Bunte Steine. Ein Festgeschenk von Adalbert Stifter. Erster Band. Pesth 1853. Verlag von Gustav Heckenast. Leipzig, bei Georg Wigand. Inhalt des ersten Bandes. Seite Vorwort 1 Einleitung 13 I . Granit 17 II . Kalkstein 81 III . Turmalin 195 Vorrede. Es ist einmal gegen mich bemerkt worden, daß ich nur das Kleine bilde, und daß meine Menschen stets gewöhnliche Menschen seien. Wenn das wahr ist, bin ich heute in der Lage, den Lesern ein noch Kleineres und Unbedeutenderes an zu bieten, nehmlich allerlei Spielereien für junge Herzen. Es soll sogar in denselben nicht einmal Tugend und Sitte geprediget werden, wie es gebräuchlich ist, sondern sie sollen nur durch das wirken, was sie sind. Wenn etwas Edles und Gutes in mir ist, so wird es von selber in meinen Schriften liegen; wenn aber dasselbe nicht in meinem Gemüthe ist, so werde ich mich vergeblich bemühen, Hohes und Schönes darzustellen, es wird doch immer das Niedrige und Unedle durchscheinen. Großes oder Kleines zu bilden hatte ich bei meinen Schriften überhaupt nie im Sinne, ich wurde von ganz anderen Gesezen geleitet. Die Kunst ist mir ein Stifter, Jugendschriften. I. 1 so Hohes und Erhabenes, sie ist mir, wie ich schon einmal an einem anderen Orte gesagt habe, nach der Religion das Höchste auf Erden, so daß ich meine Schriften nie für Dichtungen gehalten habe, noch mich je vermessen werde, sie für Dichtungen zu hal¬ ten. Dichter gibt es sehr wenige auf der Welt, sie sind die hohen Priester, sie sind die Wohlthäter des menschlichen Geschlechtes; falsche Propheten aber gibt es sehr viele. Allein wenn auch nicht jede gesprochenen Worte Dichtung sein können, so können sie doch etwas anderes sein, dem nicht alle Berechtigung des Da¬ seins abgeht. Gleichgestimmten Freunden eine ver¬ gnügte Stunde zu machen, ihnen allen bekannten wie unbekannten einen Gruß zu schiken, und ein Körnlein Gutes zu dem Baue des Ewigen beizutragen, das war die Absicht bei meinen Schriften, und wird auch die Absicht bleiben. Ich wäre sehr glüklich, wenn ich mit Gewißheit wüßte, daß ich nur diese Absicht erreicht hätte. Weil wir aber schon einmal von dem Großen und Kleinen reden, so will ich meine Ansichten dar¬ legen, die wahrscheinlich von denen vieler anderer Menschen abweichen. Das Wehen der Luft das Rieseln des Wassers das Wachsen der Getreide das Wogen des Meeres das Grünen der Erde das Glänzen des Himmels das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Ge¬ witter, den Bliz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner, weil sie nur Wirkungen viel höherer Ge¬ seze sind. Sie kommen auf einzelnen Stellen vor, und sind die Ergebnisse einseitiger Ursachen. Die Kraft, welche die Milch im Töpfchen der armen Frau empor schwellen und übergehen macht, ist es auch, die die Lava in dem feuerspeienden Berge empor treibt, und auf den Flächen der Berge hinab gleiten läßt. Nur augenfälliger sind diese Erscheinungen, und reißen den Blik des Unkundigen und Unaufmerksamen mehr an sich, während der Geisteszug des Forschers vor¬ züglich auf das Ganze und Allgemeine geht, und nur in ihm allein Großartigkeit zu erkennen vermag, weil es allein das Welterhaltende ist. Die Einzelheiten gehen vorüber, und ihre Wirkungen sind nach Kurzem kaum noch erkennbar. Wir wollen das Gesagte durch ein Beispiel erläutern. Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die Magnetnadel, deren eine Spize immer nach Norden weist, tagtäglich zu festgesezten Stunden beobachtete, und sich die Veränderungen, wie die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, 1* in einem Buche aufschriebe, so würde gewiß ein Un¬ kundiger dieses Beginnen für ein kleines und für Spielerei ansehen: aber wie ehrfurchterregend wird dieses Kleine und wie begeisterungerwekend diese Spielerei, wenn wir nun erfahren, daß diese Beob¬ achtungen wirklich auf dem ganzen Erdboden ange¬ stellt werden, und daß aus den daraus zusammenge¬ stellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein magnetisches Gewitter über die ganze Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schauern em¬ pfindet. Wenn wir, so wie wir für das Licht die Augen haben, auch für die Electricität und den aus ihr kommenden Magnetismus ein Sinneswerkzeug hätten, welche große Welt welche Fülle von unerme߬ lichen Erscheinungen würde uns da aufgethan sein. Wenn wir aber auch dieses leibliche Auge nicht haben, so haben wir dafür das geistige der Wissenschaft, und diese lehrt uns, daß die electrische und magnetische Kraft auf einem ungeheuren Schauplaze wirke, daß sie auf der ganzen Erde und durch den ganzen Himmel verbreitet sei, daß sie alles umfließe, und sanft und unablässig verändernd bildend und lebenerzeugend sich darstelle. Der Bliz ist nur ein ganz kleines Merkmal dieser Kraft, sie selber aber ist ein Großes in der Natur. Weil aber die Wissenschaft nur Körnchen nach Körnchen erringt, nur Beobachtung nach Beobach¬ tung macht, nur aus Einzelnem das Allgemeine zu¬ sammen trägt, und weil endlich die Menge der Er¬ scheinungen und das Feld des Gegebenen unendlich groß ist, Gott also die Freude und die Glükseligkeit des Forschens unversieglich gemacht hat, wir auch in unseren Werkstätten immer nur das Einzelne darstellen können nie das Allgemeine, denn dies wäre die Schöpfung: so ist auch die Geschichte des in der Natur Großen in einer immerwährenden Umwand¬ lung der Ansichten über dieses Große bestanden. Da die Menschen in der Kindheit waren, ihr geistiges Auge von der Wissenschaft noch nicht berührt war, wurden sie von dem Nahestehenden und Auffälligen ergriffen, und zu Furcht und Bewunderung hingerissen: aber als ihr Sinn geöffnet wurde, da der Blik sich auf den Zusammenhang zu richten begann, so sanken die einzelnen Erscheinungen immer tiefer, und es erhob sich das Gesez immer höher, die Wunderbarkeiten hörten auf, das Wunder nahm zu. So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit Einfachheit Be¬ zwingung seiner selbst Verstandesgemäßheit Wirksam¬ keit in seinem Kreise Bewunderung des Schönen ver¬ bunden mit einem heiteren gelassenen Sterben halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemüthes furchtbar einherrollenden Zorn die Begier nach Rache den entzündeten Geist, der nach Thätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört, und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, son¬ dern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervor¬ bringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme feuerspeiende Berge Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesez zu erbliken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. Es gibt Kräfte die nach dem Bestehen des Einzelnen zielen. Sie neh¬ men alles und verwenden es, was zum Bestehen und zum Entwikeln desselben nothwendig ist. Sie sichern den Bestand des Einen und dadurch den Aller. Wenn aber Jemand jedes Ding unbedingt an sich reißt, was sein Wesen braucht, wenn er die Bedingungen des Daseins eines Anderen zerstört, so ergrimmt etwas Höheres in uns, wir helfen dem Schwachen und Unterdrükten, wir stellen den Stand wieder her, daß er ein Mensch neben dem Andern bestehe, und seine menschliche Bahn gehen könne, und wenn wir das gethan haben, so fühlen wir uns befriediget, wir fühlen uns noch viel höher und inniger als wir uns als Einzelne fühlen, wir fühlen uns als ganze Menschheit. Es gibt daher Kräfte, die nach dem Be¬ stehen der gesammten Menschheit hinwirken, die durch die Einzelkräfte nicht beschränkt werden dürfen, ja im Gegentheile beschränkend auf sie selber einwirken. Es ist das Gesez dieser Kräfte das Gesez der Gerechtig¬ keit das Gesez der Sitte, das Gesez, das will, daß jeder geachtet geehrt ungefährdet neben dem Andern bestehe, daß er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne, sich Liebe und Bewunderung seiner Mitmenschen erwerbe, daß er als Kleinod gehütet werde, wie jeder Mensch ein Kleinod für alle andern Menschen ist. Dieses Gesez liegt überall, wo Men¬ schen neben Menschen wohnen, und es zeigt sich, wenn Menschen gegen Menschen wirken. Es liegt in der Liebe der Ehegatten zu einander in der Liebe der Eltern zu den Kindern der Kinder zu den Eltern in der Liebe der Geschwister der Freunde zu einander in der süßen Neigung beider Geschlechter in der Arbeit¬ samkeit, wodurch wir erhalten werden, in der Thätig¬ keit, wodurch man für seinen Kreis für die Ferne für die Menschheit wirkt, und endlich in der Ordnung und Gestalt, womit ganze Gesellschaften und Staaten ihr Dasein umgeben, und zum Abschlusse bringen. Darum haben alte und neue Dichter vielfach diese Gegenstände benüzt, um ihre Dichtungen dem Mit¬ gefühle naher und ferner Geschlechter anheim zu geben. Darum sieht der Menschenforscher, wohin er seinen Fuß sezt, überall nur dieses Gesez allein, weil es das einzige Allgemeine das einzige Erhaltende und nie Endende ist. Er sieht es eben so gut in der nieder¬ sten Hütte wie in dem höchsten Pallaste, er sieht es in der Hingabe eines armen Weibes und in der ruhigen Todesverachtung des Helden für das Vaterland und die Menschheit. Es hat Bewegungen in dem mensch¬ lichen Geschlechte gegeben, wodurch den Gemüthern eine Richtung nach einem Ziele hin eingeprägt worden ist, wodurch ganze Zeiträume auf die Dauer eine andere Gestalt gewonnen haben. Wenn in diesen Bewegungen das Gesez der Gerechtigkeit und Sitte erkennbar ist, wenn sie von demselben eingeleitet, und fortgeführt worden sind, so fühlen wir uns in der ganzen Menschheit erhoben, wir fühlen uns mensch¬ lich verallgemeinert, wir empfinden das Erhabene, wie es sich überall in die Seele senkt, wo durch un¬ meßbar große Kräfte in der Zeit oder im Raume auf ein gestaltvolles vernunftgemäßes Ganzes zusammen gewirkt wird. Wenn aber in diesen Bewegungen das Gesez des Rechtes und der Sitte nicht ersichtlich ist, wenn sie nach einseitigen und selbstsüchtigen Zweken ringen, dann wendet sich der Menschenforscher, wie gewaltig und furchtbar sie auch sein mögen, mit Ekel von ihnen ab, und betrachtet sie als ein Kleines als ein des Menschen Unwürdiges. So groß ist die Ge¬ walt dieses Rechts- und Sittengesezes, daß es über¬ all, wo es immer bekämpft worden ist, doch endlich allezeit siegreich und herrlich aus dem Kampfe hervor¬ gegangen ist. Ja wenn sogar der Einzelne oder ganze Geschlechter für Recht und Sitte untergegangen sind, so fühlen wir sie nicht als besiegt, wir fühlen sie als triumphirend, in unser Mitleid mischt sich ein Jauch¬ zen und Entzüken, weil das Ganze höher steht als der Theil, weil das Gute größer ist als der Tod, wir sagen da, wir empfinden das Tragische, und werden mit Schauern in den reineren Äther des Sittengesezes emporgehoben. Wenn wir die Mensch¬ heit in der Geschichte wie einen ruhigen Silberstrom einem großen ewigen Ziele entgegen gehen sehen, so empfinden wir das Erhabene das vorzugsweise Epische. Aber wie gewaltig und in großen Zügen auch das Tragische und Epische wirken, wie ausgezeichnete Hebel sie auch in der Kunst sind, so sind es haupt¬ sächlich doch immer die gewöhnlichen alltäglichen in Unzahl wiederkehrenden Handlungen der Menschen, in denen dieses Gesez am sichersten als Schwerpunkt liegt, weil diese Handlungen die dauernden die gründenden sind, gleichsam die Millionen Wurzel¬ fasern des Baumes des Lebens. So wie in der Natur die allgemeinen Geseze still und unaufhörlich wirken, und das Auffällige nur eine einzelne Äußerung dieser Geseze ist, so wirkt das Sittengesez still und seelen¬ belebend durch den unendlichen Verkehr der Menschen mit Menschen, und die Wunder des Augenblikes bei vorgefallenen Thaten sind nur kleine Merkmale dieser allgemeinen Kraft. So ist dieses Gesez, so wie das der Natur das welterhaltende ist, das menschenerhaltende. Wie in der Geschichte der Natur die Ansichten über das Große sich stets geändert haben, so ist es auch in der sittlichen Geschichte der Menschen gewesen. Anfangs wurden sie von dem Nächstliegenden berührt, körperliche Stärke und ihre Siege im Ringkampfe wurden gepriesen, dann kamen Tapferkeit und Krieges¬ muth dahin zielend, heftige Empfindungen und Leiden¬ schaften gegen feindselige Haufen und Verbindungen auszudrüken und auszuführen, dann wurde Stam¬ meshoheit und Familienherrschaft besungen, inzwischen auch Schönheit und Liebe so wie Freundschaft und Aufopferung gefeiert, dann aber erschien ein Über¬ blik über ein Größeres: ganze menschliche Abtheilun¬ gen und Verhältnisse wurden geordnet, das Recht des Ganzen vereint mit dem des Theiles, und Gro߬ muth gegen den Feind und Unterdrükung seiner Em¬ pfindungen und Leidenschaften zum Besten der Gerech¬ tigkeit hoch und herrlich gehalten, wie ja Mäßigung schon den Alten als die erste männliche Tugend galt, und endlich wurde ein völkerumschlingendes Band als ein Wünschenswerthes gedacht, ein Band, das alle Gaben des einen Volkes mit denen des andern ver¬ tauscht, die Wissenschaft fördert, ihre Schäze für alle Menschen darlegt, und in der Kunst und Religion zu dem einfach Hohen und Himmlischen leitet. Wie es mit dem Aufwärtssteigen des mensch¬ lichen Geschlechtes ist, so ist es auch mit seinem Ab¬ wärtssteigen. Untergehenden Völkern verschwindet zu¬ erst das Maß. Sie gehen nach Einzelnem aus, sie werfen sich mit kurzem Blike auf das Beschränkte und Unbedeutende, sie sezen das Bedingte über das Allge¬ meine; dann suchen sie den Genuß und das Sinnliche, sie suchen Befriedigung ihres Hasses und Neides gegen den Nachbar, in ihrer Kunst wird das Einseitige ge¬ schildert das nur von einem Standpunkte Gültige, dann das Zerfahrene Unstimmende Abenteuerliche, endlich das Sinnenreizende Aufregende und zulezt die Unsitte und das Laster, in der Religion sinkt das In¬ nere zur bloßen Gestalt oder zur üppigen Schwärmerei herab, der Unterschied zwischen Gut und Böse verliert sich, der Einzelne verachtet das Ganze, und geht seiner Lust und seinem Verderben nach, und so wird das Volk eine Beute seiner inneren Zerwirrung oder die eines äußeren wilderen aber kräftigeren Feindes.— — Da ich in dieser Vorrede in meinen Ansichten über Großes und Kleines so weit gegangen bin, so sei es mir auch erlaubt zu sagen, daß ich in der Geschichte des menschlichen Geschlechtes manche Erfahrungen zu sammeln bemüht gewesen bin, und daß ich Einzelnes aus diesen Erfahrungen zu dichtenden Versuchen zusam¬ mengestellt habe; aber meine eben entwikelten Ansich¬ ten und die Erlebnisse der leztvergangenen Jahre lehrten mich meiner Kraft zu mißtrauen, daher jene Versuche liegen bleiben mögen, bis sie besser ausgear¬ beitet oder als unerheblich vernichtet werden. Diejenigen aber, die mir durch diese keineswegs für junge Zuhörer passende Vorrede gefolgt sind, mögen es auch nicht verschmähen, die Hervorbringun¬ gen bescheidenerer Kräfte zu genießen, und mit mir zu den harmlosen folgenden Dingen übergehen. Im Herbste 1852. Adalbert Stifter. Einleitung. Als Knabe trug ich außer Ruthen Gesträuchen und Blüthen, die mich ergözten, auch noch andere Dinge nach Hause, die mich fast noch mehr freuten, weil sie nicht so schnell Farbe und Bestand verloren wie die Pflanzen, nehmlich allerlei Steine und Erd¬ dinge. Auf Feldern an Rainen auf Haiden und Hutweiden ja sogar auf Wiesen, auf denen doch nur das hohe Gras steht, liegen die manigfaltigsten die¬ ser Dinge herum. Da ich nun viel im Freien herum schweifen durfte, konnte es nicht fehlen, daß ich bald die Pläze entdekte, auf denen die Dinge zu treffen waren, und daß ich die, welche ich fand, mit nach Hause nahm. Da ist an dem Wege, der von Oberplan nach Hossenreuth führt, ein geräumiges Stük Rasen, welches in die Felder hinein geht, und mit einer Mauer aus losen Steinen eingefaßt ist. In diesen Steinen steken kleine Blättchen, die wie Silber und Diamanten funkeln, und die man mit einem Messer oder mit einer Ahle herausbrechen kann. Wir Kinder hießen die Blättchen Kazensilber, und hatten eine sehr große Freude an ihnen. Auf dem Berglein des Altrichters befindet sich ein Stein, der so fein und weich ist, daß man ihn mit einem Messer schneiden kann. Die Bewohner unserer Gegend nennen ihn Taufstein. Ich machte Täfelchen Würfel Ringe und Petschafte aus dem Steine, bis mir ein Mann, der Uhren Barometer und Stamm¬ bäume verfertigte, und Bilder lakirte, zeigte, daß man den Stein mit einem zarten Firnisse anstreichen müsse, und daß dann die schönsten blauen grünen und röthlichen Linien zum Vorscheine kämen. Wenn ich Zeit hatte, legte ich meine Schäze in eine Reihe, betrachtete sie, und hatte mein Vergnügen an ihnen. Besonders hatte die Verwunderung kein Ende, wenn es auf einem Steine so geheimnißvoll glänzte und leuchtete und äugelte, daß man es gar nicht ergründen konnte, woher denn das käme. Frei¬ lich war manchmal auch ein Stük Glas darunter, das ich auf den Feldern gefunden hatte, und das in allerlei Regenbogenfarben schimmerte. Wenn sie dann sagten, das sei ja nur ein Glas, und noch dazu ein verwitterndes, wodurch es eben diese schimmernden Farben erhalten habe, so dachte ich: Ei, wenn es auch nur ein Glas ist, so hat es doch die schönen Farben, und es ist zum staunen, wie es in der kühlen feuchten Erde diese Farben empfangen konnte, und ich ließ es unter den Steinen liegen. Dieser Sammelgeist nun ist noch immer nicht von mir gewichen. Nicht nur trage ich noch heut zu Tage buchstäblich Steine in der Tasche nach Hause, um sie zu zeichnen oder zu malen, und ihre Abbilder dann weiter zu verwenden, sondern ich lege ja auch hier eine Sammlung von allerlei Spielereien und Kram für die Jugend an, an dem sie eine Freude haben, und den sie sich zur Betrachtung zurecht richten möge. Freilich müssen meine jungen Freunde zu dieser Sammlung bedeutend älter sein, als ich, da ich mir meine seltsamen Feldsteine zur Ergözung nach Hause trug. Es wird der Fall nicht eintreten, daß ein Juwel in der Sammlung sei, so wie kaum die Gefahr vor¬ handen ist, daß ich unter meinen Steinen einstens etwa einen ungeschliffenen Diamant oder Rubin ge¬ habt habe, und ohne mein Wissen unermeßlich reich gewesen sei. Wenn aber manches Glasstük unter diesen Dingen ist, so bitte ich meine Freunde, zu denken, wie ich bei meinem Glase gedacht habe: es hat doch allerlei Farben, und mag bei den Steinen belassen bleiben. Wenn man einem Verstorbenen eine Sammlung widmen könnte, würde ich diese meinem verstorbenen jungen Freunde Gustav widmen. Ich hatte ihn zu¬ fällig kennen gelernt, ihn lieb gewonnen und er hatte mir wie einem Vater vertraut. Er hatte Freude an Spielereien, so wie er auch gleich einem Mädchen noch immer gelegentlich ein Stükchen Naschwerk liebte, und, wenn er bei mir zu Tische war, auch stets bekam. Möge er in seiner lichteren Heimath manchmal an den älteren Freund denken, der noch immer in dieser Welt ist, und noch ein Stükchen Zeit da zu bleiben wünscht. Weil es unermeßlich viele Steine gibt, so kann ich gar nicht voraus sagen, wie groß diese Samm¬ lung werden wird. Im Herbste 1852. Der Verfasser. Granit . Stifter, Jugendschriften. I. 2 1. Granit. Vor meinem väterlichen Geburtshause dicht neben der Eingangsthür in dasselbe liegt ein großer acht¬ ekiger Stein von der Gestalt eines sehr in die Länge gezogenen Würfels. Seine Seitenflächen sind roh ausgehauen, seine obere Fläche aber ist von dem vielen Sizen so fein und glatt geworden, als wäre sie mit der kunstreichsten Glasur überzogen. Der Stein ist sehr alt, und niemand erinnert sich, von einer Zeit gehört zu haben, wann er gelegt worden sei. Die urältesten Greise unsers Hauses waren auf dem Steine gesessen, so wie jene, welche in zarter Jugend hinweggestorben waren, und nebst all den andern in dem Kirchhofe schlummern. Das Alter beweist auch der Umstand, daß die Sandsteinplatten, welche dem Steine zur Unterlage dienen, schon ganz ausgetreten, und dort, wo sie unter die Dachtraufe hinaus ragen, 2* mit tiefen Löchern von den herabfallenden Tropfen versehen sind. Eines der jüngsten Mitglieder unseres Hauses, welche auf dem Steine gesessen waren, war in meiner Knabenzeit ich. Ich saß gerne auf dem Steine, weil man wenigstens dazumal eine große Umsicht von dem¬ selben hatte. Jezt ist sie etwas verbaut worden. Ich saß gerne im ersten Frühlinge dort, wenn die milder werdenden Sonnenstrahlen die erste Wärme an der Wand des Hauses erzeugten. Ich sah auf die geaker¬ ten aber noch nicht bebauten Felder hinaus, ich sah dort manchmal ein Glas wie einen weißen feurigen Funken schimmern und glänzen, oder ich sah einen Geier vorüber fliegen, oder ich sah auf den fernen blaulichen Wald, der mit seinen Zaken an dem Him¬ mel dahin geht, an dem die Gewitter und Wolken¬ brüche hinabziehen, und der so hoch ist, daß ich meinte, wenn man auf den höchsten Baum desselben hinauf stiege, müßte man den Himmel angreifen können. Zu andern Zeiten sah ich auf der Straße, die nahe an dem Hause vorübergeht, bald einen Erndtewagen bald eine Heerde bald einen Hausirer vorüber ziehen. Im Sommer saß gerne am Abende auch der Gro߬ vater auf dem Steine, und rauchte sein Pfeifchen, und manchmal, wenn ich schon lange schlief, oder in den beginnenden Schlummer nur noch gebrochen die Töne hinein hörte, saßen auch theils auf dem Steine theils auf dem daneben befindlichen Holzbänkchen oder auf der Lage von Baubrettern junge Bursche und Mädchen, und sangen anmuthige Lieder in die finstere Nacht. Unter den Dingen, die ich von dem Steine aus sah, war öfter auch ein Mann von seltsamer Art. Er kam zuweilen auf der Hossenreuther Straße mit einem glänzenden schwarzen Schubkarren herauf gefahren. Auf dem Schubkarren hatte er ein glänzendes schwar¬ zes Fäßchen. Seine Kleider waren zwar vom Anfange an nicht schwarz gewesen, allein sie waren mit der Zeit sehr dunkel geworden, und glänzten ebenfalls. Wenn die Sonne auf ihn schien, so sah er aus, als wäre er mit Öhl eingeschmiert worden. Er hatte einen breiten Hut auf dem Haupte, unter dem die langen Haare auf den Naken hinabwallten. Er hatte ein braunes An¬ gesicht, freundliche Augen, und seine Haare hatten bereits die gelblich weiße Farbe, die sie bei Leuten unterer Stände, die hart arbeiten müssen, gerne be¬ kommen. In der Nähe der Häuser schrie er gewöhn¬ lich etwas, was ich nicht verstand. In Folge dieses Schreiens kamen unsere Nachbarn aus ihren Häusern heraus, hatten Gefäße in der Hand, die meistens schwarze hölzerne Kannen waren, und begaben sich auf unsere Gasse. Während dies geschah, war der Mann vollends näher gekommen, und schob seinen Schubkarren auf unsere Gasse herzu. Da hielt er stille, drehte den Hahn in dem Zapfen seines Fasses, und ließ einem jeden, der unterhielt, eine braune zähe Flüssigkeit in sein Gefäß rinnen, die ich recht gut als Wagenschmiere erkannte, und wofür sie ihm eine Anzahl Kreuzer oder Groschen gaben. Wenn alles vorüber war, und die Nachbarn sich mit ihrem Kaufe entfernt hatten, richtete er sein Faß wieder zusammen, strich alles gut hinein, was hervor gequollen war, und fuhr weiter. Ich war bei dem Vorfalle schier alle Male zugegen; denn wenn ich auch eben nicht auf der Gasse war, da der Mann kam, so hörte ich doch so gut wie die Nachbarn sein Schreien, und war gewiß eher auf dem Plaze als alle Andern. Eines Tages, da die Lenzsonne sehr freundlich schien, und alle Menschen heiter und schelmisch machte, sah ich ihn wieder die Hossenreuther Straße herauf¬ fahren. Er schrie in der Nähe der Häuser seinen ge¬ wöhnlichen Gesang, die Nachbarn kamen herbei, er gab ihnen ihren Bedarf, und sie entfernten sich. Als dieses geschehen war, brachte er sein Faß wie zu sonstigen Zeiten in Ordnung. Zum Hineinstreichen dessen, was sich etwa an dem Hahne oder durch das Lokern des Zapfens an den untern Faßdauben ange¬ sammelt hatte, hatte er einen langen schmalen flachen Löffel mit kurzem Stiele. Er nahm mit dem Löffel geschikt jedes Restchen Flüssigkeit, das sich in einer Fuge oder in einem Winkel verstekt hatte, heraus, und strich es bei den scharfen Rändern des Spund¬ loches hinein. Ich saß, da er dieses that, auf dem Steine, und sah ihm zu. Aus Zufall hatte ich bloße Füße, wie es öfter geschah, und hatte Höschen an, die mit der Zeit zu kurz geworden waren. Plözlich sah er von seiner Arbeit zu mir herzu, und sagte: „Willst du die Füsse eingeschmiert haben?“ Ich hatte den Mann stets für eine große Merk¬ würdigkeit gehalten, fühlte mich durch seine Vertrau¬ lichkeit geehrt, und hielt beide Füsse hin. Er fuhr mit seinem Löffel in das Spundloch, langte damit herzu, und that einen langsamen Strich auf jeden der beiden Füsse. Die Flüssigkeit breitete sich schön auf der Haut aus, hatte eine außerordentlich klare, goldbraune Farbe, und sandte die angenehmen Harzdüfte zu mir empor. Sie zog sich ihrer Natur nach allmählich um die Rundung meiner Füsse herum, und an ihnen hinab. Der Mann fuhr indessen in seinem Geschäfte fort, er hatte ein paar Male lächelnd auf mich herzu geblikt, dann stekte er seinen Löffel in eine Scheide neben das Faß, schlug oben das Spundloch zu, nahm die Tragbänder des Schubkarrens auf sich, hob letzteren empor, und fuhr damit davon. Da ich nun allein war, und ein zwar halb angenehmes aber de߬ ungeachtet auch nicht ganz beruhigtes Gefühl hatte, wollte ich mich doch auch der Mutter zeigen. Mit vorsichtig in die Höhe gehaltenen Höschen ging ich in die Stube hinein. Es war eben Samstag, und an jedem Samstage mußte die Stube sehr schön gewaschen und gescheuert werden, was auch heute am Morgen geschehen war, so wie der Wagenschmiermann gerne an Samstagen kam, um am Sonntage da zu bleiben, und in die Kirche zu gehen. Die gut ausgelaugte und wieder getroknete Holzfaser des Fußbodens nahm die Wagenschmiere meiner Füsse sehr begierig auf, so daß hinter jedem meiner Tritte eine starke Tappe auf dem Boden blieb. Die Mutter saß eben, da ich herein kam, an dem Fenstertische vorne, und nähte. Da sie mich so kommen und vorwärts schreiten sah, sprang sie auf. Sie blieb einen Augenblik in der Schwebe, entweder weil sie mich so bewunderte, oder weil sie sich nach einem Werkzeuge umsah, mich zu empfangen. Endlich aber rief sie: „Was hat denn dieser heillose einge¬ fleischte Sohn heute für Dinge an sich?“ Und damit ich nicht noch weiter vorwärts ginge, eilte sie mir entgegen, hob mich empor, und trug mich meines Schrekes und ihrer Schürze nicht achtend in das Vorhaus hinaus. Dort ließ sie mich nieder, nahm unter der Bodenstiege, wohin wir, weil es an einem andern Orte nicht erlaubt war, alle nach Hause ge¬ brachten Ruthen und Zweige legen mußten, und wo ich selber in den lezten Tagen eine große Menge die¬ ser Dinge angesammelt hatte, heraus, was sie nur immer erwischen konnte, und schlug damit so lange und so heftig gegen meine Füsse, bis das ganze Laub¬ werk der Ruthen, meine Höschen, ihre Schürze, die Steine des Fußbodens und die Umgebung voll Pech waren. Dann ließ sie mich los, und ging wieder in die Stube hinein. Ich war, obwohl es mir schon von Anfange bei der Sache immer nicht so ganz vollkommen geheuer gewesen war, doch über diese fürchterliche Wendung der Dinge, und weil ich mit meiner theuersten Ver¬ wandten dieser Erde in dieses Zerwürfniß gerathen war, gleichsam vernichtet. In dem Vorhause befindet sich in einer Eke ein großer Steinwürfel, der den Zwek hat, daß auf ihm das Garn zu den Haus¬ weben mit einem hölzernen Schlägel geklopft wird. Auf diesen Stein wankte ich zu, und ließ mich auf ihn nieder. Ich konnte nicht einmal weinen, das Herz war mir gepreßt, und die Kehle wie mit Schnüren zugeschnürt. Drinnen hörte ich die Mutter und die Magd berathschlagen, was zu thun sei, und fürch¬ tete, daß, wenn die Pechspuren nicht weg gingen, sie wieder herauskommen und mich weiter züchtigen würden. In diesem Augenblike ging der Großvater bei der hintern Thür, die zu dem Brunnen und auf die Gartenwiese führt, herein, und ging gegen mich her¬ vor. Er war immer der Gütige gewesen, und hatte, wenn was immer für ein Unglük gegen uns Kinder herein gebrochen war, nie nach dem Schuldigen gefragt, sondern nur stets geholfen. Da er nun zu dem Plaze, auf dem ich saß, hervor gekommen war, blieb er stehen, und sah mich an. Als er den Zustand, in welchem ich mich befand, begriffen hatte, fragte er, was es denn gegeben habe, und wie es mit mir so geworden sei. Ich wollte mich nun erleichtern, allein ich konnte auch jezt wieder nichts erzählen, denn nun brachen bei dem Anblike seiner gütigen und wohl¬ meinenden Augen alle Thränen, die früher nicht her¬ vor zu kommen vermocht hatten, mit Gewalt heraus, und rannen in Strömen herab, so daß ich vor Weinen und Schluchzen nur gebrochene und verstümmelte Laute hervorbringen, und nichts thun konnte, als die Füßchen empor heben, auf denen jezt auch aus dem Peche noch das häßliche Roth der Züchtigung her¬ vor sah. Er aber lächelte, und sagte: „So komme nur her zu mir, komme mit mir.“ Bei diesen Worten nahm er mich bei der Hand, zog mich sanft von dem Steine herab, und führte mich, der ich ihm vor Ergriffenheit kaum folgen konnte, durch die Länge des Vorhauses zurük, und in den Hof hinaus. In dem Hofe ist ein breiter mit Steinen gepflasterter Gang, der rings an den Bauwerken her¬ um läuft. Auf diesem Gange stehen unter dem Über¬ dache des Hauses gewöhnlich einige Schemel oder derlei Dinge, die dazu dienen, daß sich die Mägde beim Hecheln des Flachses oder andern ähnlichen Arbeiten darauf nieder sezen können, um vor dem Unwetter geschüzt zu sein. Zu einem solchen Schemel führte er mich hinzu, und sagte: „Seze dich da nieder, und warte ein wenig, ich werde gleich wieder kommen.“ Mit diesen Worten ging er in das Haus, und nachdem ich ein Weilchen gewartet hatte, kam er wieder heraus, indem er eine große, grünglasirte Schüssel, einen Topf mit Wasser und Seife und Tücher in den Händen trug. Diese Dinge stellte er neben mir auf das Steinpflaster nieder, zog mir, der ich auf dem Schemel saß, meine Höschen aus, warf sie seitwärts, goß warmes Wasser in die Schüssel, stellte meine Füsse hinein, und wusch sie so lange mit Seife und Wasser, bis ein großer weiß und braunge¬ fleckter Schaumberg auf der Schüssel stand, die Wa¬ genschmiere, weil sie noch frisch war, ganz wegge¬ gangen, und keine Spur mehr von Pech auf der Haut zu erbliken war. Dann troknete er mit den Tüchern die Füsse ab, und fragte: „Ist es nun gut?“ Ich lachte fast unter den Thränen, ein Stein nach dem andern war mir während des Waschens von dem Herzen gefallen, und waren die Thränen schon linder geflossen, so drangen sie jezt nur mehr einzeln aus den Augen hervor. Er holte mir nun auch andere Höschen, und zog sie mir an. Dann nahm er das troken gebliebene Ende der Tücher, wischte mir damit das verweinte Angesicht ab, und sagte: „Nun gehe da über den Hof bei dem großen Einfahrtsthore auf die Gasse hinaus, daß dich niemand sehe, und daß du niemanden in die Hände fallest. Auf der Gasse warte auf mich, ich werde dir andere Kleider bringen, und mich auch ein wenig umkleiden. Ich gehe heute in das Dorf Melm, da darfst du mit gehen und da wirst du mir erzählen, wie sich dein Unglük ereignet hat, und wie du in diese Wagenschmiere gerathen bist. Die Sachen lassen wir da liegen, es wird sie schon jemand hinweg räumen.“ Mit diesen Worten schob er mich gegen den Hof, und ging in das Haus zurük. Ich schritt leise über den Hof, und eilte bei dem Einfahrtsthore hinaus. Auf der Gasse ging ich sehr weit von dem großen Steine und von der Hausthür weg, damit ich sicher wäre, und stellte mich auf eine Stelle, von welcher ich von ferne in die Hausthür hinein sehen konnte. Ich sah, daß auf dem Plaze, auf welchem ich gezüch¬ tigt worden war, zwei Mägde beschäftigt waren, welche auf dem Boden knieten, und mit den Händen auf ihm hin und her fuhren. Wahrscheinlich waren sie bemüht, die Pechspuren, die von meiner Züchti¬ gung entstanden waren, weg zu bringen. Die Haus¬ schwalbe flog kreischend bei der Thür aus und ein, weil heute unter ihrem Neste immer Störung war, erst durch meine Züchtigung und nun durch die arbei¬ tenden Mägde. An der äußersten Grenze unserer Gasse sehr weit von der Hausthür entfernt, wo der kleine Hügel, auf dem unser Haus steht, schon gegen die vorbeigehende Strasse abzufallen beginnt, lagen einige ausgehauene Stämme, die zu einem Baue oder zu einem anderen ähnlichen Werke bestimmt waren. Auf diese sezte ich mich nieder, und wartete. Endlich kam der Großvater heraus. Er hatte seinen breiten Hut auf dem Haupte, hatte seinen langen Rok an, den er gerne an Sonntagen nahm, und trug seinen Stok in der Hand. In der andern hatte er aber auch mein blaugestreiftes Jäkchen, weiße Strümpfe, schwarze Schnürstiefelchen und mein graues Filzhütchen. Das alles half er mir anziehen, und sagte: „So, jezt gehen wir.“ Wir gingen auf dem schmalen Fußwege durch das Grün unsers Hügels auf die Strasse hinab, und gingen auf der Strasse fort, erst durch die Häuser der Nachbarn, auf denen die Frühlingssonne lag, und von denen die Leute uns grüßten, und dann in das Freie hinaus. Dort strekte sich ein weites Feld und schöner grüner Rasen vor uns hin, und heller freund¬ licher Sonnenschein breitete sich über alle Dinge der Welt. Wir gingen auf einem weißen Wege zwischen dem grünen Rasen dahin. Mein Schmerz und mein Kummer war schon beinahe verschwunden, ich wußte, daß ein guter Ausgang nicht fehlen konnte, da der Großvater sich der Sache annahm, und mich beschüzte; die freie Luft und die scheinende Sonne übten einen beruhigenden Einfluß, und ich empfand das Jäkchen sehr angenehm auf meinen Schultern und die Stie¬ felchen an den Füssen, und die Luft floß sanft durch meine Haare. Als wir eine Weile auf der Wiese gegangen waren, wie wir gewöhnlich gingen, wenn er mich mit nahm, nehmlich daß er seine großen Schritte milderte, aber noch immer große Schritte machte, und ich theilweise neben ihm trippeln mußte, sagte der Großvater: „Nun sage mir doch auch einmal, wie es denn geschehen ist, daß du mit so vieler Wagenschmiere zusammen ge¬ rathen bist, daß nicht nur deine ganzen Höschen voll Pech sind, daß deine Füsse voll waren, daß ein Pech¬ flek in dem Vorhause ist, mit Pech besudelte Ruthen herum liegen, sondern daß auch im ganzen Hause, wo man nur immer hin kömmt, Fleken von Wagen¬ schmiere anzutreffen sind. Ich habe deiner Mutter schon gesagt, daß du mit mir gehest, du darfst nicht mehr besorgt sein, es wird dich keine Strafe mehr treffen.“ Ich erzählte ihm nun, wie ich auf dem Steine gesessen sei, wie der Wagenschmiermann gekommen sei, wie er mich gefragt habe, ob ich meine Füsse ein¬ geschmiert haben wolle, wie ich sie ihm hingehalten, und wie er auf jeden einen Strich gethan habe, wie ich in die Stube gegangen sei, um mich der Mutter zu zeigen, wie sie aufgesprungen sei, wie sie mich genom¬ men, in das Vorhaus getragen, mich mit meinen eigenen Ruthen gezüchtiget habe, und wie ich darnach auf dem Steine sizen geblieben sei. „Du bist ein kleines Närrlein,“ sagte der Gro߬ vater, „und der alte Andreas ist ein arger Schalk, er hat immer solche Streiche ausgeführt, und wird jezt heimlich und wiederholt bei sich lachen, daß er den Einfall gehabt hat. Dieser Hergang bessert deine Sache sehr. Aber siehst du, auch der alte Andreas, so übel wir seine Sache ansehen mögen, ist nicht so schuldig, als wir andern uns denken; denn woher soll denn der alte Andreas wissen, daß die Wagen¬ schmiere für die Leute eine so schrekende Sache ist, und daß sie in einem Hause eine solche Unordnung anrichten kann; denn für ihn ist sie eine Waare, mit der er immer umgeht, die ihm seine Nahrung gibt, die er liebt, und die er sich immer frisch holt, wenn sie ihm ausgeht. Und wie soll er von gewaschenen Fußböden etwas wissen, da er Jahr aus Jahr ein bei Regen und Sonnenschein mit seinem Fasse auf der Strasse ist, bei der Nacht oder an Feiertagen in einer Scheune schläft, und an seinen Kleidern Heu oder Halme kleben hat. Aber auch deine Mutter hat Recht; sie mußte glauben, daß du dir leichtsinniger Weise die Füsse selber mit so vieler Wagenschmiere beschmiert habest, und daß du in die Stube gegangen seiest, den schönen Boden zu besudeln. Aber lasse nur Zeit, sie wird schon zur Einsicht kommen, sie wird alles ver¬ stehen, und alles wird gut werden. Wenn wir dort auf jene Höhe hinauf gelangen, von der wir weit herum sehen, werde ich dir eine Geschichte von solchen Pechmännern erzählen, wie der alte Andreas ist, die sich lange vorher zugetragen hat, ehe du geboren wurdest, und ehe ich geboren wurde, und aus der du ersehen wirst, welche wunderbare Schiksale die Men¬ schen auf der Welt des lieben Gottes haben können. Und wenn du stark genug bist, und gehen kannst, so lasse ich dich in der nächsten Woche nach Spizenberg und in die Hirschberge mitgehen, und da wirst du am Wege im Fichtengrunde eine solche Brennerei sehen, wo sie die Wagenschmiere machen, wo sich der alte Andreas seinen Vorrath immer holt, und wo also das Pech her ist, womit dir heute die Füsse einge¬ schmiert worden sind.“ „Ja, Großvater,“ sagte ich, „ich werde recht stark sein.“ „Nun das wird gut sein,“ antwortete er, „und du darfst mitgehen.“ Bei diesen Worten waren wir zu einer Mauer Stifter, Jugendschriften. I. 3 aus losen Steinen gelangt, jenseits welcher eine grüne Wiese mit dem weißen Fußpfade war. Der Großvater stieg über den Steigstein, indem er seinen Stok und seinen Rok nach sich zog, und mir, der ich zu klein war, hinüber half; und wir gingen dann auf dem reinen Pfade weiter. Ungefähr in der Mitte der Wiese blieb er stehen, und zeigte auf die Erde, wo unter einem flachen Steine ein klares Wässerlein hervor quoll, und durch die Wiese fortrann. „Das ist das Behringer Brünnlein,“ sagte er, „welches das beste Wasser in der Gegend hat, aus¬ genommen das wunderthätige Wasser, welches auf dem Brunnberge in dem überbauten Brünnlein ist, in dessen Nähe die Gnadenkapelle zum guten Wasser steht. Manche Menschen holen sich aus diesem Brünn¬ lein da ihr Trinkwasser, mancher Feldarbeiter geht weit herzu, um da zu trinken, und mancher Kranke hat schon aus entfernten Gegenden mit einem Kruge hieher geschikt, damit man ihm Wasser bringe. Merke dir den Brunnen recht gut.“ „Ja, Großvater,“ sagte ich. Nach diesen Worten gingen wir wieder weiter. Wir gingen auf dem Fußpfade durch die Wiese, wir gingen auf einem Wege zwischen Feldern empor, und kamen zu einem Grunde, der mit dichtem kurzem fast grauem Rasen bedekt war, und auf dem nach allen Richtungen hin in gewissen Entfernungen von einan¬ der Föhren standen. „Das, worauf wir jezt gehen,“ sagte der Gro߬ vater, „sind die Dürrschnäbel, es ist ein seltsamer Name, entweder kömmt er von dem trokenen dürren Boden, oder von dem mageren Kräutlein, das tau¬ sendfältig auf dem Boden sizt, und dessen Blüthe ein weißes Schnäblein hat mit einem gelben Zünglein darin. Siehe, die mächtigen Föhren gehören den Bürgern zu Oberplan je nach der Steuerbarkeit, sie haben die Nadeln nicht in zwei Zeilen, sondern in Scheiden wie grüne Borstbüschel, sie haben das geschmeidige fette Holz, sie haben das gelbe Pech, sie streuen sparsamen Schatten, und wenn ein schwaches Lüftchen geht, so hört man die Nadeln ruhig und langsam sausen.“ Ich hatte Gelegenheit, als wir weiter gingen, die Wahrheit dessen zu beobachten, was der Gro߬ vater gesagt hatte. Ich sah eine Menge der wei߬ gelben Blümlein auf dem Boden, ich sah den grauen Rasen, ich sah auf manchem Stamme das Pech wie goldene Tropfen stehen, ich sah die unzähligen Nadel¬ büschel auf den unzähligen Zweigen gleichsam aus winzigen dunkeln Stiefelchen heraus ragen, und ich 3* hörte, obgleich kaum ein Lüftchen zu verspüren war, das ruhige Sausen in den Nadeln. Wir gingen immer weiter, und der Weg wurde ziemlich steil. Auf einer etwas höheren und freieren Stelle blieb der Großvater stehen, und sagte: „So, da warten wir ein wenig.“ Er wendete sich um, und nachdem wir uns von der Bewegung des Aufwärtsgehens ein wenig aus¬ geathmet hatten, hob er seinen Stok empor, und zeigte auf einen entfernten mächtigen Waldrüken in der Richtung, aus der wir gekommen waren, und fragte: „Kannst du mir sagen, was das dort ist?“ „Ja, Großvater,“ antwortete ich, „das ist die Alpe, auf welcher sich im Sommer eine Viehheerde befindet, die im Herbste wieder herabgetrieben wird.“ „Und was ist das, das sich weiter vorwärts von der Alpe befindet?“ fragte er wieder. „Das ist der Hüttenwald,“ antwortete ich. „Und rechts von der Alpe und dem Hüttenwalde?“ „Das ist der Philippgeorgsberg.“ „Und rechts von dem Philippgeorgsberge?“ „Das ist der Seewald, in welchem sich das dunkle und tiefe Seewasser befindet.“ „Und wieder rechts von dem Seewalde?“ „Das ist der Blokenstein und der Sesselwald.“ „Und wieder rechts?“ „Das ist der Tussetwald.“ „Und weiter kannst du sie nicht kennen; aber da ist noch mancher Waldrüken mit manchem Namen, sie gehen viele Meilen weit in die Länder fort. Einst waren die Wälder noch viel größer als jezt. Da ich ein Knabe war, reichten sie bis Spizenberg und die vordern Stiftshäuser, es gab noch Wölfe darin, und die Hirsche konnten wir in der Nacht, wenn eben die Zeit war, bis in unser Bette hinein brüllen hören. Siehst du die Rauchsäule dort, die aus dem Hütten¬ walde aufsteigt?“ „Ja, Großvater, ich sehe sie.“ „Und weiter zurük wieder eine aus dem Walde der Alpe?“ „Ja, Großvater.“ „Und aus den Niederungen des Philippgeorgs¬ berges wieder eine?“ „Ich sehe sie, Großvater.“ „Und weit hinten im Kessel des Seewaldes, den man kaum erbliken kann, noch eine, die so schwach ist, als wäre sie nur ein blaues Wölklein?“ „Ich sehe sie auch, Großvater.“ „Siehst du, diese Rauchsäulen kommen alle von den Menschen, die in dem Walde ihre Geschäfte trei¬ ben. Da sind zuerst die Holzknechte, die an Stellen die Bäume des Waldes umsägen, daß nichts übrig ist als Strünke und Strauchwerk. Sie zünden ein Feuer an, um ihre Speisen daran zu kochen, und um auch das unnöthige Reisig und die Äste zu ver¬ brennen. Dann sind die Kohlenbrenner, die einen großen Meiler thürmen, ihn mit Erde und Reisern bedecken, und in ihm aus Scheitern die Kohlen brennen, die du oft in großen Säken an unserem Hause vorbei in die ferneren Gegenden hinaus führen siehst, die nichts zu brennen haben. Dann sind die Heusucher, die in den kleinen Wiesen und in den von Wald entblößten Stellen das Heu machen, oder es auch mit Sicheln zwischen dem Gesteine schneiden. Sie machen ein Feuer, um ebenfalls daran zu kochen, oder daß sich ihr Zugvieh in den Rauch lege, und dort weniger von den Fliegen geplagt werde. Dann sind die Sammler, welche Holzschwämme, Arznei¬ dinge, Beeren und andere Sachen suchen, und auch gerne ein Feuer machen, sich daran zu laben. Endlich sind die Pechbrenner, die sich aus Walderde Öfen bauen, oder Löcher mit Lehm überwölben, und dane¬ ben sich Hütten aus Waldbäumen aufrichten, um in den Hütten zu wohnen, und in den Öfen und Löchern die Wagenschmiere zu brennen, aber auch den Theer, den Terpentin und andere Geister. Wo ein ganz dünnes Rauchfädlein aufsteigt, mag es auch ein Jäger sein, der sich sein Stüklein Fleisch bratet, oder der Ruhe pflegt. Alle diese Leute haben keine blei¬ bende Stätte in dem Walde; denn sie gehen bald hierhin bald dorthin, je nachdem sie ihre Arbeit gethan haben, oder ihre Gegenstände nicht mehr fin¬ den. Darum haben auch die Rauchsäulen keine blei¬ bende Stelle, und heute siehest du sie hier und ein anderes Mal an einem anderen Plaze.“ „Ja, Großvater.“ „Das ist das Leben der Wälder. Aber laß uns nun auch das außerhalb betrachten. Kannst du mir sagen, was das für weiße Gebäude sind, die wir da durch die Doppelföhre hin sehen?“ „Ja, Großvater, das sind die Pranghöfe.“ „Und weiter von den Pranghöfen links?“ „Das sind die Häuser von Vorder– und Hinter¬ stift.“ „Und wieder weiter links?“ „Das ist Glökelberg.“ „Und weiter gegen uns her am Wasser?“ „Das ist die Hammermühle und der Bauer David.“ „Und die vielen Häuser ganz in unserer Nähe, aus denen die Kirche emporragt, und hinter denen ein Berg ist, auf welchem wieder ein Kirchlein steht?“ „Aber, Großvater, das ist ja unser Marktfleken Oberplan, und das Kirchlein auf dem Berge ist das Kirchlein zum guten Wasser.“ „Und wenn die Berge nicht wären und die An¬ höhen, die uns umgeben, so würdest du noch viel mehr Häuser und Ortschaften sehen: Die Karlshöfe, Stuben, Schwarzbach, Langenbruk, Melm, Honnet¬ schlag, und auf der entgegengesezten Seite Pichlern, Pernek, Salnau und mehrere andere. Das wirst du einsehen, daß in diesen Ortschaften viel Leben ist, daß dort viele Menschen Tag und Nacht um ihren Lebens¬ unterhalt sich abmühen, und die Freude genießen, die uns hienieden gegeben ist. Ich habe dir darum die Wälder gezeigt und die Ortschaften, weil sich in ihnen die Geschichte zugetragen hat, welche ich dir im Heraufgehen zu erzählen versprochen habe. Aber laß uns weiter gehen, daß wir bald unser Ziel erreichen, ich werde dir die Geschichte im Gehen erzählen.“ Der Großvater wendete sich um, ich auch, er sezte die Spize seines Stokes in die magere Rasenerde, wir gingen weiter, und er erzählte: „In allen diesen Wäldern und in allen diesen Ortschaften hat sich einst eine merkwürdige Thatsache ereignet, und es ist ein großes Ungemach über sie gekommen. Mein Großva¬ ter, dein Ururgroßvater, der zu damaliger Zeit gelebt hat, hat es uns oft erzählt. Es war einmal in einem Frühlinge, da die Bäume kaum ausgeschlagen hatten, da die Blüthenblätter kaum abgefallen waren, daß eine schwere Krankheit über diese Gegend kam, und in allen Ortschaften, die du gesehen hast, und auch in jenen, die du wegen vorstehender Berge nicht hast sehen können, ja sogar in den Wäldern, die du mir gezeigt hast, ausgebrochen ist. Sie ist lange vorher in ent¬ fernten Ländern gewesen, und hat dort unglaublich viele Menschen dahin gerast. Plözlich ist sie zu uns herein gekommen. Man weiß nicht, wie sie gekommen ist: haben sie die Menschen gebracht, ist sie in der mil¬ den Frühlingsluft gekommen, oder haben sie Winde und Regenwolken daher getragen: genug sie ist ge¬ kommen, und hat sich über alle Orte ausgebreitet, die um uns herum liegen. Über die weißen Blüthenblät¬ ter, die noch auf dem Wege lagen, trug man die Tod¬ ten dahin, und in dem Kämmerlein, in das die Früh¬ lingsblätter hinein schauten, lag ein Kranker, und es pflegte ihn einer, der selbst schon krankte. Die Seuche wurde die Pest geheißen, und in fünf bis sechs Stunden war der Mensch gesund und todt, und selbst die, welche von dem Übel genasen, waren nicht mehr recht gesund und recht krank, und konnten ihren Ge¬ schäften nicht nachgehen. Man hatte vorher in Winter¬ abenden erzählt, wie in andern Ländern eine Krankheit sei, und die Leute an ihr wie an einem Strafgerichte dahin sterben; aber niemand hatte geglaubt, daß sie in unsere Wälder herein kommen werde, weil nie etwas Fremdes zu uns herein kömmt, bis sie kam. In den Rathschlägerhäusern ist sie zuerst ausgebro¬ chen, und es starben gleich alle, die an ihr erkrankten. Die Nachricht verbreitete sich in der Gegend, die Menschen erschraken, und rannten gegen einander. Einige warteten, ob es weiter greifen würde, andere flohen, und trafen die Krankheit in den Gegenden, in welche sie sich gewendet hatten. Nach einigen Tagen brachte man schon die Todten auf den Oberplaner Kirchhof, um sie zu begraben, gleich darauf von nahen und fernen Dörfern und von dem Marktfleken selbst. Man hörte fast den ganzen Tag die Zügengloke läu¬ ten, und das Todtengeläute konnte man nicht mehr jedem einzelnen Todten verschaffen, sondern man läutete es allgemein für alle. Bald konnte man sie auch nicht mehr in dem Kirchhofe begraben, sondern man machte große Gruben auf dem freien Felde, that die Todten hinein, und scharrte sie mit Erde zu. Von manchem Hause ging kein Rauch empor, in manchem hörte man das Vieh brüllen, weil man es zu füttern vergessen hatte, und manches Rind ging verwildert herum, weil niemand war, es von der Weide in den Stall zu bringen. Die Kinder liebten ihre Eltern nicht mehr und die Eltern die Kinder nicht, man warf nur die Todten in die Grube, und ging davon. Es reiften die rothen Kirschen, aber niemand dachte an sie, und niemand nahm sie von den Bäumen, es reif¬ ten die Getreide, aber sie wurden nicht in der Ordnung und Reinlichkeit nach Hause gebracht, wie sonst, ja manche wären gar nicht nach Hause gekommen, wenn nicht doch noch ein mitleidiger Mann sie einem Büb¬ lein oder Mütterlein, die allein in einem Hause ge¬ sund geblieben waren, einbringen geholfen hätte. Eines Sonntages, da der Pfarrer von Oberplan die Kanzel bestieg, um die Predigt zu halten, waren mit ihm sieben Personen in der Kirche; die andern waren gestorben, oder waren krank oder bei der Krankenpflege, oder aus Wirrniß und Starrsinn nicht gekommen. Als sie dieses sahen, brachen sie in ein lautes Weinen aus, der Pfarrer konnte keine Predigt halten, sondern las eine stille Messe, und man ging auseinander. Als die Krankheit ihren Gipfel erreicht hatte, als die Menschen nicht mehr wußten, sollten sie in dem Him¬ mel oder auf der Erde Hilfe suchen, geschah es, daß ein Bauer aus dem Amischhause von Melm nach Oberplan ging. Auf der Drillingsföhre saß ein Vög¬ lein und sang: „Eßt Enzian und Pimpinell, Steht auf, sterbt nicht so schnell. Eßt Enzian und Pimpinell Steht auf, sterbt nicht so schnell.“ Der Bauer entfloh, er lief zu dem Pfarrer nach Ober¬ plan und sagte ihm die Worte, und der Pfarrer sagte sie den Leuten. Diese thaten, wie das Vöglein ge¬ sungen hatte, und die Krankheit minderte sich immer mehr und mehr, und noch ehe der Haber in die Stop¬ peln gegangen war, und ehe die braunen Haselnüsse an den Büschen der Zäune reiften, war sie nicht mehr vorhanden. Die Menschen getrauten sich wieder her¬ vor, in den Dörfern ging der Rauch empor, wie man die Betten und die andern Dinge der Kranken ver¬ brannte, weil die Krankheit sehr anstekend gewesen war; viele Häuser wurden neu getüncht und ge¬ scheuert, und die Kirchengloken tönten wieder fried¬ fertige Töne, wenn sie entweder zu dem Gebete riefen oder zu den heiligen Festen der Kirche.“ In dem Augenblike gleichsam wie durch die Worte hervor gerufen tönte hell klar und rein mit ihren deutlichen tiefen Tönen die große Gloke von dem Thurme zu Oberplan, und die Klänge kamen zu uns unter die Föhren herauf. „Siehe,“ sagte der Großvater, „ist es schon vier Uhr, und schon Feierabendläuten; siehst du, Kind, diese Zunge sagt uns beinahe mit vernehmlichen Worten, wie gut und wie glüklich und wie befriedigt wieder alles in dieser Gegend ist.“ Wir hatten uns bei diesen Worten umgekehrt, und schauten nach der Kirche zurük. Sie ragte mit ihrem dunkeln Ziegeldache und mit ihrem dunkeln Thurme, von dem die Töne kamen, empor, und die Häuser drängten sich wie eine graue Taubenschaar um sie. „Weil es Feierabend ist,“ sagte der Großvater, „müssen wir ein kurzes Gebeth thun.“ Er nahm seinen Hut von dem Haupte, machte ein Kreuz, und bethete. Ich nahm auch mein Hütchen ab, und bethete ebenfalls. Als wir geendet, die Kreuze gemacht, und unsere Kopfbedekungen wieder aufgesezt hatten, sagte der Großvater: „Es ist ein schöner Gebrauch, daß am Samstage nachmittags mit der Gloke dieses Zeichen gegeben wird, daß nun der Vorabend des Festes des Herrn beginne, und daß alles strenge Irdische ruhen müsse, wie ich ja auch an Samstagen nachmittags keine ernste Arbeit vornehme, sondern höchstens einen Gang in benachbarte Dörfer mache. Der Gebrauch stammt von den Heiden her, die früher in den Gegenden waren, denen jeder Tag gleich war, und denen man, als sie zum Christen¬ thume bekehrt waren, ein Zeichen geben mußte, daß der Gottestag im Anbrechen sei. Einstens wurde dieses Zeichen sehr beachtet; denn wenn die Gloke klang, betheten die Menschen, und sezten ihre harte Arbeit zu Hause oder auf dem Felde aus. Deine Großmutter, als sie noch ein junges Mädchen war, kniete jederzeit bei dem Feierabendläuten nieder, und that ein kurzes Gebeth. Wenn ich damals an Samstag- Abenden, so wie ich jezt in andere Gegenden gehe, nach Glökelberg ging, denn deine Großmutter ist von dem vordern Glökelberg zu Hause, so kniete sie oft bei dem Klange des Dorfglökleins mit ihrem rothen Leibchen und schneeweißen Rökchen neben dem Gehege nieder, und die Blüthen des Geheges waren eben so weiß und roth wie ihre Kleider.“ „Großvater, sie bethet jezt auch noch immer, wenn Feierabend geläutet wird, in der Kammer neben dem blauen Schreine, der die rothen Blumen hat,“ sagte ich. „Ja, das thut sie,“ erwiederte er, „aber die andern Leute beachten das Zeichen nicht, sie arbeiten fort auf dem Felde, und arbeiten fort in der Stube, wie ja auch die Schlage unsers Nachbars des Webers selbst an Samstagabenden forttönt, bis es Nacht wird, und die Sterne am Himmel stehen.“ „Ja, Großvater.“ „Das wirst du aber nicht wissen, daß Oberplan das schönste Geläute in der ganzen Gegend hat. Die Gloken sind gestimmt, wie man die Saiten einer Geige stimmt, daß sie gut zusammen tönen. Darum kann man auch keine mehr dazu machen, wenn eine bräche, oder einen Sprung bekäme, und mit der Schönheit des Geläutes wäre es vorüber. Als dein Oheim Simon einmal vor dem Feinde im Felde lag, und krank war, sagte er, da ich ihn besuchte: „„Vater, wenn ich nur noch einmal das Oberplaner Glöklein hören könnte!““ aber er konnte es nicht mehr hören, und mußte sterben.“ In diesem Augenblike hörte die Gloke zu tönen auf, und es war wieder nichts mehr auf den Feldern als das freundliche Licht der Sonne. „Komme, lasse uns weiter gehen,“ sagte der Großvater. Wir gingen auf dem grauen Rasen zwischen den Stämmen weiter, immer von einem Stamme zum andern. Es wäre wohl ein ausgetretener Weg ge¬ wesen, aber auf dem Rasen war es weicher und schöner zu gehen. Allein die Sohlen meiner Stiefel waren von dem kurzen Grase schon so glatt gewor¬ den, daß ich kaum einen Schritt mehr zu thun ver¬ mochte, und beim Gehen nach allen Richtungen ausglitt. Da der Großvater diesen Zustand bemerkt hatte, sagte er: „Du mußt mit den Füssen nicht so schleifen; auf diesem Grase muß man den Tritt gleich hinstellen, daß er gilt, sonst bohnt man die Sohlen glatt, und es ist kein sicherer Halt möglich. Siehst du, alles muß man lernen, selbst das Gehen. Aber komme, reiche mir die Hand, ich werde dich führen, daß du ohne Mühsal fort kömmst.“ Er reichte mir die Hand, ich faßte sie, und ging nun gestüzt und gesicherter weiter. Der Großvater zeigte nach einer Weile auf einen Baum, und sagte: „Das ist die Drillingsföhre.“ Ein großer Stamm ging in die Höhe, und trug drei schlanke Bäume, welche in den Lüften ihre Äste und Zweige vermischten. Zu seinen Füssen lag eine Menge herabgefallener Nadeln. „Ich weiß es nicht,“ sagte der Großvater, „hatte das Vöglein die Worte gesungen, oder hat sie Gott dem Manne in das Herz gegeben: aber die Dril¬ lingsföhre darf nicht umgehauen werden, und ihrem Stamme und ihren Ästen darf kein Schaden geschehen.“ Ich sah mir den Baum recht an, dann gingen wir weiter, und kamen nach einiger Zeit allmählich aus den Dürrschnäbeln hinaus. Die Stämme wurden dünner, sie wurden seltener, hörten endlich ganz auf, und wir gingen auf einem sehr steinigen Wege zwischen Fel¬ dern, die jezt wieder erschienen, hinauf. Hier zeigte mir der Großvater wieder einen Baum, und sagte: „Siehe, das ist die Machtbuche, das ist der bedeut¬ samste Baum in der Gegend, er wächst aus dem stei¬ nigsten Grunde empor, den es gibt. Siehe, darum ist sein Holz auch so fest wie Stein, darum ist sein Stamm so kurz, die Zweige stehen so dicht, und halten die Blätter fest, daß die Krone gleichsam eine Kugel bildet, durch die nicht ein einziges Äuglein des Himmels hindurch schauen kann. Wenn es Win¬ ter werden will, sehen die Leute auf diesen Baum und sagen: Wenn einmal die Herbstwinde durch das dürre Laub der Machtbuche sausen, und ihre Blätter auf dem Boden dahin treiben, dann kömmt bald der Winter. Und wirklich hüllen sich in kurzer Zeit die Hügel und Felder in die weiße Deke des Schnees. Merke dir den Baum, und denke in späten Jahren, wenn ich längst im Grabe liege, daß es dein Gro߬ vater gewesen ist, der ihn dir zuerst gezeigt hat.“ Von dieser Buche gingen wir noch eine kleine Stifter, Jugendschriften. I. 4 Zeit aufwärts, und kamen dann auf die Schneide¬ linie der Anhöhe, von der wir auf die jenseitigen Gegenden hinüber sahen, und das Dorf Melm in einer Menge von Bäumen zu unsern Füßen erblikten. Der Großvater blieb hier stehen, zeigte mit seinem Stoke auf einen entfernten Wald, und sagte: „Siehst du, dort rechts hinüber der dunkle Wald ist der Rindlesberg, hinter dem das Dorf Rindles liegt, das wir nicht sehen können. Weiter links, wenn der Nadelwald nicht wäre, würdest du den großen Alsch¬ hof erbliken. Zur Zeit der Pest ist in dem Alschhofe alles ausgestorben bis auf eine einzige Magd, welche das Vieh, das in dem Alschhofe ist, pflegen mußte, zwei Reihen Kühe, von denen die Milch zu dem Käse kömmt, den man in dem Hofe bereitet, dann die Stiere und das Jungvieh. Diese mußte sie viele Wochen lang nähren und warten, weil die Seuche den Thieren nichts anhaben konnte, und sie fröhlich und munter blieben, bis ihre Herrschaft Kenntniß von dem Ereigniße erhielt, und von den übrig gebliebenen Menschen ihr einige zu Hilfe sendete. In der großen Hammermühle, die du mir im Heraufgehen gezeigt hast, sind ebenfalls alle Personen gestorben bis auf einen einzigen krummen Mann, der alle Geschäfte zu thun hatte, und die Leute befriedigen mußte, die nach der Pest das Getreide zur Mühle brachten, und ihr Mehl haben wollten; daher noch heute das Sprichwort kömmt: „Ich habe mehr Arbeit als der Krumme im Hammer.“ Von den Priestern in Oberplan ist nur der alte Pfarrer übrig geblieben, um der Seelsorge zu pflegen, die zwei Kapläne sind gestorben, auch der Küster ist gestorben und sein Sohn, der schon die Priesterweihe hatte. Von den Badhäusern, die neben der kurzen Zeile des Marktes die gebogene Gasse machen, sind drei gänzlich ausgestorben.“ Nach diesen Worten gingen wir in dem Hohlwege und unter allerlei lieblichen Spielen von Licht und Farben, welche die Sonne in den grünen Blättern der Gesträuche verursachte, in das Dorf Melm hinunter. Der Großvater hatte in dem ersten Hause dessel¬ ben im Machthofe zu thun. Wir gingen deßhalb durch den großen Schwibbogen desselben hinein. Der Machtbauer stand in dem Hofe, hatte bloße Hemd¬ ärmel an den Armen und viele hochgipflige Metall¬ knöpfe auf der Weste. Er grüßte den Großvater, als er ihn sah, und führte ihn in die Stube; mich aber ließen sie auf einem kleinen hölzernen Bänklein neben der Thür im Hofe sizen, und schikten mir ein Butter¬ brod, das ich verzehrte. Ich rastete, betrachtete die 4* Dinge, die da waren, als: die Wägen, welche abge¬ laden unter dem Schoppendache ineinander geschoben standen, die Pflüge und Eggen, welche, um Plaz zu machen, in einen Winkel zusammengedrängt waren, die Knechte und Mägde, die hin und her gingen, ihre Samstagsarbeit thaten, und sich zur Feier des Sonntages rüsteten; und die Dinge gesellten sich zu denen, mit denen ohnehin mein Haupt angefüllt war, zu Drillingsföhren Todten und Sterbenden und singenden Vöglein. Nach einer Zeit kam der Großvater wieder heraus, und sagte: „So, jezt bin ich fertig, und wir treten unsern Rükweg wieder an.“ Ich stand von meinem Bänklein auf, wir gingen dem Schwibbogen zu, der Bauer und die Bäurin begleiteten uns bis dahin, nahmen bei dem Schwib¬ bogen Abschied, und wünschten uns glükliche Heim¬ kehr. Da wir wieder allein waren, und auf unserem Rükwege den Hohlweg hinan schritten, fuhr der Großvater fort: „Als es tief in den Herbst ging, wo die Preißelbeeren reifen, und die Nebel sich schon auf den Mooswiesen zeigen, wandten sich die Menschen wieder derjenigen Erde zu, in welcher man die Todten ohne Einweihung und Gepränge begraben hatte. Viele Menschen gingen hinaus, und betrachteten den frischen Aufwurf, andere wollten die Namen derer wissen, die da begraben lagen, und als die Seelsorge in Oberplan wieder vollkommen hergestellt war, wurde die Stelle wie ein ordentlicher Kirchhof einge¬ weiht, es wurde feierlicher Gottesdienst unter freiem Himmel gehalten, und alle Gebethe und Segnungen nachgetragen, die man früher versäumt hatte. Dann wurde um den Ort eine Planke gemacht, und unge¬ löschter Kalk auf denselben gestreut. Von da an bewahrte man das Gedächtniß an die Vergangenheit in allerlei Dingen. Du wirst wissen, daß manche Stellen unserer Gegend noch den Beinamen Pest tragen, zum Beispiele Pestwiese, Peststeig, Pesthang; und wenn du nicht so jung wärest, so würdest du auch die Säule noch gesehen haben, die jezt nicht mehr vorhanden ist, die auf dem Marktplaze von Oberplan gestanden war, und auf welcher man lesen konnte, wann die Pest gekommen ist, und wann sie aufgehört hat, und auf welcher ein Dankgebet zu dem Gekreuzigten stand, der auf dem Gipfel der Säule prangte.“ „Die Großmutter hat uns von der Pestsäule er¬ zählt,“ sagte ich. „Seitdem aber sind andere Geschlechter gekom¬ men,“ fuhr er fort, „die von der Sache nichts wissen und die die Vergangenheit verachten, die Einhegungen sind verloren gegangen, die Stellen haben sich mit gewöhnlichem Grase überzogen. Die Menschen ver¬ gessen gerne die alte Noth, und halten die Gesundheit für ein Gut, das ihnen Gott schuldig sei, und das sie in blühenden Tagen verschleudern. Sie achten nicht der Pläze, wo die Todten ruhen, und sagen den Beinamen Pest mit leichtfertiger Zunge, als ob sie einen andern Namen sagten wie etwa Hagedorn oder Eiben.“ Wir waren unterdessen wieder durch den Hohl¬ weg auf den Kamm der Anhöhe gekommen, und hat¬ ten die Wälder, zu denen wir uns im Heraufgehen umwenden mußten, um sie zu sehen, jezt in unserem Angesichte, und die Sonne neigte sich in großem Ge¬ pränge über ihnen dem Untergange zu. „Wenn nicht so die Abendsonne gegen uns schiene,“ sagte der Großvater, „und alles in einem feurigen Rauche schwebte, würde ich dir die Stelle zeigen kön¬ nen, von der ich jezt reden werde, und die in unsere Erzählung gehört. Sie ist viele Wegestunden von hier, sie ist uns gerade gegenüber, wo die Sonne untersinkt, und dort sind erst die rechten Wälder. Dort stehen die Tannen und Fichten, es stehen die Erlen und Ahorne, die Buchen und andere Bäume wie die Könige, und das Volk der Gebüsche und das dichte Gedränge der Gräser und Kräuter der Blumen der Beeren und Moose steht unter ihnen. Die Quellen gehen von allen Höhen herab, und rauschen, und murmeln, und erzählen, was sie immer erzählt haben, sie gehen über Kiesel wie leichtes Glas, und vereinigen sich zu Bächen, um hinaus in die Länder zu kommen, oben singen die Vögel, es leuchten die weißen Wolken, die Regen stürzen nieder, und wenn es Nacht wird, scheint der Mond auf alles, daß es wie ein geneztes Tuch aus silbernen Fäden ist. In diesem Walde ist ein sehr dunkler See, hinter ihm ist eine graue Felsenwand, die sich in ihm spiegelt, an seinen Seiten stehen dunkle Bäume, die in das Was¬ ser schauen, und vorne sind Himbeer- und Brombeer¬ gehege, die einen Verhau machen. An der Felsen¬ wand liegt ein weißes Gewirre herabgestürzter Bäume, aus den Brombeeren steht mancher weiße Stamm empor, der von dem Blize zerstört ist, und schaut auf den See, große graue Steine liegen hundert Jahre herum, und die Vögel und das Gewild kommen zu dem See, um zu trinken.“ „Das ist der See, Großvater, den ich im Herauf¬ gehen genannt habe,“ sagte ich, „die Großmutter hat uns von seinem Wasser erzählt, und den seltsamen Fischen, die darin sind, und wenn ein weißes Wölk¬ lein über ihm steht, so kömmt ein Gewitter.“ „Und wenn ein weißes Wölklein über ihm steht,“ fuhr der Großvater fort, „und sonst heiterer Himmel ist, so gesellen sich immer mehrere dazu, es wird ein Wolkenheer, und das löst sich von dem Walde los, und zieht zu uns mit dem Gewitter heraus, das uns den schweren Regen bringt und auch öfter den Hagel. Am Rande dieses Waldes, wo heut zu Tage schon Felder sind, wo aber dazumal noch dichtes Gehölze war, befand sich zur Zeit der Pest eine Pechbrenner¬ hütte. In derselben wohnte der Mann, von dem ich dir erzählen will. Mein Großvater hat sie noch ge¬ kannt, und er hat gesagt, daß man zeitweilig von dem Walde den Rauch habe aufsteigen sehen, wie du heute die Rauchfäden hast aufsteigen gesehen, da wir heraufgegangen sind.“ „Ja Großvater,“ sagte ich. „Dieser Pechbrenner,“ fuhr er fort, „wollte sich in der Pest der allgemeinen Heimsuchung entziehen, die Gott über die Menschen verhängt hatte. Er wollte in den höchsten Wald hinauf gehen, wo nie ein Besuch von Menschen hinkömmt, wo nie eine Luft von Menschen hinkömmt, wo alles anders ist als unten, und wo er gesund zu bleiben gedachte. Wenn aber doch einer zu ihm gelangte, so wollte er ihn eher mit einem Schürbaume erschlagen, als daß er ihn näher kommen, und die Seuche bringen ließe. Wenn aber die Krankheit lange vorüber wäre, dann wollte er wieder zurükkehren, und weiter leben. Als daher die schwarzen Schubkarrenführer, die von ihm die Wagenschmiere holten, die Kunde brachten, daß in den angrenzenden Ländern schon die Pest entstanden sei, machte er sich auf, und ging in den hohen Wald hinauf. Er ging aber noch weiter, als wo der See ist, er ging dahin, wo der Wald noch ist, wie er bei der Schöpfung gewesen war, wo noch keine Menschen gearbeitet haben, wo kein Baum umbricht, als wenn er vom Blize getroffen ist, oder von dem Winde umgestürzt wird; dann bleibt er liegen, und aus seinem Leibe wachsen neue Bäumchen und Kräuter empor; die Stämme stehen in die Höhe, und zwi¬ schen ihnen sind die unangesehenen und unangetasteten Blumen und Gräser und Kräuter.“ Während der Großvater dieses sagte, war die Sonne untergegangen. Der feurige Rauch war plöz¬ lich verschwunden, der Himmel, an welchem keine einzige Wolke stand, war ein goldener Grund gewor¬ den, wie man in alten Gemälden sieht, und der Wald ging nun deutlich und dunkelblau in diesem Grunde dahin. „Siehe Kind, jezt können wir die Stelle sehen, von der ich rede,“ sagte der Großvater, „blike da gerade gegen den Wald, und da wirst du eine tiefere blaue Färbung sehen, das ist das Beken, in welchem der See ist. Ich weiß nicht, ob du es siehst.“ „Ich sehe es,“ antwortete ich, „ich sehe auch die schwachen grauen Streifen, welche die Seewand bedeuten.“ „Da hast du schärfere Augen als ich,“ erwiederte der Großvater; „gehe jezt mit den Augen von der Seewand rechts und gegen den Rand empor, dann hast du jene höheren großen Waldungen. Es soll ein Fels dort sein, der wie ein Hut überhängende Krem¬ pen hat, und wie ein kleiner Auswuchs an dem Wald¬ rande zu sehen ist.“ „Großvater, ich sehe den kleinen Auswuchs.“ „Er heißt der Hutfels, und ist noch weit oberhalb des Sees im Hochwalde, wo kaum ein Mensch gewesen ist. An dem See soll aber schon eine hölzerne Woh¬ nung gestanden sein. Der Ritter von Wittinghausen hat sie als Zufluchtsort für seine zwei Töchter im Schwedenkriege erbaut. Seine Burg ist damals ver¬ brannt worden, die Ruinen stehen noch wie ein blauer Würfel aus dem Thomaswalde empor.“ „Ich kenne die Ruine, Großvater.“ „Das Haus war hinter dem See, wo die Wand es beschüzte, und ein alter Jäger hat die Mädchen bewacht. Heut zu Tage ist von alle dem keine Spur mehr vorhanden. Von diesem See ging der Pechbren¬ ner bis zum Hutfels hinan, und suchte sich einen geeigneten Plaz aus. Er war aber nicht allein, son¬ dern es waren sein Weib und seine Kinder mit ihm, es waren seine Brüder, Vettern, Muhmen und Knechte mit, er hatte sein Vieh und seine Geräthe mitge¬ nommen. Er hatte auch allerlei Sämereien und Getreide mit geführt, um in der aufgelokerten Erde anbauen zu können, daß er sich Vorrath für die künftigen Zeiten sammle. Nun baute man die Hütten für Menschen und Thiere, man baute die Öfen zum Brennen der Waare, und man säte die Saamen in die aufgegrabenen Felder. Unter den Leuten im Walde war auch ein Bruder des Pechbrenners, der nicht in dem Walde bleiben, sondern wieder zu der Hütte zurükkehren wollte. Da sagte der Pechbrenner, daß er ihnen ein Zeichen geben solle, wenn die Pest aus¬ gebrochen sei. Er solle auf dem Hausberge in der Mittagsstunde eine Rauchsäule aufsteigen lassen, solle dieselbe eine Stunde gleichartig dauern lassen, und solle dann das Feuer dämpfen, daß sie aufhöre. Dies solle er zur Gewißheit drei Tage hinter einander thun, daß die Waldbewohner daran ein Zeichen erkennen, das ihnen gegeben worden sei. Wenn aber die Seuche aufgehört habe, solle er ihnen auch eine Nachricht geben, daß sie hinabgehen könnten, und die Krankheit nicht bekämen. Er solle eine Rauchsäule um die Mit¬ tagsstunde von dem Hausberge aufsteigen lassen, solle sie eine Stunde gleichartig erhalten, und dann das Feuer löschen. Dies solle er vier Tage hinter einander thun, aber an jedem Tage eine Stunde später; an diesem besonderen Vorgange würden sie erkennen, daß nun alle Gefahr vorüber sei. Wenn er aber erkranke, so solle er den Auftrag einem Freunde oder Bekannten als Testament hinterlassen und dieser ihn wieder einem Freunde oder Bekannten, so daß einmal einer eine Rauchsäule errege, und von dem Pechbrenner eine Belohnung zu erwarten habe. Kennst du den Hausberg?“ „Ja, Großvater,“ antwortete ich, „es ist der schwarze spizige Wald, der hinter Pernek empor steigt und auf dessen Gipfel ein Felsklumpen ist.“ „Ja,“ sagte der Großvater, „der ist es. Es sollen einmal drei Brüder gelebt haben, einer auf der Alpe, einer auf dem Hausberge und einer auf dem Thomas¬ walde. Sie sollen sich Zeichen gegeben haben, wenn einem eine Gefahr drohte, bei Tage einen Rauch bei Nacht ein Feuer, daß es gesehen würde, und daß die andern zu Hilfe kämen. Ich weiß nicht ob die Brüder gelebt haben. In dem hohen Walde wohnten nun die Ausgewanderten fort, und als die Pest in unsern Gegenden ausgebrochen war, stieg um die Mittags¬ stunde eine Rauchsäule von dem Hausberge empor, dauerte eine Stunde gleichartig fort, und hörte dann auf. Dies geschah drei Tage hinter einander, und die Leute in dem Walde wußten, was sich begeben hatte. — Aber siehe, wie es schon kühl geworden ist, und wie bereits der Thau auf die Gräser fällt, komme, ich werde dir dein Jäkchen zumachen, daß du nicht frierst, und werde dir dann die Geschichte weiter erzählen.“ Wir waren während der Erzählung des Gro߬ vaters in die Dürrschnäbel gekommen, wir waren an der Drillingsföhre vorüber gegangen, und unter den dunkeln Stämmen auf dem fast farblosen Grase bis zu den Feldern von Oberplan gekommen. Der Gro߬ vater legte seinen Stok auf den Boden, beugte sich zu mir herab, nestelte mir das Halstuch fester, richtete mir das Westchen zurecht, und knöpfte mir das Jäk¬ chen zu. Hierauf knöpfte er sich auch seinen Rok zu, nahm seinen Stab, und wir gingen wieder weiter. „Siehst du, mein liebes Kind,“ fuhr er fort, „es hat aber alles nichts geholfen, und es war nur eine Versuchung Gottes. Da die Büsche des Waldes ihre Blüthen bekommen hatten, weiße und rothe, wie die Natur will, da aus den Blüthen Beeren geworden waren, da die Dinge, welche der Pechbrenner in die Walderde gebaut hatte, aufgegangen und gewachsen waren, da die Gerste die goldenen Barthaare bekom¬ men hatte, da das Korn schon weißlich wurde, da die Haberfloken an den kleinen Fädlein hingen, und das Kartoffelkraut seine grünen Kugeln und blaulichen Blüthen trug: waren alle Leute des Pechbrenners er selber und seine Frau bis auf einen einzigen kleinen Knaben, den Sohn des Pechbrenners, gestorben. Der Pechbrenner und sein Weib waren die lezten gewesen, und da die Überlebenden immer die Todten begraben hatten, der Pechbrenner und sein Weib aber niemand hinter sich hatten, und der Knabe zu schwach war, sie zu begraben, blieben sie als Todte in ihrer Hütte liegen. Der Knabe war nun allein in dem fürchterlichen großen Walde. Er ließ die Thiere aus, welche in den Ställen waren, weil er sie nicht füttern konnte, er dachte, daß sie an den Gräsern des Waldes eine Nahrung finden würden, und dann lief er selber von der Hütte weg, weil er den todten Mann und das todte Weib entsezlich fürchtete. Er ging auf eine freie Stelle des Waldes, und da war jezt überall niemand, niemand als der Tod. Wenn er in der Mitte von Blumen und Gesträuchen nieder kniete und bethete, oder wenn er um Vater und Mutter und um die andern Leute weinte und jammerte, und wenn er dann wieder aufstand, so war nichts um ihn als die Blumen und Gesträuche, und das Vieh, welches unter die Bäume des Waldes hinein weidete, und mit den Gloken läutete. Siehst du, so war es mit dem Knaben, der vielleicht gerade so groß war wie du. Aber siehe, die Pechbrennerknaben sind nicht wie die in den Marktfleken oder in den Städten, sie sind schon unterrichteter in den Dingen der Natur, sie wachsen in dem Walde auf, sie können mit dem Feuer umgehen, sie fürchten die Gewitter nicht, und haben wenig Klei¬ der, im Sommer keine Schuhe und auf dem Haupte statt eines Hutes die berußten Haare. Am Abende nahm der Knabe Stahl Stein und Schwamm aus seiner Tasche, und machte sich ein Feuer; das in den Öfen der Pechbrenner war längst ausgegangen, und erloschen. Als ihn hungerte, grub er mit der Hand Kartoffeln aus, die unter den emporwachsenden Reben waren, und briet sie in der Glut des Feuers. Zu Trinken gaben ihm Quellen und Bäche. Am anderen Tage suchte er einen Ausweg aus dem Walde. Er wußte nicht mehr, wie sie in den Wald hinauf ge¬ kommen waren. Er ging auf die höchste Stelle des Berges, er kletterte auf einen Baum, und spähte, aber er sah nichts als Wald und lauter Wald. Er gedachte nun zu immer höhern und höhern Stellen des Waldes zu gehen, bis er einmal hinaus sähe, und das Ende des Waldes erblikte. Zur Nahrung nahm er jezt auch noch die Körner der Gerste und des Kornes, welche er samt den Ähren auf einem Steine über dem Feuer röstete, wodurch sich die Haare und Hülsen verbrannten, oder er löste die rohen zarten Kornkörner aus den Hülsen, oder er schälte Rüben, die in den Kohlbeeten wuchsen. In den Nächten hüllte er sich in Blätter und Zweige und dekte sich mit Reisig. Die Thiere, welche er ausge¬ lassen hatte, waren fortgegangen, entweder weil sie sich in dem Walde verirrt hatten, oder weil sie auch die Todtenhütte scheuten, und von ihr flohen; er hörte das Läuten nicht mehr, und sie kamen nicht zum Vorscheine. Eines Tages, da er die Thiere suchte, fand er auf einem Hügel, auf welchem Brombeeren und Steine waren, mitten in einem Brombeerenge¬ strüppe ein kleines Mädchen liegen. Dem Knaben klopfte das Herz außerordentlich, er ging näher, das Mädchen lebte, aber es hatte die Krankheit, und lag ohne Bewußtsein da. Er ging noch näher, das Mäd¬ chen hatte weiße Kleider und ein schwarzes Mäntel¬ chen an, es hatte wirre Haare, und lag so ungefüg in dem Gestrippe, als wäre es hinein geworfen worden. Er rief, aber er bekam keine Antwort, er nahm das Mädchen bei der Hand, aber die Hand konnte nichts fassen, und war ohne Leben. Er lief in das Thal, schöpfte mit seinem alten Hute, den er aus der Hütte mitgenommen hatte, Wasser, brachte es zu dem Mäd¬ chen zurük, und befeuchtete ihm die Lippen. Dies that er nun öfter. Er wußte nicht, womit dem Kinde zu helfen wäre, und wenn er es auch gewußt hätte, so hätte er nichts gehabt, um es ihm zu geben. Weil er durch das verworrene Gestrippe nicht leicht zu dem Plaze gelangen konnte, auf welchem das Mädchen lag, so nahm er nun einen großen Stein, legte ihn auf die kriechenden Ranken der Brombeeren, und wiederholte das so lange, bis er die Brombeeren be¬ dekt hatte, bis sie niedergehalten wurden, und die Steine ein Pflaster bildeten. Auf dieses Pflaster kniete er nieder, rükte das Kind, sah es an, strich ihm die Haare zurecht, und weil er keinen Kamm hatte, so Stifter, Jugendschriften. I. 5 wischte er die nassen Loken mit seinen Händen ab, daß sie wieder schönen feinen menschlichen Haaren glichen. Weil er aber das Mädchen nicht heben konnte, um es auf einen besseren Plaz zu tragen, so lief er auf den Hügel, riß dort das dürre Gras ab, riß die Halme ab, die hoch an dem Gesteine wachsen, sam¬ melte das trokene Laub, das von dem vorigen Herbste übrig war, und das entweder unter Gestrippen hing, oder von dem Winde in Steinklüfte zusammen geweht worden war, und that alles auf einen Haufen. Da es genug war, trug er es zu dem Mädchen, und machte ihm ein weicheres Lager. Er that die Dinge an jene Stellen unter ihrem Körper, wo sie am mei¬ sten noth thaten. Dann schnitt er mit seinem Messer Zweige von den Gesträuchen, stekte sie um das Kind in die Erde, band sie an den Spizen mit Gras und Halmen zusammen, und legte noch leichte Äste darauf, daß sie ein Dach bildeten. Auf den Körper des Mäd¬ chens legte er Zweige, und bedekte sie mit breitblätt¬ rigen Kräutern zum Beispiele mit Huflattig, daß sie eine Deke bildeten. Für sich holte er dann Nahrung aus den Feldern des todten Vaters. Bei der Nacht machte er ein Feuer aus zusammen getragenem Holze und Moder. So saß er bei Tage bei dem bewußtlosen Kinde, hüthete es, und schüzte es vor Thieren und Fliegen, bei Nacht unterhielt er ein glänzendes Feuer. Siehe das Kind starb aber nicht, sondern die Krank¬ heit besserte sich immer mehr und mehr, die Wänglein wurden wieder lieblicher und schöner, die Lippen bekamen die Rosenfarbe, und waren nicht mehr so bleich und gelblich, und die Äuglein öffneten sich, und schauten herum. Es fing auch an zu essen, es aß die Erdbeeren, die noch zu finden waren, es aß Him¬ beeren, die schon reiften, es aß die Kerne der Hasel¬ nüsse, die zwar nicht reif aber süß und weich waren, es aß endlich sogar das weiße Mehl der gebratenen Kartoffeln und die zarten Körner des Kornes, was ihm alles der Knabe brachte, und reichte; und wenn es schlief, so lief er auf den Hügel, und erkletterte einen Felsen, um überall herum zu spähen, auch suchte er wieder die Thiere, weil die Milch jezt recht gut ge¬ wesen wäre. Aber er konnte nichts erspähen, und konnte die Thiere nicht finden. Da das Mädchen schon stärker war, und mithelfen konnte, brachte er es an einen Plaz, wo überhängende Äste es schüzten, aber da er dachte, daß ein Gewitter kommen, und der Regen durch die Äste schlagen könnte, so suchte er eine Höhle, die troken war, dort machte er ein Lager, und brachte das Mädchen hin. Eine Steinplatte stand oben über die Stätte, und sie konnten schön auf den 5* Wald hinaussehen. Ich habe dir gesagt, daß jene Krankheit sehr heftig war, daß die Menschen in fünf bis sechs Stunden gesund und todt waren; aber ich sage dir auch: wer die Krankheit überstand, der war sehr bald gesund, nur daß er lange Zeit schwach blieb, und lange Zeit sich pflegen mußte. In dieser Höhle blieben nun die Kinder, und der Knabe ernährte das Mädchen, und that ihm alles und jedes Gute, was es nothwendig hatte. Nun erzählte ihm auch das Mädchen wie es in den Wald gekommen sei. Vater und Mutter und mehrere Leute hätten ihre ferne Hei¬ math verlassen, als sich die Krankheit genähert habe, um höhere Orte zu suchen, wo sie von dem Übel nicht erreicht werden würden. In dem großen Walde seien sie irre gegangen, der Vater und die Mutter seien gestorben, und das Mädchen sei allein übrig geblie¬ ben. Wo Vater und Mutter gestorben seien, wo die andern Leute hingekommen, wie es selber in die Brom¬ beeren gerathen sei, wußte es nicht. Auch konnte es nicht sagen, wo die Heimath sei. Der Knabe erzählte dem Mädchen auch, wie sie ihre Hütte verlassen hätten, wie alle in den Wald gegangen wären, und wie sie gestorben seien, und er allein nur am Leben geblieben wäre. Siehst du, so sassen die Kinder in der Höhle, wenn der Tag über den Wald hinüber zog, und das Grüne beleuchtete, die Vöglein sangen, die Bäume glänzten, und die Bergspizen leuchteten; oder sie schlummerten wenn es Nacht war, wenn es finster und still war, oder der Schrei eines wilden Thieres tönte, oder der Mond am Himmel stand, und seine Strahlen über die Wipfel goß. Du kannst dir denken, wie es war, wenn du betrachtest, wie schon hier die Nacht ist, wie der Mond so schauer¬ lich in den Wolken steht, wo wir doch schon so nahe an den Häusern sind, und wie er auf die schwarzen Vogelbeerbäume unsers Nachbars hernieder scheint.“ Wir waren, während der Großvater erzählte, durch die Felder von Oberplan herab gegangen, wir waren über die Wiese gegangen, in welcher das Behringer Brünnlein ist, wir waren über die Stein¬ wand gestiegen, wir waren über den weichen Rasen gegangen, und näherten uns bereits den Häusern von Oberplan. Es war indessen völlig Nacht geworden, der halbe Mond stand am Himmel, viele Wolken hatten sich aufgethürmt, die er beglänzte, und seine Strahlen fielen gerade auf die Vogelbeerbäume, die in dem Garten unsers Nachbars standen. „Nachdem das Mädchen sehr stark geworden war,“ fuhr der Großvater fort, „dachten die Kinder daran aus dem Walde zu gehen. Sie berathschlagten unter sich, wie sie das anstellen sollten. Das Mädchen wußte gar nichts; der Knabe aber sagte, daß alle Wässer abwärts rinnen, daß sie fort und fort rinnen, ohne stille zu stehen, daß der Wald sehr hoch sei, und daß die Wohnungen der Menschen sehr tief liegen, daß bei ihrer Hütte selber ein breites rinnendes Was¬ ser vorbeigegangen wäre, daß sie von dieser Hütte in den Wald gestiegen seien, daß sie immer aufwärts und aufwärts gegangen, und mehreren herabfließen¬ den Wassern begegnet seien; wenn man daher an einem rinnenden Wasser immer abwärts gehe, so müsse man aus dem Walde hinaus und zu Menschen gelangen. Das Mädchen sah das ein, und mit Freuden beschlossen sie so zu thun. Sie rüsteten sich zur Abreise. Von den Feldern nahmen sie Kartoffeln, so viel sie tragen konnten, und viele zusammen gebun¬ dene Büschel von Ähren. Der Knabe hatte aus seiner Jake einen Sak gemacht, und für Erdbeeren und Himbeeren machte er schöne Täschchen aus Birken¬ rinde. Dann brachen sie auf. Sie suchten zuerst den Bach in dem Thale, aus dem sie bisher getrunken hatten, und gingen dann an seinem Wasser fort. Siehst du, der Knabe leitete das Mädchen, weil es schwach war, und weil er in dem Walde erfahrener war; er zeigte ihm die Steine, auf die es treten, er zeigte ihm die Dornen und spizigen Hölzer, die es vermeiden sollte, er führte es an schmalen Stellen, und wenn große Felsen oder Dikichte und Sümpfe kamen, so wichen sie seitwärts aus, und lenkten dann klug immer wieder der Richtung des Baches zu. So gingen sie immer fort. Wenn sie müde waren, sezten sie sich nieder, und rasteten, wenn sie ausgerastet hat¬ ten gingen sie weiter. Am Mittage machte er ein Feuer, und sie brieten Kartoffeln, und rösteten sich ihre Getreideähren. Das Wasser suchte er in einer Quelle oder in einem kalten Bächlein, die winzig über weißen Sand aus der schwarzen Walderde oder aus Gebüsch und Steinen hervorrannen. Wenn sie Stellen trafen wo Beeren und Nüsse sind, so sam¬ melten sie diese. Bei der Nacht machte er ein Feuer, machte dem Mädchen ein Lager, und bettete sich sel¬ ber wie er sich in den ersten Tagen im Walde gebettet hatte. So wanderten sie weiter. Sie gingen an vielen Bäumen vorüber, an der Tanne mit dem herab¬ hängenden Bartmoose, an der zerrissenen Fichte, an dem langarmigen Ahorne, an dem weißgeflekten Buchenstamme mit den lichtgrünen Blättern, sie gingen an Blumen Gewächsen und Steinen vorüber, sie gingen unter dem Singen der Vögel dahin, sie gingen an hüpfenden Eichhörnchen vorüber oder an einem weidenden Reh. Der Bach ging um Hügel herum, oder er ging in gerader Richtung, oder er wand sich um die Stämme der Bäume. Er wurde immer größer, unzählige Seitenbächlein kamen aus den Thälern heraus, und zogen mit ihm, von dem Laube der Bäume und von den Gräsern tropften ihm Tropfen zu, und zogen mit ihm. Er rauschte über die Kiesel, und erzählte gleichsam den Kindern. Nach und nach kamen andere Bäume, an denen der Knabe recht gut erkannte, daß sie nach auswärts gelangten; die Zakentanne, die Fichte mit dem rauhen Stamme, die Ahorne mit den großen Ästen und die knollige Buche hörten auf, die Bäume waren kleiner frischer reiner und zierlicher. An dem Wasser standen Erlenge¬ büsche, mehrere Weiden standen da, der wilde Apfel¬ baum zeigte seine Früchte, und der Waldkirschenbaum gab ihnen seine kleinen schwarzen süssen Kirschen. Nach und nach kamen Wiesen, es kamen Hutweiden, die Bäume lichteten sich, es standen nur mehr Gruppen, und mit einem Male, da der Bach schon als ein breites ruhiges Wasser ging, sahen sie die Felder und Wohnungen der Menschen. Die Kinder jubelten, und gingen zu einem Hause. Sie waren nicht in die Hei¬ math des Knaben hinaus gekommen, sie wußten nicht, wo sie hingekommen waren, aber sie wurden recht freundlich aufgenommen, und von den Leuten in die Pflege genommen. Inzwischen stieg wieder eine Rauchsäule von dem Hausberge empor, sie stieg in der Mittagsstunde auf, blieb eine Stunde gleichartig und hörte dann auf. Dies geschah vier Tage hinter einander, an jedem Tage um eine Stunde später: aber es war niemand da, das Zeichen verstehen zu können.“ Als der Großvater bis hieher erzählt hatte, waren wir an unserem Hause angekommen. Er sagte: „Da wir müde sind, und da es so warm ist, so sezen wir uns ein wenig auf den Stein, ich werde dir die Geschichte zu Ende erzählen.“ Wir sezten uns auf den Stein, und der Gro߬ vater fuhr fort: „Als man in Erfahrung gebracht hatte, wer der Knabe sei, und wohin er gehöre, wurde er samt dem Mädchen in die Pechbrennerhütte zu dem Oheime gebracht. Der Oheim ging in den Wald hinauf, und verbrannte vor Entsezen die Wald¬ hütte, in welcher der todte Pechbrenner mit seinem Weibe lag. Auch das Mädchen wurde von seinen Verwandten ausgekundschaftet, und in der Pechbren¬ nerhütte abgeholt. Siehst du, es ist in jenen Zeiten auch in andern Theilen der Wälder die Pest ausge¬ brochen, und es sind viele Menschen an ihr gestorben; aber es kamen wieder andere Tage, und die Gesund¬ heit war wieder in unsern Gegenden. Der Knabe blieb nun bei dem Oheime in der Hütte, wurde dort größer und größer, und sie betrieben das Geschäft des Brennens von Wagenschmiere Terpentin und andern Dingen. Als schon viele Jahre vergangen waren, als der Knabe schon beinahe ein Mann ge¬ worden war, kam einmal ein Wägelchen vor die Pechbrennerhütte gefahren. In dem Wägelchen saß eine schöne Jungfrau, die ein weißes Kleid und ein schwarzes Mäntelchen an hatte, und an der Brust ein Brombeersträuslein trug. Sie hatte die Wangen, die Augen und die feinen Haare des Waldmädchens. Sie war gekommen den Knaben zu sehen, der sie ge¬ rettet, und aus dem Walde geführt hatte. Sie und der alte Vetter, der sie begleitete, bathen den Jüng¬ ling, er möchte mit ihnen in das Schloß des Mäd¬ chens gehen, und dort leben. Der Jüngling, der das Mädchen auch recht liebte, ging mit. Er lernte dort allerlei Dinge, wurde immer geschikter, und wurde endlich der Gemahl des Mädchens, das er zur Zeit der Pest in dem Walde gefunden hatte. Siehst du, da bekam er ein Schloß, er bekam Felder, Wiesen, Wälder, Wirthschaften und Gesinde, und wie er schon in der Jugend verständig und aufmerksam gewesen war, so vermehrte und verbesserte er alles, und wurde von seinen Untergebenen, von seinen Nachbarn und Freunden und von seinem Weibe geachtet und geliebt. Er starb als ein angesehener Mann, der im ganzen Lande geehrt war. Wie verschieden die Schiksale der Menschen sind. Seinen Oheim hat er oft eingeladen zu kommen bei ihm zu wohnen und zu leben, dieser aber blieb in der Pechbrennerhütte, und betrieb das Brenngeschäft fort und fort, und als der Wald immer kleiner wurde, als die Felder und Wiesen bis zu seiner Hütte vorgerükt waren, ging er tiefer in das Gehölze, und trieb dort das Brennen der Wagenschmiere wei¬ ter. Seine Nachkommen die er erhielt, als er in den Ehestand getreten war, blieben bei der nehmlichen Be¬ schäftigung, und von ihm stammt der alte Andreas ab, der auch nur ein Wagenschmierfuhrmann ist, und nichts kann, als im Lande mit seinem schwarzen Fasse herum ziehen, und thörichten Knaben, die es nicht besser verstehen, die Füsse mit Wagenschmiere an¬ streichen.“ Mit diesen Worten hörte der Großvater zu erzäh¬ len auf. Wir blieben aber noch immer auf dem Steine sizen. Der Mond hatte immer heller und heller ge¬ schienen, die Wolken hatten sich immer länger und länger gestrekt, und ich schaute stets auf den schwarzen Vogelbeerbaum des Nachbars. Da strekte sich das Antliz der Großmutter aus der Thür heraus, und sie fragte, ob wir denn nicht zum Essen gehen wollten. Wir gingen nun in die Stube der Großeltern, die Großmutter that ein schönes aus braun- und weißgestreiftem Pflaumenholze verfertig¬ tes Hängetischchen von der Wand herab, überdekte es mit weißen Linnen, gab uns Teller, und Eßgeräthe, und stellte ein Huhn mit Reis auf. Da wir aßen, sagte sie mit böser Miene, daß der Großvater noch thörichter und unbesonnener sei als der Enkel, weil er zum Waschen von Wagenschmierfüssen eine grün¬ glasirte Schüssel genommen habe, so daß man sie jezt aus Ekel zu nichts mehr verwenden könne. Der Großvater lächelte und sagte: „So zerbrechen wir die Schüssel, daß sie nicht einmal aus, Unacht¬ samkeit doch genommen wird, und kaufen eine neue; es ist doch besser, als wenn der Schelm länger in der Angst geblieben wäre. Du nimmst dich ja auch um ihn an.“ Bei diesen Worten zeigte er gegen den Ofen, wo in einem kleinen Wännchen meine Pechhöschen ein¬ geweicht waren. Als wir gegessen hatten, sagte der Großvater, daß ich nun schlafen gehen solle, und er geleitete mich selber in meine Schlafkammer. Als wir durch das Vorhaus gingen, wo ich in solche Strafe gekommen war, zwitscherten die jungen Schwalben leise in ihrem Neste wie schlaftrunken, in der großen Stube brannte ein Lämpchen auf dem Tische, das alle Samstagsnächte die ganze Nacht zu Ehren der heiligen Jungfrau brannte, in dem Schlafgemache der Eltern lag der Vater in dem Bette, hatte ein Licht neben sich, und las, wie er gewöhnlich zu thun pflegte; die Mutter war nicht zu Hause, weil sie bei einer kranken Muhme war. Da wir den Vater gegrüßt hatten, und er freundlich geantwortet hatte, gingen wir in das Schlafzimmer der Kinder. Die Schwester und die kleinen Brüderchen schlummerten schon. Der Gro߬ vater half mir, mich entkleiden, und er blieb bei mir, bis ich gebethet und das Dekchen über mich gezogen hatte. Dann ging er fort. Aber ich konnte nicht schlafen, sondern dachte immer an die Geschichte, die mir der Großvater erzählt hatte, ich dachte an diesen Umstand und an jenen, und es fiel mir mehreres ein, um was ich fragen müsse. Endlich machte doch die Müdigkeit ihr Recht gelten, und der Schlaf senkte sich auf die Augen. Als ich noch im halben Entschlummern war, sah ich bei dem Scheine des Lichtes, das aus dem Schlafzimmer der Eltern herein fiel, daß die Mutter herein ging, ohne daß ich mich zu vollem Bewußtsein empor richten konnte. Sie ging zu dem Gefäße des Weihbrunnens, nezte sich die Finger, ging zu mir, besprizte mich, und machte mir das Kreuzzeichen auf Stirn, Mund und Brust, ich erkannte, daß alles verziehen sei, und schlief nun plözlich mit Versöhnungfreuden, ich kann sagen, beseligt ein. Aber der erste Schlaf ist doch kein ruhiger gewe¬ sen. Ich hatte viele Sachen bei mir, Todte, Sterbende, Pestkranke, Drillingsföhren, das Waldmädchen, den Machtbauer, des Nachbars Vogelbeerbaum, und der alte Andreas strich mir schon wieder die Füsse an. Aber der Verlauf des Schlafes muß gut gewesen sein; denn als man mich erwekte schien die Sonne durch die Fenster herein, es war ein lieblicher Sonntag, alles war festlich, wir bekamen nach dem Gebethe das Fest¬ tagsfrühstük, bekamen die Festtagskleider, und als ich auf die Gasse ging, war alles rein frisch und klar, die Dinge der Nacht waren dahin, und der Vogel¬ beerbaum des Nachbars war nicht halb so groß als gestern. Wir erhielten unsere Gebethbücher, und gingen in die Kirche, wo wir den Vater und Gro߬ vater auf ihren Pläzen in dem Bürgerstuhle sahen. Seitdem sind viele Jahre vergangen, der Stein liegt noch vor dem Vaterhause, aber jezt spielen die Kinder der Schwester darauf, und oft mag das alte Mütterlein auf ihm sizen, und nach den Weltgegenden ausschauen, in welche ihre Söhne zerstreut sind. Wie es aber auch seltsame Dinge in der Welt gibt, die ganze Geschichte des Großvaters weiß ich, ja durch lange Jahre, wenn man von schönen Mäd¬ chen redete, fielen mir immer die feinen Haare des Waldmädchens ein: aber von den Pechspuren, die alles einleiteten, weiß ich nichts mehr, ob sie durch Waschen oder durch Abhobeln weggegangen sind, und oft, wenn ich eine Heimreise beabsichtigte, nahm ich mir vor die Mutter zu fragen, aber auch das vergaß ich jedes Mal wieder. II. Kalkstein . Stifter, Jugendschriften. I. 6 Ich erzähle hier eine Geschichte, die uns einmal ein Freund erzählt hat, in der nichts Ungewöhnliches vorkömmt, und die ich doch nicht habe vergessen kön¬ nen. Unter zehn Zuhörern werden neun den Mann, der in der Geschichte vorkömmt, tadeln, der zehnte wird oft an ihn denken. Die Gelegenheit zu der Geschichte kam von einem Streite, der sich in der Gesellschaft von uns Freunden darüber entspann, wie die Geistesgaben an einem Menschen vertheilt sein können. Einige behaupteten, es könne ein Mensch mit einer gewissen Gabe außerordentlich bedacht sein, und die andern doch nur in einem geringen Maße besizen. Man wies dabei auf die sogenannten Vir¬ tuosen hin. Andere sagten, die Gaben der Seele seien immer im gleichen Maße vorhanden, entweder alle gleich groß oder gleich mittelmäßig oder gleich klein, 6* nur hänge es von dem Geschike ab, welche Gabe vorzüglich ausgebildet wurde, und dies rufe den Anschein einer Ungleichheit hervor. Raphael hätte unter andern Jugendeindrüken und Zeitverhältnissen statt eines großen Malers ein großer Feldherr werden können. Wieder andere meinten, wo die Vernunft als das übersinnliche Vermögen und als das höchste Vermögen des Menschen überhaupt in großer Fülle vorhanden sei, da seien es auch die übrigen unterge¬ ordneten Fähigkeiten. Das Umgekehrte gelte jedoch nicht; es könne eine niedere Fähigkeit besonders hervorragen, die höhern aber nicht. Wohl aber, wenn was immer für eine Begabung, sie sei selber hoch oder niedrig, bedeutend ist, müssen es auch die ihr unter¬ geordneten sein. Als Grund gaben sie an, daß die niedere Fähigkeit immer die Dienerin der höhern sei, und daß es ein Widersinn wäre, die höhere gebie¬ thende Gabe zu besizen und die niedere dienende nicht. Endlich waren noch einige, die sagten, Gott habe die Menschen erschaffen, wie er sie erschaffen habe, man könne nicht wissen, wie er die Gaben vertheilt habe, und könne darüber nicht hadern, weil es ungewiß sei, was in der Zukunft in dieser Beziehung noch zum Vorscheine kommen könne. Da erzählte mein Freund seine Geschichte. Ihr wißt alle, sagte er, daß ich mich schon seit vielen Jahren mit der Meßkunst beschäftige, daß ich in Staatsdiensten bin, und daß ich mit Aufträgen dieser Art von der Regierung bald hierhin bald dort¬ hin gesendet wurde. Da habe ich verschiedene Lan¬ destheile und verschiedene Menschen kennen gelernt. Einmal war ich in der kleinen Stadt Wengen, und hatte die Aussicht, noch recht lange dort bleiben zu müssen, weil sich die Geschäfte in die Länge zogen, und noch dazu mehrten. Da kam ich öfter in das nahe gelegene Dorf Schauendorf, und lernte dessen Pfarrer kennen, einen vortrefflichen Mann, der die Obstbaum¬ zucht eingeführt, und gemacht hatte, daß das Dorf, das früher mit Heken, Dikicht und Geniste umgeben war, jezt einem Garten glich, und in einer Fülle freundlicher Obstbäume da lag. Einmal war ich von ihm zu einer Kirchenfeierlichkeit geladen, und ich sagte, daß ich später kommen würde, da ich einige nothwen¬ dige Arbeiten abzuthun hätte. Als ich mit meinen Arbeiten fertig war, begab ich mich auf den Weg nach Schauendorf. Ich ging über die Feldhöhen hin, ich ging durch die Obstbäume, und da ich mich dem Pfarrhofe näherte, sah ich, daß das Mittagsmal bereits begonnen haben müsse. In dem Garten, der wie bei vielen katholischen Pfarrhöfen vor dem Hause lag, war kein Mensch, die gegen den Garten gehenden Fenster waren offen, in der Küche, in die mir ein Einblik gegönnt war, waren die Mägde um das Feuer vollauf beschäftigt, und aus der Stube drang einzel¬ nes Klappern der Teller und Klirren der Eßgeräthe. Da ich eintrat, sah ich die Gäste um den Tisch sizen, und ein unberührtes Gedeke für mich aufbewahrt. Der Pfarrer führte mich zu demselben hin, und nöthigte mich zum Sizen. Er sagte, er wolle mir die anwesenden Mitglieder nicht vorstellen, und ihren Namen nicht nennen, einige seien mir ohnehin be¬ kannt, andere würde ich im Verlaufe des Essens schon kennen lernen, und die übrigen würde er mir, wenn wir aufgestanden wären, nennen. Ich sezte mich also nieder, und was der Pfarrer vorausgesagt hatte, geschah. Ich wurde mit manchem Anwesenden bekannt, von manchem erfuhr ich Namen und Verhältnisse, und da die Gerichte sich ablöseten, und der Wein die Zungen öffnete, war manche junge Bekanntschaft schon wie eine alte. Nur ein einziger Gast war nicht zu erkennen. Lächelnd und freundlich saß er da, er hörte aufmerksam alles an, er wandte immer das An¬ gesicht der Gegend, wo eifrig gesprochen wurde, zu, als ob ihn eine Pflicht dazu antriebe, seine Mienen gaben allen Redenden recht, und wenn an einem an¬ dern Orte das Gespräch wieder lebhafter wurde, wandte er sich dorthin, und hörte zu. Selber aber sprach er kein Wort. Er saß ziemlich weit unten, und seine schwarze Gestalt ragte über das weiße Linnengedeke der Tafel empor, und obwohl er nicht groß war, so richtete er sich nie vollends auf, als hielte er das für unschiklich. Er hatte den Anzug eines armen Landgeistlichen. Sein Rok war sehr abgetragen, die Fäden waren daran sichtbar, er glänzte an manchen Stellen, und an andern hatte er die schwarze Farbe verloren, und war röthlich oder fahl. Die Knöpfe daran waren von starkem Bein. Die schwarze Weste war sehr lang, und hatte eben¬ falls beinerne Knöpfe. Die zwei winzig kleinen Läpp¬ chen von weißer Farbe — das einzige Weiße, das er an sich hatte — die über sein schwarzes Halstuch herabgingen, bezeugten seine Würde. Bei den Ärmeln gingen, wie er so saß, manchmal ein ganz klein wenig eine Art Handkrausen hervor, die er immer bemüht war wieder heimlich zurük zu schieben. Viel¬ leicht waren sie in einem Zustande, daß er sich ihrer ein wenig hätte schämen müssen. Ich sah, daß er von keiner Speise viel nahm, und dem Aufwärter, der sie darreichte, immer höflich dankte. Als der Nachtisch kam, nippte er kaum von dem besseren Weine, nahm von dem Zukerwerke nur kleine Stükchen, und legte nichts auf seinen Teller heraus, wie doch die andern thaten, um nach der Sitte ihren Angehörigen eine kleine Erinnerung zu bringen. Dieser Eigenheiten willen fiel mir der Mann auf. Als das Mal vorüber war, und die Gäste sich erhoben hatten, konnte ich auch den übrigen Theil seines Körpers betrachten. Die Beinkleider waren von demselben Stoffe und in demselben Zustande wie der Rok, sie reichten bis unter die Knie, und waren dort durch Schnallen zusammen gehalten. Dann folgten schwarze Strümpfe, die aber fast grau waren. Die Füsse standen in weiten Schuhen, die große Schnallen hatten. Sie waren von starkem Leder, und hatten dike Sohlen. So angezogen stand der Mann, als sich Gruppen zu Gesprächen gebildet hatten, fast allein da, und sein Rüken berührte beinahe den Fensterpfeiler. Sein körperliches Aussehen stimmte zu seinem Anzuge. Er hatte ein längliches sanftes fast eingeschüchtertes Angesicht mit sehr schönen klaren blauen Augen. Die braunen Haare gingen schlicht gegen hinten zusammen, es zogen sich schon weiße Fäden durch sie, die anzeigten, daß er sich bereits den fünfzig Jahren nähere, oder daß er Sorge und Kum¬ mer gehabt haben müsse. Nach kurzer Zeit suchte er aus einem Winkel ein spanisches Rohr hervor, das einen schwarzen Bein¬ knopf hatte, wie die an seinen Kleidern waren, näherte sich dem Hausherrn, und begann Abschied zu nehmen. Der Hausherr fragte ihn, ob er denn schon gehen wolle, worauf er antwortete, es sei für ihn schon Zeit, er habe vier Stunden nach seinem Pfarr¬ hofe zu gehen, und seine Füsse seien nicht mehr so gut, wie in jüngeren Jahren. Der Pfarrer hielt ihn nicht auf. Er empfahl sich allseitig, ging zur Thür hinaus und gleich darauf sahen wir ihn durch die Kornfelder dahin wandeln, den Hügel, der das Dorf gegen Sonnenuntergang begrenzte, hinan steigen, und dort gleichsam in die glänzende Nachmittagsluft verschwinden. Ich fragte, wer der Mann wäre, und erfuhr, daß er in einer armen Gegend Pfarrer sei, daß er schon sehr lange dort sei, daß er nicht weg verlange, und daß er selten das Haus verlasse außer bei einer sehr dringenden Veranlassung. — Es waren seit jenem Gastmale viele Jahre ver¬ gangen, und ich hatte den Mann vollständig ver¬ gessen, als mich mein Beruf einmal in eine fürchter¬ liche Gegend rief. Nicht daß Wildnisse Schlünde Abgründe Felsen und stürzende Wässer dort gewesen wären — das alles zieht mich eigentlich an — son¬ dern es waren nur sehr viele kleine Hügel da, jeder Hügel bestand aus naktem grauem Kalksteine, der aber nicht, wie es oft bei diesem Gesteine der Fall ist, zerrissen war, oder steil abfiel, sondern in rundlichen breiten Gestalten auseinander ging, und an seinem Fuße eine lange gestrekte Sandbank um sich herum hatte. Durch diese Hügel ging in großen Windungen ein kleiner Fluß Namens Zirder. Das Wasser des Flusses, das in der grauen und gelben Farbe des Steines und Sandes durch den Widerschein des Himmels oft dunkelblau erschien, dann die schmalen grünen Streifen, die oft am Saume des Wassers hingingen, und die andern einzelnen Rasenfleke, die in dem Gesteine hie und da lagen, bildeten die ganze Abwechslung und Erquikung in dieser Gegend. Ich wohnte in einem Gasthofe, der in einem etwas besseren und darum sehr entfernten Theile der Gegend lag. Es ging dort eine Strasse über eine Anhöhe, und führte, wie das in manchen Gegenden der Fall ist, den Namen Hochstrasse, welchen Namen auch der Gasthof hatte. Um nicht durch Hin- und Hergehen zu viele Zeit zu verlieren, nahm ich mir immer kalte Speisen und Wein auf meinen Arbeits¬ plaz mit, und aß erst am Abende mein Mittagsmal. Einige meiner Leute wohnten auch in dem Gasthofe, die andern richteten sich ein, wie es ging, und bauten sich kleine hölzerne Hüttchen in dem Steinlande. Die Gegend Namens Steinkar, obwohl sie im Grunde nicht außerordentlich abgelegen ist, wird doch wenigen Menschen bekannt sein, weil keine Veran¬ lassung ist, dorthin zu reisen. Eines Abends, als ich von meinen Arbeiten allein nach Hause ging, weil ich meine Leute vorausge¬ schikt hatte, sah ich meinen armen Pfarrer auf einem Sandhaufen sizen. Er hatte seine großen Schuhe fast in den Sand vergraben, und auf den Schößen seines Rokes lag Sand. Ich erkannte ihn in dem Augenblike. Er war ungefähr so gekleidet wie damals, als ich ihn zum ersten Male gesehen hatte. Seine Haare waren jezt viel grauer, als hätten sie sich beeilt, diese Farbe anzunehmen, sein längliches An¬ gesicht hatte deutliche Falten bekommen, und nur die Augen waren blau und klar wie früher. An seiner Seite lehnte das Rohr mit dem schwarzen Beinknopfe. Ich hielt in meinem Gange inne, trat näher zu ihm, und grüßte ihn. Er hatte keinen Gruß erwartet, daher stand er eilfertig auf, und bedankte sich. In seinen Mienen war keine Spur vorhanden, daß er mich erkenne; es konnte auch nicht sein; denn bei jenem Gastmale hat er mich gewiß viel weniger betrachtet als ich ihn. Er blieb nur so vor mir stehen, und sah mich an. Ich sagte daher, um ein Gespräch einzuleiten: „Euer Ehr¬ würden werden mich nicht mehr kennen.“ „Ich bin nicht der Ehre theilhaftig,“ antwor¬ tete er. „Aber ich habe die Ehre gehabt,“ sagte ich auf den Ton seiner Höflichkeit eingehend, „mit Euer Ehr¬ würden an ein und derselben Tafel zu speisen.“ „Ich kann mich nicht mehr erinnern,“ erwie¬ derte er. „Euer Ehrwürden sind doch derselbe Mann,“ sagte ich, „der einmal vor mehreren Jahren auf einem Kirchenfeste bei dem Pfarrer zu Schauendorf war, und nach dem Speisen der erste fort ging, weil er, wie er sagte, vier Stunden bis zu seinem Pfarrhofe zu gehen hätte?“ „Ja, ich bin derselbe Mann,“ antwortete er, „ich bin vor acht Jahren zu der hundertjährigen Jubelfeier der Kircheneinweihung nach Schauendorf gegangen, weil es sich gebührt hat, ich bin bei dem Mittagsessen geblieben, weil mich der Pfarrer eingeladen hat, und bin der erste nach dem Essen fortgegangen, weil ich vier Stunden nach Hause zurük zu legen hatte. Ich bin seither nicht mehr nach Schauendorf gekommen.“ „Nun an jener Tafel bin ich auch gesessen,“ sagte ich, „und habe Euer Ehrwürden heute sogleich er¬ kannt.“ „Das ist zu verwundern — nach so vielen Jahren,“ sagte er. „Mein Beruf bringt es mit sich,“ erwiederte ich, „daß ich mit vielen Menschen verkehre, und sie mir merke, und da habe ich denn im Merken eine solche Fertigkeit erlangt, daß ich auch Menschen wieder erkenne, die ich vor Jahren und auch nur ein einziges Mal gesehen habe. Und in dieser abscheulichen Gegend haben wir uns wieder gefunden.“ „Sie ist, wie sie Gott erschaffen hat,“ antwortete er, „es wachsen hier nicht so viele Bäume wie in Schauendorf, aber manches Mal ist sie auch schön, und zuweilen ist sie schöner als alle andern in der Welt.“ Ich fragte ihn, ob er in der Gegend ansässig sei, und er antwortete, daß er sieben und zwanzig Jahre Pfarrer in dem Kar sei. Ich erzählte ihm, daß ich hieher gesendet worden sei, um die Gegend zu ver¬ messen, daß ich die Hügel und Thäler aufnehme, um sie auf dem Papiere verkleinert darzustellen, und daß ich in der Hochstrasse draußen wohne. Als ich ihn fragte, ob er oft hieher komme, erwiederte er: „ich gehe gerne heraus, um meine Füsse zu üben, und size dann auf einem Steine, um die Dinge zu betrachten.“ Wir waren während dieses Gespräches ins Gehen gekommen, er ging an meiner Seite, und wir redeten noch von manchen gleichgültigen Dingen, vom Wetter, von der Jahreszeit, wie diese Steine besonders geeignet seien, die Sonnenstrahlen einzusaugen, und von Anderem. Waren seine Kleider schon bei jenem Gastmale schlecht gewesen, so waren sie jezt wo möglich noch schlechter. Ich konnte mich nicht erinnern, seinen Hut damals gesehen zu haben, jezt aber mußte ich wieder¬ holt auf ihn hin bliken; denn es war nicht ein ein¬ ziges Härchen auf ihm. Als wir an die Stelle gelangt waren, wo sein Weg sich von dem meinigen trennte, und zu seinem Pfarrhofe in das Kar hinab führte, nahmen wir Ab¬ schied, und sprachen die Hoffnung aus, daß wir uns nun öfter treffen würden. Ich ging auf meinem Wege nach der Hochstrasse dahin, und dachte immer an den Pfarrer. Die unge¬ meine Armuth, wie ich sie noch niemals bei einem Menschen oberhalb des Bettlerstandes angetroffen habe, namentlich nicht bei solchen, die andern als Muster der Reinlichkeit und Ordnung vorzuleuchten haben, schwebte mir beständig vor. Zwar war der Pfarrer beinahe ängstlich reinlich, aber gerade diese Reinlichkeit hob die Armuth noch peinlicher hervor, und zeigte die Lokerheit der Fäden, das Unhaltbare und Wesenlose dieser Kleidung. Ich sah noch auf die Hügel, welche nur mit Stein bedekt waren, ich sah noch auf die Thäler, in welchen sich nur die langen Sandbänke dahin zogen, und ging dann in meinen Gasthof, um den Ziegenbraten zu verzehren, den sie mir dort öfter vorsezten. Ich fragte nicht um den Pfarrer, um keine rohe Antwort zu bekommen. Von nun an kam ich öfter mit dem Pfarrer zu¬ sammen. Da ich den ganzen Tag in dem Steinkar war, und Abends noch öfter in demselben herum schlenderte, um verschiedene Richtungen und Abthei¬ lungen kennen zu lernen, da er auch zuweilen heraus¬ kam, so konnte es nicht fehlen, daß wir uns trafen. Wir kamen auch einige Male zu Gesprächen. Er schien nicht ungerne mit mir zusammen zu treffen, und ich sah es auch gerne, wenn ich mit ihm zusammen kam. Wir gingen später öfter mit einander in den Steinen herum, oder saßen auf einem, und betrachteten die andern. Er zeigte mir manches Thierchen, manche Pflanze, die der Gegend eigenthümlich waren, er zeigte mir die Besonderheiten der Gegend, und machte mich auf die Verschiedenheiten mancher Steinhügel aufmerksam, die der sorgfältigste Beobachter für ganz gleich gebildet angesehen haben würde. Ich erzählte ihm von meinen Reisen, zeigte ihm unsere Werkzeuge, und erklärte ihm bei Gelegenheit unserer Arbeiten manchmal deren Gebrauch. Ich kam nach der Zeit auch einige Male mit ihm in seinen Pfarrhof hinunter. Wo das stärkste Gestein sich ein wenig auflöset, gingen wir über eine sanftere Abdachung gegen das Kar hinab. An dem Rande der Gesteine lag eine Wiese, es standen mehrere Bäume darauf, unter ihnen eine schöne große Linde, und hinter der Linde stand der Pfarrhof. Er war damals ein weißes Gebäude mit einem Stokwerke, das sich von dem freundlicheren Grün der Wiese, von den Bäumen und von dem Grau der Steine schön abhob. Das Dach war mit Schindeln gedekt. Die Dachfenster waren mit Thürchen versehen, und die Fenster des Hauses waren mit grünen Flügelbalken zu schließen. Weiter zurük, wo die Landschaft einen Winkel macht, stand gleichsam in die Felsen verstekt die Kirche mit dem roth angestrichenen Kirchthurm¬ dache. In einem anderen Theile des Kar stand in einem dürftigen Garten die Schule. Diese drei einzi¬ gen Gebäude waren das ganze Kar. Die übrigen Behausungen waren in der Gegend zerstreut. An manchem Stein gleichsam angeklebt lag eine Hütte mit einem Gärtchen mit Kartoffeln oder Ziegenfutter. Weit draußen gegen das Land hin lag auch ein frucht¬ barerer Theil, der zu der Gemeinde gehörte, und der auch Aker- Wiesen- und Kleegrund hatte. Im Angesichte der Fenster des Pfarrhofes ging am Rande der Wiese die Zirder vorüber, und über den Fluß führte ein hoher Steg, der sich gegen die Wiese herab senkte. Die Wiesenfläche war nicht viel höher als das Flußbett. Dieses Bild des hohen Steges über den einsamen Fluß war nebst der Stein¬ gegend das einzige, das man von dem Pfarrhofe sehen konnte. Wenn ich mit dem Pfarrer in sein Haus ging, führte er mich nie in das obere Stokwerk, sondern er geleitete mich stets durch ein geräumiges Vorhaus in ein kleines Stüblein. Das Vorhaus war ganz leer, nur in einer Mauervertiefung, die sehr breit aber seicht war, stand eine lange hölzerne Bank. Auf der Bank lag immer, so oft ich den Pfarrhof besuchte, eine Bibel, ein großes in starkes Leder gebundenes Buch. In dem Stüblein war nur ein weicher unan¬ gestrichener Tisch, um ihn einige Sesseln derselben Stifter, Jugendschriften. I. 7 Art, dann an der Wand eine hölzerne Bank und zwei gelbangestrichene Schreine. Sonst war nichts vor¬ handen, man müßte nur ein kleines sehr schön aus Birnholz geschniztes mittelalterliches Crucifix hieher rechnen, das über dem ebenfalls kleinen Weihbrunnen¬ kessel an dem Thürpfosten hing. Bei diesen Besuchen machte ich eine seltsame Ent- dekung. Ich hatte schon in Schauendorf bemerkt, daß der arme Pfarrer immer heimlich die Handkrausen seines Hemdes in die Rokärmel zurük schiebe, als hätte er sich ihrer zu schämen. Dasselbe that er auch jezt immer. Ich machte daher genauere Beobachtungen, und kam darauf, daß er sich seiner Handkrausen kei¬ neswegs zu schämen habe, sondern daß er, wie mich auch andere Einblike in seine Kleidung belehrten, die feinste und schönste Wäsche trug, welche ich jemals auf Erden gesehen hatte. Diese Wäsche war auch immer in der untadelhaftesten Weiße und Reinheit, wie man es nach dem Zustande seiner Kleider nie ver¬ muthet hätte. Er mußte also auf die Besorgung die¬ ses Theiles die größte Sorgfalt verwenden. Da er nie davon sprach, schwieg ich auch darüber, wie sich wohl von selber versteht. Unter diesem Verkehre ging ein Theil des Som¬ mers dahin. Eines Tages war in den Steinen eine besondere Hize. Die Sonne hatte zwar den ganzen Tag nicht ausgeschienen, aber dennoch hatte sie den matten Schleier, der den ganzen Himmel bedekte, so weit durchdrungen, daß man ihr blasses Bild immer sehen konnte, daß um alle Gegenstände des Steinlandes ein wesenloses Licht lag, dem kein Schatten beigegeben war, und daß die Blätter der wenigen Gewächse, die zu sehen waren, herab hingen; denn obgleich kaum ein halbes Sonnenlicht durch die Nebelschichte der Kuppel drang, war doch eine Hize, als wären drei Tropensonnen an heiterem Himmel, und brennten alle drei nieder. Wir hatten sehr viel gelitten, so daß ich meine Leute kurz nach zwei Uhr entließ. Ich sezte mich unter einen Steinüberhang, der eine Art Höhle bildete, in welcher es bedeutend kühler war, als draußen in der freien Luft. Ich verzehrte dort mein Mittagmal, trank meinen eingekühlten Wein, und las dann. Gegen Abend wurde die Wolkenschichte nicht zerrissen, wie es doch an solchen Tagen sehr häufig geschieht, sie wurde auch nicht dichter, sondern lag in derselben gleichmäßigen Art wie den ganzen Tag über den Himmel. Ich ging daher sehr spät aus der Höhle; denn so wie die Schleierdeke am Himmel sich nicht geändert hatte, so war die Hize auch kaum 7* minder geworden, und man hatte in der Nacht keinen Thau zu erwarten. Ich wandelte sehr langsam durch die Hügel dahin, da sah ich den Pfarrer in den Sand¬ lehnen daher kommen, und den Himmel betrachten. Wir näherten uns, und grüßten uns. Er fragte mich, wo wir heute gearbeitet hätten, und ich sagte es ihm. Ich erzählte ihm auch, daß ich in der Höhle gelesen habe, und zeigte ihm das Buch. Hierauf gingen wir mit einander in dem Sande weiter. Nach einer Weile sagte er: „Es wird nicht mehr möglich sein, daß Sie die Hochstrasse erreichen.“ „Wie so?“ fragte ich. „Weil das Gewitter ausbrechen wird,“ antwor¬ tete er. Ich sah nach dem Himmel. Die Wolkendeke war eher dichter geworden, und auf allen kahlen Stein¬ flächen, die wir sehen konnten, lag ein sehr sonder¬ bares bleifarbenes Licht. „Daß ein Gewitter kommen wird,“ sagte ich, „war wohl den ganzen Tag zu erwarten, allein wie bald die Dunstschichte sich verdichten, erkühlen, den Wind und die Electricität erzeugen, und sich herabschütten wird, kann man, glaube ich, nicht ermessen.“ „Man kann es wohl nicht genau sagen,“ antwor¬ tete er, „allein ich habe sieben und zwanzig Jahre in der Gegend gelebt, habe Erfahrungen gesammelt, und nach ihnen wird das Gewitter eher ausbrechen, als man denkt, und wird sehr stark sein. Ich glaube daher, daß es das Beste wäre, wenn Sie mit mir in meinen Pfarrhof gingen, und die Nacht heute dort zubrächten. Der Pfarrhof ist so nahe, daß wir ihn noch leicht erreichen, wenn wir auch das Gewitter schon deutlich an dem Himmel sehen, dort sind Sie sicher, und kön¬ nen morgen an Ihre Geschäfte gehen, sobald es Ihnen beliebt.“ Ich erwiederte, daß es deßohngeachtet nicht un¬ möglich sei, daß aus der Dunstschichte sich auch nur ein Landregen entwikle. In diesem Falle sei ich gebor¬ gen; ich habe ein Mäntelchen aus Wachstaffet bei mir, das dürfe ich nur aus der Tasche ziehen, und umhängen, und der Regen könne mir nichts anhaben. Ja wenn ich auch ohne diesen Schuz wäre, so sei ich in meinem Amte schon so oft vom Regen durchnäßt worden, daß ich, um ein derartiges Ereigniß zu ver¬ meiden, nicht jemanden zur Last sein, und Unordnung in sein Hauswesen bringen möchte. Sollte aber wirk¬ lich ein Gewitter bevorstehen, das Plazregen oder Hagel oder gar einen Wolkenbruch bringen könnte, dann nähme ich sein Anerbieten dankbar an, und bitte um einen Unterstand für die Nacht, aber ich mache die Bedingung, daß es wirklich nichts weiter sei als ein Unterstand, daß er sich in seinem Hause nicht beirren lasse, und sich weiter keine Last auferlege, als daß er mir ein Pläzchen unter Dach und Fach gäbe; denn ich bedürfe nichts als ein solches Pläzchen. Übrigens führe unser Weg noch ein gutes Stük auf demselben gemeinschaftlichen Pfade fort, da könnten wir die Frage verschieben, indessen den Himmel betrachten, und zulezt nach der Gestalt der Sache entscheiden. Er willigte ein, und sagte, daß, wenn ich bei ihm bliebe, ich nicht zu fürchten hätte, daß er sich eine Last auflege, ich wisse, daß es bei ihm einfach sei, und es werde keine andere Anstalt gemacht werden, als die nothwendig sei, daß ich die Nacht bei ihm zubringen könnte. Nachdem wir diesen Vertrag geschlossen hatten, gingen wir auf unserem Wege weiter. Wir gingen sehr langsam, theils der Hize wegen, theils weil es von jeher schon so unsere Gewohnheit war. Plözlich flog ein schwacher Schein um uns, unter dem die Felsen errötheten. Es war der erste Bliz gewesen, der aber stumm war, und dem kein Donner folgte. Wir gingen weiter. Nach einer Weile folgten mehrere Blize, und da der Abend bereits ziemlich dunkel geworden war, und da die Wolkenschichte auch einen dämmernden Einfluß ausübte, stand unter jedem Blize der Kalkstein in rosenrother Farbe vor uns. Als wir zu der Stelle gelangt waren, an welcher unsere Wege sich theilten, blieb der Pfarrer stehen, und sah mich an. Ich gab zu, daß ein Gewitter komme, und sagte, daß ich mit ihm in seinen Pfarr¬ hof gehen wolle. Wir schlugen also den Weg in das Kar ein, und gingen über den sanften Steinabhang in die Wiese hinunter. Als wir bei dem Pfarrhofe angelangt waren, sezten wir uns noch ein wenig auf das hölzerne Bänk¬ lein, das vor dem Hause stand. Das Gewitter hatte sich nun vollständig entwikelt, und stand als dunkle Mauer an dem Himmel. Nach einer Weile entstanden auf der gleichmäßigen dunkelfarbigen Gewitterwand weiße laufende Nebel, die in langen wulstigen Strei¬ fen die untern Theile der Wolkenwand säumten. Dort war also vielleicht schon Sturm, während bei uns sich noch kein Gräschen und kein Laub rührte. Solche laufende gedunsene Nebel sind bei Gewittern oft schlimme Anzeichen, sie verkünden immer Windaus¬ brüche, oft Hagel und Wasserstürze. Den Blizen folg¬ ten nun auch schon deutliche Donner. Endlich gingen wir in das Haus. Der Pfarrer sagte, daß es seine Gewohnheit sei, bei nächtlichen Gewittern ein Kerzenlicht auf den Tisch zu stellen, und bei dem Lichte ruhig sizen zu bleiben, so lange das Gewitter dauere. Bei Tage size er ohne Licht bei dem Tische. Er fragte mich, ob er auch heute seiner Sitte treu bleiben dürfe. Ich erinnerte ihn an sein Versprechen, sich meinetwegen nicht die geringste Last aufzulegen. Er führte mich also durch das Vorhaus in das bekannte Stüblein, und sagte, daß ich meine Sachen ablegen möchte. Ich trug gewöhnlich an einem ledernen Riemen ein Fach über die Schulter, in welchem Werkzeuge zum Zeichnen Zeichnungen und zum Theil auch Me߬ werkzeuge waren. Neben dem Fache war eine Tasche befestigt, in der sich meine kalten Speisen, mein Wein, mein Trinkglas und meine Vorrichtung zum Einkühlen des Weines befanden. Diese Dinge legte ich ab, und hing sie über die Lehne eines in einer Eke stehenden Stuhles. Meinen langen Meßstab lehnte ich an einen der gelben Schreine. Der Pfarrer war indessen hinaus gegangen, und kam nun mit einem Lichte in der Hand herein. Es war ein Talglicht, welches in einem messingenen Leuchter stak. Er stellte den Leuchter auf den Tisch und legte eine messingene Lichtscheere dazu. Dann sezten wir uns beide an den Tisch, blieben sizen, und erwar¬ teten das Gewitter. Dasselbe schien nicht mehr lange ausbleiben zu wollen. Als der Pfarrer das Licht gebracht hatte, war die wenige Helle, die von draußen noch durch die Fenster herein gekommen war, verschwunden, die Fenster standen wie schwarze Tafeln da, und die völ¬ lige Nacht war hereingebrochen. Die Blize waren schärfer, und erleuchteten troz des Kerzenlichtes bei jedem Aufflammen die Winkel des Stübleins. Die Donner wurden ernster und dringender. So blieb es eine lange Weile. Endlich kam der erste Stoß des Gewitterwindes. Der Baum, welcher vor dem Hause stand, schauerte einen Augenblik leise, wie von einem kurz abgebrochenen Lüftchen getroffen, dann war es wieder stille. Über ein Kleines kam das Schauern abermals, jedoch länger und tiefer. Nach einem kur¬ zen Zeitraume geschah ein starker Stoß, alle Blätter rauschten, die Äste mochten zittern, nach der Art zu urtheilen, wie wir den Schall herein vernahmen, und nun hörte das Tönen gar nicht mehr auf. Der Baum des Hauses, die Heken um dasselbe und alle Gebüsche und Bäume der Nachbarschaft waren in einem einzi¬ gen Brausen befangen, das nur abwechselnd abnahm und schwoll. Dazwischen schallten die Donner. Sie schallten immer schneller und immer heller. Doch war das Gewitter noch nicht da. Zwischen Bliz und Don¬ ner war noch eine Zeit, und die Blize, so hell sie waren, waren doch keine Schlangen sondern nur ein ausgebreitetes allgemeines Aufleuchten. Endlich schlugen die ersten Tropfen an die Fenster. Sie schlugen stark und einzeln gegen das Glas, aber bald kamen Genossen, und in Kurzem strömte der Regen in Fülle herunter. Er wuchs schnell gleichsam rauschend und jagend, und wurde endlich dergestalt, daß man meinte, ganze zusammenhängende Wasser¬ mengen fielen auf das Haus hernieder, das Haus dröhne unter dem Gewichte, und man empfinde das Dröhnen und Ächzen herein. Kaum das Rollen des Donners konnte man vor dem Strömen des Wassers hören, das Strömen des Wassers wurde ein zweites Donnern. Das Gewitter war endlich über unserem Haupte. Die Blize fuhren wie feurige Schnüre her¬ nieder, und den Blizen folgten schnell und heiser die Donner, die jezt alles andere Brüllen besiegten, und in ihren tieferen Enden und Ausläufen das Fenster¬ glas erzittern und klirren machten. Ich war nun froh, daß ich dem Rathe des Pfar¬ rers gefolgt hatte. Ich hatte selten ein solches Ge¬ witter erlebt. Der Pfarrer saß ruhig und einfach an dem Tische des Stübleins, und das Licht der Talg¬ kerze beleuchtete seine Gestalt. Zulezt geschah ein Schlag, als ob er das ganze Haus aus seinen Fugen heben, und niederstürzen wollte, und gleich darauf wieder einer. Dann war ein Weilchen Anhalten, wie es oft bei solchen Erschei¬ nungen der Fall ist, der Regen zukte einen Augenblik ab, als ob er erschroken wäre, selbst der Wind hielt inne. Aber es wurde bald wieder wie früher; allein die Hauptmacht war doch gebrochen, und alles ging gleichmäßiger fort. Nach und nach milderte sich das Gewitter, der Sturm war nur mehr ein gleichartiger Wind, der Regen war schwächer, die Blize leuchteten blässer, und der Donner rollte matter gleichsam land¬ auswärts gehend. Als endlich das Regnen nur ein einfaches Nieder¬ rinnen war, und das Blizen ein Nachleuchten, stand der Pfarrer auf, und sagte: „Es ist vorüber.“ Er zündete sich ein Stümpfchen Licht an, und ging hinaus. Nach einer Weile kam er wieder herein, und trug auf einem Eßbrette mehrere Dinge, die zu dem Abendmale bestimmt waren. Er sezte von dem Eßbrette ein Krüglein mit Milch auf den Tisch, und goß aus demselben zwei Gläser voll. Dann sezte er auf einem grünglasirten Schüsselchen Erdbeeren auf und auf einem Teller mehrere Stüke schwarzen Brotes. Als Besteke legte er auf jeden Plaz ein Mes¬ ser, und ein kleines Löffelchen, dann trug er das E߬ brett wieder hinaus. Als er hereingekommen war, sagte er: „Das ist unser Abendmal, lassen Sie es sich genügen.“ Er trat zu dem Tisch, faltete die Hände, und sprach bei sich einen Segen, ich that desgleichen, und nun sezten wir uns zu unserem Abendessen nieder. Die Milch tranken wir aus den Gläsern, von dem schwar¬ zen Brote schnitten wir uns Stükchen mit dem Mes¬ ser, und aßen die Erdbeeren mit dem Löffelchen. Da wir fertig waren, sprach er wieder mit gefalteten Händen ein Dankgebet, holte das Eßbrett, und trug die Reste wieder fort. Ich hatte in meiner Tasche noch Theile von mei¬ nem Mittagsmale und in meiner Flasche noch Wein. Ich sagte daher: „Wenn Euer Ehrwürden erlauben, so nehme ich die Überbleibsel meines heutigen Mittag¬ essens aus meinem Ränzchen heraus, weil sie sonst verderben würden.“ „Thun Sie nur nach Ihrem Gefallen,“ antwortete er. Ich nahm daher meine Tasche, und sagte: „Da sehen Euer Ehrwürden auch zugleich wie ich bei mei¬ nem Wanderleben Tafel halte, und wie mein Trink- und Eßgeschirr beschaffen ist.“ „Sie müssen wissen,“ fuhr ich fort, „daß, so sehr man das Wasser und insbesonders das Gebirgswas¬ ser lobt, und so nüzlich und herrlich dieser Stoff auch in dem großen Haushalte der Natur ist, dennoch, wenn man tagelang auf offenem Felde im Sonnen¬ scheine arbeitet, oder in heißen Steinen und heißem Sande herum geht, oder in Klippen klettert, ein Trunk Wein mit Wasser ungleich mehr labt, und Kraft gibt, als das lautere auserlesenste Wasser der Welt. Das lernte ich bei meinem Amte bald kennen, und versah mich daher stets bei allen meinen Reisen mit Wein. Aber nur guter Wein ist es, der gute Dienste leistet. Ich hatte mir daher auch auf die Hochstrasse einen reinen guten Wein kommen lassen, und nehme täglich einen Theil mit in meine Stein¬ hügel.“ Der arme Pfarrer sah mir zu, wie ich meine Vor¬ richtungen auseinander pakte. Er betrachtete die kleinen blechernen Tellerchen, deren mehrere in eine unbedeu¬ tende flache Scheibe zusammen zu paken waren. Ich stellte die Tellerchen auf den Tisch. Dazu that ich von meinem Fache Messer und Gabeln. Dann schnitt ich Scheibchen von feinem weißen Weizenbrote, das ich wöchentlich zwei Mal kommen ließ, dann Scheibchen von Schinken von kaltem Braten und Käse. Das breitete ich auf den Tellern aus. Hierauf bath ich ihn um eine Flasche Wassers; denn das allein, sagte ich, führe ich nicht mit mir, da ich es in der Natur über¬ all finden müsse. Als er in einem Kruge Wasser gebracht hatte, legte ich meine Trinkvorrichtungen auseinander. Ich that die Flasche, die noch halb voll Wein war, heraus, ich stellte die zwei Gläser — eines habe ich immer zum Vorrathe — auf den Tisch, und dann zeigte ich ihm, wie ich den Wein kühle. Das Glas wird in ein Fach von sehr lokerem Stoffe gestellt, der Stoff mit einer sehr dünnen Flüssigkeit, die Äther heißt, und die ich in einem Fläschchen immer mit führe, befeuchtet, welche Flüssigkeit sehr schnell und heftig verdünstet, und dabei eine Kälte erzeugt, daß der Wein frischer wird, als wenn er eben von dem Keller käme, ja als ob er sogar in Eis stünde. Da ich auf diese Weise zwei Gläser Wein aufgefrischt, mit Wasser vermischt, und eins auf sei¬ nen Plaz gestellt hatte, lud ich ihn ein, mit mir zu speisen. Er nahm, gleichsam um meiner Einladung die Ehre anzuthun, ein winziges Bischen von den Dingen, nippte an dem Glase, und war nicht mehr zu bewegen, etwas weiteres zu nehmen. Ich aß von den aufgestellten Speisen nun auch nur sehr weniges, und pakte dann alles wieder zusammen, indem ich mich der Unhöflichkeit, die ich eigentlich in der Übereilung begangen hatte, schämte. Ich that schnell einen Blik in das Angesicht des Pfarrers; aber es sprach sich nicht der kleinste Zug von Unfreundlichkeit aus. Da der Tisch leer war, saßen wir noch eine Zeit bei der Talgkerze, und sprachen. Dann schritt der Pfarrer daran, mein Bett zu bereiten. Er trug eine große wollene Deke herein, legte sie vierfach zusam¬ men, und that sie auf die Bank, die an der Mauer stand. Aus einer ähnlichen Deke machte er ein Kissen. Dann öffnete er einen der gelben Schreine, nahm ein Leintuch von außerordentlicher Schönheit Feinheit und Weiße heraus, that es auseinander, und brei¬ tete es über mein Lager. Als ich bei dem schwachen Scheine der Kerze die ungemeine Trefflichkeit des Linnenstückes gesehen, und dann unwillkührlich meine Augen auf ihn gewendet hatte, erröthete er in seinem Angesichte. Als Hülle für meinen Körper legte er eine dritte Wolldeke auf das Lager. „Das ist Ihr Bett, so gut ich es machen kann,“ sagte er, „Sie dürfen nur sagen, wann Sie bereitet sind die Ruhe zu suchen.“ „Das lasse ich Euer Ehrwürden über,“ antwor¬ tete ich, „wann Sie zum Schlafen ihre Zeit haben, richten Sie sich nach derselben. Ich bin an keine Stunde gebunden, meine Lebensweise bringt es mit sich, daß ich bald kurz bald lang schlafe, bald früher bald später mein Lager suche.“ „Auch ich bin keiner Zeit unterthan,“ erwiederte er, „und kann den Schlummer nach meinen Pflichten einrichten; aber da es wegen des Gewitters heute später geworden ist als sonst, da Sie morgen gewiß sehr bald aufstehen, und wahrscheinlich in die Hoch¬ strasse gehen werden, um manches zu holen, so dächte ich, wäre Ruhe das Beste, und wir sollten sie suchen.“ „Ich stimme Ihnen vollständig bei, Herr Pfarrer,“ sagte ich. Nach diesem Gespräche verließ er das Stüblein, und ich dachte, er habe sich nach seiner Schlafkammer begeben. Ich entkleidete mich daher, so weit ich es immer gewohnt bin, und legte mich auf mein Bett. Eben wollte ich das Licht, das ich auf einen Stuhl neben meinem Bette gestellt hatte, auslöschen, als der Pfarrer wieder herein trat. Er hatte sich umge¬ kleidet, und trug jezt grauwollene Strümpfe grau¬ wollene Beinkleider und eine grauwollene Jake. Schuhe hatte er nicht, sondern er ging auf den Strümpfen. So trat er in das Stüblein. „Sie haben sich schon zur Ruhe gelegt,“ sagte er, „ich bin gekommen, Ihnen eine gute Nacht zu sagen, und dann auch den Schlaf zu suchen. Also schlummern Sie wohl, wie es auf dem Bette möglich ist.“ „Ich werde gut schlafen,“ erwiederte ich, „und wünsche Ihnen ein Gleiches.“ Nach diesen Worten ging er zu dem Weihbrun¬ nenkessel, der unter dem kleinen schön geschnizten Crucifixe hing, besprengte sich mit Tropfen des Was¬ sers, und verließ das Stüblein. Ich sah bei dem Lichte meiner Kerze, wie er in dem geräumigen Vorhause sich auf die hölzerne Bank, die in der flachen Nische stand, legte, und die Bibel sich als Kissen unter das Haupt that. Als ich dieses gesehen hatte, sprang ich von mei¬ nem Lager auf, ging in den Nachtkleidern in das Vorhaus hinaus, und sagte: „Mit nichten, Euer Ehrwürden, so ist es nicht gemeint, Sie dürfen nicht Stifter, Jugendschriften. I. 8 auf dieser nakten Bank schlafen, während Sie mir das bessere Bett einräumen. Ich bin gewohnt auf allen Lagern zu schlafen selbst im Freien unter einem Baume, lassen Sie mich diese Bank benüzen, und begeben Sie sich in das Bett, das Sie mir abtreten wollten.“ „Nein, lieber Herr,“ antwortete er, „ich habe Ihnen kein Bett abgetreten, wo das Ihrige ist, wird sonst nie eines gemacht, und wo ich jezt liege, schlafe ich alle Nächte.“ „Auf dieser harten Bank und mit diesem Buche als Kissen schlafen Sie alle Nächte?“ fragte ich. „Wie Sie durch Ihren Stand an alle Lager ge¬ wohnt sind selbst an eines im Freien,“ erwiederte er, „so bin ich auch durch meinen Stand gewohnt, auf dieser Bank zu schlafen, und dieses Buch als Kissen zu haben.“ „Ist das wirklich möglich?“ fragte ich. „Ja, es ist so,“ antwortete er, „ich sage keine Lüge. Ich hätte mir ja auch auf dieser Bank ein Bett machen können, wie ich Ihnen eines auf der Ihrigen gemacht habe; allein ich habe schon seit sehr langer Zeit her angefangen, in diesen Kleidern und auf dieser Bank hier, wie Sie mich sehen, zu schlafen, und thue es auch heute.“ Da ich noch immer mißtrauisch zögerte, sagte er: „Sie können in Ihrem Herzen ganz beruhigt sein, ganz beruhigt.“ Ich wendete gegen dieses nichts mehr ein, nament¬ lich war der Grund, daß er sich ja auch ein Bett hätte machen können, überzeugend. Nach einer Weile, während welcher ich noch immer dagestanden war, sagte ich: „Wenn es eine alte Ge¬ wohnheit ist, hochwürdiger Herr, so habe ich freilich nichts mehr einzuwenden; aber Sie werden es auch begreifen, daß ich anfänglich dagegen sprach, weil man gewöhnlich überall ein gebettetes Lager hat.“ „Ja man hat es,“ sagte er, „und gewöhnt sich daran, und meint, es müsse so sein. Aber es kann auch anders sein. An alles gewöhnt sich der Mensch, und die Gewohnheit wird dann sehr leicht, sehr leicht.“ Nach diesen Worten ging ich wieder, nachdem ich ihm zum zweiten Male eine gute Nacht gewünscht hatte, in mein Stüblein, und legte mich wieder in mein Bett. Ich erinnerte mich nun auch, daß ich wirklich nie ein Bett gesehen habe, so oft ich früher in der Behausung des Pfarrers gewesen war. Ich dachte noch eine Zeit lang an die Sache, und konnte nicht umhin, die äußerste Feinheit des Linnens des Pfarrers sehr wohlthätig an meinem Körper zu empfin¬ 8* den. Nach einer kurzen Zeit lieferte der Pfarrer den thatsächlichen Beweis, daß er an sein Lager gewohnt sei; denn ich hörte aus dem sanften regelmäßigen Athmen, daß er bereits in tiefen Schlummer gesun¬ ken sei. Da ich nun auch ruhig war, da alles in dem Pfarrhause todtenstille war, da der Wind aufgehört hatte, der Regen kaum nur leise zu vernehmen war, und die Blize wie verloren nur mehr selten mit mattem Scheine das Fenster berührten, senkte sich auch auf meine Augen der Schlummer, und nachdem ich die Kerze ausgelöscht hatte, vernahm ich noch einige Male das Fallen eines Tropfens an das Fenster, dann war mirs, als ob daran der schwache Aufblik eines Leuchtens geschähe, und dann war nichts mehr. — Ich schlief sehr gut, erwachte spät, und es war schon völliger Tag, als ich die Augen öffnete. Es war, als ob es ein zartes Geräusch gewesen wäre, das mein völliges Aufwachen veranlaßt hatte. Als ich die Augen vollkommen öffnete, und herum sah, erblikte ich in dem Vorhause den Pfarrer in seinen grauen Nachtkleidern, wie er eben beschäftigt war, meine Kleider mit einer Bürste vom Staube zu reini¬ gen. Ich erhob mich schnell von meinem Lager, ging hinaus, und störte ihn in seinem Beginnen, indem ich sagte, das dürfe nicht sein, so etwas könne ich von ihm nicht annehmen, es liege nicht in seinem Stande, es mache der Staub nichts, und wenn ich ihn fort wollte, so könnte ich ihn ja selber mit einer Bürste schnell abstreifen. „Es liegt nicht in meinem Stande als Priester, aber es liegt in meinem Stande als Gastfreund,“ sagte er, „ich habe nur eine einzige alte Dienerin, die nicht in dem Hause wohnt, sie kömmt zu gewissen Stunden, um meine kleinen Dienste zu verrichten, und ist heute noch nicht da.“ „Nein, nein, das thut nichts,“ antwortete ich, „ich erinnere Sie an Ihr Versprechen, sich keine Last aufzulegen.“ „Ich lege mir keine Last auf,“ erwiederte er, „und es ist schon bald gut.“ Mit diesen Worten that er noch ein paar Striche mit der Bürste auf dem Roke, und ließ sich dann beides, Bürste und Kleider, nehmen. Er ging aus dem Vorhause in ein anderes mir bis dahin unbe¬ kanntes Gemach. Ich kleidete mich indessen an. Nach einer Zeit kam auch er vollständig angekleidet herein. Er hatte die alten schwarzen Kleider an, die er am Tage und alle vorhergehenden Tage angehabt hatte. Wir traten an das Fenster. Der Schauplaz hatte sich vollkommen geändert. Es war ein durchaus schöner Tag und die Sonne erhob sich strahlend in einem unermeßlichen Blau. Was doch so ein Gewitter ist! Das Zarteste das Weichste der Natur ist es, wodurch ein solcher Anfruhr veranlaßt wird. Die feinen unsichtbaren Dünste des Himmels, die in der Hize des Tages oder in der Hize mehrerer Tage unschädlich in dem unermeßlichen Raume aufgehängt sind, meh¬ ren sich immer, bis die Luft an der Erde so erhizt und verdünnt ist, daß die oberen Lasten derselben nieder¬ sinken, daß die tieferen Dünste durch sie erkühlt wer¬ den, oder daß sie auch von einem andern kalten Hauche angeweht werden, wodurch sie sich sogleich zu Nebelballen bilden, das electrische Feuer erzeugen, und den Sturm wach rufen, neue Kälte bewirken, neue Nebel erregen, sodann mit dem Sturme daher fahren, und ihre Mengen, die zusammen schießen, sei es in Eis, sei es in geschlossenen Tropfen, auf die Erde niederschütten. Und haben sie sie nieder geschüttet, und hat die Luft sich gemischt, so steht sie bald wieder in ihrer Reinheit und Klarheit oft schon am andern Tage da, um wieder die Dünste aufzunehmen, die in der Hize erzeugt werden, wieder allmählich dasselbe Spiel zu beginnen, und so die Abwechslung von Regen und Sonnenschein zu bewirken, welche die Freude und das Gedeihen von Menschen Thieren und Gewächsen ist. Der unermeßliche Regen der Nacht hatte die Kalk¬ steinhügel glatt gewaschen, und sie standen weiß und glänzend unter dem Blau des Himmels und unter den Strahlen der Sonne da. Wie sie hinter einander zurük wichen, wiesen sie in zarten Abstufungen ihre gebrochenen Glanzfarben in Grau, Gelblich, Röth¬ lich. Rosenfarbig, und dazwischen lagen die länglichen nach rükwärts immer schöneren luftblauen Schatten. Die Wiese vor dem Pfarrhofe war frisch und grün, die Linde, die ihre älteren und schwächeren Blätter durch den Sturm verloren hatte, stand neugeboren da, und die andern Bäume und die Büsche um den Pfarr¬ hof hoben ihre nassen glänzenden Äste und Zweige gegen die Sonne. Nur in der Nähe des Steges war auch ein anderes minder angenehmes Schauspiel des Gewitters. Die Zirder war ausgetreten, und sezte einen Theil der Wiese, von der ich gesagt habe, daß sie um wenig höher liegt als das Flußbett, unter Wasser. Der hohe Steg senkte sich mit seinem abwärts gehenden Theile unmittelbar in dieses Wasser. Allein, wenn man von dem Schaden absieht, den die Über¬ schwemmung durch Anführung von Sand auf der Wiese verursacht haben mochte, so war auch diese Erscheinung schön. Die große Wasserfläche glänzte unter den Strahlen der Sonne, sie machte zu dem Grün der Wiese und dem Grau der Steine den dritten stimmenden und schimmernden Klang, und der Steg stand abenteuerlich wie eine dunkle Linie über dem silbernen Spiegel. Der Pfarrer zeigte mir mehrere Stellen sehr ent¬ fernter Gegenden, die man sonst nicht sehen konnte, die aber heute deutlich in der gereinigten Luft wie klare Bilder zu erbliken waren. Nachdem wir eine kleine Zeit das Morgenschau¬ spiel, das die Augen unwillkührlich auf sich gezogen hatte, betrachtet hatten, brachte der Pfarrer kalte Milch und schwarzes Brot zum Frühmale. Wir ver¬ zehrten beides, und ich schikte mich dann zum Fort¬ gehen an. Ich nahm mein Fach und meine Tasche mit dem Lederriemen über die Schulter, nahm meinen Stab von der Eke neben dem gelben Schreine, nahm meinen weißen Wanderhut, und sagte dem Pfarrer herzlichen Dank für meine Beherbergung während des starken Gewitters. „Wenn es nur nicht zu schlecht gewesen ist,“ sagte er. „Nein, nein, Euer Ehrwürden,“ erwiederte ich, „es war alles lieb und gut von Ihnen, ich bedaure nur, daß ich Ihnen Störung und Unruhe verursacht habe, ich werde künftig genau auf das Wetter und den Himmel sehen, daß meine Unvorsichtigkeit nicht wieder ein anderer büssen muß.“ „Ich habe gegeben, was ich gehabt habe,“ sagte er. „Und ich wünsche sehr einen Gegendienst leisten zu können,“ erwiederte ich. „Menschen leben neben einander, und können sich manchen Gefallen thun,“ sagte er. Mit diesen Worten waren wir in das Vorhaus hinaus gelangt. „Ich muß Ihnen noch meine dritte Stube zeigen,“ sagte er, „hier habe ich ein Gemach, in welchem ich mich auskleide, und ankleide, daß mich niemand sieht, und in welchem ich noch mancherlei Sachen aufbe¬ wahrt habe.“ Mit diesen Worten führte er mich aus dem Vor¬ hause in ein Seitenzimmer oder eigentlich in ein Ge¬ wölbe, dessen Thür ich früher nicht beachtet hatte. In dem Gewölbe waren wieder sehr schlechte Geräthe. Ein großer weicher stehender Schrein, in dem Kleider und andere solche Dinge, wahrscheinlich auch die Wolldeken meines Lagers aufbewahrt wurden, ein paar Stühle, und ein Brett, auf dem schwarze Brote lagen, und ein Topf mit Milch stand: das war die ganze Geräth¬ schaft. Als wir wieder aus dem Zimmer heraus getreten waren, schloß er es zu, wir nahmen Abschied, und versprachen, uns bald wieder zu sehen. Ich trat in die kühle reine Luft und auf die nasse Wiese hinaus. Ich hatte wohl noch den Gedanken, wie es sonderbar sei, daß wir immer nur in dem Erdgeschoße gewesen seien, und daß ich doch in der Nacht und am Morgen deutlich Tritte oberhalb unser in dem Pfarrhofe vernommen hatte; allein ich ließ mich den Gedanken nicht weiter anfechten, und schritt vorwärts. Ich ging nicht auf meinem eigentlichen Wege, son¬ dern ich schlug die Richtung gegen die Zirder ein. Wenn man ein Land vermißt, wenn man viele Jahre lang Länder und ihre Gestalten auf Papier zeichnet, so nimmt man auch Antheil an der Beschaffenheit der Länder, und gewinnt sie lieb. Ich ging gegen die Zir¬ der, weil ich sehen wollte, welche Wirkungen ihr Austritt hervorgebracht hatte, und welche Verän¬ derungen er in der unmittelbaren Nähe eingeleitet haben möge. Als ich eine Weile vor dem Wasser stand, und sein Walten betrachtete, ohne daß ich eben andere Wirkungen als den bloßen Austritt wahrneh¬ men konnte, so erlebte ich plözlich ein Schauspiel, welches ich bisher nicht gehabt hatte, und bekam eine Gesellschaft, die mir bisher in dem Steinlande nicht zu Theil geworden war. Außer meinen Arbeitern, mit denen ich so bekannt war, und die mit mir so bekannt waren, daß wir uns wechselweise wie Werk¬ zeuge vorkommen mußten, hatte ich nur einige Men¬ schen in meinem Gasthause manchen Wanderer auf dem Wege und den armen Pfarrer in den Gesteinen gesehen. Jezt sollte es anders werden. Als ich hin¬ blikte, sah ich von dem jenseitigen Ufer, welches höher und nicht überschwemmt war, einen lustigen fröhlichen Knaben über den Steg daher laufen. Als er gegen das Ende des Steges kam, welches sich in das Überschwemmungswasser der Zirder hinab senkte, kauerte er sich nieder, und so viel ich durch mein Handfernrohr wahrnehmen konnte, nestelte er sich die Schuhriemen auf, und zog Schuhe und Strümpfe aus. Allein nachdem er beides ausgezogen hatte, ging er nicht in das Wasser herab, wie ich vermuthet hatte, sondern blieb an der Stelle. Gleich darauf kam ein zweiter Knabe, und that dasselbe. Dann kam ein bar¬ füßiger, der auch stehen blieb, dann mehrere andere. Endlich kam ein ganzer Schwarm Kinder über den Steg gelaufen, und als sie gegen das Ende desselben gekommen waren, dukten sie sich nieder, gleichsam wie ein Schwarm Vögel, der durch die Luft geflogen kömmt, und an einer kleinen Stelle einfällt, und ich konnte unschwer wahrnehmen, daß sie sämmtlich damit beschäftiget waren, Schuhe und Strümpfe aus¬ zuziehen. Als sie damit fertig waren, ging ein Knabe über den Steg herab, und behutsam in das Wasser. Ihm folgten die andern. Sie nahmen auf ihre Höschen keine Rüksicht, sondern gingen damit tief in das Was¬ ser, und die Rökchen der Mädchen schwammen um ihre Füsse in dem Wasser herum. Zu meinem Erstau¬ nen erblikte ich jezt auch mitten im Wasser eine grö¬ ßere schwarze Gestalt, die niemand anderer als der arme Pfarrer im Kar war. Er stand fast bis auf die Hüften im Wasser. Ich hatte ihn früher nicht gese¬ hen, und auch nicht wahrgenommen, wie er hinein gekommen war, weil ich mit meinen Augen immer weiterhin gegen den Steg geblikt hatte, und sie erst jezt mehr nach vorn richtete, wie die Kinder gegen meinen Standpunkt heran schritten. Alle Kinder gin¬ gen gegen den Pfarrer zu, und nachdem sie eine Weile bei ihm verweilt und mit ihm gesprochen hatten, tra¬ ten sie den Weg gegen das Ufer an, an dem ich stand. Da sie ungleich vorsichtig auftraten, so zerstreuten sie sich im Hergehen durch das Wasser, erschienen wie schwarze Punkte auf der glänzenden Fläche, und kamen einzeln bei mir an. Da ich sah, daß keine Gefahr in dem überall seichten Überschwemmungswasser vor¬ handen sei, blieb ich auf meiner Stelle stehen, und ließ sie ankommen. Die Kinder kamen heran, und blieben bei mir stehen. Sie sahen mich Anfangs mit trozigen und scheuen Angesichtern an; aber da ich von Jugend auf ein Kinderfreund gewesen bin, da ich stets die Kinder als Knospen der Menschheit außer¬ ordentlich geliebt habe, und seit meiner Verehlichung selbst mit einer Anzahl davon gesegnet worden bin, da zulezt auch keine Art von Geschöpfen so schnell erkennt, wer ihnen gut ist, und auf diesem Boden eben so schnell Vertrauen gewinnt als Kinder: so war ich bald von einem Kreise plaudernder und rühriger Kinder umringt, die sich bemühten Fragen zu geben, und Fragen zu beantworten. Es war leicht zu erra¬ then, auf welchem Wege sie sich befanden, da sie sämt¬ lich an ledernen oder leinenen Bändern ihre Schulta¬ schen um die Schultern gehängt hatten. Weil aber auch ich meine Tasche und mein Fach an einem leder¬ nen Riemen um meine Schultern trug, so mochte es ein lächerlicher Anblik gewesen sein, mich gleichsam wie ein großes Schulkind unter den kleinen stehen zu sehen. Einige bükten sich und waren bemüht, ihre Schuhe und Strümpfe wieder anzuziehen, andere hielten sie noch in den Händen, sahen zu mir auf, und redeten mit mir. Ich fragte sie, woher sie kämen, und erhielt zur Antwort, daß sie aus den Karhäusern und Steinhäu¬ sern seien, und daß sie in die Schule in das Kar gehen. Als ich sie fragte, warum sie auf dem Stege zu¬ sammen gewartet hätten, und nicht einzeln wie sie ge¬ kommen wären, in das Wasser gestiegen seien, sagten sie, weil die Eltern befohlen hätten, sie sollten sehr vorsichtig sein, und nicht allein sondern alle zusammen in das Wasser gehen, wenn ein solches jenseits des Steges auf der Zirderwiese sei. „Wenn aber das Wasser auf der Wiese so tief wäre, daß es über das Haupt eines großen Menschen hinaus ginge?“ fragte ich. „So kehren wir wieder um,“ antworteten sie. „Wenn aber erst das Wasser mit Gewalt daher käme, wenn ihr bereits über den Steg gegangen wä¬ ret, und euch auf der Wiese befändet, was thätet ihr dann?“ „Das wissen wir nicht.“ Ich fragte sie, wie lange sie von den Steinhäusern und Karhäusern hieher brauchten, und erhielt die Ant¬ wort: eine Stunde. So weit mochten auch die ge¬ nannten Häuser wirklich entfernt sein. Sie liegen jenseits der Zirder in einem eben so unfruchtbaren Boden wie das Kar, aber ihre Bewohner treiben viele Geschäfte, namentlich brennen sie Kalk aus ihren Steinen, und verführen ihn weit. Ich fragte sie, ob ihnen die Eltern auch aufgetra¬ gen hätten, die Schuhe und Strümpfe zu schonen, erhielt die Antwort ja, und bewunderte die Unfolge¬ richtigkeit, indem sie die trokenen Schuhe und Strüm¬ pfe in den Händen hielten, und mit bitterlich nassen Höschen und Rökchen vor mir standen. Ich fragte, was sie in dem Winter thäten. „Da gehen wir auch herüber,“ sagten sie. „Wenn aber Schneewasser auf der Wiese ist.“ „Da ziehen wir die Schuhe nicht aus, sondern ge¬ hen mit ihnen durch.“ „Und wenn der Steg eisig ist?“ „Da müssen wir acht geben.“ „Und wenn außerordentliches Schneegestöber ist?“ „Das macht nichts.“ „Und wenn ungeheuer viel Schnee liegt, und kein Weg ist?“ „Dann bleiben wir zu Hause.“ In diesem Augenblike kam der Pfarrer mit den lezten Kindern gegen mich heran. Es war auch Zeit; denn die Kinder waren bereits so zutraulich gewor¬ den, daß mir ein winzig kleiner Knabe, der den Grund und Anfang aller Wissenschaften auf einem kleinen Papptäfelchen trug, seine Buchstaben aufsa¬ gen wollte. Da mich der Pfarrer in der Mitte der Kinder an¬ sichtig wurde, grüßte er sehr freundlich, und sagte, das sei schön von mir, daß ich auch zur Hilfe herbei geeilt wäre. Ich erschrak über diese Zumuthung, sagte aber gleich, ich sei eben nicht zur Hilfe herbei geeilt, da ich nicht gewußt hätte, daß Kinder über den Steg kom¬ men würden, aber wenn Hilfe nöthig geworden wäre, so würde ich sie gewiß auch geleistet haben. Bei dieser Gelegenheit, als ich ihn so unter den Kindern stehen sah, bemerkte ich, daß er bei weitem tiefer im Wasser gewesen sein müsse als die Kinder; denn er war bis über die Hüften naß, und dies hätte bei manchem Kinde beinahe an den Hals gereicht. Ich begrif den Widerspruch nicht, und fragte ihn deßhalb. Er sagte, das sei leicht zu erklären. Der Wenner¬ bauer, dem das überschwemmte Stük Wiese gehöre, auf dem er eben im Wasser gestanden sei, habe vor¬ gestern Steine aus der Wiese graben, und wegführen lassen. Die Grube sei geblieben. Da er nun heute die Wiese gegen die Zirder mit Wasser überdekt gese¬ hen hätte, habe er geglaubt, daß der Weg der Kinder etwa nahe an dieser Grube vorbei gehen, und daß eines in derselben verunglüken könnte. Deßhalb habe er sich zu der Grube stellen wollen, um alle Gefahr zu verhindern. Da sie aber abschüssig war, sei er sel¬ ber in die Grube geglitten, und einmal darin stehend sei er auch darin stehen geblieben. Eines der kleineren Kinder hätte in der Grube sogar ertrinken können, so tief sei sie gegraben worden. Man müsse Sorge tra¬ gen, daß die Wiese wieder abgeebnet werde; denn das Wasser bei Überschwemmungen sei trüb, und lasse die Tiefe und Ungleichheit des Bodens unter sich nicht bemerken. Die nassen Kinder drängten sich um den nassen Pfarrer, sie küßten ihm die Hand, sie redeten mit ihm, er redete mit ihnen, oder sie standen da, und sahen zutraulich zu ihm hinauf. Er aber sagte endlich, sie sollten jezt die nassen Rökchen auswinden, das Wasser aus allen Kleidern drüken, oder abstreifen, und wer Schuhe und Strüm¬ pfe habe, solle sie anziehen, dann sollen sie gehen, daß sie sich nicht erkühlen, sie sollen sich in die Sonne Stifter, Jugendschriften. I. 9 stellen, daß sie eher troken würden, und sollen dann in die Schule gehen, und dort sehr sittsam sein. „Ja das werden wir thun,“ sagten sie. Sie folgten der Weisung auch sogleich, sie dukten oder kauerten sich nieder, sie wanden die Rökchen aus, sie drükten das Wasser aus den Füssen der Höschen, oder sie drängten und streiften es aus Falten und Läppchen, und ich sah, daß sie darin eine große Geschiklichkeit hatten. Auch war die Sache nicht so bedeutend; denn sie hatten alle entweder ungebleichte oder roth- oder blaugestreifte leinene Kleidchen an, die bald troken werden würden, und denen man dann kaum ansehen würde, daß sie naß gewesen seien; und in Hinsicht der Gesundheit, dachte ich, würde der jugend¬ liche Körper leicht die Feuchtigkeit überwinden. Da sie mit dem Auspressen des Wassers fertig waren, gingen sie an das Anziehen der Schuhe und Strümpfe. Als sie auch dieses Geschäft beendigt hatten, nahm der Pfarrer wieder von mir Abschied, dankte mir noch einmal, daß ich hieher gekommen sei, und begab sich mit den Kindern auf den Weg in das Kar. Ich rief den Kindern zu, sie sollten recht fleißig sein, sie riefen zurük: „ja, ja,“ und gingen mit dem Pfarrer davon. Ich sah die Gestalt des Pfarrers unter dem Kin¬ derhaufen über die nasse Wiese der Karschule zugehen, wendete mich dann auch, und schlug den Weg in meine Steine ein. Ich wollte nicht mehr in die Hoch¬ strasse gehen, sondern gleich meine Leute und meinen Arbeitsplaz aufsuchen, theils weil ich keine Zeit zu verlieren hatte, theils weil ich ohnedem noch mit den Resten von Lebensmitteln versehen war, die der Pfarrer gestern Abends verschmäht hatte. Auch wollte ich meine Leute beruhigen, die gewiß erfahren haben würden, daß ich in der Nacht nicht in der Hochstrasse gewesen sei, und deßhalb meinetwillen besorgt sein könnten. Als ich in die Höhe der Kalksteinhügel hinauf stieg, dachte ich an die Kinder. Wie groß doch die Unerfahrenheit und Unschuld ist. Sie gehen auf das Ansehn der Eltern dahin, wo sie den Tod haben können; denn die Gefahr ist bei den Überschwem¬ mungen der Zirder sehr groß, und kann bei der Un¬ wissenheit der Kinder unberechenbar groß werden. Aber sie kennen den Tod nicht. Wenn sie auch seinen Namen auf den Lippen führen, so kennen sie seine Wesenheit nicht, und ihr emporstrebendes Leben hat keine Empfindung von Vernichtung. Wenn sie selbst in den Tod geriethen, würden sie es nicht wissen, und sie würden eher sterben, ehe sie es erführen. 9* Als ich so dachte, hörte ich das Glöklein von dem Thurme der Karkirche in meine Steine herein klingen, das eben zu der Morgenmesse rief, die der Pfarrer abhalten, und der die Kinder beiwohnen würden. Ich ging tiefer in die Steine hinein, und fand meine Leute, die sich freuten, mich zu sehen, und die mir Lebensmittel gebracht hatten. — Da ich lange in der Gegend verweilte, konnte ich es nicht vermeiden, auch aus dem Munde der Men¬ schen manches über den Pfarrer zu hören. Da erfuhr ich, daß es wirklich wahr sei, woran ich vermöge seiner Aussage ohnehin nicht mehr gezweifelt hatte, daß er schon seit vielen Jahren in seinem Vorhause auf der hölzernen Bank schlafe, und die Bibel unter dem Kopfe habe; daß er hiebei im Sommer nur die grauen Wollkleider anhabe, und im Winter sich auch einer Deke bediene. Seine Kleider trage er so lange, und erhalte sie so beisammen, daß sich niemand erin¬ nern könne, wann er sich einmal neue angeschafft hätte. Das obere Stokwerk seines Pfarrhofes habe er vermiethet. Es sei ein Mann gekommen, der in einem Amte gestanden, dann in den Ruhestand ver¬ sezt worden war, und der seinen Gehalt nun in der Gegend verzehre, in welcher er geboren worden sei. Er habe den Umstand, daß der Pfarrer seine Zimmer vermiethe, benüzt, um sich mit seiner Tochter da ein¬ zumiethen, daß er immer den Schauplaz vor Augen habe, in dem er seine Kindheit zugebracht hatte. Es war mir diese Thatsache wieder ein Beweis, wie süß uns nach den Worten des Dichters der Geburtsboden zieht, und seiner nicht vergessen läßt, daß hier ein Mann eine Gegend als ein Labsal und als eine Er¬ heiterung seines Alters aufsucht, aus der jeder andere fortzukommen trachten würde. Der Pfarrer, sagte man, esse zum Frühmale und am Abende nur ein Stük schwarzen Brotes, und sein Mittagessen bereite ihm seine Dienerin Sabine, welche es in ihrer Wohnung koche, und es ihm in den Pfarrhof bringe. Es bestehe häufig aus warmer Milch oder einer Suppe oder im Sommer selbst aus kalten Dingen. Wenn er krank sei, lasse er keinen Arzt und keine Arz¬ nei kommen, sondern liege, und enthalte sich der Speisen, bis er gesund werde. Von den Einkünften seiner Miethe und seines Amtes thue er Gutes und zwar an Leute, die er sorgsam aussuche. Er habe keine Verwandten und Bekannten. Seit den Jahren, seit denen er da sei, sei niemand bei ihm auf Besuch gewesen. Alle seine Vorgänger seien nur kurze Zeit Pfarrer in dem Kar gewesen, und seien dann fortge¬ kommen; er aber sei schon sehr lange da, und es habe den Anschein, daß er bis zu seinem Lebensende da bleiben werde. Er gehe auch nicht auf Besuche in die Nachbarschaft, ja er gehe nicht viel mit Menschen um, und wenn er nicht in seinen Amtsgeschäften oder in der Schule sei, so lese er in seinem Stüblein, oder er gehe über die Wiese in das Steinkar, gehe dort im Sande herum, oder size dort einsam mit seinen Ge¬ danken. Es hatte sich in der Gegend der Ruf verbreitet, daß er wegen seiner Lebensweise Geld habe, und er ist deßhalb schon dreimal beraubt worden. Ich konnte von diesen Dingen weder wissen was wahr sei, noch was nicht wahr sei. So oft ich zu ihm kam, sah ich die ruhigen klaren blauen Augen, das einfache Wesen, und die bittere ungeheuchelte Armuth. Was seine Vergangenheit gewesen sei, in das drang ich nicht ein, und mochte nicht eindringen. Ich hatte auch mehrere Predigten von ihm gehört. Sie waren einfach christlich, und wenn auch von Seite der Beredsamkeit manches einzuwenden gewesen wäre, so waren sie doch klar und ruhig, und es war eine solche Güte in ihnen, daß sie in das Herz gingen. Die Zeit meiner Arbeiten in jener Gegend zog sich in die Länge. Die Steinnester jener unwirthlichen Land¬ schaften sezten uns solche Hindernisse entgegen, daß wir Aussicht hatten, doppelt so viele Zeit zu brauchen, als auf einem gleichen Flächenraume einer gezähm¬ ten und fruchtbaren Gegend. Dazu kam noch, daß uns von den Behörden gleichsam eine Frist gesezt wurde, in der wir fertig sein sollten, indem wir die Bestimmung bekamen, zu einer gewissen Zeit in einem anderen Theile des Reiches beschäftigt zu wer¬ den. Ich wollte mir die Schande nicht anthun, mich saumselig finden zu lassen. Ich both daher alles auf, das Geschäft in einen lebhaften Gang zu bringen. Ich verließ die Hochstrasse, ich ließ mir in dem Theile des Steinkars, in dem wir arbeiteten, eine Bretter¬ hütte als Wohnung aufschlagen, ich wohnte dort, und ließ mir mit meinen Leuten gemeinschaftlich an einem Feuer kochen. Ich zog auch alle Leute zu mir, daß sie auf dem Arbeitsschauplaze oder in der Nähe in errichteten Hüttchen wohnten, und ich nahm noch mehrere fremde Menschen als Handlanger auf, um nun alles recht tüchtig und lebendig zu fördern. Da ging es nun an ein Hämmern Messen Pflöke¬ schlagen Kettenziehen an ein Aufstellen der Meßtische an ein Absehen durch die Gläser an ein Bestimmen der Linien Winkelmessen Rechnen und dergleichen. Wir rükten durch die Steinhügel vor, und unsere Zeichen verbreiteten sich auf dem Kalkgebiethe. Da es eine Auszeichnung war, diesen schwierigen Erd¬ winkel aufzunehmen, so war ich stolz darauf, es recht schön und ansehnlich zu thun, und arbeitete oft noch bis tief in die Nacht hinein in meiner Hütte. Ich zeichnete manche Blätter doppelt, und verwarf die minder gelungenen. Der Stoff wurde sachgemäß eingereiht. Daß mir bei diesen Arbeiten der Pfarrer in den Hintergrund trat, ist begreiflich. Allein da ich ihn einmal schon längere Zeit nicht im Steinkar sah, wurde ich unruhig. Ich war gewöhnt seine schwarze Gestalt in den Steinen zu sehen, von weitem sichtbar, weil er der einzige dunkle Punkt in der graulich däm¬ mernden oder unter dem Strahle der hinabsinkenden Sonne röthlich beleuchteten Kalkflur war. Ich fragte deßhalb nach ihm, und erfuhr, daß er krank sei. So¬ gleich beschloß ich, ihn zu besuchen. Ich benüzte die erste freie Zeit dazu, oder vielmehr, ich machte mir den ersten Abend frei, und ging zu ihm. Ich fand ihn nicht auf seinem gewöhnlichen Lager in dem Vorhause, sondern in dem Stüblein auf der hölzernen Bank, auf welcher er mir in der Gewitter¬ nacht ein Bett gemacht hatte. Man hatte ihm die Wolldeken unter den Leib gegeben, die ich damals gehabt hatte, und er hatte es zugelassen, weil er krank war. Man hatte ihm auch eine Hülle gegeben, um seinen Körper zudeken zu können, und man hatte den fichtenen Tisch an sein Bett gerükt, daß er Bücher darauf legen, und andere Dinge darauf stellen konnte. So fand ich ihn. Er lag ruhig dahin, und war auch jezt nicht zu bewegen gewesen, einen Arzt oder eine Arznei anzu¬ nehmen, selbst nicht die einfachsten Mittel zuzulassen, die man ihm in sein Zimmer brachte. Er hatte den seltsamen Grund, daß es eher eine Versuchung Got¬ tes sei, eingreifen zu wollen, da Gott die Krankheit sende, da Gott sie entferne, oder den beschlossenen Tod folgen lasse. Endlich glaubte er auch nicht so sehr an die gute Wirkung der Arzneien und an das Geschik der Ärzte. Da er mich sah, zeigte er eine sehr heitere Miene, es war offenbar, daß er darüber erfreut war, daß ich gekommen sei. Ich sagte ihm, daß er verzeihen möge, daß ich erst jezt komme, ich hätte es nicht gewußt, daß er krank sei, ich wäre wegen der vielen Arbeiten nicht von meiner Hütte in dem Steinkar heraus ge¬ kommen, ich hätte ihn aber vermißt, hätte ihm nach¬ gefragt, und sei nun gekommen. „Das ist schön, das ist recht schön,“ sagte er. Ich versprach, daß ich nun schon öfter kommen werde. Ich erkannte bei näheren Fragen über seinen Zu¬ stand, daß seine Krankheit weniger eine bedenkliche, als vielmehr eine längere sein dürfte, und ging daher mit Beruhigung weg. Deßohngeachtet fuhr ich eines Tages mit herein bestellten Postpferden in die Stadt hinaus, und berieth mich mit einem mir bekannten Arzte daselbst, indem ich ihm alle Zustände, die ich dem Pfarrer in mehreren Besuchen abgefragt hatte, darlegte. Er gab mir die Versicherung, daß ich recht gesehen hätte, daß das Übel kein gefährliches sei, daß die Natur da mehr thun könne als der Mensch, und daß der Pfarrer in etwas längerer Zeit schon genesen werde. Da ich nun öfter zu dem Pfarrer kam, so wurde ich es so gewöhnt Abends ein wenig auf dem Stuhle neben seinem Bette zu sizen, und mit ihm zu plaudern, daß ich es nach und nach alle Tage that. Ich ging nach meiner Tagesarbeit aus dem Steinkar über die Wiese in den Pfarrhof, und verrichtete meine Haus¬ arbeit später bei Licht in meiner Hütte. Ich konnte es um so leichter thun, da ich jezt ziemlich nahe an dem Pfarrhofe wohnte, was in der Hochstrasse bei Weitem nicht der Fall gewesen war. Ich war aber nicht der Einzige, der sich des Pfarrers annahm. Die alte Sabine seine Aushelferin kam nicht nur öfter in die Wohnung des Pfarrers herüber, als es eigentlich ihre Schuldigkeit gewesen wäre, sondern, sie brachte die meiste Zeit, die sie von ihrem eigenen Hauswesen, das nur ihre einzige Person betraf, absparen konnte, in dem Pfarrhofe zu, und verrichtete die kleinen Dienste, die bei einem Kranken nothwendig waren. Außer dieser alten Frau kam auch noch ein junges Mädchen, die Tochter des Mannes, welcher in dem ersten Stokwerke des Pfarrhofes zur Miethe war. Das Mädchen war bedeuteud schön, es brachte dem Pfarrer entweder eine Suppe oder irgend etwas anderes, oder es erkundigte sich um sein Befinden, oder es hinterbrachte die Frage des Vaters, ob er dem Pfarrer in irgend einem Stüke beistehen könne. Der Pfarrer hielt sich immer sehr stille, wenn das Mädchen in das Zimmer trat, er regte sich unter sei¬ ner Hülle nicht, und zog die Deke bis an sein Kinn empor. Auch der Schullehrer kam oft herüber, und auch ein paar Amtsbrüder aus der Nachbarschaft waren eingetroffen, um sich nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen. War es nun die Krankheit, welche den Mann weicher stimmte, oder war es der tägliche Umgang, der uns näher brachte, wir wurden seit der Krankheit des Pfarrers viel besser mit einander bekannt. Er sprach mehr, und theilte sich mehr mit. Ich saß an dem fichtenen Tische, der an seinem Bette stand, und kam pünktlich alle Tage an die Stelle. Da er nicht ausgehen konnte, und nicht in das Steinkar kam, so mußte ich die Veränderungen, die dort vorkamen, be¬ richten. Er fragte mich, ob die Brombeeren an dem Kulterloche schon zu reifen begännen, ob der Rasen gegen die Zirderhöhe, welchen der Frühling immer sehr schön grün färbe, schon im Vergelben und Aus¬ dorren begriffen sei, ob die Hagebutten schon reiften, ob das Verwittern des Kalksteins vorwärts gehe, ob die in die Zirder gefallenen Stüke sich vermehrten, und der Sand sich vervielfältigte, nnd dergleichen mehr. Ich sagte es ihm, ich erzählte ihm auch andere Dinge, ich sagte ihm, wo wir gearbeitet hätten, wie weit wir vorgerükt wären, und wo wir morgen be¬ ginnen würden. Ich erklärte ihm hiebei manches, was ihm in unsern Arbeiten dunkel war. Auch las ich ihm zuweilen etwas vor, namentlich aus den Zei¬ tungen, die ich mir wöchentlich zwei Mal durch einen Boten in das Steinkar herein bringen ließ. Eines Tages, da die Krankheit sich schon bedeu¬ tend zum Besseren wendete, sagte er, er hätte eine Bitte an mich. Als ich ihm erwiederte, daß ich ihm sehr gerne jeden Dienst erweise, der nur immer in meiner Macht stehe, daß er nur sagen solle, was er wolle, ich würde es gewiß thun, antwortete er: „Ich muß Ihnen, ehe ich meine Bitte ausspreche, erst etwas erzählen. Bemer¬ ken Sie wohl, ich erzähle es nicht, weil es wichtig ist, sondern, damit Sie sehen, wie alles so gekommen ist, was jezt ist, und damit Sie vielleicht geneigter wer¬ den, meine Bitte zu erfüllen. Sie sind immer sehr gut gegen mich gewesen, und Sie sind sogar neulich, wie ich erfahren habe, in die Stadt hinaus gefahren, um einen Arzt über meine Zustände zu befragen. Dies gibt mir nun den Muth, mich an Sie zu wenden.“ „Ich bin der Sohn eines wohlhabenden Gerbers in unserer Hauptstadt. Mein Urgroßvater war ein Findling aus Schwaben, und wanderte mit dem Stabe in der Hand in unsere Stadt ein. Er lernte das Gerbergewerbe aus Güte mildthätiger Menschen, er besuchte dann mehrere Werkstätten, um in ihnen zu arbeiten, er ging in verschiedene Länder, um sich mit seinen Händen sein Brod zu verdienen, und dann die Art kennen zu lernen, wie überall das Geschäft betrieben wird. Unterrichtet kehrte er wieder in unsere Stadt zurük, und arbeitete in einer ansehn¬ lichen Lederei. Dort zeichnete er sich durch seine Kennt¬ nisse aus, er ward endlich Werkführer, und der Herr des Gewerbes vertraute ihm mehrere Geschäfte an, und übertrug ihm die Ausführung mancher Versuche zu neuen Bereitungen. Dabei versuchte sich der Ur¬ großvater in kleinen Handelsgeschäften, er kaufte mit geringen Mitteln Rohstoffe, und verkaufte sie wieder. So erwarb er sich ein kleines Vermögen. Da er schon an Jahren zunahm, kaufte er sich in der entfernten Vorstadt einen großen Garten, an den noch unbenüzte Gründe stießen. Er baute auf diesem Grunde eine Werkstätte und ein Häuschen, heirathete ein armes Mädchen, und trieb nun als eigener Herr sein Ge¬ werbe und seine Handelschaft. Er brachte es vorwärts, und starb als ein geachteter bei den Geschäftsleuten angesehener Mann. Er hatte einen einzigen Sohn meinen Großvater.“ „Der Großvater trieb das Geschäft seines Vaters fort. Er dehnte es noch weiter aus. Er baute ein großes Haus am Rande des Gartens, daß die Fenster dahin gingen, wo in Zukunft eine Strasse mit Häusern sein würde. Rükwärts des Hauses baute er die Werkstätten und Aufbewahrungspläze. Der Gro߬ vater war überhaupt ein Freund des Bauens. Er baute außer dem Hause noch einen großen Hof, der zu weiteren Werkstätten und zu verschiedenen Theilen unseres Geschäftes benüzt wurde. Die öden Gründe neben unserem Garten verkaufte er, und weil die Stadt einen großen Aufschwung nahm, so waren diese Gründe sehr theuer. Den Garten umgab er mit einer Mauer, die wieder regelmäßige Unterbrechungen mit Eisengittern hatte. Er brachte das Geschäft sehr empor, und legte die großen Kaufgewölbe an, in welchen die Waaren, die wir selbst erzeugten, und die, mit welchen wir Handelschaft trieben, niederge¬ legt wurden. Der Großvater hatte wieder nur einen Sohn, der das Gewerbe weiter führte, meinen und meines Bruders Vater.“ „Der Vater baute nur noch die Trokenböden auf das Stokwerk der Werkstätte, er baute an das Haus einen kleinen Flügel gegen den Garten, und baute ein Gewächshaus. Zu seiner Zeit war schon vor den Fenstern des Hauptgebäudes eine Strasse entstanden, welche mit Häusern gesäumt, mit Steinen gepflastert, und von Gehenden und Fahrenden besezt war. Ich erinnere mich noch aus meiner Kindheit, daß unser Haus sehr groß und geräumig war, daß es viele Höfe und Fächer hatte, die zur Betreibung des Ge¬ werbes dienten. Am liebsten erinnere ich mich noch des schönen Gartens, in dem Bäume und Blumen Kräuter und Gemüse standen. In den Räumen der Gebäude und der Höfe gingen die von ihrer Arbeit in ihren Leinenkleidern fast gelbbraun gefärbten Gesellen herum, in dem großen Gewölbe zu ebener Erde und in den zwei kleinen daran stoßenden lagen Lederballen aufgethürmt, auf den Stangen des Trokenbodens hingen Häute, und in den großen Austheilzimmern wurden sie gesondert und geordnet. In dem Verkauf¬ gewölbe lagen sie zierlich in den Fächern. Im Rinder¬ stalle standen Kühe, im Pferdestalle waren sechs Pferde und in dem Wagenbehältniß Kutschen und Wägen, ich erinnere mich sogar noch auf den großen schwarzen Hund Hassan, der im großen Hofe war, und bei dem Thore desselben jederman hinein ließ, aber niemand hinaus.“ „Unser Vater war ein großer starker Mann, der in den weitläufigen Räumen des Hauses herum ging, alles besah, und alles anordnete. Er ging fast nie aus dem Hause, außer wenn er Geschäfte hatte, oder in die Kirche ging; und wenn er zu Hause war, und nicht eben bei der Arbeit nachsah, so saß er an dem Schreibtische, und schrieb. Öfter wurde er auch in dem Garten gesehen, wie er mit den Händen auf dem Rüken dahin ging, oder wie er so da stand, und auf einen Baum hinauf sah, oder wie er die Wolken be¬ trachtete. Er hatte eine Freude an der Obstzucht, hatte einen eigenen Gärtner hiefür genommen, und hatte Pfropfreiser aus allen Gegenden Europas verschrie¬ ben. Er war gegen seine Leute sehr gut, er hielt sie ausreichend, sah, daß einem jeden sein Theil werde, daß er aber auch thue, was ihm obliege. Wenn einer krank war, ging er selber zu seinem Bette, fragte ihn, wie er sich befinde, und reichte ihm oft selber die Arznei. Er hatte im Hause nur den allgemeinen Namen Vater. Dem Prunke war er abgeneigt, daß er eher zu schlicht und unscheinbar daher ging als zu ansehnlich, seine Wohnung war einfach, und wenn er in einem Wagen ausfuhr, so mußte es ein sehr bürgerlich aussehender sein.“ „Wir waren zwei Brüder, Zwillinge, und die Mutter hatte bei unserer Geburt ihr Leben verloren. Der Vater hatte sie sehr hoch geehrt, und daher keine Frau mehr genommen; denn er hat sie nie vergessen können. Weil auf der Gasse zu viel Lärm war, wur¬ den wir in den hintern Flügel gegen den Garten ge¬ than, den der Vater an das Haus angebaut hatte. Es war eine große Stube, in der wir waren, die Fenster gingen gegen den Garten hinaus, die Stube war durch einen langen Gang von der übrigen Woh¬ nung getrennt, und damit wir nicht bei jedem Aus¬ gange durch den vordern Theil des Hauses gehen Stifter, Jugendschriften. I. 10 mußten, ließ der Vater in dem Gartenflügel eine Treppe bauen, auf welcher man unmittelbar in den Garten und von ihm ins Freie gelangen konnte.“ „Nach dem Tode der Mutter hatte der Vater die Leitung des Hauswesens einer Dienerin anvertraut, welche schon bei der Mutter, ehe sie Braut wurde, in Diensten gestanden, und gleichsam ihre Erzieherin gewesen war. Die Mutter hatte sie auf ihrem Tod¬ bette dem Vater empfohlen. Sie hieß Luise. Sie führte über alles die Leitung und Aufsicht, was die Speise und den Trank betraf, was sich auf die Wäsche auf die Geschirre auf die Geräthe des Hauses auf Reinigung der Treppen und Stuben auf Behei¬ zung und Luftung bezog, kurz über alles, was das innere Hauswesen anbelangt. Sie stand an der Spize der Mägde. Sie besorgte auch die Bedürfnisse von uns beiden Knaben.“ „Da wir größer geworden waren, bekamen wir einen Lehrer, der bei uns in dem Hause wohnte. Es wurden ihm zwei schöne Zimmer hergerichtet, die sich neben unserer Stube befanden, und mit dieser Stube den ganzen hintern Theil des Flügels ausmachten, der den Namen Gartenflügel führte. Wir lernten von ihm, was alle Kinder zu Anfange ihres Lernens vor¬ nehmen müssen: Buchstaben kennen Lesen Rechnen Schreiben. Der Bruder war viel geschikter als ich, er konnte sich die Buchstaben merken, er konnte sie zu Silben verbinden, er konnte deutlich und in Absäzen lesen, ihm kam in der Rechnung immer die rechte Zahl, und seine Buchstaben standen in der Schrift gleich und auf der nehmlichen Linie. Bei mir war das anders. Die Buchstabennamen wollten mir nicht einfallen, dann konnte ich die Silbe nicht sagen, die sie mir vorstellten, und beim Lesen waren die großen Wörter sehr schwer, und es war eine Pein, wenn sehr lange kein Beistrich erschien. In der Rechnung befolgte ich die Regeln, aber es standen am Ende meistens ganz andere Zahlen da, als uns heraus kommen mußten. Bei dem Schreiben hielt ich die Feder sehr genau, sah fest auf die Linie, fuhr gleich¬ mäßig auf und nieder, und doch standen die Buch¬ staben nicht gleich, sie senkten sich unter die Linie, sie sahen nach verschiedenen Richtungen, und die Feder konnte keinen Haarstrich machen. Der Lehrer war sehr eifrig, der Bruder zeigte mir auch vieles, bis ich die Sachen machen konnte. Wir hatten in der Stube einen großen eichenen Tisch, auf welchem wir lernten. An jeder der zwei Langseiten des Tisches waren meh¬ rere Fächer angebracht, die heraus zu ziehen waren, wovon die eine Reihe dem Bruder diente, seine Schul¬ 10* sachen hinein zu legen, die andere mir. In jeder der hintern Eken der Stube stand ein Bett, und neben dem Bette ein Nachttischchen. Die Thür unsers Zimmers stand Nachts in das Schlafzimmer des Lehrers offen.“ „Wir gingen sehr häufig in den Garten, und beschäftigten uns dort. Wir fuhren oft mit unsern Schimmeln durch die Stadt, wir fuhren auch auf das Land, oder sonst irgend wo herum, und der Lehrer saß immer bei uns in dem Wagen. Wir gingen mit ihm auch aus, wir gingen entweder auf einer Bastei der Stadtmauer oder in einer Allee spazieren, und wenn etwas besonderes in der Stadt ankam, das sehenswürdig war, und es der Vater erlaubte, so gingen wir mit ihm hin, es zu sehen.“ „Als wir in den Gegenständen der unteren Schulen gut unterrichtet waren, kamen die Gegenstände der lateinischen Schule an die Reihe, und der Lehrer sagte uns, daß wir aus ihnen vor dem Director und vor den Professoren werden Prüfungen ablegen müssen. Wir lernten die lateinische und griechische Sprache, wir lernten die Naturgeschichte und Erdbeschreibung das Rechnen die schriftlichen Aufsäze und andere Dinge. In der Religion wurden wir von dem wür¬ digen Kaplane unserer Pfarrkirche in unserem Hause unterrichtet, und der Vater ging uns in religiösen und sittlichen Dingen mit einem guten Beispiele voran. Aber wie es in dem früheren Unterrichte gewesen war, so war es hier auch wieder. Der Bruder lernte alles recht gut, er machte seine Aufgaben gut, er konnte das Lateinische und Griechische deutsch sagen, er konnte die Buchstabenrechnungen machen, und seine Briefe und Aufsäze waren, als hätte sie ein erwachsener Mensch geschrieben. Ich konnte das nicht. Ich war zwar auch recht fleißig, und im Anfange eines jeden Dinges ging es nicht übel, ich verstand es, und konnte es sa¬ gen und machen; aber wenn wir weiter vorrükten, entstand eine Verwirrung, die Sachen kreuzten sich, ich konnte mich nicht zurecht finden, und hatte keine Einsicht. In den Übertragungen aus der deutschen Sprache befolgte ich alle Regeln sehr genau, aber da waren immer bei einem Worte mehrere Regeln, die sich widersprachen, und wenn die Arbeit fertig war, so war sie voll Fehler. Eben so ging es bei den Über¬ tragungen in das Deutsche. Es standen in dem latei¬ nischen oder griechischen Buche immer so fremde Worte, die sich nicht fügen wollten, und wenn ich sie in dem Wörterbuche aufschlug, waren sie nicht darin, und die Regeln, die wir in unserer Sprachlehre lern¬ ten, waren in den griechischen und lateinischen Bü¬ chern nicht befolgt. Am besten ging es noch in zwei Nebengegenständen, die der Vater zu lernen befohlen hatte, weil wir sie in unserer Zukunft brauchen könn¬ ten, in der französischen und italienischen Sprache, für welche in jeder Woche zweimal ein Lehrer in das Haus kam. Der Bruder und unser Lehrer nahmen sich meiner sehr an, und suchten mir beizustehen. Aber da die Prüfungen kamen, genügte ich nicht, und mei¬ ne Zeugnisse waren nicht gut.“ „So vergingen mehrere Jahre. Da die Zeit vor¬ über war, welche der Vater zur Erlernung dieser Dinge bestimmt hatte, sagte er, daß wir jezt unser Gewerbe lernen müßten, das er uns nach seinem Tode übergeben würde, und das wir gemeinsam so ehrenwerth und ansehnlich fortzuführen hätten, wie es unsere und seine Vorfahren gethan hätten. Er sagte, wir müßten auf die nehmliche Weise unterrich¬ tet werden wie unsere Voreltern, damit wir auf die nehmliche Weise zu handeln verstünden wie sie. Wir müßten alle Handgriffe und Kenntnisse unseres Ge¬ schäftes von unten hinauf lernen, wir müßten zuerst arbeiten können, wie jeder gute und der beste Arbeiter in unserem Handwerke, damit wir den Arbeiter und die Arbeit beurtheilen könnten, damit wir wüßten, wie die Arbeiter behandelt werden sollen, und damit wir von den Arbeitern geachtet würden. Dann erst sollten wir zur Erlernung der weiteren in der Handel¬ schaft nöthigen Dinge übergehen.“ „Der Vater wollte, daß wir auch so leben sollten, wie unsere Arbeiter lebten, daß wir ihre Lage ver¬ stünden, und ihnen nicht fremd wären. Er wollte da¬ her, daß wir mit ihnen essen wohnen und schlafen sollten. Unser bisheriger Lehrer verließ uns, indem er jedem von uns ein Buch zum Andenken hinterließ, wir zogen aus der Studierstube fort, und gingen in die Arbeiterwohnung hinüber.“ „Der Vater hatte den besten Gesellen unseres Ge¬ schäftes, der zugleich Werkführer war, zu unserem Lehrmeister bestimmt, und uns überhaupt seiner Auf¬ sicht übergeben. Wir bekamen jeder unsern Plaz in seiner Werkstätte, waren mit dem Handwerkzeuge versehen, und mußten beginnen, wie jeder Lehrling. Zum Speisen kamen wir an den nehmlichen Tisch, an dem alle unsere Arbeiter saßen, aber wir kamen an die untersten Pläze, wo sich die Lehrlinge befanden. Als Schlafgemach hatten wir auch das der Lehrlinge, an welches das Schlafzimmer des Werkführers stieß, der der einzige war, welcher ein eigenes Zimmer zum Schlafen hatte. Deßhalb mußte er immer nicht nur ein sehr geschikter Arbeiter sein, sondern auch durch Rechtlichkeit Sitte und Lebenswandel sich auszeichnen. Ein anderer wurde in unserem Hause zu dieser Stelle gar nicht genommen. Er hatte die besondere Aufsicht über die Lehrlinge, weil diese noch einer Erziehung bedurften. Zum Lager erhielten wir ein Bett wie die Lehrlinge, und zur Bekleidung hatten wir das Kleid aller unserer Arbeiter.“ „So begann die Sache. Aber auch hier war es genau wieder so, wie es in allen vorhergegangenen Dingen gewesen war. Der Bruder arbeitete schnell, und seine Arbeitsstüke waren schön. Ich machte es genau so, wie der Lehrmeister es angab, aber meine Stüke wurden nicht so, wie sie sein mußten, und wur¬ den nicht so schön wie die meines Bruders. Ich war aber außerordentlich fleißig. Des Abends saßen wir oft in der großen Gesprächstube der Arbeiter, und hörten ihren Reden zu. Es kamen auch böse Beispiele von Arbeitern vor, aber sie sollten uns nicht verloken, sondern sie sollten uns befestigen, und einen Abscheu einflößen. Der Vater sagte, wer leben soll, muß das Leben ken¬ nen, das Gute und das Böse davon, muß aber von dem Lezteren nicht angegriffen sondern gestärkt werden. An solchen Abenden holte ich den Arbeitern gerne Dinge, um welche sie mich schikten, Wein Käse und andere Ge¬ genstände. Sie hatten mich deßhalb auch sehr lieb.“ „Wenn wir in einer Werkstätte unterrichtet waren, und die Sachen machen konnten, kamen wir in eine andere, bis wir endlich freigesprochen wurden, und als Lehrlinge in die Handelschaft traten. Als wir auch da fertig waren, kamen wir in die Schreibstube zu den Schreibereien unseres Geschäftes.“ „Da endlich nach geraumer Zeit unsere Lehrjahre vorüber waren, kamen wir in das Zimmer der Söhne vom Hause, und erhielten die einfachen Kleider, wie sie unser Vater zu tragen pflegte.“ „Nicht lange nach der Zeit der Vollendung der Leh¬ re, und da der Bruder schon überall zu den Geschäf¬ ten beigezogen wurde, erkrankte der Vater. Er er¬ krankte nicht so ernstlich, daß eine Gefahr zu befürch¬ ten gewesen wäre, so wie er auch nicht in dem Bette liegen mußte, aber seine starke Gestalt nahm ab, sie wurde leichter, er ging viel in dem Hause und in dem Garten herum, und nahm sich nicht mehr so um die Geschäfte an, wie es früher seine Gewohnheit und seine Freude gewesen war.“ „Der Bruder nahm sich um die Führung des Ge¬ werbes an, ich brauchte mich nicht einzumischen, und der Vater blieb endlich den größten Theil des Tages, wenn er nicht eben in dem Garten war, in seinem Wohnzimmer.“ „Um jene Zeit that ich die Bitte, daß man erlau¬ ben möge, daß ich wieder unsere alte Studierstube beziehen, und dort wohnen dürfe. Man gewährte die Bitte, und ich schafte meine Habseligkeiten durch den langen Gang in die Stube. Weil der Vater in dem Geschäfte keine Anordnungen und keine Befehle ertheilte, und weil mir der Bruder keine Arbeit auf¬ trug, hatte ich Muße, zu thun, was ich wollte. Da man mir damals, als ich in unseren Lehrgegenständen keine genügenden Zeugnisse erhalten hatte, keinen Vorwurf gemacht hatte, so beschloß ich, jezt alles nachzuholen, und alles so zu lernen, wie es sich ge¬ bührte. Ich nahm ein Buch aus der Lade, sezte mich dazu, und las den Anfang. Ich verstand alles, und lernte es, und merkte es mir. Am andern Tage wie¬ derholte ich das, was ich an dem vorigen Tage gelernt hatte, versuchte, ob ich es noch wisse, und lernte ein neues Stük dazu. Ich gab mir nur Weniges zur Aufgabe, aber ich suchte es zu verstehen, und es gründ¬ lich in meinem Gedächtnisse aufzubewahren. Ich gab mir auch Aufgaben zur Ausarbeitung, und sie gelan¬ gen. Ich suchte die Aufgaben hervor, welche uns damals von unserem Lehrer gegeben worden waren, machte sie noch einmal, und machte jezt keinen Fehler. Wie ich es mit dem einen Buche gemacht hatte, machte ich es auch mit den andern. Ich lernte sehr fleißig, und nach und nach war ich schier den ganzen Tag in der Stube beschäftigt. Wenn ich eine freie Zeit hatte, so saß ich gerne nieder, nahm das Buch in die Hand, welches mir mein Lehrer zum Angedenken gegeben hatte, und dachte an den Mann, der damals bei uns gewesen war.“ „In der Stube war alles geblieben, wie es einst gewesen war. Der große eichene Tisch stand noch in der Mitte, er hatte noch die Male, die wir entweder absichtlich mit dem Messer oder zufällg mit andern Werkzeugen in sein Holz gebracht hatten, er zeigte noch die vertrokneten Tintenbäche, welche entstanden waren, wenn mit dem Tintengefäße ein Unglük ge¬ schehen war, und wenn mit allem Waschen und Rei¬ ben keine Abhilfe mehr gebracht werden konnte. Ich zog die Fächer heraus. Da lagen noch in den meinigen meine Lehrbücher mit dem Röthel– oder Bleifederzei¬ chen in ihrem Innern, wie weit wir zu lernen hätten; es lagen noch die Papierhefte darinnen, in welchen die Ausarbeitungen unserer Aufgaben geschrieben waren, und es leuchteten die mit rother Dinte ge¬ machten Striche des Lehrers hervor, die unsere Fehler bedeuteten; es lagen noch die veralteten bestaubten Federn und Bleistiften darinnen. Eben so war es in den Fächern des Bruders. Auch in ihnen lagen seine alten Lerngeräthe in bester Ordnung beisammen. Ich lernte jezt an demselben Tische meine Aufgaben, an welchem ich sie vor ziemlich vielen Jahren gelernt hatte. Ich schlief in dem nehmlichen Bette, und hatte das Nachttischchen mit dem Lichte daneben. Das Bett des Bruders aber blieb leer, und war immer zugedekt. In den zwei Zimmern, in welchen damals der Lehrer gewohnt hatte, hatte ich einige Kästen mit Kleidern und andern Sachen, sonst waren sie auch unbewohnt, und hatten nur noch die alten Geräthe. So war ich der einzige Bewohner des hintern Gartenflügels, und dieser Zustand dauerte mehrere Jahre.“ „Plözlich starb unser Vater. Mein Schrek war fürchterlich. Kein Mensch hatte geglaubt, daß es so nahe sei, und daß es überhaupt eine Gefahr geben könnte. Er hatte sich zwar in der lezten Zeit immer mehr zurükgezogen, seine Gestalt war etwas verfallen, auch brachte er oft mehrere Tage in dem Bette zu; allein wir hatten uns an diesen Zustand so gewöhnt, daß er uns zulezt auch als ein regelmäßiger erschien, jeder Hausbewohner sah ihn als den Vater an, der Vater gehörte so nothwendig zu dem Hause, daß man sich seinen Abgang nicht denken konnte, und ich habe mir wirklich nie gedacht, daß er sterben könnte, und daß er so krank sei. In dem ersten Augenblike war alles in Verwirrung, dann aber wurden die Leichenvorbe¬ reitungen gemacht. Mit seinem Leichenzuge gingen alle Armen des Stadtbezirkes, es gingen die Männer seines Geschäftes mit seine Freunde viele Fremde die Arbeiter seines Hauses und seine zwei Söhne. Es wurden sehr viele Thränen geweint, wie man um wenige Menschen des Landes weint, und die Leute sagten, daß ein vortrefflicher Mann ein auserlesener Bürger und ein ehrenvoller Geschäftsmann begraben worden sei. Nach einigen Tagen wurde das Testa¬ ment eröffnet, und in demselben stand, daß wir beiden Brüder als Erben eingesezt seien, und uns das Ge¬ schäft gemeinschaftlich zugefallen sei.“ „Der Bruder sagte mir nach einiger Zeit, daß die ganze Last des Geschäftes nun auf unsern Schultern liege, und ich eröffnete ihm hiebei, daß ich das Latei¬ nische Griechische die Naturgeschichte die Erdbeschrei¬ bung und die Rechenkunst, worin ich damals, als wir unterrichtet wurden, geringe Fortschritte gemacht hatte, nachgelernt hätte, und daß ich jezt beinahe vollkommen in diesen Dingen bewandert wäre. Er aber antwortete mir, daß Lateinisch Griechisch und die übrigen Fächer zu unserem Berufe nicht geradehin nothwendig seien, und daß ich zu spät diese Mühe verwendet hätte. Ich er¬ wiederte ihm, daß ich, so wie ich diese Lernfächer nach¬ gelernt hätte, ich auch alle die Arbeiten und Kennt¬ nisse, die zu unserem Geschäfte unmittelbar nothwen¬ dig wären, allmählich nachlernen würde. Hierauf sagte er wieder, daß, wenn das Geschäft auf mich warten müßte, ich zu einer Zeit fertig werden würde, wenn es bereits zu Grunde gegangen wäre. Er ver¬ sprach aber, daß er sich so annehmen werde, wie es in seinen Kräften möglich sei, und daß er mir über¬ lasse, zu thun, wie es mir gefalle, daß ich Einsicht nehmen könne, daß ich mithelfen könne, daß ich noch lernen könne, und daß mein Theil mir aber in jedem Falle unverkümmert bewahrt werden solle.“ „Ich ging wieder in die Studierstube zurük, mischte mich in die Geschäfte nicht, weil ich sie wohl nicht verstand, und er ließ mich dort. Ja er schikte mir sogar bessere Geräthe, und versah mich mit meh¬ reren Bequemlichkeiten, daß der Aufenthalt in der Stube mir nicht unangenehm würde. Nach einiger Zeit erschien er mit dem Rechtsanwalte unseres Hauses mit Personen des Gerichtes und mit Zeugen, welche Freunde unsers Vaters gewesen waren, und gab mir ein gerichtliches Papier, auf welchem ver¬ zeichnet war, was ich für Ansprüche an die Erbschaft habe, welcher mein Theil sei, und was mir in der Zukunft gebühre. Der Bruder die Zeugen und ich unterschrieben die Schrift.“ „Ich fuhr nun mit dem Lernen fort, der Bruder leitete den ganzen Umfang des Geschäftes. Nach einem Vierteljahre brachte er mir eine Summe Geldes, und sagte, das seien die Zinsen, welche mir von meinem Antheile an der Erbschaft, der in dem Gewerbe thätig sei, gebühren. Er sagte, daß er mir alle Vierteljahre diese Summe einhändigen werde. Er fragte mich, ob ich zufrieden sei, und ich antwortete, daß ich sehr zufrieden sei.“ „Nachdem so wieder eine Zeit vergangen war, stellte er mir einmal vor, daß mein Lernen doch zu etwas führen müsse, und er fragte mich, ob ich nicht geneigt wäre, zu einem der gelehrten Stände hinzu¬ arbeiten, zu denen die Dinge, mit welchen ich mich jezt beschäftige, die Vorarbeit seien. Als ich ihm ant¬ wortete, daß ich nie darüber nachgedacht habe, und daß ich nicht wisse, welcher Stand sich für mich ziemen könnte, sagte er, das sei jezt auch nicht nothwendig, ich möchte nur aus den Kenntnissen, die ich mir jezt erworben hätte, nach und nach die Prüfungen able¬ gen, damit ich beglaubigte Schriften über meine Anwartschaft in den Händen hätte, ich möchte mir die fehlenden Wissenschaften noch zu erwerben trachten, und mich über sie gleichfalls Prüfungen unterziehen, und wenn dann der Zeitpunkt gekommen wäre, mich für einen besondern Stand zu entscheiden, hätte ich wieder mehr Erfahrungen gesammelt, und sei dann leichter in der Lage, mich zu bestimmen, wohin ich mich zu wenden hätte.“ „Mir gefiel der Vorschlag recht gut, und ich sagte zu. Nach einiger Zeit machte ich die ersten Prüfungen aus den unteren Fächern, und sie fielen außerordent¬ lich gut aus. Dies machte mir Muth und ich ging mit Eifer an die Erlernung der weiteren Kenntnisse. Mir zitterte innerlich das Herz vor Freude, daß ich einmal einem jener Stände, die ich immer mit so vieler Ehrfurcht betrachtet hatte, die der Welt mit ihren Wissenschaften und mit ihrer Geschiklichkeit dienen, angehören sollte. Ich arbeitete sehr fleißig, ich kargte mir die Zeit ab, ich kam wenig in die andern Räume des Hauses hinüber, und nachdem wieder eine Zeit vergangen war, konnte ich abermals eine Prüfung mit gutem Erfolge ablegen.“ „So war ich vollständig ein Bewohner des hintern Gartenflügels geworden, durfte es bleiben, und konnte mich mit gutem Gewissen meinen Bestrebungen hingeben.“ „An unsern hinteren Gartentheil stieß ein zweiter Garten, der aber eigentlich kein Garten war, sondern mehr ein Anger, auf dem hie und da ein Baum stand, den niemand pflegte. Hart an einem Eisengitter unseres Gartens ging der Weg vorüber, der in dem fremden Garten war. Ich sah in jenem Garten immer sehr schöne weiße Tücher und andere Wäsche auf langen Schnüren aufgehängt. Ich blikte oft theils aus meinen Fenstern theils durch das Eisengitter, wenn ich eben in dem Garten war, darauf hin. Wenn sie troken waren, wurden sie in einen Korb gesammelt, während eine Frau dabei stand, und es anordnete. Dann wurden wieder nasse aufgehängt, nachdem die Frau die zwischen Pflöken gespannten Schnüre mit einem Tuche abge¬ wischt hatte. Diese Frau war eine Wittwe. Ihr Gatte hatte ein Amt gehabt, das ihn gut nährte. Kurz nach seinem Tode war auch sein alter gütiger Herr gestor¬ ben, und der Sohn desselben hatte ein so hartes Herz, daß er der Wittwe nur so viel gab, daß sie nicht gerade verhungerte. Sie miethete daher das Gärtchen, das an unsern Garten stieß, sie mietehte auch das kleine Häuschen, welches in dem Garten stand. Mit dem Gelde, das ihr ihr Gatte hinterlassen hatte, richtete sie nun das Häuschen und den Garten dazu ein, daß sie für die Leute, welche ihr das Ver¬ trauen schenken würden, Wäsche besorgte, feine und Stifter, Jugendschriften. I. 11 jede andere. Sie ließ in dem Häuschen Kessel ein¬ mauern, und andere Vorrichtungen machen, um die Wäsche zu sieden, und die Laugen zu bereiten. Sie ließ Waschstuben herrichten, sie bereitete Orte, wo geglättet und gefaltet wurde, und für Zeiten des schlechten Wetters und des Winters ließ sie einen Trokenboden aufführen. In dem Garten ließ sie Pflöke in gleichen Entfernungen von einander ein¬ schlagen, an den Pflöken Ringe befestigen, und durch die Ringe Schnüre ziehen, welche oft gewechselt wur¬ den. Hinter dem Häuschen ging ein Bach vorüber, welcher die Wittwe verleitet hatte, hier ihre Wasch¬ anstalt zu errichten. Von dem Bache führten Pump¬ rinnen in die Kessel, und über dem Wasser des Baches war eine Waschhütte erbaut. Die Frau hatte viele Mägde genommen, welche arbeiten und die Sache gehörig bereiten mußten, sie stand dabei, ordnete an, zeigte, wie alles richtig zu thun sei, und da sie die Wäsche nicht mit Bürsten und groben Dingen behan¬ deln ließ, und darauf sah, daß sie sehr weiß sei, und daß das Schlechte ausgebessert wurde, so bekam sie sehr viele Kundschaften, sie mußte ihre Anstalt erwei¬ tern und mehr Arbeiterinnen nehmen, und nicht selten kam manche vornehme Frau, und saß mit ihr unter dem großen Birnbaume des Gartens.“ „Diese Frau hatte auch ein Töchterlein, ein Kind, nein es war doch kein Kind mehr — ich wußte eigent¬ lich damals nicht, ob es noch ein Kind sei oder nicht. Das Töchterlein hatte sehr feine rothe Wangen, es hatte feine rothe Lippen, unschuldige Augen, die braun waren, und freundlich um sich schauten. Über die Augen hatte es Lider, die groß und sanft waren, und von denen lange Wimpern nieder gingen, die zart und sittsam aussahen. Die dunkeln Haare waren von der Mutter glatt und rein gescheitelt, und lagen schön an dem Haupte. Das Mädchen trug manchmal ein längliches Körbchen von feinem Rohre; über dem Körbchen war ein weißes sehr feines Tuch ge¬ spannt, und in dem Körbchen mochte ganz auserlesene Wäsche liegen, welche das Kind zu einer oder der andern Frau zu tragen hatte.“ „Ich sah es gar so gerne an. Manchmal stand ich an dem Fenster, und sah auf den Garten hinüber, in welchem immer ohne Unterbrechung, außer wenn es Nacht wurde, oder schlechtes Wetter kam, Wäsche an den Schnüren hing, und ich hatte die weißen Dinge sehr lieb. Da kam zuweilen das Mädchen heraus, ging auf dem Anger hin und wider, und hatte mancherlei zu thun, oder ich sah es, obwohl das Häuschen sehr unter Zweigen verstekt war, an dem 11* Fenster stehen, und lernen. Ich wußte bald auch die Zeit, an welcher es die Wäsche fort trug, und da ging ich manchmal in den Garten hinunter, und stand an dem eisernen Gitter. Da der Weg an dem Gitter vorüber ging, mußte das Mädchen an mir vorbei kommen. Es wußte recht wohl, daß ich da stehe; denn es schämte sich immer, und nahm sich im Gange zu¬ sammen.“ „Eines Tages, da ich die Wäschträgerin von ferne kommen sah, legte ich schnell einen sehr schönen Pfir¬ sich, den ich zu diesem Zweke schon vorher gepflükt hatte, durch die Öffnung der Gitterstäbe hinaus auf ihren Weg, und ging in das Gebüsche. Ich ging so tief hinein, daß ich sie nicht sehen konnte. Als schon so viele Zeit vergangen war, daß sie lange vor¬ über gekommen sein mußte, ging ich wieder hervor; allein der Pfirsich lag noch auf dem Wege. Ich war¬ tete nun die Zeit ab, wann sie wieder zurük kommen würde. Aber da sie schon zurük gekommen war, und ich nachsah, lag der Pfirsich noch auf dem Wege. Ich nahm ihn wieder herein. Das Nehmliche geschah nach einer Zeit noch einmal. Beim dritten Male blieb ich stehen, als der Pfirsich mit seiner sanften rothen Wange auf dem Sande lag, und sagte, da sie in die Nähe kam: „Nimm ihn.“ Sie blikte mich an, zögerte ein Weilchen, bükte sich dann, und nahm die Frucht. Ich weiß nicht mehr, wo sie dieselbe hingestekt hatte, aber das weiß ich gewiß, daß sie sie genommen hatte. Nach Verlauf von einiger Zeit that ich dasselbe wie¬ der, und sie nahm wieder die Frucht. So geschah es mehrere Male, und endlich reichte ich ihr den Pfirsich mit der Hand durch das Gitter.“ „Zulezt kamen wir auch zum Sprechen. Was wir gesprochen haben, weiß ich nicht mehr. Es muß ge¬ wöhnliches Ding gewesen sein. Wir nahmen uns auch bei den Händen.“ „Mit der Zeit konnte ich nicht mehr erwarten, wenn sie mit dem Körbchen kam. Ich stand alle Mal an dem Gitter. Sie blieb stehen, wenn sie zu mir gekommen war, und wir redeten mit einander. Ein¬ mal bath ich sie, mir die Dinge in dem Körbchen zu zeigen. Sie zog den linnenen Dekel mit kleinen Schnürchen auseinander, und zeigte mir die Sachen. Da lagen Krausen feine Ärmel und andere geglättete Dinge. Sie nannte mir die Namen, und als ich sagte, wie schön das sei, erwiederte sie: »Die Wäsche ge¬ hört einer alten Gräfin, einer vornehmen Frau, ich muß sie ihr immer selber hin tragen, daß ihr nichts geschieht, weil sie so schön ist.« Da ich wieder sagte: „Ja das ist schön, das ist außerordentlich schön,“ ant¬ wortete sie: »Freilich ist es schön, meine Mutter sagt: die Wäsche ist nach dem Silber das erste Gut in einem Hause, sie ist auch feines weißes Silber, und kann, wenn sie unrein ist, immer wieder zu feinem weißen Silber gereinigt werden. Sie gibt unser vornehmstes und nächstes Kleid. Darum hat die Mutter auch so viele Wäsche gesammelt, daß wir nach dem Tode des Vaters genug hatten, und darum hat sie auch die Reinigung der Wäsche für andere Leute übernommen, und läßt nicht zu, daß sie mit rauhen und unrechten Dingen angefaßt werde. Das Gold ist zwar auch kostbar, aber es ist kein Hausgeräthe mehr, sondern nur ein Schmuk.« Ich erinnerte mich bei diesen Wor¬ ten wirklich, daß ich an dem Körper der Sprechenden immer am Rande des Halses oder an den Ärmeln die feinste weiße Wäsche gesehen hatte, und daß ihre Mutter immer eine schneeweiße Haube mit feiner Krause um das Angesicht trug.“ „Von diesem Augenblike an begann ich von dem Gelde, welches mir der Bruder alle Vierteljahre zu¬ stellte, sehr schöne Wäsche, wie die der vornehmen Gräfin war, anzuschaffen, und mir alle Arten silberne Hausgeräthe zu kaufen.“ „Einmal, da wir so bei einander standen, kam die Mutter in der Nähe vorüber, und rief: »Johanna, schäme dich.« Wir schämten uns wirklich, und liefen auseinander. Mir brannten die Wangen vor Scham, und ich wäre erschroken, wenn mir jemand im Gar¬ ten begegnet wäre.“ „Von der Zeit an sahen wir uns nicht mehr an dem Gitter. Ich ging jedes Mal in den Garten, wenn sie vorüber kam, aber ich blieb in dem Gebüsche, daß sie mich nicht sehen konnte. Sie ging mit gerötheten Wangen und mit niedergeschlagenen Augen vorüber.“ „Ich ließ nun in die zwei Zimmer, die an meine Wohnstube stießen, Kästen stellen, von denen ich die oberen Fächer hatte schmal machen lassen, in welche ich das Silber hineinlegte, die unteren aber breit, in welche ich die Wäsche that. Ich legte das Zusam¬ mengehörige zusammen, und umwand es mit rothsei¬ denen Bändern.“ „Nach geraumer Zeit sah ich das Mädchen lange nicht an dem eisernen Gitter vorüber gehen, ich ge¬ traute mir nicht zu fragen, und als ich endlich doch fragte, erfuhr ich, daß es in eine andere Stadt gege¬ ben worden sei, und daß es die Braut eines fernen Anverwandten werden würde.“ „Ich meinte damals, daß ich mir die Seele aus dem Körper weinen müsse.“ „Aber nach einer Zeit ereignete sich etwas Furcht¬ bares. Mein Bruder hatte einen großen Wechsler, der ihm stets auf Treu und Glauben das Geld für laufende Ausgaben bis zu einer festgesezten Summe lieferte, um sich nach Umständen immer wieder aus¬ zugleichen. Ich weiß es nicht, haben andere Leute meinem Bruder den Glauben untergraben, oder hat der Wechsler selber, weil zwei Handelschaften, die uns bedeutend schuldeten, gefallen waren, und uns um unsern Reichthum brachten, Mißtrauen geschöpft: er weigerte sich fortan die Wechsel unseres Hauses zu zahlen. Der Bruder sollte mehrere mit Summen de¬ ken, und es fehlte hinlängliches bares Geld dazu. Die Freunde, an welche er sich wendete, schöpften sel¬ ber Mißtrauen, und so kam es, daß die Wechselgläu¬ biger die Klage anstellten, daß unser Haus unsere andern Besizungen und unsere Waaren abgeschäzt wurden, ob sie hinreichen, ohne daß man an unsere ausstehenden Forderungen zu greifen hätte. Da nun dies bekannt wurde, kamen alle, welche eine Foder¬ ung hatten, und wollten sie erfüllt haben; aber die, welche uns schuldeten, kamen nicht. Der Bruder wollte mir nichts entdeken, damit ich mich nicht kränk¬ te, er gedachte es noch vorüber zu führen. Allein da der Verkauf unseres Hauses zu sofortiger Dekung der Wechselschulden angeordnet wurde, konnte er es mir nicht mehr verbergen. Er kam auf meine Stube, und sagte mir alles. Ich gab ihm das Geld, das ich hatte; denn meine Bedürfnisse waren sehr gering gewesen, und ich hatte einen großen Theil meiner Einkünfte ersparen können. Ich öffnete die schmalen oberen Fä¬ cher meiner Kästen, und legte alles mein Silber auf unsern eichenen Lerntisch heraus, und both es ihm an. Er sagte, daß das nicht reiche, um das Haus und das Geschäft zu retten, und er weigerte sich, es anzu¬ nehmen. Auch das Gericht machte keine Foderung an mich, aber ich konnte es nicht leiden, daß mein Bru¬ der etwas unerfüllt ließe, und sein Gewissen belastete, ich that daher alles zu den andern Werthen. Es reichte zusammen hin, daß allen Gläubigern ihre Fo¬ derungen ausgezahlt, und sie bis auf das Genaueste befriediget werden konnten. Allein unser schönes Haus mit seinem hinteren Flügel und unser schöner Garten war verloren.“ „Ich weiß nicht, welche andere Schläge noch ka¬ men; aber auch die Aussicht, mit dem ausstehenden Gelde noch ein kleines Geschäft einzuleiten, und uns nach und nach wieder empor zu schwingen, war in kur¬ zer Zeit vereitelt.“ „Mein Bruder, welcher unverheirathet war, grämte sich so, daß er in ein Fieber verfiel, und starb. Ich allein und mehrere Menschen, denen er Gutes ge¬ than hatte, gingen mit der Leiche. Da vom Urgro߬ vater her immer nur ein Sohn als einziges Kind und Nachfolger bis auf uns beide Brüder gewesen war, da auch die Haushälterin Luise schon länger vorher mit Tod abgegangen war, so hatte ich keinen Ver¬ wandten und keinen Bekannten mehr.“ „Ich hatte den Gedanken gefaßt, ein Verkünder des Wortes des Herrn, ein Priester, zu werden. Wenn ich auch unwürdig wäre, dachte ich, so könnte mir doch Gott seine Gnade verleihen, zu erringen, daß ich nicht ein ganz verwerflicher Diener und Vertreter seines Wortes und seiner Werke sein könnte.“ „Ich nahm meine Zeugnisse und Schriften zusam¬ men, ging in die Priesterbildungsanstalt, und bath beklemmt um Aufnahme. Sie wurde mir gewährt. Ich zog zur festgesezten Zeit in die Räume ein, und begann meine Lernzeit. Sie ging gut vorüber, und als ich fertig war, wurde ich zum Diener Gottes ge¬ weihet. Ich that meine ersten Dienste bei älteren Pfarrern als Mitarbeiter in der Seelsorge, die ihnen anvertraut war. Da kam ich in verschiedene Lagen, und lernte Menschen kennen. Von den Pfarrern lernte ich in geistlichen und weltlichen Eigenschaften. Als eine solche Reihe von Jahren vergangen war, daß man es mir nicht mehr zu arg deuten konnte, wenn ich um eine Pfarre einkäme, bath ich um die jezige, und erhielt sie. Ich bin nun über sieben und zwanzig Jahre hier, und werde auch nicht mehr weg gehen. Die Leute sagen, die Pfarre sei schlecht, aber sie trägt schon, wovon ein Verkünder des Evange¬ liums leben kann. Sie sagen, die Gegend sei häßlich, aber auch das ist nicht wahr, man muß sie nur gehö¬ rig anschauen. Meine Vorgänger sind von hier auf andere Pfarrhöfe versezt worden. Da aber meine jezt lebenden Mitbrüder, die in meinen Jahren und etwas jünger sind, sich während ihrer Vorbereitungszeit sehr auszeichneten, und mir in allen Eigenschaften über¬ legen sind, so werde ich nie bitten, von hier auf einen anderen Plaz befördert zu werden. Meine Pfarrkinder sind gut, sie haben sich manchem meiner lehrenden Worte nicht verschlossen, und werden sich auch ferner nicht verschließen.“ „Dann habe ich noch einen anderen weltlicheren und einzelneren Grund, weßhalb ich an dieser Stelle bleibe. Sie werden denselben schon einmal später erfahren, wenn sie nehmlich die Bitte, die ich an Sie stellen will, erhören. Ich komme nun zu dieser Bitte, aber ich muß noch etwas sagen, ehe ich sie ausspreche. Ich habe zu einem Zweke in diesem Pfarrhofe zu sparen angefangen, der Zwek ist kein schlechter, er betrifft nicht blos ein zeitliches Wohl, sondern auch ein anderes. Ich sage ihn jezt nicht, er wird schon einmal kund werden; aber ich habe um seinetwillen zu sparen begonnen. Von dem Vaterhause habe ich kein Vermögen mitgebracht; was noch an Gelde eingegan¬ gen ist, wurde zu verschiedenen Dingen verwendet, und seit Jahren ist nichts mehr eingegangen. Ich habe von dem väterlichen Erbe nur das einzige Crucifix welches an meiner Thür dort über dem Weihbrunngefäße hängt. Der Großvater hat es einmal in Nürnberg gekauft, und der Vater hat es mir, weil es mir stets gefiel, geschenkt. So fing ich also an, von den Mit¬ teln meines Pfarrhofes zu sparen. Ich legte einfache Kleider an, und suche sie lange zu erhalten, ich ver¬ abschiedete das Bett, und legte mich auf die Bank indem Vorhause, und that die Bibel zum Zeugen und zur Hilfe unter mein Haupt. Ich hielt keine Bedienung mehr, und miethete mir die Dienste der alten Sabine, die für mich hinreichen. Ich esse, was für den mensch¬ lichen Körper gut und zuträglich ist. Den oberen Theil des Pfarrhofes habe ich vermiethet. Ich habe schon zweimal darüber einen Verweis von dem hoch¬ würdigen bischöflichen Consistorium erhalten, aber jezt lassen sie es geschehen. Weil die Leute bei mir bares Geld vermutheten, was auch wahr gewesen ist, so bin ich dreimal desselben beraubt worden, aber ich habe wieder von vorne angefangen. Da die Diebe nur das Geld genommen hatten, so suchte ich es ihnen zu entrüken. Ich habe es gegen Waisensicher¬ heit angelegt, und wenn kleine Zinsen anwachsen, so thue ich sie stets zu dem Kapitale. So bin ich nun seit vielen Jahren nicht behelligt worden. In der langen Zeit ist mir mein Zustand zur Gewohnheit geworden, und ich liebe ihn. Nur habe ich eine Sünde gegen dieses Sparen auf dem Gewissen: ich habe nehmlich noch immer das schöne Linnen, das ich mir in der Stube in unserem Gartenflügel angeschafft hatte. Es ist ein sehr großer Fehler, aber ich habe versucht, ihn durch noch größeres Sparen an meinem Körper und an anderen Dingen gut zu machen. Ich bin so schwach, ihn mir nicht abgewöhnen zu können. Es wäre gar zu traurig, wenn ich die Wäsche weg¬ geben müßte. Nach meinem Tode wird sie ja auch etwas eintragen, und den ansehnlicheren Theil ge¬ brauche ich ja gar nicht.“ Ich wußte nun, weßhalb er sich seiner herrlichen Wäsche schämte. „Es ist mir nicht lieb,“ fuhr er fort, „daß ich hier den Menschen nicht so helfen kann, wie ich möchte; aber ich kann es dem Zweke nicht entziehen, und es können ja nicht alle Menschen im ganzen Umfange wohlthun, wie sie wünschten, dazu wäre der größte Reichthum nicht groß genug.“ „Sehen Sie, nun habe ich Ihnen alles gesagt wie es mit mir gewesen ist, und wie es noch mit mir ist. Jezt kömmt meine Bitte, Sie werden sie mir vielleicht, wenn Sie an alles denken, was ich Ihnen erzählt habe, gewähren. Sie ist aber beschwerlich zu erfüllen, und nur Ihre Freundlichkeit und Güte er¬ laubt mir sie vorzubringen. Ich habe mein Testament bei dem Gerichte zu Karsberg in dem Schlosse nieder gelegt. Ich vermuthe, daß es dort sicher ist, und ich habe den Empfangschein hier in meinem Hause. Aber alle menschlichen Dinge sind wandelbar, es kann Feuer Verwüstung Feindeseinbruch oder sonst ein Unglük kommen, und das Testament gefährden. Ich habe daher noch zwei gleichlautende Abschriften ver¬ faßt, um sie so sicher als möglich nieder zu legen, daß sie nach meinem Tode zum Vorscheine kommen mögen, und ihr Zwek erfüllt werde. Da wäre nun meine Bitte, daß Sie eine Abschrift in Ihre Hände nähmen, und aufbewahrten. Die andere behalte ich entweder hier, oder ich gebe sie auch jemanden, daß er sie eben¬ falls zu ihrem Zweke aufbewahre. Freilich müßten Sie da erlauben, daß ich Ihnen, wenn Sie von dieser Gegend scheiden, von Zeit zu Zeit einen kleinen Brief schreibe, worin ich Ihnen sage, daß ich noch lebe. Wenn die Briefe ausbleiben, so wissen Sie, daß ich gestorben bin. Dann müßten Sie das Testament durch ganz sichere Hände und gegen Bescheinigung nach Karsberg gelangen lassen, oder überhaupt dorthin, wo die Ämter sind, die es in Erfüllung bringen kön¬ nen. Es ist das alles nur zur Vorsicht, wenn das ge¬ richtlich niedergelegte verloren gehen sollte. Das Testa¬ ment ist zugesiegelt und den Inhalt werden Sie nach meinem Tode erfahren, wenn Sie nehmlich nicht ab¬ geneigt sind, meine Bitte zu erfüllen.“ Ich sagte dem Pfarrer, daß ich mit Freuden in seinen Wunsch eingehe, daß ich das Papier so sorg¬ fältig bewahren wolle, wie meine eigenen besten Sachen, deren Vernichtung mir unersezlich wäre, und daß ich allen seinen Weisungen gerne nachkommen wolle. Übrigens hoffe ich, daß der Zeitpunkt noch sehr ferne sei, wo das Testament und seine zwei an¬ dern Genossen entsiegelt werden würden. „Wir stehen alle in Gottes Hand,“ sagte er, „es kann heute sein, es kann morgen sein, es kann noch viele Jahre dauern. Zum Zweke, den ich neben mei¬ nen Seelsorgerpflichten verfolge, wünsche ich, daß es nicht so bald sei; aber Gott weiß, wie es gut ist, und er bedarf zulezt auch zur Krönung dieses Werkes meiner nicht.“ „Da aber auch ich vor Ihnen sterben könnte,“ erwiederte ich, „so werde ich zur Sicherheit eine ge¬ schriebene Verfügung zu dem Testamente legen, wo¬ durch meine Verpflichtung in andere Hände übergehen soll.“ „Sie sind sehr gut,“ antwortete er, „ich habe gewußt, daß Sie so freundschaftlich sein werden, ich habe es gewiß gewußt. Hier wäre das Papier.“ Mit diesen Worten zog er unter seinem Haupt¬ kissen ein Papier hervor. Dasselbe war gefaltet, und mit drei Siegeln gesiegelt. Er reichte es in meine Hand. Ich betrachtete die Siegel, sie waren rein und unverlezt und trugen ein einfaches Kreuz. Auf der obern Seite des Papiers standen die Worte: Lezter Wille des Pfarrers im Kar. Ich ging an den Tisch, nahm ein Blatt aus meiner Brieftasche, schrieb da¬ rauf, daß ich von dem Pfarrer im Kar an dem bezeich¬ neten Tage ein mit drei Siegeln, die ein Kreuz ent¬ halten, versiegeltes Papier empfangen habe, das die Aufschrift Lezter Wille des Pfarrers im Kar trage. Diese Bescheinigung reichte ich ihm dar, und er schob sie ebenfalls unter das Kissen seines Hauptes. Das Testament that ich einstweilen in die Tasche, in wel¬ cher ich meine Zeichnungen und Arbeiten hatte. Nach dieser Unterredung blieb ich noch eine geraume Zeit bei dem Pfarrer, und das Gespräch wendete sich auf andere gleichgültigere Gegenstände. Es kam Sabine herein, um ihm Speise zu bringen, es kam das Mädchen aus dem ersten Stokwerke herunter, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Da die Sterne an dem hohen Himmel standen, ging ich durch das bleiche Gestein und den weichen Sand in meine Hütte, und dachte an den Pfarrer. Ich that das Testament vorerst in meinen Koffer, wo ich meine besten Sachen hatte, um es später in meinem Hause gut zu verwahren. Die Zeit nach der Erzählung des Pfarrers ging mir in meinem Steingewirre dahin, wie sie mir vor¬ her dahingegangen war. Wir massen, und arbeiteten, und zeichneten; ich sammelte mir unter Tags Stoff, besuchte gegen Abend den Pfarrer, saß ein paar Stun¬ den an seinem Bette, und arbeitete dann in der Nacht in meiner Hütte, während mir einer meiner Leute auf einem Nothherde derselben einen schmalen Braten briet. Nach und nach wurde der Pfarrer besser, endlich stand er auf, wie es der Arzt in der Stadt voraus Stifter, Jugendschriften. I. 12 gesagt hatte, dann ging er vor sein Haus, er ging wieder in die Kirche, und zulezt kam er auch wieder in das Steinkar, wandelte in den Hügeln herum, oder stand bei uns, und schaute unsern Arbeiten zu. Wie aber endlich alles ein Ende nimmt, so war es auch mit unserem langen Aufenthalte im Steinkar. Wir waren immer, weiter vorgerükt, wir näherten uns der Grenzlinie unseres angewiesenen Bezirks im¬ mer mehr und mehr, endlich waren die Pflöke auf ihr aufgestellt, es war bis dahin gemessen, und nach geringen schriftlichen Arbeiten war das Steinkar in seinem ganzen Abbilde in vielen Blättern in unserer Mappe. Die Stangen die Pflöke die Werke wurden sofort weggeschaft, die Hütten abgebrochen, meine Leute gingen nach ihren Bestimmungen auseinander, und das Steinkar war wieder von diesen Bewohnern frei und leer. Ich pakte meinen Koffer, nahm von dem Pfarrer von dem Schullehrer von Sabine von dem Mieths¬ mann und seiner Tochter und von andern Leuten Ab¬ schied, ließ den Koffer in die Hochstrasse bringen, ging zu Fusse dahin, bestellte mir Postpferde, und da diese angelangt waren, fuhr ich von dem Schauplaze mei¬ ner bisherigen Thätigkeit fort. Eines sehr seltsamen Gefühles muß ich Erwäh¬ nung thun, das ich damals hatte. Es ergrif mich nehmlich beinahe eine tiefe Wehmuth, als ich von der Gegend schied, welche mir, da ich sie zum ersten Male betreten hatte, abscheulich erschienen war. Wie ich immer mehr und mehr in die bewohnteren Theile hinauskam, mußte ich mich in meinem Wagen um¬ kehren, und nach den Steinen zurükschauen, deren Lichter so sanft und matt schimmerten, und in deren Vertiefungen die schönen blauen Schatten waren, wo ich so lange verweilt hatte, während ich jezt zu grünenden Wiesen zu getheilten Feldern und unter hohe strebende Bäume hinaus fuhr. Nach fünf Jahren ergrif ich eine Gelegenheit, die mich in die Nähe brachte, das Steinkar wieder zu besuchen. Ich fand den Pfarrer in demselben zuwei¬ len herum gehen, wie früher, oder gelegentlich auf einem der Steine sizen, und herum schauen. Seine klaren blauen Augen waren die nehmlichen geblieben. Ich zeigte ihm die Briefe, die ich von ihm em¬ pfangen, und die ich aufbewahrt hatte. Er bedankte sich sehr schön, daß ich auf jeden der Briefe ihm eine Antwort gesendet hätte, er freue sich der Briefe, und lese oft in denselben. Er zeigte sie mir, da wir in sei¬ nem Stübchen wieder an dem fichtenen Tische beisam¬ men saßen. 12* Die Zirder floß mit ihrem himmelblauen Bande durch die Steine, diese hatten die graue Farbe, und der Sand lagerte zu ihren Füssen. Die grünen Strei¬ fen und die wenigen Gesträuche waren wie immer. In der Hochstrasse war der Wirth die Wirthin und fast auch ihre Kinder, wie früher, ja die alten Gäste schienen an den Tischen zu sizen, so sehr bleiben die Menschen die nehmlichen, die in jenen Gegenden den Verkehr über die Anhöhe treiben. Nach diesem Besuche in jener Gegend führte mich weder ein Geschäft mehr dahin, noch fand ich Zeit, aus freiem Antriebe wieder einmal das Kar zu besu¬ chen. Viele Jahre gingen vorüber, und der Wunsch des Pfarrers, daß ihn Gott seines Zwekes willen lange leben lassen möchte, schien in Erfüllung gehen zu wollen. Alle Jahre bekam ich mehrere Briefe von ihm, die ich regelmäßig beantwortete, und die regel¬ mäßig im nächsten Jahre wieder anlangten. Nur eins glaubte ich zu bemerken, daß die Buchstaben nehmlich etwas zeigten, als zittere die Hand. Nach langen Jahren kam einmal ein Brief von dem Schullehrer. In demselben schrieb er, daß der Pfarrer erkrankt sei, daß er von mir rede, und daß er gesagt habe: „Wenn er es wüßte, daß ich krank bin.“ Er nehme sich daher die Erlaubniß, mir dieses zu melden, weil er doch nicht erkennen könne, ob es nicht zu etwas gut sei, und er bitte mich deßhalb um Ver¬ zeihung, daß er so zudringlich gewesen. Ich antwortete ihm, daß ich seinen Brief als keine Zudringlichkeit ansehen könne, sondern, daß er mir einen Dienst damit erwiesen habe, indem ich an dem Pfarrer im Kar großen Antheil nähme. Ich bitte ihn, er möge mir öfter über das Befinden des Pfarrers schreiben, und wenn es schlechter würde, mir dieses sogleich anzeigen. Und sollte Gott wider Vermuthen schnell etwas Menschliches über ihn verhängen, so solle er mir auch dieses ohne geringstes Versäumen melden. An den Pfarrer schrieb ich auch zu seiner Beru¬ higung, daß ich von seiner Erkrankung gehört habe, daß ich den Schullehrer gebeten habe, er möge mir über sein Befinden öfter schreiben; ich ersuchte ihn, daß er sich nicht selber anstrengen möchte, an mich zu schreiben, daß er sich ein Bett in das Stübchen ma¬ chen lassen solle, und daß sich, wie es ja auch in frü¬ heren Jahren geschehen sei, sein Unwohlsein in kurzer Zeit wieder heben könnte. Mein Beruf gestatte für den Augenblik keinen Besuch. Er antwortete mir deßohngeachtet in einigen Zei¬ len, daß er sehr sehr alt sei, daß er geduldig harre, und sich nicht fürchte. Da der Schullehrer zwei Briefe geschrieben hatte, in denen er sagte, daß mit dem Pfarrer keine Verän¬ derung vorgegangen sei, kam ein dritter, der meldete, daß derselbe nach Empfang der heiligen Sterbsakra¬ mente verschieden sei. Ich machte mir Vorwürfe, sezte jezt alles beiseite, und machte mich reisefertig. Ich zog das versiegelte Papier aus meinem Schreine hervor, ich nahm auch die Briefe des Pfarrers mit, die zur Erweisung der Handschrift dienen könnten, und begab mich auf den Weg nach Karsberg. Als ich daselbst angekommen war, erhielt ich die Auskunft, daß ein Testament des Pfarrers in dem Schlosse gerichtlich niedergelegt worden sei, daß man ein zweites in seiner Verlassenschaft gefunden habe, und daß ich mich in zwei Tagen in dem Schlosse ein¬ finden solle, um mein Testament vorzuzeigen, worauf die Öffnung und Prüfung der Testamente statt haben würde. Ich begab mich während dieser zwei Tage in das Kar. Der Schullehrer erzählte mir über die lezten Tage des Pfarrers. Er sei ruhig in seiner Krankheit gelegen, wie in jener, da ich ihn so oft besucht habe. Er habe wieder keine Arznei genommen, bis der Pfar¬ rer aus der Wenn, ein Nachbar des Pfarrers im Kar, welcher ihm die Sterbsakramente gereicht hatte, ihm dargethan hätte, daß er auch irdische Mittel gebrau¬ chen, und es Gott überlassen müsse, ob sie wirkten oder nicht. Von dem Augenblike an nahm er alles, was man ihm gab, und ließ alles mit sich thun, was man thun wollte. Er lag wieder in seinem Stübchen wo man ihm wieder aus den Wolldeken ein Bett ge¬ macht hatte. Sabine war immer bei ihm. Als es zum Sterben kam, machte er keine besondere Vorbe¬ reitung, sondern er lag wie alle Tage. Man konnte nicht abnehmen, ob er es wisse, daß er jezt sterbe oder nicht. Er war wie gewöhnlich, und redete gewöhn¬ liche Worte. Endlich schlief er sanft ein, und es war vorüber. Man entkleidete ihn, um ihn für die Bahre an¬ zuziehen. Man legte ihm das Schönste seiner Wäsche an. Dann zog man ihm sein fadenscheiniges Kleid an, und über das Kleid den Priesterchorrok. So wurde er auf der Bahre ausgestellt. Die Leute kamen sehr zahlreich, um ihn anzuschauen; denn sie hatten so etwas nie gesehen; er war der erste Pfarrer gewe¬ sen, der in dem Kar gestorben war. Er lag mit seinen weißen Haaren da, sein Angesicht war mild, nur viel blässer als sonst, und die blauen Augen waren von den Lidern gedekt. Mehrere seiner Amtsbrüder kamen, ihn zur Erde zu bestatten. Bei der Einsenkung haben viele der herbeigekommenen Menschen geweint. Ich erkundigte mich nun auch um den Miethmann im ersten Stokwerke. Er kam selbst in das Vorhaus des Pfarrhofes herunter, in dem ich mich befand, und sprach mit mir. Er hatte fast keine Haare mehr, und trug daher ein schwarzes Käppchen auf seinem Haupte. Ich fragte nach seiner schönen Tochter, die damals, als sie in meiner Gegenwart öfter in das Krankenzimmer des Pfarrers gekommen war, ein jun¬ ges rasches Mädchen gewesen war. Sie war in der Hauptstadt verheirathet, und war Mutter von bei¬ nahe erwachsenen Kindern. Auch diese war in den lezten Tagen des Pfarrers nicht um ihn gewesen. Der Miethmann sagte mir, daß er jezt wohl zu seiner Tochter werde ziehen müssen, da er bei der Wiederbe¬ sezung der Pfarre gewiß seine Wohnung verlieren, und im Kar keine andere finden werde. Die alte Sabine war die einzige, die sich nicht geändert hatte, sie sah gerade so aus, wie damals, als sie bei meiner ersten Anwesenheit den Pfarrer in seiner Krankheit gepflegt hatte. Niemand wußte, wie alt sie sei, und sie wußte es selbst nicht. Ich mußte deßhalb in dem Vorhause des Pfarrho¬ fes stehen bleiben, weil das Stüblein und das neben dem Vorhause befindliche Gewölbe versiegelt waren. Die einzige hölzerne Bank, die Schlafstätte des Pfar¬ rers, stand an ihrer Stelle, und niemand hatte an sie gedacht. Die Bibel aber lag nicht mehr auf der Bank, man sagte, sie sei in das Stüblein gebracht worden. Als die zwei Tage vorüber waren, die man als Frist zur Eröffnung des Testamentes anberaumt hatte, begab ich mich nach Karsberg, und verfügte mich zur festgesezten Stunde in den Gerichtssaal. Es waren mehrere Menschen zusammen gekommen, und es wa¬ ren die Vorstände der Pfarrgemeinde und die Zeugen geladen worden. Die zwei Testamente und das Ver¬ zeichniß der Verlassenschaft des Pfarrers lagen auf dem Tische. Man wies mir meine Bescheinigung über den Empfang des Testamentes des Pfarrers vor, die in der Verlassenschaft gefunden worden war, und foderte mich zur Vorzeigung des Testamentes auf. Ich über¬ reichte es. Man untersuchte Schrift und Siegel, und erkannte die Richtigkeit des Testamentes an. Nach herkömmlicher Art wurde nun das gericht¬ lich niedergelegte Testament zuerst eröffnet, und gele¬ sen. Dann folgte das von mir übergebene. Es lau¬ tete Wort für Wort wie das erste. Endlich wurde das in der Wohnung des Pfarrers vorgefundene eröffnet, und es lautete ebenfalls Wort für Wort wie die beiden ersten. Die Zeitangabe und die Un¬ terschrift war in allen drei Urkunden dieselbe. So¬ fort wurden alle drei Testamente als ein einziges in drei Abschriften vorhandenes Testament erklärt. Der Inhalt des Testamentes aber überraschte alle. Die Worte des Pfarrers, wenn man den Eingang hinweg läßt, in dem er die Hilfe Gottes anruft, die Verfügung unter seinen Schuz stellt, und erklärt, daß er bei vollkommnem Gebrauche seines Verstandes und Willens sei, lauten so: „Wie ein jeder Mensch außer seinem Amte und seinem Berufe noch etwas findet, oder suchen soll, das er zu verrichten hat, damit er alles thue, was er in seinem Leben zu thun hat, so habe auch ich etwas gefunden, was ich neben meiner Seel¬ sorge verrichten muß: ich muß die Gefahr der Kinder der Steinhäuser und Karhäuser aufheben. Die Zirder schwillt oft an, und kann dann ein reißendes Wasser sein, das in Schnelle daher kömmt, wie es ja in den ersten Jahren meiner Pfarre zweimal durch Wolken¬ brüche alle Stege und Brüken weggenommen hat. Die Ufer sind niedrig, und das am Kar ist noch nie¬ driger als das Steinhäuser Ufer. Da sind drei Fälle möglich: entweder ist das Karufer überschwemmt, oder es ist auch das Steinhäuser Ufer überschwemmt, oder es wird sogar der Steg hinweggetragen. Die Kinder aus den Steinhäusern und Karhäusern müssen aber über den Steg ins Kar in die Schule gehen. Wenn nun das Karufer überschwemmt ist, und sie von dem Stege in das Wasser gehen, so können manche in eine Grube oder in eine Vertiefung gera¬ then, und dort verunglüken; denn das kothige Wasser der Überschwemmung läßt den Boden nicht sehen: oder es kann das Wasser, während die Kinder in ihm waten, so schnell steigen, daß sie das Trokene nicht mehr erreichen können, und alle verloren sind: oder sie können noch von dem Steinhäuser Ufer auf den Steg kommen, können das Wasser auf dem Karufer zu tief finden, können sich durch Berathschlagen oder Zaudern so lange aufhalten, daß indessen auch das Steinhäuser Ufer mit zu tiefem Wasser bedekt wird; dann ist der Steg eine Insel, die Kinder stehen auf ihm, und können mit ihm fortgeschwemmt werden. Und wenn auch dieses alles nicht geschieht, so gehen sie mit ihren Füßlein im Winter in das Schneewasser, das auch Eisschollen hat, und fügen ihrer Gesundheit großen Schaden zu.“ „Damit diese Gefahr in der Zukunft aufhöre, habe ich zu sparen begonnen, und verordne, wie folgt: von der Geldsumme, welche nach meinem Tode als mein Eigenthum gefunden wird, vermehrt um die Geldsumme, welche aus dem Verkaufe meiner hinterlassenen Habe entsteht, soll in der Mitte der Schulkinder der Steinhäuser und Karhäuser ein Schulhaus gebaut werden, dann soll ein solcher Theil der Geldsumme auf Zinsen angelegt werden, daß durch das Erträgniß die Lehrer der Schule erhal¬ ten werden können, ferner soll noch ein Theil nuz¬ bringend gemacht werden, daß aus den Zinsen die jährliche Vergütung des Schadens entrichtet werden könne, welchen der Schullehrer im Kar durch den Abgang der Kinder erleidet, und endlich, wenn noch etwas übrig bleibet, so soll es meiner Dienerin Sa¬ bine gehören.“ „Ich habe drei gleiche Testamente geschrieben, daß sie sicherer seien, und wenn noch was immer für eine Verfügung oder Meinung in meinem Nachlasse sollte gefunden werden, welche nicht den Inhalt und Jahres- und Monatstag dieser Testamente trägt, so soll sie ungültig sein.“ „Damit aber in der Zeit schon die Gefahr vermin¬ dert werde, gehe ich alle Tage auf die Wiese am Karufer, und sehe, ob keine Gräben Gruben und Vertiefungen sind, und steke eine Stange dazu. Den Eigenthümer der Wiese bitte ich, daß er entstandene Gruben und Vertiefungen so bald ausebnen lasse, als es angeht, und er hat meine Bitten immer erfüllt. Ich gehe hinaus, wenn die Wiese überschwemmt ist, und suche den Kindern zu helfen. Ich lerne das Wetter kennen, um eine Überschwemmung voraus¬ sehen zu können, und die Kinder zu warnen. Ich entferne mich nicht weit von dem Kar, um keine Ver¬ säumniß zu begehen. Und so werde ich es auch in der Zukunft immer thun.“ Diesen Testamenten war die Geldrechnung bis zu dem Zeitpunkte ihrer Abfassung beigelegt. Die Rech¬ nung, die von dieser Zeit an bis gegen die Sterbetage des Pfarrers lief, fand man in seinen Schriften. Die Rechnungen waren mit großer Genauigkeit gemacht. Man ersah auch aus ihnen, wie sorgsam der Pfarrer im Sparen war. Die kleinsten Beträge, selbst Pfen¬ nige, wurden zugelegt, und neue Quellen, die un¬ scheinbarsten, eröffnet, daraus ein kleines Fädlein floß. Zur Versteigerung des Nachlasses des Pfarrers wurde der fünfte Tag nach Eröffnung des Testamentes bestimmt. Da wir von dem Gerichtshause fort gingen, sagte der Miethmann des Pfarrers unter Thränen zu mir: „O wie habe ich den Mann verkannt, ich hielt ihn beinahe für geizig: da hat ihn meine Tochter viel besser gekannt, sie hat den Pfarrer immer sehr lieb gehabt. Ich muß ihr die Begebenheit sogleich schreiben.“ Der Schullehrer im Kar segnete den Pfarrer, der immer so gut gegen ihn gewesen sei, und der sich so gerne in der Schule aufgehalten habe. Auch die andern Leute erfuhren den Inhalt des Testamentes. Nur die einzigen, die er am nächsten anging, die Kinder in den Steinhäusern und Karhäusern, wußten nichts davon, oder wenn sie es auch erfuhren, so ver¬ standen sie es nicht, und wußten nicht, was ihnen zugedacht worden sei. Weil ich auch bei der Versteigerung gegenwärtig sein wollte, so ging ich wieder in das Kar zurük, und beschloß, die vier Tage dazu anzuwenden, um manche Pläze im Steinkar und andern Gegenden zu besuchen, wo ich einstens gearbeitet hatte. Es war alles unver¬ ändert, als ob diese Gegend zu ihrem Merkmale der Einfachheit auch das der Unveränderlichkeit erhalten hätte. Da der fünfte Tag herangekommen war, wurden die Siegel von den Thüren der Pfarrerswohnung abgenommen, und die hinterlassenen Stüke des Pfar¬ rers versteigert. Es hatten sich viele Menschen einge¬ funden, und die Versteigerung war in Hinsicht des Testamentes eine merkwürdige geworden. Es tru¬ gen sich auffallende Begebenheiten bei derselben zu. Ein Pfarrer kaufte einen unter den Kleidern des Ver¬ storbenen gefundenen Rok, der das Schlechteste war, was man unter nicht zerrissenen Kleidern finden kann, um einen ansehnlichen Kaufschilling. Die Gemeinde des Kar erstand die Bibel, um sie in ihre Kirche zu stiften. Selbst die hölzerne Bank, die man nicht ein¬ mal eingesperrt hatte, fand einen Käufer. Auch ich erwarb etwas in der Versteigerung, nehmlich das kleine aus Holz geschnizte Crucifix von Nürnberg und sämmtliche noch übrigen so schönen und feinen Leintücher und Tischtücher. Ich und meine Gattin besizen die Sachen noch bis auf den heutigen Tag, und haben die Wäsche sehr selten gebraucht. Wir bewahren sie als ein Denkmal auf, daß der arme Pfarrer diese Dinge aus einem tiefen dauernden und zarten Gefühle behalten und nie benuzt hat. Zuweilen läßt meine Gattin die Linnen durchwaschen, und glätten, dann ergözt sie sich an der unbeschreiblichen Schönheit und Reinheit, und dann werden die zusam¬ mengelegten Stüke mit den alten ausgebleichten roth¬ seidenen Bändchen, die noch vorhanden sind, umbun¬ den, und wieder in den Schrein gelegt. — Nun stellt sich die Frage, was die Wirkung von all diesen Dingen gewesen sei. Die Summe, welche der Pfarrer erspart hatte, und die, welche aus der Versteigerung seines Nach¬ lasses gelöst worden war, waren zusammen genommen viel zu klein, als daß eine Schule daraus hätte ge¬ gründet werden können. Sie waren zu klein, um nur ein mittleres Haus, wie sie in jener Gegend gebräuch¬ lich sind, zu bauen, geschweige denn ein Schulhaus mit den Lehrzimmern und den Lehrerswohnungen, ferner den Gehalt der Lehrer festzustellen, und den früheren Lehrer zu entschädigen. Es lag das in der Natur des Pfarrers, der die Weltdinge nicht verstand, und dreimal beraubt werden mußte, bis er das ersparte Geld auf Zinsen anlegte. Aber wie das Böse stets in sich selber zweklos ist, und im Weltplane keine Wirkung hat, das Gute aber Früchte trägt, wenn es auch mit mangelhaften Mit¬ teln begonnen wird, so war es auch hier: „Gott bedurfte zur Krönung dieses Werkes des Pfarrers nicht.“ Als die Sache mit dem Testamente und dessen Unzulänglichkeit bekannt wurde, traten gleich die Wohlhabenden und Reichen in dem Umkreise zusam¬ men, und unterschrieben in Kurzem eine Summe, die hinlänglich schien, alle Absichten des Pfarrers voll¬ ziehen zu können. Und sollte noch etwas nöthig sein, so erklärte jeder, daß er eine Nachzahlung leisten würde. Ich habe auch mein Scherflein dazu beige¬ tragen. War ich das erste Mal mit Wehmuth von der Gegend geschieden, so flossen jezt Thränen aus mei¬ nen Augen, als ich die einsamen Steine verließ. — Jezt, da ich rede, steht die Schule längst in den Steinhäusern und Karhäusern, sie steht in der Mitte der Schulkinder auf einem gesunden und luftigen Plaze. Der Lehrer wohnt mit seiner Familie und dem Gehilfen in dem Gebäude, der Lehrer im Kar erhält seine jährliche Entschädigung, und selbst Sabine ist noch mit einem Theile bedacht worden. Sie wollte ihn aber nicht, und bestimmte ihn im Vorhinein für die Tochter des Schullehrers, die sie immer lieb hatte. Das einzige Kreuz, das für einen Pfarrer in dem Kirchhofe des Kar steht, steht auf dem Hügel des Gründers dieser Dinge. Es mag manchmal ein Ge¬ beth dabei verrichtet werden, und mancher wird mit einem Gefühle davor stehen, das dem Pfarrer nicht gewidmet worden ist, da er noch lebte. Stifter, Jugendschriften. I. 13 III. Turmalin . 13* Der Turmalin ist dunkel, und was da erzählt wird, ist sehr dunkel. Es hat sich in vergangenen Zeiten zugetragen, wie sich das, was in den ersten zwei Stüken erzählt worden ist, in vergangenen Zeiten zugetragen hat. Es ist darin wie in einem traurigen Briefe zu entnehmen, wie weit der Mensch kömmt, wenn er das Licht seiner Vernunft trübt, die Dinge nicht mehr versteht, von dem innern Geseze, das ihn unabwendbar zu dem Rechten führt, läßt, sich unbedingt der Innigkeit seiner Freuden und Schmerzen hingibt, den Halt verliert, und in Zustände geräth, die wir uns kaum zu enträthseln wissen. In der Stadt Wien wohnte vor manchen Jahren ein wunderlicher Mensch, wie in solchen großen Städ¬ ten verschiedene Arten von Menschen wohnen, und sich mit den verschiedensten Dingen beschäftigen. Der Mensch, von dem wir hier reden, war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, und wohnte auf dem Sanct Petersplaze in dem vierten Geschoße eines Hauses. Zu seiner Wohnung führte ein Gang, der mit einem eisernen Gitter verschloßen war, an wel¬ chem ein Glokenzug hernieder hing, an dem man läuten konnte, worauf eine ältliche Magd erschien, welche öffnete, und den Weg zu ihrem Herrn hinein zeigte. Wenn man durch das Gitter eingetreten war, sezte sich der Gang noch fort, rechts hatte er eine Thür, die in die Küche führte, in welcher die Magd war, und deren einziges Fenster auf den Gang heraus ging, links hatte er ein fortlaufendes eisernes Gelän¬ der und den offenen Hof. Sein Ende stieß an die Thür zur Wohnung. Wenn man die braune Thür öffnete, kam man in ein Vorzimmer, welches ziemlich dunkel war, und in welchem sich die großen Kästen befanden, die die Kleider enthielten. Es diente auch zum Speisen. Von diesem Vorzimmer kam man in das Zimmer des Herrn. Es war aber eigentlich ein sehr großes Zimmer und ein kleines Nebenzimmer. In dem Zimmer waren alle Wände ganz vollständig mit Blättern von Bildnissen berühmter Männer beklebt. Es war kein Stükchen auch nur handgroß, das von der ursprünglichen Wand zu sehen gewesen wäre. Damit er, oder gelegentlich auch ein Freund, wenn einer kam, diejenigen Männer, die ganz nahe oder hart an dem Fußboden sich befanden, betrachten konnte, hatte er ledergepolsterte Ruhebetten von ver¬ schiedener Höhe und mit Rollfüßen versehen machen lassen. Das niederste war eine Hand hoch. Man konnte sie zu was immer für Männern rollen, sich darauf nieder legen, und die Männer betrachten. Für die hoch und höher hängenden hatte er doppel¬ gestellige Rollleitern, deren Räder mit grünem Tuche überzogen waren, welche Leitern man in jede Gegend rollen und von deren Stufen aus man verschiedene Standpunkte gewinnen konnte. Überhaupt hatten alle Dinge in der Stube Rollen, daß man sie leicht von einer Stelle zu der andern bewegen konnte, um im Anschauen der Bildniße nicht beirrt zu sein. In Hinsicht des Ruhmes der Männer war es dem Be¬ sizer einerlei, welcher Lebensbeschäftigung sie ange¬ hört hatten, und durch welche ihnen der Ruhm zu Theil geworden war, er hatte sie wo möglich alle. In dem Zimmer stand auch ein sehr großer Flügel, auf dessen Pulte viele Notenhefte lagen, und auf dem er gerne spielte. Es waren auch zwei Fächer auf zwei Gestellen, in welchen sich Geigen befanden, auf welchen er ebenfalls spielte. Auf einem Tische war ein Fach mit zwei Flöten, die er zu seinem eigenen Vergnügen und zu seiner Vervollkommnung in dieser Kunst behandelte. An einem der Fenster stand eine Staffelei mit einem Malerkasten, woran er Bilder in Öhl malte. In dem Nebenzimmer hatte er einen großen Schreibtisch, auf welchem er eine Menge Papiere liegen hatte, Gedichte machte, Erzählungen schrieb, und neben welchem sein Bücherkasten stand, wenn er etwa ein Buch heraus nehmen, und sich mit Lesen ergözen wollte. In diesem Zimmer stand auch sein Bett, und in dem Hintergrunde des Gemaches war eine Vorrichtung, in welcher er in Pappe arbei¬ ten konnte, und Fächer Behältniße Schirme und andere Kunstsachen verfertigte. Diesen Mann hießen sie im Hause den Rentherrn; die Meisten aber wußten nicht, ob er den Namen habe, weil er von einer Rente lebte, oder weil er in einem Rentamte angestellt war. Dies Leztere aber konnte nicht der Fall sein, weil er sonst zu bestimmten Zeiten hätte in sein Amt gehen müssen, er aber zu den verschiedensten Zeiten und oft ganze Tage lang zu Hause war, und in den manigfaltigen Geschäften, die er sich aufgeladen hatte, herum arbeitete. Außer¬ dem ging er in das Kaffehaus, um den Schachspie¬ lern zuzuschauen, oder er ging in der Stadt herum‚ um die verschiedenen Dinge zu betrachten, die da zu sehen sind, oder er besuchte ein Gasthauskränzchen, zu dem sich regelmäßig an bestimmten Tagen einige Freunde zusammen fanden. Er mußte also offenbar eine kleine Rente haben, von welcher er dieses Leben führen konnte. Dieser Mann hatte eine wunderschöne Frau von etwa dreißig Jahren, die ihm ein Kindlein, ein Mädchen, geboren hatte. Die Frau bewohnte ein Gemach, das an das große Zimmer ihres Mannes stieß, ebenfalls so groß war, und ebenfalls ein klei¬ neres Seitengemach hatte. Man konnte aus dem Zimmer des Mannes in das der Frau gelangen, man konnte aber auch aus dem Vorzimmer durch einen kleinen heimlichen Gang dahin kommen; denn die vier Zimmer der Wohnung lagen in einer Reihe quer gegen die Richtung des äußeren Ganges. Der kleine Gang war darum nüzlich, weil die Frau, wenn Freunde bei ihrem Manne waren, unbeirrt und die Männer nicht störend in das Vorzimmer und von da in die Küche hinaus gehen konnte. Die Zimmer der Frau waren nach ihrer Art ein¬ gerichtet. Das größere hatte dunkle Vorhänge an den Fenstern, es standen weiche Ruhesize von demselben Stoffe darin, es stand ein schöner großer Tisch da, der immer auf das Glänzendste vom Staube rein gehalten war, und auf seiner Platte einige Bücher oder Zeichnungen oder gelegentlich irgend ein anderes Ding trug. An den Fensterpfeilern waren Spiegel, unter denen schmale Pfeilertische standen, auf welchen sich einige schöne Dinge von Silber oder Porzellan befanden. An einem Fenster stand ein sehr feines Ar¬ beitstischchen, auf dem schöne Linnen zarte Stoffe und andere Arbeitsdinge lagen, und davor ein knap¬ pes in die Fenstervertiefung passendes Stühlchen stand. An dem zweiten Fenster war der Stikrahmen mit einem gleichen Stühlchen, und an der kurzen Seitenwand des dritten stand der Schreibtisch, auf dessen reiner grüner Fläche sich die Mappe das Din¬ tengefäß und geordnete Schreibgeräthe zeigten. Um den Tisch wie im Halbkreise standen hohe dunkle und zum Theile breitblätterige Pflanzen. Die große Wand¬ uhr hatte kein Schlagwerk, und ging so sanft, daß man sie kaum hörte. Übrigens war im Hintergrunde des Zimmers noch ein Fachgestelle mit Gläsern und Seidenvorhängen, daß die Frau verschiedene Dinge in die Fächer hinein stellen, und die Seide davor zusammen ziehen konnte. Das zweite kleinere Zimmer hatte schneeweiße in dichte Falten gelegte Fenstervorhänge, in der Nähe der Fenster stand ein Tisch, aber nicht zum Darauf¬ legen schöner Sachen, sondern zu häuslichen Zweken bestimmt. Dann war ein großes Ruhebett verschiedene Sessel und Schemel. Im Hintergrunde stand das weiße Bett der Frau von weißen Vorhängen umhüllt, an demselben war ein Nachttischchen mit einem Leuch¬ ter mit einer Gloke mit Büchern Zündzeug und ande¬ ren Dingen. In der Nähe dieses Bettes stand auf einem Gestelle ein vergoldeter Engel, welcher die Flügel um die Schultern zusammengefaltet hielt, mit der einen Hand sich stüzte, die andere aber sanft aus¬ strekte, und mit den Fingern die Spize eines weißen Vorhanges hielt, der in reichen Falten in der Gestalt eines Zeltes, auseinander und nieder ging. Unter diesem Zelte stand auf einem Tische ein feiner Korb, in dem Korbe war ein weißes Bettchen, und in dem Bettchen war das Kind der beiden Eheleute, das Mädchen, bei dem sie öfter standen, und die winzigen rothen Lippen und die rosigen Wangen und die ge¬ schlossenen Äuglein betrachteten. Zu Schlusse war noch ein sehr schön gemaltes großes Bild in dem Zimmer, die heilige Mutter mit dem Kinde vorstel¬ lend. Es war mit einer Faltung von dunkelm Samet umgeben. Die Frau waltete in ihren Zimmern, sie besorgte alles Nöthige, was das Kindlein brauchte, beschäf¬ tigte sich mit Arbeit mit Lesen mit Stiken mit Be¬ sorgung des Hauswesens und andern Dingen dieser Art. Sie verkehrte nicht sehr viel mit der Außenwelt, so wie auch nicht häufig Frauen zu ihr zum Besuche kamen. Zu derselben Zeit, da dieses Ehepaar auf dem Sanct Petersplaze wohnte, lebte in Wien auch ein anderer Mann, der von sich sehr viel reden machte. Er war ein glänzender Künstler, ein Schauspieler, und bildete damals das Entzüken der Welt. Mancher alte Mann unserer Zeit, der ihn noch in seiner Blüthe gekannt hat, geräth in Begeisterung, wenn er von ihm spricht, und erzählt, wie er diese oder jene Rolle aufgefaßt und dargestellt habe, und gewöhnlich ist der Schluß solcher Reden, daß man jezt dergleichen Künstler nicht mehr habe, und daß alles, was die neue Zeit bringe, keinen Vergleich mit dem aushalten könne, was die Väter in dieser Art gesehen haben. Manche von uns, die sich jezt dem höheren Alter nähern, mögen jenen Schauspieler noch gekannt, und mögen Leistungen von ihm gesehen haben, aber wahr¬ scheinlich haben sie ihn nicht in der Mitte seines Ruhmes sondern erst, da derselbe schon von dem Gipfel abwärts ging, gekannt, obwohl er seinen Glanz sehr lange und fast bis in das Greisenalter hinein behauptet hat. Der Mann Namens Dall war vor¬ züglich im Trauerspiele berühmt, obwohl er auch in andern Fächern namentlich im Schauspiele mit unge¬ wöhnlichem Erfolge auftrat. Es haben sich noch Er¬ zählungen von einzelnen Augenbliken erhalten, in denen er die Zuschauer bis zum Äußersten hinriß, zur äußersten Begeisterung oder zum äußersten Schauer, so daß sie nicht mehr im Theater sondern in der Wirklichkeit zu sein meinten, und mit Bangen den weiteren Verlauf der Dinge erwarteten. Besonders soll seine Darstellung hoher Personen von einer solchen Würde und Majestät gewesen sein, daß seither nichts mehr dem Ähnliches auf der Bühne zum Vor¬ scheine gekommen sei. Ein sehr gründlicher Kenner solcher Dinge sagte einst, daß Dall seine Rollen nicht durch künstliches Nachsinnen oder durch Vorberei¬ tungen und Einübungen sich zurecht gelegt, sondern daß er sich in dieselben, wenn sie seinem Wesen zusag¬ ten, hineingelebt habe, daß er sich dann auf seine Persönlichkeit verließ, die ihm im rechten Augenblike eingab, was er zu thun habe, und daß er auf diese Weise nicht die Rollen spielte, sondern das in ihnen Geschilderte wirklich war. Daraus erklärt sich, daß, wenn er sich der Lage grenzenlos hingab, er im Augenblike Dinge that, die nicht nur ihn selber über¬ raschten, sondern auch die Zuschauer überraschten, und ungeheure Erfolge hervor brachten. Daraus erklärt sich aber auch, daß, wenn er in eine Rolle sich nicht hinein zu leben vermochte, er sie gar nicht, nicht ein¬ mal schlecht, darstellen konnte. Darum übernahm er solche Rollen nie, und war durch kein Zureden und durch kein noch so eindringliches Beweisen dazu zu bewegen. Aus dem Gesagten erklärt sich aber auch das Wesen und die Lebensweise Dalls außer dem Theater. Er hatte ein sehr einnehmendes Äußere, war in sei¬ nen Bewegungen leicht und gefällig und trug seinen Körper als den Ausdruk eines lebhaften und beweg¬ lichen Geistes, der sich durch dieses Werkzeug sehr deutlich aussprach. Er war heiter, suchte seine Freude, wo er sie fand, und liebte die gesellige Laune, daher man, wenn er hinter einem Glase guten Weines bei plaudernden Freunden saß, und selber plauderte, un¬ möglich glauben konnte, daß das derselbe Mann sei, der unsere Seele in seinen großartigen Darstellungen zu den tiefsten Erschütterungen zu Angst und Entsezen und zu Freude und Entzüken treiben konnte. Aber gerade weil er das war, was er spielte, und weil er dafür in seinem Körper den treffendsten Ausdruk fand, so stellten sich die Gefühle, die in seinem feurigen Geiste entstanden, auf der Oberfläche seines Kör¬ pers feurig dar, sei es in Bewegung in Ausdruk in Stimme, und rißen hin. Darum war er der Liebling der Gesellschaft, er belebte sie, und gab ihr Empfin¬ dungen. Man suchte ihn, und bestrebte sich, ihn zu feßeln. Er bewegte sich in den manigfachsten Krei¬ sen, und lernte daraus die leichte und geebnete Frei¬ heit seines Benehmens; aber er wurde von keinem derselben gebannt: wie er sich im Spiele von seinem Geiste leiten ließ, so führte ihn derselbe auch unter Menschen, daß er mit ihnen lebe und empfinde, er führte ihn in die Natur, daß er sie anschaue und fühle; aber er entführte ihn auch wieder von den Menschen, wenn seinem Geiste nichts mehr zur Be¬ wegung gegeben wurde, und er entführte ihn von der Natur, wenn ihre sanfte Sprache aufhörte ihn zu er¬ regen, und wenn er gewaltigere Eindrüke und tieferen Wechsel suchte. Er lebte daher in Zuständen, und verließ sie, wie es ihm beliebte. Dieser Mann nun war mit dem Rentherrn be¬ kannt, und man konnte sagen, daß er vielleicht in nichts so beständig war als in dieser Bekanntschaft. Er ging sehr gerne, wenn er in was immer für Um¬ gebungen gewesen war, auf den Sanct Petersplaz, stieg die vier Treppen empor, läutete an der Gloke des Eisengitters, ließ sich von der ältlichen Magd öff¬ nen, und ging durch das Vorzimmer in die Helden¬ stube des Rentherrn. Da saß er, und plauderte mit dem Rentherrn über die vielen verschiedenen Dinge, die dieser trieb. Ja vielleicht kam er gerade deßhalb so gerne in die Gesellschaft des Rentherrn, weil es da so Manigfaltiges gab. Besonders war es die Kunst, die Dall in allen ihren Gestalten ja selbst Abarten anzog. Darum wurden die Verse des Rentherrn be¬ sprochen, er mußte auf einer seiner zwei Geigen spie¬ len, er mußte auf der Flöte blasen, er mußte das eine oder das andere Musikstük auf dem Flügel vortragen, oder man saß an der Staffelei, und sprach über die Farben eines Bildes oder über die Linien einer Zeich¬ nung. Gerade in dem Lezteren war Dall am erfah¬ rensten, und war selber ein bedeutender Zeichner. Zu den Pappgestalten des Rentherrn gab er Länge und Breite er gab Beziehungen und Verhältnisse an. In Bezug auf die an die Wände geklebten Bildniße berühmter Männer legte er sich auf das nie¬ derste Ruhebett, und musterte die untere Reihe durch. Der Rentherr mußte ihm bei jedem erzählen, was er von ihm wußte, und wenn beide nichts Ausreichendes von einem Manne sagen konnten, als daß er berühmt sei, so suchten sie Bücher hervor, und forschten so lange, bis sie Befriedigendes fanden. Dann legte er sich auf die höheren Ruhebette, dann saß er auf den nächsten, dann stand er, und endlich befand er sich auf den verschiedenen Stufen der Leiter. Bei dieser Gelegenheit lernte er die Bequemlichkeit solcher Ruhe¬ bette kennen, und der Rentherr mußte ihm einen gro¬ ßen Rollsessel machen lassen, der eine gepolsterte Rüklehne und gute Seitenarme hatte. In diesem Rollsessel saß er gerne, wenn er kam, und man überließ sich der Plauderei. Auf diese Weise verging eine geraume Zeit. Endlich fing Dall ein Liebesverhältniß mit der Frau des Rentherrn an, und sezte es eine Weile fort. Die Frau selber sagte es endlich in ihrer Angst dem Manne. Dall mußte davon gewußt haben, oder er mußte es an dem Gewissen der Frau gemerkt haben, daß sie ihrem Manne das Verhältniß mit seinem Freunde be¬ kennen würde. Denn er kam in diesen Tagen nicht, obwohl er sonst in der lezten Zeit häufiger in die Wohnung am Sanct Petersplaze gekommen war, als es in der früheren Zeit der Fall gewesen war. Der Rentherr war in einer außerordentlichen Wuth, er wollte zu Dall rennen, ihm Vorwürfe ma¬ Stifter, Jugendschriften. I. 14 chen, ihn ermorden; aber auch in seiner Wohnung war Dall nicht zu finden, er spielte auch in jener Zeit nicht im Theater, und man wußte nicht, wo er war. Der Rentherr gab sich Mühe, Dall aufzufinden, er ging alle Tage zu verschiedenen Zeiten in dessen Woh¬ nung, aber er fand ihn niemals, und die Leute sag¬ ten, Dall habe eine kleine Erholungsreise gemacht. Dasselbe war auch in der Stadt in allen Kreisen be¬ kannt, und man sagte, der Künstler werde wohl bald wieder zurük kehren, und die Welt mit seinem Glanze erfreuen. Der Rentherr aber ließ sich nicht irre ma¬ chen, er fuhr fort, Dall zu suchen. Er suchte ihn in allen Theilen der Stadt, er suchte ihn an öffentlichen Pläzen in der Kirche an Vergnügungsorten auf Spaziergängen, er suchte ihn neuerdings in seiner Wohnung. Der Gesuchte war nirgends zu finden. So trieb es der Rentherr eine geraume Weile fort. Plözlich aber wurde er sehr stille. Seine Freunde sahen, daß die Unruhe, die ihn in der lezten Zeit be¬ fallen hatte, verschwunden war. Er saß ruhig und sinnend. Da ging er zu seinem Weibe, und sagte, sie habe an Dall fallen müssen, warum habe er ihn ins Haus geführt, sie habe ihm das Herz gegeben, wie er es Tausenden an einem Schauspielabende aus dem Leibe nehme. Selber gegen Freunde, denen aus leisen Ver¬ muthungen, die in der Stadt herumgingen, die Sache im Allgemeinen bekannt wurde, äußerte er sich bewußt oder unbewußt in einem Sinne, daß sie eine Gemüths¬ lage in ihm vermuthen mußten, wie die eben geschil¬ derte war. Auch Dall mußte in seiner Entfernung von dem Stande der Sache Nachricht erhalten haben, und er mußte wissen, daß der Rentherr ruhig sei; denn da sich nichts Besonderes ereignete, und die Dinge ihren Gang zu gehen schienen, war Dall wieder in der Stadt, und wurde wieder auf der Bühne gesehen. Eines Tages verschwand die Frau des Rentherrn. Sie war ausgegangen, wie sie gewöhnlich auszuge¬ hen pflegte, und war nicht wieder gekommen. Der Rentherr hatte gewartet, er hatte bis in die Nacht gewartet; aber da sie nicht erschien, hatte er gedacht, es könne sie ein Unglük betroffen haben, und er fuhr in einem Miethwagen zu allen Bekannten und Freunden, und fragte, ob sie seine Gattin nicht gesehen hätten; aber niemand wußte eine Auskunft zu geben. Am andern Tage zeigte er die Sache bei den Behörden an, er foderte den Schuz der Ämter, und er bekümmerte sich um alle Verunglükten oder Aufge¬ fundenen. Aber auch die Ämter fanden nichts, und 14* unter den Verunglükten, die sich vorfanden, war sie nicht, und unter den Aufgefundenen, die sich als hei¬ mathlos auswiesen, war sie nicht. Da dachte der Rentherr, Dall könne sie irgend wohin geführt haben, und halte sie dort verborgen. Er ging zu Dall, und foderte von ihm, daß er ihm sage, wo sein Weib sei, und daß er ihm dasselbe zu¬ rük gebe. Dall betheuerte, er wisse nichts von der Frau, er habe sie seit seinem lezten Besuche in der Wohnung auf dem Sanct Petersplaze nicht mehr gesehen, er gehe von seiner Wohnung nicht viel aus, und zwar nur in das Theater und wieder zurük. Der Rentherr ging nach Hause. Nach einiger Zeit kam er wieder zu Dall, kniete vor ihm nieder, faltete die Hände, und bath ihn um sein Weib. Dall erwiederte wieder, er wisse von dem Weibe gar nichts, dasselbe habe sich nicht mit seinem Willen entfernt, er kenne dessen Aufenthalt nicht, und könne es nicht zurük geben. Der Rentherr entfernte sich wieder. Nach einigen Tagen kam er abermals, kniete aber¬ mals nieder, und bath mit gefalteten Händen um sein Weib. Dall schwor, daß er nicht wisse, wo die Frau sei, und daß er sie nicht zurük geben könne. Der Rentherr kam nach einigen Tagen noch ein¬ mal, that dasselbe, und bekam dieselbe Antwort. Dann kam er nicht mehr. Er verabschiedete seine Magd, er nahm das kleine Kindlein aus dem Bette, er nahm es auf den Arm, ging aus seiner Wohnung, sperrte hinter sich zu, und ging fort. Wenn Freunde zu dem Rentherrn kamen, um ihn zu besuchen, so hörten sie von den Leuten in dem Hause, der Rentherr sei fort, er müsse eine Reise an¬ getreten haben; denn er habe das Kindlein mitgenom¬ men, und habe, obwohl es Sommer war, den Man¬ tel angehabt. So stand die Wohnung in dem vierten Stokwerke des Hauses auf dem Sanct Petersplaze leer, und das eiserne Gitter auf dem Gange war geschlossen. Als ein halbes Jahr vergangen war, und weder der Rentherr zurükgekehrt war, noch auch jemand die Miethe für die Wohnung bezahlt hatte, zeigte der Besizer des Hauses den Vorfall bei der Obrigkeit an. Man ließ mehrere Freunde des Abwesenden kommen, und fragte sie, ob sie dessen Aufenthalt wüßten; allein keiner wußte ihn. Man ließ nach und nach alle kom¬ men, von denen man wußte daß sie mit dem Rentherrn in Beziehung gewesen seien; aber kein einziger konnte eine Auskunft geben. Auf das Anrathen des Gerich¬ tes, und weil ihn sein eigenes Wohlwollen gegen den Rentherrn dazu trieb, entschloß sich der Hausbesizer noch eine Zeit zu warten, ob der Rentherr nicht etwa von selber zurükkehren würde. Nach der Aussage der Bewohner des Hauses und des Pförtners desselben hatte der Rentherr nicht das Kleinste von seiner Woh¬ nung fortbringen lassen, ja man erinnerte sich nicht einmal genau, ob er bei seiner Abreise einen Koffer gehabt habe oder nicht. Da man nun wußte, daß viele und kostbare Sachen in der Wohnung seien, so war es wahrscheinlich, daß der Rentherr nur verreiset sei, daß ihn irgend ein Zufall getroffen haben müsse, der ihn hindere, zurük zu kehren, oder eine Nachricht zu geben, und daß er schon wieder kommen werde. Allein da bereits zwei Jahre vergangen waren, und da der Rentherr weder selber zurük gekehrt war, noch auch eine Nachricht von sich gegeben hatte, ließ man ihn ämtlich durch die Zeitungen auffodern, daß er von sich Nachricht zu geben, und sich auszusprechen hätte, ob er seine dermalige Wohnung auf dem Sanct Petersplaze noch ferner behalten, und die Miethe ge¬ sezmäßig berichten würde. Wenn in einer gegebenen Frist keine Nachricht einginge, so würde man seine Wohnung als aufgekündet betrachten, würde seine Zurüklassenschaft versteigern, davon die angelaufene Miethe bezahlen, und den etwaigen Rest in gericht¬ liche Verwahrung nehmen. Allein auch die Frist verstrich, ohne daß der Rent¬ herr kam, oder eine Nachricht eintraf, oder jemand erschien, der sich um die Wohnung annahm. Da schritt man zur ämtlichen Öffnung derselben. Ein Schlosser mußte das Schloß des eisernen Gitters eröffnen. Die ältliche Magd erschien nicht mehr, die Leute in das Vorzimmer und in die Stube des Rentherrn zu geleiten, ihr Küchenfenster war nicht glatt und rein wie ehedem, sondern es war voll Staub und hing voll Spinneweben. In der Küche war alles, wie nach dem Gebrauche, die Magd hatte vor ihrem Weg¬ gange alles noch gereinigt, und an seinen Plaz gestellt, nur war jedes Ding voll Staub, und die hölzernen Kü¬ ferarbeiten waren zerfallen, und die Reifen lagen um sie. In dem Vorzimmer waren die großen Kästen mit Kleidern erfüllt, von den wollenen flog eine Wolke Motten auf, die andern waren unversehrt. Es hingen auch die Sachen der Frau da, und darunter schöne seidene Gewänder. In dem Speisekasten befanden sich die Eßgeräthe und das Silbergeschirr. Da man das Zimmer des Rentherrn eröffnet hatte, fand sich alles, wie es sonst gewesen war. Der Flügel stand eröffnet, die zwei Geigen waren da, die Fächer mit den Flöten, nur eine Flöte fehlte. Auf der Staffelei war ein angefangenes Bild, auf dem Schreibtische lagen Bücher und Schriften, und das Bett war mit seiner feinen Deke überzogen. Die be¬ rühmten Männer waren bestaubt und von der einge¬ schlossenen Luft vergelbt. Die Ruhebetten standen umher, aber sie waren lange nicht gerollt worden. Der große Armsessel des Schauspielers stand mitten in dem Zimmer. In der Wohnung der Frau war schier keine Ver¬ änderung, es standen die Geräthe in der alten Ord¬ nung, und es lagen die alten Sachen auf ihnen; aber die kleinen Veränderungen die doch vor sich gegangen waren, zeigten, wie es hier anders geworden sei. Die schweren Vorhänge hingen ruhig herab, da sie doch sonst bei den geöffneten Fenstern sich leicht bewegt hatten, die Blumen und Pflanzen standen als ver¬ dorrte Reiser, die Uhr mit dem sanften Gange hatte auch diesen nicht, das Pendel hing stille, und sie zeigte unabänderlich auf dieselbe Stunde. Die Linnen und anderen Arbeiten lagen wohl auf den Tischen, aber sie zeigten keine anfassende Hand, und trauerten unter dem Staube. In dem Seitengemache hingen die wei¬ ßen Vorhänge in den vielen Falten hernieder, aber in den Falten war der leichte schnell rieselnde Staub, die heilige Mutter schaute von dem Bilde nieder, die rothe Umhüllung war grau, der vergoldete Engel hielt die Spize des Linnenzeltes, aber auf den Linnen lag der Staub und unter ihnen war der leere Korb, und in ihm nicht mehr das rosige Angesicht des Kindes. Das Amt nahm alle Gegenstände dadurch in Em¬ pfang, daß es dieselben in ein Buch verzeichnete. Dann wurden sie in zwei Zimmer zusammen gestellt, daß man sie besser übersehen, und überwachen könnte. Hierauf wurde die Wohnung wieder verschlossen, und versiegelt. Unter den vorgefundenen Sachen war nichts, was von dem Aufenthalte und den weiteren Verhält¬ nissen des Rentherrn hätte Kunde geben können. Auch kein Geld wurde gefunden, man vermuthete, daß er alles bare auf die Reise mitgenommen habe. Der Tag der Versteigerung wurde anberaumt, und als diese vor sich gegangen war, wurde ein Theil des Erlöses dem Besizer des Hauses als angewachsener Miethbetrag sammt dessen Zinsen gegeben, der Rest für den abwesenden Rentherrn von dem Amte in Ver¬ wahrung genommen. Die Helden waren sämmtlich von den Wänden abgelöset worden, die Wohnung in dem vierten Stokwerke im Hause auf dem Sanct Petersplaze stand leer, und auf einem an dem Thore desselben angeschlagenen Zettel war zu lesen, daß sie an einen neuen Miether zu vergeben sei. Die Sache hatte in Wien großes Aufsehen ge¬ macht, man hatte mehr oder minder eine Ahnung von dem wahren Sachverhalte, und redete eine geraume Zeit davon. Einmal ging die Sage, der Rentherr sei in den böhmischen Wäldern, wohne dort in einer Höhle, halte das Kind in derselben verborgen, gehe unter Tags aus, um sich den Lebensunterhalt zu erwerben, und kehre Abends wieder in die Höhle zurük. Aber es kamen andere Ereignisse der großen Stadt, wie sich überhaupt die Dinge in solchen Orten drängen, man redete von etwas anderem, und nach Kurzem war der Rentherr und seine Begebenheit ver¬ gessen. Es war seit der Zeit, in welcher sich das zuge¬ tragen hatte, was oben erzählt worden ist, eine Reihe von Jahren vergangen. Die Erzählung rührt von einer Freundin her, welche den Künstler recht gut gekannt hat, und welche das genauere Verhältniß desselben zur Familie des Rentherrn von seinen Freunden erfahren hatte. Denn sie selber war zur Zeit, da die Begebenheit sich zugetragen hatte, noch zu jung gewesen, um viel von ihr berührt zu werden. Wir lassen nun aus ihrem Munde das Weitere folgen. Vor ziemlich langer Zeit, erzählte sie, als ich mit meinem Gatten erst einige Jahre vermählt war, hatten wir eine sehr angenehme und freundliche Vorstadt¬ wohnung. Mein Gatte konnte recht leicht den kleinen Weg in die Stadt, in welche ihn täglich seine Amts¬ geschäfte riefen, zurüklegen; ich kam nicht oft hinein, weil ich mit meiner Häuslichkeit sehr viel beschäftigt war, weil mir damals die kleinen Kinder viel zu thun gaben, weil ich mich ihrer Pflege sehr gerne widmete, und wenn ich doch in die Stadt mußte, so war, wenn es schön war, der Weg nur ein Spaziergang, und am Ende kostete bei schlechtem Wetter ein Wagen auch nicht gar viel. Für die Kinder aber war die luf¬ tige und freie Wohnung, zu welcher auch ein geräu¬ miger Garten gehörte, von entschiedenem Vortheile, und ein bedeutender Arzt, der Freund meines Mannes widerrieth, als der leztere einmal die Wohnung auf¬ geben wollte, ihm diesen Vorsaz auf das Eindring¬ lichste. Die Fenster eines Theils der Wohnung gingen auf den Garten und über ihn weg auf andere Gärten und endlich auf die nahen Weinberge und Waldhügel der Umgebung. Hier war hauptsächlich ich mit den Kindern. Die vorderen Fenster sahen auf die breite gerade und schöne Hauptstrasse der Vorstadt, in welcher ein angenehmes nicht zu bewegtes Leben herrschte, Kaufbuden und Waarenstände waren, und Wägen fuhren, und Menschen gingen. In diesem Theile der Wohnung war unser Gesellschaftszimmer noch ein schönes Zimmer und das Arbeitsgemach meines Mannes. Die Entfernung zwischen der Stadt und dem Lande war so gleich und so kurz, daß wir zu keinem einen großen Weg zurük zu legen hatten. Als einmal ein sehr schöner milder Morgen war, ich glaube, es war zur Zeit des Frühlingsanbruches, als mein Gatte bereits in der Stadt war, die Kinder aber sich in der Schule befanden, ließ ich mich von der einschmeichelnden Luft bewegen, die Fenster zu öffnen, um die Wohnung zu lüften, und bei dieser Gelegen¬ heit, wie das immer so folgt, auch ein wenig Staub abzuwischen, aufzuräumen, und dergleichen. Wir hörten in unsere Wohnung gerne das Kirchenglöklein des Krankenhauses, wenn es zur Messe rief, und ich ging nicht selten, wenn ich eben darnach angekleidet war, hinüber meine Andacht zu verrichten. Eben tönte auch wieder das Glöklein durch die Lüfte, als ich bei einem Fenster unsers schönsten Zimmers gegen die Strasse hinaus sah, und ein Abwischtuch aus¬ schwang. Ich hatte aber außer dem Klingen des Glökleins auch noch einen andern Eindruk, der mich bewog, noch ein Weilchen an dem Fenster zu bleiben. Da ich nehmlich hinunter sah, was denn für Leute gingen, erblikte ich ein seltsames Paar. Ein Mann, nach dem Rüken zu schließen, den er mir zukehrte, schon ziemlich bejahrt, mit einem dünnen gelben Moll¬ donrökchen blaßblauen Beinkleidern großen Schuhen und einem kleinen runden Hütchen angethan, ging auf der Straße dahin; er führte ein Mädchen, das eben so seltsam gekleidet war, in einen braunen Überwurf, der ihr fast wie eine Toga um die Schultern lag. Das Mädchen hatte aber einen so großen Kopf, daß es zum Erschreken gereichte, und daß man immer nach demselben hin sah. Beide gingen mäßig schnell ihres Weges; aber beide so unbeholfen und ungeschikt, daß man sogleich sah, daß sie Wien nicht gewohnt seien, und daß sie sich nicht so zu bewegen verstünden wie die anderen Menschen. Aber bei aller Unbeholfenheit und Ungeschiklichkeit war der Mann doch noch beflis¬ sen, das Mädchen zu leiten, mit ihm den fahrenden Wägen auszuweichen, und es vor dem Zusammen¬ stoße mit Personen zu hüthen. Sie schlugen gerade den Weg ein, der zu dem Kirchlein führte, von dem eben das Glöklein tönte. Von Neugierde getrieben, und weil ich dachte, daß der Mann etwa das Mädchen in die Messe führe, beschloß ich, auch dahin zu gehen, meine Andacht zu verrichten, und nebenbei auch etwas Näheres von den Beiden zu erfahren oder sie zu betrachten. Ich kleidete mich schnell an, warf ein Tuch um, sezte den Hut auf, und ging fort. Ich bog in das kleine Gäßchen ein, das von unserer Hauptstrasse um die Eke der Soldatenarzneischule herum gegen die Gegend des Kirchleins führt, wohin ich die zwei Menschen hatte einlenken gesehen; allein ich erblikte sie nicht in dem Gäßchen. Ich ging dasselbe entlang, ging durch den Schwibbogen, der dasselbe damals noch schloß, wendete mich um die Häusereke, und wandelte bis zur Kirche; aber ich sah sie nirgends. Auch in der Kirche, in der wenig Menschen waren, erblikte ich sie nicht. Ich verrichtete nun meine gewöhnliche Andacht, vertiefte mich in dieselbe, und da die Messe vorüber war, und ich mich zum Fortgehen rüstete, sah ich mich noch einmal rings herum, um ihnen Hilfe anzubiethen, wenn sie deren vielleicht bedürften; allein ich hatte mich geirrt, das Paar war wirklich nicht in der Kirche. Ich verfügte mich nun auch wieder nach Hause. Es war seit diesem Vorfalle eine bedeutende Zeit vergangen, und ich hatte ihn längst vergessen, als ich mit meinem Gatten einmal in einer sehr schönen Nacht von der Stadt nach Hause ging. Wir waren in dem Theater in der Hofburg gewesen, und da die Nacht gar so schön und heiter war, so bestimmte uns dieser Umstand, das Anerbiethen eines Freundes, der mit uns der Vorstellung beigewohnt hatte, anzuneh¬ men, und bevor wir nach Hause gingen, noch ein wenig bei seiner Familie einzutreten. Wie es zu geschehen pflegt, man sprach dort von dem Stüke, man stritt hinüber und herüber, man brachte Er¬ frischungen, und es wurde Mitternacht, ehe wir auf¬ brachen. Wir lehnten den Antrag unseres Freundes, uns seinen Wagen zu geben, ab, und sagten, es wäre ein Raub an dieser schönen Nacht wenn wir in dem Wagen säßen, und den freien Raum, der zwischen der Stadt und der Vorstadt ist, durchflögen, statt ihn langsam zu durchwandeln, und seine freie erhellte Schönheit zu genießen. Man widersprach uns nicht mehr, und wir machten uns zu Fusse auf. Als wir aus dem Thore hinaus traten, und die Stadt hinter uns ließen, empfing uns der heitere große Grasplaz mit seinen vielen Bäumen, und eine wirklich herrliche Mondnacht stand über dem Raume. Ein ungeheurer Himmel wie aus einem Edelsteine gegossen war über der großen Rundsicht der Vorstädte, nicht ein einziges Wölkchen war an ihm, und von seinem Gipfel schien das Rund des Mondes lichtaus¬ gießend nieder. Wir wandelten an der Reihe der Bäume, die den Fahrweg säumten, dahin, mancher einzelne Wanderer und manches Paar begegnete uns. Weil die Nacht so duftend und beinahe südlich war, machten wir den Weg über den freien Raum noch einmal hin und zurük, so daß wir endlich beinahe die Lezten auf dem Plaze waren. Wir wendeten uns nun auch, um nach Hause zu gehen. Als wir an der Häuserreihe unserer Vorstadt hin gingen, und uns kein Mensch mehr begegnete, merkten wir, daß wir doch nicht die einzigen wären, welche von dieser schönen Mondnacht angezogen würden, sondern daß auch noch ein anderer von ihren Strahlen in seinem Herzen erregt wäre; denn wir hörten in der allge¬ meinen Stille, die nur durch unsere Tritte und durch manchen fernen Ruf einer Nachtigall unterbrochen wurde, ein seltsames Flötenspiel. Wir hörten es Anfangs ganz leise, dann da wir weiter kamen, lauter. Wir blieben ein wenig stehen, um zu horchen. Wenn es ein gewöhnliches Flötenspiel gewesen wäre, würden wir wahrscheinlich bald weiter gegangen sein; denn es ist nichts Seltenes, daß man auch noch spät in der Nacht aus irgend einem Hause unserer Stadt Musik hört; aber das Flötenspiel war so sonderbar, daß wir länger stehen blieben. Es war nicht ein aus¬ gezeichnetes Spiel, es war nicht ganz stümperhaft, aber was die Aufmerksamkeit so erregte, war, daß es von allem abwich, was man gewöhnlich Musik nennt, und wie man sie lernt. Es hatte keine uns bekannte Weise zum Gegenstande, wahrscheinlich sprach der Spieler seine eigenen Gedanken aus, und wenn es auch nicht seine eigenen Gedanken waren, so gab er doch jedenfalls so viel hinzu, daß man es als solche betrachten konnte. Was am meisten reizte, war, daß, wenn er einen Gang angenommen, und das Ohr verleitet hatte, mit zu gehen, immer etwas anderes kam, als was man erwartete, und das Recht hatte, zu erwarten, so daß man stets von vorne an¬ fangen, und mitgehen mußte, und endlich in eine Verwirrung gerieth, die man beinahe irrsinnig hätte nennen können. Und dennoch war troz des Unzusam¬ menhanges eine Trauer und eine Klage und noch etwas Fremdartiges in dem Spiele, als erzählte der Spieler in ungefügen Mitteln seinen Kummer. Man war beinahe gerührt. „Das ist sonderbar,“ sagte mein Gatte, „Der muß Stifter, Jugendschriften. I. 15 das Flötenspiel auf einem eigenthümlichen Wege ge¬ lernt haben, er stimmt richtig an, er fährt nicht fort, er verhaftet die Sache, er kann mit dem Hauche nicht haushalten, er überstürzt ihn, und reißt ihn ab, und hat doch eine Gattung Herz darin.“ Wir konnten auch nicht ergründen, woher das Spiel kam, fast hätten wir geglaubt, daß es aus dem alten Perronschen Hause klinge, in dessen Nähe wir uns befanden; aber das Haus war im Begriffe abge¬ tragen zu werden, es war schon nur mehr sehr wenig bewohnt, und die Töne klangen durchaus nicht, als kämen sie von irgend einem Fenster herab. Als wir noch ein Weilchen gestanden waren, gin¬ gen wir weiter, das seltsame Flötenspiel wurde hinter uns undeutlich, endlich hörten wir es gar nicht mehr, wir kamen nach Hause, und begaben uns neben un¬ sern Kindern, die schon mehr als die Hälfte ihres er¬ quikenden Schlafes ausgeschlafen hatten, zur Ruhe. Nach dieser Begebenheit verging wieder eine ge¬ raume Zeit. Wer schon länger in unserer Stadt lebt, wird sich noch des alten Perronschen Hauses erinnern. Wer überhaupt etwa fünfzehn bis zwanzig Jahre her Wien kennt, der wird wissen, daß diese Stadt in beständigem Umwandeln begriffen, und daß sie troz ihres Alters eine neue Stadt ist; denn die Häuser werden immer nach neuer Art und zu dem Zweke der Benüzung umge¬ baut, alte unveränderliche Denkmale wie etwa die Kirche von Sanct Stephan gibt es zu wenige, als daß sie der Stadt ein allgemeines Aussehen aufdrüken könnten, und so sieht sie immer wie eine von gestern aus. Das alte Perronsche Haus stand an der Haupt¬ straße der Vorstadt, in welcher wir wohnten, und war nicht gar weit von unserer Wohnung entfernt. Es hatte noch die Eigenthümlichkeit, welche die jezigen jungen Bewohner der Hauptstadt nicht mehr kennen, daß es unterirdische Wohnungen hatte. Die Fenster solcher Wohnungen gingen gewöhnlich dicht an dem Pflaster der Straßen heraus. Sie waren nicht sehr groß, hatten starke eiserne Stäbe, hinter denen sich gewöhnlich noch ein dichtes eisernes Drahtgitter be¬ fand, das, wenn der Bewohner nicht besonders rein¬ lichkeitliebend war, mit dem hingeschleuderten und getrokneten Kothe der Straße bedekt war, und einen traurigen Anblik gewährte. Das Perronsche Haus war auch ohnedem schon ein sehr altes Haus, es sah schwarz aus, und hatte Verzierungen aus sehr alten Zeiten. Es ging nur mit seiner schmäleren Seite auf die Straße, mit den größeren Räumen ging es gegen einen Garten zurük. Es hatte ein kleines Pförtlein, 15* das mit dunkelrother fast schwarz gewordener Farbe angestrichen und mit vielen metallenen Nägeln be¬ schlagen war, deren Stoff man nicht mehr erkennen konnte, weil sich die breiten Köpfe mit Schwärze über¬ zogen hatten. Es war wohl neben dem Pförtchen ein größeres Hausthor, aber dasselbe war seit undenkli¬ chen Zeiten nicht mehr benüzt worden, es war ge¬ schlossen, es war voll Straßenkoth und Staub, und hatte zwei Querbalken, die mit eisernen Klammern an der Mauer befestigt waren. Wir hatten damals einen Freund, der es auch in allen folgenden Zeiten geblieben ist. Es war der Pro¬ feßor Andorf. Er war unvermählt, war ein heiterer freundlicher Mann voll geistiger Anlagen, er hatte ein warmes empfindendes Herz, und war für alles Gute und Schöne empfänglich. Er kam sehr oft zu uns, war mit meinem Manne in gelehrten Verbindungen, und es wurde öfter etwas Schönes vorgelesen oder Musik gemacht, oder traulich von verschiedenen Dingen gesprochen. Dieser Profeßor Andorf wohnte in dem Perronschen Hause, er wohnte nicht einmal auf die Gasse heraus sondern in dem Hofe. Er hatte freiwil¬ lig diese Wohnung gewählt, weil sie für seine Be¬ schäftigungen, die in Lesen Schreiben oder etwas Klavierspielen bestanden, sehr ruhig war; und obwohl er ein heiterer geselliger Mann war, hatte er doch gerade diese Wohnung gewählt, weil es seinen dich¬ tenden Kräften, die sich nicht sowohl im Hervorbrin¬ gen als vielmehr im Empfangen äußerten, zusagte, das allmähliche Versinken Vergehen Verkommen zu beobachten, und zu betrachten, wie die Vögel und andere Thiere nach und nach von dem Mauerwerke Besiz nahmen, aus dem sich die Menschen zurük gezo¬ gen hatten; es gehe ihm in der Welt nichts darüber, pflegte er zu sagen, an einem Regentage an seinem Fenster zu stehen, und das Wasser von den Diesteln dem Huflattig und den andern Pflanzen, die in dem Hofe stehen, niederträufeln, und die Nässe sich in den alten Mauern herabziehen zu sehen. Einmal sagte mein Gatte, da er schon angezogen war, und eben in sein Amt gehen wollte: „Da ist ein Buch, es gehört dem Profeßor Andorf, es ist sehr wichtig, mir ist daran gelegen, daß es nicht in fremde Hände komme, sei so gut, schlage es in ein Papier ein, siegle das Papier zu, und schike das Buch durch jemand Zuverlässigen an den Profeßor. Ich hatte nicht mehr Zeit das Geschäft selber zu besorgen, und wende mich daher an dich.“ Er legte das Buch auf mein Nähtischchen, ich sagte ihm zu, daß ich seinen Auftrag vollziehen würde, und er ging fort, um sich an seine Dienstgeschäfte zu begeben. Da mir aber im Laufe des Vormittages einfiel, daß ich ohnedem in die Stadt gehen müsse, und daß ich da an dem Perronschen Hause vorübergehe, so dachte ich, daß ich ja bei dieser Gelegenheit das Buch selber abgeben könnte, so könne es ganz gewiß in keine unrechten Hände kommen. Ich beschloß also, so zu thun. Da die Zeit gekommen war, kleidete ich mich an, that das Buch in meine Arbeitstasche, die ich gerne am Arme mitzutragen pflege, und machte mich auf den Weg. Als ich zu dem Perronschen Hause ge¬ kommen war, drükte ich auf die Klinke des kleinen rothen Pförtchens. Ich war nie in dem Hause gewesen. Die Klinke gab leicht nach, und das Pförtchen öffnete sich. Als ich aber in dem Gange stand, der sich hinter dem Pförtchen öffnete, sah ich mich vergeblich nach einer Stube oder Wohnung um, in der ein Pförtner oder dergleichen wäre, der mir Auskunft geben könnte. Ich ging also in dem Gange weiter, der mir keine Treppe in die höhern Stokwerke zeigte, und gelangte in den Hof. Derselbe war mit großen aber zum Theile schon zerbrochenen Steinen gepflastert. Ich sah da die Pflanzen des Profeßors Andorf stehen, die ihn bei dem Regen mit ihrem triefenden Wasser ergözten, ich sah aber auch bei allen Fugen der Steine das Gras heraus stehen, das schön und unzertreten wuchs. An den Mauern, die den Hof bildeten, sah ich mehrere Thore, die zu Stallungen oder Wagenbehältern füh¬ ren mochten, aber die Thore wurden nie geöffnet, was ihr ausgewittertes vertroknetes und zum Theil zerfallenes Aussehen das hohe Gras zu ihren Füssen und die braunverrosteten Angeln bewiesen. Es waren auch drei Mündungen, die zu Treppen führten, aber die Mündungen sahen unwirthlich aus, und die Trep¬ pen schienen nicht betreten zu werden. Unter den erblindeten oder bläulich schillernden oder theils mit hölzernen Läden verschlossenen Fenstern sah ich auch einige mit reinem Glase, hinter denen weiße Vor¬ hänge waren. Ich schloß, daß diese zu der Wohnung des Profeßors gehören möchten, wußte aber nicht, wie ich zu dieser Wohnung hinan gelangen könnte. In diesem Augenblike hörte ich leise Tritte hinter mir, und vernahm eine nicht unangenehme etwas feine Männerstimme, die sagte: „Wünschen Sie etwas?“ Ich wendete mich um, und sah ein Männchen hinter mir stehen, das spärliche graue Haare auf dem Haupte und einen schlichten Ausdruk in dem Ange¬ sichte hatte. Es war nicht eigentlich angekleidet; denn es hatte nur linnene Beinkleider an, eine ähnliche Jake, auf dem Kopfe nichts, und an den Füssen Pantoffel. „Ich suche den Herrn Profeßor Andorf,“ sagte ich. „Was wünschen Sie denn von dem Herrn Pro¬ feßor Andorf?“ erwiederte er, „kann ich vielleicht eine Botschaft oder eine Übergabe bestellen, der Herr Profeßor ist nicht zu Hause.“ Ich sah den Mann näher an. Er hatte ein läng¬ liches Angesicht und blaue Augen. Seine Miene stieß nicht ab. „Ich hätte ein Buch zu übergeben,“ sagte ich, „das nur in seine Hände gehört, aber da er nicht zu Hause ist, so kann das Buch auch ein anderes Mal zu ihm kommen, mein Gatte kann es ein anders Mal herüber schiken.“ „Ich bin der Pförtner des Hauses“ erwiederte er, „Sie können mir das Buch schon anvertrauen; wenn Sie es aber vorziehen, es ihm selbst zu übergeben, oder durch jemand Ihrer Leute übergeben zu lassen, so treffen Sie den Profeßor täglich bis neun Uhr früh, und meistens auch zwischen vier Uhr und sechs Uhr Nachmittags.“ Da ich unschlüßig zauderte, und ihn ansah, sagte er: „Verehrte Frau, geben Sie mir das Buch, ich werde es behutsam anfassen, daß es nicht schmuzig werde, ich werde nicht in dasselbe hinein sehen, und werde es sogleich, wenn der Herr Profeßor Andorf nach Hause kömmt, in seine Hände geben.“ Ich sah ihn wieder an. Das Anständige in seiner Stellung fiel mir auf. Seine Worte waren in dem Wenigen, was er mir sagte, sehr gewählt, wie man es in der bessern Gesellschaft findet, nur seine blauen Augen hatten etwas Unstättes, als blikten sie immer hin und her. Ich hatte nicht den Muth, ihn durch Mißtrauen zu kränken, ich nestelte meine Arbeitstasche auf, zog das Buch hervor, und gab es in seine Hände. Ich hatte es in kein Papier eingeschlagen, weil ich es selber zu übergeben gedachte. Er bemerkte den Umstand gleich, und sagte: „Ich werde das Buch in ein Papier einwikeln, werde es so liegen lassen, bis der Herr Profeßor kömmt, und werde es ihm so übergeben.“ „Ja thun Sie das,“ sagte ich, und mit diesen Worten schied ich aus dem Hause. Aber kaum war ich auf der Gasse, so bemächtigte sich meiner eine Unruhe. Etwa zwanzig Schritte von dem rothen Pförtlein an der Mauer des nächsten Hauses saß gerne eine Obstfrau. Sie saß jeden Tag da, wenn nicht gar ein zu abscheuliches Wetter war; denn an gewöhnlichen Regentagen hatte sie einen breiten Schirm über ihr Waarenlager ausgebreitet. Ich kannte die Frau sehr gut, und hatte oft schon für die Kinder von ihr Obst gekauft. Zu dieser Frau ging ich hin. Ich fragte sie, ob sie den Pförtner des Perronschen Hauses kenne. Sie sagte, daß sie ihn kenne, daß er ein ordentlicher Mann sei, daß, wenn er ausgehe, er gewiß immer vor Anbruch der Nacht nach Hause komme. Man könne ihm nichts nachsa¬ gen, er sei sehr stille. Übrigens sei es schon daran, daß man das Perronsche Haus umbauen müsse, es wohnen schon nicht mehr viele Leute darinnen, vor¬ nehme schon gar nicht, wenn man den Herrn Profeßor Andorf ausnehme, wie ich ja selber sehr gut wisse, und in wenig Jahren werde gar niemand mehr drin wohnen wollen. Wenn Herr Perron nicht immer in fremden Ländern wäre, so würde er wissen, wie es mit dem Hause stehe, daß es ihm nicht viel eintrage, und daß er besser fahren würde, wenn er es nieder risse, und ein anderes an dessen Stelle aufbaute. Ich kaufte von der Frau einiges Obst, that es in meine Tasche, und sezte meinen Weg in die Stadt fort. Als mein Gatte nach Hause gekommen war, und wir bei dem Mittagessen sassen, drükte mich das Ge¬ wissen, und ich sagte ihm, was ich gethan habe: aber er nach seiner ihm von jeher innwohnenden Güte und Milde beruhigte mich, und sagte, ich hätte vollkommen recht gethan, er selber, wenn er das Buch hinüber getragen hätte, und ihm das Gleiche begegnet wäre, hätte nicht anders gehandelt. Das Buch würde schon in die rechten Hände kommen. Deßohngeachtet fragte ich den Profeßor, als er das erste Mal nach dieser Begebenheit zu uns kam, ob er das Buch erhalten habe, ich hätte es in die Hände des Pförtners des Perronschen Hauses gegeben. „Das Buch habe ich erhalten,“ sagte der Profeßor, „aber ich habe geglaubt, daß Sie es mir durch jenen alten Mann überschikt haben. Daß wir im Perron¬ schen Hause einen Pförtner besizen, habe ich gar nicht gewußt, und wenn wir einen haben, so muß es der stillste Pförtner der Welt sein; denn ich habe nie etwas von ihm vernommen. Ich habe einen Schlüs¬ sel, durch den ich mir das Pförtchen öffne, wenn ich so spät nach Hause komme, daß es schon verschlossen ist. Übrigens thut es mir leid, daß ich nicht zu Hause gewesen bin, da Sie in das Perronsche Haus ge¬ kommen sind, daß ich Sie hätte empfangen, und Ihnen die vorkommenden Merkwürdigkeiten des Hauses hätte zeigen können.“ Wieder war seit diesem Vorfalle eine bedeutende Zeit vergangen, als sich ein neues Merkmal zutrug. Unser ältester Sohn Alfred kam einmal von der Schule nach Hause. Er lief eifrig die Treppe heran, er stürzte in die Stube, und rief: „Mutter, ich habe ihm nichts gethan, Mutter ich habe ihm nichts gethan.“ „Alfred,“ sagte ich, „was ist dir denn?“ „Mutter, du weißt das Perronsche Haus,“ erwie¬ derte er, „da ging ich auf dem breiten Pflaster des Weges für die Fußgeher, und da sah ich einen Raben auf dem Pflaster sizen, der sich nicht fürchtete, der nicht fliegen zu können schien, und der vor mir, da ich mich näherte, her ging. Ich dukte mich ein wenig, sprach zu ihm, langte nach ihm, und er ließ sich fan¬ gen. Mutter, ich habe ihm nichts gethan, ich habe ihn nur gestreichelt. Da sah bei den Erdfenstern des Perronschen Hauses ein fürchterlich großes Ange¬ sicht heraus, und schrie: „Laß, laß.“ „Ich blikte nach dem Kopfe hin, er hatte starre Augen, war sehr blaß, und war erschrekend groß. Ich ließ den Raben aus, richtete mich empor, und lief nach Hause. Mutter, ich habe ihm wirklich nichts gethan, ich habe ihn blos streicheln wollen.“ „Ich weiß, Alfred, ich weiß,“ sagte ich, „lege deinen Schulsak ab, gehe in die Kinderstube, da wirst du dein Nachmittagbrot bekommen, und schlage dir den Raben aus dem Sinn, es liegt nichts an ihm.“ Der Knabe küßte mir die Hand, und ging leichten Gemüthes in die Kinderstube. Aber mein Gemüth war nicht so leicht, es war nach¬ denklich geworden. Mir fiel nun das vor vieler Zeit gesehene Paar ein, dem ich einmal in der Richtung nach der Kirche des Krankenhauses nachgegangen bin. Das Mädchen hatte auch damals einen nach des Knaben Ausdruk fürchterlich großen Kopf gehabt. Ich fing nun an, die Begebenheiten zu verbinden. Wenn der von Alfred gesehene Kopf der nehmliche gewesen ist, den ich an jenem Mädchen wahrgenom¬ men hatte, so muß das Mädchen in einer unterirdi¬ schen Wohnung des Perronschen Hauses wohnen. Wenn ich nun an den Pförtner des Perronschen Hauses dachte, dem ich das Buch für den Profeßor Andorf gegeben hatte, so dürfte derselbe, wie mir jezt vorkam, ungefähr die Gestalt und Größe des Mannes haben, den ich mit dem Mädchen über die Strasse gehen gesehen hatte. Dann war der Pförtner vielleicht der Vater des Mädchens. Mir fiel auch noch einmal auf, wie ordentlich ja anständig sich damals der Pförtner benommen hatte‚ als er mir das Buch für den Profeßor Andorf abge¬ nöthigt hatte, wie ausgewählt und gut seine Sprache gewesen sei, so daß es den Anschein hat, als sei hier etwas Besonderes im Spiele. Dies steigerte meine Theilnahme noch mehr, und ich nahm mir vor, gele¬ gentlich dem Pförtner des Perronschen Hauses nach zu forschen, und wenn etwa eine Hilfe nothwendig sein sollte, sie nach den kleinen Mitteln, die mir zu diesem Zweke gegeben waren, zu leisten. Die Zeit, in welcher Alfred die Begegnung mit dem Raben gehabt hatte, war im Spätherbste gewe¬ sen. In dem sehr milden Winter, der darauf folgte, ging ich oft mit meinem Gatten in die Stadt. Wir gingen zum Theile zu Freunden, zum Theile besuchten wir auch das Theater, von dem ich damals eine sehr große Freundin gewesen war. Wenn wir in der Nacht nach Hause gingen, hörten wir noch einige Male das seltsame Flötenspiel, das wir in jener Mondnacht gehört hatten, und wir vernahmen jezt deutlich, daß es aus den unterirdischen Wohnungen des Perron¬ schen Hauses kam. Die Gelegenheit aber, mit dem Pförtner des Perronschen Hauses bekannt zu werden, war nicht leicht zu finden. Zuerst wollte ich nicht zudringlich sein, dann war der Profeßor Andorf so wenig mit dem Pförtner des Hauses bekannt, daß er nicht einmal gewußt hatte, daß das Haus einen Pförtner habe, und endlich kam überhaupt niemand in das Perron¬ sche Haus, durch den eine Verbindung hätte eingelei¬ tet werden können. Es verging ein Theil des Winters ohne daß ich mein Vorhaben ins Werk sezen konnte. Einmal war ich damit beschäftigt, unsere schöne¬ ren Zimmer ein wenig zu ordnen. Wir hatten am Tage vorher eine Gesellschaft bei uns gehabt, und es war manches in Unordnung gerathen. Da hörte ich von der Gasse herauf ein Gesumme und Gebrause, und da ich ein Fenster öffnete, und hinab schaute, sah ich mehrere Menschen an dem Pförtchen des Perron¬ schen Hauses stehen, und sah, daß noch immer mehrere hinzu gingen, und sich zu ihnen gesellten. Ich rief eines meiner Dienstmädchen, und schikte dasselbe hinab, um fragen zu lassen, was es denn gäbe. Das Mädchen kam nach einer Weile zurük, und sagte, der Pförtner des Perronschen Hauses habe sich erschlagen. Ich warf sogleich einen Mantel um, ging hinab, und ging gegen das Perronsche Haus. Ich wollte mich aber mit den Leuten, die vor dem rothen Pförtchen standen, in kein Gespräch einlassen, sondern ging zu der mir bekannten Obstfrau, die bei ihrem Stande saß, und fragte: „Was ist es denn gewe¬ sen, und wie kann sich denn ein Mensch selber erschlagen?“ „Es hat sich niemand erschlagen,“ antwortete die Frau, „es ist nur der Pförtner des Perronschen Hauses gestorben. Vor einer Viertelstunde, da eben niemand an dieser Seite der Häuser ging, kam das Mädchen seine Tochter aus der Wohnung zu mir, und sagte mir heimlich, daß der Vater todt sei. Dann ging es gleich wieder in das Perronsche Haus zurük. Ich aber rief den Lehrling des Schusters da herüber, sagte es ihm, und sagte, daß er auf das Stadthaus gehen, und dort die Meldung von dem machen möge, was mir das Mädchen gesagt habe. Der Lehrling wird es auf dem Wege den Leuten vertraut haben, darum sind sie schon gekommen. Aber von dem Stadthause muß auch bald jemand da sein, ein Amtmann ein Arzt ein Beschauer ein Geschworner, oder wer es sein mag.“ Während der Rede der Frau hatten sich noch mehr Menschen angesammelt, es ging aber niemand von ihnen durch das rothe Pförtchen hinein, ent¬ weder aus Achtung vor dem Todten, der im Innern lag, oder aus Scheu vor dem seltsamen Perronschen Hause. Endlich kamen auch die von dem Amte Abgeord¬ neten, den Befund aufzunehmen. „Diese Frau hat es mir gesagt,“ sagte der Lehr¬ ling, der auf die Obstfrau zeigte. Die Obstfrau mußte mit den Amtsabgeordneten gehen. Sie that es gerne, nachdem sie zuvor ein großes weißes Tuch auf ihren Obstkram gebreitet hatte. Ich nannte mich den Amtsleuten, und bath, mich mit in die Wohnung zu nehmen, weil ich im Sinne habe zu helfen, wenn dort etwas noth thun sollte. Man gestand es gerne zu. Der Lehrling als in der Anzeige betheiligt mußte ebenfalls mit. Als wir zu dem Pförtchen gelangt waren, drängte sich alles nach demselben, aber die Männer des Am¬ tes sagten, daß niemand, der nicht zu dem Amte gehöre, oder von demselben aufgefordert sei, in das Innere des Hauses dürfe. Hierauf wurden zwei Diener der öffentlichen Sicherheit zu beiden Seiten des Pförtchens gestellt, das Pförtchen wurde geöff¬ net, wir gingen hinein, die Sicherheitsdiener stellten sich dann in die Mündung des Pförtchens, und ließen niemand mehr hinein. Wir begaben uns durch den Gang, der hinter dem Pförtchen war, in den Hof, und von dem Hofe unter die Einfahrt, welche durch das Thor geschlossen Stifter, Jugendschriften. I. 16 war, und in der Seitenmauer der Einfahrt zeigte sich eine Thür. Die Thür wurde geöffnet. Hinter ihr ging eine Treppe in die Tiefe hinunter. Als dort gelegen wurde die Wohnung des Pförtners ange¬ geben. Da wir die Treppe hinunter gestiegen waren, und die Wohnung betreten hatten, sahen wir, daß die¬ selbe nur aus einem einzigen Zimmer bestehe. Neben einer Leiter, die gegen das Fenster empor lehnte, lag der alte todte Mann. Er hatte ein gelbes Molldon¬ röklein und blaßblaue Beinkleider an. Als ihn die Männer aufgehoben, und auf ein Bett, das das seinige schien, gelegt hatten, sah ich aus den Zügen, daß es wirklich der nehmliche Mann sei, dem ich das Buch gegeben hatte. Man hatte Anfangs die Absicht gehabt, Versuche zu machen, ihn ins Leben zurük zu rufen, aber beim Anfassen hatte man schon empfun¬ den, daß er kalt sei, und bei näherer Beschauung zeigte sich auch, daß er unzweifelhaft todt sei. Wann mußte er denn gestorben sein? Sonst war niemand in dem Zimmer als das Mädchen mit dem großen Haupte. Es saß tief zurük auf einem weißen unangestrichenen Stuhle, und sah von ferne zu, was man mit dem Manne beginne. Auf einem Schirme, der vor einem Bette stand, das ich für das des Mädchens hielt, saß die Dohle, denn eine solche kein Rabe war es gewesen, was Alfred hatte fangen wollen. Der Vogel nikte mit dem Kopfe, und sprach schier Laute, die aber unverständ¬ lich verstümmelt und kaum menschenähnlich waren. Auf dem Tische, der nicht weit von dem Size des Mädchens stand, sah ich die Flöte liegen. Ich wollte, während die Männer die Leiche besa¬ hen, und auf dem Bette in eine anständige Lage zu bringen suchten, das Mädchen ansprechen, wollte es zutraulich machen, und es dann mit mir nehmen, um es aus der traurigen Umgebung zu bringen. Ich näherte mich, und sprach es an, wobei ich die höf¬ lichste aber einfachste Sprache versuchte. Das Mäd¬ chen antwortete mir zu meinem Erstaunen in der reinsten Schriftsprache, aber was es sagte, war kaum zu verstehen. Die Gedanken waren so seltsam, so von Allem, was sich immer und täglich in unserem Um¬ gange ausspricht, verschieden, daß man das Ganze für blödsinnig hätte halten können, wenn es nicht zum Theile wieder sehr verständig gewesen wäre. Ich hatte zufällig in meinem Mantel einige Stüke Zukerbäkerei und etwas Obst. Ich nahm ein Stükchen Bakwerk heraus, und both es dem Mädchen an. Es langte darnach, aß es, und zeigte in den l6* Zügen des großen Antlizes einen augenfälligen Schein von Freude. Ich versuchte bei dieser Gelegenheit auch, ob ich aus den Zügen heraus lesen könnte, wie alt das Mädchen sein möge; aber es war mir wegen der ungewöhnlichen Bildung des Hauptes und des Angesichtes nicht möglich. Es konnte sechzehn Jahre alt sein, es konnte aber auch zwanzig Jahre alt sein. Ich gab ihm nun noch ein zweites Stük, dann ein drittes, und dann mehrere. Ich werde den Sinn dessen, was es sagte, unge¬ fähr in unserer Sprache oder Sprechweise geben, weil man die Gedankenfolge des Mädchens nicht verstehen würde, und weil ich auch nicht im Stande wäre, die Dinge genau so aus dem Gedächtnisse zu wiederho¬ len, wie es dieselben gesagt hatte. Ich fragte es, ob es solche Speisen gerne äße, wenn es dieselben hätte, ob sie gut seien. „Ja, gut,“ sagte es, „gib mir noch mehr.“ „Ich werde dir mehr geben,“ antwortete ich, „wenn du mit mir gehst, und in einer anderen Stube bleibst, bis es Nacht wird, und bis es wieder Tag wird. Dann werde ich dich wieder in diese deine Stube zurük führen. Ich habe hier keine solchen süssen Dinge mehr, aber in der Stube, in welche du mit mir gehen sollst, sind viele.“ „Ich gehe mit dir,“ sagte es, „aber wenn der Tag kömmt, gehen wir wieder zu uns her.“ „Ja, da gehen wir wieder in diese Stube,“ sagte ich. Ich gab dem Mädchen nun auch einen Apfel von einer besseren Gattung. Es aß ihn mit dem Zeichen, daß er ihm angenehm sei. Ich fragte das Mädchen auch, ob es keine Mutter habe, oder ob keine Geschwister am Leben seien. Es habe keine Mutter, antwortete es, und es sei immer nur bei dem Vater allein gewesen. Den Begrif Geschwister schien es gar nicht zu kennen. Ich fragte es hierauf, wie denn der Vater gestor¬ ben sei. „Er ist auf die Leiter gestiegen,“ antwortete es, „die zu unserem Fenster hinauf führt. Ich weiß nicht, was er thun wollte, und da ist er herab gefallen, und ist liegen geblieben. Ich wartete, bis er wieder gesund werden würde; aber er ist nicht mehr gesund geworden. Er war todt. Da eine Nacht und ein Tag vergangen waren, sagte ich es der Frau, die immer nicht weit von unserm Pförtlein sizt. Seit dem sind die Leute gekommen.“ Ich theilte den Männern die Nachricht mit, und sagte, daß ich das Mädchen in mein Haus führen, und einstweilen dasselbe verpflegen würde. Die Be¬ hörden, welche die Sache leiten, könnten das Mädchen immer bei mir finden, wenn sie dasselbe zurükfodern sollten. Ich würde auch die Begebenheit meinen Freunden und Bekannten anzeigen, daß wir eine Sammlung von Geld machen, damit man den Mann anständig begraben könne. Die Männer wendeten dagegen nichts ein. Sie waren unterdessen mit der Leiche fertig ge¬ worden. Es hatte sich gezeigt, daß der arme Mann aus was immer für einer Ursache gefallen sein müsse, und zwar wie der Anschein zeige, und das Mädchen aussage, von der Leiter, die gegen das Fenster lehnte, und daß er sich hiebei die Wirbel des Genikes verlezt haben müsse, was den Tod augenbliklich zur Folge gehabt habe. Man bedeutete mir, daß den Gesezen zufolge eine gerichtliche Zergliederung statt haben müsse, und daß es daher um so erwünschter erscheine, wenn das Mädchen aus der Wohnung entfernt würde. Die Aussage der Obstfrau und des Lehrlings waren zu Papier gebracht worden, und man erklärte ihnen, daß nichts im Wege stehe, daß sie sich entfernen könnten. Ich trat noch ein wenig zu der Leiche. Sie lag jezt in ihren Kleidern auf dem Bette. Die Züge waren wenig verändert, und waren fast so, wie an jenem Vormittage, als der Mann in dem Hofe des Perron¬ schen Hauses vor mir gestanden war, und mir das Buch abgedrungen hatte. Die blauen Augen waren geschlossen, und da ihre etwas auffällige Unruhe durch die Lider bedekt war, so hatte die Miene sogar einen Ausdruk von Milde. Das mochten auch die andern fühlen; denn man stand einen Augenblik schweigend um das Bett herum, und betrachtete den Mann. Endlich entfernten sich der Lehrling und die Obstfrau aus dem Zimmer. Ich trat auch von dem Anblike hinweg. Ich näherte mich dem Mädchen, und sagte ihm, daß ich es jezt mit mir führen würde, und daß es mir folgen möge, wie es früher gesagt habe. Das Mädchen erwiederte, daß es schon mit mir gehe, und daß wir, wenn wieder der Tag kommen würde, auch wieder in die Stube zurükkehren sollen. Ich antwortete, das werde ganz gewiß geschehen. Es folgte mir nun ganz willig. Wir stiegen die Treppe hinan, ich nahm es bei der Hand, wir gingen über den Hof durch den Gang und bei dem rothen Pförtchen auf die Gasse hinaus. Auf der Gasse stan¬ den noch immer die Leute, die sich im Gegentheile eher vermehrt hatten. Eine dichte Gruppe umgab die Obst¬ frau und den Lehrling, die erzählten, was sie im In¬ nern des Hauses gesehen und erfahren hatten. Ich beeilte meine Schritte, um mich und das Mädchen aus der Menge zu bringen, und den Betrachtungen und Verwunderungen zu entziehen, die durch den An¬ blik des ungewöhnlichen Hauptes des Mädchens angeregt worden waren. Ich führte es in meine Wohnung. Dort gab ich ihm eine ordentliche Speise zu essen, da ich vermuthen konnte, daß es seit gestern zu keinem regelmäßigen Essen werde gekommen sein. Es mußte auch so gewesen sein; denn das Mädchen aß mit sicht¬ lichem Vergnügen, und es schien sehr erquikt zu wer¬ den. Es sagte mir nachträglich, daß es alles Brod gegessen habe, was in der Wohnung gewesen sei. Wir hatten ein nach dem Garten gelegenes Ge¬ mach, das von einer alten Kinderwärterin, die schon bei meinen Eltern im Dienste gewesen war, und dann meine Kinder gepflegt hatte, so lange bewohnt gewesen war, bis endlich ihre Tochter geheirathet hatte, zu der sie dann ging, um bei ihr zu leben, und allenfalls auch an ihren Kindern zu thun, was sie, so lange an fremden gethan hatte. Seit jener Zeit stand das Gemach leer; aber die Geräthe waren in demsel¬ ben geblieben. Ich ließ es nun für das mitgebrachte Mädchen zusammen richten. Ich ließ ein Bett machen, und das Stübchen recht warm beheizen. Dann führte ich das Mädchen in dasselbe zurük. Ich hatte Sorge getragen, daß das Mädchen keinem meiner Dienstleute zu Gesichte gekommen war, damit sie es nicht etwa durch unvernünftiges Anstaunen oder gar Ausrufen einschüchterten. Darum hatte ich ihm die Speisen in unser Speisezimmer, in dem es war, ehe es in das Rükstübchen geführt werden konnte, selber gebracht, und hatte den Befehl gegeben, daß niemand in das Speisezimmer eintreten dürfe. Wir hatten eine ältliche Magd, die seit unserer Verehlichung schon bei uns gewesen war, die eine große Anhänglichkeit an uns und unsere Kinder hatte, und eine Art Vorrecht genoß, bei Familienangelegen¬ heiten oder bei andern wichtigen Sachen ein Wort mit zu reden. Diese Magd rief ich, sezte ihr den Fall mit dem fremden Mädchen auseinander, und bath sie, daß sie bei dem Mädchen in dem Stübchen bleiben, daß sie mit ihm freundlich reden, ihm beistehen, und ihm den Aufenthalt angenehm machen solle. Sie versprach, alles dieses zu thun. Ich sorgte auch für Wäsche, wenn bei dem fremden Mädchen hierin etwas nothwendig sein sollte. Auch gab ich ihm in dem Stübchen noch Zukerwerk und Obst, um mein Versprechen, das ich gegeben hatte, zu lösen. Ich sagte dem Mädchen, daß ich mich jezt entfer¬ nen müsse, weil ich andere Dinge zu thun hätte, daß die Magd bei ihm bleiben, und daß ich schon wieder kommen würde, um nachzusehen, wie es sich befinde. Das Mädchen schien dies alles vollkommen zu begreifen. Ich ging in mein Arbeitszimmer, sezte mich nie¬ der, und schrieb an mehrere meiner Bekannten und Freunde, um sie um Beihilfe anzugehen. Als am Abende mein Gatte nach Hause kam, erzählte ich ihm alles, was vorgefallen war, und was ich gethan hatte, und fragte ihn, ob es recht gewe¬ sen sei. Er sagte, daß alles recht gewesen sei, er billigte alles, und schloß sich selber der Sache an. Er schrieb auch noch einige Briefe, dann nahm er einen Wagen, um persönlich noch zu mehreren Freunden zu fahren. Als er spät in der Nacht nach Hause kam, brachte er gute Zusicherungen, und es waren auch freundliche Antworten auf mehrere Briefe noch an demselben Abende eingegangen. Wir legten uns zufrieden schlafen. Am andern Morgen ging mein Gatte mit mir in die unterirdische Wohnung. Die gerichtliche Zerglie¬ derung hatte statt gefunden. Das Rükenmark war an einer Stelle, wo der feinste Siz des Lebens zu sein scheint, durch Quetschung der Nakenwirbel verlezt worden, und dadurch ist der Tod erfolgt. Die Leiche war bereits in einem Sarge, und war bereitet, beer¬ digt werden zu können. Wir machten die Anzeige an die Kirche, um die Art der Beerdigung einzuleiten. Während mein Gatte noch mehrere Vorbereitungen machte, ging ich nach Hause, um das fremde Mädchen zu veranlassen, daß es in meiner Wohnung bleibe, bis die Beerdigung vorüber wäre. Es war schon erwacht, und angezogen. Es ver¬ langte nach Hause. Ich sagte ihm, daß ich jezt nicht Zeit habe, daß mehrere Dinge zu verrichten wären, und daß ich nach deren Beendigung gewiß kommen und daß ich es dann selber wieder in seine Woh¬ nung zurük führen würde. Es fügte sich in diese Dinge, es erhielt ein Frühstük, und die Magd, welche ihm beigegeben worden war, blieb bei ihm. Der Profeßor Andorf war herüber gekommen; er hatte die Sache erfahren. Andere Freunde, an die wir geschrieben hatten, waren gekommen, um den Fall persönlich zu sehen. Viele Menschen hatten sich wie¬ der an dem rothen Pförtchen gesammelt. Es waren größtentheils Personen aus den niederen Ständen, welche die Neugierde und eine Art dumpfer Theil¬ nahme, die dieser Gattung eigen ist, herbei geführt hatte, dann, wie es in einer großen Stadt geschieht, waren die Vorübergehenden stehen geblieben, hatten gefragt, was es gäbe, und hatten sich nach Erhaltung der Antwort, wenn es ihre Zeit nur ein wenig er¬ laubte, an die Wartenden angeschlossen. Gegen Ende des Vormittags erschien der Prie¬ ster, die Leiche wurde eingesegnet, wurde dann in die Kirche gebracht, erhielt dort wieder die gebräuchlichen Gebethe, und wurde dann auf den Kirchhof geführt. Wir hatten die Beerdigung auf einfache Weise veran¬ staltet, damit von dem gesammelten Gelde etwas für das hinterlassene Mädchen erübrigt werden könnte. Nach der Wegführung der Leiche hatten sich alle Men¬ schen von dem rothen Pförtchen entfernt. Ich hielt es nun an der Zeit, das Mädchen wie¬ der in seine unterirdische Wohnung zu führen. Ich sah deutlich ein, daß ich mir nur durch genaues Wort¬ halten Zutrauen zu erwerben im Stande wäre; denn das Mädchen hatte unter andern merkwürdigen Eigen¬ schaften auch die, daß es den Worten eines andern blind glaubte. Ich ging daher in das Hinterstübchen, sagte, daß ich die Dinge, die mich früher verhindert hätten, verrichtet habe, und daß ich jezt das Mädchen wieder in seine Wohnung führen wolle. Es stand heiter von dem Stuhle auf, und folgte mir. Als wir in die unterirdische Stube gekommen waren, fragte es nach dem Vater. Ich war in Verle¬ genheit; denn ich hatte gedacht, daß es wisse, daß der Vater todt sei; denn es hatte selbst das Wort ge¬ braucht; und daß es daher wissen werde, wohin er gebracht worden sei, wenn es denselben nicht mehr in der Wohnung finden würde. Ich sagte daher, daß es ja wisse, daß der Vater gestorben sei, daß es ja selber gesagt habe, daß er nicht mehr gesund geworden, son¬ dern todt sei, und daß er daher nach dem Gebrauche unserer Religion begraben worden sei. Es stuzte eine Weile, dann sagte es: „Er wird gar nicht mehr kommen?“ Ich hatte nicht den Muth, ja zu sagen, und ich hatte nicht den Muth, das Mädchen durch Täuschung zu trösten, sondern blieb mitten in meiner Halbheit von Zugeben. Es sagte nach einer Weile wieder fragend: „Er wird gar nicht mehr kommen?“ Nun hatte ich den Muth nicht mehr, unwahr zu sein, sondern ich sagte dem Mädchen, daß der Vater todt sei, daß er sich nie mehr regen könne, daß er von uns unter die Erde gethan worden sei, wie man es mit allen Todten thue, und daß er dort in Ruhe lie¬ gen bleiben werde. Da fing es heftig zu weinen an, ich suchte es zu trösten, aber meine Worte verfingen nichts, es weinte fort, bis es sich selber nach und nach ein wenig sänf¬ tigte. Ich fragte es, da es stiller geworden war, ob es wieder mit mir in meine Wohnung gehen wolle, ich würde es, sobald es wollte, abermals hieher zu¬ rük führen. Da die Wohnung leer war, machte das Mädchen wenig Widerstand, und ich führte es in das Stübchen, in dem es geschlafen hatte. Nach einer Weile gingen wir wieder in die unterirdische Woh¬ nung. Und so wiederholte ich das Verfahren im Laufe des Tages mehrere Male, theils um das Mädchen zu beschäftigen, theils um es an eine Veränderung seiner Lage zu gewöhnen, und ihm den Schein von Freiheit zu lassen, damit es nicht durch Empfindung eines Zwanges widersezlich und unbehandelbar würde. Ich gab ihm auch Speisen, von denen ich ver¬ muthete, daß sie ihm zusagen könnten. Gegend Abend, da wir in der unterirdischen Stube waren, schlug ich vor, daß es wieder in dem Stübchen schlafen solle, in welchem es in der vorigen Nacht geschlafen habe, es sei dort warm, es sei ein gutes Bett, es sei die freundliche Magd dort, und es sei ein Abendmal bereitet. Es sagte, daß es mitgehe, wenn es die Dohle mitnehmen dürfe. Ich erlaubte es gerne. Es näherte sich der Dohle, gab ihr seltsamliche unverständliche Namen, und suchte sie zu haschen. Die Dohle dukte sich auf dem Schirme, und ließ sich mit beiden Händen des Mädchens nehmen. So trug es dieselbe fort, so kamen wir in mein Hinterstübchen. Ich sezte das Mädchen in einen geräumigen Armstuhl nahe an den Ofen, ich rief die Magd herbei, daß sie Gesellschaft leiste, sorgte für ein Abendmal, und begab mich nach den Anstrengungen des Tages in mein Zimmer. Die Sachen waren in der Wohnung des Pfört¬ ners versiegelt, und das Bewegliche in Beschlag ge¬ nommen worden. Nur den Schlüssel zur Stubenthür ließ man mir, damit ich öfter mit der hinterlassenen Tochter die Stube besuchen könnte. Meinen Gatten hatte man gefragt, ob er die Vormundschaft über das Mädchen übernehmen wolle, und er hatte einge¬ willigt. Ich wußte nicht, was ich mit dem Mädchen thun sollte. Wir beschloßen daher dasselbe so lange bei uns zu behalten, bis meinem Manne alle Papiere und etwaigen anderen Dinge des Verstorbenen einge¬ händigt würden, woraus man dann die Verhältnisse des Verstorbenen würde entnehmen und wissen können, was mit dem Mädchen weiter zu geschehen hätte. Sehr schwer war es, das Mädchen von dem un¬ terirdischen Gewölbe zu entwöhnen. Es hing mit einer Hartnäkigkeit an dem Gemache, die unbegreif¬ lich war. Nur durch den öfteren Besuch der unterirdi¬ schen Wohnung, den ich mit ihm anstellte, durch zutrauliches Reden über gleichgültige Dinge, und endlich durch sorgfältige Pflege, die ihm wohlthat, gewöhnte ich es nach und nach an sein neues Stüb¬ chen. Ich gab ihm gute Wäsche, und ließ ihm Kleider von unseren Mägden verfertigen, die ihm gut standen, in denen es sich wohl befand, und durch die es nicht mehr so auffiel. Fast noch mehr als alles andere scheute es die freie Luft, und wenn ich es ein wenig in den winterlichen Garten hinunter brachte, benahm es sich linkisch, und starrte die entlaubten Zweige an. In den ersten Tagen kam niemand zu ihm als ich und die ältliche Magd, nach und nach gewöhnte es sich aber auch an den Anblik von andern aus unserer Familie, und jedem Mitgliede derselben war einge¬ schärft, das Mädchen freundlich zu behandeln, und es etwa nicht durch auffälliges Betrachten zu er¬ schreken. Ich begann nach und nach zu untersuchen, was es denn gelernt habe. Allein so gut gewählt und rein seine Worte waren, die es sprach, so gut sie gesezt waren, wenn auch die Gedanken oft schwer errathen werden konnten, so wenig hatte es eine Vorstellung oder eine Kenntniß von der geringsten weiblichen Arbeit. Nicht einmal von dem Waschen und Reinigen eines Lap¬ pens von dem Zusammennähen zweier Fleke hatte es einen Begrif. Der Vater mußte alles das außer dem Hause besorgt haben. Dafür sprach es oft, für uns un¬ verständlich, mit der Dohle, wir trafen es zuweilen leise singend an, und es konnte auf der Flöte des Va¬ ters, die wir ihm hatten verschaffen müssen, ein wenig spielen. Als es eine bedeutende Anhänglichkeit an mich gewonnen hatte, veranlaßte ich es, von seiner Ver¬ gangenheit zu sprechen. Allein entweder hatte es alles Frühere vergessen, oder es hatten die unmittelbar zu¬ lezt vergangenen Dinge eine solche Gewalt über sein Gedächtniß ausgeübt, daß es sich an das, was vor¬ her war, nicht mehr erinnerte. Es erzählte nur immer von dem unterirdischen Gemache. „Der Vater,“ sagte es, „ging fort, nahm die Flöte Stifter, Jugendschriften. I. 17 mit, und kam oft erst zur Zeit, da die Lichter brannten, zurük. Er brachte in einem Topfe Speisen, die wir in dem kleinen Ofen wärmten und dann aßen. Oft legte ich auch Holzspäne in den Ofen, wenn er nicht da war, und machte mir eine Speise warm, die in einem Topfe auf dem Gestelle stand; denn es blieb zuweilen viel übrig. Ein anderes Mal hatte ich nichts als Brod, welches ich aß. Zuweilen blieb er auch zu Hause. Er lehrte mich mancherlei Dinge, und er¬ zählte viel. Er sperrte immer zu, wenn er fort ging. Wenn ich fragte, was ich für eine Aufgabe habe, während er nicht da sei, antwortete er: Beschreibe den Augenblik, wenn ich todt auf der Bahre liegen werde, und wenn sie mich begraben; und wenn ich dann sagte: Vater, das habe ich ja schon oft beschrieben, antwortete er: So beschreibe, wie deine Mutter von ihrem Herzen gepeinigt in der Welt herumirrt, wie sie sich nicht zurük getraut, und wie sie in der Verzweiflung ihrem Leben ein Ende macht. Wenn ich sagte: Vater, das habe ich auch schon oft beschrieben, antwortete er: So beschreibe es noch einmal. Wenn ich dann mit der Aufgabe, wie der Vater todt auf der Bahre liegt, und wie die Mutter in der Welt um¬ her irrt, und in der Verzweiflung ihrem Leben ein Ende macht, fertig war, stieg ich auf die Leiter, und schaute durch die Drahtlöcher des Fensters hinaus. Da sah ich die Säume von Frauenkleidern vorbei gehen, sah die Stiefel von Männern, sah schöne Spizen von Röken oder die vier Füsse eines Hundes. Was an den jenseitigen Häusern vorging, war nicht deutlich.“ Als ich das Mädchen fragte, wo es die Ausar¬ beitungen der Aufgaben habe, antwortete es, daß der Vater dieselben alle gesammelt habe, und daß sie irgendwo aufbewahrt seien. Etwas weniges sei da. Mit diesen Worten ging es zu einem Kleiderkasten, in welchem es seine Kleider hatte, that aus dem Sake eines alten abgelegten Rokes einige verknitterte Papiere heraus, und reichte sie mir. Ich faltete sie auseinander. Sie waren theils mit Dinte theils mit Bleifeder beschrieben, und häufig durch Kreuze und andere Zeichen ausgestrichen. Es war nicht viel daraus zu entnehmen. Ich befragte es über Gott über die Schöpfung der Welt und über andere religiöse Gegenstände. Es sagte die betreffenden Stellen aus dem Katechismus sehr geläufig auf, und blikte mit den ruhigen und ausdrukslosen Augen umher. Ich suchte zu ergründen, ob es den religiösen Handlungen unserer Kirche bei¬ gewohnt habe, und brachte heraus, daß es wieder¬ 17* holt die Kirche mit dem Vater besucht habe, daß es dort aber nie eine Musik, das heißt ein Flötenspiel, wie es sich ausdrükte, gehört, noch mit jemand gesprochen habe. Es mußte also höchstens bei stillen Messen gewesen sein. Endlich wurde meinem Gatten die Vormundschaft übertragen, und ihm die gerichtlich vorgefundene und aufgezeichnete Verlassenschaft gegen Bescheinigung übergeben. Aus den Papieren, die er sogleich sorg¬ fältig untersuchte, ging hervor, daß der Verstorbene niemand anders war als jener Rentherr, der einmal abgereiset, und sodann spurlos verschwunden war. Wir hatten die Geschichte jenes Mannes nur so im Allgemeinen gewußt, und sie schon längst wieder ver¬ gessen. Jezt wurde sie auf's Neue aus der Erinnerung hervorgeholt, und von Manchem, der es wissen konnte, das nähere Einzelne erforscht. Das Mädchen mit dem großen Haupte und den breiten Zügen war also das rosige Kind gewesen, das unter dem Gezelte geschlafen hatte, dessen Spize der vergoldete Engel mit seinen Fingern gehalten hatte, dessen Falten rings um das Bettchen auseinander ge¬ gangen waren, und das die Eltern mit Wonne betrach¬ tet hatten. Von Eigenthum hatten sich nur einige schlechte Geräthe einige alte Kleider und die Betten vorgefun¬ den. Von Barschaft war ein kleiner Sak mit Kupfer¬ münzen gefüllt vorhanden. Weiter gar nichts. Mein Gatte forschte unter den Papieren nach einer Aufklärung über den Vermögensstand des Verstorbe¬ nen; denn ein solcher mußte doch vorhanden gewesen sein; denn alle die befragt worden waren, erinnerten sich nicht, daß der Rentherr, als er das Haus auf dem Sanct Petersplaze bewohnt hatte, in irgend einem Amte gestanden sei, noch daß er irgend einen Erwerb getrieben habe, und dennoch habe er anstän¬ dig und wohlhabend gelebt. Er mußte daher von irgend einem Anliegen Bezüge genossen haben. Aber in den gesammten Schriften und den kleinsten Zettel¬ chen war nicht das Geringste zu finden. Mein Gatte ging nun in Wien zu allen Ämtern, die mit Gelde oder irgend anderen Werthen auch nur von ferne zu thun hatten, und fragte an; aber nirgends konnte eine Auskunft erhalten werden. Er besuchte nun nach und nach alle Geschäftsführer Stellvertreter Anwälte, und wie diese Männer alle heißen; aber bei keinem konnte er etwas in Erfahrung bringen. Endlich grif er zu dem Mittel, den Fall in den Zeitungen bekannt zu geben, in wieferne er sich auf die Ver¬ mögensfrage bezog, und jedermann zur Mittheilung aufzufodern, der etwa Kenntniß haben könnte; aber es erfolgte keine Antwort. Das Vermögen des armen Mädchens, wenn noch eines vorhanden war, mußte also verloren gegeben werden. Die Summe, welche nach der Versteigerung der Geräthe und andern Dinge, die der Rentherr in seiner Wohnung auf dem Sanct Petersplaze zurük gelassen hatte, und nach der Bezahlung der Schuld an den Hausbesizer noch übrig geblieben, und in die Verwahrung der Gerichte gegeben worden war, wurde meinem Gatten für das Mädchen eingehändigt. Sie war durch die Zinsen während einer Reihe von Jahren nicht unbeträchtlich angewachsen. Von der Lebensweise und den Schiksalen des Verstorbenen seit seiner Abreise von Wien konnte mein Gatte nichts Bestimmtes erfahren. Nur, da er alle Wege zur Ermittlung des Lebenslaufes des Verstor¬ benen und in Folge dessen zur Ermittlung des Schik¬ sales des Vermögens des Mädchens einschlug, war das Eine zu seiner Kenntniß gekommen, daß ein Mann, dessen Beschreibung ganz auf den Verstorbenen paßte, in den Vorstädten, welche sehr weit von der Wohnung des Verstorbenen entfernt waren, oft gesehen worden war, daß er mit seiner Flöte in Gasthäusern in Gärten und an öffentlichen Orten erschienen war, und dort für kleine Gaben gespielt habe. Aus Küchen habe er gerne Speisen, die man ihm schenkte, in seinem Topfe fortgetragen. Daß er in der Nähe seiner Wohnung gespielt habe, konnte man nicht erfahren. Von dem Verwalter des Perronschen Hauses erfuhr mein Gatte, daß der Verstorbene zu irgend einer Zeit, er wisse es selbst nicht mehr genau, wann es gewesen, unentgeldlich in die unterirdische Woh¬ nung aufgenommen worden sei, um Pförtnerdienste zu verrichten, obwohl bis dahin die Inwohner Schlüssel zu dem rothen Pförtchen gehabt hatten, die sie auch fernerhin noch behielten. Überhaupt konnte von dem Verwalter des Perronschen Hauses nicht viel in Erfahrung gebracht werden, da er sich der Verfallenheit des Hauses wegen wenig um dasselbe kümmerte, und von dem Besizer auch nicht dazu ange¬ halten wurde. Eines Tages brachte mein Gatte einen großen Stoß von Schriften in mein Zimmer, und reichte sie mir. Ich sah sie an, blätterte sie durch, und sah, daß es die Ausarbeitungen und schriftlichen Aufsäze des Mädchens waren. Ich nahm mir nun, wenn ich Zeit hatte, die Mühe, den größten Theil dieser Papiere zu durchlesen. Was soll ich davon sagen? Ich würde sie Dichtungen nennen, wenn Gedanken in ihnen gewesen wären, oder wenn man Grund Ursprung und Verlauf des Ausgesprochenen hätte enträthseln können. Von einem Verständnisse, was Tod was Umirren in der Welt und sich aus Verzweiflung das Leben nehmen heiße, war keine Spur vorhanden, und doch war dieses alles der trübselige Inhalt der Ausarbeitungen. Der Ausdruk war klar und bündig, der Sazbau richtig und gut, und die Worte obwohl sinnlos waren erhaben. Ich nahm von diesem Umstande Veranlassung, aus Dichtern oder andern Schriftstellern Säze mit bestimmter gehobner Betonung vorzutragen. Das Mädchen merkte hoch auf. Bald sagte es selber solche Dinge her, und später trug es mit einer Art Schau¬ stellung Theile aus den besten und herrlichsten Schrif¬ ten unseres Volkes vor. Wenn man aber näher in das Werk einging, von dem es eine Stelle gesagt hatte, und nach dessen Inhalt Bedeutung und Gestalt forschte, verstand es nicht, was man wollte. Auch war in der Verlassenschaft kein einziges der betreffen¬ den Bücher vorhanden. Das Aufsagen solcher Stellen war ein Reiz für das Mädchen, dem es sich schwär¬ merisch hingab. Wir kamen dahinter, daß die leisen Worte, die es zur Dohle sagte, ähnliche Dinge enthielten, so wie die Weisen, die es der Flöte des Vaters abzuloken suchte, in demselben G eiste er¬ schienen. Mein Gatte forschte auch der Mutter des Mäd¬ chens nach. Seine Absicht war, dem Mädchen seine natürliche und erste Verwandte und Stüze zu ver¬ schaffen, dann aber auch, von der erkundeten Mutter Angaben zu erfahren, aus denen sich über die Lage des Vermögens etwas entnehmen ließe. Mein Gatte forschte Anfangs vorsichtig auf dem Wege der Ämter dann mit der größten Schonung theils durch einzelne Personen theils durch öffentliche Blätter; aber wie ge¬ nau auch diese Forschungen angestellt wurden, wie viele Briefe geschrieben, wie viele Aufträge ertheilt, wie viele Antworten eingegangen waren: von der Frau ist keine Auskunft angelangt, niemand hatte bis auf den Tag etwas von ihr gehört, sie ist auch nie wieder zurük gekommen. Von den früheren Schiksalen des Mädchens ist uns durch seine Aussagen nie etwas bekannt geworden. Wir hatten unsern Hausarzt, den Freund meines Gatten, zu uns bitten lassen, daß er den körperlichen Zustand des Mädchens untersuche, da das auffallend große Haupt auf etwas Ungewöhnliches schließen lasse. Er meinte, daß in dumpfen Aufenthaltsorten und etwa durch Wahnsinn des Vaters dieses Wuchern hervorgerufen worden sei, daß sich Auftreibungen und Drüsenleiden eingestellt haben. Der Gebrauch von Jodbädern würde in beiden Richtungen vielleicht gute Dienste thun. Da ich nun im Frühlinge ohnehin in die Gegend, wo sich das Bad befindet, eine Reise zu dem Bruder meines Gatten vorhatte, um mehrere Wochen bei ihm zuzubringen, so beschloß ich, das Mädchen mit zu nehmen. Ich hoffte von der guten Luft und der Reise nicht minder gute Wirkungen als von dem Bade. Das Haupt wurde in der That nach einem zweimonatlichen Aufenthalte auf dem Lande und nach dem vorgeschriebenen Gebrauche des Bades etwas kleiner und gebildeter, und die Züge des Ange¬ sichtes wurden geschmeidiger klarer und sprechender. Wir unterrichteten das Mädchen auch in den ge¬ wöhnlichen Dingen, und suchten es zu den unentbehr¬ lichsten Verrichtungen des Lebens anzuleiten. Wir suchten ihm Geschmak an Verfertigung von allerlei weiblichen Handarbeiten beizubringen, und endlich durch Gespräche und durch Lesen einfacher Bücher hauptsächlich aber durch Umgang jene wilde und zer¬ rissene ja fast unheimliche Unterweisung in einfache übereinstimmende und verstandene Gedanken umzu¬ wandeln, und ein Verstehen der Dinge der Welt anzubahnen. Wie schwer das war, geht schon aus der Thatsache hervor, daß Monate vergehen mußten, ehe es ertragen konnte, daß Alfred mit der Dohle sprach, oder gar mit ihr spielte, gelegentlich auch die Flöte des Vaters anrührte. Als wir es endlich wagen konnten, mietheten wir dem Mädchen in unserer Nähe ein Zimmer, in dem es wohnte. Die Frau, welche das Zimmer vermie¬ thete, nahm sich um das Mädchen an, ein Priester unterwies es in der Religion, wir kamen sehr oft zu ihm hinüber, und so gestaltete es sich milder, seine körperliche Beschaffenheit wurde nachträglich auch bes¬ ser, so daß es sich in den Lauf der Dinge schiken konnte, daß ihm mein Gatte, nachdem es die Voll¬ jährigkeit erreicht hatte, die Urkunden über seine ge¬ richtlich anliegende Summe und über das, was bei der Beerdigung des Vaters übrig geblieben war, einhändigen konnte, und daß es endlich sogar Tep¬ piche Deken und dergleichen Dinge anfertigte, von denen es im Vereine mit den Zinsen aus seinem klei¬ nen Vermögen lebte, was um so eher möglich wurde, als ihm die Leute gerührt durch seine Schiksale die fertigen Stüke immer gerne abkauften. — So erzählte die Frau, und das Mädchen lebte so in den folgenden Jahren fort. Der große Künstler ist längst todt, der Profeßor Andorf ist todt, die Frau wohnt schon lange nicht mehr in der Vorstadt, das Perronsche Haus besteht nicht mehr, eine glänzende Häuserreihe steht jezt an dessen und der nachbarlichen Häuser Stelle, und das junge Geschlecht weiß nicht, was dort gestanden war, und was sich dort zugetragen hatte. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.