Anton Reiser . Ein psychologischer Roman . Herausgegeben von Karl Philipp Moritz . Erster Theil . Berlin , 1785 . bei Friedrich Maurer . D ieser psychologische Roman koͤnnte auch allenfalls eine Biographie genannt werden, weil die Beobachtungen groͤßten¬ theils aus dem wirklichen Leben genommen sind. — Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt, und weiß, wie dasjenige oft im Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfaͤnglich klein und unbedeutend schien, der wird sich an die anscheineude Geringfuͤgigkeit mancher Um¬ staͤnde, die hier erzaͤhlt werden, nicht stos¬ sen. Auch wird man in einem Buche, wel¬ ches * 2 ches vorzuͤglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine große Man¬ nigfaltigkeit der Charaktere erwarten: denn es soll die vorstellende Kraft nicht verthei¬ len, sondern sie zusammendraͤngen, und den Blick der Seele in sich selber schaͤrfen. — Freilich ist dieß nun keine so leichte Sache, daß gerade jeder Versuch darinn gluͤcken muß — aber wenigstens wird doch vor¬ zuͤglich in paͤdagogischer Ruͤcksicht, das Be¬ streben nie ganz unnuͤtz seyn, die Auf¬ merksamkeit des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften, und ihm sein in¬ dividuelles Daseyn wichtiger zu machen. Endlich I n P., einem Orte, der wegen seines Ge¬ sundbrunnens beruͤhmt ist, lebte noch im Jahr 1756 ein Edelmann auf seinem Gute, der das Haupt einer Sekte in Deutschland war, die unter dem Namen der Quietisten oder Separa¬ tisten bekannt ist, und deren Lehren vorzuͤglich in den Schriften der Mad. Guion , einer be¬ kannten Schwaͤrmerin, enthalten sind, die zu Fenelons Zeiten, mit dem sie auch Umgang hatte, in Frankreich lebte. Der Hr. v. F., so hieß dieser Edelmann, wohnte hier von allen uͤbrigen Einwohnern des Orts, und ihrer Religion, Sitten, und Ge¬ braͤuchen, eben so abgesondert, wie sein Haus von den ihrigen durch eine hohe Mauer geschie¬ den war, die es von allen Seiten umgab. Dieß Haus nun machte fuͤr sich eine kleine Republik aus, worin gewiß eine ganz andre Verfassung, als rund umher im ganzen Lande herrschte. Das ganze Hauswesen bis auf den geringsten Dienstbothen bestand aus lauter sol¬ chen Personen, deren Bestreben nur dahin ging, A oder zu gehen schien, in ihr Nichts (wie es die Mad. Guion nennt) wieder einzugehen, alle Leidenschaften zu ertoͤdten , und alle Eigenheit auszurotten. Alle diese Personen mußten sich taͤglich ein¬ mal in einem großen Zimmer des Hauses zu einer Art von Gottesdienst versammlen, den der Herr v. F. selbst eingerichtet hatte, und welcher darinn bestand, daß sie sich alle um einen Tisch setzten, und mit zugeschloßnen Augen, den Kopf auf den Tisch gelegt, eine halbe Stunde war¬ teten, ob sie etwa die Stimme Gottes oder das innre Wort , in sich vernehmen wuͤrden. Wer dann etwas vernahm, der machte es den uͤbri¬ gen bekannt. Der Herr v. F. bestimmte auch die Lektuͤre seiner Leute, und wer von den Knechten oder Maͤgden eine muͤssige Viertelstunde hatte, den sahe man nicht anders, als mit einer von der Mad. Guion Schriften, vom innern Gebet , oder dergleichen, in der Hand, in einer nach¬ denkenden Stellung sitzen und lesen. Alles, bis auf die kleinsten haͤuslichen Be¬ schaͤftigungen, hatte in diesem Hause ein ernstes, strenges, und feierliches Ansehn. In allen Mienen glaubte man Ertoͤdtung und Verleug¬ nung , und in allen Handlungen Ausgehen aus sich selbst und Eingehen ins Nichts zu lesen. Der Herr v. F. hatte sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin nicht wieder verheirathet, sondern lebte mit seiner Schwester, der Fr. v. P., in dieser Eingezogenheit, um sich dem großen Geschaͤfte, die Lehren der Mad. Guion auszu¬ breiten, ganz und ungestoͤrt widmen zu koͤnnen. Ein Verwalter, Namens H., und eine Haus¬ haͤlterin mit ihrer Tochter, machten gleichsam den mittlern Stand des Hauses aus, und dann folgte das niedrige Gesinde. — Diese Leute schlossen sich wirklich fest aneinander, und alles hatte eine unbegraͤnzte Ehrfurcht gegen den Hrn. v. F., der wirklich einen unstraͤflichen Lebens¬ wandel fuͤhrte, obgleich die Einwohner des Orts sich mit den aͤrgerlichsten Geschichten von ihm trugen. Er stand jede Nacht dreimal zu bestimmten Stunden auf, um zu beten, und bei Tage brachte er seine meiste Zeit damit zu, daß er die Schriften der Mad. Guion, deren eine große Anzahl von A 2 Baͤnden ist, aus dem Franzoͤsischen uͤbersetzte, die er denn auf seine Kosten drucken ließ, und sie umsonst unter seine Anhaͤnger austheilte. Die Lehren, welche in diesen Schriften ent¬ halten sind, betreffen groͤßtentheils jenes schon erwaͤhnte voͤllige Ausgehen aus sich selbst, und Eingehen in ein seliges Nichts, jene gaͤnzliche Ertoͤdtung aller sogenannten Eigenheit oder Eigenliebe , und eine voͤllig uninteressirte Liebe zu Gott, worin sich auch kein Fuͤnkchen Selbst¬ liebe mehr mischen darf, wenn sie rein seyn soll, woraus denn am Ende eine vollkommne, selige Ruhe entsteht, die das hoͤchste Ziel aller dieser Bestrebungen ist. Weil nun die Mad. Guion sich fast ihr gan¬ zes Leben hindurch, mit nichts als mit Buͤcher¬ schreiben beschaͤftigt hat, so sind ihrer Schriften eine so erstaunliche Menge, daß selbst Martin Luther schwerlich mehr geschrieben haben kann. Unter andern macht allein eine mystische Erklaͤ¬ rung der ganzen Bibel wohl an zwanzig Baͤnde aus. Diese Mad. Guion mußte viel Verfolgung leiden, und wurde endlich, weil man ihre Lehr¬ saͤtze fuͤr gefaͤhrlich hielt, in die Bastille gesetzt, wo sie nach einer zehnjaͤhrigen Gefangenschaft starb. Als man nach ihrem Tode ihren Kopf oͤfnete, fand man ihr Gehirn fast wie ausge¬ trocknet. Sie wird uͤbrigens noch itzt von ihren Anhaͤngern, als eine Heilige der ersten Groͤße, beinahe goͤttlich verehrt, und ihre Ausspruͤche werden den Ausspruͤchen der Bibel gleich ge¬ schaͤtzt; weil man annimmt, daß sie durch gaͤnz¬ liche Ertoͤdtung aller Eigenheit , so gewiß mit Gott sey vereinigt worden, daß alle ihre Gedan¬ ken auch nothwendig goͤttliche Gedanken werden mußten. Der Herr v. F. hatte die Schriften der Mad. Guion auf seinen Reisen in Frankreich kennen gelernt, und die trockne, metaphysische Schwaͤr¬ merei, welche darinn herrscht, hatte fuͤr seine Gemuͤthsbeschaffenheit so viel Anziehendes, daß er sich ihr mit eben dem Eifer ergab, womit er sich wahrscheinlich, unter andern Umstaͤnden, dem hoͤchsten Stoicismus wuͤrde ergeben haben, womit die Lehren der Mad. Guion, in Anse¬ hung der gaͤnzlichen Ertoͤdtung aller Begierden u. s. w. oft eine auffallende Aehnlichkeit haben. A 3 Er wurde nun auch von seinen Anhaͤngern ebenfalls wie ein Heiliger verehrt, und ihm wirk¬ lich zugetrauet, daß er, beim ersten Anblick, das Innerste der Seele eines Menschen durchschauen koͤnne. Zu seinem Hause geschahen Wallfahrten von allen Seiten, und unter denen, die jaͤhrlich, wenigstens einmal, dieses Haus besuchten, war auch Antons Vater. Dieser, ohne eigentliche Erziehung aufge¬ wachsen, hatte seine erste Frau sehr fruͤh ge¬ heirathet, immer ein ziemlich wildes herumir¬ rendes Leben gefuͤhrt, wohl zuweilen einige fromme Ruͤhrungen gehabt, aber nicht viel dar¬ auf geachtet. Bis er nach dem Tode seiner er¬ sten Frau ploͤtzlich in sich geht, auf einmal tief¬ sinnig, und wie man sagt, ein ganz andrer Mensch wird, und bei seinem Aufenthalt in P. zufaͤlliger Weise erstlich den Verwalter des Hrn. v. F. und nachher durch diesen den Hrn. v. F. selber kennen lernte. Dieser giebt ihm denn nach und nach die Guionschen Schriften zu lesen, er findet Ge¬ schmack daran, und wird bald ein erklaͤrter An¬ haͤnger des Hrn. v. F. Demohngeachtet fiel es ihm ein, wieder zu heirathen, und er machte mit Antons Mutter Bekanntschaft, welche bald in die Heirath wil¬ ligte, das sie nie wuͤrde gethan haben, haͤtte sie die Hoͤlle von Elend vorausgesehen, die ihr im Ehestande drohete. Sie versprach sich von ihrem Manne noch mehr Liebe und Achtung, als sie vorher bei ihren Anverwandten genossen hatte, aber wie entsetzlich fand sie sich betrogen. So sehr die Lehre der Mad. Guion von der gaͤnzlichen Ertoͤdtung und Vernichtung aller, auch der sanften und zaͤrtlichen Leidenschaften, mit der harten und unempfindlichen Seele ihres Mannes uͤbereinstimmten, so wenig war es ihr moͤglich, sich jemals mit diesen Ideen zu ver¬ staͤndigen, wogegen sich ihr Herz auflehnte. Dieß war der erste Keim zu aller nachheri¬ gen ehelichen Zwietracht. Ihr Mann fing an, ihre Einsichten zu ver¬ achten, weil sie die hohen Geheimnisse nicht fassen wollte, die die Madam Guion lehrte. A 4 Diese Verachtung erstreckte sich nachher auch auf ihre uͤbrigen Einsichten, und je mehr sie dies empfand, je staͤrker mußte nothwendig die ehe¬ liche Liebe sich vermindern, und das wechselsei¬ tige Mißvergnuͤgen aneinander mit jedem Tage zunehmen. Antons Mutter hatte eine starke Belesenheit in der Bibel, und eine ziemlich deutliche Er¬ kenntniß von ihrem Religionssystem, sie wußte z. E. sehr erbaulich davon zu reden, daß der Glaube ohne Werke todt sey, u. s. w. In der Bibel las sie wirklich zu ganzen Stunden mit innigem Vergnuͤgen, aber sobald ihr Mann es versuchte, ihr aus den Guionschen Schriften vorzulesen, so empfand sie eine Art von Bangigkeit, die vermuthlich aus der Vor¬ stellung entstand, sie werde dadurch in dem rech¬ ten Glauben irre gemacht werden. Sie suchte sich alsdann auf alle Weise loszu¬ machen. — Hiezu kam nun noch, daß sie vieles von der Kaͤlte und dem lieblosen Wesen ihres Mannes auf Rechnung der Guionschen Lehre schrieb, die sie nun in ihrem Herzen immermehr zu verwuͤnschen anfing, und bei dem voͤlligen Ausbruch der ehelichen Zwietracht sie laut ver¬ wuͤnschte. So wurde der haͤusliche Friede und die Ruhe und Wohlfahrt einer Familie Jahre lang durch diese ungluͤcklichen Buͤcher gestoͤrt, die wahr¬ scheinlich einer so wenig, wie der andere ver¬ stehen mochte. Unter diesen Umstaͤnden wurde Anton ge¬ bohren, und von ihm kann man mit Wahrheit sagen, daß er von der Wiege an unterdruͤckt ward. Die ersten Toͤne, die sein Ohr vernahm, und sein aufdaͤmmernder Verstand begriff, waren wechselseitige Fluͤche und Verwuͤnschungen des unaufloͤslich geknuͤpften Ehebandes. Ob er gleich Vater und Mutter hatte, so war er doch in seiner fruͤhesten Jugend schon von Vater und Mutter verlassen, denn er wußte nicht, an wen er sich anschließen, an wen er sich halten sollte, da sich beide haßten, und ihm doch einer so nahe wie der andre war. In seiner fruͤhesten Jugend hat er nie die Liebkosungen zaͤrtlicher Eltern geschmeckt, nie nach einer kleinen Muͤhe ihr belohnendes Laͤcheln. A 5 Wenn er in das Haus seiner Eltern trat, so trat er in ein Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Thraͤnen und der Klagen. Diese ersten Eindruͤcke sind nie in seinem Leben aus seiner Seele verwischt worden, und haben sie oft zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht, die er durch keine Philoso¬ phie verdraͤngen konnte. Da sein Vater im siebenjaͤhrigen Kriege mit zu Felde war, zog seine Mutter zwei Jahre lang mit ihm auf ein kleines Dorf. Hier hatte er ziemliche Freiheit und einige Entschaͤdigung fuͤr die Leiden seiner Kindheit. Die Vorstellungen von den ersten Wiesen, die er sahe, von dem Kornfelde, das sich einen sanften Huͤgel hinanerstreckte, und oben mit gruͤnem Gebuͤsch umkraͤnzt war, von dem blauen Berge, und den einzelnen Gebuͤschen und Baͤu¬ men, die am Fuß desselben auf das gruͤne Gras ihren Schatten warfen, und immer dichter und dichter wurde, je hoͤher man hinaufstieg, mischen sich noch immer unter seine angenehmsten Ge¬ danken, und machen gleichsam die Grundlage aller der taͤuschenden Bilder aus, die oft seine Phantasie sich vormahlt. Aber wie bald waren diese beiden gluͤcklichen Jahre entflohen! Es ward Friede, und Antons Mutter zog mit ihm in die Stadt zu ihrem Manne. Die lange Trennung von ihm verursachte ein kurzes Blendwerk ehelicher Eintracht, aber bald folgte auf die betruͤgliche Windstille ein desto schrecklicherer Sturm. Antons Herz zerfloß in Wehmuth, wenn er einem von seinen Eltern Unrecht geben sollte, und doch schien es ihm sehr oft, als wenn sein Vater, den er bloß fuͤrchtete, mehr Recht habe, als seine Mutter, die er liebte. So schwankte seine junge Seele bestaͤndig zwischen Haß und Liebe, zwischen Furcht und Zutrauen, zu seinen Eltern hin und her. Da er noch nicht acht Jahr alt war, gebahr seine Mutter einen zweiten Sohn, auf den nun vollends die wenigen Ueberreste vaͤterlicher und muͤtterlicher Liebe fielen, so daß er nun fast ganz vernachlaͤßiget wurde, und sich, so oft man von ihm sprach, mit einer Art von Geringschaͤtzung und Verachtung nennen hoͤrte, die ihm durch die Seele ging. Woher mochte wohl dieß sehnliche Ver¬ langen nach einer liebreichen Behandlung bei ihm entstehen, da er doch derselben nie ge¬ wohnt gewesen war, und also kaum einige Be¬ griffe davon haben konnte? Am Ende freilich ward dieß Gefuͤhl ziemlich bei ihm abgestumpft; es war ihm beinahe, als muͤsse es bestaͤndig gescholten seyn, und ein freundlicher Blick, den er einmal erhielt, war ihm ganz etwas sonderbares, das nicht recht zu seinen uͤbrigen Vorstellungen passen wollte. Er fuͤhlte auf das innigste das Beduͤrfniß der Freundschaft von seines Gleichen: und oft, wenn er einen Knaben von seinem Alter sahe, hing seine ganze Seele an ihm, und er haͤtte alles drum gegeben, sein Freund zu werden; allein das niederschlagende Gefuͤhl der Verach¬ tung, die er von seinen Eltern erlitten, und die Scham, wegen seiner armseligen, schmutzigen, und zerrißnen Kleidung hielten ihn zuruͤck, daß er es nicht wagte, einen gluͤcklichern Knaben anzureden. So ging er fast immer traurig und einsam umher, weil die meisten Knaben in der Nach¬ barschaft ordentlicher, reinlicher, und besser, wie er, gekleidet waren, und nicht mit ihm umgehen wollten, und die es nicht waren, mit denen mochte er wieder, wegen ihrer Liederlichkeit, und auch vielleicht aus einem gewissen Stolz, keinen Umgang haben. So hatte er keinen, zu dem er sich gesellen konnte, keinen Gespielen seiner Kindheit, keinen Freund unter Großen noch Kleinen. Im achten Jahre fing denn doch sein Vater an, ihn selber etwas lesen zu lehren, und kaufte ihm zu dem Ende zwei kleine Buͤcher, wovon das eine eine Anweisung zum Buchstabiren, und das andre eine Abhandlung gegen das Buchsta¬ biren enthielt. In dem ersten mußte Anton groͤßtentheils schwere biblische Namen, als: Nebukadnezar, Abednego, u. s. w., bei denen er auch keinen Schatten einer Vorstellung haben konnte, buch¬ stabiren. Dieß ging daher etwas langsam. Allein sobald er merkte, daß wirklich ver¬ nuͤnftige Ideen durch die zusammengesetzten Buchstaben ausgedruͤckt waren, so wurde seine Begierde, lesen zu lernen, von Tage zu Tage staͤrker. Sein Vater hatte ihm kaum einige Stunden Anweisung gegeben, und er lernte es nun, zur Verwunderung aller seiner Angehoͤrigen, in wenig Wochen von selber. Mit innigem Vergnuͤgen erinnert er sich noch itzt an die lebhafte Freude, die er damals genoß, als er zuerst einige Zeilen, bei denen er sich etwas denken konnte, durch vieles Buchsta¬ biren, mit Muͤhe herausbrachte. Nun aber konnte er nicht begreifen, wie es moͤglich sey, daß andre Leute so geschwind lesen konnten, wie sie sprachen; er verzweifelte da¬ mals gaͤnzlich an der Moͤglichkeit, es je so weit zu bringen. Um desto groͤßer war nun seine Verwunde¬ rung und Freude, da er auch dieß nach einigen Wochen konnte. Auch schien ihn dieses bei seinen Eltern, noch mehr aber bei seinen Anverwandten in ei¬ nige Achtung zu setzen, welches von ihm zwar nicht unbemerkt blieb, aber doch nie die eigent¬ liche Ursach ward, die ihn zum Fleiß anspornete. Seine Begierde zu lesen, war nun unersaͤtt¬ lich. Zum Gluͤcke standen in dem Buchstabier¬ buche, außer den biblischen Spruͤchen, auch ei¬ nige Erzaͤhlungen von frommen Kindern, die mehr wie hundertmal von ihm durchgelesen wur¬ den, ob sie gleich nicht viel Anziehendes hatten. Die eine handelte von einem sechsjaͤhrigen Knaben, der zur Zeit der Verfolgung die christ¬ liche Religion nicht verlaͤugnen wollte, sondern sich lieber auf das entsetzlichste peinigen, und nebst seiner Mutter, als ein Maͤrtyrer fuͤr die Religion sein Leben ließ; die andre von einem boͤsen Buben, der sich im zwanzigsten Jahre seines Lebens bekehrte, und bald darauf starb. Nun kam auch das andre kleine Buch an die Reihe, worin die Abhandlung gegen das Buch¬ stabiren stand, und er zu seiner großen Verwun¬ derung laß, daß es schaͤdlich, ja seelenverderblich sey, die Kinder durch Buchstabiren lesen zu lehren. In diesem Buche fand er auch eine Anwei¬ sung fuͤr Lehrer, die Kinder lesen zu lehren, und eine Abhandlung uͤber die Hervorbringung der einzelnen Laute durch die Sprachwerkzeuge: so trocken ihm dieses schien, so las er es doch aus Mangel an etwas bessern, mit der groͤßten Standhaftigkeit, nach der Reihe durch. Durch das Lesen war ihm nun auf einmal eine neue Welt eroͤfnet, in deren Genuß er sich fuͤr alle das Unangenehme in seiner wirklichen Welt einigermaßen entschaͤdigen konnte. Wenn nun rund um ihn her nichts als Lermen und Schelten und haͤusliche Zwietracht herrschte, oder er sich vergeblich nach einem Gespielen um¬ sah, so eilte er hin zu seinem Buche. So ward er schon fruͤh aus der natuͤrlichen Kinderwelt in eine unnatuͤrliche idealische Welt verdraͤngt, wo sein Geist fuͤr tausend Freuden des Lebens verstimmt wurde, die andre mit vol¬ ler Seele genießen koͤnnen. Schon im achten Jahre bekam er eine Art von auszehrender Krankheit. Man gab ihn voͤllig auf, und er hoͤrte bestaͤndig von sich, wie von einem, der schon wie ein Todter beobachtet wird, reden. Dieß war ihm immer laͤcherlich, oder vielmehr war ihm das Sterben selbst, wie er sich damals vorstellte, mehr etwas Laͤcherliches, als etwas Ernst¬ Ernsthaftes. Seine Base, der er doch etwas lieber, wie seinen Eltern zu seyn schien, ging endlich mit ihm zu einem Arzt, und eine Kur von einigen Monaten stellte ihn wieder her. Kaum war er einige Wochen gesund, als ihn gerade bei einem Spatziergange mit seinen Eltern auf das Feld, der ihm sehr etwas seltnes, und eben daher desto reizender war, der linke Fuß an zu schmerzen fing. Dieß war nach uͤber¬ standner Krankheit sein erster und sollte auf lange Zeit sein letzter Spatziergang seyn. Am dritten Tage war die Geschwulst und Entzuͤndung am Fuße schon so gefaͤhrlich gewor¬ den, daß man am vierten zur Amputation schrei¬ ten wollte. Antons Mutter saß und weinte, und sein Vater gab ihm zwei Pfennige. Dieß waren die ersten Aeußerungen des Mitleids gegen ihn, deren er sich von seinen Eltern er¬ innert, und die wegen der Seltenheit einen desto staͤrkern Eindruck auf ihn machten. An dem Tage vor der beschloßnen Amputa¬ tion kam ein mitleidiger Schuster zu Antons Mutter, und brachte ihr eine Salbe, durch de¬ ren Gebrauch sich die Geschwulst und Entzuͤn¬ B dung im Fuße, waͤhrend wenigen Stunden legte. Zum Fußabnehmen kam es nun nicht, aber der Schaden dauerte demohngeachtet vier Jahre lang, ehe er geheilt werden konnte, in welcher Zeit unser Anton wiederum unter oft unsaͤg¬ lichen Schmerzen alle Freuden der Kindheit ent¬ behren mußte. Bei diesen Schaden konnte er zuweilen ein ganzes Vierteljahr nicht aus dem Hause gehen, nachdem er eine Weile zuheilte, und immer wie¬ der aufbrach. Oft mußte er ganze Naͤchte hindurch wim¬ mern und klagen, und die abscheulichsten Schmerzen fast alle Tage beim Verbinden er¬ dulden. Dieß entfernte ihn natuͤrlicher Weise noch mehr aus der Welt und von dem Umgange mit seines Gleichen, und fesselte ihn immer mehr an das Lesen und an die Buͤcher. Am haͤufigsten las er, wenn er seinen juͤngern Bru¬ der wiegte, und wann es ihm damals an einem Buche fehlte, so war es, als wenn es ihm itzt an einem Freunde fehlt: denn das Buch mußte ihm Freund, und Troͤster, und alles seyn. Im neunten Jahre las er alles, was Ge¬ schichte in der Bibel ist, vom Anfange bis zu Ende durch; und wenn einer von den Haupt¬ personen, als Moses, Samuel, oder David, gestorben war, so konnte er sich Tage lang dar¬ uͤber betruͤben, und es war ihm dabey zu Muthe, als sey ihm ein Freund abgestorben, so lieb wur¬ den ihm immer die Personen, die viel in der Welt gethan, und sich einen Namen gemacht hatten. So war Joab sein Held, und es schmerzte ihn, so oft er schlecht von ihm denken mußte. Insbesondre haben ihn oft die Zuͤge der Gro߬ muth in Davids Geschichte, wenn er seines aͤrg¬ sten Feindes schonte, da er ihn doch in seiner Gewalt hatte, bis zu Thraͤnen geruͤhrt. Nun fiel ihm das Leben der Altvaͤter in die Haͤnde, welches sein Vater sehr hochschaͤtzte, und diese Altvaͤter bei jeder Gelegenheit als Autori¬ taͤten anfuͤhrte. So fingen sich gemeiniglich seine moralischen Reden an: die Madam Guion spricht , oder der heilige Makarius oder An¬ tonius sagt u. s. w. B 2 Die Altvaͤter, so abgeschmackt und aben¬ theuerlich oft ihre Geschichte seyn mochte, wa¬ ren fuͤr Anton die wuͤrdigsten Muster zur Nach¬ ahmung, und er kannte eine Zeitlang keinen hoͤhern Wunsch, als seinem großen Namensge¬ nossen, dem heiligen Antonius, aͤhnlich zu wer¬ den, und wie dieser Vater und Mutter zu verlassen und in eine Wuͤste zu fliehen, die er nicht weit vom Thore zu finden hofte, und wohin er ein¬ mal wirklich eine Reise antrat, indem er sich uͤber hundert Schritte weit von der Wohnung seiner Eltern entfernte, und vielleicht noch wei¬ ter gegangen waͤre, wenn die Schmerzen an seinem Fuße ihn nicht genoͤthiget haͤtten, wieder zuruͤck zu kehren. Auch fing er wirklich zuwei¬ len an, sich mit Nadeln zu pricken, und sonst zu peinigen, um dadurch den heiligen Altvaͤtern einigermaßen aͤhnlich zu werden, da es ihm doch ohnedem an Schmerzen nicht fehlte. Waͤhrend dieser Lektuͤre ward ihm ein kleines Buch geschenkt, dessen eigentlichen Titel er sich nicht erinnert, das aber von einer fruͤhen Got¬ tesfurcht handelte, und Anweisung gab, wie man schon vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre in der Froͤmmigkeit wachsen koͤnne. Die Abhandlungen in diesem Buͤchelchen hießen also: fuͤr Kinder von sechs Jahren , fuͤr Kinder von sieben Jahren u. s. w. Anton las also den Abschnitt fuͤr Kinder von neun Jahren , und fand, daß es noch Zeit sey, ein frommer Mensch zu werden, daß er aber schon drei Jahre versaͤumt habe. Dieß erschuͤtterte seine ganze Seele, und er faßte einen so festen Vorsatz sich zu bekehren, wie ihn wohl selten Erwachsene fassen moͤgen. Von der Stunde an befolgte er alles, was von Gebet, Gehorsam, Geduld, Ordnung u. s. w. in dem Buche stand, auf das puͤnktlichste, und machte sich nun beinahe jeden zu schnellen Schritt zur Suͤnde. Wie weit, dachte er, werde ich nun nicht schon in fuͤnf Jahren seyn, wenn ich hierbey bleibe. Denn in dem kleinen Buche war das Fortruͤcken in der Froͤmmigkeit gleich¬ sam zu einer Sache des Ehrgeizes gemacht, wie man etwa sich freuet, aus einer Klasse in die andere immer hoͤher gestiegen zu seyn. B 3 Wenn er, wie natuͤrlich, sich zuweilen vergaß, und einmal, wenn er Linderung an seinem Fuße fuͤhlte, umher sprang oder lief, so fuͤhlte er dar¬ uͤber die heftigsten Gewissensbisse, und es war ihm immer, als sey er nun schon einige Stufen wieder zuruͤckgekommen. Dieses kleine Buch hatte lange einen starken Einfluß auf seine Handlungen und Gesinnung¬ gen: denn was er las, das suchte er auch gleich auszuuͤben. Daher las er auf jeden Tag in der Woche sehr gewissenhaft den Abend- und Mor¬ gensegen, weil im Katechismus stand, man muͤsse ihn lesen; auch vergaß er nicht, das Kreuz dabey zu machen, und das walte zu sagen, wie es im Katechismus befohlen war. Sonst sahe er nicht viel von Froͤmmigkeit, ob er gleich immer viel davon reden hoͤrte, und seine Mutter ihn alle Abend einsegnete, und nie¬ mals vergaß, ehe er einschlief, das Zeichen des Kreuzes uͤber ihn zu machen. Der Herr v. F. hatte unter andern die geist¬ lichen Lieder der Madam Guion ins Deutsche uͤbersetzt, und Antons Vater, der musikalisch war, paßte ihnen Melodien an, die groͤßten¬ theils einen raschen, froͤhlichen Gang hatten. Wenn es sich nun fuͤgte, daß er etwa einmal nach einer langen Trennung wieder zu Hause kam, so ließ sich denn doch die Ehegattin uͤber¬ reden, einige dieser Lieder mitzusingen, wozu er die Zitter spielte. Dieß geschahe gemeiniglich kurz nach der ersten Freude des Wiedersehens, und diese Stunden mochten wohl noch die gluͤck¬ lichsten in ihrem Ehestande seyn. Anton war dann am frohesten, und stimmte oft so gut er konnte, in diese Lieder ein, die ein Zeichen der so seltnen wechselseitigen Harmonie und Uebereinstimmung bei seinen Eltern waren. Diese Lieder gab ihm nun sein Vater, da er ihn fuͤr reif genug zu dieser Lektuͤre hielt, in die Haͤnde, und ließ sie ihn zum Theil auswendig lernen. Wirklich hatten diese Gesaͤnge, ohngeachtet der steifen Uebersetzung, immer noch so viel Seelenschmelzendes, eine so unnachahmliche Zaͤrtlichkeit im Ausdrucke, solch ein sanftes Hell¬ dunkel in der Darstellung, und so viel unwi¬ derstehlich Anziehendes fuͤr eine weiche Seele, B 4 daß der Eindruck, den sie auf Antons Herz machten, bei ihm unausloͤschlich geblieben ist. Oft troͤstete er sich in einsamen Stunden, wo er sich von aller Welt verlassen glaubte, durch ein solches Lied vom seligen Ausgehen aus sich selber, und der suͤßen Vernichtung vor dem Urquelle des Daseyns. So gewaͤhrten ihm schon damals seine kin¬ dischen Vorstellungen oft eine Art von himmli¬ scher Beruhigung. Einmal waren seine Eltern bei dem Wirth des Hauses, wo sie wohnten, des Abends zu einem kleinen Familienfeste gebeten. Anton mußte es aus dem Fenster mit ansehen, wie die Kinder der Nachbarn schoͤn geputzt zu diesem Feste kamen, indeß er allein auf der Stube zu¬ ruͤckbleiben mußte, weil seine Eltern sich seines schlechten Aufzuges schaͤmten. Es wurde Abend, und ihn fing an zu hungern; und nicht einmal ein Stuͤckchen Brod hatten ihm seine Eltern zu¬ ruͤckgelassen. Indeß er oben einsam saß und weinte, schallte das froͤhliche Getuͤmmel von unten zu ihm her¬ auf. — Verlassen von allem, fuͤhlte er erst eine Art von bitterer Verachtung gegen sich selbst, die sich aber ploͤtzlich in eine unaussprechliche Wehmuth verwandelte, da er zufaͤlliger Weise die Lieder der Madam Guion aufschlug, und eins fand, das gerade auf seinen Zustand zu passen schien. — Eine solche Vernichtung, wie er in diesem Augenblick fuͤhlte, mußte nach dem Liede der Mad. Guion vorhergehen, um sich in dem Abgrunde der ewigen Liebe, wie ein Tro¬ pfen im Ocean, zu verlieren. — — Allein, da nun der Hunger anfing, ihm unausstehlich zu werden, so wollten auch die Troͤstungen der Madam Guion nichts mehr helfen, und er wagte es, hinunter zu gehen, wo seine Eltern in großer Gesellschaft schmauseten, oͤfnete ein klein wenig die Thuͤre, und bat seine Mutter um den Schluͤs¬ sel zum Speiseschranke, und um die Erlaubniß, sich ein wenig Brod nehmen zu duͤrfen, weil ihn sehr hungere. Dieß erweckte erst das Gelaͤchter und nach¬ her das Mitleid der Gesellschaft, nebst einigen Unwillen gegen seine Eltern. Er ward mit an den Tisch gezogen, und ihm von dem Besten vorgelegt, welches ihm denn B 5 freylich eine ganz andre Art von Freude, als vorher die Guionschen Trostlieder, gewaͤhrte. Allein auch jene schwermuthsvolle thraͤnen¬ reiche Freude behielt immer etwas Anziehendes fuͤr ihn, und er uͤberließ sich ihr, indem er die Guionschen Lieder las, so oft ihm ein Wunsch fehlgeschlagen war, oder ihm etwas trauriges bevorstand, als wenn er z. B. vorher wußte, daß sein Fuß verbunden, und die Wunde mit Hoͤllenstein bestrichen werden sollte. Das zweyte Buch, was ihn sein Vater nebst den Guionschen Liedern lesen ließ, war eine Anweisung zum innern Gebet von eben die¬ ser Verfasserin. Hierin ward gezeigt, wie man nach und nach dahin kommen koͤnne, sich im eigentlichen Ver¬ stande mit Gott zu unterreden, und seine Stim¬ me im Herzen, oder das eigentliche innre Wort , deutlich zu vernehmen; indem man sich nehmlich zuerst so viel wie moͤglich von den Sinnen loß zu machen, und sich mit sich selbst und seinen eignen Gedanken zu beschaͤftigen suchte, oder meditiren lernte, welches aber auch erst aufhoͤ¬ ren, und man sich selbst sogar erst vergessen muͤsse, ehe man faͤhig sey, die Stimme Gottes in sich zu vernehmen. Dieß ward von Anton mit dem groͤßten Ei¬ fer befolgt, weil er wirklich begierig war, so etwas Wunderbares, als die Stimme Gottes, in sich zu hoͤren. Er saß daher halbe Stunden lang mit ver¬ schloßnen Augen, um sich von der Sinnlichkeit abzuziehen. Sein Vater that dieses zum groͤßten Leidwesen seiner Mutter ebenfalls. Auf Anton aber achtete sie nicht, weil sie ihn zu keiner Ab¬ sicht faͤhig hielt, die er dabey haben koͤnne. Anton kam bald so weit, daß er glaubte, von den Sinnen ziemlich abgezogen zu seyn, und nun fing er an, sich wirklich mit Gott zu unter¬ reden, mit dem er bald auf einen ziemlich ver¬ traulichen Fuß umging. Den ganzen Tag uͤber, bei seinen einsamen Spatziergaͤngen, bei seinen Arbeiten, und sogar bei seinem Spiele sprach er mit Gott, zwar immer mit einer Art von Liebe und Zutrauen, aber doch so, wie man ohn¬ gefaͤhr mit einem seines Gleichen spricht, mit dem man eben nicht viel Umstaͤnde macht, und ihm war es denn wirklich immer, als ob Gott dieses oder jenes antwortete. Freylich ging es nicht so ab, daß es nicht zu¬ weilen einige Unzufriedenheit sollte gesetzt haben, wenn etwa ein unschuldiges Spielwerk, oder sonst ein Wunsch vereitelt ward. Dann hieß es oft: aber mir auch diese Kleinigkeit nicht einmal zu gewaͤhren! oder, das haͤttest du doch wohl koͤnnen geschehen lassen, wenn's irgend moͤglich gewesen waͤre! und so nahm es sich denn Anton nicht uͤbel, zuweilen ein wenig mit Gott nach seiner Art boͤse zu thun; denn obgleich davon nichts in der Madam Guion Schriften stand, so glaubte er doch, es gehoͤre mit zum vertrau¬ lichen Umgange. Alle diese Veraͤnderungen gingen mit ihm vom neunten bis zum zehnten Jahre vor. Waͤh¬ rend dieser Zeit nahm ihn auch sein Vater, wegen des Schadens am Fuße, mit nach dem Gesund¬ brunnen in P. Wie freute er sich nun, den Hrn. v. F. persoͤnlich kennen zu lernen, von dem sein Vater bestaͤndig mit solcher Ehrfurcht, wie von einem uͤbermenschlichen Wesen geredet hatte, und wie freute er sich, dort von seinen großen Fortschritten in der innern Gottseligkeit Rechen¬ schaft ablegen zu koͤnnen: seine Einbildungskraft mahlte ihm dort eine Art von Tempel, worin er auch als Priester eingeweiht, und als ein solcher zur Verwunderung aller, die ihn kannten, zu¬ ruͤckkehren wuͤrde. Er machte nun mit seinem Vater die erste Reise, und waͤhrend derselben war dieser auch etwas guͤtiger gegen ihn, und gab sich mehr mit ihm ab, als zu Hause. Anton sahe hier die Natur in unaussprechlicher Schoͤnheit. Die Berge rund umher in der Ferne und in der Naͤhe und die lieblichen Thaͤler entzuͤckten seine Seele, und schmolzen sie in Wehmuth, die theils aus der Erwartung der großen Dinge entstand, die hier mit ihm vorgehen sollten. Der erste Gang mit seinem Vater war in das Haus des Hrn. v. F., wo dieser den Ver¬ walter, Hrn. H., zuerst sprach, ihn umarmte und kuͤßte, und auf das freundschaftlichste von ihm bewillkommt wurde. Ohngeachtet der großen Schmerzen, die An¬ ton durch die Reise an seinem Fuße empfand, war er doch beim Eintritt in das Haus des Hrn. v. F. vor Freuden außer sich. Anton blieb diesen Tag in der Stube des Hrn. H., mit dem er kuͤnftig alle Abend speisen mußte. Uebrigens bekuͤmmerte man sich doch im Hause lange nicht so viel um ihn, wie er erwartet hatte. Seine Uebungen im innern Gebet setzte er nun sehr fleißig fort; allein es konnte denn frey¬ lich nicht fehlen, daß sie nicht zuweilen eine sehr kindische Wendung nehmen mußten. Hinter dem Hause, wo sein Vater in P. logirte, war ein großer Baumgarten: hier fand er zufaͤlliger Weise einen Schiebkarn, und machte sich das Vergnuͤgen, damit im ganzen Garten herum¬ zuschieben. Um dieß nun aber zu rechtfertigen, weil er anfing, es fuͤr Suͤnde zu halten, bildete er sich eine ganz sonderbare Grille. Er hatte nehmlich in den Guionschen Schriften und anderwaͤrts viel von dem Jesulein gelesen, von welchem ge¬ sagt wurde, daß es allenthalben sey, und man bestaͤndig und an allen Orten mit ihm umgehen koͤnne. Das Diminutivum machte, daß er sich einen Knaben, noch etwas kleiner wie er, darunter vorstellte, und da er nun mit Gott selber schon so vertraut umging, warum nicht noch vielmehr mit diesem seinen Sohne, dem er zutraute, daß er sich nicht weigern werde, mit ihm zu spielen, und also auch nichts dawider haben werde, wenn er ihn ein wenig auf den Schiebkarn herum fahren wollte. Nun schaͤtzte er es sich aber doch fuͤr ein sehr großes Gluͤck, eine so hohe Person auf den Schiebkarren herum fahren zu koͤnnen, und ihr dadurch ein Vergnuͤgen zu machen; und da diese Person nun ein Geschoͤpf seiner Einbildungs¬ kraft war, so machte er auch mit ihr, was er wollte, und ließ sie oft kuͤrzer, oft laͤnger an dem Fahren Gefallen finden, sagte auch wohl zuweilen mit der groͤßten Ehrerbietigkeit, wenn er vom Fahren muͤde war: so gern ich wollte, ist es mir doch jetzt unmoͤglich, dich noch laͤnger zu fahren. So sahe er dieß am Ende fuͤr eine Art von Gottesdienst an, und hielt es nun fuͤr keine Suͤnde mehr, wenn er sich auch halbe Tage mit dem Schiebkarren beschaͤftigte. Nun aber bekam er selbst mit Bewilligung des Hrn. v. F. ein Buch in die Hand, daß ihn wieder in eine ganz andre und neue Welt fuͤhrte. Es war die Acerra philologika. Hier las er nun die Geschichte von Troja, vom Ulysses, von der Circe, vom Tartarus und Elysium, und war sehr bald mit allen Goͤttern und Goͤttinnen des Heidenthums bekannt. Bald darauf gab man ihm auch den Telemach, ebenfalls mit Be¬ willigung des Hrn. v. F. zu lesen, vielleicht weil der Verfasser desselben, Hr. v. Fenelon, mit der Madam Guion Umgang hatte. Die Acerra philologika war ihm zur Lektuͤre des Telemach eine schoͤne Vorbereitung gewesen, weil er dadurch mit der Goͤtterlehre ziemlich bekannt geworden war, und sich schon fuͤr die meisten Helden intereßirte, die er im Telemach wieder fand. Diese Buͤcher wurden verschiedne male nach einander mit der groͤßten Begierde und mit wahrem Entzuͤcken von ihm durchgelesen, ins¬ besondere der Telemach, worin er zum ersten¬ male die Reize einer schoͤnen zusammenhaͤngen¬ den Erzaͤhlung schmeckte. Noch Die Stelle, welche ihn im ganzen Tele¬ mach am lebhaftesten geruͤhrt hat, war die ruͤhrende Anrede des alten Mentors an den jungen Telemach, als dieser auf der Insel Cypern die Tugend mit dem Laster zu vertau¬ schen im Begriff war, und ihm nun sein ge¬ treuer lange von ihm fuͤr verlohren gehaltener Mentor ploͤtzlich wieder erschien, dessen trauren¬ der Anblick ihn bis in das innerste seiner Seele erschuͤtterte. Dieß hatte nun freylich fuͤr Antons Seele weit mehr Anziehendes, als die biblische Ge¬ schichte, und alles, was er vorher in dem Leben der Altvaͤter, oder in den Guionschen Schriften gelesen hatte; und da ihm nie eigentlich gesagt worden war, daß jenes wahr, und dieses falsch sey, so fand er sich gar nicht ungeneigt, die heidnische Goͤttergeschichte mit allem, was da hineinschlug, wirklich zu glauben. Eben so wenig konnte er aber auch, was in der Bibel stand, verwerfen; um so vielmehr, da dieß die ersten Eindruͤcke auf seine Seele gewe¬ sen waren. Er suchte also, welches ihm allein uͤbrig blieb, die verschiedenen Systeme, so gut C er konnte, in seinem Kopfe zu vereinigen, und auf die Weise die Bibel mit dem Telemach, das Leben der Altvaͤter mit der Acerra philologika, und die heidnische Welt mit der christlichen zu, sammen zu schmelzen. Die erste Person in der Gottheit und Jupi¬ ter, Calypso und die Madam Guion, der Him¬ mel und Elysium, die Hoͤlle und der Tartarus, Pluto und der Teufel, machten bey ihm die sonderbarste Ideenkombination, die wohl je in einem menschlichen Gehirn mag existirt haben. Dieß machte einen so starken Eindruck auf sein Gemuͤth, daß er noch lange nachher eine gewisse Ehrfurcht gegen die heidnischen Gotthei¬ ten behalten hat. Von dem Hause, wo Antons Vater logirte, bis nach dem Gesundbrunnen und der Allee dabei, war ein ziemlich weiter Weg. Anton schleppte sich demohngeachtet mit seinem schmer¬ zenden Fuße, das Buch unterm Arm, hinaus, und setzte sich auf eine Bank in der Allee, wo er im Lesen nach und nach seinen Schmerz ver¬ gaß, und bald nicht nur auf der Bank in P. sondern auf irgend einer Insel mit hohen Schloͤssern und Thuͤrmen, oder mitten im wil¬ den Kriegsgetuͤmmel sich befand. Mit einer Art von wehmuͤthiger Freude laß er nun, wenn Helden fielen, es schmerzte ihn zwar, aber doch daͤuchte ihm, sie mußten fallen. Dieß mochte auch wohl einen großen Einfluß auf seine kindischen Spiele haben. Ein Fleck voll hochgewachsener Nesseln oder Disteln waren ihm so viele feindliche Koͤpfe, unter denen er manchmal grausam wuͤthete, und sie mit seinem Stabe einen nach dem andern herunter hieb. Wenn er auf der Wiese ging, so machte er eine Scheidung, und ließ in seinen Gedanken zwey Heere gelber oder weißer Blumen gegen¬ einander anruͤcken. Den groͤßten unter ihnen gab er Namen von seinen Helden, und eine benannte er auch wohl von sich selber. Dann stellte er eine Art von blinden Fatum vor, und mit zugemachten Augen hieb er mit seinem Stabe, wohin er traf. Wenn er dann seine Augen wieder eroͤffnete, so sah er die schreckliche Zerstoͤrung, hier lag ein Held und dort einer auf den Boden hingestreckt, und oft erblickte er mit einer sonderbaren weh¬ C 2 muͤthigen und doch angenehmen Empfindung sich selbst unter den Gefallenen. Er betrauerte dann eine Weile seine Helden, und verließ das fuͤrchterliche Schlachtfeld. Zu Hause, nicht weit von der Wohnung seiner Eltern, war ein Kirchhof, auf welchem er eine ganze Generation von Blumen und Pflanzen mit eisernem Scepter beherrschte, und keinen Tag hingehen ließ, wo er nicht mit ihnen eine Art von Musterung hielt. Als er von P. wieder nach Hause gereist war, schnitzte er sich alle Helden aus dem Telemach von Papier, bemahlte sie nach den Kupfersti¬ chen mit Helm und Panzer, und ließ sie einige Tage lang in Schlachtordnung stehen, bis er endlich ihr Schicksal entschied, und mit grausa¬ men Messerhieben unter ihnen wuͤthete, diesem den Helm, jenem den Schaͤdel zerspaltete, und rund um sich her nichts als Tod und Verder¬ ben sahe. So liefen alle seine Spiele auch mit Kirsch- und Pflaumkernen auf Verderben und Zerstoͤ¬ rung hinaus. Auch uͤber diese mußte ein blin¬ des Schicksal walten, indem er zwei verschiedne Arten als Heere gegeneinander anruͤcken, und nun mit zugemachten Augen den eisernen Ham¬ mer auf sie herabfallen ließ, und wem es traf, den trafs. Wenn er Fliegen mit der Klappe todt schlug, so that er dieses mit einer Art von Feierlichkeit, indem er einer jeden mit einem Stuͤcke Meßing, das er in der Hand hatte, vorher die Todten¬ glocke laͤutete. Das allergroͤßte Vergnuͤgen machte es ihm, wenn er eine aus kleinen papier¬ nen Haͤusern erbauete Stadt verbrennen, und dann nachher mit feierlichem Ernst und Weh¬ muth den zuruͤckgebliebenen Aschenhaufen be¬ trachten konnte. Ja als in der Stadt, wo seine Eltern wohn¬ ten, einmal wirklich in der Nacht ein Haus ab¬ brannte, so empfand er bei allem Schreck eine Art von geheimen Wunsche, daß das Feuer nicht sobald geloͤscht werden moͤgte. Dieser Wunsch hatte nichts weniger als Schadenfreude zum Grunde, sondern entstand aus einer dunklen Ahndung von großen Veraͤn¬ derungen, Auswanderungen und Revolutionen, wo alle Dinge eine ganz andre Gestalt bekom¬ C 3 men, und die bisherige Einfoͤrmigkeit aufhoͤren wuͤrde. Selbst der Gedanke an seine eigne Zerstoͤrung war ihm nicht nur angenehm, sondern verur¬ sachte ihm sogar eine Art von wolluͤstiger Em¬ pfindung, wenn er oft des Abends, ehe er ein¬ schlief, sich die Aufloͤsung und das Auseinander¬ fallen seines Koͤrpers lebhaft dachte. Antons dreimonatlicher Aufenthalt in P. war ihm in vieler Ruͤcksicht sehr vortheilhaft, weil er fast immer sich selbst uͤberlassen war, und das Gluͤck hatte, diese kurze Zeit wieder von sei¬ nen Eltern entfernt zu seyn, indem seine Mut¬ ter zu Hause geblieben war, und sein Vater andre Geschaͤfte in P. hatte, und sich nicht viel um ihn bekuͤmmerte; doch aber sich hier, wenn er ihn zuweilen sahe, weit guͤtiger, als zu Hause, gegen ihn betrug. Auch logirte mit Antons Vater in demselben Hause ein Englaͤnder, der gut deutsch sprach, und sich mit Anton mehr abgab, wie irgend einer vor ihm gethan hatte, indem er anfing, ihn durch bloßes Sprechen Englisch zu lehren, und sich uͤber seine Progressen freute. Er unterre¬ dete sich mit ihm, ging mit ihm spatzieren, und konnte am Ende fast gar nicht mehr ohne ihn seyn. Dies war der erste Freund, den Anton auf Erden fand: mit Wehmuth nahm er von ihm Abschied. Der Englaͤnder druͤckte ihm bei seiner Abreise ein silbern Schaustuͤck in die Hand, das sollte er ihm zum Andenken aufbewahren, bis er einmal nach England kaͤme, wo ihm sein Haus offen staͤnde: nach funfzehn Jahren kam Anton wirklich nach England, und hatte noch sein Schaustuͤck bei sich, aber der erste Freund seiner Jugend war todt. Anton sollte einmal diesen Englaͤnder gegen einen Fremden, der ihn besuchen wollte, ver¬ laͤugnen, und sagen, er sey nicht zu Hause. Man konnte ihn auf keine Weise dazu bringen, weil er keine Luͤge begehen wollte. Dies wurde ihm damals sehr hoch angerech¬ net, und war just einer der Faͤlle, wo er tugend¬ hafter scheinen wollte, als er wirklich war, denn er hatte sich sonst eben aus einer Nothluͤge nicht so sehr viel gemacht; aber seinen wahren innern Kampf, wo er oft seine unschuldigsten Wuͤnsche C 4 einem eingebildeten Mißfallen des goͤttlichen We¬ sens aufopferte, bemerkte niemand. Indes war ihm das liebreiche Betragen, das man in P. gegen ihn bewies, sehr aufmunternd, und erhob seinen niedergedruͤckten Geist ein wenig. Wegen seiner Schmerzen am Fuße be¬ zeugte man ihm Mitleid, im v. F..schen Hause begegnete man ihm leutselig, und der Hr. v. F. kuͤßte ihn auf die Stirne, so oft er ihm auf der Straße begegnete. Dergleichen Begegnungen waren ihm ganz etwas Ungewohntes und Ruͤh¬ rendes, das seine Stirne wieder freier, sein Auge offner, und seine Seele heitrer machte. Er fing nun auch an, sich auf die Poesie zu legen, und besang, was er sah und hoͤrte. Er hatte zwei Stiefbruͤder, die beide in P. das Schneiderhandwerk lernten, und deren Meister ebenfalls Anhaͤnger der Lehre des Hrn. v. F. waren. Von diesen nahm er in Versen, die er selbst gemacht und auswendig gelernt hatte, sehr ruͤhrend Abschied, so wie auch von dem v. F..schen Hause. Freilich kehrte er nun nicht so wieder von P. zu Hause, wie er erwartet hatte, aber doch war er in dieser kurzen Zeit ein ganz andrer Mensch geworden, und seine Ideenwelt um ein Großes bereichert. Allein zu Hause wurde durch die erneuerte Zwietracht seiner Eltern, wozu vermuthlich die Ankunft seiner beiden Stiefbruͤder vieles beitrug, und durch das unaufhoͤrliche Schelten und Toben seiner Mutter, die guten Eindruͤcke, die er in P. und besonders in dem v. F. .schen Hause erhal¬ ten hatte, bald wieder ausgeloͤscht, und er be¬ fand sich aufs neue in seiner vorigen gehaͤssigen Lage, wodurch seine Seele ebenfalls finster und menschenfeindlich gemacht wurde. Da Antons beide Stiefbruͤder bald abreise¬ ten, um ihre Wanderschaft anzutreten, so war auch der haͤusliche Friede eine Zeitlang wieder hergestellt, und Antons Vater las nun zuweilen selber, anstatt aus der Madam Guion Schriften, etwas aus dem Telemach vor, oder erzaͤhlte ein Stuͤck aus der aͤltern oder neuern Geschichte, worin er wirklich ziemlich bewandert war (denn neben seiner Musik, worin er es im Praktischen weit gebracht hatte, machte er bestaͤndig aus dem Lesen nuͤtzlicher Buͤcher ein eignes Studium, C 5 bis endlich die Guionschen Schriften alles uͤbrige verdraͤngten. Er redte daher auch eine Art von Buͤcher¬ sprache, und Anton erinnert sich noch sehr ge¬ nau, wie er im siebenten oder achten Jahre oft sehr aufmerksam zuhoͤrte, wann sein Vater sprach, und sich wunderte, daß er von allen den Woͤrtern, die sich auf heit , und keit , und ung endigten, keine Sylbe verstand, da er doch sonst, was gesprochen wurde, verstehen konnte. Auch war Antons Vater außer dem Hause ein sehr umgaͤnglicher Mann, und konnte sich mit allerlei Leuten uͤber allerlei Materien ange¬ nehm unterhalten. Vielleicht waͤre auch alles im Ehestande besser gegangen, wenn Antons Mutter nicht das Ungluͤck gehabt haͤtte, sich oft fuͤr beleidigt, und gern fuͤr beleidigt zu halten, auch wo sie es wirklich nicht war, um nur Ursach zu haben, sich zu kraͤnken und zu betruͤben, und ein gewisses Mitleid mit sich selber zu empfinden, worin sie eine Art von Vergnuͤgen fand. Leider scheint sie diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben, der jetzt noch oft ver¬ geblich damit zu kaͤmpfen hat. Schon als Kind, wenn alle etwas bekamen, und ihm sein Antheil hingelegt wurde, ohne da¬ bei zu sagen, es sey der seinige, so ließ er ihn lieber liegen, ob er gleich wußte, daß er fuͤr ihn bestimmt war, um nur die Suͤßigkeit des Un¬ rechtleidens zu empfinden, und sagen zu koͤnnen, alle andre haben etwas, und ich nichts bekom¬ men! Da er eingebildetes Unrecht schon so stark empfand, um so viel staͤrker mußte er das wirk¬ liche empfinden. Und gewiß ist wohl bei nie¬ manden die Empfindung des Unrechts staͤrker, als bei Kindern, und niemanden kann auch leichter Unrecht geschehen; ein Satz, den alle Paͤdagogen taͤglich und stuͤndlich beherzigen sollten. Oft konnte Anton stundenlang nachdenken, und Gruͤnde gegen Gruͤnde auf das genaueste abwaͤgen, ob eine Zuͤchtigung von seinem Vater recht oder unrecht sey? Jetzt genoß er in seinem eilften Jahre zum erstenmale das unaussprechliche Vergnuͤgen ver¬ botner Lektuͤre. Sein Vater war ein abgesagter Feind von allen Romanen, und drohete ein solches Buch sogleich mit Feuer zu verbrennen, wenn er es in seinem Hause faͤnde. Demohngeachtet bekam Anton durch seine Base die schoͤne Banise, die Tausend und eine Nacht, und die Insel Felsen¬ burg in die Haͤnde, die er nun heimlich und ver¬ stohlen, obgleich mit Bewußtseyn seiner Mutter, in der Kammer laß, und gleichsam mit unersaͤtt¬ licher Begierde verschlang. Dies waren einige der suͤßesten Stunden in seinem Leben. So oft seine Mutter hereintrat, drohete sie ihm bloß mit der Ankunft seines Va¬ ters, ohne ihm selber das Lesen in diesen Buͤchern zu verbieten, worin sie ehemals ein eben so ent¬ zuͤckendes Vergnuͤgen gefunden hatte. Die Erzaͤhlung von der Insel Felsenburg that auf Anton eine sehr starke Wirkung, denn nun gingen eine Zeitlang seine Ideen auf nichts geringers, als einmal eine große Rolle in der Welt zu spielen, und erst einen kleinen, denn immer groͤßern Cirkel von Menschen um sich her zu ziehen, von welchen er der Mittelpunkt waͤre: dieß erstreckte sich immer weiter, und seine aus¬ schweifende Einbildungskraft ließ ihn endlich sogar Thiere, Pflanzen, und leblose Kreaturen, kurz alles, was ihn umgab, mit in die Sphaͤre seines Daseyns hineinziehen, und alles mußte sich um ihn, als den einzigen Mittelpunkt, um¬ her bewegen, bis ihm schwindelte. Dieses Spiel seiner Einbildungskraft machte ihm damals oft wonnevollre Stunden, als er je nachher wieder genossen hat. So machte seine Einbildungskraft die mei¬ sten Leiden und Freuden seiner Kindheit. Wie oft, wenn er an einem truͤben Tage bis zum Ueberdruß und Eckel in der Stube eingesperrt war, und etwa ein Sonnenstrahl durch eine Fensterscheibe fiel, erwachten auf einmal in ihm Vorstellungen vom Paradiese, von Elysium, oder von der Insel der Kalypso, die ihn ganze Stunden lang entzuͤckten. Aber von seinem zweiten und dritten Jahre an erinnert er sich auch der hoͤllischen Quaalen, die ihm die Maͤhrchen seiner Mutter und seiner Base im Wachen und im Schlafe machten: wenn er bald im Traume lauter Bekannte um sich her sahe, die ihn ploͤtzlich mit scheußlich verwandel¬ ten Gesichtern anbleckten, bald eine hohe duͤstre Stiege hinaufstieg, und eine grauenvolle Gestalt ihm die Ruͤckkehr verwehrte, oder gar der Teufel bald wie ein fleckigtes Huhn, bald wie ein schwar¬ zes Tuch an der Wand ihm erschien. Als seine Mutter noch mit ihm auf dem Dorfe wohnte, jagte ihm jede alte Frau Furcht und Entsetzen ein, so viel hoͤrte er bestaͤndig von Hexen und Zaubereien; und wenn der Wind oft mit sonderbaren Getoͤn durch die Huͤtte pfif, so nannte seine Mutter dies im allegorischen Sinn den handlosen Mann, ohne weiter etwas dabei zu denken. Allein sie wuͤrde es nicht gethan haben, haͤtte sie gewußt, wie manche grauenvolle Stunde und wie manche schlaflose Nacht dieser handlose Mann ihrem Sohne noch lange nachher ge¬ macht hat. Insbesondre waren immer die letzten vier Wochen vor Weihnachten fuͤr Anton ein Fege¬ feuer, wogegen er gerne den mit Wachslichtern besteckten und mit uͤbersilberten Aepfeln und Nuͤssen behaͤngten Tannenbaum entbehrt haͤtte. Da ging kein Tag hin, wo sich nicht ein son¬ derbares Getoͤse wie von Glocken, oder ein Scharren vor der Thuͤre, oder eine dumpfe Stimme haͤtte hoͤren lassen, die den sogenann¬ ten Ruprecht oder Vorgaͤnger des heiligen Christs anzeigte, den Anton denn im ganzen Ernst fuͤr einen Geist oder ein uͤbermenschliches Wesen hielt, und so ging auch diese ganze Zeit uͤber keine Nacht hin, wo er nicht mit Schre¬ cken und Angstschweiß vor der Stirne aus dem Schlaf erwachte. Dies waͤhrte bis in sein achtes Jahr, wo erst sein Glaube an die Wirklichkeit des Ruprechts so¬ wohl als des heiligen Christs an zu wanken fing. So theilte ihm seine Mutter auch eine kin¬ dische Furcht vor dem Gewitter mit. Seine einzige Zuflucht war alsdann, daß er, so fest er konnte, die Haͤnde zusammen faltete, und sie nicht wieder auseinander ließ, bis das Gewitter voruͤber war; dies, nebst dem uͤber sich geschla¬ genen Kreuze, war auch seine Zuflucht, und gleichsam eine feste Stuͤtze, so oft er alleine schlief, weil er dann glaubte, es koͤnne ihm weder Teufel noch Gespenster etwas anhaben. Seine Mutter hatte einen sonderbaren Aus¬ druck, daß einem, der vor einem Gespenste flie¬ hen will, die Fersen lang werden; dies fuͤhlte er im eigentlichen Verstande, so oft er im Dun¬ keln etwas Gespensteraͤhnliches zu sehen glaubte. Auch pflegte sie von einem Sterbenden zu sagen, daß ihm der Tod schon auf der Zunge sitze; dies nahm Anton ebenfalls im eigentlichen Verstande, und als der Mann seiner Base starb, stand er neben dem Bette, und sahe ihm sehr scharf in den Mund, um den Tod auf der Zunge dessel¬ ben, etwa, wie eine kleine schwarze Gestalt, zu entdecken. Die erste Vorstellung uͤber seinen kindischen Gesichtskreis hinaus bekam er ohngefaͤhr im fuͤnften Jahre, als seine Mutter noch mit ihm in dem Dorfe wohnte, und eines Abends mit einer alten Nachbarin, ihm, und seinen Stief¬ bruͤdern allein in der Stube saß. Das Gespraͤch fiel auf Antons kleine Schwe¬ ster, die vor kurzem in ihrem zweiten Jahre ge¬ storben war, und woruͤber seine Mutter beinahe ein Jahr lang untroͤstlich blieb. Wo wohl jetzt Julchen seyn mag? sagte sie nach einer langen Pause, und schwieg wieder. Anton blickte nach dem Fenster hin, wo durch die duͤstre Nacht kein Lichtstrahl schimmerte, und fuͤhlte fuͤhlte zum erstenmale die wunderbare Einschraͤn¬ kung, die seine damalige Existenz von der gegen¬ waͤrtigen beinahe so verschieden machte, wie das Daseyn vom Nichtseyn. Wo mag jetzt wohl Julchen seyn? dachte er seiner Mutter nach, und Naͤhe und Ferne, Enge und Weite, Gegenwart und Zukunft blitzte durch seine Seele. Seine Empfindung dabei mahlt kein Federzug; tausendmal ist sie wieder in seiner Seele, aber nie mit der ersten Staͤrke, erwacht. Wie groß ist die Seligkeit der Einschraͤnkung, die wir doch aus allen Kraͤften zu fliehen suchen! Sie ist wie ein kleines gluͤckliches Eiland in ei¬ nem stuͤrmischen Meere: wohl dem, der in ihrem Schooße sicher schlummern kann, ihn weckt keine Gefahr, ihm drohen keine Stuͤrme. Aber wehe dem, der von ungluͤcklicher Neugier getrieben, sich uͤber dies daͤmmernde Gebirge hinauswagt, das wohlthaͤtig seinen Horizont umschraͤnkt. Er wird auf einer wilden stuͤrmischen See von Unruh und Zweifel hin und her getrieben, sucht unbekannte Gegenden in grauer Ferne, und sein kleines Eiland, auf dem er so sicher wohnte, hat alle seine Reize fuͤr ihn verlohren. D Eine von Antons seeligsten Erinnerungen aus den fruͤhesten Jahren seiner Kindheit ist, als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehuͤllt, durch Sturm und Regen trug. Auf dem klei¬ nen Dorfe war die Welt ihm schoͤn, aber hinter dem blauen Berge, nach welchem er immer sehn¬ suchtsvoll blickte, warteten schon die Leiden auf ihn, die die Jahre seiner Kindheit vergaͤllen sollten. Da ich einmal in meiner Geschichte zuruͤck¬ gegangen bin, um Antons erste Empfindungen und Vorstellungen von der Welt nachzuholen, so muß ich hier noch zwei seiner fruͤhesten Erin¬ nerungen anfuͤhren, die seine Empfindung des Unrechts betreffen. Er ist sich deutlich bewußt, wie er im zweiten Jahre, da seine Mutter noch nicht mit ihm auf dem Dorfe wohnte, von seinem Hause nach dem gegenuͤberstehenden, uͤber die Straße hin und wieder lief, und einem wohlgekleideten Manne in den Weg rannte, gegen den er heftig mit den Haͤnden ausschlug, weil er sich selbst und andre zu uͤberreden suchte, daß ihm Unrecht geschehen sey, ob er gleich innerlich fuͤhlte, daß er der be¬ leidigende Theil war. Diese Erinnerung ist wegen ihrer Seltenheit und Deutlichkeit merkwuͤrdig: auch ist sie aͤcht, weil der Umstand an sich zu geringfuͤgig war, als daß ihm nachher jemand davon haͤtte erzaͤh¬ len sollen. Die zweite Erinnerung ist aus dem vierten Jahre, wo seine Mutter ihn wegen einer wirk¬ lichen Unart schalt; indem er sich nun gerade auszog, fuͤgte es sich, daß eines seiner Kleidungs¬ stuͤcke mit einigem Geraͤusch auf den Stuhl fiel: seine Mutter glaubte, er habe es aus Trotz hin¬ geworfen, und zuͤchtigte ihn hart. Dies war das erste wirkliche Unrecht, was er tief empfand, und was ihm nie aus dem Sinne gekommen ist; seit der Zeit hielt er auch seine Mutter fuͤr ungerecht, und bei jeder neuen Zuͤchtigung fiel ihm dieser Umstand ein. Ich habe schon erwaͤhnt, wie ihm der Tod in seiner Kindheit vorgekommen sey. Dies dauerte bis in sein zehntes Jahr, als einmal eine Nachbarin seine Eltern besuchte, und er¬ zaͤhlte, wie ihr Vetter, der ein Bergmann war, D 2 von der Leiter hinunter in die Grube gefallen sey, und sich den Kopf zerschmettert habe. Anton hoͤrte aufmerksam zu, und bei dieser Kopfzerschmetterung dachte er sich auf einmal ein gaͤnzliches Aufhoͤren von Denken und Em¬ pfinden, und eine Art von Vernichtung und Ermangelung seiner selbst, die ihn mit Grauen und Entsetzen erfuͤllte, so oft er wieder lebhaft daran dachte. Seit der Zeit hatte er auch eine starke Furcht vor dem Tode, die ihm manche traurige Stunde machte. Noch muß ich etwas von seinen ersten Vorstel¬ lungen, die er sich ebenfalls ohngefaͤhr im zehn¬ ten Jahre von Gott und der Welt machte, sagen. Wenn oft der Himmel umwoͤlkt, und der Horizont kleiner war, fuͤhlte er eine Art von Bangigkeit, daß die ganze Welt wiederum mit eben so einer Decke umschlossen sey, wie die Stube, worin er wohnte, und wenn er dann mit seinen Gedanken uͤber diese gewoͤlbte Decke hinausging, so kam ihm diese Welt an sich viel zu klein vor, und es daͤuchte ihm, als muͤsse sie wiederum in einer andern eingeschlossen seyn, und das immer so fort. Eben so ging es ihm mit seiner Vorstellung von Gott, wenn er sich denselben, als das hoͤch¬ ste Wesen, denken wollte. Er saß einmal in der Daͤmmerung an einem truͤben Abend allein vor seiner Hausthuͤre, und dachte hieruͤber nach, indem er oft gen Himmel blickte, und dann wieder die Erde ansahe, und bemerkte, wie sie selbst gegen den truͤben Him¬ mel so schwarz und dunkel war. Ueber den Himmel dachte er sich Gott, aber jeder, auch der hoͤchste Gott, den sich seine Ge¬ danken schufen, war ihm zu klein, und mußte immer wieder noch einen hoͤhern uͤber sich haben, gegen den er ganz verschwand, und das so ins Unendliche fort. Doch hatte er hieruͤber nie etwas gelesen noch gehoͤrt. Was am sonderbarsten war, so gerieth er durch sein bestaͤndiges Nachdenken und in sich gekehrt seyn, sogar auf den Egoismus, der ihn beinahe haͤtte verruͤckt machen koͤnnen. Weil naͤmlich seine Traͤume groͤßtentheils sehr lebhaft waren, und beinahe an die Wirklich¬ keit zu grenzen schienen; so fiel es ihm ein, daß er auch wohl am hellen Tage traͤume, und die D 3 Leute um ihn her, nebst allem, was er sahe, Geschoͤpfe seiner Einbildungskraft seyn koͤnnten. Dies war ihm ein erschrecklicher Gedanke, und er fuͤrchtete sich vor sich selber, so oft er ihm einfiel, auch suchte er sich dann wirklich durch Zerstreuung von diesen Gedanken los zu machen. Nach dieser Ausschweifung wollen wir der Zeitfolge gemaͤß in Antons Geschichte wieder fortfahren, den wir eilf Jahr alt bei der Lektuͤre der schoͤnen Banise und der Insel Felsenburg verlassen haben. Er bekam nun auch Fenelons Todtengespraͤche, nebst dessen Erzaͤhlungen zu lesen, und sein Schreibmeister fing an, ihn eigne Briefe und Ausarbeitungen machen zu lassen. Dies war fuͤr Anton eine noch nie empfun¬ dene Freude. Er fing nun an, seine Lektuͤre zu nutzen, und hie und da Nachahmungen von dem Gelesenen anzubringen, wodurch er sich den Beifall und die Achtung seines Lehrers erwarb. Sein Vater musicirte mit in einem Konzert, wo Ramlers Tod Jesu aufgefuͤhrt wurde, und brachte einen gedruckten Text davon mit zu Hause. Dieser hatte fuͤr Anton so viel Anzie¬ hendes und uͤbertraf alles Poetische, was er bisher gelesen hatte, so weit, daß er ihn so oft, und mit solchem Entzuͤcken las, bis er ihn bei¬ nahe auswendig wußte. Durch diese einzige so oft wiederholte zufaͤlli¬ ge Lektuͤre bekam sein Geschmack in der Poesie eine gewisse Bildung und Festigkeit, die er seit der Zeit nicht wieder verlohren hat; so wie in der Prose durch den Telemach; denn er fuͤhlte bei der schoͤnen Banise und Insel Felsenburg, ohngeachtet des Vergnuͤgens, das er darin fand, doch sehr lebhaft das Abstechende und Unedlere in der Schreibart. Von poetischer Prose fiel ihm Carl v. Mosers Daniel in der Loͤwengrube in die Haͤnde, den er verschiednemale durchlas, und woraus auch sein Vater zuweilen vorzulesen pflegte. Die Brunnenzeit kam wieder heran, und Antons Vater beschloß, ihn wieder mit nach P. zu nehmen, allein dismal sollte Anton nicht so viel Freude als im vorigen Jahre dort genießen, denn seine Mutter reiste mit. Ihr unaufhoͤrliches Verbieten von Kleinig¬ keiten und bestaͤndiges Schelten und Strafen zu unrechter Zeit, verleidete ihm alle edlern D 4 Empfindungen, die er hier vor einem Jahre ge¬ habt hatte; sein Gefuͤhl fuͤr Lob und Beifall ward dadurch so sehr unterdruͤckt, daß er zuletzt, bei¬ nahe seiner Natur zuwider eine Art von Ver¬ gnuͤgen darin fand, sich mit den schmuzigsten Gassenbuben abzugeben, und mit ihnen gemeine Sache zu machen, bloß weil er verzweifelte, sich je die Liebe und Achtung in P. wieder zu erwer¬ ben, die er durch seine Mutter einmal verlohren hatte, welche nicht nur gegen seinen Vater, so oft er zu Hause kam, sondern auch gegen ganz fremde Leute, bestaͤndig von nichts, als von sei¬ ner schlechten Auffuͤhrung sprach, wodurch die¬ selbe denn wirklick anfing, schlecht zu werden und sein Herz sich zu verschlimmern schien. Er kam auch nun seltner in das v. F..sche Haus, und die Zeit seines diesmaligen Aufent¬ halts in P. strich fuͤr ihn hoͤchst unangenehm und traurig voruͤber, so daß er sich oft noch mit Wehmuth an die Freuden des vorigen Jahres zuruͤckerinnerte, ob er gleich diesmal nicht so viel Schmerzen an seinem Fuß auszustehn hatte, der nun, nachdem der schadhafte Knochen herausge¬ nommen war, wieder an zu heilen fing. Bald nach der Zuruͤckkunft seiner Eltern in H... trat Anton in sein zwoͤlftes Jahr, worin ihm wiederum sehr viele Veraͤnderungen bevor¬ standen: denn noch in diesem Jahre sollte er von seinen Eltern getrennt werden. Fuͤrs erste stand ihm eine große Freude bevor. Antons Vater ließ ihn auf Zureden eini¬ ger Bekannten in der oͤffentlichen Stadtschule eine lateinische Privatstunde besuchen, damit er wenigstens auf alle Faͤlle, wie es hieß, einen Kasum solle setzen lernen. In die uͤbri¬ gen Stunden der oͤffentlichen Schule aber, worin Religionsunterricht die Hauptsache war, wollte ihn sein Vater, zum groͤßten Leidwesen seiner Mutter und Anverwandten, schlechter¬ dings nicht schicken. Nun war doch einer von Antons eifrigsten Wuͤnschen, einmal in eine oͤffentliche Stadtschule gehen zu duͤrfen, zum Theil erfuͤllt. Beim ersten Eintritt waren ihm schon die dicken Mauern, dunklen gewoͤlbten Gemaͤcher, hundertjaͤhrigen Baͤnke, und vom Wurm durch¬ loͤcherten Katheder, nichts wie Heiligthuͤmer, die seine Seele mit Ehrfurcht erfuͤllten. D 5 Der Konrektor, ein kleines muntres Maͤnn¬ chen, floͤßte ihm, ohngeachtet seiner nicht sehr gravitaͤtischen Miene, dennoch durch seinen schwarzen Rock und Stutzperuque einen tiefen Respekt ein. Dieser Mann ging auch auf einen ziemlich freundschaftlichen Fuß mit seinen Schuͤlern um: gewoͤhnlich nannte er zwar einen jeden ihr , aber die vier oͤbersten, welche er auch im Scherz Ve¬ teraner hieß, wurden vorzugsweise er genannt. Ob er dabei gleich sehr strenge war, hat doch Anton niemals einen Vorwurf noch weniger einen Schlag von ihm bekommen: er glaubte daher auch in der Schule immer mehr Gerech¬ tigkeit, als bei seinen Eltern zu finden. Er mußte nun anfangen, den Donat aus¬ wendig zu lernen, allein freilich hatte er einen wunderbaren Accent, der sich bald zeigte, da er gleich in der zweiten Stunde sein Mensa aus¬ wendig hersagen mußte, und indem er Singu¬ lariter und Pluraliter sagte, immer den Ton auf die vorletzte Sylbe legte, weil er sich beim Auswendiglernen dieses Pensums, wegen der Aehnlichkeit dieser Woͤrter mit Amoriter , Je¬ busiter , u. s. w., fest einbildete, die Singula¬ riter waͤren ein besonderes Volk, das Mensa, und die Pluraliter ein andres Volk, das Mensaͤ gesagt haͤtte. Wie oft moͤgen aͤhnliche Mißverstaͤndnisse veranlaßt werden, wenn der Lehrer sich mit den ersten Worten des Lehrlings begnuͤgen laͤßt, ohne in den Begriff desselben einzudringen! Nun ging es an das Auswendiglernen. Das amo , amem , amas , ames , ward bald nach dem Takte hergebetet, und in den ersten sechs Wochen wußte er schon sein oportet auf den Fingern herzusagen; dabei wurden taͤglich Vokabeln auswendig gelernt, und weil ihm niemals eine fehlte, so schwang er sich in kurzer Zeit von einer Stuffe zur andern empor und ruͤckte immer naͤher an die Veteraner heran. Welch eine gluͤckliche Lage, welch eine herr¬ liche Laufbahn fuͤr Anton, der nun zum ersten¬ male in seinem Leben einen Pfad des Ruhms vor sich eroͤfnet sahe, was er so lange vergeblich gewuͤnscht hatte. Auch zu Hause brachte er diese kurze Zeit ziemlich vergnuͤgt zu, indem er alle Morgen, waͤhrend daß seine Eltern Kaffee tranken, ihnen aus dem Thomas von Kempis von der Nachfolge Christi vorlesen mußte, welches er sehr gern that. Es ward alsdann daruͤber gesprochen, und er durfte auch zuweilen sein Wort dazu geben. Uebrigens genoß er das Gluͤck, nicht viel zu Hause zu seyn, weil er noch die Stunden seines alten Schreibmeisters zu gleicher Zeit besuchte, den er, ohngeachtet mancher Kopfstoͤße, die er von ihm bekommen hatte, so aufrichtig liebte, daß er alles fuͤr ihn aufgeopfert haͤtte. Denn dieser Mann unterhielt sich mit ihm und seinen Mitschuͤlern oft in freundschaftlichen und nuͤtzlichen Gespraͤchen, und weil er sonst von Natur ein ziemlich harter Mann zu seyn schien, so hatte seine Freundlichkeit und Guͤte desto mehr Ruͤhrendes, das ihm die Herzen gewann. So war nun Anton einmal auf einige Wo¬ chen in einer doppelten Lage gluͤcklich: aber wie bald wurde diese Gluͤckseligkeit zerstoͤrt! Damit er sich seines Gluͤcks nicht uͤberheben sollte, wa¬ ren ihm fuͤrs erste schon starke Demuͤthigungen zubereitet. Denn ob er nun gleich in Gesellschaft gesitte¬ ter Kinder unterrichtet ward, so ließ ihn doch seine Mutter die Dienste der niedrigsten Magd verrichten. Er mußte Wasser tragen, Butter und Kaͤse aus den Kramlaͤden holen, und wie ein Weib mit dem Korbe im Arm auf den Markt gehen, um Eßwaaren einzukaufen. Wie innig es ihn kraͤnken mußte, wenn als¬ dann einer seiner gluͤcklichern Mitschuͤler haͤ¬ mischlaͤchelnd vor ihm vorbeiging, darf ich nicht erst sagen. Doch dies verschmerzte er noch gerne gegen das Gluͤck in eine lateinischen Schule gehen zu duͤrfen, wo er nach zwei Monaten so weit ge¬ stiegen war, daß er nun an den Beschaͤftigungen des oͤbersten Tisches, oder der sogenannten vier Veteraner, mit Theil nehmen konnte. Um diese Zeit fuͤhrte ihn auch sein Vater zum erstenmale zu einem aͤußerst merkwuͤrdigen Manne in H., der schon lange der Gegenstand seiner Gespraͤche gewesen war. Dieser Mann hieß Tischer, und war hundert und fuͤnf Jahr alt. Er hatte Theologie studirt, und war zuletzt Informator bei den Kindern eines reichen Kauf¬ manns in H., gewesen, in dessen Hause er noch lebte, und von dem gegenwaͤrtigen Besitzer des¬ selben, der sein Eleve gewesen, und jetzt selber schon beinahe ein Greis geworden war, seinen Unterhalt bekam. Seit seinem fuͤnfzigsten Jahre war er taub, und wer mit ihm sprechen wollte, mußte bestaͤn¬ dig Dinte und Feder bei der Hand haben, und ihm seine Gedanken schriftlich aufsetzen, die er denn sehr vernehmlich und deutlich muͤndlich beantwortete. Dabei konnte er noch im hundert und fuͤnf¬ ten Jahre sein kleingedruktes griechisches Testa¬ ment ohne Brille lesen, und redete bestaͤndig sehr wahr und zusammenhaͤngend, obgleich oft etwas leiser, oder lauter, als noͤthig war, weil er sich selber nicht hoͤren konnte. Im Hause war er nicht anders, als unter dem Namen, der alte Mann , bekannt. Man brachte ihm sein Essen, und sonstige Bequem¬ lichkeiten, uͤbrigens bekuͤmmerte man sich nicht viel um ihn. Eines Abends also, als Anton gerade bei seinem Donat saß, nahm ihn sein Vater bei der Hand und sagte: komm, jetzt will ich dich zu einem Manne fuͤhren, in dem du den heili¬ gen Antonius, den heiligen Paulus, und den Erzvater Abraham wieder erblicken wirst. Und indem sie hingingen, bereitete ihn sein Vater immer noch auf das, was er nun bald sehen wuͤrde, vor. Sie traten ins Haus. Antons Herz pochte. Sie gingen uͤber einen langen Hof hinaus, und stiegen eine kleine Windeltreppe hinauf, die sie in einen langen dunkeln Gang fuͤhrte, worauf sie wieder eine andre Treppe hinauf, und dann wieder einige Stuffen hinabstiegen: dies schie¬ nen Anton labyrinthische Gaͤnge zu seyn. Endlich oͤfnete sich linker Hand eine kleine Aussicht, wo das Licht durch einige Fenster¬ scheiben, erst von einem andern Fenster hineinfiel. Es war schon im Winter, und die Thuͤre auswendig mit Tuch behangen; Antons Vater eroͤfnete sie: es war in der Daͤmmerung, das Zimmer weitlaͤuftig und groß, mit dunkeln Ta¬ peten ausgeziert, und in der Mitte an einem Tische, worauf Buͤcher hin und her zerstreut lagen, saß der Greiß auf einem Lehnsessel. Er kam ihnen mit entbloͤßtem Haupt ent¬ gegen. Das Alter hatte ihn nicht danieder gebuͤckt, er war ein langer Mann, und sein Ansehn war groß und majestaͤtisch. Die schneeweissen Locken zierten seine Schlaͤfe, und aus seinen Augen blickte eine unnennbare sanfte Freundlichkeit her¬ vor. Sie setzten sich. Antons Vater schrieb ihm einiges auf. Wir wollen beten, fing der Greis nach einer Pause an, und meinen kleinen Freund mit einschließen. Drauf entbloͤßte er sein Haupt und kniete nieder, Antons Vater neben ihm zur rechten, und Anton zur linken Seite. Freilich fand dieser nun alles, was ihm sein Vater gesagt hatte, mehr als zu wahr. Er glaubte wirklich neben einem der Apostel Christi zu knieen, und sein Herz erhob sich zu einer hohen Andacht, als der Greis seine Haͤnde ausbreitete, und mit wahrer Inbrunst sein Ge¬ bet anhub, das er bald mit lauter, bald mit leiserer Stimme fortsetzte. Seine Seine Worte waren, wie eines, der schon mit allen seinen Gedanken und Wuͤnschen jenseit des Grabes ist, und den nur noch ein Zufall et¬ was laͤnger, als er glaubte, diesseits verweilen laͤßt. So waren auch alle seine Gedanken aus je¬ nem Leben gleichsam heruͤber geholt, und so wie er betete, schien sich sein Auge und seine Stirne zu verklaͤren. Sie standen vom Gebet auf, und Anton be¬ trachtete nun den alten Mann in seinem Herzen beinahe schon wie ein hoͤheres, uͤbermenschliches Wesen. Und als er den Abend zu Hause kam, wollte er schlechterdings mit einigen seiner Mitschuͤler sich nicht auf einen kleinen Schlitten im Schnee herumfahren, weil ihm dies nun viel zu unhei¬ lig vorkam, und er den Tag dadurch zu entwei¬ hen glaubte. Sein Vater ließ ihn nun oͤfters zu diesem alten Manne gehen, und er brachte fast die ganze Zeit des Tages bei ihm zu, die er nicht in der Schule war. E Alsdann bediente er sich dessen Bibliothek, die groͤßtentheils aus mystischen Buͤchern be¬ stand, und las viele davon von Anfang bis zu Ende durch. Auch gab er dem alten Manne oft Rechenschaft von seinen Progressen im Latei¬ nischen, und von den Ausarbeitungen bei seinem Schreibmeister. So brachte Anton ein paar Monate ganz ungewoͤhnlich gluͤcklich zu. Aber welch ein Donnerschlag war es fuͤr Anton, als ihn beinahe zu gleicher Zeit die schreckliche Ankuͤndigung geschahe, daß noch mit diesem Monate seine lateinische Privatstunde aufhoͤren, und er zugleich in eine andre Schreib¬ schule geschickt werden solle. Thraͤnen und Bitten halfen nichts, der Aus¬ spruch war gethan. Vierzehn Tage wußte es Anton vorher, daß er die lateinische Schule ver¬ lassen sollte, und je hoͤher er nun ruͤckte, desto groͤßer ward sein Schmerz. Er griff also zu einem Mittel, sich den Ab¬ schied aus dieser Schule leichter zu machen, das man einem Knaben von seinem Alter kaum haͤtte zutrauen sollen. Anstatt, daß er sich bemuͤhete, weiter heraufzukommen, that er das Gegentheil, und sagte entweder mit Fleiß nicht, was er doch wußte, oder legte es auf andre Weise darauf an, taͤglich eine Stuffe herunter zu kommen, welches sich der Konrektor und seine Mitschuͤler nicht erklaͤren konnten, und ihm oft ihre Verwunde¬ rung daruͤber bezeugten. Anton allein wußte die Ursache davon, und trug seinen geheimen Kummer mit nach Hause und in die Schule. Jede Stuffe, die er auf die Art freywillig herunterstieg, kostete ihm tau¬ send Thraͤnen, die er heimlich zu Hause vergoß; aber so bitter diese Arznei war, die er sich selbst verschrieb, so that sie doch ihre Wirkung. Er hatte es selber so veranstaltet, daß er ge¬ rade am letzten Tage der unterste werden mußte. Allein dies war ihm zu hart. Die Thraͤnen standen ihm in den Augen, und er bat, man moͤgte ihn nur noch heute an seinem Orte sitzen lassen, morgen wolle er gern den untersten Platz einnehmen. Jeder hatte Mitleiden mit ihm, und man ließ ihn sitzen. Den andern Tag war der Mo¬ nat aus, und er kam nicht wieder. E 2 Wie viel ihm diese freiwillige Aufopferung gekostet habe, laͤßt sich aus dem Eifer und der Muͤhe schließen, wodurch er sich jeden hoͤhern Platz zu erwerben gesucht hatte. Oft, wenn der Konrektor in seinem Schlaf¬ rocke aus dem Fenster sahe, und er vor ihm vor¬ beiging, dachte er, o koͤnntest du doch dein Herz gegen diesen Mann ausschuͤtten; aber dazu schien doch die Entfernung zwischen ihm und seinem Lehrer noch viel zu groß zu seyn. Bald darauf wurde er auch, ohngeachtet alles seines Flehens und Bittens, von seinem geliebten Schreibmeister getrennt. Dieser hatte freilich einige Nachlaͤßigkeit in Antons Schreib- und Rechenbuche passiren las¬ sen, woruͤber sein Vater aufgebracht war. Anton nahm mit dem groͤßten Eifer alle Schuld auf sich, und versprach und gelobte, was nur in seinen Kraͤften stand, aber alles half nichts; er mußte seinen alten treuen Lehrer ver¬ lassen, und zu Ende des Monats anfangen, in der oͤffentlichen Stadtschule schreiben zu lernen. Diese beiden Schlaͤge auf einmal waren fuͤr Anton zu hart. Er wollte sich noch an die letzte Stuͤtze hal¬ ten, und sich von seinen ehemaligen Mitschuͤlern jedes aufgegebene Pensum sagen lassen, um es zu Hause zu lernen, und auf die Weise mit ihnen fortzuruͤcken, als aber auch dies nicht gehen wollte, so erlag seine bisherige Tugend und Froͤmmigkeit, und er ward wirklich eine Zeitlang aus einer Art von Mißmuth und Verzweiflung, was man einen boͤsen Buben nennen kann. Er zog sich muthwilliger Weise in der Schule Schlaͤge zu, und hielt sie alsdann mit Trotz und Standhaftigkeit aus, ohne eine Miene zu ver¬ ziehen, und dies machte ihm dazu ein Vergnuͤ¬ gen, das ihm noch lange in der Erinnerung an¬ genehm war. Er schlug und balgte sich mit Straßenbuben, versaͤumte die Lehrstunden in der Schule, und quaͤlte einen Hund, den seine Eltern hatten, wie und wo er nur konnte. In der Kirche, wo er sonst ein Muster der Andacht gewesen war, plauderte er mit seines Gleichen den ganzen Gottesdienst uͤber. Oft fiel es ihm ein, daß er auf einem boͤsen Wege begriffen sey, er erinnerte sich mit Weh¬ E 3 muth an seine vormaligen Bestrebungen, ein frommer Mensch zu werden, allein so oft er im Begriff war, umzukehren, schlug eine gewisse Verachtung seiner selbst, und ein nagender Mi߬ muth seine besten Vorsaͤtze nieder, und machte, daß er sich wieder in allerlei wilden Zerstreuun¬ gen zu vergessen suchte. Der Gedanke, daß ihm seine liebsten Wuͤn¬ sche und Hoffnungen fehl geschlagen, und die angetretene Laufbahn des Ruhms auf immer verschlossen war, nagte ihn unaufhoͤrlich, ohne daß er sich dessen immer deutlich bewußt war, und trieb ihn zu allen Ausschweifungen. Er ward ein Heuchler gegen Gott, gegen andre, und gegen sich selbst. Sein Morgen- und Abendgebet las er puͤnkt¬ lich wie vormals, aber ohne alle Empfindung. Wenn er zu dem alten Manne kam, that er alles, was er sonst mit aufrichtigem Herzen ge¬ than hatte, aus Verstellung, und heuchelte in frommen Mienen und aufgeschriebnen Worten, worin er faͤlschlich einen gewissen Durst und Sehnsucht nach Gott vorgab, um sich bei diesem Manne in Achtung zu erhalten. Ja zuweilen konnte er heimlich lachen, indeß der alte Mann sein Geschriebnes las. So fing er auch an, seinen Vater zu betruͤ¬ gen. Dieser ließ sich einmal gegen ihn verlau¬ ten: damals vor drei Jahren sey er noch ein ganz andrer Knabe gewesen, als er in P. sich weigerte, eine Nothluͤge zu thun, indem er den Englaͤnder verlaͤugnen sollte. Weil sich nun Anton bewußt war, daß ge¬ rade dies damals mehr aus einer Art von Affec¬ tation, als wuͤrklichem Abscheu gegen die Luͤge geschehen sey, so dachte er bei sich selber: wenn sonst nichts verlangt wird, um mich beliebt zu machen, das soll mir wenig Muͤhe kosten; und nun wußte er es in kurzer Zeit durch eine Art von bloßer Heuchelei, die er doch aber vor sich selber als Heuchelei zu verbergen suchte, so weit zu bringen, daß sein Vater uͤber ihn mit dem Hrn. v. F. korrespondirte, und denselben von Antons Seelenzustande Nachricht gab, um sei¬ nen Rath daruͤber einzuholen. Indeß wie Anton sahe, daß die Sache so ernsthaft wurde, ward er auch ernsthafter dabei, und entschloß sich zuweilen, sich nun im Ernst E 4 von seinem boͤsen Leben zu bekehren, weil er die bisherige Heuchelei nicht laͤnger mehr vor sich selbst verdecken konnte. Allein nun fielen ihm die Jahre ein, die er von der Zeit seiner vormaligen wirklichen Be¬ kehrung an versaͤumt hatte, und wie weit er nun schon seyn koͤnnte, wenn er das nicht gethan haͤtte. Dies machte ihn aͤußerst mißvergnuͤgt und traurig. Ueberdem las er bei dem alten Manne ein Buch, worinn der Proceß der ganzen Heils¬ ordnung durch Buße, Glauben, und gottselig Leben, mit allen Zeichen und Symptomen aus¬ fuͤhrlich beschrieben war. Bei der Buße mußten Thraͤnen, Reue, Traurigkeit und Mißvergnuͤgen seyn: dies alles war bei ihm da. Bei dem Glauben mußte eine ungewohnte Heiterkeit und Zuversicht zu Gott in der Seele seyn: dies kam auch. Und nun mußte sich drittens das gottselige Leben von selber finden: aber dies fand sich nicht so leicht. Anton glaubte, wenn man einmal fromm und gottselig leben wolle, so muͤsse man es auch bestaͤndig, und in jedem Augenblicke, in allen seinen Mienen und Bewegungen, ja sogar in seinen Gedanken seyn; auch muͤsse man keinen Augenblick lang vergessen, daß man fromm seyn wolle. Nun vergaß er es aber natuͤrlicher Weise sehr oft: seine Miene blieb nicht ernsthaft, sein Gang nicht ehrbar, und seine Gedanken schweif¬ ten in irdischen weltlichen Dingen aus. Nun glaubte er, sey alles vorbei, er habe noch so viel, wie nichts gethan, und muͤsse wie¬ der von vorn anfangen. So ging es oft verschiednemale in einer Stunde, und dies war fuͤr Anton ein hoͤchst peinlicher und aͤngstlicher Zustand. Er uͤberließ sich wieder, aber bestaͤndig mit Angst und klopfendem Herzen, seinen vorigen Zerstreuungen. Dann fing er das Werk seiner Bekehrung einmal von vorn wieder an, und so schwankte er bestaͤndig hin und her, und fand nirgends Ruhe und Zufriedenheit, indem er sich vergeblich die E 5 unschuldigsten Freuden seiner Jugend verbitterte, und es doch in dem andern nie weit brachte. Dies bestaͤndige Hin- und Herschwanken ist zugleich ein Bild von dem ganzen Lebenslaufe seines Vaters, dem es im funfzigsten Jahre seines Lebens noch nicht besser ging, und der doch immer noch das Rechte zu finden hoffte, wornach er so lange vergeblich gestrebt hatte. Mit Anton war es anfaͤnglich ziemlich gut gegangen: allein seitdem er kein Latein mehr lernen sollte, litte seine Froͤmmigkeit einen großen Stoß; sie war nichts, als ein aͤngstli¬ ches, gezwungenes Wesen, und es wollte nie recht mit ihm fort. Er las darauf irgendwo, wie unnuͤtz und schaͤdlich das Selbstbessern sey, und daß man sich bloß leidend verhalten, und die goͤttliche Gnade in sich wuͤrken lassen muͤsse: er betete daher oft sehr aufrichtig: Herr bekehre du mich, so werde ich bekehret! aber alles war vergeblich. Sein Vater reiste diesen Sommer wieder nach P., und Anton schrieb ihm, wie schlecht es mit dem Selbstbessern vorwaͤrts ginge, und daß er sich wohl darin geirrt habe, weil die goͤttliche Gnade doch alles thun muͤsse. Seine Mutter hielt diesen ganzen Brief fuͤr Heuchelei, wie er denn wirklich nicht ganz davon frei seyn mochte, und schrieb eigenhaͤndig dar¬ unter: Anton fuͤhrt sich auf, wie alle gottlose Buben. Nun war er sich doch eines wirklichen Kam¬ pfes mit sich selbst bewußt, und es mußte also aͤußerst kraͤnkend fuͤr ihn seyn, daß er mit allen gottlosen Buben in eine Klasse geworfen wurde. Dies schlug ihn so sehr nieder, daß er nun wirklich eine Zeitlang wieder ausschweifte, und sich muthwillig mit wilden Buben abgab; wor¬ in er denn durch das Schelten und sogenannte Predigen seiner Mutter noch immer mehr be¬ staͤrkt wurde: denn dies schlug ihn immer noch tiefer nieder, so daß er sich oft am Ende selbst fuͤr nichts mehr, als einen gemeinen Gassenbu¬ ben hielt, und nun um desto eher wider Gemein¬ schaft mit ihnen machte. Dies dauerte, bis sein Vater von P. wie¬ der zuruͤckkam. Nun eroͤfneten sich fuͤr Anton auf einmal ganz neue Aussichten. Schon zu Anfange des Jahres war seine Mutter mit Zwillingen niedergekommen, wo¬ von nur der eine leben blieb, zu welchen ein Hutmacher in B., Namens L., Gevatter ge¬ worden war. Dieser war einer von den Anhaͤngern des Hrn. v. F., wodurch ihn Antons Vater schon seit ein paar Jahren kannte. Da nun Anton doch einmal bei einem Mei¬ ster sollte untergebracht werden, (denn seine bei¬ den Stiefbruͤder hatten nun schon ausgelernt, und jeder war mit seinem Handwerke unzufrie¬ den, wozu er von seinem Vater mit Gewalt ge¬ zwungen war) und da der Hutmacher L. gerade einen Burschen haben wollte, der ihn fuͤrs erste nur zur Hand waͤre: welch eine herrliche Thuͤre eroͤffnete sich nun, nach seines Vaters Meynung, fuͤr Anton, daß er eben so, wie seine beiden Stiefbruͤder, bei einem so frommen Manne, der dazu ein eifriger Anhaͤnger des Hrn. v. F. war, schon so fruͤh koͤnne untergebracht, und von demselben zur wahren Gottseligkeit und Froͤmmigkeit angehalten werden. Dies mochte schon laͤnger im Werk gewesen seyn, und war vermuthlich die Ursach, warum Antons Vater ihn aus der lateinischen Schule genommen hatte. Nun aber hatte Anton, seitdem er Latein ge¬ lernet, sich auch das Studieren fest in den Kopf gesetzt; denn er hatte eine unbegraͤnzte Ehr¬ furcht gegen alles, was studiert hatte und einen schwarzen Rock trug, so daß er diese Leute bei¬ nahe fuͤr eine Art uͤbermenschlicher Wesen hielt. Was war natuͤrlicher, als daß er nach dem strebte, was ihm auf der Welt das Wuͤnschens¬ wertheste zu seyn schien? Nun hieß es, der Hutmacher L. in Braun¬ schweig wolle sich Antons, wie ein Freund, an¬ nehmen, er solle bei ihm wie ein Kind gehalten seyn, und nur leichte und anstaͤndige Arbeiten, als etwa Rechnungen schreiben, Bestellungen ausrichten, u. d. gl. uͤbernehmen, alsdann solle er auch noch zwei Jahre in die Schule gehen, bis er konfirmirt waͤre, und sich dann zu etwas entschliessen koͤnnte. Dies klang in Antons Ohren aͤußerst ange¬ nehm, insbesondre der letzte Punkt von der Schule; denn wenn er diesen Zweck nur erst erreicht haͤtte, glaubte er, wuͤrde es ihm nicht fehlen, sich so vorzuͤglich auszuzeichnen, daß sich ihm zum Studiren von selber schon Mittel und Wege eroͤffnen muͤßten. Er schrieb selber zugleich mit seinem Vater an den Hutmacher L., den er schon im Voraus innig liebte, und sich auf die herrlichen Tage freute, die er bei ihm zubringen wuͤrde. Und welche Reize hatte die Veraͤnderung des Orts fuͤr ihn! Der Aufenthalt in H., und der ewige ein¬ foͤrmige Anblick eben derselben Straßen und Haͤuser ward ihm nun unertraͤglich: neue Thuͤr¬ me, Thore, Waͤlle und Schloͤsser stiegen bestaͤn¬ dig in seiner Seele auf, und ein Bild verdraͤngte das andre. Er war unruhig, und zaͤhlte Stunden und Minuten bis zu seiner Abreise. Der erwuͤnschte Tag war endlich da. Anton nahm von seiner Mutter, und von seinen beiden Bruͤdern Abschied, wovon der aͤltere Christian fuͤnf Jahr, und der juͤngere Simon, der nach dem Hutmacher L. genannt war, kaum ein Jahr alt seyn mochte. Sein Vater reiste mit ihm, und es ging nun halb zu Fuße, halb zu Wagen, mit einer wohl¬ feilen Gelegenheit fort. Anton genoß jetzt zum erstenmale in seinem Leben das Vergnuͤgen zu wandern, welches ihm in der Zukunft mehr wie zu haͤufig aufgespart war. Je mehr sie sich Braunschweig naͤherten, je mehr war Antons Herz voll Erwartung. Der Andreasthurm ragte mit seiner rothen Kuppel majestaͤtisch hervor. Es war gegen Abend. Anton sahe in der Ferne die Schildwache auf dem hohen Walle hin und her gehen. Tausend Vorstellungen, wie sein kuͤnftiger Wohlthaͤter aussehen, wie sein Alter, sein Gang, seine Mienen seyn wuͤrden, stiegen in ihm auf und verschwanden wieder. Er setzte endlich von demselben ein so schoͤ¬ nes Bild zusammen, daß er ihn schon im Vor¬ aus liebte. Ueberhaupt pflegte Anton in seiner Kindheit durch den Klang der eignen Namen von Perso¬ nen oder Staͤdten zu sonderbaren Bildern und Vorstellungen von den dadurch bezeichneten Ge¬ genstaͤnden veranlaßt zu werden. Die Hoͤhe oder Tiefe der Vokale in einem solchen Namen trug zur Bestimmung des Bil¬ des das meiste bei. So klang der Name Hannover bestaͤndig praͤchtig in seinem Ohre, und ehe er es sahe, war es ihm ein Ort mit hohen Haͤusern und Thuͤrmen, und von einem hellen und lichten Ansehen. Braunschweig schien ihm laͤnglicht von dunk¬ lerm Ansehen und groͤßer zu seyn, und Paris stellte er sich, nach eben einem solchen dunklen Gefuͤhle bei dem Namen, vorzuͤglich voll heller weißlichter Haͤuser vor. Es ist dieses auch sehr natuͤrlich: denn von einem Dinge, wovon man nichts wie den Na¬ men weiß, arbeitet die Seele, sich, auch vermit¬ telst der entferntesten Aehnlichkeiten, ein Bild zu entwerfen, und in Ermangelung aller andern Vergleichungen, muß sie zu dem willkuͤhrlichen Namen Namen des Dinges ihre Zuflucht nehmen, wo sie auf die hart oder weich, voll oder schwach, hoch oder tief, dunkel oder hell klingenden Toͤne merkt, und zwischen denselben und dem sichtba¬ ren Gegenstande eine Art von Vergleichung an¬ stellt, die manchmal zufaͤlliger Weise eintrift. Bei dem Namen L. dachte sich Anton ohnge¬ faͤhr einen etwas langen Mann, deutsch und bieder, mit einer freien offnen Stirne, u. s. w. Allein diesmal taͤuschte ihn seine Namen¬ deutung sehr. Es fing schon an, dunkel zu werden, als Anton mit seinem Vater uͤber die großen Zug¬ bruͤcken, und durch die gewoͤlbten Thore in die Stadt B. .. einwanderte. Sie kamen durch viele enge Gassen, vor dem Schlosse vorbei, und endlich uͤber eine lange Bruͤcke in eine etwas dunkle Straße, wo der Hutmacher L. einem langen oͤffentlichen Gebaͤude gegenuͤber wohnte. Nun standen sie vor dem Hause. Es hatte eine schwaͤrzliche Aussenseite, und eine große schwarze Thuͤr, die mit vielen eingeschlagenen Naͤgeln versehen war. F Oben hing ein Schild mit einem Hute her¬ aus, woran der Name L. zu lesen war. Ein altes Muͤtterchen, die Ausgeberin vom Hause, eroͤffnete ihnen die Thuͤr, und fuͤhrte sie zur rechten Hand in eine große Stube, die mit dunkelbraun angestrichnen Brettern getaͤfelt war, worauf man noch mit genauer Noth eine halb verwischte Schilderung von den fuͤnf Sin¬ nen entdecken konnte. Hier empfing sie denn der Herr des Hauses. Ein Mann von mittlern Jahren, mehr klein als groß, mit einem noch ziemlich jugendlichen aber dabei blassen und melancholischen Gesichte, das sich selten in ein andres, als eine Art von bitter¬ suͤßen Laͤcheln verzog, dabei schwarzes Haar, ein ziemlich schwaͤrmerisches Auge, etwas feines und delikates in seinen Reden, Bewegungen, und Manieren, das man sonst bei Handwerksleuten nicht findet, und eine reine aber aͤußerst lang¬ same, traͤge und schleppende Sprache, die die Worte, wer weiß wie lang zog, besonders wenn das Gespraͤch auf andaͤchtige Materien fiel: auch hatte er einen unertraͤglich intoleranten Blick, wenn sich seine schwarzen Augenbraunen uͤber die Ruchlosigkeit und Bosheit der Menschenkin¬ der, und insbesondre seiner Nachbaren, oder seiner eignen Leute, zusammenzogen. Anton erblickte ihn zuerst in einer gruͤnen Pelzmuͤtze, blauem Brusttuch und braunen Ka¬ misol druͤber, nebst einer schwarzen Schuͤrze, seiner gewoͤhnlichen Hauskleidung, und es war ihm beim ersten Blick, als ob er in ihm einen strengen Herrn und Meister, statt eines kuͤnf¬ tigen Freundes und Wohlthaͤters gefunden haͤtte. Seine vorgefaßte innige Liebe verlosch, als wenn Wasser auf einen Funken geschuͤttet waͤre, da ihn die erste kalte, trockne, gebieterische Miene seines vermeinten Wohlthaͤters ahnden ließ, daß er nichts weiter, wie sein Lehrjunge seyn werde. Die wenigen Tage uͤber, daß sein Vater da blieb, wurde noch einige Schonung gegen ihn beobachtet; allein sobald dieser abgereist war, mußte er eben so, wie der andre Lehrbursch, in der Werkstatt arbeiten. Er wurde zu den niedrigsten Beschaͤftigun¬ gen gebraucht; er mußte Holz spalten, Wasser tragen, und die Werkstatt auskehren. F 2 So sehr dies gegen seine Erwartungen ab¬ stach, wurde ihm doch das Unangenehme eini¬ germaßen durch den Reiz der Neuheit ersetzt. Und er fand wirklich eine Art von Vergnuͤgen, selbst beim Auskehren, Holzspalten, und Was¬ sertragen. Seine Phantasie aber, womit er sich alles dies ausmalte, kam ihm auch sehr dabei zu stat¬ ten. — Oft war ihm die geraͤumige Werkstatt, mit ihren schwarzen Waͤnden, und dem schauer¬ lichem Dunkel, das des Abends und Morgens nur durch den Schimmer einiger Lampen erhellt wurde, ein Tempel, worin er diente. Des Morgens zuͤndete er unter den großen Kesseln das heilige belebende Feuer an, wodurch nun den Tag uͤber alles in Arbeit und Thaͤtig¬ keit erhalten, und so vieler Haͤnde beschaͤftiget wurden. Er betrachtete dann dies Geschaͤft, wie eine Art von Amt, dem er in seinen Augen eine ge¬ wisse Wuͤrde ertheilte. Gleich hinter der Werkstatt floß die Oker, auf welcher eine Fuͤlle oder Vorsprung von Bret¬ tern zum Wasserschoͤpfen hinausgebauet war. Er betrachtete dies alles gewissermaßen als sein Gebiet — und zuweilen, wenn er die Werk¬ statt gereinigt, die großen eingemauerten Kessel gefuͤllt, und das Feuer unter denselben angezuͤn¬ det hatte, konnte er sich ordentlich uͤber sein Werk freuen — als ob er nun einem jeden sein Recht gethan haͤtte — seine immer geschaͤftige Einbildungskraft belebte das Leblose um ihn her, und machte es zu wirklichen Wesen, mit denen er umgieng, und sprach. Ueberdem machte ihm der ordentliche Gang der Geschaͤfte, den er hier bemerkte, eine Art von angenehmer Empfindung, daß er gern ein Rad in dieser Maschine mit war, die sich so or¬ dentlich bewegte: denn zu Hause hatte er nichts dergleichen gekannt. Der Hutmacher L. hielt wirklich sehr auf Ordnung in seinem Hause, und alles gieng hier auf den Glockenschlag: Arbeiten, Essen, und Schlafen. Wenn ja eine Ausnahme gemacht wurde, so war es in Ansehung des Schlafs, der freilich ausfallen mußte, wenn des Nachts gearbeitet wurde, welches denn woͤchentlich wenigstens ein¬ mal geschahe. F 3 Sonst war das Mittagsessen immer auf den Schlag zwoͤlf, das Fruͤhstuͤck Morgens, und das Abendbrod Abends um acht Uhr, puͤnktlich da. Dies war es denn auch, worauf bei der Ar¬ beit immer gerechnet wurde — so verfloß damals Antons Leben: des Morgens von sechs Uhr an rechnete er bei seiner Arbeit aufs Fruͤhstuͤck, das er immer schon in der Vorstellung schmeckte, und wenn er es erhielt, mit dem gesundesten Appetit verzehrte, den ein Mensch nur haben kann, ob es gleich in weiter nichts, als dem Bodensatz vom Kaffee, mit etwas Milch, und einem Zwei¬ pfennigbrodte bestand. Dann gieng es wieder frisch an die Arbeit, und die Hoffnung aufs Mittagsessen brachte wiederum neues Interesse in die Morgenstunden, wenn die Einfoͤrmigkeit der Arbeit zu ermuͤdend wurde. Des Abends wurde Jahr aus, Jahr ein, eine Kalteschale von starkem Biere gegeben. Reiz genug, um die Nachmittagsarbeiten zu versuͤßen. Und dann vom Abendessen an, bis zum Schlafengehen, war es der Gedanke an die baldbevorstehende sehnlichgewuͤnschte Ruhe, der nun uͤber das Unangenehme und Muͤhsame der Arbeit, wieder seinen troͤstlichen Schimmer ver¬ breitete. Freilich wußte man, daß den folgenden Tag der Kreislauf des Lebens so von vorn wieder anfieng. Aber auch diese zuletzt ermuͤdende Einfoͤrmigkeit im Leben, wurde durch die Hoff¬ nung auf den Sonntag wieder auf eine ange¬ nehme Art unterbrochen. Wenn der Reiz des Fruͤhstuͤcks, und des Mittags- und Abendessens nicht mehr hinlaͤnglich war, die Lebens- und Arbeitslust zu erhalten, dann zaͤhlte man, wie lange es noch bis auf den Sonntag war, wo man einen ganzen Tag von der Arbeit feiern, und einmal aus der dunklen Werkstatt vors Thor hinaus in das freie Feld gehen, und des Anblicks der freien offnen Natur genießen konnte. O, welche Reize hat der Sonntag fuͤr den Handwerksmann, die den hoͤheren Klassen von Menschen unbekannt ist, welche von ihren Ge¬ schaͤften ausruhen koͤnnen, wenn sie wollen. — F 4 „Daß deiner Magd Sohn sich erfreue!“ — Nur der Handwerksmann kann es ganz fuͤhlen, was fuͤr ein großer, herrlicher, menschenfreund¬ licher Sinn in diesem Gesetze liegt! — Wenn man nun auf einen Tag Ruhe von der Arbeit schon sechs Tage lang rechnete, so fand man es wohl der Muͤhe werth, auf drei oder gar vier Feiertage nach einander, ein Drit¬ theil des Jahres zu rechnen. Wenn selbst der Gedanke an den Sonntag oft nicht mehr faͤhig war, den Ueberdruß an dem Einfoͤrmigen zu verhindern, so wurde durch die Naͤhe von Ostern, Pfingsten, oder Weihnachten der Lebensreiz wieder aufgefrischt. Und wenn dies alles zu schwach war, so kam die suͤße Hoffnung an die Vollendung der Lehr¬ jahre, an das Gesellenwerden hinzu, welche alles andre uͤberstieg, und eine neue große Epoche ins Leben brachte. Weiter ging nun aber auch der Gesichtskreis bei Antons Mitlehrburschen nicht — und sein Zu¬ stand war dadurch gewiß um nichts verschlimmert. Nach einer allguͤtigen und weisen Einrichtung der Dinge hat auch das muͤhevolle, einfoͤrmige Leben des Handwerksmannes, seine Einschnitte und Perioden, wodurch ein gewisser Takt und Harmonie hereingebracht wird, welcher macht, daß es unbemerkt ablaͤuft, ohne seinem Besitzer eben Langeweile gemacht zu haben. Aber Antons Seele war durch seine roman¬ haften Ideen einmal zu diesem Takt verstimmt. Dem Hause des Hutmachers grade gegen¬ uͤber war eine lateinische Schule, die Anton zu besuchen vergeblich gehofft hatte — so oft er die Schuͤler heraus- und hineingehen sahe, dachte er mit Wehmuth an die lateinische Schule, und an den Konrektor in H. zuruͤck — und wenn er gar etwa vor der großen Martinsschule vorbei¬ gieng, und die erwachsenen Schuͤler herauskom¬ men sahe, so haͤtte er alles darum gegeben, dies Heiligthum nur einmal inwendig betrachten zu koͤnnen. Einmal eine solche Schule besuchen zu duͤr¬ fen, hielt er zwar bei seinem jetzigen Zustande beinahe fuͤr unmoͤglich; demohngeachtet aber konnte er sich einen schwachen Schimmer von Hoffnung dazu nicht ganz versagen. F 5 Selbst die Chorschuͤler schienen ihm Wesen aus einer hoͤhern Sphaͤre zu seyn; und wenn er sie auf der Straße singen hoͤrte, konnte er sich nicht enthalten, ihnen nachzugehen, sich an ihrem Anblick zu ergoͤtzen, und ihr glaͤnzendes Schicksal zu beneiden. Wenn er mit seinem Mitlehrburschen in der Werkstatt alleine war, suchte er ihm alle die klei¬ nen Kenntnisse mitzutheilen, welche er sich theils durch eignes Lesen, und theils durch den Unter¬ richt, den er genossen, erworben hatte. Er erzaͤhlte ihm vom Jupiter und der Juno, und suchte ihm den Unterschied zwischen Adjek¬ tivum und Substantivum deutlich zu machen, um ihn zu lehren, wo er einen großen Buchsta¬ ben, oder einen kleinen setzen muͤsse. Dieser hoͤrte ihm denn aufmerksam zu, und zwischen ihnen wurden oft moralische und reli¬ gioͤse Gegenstaͤnde abgehandelt. Antons Mit¬ lehrbursche war bei diesen Gelegenheiten vorzuͤg¬ lich stark in Erfindung neuer Woͤrter, wodurch er seine Begriffe bezeichnete. So nannte er z. B. die Befolgung der goͤttlichen Befehle, die Erfuͤlligkeit Gottes — Und indem er vorzuͤglich die religioͤsen Ausdruͤcke des Hrn. L. von Ertoͤd¬ tung, u. s. w. nachzuahmen suchte, gerieth er oft in ein sonderbares Galimathias. Mit vorzuͤglichem Nachdruck wußte er sich einiger Stellen aus den Psalmen Davids, worinn eben keine sanftmuͤthigen Gesinnungen gegen die Feinde geaͤußert werden, zu bedienen, wenn er glaubte, durch die Haushaͤlterin oder jemand anders, angeschwaͤrzt und verlaͤumdet zu seyn. So waren fast alle Hausgenossen mehr oder weniger von den religioͤsen Schwaͤrmereien des Hrn. L. angesteckt, ausgenommen der Geselle. Dieser warf ihm, wenn er ihm manchmal zuviel von Ertoͤdtung und Vernichtung schwatzte, einen solchen toͤdtenden und vernichtenden Blick zu, daß Hr. L. sich mit Abscheu wegwandte, und still schwieg. Sonst konnte Hr. L. zuweilen stundenlange Strafpredigten gegen das ganze menschliche Ge¬ schlecht halten. Mit einer sanften Bewegung der rechten Hand theilte er dann Segen und Ver¬ dammniß aus. Seine Miene sollte dabei mitleids¬ voll seyn, aber die Intoleranz und der Menschen¬ haß hatten sich zwischen seinen schwarzen Augen¬ braunen gelagert. Die Nutzanwendung lief denn immer, poli¬ tisch genug, darauf hinaus, daß er seine Leute zum Eifer und zur Treue — in seinem Dienste ermahnte, wenn sie nicht ewig im hoͤllischen Feuer brennen wollten. Seine Leute konnten ihm nie genug arbei¬ ten — und er machte ein Kreuz uͤber das Brod und die Butter, wenn er ausgieng. Dem Anton, der ihm vielleicht nicht gnug arbeiten konnte, verbitterte er sein Mittagsessen durch tausend wiederholte Lehren, die er ihm gab, wie er das Messer und die Gabel halten, und die Speise zum Munde fuͤhren sollte, daß diesem oft alle Lust zum Essen vergieng; bis sich der Geselle einmal nachdruͤcklich seiner annahm, und Anton doch nun in Frieden essen konnte. — Uebrigens aber durfte er es auch nicht wa¬ gen, nur einen Laut von sich zu geben, denn an allem, was er sagte, an seinen Mienen, an sei¬ nen kleinsten Bewegungen, fand L. immer etwas auszusetzen; nichts konnte ihm Anton zu Danke machen, welcher sich endlich beinahe in seiner Gegenwart zu gehen fuͤrchtete, weil er an jedem Tritt etwas zu tadeln fand. — Seine Intole¬ ranz erstreckte sich bis auf jedes Laͤcheln, und jeden unschuldigen Ausbruch des Vergnuͤgens, der sich in Antons Mienen oder Bewegungen zeigte: denn hier konnte er sie einmal recht nach Gefallen auslassen, weil er wußte, daß ihm nicht widersprochen werden durfte. Waͤhrend der Zeit wurden die ganz verblich¬ nen fuͤnf Sinne an dem schwarzen Getaͤfel der Wand wieder neu uͤberfirnißt — die Erinnerung an den Geruch davon, welcher einige Wochen dauerte, war bei Anton nachher bestaͤndig mit der Idee von seinem damaligen Zustande verge¬ sellschaftet. So oft er einen Firnißgeruch em¬ pfand, stiegen unwillkuͤhrlich alle die unange¬ nehmen Bilder aus jener Zeit in seiner Seele auf; und umgekehrt, wenn er zuweilen in eine Lage kam, die mit jener einige zufaͤllige Aehn¬ lichkeiten hatte, glaubte er auch, einen Firni߬ geruch zu empfinden. Ein Zufall verbesserte Antons Lage in etwas. Der Hutmacher L. . . war ein aͤußerst hypo¬ chondrischer Schwaͤrmer; er glaubte an Ahndun¬ gen und hatte Visionen, die ihm oft Furcht und Grauen erweckten. Eine alte Frau, die zur Mie¬ the im Hause gewohnt hatte, starb, und erschien ihm bei naͤchtlicher Weile im Traume, daß er oft mit Schaudern und Entsetzen erwachte, und weil er dann wachend noch forttraͤumte, auch ihren Schatten in irgend einer Ecke seiner Kammer noch zu sehen glaubte. Anton mußte ihm von nun an zur Gesellschaft seyn, und in einem Bette neben ihm schlafen. Dadurch wurde er ihm gewis¬ sermaßen zum Beduͤrfniß, und er wurde etwas guͤtiger gegen ihn gesinnt. — Er ließ sich oft mit ihm in Unterredungen ein, fragte ihn, wie er in seinem Herzen mit Gott stehe, und lehrte ihn, daß er sich Gott nur ganz hingeben solle; wenn er dann zu dem Gluͤck der Kinder Gottes auser¬ waͤhlt waͤre, so wuͤrde Gott selbst das Werk der Bekehrung in ihm anfangen und vollenden, u. s. w. — Des Abends mußte Anton, ehe er zu Bette ging, fuͤr sich stehend, leise beten, und das Gebet durfte auch nicht allzu kurz seyn — sonst fragte L. . . wohl, ob er denn schon fertig sey, und Gott nichts mehr zu sagen habe? — Dies war fuͤr Anton eine neue Veranlassung zur Heuchelei und Verstellung, die sonst seiner Na¬ tur ganz entgegen war. — Ob er gleich leise be¬ tete, so suchte er doch seine Worte so vernehm¬ lich auszusprechen, daß er von L. . . recht gut verstanden werden konnte — und nun herrschte durch sein ganzes Gebet nicht sowohl der Ge¬ danke an Gott, als vielmehr, wie er sich durch irgend einen Ausdruck von Reue, Zerknirschung, Sehnsucht nach Gott und dergleichen wohl am besten in die Gunst des Hrn. L. . . einschmeicheln koͤnnte. — Das war der herrliche Nutzen, den dies erzwungne Gebet auf Antons Herz und Charakter hatte. Doch aber fand Anton auch zuweilen im ein¬ samen Gebete noch eine Art von heimlichen Ver¬ gnuͤgen, wenn er in irgend einem Winkel der Werkstatt kniete, und Gott bat, daß er doch eine einzige von den großen Veraͤnderungen in seiner Seele hervorbringen moͤgte, wovon er seit seiner Kindheit schon so viel gelesen und gehoͤrt hatte. Und so weit gieng die Taͤuschung seiner Einbil¬ dungskraft, daß es ihm zuweilen wirklich war, als gienge etwas ganz besonders im Innersten seiner Seele vor; und sogleich war auch der Gedanke da, wie er nun diesen seinen Seelen¬ zustand etwa in einem Briefe an seinen Vater oder den Hrn. v. F. einkleiden, oder ihn Hrn. L. . . erzaͤhlen wollte. Es waren also dergleichen eingebildete innere Gefuͤhle immer eine suͤße Nahrung seiner Eitelkeit, und das innige Ver¬ gnuͤgen, was er daruͤber empfand, wurde vor¬ zuͤglich durch den Gedanken erweckt, daß er doch nun sagen koͤnnte, er habe ein solches goͤttliches, himmlisches Vergnuͤgen in seiner Seele empfun¬ den — es schmeichelte ihn immer sehr, wenn erwachsene und bejahrte Leute seinen Seelenzu¬ stand fuͤr so wichtig hielten, daß sie sich darum bekuͤmmerten. Das war der Grund, daß er sich so oft einen abwechselnden Seelenzustand zu haben einbildete, um dann etwa dem Hrn. L. . . klagen zu koͤnnen, daß er sich in einem Zustande der Leere, der Trockenheit befinde, daß er keine rechte Sehnsucht nach Gott bei sich verspuͤre, u. s. w., und sich alsdann den Rath des Hrn. L. . . uͤber diesen seinen Seelenzustand ausbitten zu koͤnnen, der ihm denn auch immer mit vieler fuͤr ihn schmeichelhaften Wichtigkeit ertheilt ward. Ja es kam gar einmal so weit, daß uͤber sei¬ nen Seelenzustand mit dem Hrn. v. F. korre¬ spondirt, und ihm eine Stelle in dem Briefe des Hrn. v. F., die sich auf ihn bezog, gezeigt wurde. Was Wunder, daß er auf die Weise veranlaßt wurde, sich durch allerlei eingebildete Veraͤnderungen seines Seelenzustandes, in sei¬ nen eignen Augen sowohl, als in den Augen andrer, bei dieser Wichtigkeit zu erhalten, da er als ein Wesen betrachtet wurde, bei dem sich eine ganz eigne besondre Fuͤhrung Gottes offenbarte. Er bekam nun auch eine schwarze Schuͤrze, wie der andre Lehrbursche, und anstatt, daß ihn dieser Umstand haͤtte niederschlagen sollen, trug er vielmehr vieles zu seiner Zufriedenheit bei. Er betrachtete sich nun als einen Menschen, der schon anfing, einen gewissen Stand zu beklei¬ den. Die Schuͤrze brachte ihn gleichsam in Reihe und Glied mit andern seines Gleichen, da er vorher einzeln und verlassen da stand — er vergaß uͤber die Schuͤrze eine Zeitlang seinen Hang zum Studieren; und fing an, auch an den uͤbrigen Handwerksgebraͤuchen eine Art G von Gefallen zu finden, der ihn nichts eifriger wuͤnschen ließ, als dieselben einmal mitmachen zu koͤnnen. — Er freute sich innerlich, so oft er den Gruß eines einwandernden Gesellen hoͤrte, der das gewoͤhnliche Geschenk zu fordern kam; und keine groͤßere Gluͤckseligkeit konnte er sich denken, als wenn er auch einmal als Geselle so einwandern, und dann, nach Handwerksge¬ brauch, den Gruß mit den vorgeschriebnen Wor¬ ten hersagen wuͤrde. — So haͤngt das jugendliche Gemuͤth immer mehr an den Zeichen, als an der Sache, und es laͤßt sich von den fruͤhen Aeußerungen bei Kindern, in Ansehung der Wahl ihres kuͤnfti¬ gen Berufes, wenig oder gar nichts schließen. — Sobald Anton lesen gelernt hatte, fand er ein unbeschreibliches Vergnuͤgen darin, in die Kirche zu gehen: seine Mutter und seine Base konn¬ ten sich nicht gnug daruͤber freuen. Was ihn aber in die Kirche trieb, war der Triumph, den er allemal genoß, wenn er nach dem schwarzen Brette, wo die Nummern der Gesaͤnge ange¬ schrieben waren, hinsehen, und etwa einen er¬ wachsenen Menschen, der neben ihm stand, sagen konnte, was es fuͤr eine Nummer sey: und wenn er denn eben so, und oft noch geschwinder, als die erwachsenen Leute, diese Nummer in seinem Gesangbuche aufschlagen, und nun mitsingen konnte. — Die Zuneigung des Hrn. L. . . gegen Anton schien itzt immer groͤßer zu werden, jemehr die¬ ser nach seiner geistlichen Fuͤhrung ein Verlan¬ gen bezeigte. — Er ließ ihn oft bis um Mitter¬ nacht an den Gespraͤchen mit seinen vertraute¬ sten Freunden Theil nehmen, mit denen er sich gemeiniglich uͤber seine und anderer Erscheinun¬ gen zu unterhalten pflegte, welche zuweilen so schaudervoll waren, daß Anton mit berganstehen¬ dem Haare zuhorchte. Gemeiniglich wurde erst spaͤt zu Bett gegangen. Und wenn der Abend mit solchen Gespraͤchen zugebracht war, so pflegte L. . . am folgenden Morgen beim Aufstehen wohl zu fragen, ob Anton die Nacht nichts vernom¬ men, nichts in der Kammer gehen gehoͤrt habe? Manchmal unterhielt sich auch L. . . des Abends mit Anton allein, und sie lasen dann zusammen etwa in den Schriften des Taulerus , Johan¬ nes vom Kreuz , und aͤhnlichen Buͤchern. — G 2 Es schien, als ob zwischen ihnen eine dauerhafte Freundschaft entstehen wuͤrde. Anton faßte auch wirklich eine Art von Liebe gegen L. . ., aber diese Empfindung war immer mit etwas Her¬ ben untermischt, mit einem gewissen Ge¬ fuͤhl von Ertoͤdtung und Vernichtung, welches durch L. . .s bittersuͤßes Laͤcheln erzeugt wurde. Indeß blieb Anton jetzt von harten und nie¬ drigen Arbeiten, mehr wie sonst, verschont. L. . . ging zuweilen mit ihm spatzieren; ja er nahm ihm sogar einen Klaviermeister an. — Anton war entzuͤckt uͤber seinen Zustand, und schrieb einen Brief an seinen Vater, worin er demselben auf das lebhafteste seine Zufriedenheit bezeigte. Nun hatte aber auch Antons Gluͤck im L. . .schen Hause den hoͤchsten Gipfel erreicht, und sein Fall war nahe. Alles sahe ihn mit neidischen Augen an, seitdem ihm der Klaviermeister gehalten wurde. Es wurden hier Kabalen, wie an einem kleinen Hofe gespielt; man verlaͤumdete ihn, man suchte ihn zu stuͤrzen. So lange L. . . gegen Anton hart und unbil¬ lig verfahren war, genoß er des Mitleids und der Freundschaft aller uͤbrigen Hausgenossen; sobald es aber schien, als ob dieser ihm seine Freundschaft und Vertrauen zuwenden wuͤrde, nahm in eben dem Maße ihre Feindschaft und Mißtrauen gegen ihn zu. Und sobald es ihnen nur gelungen war, ihn wieder zu sich herunter zu bringen, und man es so weit gebracht hatte, daß der Klaviermeister wieder abgedankt war, hatte man auch weiter nichts mehr gegen Anton: man war sein Freund, wie zuvor. Nun hielt es aber nicht schwer, ihn der Ge¬ wogenheit eines so argwoͤhnischen und mißtraui¬ schen Mannes, wie L. . . war, zu berauben; man durfte nur einige lebhafte Aeußerungen von ihm erzaͤhlen; man durfte Hrn. L. . . nur auf ver¬ schiedne wirkliche Fehler der Nachlaͤßigkeit und Unordnung, die Anton an sich hatte, bei jeder Gelegenheit aufmerksam machen, um seinen Ge¬ sinnungen bald eine andre Richtung zu geben. Dieß wurde denn von der Haushaͤlterin, und den uͤbrigen Untergebenen sehr gewissenhaft ge¬ than. — Indeß dauerte es doch noch einige Mo¬ nate, ehe man voͤllig seinen Zweck erreichte. Waͤhrend welcher Zeit L. . . sogar Antons Kla¬ G 3 viermeister zu bekehren sich Muͤhe gab, welcher ein sehr rechtschaffner und frommer Mann war, aber Hrn. L...s Meinung nach, sich Gott noch nicht ganz hingegeben hatte, und sich nicht lei¬ dend gnug gegen ihn verhielt. Dieser Mann mußte denn auch oft bei Hrn. L... speisen, verdarb es aber am Ende dadurch, daß er sich zu viel Butter auf das Brod schmierte; auf diesen Umstand machte die Haushaͤlterin Hrn. L... aufmerksam, um dadurch ihren Zwek zu erreichen, dem Klavierspielen Antons ein Ende zu machen, damit er nicht mehr uͤber die andern Hausgenossen erhoben waͤre. Anton hatte uͤberdem nicht viel Genie zur Musik, und lernte folglich nicht viel in seinen Stunden. Ein paar Arien und Choraͤle waren alles, was er mit vieler Muͤhe fassen konnte. Und die Klavierstunde war ihm immer eine sehr unangenehme Stunde. Auch wurde ihm die Applikatur sehr schwer, und L... fand immer an der Figur seiner weitausgespreiteten Finger etwas auszusetzen. Indeß gelang es ihm doch einmal, wie dem David beim Saul, den boͤsen Geist des Hrn. L. . . durch die Kraft der Musik zu vertreiben. Er hatte ein kleines Versehen begangen, und weil die Neigung des Hrn. L. . . gegen ihn schon anfing, sich in Haß zu verwandeln, so hatte dieser ihm des Abends vor dem Schlafengehen eine harte Zuͤchtigung dafuͤr zugedacht. Anton merkte dies an allem wohl. Und als die Stunde heranzunahen schien, faßte er den Muth, einen Choral, den ersten den er gelernt hatte, auf dem Klavier zu spielen, und dazu zu singen. Dies uͤberraschte Hrn. L. . ., er gestand ihm, daß grade diese Stunde zu einer nachdruͤckliche Bestrafung bestimmt gewesen waͤre, die er ihm nun schenkte. Anton erdreistete sich nun sogar, ihm einige Vorstellungen wegen der anscheinenden Abnahme seiner Freundschaft und Liebe gegen ihn zu thun, worauf L. . . ihm gestand, daß seine Zuneigung gegen ihn freilich so stark nicht mehr sey, und daß dieses nothwendig an Antons verschlimmer¬ tem Seelenzustande liegen muͤsse, wodurch gleich¬ sam eine Scheidewand zwischen ihm und seiner ehemaligen Liebe gezogen waͤre. Er habe die Sache Gott im Gebet vorgetragen, und diesen Aufschluß daruͤber erhalten. G 4 Dies war nnn sehr traurig fuͤr Anton, und er fragte, wie er es denn anzufangen habe, um seinen verschlimmerten Seelenzustand wieder zu verbessern? — Seinen Weg in Einfalt zu wandeln, und sich ganz Gott zu uͤberlassen, war die Ant¬ wort, sey das einzige Mittel, seine Seele zu retten. — Weiter wurden keine naͤhern Anwei¬ sungen ertheilt. Hr. L. . . hielt es nicht fuͤr gut, Gott gleichsam vorzugreifen, der sich selber von Anton abgezogen zu haben schien. — Die nach¬ druͤcklich ausgesprochnen Worte aber, seinen Weg in Einfalt zu wandeln, hatten darauf Bezug, daß ihm Anton seit einiger Zeit zu klug zu werden anfing, zu viel sprach und vernuͤnf¬ telte, und uͤberhaupt, wegen der Zufriedenheit mit seinem Zustande, zu lebhaft wurde. — Diese Lebhaftigkeit war ihm der gerade Weg zu Antons Verderben, der nach dieser Heiterkeit in seinem Gesichte nothwendig ein ruchloser, weltlichge¬ sinnter Mensch werden mußte, von dem nichts anders zu vermuthen stand, als daß ihn Gott selbst in seinen Suͤnden dahin geben wuͤrde. — Haͤtte Anton seinen Vortheil besser verstan¬ den, so haͤtte er itzt durch ein niedergeschlagenes, misantropisches Wesen, vorgegebene Beaͤngsti¬ gungen und Beklemmungen seiner Seele noch alles wieder gut machen koͤnnen. Denn nun wuͤrde L. . . geglaubt haben, Gott sey im Begriff, die verirrte Seele wieder zu sich zu ziehen. — Aber weil L. . . den Grunsatz hatte, daß der¬ jenige, welchen Gott bekehren wolle, auch ohne sein Zuthun bekehrt werde; und daß Gott er¬ waͤhlet, welchen er will, und verwirft und ver¬ stocket, welchen er will, um seine Herrlichkeit zu offenbaren — so schien es ihm gleichsam gefaͤhr¬ lich, sich in die Sache Gottes zu mischen, wenn es etwa den Anschein hatte, als ob einer wirk¬ lich von Gott verworfen waͤre. Mit Anton hatte es nun, seinen lebhaften und weltlich gesinnten Mienen nach, bey dem Herrn L. . . wuͤrklich beynahe diesen Anschein. — Die Sache war ihm so wichtig gewesen, daß er daruͤber mit dem Hrn. v. F. korrespondirt hatte. — Und nun zeigte er Anton wiederum in dem Briefe des Hrn. v. F. eine Stelle, die ihn betraf; und worin der Hr. v. F. versicherte, allen Kennzeichen nach habe der Satan seinen Tempel in An¬ tons Herzen schon so weit aufgebauet , daß G 5 er schwerlich wieder zerstoͤrt werden koͤnnen . — Das war wirklich ein Donnerschlag fuͤr An¬ tou — aber er pruͤfte sich, und verglich seinen jetzigen Zustand mit dem vorhergehenden, und es war ihm unmoͤglich, irgend einen Unterschied dazwischen zu entdecken; er hatte noch eben so oft, eingebildete goͤttliche Ruͤhrungen und Em¬ pfindungen, wie sonst; er konnte sich nicht uͤber¬ zeugen, daß er ganz aus der Gnade gefallen, und von Gott verworfen seyn sollte. Er fing an der Wahrheit des Orakelspruchs von dem Hrn. v. F. an zu zweifeln. Dadurch verlohr sich seine Niedergeschlagen¬ heit wieder, die ihm sonst vielleicht aufs neue den Weg zu der Gunst des Hrn. L. . . wuͤrde gebahnt haben, dessen Freundschaft er nun durch seine fortgesetzten vergnuͤgten Mienen vollends ver¬ scherzte. Die erste Folge davon war, daß ihn L. . . aus seiner Kammer entfernte, und er wieder bei dem andern Lehrburschen schlafen mußte, der nun anfing wieder sein Freund zu werden, weil er ihn nicht mehr beneidete; die andre, daß er wie¬ der anfangen mußte, mehr wie jemals die schwer¬ sten und niedrigsten Arbeiten zu verrichten, wo¬ bei er immer in der Werkstatt bleiben mußte, und nur selten zu Hrn. L... in die Stube kom¬ men durfte. Der Klaviermeister wurde nur noch deswegen beibehalten, weil L... das ange¬ fangne Werk der Bekehrung in ihm vollenden, und also statt einer verlohrnen Seele Gott wie¬ der eine andre zufuͤhren wollte. Der Winter kam heran, und jetzt fing An¬ tons Zustand wirklich an, hart zu werden: er mußte Arbeiten verrichten, die seine Jahre und Kraͤfte weit uͤberstiegen. L... schien zu glauben, da nun mit Antons Seele doch weiter nichts an¬ zufangen sey, so muͤsse man wenigstens von sei¬ nem Koͤrper allen moͤglichen Gebrauch machen. Er schien ihn jetzt wie ein Werkzeug zu betrach¬ ten, daß man wegwirft, wenn man es gebraucht hat. Bald wurden Antons Haͤnde durch den Frost und die Arbeit zum Klavierspielen gaͤnzlich un¬ tauglich gemacht. — Er mußte fast alle Woche ein paarmal des Nachts mit dem andern Lehr¬ burschen aufbleiben, um die geschwaͤrzten Huͤte aus dem siedenden Faͤrbekessel herauszuholen, und sie dann unmittelbar darauf in der vorbei¬ fliessenden Oker zu waschen, wo zu dem Ende erst eine Oeffnung in das Eis mußte gehauen werden. Dieser oft wiederholte Uebergang von der Hitze zum Frost, machte, daß Anton beide Haͤnde aufsprangen, und das Blut ihm heraus¬ spruͤtzte. Allein statt daß dieses ihn haͤtte niederschla¬ gen sollen, erhob es vielmehr seinen Muth. Er blickte mit einer Art von Stolz auf seine Haͤnde, und betrachtete die blutigen Merkmahle daran, als so viel Ehrenzeichen von seiner Arbeit; und so lange diese harten Arbeiten noch fuͤr ihn den Reiz der Neuheit hatten, machten sie ihm ein gewisses Vergnuͤgen, das vorzuͤglich im Gefuͤhl seiner koͤrperlichen Kraͤfte bestand; zugleich ge¬ waͤhrten sie ihm eine Art von suͤßem Freiheits¬ gefuͤhl, das er bisher noch nicht gekannt hatte. Es war ihm, als wenn er nun auch sich selbst etwas mehr nachsehen koͤnne, nachdem er eben so wie die andern gearbeitet, und des Tages Last und Hitze wie sie getragen hatte. Unter den beschwerlichsten Arbeiten empfand er eine Art von innerer Werthschaͤtzung, die ihm die Anstrengung seiner Kraͤfte verschafte; und oft wuͤrde er diesen Zustand kaum gegen die peinliche Lage wieder vertauscht haben, worin er sich beim Genuß der strengen und alle Freiheit vernichten¬ den Freundschaft L. . .s befand. Dieser aber fing jetzt an, ihn immer haͤrter zu druͤcken: oft mußte er in der bittersten Kaͤlte, den ganzen Tag uͤber, in einer ungeheitzten Stube Wolle kratzen. Dies war ein kluͤglich ausgesonnenes Mittel des Hrn. L. . ., um An¬ tons Arbeitsamkeit zu vermehren: denn wenn er nicht vor Kaͤlte umkommen wollte, so mußte er sich ruͤhren, so viel nur in seinen Kraͤften stand, daß ihm Abends oft beide Arme wie gelaͤhmt, und doch Haͤnde und Fuͤße erfroren waren. Diese Arbeit machte ihm wegen ihrer ewigen Einfoͤrmigkeit sein Loos am bittersten. Beson¬ ders, wenn manchmal seine Phantasie dabei nicht in Gang kommen wollte; war diese hingegen durch den schnellern Umlauf des Bluts einmal in Bewegung gerathen, so flossen ihm oft die Stunden des Tages unvermerkt voruͤber. Er verlohr sich oft in entzuͤckenden Aussichten. Zu¬ weilen sang er seine Empfindungen, in Recita¬ tiven, von seiner eignen Melodie. Und wenn er sich besonders von der Arbeit ermuͤdet, seine Kraͤfte erschoͤpft, und von seiner Lage gedruͤckt fuͤhlte, mochte er sich am liebsten in religioͤsen Schwaͤrmereien, von Aufopferung , gaͤnzlicher Hingebung , u. s. w. verlieren, und der Aus¬ druck Opfersaltar war ihm vorzuͤglich ruͤhrend, so daß er diesen in alle die kleinen Lieder und Recitative von seiner Erfindung mit einwebte. Die Unterhaltungen mit seinem Mitlehr¬ burschen (dieser hieß August) fingen nun wieder an, einen neuen Reiz fuͤr ihn zu bekommen, und ihre Gespraͤche wurden vertraulich, da sie nun einander wieder gleich waren. Die Naͤchte, welche sie oft zusammen durchwachen mußten, machten ihre Freundschaft noch inniger. Am allervertraulichsten wurden sie aber, wenn sie zusammen in der sogenannten Trockenstube saßen. Dieses war ein in die Erde gemauertes, oben mit Backsteinen zugewoͤlbtes Loch, worin gerade ein Mensch aufrecht stehen, und ohngefaͤhr zwei Menschen sitzen konnten. In dieses Loch wurde ein großes Kohlenbecken gesetzt, und an den Waͤnden umher, die mit Scheidenwasser bestrich¬ nen Hasenfelle aufgehangen, deren Haar hier weichgebeizt wurde, um nachher zu den feinern Huͤten als Zuthat gebraucht zu werden. Vor diesem Kohlenbecken und in diesem Dunstkreise saßen Anton und August in dem halbunterirrdischen Loche, in welches man mehr hineinkriechen als hineingehen mußte, und fuͤhl¬ ten sich durch die Enge des Orts, der nur durch die Gluth der Kohlen schwach erleuchtet wurde, und durch das Abgesonderte, Stille und Schauer¬ liche dieses dunklen Gewoͤlbes, so fest zusammen¬ geschlossen, daß ihre Herzen oft in wechselseiti¬ gen Ergießungen der Freundschaft uͤberstroͤmten. Hier entdeckten sie sich die innersten Gedanken ihrer Seele; hier brachten sie die seligsten Stun¬ den zu. L. . . war, wie der Hr. v. F. und alle seine Anhaͤnger, ein Separatist, der sich nicht zu Kirche und Abendmahl hielt. So lange also die Freundschaft zwischen ihm und Anton gedauert hatte, war dieser fast gar in keine Kirche in B. . . gekommen. Jetzt nahm ihn August des Sonn¬ tegs mit in die Kuͤche, und sie gingen immer in andre, weil Anton ein Vergnuͤgen daran fand, die verschiedenen Prediger nach einander zu hoͤren. — Nun saßen Anton und August einmal um Mitternacht zusammen in der Trockenstube, und sprachen uͤber verschiedene Prediger, die sie gehoͤrt hatten, als der letztre dem Anton versprach, ihn kuͤnftigen Sonntag mit in die B. . .kirche zu nehmen, wo er einen Prediger hoͤren wuͤrde, der alles uͤbertraͤfe, was er sich denken und vor¬ stellen koͤnnte. Dieser Prediger hieß P. . ., und August konnte nicht aufhoͤren, zu erzaͤhlen, wie er oft durch die Predigten dieses Mannes erschuͤttert und bewegt sey. Nichts war fuͤr Anton reizender, als der Anblick eines oͤffent¬ lichen Redners, der das Herz von Tausenden in seiner Hand hat. Er hoͤrte aufmerksam auf das, was August ihm erzaͤhlte. Er sahe schon im Geist den Pastor P . . auf der Kanzel, er hoͤrte ihn schon predigen. Sein einziger Wunsch war, daß es nur erst moͤchte Sonntag seyn! Der Sonntag kam heran. Anton stand fruͤher, wie gewoͤhnlich, auf, verrichtete seine Geschaͤfte, und kleidete sich an. Als gelaͤutet wurde, wurde, hatte er schon eine Art von angeneh¬ men Vorgefuͤhl dessen, was er nun bald hoͤren werde. Man ging zur Kirche. Die Straßen, welche nach der B. . . kirche fuͤhrten, waren voller Menschen, die stromweise hinzueilten. — Der Pastor P. . . war eine Zeitlang krank gewesen, und predigte nun zum erstenmale wieder: das war auch die Ursach, warum August nicht gleich zuerst mit Anton in diese Kirche gegangen war. Als sie herein kamen, konnten sie kaum noch ein Plaͤtzchen der Kanzel gegenuͤber finden. Alle Baͤnke, die Gaͤnge und Choͤre waren voller Men¬ schen, welche alle einer uͤber den andern wegzu¬ sehen strebten. Die Kirche war ein altes Gothi¬ sches Gebaͤude mit dicken Pfeilern, die das hohe Gewoͤlbe unterstuͤtzten, und ungeheuren langen bogigten Fenstern, deren Scheiben so bemahlt waren, daß sie nur ein schwaches Licht durch¬ schimmern ließen. So war die Kirche schon von Menschen er¬ fuͤllt, ehe der Gottesdienst noch begann. Es herrschte eine feierliche Stille. Auf einmal er¬ toͤnte die vollstimmige Orgel, und der ausbre¬ chende Lobgesang einer solchen Menge von Men¬ H schen schien das Gewoͤlbe zu erschuͤttern. Als der letzte Gesang zu Ende ging, waren aller Augen auf die Kanzel geheftet, und man bezeigte nicht minder Begierde, diesen fast angebeteten Pre¬ diger zu sehen, als zu hoͤren. Endlich trat er hervor, und kniete auf den untersten Stuffen der Kanzel, ehe er hinauf stieg. Dann erhob er sich wieder, und nun stand er da vor dem versammleten Volke. Ein Mann noch in der vollen Kraft seiner Jahre — sein Antlitz war bleich, sein Mund schien sich in ein sanftes Laͤcheln zu verziehen, seine Augen glaͤnzten himmlische Andacht — er predigte schon, wie er da stand, mit seinen Minen, mit sei¬ nen stillgefaltenen Haͤnden. Und nun, als er anhub, welche Stimme, welch ein Ausdruck! — Erst langsam und feier¬ lich, und dann immer schneller und fortstroͤmen¬ der: so wie er inniger in seine Materie eindrang, so fing das Feuer der Beredtsamkeit in seinen Augen an zu blitzen, aus seiner Brust an zu ath¬ men, und bis in seine aͤußersten Fingerspitzen Funken zu spruͤhen. Alles war an ihm in Be¬ wegung; sein Ausdruck durch Minen, Stellung und und Gebehrden uͤberschritt alle Regeln der Kunst, und war doch natuͤrlich, schoͤn, und unwider¬ stehlich mit sich fortreißend. Da war kein Aufenthalt in dem maͤchtigen Erguß seiner Empfindungen und Gedanken; das kuͤnftige Wort war immer schon im Begriff her¬ vorzubrechen, ehe das vorhergehende noch voͤllig ausgesprochen war; wie eine Welle die andere in der stroͤmenden Fluth verschlingt, so verlohr sich jede neue Empfindung sogleich in der fol¬ genden, und doch war diese immer nur eine leb¬ haftre Vergegenwaͤrtigung der vorhergegangnen. Seine Stimme war ein heller Tenor, der bei seiner Hoͤhe eine ungewoͤhnliche Fuͤlle hatte; es war der Klang eines reinen Metalls, welcher durch alle Nerven vibrirt. Er sprach nach An¬ leitung des Evangeliums gegen Ungerechtigkeit und Unterdruͤckung, gegen Ueppigkeit und Ver¬ schwendung; und im hoͤchsten Feuer der Begeiste¬ rung redete er zuletzt die uͤppige und schwelgerische Stadt, deren Einwohner groͤßtentheils in dieser Kirche versammlet waren, mit Nahmen an; deckte ihre Suͤnden und Verbrechen auf; erin¬ nerte sie an die Zeiten des Krieges, an die Be¬ H 2 lage¬ lagerung der Stadt, an die allgemeine Gefahr zuruͤck, wo die Noth alle gleich machte, und bruͤderliche Eintracht herrschte; wo den uͤppigen Einwohnern, statt ihrer jetzo unter der Last der Schuͤsseln seufzenden Tische, Hunger und Theu¬ rung, statt ihrer Armbaͤnder und Geschmeide, Fesseln drohten. — Anton glaubte einen der Propheten zu hoͤren, der im heiligen Eifer das Volk Israel strafte, und die Stadt Jerusalem wegen ihrer Verbrechen schalt. — Anton ging aus der Kirche nach Hause, und sagte zu August kein Wort; aber er dachte von nun an, wo er ging und stund, nichts als den Pastor P. . . Von diesem traͤumete er des Nachts, und sprach von ihm bei Tage; sein Bild, seine Mine, und jede seiner Bewegungen hat¬ ten sich tief in Antons Seele eingepraͤgt. — Beim Wollekratzen in der Werkstatt, und beim Huͤte¬ waschen beschaͤftigte er sich die ganze Woche uͤber mit den entzuͤckenden Gedanken an die Predigt des Pastor P. . ., und wiederholte sich jeden Ausdruck, der ihn erschuͤttert, oder zu Thraͤnen geruͤhrt hatte, zu unzaͤhligen malen. Seine Einbildungskraft schuf sich dann die alte maje¬ staͤtische staͤtische Kirche, und die lauschende Menge, und die Stimme des Predigers hinzu, welche itzt in seiner Phantasie noch weit himmlischer klang. — er zaͤhlte Stunden und Minuten bis zum naͤch¬ sten Sonntage. Dieser kam; und ist je ein unausloͤschlicher Eindruck auf Antons Seele gemacht worden, so war es die Predigt, die er an dem Tage hoͤrte.— Die Anzahl von Menschen war womoͤglich noch groͤßer, als am vorigen Sonntage. — Vor der Predigt wurde ein kurzes Lied gesungen, worin die Worte des Psalms vorkommen: „Herr, wer wird wohnen in deiner Huͤtte? „wer wird bleiben auf deinem heiligen Berge? „Wer ohne Wandel einher gehet und recht „thut, und redet die Wahrheit von Herzen. „Wer mit seiner Zungen nicht verlaͤumdet, „und seinem Naͤchsten kein Arges thut, und sei¬ „nen Naͤchsten nicht schmaͤhet. „Wer die Gottlosen nichts achtet, und ehret „die Gottesfuͤrchtigen: Wer seinem Naͤchsten „schwoͤret, und haͤlts. „Wer sein Geld nicht auf Wucher giebt, und „nimmt nicht Geschenk uͤber den Unschuldigen. „Wer das thut, der wird wohl bleiben. Durch H z Durch dies kurze und erschuͤtternde Lied wurde man gleichsam voll Erwartung dessen, was da kommen sollte. Das Herz war zu großen und erhabnen Eindruͤcken vorbereitet, als der Pastor P. . . mit feierlichem Ernst in seiner Miene, wie ganz in sich versenkt, auftrat, und ohne Gebet und Eingang, mit ausgestreck¬ tem Arm, zu reden anhub und sprach: „Wer nicht Witwen und Waisen druͤckt; wer „nicht heimlicher Verbrechen sich bewußt ist; „wer seinen Naͤchsten nicht mit Wucher uͤber¬ „vortheilet; wem kein Meineid die Seele be¬ „lastet; der hebe voll Zutrauen seine Haͤnde mit „mit mir zu Gott empor, und bete: Vater unser! u. s. w. Und nun las er das Sonntagsevangelium von Johannes dem Taͤufer, wo dieser gefragt wird, ob er Christus sey? „und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte, ich bin nicht Christus! —“ Von diesen Worten nahm er Gelegenheit vom Meineide zu predigen, und nachdem er die Worte des Evangeliums mit einer etwas gedaͤmpften, feierlichern Stimme gelesen hatte, hub er nach einer Pause an: Weh Weh dir, der du gewissenlos Gott, deinen Herrn verlaͤugnet! Was traͤgst du deine Stirne blos, Die schwarzer Meineid zeichnet? — Mit dieser Stirne logst du Gott, Sein heilger Nahme war dir Spott, Wie tief bist du gefallen! Weh dir, vor Gottes Angesicht Tritst du — er kennet deiner nicht — Ungluͤcklichster von allen, Die einer Mutter Brust gesaͤugt — Verzweifle nicht — vielleicht, vielleicht, Daß einst nach deiner Thraͤnen Menge. Die Flamm' in deinem Busen loͤscht, Und Reue, mit der Jahre Laͤnge, Die Schuld von deiner Seele waͤscht. Der du die Frevelthat begannst, O gieb, wenn du noch weinen kannst, Die Hoffnung nicht verlohren — Gott wendet noch sein Angesicht, Er will den Tod des Suͤnders nicht, Sein Mund hat es geschworen. — Diese Worte, mit oͤftern Pausen, und dem erhabensten Pathos gesprochen, thaten eine unglaubliche Wirkung. — Man athmete, da H 4 da sie geendigt waren, tiefer herauf; man wischte sich den Schweiß von der Stirn. — Und nun wurde die Natur des Meineides untersucht, seine Folgen in ein schreckliches und immer schreck¬ licher Licht gestellt. Der Donner rollte auf das Haupt des Meineidigen herab, das Verderben nahte sich ihm, wie ein gewapneter Mann, der Suͤnder erbebte in den innersten Tiefen seiner Seele — er rief, ihr Berge fallet uͤber mich, und ihr Huͤgel bedecket mich! — Der Meinei¬ dige erhielt keine Gnade, er wurde vor dem Zorn des Ewigen vernichtet. — Hier schwieg er, wie erschoͤpft — ein pani¬ sches Schrecken bemaͤchtigte sich aller Zuhoͤrer. — Anton rechnete in der Eile die Jahre seines Le¬ bens hindurch, ob er sich nicht etwa eines Mein¬ eids schuldig gemacht habe. Aber nun begann der Zuspruch — dem Ver¬ zweifelnden wurde Gnade und Verzeihung an¬ gekuͤndigt — wenn er zehnfach buͤßte, was er Wittwen und Waisen entrissen; wenn er sein ganzes Leben hindurch seine Schuld mit Thraͤ¬ nen der Reue und guten Werken wieder abzu¬ waschen suchte. Die Die Gnade wurde dem Verbrecher nicht so leicht gemacht; sie mußte durch Gebet und Thraͤ¬ nen errungen werden. Und jetzt war es, als wolle er sie durch sein eignes Gebet und Thraͤnen vor allem Volke vor Gott erringen, indem er sich selbst an die Stelle des seelenzerknirschten Suͤn¬ ders setzte. — Dem Verzweifelnden wurde zugerufen: knie nieder in Staub und Asche, bis deine Knie wund sind, und sprich: ich habe gesuͤndiget im Himmel und vor dir — und so fing sich ein jeder Periode an mit: ich habe gesuͤndigt im Himmel und vor dir! und dann folgte nach der Reihe das Be¬ kenntniß: Wittwen und Waisen hab' ich unter¬ druͤckt; dem Schwachen hab' ich seine einzige Stuͤtze, dem Hungrigen sein Brod genommen — so ging es durch das ganze Register der Freveltha¬ ten. — Und ieder Periode schloß sich dann — Herr, ist es moͤglich, daß ich noch Gnade finde! — Alles zerschmolz nun in Wehmuth und Thraͤ¬ nen — Der Refrain bei jedem Perioden that eine unglaubliche Wirkung — es war, als wenn jedesmal die Empfindung einen neuen elektrischen Schlag erhielt, wodurch sie bis zum hoͤchsten Grade H 5 Grade verstaͤrkt wurde. — Selbst die zu¬ letzt erfolgende Erschoͤpfung, die Heiserkeit des Redners (es war, als schrie er zu Gott fuͤr die Suͤnden des Volks) trug zu der allgemeinen um sich greifenden Ruͤhrung bei, die diese Pre¬ digt verursachte; da war kein Kind, das nicht sympathetisch mitgeseufzt und mitgeweint haͤtte. Drittehalb Stunden waren schon, wie Mi¬ nuten verflossen — ploͤtzlich hielt er inne, und schloß nach einer Pause mit denselben Ver¬ sen, womit er begann. — Mit erschoͤpfter ge¬ daͤmpfter Stimme las er nun die oͤffentliche Beichte, das Suͤndenbekenntniß, und die dar¬ auf erfolgende angekuͤndigte Vergebung ab; dar¬ auf betete er fuͤr diejenigen, welche zum Abend¬ mahl gehen wollten, worinn er sich mit ein¬ schloß, und dann sprach er mit aufgehabenen Haͤnden den Segen. — Der Abfall der Stimme bei diesem allen gegen den Ton, welcher in der Predigt herrschte, hatte viel Feierliches und Ruͤhrendes. Anton ging nun nicht aus der Kirche, er mußte erst den Pastor P. . . zum Abendmahl gehen sehen. — Alle Schritte desselben waren ihm ihm nun heilig. Mit einer Art von Ehrfurcht trat er auf den Fleck, wo er wußte, daß der Pa¬ stor P. . . gegangen war. — Was haͤtte er itzt darum gegeben, daß er schon zum Abendmahl haͤtte mitgehen duͤrfen! Er sahe nun den Pastor P. . . zu Hause gehen, dessen Sohn, ein Knabe von neun Jahren, neben hergieng. — Seine ganze Existenz haͤtte Anton darum gegeben, um dieser gluͤckliche Sohn zu seyn. — Wenn er nun den Pastor P. . . sahe, wie er mit der Ge¬ meine, die ihn von allen Seiten umwallte, uͤber die Straße ging, und immer von beiden Seiten, denen, die ihn gruͤßten, freundlich dankte, so war es, als ob er um sein Haupt einen ge¬ wissen Schimmer erblickte, und unter den uͤbri¬ gen Sterblichen ein uͤbermenschliches Wesen da¬ hin wandeln sahe, — sein hoͤchster Wunsch war, durch sein Hutabnehmen, nur einen seiner Bli¬ cke auf sich zu ziehen — und als ihm das gelun¬ gen war, eilte er schnell nach Hause, um die¬ sen Blick gleichsam in seinem Herzen zu be¬ wahren. Den folgenden Sonntag predigte der Pastor P. . . des Mittages von der Liebe gegen die Bruͤ¬ Bruͤder, und so Seelenerschuͤtternd seine Predigt wider den Meineid gewesen war, so sanftruͤh¬ rend war diese; die Worte flossen nun wie Ho¬ nig von seinen Lippen, jede seiner Bewegungen war anders, sein ganzes Wesen schien sich nach dem Stoff, wovon er predigte, veraͤndert zu haben. Und doch war hiebei nicht die mindeste Affektation. Es war ihm natuͤrlich, sich mit allen seinen Gedanken und Empfindungen, die der Stoff seiner Rede veranlaßte, zu verweben. Diesen Vormittag hatte Anton mit erstaun¬ lich langer Weile dem andern Prediger dieser Kirche zugehoͤrt — er gerieth ein paarmal in eine Art von Wuth gegen ihn, da sich alles anließ, als ob er jetzt Amen sagen wuͤrde, und er dann von neuem in dem alten Tone wieder anfing. Jetzt war es mehr wie jemals Antons groͤßte Qual, einer solchen langweiligen Predigt zuzu¬ hoͤren, da er sich nicht enthalten konnte, bestaͤn¬ dig Vergleichungen anzustellen, nachdem er sich einmal die Predigt des Pastor P... als das hoͤchste Ideal, gedacht hatte, welches ihm von jedem andern unerreichbar schien. Als Als die Vormittagspredigt vorbei war, so war die Reihe an den Pastor P... die Einseg¬ nung beim Abendmahl zu verrichten, welche An¬ ton nun zum erstenmal von ihm hoͤrte. — Und nun, in welcher ehrwuͤrdigen Gestalt erschien er ihm itzt! er stand im Hintergrunde der Kirche vor dem hohen Altare, und sang die Worte: Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Guͤte waͤhret ewiglich — mit einer so him¬ melerhebenden Stimme, und einem so maͤchti¬ gen Ausdruck, daß Anton sich in dem Augen¬ blick in hoͤhere Regionen verzuͤckt glaubte — auch war ihm dies alles wie etwas, das hinter einem Vorhange, im Allerheiligsten, geschahe, wozu sich sein Fuß nicht nahen durfte — wie be¬ neidete er einen jeden, der zum Altar hinzutreten und aus den Haͤnden des Pastor P... das Abendmahl empfangen durfte! — Ein sehr jun¬ ges Frauenzimmer, die schwarz gekleidet, mit blassen Wangen, und einer Miene voll himmli¬ scher Andacht zum Altar hinzu trat, machte zu¬ erst auf Antons Herz einen Eindruck, den er bisher noch nicht gekannt hatte. Er hat dies junge Frauenzimmer nie wieder gesehen, aber ihr Bild ist nie in seiner Seele verloschen. Nun Nun hatte seine Phantasie ein neues Spiel. — Die Idee vom Abendmahl war jetzt diejenige, womit er zu Bette ging und aufstund, und wo¬ mit er sich den ganzen Tag uͤber, wenn er bei seiner Arbeit allein war, beschaͤftigte; dabei schwebte ihm immer der Pastor P... im Sinne, mit seiner sanften, schwellenden Stimme, und seinen gen Himmel gehobnem Auge, das von mehr als irdischer Andacht erleuchtet schien. Zu¬ weilen draͤngte sich denn auch in seiner Phantasie das Bild des schwarz gekleideten jungen Frauen¬ zimmers, mit der blassen Farbe und andachts¬ vollen Miene, wieder vor. Durch diß alles wurde seine Einbildungs¬ kraft so begeistert, daß er sich itzt fuͤr den gluͤck¬ lichsten Menschen unter der Sonne wuͤrde gehal¬ ten haben, wenn er den kuͤnftigen Sonntag haͤtte zum Abendmahl gehen duͤrfen. Er ver¬ sprach sich eine so uͤberirdische himmlische Troͤ¬ stung beim Genuß des Abendmahls, daß er schon im voraus Freudenthraͤnen daruͤber vergoß; wobei er zugleich ein gewisses sanftes beruhigen¬ des Mitleid mit sich selber empfand, daß ihm nun alles bittre und unangenehme seiner Lage ver¬ suͤßte, suͤßte, wenn er bedachte, daß ihn doch als Hut¬ macherbursche einmal niemand dieses Trostes wuͤrde berauben koͤnnen. Alle vierzehn Tage wenigstens nahm er sich dann vor zum Abendmahl zu gehen, wenn er erst so weit waͤre — und dann schlich sich ganz geheim in diesen Wunsch die Hoffnung mit ein, daß durch diß oͤftere zum Abendmahlgehen der Pastor P. . . ihn vielleicht am Ende bemerken wuͤrde: und dieser Gedanke war es wohl vorzuͤglich, welcher bei ihm die unaussprechliche Suͤßigkeit in diese Vorstellungen brachte. So lag auch hier die Ei¬ telkeit im Hinterhalt verborgen, wo sie mancher vielleicht am wenigsten vermuthet haͤtte. Das war ihm unmoͤglich zu glauben, daß er immer so, wie jetzt, wuͤrde verkannt, und ver¬ nachlaͤßiget werden. Gewissen romanhaften Ideen nach, die er sich in den Kopf gesetzt hatte, mußte es sich etwa einmal fuͤgen, daß ein edler Mann, der auf der Straße ihm begegnete, etwas auf¬ fallendes an ihm bemerkte, und sich dann seiner annehme. — Eine gewisse schwermuͤthige me¬ lancholische Miene, die er zu dem Ende an¬ nahm, glaubte er, wuͤrde am ersten diese Auf¬ merk¬ merksamkeit erregen. — Darum affektirte er sie nun oft noch in hoͤherm Grade, als sie ihm natuͤrlich war. — Ja oft war er schon bei¬ nahe im Begriff, wenn ihm die Phisiognomie irgend eines vornehmen Mannes Zutrauen ein¬ floͤßte, ihn geradezu anzureden, und ihm seine Umstaͤnde zu entdecken. — Der Gedanke schreckte ihn aber immer wieder zuruͤck, daß ihn dieser vornehme Mann vielleicht fuͤr naͤrrisch halten moͤchte. Zuweilen sang er auch, wenn er auf der Straße ging, mit einer gewissen klagen¬ den Stimme, einige von den Liedern der Mad. Guion, die er auswendig gelernt hatte, und worinn er Anspielungen auf sein Schick¬ sal zu finden glaubte; und dann dachte er, weil zuweilen in den Romanen, durch ein solches kla¬ gendes Lied, das einer singt, Wunderdinge ge¬ wuͤrkt werden, wuͤrde es auch ihm vielleicht ge¬ lingen, dadurch, daß er die Aufmerksamkeit ir¬ gend eines Menschenfreundes auf sich zoͤge, sei¬ nem Schicksal eine andere Wendung zu geben. Fuͤr den Pastor P. . . ging seine Ehrfurcht viel zu weit, als daß er es je haͤtte wagen sollen, ihn ihn anzureden. — Wenn er nahe bei ihm stand, so uͤberfiel ihn ein Schauder, als ob er sich in der Naͤhe eines Engels befaͤnde. — Er konnte es sich entweder gar nicht denken, oder suchte den Gedanken mit Fleiß zu vermei¬ den, daß dieser Pastor P. . . wie andre Men¬ schen aufstaͤnde, und zu Bette ginge, und alle natuͤrliche Handlungen, wie sie, verrichtete. Sich ihn im Schlafrock und der Nachtmuͤtze vorzustellen, war ihm ganz unmoͤglich — oder er flohe vielmehr vor diesem Gedanken, als wenn dadurch eine Luͤcke in seiner Seele waͤre hervor¬ gebracht worden. Besonders war ihm das Bild von der Nachtmuͤtze ganz etwas Unausstehliches, so oft es ihm bei dem Pastor P. . . einfiel; es war, als ob dadurch eine Disharmonie in alle seine uͤbrigen Vorstellungen kaͤme. Nun fuͤgte es sich aber einmal, daß Anton ge¬ rade in der Kirchthuͤre stand, als der Pastor P. . . herein trat, und in platdeutscher Sprache zu dem Kuͤster sagte, daß sie nachher noch ein Kind zu taufen haͤtten. Wuͤrkte je ein Kontrast lebhaft auf Antons Seele, so war es diese — den Mann, welchen J er er sich nie anders, als mit jenem feierlichen Herz¬ erschuͤtternden Tone, zu dem versammelten Volke redend, gedacht hatte, zuerst platdeutsch , wie der simpelste Handwerksmann mit dem Kuͤ¬ ster, uͤber eine so feierliche Sache, als die Taufe war, sprechen zu hoͤren; und das in einem Tone, der nichts weniger als feierlich war, und wo¬ mit man einem sagen wuͤrde, er solle ja nicht vergessen, das Waschbecken zu bringen. Durch diesen einzigen Vorfall wurde Antons Abgoͤtterei gegen den Pastor P. . . einigermaßen herabgestimmt. Er betete ihn etwas weniger an, und liebte ihn desto mehr. Indes hatte er sich sein Ideal von Gluͤck¬ seligkeit voͤllig von dem Pastor P. . . abstrahirt — Er konnte sich nichts Erhabeners und Reizenderes denken, als wie der Pastor P. . ., oͤffentlich vor dem Volke reden zu duͤrfen, und alsdann, so wie er, manchmal gar die Stadt mit Nahmen anzureden — Diß letzte hatte insbe¬ besondre fuͤr ihn etwas Großes Pathetisches — so daß er sich oft ganze Tage uͤber in seinen Ge¬ danken bestaͤndig mit dieser Anrede beschaͤftigte — und sogar, wann er etwa, um Bier zu holen‚ uͤber uͤber die Straßen ging, und ein paar Jungen sich balgen sahe, nicht unterlassen konnte, im Geiste die Worte des Pastor P... zu wiederho¬ len, und die ruchlose Stadt vor ihrem Verderben zu warnen, wobei er zugleich den Arm drohend in die Hoͤhe hob. — Wo er ging und stand, haranguirte er in Gedanken fuͤr sich selber, und wenn er dann in recht heftigen Affekt gerieth, so hielt er die Predigt gegen den Meineid. So schwebte er eine Zeitlang in diesen ange¬ nehmen Phantasien hin, die ihn das Wollekra¬ tzen in der kalten Stube, das Huͤtewaschen im Eise, und den Mangel des Schlafs, wenn er oft mehrere Naͤchte hindurch wachen mußte, fast ganz vergessen ließen. — Die Stunden entflo¬ hen ihm zuweilen waͤhrend der Arbeit wie Mi¬ nuten, wenn es ihm gelang, sich in den Charak¬ ter eines oͤffentlichen Redners hinein zu phan¬ tasiren. Allein, sey es nun, daß diese unnatuͤrliche Ueberspannung seiner Seelenkraͤfte, oder die fuͤr seine Jahre zu große Anstrengung seines Koͤr¬ pers zur Arbeit, ihn zuletzt niederwerfen mu߬ te — er ward gefaͤhrlich krank. Seine Pflege war J 2 war nicht die beste. Er phantasirte im Fieber, und lag oft ganze Tage lang allein, ohne daß sich jemand um ihn bekuͤmmerte. Endlich arbeitete doch seine gute Natur sich durch: er ward wieder hergestellt. — Eine ge¬ wisse Traͤgheit und Niedergeschlagenheit blieb aber demohngeachtet von dieser Krankheit zu¬ ruͤck— und der menschenfreundliche Herr L. . . haͤtte ihm beinahe durch eine seiner sanften Er¬ mahnungen ein toͤdtliches Recidiv verursacht. Es war eines Abends in der Daͤmmerung, da L. . . in einem dunklen abgelegenen Gemache sich eines warmen Kraͤuterbades bediente, wobei ihm Anton zur Hand seyn mußte. Da er nun in diesem Bade schwitzte, und große Angst ausstund, so sagte er zu Anton mit einer Stim¬ me, die ihm durch Mark und Beine drang: An¬ ton! Anton! huͤte dich vor der Hoͤlle! — und dabei sah er starr in eine Ecke hin.— Anton zitterte bei diesen Worten, ein ploͤtz¬ licher Schauder lief ihm durch den ganzen Koͤr¬ per. Alle Schrecken des Todes uͤberfielen ihn, — denn er zweifelte nicht im geringsten, daß L. . . in diesem Augenblick eine Erscheinung gehabt habe habe, wodurch ihm Antons Tod angedeutet sey; und das habe ihn zu dem fuͤrchterlichen Ausruf: Huͤte, ach! huͤte dich vor der Hoͤlle! bewogen. L. . . stieg nach diesen Ausruf ploͤtzlich aus dem Bade, und Anton mußte ihn zu seiner Kammer leuchten. Mit bebenden Knien ging er vor ihm her: und L. . . schien ihm blasser als der Tod aus¬ zusehen, da er von ihm wegging. Ist nun je mit wahrer Andacht und Heftig¬ keit zu Gott gebetet worden, so geschahe es itzt von Anton, so bald er allein war; er warf sich in einem Verschlag bei der Werkstaͤtte, nicht auf die Knie, sondern aufs Angesicht nieder, und flehte zu Gott, und bat ihn, wie ein Missethaͤ¬ ter uͤber den schon der Stab gebrochen ist, um sein Leben — nur um eine Frist zur Bekehrung, wenn er ja sterben solle — denn ihm fiel ein, daß er mehr als zwanzigmal auf der Straße gelau¬ fen, gesprungen, und muthwillig gelacht hatte — und nun lagen alle die Qualen der Hoͤlle auf ihm, welche er dafuͤr ewig wuͤrde erdulden muͤs¬ sen. — Huͤte, ach, huͤte dich vor der Hoͤlle! gellte noch immer in seinen Ohren, als ob ein Geist aus dem Grabe ihm diese Worte zugeru¬ fen I 3 fen haͤtte — und er fuhr fort eine volle Stunde nacheinander zu beten, und wuͤrde die ganze Nacht nicht aufgehoͤrt haben, wenn er keine Lin¬ derung seiner Angst verspuͤrt haͤtte; — aber so wie seine Brust einen aͤngstlichen Seufzer nach dem andern ausstieß, und endlich seine Thraͤnen flos¬ sen, schien es ihm, als sey ihm von Gott Erhoͤ¬ rung seiner Bitte gewaͤhrt – der nun lieber, wie dort bei den Niniviten, einen Propheten wolle zu Schanden werden lassen, als daß er eine Seele verderben ließe. — Anton hatte sein Fie¬ ber weggebetet, worinn er wahrscheinlich wie¬ der zuruͤckgefallen seyn wuͤrde, wenn seine em¬ poͤrten Geister nicht diesen Ausweg gefunden haͤt¬ ten. — So heilt oft eine Schwaͤrmerei, eine Tollheit die andere — die Teufel werden ausge¬ trieben durch Beelzebub. Anton wurde nach dieser Ermattung durch einen ruhigen Schlaf erquickt, und stand am andern Morgen wieder gesund auf — aber der Gedanke an den Tod erwachte wieder mit ihm — hoͤchstens glaubte er, sey ihm eine kleine Frist zur Bekehrung gegeben, und nun muͤsse er sehr eilen, wenn er noch seine Seele retten wolle. Das Das that er denn auch, so sehr er konnte; er betete des Tages unzaͤhligemal in einem Winkel auf seinen Knien, und ertraͤumete sich zuletzt da¬ durch eine feste Ueberzeugung von der goͤttlichen Gnade, und eine solche Heiterkeit der Seele, daß er sich oft schon im Himmel glaubte, und sich nun manchmal den Tod wuͤnschte, ehe er wieder von diesem guten Wege abkommen moͤchte. Aber es konnte nicht fehlen, daß bei allen diesen Ausschweifungen seiner Phantasie, die Natur ihren Zeitpunkt wahrnahm, wo sie wie¬ der zuruͤckkehrte — und dann die natuͤrliche Liebe zum Leben, um des Lebens willen, in Antons Seele wieder erwachte. — Dann war ihm frei¬ lich der Gedanke an seinen bevorstehenden Tod sehr etwas Trauriges und Unangenehmes, und er betrachtete diese Augenblicke, als solche, wo er wieder aus der goͤttlichen Gnade gefallen sey, und gerieth daruͤber in neue Angst, weil es ihm nicht moͤglich war, die Stimme der Natur in sich zu unterdruͤcken. Jetzt empfand er doppelt alle die traurigen Folgen des Aberglaubens, der ihm von seiner fruͤhesten Kindheit an, eingefloͤßet war — seine Leiden J 4 Leiden konnte man, im eigentlichen Verstande, die Leiden der Einbildungskraft nennen — sie waren fuͤr ihn doch wuͤrkliche Leiden, sie raub¬ ten ihm die Freuden seiner Jugend. — Von seiner Mutter wußte er, es sey ein sicheres Zeichen des nahen Todes, wenn einem beim Waschen die Haͤnde nicht mehr rauchen — nun sahe er sich sterben, so oft er sich die Haͤnde wusch. — Er hatte gehoͤrt, wenn ein Hund im Hause mit der Schnautze zur Erde gekehrt, heule, so wittre er den Tod Menschen; — nun pro¬ phezeite ihm jedes Hundegeheul seinen Tod. — Wenn sogar ein Huhn wie ein Hahn kraͤhete, so war das ein untruͤgliches Zeichen, daß bald je¬ mand im Hause sterben wuͤrde — und nun ging hier gerade ein solches ungluͤckweißagendes Huhn auf dem Hofe herum, welches bestaͤndig auf eine unnatuͤrliche Weise wie ein Hahn kraͤhte. — Fuͤr Anton klang keine Todtenglocke so fuͤrchterlich, als dieses Kraͤhen; und dieses Huhn hat ihm mehr truͤbe Stunden in seinem Leben gemacht, als irgend eine Widerwaͤrtigkeit, die er sonst erlit¬ ten hat. Oft schoͤpfte er wieder Trost und Hoffnung zum Leben, wenn das Huhn einige Tage schwieg — sobald sobald es sich dann wieder hoͤren ließ, waren alle seine schoͤnen Hoffnungen und Entwuͤrfe ploͤtz¬ lich gescheitert. Da er nnn so schon mit lauter Todesgedan¬ ken umging, fuͤgte es sich, daß er das erstemal nach seiner Krankheit wieder zu dem Pastor P.. in die Kirche kam. Dieser stand schon auf der Kanzel, und predigte uͤber — den Tod . Das war fuͤr Anton ein Donnerschlag; denn da er nun einmal gelernet hatte, nach dem, was ihm von einer besondern goͤttlichen Fuͤhrung in den Kopf gesetzt war, alles auf sich zu bezie¬ hen — wem anders, als ihm sollte nun wohl die Predigt vom Tode gehalten werden? — Mit nicht mehr Herzensangst kann ein Missethaͤter sein Todesurtheil anhoͤren, als Anton diese Pre¬ digt — der Pastor P. . . fuͤgte zwar Trostgruͤnde gnug gegen die Schrecken des Todes hinzu, aber was verschlug das alles gegen die natuͤrliche Liebe zum Leben, die, trotz aller Schwaͤrmereien, wo¬ von Anton den Kopf vollgepfropft hatte, dennoch bei ihm die Oberhand behielt. Niedergeschlagnes und betruͤbtes Herzens ging er zu Hause, und vierzehn Tage lang machte I 5 machte ihn diese Predigt melancholisch, die der Pastor P. . ., wenn er gewußt haͤtte, daß sie noch auf zwei Menschen solche Wuͤrkung, wie auf Anton thun wuͤrde, wahrscheinlich nicht wuͤrde gehalten haben. So war Anton nun in seinem dreizehnten Jahre, durch die besondre Fuͤhrung, die ihm die goͤttliche Gnade, durch ihre auserwaͤhlten Werk¬ zeuge hatte angedeihen lassen, ein voͤlliger Hy¬ pochondrist geworden, von dem man im eigent¬ lichen Verstande sagen konnte, daß er in jedem Augenblick lebend starb . — Der um den Ge¬ nuß seiner Jugend schaͤndlich betrogen wur¬ de — dem die zuvorkommende Gnade den Kopf verruͤckte. — Aber der Fruͤhling kam wieder heran, und die Natur, die alles heilet, fing auch hier allmaͤ¬ lig an, wieder gut zu machen, was die Gnade verdorben hatte. Anton fuͤhlte neue Lebenskraft in sich; er wusch sich, und seine Haͤnde rauchten wieder — es heulten keine Hunde mehr — das Huhn hoͤrte auf zu kraͤhen — und der Pastor P. . . hielt keine Todespredigten mehr. — Anton Anton fing wieder an, des Sonntags fuͤr sich allein spatzieren zu gehen, und einmal fuͤgte es sich, daß er, ohne es erst selbst zu wis¬ sen, gerade an das Thor kam, wo er vor ohn¬ gefaͤhr anderthalb Jahren mit seinem Vater zu¬ erst von H. . . eingewandert war. Er konnte sich nicht enthalten, hinaus zu gehn, und die mit Weiden bepflanzte breite Heerstraße zu verfol¬ gen, die er damals gekommen war. Sonder¬ bare Empfindungen entwickelten sich dabei in sei¬ ner Seele. — Sein ganzes Leben von jener Zeit an — da er zuerst die Schildwache auf dem hohen Walle hin und hergehend erblickte, und sich allerlei Vorstellungen machte, wie nun wohl die Stadt inwendig aussehen, und wie das L. . .sche Haus beschaffen seyn wuͤrde?— stand jetzt auf einmal in seiner Erinnerung da. — Es war ihm, als ob er aus einem Traume erwach¬ te — und nun wieder auf dem Flecke waͤre, wo der Traum anhub; — alle die abwechselnden Sce¬ nen seines Lebens, die er diese anderthalb Jahre hindurch in B. . . gehabt hatte, draͤngten sich dicht ineinander, und die einzelnen Bilder schie¬ nen sich nach einem groͤßern Maßstabe, dem seine Seele auf einmal erhielt, zu verkleinern.— So So maͤchtig wirkt die Vorstellung des Orts, woran wir alle unsre uͤbrige Vorstellungen knuͤ¬ pfen. — Die einzelnen Straßen und Haͤuser, die Anton taͤglich wieder sahe, waren das Blei¬ bende in seinen Vorstellungen, woran sich das immer abwechselnde in seinem Leben anschloß, wodurch es Zusammenhang und Wahrheit er¬ hielt, wodurch er das Wachen vom Traͤumen un¬ terschied — — In der Kindheit ist es insbesondre noͤthig, daß alle uͤbrigen Ideen sich an die Ideen des Orts anschließen, weil sie gleichsam in sich noch zu wenig Konsistenz haben, und sich an sich sel¬ ber noch nicht fest halten koͤnnen. Es faͤllt daher auch wuͤrklich in der Kindheit oft schwer, das Wachen vom Traume zu unter¬ scheiden; und ich erinnere mich, daß einer un¬ serer groͤßten jetztlebenden Philosophen, mir in dieser Ruͤcksicht eine sehr merkwuͤrdige Beob¬ achtung aus den Jahren seiner Kindheit erzaͤh¬ let hat. Er war wegen einer gewissen boͤsen Ange¬ wohnheit, die bei Kindern sehr gewoͤhnlich ist, oft mit der Ruthe gezuͤchtigt worden. Es hatte ihm thn aber, wie es auch gewoͤhnlich ist, immer sehr lebhaft getraͤumet, er habe sich an die Wand gestellt, und . . . Wenn er sich nun manchmal bei Tage zu dem Ende wirklich an die Wand ge¬ stellt hatte; so fiel ihm die harte Zuͤchtigung ein, die er so oft erlitten hatte, — und er stand oft lange an, ehe er es wagte, einem dringenden Beduͤrfniß der Natur ein Gnuͤge zu thun, weil er befuͤrchtete, es moͤchte wieder ein Traum seyn, fuͤr den er wieder eine scharfe Zuͤchtigung er¬ warten muͤßte — bis er sich erst allenthalben um¬ gesehen, und dann auch in Ansehung der Zeit zuruͤckgerechnet hatte, ehe er sich voͤllig uͤberzeu¬ gen konnte, daß er nicht traͤume. Auch pflegt man des Morgens beym Erwa¬ chen, oft noch halb zu traͤumen, und der Ueber¬ gang zum Wachen wird allmaͤlig dadurch ge¬ macht, daß man erst anfaͤngt, sich zu orienti¬ ren, und wenn man denn nur erst einmal den hellen Schein des Fensters gefaßt hat, so ordnet sich nach und nach alles uͤbrige von selber. Daher war es sehr natuͤrlich, daß Anton, nachdem er schon einige Wochen in B. . . im L. . .schen Hause war, des Morgens noch immer glaubte, glaubte, er traͤume, wenn er schon wirklich wachte, weil der Stift, woran er sonst, immer des Morgens, beym Erwachen, die Ideen vom vo¬ rigen Tage sowohl als von seinem vorigen Leben anknuͤpfte, und wodurch sie erst Zusammenhang und Wahrheit erhielten, nun gleichsam ver¬ ruͤckt war; weil die Idee des Ortes nicht mehr dieselbe war. Ist es also wohl zu verwundern, wenn die Veraͤnderung des Orts oft so vieles beitraͤgt, uns dasjenige, was wir uns nicht gern als wirklich denken, wie einen Traum vergessen zu machen? In spaͤtern Jahren, und insbesondre, wenn man viel gereist ist, verliert sich diß Anschließen der Ideen an den Ort in etwas. Wo man hin¬ koͤmmt, sieht man entweder Daͤcher, Fenster, Thuͤ¬ ren, Steinpflaster, Kirchen und Thuͤrme, oder man sieht Wiese, Wald, Acker, oder Heide. — Die auffallenden Unterschiede verschwinden; die Erde wird sich uͤberall gleich. — Wenn Anton in B. . . auf der Straße ging, so war es ihm besonders des Abends im Anfange der Daͤmmerung, manchmal ploͤtzlich wie im Traume. — Auch pflegte sich diß bei ihm zu er¬ eig¬ eignen, wenn er in irgend eine Straße ging, die ihm eine entfernte Aehnlichkeit mit einer Straße in H. . . zu haben schien. — Dann daͤuchte ihm einige Augenblicke sein Zustand in H. . . wieder gegenwaͤrtig; die Scenen seines Lebens verwirreten sich untereinander. Bei seinen Spatziergaͤngen fand er nun im¬ mer einen besondern Reiz darin, Gegenden in der Stadt aufzusuchen, wo er noch gar nicht gewesen war. Seine Seele erweiterte sich dann immer, es war ihm, als ob er aus dem engen Kreise seines Daseyns einen Sprung gewagt haͤt¬ te; die alltaͤglichen Ideen verlohren sich, und große angenehme Aussichten, Labyrinthe der Zukunft eroͤfneten sich vor ihm. Allein es war ihm noch nie gelungen, sein ganzes Leben in B. . . mit allen seinen mannich¬ faltigen Veraͤnderungen in einen einzigen vollen Blick zusammen zu fassen. Der Ort, wo er sich jedesmal befand, erinnerte ihn immer zu stark an irgend einen einzelnen Theil desselben, als daß noch fuͤr das Ganze in seiner Denkkraft Platz gewesen waͤre; er drehete sich mit seinen Vor¬ stellungen immer in einem engen Cirkel seines Daseyns herum. Um Um von dem Ganzen seines hiesigen Lebens ein anschauliches Bild zu haben, war es noͤthig, daß gleichsam alle die Faͤden abgeschnitten wur¬ den, die seine Aufmerksamkeit immer an das Momentane , Alltaͤgliche und Zerstuͤckte desselben hefteten; und daß er zugleich in den Standpunkt wieder versetzt wurde, aus welchem er sein Leben in B... betrachtete, ehe er es anfing, da es noch wie eine daͤmmernde Zukunft vor ihm lag. In diesen Standpunkt wurde er nun gerade versetzt, da er zufaͤlligerweise aus dem Thore ging, durch welches er vor ohngefaͤhr anderthalb Jahren, auf der breiten mit Weiden bepflanzten Heerstraße herein gekommen war, und die Schildwache auf dem hohen Walle hatte hin und her gehen sehen. Dieser Ort mußte es gerade seyn, der ihn durch die ploͤtzliche Erinnerung an tausend Klei¬ nigkeiten gerade in den Zustand wieder zu ver¬ setzen schien, worin er sich unmittelbar vor dem Anfange seines hiesigen Lebens befand. — Alles, was dazwischen lag, mußte sich nun in seiner Einbildungskraft zusammendraͤngen, wie Schat¬ ten ineinander gehen, einem Traum aͤhnlich werden. werden. Denn sein jetziges Dastehen auf der Bruͤcke, und den hohen Wall hinauf¬ sehen , wo die Schildwache stand, schloß sich dicht an sein Dastehen und den hohen Wall hinauf sehen vor anderthalb Jahren an. Die Vergangenheit, alle die Scenen des Lebens, das Anton in B. . . gefuͤhret hatte, stellte er sich jetzt wieder vor, wie er sie sich damals vor anderthalb Jahren noch als zukuͤnftig gedacht hatte, und die zu lebhafte Vorstellung und Wiedererinne¬ rung des Orts, machte, daß die Erinnerung an den Zwischenraum der Zeit, welche unterdeß verflossen war, verlosch, oder schwaͤcher wurde — — anders wenigstens laͤßt sich wohl schwerlich das Phaͤnomen jener sonderbaren Empfindung erklaͤ¬ ren, die Anton damals hatte, und die ein jeder wenigstens einigemale in seinem Leben gehabt zu haben sich erinnern wird. Mehr als zehnmal stand Anton auf dem Punkte, nicht wieder in die Stadt zuruͤckzukeh¬ ren, sondern gerade den Weg vor sich hin, wie¬ der nach H. . . zu gehen, wenn ihn nicht der Gedanke an Hunger und Kaͤlte wieder zuruͤck¬ geschreckt haͤtte. K Aber Aber von dem Tage an, blieb der Vorsatz fest bei ihm, im L. . .schen Hause nicht laͤnger mehr zu bleiben, es koste auch, was es wolle. Er wurde daher auch gegen alles gleichguͤltiger, weil er sich vorstellte, daß es nun nicht lange mehr so dauren wuͤrde. L. . . selbst fing nun an, seiner so uͤberdruͤßig zu werden, daß er endlich nach H. . . an Antons Vater schrieb, dieser moͤchte seinen Sohn, mit dem nichts anzufangen waͤre, nur immer wieder abholen. Nichts haͤtte fuͤr Anton erwuͤnschter seyn koͤnnen, als die Nachricht, daß sein Vater ihn nun mit naͤchsten wieder zu Hause holen wuͤr¬ de. — In eine Schule, schloß er, muͤsse er doch in H. . . auf alle Faͤlle geschickt werden, ehe er zum Abendmahl zugelassen wuͤrde, und dann wollte er sich schon so auszeichnen, daß man aufmerksam auf ihn werden solle. — So sehr er vorher nach B. . . zu kommen ge¬ strebt hatte, so sehr verlangte ihn jetzt nach H.. wieder zuruͤck, und er wiegte sich nun aufs neue in angenehmen Traͤumen von der Zukunft ein. Ohngeachtet seiner harten Lage aber waren ihm dennoch viele Dinge in B. . . sehr lieb ge¬ wor¬ worden, so daß sich in seine angenehmen Hoff¬ nungen oft eine Wehmuth mischte, die ihn in eine sanfte Melancholie versetzte. — Oft stand er einsam an der Oder, und sahe irgend einem vorbeifahrenden kleinem Kahne nach, so weit er ihn mit den Augen verfolgen konnte — dann war es ihm oft ploͤtzlich, als habe er einen Blick in die dunkle Zukunft gethan, aber wenn er eben das angenehme Blendwerk fest zu halten glaubte, so war es auf einmal verschwunden. Er suchte sich nun an allen Gegenden der Stadt, die er bisher auf seinen Spaziergaͤngen des Sonntags besucht hatte, gleichsam noch einmal zu letzen, und nahm von einer nach der andern wehmuͤthig Abschied, so wie er sie nie wieder zu sehen hoffte. Er hoͤrte von dem Pastor P. . . noch ver¬ schiedne Predigten, worinn manche einzelne Stellen nie aus seinem Gedaͤchtniß gekommen sind. — Ganz außerordentlich ruͤhrte ihn in einer Predigt vom Leiden Jesu, der immersteigende Affekt, womit der Pastor P. . . die Worte sagte: mitleidsvoll sieht er auf seine Moͤrder herab, K 2 und und betet, und betet, und betet — Vater, ver¬ gieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun! Und in einer Predigt uͤber die Beichte, wel¬ che uͤber das Evangelium vom Aussaͤtzigen ge¬ halten wurde, der sich dem Priester zeigen sollte , die Anrede an die Heuchler, die alle aͤußere Gebraͤuche der Religion gewissenhaft beobachten, und doch ein feindseliges Herz im Busen tragen, und wo sich jeder Periode anfing, mit: ihr kommt in den Beichtstuhl, ihr zeiget euch dem Priester, aber er kann in euer Herz nicht schauen, u. s. w. — Dann wurde in dieser Predigt auch oft ein Aus¬ druck wiederholt, der fuͤr Anton außerordentlich ruͤhrend war, dieser klang ihm, als: ihr kommt in den Heben . — Das letzte Wort nehmlich, was immer verschlungen wurde, so daß er es nicht recht verstehen konnte, klang ihm wie He¬ ben , und diß Wort oder dieser Laut ruͤhrte ihn bis zu Thraͤnen, so oft er wieder daran dachte. Eben so reizend klang ihm der Ausdruck, der sehr oft in den Predigten des Pastor P. . . vor¬ kam. Die Hoͤhen der Vernunft — diß hatte aber seine besondern Ursachen, deren Entwi¬ ckelung nicht unnuͤtz seyn wird. Das Chor in der der Kirche, wo die Orgel war, und die Schuͤler sangen, schien ihm immer etwas fuͤr ihn uner¬ reichbares zu seyn; sehnsuchtsvoll blickte er oft dahin auf, und wuͤnschte sich keine groͤßere Gluͤckseligkeit, als nur einmal den wunderba¬ ren Bau der Orgel, und was sonst da war, in der Naͤhe betrachten zu koͤnnen, da er diß alles jetzt nur in der Ferne anstaunen durfte. — Diese Phantasie war mit einer andern verwandt, die er noch aus H. . . mitgebracht hatte — schon dort war ein gewisser Thurm fuͤr ihn immer ein aͤußerst reizender Gegenstand gewesen; er be¬ trachtete ihn mit Entzuͤcken und beneidete oft die Stadtmusikanten, die oben auf der Gallerie standen, um des Morgens und Abends hinun¬ ter zu blasen. Stundenlang konnte er diese Gallerie be¬ trachten, die ihm von unten so klein schien, daß sie ihm nicht bis an die Knie reichen wuͤrde, und uͤber welche doch kaum die Koͤpfe der blasenden Stadtmusikanten hervorragten; und vollends das Zifferblatt, welches nach der Versicherung verschiedner Leute, die oben gewesen waren, so groß seyn sollte, wie ein Wagenrad, und ihm K 3 doch doch unten nicht groͤßer, als irgend ein Rad in einem Schiebkarren vorkam. — Dies alles erregte seine Neugierde im hoͤchsten Grade, so daß er oft ganze Tage lang mit nichts, als dem Gedanken und dem Wunsch umging, diese Gallerie und diß Zifferblatt einmal in der Naͤhe betrach¬ ten zu koͤnnen. Nun konnte man auf dem Thurme in H. . . durch die Schalloͤcher, welche uͤber der Gallerie offen standen, auch die Glocken treten sehen; und Anton verschlang beinahe mit seinen Augen dieses ihm ganz neue Schauspiel, da er die große metallne Maschine, die den alles erschuͤt¬ ternden Klang verursachte, unter den Fuͤßen der ganz klein scheinenden Leute, die in dieser Hoͤhe standen und auf die Balken traten, wech¬ selsweise in die Hoͤhe steigen sahe. Es war ihm, als habe er in das innerste Eingeweide des Thurms geblicket, und als habe sich ihm das geheimnißvolle Triebwerk, des wun¬ derbaren Schalles, den er so oft mit Ruͤhrung vernommen hatte, nun in der Ferne enthuͤllt — Allein seine Neugierde wurde hierdurch nur noch mehr erregt, statt befriedigt zu werden — er hatte hatte nur die eine Haͤlfte der Glocke, die sich mit ihrer ungeheuren Woͤlbung empor hub, und nicht ihren ganzen Umfang gesehen — von der Groͤße dieser Glocke hatte er von Kindheit an gehoͤrt, und seine Einbildungskraft vergroͤßerte das Bild in seiner Seele noch zu unzaͤhligenmalen, so daß er sich davon die romanhaftesten und aus¬ schweifendsten Ideen machte. Bei seinen Schmerzen nun, die er am Fuße erduldete; bei aller Bedruͤckung von seinen El¬ tern, worunter er seufzte; was war sein Trost? was war der angenehmste Traum seiner Kind¬ heit? was sein sehnlichster Wunsch, uͤber den er oft alles vergas? — — Was anders, als die nahe Beschauung des Zifferblatts und der Gallerie am neustaͤdtischen Thurme in H. . ., und der Glocken, die darinn hingen. Laͤnger als ein Jahr hindurch versuͤßte ihm diß Spiel seiner Phantasie die truͤbsten Stun¬ den seines Lebens — aber ach, er mußte H... verlassen, ohne seines sehnlichsten Wunsches ge¬ waͤhrt zu werden. — — Doch das Bild vom neustaͤdtischen Thurme wich nie aus seinen Ge¬ danken, es verfolgte ihn nach B. . ., und K 4 schwebte schwebte ihm dort oft in naͤchtlichen Traͤumen auf hohen Treppen in tausend labyrinthischen Kruͤmmungen vor, wo er den Thurm hinauf stieg, auf der Gallerie stand, und mit unaus¬ sprechlichem Vergnuͤgen das Zifferblatt am Thurme betastete, und dann inwendig nicht nur die große Glocke, sondern noch unzaͤhlige an¬ dre kleinere, nebst mehr wunderbaren Dingen dicht vor Augen sahe, bis er etwa mit dem Ko¬ pfe an den unuͤbersehbaren Rand der großen Glocke stieß, und erwachte. So oft nun der Pastor P. . . von den Hoͤhen der Vernunft sprach, so dachte Anton mit Ent¬ zuͤcken an die Hoͤhen seines geliebten Thurms, an die Glocke darinn und an das Zifferblatt, — und und dann auch an das hohe Chor, worauf die Orgel in der B. .. . Kirche stand — dann er¬ wachte auf einmal alle seine Sehnsucht wie¬ der und der Ausdruck: die Hoͤhen der Ver¬ nunft , preßte ihm Thraͤnen der Wehmuth aus den Augen. Der eigentliche abhandelnde Theil von den Predigten des Pastor P. . ., wo derselbe mit erstaunlicher Geschwindigkeit sprach, war fuͤr Anton Anton freilich verloren, weil er ihm mit seinen Gedanken unmoͤglich folgen konnte. In der Hoffnung aber auf den ermahnenden Theil hoͤrte er ihn dennoch mit Vergnuͤgen an — es war ihm dann, als wenn sich nun erst die Wolken zu¬ sammen zoͤgen, die bald in ein wohlthaͤtiges Gewit¬ ter oder einen sanften Regen ausbrechen wuͤrden. Nun ging er aber einmal mit dem Gedanken in die Kirche, die Predigt des Pastor P. . . zu Hause aufzuschreiben , und auf einmal war es, als ob es, indem er zuhoͤrte, in seiner Seele licht wurde, seine Aufmerksamkeit hatte eine neue Richtung erhalten — vorher hatte er mit dem Herzen zugehoͤrt, jetzt hoͤrte er zum ersten¬ male mit dem Verstande zu — er wollte nicht nur durch einzelne Stellen erschuͤttert werden, sondern das Ganze der Predigt fassen, und nun fing er an, den abhandelnden Theil eben so inte¬ ressant als den ermahnenden Theil zufinden. — Die Predigt handelte von der Naͤchsten-Liebe, wie gluͤcklich die Menschen seyn wuͤrden, wenn jeder das Wohl aller uͤbrigen, und alle uͤbrige das Wohl jedes einzelnen zu befoͤrdern suchten. — Nie ist ihm diese Predigt mit allen K 5 ihren ihren Abtheilungen und Unterabtheilungen aus dem Gedaͤchtniß gekommen, die er mit dem Vor¬ satz hoͤrte, um sie aufzuschreiben, welches er that, sobald er zu Hause kam, und den August, dem er es nun vorlas, sehr dadurch in Verwun¬ drung setzte. Das Aufschreiben dieser Predigt hatte gleichsam eine neue Entwickelung seiner Verstan¬ deskraͤfte bewirkt. — Denn von der Zeit fingen seine Ideen an sich allmaͤlig untereinander zu ordnen — er lernte selbst fuͤr sich uͤber einen Ge¬ genstand nachdenken — er suchte die Reihe seiner Gedanken wieder außer sich darzustellen, und weil er sie niemanden sagen konnte, so machte er schriftliche Aufsaͤtze, die denn frei¬ freilich oft sonderbar genug waren.— Denn hatte er vorher mit Gott muͤndlich gesprochen, so fing er nun an, mit ihm zu korrespondiren, und schrieb lange Gebete an ihn, worinn er ihm sei¬ nen Zustand schilderte. Er fuͤhlte sich jetzt um so mehr zu schriftli¬ chen Aufsaͤtzen gedrungen, weil es ihm gaͤnzlich an aller Lektuͤr fehlte — denn L. . . hatte ihm schon lange kein Buch mehr in die Haͤnde gege¬ ben, ben, ausgenommen Engelbrechts , eines Tuch¬ machergesellen zu Winsen an der Allee Be¬ schreibung von dem Himmel und der Hoͤlle , welches er ihm geschenkt hatte. — Einen aͤrgern Aufschneider kann es nun wohl in der Welt nicht mehr geben, als dieser Engel¬ brecht gewesen seyn muß, von dem man geglaubt hatte, daß er wirklich todt waͤre, und der nun, nachdem er sich wieder erholt hatte, seiner alten Großmutter weiß machte, er sey wirklich im Himmel und in der Hoͤlle gewesen; diese hatte es dann weiter erzaͤhlt, und so war diß koͤstliche Buch entstanden. Der Kerl entbloͤdete sich nicht zu behaupten, er sey mit Christo und den Engeln Gottes bis dicht unter dem Himmel geschwebt, und habe da die Sonne in die eine, und den Mond in die andre Hand genommen, und am Himmel die Sterne gezaͤhlt. Demohngeachtet waren seine Vergleichungen zuweilen ziemlich naiv, — so verglich er z. B. den Himmel mit einer koͤstlichen Weinsuppe, wovon man auf Erden nur wenige Tropfen ge¬ kostet hat, und die man alsdenn mit Loͤffeln essen essen koͤnne — und die himmlische Musik war eben so weit uͤber die irdische Musik erhaben, als ein schoͤnes Konzert uͤber das Geleier eines Dudelsacks, oder uͤber das Tuͤten eines Nacht¬ waͤchterhorns. Und was ihm fuͤr Ehre im Himmel wieder¬ fahren war, davon konnte er nicht genug ruͤhmen. In Ermangelung besserer Nahrung mußte sich nun Antons Seele mit dieser losen Speise begnuͤgen, und wenigstens wurde doch seine Ein¬ bildungskraft dadurch beschaͤftigt, — sein Ver¬ stand blieb gleichsam neutral dabei — er glaubte es weder, noch zweifelte er daran; er stellte sich das alles bloß lebhaft vor. Indeß ging jetzt L. . .s Unwillen und Haß gegen ihn haͤufig bis zu Scheltworten und Schlaͤgen; er verbitterte ihm sein Leben auf die grausamste Weise; er ließ ihn die niedrigensten und demuͤthigendsten Arbeiten thun. — Nichts aber war fuͤr Anton kraͤnkender, als wie er zum erstenmale in seinem Leben, eine Last auf dem Ruͤcken , und zwar einen Tragkorb mit Huͤten be¬ packt, uͤber die oͤffentliche Straße tragen mußte, in¬ indem L. . . vor ihm herging — es war ihm, als ob alle Menschen auf der Straße ihn ansaͤhen. Jede Last, die er vor sich, oder unter dem Arme, oder an den Haͤnden tragen konnte, schien ihm vielmehr ehrenvoll zu seyn, als das er glaubte, sie mache ihm Schande. — Nur daß er itzt gebuͤckt gehen, seinen Nacken unter das Joch beugen mußte, wie ein Lastthier, indeß sein stolzer Gebieter vor ihm herging, das beugte zugleich seinen ganzen Muth darnieder, und erschwerte ihm die Last tausendmal. Er glaubte sowohl vor Muͤdigkeit als vor Schaam in die Erde sinken zu muͤssen, ehe er mit seiner Buͤrde an den bestimmten Ort kam. Dieser bestimmte Ort, war das Zeughaus, wo die Huͤte, welche Kommisarbeit waren, ab¬ geliefert wurden. — Nicht sehnlicher hatte sich Anton gewuͤnscht, die Glocken und das Ziffer¬ blatt auf dem neustaͤdtischen Thurm in H. . ., als diß Zeughaus, inwendig zu sehen, vor welchem er so oft, ohne seinen Wunsch befriedigen zu koͤnnen, vorbei gegangen war. Aber wie sehr wurde ihm itzt diß Vergnuͤgen versalzen, da er es in solchem Zustande zu sehen bekam. Diß Diß Tragen auf dem Ruͤcken schwaͤchte seinen Muth mehr, als irgend eine Demuͤthigung, die er noch erlitten hatte, und mehr als L...s Scheltworte und Schlaͤge. Es war ihm, als ob er nun nicht tiefer sinken koͤnne; er betrach¬ tete sich beinahe selbst, als ein veraͤchtliches, weg¬ geworfenes Geschoͤpf: Es war diß eine der grausamsten Situationen in seinem ganzen Le¬ ben, an die er sich nachher, so oft er ein Zeug¬ haus sahe, lebhaft wieder erinnerte, und deren Bild wieder in ihm aufstieg, so oft er das Wort Unterjochung hoͤrte. Wenn ihm so etwas begegnet war, so suchte er sich vor allen Menschen zu verbergen; jeder Laut der Freude war ihm zuwider; er eilte auf das Plaͤtzchen hinter dem Hause an die Oker hin, und blickte oft Stundenlang sehnsuchtsvoll in die Fluth hinab. — Verfolgte ihn dann selbst da irgend eine menschliche Stimme, aus einem der benachbarten Haͤuser, oder hoͤrte er singen, lachen, oder sprechen, so daͤuchte es ihm, als treibe die Welt ihr Hohngelaͤchter uͤber ihn, so verachtet, so vernichtet glaubte er sich, seitdem er seinen Nacken unter das Joch eines Tragkor¬ bes gebeugt hatte. Es Es war ihm denn eine Art von Wonne selbst in das Hohngelaͤchter mit einzustimmen, daß er seiner schwarzen Phantasie nach uͤber sich er¬ schallen hoͤrte — in einer dieser fuͤrchterlichen Stunden, wo er uͤber sich selbst in ein verzwei¬ flungsvolles Hohngelaͤchter ausbrach, war der Lebensuͤberdruß bei ihm zu maͤchtig, er fing auf dem schwachen Brette, worauf er stand, an zu zittern und zu wanken. — Seine Knie hielten ihn nicht mehr empor; er stuͤrzte in die Fluth — August war sein Schutzengel; er hatte schon eine Weile unbemerkt hinter ihm gestanden, und zog ihn beim Arm wieder heraus — es waren demohngeachtet mehr Leute dazu gekommen — das ganze Haus lief zusammen, und Anton wurde von dem Augenblick an, als ein gefaͤhr¬ licher Mensch betrachtet, den man, so bald, wie moͤglich, aus dem Hause fortschaffen muͤsse. — L. . . schrieb den Vorfall sogleich an Antons Va¬ ter, und dieser kam vierzehn Tage darauf mit unmuthsvoller Seele, nach B. . ., um seinen mißrathenen Sohn, in dessen Herzen sich, nach dem Urtheil des Hrn. v. F. . ., der Sa¬ tan einen unzerstoͤrbaren Tempel aufgebauet Er nach H. . . wieder abzuholen. Er Er hielt sich noch ein paar Tage bei dem Hutmacher L. . . auf, waͤhrend welcher Zeit An¬ ton noch mit verdoppeltem Eifer, in Gegen¬ wart seines Vaters, alle seine Geschaͤfte verrich¬ tete, und eine Beruhigung darinn suchte, noch zuletzt alles zu thun, was in seinen Kraͤften stand. Von der Werkstatt, von der Trocken¬ stube, vom Holzboden, und von B. . . Kirche nahm er nun in Gedanken Abschied — und seine allerangenehmste Vorstellung, wenn er wieder nach H. . . kommen wuͤrde, war, daß er dann seiner Mutter von dem Pastor P. . . wuͤrde erzaͤhlen koͤnnen. Je naͤher die Abschiedsstunde herannahte, desto leichter wurde ihm ums Herz. — Er sollte nun bald aus seiner engen druͤckenden Lage her¬ auskommen. — — Die weite Welt eroͤfnete sich wieder vor ihm. Von August war der Abschied zaͤrtlich, von L. . . kalt wie Eis — es war an einem Sonntag Nachmittage, bei truͤbem Himmel, da Anton mit seinem Vater wieder aus dem L. . .schen Hause ging, — er blickte die schwarze Thuͤre mit den großen eingeschlagenen Naͤgeln noch einmal an, an, und wandte ihr getrost den Ruͤcken, um wieder aus dem Thore zu wandern, vor wel¬ chem er vor kurzem noch einen so interessanten Spaziergang gemacht hatte. — Die hohen Waͤlle der Stadt, und der Andreas-Thurm waren bald aus seinem Gesicht verschwunden, und er sahe nur noch den Brocken in der Ferne mit Schnee bedeckt, in truͤber Daͤmmrung sich in den dicht aufliegenden Wolken verlieren. Das Herz seines Vaters war gegen ihn kalt und verschlossen; denn dieser betrachtete ihn voͤllig mit den Augen des Hutmacher L..., und des Hrn. von F.., als einen in dessen Her¬ zen der Satan einmal seinen Tempel errichtet ha¬ be — es wurde unterwegens wenig gesprochen, son¬ dern sie wanderten immer stillschweigend fort, und Anton bemerkte kaum die Laͤnge des Weges, auf eine so angenehme Art unterhielt er sich mit seinen Gedanken, — wenn er nun seine Mutter und seine Bruͤder wieder sehen, und ihnen seine Schicksale wuͤrde erzaͤhlen koͤnnen. Die vier schoͤnen Thuͤrme von H.. ragten endlich wieder hervor — und wie einen Freund, den man nach langer Trennung wieder sieht, be¬ L trach¬ trachtete Anton den neustaͤdtischen Thurm, und seine Glockenliebe erwachte auf einmal wieder. — Er sahe sich nun wieder in den Mauern von H. . . und alles war ihm neu — seine Eltern hatten eine andre kleinere und dunklere Woh¬ nung auf einer abgelegenen Straße bezogen — das war ihm alles so fremd, indem er die Treppen hinaufstieg, als ob er da unmoͤglich zu Hause gehoͤren koͤnne. — Allein so kalt und abschreckend das Betragen seines Vaters gegen ihn gewesen war, so laut und ausbrechend war itzt die Freude, womit ihm seine Mutter und Bruͤder entgegen eilten, die seine von Frost aufgesprungen Haͤnde besa¬ hen, und von denen er nun zum erstenmal wieder bedauert wurde. Als er am andern Tage ausging, besuchte er alle die bekannten Plaͤtze, wo er sonst gespielt hatte — es war ihm, als sey er waͤhrend der Zeit alt geworden, und als wollte er sich nun an die Jahre seiner Tugend zuruͤck erinnern — ihm begegnete ein Trupp seiner ehemaligen Mit¬ schuͤler und Spielkameraden, die ihm alle die Haͤnde druͤckten, und sich uͤber seine Wiederkunft freueten. Und so bald er nur mit seiner Mutter allein war, was konnte er wohl anders thun als ihr von dem Pastor P. . . erzaͤhlen? — Sie hatte ohnedem eine unbegrenzte Ehrfurcht gegen alles Priesterliche, und konnte mit Anton recht gut in seinen Gefuͤhlen fuͤr den Pastor P. . . sympathisiren. — O! welche selige Stunden waren das, da Anton so sein Herz ausschuͤtten, und Stundenlang von dem Manne sprechen konnte, gegen den er, unter allen Menschen auf Erden, die meiste Liebe und Achtung hatte. Er hoͤrte nun die H...schen Prediger, aber welch ein Abstand! unter allen fand er keinen P. . ., einen ausgenommen Nahmens N..., der wenn er im heftigen Affekt sprach, einige Aehn¬ lichkeit mit ihm hatte. — Kein Prediger konnte bei Anton Beifall fin¬ den, wenn er nicht wenigstens so geschwind, wie der Pastor P. . . sprach, — und ich weiß nicht, wenn der Prediger als Redner betrachtet wird, ob er denn so ganz unrecht hatte? — der Lehrer muß langsam, der Redner muß geschwind spre¬ chen. — Der Lehrer soll allmaͤlig den Verstand erleuchten, der Redner unwiderstehlich in das L 2 Herz Herz eindringen — mit dem Verstande muß man langsam, mit dem Herzen schnell zu Werke gehen, wenn man seines Zweckes nicht verfehlen will — freilich wird der immer ein schlechter Leh¬ rer seyn, der nicht zuweilen Redner wird, und der ein schlechter Redner, der nicht zuweilen Lehrer wird — aber wenn Fox im Englischen Parla¬ mente spricht, so geschieht es mit einer Ge¬ schwindigkeit, die ihres Gleichen nicht hat, und in diesem brausenden Strome reißt er alles mit sich fort, und erschuͤttert die Seelen seiner Zu¬ hoͤrer, wie es der Pastor P. . . durch seine Meineidspredigt that. Einen Prediger, Nahmens M. . . an der G. . . kirche in H. . . hoͤrte Anton eines Sonn¬ tags mit dem groͤßten Widerwillen predigen, weil derselbe auch nicht die mindeste Aehnlichkeit mit dem Pastor P. . . , hatte, sondern in Ansehung sei¬ ner etwas langsamen und bequemen Sprache fast gerade das Gegentheil von ihm war. Anton konnte sich nicht enthalten, da er zu Hause kam, gegen seine Mutter eine Art von Haß zu aͤußern, den er auf diesen Prediger geworfen hatte — aber wie erstaunte er, als diese ihm sagte, daß er bei eben eben diesen Prediger wuͤrde zum Religionsun¬ terricht, und Beichte und Abendmahl gehen muͤs¬ sen, weil er ihr Beichtvater waͤre, und sie zu sei¬ ner Gemeine gehoͤrte. Wem haͤtte es Anton geglaubt, daß er diesen Mann, gegen den er damals eine unwiderstehliche Abneigung empfand, einmal wuͤrde lieben koͤnnen, daß dieser einmal sein Freund, sein Wohlthaͤter werden wuͤrde? Indes ereignete sich ein Vorfall, der Antons Seele, die schon zur Schwermut geneigt war, in eine noch traurigere Stimmung versetzte: seine Mutter wurde toͤdtlich krank, und schwebte vier¬ zehn Tage lang in Lebensgefahr. — Was An¬ ton dabei empfand, laͤßt sich nicht beschreiben. — Es war ihm, als ob er in seiner Mutter sich selbst absterben wuͤrde, so innig war sein Daseyn mit dem ihrigen verwebt. — Ganze Naͤchte durch weinte er oft, wenn er gehoͤrt hatte, daß der Arzt die Hoffnung zur Genesung auf¬ gab. — Es war ihm, als sey es schlechterdings nicht moͤglich, daß er den Verlust seiner Mut¬ ter wuͤrde ertragen koͤnnen. — Was war na¬ tuͤrlicher, da er von aller Welt verlassen war, L 3 und und sich nur noch in ihrer Liebe und in ihrem Zutrauen wieder fand. Der Pastor M. . . kam, und reichte Antons Mutter das Abendmahl — nun glaubte er, sey keine Hoffnung mehr, und war untroͤstlich — er flehte zu Gott um das Leben seiner Mutter, und ihm fiel der Koͤnig Hiskias ein, der ein Zei¬ chen von Gott erhielt, daß seine Bitte erhoͤrt, und ihm sein Leben gefristet sey. Nach einem solchen Zeichen sahe sich itzt auch Anton um, ob nicht etwa der Schatten an der Mauer im Garten zuruͤckgehen wollte? — und der Schatten schien ihm endlich zuruͤckzugehen — denn eine duͤnne Wolke hatte sich vor der Sonne hingezogen — oder seine Phantasie hatte diesen Schatten zuruͤckgedraͤngt — aber von dem Augenblick an faßte er neue Hoffnung; und seine Mutter fing wirklich wieder an, zu genesen. Er lebte nun auch von neuem wieder auf — und that alles, um sich bei seinen Eltern beliebt zu machen. Allein bei seinem Vater gelang es ihm nicht; dieser hatte, seitdem er ihn aus B... wieder abgeholt, einen bittern, unversoͤhnlichen Haß auf ihn geworfen, den er ihn bei jeder Ge¬ legen¬ legenheit empfinden ließ — jede Mahlzeit wurde ihm zugezaͤhlt, und Anton mußte oft im eigent¬ lichen Verstande sein Brod mit Thraͤnen essen. Sein einziger Trost in dieser Lage waren seine einsamen Spaziergaͤnge mit seinen beiden kleinern Bruͤdern, mit denen er ordentliche Wanderungen auf den Waͤllen der Stadt an¬ stellte, indem er sich immer ein Ziel setzte, nach welchem er mit ihnen gleichsam eine Reise that. — Diß war seine liebste Beschaͤftigung von sei¬ ner fruͤhesten Kindheit an, und als er noch kaum gehen konnte, setzte er sich schon ein solches Ziel an einer Ecke der Straße, wo seine Eltern wohn¬ ten, welches die Grenze seiner kleinen Wande¬ rungen war. Er schuf sich nun den Wall, welchen er hin¬ auf stieg in einen Berg, das Gestraͤuch, durch welches er sich durcharbeite in einen Wald, und einen kleinen Erdhuͤgel im Stadtgraben, in eine Insel um; und so stellte er mit seinen Bruͤ¬ dern in einem Bezirk von wenigen hundert Schritten, oft viele meilenweite Reisen an — er verlohr sich und verirrte sich mit ihnen in Waͤl¬ L 4 dern, dern, erstieg hohe Klippen, und kam auf unbe¬ wohnte Inseln, — kurz, er realisirte sich mit ihnen, seine ganze idealische Romanenwelt, so gut er konnte. — Zu Hause stellte er allerlei Spiele mit ihnen an, wobei es oft scharf zuging — er bela¬ gerte Staͤdte, eroberte Vestungen von den Buͤchern der Mad. Guion zusammengebaut, mit wilden Kastanien, die er wie Bomben dar¬ auf abschoß.— Zuweilen predigte er auch, und seine Bruͤder mußten ihm zuhoͤren. — Das erstemal hatte er sich denn eine Kanzel von Stuͤh¬ len zusammengebaut, und seine Bruͤder saßen vor ihm auf Fußschemeln; er gerieth in heftigen Affekt — die Kanzel stuͤrzte ein, er fiel herun¬ ter, und zerschlug mit dem Stuhle, worauf er stand, seinen Bruͤdern die Koͤpfe. — Das Geschrei und die Verwirrung war allgemein — indem trat sein Vater herein, und fing an, ihn fuͤr die gehaltne Predigt ziemlich derbe zu be¬ lohnen. — Antons Mutter kam dazu, und wollte ihn den Haͤnden seines Vaters entreißen; da sie das nicht konnte, so nahm ihr Zorn eine ganz entgegengesetzte Richtung, und sie fing nun auch auch aus allen Kraͤften an, auf Anton zuzu¬ schlagen, dem alle sein Flehen und Bitten nichts half. — Nie ist wohl eine Predigt ungluͤck¬ licher abgelaufen, als diese erste Predigt, welche Anton in seinem Leben hielt. — Das Andenken an diesen Vorfall hat ihn oft noch im Traume erschreckt. Indes wurde er dadurch nicht abgeschreckt, noch oͤfter wieder seine Kanzel zu besteigen, und ganze geschriebne Predigten mit Evange¬ lium, Thema und Eintheilung abzulesen. — Denn seitdem er angefangen hatte, zum ersten¬ mal die Predigt des Pastor P... nachzuschrei¬ ben, war es ihm auch leichter, seine Gedanken zu ordnen, und sie in eine Art von Verbindung mit einander zu bringen. Kein Sonntag ging hin, wo er itzt nicht eine Predigt nachschrieb, und er bekam dadurch bald eine solche Fertigkeit, daß er das Fehlende da¬ zwischen durch sein Gedaͤchtniß ergaͤnzen, und eine Predigt, die er gehoͤrt, und die Hauptsa¬ chen nachgeschrieben hatte, zu Hause beinahe vollstaͤndig wieder zu Papier bringen konnte. L 5 Anton Anton war nun uͤber vierzehn Jahr alt; und es war noͤthig, daß er, um konfirmirt oder in den Schoos der christlichen Kirche aufgenom¬ men zu werden, einige Zeit vorher in irgend eine Schule gehen mußte, wo Religionsunter¬ richt ertheilt wurde. Nun war in H. . . ein Institut, in welchem junge Leute zu kuͤnftigen Dorfschulmeistern ge¬ bildet wurden, und womit zugleich eine Frei¬ schule verknuͤpft war, welche den angehenden Lehrern znr Uebung im Unterricht diente. Diese Schule war also eigentlich mehr der Lehrer we¬ gen, als daß die Lehrer gerade dieser Schule wegen da gewesen waͤren, — weil aber die Schuͤler nichts bezahlen durften, so war diese Anstalt eine Zuflucht fuͤr die Armen, welche dort ihre Kinder ganz unentgeldlich konnten unter¬ richten lassen; und weil Antons Vater eben nicht gesonnen war, viel an seinen so ganz aus der Art geschlagenen, und aus der goͤttlichen Gnade gefallenen Sohn zu wenden, so brachte er ihn denn endlich in diese Schule, wo derselbe nun auf einmal wieder eine ganz neue Laufbahn vor sich eroͤfnet sahe. Es Es war fuͤr Anton ein feierlicher Anblick, da er gleich in der ersten Stunde des Morgens, alle die kuͤnftigen Lehrer mit den Schuͤlern und Schuͤlerinnen in einer Klasse versammlet sahe. — Der Inspektor dieser Anstalt, der ein Geistlicher war, hielt alle Morgen mit den Schuͤlern eine Katechisation, welche den Lehrern zum Muster die¬ nen sollte. — Diese saßen alle an Tischen, um die Fragen und Antworten nachzuschreiben, waͤhrend daß der Inspektor auf und nieder ging und fragte. In einer Nachmittagsstunde mußte denn irgend einer von den Lehrern, in Gegen¬ wart des Inspectors, die Katechisation mit den Schuͤlern wiederholen, welche derselbe am Mor¬ gen gehalten hatte. Nun war das Nachschreiben fuͤr Anton schon eine sehr leichte Sache geworden, und als der Lehrer den Nachmittag die Vormittagslektion wiederholte, so hatte sie Anton weit besser als der Lehrer stehend, in seiner Schreibtafel nachge¬ schrieben, und konnte also freilich mehr antwor¬ ten, als jener fragte, welches bei dem Inspektor einige Aufmerksamkeit zu erregen schien, die aͤus¬ serst schmeichelhaft fuͤr ihn war. Allein Allein damit er sich nun nicht seines Gluͤcks uͤberheben sollte, stand ihm am andern Tage eine Demuͤthigung bevor, die beinahe jene in B... noch uͤbertraf, da er zum erstenmale mit dem Tragkorbe auf dem Ruͤcken gehen mußte. Es wurde nehmlich in der zweiten Stunde den folgenden Morgen eine Buchstabiruͤbung angestellt, wo einer der Knaben immer eine Silbe erst allein buchstabiren und vorschreien, und dann die andern alle, wie aus einem Munde, nachschreien mußten. — Diß Geschrei, wovon einem die Ohren gellten, und diese ganze Uebung kam Anton wie toll und rasend vor, und er schaͤmte sich nicht wenig, da er sich schmei¬ chelte, schon mit Ausdruck lesen zu koͤnnen, daß er hier erst wieder anfangen sollte, buchstabiren zu lernen, — aber die Reihe vorzuschreien, kam bald an ihn, denn diß ging, wie ein Lauffeuer herum; und nun saß er und stockte, und die ganze schoͤne Musik gerieth auf einmal aus dem Takt. — „Nun fort! sagte der Inspector, und als es nicht ging, sah er ihn mit einem Blick der aͤußersten Verachtung an, und sagte: „dum¬ mer Knabe!“ und ließ den folgenden weiter buch¬ buchstabiren — Anton glaubte in dem Augen¬ blick vernichtet zu seyn, da er sich ploͤtzlich in der Meinung eines Menschen auf dessen Beifall er schon so viel gerechnet hatte, so tief herabge¬ sunken sahe, daß dieser ihm nicht einmal mehr zutrauete, daß er buchstabiren koͤnne. War ehemals in B. . . sein Koͤrper, durch die Buͤrde, die er trug, unterjocht worden, so so wurde es itzt noch weit mehr sein Geist, der unter der Last erlag, mit welcher die Worte: dummer Knabe ! von dem Inspektor auf ihn fielen. Allein, dißmal galt bei ihm, was vom The¬ mistokles erzaͤhlt wird, da dieser auch einmal in seiner Jugend einen oͤffentlichen Schimpf erlitt: non fregit eum , sed erexit — Er strengte sich seit dem Tage, an welchem er diese Demuͤthi¬ gung erlitt, noch zehnmal mehr, als vorher, an, sich bei seinen Lehrern in Achtung zu setzen, um den Inspektor, der ihn so verkannt hatte, gleich¬ sam einst zu beschaͤmen, und ihm uͤber das Un¬ recht, das er von ihm erlitten hatte, Reue zu erwecken. Der Der Inspektor trug alle Morgen in den Fruͤhstunden den Lehrbegriff der lutherischen Kirche, ganz dogmatisch, mit allen Widerle¬ gungen der Papisten sowohl, als der Reformir¬ ten, vor, und legte Gesenii Auslegung von Lu¬ thers kleinem Katechismus dabei zum Grunde — Antons Kopf wurde dadurch freilich mit vielem unnuͤtzem Zeuge angefuͤllt, aber er lernte doch Hauptabtheilungen und Unterabtheilungen ma¬ chen, er lernte systematisch zu Werke gehen. Seine nachgeschriebenen Hefte wuchsen immer staͤrker an, und in weniger als einem Jahre be¬ saß er eine vollstaͤndige Dogmatik mit allen Be¬ weisstellen aus der Bibel, und einer vollstaͤndi¬ gen Polemik gegen Heiden, Tuͤrken, Juden, Griechen, Papisten und Reformirten, ver¬ knuͤpft — er wußte von der Transsubstantiation im Abendmahl, von den fuͤnf Stuffen der Er¬ hoͤhung und Erniedrigung Christi, von den Hauptlehren des Alkorans, und den vorzuͤglich¬ sten Beweisen der Existenz Gottes, gegen die Freigeister, wie ein Buch zu reden. Und er redete nun auch wirklich, wie ein Buch von allen diesen Sachen. Er hatte nun reichen reichen Stoff zu predigen, und seine Bruͤder be¬ kamen alle die nachgeschriebenen Hefte, von der halsbrechenden Kanzel in der Stube wieder von ihm zu hoͤren. Zuweilen wurde er des Sonntags zu einem Vetter eingeladen, bei welchem eine Versamlung, von Handwerksburschen war, hier mußte er sich vor den Tisch stellen, und in dieser Versamm¬ lung eine foͤrmliche Predigt, mit Text, Thema und Eintheilung halten, wo er denn gemeinig¬ lich die Lehre der Papisten von der Transsub¬ stantiation, oder die Gotteslaͤugner widerlegte, mit vielem Pathos die Beweise fuͤr das Daseyn Gottes nach einander aufzaͤhlte, und die Lehre vom Ohngefaͤhr in ihrer ganzen Bloͤße dar¬ stellte. Nun war die Einrichtung in dem Institut, wo Anton unterrichtet wurde, daß die erwachse¬ nen Leute, welche zu Schulmeistern gebildet wurden, sich des Sonntags in alle Kirchen ver¬ theilen, und die Predigten nachschreiben mu߬ ten, die sie dann dem Inspektor zur Durchsicht brachten. — Anton fand also jetzt noch einmal so viel Vergnuͤgen am Predigr nachschreiben, da er er sahe, daß er auf die Art mit seinen Lehrern einerlei Beschaͤftigung trieb, und diese, denen er nun die Predigten zeigte, bewiesen ihm immer mehr Achtung, und begegneten ihm beinahe, wie ihres Gleichen. Er bekam am Ende einen dicken Band nach¬ geschriebener Predigten zusammen, die er nun als einen großen Schatz betrachtete, und worunter ihm insbesondre zwei wahre Kleinodien zu seyn schienen: die eine war von dem Pastor U. . ., der mit dem Pastor P. . . wegen der Geschwindig¬ keit im Sprechen die meiste Aehnlichkeit hatte, in der A.. Kirche gehalten, und handelte vom juͤngsten Gericht. — Mit wahrem Entzuͤcken haranguirte Anton diese Predigt oft seiner Mut¬ ter wieder vor, worinn die Zerstoͤrung der Ele¬ mente, das Krachen des Weltbaues, das Zit¬ tern und Zagen des Suͤnders, das froͤhliche Er¬ wachen der Frommen, in einem Kontrast dar¬ gestellt wurde, der die Phantasie bis auf den hoͤchsten Grad erhitzte — und dies war eben An¬ tons Sache. Er liebte die kalten Vernunftpre¬ digten nicht. Die zweite Predigt, welche er un¬ ter allen vorzuͤglich schaͤtzte, war eine Abschieds¬ predigt predigt des Pastor L. . ., die er in der C. . . Kirche hielt, und worinn derselbe fast vom Anfange bis zu Ende durch Thraͤnen und Schluchzen unter¬ brochen wurde, so beliebt war er bei seiner Ge¬ meine. Das ruͤhrende Pathos, womit diese Rede wirklich gehalten wurde, machte auf Antons Herz einen unausloͤschlichen Eindruck, und er wuͤnschte sich keine groͤßre Gluͤckseligkeit, als ein¬ mal auch vor einer solchen Menge von Menschen, die alle mit ihm weinten, eine solche Abschieds¬ rede halten zu koͤnnen. Bei so etwas war er in seinem Elemente, und fand ein unaussprechliches Vergnuͤgen an der wehmuͤthigen Empfindung, worinn er dadurch versetzt wurde. Niemand hat wohl mehr die Wonne der Thraͤnen ( the joy of grief ) empfun¬ den, als er bei solchen Gelegenheiten. Eine solche Erschuͤtterung der Seele durch eine solche Predigt war ihm mehr werth, als aller andre Lebensgenuß, er haͤtte Schlaf und Nahrung dar¬ um gegeben. Auch das Gefuͤhl fuͤr die Freundschaft erhielt jetzt bei ihm neue Nahrung. Er liebte einige von seinen Lehrern, im eigentlichen Verstande, M und und empfand eine Sehnsucht nach ihrem Um¬ gange — insbesondre aͤußerte sich seine Freund¬ schaft gegen einen derselben Nahmens R. . ., der dem aͤußern Anschein nach, ein sehr harter und rauher Mann war, in der That aber das edelste Herz besaß, was nur bei einem kuͤnftigen Dorf¬ schulmeister gefunden werden kann. Bei diesem hatte doch Anton eine Privat¬ stunde im Rechnen und Schreiben, welche sein Vater fuͤr ihn bezahlte — denn Rechnen und Schreiben war noch das einzige, welches dieser fuͤr Anton zu lernen der Muͤhe werth hielt. — R. . . ließ ihn denn bald, weil er schon ortographisch schrieb, eigne Ausarbeitungen machen, die seinen Beifall erhielten, welcher fuͤr Anton so schmeichel¬ haft war, daß er sich endlich erkuͤhnte, diesem Leh¬ rer sein Herz zu entdecken, und so offenherzig und freimuͤthig mit ihm zu sprechen, wie er lange mit niemanden hatte sprechen duͤrfen. Er entdeckte ihm also seine unuͤberwindliche Neigung zum Studiren, und die Haͤrte seines Vaters, der ihn davon abhielte, und der ihn nichts, nichts, als ein Handwerk wolle lernen lassen. Der rauhe R. . . schien uͤber diß Zutrauen geruͤhrt zu seyn, und sprach Anton Muth ein, sich dem Inspektor zu entdecken, der ihm vielleicht noch eher zu seinem Endzweck wuͤrde behuͤlflich seyn koͤnnen. Das war nun eben der Inspector, welcher zu An¬ ton, da er beim Buchstabiren nicht vorschreien wollte, mit der veraͤchtlichsten Miene; „ dum¬ mer Knabe! “ gesagt hatte, welches er noch nicht vergessen konnte, und also noch lange Be¬ denken trug, einem solchen Manne seine Neigung zum Studiren zu entdecken, der gezweifelt hatte, ob er auch buchstabiren koͤnne. Indeß nahm die Achtung, worinn sich Anton in dieser Schule setzte, von Tage zu Tage zu, und er erreichte seinen Wunsch, hier der erste zu seyn, und die meiste Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu sehn. Diß war freilich eine solche Nahrung fuͤr seine Eitelkeit, daß er sich oft schon im Geist als Prediger erblickte, insbesondere, wenn er schwarze Unterkleider trug — dann trat er mit einem gra¬ vitaͤtischen Schritt, und ernsthafter, als sonst ein¬ her. — M 2 Am Am Ende der Woche des Sonnabends wurde immer, nachdem vorher das Lied: Bis hieher hat mich Gott gebracht , gesungen war, von einem der Schuͤler ein langes Gebet gelesen, — wenn diß an Anton kam, so war das ein wahres Fest fuͤr ihn — er dachte sich auf der Kanzel, wo er noch waͤhrend der letzten Verse des Gesanges seine Gedanken sammelte, und nun auf einmal, wie der Pastor P. . . mit aller Fuͤlle der Bered¬ samkeit, in ein bruͤnstiges Gebet ausbrach. — Seine Deklamation bekam also fuͤr einen Schul¬ knaben freilich zu viel Pathos, als daß dieses nicht haͤtte auffallend seyn sollen. Der Lehrer ließ ihn also nur selten das Gebet lesen. — Ja es entstand zuletzt sogar eine Art von Neid gegen ihn bei den Lehrern. — Einer derselben stellte eine Uebung an, wo eine von Huͤbners biblischen Historien von den Schuͤlern mit eignen Worten mußte wieder erzaͤhlt werden. Anton schmuͤckte diese Historie, mit aller seiner Phantasie, auf eine poetische Art aus, und trug sie mit einer Art von rednerischem Schmuck wieder vor — das be¬ beleidigte den Lehrer, der am Ende die Bemer¬ kung machte, Anton solle kuͤrzer erzaͤhlen. Das kuͤnftigemal faßte er also die ganze Erzaͤhlung in ein paar Worte zusammen, und war in zwei Minuten damit fertig. — Das war dem Lehrer wieder zu kurz, und brachte ihn aufs neue auf — endlich ließ er ihn gar keine Historien mit eignen Worten mehr erzaͤhlen. — Des Nachmittags fuͤrchteten sich die Lehrer, welche die Katechisation wiederholten, ihn zu fragen, weil er immer mehr als sie nachgeschrieben hatte, — er konnte also gar nicht einmal mehr dazu kommen, seine Faͤhig¬ keiten zu zeigen, welches doch sein hoͤchster Wunsch war, um Aufmerksamkeit auf sich zu erregen. Voller Unwillen daruͤber, daß er immer un¬ gefragt und stumm da sitzen mußte, ging er end¬ lich einmal mit thraͤnenden Augen zum Inspektor, der ihn in den Morgenstunden nun auch oͤfter ge¬ fragt hatte, und sein Urtheil uͤber ihn geaͤndert zu haben schien, — dieser fragte ihn, was ihm fehle, ob ihm etwa von einem seiner Mitschuͤler unrecht geschehen sey, und Anton antwortete: nicht von M 3 seinen seinen Mitschuͤlern, sondern von seinen Lehrern sey ihm Unrecht geschehn, diese vernachlaͤßigten ihn, und niemand fragte ihn mehr, wenn er gleich die Sache besser, als andre wuͤßte. Hierinn moͤchte man ihm doch Recht verschaffen! Der Inspektor suchte ihm das auszureden, und entschuldigte die Lehrer mit der Menge der Schuͤler, von der Zeit an aber fing er an, selbst aufmerk¬ samer auf ihn zu werden, und fragte ihn des Mor¬ gens in der Fruͤhstunde oͤfter, als sonst. In einer Stunde woͤchentlich wurde eine Ue¬ bung mit den Psalmen angestellt, wo ein jeder der Schuͤler sich Lehren herausziehn mußte; diese wurden auf ein Blatt Papier oder eine Rechentafel geschrieben, und dann abgelesen, wobei mancher stark zu schwitzen pflegte. — Der Inspector war dabei. Anton schrieb nichts auf. Als aber die Reihe an ihn kam, ging er den ganzen Psalm durch, und hielt eine ordentliche Abhandlung oder Predigt daruͤber, die fast eine halbe Stunde dau¬ erte, so daß der Inspector selbst am Ende sagte: es sey nun gnug; — er solle den Psalm nicht eigent¬ eigentlich erklaͤren, sondern nur einige moralische Lehren herausziehen. Auf die Weise ging beinahe ein Jahr hin, wo Anton so außerordentliche Fortschritte in seinem Fleiß that, und sich so untadelhaft betrug, daß er seinen Zweck, Aufmerksamkeit auf sich zu erregen, im hoͤchsten Grade erreichte, indem er sich sogar den Neid seiner Lehrer zuzog. Nun stand er aber auch auf dem entscheidenden Punkte, wo er irgend eine Lebensart waͤhlen sollte, und die Haͤrte seines Vaters, der nun daran arbeitete, ihn bald los zu werden, nahm von Tage zu Tage gegen ihn zu, so daß die Schule gleich¬ sam ein sichrer Zufluchtsort fuͤr ihn, vor der Be¬ druͤckung und Verfolgung zu Hause war. Sein geliebter Lehrer R. . . wurde indeß zu einem Dorfschulmeister befoͤrdert, und nun hatte er keinen eigentlichen Freund mehr unter seinen Lehrern. — Dieser rieth ihm bei seinem Abschiede noch einmal, sich geradezu an den Inspektor zu wenden — und weil es nun ohnedem die hoͤchste Zeit war, irgend einen Entschluß zu fassen, so M 4 wagte wagte er es eines Tages mit klopfendem Herzen den Inspector um Gehoͤr zu bitten, weil er ihm etwas wichtiges zu sagen habe. — Dieser nahm ihn mit auf seine Stube, und hier wurde Anton freimuͤthiger, erzaͤhlte ihm seine Schicksale, und entdeckte ihm sein ganzes Herz — der Inspektor schilderte ihm die Schwierigkeiten, die Kosten des Studirens, benahm ihm aber demohngeachtet nicht alle Hoffnung, sondern versprach sich, wo moͤglich, fuͤr ihn zu verwenden, daß er unentgeldlich eine lateinische Schule besuchen koͤnnte — indeß war das alles sehr weit aussehend, weil von seinen Eltern zu seiner Unterstuͤtzung gar nichts, nicht einmal Wohnung und Nahrung hoffen durfte, indem sein Vater noch sechs Meilen hinter H... eine kleine Bedienung erhalten hatte, und also in kurzem ganz aus H.. wegziehen mußte. Indessen hatte der Inspektor dem Konsistorial¬ rath G..., unter dessen Direktion das Schul¬ meisterinstitut stand, Antons wegen geredet, und dieser ließ ihn zu sich kommen. — Der Anblick dieses ehrwuͤrdigen Greises schlug zuerst Antons Muth Muth darnieder, und seine Knie bebten, da er vor ihm stand — als ihn aber der Greis leutselig bei der Hand faßte, und mit sanfter Stimme an¬ redete, fing er an, freimuͤthig zu sprechen, und seine Neigung zum Studiren zu entdecken. — Der K. G. ließ ihn darauf eine von Gellerts geistlichen Oden laut lesen, um zu hoͤren, wie seine Ausrede und Stimme beschaffen sey, wenn er sich dereinst dem Predigtamt widmen wollte — Darauf versprach er, ihm freien Unterricht zu ver¬ schaffen, und ihn mit Buͤchern zu unterstuͤtzen; das sey aber auch alles, was er fuͤr ihn thun koͤnne.— Anton war so voller Freuden uͤber dieses Anerbieten, daß seine Dankbarkeit gar keine Grenzen hatte, und er nun alle Berge auf einmal uͤberstiegen zu haben glaubte. Denn daß er aus¬ ser freiem Unterricht und Buͤchern auch noch Nahrung, Wohnung und Kleider brauche, fiel ihm gar nicht ein. Triumphirend eilte er nach Hause, und ver¬ kuͤndigte seinen Eltern sein Gluͤck — aber wie sehr wurde seine Frende niedergeschlagen, da sein M 5 Vater Vater ihm ganz kaltbluͤtig sagte: er duͤrfe, wenn er studiren wolle, auf keinen Heller von ihm rech¬ nen — wenn er sich also selbst Brod und Kleider zu verschaffen im Stande sey, so habe er gegen sein Studiren weiter nichts einzuwenden. — In eini¬ gen Wochen wuͤrde er von H... wegreisen, und wenn Anton alsdann noch bei keinem Meister waͤre, so moͤchte er sehen, wo er unter kaͤme, und nach Gefallen abwarten, ob einer von den Leuten, die ihm das Studiren so eifrig anriethen, auch fuͤr seinen Lebensunterhalt sorgen wuͤrde. Traurig und tiefsinnig ging Anton itzt umher und dachte seinem Schicksal nach — der Gedanke zu studiren war fest in seiner Seele, und sollten sich ihm auch noch weit mehr Schwierigkeiten in den Weg setzen — mancherlei Projekte durch¬ kreuzten sich in seinem Kopfe.— Er erinnerte sich, gelesen zu haben, daß es einst in Griechenland einen lehrbegierigen Juͤngling gab, der fuͤr seinen Unterhalt Holz haute und Wasser trug, um die Zeit, die ihm noch uͤbrig blieb, dem Studiren wid¬ men zu koͤnnen. — Diesem Beispiele wollte er folgen, folgen, und war oft schon willens, sich als Tage¬ loͤhner auf gewisse Stunden zu verdingen, um die uͤbrige Zeit zu seinem freien Gebrauch zu haben — dann konnte er aber wieder die Schulstunden nicht ordentlich abwarten, — so machte ihn alle sein Nachdenken und Ueberlegung immer nur noch tief¬ sinniger und unentschloßner. Indes ruͤckte der ent¬ scheidende Zeitpunkt immer naͤher heran, wo er einen Entschluß fassen mußte. — Er sollte nun die Schule, die er bisher besucht hatte, verlassen, um noch eine Zeitlang in die Garnisonschule zu ge¬ hen, weil er von dem Garnisonprediger M. . . konfirmirt werden sollte, dessen Vorbereitungs- und Katechisationsstunden er itzt schon zu besuchen anfing, und der wegen seiner Antworten aufmerksam auf ihn geworden war. Allein er wuͤrde es von selbst nie gewagt haben, diesen Mann, zu welchem er zuerst gar kein Zutrauen fassen konnte, den Kummer seiner Seele zu entdecken. Da sich nun fuͤr Anton keine solide Aussicht zum Studiren eroͤfnen wollte, so wuͤrde er doch am Ende wahrscheinlich den Entschluß haben fas¬ sen sen muͤssen, irgend ein Handwerk zu lernen, wenn nicht, wieder Vermuthen, ein sehr geringfuͤgig¬ scheinender Umstand seinem Schicksal in seinem ganzen kuͤnftigen Leben eine andre Wendung gegeben haͤtte. —