jungen Frau Gluͤck wuͤnscht. Ein Grad des unbekannten geheimnißvollen Gefuͤhls ist vor- trefflich ausgedruͤckt, nur das Gefuͤhl der Juͤnglingeopfernden Priesterinn gewiß nicht. Von dem treuen Maͤgdesinn der vor ihr stehenden geschleierten ist nichts zu sagen, ihr Be- ruf fuͤhrt sie hierher, Seelenantheil an irgend einer That wird sie nie nehmen, aber auch niemand wird bey ihr verweilen, sie ist selbst hier nach dem Willen des Kuͤnstlers wegweisende Hand, die uns auf Jphigenien zuruͤckgehen heißt. Ausgeweinte Trauer ohne Trost, Hinstaunen auf den Ge- genstand seines Schmerzens, Theilnehmung, Hoffnung schweben auf dem Gesichte der naͤchsten hinter Jphigenien. Die hinterste Figur mit dem aufgebundenen Haarzopf hat viel Ausdruck, sie scheint zu sagen: Soll es denn seyn! — nein, es kann nicht seyn! Wie viel ist gewiß nun hier verlohren gegangen, da es Copie von Copie ist. Das mehr und weniger aller Linien, die wahren Ausdruck umfassen sollen, sind nur dem Genie desjenigen, der sie selbst hervorbringt, unterscheidbar. Sie wollen in einem Augenblick aus der Seele fließen und koͤnnen nicht nachgebildet werden. Hier sind die Nasen bey allen etwas zu fleischig und nicht delikat genug. Man vergleiche sie mit den Nasen der Meduse, der Minerva Aspasia auf Gemmen. Es ist wahr, auch die Haͤrte, womit die aͤußersten Umrisse derselben gezeichnet sind, ist mit Schuld, daß sie weniger schoͤn, und weniger edel sind. Bey solchen und andern Maͤngeln dieser Gesichter, wird man sie jedoch immer noch schoͤn genug finden, um sie nicht fuͤr lasterhaft erklaͤren zu duͤrfen. Es ist in denselben doch uͤberhaupt nichts Verzogenes, nichts durch den Geist der Jntrigue Verworrenes, keine der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. keine Spur irgend einer gewaltsamen zerstoͤrenden Leidenschaft. Sie sind nicht erhabene, nicht ent- schlossene Heldinnen, nicht einmal Maͤnninnen, aber edle, gute, jungfraͤuliche, unschuldvolle Seelen, nicht aus einem Himmel voll Jdealen herab, aber noch weniger aus dem Poͤbel heraufgeholt. Nun die maͤnnlichen Koͤpfe im untern Oval. Orest in der Mitte. Hier ist der Ausdruck selbstgelassener fester Wehmuth um einen Wink verfehlt. Aber auch so, noch immer edel, groß, und gut. Wie wahr das Ganze, die absinkende Lippe, das geneigte Haupt, die leise abwallenden Locken; und wie contrastirend dagegen der duldende Nacken des kraushaarigen, frischbaͤrtigen Freundes, dessen angedraͤngtes Kinn, geschlossener Mund, aufgezogenes Naslaͤppchen, alles, Festigkeit, Selbst- gelassenheit, ruhige Erwartung des Schicksals bezeichnet. Das Auge sagt zu wenig, wie war aber auch so ein Blick zu copieren? Der grimmige Soldat ist nichts mehr und weniger als eine akademische theatralische Flick- gestalt, doch ist Trutz und Haͤrte ganz gut ausgedruͤckt, ob mir gleich bey Erblickung eines sol- chen Kopfes immer ist, als wenn ich eine wohl ausgesprochene alltaͤgliche Sentenz laͤse. Zwoͤlfte IX. Fragment. 12. Zugabe. Von der Harmonie Zwoͤlfte Zugabe. Ueber die Adieux de Calas von Chodowiecki. Z uerst ein Wort uͤber den Kunstcharacter des Herrn Daniel Chodowiecki in Berlin. Dieser treffliche Kuͤnstler, dem ich so vieles zu danken habe, ist einer der treusten und aufmerksamsten Schuͤler der Natur. Seine Zeichnungen alle, schmeicheln sich durch ihre leichte athmende Na- tuͤrlichkeit jedem Auge ein. Unter so vielen bekannten Mahlern ist er beynahe der einzige, der nie blos akademische Figuren liefert; nie unhandelnde Repraͤsentanten handelnder Wesen! Bildsaͤulen in der Situation eines lebenden oder handelnden Wesens! Historische Stuͤcke, im Grunde nur eine Bildsaͤulengallerie, ein Cabinet von guten Statuen; beynah ist er der ein- zige, der fast allen seinen Figuren die volle ungehemmte Freyheit, die dem Leben eigen ist, einzuhauchen weiß. Jch halte die adieux de Calas von Chodowiecki, fuͤr eines der herrlichsten, natuͤrlich- sten, kraͤftigsten Stuͤcke, das ich in meinem Leben gesehen. Welche alles beherrschende Wahr- heit! welche Natuͤrlichkeit! welche Zusammensetzung! welche Festigkeit ohne Schaͤrfe! welche Zartheit ohne Kleinmeisterey! welche Bedeutung im Ganzen und in einzelnen Theilen! welcher Contrast in den Charactern, und welche Einheit und Harmonie im Ganzen! und immer und im- mer Wahrheit — und immer Natur, und solche Wahrheit, solche Natur, daß man sich nicht ei- nen Augenblick kann einfallen lassen, daß der Auftritt, daß die Zusammensetzung, irgend eine einzige Person, oder der geringste Umstand erdichtet sey — Nichts uͤbertrieben! alles Poesie, und nicht ein Schimmer von Poesie — Jhr vergeßt das Bild, und seht, und seht nicht: Jhr seyd da — im Gefaͤngniß der leidenden Unschuld! Jhr weint mit; ihr moͤchtet ihr um den Hals fallen: Jhr moͤchtet mit ihr, ihr moͤchtet fuͤr sie sterben! Aber unter allen Trefflichkeiten dieses trefflichen Stuͤckes ist doch nichts, wie der Greis, und die ohnmaͤchtig und sprachlos an ihn sich lehnende Tochter! Jch habe diese Parthey besonders copieren, vergroͤßern, und stechen lassen — um mit einigen meiner Leser — einige Augenblicke wehmuͤthiger Wollust zu theilen — Aber die Copie — hat zum Theil verloren! zum Theil gewonnen! Sehet sie, diese herzdurch- dringende Gruppe! Auch die Copie zeigt uns immer noch genug im Angesichte des Greises von der der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. der Redlichkeit und edlen Einfalt, von dem Gott umfassenden Vertrauen, das nur der Unschuld eigen seyn kann! Spricht noch staͤrker vielleicht, als das Original, von heiterer Ruhe der See- le, von vaͤterlicher Guͤte, der es unmoͤglich ist, — guter Gott! ich will nicht sagen, einen Sohn zu erwuͤrgen — unmoͤglich, ihn nicht mit eigenem Blute vom Tode zu retten! — — zeigt uns eine herzgute, empfindungsvolle, gerade, redliche Tochter und Schwester. Hast du jemals Betruͤb- niß, die schmachtet, die hart an Ohnmacht graͤnzt, doch nicht vollkommen Ohnmacht, je Betruͤb- niß, die lauter huͤlflose Liebe ist, gesehen, wie die auf den Vater sich lehnende trostlose Tochter — Augenbraunen, Augen, der offne Mund, die Lage des Gesichts, der Haͤnde — Alles, alles sagt, ruft: „Jch bin elender, als alle Menschen! Jst auch ein Schmerz, der meinem Schmerzen zu ver- „gleichen sey?“ — Aber — nun vergleiche mit diesem jammervollen schmachtenden Gesichte, des ehrwuͤrdigen Alten noch zehenmal redenderes Gesicht. Dort ist Weib — hier Mann; dort Toch- ter, hier Vater; Trost blickt noch aus dem muͤden, zerdruͤckten Herzen, herauf durch Aug' und Mund in das truͤbe, nicht mehr sehende Aug' der untroͤstbaren Tochter. Abgearbeitet, ausge- weint, — beynahe bis zur Gefuͤhllosigkeit durchjammert — ist das Gesicht. Aber noch tiefe Ruhe, unter Lasten von Leiden — „Jch fuͤrchte Gott, und weiß von keiner andern Furcht — Jch hebe meine „Augen in die Hoͤhe — woher mir Huͤlfe kommen wird! Meine Huͤlfe kommt vom Herrn, der den „Himmel und die Erde gemacht hat. — Laß die Fesseln mir loͤsen — achte das Geklirr — und das „Tod verkuͤndende Geraͤusch um uns her nicht! — Jch hoͤr' es nicht — ich bin unschuldig! — Du „weißts; Jch weiß es; Gott weiß es. — Sey stark! der staͤrkt mich, der mich kennt, und der mir „den bittersten Kelch mit der Linken reicht — reicht mit der Rechten mir unaussprechliche Kraft.“ Mir ist, ich lese dieses alles hell und klar auf dem huld- und unschuld- kraft- und lastvollen Gesichte des ehrlichen Alten. Jch sehe den Vater, der immer Vater war — ich sehe den Mann, dessen letz- tes Wort auf dem Rade seyn kann: „O Gott! vergieb meinen Richtern. Jch bin unschuldig.“ Den Mann, der es werth war, die schrecklichsten Leiden unschuldig zu tragen und fuͤr viele tausend kuͤnftig Unschuldige das Opfer zu werden; — ein Opfer — das uns, in jener Welt, herrlich ge- schmuͤckt entgegen kommen wird — in einer schoͤnern Gestalt, als kein Pinsel der Erde mahlen, kein Genius des Dichters beschreiben kann. Phys. Fragm. I. Versuch. Q Dreyzehnte IX. Fragment. 13. Zugabe. Von der Harmonie Dreyzehnte Zugabe. Thomas nach Raphael, von Pikart. XIV. Tafel. D aß alle alle Copeyen von Raphael verlieren; alle — geistloser, unedler, roher sind, als die Originale, wenn sie auch von den geschicktesten Meisterhaͤnden herruͤhren — ist a priori und posteriori unwidersprechlich darzuthun. Wer ein Original von ihm gesehen hat, wird die beste Copey kaum mehr ertraͤglich finden — und dennoch hat die schlechteste Copey von ihm groͤßten- theils noch große Vorzuͤge vor den besten Originalen. Seine Zeichnung und seine Expression — (vom Colorite, das erbaͤrmlich mißkennt, und so partheyisch herabgewuͤrdiget wird, nichts zu sagen) sind uͤber alle Nachahmung, und alle Be- schreibung erhaben. Mengs, der ihn wohl am richtigsten beurtheilen kann: Er: „der als ein „Phoͤnix gleichsam aus der Asche des ersten Raphaels erwecket worden, um die Welt in der „Kunst die Schoͤnheit zu lehren, und den hoͤchsten Flug menschlicher Kraͤfte in derselben zu er- „reichen“ Winkelm. Geschichte der Kunst I. Theil. IV. Cap. 184. — Mengs, wie richtig sagt er: — „ Raphael, wenn er anfieng auf die Figu- „ren insbesondere zu denken, so dachte er nicht, wie die andern, erstlich an die schoͤne Stellung, „und betrachtete hernach, ob die Figur zu der Geschichte taugen koͤnnte, sondern er dachte „gleich, wie sich die Seele des Menschen befinden wuͤrde, wenn er wirklich das fuͤhlte, was „die Geschichte erzaͤhlet, alsdann fieng Raphael an zu denken, wie der Mensch sich koͤnnte „vor dieser Regung befunden haben, und wie sich diese, worinnen er ihn vorgestellt, zeige, was „vor Glieder er zur Ausfuͤhrung seines Willens braucht — diesen gab er alsdann die meiste „Bewegung, die andern aber, welche dazu unnuͤtze waren, ließ er stille, daher koͤmmt es, daß „man in Raphael oft ganz gerade und fast einfaͤltige Stellungen siehet, die doch eben so schoͤn „an ihrem Orte, als die sehr ruͤhrenden in einem andern Stuͤcke sind, weil die einfaͤltige Gestalt „vielleicht eine Bedeutung hat, so den innern Menschen, naͤmlich die Seele angehet, und die „andre, stark geregte, eine geaͤußerte Regung vorstellen soll: auf diese Weise gedachte Raphael in „jedem Werke, in jeder Gruppe, Figur, Gliede, und Gliedes Gliede; bis auf die Haare und Ge- „waͤnder: Er zeigete in den Geschichten die innern Regungen; redet bey ihm jemand, so sieht man, „ob der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. „ob er mit Stille der Seele oder wallend und mit Zorn rede auch an dem Gesichte; der Denkende „zeiget, wie stark er denke; in allen Leidenschaften, so starke Bedeutungen haben, siehet man, ob es „der Anfang, Mittel oder Ende der Regung sey: Es waͤre allein ein Buch von der Bedeutung „ Raphaels zu schreiben.“ Mengs Gedanken uͤber die Schoͤnheit und uͤber den Geschmack in der Mahlerey. S. 62. 63. Wir werden noch oft Gelegenheit haben, das Urtheil zu bestaͤtigen. — Das Stuͤck, das wir vor uns haben, muß in der Copey schrecklich verloren haben; das heißt mit andern Worten: die Character unsrer Personen erscheinen uns um so viel schlechter, un- edler, niedriger, als die Umrisse groͤber, roher und tiefer unter der vermuthlichen unerreichbaren Simplicitaͤt des Originals sind. Unsre Copey ist nur von einer Copey, die sehr wahrscheinlich auch nur wieder Copey ist; und obgleich auch unser Original uͤberhaupt zaͤrter ist, als unsre Copey, so hat es dennoch viel zu viel Unbestimmtes, Rohes, Zweyfaches, Unfestes, — mithin mit dem Cha- racter Raphaelischer Zeichnungen hoͤchst contrastirendes, als daß man aus dieser auf jene vollkom- men sicher schließen koͤnnte. Bey allem dem zeigt sie uns noch genug großen Geist, und erhabene Wahrheit. Ein Stuͤck, das fuͤr das erhabenste Genie nicht erhabener seyn koͤnnte, ist Tho- mas und Christus — beym ersten Wiedersehn nach der Auferstehung! So manche Apostel — alle erhaben, und alle auf verschiedene Weise! Jeder ein großer Character! und dennoch je- der vom andern so verschieden wie Aug und Ohr! alle erhaben — und alle niedrig in der Ge- genwart des Erhabensten! — Welch ein unschaͤtzbares Stuͤck waͤre ein Gemaͤlde von dieser Sce- ne! — dann wuͤrde freylich das Gegenwaͤrtige bey allen seinen Vorzuͤgen — verschwinden. Die Schoͤnheit eines großen Characters hat vier verschiedene, aber wohlzusammenstim- mende Expreßionen — Die ganze Gestalt, den Umriß des Gesichtes, die Miene, die Stellung — das Laster wird durch alle diese Ausdruͤcke verlieren, durch alle diese Ausdruͤ- cke die Tugend gewinnen, und gerade in diesen vier Expreßionen und, was das Wichtigste ist, in der Zusammenstimmung, Harmonie, Homogeneitaͤt dieser verschiedenen Ausdruͤcke — ist Raphael ein großer Meister. Betracht einmal die ganzen Gestalten in unserm Stuͤcke! wie edel! laͤnglicht ohne Johann v. Leukens Hagerkeit; maͤnnlich ohne Glozens Gewaltsamkeit und Ueberspanntheit, oder Berninis Rauhigkeit — welche Proportion ohne Aengstlichkeit! welche Leichtigkeit ohne Unbestimmtheit! Welche Zaͤrte ohne Weichlichkeit! — und seiner Ge- Q 2 sichter IX. Fragment. 13. Zugabe. Von der Harmonie sichter Umriß — (den Zustand der Leidenschaft oder Gemuͤthsbewegung abstrahirt —) wie ist er auch noch im groͤbsten Nachriß — edel! wie einfach! wie ununterbrochen! wie sanft ab- weichend! wie ohne Catarrakte! wie ohne starke Falten, und dennoch nicht von fader leerer Flaͤche! Wie viele Groͤße liegt z. E. bloß in der Stirn des Heilandes! Jn der Nase — zu viel Menschlichkeit, die ich aber nicht auf Raphaels, sondern der Copisten Rechnung setzen will. Daß dieß Gesicht im Ganzen so schoͤn, so schoͤn besonders auch durch Bart und Haare, worinn Raphael so ein großer Meister, so ein trefflicher Zeichner, so ein tiefsehender Phy- siognomist war, daß dieß Gesichte, sag ich, bey aller dieser unlaͤugbaren Schoͤnheit, im Gan- zen dennoch zu alt scheine, ist nicht zu laͤugnen, und scheint der allgemeine Fehler aller Ra- phaelischen Christuskoͤpfe zu seyn. — Die Umrisse aller uͤbrigen Figuren, Gestalten, Gebaͤrd und Miene abgerechnet, haben so viel Edles, moralisch und physisch Gesundes, Offnes, Freyes, von Arglist und Schlauigkeit Reines, daß sich jeder nicht ganz seelenloser Mensch von ganzem Herzen Gluͤck wuͤnschen muͤßte, Mitglied einer solchen Gesellschaft zu seyn, oder derselben nur beyzuwohnen. Man vergleiche diese mit einer von den Hogartschen oder Rembrandschen; wer wird einen Augenblick anstehen, die Raphaelische vor diesen zu waͤhlen? — und — man ver- gesse dabey nicht die Mannichfaltigkeit dieser Umrisse, auch wenn man sie sich alle in demselben Zustande der Ruhe gedaͤchte, zu bemerken! Es ist in allen Kraft und Einfalt — und welche Mienen der Aufmerksamkeit, voll Zweifel und Glauben, voll Furcht und Hoffnung! voll Neugier und Ehrfurcht! Schrecken und Andacht! — und das alles so still, so geraͤuschlos, so in Eins zusammenfließend! Auch in dieser schlechten Copey — wie redend ist Thomas Miene! wie schamvoll, ehrfurchtsvoll, staunend — — und nun zuletzt noch ein Wort von der Stellung! wie expressif ist diese bey jedem — wie einfaͤltig — und wie verschieden! wie edel steht Christus! wie ist Bewegung und Ruhe allenthalben so gluͤcklich vereinigt! wie ist nirgends akademische Steifigkeit! wie durchaus Freyheit, und Freyheit voll Bedeutung! — Alle die schon be- merkte Gemuͤthszustaͤnde — wie richtig und bestimmt sind sie wiederum auch bloß in der Stellung ausgedruͤckt! — Obgleich nun, aller dieser unlaͤugbaren Trefflichkeiten ungeachtet, diese herrliche Scene, die schoͤnste vermuthlich, die jemals auf unserm Erdball vorgefallen seyn mag, nicht in allen vier ange- der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. angefuͤhrten Absichten die moͤglichste Vollkommenheit erreicht hat; so bleibt mir dennoch immer gewiß, daß Raphael die Harmonie koͤrperlicher und moralischer Schoͤnheiten mehr als keiner von allen mir bekannten Mahlern gefuͤhlt und studirt zu haben scheint. Vierzehnte Zugabe. Vier Portraͤte von Raphael. XV. Tafel. W ir haben Raphaelen schon so oft genannt, daß es nicht fremde scheinen wird, wenn wir nun auch ein paar Worte uͤber sein Gesichte sagen. „Seine Gemaͤlde sind wie sein Gesicht“ erinnere ich mich irgendwo gelesen zu haben; oder: „Es brauchte auch ein solch Gesicht, um so zu mahlen!“ welche Harmonie moralischer und koͤrperlicher Schoͤnheit! — Jch werde hier nicht Raphaelen commentiren. Die Folge wird uns noch ein weit besseres und herrlicheres Gesichte dieses großen Mannes vorlegen. Dann soll mehr von ihm gesagt werden. Alle diese vier Koͤpfe, wovon drey offenbar nach Einem Original copirt sind, druͤcken doch, bey aller ihrer Unvollkommenheit — die edle stille hohe Einfalt seines Geistes aus. Jene so seltne Einfalt, die durch keine Leerheit entnervt, durch kein geheimes Feuer verbrannt wird. Ruhe mit verborgner Kraft! Blick voll Licht und sanfter Waͤrme — voll tiefer Ueberlegung, die aber — nicht gelernt, nicht angewoͤhnt, die Natur und innere Kraft ist! Das erste scheint mir das schwaͤchste; staͤrker das zweyte; das dritte noch geistiger — und das vierte apostolisch erhaben zu seyn. Blick, Stellung, Nase, Mund und Haar — Besonders aber die Wendung der Augbraunenlinie gegen die Nase — zeigt mir das Erhabne. Waͤre dieser Kopf 4 besser gezeichnet und schattiert, wollt' ich mehr daruͤber sagen. Das linke Naßloch ist fatal. Dem Kinne und der Stirne fehlt viel zur Harmonie des Ganzen — aber, ich habe dennoch ach — unter den Sterblichen keinen solchen Kopf gefunden — so wenig ich irgend ein einziges Stuͤck gesehen, das seinen Arbeiten beykoͤmmt. Eine Figur von Raphael, eine Strophe von Klopstock, eine Arie von Pergolese — wenn ich mein Aug' und Ohr und Herz erheben und mit Wollust traͤnken will, was will ich mehr! — — Q 3 Funfzehnte IX. Fragment. 15. Zugabe. Von der Harmonie Funfzehnte Zugabe. Knipperdolling und Stortzenbecher. XVI. Tafel. U ebergewicht von Kraft — umgeben mit Schwachheit zeugt Boͤsewichter! — vergleiche diese Gesichter mit den vorhergehenden, und urtheile. Nicht umsonst — ward er mit Catilina verglichen, der gewaltreiche, uͤbermaͤchtige, eiserne Knipperdolling! Schau doch die Felsenseele in den stuͤrmenden Wellen des Gluͤckes und Ungluͤckes. Schau den zermalmenden Ernst — die Seele, geschaffen, zu richten, zu herrschen, und zu toͤdten! Und den Pendant, den Seeraͤuber, vergleiche Blick, Stirn, Nase, Bart — mit Knipperdolling — und laͤugne, kannst du — daß Physiognomie Wahrheit spreche, und daß Harmonie sey zwischen Geist und Koͤrper, Herz und Angesicht. Sechzehnte Zugabe. Judas und Compagnie nach Rembrand. XVII. Tafel. N ach dem Thomas von Raphaels Schoͤpfung, ist hoͤchst merkwuͤrdig zu sehn, wie Rembrand den gerad entgegengesetzten Vorwurf in seiner Laune behandelt hat. Auch dieses Blatt bestaͤtigt die Wahrheit: daß moralische Zerruͤttung, Zerruͤttung der Physiognomie ist. Wie lebhaft ist die- ses der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit. ses Stuͤck, und besonders die drey Hauptfiguren empfunden. Der voͤrderste gekruͤmmtstehende ist der Urheber und Ausfuͤhrer der ganzen That. Nicht widrig sind an ihm Mund und Auge, aber dieses Verhaͤltniß von Stirn und Nase, das tuͤckische Beugen, das durch die uͤberstrebenden Fal- ten noch vermehrt wird, bezeichnen ihn hinlaͤnglich. Er winkt dem gegen ihm uͤber Sitzenden die Hoffnung der wohl zu vollendenden That zu, der ihm mit innigfreudigem Blicke antwortet. Stirn und Nase dieses Sitzenden sind edel, aber in dem Auge liegt Tuͤcke und Kleinmuth, aus der Wan- ge laͤchelt niedrige Gefaͤlligkeit, und eine kindische Hoffnung schwebt auf der Unterlippe. Judas bemerkt nicht, daß diese beyde sich uͤber ihn beschaͤfftigen. Der Ausdruck der niedrigsten Haab- sucht ist seinem Gesichte eingepraͤgt. Vergangene Niedertraͤchtigkeit und zukuͤnftige macht ihm bange, und der Anblick des Geldes ist ihm nur ein Moment aͤngstlicher Erholung. Der mit der großen Muͤtze scheint mir allein unbedeutend. Der letzte steht in der schaͤndlichsten Selbstgenug- samkeit da, und scheint sich uͤber die Bettelgestalt des Judas innerlich aufzuhalten. Jn dem Auge welche Kleinheit der Seele, die eingedruͤckte Stirn halb Wahnsinn, die oben vorspringende Nase stumpfe Thierheit, und dann der Spott, die trutzige Schwaͤche, das Wohlbehagen, von dem Naßlaͤppchen bis zum Hals herab. Es ist eine der scheußlichsten und bedeutendsten Carrikaturen. Siebzehnte IX. Fragment. 17. Zugabe. Von der Harmonie Siebzehnte Zugabe. Ein Kopf nach Raphael. XVIII. Tafel. O ! du edler Schoͤpfer edler Gestalten, wie oft hast du schon mein Aug erquickt, und mein Herz erweitert und erhoben! — Du einziger unter Tausenden, dessen unsterbliche Werke meine Seele umfassen, als wenn ein unsichtbarer himmlischer Geist sich mir naͤherte, oder in die Ath- mosphaͤre meines Koͤrpers traͤte! — Wie lange kann mein Blick auf deinen Schoͤpfungen ru- hen — und wie oft wird er zuruͤckkehren, um neue Hoͤhen und Tiefen in dir zu entdecken! o du einziger! ‒ ‒ ‒ ‒ „Aber, wozu diese Schwaͤrmerey? Wir erwarten wissenschaftliche Belehrungen; kalte „Beobachtungen — nicht Deklamationen und Beredsamkeit“ — hoͤr ich Leser mir entgegen rufen; Leser, fuͤr die ich nicht geschrieben habe — doch — hoͤrt ein paar Worte — O wer sagt euch, daß ich deswegen, weil ich behaupte, daß Physiognomik Wissenschaft werden koͤnne, ein wissenschaftliches System liefern wolle? Laß mich, lieber Leser! reden, wie ich reden kann; das heißt: laß mich meine Seele, meine Gefuͤhle darlegen, wie jeder wahre Kuͤnstler, dessen Kunst Menschheit war — seinen Geist seinem Werk einschuf, — ohne sich um des Zuschauers hin- und herwallenden Geschmack zu bekuͤmmern! darlegen, wie der erhabne Raphael seine Goͤtter und Helden — O des er- baͤrmlichen Geschreibs, das nur der Leser, das Publikum, — der Recensent — dem Verfasser gleichsam anlarvte — das nicht aus seiner Seele floß, wie Licht aus der Sonne, — das uͤber Gute und Boͤse, Sehende und Blinde, Fuͤhlende und Gefuͤhllose sich ausgießt, .... und es sicherlich nicht achtet, und sich gleichfort ergießt, ob einige Bloͤdaͤugige sich beklagen — oder Lasterhafte uͤber das Saͤumen der Nacht zuͤrnen. Geh aus der Sonn an den Schatten, eil in die Winkel — wenn dir das Licht und die Waͤrme der Sonne unertraͤglich ist .... Wer umarmt nicht zuerst den uͤberraschenden Freund, ehe er ihn von oben bis unten besichtiget — und sich hinsetzt, ihn abzuzeichnen? O Leser! der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . O Leser! — glaub mir's, du wirst's erfahren und empfinden: ich vergesse dich am wenigsten, wenn ich dich am meisten zu vergessen scheine; und am Ende — wenn wir Rech- nung mit einander halten, wirst du finden — daß manche kalte Beobachtung dir uͤbrig bleibt, die ich dir allenfalls mit Waͤrme vorgetragen — denn wirklich, bruͤderlicher Leser, die Forderung waͤ- re doch unbillig — „Sey warm und sprich kalt“ — unbillig die Forderung. „Jch bin kalt, sey „du's auch.“ — Ein Goldstuͤck, das in meiner Hand warm worden ist, und in der deinigen kalt wird — bleibt immer dasselbe Goldstuͤck, und ich sehe nicht, mit welchem Recht du's ihm vorwer- fen koͤnntest — „Warum bist du waͤrmer in seiner, als in meiner Hand“ — Also sind wir nun ein fuͤr allemal hieruͤber einverstanden. Jch schreibe, wie ich denk' und empfinde, und du liesests, wie du's lesen kannst. — Und nun auf unsern Raphaelischen Kopf zuruͤck! Es ist kein Erhabener uͤber die Sphaͤre der Menschheit; aber es ist eine uͤberaus edle, freye, maͤnnliche große Seele, voll Gesundheit und Ruhe: durch keine versengende oder erschlappende Leidenschaft entstellt; voll Leben ohne Ueppigkeit; voll Klugheit, ohne flammende Einbildungskraft, vielleicht nicht Allmacht des Genies; — aber weit erhaben uͤber alle Dummheit und Niedertraͤch- tigkeit — Schon die Wendung ist keiner stuͤpiden oder kriechenden Seele natuͤrlicher Weise moͤglich. Keiner Falschheit faͤhig, — verachtet dieß edle Gesicht jede Verfuͤhrung zur Ungerechtigkeit. Es koͤnnte allenfalls ein Joseph seyn, der ohne Grimmasse affectirter oder in der Schule gelernter Froͤmmigkeit mehr daͤcht' als spraͤche: „Wie sollt ich ein solch Uebel thun, und wider Gott suͤndi- „gen?“ Solch einen Ernst ohne alle Verzerrung, solch eine offne Entschlossenheit gegen das La- ster; solch eine Kraft ohne Steifigkeit; solch eine Festigkeit mit dieser Schlankheit; — solch eine Freyheit mit dieser Herrschaft uͤber sich selbst; solch eine unbewoͤlkte Stirn; solch eine Einfachheit des Characters — O Gott! wie wuͤnsch ich mir diese umsonst! — Umsonst? Ja, ich soll mir vielleicht diese nicht wuͤnschen! — Soll nicht wuͤnschen, ein anderer zu werden, als ich bin; — nur das zu werden, was ich werden kann! Jch will keine andere Augen, als ich habe; keine andre Stirn; keinen andern Mund — Nur diese Stirn, diese Augen und diesen Mund durch die Weisheit und die Tugend, deren ich in diesen Gliedern faͤhig bin, so zu formen, so zu veredeln suchen, daß Gottes Ebenbild in mir nicht verkennt werde. Phys. Fragm. I. Versuch. R Achtzehnte IX. Fragment. 18. Zugabe. Von der Harmonie Achtzehnte Zugabe. Drey Carrikaturen . J ch sollte uͤber diese drey Carrikaturen nichts sagen. Sie sprechen fuͤr sich selbst. Verzogenheit, Verworrenheit — Bosheit, Falschheit und Schalkheit — koͤnnen wohl nicht sprechender auftre- ten, als hier. Was macht diese Gesichter haͤßlich? — Disharmonie! Schiefheit — Vielfachheit! — und was bewirkt dieses — Falschheit und Niedertraͤchtigkeit. Solche Gesichter schafft die Natur nicht; aber — Erziehung, Angewoͤhnung, Bey- spiele — Flammen auf den Zunder eines Herzens voll Stolz und Wollust! diese sind's, die das Angesicht des Menschen zu einer Satanslarve verkruͤmmen. — Wer da stehet, der sehe zu, daß er nicht falle — Sey nicht stolz, sondern fuͤrchte dich! der Mensch ist das Perfektibelste, und Korruptibelste aller Geschoͤpfe Gottes. Du kannst deine Gestalt durch Tugend zum Engel erhoͤhn, durch Laster zum Satan erniedrigen! So ein Gesicht, wie du vor dir siehst, ist Speise fuͤr die Raben; gebrandmarkt — dahingegeben in einen verkehrten Sinn — zu thun, was sich nicht geziemt — So ist kein Mensch auf Gottes Erdboden, der, so lang er noch beten kann, und betet, so aussehen kann! — Gottes Vergessenheit — du hast sie mit Tollheit trunken gemacht die Menschen, die so unmenschlich aussehen — Sie fahren hoch daher in alle ihrem Thun immerdar; Gottes Gerichte sind ferne von ihnen — Sie der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . Sie sind so stolz und zornig, daß sie nach niemand fragen. Jn allen ihren Ge- danken ist kein Gott. Meine Seele komme nicht in ihre Geheimnisse, und mein Geist tre- te nicht in ihren Rath — Schlangen und Ottergezuͤchte! wer will sie lehren dem kuͤnftigen Zorn entrinnen! R 2 Neunzehnte IX. Fragment. 19. Zugabe. Von der Harmonie Neunzehnte Zugabe . Acht Umrisse. D iese acht Umrisse sind unvollkommne Nachrisse von sogenannten Propheten, Aposteln, Heili- gen ꝛc. zu denen sich unten ein schwacher und ein verzerrter Kopf gesellt. Ganz eigentlich Loci communes, doch immer noch gut genug, um ein und die andre belehrende Anmerkung an die Hand zu geben. Die erste Anmerkung betrifft die Stirnen. Sie sind uͤberhaupt alle von sonderbarer Hoͤhe. Da die Stirne, nach der Natur des Menschen, und nach unzaͤhligen Beobachtungen, die jeder alle Augenblicke machen kann, das unverstellbarste, sicherste Monument, die Festung, die Residenz, die Graͤnze des menschlichen Geistes ist, so werd ich alle Gelegenheit ergreifen, einzelne, allgemeine und besondere Anmerkungen druͤber darzulegen. Jch kanns nicht genug wiederholen, daß ich nichts, in keinem Fache nichts Vollstaͤndi- ges liefern kann, daß uͤber jedes Glied ein Buch zu schreiben waͤre; daß diese Arbeit nur Neben- geschaͤfft fuͤr mich ist; daß ich also aus meinem kleinen Vorrathe von Beobachtungen hier oder da, wo es die Gelegenheit mit sich bringt, was hervorbringen werde. Uebrigens werd ich dem Leser durch ein ausfuͤhrliches Register leicht machen, alles zu finden, woran ihm irgend etwas gelegen seyn kann. Diese Stirnen sind also von besonderer Hoͤhe; — alle zeugen von Staͤrke; aber nicht alle sind edel. Die Stirne des ersten ist nichts Außerordentliches; Aug und Augenbraunen, nicht dumm, aber nicht edel; Haar und Bart ziemlich gut — Nase sehr gemein — die Entfernung der Unterlippe von der Nase und ihr Umriß sicherlich — unedel. — Die zweyte Stirne fuͤr Moses und den langen Bart ebenfalls zu alltaͤglich, wie denn uͤberhaupt dieß zweyte Gesicht sehr gemein, die Nase ohn allen großen Character, das Auge schlecht ist, und die Augbraunen erbaͤrmlich sind. Die der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . Die Stirne des dritten ist beynahe die Stirne eines großen Mannes; aber die Lage des Barts contrastirt sehr mit dem Eindruck, den diese Stirne macht. Die Stirne des vierten ist die Stirne eines wahrhaftig großen, aber nicht erhabnen Mannes, diese Hoͤhe, diesen Umriß und diese Lage der Stirne zusammen — (Dieß ist nun kalte Beobachtung,) wirst du selten bey einem gemeinen Menschen, der sich nicht sehr auszeich- net, antreffen. Aber der Untertheil des Gesichtes ist schlecht. Der fuͤnfte Kopf, das Aug' abgerechnet, ist eines Apostels nicht ganz unwuͤrdig. Stirne, Nase und Bart des sechsten zeigt mir einen Mann voll Klugheit, großer Kraft, und unbeweglicher Festigkeit. Der siebente ist schwaͤcher, als die andern alle, und eigensinnig ohne Schnellkraft, waͤr' auch des Geizes und der Niedertraͤchtigkeit faͤhig. Der achte ist ein Gemisch von Kraft und Schwaͤche, Niedertraͤchtigkeit und Rauhig- keit, die man aber nicht sehr zu fuͤrchten hat. — Zwanzigste Zugabe. Herkules zwischen der Tugend und Wollust nach Poussin. D ieß Stuͤck ist mit einigen Veraͤnderungen nach Strange's Kupferstich copirt. Der engere Raum unserer Blaͤtter machte eine naͤhere Zusammenruͤckung der Personen nothwendig; aus eben dieser Ursache mußten die einen Fuͤße der beyden weiblichen Figuren abgeschnitten werden. Auch will ich nicht wiederholen, was ich bey allen Copeyen besonders schoͤner Figuren zu sagen habe. Jch will das beurtheilen, was ich vor mir habe. Aufmerksame und nachdenkende Leser werden dadurch auf Bemerkungen gefuͤhrt werden, die weder in Absicht auf die Mahlerey und Zeich- nungskunst, noch in Absicht auf die Menschenkenntniß vollkommen gleichguͤltig seyn duͤrften. Bey diesem Auftritte, deucht es mir, waͤr's eines unsterblichen Meisters wuͤrdig gewe- sen — den Unterschied blos wolluͤstiger — und moralischer Schoͤnheit auffallend und contrasti- rend genug zu zeichnen; die Vortrefflichkeit der simpelsten Tugendschoͤne — vor aller Pracht bloßer Fleischlichkeit ins Licht zu setzen. Es ist in diesem Stuͤcke zum Theil geschehen — aber R 3 mich IX. Fragment. 20. Zugabe. Von der Harmonie mich duͤnkt, daß es weit besser haͤtte geschehen koͤnnen. Wir haben hier verschiedene Personen vor uns — die Tugend, die Wollust, Herkules, und Cupido. Kann man sich einen treffendern Kontrast, eine mahlerischere Gruppe wuͤnschen, als diese vier Personen? Laßt uns nun sehen, was unser Mahler geleistet hat, und was er haͤtte leisten koͤnnen, oder sollen? Herkules in der Mitte! Jn dieser Stellung, diesem Wuchs, dieser vollen, un- ermuͤdlichen, immer neuen maͤnnlichen Kraft — wahrhaftig eine treffliche Figur! Wie schick- lich haͤlt er die eine Hand aufm Ruͤcken, stuͤtzt sich mit der andern auf die Keule! welch einen gluͤcklichen Mittelzustand von Arbeit und Ruhe druͤckt diese ganze Figur aus. Welche Festig- keit ohne Anstrengung! Welche Kraft ohne drohende Furchtbarkeit! Die ganze Stellung ist eines Mannes, der sich nicht leichterdinge zu der großen Wahl entschließen, und des innern Leidens ungeachtet, lieber ausdauern, als sich uͤbereilen will. Wie viele Wuͤrde, Ausdruck und Vollkommenheit vereinigt sich in dem mit Lorbeern zu dem Gedanken kuͤnftiger edler Tha- ten eingeweihten Haupte, und in dem horchenden Vorhaͤngen desselben! Welche Klugheit, Staͤrke und Entschlossenheit sitzt auf der Stirne! wie sanft mischt sich Unschluͤßigkeit, Sehn- sucht, Furcht, Staunen unter die Aufmerksamkeit, die ihm die Tugend abzugewinnen scheint. Die Nase harmonirt mit der Stirne! Solche Stirnen: solche Nasen! — Jn dem ein wenig zu weit links gezogenen Munde allein erscheint ein Keim von Unzufriedenheit uͤber die unerbitt- lichen Forderungen der Tugend; solche Offenheit uͤbrigens ist des Horchenden, der zugleich uͤberlegt. Die Augen staunen den großen Jdeen nach, welche die Tugend in seiner Seele er- weckt hat! Aber ihr erloschener Glanz und besonders ihre starre unbestimmte Richtung zeigt den noch unvollendeten Kampf an. Er darf der Tugend niemals ins Gesicht sehen, um seinet und um ihret willen, bis ihr Sieg uͤber ihn vollkommen ist. Jndessen wendet er sich auch nicht ein- mal mit einer unruhigen Regung gegen die Nebenbuhlerinn: das kleinliche Kinn allein be- nimmt dem Gesichte von seiner Maͤnnlichkeit, und ließe etwas Guͤnstiges fuͤr die Wollust hoffen. Und, wie, mein Leser, gefaͤllt dir die Tugend zur Rechten des Helden? die edle von keiner Begierde beunruhigte junge Frau, vom schoͤnsten, nicht zu schlanken Ebenmaß: so anstaͤndig, und so simpel gekleidet in dem reinlichen Stoff des seligen Mittelstandes! So ohne allen Schmuck? Ohne der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . Ohne allen erborgten Reiz und Affektation? So sanft und doch so leicht fortgehend, so an den mit Dornen besaͤeten Felsen hinan, Himmel deutend? Es ist Schade, daß uns der Platz nicht gestattete, die ganze Figur, mithin auch den gan- zen halb aufgehobnen Fuß anzubringen. Man weiß, daß Poussin Raphaeln und die Alten mit Fleiß studirt, und sich besonders auch die Simplicitaͤt in den Gebaͤhrden und der Stellung seiner Figuren eigen zu machen gesucht. Winkelmann beklagt es mit Recht, daß die neuern Kuͤnstler, sonderlich Bildhauer, nach entgegengesetzten selbst entworfnen Regeln arbeiten. „Die- „se, sagt er, haben mit solchen Grundsaͤtzen, die Kunst zu verbessern in solcher guten Zuversicht „geglaubet, und haben sich eingebildet, daß dieselbe in der Aktion nicht zu ihrer voͤlligen Fein- „heit gelanget sey. Eben daher sind die Nachfolger des Raphaels von demselben abgegangen, „und die Einfalt, in welcher er die Alten nachgeahmt, ist eine marmorne Manier, das ist ein „steinernes todtes Wesen genannt worden — Einer der beruͤhmtesten itzo lebenden Mahler hat „in seinem Herkules zwischen der Tugend und zwischen der Wollust, welches Stuͤck vor Kur- „zem nach Rußland abgegangen ist, die Tugend in der Gestalt der Pallas nicht schoͤn zu ma- „chen geglaubet, ohne den rechten vorwaͤrts gesetzten Fuß auf den Zehen allein ruhen zu lassen, „als wenn sie eine Nuß zertreten wollte. Ein auf solche Weise erhobner Fuß wuͤrde bey den „Alten ein Zeichen des Stolzes, oder nach dem Petronius der Unverschaͤmtheit seyn; nach „dem Euripides war dieses der Stand der Bacchanten.“ Winkelm. von der Kunst der Griechen. IV. Cap. S. 62. Aber nun wieder auf unsere Tugend zuruͤck zu kommen; sollte sie mir ganz gefallen? — Sollte sie mich ganz, und blos durch sich selber einnehmen? Nein — dazu fehlt ihr noch viel. Der Muͤßigkeit der einen Hand nicht zu gedenken. Sie ist fuͤr die Tugend nicht schoͤn, bey weitem nicht schoͤn genug, und verglichen mit der gegenuͤberstehenden Wollust — wie wenig hat sie von dem allmaͤchtigen, uͤber sie triumphirenden Goͤtterblick? Jhr Profil, obgleich von dem Profile der Wollust etwas verschieden, ist dennoch von eben derselben Art, und im Grunde von demselben Character: sie ist blos die aͤltere verheirathete Schwester des maͤnnersuͤchtigen Maͤdchens. Jhr ganzes Gesicht ist vielleicht blos durch die Simplicitaͤt, durch das sichtbare Profil des Kinns und des Halses — durch das zuruͤckfliegende Haar gefaͤllig! Aber die Tu- gend IX. Fragment. 20. Zugabe. Von der Harmonie gend sollte nicht nur gefaͤllig seyn, sie sollte schoͤn, nicht nur simpel, sie sollte zugleich auch er- haben seyn. Action, Stellung, Haar u. s. f. sollten freylich ihre Schoͤnheit vermehren — aber nicht ihre ganze Schoͤnheit ausmachen. Sie soll ohne Action, soll in jeglicher Stellung, soll an sich in ihren Zuͤgen, ihrem Umrisse schoͤn seyn, und schoͤner als die reizendste Wollust, ob- gleich ihre Schoͤnheit weniger auffallen und mehr gesucht, mehr gefunden werden soll, als daß sie sich aufdringen duͤrfte; sie soll (wer die Meisterstuͤcke der alten Kunst im Urbilde gesehen hat, wird mich verstehen) gegen die Wollust das seyn, was Niobe gegen die Medicaͤische Venus ist. Und, was Winkelmann von andern Werken der Kunst sagt, wie viel mehr gilt's von der Tugend, und allegorischen Bildern derselben: „Es ist nicht genug, daß sie gefal- „len: sie muͤssen bestaͤndig gefallen.“ Das Bild der Tugend sollte gefallen, und immer mehr gefallen, was sag' ich gefallen? anziehen, umfassen, verschlingen, bezaubern, je mehr es angesehen wird. Und nun gerad umgekehrt. Es gefaͤllt anfangs nicht genug, und gefaͤllt immer weniger, je mehr es betrachtet wird. Es soll ein griechisches Profil seyn; mich duͤnkt's immer ein ziemlich gemeines. Die Schoͤnheit des Profils beruhet doch nicht auf dieser geraden Linie! beruhet auf der sanften Wellenlinie von Stirn und Nase, und auf der Proportion der- selben zum Untertheile des Gesichtes: und was hilft dieß alles, wenn die einzelnen Theile des Gesichtes beynahe unbedeutend und seelenlos sind? Die Stirne ist so gemein, wie moͤglich; die Augbraunen ist zu hoch uͤber dem Auge, zu unbestimmt, zu kurz; drey Fehler, deren jeder fuͤr sich einem Bilde Schoͤnheit und Character raubt; Character der Tugend! die Tugend, ( virtus, ἀρετη) was ist sie im Grund anders, als Kraft gegen Widerstand? Guͤte ohne Kraft, De- muth ohne Muth, Keuschheit ohne feine Empfindlichkeit wird nie Tugend seyn! Jhr Wesen ist Kraft gegen andre Kraft! Uebergewicht, Sieg nuͤtzlicher Kraft uͤber schaͤdliche. Man kann fromm seyn, man kann die zaͤrtlichsten Empfindungen haben, ohne deswegen im mindesten tu- gendhaft zu seyn. Es giebt immer zehen Fromme, und zwanzig Sentimentalisten ohne Tugend gegen Einen wirklich Tugendhaften. Tugend ist moralische Kraft gegen sinnliche; Festhalten un- sichtbarer Pflicht beym Reize sichtbarer Schaͤdlichkeiten. — Nun, um wieder einzulenken, wo druͤckt sich die Kraft eines Menschen so bestimmt und unverstellbar aus, als in den Augenbraunen? Wer diese in einem Gemaͤhlde oder einer Zeichnung vernachlaͤßigt, hat weder Auge, noch Beob- achtungs- der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . achtungsgeist. Es waͤre noch verschiedenes uͤber diese Augbraunen unsers Tugendbildes anzu- merken; da wir aber von diesem Stuͤcke des menschlichen Gesichtes bisher uͤberall noch nichts ge- sagt haben, so wuͤrden mehrere Anmerkungen noch nicht vorbereitet genug angebracht werden. Ueber das Auge selbst — wie vieles waͤr auch hier anzumerken? Warum muß es gerade so gestellt seyn, daß es ins Dunkle koͤmmt? Daß das Schoͤnste, die Seele des Gesich- tes — nicht mit dem ganzen Gesichte dem Herkules ans Herz spricht? Wie unbestimmt, wie kraftlos ist das obere Augenlied? es sollte wenigstens etwas weiter uͤber den Stern des Auges vorstehen. — Die Nase ist beynahe so gemein wie moͤglich. Die Spitze ist zu rund, zu sehr Sektion von einem Circul, um, zumal wenn sie von vornen gesehen wuͤrde, nicht etwas fade zu schei- nen. Diese Anmerkung wird in einem kuͤnftigen Fragment von den Nasen, woruͤber mancher Leser zum voraus sich satt lachen, nachher erstaunen mag, ihr Licht und ihre Bestaͤtigung finden. — Der Mund ist grob, und ohne alle sichre uͤberlegte Zeichnung, ohne alle Lieblichkeit, ohne alle Kraft der Beredung, ohne allen Ausdruck, den geuͤbte Geduld, unterdruͤckter Schmerz, Triumph uͤber sich selbst, oder durch mancherley Aufopferungen bewaͤhrte Guͤte, den Lippen einpraͤgen sollte. Auch das Kinn ist weder schoͤn noch expressif; und uͤberhaupt die ganze untere Haͤlfte des Kopfes fuͤr Temperanz zu wohlgenaͤhrt. Jch uͤbergehe das zu unbestimmte Ohr, und noch mehr — und wende mich zum Bilde der Wollust auf der andern Seiten unsers horchenden Helden. Jhre Kleidung, ihr Schmuck und ihre Stellung sind freylich weder so einfach und kunstlos, noch so anstaͤndig, wie der Tugend; die niedergekraͤußte Bake ist fuͤr den Juͤngling ausgehaͤngt. Das entbloͤßte Knie kontrastirt freylich mit der Schamhaftigkeit der gegenuͤberste- henden Tugend. Aber dennoch find ich verschiedenes an ihr auszusetzen. Sie scheint mir fuͤr das, was sie seyn soll, weder reizend noch intrigant genug. Auch denk ich, ihre Hand wuͤrde, verfuͤhrerischer, nachlaͤßig auf Herkules Schultern liegen. Jhre Augen sind schoͤn, und schoͤner, als das Auge der Tugend! Aber sie reden nicht mit Herkules: noch vielweniger bereden sie Phys. Fragm. I. Versuch. S ihn. IX. Fragment. 20. Zugabe. Von der Harmonie ihn. Kein offenbares zuruͤckgehaltenes Schmachten; kein Jnteresse zu gewinnen! Keine Ver- liebtheit in den nackten Helden! Beynah ein gedungenes und bezahltes Modell! Eine Akademie ohne Seele! ohne Schnellkraft, ohne Plan. Das ganze Profil koͤnnte kaum gemeiner und alltaͤglicher seyn. Auch schickt sich dieß Vorhaͤngen des Kopfes zu dem Character nicht, den diese Figur vorstellen soll. Jhr Gesicht lockt weder durch froͤhliche Heiterkeit, noch durch zu- ruͤcksinkende, oder zuruͤckstrebende Verliebtheit oder Schwaͤrmerey. Sie ist nicht fleischig ge- nug, um das Fleisch zu reizen, noch geistig genug, um den Geist zu verfuͤhren — Oder, (wenn wir noch dem Kuͤnstler das Wort reden wollen) nimmt etwa hier die Wollust mit ei- ner Coquetterie, die kaum ihres Gleichen hat, ploͤtzlich die Farbe, den Ton und die Gebaͤhr- den der Tugend an; welche in ihrem Siege uͤber den Helden augenscheinlich fortschreitet? Aber ein Mißtrauen in solchem Grade setzt wohl die eitele Schoͤnheit in ihre eigenthuͤmlichen gepruͤf- ten Reize nie! Und nun noch ein Wort von dem Cupido, der vor ihr steht und den Herkules mit Blumen gewinnen will. Der Knab ist in keiner Absicht sonderlich schoͤn. Am wenigsten schoͤn aber ist sein Gesicht. Jch seh auch gar nichts Reizendes drinn; nichts, das kraftvollen Be- zug auf die Verfuͤhrung des Helden haben koͤnnte! Wolluͤstig genug sieht freylich der Junge aus, und durch die Wollust merklich vergroͤbert! Diese Art von offenem Munde mag der schmachtenden Wollust eigen seyn; kein, auch nur ein wenig geuͤbtes Auge wird ihn edel fin- den. Die Nase ist so schlecht und so gut als sie seyn kann. Fuͤr den Ausdruck niedriger Wollust mag sie sich ganz gut schicken; aber schoͤn und reizend ist sie gewiß nicht. Das Aug ist das Beste — im Ganzen aber fehlt abermal das Liebkosende und Einschmeichelnde. Die empor gehaltene Rose zeigt mehr die Allegorienkenntniß, als das Genie des Kuͤnstlers an. Mit einer Blume kann man ein Kind auf einige Augenblicke locken; aber einem gesetzten Manne wie Herkules muß auch ein Kind durch andere Wege beykommen. Aus diesen wenigen Bemerkungen mags klar seyn, wie oft auch die besten Stuͤcke bey einiger genauern Untersuchung verlieren, und wie viel physiognomischer Character den beruͤhm- testen Meistern fehlt. Je mehr ich Natur und Kunst in dieser Absicht beobachte und vergleiche; desto mehr muß ich oft zu meinem aͤußersten Erstaunen davon uͤberzeugt werden, daß den groͤß- ten der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . ten Mahlern und Kupferstechern oft alle Theorie von dem menschlichen Gesichte, von dem Grund- character, und den Zufaͤlligkeiten eines Gesichtes fehlt. Man vergleicht sich immer mit andern; und nie oder selten, mit der Wahrheit und Natur. Man ist zufrieden, wenn mans weit bes- ser gemacht hat, als andre, und fraͤgt sich nicht genug: „Koͤnnt ichs nicht noch besser machen? „Hab ich mir die Sache, die Person, die Leidenschaft, die Kraft, die ich vorstellen will, ge- „nug vergegenwaͤrtigt? Kenn ich bestimmt und zuverlaͤßig die eigentlichen festen Kennzeichen „der Leidenschaft in Ruhe und in Bewegung? Such ich meinem Bilde nicht nur Gefaͤlligkeit, „sondern unsterblichen Reiz, Schoͤnheit, einzuhauchen?“ — Doch ich schreibe Fragmente — und dieß ist nur eine Zugabe zu einem Fragmente, und schon die zwanzigste. .... Ein und zwanzigste Zugabe. Ueber den vatikanischen Apoll . Ἐχει συγγενης Δ᾽ὀφϑαλμος ἀιδοιεσατον Γερας, τεᾳ τουτο μι- γνυμενον φρενι ΠϒΘ. V. Le Charactere auguste de tes Pensées Se peint dans la Majesté de tes regards. Chabanon. N ach allem, was schon uͤber diesen Apoll gesagt worden, kann vielleicht nichts mehr gesagt werden. — Jch citire ungern, was schon zehnmal citirt worden, was alle Kenner und Liebha- ber der Schoͤnheit schon oft gelesen und wieder citirt gefunden haben. Und dennoch kann ich nicht umhin, die beruͤhmte Stelle uͤber den Apoll, aus Winkelmanns Geschichte der Kunst hieher zu setzen. Sie kann doch nirgends so schicklich hingehoͤren, als in ein physiognomisches Werk. Vielleicht versuch ichs, einige Scherflein eigner Empfindung zuzulegen. S 2 „Die IX. Fragment. 21. Zugabe. Von der Harmonie „Die Statue des Apollo ist das hoͤchste Jdeal der Kunst unter allen Werken des Al- „terthums, welche der Zerstoͤrung derselben entgangen sind. Der Kuͤnstler derselben hat dieses „Werk gaͤnzlich auf das Jdeal gebaut, und er hat nur eben so viel von der Materie dazu ge- „nommen, als noͤthig war, seine Absicht auszufuͤhren und sichtbar zu machen. Dieser Apollo „uͤbertrifft alle andere Bilder desselben so weit, als der Apollo des Homerus den, welchen die „folgenden Dichter mahlen. Ueber die Menschheit erhaben ist sein Gewaͤchs, und sein Stand „zeuget von der ihn erfuͤllenden Groͤße. Ein ewiger Fruͤhling wie in dem gluͤcklichen Elysium „bekleidet die reizende Maͤnnlichkeit vollkommener Jahre mit gefaͤlliger Jugend, und spielet mit „sanften Zaͤrtlichkeiten auf dem stolzen Gebaͤude seiner Glieder. Gehe mit diesem Geist in das „Reich unkoͤrperlicher Schoͤnheiten, Winkelmannischer Enthusiasmus. Unkoͤrperli- che Schoͤnheiten! vielleicht eben so ein Unding, wie Geistlose Lebendigkeit. Weisheit, Tugend, Kraft, ist nirgends abstract, existirt nirgends, als in weisen, tugendhaften, maͤchtigen Substanzen! nirgends, als in sichtbaren, spuͤrbaren, vermittelst koͤrperlicher Werk- zeuge, wenigstens nicht ohne dieselben, erkennbaren Wesen. Wie viel weniger Schoͤnheit! und versuche, ein Schoͤpfer einer himmlischen Natur zu „werden, und den Geist mit Schoͤnheiten, die sich uͤber die Natur erheben, zu erfuͤllen. Denn „hier ist nichts Sterbliches, noch was die menschliche Duͤrftigkeit erfordert. Keine Adern „noch Sehnen erhitzen und regen diesen Koͤrper, sondern ein himmlischer Geist, der sich, wie „ein sanfter Strom ergossen, hat gleichsam die ganze Umschreibung dieser Figur erfuͤllet. Er „hat den Python, wider welchen er zuerst seinen Bogen gebraucht, verfolget, Hogarth ist nicht dieser Meynung. „Was „koͤnnte wohl, sagt er, den Gott des Tages sowohl „so stark, als auch so schoͤn characterisiren, daß es „in einer Bildsaͤule ausgedruͤckt werden koͤnnte, als „eine vorzuͤgliche Geschwindigkeit, und eine edle „Schoͤnheit? und wie poetisch bezeichnet nicht die „Handlung, in welcher er vorgestellet ist, wie er „naͤmlich fluͤchtig vorwaͤrts tritt und seinen Pfeil ab- „zuschießen scheinet, wenn anders der Pfeil die Son- „nenstralen bedeuten kann, die Geschwindigkeit. Diese „kann wenigstens eben sowohl vorausgesetzt werden, „als die gemeine Meynung, daß er den Drachen Py- „thon toͤdtet, welches sich gewiß sehr uͤbel zu so einer „aufgerichteten Stellung, und zu einem so guͤtigen „Ansehen schicket. — — Die von dieser Bildsaͤule „gegebenen Nachrichten machen es so sehr wahrschein- „lich, daß sie den großen Delphischen Apollo vorstel- „let, daß ich fuͤr meinen Theil nicht dran zweifle, daß „es so ist.“ Hogarths Zergliederung der Schoͤn- heit. S. 71. und sein „maͤchtiger Schritt hat ihn erreicht und erlegt. Von der Hoͤhe seiner Genugsamkeit geht sein „erhabner der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . „erhabner Blick, wie ins Unendliche, weit uͤber seinen Sieg hinaus. Verachtung sitzt auf „seinen Lippen, Dieß ist unwidersprechlich, wiewohl ich glaube, daß es besser ausgedruͤckt waͤre: „Verachtung schwebt „zwischen seinen Lippen.“ Die mittlere Linie, die aus der Lage und dem Verhaͤltniß bey den Lippen ent- steht, druͤckt, wie ich sicher bemerkt habe, hohe goͤtt- liche Verachtung aus. Mithin ist das Urtheil Ho- garths, der weder das Original gesehen hat, noch ei- nen Abguß gesehen zu haben scheint, nicht richtig. Es ist wahr: Verachtung ist nur zwischen den Lippen, wenn sie von vorne unter hochherabfallendem Lichte angesehen werden. Sonst ist im ganzen uͤbrigen Ge- sichte keine Spur von Verachtung, — weil dieß der Schoͤnheit wuͤrde geschadet haben, und dieser opferten die Alten alles auf. „Kein Ausdruck ist bey den Al- „ten so stark, daß er der Schoͤnheit schadet. Sie sind „uͤberhaupt nicht der Natur, sondern dem Jdeal ge- „folget. Alles, was einen besondern Menschen anzei- „get, wurde von ihnen verworfen.“ Sulzers allgem. Theorie der schoͤnen Kuͤnste. Art. Antik. und der Unmuth, welchen er in sich zieht, blaͤhet sich in den Nuͤssen seiner „Nase, und tritt bis in die stolze Stirn hinauf. Aber der Friede, welcher in einer seligen „Stille auf derselben schwebet, bleibt ungestoͤrt, und sein Aug' ist voll Suͤßigkeit, wie unter „den Musen, die ihn zu umarmen suchen. Jn allen uns uͤbrigen Bildern des Vaters der „Goͤtter, welche die Kunst verehret, naͤhert er sich nicht der Groͤße, in welcher er sich dem „Verstande des goͤttlichen Dichters offenbarte, wie hier in dem Gesichte des Sohnes, und die „einzelnen Schoͤnheiten der uͤbrigen Goͤtter treten hier, wie bey der Pandore, in Gemeinschaft „zusammen. Eine Stirn des Jupiters, die mit der Goͤttinn der Weisheit schwanger ist, und „Augenbraunen, die durch ihr Winken ihren Willen erklaͤren. Augen der Koͤniginn der Goͤt- „tinnen mit Großheit gewoͤlbet, und ein Mund, welcher denjenigen bildet, der dem geliebten „Bacchus die Wolluͤste einfloͤßet. Sein weiches Haar spielet, wie die harten und fluͤßigen „Schlingen edler Weinreben, gleichsam von einer sanften Luft bewegt, um dieses goͤttliche Haupt. „Es scheint gesalbet mit dem Oele der Goͤtter, und von den Grazien mit holder Pracht auf „seinen Scheitel gebunden. Jch vergesse alles andre uͤber dem Anblick dieses Wunderwerks der „Kunst, und ich nehme selbst einen erhabenern Stand an, um mit Wuͤrdigkeit anzuschauen. „Mit Verehrung scheint sich meine Brust zu erweitern, und zu erheben, wie diejenige, die ich, „wie vom Geiste der Weissagung aufgeschwellt sehe, und ich fuͤhle mich weggeruͤckt nach De- „los und in die Licischen Hayne, Orte, welche Apollo mit seiner Gegenwart beehrte; denn S 3 „mein IX. Fragment. 21. Zugabe. Von der Harmonie „mein Bild scheint Leben und Bewegung zu bekommen, wie des Pygmalions Schoͤnheit. „Wie ist es moͤglich, es zu mahlen und zu beschreiben? Die Kunst selbst muͤßte mir rathen, „und die Hand leiten, die ersten Zuͤge, welche ich hier entworfen habe, kraͤftig auszufuͤhren. „Jch lege den Begriff, welchen ich von diesem Bilde gegeben habe, zu dessen Fuͤßen, wie die „Kraͤnze derjenigen, die das Haupt der Gottheiten, welche sie kroͤnen wollten, nicht erreichen „konnten. Der Begriff eines Apollo auf der Jagd, welchen Herr Spence in dieser Statue „finden will, reimet sich nicht mit dem Ausdrucke des Gesichts.“ Jch habe diesen Kopf des Apollo zweymal nach dem Schatten und hernach vermittelst des Storchschnabels ins Kleine gezeichnet, und ich glaube dadurch etwas zur Bestaͤtigung des Winkelmannischen Gefuͤhls beytragen zu koͤnnen. Man kann sich wirklich an diesem bloßen Umrisse kaum satt sehen. — Man will was druͤber sagen, zittert — und was man sagt, ist uner- traͤglich. Aus allem diesem verworrenen Gedraͤnge kann indessen dieses heraus gehoben werden — Die Erhabenheit beruhet auf der Stirne — Auf dem Verhaͤltniß der Stirne zum ganzen Gesicht; Auf der Schiefheit der Stirne — Gegen den Untertheil des Gesichts betrachtet. Auf dem Fortgange der Stirn in die Nase — Auf dem nicht harten und nicht weichlichen Kinn, das sich so maͤnnlich hervorhebt — und auf dem Fortgange des Kinns zum Halse. Jch glaube, daß wenn der Umriß der Nase eine vollkommen gerade Linie waͤre, noch mehr edle Staͤrke, goͤttliche Staͤrke aus diesem Profile sprechen wuͤrde. Jede Conca- vitaͤt der Nase im Profilumriß ist immer Zeichen irgend einer Schwaͤche, wenigstens physischer. Convexitaͤt wuͤrde dem Adel, der jugendlichen Maͤnnlichkeit, der Erha- benheit schaden. Der untere Umriß der Nase, gegen die Oberlippe hat mehr Guͤte, als Groͤße. Wer die Muͤhe nehmen mag, diese zwey Profile zu vergleichen, der wird sich uͤberzeugen, daß die geringsten Zuͤge, die kaum merkbarste Kruͤmmung oder Biegung, die Physiognomie veraͤn- dern; — wie klein ist der Unterschied des Umrisses der obern und untern Nase — und dieser kleine Unterschied, wie sehr veraͤndert er den Eindruck! Wie klein der Unterschied des Umrisses von der moralischen und koͤrperlichen Schoͤnheit . von der Spitze der Nase bis zum Anfang der Oberlippe! und wie viel edler macht dieser ge- ringe Unterschied den obern Kopf, als den untern! Wie wenig betraͤgts, daß die Oberlippe und Unterlippe des obern innwendig runder ist, als des untern — und dennoch wie viel re- dender ist bloß durch diesen geringscheinenden Unterschied der obere als der untere? Wie viel plat- ter, fader ist blos durch diese kleine Verschiedenheit der Mund des untern, als des obern! — Wer dieß nicht sieht, dem kann ich nicht helfen! — „Wessen Geist, sagt Sulzer, nach oͤfterer „Betrachtung der besten Antiken, nicht in Entzuͤckung geraͤth; wer nicht in dem Sichtbaren „derselben unsichtbare Vollkommenheit fuͤhlt, der lege die Reisfeder weg; ihm hilft die Antike „nicht.“ — Und wer den Unterschied dieser beyden Koͤpfe nicht sieht; in diesem Unterschied kei- nen Unterschied des Characters fuͤhlt — der lege mein Buch weg! Meine Erklaͤrung hilft ihm nichts. Zehentes X. Fragment. Von den oft nur scheinbaren Zehentes Fragment . Von den oft nur scheinbaren Fehlschluͤssen des Physiognomisten. E ine der staͤrksten Einwendungen gegen die Zuverlaͤßigkeit der Physiognomik ist — die be- sten Physiognomisten urtheilen oft aͤußerst unrichtig. Es ist der Muͤhe werth, dieser Einwendung einige Anmerkungen entgegen zu setzen. Jch setze voraus, daß in derselben viel Wahres sey, aber ich werde versuchen, mit Wenigem zu zeigen, daß der Physiognomist sehr oft zu fehlen scheinen kann, und je besser er ist — scheinen muß — obgleich er sehr richtig urtheilt. „Zugegeben also — der Physiognomist fehlt sehr oft — das ist — seine unvollkom- „mene subjective Einsicht betruͤgt ihn, nicht aber die objective Physiognomie“ — Von den haͤu- figen Fehlschluͤssen und unrichtigen Urtheilen des Physiognomisten gegen die Zuverlaͤßigkeit der Physiognomik uͤberhaupt schließen, heißt behaupten: „Es giebt keine Vernunft, weil jeder „Vernuͤnftige oft unvernuͤnftig handelt.“ Aus einigen Fehlschluͤssen auch nur gegen die Einsicht des Physiognomisten schließen, heißt so schließen: „Der Mann hat einige Gedaͤchtnißfehler gemacht — folglich hat er kein „Gedaͤchtniß, oder doch gewiß ein schwaches?“ — Nicht so gewiß! Erst muͤßt ihr wissen, wie oft ihm sein Gedaͤchtniß getreu gewesen? und in welchem Verhaͤltnisse seine zehen Fehler gegen die Treffer sind, sonst koͤnnet ihr ihm groß Unrecht thun. Der Geizige giebt wohl auch zehnmal. Jst er darum schon großmuͤthig? fragt erst: „Wie vielmehr haͤtte er geben sollen „und koͤnnen, und hat nicht gegeben?“ „Der Tugendhafte kann sich wohl zehnmal uͤberei- „len — fragt erst, eh ihr ihn verurtheilt: Jn wie viel hundert Faͤllen hat er rechtschaffen „gehandelt?“ Wer oft spielt, wird freylich oͤfter verliehren, als der nie spielt. Wer gewohnt ist, auf dem Eise zu gehen, wird dennoch manchmal fallen, und dem ruhig von dem Gestade her Zu- sehenden Stoff zum Lachen genug geben. Wer vielen Armen Gutes thut, der wird leicht auch solchen Gutes thun, die man durchaus zur Classe der Unwuͤrdigen rechnen wird. — Freylich Fehlschluͤssen des Physiognomisten . Freylich giebt der keinem Unwuͤrdigen, der uͤberall Keinem giebt — und freylich kann der dann auch mit Grunde viel von seiner Klugheit sagen, die sich so leicht nicht betruͤgen laͤßt. Wer nie urtheilt, wird freylich auch niemals falsch urtheilen. Der Physiognomist urtheilt oͤfter als der, so die Physiognomik verlacht — und darum fehlt er auch oͤfter, als der, der gar kein phy- siognomisches Urtheil faͤllt. Wie der Geizige den Großmuͤthigen beurtheilt, so der Spoͤtter der Physiognomik den Physiognomisten. „Alle Wohlthaten des Großmuͤthigen, sagt der Geizige, sind uͤbel ange- „wandt“ — und der Antiphysiognomist — „alle Urtheile des Physiognomisten sind falsch.“ Und welches guͤnstige Urtheil des gutherzigen Physiognomisten kann nicht als falsch er- klaͤret werden? Es ist nicht ein einziger Mensch, so weise, so klug, so rechtschaffen, so großmuͤ- thig und erhaben er immer seyn mag, der nicht in sich die Wurzel aller moͤglichen Fehler und Unvollkommenheiten und Laster habe — oder mit andern Worten, — dessen edle Triebe, des- sen Faͤhigkeiten, dessen Anlage — nicht bisweilen ausgleiten, uͤberwachsen, oder auf eine un- rechte Weise angewandt werden koͤnnen. — Jhr sehet einen sanften Mann — der zehenmal schweigt, wenn er zehenmal zum Zorne gereizt wird, der vielleicht gar nie fuͤr sich, nie deswegen zuͤrnt, weil Er beleidigt wird — Der Physiognomist durchschaut sein ganzes edles starkes Herz — Er sagt euch auf den ersten Blick — „Die liebenswuͤrdigste die unuͤberwindlichste Sanftmuth“ — Jhr schweigt — oder lacht — oder geht hin und sagt: „Welch ein Physiognomist! Wie hab ich den Mann im „Zorne gesehen!“ Wenn hast du ihn im Zorne gesehen? Als man einen seiner Freunde miß- kannte? — „Ja! Er war außer sich, seinen Freund zu vertheidigen. — Beweises genug, daß die Physiognomik ein Traum, und der Physiognomist ein Traͤumer sey“ — Und wer hat denn Recht? und wer macht den Fehlschluß? — Der weiseste Mann kann etwa eine Thorheit sa- gen — Der Physiognomist achtet dessen nicht, weiß es und spricht mit Ehrfurcht; „Welch „ein außerordentlich kluger Mann!“ — Und ihr lacht uͤber ihn, denn ihr habt den Klugen eine Thorheit sagen gehoͤrt? — Wer macht den Fehlschluß? Der Physiognomist urtheilt nicht blos aus einzelnen, oft auch nicht einmal aus mehreren Handlungen — Er beurtheilt auch als Physiognomist — nicht die Handlungen, er beobachtet die Anlagen, den Character, die Phys. Fragm. I. Versuch. T Grund- X. Fragment. Von den oft nur scheinbaren Grundkraͤfte, die Hauptstaͤrke, denen sehr oft einzelne Zufaͤlligkeiten durchaus zu widerspre- chen scheinen. Ferner — Es ist kein Mensch so thoͤricht, keiner so lasterhaft, der nicht Anlagen des Verstandes — Anlagen, vielleicht zu allen und jeden Tugenden habe. — Erblickt das Voll- kommenheit suchende Auge des gutherzigen Physiognomisten etwas von diesen — und spricht's aus — spricht nur nicht entscheidend und unbedingt wider den — Menschen; — so ist er abermal das Gespoͤtte. — Und wie oft koͤnnen Anlagen zu Heldentugenden da seyn, Glut des Genius tief unter der Asche liegen! — und was braucht's, als auf die Asche zuzueilen, mit tiefer Ahndung hineinzuhauchen — „Hier ist Gluth“ — zu rufen, wo auf den ersten und zweyten und dritten und vierten Hauch vielleicht — dem Physiognomisten und Zuschauer — nur Asche in die Augen staͤubt - - - der Zuschauer geht weg und lacht — und erzaͤhlt und macht zu lachen! Der andere mag warten, und waͤrmt sich an der heraufgehauchten Flamme. — Tausend und tausendmal tausendmal sind die trefflichsten Anlagen (die Zukunft wird uns sagen, warum, wird uns sagen, „nicht umsonst“) auf die schrecklichste Weise uͤberwach- sen. Das gemeine ungeuͤbte Auge sieht nur Schutt und Verwuͤstung. Erziehung, Umstaͤnde, Beduͤrfnisse erstickten jedes Bestreben nach Vollkommenheit. Der Physiognomist sieht, schaut, steht — sieht und hoͤrt Widerspruch — hoͤrt tausend schreyende Menschenstimmen — Seht welch ein Mensch! — und eine Gottesstimme — Seht welch ein Mensch! und betet an, wo der andre laͤstert, und nie begreifen kann, und koͤnnt' ers, nicht will — daß da in der Gestalt, vor der man das Angesicht verbirgt — Schoͤnheit, Kraft, Weisheit, Guͤte — Gottes ist. Noch mehr, der Physiognomist, oder Menschenbeobachter, der Mensch — der Christ, das ist, ein weiser und guter Mensch ist, wird tausendmal wider sein eigenes physiognomisches Gefuͤhl handeln — Jch druͤcke mich unrecht aus; — Er scheint seinem innern Urtheil von ei- nem Menschen nicht gemaͤß zu handeln. Er richtet nicht, wie er urtheilt — Ein neuer Grund, warum der Physiognomist oft zu fehlen scheint, warum der wahre Beobachter, die Beob- achtung und die Wahrheit, so oft in ihm miskennt, oder verlacht wird. Er sieht den Boͤse- wicht in dem Angesichte des Armen, der vor seine Thuͤre koͤmmt, und weiset ihn nicht ab, re- det Fehlschluͤssen des Physiognomisten . det herzlich mit ihm, blickt ihm tief in seine Seele und — sieht — Gott was sieht er? — Abgruͤnde von Lastern und Zerruͤttung ohne Maas — Aber sieht er nur dieß in ihm? Nichts Gutes? — Gesetzt! Nichts Gutes, so sieht er doch Thon, der zum Toͤpfer nicht sagen darf, und kann: „Warum hast du mich also gemacht?“ Sieht's, betet an und wendet sein Ange- sicht, und verbirgt eine Zaͤhre, die — unaussprechlich viel — nicht Menschen, dir Gott allein sagt — und giebt ihm mit bruͤderlicher Hand — nicht nur um seines, durch ihn ungluͤcklichen Weibes, nicht nur um seiner huͤlflosen, unschuldigen Kinder — um seiner selbst willen — um des Gottes Willen, der alles und auch den Gottlosen gemacht hat zu seines Nahmens Ehre — giebt, um vielleicht noch einen Funken, den er wahrnimmt, anzuflammen, was sein Herz ihn geben heißt — Nun der Unwuͤrdige misbraucht die Gabe — oder misbraucht sie nicht — Gleich viel! Wem er's sagt, sagt wieder: „Wie sich der gute Mann abermal betruͤgen „ließ!“ Der Mensch ist nicht Richter der Menschen! O wie weis das der Physiogno- mist, der Mensch ist! — Der maͤchtigste Mensch, der Herr der Menschen, war nicht in der Welt zu richten, sondern selig zu machen. — Nicht sahe Er die Laster der Lasterhaften nicht; nicht verhehlte Er sie sich oder andern, wo es Menschenliebe war, sie zu beobachten, und aufzudecken; — aber Er richtete nicht, strafte nicht, vergab: — Gehe hin! Suͤndige kuͤnftig nicht mehr! — Nimmt auch einen Judas auf, behaͤlt ihn, umarmt ihn, Jhn, in dem er lange vorher seinen Verraͤther erblickte! Gute Menschen sehen auf den besten — Jch will dein Auge nicht Christus, wenn du mir dein Herz nicht giebst. Weisheit ohne Guͤte ist Thorheit. Jch will gerecht urthei- len und guͤtig handeln. — Noch ein Fall. Ein verrufener Mann, eine luͤderliche Dirne, dieweil sie zehnmal unrecht hatten, da sie recht zu haben vorgaben, auch das eilftemal verfaͤllt werden, wann sie Recht haben, — wenden sich an den Menschenbeobachter. Er macht alle Versuche und findet sie diesmal unschuldig, gegen alle Stimmen der Menge, gegen alle Wahr- scheinlichkeit unschuldig. Die Klugheit sagt ihm laut, daß er ausgezischt werde, wenn er nur mer- ken lasse, daß er in diesem Falle Unschuld vermuthe — Aber nicht weniger laut sagt ihm sein Herz — „Rede! Zeuge fuͤr die diesmalige Unschuld der Allerverworfensten“ — Er laͤßt ein Wort fal- T 2 len X. Fragment. Von den oft nur scheinbaren len und tausend Zungen zischen ihm entgegen — „Dieß Urtheil haͤtte dem Physiognomisten nicht „entfahren sollen;“ abermal, wer macht da den Fehlschluß? — Dieß sind einige Winke fuͤr die Verstaͤndigen — so behutsam uͤber den Physiognomisten zu urtheilen, als sie wuͤnschen, daß er uͤber andere, uͤber sie selbst urtheilen moͤge. Zugabe . M it physiognomischen Gefuͤhlen und Urtheilen geht es wie mit allen Gefuͤhlen und Urtheilen. Wenn man Misverstand verhuͤten, keinen Widerspruch dulden wollte, muͤßte man damit sich gar nicht an Laden legen. Keinem Menschen kann die Allgemeinheit zugestanden werden, sie wird keinem zugestan- den. Das, was ein Theil Menschen als goͤttlich, herrlich, uͤberschwaͤnglich anbeten, wird von andern als kalt, als abgeschmackt verworfen. Nicht aber, daß ich dadurch wieder in die alte Nacht mich schlafen legen, und so eindaͤmmernd hinlallen wollte: also haͤlt einer das vor schoͤn und gut, der andere das; also ist alles unbestimmt, also packt ein mit eurer Physiognomik. Nicht so! Wie die Sachen eine Physiognomie haben, so haben auch die Urtheile die ihrige, und eben daß die Urtheile verschieden sind, beweist noch nicht, daß ein Ding bald so, bald so ist. Nehmen wir zum Beyspiel ein Buch, das die Freuden und das Elend der Liebe mit den lebhaftesten Farben schildert. Alle junge Leute fallen druͤber her, erheben, verzehren, verschlingen es; und ein Alter, dem's unter die Haͤnde kommt, macht's gelassen oder unwillig zu, und sagt: „Das verliebte Zeug! Leider, „daß es in der Welt so ist, was braucht man's noch zu schreiben?“ Lassen Sie nun von jeder Seite einen Kaͤmpfer auftreten! Der eine wird beweisen, daß das Buch vortrefflich ist, der andere, daß es elend ist! Und welcher hat Recht? Wer soll's ent- scheiden? Niemand, denn der Physiognomist. Der tritt dazwischen und sagt: begebt euch zur Ruh, euer ganzer Streit naͤhrt sich mit den Worten fuͤrtrefflich und elend. Das Buch ist we- der fuͤrtrefflich noch elend. Es hat nur deine ganze Gestalt, guter Juͤngling, es enthaͤlt alles, was sie bezeichnet: diese bluͤhende Wange, diesen hoffenden Blick, diese vordringende Stirn; und weil dir's gleich sieht, weil es vor dir steht, wie du vor dir selbst oder deinem Spiegel, so nennst du's deines Gleichen, oder welches eins ist, deinen Freund, oder welches eins ist, fuͤrtrefflich. Du Alter Fehlschluͤssen des Physiognomisten . Alter hingegen wuͤrdest ein Gleiches thun, wenn diese Blaͤtter so viel Erfahrung, Klugheit, prakti- schen Sinn enthielten. Sind Sie nun wohl uͤberzeugt, daß, wie das Buch seine Physiognomie hatte, also haben auch die Urtheile die ihrige, und daß hier nur durch den dritten Ruhigen jedem sein Platz angewie- sen werden konnte. Nun aber ist der Dritte immer ruhig? Neigt er sich nicht auch oft nach seines Gleichen? Gut! dafuͤr ist auch er Mensch, und darum geben wir hier nur Beytraͤge, nur Fragmente, die auch ihre Physiognomie haben, und wenn die, so daruͤber urtheilen werden, sich auch treu bleiben; so wird jedes Urtheil ein Beytrag zu unsern Fragmenten seyn. Alles wirkt verhaͤltnißmaͤßig in der Welt, das werden wir noch oft zu wiederholen haben. Das allgemeine Verhaͤltniß erkennet nur Gott; deswegen alles menschliche, philosophische und so auch physiognomische Sinnen und Trachten am Ende auf ein bloßes Stottern hinauslauft. Und wenn zugestanden ist: daß in der Dinge Reihe viel mislingt, warum sollte man von einer Reihe dargestellter Beobachtungen viel harmonische Consistenz erwarten? T 3 Eilftes XI. Fragment. Von einigen Schwierigkeiten Eilftes Fragment . Von einigen Schwierigkeiten bey der Physiognomik. D ieß Fragment sollte wohl das weitlaͤuftigste in meinem ganzen Werke, und dessen ungeachtet wirds eines der kuͤrzesten seyn. Kein ganzer Band, auch nicht der staͤrkste, wuͤrde hinrei- chend seyn, alle die unzaͤhlichen Schwierigkeiten, womit die Pysiognomik umgeben ist, darzustellen und zu entwickeln. Alle die Einwendungen, die man dagegen macht (und man macht gewiß nicht alle, die ge- macht werden koͤnnten) sind, wenn sie auch noch so wenig Grund haben — und wie viele sind doch wirklich gegruͤndet? immer wenigstens ein Beweis von dem allgemeinen Gefuͤhle der Schwierig- keit, womit diese Kenntniß und Erforschung der Natur umgeben zu seyn scheint. Jch glaube nicht, daß alle Gegner der Physiognomik so viele Schwierigkeiten aufhaͤufen koͤnnen, als ein philosophischer Physiognomiste bald genug erfahren wird. Tausendmal bin ich durch die Menge und Mannichfaltigkeit derselben bestuͤrzt, und von allen weitern Erforschungen bey- nahe zuruͤckgeschreckt worden. Aber allemal ward ich durch das Gewisse, Feste, Zuverlaͤßige, das ich einmal gesammelt hatte, und das durch tausend Erfahrungen bestaͤtigt, und durch keine einzige Erfahrung umgestoßen ward, so weit aufgerichtet und gestaͤrkt, daß ich wieder Muth faßte, mich durch einen Theil der Schwierigkeiten durchzuschlagen, und wo ich mich nicht durchschlagen konn- te, dieselben ruhig auf der Seite zu lassen, bis mir etwa ein Licht aufgehen, oder sich ein Verei- nigungspunkt so mancher scheinbarer Widerspruͤche zeigen moͤchte. Es ist uͤberhaupt so eine eigne Sache mit den Schwierigkeiten! Eine eigne Gabe — bey allen, auch den leichtesten und flaͤchsten Sachen Schwierigkeiten ohne Zahl und Schranken — zu sehen, zu erschaffen, oder zu erdichten! Jch koͤnnte eine Menge Gesichter nach einander vorfuͤhren, die diese Gabe in einem ausnehmenden Grade besitzen. Sie haben einen ganz eignen, ganz be- stimmten Character. Uebrigens sind sie ganz treffliche Leute! Salz aller Gesellschaften — aber nicht Speise! — Jch bewundere ihre Talente; aber verbaͤte mir ihre Freundschaft, wenns je moͤglich bey der Physiognomik . moͤglich waͤre, daß sie mich um die meinige bitten koͤnnten — Man verzeihe diese kleine Ausschwei- fung. Jch kehre zu den Schwierigkeiten zuruͤck, womit die Physiognomik umgeben ist. Und bey aller Unzaͤhlbarkeit derselben, kann ich dennoch kurz seyn, weil ich hier nicht die Einwendungen, die man gegen die Physiognomik macht, anzufuͤhren gedenke. Nach und nach werden die wichtig- sten derselben ihre Stelle und ihre Beantwortung in diesem Werke finden. Jch kann kurz seyn, weil kaum ein Fragment dieses Werkes wird geliefert werden koͤnnen, wobey Verfasser und Leser nicht Gelegenheit haben werden, Schwierigkeiten wahrzunehmen. Jch kann kurz seyn, weil das Fragment von dem Character des Physiognomisten, das bald folget, noch an manches erinnern wird; kurz seyn endlich, weil die meisten Schwierigkeiten groͤßtentheils auf Einem Punkte beruhen — Auf der unbeschreiblichen Feinheit unzaͤhlbarer Zuͤge und Character — oder, auf der Unmoͤglichkeit, gewisse Empfindungen und Beobachtungen festzuhalten, auszudruͤcken, zu analysiren. Gewissers kann wohl nichts seyn, als dieß; daß die kleinsten, tausend ungeuͤbten Augen kaum merkbaren, Verschiedenheiten oft den verschiedensten Character anzeigen. Man wird dieß fast bey jeglichem Blatte in der Folge dieses Werkes zu bemerken Gelegenheit haben. Eine kleine Biegung oder Schaͤrfe, eine Verlaͤngerung oder Verkuͤrzung, oft auch nur um die Breite eines Fadens, eines Haares; die mindeste Verruͤckung oder Schiefheit — wie merklich kann dadurch ein Gesicht, der Ausdruck eines Characters, veraͤndert werden! Wer sich selbst auf der Stelle hievon uͤberzeugen will, darf nur dasselbe Gesicht, vier oder sechsmal mit aller moͤglichen Genauigkeit nach dem Schatten zeichnen, und diese Silhouettes, wenn sie ebenfalls mit aller moͤglichen Geschick- lichkeit ins Kleine gebracht sind, unter sich vergleichen. Wie schwer also, wie unmoͤglich wird, durch diese unausweichliche Verschiedenheit dessel- ben Gesichtes, bey der sichersten Nachahmungskunst, die Praͤcision? und wie wichtig ist, um eben angefuͤhrter Ursachen willen, diese Praͤcision bey der Physiognomik? O so oft kann der Sitz des Characters so versteckt, so verborgen und verwickelt seyn, daß ihr ihn nur in gewissen, vielleicht seltenen, Lagen des Gesichtes bemerken koͤnnet, und daß diese Be- merk- XI. Fragment. Von einigen Schwierigkeiten merkbarkeit wieder verschwindet, ehe sie den gehoͤrigen Eindruck auf euch gemacht hat; und, wenn auch dieß geschehen ist, so kann dieser Zug so schwer zu fassen, und ganz unmoͤglich mit dem Pinsel, geschweige mit dem Grabstichel und mit Worten, auszudruͤcken seyn. Dieß kann oft so gar mit den bleibendsten und gewissermaßen entscheidendsten und zuver- laͤßigsten Merkmalen geschehen. Unzaͤhlige dieser Art, lassen sich weder beschreiben, noch nachma- chen, und sehr viele nicht einmal mit der Einbildungskraft sich festhalten. Jhr fuͤhlet sie mehr, als daß ihr sie sehet. Den sanfterleuchtenden, den waͤrmenden Lichtstral, wer will ihn beschrei- ben? wer zeichnen? — Wer sieht ihn nur? und wer, wer kann z. E. den Blick der Liebe — das sanfte Zittern des wohlwollenden segnenden Auges, wer das Licht oder die Daͤmmerung der Sehnsucht und Hoffnung, wer die feinen Zuͤge der uneigennuͤtzigen, ruhigen Zaͤrtlichkeit, wer das innige, maͤchtige, in Demuth und Sanftmuth gehuͤllte Dringen des Geistes, um sich her Gutes zu wirken, des Elendes weniger, und der Freuden in der Welt und Nachwelt mehr zu machen; wer — alle die geheimen in einen Blick zusammenfließenden Triebe und Kraͤfte eines Vertheidigers, oder eines Feindes der Wahrheit; eines rettenden Menschenfreundes oder eines schlauen Antipatrioten, wer — den auf und niederschauenden, maͤchtigumfassenden, tief- dringenden Blitzblick des Genies, der weit und schnell um sich her erhellt, blendet, zittern macht, und tiefe Nacht hinter sich zuruͤcklaͤßt, wer kann dieses alles beschreiben oder zeichnen? — Wer Feuer mit der Kohle, Licht mit Bleystift, mit Erde und Oel Leben, darstellen? Es ist mit der Physiognomie, wie mit allen Gegenstaͤnden des menschlichen Geschma- ckes, vom crassesten an bis auf den geistigsten; vom Speisegeschmack bis zum Geschmack an der goͤttlichsten Wahrheit! Man kann empfinden, aber nicht ausdruͤcken — Das Wesen jedes organischen Koͤrpers ist an sich selbst unsichtbare Kraft! Das ist Geist! Ohne dieß unerforschliche Belebende ist alles todt und ohne Bedeutung, Kraft, Einwirkung. Und den Geist siehet die Welt nicht und kennet ihn nicht. O wie wahr ist dieß, wie's nun immer kalt oder warm, in Paragraphen oder Deklamationen ausgedruͤckt werden mag, wie wahr ist dieß, vom erhaben- sten goͤttlichen Geist an in der Person, den Juͤngern und dem Evangelio, unsers großen Herrn bis auf den Geist des gemeinsten Objectes: die Welt siehet Jhn nicht, und kennet Jhn nicht. Es ist dieß der allgemeinste Satz, der ausgesprochen werden kann. Der große Haufe der bey der Physiognomik . der Menschen weidet und saͤttiget sich unaufhoͤrlich an Worten ohne Sinn, Aeußerlichkeiten oh- ne Kraft, Koͤrper ohne Geist, Gestalt und Form ohne beseelendes Wesen — (das Eigentliche der Abgoͤtterey, so wie das Eigentliche der Schwaͤrmerey Verliebtheit in Geistigkeit ohne Koͤrper ist.) — und doch ists wiederum der allgemeinst wahre Satz, der von allen Buch- staͤblern, die sich niemals zum großen allgemeinen Sinne goͤttlicher Reden erheben koͤnnen, so sehr uͤbersehen und blos auf einen oder zween gelegentliche Faͤlle eingeschraͤnkt wird, und der doch Schluͤssel der ganzen Natur und Offenbarung, Seele alles Wissens, Geheimniß aller Geheimnisse, Offenbarung aller Offenbarungen ist — der Geist ists, der da lebendig macht; das Fleisch ist gar nichts nuͤtze. Und wenn nun hiemit, (und wer will's, wer kanns laͤugnen?) wenn nun alles Fleisch blos durch den Geist, der in ihm ist, Werth hat; wenn ders ist, der Geist, den allein der Physiognomist sucht, kennen, erforschen, empfinden, offenbaren, beschreiben will; — wie schwer muß es ihm werden, das Feinste, Beste, Geistigste, in Bild und Wort zu fassen, zumal in Bild und Wort fuͤr Leute, die oft ohne Aug und Ohr vor uns stehen! Jn Bild und Wort, die doch im Grunde wieder anders nichts sind, als groͤber Fleisch und Geist? Was ich hier sage, duͤrfte wenigen Lesern ganz verstaͤndlich und einleuchtend seyn; die wenigen aber, die's ganz begreifen werden, duͤrften hiebey vieles zu denken finden. Doch wir lenken wieder ein. Wie viel tausend kleinere und groͤßere, physische oder moralische, Zufaͤlle, geheime Begegnisse, Alterationen, Leidenschaften, wie oft auch nur Kleidung, Lage, Verhaͤltniß gegen Licht und Schatten, Unbehaglichkeiten von unzaͤhliger Art, koͤnnen Euch ein Gesicht so unrichtig zeigen, oder besser zu sagen, koͤnnen Euch verfuͤhren, uͤber die wahre Beschaffenheit dieses Gesichtes und seines Characters ein falsches Urtheil zu faͤllen; koͤnnen Euch, o wie leicht! verleiten, das Wesentliche des Characters zu uͤbersehen, und etwas blos Zufaͤlliges zum Haupt- grunde Eurer Beurtheilung zu machen? Phys. Fragm. I. Versuch. U „Der XI. Fragment. Von einigen Schwierigkeiten „Der weiseste Mann sieht gerade so aus, wie ein Dummkopf, wenn er Langeweile „hat.“ — sagt Zimmermann, und er mag recht haben, wenn er sein Augenmerk blos auf die actuelle Lage der beweglichen und muskuloͤsen Theile seines Angesichts richtet — Und wie erstaunlich koͤnnen, um aus hundert Beyspielen ein sehr gemeines anzufuͤh- ren, die Blattern ein Gesicht vielleicht auf Lebenslang verunstalten? wie die feinsten, entschei- dendsten Zuͤge verziehen, verwickeln und unkenntlich machen? Von den Schwierigkeiten, womit die feine Verstellungskunst den geuͤbtesten Beobach- ter umringt, will ich nichts sagen; ein besonders Fragment wird vielleicht ein Woͤrtchen da- von melden. Aber, noch eins darf nicht verschwiegen werden. Der beste, der staͤrkste, der philosophischste Physiognomist ist immer Mensch; das heißt hier nicht nur uͤberhaupt: er fehlt, und kann nicht anders, als fehlen; sondern, es heißt: Es ist ein partheyischer Mensch, und er sollte unpartheyisch, wie Gott seyn? Er kann sich, wie selten erwehren, alles, was er ansieht, in einer gewissen Beziehung auf sich selbst, seine Lieblingsneigung, oder Abneigung anzusehen, und zu beurtheilen. Dunkle Erinnerungen an dieß oder jenes Vergnuͤgen oder Mißvergnuͤgen, welche diese oder jene Phy- siognomie durch diese oder jene Nebenumstaͤnde und Zufaͤlligkeiten in seinem Gemuͤthe erweckt; Eindruͤcke, die ein Gegenstand seiner Liebe oder seines Hasses in seiner Einbildungskraft zuruͤck- gelassen haben mag — wie leicht koͤnnen diese, wie nothwendig muͤssen diese auf seine Beob- achtungen und Urtheile Einfluß haben! Und wie viele Schwierigkeiten muͤssen daher fuͤr die Physiognomik erwachsen — so lange die Physiognomik von Menschen, und nicht von Engeln gelehrt wird! Also wollen wir hier dem Zweifler an der Physiognomik so viel zugeben, als er will — aber dennoch hoffen wir, daß sich in der Folge manche Schwierigkeit aufloͤsen werde, die An- fangs dem Leser, und vielleicht auch dem Verfasser, unaufloͤslich scheinen mußte. Wie kann ich uͤbrigens dieß Fragment beschließen, ohne noch die mir schwer auf dem Herzen liegende Besorgniß, wovon ich vielleicht auch schon etwas zu verstehen gegeben habe, abzuladen — „Daß bey der Physiognomik . „Daß viele schwache und unphilosophische Koͤpfe, die in ihrem Leben niemals beob- „achtet haben, niemals beobachten werden, sich nun vielleicht durch diese Schrift aufs neue ver- „anlaßt und vielleicht gar berechtigt glauben werden, den Physiognomisten zu machen!“ — O! wer Ohren hat zu hoͤren, der hoͤre! Jhr werdet so wenig deswegen Physiognomisten werden, weil ihr mein Buch leset, wuͤrdets nicht werden, wenns auch noch zehenmal gruͤndlicher, und hundertmal vollstaͤndiger waͤre; so wenig ihr große Mahler zu werden, deswegen hoffen koͤnnt, weil ihr Preyslers Zeich- nungsbuch copirt, und Hagedorn von der Mahlerey gelesen habt; so wenig ihr deswegen große Aerzte werdet, weil ihr Boerhave gehoͤrt; oder große Staatsmaͤnner, weil ihr Grotius und Puffendorf gelesen habt, und Montesquieu beynah auswendig koͤnnet! U 2 Zugabe. XI. Fragment. Von einigen Schwierigkeiten Zugabe . E ine Einwendung beruͤhr ich noch in dieser Zugabe, wodurch man vermuthlich die Schwierigkeit der Physiognomik sehr vergroͤßern, und die gewiß sehr oft wiederholt werden wird. „Jeder Mensch, sagt man, ist so sehr von dem andern verschieden, daß nicht nur kein Ge- „sicht dem andern, sondern selbst kein Theil desselben, keine Nase, kein Ohr, kein Auge dem an- „dern voͤllig gleich gefunden wird; mithin sey alle Klassifikation unmoͤglich. Es giebt in den „Classen die groͤßte Unbestimmtheit, Verworrenheit, Unzuverlaͤßigkeit — Hiemit ist's nichts mit „der Physiognomik.“ Diese Einwendung haͤlt man fuͤr sehr wichtig — und wie unbedeutend wird sie, so bald man bedenkt: „daß eben dieselbe Einwendung alle und jede menschliche Wissenschaften, alles Wiß- „bare trifft, mithin durch alle andere Wissenschaften schon beantwortet ist.“ — Hat es nicht eben dieselbe Bewandniß mit allen und jeden Dingen, und mit allen Praͤdikaten aller Dinge? Jst nicht jedes Ding, ja jegliches Praͤdikat eines jeden Dinges von dem andern Dinge, ja von demsel- ben Praͤdikate des andern Dinges wieder verschieden? Das allerhandgreiflichste und simpelste Beyspiel ist ja die koͤrperliche Groͤße oder Lei- beslaͤnge. Offenbar ist kein Mensch genau so groß, wie der andere. Wer wird dieß aber nun als eine Einwendung gegen alle brauchbare und wahre Classifi- kation der Menschen nach ihrer Groͤße ansehen? — Wer wird z. B. um deswillen die Wahrheit und Brauchbarkeit der Eintheilung in die fuͤnf Classen der Zwerge, der Kleinen, der Mittlern, der Großen, der Riesen — laͤugnen? Wer hat sich je aus diesen Gruͤnden gegen die Arzneywissenschaft auflehnen duͤrfen? oder wider die Lehre von der Verschiedenheit der Krankheiten? Und es verhaͤlt sich ja auch mit den Krankheiten eben so, wie mit allen Dingen! Keine einzige in keinem Jndividuum ist genau so be- schaffen, wie in dem andern. Und wehe dem Arzte, der, ohne seine physiologische, oder pathologische Physiognomik zu brauchen, ich meyne, ohne in jedem Falle sein feines physiognomisches Gefuͤhl zu Rathe zu ziehen, seinen Beobachtungsgeist walten zu lassen, jede Krankheit blos nach der Klasse behan- bey der Physiognomik . behandelt, ohne seine Behandelnsart nach den Modifikationen der Krankheit im gegebenen Patien- ten zu modificiren. Soll denn aber deswegen gar keine Klassifikation der Krankheiten gemacht werden? Giebt es um deswillen nicht Krankheiten, die einander aͤhnlicher sind, als andere? die hiemit naͤher zusammengehoͤren? Mithin in Eine Klasse gethan werden? Folglich auch klassifische Vorschriften ihrer Behandlung empfangen moͤgen? ꝛc. Ganz Recht haben die, und ich fuͤhle die Gerechtigkeit ihrer Klage tief in der Seele, die da sagen, daß das Abstrahiren und Klassificiren, und das Bauen und Thuͤrmen auf diese klassifi- cirten und abstrahirten Begriffe und daraus geformten Saͤtze in allen Wissenschaften den groͤßten Schaden anrichte, und den menschlichen Geist hemme und beschraͤnke, ihn tausendmal irre fuͤhre, ihn von der unendlich wichtigen Beobachtung der durchaus, in allem und jedem, individuellen Natur, der einzigen Quelle aller Wahrheit, und der wahren Nahrung alles Genies abfuͤhre, weit, weit abfuͤhre — Alles wahr! Alles recht! Nur damit nicht alle Abstraktion, nicht alle Klassifikation fuͤr unrichtig und unwahr, fuͤr schaͤdlich ausgeschrien! Wer denn auch nicht sieht, daß die Wahrheit auch hier abermals in der Mitte liegt; wer denn auch nicht sieht, daß unser Abstrahiren und Klas- sificiren, mit aller der Portion unvermeidlichen Nachtheils, den es mit sich fuͤhren mag, doch hin- wiederum das unentbehrlichste Ding von der Welt ist — und das nuͤtzlichste — dem mag ichs hier nicht beweisen. Die Materie beduͤrfte einer eignen philosophischen Behandlung, in unsrer Zeit besonders. Nur diese einzige, schon mit einem Wink angeregte, hoͤchstwichtigste allgemeine philoso- phische Anmerkung moͤcht' ich bey dieser Gelegenheit allen nachdenkenden Lesern wichtig machen. „Daß eigentlich alle, alle, alle unsre Urtheile nichts als Vergleichungen, nichts als Klas- „sifikationen, nichts als Zusammenhaltung und Vorweisung der Aehnlichkeit einer unbekanntern „Sache mit einer bekanntern sind.“ So viel ist also doch wenigstens gewiß und sonnenklar, daß der Physiognomik um kein Haͤr- chen eher vorgeworfen werden kann: „Man koͤnne wegen individueller Verschiedenheit nicht klassifi- „ciren, nicht abstrahiren, mithin die Sache gar nicht wissenschaftlich behandlen“ — dieß, sag' ich, kann der Physiognomik mit dem geringsten Recht, um kein Haͤrchen mehr vorgeworfen werden, als allen andern Wissenschaften in der Welt. U 3 Man XI. Fragment. Von einigen Schwierigkeiten Man vergißt also sehr, zu bedenken, daß, wenn diese Einwendung gegruͤndet waͤre, oder wenn das, in voller Kraft, daraus folgte, was man erst damit sagen wollte, mit eben denselben Gruͤnden bewiesen werden koͤnnte; „daß wir nicht mehr den Mund aufthun sollten.“ Jch will mich erklaͤren. Was ist alle Sprache anders, woraus besteht sie anders, als aus Woͤrtern, die allgemeine Begriffe bezeichnen? Die Eigenthumsnamen der Menschen, Haͤuser, Staͤdte, Plaͤtze, bisweilen auch einige Thiere ausgenommen. Was ist aber ein jedes Wort, das einen allgemeinen Begriff bezeichnet, anders als der Name einer Klasse von Dingen oder Eigenschaften, Beschaffenheiten, die sich einander aͤhnlich sind, und in manchem noch unaͤhnlich? Tugend und Laster sind zwo Klassen von Handlungen und Fertigkeiten; ist aber nicht eine jede sogenannte tugendhafte Handlung wieder von der andern ver- schieden, und bis auf den Punkt, wo das Laster angeht, so auf unzaͤhlige Weise verschieden, daß diese Klassifikation — so oft auch nichts taugt? „Sie haben sich alle sehr gefreut “ — was ist nun dieß Freuen wieder anders, als der Namen einer Klasse von Empfindungen, die in jedem Jndividuum, in jedem individuellen Zustande desselben Jndividuums wieder ganz anders modificirt ist? Jhr habt die Woͤrter Freude, Mun- terkeit, Aufgeraͤumtheit, Lustigkeit, Froͤhlichkeit, Heiterkeit, frohes Wesen, Ent- zuͤcken, Wonne, — Muthwill — thut noch zwanzig Woͤrter hinzu: Wie viele Millionen Nuͤancen und Grade gehoͤren dazwischen hinein? wie viele tausend Faͤlle, die unter keine dieser Klas- sen ganz gehoͤren? Jsts nicht also so gar mit den Buchstaben — werden nicht eine Menge Buchsta- ben ausgesprochen, die nicht geschrieben werden koͤnnen? die kein Zeichen haben, als die Zeichen ihrer Klasse? Soll man denn um dieser Unvollkommenheit willen entweder fuͤr jede individuelle Situation, jede Veraͤnderung, jede Nuͤance, jeden Hauch, jede Regung — ein eigenes mit- theilbares Zeichen haben, ein Wort schaffen — das heißt — Gott seyn? oder soll man nicht mehr sprechen, weil alles Reden ein ewiges Klassificiren, alles Klassificiren aber — ein unvoll- kommenes mangelhaftes Ding ist? .... Beylage bey der Physiognomik . Beylage aus einem Briefe von Herrn Zimmermann an einen Antiphysiognomiker. „ S i vous prétendés des regles sures et qui mettent (comme on l'entend communément) „tout homme en état de connoître la physiognomie de tout autre homme, vous de- „mandés un art, par lequel on puisse donner du génie à chaque sot. Quoique vous disiés très bien: que le physicien, qui prétend lire dans le grand „livre de la nature, se trompe souvent; je sçai que vous ne defendés pas pour cela au „physicien de feuilleter ce grand livre. Mais de graçe, pourquoi, n'êtes vous donc si „ intolerant qu'à l'egard de celui, qui veut lire sur le visage humain? Une ame aussi „belle, que la vôtre n'a rien à craindre d'un physiognomiste.“ Jamais un philosophe, tel que Vous, ne devroit dire: Sil y avoit des regles sures, pour juger des Physiognomies, il y a long-tems qu'elles seroient connues! Je ne vous pardonne pas même, d'avoir ajouté, que puisqu'il n'y a pas dans le monde deux nez, ni à plus forte raison, deux Visages, qui soyent parfaitement semblables; on auroit besoin d'autant de regles, qu'il y a d'hommes; \& que ce qui n' a lieu que dans un seul cas, n'est pas une regle . Je vois par-là avec étonnement, que vous n'avés jamais observé des Physiognomies. Personne p. e. ne nie la varieté des nez: Mais en les observant, tant soit peu, vous trouverés dans les nez, qui paroissent les plus diffé- rents, des traits de ressemblance, qui vous serviront, à les classifier, \& qui excitéront peut-être bientot votre Esprit vif \& pénétrant, d'imaginer une Nasologie . Un médecin peu habile verra dans dix hommes la même maladie, \& il sera inti- mement persuadé, qu'il voit dix maladies différentes, \& toutes les regles, posées en forme de lunettes sur le nez de ce Médecin, ne l'empêcheront jamais, de voir dix maladies, là, où il n'y en a qu'une.“ — etc. 30 Nov. 1774. Zwoͤlftes XII. Fragment. Von der Leichtigkeit Zwoͤlftes Fragment. Von der Leichtigkeit der Physiognomik . D ie geringste, gemeinste Kenntniß scheint schwer, wenn sie neu ist, wenn sie blos in Worten vorgetragen, blos schriftlich oder muͤndlich gelehret wird; so lange sie noch keine praktische Erfahrungssache oder taͤgliche Uebung ist. Welche unzaͤhlige Schwierigkeiten lassen sich gegen alles in der Welt machen, was dennoch da ist, was taͤglich durch Menschen geschieht, und mit einer Leich- tigkeit durch sie geschieht, die kaum glaublich seyn wuͤrde, wenn sie nicht eben so unlaͤugbar waͤre? Was ließe sich gegen die Moͤglichkeit der Schiffahrt auf dem offnen weiten Weltmeere — was gegen die Moͤglichkeit einer Taschenuhr, einer Ringuhr, was gegen unzaͤhlige Kunstwerke, Kunststuͤcke, Kunststreiche — sagen und einwenden, wenn wir nicht taͤglich Gelegenheit haͤtten, sie mit Augen zu sehen? Welche unzaͤhlige Schwierigkeiten lassen sich gegen die Arzneywissenschaft machen? Und dennoch ists moͤglich, wo nicht hundert tausend, doch zehen tausend Schwierigkeiten, die man dagegen machen koͤnnte, und gemacht hat, zu uͤberwinden und zu zernichten. Was man nicht versucht hat, uͤber dessen Moͤglichkeit, Leichtigkeit oder Schwerheit soll man nicht zu schnell, nicht zu voreilig entscheiden. — Das Leichteste kann dem schwer seyn, ders nicht oft versucht hat. Wer oͤftere Versuche macht, kann sich das Schwerste leicht machen. „Der gemeinste Gemeinplatz!“ wird man sagen: und doch beruht darauf der Beweis von der Leichtigkeit, Physiognomik zu studiren — und von der intoleranten Seichtigkeit desjeni- gen Kopfes, der lieber die Moͤglichkeit dieser Kunst bestreiten, als ihre Wirklichkeit betasten will. Du hasts vielleicht noch nicht versucht, und kannst also nicht davon reden. Jch hab es versucht, und kann wenigstens etwas druͤber sagen. Jch, der ich von zwanzig Eigenschaften, die ich an einem Physiognomisten fuͤr noͤthig halte, kaum Eine mir beymessen kann. Ein aͤußerst kur- zes Gesicht; durchaus keine Zeit; keine Geduld; keine Festigkeit zu zeichnen; unendlich wenig Weltkenntniß; ein Beruf, der alles eigentliche fortgesetzte Studium mir unmoͤglich macht; Man- gel an anatomischer Kenntniß; Mangel an Sprachreichthum und Sicherheit des Ausdrucks, die nur eine weitlaͤufige wohlverdaute Lektuͤre der besten Schriftsteller, besonders der epischen und dra- mati- der Physiognomik . matischen, aller Nationen und Zeitalter geben kann — welche Nachtheile! — Und dennoch ist bey- nahe kein Tag, der mir nicht alte Beobachtungen bestaͤtigt oder neue zufuͤhrt. Wer nur die mindeste Fertigkeit hat, zu beobachten und zu vergleichen, wer nur einmal auf einem Wege ist, den die Natur selbst ihm vorzeichnet, der wird, wenn ihm auch noch meh- rere Kenntnisse fehlen sollten als mir, jeden Tag mitten unter alle dem Heere von Schwierigkei- ten, womit er sich freylich unaufhoͤrlich umringt sehen wird, dennoch sehr leicht einige Schritte weiter gehen koͤnnen. Die Menschen sind doch immer vor unsern Augen — auch in der kleinsten Reichsstadt ein steter Ab- und Zufluß von unzaͤhligen; Menschen des verschiedensten, des entgegengesetztesten Cha- racters; unter diesen viele, deren Character uns, ohne Ruͤcksicht auf die Physiognomie, bekannt sind; von denen wir gewiß wissen: sie sind guͤtig, sind hart; sind leichtsinnig, sind argwoͤhnisch; sind verstaͤndig, sind dumm; sind mittelmaͤßig, sind schwach: Menschen, deren Gesichter eben so verschieden sind, als ihre Character, und deren Gesichtsverschiedenheiten sich eben so wohl bestimmen, angeben, beschreiben, oder zeichnen lassen, als die Verschiedenheit ihrer uns sonst bekannten Cha- racter sich angeben und bestimmen laͤßt. Taͤglich erfahren wir die Menschen in der Naͤhe: Jhre Angelegenheiten verweben und stos- sen sich mit den unsrigen. Wie sie immer sich verstellen moͤgen; die Leidenschaft stoͤßt ihnen nur allzuoft die Larve vom Gesicht, und zeigt uns, wenigstens blitzweise, ihre wahre Gestalt, oder doch eine Seite derselben. Und dann, sollte die Natur ihre Sprache dem Ohr und Auge des Menschen so ganz un- verstaͤndlich, oder so gar schwer gemacht haben? Jhm Aug und Ohr, Gefuͤhl, Nerven, innern Sinn gegeben haben, und selbst die Sprache der Oberflaͤchen ihm so unverstehbar, so kaum erforsch- bar gemacht haben? Sie, die die Toͤne fuͤrs Ohr, das Ohr fuͤr die Toͤne gemacht hat? Sie, die den Menschen so bald sprechen, und die Sprache verstehen lehrt? Sie, die Licht fuͤrs Auge, und das Auge fuͤrs Licht schuf, sollte unzaͤhlige verschiedene Gestalten und Ausdruͤcke unsichtbarer Anla- gen, Kraͤfte, Neigungen, Leidenschaften, gebildet haben — dem Menschen Sinn und Trieb und Gefuͤhl, die sich offenbar darauf beziehen, gegeben — und bey allen diesen ihren maͤchtigen Rei- zungen — es ihm unmoͤglich gemacht haben, seinen Wissensdurst auch in dieser Absicht zu Phys. Fragm. I. Versuch. X befrie- XII. Fragment. Von der Leichtigkeit befriedigen? Sie, die dem Menschen noch wohl tiefere, und doch weniger brauchbare, der Gesell- schaft viel gleichguͤltigere Geheimnisse darbot, und seinem forschenden Blick aufschloß? — Sie, die ihm Wege zeigte, die Bahn der Cometen auszuspaͤhen und ihre Kruͤmmung zu messen? — Sie, die dem Menschen das Fernglas in die Haͤnde gab, die Trabanten der Planeten auszuspuͤ- ren, und Verstand in seine Stirne, die Finsternisse derselben auf Jahrhunderte zu berechnen? Diese zaͤrtliche Mutter sollt's ihren Kindern, ihren Wahrheit suchenden Schuͤlern, den edlen menschen- freundlichen Seelen, die sich so gern der Herrlichkeit des Allherrlichen in seinem Meisterstuͤcke freuen moͤchten — so schwer machen, in dem immer offnen, immer nahen — Antlitze des Men- schen zu lesen? des Menschen, des Schoͤnsten aller ihrer Werke? des Menschen, dieses Jnnbe- griffs aller Dinge — dieses Spiegels der Gottheit, dieses Wiederscheins von Himmel und Erde — des Menschen, der uns in allen Absichten das Wichtigste — und in so mancher Absicht unser Bruder ist? O! Mensch mit gesundem Verstande, kannst du solches glauben? dieses der besten, der zaͤrtlichsten aller Muͤtter zutrauen? O Mensch — dir sollt' alles leicht werden koͤnnen, was du ent- behren kannst; und nur das schwer bleiben, was dir am naͤchsten und wichtigsten ist? O — erwache, die dir tausendfach begegnende Menschheit anzuschauen! Du kannst hier unendlich vieles lernen! Entschuͤtte dich deiner Traͤgheit! Komm und siehe! Du kannst dir das Schwerste leicht machen, wenns dir wichtig wird, und wenn du Muth hast. Fuͤhle das Beduͤrfniß sichrer Menschenkenntniß; und glaube, daß ein großer Theil die- ses Beduͤrfnisses befriediget werden koͤnne — durch dieß doppelte Gefuͤhl wirst du dir das Schwer- ste leicht machen. Das große Geheimniß, sich alles leicht zu machen, besteht in der Analysirung, (Zerglie- derung) der Dinge. Nimm Eins nach dem andern vor dich, und fange beym Leichtesten an — am Ende wirst du Wunder gethan haben! Die hoͤchste Stufe, wenn sie je erreicht werden kann, kann's auf keine andere Weise, als wenn du erst die unterste, sodann die zweyte und dritte zu be- treten anfaͤngst, und besonders keine uͤberspringen willst. Welche der Physiognomik . Welche Wissenschaft, so sehr sie mit Schwierigkeiten umgeben gewesen seyn mag (und welche war's nicht?) welche hat in dem menschlichen Beobachten, Nachdenken und Fleiß nicht maͤchtige Erleichterung und Aufheiterung gefunden? Wenn ich von der Methode rede, wie vielleicht die Physiognomik studirt werden sollte, so wird der nachdenkende Leser urtheilen koͤnnen, obs so gar schwer und unmoͤglich sey, in die- sem Studium Land zu gewinnen und festen Fuß zu setzen, als so viele, aus so ganz verschie- denen Gruͤnden, behaupten wollen. X 2 Dreyzehntes XIII. Fragment . Dreyzehntes Fragment. Vom Nutzen der Physiognomik . O b deulichere, bestimmtere, richtigere, ausgedehntere — hiemit vollkommenere Menschen- kenntniß an sich nuͤtzlich sey oder nicht — ob hiemit auch die Kenntniß innerer Eigenschaf- ten aus aͤußerlicher Bildung und Zuͤgen Nutzen haben koͤnne oder nicht? das ist eine Frage, de- ren Beantwortung in diesen Fragmenten eine der ersten Stellen verdient. Waͤre die Antwort auf dieselbe bey mir nicht vor allem andern die ausgemachteste Sache gewesen, diese Fragmente wuͤrden wohl niemals das Licht der Welt erblickt haben. Es ist aber auch eine Frage, die fuͤr mich nicht schwer zu beantworten war, und es mir auch nicht fuͤr andre scheint. Fuͤrs erste gehoͤrt sie unter die allgemeinere Frage, ob uͤberhaupt Kenntnisse, und ihre Vermehrung und Verbesserung den Menschen nuͤtzen? Mich duͤnkt, jedem uneingenommenen Men- schen sollt's zum voraus lebhaft ahnden, wie diese Frage zu beantworten ist. Man muß in der That die Natur des Menschen und der Dinge oder das Verhaͤltniß der menschlichen Gluͤckseligkeit zu sei- nen Kraͤften und Trieben, das so sehr in die Augen springt, ganz verkennen; man muß durch sehr einseitige Urtheile sehr geblendet seyn, wenn man nicht einsieht, daß der proportionirte Ge- brauch jeder Kraft und die proportionirte Befriedigung jedes Triebes, — die im Men- schen liegen, gut, nuͤtzlich, zur menschlichen Wohlfahrt unentbehrlich sey. So gewiß der Mensch koͤrperliche Kraͤfte und einen Trieb hat, zu wirken, zu schaffen, seine Kraͤfte zu brau- chen — so gewiß ist es gut, ist es nuͤtzlich, daß er seine koͤrperlichen Kraͤfte brauche. So gewiß er Faͤhigkeit und Kraft zum lieben hat, und Trieb zum lieben, so gewiß ist es gut, ist es nuͤtzlich, daß er liebe. Und eben so nun auch: so gewiß der Mensch Erkenntniß, Vermoͤgen und Wißtrieb hat, so gewiß ist es gut, nuͤtzlich, nothwendig, daß er in gehoͤrigem Maaße auch diesen Trieb be- friedige, auch diese Kraft brauche! Wie gekuͤnstelt kommen alle Beweise heraus, daß die Wissen- schaften, daß Kenntnisse dem Menschen mehr schaͤdlich seyn, und ein Zustand der Unwissenheit dem allen vorzuziehen sey? Jch Vom Nutzen der Physiognomik . Jch kann es, und muß es an diesem Orte voraussetzen, daß Physiognomik fuͤrs erste wenig- stens den Anspruch auf innere Nutzbarkeit habe, den man vernuͤnftiger Weise allen mensch- lichen Wissenschaften und Kenntnissen uͤberhaupt zugestehen muß. Welch ein Vorzug der Wichtigkeit und Nutzbarkeit ist nun aber billig der Menschenkennt- niß von je her gegeben worden? Was geht den Menschen mehr an, als der Mensch? welche Kenntniß kann mehrern Einfluß auf seine Wohlfahrt haben, als die Kenntniß seiner selbst? Physiognomik ist es also auch da wieder, die sich dieß besondre Verdienst von Nutzbarkeit zu- eignen darf. Noch mehr: von allem dem, was sich immer vom Menschen wissen laͤßt, von allem, was sich immer uͤber ihn, und zwar uͤber seinen Geist raisonniren laͤßt, ist das, was aus Zeichen, die in die Sinne fallen, erkannt wird, was hiemit Erfahrungserkenntniß giebt, immer das Zuver- laͤßigste und Brauchbarste, und der Nutzen desselben hiemit um so viel sichrer; welcher Philosoph wird nicht den empyrischen Theil der Psychologie allem uͤbrigen vorziehen? Als Kenntniß uͤberhaupt, als Menschenkenntniß demnach, und endlich als empyrische Menschenkenntniß hat auch schon ohne weiters die Physiognomik das dreyfache Verdienst der Nutzbarkeit. Wer sich nun noch eigentlicher von dem Nutzen der Physiognomik uͤberzeugen will, der lasse sich einen Augenblick seyn, daß alle, auch die undeutlichen physiognomischen Kenntnisse, aller phy- siognomische Sinn aus der Welt heraus gehoben wuͤrden; welche Verwirrung, welche Unzuver- laͤssigkeit und Unsicherheit, welche Ungereimtheit wuͤrden nicht in tausend und Millionen menschli- chen Handlungen entstehen? Was ist die ewige Unsicherheit im Handeln fuͤr eine immerwaͤhrende Plage und ein schreckliches Hinderniß in allem, was wir unmittelbar mit den Menschen zu thun haben; und wie unendlich wuͤrde alsdann die Sicherheit, die auf einer Summe angeblicher, oder blos confus gedachter, deutlich bemerkter, oder blos empfundener Wahrscheinlichkeiten beruht, ge- schwaͤcht! Wie viele Millionen Handlungen und Unternehmungen, die die Ehre der Menschheit sind, wuͤrden unterlassen werden! Der Umgang mit den Menschen ist ja das erste, was uns in der Welt aufstoͤßt; der Mensch ist berufen, mit Menschen umzugehen. Kenntniß des Menschen ist ja die Seele des Um- X 3 gangs, XIII. Fragment . gangs, das was den Umgang lebendig, angenehm und nuͤtzlich macht; Kenntniß des Menschen ist etwas, das auf einen gewissen Grad einem jeden Menschen schlechterdings unentbehrlich ist. Wie nun aber den Menschen leichter, besser, sichrer kennen lernen, als durch Physiognomik (im wei- tern Sinne des Worts) da man sie in so vielen tausend und tausend Faͤllen nicht aus den Hand- lungen kennen lernen kann? Man bedenke nur, wie mancherley Eigenschaften eines Menschen ich in so manchen Faͤllen, wo ich etwas mit ihm zu thun habe, wo ich ihn zu etwas brauchen, ihm etwas auftragen ꝛc. soll, kennen muß. Mit den unbestimmten Woͤrtern gut und boͤse, verstaͤndig oder schwach — wie wenig ist noch mit diesem gesagt, wenn es drum zu thun ist, einen Menschen zu kennen! Du sagst; das ist ein guter und verstaͤndiger Mensch: — allein ich habe den Menschen noch nie gesehen. Wie wenig weiß ich noch mit diesen zwey Praͤdicaten — und was wollen die sagen bey den Millionen Arten und Graden der Guͤte, und den Millionen Arten und Graden des Verstandes, welche meynst du? — Ja wenn du mir noch so viel Praͤdikate von ihm herzaͤhlst — die Woͤrter alle, wie unbestimmt ist ihr Sinn und Grad? wie unsicher bin ich bey deiner Beob- achtung, deiner Art zu schließen u. s. f. — Hingegen: Jch sehe den Menschen, seh ihn in seinen Bewegungen und Gebaͤrden! hoͤr ihn reden — welche Bestimmtheit fuͤr mich bekommen ploͤtzlich alle die Praͤdikate, die du mir von ihm hersagtest — wie schnell modificiren und bekraͤftigen sie sich mir, oder widerlegen deine Urtheile, oder setzen mich in Zweifel? Und wie vieles weiß ich, — fuͤhl ich von diesem Menschen, seit dem ich ihn gesehen habe, wie viel Convenienzen oder Jnconvenienzen an ihm, die du mir nicht beschrieben hast, nicht haͤttest beschreiben koͤnnen, anders als eben auch wieder aus seinem Aeußerlichen? Als Physiognomist hiemit — und so beweisest du also gleich wiederum den Nutzen der Physiognomik? — Jch hoffe, ihr sehet, fuͤhlet doch etwas von dem unaussprechlichen Werthe der Physiognomik? — Laßt nun den Physiognomisten — Beobachtungen machen, Mannichfaltigkeiten und Er- fahrungen feinere Unterschiede bemerken, Kennzeichen angeben, immer neue Woͤrter zu neuen Bemerkungen machen, allgemeinere Saͤtze abstrahiren, physiognomische Wissenschaft, Sprache und Sinn vermehren, verfeinern und vervollkommnern — so steigt und waͤchset also auch mit die- sem die Brauchbarkeit und der Nutzen der Physiognomik. Man Vom Nutzen der Physiognomik . Man denke sich in die Sphaͤren eines Staatsmanns, Seelsorgers, Predigers, Hofmei- sters, Arztes, Kaufmanns, Freundes, Hausvaters, Ehegenossen — hinein, und schnell wird man empfinden, wie mannichfaltigen, wichtigen Gebrauch jeder in seine Sphaͤre von physiognomi- schen Kenntnissen machen kann. Man koͤnnte fuͤr jeden dieser Staͤnde eine besondere Physiognomik schreiben. Jn Strykii dissertationibus Iuridicis findet sich eine de Physiognomia, die verschiedenes Lesenswuͤr- diges enthaͤlt, obgleich sie sehr mangelhaft ist. Es ist die XIII. S. 461. T. V. (Von dem Character des Physiognomisten, und von den Behutsamkeiten im Urthei- len — werden wir auch noch zu reden Gelegenheit haben, und ich muß meine Leser zum voraus bitten, die Fragmente uͤber diese Stuͤcke mit doppelter Aufmerksamkeit zu lesen und durchzudenken.) Ferner. Man muß, wenn man von dem Nutzen der Physiognomik redet, nie blos auf das sehen, was im strengern Sinne wissenschaftlich heißen kann, und was in dieser Absicht gelei- stet wird, vielmehr muß man dieses in Verbindung mit einer unmittelbaren Folge betrachten, die alle oͤffentliche Beytraͤge zur Physiognomik ohne Zweifel haben; ich meyne die Erweckung und Veranlassung zur Verfeinerung der Beobachtung und des physiognomischen Sinnes. Wenn nun aber dieser physiognomische Sinn je mit der Empfindung des Schoͤnen und Haͤßlichen, mit Gefuͤhl der Vollkommenheit und Unvollkommenheit gepaart geht — (und welcher wohldenkende physiognomische Schriftsteller wird nicht immer beyde zugleich uͤben und reizen wol- len?) welchen wichtigen ausgebreiteten Nutzen kann nicht da die Physiognomik haben? wie er- hebt sich meine Brust bey der Ahndung — daß so viel Gefuͤhl fuͤrs Edle und Schoͤne, so viel Ab- scheu vor dem Niedrigen und Unedlen erweckt wird — daß so viele Reize zum Guten auf jeden Menschen, der seine Auge physiognomisch uͤbt, wirken muͤssen; daß der Mensch, der nun mehr im Anschaun und unmittelbaren Gefuͤhl von der Schoͤnheit der Tugend und Haͤßlichkeit des Lasters wandelt, so maͤchtig, so sanft, so mannichfaltig und unaufhoͤrlich angereizt wird, und erweckt zur Vervollkommnung seiner Natur. Die Physiognomik ist eine Quelle der feinsten und erhabensten Empfindungen; ein neues Auge, die tausendfaͤltigen Ausdruͤcke der goͤttlichen Weisheit und Guͤte zu bemerken, um den an- betens- XIII. Fragment . betenswuͤrdigen Urheber der menschlichen Natur, der so unaussprechlich viel Wahrheit und Har- monie in dieselbige gelegt hat, in neuen Liebenswuͤrdigkeiten zu erblicken. Wo das stumpfe, das ungeuͤbte Auge des Unaufmerksamen nichts vermuthet, da entdeckt das geuͤbte des Gesichtkenners, unerschoͤpfliche Quellen des geistigsten, sittlichsten und zaͤrtlichsten Vergnuͤgens. Nur er versteht die schoͤnste, beredteste, richtigste, unwillkuͤhrlichste und bedeutungsvolleste aller Sprachen, die Natursprache des moralischen und intellectuellen Genies; die Natursprache der Weisheit und Tu- gend. Er versteht sie im Gesichte derjenigen, die selbst nicht wissen, daß sie dieselbe sprechen. Er kennet die Tugend, so versteckt sie immer seyn mag. Mit geheimer Entzuͤckung durchdringt der menschenfreundliche Physiognomist das Jnnere eines Menschen, und erblickt da die erhabensten Anlagen, die sich vielleicht erst in der zukuͤnftigen Welt entwickeln werden. Er trennt das Feste in dem Character von dem Habituellen, das Habituelle von dem Zufaͤlligen. Mithin beurtheilt er den Menschen richtiger: er beurtheilt ihn blos nach sich selbst. Jch kann das Vergnuͤgen nicht beschreiben, das ich so oft, das ich beynahe taͤglich em- pfinde, wenn ich unter einem Haufen unbekannter Menschen — Gesichter erblicke, die, wenn ich so sagen darf, das Siegel Gottes auf ihrer Stirne tragen! wenn ein Fremder in mein Zimmer tritt, dessen Gesicht mich durch seine leuchtende Redlichkeit, seinen triumphirenden Verstand sogleich ergreift! — Wie da Menschenseligkeit gefuͤhlt, Sinn und Geist und Herz aufgeschlossen — wie da Kraft gegen Kraft rege wird! wie da die Seele emporgetragen, begeistert, um einige Stufen hoͤher gefuͤhrt wird! — — O — du Menschen durch Menschen segnender Gott! — Jn einer solchen Stunde sollt ich vom Nutzen der Physiognomik schreiben! Die Physiognomik reißt Herzen zu Herzen; sie allein stiftet die dauerhaftesten, die goͤttlich- sten Freundschaften. Auf keinem unumstoͤßlichern Grunde, keinem festern Felsen, kann die Freundschaft ruhen, als auf der Woͤlbung einer Stirne, dem Ruͤcken einer Nase, dem Umriß eines Mundes, dem Blick eines Auges! — Die Physiognomik ist die Seele aller Klugheit. Jndem sie das Vergnuͤgen des Umgangs uͤber allen Ausdruck erhoͤhet, sagt sie zugleich dem Herzen, wo es reden und schweigen, warnen und ermuntern, troͤsten und strafen soll. Furcht- Vom Nutzen der Physiognomik . Furchtbar ist die Physiognomik dem Laster! Laßt physiognomischen Sinn erwachen, und wirken in den Menschen, und da stehen sie gebrandmarkt die Kammern und Consistoria und Kloͤ- ster und Kirchen voll heuchlerischer Tyranney, Geizhaͤlse, Schmeerbaͤuche und Schaͤlke u. s. f. die unter der Larve der Religion ihre Schande, und Vergifter der menschlichen Wohlfahrt waren. Abfallen, wie welkes Herbstlaub, wird alle Ehrfurcht, Hochachtung und Zuneigung, die das betrogene Volk zu ihnen hatte. Man wird empfinden lernen, daß es Laͤsterung sey, solche be- daurungswuͤrdige Figuren fuͤr Heilige, fuͤr Saͤulen der Kirche und des Staats, fuͤr Menschen- freunde und Religionslehrer zu halten. Jndem ich dieses schreibe, erhielt ich ein Theil meines Manuscriptes aus den Haͤnden des Censors zuruͤck. Dieser uͤberaus scharfsichtige Mann hat die Guͤtigkeit, sich unter seine Wuͤrde gegen mich herabzulassen, und mir einige sehr feine Einwendungen und wichtige Anmerkungen mit- zutheilen, die ich, mit seiner Erlaubniß, an gehoͤrigen Orten, groͤßtentheils anzufuͤhren, mir die Freyheit nehmen werde. — Unter diesen Anmerkungen befindet sich eine, die gerade hieher gehoͤrt: „wenn es moͤglich waͤre,“ sagt dieser eben so kluge als philosophische Kopf, „diese Wissenschaft zu „ihrer Evidenz und Staͤrke durchzufuͤhren, so wuͤrde ich einen erstaunlichen Nutzen daraus prophe- „zeyen. Jch sage von dem erhabenen Nutzen nichts, von welchem Sie reden. — Jch vermuthe; es „wuͤrde ein thaͤtiges Mittel seyn, das Laster auszurotten, oder doch einzuschraͤnken und zu vermindern. „Wenn wir einmal die Characteristik kennten, einmal den uͤberwiegenden moralischen Hang eines „Menschen in seinen Gesichtszuͤgen eingepraͤgt sehen koͤnnten; ja wenn es unter das gemeine Volk „kaͤme, daß man das Laster im Gesicht erkennen koͤnne; daß in einer jeden Stadt nur zwo Perso- „nen, nur zween Gelehrte seyn, die dieses koͤnnen; wie sehr wuͤrde das Laster erschrecken? Auch „der determinirte Boͤsewicht will nicht lasterhaft scheinen, zum wenigsten, nicht heißen. Wie „viele blos zufaͤllig, blos aus Unbedachtsamkeit und Leichtsinn Lasterhafte, die sich vor Gott, „und den Jdeen von Gott nicht scheuen, wuͤrden sich vor dem Auge des Beobachters scheuen; „wuͤrden in sich selbst gehen, ihre Unarten besiegen; — um mit einem tugendhaftern Gesichte „zu erscheinen?“ — Phys. Fragm. I. Versuch. Y Es XIII. Fragment. Vom Nutzen der Physiognomik . Es waͤre blos vom Nutzen der Physiognomik ein ganzes großes Buch zu schreiben; eine Menge Buͤcher — der gewisseste aber geringste Nutzen ist fuͤr die Mahler, deren ganze Kunst nichts ist, wenn sie nicht Physiognomik ist — und der groͤsseste ist — die Bildung, Leitung und Besserung der menschlichen Herzen. Jch werde haͤufige Gelegenheit haben, einzelne Anmerkungen anzubringen, die diesen Nutzen fuͤhlbar genug machen werden. So viel will ich nur noch zum Beschluß dieses — ach! wie unvollkommenen Fragmentes sagen — was ich zum Theil auch schon habe sagen muͤssen — „das Bischen physiognomische Kenntniß, das ich mir „erworben — und die Erweiterung meines physiognomischen Gefuͤhls — ist mir nicht nur taͤglich „unbeschreiblich nuͤtzlich, sondern — ich darf sagen, beynahe unentbehrlich, und ich darf, aus „Furcht vor dem Vorwurfe des Enthusiasmus, den man jedem Liebhaber einer Sache sogleich zu „machen pflegt, nicht den zehenten Theil von dem Nutzen bekannt machen, den ich fuͤr meine Per- „son, theils daraus geschoͤpft habe, theils fuͤr mich und andere Menschen daraus zu schoͤpfen mir „noch versprechen darf — und dessen Ueberdenkung allein mich nicht nur unter der Last dieser „gleichsam verstohlener Weise erfochtenen Arbeit unterstuͤtzt, sondern auch oft Freudenthraͤnen „entlockt.“ Vierzehntes Vierzehntes Fragment. Vom Schaden der Physiognomik . „ O du, der du sonst ein Freund der Religion und der Tugend bist, was machst du da?“ — hoͤr ich mir eine redliche Seele entgegen rufen! — „O wie viel Unheil wirst du stiften mit deiner „Physiognomik? Du willst den Menschen die unselige Kunst lehren, seinen Bruder auch aus jeder „zweydeutigen Miene zu richten? des Splitterrichtens, der Tadelsucht, des Auflaurens auf anderer „Mistritte soll noch nicht genug seyn? Du willst die Menschen auch noch lehren auflauren auf des „Herzens Geheimnisse, die tiefsten Fehler, auf jeden Mistritt der Gedanken? — Sieh von nun an, „mit scharfem Blick — mit bewaffnetem Auge uͤberall nur Beobachter! Nur Physiognomienbeob- „achter in Gesellschaften — bey Leichenbegaͤngnissen — in der Kirche — wo sie hin kommen, diese „Beobachter, sie hoͤren nichts mehr, empfinden nichts, nehmen an nichts Antheil; sie beobachten „nur Physiognomien, belauschen nur Herzen; diese alle hast du, hat dein Werk entzuͤndet — und „es flammt und wuͤtet in ihnen, das unreine Feuer der Richter- und Tadelsucht, und verzehrt jeden „Rest von Tugend und Menschenliebe in ihrem Herzen!“ „O! du sprichst von dem Nutzen deiner Physiognomik, daß du die Menschen Schoͤnheit des „Ausdrucks der Tugend, und der Haͤßlichkeit des Lasters erkennen und fuͤhlen lehrest, und sie so „zur Tugend reizest? sie mit Abscheu vor dem Laster auch durch das Gefuͤhl seiner aͤußerlichen „Haͤßlichkeit erfuͤllest? — Dieß kaͤme also, genauer betrachtet, auf das hinaus; daß der Mensch „soll lernen gut werden, damit er gut scheine? daß das so schon eitle Geschoͤpf, das gern immer nur „um Lob handelt, gern immer nur scheint, was es seyn sollte, noch eitler werde — nicht nur „mit jeder That und jedem Worte, sondern selbst noch mit Mienen, jeglicher Miene, um Hochach- „tung und Liebe — und Lob der Menschen — buhle? Statt diese nur allzumaͤchtige Trieb- „feder menschlicher Handlungen zu schwaͤchen, und eine bessere zu staͤrken; statt den Menschen „in sich zu weisen — sein Jnnwendiges zu bessern, ihn zu lehren, in Stille gut seyn, und „unschuldig — ohne uͤber den schoͤnen Ausdruck des Guten, des Haͤßlichen, des Boͤsen mit ihm „zu raͤsonniren.“ — — Y 2 Jch XIV. Fragment . Jch bin schwer angeklagt, und die Klage hat großen Schein der Wahrheit. Aber wie leicht ist mir die Vertheidigung, wie angenehm gegen jeden, der diese Klage aus Menschen lieben- dem Kummer hervorbringt, und nicht aus Sentimentsprahlerey. Die Klage ist gedoppelt. „Jch befoͤrdere die Menschenrichterey und die Eitelkeit; ich „lehre den Menschen mehr richten und tadeln, und ich mache ihn eitel und scheingut?“ Jch will auf jede antworten, und es denke ja niemand, daß ich das, was Wahres an diesen Vorwuͤrfen seyn mag, mir selbst nicht schon oft gesagt, nicht sehr oft in aller Staͤrke ge- fuͤhlt habe. Der erste Vorwurf betrifft einen zu erwartenden moͤglichen Mißbrauch dieser Wissenschaft. Freylich kann eine gute Sache nicht gemißbraucht werden, bis sie da ist: und wenn sie da ist, so faͤngt sie an, diesen Schaden zu stiften, weil sie unschuldiger Weise von nun an Ge- legenheit giebt, gemißbraucht zu werden. — Deswegen nun sollte eine gute Sache nicht seyn? Alle wehmuͤthige Klage uͤber den moͤglichen, sehr wahrscheinlichen, und, wenn man will, unvermeidlichen Mißbrauch dieser Sache, hat am Ende doch nur ihr bestimmtes Gewicht: denn wer billig seyn will, laͤßt sich durch kein Deklamiren uͤber den Schaden allein, einnehmen. Er wiegt den Nutzen dagegen, und wenn das Uebergewicht desselben augenscheinlich ist, so beruhigt er sich und sucht den Schaden, so gut wie moͤglich, abzuwenden und zu vermindern. Wer kann diese heldenmuͤthige Standhaftigkeit bey etwas Gutem, das auch Boͤses mit sich fuͤhrt, besser in uns naͤhren: wer uns mehr heilen von jener kleinmuͤthigen Aengstlichkeit, die sich durch jede unvermeidliche boͤse Nebenfolge vom Guten abschrecken laͤßt — als der große Unter- nehmer und Stifter des groͤßten Guten, der bey aller seiner zaͤrtlichen Menschlichkeit, bey aller seiner Geraͤusch hassenden Friedfertigkeit so kuͤhn sprach! „Jch bin nicht gekommen, Friede auf „Erden zu senden, sondern das Schwerdt?“ Leid um jede schlimme Folge seines Thuns ist's ihm gewesen; aber ruhig war er doch bey allem, was an sich gut war, was uͤberwiegend gut in seinen Folgen seyn mußte. Leid will ich mir's seyn lassen um jede beylaͤufige schlimme Folge dieses Buchs, aber ru- hig will ich seyn bey dem großen Uebergewichte des Guten, das es wirken wird. — Jch sehe sie deutlich und bestimmt voraus: ich verberge sie mir nicht, alle die schaͤdlichen Wirkungen, die un- fehlbar, Vom Schaden der Physiognomik . fehlbar, oder doch sehr wahrscheinlich, besonders in den ersten Monaten oder Jahren — und bey denen, welche sich mit dem leves gustus in goͤttlichem und menschlichem Wissen begnuͤgen, durch diese Schrift werden veranlasset werden; ich vergegenwaͤrtige sie mir so sehr, wie moͤglich, um mich bestaͤndig im maͤchtigen Triebe zu erhalten, alle meine Kraͤfte aufzubieten, es so unschaͤdlich, es so nuͤtzlich, wie moͤglich, zu machen. Diese bestaͤndige Vergegenwaͤrtigung aller schlimmen Wirkungen, die es, wie jede gute, jede rein goͤttliche Sache so gar, haben muß, ist indessen nicht vermoͤgend, mich muthlos zu machen, da ich bey jedem Fortschritte meiner Arbeit in der Ueberzeugung fester werde — „daß ich etwas Gutes schaffe, und daß jeder, jeder Mensch, der mich mit einiger Aufmerksamkeit „lieset, und nicht das verdorbenste Herz hat, eher besser, als schlimmer werden muß?“ — Dieß uͤberhaupt. Und nun noch naͤhere Antwort, auf den ersten Vorwurf! I. 1) Jch lehre nicht eine schwarze Kunst, ein Arkanum, das ich haͤtte fuͤr mich behalten moͤ- gen, das tausendmal schadet und einmal nuͤtzt, und eben darum ein so selten entdeckbares Arkanum ist. Jch lehre nur — oder lieber: ich theile Empfindungen, Beobachtungen und Schlußfolgen mit, in einer Kenntniß oder Wissenschaft, die die allgemeinste, die alleroffenste, die das Loos und Theil jedes Menschen ist. Man vergesse ja nie, daß aͤußerer Ausdruck ja eben deswegen da ist, daß das Jnnere draus erkannt werde! Man vergesse ja nicht, daß der Mensch gar nichts mehr wissen muͤßte noch duͤrfte, wenn er nicht aus Aeußerm Jnners sollte erkennen lernen! Man vergesse nicht, daß jeder, jeder, jeder Mensch, wer er auch sey, mit einem gewissen Grade des physiognomischen Sinnes ge- boren sey; so gewiß jeder, der keine Mißgeburt ist, zwey Augen im Kopfe hat. Man vergesse ja nicht, daß immer und immer in allen Zusammenkuͤnften, in allem Verkehr und Umgang der Men- schen mit einander physiognomisch — — nach dunkeln Gefuͤhlen oder klaͤrern Bemerkungen phy- siognomisch geurtheilt werde! — Daß also bekanntlich — — wenn auch physiognomische Wissen- schaft niemals in ein System gebracht wuͤrde — — fast ein jeder, nach dem Maaße, daß er mit vielen und mancherley Menschen im Verkehr steht, sich auf seine Menschenkenntniß aus dem ersten Anblick wirklich etwas zu gute thun wuͤrde — und es laͤngstens gethan hat, ehe ich diesen Versuch wagte. Y 3 Obs XIV. Fragment . Obs nun hierinn so viel schaden koͤnne, wenn man die Menschen, anstatt dunkler, etwas klaͤrer und deutlicher urtheilen lehrt; anstatt sie mit grobem Gefuͤhl unrichtig und verworren urtheilen zu lassen, sie mit verfeinertem Gefuͤhl richtig urtheilen lehrt; anstatt sie derb hinein tappen, und mit physiogno- mischen Urtheilen um sich hauen zu lassen, sie durch das Beyspiel erfahrner Physiognomisten und durch Regeln der Klugheit und Behutsamkeit, und durch die erhobene Stimme der Menschenliebe, wo sie Boͤses zu sehen vermeynt, mißtrauisch in ihre Physiognomik, und behutsam im Urtheilen zu machen strebt — ob dieß alles so sehr schaden koͤnne? laß ich jedem zu beurtheilen uͤber! Das sag ich laut und feyerlich auch bey dieser Gelegenheit; „wer aller meiner Warnungen „nicht achtet; nicht achtet aller angefuͤhrten Gruͤnde und Beyspiele von der leichten Moͤglichkeit, „sich noch zu irren; nicht achtet alles dringenden Zurufs der Menschenfreundlichkeit — und hingeht „und wie mit einem Messer in der Hand umher wuͤtet und seiner Bruͤder Redlichkeit und guten „Namen damit ermordet, — der thue es auf seinen Kopf; und meine Seele sey rein von seiner „Schuld, wenn einst alles Boͤse ans Licht kommen und seine Strafe empfangen wird, und unter „allem die schaͤrfste das unbruͤderliche Richten.“ 2) Jch glaube, behaupten zu duͤrfen, daß sehr wenige Menschen um deswillen von neuem anfangen werden, andere Menschen unbruͤderlich zu belauren, zu beobachten und zu richten, die es sonst nicht gethan haben. Leider, auch ohne daß die Physiognomik Anlaß dazu giebt, wissen viele ihren Geist und ihr Herz, fuͤr sich allein und im Umgange, mit nichts anderm zu naͤhren und zu unterhalten, als mit Beurtheilung anderer, und was andre thun und lassen, was anderen begegnet und warum es ihnen begegnet; was sie seyn und nicht seyn; was sie im Schilde fuͤhren, und was von ihnen zu erwar- ten stehe, was ihr Character, ihr Herz werth sey u. s. f. — Ja das alles wird beobachtet, belau- ret, erzaͤhlt, gewogen, beurtheilt, behauptet — herum getraͤtscht von solchen Leuten. Und was ists denn, was in tausend Faͤllen das Fundament der kuͤhnsten und entscheidend- sten Urtheile uͤber den Geist und vornehmlich uͤber das Herz und den Character eines Menschen ab- giebt? Eine Handlung, ein Wort — eine Anekdote, die herum geboten wird — vielleicht etliche Handlungen, etliche Anekdoͤtchen — die aber ganz gewiß wahr seyn sollen? Nun, wir wollen's seyn lassen; wollen sehen, was dann das fuͤr ein sichres Fundament der Beurtheilung der Character sey? „Diese Vom Schaden der Physiognomik . „Diese schlimme Handlung, und hier eine unrechte, und dort eine zweydeutige!“ sagt ihr. Nun gut; aber ist sie auch puͤnktlich erzaͤhlt? wie schwer ist dieß! und in welchen Umstaͤnden allen? Jn welcher Verbindung? Mit welchen dabey vorgegangenen Gemuͤthsbewegungen, mit welchen dabey erregten Trieben und Empfindungen? „Das wissen wir freylich nicht alles so genau?“ Das glaub ich wahrlich! Jhr wißt das eben nicht alles so genau! und das soll nun das sichre Funda- ment der Beurtheilung — des entscheidenden Urtheils uͤber den Character, uͤber das Herz eines Menschen seyn? — O wie lob ich mir da das weit sichrere Fundament der Beurtheilung eines Menschen — die Physiognomie seines Angesichts, seiner ganzen Gestalt und Gebehrden, als einige Handlungen, außer ihrem Zusammenhange mit allen Umstaͤnden heraus geschnitten! Jch hoͤre K ... ist ein hitziger gaͤhzorniger Mann? woher weiß man das? Aus Hand- lungen. Gut: ich bekomm' ihn zu sehen, und erstaune uͤber den Ausdruck der Sanftmuth und des bescheidenen Wesens, den ich in seinem Angesicht und seinem ganzen Wesen erblicke. Jch seh' in ihm einen sanften aber geistreichen Mann, der allenfalls zuͤrnen kann, (wer's nicht kann, ist kein Mann; wer's nicht kann, dessen Sanftmuth ist keine aͤchte Tugend;) ich seh' ihn — aber gar nicht den hitzigen, den gaͤhzornigen Cholerikus! Nun ruh ich nicht, bis ich die Anekdoten, die ihn als einen hitzigen Mann taxirten, bis auf den Grund weiß. Und siehe da! der Mann hat sich ei- nigemale in unbescheidenen Ausdruͤcken vergangen; und warum? — ach, ein stolzer vornehmer Herr — reizt' ihn durch die ungerechteste Zumuthung! Ein anderer — er soll sehr große Einkuͤnfte haben; und dennoch seine Tafel, sein Hausge- raͤthe und seine Kleider — wie eingeschraͤnkt! — Diese Maͤßigkeit gefaͤllt mir; ich lobe sie — und gleich faͤhrt man zu: „Was sie sagen! Sie sind an den Rechten gekommen! der Knicker mag sich das „Eßen kaum goͤnnen!“ Jch zucke die Achseln und denk' und sage: „dieß weiß ich mit dem edeln, „guͤtigen Wesen seines Angesichts, der offnen Natuͤrlichkeit seines Betragens nicht zusammen zu „reimen.“ Und nach kurzer Zeit werd ich inne, daß dieser Edle, den die ganze Stadt fuͤr einen Knicker ausschreyt, alles moͤgliche aufhebt, und seinem angesehenen, aber ehemals verschwenderi- schen Vater zusendet, um ihn von einer druͤckenden Schuldenlast zu befreyen! „Dieser XIV. Fragment . „Dieser Jude hat nicht den mindesten Respect fuͤr seine Obrigkeit und seine Lehrer — Er „peitscht die Leute mit Stricken, die ihm wohl nie was zu Leide gethan! Er geht zu Gaste, „wo man ihn nur haben will, und laͤßt sichs wohl seyn. Er ist ein rechter Haͤndelstifter! Neuer- „lich sagte er selbst zu seinen Consorten: Jch bin nicht gekommen Friede zu senden, sondern „das Schwerdt! “ — — Welch ein Urtheil werdet ihr hier aus etlichen Handlungen faͤllen? — Stellet hingegen den Mann vor euch hin, nur wie ihn — nicht Raphael, nicht der groͤßte Mah- ler, nur wie ihn etwa ein Holbein sich gezeichnet hat; habt nur ein wenig physiognomisches Ge- fuͤhl; o mit welcher uͤberschwenglichen Sicherheit und Richtigkeit werdet ihr gerade das Gegentheil aus seinem Anblick urtheilen? — Kurz: man uͤberlege das wohl: wie vielmehr die Physiognomie einen ganzen Menschen einem geuͤbten Auge zeigt und darstellt; wie lautsprechend und wie richtig sprechend, welch ein le- bendiger tausendzuͤngiger Ausdruck des ganzen Jnnwendigen der Mensch ist, der vor Euch — da steht; — So wird man gewiß des unbesonnenen und unrichtigen Richtens und Urtheilens halber gewiß nicht mehr, wohl aber weit weniger von der Physiognomik zu besorgen haben, wenn diese das Gluͤck haben sollte, allgemein zu werden und das Gefuͤhl der Menschen mehr zu schaͤrfen. II. Der andere Vorwurf, den man der Physiognomik macht, ist dieser: „Sie vereitle den „Menschen noch mehr, indem sie ihn reize, nur deswegen gut zu werden, um schoͤn zu seyn.“ Wie du dieß oben sagtest, Beschuͤtzer der Unschuld, o wie war's so hinreissend gesagt! aber, wie leid es mir auch thue, ich muß dir sagen: „daß dein Jdeal aus einer Unschuldswelt herabge- „griffen ist, und nicht in unsere Welt paßt.“ Die Menschen, die du bessern willst, sind nicht Kinder, die gut sind und nicht wissen, daß sie's sind. Es sind Menschen, die Gutes und Boͤses durch Erfahrung unterscheiden lernen sollen; Menschen, die, um vollkommen zu werden, nothwendig ihr Boͤses, und hiemit ganz gewiß auch ihr Gutes kennen muͤssen. Laß neben dem Triebe edler Guͤte, das Verlangen nach dem Wohlge- fallen der Guten immer auch mitwirken, immer eine Stuͤtze — wenn du willst, eine Kruͤcke mensch- licher Tugend seyn; laß den Menschen immerhin erkennen und fuͤhlen, daß Gott das Laster mit Haͤßlich- Vom Schaden der Physiognomik . Haͤßlichkeit brandmarkt, und der Tugend unnachahmliche Schoͤnheit zum Gepraͤge giebt — Laß ihn — sich des immerhin freuen, wenn er die Verschoͤnerung seiner Zuͤge mit der Veredlung sei- nes Herzens zugleich fortgehen sieht; nur sag ihm dabey: „daß Guͤte aus Eitelkeit nie lautere „Guͤte, sondern Eitelkeit sey; daß Eitelkeit ewig ihr eignes unedles Gepraͤge habe, und wahre „Tugendschoͤne gerade durch nichts anders und ewig nichts anders, als durch Tugend selbst, hie- „mit auch durch Reinigung von Eitelkeit — erlangt werde.“ Siehst du die Thraͤne im Auge des Juͤnglings, der von der Tugendbahn wich, und dem sein Spiegel oder der bestuͤrzte traurig verweilende Blick eines physiognomischen, das ist, eines fein- fuͤhlenden Freundes, seinen Verfall, und jedes edle Jdeal eines edlen Mahlers die Wuͤrde der menschlichen Natur zeigt; — Laß ihn — Es flammt von nun an ein Entschluß in seiner Brust, eine wuͤrdigere Zierde der schoͤnen Gottesschoͤpfung zu werden, als er's bisher war! .... Phys. Fragm. I. Versuch. Z Funfzehntes XV. Fragment . Funfzehntes Fragment. Der Physiognomist . J eder Mensch hat Anlage zu allem; und dennoch laͤßt sich sicherlich behaupten, daß er zu sehr wenigem besondere Anlage habe. Alle Menschen haben Anlagen zur Zeichnungskunst, denn alle koͤnnen gut oder schlecht schreiben lernen. Aber unter zehentausenden wird nicht Einer ein guter Zeichner. So mit der Beredtsamkeit und Dichtkunst. So mit der Physiognomik. Alle Menschen in der Welt, die Augen und Ohren haben, haben Anlagen zur Physiogno- mik. Aber unter zehentausenden wird nicht Einer ein guter Physiognomist werden. Es wird also wohl einiger Untersuchung werth seyn — „wer keine, wer große Anla- „gen habe, Physiognomist zu werden, — mithin ein Bild des wahren Physiognomisten zu „entwerfen.“ — Jch wuͤnschte sehr, daß mir dieses Fragment vor allen andern gelingen moͤchte, weil mir unendlich viel daran liegt, jeden von dem eigentlichen Studium der Physiognomik wegzuschrecken, der nicht vorzuͤgliche Anlagen und Talente dazu hat. Ein Afterphysiognomist mit schlechtem Kopf und schlimmen Herzen, ist wohl das veraͤchtlichste und schaͤdlichste Geschoͤpfe, das auf Gottes Erdboden kriecht. Keiner ohne gute Bildung wird ein guter Physiognomiste werden. Die schoͤnsten Mah- ler wurden die groͤßten Mahler. Rubens, Vandyk, Raphael, drey Stufen von Maͤnner- schoͤnheit! drey Stufen mahlerischen Genies! Die wohlgebildetsten Physiognomisten — die be- sten. So wie die Tugendhaftesten am besten uͤber Tugend, die Gerechten am besten uͤber Ge- rechtigkeit urtheilen koͤnnen, so die besten Gesichter am besten uͤber das Gute, Schoͤne, und Edle der menschlichen Gesichter, mithin auch, wie schon bemerkt worden, uͤber das Unedle und Man- gelhafte. Die Seltenheit wohlgebildeter Menschen ist sicherlich ein Grund, warum die Phy- siognomik in einem so uͤbeln Rufe steht, und so vielen Bezweifelungen ausgesetzt ist. Wie Der Physiognomist . Wie waren die Alten hierinn so uͤberlegend und scharfpruͤfend! wie koͤnnens ach! so weni- ge unter uns seyn, — „in unsern lauen polizirten lieben Verfassungen und Himmelsstrichen — „denn was noch von physischer Kraft aus den Lenden unserer Vaͤter zu uns uͤbergedunstet seyn „mag, ist durch schoͤne Wissenschaften und warme Stuben, und die elende Speise, und den toͤdtli- „chen Genuß unserer neuweltischen Getraͤnke so verduͤnnet, oder versaͤuert, daß ich gar nichts da- „von reden oder hoͤren mag.“ Aus einem Schreiben eines Freundes. „Wer einen Leibesmangel hatte; blind oder lahm war, oder eine eingedruͤckte Nase hatte, „oder Glieder, die sich nicht schicken; oder hoͤckericht, oder unnatuͤrlich duͤnne war; der durfte sich „nicht hinzunahen zum Altar des Herrn, III. B. Mos. XXI. 17-23. “ — und ins Heiligthum der Physiognomik soll sich keiner wagen, der eine krumme Seele, eine verworrene Stirn, ein schiefes Auge, einen verzoge- nen Mund hat. — „ Das Aug' ist des Leibes Licht: wenn nun dein Aug' einfaͤltig ist, so ist auch dein „ganzer Leib heiter. Wenn es aber boͤs ist, so ist auch dein Leib finster. So siehe nun, ob „nicht das Licht, das in dir ist, Finsterniß sey. Denn, wenn das Licht, das in dir ist, Fin- „sterniß ist, wie groß wird dann die Finsterniß seyn? Wenn aber dein ganzer Leib heiter ist, also „daß er keinen finstern Theil hat, so wird's eben so viel seyn, als ob ein Licht dich mit Glanz er- „leuchtete?“ Matth. VI. 22. 23. Luc. XI. 34. 35. 36. Diese Worte kann der nicht genug erwaͤgen, nicht tief genug erforschen, der Physiognomist werden will. Einfaͤltiges Auge, und das alles sieht, wie's ist, nichts hineinsehen, nichts uͤbersehen, nichts schief sehen, alles nur gerade sehen will, was und wie es sich ihm darstellt — O du vollkommen- stes Bild der Vernunft und Weisheit! Was sag ich: Bild ? Du einzige wahre Vernunft und Weisheit — ohne dich, helles Licht, wird alles in und um den Physiognomisten herum dunkel seyn. Wer dieß nicht versteht — nie unterstehe sich der ein Wort uͤber Physiognomie oder Phy- siognomik zu faseln? Hier fluͤchtige Leser und seichte Beurtheiler — ohn' Augen und ohne Licht — hier ein Zielpunkt eures Spottes, und ein Ruheplatz seelenlosen Gelaͤchters .... Z 2 Wer XV. Fragment . Wer in seinem Leben einmal gesagt hat, oder es haͤtte sagen koͤnnen — „Es gilt mir „gleichviel, wie der Mensch aussehe! Jch geh auf seine Thaten, und nicht auf sein Gesicht;“ einmal gesagt hat, oder es haͤtte sagen koͤnnen: „Mir scheinen alle Stirnen gleich; ich kann an „den Ohren keinen Unterschied bemerken,“ oder so was; der unterstehe sich nie uͤber die Phy- siognomie ein Wort zu reden. Wer nicht sehr oft beym ersten Anblick einzelner Menschen, die sich ihm naͤhern, um etwas von ihm zu verlangen, oder etwas mit ihm zu behandeln, eine geheime Bewegung, Zu- oder Ab- neigung, Anziehung oder Widerstand fuͤhlt, der wird in seinem Leben nie Physiognomist werden. Wer einmal ein Wort davon fallen lassen, daß er Kunst mehr suche, als Wahrheit; mahleri- sche Manier hoͤher schaͤtze als Sicherheit der Zeichnung; wen der uͤbermenschliche Fleiß im Bander- werf und sein poliertes elfenbeinernes Fleisch mehr ruͤhrt, als ein Kopf von Titian: wer sich nicht gern in Geßners Landschaften hineintraͤumt; in Bodmers Arche keinen Ort findet, wo sein Fuß ruhen kann; in Klopstocks Aposteln nicht die edelste Menschheit, in seinem Eloa nicht den Erzen- gel, in seinem Christus bey Samma nicht den Gottmensch fuͤhlt; wem Goethe nur witzig, Her- der nur dunkel, Haller nur hart ist; wessen Herz nicht still und innig zittert vor dem Kopf des Antinous; wen Apollos Erhabenheit nicht erhebt; wer sie Winkelmannen nicht wenigstens nachfuͤhlt; wer beym ersten Anblick dieser Truͤmmer alter idealischer Menschheit nicht uͤber Verfall der Menschheit und ihrer Nachahmerinn, der Kunst, beynahe Thraͤnen vergießt; wer auf den er- sten Anblick in den trefflichsten antiken Gemmen, im Cicero nicht den offnen Kopf, im Caͤsar nicht den unternehmenden Muth, im Solon nicht tiefe Klugheit, im Brutus nicht unuͤberwindliche Festigkeit, im Plato nicht goͤttliche Weisheit; und in den neuern Medaillen eines Montesquieu nicht die hoͤchste menschliche Sagacitaͤt, in Hallern nicht den heitern Blick voll Ueberlegung, und den untadelhaften Geschmack, in Locken nicht den tiefen Denker, in Voltairen nicht den witzrei- chen Satyr, auf den ersten Blick entdeckt — wird in seinem Leben kein ertraͤglicher Physiogno- miste werden. Wer nicht verweilt beym Anblick und anbetendem Betrachten eines unbemerkt sich glau- benden — Wohlthaͤters: wen die Stimme der Unschuld, und der unerfahrne Blick unentheilig- ter Keuschheit; wen der Anblick eines schlafenden hoffnungsvollen Kindes im Arm der auf seinen Odem Der Physiognomist . Odem niederhorchenden Mutter — wen der Haͤndedruck eines treuen Freundes, und sein Blick, der in einer zerfloßnen Zaͤhre schwimmt — wen das nicht ruͤhrt, wer druͤber weghuͤpfen kann, sich dem Anblick entreißt — und spottlaͤchelt, der wird eher seinen Vater erwuͤrgen, als ein Phy- siognomist werden. Und was fordern wir denn von einem Physiognomisten? — welches werden denn seine Anlagen, Talente, Eigenschaften und Fertigkeiten seyn muͤssen? Vor allen Dingen, wie zum Theil schon bemerkt worden, soll der Physiognomist, einen wohlgebauten, wohlgestalten und fein organisirten Koͤrper und scharfe Sinne haben, welche der geringsten Eindruͤcke von außen faͤhig, und geschickt sind, dieselben getreu und unveraͤndert bis zum Gedaͤchtniß, oder, wie ich lieber sagen wollte, zur Jmagination fortzufuͤhren, und den Fibern des Gehirns einzupraͤgen. Jnsonderheit muß sein Auge vorzuͤglich fein, hell, scharf, schnell und feste seyn. Diese feinen Sinne muͤssen seinen Beobachtungsgeist bilden, und hinwiederum durch den Beobachtungsgeist ausgebildet und zum Beobachten geuͤbt werden. Der Beobachtungsgeist muß Herr uͤber sie seyn. Die schaͤrfsten Augen sind nicht allemal, sind selten bey dem besten Beobachter. Die ge- meinsten Koͤpfe haben sehr oft das beste Gesicht; und der blinde Sanderson wuͤrde beym schwaͤch- sten Gesicht ein trefflicher Beobachter geworden seyn. — Beobachten oder wahrnehmen mit Unterscheiden, ist die Seele der Physiognomik. Es ist alles. Der Physiognomist muß den feinsten, schnellesten, sichersten, ausgebreitetsten Beob- achtungsgeist haben. Beobachten ist Aufmerken. Aufmerken ist Richtung der Seele auf etwas besonders, das sie sich aus einer Menge Gegenstaͤnde, die sie umgeben, oder die sie zu ihrer Betrachtung waͤhlen koͤnnte, ausnimmt; Aufmerken ist, etwas mit Beyseitsetzung alles andern absonderlich betrachten, und die Merkmale und Besonderheiten davon zergliedern; folglich unter- scheiden. Beobachten, Aufmerken, Unterscheiden, Aehnlichkeiten und Unaͤhnlichkeiten, Verhaͤlt- niß und Mißverhaͤltniß entdecken, ist das Werk des Verstandes. Ohne einen scharfen, hohen, Z 3 vorzuͤg- XV. Fragment . vorzuͤglichen Verstand wird also der Physiognomist weder richtig beobachten, noch seine Beobach- tungen reihen, und vergleichen, noch vielweniger die gehoͤrigen Folgen daraus herleiten koͤnnen. Die Physiognomik ist die groͤßte Uebung des Verstandes; die Logik der koͤrperlichen Verschieden- heiten! — Welch eine Festigkeit, Sicherheit, Reife des Verstandes erforderts — recht zu se- hen? Nicht mehr, und nicht weniger zu sehen, als sich der Beobachtung darstellt? Nicht mehr und nicht weniger zu schließen, als richtige Beobachtungen und Praͤmissen in sich fassen? Welche Uebung des Verstandes, den Punkt zu wissen, wo man der sichern, zuverlaͤßigen, bestimmten Be- obachtungen genug hat; die verschiedenen Wege zur physiognomischen Wahrheit zu entdecken, ihren verhaͤltnißmaͤßigen Werth zu schaͤtzen; und jeden brauchbar zu machen? Mit dem hellesten und tiefsten Verstande verbindet der wahre Physiognomist eine lebhafte, starke, vielfassende Jmagination, und einen feinen und schnellen Witz. Jmagination, um sich alle Zuͤge, nett und ohne Muͤhe einzupraͤgen, und sich, so oft er will, mit Leichtigkeit zu erneuern: in seinem Kopfe die Bilder, wie er will, zu reihen; als ob sie ihm vorm Auge stuͤnden, als ob er sie mit seinen Haͤnden hin und her versetzen koͤnnte, so muß er's mit der Jmagination zu thun im Stande seyn. Witz ist ihm eben so unentbehrlich, um die Aehnlichkeit gefundener Merkmale mit andern Dingen leicht zu finden. Er sieht, zum Exempel, einen solchen oder solchen Kopf, solch oder solche Stirne, die etwas Characteristisches haben. Dieß Characteristische praͤgt sich seine Jmagination sogleich ein, und sein Witz fuͤhrt ihm Aehnlichkeiten herbey — die seinen Bildern mehr Bestim- mung, Festigkeit, Zeichen und Ausdruck leihen koͤnnen. Er muß die Fertigkeit besitzen, Approxi- mationen zu jedem bemerkten characteristischen Zuge zu bemerken — und die Grade dieser Appro- ximationen vermittelst des Witzes zu bezeichnen. Ohne einen großen Grad von geuͤbtestem Witze wird es ihm unmoͤglich seyn, seine Beobachtungen auch nur einigermaßen ertraͤglich auszudruͤcken. Der Witz allein bildet und erschafft die physiognomische, itzt noch so unaussprechlich arme, Sprache. Ohne einen unerschoͤpflichen Reichthum der Sprache wird keiner ein großer Physiognomist wer- den koͤnnen. Der hoͤchstmoͤgliche Reichthum der Sprache ist Armuth gegen das Beduͤrfniß der Physiognomik. — Der Physiognomist muß die Sprache vollkommen in seiner Gewalt haben. Er muß Der Physiognomist . muß ein Schoͤpfer einer neuen Sprache seyn, die eben so bestimmt als angenehm, natuͤrlich und verstaͤndlich ist. Alle Reiche der Natur, alle Nationen, alle Werke des Geistes, der Kunst und des Geschmackes, alle Magazine der Woͤrter muͤssen ihm zu Gebote stehen, und ihm darlei- hen, was er bedarf. Unentbehrlich ist ihm, wenn er in seinen Urtheilen sicher, und in seinen Bestimmun- gen fest seyn will, die Zeichnungskunst. Ein Mahler von bestimmter Theorie — der zu- gleich Uebung hat; ein Arzt von bestimmter Theorie, dem zugleich die wichtigsten Krankhei- ten schon durch die Haͤnde gegangen — wie unendlich richtiger und sicherer werden die von Mahlerey und Arzneykunst sprechen oder schreiben koͤnnen, als gleich große, vielleicht als viel groͤßere Theoristen ohne Uebung? Zeichnung ist die erste, die natuͤrlichste, die sicherste Spra- che der Physiognomik; das beste Huͤlfsmittel fuͤr die Jmagination; das einzige Mittel un- zaͤhlige Merkmale, Ausdruͤcke und Nuͤances zu sichern, zu bezeichnen, mittheilbar zu machen, die nicht mit Worten, die sonst auf keine Weise zu beschreiben sind. Der Physiognomist, der nicht zeichnen kann, schnell, richtig, bestimmt, characteristisch zeichnen — wird unzaͤh- lige Beobachtungen nicht einmal zu machen, geschweige zu behalten und mitzutheilen, im Stande seyn. Auch soll er die Anatomie des menschlichen Koͤrpers und nicht nur derjenigen Theile, welche sich dem Gesichte darstellen, richtig verstehen; er muß die Verbindung und den Gang, auch die Aeußerung der Muskeln kennen; genau kennen die Proportion und den Zusammen- hang aller menschlichen Gefaͤße und Gliedmaßen; das hoͤchste Jdeal eines vollkommenen mensch- lichen Koͤrpers wohl inne haben; nicht nur, um jede Unregelmaͤßigkeit, so wohl in den festen als in den muskuloͤsen Theilen, sogleich zu bemerken, sondern auch um alle diese Theile so- gleich nennen zu koͤnnen, und also in seiner physiognomischen Sprache fest zu seyn. Eben so unentbehrlich ist ihm die Physiologie oder die Lehre von der Vollkommenheit des menschlichen gesunden Koͤrpers. Er muß ferner die Temperamente genau kennen; nicht nur die aͤußer- lich durch die verschiedenen Blutmischungen bestimmten Farben des Koͤrpers, sein Air u. s. f. sondern auch die Bestandtheile des Gebluͤtes, und die verschiedene Proportion derselben; vor- zuͤglich XV. Fragment . zuͤglich aber die aͤußerlichen Zeichen der Beschaffenheit des ganzen Nervensystems wissen, wor- auf bey Erforschung der Temperamente so viel mehr ankoͤmmt, als auf die Kenntniß des Blutes. Aber welch ein geuͤbter tiefer Kenner des menschlichen Herzens und der Welt sollt' er seyn? Wie tief sich selbst durchzuschauen, zu beobachten, zu ertappen gewohnt! — Diese schwer- ste, diese noͤthigste, diese wichtigste aller Kenntnisse sollte der Physiognomist auf die vollkom- menste Weise besitzen, wie's nur moͤglich ist. Nur nach dem Maaße als er sich kennt, wird er andere zu kennen faͤhig seyn. Nicht nur uͤberhaupt ist ihm diese Selbstkenntniß, dieses Stu- dium des menschlichen, und besonders seines eignen Herzens, der Genealogie und Verschwiste- rung der Neigungen und Leidenschaften, der Symptomen und Verwandlungen derselben un- entbehrlich. Diese genauste Selbsterkenntniß ist ihm auch noch um eines andern Grundes wil- len aͤußerst noͤthig. „Die besondern Nuͤancen“ (ich bediene mich hier der Worte eines Recensen- ten meiner ersten kleinen Versuche, von denen ich das wenige Brauchbare nun dem gegenwaͤr- tigen Werke einschmelze; des einzigen Recensenten, der sich die Muͤhe genommen, und die Bil- ligkeit gehabt hat, in den Koͤrper und Geist dieser Brochuͤren einzudringen, und mich gegen die unbesonnenen Verurtheilungen so mancher Witzlinge, ohne mit mir in dem geringsten Verhaͤltnisse zu stehen, in Schutz genommen hat, wiewohl er sonst in hundert andern Dingen so verschieden, wie moͤglich, von mir denket; dieses Mannes Worte will ich hier anfuͤhren:) „die besondern Nuͤancen in den Empfindungen, die der Beobachter an dem Objecte vorzuͤglich „wahrnimmt, beziehen sich oft auf seine eigne Seele, und werden ihm nur durch die Art, „mit der seine eigene Geisteskraͤfte gemischt sind, durch die besondere Art, mit der er alle Ge- „genstaͤnde in der physikalischen und moralischen Welt betrachtet, vorzuͤglich vor andern sicht- „bar, und erscheinen ihm auch unter einem besondern Augpunkte. Daher sind eine Menge „solcher Beobachtungen nur blos fuͤr den Beobachter selbst, und so lebhaft sie auch von ihm „empfunden werden, koͤnnen sie von ihm doch nicht leicht andern mitgetheilt werden. Gleich- „wohl haben diese feinen Beobachtungen sicherlich einen Einfluß in das Urtheil. Der Phy- „siognomist muß also, wenn er sich selbst kennt (und dieß sollte man billig, ehe man andere „wollte kennen lernen) das Resultat seiner Beobachtungen wieder mit seiner eigenen Denkens- „art Der Physiognomist . „art vergleichen, und dasjenige, was allgemein zugegeben ist, von demjenigen absondern, was „aus seiner individuellen Beobachtungsart entstehet.“ Allgem. deutsch. Bibliothek. XXIII. B. II. St. S. 327. — Jch lasse diese wichtige Anmer- kung itzt unberuͤhrt. Jch habe oben schon in dem Stuͤcke von den Schwierigkeiten, die Phy- siognomik zu studiren, und noch fruͤher schon eine aͤhnliche Anmerkung gemacht. Also, will ich itzt nur noch bekraͤftigen, daß Kenntniß, genaue tiefe Kenntniß sei- nes eignen Herzens eines der trefflichsten Jngredienzien zu dem Character des Physiognomi- sten ist .... O — wie merk ich's mir an, wie ahnd' ich's mir in meinem Gesichte, wie muß ich die Augen niederschlagen und das Angesicht wegwenden, — wie Menschenaug und Spiegel fliehen, wenn ich eine unedle Regung in mir wahrnehme! wie fuͤrcht' ich mich vor meinem ei- gnen pruͤfenden Blicke, oder dem beobachtenden Blicke anderer, wenn ich mein Herz uͤber einem unredlichen Kunstgriffe gegen sich selber oder andere ertappe — — O! Leser, wenn du nicht oft uͤber dir selber erroͤthest — wenn dich, und waͤrest du auch der Beste aller Menschen, denn auch der Beste aller Menschen ist Mensch! — wenn dich diese Schaam nicht sehr oft durch- wandelt; wenn du nicht oft deine Augen vor dir und andern um deinet willen niederschlagen mußt; wenn du nicht dir und deinem Freunde gestehen kannst, daß du die Wurzel aller La- ster in deinem Herzen fuͤhlest; wenn du dich nicht tausendmal in der Einsamkeit, wo niemand als Gott dich sahe, niemand als dein Herz mit dir sprach, vor dir selber tief geschaͤmt hast — wenn du nicht Staͤrke genug hast, dem Gange deiner Leidenschaften bis auf den ersten Fuß- tritt nachzuspuͤren, und den ersten Stoß zu deinen guten und schlimmen Handlungen zu erfor- schen — und dir zu gestehen, Gott und einem Freunde zu gestehen; wenn du keinen Freund hast, dem du's gestehen darfst — keinen Freund, dem du dich ganz zeigen darfst, der dir sich ganz zeigen darf, dem du Repraͤsentant des Menschengeschlechts, und der Gottheit bist; der dir Repraͤsentant des Menschengeschlechts und der Gottheit ist; — in dem du dich erspiegeln kannst, der sich in dir erspiegeln kann; — wenn du nicht ein guter edler Mensch bist — so wirst du kein guter, wuͤrdiger Menschenbeobachter, Menschenkenner, Physiognomist werden! Phys. Fragm. I. Versuch. A a Soll XV. Fragment . Soll dir deine Beobachtungskunst nicht zur Quaal, und deinem Nebenmenschen nicht zum Nachtheil gereichen; wie gut, wie sanft, unschuldig und liebreich muß dein Herz seyn! Wie willst du Liebe sehen, ohne Liebe zu haben? Wenn Liebe dir die Augen nicht schaͤrft, die Zuͤge der Tugend, die Ausdruͤcke edler Gesinnungen sogleich zu bemerken, wie viel tausend- mal wirst du sie in einem durch diesen oder jenen Zufall, diese oder jene Aeußerlichkeit verun- stalteten Gesicht uͤbersehen? Wenn niedrige Leidenschaften, wie eine Leibwache um deine See- le herumstehen, — wie viele falsche Nachrichten, wie schiefe Beobachtungen werden sie dir hinterbringen! Feindschaft, Stolz, Neid, Eigennutz seyn fern von dir — oder dein Auge wird boͤse, und dein ganzer Leib finster seyn! du wirst Laster auf der Stirne lesen, wo Tu- gend geschrieben steht, und dem andern die Fehler andichten, deren dein eigen Herz dich an- schuldiget! Wer eine Aehnlichkeit mit deinem Feinde hat, der wird alle die Fehler und Laster an sich haben muͤssen, die deine gekraͤnkte Eigenliebe dem Feinde selbst aufbuͤrdet! die schoͤnen Zuͤge wirst du uͤbersehen; die schlechtern verstaͤrken, und allenthalben Carrikatur und Unregel- maͤßigkeit wahrnehmen. — Haͤtt' ich etwas vom Geiste jener erhabnen Menschenkenner, die mit Gottes Gewißheit Geister pruͤften und die Gedanken der Menschen lasen — so wuͤrd' ich, ach! wie viel mehr noch von dem Herzen der Physiognomisten fordern duͤrfen! Jch eile zum Beschluß. — Daß der Physiognomist Kenner der Welt seyn, mit den verschiedendsten Menschen in den verschiedendsten Angelegenheiten und Verhaͤltnissen Umgang haben muͤsse; daß er nicht in einem Winkel seines Hauses eingesperrt leben, oder nur selten des Umgangs mit den Men- schen, und nur mit gemeinen, nur immer mit einerley Menschen, pflegen muͤsse; daß be- sonders Reisen und weitlaͤuftige mannichfaltige Bekanntschaften, — daß genauer Umgang mit Kuͤnstlern, Menschenkennern, sehr lasterhaften und sehr tugendhaften, sehr weisen und sehr dummen Personen, am meisten aber mit Kindern — daß Literatur und Geschmack an Mah- lerey und allen Werken bildender Kuͤnste, daß dieß und noch vieles andere ihm unentbehr- lich sey — wird dieses eines Beweises beduͤrfen? Jch fasse zusammen: Der Physiognomist verbindet mit einem wohlgebildeten und wohl organisirten Koͤrper, mit einem feinen Beob- achtungs- Der Physiognomist . achtungsgeiste, mit einer lebhaften Einbildungskraft, mit vorzuͤglichem Witze und mit man- chen andern Kunstfertigkeiten und Kenntnissen, ein starkes, sanftes, heiteres, unschuldiges von menschenfeindlichen Leidenschaften freyes mit sich selbst wohl vertrautes Herz. Gewiß ver- steht niemand die Blicke der Großmuth und die Zuͤge erhabner Eigenschaften, als wer selber großmuͤthig, edel und erhaben denket, und großer Thaten faͤhig ist. A a 2 Sechzehntes XVI. Fragment . Sechzehntes Fragment. Von einigen Physiognomisten . W enn ich so gelehrt waͤre, als ich seyn sollte, um ein physiognomisches Werk zu schreiben, so koͤnnt' ich, sollt' ich hier ein Verzeichniß einiger beruͤhmter — warum eben beruͤhmter? — nur guter, geuͤbter Physiognomisten liefern; sollte Nachrichten von ihnen mittheilen, und uͤber ihre Schriften, Bemuͤhungen oder Urtheile — meine Achseln zucken. Allein, ich bekenne meine große Unwissenheit in diesem Stuͤcke, und danke auch dafuͤr dem guten Geber beßrer Gaben! So viel ist zum voraus wahrscheinlich, und wird bey der Untersuchung gewiß — daß nicht alle, die uͤber die Physiognomie geschrieben haben, gute Physiognomisten sind. So we- nig alle, die, wenn auch nicht schlecht, von der Arzneykunst, oder uͤber die Sittenlehre ge- schrieben haben, gute Aerzte, oder große Tugendhelden sind. Doch von physiognomischen Schriftstellern ein andermal. Jtzt nur etwas Weniges von ehmaligen und noch lebenden großen Physiognomisten. Plato, Pythagoras, — und Zopyrus scheinen dieses feine Menschengefuͤhl in einem hohen Grade besessen zu haben. Von Demokritus werden feine Bemerkungen erzaͤhlt, deren Zuverlaͤßigkeit ich aber blos deswegen, weil sie mir nicht unmoͤglich scheinen, nicht behaupten darf. Von Julius Caͤsar Scaliger les' ich, „daß er eine bewunderungswuͤrdige Feinsichtig- „keit zur Erkenntniß der Sitten und der Neigungen der Menschen aus ihren Mienen und Gesichts- „zuͤgen gehabt, und daß er sich in seinen Urtheilen hieruͤber sehr sehr selten geirrt habe.“ Eloges des Sçavans tirés de l' Histoire de Mr. de Thou. P. I. Mem. de l' Acad. de Berlin. XXV. 769. \& 458. 59. Herr Pernetty fuͤhrt den Matthaͤus Tasurius von Soleto an, „daß er in dieser Kennt- „niß so stark gewesen, daß er das Schrecken der einen, die Bewunderung und das Erstaunen der „andern geworden.“ Jn seiner Abhandlung T. XXV. p. 471. wird ein Beyspiel angefuͤhrt, welches ich hier auszuschreiben mir erlauben will. „J'ai vu un exemple semblable à Paris: Un étranger, qui se nom- „moit Kubisse , \& se disoit sujet du heros monarque, qui gouverne cet-état-ci, avec „tant de sagesse \& de gloire, passant dans une salle chez Msr. de Langes , fût tellement „frappé Von einigen Physiognomisten . „frappé à la vûe d'un portrait, qui y etoit avec plusieurs autres, qu'il oublia de nous „suivre; il s'arréta à considerer ce tableau. Environ un quart d'heure après, ne „voyant pas venir Mr. Kubisse , nous fumes à lui, \& le trouvames les yeux encore fixés „sur le portrait. Que pensés-vous de ce portrait, lui dit Mr. de Langes ? n'est-ce pas ce- „lui d'une belle femme? Oui, répondit Mr. Kubisse . Mais si ce Portrait est bien ressem- „blant, la personne, qu'il réprésente, a l'ame la plus noire: ce doit être une mechante „diablesse. C'étoit le portrait de la Brinvilliers , cèlebre empoisonneuse, prèsqu'aussi „connu par sa beauté, que par-ses forfaits, qui l'ont conduite sur le bucher.“ Von dem verstorbenen Herrn Doctor Kaͤmpf hat mir sein wuͤrdiger Sohn, Herr Hofrath und Medicus Kaͤmpf, der die Schrift von den Temperamenten herausgegeben, die glaubwuͤrdig- sten und erstaunlichsten Dinge erzaͤhlt. Und wo ich nicht irre, sind noch lebende Zeugen seiner bey- nahe unglaublichen Geschicklichkeit in dergleichen Beurtheilungen vorhanden. Unter diesen soll ein großer Monarch seyn, der aber selbst, wie man mich zuverlaͤßig versichert, einer der groͤßten Phy- siognomisten seyn soll, ob gleich ich vermuthe, daß er uͤber diese Versuche, wenn sie ihm je zu Ge- sichte kommen sollten — herzlich laͤcheln wuͤrde. Von einem gewissen Herrn Fielding in England, (wofern ich mich in dem Namen nicht irre) ward mir von einem glaubwuͤrdigen Reisenden erzaͤhlt, daß er, ungeachtet seiner voͤlligen Blindheit, die Schuldigen und Unschuldigen, blos an dem Ton und Character ihrer Stimme sehr oft so sicher unterschieden, daß die nachherigen Bestaͤtigungen der Schuldigen dieses sein seines Ge- fuͤhl dergestalt rechtfertigten, daß er fuͤr ein Orakel angesehen ward. Wie weit es ein Guarrik in der Physiognomik gebracht habe, ist weltbekannt; so weit, daß er den Character beynahe von jeder Physiognomie durch seine eigne ausdruͤcken kann! So ein Gesicht, wie seines, muß es aber auch seyn, um so fein, und so tief zu sehen! Jch vermuthe, das Bild von ihm in der nachgesetzten Vignette sey aͤußerst vergroͤbert, und dennoch, wer kann unbeob- achtend genug seyn, um nicht noch in diesem unvollkommenen Nachrisse, diesem scharfen Blicke, die- ser Falte am Vorbug, dieser so kurzen, so schiefen, so umrissenen Stirne, dieser weder stumpfen noch spitzigen, weder aufgedumpften, noch niederwaͤrts haͤngenden Nase, diesem horizontalen Nas- loche diesen von Geist und Empfindungskraft beynahe zitternden Lippen, diesem — Kinn und dieser A a 3 Kinn- XVI. Fragment . Kinnlade, — diesen Zuͤgen allen zusammen — den feinen, tiefsehenden, schnellbeobachtenden Men- schenkenner zu entdecken? Unter diese großen Physiognomisten wird auch Roußeau gezaͤhlt. Winkelmann war's vermuthlich in einem außerordentlichen Grade, obgleich er's seinem Moͤrder nicht ansah. Anton Raphael Mengs muß es, so viel ich vermuthe, in einem hohen Grade seyn. Eine Handschrift uͤber die Gesichtszuͤge, die ich aber nicht zu sehen bekommen konnte, ist in den Haͤnden eines seiner Freunde, eines feinen Kunstkenners, des Herrn Baron von Edelsheim in Carlsruh. Wie viel Physiognomik scheint hin und wieder hervor in seinen Gedanken uͤber die Schoͤnheit und den Geschmack in der Mahlerey — Er sagt z. E. von Raphael: „Sein hoher Geist „fuͤhrte ihn weiter bis zur Untersuchung der Bedeutung jeder Form. Er erkannte dadurch, daß „gewisse Gesichtsstriche auch gewisse Bedeutungen hatten, und insgemein ein gewisses Temperament „mit sich fuͤhren, so auch, daß zu einem solchen Gesichte, eine gewisse Art Glieder, Haͤnde und Fuͤße „gehoͤren, diese fuͤgte er mit der groͤßten Bescheidenheit zusammen.“ S. 78. Diese Bemerkung — von der Homogeneitaͤt des menschlichen Koͤrpers, wovon wir auch schon ein Wort gesprochen, ist eine gute Grundlage physiognomischer Einsicht. Wie viel Physiognomik liegt aber in den wenigen Zeilen in eben diesem Versuche: „die gemahlten Menschen koͤnnen leicht schoͤner, als die wahrhafti- „gen seyn. Wo werden wir in einem Menschen zugleich, die Groͤße der Seele, die Uebereinstim- „mung des Leibes, ein tugendhaftes Gemuͤth, und gleichgeuͤbte Glieder finden? Ja nur die voll- „kommenere Gesundheit und Genesung, da alle Aemter und Verrichtungen der Menschen ihn belaͤ- „stigen? Hingegen in der Mahlerey kann dieses leicht bedeutet werden, wenn man die Einfoͤrmig- „keit in Umrissen; die Groͤße in der Gestalt; die Freyheit in der Stellung; die Schoͤn- „heit in den Gliedern; die Macht in der Brust; die Leichtigkeit in Beinen; die Staͤrke „in Schultern und Armen bezeichnet. Die Aufrichtigkeit in der Stirn und Augbrau- „nen; die Vernunft zwischen den Augen, die Gesundheit in den Backen, die Lieblich- „keit in dem Munde bedeutet.“ S. 33. So viel noch uͤber diese Stelle anzumerken, hie und da zu berichtigen, wenigstens naͤher zu bestimmen waͤre; sie zeigt immer deutlich genug einen großen Physiognomisten. Unter denen mir bekannten trefflichen Physiognomisten ist einer der ersten, scharfsichtig- sten — und dabey menschenfreundlichsten, der vortreffliche Prinz Ludwig Eugen von Wuͤr- temberg. Mit einer kaum begreiflichen Sicherheit entdeckt dieser große Menschenkenner auf den Von einigen Physiognomisten . den ersten Blick das Gute, das Treffliche, das sich Auszeichnende in jedem ihm vorkommenden, ihm vorher ganz unbekannten Character. Von Zimmermann sag ich nichts. So sehr er's sich, und der Welt verbergen, und mir ablaͤugnen will; es ist nichts gewissers, als daß er's in der Menschenkenntniß vermittelst der Physiognomie auf einen erstaunlich hohen Grad gebracht, und daß ich ihm allein sehr viel mehr hierinn zu danken habe, als keinem andern weder muͤndlichen noch schriftlichen Unterrichte der be- sten Menschenkenner. Nach ihm ist der Verfasser des philosophischen Bauers, Herr Doctor Hirzel, mir als ein sehr gluͤcklicher Beurtheiler menschlicher Gesichter bekannt. Jch habe unter meinen Freunden, so gar unter solchen, die nichts weniger, als Phy- siognomisten seyn wollen, die voll Vorurtheile gegen die Physiognomik sind, die nichts daruͤber gelesen, keine eigentliche analysirte Beobachtungen daruͤber angestellt haben, keine einzige Regel zu geben im Stande waͤren, natuͤrliche Physiognomisten, die mich sehr oft beschaͤmen, die zu mei- nem Erstaunen uͤber jedes ihnen vorkommende Gesicht, wenn sie am wenigsten darauf denken, mit einer Richtigkeit und Gruͤndlichkeit urtheilen, die vermuthen laͤßt, daß sie die groͤßten Physiogno- misten haͤtten abgeben koͤnnen, wenn sie sich Muͤhe gaͤben, ihre Begriffe oder vielmehr ihre Empfin- dungen mehr fest zu halten und zu entwickeln. Wer mehr in der Welt lebt, wie ich; wer mit mehr Arten von Menschen Umgang hat, dem muͤssen ohne Zweifel Leute genug bekannt seyn, welche dieß Talent in einem hohen Grade besitzen. Eine Bemerkung, die hieher zu gehoͤren scheint, kann ich nicht vorbeygehen. Einfaͤltige, nicht dumme, aber redliche, wohlgebaute und nicht ganz unerfahrne Landleute — fast alle fein organisirte Kinder — am allermeisten aber das schoͤne Geschlecht — scheinen mir weit aus die besten Physiognomisten zu seyn. Meine Frau, die an allen meinen physiognomischen Arbeiten nicht den mindesten wissen- schaftlichen Antheil nimmt, hat sich meines Wissens, in dieser Sache noch niemals geirrt; — so oft urtheilte sie von fremden, ihr schlechterdings unbekannten, Personen, die ich mit andern Augen ansa- he, erst zu meiner Befremdung, nachher zu meinem Erstaunen so richtig, daß ich kaum mehr vor ihr urtheilen wollte, obgleich sie, die Augen ausgenommen, kein besondres Kennzeichen, das sie vorzuͤg- lich bemerkt haͤtte, angeben konnte. Bey dem voͤlligsten Mangel aller Literatur, ohn alles, was man Cultur des Geistes, Uebung der Logik oder so etwas heißen kann, durchs bloße Gefuͤhl, welches sie auch gar nicht durch meine physiognomischen Schriften zu berichtigen, zu schaͤrfen oder zu verderben sucht — XVI. Fragment. Von einigen Physiognomisten . sucht — hat sie's so weit gebracht, daß ich mich nie im mindesten vor ihr verstellen, weder die ge- ringste Freude, noch den mindesten Verdruß vor ihr verbergen kann. Dergleichen Beyspiele sind ohne Zweifel unzaͤhlig, und sie beweisen zum wenigsten, daß in sehr vielen Menschen der natuͤrliche physiognomische Sinn so weit empfindend und lebendig werden kann, daß sie als wirkliche Zeugen von der Wahrheit der Physiognomik angesehen werden koͤnnen. Es muß also, fuͤg' ich hiezu, (ich glaube Baco sagt's irgendwo) es muß eine kuͤnstliche Phy- siognomik geben, weil es unstreitig eine natuͤrliche giebt. Noch einen der groͤßten Physiognomisten will ich nicht so wohl nennen, als anfuͤhren, der mir viele wichtige allgemeine und besondere Bemerkungen mitgetheilt hat. Ein Mann, dessen ein- fachster, schnellster Blick den schnellsten und verworrensten Blick anderer ergreift, festhaͤlt, ent- wickelt, mit wenigen aber sehr zeichnenden Worten ausdruͤckt. Siebzehntes Siebzehntes Fragment. Physiognomische Uebungen zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. L aß dir, lieber Leser, einige Stuͤcke und mit denselben einige Fragen und Urtheile vorlegen, und pruͤfe daran dein physiognomisches Genie, oder vielleicht noch unerwecktes, unentwickeltes physiognomisches Talent! Wenn du alle diese Fragen leicht und richtig beantworten kannst, so darfst du deines phy- siognomischen Genies sicher seyn. Wenn man dir Antworten oder Urtheile vorleget, und du empfindest beym Nachdenken die Wahrheit und Richtigkeit derselben, oder kannst sie noch besser bestimmen, berichtigen, verbes- sern, so kannst du gewiß seyn, daß es dir an Anlagen zu physiognomischen Erforschungen nicht fehlt. Findest du aber in diesen dir vorgelegten und zu dieser Absicht besonders ausgesuchten Stuͤ- cken die physiognomische Wahrheit nicht, fuͤhlst du sie weder vor noch nach der Beantwortung der Fragen, weder vor noch nach dem angehoͤrten Urtheile, so sey ebenfalls sicher, daß dir das physiogno- mische Talent versagt ist. Bleibe dann sonst, was du bist, gehe nicht uͤber den Zirkel deines Berufes und deiner Talente hinaus, und laß uns unbekuͤmmert und unangefochten unsern Weg fortgehen. Phys. Fragm. I. Versuch. B b A. Setze XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen A. Setze dich hin, lieber Leser, und sag oder schreibe dein Urtheil uͤber folgende Tafel, oder beantworte die folgenden Fragen. Du siehest hier 6 Profile von Waysenknaben, die ziemlich gut getroffen und alle mir sehr wohl bekannt sind. Ohne alle Physiognomik also kann ich wissen ihre Anlage, Talente, Geschicklichkeit, Kraͤfte, Gesinnungen u. s. w. Auf meine hernach folgenden Antworten kannst du dich also verlassen. Fragen . 1) Jst unter diesen Profilen ein dummes oder am Verstande schwaches? 2) Welches ist wohl das verstaͤndigste? 3) Welches das empfindsamste? 4) Welches ist das schnellste Genie? 5) Welches das langsamste? 6) Welches das feinste? 7) Welches das ehrlichste Gesicht? 8) Welches ist das bildsamste? 9) Welcher von diesen Knaben ist der lustigste? 10) Welcher der stillste, ruhigste? 11) Welchem wuͤrdest du die meiste Festigkeit zutrauen? 12) Welcher ist der verfuͤhrbarste? 13) Welcher der witzreichste? 14) Welcher der ordentlichste und fleißigste? 15) Welcher der entschlossenste und beherzteste? 16) Welcher der geschickteste, gelehrigste? Und was sagst du zu dem Gesicht in der Vignette der vornaͤchsten 185 Seite? was zu dem Gesicht in der nachstehenden Vignette? A. Antworten. zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. A. Antworten . 1) Unter allen diesen sechs Profilen ist kein dummes. Alle diese Knaben haben Ver- stand und zeichnen sich durch gute Faͤhigkei- ten aus. 2) Jch stehe an zu entscheiden; doch geb ich dem letzten, oder Sechsten den Vorzug. Es ist Schade, daß sein Mund nicht vollkommen ge- troffen ist. Die Nase aber ist fuͤr den guten Verstand, besonders an einem solchen Gesicht, ziemlich entscheidend. 3) Der Erste und der Dritte kaͤmpfen um die- sen Preis. Theilnehmend an allem, was der Menschheit interessant ist, ist der Dritte in vorzuͤglichem Grade. 4) Der Dritte. 5) Jch fuͤhl' es erst, daß ich Fragen vorgelegt ha- be, die mir selbst schwer zu beantworten sind. Doch denk ich — der Erste. 6) Der Dritte. 7) Der Erste und der Fuͤnfte streiten mit ein- ander um den Vorzug. Fast geb ich ihn dem Fuͤnften. 8) Der Dritte. 9) Der Zweyte. 10) Der Erste und der Fuͤnfte kaͤmpfen wieder mit einander. 11) Jch dem Vierten und Fuͤnften. 12) Der Zweyte, Dritte, und Sechste. Am meisten vielleicht der Dritte. 13) Der Zweyte, noch etwas mehr der Dritte. 14) Der Fuͤnfte. 15) Der Vierte. 16) Der Fuͤnfte. Die Vignette auf der vordern 185 Seite zeigt viel Verstand, und Plan, eine große Be- gierde zu befriedigen. Die Vignette auf der naͤchstgegenuͤberstehenden 186 Seite zeigt außerordentliche Klugheit, kalte ruhige Ueberlegung und Festigkeit im Plan und in der Ausfuͤhrung. B b 2 B. Sechs XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen B. Sechs Knabensilhouetten . Sechs Silhouetten von andern Waysenknaben. Unter diesen sechsen ist einer außerordent- lich schwach am Verstand und Fertigkeit. 1) Welches ist dieser? 2) Ein anderer ist sehr schlaͤferig und bedarf be- staͤndiger Ermunterung, dabey aber ein ganz guter Junge; welcher mag dieser seyn? 3) Ein dritter hat wenig Scharfsinn und Nach- denken, ist lustig, munter, und hat ganz be- sondere Geschicklichkeiten in Leibsuͤbungen und im Zielschießen. 4) Ein vierter hat guten Verstand, ist aber nichts Besondres von ihm zu erwarten. 5) Ein fuͤnfter hat das beste Herz, ist leitsam, heiter, aufmerksam, verstaͤndig, aber unun- ternehmend und duldsam. 6) Noch einer ist sehr verstaͤndig, bescheiden, edel, und in allen Absichten ein trefflicher Junge von der besten Hoffnung. Wir werden diese Profile vielleicht noch anderswo zu citiren und nachzuschlagen Anlaß ha- ben, und das eine und andere in denselben etwas naͤher betrachten. Und was sagt die nachstehende Vignette? B. Antworten. zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. B. Antworten . 1) Der Sechste ist der schwaͤchste. 2) Der Vierte ist der schlaͤfrigste. 3) Der Zweyte hat mehr Geschicklichkeit, als Scharfsinn. 4) Der Erste ist verstaͤndig ohne Kraft. 5) Der Dritte ist das beste Herz, aber unun- ternehmend. 6) Der Fuͤnfte ist ein in allen Absichten treffli- cher Junge. Die Vignette zeigt einen festen, kraftvollen, guten, rechtschaffnen, aber dabey etwas sinn- lichen und traͤgen Mann. Und die Vignette, die hier folgt, zeigt noch mehr Muth, und mehr Leichtigkeit, Frey- heit und Geschicklichkeit zu Geschaͤfften. B b 3 C. Sechs XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen C. Sechs maͤnnliche Silhouetten . 1) Unter diesen sechs Silhouetten ist eine von den besten, dienstfertigsten Seelen; voll Redlich- keit und Guͤte; voll guten Verstandes ohne Genie! voll Rechtschaffenheit ohne Helden- muth! Leicht beweglich — stuͤrzt oft von Hei- terkeit in Dunkelheit, von dieser in jene zu- ruͤck. Welche? 2) Ein unaussprechlich ordentlicher, trock- ner, verstaͤndiger, uͤberlegter — vor- sichtiger Mann von vielen Kenntnissen. Welcher? 3) Ein sehr gerechter Mann, wackerer Hausva- ter, verstaͤndig ohne Aufklaͤrung, Cultur und Geschmack — zur Hypochondrie geneigt. Welcher? 4) Ein verstaͤndiger, witziger, heiterer, gerader Mann. Welcher? 5) Ein aͤhnlicher Character. Welcher? 6) Und was haͤltst du von dem Knaben 5? Und die nachstehende Vignette? C. Antworten. zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. C. Antworten . 1) Der Dritte ist die dienstfertigste, treuste Seele ꝛc. 2) Der Erste ist Fleiß und Ordnung selbst. 3) Der Vierte ist der gerechte und verstaͤndige ohne Cultur. 4) Der Sechste ist der witzige, heitere, gerade. 5) Der Zweyte ist diesem im Profile und Cha- racter ziemlich aͤhnlich. 6) Der Fuͤnfte ist ein hoffnungsvolles Genie, von vielem Verstand, lebhafter Einbildungs- kraft, dem besten Herzen und vieler Geschick- lichkeit. Unter guter Aufsicht und in guten Haͤnden kann er einer der geschaͤfftigsten, fruchtbarsten und gemeinnuͤtzigsten Menschen werden. Besonders hat er große Anlagen zur Poesie. Die Vignette des naͤchstvorhergehenden Blattes hat ein abscheuliches Auge, das wenig Gutes verspricht. Die Nase, der Mund zusammen, und das Kinn zusammen — lassen ver- muthen, daß sie Wollust mehr liebe, als Weisheit. Die Vignette hier unten ist von einer sehr verstaͤndigen, gelehrten und frommen Frau. D. Sechs XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen D. Sechs weibliche Silhouettes. Fragen. 1) Sind alle diese sechs Koͤpfe von guten Seelen? 2) Welche ist die lebhafteste? 3) Welche die sittsamste? 4) Welche die offenste? 5) Die verschlossenste? 6) Die naifste? 7) Welche ist aͤußerst fein gebildet, ohne alle Schoͤnheit einnehmend, fast nur einfaches, feines, kaltes Gefuͤhl, ohne raisonnirenden Scharfsinn? 8) Welche ist die politisch-feinste? 9) Welche die am wenigsten schwazhafte? 10) Welche die witzreichste? 11) Welche die verstaͤndigste? 12) Welche die bescheidenste? 13) Jst eine drunter, die mit Witz, mit Gelehr- samkeit Coquetterie treibt? 14) Eine die vorzuͤglich eitel ist? 15) Welche ist die einfaͤltig froͤmmste? Und was liesest du in nachstehender Vignette? D. Antworten. zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. D. Antworten . 1) Ja alles mehr und minder trefflich gute Seelen. 2) Die Sechste. 3) Die Dritte. 4) Die Sechste. 5) Die Fuͤnfte. 6) Die Sechste und Zweyte. 7) Die Dritte. 8) Die Fuͤnfte. 9) Die Dritte. 10) Die Sechste. 11) Die Vierte. 12) Die Dritte. 13) Nein. 14) Nein. 15) Die Dritte. So erst bemerke ich, daß bey den Antworten aller Fragen die erste Silhouette allein leer ausgegangen ist; ich bitte den Leser aufzumerken, ob bey ihm ein Gleiches geschehen? und auch dadurch bestimmt sich der Character derselben, bezeichnet ein reines, ruhiges, in sich zufriednes Daseyn. Die Vignette stellet eine mir persoͤnlich unbekannte, aber, wie mich alles versichert, eine außerordentlich zarte, edle, feine, aufgeklaͤrte, und ausgebildete Seele vor! Ein weiblicher En- gel! — Forsch ihrem Namen nicht nach: du wirst ihn nicht entdecken, und du wuͤrdest ihre Be- scheidenheit schrecklich beleidigen. Phys. Fragm. I Versuch. C c E. Vier XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen E. Vier Silhouetten . A lle diese vier Silhouetten sind von ganz außerordentlichen Menschen. Drey davon sind beyna- he ohne Cultur. Die vierte kennen wir schon, denn es ist eben dieselbe mit der in der letztvorher- gehenden Vignette. Die erste hat etwas Unbiegsames und bisweilen Trotziges. Nicht im Munde sollst du's suchen, denn der ist im Kupfer zu sehr beschnitten worden. Wo mag der Ausdruck dieser Unbieg- samkeit seyn? Sie hat dabey ausnehmenden Verstand, und ein recht gefaͤlliges, gutes, dankbares Herz. Entsetzliche Kraft und Ohnmacht in bestaͤndigem Streit — ist ihr wahrer Character. Ausdruck der erstern glaub' ich in der Stirne, der letztern im Untertheil des Gesichtes zu bemerken. Die zweyte Silhouette — ist eine zur Schwermuth, und eingezogensten Stille ver- woͤhnte, unbekannte, sehr guͤtige, fromme Seele von großem Verstande, erstaunlicher Empfind- lichkeit, und die all' ihre Kraft zu innerm Leiden, wie eine duͤrftige Wittwe Holz zu Flam- men, zusammenrafft. Noch nie hab ich sie heiter, noch nie — sich in ihrer unaussprechlichen Guͤte fuͤhlend gesehen. Sehr verschlossen, — und dennoch die aufrichtigste Seele. O koͤnnte ich ihr Ruh ins Herz — predigen; denn das ist noch die Sprache, die sie am meisten ver- steht; am liebsten hoͤrt — So sehr sie ganz Ohr ist; sie hoͤrt nur, was wider sie, nicht was fuͤr sie ist. Sie wuͤrde ihr Leben fuͤr den unbekanntesten Menschen aufopfern, und klagt immer uͤber Mangel der Liebe. Sie hat kein Leiden, als wenn ihr Anlaß und Kraft fehlt, Gutes zu thun — Sie thut's, wo sie's kann, und dennoch waͤhnt sie nichts zu thun. Kennte sie mehr die menschliche Natur; haͤtte sie mehr Umgang mit Menschen; — wuͤrde sie Staͤrke des Geistes genug haben, zu sehen, daß die alleredelsten Seelen schwach, und die unschuldigsten Menschen — Men- schen sind. Bis aufs Unterkinn halt ich das fuͤr ein treffliches Profil. Das Unterkinn zeigt in diesem Gesicht einigen Hang zur Traͤgheit. Von der dritten waͤr' ein Buch zu schreiben. Die allerstillste, erhabenste und freyste Seele! So stillerhaben und erhabener noch, als die vorige, aber so frey und stark wie moͤglich! Jn der aͤußersten Demuth sich dennoch ganz fuͤhlend. Voll des kuͤhnsten Muths in der Tiefe der Seele! Fest in sich verschlossen, nur blitzweise hervorleuchtend. Ohne Cultur voll des sichersten unbestech- lichsten Geschmacks! unersaͤttlich im stillen Forschen! Feindinn alles Geraͤusches und dennoch in der unbegreiflichsten Aktivitaͤt. Verachtend alles, was nicht das Edelste, Schoͤnste, Goͤttlichste ist, und im Kleinsten, Veraͤchtlichsten — Gott erblickend, Gott findend, Gott anbethend — Die zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Die beygestochnen Linien sollen fuͤrs erste nur aufmerksam machen; nur Wink zur Uebung seyn. Wir werden wieder drauf zuruͤckkommen. Die nachstehende Vignette ist das Bild einer kraͤnkelnden, schwachen aber im Leiden ge- uͤbten Frau, die sich in stillen Gedanken uͤber Mann und Kinder, die sie vielleicht bald verlassen soll, zu verlieren scheint. C c 2 F. Ein XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen F. Ein maͤnnliches Portraͤt. H .... e. E in unaͤhnliches Bild, das jedoch noch Character des Urbilds genug hat. Kein großer, kein philosophischer Kopf; aber ein maͤchtiger, leichter, fertiger Geschaͤffts- mann, von vieler Feinheit, Klugheit und Wohlanstelligkeit. Diese Stirn ist, die Schaͤrfe am Augenknochen ausgenommen, aͤußerst gemein. Jn der Natur hat sie einen viel sprechendern Character. Der Raum zwischen den Augenbraunen bis auf die Nasenwurzel faͤngt an mehr zu versprechen. Die Augen sind sicherlich keines Dummkopfes, sind eines klugen, beobachtenden, erfahr- nen Weltkenners. Die Nase hat vieles, das sie dem Auge des Kenners sehr empfehlen wird. Der Mund macht durch seine Unbestimmtheit dieses Bild am unkenntlichsten. Bey allem dem hat er nichts Craßes, Dummes, Schiefes — oder wider den Mann Zeugendes. Jch wuͤrde diesen Mann zu meinem Homme d'affaire waͤhlen; er muͤßte meine Correspon- denz, meine Rechnungen fuͤhren. Er muͤßte fuͤr mich kaufen und verkaufen. Jch glaube nicht, daß er mir leicht etwas verderben wuͤrde. Auch duͤrft ich mich, wenn er einmal ein Herz zu mir gefaßt, und recht bey mir zu leben haͤtte, auf seine Treu und Redlichkeit verlassen. — Aber Vorwuͤrfe wuͤrd' er mir machen, wenn ich was Dummes sagte, oder was Unuͤberlegtes thaͤte. Allenfalls koͤnnte seine Klugheit, aus Liebe zu mir, und aus Eifer fuͤr mein Jnteresse bis zur Feinheit, bis zur Arglistigkeit gehen; und sein ernsthafter Blick wuͤrde wohl nie herzlicher laͤcheln, als wenn er einen, der ihn oder mich haͤtte betruͤgen wollen, gluͤcklich erwischt und seinen Betrug auf seinen eignen Kopf zuruͤck gewendet haͤtte. Freue dich, einen solchen Mann in deinem Hause oder uͤber deine Geschaͤffte gesetzt zu ha- ben; aber fuͤrchte dich vor seinem Blicke, wenn du ihm unrecht thust, und sey deiner Sache sehr sicher, deiner Worte sehr maͤchtig, wenn du ihn bereden willst, seinen Sinn nach dem deini- gen zu aͤndern. Es zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Es ist ein geheimes Feuer in diesem Gesichte, das lange in sich brennen, und biswei- len fuͤrchterlich losbrennen kann. — Dieß Feuer kann, wie alles Feuer in der Welt — Tod und Leben wirken; Seegen und Fluch werden! — Die nachstehende Vignette — Carrikatur von einem trefflichen hoffnungsvollen Juͤng- linge, von dem wir auch noch reden wollen. C c 3 G. Ein XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen G. Ein Kopf nach Raphael. W er den Ausdruck dieses Kopfs vollkommen richtig, das ist, so bestimmen kann, daß es jeder Fuͤhlende fuͤhlt: das ist Wahrheit! der darf sich auf die Feinheit und Schaͤrfe seines physigno- mischen Gefuͤhls etwas zu gute thun. Jst's pruͤfende Aufmerksamkeit, oder ist's mehr aberglaͤubische Andacht, oder ein Gemisch von beyden, was diesen Kopf so characteristisch macht? oder ist's Sehnsucht mit Hoffnung vermischt? — Jn großer inniger Bewegung ist die Seele gewiß! Und diese Seele hat Kraft! Kraft bildet diese Augbraune; Kraft treibt die Stirne bey diesen Augbraunen so stark heraus; Kraft ist's, die dem Auge diesen festen scharfen Umriß giebt, dieses Feuer in den Blick treibt; Kraft, die den aͤußern Umriß der Nase, besonders der Spitze, so formt, so beschneidet; Kraft ist im Um- risse des Kinns und der ganzen Kinnlade. — Aber widersprechende Schwachheit in der allzutiefen Hoͤhlung der Nasenwurzel beym Aug, und kraftlos ist das Ohr. — Aber dann wiederum, die Stellung, wie seelevoll! wie harmonirend mit dem Blicke! — Mir scheint es am meisten einen gefuͤhlvollen Denker zu bezeichnen, dessen Herz lan- ge schon einer Wahrheit ahndend entgegen schlug, und woruͤber sich in seiner Stirne Glau- ben und Zweifel wechselsweise bewegten — und auf einmal steht vor ihm die sinnliche Ge- wißheit dessen, was er ahndete, hoffte. Sein Aug und Augbraunen heben sich in freudig schauendem Triumph, in seiner Stirne gruͤndet sich ewige Bestaͤtigung, und sein nun ganz frey schlagendes Herz draͤngt sich auf der liebenden Lippe dem ersehnten Gegenstande zu. Kurz, mir zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. mir ist es der Mann, der durch ein sinnliches Wunder fuͤr viel Lieben, Sinnen und Drang belohnt wird. Der Kopf hier unten ist auch nach Raphael, aus der XIV Tafel dieses Theils ver- groͤßert .... Hinschauendes, scharfpruͤfendes Zweifeln — mit Sehnsucht nach Gewiß- heit vermischt. H. Ein XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen H. Ein zweyter Kopf nach Raphael. S tiller, nicht fluͤchtiger — Leser — was sagt dir und mir — stille Beobachtung dieses Ra- phaelischen Kopfes! — Wird er wohl bestimmt genug gezeichnet seyn — um leicht erklaͤrbar zu seyn? — Mir liegt drinne, mittheilende Versicherung auf das reinste ausgedruͤckt. Die beyge- zeichnete aufdeutende Hand, die Stellung des Ruͤckens laͤßt keinen Zweifel uͤbrig. — „Siehst „du den, der helfen kann, der hilft!“ scheint sie mit fliegender Eile zu sagen. Nur ist ein Fehler der Zeichnung zu bemerken, wodurch der Kopf ein schiefes Ansehn bekommt. Er soll nach der Jntention des Erfinders nicht allein sich vorbiegen, sondern auch gegen den Zuschauer heruͤberhaͤngen. Daher sieht man eben auf den Scheitel; die Stirne macht mit der Nasenwur- zel einen sanften Winkel, der Stirnknochen bedeckt das Augenlied, das Naslaͤppchen das Nas- loch, die Oberlippe die Unterlippe, und darum sieht man zwischen der Unterlippe und dem Kinn so einen wunderbaren Raum, und so weit ists noch ziemlich richtig, nur das Kinn geht nicht genug ins Blatt hinein, und der Einschnitt unten verdirbt alle Wirkung, indem er nach der obern Lage des Kopfs von der Runde des Backen bedeckt seyn muͤßte. Dadurch bekommt der Kopf ein falsches Ansehn, und man weis nicht, wodurch der reine feste Eindruck gestoͤrt wird. Freylich ist auch das Auge zu graß. Doch ist die gepackte Stirne, der parallele Ruͤcken der Nase, die Fuͤlle der Wange ganz trefflich; und die uͤbermaͤßig vorstehende Oberlippe ein Beyspiel zur Bemerkung, wie Raphael, um Wahrheit, Bedeutung und Wirkung hervorzu- bringen, selbst die Wahrheit geopfert. Schau einen Augenblick hinweg und dann wieder hin! scheint sie nicht zu sprechen? Zwar spricht die ganze Stellung, in ihrer kleinsten Linie. Aber wo concentrirt sich alles? — Auf der Oberlippe! Jndem dein Aug' eine wahre proportionirte Lippe erwartet, wird es hervorgefuͤhrt, die verlaͤngerte Lippe scheint sich zu bewegen, und indem du dich bemuͤhst, sie in Gedanken zuruͤck zu bringen, bewegt sie sich immer aufs neue vorwaͤrts; auch ruht wirklich die ganze Kraft der Gestalt auf dieser Oberlippe. Vielleicht zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Vielleicht kommt manchem dieses wie Geistersehen vor, was ich ahndungsvoll nach dem Original, durch den Schleyer dieser harten Copie kommentire. Die Vignette hier unten hat etwas von dem furchtsam erstaunten Thomas nach Ra- phael. Bescheidenheit, Scham, Zweifel und Hoffnung, scheinen sich in diesem Gesichte zu vereinigen. Phys. Fragm. I. Versuch. D d I. Zween XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen I. Zween Koͤpfe nach Le Bruͤn. D aß beyde die allertiefste devoteste Ehrfurcht ausdruͤcken, ist jedem auch dem gemeinsten Be- obachter sichtbar. Veneration druͤckt zu wenig aus. Es ist auch nicht ganz Anbetung; aber es ist schamvolles Gefuͤhl der Unwuͤrdigkeit vor einer gegenwaͤrtigen Gottheit, oder der Stimme ihrer Boten. Verstummen, das laut spricht: „Siehe die Magd des Herrn! Mir geschehe nach „seinem Willen.“ Auf der Stirne der erstaunten, frommen, keuschen Seele — ruht eine tiefe reine Stille! Die Hoͤhlung in der Mitte der Augbraunen ist dem Herauswoͤlben des Stolzes entgegengesetzt, und zeigt Bescheidenheit und Scham an, die nah an geheimen edlen Schmerz graͤnzt. Sonst ist diese Augenbraune nicht weiblich genug .... Schade, daß das verschloßne Aug so schlecht, so hart gezeichnet ist! .... Die Nase ist sicherlich einer keuschen, edlen, jungfraͤulichen Seele wuͤrdig. Sehr expressif ist der aͤußerste Umriß der Oberlippe, bis wo er sich im Schatten verliert. Aber die Unterlippe — dieses so oft und so sehr vernachlaͤßigte, und dennoch so betraͤcht- liche Stuͤck des menschlichen Angesichts, ist so bloß rund, so geist- und bedeutungslos, und der Uebergang zum Kinne vollends so schlecht, daß er gar keine Achtung verdienet. K. D ie zweyte Tafel ist nach demselben Lebruͤn-audranischen Originale copiert, und es soll da- zu dienen, durch Aufsuchung der kleinen Verschiedenheiten das physiognomische Gefuͤhl zu schaͤrfen. Der Unterschied ist leichter uͤberhaupt zu bemerken, als besonders anzugeben, und mit Worten genau zu bestimmen. Die Augenbraun scheint mir hier merklich weniger expressif. Sie geht nicht voͤllig so weit gegen den aͤußersten Umriß der Stirne vor. Die dadurch bewirkte geringe Erweiterung des Feldes zwischen den Augenbraunen, giebt der Stirn etwas mehr Groͤße. Der zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Der untere Umriß des verschlossenen Auges ist noch etwas schlechter, als in der ersten Fi- gur, weil er haͤrter und hinten weniger gebogen ist. Der etwas breitere, ununterbrochene Schatten unter dem Auge, der weniger hart ist, als in der ersten Figur, scheint mir um etwas vorzuͤglich. Der aͤußerste Umriß der Spitze der Nase ist hier etwas weniger stumpf, und scheint noch etwas mehr Verstand und Gemuͤthsfestigkeit auszudruͤcken. Die Oberlippe hingegen ist weniger wellenfoͤrmig und bestimmt, und verliert daher im Ausdrucke merklich. Der Mund ist etwas kuͤrzer, mithin von vorne anzusehen schmaͤler, zugleich ist die Ober- lippe weniger hart; dieß giebt ihm mehr Jungfraͤulichkeit. Allein die durch die Gewalt des Aezwassers gewirkte Haͤrte und Schwaͤrze zwischen beyden Lippen benimmt ihm alle Anmuth. Etwas weniger hart und abgeschnitten ist die untere Kinnlade — aber der ganze Un- tertheil des Gesichtes ist deswegen weder merklich schoͤner, noch bedeutsamer. D d 2 L. Ein XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen L. Ein Kopf nach Piazetta. Z ieh erst die fatale Haͤrte des linken Auges und der einen Seite der Nasen ab, und dann frage dich: Jst diese Stirne ganz gemein? Das Licht auf der Woͤlbung der Stirne, der scharfe Augkno- chen — zeigt mir viel feinen Verstand; nicht einen offnen heitern philosophischen Kopf; weder einen Ersinder des Schoͤnen, noch einen Schoͤpfer des Guten! Aber einen tiefklugen, allenfalls kunst- und fleißreichen Mann. Dieß bestaͤtigt mir auch, nebst der Stellung, der ganze untere Theil des Gesichts von der Nase an, besonders der Queereinschnitt mitten, und der Eindruck unten am Kinne. Nachstehende Vignette ist etwas von dem Portraͤt des Franz Antonius Pagi, dessen Gesicht einen sehr feinen, verstaͤndigen, planvollen Mann zeigt. M. Ein zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. M. Ein Kopf nach Le Bruͤn. W as siehest du in diesem Gesichte? was ist dieser scharfhinschauende Blick? diese Tiefe des Au- ges, diese Runzeln der Stirne, diese Offenheit des Mundes, dieß Vorhaͤngen des Hauptes? Sie- hest du nicht — mitleidreiches Schrecken? scharfes Betrachten und mitleidendes Erforschen fremder Noth? Wie sprechend ist der aͤußerste Umriß der Stirn! und welches Menschen ist die Stirn und die Nase! So schauen, kann's eine kleine gedankenlose leere Seele? welche Kraft ist in jedem Aufmerken! im Aufmerken theilnehmender Liebe! wie wenigen ist sie gegeben! — Diese Stirn ist nicht des Guten aus Schwachheit! der wuͤrde sich wenden vom Anblicke des Elendes, laut jammern, sich verhuͤllen und — verschmachten! — Dieser Kopf koͤnnt' allenfalls Copie eines raphaelischen seyn? — Wie entsetzlich muß der Schmerz seyn, der auf dieses kraftvolle Gesicht die- sen Eindruck, diese Furchen auf Stirn' und Wange pflanzt? — Nachstehende Vignette stellt den Kopf Saullus vor, da er vernommen den Donner der Stimme: Jch bin Jesus, den du verfolgest! Ach! wie's ihm so schwer wird, wider den Sta- chel auszuschlagen! D d 3 N. Ein XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen N. Ein Kopf nach Le Bruͤn. W ar der vordere Kopf raphaelisch, so ist's dieser noch mehr. Welch einfache Expression! wie viel mit Wenigem ausgedruͤckt! wie ganz Aug' und Ohr ist Er! wie ganz Ohr im Aug'! Sein Blick ist nicht des Menschen betrachtenden, ist des Wort aufhorchenden, Gedanken verschlingenden. Es ist unendlich wichtig, was dieser Horchende vernimmt; — Er ahndet daraus die wichtigsten Revolu- tionen in und außer sich; aber noch verschließt Aufmerksamkeit und Bestreben nach Sicherheit, daß er's recht verstehe, der Empfindung der Freude oder des Schreckens, die mit der vollen Gewißheit, wie ein Waldstrom, hereinbrechen werden, den Durchbruch. Bis auf die Unterlippe hat das Gesicht viel Großes. Aber der untere Theil ist zu kleinlich und zu gemein. O. Vier zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. O. Vier Profilumrisse. F reund und Forscher der Menschen, wuͤrdest du gern in der Gesellschaft der vier Maͤnner seyn, von deren Gesichtern hier ziemlich aͤhnliche Umrisse dir vor Augen liegen? Was du von ihnen urthei- len werdest, weiß ich nicht; so viel aber weiß ich, daß du dich in ihrer Gesellschaft ganz gewiß nicht uͤbel befinden wuͤrdest. Es sind vier Menschen von dem verschiedensten Character, die sich aber alle durch Guͤte und außerordentliche Redlichkeit auszeichnen. Von denen seltenen Menschen sind's, denen du in der ersten halben Stunde gern viel von deinem Herzen mittheilest, denen du ihre Fragen gern ein- faͤltig, ohne Furcht und ohne Mißtrauen beantwortest. Es ist ein Gelehrter, ein Officier, ein Mediciner, und ein Fuͤrst — Versuch es, sie auszufinden. Alle vier haben ziemlich viel Verstand. Furchtsam und hypochondrisch sind we- nigstens zwey wo nicht drey davon. — Der Gelehrte ist mehr heiter als tief in seinen Gedanken und aͤußerst nett in seinem Ausdrucke — und in seiner Handschrift. Er hat ein zartes, wohlthaͤtiges, und bey aller seiner Schuͤchternheit ein durch Tugenduͤbung stark gewordenes Herz, das den Freund, und den Mit- arbeiter, und Untergebenen warnen und zurecht weisen darf. Jch halte seine Stirne fuͤr den Sitz eines guten Gedaͤchtnisses und eines maͤßigen Witzes. Solche Stirnen sind mehr der helle, als der tiefsehenden Menschen. Den Officier (such ihn nicht im Kleide) lieb ich, ohne viel von seinem Geiste zu wissen, der weder zu den Schwachen noch den Starken gehoͤren mag, herzlich um seiner redlichen Men- schenfreude willen! Schade, daß der Ausdruck davon in der Zeichnung zu schwach ist! Du kannst ihm keine groͤßre Freude machen, als wenn du ihm einen unerwarteten Freund zufuͤhrst! Blos der Anblick wuͤrd' ihn erfreuen, wenn er auch nicht den mindesten Nutzen von seiner Gegenwart haben; wenn er auch kein belehrendes oder unterhaltendes Wort von ihm hoͤren XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen hoͤren sollte, so freudig er's auffaßt, wenn er so was hoͤrt, ohne daß es ihm in den Sinn koͤmmt, sich damit an einem andern Orte zu bruͤsten. Er hat ein sanftes pockennarbigtes Weib- chen, das sich durch keine blendende Reize — aber durch die sanfteste Leidensdemuth empfiehlt, und deren Wahl, wenn er sie, wie ich glaube, aus Geschmack und eigenem Gefuͤhle ge- waͤhlet hat, einen großen Begriff von der, vielleicht sonst nicht genug entwickelten, Feinheit seiner Seele giebt. Er ist aufrichtig bescheiden, und ich weiß, daß er an alles in der Welt eher denken mag, als daß von ihm in diesem Buche gesprochen wird. Sollt's ihm einmal zu Gesichte kom- men? Die Miene moͤcht' ich sehen! das liebe Ehepaar neben einander an dem Tischgen, wo es of- fen vor ihnen laͤge — sie auf einmal dieses Bild erblickten — und laͤsen. Koͤmmt diese Stunde, liebes Paar, das ich in meinem Leben vielleicht nimmer sehen werde — ich weiß, sie ist nicht die unseligste Eures Lebens, ob ihr gleich erroͤthet oder erblasset — Jch weiß eure ganz reine unei- gennuͤtzige Guͤte wird uͤber Eure Bescheidenheit siegen. Jhr werdet am Ende laͤcheln — und mir verzeihen. Der Fuͤrst auf diesem Blatte, (errath ihn; hast du physiognomisch Gefuͤhl oder nur maͤßige Weltkenntniß, du wirst ihn errathen;) ist die guͤtigste, die bescheidenste Seele — Spar- sam an Worten; sanft in allen seinen Aeußerungen, und dennoch nicht schleichend. Ein gesundes Urtheil — das sich nur nicht genug fuͤhlt, nicht heraus wagt — siehst du immer auf seinem Blick, auf jedem halbausgesprochnem Worte schweben. Seine Stirne zeigt Uebergewicht der Guͤte, aber keine Duͤrftigkeit des Verstandes. Der Umriß von der Nasenwurzel bis zur Ober- lippe versprechen noch mehr, als seine zu große Schuͤchternheit in seinen Worten bemerken laͤßt ... Ha! wie sehnt sich mein Herz, ihm Gefuͤhl seiner selbst in seine edle Seele zu athmen! Kann ich's nicht, kann's die unvergleichliche Fuͤrstinn, von der jedes, auch das beste, Portraͤt Carrikatur, jede, auch die schlechteste, Carrikatur aber nicht vermoͤgend waͤre, alle Guͤte auszuloͤschen, die mit dieser Fuͤlle auf ein Menschengesicht, auf eine ganze Menschengestalt ausgegossen ist! Aber noch hab ich nichts von der Nathanaelsseele des Mediciners gesagt, von dem du auf diesem Blatte ein schwaches Bild findest. — Sein Blick ist nicht eines tief aufgrabenden Erforschers! Aber Blick dennoch eines gluͤcklichen freyen Genies! die gerade, freye, unverstellte, und dennoch uͤberlegungsreiche Seele; dieß zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. dieß seltene Gemisch von Kindereinfalt, Kinderbiegsamkeit, reizbarem Enthusiasmus — und immer Herzensfestigkeit; diese Treue im Berufe; diese wahre tiefe unschwatzhafte Gottesfurcht; dieser Fleiß, diese Ruhe, diese plane, hellfortfließende Stille der Seele — Siehst du nichts da- von in diesen Linien? Siehst du nichts davon im Urbilde — o Freund, so ist jedes Wort die- ser Schrift dir unertraͤgliches, dir unverstehbares Gewaͤsch in einer fremden Sprache. Durch ein Versehen des Kupferdruckers an ei- nem entfernten Ort ists geschehen, daß zu etwa 10 Ta- feln dieses Werkes schlechter Papier genommen worden. Es geschahe zum groͤßten Verdrusse des unschuldigen Verfassers und Verlegers. Man bittet deswegen um Nachsicht und Vergebung. P. Einige kurze Urtheile uͤber kleine chodowiekische Koͤpfe. D ie Kleinheit und die damit verbundne Unbestimmtheit der folgenden 48 chodowiekischen Koͤpf- chen macht es zwar unmoͤglich, sie alle mit hinlaͤnglicher Zuverlaͤßigkeit zu beurtheilen. Doch sey mir der Versuch vergoͤnnet, uͤber jeden wenigstens ein allgemeines Woͤrtchen zu sagen. Wir wollen, Leser, unser Licht zusammen tragen, und unser Menschengefuͤhl an einander zu waͤrmen suchen. I. Tafel. 1) Das erste Gesicht hat was Edles, das sich mit sehr weniger Verstaͤrkung oder Bestimmung bis zur Groͤße erhoͤhen ließe. Die horizontale Lage der Augenbraunen, die kurze sanftzu- ruͤckgehende Stirne, (wobey zwar der Augknochen oben schaͤrfer hervorgehend, gegen den Augwinkel tiefer eingeschnitten seyn sollte,) und die Einfalt des Ganzen — hat fuͤr mein Gefuͤhl was ungemein Einnehmendes. 2) Das zweyte scheint mir nicht wahr genug gezeichnet zu seyn. Die Nase verdirbt das Gesichte. 3) Ein edles, verstaͤndiges, feinfuͤhlendes Koͤpfchen. 4) Das vierte etwas schwach und kindisch. 5) Das fuͤnfte — weise, theilnehmende, mit Mitleiden vermischte Aufmerksamkeit. 6) Ein Phys. Fragm. I. Versuch. E e XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen 6) Ein herrlich verstaͤndiger, kluger, rechtschaffner Mann. 7) Ein witziger Kopf in guter Laune. 8) Ein trockner, zaghafter, nicht unkluger Mann. 9) Der neunte, melancholisch und argwoͤhnisch. 10) Der zehnte, gescheut, weibisch und schlau. 11) Ein ehrliches, liebes, verstaͤndiges Gesichtchen. 12) Ein ehrliches, aber untenher ziemlich schwaches Gesicht. 13) Gescheut und entschlossen. 14) Verstaͤndig zum Argwohn, und zur Grausamkeit — und, aller Wahrscheinlichkeit nach, wolluͤstig. 15) Ein vollstaͤndiger Soldat! Ein entschloßnes festes, cholerisch-melancholisches Gesichte. Nur ist die Nase fuͤr die Entschlossenheit des Ganzen zu schwach, zu wenig hervorstehend. 16) Etwas gescheuter und feiner, als der vorhergehende. 17) Das completeste Moͤnchsgesicht. Ununternehmend, wohllebisch, phlegmatisch, ohne Theilnehmung. 18) Ein Mohrengesicht, dessen Stirne vielleicht was hoffen ließe, wenn besonders die Nase hin- ten nicht so ferne vom Munde, und dem zu kleinen Auge zu nahe waͤre. 19) Ein guter Mann, mit wenig Scharfsinn, doch nicht ganz unfaͤhig des moͤnchischen Witzes. 20) Ungefaͤhr derselbe, doch etwas verschlagner. 21) Ein nicht unverstaͤndiges, kaltes, ordentliches, bedaͤchtliches Gesicht. 22) Jesuitischer Blick. Etwas Bigotterie, und untenher seelenlos. 23) Etwas verdruͤßlich, mißtrauisch, eigensinnig. 24) Verstaͤndig; vermoͤge des Umrisses der Augenknochen und der Nase gut; aber nicht groß nach dem Munde und dem Kinne. II. Tafel. zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Q. II. Tafel. Chodowiekischer Koͤpfe. 1) Jn dem ersten ist ein Gemische von Großem und Kleinem; der obere Theil mit dem Auge laͤßt Großes hoffen; der untere benimmt, oder schwaͤcht diese Hoffnung. 2) Ein herrlich Gesicht eines verstaͤndigen, und herzguten Menschen. 3) Ein sehr verstaͤndiger Mann von vieler Erfahrung, doch unentschlossen, und stolz! 4) Liebenswuͤrdiges Gesicht eines edlen, unschuldigen, ruhigen, leidenschaftlosen, gesunden Menschen. 5) Ein sehr kluger, fester, tapferer Mann. 6) Hochachtung erwerbende, und Zutrauen verdienende Klugheit. 7) Derselbe Character, nur etwas weniger erhaben. 8) Ein herrliches Mannsgesicht voll Weisheit, und Ruhe und Festigkeit. 9) Welch ein ploͤtzlicher Abfall das neunte Gesicht! wie kleinlich, unedel, unmaͤnnlich, schwach in Vergleichung mit dem vorigen! 10) Jch getraue mir nicht, mit genug Sicherheit zu entscheiden, wie viel Ehrlichkeit sich zu dem muntern Witze geselle, der in diesem Gesichte die Oberhand zu haben scheint. 11) Ein ordentlicher, mit Fleiß arbeitender, tiefsehender, etwas melancholischer Kopf, der des Neides und Geizes nicht unfaͤhig waͤre. 12) Ein nicht von aller Feinheit und Kraft leeres Staatsgesicht. 13) Aufmerksamkeit eines guten Beobachters ohne sonderliche Klugheit. 14) Hoͤherer Grad der Aufmerksamkeit mit Zweifel und Urtheil vermischt. 15) Sollten Kaͤlte und Melancholie, Aberglauben und Groͤße sich zusammen finden koͤnnen, so glaubt' ich sie in diesem Gesichte vereinigt zu sehen. 16) Fast sollt' ich diesem Gesichte keinen Namen geben! aber willkuͤhrliche niedertraͤchtige Miß- gunst, verbunden mit diesem Grade der Dummheit, verdient doch, bezeichnet zu werden. 17) Ein ganz guter, ertraͤglicher Mann, dessen nicht verstandleeres Auge eine schaͤrfre Nase zur Gesellschafterinn verdiente. E e 2 18) Jch XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen 18) Jch kann mich nicht erwehren, zu sagen, daß dieß Gesicht zwar nicht ganz dumm, aber gefuͤhllos ist. 19) Ruhighorchende, nicht ganz untheilnehmende Aufmerksamkeit. 20) Die Kleinheit der Nase verdirbt vieles in diesem sonst nicht schlimmen Gesichte. Die Aug- braunen zeugen von Verstand, von Guͤte der Mund. 21) Ein uncultivirtes etwas eigensinniges Capucinergesichtchen, nicht ohne merkbare Anlagen. 22) Ein außerordentlich gescheutes Gesicht, das viel Großes hat, dem aber das hervorstehende Kinn, und der steife Bart wehe thun. 23) Dieß Gesicht wird sich, das weiß ich gewiß, wenige Freunde machen. Wer ist, der es nicht eher fuͤr das Gesicht eines guten Essers, als eines großmuͤthigen Mannes erklaͤ- ren wird? 24) Ruhige, vorsichtige, oder vielmehr bedaͤchtliche, uͤbrigens ziemlich alltaͤgliche Amtsmiene! Jch wuͤnschte, daß einer meiner Leser, der, wie's gewiß hundert geben wird, mehr Welt- und Menschenkenntniß besitzt, als ich — alle diese Gesichter, gleich als stuͤnd oder saͤß er mir bruͤderlich zur Seite, durchgehen, und meine Urtheile, eins nach dem andern, verbessern moͤchte. R. Ein zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. R. Ein ausgearbeitetes Profilportraͤt. D as vorstehende Bild ist dem Urbilde sehr aͤhnlich; dennoch hat es von der Anmuth und Lieb- lichkeit des Originals merklich verloren. Aus Furcht, ins Harte zu fallen, wollte es der Zeich- ner, Herr Heinrich Pfenninger, nicht wagen, einige sehr bedeutsame Zuͤge etwas bestimmter und fester zu zeichnen. Es ist indeß hinlaͤnglich kennbar, um uns zu einigen Beobachtungen die gehoͤrigen Dienste zu leisten. Wir werden aber auch das nicht unbemerkt lassen, was das Bley- stift und die Nadel zuruͤck gelassen haben moͤgen, und so werden wir so gar noch die, auch bey der groͤßten Sorgfalt, beynahe unausweichbaren Fehler benutzen koͤnnen. So viel ich aus dem Umgange mit diesem Manne, und aus dem mit dem meinigen voll- kommen uͤbereinstimmenden Urtheile andrer, die ihn genau kennen, — mit voͤlliger Zuverlaͤßigkeit schließen kann, hat er folgenden — Character. Ueberaus sanft, zaͤrtlich, guͤtig, empfindsam, aufrichtig, bescheiden, und von Herzen de- muͤthig — frey von heftigen und stuͤrmischen Leidenschaften; immer heiter, ruhig, guten Muths; aufgeweckt, ohne lustig, ernsthaft, ohne traurig und niedergeschlagen zu seyn; unbeschreiblich billig in allen seinen Urtheilen, und vorsichtig, durch sein Betragen, und seine Reden keinen Men- schen zu beleidigen — Ein angenehmer, unterhaltender, theilnehmender Gesellschafter — Einfach und geschmackvoll in seinem Aeußern und seiner Kleidung — reinlich, maͤßig, zufrieden, froͤhlich andaͤchtig, fromm, voll einer nicht lauen und nicht schwaͤrmerischen Liebe zum — Heiland — Eines der weisesten und angesehensten Mitglieder der maͤhrischen Bruͤderschaft; aber ein, nicht blos andre duldender, ein zaͤrtlichliebender allgemeiner Menschenfreund; fern von allem ausschließen- den Partheygeiste; — billig genug, die Fehler seiner Parthey zu gestehen, und das Gute ihrer Gegner hervorzuziehen, und bekannt zu machen — Ein weiser — nein nicht Vater, ein Bruder, ein Freund aller Kinder; — eine Freude aller, die ihn kennen; — ein Kind voll Guͤte und Un- schuld; — klug, wie eine Schlange, und einfaͤltig, wie eine Taube; fein, aber nur durch Liebe; von der delicatesten Discretion — schwerhoͤrend, aber mit der ganzen Seele aufmerksam; Meister E e 3 seiner XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen seiner Zunge — und Herr seiner Geberden; gehorsam — in einem weit ausgedehntern Sinne, als eine woͤrtliche Sittenlehre fordern darf — gegen jeden Wink der Fuͤrsehung, und jeglichen Wink eines jeglichen, der nichts Unrechtes will — Freymuͤthig, ohne alles rohe, trotzige We- sen; — demuͤthig uͤber alle Vergleichung; ruhiger, wenn man ihn tadelt, als wenn man ihn ruͤhmt; dankbarer, (nicht mit schmeichelndeln Worten) dankbarer fuͤr die Bestrafung, als fuͤr das Lob — gegen keinen Menschen so streng, als gegen sich selber — und dennoch von aller Aengstlichkeit, al- lem jammerhaften Wesen unendlich entfernt .... Voll gesunden heitern Verstandes; — kein tiefdringendes, kuͤhnes, schoͤpferisches Genie; aber ein uͤberlegender, nicht langsamer, feinsichtiger Geist — — Von Disputirsucht, Rechthaberey, Prahlerey — weit entfernt, dennoch fest ge- nug, seine Sache mit Weisheit und Standhaftigkeit zu behaupten. .... So weit koͤnnt' ich fuͤr seinen Character ziemlich gut stehen — — und wie viel Gutes ließe sich noch sagen, wenn die Sprache Zeichen genug haͤtte, noch so manche feine Schattirung seines edlen, reinen, oft an Erhabenheit graͤnzenden Characters auszudruͤcken. — Uebrigens, — und diese Beobachtung ist fuͤr den Physiognomisten nicht gleichguͤltig — hat alles an ihm, nicht nur Stimm und Geberde, so gar auch alle Zuͤge seines Gesichtes ein entscheidendes Gepraͤge der Gemeine, zu welcher er gehoͤrt. Veredelt, verfeinert scheint das Ei- genthuͤmliche der Bruͤderphysiognomie allenthalben durch — Alles an ihm hat, wenn ich sagen darf, die Tinktur — oder, wenn ich es ohne Beleidigung sagen koͤnnte — alles an ihm ist Melodie der Bruͤderschaft. Von religiosen Physiognomien g. G. ein besonderes Fragment! — So viel von dem wirklichen Character. Nun wollen wir zu einigen physiognomischen Beobachtungen fortgehen. Physiognomische Bemerkungen. Jch zweifle nicht, daß das voruͤberstehende Profil jedem gesunden Auge nicht sogleich einen Mann von der aͤußersten Sanftmuth, Guͤte, Bescheidenheit und Ruhe darstellen werde. Man frage jeden Menschen, dem man dieß Bild vorlegt: „Jst dieß ein wilder — oder „ sanfter Character? Jst das Herrschende seines Characters Wildheit oder Sanftheit? “ Vom Aufgange bis zum Niedergange wird keine vernuͤnftige Menschenseele sagen: „Wildheit!“ Nein! Sanftmuth und Guͤte wird jeder, der ungeuͤbteste, wie der geuͤbte, darinn finden. Ferner: zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Ferner: Nicht alle werden es so gleich sagen koͤnnen, wenn sie nicht gefragt werden; aber alle werden es bejahen muͤssen, wenn man es ihnen zuerst sagt: — was in dieser Physiogno- mie nicht ist. Nimm, mein Leser, dieß Bild vor dich, und siehe, ob du mir nicht gestehen muͤssest, daß das alles nicht in dieser Physiognomie ist, wovon ich nun sagen werde, daß es nicht darinn sey. — So koͤnnen wir einander leicht bey der Hand fuͤhren. Jn dieser Physiognomie sag ich, z. E. Jst nichts Rohes, Wildes, Barbarisches, Grausames; Nichts Zorniges, Rachsuͤchtiges, Neidisches, Trotziges, Spoͤttisches, Kriechendes, Unedles; Nichts Hartnaͤckiges, Eigensinniges, Eisernes; Nichts — von hoher, unternehmender Kuͤhnheit, und durchsetzender Dreistigkeit; Nichts von schlauer, zweyzuͤngiger Arglistigkeit; Nichts von jenem thaͤtigen Heldenfeuer, das weit leuchtet, erhitzet, entflammt; Nichts von dummer, seelenloser Schlaffheit; Nichts von zaͤher, nervenloser Unempfindlichkeit; Nichts von jovialischer Fluͤchtigkeit, Leichtsinn und Etourderie; — Nichts von tieftrauriger, aͤngstlicher Truͤbsinnigkeit u. s. w. Jch glaube nicht, daß jemand sey, der von diesem allen eine merkbare Spur in der Phy- siognomie dieses liebenswuͤrdigen Menschenfreundes entdecken werde. Was aber eigentlich Positives an derselben wahrzunehmen sey, und welches der Sitz, der Character dieses Positiven sey, dieß ist schon weit schwerer zu bestimmen, und setzt feinere Be- obachtungen, und mehrere Menschenkenntniß voraus, als man von jedem gemeinen Menschen for- dern duͤrfte. Aber geuͤbtere Beobachter werden mir sogleich gestehen, daß z. E. die zuruͤckgehende, so gewoͤlbte Stirne (wie sie sich insonderheit durch den von dem Schlafe heraufgehenden, zu schwa- chen Schatten bestimmt) daß der etwas tiefe Einbug bey der Nasenwurzel, die etwas starken, haa- rigten, so gebrochnen Augenbraunen, das sanfteckigte im ganzen aͤußersten Umrisse, beson- ders XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen ders der, beynahe noch zu schwach ausgedruͤckte, Einschnitt mitten am Kinne, welches untenher in der Natur wohl noch etwas runder seyn mag, die Lage und Sichtbarkeit der Muskeln an der Backe, die Distanz der, leider! verdeckten — Ohren von der Nase, die horizontale Lage des Mundes, die Verschlossenheit desselben, die Proportion, Zeichnung und Lage der Lip- pen — daß das alles zusammen genommen entscheidende Merkmale von Verstand, Klugheit und edler Feinheit und Heiterkeit des Kopfes seyn. So entscheiden wenigstens meine bisherigen Be- obachtungen. — Guͤte ist allenthalben ausgegossen, oder eigentlicher zu reden: Aus der Fuͤlle der Guͤte des Originalgesichtes sind nur einige Tropfen auf dieses Nachbild gefallen, und auf dem- selben zerflossen. Kein Mensch wird dieses Bild ansehen, ohne Guͤte zu vermuthen, oder wenig- stens sogleich einzustimmen, wenn man ihm sagt: „Siehe hier ein Bild eines Guͤtigen.“ Um das, was ich bisher gesagt, noch gewisser und anschaubarer zu machen; — um den aufmerksamen Leser noch einige Schritte weiter zu fuͤhren, oder vielmehr, um ihn auf einer Bahn stehen zu lassen, auf welcher er, ohne mich, vielleicht gluͤcklicher wird fortgehen koͤnnen, will ich noch einige Vermuthungen wagen, und einige Bemerkungen beyfuͤgen. — Bemerkungen. Das Aug und der Mund sind in dem Urbilde noch viel guͤtiger und liebreicher, als sie es in diesem Nachbilde sind. Warum scheint nun dieses Nachbild weniger liebreich, als das Original in derselben Lage und Verfassung? — Ohne Zwefel sind folgende Maͤngel und Schwaͤchen der Zeichnung Schuld daran. Das Auge hinten in dem Winkel ist zu abgebrochen, zu stumpf — Die Linie, an welcher die Auglippenhaare (cilia) stehen, und die druͤber, welche hinten mit der untern in einen Win- kel zusammenlaͤuft, sollten weiter fortgehen, sollten zu einigen kleinen nach und nach sich verlieren- den Falten werden, und wieder aus einander gehen. — Ferner: Die mittlere Linie im Munde wuͤrde ungleich mehr Leutseligkeit darstellen, wenn sie vornen nicht so scharf verschlossen, oder nur wo die Mittellinie sich bricht, und dann zwischen dem aͤußersten Ende durch einige Druͤcke des Grabstichels belebter worden waͤre. Noch mehr, wenn zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. wenn von dem hintern Ende des Mundes theils an dem Rande der Oberlippe ein bis zur Haͤlfte vorwaͤrtsgehender, zarter, sich verlierender Schatten, und hinten an der Unterlippe von der Mit- tellinie an ebenfalls ein kuͤrzerer festerer Schatten angebracht waͤre. Denn wirklich hat hierinn der Zeichner gefehlt. Vermuthungen. Man setze, daß die Stirne nicht so zuruͤckgienge, daß sie mit dem Contour des Unter- theils des Gesichtes unter der Nase perpendiculaͤrer liefe, — daß die Endung der Stirne bey der Nase weniger stumpf und gewoͤlbt, sondern spitziger, schaͤrfer, knochigter waͤre — wuͤrde die Guͤte, die Sanftheit des Characters, die Schwaͤche, wenn ihr wollt, nicht verlieren — und Eigensinn und Staͤrke gewinnen? — wuͤrdet ihr, wenn dann beyde Gesichter, das itzige, und das also veraͤnderte, neben einander gestellt wuͤrden, nicht das itzige dem veraͤnderten, in Ansehung der Guͤte vorziehen? Kuͤnftige Tafeln werden diese Anmerkung bestaͤtigen. Setzet weiter, daß die untere Lippe weit unter der obern vorgienge — schief vorgienge — daß der Einschnitt mitten am Kinn sich in ein Stuͤck von einem Zirkel verwandelte — oder daß die horizontale Lage des Mundes so veraͤndert wuͤrde, daß das Ende hoͤher, oder tiefer stuͤnde, als der Punkt, wo sich vornen die Lippen schließen — wuͤrdet ihr auch noch denselben sanften, gu- ten und heitern Mann vor Euch sehen? — Nehmt alle die sichtbaren Muskeln an der Backe weg, spannt die Haut an; laßt sie zaͤ- her, fester, einfacher, platter ins Auge fallen — wird nicht dieses schon wieder einen haͤrtern, fe- stern, weniger empfindsamen Character darstellen? Setzet das Auge nur ein wenig tiefer gegen die Schlaͤfe zuruͤck; nur eine wenig tiefere Hoͤhlung gegen die Nase, laßt die gegen das Ende herabgehende Linie, an welcher die Haare stehn, horizontaler laufen — werdet ihr nicht so gleich einen tiefer denkenden, scharfsichtigern, feu- rigern, kuͤhnern Mann, ein mehr schoͤpferisches Genie vor Euch sehn? Jch koͤnnte diese Vermuthungen, auch nur in Ruͤcksicht auf das gegenwaͤrtige Bild sehr vermehren; — aber ich will lieber wenig sagen, und meinen Leser viel denken lassen — Jch Phys. Fragm. I. Versuch. F f heiße XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen heiße es Vermuthungen, blos um der Schwachen willen; denn eigentlich sind es Bemerkun- gen — denen ich aber lieber den bescheidensten Namen geben moͤchte. Wer denken kann, der denke weiter. Zur Vignette setz' ich hier Couplets, eines chinesischen Missionairs, Bild. Jch ver- gleiche nicht. Der Leser mag's thun. Nur bleibe das Auge nicht unbemerkt. S. Giorgione zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. S. Giorgione oder Georgius Barbarelli. V iele, die diesen Kopf gesehn, haben ihn bey dem ersten Anblicke fuͤr einen Christus Kopf gehal- ten. Das ist dem ersten Anblicke zu verzeihen, aber nicht dem zweyten. Ein offnes, gerades Gesicht eines großen Mannes ist's gewiß, ist's im schattirten Origi- nale nach Titian weit mehr noch, als in diesem duͤrftigen Umrisse. Ein Gesicht, das die Kuͤhnheit, die unerreichbare Freyheit seines geistvollen Pinsels trefflich ausdruͤckt. Es ist nicht das Gesicht eines langsamen, profonden Denkers; auch nicht eines muͤhsa- men, langsamgeduldigen, jeden Strich auspolierenden Kuͤnstlers. Obgleich, vermuthlich durch die zu große, schattenlose Unterlippe, der Mund etwas Ver- achtendes hat, welches jedoch dem feuervollen Kuͤnstler sehr natuͤrlich haͤtte gewesen seyn koͤnnen, so ist dennoch in der Mittellinie des Mundes (das ist, der Linie, welche aus der Zusammenfuͤgung beyder Lippen entsteht) obgleich auch diese mit zu dem Eindrucke der Verachtung hilft, etwas, das uns Ehrfurcht einfloͤßt, weil es Kraft zeigt. Die Nase ist in diesem Gesichte unstreitig eins der besten Empfehlungsmittel! So ist sicherlich keine Nase eines Menschen, der kein schoͤpferisches Genie, keinen fruchtbaren Geist hat. Bemerke besonders an dieser Nase die Hoͤhlung unten am sichtbaren Knorpel. — Auch der Wuchs des Bartes zeigt von dem Feuer seines Pinsels, und von der Fruchtbar- keit seiner Gestalten. T. Große Silhouette. U nter so vielen hundert Silhouetten, die ich sammelte und sahe, zeichnet sich diese gerade so aus, wie das Urbild derselben unter den Gelehrten. Mich duͤnkt, die Sache ist so auffallend, wie moͤglich. F f 2 Jch XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Jch glaube, behaupten zu duͤrfen, daß kein natuͤrlicher Dummkopf, kein eingeschraͤnkter Geist, so ein Profil, eine solche Stirne, eine solche Nase haben wird! Und dennoch hat, so viel ich weiß, aller dieser entscheidenden kraftvollen Zuͤge ungeachtet, kein Mahler, kein Zeichner, weder das Vollgesicht, noch das Prosil dieses außerordentlichen Man- nes gut und characteristisch getroffen. Obgleich sein Lebensgeschichtschreiber sagt, daß er in seinen fruͤhsten Jahren aͤußerst schwaͤchlich, unbeleibt und rachitisch gewesen; und obgleich eben dieser Verfasser so erstaunlich viel auf die unverstellten Kinderphysiognomien rechnet, so glaub ich dennoch, daß der Hauptbau, und die Grundlage dieses Koͤrpers auf große Kraft und Staͤrke angelegt gewesen. Wenigstens scheint sich dieses Profil in jedem Sinne durch Kraft auszuzeichnen, aber nicht plumpe, nicht wilde Kraft. Außerordentliche Verstandeshelle; die moͤglichste Bestimmtheit, Nettigkeit und Ordnung der Begriffe; Kraft, sie ins angenehmste sinnliche Licht darzustellen; unerschoͤpflicher Reichthum der Jdeen, vereint mit der aͤußersten Sparsamkeit der Worte; ein allumfassendes heiteres Ge- daͤchtniß; der reinste Geschmack; Kraft in allem, und ruhiges Empfinden seiner Kraft; eine allen Glauben uͤbersteigende, tiefe, feste Gelehrsamkeit; ein Fleiß ohne Beyspiel, gleichweit entfernt von Aengstlichkeit und Stuͤrmerey; Klugheit und Fertigkeit in allen Unternehmungen; unaufhoͤrliche, freye, unpedantische Calculation — und bey allem dem so viel feine Empfind- samkeit, so viele Theilnehmung am Schoͤnen, Guten, Edlen, Wahren, Goͤttlichen — Dieß sind einige bekannte, unlaͤugbare Zuͤge aus dem Character des Mannes, von dessen halben Gesichte wir hier die aͤußerste Graͤnzlinie vor uns haben. Wie wenig und wie viel sagt uns blos diese Linie! wie stark und entscheidend druͤckt sie mannichfaltige Kraft aus! Jch bitte aber vor allen Dingen, auf die Nase, diesen entscheidenden Zug der verstandrei- chen Seele, den Blick zu werfen. Hundert sehr verstaͤndige sind's ohne diesen Ausdruck. Aber, wer ihn hat, auf dessen Verstand und Klugheit, wenn sie nicht durch gaͤnzliche Ver- nachlaͤßigung, oder durch gewaltsame Zufaͤlle gekraͤnkt und erstickt worden, duͤrft ihr so sicher zaͤhlen, zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. zaͤhlen, als darauf, daß unter tausend Menschen nicht Einer ist, der die Nase nicht zwischen den Augen hat. Wenn ich in den menschlichen Gesichtern nicht die mindeste Entdeckung gemacht, wenn ich mich sonst in allen meinen Beobachtungen geirrt haͤtte, so weiß ich, daß ich mich hierinn nicht irre. Eine solche Nase, in solch einem Gesichte, wirst du vom Aufgange zum Niedergange schwer- lich bey einem finden, der nicht Anlage hat, ein großer Mann zu werden; so wenig du solche Stir- ne, solche Augen, Augenbraunen, bey einer solchen Nase, wie in der nachstehenden Vignette, an einem Dummkopfe finden wirst. F f 3 U. Neun XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen U. Neun erdichtete Silhouetten. E s ist keine von allen diesen Silhouetten nach der Wahrheit und Symmetrie der Natur gezeichnet. Es sind dem Zeichner nur gewisse Gesichtspunkte und allgemeine Jdeen vorgehalten wor- den, die ihn leiten sollten. Es sollten Uebungen des physiognomischen Gefuͤhles seyn, dunkle Wahrnehmungen in bestimmtere Bilder verfaßt — Zeichen, wodurch dem Leser manche sonst un- ausdruͤckbare Jdee anschaulich gemacht; Gelegenheiten, wobey ihm auf einmal vieles gesagt, worauf er in der Folge mehrmals verwiesen werden kann. Setze dich also neben mich, freundschaftlicher Leser, und laß dir etwas von dem Resultat bisheriger Beobachtungen mittheilen, und antworte mir im Geiste mit den deinigen. 1. Solche scharfe eckigte Gesichter hab ich immer vorzuͤglich verstandreich und tiefschauend gefunden. Das Kinn scheint mir zu diesem eckigten Umrisse zu glatt. 2. Die Stirne gut; je tiefer herab, desto schwaͤcher. 3. Ein sehr mittelmaͤßiges Gesichte, die untere Haͤlfte der Nase ausgenommen. 4. Die Nase sicherlich edel und verstaͤndig, das Uebrige gemein, zaghaft, leer; solche Stirne hab ich noch nie bey solcher Nase gesehen, auch nicht ein so bloͤdes Untergesicht. 5. Die Stirne ziemlich gemein. Unter der Stirne viel Nachdenken, Ueberlegung, Klugheit und Ruhe. Aber keine Erhabenheit der Seele, und keine siegende Schnellkraft. 6. Bis zur Oberlippe forschender, systematischer Verstand. Untenher weibliche Bonvivanterey. 7. Ein ziemlich leeres, zaghaftes, kraftloses, trocknes Gesicht, das in der Welt gewiß nie was Großes wirken wird. 8. Bis unter die Nase ausnehmend viel fester maͤnnlicher Verstand — Bemerke das Schiefe, und das Eckigte. — Auch bis zum Unterkinn ist Verstand. Das Unterkinn harmonirt nicht mit dem ganzen Obertheile des Gesichtes. 9. Ein zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. 9. Ein Gemisch von Verstand und Etourderie; die Laͤnge des Untertheils des Gesichtes, und die Beugung der Linie der Oberlippe von der Nase an zeigt Etourderie an. Von den Hintertheilen des Gesichtes, die groͤßtentheils schlecht sind, will itzt nichts sagen. Die nachstehende Silhouette ist nicht vollkommen, aber dennoch bis auf den etwas ver- schnittenen Mund, der getreue Umriß von einem der groͤßten und reichsten Genies, die ich in mei- nem Leben gesehen. V. Neun XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen V. Neun erdichtete Silhouetten. 1. E in guter brauchbarer Geschaͤfftsmann, von gemeinem Verstande, ohne starke Leidenschaft. 2. Tiefer, forschender, fester Verstand! Beynahe nur Verstand! Langsam und fest in seinen Ueberlegungen und Entschluͤssen! Wenig Jmagination, wenig Witz! Mehr eigensinnige Hart- naͤckigkeit, als freyer unternehmender Heldenmuth. 3. Ein herzguter, kalter — zufriedener, treuer, absichtloser Mann. 4. Trefflich bis unter die Nase! allenthalben Verstand, nur nicht in der Unterlippe und der zu langen und zu geraden Linie, welche zum Kinn fuͤhrt. 5. Verstand, Eigensinn, Geschmacklosigkeit. 6. Kontrast des Ober- und Untertheils des Gesichtes. Bis an die Spitze der Nase ziem- lich, nicht außerordentlich Verstand; unten viel Schwaͤche, Guͤte, Etourderie. 7. Etwas Witz; viel Guͤte! Etwas Geschmack; wenig Scharfsinn. 8. Ungeachtet die beynahe gerade Linie des Obertheils des Gesichtes nicht eine von den schoͤnen und vielbedeutenden ist, so kontrastirt dennoch der untere Theil des Gesichtes, von der Spitze der Nase an, damit. Solche Stirne kann nicht diesen flachen unmaͤnnlichen Umriß des Mundes und des Kinns haben. 9. Ziemlich zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. 9. Ziemlich gute Anlage, vernachlaͤßigt. Die Anlage bemerk' im Umriß der Stirn und Nase; die Vernachlaͤßigung im Untertheil des Gesichtes. Nachstehende Vignette ist der vollkommenste Umriß eines herzguten, feingebildeten, furcht- samen, zaͤrtlichen, aͤußerstfleißigen und reinlichen Miniaturmahlers, der vielen Antheil an den besten Zeichnungen und Tafeln dieses Werkes hat. — Phys. Fragm. I. Versuch. G g W. Neun XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen W. Neun erdichtete Silhouetten, groͤßtentheils Carrikatur. 1. E igensinn, Furchtsamkeit, Schwaͤche, Traͤgheit, Argwohn und Gleichguͤltigkeit — 2. Die Stirne ziemlich gemein; die Nase nicht viel besser; die Entfernung des Mundes von der Nase zeigt wenig tiefen Verstand; der untere Theil des Gesichtes nicht so uͤbel. 3. So ein flaches perpendikulaͤres Gesicht hat gewiß keine noch so gute Nase. 4. Aus der Carrikatur kannst du leicht auf die Wahrheit schließen. Carrikatur ist ein Vergroͤßerungsglas fuͤr bloͤdere Augen. Du kannst dieß Gesichte selbst beurtheilen. Daß es in der Welt nicht viel Boͤses stiften wird, siehest du selber. 5. Dieß Gesicht ist das beste unter diesen neunen. Es laͤßt sich mit diesem noch was an- fangen, allenfalls noch in eine Unterhandlung treten. Er wuͤrde langsam, und uͤberlegend, dabey treu und ohne Falsch handeln. 6. Ohne Scharfsinn, und Waͤrme staunt er in die weite Welt hinein, und auf einmal bricht der platteste Einfall hervor, uͤber den niemand lacht, als er selber, welches ihm auch voll- kommen genug ist. 7. 8. 9. Drey poͤbelhafte, grobe, freudenlose, nieder- vorsich- uͤbersichschauende Dummkoͤpfe; die beyden ersten werden immer muͤrrisch, der letzte allein bisweilen guter Laune seyn, alle sehr dumpfe, breite Stimmen haben. X. Zwo zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. X. Zwo ganze erdichtete maͤnnliche Silhouetten. D ie ganze Gestalt dieser beyden Maͤnner wird Euch keinen uͤbeln Begriff von ihrem Cha- racter geben. Jhre Gestalt, ihre Stellung, ihre Gebehrden, und ihre Mienen haben viel Em- pfehlendes. Der erste scheint mir scharfsinniger, als der zweyte zu seyn; nur kann ich den Philoso- phen, der einem andern was vordemonstrirt, nicht in der unuͤberlegten, und unuͤberlegenden Oberlippe finden. Der zweyte hat das Profil eines klugen, gesetzten, ernsthaften Mannes. Die Nase nur ist vorne zu abgeschliffen, die Stirne zu gemein. Entweder redet er im Fortgehen mit sich selber, oder er hat einen kleinern Menschen vor sich, dem er was erzaͤhlt — Das Vorhaͤngen des Hauptes gefaͤllt mir zu dieser aufrichtigen Mie- ne nicht ganz. Nachstehende Vignette, eine Carrikatur eines herkulischen Gesichtes, dessen offne Augen un- ter den horizontalen Augenbraunen und der festen Stirnmauer eisernen Muth flammen. G g 2 Y. Eine XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Y. Eine Gruppe immaginirter Koͤpfe. F indest du unter diesen Gesichtern allen eines, dem du dich gern und mit voͤlliger Sicherheit anver- trauen wuͤrdest? Jch finde keines. Wo viel Leidenschaft, wenig Verstand und kein Gefuͤhl fuͤr andere außer sich ist, da flieht mein Herz; wendet sich weg meine Seele. Das allerunterste Moͤnchsgesicht ist das ekelhafteste Gemische von Bocksgeilheit, Unwis- senheit und Niedertraͤchtigkeit. Das maͤnnliche neben diesem hat alle Merkmale der Grausamkeit und der spottenden Verachtung. Das aͤußerste maͤnnliche Profil uͤber diesem haͤtt' einige gute Anlagen, ist aber jaͤmmer- lich durch weichliche, weibische Furcht verzerrt. Das weibliche Vollgesicht neben diesem scheint mehr leer als dumm; mehr gefuͤhllos, als boshaft; mehr kalt als wolluͤstig. Das weibliche Profil in der Mitte hat unter der Stirne gleich wenig Verstand und Gefuͤhl. Das uͤber sich schauende weibliche Profil unter diesem hat gewiß viel Schalkheit und wenig Verstand. Das gerad uͤber diesem hochherabschauende, hinhorchende, ist frech, schamlos, und wolluͤstig. Das aͤußerste Gesicht ist Mann und Weib; die seelenloseste Wollust, obgleich das rechte Auge so gar dumm nicht waͤre. Das jammerhafte, oberste, weibliche Gesicht kann von einer sehr gemeinen Kuͤchen- magd seyn. Das maͤnnliche Profil neben diesem hat Verstand bis auf die Nase: ist von da an dumm, geschmacklos, poͤbelhaft. Das zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Das emporschauende oberste Mannsgesicht hat Verstand und Kraft, horcht racheschnau- bend, und toͤdtet den Redenden, den es hoͤrt, mit dem Blicke. Nachstehende Vignette — zwo Carrikaturen, die eine zeigt einen satten, wohl sich naͤhrenden, guten, eigensinnigen Mann; die andere verdirbt die Ehrlichkeit des Originals! G g 3 Z. Michel XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Z. Michel Schuͤppach. E inen Mann, von dem so viel Sagens im Land ist, oͤffentlich zu beurtheilen, ist wohl das schwerste Unternehmen von der Welt. Doch, ich beurtheile nicht den Mann, denn ich kenn ihn nicht, sondern sein Bild; und dieß soll nicht seinen ganzen Geist ausdruͤcken; doch, welches Bild thut's? Des geistreichsten Mannes geistreichstes Bild, wie viel unaͤhnlicher immer, als des Thoren thoͤrichtes — also ein Woͤrtchen uͤber das Bild, das wir vor uns haben. Der Mann, den wir hier sehen, hat gewiß nie keinen Plan entworfen, das zu werden, was er worden ist; der hat gewiß nicht gedacht — beruͤhmt, und durch seinen Ruhm reich zu wer- den. Kleinsuͤchtiges, aͤngstlich Geiziges ist nichts in diesem Gesichte! Nichts Verzogenes, Schie- fes, das Euch Argwohn in seine Absichten einfloͤßte — auch sieht der Euch gewiß nicht, wie ein Dummkopf an. Dieses gerade, offne, leicht und ungezwungen vor sich hinschauende, helle, ruhige Auge — liest — in euerm Gesichte mehr, als in eurem — Wasser! Feinheit ohne krumme Arglist — spricht aus dem Auge, das so ganz Aug ist! Keine Vielfachheit in diesem Blicke! Kein streitendes Jnteresse! Es ist auch nicht das Auge eines tiefen Forschers, eines heissen hart- naͤckigen Verfolgers seiner Jdeen! Es schaut so in seiner Einfalt hin — schaut einen halben Zoll tief unter die Oberflaͤche — und sieht nur Eins — Die Augenbraunen sind nicht haarreich, und nicht angestrengt! Dieß harmonirt sehr mit der betrachtenden Ruhe, des in sich satten, in sich unerschuͤtterlichen Beobachters. Diese ganze Miene sucht nicht; sie nimmt nur mit stiller Ruh an! Die Stirne, so wie sie hier zum Vorschein koͤmmt, ist so gemein, so uncharacteristisch, wie moͤglich. Das einzige, was mir daran gefaͤllt, mit dem ganzen Gesichte harmonirt, ist ihre Ruhe und Heiterkeit. Mir gefaͤllt auch der breitliche, beynahe parallele Ruͤcken der sonst nichts weniger als großsprechenden, unternehmenden, Nase. Die beynahe horizontale Mittellinie des Mundes zeigt mehr Redlichkeit als Schalkheit an. Die Ober- und Unterlippe sind zu unbestimmt, als daß sich vieles druͤber sagen ließe. Doch sind sie weder dumm noch boͤse. Der zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Der untere Theil des Gesichtes zeigt den satten, phlegmatischen Mann, der einen gan- zen Tag auf Einem Flecke sitzt, und mit derselben Unbeweglichkeit und Einfalt dem Fuͤrsten und dem Bettler Audienz giebt. Zugleich laͤßt sie weder Hunger, noch Durst, noch magere Lebens- art vermuthen. Die nachstehende Vignette, die vermuthlich nicht so richtig ist, zeigt im Auge einen feinen, und im Untertheile des Gesichtes einen kalten, gut sich naͤhrenden Mann. AA. Drey XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen AA. Drey Profilkoͤpfe. D ie obern zwey Profile stellen, wie man leicht sehen wird, dasselbe Gesicht vor — einen un- beschreiblich originalen Gaskonier, den heitersten, froͤhlichsten, witzreichsten und dabey determinir- testen Kopf, den ich in meinem Leben gesehen! Der leichteste, frohmuͤthigste Avanturier; heut ein Soldat; morgen ein Schiffmann, uͤbermorgen ein Sklave, dann ein Verurtheilter — nun ein Sprachmeister, dann ein Cammerdiener, am meisten und gewoͤhnlichsten aber ein gewaltiger Jaͤger, ders so frey vom Herzen weg gesteht, daß er keine Viertelstunde sitzen koͤnne; daß hin- und herlaufen, und alles pruͤfen, und alles leiden, und alles seyn, und nichts bleiben, seine hoͤchste Freude sey. — Leute mit so zuruͤckgehenden Stirnen und solchen Augenbraunen hab ich großentheils witzreich, lebhaft, jovialisch gefunden, und diese Laͤnge des Palliums der Zaͤhne, der Oberlippe, noch an keinem Menschen wahrgenommen, der mehr kalten Verstand, als Einbildungskraft hatte. Und nun noch ein Wort von der Verschiedenheit dieser beyden Gesichter. Das weniger hervordringende Auge des ersten ist wahrer, weiser, edler und aufrichtiger, als des zweyten. Die dritte Figur ist ebenfalls eines besonderen Mannes, — eines Verseschoͤpfers, der unaufhoͤrlich empfaͤngt, und unaufhoͤrlich gebiert; eines aͤhnlichen Avanturiers, wie der obige ist. Und so ein fruchtbarer Poet, so ein Jnpromptuͤ Dichter wuͤrde er schwerlich seyn, wenn seine Stirne perpendiculaͤr waͤre. Eine gewisse Art unvergleichbaren Genies hat er gewiß, und zugleich jenen Leichtsinn und jenen Muth, der sich durch alles durchschlaͤgt, jenen Reichthum der Jdeen, der nie er- schoͤpft wird, und jene Aufgeschlossenheit, die sich immer ergießt, und sobald sie sich ergossen, faßt er ganze vermischte Haufen ihm begegnender, oder vorbeyfliehender, oder in der Fern erblickter Jdeen wieder auf. Ein Mann, der immer erblickt, selten sieht, nie beobachtet. Alle zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Alle seine und anderer Jdeen in Gestalt franzoͤsischer Reime erblickt, oder in solche sie umgestaltet; dem jeder Fußtritt, jede Umwendung des Auges, jedes Wort, das er spricht, oder hoͤrt, neue Bilder, aber nie nack te Bilder, Bilder immer in Reimen gekleidet, herfuͤhrt. Die nachstehende Vignette ist eines vielwissenden, bisweilen tiefblickenden, von wenigen zu hoch erhabnen, von vielen zu tief verachteten, dunklen Schriftstellers, der sich's vermuthlich zum Verdienst anrechnet, — ohn allen Schatten von heiterm Witz zu schreiben, obgleich seine Einbil- dungskraft bey aller Trockenheit seines Geistes und seiner Schreibart die originellste von der Welt ist; ein Mann, in dessen Schriften allen nicht die mindeste Spur einer heitern Laune anzutreffen ist, ungeachtet er hier ein bischen laͤchelt, und wenig Unbehaglichkeit mit sich selbst verraͤth; un- geachtet man glauben sollte, daß es in einer ernsthaften Laune nicht moͤglich sey, den Philoso- phen von Sanssoucy neben den Propheten zu citiren. Phys. Fragm. I. Versuch. H h BB. Kleinjogg. XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen BB. Kleinjogg. S ollte nicht auch ein Portraͤt von einer ganz schoͤnen, ganz edlen Seele unter die Uebungen in diesem Fragmente gehoͤren? Ja waͤr's nicht am besten gewesen, statt aller Jdeale bloße Portraͤte im ganzen Buche vorzulegen, um die Harmonie physischer und moralischer Schoͤnheit und Schlechtigkeit außer allen Zweifel zu setzen? — um alle physiognomische Kenntnisse blos auf unmittelbare Erfahrungen zu gruͤnden? ... Ja, mein Freund, aber Portraͤte von schlech- ten Menschen wuͤrden beleidigen — und Portraͤte von guten, stolz machen? Das will ich eben nicht sagen! — aber — man kann sie nicht machen. Das Schoͤnste wird schlecht auf dem Pa- pier! Welch ein Unterschied, das bewegsamste Fleisch und das harte und zaͤhe Kupfer! Welch ein Unterschied, die Woͤlbung eines Muskels, der aus wallendem Licht und Schatten zusammen- schmelzende Zug der Augen oder der Lippen — und eine, wie mit einer Pflugschaar gezogene, oder mit einschneidendem Aezwasser ausgefressene Furche! — und dann noch Leben und — Leb- losigkeit! Ein Punkt, und Millionen sich fortwaͤlzende Punkte. — Daß man eigentlich gar kein Menschengesicht ganz richtig zeichnen kann, so wenig sich der Character eines Menschen von irgend einem Menschen richtig beschreiben laͤßt — das ist bey mir die ausgemachteste Sache von der Welt. Je originaler ein Mensch ist, desto weniger ist sein Gesicht zu zeichnen; sein Character zu beschreiben; obgleich sich vielmehr von ihm zeichnen, gewiß mehr von ihm erzaͤhlen laͤßt, als von tausend Alltagsgesichtern und gemeinen Charactern. Man koͤnnte es fast als eine Regel annehmen: Je mehr von einem Menschen ge- sagt werden kann, desto weniger kann von ihm gesagt werden. So, wie's, bey mir wenigstens, ausgemachte Wahrheit ist — Je mehr du Gott kennest, desto mehr weißt du, daß du Jhn noch nicht kennest. — Je mehr man von deinem Herzen Gutes zu erzaͤhlen weiß, desto mehr Gutes ist unerzaͤhlbar und — desto mehr Boͤses! — Je herrlicher ein Menschengesicht, desto unnachahmlicher. Und nun auf Kleinjogg, oder den philosophischen Bauer! Gerade so ein Gesicht! Gerad ein solcher Character! Wenn Herr Hirzel kein Verdienst haͤtte (und er hat so viele erkannte und unerkannte!) als daß er den philosophischen Bauren geschrieben, oder wie ich lieber sagen will, diesen Mann saisirt und emfindbar gemacht hat, der so ganz Mensch ist, so wuͤrde sein Verdienst schon zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. schon sehr groß seyn. So oft ich Kleinjoggen sehe, so oft dank' ich's Hirzeln aufs neue, daß er ihn aus der Dunkelheit hervorgezogen hat. Wenige Menschen hab ich so scharf gepruͤft, von so manchen Seiten, in so verschiedenen Situationen beobachtet, und keinen, nicht einen durchaus sich so gleich, so fest, so zuverlaͤßig, so lauter, so rein, so unbestechlich, so selbststaͤndig, so in sich lebend, so einfach, so ganz nur das, was er ist, nur das was er seyn will, — so einzig in seiner Art gefunden, wie diesen in meinen Augen ganz unvergleichbaren Mann. Jch lege die neuste Ausgabe seiner Lebensbeschreibung diesen Augenblick weg, und mußte oft laͤcheln, wenn sein Xenophon sich mehrmals in eine Schwaͤrmerey dahin gerissen glaubt, wenn er von gewissen schoͤnen Situationen spricht, in denen er seinen Sokrates gesehen. Entschuldi- gung wird's doch wohl nicht beduͤrfen, wenn man mit einiger Waͤrme von diesem Manne spricht. Kein Mensch, der Kleinjoggen genau kennt, keiner wird sagen, daß zu viel von ihm gesagt wor- den, und verzeihen wird man mir, wenn ich eher das Gegentheil glaube; das ist, wenn ich glaube: Kleinjogg kann mit der Feder so wenig beschrieben, als mit dem Bleystift gezeichnet oder mit dem Pinsel gemahlt werden. Schon so oft hab ich ihn beredet, zu sitzen; drey sehr geschickte und im Treffen gluͤckliche Portraͤtmahler haben ihre Kraͤfte an ihm versucht. Jch hab alles aufgeboten, daß er erreicht werde. Alle Zeichnungen waren kennbar; aber vollkommen aͤhnlich keine! Alle mehr oder weniger Karrikatur. Jch gebe alle Hoffnung auf, daß sein herrliches Gesicht jemals vollkommen abgebil- det, und der Welt und Nachwelt uͤberliefert werden koͤnne. Wie es den Mahlern mit Kleinjoggs Gesicht gieng, so glaub' ich, duͤrft' es den Beschrei- bern seines Characters gehen. Alles, was Hirzel von ihm sagt, ist reine Wahrheit. Dieser, — jener Zug vollkommen! aber das ganze Gemaͤlde — ja es ist Kleinjogg, wenn's nicht neben ihn gestellt wird! Wird's neben ihn gestellt; wer muß nicht gestehen: Kleinjogg kann nicht gezeichnet werden. So wenig ich die Schuld auf die Mahler werfen will, so wenig auf seinen Geschicht- schreiber. Es kann schwerlich jemand fuͤr seine Talente und seine Verdienste mehr Hochachtung haben, wie ich; schwerlich jemand sein Buch mit mehr Vergnuͤgen lesen, wie ich, und ich darf hinzuthun, schwerlich jemand die Wahrheit seiner Beschreibung tiefer empfinden — und dennoch muß ich gestehen, das Original ist mir uͤber die Copie! oder mit andern Worten: es ist keine Co- pie von einem solchen Originale moͤglich — und dann muß ich auch das nicht vergessen — Hirzel wollte nur Geschichtschreiber nicht Panegyrist seyn. H h 2 Wenn XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Wenn ich's versuche, auch eine Copie zu skitziren, unvermerkt kommen mir eben die Zuͤge, die Ausdruͤcke alle nach einander wieder, womit sein wuͤrdiger Biograph ihn zeichnete — und den- noch will auch ich einen Versuch wagen. So oft ich bey Kleinjogg war, so oft rufte seine Gegenwart und seine Wirksamkeit in mir eine Art von Gefuͤhl auf, das noch in keines Menschen Gegenwart in meinem Herzen rege wurde! Nicht ein warmes enthusiastisches Gefuͤhl! Es war, wie wenn ein dunkles Menschenideal in meiner Seele lebendig — und beleuchtet werden wollte! So was Einfaches, Zartes, Unaus- druͤckbares regte sich sanft in mir. Es war nicht Ehrfurcht, nicht Liebe, nicht Freundschaft. Es war eine stille Erweiterung meiner Seele! Ein sanftes Ahnden der unverdorbenen Menschheit, die vor mir stuͤnde. Diese ganze wahre Menschengestalt vor mir! der ganze Mensch Bauer! der ganze Bauer — Mensch! — So ohne Sorgen! ohne Anstrengung! ohne Plan! Ein Licht ohne Blendung! Waͤrme ohne Hitze! So inniges Gefuͤhl seiner selbst — ohne Selbstsucht! Solch ein Glaube an sich ohne Stolz! Nicht glaͤnzender, nicht tiefer Verstand, aber — so gesund, so unansteckbar vom Hauche des Vorurtheils. So unbestechlich — so durch keine Labyrinthe verfuͤhrbar! Jmmer in Arbeit und Ruhe! Voll edler Betriebsamkeit und einfaͤltiger Gelassenheit! So immer in seinem Kreise! So eine Sonne in seiner Welt! So schoͤn in seiner Thaͤtigkeit! Jn seiner Unangestrengt- heit, seiner Offenheit so herrlich! So seine ganze Seele herausgebend! und ohn' es zu fuͤhlen, ohne daran zn denken, daß er giebt! So treffend alles, was er sagt — Jmmer Gold und Erdenklos! oft Diamante aufm Mist! Jmmer so ein Ganzes! Alles so fließend aus seiner Ganzheit! so ruͤck- fließend in sie! daß Gemeinste, das Trivialste, was er sagt, wie ists in ihm, und aus ihm! Wie hat's das Gepraͤge seiner Jndividualitaͤt! — Was ich ihm immer, und wenn auch noch so getreu, nacherzaͤhlte, wie war's nie das, was ich erzaͤhlen wollte! Jmmer Schaum, abgeschoͤpft von der sprudelnden Quelle! Koͤrper ohne Seele! Alltagsgeschwaͤtze — was in ihm so ruhiges Anschaun, so — uugelerntes, unnachgesprochnes Urgefuͤhl ist! — — Wie ist er mir so sichrer Thermometer des Verstandes, der Redlichkeit, des Menschengefuͤhles, aller derer, die mit ihm umgehen! Hirzel. S. 147. Wie ist er mir so sehr — Statthalter der schoͤpfenden Gottheit! S. 263. und wie vollkommen wahr ist's, und was laͤßt sich Ganzeres, Vollstaͤndigeres von Kleinjogg, und was mehr von ei- nem Menschen sagen, als: „denken, reden und handeln sind bey ihm immer in der groͤßten Har- „monie.“ S. 151. der neuesten Ausgabe. . Ein Zug der alles zeichnet und Meisterhand verraͤth. Und zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Und nun auch ein paar Worte uͤber seine Physiognomie und sein Portraͤt! Hirzel sagt von ihm: „Seine feurigen Augen lachen bestaͤndig aus seinem roͤthlichen gesunden Gesichte, und „entdecken jeden Kenner der Gesichtszuͤge bey dem ersten Anblicke die Schoͤnheit seiner Seele!“ Hirzel. S. 143. der neuesten Ausgabe. Blos feurige Augen sind eigentlich niemals ein Zeichen einer schoͤnen Seele; lichtvolle, leuchten- de Augen, sollt's ohne Zweifel heißen. Und solche hat Kleinjogg. Nicht tief, nicht hervorste- hend, nicht halb verschlossen, nicht aufgesperret, — so aufgesperrt nicht, wie in unserm Portraͤt. — Seine schwarzen gebognen Augenbraunen unter einer weder geraden, noch schiefen, noch zu stark gebognen, weder hohen noch niedern Stirne kleiden ihn trefflich! — Seine Nase ist aͤußerst fein, und vergroͤbert sich in allen Zeichnungen. Sie scheint mir im Originale etwas spitzer und zaͤrter. Die wahrhaftig fuͤrstlichen Prinzessinnen vom Darmstadt, die von der heitern, offnen Natuͤrlich- keit unsers lieben Mannes aͤußerst geruͤhrt waren, versicherten, daß sie der Nase ihrer verstorbnen hochseligen Frau Mutter aͤhnlich waͤre — und ich weiß nicht, ob das der trefflichen Prinzessinn oder dem Kleinjogg mehr Ehre macht. Bey dieser Gelegenheit muß ich meinen Lesern zum voraus sa- gen, daß, man mag sagen, was man will, und lachen, wie man will — unzaͤhligen Beobachtun- gen zufolge, die Nase auch an sich betrachtet, und ohne alle Ruͤcksicht auf den uͤbrigen Theil des Gesichtes eines der wichtigsten, der entscheidendsten, sensibelsten, und zugleich unverstellbarsten Theile des menschlichen Angesichts ist. — Jch komm auf Kleinjoggen zuruͤck. Sein unnachahmlicher Mund auch in diesem ziem- lich harten Portraͤt, — wie sprechend ist er dennoch in seiner edlen Ruhe! Wie ist Unschuld und Guͤte, Klugheit und Entschlossenheit so gluͤcklich darinn ausgedruͤckt! Ausnehmend gefaͤllt mir auch das Kinn. So viel Maͤnnlichkeit ohne Haͤrte! So viel Verstand ohne Schlauigkeit! So nichts von Weichlichkeit und Verzaͤrtelung — — Nur ge- winnen, nicht verlieren kann Kleinjogg bey einem gesunden physiognomischen Auge! Alle Falten und Schattierungen seiner Backen geben seinem Gesichte den zusammenstimmenden Ausdruck der Gesetztheit, Maͤßigkeit, Festigkeit, Gemuͤthsruhe! Auch stimmt das Ohr mit seiner bestimmten Zeichnung, seiner Rundung, seinen Umris- sen allen mit ein. Ein Fehler in diesem Bilde, der schwer zu finden, und dennoch wichtig ist, muß wohl im aͤußersten Umrisse des Profils liegen. Jch denke, der Umriß unsers Bildes ist im Ganzen genommen, zu perpendikulaͤr, zu wenig gebogen, und um etwas zu gedehnt, oder zu gespannt. H h 3 Auch XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Auch scheint mir der Vorbug am Stirnbeine zu flach zu seyn. Dadurch verliert das Bild etwas Wesentliches vom Original — die hoͤchste, behaglichste Natuͤrlichkeit. — Jch will itzt weiter nichts sagen, vielleicht aber noch einmal auf dieß Gesichte zuruͤckkom- men, und eines und anderes nachholen. Nachstehende Vignette hat im obern Theile des aͤußern Umrisses sehr viel Wahres, und Characteristisches; um den Mund etwas Fremdes, Eitles, Suͤßes; Haar und Kinn hinge- gen gut. CC. Ein B. zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. CC. Ein zuͤricherischer Landmann B. J ch komme von Kleinjoggen auf einen andern Landmann aus meinem Vaterlande, der in diesem Bilde außerordentlich kenntbar ist. Ein Mann von der lebendigsten Thaͤtigkeit; ein unternehmender, schnell, leicht und sicher ausfuͤhrender Geist — der seinen Plan immer in der Ausfuͤhrung verbessert, immer wegschafft, herbeyschafft — fortschafft — den Kopf voll, die Hand voll — hat; rechts und links wirkt, winkt, gebietet, vorgeht, angreift, aus dem Wege raͤumt; es so — dann so wendet, bis es ist, was es seyn soll — bis es da steht, vollendet auf den letzten Punkt, vom ersten tiefsten Funda- mentstein an bis zur Wetterfahne des Thurms! — Sieh! Er laͤchelt der Schwierigkeiten, und liebaͤugelt den Hindernissen — ohne veraͤchtelnd herabzusehn: „Bin ich denn ein Hund, daß du „mit Stecken zu mir kommst“ — weiß er's doch, fuͤhlt's und darf's im Blick, in der erroͤ- thenden Wange sagen: Jch kann's — Ha! wie sein schlagender Puls den ganzen Mann immer bewegt — wie er schnell und leicht herum schaut, wittert — und sich wapnet: — Jmmer ge- genwaͤrtig, und immer im Wirbel zerreissender Geschaͤffte — Jmmer planmachend und planaus- fuͤhrend! Rath gebend! ordnend! darstellend! Und nun bemerke den Umriß der offnen, freyen, heitern Stirne! den Vorbug derselben voll Kraft und Lebensfuͤlle! das tiefe denkende, rathschlagende Auge! — Die Klugheit und das Feuer der Nase — was Klugheit? wo seh ich die in der Nase? — Eh ich dir antworte, such erst ein halb Dutzend aͤhnliche Nasen und pruͤfe die, an de- nen du sie findest, und findest du sie nicht klug, aber vergleiche wohl, und beobachte wohl, ob kein widersprechender Zug, kein Zufall den Eindruck ausloͤsche! — Dann wiederhole deine Frage, und ich will dir antworten; aber merke wohl — Jch sage nicht: „Suche sechs Kluge — und schau, „ob sie nicht solche Nasen haben?“ — sondern ich sage: „Suche sechs solche Nasen und forsch, „ob sie nicht an Klugen sind.“ Auch lieb ich diese gefalteten, gekraͤuselten Backen; diese Falten an Mund und Kinne! dieß Laͤcheln, das so gar nichts Suͤßes, Fades, Kraftleeres hat! Bemerk' XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Bemerk' auch das Vorstehen der Unterlippe, und huͤte dich, den Mann zu beleidigen, denn er kann zoͤrnen. Der Schatten am Ohr herunter sey dir auch nicht unbemerkt! und das leicht sanft und natuͤrlich vom Kahlkopfe herunter sich kraͤuselnde Haar, das gewiß keinen kalten langsamen Mann zeigt. — Es ist noch vieles in diesem Gesichte! Betracht es oft und dein Gefuͤhl wird sich daran uͤben koͤnnen, schaͤrfen koͤnnen, es schneller zu bemerken, wenn dir verstaͤndige unternehmende Thaͤ- tigkeit begegnet, wo nicht — ist's mir leid fuͤr dich, obgleich du auch ohne dieß ein ganz guter brauchbarer Mensch seyn kannst. Hier ist das Schattenbild dieses rechtschaffenen Mannes. DD. Vier zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. DD. Vier Silhouetten von trefflichen Maͤnnern . S iehe hier vier wohlgerathene Silhouetten von feinen, trefflichen Maͤnnern, die, so sehr sie verschieden sind, durch Feinheit des Geistes und durch Geschmack sich aͤhnlich sind. Hier kannst du festen Fuß fassen! Diese Maͤnner sind, (sey ihre Physiognomie, welche man will,) ohne Wider- rede, von den Verstaͤndigsten, Geschmackvollesten, Geniereichsten, die Teutschland hervorgebracht hat. Blos durchs Anschauen, Betrachten, Vergleichen solcher Gesichter, kannst du nach und nach, wo nicht zur Kenntniß, doch zum sichern Gefuͤhle des physiognomischen Ausdrucks gelan- gen, wo nicht — bist du nicht bestimmt, zu physiognomisiren .... 1. Der erhabenste, muthigste, sanfteste und kuͤhnste Dichter des Jahrhunderts. Ein Mann von unverfuͤhrbarer Geschmacksfestigkeit. Ein scharfsinniger Beobachter hat uͤber diese Silhouette folgende Anmerkung gemacht: „Diese sanftabgehende Stirne bezeichnet reinen Menschenverstand; ihre Hoͤhe uͤber dem Auge Ei- „genheit und Feinheit; es ist die Nase eines Bemerkers; in dem Munde liegt Lieblichkeit, „Praͤcision, und in der Verbindung mit dem Kinne, Gewißheit. Ueber dem Ganzen ruht ein „unbeschreiblicher Friede, Reinheit und Maͤßigkeit,“ — — Trefflich! — Der obere Theil des Gesichtes ist des Verstandes, der untere der Einbildungskraft. Jch will sagen: Saͤh' ich den obern Theil allein, wuͤrd' ich feinen Verstand, saͤh' ich allein den untern, wuͤrde ich wenig Verstand, noch weniger Klugheit, aber leicht entflammte Einbildungskraft vermuthen. Eben diese Eigenschaften, mehr und weniger, verbunden mit besonderer Leichtigkeit und Freyheit, findest du in nachstehender Vignette, welche ein anderer Schattenriß dieses Mannes ist. Durch die Stellung des Kopfs verbreitet sich uͤber das Ganze eine theilnehmende Kommu- nikabilitaͤt, die das auf der großen Platte nicht hat. Phys. Fragm. I. Versuch. J i Das XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Das Auge des Poeten liegt selten sehr tief. Die Knochen um die Augen sind selten sehr scharf und hervorstehend. Ein Gelehrter sagt mir, daß ein Engellaͤnder bemerkt habe, daß die Poeten mehrentheils etwas fad' aussehen. Ein Beyspiel hievon ist Homer in der folgenden Platte. Je mehr poetische Genies oder Schriftsteller die Augen tief und die Stirne knochigt haben, desto verstandreicher sind ihre Gedichte, und desto weniger fliegend. Die Einbildungskraft schaͤrft nicht, sie schwaͤcht und diluirt Nerven, Muskeln Knochen. — 2. Der zweyte Kopf ist von Einem der feinsten Menschen, und der feinsten Physiogno- misten. Jch brauche das Wort fein gerad in dem unbestimmten Sinne, in dem es gemeini- glich genommen wird. Jch rede von der Anlage, der Fertigkeit, nicht von der Anwen- dung derselben. Diese Feinheit kann einen Paullus zum groͤßten Apostel, und einen Boßuet zum aͤrgsten Verfolger Fenelons machen. Der Mann, dessen Bild wir vor uns haben, ist einer der feinsten Beobachter, der fein- sten Menschenkenner, der feinsten Kritiker! — weniger schoͤpfrische Kraft, als feine, viel und tief auffassende Empfindsamkeit! — Jch hab ihn in herrlichen Augenblicken gesehen, die mich innig davon uͤberzeugten, daß eben so viel Herz in seiner Brust, als Hirn in seinem Kopfe sey. — Sein Blick und der Umriß seines Augliedes, wie es sich in der Natur auf dem Apfel zeich- net, wenn er unbeobachtet beobachtet — zeigt unwidersprechlich einen außerordentlich feinen Verstand. Ein feiner Verstand ist das Mittel zwischen hellem und tiefem Verstande; ist eine Vermischung von beyden. 3. Von dem dritten Kopfe, den ich nicht persoͤnlich kenne, schreibt mir ein sehr zuver- laͤßiger Freund: „Ein großer Mathematiker und Physiker, der beydes, ohne die geringste An- „leitung zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. „leitung und ohne einen Schatten von gelehrter Erziehung geworden ist. Die redlichste „Seele unter der Sonne; zum Erstaunen einfaͤltig, in Dingen des gemeinen Lebens: Sanft „gegen seine Beleidiger; sanft wie ein Engel gegen alle Menschen, die ihn betrogen, auch ge- „gen die unaussprechlich sanft, die ihn bestohlen haben. Ruhig und heiter an eben dem Tage, „da ihm alle sein Silber aus dem Hause geraubt worden; zu ehrlich, um sein Handwerk „ohne Schaden ferner treiben zu koͤnnen; und itzt allein beschaͤfftigt, junge Leute beyderley Ge- „schlechtes auf die edelste, uneigennuͤtzigste Weise in der Physik und Mathematik zu unter- „richten.“ Und nun, edler Leser, dessen Herz sich erweitert, wenn du unter dem betruͤglichen und verkehrten Geschlechte der Menschen von einem ehrlichen uneigennuͤtzigen Manne hoͤrest, nun komm und siehe dieß Schattenbild an! Siehst du den tiefen, forschenden, geduldigen, hellen, festen Verstand nicht in dieser a ) so zuruͤckgehenden — b ) so gebogenen c ) uͤber den Augen so scharf hervorstehenden Stirne? — und die Heiterkeit und Redlichkeit der Seele, siehst du sie nicht schweben um die sanft verschloßnen Lippen, die so gar nichts praͤtendiren ? Jch bitte dich — praͤge dieß Bild in deine Einbildungskraft ein, und vergleiche dein Schattenbild oft mit diesem scharfdenkenden, diesem edelbescheidnen Umrisse — und der Stolz wird dir vergehen oder wenigstens in diesem Augenblick unertraͤglich vorkommen. 4. Vermuthlich kennst du diese Silhouette? Jch kann dir's kaum verhelen! Sie ist mir gar zu lieb! gar zu sprechend! .... Kannst du sagen, kannst du einen Augenblick anstehen, ob du sagen wollest: „Vielleicht ein Dummkopf! Eine rohe geschmacklose Seele!“ Der so was sagen koͤnnte, ertragen koͤnnte, daß ein anderer es sagte, der schließe mein Buch zu, werf' es von sich — und erlaube mir, meinen Gedanken zu verwehren, daß ich nicht uͤber ihn ur- theile! Jch weide mich an diesem Umrisse! Mein Blick waͤlzt sich von diesem herrlichen Bogen der Stirne auf den scharfen Knochen des Auges herab .... Jn dieser Tiefe des Auges sitzt J i 2 eine XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen eine Sokratische Seele! Die Bestimmtheit der Nase; — der herrliche Uebergang von der Nase zur Oberlippe — die Hoͤhe beyder Lippen, ohne daß eine uͤber die andere hervorragt, o wie alles dieß zusammenstimmt, mir die goͤttliche Wahrheit der Physiognomie fuͤhlbar und anschau- lich zu machen. Ja, ich seh ihn, den Sohn Abrahams, der einst noch mit Plato und Mo- ses — erkennen und anbeten wird, den gekreuzigten Herrn der Herrlichkeit! EE. Homer zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. EE. Homer nach einem in Constantinopel gefundnen Bruchstuͤck. E in gutes, vaͤterliches, vertrauliches Gesicht, voll Bonhomie und Treuherzigkeit! Solche Stirne — vergleiche sie mit der forschenden, entwickelnden Kraft, die Mendelsohns Stirne oben so woͤlbt, unten so schaͤrft — — Solche Stirne ist des Sehers; nicht des Forschers. Die Nase ist des Feinfuͤhlenden — keines Suͤßzaͤrtlichen und und keines Rohen. Voll Guͤte und Weis- heit ist der Uebergang von der Nase zur Oberlippe. Der Homer in der nachstehenden Vignette ist mehr Mann, ohne alle Rohigkeit! Auch sanfter, fuͤhlender Beobachter — Nein! Seher, Hoͤrer! Ein gerades, redliches, liebes Gesicht, dem jede gerade, redliche Seele herzlich wohl will. Also in beyden nicht Homer! Drum sey mir erlaubt, die Gefuͤhle uͤber dessen Buste, die in Gyps Abguß vor mir steht, und die jeder Liebhaber so oft zu sehen Gelegenheit hat, hier niederzule- gen, bis etwa in folgenden Theilen eine gluͤckliche Nachbildung desselben aufgestellt werden kann. Tret ich unbelehrt vor diese Gestalt; so sag ich: Der Mann sieht nicht, hoͤrt nicht, fragt nicht, strebt nicht, wirkt nicht. Der Mittelpunkt aller Sinne dieses Haupts ist in der obern, flach gewoͤlbten Hoͤhlung der Stirne, dem Sitze des Gedaͤchtnisses. Jn ihr ist alles Bild geblieben, und alle ihre Muskeln ziehen sich hinauf, um die lebendigen Gestalten zur sprechenden Wange herab- zuleiten. Niemals haben sich diese Augbraunen niedergedraͤngt, um Verhaͤltnisse zu durchforschen, sie von ihren Gestalten abgesondert zu fassen, hier wohnt alles Leben willig mit und neben einander. Es ist Homer! Dieß ist der Schaͤdel, in dem die ungeheuren Goͤtter und Helden so viel Raum haben, als im weiten Himmel und der graͤnzlosen Erde. Hier ist's, wo Achill μεγας μεγαλωςι τανυσϑεις Κειτο! Dieß ist der Olymp, den diese rein erhabne Nase wie ein andrer Atlas traͤgt, und uͤber das ganze Gesicht solche Festigkeit, solch eine sichere Ruhe verbreitet. Diese eingesunkne Blindheit, die einwaͤrts gekehrte Sehkraft, strengt das innere Leben immer staͤrker und staͤrker an, und vollendet den Vater der Dichter. J i 3 Vom XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Vom ewigen Sprechen durchgearbeitet sind diese Wangen, diese Redemuskeln, die betret- nen Wege, auf denen Goͤtter und Heroen zu den Sterblichen herabsteigen; der willige Mund, der nur die Pforte solcher Erscheinungen ist, scheint kindisch zu lallen, hat alle Naivetaͤt der ersten Unschuld; und die Huͤlle der Haare und des Barts, verbirgt und verehrwuͤrdiget den Um- fang des Haupts. Zwecklos, leidenschaftlos ruht dieser Mann dahin, er ist um sein selbst willen da, und die Welt, die ihn erfuͤllt, ist ihm Beschaͤfftigung und Belohnung. FF. Anson. zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. FF. Anson . E in vermuthlich sehr aͤhnliches und sehr unaͤhnliches Portraͤt dieses Mannes! Eins von denen Gesichtern, die man immer kenntlich, nie aͤhnlich zeichnet. Auch diese Copey ist unter dem Originale, besonders die spaͤtern retouchirten Abdruͤcke. Jmmer aber ist auch noch die unvoll- kommenste Copey hinreichend, uns einen großen Mann zu zeigen. Sein Blick ist immer Adlersblick des Forschers, und wenn uns nichts uͤbrig bliebe, als seine Augbraunen uͤber einem solchen Auge; — so wuͤrde mir immer sein großer, edler, for- schender, maͤnnlicher Verstand unzweifelhaft seyn. Jn den beyden erbaͤrmlichen Carrikaturumrissen dieses herrlichen Gesichtes war doch der Verstand nicht zu vertilgen. Man kann die Stirne ruͤmpfen, daß man einem Dummkopf aͤhnlich sieht, aber die Knochen bleiben immer eben dieselben. Man kann ein Gesicht erbaͤrmlich verunstalten, so lange man aber nur noch etwas vom Umrisse der Stirne, der Augenbraunen und des Auges uͤbrig laͤßt, wird immer noch Character uͤbrig bleiben. Die Stirne in allen drey Portraͤten, besonders im Umriß 1. wirst du schwerlich jemals bey einem natuͤrlichen Dummkopf antreffen. Aber kann ein Mann mit diesem Auge, diesen Augbraunen, dieser Stirne nicht ein Narr werden? und was wird dann deine Physiognomik dazu sagen? Wenn er ein Narr wird, und das kann der weiseste werden — so wird der Umriß seiner Stirne ganz, seiner Augenbraunen, seiner Augen vielleicht groͤßtentheils bleiben; aber das Feuer, der Blick, die Schnellkraft seiner Augen wird nachlassen; — seine Lippen werden schief werden, der Mund sich nicht mehr fest schließen — die Elasticitaͤt der Muskeln wird nachlassen. Das Feste wird bleiben, das Weiche wird sich nach Maaße der Schwachheit aͤndern, dann wird der weise Physiognomist sagen: „die treffliche Anlage hat ein Zufall zerruͤttet.“ Doch davon einmal ein besonderes Fragment — und eine Jnduction zur Beylage! Du XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Du wirst in diesem Gesicht auch festen Muth und Entschlossenheit, keinen Schwaͤtzer und luftigen Knaben, sondern einen Mann erblicken, der sagen duͤrfte, ich will, ich kann, der's aber vielleicht nicht sagt, sondern nur so will und kann. Nachstehende Vignette ist eines sehr klugen, planvollen, gelehrten Staatsmanns. Der Blick bedarf keiner Anregung — Er spricht fuͤr sich. Aber diese Nase ist vielleicht noch nicht genug als Zeichen der Klugheit bekannt. GG. Ein zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. GG. Ein paar Knaben . 1. E in schwaches Bild eines unvergleichlich hoffnungsvollen Knaben; eines Sohnes zweyer ver- stand- und geschmack- und herzreichen Aeltern. Augen und Mund sind um etwas zu kleinlich. Das Aug' im Original verkuͤndigt einen unsterblichen Mann. Die Stirne, so wie sie auch nur hier erscheint, zeigt eine herrlich offne, denkende Seele! Auch die Sanftheit, Entschlossenheit und Unschuld der Stellung gefaͤllt mir ausneh- mend wohl. Welcher Verstand in seinem Blick und seinem Munde! Jch glaube, die Augenbraune steh ein wenig zu hoch uͤber dem Auge, wodurch die Schaͤrfe des Blickes um etwas geschwaͤcht wird. 2. Das untere Gesicht will auch was in der Welt werden! So fein, wie das obere, ist's freylich lange nicht! Doch hat's auch einen festen Blick und viel Entschlossenheit. Stirne mit Stirne verglichen, verliert's gegen das obere. Es hat nicht das Sanfte, Bescheidene, Edle. Doch ist's herzgut, und verspricht große Wirksamkeit. Es ist der Sohn des nicht gar kenntlichen Mannes, von dem wir in F. dieses Frag- ments gesprochen haben. Phys. Fragm. I Versuch. K k Die XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Die aufgeworfene Nase ist zwar uͤberhaupt den niederwaͤrtsgehenden Staats- und Klugheitsnasen, wenn ich so sagen darf, entgegen gesetzt; allein, vielfaͤltige Beobachtungen lehren, daß sie an sich nie kein entscheidendes Merkmal der Dummheit sey. Nachstehende Vignette ist das getreue Portraͤt eines sehr gescheuten Mannes. Ein mehr heller und reicher, als tieferforschender Geist; — gefaͤllig, dienstfertig, nachgebend und klug! HH. Ein zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. HH. Ein Profilportraͤt . M an findet dieß Portraͤt aͤhnlich. Es ist's zum Theil; und doch wie viel hat's in Kraft und Blick verloren! Die Stirne zeigt viel Verstand, Festigkeit und Verschlossenheit. Die Nase, (die durch den unbestimmten hoͤckerigten Umriß vom Character verliert) ver- kuͤndigt Staͤrke, Muth, Entschlossenheit. Klugheit und Witz schweben uͤber den Lippen. Ueber's Auge getrau ich mir, weil's nicht bestimmt genug gezeichnet ist, wenig zu sagen. So unfest es aber gezeichnet ist, zeigt es doch durchschauende Kraft, und Heiterkeit. Der Kopf ist nicht planlos. Er will, und kann und wird sich hervordraͤngen ohne Geraͤusch, still und sicher. Geuͤbt und leicht in Geschaͤfften, fertig mit der Feder, beredt und sich wendend nach dem Gegenstande, den er vor sich hat: den Menschen kennend und nicht mehr und nicht weni- ger, als er will, sich ihm mittheilend — wird er Zwecke erreichen, die niemand, als Er, ab- sieht; keine boͤse Zwecke! Er wird viel Gutes thun; der Vorwurf, unedel gehandelt zu ha- ben, wuͤrd' ihm toͤdtend unertraͤglich seyn. Jch wuͤnscht' ihm einen Freund, der so viel Verstand als Er, seine Beredtsamkeit, und Groͤße genug haͤtte, ihm unentbehrlich zu seyn. K k 2 Die XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Die Physiognomie des Freundes, muͤßte von der Art des nachstehenden seyn! Sie ist eines Tiefverstaͤndigen, eines vollkommen Graden — ehrlich Offnen und ehrlich Verschloß- nen — Wahrheitsuchenden, findenden! Wahrheitfuͤhlenden, Wahrheitahndenden! II. Einige zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. II. Einige Umrisse von Kuͤnstlern. D er Umriß auf dem naͤchsten Blatte ist von einem Augsburgischen Mahler Schaupp, der zweyte von Blendinger, der erste auf dem folgenden dritten Blatte von Frey, einem trefflichen Kupferstecher, der zweyte und dritte auf demselben Blatte von Ridinger, einem uͤberausgeschick- ten Thiermahler — das vierte Blatt enthaͤlt zween Dinglinger und zween Kupezky; das fuͤnfte zween Umrisse von Wreen, dem Erbauer der Paullus- und der Steffanskirche in London. Fleiß und Bemerkenskraft — beseelt das Auge der sechs ersten Kuͤnstler; Genie das Auge des letzten. Es sind selten vordringende, erhabne Seelen, die mit diesen tiefen Augen; diesem zuruͤckgeschobnen obern Augenliede! Es sind nicht dumme, nicht schwache, es sind großen- theils gluͤckliche, aber keine große schoͤpfrische Genies! Selten Maͤnner vom feinsten, sicher- sten, edelsten, erhabensten Geschmack! aber treffliche Kuͤnstler, treffliche Aerzte, Buͤrgermeister allenfalls! — Jch moͤchte dieß Auge, das so tief, so verschoben ist — das Kuͤnstlerauge nennen, weil ich's an so vielen, vielen Kuͤnstlern wahrgenommen — und ich moͤchte Knaben von zwoͤlf bis vier- zehn Jahren, die so ein Aug auszeichnet, zu Kunstprofessionen wiedmen. Sie wuͤrden gewiß gluͤcklich seyn. So viel ich hieruͤber beobachtet; alle Beobachtungen waren uͤbereinstimmend. Aber Wreens Gesicht zeigt mehr als den Kuͤnstler; zeigt den großen Mann! alles an ihm — das Einzele, wie das Gesammte — Jn dem fadesten Umrisse, wie viel Geist und stille Kraft, und Feinheit immer noch! Dieß rechte halb zugeschloßne Auge, diese Linie, die den Stern des Auges zerschneidet und halb deckt — ist sicherlich Blick des originellen feinen Geistes. Wo ich diesen auch bey wirklich sonst gemeinen Gesichtern, so gar unter breternen Stir- nen bemerkt, war immer noch ungewoͤhnliche Feinheit des Geistes. Wie viel entscheidender oder beredtsamer wird dann dieser Zug in einem Gesichte mit dieser gewoͤlbten Stirne, dieser kraftvollen Nase, diesem herrlichen Munde seyn? K k 3 Sonst XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Sonst ist noch dieß zu bemerken: Frey scheint unter den Umrissen mit dem Kuͤnstlerauge am meisten Geschmack und Edles zu haben, obgleich er besonders am Munde im Umrisse verloren. Die Stirne des Schaupps oder des ersten scheint die unsanfteste, gemeinste; edler und offner Blendingers, weniger edel Ridingers; Freyens aber die edelste, gescheuteste zu seyn. Vollkommen die idealste Physiognomie eines wohlbeobachtenden, fertigen, fleißigen, witz- reichen, fruchtbaren Zeichnergenies, und auch das Kuͤnstlerauge (das freylich viele Kuͤnstler nicht haben,) scheint das nachstehende Portraͤt des um mein Werk so verdienten Kuͤnstlers zu seyn. KK. Machaon zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. KK. Machaon Wepfer . S ieh hier unten das Bild eines tieffehenden, geschickten, trefflichen Arztes! Sein Auge ist von derselben Art, wie Blendingers und das Kuͤnstlerauge. Es ist das Auge der tiefen, brauch- baren, fertigen Koͤpfe. Auch lieb ich diese, zwar nicht erhaben umrißne, nicht genievolle, aber dennoch tieffor- schende Stirne! Jhr offnes geraͤumiges Ansehen! diese horizontale Lage der Augbraunen! die- sen Parallelismus des Gesichts, diese Munterkeit ohne Leichtsinn, diese Liebe der Ordnung — die mir aus diesem vertraulichen Gesichte, das so viele gluͤckliche Stunden zu trefflichen Einfaͤl- len hat, entgegenleuchten, lieb ich. LL. Acht XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen LL. Acht Paar Augen . D iese acht Paar Augen sind aus Kupferstichen vergroͤßert, mithin haben sie merklich verlieren muͤssen. Sie sind aber zu unserm Zwecke immer noch characteristisch genug. Alle achte sind von Kuͤnstlern, Baumeistern, Mahlern, Kupferstechern, Medailleurs. So verschieden sie alle sind (und sie muͤssens seyn, wenn's eine Physiognomie giebt, weil die sich aͤhnlichsten Genies immer noch sehr verschieden sind) so kommen doch die meisten darinn uͤberein, daß das obere Augenlied mehr oder weniger unter den Augenknochen eingeschoben ist; daß die Au- genbraunen stark behaart sind. Das oberste Paar der zweyten Tafel (die zweyte ist die, wo die Augen naͤher beysammen stehen) hat dieses am staͤrksten. Es sind des beruͤhmten Dinglingers, eines praͤchtigen Sil- berarbeiters, Augen. Ganz entgegengesetzter Art ist das zweyte Paar! Hier ist nicht kleinlicher, geduldiger Fleiß, der aus microscopischem Anschauen und scharfem Betrachten entsteht! Hier ist tiefere Ueberlegung, innigeres Gefuͤhl, und viel mehr Feinheit, Geschmack, und Groͤße! Obgleich es eine sehr schlechte Copey von Wreens Augen seyn mag, ists sicherlich noch Character genug von Genie. Nachstehendes zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Nachstehendes Auge ist keines fleißigausarbeitenden, langsamgeduldigen, aber eines vol- len, fruchtbaren, maͤchtigen, musikalischen Genies! Eines halbriesenmaͤßigen Mannes, von dem an seinem Orte auch noch ein Woͤrtchen gesagt werden wird. Phys. Fragm. I. Versuch. L l MM. Ein XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen MM. Ein Profilportraͤt eines jungen Genies. V erzeihe mir — mein Lieber, daß ich dein so unvollkommnes Bild meinen Versuchen einver- leibe! Fuͤrchte dich nicht, daß ich dem Originale nicht werde Gerechtigkeit wiederfahren lassen. — So tief unfreundlich, so duͤrr verachtend, so unerbittlich siehst du gewiß nie, oder aͤußerst sel- ten aus! — So viel Leben, und Witz, und Feuer und Geist und Kraft des Originals kann diese furchtbare Trockenheit des Mundes nicht gestatten! So unvollkommen indeß dieß Bild seyn mag, so wenig es von der morgenroͤthlichen Farbe, dem witzreichen festen Laͤcheln, dem leichtschoͤpferischen fertigen Geiste des Originals hat; — so viel Aehnlichkeit hat's doch immer noch — große, feste, unbewegliche Kraft, eisernen Muth, stolze Verachtung des Unsinns und der Bloͤdigkeit anderer, edle Hartnaͤckigkeit, Gefuͤhl seiner Selbst tiefdringendes, festhaltendes Genie auszudruͤcken. So ein Gesicht laͤßt sich so leicht nichts angeben; nimmt nichts Abgefallenes auf; spricht nicht ehrfurchtsvoll nach, was ein Gebieter vorspricht; es steht und geht und wirkt fuͤr sich selber! Jn und durch sich selber! Dringt zur Rechten! zur Linken! vorwaͤrts — laͤßt sich nie zuruͤckdraͤngen! Weh dem, der diese Kraft beleidigt! wohl dem, den sie in ihren Schutz nimmt! Sie laͤchelt unaussprechlich anmuthig, wenn die heitere Laune koͤmmt; und sie koͤmmt, so oft sie vollendet hat und anschaut das Werk ihrer selbst, das sie herausgestellt ins Licht der Bewunderung. Dieses Auge! o du solltest's in der Natur sehn! Stern des Genies! schneidende Kraft des Blitzes! nicht des langsamen operosen Forschers! Solch eine Nase mit dieser durch die Schatten ziemlich gut ausgedruͤckten eckigten Be- stimmtheit wirst du eher — an Menschen, die verachten koͤnnen, als die sich durch Dummheit veraͤchtlich machen, finden. Das Ohr mit diesem eckigten Ausschnitt zeigt einen starken, entschloßnen, festen, muthigen, athletischen Mann, der den seichten Bewundrer oder Tadler zertruͤmmern kann. Das folgende Blatt zeigt eben den Mann im Umriß und in der Silhouette. Allenthalben derselbe Muth, dieselbe Festigkeit in der ungebognen Felsenstirne! Der Umriß zeigt erstaunlich viel Genie! Er hat mehr Eckigtes, als das schattirte Portraͤt. Jn beyden ist zu viel Sattheit ausgedruͤckt. Die Silhouette, mithin der wahrheitreichste Umriß, hat mehr Edles und Liebliches, als die beyden andern Zeichnungen. Die zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. Die kleine Beugung der Stirne, weit davon daß sie dem Eindrucke des Verstandes schaden sollte, benimmt ihm was von der Rauhigkeit. Noch laͤßt sich viel von dem Juͤnglinge versprechen, wenn er im Umgange mit Maͤnnern seine und ihre Vorzuͤge zugleich fuͤhlt; und wenn eine jung- fraͤuliche Seele die zarte Empfindsamkeit der Seinigen, die in harter Schaale noch verschlossen, aber gewiß da ist — herauszurufen sich bemuͤht. Wir wollen ihm hier einen außerordentlich geschickten jungen Mann zur Gesellschaft geben, der mit erstaunlicher Gelehrsamkeit ein maͤchtiges Genie verbindet, und die groͤßte Hoffnung, einer der geschicktesten und philosophischten Aerzte zu werden, von sich giebt! L l 2 NN. Ein XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen NN. Ein Religiose . U m die Bilder so mannichfaltig, wie moͤglich zu machen; um aus allen, allen Classen, allen Staͤnden der Menschen, einige meinen Lesern vorzulegen — waͤhlt ich auch einen mir genau be- kannten Moͤnchen. Aehnliche Portraͤte, zumal so bloße, deren ganzer Umriß so leicht nachgeahmt werden kann, von Menschen, deren Character uns ohn' ihr Gesicht vollkommen bekannt ist, werden wohl jeder- zeit der wichtigste Beytrag zur Physiognomik seyn. Jch kann nicht sagen, daß das Bild, so wir vor Augen haben, ohne Fehler sey; so viel aber ist gewiß, daß es außerordentlich kennbar ist, und daß es in mancher Absicht unsere Aufmerk- samkeit verdient. Dieser Mann ist eine der redlichsten, freymuͤthigsten, heitersten, dienstfertigsten Seelen! Ein gutes, nichts weniger als dummes, nein ein heiteres gesunddenkendes Kind; aber Kind, in einem liebenswuͤrdigen Grade! — Erzogen inner Mauren eines weitberuͤhmten Closters — kennt es, dieß gute Kind, keine Welt als die siebenzig oder achtzig geistlichen Uniformen, unter einem gnaͤ- digstgebietenden Oberhaupte, dem es gehorcht, wie ein Sclav, und den es liebet, wie einen Herzens- freund — und woruͤber ihr erstaunen werdet, dieser Einschraͤnkung ungeachtet — die freyste, offen- ste, weiteste Seele, die Euch mit aller ihrer Liebe entgegen wallt — obgleich ihre Religion sie Euch verdammen lehrt. Nein — sie verdammt Euch nicht; sie seufzet nicht heimlich: „Schade fuͤr die „schoͤne Seele!“ und doch — welch ein Glaube an ihre Religion! — Wie der Verstand ge- arbeitet hat, sich alles heiter und srey zu denken, was jedem andern undenkbar scheint! wie sie Standpunkte gefunden hat, wo sie fest auf ihrem Glauben ruhen — und dennoch mit heiterer unverdammender Freyheit in die herrliche Welt Gottes, voll Gottes lieber Menschen hinaus- schauen kann — — Wie ich sie liebe, diese starke fromme Unschuld! dieses Moͤnchsideal! diesen ganzen Menschen in seinem so trefflich ihm stehenden Ordenskleide! wie ich mich ihm so gern vertraue! wie so ohne Zwang, ohne Widerspruch ich mich ihm mittheilen, ich ihm beichten wuͤrde! — Wie sein Verstand, seine Wissenschaft und sein Herz in der besten gemeinnuͤtzigsten Harmonie sind! Seine, in diesem Bilde nicht vollkommen ausgedruͤckte Stirn, ist vorneherum merkwuͤr- dig gewoͤlbt, daß sie von oben herab betrachtet im Grunde nicht hohl, nicht platt, sondern bey- nahe zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. nahe zirkelbogigt ist — So weit meine Erfahrungen reichen, ein sicheres Zeichen von heiterem festem Verstande und Standhaftigkeit, ohne kleingeistigen Eigensinn! — Sein Auge ist offen! hell! stark gewoͤlbt, kurzsichtig und steht im Urbild tiefer unter der Stirne, als in der Copey! — Sein Blick ist scharf, nicht anziehend, nicht zuruͤckstoßend; aber treuherzig und er- heiternd. Seine Nase ist mehr des Redlichen, als des Klugen; sein Mund, unzufrieden mit dem Zeichner, der ihn zu lang aufhielt, (denn seine Augenblicke sind abgemessen, und mehr aus Freude als Pflicht versaͤumt er nichts befohlenes und unbefohlenes Gutes) zeugt dennoch auch in diesem unvollkommenen Nachrisse von Guͤte, und leidenschaftloser Ruhe, um die ich ihn be- neiden moͤchte, wenn's was nuͤtzte, und wenn's nicht anbetenswuͤrdige Gottesweisheit waͤre, dem einen zur Entwicklung seiner Selbst Leidenschaft, dem andern triebsame sanfte Thaͤtigkeit zu geben; — wenn's nicht Schoͤnheit waͤre, daß hier ein sanftrieselnder Bach, dort ein fortreis- sender Strom sey. — Eigentliche Zaͤrtlichkeit, zitterndes Gefuͤhl, schmachtende Sympathie — ist nicht in seinem Gesichte, und seinem Character; aber dafuͤr ist er auch ein Klostermann; aber eine treuere Bruderseele findest du nicht. Auch bildet und reiniget sich sein Geist und sein Geschmack noch mit jedem Tage, und unertraͤglicher mit jedem Tage wird ihm alles leere seelenlose Gewaͤsche, alle Sophistereyen, die mehr Zank, als Erbauung stiften. Jch glaube, daß er an der Seite eines kritischen Freundes ein großer Liederdichter ge- worden waͤre, deutlicher, als Klopstock, und waͤrmer, als Gellert. Bekannt mit alter und neuer Literatur, ohn' aus der Gelehrsamkeit Hauptsache zu machen, kann er noch ein gemein- nuͤtziger Schriftsteller, besonders fuͤr sein Gotteshaus werden. Er schreibt einen natuͤrlich unge- kuͤnstelt treuherzigen Brief, mit so viel Salz, Laune und Kraft, wie man's von wenigen so welt- losen Moͤnchen erwarten darf. — Ein Trostbrief von ihm an meine Frau, da ihm einmal ein Ge- ruͤchte sagte, daß ich gestorben waͤre, wird mir ein bleibendes Denkmal seiner treuen, frommen und liebenswuͤrdigen Seele seyn. Waͤr ich noch so gluͤcklich, ein Bild seines fuͤrstlichen Abtes, publicieren zu duͤrfen, so haͤtt' ich Gelegenheit noch mehr zu sagen; wie gluͤcklich ein Kloster ist, das so treffliche Maͤnner vereinigt. Hier ist noch das Schattenbild des lieben planlosen Mannes, das sein Portraͤt berichtigen und zeigen kann, daß die geringste uͤble Laune das menschenfreundlichste Gesicht so rauh machen L l 3 kann, XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen kann, daß man es sehr leicht ganz unrichtig beurtheilen koͤnnte, wenn man diese voruͤbergehenden Launen zu Grundfesten des Characters, und der Beurtheilung desselben machen wollte. Bey dieser Gelegenheit moͤcht' ich nur den Wunsch aͤußern, daß man aus vielen Kloͤ- stern genaue Schattenrisse aller Religiosen sammelte, um besonders die Beobachtungen des Ober- und Hintertheils des Hauptes benutzen zu koͤnnen. Der Umriß, den wir vor uns haben, zeigt ein gemaͤßigtes Temperament; starke sind gemeiniglich hinten perpendiculaͤrer, schwache gewoͤlbter. OO. Heinrich zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. OO. Heinrich Blatter . E ins der sprechendsten und sogleich sich in ihrer ganzen Wahrheit darstellenden Gesichter ist das vorliegende von Heinrich Blatter von Krynau, das zwar sehr kenntlich, aber dennoch in einigen Stuͤcken hinter dem Urbilde zuruͤck ist! Der muß den Menschen wenig kennen, der die feste Aufmerksamkeit, die diesem Gesichte eigen zu seyn scheint, keiner Aufmerksamkeit wuͤrdigt; der die Kaͤlte, die Festigkeit, den unermuͤdlichen Fleiß, die bis zum Eigensinne gehende Standhaftigkeit, — und bey diesem allem die bey so viel Scharfsinn seltne Ruhe und Bescheidenheit, nicht alsdann wenigstens wahrnimmt, wenn man ihm das von diesem Gesichte gesagt hat. Bemerket Theil fuͤr Theil, und dann uͤberschaut wieder das Ganze. Jhr werdet diese Stirne, bey diesem oben so zirkelrunden Schaͤdel, wohl nie bey ei- nem natuͤrlichen Dummkopfe antreffen. Nie diese Augenbraune! Nie, gewiß nie, verlaßt euch sicher drauf, nie dieß herrliche Auge mit diesem Profilumrisse des obern Augenliedes! Mit dieser Sichtbarkeit des innern Augensterns im Profile! Jch will nicht sagen: Nie, aber sehr selten diese gerade bestimmte Nase zusammt dem Mund und Kinne, die, wer sieht's nicht, ohne mein Sagen, freylich nicht die zaͤrtlichste, empfindsamste, aber eine verstaͤndige Seele vermu- then lassen. Jst's nicht, uͤberschaut es nun wieder ganz, ist's nicht offenbar das Gesicht eines Kuͤnst- lers, eines mechanischen und mathematischen Genies? Nicht eines schnell und hochemporfliegen- den! Nein — durchaus nicht, aber einer mit kalter Langsamkeit fortschreitenden, fortarbeiten- den, tief, tief durchgrabenden, mit gleicher Vorsichtigkeit und Unverdrossenheit bis zum Ziele, zum Ziele strebenden — das Ziel erst umfassenden — dann uͤbers Ziel zu neuen entdeck- ten Zielen fortspekulirenden, und im Spekuliren hinausgehenden — Kraft — Kraft, nicht, wie die, die den Pfeil vom Bogen schnellen laͤßt; aber Kraft, wie umschloßne Federkraft einer Uhr. Lieber! XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen Lieber! Schau doch noch einmal die lautsprechende schattigte Tiefe unter den vordach- aͤhnlichen Augenbraunen an! Noch einmal dieß von aller Fluͤchtigkeit reine, feste, offne, gerade, schauende Auge! Es schaut, uͤberschaut, durchschaut, mißt, waͤgt, macht Entwurf, langsam, aber sicher! Fest, aber nicht vermessen! Noch einmal wandle, oder klimme von dem geraden Pfade der Nase die feste Vorwoͤlbung der eisernen Stirne herauf, die gerade durch diesen Vor- bug sanften, bescheidenen Muth zeigt. Gienge die Stirne in derselben Richtung von oben herab fort; des Mannes Eigensinn waͤre furchtbar; waͤr oft unerbittlich; seine Kaͤlte — wuͤrde leicht in stolze Verachtung uͤbergehen. Dieser Vorbug aber vermenschlicht, besaͤnftiget die Kraft der Stirne, und macht elastisch, was sonst unbiegsam hart waͤre. — Und was soll ich uͤber den Mund sagen? du findest ihn nicht fein? du findest ihn grob, plump, und nicht vielverspre- chend? Fuͤrs erste wisse, daß er im Kupfer verloren hat, und je bestimmter man ihn machen will, immer um so viel mehr verlieren muß — besonders verlor sich zum Theil die menschen- freundliche Bescheidenheit, die den großen Geist so liebenswuͤrdig macht — aber dennoch sage nicht, daß dieser Mund eines Dummkopfs, oder eines gemeinen Menschen sey! So wenig, als diese Art von Einschnitt oben am Kinne! Uebrigens muß man wissen, daß dieser Mann aus einer Weltgegend, und einer Nation ist, die wenige cultivirte, verfeinerte Menschen aufzu- weisen hat. Als eine Nachschrift zu diesem Fragmente fuͤg' ich zwey Worte uͤber ein Gesichte bey, das dem vorigen ungefaͤhr eben so aͤhnlich ist, als das Urbild, seinen Faͤhigkeiten nach, dem Blatter ist. Auf den ersten Augenblick frappirte mich dieß Gesicht, und im Nachzeichnen erstaunte ich uͤber die Aehnlichkeit, oder vielmehr die Gleichartigkeit dieses Gesichts mit dem Blatterschen — Noch mehr erstaunt' ich, als er mir die Frage: „was ist Euer Thun?“ — beantwortete: Ein Uhrmacher! — Jch will nichts drauf bauen, nichts draus schließen! aber — es soll mich aufmerksam machen! So viel ich in den Augenblicken, da ich den Mann vor mir sahe, bemerken konnte, hat er nicht, bey weitem nicht das Gesetzte, Bestimmte, Feste — des Blatters; nicht, bey weitem zur Pruͤfung des physiognomischen Genies. weitem nicht das Tiefdurchdringende. Diese Verschiedenheit wird das auch nur ein wenig ge- uͤbte Auge des Beobachters leicht, auch in den leichten Zuͤgen dieses schwachgezeichneten Profils bemerken. Die Schiefheit der Stirne ist ungefaͤhr dieselbe. Aber die letztere hat meines Er- messens mehr Eigensinn als Muth, mehr Rohigkeit, als Staͤrke. Augenbraunen und Auge sind ohngefaͤhr von derselben Art. Doch ist das Auge von Blatter im Originale fester, nach- denkender, und hat bey weitem nicht das Fluͤchtige, welches das Original des letzten zu haben scheint. Der Mund und das Kinn sind etwas weiblicher, und nicht so determinirt und ent- schlossen als Blatters. — Jtzt will ich weiter nichts druͤber sagen; — aber ich werde noch Gelegenheit finden, mich auf dieß Stuͤck zu beziehen. Phys. Fragm. I. Versuch. M m PP. Rameau. XVII. Fragment. Physiognomische Uebungen ꝛc. PP. Rameau . S ieh diesen reinen Verstand! — ich moͤchte nicht das Wort Verstand brauchen — Sieh diesen reinen, richtigen, gefuͤhlvollen Sinn, der's ist, ohne Anstrengung, ohne muͤhseliges For- schen! Und sieh dabey diese himmlische Guͤte! Die vollkommenste, liebevollste Harmonie hat diese Gestalt ausgebildet. Nichts Schar- fes, nichts Eckigtes an dem ganzen Umrisse, alles wallt, alles schwebt ohne zu schwanken, ohne unbestimmt zu seyn. Diese Gegenwart wirkt auf die Seele, wie ein genialisches Tonstuͤck, un- ser Herz wird dahingerissen, ausgefuͤllt durch dessen Liebenswuͤrdigkeit, und wird zugleich fest- gehalten, in sich selbst gekraͤftigt, und weiß nicht warum? — Es ist die Wahrheit, die Richtigkeit, das ewige Gesetz der stimmenden Natur, die unter der Annehmlichkeit verbor- gen liegt. Sieh diese Stirne! diese Schlaͤfe! in ihnen wohnen die reinsten Tonverhaͤltnisse. Sieh dieses Auge! es schaut nicht, bemerkt nicht, es ist ganz Ohr, ganz Aufmerksamkeit auf innres Gefuͤhl. Diese Nase! Wie frey! wie fest! ohne starr zu seyn — und dann, wie die Wange von einem genuͤglichen Gefallen an sich selbst belebt wird, und den lieben Mund nach sich zieht! und wie die freundlichste Bestimmtheit sich in dem Kinne rundet! Dieses Wohlbefinden in sich selbst, von umherblickender Eitelkeit, und von versinkender Albernheit gleichweit entfernt, zeugt von dem innern Leben dieses trefflichen Menschen. Achtzehntes Achtzehntes Fragment. Vermischtes . J ch eile zum Beschlusse dieses ersten Bandes, obgleich ich noch eine unzaͤhlige Menge von Sachen zu sagen haͤtte, die ich kaum einem zweyten Versuche aufsparen darf. Jch habe in diesem ganzen Bande noch wenig oder keine Regeln, keine Schluͤssel ge- geben; noch nichts von dem Wichtigsten, (freylich nicht fuͤr blos neugierige Leser Wichtig- sten,) von der Methode Physiognomie zu studiren gesagt; noch wenige Einwendungen angefuͤhrt und beantwortet; — ich hoff' aber, nicht das, was ich noch nicht gesagt, sondern das, was ich gesagt, sey der Pruͤfung des menschlichen Lesers nicht unwuͤrdig! Jch verachte keine Einwendung; ich werde gewiß manche, werde nach und nach alle beantworten, die mir von einiger Erheblichkeit zu seyn duͤnken und bekannt werden. Ueber- haupt aber duͤnkt mich, daß es besser sey, ein Gebaͤude, oder wenigstens einige Hauptbruch- stuͤcke des Gebaͤudes darzustellen, als mit Worten die Einwendung zu bestreiten, „daß es un- „moͤglich sey, so ein Gebaͤude aufzufuͤhren.“ Es verhaͤlt sich mit den Einwendungen gegen die Physiognomik sehr oft, wie mit Dispuͤten uͤber die Pflichtmaͤßigkeit und Moralitaͤt gewisser Handlungen. Man kann tausend Sophistereyen dagegen sagen, die sich nicht sogleich mit Worten beantworten lassen. Der Tu- gendhafte, dem nichts unertraͤglicher ist, als Geschwaͤtz und Gezaͤnk uͤber Tugend, hoͤrt's, spricht, spricht umsonst, schweigt, zuͤrnt oder laͤchelt, und geht stille hin und thut, woruͤber an- dere einen ganzen Tag gestritten haben: „Ob's recht, ob's gut, ob's moͤglich sey?“ Und wenn's dann Schwaͤtzer sehen, so sagen freylich nicht alle, aber alle empfinden's: Recht! Schoͤn! Vortrefflich! Hunderte werden sich Tage lang uͤber die Physiognomik zanken, Einwendungen ma- chen, die sich nicht sogleich beantworten lassen, der Physiognomist hoͤrt's, schweigt, laͤchelt der Lacher, und geht, und umfaßt aus der Menge einen mißkennten Menschen, freut sich und ruft: „Mein Bruder! Mein Bruder,“ und fuͤhlt im neugefundenen Menschen Gewißheit und Ge- M m 2 nuß, XVIII. Fragment . nuß, eine Wonne, die sich so wenig, als das Bewußtseyn, „recht und großmuͤthig gehandelt „zu haben,“ wegsophistisiren laͤßt. „ Kann auch aus Nazareth etwas Gutes kommen ?“ Was laͤßt sich drauf ant- worten, als: „ Komm und siehe! “ Aber, wer sieht's, wer fuͤhlt's? — Ein „rechtschaffner Jsraelite, in welchem kein „Falsch ist!“ „Die Sympathie und Antipathie jedes einzelnen Menschen gegen die Gestalten, die „ihn umgeben, machen den Hauptgrund aus, warum es keine allgemeine Physiognomik ge- „ben kann. Auf jedes Jndividuum machen die Gegenstaͤnde einen eigenen Eindruck, durch „den es regiert wird; denn Liebe, Freundschaft, Haß werden gar sehr, doch in wunderbarer „Verbindung mit dem Jnnern, durch das Aeußere angezuͤndet und unterhalten.“ — Unwider- sprechlich! und dennoch wird dadurch die abstrakte Bestimmtbarkeit gewisser Kraͤfte und Triebe durch aͤußerliche sichtbare Zeichen nicht aufgehoben. Das physiognomische Gefuͤhl moͤcht' ich eigentlich einen warmen Antheil an einem sichtlichen Gegenstande nennen, wodurch ich das ganze Verhaͤltniß seiner Existenz erkenne. Wie viele unter tausenden werden nun Physiognomisten werden? Die Schoͤnheit zieht uns an; die Haͤßlichkeit stoͤßt uns weg, und Verlangen und Ekel hindern uns beydes zu erkennen. Aber muͤssen wir denn erkennen? Jmmer oder nur erkennen? Jch halte dafuͤr, daß jedem Menschen sein Theil Physiognomik zugetheilt ist, womit er zu seiner Nothdurft auskommt. Jch fuͤhle an mir, daß die sinnlichen Gegenstaͤnde ganz anders auf mich wirken, als vor Jahren; und doch koͤnnt's seyn, daß diese Veraͤnderung nicht eben wachsende Erkenntniß waͤre. Die Veraͤnderung meiner selbst kann andere Verhaͤltnisse der uͤbrigen Dinge gegen mich hervorgebracht haben. Physiogno- Vermischtes . Physiognomik ist ein dichterisches Gefuͤhl, das die Ursach in der Wirkung erkennt. Die meisten Menschen ergoͤtzen sich am Gemaͤhlde, wie am Gedichte; an Schoͤnheit oder Aehn- lichkeit, oder Karrikatur. Der Kritiker vergleicht die Verhaͤltnisse unter sich selber und mit dem Original, aber beyde stehen vor der Schoͤpfung des Dichters, wie vor der Schoͤpfung Gottes. Von der Kraft, die es hervorbringt, haben sie keine Ahndung. Aus den Urtheilen uͤber diese Versuche werden wir Beytraͤge zur Physiognomik selbst uͤberfluͤßig gewinnen. Bayards Wahlspruch sans peur \& sans reproche, kann nicht leben- diger mit seinem herrlichen Gesicht uͤbereinstimmen, als die Recensionen so mancher jungen Magisters mit ihrem Kinn und ihren Halsbinden — uͤbereinstimmen werden. Freylich wuͤnscht' ich, wenn Wuͤnschen was huͤlfe, daß noch kein Wort weder Gutes noch Boͤses druͤber gesprochen wuͤrde, bis ich dahin gekommen waͤre, durch Jnduktionen Ein- wendungen zu beantworten, die unbeantwortlich schienen. So viel kann ich nur vorlaͤufig versichern, daß ich noch keine Einwendung von jeman- den gehoͤrt habe, die nicht durch den Unterschied der festern und weichern Theile — der An- lage und der Uebung der Kraͤfte auf die simpelste Weise gehoben werden koͤnnte. Es ist alles am Menschen, wenn ich so sagen darf, Zettel und Eintrag! Wurzel und Zweige! Anlage und Uebung! Bein und Fleisch! Entwickle diesen Gedanken! Verfolg ihn so tief du kannst — und er wird dir Schluͤssel zur ganzen Physiognomik seyn! Von Sokrates, und was daher fuͤr und wider die Physiognomik folgt; Von der Aehnlichkeit des Menschen mit den Thieren, und wie daher Licht und wie viel Licht auf die Physiognomik falle; M m 3 Von XVIII. Fragment . Von der menschlichen Bildung uͤberhaupt, von der Empfaͤngniß an bis zum Tode; — Von den verschiedenen Temperamenten, von den Einfluͤssen der Erziehung, der Lebens- art, des Clima u. s. f. Von National- Familien- Sektenphysiognomien; Von der Verstellung und Aufrichtigkeit; Von der Veraͤnderung der Physiognomien durch Zufaͤlle und Natur; Von der Verschoͤnerung und Veredlung der menschlichen Bildung und Gesichtszuͤge; — Von diesen und noch so manchen wichtigen hiehergehoͤrenden Dingen — gedenken wir un- sere Leser, wenn Gott Leben, Kraͤfte und Muße goͤnnt, in den folgenden Baͤnden zu unterhalten. Fuͤr alle, mir schwer aufliegenden Unvollkommenheiten dieses Versuches soll und darf ich den billigen Leser um Nachsicht und Verzeihung bitten. Ein anderer, der mehr Muße haͤtte, als ich, wuͤrde diese Nachsicht nicht fordern duͤrfen! Wenn einmal die Sorge fuͤr die Tafeln und den Detail, die nun, hoff' ich, bald zum Ende geht, mir abgenommen ist, so werd ich die Zeit und Kraft, die mir daher zu gute kommen wird, mit auf die Vervollkommnung und Ausarbeitung des Textes zu verwenden suchen. Uebrigens wenn nun alles, was ich in diesem Bande geleistet, weiter nichts waͤre, als Characteristik von einigen wirklichen Menschen; wenn's nichts waͤre, als eine kleine Gallerie von Menschengesichtern, Menschencharactern, die Harmonie von beyden mit nichts angedeutet, nirgends fuͤhlbar gemacht waͤre, wuͤrd' ich schon nichts Unnuͤtzes gethan zu haben glauben. Jch bin aber fest uͤberzeugt, daß jeder Nachdenkende, der dieses Werk nicht blos als einen kindischen Zeit- vertreib betrachten und lesen will, aus dem Wenigen, was ihm vorgelegt worden (unendlich wenig gegen das, was ihm vorgelegt werden koͤnnte) sein physiognomisches Auge und Gefuͤhl zu uͤben Gelegenheit genug gehabt haben und in den Stand gesetzt seyn wird, sich bereits einige zuver- laͤßige und feste Zeichen zu abstrahiren, oder wenigstens auf den Weg gestellt seyn wird, daß er nun selbst weiter gehen, und meine Beobachtungen — oder Empfindungen pruͤfen kann. Nur noch Eins: Herzlichaufrichtig und so dringend es mir moͤglich ist, verbitt' ich mir von allen nahen und fernen, bekannten und unbekannten Freunden und Feinden, alle muͤndliche und Vermischtes . und schriftliche Fragen uͤber dieß oder jenes Gesicht, so herzlich, innig und dringend ich jedem dan- ken werde, der mir von außerordentlich trefflichen Personen getreue, ins Kleine gezeichnete Sil- houetten zukommen lassen wird, ohne schriftliche Antwort oder Dank zu erwarten. Es ist Zeit zu schließen; und billig, dir auch ein ertraͤglich kenntliches Bild zu deiner freyen Beurtheilung von demjenigen vorzulegen, der so viel uͤber andere Gesichter geurtheilet hat; — ich will dir nicht vorgreifen, doch darf ich hoffen, daß dieses Gesicht nicht so beschaffen sey, daß es oft erroͤthen duͤrfte vor dem „Richtet nicht, daß ihr nicht gerichtet werdet!“ Beschluß. Beschluß . Lied eines physiognomischen Zeichners . A ch daß die innre Schoͤpfungskraft Durch meinen Sinn erschoͤlle! Daß eine Bildung voller Saft Aus meinen Fingern quoͤlle! Jch zittre nur und stottre nur Und kann es doch nicht lassen; Jch fuͤhl' ich kenne dich, Natur, Und so muß ich dich fassen. Wenn ich bedenk' wie manches Jahr Sich schon mein Sinn erschließet, Wie er, wo duͤrre Haide war, Nun Freudenquell genießet; Da ahnd' ich ganz Natur nach dir, Dich frey und lieb zu fuͤhlen, Ein lust'ger Springbrunn wirst du mir Aus tausend Roͤhren spielen; Wirst alle meine Kraͤfte mir Jn meinem Sinn erweitern, Und dieses enge Daseyn hier Zur Ewigkeit erweitern. den 19. April 1775. Register Register . A. A bgoͤtterey. Seite 145 Abstrahiren, allgem. Anmerkungen daruͤber. 149 Adieux, (les) de Calas. 112 Afterphilosophie. 34 Alles wird physiognomisch beurtheilt. 47-49 Anatomie. 175 Anlagen, uͤberwachsene. 138 Anmerkung uͤber Kunst. 131 Anson. 247 Apoll, vaticanischer. 131-135 Aristoteles. 11-25 Arzt. 48 Avanturier. 232 Aufmerksamkeit, feste, Ausdruck derselben. 263 Auge, geuͤbtes. 42 Augen, acht Paar 256 B. Bacon. 25 Barbarelli, Georgius. 219 Bauer, philosophischer. 234 Bauer, urtheilt physiognomisch. 48 Bemerken der Vollkommenheiten, und Unvollkommen- heiten. 38-43 Beobachten, die Seele der Physiognomik. 173 Bernini. 115 Besorgniß und Erinnerung des Verfassers. 146 . 147 Beurtheilung der Menschen aus einzelnen Handlungen, wie unsicher. 166 Bildung, gute, gehoͤret zum guten Physiognomisten. 170 Blatter, Heinrich. 263 Blattern. 146 Blendinger. 253 Bonet. 54 Bonton, philosophischer, des Jahrhunderts. 20 Brandteweinsaͤufer. 97 Bruͤderphysiognomie, maͤhrische. 214 Le Bruͤn. 202 . 205 . 206 C. Chabanon. 131 Character. 115 . 116 Chodowiecki. 80 . 103 . 209 . 211 — sein mahlerischer Character. 112 Christus, nach Holbein. 83 . 84 Cicero Zeugniß fuͤr die Physiognomik. 24 Concavitaͤt der Nase. 134 Convexitaͤt der Nase. 134 Couplet, sein Bild. 218 Cupido. 130 D. Demokrit nach Rubens. S. 92 . 180 Denker, gefuͤhlvoller. 198 Dinglinger. 253 Dreyfaches Leben der Menschen. 33-37 Duͤrer, Albrecht. 55 E. Ecce Homo von Rembrand. 85-91 Eifer wider die Physiognomik aus gutem Herzen. 18 — aus Schwachheit. ebendas. — aus Bescheidenheit und Demuth. 19 — aus Lichtscheue. ebendas. Eigensinn und Staͤrke, Merkmale derselben. 217 Eindruck, bleibender. 62 . 63 Einfaͤltiges Auge, was? 171 Einwendungen gegen die Physiognomik, Anmerkungen daruͤber. 142 . 267 Eitelkeit, ob dieselbe durch die Physiognomik befoͤrdert werde? 168 Erasmus. 80 Ernesti Zeugniß fuͤr die Physiognomik. 25 Euripides. 127 F. Fehlschluͤsse, oft nur scheinbare des Physiognomisten. 136 Feiner Verstand. 242 Fielding. 181 Forscher, sein Blick. 247 Fragmentwerk. 56 Frauenzimmer, gute Physiognomisten. 183 Freude haben und machen. 41 Freude, Arten derselben. 150 Freudigkeit, ihr Character. 26 . 61 Frey. 253 Fruchtbarkeit des Geistes. 219 Fuͤrst, Profil von einem. 208 Fuͤeßlin (der Mahler.) 8 . 9 G. Galenus. 24 Gang aller menschlichen Dinge. 18 Gaskonier. 232 Gefuͤhl, physiognomisches. 268 Geist, machet lebendig. 145 — ihn sieht die Welt nicht. 144 . 145 Geiz. 80 Geiziger und Antiphysiognomist. 137 Gelehrter, Profil. 207 Gellert, Zeugniß fuͤr die Physiognomik. 12-14 Gemuͤthsruhe. 61 Genie, schoͤpferisches. 219 — Profilportraͤt eines jungen Genies. 258 Phys. Fragm. I. Versuch. N n Giorgione. Register . Giorgione. S. 219 Gleichguͤltigkeit fuͤr die Physiognomik. 21 Golz. 115 Greuel der Trunkenheit. 96 Großer Character. Vier Expressionen. 115 Gruͤnde der Verachtung der Physiognomik. 17-22 Guarrik. 181 Guͤte. 216 Guter Mensch, Guͤte des Herzens. 40 H. Haͤßlichkeit der Menschengestalten. 106 Haller, Zeugniß fuͤr die Physiognomik. 26 . 27 Harmonie koͤrperlicher und moralischer Schoͤnheit. 57 Haß. 27 . 61 Hausvater, Physiognomist. 30 Herder, weitlaͤufige Stelle aus seiner aͤltesten Urkunde. 3-6 Herkules zwischen Tugend und Laster. 125-131 Herz des Physiognomisten, muß gut seyn. 178 Herz, heiteres. 30 Heß, Felix. 8 . 9 Hirzel, D. 183 . 234 Hochachtung, ihr Character. 61 Hogarth. 85 Hogarths Meynung vom vatikanischen Apoll 132 . 133 Holbeins Judas, sein Character. 81 Homer. 245 Homme d' affaire, Bild desselben. 196 Horchender, Ausdruck desselben. 206 J. Jdealische Koͤpfe, drey. 102 Jesus Sirachs Sohn. 23 . 24 Jmagination des Physiognomisten. 174 Jntellektuelle Physiognomik. 14 Jntellektuelles Leben der Menschen. 33-37 Jphigenie. 110 Judas. 79-83 Judas, theologische Anmerkung uͤber seine Physiogno- mie. 82 . 83 Judas Kuß. 84 Judas und Compagnie. 118 . 119 K. Kaͤlte und Waͤrme der Schreibart. 121 Kaͤmpf, D. 181 Karrikaturen. 122 . 226 Kaufmann, beurtheilt physiognomisch. 47 Kinderkoͤpfe. 107 Klassification. 148 . 149 Kleinjogg, Bild und Character. 234 Klockenbring. 10 Klopstock. 117 Klugheit und Feinheit, Merkmale davon. 216 Knipperdolling. 118 Koͤpfe. 198 . 200 . 202-206 . 209 . 211 . 219 . 228 . 232 Koͤrper, sichtbar gemachte Seele. S. 108 Kraft, Ausdruck derselben. 220 Kraft und Ohnmacht im Streite. 194 Kuͤnstlerauge. 253 . 254 Kunstgriffe des Jahrhunderts. 53 Kupezky. 253 L. Labradorier. 46 Lambert. 8-9 La Mettrie. 93 . 94 . 95 Landmann, ein zuͤrcherischer. 239 Laster verhaͤßlicht. 62 Leben, dreyfaches im Menschen. 33-37 Leibniz. 46 . 54 Leichtigkeit der Physiognomik. 152 Leidenschaften verzerren die Mienen. 95 Leser, dieser Fragmente — werden einige heimlich den- selben Beyfall geben, oͤffentlich druͤber spotten. 20 Leßing. 94 Leuken, v. Joh. 115 Liebe, ihr Character. 26-61 M. Maͤhrische Bruͤderschaft, Bild eines wuͤrdigen Mitglie- des derselben. 213 Mahler. 48 Mahlerkunst. 54 Medeciner. 208 Mendelssohn. 243 . 245 Mengs. 114 . 182 Mensch — Bild Gottes. 4 — ein physisches Wesen fuͤr den Beobachter. 33 — der interessanteste Gegenstand. 27-33 — besser und schlimmer als mancher mahlt. 85 — nicht Richter der Menschen. 139 — ist der Physiognomist, also partheyisch. 146 Menschenfreund. 43 Menschengesicht, je herrlicher desto unnachahmlicher. 234 — wie schwer zu zeichnen. 234 Menschenkenntniß, ihre Wichtigkeit. 157 Menschenrichterey, ob sie durch die Physiognomik be- foͤrdert werde? 162 Menschliche Gestalt. 105 Menschliche Natur. 33-37 Meßiade. Stellen daraus. 87 . 88 . 90 . 91 Mienen. 29 . 30 Mittel, sich alles leicht zu machen. 154 Moͤnch, wuͤrdiger, Bild und Character desselben. 260 Montagne. 24 Moquantes Gesicht. 94 Moralisches Leben der Menschen. 33-37 Morus. 80 Mund, ein Bild der Tugend. 129 N. Nahrung Register . N. Nahrung des animalischen, intellektuellen, moralischen Lebens. S. 35 Nase. 110 . 237 . 239 . 248 — ein Bild der Tugend. 129 Nasologie. 151 Neugier, ihre Bewegungen. 26 Neuton. 46 Niobe. 120 Nutzen der Physiognomik. 156 O. Officier, Profil. 207 Orest. 111 P. Pagi, F. A. 204 Pelikan. 80 Pernetty. 180 Petronius. 127 Pfenninger. 213 Pharisaͤer Gesichter. 87-91 Physiognomie, es verhaͤlt sich damit wie mit allen Ge- genstaͤnden des Geschmackes. 144 Physiognomik — was? 13 — physiologische. 13 . 14 — anatomische. ebendas. — des Temperaments. ebendas. — moralische. ebendas. — intellektuelle. ebendas. — wird oft in weitlaͤuftigem Verstande gebraucht. 15 — wuͤrdige Beschaͤfftigung des Menschen. 37 — Wissenschaft. 52-56 — Demokrits-Wielands Gedanken davon. 92 — ihr Nutzen. 156 — Quelle der feinsten und erhabensten Empfindun- gen. 159 — Stifterinn der dauerhaftesten Freundschaften. 160 — furchtbar dem Laster. 161 — ihr Schaden. 163 Physiognomik und Moral. 92 Physiognomische Uebungen. 185 . u. f. Physiognomische Gefuͤhle und Urtheile. 140 . 141 . 268 Physiognomist — natuͤrlicher, wissenschaftlicher, phi- losophischer. 14 — Bild desselben. 170 . 267 Physiognomisten, vorzuͤgliche, Verzeichniß derselben. 180 Physisches Leben. 33-36 Piazetta. 204 Plato. 180 Plinius. 24 Poeten. 241 . 242 Portraͤte. 196 . 213 . 251 . 258 Poussin. S. 127 Profilumrisse. 207 . 232 . 251 . 253 Profilschoͤnheit. 128 Pruͤfung des physiognomischen Genies. 185 Pythagoras. 180 Q. Quintilian. 89 R. Rameau. 266 Raphael. 55 . 198 . 200 . 201 Raphael, wie er den Judas gezeichnet. 82 . 114 . 120 . Raphaels Nachfolger. 127 Raphael, Portraͤt von ihm. 117 Religiose, Bild. 260 Rembrand. 85 Richter, physiognomisirt. 49 Ridinger. 253 Roussean. 182 S. Salomo, Zeugniß fuͤr die Physiognomik. 23 Sanfter Mann zuͤrnet. 137 Sanftes edles Menschengesicht. 101 Saullus. 205 Scaliger, J. C. 180 Schaden der Physiognomik. 163 Schalkhafter Mensch. 23 Scharfrichter. 94 Schaupp. 253 Schoͤnheit, Kenntniß derselben wichtig. 40 Schoͤnheit der Menschengestalt. 101 Schoͤnheit, Zeichen der Guͤte. 107 Schrecken. 27 Schreibart des Verfassers. 120 Schuͤppach, Michel, Bild desselben. 230 Schwaͤrmerey. 145 Schwermuth, fromme, Ausdruck derselben. 194 Schwierigkeiten bey der Physiognomik. 142 Seele. 34 Seele dieses Werks. 96 Seher, Stirne eines Sehers. 245 Selbsterkenntniß des Physiognomisten. 176 Semiothick. 52 Seneca. 50 Silhouetten. 186 . 188 . 190 . 192 . 194 . 209 . 222 . 224 . 226 . 227 . 241 Sinn, physiognomischer. 159 . 165 . 184 Sitz des Characters, oft versteckt. 143 Sokrates. 25 Soleto. 180 Spence. 134 Sprache der Natur, nicht schwer zu verstehen. 153 Sprache, physiognomische. 174 Staturen, Eintheilung derselben. 148 N n 2 Stille Register . Stille Erhabenheit und Freyheit, Ausdruck davon. S. 194 Stirnen. 124 . 245 Strange. 125 Stunde und Seele, ungeschickte Vergleichung. 34 Sulzer, Zeugniß fuͤr die Physiognomik. 27 . 50 . 135 T. Thaͤtigkeit, Ausdruck derselben. 239 Thomas und Christus. 115 Tiefklug, Ausdruck davon. 204 Traurigkeit. 26 Tugend verschoͤnert. 59 . u. s. f. — in Herkules. 126 . 127 . 128 — ist moralische Kraft gegen sinnliche. 128 V. Uebungen, physiognomische. 185 Veneration. 202 Venus. 128 Verachtung der Physiognomik ruͤhrt her von schlechten Buͤchern druͤber. 17 — ihre Aeußerungen. 27 . 61 Verfasser — Geringheit seiner physiognomischen Kenntnisse. 7-12 — hat sich unzaͤhlige male in seinen Urtheilen geirrt und irrt sich taͤglich. ebendas. — vor seinem Blicke hat sich niemand zu fuͤrchten. 12 Verschiedenheit menschlicher Gesichter. 45 Verseschoͤpfer. 232 Verstand, Merkmale desselben. 216 . 220 Verstellungskunst. 49 . 146 Verwunderung. 26 Umrisse. S. 124 Unbiegsamkeit, Ausdruck derselben. 194 Unkoͤrperliche Schoͤnheit. 132 Vollkommenheit und Unvollkommenheit der menschlichen Natur. 38 . u. s. f. Vultus. 24 W. Wahrheit der Physiognomik. 44-51 Weltkenntniß des Physiognomisten. 178 Wepfer, Machaon. 155 Werner. 91 Wesentliche Schoͤnheit. 59 Wieland. 92 Willkuͤhrlichkeit, Philosophie der Thoren. 47 Winkelmann. 103 . 114 . 127 . 128 . 131 . 182 Winkelmannischer Enthusiasmus. 132 Witz des Physiognomisten. 174 Wolf. 53 . 54 Wolf, Zeugniß fuͤr die Physiognomik. 28 Wreen. 253 . 256 Wuͤrde der menschlichen Natur, — aus Herders aͤltester Urkunde des Menschengeschlechts. 3-6 Wuͤrtemberg, Prinz Ludw. Eugen v. 182 Y. Young. 31 Z. Zeichnungskunst. 175 Zeugnisse fuͤr die Physiognomik. 23-32 Zimmermann, koͤniglicher großbrittanischer Leibarzt. 10 . 146 . 183 Desselben Brief an einen Antiphysiognomisten. 151 Zopyrus. 180 Drnckfehler . S. 250. Z. 1. lies aufgestutzte anstatt aufgeworfene. S. 115. Z. 3. von unten lies Golzens anstatt Glozens. Verzeichniß Verzeichniß dererjenigen, welche auf dieses Werk unterzeichnet haben. Regierende Herren und Fuͤrsten. S eine Majestaͤt, der Koͤnig von Daͤnnemark. (Auf ein deutsches und auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Jhro Majestaͤt die verwittwete Koͤniginn Juliana Maria von Daͤnnemark. (Auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Seine Koͤnigliche Hoheit der Erbprinz Friedrich von Daͤnnemark. (Auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Seine Durchlaucht der regierende Fuͤrst von Anhalt- Bernburg in Ballenstadt. Seine Durchlaucht der Churfuͤrst von Bayern. Seine Durchlaucht, der regierende Herzog von Braunschweig. (Auf ein deutsches und auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Seine Durchlaucht, der Herzog Ferdinand von Braunschweig. Seine Durchlaucht, der Churfuͤrst von Coͤlln. Seine Hochfuͤrstliche Gnaden, der Bischof zu Fulda. Seine Durchlaucht, der Landgraf von Hessen- Cassel. Seine Durchlaucht, der Landgraf von Hessen-Hom- burg. Seine Durchlaucht, der regierende Herzog von Hol- stein, Bischof von Luͤbeck in Eutin. Jhre Durchlaucht, die regierende Herzoginn von Holstein in Eutin. Seine Durchlaucht, der regierende Fuͤrst zu Jsen- burg-Bierstein. Seine Erlaucht, der regierende Graf zu Lippe-Dett- mold. Seine Durchlaucht, der Prinz Carl von Mecklenburg Strelitz in Hannover. Seine Durchlaucht, der regierende Herzog zu Sach- sen-Gotha und Altenburg. Seine Durchlaucht, der Prinz August von Sachsen- Gotha und Altenburg. Seine Erlaucht, der regierende Graf von Stollberg- Wernigerode. Seine Durchlaucht, der regierende Fuͤrst von Wal- deck in Arolsen. Jhre Durchlaucht, die verwittwete Fuͤrstinn von Waldeck in Arolsen. Jhre Durchlaucht, die Herzoginn von Weimar. Seine Durchlaucht, der Erbprinz Carl August von Weimar. Andere Subscribenten. Die Herren Ammann und Gaupp in Schafhau- sen. (Auf drey Exemplare.) Herr von Arnim von Boitzenburg. Fraͤulein Sophia von Bennigsen in Zelle. Freyherr von Berlepsch, Churhannoͤverischer Re- gierungsrath in Ratzeburg. Seine Excellenz, der Koͤniglich Daͤnische geheime Conferenzrath und Staasminister Graf von Bernstorf in Koppenhagen. Seine Excellenz der Churhannoͤverische geheime Rath Graf von Bernstorf zu Gartau im Luͤne- burgischen. N n 3 Herr Herr Domherr Franz Baron von Beroldingen, fuͤr die Bibliothek in Hildesheim. Die Koͤnigliche Bibliothek in Koppenhagen. Die Graͤfliche Bibliothek zu Wernigerode. Seine Excellenz, der Koͤniglich Daͤnische Herr ge- heime Rath von Blome, in Hollstein. Herr Baron von Blome, Koͤniglich Daͤnischer Cammerherr, zu Hagan in Hollstein. Herr von Bluͤcher, Koͤniglich Daͤnischer Cammer- herr in Hollstein. Jhre Excellenz, die Frau geheime Raͤthinn von Bodenhausen, in Stade. Herr von Born, Ritter und K. K. Bergrath. Jhre Excellenz, die Frau Staatsministerinn Baro- nesse von Bramer, in Hannover. Die Frau Marquise Branconi, , in Braunschweig. Herr Hofrath Brandes, in Hannover. Seine Excellenz, der Koͤniglich Preußische Cammer- praͤsident, Herr von Breitenbauch, in Minden. Frau Graͤfinn von Buͤnau auf Puͤchen, gebohrne Baronesse von Hohenthal. Jhre Excellenz, die Frau Staatsministerinn Baro- nesse von dem Bußche, in Hannover. Herr Cammerherr Baron von dem Bußche, in Hannover. Herr Baron von dem Bußche, Obrister bey der hannoͤverischen Garde zu Pferde, in Hannover. Frau Amtmaͤnninn Bußmann, in Springe bey Hannover. Der Marquis de Chasteler , in Bruͤßel. (Auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Herr Crayen in Leipzig. Herr Carl Abraham Oßwald Freyherr von Czettritz und Neuhauß auf Schwarz und Conradswalde in Fuͤrstenthum Schweidnitz in Schlesien. Herr von Dalberg, Statthalter von Erfurt. Herr Joh. Georg Daller, in Bischofzell. Herr Hofrath Deiner, in Frankfurt. Seine Excellenz, der Freyherr von Diede, Koͤniglich Daͤnischer Gesandter in London. Herr Legationsrath von Doͤring, in Braunschweig. Das Domkapitel in Muͤnster. Demoiselle Eversmann, in Emmerich. Herr Frey in Regenspurg. Herr General von Freytag in Hannover, fuͤr das Dragonerregiment des Prinzen. Herr Frommann in Zuͤllichau. (Auf zwey Exem- plare.) Seine Excellenz, der Churcoͤllnische Staatsminister und Domherr, Baron von Fuͤrstenberg, in Muͤnster. Seine Excellenz, der Staatsminister Freyherr von Gemmingen, in Hannover. Herr Gerken, Studiosus am Carolino in Braun- schweig. Eine Gesellschaft in Winterthur. (Auf vier Exemplare.) Eine Gesellschaft in Zuͤrich. (Auf sechs Exemplare.) Der Herr Graf von Goͤrtz in Weimar. Herr Justizrath Gondela, Herzoglich Hollsteini- scher Leibarzt in Eutin. Herr Grimmel, Registrator bey der Fuͤrstlich Hes- sischen Kriegs- und Domainenkammer in Cassel. Herr Baron von Hahn zu Neuhaus in Hollstein. Frau Generalinn Baronesse von Hardenberg, in Hannover. Herr Cammerrath Baron von Hardenberg-Re- ventlow, in Hannover. Herr Prof. Hartmann in Mietau. Herr Amtschreiber Hausmann zu Brackenberg im Fuͤrstenthum Goͤttingen. Herr Heinsius in Leipzig. Herr Hofrath von Heller in Matzikus in Ehstland. Herr D. Hensler in Altona, fuͤr die Altonaische Gymnasienbibliothek. Herr Pastor Herold in Petersburg. Herrn Herrn Herolds Wittwe in Hamburg. (Auf sechs Exemplare.) Herr Hinuͤber, Hannoͤverischer Postcommissarius und Amtmann in Wildeshausen bey Bremen. Seine Excellenz, Herr Hans Heinrich Graf von Hochburg und Fuͤrstenstein zu Fuͤrstenstein in Schlesien. Seine Excellenz, der Herzoglich-Hollstein-Olden- burgische Minister Freyherr von Holmer . Seine Excellenz, der Herr Graf von Hollstein zu Hollsteinburg, in Hollstein. Seine Excellenz, der Herr Minister von der Horst, in Berlin. Herr D. Hoze in Richterschwyl. Herr Cammerrath Jacobi. Herr Hofrath Jung, fuͤr die Koͤnigliche Bibliothek in Hannover. Herr Kunth in Leipzig. Herr Baron von Landsberg, Domherr in Pa- derborn. Frau Baronesse von Langwerth, gebohrne von Loͤw, in Marburg. Frau Landdrostinn Baronesse von Lanthe, in Han- nover. Herr Drost von Lanthe in Zelle. Herr Major Baron von Lanthe in Hannover. Die loͤbliche Lesegesellschaft in Muͤnster. Herr Superintendent Liesegang in Ebstorf, im Fuͤrstenthum Luͤneburg. Herr Commerzienrath Linke in Leipzig. Frau Obercammerherrinn Baronesse von Loͤw in Hannover. Herr Maurer, franzoͤsischer Prediger in Schaf- hausen. Herr Joh. Georg Mayr in Arbon. Herr Cammersecretair Meyer in Hannover. Seine Excellenz, der Koͤniglich Daͤnische geheime Rath Graf von Moltke in Koppenhagen. (Auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Jhre Excellenz, die Frau Premierministerinn Ba- ronesse von Muͤnchhausen, in Hannover. Herr Kriegsrath Baron von Muͤnchhausen, in Hannover. Herr Nicolai in Berlin. (Auf sechzehen Exem- plare.) Herr geheimder Rath Pracke in Wuͤrzburg. Herr Pastor Pralle zu Haimar bey Hannover. Herr Praͤlat von Rautenstrauch in Wien. Herr Hof- und Canzleyrath von Reiche, in Han- nover. Frau Cammerherrinn von der Rock in Mietau. Seine Excellenz, der Großsuͤrstlich Schleswig-Holl- steinische wirkliche geheime Rath von Rumohr in Hollstein. Seine Excellenz, der Rußisch-Kayserliche wirkliche geheime Rath Freyherr von Saldern in Kiel. (Auf sechs Exemplare.) Seine Excellenz, der Graf von Saldern-Guͤn- deroth in Hollstein. Herr Johann Friedrich Schiller in London. (Auf zwey deutsche und auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Jhre Excellenz, die Daͤnische Frau Staatsministe- rinn Baronesse von Schimmelmann, in Ham- burg. Herr Hofrath Schlaͤger in Gotha, fuͤr die Herzogl. Friedensteinische Bibliothok. Herr Prof. Schroͤder in Marburg. Herr Kaufmann Johann Schuback, Koniglich Portugiesischer Chargé d' Affaires in Ham- burg. Fraͤulein von Schulz in Luͤneburg. Herr Christian Friedrich Schwan in Mannheim. Herr Herr Selchop und Huart in Amsterdam. Herr geheime Rath und Landshauptmann Graf zu Solms in Sachsenfeld. Seine Excellenz, der Koͤniglich Daͤnische geheime Rath, Herr von Stampe, in Koppenhagen. (Auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Frau Baronesse von Stein, in Nassau. Herr D. Stein in Leipzig. Der Herr Graf von Stollberg-Wernigerode, in Jlsenburg. Herr Cammerherr und Conferenzrath von Suhm, in Koppenhagen. (Auf ein franzoͤsisches Exem- plar.) Herr Berghauptmann von Trebra in Freyberg. Herr Appellationsrath Trier in Leipzig. Ein Ungenannter in Buͤckeburg. Herr von Valtravers, Esq. in London. Herr Cammerherr von Veltheim, in Ostrau. Herr Domdechant Freyherr von Vinke, in Min- den. Herr Amtmann Voigt, zu Friedland im Fuͤrsten- thum Goͤttingen. Herr Voigt, Churhannoͤverischer geheimer Canzley- secretair in Eisleben. Herr Cammersecretair Voigt in Hannover. Herr Commissarius Vollbrecht in Luͤneburg. Herr D. Waͤchter in Stuttgardt. Herr Walther in Dresden. (Auf zwey Exem- plare.) Herr Baron von Wegers, Churmaynzischer Cam- merherr, zu Großfeld bey Fulda. (Auf ein franzoͤsisches Exemplar.) Seine Excellenz, der Großfuͤrstlich Schleßwig-Holl- steinische wirkliche geheime Rath Baron von Wolf, in Kiel. Herr von Wuͤllen, Hannoͤverischer Amtmann zu Jlfeld. Herr Assessor von Wuͤllen in Hannover. Herr Leibmedicus Zimmermann in Hannover. (Auf zwey Exemplare.) Diejenigen resp. Subscribenten, deren Namen wir erst nach vollendetem Druck dieses 1sten Theils erhalten, werden uns verzeihen, daß Sie solche hier nicht finden; sie sollen aber dem bald zu erwartenden 2ten Theile beygefuͤget, und also das, was itzt hier nicht geschehen koͤnnen, dort nachgeholet werden.