Briefe zu Befoͤrderung der Humanitaͤt. Briefe zu Befoͤrderung der Humanitaͤt. Herausgegeben von J. G. Herder . Neunte Sammlung. Riga, 1797. bei Johann Friedrich Hartknoch . 108. I n den Fragmenten uͤber die Poe - sie der neueren Voͤlker , als einer Foͤrdrerin der Humanitaͤt , S Briefe zu Befoͤrderung der Humanitaͤt. Th. 7. 8. fan- den unsre Freunde manches bedenklich. A. glaubte, daß seiner Lieblingsnation, den Franzosen, B. daß seinem beguͤnstigten Volk, den Britten, im Anschlage ihres Verdienstes nicht Gnuͤge geschehen sey. C. meinte, daß die Poesie der Trobadoren sich anders woher leite, und daß man auch dem Reim nicht gnug Gerechtigkeit wie- derfahren lassen; er sei wirklich ein Zu- wachs des Wohlklanges und der Schoͤn- heit. D. E. F. sind der Meinung, daß die Verdienste unsres Vaterlandes gegen andre Voͤlker viel zu hoch gesetzt seyn und daß ein unverdientes Lob dieser Art nur den Bettel- und Bauernstolz unsrer Lands- leute naͤhre. Sie haͤtten, meinte F., bei der ungeheuren Gutmuͤthigkeit , die Sie den Deutschen als einen Grundzug ihres Charakters zuschreiben, auch die ih- nen angebohrne Lust zu dienen , gefaͤlli- ge Sklaven, und mit ganzer Gutmuͤthig- keit freudige Werkzeuge der Gewaltthaͤtig- keit, des Uebermuths zu seyn, nicht ver- gessen sollen. Da er Europa durchreiset hat, so fuͤhrt er ein langes Register der Ehrennamen an, die alle civilisirte und un- civilisirte Nationen, nah und fern, Italiaͤ- ner, Spanier, Franken, Britten, Daͤnen, Schweden, selbst Russen, Wenden, Liwen, Esthen und Pohlen den Deutschen geben. Woruͤber ganz Europa einig sei, meint er, muͤsse doch wohl etwas Wahres in sich enthalten. Geschichte, Spruͤchwoͤrter, selbst der Staatskalender zu Peking standen ihm dabei zu Huͤlfe, in welchem letzten die Deutschen als ein Volk charakterisirt seyn sollen, das in aller Voͤlker Diensten ist, und zwischen zwei Federbetten schlaͤft. — G. wunderte sich, warum Sie die Politik von der Poesie ausgeschlossen haben woll- ten, da dem was die Menschen humanisi- re, jedes Feld offen, jede Materie zu Gebot stehen muͤsse. H. begrif nicht recht, wohin Sie fuͤr die Poesie mit Ihrer Ein - falt und Wahrheit wollten, so daß es noch lebendige, abwechselnd-reiche Poesie bliebe? Und J. fragte, woher unsern Dichtern diese Einfalt und Wahrheit kommen solle? Antworten Sie ihren Freunden. 109. K ein Vorwurf ist druͤckender als der, fremden Nationen Unrecht gethan zu ha- ben; zumal wenn sie in Werken des Gei- stes unsre Wohlthaͤterinnen waren; er muß also zuerst abgewaͤlzt seyn. Daß es schwer sey, eine Nation in ei- nem so vielumfassenden, feinen und vielsei- tigen Geschaͤft als das Humanisiren durch Sprache und Werke des Geschmacks ist, mittelst einiger Worte zu charakterisiren, haben Fragmente und Briefe gern und oft gestanden. Eher koͤnnte man alle Ge- stalten Proteus in Ein Wort, alle Ver- wandlungen Ovids in Ein Bild fassen, als mit ein paar Worten den Geist der verschiedensten Voͤlker, wie er sich Jahr- hunderte hinab erwiesen, darstellend zu zeichnen. In dieser Verlegenheit zeichnet man eine Außenlinie von innen mit weni- gen Zuͤgen, und uͤberlaͤßt es dem Gemuͤth des Anschauenden, dieses Sbozzo zu er- gaͤnzen. Die Geschichte des Volks, seine Geistesproducte muͤssen ihm bekannt seyn; sonst war fuͤr ihn der Umriß vergebens ge- zeichnet. Was man bei solchen Charakterzeich- nungen nicht angiebt, laͤugnet man deß- halb noch nicht. Vielleicht ward es vor- ausgesetzt, vielleicht folgets; nur als der erste hervorspringende Charakterzug konnte es nicht angefuͤhrt werden, weil es dieser — nicht war. Wenn z. B. der Franzoͤsischen Nation eine vorzuͤgliche Ausbildung ihrer Sprache zur Klarheit , zur Praͤcision , zur Po - litesse , als ein Lob angerechnet wird; sollte damit gesagt seyn, mit dieser hellen, praͤcisen, politen Sprache koͤnne sie nicht ruͤhren ? In eines jeden großen Schrift- stellers Haͤnden ist die Sprache ein eigenes Ding: er braucht und formt sie nach sei- nem Gefallen; sein Charakter, sein Geist, sein Herz belebt sie. Montaigne 's und Roußeau 's, Paskal und Diderots , Voltaire und Fenelons Schreibart ist dem Charakter nach gewiß nicht diesel- be; und doch schrieben sie in der, auch zu Corneille und Boßvets Pracht, zu des Racine empfindlichen Zartheit, zu Fon - tenelle 's witzigen Nettigkeit ausgearbei- teten Sprache. Kann man der Rede uͤber- haupt ein groͤßeres Lob beilegen, als daß sie sich der Klarheit und Praͤcision, der Gewandtheit und Artigkeit befleißiget? In einer solchen Sprache wird sich Alles aus- druͤcken lassen. Wie sie zu unserm Ver- stande spricht, wird sie auch zu unserm Herzen zu sprechen wissen und dies, als waͤre es der Verstand, sanft uͤberreden, verstaͤndig ruͤhren. Als aus der alten Romanischen Spra- che die Franzoͤsische sich mit ihren Schwe- stern, der Italiaͤnischen, Castilianischen, Gallicischen u. f. bildete, zeigte sich bald ihr Charakter. Nach dem Verfall des Roͤ- mischen Reichs, unter den Koͤnigen des er- sten und zweiten Stammes war sie jenen ihren Schwestern noch sehr aͤhnlich; all- maͤlich aber legte sie die Fesseln, selbst der Harmonie, des Italiaͤnisch-Castilianischen Wohllauts ab, wo er ihr eine schwere Ruͤstung duͤnkte; sie warf Buchstaben, Syl- ben, ganze Worte hinweg, und flog leicht in die Luͤfte. Man erzaͤhlte, sang, sprach, lachte, gesticulirte. Als die Scholastik auf- kam, disputirte man; die Abstractionen des lateinischen Schulgeistes gingen in die ver- wandte Sprache des Landes und Volks unvermerkt uͤber. Einer Sprache, die Zweideutigkeiten unablaͤßig ausgesetzt ist, mußte man, als sie sich regelte, durch eine desto genauere Construction und Wortord- nung helfen. Keinem Volk waͤre dies ein- gefallen, dem nicht schon eine Art spre - chender Vernunft zur Regel geworden war; und so wurde die Franzoͤsische Spra- che was sie ist, eine an leichten Abstrac- tionen reiche Sprache, die sich durch Ord- nung, durch Wendungen helfen mußte, und zur Ehre des Geistes der Nation tausend- fach geschickt aushalf. Welch einen be- daͤchtigern Gang nahmen die Italiaͤnische, Spanische, und welchen schwereren die Deutsche Sprache! Man entnimmt einer Nation nichts, wenn man ihr das Eigen - thuͤmliche ihrer Ausbildung zum Ruhme anrechnet. Dahin gehoͤrt auch, daß sie gern re - praͤsentire . „Was heißt hier repraͤsen- tiren?“ fragt unser Freund. Ich antwor- te: aus sich selbst etwas machen, sich werth halten und ein natuͤrliches Bestreben aͤu- ßern, daß auch der andre unsern Werth anerkenne; mit Einem Wort, sich ihm vorstellen , vorspiegeln . Wenn die- se Selbstschaͤtzung auf etwas Wahres und Gutes geht, ist sie nicht verwerflich; man- cher andern Nation moͤchte man wuͤnschen, daß sie sich selbst mehr anerkennt und ehre. Auch die Tendenz, in andrer Augen zu seyn, was man gern seyn moͤchte, ist auf- munternd, ein Sporn zu vielem auszeich- nend-Guten und Edeln. Nenne mans Eitelkeit, Selbstliebe; diese Eitelkeit, die uns mit andern bindet, sie zum Spiegel unsrer Vorzuͤge macht, ist, ohne Aufdring- lichkeit und Arroganz, ein sehr verzeihlicher Fehler. Wer kann es laͤugnen, daß die Franzoͤsische Nation, so oft sie konnte, der Welt ein Schauspiel gab , daß sie im- mer gern die zuͤndende Lunte vortrug, und aufregte? War sie es nicht, die unter Karl dem großen die alte Roͤmermacht in gothischer Form zuruͤckbringen wollte und auf kurze Zeit wirklich zuruͤckbrachte? War sie es nicht, die mit ihrem Rittergeist ganz Europa zum heiligen Grabe trieb? Fran- zoͤsische Familien waren es, die zu Jeru- salem und eine Zeitlang in Constantinopel herrschten. Ein Franzoͤsischer Koͤnig war es, der siebenzig Jahre lang Rom nach Avignon verlegte und durch diesen Zug im Schachspiel die Paͤbste zu seinen folg- samen Dienern machte. Nach Frankreich wanderten Jahrhunderte lang Edle und Fuͤrsten, um dort die Rittersitte, das Hof- cerimoniel, die leichteste und beste Lebens- art zu lernen, bis endlich von Paris und Versailles aus der Franzoͤsische Ton, die Franzoͤsische Sprache als Mode sich uͤber die Welt ausgoß. Sein Kleinstes hat Frankreich bemerkbar zu machen gesucht; in allen Staatsveraͤnderungen und Unter- handlungen hatte lange es die Hand und trat gern hervor zu sagen: „sehet, daß ich dabin! und wie ichs treibe. Hieße dieß nicht repraͤsentiren? Der Ton der guten Erziehung, des Unterschiedes der Staͤnde, der anstaͤndigen Lebensart, des hoͤflichen Ausdrucks, der ganze Charakter der Fran- zoͤsischen zoͤsischen Sprache, ist eine Art Repraͤsenta- tion. Selbst wenn der Franzose mit Gott spricht; er repraͤsentiret. Aber auch diese Eigenheit ist kein Vor- wurf. Denn bei dem Scheinen kann man ja auch seyn , beym Repraͤsentiren auch leisten . Außer den Griechen ist mir kein Volk der Geschichte bekannt, das beide Ei- genschaften so leicht zu verbinden, so un- vermerkt zu verschmelzen wußte, als die- ses. Das Spruͤchwort sagt: der Franzose scheint oft kluͤger, als er ist, der Spa- nier ist oft kluͤger als er scheinet. Mit dem Wort Repraͤsentation auf dem Theater, in Gesellschaften, bei Aufzuͤgen, Feierlichkeiten sollte gar nichts Nachtheili- ges gesagt seyn. Einmal sind die Helden des Corneille und Racine keine Roͤ- mische Helden; das Franzoͤsische Theater sollte kein Griechisches, sondern ein Fran- Neunte Sammlung. B zoͤsisches Theater seyn; wer haͤtte etwas da- gegen? Die Nation war uͤber die Regeln des Geschmacks, der guten Lebensart, des Ausdrucks der Empfindungen mit sich selbst uͤbereingekommen ; welcher Auslaͤnder haͤtte Recht, dies zu tadeln? Er doͤrfte ja nicht hingehen, um jene Repraͤsentation des Hofes, der Akademieen, des Theaters, der Oper, der Parlemente, der Lustschloͤsser und Gaͤrten zu bewundern . An ihnen, auch in ihren Fehlern, zu lernen blieb ihm ein weites Feld. Eben nun in dies Feld lockt die all - gemeine Charakteristik der Voͤl - ker . Daß jede Nation zu ihrer Zeit, auf ihrer Stelle nur das war, was sie seyn konnte; das wissen wir alle, damit aber wissen wir noch wenig. Was jede in Ver- gleich der andern war, wie sie auf einan- der wirkten und fehlwirkten, einander nutz- ten oder schadeten, aus welchen Zuͤgen nach und nach das Bild zusammengeflos- sen sei, das wir als die Tendenz unsres gesammten Geschlechts , als die hoͤch- ste Bluͤthe der Schoͤnheit, Wahrheit und Guͤte unsrer Natur verehren, das ist die Frage. B 2 110. D a wendet sich nun freilich das Blatt. Germanus fragt nicht, was Nachbar Gallus ihm dem Gallus, sondern ihm dem Germanus gewesen sei, seyn koͤn- ne und seyn doͤrfe? Und hieruͤber giebt die Geschichte klare Auskunft. Die alten Gallier und Germanen wol- len wir ruhen lassen. Sie waren gegen einander bald Freunde, bald Feinde, die Germanen das rohere Volk, beide aber nicht von Einerley Stammesart, Sprache, Sitten und Gebraͤuchen. Von Karl dem großen faͤngt die ungluͤckliche Vereinigung an, die Deutschland Leides genug gebracht hat, ob Karl gleich selbst ein Frank und Deutscher war und in bester Absicht seine Anstalten machte. Ihm sind wir die dreissigjaͤhrigen blutigen Kriege und Verheerungen des damaligen Sachsenlan- des, ihm die Unterjochung Deutschlands bis uͤber die Elbe zur Ungrischen Grenze hin, ihm die erste Zerstoͤrung der alten germanischen Verfassung, die den Roͤmern nie hatte gelingen wollen, die Einfuͤhrung des Roͤmisch-Gallischen Christenthums, ihm und seinen Nachkommen die Pflanzung so vieler Bischoͤfssitze, Domkapitel und Ab- teien laͤngs dem Rhein und der Donau, ihm und ihnen die Suͤndfluth von Uebeln schuldig, unter denen Germanien endlich zum stehenden und abgestandenen, verwach- senen Teich ward. Die kurze Verbindung Germaniens mit der Fraͤnkischen Monar- chie hat Deutschland in ein Labyrinth ge- zogen, aus welchem es der Lauf tausend folgender Jahre nicht hat erretten moͤgen. Sobald beide Reiche getrennt wurden, suchte Frankreich sich zu consolidiren; Deutschland blieb von außen und innen im ewigen Streit mit einer furchtbaren, der geistlichen Macht, die es im Namen der Christenheit in Schranken halten soll- te, wenn es daruͤber auch selbst zu Grun- de ginge und sich ganz und gar vergaͤße. Dies Amt hatte ihm das gallische Chri- stenthum, die Fraͤnkische Monarchie aufge- buͤrdet; ein Deutscher Kopf haͤtte schwerlich nach solchem gefaͤhrlichen Diadem gestrebet. An den Ritter- und Kreuzzuͤgen, die Frankreich ausbrachte, hat kein Land so viel Theil und so viel Schaden genommen, als Deutschland. Jene Cultur, die man Bluͤthe des Rittergeistes nennt, ließ sich durch Kreuzzuͤge nicht erringen, wenn der Saame dazu nicht in den Menschen selbst vorhanden war; leider aber haben der Franzoͤsische und Deutsche Ritter sich im- mer wesentlich unterschieden. Was in dem Einem Lande zur Verfeinerung der Sitten, zur Veredlung gereichte, ging in dem an- dern auf Pluͤnderung und Unterdruͤckung, zuletzt aufs rohe Faustrecht hinaus. Um Franzoͤsische Ritter auf den Thronen Pa- laͤstina's aufrecht zu erhalten, zogen Deut- sche Kaiser mit gewaltigen Heeren gerade in einem Zeitalter aus, da ihre Anwesen- heit in Deutschland am noͤthigsten war; denn nachdem andre Laͤnder in ihrer inne- ren Verfassung und Consolidation stark vorgeschritten waren, sollte eben die Zeit der Schwaͤbischen Kaiser fuͤr Deutschland entscheiden. Sie entschied so, daß nach dem Tode des letzten Kreuzziehenden Kai- sers Friedrich II. das Deutsche Reich drei und zwanzig Jahre lang oͤffentlich ausge- boten ward, und fast niemand eine so druͤckende Krone annehmen wollte. Wie oft zog auch in den folgenden Zei- ten Frankreichs truͤgender Glanz die Deut- schen an sich, um sie angenehm zu vergol- den! Wer will uns eine Geschichte der Fuͤrsten, Prinzen, Grafen und Ritter ge- ben, die Jahrhunderte hinab in Frankreich Bildung, Fortkommen, Ehre suchten, und getaͤuscht zuruͤckkamen? „Die den Deutschen ohnehin seit langer Zeit eigene Nachahmungssucht erhielt unge- meine Nahrung durch das immer mehr zur Gewohnheit werdende Reisen. Man wird kaum die Lebensbeschreibung eines etwas be- Die Universi- taͤt zu Paris, zu der man eben so gewal- tig hinstroͤmte, hat in Vielem eben also die Welt getaͤuschet. Als endlich die Sonne des Franzoͤsi- schen Hofes in ihrem Mittage strahlte, als deutenden Mannes vom Adel der damaligen Zeiten finden, wo nicht seiner gethanen Rei- sen Erwaͤhnung geschaͤhe. Fremde Sprachen, Sitten und Moden waren dasjenige, wor- aus ihre Landesleute nach der Heimkunft schließen sollten, was sie fuͤr einen Mann vor sich haͤtten. Selbst die vielen vom Adel so- wohl als dem Volk, die wegen der Kriegs- dienste so haͤufig nach Frankreich und den Niederlanden zogen, brachten meistens anstatt des fremden Geldes, das sie zu erhaschen ge- glaubt, nichts zuruͤck als fremde Moden und Grimassen. Dadurch ward der Abstand von den vorigen Sitten in kurzer Zeit so groß, daß mehrere Deutsche Fuͤrsten selbst in ihren Testamenten ihre Soͤhne vor fremder Pracht warnten. Schmidts Geschichte der Deut- schen, Th. 9. S. 129. die Sprache, die Sitten, die Verhandlun- gen desselben fast allenthalben in Europa den Ton angeben wollten; wer ist, inson- derheit seit dem Westphaͤlischen Frieden, dadurch mehr zu kurz gekommen, als Deutschland? Jeder kleine Hof sollte ein Versailles, jede adliche Gesellschaft ein Cir- kel Franzoͤsischer Ducs et Marquis, Prin- cesses et Comtesses werden. In Erzie- hung, Sitten, Sprache, Lebenszweck und Lebensfuͤhrung trenneten sich die Staͤnde. Was diese uͤber ein Jahrhundert fortdau- rende Franzoͤsische Propaganda und Propagata den Deutschen fuͤr Unheil gebohren, davon soll ein andrer Brief re- den. Beschaͤmt und verwirrt lege ich die Feder nieder; spreche daruͤber ein Fran- zose selbst: Premontval gegen die Gallicomanie, und den falsch-franzoͤsischen Geschmack. Gelesen in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1759. — „ D ie Gallicomanie oder der falsch- franzoͤsische Geschmack, worauf hat er sich nicht heut zu Tage fast durch ganz Europa verbreitet? Sitten, Gebraͤuche, Moden, Klei- der, Manieren, Fantasieen, Capricen; in alle diesem, wie viel ungeschickte Affen, wie viel schlechte Copien, von leidlichen Originalen giebts nicht allenthalben! Man hat nicht ohne Grund gesagt, daß der Franzose mei- stens nur laͤcherlich sey, indeß der Fremde, der ihn in seinem Laͤcherlichen nachahmt, aufs aͤu- ßerste widrig und abgeschmackt werde. Wollte ich diese Wahrheit verfolgen und die zahllo- sen Portraͤte zeichnen, die sie sehr sinnlich machen, welch ein weites Feld laͤge vor mir! Ich will mich aber nur an die Franzoͤsi - sche Sprache und Literatur halten. 1. Woher der Franzoͤsische Geschmack in Deutschland? „Unter allen Europaͤischen Nationen ists ohne Widerrede die Deutsche Nation, die sich am meisten bestrebt, unsern Geschmack nachzu- ahmen; bei ihr hat sich unsre Sprache am allgemeinsten verbreitet. Und das aus ver- schiedenen Ursachen. Die erste ist ihr ge- meinschaftlicher Ursprung. Beide Nationen koͤnnen sich als Schwestern ansehen, oder die Deutsche kann sogar mit einigem Wohlgefal- len die Franzoͤsische als eine Tochter betrach- ten, die ihr oft Ehre gemacht hat. Die zweite Ursache ist die nahe Nachbarschaft beider Nationen. Keine unersteiglichen Ber- ge, kein Gefahrvolles Meer trennet sie, son- dern ein bloßer Strom, mit Staͤdten besetzt, in welchen man zum Theil schon beide Spra- chen redet. Auch giebt es drittens keine Rivalitaͤt und Eifersucht zwischen beiden Voͤl- kern. Nie haben sie so lange, grausame, und große Angelegenheiten betreffende Kriege gegen einander gefuͤhrt, als z. B. Frankreich mit England und Spanien. Dazu kommt viertens , daß unsre Armeen, entweder als Freunde oder als Feinde zu verschiednen Zei- ten in alle Theile von Deutschland gedrungen sind und die Voͤlker mit unsern Gebraͤuchen und mit unsrer Sprache bekannt gemacht ha- ben. Auch findet die Deutsche Nation Ge- schmack am Reisen und reiset gewoͤhnlich zu- erst nach Frankreich. Fuͤnftens hat die Auswanderung der refugiés unsere Buͤrger, unsre Manufacturen, unsre Kuͤnste, unsern Geschmack, unsre Gebraͤuche, unsre Sprache nirgend so leicht verbreitet, nirgend so viel und so zahlreiche Colonieen gestiftet, als in Deutschland. „Darf ich noch hinzusetzen, daß die große Anzahl von Hoͤfen und Souverains, die den Deutschen Staatskoͤrper theilen, auch Eine der Ursachen gewesen, die zu Verbreitung des Franzoͤsischen Geschmacks in Deutschland maͤch- tig gewirket? Nichts ist gewisser, als dieses.“ „In Deutschland giebts große und kleine Hoͤfe, diese in einer großen Anzahl, von je- nen acht oder neun. Beide haben hiebei auf verschiedene Art mitgewirket. Die kleinen Souverains, Prinzen, Grafen, Barons, se- tzen eine Ehre darinn, wie Personen von nie- derm Range zu reisen, ja mehr als diese ge- reiset zu seyn. Fast alle gehen nach Frank- reich, fast alle bringen ganze Jahre zu Paris oder am Hofe zu, mit einem ansehnlichen Gefolge. Werden sie nicht ihren dort ange- nommenen Geschmack in ihre Residenzen, d. i. in hundert und hundert Orte in Deutschland mitnehmen? Diesen theilen sie sodann zuerst ihren kleinen Hoͤfen und Unterthanen durch den Einfluß mit, den jeder Souverain, groß oder klein, uͤber die Geister derer hat, die in seiner Dependenz sind. Von da aus verbrei- tet sich dieser Geschmack mit Huͤlfe des Trie- bes, den alle Menschen zur Nachahmung ha- ben, allmaͤlich weiter.. Das alles waͤre nicht so, wenn diese kleine Souverains nur reiche Hofleute, (grands Seigneurs) waͤren, die nach ihrer Ruͤckkunft aus Frankreich sich in ei- ner Hauptstadt, wie Madrid , London u. f. sich in einer Menge verloͤren. An einem Ho- fe, wo ein Einzelner fuͤr seine Person wenig bedeutet, im Ganzen aber ein festgesetzter, be- stimmter Ton und Charakter herrschet, wird ein Englischer Lord, ein Spanischer Grand den Firniß, den er nachahmend auf Reisen an sich gezogen hatte, bald wegthun, und zwar aus eben demselben Principium der Nachah- mung. Er wird sich mit andern, die ihn umgeben, in Unison setzen, oder wenigstens wird sein Restchen fremder Farbe keinen gro- ßen Einfluß haben. — Gluͤckes gnug, wenn man ihn nicht laͤcherlich findet.“ 2. Folgen der Gallicomanie in Deutschland. — „Der erste Misbrauch, der aus die- sem verbreiteten Franzoͤsischen Geschmack ent- springt, ist daß man seine eigne Sprache ver- nachlaͤßigt; (woran man gewiß Unrecht hat; ich kann es nicht gnug wiederholen!) ein schreiender Misbrauch. Mit einem Wort, es geht so weit, daß eine ungeheure Menge von Personen sich piquirt , nur franzoͤsisch zu lesen, und daß sie es endlich so weit bringen, ihre eigne Schriftsteller nicht mehr verstehen zu koͤnnen. Ich habe, ja ich habe Deutsche gekannt, Leute von Geist und Verdienst, die das beste, das wir in unsrer Sprache pro- saisch und poetisch haben, mit Nutzen lasen, und gestanden, daß sie die Dichter ihrer eig- nen Sprache durchaus nicht verstuͤnden, so gar behaupteten, daß die Schuld hiebei an den Dichtern, nicht an ihnen selbst liege. Ich mußte ihnen zeigen, daß an ihrer Seite die Schuld sei, da ihnen alle Uebung und Be- kannt- kanntschaft mit einer Sprache fehle, die sich uͤber die gemeine Volkssprache nur etwas er- hebet. Sie verwunderten sich, wenn ich ih- nen versicherte, daß mich diese Sprache nicht abschreckte, daß sie mir vielmehr leichter wuͤr- de, als die platte, schwatzhafte Prose der Zei- tungsschreiber. Diese voͤllige Unbekanntschaft mit den Dichtern ihrer eignen Nation ist in Deutschland der Fall bei so vielen Personen, daß es ein wahres Wunder ist, daß man in diesem Lande dennoch die Musen cultiviret. Sehr wenige Deutsche also wissen ihre Sprache (außer einem gewissen Geschwaͤtz des taͤglichen gemeinen Lebens) denn man weiß eine Sprache nicht, deren Dichter man nicht verstehet. Und da der ausschweifende Ge- schmack an der Franzoͤsischen Litteratur daran Schuld ist, so wundert mich der Verdruß und Unwille nicht, mit dem ihm mehrere Gelehrte Deutschlands begegnen.“ „Ein andrer nicht weniger empfindlicher Misbrauch, der die Deutschen von Einsicht Neunte Sammlung. C aufbringt, ist die tolle Wut, jeden Augenblick Franzoͤsische Worte und Redarten im Deut- schen anzubringen; eine Raserei, die auch die besitzt, die selbst kein Franzoͤsisch wissen. Un- sre Sprache, wer sollte es glauben? die Spra- che eines Volks, das der Pedanterei so feind ist, ist zur andringlichsten, unausstehlichsten Pedan- terei selbst bei der Deutschen Nation worden.“ — „Alles dies ist bisarr und dient zu nichts Gutem. Beide Sprachen leiden dabei, selbst wenn man die Eine und die Andre Sprache vollkommen inne hat; meistens faͤhrt Eine von beiden dabei sehr uͤbel. Ein Jargon wird daraus, unwuͤrdig jedes verstaͤndigen und vernuͤnftigen Wesens! In Wahrheit, der Geschmack fuͤr die Franzoͤsische Sprache hat der Deutschen Nation einen uͤbeln Dienst ge- than, und zum Ungluͤck darf man kaum hof- fen, einem so tief eingewurzelten Uebel abzu- helfen. Ich sage dies alles gegen meinen Privatvortheil: denn ich verstehe das Deut- sche nur in Buͤchern. Die beiden Misbraͤuche, deren aͤußerstes Uebermaas ich bemerkt habe, gereichen beiden Sprachen, der erste der Deutschen, der zwei- te der Deutschen und Franzoͤsischen unendlich zum Schaden; sie sind aber nichts gegen einen dritten Nachtheil, der auf nichts geringeres ausgeht, als den Geist und Geschmack der Nation selbst im Grunde zu verderben. Und dies geschieht unfehlbar durch die Wahl einer uͤblen Lectur und durch den schlechten Ge- brauch der besten Schriften. Glaube man doch nicht, daß diese uͤbertriebnen Liebhaber der Franzoͤsischen Sprache, die sie radebrechen, ihre wahre Schoͤnheiten und die in ihr ge- schriebenen schaͤtzbarsten Werke je gekannt ha- ben? Sind sie dazu faͤhig? Guter Gott! Die Geistesgestalt, die ihnen die Schoͤnheiten ihrer eignen Sprache so ganz und gar mis- kenntlich macht, daß sie sie vernachlaͤßigen und auf die erbaͤrmlichste Art verderben; diese Geistesbildung, oder vielmehr diese fuͤr jede C 2 Sprache, fuͤr jede Literatur misgebildete Schiefheit und Unform, bringt zu unsern Schriftstellern eine Grundlage von Pedante- rei, die ein wahrer Antipode von aller Deli- catesse des wahren Franzoͤsischen Geschmacks ist. Oder sie bringen einen Leichtsinn zu ih- nen, der nur den Namen des schlechtesten, ei- nes falschen Franzoͤsischen Geschmacks verdie- net. Wissen sie nur einmal, was es sei, gute Schriftsteller lesen? Wissen sie, daß es nicht zu viel ist, sie zehn, zwanzig, dreißig mal mit Geschmack, mit Fleiß und Anstrengung lesen, um sie zu verdauen, um ihren Inhalt in Blut und Saft zu verwandeln? Nichts we- niger, als dieses. Eine einmalige fluͤchtige Lectur, und wessen? einer kleinen Zahl von Werken, die den meisten Ruf, die man sich ruͤhmen will gelesen zu haben; ein Zwanzig vielleicht, von denen ihnen nichts blieb, selbst die bekanntsten Anspielungen nicht, die in der Gesellschaft oder in den Schrift- stellern vorkommen Viele große Liebhaber der Franzoͤsischen Lec- ture wußten nicht, wer Cotin sei, und ver- wandelten ihn sehr gelehrt in Catin. . Endlich nur neue Buͤ- cher, nur Zeitschriften!“ „In Frankreich unterscheidet man gute und schlechte Buͤcher; man tadelt den falschen Ge- schmack und seufzet uͤber den Verfall der Wis- senschaft, indeß in Deutschland die Verfechter der Franzoͤsischen Literatur weit entfernt sind, so etwas auch nur zu vermuthen. Leute von Geschmack wissen es und schweigen, man schwimmt nicht gern gegen den Strom. Und ich, der ich es zuerst wage, welchen Wider- spruͤchen und Tracaßerien setze ich mich aus! Welch eines Muths, welcher Geduld habe ich noͤthig!“ „Woher kommts, daß in England der falsch-franzoͤsische Geschmack die boͤsen Wir- kungen nicht hervorgebracht hat, wie in Deutsch- land? Die Ursache ist klar. Die Neigung fuͤr unsre Literatur und Sprache war da viel gemaͤßigter. Der Nationalhaß erregte Mitbewerbung; man las nicht sinnlos, man starrte nicht bewundernd an, sondern eiferte nach und voran. Diese Eifersucht, so unge- recht sie manchmal war, hatte fuͤr die Nation eine gute Wirkung. Man ließ sich nicht un- terjochen, am wenigsten so weit, daß man sei- ne eigne Sprache aufgegeben, die Werke sei- ner Mitbuͤrger verachtet und diese durch den Mangel an Aufmerksamkeit fuͤr ihre Bemuͤ- hungen ganz muthlos gemacht haͤtte, wie man es in Deutschland gethan hat; und am Ende wozu gethan hat? Um eine fremde Sprache schlecht zu verstehen, sie noch schlechter zu sprechen und in ihr nichts als Thorheiten zu lesen. Schoͤner Gewinn dafuͤr, daß man in seinem Lande ein doppelter Barbar wird! Lohnte dies der Muͤhe, sich mit unsrer Lite- ratur zu uͤberstopfen, gesetzt diese haͤtte auch tausendmal mehr Verdienst, als man ihr zu- gesteht, um solchen Preis?“ „Verhehlen kann man sichs also auch nicht, daß der Fortgang beider Nationen, der Eng- lischen und Deutschen, sich wie ihr verschiede- nes Betragen verhalte. Hier entscheidet die That; ich will und kann nicht entscheiden. Daß die Englische Literatur die Deutsche an Verdienst uͤbertreffe, erweiset sich augenschein- lich dadurch, daß man in Deutschland, wie in ganz Europa, Englische Werke sucht und lie- set, da hingegen England sowohl als ganz Europa um Deutsche Werke sehr unbekuͤm- mert ist. Gegen diesen Beweis laͤßt sich nichts einwenden; die Deutsche Nation giebt hier ihre Stimme wider sich selbst. — Uebrigens bin ich weit entfernt zu glauben, daß es zwi- schen den Nationen wesentliche Verschieden- heit, unabhaͤngig von ihrer Geistescultur gebe. Der Deutsche wird Delicatesse zeigen, wie der Franzose, Tiefsinn und Erhabenheit wie der Englaͤnder, wenn er auf dem rechten Wege seyn wird; er ist aber noch nicht dar- auf. Und die Ursache davon liegt, wie ich glaube, in seiner Leidenschaft nicht fuͤr die Franzoͤsische allein, sondern fuͤr jede Sprache, sobald sie nur nicht die seinige ist. Nur in dieser falschen und schiefen Neigung liegt es. Seine Sprache ist jedes Ausdrucks empfaͤn- gig; warum bauet er sie nicht an, wie er soll- te? Meinethalb lerne er auch Franzoͤsisch; nur auf eine Art, die ihm Ehre bringe und nicht gar laͤcherlich macht. Er halte sich in ihr an die unsterblichen Werke, die den Ruhm Frankreichs ausmachen, und naͤhre sich in ih- nen mit Geschmack. Geistige wie koͤrperliche Nahrung, wenn sie gedeihen soll, will geko- stet, genossen werden. Man muß zu ihr von einer Begierde, einem Hunger getrieben wer- den, der nicht erkuͤnstelt, nicht der Appetit ei- ner verdorbenen Gesundheit sei. Die Deut- sche Nation, im Grund' eine Nation von vestem und edeln Sinn; (ein vester Sinn aber haßt Frivolitaͤt, so wie ein edler Sinn jedes Niedertraͤchtigen Feind ist) um diesen lobenswuͤrdigen Eigenschaften treu zu bleiben lasse der Deutsche fortan und immer sowohl jene nichtswuͤrdige falschschimmernde Franzoͤ- sische Schoͤngeisterei, als jene unfoͤrmliche Plattheiten, deren vieljaͤhrige Geltung ihm gnugsam zeiget, in welchem Irrthum er sei und mit welchem Uebel, von welchem er nicht die geringste Ahnung hat, er behaftet gewe- sen.“ So weit Premontval . Lange vor Premontval hatten Deutsche uͤber diesen Misbrauch geklagt; eine Biblio- thek von Beschwerden der Deutschen und Spoͤttereien der Auslaͤnder waͤre hieruͤber anzufuͤhren. Piccart , ein eben so geschei- ter als gelehrter Mann, (Observat. histor. politic. Dec. III. Cap. 10.) zeigt, wie an- ders Griechen und Roͤmer uͤber den Gebrauch fremder Sprachen in ihrem Vaterlande ge- dacht haben. Deßgleichen viele andre. Was half aber alles dieses? Gens peregrinandi avi- da et exterorum morum, dum se receperit domum, aut simulatrix aut retinens, sagt Barclai in seinem Icon animorum, (c. 5.) wo er die Deutschen seiner Zeit in mehreren Zuͤgen treffend schildert. A. d. H. III. E ine viel tiefere Wunde hat uns die Gallicomanie ( Franzosen - Sucht muͤßte sie Deutsch heißen) geschlagen, als der gute Premontval angiebt. An sei- nem Ort konnte er nicht mehr sagen, und hatte gewiß schon zu viel gesaget. Wenn Sprache das Organ unsrer Seelenkraͤfte , das Mittel unsrer innersten Bildung und Erziehung ist: so koͤnnen wir nicht anders als in der Sprache unsres Volks und Landes gut er- zogen werden; eine sogenannte Franzoͤ - sische Erziehung , (wie man sie auch wirklich nannte) in Deutschland muß Deutsche Gemuͤther nothwendig mißbilden und irre fuͤhren. Mich duͤnkt, dieser Satz stehe so hell da, als die Sonne am Mit- tage. Von wem und fuͤr wen ward die Fran- zoͤsische Sprache gebildet? Von Franzo- sen, fuͤr Franzosen. Sie druckt Begriffe und Verhaͤltnisse aus, die in ihrer Welt, im Lauf ihres Lebens liegen; sie bezeich- net solche auf eine Weise, wie sie ihnen dort jede Situation, der fluͤchtige Augen- blick, und die ihnen eigne Stimmung der Seele in diesem Augenblick angiebt. Au- ßer diesem Kreise werden die Worte halb oder gar nicht verstanden, uͤbel angewandt, oder sind, wo die Gegenstaͤnde fehlen, gar nicht anwendbar, mithin Nutzlos gelernet. Da nun in keiner Sprache so sehr die Mode herrscht, als in der Franzoͤsischen, da keine Sprache so ganz das Bild der Veraͤnderlichkeit, eines wechselnden Farben- spiels in Sitten, Meinungen, Beziehungen ist, als sie; da keine Sprache wie sie leich- te Schatten bezeichnet und auf einem Far- benclavier glaͤnzender Lufterscheinungen und Stralenbrechungen spielet; was ist sie zur Erziehung Deutscher Menschen in ihrem Kreise? Nichts, oder ein Irrlicht. Sie laͤßt die Seele leer von Begriffen, oder giebt ihr fuͤr die wahren und wesentlichen Beziehungen unsres Vaterlandes falsche Ausdruͤcke, schiefe Bezeichnungen, fremde Bilder und Affectationen. Aus ihrem Kreise geruͤckt, muß sie solche, und waͤre sie eine Engelssprache, geben. Also ist es gar nicht vermessen zu sagen, daß sie un- srer Nation, in den Staͤnden, wo sie die Erziehung leitete, oder vielmehr die ganze Erziehung war, den Verstand verschoben, das Herz veroͤdet, uͤberhaupt aber die See- le an dem Wesentlichsten leer gelassen hat, was dem Gemuͤth Freude an seinem Ge- schlecht, an seiner Lage, an seinem Beruf giebt; und sind dies nicht die suͤßesten Freuden? haben Sie je den Cours einer Deutsch-Franzoͤsischen Erziehung kennen ge- lernt? Fuͤr Deutsche eine schoͤne Einoͤde und Wuͤste! — Und doch bestehet der ganze Werth ei- nes Menschen, seine buͤrgerliche Nutzbar - keit , seine menschliche und buͤrgerliche Gluͤckseligkeit darinn, daß er von Ju- gend auf den Kreis seiner Welt , seine Geschaͤfte und Beziehungen, die Mittel und Zwecke derselben, genau und aufs reinste kennen lerne, daß er uͤber sie im eigensten Sinn gesunde Begriffe, herzliche froͤhliche Neigungen gewinne, und sich in ihnen un- gestoͤrt, unverruͤckt, ohne ein untergelegtes fremdes und falsches Ideal, ohne Schielen auf auswaͤrtige Sitten und Beziehungen uͤbe . Wem dies Gluͤck nicht zu Theil ward, dessen Denkart wird verschraubt, sein Herz bleibt kalt fuͤr die Gegenstaͤnde, die ihn umgeben; oder vielmehr von einer fremden Buhlerin wird ihm in jugendli- chem Zauber auf Lebenslang sein Herz ge - stohlen . Hat Ihnen das Gluͤck nie einen Deutsch- Franzoͤsischen Liebesbriefwechsel zugefuͤhret? Vielleicht die schoͤnste Blumenlese auswaͤr- tiger Empfindungen; auf Deutschem Bo- den duͤrres Heu, mit verwelkten Blumen. Jetzt muß man lachen, jetzt sich ver- wundern, am Ende aber moͤchte man uͤber die nicht ausgebrannte, sondern so fruͤh ausgespuͤlte, flache Sentimentalitaͤt weinen. Kennen Sie Swifts Tea-table Mis- cellanies? Gehen Sie in die galanten Cirkel der Deutsch-Franzoͤsischen Conver- sation; und suchen Gedanken, suchen wah- re und angenehme Unterhaltung; Sie wer- den den alten Swift in Leerheit sowohl als anmuthigen Fortleitungen des Ge- spraͤchs uͤbertroffen finden. „Deutsch spre- che ich nicht in dieser Gesellschaft: im Deutschen sagt man immer zu viel, und hier will ich nichts sagen. Wir zaͤhlen einan- der Zahlpfennige zu; die Deutsche Sprache will wahre Muͤnze. Sie ist so ehrlich, so herz- lich wie eine Bauerdirne. Wir sind hier in guter, d. i. leerer Gesellschaft.“ Ein solches Leben, ein solcher Ton der Seele, eine Ge- wohnheit dieser Art, von Kindheit auf sich zur Form gemacht; sind sie nicht traurig? Was haben wir denn in der Welt schaͤtz- bareres als die wahre Welt wirklicher Herzen und Geister? Daß wir unsre Ge- danken und Gefuͤhle in ihrer eigensten Gestalt anerkennen und sie andern auf die treueste, unbefangenste Art aͤußern, daß andre dagegen uns ihre Gedanken, ihre Empfindungen wiedergeben, kurz, daß je- der Vogel singe, wie die Natur ihn singen hieß? Ist dies Licht erloͤscht, diese Flam- me erstickt, dies urspruͤngliche Band zwi- schen den Gemuͤthern zerrissen oder verzau- set; statt des allen sagen wir auswendig- gelernte, fremde, armselige Phraseologieen her; o des Jammers! der ewigen Flach- heit und Falschheit! Eine Geist- und Herz- austrocknende Duͤrre und Kaͤlte. Den ei- gentlichen Besitzern dieser Sprache gnuͤgt solche: denn sie leben in ihr; sie beleben sie mit ihrer froͤhlichen Leichtigkeit und Sprach- Sprachseligen Anmuth. Wir Deutsche aber, mit unsrer Leichtigkeit? mit un - serm Franzoͤsischen Scherz? O alle Gra- zien und Musen! — Jedermann muß bemerkt haben, daß es im ganzen Europa keine verschiedenere Denk- und Mundarten gebe, als die Fran- zoͤsische und Deutsche, so nachbarlich sie wohnen. Aus keiner Sprache ist so schwer zu uͤbersetzen, als aus der Franzoͤsischen, wenn der Deutschen Sprache ihr Recht, ihre urspruͤngliche Art bleiben soll; vol- lends das Eigenste derselben, ihr Geist und Scherz, ihre fluͤchtigen Malereien und Bezeichnungen, Spiele der Phantasie und der leichtesten Bemerkung sind uns ganz fremde. Wie schwerfaͤllig geht die Fran- zoͤsische Comoͤdie auf unsern Theatern ein- her! wie hoͤlzern klingen im Deutschen ihre froͤhlichsten Gesellschaftslieder! Und ihre Neunte Sammlung D Versification, der Ton ihrer Contes à rire, ihre tausend Uebereinkommnisse uͤber das Schickliche und Unschickliche im Ausdruck, (welches alles sie Regeln des Ge - schmacks zu nennen belieben;) wem ist es fremder als der Deutschen Sprache und Denkart? Viel leichter koͤnnen wir uns unter Griechen und Roͤmer, unter Spa- nier, Italiaͤner und Englaͤnder versetzen, als in ihren Kreis anmuthiger Frivoli- taͤten und Wortspiele. Geschieht dies end- lich, zwingen wir uns von Jugend an die- se Form auf, gelangen wir mit saurer Muͤhe zu der Vortreflichkeit, wozu wenige gelangen, Franzoͤsisch zu denken, zu scher- zen und zu amphibolisiren; was haben wir gewonnen? Daß der Franzose den Deut- schen Ungeschmack , die Tudeske Muse, lobend verhoͤhnet, und wir unsre natuͤrliche Denkart einbuͤßten. Schwerlich giebt es eine schimpflichere Sklaverei, als die Dienst- barkeit unter Franzoͤsischem Witz und Ge- schmack, in Franzoͤsischen Wortfesseln. Und sie macht uns andrer, staͤrkerer Eindruͤcke so unfaͤhig, so in uns selbst er- storben! Sagen Sie einer flachen Seele von Deutsch-Franzoͤsischer Erziehung das Staͤrkste, das Beste in einer andern Spra- che; man versteht sie Franzoͤsisch . Las- sen Sie es sich wieder sagen, und Sie wer- den sich vor Ihrem eignen Gedanken oft schaͤmen. Die Sprachrichtigsten Franzosen, wie interpretiren sie die Alten? wie uͤber- setzen sie aus neueren Sprachen? Laͤse sich Horaz in einer Franzoͤsischen Ueber- setzung, was wuͤrde er sagen? Da nun die Deutsche Sprache, (ohne alle Ruhm- redigkeit sei es gesagt) gleichsam nur Herz und Verstand ist, und statt feiner Zier- de Wahrheit und Innigkeit liebet; so zer- D 2 st aͤubt ihr Nachdruck einem gemeinen Fran- zoͤsischen Ohr, wie der fallende Strom, der sich in Nebel aufloͤset. Wie manchen ho- hen Begriff, wie manches edle Wort auch der alten Roͤmersprache hat die Gallische Eitelkeit geschminkt, entnervt, verderbet! Wenn sich nun, wie offenbar ist, durch diese thoͤrichte Gallicomanie in Deutschland seit einem Jahrhunderte her ganze Staͤn - de und Volksclassen von einander getrennt haben ; mit wem man Deutsch sprach, der war Domestique, (nur mit denen von gleichem Stande sprach man Franzoͤsisch, und foderte von ihnen diesen jargon als ein Zeichen des Eintritts in die Gesellschaft von guter Erziehung, als ein Standes-Ranges- und Ehrenzeichen;) zur Dienerschaft sprach man wie man zu Knech- ten und Maͤgden sprechen muß, ein Knecht - und Maͤgde - Deutsch , weil man ein edleres, ein besseres Deutsch nicht verstand und uͤber sie in dieser Denkart dachte; wenn dies ein ganzes reines Jahr- hundert ungestoͤrt, mit wenigen Ausnah- men, so fortging; doͤrfen wir uns wohl wundern, warum die Deutsche Nation so nachgeblieben, so zuruͤckgekommen, und gan- zen Staͤnden nach so leer und veraͤchtlich worden ist, als wir sie leider nach dem Ge- sammt-Urtheil andrer Nationen im Ange- sicht Europa's finden? Bis auf die Zei- ten Maximilians war die Deutsche Nation, so oft auch ihre Ehrlichkeit ge- mißbraucht ward, dennoch eine geehrte Nation; standhaft in ihren Grundsaͤtzen, bieder in ihrer Denkart und Handlungs- weise. Seit fremde Voͤlker mit ihren Sitten und Sprachen sie beherrschten, von Karl dem fuͤnften an, ging sie hinunter. Die Reformation trennte, das politische Interesse trennte. Zuerst kam Spanisches Cerimoniel zu uns; bald schrieben die Fuͤr- sten, Prinzen, Generale Italiaͤnisch, bis seit dem Glorreichen dreißigjaͤhrigen Kriege nach und nach fast das ganze Reich an Hoͤfen und in den obern Staͤnden eine Provinz des Franzoͤsischen Geschmacks ward. Hinweg war jetzt in diesen Staͤnden der Deutsche Charakter! Frankreich ward die gluͤckliche Geburtsstaͤte der Moden, der Ar- tigkeit, der Lebensweise. An Hoͤfen bekam Alles andre Namen; in manchen Laͤndern ward die ganze Landesverwaltung Franzoͤ- sisch eingerichtet. Den Landesherrn, die voreinst Deutsche Fuͤrsten und Landesver- walter waren, ward jetzt wohl, wenn sie sich unter ihres Gleichen durch eine frem- de Sprache in einem andern Lande finden konnten, und an Geschaͤfte nur von einer abgesonderten Classe Menschen, (der Na- tion, die sie naͤhrte,) in grobem Deutsch erinnert werden dorften. Die Edeln und Ritter folgten ihnen; der weibliche Theil unsrer, nicht mehr unsrer Nation (denn von den Muͤttern haͤngt doch fast aller gute oder schlechte Geschmack der Er- ziehung ab) uͤbertraf beide. So geschah, was geschehen ist; Adel und Franzoͤsische Erziehung wurden Eins und Dasselbe; man schaͤmte sich der Deutschen Nation, wie man sich eines Fleckens in der Familie schaͤmet. Deutsche Buͤcher, Deutsche Lite- ratur in diesen obern Staͤnden — wie nie- drig, wie schimpflich! Der maͤchtigste, wohlhabendste, Einflußreichste Theil der Nation war also fuͤr die thaͤtige Bildung und Fortbildung der Nation verlohren ; ja er hinderte diese, wie er sie etwa hin- dern konnte, schon durch sein Daseyn. Denn wenn man nur mit Gott und mit seinem Pferde Deutsch sprach; so stellten sich aus Pflicht und Gefaͤlligkeit auch die, mit denen man also sprach, als Pferde. Werden Sie nicht muͤde, meine Jere- miade auszuhoͤren; ich schreibe sie nicht aus Haß und Groll, wozu ich persoͤnlich nie die mindeste Ursache gehabt habe, son- dern mit reinem Gemuͤth, aus dem Welt- bekannten Buch der Zeiten und — sie ist bald zu Ende. Nachdem also der Theil der Nation, der sich das Haupt und Herz derselben nennet, ihr entwendet war, was sollten die armen Schriftsteller thun? Sie betrugen sich auf verschiedene Weise. Ein Theil fuhr fort, lateinisch zu schreiben; und wie- wohl der Deutschen Sprache hiedurch ihr Beitrag zur Cultur abging, so gewann die Wissenschaft dennoch mehr, als wenn sie damals, in der seit Luther sehr verfalle- nen Sprache, Deutsch geschrieben haͤtten. Auch anmuthige Sachen, auch Gedichte schrieben sie lateinisch, deren wir aus den beiden letztvergangnen Jahrhunderten viele gute, einige vortrefliche haben. Andre, edle Gemuͤther, suchten die Deutsche Spra- che empor zu bringen; sie ahmten aus fremden Sprachen nach, was sich nachah- men ließ; so erschienen Opitz , Logau , und andre Schlesier, die wenigstens ver- hinderten, daß die Deutsche Sprache nicht ganz und gar zum poͤbelhaften Streitge- waͤsch damaliger Zeit, oder zur erbaͤrmli- chen Canzleisprache herabsank. Einige Fuͤr- sten Z. B. von Anhalt , von Weimar , von Braunschweig , von Liegnitz u. f. Ei- nige derselben uͤbersetzten selbst, und zwar sehr gute Buͤcher, aus dem Italiaͤnischen, Franzoͤsischen, Spanischen. Mehrere Fuͤrstin- hatten ein Ohr fuͤr sie; und such- ten ihr durch Gesellschaften, sogar durch eigne Arbeiten aufzuhelfen. Andre, schlech- tere Gesellen, ahmten den Franzoͤsischen Witz nach, und so entstand jene Zunft Schulfuͤchse , die nicht nur beide Spra- chen erbaͤrmlich mengten, sondern auch um sich ihren aͤltern Bruͤdern gefaͤllig zu ma- chen, galant wie Voiture , affectirt wie Balzac , erhaben wie Corneille schrie- ben. Wie schaͤmt sich ein Deutscher, der, nicht Franzoͤsisch erzogen, Alt-Deutscher Scham noch faͤhig ist, wenn er die Deutsch- franzoͤsischen witzigen Schriften dieses Zeit- raums mit der Denk- und Schreibart Kaisersbergs , Luthers , Hans nen sahen das Uebel und flehten, und warn- ten. S. Mosers Patriotisches Archiv der Deutschen, und seine andern Schriften hin und wieder. A. d. H. Sachse (in seinen prosaischen Aufsaͤtzen Es waͤre zu wuͤnschen, daß diese Aufsaͤtze, kurze Gespraͤche, von Haͤßlein oder von einem andern Kenner der Sprache gesamm- let, oder im Bragur wieder erschienen. Sie sinds werth. A. d. H. ) uͤberhaupt mit allem, was vor dem Aus- gange des sechzehnten Jahrhunderts ge- schrieben ward, vergleichet! — Endlich blieb uns nichts als die Fluͤßigkeit ; und noch jetzt ruͤhmen sich alle Deutsche Canzleien, die Regensburgische nicht aus- genommen, daß sie, der wahren Courtoisie getreu, außerordentlich einnehmend, kurz und fluͤßig schreiben. Wer sollte es glau- ben? Unsre Canzlei-Courtoisie, meynen wir, ist echt Franzoͤsisch. Da that sich endlich (denn die Barm- herzigkeit wollte, daß es mit uns nicht gar aus wuͤrde) ferne vom Hof- und Schul-Geschmack hie und da Einer her- vor, der glaubte, daß auch in Deutschland die Sonne scheine und die Natur regiere. Brockes waͤhlte den Garten zu seinem Hofe; Bodmer stahl sich uͤber die Al- pen und kostete einen Athemzug Italiaͤni- scher Luft; kurz, man wagte den kuͤhnen Gedanken, daß Deutschland auch außer den franzoͤsirenden Hoͤfen Etwas sei, und schrieb und stritt und dichtete, so gut man konnte. Fuͤr wen? darauf ward An- fangs nicht gerechnet; es schloß sich aber bald ein Kreis von Freunden und Feinden. Die echten Gottschedianer waren jetzt hin- ter Neukirch , Heraͤus und Koͤnig der Hofgeschmack; sie schrieben fluͤßig ; was irgend mystere und Tibere reimen konnte, war fuͤr sie. Gewiß, wir sind undankbar gegen den unbelohnten und un- belohnbaren Eifer, von dem damals eini- ge bessere Koͤpfe fuͤr einen besseren Ge- schmack brannten. Welche Muͤhe uͤbernah- men sie! welchen Befehdungen setzten sie sich aus! Und wie wenige Lust, wie we- nig aͤußere Vortheile sie dabei eingeerntet haben, erweiset die Privatgeschichte ihres Lebens. Nachschrift . Neulich sind mir eini- ge Blaͤtter zu Haͤnden gekommen, der Auszug aus den Schriften eines Mannes, der von 1729. bis 1781. lebte und gewiß mehr als Jemand dazu beigetragen hat, daß Deutschland sich einst (wir wollen es hoffen,) ruͤhmen kann, einen eigenen Ge- schmack gewonnen zu haben. Die Blaͤt- ter nennen sich Funken : wahrscheinlich, weil Der, den sie redend einfuͤhren, Eine seiner Schriften selbst fermenta cognitionis nannte; uͤberdem war der Name Funken ( scintillac ) in den mittleren Zeiten sehr gewoͤhnlich. Mir sind sie gewesen, was sie dem Sinn des Sammlers nach seyn sollten, ein Charak - terbild vom Leben des vielverdienten Mannes, und ich stelle mir einen Juͤng- ling des neunzehnten Jahrhunderts vor, der mit Classischen Kaͤnntnissen in der Schule ausgeruͤstet, ehe er die Akademie be- schreitet, diese Funken , nachher auch mit Ordnung und Wahl die mannichfaltigen Schriften dieses vielverdienten, gewandten Schriftstellers selbst lieset; was wird er sagen? — „Wie? wird er sagen, lebte die- ser Mann in einer Wuͤste? Bei seinem muͤhsamen, fuͤr sein Vaterland ruͤhmlichen, gleichsam allbestrebenden Gange war denn niemand, der ihm half? der seinen Ideen, deren Nuͤtzlichkeit jedermann lobpries, ei- nen Spielraum, seinen Faͤhigkeiten, die je- dermann anerkannte, Wirksamkeit und ihm nur einige Bequemlichkeit verschaffte, die- se Ideen auszubilden, auszufuͤhren?“ — Ich wage es nicht, diese Fragen zu beant- worten; mir ists gnug, den maͤnnlichen Verstand , die biedere Denkart zu bemerken, die sich in jedem seiner Lebens- zeichen aͤußert. Heil dem Juͤnglinge, der sich diese Bogen zum Kanon seines Geschmacks waͤhlet und zugleich fruͤhe lernet, was er zu thun und zu vermeiden, endlich auch was er von seinem Vaterlan- de zu erwarten habe. Funken , aus der Asche eines Todten . 1. „ I n dem engen Bezirk einer klostermaͤßigen Schule waren Theophrast , Plautus und Terenz meine Welt, die ich mit aller Be- quemlichkeit studirte. — Wie gern wuͤnschte ich mir diese Jahre zuruͤck, die einzigen, in welchen ich gluͤcklich gelebt habe!“ Leßings saͤmmtliche Schriften, Berlin 1792. Th. 8. S. 44. 2. „Ich kam jung von Schulen, in der ge- wissen Ueberzeugung, daß mein ganzes Gluͤck in den Buͤchern bestehe. Stets bei den Buͤ- chern, nur mit mir selbst beschaͤftigt, dachte ich eben so selten an die uͤbrigen Menschen, als als vielleicht an Gott. Doch es dauerte nicht lange, so gingen mir die Augen auf. Ich lernte einsehen, die Buͤcher wuͤrden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen. Ich wagte mich von meiner Stube unter meines Gleichen. Guter Gott! was wurde ich fuͤr eine Ungleichheit zwischen mir und andern gewahr! Ich empfand eine Schaam, die ich niemals empfunden habe und die Wirkung derselben war der veste Entschluß mich hierin zu bessern, es koste, was es wolle.“ Leßings Leben, Th. 1. S. 82. — 3. „Mein Koͤrper war durch Leibesuͤbungen geschickter geworden und ich suchte Gesellschaft, um auch leben zu lernen. Ich legte die ernst- haften Buͤcher eine Zeitlang auf die Seite, um mich in denjenigen umzusehen, die weit angenehmer und vielleicht eben so nuͤtzlich sind. Neunte Sammlung. E Die Komoͤdien kamen mir zuerst in die Hand. Es mag unglaublich vorkommen, wem es will; mir haben sie große Dienste gethan. Ich lernte daraus eine artige und gezwungene, eine grobe und natuͤrliche Auffuͤhrung unter- scheiden. Ich lernte, wahre und falsche Tu- gend daraus kennen, und die Laster eben so sehr wegen ihres Laͤcherlichen als wegen ihres Schaͤndlichen fliehen. Ich lernte mich selbst kennen, und seit der Zeit habe ich gewiß uͤber niemanden mehr gelacht und gespottet, als uͤber mich selbst.“ Leßings Leben, Th. 1. S. 84. 4. „Man darf mich nur in einer Sache loben, wenn man haben will, daß ich sie mit meh- rerem Ernst treiben soll. Ich sann daher Tag und Nacht, wie ich in einer Sache eine Staͤrke zeigen moͤchte, in der, wie ich glaub- te, noch kein Deutscher sich sehr hervorge- than hat.“ Leßings Leben, Th. 1, S. 85. 5. „Wenn man nicht versucht, welche Sphaͤ- re uns eigentlich zukommt, so wagt man sich oͤfters in eine falsche, wo man sich kaum uͤber das Mittelmaͤßige erheben kann, da man sich in einer andern vielleicht zu einer bewun- dernswuͤrdigen Hoͤhe haͤtte schwingen koͤnnen. Meine Neigung war, mich in allen Arten der Poesie zu versuchen, und ward muͤde mich blos in Kleinigkeiten zu uͤben.“ Leben S. 95. 6. „Seneka giebt den Rath: omnem ope- ram impende, vt te aliqua dote notabilem facias. „Wende alle Muͤhe an, daß du dich in Etwas merkbar machest.“ Aber es ist sehr schwer, sich in E 2 einer Wissenschaft notabel zu machen, worinn schon allzuviele excellirt haben. Habe ich also sehr uͤbel gethan, daß ich zu meinen Jugend- arbeiten etwas gewaͤhlt, worinn noch sehr we- nige meiner Landsleute ihre Kraͤfte versucht haben? Und waͤre es nicht thoͤricht, eher auf- zuhoͤren, als bis man Meisterstuͤcke von mir gelesen hat?“ Leben S. 96. 7. „Man darf nicht glauben, daß ich meine Lieder Kleinigkeiten nennte, damit ich der Critik mit Hoͤflichkeit den Dolch aus den Haͤnden winden moͤchte. Ich erklaͤrte, daß ich der erste seyn wolle, zu verdammen, was sie verdammt; sie, der zum Verdruß ich wohl ei- nige mittelmaͤßige Stuͤcke koͤnnte gemacht ha- ben; der zum Trotz aber ich nie diese mittel- maͤßige Stuͤcke fuͤr schoͤn erkennen wuͤrde. Ich habe geaͤndert, ich habe weggeworfen. Das Elende streicht sich selbst durch, und schlechte Verse, die niemand lieset, sind so gut als waͤren sie nicht gemacht worden.“ Saͤmmtl. Schr. Th. 8. S. 30. 31. 8. „Den wenigen Oden gebe ich nur mit Zittern diesen Namen. Sie sind zwar von einem staͤrkern Geist als die Lieder und haben ernsthaftere Gegenstaͤnde; allein ich kenne die Muster in dieser Art gar zu gut, als daß ich nicht einsehen sollte, wie tief mein Flug un- ter dem ihrigen ist. Und wenn zum Ungluͤck nur das Oden seyn sollte, was ich, der schma- len Zeilen ohngeachtet, fuͤr Lehrgedichte halte, die man anstatt der Paragraphen in Stro- phen eingetheilt hat; so werde ich vollends Ursache mich zu schaͤmen haben.“ Meines Erachtens verdienen Leßings weni- ge Oden diesen Namen sehr wohl; sie haben ihren eignen Gang und Charakter. In die vollstaͤndige Sammlung seiner Schriften ist ein neues schaͤtzbares Stuͤck gekommen, der 9. „In Sinngedichten erkenne ich kei- nen andern Lehrmeister als den Martial ; es muͤßten denn die seyn, die er fuͤr die seinigen erkannt hat, und von welchen uns die Antho- logie einen so vortreflichen Schatz derselben aufbehalten. Daß ich zu beißend und zu frei darin bin, wird man mir wohl nicht vorwer- fen koͤnnen, ob ich gleich beinah in der Mey- nung stehe, daß man beides in Sinnschriften nicht gnug seyn kann.“ Saͤmmtl. Schr. Th. 8. S. 37. 10. „Man nenne mir doch diejenigen Geister, auf welche die komische Muse Deutschlands Eintritt des Jahrs 1754 . in Ber - lin , (Th. 2. S. 31.) und vier Entwuͤr - fe zu Oden (S. 202 - 12.) durch die man den Geist der Horazischen Ode, „ den Flug , der irrt und sich nicht verir - ret ,“ vielleicht besser kennen lernt, als durch lange Commentare uͤber den Roͤmischen Dichter. A. d. H. stolz seyn koͤnnte! Was herrscht auf unsern gereinigten Theatern? Ist es nicht lauter auslaͤndischer Witz, den, so oft wir ihn bewun- dern, eine Satyre uͤber den unsrigen macht? Aber wie kommt es, daß nur hier die Deut- sche Nacheiferung zuruͤckbleibt? Sollte wohl die Art selbst, wie man unsre Buͤhne hat ver- bessern wollen, daran Schuld seyn? Sollte wohl die Menge von Meisterstuͤcken, die man auf einmal, besonders den Franzosen abborgte, unsre urspruͤnglichen Dichter niedergeschlagen haben? Man zeigte ihnen auf einmal, so zu reden, alles erschoͤpft und setzte sie auf einmal in die Nothwendigkeit, nicht blos etwas Gu- tes sondern etwas Besseres zu machen. Die- ser Sprung war ohne Zweifel zu arg; die Kunstrichter konnten ihn wohl befehlen, aber die, die ihn wagen sollten, blieben aus.“ Geschrieben im Jahr 1754. Saͤmmtl. Schr. Th. 8. S. 47. 11. „Wenn ich von den allweisen Einrichtun- gen der Vorsehung weniger ehrerbietig zu re- den gewohnt waͤre, so wuͤrde ich keck sagen, daß ein gewisses neidisches Geschick uͤber die Deutschen Genies , welche ihrem Vaterlan- de Ehre machen koͤnnten, zu herrschen scheine. Wie viele derselben fallen in ihrer Bluͤthe da- hin! Sie sterben reich an Entwuͤrfen, und schwanger mit Gedanken, denen zu ihrer Groͤ- ße nichts als die Ausfuͤhrung fehlt. Sollte es aber schwer seyn, eine natuͤrliche Ursache hievon anzugeben? Wahrhaftig, sie ist so klar, daß sie nur derjenige nicht sieht, der sie nicht sehen will. Nehmen Sie an, daß ein solches Genie in einem gewissen Stande ge- bohren wird, der, ich will nicht sagen der elendeste, sondern nur zu mittelmaͤßig ist, als daß er noch zu der sogenannten goldnen Mit- telmaͤßigkeit zu rechnen waͤre. Und Sie wis- sen wohl, die Natur hat einen Wohlgefallen dran, aus eben diesem immer mehr große Gei- ster hervor zu bringen, als aus irgend einem andern. Nun uͤberlegen Sie, was fuͤr Schwie- rigkeiten dieses Genie in einem Lande als Deutschland, wo fast alle Arten von Ermun- terungen unbekannt sind, zu uͤbersteigen habe. Bald wird es von dem Mangel der noͤthigsten Huͤlfsmittel zuruͤckgehalten; bald von dem Nei- de, welcher die Verdienste auch schon in ihrer Wiege verfolgt, unterdruͤckt; bald in muͤhsa- men und seiner unwuͤrdigen Geschaͤften ent- kraͤftet. Ist es ein Wunder, daß es nach auf- geopferten Jugendkraͤften dem ersten starken Sturme unterliegt? Ist es ein Wunder, daß Armuth, Aergerniß, Kraͤnkung, Verachtung endlich uͤber einen Koͤrper siegen, der ohnedem der staͤrkste nicht ist, weil er kein Koͤrper eines Holzhackers werden sollte. In diesem Fall war M. oder es ist nie einer darinn ge- wesen.“ B. 8. S. 58. Wie viele, viele andre! „— Das ist sein Lebenslauf. Ein Le- benslauf, ohne Zweifel, in welchem das Ende das ungluͤcklichste nicht ist. Und doch behaupte ich, daß er mehr darin geleistet hat, als tau- send andere in seinen Umstaͤnden nicht wuͤr- den geleistet haben. Der Tod hat ihn fruͤh, aber nicht so fruͤh uͤberrascht, daß er keinen Theil seines Namens vor ihm in Sicherheit haͤtte bringen koͤnnen. — Er gewinnet im Verlieren, und ist vielleicht eben jetzt beschaͤf- tiget, mit erleuchteten Augen zu untersuchen, ob Newton gluͤcklich gerathen und Brad - ley genau gemessen habe. Er weiß ohne Zweifel schon mehr, als er jemals auf der Welt haͤtte begreifen koͤnnen.“ Schriften B. 8. S. 60. 61. 12. „Ein gutes Genie ist nicht allemal ein gu- ter Schriftsteller, und es ist oft eben so un- billig, einen Gelehrten nach seinen Schriften zu beurtheilen, als einen Vater nach seinen Kindern. Der rechtschaffenste Mann hat oft die nichtswuͤrdigsten, und der kluͤgste die duͤmmsten; ohne Zweifel weil dieser nicht die gelegenste Stunde zu ihrer Bildung, und je- ner nicht den noͤthigen Fleiß zu ihrer Erzie- hung angewendet hat. Der geistliche Vater kann oft in eben diesem Fall seyn, besonders wenn ihn aͤußerliche Umstaͤnde noͤthigen, den Gewinnst seine Minerva, und die Nothwen- digkeit seine Begeisterung seyn zu lassen. Ein solcher ist alsdann meistentheils gelehrter als seine Buͤcher, anstatt daß die Buͤcher derjeni- gen, welche sie mit aller Muße und mit An- wendung aller Huͤlfsmittel ausarbeiten koͤnnen, nicht selten gelehrter als ihre Verfasser zu seyn pflegen.“ Schriften B. 8. S. 62. 63. 13. „Warum giebt es gewisse, schwer zu ver- gnuͤgende Kunstrichter, die zum Lustspiel eine anstaͤndige Dichtung, wahre Sitten, eine maͤnnliche Moral, eine feine Satyre, eine leb- hafte Unterredung, und ich weiß nicht, was sonst noch mehr verlangen? — Und ich weiß uͤberhaupt nicht, was ich von der Satyre sa- gen soll, die sich an ganze Staͤnde wagt. Doch Galle, Ungerechtigkeit und Ausschweifung ha- ben nie ein Buch um die Leser gebracht, wohl aber manchem Buche zu Lesern verholfen.“ Schriften Th. 8. S. 76. 77. 14. „Den schoͤnen Wissenschaften sollte nur ein Theil unsrer Jugend gehoͤren; wir haben uns in wichtigern Dingen zu uͤben, ehe wir sterben. Ein Alter, der seine ganze Lebenszeit uͤber nichts als gereimt hat, und ein Alter, der sei- ne ganze Lebenszeit uͤber nichts gethan, als daß er seinen Athem in ein Holz mit Loͤchern gelassen: von solchen Alten zweifle ich sehr, ob sie ihre Bestimmung erreicht haben.“ Th. 28. S. 245. 15. Auch Freunde sind Guͤter des Gluͤcks, die ich lieber finden als suchen will.“ Th. 27. S. 4. 16. „Gesegnet sei Ihr Entschluß, sich selbst zu leben. Um seinen Verstand auszubreiten, muß man seine Begierden einschraͤnken. Wenn Sie leben koͤnnen, so ist es gleichviel, ob Sie von maͤßigen oder großen Einkuͤnften leben. Wie viel lieber wollte ich kuͤnftigen Sommer mit Ihnen und unserm Freunde zubringen, als in England! Vielleicht lerne ich da wei- ter nichts, als daß man eine Nation bewun- dern und hassen kann.“ Th. 27. S. 429. 17. „O was ist unser Grenadier Verfasser der Preußischen Kriegslieder. Die Vorrede, mit der Leßing diese Lieder fuͤr ein vortreflicher Mann! Zu einer solchen unan- stoͤßigen Verbindung der erhabensten und laͤ- cherlichsten Bilder war nur Er geschickt! Nur Er konnte die Strophen Gott aber wog bei Sternenklang — und Dem Schwaben, der mit Einem Sprung — machen und sie beide in Ein Ganzes brin- gen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn man das ganze Lied ins Franzoͤsische uͤbersetzen koͤnnte! Aber wollen wir unsern Grenadier nicht nun bald avanciren lassen? Versichern Sie ihn, daß ich von Tag zu Tage ihn mehr bewundere, und daß er alle meine Erwartung so zu uͤbertreffen weiß, daß er das Neueste, was er gemacht hat, immer fuͤr das gesammlet herausgab, ist ein Muster von Bestimmung des Werths und des Charakters dieser Gedichte, als einer neuen individuellen Gattung, die sie auch sind. Die ganze Vor- rede verdiente hergesetzt zu werden; sie traͤgt den Charakter der Lieder selbst. S. Leßings Schriften Th. 8. S. 98. A. d. H. Beste halten muß. Ein Bekenntniß, zu dem mir noch kein einziger Dichter Gelegenheit gegeben hat. Th. 29. S. 24 30. 18. „Der Grenadier erlaubt es doch noch, daß ich eine Vorrede dazu machen darf? Ich habe verschiednes von den alten Kriegsliedern gesammlet; zwar ungleich mehr von den Kriegs- liedern der Barden und Skalden als der Grie- chen. Das bekannte Heldenlied der Spartaner: Streitbare Maͤnner waren wir Streitbare Maͤnner sind wir u. f. von Leßing uͤbersetzt, steht jetzt in dieser vollstaͤndigen Sammlung seiner Schriften Th. Th. 2. S. 195. A. d. H. Der alten Siegslieder wegen habe ich sogar das alte Heldenbuch durchgelesen, und diese Lecture hat mich hernach weiter auf die zwei sogenannten Heldengedichte aus dem Schwaͤbischen Jahrhunderte gebracht, welche die Schweizer jetzt herausgegeben haben. Ich habe verschiedene Zuͤge daraus angemerkt, die wenigstens von dem kriegerischen Geiste zeu- gen, der unsre Vorfahren zu einer Nation von Helden machte. — Die griechische Grab- schrift, die ich dem Grenadier gesetzt habe, Am Schluß der Vorr. der Kriegslieder. sind zwei alte Verse, die bereits Archilochus von sich gesagt hat: Ich bin ein Knecht des Enyalischen Koͤnigs , (des Mars) und habe die liebliche Gabe der Mu - sen gelernt . Wuͤrden sie nicht auch vor- treflich unter das Bildniß unsers Kleists passen?“ Th. 29. S. 31. 55. 19. „Vielleicht zwar ist auch der Patriot bei mir nicht ganz erstickt, obgleich das Lob eines eines eifrigen Patrioten, nach meiner Den- kungsart, das allerletzte ist, wornach ich geizen wuͤrde; des Patrioten nehmlich, der mich ver- gessen lehrte, daß ich ein Weltbuͤrger seyn sollte. Ich habe uͤberhaupt von der Liebe des Vaterlandes (es thut mir leid, daß ich Ih- nen vielleicht meine Schande gestehen muß) keinen Begriff, und sie scheint mir aufs hoͤch- ste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre. Th. 29. S. 65. 77. 20. „Der Krieg hat seine blutigste Buͤhne un- ter uns aufgeschlagen, und es ist eine alte Klage, daß das zu nahe Geraͤusch der Waffen die Musen verscheucht. Verscheucht es sie nun aus einem Lande, wo sie nicht recht viele, recht feurige Freunde haben, wo sie ohnedies nicht die beste Aufnahme erhielten: so koͤnnen sie auf eine lange Zeit verscheucht bleiben. Neunte Sammlung. F Der Friede wird ohne sie wiederkommen; ein trauriger Friede, von dem einzigen melancho- lischen Vergnuͤgen begleitet, uͤber verlohrne Guͤter zu weinen.“ Literaturbr. Br. 1. 21. „Man behauptet, der Kunstrichter muͤsse nur die Schoͤnheiten eines Werks aufsuchen, und die Fehler desselben eher bemaͤnteln als blosstellen. In zwei Faͤllen bin ich selbst der Meinung. Einmal, wenn der Kunstrichter Wer- ke von einer ausgemachten Guͤte vor sich hat; die besten Werke der Alten, z. E. Zweitens, wenn der Kunstrichter nicht sowohl gute Schrift- steller als nur blos gute Leser bilden will. Sollte dies bei der ganzen Kunstrichterei nicht das erste Erforderniß seyn? Der Schriftsteller schreibt fuͤr Leser ; sind diese verdorben, so schreibt jener und der Verle- ger verlegt fuͤr ihren verdorbenen Geschmack. Die vielen schlechten Schriftsteller Deutsch- Die Guͤte eines Werks beruhet nicht auf ein- zeln Schoͤnheiten; diese einzeln Schoͤnheiten muͤssen ein schoͤnes Ganze ausmachen, oder der Kenner kann sie nicht anders, als mit ei- nem zuͤrnenden Mißvergnuͤgen lesen. Nur wenn das Ganze untadelhaft befunden wird, muß der Kunstrichter von einer nachtheiligen Zergliederung abstehen und das Werk, so wie der Philosoph die Welt betrachten.“ Wenn ist dies? Hier schleicht sich eben die schaͤdlichste Partheilichkeit ein. Will man ein Werk schoͤn finden, so singt man Theodi- F 2 lands schreiben alle fuͤr ihr Publikum und kennen es sehr gut; eben so auch die Verleger. Leser zu bilden muß also der Kunstrichter erste Bestrebung seyn; die Schriftsteller werden selbst wider Willen fol- gen. In den hoͤheren Wissenschaften wird jeder Stuͤmper ausgezischt und verachtet: denn sein kleines, aber bestimmtes Publikum ist der Sache verstaͤndig. A. d. H. 22. „Kommt es denn bei unsern Handlungen blos auf die Vielheit der Bewegungsgruͤnde an? Beruhet nicht weit mehr auf der In- tension derselben? Kann nicht ein einziger Bewegungsgrund, dem ich lange und ernstlich ceen und bemaͤntelt die Fehler. — Ueber- haupt ist das Gleichniß von der Welt, wie sie der Philosoph betrachtet, auf Werke der Menschen, zumal auf Kunstwerke unanwend- bar. Ist das Ganze schoͤn: so kann die strengste Zergliederung ihm keinen Nachtheil bringen: denn ein lebendiges Ganze bestehet nur in Theilen; und daß bei diesem schoͤnen Ganzen die mangelhaften Theile mit strenger Unpartheilichkeit bemerkt werden, ist um so nothwendiger, weil in ihnen das Fehlerhafte und Uebertriebene gewoͤhnlich zuerst Nachah- mer findet. Zwiefaches Maas und Gewicht ist wie allenthalben so auch in der Kritik der Gerechtigkeit ein Graͤuel und der Sache des Ganzen aͤußerst verderblich. A. d. H. nachgedacht habe, eben so viel ausrichten, als zwanzig Bewegungsgruͤnde, deren jedem ich den zwanzigsten Theil von jenem Nachdenken geschenkt habe?“ 23. „Die edelsten Woͤrter sind eben deßwegen weil sie die edelsten sind, fast niemals zugleich diejenigen, die uns in der Geschwindigkeit be- sonders im Affecte zuerst beifallen. Sie ver- rathen die vorhergegangene Ueberlegung, ver- wandeln die Helden in Declamatoren und stoͤ- ren dadurch die Illusion. Es ist daher sogar ein großes Kunststuͤck eines tragischen Dichters, wenn er, besonders die erhabensten Gedanken, in die gemeinsten Worte kleidet, und im Af- fect nicht das edelste sondern das nachdruͤck- lichste Wort, wenn es auch schon einen et- was niedrigen Nebenbegrif mit sich fuͤhren sollte, ergreifen laͤßt. Von diesem Kunststuͤcke werden aber freilich diejenigen nicht wissen wollen, die nur an einem correcten Racine Geschmack finden und so ungluͤcklich sind, kei- nen Shakespear zu kennen.“ Th. 26. S. 184. 24. „Ueberhaupt glaube ich, daß der Name eines wahren Geschichtschreibers nur demjenigen zukommt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes beschreibt. Denn nur der kann selbst als Zeuge auftreten, und darf hoffen, auch von der Nachwelt als ein solcher geschaͤtzt zu werden, wenn alle Andre, die sich nur als Abhoͤrer der eigentlichen Zeu- gen erweisen, nach wenig Jahren von ihres- gleichen gewiß verdraͤngt sind. Die suͤße Ueber- zeugung, von dem gegenwaͤrtigen Nutzen, den sie stiften, muß sie allein wegen der kurzen Dauer ihres Ruhms schadlos halten. Und kann ein ehrlicher Mann mit dieser Schadlos- haltung auch nicht zufrieden seyn?“ Litt. Br. 52. 25. „Krank will ich wohl einmahl seyn; aber sterben will ich deßwegen noch nicht. Alle Veraͤnderungen unseres Temperaments, glau- be ich, sind mit Handlungen unsrer animali- schen Oekonomie verbunden. Die ernstliche Epoche meines Lebens nahet heran! ich begin- ne ein Mann zu werden, und schmeichle mir, daß ich in diesem hitzigen Fieber den letzten Rest meiner jugendlichen Thorheiten verra- set habe. Gluͤckliche Krankheit! Aber soll- ten sich wohl Dichter eine athletische Gesund- heit wuͤnschen? Sollte der Phantasie, der Empfindung nicht ein gewisser Grad von Un- paͤßlichkeit weit zutraͤglicher seyn? Wuͤnschen Sie mich also gesund, aber wo moͤglich mit einem kleinen Denkzeichen, das dem Dich- ter von Zeit zu Zeit den hinfaͤlligen Menschen empfinden lasse, und ihm zu Gemuͤth fuͤhre, daß nicht alle Tragici mit dem Sophokles neunzig Jahr werden; aber, wenn sie es auch wuͤrden, daß Sophokles auch an die neunzig Trauerspiele, und ich erst ein einziges gemacht. Neunzig Trauerspiele! Auf einmal uͤberfaͤllt mich ein Schwindel!“ Th. 27. S. 23. 26. „Ihnen gestehe ich es am allerungernsten, daß ich bisher nichts weniger als zufrieden gewesen bin. Ich muß es Ihnen aber geste- hen, weil es die einzige Ursache ist, warum ich so lange nicht an Sie geschrieben habe. Nein, das hatte ich mir nicht vorgestellt! aus diesem Ton klagen alle Narren. Ich haͤtte mir es vorstellen sollen und koͤnnen, daß unbedeutende Beschaͤftigungen mehr ermuͤden muͤßten, als das anstrengendste Studiren; daß in dem Cirkel, in welchen ich mich hin- einzaubern lassen, erlogene Vergnuͤgen und Zerstreuungen uͤber Zerstreuungen die stumpf- gewordene Seele zerruͤtten wuͤrden; daß — Ihr Leßing ist verlohren. In Jahr und Tag werden Sie ihn nicht mehr kennen. Er sich selbst nicht mehr. O meine Zeit, meine Zeit, mein Alles was ich habe — sie so, ich weiß nicht was fuͤr Absichten aufzuopfern! Hundertmal habe ich schon den Einfall ge- habt, mich mit Gewalt aus dieser Verbin- dung zu reissen. Doch kann man einen un- besonnenen Streich mit dem andern wieder gut machen?“ Th. 28. S. 292. 27. „Meine Eltern betrachten mich, als wenn ich hier schon etablirt waͤre; und dieses bin ich doch so wenig, daß ich gar leicht meine laͤngste Zeit hier gewesen seyn doͤrfte. Ich warte nur noch einen einzigen Umstand ab, und wenn dieser nicht nach meinem Willen ausfaͤllt, so kehre ich zu meiner alten Lebens- art wieder zuruͤck. Ich habe mit diesen Nichtswuͤrdigkeiten nun schon mehr als drei Jahr verlohren. Es ist Zeit, daß ich wieder in mein Geleise komme. Alles was ich durch meine jetzige Lebensart intendirte, das habe ich erreicht; ich habe meine Gesundheit so ziemlich wieder hergestellt, ich habe ausgeru- het — — Ich bin uͤber die Haͤlfte meines Lebens und wuͤßte nicht, was mich noͤthigen koͤnnte, mich auf den kuͤrzeren Rest desselben noch zum Sklaven zu machen. — Wie es wei- ter werden wird, ist mein geringster Kummer. Wer gesund ist und arbeiten will, hat in der Welt nichts zu fuͤrchten. Langwierige Krank- heiten und ich weiß nicht was fuͤr Umstaͤnde befuͤrchten, die außer Stand zu arbeiten setzen koͤnnen, zeigt ein schlechtes Vertrauen auf die Vorsehung. Ich habe ein besseres, und habe Freunde.“ Leben und Nachlaß Th. 1. S. 250. 28. „Fragen Sie mich nicht, auf was ich nach H. gehe. Eigentlich auf nichts. Wenn sie mir in H. nur nichts nehmen, so geben sie mir eben so viel als sie mir hier gegeben ha- ben. Doch Ihnen brauche ich nichts zu ver- hehlen. Ich habe allerdings mit dem dorti- gen neuen Theater und den Entrepreneurs desselben eine Art von Abkommen getroffen, welches mir auf einige Jahre ein ruhiges und angenehmes Leben verspricht. Als ich mit ihnen schloß, fielen mir die Worte aus dem Juvenal bei: Quod non dant proceres, dabit histrio „Was die Großen nicht geben wollen, moͤ- ge das Schauspiel geben.“ — Ich will meine theatralischen Werke, welche laͤngst auf die letzte Hand gewartet haben, daselbst vollenden und auffuͤhren lassen. Sol- che Umstaͤnde waren nothwendig, die fast erlo- schene Liebe zum Theater wieder bei mir zu entzuͤnden. Ich fing eben an, mich in andre Studien zu verlieren, die mich gar bald zu aller Arbeit des Genies wuͤrden unfaͤhig ge- macht haben. Mein Laokoon ist nun wie- der die Nebenarbeit. Mich duͤnkt, ich komme mit der Fortsetzung desselben fuͤr den großen Haufen unsrer Leser auch noch immer fruͤh genug. Die wenigen, die mich jetzt lesen, ver- stehen von der Sache eben so viel wie ich, und mehr.“ Th. 29. S. 141. 29. „Und hat es nicht das Publikum in sei- ner Gewalt, was es an Geschmack und Ein- sicht beim Theater mangelhaft finden sollte, abstellen und verbessern zu lassen? Es kom- me nur, und sehe und hoͤre, und pruͤfe und richte. Seine Stimme soll nie geringschaͤtzig verhoͤret, sein Urtheil soll nie ohne Unterwer- fung vernommen werden. Nur daß sich nicht jeder kleine Kritikaster fuͤr das Publikum halte, und derjenige, dessen Erwartungen getaͤuscht werden, auch ein we- nig mit sich selbst zu Rathe gehe, von wel- cher Art seine Erwartungen gewesen. Nicht jeder Liebhaber ist Kenner; nicht jeder, der die Schoͤnheiten Eines Stuͤcks, das richtige Spiel Eines Akteurs empfindet, kann darum auch den Werth aller andern schaͤtzen. Man hat keinen Geschmack, wenn man nur einen ein- seitigen Geschmack hat; aber oft ist man de- sto partheiischer. Der wahre Geschmack ist der allgemeine, der sich uͤber Schoͤnheiten von jeder Art verbreitet, aber von keiner mehr Vergnuͤgen und Entzuͤcken erwartet, als sie nach ihrer Art gewaͤhren kann. Der Stufen sind viel, die eine werden - de Buͤhne bis zum Gipfel der Vollkommen- heit zu durchsteigen hat; aber eine verderb - te Buͤhne ist von dieser Hoͤhe, natuͤrlicher Weise, noch weiter entfernt: und ich fuͤrchte sehr, daß die Deutsche mehr dieses als jenes ist. Alles kann folglich nicht auf einmal ge- schehen. Doch was man nicht wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer geschwinder, als der ohne Ziel herumirret.“ Ankuͤndigung der Dramaturgie , des reichsten kritischen Werks Leßings. Aus dem reichsten Vorrathe sind hier nur wenige Stel- len gewaͤhlt, die Leßings Charakter naͤher zeigen; seinen durchdringenden, schneidenden Verstand, so wie seine Billigkeit und Scho- nung beweiset die Dramaturgie von Anfange bis zum Ende. A. d. H. 30. „Die Namen von Fuͤrsten und Helden koͤn- nen einem Stuͤck Pomp und Majestaͤt geben; aber zur Ruͤhrung tragen sie nichts bei. Das Ungluͤck derjenigen, deren Umstaͤnde den unsri- gen am naͤchsten kommen, muß natuͤrlicher Weise am tiefsten in unsre Seele dringen; und wenn wir mit Koͤnigen Mitleiden haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, nicht als mit Koͤnigen. Macht ihr Stand schon oͤfters ihre Unfaͤlle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin moͤgen ganze Voͤlker darein verwickelt werden; unsre Sympathie erfordert einen einzelnen Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begrif fuͤr unsre Empfindung.“ Dramat. St. 14. 31. „Wenn die Belagerung von Ca - lais Ein bekanntes Drama von Du Belloy . nicht verdiente, daß die Franzosen einen solchen Laͤrmen damit machten, so ge- reicht doch dieser Laͤrmen selbst den Franzosen zur Ehre. Er zeigt sie als ein Volk, das auf seinen Ruhm eifersuͤchtig ist; auf das die gro- ßen Thaten seiner Vorfahren den Eindruck nicht verlohren haben; das, von dem Werth eines Dichters und von dem Einfluß des Theaters auf Tugend und Sitten uͤberzeugt, jenen nicht zu seinen unnuͤtzen Gliedern rech- net, dieses nicht zu den Gegenstaͤnden zaͤhlt, um die sich nur geschaͤftige Muͤßiggaͤnger be- kuͤmmern. Wie weit sind wir Deutschen in diesem Stuͤck noch hinter den Franzosen. Es gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren! Barbarischer, als un- sre barbarischten Voreltern, denen ein Lieder- saͤnger ein sehr schaͤtzbarer Mann war, und die, bey aller ihrer Gleichguͤltigkeit gegen Kuͤnste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer der mit Baͤrenfellen und Bernstein handelt, der nuͤtzlichere Buͤrger waͤ- re? sicherlich fuͤr die Frage eines Narren ge- halten haͤtten. — Ich mag mich in Deutsch- land umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gebauet werden von der sich erwarten ließe, daß sie nur den tausendsten Theil der Achtung und Erkenntlichkeit gegen einen Deut- schen Dichter haben wuͤrde, die Calais gegen den Du Belloi gehabt hat. Man erkenne es es immer fuͤr Franzoͤsische Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Ei- telkeit faͤhig seyn werden! Was Wunder auch? Unsre Gelehrten selbst sind klein ge- nug, die Nation in der Geringschaͤtzung alles dessen zu bestaͤrken, was nicht geradezu den Beutel fuͤllet. Man spreche von einem Wer- ke des Genies, von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Kuͤnstler; man aͤußere den Wunsch, daß eine reiche bluͤ- hende Stadt der anstaͤndigsten Erholung fuͤr Maͤnner, die in ihren Geschaͤften des Tages Last und Hitze getragen, und der nuͤtzlichsten Zeitkuͤrzung fuͤr andre, die gar keine Geschaͤf- te haben wollen, durch ihre bloße Theilneh- mung aufhelfen moͤge: — und sehe und hoͤre um sich.“ Dramat. St. 18. 32. „Es ist einem jeden vergoͤnnt, seinen eig- nen Geschmack zu haben; und es ist ruͤhmlich, Neunte Sammlung. G sich von seinem eignen Geschmack Rechenschaft zu geben suchen. Aber den Gruͤnden, durch die man ihn rechtfertigen will, eine Allgemein- heit ertheilen, die, wenn es seine Richtigkeit damit haͤtte, ihn zu dem einzigen wahren Ge- schmack machen muͤßte, heißt aus den Gren- zen des forschenden Liebhabers herausgehen, und sich zu einem eigensinnigen Gesetzgeber aufwerfen. Der wahre Kunstrichter folgert keine Regeln aus seinem Geschmack, sondern hat seinen Geschmack nach den Regeln gebil- det, welche die Natur der Sache erfordert.“ Dramat. St. 19. 33. „Ich weiß einem Kuͤnstler nur eine einzige Schmeichelei zu machen; und diese besteht darinn, daß ich annehme, er sei von aller ei- teln Empfindlichkeit entfernt, die Kunst gehe bei ihm uͤber alles, er hoͤre gern frei und laut uͤber sich urtheilen, und wolle sich lieber auch dann und wann falsch, als seltner beurtheilt wissen. Wer diese Schmeichelei nicht versteht, bei dem erkenne ich mich gar bald irre, und er ist nicht werth, daß wir ihn studiren. Der wahre Virtuose glaubt es nicht einmal, daß wir seine Vollkommenheit einsehen und em- pfinden, wenn wir auch noch so viel Geschrei davon machen, ehe er nicht merkt, daß wir auch Augen und Gefuͤhl fuͤr seine Schwaͤche haben. Er spottet bei sich uͤber jede uneinge- schraͤnkte Bewunderung, und nur das Lob desjenigen freuet ihn, von dem er weiß, daß er auch das Herz hat, ihn zu tadeln.“ Dramat. St. 25. 34. „Wie schwach muß der Eindruck seyn, den das Werk gemacht hat, wenn man in eben dem Augenblick auf nichts begieriger ist, als die Figur des Meisters dagegen zu halten? G 2 Das wahre Meisterstuͤck, duͤnkt mich, erfuͤlle uns so ganz mit sich selbst, daß wir des Ur- hebers daruͤber vergessen; daß wir es nicht als das Produkt eines einzelnen Wesens, sondern der allgemeinen Natur betrachten. Young sagt von der Sonne, es waͤre Suͤn- de in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel liegt, so ist er dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Son- ne ist so groß, so uͤberschwenglich, daß es dem roheren Menschen zu verzeihen, daß es sehr natuͤrlich war, wenn er sich keine groͤßere Herrlichkeit, keinen Glanz denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz sei, wenn er sich also in der Bewunderung der Sonne so sehr verlohr, daß er an den Schoͤpfer der Sonne nicht dachte. Ich vermuthe, die wahre Ursa- che, warum wir so wenig Zuverlaͤssiges von der Person und den Lebensumstaͤnden des Homer wissen, ist die Vortrefflichkeit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im Gebirge zu denken. Wir wollen es nicht wissen, wir finden unsre Rech- nung dabei es zu vergessen, daß Homer, der blinde Bettler, eben der Homer ist, der uns in seinen Werken so entzuͤckt. Er bringt uns unter Goͤtter und Helden; wir muͤßten in die- ser Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Thuͤrsteher so genau zu erkun- digen, der uns hereingelassen. Die Taͤuschung muß sehr schwach seyn, man muß wenig Na- tur, aber desto mehr Kuͤnstelei empfinden, wenn man so neugierig nach dem Kuͤnst- ler ist.“ Dramat. St. 36. 35. „Kann es nicht eben sowohl seyn, daß der Dichter und Kuͤnstler das, was ich fuͤr Fle- cken halte, fuͤr keine haͤlt? Und ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß er mehr Recht hat, als ich? Ich bin uͤberzeugt, daß das Auge des Kuͤnstlers groͤßtentheils viel scharfsichtiger ist, als das scharfsichtigste seiner Betrachter. Unter zwanzig Einwuͤrfen, die ihm diese ma- chen, wird er sich von neunzehn erinnern, sie waͤhrend der Arbeit sich selbst gemacht, und sie auch schon sich selbst beantwortet zu haben. Gleichwohl wird er nicht ungehalten seyn, sie auch von andern machen zu hoͤren: denn er hat es gern, daß man uͤber sein Werk ur- theilet; schal oder gruͤndlich, links oder rechts, gutartig oder haͤmisch, alles gilt ihm gleich; und auch das schalste, linkste, haͤmischste Ur- theil ist ihm lieber als kalte Bewunderung. Jenes wird er auf die eine oder die andre Art in seinen Nutzen zu verwenden wissen; aber was faͤngt er mit dieser an? Verach- ten moͤchte er die guten ehrlichen Leute nicht gern, die ihn fuͤr so etwas Außerordentli- ches halten: und doch muß er die Achseln uͤber sie zucken. Er ist nicht eitel, aber er ist gemeiniglich stolz; und aus Stolz moͤch- te er zehnmal lieber einen unverdienten Ta- del, als ein unverdientes Lob auf sich sitzen lassen.“ Dramat. 73. 36. „Der Gedanke ist an und fuͤr sich selbst graͤßlich, daß es Menschen geben kann, die ohne alle ihre Schuld ungluͤcklich sind. Die Heiden haͤtten diesen graͤßlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht als moͤg- lich; und wir wollten ihn naͤhren? wir woll- ten uns an Schauspielen vergnuͤgen, die ihn bestaͤtigen? wir? die Religion und Vernunft uͤberzeugt haben sollte, daß er eben so unrich- tig als gotteslaͤsterlich ist.“ Dramat. St. 82. 37. „Ich bin weder Schauspieler noch Dich- ter. Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre mich fuͤr den letztern zu erkennen; aber nur weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freigebig folgern. Nicht jeder, der den Pinsel in die Hand nimmt und Farben verquistet, ist ein Mahler. Die aͤltesten von jenen Versuchen sind in den Jah- ren hingeschrieben, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern fuͤr Genie haͤlt. Was in den neuern Ertraͤgliches ist, davon bin ich mir bewußt, daß ich es einzig und allein der Kri- tik zu verdanken habe. Ich fuͤhle die leben- dige Quelle nicht in mir, die durch eigne Kraft sich empor arbeitet, durch eigne Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Stralen auf- schießt, ich muß alles durch Druckwerk und Roͤhren bei mir heraufpressen. Ich wuͤrde so arm, so kalt, so kurzsichtig seyn, wenn ich nicht einigermaßen gelernt haͤtte, fremde Schaͤ- tze bescheiden zu borgen, an fremdem Feuer mich zu waͤrmen und durch die Glaͤser der Kunst mein Auge zu staͤrken. Ich bin daher immer beschaͤmt oder verdrießlich geworden, wenn ich zum Nachtheil der Kritik etwas las oder hoͤrte. Sie soll das Genie ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahe kommt. Ich bin ein Lahmer, den eine Schmaͤhschrift auf die Kruͤcke unmoͤglich erbauen kann.“ Sollte diese bescheidne Aeußerung Leßings nicht etwas ungerecht gegen ihn selbst seyn? Jeder muß sich am besten kennen, und Leßing war kein Demuͤthiger, der durch eine falsche Bescheidenheit ein groͤßeres Lob zu erjagen suchte, noch ein Fauler, der Talente in sich ablaͤugnete, um sie nicht brauchen zu doͤrfen. Nichts aber ist truͤglicher, als die Meinung, die wir von uns selbst in einzelnen Le - bensperioden fassen und hegen; wir brin- gen die Umstaͤnde außer uns oft zu wenig, oft zu viel in Anschlag. Setzet Leßing in ein Land, an einen Ort, in Umstaͤnde, unter denen die lebendige Quelle von Jugend auf sich em- porarbeiten konnte, wo ihr tausend lebendige Kraͤfte, ungesehen und unbemerkt halfen; er haͤtte weniger des Druckwerks, der Roͤhren noͤthig gehabt, aus sich heraus zu pressen, „Doch freilich; wie die Kruͤcke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Ort zum andern was von selbst mit reichen, frischen, reinen Stralen aufgeschossen waͤre. Nicht die Kri- tik, sondern der leere Luftraum erstickt und toͤdtet. Er presset unter Beduͤrfnissen, unter Verhaͤltnissen, die dem Geist keinen Tropfen Erquickung (pabulum vitae) geben, und jagt zuletzt den Verzweifelnden hie und dort hin, allenthalben an flache Waͤnde. Leßings Lebensumstaͤnde dringen dem Verwundernden die Frage ab: nicht, warum er nicht mehr hervorgebracht? sondern wie er in seinen La- gen Das und So viel und so kraͤftig habe hervorbringen koͤnnen, was er geleistet. Dazu half ihm, wie er sagt, Kritik ; aber Kritik kann Kraͤfte nicht geben, sondern nur regeln, ordnen. Also war die Kaͤnntniß der Alten, die Bekanntschaft mit fremden Sprachen, mit gluͤcklichern Genies unter lebhaftern Voͤl- kern in bessern Zeiten das Feuer, daran er sich waͤrmte, das kuͤnstliche Glas, wodurch er sein Auge staͤrkte. Und wehe dem besten Deutschen Kopf, der sich nicht aus seiner, in diese alte, oder fremde Welt zuweilen zu se- zu bewegen, aber ihn nicht zum Laͤufer ma- chen kann, so auch die Kritik. Wenn ich mit ihrer Huͤlfe etwas zu Stande bringe, welches besser ist, als es einer von meinen Ta- lenten ohne Kritik machen wuͤrde: so kostet es mir so viel Zeit, ich muß von andern Geschaͤf- ten so frei, von unwillkuͤhrlichen Zerstreuun- gen so ununterbrochen seyn, ich muß meine ganze Belesenheit so gegenwaͤrtig haben, ich muß bei jedem Schritte alle Bemerkungen, die ich jemals uͤber Sitten und Leidenschaften gemacht, so ruhig durchlaufen koͤnnen; daß zu einem Arbeiter, der ein Theater mit Neuig- tzen weiß! Er wird und muß in die Zunft jener Geschoͤpfe gerathen, die, (S. Dramat. Bl. 22.) in Deutscher Alltagskleidung, in ei- ner engen Sphaͤre kuͤmmerlicher Umstaͤnde in- nerhalb ihrer viel Pfaͤhle herumtraͤumen. Alle wissen wir, welche Witterung es sei, die die Senne des besten Bogens er- schlafft und die gefuͤllteste Maschiene ihrer elektrischen Kraft sanft entladet. A. d. H. keiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter seyn kann als ich. Was Goldoni fuͤr das italiaͤnische Thea- ter that, der es in Einem Jahre mit dreizehn neuen Stuͤcken bereicherte, das muß ich fuͤr das deutsche zu thun folglich bleiben lassen. Ja das wuͤrde ich bleiben lassen, wenn ich es auch koͤnnte. Ich bin mißtrauischer gegen alle erste Gedanken, als de la Casa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch schon nicht fuͤr Ein- gebungen des boͤsen Feindes, weder des eigent- lichen noch des allegorischen halte: so denke ich doch immer, daß die ersten Gedanken die ersten sind. Meine ersten Gedanken sind ge- wiß kein Haar besser, als Jedermanns erste Gedanken; und mit Jedermanns Gedanken bleibt man am kluͤgsten zu Hause.“ 38. „Seines Fleißes darf sich Jedermann ruͤh- men: ich glaube die dramatische Dichtkunst studirt zu haben, sie mehr studirt zu haben, als zwanzig die sie ausuͤben. Ich verlange auch nur eine Stimme unter uns, wo so man- cher sich eine anmaaßt, der, wenn er nicht dem oder jenem Auslaͤnder nachplaudern ge- lernt haͤtte, stummer seyn wuͤrde, als ein Fisch. — Aber man kann studiren und sich tief in den Irrthum hineinstudiren. Was mich also versichert, daß mir dergleichen nicht begegnet sei, daß ich das Wesen der dramati- schen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, daß ich es vollkommen so erkenne, wie es Aristo - teles aus den unzaͤhligen Meisterstuͤcken der griechischen Buͤhne abstrahirt hat. Ich stehe nicht an, zu bekennen (und sollte ich in die- sen erleuchteten Zeiten auch daruͤber ausgelacht werden!) daß ich sie fuͤr ein eben so unfehl- bares Werk halte, als die Elemente des Eu - klides nur immer sind. Ihre Grundsaͤtze sind eben so wahr und gewiß, nur freilich nicht so faßlich, und daher mehr der Chikane aus- gesetzt, als alles was diese enthalten. Ich wage es hier eine Aeußerung zu thun, man mag sie doch nehmen, wofuͤr man will! — Man nenne mir das Stuͤck des großen Corneille , welches ich nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette? — Man merke aber wohl, was ich hinzusetze: Ich werde es zuverlaͤßig besser machen und doch lange kein Corneille seyn und doch lange kein Meisterstuͤck gemacht haben. Ich werde es besser machen und mir doch wenig darauf einbilden doͤrfen. Ich werde nichts ge- than haben, als was jeder thun kann, der so fest an den Aristoteles glaubt, wie ich.“ Dramat. St. 101 — 104. 39. „Ich gehe kuͤnftigen — von — weg. Und wohin? Geraden Weges nach Rom. Was ich in Rom will, werde ich Ihnen aus Rom schreiben. O daß er gegangen waͤre! damals gegan- gen waͤre! Er lebte vielleicht noch. Von hier aus kann ich Ihnen nur so viel sagen, daß ich in Rom wenigstens eben so viel zu suchen und zu erwarten habe als an einem Orte in Deutschland. So viel kann ich ungefaͤhr noch mithinbringen, um ein Jahr da zu leben; wenn das alle ist, nun so waͤre es auch hier alle, und ich bin gewiß ver- sichert, daß es sich lustiger und erbaulicher in Rom muß hungern und betteln lassen als in Deutschland.“ Th. 27. S. 159. 40. „Noch erwartet man vielleicht vom Verf. (der antiquarischen Briefe) daß er sich uͤber den Ton erklaͤre, den er in ihnen genommen. — Vide quam sim antiquorum homi- num! Siehe, wie sehr ich ein Mann aus der al- ten Welt bin. antwortete Cicero dem lauen Atti- cus, der ihm vorwarf, daß er sich uͤber et- was waͤrmer, rauher und bitterer ausgedruͤckt habe, als man von seinen Sitten erwarten koͤnnen. Der schleichende suͤße Complimentirton schickte sich weder zu dem Vorwurfe, noch zu der Einkleidung. Auch liebt ihn der Verfasser uͤberhaupt nicht, der mehr das Lob der Be- scheidenheit als der Hoͤflichkeit sucht. Die Bescheidenheit richtet sich genau nach dem Verdienste, das sie vor sich hat; sie giebt je- dem, was jedem gebuͤhret. Aber die schlaue Hoͤflichkeit giebt allen alles, um von allen al- les wieder zu erhalten. Die Alten kannten das Ding nicht, was wir Hoͤflichkeit nennen. Ihre Urbanitaͤt war von ihr eben so weit als von der Grobheit entfernt. Der Neidische, der Haͤmische, der Rangsuͤchtige, der Verhetzer ist der wah- re Grobe; er mag sich noch so hoͤflich aus- druͤcken. Doch es sei, daß jene gothische Hoͤflich- keit eine unentbehrliche Tugend des heutigen Umganges ist. Soll sie darum unsere Schrif- ten ten eben so schal und falsch machen, als un- sern Umgang?“ Vorrede zu den Antiquar. Briefen. 41. „Die wahre Bescheidenheit eines Gelehrten bestehet darinn, daß er genau die Schranken seiner Kenntnisse und seines Geistes kennet, innerhalb deren er sich zu halten hat; daß er fuͤr jeden Schriftsteller so viel Achtung hegt, ihm nicht eher zu widersprechen, als bis er ihn verstanden; daß er in den Streitigkeiten, die er sich selbst zuziehet, rund zu Werk geht, nicht tergiversirt u. f. Mit solchen Wendun- gen macht sich nur die beleidigte Eitelkeit aus dem Staube; und ein eitler Mann ist zwar hoͤflich, aber nie bescheiden.“ Antiqu. Br. 51. 42. „Jeder Tadel, jeder Spott, den der Kunstrichter mit dem kritisirten Buche in der Hand gutmachen kann, ist dem Kunstrichter Neunte Sammlung. H erlaubt. Auch kann ihm niemand vorschrei- ben, wie sanft oder wie hart, wie lieblich oder wie bitter er die Ausdruͤcke eines solchen Tadels oder Spottes waͤhlen soll. Er muß wissen, welche Wirkung er damit hervorbrin- gen will, und es ist nothwendig, daß er seine Worte nach dieser Wirkung abwaͤget. Aber sobald der Kunstrichter verraͤth, daß er von seinem Autor mehr weiß, als ihm die Schriften desselben sagen koͤnnen; so bald er sich aus dieser naͤhern Kenntniß des gering- sten nachtheiligen Zuges wider ihn bedienet: sogleich wird sein Tadel persoͤnliche Beleidi- gung. Er hoͤret auf Kunstrichter zu seyn und wird — das veraͤchtlichste, was ein vernuͤnfti- ges Geschoͤpf werden kann — Klaͤtscher, An- schwaͤrzer, Pasquillant. Antiquar. B. 57. 43. „Es thut mir leid, wenn mein Styl ir- gendwo blos satyrisch ist. Meinem Vorsatze nach soll er allezeit mehr als satyrisch seyn. Und was soll er mehr seyn als satyrisch? Treffend . „Aber die Hoͤflichkeit ist doch eine so ar- tige Sache — Gewiß! denn sie ist eine so kleine! Aber so artig, wie man will: die Hoͤflich- keit ist keine Pflicht; und nicht hoͤflich seyn, ist noch lange nicht, grob seyn. Hingegen, zum Besten der Mehrern, freimuͤthig seyn, ist Pflicht; sogar es mit Gefahr seyn, daruͤber fuͤr ungesittet und boͤsartig gehalten zu wer- den, ist Pflicht. Wenn ich Kunstrichter waͤre, wenn ich mir getraute, das Kunstrichterschild aushaͤngen zu koͤnnen; so wuͤrde meine Tonleiter diese seyn. Gelinde und schmeichelnd gegen den Anfaͤnger; mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel be- wundernd gegen den Meister; abschreckend und positiv gegen den Stuͤmper; hoͤhnisch ge- gen den Prahler; und so bitter als moͤglich gegen den Cabalenmacher. H 2 Der Kunstrichter, der gegen alle nur Einen Ton hat, haͤtte besser gar keinen. Und beson- ders der, der gegen alle nur hoͤflich ist, ist im Grunde gegen die er hoͤflich seyn koͤnnte, grob.“ Br. 57. 44. „Gewisse Dinge verdienten freilich nie gesagt zu werden; und doch muͤssen sie wenig- stens Einmal gesagt werden. Die persoͤnlichen Verhaͤltnisse der Schrift- steller gegen einander interessiren kaum den kleinsten Theil des zeitverwandten Publici. Welcher wuͤnscht, daß sein Buch auch bei der Nachwelt nicht ganz vergessen sei — und welcher sollte es nicht wuͤnschen? — muß uͤber nichts streiten, was nur ihn selbst angeht.“ Th. 12. S. 169. 45. „Er sei ein Deutscher, ein Wahle, oder was er will, gewesen; er war Einer von den ganz gemeinen Leuten, die mit halboffnen Au- gen, wie im Traum ihren Weg so fortschlen- dern. Entweder weil sie nicht selbst denken koͤnnen, oder aus Kleinmuth nicht selbst den- ken zu doͤrfen vermeinen, oder aus Gemaͤch- lichkeit nicht wollen, halten sie fest an dem, was sie in ihrer Kindheit gelernt haben: und gluͤcklich gnug, wenn sie nur von andern nicht verlangen, daß sie ihrem Beispiel hierinn fol- gen sollen.“ Berengar. Turon. Th. 13. S. 11. „Das Ding, das man Ketzer nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein Mensch, der mit seinen eignen Augen wenigstens sehen wol - len . Die Frage ist nur, ob es gute Augen gewesen, mit welchen er selbst sehen wollen. Ja in gewissen Jahrhunderten ist der Name Ketzer die groͤßte Empfehlung, die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden koͤnnen: noch groͤßer als der Name Zauberer, Magus, Teufelsbanner; denn unter diesen laͤuft doch mancher Betruͤger mit unter.“ 46. „Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Gluͤck und Leben der Wahrheit aufzuopfern; wenig- stens sind Muth und Entschlossenheit, welche dazu gehoͤren, keine Gaben, die wir uns selbst geben koͤnnen. Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren; sie klar und rund, ohne Raͤthsel, ohne Zuruͤckhaltung, ohne Miß- trauen in ihre Kraft und Nuͤtzlichkeit zu leh- ren; und die Gaben, welche dazu erfodert werden, stehen in unsrer Gewalt. Wer die nicht erwerben, oder, wenn er sie erworben, nicht brauchen will, der macht sich um den menschlichen Verstand nur schlecht verdient, wenn er grobe Irrthuͤmer uns benimmt, die volle Wahrheit aber vorenthaͤlt und mit einem Mitteldinge von Wahrheit und Luͤge uns be- friedigen will. Denn je groͤber der Irrthum, desto kuͤrzer und gerader der Weg zur Wahr- heit; da hingegen der verfeinerte Irrthum uns auf ewig von der Wahrheit entfernt halten kann, je schwerer uns einleuchtet, daß er Irr- thum ist. Der Mann, der bei drohenden Gefahren der Wahrheit untreu wird, kann die Wahr- heit doch sehr lieben; und die Wahrheit ver- giebt ihm seine Untreue, um seiner Liebe willen. Aber wer nur darauf denkt, die Wahrheit unter allerlei Larven und Schmin- ke an den Mann zu bringen, der moͤchte wohl gern ihr Kuppler seyn, nur ihr Liebha- ber ist er nie gewesen. Ich wuͤßte kaum et- was Schlechteres als einen solchen Kuppler der Wahrheit .“ Th. 13. S. 26. 47. Wozu die fruchtlosen Untersuchungen der Wahrheit, wenn sich uͤber die Vorurtheile un- srer ersten Erziehung doch kein dauerhafter Sieg erhalten laͤßt? wenn diese nie auszurot- ten, sondern hoͤchstens nur in eine kuͤrzere oder laͤngere Flucht zu bringen sind, aus welcher sie wiederum auf uns zuruͤckstuͤrzen, eben wenn uns ein andrer Feind die Waffen entrissen oder unbrauchbar gemacht hat, deren wir uns ehedem gegen sie bedienten? Nein, nein; einen so grausamen Spott treibt der Schoͤ- pfer mit uns nicht. Wer daher in Bestrei- tung aller Arten von Vorurtheilen niemals schuͤchtern, niemals laß zu werden wuͤnschet, der besiege ja dieses Vorurtheil zuerst, daß die Eindruͤcke unsrer Kindheit nicht zu vernichten waͤren. Die Begriffe, die uns von Wahrheit und Unwahrheit in unsrer Kindheit beige- bracht werden, sind gerade die allerflachsten, die sich am allerleichtesten durch selbsterwor- bene Begriffe auf ewig uͤberstreichen lassen: und diejenigen, bei denen sie in einem spaͤ- tern Alter wieder zum Vorschein kommen, legen dadurch wider sich selbst das Zeugniß ab, daß die Begriffe, unter welche sie jene begraben wollen, noch flacher, noch seichter, noch weniger ihr Eigenthum gewesen, als die Begriffe ihrer Kindheit. Nur von sol- chen Menschen koͤnnen also auch die graͤßli- chen Erzaͤhlungen von ploͤtzlichen Ruͤckfaͤllen in laͤngst abgelegte Irrthuͤmer auf dem Tod- bette, wahr seyn, mit welchen man jeden kleinmuͤthigeren Freund der Wahrheit zur Ver- zweiflung bringen koͤnnte. Freilich muß ein hitziges Fieber aus dem Spiele bleiben; und was noch schrecklicher ist als ein hitziges Fie- ber, Einhalt und Heuchelei muͤssen das Bet- te des Sterbenden nicht belagern, und ihm so lange zusetzen, bis sie ihm ein paar zwei- deutige Worte ausgemergelt, mit welchen der arme Kranke sich bloß die Erlaub- niß erkaufen wollte, ruhig sterben zu koͤn- nen. — “ Th. 13. S. 45. 48. „Was ich Ihnen nicht verzeihe, ist, daß Sie nicht vergnuͤgt sind. Alles in der Welt hat seine Zeit, alles ist zu uͤberstehen und zu uͤbersehen, wenn man nur gesund ist. — Ich selbst spiele jetzt eine traurige Rolle in meinen Augen und dennoch, bin ich versichert, wird sich und muß sich alles um mich herum wie- der aufheitern; ich will nur immer vor mich weg und so wenig als moͤglich hinter mich zu- ruͤcksehen. Thun Sie ein Gleiches. Vergnuͤgt wird man unfehlbar, wenn man sich nur im- mer vorsetzt, vergnuͤgt zu seyn.“ Freundschaftl. Briefwechsel. S. 26. 37. 49. „Sie werden sagen, daß ich eine besonde- re Gabe habe, etwas Gutes an etwas Schlech- tem zu entdecken. Die habe ich allerdings; und ich bin stolzer darauf, als auf alles, was ich weiß und kann. Nichts kann uns mit der Welt zufriedner machen, als eben diese Gabe. — Fast fange ich an zu zweifeln, ob man, sie in Ausuͤbung zu bringen, in * * eben mehr Gelegenheit hat, als an andern Or- ten. — Wie ich hier lebe, wundern sich mehr Leute, daß ich nicht vor langer Weile und Unlust umkomme, als sich wundern wuͤrden, wenn ich wirklich umkaͤme. S. 52. 100. 50. „Was kann ich fuͤr Lust haben, an Leute zu schreiben, mit denen ich nur sehr selten Lust haben wuͤrde, zu sprechen? Sie wissen, was ich Ihnen oft gestanden habe, daß ich es auf die Laͤnge unmoͤglich hier aushalten kann. Ich werde in der Einsamkeit, in der ich hier leben muß, von Tag zu Tag duͤmmer und schlimmer. Ich muß wieder unter Menschen, von denen ich hier so gut als gaͤnzlich abgesondert bin. Besuche sind kein Umgang, und ich fuͤhle es, daß ich nothwendig Umgang, Umgang mit Leuten haben muß, die mir nicht gleichguͤltig sind, wenn noch ein Funken Gutes an mir bleiben soll. Freundsch. Briefw. Th. 2. S. 15. Ich kann es mir leider nicht bergen, daß ich hypochondrischer bin, als ich je zu werden geglaubt habe. So bald ich aus dem ver- wuͤnschten Schlosse wieder unter Menschen komme, so geht es wieder eine Weile. Und denn sage ich mir: Warum auch laͤnger auf diesem verwuͤnschten Schlosse bleiben? Wenn ich noch der alte Sperling auf dem Dache waͤre, ich waͤre schon hundertmal wieder fort.“ Th. 2. S. 49. 51. „Ich habe uͤber keine Zeile meiner neuen Tragoͤdie weder hier, noch in * * eine Seele koͤnnen zu Rathe ziehn; gleichwohl muß man wenigstens uͤber seine Arbeit mit Jemand sprechen koͤnnen, wenn man nicht selbst dar- uͤber einschlafen soll. Die bloße Versicherung, welche die eigne Kritik uns gewaͤhrt, daß man auf dem rechten Wege ist und bleibt, wenn sie auch noch so uͤberzeugend waͤre, ist doch so kalt und unfruchtbar, daß sie auf die Ausar- beitung keinen Einfluß hat.“ Th. 30. S. 167. 52. „Wer wird durch Mittheilung und Freund- schaft die Sphaͤre seines Lebens zu erweitern suchen, wenn ihm beinah des ganzen Lebens eckelt? Oder wer hat Lust nach vergnuͤgten Empfindungen in der Ferne umherzujagen, wenn er in der Naͤhe nichts um sich sieht, was ihm deren auch nur Eine gewaͤhren koͤnn- te. Ich habe gearbeitet, mehr als ich sonst zu arbeiten gewohnt bin. Aber lauter Dinge, die, ohne mich zu ruͤhmen, auch wohl ein groͤßerer Stuͤmper eben so gut haͤtte machen koͤnnen. — Solche trockne Arbeit laͤßt sich so recht huͤbsch hinschreiben, ohne alle Theilneh- mung, ohne die geringste Anstrengung des Geistes. Dabei kann ich mich noch immer mit dem Trost beruhigen, daß ich meinem Amt Genuͤge thue, und manches dabei lerne; ge- setzt auch, daß nicht das Hundertste von die- sem Manchen werth waͤre, gelernt zu werden. Doch ich will mich gern noch weit mehr aller Gesellschaft entziehen, um hier in der Einsam- keit zu kahlmaͤusern und zu buͤffeln, wenn ich nur sonst von einer andern Seite meine Ruhe wieder damit gewinnen kann.“ Th. 30. S. 215. 53. „Daß ich etwas wieder fuͤr das Theater machen sollte, will ich wohl bleiben lassen. Kein Mensch unterzieht sich gern Arbeiten, von welchen er ganz und gar keinen Vortheil hat, weder Geld noch Ehre noch Vergnuͤgen. In der Zeit, die mir ein Stuͤck von zehn Bogen kostet, koͤnnte ich gut und gern mit weniger Muͤhe hundert andre Bogen schrei- ben. Zwar habe ich, nach meinem letzten Ueberschlage, wenigstens zwoͤlf Stuͤcke, Komoͤ- dien und Tragoͤdien zusammengerechnet, deren jedes ich innerhalb sechs Wochen fertig machen koͤnnte. Aber wozu mich, fuͤr nichts und wie- der fuͤr nichts, sechs Wochen auf die Folter spannen? Jeder Kuͤnstler setzt seine Preise; jeder Kuͤnstler sucht so gemaͤchlich von seinen Werken zu leben, als moͤglich: warum denn nun nicht auch der Dichter? Wenn meine Stuͤcke nicht hundert Louisd'or werth sind; so sagt mir lieber gar nichts mehr davon: denn sie sind sodann gar nichts mehr werth. Fuͤr die Ehre meines lieben Vaterlandes will ich keine Feder ansetzen, und wenn sie auch in diesem Stuͤck auf immer einzig und allein von meiner Feder abhangen sollte. Fuͤr meine Ehre aber ist es mir gnug, wenn man nur ungefaͤhr sieht, daß ich allenfalls in diesem Fa- che etwas zu thun im Stande gewesen waͤre. Also Geld fuͤr die Fische — oder bekoͤstigt euch noch lange mit Operetten. Es waͤre auch naͤrrisch, wenn ich den ein- zigen Weg, Geld zu verdienen, mir wenig- stens nicht offen halten und das Publikum erst mit meinen Stuͤcken saͤttigen wollte. Das Geld ist gerade das, was mir fehlt; und mir mehr fehlt, als es mir jemals gefehlt hat. Ich will schlechterdings in Jahr und Tag keinem Menschen mehr etwas schuldig seyn, und dazu gehoͤrt ein besserer Gebrauch meiner Zeit als fuͤr das Theater.“ Th. 30. S. 224. 54. „Mein Stillschweigen hat noch immer die nehmliche Ursache. Ich bin aͤrgerlich und arbeite, arbeite, weil Arbeiten doch das einzige Mit- tel ist, um einmal aufzuhoͤren, jenes zu seyn. Ich bin in meinem Leben schon in sehr elen- den Umstaͤnden gewesen, aber doch nie in sol- chen, wo ich im eigentlichen Verstande um Brodt geschrieben haͤtte. Ich habe meine Beitraͤge Beitraͤge zur Geschichte und Literatur aus den Schaͤtzen der Herzogl. Bibliothek zu Wol- fenbuͤttel. 1773. blos darum angefangen, weil diese Arbeit foͤrdert, indem ich nur einen Wisch nach dem andern in die Druckerei schicken darf, und ich doch dafuͤr von Zeit zu Zeit ein Paar Louisd'or bekomme, um von einem Tage zum andern zu leben. Wer nun noch daran zweifelt, daß es die absolute Unmoͤglichkeit ist, warum ich gewisse Pflichten nicht erfuͤlle, mein Versprechen in gewissen Dingen nicht halte, den bin ich sehr geneigt, eben so sehr zu verkennen als er mich verkennt. Th. 30. S. 236. Neunte Sammlung. J Vor einiger Zeit ließ es sich hier an, als ob man mir gluͤcklichere Aussichten machen wollte. Aber ich sehe wohl, daß man mir nur das Maul schmieren wollen. Denkt man gar nicht oder nicht so bald darauf, so koͤnnen sie sehr versichert seyn, daß ich fuͤr nichts in der Welt mich hier halten lasse; und in Jahr und Tag laͤngstens schreibe ich Dir aus einem an- dern Ort. — Es ist ohnedies zwar recht gut, eine Zeitlang in einer großen Bibliothek zu stu- diren; aber sich darinn vergraben ist eine Rase- rei. Ich merke es so gut als andre, daß die Ar- beiten, die ich jetzt thue, mich stumpf machen. Aber daher will ich auch je eher je lieber mit ih- nen fertig seyn und meine Beitraͤge, ununterbro- chen, bis auf die letzte Armseeligkeit, die nach meinem ersten Plan hineinkommen soll, fortse- tzen und ausfuͤhren. Dieses nicht thun, wuͤrde heißen, die drei Jahre, die ich nun hier zuge- bracht, muthwillig verlieren wollen.“ Th. 30. S. 238. 55. „Hier haben Sie einen ganzen Mistwagen voll Moos und Schwaͤmme. Ebengenannte Beitraͤge aus den Schaͤtzen der Wolfenbuͤttelschen Bibliothek. 1772. Eine Frage faͤllt mir dabei ein, die Sie mir gelegentlich beantworten koͤnnen. — Ist es die Eiche, oder ist es der Boden, worinn die Eiche steht, welcher das Moos und die Schwaͤmme um und an der Eiche hervorbringt? — Ist es der Boden? was kann die Eiche dafuͤr, wenn endlich des Mooses und der Schwaͤmme so viel wird, daß sie alle Nahrung an sich ziehen, und der Gipfel der Eiche daruͤ- ber verdorret? — Doch er verdorre immer- hin! Die Eiche, so lange sie lebt, lebt nicht durch ihren Gipfel, sondern durch ihre Wurzeln.“ Th. 29. S. 385. J 2 56. „Mit dem Ferguson Wahrscheinlich uͤber die buͤrgerliche Gesellschaft . will ich mir ein eigentliches Studium machen. Ich sehe schon aus dem vorgesetzten Inhalte, daß es ein Buch ist, wie mir hier gefehlt hat, wo ich groͤßtentheils nur solche Buͤcher habe, die uͤber lang oder kurz, den Verstand, so wie die Zeit toͤdten. Wenn man lange nicht denkt, so kann man am Ende nicht mehr denken. Ist es aber auch wohl gut, Wahrheiten zu den- ken, sich ernstlich mit Wahrheiten zu beschaͤf- tigen, in deren bestaͤndigem Widerspruch wir nun schon einmal leben, und zu unsrer Ruhe bestaͤndig fortleben muͤssen? Und von derglei- chen Wahrheiten sehe ich in dem Englaͤnder schon manche von weitem. „Wie auch solche, die ich laͤngst fuͤr keine Wahrheiten mehr gehalten. Doch ich besorge es nicht erst seit gestern, daß, indem ich ge- wisse Vorurtheile weggeworfen, ich ein wenig zu viel mit weggeworfen habe, was ich werde wiederholen muͤssen. Daß ich es zum Theil nicht schon gethan, daran hat mich nur die Furcht verhindert, nach und nach den gan- zen Unrath wieder in das Haus zu schleppen. Es ist unendlich schwer zu wissen, wenn und wo man stehen bleiben soll, und Tausenden fuͤr Einen ist das Ziel ihres Nachdenkens die Stelle, wo sie des Nachdenkens muͤde ge- worden.“ Th. 28. S. 329. 57. „ Die Ode an die Koͤnige Von Rammler . will ich mir dreimal laut vorsagen, so oft ich werde Lust haben, an meiner antityrannischen Tra- goͤdie zu arbeiten. Ich hoffe mit Huͤlfe derselben aus dem Spartacus einen Hel- den zu machen, der aus andern Augen sieht, als der beste Roͤmische. Aber wenn! wenn!“ Th. 27. S. 36. „Kritik, will ich Ihnen nur vertrauen, ist das einzige Mittel, mich zu mehrerem aufzu- frischen, oder vielmehr aufzuhetzen. Denn da ich die Kritik nicht zu dem kritisirten Stuͤcke anzuwenden im Stande bin, da ich zum Ver- bessern uͤberhaupt ganz verdorben bin; so nutze ich die Kritik zuverlaͤssig zu etwas Neuem. Also wenn auch Sie es wollen, daß ich wie- der einmal etwas Neues in dieser Art machen soll; so sehen Sie, worauf es dabei mit an- kommt — mich durch Tadel zu reizen, nicht dieses Nehmliche besser, sondern uͤberhaupt et- was Besseres zu machen. Und wenn auch die - ses Bessere sodann nothwendig noch seine Maͤngel haben muß: so ist dieses allein der Ring durch die Nase, an dem man mich in immerwaͤhrendem Tanze erhalten kann.“ Th. 27. S. 39. 58. „Die oͤftere Abaͤnderung der Arbeit ist noch das Einzige, was mich erhaͤlt. Freilich wird so viel angefangen und wenig vollendet. Aber was schadet das? Wenn ich auch nichts in meinem Leben mehr vollendete, ja nie etwas vollendet haͤtte, waͤre es nicht eben das? — Vielleicht wirst Du auch diese Gesinnung ein wenig misanthropisch finden, welches Du mich in Ansehung der Religion zu seyn im Ver- dacht hast. Ohne nun aber zu untersuchen, wie viel oder wie wenig ich mit meinem Ne- benmenschen zufrieden zu seyn Ursache habe, muß ich Dir doch sagen, daß Du mein ganzes Betragen in Ansehung der Orthodoxie sehr unrecht verstehst. Ich sollte es der Welt miß- goͤnnen, daß man sie mehr aufzuklaͤren suche? Ich sollte es nicht von Herzen wuͤnschen, daß ein jeder uͤber die Religion vernuͤnftig denken moͤge? Ich wuͤrde mich verabscheuen, wenn ich selbst bei meinen Sudeleien einen andern Zweck haͤtte, als jene große Absichten befoͤr- dern zu helfen. Laß mir aber doch nur meine eigne Art, wie ich dieses thun zu koͤnnen glaube. Und was ist simpler als diese Art? Nicht das unreine Wasser, welches laͤngst nicht mehr zu brauchen, will ich beibehalten wissen; ich will es nur nicht eher weggegossen wissen, als bis man weiß, woher reineres zu nehmen; ich will nur nicht, daß man es ohne Beden- ken weggieße, und sollte man auch das Kind hernach in Mistjauche baden. Und was ist sie anders, unsre neumodische Theologie gegen die Orthodoxie als Mistjauche gegen unreines Wasser. „Mit der Orthodoxie war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidwand ge- zogen, hinter welcher jede ihren Weg fortge- hen konnte, ohne die andre zu hindern. Aber was thut man nun? Man reißt diese Schei- dewand nieder, und macht uns unter dem Vorwande, uns zu vernuͤnftigen Christen zu machen, zu hoͤchst unvernuͤnftigen Philoso- phen. Ich bitte Dich, erkundige Dich doch nur nach diesem Puncte genauer, und siehe etwas weniger auf das, was unsre neuen Theologen verwerfen, als auf das, was sie dafuͤr in die Stelle setzen wollen. Ich moͤch- te nicht mit Dir sagen, daß unser altes Re- ligionssystem ein Flickwerk von Stuͤmpern und Halbphilosophen sei; ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geuͤbt haͤtte, als an ihm. Flickwerk von Stuͤmpern und Halb- philosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt an die Stelle des alten setzen will; und mit weit mehr Einfluß auf Ver- nunft und Philosophie, als sich das alte an- maaßt. Und doch verdenkst Du es mir, daß ich dies alte vertheidige? Meines Nachbars Haus drohet ihm den Einsturz. Wenn es mein Nachbar abtragen will, so will ich ihm redlich helfen. Aber er will es nicht abtra- gen, sondern er will es, mit gaͤnzlichem Ruin meines Hauses stuͤtzen und unterbauen. Das soll er bleiben lassen, oder ich werde mich sei- nes einstuͤrzenden Hauses so annehmen als meines eigenen.“ Wie nimmt man sich seines eignen baufaͤlli- gen Hauses an? Man bessert es ernstlich oder reißt es nieder und bauet ein andres: in beiden Faͤllen aber erkundigt man sich, was denn eigentlich Schadhaftes an ihm sei. Der Ungenannte gab vieles dafuͤr aus, was es nicht ist; Leßing nahm vieles, was er da- fuͤr erkannte, Gewandsweise, gymnastisch in seinen Schutz. Dies ist nicht der reine Weg zur Wahrheit, obgleich darauf sehr viel Scharf- sinn, hie und da unnoͤthig, angewandt wor- den ist. Ich kann also den Weg, den Leßing in Fuͤhrung dieser Streitigkeit nahm, nicht ganz billigen, wie er denn auch seine eigentli- che Absicht nicht erreicht hat. A. d. H. 59. „Da ich es nur allzu sehr empfinde, wie viel trockner und stumpfer ich an Geist und Sinnen diese vier Jahre geworden bin: so moͤchte ich es um alles in der Welt willen nicht noch vier Jahre thun. Aber ich muß es auch nicht Ein Jahr mehr thun, wenn ich noch sonst etwas in der Welt thun will. Hier ist es aus; hier kann ich nichts mehr thun. Du wirst diese Messe auch nichts von mir le- sen; denn ich habe den ganzen Winter nichts gethan, und bin sehr zufrieden, daß ich nur das Eine große Werk von Philosophie (oder Poltronnerie) zu Stande gebracht, — daß ich noch lebe. Gott helfe mir in diesem edlen Werke weiter, welches wohl werth ist, daß man alle Tage darum ißt und trinkt. — „Ich hasse alle die Leute, welche Sekten stiften wollen, von Grund meines Herzens. Denn nicht der Irrthum, sondern der sektiri- sche Irrthum, ja sogar die sektirische Wahr- heit machen das Ungluͤck der Menschen; oder wuͤrden es machen, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte.“ Th. 30. S. 309. 10. 60. „Fast koͤnnte ich Sie beneiden, daß Sie noch Blumen lesen, da ich verdammt bin, nichts als Dornen zu sammeln. Das ist Ihre Schuld! werden Sie sagen. Ich sollte nicht meynen. Ich sehe auf meinem ganzen Felde nichts als Dornen; und einmal ist es nun mein Feld. Umsonst erinnern Sie mich un- srer gemeinschaftlichen Entschluͤsse, ein blumen- reicheres anzubauen. Es hat nicht seyn sol- len! Mit mir ist es aus; und jeder dichteri- sche Funken, deren ich ohnedies nicht viel hat- te, ist in mir erloschen. Leisten Sie allein, was wir zusammen leisten wollten. — Ich, der ich die ganze Welt ausreisen wollte, wer- de, allem Ansehen nach, in dem kleinen W. unter Schwarten vermodern.“ Th. 27. S. 42. 61. „Von gewissen Dingen laͤßt sich gar nicht sprechen; sprechen zwar wohl, aber nicht schrei- ben. Man schreibt immer zu wenig oder zu viel, wenn man bei sich selbst noch kein Re- sultat gezogen. Im Sprechen kann man sich alle Augenblick corrigiren, welches im Schrei- ben nicht angeht. So viel duͤrfte ich Dir im Vertrauen doch fast sagen, daß auch diese Reise noch bis jetzt unter die Erfahrungen ge- hoͤrt, daß das deutsche Theater mir fatal ist; daß ich mich nie mit ihm, es sei auch noch so wenig, bemengen kann, ohne Verdruß und Unkosten davon zu haben. „Und Du verdenkst es mir noch, daß ich mich dafuͤr lieber in die Theologie werfe? — Freilich, wenn mir am Ende die Theologie eben so lohnt, als das Theater.“ Th. 30. S. 391. 392. 62. „Will es denn Eine Klasse von Leuten nie lernen, daß es schlechterdings nicht wahr ist, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsetzlich sich selbst verblendet habe? Es ist nicht wahr, sag' ich, aus keinem andern Grund- de, als weil es nicht moͤglich ist. Was wol- len sie denn also mit ihrem Vorwurfe muth- williger Verstockung, geflissentlicher Verhaͤr- tung, mit Vorbedacht gemachter Plane, Luͤ- gen auszustaffiren, die man Luͤgen zu seyn weiß? Was wollen sie damit? Daß es leichtsinnige so wie muthwillige Verblendungen aus gewohnten Vorurtheilen, ja aus mancherlei Leidenschaften einen bittern Haß gegen die Wahrheit, oder gegen ernste Untersuchungen der Wahrheit nicht nur ge- ben koͤnne, sondern wirklich gebe, hat L. nicht laͤugnen wollen, und auf seinem Lebenswege selbst erfahren. A. d. H. Was an- ders, als — — Weil ich auch ihnen diese Wahrheit muß zu gute kommen lassen, weil ich auch von ihnen glauben muß, daß sie vorsetzlich und wissentlich kein falsches verleum- derisches Urtheil faͤllen koͤnnen: so schweige ich und enthalte mich alles Wiederscheltens. „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz ir- gend ein Mensch ist oder zu seyn vermeynet, sondern die aufrichtige Muͤhe, die er ange- wandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Werth des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachfor- schung der Wahrheit erweitern sich seine Kraͤf- te, worinn allein seine immer wachsende Voll- kommenheit bestehet. Der Besitz macht ru- hig, traͤge, stolz — Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahr- heit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatz, mich immer und ewig zu irren, D. i. der Wahrheit immer zu nahen: denn das schließt der Trieb nach Wahrheit und ihr Begriff selbst ein. A. d. H. ver- schlossen hielte und spraͤche zu mir: waͤhle! Ich fiele ihm mit Demuth in seine Linke, und sagte: Vater gieb! die reine Wahrheit ist ja doch nur fuͤr dich allein!“ Th. 5. S. 145. 63. „Wenn wird man aufhoͤren, an den Fa- den einer Spinne nichts weniger als die gan- ze Ewigkeit haͤngen zu wollen? Er spricht von kleinen historischen Umstaͤn- den der Geschichte des Christenthums, im Anfange derselben. A. d. H. „Welcher Thor wuͤhlt neugierig in dem Grunde seines Hauses, blos um sich von der Guͤte des Grundes seines Hauses zu uͤberzeu- gen? Setzen mußte sich das Haus freilich erst, an diesem und jenem Orte. — Aber daß der Grund gut ist, weiß ich nunmehr, da das Haus so lange Zeit steht, uͤberzeugender, als es die wissen konnten, die ihn legen sahen. „Ich lobe mir, was uͤber der Erde steht, und nicht, was unter der Erde verborgen liegt. liegt. — Vergieb es mir, lieber Baumeister, als daß ich von diesem weiter nichts wissen mag, als daß es gut und vest seyn muß: denn es traͤgt und haͤlt so lange. An der Schoͤnheit des Ganzen will ich meine Be- trachtungen weiden; in dieser, in dieser will ich dich preisen, lieber Baumeister!“ Th. 5. S. 160. u. f. 64. „Luther, Du! Großer, verkannter Mann! Du hast uns von dem Joche der Tradition erloͤset; wer erloͤset uns von dem unertraͤgli- chern Joche des Buchstabens? Leßing wollte damit nicht sagen, daß wir den Buchstaben d. i. den literaren Sinn nach seiner wahren, Zeitmaͤßigen, ungezwei- felten Bedeutung nicht kennen lernen sollten. Eben diesen, mithin den Geist der Schriften des Christenthums sollten wir kennen lernen. A. d. H. Wer bringt uns endlich ein Christenthum, wie du es jetzt lehren wuͤrdest; wie es Christus selbst lehren wuͤrde? Wer — Neunte Sammlung. K Der wahre Lutheraner will nicht bei Lu- thers Schriften, er will bei Luthers Geiste geschuͤtzt seyn; und Luthers Geist erfordert schlechterdings, daß man keinen Menschen, in der Erkenntniß der Wahrheit nach seinem eig- nen Gutduͤnken fortzugehen, hindern muß. Aber man hindert Alle daran, wenn man auch nur Einem verbieten will, seinen Fortgang in der Erkenntniß andern mitzutheilen. Denn ohne diese Mittheilung im Einzeln ist kein Fortgang im Ganzen moͤglich.“ Th. 6. S. 23. 162. 65. „Jeder Mensch hat seinen eignen Styl; was kann ich dafuͤr, daß ich nun einmal kei- nen andern Styl habe? Daß ich ihn nicht erkuͤnstle, bin ich mir bewußt. — Es kommt wenig darauf an, wie wir schreiben; aber viel, wie wir denken. Man wird doch wohl nicht behaupten, daß unter verbluͤmten Bilderreichen Worten nothwendig ein schwankender, schiefer Sinn liegen muß? daß niemand richtig und bestimmt denken kann, als wer sich des eigentlichsten, gemeinsten, plattesten Ausdrucks bedienet? daß, den kalten symbolischen Ideen auf irgend eine Art etwas von der Waͤrme und dem Leben natuͤrlicher Zeichen zu geben suchen, der Wahrheit schlechterdings schade? Wie laͤcherlich, die Tiefe einer Wunde nicht dem scharfen, sondern dem blanken Schwerdt zuzuschreiben? Wie laͤcherlich also auch, die Ueberlegenheit, welche die Wahrheit einem Gegner uͤber uns giebt, einem blendenden Style desselben zuzuschreiben! Ich kenne kei- nen blendenden Styl, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entleh- net. Wahrheit allein giebt echten Glanz; und muß auch bei Spoͤtterei und Posse, wenig- stens als Folie, unterliegen. Also von der Wahrheit lasset uns sprechen und nicht vom Styl. Den Meinen gebe ich aller Welt Preis. Th. 6. S. 174. f. K 2 Allerdings suche ich durch die Phantasie mit auf den Verstand meiner Leser zu wir- ken. Ich halte es nicht allein fuͤr nuͤtzlich, sondern auch fuͤr nothwendig, Gruͤnde in Bilder zu kleiden; und alle die Nebenbegrif- fe, welche die einen oder die andern erwecken, durch Anspielungen zu bezeichnen. Wer hie- von nichts weiß oder verstehet, muͤßte schlech- terdings kein Schriftsteller werden wollen; denn alle gute Schriftsteller sind es nur auf diesem Wege geworden. Der Begrif ist der Mann; das sinnliche Bild des Be- griffes ist das Weib; und die Worte sind die Kinder, welche beide hervorbringen. Ein schoͤner Held, der sich mit Bildern und Wor- ten herumschlaͤgt, und immer thut, als ob er den Begriff nicht saͤhe! oder immer sich einen Schatten von Mißbegriff schafft, an dem er zum Ritter werde!“ Th. 6. S. 261. 66. „Meine Frau ist todt; und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viele dergleichen Erfahrungen nicht mehr uͤbrig seyn koͤnnen zu machen; und bin ganz leicht. — Wenn ich noch mit einer Haͤlf- te meiner uͤbrigen Tage das Gluͤck erkaufen koͤnnte, die andre Haͤlfte in Gesellschaft dieser Frau zu verleben; wie gern wollt ich es thun! Aber das geht nicht; und ich muß nur wie- der anfangen, meinen Weg allein so fortzu- duseln. Th. 27. S. 72 - 75. 67. „Vor allen Dingen laß mich Deinen Erst- gebohrnen mit meinem besten Seegen hienie- den bewillkommen! Er werde besser und gluͤcklicher, als alle seines Namens. An seinen Bruder, Th. 30. S. 463. „Jetzt ist man hier auf meinen Nathan gespannt und besorgt sich davon ich weiß nicht was. Es wird nichts weniger, als ein saty- risches Stuͤck, um den Kampfplatz mit Hohn- gelaͤchter zu verlassen. Es wird ein so ruͤh- rendes Stuͤck, als ich nur immer gemacht habe. Spott und Lachen wuͤrde sich zu dem Tone nicht schicken, den ich in meinem letzten Blatt angestimmt habe; du wirst sehen, daß ich meiner eignen Sache durch diesen drama- tischen Absprung im geringsten nicht schade.“ Th. 30. S. 464. 68. „Mein Nathan ist ein Stuͤck, welches ich schon vor drei Jahren vollends aufs Reine bringen und drucken lassen wollen. Mit un- sern jetzigen Schwarzroͤcken hat es nichts zu thun; und ich will ihm den Weg nicht selbst verhauen, endlich doch einmal aufs Theater zu kommen, wenn es auch erst nach hundert Jahren waͤre. Mit dem Praͤnumeriren moͤch- te ich gern nichts zu thun haben. Denn wenn ich nun ploͤtzlich stuͤrbe? So bliebe ich viel- leicht tausend Leuten einem jeden einen Gul- den schuldig, deren jeder fuͤr zehn Thaler auf mich schimpfen wuͤrde. Th. 30. S. 471. Nach meinem er- sten Anschlage sollte noch ein Nachspiel dazu kommen, genannt der Derwisch , welches auf eine neue Art den Faden der Episode des Stuͤcks selbst wieder aufnaͤhme und zu Ende braͤchte. Aber auch das muß wegbleiben.“ Th. 30. S. 490. — 69. „Wenn man sagen wird, daß ein Stuͤck von so eigner Tendenz nicht reich genug an eigner Schoͤnheit sei: so werde ich schweigen, aber mich nicht schaͤmen. Ich bin mir eines Ziels bewußt, unter dem man auch noch viel weiter mit allen Ehren bleiben kann. Noch kenne ich keinen Ort in Deutsch- land, wo dieses Stuͤck schon jetzt aufgefuͤhrt werden koͤnnte. Aber Heil und Gluͤck dem, wo es zuerst aufgefuͤhrt wird.“ Leben und Nachlaß Th. 1. S. 410. 70. „Mein Ungenannter scheint ein wenig Luft zu bekommen. Nun wird er sich schon von selbst so weit helfen, als er sich, nach den Gesetzen einer hoͤhern Haushaltung helfen soll. Auf mein eignes Glaubensbekenntniß habe ich mich bereits eingelassen; wenigstens mich daruͤber ausgelassen . Denn zum Einlassen gehoͤren zwei; und nachdem ich es als ein ehrlicher Mann gethan, hat nie- mand davon etwas weiter zu wissen verlangt. Vermuthlich weil es noch zu orthodox war, und hierdurch weder der einen noch der an- dern Parthei gelegen kam. Ist er noch so weit zuruͤck? dachten die einen. Wenn er nur das will, dachten die andern, was haben wir denn fuͤr einen Lermen uͤber ihn angefangen?“ „Die Versatilitaͤt des Geistes verliert sich, glaube ich, von seinen Eigenschaften am er- sten. Es kostet so viel Arbeit mich umwaͤlzen zu lassen, daß es kaum mehr der Muͤhe ver- lohnt, wenn ich nicht eine geraume Zeit in der neuen Lage wieder verweilen kann.“ Th. 29. S. 496. 71. „Der Reisende, den Sie mir vor einiger Zeit zuschickten, waͤr ein neugieriger Reisen - der . Der mit dem ich Ihnen jetzt antworte, ist ein emigrirender . Diese Classe von Reisenden findet sich unter Yoriks Classen nun zwar nicht; unter diesen waͤre nur der ungluͤckliche und unschuldige Reisen - de , der hier allenfalls paßte. Doch warum nicht lieber eine neue Classe gemacht, als sich mit einer beholfen, die eine so unschickli- che Benennung hat? Denn es ist nicht wahr, daß der Ungluͤckliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer feh- len lassen. Dieser Emigrant will von Ihnen nichts, als daß Sie ihm den kuͤrzesten und sichersten Weg nach dem europaͤischen Lande vorschla- gen, wo es weder Christen noch Juden giebt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er gluͤck- lich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt. An Ihrem Briefchen kaue und nutsche ich noch. (Das saftigste Wort ist hier das edelste.) Und wahrlich, ich brauche so ein Briefchen von Zeit zu Zeit sehr noͤthig, wenn ich nicht ganz mißmuͤthig werden soll. Ich glaube nicht, daß Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lobe heißhungrig ist. Aber die Kaͤlte, mit der die Welt gewis- sen Leuten zu bezeugen pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht machen, ist, wenn nicht toͤd- tend, doch erstarrend. Auf Lob der Journale zielet dieses nicht, sondern auf die ganze Wirkung, die L. mit seinen letzten Bemuͤhungen zu machen hoffte, und die er freilich zu kurz nahm. Alles hat seine Wirkung gethan und wird sie thun, seine Beitraͤge, seine Schriften uͤber die Frag- mente, sein Nathan ; in der Hand der Vor- sehung ist nichts verlohren. Nur seine Lauf- bahn war vor der Zeit zu Ende; er ver- lechzte. Daß Ihnen nicht Alles gefallen, was ich seit einiger Zeit geschrieben, das wundert mich gar nicht. Ihnen haͤtte gar nichts ge- fallen muͤssen: denn fuͤr Sie war nichts ge- schrieben. Hoͤchstens hat Sie die Erinnerung an unsre besseren Tage noch etwa bei der und jener Stelle taͤuschen koͤnnen. Auch ich war damals ein gesundes schlankes Baͤum- chen; und bin jetzt ein so fauler knorrichter Stamm! Ach, lieber Freund, diese Scene ist aus! Gern moͤchte ich Sie freilich noch einmal sprechen!“ Geschrieben den 19. Dec. 1780. — (Th. 28. S 355.) Der letzte seiner gedruckten Briefe ist vom 26. Jan. 1781. (Th. 29. S. 498.) Er starb den 15. Febr. 1781. Leßing . Und so fiel er, der edle Hirsch, vielver- wundet, und unuͤberwunden. Da wo er er- starrte, sagt man, stehe sein Bild in Stein. 112. D ie Funken aus der Asche eines Todten haben mich wie ein stummes Trauerspiel im Innersten geruͤhret. Das also war Leßings Privatleben! so leitete es sich fort! so hat es geendet! Dank seinem Bruder und dessen Ge- huͤlfen, daß sie uns eine Sammlung Le - ßing scher Schriften gegeben, wie wir sie noch von keinem Deutschen Schriftsteller gehabt haben. Wuͤnschten wir nicht alle, daß Leibnitz einen solchen Herausgeber gehabt haͤtte? Ueber die Art der Heraus- gabe hat er sich, meinem Beduͤnken nach, gnugsam gerechtfertigt. S. Vorrede zum 2ten Th. Leßingscher Schriften Berl. 1784. Die Wahl der Maͤnner, die ihm beistanden, ganz und voͤl- lig endlich rechtfertigt ihn die oft und frei bekannte Denkart seines Bruders. „Ein- mal, sagt dieser, Anti-Goͤtze, 6. Leßings Schr. Th. S. 233. habe ich nun eine ganz aberglaͤubische Achtung gegen jedes geschrie- bene und nur geschrieben vorhandene Buch, von welchem ich erkenne, daß der Verfas- ser die Welt damit belehren oder vergnuͤ- gen wollen . Es jammert mich, wenn ich sehe, daß Tod oder andre dem thaͤtigen Mann nicht mehr und nicht weniger will- kommene Ursachen so viel gute Absichten vereiteln koͤnnen; und ich fuͤhle mich sofort in der Befassung, in welcher sich jeder Mensch, der dieses Namens noch wuͤrdig ist, bei Erblickung eines ausgesetzten Kin- des befindet. Er begnuͤgt sich nicht, ihm nur nicht vollends den Garaus zu machen, es unbeschaͤdigt und ungestoͤrt da liegen zu lassen, wo er es findet; er schafft oder traͤgt es in das Findelhaus, damit es we- nigstens Taufe und Namen erhalte. Gera- de so wuͤnschte ich wenigstens (denn was waͤ- re es nun, wenn auch darum noch so viel Lumpen mehr dergestalt verarbeitet werden muͤßten, daß sie Spuren eines unsterblichen Geistes zu tragen faͤhig wuͤrden?) wuͤnschte ich wenigstens alle und jede ausgesetzte Geburten des Geistes mit eins in das gro- ße fuͤr sie bestimmte Findelhaus der Dru- ckerei bringen zu koͤnnen: und wenn ich deren selbst nur wenige wirklich dahin bringe, so liegt die Schuld gewiß nicht an mir allein. Ich thue was ich kann, und jeder thue nur eben so viel. So dachte Leßing und so habe Ers denn seiner eignen Nemesis Dank, daß nach dem Maas, nach dem er fremde Handschriften hervorzog, die Seinigen auch ans Licht gestellt werden. Ehre gnug fuͤr Jeden, Schriftsteller oder nicht, dessen klein- stes Blaͤttchen, dessen eiligster Brief mit so viel Ehre ans Licht treten darf! Gens sui tantum similis, ein gar ab - sunderliches Volk sind wir Deutsche. Unsre Nachbarn ruͤhmen sich ihrer Schriftsteller; sie sammlen ihre Werke, Aufsaͤtze, Briefe, Fragmente mit groͤßestem Fleiß und setzen darin ein edles Eigen- thum, eine Nationalehre. So sind (nur wenige anzufuͤhren,) in Frankreich die Wer- ke nicht etwa nur der Corneille , Ra - cine , cine , Moliere , Voltaire , Rous - seau , Fenelon , Boßvet sondern auch der Motte le Vayer , Motte Hou - dart u. f. in England Shakespear 's, Bacon 's, Milton 's, Swift 's, Po - pe 's, Hume 's Werke, zum Theil mit einer Pracht erschienen, mit welcher der eitelste Schriftsteller selbst zuweilen unzu- frieden seyn wuͤrde; und wo irgend ein Brief, ein Einfall, eine Anekdote von die- sem oder jenem aufgegriffen ward, wird er bekannt gemacht und verherrlichet. Unsre Deutsche Journale sagen nach, ruͤhmen und preisen. Nur gegen unsre eigensten Verdien- ste sind wir undankbar, verachten was nach der sorgfaͤltigsten Bearbeitung in der beschei- densten Tracht vor uns tritt, und entziehen selbst dem Todten, was ihm gebuͤhret. — Fuͤr Hoͤfe schrieb Leßing nicht; auch nicht fuͤr den großen Maasstab alles Ge- Neunte Sammlung. L schmacks, den Geschmack der Franzosen. Gegen diesen schreibt man ihm vielmehr, (obwohl meines Erachtens mit Unrecht) einen ungerechten Widerwillen zu; sie moͤ- gen ihn also nicht lesen. Ueber das Mikrologische mancher seiner Un- tersuchungen so wie uͤberhaupt uͤber die Bil- dung seines Styls hat Leßing sich frank und frei erklaͤret. S. Saͤmmtliche Schriften B. 13. Vorr. IX. S. 390. B. 6. S. 174. f. Wir Deut- sche wollen ihn lesen; theoretisch und prak- tisch war er der Sprache Meister. Wenn es auch keine Deutsche Nation gaͤbe, die sich um Dies oder Jenes, woruͤber er ge- schrieben hat, kuͤmmerte: so sollte es, duͤnkt mich, Deutsche Gelehrte geben, denen Dies und Jenes nicht gleichguͤltig seyn darf, und der verstaͤndige Mann in seiner Sinnes - und Denkart , ist fuͤr einen gebildeten Mann bei jedem Schriftsteller das Wichtigste, das Beßte. Auch ich stelle mir Ihren Juͤngling vor, der „mit classischen Kaͤnntnissen in „der Schule ausgeruͤstet, ehe er die Aka- „demie beschreitet,“ eben auf diese Samm- lung Leßingscher Schriften geriethe. Na- tuͤrlich wird er vieles in ihnen uͤberschla- gen; wobei er aber verweilet, an den Wer- ken seines Genius, an den Grundsaͤtzen und Urtheilen seiner Kritik, an seinen un- vollendeten Entwuͤrfen, an seinen hie und da kaum genannten Vorsaͤtzen, an seinen Meynungen uͤber das was ihm leicht und schwer, nothwendig oder erlaͤßlich schien, an seiner Waage des Billigen und Rech- ten, des Zweckmaͤßigen, Edlen und Schoͤ- nen; an seiner Kunst zu disputiren, nach Ort und Zeit zu reden, Wahrheit zu ver- huͤllen ohne sie zu beleidigen, sie nicht im- mer unmittelbar sondern auf gewaͤhlten Umwegen geschickt zu befoͤrdern; vor Allem L 2 an seinem vesten und bescheidnen Charak- ter, der nie mehr von sich hielt als sich ge- buͤhrt zu halten, der auch im Spiele ernst, auch gegen Feinde gerecht, uͤber die mensch- liche Bestimmung rein und sicher, uͤber das menschliche Wissen und Bestreben demuͤthig und bescheiden, seinen Grundsaͤtzen treu blieb und in den widrigsten Faͤllen des Le- bens den herben Apfel oft mit Scherz, im- mer aber mit maͤnnlicher Heiterkeit kostete; an diesem Mann und Schriftsteller wird er viel zu lernen finden! Seine Winke, seine Fehler werden ihn das Wichtigste lehren; er wird ihn hochschaͤtzen und bedauren . Hochschaͤtzen , daß er sich in so Vieles wohlgeruͤstet, muthig und gluͤcklich warf; wo es ihm mißlang, sich am Ziel selbst nicht irre machen ließ, son- dern es auf andern Bahnen suchte. Be - dauern wird er ihn — Doch wozu die Nutzlose Wiederholung? Mit Leßing ist das Problem abermals aufgeloͤset. Gebt diesem reinen Stahl in dephlogisirter Luft nur Einen Funken, welch Schauspiel einer herrlichen Flamme an Glanz und Farbe werdet ihr erblicken bis zum letzten Moment der Erscheinung. Bringt diese helle Flamme dagegen — Der be- scheidne Leßing erwartete von seinem Va- terlande Nichts; das schmerzlichste aller Gefuͤhle, das Gefuͤhl der Kraͤnkung maͤßig- te er, selbst wenn man ihn taͤuschte . „Noch sind mir, sagte er Leß. Schr. B. 25. S. 376. in meinem Leben alle Beschaͤftigungen sehr gleichguͤl- tig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen oder nur erboten; aber auch die geringfuͤgigste nicht von der Hand gewie- sen, zu der ich mich aus einer Art von Praͤdilection erlesen zu seyn glauben konn- te.“ Seine erste Jugendrede (1743) han- delte von der Gleichheit eines Jahrs mit dem Andern Leben und Nachlaß Th. 2. S. 103. ; in Ansehung sei- ner Erwartungen scheint er dieser Jugend- philosophie Zeitlebens treu geblieben zu seyn. Kurz, das Trauerspiel Spartakus , das er uns auf der Buͤhne nicht geben konnte, hat er uns durch seinen Lebenslauf gege- ben. — Fahren Sie mit Ihrer Geschichte der Franzoͤsischen Propaganda in Deutschland fort. Was ist zu thun? was wird werden? 113. „ W as ist zu thun? was wird werden?“ Da wir die sieben Weisen Griechenlands nicht aufrufen koͤnnen, so duͤnkt mich 1. Lasset geschehen seyn, was geschehen ist; es ist geschehen. Haͤtten die obern Staͤnde Deutschlands sich in den Kopf gesetzt, statt Franzoͤsisch, Kalmuckisch zu sprechen; (das Mangolische ist auch eine sehr ausgebildete Sprache;) was wolltet ihr dagegen? Die Jahrhunderte sind ver - lohren ; und nicht ihr, sondern sie tra- gen die Schuld. 2. Ihr sehet, daß die Zeit das Blatt wendet. Ein Theil des Franzoͤsischen Ge- schmacks, der Hofgeschmack naͤmlich, ist bei den Franzosen selbst antiquiret . Wartet, ob ihn die Deutschen beibehalten; oder ob sie gar aus Mode Republikaner werden. Deutsch-Franzoͤsische Republika- nerinnen und Republikaner! 3. Schmaͤht nicht; sondern bemitleidet, schweiget, ehret; und wenn ihr es koͤnnt, belehret. Es ist ein poͤbelhafter Wahn, daß wir der obern Staͤnde nicht bedoͤr - fen ; wir bedoͤrfen ihrer, wie sie unser be- doͤrfen. Wir sollen ihr Auge, wir muͤssen ihre Hand seyn; sie hingegen sinds, von deren Willen und Meinung im Guten und Boͤsen fast Alles abhaͤngt. Zum Wohl des Ganzen sind sie unentbehrlich. — Eben so falsch ist die andre Behauptung, daß es Deutschland vortheilhaft sei, wenn Schrift- steller blos fuͤr Schriftsteller schrei- ben. Der Koch kocht fuͤr Gaͤste, nicht fuͤr Koͤche; und wenn Koͤche sich in Deutsch- land zu Haͤuptern einer gelehrten Republik aufwerfen und statt der von ihnen verach- teten Hoͤfe schmaͤhende Jahrs - und Mo - natsbuden errichten; so ist die oͤffentli- che Kritik, die jeder Nation ein Palladium des guten Geschmacks, des gesunden und redlichen Urtheils seyn sollte, in Deutsch- land dazu geworden, wozu sie Weltleute, mit verachtendem Spott aus innrer Ab- neigung gegen alles Deutsche Buͤcherwe- sen nur wuͤnschen mochten. Welcher Mann, ich will nicht sagen, von Stande, sondern nur von Achtung fuͤr seinen Namen wird sich in eine Gesellschaft mischen, die auf solche Art fuͤr sich selbst schreibet? 4. Glaube man nicht, daß die unter - sten Staͤnde die obern ersetzt haben, so- bald irgend nur das Product abgeht. Der groͤßte Theil Deutscher Schriftsteller schreibt jetzt fuͤr Lesegesellschaften , und manche derselben scheinen sich an die- sen das Gesinde der Deutschen Nation zu denken, fuͤr welches ihre Producte ge- wiß auch die unterhaltendsten sind. Da- durch bessern wir unsern Geschmack nicht; dadurch erwerben wir keine Ehre. Der Namenlose, der solche Werke schrieb, schaͤm- te sich ihrer zuerst selbst, bis er, (denn man gewoͤhnt sich an jedes Handwerk) in Kurzem auch die Schaam ablegte. Er weiß , daß er die Nation mit seinen Hefen der Aufklaͤrung verderbe; die Hefenfa - brik aber bringt ihm Geld und ist gut zu Leihbibliotheken der großen Gesind- stube des Deutschen Witzes und Unraths. 5. Wir haben Gaͤste um uns, deren manche endlich schon sich entschließen, das barbarische Deutsche zu lernen, die also (bei Franzosen kann es nicht fehlen) uns bald in die Schule nehmen werden. Schon hat Einer den Anfang gemacht Humaniora St. 2. oder 3. des Jahrs 1796. und uns verwiesen, daß wir „sogern Origi - nale und Fuͤrstensklaven “ seyn moͤ- gen, daß es uns an Woͤrterbuͤchern , an einer richtigen Orthographie und an lateinischen Lettern mangle; sol- cher Belehrer werden sich mehrere finden. Und mit Verehrung werden die Deutschen Zeitschriften diese Seltenheiten aufnehmen, nicht gnug zu ruͤhmen wissen, wie sehr unsre Literatur dadurch in Aufnahme kom- me, indem sogar Auslaͤnder sich endlich um sie bekuͤmmern. Jeder, dem sein Va- terland lieb ist, huͤte sich vor ihren beschaͤ- menden Schmeicheleien; und mache sich eben so viel aus dergleichen laͤngstbekann- ten Rathschlaͤgen . Was von Franzo- sen uͤber unsre Literatur gesagt werden kann, ist hundertfach gesagt; wir aber wis- sen selbst am besten, wo uns der Schuh druͤckt, woran das Uebel liege. Ich schaͤm- te mich, wenn die besten Deutschen Schrift- steller sich aus einem Lobe wie z. B. im Journal etranger so viel machten, und die Reservationen nicht bemerkten, mit denen jedes Lob gesagt war. Behuͤte Gott je- den Deutschen, daß er nicht um Franzoͤsi- schen und Englischen Ruhm schreibe! Wo die Natur durch Sprache, Sitten und Cha- rakter die Voͤlker geschieden; da wolle man sie doch nicht durch Artefacta und chemi - sche Operationen in Eins verwandeln. 6. Mich duͤnkt, wir bleiben auf unserm Wege, und machen aus uns, was sich ma- chen laͤßt. Sage man uͤber unsre Nation, Literatur und Sprache Boͤses und Gutes; sie sind einmal die Unsern . Mit der Franzoͤsischen Sprache wollen wir nicht tauschen, ihr auch nicht beneiden, daß sie die Sprache der Welt sei. Buͤsch hat die Frage: „gewinnt ein Volk in Absicht auf seine Aufklaͤrung, wenn seine Sprache zur Universalsprache wird? scharfsinnig und meinem Beduͤnken nach wahr beantwor- tet.“ Berlin, 1787. Als demuͤthige Deutsche wollen wir das gesammte Universum noch nicht lehren, sondern von jeder Nation, von der wir lernen koͤnnen, lernen. Von den Alt- franzosen sowohl als von den Neufranken wollen wir fortfahren zu lernen: denn eben von jenen ist uns, ihrer boͤsen Einfuͤhrung wegen, unpartheiisch betrachtet, noch vieles zu lernen uͤbrig. Der Eine Theil unsrer Nation nahm sie, ohne alles Verhaͤltniß zu unsrem Daseyn, mit blinder Verehrung auf, und, gewann an ihnen gerade das lieb, was fuͤr uns nicht diente, Plaisante- rien uͤber die Religion, und Zoten; der andere verabscheuete sie um so mehr und betrug sich uͤberhaupt etwas pedantisch. Vielleicht waren wir zum richtigen Em- pfang und zu Beurtheilung dieser man- nichfaltigen Zeit- und Geistesprodukte an beiden Theilen noch zu sehr im Nebel. Jetzt hat sich die Wolke zertheilt; Frank- reich selbst hat die Folgen vom Misbrauch mehrerer Grundsaͤtze Roußeau 's, Vol - taire , Helvetius gekostet; die Zeit hat uͤber sie gerichtet und der Zuschauer Urtheil gereifet. — Selbst uͤber Montesquieu sind wir noch in Schulden: denn mir ist kein Deutsches Werk bekannt, daß das Franzoͤsische fuͤr uns brauchbar oder ent- behrlich gemacht haͤtte. Die ganze aͤltere Franzoͤsische Literatur erwartet zur Anwen- dung fuͤr uns noch ein ruhiges Auge. 7. Bei allen Misleitungen einer so vielfach-zertheilten Nation, wie die Deut- sche ist, bei Verirrungen, die Jahrhunderte lang gedauert haben und sich noch jetzt fast in jedes Urtheil mischen, muͤssen wir am meisten auf die große Alliirte , die weise Lenkerinn menschlicher Thorheiten, die Providenz rechnen. Ihr wollen wirs zuglauben, daß auch die Gallicoma- nie der Deutschen, die laͤcherlichste Thorheit, deren sich ein ernsthaftes Volk bewußt seyn kann, ihr Gutes haben werde; waͤre es auch kein Anderes als Fehler zu entbloͤ- ßen, die man noch lange verschleiert haͤtte und gegen welche kein Salz der Comoͤdie wirksam gewesen waͤre. Die Mutter, Zeit hat entschleiert; das Salz ist geko- stet; thue es die beste Wirkung! Den gan- zen Gallicismus unsrer oberen Staͤnde ge- linde abzufuͤhren, und den kalten besonne- nen Deutschen den Satz begreiflich zu ma- chen, daß wir nirgend anders als in un- serm Ulubraͤ , nach Deutscher Weise, mit der Nation, die die unsrige ist, wo nicht witzig, so doch vernuͤnftig und gluͤcklich seyn sollen. Jedes Andre, fremde Alfan- zerei, ist vom Daͤmon. — Noch sollte ich mich uͤber den Vorwurf, als ob wir Deutsche die Englaͤnder nicht gnug geehrt haͤtten, rechtfertigen; der aber widerlegt sich selbst. Mit den Britten ste- hen wir in reinerem Verhaͤltniß; wir eh- ren sie aus Neigung uͤber Gebuͤhr von ihnen keine Ehre erwartend. Unser Herz sagt sagt uns naͤmlich, „auch wir haͤtten in den vorigen Jahrhunderten einen Bacon , Shakespear , Milton haben koͤnnen;“ wir fuͤhlen sie als Gebein von unserm Ge- bein, als Menschen unsrer Art; sie sind die auf eine Insel verpflanzten Deutschen. Daher sind von den Englaͤndern selbst ihre treflichsten Schriftsteller kaum mit so re- ger, treuer Waͤrme aufgenommen worden, als von uns Shakespear , Milton , Addison , Swift , Thomson , Ster - ne , Hume , Robertson , Gibbon auf- genommen sind. Richardson 's drei Ro- mane haben in Deutschland ihre goldne Zeit erlebet; Youngs Nachtgedanken, Tom - Jones , der Landpriester haben in Deutschland Sekten gestiftet; in Englischen Zeitschriften haben wir bewundert, selbst was wir nicht verstanden, was fuͤr uns nicht geschrieben war. Und wer waͤre Neunte Sammlung. M es, der die Schotten Ferguson , Smith , Stewart , Millar , Blair nicht ehrte? Auf diesem demuͤthigen Wege wollen wir bleiben, und nicht erwarten, daß man uns verstehe und ehre. Der Nationalruhm ist ein taͤuschender Verfuͤhrer. Zuerst lockt er und muntert auf; hat er eine gewisse Hoͤhe erreicht, so umklammert er den Kopf mit einer ehernen Binde. Der Umschlossene sieht im Nebel nichts als sein eigenes Bild, keiner fremden neuen Eindruͤcke mehr faͤ- hig. Behuͤte der Himmel uns vor sol - chem Nationalruhm ; wir sind noch nicht, und wissen, warum wir noch nicht sind? wir streben aber und wollen werden. Inhalt. Brief 108. Einwuͤrfe gegen die Schaͤtzung aus- waͤrtiger Nationen und das den Deutschen zugebilligte Lob. Name der Deutschen bei auswaͤrtigen Na- tionen. Mehrere Einwuͤrfe. Seite 5 Br. 109. Wie schwer es sei, allgemein zu charakterisiren. Lob einer zur Klar- heit und Praͤcision gebildeten Spra- che. Was repraͤsentiren sei? Wie sehr die Franzoͤsische Nation Re- praͤsentation liebe. S. 9 Br. 110. Was die Franzoͤsische Nation der Deutschen im Lauf der Geschichte ge- wesen. Karl der Große. Die Kreuz- zuͤge. Das Ritterwesen. Seit dem Westphaͤlischen Frieden. — Pre - montval gegen die Gallicomanie, und den falsch-Franzoͤsischen Ge- schmack. S. 20 Br. 111. Folgen der Gallicomanie — fuͤr Deutschland. Ob die Franzoͤsische Neunte Sammlung, Inhalt . Sprache fuͤr uns gebildet sei? Was sie gewaͤhre und nehme. Verschie- denheit beider Nationen in ihrer ganzen Denkart. Trennung der Staͤnde durch die Gallicomanie in Deutschland. Verschiednes Betragen der Schriftsteller dabei. Verdienst derer, die dem Charakter unsres Volks zu Huͤlfe kamen. S. 42 Funken aus der Asche eines Todten ; ein Kanon des Geschmacks fuͤr mancherlei Wissenschaften, fuͤr die Kritik, und fuͤr Erwartungen der Muse in Deutschland. S. 64 Br. 112. Von der vollstaͤndigen Ausgabe Leßingscher Schriften. Was ein Juͤngling aus und an ihm zu lernen habe. S. 157 Br. 113. Rathschlaͤge uͤber unser Verhaͤlt- niß zur Franzoͤsischen Literatur. Von unsrer Neigung fuͤr die Brit- ten. Achtung, die man ihnen er- wiesen. S. 167