Advent. Von Rainer Maria Rilke . LEIPZIG . VERLAG VON P. FRIESENHAHN . 1898 . Vom selben Autor : Gedichte: „Leben und Lieder“. 1894. „Larenopfer“. 1895. „Traumgekrönt“. 1896. Novellen: „Am Leben hin“. 1898. (Verlag von A. Bonz \& Comp., Stuttgart.) Dramen: „Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens“. 1 Akt. (Erstaufführung 1896.) „Im Frühfrost“. 3 Akte. (Erstaufführung 1897. „Ohne Gegenwart“. 2 Akte. 1898. Gedichte (München 1896/97) meinem guten Vater unter den Christbaum. Advent. Es treibt der Wind im Winterwalde Die Flockenheerde wie ein Hirt, Und manche Tanne ahnt, wie balde Sie fromm und lichterheilig wird; Und lauscht hinaus. Den weissen Wegen Streckt sie die Zweige hin – bereit, Und wehrt dem Wind und wächst entgegen Der einen Nacht der Herrlichkeit. Schmargendorf , im Dezember 1897. Gaben. Mir. Das ist mein Streit: Sehnsuchtgeweiht Durch alle Tage schweifen. Dann, stark und breit, Mit tausend Wurzelstreifen Tief in das Leben greifen – Und durch das Leid Weit aus dem Leben reifen, Weit aus der Zeit! Jens Peter Jacobsen. Du meine heilige Einsamkeit, Du bist so reich und rein und weit Wie ein erwachender Garten. Meine heilige Einsamkeit du – Halte die goldenen Thüren zu Vor denen die Wünsche warten. Albert Langen. Der Bach hat leise Melodien, Und fern ist Staub und Stadt. Die Wipfel winken her und hin Und machen mich so matt. Der Wald ist wild, die Welt ist weit, Mein Herz ist hell und gross. Es hält die blasse Einsamkeit Mein Haupt in ihrem Schooss. Prinz Emil zu Schönaich-Carolath. Ich liebe vergessene Flurmadonnen, Die rathlos warten auf irgendwen, Und Mädchen, die an einsame Bronnen, Blumen im Blondhaar, träumen gehn. Und Kinder, die in die Sonne singen Und staunend gross zu den Sternen sehn, Und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen, Und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn. Gustav Falke. Warst Du ein Kind in froher Schaar, Dann kannst Dus freilich nicht erfassen Wie es mir kam, den Tag zu hassen Als ewig feindliche Gefahr. Ich war so fremd und so verlassen, Dass ich nur tief in blütenblassen Mainächten heimlich selig war. Am Tag trug ich den engen Ring Der feigen Pflicht in frommer Weise. Doch abends schlich ich aus dem Kreise, Mein kleines Fenster klirrte – kling – Sie wussten’s nicht. Ein Schmetterling, Nahm meine Sehnsucht ihre Reise, Weil sie die weiten Sterne leise Nach ihrer Heimat fragen ging. Emil Orlik. Pfauenfeder: in deiner Feinheit sondergleichen Wie liebte ich dich schon als Kind. Ich hielt dich für ein Liebeszeichen, Das sich an silberstillen Teichen In kühler Nacht die Elfen reichen Wenn alle Kinder schlafen sind. Und weil Grossmütterchen, das gute, Mir oft von Wünschegerten las, So träumte ich, du Zartgemuthe, In deinen feinen Fasern fluthe Die kluge Kraft der Räthselruthe – Und suchte dich im Sommergras. Frau Hofrat Stieler. Oft denk’ ich auf der Alltagsreise Der Nacht, und dass ein Traum mir frommt, Der mir mit Lippen, kühl und leise, Die schwüle Stirne küssen kommt. Dann sehn’ ich mich die Sterne glänzen Zu sehn. – Der Tag ist karg und klein, Die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen Und könnte eine Sage sein. Emil Orlik. Damit ich glücklich wäre – Das müsste sein von jenen blanken Lenztagen einer, da die Kranken Man vor die dunklen Thüren bringt. Im Flieder ist ein Spatzenzanken, Weil keinem rechter Sang gelingt. Der Bach, dem alle Bande sanken, Weiss nicht, was thun vor Glück und springt Bis aufwärts zu den Bretterplanken, Dahinter Beete, kiesumringt, Und Blumenblühn und Birkenschwanken. Und vor dem Häuschen, goldbezinkt, Um das der Frühling seine Ranken Wie liebeleise Arme schlingt, – Ein blondes Kind, das in Gedanken Das schönste meiner Lieder singt. Peter Altenberg. An manchem Tag ist meine Seele still: Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen. Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen Dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen Den Jubel seiner Arme fesseln will. Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin In rathlos-sehnendem Erhörenwollen. Sie warten auf den Sonntag mit den vollen Gestühlen und dem grossen Orgelrollen – Und blasse Ampeln schwanken her und hin ... Michael Georg Conrad. Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt In euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen Um Beifall bettelt und um Würde wirbt, Und endlich arm ein armes Sterben stirbt Im Weihrauchabend gothischer Kapellen, – Nennt ihr das Seele? Schau’ ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit, In der die Welten weite Wege reisen, Mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit In meiner Brust. Das rüttelt und das schreit, Und will hinauf und will mit ihnen kreisen .. Und das ist Seele. Ludwig Ganghofer. Die hohen Tannen athmen heiser Im Winterschnee, und bauschiger Schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser. Die weissen Wege werden leiser, Die trauten Stuben lauschiger. Da singt die Uhr, die Kinder zittern: Im grünen Ofen kracht ein Scheit Und stürzt in lichten Lohgewittern, – Und draussen wächst im Flockenflittern Der weisse Tag zur Ewigkeit. Hans Thoma. Das Wetter war grau und grell; Der Abend ist lichter und leiser. Sicher kommt irgendein Kaiser: Alle Häuser sind hell. Und so festlich und weich War das Abendgebimmel. Die Alten schaun in den Himmel Und die Kinder sind reich. Walter Caspari. Sonne verlodert am Himmelsrain. Durch ernteverarmte Krumen Waten die Weiber feldein. An den verschimmernden Schienenreihn Beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein, Sinnen Sonnenblumen. Hugo Salus. Du arme, alte Kapelle Mit deiner verstaubten Zier – Der Frühling baut eine helle Kirche neben dir. Viel frierende Frauen hinken In deine Weihrauchruh, Draussen die Kinder winken Allen Rosen zu. Steinlen. Die Mädchen singen: Alle Mädchen erwarten wen, Wenn die Bäume in Blüten stehn. Wir müssen immer nur nähn und nähn, Bis uns die Augen brennen. Unser Singen wird nimmer froh. Fürchten uns vor dem Frühling so: Finden wir einmal ihn irgendwo, Wird er uns nichtmehr erkennen. Maurice Maeterlinck. Lehnen im Abendgarten beide, Lauschen lange nach irgendwo. „Du hast Hände wie weisse Seide ...“ Und da staunt sie: „Du sagst das so ...“ Etwas ist in den Garten getreten, Und das Gitter hat nicht geknarrt, Und die Rosen in allen Beeten Beben vor seiner Gegenwart. Ernst Rosmer. Eine der weissen Vestageweihten Lächelte Gnade dem Todbereiten, Löste ihm von der Stirn die Schmach. Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten Des todbefreiten, schulterbreiten Epheben nach. Frau Kommerzienrat Weinmann. Dekorativ. Im Kreise der Barone Der König ritt zur Jagd. Ihm wohnte in rother Krone Ein einsamer Smaragd. Da giebts unter hellen Hufen Wege so weit und weiss; Keiner hört hilferufen, Und der Mittag ist heiss .. Ob einer den König erkannte? Die Dohlen im Abend schrien. Die allerkühnste spannte Den Flug schon über ihn: Auf des Königs Stirne brannte Ein einsamer Rubin. Frau Carry Brachvogel. Ein weisses Schloss in weisser Einsamkeit. In blanken Sälen schleichen leise Schauer. Totkrank krallt das Gerank sich an die Mauer, Und alle Wege weltwärts sind verschneit. Darüber hängt der Himmel brach und breit. Es blinkt das Schloss. Und längs den weissen Wänden Hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen ... Die Uhren stehn im Schloss: Es starb die Zeit. Wilhelm und Irmgard von Scholz. .... irgendwo muss es Paläste geben, Drin die Fenster von Staub verschnein; In der Säle hallende Reihn Tauchen tote Tage hinein: Gestalten wallen, es warnt der Schrein, Und kein lustiger Leuchterschein Reicht in das einsame Seltsamsein ... Dorten wollen wir Feste geben – Märchenallein. Loris. Im Schlosse mit den rothen Zinken Wär’ ich so gern des Abends Gast. Die Fenster glühn, die Falten sinken, Und meine weissen Wünsche winken Mir aus dem lodernden Palast. Ich will durch lange Hallen schleichen Und in die tiefen Gärten schauen, Die über alle Marken reichen. Und Frauen lächeln an den Teichen, Und in den Wiesen prahlen Pfauen .. Detlev von Liliencron. Es kommt in prunkenden Gebreiten Der Abend, wie ein leiser Gott. Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten Durch purpurbunte Einsamkeiten In bügelleichtem Träumertrott. Ich athme tief. Ich werde Kaiser. Mein heller Helm ist losgeschnallt, Und meine Stirne streifen Reiser Und rauschen so. Und leiser, leiser Hallt Huf und Ruf im rothen Wald. Ernst von Wolzogen. Horch, verhallt nicht ein scheuer Schrei von den Hängen her? Aus dem morschen Klostergemäuer Kann der Abend nicht mehr. Er sucht sich wund an der Wand. Und mit hilfloser Hand In das Säulengedränge In ewige Gänge Wirft er den Brand. Feuer. – In schlichtem Gewand Flieht er, der Heimkehr singender Heuer Leise gesellt, ins verlöschende Land. Lolo Ganghofer. Der König Abend weiss sich schwach Und satt und ihm geschieht: Er schenkt sein Gold dem jungen Bach, Der einem Hirtensingen nach In Menschenlande zieht. Jetzt ist der Bach ein Königskind. Er jubelt laut Allarm Und gibt den wunden Krumen blind Sein Gold. – Und wo die Hütten sind, Dort ist er wieder arm. Fahrten. Venedig. Fremdes Rufen. Und wir wählen Eine Gondel, schwarz und schlank: Leises Gleiten an den Pfählen Einer Marmorstadt entlang. Still. Die Schiffer nur erzählen Sich. Die Ruder rauschen sacht, Und aus Kirchen und Kanälen Winkt uns eine fremde Nacht. Und der schwarze Pfad wird leiser, Fernes Ave weht die Luft, – Traun: Ich bin ein toter Kaiser Und sie lenken mich zur Gruft. 28. März 1897. Frau Luise Max-Ehrler. Venedig. Immer ist mir, dass die leisen Gondeln durch Kanäle reisen Irgendjemand zum Empfang. Doch das Warten dauert lang, Und das Volk ist arm und krank, Und die Kinder sind wie Waisen. Lange harren die Paläste Auf die Herren, auf die Gäste Und das Volk will Kronen sehn. Auf dem Markusplatze stehn Möcht’ ich oft und irgendwen Fragen nach dem fernen Feste. Nathan Sulzberger. Venedig. Mein Ruder sang: Poppé, fahr zu! Ein Volk von Sklaven Drängt sich im Hafen Um nüchterne Feste. Und die Paläste Können nicht schlafen. Poppé, fahr zu! Eisige Ruh In Marmorgliedern Mit matten Lidern Erschauern die Plätze. Im Gassennetze Betteln die Niedern. Poppé, fahr zu! Sag mir, weisst du Noch von den Toten, Die hier geboten In köstlichen Kronen? Wo sie jetzt wohnen Die Purpurroten? – – – – – Poppé, fahr zu! Fritz Graf von Jenison. Venedig. Ave weht von den Thürmen her. Immer noch hörst du die Kirchen erzählen; Doch die Paläste an stillen Kanälen Verrathen nichts mehr. Und vorbei an der Traumesruh Ihrer schlafenden Stirnen schwanken Leise Gondeln wie schwarze Gedanken Dem Abend zu. Otto Julius Bierbaum. Englar im Eppan. Später Weg. Die Hütten kauern, Und das dumpfe Dorf schläft ein. Ernste Thürme seh’ ich dauern Weit aus weissen Blütenschauern Wächst ihr Weltverlorensein. Abendbrand in brachen Zinnen, Und der Wind will in den Saal. Und für wen im Burghof drinnen Immer noch die Brunnen rinnen – Keiner weiss es dort im Thal. Frau Hanna Hegeler. Tenno. Der Kirchhof hoch im Sommerschnee Gehört zum Bergdorf hin; Wie über einen Hochlandsee Wacht Frieden über ihn. Da weiss kein Blühn vom Frühlingsstrahl. Der Rasen schüchtert frühfrostfahl, Die Kreuze arm, die Hügel kahl Und sacht und selten wächst die Zahl: einmal. Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal. Im kleinen Dorf ist kleine Wahl Und kleines Glück und kleine Qual, – Drum läuten sie so fern im Thal: einmal, – einmal, – einmal – Agnes Gräfin von Klinckowström. Casabianca. Am Berge weiss ich trutzen Ein Kirchlein mit rostigem Knauf, Wie Mönche in grauen Kapuzen Steigen Cypressen hinauf. Vergessene Heilige wohnen Dort einsam im Altarschrein; Der Abend reicht ihnen Kronen Durch hohle Fenster hinein. Arco. Die Hochschneezinne, schartig scharf, Loht auf wie eine Mauerkrone, In die der lachende Nerone, Der Morgen, – seine Fackel warf. Und wie die Flammen bis ins Blau Sich zu verblühten Sternen strecken, Erwacht das Thal in schönem Schrecken Und taucht empor aus Traum und Thau. Heinrich von Reder. i mulini. Du müde, morsche Mühle, Dein Moosrad feiert Ruh, – Aus der Olivenkühle Schaut dir der Abend zu. Der Bach singt wie verloren Menschenlieder nach, Tiefer über die Ohren Ziehst Du Dein trutziges Dach. Emanuel von Bodman. Bodensee. Die Dörfer sind wie im Garten. In Thürmen von seltsamen Arten Klingen die Glocken wie weh. Uferschlösser warten Und schauen durch schwarze Scharten Müd auf den Mittagsee. Und schwellende Wellchen spielen. Und goldene Dampfer kielen Leise den lichten Lauf; Und hinter den Uferzielen Tauchen die vielen, vielen Silberberge auf. Franziska Gräfin zu Reventlow. Konstanz. Dem Tag ist so todesweh. Müd giesst er aus goldenen Kelchen Wein in den Bergeschnee. Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh Ein Stern überm Uferschleh, Und ziere, zitternde Wellchen Gittern den Abendsee. Funde. Wenn wie ein leises Flügelbreiten Sich in den späten Lüften wiegt, – Ich möchte immer weiter schreiten Bis in das Thal, wo tiefgeschmiegt An abendrothe Einsamkeiten Die Sehnsucht wie ein Garten liegt. Vielleicht darf ich dich dorten finden, Und zage wird dein erstes Mühn Die wehen Wünsche mir verbinden, Du wirst mich führen tief ins Grün – Und heimlich werden weisse Winden An meinem staubigen Stabe blühn. Ich musste denken unverwandt Wie ich einst zwischen schwarzen Pinien Den tiefen Frühling sinnen fand, Als ich vor Deiner Schönheit stand Und durch der Scheitel dunkle Linien Dein Antlitz träumte wie ein Land. Es schlich von Deiner Lippen Saum Ein Lächeln auf verlornem Pfade – Ganz leis. Die Andern merkten’s kaum. So weht ein Blatt vom Blütenbaum: Nur Einer schaut die Frühlingsgnade Und der sie schaut, ist wie im Traum. Fremd ist, was deine Lippen sagen, Fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid, Fremd ist, was deine Augen fragen, Und auch aus unsern wilden Tagen Reicht nicht ein leises Wellenschlagen An deine tiefe Seltsamkeit. Du bist wie jene Bildgestalten, Die überm leeren Altarspind Noch immer ihre Hände falten, Noch immer alte Kränze halten, Noch immer leise Wunder walten – Wenn längst schon keine Wunder sind. Du bist so fremd, du bist so bleich. Nur manchmal glüht auf deinen Wangen Ein hoffnungsloses Heimverlangen Nach dem verlorenen Rosenreich. Dann sehnt dein Auge, tief und klar, Aus allem Müssen, allem Mühen Ins Land, wo nichts als stilles Blühen Die Arbeit deiner Hände war. Weisst du, ich will mich schleichen Leise aus lautem Kreis, Wenn ich erst die bleichen Sterne über den Eichen Blühen weiss. Wege will ich erkiesen, Die selten wer betritt In blassen Abendwiesen – Und keinen Traum, als diesen: Du gehst mit. Bei dir ist es traut: Zage Uhren schlagen Wie aus weiten Tagen. Komm mir ein Liebes sagen – Aber nur nicht laut. Ein Thor geht irgendwo Draussen im Blütentreiben. Der Abend horcht an den Scheiben Lass uns leise bleiben: Keiner weiss uns so. Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten Aus Deinem Haar vergessnen Sonnenschein. Schau, ich will nichts, als Deine Hände halten Und still und gut und voller Frieden sein. Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben Den Alltag sprengt. Sie wird so wunderweit: An ihren morgenroten Molen sterben Die ersten Wellen der Unendlichkeit. Du, Hände, welche immer geben, Die müssen blühn von fremdem Glück. Zart wie ein zages Birkenbeben, Bleibt von dem gebenden Erleben Ein Rythmenzittern drin zurück. Das sind die Hände mit den schmalen Gelenken, die sich leise mühn; Und wüssten die von Kathedralen, Sie müssten sich in Wundenmalen Vor allem Volke heiligblühn. Bist gewandert durch Wahn und Weh, Kommst aus meinen dunkelsten Tagen Hast Dir eine Brücke geschlagen Bis zu mir über Schuld und Schnee. Lenkst mich lächelnd mit leisem Gebot, Und auf kronengoldenen Locken Trägst Du flüchtige Federflocken In den fröhlichen Frühlingstod. Will Dir den Frühling zeigen Der hundert Wunder hat. Der Frühling ist waldeigen Und kommt nicht in die Stadt. Nur die weit aus den kalten Gassen zu Zweien gehn Und sich bei den Händen halten – Dürfen ihn einmal sehn. … und dieser Frühling macht dich bleicher, In weite Wiesen will dein Fuss, Dein Lied wird leis, dein Wort wird weicher Und deine Hände werden reicher Mit jedem Wink, mit jedem Gruss. Du holst aus düfteschwüler Lade Dein Confirmandenkleidchen dreist, Und trägst es in die wilden Pfade, Und schmückst dich für die grosse Gnade, Die deine Seele blühen heisst. Mir ist: ich muss Dir den Brautnachtstrauss Weit aus dem Abend bringen. Ich geh in die goldene Stunde hinaus, Und die Fenster leuchten am letzten Haus, Drin spielende Kinder singen. Und ich geh an dem einsamen Haus vorbei, Drin singende Kinder wohnen, Und mein Wandern wächst und wächst in den Mai Und kann nicht zurück, und die Blüten – verzeih – Die wind’ ich mir alle zu Kronen. Bist Du so müd? Ich will Dich leise leiten Aus diesem Lärm, der längst auch mich verdross, Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten. Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten, Harrt schon der Abend wie ein helles Schloss. Komm Du mit mir. Es soll’s kein Morgen wissen, Und Deiner Schönheit lauscht kein Licht im Haus .. Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen: Der Tag hat alle Träume mir zerrissen, – Du, winde wieder einen Kranz daraus. Du: ein Schloss an wellenschweren, Atlasblassen Abendmeeren – Und in seinen säulenhehren Sälen warten Preis und Prunk, Uns zu ehren: Weil wir beide wiederkehren – Ohne Kronen und mit leeren Händen – aber jung. Purpurrothe Rosen binden Möcht’ ich mir für meinen Tisch, Und, verloren unter Linden, Irgendwo ein Mädchen finden – Klug und blond und träumerisch. Möchte seine Hände fassen, Möchte knieen vor dem Kind, Und den Mund, den sehnsuchtsblassen Mir von Lippen küssen lassen, Die der Frühling selber sind. Ein Händeineinanderlegen, Ein langer Kuss auf kühlen Mund, Und dann: auf schimmerweissen Wegen Durchwandern wir den Wiesengrund. Durch leisen, weissen Blütenregen Schickt uns der Tag den ersten Kuss, – Mir ist: Wir wandeln Gott entgegen, Der durchs Gebreite kommen muss. Du willst Dir einen Pagen küren? Mich komm erküren, Königin. Mir klingt aus alten Aventüren Ein Sang in Saitenspiel und Sinn. Ich will ins weisse Schloss Dich führen, In dem ich selber König bin – Und singen hinter tausend Thüren Für meine weisse Königin. Abend hat mich müd gemacht. Und in meinen Sinnen schrillen Kleine Wünsche mit den Grillen. Wo das blasse Land verflacht, Liegen lauter weisse Villen Hinter rother Rosenpracht. Liegen wie auf leiser Wacht Weisse Villen an dem stillen Uferrand der Frühlingsnacht. Was reisst ihr aus meinen blassen, blauen Stunden mich in der wirbelnden Kreise Wirres Geflimmer? Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen. Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer Einsam, mit heimlichem Lächeln, leise, Leise – Tage und Träume bauen. Mir war so weh. Ich sah Dich blass und bang. Das war im Traum. Und Deine Seele klang. Ganz leise tönte meine Seele mit Und beide Seelen sangen sich: Ich litt. Da wurde Friede tief in mir. Ich lag Im Silberhimmel zwischen Traum und Tag. Wie meine Träume nach Dir schrein. Wir sind uns mühsam fremd geworden, Jetzt will es mir die Seele morden Dies arme, bange Einsamsein. Kein Hoffen, das die Segel bauscht. Nur diese weite, weisse Stille, In die mein thatenloser Wille In athemlosem Bangen lauscht. Und Du warst schön. In Deinem Auge schien Sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen. Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin Dich ein: So kam Dich meine Liebe krönen. Und meine nächteblasse Sehnsucht stand, Weissbindig wie der Vesta Priesterin, An Deines Seelentempels Säulenrand Und streute lächelnd weisse Blüten hin. Du hast so grosse Augen, Kind. Du siehst gewiss oft nachts Gestalten, Die, fremd und bleich, in marmorkalten Traumhänden rothe Kronen halten, Um die ein Leuchten leise rinnt. Dann ist Dein Blick am Tag wie blind, Und Deine Seele wie zerspalten, Dann bangt Dir vor dem Alltagsalten, Wenn Wünsche sich in Dir entfalten, Die Allen andern Wahnsinn sind. Dann ist die Sehnsucht Dir erwacht, Stolz zu entfliehn den eitlen Schreiern Die plump, mit Händen, blöd und bleiern, Auf Deiner Silberseele leiern Das irre Lied, das sterblich macht. Zu fliehn in eine blaue Nacht, Drin alle Wipfel lauschend feiern, Der Glieder Hymne zu entschleiern Und scheu im Schooss von weissen Weihern Zu finden ihre nackte Pracht. Du sahst in hohe Lichthofmauern Und spieltest still in dumpfem Raum, Es lag ein unverstandnes Trauern Auf Deinem blassen Kindheitstraum. Und Deine Tage waren bleiern, Die Mutter krank, der Vater roh; Und manchmal kam ein Krüppel leiern, – Dann lauschtest Du und weintest so. Was kann Dir nun der Sommer taugen? Müd, wie mit scheuem Schwingenschlag, Durchirren Deine Heimwehaugen Den uferlosen Sonnentag. Sie war: Ein unerwünschtes Kind, verstossen Auch aus der Mutter Nachtgebet, Und ewig fern von jenem Grossen, Das gebend durch die Zeiten geht. Sie wünschte wenig – und nur selten Kam wie ein Weinen über sie Nach einem Land mit Purpurzelten, Nach einer fremden Melodie, – Nach weissen Wegen, die nicht stauben; Dann bog sie Rosen sich ins Haar, – Und konnte doch nie Liebe glauben Auch wenn es tief im Frühling war. Wenn ich Dir ernst ins Auge schaute, Klang oft Dein Wort so kummerkrank Wie eine leise Liebeslaute, Die einsam einst ein Meister baute, Als seine Seele Sehnsucht sang. Sie lernte seither leichte Lieder Und tönte gern zu Tag und Tanz, – Da greift ein Träumer ihre Glieder: Und wie erwachend weint sie wieder Das Heimweh ihres Heimatlands. Ja, früher – wenn ich an Dich dachte, Wie Wunder war’s: ein Mai erwachte Um Dich im Aureolenglanz. Und meine Sehnsucht träumte sachte Um Deine Stirne einen Kranz. Jetzt seh ich Dich: Du senkst Dein Weinen Ins Herz den herbstverhangnen Hainen, Und Dir zuseiten, wegentlang, Schleicht an den bleichen Meilensteinen Ein wunder Sonnenuntergang. Ich ging durch ein Land, durch ein trauriges Land. Wie auf leerer Wiege ein Wiegenband Lag der blasse Fluss auf dem flachen Sand, Darüber aus nassem Nebelgewand Reckte die Weide die Totenhand. Mir war so traurig. Ich starrte und stand. Da sah ich Dich kauern am Wegesrand. Einst hab’ ich Dich und das Glück gekannt. Du weintest wühlend und unverwandt, Und ich fragte Dich: Ist das Dein Heimatland? Du nicktest, Du nicktest wie traumgebannt .. Da hab’ ich Dich wieder wie einst genannt; Doch Dein Bild zerrann mir, Dein Bild entschwand. Die Pappeln kohlten im Abendbrand, Und der Tod ging roth durch Dein Heimatland. Weisst Du, dass ich Dir müde Rosen flechte Ins Haar, das leis ein weher Wind bewegt. Siehst Du den Mond – wie eine silberechte Merkmünze, und ein Bild ist eingeprägt: Ein Weib, das lächelnd dunkle Dornen trägt – Das ist das Zeichen toter Liebesnächte. Fühlst Du die Rosen auf der Stirne sterben? Und jede lässt die Schwester schauernd los, Und muss allein verdarben und verderben Und alle fallen fahl in Deinen Schooss. Dort sind sie tot. Ihr Leid war leis und gross. Komm in die Nacht. Und wir sind Rosenerben. Wo sind die Lilien aus dem hohen Glas, Die Deine Hand zu hüten nie vergass – Schon tot? Wo ist die Freude Deiner Wangen hin, Die wie ein ganzer Lenz zu prangen schien, – Verloht? – Und wo ist unser Glück, so gross und rein, Das hell Dein Haar wie ein Madonnenschein Umspann? – Ist auch schon tot. Heut weinen wir ihm nach Und morgen kommt der Frost uns ins Gemach – Und dann? ... Mütter. Baronin von Dickinson-Hennet. Ich sehne oft nach einer Mutter mich, Nach einer stillen Frau mit weissen Scheiteln. In ihrer Liebe blühte erst mein Ich; Sie könnte jenen wilden Hass vereiteln Der eisig sich in meine Seele schlich. Dann sässen wir wohl beieinander dicht, Ein Feuer surrte leise im Kamine. Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht, Und Frieden schwebte ob der Theeterrine So wie ein Falter um das Lampenlicht. Mir ist oft, dass ich fragen müsst’: Du, Mutter, was hast Du gesungen, Eh Deinem blassen, blonden Jungen Der Schlaf die Wangen warm geküsst? Hattest Du damals sehr viel Gram? – Und weisst Du, wie Du aufgesprungen Wenn Deinem blassen, blonden Jungen Im tiefen Traum ein Weinen kam? Ich gehe unter rothen Zweigen Und suche einen späten Strauss. Weiss nicht vor Glück wo ein und aus, Mir ist so neu, mir ist so eigen; Mein Lieb ist müd und ist zuhaus. Jetzt ist mein Mädel erst recht eitel Seit sich sein Mieder weiter zieht, Und seit ein Wunder ihm geschieht: Bald hat es breite braune Scheitel Und sitzt und singt ein Wiegenlied. Leise weht ein erstes Blühn Von den Lindenbäumen, Und, in meinen Träumen kühn, Seh ich Dich im Laubengrün Hold im ersten Muttermühn Kinderhemdchen säumen. Singst ein kleines Lied dabei, Und Dein Lied klingt in den Mai: Blühe, blühe Blütenbaum Tief im trauten Garten. Blühe blühe Blütenbaum, Meiner Sehnsucht schönsten Traum Will ich hier erwarten. Blühe, blühe Blütenbaum, Sommer wird dirs zahlen. Blühe, blühe Blütenbaum. Schau, ich säume einen Saum Hier mit Sonnenstrahlen. Blühe, blühe Blütenbaum, Balde kommt das Reifen. Blühe, blühe Blütenbaum. Meiner Sehnsucht schönsten Traum, Lehr mich ihn begreifen. Singst ein kleines Lied dabei, Und Dein Lied ist lauter Mai. Und der Blütenbaum wird blühn, Blühn vor allen Bäumen, Sonnig wird Dein Saum erglühn. Und verklärt im Laubengrün Wird Dein junges Muttermühn Kinderhemdchen säumen. Richard Dehmel. Und reden sie Dir jetzt von Schande, Da Schmerz und Sorge Dich durchirrt, – Oh, lächle, Weib! Du stehst am Rande Des Wunders, das Dich weihen wird. Fühlst Du in Dir das scheue Schwellen, Und Leib und Seele wird Dir weit. Oh, bete, Weib! Das sind die Wellen Der Ewigkeit. Alphonse Mucha. Der blonde Knabe singt: Was weinst Du, Mutter? Ist das Spind Auch bettelleer, – sei gut! Ich bin Dein blondes Kronenkind Und Du hast Edelblut. Ich schaute ja, Du weisst es nicht, – Wie Du so oft noch spät Beim morgenmatten Lampenlicht Dein Königskleid genäht. So bist Du eine Königin, Und sei nicht bang und zag - Und bis ich erst krafteigen bin, Kommt unser Königstag. Die Mutter: „Liebling, hast Du gerufen?“ Es war ein Wort im Wind. – „Wie viele steile Stufen Sind noch bis zu Dir mein Kind?“ – Da fand ihre Stimme die Sterne, Fand aber die Tochter nicht. Im Thale in tiefer Taverne Löschte ein letztes Licht. Manchmal fühlt sie: Das Leben ist gross, Wilder, wie Ströme, die schäumen, Wilder, wie Sturm in den Bäumen. Und leise lässt sie die Stunden los Und schenkt ihre Seele den Träumen. Dann erwacht sie. Da steht ein Stern Still überm leisen Gelände, Und ihr Haus hat ganz weisse Wände – Da weiss sie: Das Leben ist fremd und fern – Und faltet die alternden Hände. Druck von P. Friesenhahn, Bendorf a. Rh.