Der zerbrochne Krug, ein Lustspiel , von Heinrich von Kleist . Berlin . In der Realschulbuchhandlung . 1811 . Personen . Walter , Gerichtsrath. Adam , Dorfrichter. Licht , Schreiber. Frau Marthe Rull . Eve , ihre Tochter. Veit Tuͤmpel , ein Bauer. Ruprecht , sein Sohn. Frau Brigitte . Ein Bedienter, Buͤttel, Maͤgde, ꝛc. Die Handlung spielt in einem niederlaͤndischen Dorfe bei Utrecht. Scene: Die Gerichtsstube . Erster Auftritt . Adam (sitzt und verbindet sich ein Bein). Licht (tritt auf). E i, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam! Was ist mit euch geschehn? Wie seht ihr aus? Ja, seht. Zum Straucheln braucht’s doch nichts, als Fuͤße. Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier? Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder traͤgt Den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst. Nein, sagt mir, Freund! Den Stein truͤg’ jeg- licher —? Ja, in sich selbst! Verflucht das! Was beliebt? Ihr stammt von einem lockern Aeltervater, Der so beim Anbeginn der Dinge fiel, Und wegen seines Falls beruͤhmt geworden; Ihr seid doch nicht —? Nun? Gleichfalls —? Ob ich —? Ich glaube —? Hier bin ich hingefallen, sag ich euch. Unbildlich hingeschlagen? Ja, unbildlich. Es mag ein schlechtes Bild gewesen sein. Wann trug sich die Begebenheit denn zu? Jetzt, in dem Augenblick, da ich dem Bett’ Entsteig’. Ich hatte noch das Morgenlied Im Mund’, da stolpr’ ich in den Morgen schon, Und eh’ ich noch den Lauf des Tags beginne, Renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus. Und wohl den linken obenein? Den linken? Hier, den gesetzten? Freilich! Allgerechter! Der ohnhin schwer den Weg der Suͤnde wandelt. Der Fuß! Was! Schwer! Warum? Der Klumpfuß? Klumpfuß! Ein Fuß ist, wie der andere, ein Klumpen. Erlaubt! Da thut ihr eurem rechten Unrecht. Der rechte kann sich dieser — Wucht nicht ruͤhmen, Und wagt sich eh’r auf’s Schluͤpfrige. Ach, was! Wo sich der Eine hinwagt, folgt der Andre. Und was hat das Gesicht euch so verrenkt? Mir das Gesicht? Wie? Davon wißt ihr nichts? Ich muͤßt’ ein Luͤgner sein — wie sieht’s denn aus? Wie’s aussieht? Ja, Gevatterchen. Abscheulich! Erklaͤrt euch deutlicher. Geschunden ist’s, Ein Graͤul zu sehn. Ein Stuͤck fehlt von der Wange, Wie groß? Nicht ohne Waage kann ich’s schaͤtzen. Den Teufel auch! (bringt einen Spiegel). Hier! Ueberzeugt euch selbst! Ein Schaaf, das, eingehetzt von Hunden, sich Durch Dornen draͤngt, laͤßt nicht mehr Wolle sitzen, Als ihr, Gott weiß wo? Fleisch habt sitzen lassen. Hm! Ja! S’ ist wahr. Unlieblich sieht es aus. Die Nas’ hat auch gelitten. Und das Auge. Das Auge nicht, Gevatter. Ei, hier liegt Querfeld ein Schlag, blutruͤnstig, straf mich Gott, Als haͤtt’ ein Großknecht wuͤthend ihn gefuͤhrt. Das ist der Augenknochen. — Ja, nun seht, Das Alles hatt’ ich nicht einmal gespuͤrt. Ja, ja! So geht’s im Feuer des Gefechts. Gefecht! Was! — Mit dem verfluchten Ziegenbock, Am Ofen focht’ ich, wenn ihr wollt. Jetzt weiß’ ich’s. Da ich das Gleichgewicht verlier, und gleichsam Ertrunken in den Luͤften um mich greife, Fass’ ich die Hosen, die ich gestern Abend Durchnaͤßt an das Gestell des Ofens hing. Nun fass ich sie, versteht ihr, denke mich, Ich Thor, daran zu halten, und nun reißt Der Bund; Bund jetzt und Hos’ und ich, wir stuͤrzen, Und Haͤuptlings mit dem Stirnblatt schmettr’ ich auf Den Ofen hin, just wo ein Ziegenbock Die Nase an der Ecke vorgestreckt. (lacht). Gut, gut. Verdammt! Der erste Adamsfall, Den ihr aus einem Bett hinaus gethan. Mein Seel! — Doch, was ich sagen wollte, was giebts Neues? Ja, was es Neues giebt! Der Henker hol’s, Haͤtt’ ich’s doch bald vergessen. Nun? Macht euch bereit auf unerwarteten Besuch aus Utrecht. So? Der Herr Gerichtsrath koͤmmt. Wer koͤmmt? Der Herr Gerichtsrath Walter koͤmmt, aus Utrecht. Er ist in Revisions-Bereisung auf den Aemtern, Und heut noch trifft er bei uns ein. Noch heut! Seid ihr bei Trost? So wahr ich lebe. Er war in Holla, auf dem Graͤnzdorf, gestern, Hat das Justizamt dort schon revidirt. Ein Bauer sah zur Fahrt nach Huisum schon Die Vorspannpferde vor den Wagen schirren. Heut noch, er, der Gerichtsrath, her, aus Utrecht! Zur Revision, der wackre Mann, der selbst Sein Schaͤfchen schiert, dergleichen Fratzen haßt. Nach Huisum kommen, und uns cujoniren! Kam er bis Holla, kommt er auch bis Huisum. Nehmt euch in Acht. Ach geht! Ich sag’ es euch. Geht mir mit eurem Maͤhrchen, sag’ ich euch. Der Bauer hat ihn selbst gesehn, zum Henker. Wer weiß, wen der triefaͤugige Schuft gesehn. Die Kerle unterscheiden ein Gesicht Von einem Hinterkopf nicht, wenn er kahl ist. Setzt einen Huth dreieckig auf mein Rohr, Haͤngt ihm den Mantel um, zwei Stiefeln drunter, So haͤlt so’n Schubjak ihn fuͤr wen ihr wollt. Wohlan so zweifelt fort, ins Teufels Namen, Bis er zur Thuͤr eintritt. Er, eintreten! — Ohn’ uns ein Wort vorher gesteckt zu haben. Der Unverstand! Als ob’s der vorige Revisor noch, der Rath Wachholder, waͤre! Es ist Rath Walter jetzt, der revidirt. Wenn gleich Rath Walter! Geht, laßt mich zu- frieden. Der Mann hat seinen Amtseid ja geschworen, Und praktisirt, wie wir, nach den Bestehenden Edikten und Gebraͤuchen. Nun ich versichr’ euch, der Gerichtsrath Walter Erschien in Holla unvermuthet gestern, Vis’tirte Kassen und Registraturen, Und suspendirte Richter dort und Schreiber, Warum? ich weiß nicht, ab officio . Den Teufel auch? Hat das der Bauer gesagt? Dies und noch mehr — So? Wenn ihr’s wissen wollt. Denn in der Fruͤhe heut sucht man den Richter, Dem man in seinem Haus’ Arrest gegeben, Und findet hinten in der Scheuer ihn Am Sparren hoch des Daches aufgehangen. Was sagt ihr? Huͤlf’ inzwischen kommt herbei, Man loͤs’t ihn ab, man reibt ihn, und begießt ihn, Ins nackte Leben bringt man ihn zuruͤck. So? Bringt man ihn? Doch jetzo wird versiegelt, In seinem Haus, vereidet und verschlossen, Es ist, als waͤr er eine Leiche schon, Und auch sein Richteramt ist schon beerbt. Ei, Henker, seht! — Ein liederlicher Hund war’s — Sonst eine ehrliche Haut, so wahr ich lebe, Ein Kerl, mit dem sich’s gut zusammen war; Doch grausam liederlich, das muß ich sagen. Wenn der Gerichtsrath heut in Holla war, So ging’s ihm schlecht, dem armen Kauz, das glaub’ ich. Und dieser Vorfall einzig, sprach der Bauer, Sei Schuld, daß der Gerichtsrath noch nicht hier; Zu Mittag treff’ er doch ohnfehlbar ein. Zu Mittag! Gut, Gevatter! Jetzt gilt’s Freund- schaft. Ihr wißt, wie sich zwei Haͤnde waschen koͤnnen. Ihr wollt auch gern, ich weiß, Dorfrichter werden, Und ihr verdient’s, bei Gott, so gut wie Einer. Doch heut ist noch nicht die Gelegenheit, Heut laßt ihr noch den Kelch voruͤbergehn. Dorfrichter, ich! Was denkt ihr auch von mir? Ihr seit ein Freund von wohlgesetzter Rede, Und euren Cicero habt ihr studirt Trotz Einem auf der Schul’ in Amsterdam. Druͤckt euren Ehrgeitz heut hinunter, hoͤrt’ ihr? Es werden wohl sich Faͤlle noch ergeben, Wo ihr mit eurer Kunst euch zeigen koͤnnt. Wir zwei Gevatterleute! Geht mir fort. Zu seiner Zeit, ihr wißt’s, schwieg auch der große Demosthenes. Folgt hierin seinem Muster. Und bin ich Koͤnig nicht von Macedonien, Kann ich auf meine Art doch dankbar sein. Geht mir mit eurem Argwohn, sag’ ich euch. Hab ich jemals —? Seht, ich, ich, fuͤr mein Theil, Dem großen Griechen folg’ ich auch. Es ließe Von Depositionen sich und Zinsen Zuletzt auch eine Rede ausarbeiten: Wer wollte solche Perioden drehn? Nun, also! Von solchem Vorwurf bin ich rein, Der Henker hol’s! Und alles, was es gilt, Ein Schwank ist’s etwa, der zur Nacht geboren, Des Tags vorwitz’gen Lichtstrahl scheut. Ich weiß. Mein Seel! Es ist kein Grund, warum ein Richter, Wenn er nicht auf dem Richtstuhl sitzt, Soll gravitaͤtisch, wie ein Eisbaͤr, sein. Das sag ich auch. Nun denn, so kommt Gevatter, Folgt mir ein wenig zur Registratur; Die Aktenstoͤße setz’ ich auf, denn die, Die liegen wie der Thurm zu Babylon. Zwei - Zweiter Auftritt . Ein Bedienter (tritt auf). Die Vorigen. — Nachher: Zwei Maͤgde. Gott helf, Herr Richter! Der Gerichtsrath Walter Laͤßt seinen Gruß vermelden, gleich wird er hier sein. Ei, du gerechter Himmel! Ist er mit Holla Schon fertig? Ja, er ist in Huisum schon. He! Liese! Grete! Ruhig, ruhig jetzt. Gevatterchen! Laßt euern Dank vermelden. Und morgen reisen wir nach Hussahe. Was thu ich jetzt? Was laß ich? (Er greift nach seinen Kleidern.) (tritt auf.) Hier bin ich, Herr. [2] Wollt ihr die Hosen anziehn? Seid ihr toll? (tritt auf.) Hier bin ich, Herr Dorfrichter. Nehmt den Rock. (sieht sich um). Wer? Der Gerichtsrath? Ach, die Magd ist es. Die Baͤffchen! Mantel! Kragen! Erst die Weste! Was? — Rock aus! Hurtig! (zum Bedienten). Der Herr Gerichtsrath werden Hier sehr willkommen sein. Wir sind sogleich Bereit ihn zu empfangen. Sagt ihm das. Den Teufel auch! Der Richter Adam laͤßt sich Entschuldigen. Entschuldigen! Entschuld’gen. Ist er schon unterwegs etwa? Er ist Im Wirthshaus noch. Er hat den Schmidt bestellt; Der Wagen ging entzwei. Gut. Mein Empfehl. Der Schmidt ist faul. Ich ließe mich entschuld’gen. Ich haͤtte Hals und Beine fast gebrochen, Schaut selbst, s’ ist ein Spektakel, wie ich ausseh; Und jeder Schreck purgirt mich von Natur. Ich waͤre krank. Seid ihr bei Sinnen? — Der Herr Gerichtsrath waͤr sehr angenehm. — Wollt ihr? Zum Henker! Was? Der Teufel soll mich holen, Ist’s nicht so gut, als haͤtt’ ich schon ein Pulver! Das fehlt noch, daß ihr auf den Weg ihm leuchtet. Margrethe! he! Der Sack voll Knochen! Liese! Hier sind wir ja. Was wollt ihr? Fort! sag ich. Kuhkaͤse, Schinken, Butter, Wuͤrste, Flaschen, Aus der Registratur geschafft! Und flink! — Du nicht. Die Andere. — Maulaffe! Du ja! — Gott’s Blitz, Margrethe! Liese soll, die Kuhmagd, In die Registratur! (Die erste Magd geht ab.) Sprecht, soll man euch verstehn! Halt’s Maul jetzt, sag’ ich —! Fort! schaff mir die Peruͤcke! Marsch! Aus dem Buͤcherschrank! Geschwind! Pack dich! (Die zweite Magd ab.) (zum Bedienten). Es ist dem Heren Gerichtsrath, will ich hoffen, Nichts Boͤses auf der Reise zugestoßen? Je, nun! Wir sind im Hohlweg umgeworfen. Pest! Mein geschundner Fuß! Ich krieg’ die Stie- feln — Ei, du mein Himmel! Umgeworfen, sagt ihr? Doch keinen Schaden weiter —? Nichts von Bedeutung. Der Herr verstauchte sich die Hand ein wenig. Die Deichsel brach. Daß er den Hals gebrochen! Die Hand verstaucht! Ei, Herr Gott! Kam der Schmidt schon? Ja, fuͤr die Deichsel. Was? Ihr meint, der Doctor. Was? Fuͤr die Deichsel? Ach, was! Fuͤr die Hand. Adies, ihr Herrn. — Ich glaub’, die Kerls sind toll. (ab). Den Schmidt meint’ ich. Ihr gebt euch bloß, Gevatter. Wie so? Ihr seid verlegen. Was! (tritt auf). He! Liese! Was hast du da? Braunschweiger Wurst, Herr Richter. Das sind Pupillenacten. Ich, verlegen! Die kommen wieder zur Registratur. Die Wuͤrste? Wuͤrste! Was! Der Einschlag hier. Es war ein Mißverstaͤndniß. (tritt auf). Im Buͤcherschrank, Herr Richter, find ich die Peruͤcke nicht. Warum nicht? Hm! Weil ihr — Nun? Gestern Abend — Glock eilf — Nun? Werd ich’s hoͤren? Ei, ihr kamt ja, Besinnt euch, ohne die Peruͤck’ ins Haus. Ich, ohne die Peruͤcke? In der That. Da ist die Liese, die’s bezeugen kann. Und eure andr’ ist beim Peruͤckenmacher. Ich waͤr —? Ja, meiner Treu, Herr Richter Adam! Kahlkoͤpfig wart ihr, als ihr wiederkamt; Ihr spracht, ihr waͤrt gefallen, wißt ihr nicht? Das Blut mußt ich euch noch vom Kopfe waschen. Die Unverschaͤmte! Ich will nicht ehrlich sein. Halt’s Maul, sag’ ich, es ist kein wahres Wort. Habt ihr die Wund’ seit gestern schon? Nein, heut. Die Wunde heut und gestern die Peruͤcke. Ich trug sie weiß gepudert auf dem Kopfe, Und nahm sie mit dem Huth, auf Ehre, bloß, Als ich ins Haus trat, aus Versehen ab. Was die gewaschen hat, das weiß ich nicht. — Scheer dich zum Satan, wo du hingehoͤrst! In die Registratur! ( Erste Magd ab). Geh, Margarethe! Gevatter Kuͤster soll mir seine borgen; In meine haͤtt’ die Katze heute Morgen Gejungt, das Schwein! Sie laͤge eingesaͤuet Mir unterm Bette da, ich weiß nun schon. Die Katze? Was? Seid ihr —? So wahr ich lebe. Fuͤnf Junge, gelb und schwarz, und eins ist weiß. Die schwarzen will ich in der Vecht ersaͤufen. Was soll man machen? Wollt ihr eine haben? In die Peruͤcke? Der Teufel soll mich holen! Ich hatte die Peruͤcke aufgehaͤngt, Auf einen Stuhl, da ich zu Bette ging, Den Stuhl beruͤhr’ ich in der Nacht, sie faͤllt — Drauf nimmt die Katze sie ins Maul — Mein Seel — Und traͤgt sie unter’s Bett und jungt darin. In’s Maul? Nein — Nicht? Wie sonst? Die Katz’? Ach, was! Nicht? Oder ihr vielleicht? In’s Maul! Ich glaube —! Ich stieß sie mit dem Fuße heut hinunter, Als ich es sah. Gut, gut. Canaillen die! Die balzen sich und jungen, wo ein Platz ist. (kichernd). So soll ich hingehn? Ja, und meinen Gruß An Muhme Schwarzgewand, die Kuͤsterinn. Ich schickt’ ihr die Peruͤcke unversehrt Noch heut zuruͤck — ihm brauchst du nichts zu sagen. Verstehst du mich? Ich werd’ es schon bestellen. (ab.) Dritter Auftritt. Adam und Licht. Mir ahndet heut nichts Guts, Gevatter Licht. Warum? Es geht bunt Alles uͤber Ecke mir. Ist nicht auch heut Gerichtstag? Allerdings. Die Klaͤger stehen vor der Thuͤre schon. — Mir traͤumt’, es haͤtt’ ein Klaͤger mich ergriffen, Und schleppte vor den Richtstuhl mich; und ich, Ich saͤße gleichwohl auf dem Richtstuhl dort, Und schaͤlt’ und hunzt’ und schlingelte mich herunter, Und judicirt’ den Hals ins Eisen mir. Wie? Ihr euch selbst? So wahr ich ehrlich bin. Drauf wurden Beide wir zu Eins, und flohn, Und mußten in den Fichten uͤbernachten. Nun? Und der Traum meint ihr? Der Teufel hol’s. Wenn’s auch der Traum nicht ist, ein Schabernack, Sei’s, wie es woll’, ist wider mich im Werk! Die laͤpp’sche Furcht! Gebt ihr nur vorschrifts- maͤßig, Wenn der Gerichtsrath gegenwaͤrtig ist, Recht den Partheien auf dem Richterstuhle, Damit der Traum vom ausgehunzten Richter Auf andre Art nicht in Erfuͤllung geht. Vierter Auftritt. Der Gerichtsrath Walter (tritt auf). Die Vorigen. Gott gruͤß euch, Richter Adam. Ei willkommen! Willkommen, gnaͤd’ger Herr, in unserm Huisum! Wer konnte, du gerechter Gott, wer konnte So freudigen Besuches sich gewaͤrt’gen. Kein Traum, der heute fruͤh Glock achte noch Zu solchem Gluͤcke sich versteigen durfte. Ich komm ein wenig schnell, ich weiß; und muß Auf dieser Reis’, in unsrer Staaten Dienst, Zufrieden sein, wenn meine Wirthe mich Mit wohlgemeintem Abschiedsgruß entlassen. Inzwischen ich, was meinen Gruß betrifft, Ich mein’s von Herzen gut, schon wenn ich komme. Das Obertribunal in Utrecht will Die Rechtspfleg’ auf dem platten Land verbessern, Die mangelhaft von mancher Seite scheint, Und strenge Weisung hat der Mißbrauch zu erwarten. Doch mein Geschaͤfft auf dieser Reis’ ist noch Ein strenges nicht, sehn soll ich bloß, nicht strafen, Und find ich gleich nicht Alles, wie es soll, Ich freue mich, wenn es ertraͤglich ist. Fuͤrwahr, so edle Denkart muß man loben. Ew. Gnaden werden hie und da, nicht zweifl’ ich, Den alten Brauch im Recht zu tadeln wissen; Und wenn er in den Niederlanden gleich Seit Kaiser Karl dem fuͤnften schon besteht: Was laͤßt sich in Gedanken nicht erfinden? Die Welt, sagt unser Sprichwort, wird stets kluͤger, Und Alles lies’t, ich weiß, den Puffendorff; Doch Huisum ist ein kleiner Theil der Welt, Auf den nicht mehr, nicht minder, als sein Theil nur Kann von der allgemeinen Klugheit kommen. Klaͤrt die Justiz in Huisum guͤtigst auf, Und uͤberzeugt euch, gnaͤd’ger Herr, ihr habt Ihr noch sobald den Ruͤcken nicht gekehrt, Als sie auch voͤllig euch befried’gen wird; Doch faͤndet ihr sie heut im Amte schon Wie ihr sie wuͤnscht, mein Seel, so waͤr’s ein Wunder, Da sie nur dunkel weiß noch, was ihr wollt. Es fehlt an Vorschriften, ganz recht. Vielmehr Es sind zu viel, man wird sie sichten muͤssen. Ja, durch ein großes Sieb. Viel Spreu! Viel Spreu! Das ist dort der Herr Schreiber? Der Schreiber Licht, Zu Eurer hohen Gnaden Diensten. Pfingsten Neun Jahre, daß ich im Justizamt bin. (bringt einen Stuhl). Setzt euch. Laßt sein. Ihr kommt von Holla schon. Zwei kleine Meilen — Woher wißt ihr das? Woher? Ew. Gnaden Diener — Ein Bauer sagt’ es, Der eben jetzt von Holla eingetroffen. Ein Bauer? Aufzuwarten. — Ja! Es trug sich Dort ein unangenehmer Vorfall zu, Der mir die heitre Laune stoͤrte, Die in Geschaͤften uns begleiten soll. — Ihr werdet davon unterrichtet sein? Waͤr’s wahr, gestrenger Herr? Der Richter Pfaul, Weil er Arrest in seinem Haus’ empfing, Verzweiflung haͤtt’ den Thoren uͤberrascht, Er hing sich auf? Und machte Uebel aͤrger. Was nur Unordnung schien, Verworrenheit, Nimmt jetzt den Schein an der Veruntreuung, Die das Gesetz, ihr wißt’s, nicht mehr verschont. — Wie viele Kassen habt ihr? Fuͤnf, zu dienen. Wie, fuͤnf! Ich stand im Wahn — Gefuͤllte Kassen? Ich stand im Wahn, daß ihr nur vier — Verzeiht! Mit der Rhein-Inundations-Collecten-Kasse? Mit der Inundations-Collecten-Kasse! Doch jetzo ist der Rhein nicht inundirt, Und die Collecten gehn mithin nicht ein. — Sagt doch, ihr habt ja wohl Gerichtstag heut? Ob wir —? Was? Ja, den ersten in der Woche. Und jene Schaar von Leuten, die ich draußen Auf eurem Flure sah, sind das —? Adam. Das werden — Die Klaͤger sind’s, die sich bereits versammeln. Gut. Dieser Umstand ist mir lieb, ihr Herren. Laßt diese Leute, wenn’s beliebt, erscheinen. Ich wohne dem Gerichtsgang bei; ich sehe Wie er in eurem Huisum uͤblich ist. Wir nehmen die Registratur, die Kassen, Nachher, wenn diese Sache abgethan. Wie ihr befehlt. — Der Buͤttel! He! Hanfriede! Fuͤnfter Auftritt. Die zweite Magd (tritt auf). Die Vorigen. Gruß von Frau Kuͤsterinn, Herr Richter Adam; So gern sie die Peruͤck’ euch auch — Wie? Nicht? Sie sagt, es waͤre Morgenpredigt heute; [3] Der Kuͤster haͤtte selbst die eine auf, Und seine andre waͤre unbrauchbar, Sie sollte heut zu dem Peruͤckenmacher. Verflucht! Sobald der Kuͤster wieder koͤmmt, Wird sie jedoch sogleich euch seine schicken. Auf meine Ehre, gnaͤd’ger Herr — Was giebt’s? Ein Zufall, ein verwuͤnschter, hat um beide Peruͤcken mich gebracht. Und jetzt bleibt mir Die dritte aus, die ich mir leihen wollte: Ich muß kahlkoͤpfig den Gerichtstag halten. Kahlkoͤpfig! Ja, beim ewigen Gott! So sehr Ich ohne der Peruͤcke Beistand um Mein Richteransehn auch verlegen bin. — Ich muͤßt’ es auf dem Vorwerk noch versuchen, Ob mir vielleicht der Paͤchter —? Auf dem Vorwerk! Kann jemand anders hier im Orte nicht —? Nein, in der That — Der Prediger vielleicht. Der Prediger? Der — Oder Schulmeister. Seit der Sackzehnde abgeschafft, Ew. Gnaden, Wozu ich hier im Amte mitgewirkt, Kann ich auf beider Dienste nicht mehr rechnen. Nun, Herr Dorfrichter? Nun? Und der Gerichts- tag? Denkt ihr zu warten, bis die Haar’ euch wachsen? Ja, wenn ihr mir erlaubt, schick’ ich auf’s Vorwerk. — Wie weit ist’s auf das Vorwerk? Ei! Ein kleines Halbstuͤndchen. Eine halbe Stunde, was! Und Eurer Sitzung Stunde schlug bereits. Macht fort! Ich muß noch heut nach Hussahe. Macht fort! Ja — Ei, so pudert euch den Kopf ein! Wo Teufel auch, wo ließt ihr die Peruͤcken? — Helft euch so gut ihr koͤnnt. Ich habe Eile. Auch das. (tritt auf). Hier ist der Buͤttel! Kann ich inzwischen Mit einem guten Fruͤhstuͤck, Wurst aus Braunschweig, Ein Glaͤschen Danziger etwa — Danke sehr. Ohn’ Umstaͤnd’! Dank’, ihr hoͤrt’s, hab’s schon genossen. Geht ihr, und nutzt die Zeit, ich brauche sie In meinem Buͤchlein etwas mir zu merken. Nun, wenn ihr so befehlt — Komm, Margarethe! — Ihr seid ja boͤs’ verletzt, Herr Richter Adam. Seid ihr gefallen? — Hab’ einen wahren Mordschlag Heut fruͤh, als ich dem Bett’ entstieg, gethan: Seht, gnaͤd’ger Herr Gerichtsrath, einen Schlag Ins Zimmer hin, ich glaubt’ es waͤr’ ins Grab. Das thut mir leid. — Es wird doch weiter nicht Von Folgen sein? Ich denke nicht. Und auch In meiner Pflicht soll’s weiter mich nicht stoͤren. — Erlaubt! Geht, geht! (zum Büttel). Die Klaͤger rufst du — Marsch! (Adam, die Magd und der Büttel ab.) Sechster Auftritt . Frau Marthe, Eve, Veit und Ruprecht (treten auf). — Walter und Licht (im Hintergrunde). Ihr krugzertruͤmmerndes Gesindel, ihr! Ihr sollt mir buͤßen, ihr! Sei sie nur ruhig, Frau Marth’! Es wird sich Alles hier entscheiden. O ja. Entscheiden. Seht doch. Den Klugschwaͤtzer. Den Krug mir, den zerbrochenen, entscheiden. Wer wird mir den geschied’nen Krug entscheiden? Hier wird entschieden werden, daß geschieden Der Krug mir bleiben soll. Fuͤr so’n Schiedsurtheil Geb’ ich noch die geschied’nen Scherben nicht. Wenn sie sich Recht erstreiten kann, sie hoͤrt’s, Ersetz’ ich ihn. Er mir den Krug ersetzen. Wenn ich mir Recht erstreiten kann, ersetzen. Setz’ er den Krug mal hin, versuch’ er’s mal, Setz’ er’n mal hin auf das Gesims! Ersetzen! Den Krug, der kein Gebein zum Stehen hat, Zum Liegen oder Sitzen hat, ersetzen! Sie hoͤrt’s! Was geifert sie? Kann man mehr thun? Wenn Einer ihr von uns den Krug zerbrochen, Soll sie entschaͤdigt werden. Ich entschaͤdigt! Als ob ein Stuͤck von meinem Hornvieh spraͤche. Meint er, daß die Justiz ein Toͤpfer ist? Und kaͤmen die Hochmoͤgenden und baͤnden Die Schuͤrze vor, und truͤgen ihn zum Ofen, Die koͤnnten sonst was in den Krug mir thun, Als ihn entschaͤdigen. Entschaͤdigen! Laß er sie, Vater. Folg’ er mir. Der Drache! S’ ist der zerbrochne Krug nicht, der sie wurmt, Die Hochzeit ist es, die ein Loch bekommen, Und mit Gewalt hier denkt sie sie zu flicken. Ich aber setze noch den Fuß Eins drauf: Verflucht bin ich, wenn ich die Metze nehme. Der eitle Flaps! Die Hochzeit ich hier flicken! Die Hochzeit, nicht des Flickdraths, unzerbrochen Nicht Einen von des Kruges Scherben werth. Und stuͤnd’ die Hochzeit blankgescheuert vor mir, Wie noch der Krug auf dem Gesimse gestern, So faßt’ ich sie beim Griff jetzt mit den Haͤnden, Und schluͤg’ sie gellend ihm am Kopf entzwei, Nicht aber hier die Scherben moͤcht’ ich flicken! Sie flicken! Ruprecht! Fort du —! Liebster Ruprecht! Mir aus den Augen! Ich beschwoͤre dich. Die Luͤderliche —! Ich mag nicht sagen, was. Laß mich ein einz’ges Wort dir heimlich — Nichts! — Du gehst zum Regimente jetzt, o Ruprecht, Wer weiß, wenn du erst die Muskete traͤgst, Ob ich dich je im Leben wieder sehe. Krieg ist’s, bedenke, Krieg, in den du ziehst: Willst du mit solchem Grolle von mir scheiden? Groll? Nein, bewahr’ mich Gott, das will ich nicht. Gott schenk’ dir so viel Wohlergehn, als er Eruͤbrigen kann. Doch kehrt ich aus dem Kriege Gesund, mit erzgegoßnem Leib zuruͤck, Und wuͤrd’ in Huisum achtzig Jahre alt, So sagt ich noch im Tode zu dir: Metze! Du willst’s ja selber vor Gericht beschwoͤren. (zu Eve). Hinweg! Was sagt’ ich dir? Willst du dich noch Beschimpfen lassen? Der Herr Corporal Ist was fuͤr dich, der wuͤrd’ge Holzgebein, Der seinen Stock im Militair gefuͤhrt, Und nicht dort der Maulaffe, der dem Stock Jetzt seinen Ruͤcken bieten wird. Heut ist Verlobung, Hochzeit, waͤre Taufe heute, Es waͤr’ mir recht, und mein Begraͤbniß leid’ ich, Wenn ich dem Hochmuth erst den Kamm zertreten, Der mir bis an die Kruͤge schwillet. Mutter! Laßt doch den Krug! Laßt mich doch in der Stadt ver- suchen, Ob ein geschickter Handwerksmann die Scherben, Nicht wieder euch zur Lust zusammenfuͤgt. Und waͤr’s um ihn geschehn, nehmt meine ganze Sparbuͤchse hin, und kauft euch einen neuen. Wer wollte doch um einen irdnen Krug, Und stammt er von Herodes Zeiten her, Solch einen Aufruhr, so viel Unheil stiften. Du sprichst, wie du’s verstehst. Willst du etwa Die Fiedel tragen, Evchen, in der Kirche Am naͤchsten Sonntag reuig Buße thun? Dein guter Name lag in diesem Topfe, Und vor der Welt mit ihm ward er zerstoßen, Wenn auch vor Gott nicht, und vor mir und dir. Der Richter ist mein Handwerksmann, der Schergen, Der Block ist’s, Peitschenhiebe, die es braucht, Und auf den Scheiterhaufen das Gesindel, Wenn’s unsre Ehre weiß zu brennen gilt, Und diesen Krug hier wieder zu glasiren. Siebenter Auftritt . Adam (im Ornat, doch ohne Perücke, tritt auf). Die Vorigen. (für sich). Ei, Evchen. Sieh! Und der vierschroͤt’ge Schlingel, Der Ruprecht! Ei, was Teufel, sieh! die ganze Sipp- schaft! — Die werden mich doch nicht bei mir verklagen? O liebste Mutter, folgt mir, ich beschwoͤr’ euch, Laßt diesem Ungluͤckszimmer uns entfliehen! Gevatter! Sagt mir doch, was bringen die? Was weiß ich? Laͤrm um nichts; Lappalien. Es ist ein Krug zerbrochen worden, hoͤr’ ich. Ein Krug! So! Ei! — Ei, wer zerbrach den Krug? Wer ihn zerbrochen? Ja, Gevatterchen. Mein Seel, setzt euch: so werdet ihr’s erfahren. (heimlich). Evchen! (gleichfalls). Geh er. Ein Wort. Ich will nichts wissen. Was bringt ihr mir? Ich sag’ ihm, er soll gehn. Evchen! Ich bitte dich! Was soll mir das bedeuten? Wenn er nicht gleich —! Ich sag’s ihm, laß er mich. (zu Licht). Gevatter, hoͤrt, mein Seel, ich halt’s nicht aus. Die Wund’ am Schienbein macht mir Uebelkeiten; Fuͤhrt ihr die Sach’, ich will zu Bette gehn. Zu Bett —? Ihr wollt —? Ich glaub’, ihr seit verruͤckt. Der Henker hol’s. Ich muß mich uͤbergeben. Ich glaub, ihr ras’t, im Ernst. So eben kommt ihr —? — Meinthalben. Sagt’s dem Herrn Gerichtsrath dort. Vieleicht erlaubt er’s. — Ich weiß nicht, was euch fehlt? (wieder zu Even). Evchen! Ich flehe dich! Um alle Wunden! Was ist’s, das ihr mir bringt? Er wird’s schon hoͤren. Ist’s nur der Krug dort, den die Mutter haͤlt, Den ich so viel —? Ja, der zerbrochne Krug nur. Und weiter nichts? Nichts weiter. Nichts? Gewiß nichts? Ich sag’ ihm, geh er. Laß er mich zufrieden. Hoͤr du, bei Gott, sei klug, ich rath’ es dir. Er, Unverschaͤmter! In dem Attest steht Der Nahme jetzt, Fracturschrift, Ruprecht Tuͤmpel. Hier trag’ ich’s fix und fertig in der Tasche; Hoͤrst du es knackern, Evchen? Sieh, das kannst du, Auf meine Ehr’, heut uͤbers Jahr dir holen. Dir Trauerschuͤrz’ und Mieder zuzuschneiden, Wenn’s heißt: der Ruprecht in Batavia Krepirt’ — ich weiß, an welchem Fieber nicht, War’s gelb, war’s scharlach, oder war es faul. Sprecht nicht mit den Parthei’n, Herr Richter Adam, Vor der Session! Hier setzt euch, und befragt sie. Was sagt er? — Was befehlen Ew. Gnaden? Was ich befehl’? — Ich sagte deutlich euch, Daß ihr nicht heimlich vor der Sitzung sollt Mit den Parthein zweideut’ge Sprache fuͤhren. Hier ist der Platz, der eurem Amt gebuͤhrt, Und oͤffentlich Verhoͤr, was ich erwarte. (für sich). Verflucht! Ich kann mich nicht dazu entschließen —! — Es klirrte etwas, da ich Abschied nahm — (ihn aufschreckend). Herr Richter! Seid ihr —? Ich? Auf Ehre nicht! Ich hatte sie behutsam drauf gehaͤngt, Und muͤßt’ ein Ochs gewesen sein — Was? Was? Ich fragte —? Ihr fragtet, ob ich —? Ob ihr taub seid, fragt’ ich. Dort Sr. Gnaden haben euch gerufen. Ich glaubte —? Wer ruft? Der Herr Gerichtsrath dort. (für sich). Ei! Hol’s der Henker auch! Zwei Faͤlle giebt’s, Mein Seel, nicht mehr, und wenn’s nicht biegt, so bricht’s. — Gleich! Gleich! Gleich! Was befehlen Ew. Gnaden? Soll jetzt die Procedur beginnen? Ihr seid ja sonderbar zerstreut. Was fehlt euch? — Auf Ehr’! Verzeiht. Es hat ein Perlhuhn mir, Das ich von einem Indienfahrer kaufte, Den Pips: ich soll es nudeln, und versteh’s nicht, Und fragte dort die Jungfer bloß um Rath. Ich bin ein Narr in solchen Dingen, seht, Und meine Huͤhner nenn’ ich meine Kinder. Hier. Setzt euch. Ruft den Klaͤger und vernehmt ihn. Und ihr, Herr Schreiber, fuͤhrt das Protokoll. Befehlen Ew. Gnaden den Proceß Nach den Formalitaͤten, oder so, Wie er in Huisum uͤblich ist, zu halten? Nach den gesetzlichen Formalitaͤten, Wie er in Huisum uͤblich ist, nicht anders. Gut, gut. Ich werd’ euch zu bedienen wissen. Seid ihr bereit, Herr Schreiber? Zu euren Diensten. — So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf! Klaͤgere trete vor. Frau Hier, Herr Dorfrichter! Wer seyd ihr? Wer —? Ihr. Wer ich —? Wer ihr seid! Wes Namens, Standes, Wohnorts, und so weiter. Ich glaub’, er spaßt, Herr Richter. Spaßen, was! Ich sitz’ im Namen der Justiz, Frau Marthe, Und die Justiz muß wissen, wer ihr seid. (halb laut). Laßt doch die sonderbare Frag’ — Ihr guckt Mir alle Sonntag in die Fenster ja, Wenn ihr auf’s Vorwerk geht! [4] Kennt ihr die Frau? Sie wohnt hier um die Ecke, Ew. Gnaden, Wenn man den Fußsteig durch die Hecken geht; Wittw’ eines Kastellans, Hebamme jetzt, Sonst eine ehrliche Frau, von gutem Rufe. Wenn ihr so unterrichtet seid, Herr Richter, So sind dergleichen Fragen uͤberfluͤßig. Setzt ihren Namen in das Protokoll, Und schreibt dabei: dem Amte wohlbekannt. Auch das. Ihr seid nicht fuͤr Formalitaͤten. Thut so, wie Sr. Gnaden anbefohlen. Fragt nach dem Gegenstand der Klage jetzt. Jetzt soll ich —? Ja, den Gegenstand ermitteln! Das ist gleichfalls ein Krug, verzeiht. Wie? Gleichfalls! Ein Krug. Ein bloßer Krug. Setzt einen Krug, Und schreibt dabei: dem Amte wohlbekannt. Auf meine hingeworfene Vermuthung Wollt ihr, Herr Richter —? Mein Seel, wenn ich’s euch sage, So schreibt ihrs hin. Ist’s nicht ein Krug, Frau Marthe? Ja, hier der Krug — Da habt ihr’s. Der zerbrochne — Pedantische Bedenklichkeit. Ich bitt’ euch — Und wer zerbrach den Krug? Gewiß der Schlingel —? Ja, er, der Schlingel dort — (für sich). Mehr brauch ich nicht. Das ist nicht wahr, Herr Richter. (für sich). Auf, aufgelebt, du alter Adam! Das luͤgt sie in den Hals hinein — Schweig, Maulaffe! Du steckst den Hals noch fruͤh genug in’s Eisen. — Setzt einen Krug, Herr Schreiber, wie gesagt, Zusammt dem Namen dess’, der ihn zerschlagen. Jetzt wird die Sache gleich ermittelt sein. Herr Richter! Ei! Welch’ ein gewaltsames Ver- fahren. Wie so? Wollt ihr nicht foͤrmlich —? Nein! sag’ ich; Ihr Gnaden lieben Foͤrmlichkeiten nicht. Wenn ihr die Instruction, Herr Richter Adam, Nicht des Prozesses einzuleiten weißt, Ist hier der Ort jetzt nicht, es euch zu lehren. Wenn ihr Recht anders nicht, als so, koͤnnt geben, So tretet ab: vielleicht kann’s euer Schreiber. Erlaubt! Ich gab’s, wie’s hier in Huisum uͤblich; Ew. Gnaden haben’s also mir befohlen. Ich haͤtt’ —? Auf meine Ehre! Ich befahl euch, Recht hier nach den Gesetzen zu ertheilen; Und hier in Huisum glaubt’ ich die Gesetze, Wie anderswo in den vereinten Staaten. Da muß submiß ich um Verzeihung bitten! Wir haben hier, mit Ew. Erlaubniß, Statuten, eigenthuͤmliche, in Huisum, Nicht aufgeschriebene, muß ich gestehn, doch durch Bewaͤhrte Tradition uns uͤberliefert. Von dieser Form, getrau ich mir zu hoffen, Bin ich noch heut kein Jota abgewichen. Doch auch in eurer andern Form bin ich, Wie sie im Reich mag uͤblich sein, zu Hause. Verlangt ihr den Beweis? Wohlan, befehlt! Ich kann Recht so jetzt, jetzo so ertheilen. Ihr gebt mir schlechte Meinungen, Herr Richter. Es sei. Ihr fangt von vorn die Sache an. — Auf Ehr’! Gebt Acht, ihr sollt zufrieden sein. — Frau Marthe Rull! Bringt eure Klage vor. Ich klag’, ihr wißt’s, hier wegen dieses Krugs; Jedoch vergoͤnnt, daß ich, bevor ich melde Was diesem Krug geschehen, auch beschreibe Was er vorher mir war. Das Reden ist an euch. Seht ihr den Krug, ihr werthgeschaͤtzten Herren? Seht ihr den Krug? O ja, wir sehen ihn. Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr; Der Kruͤge schoͤnster ist entzwei geschlagen. Hier grade auf dem Loch, wo jetzo nichts, Sind die gesammten niederlaͤndischen Provinzen Dem span’schen Philipp uͤbergeben worden. Hier im Ornat stand Kaiser Carl der fuͤnfte: Von dem seht ihr nur noch die Beine stehn. Hier kniete Philipp, und empfing die Krone: Der liegt im Topf, bis auf den Hintertheil, Und auch noch der hat einen Stoß empfangen. Dort wischten seine beiden Muhmen sich, Der Franzen und der Ungarn Koͤniginnen, Geruͤhrt die Augen aus; wenn man die Eine Die Hand noch mit dem Tuch empor sieht heben, So ist’s, als weinete sie uͤber sich. Hier im Gefolge stuͤtzt sich Philibert, Fuͤr den den Stoß der Kaiser aufgefangen, Noch auf das Schwerdt; doch jetzo muͤßt’ er fallen, So gut wie Maximilian: der Schlingel! Die Schwerdter unten jetzt sind weggeschlagen. Hier in der Mitte, mit der heil’gen Muͤtze, Sah man den Erzbischof von Arras stehn; Den hat der Teufel ganz und gar geholt, Sein Schatten nur faͤllt lang noch uͤbers Pflaster. Hier standen rings, im Grunde, Leibtrabanten, Mit Hellebarden, dicht gedraͤngt, und Spießen, Hier Haͤuser, seht, vom großen Markt zu Bruͤssel, Hier guckt noch ein Neugier’ger aus dem Fenster: Doch was er jetzo sieht, das weiß ich nicht. Frau Marth! Erlaßt uns das zerscherbte Pactum, Wenn es zur Sache nicht gehoͤrt. Uns geht das Loch — nichts die Provinzen an, Die darauf uͤbergeben worden sind. Erlaubt! Wie schoͤn der Krug, gehoͤrt zur Sache! — Den Krug erbeutete sich Childerich, Der Kesselflicker, als Oranien Briel mit den Wassergeusen uͤberrumpelte. Ihn hatt’ ein Spanier, gefuͤllt mit Wein, Just an den Mund gesetzt, als Childerich Den Spanier von hinten niederwarf, Den Krug ergriff, ihn leert’, und weiter ging. Ein wuͤrd’ger Wassergeuse. Hierauf vererbte Der Krug auf Fuͤrchtegott, den Todtengraͤber; Der trank zu dreimal nur, der Nuͤchterne, Und stets vermischt mit Wasser aus dem Krug. Das erstemal, als er im Sechzigsten Ein junges Weib sich nahm; drei Jahre drauf, Als sie noch gluͤcklich ihn zum Vater machte; Und als sie jetzt noch funfzehn Kinder zeugte, Trank er zum drittenmale, als sie starb. Gut. Das ist auch nicht uͤbel. Drauf fiel der Krug An den Zachaͤus, Schneider in Tirlemont, Der meinem seel’gen Mann, was ich euch jetzt Berichten will, mit eignem Mund erzaͤhlt. Der warf, als die Franzosen pluͤnderten, Den Krug, samt allem Hausrath, aus dem Fenster, Sprang selbst, und brach den Hals, der Ungeschickte, Und dieser irdne Krug, der Krug von Thon, Auf’s Bein kam er zu stehen, und blieb ganz. Zur Sache, wenns’ beliebt, Frau Marthe Rull! Zur Sache! Drauf in der Feuersbrunst von Sechs und sechszig, Da hatt’ ihn schon mein Mann, Gott hab’ ihn selig — Zum Teufel! Weib! So seid ihr noch nicht fertig? — Wenn ich nicht reden soll, Herr Richter Adam, So bin ich unnuͤtz hier, so will ich gehn, Und ein Gericht mir suchen, das mich hoͤrt. Ihr sollt hier reden: doch von Dingen nicht, Die eurer Klage fremd. Wenn ihr uns sagt, Daß jener Krug euch werth, so wissen wir So viel, als wir zum Richten hier gebrauchen. Wie viel ihr brauchen moͤget, hier zu richten, Daß weiß ich nicht, und untersuch’ es nicht; Daß aber weiß ich, daß ich, um zu klagen, Muß vor euch sagen duͤrfen, uͤber was. Gut denn. Zum Schluß jetzt. Was geschah dem Krug? Was? — Was geschah dem Krug im Feuer Von Anno sechs und sechszig? Wird man’s hoͤren? Was ist dem Krug geschehn? Was ihm geschehen? Nichts ist dem Krug, ich bitt’ euch sehr, ihr Herren, Nichts Anno sechs und sechszig ihm geschehen. Ganz blieb der Krug, ganz in der Flammen Mitte, Und aus des Hauses Asche zog ich ihn Hervor, glasirt, am andern Morgen, glaͤnzend, Als kaͤm’ er eben aus dem Toͤpferofen. Nun gut. Nun kennen wir den Krug. Nun wissen Wir Alles, was dem Krug geschehn, was nicht. Was giebt’s jetzt weiter? Nun diesen Krug jetzt setzt — den Krug, Zertruͤmmert einen Krug noch werth, den Krug Fuͤr eines Fraͤuleins Mund, die Lippe selbst, Nicht der Frau Erbstatthalterin zu schlecht, Den Krug, ihr hohen Herren Richter beide, Den Krug hat jener Schlingel mir zerbrochen. Wer? Er, der Ruprecht dort. Das ist gelogen, Herr Richter. Schweig’ er, bis man ihn fragen wird. Auch heut an ihn noch wird die Reihe kommen. — Habt ihr’s im Protocoll bemerkt? O ja. Erzaͤhlt den Hergang, wuͤrdige Frau Marthe. Es war Uhr eilfe gestern — Wann, sagt ihr? Uhr eilf. Am Morgen! Nein, verzeiht am Abend, Und schon die Lamp’ im Bette wollt’ ich loͤschen, Als laute Maͤnnerstimmen, ein Tumult, In meiner Tochter abgelegnen Kammer, Als ob der Feind einbraͤche, mich erschreckt. Geschwind’ die Trepp’ eil’ ich hinab, ich finde Die Kammerthuͤr gewaltsam eingesprengt, Schimpfreden schallen wuͤthend mir entgegen, Und da ich mir den Auftritt jetzt beleuchte, Was find’ ich jetzt, Herr Richter, was jetzt find’ ich? Den Krug find’ ich zerscherbt im Zimmer liegen, In jedem Winkel liegt ein Stuͤck, Das Maͤdchen ringt die Haͤnd’, und er der Flaps dort, Der trotzt, wie toll, euch in des Zimmers Mitte. Ei, Wetter! Was? Sieh da, Frau Marthe! Ja! — Drauf ist’s, als ob in so gerechtem Zorn, Mir noch zehn Arme wuͤchsen, jeglichen Fuͤhl’ ich mir wie ein Geier ausgeruͤstet. Ihn stell’ ich dort zu Rede, was er hier In spaͤter Nacht zu suchen, mir die Kruͤge Des Hauses tobend einzuschlagen habe: Und er, zur Antwort giebt er mir, jetzt rathet? Der Unverschaͤmte! Der Hallunke, der! Aufs Rad will ich ihn sehen, oder mich Nicht mehr geduldig auf den Ruͤcken legen: Er spricht, es hab’ ein Anderer den Krug Vom Sims’ gestuͤrzt — ein Anderer, ich bitt’ euch, Der vor ihm aus der Kammer nur entwichen; — Und uͤberhaͤuft mit Schimpf mir da das Maͤdchen. O! faule Fische — Hierauf? Auf dies Wort Seh’ ich das Maͤdchen fragend an; die steht Gleich einer Leiche da, ich sage: Eve! — Sie setzt sich; ist’s ein Anderer gewesen, Frag’ ich? Und Joseph und Marie, ruft sie, Was denkt ihr Mutter auch? — So sprich! Wer war’s? Wer sonst, sagt sie, — und wer auch konnt’ es anders? Und schwoͤrt mir zu, daß er’s gewesen ist. Was schwor ich euch? Was hab’ ich euch geschwo- ren? Nichts schwor ich, nichts euch — Eve! Nein! Dies luͤgt ihr. — Da hoͤrt ihr’s. Hund, jetzt, verfluchter, schweig, Soll hier die Faust den Rachen dir noch stopfen! Nachher ist Zeit fuͤr dich, nicht jetzt. Du haͤttest nicht —? Nein, Mutter! Dies verfaͤlscht ihr. Seht, leid thut’s in der That mir tief zur Seele, Daß ich es oͤffentlich erklaͤren muß: Doch nichts schwor ich, nichts, nichts hab’ ich ge- schworen. Seid doch vernuͤnftig, Kinder. Das ist ja seltsam. Du haͤttest mir, o Eve, nicht versichert? Nicht Joseph und Marie angerufen? Beim Schwur nicht! Schwoͤrend nicht! Seht dies jetzt schwdr’ ich, Und Joseph und Maria ruf ich an. Ei, Leutchen! Ei, Frau Marthe! Was auch macht sie? Wie schuͤchtert sie das gute Kind auch ein. Wenn sich die Jungfer wird besonnen haben, Erinnert ruhig dessen, was geschehen, — Ich sage was geschehen ist, und was, Spricht sie nicht, wie sie soll, geschehn noch kann: Gebt Acht, so sagt sie heut uns aus, wie gestern, Gleichviel, ob sie’s beschwoͤren kann ob nicht. Laßt Joseph und Maria aus dem Spiele. Nicht doch, Herr Richter, nicht! Wer wollte den Partheien so zweideut’ge Lehren geben. Wenn sie in’s Angesicht mir sagen kann, Schamlos, die liederliche Dirne, die, Daß es ein Andrer, als der Ruprecht war, So mag meintwegen sie — ich mag nicht sagen, was. Ich aber, ich versichr’ es euch, Herr Richter, Und kann ich gleich nicht, das sie’s schwor, behaupten, Daß sie’s gesagt hat gestern, daß beschwoͤr’ ich, Und Joseph und Maria ruf’ ich an. Nun weiter will ja auch die Jungfer — Herr Richter! Ew. Gnaden? — Was sagt er? Nicht, Herzens- Evchen? Heraus damit! Hast du’s mir nicht gesagt? Hast du’s mir gestern nicht, mir nicht gesagt? Wer laͤugnet euch, daß ich’s gesagt — Da habt ihr’s. Die Metze, die! Schreibt auf. Pfui, schaͤm’ sie sich. Walter. Von eurer Auffuͤhrung, Herr Richter Adam, Weiß ich nicht, was ich denken soll. Wenn ihr selbst Den Krug zerschlagen haͤttet, koͤnntet ihr Von euch ab den Verdacht nicht eifriger Hinwaͤlzen auf den jungen Mann, als jetzt. — Ihr setzt nicht mehr ins Protokoll, Herr Schreiber, Als nur der Jungfer Eingestaͤndniß, hoff’ ich, Vom gestrigen Gestaͤndniß, nicht vom Facto. — Ist’s an die Jungfer jetzt schon auszusagen? Mein Seel, wenn’s ihre Reihe noch nicht ist, In solchen Dingen irrt der Mensch, Ew. Gnaden. Wen haͤtt’ ich fragen sollen jetzt? Beklagten? Auf Ehr’! Ich nehme gute Lehre an. Wie unbefangen! — Ja, fragt den Beklagten. Fragt, macht ein Ende, fragt, ich bitt’ euch sehr: Dies ist die letzte Sache, die ihr fuͤhrt. Die letzte! Was! Ei freilich! Den Beklagten! Wohin auch, alter Richter, dachtest du? Verflucht, das pips’ge Perlhuhn mir! Daß es Krepirt waͤr an der Pest in Indien! Stets liegt der Kloß von Nudeln mir im Sinn. [5] Was liegt? Was fuͤr ein Kloß liegt euch —? Der Nudelkloß, Verzeiht, den ich dem Huhne geben soll. Schluckt mir das Aas die Pille nicht herunter, Mein Seel, so weiß ich nicht, wie’s werden wird. Thut eure Schuldigkeit, sag ich, zum Henker! Beklagter trete vor. Hier, Herr Dorfrichter. Ruprecht, Veits des Kossaͤthen Sohn, aus Huisum. Vernahm er dort, was vor Gericht so eben Frau Marthe gegen ihn hat angebracht? Ja, Herr Dorfrichter, das hab’ ich. Getraut er sich Etwas dagegen aufzubringen, was? Bekennt er, oder unterfaͤngt er sich, Hier wie ein gottvergeßner Mensch zu laͤugnen? Was ich dagegen aufzubringen habe, Herr Richter? Ei! Mit euerer Erlaubniß, Daß sie kein wahres Wort gesprochen hat. So? Und das denkt er zu beweisen? O ja. Die wuͤrdige Frau Marthe, die. Beruhige sie sich. Es wird sich finden. Was geht ihn die Frau Marthe an, Herr Richter? Was mir —? Bei Gott! Soll ich als Christ —? Bericht’ Er, was er fuͤr sich anzufuͤhren hat. — Herr Schreiber, wißt ihr den Prozeß zu fuͤhren? Ach, was! Ob ich — ei nun, wenn Ew. Gnaden — Was glotzt er da? Was hat er aufzubringen? Steht nicht der Esel, wie ein Ochse, da? Was hat er aufzubringen? Was ich aufzubringen? Er ja, er soll den Hergang jetzt erzaͤhlen. Mein Seel’, wenn man zu Wort mich kommen ließe. S’ ist in der That, Herr Richter, nicht zu dulden. Glock zehn Uhr mogt’ es etwa sein zu Nacht, — Und warm, just diese Nacht des Januars Wie Mai, als ich zum Vater sage: Vater! Ich will ein Bissel noch zur Eve gehn. Denn heuren wollt’ ich sie, daß muͤßt ihr wissen, Ein ruͤstig Maͤdel ist’s, ich hab’s beim Erndten Gesehn, wo Alles von der Faust ihr ging, Und ihr das Heu man flog, als wie gemaus’t. Da sagt’ ich: willst du? Und sie sagte: ach! Was du da gakelst. Und nachher sagt’ sie, ja. Bleib er bei seiner Sache. Gakeln! Was! Ich sagte, willst du? Und sie sagte, ja. Ja, meiner Treu, Herr Richter. Weiter! Weiter! Nun — Da sagt’ ich: Vater, hoͤrt er? Laß er mich. Wir schwatzen noch am Fenster was zusammen. Na, sagt er, lauf; bleibst du auch draußen, sagt er? Ja, meiner Seel’, sag’ ich, das ist geschworen. Na, sagt’ er, lauf, um eilfe bist du hier. Na, so sag’ du, und gakle, und kein Ende. Na, hat er bald sich ausgesagt? Na, sag’ ich, Das ist ein Wort, und setz’ die Muͤtze auf, Und geh; und uͤber’n Steig will ich, und muß Durch’s Dorf zuruͤckgehn, weil der Bach geschwollen. Ei, alle Wetter, denk’ ich, Ruprecht, Schlag! Nun ist die Gartenthuͤr bei Marthens zu: Denn bis um zehn laͤßt’s Maͤdel sie nur offen, Wenn ich um zehn nicht da bin, komm ich nicht. Die liederliche Wirthschaft, die. Drauf weiter? Drauf — wie ich uͤber’n Lindengang mich naͤh’re, Bei Marthens, wo die Reihen dicht gewoͤlbt, Und dunkel, wie der Dom zu Utrecht, sind, Hoͤr’ ich die Gartenthuͤre fernher knarren. Sieh da! Da ist die Eve noch! sag’ ich, Und schicke freudig euch, von wo die Ohren Mir Kundschaft brachten, meine Augen nach — — Und schelte sie, da sie mir wiederkommen, Fuͤr blind, und schicke auf der Stelle sie Zum zweitenmal, sich besser umzusehen, Und schimpfe sie nichtswuͤrdige Verlaͤumder, Aufhetzer, niedertraͤcht’ge Ohrenblaͤser, Und schicke sie zum drittenmal, und denke, Sie werden, weil sie ihre Pflicht gethan, Unwillig los sich aus dem Kopf mir reißen, Und sich in einen andern Dienst begeben: Die Eve ist’s, am Latz erkenn ich sie, Und Einer ist’s noch obenein. So? Einer noch? Und wer, er Klugschwaͤtzer? Wer? Ja, mein Seel, da fragt ihr mich — Nun also! Und nicht gefangen, denk ich, nicht gehangen. Fort! Weiter in der Rede! Laßt ihn doch! Was unterbrecht ihr ihn, Herr Dorfrichter? Ich kann das Abendmal darauf nicht nehmen, Stockfinster war’s, und alle Katzen grau. Doch muͤßt ihr wissen, daß der Flickschuster, Der Lebrecht, den man kuͤrzlich losgesprochen, Dem Maͤdel laͤngst mir auf die Faͤhrte ging. Ich sagte vor’gen Herbst schon: Eve, hoͤre, Der Schuft schleicht mir um’s Haus, das mag ich nicht; Sag’ ihm, daß du kein Braten bist fuͤr ihn, Mein Seel’, sonst werf ich ihn vom Hof herunter. Die spricht: ich glaub’, du schierst mich, sagt ihm was, Das ist nicht hin, nicht her, nicht Fisch, nicht Fleisch: Drauf geh ich hin, und werf’ den Schlingel herunter. So? Lebrecht heißt der Kerl? Ja, Lebrecht. Gut. Das ist ein Nam’. Es wird sich Alles finden. — Habt ihr’s bemerkt im Protokoll, Herr Schreiber? O ja, und Alles Andere, Herr Richter. Sprich weiter, Ruprecht, jetzt, mein Sohn. Nun schießt, Da ich Glock eilf das Paͤrchen hier begegne, — Glock zehn Uhr zog ich immer ab — das Blatt mir. Ich denke, halt, jetzt ist’s noch Zeit, o Ruprecht, Noch wachsen dir die Hirschgeweihe nicht: — Hier mußt du sorgsam dir die Stirn befuͤhlen, Ob dir von fern hornartig etwas keimt. Und druͤcke sacht mich durch die Gartenpforte, Und berg’ in einen Strauch von Taxus mich: Und hoͤr euch ein Gefispre hier, ein Scherzen, Ein Zerren hin, Herr Richter, Zerren her, Mein Seel, ich denk’, ich soll vor Lust — Du Boͤs’wicht! Was das, o schaͤndlich ist von dir! Hallunke! Dir weis’ ich noch einmal, wenn wir allein sind, Die Zaͤhne! Wart! Du weißt noch nicht, wo mir Die Haare wachsen! Du sollst’s erfahren! Ein Viertelstuͤndchen dauert’s so, ich denke, Was wird’s doch werden, ist doch heut nicht Hochzeit? Und eh’ ich den Gedanken ausgedacht, Husch! sind sie beid’ in’s Haus schon, vor dem Pastor. Geht, Mutter, mag es werden, wie es will — Schweig du mir dort, rath’ ich, das Donnerwetter Schlaͤgt uͤber dich ein, unberufne Schwaͤtzerin! Wart, bis ich auf zur Red’ dich rufen werde. Sehr sonderbar, bei Gott! Jetzt hebt, Herr Richter Adam, Jetzt hebt sich’s, wie ein Blutsturz, mir. Luft! Da mir der Knopf am Blustlatz springt: Luft jetzt! Und reiße mir den Latz auf: Luft jetzt sag’ ich! Und geh, und druͤck, und tret’ und donnere, Da ich der Dirne Thuͤr, verriegelt finde, Gestemmt, mit Macht, auf einen Tritt, sie ein. Blitzjunge, du! Just da sie auf jetzt rasselt, Stuͤrzt dort der Krug vom Sims ins Zimmer hin, Und husch! springt Einer aus dem Fenster euch: Ich seh die Schoͤße noch vom Rocke wehn. War das der Leberecht? Wer sonst, Herr Richter? Das Maͤdchen steht, die werf’ ich uͤber’n Haufen, Zum Fenster eil’ ich hin, und find’ den Kerl Noch in den Pfaͤhlen hangen, am Spalier, Wo sich das Weinlaub aufrankt bis zum Dach. Und da die Klinke in der Hand mir blieb, Als ich die Thuͤr eindonnerte, so reiß’ ich Jetzt mit dem Stahl Eins pfundschwer uͤber’n Detz ihm: Den just, Herr Richter, konnt’ ich noch erreichen. Wars eine Klinke? Was? Ob’s — Ja, die Thuͤrklinke. Darum. Ihr glaubtet wohl, es war ein Degen? Ein Degen? Ich — wie so? Ein Degen! Je nun! Man kann sich wohl verhoͤren. Eine Klinke Hat sehr viel Aehnlichkeit mit einem Degen. Ich glaub’ —! Bei meiner Treu! Der Stiel, Herr Richter? Der Stiel! Der Stiel! Der wars nun aber nicht. Der Klinke umgekehrtes Ende war’s. Das umgekehrte Ende war’s der Klinke! So! So! Doch auf dem Griffe lag ein Klumpen Blei, wie ein Degengriff, das muß ich sagen. Ja, wie ein Griff. Gut. Wie ein Degengriff. Doch irgend eine tuͤcksche Waffe mußt’ es Gewesen sein. Das wußt’ ich wohl. Zur Sache stets, ihr Herrn, doch! Zur Sache! Nichts als Allotrien, Herr Schreiber! — Er, weiter! Jetzt stuͤrzt der Kerl, und ich schon will mich wenden, Als ich’s im Dunkeln auf sich rappeln sehe. Ich denke, lebst du noch? und steig auf’s Fenster Und will dem Kerl das Gehen unten legen: Als jetzt, ihr Herrn, da ich zum Sprung just aushol’, Mir eine Handvoll grobgekoͤrnten Sandes — — Und Kerl und Nacht und Welt und Fensterbrett, Worauf ich steh, denk’ ich nicht, straf mich Gott, Das Alles faͤllt in einen Sack zusammen — Wie Hagel, stiebend, in die Augen fliegt. Verflucht! Sieh da! Wer that das? Wer? Der Lebrecht. Hallunke! Meiner Treu! Wenn er’s gewesen. Wer sonst! Als stuͤrzte mich ein Schlossenregen Von eines Bergs zehn Klaftern hohen Abhang, So schlag’ ich jetzt vom Fenster euch ins Zimmer: Ich denk’ ich schmettere den Boden ein. Nun brech’ ich mir den Hals doch nicht, auch nicht Das Kreuz mir, Huͤften, oder sonst, inzwischen Konnt’ ich des Kerls doch nicht mehr habhaft werden, Und sitze auf, und wische mir die Augen. Die kommt, und ach, Herr Gott! ruft sie, und Ru- precht! Was ist dir auch? Mein Seel’, ich hob den Fuß, Gut war’s, das ich nicht sah, wohin ich stieß. Kam das vom Sande noch? Vom Sandwurf, ja. Verdammt! Der traf! Da ich jetzt aufersteh’ Was sollt’ ich auch die Faͤuste hier mir schaͤnden? So schimpf’ ich sie, und sage liederliche Metze, Und denke, das ist gut genug fuͤr sie. Doch Thraͤnen, seht, ersticken mir die Sprache. Denn da Frau Marthe jetzt in’s Zimmer tritt, Die Lampe hebt, und ich das Maͤdchen dort Jetzt schlotternd, zum Erbarmen vor mir sehe, Sie, die so herzhaft sonst wohl um sich sah, So sag’ ich zu mir, blind ist auch nicht uͤbel. Ich haͤtte meine Augen hingegeben, Knippkuͤgelchen, wer will, damit zu spielen. Er ist nicht werth, der Boͤs’wicht — Sie soll schweigen. Das Weitre wißt ihr. Wie, das Weitere? Nun ja, Frau Marthe kam, und geiferte, Und Ralf, der Nachbar, kam, und Hinz, der Nachbar, Und Muhme Sus’ und Muhme Liese kamen, Und Knecht und Maͤgd’ und Hund’ und Katzen kamen, S’ war ein Spektakel, und Frau Marthe fragte Die Jungfer dort, wer ihr den Krug zerschlagen, Und die, die sprach, ihr wißt’s, das ich’s gewesen. Mein Seel’, sie hat so Unrecht nicht, ihr Herren. Den Krug, den sie zu Wasser trug, zerschlug ich, Und der Flickschuster hat im Kopf ein Loch. — Frau Marthe! Was entgegnet ihr der Rede? Sagt an! Was ich der Red entgegene? Daß sie, Herr Richter, wie der Marder einbricht, Und Wahrheit wie ein gakelnd Huhn erwuͤrgt. Was Recht liebt, sollte zu den Keulen greifen, Um dieses Ungethuͤm der Nacht zu tilgen. Da wird sie den Beweis uns fuͤhren muͤssen. O ja, sehr gern. Hier ist mein Zeuge. — Rede! Die Tochter? Nein, Frau Marthe. Nein? Warum nicht? Als Zeuginn, gnaͤd’ger Herr? Steht im Gesetzbuch Nicht titulo, ist’s quarto? oder quinto? Wenn Kruͤge oder sonst, was weiß ich? Von jungen Bengeln sind zerschlagen worden, So zeugen Toͤchter ihren Muͤttern nicht? In eurem Kopf liegt Wissenschaft nnd Irrthum Geknetet, innig, wie ein Teig, zusammen; Mit jedem Schnitte gebt ihr mir von beidem. Die Jungfer zeugt noch nicht, sie deklarirt jetzt; Ob, und fuͤr wen, sie zeugen will und kann, Wird erst aus der Erklaͤrung sich ergeben. Ja, deklariren. Gut. Titulo sexto. Doch was sie sagt, das glaubt man nicht. Tritt vor, mein junges Kind. He! Lis’ —! — Erlaubt! Die Zunge wird sehr trocken mir — Margrethe! Achter Auftritt. Eine Magd (tritt auf). Die Vorigen. Ein Glas mit Wasser! — Gleich! Kann ich euch gleichfalls —! Walter . Ich danke. Franz? oder Mos’ler? Was ihr wollt. Walter (verneigt sich; die Magd bringt Wasser und entfernt sich.) Neunter Auftritt. Walter. Adam. Frau Marthe u. s. w. ohne die Magd. — Wenn ich freimuͤthig reden darf, Ihr Gnaden, Die Sache eignet gut sich zum Vergleich. Sich zum Vergleich? Das ist nicht klar, Herr Richter. Vernuͤnft’ge Leute koͤnnen sich vergleichen; Doch wie ihr den Vergleich schon wollt bewirken, Da noch durchaus die Sache nicht entworren, Das haͤtt’ ich wohl von euch zu hoͤren Lust. Wie denkt ihr’s anzustellen, sagt mir an? Habt ihr ein Urtheil schon gefaßt? Mein Seel! Wenn ich, da das Gesetz im Stich mich laͤßt, [6] Philosophie zu Huͤlfe nehmen soll, So war’s — der Leberecht — Wer? Oder Ruprecht — Wer? Oder Lebrecht, der den Krug zerschlug. Wer also war’s? Der Lebrecht oder Ruprecht? Ihr greift, ich seh, mit eurem Urtheil ein, Wie eine Hand in einen Sack voll Erbsen. Erlaubt! Schweigt, schweigt, ich bitt’ euch. Wie ihr wollt. Auf meine Ehr, mir waͤr’s vollkommen recht, Wenn sie es alle beid’ gewesen waͤren. Fragt dort, so werdet ihr’s erfahren. Sehr gern. Doch wenn ihr’s heraus bekommt, bin ich ein Schuft. — Habt ihr das Protokoll da in Bereitschaft? Vollkommen. Gut. Und brech’ ein eignes Blatt mir, Begierig, was darauf zu stehen kommt. Ein eignes Blatt? Auch gut. Sprich dort, mein Kind. Sprich, Evchen, hoͤrst du, sprich jetzt, Jungfer Evchen! Gieb Gotte, hoͤrst du, Herzchen, gieb, mein Seel, Ihm und der Welt, gieb ihm was von der Wahrheit. Denk, daß du hier vor Gottes Richtstuhl bist, Und das du deinen Richter nicht mit Laͤugnen, Und Plappern, was zur Sache nicht gehoͤrt, Betruͤben mußt. Ach, was! Du bist vernuͤnftig. Ein Richter immer, weißt du, ist ein Richter, Und Einer braucht ihn heut, und Einer morgen. Sagst du, daß es der Lebrecht war: nun gut; Und sagst du, daß es Ruprecht war: auch gut! Sprich so, sprich so, ich bin kein ehrlicher Kerl, Es wird sich Alles, wie du’s wuͤnschest finden. Willst du mir hier von einem andern traͤtschen, Und dritten etwa, dumme Namen nennen: Sieh, Kind, nimm dich in Acht, ich sag’ nichts weiter. In Huisum, hol’s der Henker, glaubt dir’s keiner, Und Keiner, Evchen, in den Niederlanden, Du weißt, die weißen Waͤnde zeugen nicht, Der auch wird zu vertheidigen sich wissen: Und deinen Ruprecht holt die Schwerenoth! Wenn ihr doch eure Reden lassen wolltet. Geschwaͤtz, gehauen nicht und nicht gestochen. Verstehen’s Ew. Gnaden nicht? Macht fort! Ihr habt zulaͤngst hier auf dem Stuhl gesprochen. Auf Ehr! Ich habe nicht studirt, Ew. Gnaden. Bin ich euch Herrn aus Utrecht nicht verstaͤndlich, Mit diesem Volk vielleicht verhaͤlt sich’s anders: Die Jungfer weiß, ich wette, was ich will. Was soll das? Dreist heraus jetzt mit der Sprache! O liebste Mutter! Du —! Ich rathe dir! Mein Seel, ’s ist schwer, Frau Marthe, dreist zu sprechen, Wenn das Gewissen an der Kehl’ uns sitzt. Schweig’ er jetzt, Nas’weis, mucks’ er nicht. Wer war’s? O Jesus! Maulaffe, der! Der niedertraͤchtige! O Jesus! Als ob sie eine Hure waͤre. War’s der Herr Jesus? Frau Marthe! Unvernunft! Was das fuͤr —! Laß sie die Junfer doch gewaͤhren! Das Kind einschrecken — Hure — Schaafsgesicht! So wird’s uns nichts. Sie wird sich schon besinnen. O ja, besinnen. Flaps dort, schweig er jetzt. Der Flickschuster wird ihr schon einfallen. Der Satan! Ruft den Buͤttel! He! Hanfriede! Nun, nun! Ich schweig’, Herr Richter, laßt’s nur sein. Sie wird euch schon auf meinen Nahmen kommen. Hoͤr du, mach mir hier kein Spektakel, sag’ ich. Hoͤr, neun und vierzig bin ich alt geworden In Ehren: funfzig moͤcht’ ich gern erleben. Den dritten Februar ist mein Geburtstag; Heut ist der erste. Mach es kurz. Wer war’s? Gut, meinethalben! Gut, Frau Marthe Rull! Der Vater sprach, als er verschied: Hoͤr’, Marthe, Dem Maͤdel schaff mir einen wackern Mann; Und wird sie eine liederliche Metze, So gieb dem Todtengraͤber einen Groschen, Und laß mich wieder auf den Ruͤcken legen: Mein Seel, ich glaub ich kehr’ im Grab mich um. Nun, das ist auch nicht uͤbel. Willst du Vater Und Mutter jetzt, mein Evchen, nach dem vierten Gebot hoch ehren, gut, so sprich in meine Kammer Ließ ich den Schuster, oder einen dritten, Hoͤrst du? Der Braͤut’gam aber war es nicht. Sie jammert mich. Laßt doch den Krug, ich bitt’ euch; Ich will’n nach Utrecht tragen. Solch’ ein Krug —. Ich wollt’ ich haͤtt’ ihn nur entzwei geschlagen. Unedelmuͤth’ger, du! Pfui, schaͤme dich, Daß du nicht sagst, gut, ich zerschlug den Krug! Pfui, Ruprecht, pfui, o schaͤme dich, daß du Mir nicht in meiner That vertrauen kannst. Gab’ ich die Hand dir nicht, und sagte, ja, Als du mich fragtest, Eve, willst du mich? Meinst du, daß du den Flickschuster nicht werth bist? Und haͤttest du durch’s Schluͤsselloch mich mit Dem Lebrecht aus dem Kruge trinken sehen, Du haͤttest denken sollen: Ev’ ist brav, Es wird sich alles ihr zum Ruhme loͤsen, Und ist’s im Leben nicht, so ist es jenseits, Und wenn wir auferstehn ist auch ein Tag. Mein Seel, das dauert mir zu lange, Evchen. Was ich mit Haͤnden greife, glaub’ ich gern. Gesetzt, es waͤr der Leberecht gewesen, Warum — des Todes will ich ewig sterben, Haͤtt’ ich’s dir Einzigem nicht gleich vertraut; Jedoch warum vor Nachbarn, Knecht und Maͤgden — Gesetzt, ich haͤtte Grund, es zu verbergen, Warum, o Ruprecht, sprich, warum nicht sollt’ ich, Auf dein Vertraun hin sagen, daß du’s warst? Warum nicht sollt’ ich’s? Warum sollt’ ich’s nicht? Ei, so zum Henker, sag’s, es ist mir Recht, Wenn du die Fiedel dir ersparen kannst. O du Abscheulicher! Du Undankbarer! Werth, daß ich mir die Fiedel spare! Werth, Daß ich mit einem Wort zu Ehren mich, Und dich in ewiges Verderben bringe. Nun —? Und dies einz’ge Wort —? Halt uns nicht auf. Der Ruprecht also war es nicht? Nein gnaͤd’ger Herr, weil ers denn selbst so will, Um seinetwillen nur verschwieg ich es: Den irdnen Krug zerschlug der Ruprecht nicht, Wenn er’s euch selber laͤugnet, koͤnnt ihr’s glauben. Eve! Der Ruprecht nicht? Nein, Mutter, nein! Und wenn ich’s gestern sagte, war’s gelogen. Hoͤr, dir zerschlag’ ich alle Knochen! (sie setzt den Krug nieder). Thut, was ihr wollt. (drohend). Frau Marthe! He! Der Buͤttel! — Schmeißt sie heraus dort, die verwuͤnschte Vettel! Warum soll’s Ruprecht just gewesen sein. Hat sie das Licht dabei gehalten, was? Die Jungfer, denk’ ich, wird es wissen muͤssen: Ich bin ein Schelm, wenn’s nicht der Lebrecht war. War es der Lebrecht etwa? War’s der Lebrecht? Sprich, Evchen, war’s der Lebrecht nicht, mein Herzchen? Er Unverschaͤmter, er! Er Niedertraͤcht’ger! Wie kann er sagen, daß es Lebrecht — Jungfer! Was untersteht sie sich? Ist das mir der Respekt, den sie dem Richter schuldig ist? Ei, was! Der Richter dort! Werth, selbst vor dem Gericht, ein armer Suͤnder, dazustehen — — Er, der wohl besser weiß, wer es gewesen! (sich zum Dorfrichter wendend:) Hat er den Lebrecht in die Stadt nicht gestern Geschickt nach Utrecht, vor die Commission, Mit dem Attest, die die Rekruten aushebt? Wie kann er sagen, daß es Lebrecht war, Wenn er wohl weiß, daß der in Utrecht ist? Nun wer denn sonst? Wenn’s Lebrecht nicht, zum Henker — Nicht Ruprecht ist, nicht Lebrecht ist — — Was machst du? Mein Seel’, Herr Richter Adam, laßt euch sagen, Hierin mag doch die Jungfer just nicht luͤgen, Dem Lebrecht bin ich selbst begegnet gestern, Als er nach Utrecht ging, fruͤh war’s Glock acht, Und wenn er auf ein Fuhrwerk sich nicht lud, Hat sich der Kerl, krumbeinig wie er ist, Glock zehn Uhr Nachts noch nicht zuruͤck gehaspelt. Es kann ein dritter wohl gewesen sein. Ach, was! Krumbeinig! Schaafsgesicht! Der Kerl Geht seinen Stiefel, der, trotz Einem. Ich will von ungespaltnem Leibe sein, Wenn nicht ein Schaͤferhund von maͤß’ger Groͤße Muß seinen Trab gehen, mit ihm fortzukommen. Erzaͤhl’ den Hergang uns. Verzeih’n Ew. Gnaden! Hierauf wird euch die Jungfer schwerlich dienen. Nicht dienen? Mir nicht dienen? Und warum nicht? Ein twatsches Kind. Ihr seht’s. Gut, aber twatsch. Blutjung, gefirmelt kaum; das schaͤmt sich noch, Wenn’s einen Bart von weitem sieht. So’n Volk Im Finstern leiden sie’s, und wenn es Tag wird, So laͤugnen sie’s vor ihrem Richter ab. Ihr seid sehr nachsichtsvoll, Herr Richter Adam, Sehr mild, in allem, was die Jungfer angeht. Die Wahrheit euch zu sagen, Herr Gerichtsrath, Ihr Vater war ein guter Freund von mir. Wollen Ew. Gnaden heute huldreich sein, So thun wir hier nicht mehr, als unsre Pflicht, Und lassen seine Tochter gehn. Ich spuͤre große Lust in mir, Herr Richter, Der Sache voͤllig auf den Grund zu kommen. — Sei dreist, mein Kind; sag, wer den Krug zerschlagen. Vor niemand stehst du, in dem Augenblick, Der einen Fehltritt nicht verzeihen koͤnnte. Mein lieber, wuͤrdiger und gnaͤd’ger Herr, Erlaßt mir, euch den Hergang zu erzaͤhlen. Von dieser Weig’rung denkt uneben nicht. Es ist des Himmels wunderbare Fuͤgung, Die mir den Mund in dieser Sache schließt. Daß Ruprecht jenen Krug nicht traf, will ich Mit einem Eid, wenn ihr’s verlangt, Auf heiligem Altar bekraͤftigen. Jedoch die gestrige Begebenheit, Mit jedem andern Zuge, ist mein eigen, Und nicht das ganze Garnstuͤck kann die Mutter, Um eines einz’gen Fadens willen, fordern, Der, ihr gehoͤrig, durch’s Gewebe laͤuft. Ich kann hier, wer den Krug zerschlug, nicht melden, Geheimnisse, die nicht mein Eigenthum, Muͤßt’ ich, dem Kruge voͤllig fremd, beruͤhren. Fruͤh oder spaͤt, will ich’s ihr anvertrauen, Doch hier das Tribunal ist nicht der Ort, Wo sie das Recht hat, mich darnach zu fragen. Nein, Rechtens nicht. Auf meine Ehre nicht. Die Jungfer weiß, wo unsre Zaͤume haͤngen. Wenn sie den Eid hier vor Gericht will schwoͤren, So faͤllt der Mutter Klage weg: Dagegen ist nichts weiter einzuwenden. Was sagt zu der Erklaͤrung sie, Frau Marthe? Wenn ich gleich was Erkleckliches nicht aufbring’, Gestrenger Herr, so glaubt, ich bitt’ euch sehr, Daß mir der Schlag bloß jetzt die Zunge laͤhmte. Beispiele giebts, daß ein verlohrner Mensch, Um vor der Welt zu Ehren sich zu bringen, Den Meineid vor dem Richterstuhle wagt; doch daß Ein falscher Eid sich schwoͤren kann, auf heil’gem Altar, um an den Pranger hinzukommen, Das heut erfaͤhrt die Welt zum erstenmal. Waͤr’, daß ein Andrer, als der Ruprecht sich In ihre Kammer gestern schlich, gegruͤndet, Waͤr’s uͤberall nur moͤglich, gnaͤd’ger Herr, Versteht mich wohl, — so saͤumt ich hier nicht laͤnger. Den Stuhl setzt’ ich, zur ersten Einrichtung, Ihr vor die Thuͤr’, und sagte, geh, mein Kind, Die Welt ist weit, da zahlst du keine Miethe, Und lange Haare hast du auch geerbt, Woran du dich, kommt Zeit, kommt Rath, kannst haͤngen. Ruhig, ruhig, Frau Marthe. Da ich jedoch Hier den Beweis noch anders fuͤhren kann, Als bloß durch sie, die diesen Dienst mir weigert, Und uͤberzeugt bin voͤllig, daß nur er Mir, und kein Anderer den Krug zerschlug, So bringt die Lust, es kurz hin abzuschwoͤren, Mich noch auf einen schaͤndlichen Verdacht. Die Nacht von gestern birgt ein anderes Verbrechen noch, als bloß die Krugverwuͤstung. Ich muß euch sagen, gnaͤd’ger Herr, daß Ruprecht Zur Conscription gehoͤrt, in wenig Tagen Soll er den Eid zur Fahn’ in Utrecht schwoͤren. Die jungen Landessoͤhne reißen aus. Gesetzt, er haͤtte gestern Nacht gesagt: Was meinst du, Evchen? Komm. Die Welt ist groß. Zu Kist’ und Kasten hast du ja die Schluͤssel — Und sie, sie haͤtt’ ein wenig sich gesperrt: So haͤtte ohngefaͤhr, da ich sie stoͤrte, — Bei ihm aus Rach’, aus Liebe noch bei ihr — Der Rest, so wie geschehn, erfolgen koͤnnen. Das Rabenaas! Was das fuͤr Reden sind! Zu Kist’ und Kasten — Still! Er, austreten! Zur Sache hier. Vom Krug ist hier die Rede. — Beweis, Beweis, daß Ruprecht ihn zerbrach! Gut, gnaͤd’ger Herr. Erst will ich hier beweisen, Daß Ruprecht mir den Krug zerschlug, Und dann will ich im Hause untersuchen. — Seht eine Zunge, die mir Zeugniß redet, Bring’ ich fuͤr jedes Wort auf, das er sagte, Und haͤtt’ in Reihen gleich sie aufgefuͤhrt, Wenn ich von fern geahndet nur, daß diese Die ihrige fuͤr mich nicht brauchen wuͤrde. Doch wenn ihr Frau Brigitte jetzo ruft, Die ihm die Muhm’ ist, so genuͤgt mir die, Weil die den Hauptpunkt just bestreiten wird. Denn die, die hat Glock halb auf eilf im Garten, Merkt wohl, bevor der Krug zertruͤmmert worden, Wortwechselnd mit der Ev’ ihn schon getroffen; Und wie die Fabel, die er aufgestellt, Vom Kopf zu Fuß dadurch gespalten wird, Durch diese einz’ge Zung’, ihr hohen Richter, Das uͤberlaß’ ich selbst euch einzusehn. Wer hat mich —? Schwester Briggy? Mich mit Ev’? Im Garten? Ihn mit der Ev’, im Garten, Glock halb eilf, Bevor er noch, wie er geschwaͤtzt, um eilf Das Zimmer uͤberrumpelnd eingesprengt: Im Wortgewechsel, kosend bald, bald zerrend, Als wollt’ er sie zu etwas uͤberreden. (für sich). Verflucht! Der Teufel ist mir gut. Schafft diese Frau herbei. Ruprecht. Ihr Herrn, ich bitt’ euch: Das ist kein wahres Wort, das ist nicht moͤglich. O wart, Hallunke! — He! Der Buͤttel! Han- fried! — Denn auf der Flucht zerschlagen sich die Kruͤge — — Herr Schreiber, geht, schafft Frau Brigitt’ herbei! Hoͤr, du verfluchter Schlingel, du, was machst du? Dir brech ich alle Knochen noch. Weshalb auch? Warum verschwiegst du, daß du mit der Dirne Glock halb auf eilf im Garten schon scharwenzt? Warum verschwiegst du’s? Warum ich’s verschwieg? Gott’s Schlag und Donner, weil’s nicht wahr ist, Vater! Wenn das die Muhme Briggy zeugt, so haͤngt mich. Und bei den Beinen sie meinthalb dazu. Wenn aber sie’s bezeugt — nimm dich in Acht! Du und die saub’re Jungfer Eve dort, Wie ihr auch vor Gericht euch stellt, ihr steckt [7] Doch unter einer Decke noch. S’ ist irgend Ein schaͤndliches Geheimniß noch, von dem Sie weiß, und nur aus Schonung hier nichts sagt. Geheimniß! Welches? Warum hast du eingepackt? He? Warum hast du gestern Abend eingepackt? Die Sachen? Roͤcke, Hosen, ja, und Waͤsche; Ein Buͤndel, wie’s ein Reisender just auf Die Schultern wirft? Weil ich nach Utrecht soll! Weil ich zum Regiment soll! Himmel-Donner —! Glaubt er, daß ich —? Nach Utrecht? Ja, nach Utrecht! Du hast geeilt, nach Utrecht hinzukommen! Vorgestern wußtest du noch nicht, ob du Den fuͤnften oder sechsten Tag wirst reisen. Weiß er zur Sache was zu melden, Vater? — Gestrenger Herr, ich will noch nichts behaupten. Ich war daheim, als sich der Krug zerschlug, Und auch von einer andern Unternehmung Hab’ ich, die Wahrheit zugestehn, noch nichts, Wenn ich jedweden Umstand wohl erwaͤge, Das meinen Sohn verdaͤchtig macht, bemerkt. Von seiner Unschuld voͤllig uͤberzeugt, Kam ich hieher, nach abgemachtem Streit Sein ehelich Verloͤbniß aufzuloͤsen, Und ihm das Silberkettlein einzufordern, Zusamt dem Schaupfennig, den er der Jungfer Bei dem Verloͤbniß vor’gen Herbst verehrt. Wenn jetzt von Flucht was, und Verraͤtherei An meinem grauen Haar zu Tage kommt, So ist mir das so neu, ihr Herrn, als euch: Doch dann der Teufel soll den Hals ihm brechen. Schafft Frau Brigitt’ herbei, Herr Richter Adam. — Wird Ew. Gnaden diese Sache nicht Ermuͤden? Sie zieht sich in die Laͤnge. Ew. Gnaden haben meine Kassen noch, Und die Registratur — Was ist die Glocke? Es schlug so eben halb. Auf eilf! Verzeiht, auf zwoͤlfe. Gleichviel. Ich glaub’, die Zeit ist, oder ihr verruͤckt. (er sieht nach der Uhr) Ich bin kein ehrlicher Mann. — Ja, was befehlt ihr? Ich bin der Meinung — Abzuschließen? Gut —! Erlaubt! Ich bin der Meinung, fortzufahren. Ihr seid der Meinung — Auch gut. Sonst wuͤrd’ ich Auf Ehre, morgen fruͤh, Glock neun, die Sache, Zu euerer Zufriedenheit beend’gen. Ihr wißt um meinen Willen. Wie ihr befehlt. Herr Schreiber, schickt die Buͤttel ab; sie sollen Sogleich ins Amt die Frau Brigitte laden. Und nehmt euch — Zeit, die mir viel werth, zu sparen — Gefaͤlligst selbst der Sach’ ein wenig an. ( Licht ab). Zehnter Auftritt. Die Vorigen (ohne) Licht. (Späterhin) Einige Maͤgde. (aufstehend). Inzwischen koͤnnte man, wenn’s so gefaͤllig, Vom Sitze sich ein wenig luͤften —? Hm! O ja. Was ich sagen wollt’ — Erlaubt ihr gleichfalls, Daß die Parthei’n, bis Frau Brigitt’ erscheint —? Was? Die Parthei’n? Ja, vor die Thuͤr, wenn ihr — (für sich). Verwuͤnscht! (laut.) Herr Richter Adam, wißt ihr was? Gebt ein Glas Wein mir in der Zwischenzeit. Von ganzem Herzen gern. He! Margarethe! Ihr macht mich gluͤcklich, gnaͤd’ger Herr. — Margrethe! (Die Magd tritt auf.) Hier. Was befehlt ihr? — Tretet ab, ihr Leute. Franz? — Auf dem Vorsaal draußen. — Oder Rhein? Von unserm Rhein. Gut. — Bis ich rufe. Marsch! Wohin? Geh, vom Versiegelten, Margrethe. — Was? Auf den Flur bloß draußen. — Hier. — Der Schluͤssel. Hm! Bleibt. Fort! Marsch, sag ich! — Geh, Margarethe! Und Butter, frisch gestampft, Kaͤs’ auch aus Limburg, Und von der fetten pommerschen Raͤuchergans. Halt! Einen Augenblick! Macht nicht so viel Umstaͤnd’ ich bitt euch sehr, Herr Richter. Schert Zum Teufel euch, sag’ ich! Thu, wie ich sagte. Schickt ihr die Leute fort, Herr Richter? Ew. Gnaden? Ob ihr —? Sie treten ab, wenn ihr erlaubt. Bloß ab, bis Frau Brigitt’ erscheint. Wie, oder soll’s nicht etwa —? Hm! Wie ihr wollt. Doch ob’s der Muͤhe sich verlohnen wird? Meint ihr, daß es so lange Zeit wird waͤhren, Bis man im Ort sie trifft? S’ ist heute Holztag, Gestrenger Herr. Die Weiber groͤßtentheils Sind in den Fichten, Straͤucher einzusammeln. Es koͤnnte leicht — Die Muhme ist zu Hause. Zu Haus’. Laßt sein. Die wird sogleich erscheinen. Die wird uns gleich erscheinen. Schafft den Wein. (für sich). Verflucht! Macht fort. Doch nichts zum Imbiß, bitt ich, Als ein Stuͤck trocknen Brodes nur, und Salz. (für sich). Zwei Augenblicke mit der Dirn’ allein — (laut). Ach trocknes Brod! Was! Salz! Geht doch. Gewiß. Ei, ein Stuͤck Kaͤs’ aus Limburg — mindstens Kaͤse — Macht erst geschickt die Zunge, Wein zu schmekken. Gut. Ein Stuͤck Kaͤse denn, doch weiter nichts. So geh. Und weiß, von Damast, aufgedeckt. Schlecht alles zwar, doch recht. ( Die Magd ab). Das ist der Vortheil Von uns verrufnen hagestolzen Leuten, Daß wir, was Andre knapp und kummervoll, Mit Weib und Kindern taͤglich theilen muͤssen, Mit einem Freunde zur gelegnen Stunde, Vollauf genießen. Was ich sagen wollte — Wie kamt ihr doch zu eurer Wund’, Herr Richter? Das ist ein boͤses Loch, fuͤrwahr, im Kopf, das! — Ich fiel. Ihr fielt. Hm! So. Wann? Gestern Abend? Heut, Glock halb sechs, verzeiht, am Morgen, fruͤh, Da ich so eben aus dem Bette stieg. Woruͤber? Ueber — gnaͤd’ger Herr Gerichtsrath, Die Wahrheit euch zu sagen, uͤber mich. Ich schlug euch haͤuptlings an den Ofen nieder, Bis diese Stunde weiß ich nicht, warum? Von hinten? Wie? Von hinten — Oder vorn? Ihr habt zwo Wunden, vorne ein’ und hinten. Von vorn und hinten. — Magarethe! Die beiden Maͤgde (mit Wein u. s. w. Sie decken auf, und gehen wieder ab.) Wie? Erst so, dann so. Erst auf die Ofenkante, Die vorn die Stirn mir einstieß, und sodann Vom Ofen ruͤckwaͤrts auf den Boden wieder, Wo ich mir noch den Hinterkopf zerschlug. (Er schenkt ein.) Ist’s euch gefaͤllig? (nimmt das Glas). Haͤttet ihr ein Weib, So wuͤrd’ ich wunderliche Dinge glauben, Herr Richter. Wie so? Ja, bei meiner Treu, So rings seh’ ich zerkritzt euch und zerkratzt. (lacht). Nein, Gotl sei Dank! Fraunnaͤgel sind es nicht. Glaub’s. Auch ein Vortheil noch der Hagestolzen. (fortlachend). Strauchwerk, fuͤr Seidenwuͤrmer, das man trock- nend Mir an dem Ofenwinkel aufgesetzt. — Auf euer Wohlergehn! (Sie trinken.) Und grad’ auch heut Noch die Peruͤcke seltsam einzubuͤßen! Die haͤtt’ euch eure Wunde noch bedeckt. Ja, ja. Jedwedes Uebel ist ein Zwilling. — Hier — von dem fetten jetzt — kann ich —? Ein Stuͤckchen. Aus Limburg? Rect’ aus Limburg, gnaͤd’ger Herr. — Wie Teufel aber, sagt mir, ging das zu? Was? Daß ihr die Peruͤcke eingebuͤßt. Ja seht. Ich sitz’ und lese gestern Abend Ein Actenstuͤck, und weil ich mir die Brille Verlegt, duck’ ich so tief mich in den Streit, Daß bei der Kerze Flamme lichterloh Mir die Peruͤcke angeht. Ich, ich denke, Feu’r faͤllt vom Himmel auf mein suͤndig Haupt, Und greife sie, und will sie von mir werfen; Doch eh ich noch das Nackenband geloͤßt, Brennt sie wie Sodom und Gomorrha schon. Kaum daß ich die drei Haare noch mir rette. Verwuͤnscht! Und eure andre ist in der Stadt. Bei dem Peruͤckenmacher. — Doch zur Sache. Nicht allzurasch, ich bitt’, Herr Richter Adam. Ei, was! Die Stunde rollt. Ein Glaͤschen hier. (er schenkt ein). Der Lebrecht — wenn der Kauz dort wahr gespro- chen — Er auch hat einen boͤsen Fall gethan. Auf meine Ehr’ (er trinkt). Wenn hier die Sache, Wie ich fast fuͤrchte, unentworren bleibt, So werdet ihr, in eurem Ort, den Thaͤter Leicht noch aus seiner Wund’ entdecken koͤnnen. (er trinkt). Niersteiner? Was? Oder guter Oppenheimer? Nierstein. Sieh da! Auf Ehre! Ihr versteht’s. Aus Nierstein, gnaͤd’ger Herr, als haͤtt’ ich ihn ge- holt. Ich pruͤft’ ihn, vor drei Jahren, an der Kelter. (schenkt wieder ein). — Wie hoch ist euer Fenster — dort! Frau Marthe. Mein Fenster? Das Fenster jener Kammer ja, Worin die Jungfer schlaͤft? Die Kammer zwar Ist nur vom ersten Stock, ein Keller drunter, Mehr als neun Fuß das Fenster nicht vom Boden; Jedoch die ganze, wohlerwogene Gelegenheit sehr ungeschickt zum Springen. Denn auf zwei Fuß steht von der Wand ein Weinstock, Der seine knot’gen Aeste rankend hin Durch ein Spalier treibt, laͤngs der ganzen Wand: Das Fenster selbst ist noch davon umstrickt. Es wuͤrd’ ein Eber, ein gewaffneter, Muͤh mit den Faͤngern haben, durchzubrechen. Es hing auch keiner drin. (er schenkt sich ein). Meint ihr? Ach, geht! (er trinkt). (zu Ruprecht). Wie traf er denn den Suͤnder? Auf den Kopf? Hier. Laßt. Gebt her. S’ ist halb noch voll. Wills fuͤllen. Ihr hoͤrt’s. Ei, fuͤr die gute Zahl. Ich bitt’ euch. Ach, was! Nach der Pythagoraͤer-Regel. (er schenkt ihm ein). (wieder zu Ruprecht). Wie oft traf er dem Suͤnder denn den Kopf? Eins ist der Herr. Zwei ist das finstre Chaos; Drei ist die Welt. Drei Glaͤser lob’ ich mir. Im dritten trinkt man mit den Tropfen Sonnen, Und Firmamente mit den uͤbrigen. Wie oftmals auf den Kopf traf er den Suͤnder? Er, Ruprecht, ihn dort frag’ ich! Wird man’s hoͤren? Wie oft trafst du den Suͤndenbock? Na, heraus! Gott’s Bitz , seht, weiß der Kerl wohl selbst, ob er — Vergaßt du’s? Mit der Klinke? Ja, was weiß ich. Vom Fenster, als er nach ihm herunter hieb? Zweimal, ihr Herrn. Hallunke! das behielt er! (er trinkt), Wal - Zweimal! Er kommt’ ihn mit zwei solchen Hieben Erschlagen, weiß er —? Haͤtt’ ich ihn erschlagen, So haͤtt’ ich ihn. Es waͤr mir grade recht. Laͤg’ er hier vor mir, todt, so koͤnnt’ ich sagen, Der war’s, ihr Herrn, ich hab euch nicht belogen. Ja, todt! das glaub’ ich. Aber so — (er schenkt ein). Konnt’ er ihn denn im dunkeln nicht erkennen? Nicht einen Stich, gestrenger Herr. Wie sollt ich? Warum sperrt’st du nicht die Augen auf — Stoßt an! Die Augen auf! Ich hatt’ sie aufgesperrt. Der Satan warf sie mir voll Sand. (in den Bart). Voll Sand, ja! Warum sperrt’st du deine großen Augen auf. — Hier. Was wir lieben, gnaͤd’ger Herr! Stoßt an! [8] — Was recht und gut und treu ist, Richter Adam! (sie trinken). Nun denn, zum Schluß jetzt, wenns gefaͤllig ist. (er schenkt ein). Ihr seid zuweilen bei Frau Marthe wohl, Herr Richter Adam. Sagt mir doch, Wer, außer Ruprecht, geht dort aus und ein. Nicht allzuoft, gestrenger Herr, verzeiht. Wer aus und eingeht, kann ich euch nicht sagen. Wie? Solltet ihr die Wittwe nicht zuweilen Von eurem seel’gen Freund besuchen? Nein, in der That, sehr selten nur. Frau Marthe! Habt ihr’s mit Richter Adam hier verdorben? Er sagt, er spraͤche nicht mehr bei euch ein? Hm! Gnaͤd’ger Herr, verdorben? Das just nicht. Ich denk er nennt mein guter Freund sich noch. Doch daß ich oft in meinem Haus’ ihn saͤhe, Das vom Herrn Vetter kann ich just nicht ruͤhmen. Neun Wochen sind’s, daß er’s zuletzt betrat, Und auch nur da noch im Voruͤbergehn. Wie sagt ihr? Was? Neun Wochen waͤren’s —? Neun, Ja — Donnerstag sind’s zehn. Er bat sich Saamen Bei mir, von Nelken und Aurikeln aus. Und — Sontags — wenn er auf das Vorwerk geht —? Ja, da — da gukt er mir in’s Fenster wohl, Und saget guten Tag zu mir und meiner Tochter; Doch dann so geht er wieder seiner Wege. (für sich). Hm! Sollt ich auch dem Manne wohl — (er trinkt). Ich glaubte, Weil ihr die Jungfer Muhme dort zuweilen In eurer Wirthschaft braucht, so wuͤrdet ihr Zu Dank die Mutter dann und wann besuchen. Wie so, gestrenger Herr? Wie so? Ihr sagtet, Die Jungfer helfe euren Huͤhnern auf, Die euch im Hof erkranken. Hat sie nicht Noch heut in dieser Sach’ euch Rath ertheilt? Ja, allerdings, gestrenger Herr, das thut sie, Vorgestern schickt’ er ihr ein krankes Perlhuhn Ins Haus, das schon den Tod im Leibe hatte. Vorm Jahr rettete sie ihm eins vom Pips, Und dies auch wird sie mit der Nudel heilen: Jedoch zum Dank ist er noch nicht erschienen. (verwirrt). — Schenkt ein, Herr Richter Adam, seid so gut. Schenkt gleich mir ein. Wir wollen eins noch trinken. Zu eurem Dienst. Ihr macht mich gluͤcklich. Hier. (er schenkt ein). Auf euer Wohlergehn! — Der Richter Adam, Er wird fruͤh oder spaͤt schon kommen. Meint ihr? Ich zweifle. Koͤnnt’ ich Niersteiner, solchen, wie ihr trinkt, Und wie mein seel’ger Mann, der Castellan, Wohl auch, von Zeit zu Zeit, im Keller hatte, Vorsetzen dem Herrn Vetter, waͤr’s was anders: Doch so besitz’ ich nichts, ich arme Wittwe, In meinem Hause, das ihn lockt. Um so viel besser. Eilfter Auftritt . Licht. Frau Brigitte (mit einer Perücke in der Hand). Die Maͤgde. Die Vorigen. Hier, Frau Brigitte, herein. Ist das die Frau, Herr Schreiber Licht? Das ist die Frau Brigitte, Ew. Gnaden. Nun denn, so laßt die Sach’ uns jetzt beschließen. Nehmt ab, ihr Maͤgde. Hier. ( Die Maͤgde mit Gläsern u. s. w. ab). (während dessen). Nun, Evchen, hoͤre, Dreh du mir deine Pille ordentlich, Wie sich’s gehoͤrt, so sprech ich heute Abend Auf ein Gericht Karauschen bei euch ein. Dem Luder muß sie ganz jetzt durch die Gurgel, Ist sie zu groß, so mag’s den Tod dran fressen. (erblickt die Perücke). Was bringt uns Frau Brigitte dort fuͤr eine Peruͤcke? Gnaͤd’ger Herr? Was jene Frau uns dort fuͤr eine Peruͤcke bringt? Hm! Was! Verzeiht — Werd ich’s erfahren? Wenn Ew. Gnaden guͤtigst Die Frau, durch den Herrn Richter fragen wollen, So wird, wem die Peruͤcke angehoͤrt, Sich, und das Weitre, zweifl’ ich nicht ergeben. — Ich will nicht wissen, wem sie angehoͤrt. Wie kam die Frau dazu? Wo fand sie sie? Die Frau fand die Peruͤcke im Spalier Bei Frau Margrethe Rull. Sie hing gespießt, Gleich einem Nest, im Kreuzgeflecht des Weinstocks, Dicht unterm Fenster, wo die Jungfer schlaͤft. Was? Bei mir? Im Spalier? (heimlich). Herr Richter Adam, Habt ihr mir etwas zu vertraun, So bitt’ ich, um die Ehre des Gerichtes, Ihr seid so gut, und sagt mir’s an. Ich euch —? Nicht? Habt ihr nicht —? Auf meine Ehre — (er ergreift die Perücke). Hier die Peruͤcke ist die eure nicht? Hier die Peruͤck’ ihr Herren, ist die meine! Das ist, Blitz-Element, die nemliche, Die ich dem Burschen vor acht Tagen gab, Nach Utrecht sie zum Meister Mehl zu bringen. Wem? Was? Dem Ruprecht? Mir? Hab ich ihm Schlingel, Als er nach Utrecht vor acht Tagen ging, Nicht die Peruͤck’ hier anvertraut, sie zum Friseur, daß er sie renovire, hinzutragen? Ob er —! Nun ja. Er gab mir — Warum hat er Nicht die Peruͤck’, Hallunke, abgegeben? Warum nicht hat er sie, wie ich befohlen, Beim Meister in der Werkstatt abgegeben? Warum ich sie —? Gott’s, Himmel-Donner — Schlag! Ich hab’ sie in der Werkstatt abgegeben. Der Meister Mehl nahm sie — Sie abgegeben? Und jetzt haͤngt sie im Weinspalier bei Marthens? O wart, Canaille! So entkommst du nicht. Dahinter steckt mir von Verkappung was, Und Meuterei, was weiß ich? — Wollt ihr erlauben, Daß ich sogleich die Frau nur inquirire? Ihr haͤttet die Peruͤcke —? Gnaͤd’ger Herr, Als jener Bursche dort, vergangnen Dienstag, Nach Utrecht fuhr mit seines Vaters Ochsen, Kam er in’s Amt, und sprach, Herr Richter Adam, Habt ihr im Staͤdtlein etwas zu bestellen? Mein Sohn, sag ich, wenn du so gut willt sein, So laß mir die Peruͤck’ hier auftoupiren — Nicht aber sagt’ ich ihm, geh und bewahre Sie bei dir auf, verkappe dich darin, Und laß sie im Spalier bei Marthens haͤngen. Ihr Herrn, der Ruprecht, mein’ ich, halt zu Gnaden, Der war’s wohl nicht. Denn da ich gestern Nacht Hinaus auf’s Vorwerk geh’, zu meiner Muhme, Die schwer im Kindbett liegt, hoͤrt’ ich die Jungfer Gedaͤmpft, im Garten hinten jemand schelten: Wuth scheint und Furcht die Stimme ihr zu rauben. Pfui, schaͤm’ er sich, er Niedertraͤchtiger, Was macht er? Fort. Ich werd’ die Mutter rufen; Als ob die Spanier im Lande waͤren. Drauf: Eve! durch den Zaun hin: Eve! ruf’ ich. Was hast du? Was auch giebt’s? — Und still wird es: Nun? Wirst du antworten? — Was wollt ihr, Muhme? Was hast du vor, frag’ ich? — Was werd’ ich haben. Ist es der Ruprecht? — „Ei so ja, der Ruprecht. Geht euren Weg doch nur.“ — So koch dir Thee. Das liebt sich, denk’ ich, wie sich andre zanken. Mithin —? Mithin —? Schweigt! Laßt die Frau vollenden. Da ich vom Vorwerk nun zuruͤckekehre Zur Zeit der Mitternacht etwa, und just, Im Lindengang, bei Marthens Gartens bin, Huscht euch ein Kerl bei mir vorbei, kahlkoͤpfig, Mit einem Pferdefuß, und hinter ihm Erstinkt’s wie Dampf von Pech und Haar und Schwefel. Ich sprech’ ein Gott sei bei uns aus, und drehe Entsetzensvoll mich um, und seh’, mein Seel’, Die Glatz ihr Herrn im Verschwinden noch, Wie faules Holz, den Lindengang durchleuchten. Was! Himmel — Tausend —! Ist sie toll, Frau Briggy? Der Teufel, meint sie, waͤr’s —? Still! Still! Mein Seel! Ich weiß, was ich gesehen und gerochen. (ungeduldig). Frau, ob’s der Teufel war, will ich nicht unter- suchen, Ihn aber, ihn denunciirt man nicht. Kann sie von einem andern melden, gut: Doch mit dem Suͤnder da verschont sie uns. Wollen Ew. Gnaden sie vollenden lassen. Bloͤdsinnig Volk, das! Gut, wie ihr befehlt. Doch der Herr Schreiber Licht sind mir ein Zeuge. Wie? Ihr ein Zeuge? Gewissermaßen, ja. Fuͤrwahr, ich weiß nicht — Bitte ganz submiß, Die Frau in dem Berichte nicht zu stoͤren. Daß es der Teufel war, behaupt’ ich nicht; Jedoch mit Pferdefuß, und kahler Glatze Und hinten Dampf, wenn ich nicht sehr mich irre, Hat’s seine voͤll’ge Richtigkeit! — Fahrt fort! Da ich nun mit Erstaunen heut vernehme, Was bei Frau Marthe Rull geschehn, und ich Den Krugzertruͤmmrer auszuspioniren, Der mir zu Nacht begegnet am Spalier Den Platz, wo er gesprungen, untersuche, Find ich im Schnee, ihr Herrn, euch eine Spur — Was find ich euch fuͤr eine Spur im Schnee? Rechts fein und scharf und nett gekantet immer, Ein ordentlicher Menschenfuß, Und links unfoͤrmig grobhin eingetoͤlpelt Ein ungeheurer klotz’ger Pferdefuß. ( ärgerlich ). Geschwaͤtz, wahnsinniges, verdammenswuͤrd’ges —! Es ist nicht moͤglich, Frau! Bei meiner Treu! Erst am Spalier, da, wo der Sprung geschehen, Seht, einen weiten, schneezerwuͤhlten Kreis, Als ob sich eine Sau darin gewälzt; Und Menschenfuß und Pferdefuß von hier, Und Menschenfuß und Pferdefuß, und Menschenfuß und Pferdefuß, Quer durch den Garten, bis in alle Welt. Verflucht! — hat sich der Schelm vielleicht erlaubt, Verkappt des Teufels Art —? Was! Ich! Schweigt! Schweigt! Wer einen Dachs sucht, und die Faͤhrt’ entdeckt, Der Waidmann, triumphirt nicht so, als ich. Herr Schreiber Licht, sag’ ich, denn eben seh’ ich Von euch geschickt, den Wuͤrd’gen zu mir treten, Herr Schreiber Licht, spart eure Session, Den Krugzertruͤmmerer judicirt ihr nicht, Der sitzt nicht schlechter euch, als in der Hoͤlle: Hier ist die Spur die er gegangen ist. So habt ihr selbst euch uͤberzeugt? Ew. Gnaden, Mit dieser Spur hat’s voͤll’ge Richtigkeit. Ein Pferdefuß? Fuß eines Menschen, bitte, Doch praeter propter wie ein Pferdehuf. Mein Seel, ihr Herrn, die Sache scheint mir ernst- haft. Man hat viel beißend abgefaßte Schriften, Die, daß ein Gott sei, nicht gestehen wollen; Jedoch den Teufel hat, so viel ich weiß, Kein Atheist noch buͤndig wegbewiesen. Der Fall, der vorliegt, scheint besonderer Eroͤrtrung werth. Ich trage darauf an, Bevor wir ein Conclusum fassen, Im Haag bei der Synode anzufragen Ob das Gericht befugt sei, anzunehmen, Daß Belzebub den Krug zerbrochen hat. Ein Antrag, wie ich ihn von euch erwartet. Was wohl meint ihr , Herr Schreiber? Ew. Gnaden werden Nicht die Synode brauchen, um zu urtheil’n. Vollendet — mit Erlaubniß! — den Bericht, Ihr Frau Brigitte, dort; so wird der Fall Aus der Verbindung, hoff’ ich, klar constiren. Hierauf: Herr Schreiber Licht, sag’ ich, laßt uns Die Spur ein wenig doch verfolgen, sehn, Wohin der Teufel wohl entwischt mag sein. Gut, sagt er, Frau Brigitt’, ein guter Einfall; Vieleicht gehn wir uns nicht weit um, Wenn wir zum Herrn Dorfrichter Adam gehn. Nun? Und jetzt fand sich —? Zuerst jetzt finden wir Jenseits des Gartens, in dem Lindengange, Den Platz, wo Schwefeldaͤmpfe von sich lassend, Der Teufel bei mir angeprellt: ein Kreis, Wie scheu ein Hund etwa zur Seite weicht, Wenn sich die Katze prustend vor ihm setzt. Drauf weiter? Nicht weit davon jetzt steht ein Denkmal seiner, An einem Baum, daß ich davor erschrecke. Ein Denkmal? Wie? Wie? Ja, da werdet ihr — (für sich). Verflucht mein Unterleib. Voruͤber, bitte, Voruͤber hier, ich bitte, Frau Brigitte. Wohin die Spur euch fuͤhrte, will ich wissen! Wohin? Mein Treu, den naͤchsten Weg zu euch, Just wie Herr Schreiber Licht gesagt. Zu uns? Hierher? Vom Lindengange, ja, Auf’s Schulzenfeld, den Karpfenteich entlang, Den Steg, quer uͤber’n Gottesacker dann, Hier, sag’ ich, her, zum Herrn Dorfrichter Adam. Wal- Zum Herrn Dorfrichter Adam? Hier zu mir? Zu euch, ja. Wird doch der Teufel nicht In dem Gerichtshof wohnen? Mein Treu, ich weiß nicht, Ob er in diesem Hause wohnt; doch hier, Ich bin nicht ehrlich, ist er abgestiegen: Die Spur geht hinten ein bis an die Schwelle. Sollt’ er vielleicht hier durchpassirt —? Ja, oder durchpassirt. Kann sein. Auch das. Die Spur vornaus — War eine Spur vornaus? Vornaus, verzeihn Ew. Gnaden, keine Spur. Ja, vornaus war der Weg zertreten. [9] Zertreten. Durchpassirt. Ich bin ein Schuft. Der Kerl, paßt auf, hat den Gesetzen hier Was angehaͤngt. Ich will nicht ehrlich sein, Wenn es nicht stinkt in der Registratur. Wenn meine Rechnungen, wie ich nicht zweifle, Verwirrt befunden werden sollten, Auf meine Ehr’, ich stehe fuͤr nichts ein. Ich auch nicht. (für sich). Hm! Ich weiß nicht, war’s der Linke, War es der Rechte? Seiner Fuͤße Einer — Herr Richter! Eure Dose! — Seid so gefaͤllig. Die Dose? Die Dose. Gebt! hier! (zu Licht). Bringt dem Herrn Gerichtsrath. Wozu die Umstaͤnd’? Einen Schritt gebraucht’s. Es ist schon abgemacht. Gebt. Sr. Gnaden. Ich haͤtt euch was ins Ohr gesagt. Vielleicht, daß wir nachher Gelegenheit — Auch gut. (nachdem sich Licht wieder gesetzt). Sagt doch, ihr Herrn, ist jemand hier im Orte, Der mißgeschaffne Fuͤße hat? Hm! Allerdings ist jemand hier in Huisum — So? Wer? Wollen Ew. Gnaden den Herrn Richter fragen — Den Herrn Richter Adam? Ich weiß von nichts. Zehn Jahre bin ich hier im Amt zu Huisum, So viel ich weiß, ist Alles grad gewachsen. (zu Licht). Nun? Wen hier meint ihr? Laß er doch seine Fuͤße draußen! Was steckt er unter’n Tisch verstoͤrt sie hin, Das man fast meint, er waͤr die Spur gegangen. Wer? Der Herr Richter Adam? Ich? die Spur? Bin ich der Teufel? Ist das ein Pferdefuß? (er zeigt seinen linken Fuß). Auf meine Ehr’. Der Fuß ist gut. (heimlich) Macht jetzt mit der Session sogleich ein Ende. Ein Fuß, wenn den der Teufel haͤtt’, So koͤnnt’ er auf die Baͤlle gehn und tanzen. D as sag’ ich auch. Wo wird der Herr Dorfrichter — Ach, was! Ich! Macht’, sag’ ich, gleich ein Ende. Den einz’gen Skrupel nur, ihr wuͤrd’gen Herrn, Macht, duͤnkt mich, dieser feierliche Schmuck! Was fuͤr ein feierlicher —? Hier, die Peruͤcke! Wer sah den Teufel je in solcher Tracht? Ein Bau, gethuͤrmter, strotzender von Talg, Als eines Domdechanten auf der Kanzel! Wir wissen hier zu Land nur unvollkommen, Was in der Hoͤlle Mod’ ist, Frau Brigitte! Man sagt, gewoͤhnlich traͤgt er eignes Haar. Doch auf der Erde, bin ich uͤberzeugt, Wirft er in die Peruͤcke sich, um sich Den Honoratioren beizumischen. Nichtswuͤrd’ger! Werth, vor allem Volk ihn schmachvoll Vom Tribunal zu jagen! Was euch schuͤtzt, Ist einzig nur die Ehre des Gerichts. Schließt eure Session! Ich will nicht hoffen — Ihr hofft jetzt nichts. Ihr zieht euch aus der Sache. Glaubt ihr, ich haͤtte, ich, der Richter, gestern, Im Weinstock die Peruͤcke eingebuͤßt? Behuͤte Gott! Die eur’ ist ja im Feuer, Wie Sodom und Gomorrha, aufgegangen. Vielmehr — vergebt mir, gnaͤd’ger Herr! die Katze Hat gestern in die seinige gejungt. Ihr Herrn, wenn hier der Anschein mich verdammt: Ihr uͤbereilt euch nicht, bitt’ ich. Es gilt Mir Ehre oder Prostitution. So lang die Jungfer schweigt, begreif’ ich nicht, Mit welchem Recht ihr mich beschuldiget. Hier auf dem Richtstuhl von Huisum sitz’ ich, Und lege die Peruͤcke auf den Tisch: Den der behauptet, daß sie mein gehoͤrt Fordr’ ich vor’s Oberlandgericht in Utrecht. Hm! Die Peruͤcke paßt euch doch, mein Seel, Als waͤr auf euren Scheiteln sie gewachsen. (er setzt sie ihm auf). Verlaͤumdung! Nicht? Als Mantel um die Schultern Mir noch zu weit, wie viel mehr um den Kopf. (er besieht sich im Spiegel). Ei, solch ein Donnerwetter-Kerl! Still, er! Ei, solch ein Blitz verfluchter Richter, das! Noch einmal, wollt ihr gleich, soll ich die Sache enden? Ja, was befehlt ihr? (zu Eve). Eve, sprich, ist er’s? Was untersteht der Unverschaͤmte sich? Schweig du, sag’ ich. Wart, Bestie! Dich fass’ ich. Ei, du Blitz-Pferdefuß! Heda! der Buͤttel! Halt’s Maul, sag’ ich. Wart! Heute reich’ ich dich. Heut’ streust du keinen Sand mir in die Augen. Habt ihr nicht so viel Witz, Herr Richter —? Ja, wenn Ew. Gnaden Erlauben, faͤll ich jetzo die Sentenz. Gut. Thut das. Faͤllt sie. Die Sache jetzt constirt, Und Ruprecht dort, der Racker, ist der Thaͤter. Auch gut das. Weiter Den Hals erkenn ich Ins Eisen ihm, und weil er ungebuͤhrlich Sich gegen seinen Richter hat betragen, Schmeiß ich ihn ins vergitterte Gefaͤngniß. Wie lange, werd ich noch bestimmen. Den Ruprecht —? In’s Gefaͤngniß mich? In’s Eisen? Spart eure Sorgen Kinder, — Seid ihr fertig? Den Krug meinthalb mag er ersetzen, oder nicht. Gut denn. Geschlossen ist die Session. Und Ruprecht appellirt an die Instanz zu Utrecht. Er soll, er, erst nach Utrecht appelliren? Was? Ich —? Zum Henker, ja! Und bis dahin — Und bis dahin —? In das Gefaͤngniß gehn? Den Hals in’s Eisen stecken? Seid ihr auch Richter? Er dort, der Unverschaͤmte, der dort sitzt, Er selber war’s — Du hoͤrst’s, zum Teufel! Schweig! Ihm bis dahin kruͤmmt sich kein Haar — Auf, Ruprecht! Der Richter Adam hat den Krug zerbrochen! Ei, wart, du! Er? Der dort? Er, ja! Auf Ruprecht! Er war bei deiner Eve gestern! Auf! Fass’ ihn! Schmeiß ihn jetzo, wie du willst. (steht auf). Halt dort! Wer hier Unordnungen — Gleichviel! Das Eisen ist verdient, geh Ruprecht! Geh schmeiß ihn von dem Tribunal herunter. Verzeiht, ihr Herrn. (läuft weg). Hier! Auf! Halt’ ihn! Geschwind! Was? Blitz-Hinketeufel! Hast du ihn? Gotts Schlag und Wetter! Es ist sein Mantel bloß! Fort! Ruft den Buͤttel! (schlägt den Mantel). Ratz! Das ist Eins. Und Ratz! Und Ratz! Noch Eins. Und noch Eins! In Ermangelung des Buckels. Er ungezogner Mensch! — Schafft hier mir Ord- nung! — An ihm, wenn er sogleich nicht ruhig ist, Ihm wird der Spruch vom Eisen heut noch wahr. Sei ruhig, du vertrackter Schlingel! Zwoͤlfter Auftritt. Die Vorigen (ohne Adam. — Sie begeben sich alle in den Vordergrund der Bühne). Ei, Evchen! Wie hab’ ich heute schaͤndlich dich beleidigt! Ei Gott’s Blitz, alle Wetter; und wie gestern! Ei, du mein goldnes Maͤdchen, Herzens-Braut! Wirst du dein Lebtag mir vergeben koͤnnen? (wirft sich dem Gerichtsrath zu Füßen). Herr! Wenn ihr jetzt nicht helft, sind wir verloren! Verloren? Warum das? Herr Gott! Was giebt’s? Errettet Ruprecht von der Conscription! Denn diese Conscription — der Richter Adam Hat mir’s als ein Geheimniß anvertraut, Geht nach Ostindien; und von dort, ihr wißt, Kehrt von drei Maͤnnern Einer nur zuruͤck! Was! Nach Ostindien! Bist du bei Sinnen? Nach Bantam, gnaͤd’ger Herr; verlaͤugnet’s nicht! Hier ist der Brief, die stille heimliche Instruction, die Landmiliz betreffend, Die die Regierung juͤngst deshalb erließ: Ihr seht, ich bin von Allem unterrichtet. (nimmt den Brief und lies’t ihn). O unerhoͤrt, arglistiger Betrug! — Der Brief ist falsch! Falsch? Falsch, so wahr ich lebe! Herr Schreiber Licht, sagt selbst, ist das die Ordre, Die man aus Utrecht juͤngst an euch erließ? Die Ordre! Was! Der Suͤnder, der! Ein Wisch, Den er mit eignen Haͤnden aufgesetzt! — Die Truppen, die man anwarb, sind bestimmt Zum Dienst im Landesinneren; kein Mensch Denkt dran, sie nach Ostindien zu schicken! Nein, nimmermehr, ihr Herrn? Bei meiner Ehre! Und zum Beweise meines Worts: den Ruprecht, Waͤrs so, wie du mir sagst: ich kauf’ ihn frei! (steht auf). O Himmel! Wie belog der Boͤswicht mich! Denn mit der schrecklichen Besorgniß eben, Quaͤlt er mein Herz, und kam, zur Zeit der Nacht, Mir ein Attest fuͤr Ruprecht aufzudringen; Bewies, wie ein erlognes Krankheitszeugniß, Von allem Kriegsdienst ihn befreien koͤnnte; Erklaͤrte und versicherte und schlich, Um es mir auszufert’gen, in mein Zimmer: So Schaͤndliches, ihr Herren, von mir fordernd, Daß es kein Maͤdchenmund wagt auszusprechen! Ei, der nichtswuͤrdig-schaͤndliche Betruͤger! Laß, laß den Pferdehuf, mein suͤßes Kind! Sieh, haͤtt’ ein Pferd bei dir den Krug zertruͤmmert, Ich waͤr’ so eifersuͤchtig just, als jetzt! (sie küssen sich). Das sag’ ich auch! Kuͤßt und versoͤhnt und liebt euch; Und Pfingsten, wenn ihr wollt, mag Hochzeit sein! (am Fenster). Seht, wie der Richter Adam, bitt’ ich euch, Berg auf, Berg ab, als floͤh er Rad und Galgen, Das aufgepfluͤgte Winterfeld durchstampft! Was? Ist das Richter Adam? Allerdings! Jetzt kommt er auf die Straße. Seht! seht! Wie die Peruͤcke ihm den Ruͤcken peitscht! Geschwind, Herr Schreiber, fort! Holt ihn zuruͤck! Daß er nicht Ubel rettend aͤrger mache. Von seinem Amt zwar ist er suspendirt, Und euch bestell’ ich, bis auf weitere Verfuͤgung, hier im Ort es zu verwalten; Doch sind die Cassen richtig, wie ich hoffe, Zur Desertion ihn zwingen will ich nicht. Fort! Thut mir den Gefallen, holt ihn wieder! Letzter Auftritt. Die Vorigen (ohne Licht ). Sagt doch, gestrenger Herr, wo find’ ich auch Den Sitz in Utrecht der Regierung? Weshalb, Frau Marthe? (empfindlich). Hm! Weshalb? Ich weiß nicht — Soll hier dem Kruge nicht sein Recht geschehn? Verzeiht mir! Allerdings. Am großen Markt, Und Dienstag ist und Freitag Session. Gut! Auf die Woche stell’ ich dort mich ein. (Alle ab). Ende. Va- Variant. Zwoͤlfter Auftritt. Die Vorigen (ohne Adam. — Sie bewegen sich Alle in den Vordergrund der Bühne.) Ei, Evchen! Wie hab’ ich heute schaͤndlich dich beleidigt! Ei, Gott’s Blitz, alle Wetter, und wie gestern! Ei, du mein goldnes Maͤdchen, Herzens-Braut! Wirst du dein Lebtag mir vergeben koͤnnen? Geh, laß mich sein. Ei, ich verfluchter Schlingel! Koͤnnt’ ich die Haͤnde brauchen, mich zu pruͤgeln. Nimm, weißt du was? hoͤr: thu mir den Gefallen, Dein Paͤtschen, hol’s der Henker, nimm’s und ball’s, Und schlage tuͤchtig Eins mir hinters Ohr. Willst du’s mir thun? Mein Seel, ich bin nicht ruhig. [10] Du hoͤr’st. Ich will nichts von dir wissen. Ei, solch ein Toͤlpel! Der Lebrecht denk’ ich, Schaafsgesicht, und geh. Mich beim Dorfrichter ehrlich zu beklagen, Und er, vor dem ich klage, ist es selbst: Den Hals noch judicirt er mir in’s Eisen. Wenn sich die Jungfer gestern gleich der Mutter Eroͤffnet haͤtte zuͤchtiglich, so haͤtte Sie dem Gerichte Schand’ erspart, und sich Zweideut’ge Meinungen von ihrer Ehre. Sie schaͤmte sich. Verzeiht ihr, gnaͤd’ger Herr! Es war ihr Richter doch, sie mußt’ ihn schonen. — Komm nur jetzt fort zu Haus’. Es wird sich finden. Ja, schaͤmen! Gut. So war’s was Anderes. Behalts fuͤr dich, was brauchen wir’s zu wissen. Du wirst’s schon auf der Flieder-Bank mir Eins, Wenn von dem Thurm die Vesper geht, erzaͤhlen. Komm, sei nur gut. Was wir’s zu wissen brauchen? So denk’ ich nicht. Wenn Jungfer Eve will, Daß wir an ihre Unschuld glauben sollen: So wird sie, wie der Krug zerbrochen worden, Umstaͤndlich nach den Hergang uns berichten. Ein Wort keck hingeworfen, macht den Richter In meinem Aug’ der Suͤnd’ noch gar nicht schuldig. Nun denn, so faß’ ein Herz! Du bist ja schuldlos. Sag’s, was er dir gewollt, der Pferdefuß. Sieh, haͤtt’ ein Pferd bei dir den Krug zertruͤmmert, Ich waͤr’ so eifersuͤchtig just, als jetzt. Was hilft’s, daß ich jetzt schuldlos mich erzaͤhle? Ungluͤcklich sind wir beid’ auf immerdar. Ungluͤcklich, wir? Warum ihr ungluͤcklich? Was gilt’s, da ist die Conscription im Spiele. (wirft sich Waltern zu Füßen). Herr, wenn ihr jetzt nicht helft, sind wir verloren! Wenn ich nicht —? Ewiger Gott! Steh auf, mein Kind. Nicht eher, Herr, als bis ihr eure Zuͤge, Die menschlichen, die euch vom Antlitz strahlen, Wahr macht durch eine That der Menschlichkeit. Mein liebenswerthes Kind! Wenn du mir deine Unschuldigen bewaͤhrst, wie ich nicht zweifle, Bewaͤhr’ ich auch dir meine menschlichen. Steh auf! Ja, Herr, das werd ich. Gut. So sprich. Ihr wißt, daß ein Edict juͤngst ist erschienen, Das von je hundert Soͤhnen jeden Orts Zehn fuͤr dies Fruͤhjahr zu den Waffen ruft, Der ruͤstigsten. Denn der Hispanier Versoͤhnt sich mit dem Niederlaͤnder nicht, Und die Tyrannenruthe will er wieder Sich, die zerbrochene, zusammenbinden. Kriegshaufen sieht man ziehn auf allen Wegen, Die Flotten rings, die er uns zugesendet, Von unsrer Staten Kuͤsten abzuhalten, Und die Miliz steht auf, die Thor’ inzwischen In den verlaßnen Staͤdten zu besetzen. So ist es. Ja, so heißt’s, ich weiß. Nun? Weiter? Wir eben sitzen, Mutter, Vater, Ruprecht Und ich, an dem Camin, und halten Rath, Ob Pfingsten sich, ob Pfingsten uͤbers Jahr, Die Hochzeit feiern soll: als ploͤtzlich jetzt Die Commission, die die Rekruten aushebt, In’s Zimmer tritt, und Ruprecht aufnotirt, Und unsern frohen Streit mit schneidendem Machtspruch, just da er sich zu Pfingsten neigte, Fuͤr, Gott weiß, welches Pfingstfest nun? — entscheidet. Mein Kind — Gut, gut. Das allgemeine Loos. Ich weiß. Dem kann sich Ruprecht gar nicht weigern. Ich denk’ auch nicht daran. Er denkt nicht dran, Gestrenger Herr, und Gott behuͤte mich, Daß ich in seiner Sinnesart ihn stoͤrte. Wohl uns, daß wir was Heil’ges, jeglicher, Wir freien Niederlaͤnder, in der Brust, Des Streites werth bewahren: so gebe jeder denn Die Brust auch her, es zu vertheidigen. Muͤßt’ er dem Feind’ im Treffen selbst begegnen, Ich spraͤche noch, zieh hin, und Gott mit dir: Was werd’ ich jetzt ihn weigern, da er nur Die Waͤlle, die geebneten, in Utrecht, Vor Knaben soll, und ihren Spielen schuͤtzen. Inzwischen, lieber Herr, ihr zuͤrnt mir nicht — Wenn ich die Mai’n in unserm Garten rings Dem Pfingstfest roͤthlich seh’ entgegen knospen, So kann ich mich der Thraͤnen nicht enthalten: Denk’ ich doch sonst, und thue, wie ich soll. Verhuͤt’ auch Gott, daß ich darum dir zuͤrne. Sprich weiter. Nun schickt die Mutter gestern Mich in gleichguͤltigem Geschaͤft in’s Amt, Zum Richter Adam. Und da ich in das Zimmer trete, „Gott gruͤß dich, Evchen! Ei, warum so traurig?“ Spricht er. „Das Koͤpfchen haͤngt dir ja wie’n Maien- gloͤckchen! Ich glaubte fast, du weißt, daß es dir steht. Der Ruprecht! Gelt? Der Ruprecht!“ — Je nun freilich, Der Ruprecht, sag’ ich; wenn der Mensch was liebt, Muß er schon auch auf Erden etwas leiden. Drauf er: „du armes Ding! Hm! Was wohl gaͤbst du, Wenn ich den Ruprecht dir von der Miliz befreite?“ Und ich: wenn ihr den Ruprecht mir befreitet? Ei nun, dafuͤr moͤgt’ ich euch schon was geben. Wie fingt ihr das wohl an? — „Du Naͤrrchen, sagt er, Der Physikus, der kann, und ich kann schreiben, Verborgne Leibesschaͤden sieht man nicht, Und bringt der Ruprecht ein Attest daruͤber Zur Comission, so giebt die ihm den Abschied: Das ist ein Handel, wie um eine Semmel.“ — So, sag ich. — „Ja“ — So, so! Nun, laßt’s nur sein, Herr Dorfrichter, sprech’ ich. Daß Gott der Herr Gerad’ den Ruprecht mir zur Lust erschaffen, Mag ich nicht vor der Commission verlaͤugnen. Des Herzens innerliche Schaͤden sieht er, Und ihn irrt kein Attest vom Physikus. Recht! Brav! „Gut,“ spricht er. „Wie du willst. So mag Er seiner Wege gehn. Doch was ich sagen wollte — Die hundert Gulden, die er kuͤrzlich erbte, Laͤßt du dir doch, bevor er geht, verschreiben?“ — Die hundert Gulden, frag’ ich? Ei, warum? Was hat’s mir fuͤr Gefahr auch mit den Gulden? Wird er denn weiter, als nach Utrecht gehn? — „Ob er dir weiter als nach Utrecht geht? Ja, du gerechter Gott, spricht er, was weiß ich, Wohin der jetzo geht. Folgt er einmal der Trommel Die Trommel folgt dem Faͤhndrich, der dem Hauptmann, Der Hauptmann folgt dem Obersten, der folgt Dem General, und der folgt den vereinten Staaten wieder, Und die vereinten Staaten, hol’s der Henker, Die ziehen in Gedanken weit herum. Die lassen trommeln, daß die Felle platzen.“ Der Schaͤndliche. Bewahr mich Gott, sprech’ ich, Ihr habt, als ihr den Ruprecht aufnotirt, Ja die Bestimmung deutlich ihm verkuͤndigt. „Ja! Die Bestimmung!“ spricht er: „Speck fuͤr Maͤuse! Wenn sie die Landmiliz in Utrecht haben, So klappt die Falle hinten schnappend zu. Laß du die hundert Gulden dir verschreiben.“ — Ist das gewiß, frag’ ich, Herr Richter Adam? Will man zum Kriegsdienst foͤrmlich sie gebrauchen? „Ob man zum Kriegsdienst sie gebrauchen will?“ — „Willst du Geheimniß, unverbruͤchliches, Mir angeloben gegen jedermann?“ Ei, Herr Gott, sprech’ ich, was auch giebt’s, Herr Richter! Was sieht er so bedenklich? Sag’ er’s heraus. Nun? Nun? Was wird das werden? Was das wird werden? Herr, jetzo sagt er mir, was ihr wohl wißt, Daß die Miliz sich einschifft nach Batavia, Den eingebornen Koͤn’gen dort, von Bantam, Von Java, Jakatra, was weiß ich? Raub Zum Heil der Haager Kraͤmer abzujagen. Was? nach Batavia? Ich, nach Asien? Davon weiß ich kein Wort. Gestrenger Herr, Ich weiß, ihr seid verbunden, so zu reden. Auf meine Pflicht! Gut, gut. Auf eure Pflicht. Und die ist, uns, was wahr ist, zu verbergen. Du hoͤrst’s. Wenn ich — Ich sah den Brief, verzeiht, den ihr Aus Utrecht an die Aemter habt erlassen. Welch einen Brief? Den Brief, Herr, die geheime Instruction, die Landmiliz betreffend, Und ihre Stellung aus den Doͤrfern rings. Den hast du? Herr, den sah ich. Und darinn? Stand, daß die Landmiliz, im Wahn, sie sei Zum innern Friedensdienste nur bestimmt, Soll hingehalten werden bis zum Maͤrz: Im Maͤrz dann schiffe sie nach Asien ein. Das in dem Brief selbst haͤttest du gelesen? Ich nicht. Ich las es nicht. Ich kann nicht lesen. Doch er, der Richter, las den Brief mir vor. So. Er, der Richter. Ja. Und Wort vor Wort. Gut, gut. Nun weiter. Gott im Himmel, ruf’ ich, Das junge Volk, das bluͤh’nde, nach Batavia! Das Eiland, das entsetzliche, wovon Jedweden Schiffes Mannschaft, das ihm naht, Die eine Haͤlfte stets die andere begraͤbt. Das ist ja keine offen ehrliche Conscription, das ist Betrug, Herr Richter, Gestohlen ist dem Land’ die schoͤne Jugend, Um Pfeffer und Muskaten einzuhandeln. List gegen List jetzt, schaff’ er das Attest Fuͤr Ruprecht mir, und alles geb ich ihm Zum Dank, was er nur redlich fordern kann. Das machtest du nicht gut. List gegen List. Drauf er? „Das wird sich finden,“ spricht er, „Evchen, Vom Dank nachher, jetzt gilt es das Attest. Wann soll der Ruprecht gehn?“ — In diesen Tagen. „Gut,“ spricht er, „gut. Es trifft sich eben guͤnstig. Denn heut noch kommt der Physikus in’s Amt; Da kann ich gleich mein Heil mit ihm versuchen. Wie lange bleibt der Garten bei dir offen?“ Bei mir der Garten, frag’ ich? — „Ja, der Garten.“ Bis gegen Zehn, sag’ ich. Warum, Herr Richter? „Vielleicht kann ich den Schein dir heut noch bringen.“ — Er mir den Schein! Ei, wohin denkt er auch? Ich werd’ den Schein mir morgen fruͤh schon holen. — „Auch gut,“ spricht er. „Gleichviel. So holst du ihn. Glock halb auf neun fruͤh Morgens bin ich auf.“ Nun? Nun — geh’ ich zur Mutter heim, und harre, Den Kummer, den verschwiegnen, in der Brust, In meiner Klause, durch den Tag, und harre, Bis zehn zu Nacht auf Ruprecht, der nicht koͤmmt. Und geh verstimmt Glock zehn die Trepp’ hinab, Die Gartenthuͤr zu schließen, und erblicke, Da ich sie oͤffn’, im Dunkel fernhin wen, Der schleichend von den Linden her mir naht. Und sage: Ruprecht! — „Evchen,“ heisert es. — Wer ist da? frag ich. — „St! Wer wird es sein?“ — Ist er’s, Herr Richter? — „Ja, der alte Adam“ — Gott’s Blitz! Er selbst — Gott’s Donnerwetter! Ist’s, Und kommt, und scherzt, und kneipt mir in die Backen, Und fragt, ob Mutter schon zu Bette sei. Geht, den Hallunken! Drauf ich: Ei, was Herr Richter, Was will er auch so spaͤt zu Nacht bei mir? „Je, Naͤrrchen,“ spricht er — Dreist heraus, sag’ ich; Was hat er hier Glock zehn bei mir zu suchen? „Was ich Glock zehn bei dir zu suchen habe?“ — Ich sag’, laß er die Hand mir weg! Was will er? — „Ich glaube wohl, du bist verruͤckt,“ spricht er. „Warst du nicht heut Glock eilf im Amt bei mir, Und wolltest ein Attest fuͤr Ruprecht haben?“ Ob ich? — Nun ja. — „Nun gut. Das bring ich dir.“ Ich sagt’s ihm ja, daß ich’s mir holen wollte. — „Bei meiner Treu! Die ist nicht recht gescheut. Ich muß Glock fuͤnf Uhr morgen fruͤh verreisen, Und ungewiß, wann ich zuruͤcke kehre, Liefr’ ich den Schein noch heut ihr in die Haͤnde; Und sie, nichts fehlt, sie zeigt die Thuͤre mir; Sie will den Schein sich morgen bei mir holen.“ — Wenn er verreisen will Glock fuͤnf Uhr morgen — Davon ja wußt’ er heut noch nichts Glock eilf? „Ich sag’s,“ spricht er, „die ist nicht recht bei Troste. Glock zwoͤlf bekam ich heut die Ordre erst.“ — Das ist was Anderes, das wußt’ ich nicht. „Du hoͤrst es ja,“ spricht er. — Gut, gut, Herr Richter. So dank’ ich herzlich ihm fuͤr seine Muͤhe. Verzeih er mir. Wo hat er das Attest? Wißt ihr was von der Ordre? Nicht ein Wort. Vielmehr bekam er kuͤrzlich noch die Ordre, Sich nicht von seinem Amte zu entfernen. Auch habt ihr heut zu Haus’ ihn angetroffen. Nun? Wenn er log, ihr Herrn, konnt ich’s nicht pruͤfen. Ich mußte seinem Wort vertraun. Ganz recht. Du konntest es nicht pruͤfen. Weiter nur. Wo ist der Schein, sprachst du? „Hier,“ sagt er, „Evchen;“ Und zieht ihn vor. „Doch hoͤre,“ faͤhrt er fort, „Du mußt, so wahr ich lebe, mir vorher Noch sagen, wie der Ruprecht zubenams’t? Heißt er nicht Ruprecht Gimpel?“ — Wer? Der Ru- precht? „Ja. Oder Simpel? Simpel oder Gimpel.“ Ach, Gimpel! Simpel! Tuͤmpel heißt der Ruprecht. „Gott’s Blitz, ja,“ spricht er; „Tuͤmpel! Ruprecht Tuͤmpel! Hab ich, Gott toͤdt mich, mit dem Wetternamen Auf meiner Zunge nicht Versteck gespielt!“ — Ich sag’, Herr Richter Adam, weiß er nicht —? „Der Teufel soll mich holen, nein!“ spricht er. — Steht denn der Nam’ hier im Attest noch nicht? „Ob er in dem Attest —?“ — Ja, hier im Scheine. „Ich weiß nicht, wie du heute bist,“ spricht er. „Du hoͤrst’s, ich sucht’ und fand ihn nicht, als ich Heut Nachmittag bei mir den Schein hier mit Dem Physikus zusammen fabricirte.“ Das ist ja aber dann kein Schein, sprech’ ich. Das ist, nehm er’s mir uͤbel nicht, ein Wisch, das! Ich brauch’ ein ordentlich Attest, Herr Richter. — „Die ist, mein Seel, heut,“ spricht er, „ganz von Sinnen. Der Schein ist fertig, ge- und unterschrieben, Datirt, besiegelt auch, und in der Mitte Ein Platz, so groß just, wie ein Tuͤmpel, offen; Den fuͤll ich jetzt mit Dinte aus, so ist’s Ein Schein, nach allen Regeln, wie du brauchst.“ — Doch ich: wo will er in der Nacht, Herr Richter, Hier unterm Birnbaum auch den Platz erfuͤllen? — „Gott’s Menschenkind auch, unvernuͤnftiges!“ Spricht er; „du hast ja in der Kammer Licht, Und Dint und Feder fuͤhr’ ich in der Tasche. Fort! Zwei Minuten braucht’s, so ist’s geschehn. Ru- Ei, solch ein blitz-verfluchter Kerl! Und darauf gingst du mit ihm in die Kammer? Ich sag: Herr Dorfrichter, was das auch fuͤr Anstalten sind! Ich werde jetzt mit ihm, Da Mutter schlaͤft, in meine Kammer gehn. Daraus wird nichts, das konnt’ er sich wohl denken. „Gut,“ spricht er, „wie du willst. Ich bins zufrieden. So bleibt die Sach’ bis auf ein andermal. In Tagner drei bis acht bin ich zuruͤck.“ — Herr Gott, sag’ ich, er in acht Tagen erst! Und in drei Tagen geht der Ruprecht schon — Nun, Evchen, kurz — Kurz, gnaͤd’ger Herr — Du gingst — Ich ging. Ich fuͤhrt’ ihn in die Kammer ein. Ei, Eve! Eve! Zuͤrnt nicht! [11] Nun jetzt — weiter? Da wir jetzt in der Stube sind — zehnmal Verwuͤnscht’ ich’s schon, eh wir sie noch erreicht — Und ich die Thuͤr behutsam zugedruͤckt, Legt er Attest und Dint’ und Feder auf den Tisch, Und ruͤckt den Stuhl herbei sich, wie zum Schreiben. Ich denke, setzen wird er sich: doch er, Er geht und schiebt den Riegel vor die Thuͤre, Und raͤuspert sich, und luͤftet sich die Weste, Und nimmt sich die Peruͤcke foͤrmlich ab, Und haͤngt, weil der Peruͤckenstock ihm fehlt, Sie auf den Krug dort, den zum Scheuern ich Bei mir auf’s Wandgesimse hingestellt. Und da ich frag’, was dies auch mir bedeute? Laͤßt er am Tisch jetzt auf den Stuhl sich nieder, Und faßt mich so, bei beiden Haͤnden, seht, Und sieht mich an. Und sieht —? Und sieht dich an —? Zwei abgemessene Minuten starr mich an. Und spricht —? Spricht nichts —? Er, Niedertraͤcht’ger, sag’ ich, Da er jetzt spricht; was denkt er auch von mir? Und stoß’ ihm, vor die Brust daß er euch taumelt — Und: Jesus Christus! ruf’ ich: Ruprecht koͤmmt! — Denn an der Thuͤr ihn draußen hoͤr’ ich donnern. Ei, sieh! da kam ich recht. „Verflucht!“ spricht er, „Ich bin verrathen!“ — und springt, den Schein er- greifend, Und Dint’ und Feder, zu dem Fenster hin. „Du!“ sagt er jetzt, „sei klug!“ — und oͤffnet es. „Den Schein holst du dir morgen bei mir ab. Sagst du ein Wort, so nehm’ ich ihn, und reiß’ ihn, Und mit ihm deines Lebens Gluͤck, entzwei.“ Die Bestie! Und tappt sich auf die Huͤtsche, Und auf den Stuhl, und steigt auf’s Fensterbrett, Und untersucht, ob er wohl springen mag. Und wendet sich, und beugt sich zum Gesimse, Wo die Peruͤck’ haͤngt, die er noch vergaß. Und greift und reißt vom Kruge sie, und reißt Von dem Gesims den Krug herab: Der stuͤrzt; er springt; und Ruprecht kracht ins Zimmer. Gott’s Schlag und Wetter! Jetzt will, ich jetzt will reden, Gott der Allwissende bezeugt es mir! Doch dieser — schnaubend fliegt er euch durch’s Zimmer, Und stoͤßt — Verflucht! Mir vor die Brust — Mein Evchen! Ich taumle sinnlos nach dem Bette hin. Verdammter Hitzkopf, du! Jetzt steh’ ich noch, Goldgruͤn, wie Flammen rings, umspielt es mich, Und wank’, und halt’ am Bette mich; da stuͤrzt Der von dem Fenster schmetternd schon herab; Ich denk’, er steht im Leben nicht mehr auf. Ich ruf’: Heiland der Welt! und spring’ und neige Mich uͤber ihn, und nehm’ ihn in die Arme, Und sage: Ruprecht! Lieber Mensch! Was fehlt dir? Doch er — Fluch mir! Er wuͤthet — Traf ich dich? Ich weiche mit Entsetzen aus. Der Grobian! Daß mir der Fuß erlahmte! Nach ihr zu stoßen! Jetzt erscheint die Mutter, Und stutzt, und hebt die Lamp’ und faͤllt ergrimmt, Da sie den Krug in Scherben sieht, den Ruprecht Als den unzweifelhaften Thaͤter an. Er, wuthvoll steht er, sprachlos da, will sich Vertheidigen: doch Nachbar Ralf faͤllt ihn, Vom Schein getaͤuscht, und Nachtbar Hinz ihn an, Und Muhme Sus’ und Lies’ und Frau Brigitte, Die das Geraͤusch zusammt herbeigezogen, Sie Alle, taub, sie schmaͤhen ihn und schimpfen, Und sehen großen Auges auf mich ein, Da er mit Fluͤchen, schaͤumenden, betheuert, Daß nicht er, daß ein Andrer das Geschirr, Der eben nur entwichen sei, zerschlagen. Verwuͤnscht! Daß ich nicht schwieg! Ein Anderer! Mein liebes Evchen! Die Mutter stellt sich vor mich, Blaß, ihre Lippe zuckt, sie stemmt die Arme. „Ists,“ fragt sie, „ists ein Anderer gewesen?“ Und: Joseph, sag’ ich, und Maria, Mutter; Was denkt ihr auch? — „Und was noch fragt ihr sie,“ Schreit Muhme Sus’ und Liese: „Ruprecht war’s!“ Und alle schrein: „der Schaͤndliche! Der Luͤgner!“ Und ich — ich schwieg, ihr Herrn; ich log, ich weiß, Doch log ich anders nicht, ich schwoͤr’s, als schweigend. Mein Seel, sie sprach kein Wort, das muß ich sagen. Sie sprach nicht, nein, sie nickte mit dem Kopf bloß, Wenn man sie, obs der Ruprecht war, befragte. Ja, nicken. Gut. Ich nickte? Mutter! Nicht? Auch gut. Wann haͤtt’ ich —? Nun? Du haͤttest nicht, Als Muhme Suse vor dir stand, und fragte: Nicht, Evchen, Ruprecht war es? ja genickt? Wie? Mutter? Wirklich? Nickt’ ich? Seht — Beim Schnauben, Beim Schnauben, Evchen! Laß die Sache gut sein. Du hieltst das Tuch, und schneutztest heftig drein; Mein Seel, es schien, als ob du’n bissel nicktest. (verwirrt). Es muß unmerklich nur gewesen sein. Es war zum Merken just genug. Zum Schluß jetzt —? Nun war auch heut am Morgen noch mein erster Gedanke, Ruprecht alles zu vertraun. Denn weiß er nur der Luͤge wahren Grund, Was gilt’s, denk ich, so luͤgt er selbst noch mit, Und sagt, nun ja, den irdnen Krug zerschlug ich, Und dann so kriegt’ ich auch wohl noch den Schein. Doch Mutter, da ich in das Zimmer trete, Die haͤlt den Krug schon wieder, und befiehlt, Sogleich zum Vater Tuͤmpel ihr zu folgen; Dort fordert sie den Ruprecht vor Gericht. Vergebens, daß ich um Gehoͤr ihn bitte, Wenn ich ihm nah, so schmaͤht und schimpft er mich, Und wendet sich, und will nichts von mir wissen. Vergieb mir. Nun laß dir sagen, liebes Kind, Wie zu so viel, stets tadelnswerthen, Schritten — — Ich sage tadelnswerth, wenn sie auch gleich Verzeihlich sind — dich ein gemeiner, grober Betrug verfuͤhrt. So? Wirklich? Die Miliz Wird nach Batavia nicht eingeschifft: Sie bleibt, bleibt in der That bei uns, in Holland. Gut, gut, gut. Denn der Richter log; nicht wahr? So oft: und also log er gestern mir. Der Brief, den ich gesehen, war verfaͤlscht; Er las mir’s aus dem Stegreif nur so vor. Ja, ich versichr’ es dich. O gnaͤd’ger Herr! — O Gott! Wie koͤnnt ihr mir das thun? O sagt — Herr Schreiber Licht! Wie lautete der Brief? Ihr muͤßt ihn kennen. Ganz unverfaͤnglich. Wie’s uͤberall bekannt ist. Die Miliz Bleibt in dem Land, ’s ist eine Landm iliz. O Ruprecht! O mein Leben! Nun ist’s aus. Evchen! Hast du dich wohl auch uͤberzeugt? Besinne dich! Ob ich —? Du wirst’s erfahren. Stand’s wirklich so —? Du hoͤrst es, Alles, Alles; Auch dies, daß sie uns taͤuschen sollen, Freund. Wenn ich mein Wort dir gebe — O gnaͤd’ger Herr! Wahr ist’s, es waͤr das erstemal wohl nicht — Schweig! S’ ist umsonst — Das erstemal waͤr’s nicht? Vor sieben Jahren soll was Aehnliches Im Land geschehen sein — Wenn die Regierung Ihn hinterginge, waͤr’s das erstemal. So oft sie Truppen noch nach Asien schickte, Hat sie’s den Truppen noch gewagt zu sagen. Er geht — Du gehst. Komm. Wo er hinbeordert; In Utrecht wird er merken, daß er bleibt. Du gehst nach Utrecht. Komm. Da wirst du’s merken. Komm, folg’. Es sind die letzten Abschiedsstunden, Die die Regierung uns zum Weinen laͤßt; Die wird der Herr uns nicht verbittern wollen. Sieh da! So arm dein Busen an Vertrauen? O Gott! Gott! Daß ich jetzt nicht schwieg. Dir glaubt’ ich Wort vor Wort, was du mir sagtest; Ich fuͤrchte fast, daß ich mich uͤbereilt. Ich glaub’ euch ja, ihr hoͤrt’s, so wie ihr’s meint. Komm fort. Bleib. Mein Versprechen will ich loͤsen. Du hast mir deines Angesichtes Zuͤge Bewaͤhrt, ich will die meinen dir bewaͤhren; Muͤßt ich auf andere Art dir den Beweis Auch fuͤhren, als du mir. Nimm diesen Beutel. Ich soll — Den Beutel hier mit zwanzig Gulden! Mit so viel Geld kaufst du den Ruprecht los. Wie? Damit —? Ja, befreist du ganz vom Dienst ihn. Doch so. Schifft die Miliz nach Asien ein, So ist der Beutel ein Geschenk, ist dein. Bleibt sie im Land’, wie ich’s vorher dir sagte, So traͤgst du deines boͤsen Mißtrauns Strafe, Und zahlst, wie billig, Beutel, samt Intressen, Vom Hundert vier, terminlich mir zuruͤck. Wie, gnaͤd’ger Herr? Wenn die — Die Sach ist klar. Wenn die Miliz nach Asien sich einschifft, So ist der Beutel ein Geschenk, ist mein. Bleibt sie im Land, wie ihrs vorher mir sagtet, So soll ich boͤsen Mißtrauns Straf’ erdulden, Und Beutel, samt, wie billig, Interessen — (sie sieht Ruprecht an). Pfui! S’ ist nicht wahr! Es ist kein wahres Wort! Was ist nicht wahr? Da nehmt ihn! Nehmt ihn! Nehmt ihn! Wie? Nehmt, ich bitt’ euch, gnaͤd’ger Herr, nehmt, nehmt ihn! Den Beutel? O Herr Gott! Das Geld? Warum das? Vollwichtig neugepraͤgte Gulden sind’s. Sieh her, das Antlitz hier des Spanierkoͤnigs: Meinst du, daß dich der Koͤnig wird betruͤgen? O lieber, guter, edler Herr, verzeiht mir. — O der verwuͤnschte Richter! Ei, der Schurke! So glaubst du jetzt, daß ich dir Wahrheit gab? Ob ihr mir Wahrheit gabt? O scharfgepraͤgte, Und Gottes leuchtend Antlitz drauf. O Himmel! Daß ich nicht solche Muͤnze mehr erkenne! Hoͤr’, jetzt geb’ ich dir einen Kuß. Darf ich? Und einen tuͤchtigen. So. Das ist brav. Du also gehst nach Utrecht? Nach Utrecht geh’ ich, Und steh ein Jahrlang auf den Waͤllen Schildwach, Und wenn ich das gethan, u. s. w....... ist Eve mein!