Cosmologische Briefe uͤber die Einrichtung des Weltbaues Ausgefertigt von J. H. Lambert. Augspurg Bey Eberhard Kletts Wittib. 1761. Vorrede . Eine gedoppelte Absicht hat mich veranlaßt, diese Sammlung Cosmologischer Briefe uͤber die Einrichtung des Weltbaues her- aus zu geben, die ich deswegen hier anzuzeigen fuͤr noͤthig er- achte, weil sie nothwendig nach der verschiedenen Ge- denkensart der Leser bey denselben verschiedene Ein- druͤcke machen muͤssen, je nachdem ihnen die darinn vorgetragene Saͤtze und besonders ihre Beweise, mehr, oder minder einleuchten werden. a 2 Ich Vorrede. Ich hatte in dem Hauptstuͤcke der Photometrie, welches von dem Lichte und Abstande der Fixsterne handelt, gelegentlich angemerkt, wie ich glaube, daß man sich die Austheilung derselben durch den Welt- raum am vernuͤnftigsten vorstellen koͤnne. Die vor- nehmsten Betrachtungen daruͤber zoge ich in die Kuͤr- ze zusammen, und begnuͤgte mich, sie in einzeln Saͤ- tzen und ohne Beweise vorzutragen, welche man doch um desto mehr von mir fordern konnte, weil die Meynung, die ich angabe, unerwarteter ware, und als eine Folge von mehreren Schluͤssen angesehen wer- den konnte. So emsig die neuern Astronomen sind, die Weltkugel unseres Sonnensystems in Ordnung zu bringen, und jedem Cometen seine Laufbahn anzu- weisen, und seine kuͤnftige Ruͤckkehr vorher zu be- stimmen, so wenig hat man es noch gewagt, etwas wahrscheinlicheres uͤber die Ordnung und Anlage der Fixsterne zu finden. Was man hiebey gethan, ist, daß man suchte auszumachen, wie weit der naͤchste derselben von der Sonne entfernt seye. Es ist un- streitig, daß man hieraus noch lange nicht auf die Ordnung schliessen kann, die sie unter sich haben. Die Ausmessung ist hiebey unzureichend, und man muß nothwendig allgemeinere Betrachtungen daruͤ- ber Vorrede. ber anstellen, welche zwar keine Geometrische Schaͤr- fe haben, aber dennoch zu einem hoͤhern Grad der Wahrscheinlichkeit koͤnnen gebracht werden. Diese Betrachtungen machen den Innhalt von den lezten Briefen dieser Sammlung. Sie dehnen sich auf die Einrichtung des ganzen Weltgebaͤudes aus. Die erstere Briefe sind zu einzelern Theilen desselben, und besonders zur Bestimmung der Anord- nung der Weltkugeln in unserm Sonnensystem ge- wiedmet, welches uns theils jezt schon bekannter ist, theils durch kuͤnftige Observation en noch mehr be- kannt werden wird. Die Absicht, so ich dabey hat- te, geht dahin, daß ich zeigte, daß die Cometen lan- ge nicht so fuͤrchterlich seyen, als man sie seit einiger Zeit ausgeben wollte, daß unser Sonnensystem nicht so oͤde seye, als man es wegen Mangel genugsamer Observation en glauben moͤchte, und endlich, daß die Cometen den Planeten an Wuͤrde, wo nicht vor- gehen, doch im geringsten nichts nachgeben. Ich weiß, daß ich bey allem deme viele neue Ge- danken, und uͤber dieß mit einer zureichenden Drei- stigkeit vortrage, ungefehr eben so, als wenn diese Dreistigkeit das, was den Beweisen an Schaͤrfe ab- geht, ergaͤnzen sollte. Dieses war aber meine Mey- nung nicht. Ich gebe zu, daß das meiste von dem, a 3 was Vorrede. was ich sage, nur einen gewissen Grad von Wahr- scheinlichkeit hat. Diese aber habe ich mich mit gu- tem Vorbedachte, bemuͤht, so weit zu treiben, als es moͤglich ware. Ich kehrte jede Sache auf alle Sei- ten um, um von jeder derselben, neue Gruͤnde zu ih- rer Unterstuͤtzung zu suchen, und den Beweisen trach- tete ich alle Manigfaltigkeit zu geben, und sie der Ge- wißheit so nahe zu bringen, als es sich thun liesse. Ich untersuchte, was zur voͤlligen Gewißheit gehoͤr- te, und legte die Gruͤnde zusammen auf die Wag- schal, um zu sehen, wie viel ihnen am voͤlligen Ge- wichte noch abgienge. Ich betrachtete sie wiederum in Absicht auf die Leser, und erforschte, wie viel mir jeder nach seiner Gedenkensart einraͤumen wuͤrde. Dieses ist alles, was ich mit Saͤtzen thun konnte, die nur wahrscheinlich waren. Aber ich bemuͤhte mich, es zu thun, um mir einen Vorrath von wahr- scheinlichen Beweisen aufs kuͤnftige zu sammeln, den ich gerne noch groͤsser haben moͤchte. Hier ist nun meine zweyte Absicht. Ich habe mich seit vielen Jahren schon damit be- schaͤftigt, daß ich so wohl von meinen eigenen als an- derer ihren Erfindungen, nicht leicht eine vorbey lies- se, da ich nicht gesucht haͤtte, die Kunstgriffe und Re- geln, so dabey vorkommen, zu abstrahi ren, und mir eine Vorrede. eine Sammlung davon zu machen, die ich kuͤnftig als Anmerkungen und Zusaͤtze zur Vernunftlehre und Er- findungskunst heraus zu geben gedenke. Hierunter gehoͤrt auch ein Theil, der den Argumen ten gewied- met ist, in so ferne diese den Demonstration en, die nach aller Strenge bewiesen, entgegen gesetzt sind, und als unzureichende Beweise angesehen werden koͤn- nen. Es ist unnoͤthig, hier ihre verschiedene Arten, und wie weit jede derselben reicht, anzufuͤhren. Hin- gegen werden mir in erst bemeldter Sammlung die Beyspiele davon desto nuͤtzlicher seyen. Es ist fuͤr sich klar, daß gegenwaͤrtige Briefe, einen ziemlichen Vorrath dazu angeben. Man hat in Absicht auf die Vernunftlehre des Wahrscheinli- chen schon laͤngsten gewuͤnscht, daß die, so viel mit wahrscheinlichen Dingen umgehen, Regeln und Bey- spiele dazu anschaffen moͤchten. Ich befinde mich in dem Falle nicht, daß ich solche geben koͤnnte, die nach- gehends im Gemeinen Leben koͤnnten gebraucht wer- den. Da aber das gemeine Leben den Reichthum der wahrscheinlichen Gruͤnde nicht erschoͤpft, und viele derselben auch in den Wissenschaften noch zuruͤ- cke bleiben, wo man lauter Gewisheit haben sollte, so geben diese Briefe Stoff zu einer gewissen Gat- tung derselben an, welche um desto mehr nach aller a 4 Schaͤr- Vorrede. Schaͤrfe gepruͤft zu werden verdient, weil die Teleo- logie uns in der Naturlehre nicht nur die Allgemein- heit der Gesetze der Natur beweisen muß, sondern auch fuͤrnehmlich zu Erfindung derselben dienen sollte. Diesen letztern Nutzen hat der Herr von Leib- niz schon angemerkt, und in dem Beweise von dem Gesetze der Stralenbrechung ein Beyspiel davon zu geben gesucht. Der Herr von Maupertius bemuͤhte sich ebenfalls alle Gesetze der Bewegung aus der Te- leologie zu beweisen. Ueberhaupt ist es unstreitig, daß es in der Welt mehr als ein maximum und mini- mum geben muß. Es ist nur zu bedauren, daß die Untersuchung derselben noch ehender eine blose Glau- benssache ist, dabey jeder sich das Recht vorbehaͤlt, seinen Beyfall nach seiner Willkuͤhr einzurichten, und daß die Besorgnis der Ausnahmen der Allgemeinheit der Teleologischen Saͤtzen in so ferne Abbruch thut, daß man sie lieber durch die Erfahrung bestaͤtigt wis- sen, und vor dem Sehen nicht getrost glauben will. Diese Schwuͤrigkeit druͤckt die meisten Beweise, de- ren ich mich in diesen Briefen bediene, daß sie nicht wie die Geometrischen, den Beyfall abnoͤthigen, son- dern es dem Leser uͤberlassen, ob er sie des Beyfalls wuͤrdig finden werde. Viele Vordersaͤtze, deren ich mich in den Beweisen bedient, sind von den Absich- ten Vorrede. ten der Schoͤpfung hergenommen, und folglich te- leologi sch. Mann kann ihre Allgemeinheit auf eine gedoppelte Art in Zweifel ziehen. Einmal kann man fragen, ob sie nicht nothwendig eine sehr starke Ein- schraͤnkung leyden, und wenn auch dieses nicht ist, ob es nicht einzele Faͤlle giebt, wo andere Absichten eine Ausnahm daran machen. Das Lehrgebaͤude von den Absichten der Schoͤpfung ist noch lange nicht so voll- staͤndig, daß man jede einzele Absicht mit den uͤbrigen vergleichen, ihre Subordination veste setzen, die Ein- schraͤnkungen und Ausnahmen bestimmen, und da- her auch jede vorkommende Faͤlle daraus beurtheilen koͤnnte. So lange dieses nicht ist, wird sich jeder Le- ser ein unumschraͤnktes Recht anmassen, von teleo- logi schen Beweisen so viel einzuraͤumen und zu ver- werfen, als es ihme gefaͤllt. Man wird in dem 6ten und 8ten Briefe Betrachtungen finden, die hieher gehoͤren. In jenem wird die Beschaffenheit einer vollstaͤndigen und strenge erwiesenen Teleologie, in diesem aber das Recht untersucht, das sich jeder Le- ser nach seiner besondern Gedenkart anmaßen kann, an der hierinn beschriebenen Einrichtung des Welt- baues zu zweifeln. Eine Hauptschwuͤrigkeit, die den teleologi schen Beweisen anhaftet, ist die Endlichkeit der Welt. So a 5 groß Vorrede. groß und ausgedehnt dieselbe auch seyn mag, so wird sie dadurch auf endliche Zahlen eingeschraͤnkt, und von der Unendlichkeit der goͤttlichen Absichten faͤllt da- durch die Helfte weg. Ihre Summe kann nur der Zeit nach als unendlich angesehen werden, weil sie sich durch die Ewigkeit erstrecken, und daher dem Un- endlichen immer naͤher kommen, ungeacht sie es nie erreichen. Dem Raume nach verhaͤlt es sich anderst. Das Ganze hat hier seine Schranken, welche der All- gemeinheit der teleologi schen Saͤtze in so ferne Ab- bruch thun, daß man immer die Bedingung hinzu- setzen muß: So weit das Weltgebaͤude reicht . Dadurch aber kann man sie so unumschraͤnkt nicht vortragen, und es ist leichte zu erachten, daß dieses Anlaß giebt, an der Zuverlaͤßigkeit ihrer Anwendung zu zweifeln. So z. Ex. wenn man die Bewohnbar- keit der Welt als eine Hauptabsicht der Schoͤpfung ansehen, und Schluͤsse daraus herleiten will, so kann man sie nicht ohne die so gar merkliche Einschraͤnkung annehmen, daß die bewohnbare Plaͤtze auf irgend ei- ne endliche Zahl muͤssen gesetzt werden. Man muß immer diese Absicht nur so vortragen: So weit das Weltgebaͤude reicht, ist es bewohnt . Es ist un- streitig, daß der Beweiß dieses Satzes schwerer wird, als wenn man an der Absicht weder Ausnah- me noch Einschraͤnkung annehmen koͤnnte. Ich Vorrede. Ich kann nicht sagen, ob in allen teleologi schen Beweisen, die in diesen Briefen vorkommen, eine so genaue Behutsamkeit gebraucht worden, weil ich die meisten Vordersaͤtze schlechthin als gemein vorgetra- gen habe, wie man es bey wahrscheinlichen Bewei- sen zu thun gewoͤhnt ist, um ihnen alle Staͤrke zu ge- ben. Man kan sie demnach als locos communes anse- hen, dergleichen man in dem gemeinen Leben haͤufig gebraucht. Diese Form habe ich ihnen ohne Beden- ken lassen koͤnnen, weil uͤberhaupt die ganze Form der Beweise darnach eingerichtet ist. Die schaͤrfere Untersuchung jeder Arten dieser Beweise verschiebe ich in die vorhin versprochene Anmerkungen uͤber die Vernunftlehre, ungeacht verschiedene derselben be- reits in diesen Briefen auf die Probe gesetzt werden. Was ich dermalen hieruͤber sagen kann, ist, daß ich Beweise von solcher Art aufgesucht habe, die in aͤhnlichen Faͤllen schon oͤfters gelungen sind. Man kann die Lehre von den Antipod en, die von dem Umlaufe der Erde, die Gedanken des Seneca von den Cometen, und seine Weissagungen hieruͤber, die Lehre von den Einwohnern der Planeten, und meh- rere dergleichen hieher rechnen, die die Erfahrung ent- weder bereits bekraͤftigt und apodi c ti sch gewiß ge- macht, theils zu einem noch hoͤhern Grad der Wahr- schein- Vorrede. scheinlichkeit gebracht hat. Man sollte gedenken, daß Beweise von solcher Art, deren jeder fuͤr sich betrach- tet, zu schwach ist, alle aber zusammen genommen, eine einleuchtende Staͤrcke haben, eine besondere Art von Gewisheit ausmachen, die zwar von der geo- metri schen verschieden, aber nichts desto weniger eben so gewiß ist, und vielleicht beruht der Unterschied die- ser Gewisheit nur darauf, daß man solche Beweise noch nicht in ihre gehoͤrige Form bringen, die Staͤr- ke eines ieden noch nicht berechnen, und daher auch noch nicht sehen kann, ob ihre Summe ein ganzes ausmacht, welches die voͤllige Gewißheit erfordert. Dieses unbestimmte kann allein genug seyn, um ei- nen Beweis, der mehr als zureichend, oder gar viel- fach waͤre, als unzureichend, oder wenigstens als zweifelhaft ansehen zu machen. Um den teleologi schen Gruͤnden, deren ich mich bedient habe, ein mehreres Ansehen zu geben, habe ich nicht unterlassen, auch solche Folgsaͤtze, daraus herzuleiten, die die Erfahrung bereits gelehrt hat. Man kann als ein unerwartetes Beyspiel hieher rech- nen, was in dem 6ten und 7ten Briefe uͤber die Be- schaffenheit, Lage und Anzahl der Planeten und Co- metenbahnen gesagt wird, wo ich aus der groͤsten moͤglichen Bewohnbarkeit und geschickten Ausweichen der Vorrede. der Weltkugeln in unserm Sonnensystem, und da- her aus teleologi schen Gruͤnden, auf eine nothwen- dige Art herleite, daß es viel mehr Cometen als Pla- neten geben, und uͤberdiß die Planeten in gleicher Flaͤche liegen, und die obern Planeten weiter von ein- ander abstehen muͤssen, just so, wie es uns die Er- fahrung lehrt. Indessen sind nicht alle Gruͤnde die ich gebrau- che, bloß teleologi sch. Das Gesetz der Schwere, welches ich durch die ganze Welt ausdehne, giebt mir solche an, die auf eine viel nothwendigere Art schlies- sen. Der Abstand der Fixsterne von einander in dem 12ten Briefe, und das Ausweichen der Planeten und Cometen in dem 3ten Briefe wi r daraus hergeleitet. Nur muß ich in Ansehung des letztern hier noch erin- nern, daß der Beweis, der daselbst uͤber die Frage vorkoͤmmt, ob sich ein Comet jemals in den Mond haͤtte verwandeln koͤnnen, Kuͤrze halber so vorgetra- gen wird, als wenn die Erde in einem Puncte ihrer Bahn stehen geblieben waͤre, welches man unstreitig nicht annehmen kann. Der Mond beschreibt in sei- nem wahren Laufe eine Cycloidal linie, in welcher er sich nicht viel geschwinder bewegt, als die Erde. Bey dem Neumonde ist seine Bewegung so gar langsa- mer. Da hingegen der Lauf eines Cometen, wenn er Vorrede. er so weit von der Sonne weg ist, als die Erde, fast um die Helfte geschwinder ist, und da im Heranruͤ- cken gegen die Erde diese Geschwindigkeit nothwendig haͤtte muͤssen groͤsser werden, so ist es unmoͤglich, daß er haͤtte haͤngen bleiben, und die Erde immerfort be- gleiten koͤnnen, wie es der Mond thut. Eben so ist der Mond in einem Beharrungsstande, in welchen kein Comet haͤtte kommen koͤnnen, weil das Mittel, einen Cometen in die Cycloidal linie des Mondes zu bringen, schlechthin ins Unmoͤgliche faͤllt, und sich ohne ein wirkliches Wunder nicht gedenken laͤßt. Dieses ware hier anzumerken, um zu zeigen, wie der wahre Beweis haͤtte eingerichtet werden muͤssen. Was ich ferner aus den gebrauchten teleologi- schen und andern Gruͤnden herleite, habe ich mich be- muͤht so weit zu treiben, daß das meiste davon fruͤ- her, oder spaͤther durch die Erfahrung und genaue Observation en wird eroͤrtert werden koͤnnen. Hie- her gehoͤrt, was ich von der Anzahl der Cometen sage, welche ich grossentheils mit Vorbedachte so an- sehnlich machte, als es sich thun liesse, um zu zeigen, daß man allerdings Ursache habe, diese Weltkoͤrper aus ihrem ehmaligen geringen Ansehen, darein sie Aristoteles und seine Anhaͤnger gesetzt, hervor zu ziehen, und sie ein fuͤr allemale in ihrer wahren Wuͤr- de Vorrede. de zu betrachten, zumal da ich zeige, daß sie zur Be- wohnbarkeit des Sonnensystems viel nothwendiger und dienlicher sind, als die Planeten, und uͤberdiß eine groͤssere Manigfaltigkeit in den Abwechslungen haben, und daher nicht nur zur Vollstaͤndigkeit, son- dern auch zur Vollkommenheit des Sonnensystems, dieses Theils des ganzen, das meiste beytragen. Es ist genug, wenn man aus allem, was ich von ihrer Anzahl sage, nur so viel zugiebt, daß dieselbe sehr ansehlich seyn muͤsse, und das Licht und die Waͤrme der Sonne recht sehr genuͤtzt werde. Die wirkliche Bestimmung wird den kuͤnftigen Zeiten vorbehalten seyn, wenn die Halleysche Tafel, die ich den haͤufigen Anmerkungen daruͤber mehr Licht zu geben, beyzufuͤ- gen nuͤtzlich erachtet, zu einem vollstaͤndigen Register derjenigen wird gemacht werden, die wir auf unserer Erde zu Gesichte bekommen. Von diesen wird man sodann auf die schliessen koͤnnen, die weiter von der Sonne wegbleiben, als das sie uns jemals sichtbar werden koͤnnten, deren Anzahl ich wenigstens 40. mal groͤsser setze, wenn auch kein Perihelium weiter von der Sonne entfernt bleibe, als Saturn, der aͤusserste der uns sichtbaren Planeten. In der letztern Helfte dieser Briefe habe ich mich vorzuͤglich bemuͤht, dem Weltbaue eine ansehnliche Groͤsse Vorrede. Groͤsse zu geben, und besonders hierinn scheint eine ziemliche Dreistigkeit den Mangel schaͤrferer Beweise zu ersetzen. Ich kann es dem Leser ganz anheim stel- len, wie viel er davon zugeben will, zumal, wenn sich nicht jemand die Muͤhe nimmt, die vorgeschlage- nen Observation en und Berechnungen vorzunehmen, oder wenn diese Bemuͤhung fruchtlos seyn sollte. Biß dahin finde ich dennoch keinen Grund, diese gewagte Gedanken ganz zu verwerfen, so sehr sie noch eine blose Glaubenssache seyn moͤgen, und thei- le die uns sichtbaren Fixsterne ohne Bedenken in be- sondere System ein, die zusammen genommen, die Milchstrasse ausmachen. Diese stellt mir ein ganzes System vor, welches vermuthlich noch zu mehrern andern gehoͤrt. Da ich indessen die Sache nur als wahrscheinlich angeben kann, und uͤberdiß die zweifel- haftere Stuͤcke unbestimmt lasse, so bleibt allerdings noch ein weiteres Feld zu neuen Muthmassungen, die jeder Leser, der sie der Untersuchung nicht unwuͤrdig achtet, nach Belieben weiter treiben kann. Hiezu gebe ich in den letzten Briefen solche Anlaͤs- se, die ich Anfangs selbsten nicht vermuthet hatte, weil ich bey dem 14ten Briefe stehen zu bleiben ge- dachte, und die bis dahin vollendete Arbeit einige Zeit hatte liegen lassen. Von der wirklich beobachteten Ver- Vorrede. Verruͤckung in der Lage der Fixsterne unter einander, ware mir nichts bekant. Ich hatte sie nur aus all- gemeinen Gruͤnden hergeleitet, die ich in dem 10ten und folgenden Briefen anbringe. Man wird finden, daß diese Gruͤnde fast eben die sind, aus welchen man bereits schon mehrere Saͤtze in der Astronomie erwie- sen, oder doch wenigstens zu einem einleuchtenden Grade der Wahrscheinlichkeit gebracht hatte. Man trug sie allgemein vor, und ich konnte auch nichts finden, wodurch ihre Allgemeinheit eingeschraͤnkt wuͤrde. Um desto mehr vergnuͤgte es mich, als ich erfuhre, daß die daraus geschlossene Verruͤckung der Fixsterne, wenigstens bey vielen durch die Erfahrung bekraͤftigt worden, und Herr Prof. Mayer , der sich mit dieser Entdeckung, wie mit allen andern, die wir ihme zu danken haben, viele Ehre machet, selbst an der Allgemeinheit und Guͤltigkeit der voͤlligen In- du c tion nicht zweifelt. Da diese Bestaͤtigung fruͤher eingetroffen, als ich es selbsten vermuthet hatte, so verleitete sie mich meine bis dahin ungezwungen auf einander folgende Schluͤsse, ausfuͤhrlicher zu entwickeln, um zu sehen, was sie etwann noch mehr aufdecken wuͤrden, wenn ich sie in gleicher Allgemeinheit beybehielte, und die Analogie weiter fortsetzte. b Hier Vorrede. Hier werde ich es der voͤlligen Willkuͤhr der Le- ser uͤberlassen, zu urtheilen, ob ich mir selbsten eine Dedu c tionem ad absurdum errichtet habe, wenn die auch hiebey vorgeschlagenen Observation en, wozu ich dermalen weder Zeit noch Anlaß habe, nicht nach meiner Vermuthung ausfallen sollten? Was ich noch vor der angegebenen Pruͤfung daruͤber denke, habe ich im 20ten Briefe in kurze Ar- tikel zusammen gezogen, und werde jedem Leser voll- kommen anheim stellen, was er davon zugeben, oder weglassen will, weil es vor der Erfahrung schlechter- dings eine Glaubenssache ist, und das Unglaubliche darinn nicht auf die Unmoͤglichkeit, sondern bloß auf das Unerwartete und Ungewoͤhnte faͤllt. Waͤren die Erfahrungen bereits angestellt, so wuͤrde ich entwe- der weggelassen, oder genauer erwiesen haben. So aber finde ich nichts ungewoͤhnliches dabey, wenn ich auf eine kuͤnftige Pruͤfung hin, eine Meynung wage, und die dadurch veranlaßte Fragen aufwerfe, welche die Erfahrung beantworten kann. Sie sind ohne dem von der Art, daß ihre Beantwortung, wie sie auch ausfallen mag, zu fernern Untersuchungen An- laß geben wird. Saͤtze die nur wahrscheinlich gemacht werden, unterscheiden sich von solchen, die nach aller Schaͤrfe erwie- Vorrede. erwiesen sind, vorzuͤglich dadurch, daß man sich bey den letztern selten genoͤthigt sieht, an Beantwortung der Einwuͤrfe zu gedenken, als welche mehrentheils nur aus einem Misverstande herruͤhren, da hingegen bey den erstern die Vorbeugung und Beantwortung der Einwuͤrfe mehr zu sagen hat, weil oͤfters der gan- ze Beweis eines wahrscheinlichen Satzes darauf be- ruht, daß man zu zeigen sucht, es lasse sich nichts, oder wenigstens nichts Erhebliches dawider einwen- den. Ein richtig erwiesener Satz haͤngt mit den uͤbri- gen Wahrheiten nothwendig und zureichend zusam- men, bey den wahrscheinlichen ist der Zusammenhang entweder nicht ganz nothwendig, oder er ist unvoll- staͤndig, oder wenigstens zeiget sich nichts das ihn Umstosse. Sollten sie genauer abgewogen werden, so muß man entscheiden, was zum vollstaͤndigen Be- weise noch fehle, wenn man diesen auf die bequem- sten und leichtesten Data bringt, und sodann, ob die- ses fehlende mehr, oder minder betraͤchtlich seye, und wie ferne man es ohne strengern Beweis zugeben koͤnne? Werden die Saͤtze, so in der letzten Helfte die- ser Briefe von allen Seiten betrachtet werden, auf diese Wagschal gelegt, so ergiebt sich leicht, daß sie von verschiedenem Gewichte sind. Besonders ist der b 2 von Vorrede. von der Centralbewegung der Fixsterne so gut als vollstaͤndig erwiesen, weil er auf der Erfahrung, auf den ersten Gesetzen der Bewegung, und auf der Er- haltung des Weltbaues beruht. Die Erfahrung zeigt, daß wirklich eine Bewegung da seye. Die Er- haltung des Weltbaues schleußt die geradlinichte Be- wegung aus, und die Grundsaͤtze der Mechanic nebst dem Gesetze der Schwere macht sie vollends central . Der andere Hauptsatz, daß nemlich die Milch- strasse in kleinere Systemen von Fixsternen eingetheilt und diese durch merkliche Zwischenraͤume von einan- der abgesoͤndert seye, laͤßt sich allerdings nicht so strenge erweisen. Was dabey fehlt, ist daß wir die- se Systemen nicht von allen Seiten her, sondern nur aus einem einigen Gesichtspuncte sehen, in welchem sich zwar die Milchstrasse von den uͤbrigen Theilen des Himmels deutlich abgeschnitten, und hin und wieder in kleinere Theile abgesoͤndert zeigt. Allein, eben dieses sollte sich auch zeigen, wenn wir sie von andern Seiten her ansehen koͤnnten. Da aber die- ses nicht angeht, so muß die Luͤcke in dem Beweise durch anderweite Betrachtungen ausgefuͤllt werden, so weit es angehen kann. Den dritten Hauptsatz habe ich nicht anders als eine Aufgabe vortragen koͤnnen, und sehe die Auf- loͤsun- Vorrede. loͤsungen davon als noch sehr unvollstaͤndig an. Es fragt sich nemlich, ob Cosmologische und Mechani- sche Gruͤnde es zulassen, daß ein System von Fix- sternen sich nur um seinen Mittelpunct der Schwere bewege, oder in diesem, wie in denen von den klei- nern Systemen, Koͤrper von zureichender Masse seyn muͤssen? Die mechanische Gruͤnde beruhen auf dem Gesetze der Schwere, die Cosmologische aber auf der Erhaltung und einfachen Ordnung des ganzen. Bejaht man diese Frage, so kann man das Unge- heure, das uͤber alle Einbildungskraft hinaus geht, nicht wohl vermeyden, und wird es zugeben muͤssen, so bald die Frage bejaht werden muß. In diesem Fall hat man auch ein naͤheres, wiewohl nicht ganz vollstaͤndiges Recht auf die Autopsie zu dringen. Kann aber die Frage nicht nothwendig bejaht wer- den, so bleibt die Sache schlechterdings dahin gestellt, weil das Gegentheil an und fuͤr sich nicht nothwendig gemacht werden kann, da die kleinere Systemen Exempla in contrarium enthalten. Und die Einbil- dungskraft, welche dabey etwas zu ungeheures fin- det, hat das angemaßte Recht, ihr Gebiet als Gren- zen des Striches der Wahrheiten auszugeben, laͤngst schon und in weit wichtigern Stuͤcken verlohren. Es scheint, sie bleibe im grossen wie im kleinen zuruͤcke. b 3 Was Vorrede. Was ferner wahrscheinliche Saͤtze noch mißli- cher machen kann, ist, wenn man sie so heraus bringt, daß so wohl die Gruͤnde, worauf man bauet, als auch das, so man damit verbindet, eine blose Glau- benssache ist. Dieses macht sie noch uͤberdiß hypo- thetisch, weil man voraus setzen muß, die gebrauch- ten Gruͤnde werden sich mit der Zeit erweisen lassen, oder wenigstens ohne viele Wiederrede als glaubwuͤr- dig angenommen werden. Es ist leicht zu erachten, daß der erst erwoͤhnte dritte Hauptsatz von dieser Art ist. Er kann nur bedingnisweise untersucht werden, weil er die beyden erstern als vollkommen richtig er- wiesen voraus setzt. Wird z. Ex. die Eintheilung der Fixsterne in Systemen noch nicht zugegeben, so kommt die Frage, ob diese Systemen in ihrem Mittelpuncte einen Koͤrper von zureichender Masse haben, gar nicht vor, und noch viel weniger wird die Frage vor- kommen, ob diese Koͤrper, als welche zusammen ein groͤsseres System ausmachen wuͤrden, wiederum ei- nen noch groͤssern Koͤrper in ihrem Mittelpuncte ha- ben muͤssen? So sehr demnach diese Fragen dahin gestellt scheinen, und seyn moͤgen, so sehr koͤnnen sich Leser, welche das Ganze in diesen Briefen genauer unter- suchen wollen, uͤber die Dreistigkeit verwundern, daß Vorrede. daß ich diese Fragen der Ordnung nach vorgetragen habe, als wenn alles voraus gesetzte bereits unwider- leglich, und durchaus schon angenommen waͤre. Ich haͤtte koͤnnen inne halten, und bey den ersten stehen bleiben, biß sie waͤren vollends ausgemacht worden, und vielleicht werden viele urtheilen, daß ich es haͤtte thun sollen. Allein, ich glaubte den Lesern mehr Aufrichtigkeit schuldig zu seyn, ihnen, was ich selbst voraus sahe, anzuzeigen, und die Fragen, so in ei- ner Reyhe von selbsten auf einander folgen wuͤrden, voraus anzuzeigen. Die letztern sind unstreitig noch am weitesten zuruͤcke, sie moͤgen aber allerdings die- nen, die erstern der Untersuchung wuͤrdiger zu ma- chen. Ueberdiß nimmt der Grad der Wahrschein- lichkeit und Glaubwuͤrdigkeit derselben nur stuffen- weise ab, und auch aus diesem Grunde fande ich we- niger Ursache sie irgend abzubrechen. Ich habe sie demnach vollends fortgesetzt. Sie koͤnnen nicht an- derst als der Ordnung nach untersucht und ins reine gebracht werden, und ehe die erstern bejaht sind, scheint es uͤberfluͤssig, sich uͤber die letztern zu zanken. Werden sie alle bejaht werden koͤnnen, so haben wir einen vollstaͤndigern Lehrbegriff von der Einrichtung des Weltbaues, und diesen habe ich vorausgesetzt, daß er richtig seye, in den drey letzten Briefen ge- sucht, in seiner vollstaͤndigsten Harmonie vorzustellen. b 4 Sind Vorrede. Sind hingegen die Fragen nicht zu bejahen, so faͤllt das Lehrgebaͤude mehr, oder minder weg, und es bleibt uns das Vergnuͤgen, es werde noch ungleich harmonischer seyn, nur daß wir es nicht kennen, und es muͤhsamer finden muͤssen. In Ansehung des ganzen Weltbaues scheinen wir dermalen das zu seyn, was vor Zeiten Pythago- ras, P hi iolaus, Aristarcbus, Nicetas und andere grie- chische Weltweisen in Absicht auf unser Sonnensy- stem waren. Sie wagten Muthmassungen daruͤber, die sie theils aus Gemaͤchlichkeit, theils aus Mangel genugsamer Observation en nicht ganz ausfuͤhrten. Vielleicht war auch das sogenannte Ptolomaͤische System noch nicht bekannt genug, daß man zurei- chende Gruͤnde haͤtte daraus hernehmen koͤnnen, es umzustossen. Alphonsus schiene schon mehr Anlaß zu haben, daruͤber ungedultig zu werden, doch ohne daß ihm einfiele, die Sache ganz umzuwenden. Dieses ware dem unsterblichen Copernico vorbehal- ten, und Kepler und Newton muͤssen es vollends ins reine bringen. Wir erwarten noch die Copernicus, Keplers und Newtons fuͤr den ganzen Weltbau, und koͤnnen uns eine aͤhnliche Vorherverkuͤndigung ent- werfen, wie sie Seneca in Absicht auf die Cometen ge- troffen Vorrede. troffen hat. Es steht dahin, ob die Erfuͤllung fruͤ- her eintreffen werde? Ich haͤtte gewuͤnscht, die Betrachtungen in diesen Briefen zu einem zweyten Theile der fonte- nellischen Gespraͤche von mehr als einer Welt zu machen, wenn ich ihnen in dem Vortrage die so schaͤtzbare Lebhaftigkeit haͤtte geben koͤnnen, und die sinnreichen Einfaͤlle mir eben so fliessend und reich gewesen waͤren. Wie ferne das, was ich uͤber den Weltbau sage, im Grunde als eine Fort- setzung der Fontenellischen Gedanken dienen kann, wird jeder Leser, wenn er die Wirbel , die Fon- tenelle so gern gebrauchte, weglaͤßt, leichte beur- theilen koͤnnen. Wie vielmal mehr, als eine Welt wird man hier finden, wenn man Legionen einraͤumt, die nur um unsere Sonne sind, wenn jeder Fixstern so viele hat, wenn die Milchstrasse ein ungezaͤhltes Heer, nicht bloß von einzeln Fix- sternen, sondern von ganzen Systemen ist, wenn endlich die ganze Milchstrasse selbsten, noch zu un- zaͤhlbaren andern Milchstrassen, oder Systemen von gleicher Art gehoͤrt? b 5 So Vorrede. So weit werden unstreitig die Fontenelli- schen Betrachtungen zu einer gewissen Vollstaͤn- digkeit gebracht, wenn man je nicht weiter gehen, und dieses Heer von Milchstrassen, als einen ein- zeln Theil von einem noch groͤssern System anse- hen will, welches mit dem unendlichen vergli- chen noch immer klein seyn wird. Weiter werde ich die Einbildungskraft nicht ausdehnen, die mir ohnehin zu enge ist, als daß ich sie gegen derje- nigen, die dem Herrn von Fontenelle so lebhaf- te Vorstellungen angabe, abmessen sollte. Ich bleibe in engern Schranken, und habe aus die- sem Grunde mich lieber der Brief-form, als der Gespraͤche bedient, weil ich viele Betrachtungen auf eine an einander haͤngende Art vortragen mußte, und besonders in denen Beweisen, die et- was schaͤrfer seyn sollten, das Trockene nicht ver- meyden konnte. Ich mag es wohl der Critic uͤberlassen, die Character der beyden Freunde, denen ich die- se Briefe in die Feder gabe, zu vergleichen, oder zu untersuchen, wie ferne ich dabey geblieben bin. In Sachen, wo die Materie immer das Haupt- werk macht, wird hierauf so viel nicht gesehen. Der Vorrede. Der Antwortende dieser Freunde bleibt sich selbst bestaͤndiger gleich, der andere muß sich etwas aͤndern, weil er lernte, und zu an einan- der haͤngenden Gedanken aufgelegter wurde. Freun- de konnte ich ohne deme nicht von sehr verschiede- ner Gedenkensart setzen, und den Grund, wa- rum die Einwuͤrfe, die manchem Leser heimfallen werden, weggeblieben sind, habe ich schon vor- hin gegeben, weil ich vielmehr suchte, die Gruͤn- de auf alle Seiten umzuwenden, und manigfal- tig zu machen. Hieraus wird sich erklaͤren, wa- rum es dem Lernenden nicht Ernst ist, seine Ein- wendungen strenger zu treiben. Die Brief-form erforderte Lobspruͤche und Hoͤflichkeiten, die ich allerdings wuͤrde weggelas- sen haben, wenn ich diese Betrachtungen als die meinigen gegeben haͤtte. Man mag sie als Ruhe- plaͤtze ansehen, die muͤhsamere Untersuchungen un- terbrechen. Vorzuͤglich aber habe ich solche aus- gesucht, die entweder Pflichten und Eigenschaften wahrer Freunde, und ihre Gedenkensart vorstel- len, oder in logischen Anmerkungen uͤber die Voll- kom- Vorrede. kommenheiten des Verstandes bestehen, die zwar hier als Lobspruͤche verschwendet sind, aber kei- nem Leser, der sie besitzt, anders als zur Ehre gereichen koͤnnen, und die ihn als einen Freund liebenswuͤrdig, und als einen Erforscher der Wahrheit verehrenswuͤrdig machen. Erster Cosmologische Briefe uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Erster Brief. Werden Sie es wohl glauben, mein Herꝛ! daß ich nach Durchlesung der Schriften, die Sie mir an- gegeben haben, um etwas uͤbler daran bin, als vorher nie? Ich hoffte, meine Neugierde uͤber die Laufbahn der Plane- ten und Cometen vollkommen zu stillen, und wuͤnschte mir zum voraus Gluͤck dazu, daß ich nunmehr auch bald aus Gruͤnden wissen wuͤrde, wie es zugehe, daß die letztern zu gesetzten Zeiten wiederkehren; Und die- A ses Cosmologische Briefe ses freute mich um so mehr, da wir im verwichenen Jahre die erste Ruͤckkunft eines so ausserordentlichen Sterns haben feyern koͤnnen. So weit muß ich Ih- nen gewonnen geben. Ich durchlase diese Lehrbegriffe mit groͤßter Begierde, und es faͤllt mir nun nichts leichters, als den weiten Raum um die Sonne, alle Raͤume zwischen den Planeten, und noch weit uͤber den Saturn hinaus, mit Ovallinien auszufuͤllen, und in jede einen Cometen, und wenn Sie wollen, einen mit Satelliten zu setzen. Jedem Fixstern gabe ich ei- ne aͤhnliche Menge von solchen Koͤrpern, die von ih- me Licht und Waͤrme haben sollten, und auf allen stell- te ich mir unzaͤhlbare Einwohner von allen moͤglichen Arten und Gestalten vor. Ich habe mir dabey die Einbildungskraft zugleich mit den Weltgebaͤuden er- weitert, und es giebt mir nun keine Muͤhe, den Ab- stand von unserer Sonne bis zu einem Fixstern der fuͤnfzigsten Groͤsse, als einen Maaßstab anzunehmen, und denselben Millionenweise umgeschlagen, gegen die Grenzen des Systems der Sterne zu messen, die wir noch durch Teloscopia sehen, und die noch weit hinter diesen stehen. Ich gebrauche nun keinen Amboß mehr, der zehn Tage zubringe, um aus dem Himmel auf die Erde zu fallen. Der Raum, durch den er faͤllt, ist mir nun nur ein Punct, und seine Geschwindigkeit vergleiche ich mit dem Kriechen eines Wurmes, oder mit dem Schleichen einer Schnecke. Solle ich Zeit und Raum vergleichen, so ist der Glanz, so der Blitz in Augenblicken uͤber den Himmel ausbreitet, noch zu langsam. Das Licht und sein Weg dient mir nur zum uͤber die Einrichtung des Weltbaues. zum Maaße. In acht Minuten koͤmmt es von der Sonne auf die Erde, und legt daher einen Weg zu- ruͤck, den man mit Halbmessern der Erde ausmessen muß, davon jeder 860. Meilen macht, und deren es wenigstens 20000. gebraucht, um den Abstand der Sonne dadurch zu bestimmen. Diesen Weg macht das Licht in 8. Minuten, und dieses ist nun mein Maaßstab, mit dem ich die aͤussersten Fixsterne aufsu- che. Ich gebe dem Licht Jahrhunderte Zeit, bis es von denselben zu uns komme, und setze, daß es Fix- sterne gebe, von welchen das Licht in den naͤchsten 6000. Jahren noch nicht angelangt ist, und die folg- lich erst unsere Nachkommen werden zu sehen haben. Die Nacht solle mir immer heller werden, und jeden Abend freue ich mich uͤber das neuangelangte Licht von andern Sternen. Mit allem deme sehe ich, daß die- se Entfernungen noch alle ihre Schranken haben, und vielleicht von den Grenzen des Weltgebaͤudes noch weit weg sind. Doch ich gerathe unvermerkt in eine Astronomi- sche Entzuͤckung, und sage Ihnen, mein Herꝛ, Sa- chen vor, die Ihnen nothwendig bekannt sind. Neh- men Sie sie immer als eine Probe an, daß ich ihrem Vorschlage gefolgt habe, und ich will Ihnen nochmals sagen, daß ich bis dahin vieles Vergnuͤgen daran hat- te. Aber sagen Sie mir nun auch, ist es denn nicht moͤglich, anderst als mit neuen Zweifeln und neuer Unruhe zur Gewißheit zu kommen, oder aͤndern die Zweifel nur ihre Natur, daß sie anfangs einfaͤltiger A 2 sind, Cosmologische Briefe sind, und nachher gelehrter werden, wenn man jene gehoben hat? Ich fragte sie anfangs nur, was es mit dem Weltgebaͤude fuͤr eine Beschaffenheit habe, nunmehr weiß ich es, in so ferne mir noch die Frage zu machen bleibt, was mit der Zeit aus demselben, und zugleich aus den Weltweisen, die es so schoͤn aus- gedacht haben, werden wird. Ist es nicht so, die Co- meten sind nun nimmer durch ihre Bedeutung, sondern durch ihre Wirkung furchtbar? Ich kenne nun die Kraͤften der Schwere, so die Weltkoͤrper gegeneinan- der haben, genugsam. Jupiter vermag den Saturn und seine Trabanten aus seiner Ordnung zu bringen, und selbst der Mond macht die Erde etwas wanken. Er macht das Meer aufschwellen und niedersinken. Wie wuͤrde es uns gehen, wenn ein grosser Comet der Erde so nahe kaͤme, das Meer uͤber die Erdflaͤche schwemmete, oder gar die Erde mit sich fortrisse? Sagen Sie mir einmal, mein Herꝛ, ob man alles, was die Weltweisen hieruͤber ausgedacht, so schlechthin als wahrscheinlich halten koͤnne, oder mi- schen sie nicht ohne Bedenken unter die Wahrheit sol- che Moͤglichkeiten, davor man sich fuͤrchten muͤßte, wenn sie wirklich seyn sollten? In der That, nachdem ich mir alles Ungeheure dabey vorgestellt, so habe ich merklich nachgelassen, die Cometen so freygebig durch den Weltraum auszustreuen, und ich ließ alle die weg, die mit der Zeit Unheil anrichten koͤnnten. Allein da- mit reiche ich nicht weit, weil ich die Cometen nehmen muß, wie sie wirklich sind, und wenn sie nicht selbst fried- same uͤber die Einrichtung des Weltbaues. same Bahnen sich machen, so haben wir immer Krieg am Firmamente zu besorgen. Was meynen Sie hieruͤber? Kann man wohl ausser der bloßen Moͤglichkeit etwas Wahrscheinliches in solchen Verstoͤrungen finden? Moͤgen wohl Jupi- ter, Saturnus und die Erde ihre Trabanten auf eine so kriegerische Art erhascht haben, daß sie Cometen an sich zogen, und mit sich fortrissen, die doch ruhig in ihren Ellipsen haͤtten einhergehen koͤnnen? Wie schi- cken sich die Einwohner eines Cometen in diese neue Stelle? Und ist es bey der Schoͤpfung der Erde und bey der Suͤndfluth so zugegangen, wie Whiston und Burnet und andere es beschreiben wollen? Ich sage es Ihnen aufrichtig, daß mir alles dieses als sehr ro- manenmaͤßig vorkoͤmmt, das man bey Weltweisen im Ernste nicht suchen sollte. Der Verfasser des Noah mag sie immerhin gebrauchen, und Dichtern mag die Freyheit bleiben, ihrer Einbildungskraft allen Lauf zu lassen. Da lese ich sie mit Vergnuͤgen, und setze den Comet, das Luftschiff und mehrere dergleichen Erfin- dungen leicht in eine Classe. Ein Dichter begnuͤgt sich an der Moͤglichkeit, und in seiner Welt richtet er alles, wie es ihm am schoͤnsten und wunderbarsten vor- koͤmmt. Allein Weltweise sollten mehr als die bloße Moͤglichkeit suchen, und ich gestehe Ihnen, daß ich bey so vielen schoͤnen Wahrheiten nicht so viele Traͤu- me gesucht haͤtte. Denn anders kann ich sie doch nicht nennen, bis sie nicht wahrscheinlicher gemacht werden. Ich wuͤrde sie schlechthin den Dichtern uͤber- A 3 lassen, Cosmologische Briefe lassen, und wenn ich ihre Unwahrscheinlichkeit erweisen koͤnnte, so wuͤrde ich alles thun, um die Philosophen davon abzuhalten. Allein sie stellen uns alle die Sa- chen so vor, daß ich weder Wahrscheinliches noch Un- wahrscheinliches dabey finden kann, wollen eben nicht gut dafuͤr stehen, ob nicht heute noch ein so boͤser Co- met koͤmmt, der uns den friedsamen Mond wegraubt, oder der Erde selbst einen Stoß giebt, daß sie zu Truͤmmern faͤhrt, oder wenigstens einen guten Theil seines Schweifes in unserer Athmosphaͤre zuruͤck laͤßt. Den Chinesern, die ich so ofte verlacht hatte, gebe ich nun bald Recht, daß sie alle Naͤchte Wachten gegen den Himmel ausstellen, eben so, wie wir es gegen das Feld thun, und daß sie auf ihren Sternwarten aus- spaͤhen lassen, ob sich nichts feindliches am Himmel zei- get. Wie unbesorgt war doch der gute Ptolomaͤus bey seiner ruhenden Erde, und wie ruhig blieben seine Anhaͤnger, bis Copernicus kame, und anfienge, die Erde um die Sonne herum zu fuͤhren. Aber nun geht es bunter zu, und Copernicus wuͤrde sich auf sei- nen Triumph nicht viel zu gut halten, wenn er wuͤßte, daß wir nun zu besorgen haben, es moͤchte ein Comet kommen, und die Erde bis jenseits der Fixsterne mit sich fortschleppen, oder wenigstens uns alle ersaͤufen, zerquetschen, ersticken, verbrennen, und was derglei- chen Unheil noch mehr ist, das uns die Weltweisen be- fuͤrchten machen. Ich wuͤnschte bald, daß die Come- ten wieder ihre alte Bedeutung haͤtten, und Krieg und alles Unheil vorhersagten, das uns ja ohnehin betrift, und weniger allgemein ist, als solche Wirkungen, die nicht uͤber die Einrichtung des Weltbaues. nicht nur einzelnen Laͤndern, sondern der ganzen Erde drohen, und die viel unerwarteter kommen, als alle Kriege. Unsere Erde ist ohnedem einer der kleinern Planeten, und um desto leichter kann sie fortgerissen werden. Und wer weiß es, ob nicht schon Planeten mangeln, die aus dem weiten Raume, der zwischen dem Mars und dem Jupiter ist, hinweg gekommen sind. Geht es denn unter den Weltkoͤrpern, wie auf der Erde, daß der staͤrkere den schwaͤchern aufreibt, und sind Jupiter und Saturn nur dazu bestimmt, daß sie immer Beute machen? Sehen Sie nun, mein Herr, woran ich bin. Sie muͤssen alle diese fuͤrchterliche Drohungen noth- wendig wissen, weil Sie mir die Schriften angewie- sen haben, darinn ich sie gefunden; aber mit allem de- me scheinen Sie mir viel ruhiger dabey. Ist ihre Ruhe nur ein gesetzter Muth, mit dem Sie unerschro- cken den Einsturz des Himmels erwarten, oder verla- chen Sie solche Dinge als Spiele der Einbildungs- kraft? Ich bin bereit, Ihnen in beydem zu folgen, so bald ich weiß, woran Sie sich halten. Ich schaͤtze Ihre Gelassenheit, die Sie in allen Unfaͤllen auf die Probe gesetzt haben, und stelle sie mir zum Muster vor. Sagen Sie mir nur, worinn ich Ihnen hier folgen solle, ich will es mit dem Eifer thun, mit dem ich bis jenseits des Grabes verharre Mein Herr ꝛc. A 4 Zwey Cosmologische Briefe Zweyter Brief. I hr Schreiben, mein Herr, welches ich mit Ver- gnuͤgen durchgelesen, zeigt mir, daß Sie sich in kurzer Zeit den Weltbau, und die Gewißheit und Ungewißheit unserer Weltweisen bekannt gemacht, und allem Ansehen nach mehr gefunden haben, als Sie anfaͤnglich wissen wollten. Aber daruͤber befremden Sie sich nicht, daß neue Wahrheiten zu neuen Fragen und Zweifeln Anlaß geben. Dieses ist der gemeine Weg, durch den wir von einer Wahrheit zur andern kommen, und es ist nur zu bedauern, daß es damit et- was langsamer zugeht, als wir es wuͤnschten. Ge- denken Sie aber je nicht, daß es bey diesen Zweifeln bleiben werde, und wir haben zu hoffen, daß man sie nach und nach eroͤrtern, aber auch zugleich neue Fra- gen vorlegen werde, deren Beantwortung der Nach- welt wird vorbehalten seyn. Begnuͤgen Sie sich im- mer mit dem, was wir gewiß wissen, und lassen Sie kuͤnftige Moͤglichkeiten den Nachkommen zu bestimmen uͤbrig, wenn es jezt noch nicht angehen will. Doch vielleicht kommen Ihnen, mein Herr, die- se Muthmassungen der Weltweisen nur deßwegen so foͤrchterlich vor, weil sie Ihnen neuer sind, und Sie werden sich unvermerkt an die Sprache von solchen Moͤglichkeiten gewoͤhnen, die gewiß noch keinem den Schlaf werden gebrochen haben. Allein laßt uns auch das schlimmere setzen. Wenn gleich in wenig Zeit der Erde ein solches Uebel bevorstuͤnde, was wol- len uͤber die Einrichtung des Weltbaues. len Sie anfangen? Wuͤrden Sie nicht den Astrono- men Dank wissen, und sie als Propheten ansehen, die geordnet waͤren, uns solche Vorfaͤlle vorher zu sagen, damit wir uns dazu gefaßt machen koͤnnten. Wie, wenn die Erde ein Satellit eines Cometen werden soll- te, der sie mit sich bis jenseits der Sphaͤre des Sa- turns wegfuͤhrte, oder ihre Flaͤche mit Wasser uͤber- stroͤmte; wuͤrden Sie nicht im ersten Fall sich zu ei- ner mehr als Syberischen Kaͤlte vorbereiten, und im letztern sich nach einem Schiffe umsehen? Allein ich vermuthe immer das bessere, und be- trachte diese Moͤglichkeiten nicht so, daß ich dabey geden- ken sollte: Hic Deus nihil fecit. Die Erhaltung ganzer Weltkoͤrper koͤmmt mir wenigstens wichtiger vor, als die von solchen Geschoͤpfen, die ihre Geschlechte fortpflanzen, und von Jahr zu Jahr wieder neu wer- den. Bey diesen moͤgen die aͤltern zum Wachsthum der juͤngern dienen, aber daß Welten aus Welten ent- stehen, oder aus den Truͤmmern der ersten wieder neue zusammengesetzt werden sollten, dazu wird mehr erfor- dert, und ihre Dauer mißt sich nach Myriaden von Jahrhunderten ab. Diese Verhaͤltnisse finden Sie bey Dingen, deren Entstehen und Vergehen uns vor Augen liegt. Die Dauer nimmt mit ihrer Groͤsse zu, und die Zeiten, innert welchen Tulpen bluͤhen und Ce- dern wachsen, eben so wie die, so das Leben eines In- sects oder eines Menschen ausmißt, haben bald keine Verhaͤltnis gegen einander. Dieses sind Geschoͤpfe, die ihr Geschlecht fortpflanzen, aber ihr Wohnort lei- A 5 det Cosmologische Briefe det nur solche Veraͤnderungen, die ihn taͤglich und jaͤhrlich erneuern, und zu groͤsseren Abwechslungen ge- hoͤren mehrere Jahrhunderte, als bey Gewuͤrmen ein- zele Stunden. Indessen kann ich die Moͤglichkeiten, so die Phi- losophen vielleicht mehr zu ihrer Belustigung als im Ernste ausgedacht, nicht alle schlechthin verwerfen, und ich bin immer sehr geneigt, noch mehrere derglei- chen auszusinnen, davon ich Ihnen einige schreiben koͤnnte, wenn Sie nicht an den bisherigen schon mehr als genug zu haben schienen. Was man unter allen am leichtesten einraͤumen wird, sind solche Veraͤnde- rungen, dadurch die Weltkoͤrper in ihrer Bahn etwas verruͤckt werden, und diese wissen Sie nun selbsten schon aus den Beyspielen, die Sie anfuͤhren. Diese kleinere Verruͤckungen sind allerdings Folgen von der Schwere der Planeten und Cometen gegeneinander. Und es ist die Frage, ob man sie schlechterdings nur als kleine Ausnahmen von allgemeinen Gesetzen anse- hen solle, oder ob sie in der That auch Nebenabsichten sind, wodurch der Lauf dieser Koͤrper zugleich mehrere Abwechslungen erhaͤlt, und dauerhafter wird. Was meynen Sie, mein Herr, wenn man setzen koͤnnte, daß diese Abwechslungen in der Laufbahn aus guten Absichten seyn muͤßten, und daß alle Planeten und Cometen gerade diejenige Groͤsse, Schwere, Lage, Richtung und Geschwindigkeit haͤtten, daß sie, des be- staͤndigen Anziehens unerachtet, immer einander auf die uͤber die Einrichtung des Weltbaues. die geschickteste Art auswichen? Waͤre es nicht moͤg- lich, daß ein Comet, der einmal sehr nahe bey dem Jupiter vorbey liefe, in seiner Bahn dergestalt abge- lenkt wuͤrde, daß, da er vorhin rechter Hand um die Sonne gienge, er nunmehr linker Hand um dieselbe laufen wuͤrde? Je staͤrker eine solche Aenderung waͤ- re, desto wichtiger wuͤrden mir auch die Gruͤnde schei- nen, die sie erfoderten. Die Cosmologischen Lehren von der Vollkommenheit der Welt, und die Teleologi- schen Saͤtze, die wir aus der Erfahrung von den Ab- sichten natuͤrlicher Dinge haben, sind Ihnen, mein Herr, so wohl bekannt, daß ich nicht erst fragen darf, ob Sie bey der Einrichtung des Laufes der Weltkoͤr- per nicht eben so weise Absichten des Schoͤpfers anneh- men werden, als wir sie z. E. bey allen und auch den kleinsten Theilen des menschlichen Coͤrpers finden. Es ist wahr, daß wir die Absichten in so grossen Thei- len eben nicht so leicht errathen koͤnnen, als es bey kleinern geschieht, wo wir die Folgen der Veraͤnderun- gen uͤbersehen koͤnnen. Wir sehen am Himmel noch hoͤchstens nur die Ausnahmen, und es wird Aeonen ge- brauchen, bis sich eine ganze Folge von Veraͤnderun- gen wird uͤbersehen, und alle Theile derselben unterein- ander vergleichen lassen. Dann erst wird es sich zei- gen, was diese Summe von kleinern Abweichungen zu bedeuten habe, und wie sich die vorhergehenden Um- staͤnde zu den folgenden anschicken. Kann ich Ihnen, mein Herr, uͤbrigens glauben, daß Sie bey allem diesem nur die fuͤrchterliche Seiten von Cosmologische Briefe von den Wirkungen der Cometen betrachtet haben, und daher auf ihre Erfinder in Ernste boͤse sind? Ich vermuthe nicht, daß die Weltweisen diese Folgen aus andern Absichten so boͤse vorgestellt haben, als um un- serer Einbildungskraft etwas zu thun zu geben. Sie wissen, was Ahndungen sind, und bevorstehende Un- gluͤcksfaͤlle, die wir besorgen, gehen uns allemal sehr nahe. Die Philosophen wollten uns vorstellen, daß Cometen eben nicht bloß zum Anstaunen am Himmel erschienen, sondern auch etwas wirken koͤnnen. Es war dieses ein sehr reicher Stoff, um die Einbildungs- krafft rege zu machen, und es ist bekannt, daß wir nothwendig mehr Antheil nehmen, wenn man das Un- heil in seinem hoͤchsten Grade vorstellt. Erzaͤhlen Sie nur jemanden, ein Comet koͤnne uns das Jahr laͤnger oder kuͤrzer, und aus Sommer Winter machen, er koͤnne das Wasser aus dem Meere uͤber alle Berge hinauf ziehen, er koͤnne uns den Mond wegrauben, oder machen, daß wir kuͤnftig nur alle Jahre einmal Vollmond und Neumond haben, oder hinwiederum, daß wir alle 14. Taͤge eine Finsterniß bekommen, und was dergleichen Veraͤnderungen mehr sind; so erzaͤh- len sie lauter Moͤglichkeiten, die aber merkwuͤrdig ge- nug sind, um die Aufmerksamkeit an sich zu ziehen, und die Einbildungskraft zu beschaͤftigen. Fragt man aber, ob sich etwas dergleichen je- mals zu tragen werde, so wird Ihnen kein Philosoph dafuͤr gut stehen wollen, weil wir nicht alle Cometen noch ihre Bahnen noch ihre Zusammenkuͤnfte wissen. Sie uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Sie werden hiebey leicht denken, daß wir auf solche Art noch lange in der Ungewißheit bleiben werden, wenn es nicht andere Gruͤnde giebt, woraus sich et- was Zuverlaͤßigers bestimmen laͤßt. Ich habe Ihnen schon vorhin die allgemeinen Cosmologischen Gruͤnde vorgeschlagen. Helfen Sie mir untersuchen, wie weit sie sich hier anwenden lassen. Meines Erachtens aber werden in diesem Falle specialere Gruͤnde erfordert, und besonders solche, die sich aus dem Gesetz der Schwere, nach welchem sich doch alle Weltkoͤrper rich- ten, und aus der Beschaffenheit ihrer Laufbahn her- leiten lassen. Die Cosmologischen werden nur dienen, um etwas von der Einrichtung der Weltsystemen uͤber- haupt zu schliessen, aber die kleinern Uebel, die uns die Philosophen besorgen machen, haͤngen auf eine naͤ- here Art von dem Gesetze der Schwere ab, weil sie in der That nur aus diesem alleine hergeleitet werden. Ich will damit anfangen, daß ich Ihnen hieruͤ- ber zwo Fragen vorlege, die Sie nach Durchlesung der Schriften, so ich Ihnen angegeben, leicht werden aufloͤsen koͤnnen. Untersuchen Sie einmal, ob es moͤglich ist, daß zween Cometen oder ein Comet und ein Planet jemals aneinander stossen koͤnnen, oder ob sie nicht vielmehr, wenn sie so nahe zusammen kom- men sollten, sich zugleich um die Sonne und um einen gemeinsamen Mittelpunct bewegen werden. Sie werden hiebey leichte die Umstaͤnde beyder Coͤrper be- stimmen, und finden koͤnnen, wie nahe zum Exempel ein Comet in den Wirkungskreyß der Erde kommen muͤßte, Cosmologische Briefe muͤßte, bis er daselbst hangen bliebe, und wo er muͤßte durchgehen, um eine Ellipse von gegebener Figur um dieselbe zu beschreiben, wie wir es an dem Monde se- hen. Sie begreifen leicht, daß diese Bestimmung von der Geschwindigkeit abhaͤngt, die der Comet in seiner ersten Laufbahn bey Annaͤherung der Erde hat. Diese Geschwindigkeit muß mit der kleinsten Entfer- nungs des Cometen von der Erde nothwendig eine be- stimmte Verhaͤltniß haben, und wenn der Comet nicht just diesen Weg nimmt, so wird die Erde weiter nichts ausrichten, als daß die Bahn des Cometen mehr oder minder geaͤndert wird. Achten Sie sodann, wie schick- lich die Umstaͤnde seyn muͤßten, damit sich eine solche Begebenheit zutragen koͤnnte, und ob man nicht viel- mehr einen Vorsatz als einen bloßen Zufall dabey zum Voraus setzen muͤßte? Die andere Frage ist eben die, so sie mir gemacht haben, ob es vermuthlich seye, daß Jupiter und Saturnus ihre Trabanten auf diese Art nach und nach bekommen haben? Die Aufloͤsung der vorher- gehenden Frage mag Ihnen auch hier dienen, und die Umstaͤnde, die wir bey den Satelliten antreffen moͤgen, die Antwort leichter machen. Einmal bewe- gen sich alle Satelliten so, wie die Hauptplaneten von Abend gegen Morgen. Setzen Sie nur, daß es Co- meten gewesen waͤren, so sind nur zween Faͤlle moͤg- lich, wie sie sich im Netze des Hauptplaneten haͤtten verstricken koͤnnen. Entweder es waͤre geschehen, in- dem der Comet von dem Aphelio wieder zur Sonne herunter uͤber die Einrichtung des Weltbaues. herunter gestiegen, oder sich von der Sonne wieder aufwaͤrts entfernt haͤtte. Im ersten Fall haͤtte der- selbe die Bahn des Hauptplaneten auf der Oestlichen, im andern Fall auf der Westlichen Seite durchschnei- den muͤssen. Wie groß ist hiebey die Wahrscheinlich- keit, daß das Gegentheil niemals eingetroffen. Denn auf diese koͤmmt es an, wenn man hier schlechthin ei- nen Zufall setzen will. Es sind in allem zehen Satel- liten, und von diesen sollten sich wenigstens fuͤnf von Osten gegen Westen um den Hauptplanet drehen, weil beyde Bewegungen als gleich moͤglich muͤssen an- gesehen werden. Ein Comet kann im Herauf- und Herabsteigen einem Planeten eben so wohl auf der ei- nen als auf der andern Seite zu nahe kommen, wenn wir annehmen wollen, daß die Laufbahn derselben so aufs Ungefehr gesetzt ist. Die Rechnung uͤber die Wahrscheinlichkeit ist hier bald gemacht. Es ist eben so viel, als wenn zwischen Cajus und Titius zehenmal das Loos gezogen wuͤrde, welches an sich betrachtet ei- nem so leicht fallen koͤnnte als dem andern, und man setzte, Cajus waͤre alle zehenmal gluͤcklich gewesen. Die Unwahrscheinlichkeit ist hiebey 1023.mal groͤßer als die Wahrscheinlichkeit. Und eben so waͤre es uͤber 1000.mal wahrscheinlicher gewesen, daß von den Sa- telliten einige sich von Morgen gegen Abend bewegten, wenn ihre Bewegung ein bloßer Zufall gewesen waͤre. Eine andere Betrachtung, welche diese Unwahrschein- lichkeit noch weit groͤßer macht, giebt uns die geringe Neigung, so die Bahnen der Satelliten gegen die von den Hauptplaneten haben. Solle man hier anneh- men, Cosmologische Briefe men, daß alle Cometen, die sich in Satelliten verwan- delt haben, eine so gar geringe Neigung in ihrer vori- gen Bahn hatten, und keiner derselben uͤber oder un- ter dem Hauptplanet vorbey gegangen waͤre, wenn ihn dieser nicht aufgefangen haͤtte? Unsere Fernroͤhren sind noch nicht hinreichend, die Diameter der Trabanten des Jupiters und des Sa- turns genau zu messen, sonst wuͤrde ich Sie einladen, zu sehen, ob nicht eine gewisse Ordnung darunter waͤ- re, daß die entferntern merklich groͤßer sind als die naͤ- hern, wie dieses auch bey den Hauptplaneten ziemlich zutrift, und die Ausnahmen unmerklich sind. Eben dieses muß ich auch in Absicht auf ihre Umwaͤlzung um ihre Axe unbestimmt lassen, die wir nur von dem Mon- de wissen. Aber dieses einige Beyspiel ist genug, um auch hierinn Absichten und nicht Zufaͤlle zu vermuthen. Woher moͤchte es doch kommen, daß unter allen Co- meten, die bey der Erde haͤtten vorbeygehen koͤnnen, derjenige hangen bliebe, der sich so um seine Axe dre- hete, daß er immer die gleiche Seite gegen uns kehr- te? Solle hier ein Zufall seyn, so muß ich sagen, daß seine Wahrscheinlichkeit kleiner ist, als jede, die man sich gedenken kann. Die Absicht, warum diese Um- drehung just so ist, kann ich nicht finden, aber noch unendlichmal weniger laͤßt sie sich durch einen Zufall erklaͤren. Wo sich endlich bey der Suͤndfluth, nach der Whistonischen Erklaͤrung der Mond hingefluͤchtet, um vor einem Cometen sicher zu seyn, durch dessen Dunstkreyß die Erde durchgienge, das kann ich Ihnen auch uͤber die Einrichtung des Weltbaues. auch nicht eroͤrtern. Er haͤtte wenigstens eine merk- liche Breite oder doch eine große Aenderung in seinem Laufe bekommen sollen. Sie sehen hieraus, mein Herr, daß ich von vielen Muthmassungen, so man uͤber die Wirkungen der Cometen gemacht hat, theils die Moͤglichkeit, fuͤrnemlich aber die Wahrscheinlichkeit sehr herunter setze, ungeacht ich noch lange nicht alle laͤugnen, son- dern die geringern immer zugeben, und die groͤßern als sehr selten ansehen werde, es seye, daß man sie in der Lehre von der Vollkommenheit der Einrichtung des Weltbaues bloß als Ausnahmen ansehen muͤsse, oder daß sie in der That dazu dienen, die System je- der Fixsterne zu kuͤnftigen Veraͤnderungen vorzuberei- ten. Ich hoffe, Sie werden nun weniger Ursach finden, uͤber den braven Copernicus zu zoͤrnen, daß er die Erde aus ihrer Ruhe verruͤckt, da Sie sehen, daß es jeder Comet thun koͤnnte, und daß vielleicht schon verschiedene etwas daran geaͤndert haben. Sie koͤnnen aus diesem auch abnehmen, daß wir vielleicht noch nicht genug Copernicanisch sind, wiewohl ich gar nicht der Meynung bin, daß wir es dadurch werden koͤnnten, wenn wir annaͤhmen, die Erde werde mit der Zeit ein Satellit eines Cometen werden. Ich glaube vielmehr, daß Cometen und Planeten nach der wahren Einrichtung des Weltgebaͤudes einander, durch ganze Weltalter durch, geschickt ausweichen koͤn- nen, und daß dieses Ausweichen eben durch solche klei- nere Verruͤckungen immer moͤglich bleibe. B Darinn Cosmologische Briefe Darinn bin ich also mit Ihnen vollkommen einig, daß Sie aus aͤhnlichen Gruͤnden angefan- gen haben, aus ihrem Cometen-System alle die- jenigen wieder wegzuschaffen, die mit der Zeit Un- heil anrichten koͤnnten. Ich weiß, daß ihr zaͤrt- liches Herz sein Mitleiden auch bis auf winselnde Thiere erstreckt, und daß Sie kein Freund von Zerruͤttungen sind, sondern, wo Sie nur im- mer koͤnnen, Eintracht und Ruhe und stille Zu- friedenheit stiften, und dadurch ihre Gewogenheit und Freundschaft so schaͤtzbar machen, daß gleichge- sinnte Gemuͤther und Menschenfreunde die wesent- lichste Gluͤckseeligkeit in Ihrem Umgange finden. Diese haben Sie mir zu meinem groͤßten Vergnuͤ- gen gegoͤnnet, und ich werde sie immer neu em- pfinden, da ich mit erwiedernder Treue verharre Mein Herr ꝛc. Dritter uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Dritter Brief. A uf die Beschreibung, die Sie mir, mein Herr, von der Verfassung des Weltgebaͤudes ma- chen, fange ich nun bald an, es mit andern Augen anzusehen, als es mir die Weltweisen vorge- malt hatten. Es haͤtte nicht viel gefehlt, daß ich nicht die Astronomen als verordnete Propheten, und, wenn ich es noch fuͤrchterlicher machen solle, die Er- findung der Fernroͤhren und den schnellen Wachsthum der Sternwissenschaft als Vorbothen eines bevorste- henden Uebels betrachtet haͤtte. Wie, dachte ich, ist irgendwo ein Genius, der dem Copernicus den Weltbau, dem Kepler seine Gesetze, und dem New- ton die so schreckbare Attra c tion, und die Lehre von dem Lauf und der Wirkung der Cometen eingabe, da- mit sich alles zur Weissagung des Unheils anschicken, und die Bewohner der Erde sich dazu gefaßt machen moͤchten, damit nicht alle zu Grunde giengen, sondern ein Saame zur Fortpflanzung auf der ungeaͤnderten Erde leben bliebe. Waͤre dieses der Rathschluß der Vorsehung, die bey allen Unfaͤllen noch fuͤr die Erhal- tung ihrer Geschoͤpfe sorget! Allein Ihr Schreiben, mein Herr, dafuͤr ich Ih- nen verbindlichst danke, benimmt mir diese aͤngstliche Vorstellung, da Sie solche Zufaͤlle, wo nicht ganz in Abrede sind, doch wenigstens auf viele Jahrhunderte hinaus setzen. Ihr Weltgebaͤude hat unstreitig etwas B 2 Großes Cosmologische Briefe Großes und der Weißheit des Schoͤpfers Wuͤrdiges. Sie sind auf eine weit hoͤhere und edlere Art auf die Erhaltung der Geschoͤpfe bedacht, als unsere Weltwei- sen, die nur auf Ungluͤck zu denken scheinen, oder sich wenigstens damit belustigen, daß sie uns eine Forcht einjagen wollen. Ich habe mit der aͤussersten Begierde alle Stel- len Ihres Schreibens zusammen genommen, um mir einen Begriff von einer Einrichtung zu machen, die Sie mir als ein Werk des Weisesten angeben. Nun strenge ich meine Einbildungskraft und alles, was in mir denkt, an, um Ihnen in Schluͤssen zu folgen, die Sie vermuthlich weiter getrieben haben, als Sie mir es sagen wollen, weil Sie mir ausdruͤcklich sagen, ich werde ohnehin schon mehr haben, als ich verlangte. Nein, mein Herr, ich kehre nun um, weil Sie von anders als von Zerruͤttungen reden, und zwischen den Weltgebaͤuden eben die Harmonie einfuͤhren wollen, die zwischen Freunden ist, die ein innerer Trieb auch da gegen einander zieht, wo sie sich in der Ferne sehen, und wo andere Bestimmungen ihre Zusammenkunft nicht leiden. So naͤhern sich die Weltkoͤrper gegen einander, aber hoͤhere Befehle wollen, daß sie ihren Weg in die Ferne fortsetzen, und um die Erhaltung der Ihrigen besorgt seyen. Nicht wahr, mein Herr, so stellen Sie sich die Welten vor. Ich finde ein wahres Vergnuͤgen daran, und werde nun den schoͤnen Jupiter nicht mehr als ei- nen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. nen raͤuberischen Tyrannen, sondern als einen gelieb- ten Vatter ansehen, der seine vier Kinder bestaͤndig um sich hat, der ihre Naͤchte erleuchtet, und in seiner friedsamen Bahn ungestoͤhrt mit ihnen einhergeht. Jeder Comet, der in sein Gebiet koͤmmt, beugt sich vor ihm, und lieber wird er seine Bahn aͤndern, als kriegerisches Unheil anrichten. Denn dieses sind die Gedanken, die Sie mir, mein Herr angegeben haben, und ich muß Sie dabey fragen, ob nicht schon alle die Cometen, die nun von Morgen gegen Abend einher- gehen, eine so edle Willfaͤhrigkeit gegen diesen Fuͤrsten der Planeten gehabt haben? Ein solcher Lehrbegriff ist zugleich angenehmer und wahrscheinlicher, und ich suche alles auf, um die Gruͤnde, die Sie mir angegeben, mir immer klarer zu machen. Ich lasse nun mit Ihnen jeden Weltkoͤrper das seyn, was er einmal ist, und denke nicht mehr auf den Untergang aller seiner Bewohner, der unvermeid- lich waͤre, wenn die Verruͤckung in der Laufbahn un- maͤßig groß wuͤrde. Sie troͤsten mich noch lange nicht genug, wenn Sie sagen, ich sollte mich auf eine Sy- berische und noch aͤrgere Kaͤlte gefaßt machen, wenn ein Comet die Erde mit sich wegfuͤhrte. Ein Winter, der wenigstens 70. Jahre waͤhren wuͤrde, wenn wir auch mit dem Cometen von 1759. weg muͤßten, der noch am geschwindesten wieder koͤmmt, ein solcher Win- ter hat mit den Polarlaͤndern noch keine Vergleichung, und die hollaͤndischen Schiffer, die ein halb Jahr bey dem Pole zubringen muͤssen, wuͤrden sich auf die Ruͤck- B 3 kunft Cosmologische Briefe kunft des Sommers nicht zu freuen haben, wenn die Erde selbst sich von der Sonne entfernte. Wir sind fuͤr die Stelle geschaffen, die die Erde wirklich hat, und sie muͤßte ewig oͤde bleiben, oder es muͤßte eine neue Schoͤpfung geschehen, wenn sie sollte weggerissen werden. So weit gehe ich nun in meinen fuͤrchterlichen Vorstellungen nicht mehr, und werde mich immer an die Betrachtungen halten, die Sie, mein Herr, uͤber die Satelliten angestellt. Diese habe ich von ganzem Herzen durchgangen. Ich habe einen Cometen auf alle Seiten umgewandt, um zu sehen, ob er sich in unsern Mond haͤtte verwandeln koͤnnen. Dazu habe ich die vortheilhafteste Umstaͤnde genommen, und da ich dem Cometen einen Lauf geben muͤssen, der uͤber 27mal langsamer waͤre als der von der Erde, so habe ich gesetzt, der Ort des Vollmonds seye das Aphelium des Cometen gewesen, und derselbe habe sich darinn ungefehr so geschwinde bewegt, als nun der Mond thut. Allein die Ellipse, die er zuvor haͤtte beschrei- ben muͤssen, faͤllt ins Unmoͤgliche, und ihr Perihelium waͤre innert der Sonne zu stehen gekommen. Ruͤcke ich das Aphelium weiter hinaus, so waͤre der Comet bey der Erde entweder geschwinder gelaufen, und da- mit haͤtte er nicht koͤnnen hangen bleiben, oder die El- lipse waͤre noch unmoͤglicher geworden. Weiter habe ich diese Betrachtung nicht anders als auf eine allge- meine Art verfolgt. Ich fande gleich dabey, daß der Comet entweder gleich anfangs den Weg um die Erde haͤtte uͤber die Einrichtung des Weltbaues. haͤtte finden muͤssen, den jetzt der Mond nimmt, und da sehe ich gar nicht ein, wie er in diesen Weg hat kommen koͤnnen, da nun der Mond bestaͤndig darinn fortgeht, ohne ihn wieder zu verlassen: Oder ich haͤt- te muͤssen annehmen, daß sich die Sache erst nach und nach ergeben habe, und der Comet erst in der Folge der Zeit in seinen Beharrungsstand gekommen seye, in welchem wir nun den Mond sehen. Dieses aber kann ich mit den Gesetzen der Bewegung nicht zusammen reimen, weil es darauf ankoͤmmt, ob der Comet in ei- nem einigen Puncte seiner Bahn die Geschwindigkeit gehabt habe, die sich zu dem Abstande dieses Puncts von der Erde schickte. Ist dieses gewesen, so laͤßt sich an keine Aenderung mehr gedenken, und der Behar- rungsstand ist gleich von Anfang da. Im andern Fal- le hat er sich bey der Erde nicht aufhalten koͤnnen, und hoͤchstens ist seine Bahn um die Sonne etwas geaͤn- dert worden. So stelle ich mir die Sache vor, und finde da- bey noch keine Moͤglichkeit, aus einem Cometen einen Satelliten, und wie sie es anmerken, noch viel weni- ger unsern Mond zu machen, der sich so ausserordent- lich, und aus unergruͤndlichen Absichten, in gleicher Zeit um seine Axe und um seine Bahn herum dreht. Die Unwahrscheinlichkeit, die Sie, mein Herr, fuͤr die Satelliten uͤberhaupt berechnet haben, leuchtet mir vollkommen ein, und ich wuͤrde sie so gut als eine mo- ralische Gewißheit ansehen, wenn sie auch keine andere Gruͤnde angefuͤhrt haͤtten, die mich mehr als genug B 4 uͤber- Cosmologische Briefe uͤberzeugen. Ich wuͤnschte nur, daß die Philosophen, an statt uns so sehr in Schrecken zu setzen, sich auch bemuͤhen moͤchten, die Welt eben so wie die kleinern Geschoͤpfe von der Seite zu betrachten, und endlich in einem vollstaͤndigern Lehrgebaͤude uns die Sprache der Himmel zeigten, die uns etwas mehr als die Groͤße und Allmacht des Schoͤpfers, ich meyne, auch seine Weißheit und Guͤte lehren wuͤrde. Wie uͤberwiegend ist hierinn meine Wißbegierde, und wie geringe hingegen die Hoffnung, sie in kurzer Zeit zu stillen! Ich habe alles angewandt, um die Vergleichung zu machen, die Sie mir angerathen ha- ben, und von den unzaͤhligen Absichten, die wir bey den Dingen auf der Erde finden, auf die zu schliessen, so bey ganzen Weltkoͤrpern vorkommen. Ich durch- gienge nachmals, wozu jeder Theil, jede Mußkel, je- des Glied unseres Leibes diente, warum es an diesem, und nicht an einem andern Orte stehe, wie vollkom- men es zu seiner Absicht eingerichtet ist, was zu seiner Erhaltung dienet, wie es vor jedem Unfall gesichert, oder was bey jeder Beschaͤdigung wieder zu seiner Her- stellung beytraͤgt. Ich dehnte diese Betrachtung auf jede Thiere, auf jede Insecte aus, und suchte, wie seine Gliedmassen eingerichtet sind, daß dasjenige da- durch geschehen koͤnne, wozu es in der Welt gewied- met ist. Ich verfolgte seine Zufaͤlle durch jede Jahrs- zeiten, und bemerkte, was es fuͤr Abwechslungen da- bey leidet, wie es sich in Hitz und Kaͤlte anschickt. Ich durchliefe selbst jede Abaͤnderungen der Witterungen, und uͤber die Einrichtung des Weltbaues. und untersuchte, wozu die Folgen derselben in dem Pflanzen- und Thierreiche dienen muͤssen. Und bis dahin waren mir Nieuwentüt und Derham er- wuͤnschte Lehrer. Allein so bald ich mich uͤber die At- mosphaͤre hinauf schwingen, und solche Absichten, sol- che Einrichtung, solche Mannigfaltigkeit an der Buͤh- ne des Himmels finden wollte, da fieng an, vielmehr zu erstaunen, und in stiller Ehrfurcht zu bewundern, als etwas bestimmteres einzusehen. Es seye, daß die Ordnung, so hier herrschet, zu weit aussehend ist, als daß wir sie fassen koͤnnen, oder daß Jahrhunderte erfordert werden, bis sich uns eine Reihe von Veraͤn- derungen zeigt, so gestehe ich Ihnen gerne, daß ich hier nicht weit kommen konnte. Da Sie mir indessen dennoch die Cosmologischen Gruͤnde anrathen, so habe ich neue Kraͤfte gesammelt, um dieselben hier anzuwenden, ungeacht ich dabey nur sehr allgemeine Betrachtungen hoffen konnte, wie Sie es selbsten auch gedenken. Ich sahe wohl, daß ich den ganzen Weltbau uͤberhaupt als eine sehr zusam- mensetzte Maschine betrachten sollte. Bey dieser soll- te ich erstlich allgemeine Gesetze, aber bey jedem der- selben tausend kleinere Abwechslungen, und wieder neue Anwendungen auf andere und verschiedene Faͤlle finden. Ich stellte mir z. E. das Licht vor, das uͤber- haupt alle Fixsterne haben, das aber bey jedem dersel- ben seine besondere Staͤrke und Abwechslungen hat. Da setzte ich, die Planeten und Cometen, so davon erleuchtet werden, fordern diese Staͤrke, oder ihre Ab- B 5 aͤnderun- Cosmologische Briefe aͤnderungen. Ich durchgienge die Gesetze der Schwe- re, die eben so allgemein sind, und daher fande ich unzaͤhlige Mannigfaltigkeiten in dem Laufe der Plane- ten, die um die Fixsterne herum sind. Der Riß, den die Weltweisen schon laͤngsten daruͤber entworfen ha- ben, ist praͤchtig und groß, und es verursacht eine ehr- furchtsvolle Bewunderung, wenn man uͤberdenket, daß der ganze Himmel, und alle Weltkugeln durch ein ei- niges Gesetz bewegt werden, und in der That, wenn kein anderes dabey statt haͤtte, so wuͤrde dieses allein hinreichend seyn, um zu zeigen, daß dadurch alle Him- mel mit einander in einer sehr genauen Verbindung stehen, daß die ganze Welt ein zusammenhaͤngendes Ganzes ist, und daß sie nicht aus einzelnen und abge- brochenen Stuͤcken zusammen geflickt seye. Diese Saͤtze sind allerdings groß und schoͤn, aber es ist doch noch so gar wenig Speciales dabey. Da ich also auf diese Art nicht viel finden konn- te, so kehrte ich um, und suchte bey der Erfahrung an- zufangen, so unvollstaͤndig sie noch seyn mag. Ich nahm daher die Halleyische Tafel von dem berechneten Lauf der Cometen vor, die man bis zu seiner Zeit ge- nau observiret hatte. Diese vergliche ich so unterein- ander, daß ich sehen wollte, ob sie in gewisse Ordnun- gen koͤnnten gebracht werden. In allem sind es 24, und eigentlich nur 21, weil einer dieser Cometen drey- mal, und ein anderer zweymal vorkoͤmmt. Ungeacht ich mir wohl einbilden konnte, daß diese Zahl noch sehr geringe ist, und daher in der Ordnung, die ich suchte, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. suchte, noch viele Luͤcken bleiben wuͤrden, so vermu- thete ich doch, daß unter diesen 21. mehr als eine Art seyn wuͤrde, weil sie Halley nicht ausgesucht, son- dern genommen hat, wie er sie haben konnte. Schreiben Sie, mein Herr, dieses Unternehmen einer uͤberwiegenden Neubegierde zu, dazu mich Ihr Brief aufgewecket hat. Ich werde Ihnen nun den Erfolg und meine Schluͤsse angeben, so ich dabey ge- macht habe, und bitte mir von Ihnen aus, daß Sie sie weiter fortsetzen, und mir mittheilen moͤchten, wenn sie Ihnen der Muͤhe zu lohnen scheinen. Sie werden doch immer daran sehen, daß ich wuͤnschte, in die A- stronomischen Geheimnisse einzudringen, und ich wuͤrde vergnuͤgt seyn, wenn mich diese Bemuͤhungen auf ih- re Spur braͤchten, auf deren Sie merkwuͤrdigere Um- staͤnde muͤssen entdeckt haben, wie ich es aus ihrem Briefe abnehme. Ich fienge bey den Periheliis dieser Cometen an, und fande unter allen 21. nur zween, deren Perihelium weiter von der Sonne weg ware als die Erde in ihrer mittlern Entfernung, und der Unter- schied ware unerheblich. Die uͤbrigen 19. hatten ihr Perihelium zwischen der Erde und der Sonne, und zwar zwischen der Erde und der Venus giengen nur 2, zwischen der Venus und dem Mercurius hingegen 11, und zwischen dem Mercurius und der Sonne 6. durch. Hieraus konnte ich nichts anders vermuthen, als daß die Cometen, deren Perihelia weiter von der Sonne weg und der Erdbahn nahe sind, seltener gesehen wer- den, oder wohl gar auch seltener wieder kommen. Denn Cosmologische Briefe Denn ich sollte doch wohl gedenken, daß es Cometen gebe, die der Sonne nicht naͤher kommen, als z. E. Mars oder einer der obern Planeten. Sodann vergliche ich diese kleinsten Entfernun- gen mit dem Neigungswinkel, und fande, daß die- ser bey allen den 6. Cometen, die sich unter den Mer- curius zu der Sonne senken, allezeit uͤber dreyßig Grad, und bey vier derselben uͤber 60. Grad wa- re. Bey den uͤbrigen, die nicht so tief gehen, fande ich alle Neigungswinkel ohne Unterschied, doch so, daß der kleinste derselben uͤber 5. Grade ware. Ich weiß wohl, daß man hieraus schon laͤngsten geschlossen, daß die Neigungswinkel deß- wegen groͤsser seyen, damit die Cometen den Pla- neten ausweichen koͤnnen Allein warum hat man uns dennoch dieselbe so foͤrchterlich gemacht? Endlich fand ich, daß die Cometen, so zum zweyten- und drittenmale in der Tafel vorkom- men, jedesmal eine andere Lage in ihrer Bahn hatten, ungeacht die Aenderung nicht groß ist, so zeigt sie mir doch, daß man von der jezigen Bahn ei- nes Cometen auf seine kuͤnftige nicht so genau schlies- sen koͤnne. Was glauben Sie hievon, mein Herr! Koͤnn- te nicht der Comet von 1680, den man uns als den uͤber die Einrichtung des Weltbaues. den forchtbarsten vormahlt, vor seiner Ruͤckkunft an- dere Cometen unterweges antreffen, denen er zu Lieb seine Bahn aͤnderte, daß sie nicht mehr so na- he bey der Erdbahn vorbey gienge, als es 1680. geschahe? Sie sehen nun hier meine Entdeckungen, nach welchen ich gerne mein Cometen-System ein- richten wollte, wenn Sie mir dazu helfen. Je naͤher ein Comet der Sonne kaͤme, desto groͤsser wollte ich seinen Neigungswinkel machen, und die kleinern Neigungswinkel muͤßten mir davon ausge- schlossen bleiben. Den uͤbrigen, die entfernter bleiben, koͤnnte ich auch die Neigungswinkel groͤs- ser und kleiner setzen, und ich wuͤrde acht haben, daß ein Comet desto mehr freyen Raum um sich haͤtte, je groͤsser derselbe waͤre. Denn ich sehe die- ses auch an den Planeten, da Jupiter und Saturn so weit von einander, und von den uͤbrigen weg sind. Glauben Sie, daß ich fuͤr ihre Laufbahn auch Parabeln und Hyperbeln setzen koͤnne, oder sollen es lauter Ellipsen seyn? Es ist ja bewiesen, daß alle Kegelschnitte gleich moͤglich sind, wenn nur die Sonne in ihrem Brennpuncte ist. Was woll- ten Sie nun aus solchen Cometen machen, die uns nur einmal besuchen, und sodann auf ewig wieder Abschied nehmen. Gewiß, ich wollte den Comet von 1680. gern in eine Hyperbel setzen, wenn er uns nur mit Unheil drohen sollte, wie man uns vorgeben Cosmologische Briefe vorgeben will. Aber bey Ihrem System, mein Herr, waͤre es Schade, wenn er nicht oͤfters wie- derkaͤme, weil er doch immer einer von den schoͤnsten und sehenswuͤrdigsten ist. Ich erwarte Ihre Antwort mit groͤßtem Ver- langen; Wie gerne wuͤnschte ich, einmal wieder bey Ihnen zu seyn, ich wuͤrde weder Ellipsen noch Hyperbeln suchen, um zu Ihnen zu kommen, und die geraͤdeste Linie muß immer der Weg der Freund- schaft seyn, der mich am richtigsten zu Ihnen fuͤh- ret, wenn es je das mir nur zu langsame Geschi- cke zulaͤßt. In dieser angenehmen Hoffnung ver- bleibe ich Mein Herr ꝛc. Vierter uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Vierter Brief. S ie kommen mir, mein Herr, in ihren Betrach- tungen uͤber die Verfassung des Weltbaues zu- vor, und die Muͤhe, die Sie sich haben geben wollen, aus der Cosmologie und aus der Erfahrung Gruͤnde dazu aufzusuchen, und sie mir guͤtigst mitzu- theilen, verbindet mich, nun auch meinen Gedanken aufzubieten, um zu sehen, ob ich etwas dazu beytra- gen kann. Ihr Eifer hierinn solle mir zum Vorbilde dienen, aber sagen Sie mir, ist es denn nur eine freundschaftliche Willfaͤhrigkeit, daß Sie mir keine Einwuͤrfe wider mein System machen, oder wollen Sie mit der naͤchsten Art, das Fuͤrchterliche aus der Welt zu verbannen, zufrieden seyn? Sie sind ja so gut ein Philosoph, als die, so diese Schrecknisse ausge- dacht haben, und das Recht, das uns die Weltweiß- heit giebt, von jedem Vorgeben einen zureichenden Grund zu fordern, ist Ihnen, ich weiß es, in allem seinem Umfange bekannt. Ich gestehe Ihnen gerne, daß mir mein System nur deßwegen mehr einleuchtete, weil es mir vorkame, daß es sich fuͤr eine Welt besser schickte, die die voll- kommenste seyn solle, und aus diesem Grunde schiene mir auf die rechtmaͤßigste Art zu folgen, daß die Ue- bel desto seltener seyn muͤssen, je groͤsser sie sind. Ich fande keine Ursache, eine neue Schoͤpfung anzunehmen, und noch viel weniger wollte ich ganze Weltgebaͤude oͤde Cosmologische Briefe oͤde und unbewohnt machen. Es wuͤrde dadurch eine Seite der Welt immer unbetrachtet bleiben. Ein Planet, der aus seinem Gleise weggeruͤckt wuͤrde, oder einem Cometen nachfolgen muͤßte, schiene mir seiner Zerstoͤrung sehr nahe zu seyn, und ich hielte alle seine Einwohner ohne Hoffnung einer Erneuerung und Fort- pflanzung, fuͤr immer verlohren und ausgetilgt. Ver- setzen Sie die Thiere, die unter den Polen ihren Auf- enthalt haben, und dazu ausgeruͤstet sind, in die Afri- kanische Sandwuͤsten, oder die, so hier ihren Aufent- halt finden, auf die Eisgebuͤrge der Polarlaͤnder, die- se Versetzung wuͤrde noch wenig zu sagen haben. Las- sen sie aber das Meer austrocknen, und geben sie den Fischen die Luft zu ihrem Wohnorte, so kommen wir den Folgen, die die Verruͤckung eines Planeten nach sich ziehen wuͤrde, um ein merkliches naͤher. Aber die Unwahrscheinlichkeit steigt zugleich zu ihrem wahren Grade empor. Es ist wahr, wenn ich setze, der Lauf der Welt- koͤrper seye so eingerichtet, daß eben die kleinern Ver- aͤnderungen, die sie einander verursachen, dazu dienen muͤssen, daß sie einander immer ausweichen koͤnnen, so nehme ich etwas an, das sich eben so strenge nicht er- weisen laͤßt. Ich nehme darinn die Weißheit des Schoͤpfers in ihrem voͤlligen Umfange. Ich setze zu- gleich, daß die Erhaltung der Weltkoͤrper und ihrer Bewohner eine solche Absicht der Schoͤpfung gewesen, dabey keine Ausnahme zulaͤßig ware, die eine voͤllige Zerstoͤrung einschlosse. Laͤßt man diese Saͤtze gelten, so uͤber die Einrichtung des Weltbaues. so ist doch immer mehr eine Bewunderung als ein voll- staͤndiger Beweis dabey, und man kann mir immer in Zweifel ziehen, ob eine solche Einrichtung moͤglich ge- wesen, gesetzt, daß auch die Erhaltung der Weltkoͤrper und ihrer Einwohner keine Ausnahme haͤtte leiden koͤnnen. Sie sehen hieraus, mein Herr, daß ich mein System nicht ohne Zweifel gelassen, ungeacht ich die Absicht nicht habe, dieselben ohne Noth zu vergroͤssern. Ich muß Ihnen aber doch sagen, was sich dabey ge- denken laͤßt. Sie weichen ohnedeme aus richtigen Gruͤnden den Redensarten aus, die einen bloßen Zu- fall in den Dingen der Welt in sich schliessen. So z. E. wenn der Comet von 1680. so nahe bey der Erdbahn vorbey gegangen, daß er von derselben nicht weiter weg gewesen, als der Mond von der Erde ist, so sind Sie, mein Herr, schon laͤngsten gewoͤhnt, den Ausdruck zu vermeiden: Es ist ein Gluͤck, daß sich die Erde damals nicht daselbst befunden. Denn in der That faͤllt hier Gluͤck und Zufall weg, so bald man die Sache als eine Folge von der Einrichtung der Welt einsieht, und es wird eine Absicht des Schoͤpfers heis- sen, daß er fuͤr die Erhaltung der Erde und des Co- meten auf diese Art sorgen wollte. Wir muͤssen ohne- deme nothwendig alles, was wirklich geschieht, als Mit- tel und Absichten ansehen, die in den ewigen Rath- schluͤssen auf die allerweiseste Art unter einander geord- net sind. C Laͤßt Cosmologische Briefe Laͤßt sich ferner aus den Gesetzen der Schwere be- weisen, daß es unmoͤglich ist, daß zween Weltkoͤrper aneinander stossen koͤnnen, oder daß, wenn es je ein- mal geschehen wuͤrde, ihre Laufbahn aus Vorsatz dazu muͤßte eingerichtet worden seyn, weil es vollkommen individuale Umstaͤnde dabey erfordert, so haben wir im ersten Falle fuͤr die Erhaltung der ganzen Koͤrper keine Sorge zu tragen, bey dem andern aber wuͤrde immer der Beweis auf die fallen, die es behaupten wollten, weil ich hier allen Zufall schlechterdings aus- schliesse, und sicher annehmen kann, daß so individua- le Umstaͤnde wesentliche Ausnahmen von allgemeinen Absichten des Schoͤpfers sind. So weit wir noch jezt die Laufbahn der Cometen kennen, finden sich noch kei- ne solche Durchschnitte, die einstens dergleichen Zer- ruͤttung nach sich ziehen koͤnnten, und was Sie, mein Herr, uͤber die Halleysche Tafel anmerken, daß die zum zweyten- und drittenmale wiedergekommene Co- meten allezeit eine geaͤnderte Bahn hatten, mag schon zeigen, daß, wenn auch dergleichen Durchschnitte ein- mal waͤren, sie noch lange nicht unveraͤndert bleiben. Das Aneinanderstossen der Weltkoͤrper scheint mir noch immer von den Absichten der Schoͤpfung am weitesten entfernt, weil jede geringe Aenderung in der Bahn eines Cometen zureichend ist, es auszuweichen. Und die Betrachtung, die Sie gemacht haben, daß Cometen keine Satelliten werden koͤnnen, beweißt zu- reichend, daß Satelliten vom Anfange her Satelliten gewesen sind. Ich schliesse kurz daraus, jede Plane- ten, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ten, Satelliten und Cometen seyen an diesem, und nicht an einem andern Orte, weil sie an denselben ge- setzt worden, und weil ihre Bewohner alle dazu einge- richtet sind. Was wuͤrden wir ausserhalb dem Sa- turn und in einem mehr als 70jaͤhrigen Winter anfan- gen? Denn dieser Winter waͤre, wie Sie es anmer- ken, unter allen denen, so Cometen auszustehen ha- ben, noch der kuͤrzeste. Ich weiß wohl, daß diese Betrachtungen, die ich mir in Menge gemacht habe, nur abgebrochene Stuͤcke des Beweises sind, den man fuͤr mein System fordern kann. Aus unsern kurzen Erfahrungen kann man noch nicht auf die kuͤnftigen schliessen, und die Cosmologischen Gruͤnde lassen sich hier noch nicht bis zur Vollstaͤndigkeit entwickeln. Ich wuͤnschte mit Ih- nen, daß sich die Weltweisen darinn etwas Muͤhe ge- ben moͤchten, ob man die Erhaltung ganzer Weltkoͤr- per unter die Absichten des Schoͤpfers rechnen koͤnne, die keine Ausnahmen leiden. Wenigstens achte ich mich hierinn befugt, diese Ausnahmen so geringe zu se- tzen, daß sie als unendlich klein koͤnnen angesehen wer- den; und mein System von dem Weltbaue wird hoͤch- stens darinn fehlen, daß ich es vollkommener annehme, als es moͤglich scheinen moͤchte. Der Umfang der All- wissenheit und der Weißheit des Schoͤpfers ist unend- lich, und ich werde mich immer huͤten, derselben Schran- ken zu setzen. Dieses wuͤrde geschehen, wenn ich eine Vollkommenheit, ohne Beweiß eines nothwendigen Widerspruches, fuͤr unmoͤglich und fuͤr zu groß anse- C 2 hen, Cosmologische Briefe hen, oder das, was wir in Kleinem bewundern, in dem Ganzen missen wollte. Ich habe die Betrachtungen, die Sie, mein Herr, uͤber Halleys Tafel angestellt, mit vielem Vergnuͤgen durchgelesen, und sie mit der Tafel vergli- chen. Sie koͤnnen mit gutem Grunde fortfahren, den Raum um die Sonne nach denen Regeln, die Sie sich entworfen haben, mit Ellipsen auszufuͤllen, und die Ursachen, die Sie angeben, warum die Cometen in der Tafel seltener sind, die nicht so nahe zur Sonne kommen, leuchten mir vollkommen ein. Es ist fast nothwendig, daß die Cometen, die sich bis unter den Mercurius herunter senken, entweder im Heranruͤcken oder in ihrer Ruckkehr auf der Erde gesehen werden, und der einige Fall, wo diß nicht wohl angeht, ist, wenn der laͤngere Theil der Ellipse sich abwaͤrts neigt, denn alsdann werden sie mehrentheils nur jenseits des Aequators gesehen werden koͤnnen, weil sie uns in ih- ren besten Umstaͤnden unter dem Horizonte bleiben. Eben so geht es mit denen, die zwischen der Sphære der Venus und des Mercurius durchgehen. Sie ge- brauchen etliche Monate, um diesen Weg um die Son- ne zu machen, und haben ein staͤrkeres Licht von der Sonne, und grossen Theils auch einen ansehnlichen Schweif, weil sich dieser bey ihrer Annaͤherung gegen die Sonne verlaͤngert, wie uns der Comet von A. 1744. ein deutliches Beyspiel davon gegeben. Die Erde mag zu solcher Zeit in Opposition oder in Conjun- c tion mit dem Cometen und der Sonne stehen, so sind etliche uͤber die Einrichtung des Weltbaues. etliche Monate genug, um denselben entweder des A- bends oder des Morgens zu sehen. Dieser Grund ist hinreichend, um zu zeigen, warum unter den 21. Co- meten, der Halleyschen Tafel, 17. waren, die inner- halb der Venus, und unter diesen 6. die innerhalb des Mercurius ihr Perihelium hatten. Hingegen ist es ganz anders mit denen Come- ten, deren Perihelium so weit oder noch weiter, als die Erde von der Sonne entfernt ist. Ihre groͤßte Erleuchtung ist schwaͤcher, ihre Schweif nicht so groß, und die Erde muß in sehr vortheilhaften Umstaͤnden seyn, wenn wir sie sehen sollen, und auch ihre Sicht- barkeit waͤhrt hoͤchstens einige Tage, oder wenige Wo- chen. Kommen sie der Erde sehr nahe, so ist ihr scheinbarer Lauf sehr geschwinde, und sie legen am Himmel taͤglich 10, 20, und mehr Grade zuruͤck. Da- her werden sie in kurzer Zeit kleiner, und verlieren sich aus dem Gesichte. Und da ihre kleinste Entfernung so groß ist, so mag man leicht eine laͤnglichte Ellipse annehmen, und ihre Ruͤckkehr wird auf viele Jahrhun- derte hinaus gesetzt. Dieses mag wiederum etwas beytragen, um ihre Erscheinung seltener zu machen. Ich vermuthe aber nicht, daß es viel austrage, und die vorigen Betrachtungen sind guͤltigere Gruͤnde. Denn da sich der Raum um die Sonne mit dem Ab- stande vergroͤssert, so haben auch mehrere Ellipses da- selbst Platz, und desto mehrere Cometen koͤnnen wieder erscheinen, ob gleich jeder derselben laͤnger ausbleibt. C 3 Ich Cosmologische Briefe Ich rechne fast alle die Cometen zu dieser Classe, die man nur wenige Naͤchte, aber dagegen fast alle Jahre andere sieht. Die Zeit ihrer Sichtbarkeit ist oͤfters zu kurz, um ihre Laufbahn daraus zu bestimmen. Viele darunter werden uns von den Wolken bedeckt, und wenn man erst Fernroͤhre gebrauchen muß, sie zu entdecken, so ist leicht zu erachten, daß es sich eben nicht so ofte zutragen, sondern mehrentheils nur gele- gentlich geschehen werde. Da die Cometen uͤberdiß wegen ihrer groͤssern Atmosphære einen geringern Glanz haben, so ist es nicht vermuthlich, daß wir sie sehen koͤnnen, so bald sie sich niemals unter den Mars herunter senken, weil wir auch die sichtbaren in dieser Entfernung von der Sonne schon wieder anfangen aus den Augen zu verlieren. Der Comet von 1759. haͤlt sich fast 5. Jahre inner dem Kreyse des Saturns auf, uns aber ist er kaum so viele Monate sichtbar. Halleys Tafel, wie Sie es, mein Herr, an- merken, giebt uns nur noch einen kleinen Anfang von der Lage der Cometenbahnen, darinn noch nicht alle Arten derselben sind. Nehmen Sie nur die Perihelia zum Beyspiele. Wir wollen sie noch nicht entfernter setzen als die Erde, sondern inner diesen Schranken bleiben, und die, so doppelt und dreyfach darinn vor- kommen, nur einmal rechnen. Unter allen diesen Di- stanz en sind 7. und daher der dritte Theil von allen, die zwischen die Zahlen 50000. und 60000. fallen. Ich sollte daraus vermuthen, daß dieses die Umstaͤnde eines Cometen seyen, dessen Sichtbarkeit auf unserer Erde uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Erde am meisten moͤglich ist. Zwischen 70000. und 80000. findet sich in der Tafel keiner, ungeacht der Raum zwischen diesen beyden Distanzen viel groͤsser ist als der zwischen den beyden erstern. Wenn wir auch setzen, der Comet von 1680. komme unter allen der Sonne am naͤchsten, so lassen sich noch wenigstens fuͤnf oder sechs andere gedenken, die eben so nahe kommen koͤnnen, ohne einander zu stoͤren. So koͤnnen 12. und mehr andere doppelt so weit wegbleiben, und ich haͤtte uͤberhaupt gute Lust, die Anzahl der Cometen wie die Quadrate des Abstandes ihres Perihelii an- wachsen zu machen, und diesen Abstand bis ziemlich weit uͤber den Saturn hinaus zu erstrecken. Ich muß Ihnen doch ein kleines Muͤstergen von meinem Ent- wurfe geben, und dabey werde ich so gemaͤßigt verfah- ren, als mir immer moͤglich ist. Ich nehme nach Ihrer Anmerkung uͤber die Hal- leyische Tafel nicht mehr als 6. Cometen an, die zwi- schen dem Mercur und der Sonne durchgehen. Die- ses ist unstreitig sehr maͤßig. Denn wenn ich die Luͤ- cken in der Halleyischen Tafel ausfuͤllen wollte, so wuͤr- den etliche hundert, und vielleicht mehr als tausend nicht zureichen. Aber ich bleibe bey den 6, die in der Tafel stehen. Sodann will ich die Perihelia nicht weiter hinaus ruͤcken, als die Bahn des Saturns ist, ungeacht noch ausserhalb Raum genug dazu bliebe, weil der naͤchste Fixstern wenigstens 50000mal weiter von unserer Sonne weg ist, als Saturn. Sie sehen demnach, wie sachte ich gehe. Wenn ich nun nach- C 4 rechne, Cosmologische Briefe rechne, so finde ich das Quadrat bey dem Abstande des Saturns bey 600mal groͤsser als des Mercurs. Und jenen Raum setze ich nicht dichter mit Periheliis von Cometen angefuͤllt als diesen. Die Rechnung ist nun bald gemacht. Denn ich werde wohl nicht weniger als 6mal 600, das ist in die 3600. Cometen heraus bringen. Sollten Sie wohl gedenken, daß wir bey unserer Sonne so viele Nachbarn haͤtten? Allein die- ses scheint mir noch immer viel zu wenig. Denn neh- me ich an, daß wir alle die nicht zu sehen bekommen, deren Perihelium weiter als Mars von der Sonne weg ist, dessen Laufbahn 40mal weniger Flaͤche hat als die vom Saturn, so rechne ich wiederum, daß wir von diesen 3600. Cometen nur den 40sten Theil, und daher nicht mehr als 90. zu Gesichte bekommen. Diese Zahl ist unstreitig zu klein. Schlagen Sie einmal eine Verzeichnis von den wirklich gesehe- nen Cometen auf. Werden Sie nicht finden, daß man schon uͤber etliche hundert gesehen, die Lufterschei- nungen nicht mit gerechnet, die man in den aͤltern Zei- ten damit vermengt hat? Diese Zahl muͤssen Sie we- nigstens doppelt nehmen, theils weil viele unter Ta- gen, viele andere bey truͤben Naͤchten, und noch mehr andere wegen der suͤdlichen Breite nicht gesehen wor- den. Dadurch ersetzen Sie diejenigen genugsam, die mehr als einmal zu uns gekommen, welches so ofte nicht geschieht, weil die meisten viele Jahrhunderte ausbleiben, und eben nicht bey jeder Ruͤckkunft sicht- bar sind. Sie haben selbst aus den 24, so in Hal- leys uͤber die Einrichtung des Weltbaues. leys Tafel stehen, aus diesem Grunde nur 3. wegge- schaft, und es ist sehr vermuthlich, daß Cometen um die Sonne gehen, die seit der Suͤndfluth kaum einmal bey uns gewesen sind. Ueberdiß wird nicht leicht ein Jahr vergehen, darinn man nicht wenigstens einen Co- meten sehen koͤnnte, wenn es so leicht waͤre, die, so weniger sichtbar sind, aufzuspuͤhren, und man, wie die Chineser, jede Nachtwachten gegen den Himmel aus- stellen wollte. Wenn ich den Cometen von 1680. zum Maaß- stab annehme, so wuͤrde ich alle die 3600. Cometen allein innert den Mercur bringen koͤnnen. Denn sein Perihelium war uͤber 60mal naͤher bey der Sonne als die Bahn dieses Planeten. Quadriren Sie 60, so wird ordentlich 3600. herauskommen, und nach die- sem Maaße haͤtte ich innert dem Saturn 600mal 3600, folglich uͤber zwo Millionen Cometen. Und da neben dem Cometen von 1680. noch gut 2. oder 3. andere seyn koͤnnen, so wuͤrde ich fuͤnf Millionen an- nehmen. Glauben Sie, mein Herr, daß dieses zu viel waͤre? Der Lauf eines Cometen in einer Parabel, eben so wie der in einem Circul, ist an sich betrachtet, so gut moͤglich, wie der in Hyperbeln und Ellipsen, aber die Natur leidet eine so vollkommene Regelmaͤßigkeit nicht. Sie wissen, mein Herr, wie nahe diese Linien aneinander grenzen, und wie wenig es gehraucht, um einen Circ u l in eine Ellipse, und eine Parabel in eine C 5 Hyper- Cosmologische Briefe Hyperbel, oder auch in eine Ellipse zu verwandeln. Setzen Sie nun, einer der Planeten waͤre wirklich in einem Circul herum gelaufen, so werden Sie leicht finden, daß jeder Comet, der in seine Naͤhe koͤmmt, seine Bahn aͤndern, und den Circul etwas ablang ma- chen koͤnne. Er wird also nicht lange darinn bleiben. Und wenn Saturn gleich in einem Circul einher ge- gangen waͤre, so wuͤrde die naͤchste Conjun c tion mit Jupiter denselben in eine Ellipse verwandelt ha- ben. Eben dieses gilt auch bey den Parabeln; Es ist physicalisch-unmoͤglich, daß sie sich nicht in kur- zer Zeit in Ellipsen oder Hyperbeln haͤtten verwandeln sollen. Es ist wahr, bey den Circuln haben so kleine Veraͤnderungen nichts zu sagen, der Planet wird im- mer bey unserer Sonne bleiben, wenn gleich seine El- liptische Bahn bald groͤsser, bald kleiner wird. Hin- gegen bey den Parabeln wird der Unterschied merkli- cher. Denn wird eine Parabolische Bahn in eine El- lipse verwandelt, so bleibt der Comet bey unserer Sonne, und bekoͤmmt einen Periodischen Lauf. Ent- steht aber eine Hyperbel daraus, so sehen wir ihn nicht mehr, weil er sich nothwendig von der Sonne immer entfernt. Ich will Ihnen eben nicht behaup- ten, ob es solche Laufbahne gebe, aber wenn es der- gleichen giebt, so ist nothwendig, daß der Comet nach und nach in das Gebiet einer andern Sonne koͤmmt, und vermuthlich viele tausend Jahre unter- weges zubringt. Naͤhert er sich aber dem Fixstern, gegen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. gegen welchen er sich von unserer Sonne entfernt hat, so gilt auch dorten das allgemeine Gesetz der Schwere, und er wird um diesen Stern eine von den vorgenannten krummen Linien zu seiner Laufbahn bekommen, folglich entweder daselbst bleiben, oder sich aufs neue wieder gegen andere Fixsterne wen- den. Das letztere ist nothwendig, so lange seine Bahn nicht durch irgend einen Cometen oder Plane- ten in eine Ellipse verwandelt wird, und diese Ver- wandlung ist leichter oder schwerer, je nachdem die Hyperbel, die er daselbst zu beschreiten angefangen, von der Parabel weniger oder mehr verschieden ist. Auf diese Art liessen sich Weltkoͤrper oder Cometen gedenken, die bey keinem Fixstern blieben, sondern dazu geordnet waͤren, einen nach dem andern zu besuchen. Ich habe mich schon oͤfters mit der Betrach- tung solcher Cometen aufgehalten, und ware um ih- re Einwohner besorgt. Rathen Sie, mein Herr, was fuͤr welche ich dazu bestimmt haͤtte? Werden Sie es wohl gedenken, ich haͤtte lauter Astronomen aus denselben gemacht, die dazu geschaffen waͤren, den Bau des Himmels, die Stellung jeder Son- nen, die Lage und Laufbahn ihrer Planeten, Satel- liten und Cometen in ihrem ganzen Zusammenhange zu betrachten. Jenes waͤre in dem langen Zeitlaufe geschehen, den ihr Wohnort zubringt, von einer Sonne zur andern zu gehen, und dieses wuͤrde ge- schehen, wenn sie im Begriffe waͤre, um eine Son- ne Cosmologische Briefe ne herum einen neuen Weg zu suchen, um jede Him- mel von neuen Seiten zu betrachten. Ihnen muͤs- sen Jahrhunderte, wie uns einzele Stunden vorbey gehen, und die Unsterblichkeit muͤßte ihr Erbtheil seyn, weil sich die Zeit nach ihren Verrichtungen ausmißt, wie es auf unserer Erde Insecten giebt, deren ganzes Leben sich innert dem Verlaufe weniger Stunden anfaͤngt und endigt, weil ihre Geschaͤfte nicht laͤngere Zeit fordern. Glauben Sie nicht, mein Herr, daß das Welt- gebaͤude auch von dieser grossen Seite muͤsse betrachtet werden? oder sollte der Allerweiseste, der die Wel- ten angeordnet hat, nur in den kleinern Theilen, wie es von uns geschehen kann, bewundert werden, und die Einrichtung und Anordnung aller Sonnen und Irrsterne unbetrachtet bleiben. Ich gedenke das letz- tere. So wie wir auf jedem Staube eine belebte Welt, und in jedem Tropfen ein Meer voll Creatu- ren durch die Vergroͤsserungsglaͤser entdecken, so fin- den diese Astronomen Himmel voll grosse Weltkoͤr- per. Und wie uns bey unseren Betrachtungen einze- le Stunden vergehen, so vergehen denselben bey Be- trachtung ganzer Sonnensystemen Jahrtausende. Sie, mein Herr, wissen ohnedeme, daß Zeit und Raum weder groß noch klein sind, sondern nur in ihrer Ver- haͤltnis gegen einander muͤssen betrachtet werden, weil beyde mit einander groͤsser und kleiner werden. Ein Schiffer, der in Indien faͤhrt, ist laͤngsten schon da- zu gewoͤhnt, daß er seine Reise nicht nach Stunden, sondern uͤber die Einrichtung des Weltbaues. sondern nach Monaten abmißt, und die taͤgliche Er- fahrung lehrt uns, daß uns Jahre vergehen koͤnnen, wie einzele Tage, und hingegen Stunden uns laͤnger als Tage scheinen, so ofte wir wuͤnschen muͤssen, daß sie doch bald vorbey waͤren. So zaͤhle ich mit Sehn- sucht jede Augenblicke, die mir zu Jahren werden, seit dem ich Sie nimmer sehe. Sie verkuͤrzen sich bey Durchlesung Ihrer Schreiben, und wann ich an Ihren Umgang und die vormals so kurzen Stunden gedenke, die uͤber unseren Unterredungen vorbey eil- ten. Ich sehne mich darnach, daß sie wieder kom- men, die erwuͤnschten Stunden, da ich Ihnen mit tausend Freuden werde bezeugen koͤnnen, daß ich nie- mals aufhoͤren werde zu seyn, Mein Herr ꝛc. Fuͤnfter Cosmologische Briefe Fuͤnfter Brief. I hr Weltgebaͤude, mein Herr, ist mir viel zu an- genehm, als daß mir Einwuͤrfe dawider so leicht einfallen sollten, und wenn mir je der- gleichen in Sinne kaͤmen, so wuͤrde ich sie Ihnen alle- mal lieber als Fragen vorlegen, die Ihnen zu noch mehrerer Aufklaͤrung desselben dienen koͤnnten. Aber dafuͤr bin ich nicht besorgt. Sie muͤssen allerdings noch weiter hinaus gedacht haben, als Sie es noch sa- gen wollten, als Sie mir die Schriften zu lesen gaben, die daruͤber herausgekommen sind. Und endlich recht betrachtet, was sollte ich Ihnen einwenden? Wieder Ihre Hauptabsicht? Dieses wuͤrde mir auch in dem ungereimtesten Traume nicht einfallen. Sie geht ja dahin, daß Sie im ganzen Weltbaue eben die Ord- nung, Harmonie, Mannigfaltigkeit und Abwechslung, Zusammenhang, Vollkommenheit, Schoͤnheit, Mittel und Absichten finden wollen, die wir auf der der Erde auch in den kleinsten Theilen bewundern. Sie suchen die Ausnahmen unendlich klein zu machen, und noch gar in Zweifel zu ziehen, ob es Ausnahmen sind, oder ob sie nicht vielmehr als Mittel angesehen werden muͤs- sen, dadurch die Abwechslung mannigfaltiger und die Ordnung in dem Laufe der Weltkoͤrper vollkommener und dauerhafter wird. Sie verbannen alles, was ei- nem blinden Ungefehr nahe kaͤme, und das, was wir sonst, ohne daran zu denken, ein Gluͤck nennen, machen Sie zu einer Folge von der Einrichtung der Welt, und zu uͤber die Einrichtugg des Weltbaues. zu einer Probe der Weisheit und Guͤte des Schoͤp- fers, der unter allen Welten die vollkommenste waͤhl- te, und schuf. Lassen Sie es immer gelten, daß es Weltalter gebrauchen werde, bis sich die Folgen dieser Einrich- tung aufklaͤren, und darthun werden, daß die Welt nicht fuͤr Augenblicke geschaffen seye, wie Gewuͤrme, die nur Stunden gebrauchen, um die kurze Veraͤnde- rung auf unserer Erdflaͤche herfuͤrzubringen, wozu sie gewiedmet, und wozu alle ihre Gliedmaßen eingerich- tet sind. Was Sie, mein Herr, von ganzen Welt- systemen sagen, ist ihrer Groͤße, ihrer Pracht, ihrer Dauer und Bestimmung gemaͤß, und der Zweifel, den Sie sich selbsten uͤber die Moͤglichkeit einer solchen Ein- richtung machen, verschwindet, wenn man das Unend- liche in dem Umfange der Allwissenheit, Macht, Weis- heit und Guͤte des Schoͤpfers uͤberdenkt. Woran wollen Sie denn ferner zweifeln? Ist es nicht so, die Hauptfrage koͤmmt darauf an: ob alle Cometen und Planeten einander auf immer auswei- chen koͤnnen? Fordern Sie hieruͤber meine Einwuͤrfe? da ich von Anfang schon, auf die Weltweisen zuͤrnte, daß sie sich nur mit dem schlimmsten, das je moͤglich ware, aufhielten, und uns bald haͤtten zu glauben ge- geben, die Welt seye just so eingerichtet, daß wir in kurzem mit einem Cometen davon muͤßten: Sie, mein Herr, nehmen doch unter allen Moͤglichkeiten, die wahrscheinlichste an, weil sie unter allen die weiseste und Cosmologische Briefe und guͤtigste ist, die in den Schaͤtzen der Allwissenheit GOttes waren. Halten Sie sich immer an den gros- sen Satz? Die ganze Welt ist eine fortdaurende Wir- kung aller goͤttlichen Vollkommenheiten zusammen- genommen, was werden Sie dabey anders als Liebe, Guͤte, Allmacht, Weisheit, Vorsicht und Erhaltung des Ganzen, Ordnung, Dauer und Vollkommenheit heraus bringen? Werden Sie nicht nothwendig dar- aus folgern, daß die Dauer des Ganzen ewig fortwaͤh- ren, und die Erhaltung jeder Theile der Ewigkeit desto naͤher kommen muͤsse, je groͤsser sie sind, und je naͤher sie dem Ganzen kommen. Ist es nicht so, was sterb- lich ist, pflanzt sein Geschlecht fort, und was der Ver- aͤnderung unterworfen ist, erneuert sich? Wo finden Sie Ausnahmen an diesen ewigen Gesetzen, und wenn Sie keine finden, wo wollen Sie denn auch nur Scheingruͤnde fuͤr die Zerruͤttung der Weltsystemen aufsuchen? Sie gebrauchen ja zu ihrem Weltbaue das Gesetz der Schwere, das irgend ein Genius dem New- ton in einer Entzuͤckung geoffenbahrt hat, und die Bahnen der Weltkoͤrper sind dabey nicht willkuͤhrlich, sondern gerade und umgekehrt erwiesen. Sollte ich noch unwahrscheinlichere Umstaͤnde zusammentraͤumen, um zu versuchen, ob ein Comet haͤtte ein Satellit wer- den koͤnnen, und zehen Cometen just so laufen machen, daß sie endlich um den Saturn, Jupiter und unsere Erde alle in solchen Bahnen einhergehen konnten, die von Circuln so gar wenig unterschieden sind, wie die Bahnen der Hauptplaneten selbsten? Nein, mein Herr, gedenken Sie ja nicht, daß ich so weit ausschweifen werde, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. werde, um Einwuͤrfe zu suchen, und das Wahrschein- lichste mit dem Unwahrscheinlichsten zu bestreiten. Ich bleibe einmal dabey, daß Satelliten immer Satelliten gewesen sind, und die Aehnlichkeit zwischen ihrem Laufe und dem Laufe der Hauptplaneten sowohl in Ansehung der Richtung, als der Neigung und Ruͤndung ihrer Bahnen zeigt mir immer mehr eine Anordnung, die ein Vorsatz des grossen Schoͤpfers, und nicht die Frucht von Zufaͤllen und Verwirrungen ist. Je mehr sich Ihr Weltgebaͤude meinem Ver- stande entwickelt, desto geringer wird der Abstand mei- ner Cosmologie von demselben, und ich sehe nun vor- aus, daß ich bald aufhoͤren werde, mich uͤber die All- gemeinheit der Gruͤnde dieser Wissenschaft zu beklagen. Ich wuͤnschte nur noch mehrere Tafeln zu haben, wie des Halley seine ist. Wie gerne wuͤrde ich sie Ihnen zuschicken, und wie wichtige Anmerkungen und Ver- gleichungen haͤtte ich daruͤber von Ihnen zu gewarten. Aber sagen Sie mir doch, mein Herr, getraueten Sie sich wohl in Ernste, noch mehr als fuͤnf Millionen Co- meten heraus zu bringen? Denn Sie geben mir diesen Ueberschlag nur als ein Muͤstergen ihres Entwurfes an. Ich gestehe Ihnen, daß ich mich bey dieser Stelle ihres Schreibens ziemlich aufgehalten habe. Sind Sie denn hierinn nicht zu freygebig, und was wollen Sie doch aus einer so ungeheuren Zahl von Cometen machen? Sie wissen ja, daß viele von den Weltweisen sie fuͤr unreife Planeten gehalten, und gezweifelt ha- ben, ob sie als Cometen bewohnt seyn koͤnnen. Nehmen D Sie Cosmologische Briefe Sie den Comet von 1680. zum Beyspiele. Den 8ten Dec. selbigen Jahres ware er der Sonne 160. mal naͤher als die Erde. Dieses vergroͤssert die Hitze der Sonne 25600. mal, da sie umgekehrt zunimmt, wie das Quadrat des Abstandes. Setzen Sie nun, das beste Brennglaß koͤnne die Sonnenstralen 2000. mal verstaͤrken, welches ehender zu viel als zu wenig ist, so ist die Rechnung bald gemacht, daß die Hitze von 12. der besten Brennglaͤsern auf einen Punct gerichtet, kaum so groß seyn werde, als diejenige, deren dieser Comet bloßgesetzt ware. Ich mache die Rechnung lie- ber auf diese Art, weil sie richtiger ist, als wenn ich den erhitzten Cometen mit einem gluͤenden Eisen ver- gleichen, oder setzen wollte, er wuͤrde in den naͤchsten 50000. Jahren nicht wieder erkaͤlten. Ich will eben die Hitze, die er wirklich erlangt hat, nicht bestimmen, aber das weis ich, daß ich doch noch lieber mit dem Cometen von 1759. einen 70. Jaͤhrigen Winter, als mit dem von 1680. eine solche Hitze aushalten wollte. Einen so ausgegluͤheten Cometen haben die Philoso- phen mit der Zeit von seiner Bahn ablenken, und zum Planeten machen wollen, und eben so stellet uns Whi- ston die Crde vor, als sie noch ein Cahos ware. Was fuͤr ein reiches Magazin von unreifen Pla- neten, die noch erst ausgegluͤhet werden muͤßten, haͤt- ten Sie noch in Vorrathe! aber ich besinne mich. Sie lassen in ihrem Weltbaue jeden Koͤrper das seyn, was er einmal ist, und so wenig Sie zugeben, daß Come- ten sich in Satelliten verwandeln koͤnnen, so wenig werden uͤber die Einrichtung des Weltbaues. werden Sie auch Hauptplaneten aus denselben machen wollen; von jeder neuen Schoͤpfung ziehen Sie Ihre Gedanken ab, und unbewohnt wollen Sie doch auch die Cometen nicht lassen. Ich muß nochmals fragen, ob Sie der Sache nicht zu vielthun, und ihr System unwahrscheinlich machen? Sie kehren ja die ganze Welt um, und da Sie den Krieg am Firmamente ver- meyden wollen, so verfallen Sie auf Erden mit den Philosophen in Streitigkeit. Gewiß, Ovid hat keine ausserordentlichere Metamorphose ausgedacht, als die Cometen bey den Weltweisen ausgestanden haben. Aristoteles hielte sie fuͤr Meteoren. Kepler, He- vel , und andere machten Himmelswolken daraus. Bis dahin war alles bey ihnen vergaͤnglich. Bald aber fiengen die Cometen an, den Planeten ihre Wuͤrde und das Alterthum ihrer Herkunft streitig zu machen, und erhoben sich wirklich zum Range der Weltkoͤrper, und behaupteten dieses Recht mit tuͤchtigen Gruͤnden. Aber kann ich Ihnen, mein Herr, unbedingten Beyfall geben, wenn Sie aus den Cometen den Haupttheil des ganzen Sonnensystems machen? Wie sehr fallen die Planeten von ihrem vormaligen Ansehen herunter, und wie we- nig werden sie es, da sie, die Satelliten mitgerechnet, nur 16. an der Zahl sind, gegen Legionen von Come- ten behaupten koͤnnen? Wo bleibt hier unsere Erde, die sich doch vormals als Koͤnigin auf den Thron ge- schwungen, Sonne und Mond als ihre zween Leuchter ansahe, und Planeten und Fixsterne als Trabanten um sich her wandlen ließen, und den Cometen kaum einen kurzen Aufenthalt in der Luft goͤnnete? D 2 Nun Cosmologische Briefe Nun werden Sie mir, mein Herr, nicht mehr den Vorwurf machen, daß ich wider Ihr Weltgebaͤud nichts einwende. Doch vielleicht habe ich mich hie- bey uͤbereilt. Ich weiß gar zu wohl, daß Sie wi- dersinnische Saͤtze nicht ohne gute Gruͤnde behaupten. Allein hier kann ich doch alle meine Fragen nicht eroͤr- tern, und will Sie um die Aufloͤsung derselben gebethen haben. Wie angenehm ist es mir, daß ich Ihnen auch hier eine Probe geben kann, daß Ihre Gruͤnde mir ein- leuchten werden. Sehen Sie einmal, woran ich An- stand finde. Glauben Sie, daß Cometen und Plane- ten Koͤrper von verschiedener Art seyen, oder daß Sie, des Unterschieds in ihrem Ansehen und in ihrer Lauf- bahn ungeachtet, in eine Classe gehoͤren, nicht nur in so ferne sie Nachbarn sind, und um eine Sonne laufen, sondern auch in andern bestimmtern Absichten. Wenn Sie, mein Herr, das erste annehmen, so muß ich wie- der fragen, woher Sie glauben, daß so gar wenige Planeten, und hingegen so viele Cometen sind? Diese Frage scheint mir die schwerste. Sodann lasse ich etliche hundert, und wenn Sie wollen, tausend Cometen gelten, und wenn die Sache von meinem Beyfalle abhienge, so wuͤrde ich Ihnen alle 5. Millionen ohne Bedenken einraͤumen, und ich wuͤrde mich auch an dem Einfall nicht aufhalten, daß dadurch der ganze Raum um die Sonne nicht bloß mit den Koͤrpern der Cometen, sondern fuͤrnemlich mit ihren Athmosphæ ren und Schweifen ausgefuͤllt wuͤrde. Denn ich gebe Ihnen zu, daß beyde nur alsdenn groͤsser uͤber die Einrichtung des Weltbaues. groͤsser werden, wenn die Cometen nahe zur Sonnen kommen, wie man es an denen von 1680. und 1744. und andern mehr offenbahr gesehen. Um Ihnen aber zu zeigen, daß ich auch die Gruͤnde zu diesem Beyfall aufgesuchet habe, so habe ich Ihre Rechnung ordentlich zergliedert. Ich wun- derte mich anfangs daruͤber, warum Sie die Anzahl der Cometen nicht gar wie die Cubos des Abstandes ihres Perihelii von der Sonne anwachsen ließen, weil Sie doch so sehr auf ihre Vermehrung bedacht waren. Sie wissen ja, daß die Perihelia in jedem sphæri schen Raume, den Sie sich um die Sonne gedenken koͤnnen, alle moͤgliche Lagen haben koͤnnen. Setzen Sie nun dieselben auf eine einfoͤrmige Art vertheilt, so waͤchst ihre Zahl unstreitig wie die Cubi des Abstandes. Al- lein ich sahe bald, daß Sie auch darauf dachten, wie Sie die Durchschnitte der Bahnen vermeyden, und jedem Comet eine ruhige Laufbahn geben koͤnnten. Mein Einfall wuͤrde angehen, wenn die Cometen saͤmtlich in ihren Periheli en blieben. Da sie aber eine Laufbahn um die Sonne haben, so fallen viele Perihe- lia und mit denselben eben so viele Laufbahnen weg. Jede Laufbahn sehen Sie hier nicht als eine geometri- sche Linie an, sondern Sie nehmen den staͤrkern Theil des Wirkungskreyses des Cometen dazu, in welchen kein anderer Comet eintreten solle. Dadurch aber verfallen Sie richtig auf Quadrate des Abstandes. Ich stelle mir hiebey Stangen vor, die als Radii gegeneinander gerichtet werden. Es sind nur 12, die am naͤchsten D 3 gegen Cosmologische Briefe gegen den Mittelpunct kommen. Da sie aber alle von demselben divergi ren, so bleibt noch Raum uͤbrig, 12. andere dazwischen zu schieben. Diese lassen wiederum neuen Raum fuͤr folgende, die aber von dem Mittel- punct immer weiter weg bleiben. Ihre Anzahl wird nur wie die Quadrate des Abstandes vom Mittelpunct und nicht wie die Cubi zunehmen. So weit finde ich an ihren Gruͤnden nichts aus- zusetzen, aber, wenn Sie mir, mein Herr, erlauben zu sagen, so beweisen Sie dadurch nur die Moͤglichkeit, daß so viele Cometen seyn koͤnnen. Gibt es aber auch in der That so viele? Dieses koͤnnen Sie doch nicht wohl anders als aus Cosmologischen Betrachtungen herleiten, und wenn Sie es in Ernste behaupten wol- len, so werde ich Ihre Absicht leicht erachten. Es ist offenbar, Sie muͤssen den Abscheu, den die Natur vor dem leeren Raume hat, so weit treiben, daß sie einen leeren und einen unbewohnten Raum in eine Classe sez- zen, und beyde schlechthin verbannen. Sie haben mir ja sonst schon behauptet, daß wir mit den besten Ver- groͤsserungsglaͤsern in einem Wassertropfen nur noch die Wallfische, und auf einem Staͤubchen hoͤchstens nur die Elephanten sehen. Auf diese Art begreife ich gar wohl, daß Sie am ganzen Firmamente keine Laufbahn moͤglich lassen werden, in die Sie nicht einen Weltkoͤr- per setzen, der auf jedem Staͤubchen eine Welt und in jedem Tropfen ein Meer von Geschoͤpfen habe. Sie machen den großen und kuͤhnen Schluß: Entweder die Erde ist allein bewohnt, oder in jedem Puncte des gan- zen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. zen Weltgebaͤudes sind Einwohner und Creaturen. Da ich Ihnen diesen Schluß zugebe, so sehen Sie hieraus, daß es nicht an meinem Beyfall liegen wird, Ihr Welt- gebaͤud in Aufnahme zu bringen. Aber ehe ich darinn weiter gehe, so bitte ich Sie nochmals um die Aufloͤ- sung meiner Fragen uͤber die Vergleichung zwischen den Cometen und Planeten. Bey den Anmerkungen, die Sie, mein Herr, uͤber den hyperbolischen Lauf der Cometen gemacht haben, finde ich nicht den geringsten Anstand. Ich sehe nun uͤberhaupt ein, daß Ihre Absicht ist, dasjenige in Ih- rem System, so unsere zu kurze Erfahrung unbestimmt laͤßt, aus Betrachtung der Absichten der Schoͤpfung zu bestimmen. Sie gebrauchen hier wiederum einen Satz, welcher verdient ausfuͤhrlich ins Licht gesetzt zu werden. Sie fordern, die Welt solle in ihrem ganzen Umfange und Zusammenhange von Geschoͤpfen betrach- tet werden, wie wir das, was auf unserer Erde ist, in kleinem betrachten. Unsere Augen sind zu kleinern Gegenstaͤnden eingerichtet, und wir haben genugsames Licht von der Sonne, um sie deutlich zu sehen. Kaum fangen wir an, Vergroͤßerungsglaͤser und Fernroͤhren zu gebrauchen, und was sich unsern Augen dadurch entdeckt, ist nur fuͤr wenige, die alle Muse dazu haben, und die ein innerlicher Trieb fuͤhrt, auch die kleinsten und groͤßten Welten, die Elemente und das Ganze zu untersuchen. Uns bleibt der ganze Weltbau und seine Einrichtung noch eben so gut als verborgen. Solle er aber deswegen allen Geschoͤpfen ein Geheim- D 4 nis Cosmologische Briefe nis bleiben, oder ist die Ordnung und Vollkommenheit desselben nicht so schoͤn, nicht so bewunderungs- und anbethenswuͤrdig, als in den unendlich mal kleinern Gegenstaͤnden unserer Sinnen? Erschoͤpft die Erde den Reichthum der Allwissenheit, Allmacht, Weisheit und Guͤte des Urhebers aller Dinge, der sie seinen Fußsche- mel, die Himmel aber seinen Thron nennt? Uns zeigt der Hoͤchste, daß er auch im Kleinen groß und unend- lich ist, und eben dieses werden auch die Einwohner an- derer Planeten, auf eine immer abwechselnde Art fin- den. Aber naͤhert man sich seiner Unendlichkeit nicht ungleich mehr, wenn man ihn aus dem Grundrisse des ganzen Weltgebaͤudes kennen lernt. Ich wenigstens gestehe gerne, daß ich nicht gewußt habe, was Raum, Groͤsse, Abstand und Umfang in dem Werke des All- maͤchtigen sagen will, ehe ich gelernt habe, die Wege des Lichtes zum Maaßstabe zu nehmen, und die Vorur- theile der Kindheit zu verbannen, die die Gestirne kaum uͤber die Wolken erheben, und den Himmel inner dem Bezirke weniger Meilen auf der Erde aufstehen machen. Welche Muͤhe, wie viele Schluͤsse gebraucht es nicht, um aus so engen Grenzen, mit denen uns die Sinnen ein- schraͤnken, bis zu den Grenzen des Sonnensystems hin- auszudringen, und wie weit bleiben wir auch hier noch zuruͤcke? Ich gebe den Astronomen, die Sie, mein Herr, auf solche Weltkoͤrper setzen, den ersten Rang. Ihr Weg geht von Sonnen zu Sonnen, wie wir auf der Erde von Stadt zu Stadt gehen, und wie uns dabey einzele uͤber die Einrichtung des Weltbaues. einzele Tage vorbey eilen, so zaͤhlen sie Myriaden von unsern Jahren. Sie sind bestimmt, den Grundriß des Weltbaues zu bewundern, und in seiner Grundlage und Anordnung die Reyhen der goͤttlichen Rathschluͤsse uͤber ihre Bestimmung einzusehen. Unsere groͤßte Maaße sind ihre Differentiali en, und unsere Millionen moͤgen kaum ihr Einmal eins seyn. Sie kennen die Waͤrme und die Klarheit jeder Sonnen, und mit einem Schlusse bestimmen sie die allgemeine Beschaffenheit der Einwohner jeder Planeten, die in jedem Abstande um dieselben herum sind. Ihr Jahr ist die Zeit von einer Sonne zur andern. Ihr Winter faͤllt in die Mit- te des Zwischenraumes oder des Weges, den sie dahin machen, und sie feyern den Zeitpunct, wo die vorige Bahn sich in eine neue umwendet. Das Perihelium von jeder Bahn ist ihr Sommer. Ihr Wohnort ist zu jedem Abstande von den Sonnen geschaffen, und jede Stuffen der Waͤrme wirkt auf ihm das Herfuͤrwachsen von solchen Pflanzen, die ihnen zum Muster derjenigen dienen, so auf Planeten und Cometen bey gleichem Ab- stande von den Sonnen herfuͤrkommen. Jeder Ein- tritt in ein neues Sonnensystem ist ihr Fruͤhling, und den Herbst feyern sie, wenn sie es wieder verlassen. Doch ich muß abbrechen, weil ich mich eben so, wie Sie, mein Herr, bey der Betrachtung dieser Welt- koͤrper, sehr lange aufhalten koͤnnte. Es freuet mich ungemein, daß es doch auch solche Geschoͤpfe giebt, die das Ganze in dem Weltbaue uͤbersehen, und ich wuͤnsch- te mit der Zeit den Weg um etliche Millionen von D 5 Sonnen Cosmologische Briefe Sonnen mit diesen Astronomen zuruͤcke zu legen. Wie reich wuͤrde ich dadurch an der Erkenntnis des Welt- baues werden! Aber dieser Wunsch bleibt ausgesetzt, und zufrieden mit meiner jetzigen Bestimmung, werde ich sie unermuͤdet aus der Ferne betrachten. Die Reyhe von Schluͤssen, die Sie, mein Herr, gemacht haben, hat Sie so grossen Koͤrpern schon nahe gebracht, Sie wissen, daß ich Ihnen folge, wohin Sie fortschrei- ten. Zeigen Sie mir die neuen Wege, die Sie in die Reviere der Himmel eroͤfnet haben. Ich will sie mit Ihnen wandeln, und Ihnen bey jedem Schritte sagen, daß Sie auf das aͤusserste verbinden. Mein Herr ꝛc. Sechster uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Sechster Brief. D ie Cosmologische Gruͤnde, die Sie mir, mein Herr, zu Unterstuͤtzung meines Systems an- gegeben haben, sind mir desto angenehmer gewesen, weil ich eben im Begriffe ware, dasselbe von dieser Seite, auf eine genauere Art zu untersuchen. Ich bedaure nur, daß Sie so bald abgebrochen haben. Verlassen Sie sich vielleicht so sehr auf die Harmonie unserer Gedenkensart, daß Sie glauben, ich muͤsse mit Ihnen nothwendig bey einerley Anlaͤssen einerley Vorstellungen haben? So sehr ich mich jederzeit be- muͤht habe, mich dieser vollkommenen Uebereinstim- mung zu naͤhern, so finde ich doch immer, daß andere Gegenstaͤnde andere und nicht vorgesehene Eindruͤcke machen, und das Vergnuͤgen haͤuft sich bey dieser Man- nigfaltigkeit, da es genug ist, wenn Freunde in jeden Grundsaͤtzen einig sind, weil sie sodann jede neue Fol- gen von diesen Grundsaͤtzen einander mittheilen, und sie auch da noch harmonirend finden werden. So finde ich die mir so angenehmen Anmerkungen in Ihrem Schrei- ben, und so hoffe ich, daß Sie auch meine Antworten auf die Fragen finden werden, die Sie mir vorgelegt haben. Wir bestreben uns immermehr, Lieblinge der edlen Wahrheit zu werden, die uns ihre Grundsaͤtze an- gabe, und so sehr wir auch anfangs verschieden dach- ten, so nahe werden wir nach der Untersuchung des Un- terschiedes zusammen treffen, und jede neue Entdeckung zu einem festen Grunde neuer harmonirender Gedanken machen. Cosmologische Briefe machen. Wie sehr vergnuͤgt mich die angenehme Vor- stellung, daß nichts unsere Gedanken werde trennen koͤnnen. Dieser reizenden Harmonie kann ich es zu- schreiben, daß Sie, mein Herr, zum voraus auf die Gruͤnde gefallen, die ich zu meinem System gebrauche. Sie legen sie mir als ausgemachte Wahrheiten vor, die sich durch das ganze Weltgebaͤude ausdehnen, und geben mir den erwuͤnschten Anlaß, um nach aller Schaͤrfe zu untersuchen, wie ferne sie sich werden mit- einander verbinden lassen, damit ich darauf bauen, und weiter gehen koͤnne. Ich muß Ihnen doch sagen, wo ich gewuͤnscht haͤtte, damit hinauszulangen. Ich betrachtete den Weltbau als nach unzaͤhligen allgemeinen und special ern Gesetzen und Absichten auf- gefuͤhrt, und dieses schiene mir der Begriff von der hoͤchsten Vollkommenheit zu fordern, die die Welt ha- ben sollte. Die allgemeinsten von diesen Gesetzen sahe ich als Hauptabsichten an, die gar keine Ausnahme lit- ten, und die special ern sollten sich durch diese einschraͤn- ken. Da ich mir vornahme, den Weltbau im Ganzen zu betrachten, so fielen die Gesetze, so Ausnahmen ley- den, aus meinen Betrachtungen weg, und ich sahe wohl, daß ich sie desto weniger wuͤrde gebrauchen koͤn- nen, je special er sie waͤren. Eben so sahe ich, daß mir alle die unentbehrlich wuͤrden, die gar keine Ausnahme haben sollten. Dieses ware mein Entwurf, und Sie werden leicht erachten, daß die erste Frage hiebey diese ware, woran man solche Ausnahms-freye Gesetze erken- nen, und wo man sie finden solle? Diese uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Diese schwere Frage loͤßte sich bey mir nach und nach in verschiedene andere auf. In dem Weltgebaͤude sollten lauter Aehnlichkeiten, aber bey jeder Aehnlichkeit unzaͤhlige Abwechslungen und Mannigfaltigkeiten seyn. Diese Abwechslungen mußte ich bey Seite setzen, und die Aehnlichkeiten so weit allgemeiner machen, bis ich sie auf jede Weltkoͤrper anwenden konnte. Was konn- ten mir hier anders als die abstractesten Begriffe blei- ben, da ich alles, was individual ist, weglassen muͤßte. Diese abstracten Begriffe muͤßten noch so von verschie- dener Art seyn, daß sie sich dieser Verschiedenheit un- geachtet, dennoch miteinander verbinden liessen, und in soferne gedachte ich fuͤr jeden ein allgemeines Gesetz an- zunehmen, das keine Ausnahme haͤtte. So betrachtete ich z. Ex. die Bewegung, und dehnte das Gesetz der Schwere auf alle Weltkoͤrper oh- ne Ausnahme aus, weil es, wie Sie, mein Herr, in ihrem vorhergehenden Schreiben anmerken, das Welt- gebaͤude zu einem zusammenhaͤngenden ganzen macht. Es ist noch nich bewiesen, daß dieses Gesetz nothwendig ist, so bald man sich Koͤrper gedenkt, und wir kennen die Natur des Stoffes, daraus die wirkliche Welt be- steht, noch nicht genug, um zu beurtheilen, ob zu die- sem Stoffe kein anderes Gesetz haͤtte seyn koͤnnen? Genug, daß ich die Welt nehme, wie sie wirklich ist, und ich schliesse mit Ihnen, daß dieselbe ein Stuͤckwerk wuͤrde, wenn kein allgemeines Gesetz jede Theile mit- einander verbaͤnde. Newton , der diesen Zusamm- menhang uns gelehrt hat, gab sich die Muͤhe, noch an- dere Cosmologische Briefe dere Gesetze der Schwere zu untersuchen, und ihre Dissonanz en zu zeigen. Spiral -Linien, in welchen die Planeten von ihren Sonnen immer wegflohen, oder zuletzt in selbige sich einsenkten, sind Folgen davon. Die Auswahl des Allerweisesten fiel auf das einfachste, das zugleich ewige Harmonie und Ordnung hatte, und wobey jeder Weltkoͤrper das bleiben konnte, wozu alle seine Einwohner geordnet waren. Auf eine aͤhnliche Art durchforschte ich die Be- wohnbarkeit der Welt, und machte allerdings den kuͤh- nen Schluß, daß ich keinen Raum derselben weder oͤde noch unbewohnt lassen wollte. Sie sollte ein Abdruck, oder wie Sie es, mein Herr, nennen, eine fortdaurende Wirkung aller goͤttlichen Vollkommenheiten zusammen genommen seyn. Konnte ich wohl hiebey einen Ge- sichtspunct , aus dem man diese Vollkommenheiten be- trachten kann, oͤde lassen? oder konnte die Welt eine Wirkung des unendlich wirksamen Schoͤpfers seyn, oh- ne daß in jeder Stelle derselben Leben und Wirksam- keit, Gedanken und Triebe in den Geschoͤpfen waͤren? Sollte ich wohl die Vollkommenheit in einer bestaͤndi- gen und unerschoͤpflichen Abwechslung von Aehnlichkei- ten bestehen machen, und dennoch dabey leere Stellen uͤbrig lassen, wo nichts dergleichen vorgienge, wo keine Theile eines Ganzen waͤren, das unendlich vollstaͤndig seyn sollte? Solche Luͤcken konnte ich nun nicht zulas- sen, und ich truge kein Bedenken, jedes Sonnensystem so sehr mit bewohnbaren Weltkoͤrpern anzufuͤllen, als die vortrefliche Ordnung, die in ihrem Laufe eingefuͤhrt ist, nur uͤber die Einrichtung des Weltbaues. nur immer leyden machte. Auf unserer Erde, die wir nun seit der Erfindung der Vergroͤsserungsglaͤser, auch in den kleinsten Theilen betrachten koͤnnen, finden wir alles so voller Einwohner, daß wir nicht laͤnger mehr zweifeln koͤnnen, die Bevoͤlkerung und Belebung jeder Theile der Welt als eine Absicht der Schoͤpfung anzu- sehen, die keine Ausnahme leydet. Im Kleinen lehrt es uns nun der Augenschein selbsten, und die Stuffen, dadurch wir bey der Verbesserung der Vergroͤsserungs- glaͤser gehen, lassen uns sicher den Schluß machen, daß wir die kleinsten Geschoͤpfe noch lange nicht entdeckt ha- ben. Sollten wir denn diesem Schlusse sogar enge Grenzen setzen, wenn wir ihn auf die Anzahl der Welt- koͤrper ausdehnen wollen? Nach der Bewegung und Bewohnbarkeit ver- gliche ich Zeit und Raum, und die ganze Welt diente mir zum Beyspiele, daß beyde miteinander zunehmen, und daß die kleinen Veraͤnderungen durch ihre Summe das ersetzen, was in einzeln groͤssern nur einfach ist. Eine kleine Veraͤnderung ist bald herfuͤr gebracht, aber desto oͤfter kehrt sie abgewechselt wieder, und die Sum- me von ihren Mannigfaltigkeiten wird dennoch be- traͤchtlich. So kehrt sich unter unsern Fußtritten der Staub um, und die kleinen Welten, aus denen er be- steht, veraͤndern sich in neue. Sollen aber Staͤdte ge- baut, und Waͤlder gepflanzt werden, so gebraucht es Jahre dazu, und die Zeit, darinn die Weltkoͤrper um die Sonne laufen, waͤchst mit ihrem Raume bis auf viele Jahrhunderte. Sie wird noch tausendfach groͤs- ser, Cosmologische Briefe ser, wenn ein Koͤrper von einer Sonne zu einer andern fortgehet, und wird sich durch unsere Jahre nicht mehr fuͤglich ausdruͤcken lassen, wenn wir die Veraͤnderung ganzer Sonnensystemen dadurch bestimmen sollen. Fuͤr die Beschaffenheit der Einwohner jeder Welt- koͤrper ware ich nicht besorgt, weil ich uͤberhaupt an- nehmen konnte, daß jeder derselben zu der Stelle, wo er sich befindet, werde eingerichtet seyn. Was wir auf der Erde finden, richtet sich ohne Ausnahme nach diesem Gesetze. Wir finden Thiere, so fuͤr die Polarlaͤnder, andere, die fuͤr die heißen Erdstriche, wieder andere, so fuͤr die hoͤchsten Alpen, und noch andere, die fuͤr die Tiefen der Erde gemacht sind. Jedes findet an seinem Wohnorte seine angemessene Waͤrme, Luft und Nah- rung, und jedes ist nach allen seinen Gliedmassen dazu eingerichtet. Die Betrachtung wird augenscheinlicher, wenn wir Erde, Wasser und Luft miteinander verglei- chen. Wer wuͤrde an die Bewohnbarkeit des Wassers denken, wenn die Fische und andere Wasserthiere uns nicht von Kindheit auf bekannt waͤren? Wir wuͤrden es aus aͤhnlichen Gruͤnden fuͤr unmoͤglich halten, aus denen wir dem Feuer die Bewohnbarkeit absprechen, und der Unterschied wuͤrde nur auf das verbrennen und ersaͤufen ankommen. Es ist wahr, das Feuer auf un- serer Erdflaͤche ist nicht so ausgebreitet, wie das Was- ser, daß es einen bestaͤndigen Wohnort abgeben sollte. Allein, wenn es unter der Erde seinen fortdaurenden Sitz haͤtte, wie viele Naturlehrer behaupten, so fiele dieser Grund weg. Vielleicht sind die Einwohner des Feuers uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Feuers unsern Augen unsichtbar, und die Wirksamkeit des Feuers in Aufloͤsung der uns bekandten Materien fordert entweder Koͤrper von Asbest, oder solche, die sich nicht weiter trennen lassen. Doch hiebey halte ich mich nicht auf. Die Stru c tur solcher Geschoͤpfe mag uns immer verborgen bleiben, aber ihre Moͤglichkeit laͤßt sich noch nicht so leichte umstossen. Die Berechnung, die Sie, mein Herr, uͤber den Cometen von 1680. angestellt haben, ist eben so deutlich, als die, so man insgemein davon angiebt, und in Ansehung der Richtigkeit geht sie ungleich wei- ter. Es hat mich oͤfters gewundert, daß die gemeine, die man in so vielen Schriften findet, so leicht und ohne weitere Untersuchung nachgeschrieben worden, und allem Ansehen nach wuͤrde es weniger geschehen seyn, wenn nicht die Au c torit aͤt des Newtons , der sie doch nur als einen beylaͤuftigen Ueberschlag angegeben, statt der Gruͤnde gedient haͤtte. Von der Hitze, die der Comet wirklich erlangt hat, laͤßt sich vollends nichts schliessen, und alles, was man dabey thun kann, ist, daß man die Dichtigkeit der Sonnenstralen bestimme, welche in seine Athmosphaͤre einfielen, und hiezu ist Ihre Vergleichung mit den Brennglaͤsern hinreichend und faßlich. Wenn unsere Erde diesen Weg nehmen, und von jetzt an in eine solche Naͤhe der Sonne kom- men sollte, so ist unstreitig, daß die Wirkung von der- jenigen, die 12. der besten Brennspiegel zusammen- genommen, verursachen koͤnnen, eben nicht so viel ver- schieden seyn wuͤrde. Das ganze Meer muͤßte sich in E eine Cosmologische Briefe eine hohe und dichte Athmosphære von Duͤnsten ver- wandeln, und ungeachtet diese die Sonnenstralen merk- lich zuruͤckhalten und schwaͤchen wuͤrde, so wuͤrde ich doch nicht gut stehen, ob diese Decke zureichen moͤchte, die Erdflaͤche zu schirmen. So viel ist gewiß, daß das Licht der Sonne, wenn sie am Horizonte ist, durch un- sere jezige Athmospæhre gut uͤber 2000. mal schwaͤcher wird. Die Athmosphære des Cometen von 1744. war bey 8000. Meilen hoch. Sie mag daher noch viele 1000. mal mehr Licht auffangen und zuruͤckwerf- fen. Die Hitze eines gluͤhenden Eisens laͤßt sich nicht so leicht bestimmen, ungeacht sie nicht viel uͤber 4. mal groͤsser seyn wird, als die Sommerwaͤrme der Erde. Newton hat bey dieser Berechnung den Grad der ab- solut en Kaͤlte noch lange nicht tief genug angenommen. Ein Koͤrper, der 50000. Jahre gebraucht, um wieder zu erkaͤlten, haͤtte auch eben so viele Jahre noͤthig ge- habt, um diese Hitze zu erlangen. Endlich ist auch ein jeder Koͤrper nur eines bestimmten Grads der Waͤrme faͤhig. Der Comet von 1680. muͤßte demnach eine ganz besondere und von allen Koͤrpern unserer Erde ver- schiedene Natur gehabt haben, wenn er haͤtte 2000 mal heißer werden sollen, als ein gluͤhendes Eisen, weil auch dieses schon nicht mehr als gluͤhend werden kann, und bey groͤsserer Hitze sich in Glaß und Asche verwan- delt. Es moͤchte ihn nun seine Athmosphære vor der Sonnenhitze geschirmt haben, oder seine Stru c tur der- selben proportion irt gewesen seyn, so kam er bey der Sonne durch, und ich zweifle nicht, daß seine Einwoh- ner nicht sollten unbeschaͤdigt geblieben seyn. Vielleicht sind uͤber die Einrichtung des Weltbaues. sind sie von solcher Beschaffenheit, daß Frost und Hitze keinen Eindruck auf sie macht. Nur die Einwohner der Planeten, und daher auch wir selbsten, sind so zarte gewoͤhnt, daß wir eine temperi rte Waͤrme gebrauchen. Wir taugten nicht, den Weg dieses und anderer Come- ten zu machen. Sollte ich aber je eine Vergleichung anstellen, so sind die Bewohner der Planeten gegen die von den Cometen ungefehr das, was die Gewaͤchse un- ter dem Æquator gegen die in den noͤrdlichen Erdstri- chen sind. Diese halten alle Abwechslung der Witte- rung aus, dahingegen jene in warmen Gewaͤchshaͤusern muͤssen gepflegt werden, wenn sie in unsern Laͤndern bestehen sollen. Die Frage, die Sie mir, mein Herr, uͤber den Unterschied der Planeten und Cometen vorgelegt ha- ben, werde ich wohl nicht vollstaͤndig aufloͤsen koͤnnen, doch habe ich daruͤber verschiedene Betrachtungen an- gestellt, die zu der Aufloͤsung dienen moͤgen. Einmal, da ich sezte, daß beyde bewohnt seyen, und das bleiben, was sie von Anfang her gewesen sind, so faͤllt dieser Hauptunterschied in meinem System ganz weg. Ich lasse dabey nichts unreifes, und noch vielweniger wuͤrde ich ein Magazin von unreifen Planeten zugeben. Das aͤusserliche Ansehen, welches in unsern Augen einen be- trachtlichen Unterschied zu machen scheint, besteht in ih- rem groͤssern Dunstkreyse und in ihrem Schweife, die wir bey den Planeten und ihren Satelliten anderst se- hen. Aber an diesem halten Sie sich nicht auf, weil Dunstkreyß und Schweif nur alsdenn groͤsser werden, E 2 wenn Cosmologische Briefe wenn sie der Sonne naͤher kommen. Ich achte nicht, daß diese Vergroͤsserung nur eine zufaͤllige Wirkung von der Waͤrme der Sonne seye. Der Dunstkreyß mag einen wesentlichen Nutzen haben, und vermuthlich dient er zum Schirme wider die allzugrosse Hitze. Un- sere Erde mag in gleicher Absicht die Wolken gebrau- chen, obgleich diese noch lange nicht so nothwendig sind, um die Hitze zu vermindern. Auf eine vorzuͤglichere Art scheint die Erdflaͤche einen Schirm wider die Kaͤlte des Winters noͤthig zu haben, und dafuͤr dient ihr der Schnee zur Decke. Da also der Dunstkreyß der Co- meten nur wenige Monate groͤßer ist, so werde ich den Aufenthalt ihrer Bewohner noch lange nicht, als mit bestaͤndigem Nebel und Dampfe eingehuͤllt ansehen, da- durch sie sollten verhindert werden, das Weltgebaͤud deutlich zu betrachten. Unsere Athmosphære wird zwar niemals so groß, als die von Cometen werden kann, aber sie bleibt uns bestaͤndig, und die Helfte un- serer Lebenszeit ist uns der Himmel mit Wolken bedeckt. Auf eine aͤhnliche Art bedeckt uns des Winters der Schnee die Erdflaͤche. Bleibt uns aber deswegen Himmel und Erde unbekandt, wenn wir die Zeit ge- brauchen wollen, wo sie sich beyde wieder aufdecken? Dieses Aufschwellen der Athmosphære der Co- meten ist demnach als eine Folge von ihrer elliptischen Laufbahn anzusehen, und mag in Absicht auf ihre Be- schirmung nothwendig seyn. Aber deswegen sind Pla- neten und Cometen noch nicht anders als in Absicht auf ihre Laufbahn verschieden. Bey jenen ist sie beynahe circular, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. circular, bey diesen aber sehr ablang. Es koͤmmt also die Frage darauf an, ob diese Circul und lange Ellipsen sich nicht durch unzaͤhlige Stuffen einander naͤhern? Diese Frage laͤßt sich nicht leicht durch die Erfahrung bestimmen. Wir sind so nahe bey der Sonne, daß wir nur den innern Theil ihres ganzen Systems zu sehen be- kommen. Ausser dem Saturn erblicken wir keinen Pla- neten mehr, und er muͤßte dem blossen Auge nothwen- dig unsichtbar bleiben, wenn er nur merklich kleiner als Saturn ware. Von den Cometen sehen wir ebenfalls nur solche, die sich unter dem Mars herunter senken, und die sichtbarsten muͤssen der Sonne um die Helfte naͤher kommen, als die Erde, wie ich dieses in meinem letzten Briefe schon angemerkt. Es ist demnach ver- muthlich, daß wir unter allen Koͤrpern unsers Sonnen- Systems nur die beyden Extrema, ich meyne diejenigen sehen, deren Bahn entweder die rundeste oder die ab- langste ist. Innert den Mercur kommt kein Comet, dessen Bahn nicht sehr ablang waͤre, ungeacht das Ge- gentheil an sich betrachtet, nicht unmoͤglich ist. Der Grund hievon ist, weil die Cometen uͤberhaupt sehr lange ausbleiben. Der von 1759. scheinet unter al- len noch am geschwindesten wiederzukommen, er ge- braucht aber dennoch 75. Jahre. Wenn Sie diese Zahl quadriren, und aus dem Quadrate die Cubic - Wurzel ausziehen, so finden sie den mittlern Abstand eines Cometen von der Sonnen, der in 75. Jahren wiederkoͤmmt. Die Rechnung giebt, daß dieser mitt- lere Abstand 17 ¾ .mal weiter von den Sonnen weg ist, als die Erde. Das doppelte davon ader 35 ½. giebt die E 3 laͤngere Cosmologische Briefe laͤngere Axe seiner Ellipse. Wie schmal muß sie dem- nach werden, wenn das Perihelium naͤher ist, als der Mercur, und wie viel noch schmaͤler, wenn der Comet noch laͤnger ausbleibt. Wenn auch ein Comet in 75. Jahren wiederkaͤme, dessen Perihelium so weit als die Erde von der Sonne hinweg waͤre, so wuͤrde seine Lauf- bahn noch allezeit 3.mal laͤnger als breit seyn. Aber es ist sehr vermuthlich, daß solche Cometen Jahrhun- derte zu ihrer Ruͤckkehr gebrauchen. Sie sehen, mein Herr, daß dieser Beweis aus der Erfahrung und aus dem Gesetze der Schwere her- geleitet ist, und daß ich demnach nothwendig die Lauf- bahnen der uns sichtbaren Cometen als sehr ablang an- sehen kann. Sie sind daher auch von den Circuln un- ter allen am meisten verschieden, und ich kann setzen, daß wir nur die beyden Extrema zu Gesichte bekom- men. Ruͤcken Sie aber die Periheli en der Cometen weiter von der Sonne weg, so moͤgen auch die Ellipsen etwas ruͤnder werden, und ich wuͤrde die Bahn des aͤussersten Cometen von einem Circul nicht viel unter- schieden setzen. So groß auch der Raum um die Sonne und ihr Wirkungskreyß ist, so hat er dennoch in Absicht auf die Cometen, so um dieselbe laufen sollen, seine Grenzen. Ich kann keinen derselben so weit entfer- nen, daß er dem Wirkungskreyß einer andern Sonne zu nahe kaͤme. Seine Schwere gegen unsere Sonue muß immer stark genug bleiben, daß die Schwere, so er gegen jeden Fixstern hat, dagegen fuͤr unmerklich zu achten. Ich will eben nicht bestimmen, ob er unserer Sonne uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Sonne 100, oder 1000mal naͤher bleiben muͤsse als dem Fixstern. Der naͤchste dieser Sterne mag 500000mal entfernter seyn als die Erde von der Sonne. Ge- ben Sie dem aͤussersten Cometen nur den 1000ten Theil dieses Abstandes, so wird er noch immer sich 500mal weiter von der Sonne entfernen als die Erde. Liefe er nun in einem Circul, so waͤre dieser Abstand seine halbe Axe, und die Zeit seines Umlaufes wuͤrde sich auf 11180. Jahre erstrecken, und kaum um ⅔. kuͤrzer seyn, wenn gleich der Comet bis inner die Bahn des Mercurs sich herabließe. Aus diesen Gruͤnden laͤßt sich vermuthen, daß es ausser dem Saturn noch Laufbahne geben, die von den Circularen nicht merklich verschieden waͤren. Aber nach meinem System muͤßten es sehr wenige seyn, und die ablangen Ellipsen behalten bey mir einen Vorzug, der die Anzahl der Planeten nothwendig sehr klein ma- chen muß. Dieses ist die Frage, die Sie mir vorge- legt haben, und dieses wird auch die letzte Beantwor- tung seyn, die ich daruͤber finden kann. Urtheilen Sie, mein Herr, wie ferne sie Ihnen Genuͤgen leistet. Ich leite sie aus den beyden Grundsaͤtzen meines Sy- stems her, die Sie mir eingeraͤumt haben. Die An- zahl der Weltkoͤrper, die um unsere Sonne laufen, solle so groß seyn, als es immer moͤglich ist, und in ihrem Laufe sollen Sie einander immer ausweichen koͤnnen. Sie wissen, mein Herr, daß ich dieses letztere Gesetz als schlechthin nothwendig ansehe, und nach diesem solle sich die Anzahl und Beschaffenheit der Cometen E 4 und Cosmologische Briefe und Planeten richten. Sie haben mir selbst ange- merkt, daß ich aus diesem Grunde ihre Anzahl nicht wie die Cubos, sondern nur wie die Quadrate des Ab- standes der Periheli en anwachsen ließe. Nun werde ich beweisen, warum die circulare Bahnen die unschick- lichsten sind. Das Gesetz der Schwere bringt als eine noth- wendige Folge mit sich, daß, wenn Cometen oder Pla- neten in einem Circul um die Sonne laufen sollen, diese nothwendig in dem Mittelpunct des Circuls seyn muͤsse. Sezten Sie demnach, alle Cometen sollen in Circuln um die Sonne laufen, so sind diese Circul ein- ander concentrisch. Da die Cometen ferner einander ausweichen sollen, so erinnern Sie sich aus ihrem Schreiben, daß diese Circul nicht als geometrische Li- nien muͤssen angesehen, sondern zu jedem der staͤrkere Theil des Wirkungskreyses des Cometen mitgenommen werden. Verwandeln Sie demnach Ihre Stangen in Circul von solcher Groͤße, daß einer in den ander n passe, und alle concentrisch bleiben. Ihr System wird ungefehr aussehen, wie eine Sphæra armillaris, mit dem Unterschiede, daß Sie nicht mehrere gleichgrosse Circul beybehalten koͤnnen. Wie nimmt nun hier die Anzahl ihrer Circul zu? Nicht wahr, schlechthin wie ihr Abstand vom gemeinsamen Mittelpunct, weil sie um jeden Circul den naͤchst groͤssern anlegen? Es ist hier gleich viel, ob Sie die Circul in eine Flaͤche setzen, oder denselben verschiedene Neigungswinkel gegeneinan- der geben. Denn da sie concentrisch bleiben muͤssen, so werden uͤber die Einrichtung des Weltbaues. werden sich die naͤchsten immer in zween Puncten be- ruͤhren, und jeder Raum, der leer bleibt, ist hier vol- lends uͤberfluͤssig. Rechnen Sie wiederum nur 6. Co- meten innert dem Mercur, so werden Sie bis zum Sa- turn kaum 150. herausbringen. Ich brachte hinge- gen 3600. heraus. Der Unterschied ist allerdings sehr merklich. Die Haupthinderniß liegt hier darinn, daß alle Circul concentrisch seyn muͤssen, und diese Hindernis faͤllt bey den Ellipsen desto mehr weg, je mehr sie ab- lang sind. Die Sonne ist in ihrem Brennpunct, und kaum entfernt sich der Comet von seinem Perihelio, so wird auch sein Abstand von der Sonne groͤsser, und laͤßt zu einem neuen Perihelio genugsamen Raum. Das Bild, so Sie sich mit geradlinichten Stangen ent- worfen haben, koͤmmt diesen ablangen Ellipsen viel naͤ- her, und wenn Sie die Stangen in solche Ellipsen ver- wandeln, so werden Sie ungleich mehrere um einan- der herumlegen, und nach allen Lagen in einander ver- schrenken koͤnnen, als wenn Sie concentrische Circul daraus machen. Hieraus sehen Sie, mein Herr, wie mein Sy- stem der Natur so nahe koͤmmt. Ich habe vorhin er- wiesen, daß die Laufbahn der Cometen sehr ablang seye, die bis innerhalb der Sphære des Mercurs zur Sonne kommen, und es erhellet uͤberhaupt aus diesen Betrach- tungen, daß die Absicht des Schoͤpfers gewesen seye, das Sonnensystem so vollstaͤndig zu machen, als es im- E 5 mer Cosmologische Briefe mer moͤglich ware. Daher haben wir so wenig Pla- neten, und hingegen Legionen von Cometen, und ich mache den Schluß daraus, daß beyde in eine Classe gehoͤren, und daß die Cometen, wo nicht den vornehm- sten, doch den zahlreichsten und ansehnlichsten Theil des Sonnensystems ausmachen, der uns sichtbar ist. Bald wuͤrde ich vielmehr fragen, warum noch einige Plane- ten um unsere Sonne herum sind. Wenn es nicht bloß deswegen ist, weil zwischen den Ellipsen, so die Cometen beschreiben, einiger Raum bliebe, so werde ich den Grund schlechterdings darinn suchen, daß auch Ein- wohner um die Sonne seyn sollten, die einer immer gleich gemaͤssigten Waͤrme beduͤrften. Also mußte uns Zaͤrtlingen zu gefallen, die Erde in einer fast circula- ren Bahn einhergehen. Ich vermuthe aber, beyde Gruͤnde werden hiebey zusammentreffen, weil die Man- nigfaltigkeit und Bewohnbarkeit in dem Weltgebaͤude sich paaren muͤssen. Und eine dieser Absichten mag die- nen, die andere zu bestimmen. Vielleicht laͤßt sich auch hieraus der Grund angeben, warum die Bahnen der Planeten alle fast in gleicher Flaͤche liegen. Denn die- ses waͤre, um den Cometen uͤber und unter dieser Flaͤche vollkommen freyen Raum zu lassen. Die Durchschnitte der Cometen und Planetenbahnen werden dadurch ein- facher, und es erhellet hieraus zugleich der Grund, warum die Planeten so weit voneinander entfernt sind, weil zwischen ihren Bahnen noch Raum zu allen Durch- schnitten der Cometenbahnen bleiben sollte. Und da diese Durchschnitte bey sehr ablangen und schief incli- ni rten Ellipsen, weiter von der Sonne abstehen, so laͤßt sich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. sich daraus angeben, warum Saturn, Jupiter und Mars am weitesten voneinander weg sind. Waͤren ausserhalb dem Saturn noch etliche Planeten, so wuͤrde allem Ansehen nach ihr Abstand noch viel groͤsser seyn, weil die Anzahl der Durchschnitte der Cometenbahnen daselbst noch haͤufiger wird. Dieses sind die Betrachtungen, die ich uͤber die Aufloͤsung Ihrer Frage gemacht habe. Schreiben Sie mir, mein Herr, was Sie daruͤber gedenken, und wie ferne sie Ihnen zureichend vorkommen. Es wuͤr- de mir sehr angenehm seyn, wenn Sie mir dabey neuen Anlaß geben wuͤrden, noch mehrern Zusammenhang in meinem System zu finden, denn was ich dermalen ge- funden, habe ich Ihren Anmerkungen zu danken, die mir in jeden Faͤllen nuͤtzlich und verbindlich gewesen sind. Ich weis, daß Sie unerschoͤpflich sind, wenn Sie auf Mittel denken, ihre Freunde zu verpflichten, und wie viele Proben haben Sie mir besonders davon gegeben. Ich bitte Sie, die meinigen, so gut sie von meinen Kraͤften abhaͤngen, als Wirkungen und Zeichen der unzertrennbaren Freundschaft anzusehen, die unsere Herzen auch in der Ferne vereinigt, und mit welcher ich verbleibe Mein Herr ꝛc. Siebenter Cosmologische Briefe Siebenter Brief. E s ist ausgemacht, mein Herr, Ihr Weltbau wird sich in langen Reihen von kuͤnftigen Beobach- tungen bewaͤhrt finden lassen, weil Sie alle Quellen zusammen nehmen, daraus die Gruͤnde zur Auffuͤhrung und Unterstuͤtzung desselben nur immer fliessen koͤnnen. Sie forschen den Regeln der Voll- kommenheit nach, die keine Ausnahme leyden koͤnnen, weil Sie nothwendig richtig annehmen, die Welt seye unter allen die vollkommenste, da sie ein Werk des Al- lerweisesten ist. Sie bestimmen die Eigenschaften und Kennzeichen dieser Regeln und Gesetze, um sie in der wirklichen Welt aufzusuchen. Allgemeine Mittel ma- chen Sie zu allgemeinen Absichten, und geben diesen fuͤr jede einzele Umstaͤnde alle moͤgliche Abwechslungen. Sie breiten die Macht, die Ordnung, das Leben, die Wirksamkeit, die Weisheit und Guͤte des grossen Schoͤp- fers durch das ganze Weltgebaͤud aus, weil Sie es in jeden kleinsten Theilchen als eine Wirkung aller dieser Vollkommenheiten zusammengenommen ansehen koͤn- nen. Wie vollstaͤndig, wie harmonisch wird bey solchen Betrachtungen alles, was man bisher nur schuͤchtern und stuͤckweise zu behaupten bemuͤht ware, und wie reichlich fuͤllen Sie die Luͤcken solcher Beweise aus, die kaum auf einzelne Theile gehen. Sollte es denn Kuͤhnheit heißen, wenn Sie suchen, solche abgebrochene Stuͤcke, solche kaum gewagte Beweise in ihrer wahren Vollstaͤndigkeit vorzutragen, oder was nothwendig allgemein seyn muß, wirklich allgemein zu machen? Es uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Es ist wahr, die Folgen von Ihren Gruͤnden scheinen das ganze Sonnensystem umzukehren, aber diese Verwandlung geht nur in unserm Verstande vor. So kehrte vormals Copernicus dasselbe um, oder viel- mehr, er machte den Anfang dazu, aber Sie, mein Herr, scheinen es zu vollenden, oder wenigstens den Weg da- zu zu bahnen, daß es durch kuͤnftige Erfahrungen vol- lendet werden koͤnne. Denn von diesen wird es abhaͤn- gen, jeden Cometen ihre Bahn zu bestimmen; Sie, mein Herr, begnuͤgen sich diesen spaͤten Zeiten durch eine Art von Divination zuvorzukommen, und uns die Grund- lage und das Allgemeine in dem ganzen System zu zei- gen, und vorherzusagen, was man kuͤnftig entwickeln werde. Der geringe Vorrath von unsern Erfahrungen giebt Ihnen nur sehr kleine und abgebrochene Stuͤcke, Sie vergleichen dieselben, Sie entdecken die mangelden Theile, und machen den Schluß, wie das Ganze aus- sehen muͤsse. Die Harmonie, die in Ihren Gedanken herrscht, die mein Vergnuͤgen und das Band unserer Freundschaft ist, leitet Sie bis in die Ordnung des Weltbaues, und breitet sich auch hierinn durch alle Theile aus. Was sollte ich Ihnen an dem kuͤhnen und weit- aussehenden Schlusse laͤugnen, den Sie machen? Die Sonne solle der groͤßten moͤglichen Anzahl von Welt- kugeln Licht und Waͤrme geben, und diese sollen ein an- der immer ausweichen koͤnnen, folglich muͤssen unzaͤh- lige mal mehr Cometen als Planeten seyn. Solle ich an den Vordersaͤtzen zweifeln, oder setzen, die Sonne daͤrfe Cosmologische Briefe daͤrfe ihr Licht und Waͤrme unnuͤtzer Weise verschwen- den. Es ist mir genug, daß noch so viel Licht durch- faͤllt, als noͤthig ist, damit auch die Bewohner ande- rer Sonnen- Systemen sehen koͤnnen, daß unsere Son- ne, und damit auch unser ganzes System in der Welt ist. Der Anblick des gestirnten Himmels, und beson- ders des Sirius ist mir zu angenehm, als daß ich sei- nen Bewohnern den schoͤnen Glanz unserer Sonne ent- ziehen sollte, die ihnen als ein anderer Sirius durch ih- re Naͤchte leuchtet. Entziehen Sie mir, mein Herr, nur den gestirnten Himmel nicht, so will ich Ihnen Weltkugeln um unsere Sonne zugeben, so viel Sie verlangen koͤnnen. Ich finde die Erde im Kleinen zu sehr bewohnt, als daß ich nicht eben so viele grosse Wohnplaͤtze gerne annehmen sollte. So wie ein Schwarm von emsigen Bienen sich um ihre Koͤnigin herum schwingt, so, und noch Millionenmal mehr sol- len mir Weltkugeln um die Sonne gehen. Sie ge- hen friedsam und einig, und keine solle feindschaftlich den gesetzten Lauf der andern stoͤren, weil sie saͤmtlich erhalten werden sollen. Ich habe den Beweis Ihres Satzes ausfuͤhrlich durchgangen, weil er die Aufloͤsung einer Frage seyn sollte, die ich in meinem letztern Schreiben fuͤr die schwerste hielte. Ich nahm meine Stangen, und bo- ge sie in Circul. Aber diese konnte ich nicht zugleich concentri sch und von einerley Groͤsse setzen, ohne daß ich haͤtte Einschnitte darein machen, und sie so in ein- ander fuͤgen sollen, wie an der Sphaera armillari der Aequa- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Aequator und die Coluri in einander gefuͤgt sind. Dieses hiesse so viel, als Cometen annehmen, deren Laufbahne einander durchschneiden. Es ist wahr, die Period en solcher Cometen waͤren gleich groß gewesen, aber sie wuͤrden es doch nicht lange geblieben seyn, weil immer kleine Verruͤckungen in der Bahn vorge- hen, und uͤber diß waͤren sie zu einfoͤrmig geworden. In der Welt solle alle moͤgliche Mannigfaltigkeit, die die allgemeinen Gesetze zulassen koͤnnen, angebracht werden, weil ihre Vollkommenheit dadurch groͤsser wird. Hingegen boge ich meine Stangen zu Ellips en, und machte etliche davon gleich groß. Ihren Brenn- punct machte ich zum gemeinsamen Mittelpuncte. Die eine ließ ich abwaͤrts, die andere aufwaͤrts, und noch etliche andere queer gehen, und sie wuͤrden ordentlich durch einander verschrenkt. Jede gienge gegen eine besondere Gegend, und sie verbreiteten sich divergi- rend von dem Mittelpunct aus. Es bliebe immer groͤsserer Raum fuͤr folgende Ellips en, die sich durch die erstern ordentlich verschrenken konnten. Ich haͤtte noch wohl zwischen diesen Ellips en Raum zu einigen Circuln oder ruͤndern oval en gefun- den, aber es schiene mir immer, als wenn einige laͤn- gere Ellips en diesen zu Gefallen wegbleiben muͤßten. Doch habe ich die Untersuchung so weit nicht getrieben, weil ich wohl denken konnte, daß meine verschraͤnkten Ellips en von einem Muster zum Weltbaue noch unend- lich Cosmologische Briefe lich weit entfernt blieben. Ich glaube doch aber nicht, daß Sie, mein Herr, den Planeten nur unter dem Titel der Toleranz einen Platz in der Welt lassen. Ich wuͤrde wenigstens unserer Erde zu Gefallen etliche von den fuͤnf Millionen Cometen aufopfern. Der Ver- lust waͤre so unmerklich. Doch Sie haben allem Ver- muthen nach das Vorrecht, so ehemals die Planeten hatten, nur deßwegen so gar sehr verringert, damit Sie zeigen moͤchten, daß man die Cometen aus einem hoͤhern und wichtigern Gesichtspunct, und nicht als unreife, oder gar als veraltete und abgenuͤtzte Plane- ten ansehen solle. Denn nach Ihrem System sind sie zur Bewohnbarkeit und Bevoͤlkerung des Weltgebaͤu- des auf eine weit vorzuͤglichere Art dienlich als die Planeten. Der Beschluß von Ihrem Schreiben zeigt mir, daß Sie noch eine gute Menge von Folgerungen aus Ihrem Satze von der Anzahl und Vergleichung der Planeten und Cometen haͤtten herleiten koͤnnen. A- ber Sie begnuͤgten sich, einige davon aufeinander zu haͤufen, und kurz anzuzeigen. Wenn Sie etwan da- bey an das Sapienti pauca gedacht haͤtten, so muß ich Ihnen gestehen, daß ich gewuͤnscht haͤtte, Sie moͤch- ten dabey ein wenig laͤnger stehen geblieben seyn. Ha- ben Sie es vielleicht auf gelegenere Zeit verschoben, oder trauen Sie mir zu, daß ich in so kurzem so starke Progresse in dieser Wissenschaft muͤsse gemacht haben, wie ich es wuͤnschte? Im ersten Fall werde ich die Ausfuͤhrung mit Verlangen erwarten, und was ich fuͤr uͤber die Einrichtung des Weltbaues. fuͤr den andern Fall nun thun werde, solle nur dienen, um Ihnen zu zeigen, daß ich Ihre Schluͤsse aller Auf- merksamkeit wuͤrdig achte, und Sie mir, wie alle Ih- re Gedanken, zu eigen zu machen suche. Urtheilen Sie, mein Herr, wie ferne es mir hierinn gelungen? Sie schliessen z. E. alle Bahnen der Planeten muͤssen ungefehr in gleicher Flaͤche liegen, denn es ist fuͤr sich klar, daß es wegen der kleinern Verruͤckungen niemals vollkommen zutreffen wird. Den Grund von dieser Lage werden Sie unstreitig daraus herleiten, damit Sie eine desto groͤssere Anzahl von Cometen in das Sonnen- System hinein bringen koͤnnen. Dieses solle Ihnen, so viel es moͤglich ist, bewohnbar seyn. Ich fienge daher an, das Gegentheil anzunehmen, und gabe jeder Bahn der Planeten eine schiefe Lage. Die Erde ließ ich in der Eccliptic, die Bahnen des Mercurs und der Venus durchschnitten sich in dem Pole des Thierkreyses recht winklicht. Die uͤbrigen neigte ich gegen jede von diesen unter verschiedenen Winkeln. Sodann schaute ich, wie nun die Ellips en, so die Cometen beschreiten, zwischen diesen rundern Ellips en der Planeten koͤnnten durchgezogen werden. Fuͤr die sechs Planeten hatte ich nun schon sechs Flaͤ- chen, in welche ich keinen Cometen setzen konnte, der naͤher zur Sonne kaͤme, als der Planet, der in dieser Flaͤche einher gienge. Saturn und Jupiter nahmen mir um desto mehrere hinweg, weil ich mehrer als eine laͤnglichte Ellipse in eine gleiche Flaͤche legen wollte, eben so wie nun die Planeten saͤmtlich in der Flaͤche F des Cosmologische Briefe des Thierkreyses sind, wenn sie auch gleich ein wenig gegen einander inclini rt waͤren. Ich fienge daher bald an, die Kreyse der Planeten wiederum der Ec- cliptic zu naͤhern, weil mich auf diese Art alle sechs nicht mehr hinderten, als vorhin ein jeder derselben, und ich fande, daß eben die Flaͤchen, die Sie mir fuͤr fuͤr die Cometen unnuͤtz machten, nunmehr mit Ellips en von Cometen besetzt werden konnten. Von diesen El- lips en, die ich in eine Flaͤche legte, mußten die innern laͤnglicht seyn, damit ich die andern um dieselben her- umlegen konnte, weil doch die Sonne der gemeinsame Brennpunct von allen seyn mußte. Die herumgeleg- ten mußten sich nach und nach mehr ausbreiten, damit ein Zwischenraum fuͤr die Durchschnitte derjenigen El- lips en bliebe, die in andern Flaͤchen lagen. Vergliche ich die zwey Oerter, wo die Ellips en der Cometen die Flaͤche der Eccliptic durchschneiden, so sahe ich wol, daß es vortheilhafter ware, den einen Durchschnitt viel weiter von der Sonne wegzusetzen als den andern. Denn wollte ich die Ellipse so stel- len, daß beyde Durchschnitte gleich groß wuͤrden, so kamen beyde nahe zur Sonne, wo ohnedeme der Raum enger ist, und gespahrt werden muß. Auf die andere Art aber kam nur ein Durchschnitt der Sonne naͤher, und fuͤr den andern konnte ich noch einen Cometen an- bringen. Das System wurde dadurch doppelt reicher an Weltkugeln. Denn bey den entfernten Durch- schnitten bliebe noch immer Raum genug. Die mei- sten derselben wuͤrden bis zu den obern Planeten hin- aus uͤber die Einrichtung des Weltbaues. aus geruͤckt, wo ich noch Raum fuͤr viele neue Come- ten fande, weil bis zu den Fixsternen noch weit hinaus neue Laufbahnen koͤnnen gesetzt werden. Die Durchschnitte, so die Ellips en der Cometen selbst unter einander machen, habe ich nicht untersucht. Denn weil selbige sich von ihrem Perihelio an bis zu der kleinern Axe ausbreiten, und diese Axe vielleicht bey allen aussert den Saturn faͤllt, so schiene mir das Ausweichen der Cometen unter einander viel moͤgli- cher, weil ich die beyden Helften jeder Ellipse von der Sonne aus als ziemlich gestreckt ansehen, und sie da- her mit den Stangen in meinem vorhergehenden Brie- fe vergleichen konnte. Sie sehen hieraus, mein Herr, wie ferne ich Ihnen nachgekommen bin. Ich begreife nun vollkom- men, daß in Ihrem System die Durchschnittspuncten der Ellips en in der Eccliptic so zerstreut seyn muͤssen, wie es uns die auch noch so unvollstaͤndige Erfahrung lehrt, und aus denen uns nun bekandteren Laufbahnen der Cometen beweißt. Hieraus erklaͤren Sie auch, warum die Ellips en, deren Perihelia nahe bey der Sonne sind, sehr ablang seyn muͤssen, und wiederum, warum wenige Planeten, und warum diese wenige in einer Flaͤche, und die obe- ren von einander mehr entfernt sind. Alles dieses fleußt aus ihrem Satze, daß das Sonnen- System so wenig oͤde seyn muͤsse, als moͤglich ist. Aber warum F 2 kehren Cosmologische Briefe kehren Sie nun diese Schluͤsse nicht auch um? Finden Sie die Folge nicht strenge genug, wenn sie nun hin- wiederum aus so vielen Uebereinstimmungen mit der Erfahrung die Richtigkeit des Grundsatzes veste setzen sollen? Doch ich sehe nun Ihre Art zu beweisen. Den Grundsatz leiten Sie aus den Absichten der Schoͤpfung her, und was je noch an dessen Allgemein- heit von Ausnahmen zweifelhaft bleiben koͤnnte, dieses ersetzen Sie durch die Erfahrung. Der Beweis aus der Erfahrung wuͤrde fuͤr sich betrachtet zureichen, wenn wir ein vollstaͤndiges Register von allen Cometen haͤtten, oder wenn die Halleyische Tafel auf alle aus- gedehnt waͤre. Da wir aber kaum den Anfang davon haben, so gebrauchen Sie teleologi sche Gruͤnde, um das Mangelnde zu ersetzen, und vorher zu sagen, was die kuͤnstigen Erfahrungen lehren werden. Aus der Teleologie leiten Sie die Absichten her, und aus der Erfahrung finden Sie, daß die Mittel zu solchen Ab- sichten vorhanden sind. Auf diese Art geben Ihnen die Absichten Anlaß, den Mitteln nachzuforschen, und die Mittel leiten Sie dahin, daß Sie die Absichten finden, und ihre Allgemeinheit beurtheilen koͤnnen. Sie ruͤcken beyde naͤher zusammen, und Ihr Beweis wird dadurch vollstaͤndig. So hatte ich in meinem letzten Schreiben gewuͤnscht, die abstra c t en Gruͤnde der Cosmologie und die Verfassung der wirklichen Welt auf eine naͤhere Art zu verbinden, weil ich da- durch hoffen konnte, in den Schluͤssen ungleich weiter zu gehen. Es uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Es freuete mich, daß meine Berechnung uͤber die Hitze des Cometen von 1680, Ihnen, mein Herr, Gelegenheit gabe, an die Bewohnbarkeit dieser Welt- koͤrper auf eine bestimmtere Art zu denken, wenn Sie je nicht laͤngst vorhin daran gedacht haben. Ihre Be- trachtungen daruͤber waren mir immer neu, und sehr angenehm. Sie wissen, wie viele Schwierigkeiten man an dieser Sache gefunden. Allem Ansehen nach kamen diese Schwierigkeiten daher, weil man die Ver- gleichung zwischen der Erde und den Weltkoͤrpern zu weit ausdehnte. So fande Columbus nach einer weiten Schiffart eine neue Welt, und bracht die Nach- richt zuruͤck, daß sie bewohnt waͤre. Man konnte ihn mit Grunde fragen, ob es Menschen daselbst gebe? Das Land ware auf der Erdflaͤche, und daher fuͤr Menschen bewohnbar. Entdeckte aber ein Astronome in dem Monde, der Venus und andern Planeten, Berge, Meere, Atmosphæ ren, ꝛc. und schloße dar- aus, daß es Einwohner daselbst geben muͤsse, so gien- ge diese Folgerung an, aber man wuͤrde zu weit ge- hen, wenn man gleich Menschen aus ihnen machen wollte. Man wuͤrde eben so gut Menschen in der Tiefe des Meeres suchen muͤssen. Wir sind uͤber- haupt zu sehr daran gewoͤhnt, alles individual zu se- tzen, und der allgemeine Begiff, den wir uns von den Einwohnern der Welt uͤberhaupt machen sollten, ist noch viel zu enge eingeschraͤnkt, weil wir keine an- dere Mannigfaltigkeiten gesehen haben, als die, so um uns her auf der Erde sind. Es ist wahr, ihre Anzahl reicht bis ins Unendliche; sollte sie aber die Schaͤtze F 3 der Cosmologische Briefe der Allwissenheit GOttes erschoͤpfen? So wenig als die Erde das ganze Weltgebaͤude ist. Wie schwer ist es uns, ein denkendes Wesen, ein vernuͤnftiges Ge- schoͤpf uns vorzustellen, ohne ihme sogleich zwo Haͤnde, zween Fuͤsse, einen Kopf und andere dem Menschen aͤhnliche Glieder zu geben. Wenn wir weit gehen, so legen wir noch etwan Fluͤgel bey, weil wir fuͤhlen, daß uns die Kunst zu fliegen fehlt. Wir wuͤrden eben so Floßfedern hinzu fuͤgen, wenn das Schwimmen dem Menschen unmoͤglich, und der Tod nicht eine Fol- ge des Ersaͤufens waͤre. Indessen muß ich doch sagen, daß mir das Licht viel zu allgemein durch die ganze Welt verbreitet scheint, als daß es den Erdbewohnern alleine dienen sollte. Ich will damit nicht sagen, daß eben alle Be- wohner aller Welten Augen haben muͤssen, wie die unsrige. Es koͤnnen noch mehrere Wege seyn, wo- durch die Bilder der sichtbaren Dinge sich der Seele denkender Geschoͤpfe vorstellen, so sehr wir daran ge- woͤhnt sind, die Stralenbrechung und das Bild auf dem Netzhaͤutgen als nothwendig anzusehen. Die Natur des Lichtes, seine Wirkungen, die Gemeinschaft zwischen der Seele und dem Leibe sind uns entweder noch gar nicht, oder doch nur in so ferne bekannt, als wir die Eindruͤcke, so das Licht auf uns macht, empfin- den, und das uͤbrige durch Schluͤsse zu ersetzen suchen, zu welchen wir doch keine andere Grundsaͤtze haben, als die wir durch unser Sehen erlangen. Uebrigens kann es doch seyn, daß viele unter den Bewohnern anderer Welt- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Weltkugeln Augen haben, die den unsrigen in so fer- ne aͤhnlich sind, als es die Beschaffenheit der Koͤrper, daraus sie bestehen, zulaͤßt. Eine andere Wirkung, die mit dem Lichte un- serer Sonne, und daher auch mit dem von andern Sonnen verknuͤpft scheinet, ist die Waͤrme, und ih- re Abwechslungen. Ich weiß wohl, daß man da- bey noch viele Fragen als unaufgeloͤßt ansieht. Ist z. E. Licht und Waͤrme nothwendig beysammen, oder wird diese durch die Bewegung des Lichtes nur wirk- samer gemacht? Hat die Erde eine Grundwaͤrme, die ihr gleichsam angeboren ist, und dient die Wir- kung der Sonne nur zu den jaͤhrlichen Abwechslungen derselben, und zu Ersetzung dessen, was von der Erd- und Wasserflaͤche bestaͤndig durch die Luft auf- fleugt und weggeht? Sollten in diesem Falle Come- ten, die so nahe zur Sonne kommen, und sich wie- der auf viele Jahre hin von derselben entfernen, ei- nen solchen Grad von Grundwaͤrme haben, daß die Abaͤnderung, die in jedem von ihren Umlaͤufen von der Sonne herruͤhrt, dadurch eine unmerklichere Verhaͤltnis bkoͤmmt ? Das Aufschwellen von der Athmosphære dieser Weltkoͤrper laͤßt sich doch wohl nicht anders als von der Waͤrme herleiten, die sich allerdings merklich verstaͤrken muß, wenn der Co- met nahe zur Sonne koͤmmt. Ich finde es sehr wahrscheinlich, daß diese Athmosphære den Cometen zur Decke dient. Sie ist uns fast eben so sichtbar als der Koͤrper selbsten, und muß daher das Licht in F 4 grosser Cosmologische Briefe grosser Menge aufhalten. Der Comet, von der Erde betrachtet, hat keine Phases, wie die Venus und der Mercur. Seine von der Sonne weggekehr- te Flaͤche scheint nur so helle als die, auf welche das Sonnenlicht gerade faͤllt. Auf dieser haben die Be- wohner des Cometen einen wirklichen Tag, und auf jener eine Demmerung, die dem Tage an Klarheit nichts nachgibt. So haben wir den Tag des Mor- gens, wenn die Sonne einen halben Grad unter und uͤber dem Horizonte ist. So, aber noch heller ha- ben ihn die Bewohner des Cometen in der Naͤhe der Sonne, und so sahen wir ihn an dem von 1744. Der Durchmesser seiner Athmosphære war neun- bis zehenmal groͤsser als der von dem Koͤrper. Sie konnte demnach das Licht der Sonne merklich schwaͤ- chen, und mußte es uͤber den ganzen Koͤrper zer- streuen. Durch diese Zerstreuung allein wurde es viermal schwaͤcher, wenn ich auch setze, daß alles auf die Oberflaͤche des Cometen waͤre gebrochen wor- den, welches noch lange nicht ist. Die Zerstreuung des Lichts in der Athmosphære mag hoͤchstens nur dienen, um diese zu erwaͤrmen, und noch mehr aus- zudehnen, aber die Waͤrme fleugt aufwaͤrts, und sucht die kaͤltern Gegenden. Sie muß demnach von dem Cometen und von der Sonne weg, und ver- muthlich reißt sie in ihrem starken Strome einen Theil der Athmosphære mit sich fort, welche den Schweif des Cometen ausmacht. Dieser Strom ist unge- mein schnell, da sich die Laͤnge des Schweifes merklich veraͤndert, und der Comet dadurch bey jeder uͤber die Einrichtung des Weltbaues. jeder Ruͤckkehr zur Sonne etwas von seiner Ath- mosphære verleurt, so wenig es auch seyn mag. Ungeacht ich nicht glaube, daß er dadurch an Stoff merklich aͤrmer werden sollte, so wuͤnsch- te ich doch Mittel zu der Ersetzung zu finden. Ich vermuthe nicht, daß die Sonnen- Athmo- sphære aus zuruͤckgelassenen Schweifen der Come- ten bestehe. Die Materie dieser Schweife mag bleiben, wo sie will, so werde ich sie doch nicht aus dem Sonnen- System weglassen. Sie bleibt noch im- mer schwer gegen die Sonne, und mag irgendwo ein Gleichgewicht finden. Es koͤnnte seyn, daß eine Maße von solcher Materie durch die Him- melsluft vertheilt ist, da die Cometen im Durch- fahren, und besonders im Wiedererkaͤlten sich neuen Vorrath sammeln. Diese Moͤglichkeit lehrt uns wenigstens die Erfahrung auf unserer Erde. Die Veraͤnderung in den Duͤnsten richtet sich ungleich mehr nach den Abwechslungen, als nach den wirk- lichen Graden der Waͤrme und Kaͤlte. So wird der Schweif eines Cometen fuͤrnemlich alsdenn laͤnger, wenn er sich geraͤder gegen die Sonne senkt. Faͤhrt er aber durch sein Perihelium, so aͤndert sich sein Abstand von der Sonne nicht so merklich, der Schweif wird kuͤrzer, und vertheilt sich in Aeste, und der Comet wuͤrde zu seinem Beharrungsstande kommen, wenn er sich vom Pe- rihelio an nicht wieder von der Sonne aufs neue F 5 entfernte. Cosmologische Briefe entfernte. Aber auch durch diese Entfernung muß der Schweif kuͤrzer werden, weil die Waͤrme nach- laͤßt und abnimmt. Sammlete der Comet im Weggehen von der Sonne neuen Vorrath zu sei- ner Athmosphære, so wuͤrde ich ausser dem Licht und Waͤrme noch eine andere Materie annehmen, die den Weltkugeln um unsere Sonne gemeinsam waͤre. Allein so weit habe ich nicht noͤthig zu ge- hen, weil sich hierinn wenig bestimmen laͤßt. Ich sehe diese Koͤrper uͤberhaupt als sehr mannigfaltig an, und setze den Unterschied derselben groͤsser, je mehr ihre Laufbahnen verschieden sind. Ich ach- te es sehr schwer zu eroͤrtern, wie weit unter al- len eine Aehnlichkeit statt hat, wenn man die Un- tersuchung bis auf jede einzele Materien erstrecken will. Das Allgemeine, so wir kennen, mag in den Gesetzen der Bewegung, und in der Austhei- lung des Lichts und Waͤrme bestehen. Aber hier- aus laͤßt sich fuͤr die Beschaffenheit der Einwoh- ner noch nicht viel herleiten. Ich glaube doch immer, daß die von den Cometen ein starkes Temperament fuͤr alle Abwechslungen der Waͤrme und Kaͤlte haben muͤssen; und gebe Ihnen, mein Herr, hierinn allen moͤglichen Beyfall, daß wir dazu viel zu zaͤrtlich waͤren. Die angenehme Sonnenwaͤrme mußte fuͤr uns bestaͤndiger bleiben, und ich vergleiche die Erde, unsern Wohnort, mit der uͤber die Einrichtung des Weltbaues. der edlen Freundschaft, die alle Unbestaͤndigkeit verbannet. So ist die, die Sie mir gegoͤnnet haben. Wie sehr wuͤnschte ich auch, die ande- re Vergleichung in Erfuͤllung zu bringen, daß ich wieder zu Ihnen kommen, und bestaͤndig bey Ih- nen bleiben koͤnnte. Ich bitte Sie, durch Ih- re geschaͤtzte Schreiben den Verlust Ihrer lehrrei- chen Unterredungen zu ersetzen. Ich erwarte Sie mit groͤßtem Verlangen, und verbleibe Mein Herr ꝛc. Achter Cosmologische Briefe Achter Brief. N un muß ich Sie, mein Herr, auch fragen, ob ich nicht gute Gruͤnde gehabt haͤtte, an das Sapientipauca zu gedenken? Konnte ich wohl an Ihrer Fertigkeit, alles leichte zu begreifen, nach so vielen Proben, einigen Zweifel haben? Ihr ganzes Schreiben haͤtte ihn auf das vollstaͤndigste gehoben. Wie leicht ist es Ihnen, noch ungleich schwerere Lehr- begriffe auch sogar durch sinnliche Bilder den Augen vorstellig zu machen? Wie nett und ausfuͤhrlich druͤ- cken Sie dadurch meine abgebrochene Schluͤsse aus. Ich weiß, daß Ihnen dieses alles keine Muͤhe gekostet, und wuͤrde meine dunkle Kuͤrze bereuen, wenn ich haͤtte denken sollen, daß Sie Ihnen schwer gewesen waͤre. Doch muß ich Ihnen sagen, daß mir die verschiedene Schluͤsse, die so kurz geriethen, nur gelegentlich bey- fielen, und daß ich sie noch anhenkte, um zu zeigen, daß Sie mit der Erfahrung uͤbereinstimmen. Sie werden daran sehen, daß ich einige davon noch weiter haͤtte untersuchen sollen. Aber die Erlaͤuterung, so Sie mir daruͤber gegeben, stellt mir nun die Sache in ihrer voͤlligen Deutlichkeit vor: Eben so deutlich schil- dern Sie die Art, wie ich gedachte, meine Beweise ein- zurichten. Ich gestehe gerne, daß man an allem deme, was ich aus den Absichten der Schoͤpfung herleite, die Allgemeinheit in Zweifel ziehen kann, wenn man Be- weise nach geometrischer Schaͤrfe fordert. Man wird mir die Moͤglichkeit zugeben, und endlich auch noch ein- raͤumen, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. raͤumen, daß die Folgen aus meinem System der Er- fahrung nicht zuwider sind. Dieses ist auch alles, was ich nach der groͤßten Strenge verlangen kann. An den Absichten, die ich zum Grunde lege, findet man keine Ausnahmen, so weit die Erfahrung geht. Will ich Sie aber weiter ausdehnen, als wir bisher wirklich erfahren haben, so kann man allerdings noch einwenden, ob nicht eben hier die Ausnahmen anfan- gen? Was kann ich hiebey thun? Wer alles erst sehen will, ehe er es glaubt, wird auf dieser Frage feste be- harren, und es wird immer Jahrhunderte gebrauchen, bis die Erfahrungen, darauf ich mich berufen kann, voll- staͤndiger werden. Ich konnte also nicht wohl weiter gehen, als bloß, daß ich aus meinen Gruͤnden diese Erfahrungen zuvorzusehen trachtete. Es kommt hiebey auf die Verschiedenheit der Einsicht und der Gedenkensart an. So z. Ex. wer nicht einmal die Planeten als bewohnt ansieht, der wird die Einwohner auf den Cometen eben so wenig, und noch weniger zugeben. Er wird sie immer vor- her sehen wollen, dazu aber sind unsere Fernroͤhren noch lange nicht hinreichend. Doch Sie, mein Herr, wissen schon, daß ich nicht noͤthig habe, mich mit Ein- wendungen von dieser Art aufzuhalten, und unter Ver- staͤndigen wird die Bewohnbarkeit der Weltkoͤrper ohne viele Ausnahmen zugegeben werden. Wer aber hie- von die Gruͤnde zugiebt, der wird mich hoͤchstens nur als verwegen ansehen, daß ich die Anzahl der Koͤrper in unserm Sonnensystem so gar sehr vermehre, und der- selben Cosmologische Briefe selben so viele setze, als nur immer moͤglich sind. Hie- bey koͤmmt allerdings die Hauptfrage darauf an, ob man eben die Gruͤnde, die man fuͤr die Planeten giebt, so weit ausdehnen, und aus denselben schliessen koͤnne, daß wir kaum noch den geringsten Theil der Welt- Koͤrper unseres Sonnensystems gesehen haben. Diese Frage laͤßt sich nicht wohl mit einem einigen Schlusse, sondern nur Stuͤckweise beantworten, und es bleibt im- mer zu sehen, wie weit ihre Aufloͤsung zur Vollstaͤndig- keit koͤmmt? Die verschiedene Stuͤcke dieses Beweises habe ich schon in meinen vorhergehenden Briefen vor- getragen, und ich kann noch alle die dazu rechnen, die Sie sich die Muͤhe gegeben, denselben beyzufuͤgen. Von diesen einzeln Beweisen wird man mir eini- ge auch nach aller Strenge zugeben. Man wird z. E. einraͤumen, daß in der That weit mehr Cometen am Himmel sind als Planeten. In Halleys Tafel stehen schon 21. Die von 1742. und 1744, deren Lauf ebenfalls berechnet worden, finden sich nicht darunter. Wenn man ferner setzt, daß der von 1759. die kuͤr- zeste Periode habe, so ist sie immer von 75. Jahren. Hieraus folgt, daß alle Cometen, die seit 1682. ge- sehen worden, voneinander unterschieden waren, weil innert dieser Zeit keiner zweymal bey uns gewesen. Die meisten aber gebrauchen etliche hundert Jahre, und daher muͤssen von denen, so seit der Erneuerung der Wissenschaften gesehen worden, nur wenige, wegen ihrer zweymaligen Zuruͤckkunft und noch weniger we- gen ihrer mehrmaligen Erscheinung abgezogen werden. Wenn uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Wenn man uͤberdiß bedenkt, wie schicklich alle Umstaͤnde seyn muͤssen, bis ein Comet recht sichtbar seyn solle, und wie viel schicklicher noch, wenn auch solche sollen ent- deckt werden, die uns nur wenige Tage sichtbar sind, so wird man allerdings viele hundert zugeben, die von der Erde wenigstens koͤnnten gesehen werden, wenn nicht viele unter Tagen, viele andere bey truͤbem Wetter, und noch eben so viele deswegen nicht bemerkt werden, weil man sie nicht aufsucht. Alle diese muͤssen der Sonne ziemlich nahe kommen, und da sehe ich nicht ein, mit welcher Wahrscheinlichkeit man behaupten wollte, es bleibe kein Comet weiter von der Sonne weg, als z. Ex. Mars, zumal, da die ganze Sphære dieses Planeten gegen den Wirkungskreyß der Sonne fast fuͤr nichts zu achten. Eben so wird man mir zugeben, daß die laͤnglich ten Ellipsen, so die Cometen beschreiben, viel tauglicher sind, um die Anzahl derselben zu vermehren, und daß zugleich dadurch die Mannigfaltigkeit und Abwechslung in den Weltkoͤrpern unsers Sonnensystems weit groͤsser wird. Man wird einraͤumen, daß, so bald die Anzahl dieser Koͤrper mit Beybehaltung des Gesetzes der Schwere und des Laufes derselben unter allen die groͤßte seyn solle, die sehr ablangen Ellipsen dabey nothwendig sind, und in groͤsserer Menge vorhanden seyn muͤssen. Warum sind sie es aber in der That auch? Es ist sehr vermuthlich, daß das Gesetz der Schwere, die Bewohnbarkeit des Sonnensystems, die Mannigfaltigkeit und periodischen Abwechslungen in den Cosmologische Briefe den Weltkugeln in einer solchen Verbindung miteinan- der stehen, daß sie zusammengenommen, ein Maximum ausmachen. Man kann noch nicht erweisen, warum vielmehr das Newtonische Gesetz der Schwere als ir- gend ein anderes in der Welt angebracht ist. Von verschiedenen andern Gesetzen hat Newton die Folgen und ihre Unschicklichkeiten untersucht. Wenn es aber nach aller Strenge sollte bewiesen werden, so vermuthe ich sehr, die Bewohnbarkeit des Sonnensystems und die Mannigfaltigkeit in dem Laufe wuͤrde mit unter die Gruͤnde gehoͤren. Die Spiral en, deren ich letzthin ge- dacht, haͤtten eben so vielen Raum weggenommen, als jetzt unzaͤhlige Ellipsen. So aber, wenn ein Weltkoͤrper in seiner Ellipse einhergeht, so bleibt aller Raum um dieselbe frey, und noch unzaͤhlige andere Ellipsen koͤn- nen in gleicher und in andern Flaͤchen angebracht wer- den. Jede Spiral wuͤrde eine ganze Flaͤche weggenom- men haben, und waͤren die Umgaͤnge derselben nahe bey- sammen gewesen, wie dieses bey der Sonne nothwendig wuͤrde geschehen seyn, so waͤre nicht einmal Raum zu den Durchschnitten fuͤr andere Spiral en geblieben. Je- der Koͤrper, der in solchen sich bewegt haͤtte, wuͤrde fuͤr jeden Abstand von der Sonne haben muͤssen eingerich- tet seyn, ungeachtet er nur einen Augenblick in solchem Abstande geblieben waͤre. Wie viel schicklicher ist hingegen das Newtonische Gesetz der Schwere zur Bewohnbarkeit und Mannig- faltigkeit in jedem Sonnensystem! Wie viel harmoni- scher ist die Wiederkehr der Ordnung in jedem periodi- schen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. schen Kreyßlaufe! Wie viele einander dennoch aͤhnli- che Mannigfaltigkeiten unter allen Weltkugeln, die um die Sonne bleiben! Es sind immer Ellips en, ge- setzte Period en, Abwechslungen der Jahrszeiten von jeder Dauer, die auf jedem Weltkoͤrper die ihme an- gemessene Veraͤnderung herfuͤrbringen. Sollen aber je noch hoͤhere Absichten erreicht, der Abstand von Sonne zu Sonne gemessen, der Weltbau, das System der Fixsterne im Ganzen, der Grundriß der Welt und seine Anordnung betrachtet werden, so dient eben dieses Gesetz der Schwere, und giebt noch den kuͤrzesten Weg dazu. Verwandeln Sie nur die Ellips en in Hyperbeln, so bleibt der Koͤrper, so sich in denselben bewegt, nicht bey einer Sonne. Er kruͤmmt kaum seine Bahn, um sie gegen andere Sonnen zu wenden. Zu diesem Umwege gebraucht er die kuͤrzeste Zeit, weil er sich da am geschwindesten bewegt. So- dann naͤhert er sich seiner Asymtote, und tritt in ge- rader Linie in das Gebiet einer andern Sonne, wo sei- ne Geschwindigkeit wieder zunimmt, um bald wieder neue System en aufzusuchen. Koͤnnte man hiezu schick- lichere Wege als die Hyperbeln, und in allen Absichten ein tauglicheres Gesetz der Schwere aussinnen, als das, so die Kegelschnitte, die einfachsten unter allen krum- men Linien, erfordert, von welchen die eine Helffte pe- riodi sche, die andere aber immer neue Mannigfaltig- keiten giebt, und unter beyden alle moͤglichen Abaͤnde- rungen statt haben? G Ich Cosmologische Briefe Ich glaube, hieraus schliessen zu koͤnnen, daß diese Abaͤnderungen in der Welt nicht bloß moͤglich ge- blieben sind. Die Mannigfaltigkeit hat in der Lehre von der Vollkommenheit viel zu viel zu sagen, als daß ich den groͤßten Theil derselben aus dem Weltgebaͤude weglassen sollte. Dieses wuͤrde geschehen, wenn ich die Anzahl der Cometen auf wenige Hundert ein- schraͤnkte, ungeacht bey Millionen moͤglich sind, ohne einander zu stoͤren. Von Cometen, deren Perihelia von der Sonne gleich weg sind, koͤnnen die einen laͤn- ger ausbleiben als die andere, weil die laͤngere Axe der Ellipse von der Focaldistanz nicht abhaͤngt. Wiede- rum koͤnnen verschiedene Cometen einerley Period en, aber sehr ungleiche Abwechslungen in ihren Jahrszei- ten haben, weil die laͤngere Axe allein die Zeit ihres Umlaufes bestimmt, der Brennpunct aber in jedem Puncte derselben seyn kann. Wie viele Abwechslun- gen und Mannigfaltigkeiten sind also hier moͤglich! Sollte ich denn weit den groͤßten Theil davon aus- schliessen? Dazu habe ich gar keine Gruͤnde, hingegen fordert die groͤßte Vollkommenheit auch zugleich die groͤßte Vollstaͤndigkeit. Sie soll alles haben, was sie haben kann. Wie viel wird also noch der Abstand des Wirklichen von dem Moͤglichen betragen koͤnnen, und was wird bey meinem System noch fehlen, als das vollstaͤndige Register von allen Cometen, wenn man diese Schluͤsse vor der Erfahrung nicht als zulaͤnglich ansehen will? Es ist wahr, wir haben alle Ursachen, in der Natur- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Naturlehre schuͤchtern zu seyn, und die Erfahrung macht sich in dieser Wissenschaft auf eine vorzuͤgliche Art nothwendig. Man ist laͤngst schon daran ge- woͤhnt, Schluͤsse nur als wahrscheinlich anzusehen, die sich nicht in ihrem ganzen Umfange auf die Erfahrung gruͤnden, und die grossen Theils nur aus allgemeinen Betrachtungen hergeleitet sind. So hielte man in den aͤltern Zeiten die Figur der Erde, nachgehends ih- ren Umlauf, und hernach die Einwohner der Planeten, nicht wohl fuͤr mehr als wahrscheinlich erwiesen, und fuͤr die letztern mangelt noch dermalen die Autopsie, fuͤr alle, die ohne Sehen nicht glauben, und denen all- gemeine Beweise nicht einleuchten. Ich kann also mein System nur fuͤr wahrscheinlich angeben, aber die- sen Vortheil habe ich dabey, daß man nun immer mehr bemuͤht ist, keinen Cometen unbeobachtet vorbey zu lassen. Das Register wird vollstaͤndiger, und wer meine Schluͤsse des Beyfalls wuͤrdig findet, wird zuge- ben, daß dieses Register erst in vielen Jahrhunderten ihre Richtigkeit wird bekraͤftigen koͤnnen. Jeder Co- met, der von den vorhergehenden verschieden ist, ge- hoͤrt mit auf die Waagschal, die in kuͤnftigen Zeiten augenscheinlich uͤberwiegen solle. Mit allem deme wird ein solches Register noch in gedoppelter Absicht unvollstaͤndig bleiben. Einmal fehlen darinn nothwendig alle Cometen, die uns nicht nahe genug kommen, um gesehen zu werden, und da- her meines Erachtens der groͤßte Theil, weil ich gar keinen Grund finde, warum ausser unserer Gesichts- G 2 sphaͤre Cosmologische Briefe sphaͤre keine Cometen seyn sollten. Diejenigen, so man gelegentlich durch Teloscopi en erblickt, moͤgen grossen Theils in diese Classe gehoͤren. Sodann wenn ich setze, daß es auch hyperbolische Laufbahnen von Co- meten gebe, so sehen wir alle diese nur einmal. Man kann zwar durch genauere Berechnung die Laufbahn bestimmen, und daher diese Cometen von den Ellipti- schen unterscheiden, wenn der Unterschied in der That merklich ist. Ich vermuthe aber, daß solche Cometen nicht so nahe zu unserer Sonne kommen, oder daß es wenigstens sehr selten geschehe, weil die Ellips en nicht so weit reichen, daß sie dem Wirkungskreise einer an- dern Sonne zu nahe kommen sollten, so scheinet, daß der Raum ausser denselben fuͤrnemlich zu den Hyper- beln diene. Doch laͤßt sich hieruͤber nichts bestimmtes sagen, und das erstere bleibt immer moͤglich. Gien- gen aber solche hyperboli sche Laufbahnen auch naͤher bey unserer Sonne durch, so wuͤrde ich allerdings eine solche Anordnung in dem Weltbaue annehmen, und ihr Herannahen in solche Zeiten setzen muͤssen, daß sie den Weg ungestoͤrt zuruͤck legen koͤnnten, weil ich den Be- wohnern jeder Weltkoͤrper den fuͤr sie bestimmten Ge- sichtpunct zur Betrachtung des Weltgebaͤudes lassen wollte. Kleinere Verruͤckungen werde ich immer zu- geben, die groͤssern sind an sich betrachtet moͤglich, aber ich setze in der Welt keinen bloßen Zufall, sondern Ab- sichten, Ordnung und die weiseste und guͤtigste Einrich- tung. Hierinn mag man mich zu freygebig ansehen, wer aber das Gegentheil einraͤumen will, mag unter- suchen, wie fern er neue Schoͤpfungen behaupten kann. Denn uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Denn ich wuͤrde keinen Weltkoͤrper zugeben, der auf ewig hin oͤde und zerstoͤrt bleiben muͤßte. Ich glaube wohl nicht, daß ein Weltkoͤrper sich selbsten bevoͤlkern koͤnne, oder daß, wenn die Erde ein Comet werden sollte, der Saame zu tuͤchtigen Bewohnern in ihr ver- borgen laͤge, und sodann aufkeimen wuͤrde. Im Ge- gentheil, was ich in meinen vorhergehenden Schreiben von der Anordnung der Planeten und Satelliten an- gemerkt habe, dient mir zu einem nothwendigen Be- weise ihrer Bestaͤndigkeit. Sie laufen alle von Abend gegen Morgen, ihre Bahnen sind saͤmtlich sehr rund, und sie sind so viel, als es die kleinern Verruͤckungen zulassen, in einer Flaͤche, wie sie es seyn muͤssen, wenn Raum zu mehrern Cometen bleiben solle. Die- ses heisse ich vorgesetzte Anordnung, die Absichten zum Grunde hat, und nicht ein Zufall, wo alle Absichten fehlen. Diese Anordnung dehne ich ohne Bedenken auf die hyperboli schen Laufbahnen der Weltkoͤrper aus. So unbewiesen sie scheinen mag, so sehr kann man sie der unendlichen Weißheit des Schoͤpfers zu- trauen, und so sehr wird sie uns Stoff zur Ehrfurchts- vollen Bewunderung geben. Auf wie unzaͤhlig viele Arten hat er nur auf der Erdflaͤche fuͤr uns gesorgt? Sollte seine Fuͤrsorge fuͤr den Staub unermeßlich, fuͤr den ganzen Weltbau aber hinlaͤßig seyn, der sie durch Ewigkeiten durch noͤthig hat, da wir sie kaum Stun- den gebrauchen? Doch ich muß wieder zur Sache keh- ren, die ich theilsweise pruͤfen wollte. Ich merke also noch an, daß man mir zugeben G 3 wird, Cosmologische Briefe wird, das Sonnen- System seye viel bewohnbarer, wenn weniger Planeten sind, und diese wenige sich in einer gleichen Flaͤche bewegen. Dem Beweise dieses Satzes haben Sie, mein Herr, alle Deutlichkeit gege- ben, daß ich nun nicht noͤthig habe, dieselbe erst zu su- chen. Dieses einige ist mir noch daruͤber beygefal- len. Sie wissen, daß die Sonne sich um ihre Axe bewegt, und ihr Aequator unter einem Winkel von 7½. Grad gegen die Eccliptic inclinirt ist. Da die Bahnen aller Planeten fast in gleicher Flaͤche liegen, so ist die Neigung des Sonnen- Aequator s gegen alle sehr geringe, und physicali sch zu reden kann man den Aequator der Sonne und die Bahnen der Planeten so gut als in eine Flaͤche setzen, denn die kleinern Verruͤckungen in den Bahnen der Planeten leiden kein geometri sches Ebenmaaß. Welcher Zufall mag die- se Uebereinstimmung herfuͤrgebracht haben, oder er- langen die Planeten dadurch ein Vorrecht vor den Co- meten? Von Zufaͤllen ist bey mir niemals die Rede. In meinem System sollten die Planeten alle in glei- cher Flaͤche herum laufen, und wenn ich eine Flaͤche haͤtte waͤhlen sollen, so wuͤrde die von dem Sonnen- Aequator dazu gewiedmet worden seyn. Ich sehe zwar keinen andern Grund davon noch ein, als weil dieses ein Anfang zu der Harmonie des System s ge- wesen waͤre; Indessen zweifle ich nicht, daß noch andere Absichten dabey seyn werden. Die, so mir davon einfaͤllt, werde ich unter die geringsten setzen, weil ich nicht beweisen kann, daß sie erheblich waͤre. Ich muͤßte annehmen, daß die Sonne auf einzeln Thei- len uͤber die Einrichtung des Weltbaues. len ihrer Oberflaͤche merkliche Veraͤnderung des Lichtes leiden koͤnnte. Eine starke Veraͤnderung in dem Lichte braͤchte auch eine eben so starke in der Erwaͤrmung der Planeten herfuͤr. Durch den Umlauf der Sonne um ihre Axe wird sie unter den Planeten gleichfoͤrmiger aus- getheilt; weil diesen alle Tage andere Theile der Ober- flaͤche der Sonne zu Gesichte kommen. Dieses wuͤrde nicht so ordentlich geschehen, wenn die Planeten in einer gegen den Sonnen- Aequator stark inclini rten oder gar senkrechten Flaͤche liefen. Bey den Cometen hat dieses weniger zu sagen, weil diese ohnehin zu staͤrkern Ab- wechslungen der Waͤrme gewoͤhnt sind. Wie wenn die Waͤrme der Sonne, in soferne sie von dem Lichte un- terschieden ist, sich eben so wie die Athmosphære der- selben nach der Flaͤche ihres Aequator s ausbreitete, o- der diese Athmosphære selbsten zur Ausbreitung der Waͤrme diente, so wuͤrden die Planeten allerdings davon einen einfoͤrmigen Nutzen ziehen, als wenn ihre Bahnen gegen den Aequator der Sonne staͤrker inclini rt waͤren. Fuͤr die Bewohner der Weltbuͤrger ware ich nicht sehr besorgt, weil ich wohl sahe, daß unsere Begriffe nicht reich genug waͤren, um jede nach ihren Umstaͤnden und nach der Beschaffenheit ihres Wohnorts auszubil- den. Die Betrachtungen, die Sie, mein Herr, daruͤber gemacht haben, waren mir sehr angenehme. Ich sehe mit Ihnen den Gebrauch des Lichtes als sehr allgemein an, und wuͤrde auf jedem Weltkoͤrper den Einwohnern eine Empfindung desselben zugeben, diese moͤchte nun vermittelst der Augen oder auf andere Arten sich bis in ihre Seelen fortpflanzen. Hierinn bestimme ich gleich- G 4 falls Cosmologische Briefe falls nichts, weil wir von keinem andern Mittel uns einen Begriff machen koͤnnen. Es koͤnnte seyn, daß ausser dem Lichte noch mehr andere Materien entweder vielen oder allen Weltkoͤr- pern gemeinsam, und nur in ihren Modification en ver- schieden waͤren. Wir wissen noch nicht, auf wie vieler- ley Arten jede Materie ihre Gestalt aͤndern kann, zumal wenn sie mit andern vermischt wird. Ueberhaupt kann ich setzen, daß diejenigen gemeinsam sind, die sich durch das Sonnen- System oder durch den Weltraum verbrei- ten. Die Dunstkreyse der Cometen moͤgen saͤmtlich et- was aͤhnliches haben, besonders wenn sie im Ruͤckkehren von der Sonne den Abgang wieder ersetzen. Denn bey den Weltkoͤrpern bin ich mit Ihnen, mein Herr, auf die Erhaltung des Ganzen bedacht. Das Wasser auf un- serer Erde loͤßt sich in Duͤnste, die Duͤnste in reine Luft, und diese vielleicht noch subtil er auf. Die feinesten Aufloͤsungen koͤnnen wieder den Ruͤckweg nehmen, und sich in Wasser verwandeln. So kann es auch mit den Cometen gehen. Sollten auf diesen fluͤssige Materien seyn, die unserm Wasser aͤhnlich waͤren, so wuͤrde ich, um es fluͤssig zu erhalten, den Cometen eine merkliche Grundwaͤrme geben, und die Aufloͤsung desselben in Duͤnste muͤßte ihnen zum Schirm wider die Sonnenhitze dienen. Indessen koͤnnen wir von der Beschaffenheit dieser Koͤrper kein sicheres Urtheil faͤllen. Der Dunst- kreyß der Cometen bleibt immer durchsichtig, weil wir durch denselben, auch wenn er 8000. Meilen hoch ist, noch den Koͤrper selbsten sehen koͤnnen. Dieser muß dem- nach noch stark erleuchtet seyn, wenn er nahe zur Sonne koͤmmt, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. koͤmmt, ungeacht ich ebenfalls vermuthe, daß die daherruͤh- rende Waͤrme durch die Athmosphære aufwaͤrts faͤhrt, weil sich doch das Licht in derselben so sehr zerstreut. Sie sehen hieraus, mein Herr, daß ich es nicht viel wage, in meinem System etwas individual es, sondern nur einen Grundriß von seiner Einrichtung anzubringen, der dem Wahren am naͤchsten kaͤme. Die Verschieden- heit bey jeden Weltkugeln muß uͤberhaupt groß seyn, weil der Schoͤpfer das Auserlesenste aus den Reichthuͤ- mern seiner Allwissenheit durch das Weltgebaͤude ver- breitet. Seine Guͤte und Weißheit muß nothwendig bey jedem Weltkoͤrper dasjenige zusammen gerichtet ha- ben, was seiner Laufbahn angemessen und dienlich ware, ihn auf das vollstaͤndigste auszubilden. So sehen wir die Proben davon auf unserer Erde, und eben so, aber mit unendlich vielerley Abaͤnderungen, werden sie sich auf jedem Weltkoͤrper den denkenden Wesen, so sie bewoh- nen, kennbar und anbetenswuͤrdig zeigen. Ich verehre besonders darinn auch die ewige Guͤte, daß sie harmo- nisch gestimmte Seelen, wie die unsrigen sind, der Zeit und dem Orte nach zusammenbringt. Moͤchte Ihr freundschaftlicher Wunsch erfuͤllt werden, daß der so kleine Unterschied des Ortes uns nimmermehr trennte! Ich hoffe es, und sehe dem Zeitpunct mit Verlangen entgegen, der meiner Freude den voͤlligen Ausbruch ge- statten wird, die ich geschwaͤchter empfinde, so lange ich in der Entfernung mich nennen muß, Mein Herr ꝛc. G 5 Neunter Cosmologische Briefe Neunter Brief. S o ruhen Sie denn niemals, mein Herr, wenn es um Gruͤnde zu thun ist, Ihr Welt- System auch den Unglaͤubigsten annehmenswuͤrdig zu machen? In Ihrem vorhergehenden Schreiben unter- suchten Sie, wie ferne die allgemeinen Absichten der Schoͤpfung, mit unsern Erfahrungen verglichen, die Beweise zur Vollstaͤndigkeit bringen koͤnnten. Und nun erwaͤgen Sie die verschiedenen Gesichtspuncten, aus welchen die Einrichtung und Bewohnbarkeit der Welt betrachtet werden. Ich gebe Ihnen vollkommen recht, daß diejenige, so noch an den Einwohnern der Planeten zweifeln, oder sie durchaus laͤugnen, noch zuweit zuruͤcke bleiben, und in ihrem Verstande zu sehr eingeschraͤnkt sind, weil sie ausser den Augen kein ander Mittel kennen, den Beyfall abzunoͤthigen, und daher von allgemeinen Beweisen, und von der moralischen Gewißheit nichts hoͤren wollen. Es ist auch nicht noͤ- thig, daß alle alles einsehen, und es mag unter den Erd- bewohnern in kleinem ein aͤhnlicher Unterschied seyn, wie der, so zwischen den Einwohnern verschiedener Weltkoͤrper ist. Die, so in hyperbolischen Laufbahnen einhergehen, und von Sonne zu Sonne wandeln, deh- nen ihre Betrachtungen auf das Ganze aus, da wir hoͤchstens bey der Erde stehen bleiben. Unser Gesichts- kreyß ist uͤberhaupt enger eingeschraͤnkt. Aber wie unzaͤhlig viele kleinere Stuffen hat er nicht? Die mei- sten kennen nur einzele Doͤrfer, ihren Geburtsort, an- dere uͤber die Einrichtung des Weltbaues. dere moͤgen groͤssere Erdstriche gesehen haben. Wenige schwingen sich in schaͤrfern Betrachtungen uͤber die Luft, und noch weniger dringen durch die Tiefe des Firma- mentes. Sie, mein Herr, sind dadurch gedrungen, und nun erforschen Sie, wie Sie Ihre Entdeckungen jeder eingeschraͤnktern Einsicht begreiflich machen, und jeden Gesichtskreyß da erweitern koͤnnen, wo er naͤher an ihre Betrachtungen grenzet. Von mir koͤnnen Sie, mein Herr, versichert seyn, daß es mir nicht an Trieben fehlen wird, Ihnen zu folgen, und meinen Gesichtskreyß durch alle Welten auszudehnen, wenn Sie in Ihren Schluͤssen auch noch bis jenseits der uns sichtbaren Fixsterne, bis jenseits des wunderbaren Lichtes, so Derham und andere in dem Orion entdekt haben, fortschreiten wollen. Mein er- stes Schreiben solle Ihnen zum Beweise dienen, daß ich mich schon viel beschaͤftiget habe, den Maßstab fuͤr solche Entfernungen zu gebrauchen, und auf jedem Lichtstral mich durch alle Welten zu schwingen. Ich habe ein ausnehmendes Vergnuͤgen daran, den Zusammenhang einzusehen, den Sie allem Ansehen nach noch auf das Ganze erstrecken werden. Es ist Ihnen nicht genug, daß die Welt durch das Gesetz der Schwere allein zu ei- nem aneinanderhangenden Ganzen gemacht seye. Sie verbinden noch jede Sonnen- System en auch dadurch mit einander, daß keines von dem andern so getrennt bleibe, daß seine Weltkugeln alle insgesamt bey ihm bleiben sollen. Dieses geben sie hoͤchstens nur fuͤr die Helfte, oder gar noch fuͤr einen viel kleinern Theil zu, und Cosmologische Briefe und den andern Theil lassen Sie, zu weit hoͤhern Betrachtungen gewiedmet, von Sonne zu Sonne laufen. Wie sehr wird die Welt bewohnter, als man es vor weniger Zeit gedacht hatte! Wir finden Welten auf jedem Staube, in jedem Tropfen, und bald wird kaum der Staub so zahlreich seyn, als die Weltkugeln am Firmamente. Es ist unstreitig, mein Herr, wer die Einwohner in den Planeten zugiebt, hat keinen neuen Schritt mehr zu thun, um Ihnen so viele Weltkoͤrper einzuraͤumen als Sie wollen. Denn er wird zugeben, die Welt habe nicht oͤde bleiben sollen, und es muͤße mehr Leben als todte Massen in derselben seyn. Der Schoͤpfer, die ewige Quelle alles Lebens, ist viel zu wirksam, als daß er nicht in jedes Staͤubchen Leben und Kraͤfte und Wirksamkeit gepraͤgt haͤtte. Wie soll- te man denn Ihr Unternehmen als verwegen ansehen, da Sie, mein Herr, weiter nichts thun, als daß Sie zeigen, man muͤsse die Absicht GOttes, das ganze Welt- gebaͤude bewohnt zu machen, und keinen Theil, keine Seite desselben unbetrachtet zu lassen, in ihrem wah- ren Umfange zum Grunde legen, um sich von der Welt einen rechten Begriff zu machen. Das einige, was man wider die Allgemeinheit dieser Absicht einwenden kann, ist die Besorgnis, es moͤchten hoͤhere und uns unbekandte Gruͤnde verhindert haben, so viele Weltku- geln um jede Sonne einherwandeln zu lassen. Wer dieses besorgt, wird allerdings auf das vollstaͤndige Re- gister von allen Cometen warten, und dazu gebraucht es uͤber die Einrichtung des Weltbaues. es viele Jahrhunderte, und mit allem deme wird man es nie als vollstaͤndig ausgeben. Ich habe mir einen beylaͤuftigen Ueberschlag die- ses Registers gemacht. Von 1500. bis 1600. hat man uͤber 40. Cometen gesehen, von welchen allem An- sehen nach keiner in diesen 100. Jahren zum zweyten- male erschiene, weil ich den von 1759. noch immer als den geschwindesten ansehe, und den uͤbrigen mehr als 100. Jahr, den meisten aber viele Jahrhunderte zu ih- rem Umlaufe zugebe. Nach dieser Rechnung wuͤrde ich in 400. Jahren 4mal 40. oder 160. Cometen bekommen. Ich setze, es seyen 60. unter denselben zwey- und mehr- malen wieder gekommen, so bleiben noch 100. Fuͤr diese 100. muß ich aber wenigstens 300. setzen, weil der Sichtbarkeit eines Cometen so viele Hindernisse im Wege stehen, daß ich annehmen kann, daß wir von denen, die wir sehen koͤnnten, kaum den dritten Theil wirklich sehen. Also haͤtte ich wenigstens 300. Come- ten, die sich bis in unsere Gesichts- Sphære herablassen. Diese ist aber, wie Sie es, mein Herr, in einem vor- hergehenden Schreiben anmerken, 40mal kleiner, als die vom Saturn, folglich muͤßte ich diese 300. Come- ten noch 40mal nehmen, um alle die herauszubringen, die bis innert die Sphære des Saturns kommen. Die Rechnung gibt 12000. Cometen. Ungeacht diese Zahl noch lange nicht auf 5. Millionen reicht, so ist sie dennoch eine Legion, und die Anzahl der Planeten wird dagegen unerheblich. Indessen glaube ich wohl nicht, daß das Register der uns sichtbaren Cometen sich nur Cosmologische Briefe nur auf 300. belaufen sollte. Im Gegentheil vermu- the ich, daß es sich auf etliche 1000. erstrecken werde. Halleys Tafel giebt uns eine solche Verschiedenheit in der Lage der Cometenbahnen an, die uns sehr merkliche Luͤcken darinn vermuthen laͤßt. So z. Ex. hatten die Cometen von 1672. und 1698. in ihren Perihel ien einen fast gleichen Abstand von der Sonne, sie waren aber in allen uͤbrigen Stuͤcken voͤllig von einander ver- schieden. Und eben dieses gilt auch von den Cometen, so man in den Jahren 1532. und 1596. gesehen. Man kann also alle moͤgliche Verschiedenheiten zusam- menpaaren, und die Luͤcken, so in der Halleyischen Ta- fel bleiben, werden dadurch augenscheinlich. Diese 12000. Cometen kommen noch alle naͤher zur Sonne als Saturn. Es hindert aber nichts, daß es nicht solche geben sollte, die uͤber 10mal weiter wegbleiben, und die Bewohnbarkeit der Welt fordert, daß sie da- selbst noch eben so dichte seyen, als sie es naͤher bey der Sonne sind. Auf diese Art muͤßte ich diese 12000. noch mit 100. vermehren, und ich wuͤrde 1200000. Cometen herausbringen, wenn auch das Register der- jenigen, die uus sichtbar seyn koͤnnen, sich nicht uͤber 300. erstreckte. Die Cometen, so nahe zur Sonne kommen, las- sen außerhalb dem Saturn noch so vielen Raum, daß ich kein Bedenken truͤge, die groͤßten Cometen in diese aͤußere Revier zu setzen, und denselben Satelliten zu geben. Denn ich glaube nicht, daß uns jemals ein Comet mit Satelliten zu Gesichte kommen werde. Je naͤher uͤber die Einrichtung des Weltbaues. naͤher sie zur Sonne kommen, desto enger wird der Raum, und desto mehr muß er gespahrt werden. Ein Comet, der Satelliten um sich hat, hat einen sehr grossen Wirkungskreyß, er muß aber dennoch andern Cometen Raum lassen. Dieses ist aber viel moͤglicher, wenn er weiter von der Sonne wegbleibt. Denn ich gedenke, wie Sie, mein Herr, daß Ordnung, Mannig- faltigkeit, Bewohnbarkeit und das Gesetz der Schwere in jedem Sonnen- System einander bestimmen, und dieses ist nothwendig der Grund, warum Sie nur das Allgemeine betrachten, weil die Individuali en aus der Erfahrung muͤssen entdeckt werden. Ich gestehe Ihnen aber dennoch, mein Herr, daß unser Sonnen- System, so weit es uns jetzo noch bekannt ist, schon genug bewunderungswuͤrdiges zeigt. Denn so nenne ich auch das, wovon wir die Gruͤnde nicht voͤllig einsehen. Die Planeten scheinen mir den- noch etwas besonderes an sich zu haben. Ihre Bah- nen sind in einer Flaͤche, und zwar, wie Sie es an- merken, in der Flaͤche des Æquators der Sonne, und alle, nebst ihren Satelliten laufen von Abend gegen Morgen, und zwar wiederum in solchen Ellipsen, die von Circuln so gar wenig unterschieden sind. Die Cometen hingegen laufen uͤberqueer durcheinander, und haben alle moͤgliche Richtungen in ihrem Laufe. Dieser Unterschied muß seine gute Gruͤnde haben, weil diese vierfache Ordnung und Uebereinstimmung in den Planeten nothwendig allen Zufall ausschleußt. Nie habe ich vollstaͤndiger eingesehen, daß Cometen keine unreife Cosmologische Briefe unreife Planeten sind, und daß sie nicht durch eine Verruͤckung in ihrem Laufe sich in solche verwandeln. Es ist 65536mal wahrscheinlicher, daß unter 16. Cometen, die sich in Planeten und Satelliten haͤtten verwandeln sollen, wenigstens einer sich von Morgen gegen Abend wuͤrde bewegt haben. Die Unmoͤglichkeit wird noch unendlichmal groͤsser, wenn ich berechnen sollte, wie wenig es wahrscheinlich waͤre, daß alle 16. Cometen sich just so verruͤckten, daß sie endlich in einer gleichen Flaͤche, und noch uͤberdiß just in der Flaͤche des Æquators der Sonne einhergehen mußten. Aller Zufall verschwindet hier nothwendig, und wir muͤßen die Anordnung der Planeten als die Folge eines Ge- setzes ansehen, das seine tuͤchtige Gruͤnde und Absich- ten hat, so verborgen diese uns noch seyn moͤgen. Daß die Laufbahnen der Planeten von einem Circul wenig verschieden sind, laͤßt sich endlich noch daraus be- greifen, wenn man setzt, die Mannigfaltigkeit der Be- wohner in dem Sonnen- System fordere auch solche, die einer gemaͤssigten und immer gleich grossen Erwaͤrmung und Erleuchtung noͤthig hatten. Daß sie saͤmtlich in einer Flaͤche laufen, haben Sie, mein Herr, daraus hergeleitet, weil dadurch die Bewohnbarkeit des Son- nen- System s groͤsser wird. Daß sie sich aber alle von Abend gegen Morgen bewegen, davon laͤßt sich al- lem Ansehen nach nicht so leicht ein Grund angeben. Das Gesetz der Schwere scheint hiezu nicht hinreichend, weil es Cometen giebt, die eine ganz entgegen gesetzte Richtung in ihrem Laufe haben, wie z. E. der von A. 1759. Man hat sich auch dieses Grundes bedient, um uͤber die Einrichtung des Weltbaues. um die Cartesischen Wirbel umzustossen. Sollte diese allen Planeten gemeinsame Bewegung damit eine Ver- bindung haben, daß sie in der Flaͤche des Sonnen- Ae- quator s sind, oder liegt etwan hier noch ein ander Ge- setz des Weltbaues verborgen, daß die Planeten so wohl in ihrer Bahn als um ihre Axe sich nach eben der Rich- tung wenden muͤssen, nach welcher die Sonne selbst sich um ihrer Axe wendet? Etwas so gar Allgemeines setzt einen allgemeinen Grund und ein allgemeines Ge- setz zum voraus, und dieses Gesetz scheinet nur bey den Planeten, nicht aber bey den Cometen nothwendig zu seyn, weil diese nicht alle von Abend gegen Morgen laufen. Denn ich gedenke nicht, daß allein das ge- schickte Ausweichen der Weltkoͤrper unter einander eine solche Uebereinstimmung in dem Laufe der Planeten er- forderte, oder daß jetzt einige Cometen nur deßwegen sich von Morgen gegen Abend bewegen, weil sie etwan vom Jupiter oder von einem entferntern grossen Co- meten so sind abgelenkt worden, daß sie nunmehr diese Richtung haben. Es ist dieses zwar nicht unmoͤglich. Die Einwohner der Cometen scheinen ohnehin gegen Waͤrme und Kaͤlte unempfindlich, und ein laͤngerer oder kuͤrzerer Winter hat bey ihnen nicht so viel zu be- deuten, als bey uns. Dieses waͤren aber nur Aus- nahmen, welche in sehr geringer Anzahl seyn muͤssen. Ich wuͤrde demnach diese Entscheidung verschieben, bis das Register von den Cometen vollstaͤndiger wuͤrde. Denn man muͤßte daraus sehen, ob in der That nur wenige Cometen von Morgen gegen Abend laufen, oder ob es fast eben so viele sind als die, so eine entge- H gen Cosmologische Briefe gen gesetzte Richtung haben? Indessen scheinen mir so starke Verruͤckungen noch deßwegen sehr unwahr- scheinlich, weil ich gerne jeden Weltkoͤrper dasjenige wollte seyn lassen, was er einmal ist. Ich wuͤrde sonst bald wieder besorgen, die Erde moͤchte auch eine solche Verruͤckung leiden, die ihr mit Zerruͤttungen drohte. Dieses lasse ich aber nicht gelten, weil die Erde so wie die uͤbrigen Planeten niemals Cometen gewesen sind, und um desto weniger noch sich in solche verwandeln werden, weil sie dazu gar nicht taugen. Hieruͤber bin ich nun vollkommen beruhiget, und werde mich unver- aͤndert an die Gruͤnde halten, die Sie mir in Ihren vorhergehenden Schreiben gegeben. Wie vorzuͤglich wird das Newtonische Gesetz der Schwere durch die Betrachtungen, die Sie, mein Herr, daruͤber angestellt haben, und wie genau verbinden Sie es mit den uͤbrigen Absichten der Schoͤpfung, nach wel- chen Sie die Einrichtung des ganzen Sonnen- System s beurtheilen, und gleichsam zum voraus verkuͤndigen, was erst die Nachwelt in Erfahrung bringen wird. Ich wuͤnschte, das Maximum bestimmen zu koͤnnen, von welchem Sie hiebey Erwaͤhnung thun. Sie haͤn- gen das Gesetz der Schwere mit der Bewohnbarkeit und Mannigfaltigkeit der Weltkoͤrper so zusammen, daß diese allgemeinen Absichten der Schoͤpfung aller- dings dieses Gesetz zu foͤrdern scheinen, welches auch ohnedem das einfachste ist, und uns die Bestimmung der Laufbahn jeder Weltkoͤrper so sehr erleichtert. Wie bewunderungswuͤrdig wird dabey die Einrichtung und Ord- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Ordnung in dem ganzen Sonnen- System, und wel- che mannigfaltige Verschiedenheit und Abwechslung breitet dieses Gesetz durch die Welt aus. Dadurch er- hellet die auserlesenste unter allen Ordnungen, die uns nothwendig eine Unordnung zu seyn scheinen wuͤrde, wenn wir ohne dieses Gesetz zu wissen, das Sonnen- System mit einem Anblicke so uͤbersehen koͤnnten, daß uns jede Planeten und Cometen in die Augen fielen. In der That wuͤrde es uns nicht anders als ein ver- wirrter und ohne Ordnung zerstreuter Haufe von Ku- geln vorkommen, die ohne Ruͤcksicht auf ihre Groͤsse unter einander waͤren. Wir wuͤrden keinen Grund finden koͤnnen, warum ihre Entfernungen von ihrer Lage unter einander so ungleich, und dem Anschein nach unschicklich waͤre. Ich kann mir die Einbildungs- kraft nicht genug anstrengen, um mir die Lage dieser Weltkugeln so vorzustellen, wie sie zum Exempel in diesem Augenblicke ist, und jeden Cometen in seiner Bahn aufzusuchen. So viel aber gedenke ich, daß es mir vorkommen wuͤrde, als wenn sich alle verirrt haͤt- ten, und an einem Orte viele beysammen, am andern aber fast gar keiner waͤre. Nehme ich aber das Gesetz der Schwere, und die daher ruͤhrende Ordnung in dem Laufe der Weltkoͤr- per, so um unsere Sonnen sind, so verschwindet diese verwirrte Vorstellung auf einmal. Denn dieses leh- ret mich, daß ich nicht die Weltkoͤrper fuͤr sich, son- dern zugleich auch ihre Laufbahn, und das Gesetz ihrer Bewegung betrachten muͤsse, und dadurch finde ich al- H 2 lerdings Cosmologische Briefe lerdings die trefliche Harmonie, die Sie, mein Herr, in Ihrem Schreiben so wuͤrdig erheben. Wie klar er- hellet auch hieraus der grosse Satz: Die Unordnung in der Welt ist nur scheinbar, und wo sie am groͤßten zu seyn scheinet, da ist die wahre Ordnung noch weit herrlicher, uns aber nur mehr verborgen. Wir wuͤr- den fehlen, wenn wir die Koͤrper des Sonnen- System s nur dem Raume und ihrem Orte nach betrachten, und dabey ungefehr eine Ordnung suchen wollten, wie sie in einer wohleingerichteten Bibliothec ist, wo man nur auf den Ort sieht, um jedes Buch gleich zu finden. Diese Ordnung waͤre in der Welt viel zu einfach. Hier muß Raum und Zeit mit einander verbunden, und die Ordnung auf beyde ausgebreitet werden. Wie voll- kommen harmonisch geschieht dieses in dem Laufe der Weltkoͤrper um die Sonne, die dem Raume nach be- trachtet, keine Ordnung zu haben scheinen. Was glauben Sie, mein Herr, lassen sich diese Betrachtungen nicht auch auf die Fixsterne ausdehnen? Ich habe noch gestern Abend in dieser Absicht den ge- stirnten Himmel betrachtet, weil ich doch niemals eine gewisse Symmetrie in seiner scheinbaren Gestalt hatte finden koͤnnen. Ich suchte sie nochmals vergebens. Denn ich fande die Sterne der ersten, zweyten und folgenden Groͤsse so gar ungleich ausgetheilt, daß bald viele der groͤßten dichte beysammen, hingegen an an- dern Orten des Himmels grosse leere Raͤume, und in dieselbe kaum etliche Sterne der sechsten Groͤsse waren. So zerstreut, dachte ich, wuͤrde uns das Sonnen- Sy- stem uͤber die Einrichtung des Weltbaues. stem vorkommen, wenn wir alle Planeten und Come- ten desselben auf einmal sehen koͤnnten. Aber bey die- sem wissen wir doch, daß in der That eine ausnehmen- de Ordnung darinn ist, so sehr es uns anders vorkom- men wuͤrde. Nach welchen Gesetzen mag denn der Allerweiseste diese ewigen Leuchter durch die ungemesse- nen Tiefen des Firmamentes, durch die herrlichen Vor- hoͤfe seiner Wohnung ausgesaͤet haben? Solle ich auch hier Zeit und Raum mit einander verbinden, und Fix- sterne nicht mehr als Fixsterne, sondern als Sonnen ansehen, die in majestaͤtischen Kreysen einher wandeln, und Weltalter gebrauchen, um einen Schritt zu thun, oder einen Grad ihrer Bahn zu durchlaufen? Am meisten hielte ich mich bey der Milchstrasse auf. Dieser lichte Bogen, der sich um das Firma- ment ganz herum zieht, und den Weltbau gleich ei- nem mit Brillanten besetzten Ringe schmuͤcket, erweckte Erstaunen und Bewunderung in mir. So sehen wir auf der Erde den Regenbogen uns in unzaͤhlbaren Tropfen das Bild der Sonne vorstellen, so scheinet der grosse Schoͤpfer die Tropfen des Lichtes, in wel- chem er wohnet, um den Himmel herum ausgebreitet zu haben. Wie dichte, wie unermeßlich dichte sind sie hier beysammen, und wie oͤde scheinet der Himmel ausserhalb diesem lichten Streifen! Hier wurde ich recht irre, und ich muß Ihnen, mein Herr, sagen, daß ich bald wieder angefangen haͤtte, an der Allge- meinheit Ihres Grundsatzes zu zweifeln, daß die Welt so viel, als moͤglich ist, bewohnbar und be- H 3 wohnt Cosmologische Briefe wohnt seyn sollte. Wie, wenn in diesem so schmalen Striche so undenkbar viele Sonnen seyn konnten, wo mag es gefehlt haben, daß nicht der ganze Himmel eben so dichte damit besetzt ist? Sehen Sie, es geht mir nun vollkommen, wie den Philosophen, die ich in meinem ersten Schreiben bestraft hatte. Ich werde unvermerkt auf ihre Spur gebracht, und fange nun bald an, Fragen und Zweifel auf einander aufzuhaͤu- fen. Doch hoffe ich, meine Zweifel werden nicht so fuͤrchterlich seyn, und wenn uns nur die Cometen in Ruhe lassen, so bin ich nicht besorgt, daß uns etwa ein Fixstern besuchen werde. Er muͤßte dem ganzen Sonnen- System den Krieg ankuͤnden, dieses aber wer- de ich wohl niemals einraͤumen. Was gedenken Sie aber hieruͤber, und wie fer- ne getrauen Sie sich, mein Herr, Ihren Grundsatz von der Bewohnbarkeit des Weltgebaͤudes zu rechtfer- tigen, und auch da noch zu zeigen, daß er mit der Ordnung in der Einrichtung des Ganzen und mit dem Gesetze der Schwere zusammenhaͤngt? Wie wunderbar muß es doch in der Milchstrasse ausse- hen! Glauben Sie, daß die Sterne in diesem lichten Streife in der That dichter beysammen sind, oder liegen sie nur in unendlich langen Reihen hin- ter einander? Es mag aber das erste oder das letzte seyn, so komme ich immer wieder auf mei- ne vorige Frage, warum es nur in diesen eini- gen Streifen ist? So unzaͤhlbar die Sterne aus- ser uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ser der Milchstrasse sind, so sind sie gegen denen in diesem Circul kaum wie ein Tropfen Wassers gegen den Ocean. Unsere besten Fernroͤhren rei- chen nicht zu, sie uns dichte genug vorzustellen, und alles, was sich daran unterscheiden laͤßt, koͤmmt schlechthin auf die groͤssern Sterne, so in der Milchstrasse stehen, und auf die Figur dieses Streifens an, so wie sie uns in die Augen faͤllt. Der aͤussere Umriß derselben ist sehr irregular, ih- re Breite sehr ungleich, und an einigen Orten kaum 3. Grad, an andern aber 25. bis 30. Grad. Sie scheint wie aus Stuͤcken zusammengesetzt, und einige dieser Stuͤcke scheinen seitwaͤrts sich von den uͤbrigen zu entfernen, als ob sie gespalten oder auf- gerissen waͤre. Koͤnnen Sie, mein Herr, bey dieser scheinba- ren Irregularit aͤt eine Harmonie und Ordnung finden. Und wie wollen Sie hiebey Zeit und Raum mit ein- ander verbinden, damit sich alles dieses nach einem all- gemeinen Gesetze richte? Denn nichts leuchtet mir klaͤrer ein, als daß auch hier solche Gesetze und eine weise Einrichtung seyn muͤsse, und ich werde mir nie vorstellen koͤnnen, daß, da jede Theile die vollkom- menste Ordnung haben, diese Ordnung in dem Gan- zen sollte vermißt werden. Der Weltbau ist ein Gan- zes, und muß daher nothwendig durch allgemeine Ge- setze zusammenhaͤngen. Ich erwarte hieruͤber Ihre Gedanken mit mehrerem Verlangen, als uͤber alles, was ich noch von unserm Sonnen- System wissen H 4 moͤchte. Cosmologische Briefe moͤchte. Dieses wird sich doch in kurzem von selbst mehr aufklaͤren, und Ihre Vorherverkuͤndigung in Erfuͤllung bringen. Aber in welchen kuͤnftigen Jahr- tausenden werden die Nachkommen leben, die eine Veraͤnderung in der Lage der Fixsterne, und daraus die Gesetze des ganzen Firmamentes entdecken werden? Sie koͤnnen mir, mein Herr, ihre Betrachtungen daruͤber desto dreister sagen, weil ich uͤber das Urtheil einer so spaͤten Nachwelt nicht besorgt bin. Ich weiß, daß Sie doch allemal auf das wahrscheinlichste verfallen, und dieses ist fuͤr unsere Zeiten in einer so weitaussehenden Sache schon etwas recht Grosses. Ich werde es mit der vollkommenen Erkenntlichkeit anneh- men, die ich Ihnen fuͤr so viele andere Gefaͤlligkeiten schuldig bin, und immer lebhafter empfinden werde, so lange ich lebe, oder mich werde nennen koͤnnen Mein Herr ꝛc. Zehnter uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Zehnter Brief. S ie geben mir, mein Herr, einen erwuͤnschten Anlaß, meiner Einbildungskraft ungehemm- ten Lauf zu lassen, und wollen mich noch da- zu berechtigen, weil die Erfahrung, wodurch man mich widerlegen koͤnnte, noch weit ausgesetzt ist. Al- lein Sie wissen, daß ich zu sehr diejenige Wahrschein- lichkeit liebe, die auch bey strengerer Untersuchung noch zulaͤssig ist, und ich werde es den Dichtern uͤberlassen, aus meinen Betrachtungen uͤber den Weltbau vollends einen astronomischen Roman zu machen. Es werden ihn viele ohnedem schon fuͤr nichts bessers ansehen. Ich will dennoch versuchen, wie weit hiebey die Schluͤs- se reichen moͤgen, und das uͤbrige durch Vermuthun- gen ergaͤnzen, weil die genaue Eroͤrterung ihrer vor- gelegten Fragen allem Ansehen nach den kuͤnftigen Zei- ten vorbehalten seyn wird. Es ist mir indessen ein wahres Vergnuͤgen, daß Sie, mein Herr, nun auch anfangen, ihrer edlen Wißbegierde nicht mehr Schran- ken zu setzen, sondern dieselbe durch das ganze Welt- gebaͤude auszudehnen, und ewige Gesetze und weise Ordnung da zu suchen, wo lauter Verwirrung zu seyn scheinet. Werfen Sie mir nur immer Fragen auf, weil mich Ihre Untersuchung zu weiterm Nachdenken verleitet. Aber helfen Sie mir auch meine Betrach- tungen erweitern, und sie durch das, so Ihnen dabey noch einfaͤllt, vollstaͤndiger machen. H 5 Ich Cosmologische Briefe Ich will dabey anfangen, daß ich die Fixsterne aus ihrer Stelle ruͤcke, und sie ungefehr eben so wie die Planeten und Cometen in gesetzten Bahnen einher wandeln mache. Sie haben mir, mein Herr, bereits in einem vorhergehenden Schreiben, einen Grund da- zu angegeben, weil Sie das Gesetz der Schwere durch das ganze Weltgebaͤude verbreiteten, und behaupte- ten, daß die Welt und alle ihre Theile dadurch auf das engste mit einander verbunden, und zu einem zu- sammenhaͤngenden Ganzen wurde. Dieses Gesetz al- lein gibt aber nichts anders als eine vim centripe- tam, und wenn es alleine waͤre, so muͤßten alle Welt- koͤrper nach und nach wieder in einen Klumpen zusam- men fallen. In 64. Tagen waͤre die Erde schon in der Sonne. Allein so wuͤrde fuͤr die Erhaltung die- ser Koͤrper schlecht gesorgt, und es ist also nothwen- dig, daß das Gesetz der Schwere durch ein anderes so eingeschraͤnkt werde, daß sie fortdauren koͤnnen. Die- ses ist die Bewegung, und die daher ruͤhrende vis centrifuga. Diese beyden Kraͤften halten einander ein gesetztes Gleichgewicht, und die Ordnung in den Weltkoͤrpern wird dadurch bestaͤndig. Es moͤgen nun die Fixsterne entweder nur gegen einander oder gegen einen gemeinsamen Mittelpunct schwer seyn, so blei- ben sie nicht in Ruhe, sondern muͤssen durch eine zwey- fache Kraft in Kreysen bewegt werden. Den andern Grund haben Sie, mein Herr, in ihrem letzten Schreiben vorgetragen. Sie finden in der Lage der Fixsterne keine Symmetrie dem Raum und uͤber die Einrichtung des Weltbaues. und Orte nach, und hieraus schliessen Sie, die Ord- nung muͤsse Raum und Zeit mit einander verbinden, und daher vollkommener seyn, weil sie zusammengesetz- ter ist. Dieses erlaͤutern Sie durch das Sonnen- Sy- stem, welches uns allerdings verwirrt vorkommen wuͤrde, wenn wir alle Weltkugeln, so um die Sonne gehen, sehen koͤnnten, und bey dem blossen Anblicke stehen blieben. Wie wollten Sie aber, daß die Fix- sterne der Zeit nach eine Ordnung unter sich haͤtten, wenn zwischen Zeit und Raum keine Verhaͤltnis, kein allgemeines Gesetz waͤre? Dieses aber setzt nothwen- dig eine Bewegung zum voraus, und ich schliesse mit Ihnen, die Fixsterne seyen lange nicht so unbewegt, als man sie ausgegeben, sondern es seyen Sonnen, die in geordneten Laufbahnen einher wandeln. Diese Bewegung der Fixsterne muß nothwendig in ihrem scheinbaren Abstande von einander in die Laͤn- ge der Zeit eine Veraͤnderung herfuͤr bringen. Ich kann nicht sagen, ob man seit dem Hipparchus , welcher den ersten Catalogum der Fixsterne verfertigt, eine solche Veraͤnderung bemerkt hat. So viel ist ge- wiß, daß diese alten Observation en mit den neuern nicht uͤbereinkommen, und man hat die Ursache allein in den weniger genauen Instrumenten, und sodann auch darinn gesucht, weil die Stralenbrechung, die Abirrung des Lichtes und die Nutation der Erde den Alten unbekannt ware. Koͤnnte man diese Fehler verbessern, oder wenigstens untersuchen, ob der Unter- schied zwischen den aͤltern und neuern Observation en merkli- Cosmologische Briefe merklicher ist, als der, so von diesen Fehlern hekoͤmmt, so wuͤrde die Frage entschieden. Es ist klar, daß man fuͤrnemlich die Lage der groͤssern Fixsterne unter einan- der vergleichen muͤßte, weil diese wahrscheinlicher Wei- se unserer Sonne am naͤchsten sind. Dermalen habe ich die Zeit nicht, diese Untersuchung anzustellen, da- her bleibe ich bey den allgemeinen Gruͤnden, die ich vorhin angefuͤhrt habe. Diese scheinen mir zurei- chend, um zu beweisen, daß die Fixsterne ihren Ort unter einander aͤndern muͤssen, und weiter wuͤrde sich aus der erstbemelten Untersuchung nicht viel schliessen lassen. Ich bleibe auch hier, wie bey den Cometen, nur bey der allgemeinen Einrichtung stehen. Diese Bewegung der Fixsterne kann auf eine ge- doppelte Art betrachtet werden. Denn da das Gesetz der Schwere dabey vorkoͤmmt, so laufen, so viele ih- rer zusammen gehoͤren, um ihren gemeinsamen Mittel- punct der Schwere, wie dieses auch in unserm Son- nen- System statt hat. Es koͤmmt also die Frage nur darauf an, ob man diesen Mittelpunct ganz oͤde lassen, oder in denselben einen so grossen Koͤrper setzen solle, der gegen die Fixsterne, so sich um denselben herumdrehen, eben das ist, was die Sonne in Ver- gleichung mit den Weltkugeln, die um sie laufen? Waͤre dieser Mittelpunct ganz leer, so wuͤrde der Lauf der Fixsterne sehr langsam seyn muͤssen, weil sie gegen denselben keine andere vim centripetam haͤtten, als die, so von ihnen selbst herruͤhrt, da sie gegen einan- der schwer sind. Diese Schwere aber waͤre wegen des uͤber die Einrichtung des Weltbaues. des grossen Abstandes sehr geringe, und daher koͤnnte die vis centrifuga, und folglich auch die Geschwindig- keit nicht groß seyn. So wuͤrden die Planeten und Cometen unseres System s sich um ihren gemeinsamen Mittelpunct der Schwere bewegen, wenn auch gleich die Sonne nicht da waͤre. Aber ihre Geschwindigkeit waͤre ungleich langsamer, weil sie sich sonst zerstreuen wuͤrden. Setze ich aber in den gemeinsamen Mittelpunct der Fixsterne, die zusammen ein System ausmachen, einen Koͤrper, gegen welchen sie insgesamt schwer sind, so muß ich diesem Koͤrper eine ungeheure Groͤsse ge- ben, und seine Masse so aufhaͤufen, daß auch die ent- ferntesten Fixsterne des System s gegen denselben noch eine betraͤchtliche Schwere haben koͤnnen, weil diese allezeit der Masse proportional ist. Wollte ich hier einen Roman schreiben, so wuͤrde ich setzen, dieser Koͤr- per habe entweder gar kein - oder doch nur ein sehr schwaches eigenes Licht. Ich wuͤrde die Welt so ein- richten, daß die kleinern dunklern Koͤrper, wie z. E. die Planeten um die leuchtenden Sonnen, diese aber wieder um dunkle Koͤrper herum laufen. Denn die Sonnen haͤtten kein ander Licht noͤthig, weil sie selb- sten von so starkem Glanze sind, hingegen koͤnnte der dunkle Koͤrper, um welchen sie sich bewegen, von den Sonnen, so zunaͤchst um ihn laufen, noch zureichend erleuchtet werden. Allein von einer solchen Einrich- tung kann ich keinen andern Grund als die blosse Moͤg- lichkeit angeben. Sie wissen aber, mein Herr, daß die Cosmologische Briefe die Moͤglichkeit nur in der Poetischen, nicht aber in der Philosophischen Welt als hinlaͤnglich angesehen wird. Ich lasse es demnach unentschieden, ob ein Sy- stem von Fixsternen sich nur um einen gemeinsamen Mittelpunct herum dreht, oder ob in diesem Mittel- punct in der That ein Koͤrper von einer ungeheuren Masse ist, gegen welche die Fixsterne schwer sind? Eine andere Betrachtung, die sich uͤber die Be- wegung der Fixsterne machen laͤßt, gruͤndet sich auf die Frage, ob die Bewegung eines Weltkoͤrpers um seine Axe mit seiner Bewegung in der Laufbahn nothwendig verbunden ist, und ob die mechani sche Einrichtung des Weltbaues die eine von der andern abhaͤngig macht? Die Verhaͤltnis zwischen diesen beyden Bewegungen hat man noch nicht aus allgemeinen Gruͤnden bestim- men koͤnnen. Ließe sie sich aber erweisen, so wuͤrde ich mit dem Schlusse bald fertig seyn: Die Sonne be- wegt sich um ihre Axe, folglich muß sie auch in einer Laufbahn einhergehen. So viel ist ausgemacht, daß sich unsere Sonne, nebst ihren Planeten, Satelliten und Cometen um den gemeinsamen Mittelpunct der Schwere bewegt. Die- ses folgt aus dem, daß alle diese Coͤrper gegeneinander schwer sind. Allein der Circul, den die Sonne aus diesem Grunde beschreibt, ist nothwendig sehr klein, und man kann hieraus noch nicht schliessen, daß sich sein Mittelpunct nach und nach verruͤcke. Es wuͤrde immer sehr langsam zugehen. Ich leite demnach die Bewe- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Bewegung der Fixsterne lieber aus den beyden ersten Gruͤnden her, welche sie merklicher und nothwendiger machen. Was Sie mir, mein Herr, uͤber die Milch- strasse schreiben, hat mich schon oͤfters auch in Ver- wunderung gesetzt. Es scheinet unstreitig, daß dieser Streife weit hinter den andern Fixsternen ist, die wir ausserhalb demselben sehen, und die groͤssern Fixsterne in diesem Circul muͤssen uns alle ungleich naͤher seyn, weil wir die, so eigentlich die Milchstrasse ausmachen, nur durch Fernroͤhren deutlicher sehen. Sind sie aber so unermeßlich entfernt, so scheinet allerdings, daß sie unserer Sonne an Groͤsse und an Glanz nichts nach- geben, und daher auch einen merklichen Abstand von einander haben muͤssen. Fangen Sie demnach bey unserer Sonne an, in Gedanken gegen einen Fixstern der ersten Groͤsse, von diesem zu einem entferntern, von diesem zu denen, die der Ordnung nach entfernter sind, gerade fortzu- gehen, so werden Sie vielfach fruͤher zu den aͤussersten kommen, wenn Sie den Weg ausser der Milchstrasse nehmen, als wenn er durch dieselbe durchgeht. Ich setze den naͤchsten Stern, so eigentlich zur Milchstras- se gehoͤrt, vielmal weiter von uns weg, als der aͤus- serste von den uͤbrigen, die nicht dazu gehoͤren. Denn da ich annehme, die Sterne in diesen Streifen seyen so weit von einander entfernt, als irgend einer der naͤchsten Fixsterne von unserer Sonne, so muß ich sie noth- Cosmologische Briefe nothwendig in unbegreiflich langen Reihen hinter ein- ander setzen, und daraus folgere ich, daß das ganze System der uns sichtbaren Fixsterne nicht sphæri sch, sondern flach ist, ungefehr wie eine Scheibe, deren Durchmesser vielfach laͤnger als ihre Dicke ist. Denn ich muß hier eine physicali sche Flaͤche nehmen, die ei- ne gewisse Dicke hat. In dieser Flaͤche liegt die Milchstrasse und alle sichtbaren Sterne ausser dersel- ben, sie ist gleichsam die Eccliptic, darinn sich alle Fixsterne bewegen. Aber damit reiche ich noch nicht aus. Die Milchstrasse unterscheidet sich von dem uͤbrigen Theile des Himmels zu deutlich. Wenn ich also gleich alle andere Fixsterne zusammen nehme, so muß ich die Milchstrasse von demselben ganz absondern, und auch diesen Streifen in unzaͤhlige kleinere Theile zerfaͤllen. Viele von diesen Theilen zeigen sich uns dadnrch, daß sie von den uͤbrigen getrennt erscheinen. Die uͤbrigen bedecken einander, weil eines hinter dem andern liegt. Jedes von diesen Theilen sehe ich als ein besonder Sy- stem von Fixsternen an. Wir selbsten befinden uns in einem solchen, und zu diesem rechne ich alle Ster- ne, die uns sichtbar sind, und ausser der Milchstrasse liegen, wie auch die groͤssern, so diesen Bogen des Himmels bedecken. Die uͤbrigen System en liegen in der Flaͤche der Milchstrasse um uns herum. Jedes setze ich unserm Sonnen- System darinn aͤhnlich, daß alle Fixsterne oder Sonnen, die dazu gehoͤren, sich um einen gemeinsamen Mittelpunct herum bewegen, und ich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ich waͤre geneigt zu glauben, daß alle diese System en, oder die ganze Milchstrasse einen gemeinsamen Mittel- punct habe, um welche sie laufen. Sie sehen hieraus, mein Herr, daß ich nach der Analogie schliesse. So z. E. gehoͤren die Trabanten zu den Haupt-Planeten, diese zur Sonne, die Son- ne zu ihrem System, und dieses zum System der gan- zen Milchstrasse. Weiter reichen unsere Augen nicht, und ich lasse es unbestimmt, ob nicht die uns sichtbare Milchstrasse zu noch unzaͤhligen andern gehoͤrt, und mit denselben wieder ein ganzes System ausmacht. Vielleicht ist das Licht dieser so unermeßlich entfernten Milchstrasse so schwach, daß wir es nicht sehen koͤnnen. Denn die naͤchsten Fixsterne moͤgen dennoch ein schwa- ches Licht durch unsere Luft ausbreiten, weil wir des Nachts zumal bey hellem Himmel noch sehen koͤnnen. Diese so schwache Klarheit kann unstreitig eine noch schwaͤchere verdunkeln und unempfindbar machen, und ich schliesse aus dem, daß die Milchstrasse noch sichtbar ist, wie unzaͤhlig viele Sonnen in diesem Streifen seyn muͤssen. Dem blossen Auge entziehen sich die Sterne der siebenden und der folgenden Groͤssen, und sie werden uns nur alsdenn sichtbar, wenn viele der- selben dichte beysammen sind. Wir sehen dieses an den sogenannten neblichten Sternen. Die Fernroͤh- ren lehren uns, daß sie nichts anders als ein Haufen von Sternen sind, die die Entfernung kleiner macht, als daß wir sie mit blossem Auge unterscheiden koͤnn- ten. Wenn sich aber das Licht von vielen zusammen I paaret, Cosmologische Briefe paaret, so wird es staͤrker, und daher unsern Augen empfindbar. Dieses ist der Grund, warum wir die Milchstrasse sehen. So sieht das Firmament aus, wie ich mir es vorstelle, aber ich gestehe Ihnen gerne, mein Herr, daß ich die Gruͤnde dazu noch nicht genugsam entwi- ckelt habe. Es wird mir sehr lieb seyn, wenn Sie mir helfen wollen, dasselbe genauer zu untersuchen. Da ich hierinn Zeit und Raum mit einander verbinde, so hoffe ich, Sie werden sich damit nicht aufhalten, daß nicht der ganze Himmel so dichte mit Sternen be- saͤet ist, als die Milchstrasse. Sie haben mir schon darinn Beyfall gegeben, als ich die Anzahl der Come- ten nicht wie die Cubos, sondern nur wie die Quadra- te des Abstandes ihrer Periheli en anwachsen liesse, weil Sie selbst einsahen, daß ich Raum zur Bewegung las- sen mußte. Koͤnnte ich nicht auch hieraus umgekehrt schliessen: Der Himmel ausser der Milchstrasse scheint, mit diesem Ringe verglichen, leer und oͤde zu seyn, folglich ist daselbst Raum zur Bewegung aufbehalten, und es muͤssen die Fixsterne und alle ihre System en gesetzte Laufbahnen haben? Denn Sie werden aus al- len meinen vorhergehenden Schreiben abnehmen koͤn- nen, daß ich nicht mehr Weltkoͤrper zulasse, als es Laufbahnen geben kann; aber wo noch Raum zu die- sen ist, da trage ich kein Bedenken, einen Weltkoͤrper hinzusetzen, und folglich in so weit die Welt damit an- zufuͤllen. Die Bewegung scheint mir zur Vollkom- menheit der Welt wesentlich, denn dadurch entstehen Abwechs- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Abwechslungen, und mit den Abwechslungen immer neue Mannigfaltigkeiten. Die Bewegung bringt diese Mannigfaltigkeiten hervor, die Gesetze der Ver- aͤnderungen sind allgemein und einfach, und daher ha- ben wir die Uebereinstimmung des Mannigfaltigen, das ist, die Vollkommenheit. Auf diese Art bekraͤf- tigt auch die Cosmologie meinen Satz von der Bewe- gung der Fixsterne. Sie haben mir, mein Herr, bereits geholfen, das Newtonische Gesetz der Schwere durch die ganze Welt, und daher auch durch jede System en von Fix- sternen auszubreiten. Eben so weit breiten sich noth- wendig die Circul und Ellips en aus, in welche die Fixsterne sich um den Mittelpunct ihres System s her- nm bewegen. Je naͤher ein Stern diesem Mittel- punct ist, desto geschwinder laͤuft er in seiner Bahn, und in desto kuͤrzerer Zeit koͤmmt er darinn herum. Ich habe schon vorhin angemerkt, daß ich die Sterne, so ausser der Milchstrasse sind, in ein System zusam- men nehme, so groß auch ihre Zahl seyn wag. Es ist natuͤrlich, und der Analogie gemaͤß, daß Zahl, Raum und Zeit zugleich mit dem System wachsen. Die Erde hat nur einen Trabanten, Jupiter 4, Sa- turn 5, die Sonne mag bey Millionen Weltkoͤrper um sich haben, weil ihre Masse groͤsser, und ihr Licht und ihre Waͤrme von allgemeinerm Nutzen ist. Solle ich demnach ein System von Sonnen zusammen setzen, so reichen Millionen noch lange nicht zu. Es muß ungleich zahlreicher werden, wenn es in der Verhaͤlt- I 2 nis Cosmologische Briefe nis wachsen solle, wie die Trabanten des Saturns zu der Anzahl der Koͤrper des Sonnen- System s, die ich in einem meiner vorhergehenden Schreiben auf Mil- lionen gesetzt habe. Ich kann nicht bestimmen, ob unsere Sonne na- he bey dem Mittelpunct des System s ist, zu welchem sie gehoͤrt, oder ob sie weiter davon weg ist. So viel laͤßt sich ausmachen, daß sie nicht an den aͤusser- sten Grenzen ist, wenn ich nach dem vorhin beschriebe- nen Entwurfe schliessen kann. Denn ich setze zwi- schen diesem System und den uͤbrigen, die in der Flaͤ- che der Milchstrasse um dasselbe herum liegen, einen weiten Raum, wodurch die System en von einander abgesoͤndert werden. Waͤre nun unsere Sonne an den Grenzen, so wuͤrden wir nur auf der einen Helfte des Himmels Fixsterne von der ersten, zweyten, und folgenden Groͤsse sehen. Dieses ist aber nicht, weil uns der gestirnte Himmel aller Orten solche Sterne zeigt. Daher ist unsere Sonne naͤher bey dem Mit- telpunct ihres System s. Hingegen kann es ehender seyn, daß dieses gan- ze System nicht mitten in der Flaͤche liegt, welche durch die Milchstrasse geht. Denn waͤre dieses, so muͤßte die Milchstrasse auf der Himmelskugel als ein groͤßter Circul erscheinen, und folglich von den Polen des Aequator s und des Thierkreyses gleich abstehen, den Aequator und den Thierkreys selbst in zween glei- che Teile theilen. Dieses geschieht aber nicht. Da- her uͤber die Einrichtung des Weltbaues. her stellt die Milchstrasse einen kleinern Circul vor, und unser System liegt ausserhalb der Flaͤche, die mit- ten durch die Milchstrasse geht. Da inzwischen die scheinbare Figur dieses Streifens von einem groͤßten Circul der Sphære sehr wenig verschieden ist, so kann auch unser System von besagter Flaͤche nicht viel ent- fernt seyn. Vielleicht liegt es eben so ausserwaͤrts, wie die Stuͤcke, die wir von der Milchstrasse seitwaͤrts herfuͤr ragen sehen. Wenn es weiter entfernt waͤre, so wuͤrden wir die Milchstrasse viel breiter sehen. Ih- re mittlere Breite mag aber nur ungefehr zehen Gra- de betragen. Diese Betrachtungen habe ich noch nicht weiter verfolgt, und sie daher auch hier nicht ausfuͤhrlicher vortragen koͤnnen. Ich gebe sie also nur fuͤr willkuͤhr- lich aus, und vielleicht habe ich sie undeutlich und ohne die behoͤrige Ordnung beschrieben. Allein Sie wissen, mein Herr, wie schwer es ist, Ordnung uͤber eine Sache auszubreiten, wozu uns noch die meisten Stuͤcke fehlen. Sie werden mich sehr verbinden, wenn Sie mir Ihre Gedanken daruͤber mit der Ihnen gewoͤhnlichen Deut- lichkeit mittheilen wollen, weil ich weiß, daß Sie eine vorzuͤgliche Klarheit in allen Ihren Vorstellungen ha- ben. Ihre Beyhuͤlfe wird mir eine neue und unver- geßbare Probe der Freundschaft seyn, die Sie mir ge- goͤnnet haben, und die mir immer die angenehmen Em- pfindungen erneuert, mit denen ich bin, Mein Herr ꝛc. I 3 Eilfter Cosmologische Briefe Eilfter Brief. N un sehe ich einmal in allem Umfange ein, war- um Sie, mein Herr, immer sagten, daß wir noch lange nicht genug Copernicanisch denken. Es ware nicht genug, die Erde aus ihrer Ruhe zu stoͤ- ren, sondern am ganzen Firmamente solle kein Koͤrper in Ruhe bleiben. Die Sonne mag immerhin im Mittelpuncte ihres System s seyn, und die Planeten und Cometen um sich her wandeln lassen. Sie ist es nicht mehr als Jupiter und Saturn in Absicht auf ih- re Trabanten. Daß sie aber im Mittelpunct des ganzen Weltgebaͤudes seye, das ist noch lange nicht ausgemacht; und wenn sie es auch einmal waͤre, so wuͤrde sie bald wieder daraus weggeruͤckt werden. Kurz: die Ruhe ist aus der Welt verbannt, weil sie zu einfoͤrmig waͤre. Die Mannigfaltigkeit fordert Abwechslungen, und diese koͤnnen ohne Bewegung nicht vorgehen. Die Bewegung wird demnach we- sentlich, und das allgemeine Gesetz der Schwere wuͤr- de genug seyn, um zu zeigen, daß wirklich alles in Le- ben und Bewegung ist. Kein Punct des ganzen Welt- gebaͤudes bleibt, auch nicht einen Augenblick, in einer absolut en Ruhe. Die vollstaͤndigste Symmetrie muß Zeit und Raum mit einander verbinden, und jede tode Masse wird schlechterdings aus der Welt ausgeschlos- sen, und ohne eine durchgaͤngige Bewegung waͤre die Welt eine Maschine, die nicht gebraucht wuͤrde, eine abgelaufene Uhr. So uͤber die Einrichtung des Weltbaues. So weit raͤume ich Ihnen, mein Herr, gerne alles ein. Es ist also nur die Frage, die Art dieser Bewegung genauer zu bestimmen. Fuͤr unser Son- nen- System haben Sie bereits zureichend gesorgt, und aus dem allgemeinen Begriffe seiner Einrichtung gleichsam zum voraus gesagt, was die Erfahrung je laͤnger je mehr bekraͤftigen wird. Eben so kann ich Ihnen zugeben, daß sie aus dem Gesetze der Schwere, welches sich unstreitig durch die ganze Welt ausbreitet, und sie zu einem zusammenhaͤngenden Ganzen macht, richtig auf eine Central- Bewegung der Fixsterne schliessen, so wenig sie uns noch merkbar ist. Diese sind so weit entfernt, daß sie unermeßlich grosse Raͤu- me durchlaufen koͤnnen, ehe wir ihren scheinbarn Ort um etliche Minuten verruͤckt sehen, und zur Bestim- mung dieser so kleinen Verruͤckung scheinen die Obser- vation en der aͤltesten Sternseher zu vielen andern Fehlern unterworfen, als daß man sie mit den neuern verglichen, so genau sollte erkennen koͤnnen. Indes- sen lohnte es sich doch der Muͤhe, die Untersuchung anzustellen. Was Sie, mein Herr, in Ihrem Schreiben noch selbsten als willkuͤhrlich ansehen, betrift die Ein- theilung der Fixsterne in besondere System en, und da- zu haben Sie mir einige Gruͤnde angegeben, die ich gesucht habe, mir so deutlich vorzustellen, als es mir moͤglich ware. Der erste dieser Gruͤnde ist die Analo- gie, welche man uͤberhaupt betrachtet in der Naturleh- re sehr weit ausdehnen kann. Denn alles in der Na- I 4 tur Cosmologische Briefe tur ist nach allgemeinen Gesetzen eingerichtet. Sie machen demnach aus dem ganzen Weltbaue ein ganzes System. Dieses theilen Sie in einzele, und jedes derselben wieder in kleinere, bis sie endlich auf unser Sonnen- System, und auch noch von diesem auf die System en der Planeten kommen, welche nur wenige Trabanten um sich haben. Hiebey raͤume ich Ihnen ein, daß die Erde mit dem Monde, Jupiter und Sa- turn mit ihren Trabanten die einfachsten System en ausmachen, daß die Sonne mit allen ihren Weltku- geln ein merklich groͤsseres System ist, daß dergleichen groͤssere System en um jede Fixsterne herum sind, daß endlich die ganze Welt zusammen genommen ein Gan- zes oder das vollstaͤndigste System ist. Der Begriff, den wir uns von einem System machen, und die Kennt- nis, so wir von der uns sichtbaren Welt haben, for- dert, daß jedermann dieses zugeben wird. Die Fra- ge ist demnach nur, ob wir nicht einen erstaunlich grossen Sprung machen, wenn wir von dem Sonnen- System sogleich zu dem System des ganzen Weltbaues fortschreiten, und ob nicht die Fixsterne selbsten noch muͤssen in Classen, und diese Classen stuffenweise noch in allgemeinere Classen gebracht werden? Denn so haͤtten wir nur noch drey Stuffen: Das System je- der Planeten, das System jeder Sonnen, und das Welt- System. Wie, wenn statt dieser drey Stuf- fen unzaͤhlige waͤren, wenn diese drey die Subordina- tion der System en nicht vollstaͤndig genug machten, wenn zwischen der Anzahl der Planeten und Cometen um eine Sonne und der Anzahl aller Sonnen keine Propor- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Proportion waͤre, so muͤßten wir unstreitig noch meh- rere Stuffen zugeben. Ich wenigstens truͤge kein Bedenken, weil mir eine Kette von drey Gliedern viel zu kurz scheint, und aller Orten, wo wir Stuffen in der Natur antreffen, da sind mehrere. Hier fangen Sie, mein Herr, an, zu untersu- chen, ob man nicht von solchen mehrern Stuffen Spu- ren antrift, und diese Untersuchung fuͤhrt Sie dahin, daß Sie die Milchstrasse in unzaͤhlige Theile einthei- len. Jedes von diesen Theilen machen Sie zu einem besondern System von Fixsternen oder Sonnen. Alle liegen in einer Flaͤche, und diese geht durch die Milch- strasse. Unsere Sonne liegt in einem solchen System, zu welchem Sie alle Sterne rechnen, die nicht eigent- lich zur Milchstrasse, oder zu denen System en gehoͤ- ren, so uns dieser Streife des Himmels vorstellt. Diese entferntern System en soͤndern Sie durch einen merklichen Zwischenraum von dem unsrigen ab, und der Grund, den Sie hievon angeben, ist dieser, weil sich die Milchstrasse von den uͤbrigen Theilen des Him- mels gar zu deutlich unterscheidet. Dieses ist also die Einrichtung des unsern Augen sichtbarn Weltbaues, und Sie sagen, daß Sie in dieser Vorstellung noch viel Willkuͤhrliches finden. Ich habe mir Muͤhe ge- geben, dieses Willkuͤhrliche aufzusuchen, weil ich be- gierig ware, mir von dem ganzen Zusammenhange ei- nen lebhaften Begriff zu machen, und Ihnen, mein Herr, in so weitlaͤuftigen Schluͤssen nachzufolgen. Ur- theilen Sie, wie ferne es mir hierinn gerathen, und I 5 wie Cosmologische Briefe wie ferne Sie dabey Anlaß nehmen koͤnnen, noch wei- ter zu gehen. Die Hauptfrage scheint mir darauf anzukommen, ob die Sterne, so wir durch Fernroͤhren in der Milch- strasse sehen, wenigstens so weit von einander entfernt sind, als die naͤchsten Fixsterne von unserer Sonne? Denn wenn dieses ist, so wird bald ausgemacht seyn, daß sie in unbeschreiblich langen Reihen hinter einan- der liegen muͤssen. Ich nehme z. E. zween derglei- chen Sterne aus der Milchstrasse, die nur eine Se- cunde von einander entfernt scheinen. Setze ich, sie seyen von uns gleich weit weg, so haͤtte ich einen gleichschenklichten Triangel, dessen zwo laͤngern Sei- ten einen Winkel von einer Secunde machen, die kuͤr- zere aber der Abstand dieser beyden Sterne waͤre. Die Trigonometrie giebt, daß jede der laͤngern 206265mal groͤsser seyn muͤßte als diese. Diese ist aber wenigstens 500000mal groͤsser, als der Abstand der Erde von der Sonne. Daher muͤßten solche Ster- ne 200000mal 500000. oder 100000000000. das ist hundert tausend Millionenmal weiter von uns entfernt seyn als die Sonne. Da ich mir nicht vor- stellen kann, daß wir sie noch sollten sehen koͤnnen, so schliesse ich lieber, daß die Sterne der Milchstrasse ent- weder naͤher bey einander, oder in langen Reihen hin- ter einander liegen muͤssen. Das erstere leuchtet mir nicht so wohl ein. Einmal wuͤrde ich gar keinen Grund finden, alle Sterne der Milchstrasse in eine gleiche Entfernung zu setzen, und wenn ich es auch thun uͤber die Einrichtung des Weltbaues. thun wollte, so muͤßte ich annehmen, daß sie sehr klein waͤren, und so wuͤrden wir sie wegen ihres gros- sen Abstandes allem Vermuthen nach nicht mehr sehen koͤnnen. Im Gegentheile sehe ich jede Fixsterne als so viele Sonnen an, deren Licht und Waͤrme vielen Millionen dunkler Weltkoͤrper dienen solle. Dieses aber fordert einen grossen Wirkungskreyß, darinn sol- che Planeten und Cometen sich bewegen koͤnnen, und daher auch einen grossen Abstand der Fixsterne von einander. Sehen Sie, mein Herr, so gebrauche ich Ih- ren Grundsatz von der Bewohnbarkeit der Welt, um den Abstand der Fixsterne zu bestimmen, und sie durch den unermeßlichen Raum aus einander zu setzen. Ich wollte keinen Fixstern bloß zum Anschauen stehen las- sen, sondern das Licht, die Waͤrme, und seine Schwe- re solle dienen, ein ganzes System von Weltkugeln um denselben einher wandeln zu machen, die Nutzen davon haͤtten. Mittel ohne Absichten scheinen mir nichts zu taugen, und ich schliesse sie von der Welt aus. Jeder Fixstern muß zu aͤhnlichen Absichten die- nen, zu welchen wir unsere wolthaͤtige Sonne ge- wiedmet seheu. Diese hat ein ihrer Majestaͤt ange- messenes Gebiet, und jeder Fixstern verdient, nicht aͤr- mer oder gar ungebraucht zu seyn. Sein Licht und seine Waͤrme sind Mittel, und diese sollen gebraucht werden, wie wir das Licht und die Waͤrme unserer Sonne gebrauchen. Jedem Fixstern raͤume ich dem- nach ein ansehnlich Gebiet ein, so weit sich sein Wir- kungskreyß erstreckt. Dadurch aber muß ich aller- dings den Abstand zwischen jeden ungefehr so groß als den Cosmologische Briefe den vom Sirius von unserer Sonne setzen, und die Fixsterne muͤssen Reihenweise hinter einander liegen. Bis dahin glaube ich, daß ich Ihnen, mein Herr, ordentlich gefolgt bin, und die Sache nur nach meinen Begriffen eingerichtet habe. Allein Sie sind noch viel weiter gegangen, und ich muß Ihnen sagen, daß ich etwas Muͤhe hatte, von da an noch neue Schritte zu thun. So weit begriffe ich noch wohl, daß ich diese Reihen von Fixsternen durch die Milch- strasse unzaͤhlige mal weiter hinaus strecken mußte, als ausserhalb derselben, weil ich mir nicht vorstellen konn- te, daß ausserhalb, wo wir den Himmel ziemlich leer sehen, an statt leuchtender Sonnen lauter dunkle und unsichtbare Weltkugeln seyn sollten; oder daß solche leere Raͤume mit eitel hyperbolischen Laufbahnen von Cometen angefuͤllt waͤren. Setze ich demnach ausser der Milchstrasse vielfach kuͤrzere Reihen von Fixster- nen, so folgt allerdings Ihr Schluß daraus, das ge- samte System von Sternen, die wir sehen koͤnnen, muͤsse nicht sphæri sch, sondern flach seyn, und die Milchstrasse seye so zu reden die Eccliptic derselben. Ich sahe sie daher als einen sehr flachen Cylinder, oder als eine Sphærois an, und wenn ich der Dicke nach eine Reihe von 100. Fixsternen setzte, so muͤßte ich der Laͤnge nach eine Reihe von Millionen annehmen, damit die Milchstrasse, welche diese Sphærois vor- stellt, dichte genug mit Sternen besetzt scheinen moͤchte. Hieran uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Hieran hielte ich mich also nicht lange auf. Hin- gegen konnte ich nicht sogleich einsehen, warum Sie, mein Herr, zwischen der Milchstraße und unserm Fix- sternen- System einen Zwischenraum liessen. Sie ga- ben mir hievon keinen andern Grund an, als daß Sie sagen, die Milchstraße unterscheide sich zu sehr von den uͤbrigen Theilen des Himmels, oder der Absatz falle zu stark in die Augen. Hieruͤber haͤtte ich gewuͤnscht, daß Sie sich etwas laͤnger aufgehalten haͤtten. Dieser Vordersatz schiene mir von dem Schlußsatze zu weit entfernt, und um die Mittelsaͤtze zu finden, mußte ich ein Problem aufloͤsen, das mir sehr raͤthselhaft vorkam. Ich bin noch lange kein Oedipus . Indessen strengte ich doch meine Kraͤfte an, um mir die Sache faßlich zu machen. Ich weis, wie geschwinde Sie fortschreiten, aber es solle mir nie an Proben fehlen, um Ihnen zu zeigen, daß ich mich bemuͤhe, nicht zuruͤcke zu bleiben. Ich fienge demnach an, diesen Raum, den Sie, mein Herr, leer lassen, eben so dichte als den uͤbrigen mit Fixsternen zu besetzen, und um mir die Einbildungs- kraft nicht gar zu sehr auszudehnen, so zoge ich die Sache in ein kleines Bild zusammen, und suchte mir einen illumini rten Platz vorzustellen, auf welchem die Leuchter ungefehr so gesetzt waͤren, wie die Fixsterne in der Flaͤche der Milchstraße. Ich fienge bey dem Bo- den an, und stellte mir auf demselben etliche tausend Reihen von Lichtern vor, die in gleicher Entfernung stuͤnden. In gleicher Hoͤhe uͤber denselben setzte ich ei- ne eben so weit ausgebreitete Schichte, und uͤber diesen noch Cosmologische Briefe noch 100. andere Schichten. So wurde die Luft auf dem ganzen Platze mit Lichtern angefuͤllt, und der Platz praͤchtiger illumini rt alo es je geschehen seyn kann. Nun stellte ich mich mitten in diesen Raum, und schau- te, wie es aussehen wuͤrde. Schaute ich gerade auf- waͤrts oder unterwaͤrts, so fande ich nur 50. Lichter. Je mehr ich aber mit dem Auge gegen den Horizont ruͤckte, desto mehr Lichter sahe ich in einer Reyhe; Ih- re Anzahl nahm aber allmaͤhlich, anfangs langsamer, nachgehends aber staͤrker zu, ungefehr wie die Secant en der Winkel zunehmen. Aber nirgends fande ich einen Absatz, wie wir ihn an der Milchstraße sehen. Ich folgte demnach Ihrem Schlusse, mein Herr, und ließ die naͤchsten Lichter um mich stehen, aber zwischen diesen und den entferntern nahm ich einen großen Kreyß davon weg, und uͤberschaute sodann die Illumination noch- mals. Nunmehr waren die Lichter, so zunaͤchst um mich geblieben, an Groͤsse und Deutlichkeit kenntlich. Die entferntern waren blosser, undeutlicher und dichter beysammen, und der Absatz fiel stark in die Augen. So machte ich mir von Ihrem Schlusse ein sinn- liches Bild, welches mir zwar die Einbildungskraft be- schaͤftigte, aber dieselbe doch nicht so stark mitnahme, als wenn ich mir die wirkliche Illumination, die am Firmamente ist, haͤtte vorstellen wollen. Nun aber kann ich es auch thun, weil ich auf diese Art Ihren Schluß habe angefangen, ausfuͤhrlicher einzusehen. Allerdings wuͤrde die Dichtigkeit der Sterne in der Milchstraße nicht auf einmal abgebrochen, sondern all- maͤhlich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. maͤhlich abzunehmen scheinen, wenn zwischen derselben und unserm Fixsternen- System kein weiter Zwischen- raum waͤre. Aus allem diesem schliesse ich nun auch, daß Sie, mein Herr, unter allen Erklaͤrungen, die man von der Milchstraße gegeben, auf die natuͤrlichste verfallen, weil Sie viel naͤhere Gruͤnde zur Wahrscheinlichkeit ange- ben, als blosse Moͤglichkeiten. In den aͤltern Zeiten hat man hoͤchstens muthmassen koͤnnen, ob dieser Streife aus zusammenfallendem Lichte von kleinern Sternen bestehe? Die Fernroͤhren haben es ausser Zweifel gesetzt und man war nun nur bemuͤht, zu sehen, was man daraus machen wollte. Bey allen Muthmas- sungen, die man daruͤber gewagt hat, bliebe noch bestaͤn- dig die Frage uneroͤrtert, warum nur dieser Streife so dichte voll Sternen scheine? Dieses ist eben die Frage, die ich Ihnen, mein Herr, in meinem letzten Schreiben vorgelegt hatte. Setzt man, die Sternen seyen darinn sehr nahe beysammen, so fragt sich, warum nur in die- sem Striche? Setzt man, sie haben staͤrkeres Licht, und die meisten ausser der Milchstraße koͤnnen, wegen des schwaͤchern oder gar mangelnden Lichtes nicht gesehen werden, so koͤmmt eben diese Frage wieder vor. Der- gleichen Erklaͤrungen sind nicht nur willkuͤhrliche Moͤg- lichkeiten, sondern, wenn man Gruͤnde davon geben will, so muß man sagen, es seye so, weil es so seye, das ist, man koͤnne noch keinen Grund finden. So weit gebe ich Ihnen, mein Herr, gerne zu, daß Cosmologische Briefe daß mir Ihre Erklaͤrung der Wahrheit sehr nahe zu kommen scheint, und ich hoffe, Sie werden noch meh- rere Gruͤnde dazu finden. Wie sehr wuͤrde es mich vergnuͤgen, wenn die Betrachtungen, die ich daruͤber angestellt habe, Ihnen etwas dienen koͤnnten. Ich bitte Sie besonders zu sehen, wieferne die ersten Gruͤn- de Ihres Systems zu aller erforderlichen Deutlichkeit koͤnnen gebracht werden. Meines Erachtens wird der Weltbau, der uns in die Augen faͤllt, durch einen noth- wendigen Schluß flach gemacht werden, sobald genug- sam erwiesen ist, daß die Fixsterne in der Milchstraße hintereinander liegen, und daß jeder von dem andern so weit abstehe, als die naͤchsten Fixsterne von uns ent- fernt sind. Ich habe gesucht, es aus dem Nutzen her- zuleiten, den das Licht der Fixsterne eben wie das von unserer Sonne haben solle. Unsere Sonne leuchtet auch durch die Naͤchte der Einwohner, die um den Si- rius, Ar c turus und andere Fixsterne herum sind. Aber sie hat noch einen naͤhern Nutzen, der sich uͤber alle Weltkugeln ihres Systems, und daher auch uͤber unsere Erde verbreitet. Setze ich demnach um jeden Fixstern ein System von Koͤrpern, die sein Licht und seine Waͤrme nutzen sollen, so muß ich nothwendig den Fixsternen ei- nen ansehnlichern Abstand geben, und dieser Abstand waͤchßt unstreitig zugleich mit der Groͤße des Sterns, weil sein Wirkungskreyß seiner Masse proportional ist. Daß aber die Sterne in der Milchstraße unserer Son- ne an Groͤsse und Klarheit wenig nachgeben, das haben Sie, mein Herr, daraus geschlossen, weil sie, ihres gros- sen Abstandes ungeacht, noch sichtbar sind. Es wird mich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. mich sehr freuen, wenn Sie diese Beweise noch schaͤrfer zu machen suchen wollen. Ihre Betrachtungen uͤber diese so weitlaͤuftige und noch ganz unentwicklete Ma- terie haben alle Wahrscheinlichkeit, und Sie geben mir auf die Hauptfrage, die ich Ihnen vorgelegt hatte, ei- nen Grund an, der mit mehrern andern eine genaue Verbindung hat. Es wird mir sehr klar, daß am Himmel oͤde Plaͤtze seyn muͤssen, damit Raum zur Be- wegung bleibe, weil die Bewegung in der Welt wesent- lich ist. Sie zeigen dieses auch aus der Analogie in unserm Sonnen- System, wo in einer gleichen Laufbahn nicht mehrere Weltkugeln sind. Sie zeigen, daß da- durch die Harmonie in der Welt vollstaͤndiger wird, weil sie sich auf Zeit und Raum erstreckt. Und nun vermisse ich die Symmetrie in der scheinbaren Lage der Fixsterne nicht mehr, weil ich deutlich begreife, daß un- ser Sonnen- System nicht ordentlicher aussehen wuͤrde, wenn alle Koͤrper desselben sichtbar waͤren. Die Stuf- fen, durch welche die System en immer groͤsser, ansehn- licher, und der Zeit und dem Raume nach majestaͤtischer werden, und zu dem ganzen Welt- System empor wach- sen, sind der Analogie, die wir in der ganzen Natur sehen, vollkommen gemaͤß. Ich theile also mit Ihnen, mein Herr, die Milchstrasse in unzaͤhlige kleinern Syste- m en ein, von welchen sich vielleicht einige, die von den andern abgesoͤndert sind, unterscheiden lassen. Da alle diese System en in Bewegung sind, und ihre gesetzte Laufbahnen haben muͤssen, so halte ich mich nun an der irregulaͤren Figur der Milchstrasse auch nicht mehr auf. Die Ordnung besteht in der Einrichtung dieser Laufbah- K nen, Cosmologische Briefe nen, ungeacht sie uns noch lange wird verdeckt bleiben, weil uns Zahl und Maß zu Bestimmung so ungeheurer Raͤume und Zeiten fehlen. Indessen kann man sicher schliessen, daß sie nichts desto weniger wirklich ist, weil sich Ordnung und Vollkommenheit nothwendig durch die ganze Welt verbreitet. Ungeacht ich aber zugebe, daß alle diese System en in einer Flaͤche liegen, und auch setze, diese Flaͤche habe eine ansehnliche Breite, so bleibt mir doch hiebey noch eine Frage unaufgeloͤst, weil es mir vorkoͤmmt, die Lage der System en der Milchstrasse muͤsse eine andere Ein- richtung haben, als die Weltkugeln unseres Sonnen- Systems. Erinnern Sie sich, mein Herr, daß Sie aus guten Gruͤnden bewiesen, es koͤnnen mehr Welt- kugeln um unsere Sonne seyn, wenn ihre Bahnen nicht in gleicher Flaͤche liegen, sondern alle moͤgliche Neigung gegen einander haben. Ich wuͤrde also fast schliessen koͤnnen, die Anzahl der System en, so die Milchstrasse ausmachen, seye lange nicht die groͤßte, die moͤglich waͤre. Ich weis wohl, daß dieser Schluß noch nicht nothwendig folgt, weil es unbekannt ist, wohin sich alle diese System en mit der Zeit durch ihren Kreyßlauf wen- den werden. Dieses einige waͤre also das unbegreif- lichste dabey, daß wir eben in der Zeit leben, in wel- cher uns diese System en ungefehr in gleicher Flaͤche zu liegen scheinen. Oder wollten Sie die ganze Milch- strasse in Absicht auf das Weltgebaͤud nur mit dem Sy- stem des Saturns oder des Jupiters vergleichen, de- ren Trabanten auch in gleicher Flaͤche sind? Sie reden mir uͤber die Einrichtung des Weltbaues. mir ohnedem noch von andern Milchstrassen, die ausser der uns sichtbaren sind, und die mit der unsrigen zusammen genommen, ein groͤsseres System ausmachen sollen. Ich vermuthe nun bald, daß Sie das blasse Licht, so man im Orion sieht, als eine solche Milchstrasse ansehen werden, welches die seyn wuͤrde, die der unsrigen noch am naͤchsten ist. Aber ich sehe in dieser Sache noch so wenigen Anschein, ausser allgemeinen Betrachtungen, et- was bestimmteres durch Schluͤsse herauszubringen, daß ich mich zum Voraus begnuͤgen werde, nur das allge- meine davon zu uͤbersehen. Doch gedenke ich wohl, daß man hierinn noch mehr als nur den ersten Schritt werde thun koͤnnen, und ich sehe das, was Sie mir, mein Herr, uͤber die Lage unseres Systems schreiben, als Proben davon an. Wenn Sie auch Ihre Gedan- ken uͤber diese Sache nur als eine Hypothese angeben, so lohnt es sich auch immer der Muͤhe, dergleichen Folgsaͤtze in groͤsserer Menge daraus herzuleiten. Eine Hypothese wird doch endlich zur Wahrheit, wenn alle Erscheinungen sich auf eine natuͤrliche und in die Au- gen fallende Art daraus herleiten lassen, wenn alle diese Folgen unter sich und mit allgemeinen Gruͤnden zusam- menhangen, kurz, wenn sie in allen ihren Theilen mit sich selbst besteht. Wenn in dem Gebaͤude der Wahr- heiten irgendwo eine Luͤcke bleibt, und man findet ein System von Gedanken, welches genau in diese Luͤcke passet, so wird es sehr wahrscheinlich, wenn man es gleich nicht so geschwinde mit allen uͤbrigen Wahrheiten zusammenhaͤngen kann. Es koͤmmt der Wahrheit am naͤchsten, wenn sich neue Phænomena daraus herleiten K 2 und Cosmologische Briefe und vorhersehen lassen. Sie wissen, mein Herr, daß es mit dem Copernicanischen Weltbaue so gegangen, an welchem nun kein Astronome mehr zweifelt. Da Sie den ganzen Weltbau vollends recht copernicanisch zu machen suchen, so bauen Sie auf aͤhnliche Gruͤnde, und ich sehe es als ein gutes Zeichen an, daß es Ihnen im Fortgange eben so gelingen werde. Es wird mich ver- gnuͤgen, wenn ich auch nur einen Handlanger bey Ihrem Baue werde abgeben koͤnnen. Sie wissen, wie wenig es mir an der bewaͤhrtesten Bereitwilligkeit hiezu feh- len wird, und wie sehr ich mir jederzeit angelegen seyn lasse, Ihnen durch immer neue Proben zu zeigen, daß ich lebenslang verharre Mein Herr ꝛc. Zwoͤlfter uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Zwoͤlfter Brief. W as ich von Ihrer Freundschaft, mein Herr, erwartet, und mir in meinem letzten Schrei- ben ausgebethen hatte, das gewaͤhren Sie mir zu meinem groͤßten Vergnuͤgen. Ich gestehe Ih- nen gerne, daß ich uͤber die Lage der Fixsterne Schluͤs- se gemacht hatte, die vielmehr eine Folge von Einfaͤl- len, als von einer vorbedachten Ueberlegung waren. Sie haben mich daher sehr verbunden, da Sie sich die Muͤhe gegeben, diese Schluͤsse in Ordnung zu brin- gen, und die Staͤrke und Schwaͤche derselben zu pruͤ- fen, und ich sehe nunmehr erst deutlich ein, wie weit ich damit reiche, und wo ich zuruͤcke bleibe. Ich muß Ihnen doch sagen, wie ich zu diesem Cahos von Gedanken kommen bin, so viel ich mich dessen noch erinnern kann. An einem hellen Abend saß ich am Fenster, und da die Gegenstaͤnde auf der Erde allen Reitz zur Auf- merksamkeit fuͤr den folgenden Tag aufbehielten, so bliebe mir noch der gestirnte Himmel, als der wuͤrdig- ste unter allen Schauplaͤtzen zur Betrachtung. Sie wissen, wie viele Stunden ich ihme von Kindheit an geopfert, und wie wenig die Gewohnheit noch bisher vermocht hatte, das Angenehme in dieser Betrach- tung zu schwaͤchen, oder zu einer abgenuͤtzten Alltags- sache zu machen. Es seye, daß das Sternenreich immer neue Seltenheiten entdeckt, oder daß die Man- K 3 nigfal- Cosmologische Briefe nigfaltigkeit in demselben unerschoͤpflich ist, oder das schimmernde Licht der Sterne etwas den Augen sehr Angenehmes und Reizendes hat, oder endlich ein astro- nomisches Auge deßwegen nie muͤde wird, weil es ein bestaͤndiges plus ultra findet, und ihm der Himmel immer neuen Stoff zum entzuͤckenden Erstaunen, und zu Betrachtungen giebt, die die Stille der Nacht sam- meln hilft, und lebhafter macht; Alle diese Gruͤnde vereinigen sich bey mir, wenn ich diese glaͤnzenden Leuchter in dem Tempel der Gottheit betrachte. Da nehme ich Fluͤgel des Lichtes, und schwinge mich durch alle Raͤume der Himmel durch. Nie komme ich weit genug, und immer waͤchßt die Begierde, noch weiter zu gehen. In solchen Betrachtungen stellte sich mir die Milchstrasse vor. Ich erstaunte nochmals uͤber das Heer der kleinen Sterne in diesem Bogen, und vermißte sie ausser demselben. So gar nahe, dachte ich, sind diese Sterne nicht beysammen, daß sie ein- ander fast beruͤhren sollten. Sie muͤssen hinter einan- der liegen, und die Reihen von Sternen muͤssen durch die Milchstrasse durch vielfach laͤnger seyn, als ausser- halb derselben. Waͤren sie aller Orten gleich lange, so muͤßte der ganze Himmel so helle scheinen, wie jezt die Milchstrasse. Aber ausser diesem Streifen sehe ich fast nur leere Raͤume. Kurz, das Fixsternenge- baͤude ist nicht sph æ risch, sondern flach, und sehr stark abgeplattet. Hier bliebe ich den ersten Abend beym Anstaunen stehen, und zugleich auch bey dem letzten Schlusse. Etwas uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Etwas Zeit nachher fiel mir erst in die Augen, daß die Milchstrasse von den uͤbrigen Theilen des Himmels so stark unterschieden seye, und da fieng ich an, dieselbe weiter hinaus zu ruͤcken, und den leeren Raum zu lassen, den Sie, mein Herr, so nett in ein sinnli- ches Bild gebracht haben. Alle uͤbrigen Sterne faß- te ich in ein System zusammen, aber die Milchstrasse bliebe noch viele Tage uneingetheilt. Nachgehends wunderte ich mich, daß ich nicht gleich anfangs dar- auf gefallen, weil sich die Abtheilung von selbsten zeigt. Allein ausser, daß uns fast immer unbemerkte Sachen vor Augen schweben, so konnte hier noch ein anderer Grund seyn. Der Theil der Milchstrasse, der gespal- ten ist, stunde nicht dem Fenster gegenuͤber. Da mir aber doch die Begierde bliebe, zu sehen, ob ich diese Gedanken weiter wuͤrde fortsetzen koͤnnen, so uͤbersahe ich einmal die ganze Milchstrasse, und besonders ihre Figur. Und da schloße ich erst, daß ich dieselbe in einzele Theile absoͤndern sollte, und daß jeder Theil demjenigen, in welchem wir uns befinden, aͤhnlich zu achten seye. So entstunden also unvermerkt meine Fixsternen- System en. Es kann seyn, daß mir allmaͤhlich noch mehrere Betrachtungen daruͤber eingefallen waͤren, weil ich sie noch nicht aufgegeben hatte. Allein es waͤre allem Vermuthen nach langsam geschehen, weil wir uͤber un- sere Einfaͤlle nicht gebieten koͤnnen. Diese werden vorzuͤglicher erweckt, wenn andere Anlaͤsse dazu kom- men, und Sie, mein Herr, haben mir unter allen K 4 solchen Cosmologische Briefe solchen Anlaͤssen den erwuͤnschtesten gegeben, da Sie mir eben diese Frage vorlegten, und nun in Ihrem letzten Schreiben meine bis dahin noch undeutliche Vorstellungen in Ordnung brachten, und behoͤrig aus einander setzten. Ich nehme Ihren Vorschlag mit Vergnuͤgen an, und werde nun trachten, zu untersu- chen, was zu einem vollstaͤndigen Beweise erfordert wuͤrde, was mir noch dabey mangelt, um ihn vollstaͤn- dig zu machen, und wie ferne sich die Luͤcken durch Wahrscheinlichkeit ausfuͤllen lassen. Erstlich ist unstreitig, daß meine Hypothese noth- wendig wuͤrde entweder bewaͤhrt oder verworfen wer- den, wenn wir ein Mittel haͤtten, den Abstand jeder Fixsterne genau auszumessen, weil man sodann ihre Lage gewiß wissen wuͤrde, die ich durch andere Be- trachtungen zu bestimmen gesucht habe. Die jaͤhrli- che Parallax e der Erde ist zu dieser Absicht viel zu un- merklich, daher faͤllt das Mittel weg, welches uns die Geometrie in andern Faͤllen anbeut. Das Gesetz der Schwere und die Bewegung der Fixsterne giebt ein ander Mittel, allein diese Bewegung ist so gerin- ge, und ihre Beschaffenheit so unbestimmt, daß wir in vielen Jahrhunderten damit nichts ausrichten werden. Dermalen laͤßt es sich nur bey den Koͤrpern unseres Sonnen- System s anbringen. Das einige, was dem- nach uͤbrig bleibt, ist das Licht und die Groͤsse der Fix- sterne, welche beyde Stuͤcke so wohl fuͤr sich als dem Augenschein nach betrachtet werden muͤssen, wenn man daraus auf den Abstand der Sterne schliessen will. Ein uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Ein Fixstern scheint uns groͤsser als andere, nicht nur je groͤsser und je naͤher er in der That ist, sondern auch je heller er ist. Wir sehen dieses des Nachts auch an den Lichtern, deren scheinbare Groͤsse mit dem Abstande zunimmt, und die ebenfalls groͤsser scheinen, wenn sie heller sind. Der Grund hievon haͤngt von der Oef- nung des Augensterns, von der Undeutlichkeit des Bil- des auf dem Augennetze, und der Zerstreuung des Lich- tes auf demselben ab. Die Fixsterne scheinen durch die besten Fernroͤhren nur als lichte Puncte, weil da- durch das zerstreute und falsche Licht weggebrochen wird. Aus aͤhnlichen Gruͤnden scheint auch ein Stern heller als andere, besonders aber wenn er in der That heller ist. Es laͤßt sich ferner vermuthen, daß das Licht der Fixsterne etwas geschwaͤcht werde, bis es zu uns koͤmmt. Daß es sich in unserer Athmosphære schwaͤchet, ist unstreitig, wir sehen es auch an der Sonne. Es kann aber auch in der Himmelsluft zum Theil aufgefangen werden, so rein auch diese sonsten seyn mag. Die Athmosphære der Sonne faͤngt nothwendig viel von ihrem Lichte auf. Es kann Fix- sterne geben, die noch groͤssere Athmosphæren haben, und der Raum zwischen denselben ist noch lange nicht vollkommen leer. Aus diesem Grunde muß ein Stern blasser scheinen, je weiter er entfernt ist. Waͤre aber diese Entfernung bey allen gleich, so fiele dieser Grund weg, weil das Licht von allen auf eine proportionale Art geschwaͤcht wuͤrde. Wenn alle Fixsterne an sich betrachtet gleiche K 5 Groͤsse Cosmologische Briefe Groͤsse und gleiche Klarheit haͤtten, so wuͤrde noth- wendig folgen, daß die kleinern weiter entfernt seyn muͤßten. Waͤren sie aber gleich weit entfernt, so muͤß- te man annehmen, daß die kleinern auch zugleich schwaͤcheres Licht haͤtten. Denn die Anzahl der Ster- ne der ersten, zweyten und folgenden Groͤssen waͤchßt ungefehr wie das Quadrat der Groͤsse. Von der er- sten Groͤsse zaͤhlt man 18, von der zweyten 68, von der dritten 209, von der vierten 453. ꝛc. Sie se- hen schon, mein Herr, daß sich diese Progression viel besser zu dem verschiedenen Abstande schickt. Ich will zwar gar nicht setzen, daß alle Sterne gleich groß und gleich glaͤnzend seyen. Denn so wuͤrde ich nicht uͤber 12. Sterne der ersten Groͤsse, oder 48. der zweyten, oder 108. der dritten ꝛc. bekommen. Es koͤnnen et- liche der naͤchsten Sterne kleiner und dunkler, hingegen mehrer von den entferntern heller und groͤsser seyn, und uͤberhaupt schickt sich auch eine solche Verschiedenheit besser zu meiner Hypothese, da ich die Sterne in Be- wegung setze, so koͤnnen sie nach und nach ihre Lage und ihren Abstand aͤndern. Diese Bewegung haben Sie, mein Herr, als in der Welt nothwendig, zugegeben, und ich sehe nicht, was man dawider einwenden koͤnnte. Die Vollkom- menheit der Welt, und die Verbindung von Raum und Zeit erfordert sie, und das Gesetz der Schwere, welches die ganze Welt zusammenhaͤngt, zeigt, daß sie wirklich aller Orten da ist. Ich schliesse hieraus ohne Bedenken, daß die Fixsterne ungleich entfernt seyn muͤssen. uͤber die Einrichtung des Weltbaues. muͤssen. Ein gleicher Abstand waͤre zu einfoͤrmig. Die Central- Kraͤfte lassen ihn nicht zu. Weil die Fixsterne um einen Mittelpunct laufen muͤssen, so koͤn- nen sie sich nicht in der Flaͤche einer Sphære bewegen. Sie wuͤrden sich durchkreuzen und aneinander stossen. Die Weltsystemen sollen erhalten werden, daher kann keine Laufbahn die andere durchschneiden. Ich kann also nicht wohl anders, als um jeden Fixstern einen Raum lassen, der seinem Wirkungskreyß angemessen ist. Man kann aus der Geometrie zeigen, daß z. E. um den Wirkungskreyß unserer Sonne zwoͤlf andere angelegt werden koͤnnen, die gleiche Groͤsse haben. Damit aber haͤtte ich nur 12. Sterne. Es sind aber unzaͤhlige, folglich muͤssen die uͤbrigen Reihenweise weiter hinaus liegen. Jeder Stern hat einen Wir- kungskreyß, weil er schwer ist. Jeder muß ferner Raum zu seiner Laufbahn haben. Alles leitet mich demnach zu dem Schlusse, daß sie durch den ganzen Weltraum verbreitet sind. Nehme ich noch die Be- trachtung dazu, daß in dem Wirkungskreyse eines je- den Sterns, ein System von Millionen Cometen und Planeten ist, die sein Licht und seine Waͤrme gebrau- chen, damit es auf eine naͤhere Art nuͤtze, so sehe ich nicht, was man zum Beweise noch ferner als die Au- topsie fordern kann. Indessen will ich noch diese Betrachtung machen, die nothwendig schluͤssig ist, weil man den Fixsternen so wenig als unserer Sonne die Schwere absprechen kann. Setzen Sie, zween Sterne, deren scheinbarer Abstand Cosmologische Briefe Abstand nur eine Secunde betraͤgt, seyen von uns gleich weit entfernt, so ist ihr wahrer Abstand von ein- ander der 200000te Theil ihres Abstandes von unse- rer Sonne. Der naͤchste Stern mag 500000mal weiter von uns weg seyn als die Sonne. Wenn ich demnach diesen beyden Sternen einen solchen Abstand gebe, so wuͤrden sie 2½mal weiter von einander abste- hen, als die Erde von der Sonnen. Da sie nun ge- gen einander schwer sind, so muͤßten sie entweder schon laͤngsten zusammen gefallen seyn, oder da dieses nicht ist, eine Kreyßbewegung um ihren gemeinsamen Mit- telpunct haben. Diese Kreyßbewegung muͤßte uns nothwendig durch Fernroͤhren sichtbar werden, weil sie eine gar nicht lange Periode haben wuͤrde. Man muͤßte demnach eine bestaͤndige Veraͤnderung in der La- ge dieser Sterne wahrnehmen, der eine muͤßte bald vor, bald nach dem andern stehen. Von allem die- sem bemerkt man nicht das geringste, und die Veraͤn- derung in der Lage der Fixsterne ist seit des Hipparchus Zeiten bis auf unsere kaum zu erkennen. Hieraus folgere ich demnach nothwendig, daß solche Sterne ei- nen sehr ungleichen Abstand von unserer Sonne haben muͤssen. Sie koͤnnen leicht erachten, daß in der Milchstrasse alles wimmeln muͤßte, wenn die Sterne in derselben nicht in unbegreiflich langen Reihen hinter einander laͤgen. Eben dieses wuͤrde man auch an den sogenannten neblichten Sternen sehen. Fuͤgen Sie, mein Herr, diesem noch bey, daß wir gar keinen Grund haben, in Ansehung des Rau- mes uͤber die Einrichtung des Weltbaues. mes in der Welt so sparsam zu seyn. Denn haͤtte derselbe sollen gespart werden, so wuͤrden die Schwere, die Central -Kraͤfte, und uͤberhaupt alle Bewegung weggeblieben seyn. Unsere Erde haͤtte muͤssen an ei- nem Orte stille bleiben, und ihre Laufbahn waͤre mit andern Planeten besetzt worden. Aber auf diese Art fiele das Schoͤnste und Mannigfaltigste aus der Welt weg. Zu ihrer Vollkommenheit ist die Bewegung viel zu nothwendig; wo aber Bewegung ist, da muß Raum bleiben. Und es ist fuͤr sich klar, daß die Cen- tral -Kraͤften, die Laufbahnen, die Sonnensystemen um jede Fixsterne solche fordern. Hier haben Sie, mein Herr, die Beweise, die ich fuͤr den ersten Satz habe aufbringen koͤnnen, daß nemlich die Fixsterne, und besonders auch die, so in der Milchstrasse sind, hinter einander liegen, und ihr Abstand von einander sehr ansehnlich, und dem Wir- kungskreyse proportional seyn muͤsse. Der Schluß, den ich daraus ziehe, ist dieser, daß ausserhalb der Milchstrasse in gleicher Entfernung keine solche Fixster- ne seyen, und zwar deßwegen, weil die uͤbrigen Theile des Himmels leere Plaͤtze zu haben scheinen. Da ich diese leeren Raͤume zu dem Kreyßlaufe der Fixsternen- systemen als nothwendig ansehe, so trage ich kein Be- denken, sie als wirklich leer anzunehmen, und in eine solche Nacht wuͤrde ich ohne allen Grund dunkle und unbeleuchtete Systemen von Weltkugeln setzen. Es muß Raum zur Bewegung bleiben, so langsam diese auch seyn mag. Wenn Cosmologische Briefe Wenn ich nun hieraus schliesse, das unsern Au- gen sichtbare Sterngebaͤude seye nicht sphaͤrisch, son- dern sehr flach und abgeplattet, so ist dieser Schluß weiter nichts als eine Anwendung bekannter geometri- scher Saͤtze. Sie, mein Herr, haben die Sache durch Ihren illuminirten Platz so deutlich gemacht, daß ich nur nicht noͤthig habe, mich lange dabey auf- zuhalten. Die Absonderung der Milchstrasse von un- serm System haben Sie dadurch ebenfalls erlaͤutert, und ich glaube nicht, daß Sie Schwierigkeiten finden werden, wenn ich die ganze Milchstrasse in solche klei- nere Systemen eintheile, die in derselben hinter einan- der liegen. Die Anzahl solcher Systemen bestimme ich nicht, sie muß aber allem Ansehen nach unbeschreib- lich groß seyn. Ich habe dieses schon in meinem letz- ten Schreiben aus der Analogie geschlossen, da ich bey dem System des Jupiters anfieng, von diesem zu dem System unserer Sonne, und von diesem zu un- serm Fixsternensystem fortschritte. Anzahl, Raum, Groͤsse und Zeit waͤchßt mit einander. Sodann, da ich unser Fixsternensystem von de- nen, so in der Milchstrasse erscheinen, absoͤndere, so lasse ich auch zwischen diesen einen aͤhnlichen Zwischen- raum. Sie liegen ungefehr in einer Flaͤche. Da- her kann ich nicht mehr als sechs annehmen, die zu- naͤchst um uns sind, wenn ich ihren Abstand von ein- ander ungefehr gleich setze. Die uͤbrigen alle muß ich nach und nach weiter hinaus ruͤcken. Der scheinbare Diameter der naͤchsten Systemen der Milchstrasse mag kaum uͤber die Einrichtung des Weltbaues. kaum ihrer mittlern Breite gleich, und daher nicht uͤ- ber 10. Grad seyn. Nehme ich also den wahren Dia- meter eines solchen Systems zum Maßstabe an, so wird er 6. und mehrmal muͤssen umgeschlagen werden, um den Abstand eines Systems von dem naͤchst an- grenzenden zu finden. Ich vermuthe aber, der schein- bare Durchmesser werde weniger als 10. Grad, und vielleicht kaum 5. oder 6. Grad betragen, und wuͤrde daraus schliessen, ein System seye von dem naͤchsten 10. bis 12mal weiter entfernt, als es breit ist. Da aber die Milchstrasse ganz an einander haͤngt, so muͤs- sen unzaͤhlige dergleichen Systemen hinter einander lie- gen, um jede Zwischenraͤume zu bedecken, welche die naͤchsten wuͤrden leer lassen. Indessen ist ihre Anzahl bestimmt, und die Milch- strasse hat irgendwo ihre Grenzen. Ich hatte dieses in meinem letzten Schreiben aus der Analogie geschlos- sen, da ich ausser diesem Streifen noch unzaͤhlige an- dere Milchstrassen setzte, weil es mir nicht wahrschein- lich ist, daß sich der Weltbau dabey einschraͤnke, so we- nig ich im Gegentheil zugebe, daß er unendlich seyn sollte. Es laͤßt sich davon reden, wenn Sie, mein Herr, fragen, ob nicht das blasse Licht im Orion, wel- ches Derham als eine Oeffnung in das Caelum empyreum ansieht, die naͤchste von solchen Milch- strassen seye, und ich wuͤrde mich damit nicht aufhal- ten, daß man in seiner scheinbaren Gestalt eine Aen- derung will bemerkt haben. Es scheinet zu weit ent- fernt, als daß man es durch unsere Luft und durch jede Cosmologische Briefe jede Fernroͤhren immer gleich deutlich sollte sehen koͤnnen. Vielleicht laͤßt es sich am richtigsten aus der scheinbaren Figur der Milchstrasse schliessen, daß sie engere Grenzen hat. Waͤre sie unermeßlich ausge- dehnt, so muͤßte sie uns als ein groͤßter Circul der Sphære erscheinen. Dieses ist aber nicht. Ihre scheinbare Figur ist vielmehr ein Ovale. Vom Nord, pol steht ihre Mitte 35. Grad, vom Suͤdpol nur 25. Grad ab. Hingegen durchschneidet sie den Aequator in zween ziemlich gleiche Theile. So erscheinet dem Auge ein Ring, wenn es zugleich ausser demselben und ausser seiner Axe ist. Unser Fixsternensystem scheint also nicht nur etwas ausser der Flaͤche der Milchstrasse, sondern auch naͤher bey ihrem Umfange als bey der Mitte zu liegen. Die kleinern Irregularitaͤten in ihrer scheinbaren Figur lassen hiebey keine genauere Bestimmung zu. Seit dem ist mir noch ein ander Mittel beyge- fallen, dadurch man wenigstens einen Versuch machen koͤnnte, ob die Fixsterne unseres Systems, und daher auch unsere Sonne, gegen einen Koͤrper schwer ist, der in dem Mittelpuncte dieses Systems liegt, oder ob sie sich nur um den gemeinsamen Mittelpunct der Schwere des ganzen Systems bewegen? Waͤre das erste, und unsere Sonne haͤtte gegen einen solchen Koͤrper eine betraͤchtliche Schwere, so muͤßten auch die Planeten eine solche Schwere haben. Auf diese Art ist uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ist z. E. der Mond nicht nur gegen unsere Erde, son- dern auch gegen die Sonne schwer, und die Astrono- men beklagen sich uͤber die kleinern, aber doch sehr merklichen Irregularitaͤten, die hieraus entstehen. Solchen kleinern Irregularitaͤten muͤssen auch die Pla- neten, und daher auch unsere Erde in ihrem jaͤhrlichen Umlaufe unterworfen seyn. Es ist demnach die Fra- ge, ob man dergleichen jaͤhrliche Anomalien durch ge- naue Observationen bemerken koͤnne, ob der observirte Ort der Sonne mit dem berechneten bis auf Secunden durch das ganze Jahr uͤbereinstimme, ob die Verruͤ- ckung der Aphelien und Knotenlinien in der Laufbahn der Planeten sich daraus wuͤrde herleiten lassen, ob die Veraͤnderung in der Obliquitaͤt der Eccliptic nicht auch zum Theile daher ruͤhren koͤnne? Verruͤcket sich die Flaͤche der Laufbahn der uͤbrigen Planeten, so hat man gar keinen Grund, die Flaͤche der Erdbahn un- verruͤckt zu lassen, weil sie nichts wenigers als der Maaßstab der uͤbrigen ist. Die Neigung der andern Laufbahnen werden nur deßwegen auf die von unserer Erde oder auf die Eccliptic bezogen, weil diese fuͤr unsere Rechnungen die bequemste ist, und weil man sie doch immer unter einander vergleichen muß. Koͤnnte man hieruͤber etwas bestimmen, so wuͤr- de unstreitig folgen, daß die Laufbahnen der Planeten eben so wenig vollkommene Ellipsen sind, als die von dem Monde, daß der Abstand der Sonne auf eine ge- doppelte Art veraͤndert werde, wie der von dem Mon- de. Man will bereits schon bemerkt haben, daß die L astrono- Cosmologische Briefe astronomischen Tafeln den Ort der Sonne oͤfters so angeben, daß die Observation fast eine ganze Minute davon abweicht. Es waͤre demnach nur zu sehen, ob dieses zu gesetzten Zeiten geschieht, und von dieser Ur- sache herkoͤmmt? Sie sehen hieraus, mein Herr, daß es auch Mit- tel giebt, meine Betrachtungen uͤber die Kreyßbewegung unserer Sonne durch Observationen zu pruͤfen, wenn je ihre Schwere gegen den gemeinsamen Mittelpunct ih- res Systems betraͤchtlich genug ist. Man koͤnnte dar- aus die Gegend dieses Mittelpuncts finden, weil alle Planeten, und besonders auch unsere Erde, gegen den- selben schwer sind, und die kleinern Anomalien sich dar- nach richten muͤssen, wie sich die von dem Monde nach der Sonne richten. In meinem letzten Schreiben hatte ich die Frage aufgeworfen, ob man in diesem Mittel- punct einen dunkeln Koͤrper von einer ungeheuren Mas- se setzen muͤsse, oder ob man dafuͤr nur den gemeinsamen Mittelpunct der Schwere des Fixsternensystems anneh- men solle? Vielleicht liesse sich diese Frage durch solche Observationen eroͤrtern, oder wenigstens wuͤrde man daraus schliessen koͤnnen, wie schwer jeder Planet, und daher auch die Sonne gegen diesen Mittelpunct ist. Diese Schwere ist allerdings sehr geringe, weil die Ir- regularitaͤten in der Bewegung der Erde, die etwan da- her ruͤhren moͤchten, noch nicht zufaͤlliger Weise bemerkt worden, sondern erst noch durch sehr genaue Observatio- nen bestimmt und untersucht werden muͤßten. Bey dem Monde fande man aͤhnliche Abweichungen, die von der Sonne herruͤhren, viel ehender. Denn die Rechnung wollte uͤber die Einrichtung des Weltbaues. wollte mit der Observation nie genau zusammentreffen, und die Abweichungen fielen so zu reden in die Augen, weil sie sich auf mehrere Minuten beliefen. Bey der Erde scheinen sie kleiner als eine Minute zu seyn, wie ich es schon vorhin angemerkt habe. Eben dieses laͤßt sich auch aus der langsamen Bewegung der Aphelien und der Knotenlinien schliessen, besonders wenn man ihr Fortruͤcken nicht von den Aequinoctien, sondern von einem Fixstern an rechnet. So weit habe ich nun, mein Herr, Ihrem Rathe folgen koͤnnen, den Lehrbegriff meiner Fixsternensystemen auseinander zu setzen. Ich reiche damit noch lange nicht an Ihre Deutlichkeit, und glaube, daß ich noch vie- les von dem ersten Cahos meiner Einfaͤlle in Verwir- rung gelassen habe. Ich werde demnach inne halten, noch mehrere Schluͤsse aufzuhaͤufen, bis ich sehen werde, was Sie bey den bisherigen anzumerken finden. Ge- denken Sie je nicht, daß ich Ihnen voreile. Sie zei- gen mir doch immer, wie weit der Weg richtig geht, und wie ferne ich bloße Einfaͤlle von strengen Schluͤssen zu unterscheiden habe. Ich wiederrufe lieber alles, wenn Sie es mit Ihren Gedanken nicht harmonierend finden, weil ich dieser so schaͤtzbaren Harmonie alle mei- ne Systemen aufopfern wuͤrde. Diese solle mir ewig der Grund meines Vergnuͤgens, und der vollkommenen Freundschaft und Ergebenheit bleiben, mit welcher ich verharre Mein Herr ꝛc. L 2 Drey- Cosmologische Briefe Dreyzehnter Brief. W ie angenehm wuͤrde es mir seyn, wenn ich Ih- nen, mein Herr, Anlaß geben koͤnnte, Ihre Betrachtungen uͤber den Grundriß der Welt zu aller Vollstaͤndigkeit zu bringen. Ich hoffe, Sie werden aus allen meinen Schreiben sehen, daß diese Sache mich immer mehr aufmerksam macht, und zu einem ernstlichen Nachdenken verleitet. Ich empfinde alles Vergnuͤgen bey der Betrachtung des gestirnten Himmels, welches Sie mir so lebhaft schildern, und wuͤnschte nun, daß ich fruͤher angefangen haͤtte, diese praͤchtige Schaubuͤhne mit astronomischen Augen anzu- sehen. Allein desto eifriger werde ich diese Versaͤum- nis einholen, und mich wenigstens in Stand zu setzen suchen, Ihnen geschickte Fragen vorzulegen. Denn diese Fragen beunruhigen mich nun nicht mehr, weil ich wohl einsehe, daß sie nicht so fuͤrchterlich sind, als die, so man uͤber die Wirkungen der Cometen, mehr fuͤr die lange Weile, als aus ertraͤglichen Gruͤnden ge- macht hatte. Sie haben mich, mein Herr, durch die Beschrei- bung, wie Sie zu Ihrem Lehrgebaͤude gekommen, sehr verpflichtet. So sehr Sie Ihre ersten Einfaͤlle hier- uͤber als ein Cahos ansehen wollen, so muß ich Ihnen doch sagen, daß sie sehr natuͤrlich waren, und ich finde nichts darinn, welches von Ihren uͤbrigen gluͤcklichen Einfaͤllen unterschieden waͤre. Ich weiß, daß Sie doch uͤber die Einrichtung des Weltbaues. doch immer auf das Wahrscheinlichste verfallen, und wenn es zur Pruͤfung koͤmmt, so bleibt eben nicht viel auszubessern. So ist das System Ihrer Gedanken eingerichtet, daß sich unvermerkt nur diejenigen zusam- men paaren, die sich in der That zusammen schicken. Sie fuͤhlen jede Luͤcke, die noch darinn bleibt, und je- der neue Anlaß dient Ihnen, eine und mehrere davon auszufuͤllen, weil Sie jeder neuen Erfahrung ihre Stel- le in dem System anzuweisen wissen. An dem verschiedenen Abstande der Fixsterne ha- be ich nun keinen erheblichen, oder vielmehr gar keinen Zweifel, wenn ich die Gruͤnde, die Sie, mein Herr, davon angeben, zusammen nehme. Man hat es schon laͤngsten als etwas Einfaͤltiges angesehen, daß die Al- ten dieselben saͤmtlich an die Flaͤche einer Sphære gleich- sam anhefteten, weil sie dadurch ihr primum mobile oder die taͤgliche Umdrehung des Firmamentes erklaͤren wollten. In der That muͤßte es ungefehr so seyn, wenn diese Umdrehung nicht scheinbar waͤre, und nicht der Erde muͤßte zugeschrieben werden, eben so wie die laugsame Veraͤnderung der Sterne um die Pole der Eccliptic. Es ist nun zureichend bewiesen, daß alle Bewegung, die das ganze Firmament zu haben scheint, allein von der Erde herruͤhrt, und uͤberhaupt auch alle die, so sich nach einem einfoͤrmigen Gesetze richten, und alle Jahre oder alle Monden wieder kom- men, dergleichen die Abirrung des Lichtes und die Nu- tation der Erde ist. Da dieses der einige Grund wa- re, den die Ptolomaͤicker angeben, die Fixsterne an ei- L 3 ne Cosmologische Briefe ne Sphære anzunageln, und ihre Entfernung gleich zu setzen, so faͤllt derselbe vollkommen weg, und es bleibt gar keiner mehr uͤbrig. Hingegen haben wir unzaͤhlige Gruͤnde, diese Entfernung ungleich, und die Sterne in langen Rei- hen hinter einander zu setzen. Einmal sind es Son- nen, die ein System von Legionen Weltkugeln um sich haben, denen sie Licht und Waͤrme, und abwechslende Jahrszeiten geben, und daraus ein Wohnort von le- benden Geschoͤpfen machen. Ein solches System for- dert einen Raum, so groß der Wirkungskreyß jeder dieser Sonnen ist. Dieser Wirkungskreyß muß aber nothwendig sehr groß seyn, und dem von unserer Son- ne nichts nachgeben, weil wir die Sterne ihres grossen Abstandes ungeacht mit einem solchen Glanze funkeln sehen. Dazu gehoͤrt eine Masse von Licht und Dich- tigkeit und Groͤsse, wie die von unserer Sonne, und daher ein gleich grosser Wirkungskreyß. Keine Son- ne kann in dem Wirkungskreyse einer andern seyn, oh- ne daß sie sich um dieselbe, oder beyde um ihren ge- meinsamen Mittelpunct der Schwere bewegten, und diese Bewegung muͤßte nothwendig in wenigen Jahren auch uns sichtbar seyn. Hieraus schliessen Sie, mein Herr, mit Rechte, daß in der Milchstrasse und in den neblichten Sternen alles wimmeln muͤßte. Es ist die- ses eine Sache, die in weniger Zeit durch Erfahrung ausgemacht werden kann, und Sie koͤnnen sich auf die- selbe, wie in verschiedenen andern Stuͤcken, sicher be- rufen. Bey den groͤssern Sternen ist es ausgemacht, daß uͤber die Einrichtung des Weltbaues. daß sie in vielen hundert Jahren ihre Stelle unter ein- ander nicht merklich geaͤndert haben, und man muͤßte aus dem Ptolomaͤischen Catalogo, mit den neuern ver- glichen, sehen, ob man eine Veraͤnderung heraus brin- gen koͤnne. Dieses Mittel, die Entscheidung der Sa- che auf den Augenschein ankommen zu lassen, haben Sie, mein Herr, bereits in ihrem vorigen Schreiben angegeben. Cassini hat es als eine Folge der jaͤhrlichen Pa- rallaxe der Erde angesehen, daß der erste Stern im Widder zu gewissen Zeiten doppelt erschiene. Um die- ses auszumachen, muͤßte man untersuchen, ob die Er- scheinung alle Jahre wieder eintrift, oder ob die ver- schiedene Durchsichtigkeit der Luft es nicht leidet, daß man diesen Stern bestaͤndig doppelt oder als wirklich zween verschiedene Sterne sehen kann, und ob sie eine geaͤnderte Lage unter sich haben? Eben dieses bleibt auch bey dem mittlern Stern im Schwerte des Orions zu untersuchen, von welchem Huygens gefunden, daß er aus 12. kleinern besteht. Auf diese Art wuͤrde sich ausmachen lassen, ob es in der That Fixsterne giebt, die sich in einem gemeinsamen Wirkungskreyse befinden, und in kurzer Zeit um den Mittelpunct ih- rer Schwere gehen? Allein bis dieses ausgemacht ist, koͤnnen Sie, mein Herr, sicher bey ihrem System bleiben, weil ich nichts dergleichen erwarte. Hingegen scheinen mir die andern Observationen, die Sie in Absicht auf die Pla- L 4 neten, Cosmologische Briefe neten, und besonders auch unsere Erde vorgeschlagen haben, von groͤsserm Nutzen, weil sich daraus verschie- denes von der Lage der Sonne in unserm Fixsternen- system und von ihrer Bewegung bestimmen liesse, und was Sie von den kleinern Abweichungen in den Ta- bellen von dem Laufe der Sonne sagen, scheint aller- dings Hoffnung zu geben, daß diese Untersuchung nicht fruchtlos seyn werde. Noch vorzuͤglicher waͤre es, wenn sich die Verruͤckung der Aphelien, der Knotenli- nien, und der Inclination jeder Planetenbahnen dar- aus herleiten liessen. Die Cometen koͤnnen zwar zu so kleinen Verruͤckungen allerdings auch etwas beytra- gen, wenn sie einem Planete zu nahe kommen; allein dieses waͤre nicht allgemein, und besonders scheint es nicht, daß so grosse Planeten, wie Jupiter und Sa- turn sind, etwas davon leiden sollten. Demnach blie- be das Ordentliche in diesen Bewegungen allezeit von dem Mittelpunct unseres Fixsternensymens abhaͤngig, und muͤßte daraus hergeleitet werden. In dieser Absicht setzen Sie, mein Herr, jeder Planet seye ungefehr aͤhnlichen Anomalien in seinem Umlaufe unterworfen, welche der Mond bey der Son- ne leidet. Sie betrachten hier die Sonne als einen Koͤrper, der gegen den Mittelpunct des Fixsternensy- stems schwer ist, und die Planeten und Cometen sehen Sie als ihre Trabanten an. So schwer die Sonne gegen diesen Mittelpunct ist, so schwer ist auch jeder Planet gegen denselben. Daher muß er allerdings bald geschwinder, bald langsamer laufen, als es gesche- hen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. hen wuͤrde, wenn er allein gegen die Sonne schwer waͤre. Allein wenn ich diese Vergleichung weiter trei- be, so finde ich eine Schwierigkeit dabey, die ich nicht sogleich heben kann. Sie betrift die Richtung in der Bewegung der Knotenlinien. Diese geht bey dem Monde wider die Ordnung der Zeichen, bey den Pla- neten aber folgt sie dieser Ordnung. Woher glauben Sie, mein Herr, daß dieses kommen mag, oder wie liesse es sich aus der allgemeinen Schwere unseres Sonnensystems gegen den Mittelpunct des Fixsternen- systems erklaͤren? Sodann haben Sie, mein Herr, in Ihrem vor- hergehenden Schreiben aus dem, daß wir rings um uns her zerstreute Fixsterne sehen, geschlossen, unsere Sonne muͤsse nicht an den Grenzen, sondern mehr ge- gen die Mitte des Fixsternensystems liegen, zu wel- chem sie gehoͤrt. Dieses macht unstreitig ihren Lauf geschwinder, und ihre Schwere gegen den Mittelpunct groͤsser, und um desto ehender muͤßte sie auch bey den Planeten merkbar seyn. Da die daher entstehenden Anomalien aber dennoch sehr geringe sind, so werden Sie doch immer unserer Sonne noch einen sehr grossen Abstand von diesem Mittelpunct geben muͤssen, zumal wenn in demselben ein dunkler Koͤrper von einer unge- heuren Masse seyn sollte, gegen welchen auch noch die aͤussersten Sonnen des Systems schwer waͤren. Denn in der That wuͤrde ein solcher Koͤrper nicht viel nuͤtzen, wenn sein Diameter nicht fast so groß waͤre als der Wirkungskreyß unserer Sonne, oder der ganze Um- L 5 fang Cosmologische Briefe fang unseres Sonnensystems ist. Wenn die Fixsterne ausserhalb der Milchstrasse sich in mehr als ein System eintheilen liessen, so wuͤrde ich bald den Entschluß fas- sen, solche dunkle Koͤrper dahin zu setzen, wo die Astro- nomen neue Fixsterne gesehen haben, und andere ver- schwunden sind. Denn so liesse sich dieses Erscheinen und Verschwinden der Fixsterne ungefehr wie die Fin- sternisse erklaͤren. Allein es wird immer besser seyn, wenn man vorher durch genaue Observationen unter- sucht, ob die Schwere der Sonne gegen den Mittel- punct des Systems betraͤchtlich ist, weil sich dadurch etwas naͤher wird bestimmen lassen, welche unter die- sen Moͤglichkeiten wahr sind. Da ich die Bewegung der Fixsterne und ihren ungleichen Abstand von uns, nach den Beweisen, die Sie, mein Herr, davon gegeben haben, als moralisch gewiß ansehe, so habe ich versucht, einen Ueberschlag von ihrer Geschwindigkeit zu machen. Ich setzte an- fangs, der naͤchste Fixstern habe sich seit des Hippar- chus Zeiten, oder eine runde Zahl genommen, seit 2000. Jahren um einen ¼. Grad bewegt. Dieses konnte ich wohl annehmen, weil des Ptolomaͤus Cata- logus der Sterne nicht leicht genauer seyn wird. Ich nahme hierauf den Abstand der Erde von der Sonne zum Maaßstabe an, und setzte, dieser Fixstern seye 500000mal weiter entfernt. Diese Zahl als den Halbmesser eines Circuls angesehen, fande ich, daß auf ¼. Grad ungefehr 4000. solcher Maaßstaͤbe gehen, welche demnach der Stern innert 2000. Jahren muͤßte durch- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. durchlaufen haben. Daher wuͤrde er in einem Jahr zween solcher Maaßstaͤbe oder einen Raum durchlau- fen, der so groß als der Durchmesser der Erdbahn ist. Da dieser Durchmesser nur der ⅓. von der Bahn der Erde ist, so wuͤrde ich finden, daß die Geschwindigkeit eines solchen Sterns dreymal kleiner als die von der Erde waͤre. Diese Rechnung gienge an, wenn die Sonne inzwischen unverruͤckt geblieben waͤre, und der Stern sich um dieselbe in einem Circul bewegt haͤtte. Wenn ich aber setze, die Sonne bewege sich auch, so koͤmmt hiebey nur eine relative Geschwindigkeit her- aus, welche groͤsser oder kleiner wird, je nachdem ich die Richtung in dem Laufe aͤndere. Aus einem aͤhnli- chen Grunde scheinen uns die Planeten bald gerade, bald ruͤcklaͤufig, bald stille stehend. Es kann demnach Fixsterne der ersten Groͤsse geben, die ihren Ort nicht merklich veraͤndert haben, und andere, bey welchen die Veraͤnderung des Ortes merklicher ist. Da ich aber die merklichste Veraͤnderung nur auf einen ¼. Grad se- tze, so muß ich dabey die Umstaͤnde nehmen, die sie am groͤßten machen, und diese sind, wenn die Sonne und der Stern eine entgegengesetzte Richtung haben. Die- ses bringt aber die Geschwindigkeit des Sterns auf die Helfte, und demnach wuͤrde ich sie sechsmal kleiner se- tzen als die von der Erde. Hiedurch wird aber die Schwere des Sterns gegen den Mittelpunct des Sy- stems sehr geringe, wenn ich betrachte, wie groß die Ellipsen und Circul sind, in welchen die Sterne sich um diesen Mittelpunct bewogen. Indessen ist sie den- noch vielfach groͤsser, als die, so zween der naͤchsten Fixsterne Cosmologische Briefe Fixsterne gegen einander oder gegen unsere Sonne ha- ben. Denn da die Geschwindigkeiten der Planeten sich umgekehrt wie die Quadratwurzeln ihres Abstan- des von der Sonne verhalten, so muͤßte ein Stern, der 500000mal weiter entfernt ist als die Erde, 700mal langsamer laufen. Nach vorigen Betrach- tungen aber laͤuft er nur 6mal langsamer, und daher bey 120mal geschwinder, als wenn seine Central - Kraͤfte von unserer Sonne abhiengen. Eine groͤssere Geschwindigkeit fordert in allweg eine groͤssere Schwe- re, wenn sich der Koͤrper in seiner Bahn erhalten solle. Ich wuͤrde demnach allerdings hieraus schliessen, daß die Schwere in dem Mittelpunct des Fixsternensystems sehr groß seyn muͤsse. Allein es ist uͤberfluͤssig, diesen beylaͤuftigen Ueberschlag weiter fortzusetzen, weil der Satz, worauf er sich gruͤndet, nemlich die Groͤsse der Verruͤckung der Fixsterne seit des Ptolomaͤus Zeiten, erst noch muß ausgemacht werden. Noch eine Frage muß ich Ihnen, mein Herr, vorlegen. Da Sie die Systemen in der Milchstrasse von dem unsrigen durch einen 6. bis 10mal groͤssern Zwischenraum absoͤndern, und dadurch dieselben so gar weit entfernen, so kann ich noch nicht einsehen, wie wir die Sterne, so in diesem Streifen sind, durch Fernroͤhre noch voneinander unterscheiden koͤnnen? Sie muͤssen die naͤchsten derselben doch wenigstens etli- che hundertmal weiter hinaus setzen, als Sirius . Daß wir in diesem Striche mit bloßen Augen nur ein ver- mischtes Licht sehen, kann ich noch sehr wohl daraus herlei- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. herleiten, weil sich die Bilder dieser Sterne auf dem Augennetze vermischen, und uns daher nothwendig un- deutlich scheinen muͤssen. Unsere Athmosphære mag auch etwas dazu beytragen, und vielleicht thut es auch die Zerstreuung des Lichtes in der Himmelsluft. Wie genaue muͤssen denn die Fernroͤhren alles fremde Licht wegbrechen, wenn uns die Sterne in solchen Entfer- nungen noch als leuchtende Puncte deutlich abgesoͤn- dert erscheinen sollen? Uebrigens sehe ich sehr wohl, daß, da die Anzahl der Fixsterne ungefehr wie das Quadrat ihrer Groͤsse zunimmt, dieses Gesetz sich viel schicklicher durch ihren verschiedenen Abstand erklaͤren laͤßt, weil die Oberflaͤ- chen der Sphaͤren in einer solchen Verhaͤltnis zuneh- men. Und uͤberdiß wuͤrde man auch hieraus schliessen koͤnnen, daß die Fixsterne in unserm System noch ziem- lich gleichfoͤrmig ausgetheilt sind, weil ihre Anzahl bey- laͤuftig wie die Flaͤchen der Sphaͤren zunehmen, deren Halbmesser 1, 2, 3, 4. ꝛc. sind. Die Bewegung der Sterne leidet keine groͤssere Gleichfoͤrmigkeit, weil sie nach und nach ihren Ort aͤndern. Daher glaube ich auch nicht, daß sich dieses Gesetz viel weiter erstrecken werde, weil die teloscopischen Sterne an einigen Orten des Himmels viel dichter sind, als an andern. Be- sonders ist die Gegend um den Orion herum bis zur Verwunderung mit grossen und kleinen Sternen be- setzt. Das Sternbild des grossen Hundes, und das Schiff Argos scheint ebenfalls sehr reich an Sternen. Sie liegen in einem gleichen Striche an der Milchstras- se, Cosmologische Briefe se, und wenn unsere Sonne von dem Mittelpunct des Systems merklich entfernt ist, so sollte ich fast glauben, daß diese Sternbilder jenseits des Mittelpunctes liegen, weil dadurch die Reihe von Fixsternen verlaͤngert wird, daß wir folglich mehrere neben und hinter einander lie- gend sehen koͤnnen. Auf diese Art wuͤrde ich fuͤr die Lage unserer Sonne in dem Fixsternensystem sorgen, zu welchem sie gehoͤrt, da Sie, mein Herr, die Lage dieses Systems in Absicht auf alle Systemen der Milchstrasse ausfuͤn- dig zu machen bemuͤht sind. Ich habe die Figur die- ses Streifens auf der Himmelskugel betrachtet. Un- geacht derselbe nicht voͤllig circular ist, so weicht er doch von den Polen ungleich ab, und so, daß er viel- mehr eine Ovale vorstellt, wie Sie es, mein Herr, anmerken. Ich sollte fast glauben, daß wir dem Theile der Milchstrasse naͤher sind, welcher den Colu- rus des Steinbocks durchschneidet, wo sie zugleich ei- ne doppelte Breite hat, und zertheilt scheint. Durch diesen Theil scheint die kuͤrzere Axe der Ovale zu ge- hen. Er steht ungefehr dem Sternbilde des Orions gegen uͤber, von welchem ich vorhin unsere Sonne weiter hinweg rucken wollte, damit die Reihe hinter einander liegender Sterne darinn desto laͤnger wuͤrde. Zu allen diesen Bestimmungen fehlt uns noch Zahl und Maas, welches man vermuthlich erst in den folgenden Zeiten nach und nach finden wird. Es ist aber schon immer genug, die Lage der Sternsystemen nur uͤber die Einrichtung des Weltbaues. nur beylaͤuftig zu wissen, und den Ort, wo wir uns in dem Weltgebaͤude befinden, einiger massen zu be- stimmen, wenn es auch nur auf eine verneinende Art seyn sollte. Z. E. Unsere Erde ist nicht im Mittel- puncte des Sonnensystems, sondern sie dreht sich um die Sonne. Die Sonne ist nicht im Mittelpuncte ihres Fixsternensystems, sondern dieser Mittelpunct liegt in der Gegend des Orions oder des grossen Hun- des. Endlich ist dieses System weder in der Flaͤche, noch in dem Mittelpuncte der Milchstrasse, sondern etwas uͤber dieselbe hervor ragend, und naͤher bey dem Theile der Milchstrasse, der durch den Colurus des Steinbockes geht, wo er eine doppelte Breite hat. Wo nun aber die Milchstrasse liege, wenn sie mit noch unzaͤhligen andern Milchstrassen solle verglichen wer- den, dieses wird sich so leicht nicht ausmachen lassen, weil sie wegen ihrer ungeheuren Entfernung uns un- sichtbar sind. So viel deucht mich aber, daß, wenn das schwache Licht im Orion eine solche entfernte Milchstrasse ist, dergleichen noch mehrere sollten durch Fernroͤhren entdeckt werden, wenn man sie aufsuchen wollte. Denn daß man diese im Orion entdeckt hat, wird vermuthlich daher seyn, weil dieses Sternbild unstreitig das schoͤnste ist, und wegen der Menge von Sternen, die Astronomen zu desto fleißigerer An- schauung desselben angelockt hat. Ungeacht es in den kaͤltesten Naͤchten am hellesten funkelt, so beschaue ich es doch jeden Winter mit neuer Lust, und ich gedenke mit Vergnuͤgen an die Abendstunden, die ich mit Ih- nen, mein Herr, in Betrachtung dieser praͤchtigsten Gegend Cosmologische Briefe Gegend des Himmels zugebracht habe. Es scheint uns gleichsam aufzumuntern, etwas wichtiges daselbst zu suchen, und nach den vorigen Betrachtungen wuͤr- de so wohl der Mittelpunct unseres Fixsternensystems, als der von der ganzen Milchstrasse in dieser Gegend liegen. Wie vergnuͤgt wuͤrde ich seyn, wenn diese Anmerkung Ihren Beyfall verdiente. Schreiben Sie mir, mein Herr, was Sie hieruͤber gedenken. Ich erwarte Ihre Antwort mit groͤßter Begierde, weil ich darinn die Aufloͤsung der Fragen hoffe, die ich Ihnen vorgelegt habe, und die ich, wie alle Gefaͤlligkeiten, so von Ihnen bekommen, mit der Erkenntlichkeit an- nehmen werde, mit welcher ich Ihnen verbunden bleibe, Mein Herr ꝛc. Vier- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Vierzehnter Brief. I hr geschaͤtztestes Schreiben, mein Herr, ist eine mir sehr erfreuliche Probe, daß Sie grosse Schritte thun, um den Weg durch das Firma- ment zuruͤck zu legen, und in einer so wuͤrdigen Bahn immer weiter zu gehen. Sie fuͤhlen den ganzen Nach- druck der Ovidischen Worte: Os homini sublime dedit, caelumque tueri Iussit et ere c tos ad sidera tollere vultus. In der That ist auch nichts dem Menschen anstaͤndiger, als daß er auch dahin sehe, wohin die Natur seine Au- gen gerichtet, und die Stelle kennen lerne, die ihme der Allerweiseste in der Welt angewiesen. So klein wir in der Betrachtung dieses unermeßlichen Gebaͤu- des unsern Koͤrper finden, so groß wird unser Geist, wenn wir uns gewoͤhnen, ihn durch das ganze Firma- ment auszubreiten, und von solchen Groͤssen auf die Groͤsse und Majestaͤt des Schoͤpfers zu schliessen. Sie wissen, mein Herr, in allem Umfange, was dieses sa- gen will, und raͤumen der Astronomie unter den menschlichen Wissenschaften die erste Wuͤrde ein, weil sie, und was dahin dient, die einige ist, die durch alle Ewigkeiten fortdauert, und die Himmel auch nach dem Tode uns die Ehre GOttes erzaͤhlen, und die Veste seiner Haͤnde Werk uns verkuͤndigen solle. Ich wende mich mit Vergnuͤgen zu der Untersu- M chung Cosmologische Briefe chung der Fragen, die Sie mir vorgelegt haben, und werde bey derjenigen anfangen, die Sie uͤber die Kennbarkeit der Sterne in der Milchstrasse machen, wenn wir sie durch Fernroͤhren ansehen. Ich gestehe Ihnen gerne, daß diese Untersuchung sehr schwer ist, und daß sie auf Gruͤnden beruht, die man in der Optic noch nicht genug entwickelt hat. Indessen werde ich doch einen Versuch thun, um zu sehen, wie weit es mir darinn gelingen wird. Es koͤmmt dabey auf folgende Saͤtze an, welchen ich den Beweis nicht vollstaͤndig beyfuͤgen werde, um Sie nicht ohne Noth damit aufzuhalten. So lange wir mit bloßem Auge einen Gegen- stand deutlich sehen, scheint er uns ohne Ruͤcksicht auf seine Lage und Entfernung ungefehr gleich helle. Ich sage ungefehr . Denn die Veraͤnderung in der Oef- nung des Augensterns mag hiebey etwas veraͤndern. Da man aber dieses allezeit in die Rechnung einbrin- gen kann, so werde ich diese Oefnung als bestaͤndig an- nehmen, und da schliesse ich, daß wir jedes Obje c t in seiner wirklichen Klarheit sehen, so lange sein Bild im Auge deutlich ist. Auf diese Art wuͤrde uns die Sonne zwar kleiner, aber dennoch gleich helle scheinen, wenn wir auf dem Saturn oder in einer noch groͤssern Entfernung dieselbe anschaueten. Ist aber ein Gegenstand so weit entfernt, daß wir auf seiner Flaͤche nichts deutlich sehen koͤnnen, so kommen hiebey zween Faͤlle vor. Einmal wenn das schein- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. scheinbare Bild merklich groß ist. In diesem Fall vermischt sich das Licht jeder Theile unter einander, und es stellt uns das Mittel aus allen einzeln Klarhei- ten vor. Dieses Mittel ist wiederum bestaͤndig gleich, wenn sich auch die Entfernung merklich aͤndert. So sehen wir eine entfernte Mauer gleich helle, wenn sie von der Sonne unter einerley Winkel beleuchtet wird, wir moͤgen naͤher oder weiter davon weg seyn. Und eben so wuͤrde uns der Mond groͤsser, aber nicht heller scheinen, wenn er naͤher bey der Erde waͤre. Denn ungeacht in diesem Falle mehr Licht in das Aug faͤllt, so breitet es sich auf dem Augennetze in gleicher Ver- haͤltnis mehr aus. Dieß ist auch der Grund, warum wir die Gegenstaͤnde durch erhabene oder Hohlglaͤser gleich helle sehen. Scheint hingegen der Gegenstand undeutlich, und nur wie ein Punct, so verhaͤlt es sich anderst, weil sein Bild auf dem Augennetze einen groͤssern Raum einnimmt, als es einnehmen wuͤrde, wenn wir es deutlich saͤhen. Die Stralen zerstreuen sich, und sind zween dergleichen Puncte nahe beysammen, so vermischt sich das zerstreute Licht unter einander, und wir sehen beyde Puncte als einen an. Auf diese Art sehen wir die Fixsterne schwaͤcher glaͤnzen, als wenn wir sie mit bloßem Auge deutlich sehen koͤnnten. Denn in diesem Falle muͤßten sie so helle scheinen als die Sonne, und zwar wiederum ohne Ruͤcksicht auf ihren Abstand. M 2 Diese Cosmologische Briefe Diese Deutlichkeit suchen wir durch Fernroͤhren zu erhalten, bey welchen in Absicht auf die Klarheit eben das gilt, was ich vorhin von dem Auge gesagt habe, nur mit dem Unterschiede, daß dieselbe hier nicht so fast von der Oefnung des Augensterns, als von derjenigen abhaͤngt, die man dem Obje c tiv -Glase geben muß. Daher stellen uns die Fernroͤhren die Obje c te nicht so helle vor, als sie mit bloßem Auge gesehen wuͤrden, wenn man sie eben so deutlich sehen koͤnnte, aber sie vermindern jede Klarheit auf eine proportionale Art, und wiederum ohne Ruͤcksicht auf den ungleichen Abstand. Wenn man demnach die Klarheit der Planeten unter einander vergleichen will, so muß es durch Fernroͤhre geschehen, die sie uns deutlich vorstellen. Hieraus folgere ich nun, daß, wenn wir durch ein Fernrohr einen Fixstern, der an sich betrachtet so helle waͤre als unsere Sonne, deutlich und als eine runde Kugel sehen koͤnnten, sein Glanz uns durch das Fernrohr eben so helle scheinen wuͤrde, als wenn wir durch dieses Fernrohr die Sonne anschaueten. Da aber der wahre scheinbare Diameter des naͤchsten Fix- sterns kaum ¼. Tertie eines Grades ist, so ist alle Hoffnung verlohren, einen Fixstern durch Fernroͤhren vollkommen rund zu sehen. Er nimmt daher noch immer einen groͤssern Raum auf dem Augennetze ein, als er einnehmen wuͤrde, wenn wir ihn deutlich sehen koͤnnten. Setze uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Setze ich demnach, ein Fernrohr vergroͤssere 120mal, so wird diese ¼. Tertie zu 30. Tertien oder ½. Secunde . Ich glaube nicht, daß das Aug einen Punct, der unter einem so kleinen Winkel erscheint, deutlich sehen koͤnne. Dann das Licht, das von dem Fixstern auf einen so kleinen Punct des Augennetzes faͤllt, ist noch allemal so stark als das, so darauf fal- len wuͤrde, wenn wir die Sonne durch ein solches Fernrohr anschauen wollten. Da es also eine starke Bewegung auf dem Nervennetze des Auges verur- sacht, so theilt sich diese Bewegung den anliegenden Nerven mit, und dadurch wird das Bild des Sterns groͤsser. Da indessen die Fernroͤhren dazu dienen, daß sie jeden Punct deutlicher machen, und sein Bild auf dem Augennetze naͤher zusammen bringen, so laͤßt sich daraus erklaͤren, warum die Fixsterne desto kleiner, aber auch desto funkelnder scheinen, je besser das Fern- rohr ist. Nach der vorigen Betrachtung sollte das Bild ½. Secunde seyn. Ich will setzen, es breite sich wegen der mitgetheilten Bewegung durch 5. Secunden aus, so ist es doch vielfach kleiner, als wenn man den Stern mit bloßem Auge anschaut. Sein scheinbarer Diameter wird immer wenigstens 2. Minuten, und folglich 24mal groͤsser seyn, als durch das Fernrohr. Sein Licht muß also dem bloßen Auge bey 600mal schwaͤcher scheinen. Und wenn ich bey der ½. Secun- de bleibe, so ist es 60000mal schwaͤcher. M 3 In Cosmologische Briefe In Ansehung der Fernroͤhren hat der verschiede- ne Abstand der Fixsterne nichts zu sagen, weil er so gut als unendlich entfernt angesehen werden kann. Hingegen vermindert derselbe die scheinbare Groͤsse der Sterne. Ich will setzen, ein Fernrohr seye so voll- kommen, daß es parallele Strahlen im Auge auf ei- nen Punct braͤchte, so wuͤrde allerdings das Bild der entfernten Sterne kleiner seyn, aber deßwegen immer gleiche Klarheit behalten. Die ganze Sache koͤmmt demnach darauf an, wie klein ein Punct auf dem Au- gennetze seyn muͤsse, bis ein so starkes Licht, wie das von den Sternen, keinen Eindruck mehr darauf ma- chen koͤnne, wenn es auf diesen Punct allein faͤllt? So zart und klein auch die Gesichtsnerven seyn moͤ- gen, so muͤßte dieser Punct immer unzaͤhligemal klei- ner seyn, damit das darauf fallende Licht die Masse des Nervens in keine empfindbare Bewegung zu setzen vermoͤgend waͤre. Ungeacht aber weder die Fernroͤhre, noch unsere Augen so vollkommen sind, daß jeder geometrische Punct auf dem Augennetze wieder als ein solcher Punct erscheinen sollte, so naͤhern sie sich doch dieser Vollkom- menheit sehr merklich, weil sich das Fernrohr nach den Augen einrichten laͤßt. Dadurch laͤßt sich ein Punct erkennen, dessen scheinbarer Durchmesser, durch das Fernrohr betrachtet, kaum eine Secunde betraͤgt. Das Fernrohr stellt die Sache so vor, als wenn wir ihr Bild in der Entfernung von 8, 10. oder 12. Zoll saͤhen. In diesem Abstande wuͤrden wir nach Herꝛn Muß- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Mußschenbroecks Erfahrung einen seidenen Faden \frac {1}{1948} . Zoll dick deutlich erkennen koͤnnen. Sein scheinbarer Diameter ist kleiner als eine Secunde . Ein kleines Fuͤnkchen, welches im Erloͤschen am hellesten ist, wuͤr- de uns eben so deutlich erscheinen, wenn es auch nicht dicker als ein solcher Faden waͤre. Da also die Staͤrke des Lichtes der Fixsterne, wenn sie durch Fernroͤhren gesehen werden, von ihrem verschiedenen Abstande nicht geaͤndert wird, sondern nur ihre scheinbare Groͤsse, so kann ich einen Stern viele tausendmal weiter hinaus ruͤcken, und er muß sich durch das Fernrohr noch immer erkennen lassen. Sein Licht wird noch immer stark genug seyn, um in dem Auge eine Empfindung zu erregen. Hieruͤber mache ich noch folgende Betrachtung. Wenn das Bild eines Sterns auf dem Augen- netze kleiner ist als ein Gesichtsnerve, so setzt es den- selben dennoch ganz in Bewegung, und da durch diese Bewegung der Begriff von seiner Groͤsse in der See- le entsteht, so wuͤrde ich daraus schliessen, daß uns je- de Sterne, durch ein gleiches Fernrohr betrachtet, gleich groß, nemlich schlechthin als leuchtende Puncte erscheinen muͤßten. Hingegen wuͤrde sich in ihrer Klarheit ein Unterschied finden, weil die Erschuͤtterung des Nervens desto schwaͤcher wuͤrde, je weiter der Stern hinweg ist. Es ist leicht zu erachten, daß die- se Erschuͤtterung durch unzaͤhlige Stuffen abnehme, ehe sie unempfindbar wird. Und da wir sie noch des M 4 Nachts Cosmologische Briefe Nachts empfinden, weil wir auch da noch die Gegen- staͤnde sehen, so koͤnnen wir daraus auf den Grad der Empfindlichkeit der Gesichtsnerven einen Schluß ma- chen. Wir wuͤrden einen Stern noch empfinden koͤn- nen, wenn sein Licht vielfach schwaͤcher waͤre, als das von einem Hause, oder von einem Papiere, auf wel- ches der Mond scheint. Das Licht des Mondes ist bey 500000mal schwaͤcher als das von der Sonne oder von einem Fixstern, und die Klarheit des Pa- piers, so vom Monde beleuchtet wird, ist kaum der 100000te Theil von der Klarheit des Mondes. Al- so koͤnnte das Licht eines Fixsterns 50000. Millionen- mal geschwaͤcht werden, und es wuͤrde uns dennoch noch eben so helle scheinen als ein Papier, das von dem Vollmonde beleuchtet wird. Machen Sie nun, mein Herr, den Ueberschlag, wie weit man den Si- rius entfernen koͤnnte, bis sein Bild, durch ein Fern- rohr betrachtet, so schwach wuͤrde, als das Licht eines solchen Papiers. Sodann thun uns die Fernroͤhren nicht so fast den Dienst, daß sie das fremde und zerstreute Licht wegbrechen, welches uns das Bild der Sterne un- deutlich macht. Denn auf diese Art wuͤrde nothwen- dig der groͤßte Theil des Lichtes wegfallen, und ein Stern muͤßte gar nicht funkelnd erscheinen. Im Ge- gentheil aber vereinigen sie alles dieses Licht in einen Punct, und zwar desto genauer, je vollkommener sie sind. Dadurch behaͤlt dieser Punct alle Klar- heit, und diese muß nothwendig desto lebhafter werden, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. werden, je genauer er auf dem Augennetze ausge- druͤckt ist. Wir sehen es an den Trabanten des Jupiters und Saturns, die dem bloßen Auge unsichtbar blei- ben, weil sich ihr Licht zu sehr zerstreut. Die Fern- roͤhren sammeln es, und bringen das Bild dieser Tra- banten beynahe zu einer voͤlligen Deutlichkeit, daß wir sie fast eben so hell als ihren Hauptplaneten sehen. Wir wuͤrden sie vollends eben so helle sehen, wenn die Fernroͤhren zureicheten, sie ganz deutlich vorzustellen. Sie koͤnnen, mein Herr, aus diesen Betrach- tungen schliessen, daß ich ohne Bedenken Fixsterne als kenntbar ansehen kann, die viele tausendmal weiter von uns entfernt sind, als die von der ersten Groͤsse. Ich gebe Ihnen gerne zu, daß die Systemen, welche ich in der Milchstrasse hinter einander setze, eine solche Entfernung fordern. Ein leichter Ueberschlag wird dieses offenbahr zeigen. Galilaͤus hat zwischen dem Schwert und der Gurt des Orions bey 400. Sterne gezaͤhlt. Der Distri c t mag ungefehr 10. Quadrat- Grade betragen. Der ganze Himmel hat, wie jede Kugelflaͤche 41253. solcher Grade. Daher auf ei- nen Grad 40. Sterne gerechnet, in allem 1650120. Sterne heraus kommen wuͤrden, wenn sie aller Orten so dichte beysammen waͤren. Setze ich nun 12. Ster- ne zunaͤchst um unsere Sonne, 4mal 12. in der zwey- ten, 9mal 12. in der dritten Distanz, und lasse fuͤr jede folgende Distanz die Anzahl wie die Quadrate M 5. anwach- Cosmologische Briefe anwachsen, so finde ich, daß, unsere Sonne mitge- rechnet, 75. solcher Distanzen hinter einander seyn muͤssen, bis die Summe von allen Sternen auf 1650120. koͤmmt. Demnach haͤtten wir in unserm System Fixsterne der 75ten Groͤsse, ungeacht wir nur die von der 6ten Groͤsse mit bloßen Augen sehen koͤnnen. Nehme ich nun den Abstand des Sirius von unserer Sonne zum Maaßstabe an, so muß ich ihn 150mal umschlagen, um den Diameter unseres Systems auszumessen. Setze ich nach meinem letz- tern Schreiben das naͤchste System in der Milchstrasse noch 10mal weiter hinweg, so komme ich schon auf 1500. solcher Maaßstaͤbe, welche folglich ungefehr den innern Diameter der Milchstrasse ausmachen wuͤr- den. Der aͤussere Diameter laͤßt sich durch eine so kleine Zahl nicht bestimmen, weil ich, um diesen Strei- fen so dichte mit Systemen auszufuͤllen, derselben gut viele Hundert hinter einander setzen muß. Uebrigens glaube ich wohl nicht, daß unsere be- sten Fernroͤhren zureichen, uns die aͤussersten Sterne der Milchstrasse noch kenntlich sehen zu lassen. Sie muͤssen sich wegen ihrer unermeßlichen Kleinheit noth- wendig allmaͤhlich verlieren, und ein zusammenfallen- des sehr schwaches Licht ausmachen, zumal wenn sich das Licht der Sterne in der Himmelsluft nach und nach schwaͤchen sollte, wie es nach dem, so ich in meinem letzten Schreiben angemerkt, sehr vermuth- lich ist. Die uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Die andere Frage, die Sie mir, mein Herr, vor- gelegt haben, betrift die Schwere der Planeten gegen den Mittelpunct unseres Fixsternensystems. Sie wer- den aus meinen vorhergehenden Briefen sehen, daß ich es noch dahin gestellt seyn lasse, ob diese Schwere be- traͤchtlich genug ist, um in der Laufbahn der Planeten bemerkbare Anomalien zu verursachen, welche denjeni- gen sehr aͤhnlich seyn muͤßten, die wir an dem Monde beobachten, und von der Schwere des Mondes gegen die Sonne herruͤhren. Man muͤßte sehen, ob die Erde zum Exempel in einer einfachen Ellipse einher- geht, oder ob sie jaͤhrlich eben so davon abweicht, wie der Mond von einer Conjun c tion zur andern? Ich hatte ebenfalls die Frage aufgeworfen, ob sich nicht das allmaͤhlige Fortruͤcken der Aphelien und Knotenli- nien in den Planetenbahnen aus der Schwere der Pla- neten gegen den Mittelpunct des Fixsternensystems herleiten liesse? Wenn dieses waͤre, so muͤßte diese Schwere sehr geringe seyn, nicht weil sie in dem Mit- telpunct selbsten geringe waͤre, sondern weil der Ab- stand unserer Sonne von demselben sehr groß ist. Es koͤmmt hier darauf an, ob die Diameter der Planeten- bahnen gegen diesen Mittelpunct eine erhebliche Ver- haͤltnis haben. Denn es ist ausgemacht, daß auch der Mond viel betraͤchtlichere Anomalien leiden wuͤr- de, wenn seine Bahn um die Erde groͤsser waͤre, weil diese Anomalien sich fuͤrnemlich nach den Abaͤnderun- gen in seinem Abstande von der Sonne richten. Sodann wuͤrden diese Anomalien in der Lauf- bahn Cosmologische Briefe bahn der Planeten bey jedem Umlaufe derselben wie- derkommen. Sie richten sich nach einem gedoppelten Umstande. Einmal muͤssen sie bey den obern Plane- ten in jedem Umlaufe groͤsser seyn, weil ihre Laufbahn, und folglich der Unterschied ihres Abstandes von dem Mittelpunct des Fixsternensystems groͤsser ist. Hin- gegen kommen sie bey den obern Planeten desto lang- samer wieder, weil diese zu ihrem Umlaufe laͤngere Zeit brauchen. Dieses bringt die Perioden der Ver- ruͤckungen der Aphelien und Knotenlinien mehr zur Gleichheit. Daß sich aber die Knotenlinien der Planeten nach der Ordnung der Zeichen, die vom Monde hin- gegen ruͤckwaͤrts bewegen, daruͤber lassen sich verschie- dene Anmerkungen machen, welche als eben so viele Arten angesehen werden koͤnnen, den Zweifel aufzuloͤ- sen, den Sie mir, mein Herr, vorgelegt haben. Denn da wir die Richtung in dem Kreyßlaufe der Sonne noch nicht wissen, so werden Sie leicht erach- ten koͤnnen, daß es fuͤr jetzt genug seyn wird, wenn ich die Moͤglichkeiten anzeige, deren es hiebey mehre- re giebt. Einmal habe ich schon angemerkt, daß die Nei- gungen der Planetenbahnen nur deßwegen auf die Erdbahn bezogen werden, weil die Astronomen ihre Berechnungen dadurch erleichtern koͤnnen. Eben die- ses werden auch die Astronomen auf den uͤbrigen Pla- neten thun. Sie sehen die Flaͤche ihrer Laufbahn als unbe- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. unbeweglich an, und auf diese reduciren sie die Lauf- bahnen der uͤbrigen Planeten. Sie haben demnach ganz andere Knotenlinien als wir, und nur darinn stimmen wir mit ihnen uͤberein, daß die Knotenlinien, die sie unserer Erdbahn geben, eben die Lage hat, die wir der ihrigen geben, weil es eine und eben dieselbe Durchschnittslinie beyder Bahnen ist. Allein die Verruͤckung dieser Linie ist umgekehrt, wenn sie auf die Bahn eines Planeten oder auf unsere Erdbahn be- zogen wird. So aber muß sie nicht betrachtet werden, son- dern wenn man ihre wahre Verruͤckung finden will, muß man sie bis an die Fixsterne verlaͤngern, und folg- lich von ihrer jaͤhrlichen Bewegung von dem Anfange des Widders die Præcession der Aequinoctien abzie- hen. Nehme ich die Bewegung der Knotenlinien, wie sie Kepler angegeben, und ziehe von jeder die Bewegung der Fixsterne ab, die sie um die Pole der Eccliptic zu haben scheinen, so werden die Knotenli- nien des Saturns und Mercurs unter den Fixsternen nach der Ordnung, bey den uͤbrigen Planeten aber wider die Ordnung der Zeichen laufen. Dieses waͤre einem allgemeinen Gesetze noch mehr zuwider. Allein es ist zu bemerken, daß man hiebey nicht die Durchschnitte betrachten muͤsse, die die Planetenbahnen unter sich machen, sondern dieje- nigen, die sie saͤmtlich mit der Flaͤche machen, in wel- cher sich die Sonne um den Mittelpunct des Fixster- nen- Cosmologische Briefe nensystems bewegt, welche aber erst noch muß gefun- den werden. Ueberhaupt scheint es zwar, als wenn diese Flaͤche gegen der Eccliptic keine starke Neigung habe. Sie mag auch von der Flaͤche des Sonnen- Aequators wenig verschieden seyn. Doch laͤßt sich hieruͤber durch bloße Vermuthungen nichts bestimmen, weil alle Umstaͤnde muͤssen zusammengenommen wer- den, wenn man den Mittelpunct des Fixsternensystems, die Flaͤche, in welcher die Sonne sich um denselben bewegt, den Abstand dieses Mittelpuncts, und seine Schwere ausfuͤndig machen will. Ehe man aber so weit geht, ist es das rathsam- ste, vorher durch genaue Observationen die Laufbahn unserer Erde zu untersuchen, ob sie in der That voll- kommen elliptisch ist, oder ob sie an verschiedenen Or- ten davon abweicht, und entweder geschwinder oder langsamer lauft, als es das Keplerische Gesetz mit sich bringt? Denn haͤtte sie eine betraͤchtliche Schwe- re gegen den Mittelpunct der Fixsterne, so wuͤrde sie da geschwinder laufen, wo sie mit der Sonne und die- sem Mittelpuncte in Conjun c tion und in Opposition ist, wie wir dieses auch an dem Monde sehen, wenn er neu oder voll ist. Dieses waͤre die naͤchste Metho- de, ungefehr den Ort dieses Mittelpuncts zu bestim- men, welchen Sie, mein Herr, aus andern Betrach- tungen in die Gegend des Orions setzen, weil es aller- dings scheint, daß die Reihen von Fixsternen in dieser Gegend viel laͤnger sind. Bis zu einer genauern Be- stimmung trage ich kein Bedenken, die Systemen der Fixsterne uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Fixsterne so anzunehmen, wie Sie es zu Ende Ihres Schreibens vorstellen, und den Mittelpunct unseres Systems und den von der Milchstrasse in der Gegend des Orions zu suchen. Dermalen sehe ich noch nicht ein, daß sich hierinn etwas bestimmteres finden liesse, und ich besorge nur, man moͤchte dieses schon als zu verwegen ansehen. Doch daran halte ich mich nicht auf. Ich weiß zu wohl, daß, wenn man eine Hypo- these auf die Bahn bringen will, es besser ist, wenn man sie vollends ausschmuͤckt, und sie in ihrem Umfan- ge darlegt. Da ich die Mittel zur Pruͤfung derselben angegeben, so ist dieses alles, was man fordern kann, und nach einer solchen Pruͤfung wird es sich zeigen, was man dabey auszubessern haben wird. Diese Mit- tel beruhen zwar alle auf der Frage, ob die Sonne gegen das Centrum des Fixsternensystems eine solche Schwere habe, daß sich die Wirkungen an den Plane- ten bemerken lassen, so klein sie auch seyn moͤgen? Ist diese Schwere nicht so groß, so reichen auch die ange- gebenen Mittel nicht zu, die Frage bleibt unentschie- den, und die genauere Bestimmung von der Lage un- serer Sonne und ihrem Kreyßlaufe wird nicht so leicht zu Stande gebracht werden. Indessen bleibe ich bey den Gruͤnden der Analo- gie, worauf ich die Eintheilung der Fixsterne in beson- dere Systemen gebaut habe, ungeacht ich damit nicht weiter, als auf einen gewissen Grad der Wahrschein- lichkeit reiche, welchen jeder nach Verschiedenheit sei- ner Einsicht bestimmen kann. So viel scheint mir klar Cosmologische Briefe klar genug zu seyn, daß man die Milchstrasse nicht wohl auf eine schicklichere Art wird betrachten koͤnnen, als wenn man sie in einzele Systemen von Fixsternen eintheilt, und sie zu einem zusammengesetzten System macht. Ihre Figur selbsten giebt uns die naͤchste An- leitung dazu. In denen Betrachtungen, die ich dar- uͤber gemacht habe, finde ich noch keinen Widerspruch. Sie gruͤnden sich auf solche Saͤtze, die sich noch zurei- chend erweisen lassen. Die Bewegung der Fixsterne wird durch das Gesetz der Schwere so viel als noth- wendig. Der ansehnliche Abstand, der zwischen den naͤchsten Fixsternen seyn muß, wenn sie so wie unsere Sonne mit ihrem Lichte und ihrer Waͤrme nutzen sol- len, macht, daß man sie in langen Reihen hinter ein- ander setzen muß, und dadurch wird das ganze System der Milchstrasse nothwendig flach, weil die Reihen von Sternen in diesem Streifen allerdings vielfach laͤnger seyn muͤssen. Ueberhaupt finde ich also nicht den ge- ringsten Grund, von denen Schluͤssen abzugehen, die mich nach und nach zu dieser Vorstellung geleitet ha- ben. Weiter bin ich hierinn nicht gegangen, ungeacht ich oͤfters Lust hatte, einen Versuch zu thun, wie fer- ne sich die Systemen in der Milchstrasse von einander unterscheiden liessen, weil wir dieselbe doch hin und wieder zertheilt sehen. Allein da ich so viele Syste- men in diesem Streifen hinter einander setze, daß sie in unseren Augen ein zusammenhaͤngendes Ganzes aus- machen, so habe ich mir noch nicht getrauet, etwas hierinn uͤber die Einrichtung des Weltbaues. hierinn zu bestimmen. Und ehe ich weiter gehe, so wuͤnschte ich, daß man vorher durch genaue Observa- tionen die vorgeschlagene Pruͤfung anstellete, beson- ders aber untersuchte, wie viel seit des Ptolomaͤus Zeiten die Fixsterne sich unter einander moͤchten ver- ruͤcket haben? Sodann koͤnnte man auch untersuchen, ob sich die Bewegung der Aphelien und Knotenlinien in den Planetenbahnen aus den angegebenen Gruͤnden herleiten liesse? Da diese Untersuchung fuͤr sich kann vorgenommen werden, so moͤchte es leicht geschehen, daß ich damit eine Probe machte. Allein die Arbeit erfordert mehr Muße, als ich sie dermalen habe. In- dessen wird es mir immer ein Vergnuͤgen seyn, wenn Sie sich, mein Herr, die Muͤhe geben wollen, die Sache noch ferner zu uͤberdenken, und mir Ihre Be- trachtungen daruͤber mitzutheilen. Aber noch weit groͤsser wird es seyn, wenn es Ihnen Zeit und Um- staͤnde zulassen, wieder zu uns zu kommen. Ich hof- fe es mit groͤßtem Verlangen, und freue mich zum voraus, wie angenehm es mir seyn wird, Ihnen selb- sten wieder zu zeigen, daß keine Ergebenheit vollkom- mener ist, als die, mit welcher ich verbleibe, Mein Herr ꝛc. N Fuͤnf- Cosmologische Briefe Fuͤnfzehnter Brief. E s wird mir immer vielmehr an Kraͤften als an Begierde fehlen, der wuͤrdigen Aufmunterung zu folgen, die Sie mir, mein Herr, in Ih- rem werthesten Schreiben geben, jede Himmel zum Gegenstande meiner Betrachtungen zu machen, und mich in Gedanken zu den entferntesten derselben hin- aus zu schwingen. Sie koͤnnen versichert seyn, daß ich nichts mehr wuͤnschte, als ein astronomischer Ma- gellan zu werden, und sollte es viele Jahre gebrau- chen, die schnellesten meiner Gedanken durch den aͤus- sersten Umkreyß des Weltbaues herumlaufen zu ma- chen, so wuͤrde ich vergnuͤgt zuruͤck kommen, und an- dere Zahlen von Fixsternensystemen und Milchstrassen in mein Tagregister bringen, als die sind, welche die Inseln des Indianischen und stillen Meeres ausdruͤ- cken. Allein so weit reichen meine Kraͤften nicht, und immer werde ich vergnuͤgt seyn, wenn ich Ihnen, mein Herr, in allem nachkommen kann. Ich weiß, daß Sie sich nicht begnuͤgen, der Einbildungskraft un- gehemmten Lauf zu lassen, welche uns nach aufgehaͤuf- ten Gebuͤrgen von Millionen weiter nichts als die Groͤsse eines Raumes angeben wuͤrde, der ein leeres Bild vom Umfange der Welt, oder vielleicht auch nur von einem Theile derselben waͤre. Sie bemuͤhen sich vielmehr, den Weg gebaͤhnt zu machen, so weit sie ihn uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ihn gegen die Tiefen des Firmamentes zuruͤck legen, und Gedanken, die leicht verfliegen koͤnnten, durch Schluͤsse zusammen zu haͤngen. So finden sie jedes- mal, wie weit Sie gekommen, und jedesmal finden Sie den Ruͤckweg, wenn Sie innehalten, das bereits Zuruͤckgelegte wieder durchgehen, oder zum weitern Fortschreiten sich bereit machen wollen. Wie angenehm ist mir ins besondere diese Be- hutsamkeit, die Sie langsam eilen macht, daß ich den Weg gebaͤhnt finde, und Ihnen, mein Herr, folgen kann. Sie raͤumen mir die Hindernisse weg, die mich aufhalten wuͤrden, indem sie sich die Muͤhe geben, meine Fragen zu eroͤrtern. So entfernt Sie die Sterne in der Milchstrasse setzen, so leiten Sie doch das Licht derselben in unsere Gegenden, und heben mir den Zweifel, den ich uͤber ihre Sichtbarkeit hatte, mit ausfuͤhrlichen Gruͤnden. Ich sehe nun, daß, wenn dieses Licht je etwas geschwaͤcht wird, dieses nicht so fast unsern Fernroͤhren, als vielmehr der Himmels- luft und den Athmosphaͤren der Fixsterne zuzuschreiben ist, und daß die Fernroͤhren uns jede Sterne in ihrer wahren Klarheit vorstellen wuͤrden, wenn sie ihr Bild ganz vollkommen deutlich machen koͤnnten. Da Sie es aber dennoch dieser Deutlichkeit sehr nahe bringen, und die Himmelsluft allem Ansehen nach sehr rein seyn muß, so habe ich nun in Ansehung der Sichtbar- keit der Sterne keinen Anstand mehr. N 2 Eben Cosmologische Briefe Eben so bin ich durch Ihre Betrachtungen uͤber die Bewegung der Knotenlinien der Planetenbahnen ausser allen Zweifel, zumal da Sie mehrere Arten an- zeigen, wie die vorgelegte Frage eroͤrtert werden koͤn- ne, und Sie verschieben es bis auf eine schaͤrfere Un- tersuchung, zu bestimmen, welche von diesen Moͤglich- keiten wirklich statt hat. Inzwischen ist es genug, daß mehrere Faͤlle moͤglich sind, um die Schwierigkeit, die mir einfiele, aufzuheben, und es dient mir zum neuen Beweise, daß wir auch hierinn noch nicht genug Copernicanisch daͤchten, wenn wir die Flaͤche der Erd- bahn zur Grundlage von der Neigung der uͤbrigen Planetenbahnen machen wollten, weil dieses ungefehr eben so wegen der Bequemlichkeit der Rechnung ge- schieht, wie wir in der sphaͤrischen Astronomie anneh- men, das ganze Firmament drehe sich in 24. Stun- den um die Axe der Erde. Ich sehe nun vollkommen ein, daß, so bald die Knotenlinien sich verruͤcken, die Erdbahn von der vermeynten Unbeweglichkeit eben so gut ausgeschlossen ist, als die Bahnen der uͤbrigen Planeten. Da Sie die genauere Bestimmung dieser Ver- ruͤckung nochmals als einen Anlaß ansehen, wodurch die Einrichtung unseres Sonnensystems, und beson- ders der Kreyßlauf unserer Sonne, welchen ich aus den allgemeinen Betrachtungen, so Sie daruͤber an- gestellt, als zureichend erwiesen ansehen wuͤrde, zugleich auch a posteriori dargethan werden koͤnnte: so ist es mir ein wahres Vergnuͤgen, da ich Ihnen hieruͤber ei- ne uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ne Nachricht mittheilen kann, die mir einer meiner Freunde gegeben. Erinnern Sie sich, mein Herr, daß Sie die Frage gemacht haben, ob nicht aus Ver- gleichung der alten und neuen Catalogen erwiesen wer- den koͤnnte, daß die Fixsterne ihren Ort unter einan- der aͤndern, und sich nach und nach aus ihrer Stelle verruͤcken. Sie koͤnnen diese Frage in Absicht auf viele Sterne als eroͤrtert ansehen. Mein Freund sag- te mir, daß sich der Herr Prof. Mayer zu Goͤttin- gen, dem wir so viele andere Erfindungen zu verdan- ken haben, die Muͤhe gegeben, diese Untersuchungen, die schon vor ihme seyn angestellt worden, weiter zu treiben. Er habe die Sache zureichend eroͤrtert, und seye auf den Schluß gebracht worden, daß man nicht zu zweifeln habe, man wuͤrde nach einer allgemeinern Pruͤfung finden, daß sich alle Fixsterne mehr oder min- der verruͤckt haben. Bilden Sie sich ein, wie sehr mir diese Nach- richt angenehm gewesen, und wie begierig ich noch der- malen bin, die Schrift selbsten zu sehen, die eine fuͤr die ganze Astronomie, und fuͤr die voͤllige Vestsetzung ihres Systems so wichtige Erfahrung enthaͤlt. Ich nahm inzwischen die Erfahrung mit Freuden an, und bothe allen meinen Kraͤften auf, um zu sehen, was ich wuͤrde daraus schliessen koͤnnen. Ich fienge dabey an, den Ruͤckweg zu nehmen, und hiezu verhalfen mir Ihre vorhergehende Schreiben nach Wunsche. Denn Sie, mein Herr, hatten die- N 3 se Cosmologische Briefe se allmaͤhliche Verruͤckung aus dem Gesetze der Schwe- re hergeleitet, weil dieses Gesetz jeder Masse von Ma- terie anhaftet, und daher nicht nur durch die ganze Welt ausgebreitet ist, sondern auch fuͤrnemlich dazu dient, daß es die Welt zu einem zusammenhaͤngenden Ganzen macht. Dieses Gesetz schiene Ihnen mit gu- tem Grunde auch eine vim centrifugam zu fordern, weil die Erhaltung der Weltkoͤrper in ihrem angemes- senen Abstande darauf beruht. So brachten Sie bey- de Central -Kraͤften heraus, und aus diesen ware so- dann die Verruͤckung der Fixsterne eine nothwendige Folge. Nunmehr kann ich diesen Beweis, welcher voll- kommen synthetisch ist, in einen analytischen umkeh- ren, da sich der letzte Schlußsatz in eine ungezweifelte Erfahrung verwandelt, die sich nun zum Grunde le- gen laͤßt. Ich getraue mir die Central -Kraͤfte auf eine nothwendig schluͤssige Art daraus herzuleiten, und werde nun diesen Versuch Ihrem Urtheile, welches ich allzeit hoch achte, unterwerfen. Da sich vermoͤg dieser Erfahrung die Fixsterne bewegen, so ist nothwendig diese Bewegung entweder geradlinicht, oder ihr Lauf kruͤmmet sich. Die gerad- linichte Bewegung faͤllt ins ungereimte. Denn ent- weder ist sie bey allen Sternen conuergent, so muͤßte man annehmen, die Welt seye so geschaffen, daß sie nach und nach in ein Cahos zusammen fallen muͤsse; Dieses ist der Erhaltung zuwider, folglich ungereimt. Ist uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Ist die Bewegung diuergent, so faͤhrt wiederum die ganze Welt nach und nach auseinander, und ihre Theile zerstreuen sich ins Unendliche hinaus. Das Ganze wird zertruͤmmert, sein gemeinsames Band faͤllt weg, die Ordnung verschwindet, kurz, die diuergente Bewegung wird ungereimt. Ich kann noch beyfuͤgen, daß die geradlinichte Bewegung viel zu einfoͤrmig waͤre, als daß sie in ei- ner so sehr zusammengesetzten Maschine statt haben koͤnnte. Allein sie ist schon ungereimt genug, um sie bey den Weltkoͤrpern vollkommen auszuschliessen. Nach dem mechanischen Grundsatze, daß jeder bewegte Koͤrper seine urspruͤngliche Richtung behaͤlt, wenn er nicht von seiner Bahn durch irgend eine neue Kraft abgelenkt wird, folgt nun nothwendig, daß die Fix- sterne von der geraden Linie immer abgelenkt werden. Soll nun auch hiebey die Welt nicht auseinander fah- ren, so werden nicht nur die Central -Kraͤfte, sondern auch ein solches Gleichgewicht unter denselben noth- wendig, welches sie in gesetzten Laufbahnen erhaͤlt. Es muß bey jeden Sternen eine Kraft da seyn, die sie immer wieder dem Mittelpuncte naͤher bringt, von dem sie sich durch die Bewegung entfernen wuͤrden. Nunmehr dehne ich das Newtonische Gesetz der Schwere durch die ganze Welt aus, es mag nun dem Stoffe, woraus die Weltkoͤrper bestehen, als eine ei- genthuͤmliche Folge nothwendig anhaͤngen, oder nur der vortrefflichsten Harmonie zu gefallen eingefuͤhrt N 4 seyn, Cosmologische Briefe seyn, die Sie, mein Herr, in einem Ihrer Briefe in ihr wahres Licht gesetzt haben. Liegt die Schwere als eine anziehende Kraft in dem Koͤrper selbsten, so sind jede Fixsterne unserer Sonne viel zu aͤhnlich, als daß sie nicht eben so wie diese anziehen sollten. Haͤngt aber die Schwere von dem Drucke des Aethers ab, so breite ich ihn wieder eben so weit aus als immer die Lichtstralen gehen moͤgen. Und wenn beyde Ursachen zusammentreffen, so sind sie in ihrer Wirkung wieder durchgehends aͤhnlich, und der Erfolg muß einerley seyn, weil ein gleiches Gesetz jede Systemen der Welt unter einander verbinden solle. Zu diesen Betrachtungen habe ich noch die fol- gende gemacht. Weil die Fixsterne sich bewegen, so haben sie auch einen ungleichen Abstand von uns. Denn sonst muͤßten sie sich auf der Flaͤche einer Sphæ- re bewegen. Dieses aber faͤllt eben so ins ungereim- te, wie Sie, mein Herr, erwiesen haben, daß die Lauf- bahnen der Cometen nicht gleichgrosse Circul seyn koͤn- nen. Ueberdiß hat jeder Fixstern ein Gefolg von Pla- neten und Cometen, die er erleuchtet und erwaͤrmet, um desto weniger wuͤrde auf der Flaͤche einer Sphære Raum genug seyn. Es wird mir ein wahres Vergnuͤgen seyn, wenn Sie, mein Herr, die Muͤhe nehmen wollen, diese Schluͤsse weiter zu treiben. Denn ich bin zum vor- aus uͤberzeugt, daß Sie aus der Verruͤckung der Fix- sterne, die Sie aus allgemeinern Betrachtungen her- geleitet uͤber die Einrichtung des Weltbaues. geleitet haben, vielleicht nur deßwegen keine weitere Folgen gezogen, weil Sie dieselbe, nach der Ihnen so gewoͤhnlichen Sorgfalt, erst wollten durch die Erfah- rung bekraͤftigt sehen; Und aus diesem Grunde haben Sie die Sache nur als eine Frage vorgelegt, deren Eroͤrterung auf der Vergleichung der alten und neuen Catalogen der Fixsterne beruhete, eben so wie Sie es auf kuͤnftige genauere Observationen ankommen lassen, ob die Bahn der Erde von den uͤbrigen Planeten da- durch eine bemerkbare Veraͤnderung leide? Da nun aber die Erfahrung das erste bereits bekraͤftigt, so sehe ich nicht, was ihre Folgsaͤtze aufhalten sollte, und ich bitte nur, daß Sie mir dieselben mittheilen moͤchten. Indessen da ich sie mit der groͤßten Begierde er- warte, so muß ich Ihnen noch sagen, daß mich diese Erfahrung dreiste gemacht hat, von allen Seiten her Gruͤnde und Betrachtungen zu ihrem System aufzu- suchen. Ich wuͤnschte, nach und nach auf Ihre Spur zu kommen, und die Art zu schliessen, die Sie hiebey gebrauchen, mir voͤllig anzugewoͤhnen. Denn ich se- he schon, daß ich dadurch in Stand gesetzt wuͤrde, kuͤnftige Erfahrungen zuvor zu sehen, und sie getrost als Proben meiner Schluͤsse zu erwarten. Ungeacht ich nun damit nicht voͤllig ausreiche, so muß ich Ih- nen, mein Herr, doch sagen, wie ich angefangen ha- be, und weiß, daß Sie mir bey der Fortsetzung helfen werden. Es betrift nicht die Systemen der Fixsterne, denn diese muß ich Ihnen ganz uͤberlassen, bis ich et- wan weitere Uebung erlange. Dermalen kehre ich zu N 5 unserm Cosmologische Briefe unserm Sonnensystem zuruͤck, um seine Einrichtung, wenn es mir moͤglich ist, noch genauer kennen zu ler- nen. Sie werden mir zugeben, daß es sich der Muͤ- he lohne, weil es uns ein naͤheres und bekandteres Bild von jeden andern Sonnensystemen ist. Die Halleische Tafel, die mir wieder in die Haͤnde fiele, gabe mir Anlaß dazu. Und da sie eben so viele be- reits ausgemachte Erfahrungen enthaͤlt, so wird sie meinen Betrachtungen zum Ziele dienen, wohin ich sie leiten solle. Da ich nun zureichend weiß, daß die Bestim- mung der Bahn eines Cometen von 6. Stuͤcken ab- haͤngt, welche dieselbe nothwendig von jeder andern Bahn unterscheiden, so habe ich die Cometen in Ab- sicht auf jedes dieser Stuͤcke in Classen gebracht, und wollte die Gesetze suchen, wie sie in jeder Classe ver- theilt waͤren. Die erste Claß, welche den Abstand der Perihe- lien betrift, haben Sie, mein Herr, bereits durchgan- gen, und zum Grunde gelegt, daß die Anzahl der Co- meten wie die Quadrate des Abstandes ihrer Perihe- lien zunehme. Sie hatten mir ferner angemerkt, daß, da Halley die Cometen nicht ausgelesen, sondern sie genommen, wie er sie hat haben koͤnnen, seine Ta- fel gleichsam ein Muster von ihrer Austheilung abgeben wuͤrde, daß dieses aber in Absicht auf ihre Sichtbarkeit eine Ausnahme litte, weil allerdings die- jenigen Cometen unter einer so kleinen Anzahl haͤufi- ger uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ger seyn muͤssen, deren Umstaͤnde sie am leichtesten sichtbbar machen. Ich sahe also wohl, daß ihr Ge- setz in Absicht auf die Distanz der Perihelien bey Hal- leys Tafel nicht durchgehends gefunden werden konnte. Indessen trift es fuͤr die Cometen, so ihr Perihelium naͤher als die Venus haben, ziemlich genaue zu. Die Bahn der Venus ist ungefehr 3mal groͤsser als die vom Mercur, und die Tafel gibt 17. Cometen, so in- ner der Venus und nur 6, so innert dem Mercur ihr Perihelium hatten. Nun verhaͤlt sich 17. zu 6. un- gefehr wie 3. zu 1, und daher wie die Quadrate des Abstandes dieser beyden Planeten. Dieses Beyspiel, welches Sie mir gegeben, verleitete mich ebenfalls, solche Gesetze fuͤr die uͤ- brige Bestimmungsstuͤcke der Cometen zu suchen. Ich schritte daher zu der Neigung ihrer Bahn ge- gen die Eccliptic, und wollte sehen, ob alle Nei- gungswinkel gleich moͤglich sind. Diese Winkel nahm ich von 10. zu 10. Grad, und schaute, wie viele von den 21. Cometen, so die Tafel ent- haͤlt, zu jeder Abtheilung gehoͤren, und wie viele dazu nach der Rechnung gehoͤren sollten. Das Produ c t nebst dem Unterschiede brachte ich in fol- gende Tafel. Neigung Cosmologische Briefe Da also die berechnete Zahl bald etwas groͤsser, bald etwas kleiner ware, so schloße ich, daß, wenn Halleys Tafel statt 21. Cometen etliche hundert enthielte, der Unterschied nicht viel merklicher seyn wuͤrde, und daß ich folglich die Cometen so abtheilen koͤnne, daß alle Neigungswinkel gleich moͤglich sind, und daher auch in gleicher Anzahl vorkommen. Die Lage der Knotenlinie vertheilte ich ebenfalls durch die Zeichen des Thierkreyses. Diese Austhei- lung schiene mir in Absicht auf jede einzele Zeichen nicht so ordentlich. Im ♋ und ♌ fanden sich keine, dagegen aber waren im ♊ 5, und in der ♍ 3, in der ♎ keine, im ♏ wieder 2, und so sahe ich wohl, daß die aufeinander folgenden Zeichen einander com- pensi rten, weil in den 4. ersten Zeichen 9, in den 8. ersten 14. waren. Die uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Die Breite der Perihelien, oder ihre Erhoͤhung uͤber die Eccliptic sollen wie die Zonen der Sphære , und folglich wie die Sinus latitudinis zunehmen, wenn sie durch die Sphære gleich ausgetheilt sind, oder alle moͤglichen Lagen haben, und dieses traf in der Tafel des Halley sehr ordentlich zu. Hingegen verhielte es sich mit der Longitudo Perihe- lii heliocentrica anderst. Ich vermuthete anfangs, sie sollten durch alle Zeichen gleich ausgetheilt seyn, allein, die 6. noͤrdlichen Zeichen des Thierkreyses hat- ten just doppelt so viele als die 6. suͤdlichen. In jene trafen 14, in diese aber nur 7. In Ansehung der Monate, in welchen die Co- meten in ihren Perihelien gewesen, hatte das Gegen- theil statt, indem die Anzahl derer, die in den 6. Win- termonaten durch ihr Perihelium gegangen, doppelt so groß ware, als die, welche ihre groͤßte Sonnennaͤhe in den 6. Sommermonaten gehabt haben. Von jenen waren 16, von diesen aber nur 8. Ich Cosmologische Briefe Ich sollte hieraus vermuthen, daß die Sichtbar- keit zu diesem Unterschiede etwas beytrage. Da wir die Cometen nur alsdenn sehen, wenn sie zu ihrem Pe- rihelio kommen, und da wir sie ferner nur des Nachts sehen koͤnnen, so muß die Anzahl derer, so des Win- ters sichtbar sind, groͤsser seyn, als die Anzahl derer, die sich des Sommers sehen lassen, und zwar in Verhaͤlt- nis von der Laͤnge der Naͤchte. Diese aber sind bey uns im Winter noch einmal so lange als im Sommer, und daher ist es auch des Winters zweymal so moͤglich, einen Cometen zu sehen, als des Sommers. Aus die- sem Grunde nehme ich allerdings an, daß die Perihe- li en auch in Absicht auf ihre Longitudo heliocentrica alle moͤgliche Lage haben, ungeacht ihre Sichtbarkeit ei- nem andern Gesetze folget. Endlich bliebe mir noch die Richtung des Laufes, um zu sehen, wie viele Cometen rechtlaͤufig oder ruͤck- laͤufig sind. Ungeacht Halley dieses in der Tafel nicht angezeigt hatte, so ließ es sich dennoch aus seinen Da- tis schliessen, weil er die Lage des aufsteigenden Knoten und zugleich auch angezeigt hatte, ob das Perihelium austral oder boreal ware. Denn ist es austral, so laͤuft der Comet vom Perihelio gegen den aufsteigenden Knoten. Ist aber das Perihelium boreal, so laͤuft er von diesem Knoten gegen das Perihelium . Hieraus ergabe sich die Richtung des Laufes, und nachdem ich die Musterung angestellt, fand ich, daß unter den 21. Cometen der Tafel 11. ruͤcklaͤufig und 10. gerad- laͤufig waren, und daß man folglich von beyden Arten gleich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. gleich viele annehmen koͤnne. Dieses macht die Ein- foͤrmigkeit, die wir bey den Planeten sehen, noch um desto merkwuͤrdiger, da alle Planeten einerley Rich- tung haben. Bey den Cometen ist beydes so vollkommen ei- nerley, daß ich keinen Umstand fande, der etwas daran aͤnderte. Bey den ruͤcklaͤufigen waren 5. australe und 6. boreale, bey den geradlaͤufigen waren 5. australe und eben so viele boreale, und gerad und ruͤcklaͤufige hatten alle moͤgliche Inclination s-Winkel und Abstaͤnde der Periheli en. Aus diesen Betrachtungen konnte ich nun den allgemeinen Schluß machen, daß die Cometen um die Sonne in ihren Bahnen alle moͤgliche Lagen und Ver- schiedenheiten haben, und Halleys Tafel von allen Muster aufweißt, aber dabey auch ungemein viele leere Stellen und Luͤcken laͤßt, welche noch muͤssen ausgefuͤllt werden, wenn sie dereinstens vollstaͤndig seyn, und alle uns sichtbare Cometen enthalten solle. Ich sehe gar wohl, daß, wenn diese Betrachtun- gen brauchbar seyn sollen, dabey eine gewisse Art aus Wahrscheinlichkeiten zu schliessen, angewandt werden muͤsse, die ich noch nicht voͤllig entwickeln kann. Ich nehme z. Ex. als einen Grundsatz an, daß wirklich alle moͤglichen Lagen bey den Cometenbahnen statt haben, und hieraus laͤßt sich unmittelbar herleiten, wie die Cometen in Absicht auf jede Bestimmungsstuͤcke ausge- theilt Cosmologische Briefe theilt werden muͤssen. Alle Neigungswinkel sind gleich moͤglich. Jede Zeichen des Thierkreyses haben eine gleiche Anzahl von Knotenlinien und Periheli en. Die Anzahl der Cometen in Absicht auf die Latitudinem perihelii heliocentricam muß zunehmen, wie die Si- nus latitudinis, und daher immer langsamer, bis sie mit dem 90ten Grad der Breite aufhoͤrt, und vollstaͤndig wird. Endlich nimmt eben diese Anzahl zu, wie die Quadrate des Abstandes des Perihelii von der Sonne. Nach diesen hypothetischen Bistimmungen wende ich mich zu der Halleyschen Tafel, um zu sehen, ob sie sich nach derselben richtet, oder unverwerfliche Spuren davon darbeut. Die Neigung der Bahnen, ihre Kno- tenlinien und die Breite der Perihelien gehen nach Wunsche. Hingegen weicht die Distanz der Perihelien und ihre Longitudo heliocentrica, wie auch die Mo- nate ihrer Erscheinung von dem aus der Hypothese her- geleiteten Satze ab, doch aber so, daß sich diese Abwei- chung aus der Betrachtung der Sichtbarkeit ordentlich erklaͤren laͤßt, wenn man die an sich moͤglichen Faͤlle in diejenigen verwandelt, die der Sichtbarkeit noch mehr oder minder moͤglich sind. Diese Verwandlung habe ich in Absicht auf den Abstand der Perihelien noch nicht genau bestimmen koͤnnen, weil sie von sehr vielerley Umstaͤnden abzuhaͤngen scheint. Indessen ist es mir genug, daß sich die Cometen, so fast nothwendig sicht- bar seyn muͤssen, darnach richten, und eben so auf die zu schliessen, die nicht so leichte gesehen werden koͤnnen. Die uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Die Bestimmung der Wahrscheinlichkeit, die hiebey vorkoͤmmt, scheint sich nun darauf zu gruͤnden. Ich muß annehmen, daß bey der Halleyschen Tafel keine Auswahl vorkoͤmmt. Denn eben dieses ist, was die Sache auf die Theorie der Wahrscheinlichkeit an- kommen macht, wie es bey den Looßen geschieht. Fer- ner muß ich annehmen, die Wiederkehr der Cometen richte sich nach einer so sehr zusammengesetzten Ord- nung, daß sie eben so auf einander folgen, als wenn alle Faͤlle gleich moͤglich waͤren, daß aber dennoch der- jenige die Oberhand behalte, der am wahrscheinlich- sten ist. Dieses vorausgesetzt, stelle ich mir die Sache so vor. Ich nehme ein allgemeines Gesetz an, und aus demselben bestimme ich sechs besondere Gesetze fuͤr eben so viele Bestimmungsstuͤcke der einzeln Faͤlle. Von diesen einzeln Faͤllen nehme ich 21. so, wie sie kom- men, und ohne Auswahl, und vergleiche sie mit jedem dieser sechs besondern Gesetze. Sie treffen ordentlich zu. Wenn man nun statt dieser 21. Faͤlle alle die, so wirklich statt haben, zusammen naͤhme, so fragt sich, wie groß die Wahrscheinlichkeit seye, daß sie sich gar nicht nach diesen sechs Gesetzen richten sollten, die saͤmtlich aus einem allgemeinen Gesetze fliessen? Ungeacht ich diese Frage noch nicht aufloͤsen kann, und sie uͤberdiß eine nicht wenig weitlaͤuftige Rechnung zu erfordern scheint, so sehe ich doch so viel ein, daß, weil Halleys Tafel sich nach diesen Gesetzen sehr or- O dentlich Cosmologische Briefe dentlich richtet, die darinn mangelnde Cometen, und daher alle insgesamt eben diesen Gesetzen folgen muͤs- sen, weil es unmoͤglich zu seyn scheint, daß nicht von den meisten, wo nicht gar von allen, dieser Gesetze nahmhafte Ausnahmen in der Tafel vorkommen wuͤr- den, wenn die ganze Anzahl aller Cometen auf eine andere Art ausgetheilt waͤre. Denn wie haͤtte es ge- schehen koͤnnen, daß diese 21. Cometen in allen diesen 6. verschiedenen Absichten just uns zu taͤuschen erschienen und observirt worden waͤren? Es wuͤrde sich meines Erachtens der Muͤ- he lohnen, diese Betrachtung voͤllig ins Licht zu setzen, wenn sie Anlaß geben koͤnnte, die Luͤcken der Halley- schen Tafel zu bestimmen. Allein da Sie, mein Herr, hiezu bereits den Abstand der Perihelien gebraucht ha- ben, und dieser Umstand der schicklichste ist, so wuͤrde ich nur eine Aehrenlese nach der Erndte vornehmen, wenn ich es aus den uͤbrigen Stuͤcken suchen wollte. Am besten scheint mir noch die Lage der laͤngern Axen der Laufbahnen hieher zu dienen. Die zwo, die in der Tafel einander am naͤchsten kommen, machen ei- nen Winkel von ungefehr 7. Grad mit einander. Theile ich sie durch die ganze Flaͤche der Sphære nach diesem Maaße aus, so muß ich 41253. Quadratgra- de, als den Innhalt der Flaͤche durch 49. Quadrat- grade theilen, und da bekomme ich 842. uns sichtbare Cometen, welche noch alle innert den Mars kommen, und 40mal so viel oder 33680. welche innert den Saturn kommen. Die Anzahl waͤre wieder sehr be- traͤcht- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. traͤchtlich. Allein diese Rechnung ist lange nicht so schluͤssig, wie die, so Sie von den Perihelien herge- nommen haben, weil die Perihelien den Wirkungs- kreyß eines Cometen auf eine naͤhere Art inbegreifen, als die bloße Lage der laͤngern Axen. Was mir aber bey allem diesem merkwuͤrdiger scheint, ist, daß alle Neigungswinkel gleich moͤglich sind, weil ich immer gedacht hatte, daß sie bey den Cometen merklich groͤsser seyn wuͤrden, als die von den Planeten. Allein Halleys Tafel selbst enthaͤlt sol- che, deren Neigungswinkel nicht uͤber 5. oder 6. Gra- de, und daher nicht groͤsser sind als der vom Mercur, welchen Kepler auf 6. Grad, 54. Minuten setzt. So nahe grenzt demnach die Cometen- und Plane- tenwelt aneinander, daß sie sich stuffenweise vermengt, und allem Ansehen nach werden die Neigungswinkel der naͤchsten aneinander liegenden Cometenbahnen nicht viel groͤsser seyn; weil sie sich doch eben so unter einander ausweichen muͤssen, wie sie den Planeten ausweichen. Eine so geringe Neigung scheint aber anzuzeigen, daß der Wirkungskreyß der Cometen eben nicht betraͤchtlich seyn muͤsse, und unter den uns sicht- baren Weltkugeln wuͤrden Jupiter und Saturn noch immer den Vorzug behalten. Wenn also die Come- ten nur bey diesen gluͤcklich durchkommen, so bin ich fuͤr die uͤbrigen Zufaͤlle nicht besorgt. Schreiben Sie mir, mein Herr, wiederum, wie ferne die Anlaͤsse, die ich aufzubringen ge- O 2 sucht Cosmologische Briefe sucht habe, Ihnen dienen koͤnnen, noch fernere Schluͤsse daraus herzuleiten, besonders aber hoffe ich, Sie werden mir Ihre Anmerkungen und Folgsaͤtze uͤber die Verruͤckung der Fixsterne mittheilen, wo- fuͤr ich Ihnen aͤusserst werde verbunden seyn. Se- hen Sie diesen Brief als eine Probe der Bemuͤ- hungen an, die ich mir gebe, auf Ihren Wegen einher zu gehen, und Ihre Gedenkensart in den astronomischen Geheimnissen eben so wie in den Ge- sinnungen der wahren Freundschaft zu eigen zu ma- chen suche, mit welcher ich verbleibe, Mein Herr ꝛc. Sech- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Sechzehnter Brief. E s war mir ein ausnehmendes Vergnuͤgen, aus Ihrem geschaͤtztesten Schreiben zu sehen, wie Sie, mein Herr, alles anwenden, um neuen Stoff zu unsern astronomischen Betrachtungen zu sammeln, und dieselben nicht nur in allen Absichten gewisser, sondern auch in jeden einzeln Theilen be- stimmter zu machen. Ich gestehe Ihnen gerne, daß ich mich am Ende meiner Einfaͤlle zu seyn glaubte, und es bald auf kuͤnftige Umstaͤnde verschoben haͤtte, weiter zu gehen. So wenig koͤnnen wir unsern Gedanken gebieten, wenn wir Glieder zu einer langen und zusam- menhaͤngenden Reihe von Schluͤssen finden sollen. Bald verlieren wir die zu neuen Saͤtzen fruchtbare Seite der Sache aus dem Gesichte, bald bemerken wir nicht gleich, was uns daran dienlich seyn kann, und bald fehlen uns die Vordersaͤtze, die wir damit verbinden sollten, um neue Schluͤsse heraus zu brin- g en. Das meiste hierinn haͤngt von Zeit und Umstaͤn- den ab, und laͤßt uns warten, bis sich die Aufloͤsung der Fragen etwan von selbsten darbeut. So gelegent- lich geht es mit unsern Untersuchungen, und so aufge- legt muͤssen wir seyn, die dienlichen Gelegenheiten und Anlaͤsse gleich zu erkennen, und anzuwenden. Wie sehr wuͤnschte ich, die Nachricht uͤber die nun ausser Zweifel gesetzte Verruͤckung der Fixsterne so gluͤcklich gebrauchen zu koͤnnen, die Sie mir mitge- O 3 theilt Cosmologische Briefe theilt haben, und die Schluͤsse, die Sie, mein Herr, bereits daraus gezogen, noch weiter zu treiben. Sie haben alle Ursache von der Welt, diese Erfahrung fuͤr die ganze Astronomie als sehr wichtig anzusehen. Was je in unserm Sonnensystem auch nur der langsamsten Veraͤnderung unterworfen ist, das hat man bisher immer dadurch veste zu setzen gesucht, daß man es mit den Fixsternen vergliche. Was bey der Schiffahrt die Ufer und Vorgebuͤrge sind, das waren die Fixsterne in der Astronomie; Man gedachte sich da immer wieder zurecht zu finden. Allein da es nun vollends ausge- macht ist, daß die Fixsterne sich verruͤcken, so muß man auf andere Mittel denken, die astronomischen Oerter, die man observirt, in den folgenden Zeiten wieder zu finden. Der Mond, der jezt einen Fixstern bedeckt, wird ihn, wenn er auch wieder in gleiche Stelle koͤmmt, in den kuͤnftigen Jahrhunderten nicht mehr bedecken. Ungeacht ich meine allgemeine Gruͤnde fuͤr die Verruͤckung der Fixsterne fuͤr zureichend ansahe, an derselben nicht zu zweifeln, so hatte ich dagegen viel- mehr den Anstand, ob sich diese Verruͤckung bereits be- merken lasse. Daher hatte ich auch die Vergleichung der alten und neuen Catalogen vorgeschlagen. Da sie aber Herr Prof. Mayer betraͤchtlich gefunden, so ist es unstreitig, daß ich nun ihrem Vorschlage folgen, und sehen kann, was sich fuͤr Schluͤsse dabey machen lassen. So uͤber die Einrichtung des Weltbaues. So viel sehe ich wohl voraus, daß sich aus ei- ner solchen Vergleichung nicht so fast die Groͤsse als die Wirklichkeit dieser Verruͤckung genauer eroͤrtern laͤßt. Denn diese Verruͤckung muß merklich groͤsser seyn, als daß man sie den fehlerhaften Observationen der aͤltesten Astronomen allein zuschreiben koͤnnte, und dieses ist fuͤr sich betrachtet schon genug. Die astro- nomischen Instrumente sind dermalen in solcher Voll- kommenheit, daß man in viel kuͤrzerer Zeit diese Ver- ruͤckung genauer wird bestimmen koͤnnen, als es aus der Vergleichung der alten und neuen Catalogen ge- schehen kann. Ist sie aber einmal bestimmt, so laͤßt sich aller- dings die Rechnung daruͤber machen, die Sie, mein Herr, in einem ihrer vorhergehenden Schreiben als einen vorlaͤufigen Ueberschlag angestellt haben. Sie nahmen z. E. an, der naͤchste Stern habe sich um ¼. Grad verruͤckt, und daraus berechneten Sie die Ge- schwindigkeit seiner Bewegung, und schloßen, daß sie nicht von der Schwere desselben gegen unsere Sonnen herruͤhren koͤnne. Grund genug, um einen andern Mittelpunct fuͤr unser Fixsternensystem zu suchen, und noch um desto mehr, weil die Verruͤckung allem Anse- hen nach groͤsser als ¼. Grad seyn wird, welches ich aber inzwischen dahin gestellt seyn lasse, bis mir die Schrift des Herrn Prof. Mayers zu Gesichte kommt. Sodann haben Sie, mein Herr, in eben dem Schreiben bereits angemerkt, daß diese Verruͤckung O 4 nur Cosmologische Briefe nur relativ seye. Denn da Sie richtig annehmen koͤnnen, unsere Sonne bleibe eben so wenig an glei- cher Stelle als die Fixsterne, so vermischt sich die Aen- derung ihres Ortes mit der scheinbarn Veraͤnderung der Lage der Sterne, und es ist unstreitig, daß man hiebey das Optische von dem Physischen unterscheiden muͤsse, wie es in der ganzen Astronomie schon laͤngsten eingefuͤhrt ist. Um aber diese Sache in ihr wahres Licht zu se- tzen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich nun um die Bestimmung des Abstandes der Fixsterne unter einan- der gar nicht mehr besorgt bin. Sie wissen, wie vie- le Muͤhe man sich gegeben, die Parallaxe der Erdbahn dazu zu gebrauchen, nur um den Abstand eines der naͤchsten zu finden, und daß der halbe Diameter die- ser Bahn bald keine Verhaͤltnis zu diesem Abstande behaͤlt, weil er wenigstens 500000mal groͤsser ist. Aber nun haben wir eine ganz andere Parallaxe, wel- che uns nach und nach die Lage der Fixsterne genauer angeben wird. Es ist die Parallaxe der Sonnenbahn, die sie um den Mittelpunct des Fixsternensystems durchlaͤuft, und wir werden nun in Absicht auf die Fixsterne eben die Kunstgriffe gebrauchen koͤnnen, de- ren sich die Astronomen im Monde in Absicht auf die Hauptplaneten bedienen muͤßten, wenn sie die Sonne nie sehen wuͤrden. Es ist natuͤrlich, daß es uns meh- rere Zeit gebraucht. Die Groͤsse und Wuͤrdigkeit der Sache fordert sie. Den uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Den Theil der Bahn, so unsere Sonne in etli- chen hundert Jahren durchlaͤuft, kann man als eine Standlinie ansehen, und auf diese muͤßte die Verruͤ- ckung der Fixsterne bezogen werden. Wir befinden uns in einem aͤhnlichen Fall, wenn wir aus drey Ob- servationen eines Cometen die Bahn desselben finden wollen. Der Unterschied, der die Schwierigkeit ver- groͤssert, koͤmmt darauf an, daß wir den Mittelpunct des Fixsternensystems noch nicht wissen. Denn auf diesen muͤßte man jeden Winkel beziehen. In meinen vorhergehenden Schreiben habe ich zur Ausfindung dieses Punctes verschiedene Mittel vorgeschlagen, und lasse es bis zu weiterer Untersu- chung noch dahin gestellt seyn, ob sie zureichen oder nicht. Da indessen die scheinbare Verruͤckung der Fixsterne eben so wohl von der Bewegung der Sonne als von ihrer eigenen Bewegung abhaͤngt, so liesse sich vielleicht daraus herleiten, gegen welche Gegend die Sonne ihren Lauf nimmt. Es ist unstreitig, wie Sie es, mein Herr, bereits in Ihrem vorhergehen- den Briefe angemerkt, daß einige Fixsterne muͤssen ruͤcklaͤufig, andere geradlaͤufig, und noch andere stille- stehend erscheinen. Die Bewegung unserer Sonne mengt sich bey allen ein, und bringt dabey eine opti- sche Irregularitaͤt hervor, aus welcher sich die wahre Bewegung dennoch nach und nach muß erkennen las- sen. Ueberdiß stelle ich mir das Fixsternensystem, zu welchem unsere Sonne gehoͤrt, nicht anderst vor, als O 5 unser Cosmologische Briefe unser Sonnensystem. Dieses ist gleichsam das ver- juͤngte Bild von jenem. Es ist fast bis zur Gewiß- heit vermuthlich, daß die Bahnen der Fixsterne nicht nur alle moͤgliche Lage unter einander haben, sondern auch Ellipsen von allen Arten seyn werden. Das er- ste erhellet daraus, weil wir die Fixsterne aller Orten um uns herum ausgetheilt sehen, welches nicht seyn wuͤrde, wenn sie, wie die Planeten, in gleicher Flaͤ- che laͤgen. Das andere scheint mir, wie bey den Co- meten, die Mannigfaltigkeit und die Vergroͤsserung ihrer Anzahl zu fordern. Denn Sie werden sich, mein Herr, noch erinnern, daß die laͤnglichten El- lipsen zur Vermehrung der Anzahl tauglicher sind. Diese mache ich aber wiederum aus dem Begriffe der Bewohnbarkeit nothwendig. Jeder Fixstern hat ein Gefolg von Cometen und Planeten. Sollen diese zahlreicher werden, so muß man auch jene vermehren, und daher in dem Fixsternensystem die groͤßte moͤgliche Zahl anbringen, die es fassen kann. Es muß sich demnach aus kuͤnftigen Observationen eroͤrtern lassen, ob unsere Sonne in einer laͤnglichten oder ruͤndern El- lipse einhergeht, und ob ihre Bahn gegen die Flaͤche der Milchstrasse mehr oder minder inclinirt ist. Die wahre Geschwindigkeit der Bewegung der Fixsterne ist unstreitig sehr ungleich, und desto kleiner, je mehr sie von dem Mittelpunct des Systems ent- fernt sind. Ich habe letzthin schon angemerkt, daß unsere Sonne dem Mittelpuncte naͤher seyn muͤsse, und dieses macht die Geschwindigkeit ihrer Bewegung groͤsser. uͤber die Einrichtung des Weltbaues. groͤsser. Hingegen mag es irgendwo Fixsterne der sechsten Groͤsse geben, die sich viel langsamer bewegen. Dahin rechne ich die, so dem Mittelpunct gegen uͤber zu stehen scheinen, oder in Opposition mit demselben sind. Dieses wuͤrde wieder ein Mittel abgeben, die Gegend des Centri des Systems beylaͤuftig zu be- stimmen. Dieses sind ungefehr die Betrachtungen, so mir uͤber die nunmehr eroͤrterte Frage von der Verruͤckung der Fixsterne beygefallen. Sie koͤnnen daraus leicht sehen, daß sie fast alle dahin zielen, wie man sich ins kuͤnftige diese Beobachtungen zu Nutze machen koͤnne, und in dieser Absicht haͤtte ich sie allerdings umstaͤndli- cher auseinander gesetzt, wenn ich gedaͤchte, daß man in kurzer Zeit etwas bestimmteres finden koͤnnte. So aber kann ich die hiezu etwan dienlichen Methoden ausgestellt seyn lassen, und mich mit dem begnuͤgen, was zur Bekraͤftigung der Theorie von der Einthei- lung der Fixsterne in besondere Systemen dienlich seyn kann, und dazu haben Sie, mein Herr, bereits die Gruͤnde angegeben. Es wird auf diese Stuͤcke ankommen: Die Fixsterne bewegen sich in Laufbah- nen. Die Central -Kraͤfte kommen dabey vor. Sie sind nicht gegen die Sonne, sondern zugleich mit der Sonne gegen den Mittelpunct des Systems schwer, und um diesen bewegen sie sich in Laufbahnen, die alle moͤgliche Lage unter einander haben. Haben Sie hiebey Lust, der Einbildungskraft freyen Cosmologische Briefe freyen Lauf zu lassen, so sehen Sie, ob es unter die- sen Laufbahnen auch Hyperbeln gebe? Auf diese Art werden Sie Sonnen finden, die ihren Lauf von Sy- stem zu System, oder gar von Milchstrasse zu Milch- strasse fortsetzen. Hier wird Zahl und Maaß fehlen, und aus allem wird erhellen, daß die Welt nicht fuͤr Augenblicke geschaffen seye. Es wird die Frage seyn, ob ein Platonisches Jahr zureiche, bis unsere Sonne einmal in ihrem Kreyse herum koͤmmt; oder ob sie in einem solchen Jahre kaum ein Zeichen von ihrem Thier- kreyse durchlaufe? Da die Sonne nahe bey dem Mittel- puncte des Systems ist, so mag dieses Jahr noch klein seyn gegen demjenigen, welches die aͤussersten Sonnen des Systems zu ihrem Umlaufe gebrauchen. Wie wird erst das Jahr aussehen, in welchem ein System her- um koͤmmt; und in welcher Zeit wollen wir die Milch- strasse im Kreyse herum fuͤhren? Zeiten von dieser Dauer wollen wir Augenblicke der Ewigkeit nennen. Sie fangen bald an, ein Verhaͤltnis zu derselben zu haben. Ich gebe Ihnen, mein Herr, vollkommen Bey- fall, wenn Sie sagen, daß unser Sonnensystem ein Bild von jeden andern ist, weil aͤhnliche Mittel aͤhn- liche Absichten voraus setzen. Ich wuͤrde hierinn noch weiter gehen, und setzen, daß es auch ein Bild von ei- nem Fixsternensystem ist, in so ferne die Austheilung und Laufbahnen der Fixsterne eine sehr aͤhnliche Ein- richtung haben, und in jeden einerley Central -Kraͤfte angebracht sind, um sie in einem gesetzten Laufe zu er- halten. uͤber die Einrichtung des Weltbaues. halten. Nur darinn kann ich noch nicht auskommen, ob ich den gemeinsamen Mittelpunct des Systems oͤde lassen, oder in denselben einen ungeheuer grossen dun- keln Koͤrper setzen solle, dessen Masse schwer genug waͤre, um jede Fixsterne des Systems eben so in ihren Bahnen zu erhalten, wie es unsere Sonne in Absicht auf die Planeten und Cometen thut. Wir koͤnnen noch nicht sagen, wie dichte ein Koͤrper seyn muͤßte, wenn er gar keine Zwischenraͤumungen mehr behielte. Vielleicht ist das Gold, der dichteste unserer irrdischen Koͤrper, mit einem solchen verglichen, nur noch als ein Schwamm anzusehen. Ich bin daher um die Groͤsse und Masse eines Koͤrpers, der ein ganzes Fix- sternensystem um sich herum lenken koͤnnte, nicht viel besorgt. Aber noch immer finde ich mehr Gruͤnde, demselben alles Licht zu benehmen, und ihn von der naͤchsten Sonne, die um ihn herum laͤuft, erleuchten zu lassen. Waͤre er leuchtend, so wuͤrde in einem weiten Raum um ihn herum jede Sonne uͤberfluͤssig seyn, weil ich das Licht nur als ein den dunkeln Koͤr- pern dienliches Mittel ansehe. Setze ich aber, der Mittelpunct des Fixsternen- systems seye ganz oͤde, so haben dieselben keine andere Schwere, als die, so ein jeder gegen alle uͤbrigen hat. Die, so naͤher bey der Mitte des Systems sind, wuͤr- den gegen jede aͤussern, und folglich in entgegen gesetz- ten Richtungen schwer seyn, und da sehe ich nicht, wie eine Central Kraft und eine einfoͤrmige Bewe- gung daraus erfolgen koͤnnte. Die mittlere Richtung der Cosmologische Briefe der Schwere waͤre bey jedem Stern aus Millionen einzeln Richtungen zusammen gesetzt, und daher jeden Augenblick veraͤnderlich. Die Ordnung in dem Laufe waͤre viel zu verwickelt, als daß sie sich zu einem Sy- stem schickte, dessen Groͤsse und Dauer etwas sehr ein- faches erfordert. Wie wenig und wie selten stoͤren sich die Cometen und Planeten unter einander, und wie sehr wird ihre Bewegung durch die kraͤftige Wir- kung der Sonne einfach gemacht. Wir sehen diese kleinern Verruͤckungen als Ausnahmen an, die viel- leicht auch ihren Nutzen haben koͤnnen, allein dessen unerachtet bleiben sie Ausnahmen, weil sie Abweichun- gen von einem allgemeinen Gesetze sind. Lasse ich demnach den Mittelpunct eines Fixsternensystems oͤde, so deucht mich, daß ich in den Gesetzen seiner Bewe- gung alles Allgemeine wegnehme, und nichts als sol- che Ausnahmen zuruͤcke lasse. Die Ordnung wuͤrde als eine bestaͤndige Vermischung von Millionen einze- ler Wirkungen muͤssen angesehen werden, ungefehr eben so wie es in dem Laufe der Dinge auf unserer Erde geschieht. Allein so sehe ich die Einrichtung des Weltbaues nicht an. Je naͤher ein System dem Gan- zen koͤmmt, desto einfacher muͤssen die Gesetze seiner Veraͤnderungen seyn. Fuͤgen Sie, mein Herr, diesem noch bey, daß, da die naͤchsten Fixsterne so weit von einander entfernt sind, dieselben nicht nur fuͤr sich, sondern mit ihrem ganzen Gefolge in einander wirken. Sie haben mir in Ihrem letzten Schreiben nochmals einen Ueberschlag von uͤber die Einrichtung des Weltbaues. von der Anzahl der Cometen vorgelegt. Ich weiß nicht, ob Ihnen etwan die 5. Millionen, die ich Ih- nen vorgerechnet hatte, nicht annoch zu viel scheinen. Ich verlange die Sache gar nicht zu uͤbertreiben. Al- lein wie Sie es auch immer angreifen, um die Luͤcken der Halleyschen Tafel auszufuͤllen, werden Sie noch immer genug Cometen heraus bringen. Ich setze derselben ohne Bedenken so viel nur immer ungestoͤhrt neben einander einhergehen koͤnnen. So viel Sie aber auch zugeben wollen, so wird doch die Masse von allen Planeten und Cometen zusammen genommen viel groͤsser seyn als die Masse der Sonne. Um de- sto betraͤchtlicher wird auch die Schwere eines ganzen Sonnensystems gegen das andere, und um desto mehr ist darauf zu denken, daß sie einander nicht mehr stoͤ- ren, als das System des Saturns vom System des Jupiters gestoͤrt wird. Wie wollen sie diese nothwen- dige und heilsame Absicht erreichen, ohne den Mittel- punct des Fixsternensystems mit einem Koͤrper von un- geheurer Masse auszufuͤllen? Ist aber ein solcher Koͤrper in dem Mittelpuncte eines Fixsternensystems, so wird dieses in Absicht auf seine Einrichtung unserm Sonnensystem vollends aͤhn- lich, und der Unterschied wird nur darinn bestehen, daß in dem einen dunkle Weltkugeln um eine leuchtende, in dem andern aber die leuchtenden mit ihrem Gefolge um eine dunkele laufen. Diese Aehnlichkeit der Einrichtung voraus ge- setzt, Cosmologische Briefe setzt, sind die Betrachtungen, die Sie, mein Herr, uͤber die von unserm Sonnensystem gemacht haben, sehr dienlich, uns beyde naͤher bekannt zu machen. Sie ersetzen dadurch vollstaͤndig, was ich in meinen vorhergehenden Anmerkungen uͤber die Halleysche Ta- fel aus der Acht gelassen hatte. Sie laͤßt sich aller- dings in denen sechs Absichten untersuchen, die von den Bestimmungsstuͤcken jeder Laufbahn hergenommen sind, und ich hatte sie nur in einer dieser Absichten, und zwar noch sehr unvollstaͤndig untersucht. So viel sahe ich wohl ein, daß, wenn man die Luͤcken der Ta- fel ausfuͤllen sollte, die Gruͤnde dazu am bequemsten von dem Abstande der Perihelien hergenommen wuͤr- den. Allein ich sahe auch bald, daß sich hiebey ver- schiedene Unvollstaͤndigkeiten einmengen, die von der Sichtbarkeit eines Cometen herruͤhren. Die Moͤglichkeit, einen Cometen auf unserer Erde zu sehen, haͤngt in Absicht auf den Abstand sei- nes Perihelii von verschiedenen Umstaͤnden ab. Vor- zuͤglich ist es sein kleinster Abstand von der Sonne und von der Erde, die er hat, wenn er des Nachts uͤber unserm Horizonte ist. Ist er da zu weit von der Son- ne hinweg, so sieht man ihn wegen des schwachen Lich- tes nicht. Bleibt er zu weit von der Erde hinweg, so verleurt er sich wegen der allzukleinen scheinbarn Groͤsse. Beyde Umstaͤnde muͤssen zusammentreffen, wenn er kenntlich und lange genug sichtbar seyn solle, daß man ihn mehrmalen observiren, und seine Lauf- bahn bestimmen koͤnne. Die uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Die Berechnung, welche man hieruͤber anstellen koͤnnte, wird allerdings sehr weitlaͤuftig, und scheint mir eben nicht so gar nothwendig, weil allgemeine Be- trachtungen hier zureichend sind, dergleichen ich in ei- nem meiner vorhergehenden Schreiben bereits ange- stellt habe. Ich schloße daraus, daß uns alle Come- ten sichtbar seyn muͤssen, die der Sonne naͤher kom- men als Venus, und bis dahin nimmt in der Halley- schen Tafel ihre Anzahl zu, wie das Quadrat des Ab- standes. Bleiben sie aber weiter von der Sonne weg, so werden die Umstaͤnde ihrer Sichtbarkeit nach und nach mehr eingeschraͤnkt, die Zeit ihres Aufenthaltes in unserer Gesichts- Sphære kuͤrzer, und die Lage der Erde in ihrer Bahn bestimmter. Aus Halleys Tafel, als aus der Erfahrung zu schliessen, kommen diese Hindernisse sehr schnelle zusammen, weil unter 21. Cometen nur 4. waren, die weiter von der Sonne wegblieben als Venus. Indessen ist es mir genug, daß die uͤbrigen 17, welche nothwendig sichtbar seyn muͤßten, mit dem Ge- setze der Quadrate des Abstandes uͤbereinstimmen. Da es sich also von der Sonne bis zur Venus richtig fin- det, so sehe ich keinen Grund, warum es sich nicht eben so gut bis zum Saturn und noch weiter hinaus erstrecken sollt e , ungeacht ich zur Bekraͤftigung keine andere als teleologische Gruͤnde weiß, die ich schon zu- reichend aus einander gesetzt habe. P Die Cosmologische Briefe Die uͤbrigen Absichten, in welchen Sie, mein Herr, die Halleysche Tafel durchgangen haben, sind wegen der Sichtbarkeit nicht so vielen Schwierig- keiten unterworfen. Sie haben die allgemeinen Ge- setze fuͤr jedes Bestimmungsstuͤck genau entwickelt, und ich gestehe Ihnen, daß ich ehender vermuthet haͤtte, Halleys Tafel wuͤrde noch viel betraͤchtlicher davon abweichen, weil sie nur 21. Cometen enthaͤlt. Sie bekraͤftigen also das allgemeine Gesetz, daß ihre Bah- nen alle moͤglichen Lagen haben, auf eine solche Art, daß jeder Zweifel dawider nothwendig unerheblich wird. Ich achte es fuͤr unnoͤthig, die Unwahrschein- lichkeit auszurechnen, die Sie hiebey vorgeschlagen ha- ben, weil sie so, wie Sie, mein Herr, die Frage vor- stellen, von sich selbsten und eben so stark in die Augen faͤllt. Denn nehmen Sie an, die wirkliche Austhei- lung aller Cometen richte sich nach einem andern Gese- tze, so koͤnnte es zwar seyn, daß die 21. Cometen der Halleyschen Tafel mehr oder minder davon abweichen, aber diese Abweichung wuͤrde ganz unordentlich seyn, und man wuͤrde nothwendig diese 21. haben auslesen muͤssen, damit sie sich nach sechs besondern und von den wahren verschiedenen Gesetzen richten muͤßten. Ich sehe es demnach so gut als ausgemacht an, daß Ihre Betrachtungen uͤber Halleys Tafel desto genauer wer- den befunden werden, je mehr man sie nach und nach zur Vollstaͤndigkeit bringen wird. Daß aber uͤbrigens hiebey eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit vorkomme, ist allerdings unstreitig, und uͤber die Einrichtung des Weltbaues. und die beyden Gruͤnde, die Sie, mein Herr, dazu an- gegeben haben, scheinen mir zureichend. Man kann die Wahrscheinlichkeit allezeit da gebrauchen, wo Zu- faͤlle nach einer sehr zusammengesetzten Ordnung auf einander folgen. Die wirkliche Erfahrung, zumal wenn sie lange fortgesetzt wird, weicht von dem hoͤch- sten Grade der Wahrscheinlichkeit immer etwas ab, und gibt bald zu viel, bald zu wenig, aber niemals so, daß sie unkenntlich wird, oder sich nach ganz verschie- denen Gesetzen richten sollte. Sie laͤßt noch allemal sehr deutliche Spuren von den Gesetzen, nach welchen die Zufaͤlle unter einander folgen. Nehmen Sie z. E. die Todtenlisten einer Stadt von verschiedenen Jahren. Wenn Sie alle Jahre vollkommen einerley waͤren, so wuͤrde man unstreitig auf eine Nothwendigkeit schlies- sen koͤnnen. So aber laͤßt das Zufaͤllige kleinere Un- terschiede zu, aber niemals so, daß in dem einen Jahr gar kein Todtesfall, im andern hingegen doppelt oder mehrmal so viele waͤren, als es die Anzahl der Ein- wohner zulaͤßt. Ein Jahr kann toͤdtlichere Umstaͤnde zusammenhaͤufen als das andere, allein niemals so, daß es zu den uͤbrigen alle Verhaͤltnis verleurt. Alle Ursachen, die dazu beytragen, laufen zu sehr unter ein- ander, als daß sie mit einem male alle fehlen, oder al- le beysammen seyn sollten. Es ist wahr, daß die Ruͤckkehr der Cometen nicht von so vielen Ursachen abhaͤngt. Dagegen aber sind ihre Perioden incommensurabel, und die Stelle, die sie in einem vorgegebenen Augenblicke, z. E. zur P 2 Zeit Cosmologische Briefe Zeit der Schoͤpfung haben muͤßten, ist aus unzaͤhli- gen Absichten bestimmt, die von der schicklichsten Ein- richtung des ganzen Weltbaues, und von allen Ver- aͤnderungen desselben abhaͤngen. Nehmen Sie z. E. nur an, der Ort und Umlauf jeder Weltkugeln seye so eingerichtet, daß sie sich, des bestaͤndigen Anziehens ungeacht, dennoch auf immer ausweichen koͤnnen, so werden sie bald finden, daß aller Zufall hiebey zwar nothwendig ausgeschlossen seye, daß aber die Sache so verwickelt seyn muͤsse, als wenn es ein bloßer Zufall waͤre. Dadurch wird die Anwendung der Wahrschein- lichkeit zulaͤßig, und ist es auch wirklich bey allen indi- vidualen Begebenheiten, bey welchen dennoch allge- meine Gesetze mit vorkommen. Diese behalten im- mer die Oberhand, und man wird sie aus Vergleichung vieler einzeln Faͤlle ungeacht ihrer scheinbaren Unord- nung immer heraus bringen koͤnnen. Oder wenn sie sich, wie bey den Cometen, aus allgemeinen Betrach- tungen herleiten lassen, so wird sich auch diese Ver- gleichung desto genauer finden, je groͤsser der Vorrath von wirklichen Observationen ist. Sie haben allerdings Ursache, daß Sie sich, mein Herr, uͤber der gleichfoͤrmigen Moͤglichkeit der Neigungswinkel der Cometenbahnen gegen die Ec- cliptic aufhalten, und die Bestaͤtigung aus der Hal- leyschen Tafel als merkwuͤrdig ansehen. Sie haben mir zugleich dadurch Anlaß gegeben, die Sache noch mehr zu uͤberdenken, und ich gestehe Ihnen gerne, daß ich mich noch nicht darein finden kann. Die kleinern Neigungs- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Neigungswinkel kommen in der Tafel als Erfahrun- gen vor, und an statt sie in Zweifel zu ziehen, muͤs- sen sie vielmehr zum Grunde gelegt werden, um, wie Sie, mein Herr, bereits gethan, auf den geringen Wirkungskreyß der Cometen einen Schluß zu ma- chen. Es ist fuͤr sich klar, daß dieser Schluß zugleich auch darauf beruht, daß die Weltkugeln einander so wenig als moͤglich ist, stoͤren sollen, weil diese Ausnah- men geringe seyn muͤssen. Ungeacht ich also die kleinern Neigungswinkel zugebe, weil sie aus der Erfahrung offenbahr sind, so habe ich einen ganz andern Anstand. Setze ich nem- lich, die Bahnen der Cometen haben alle moͤgliche La- ge, so scheint daraus zu folgen, daß nicht alle Nei- gungswinkel gleich moͤglich sind, sondern daß der groͤs- sern mehr seyn muͤssen als der kleinern. Sehen Sie hier meinen Beweis. Die Lage einer Flaͤche kann auf die Lage einer einigen Linie reducirt werden, welche auf der Flaͤche senkrecht steht. Da nun die Flaͤche jeder Cometen- bahnen durch die Sonne geht, so koͤnnen wir an statt der Flaͤche eine auf derselben senkrecht stehende Linie aus der Sonne ziehen, und diese Linie bis zu den Fix- sternen hinaus verlaͤngern. Der Ort, wo sie hin- trift, ist ein Punct, der sich auf der Himmelskugel zeichnen laͤßt, und den wir den Pol der Cometenbahn nennen koͤnnen, eben so wie unsere Erdbahn den Pol der Eccliptic hat. Auf diese Art koͤnnen wir die Flaͤ- P 3 che Cosmologische Briefe che und Linie weglassen, weil der Pol jeder Cometen- bahn ihre Lage vollstaͤndig bestimmt. Setzen Sie nun, die Bahnen der Cometen haben alle moͤgliche Lage unter einander, so ist nothwendig, daß ihre Pole auf der ganzen Ku- gelflaͤche gleichfoͤrmig ausgetheilt seyn muͤssen, eben so wie Sie die Perihelien ausgetheilt haben. So weit der Pol einer Cometenbahn von dem Pol der Eccliptic absteht, so groß ist auch der Nei- gungswinkel dieser beyden Flaͤchen gegen einander, und das Complement dieses Winkels zu 90° ist der Abstand des Pols der Cometenbahn von der Eccliptic Nun werden Sie, wie bey den Pe- rihelien, finden, daß die Anzahl der Pole zuneh- men muͤsse, wie der Sinus dieses Complementes, und daher wie der Cosinus des Neigungswinkels. Dieses scheint mir demnach das Gesetz zu seyn, nach welchen sich die Neigungswinkel, oder ihre Complemente richten. Nehmen Sie nun die Com- plemente von 10. zu 10. Grad, und ihre Sinus so, daß der Sinus totus der Anzahl der Cometen der Tafel gleich oder 21. seye, so finden Sie fol- gende Tabelle: Compl. uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Es ist augenscheinlich, daß die Unterschiede zwischen der observirten und berechneten Anahl nicht nur viel groͤsser sind, als in der Tabelle, die Sie gegeben ha- ben, sondern daß der Fehler hier bey allen auf eine Seite faͤllt. Alle berechnete Zahlen sind groͤsser als die observirten, da Sie hingegen in ihrer Tabelle bald groͤsser, bald kleiner waren. Was wollen Sie hieraus schliessen? Es ist un- streitig, daß, wenn man das Gesetz von der Lage der Cometenbahnen aus Halleys Tafel a posteriori haͤtte herleiten sollen, so wuͤrde man darauf verfallen seyn, daß alle Neigungswinkel gleich moͤglich sind. Neh- me ich hingegen an, die Cometenbahnen haben alle moͤgliche Lagen, so findet sich ganz ein anderes Gesetz, und es muͤssen mehr groͤssere als kleinere Neigungs- P 4 winkel Cosmologische Briefe winkel seyn. Dieses koͤmmt aber mit Halleys Tafel sehr wenig uͤberein. Ich glaube nicht, daß die Sichtbarkeit hier- inn etwas aͤndern mag. Denn ich muͤßte anneh- men, die Cometen seyen viel sichtbarer, wenn sie einen kleinen Neigungswinkel gegen die Eccliptic haben, als wenn dieser Winkel groͤsser ist. Die- ses moͤchte angehen, wenn die besten Umstaͤnde der Sichtbarkeit in die suͤdliche Halbkugel fallen, weil uns sodann der Comet unter dem Horizont bliebe. Da Sie, mein Herr, die Perihelien eben so auf der Kugelflaͤche ausgetheilt haben, wie ich die Pole der Cometenbahnen austheile, und hin- gegen ihre Berechnung mit der Tafel viel genauer uͤbereinstimmt, so habe ich gezweifelt, ob nicht ei- nes dem andern im Wege stehe. Wenn dieses waͤre, so behielten die Perihelien unstreitig den Vorzug, und die Ausnahme muͤßte auf die Ver- theilung der Pole fallen. Gienge aber beydes an, und die Sichtbarkeit machte ebenfalls keine Aus- nahm, so muͤßte man fast schliessen, daß die Ec- cliptic oder die Flaͤche der Planetenbahnen in Ab- sicht auf die Neigungswinkel etwas besonders haͤt- te. Vielleicht muͤßte man auch warten, bis die Halleysche Tafel merklich vollstaͤndiger wuͤrde, wel- ches noch aus verschiedenen andern Absichten zu wuͤnschen ist. Es uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Es waͤre mir ein wahres Vergnuͤgen, wenn Sie, mein Herr, in der Aufloͤsung dieses etwas verwickelten Zweifels einen gluͤcklichen Einfall haͤt- ten. Ich hoffe und erwarte es, wie die fernern Anmerkungen, die Ihnen uͤber die noch sehr un- reifen Gedanken dieses Schreibens beyfallen wer- den, und mit welchen sie aͤusserst verbinden wer- den den, der mit wahrer Ergebenheit die Ehre hat zu seyn. Mein Herr ꝛc. P 5 Sieben- Cosmologische Briefe Siebenzehnter Brief. S o glaubten Sie denn, mein Herr, in Ernste am Ende Ihrer guten und schicklichen Ein- faͤlle uͤber die Einrichtung des Weltgebaͤudes zu seyn? Das werde ich mir nie vorstellen, und Ihr ge- schaͤtztestes Schreiben ist gewiß keine Probe davon. Es ware Bescheidenheit und neue Aufmunterungen, daß Sie sich meiner beylaͤuftigen Berechnungen uͤber die Geschwindigkeit des Laufes der Fixsterne und eini- ger andern von meinen Betrachtungen haben bedienen wollen, um den Anfang zu Ihren fernern Schluͤssen zu machen. Sie haben mir dadurch auf eine sehr ver- bindliche Art gezeigt, wie ich meine eigene Gedanken weiter haͤtte fortsetzen sollen, und dadurch geben Sie mir einen erwuͤnschten Leitfaden, da Sie mir zeigen, wie mich eben diese Gedanken zur Hauptsache, die ich noch nicht sahe, haͤtten fuͤhren koͤnnen. Da ich indes- sen nichts so sehr wuͤnsche, als nach und nach selbsten einige sichere Schritte zu thun, und mir die Mittel und Wege immer bekannter zu machen, die man an dem Firmamente einschlagen muß, so freuet es mich, daß dieser erste Versuch Ihren Beyfall erhalten, und daß Sie mir die Fortsetzung davon haben anzeigen wollen. Ich sehe nun vollkommen ein, daß das Haupt- werk bey der entdeckten Verruͤckung der Fixsterne auf die Parallaxe der Sonnenbahn ankoͤmmt, und um mir sie uͤber die Einrichtung des Weltbaues. sie desto lebhafter vorzustellen, so habe ich die Astrono- mie, die im Monde statt haben wuͤrde, wenn die Son- ne unsichtbar waͤre, untersucht. Um der Sache ihre voͤllige Aehnlichkeit zu geben, mußte ich annehmen, die Astronomen des Mondes wuͤßten schon, daß der Mond um die Erde, und die Erde um irgend einen Mittelpunct herum liefe, um welchen sich auch die uͤ- brigen Planeten bewegten. Ferner konnte ich anneh- men, daß ihnen das Gesetz der Schwere, die kleinern Anomalien, so daher in der Bewegung des Mondes entstehen, und die Nothwendigkeit der Kegelschnitte und die Keplerischen Gesetze bekannt waͤren. Aus diesen Stuͤcken mußte ich nun herleiten, wie sie es an- greifen wuͤrden, um den Ort des gemeinsamen Mittel- puncts der Planeten oder der ihnen unsichtbaren Son- ne in kurzer Zeit wenigstens beylaͤuftig zu finden. Hie- zu konnte ihnen der Lauf des Mondes und der von den uͤbrigen Planeten dienen. Ich kann annehmen, die Ellipse, so der Mond ohne die Mitwirkung der Sonne um die Erde beschreiben wuͤrde, seye ihnen be- kannt, und da muͤßten sie die Stellen suchen, wo die Abweichung, so von der Sonne verursacht wird, z. E. in der Geschwindigkeit, sich am staͤrksten aͤussert. Die- ses waͤren die Stellen, wo der Mond kurz vorher in Conjun c tion oder in Opposition mit der Sonne ge- wesen, und hiedurch wuͤrde die Lage der Sonne bey- laͤuftig bestimmt. Das andere Mittel waͤre von den Planeten her- zunehmen. Die Astronomen des Mondes muͤßten ihre Stelle Cosmologische Briefe Stelle etliche male observiren, und mit Huͤlfe der Ke- plerischen Gesetze liesse sich ihr wahrer Ort, ungefehr eben so, jedoch etwas muͤhsamer finden, als wir es bey den Cometen thun. Der Abstand des Mondes von der Erde und sein Umlauf um dieselbe wuͤrde ih- nen eine monatliche Parallaxe geben, welche sie beque- mer gebrauchen koͤnnten, als wir die Parallaxe der Erdbahn in Absicht auf die Fixsterne. Hingegen wuͤr- de ihnen diese letztere Parallaxe in Absicht auf die Pla- neten und Cometen, die Dienste thun, die wir von der Parallaxe der Sonnenbahn zu gewarten haben. Die Mittel, so wir in Absicht auf die Lage der Fixsterne zu gebrauchen haben, sind diesen ganz aͤhn- lich. Der gemeinsame Mittelpunct des Fixsternensy- stems ist uns unsichtbar, seine Lage muß durch Schluͤs- se heraus gebracht werden, die wir nicht wohl anderst als daher leiten koͤnnen, wenn die Erde in ihrem jaͤhr- lichen Laufe kleinen Abweichungen unterworfen ist, oder daß wir es aus der optischen Ungleichheit der scheinbarn Verruͤckung der Fixsterne herleiten. Ungeacht dieses eben nicht so bald genaue gesche- hen wird, so koͤnnen wir dennoch dieser Absicht immer naͤher kommen, und nach und nach wird sich der wah- re Maaßstab zur Ausmessung des Abstandes der Fix- sterne finden lassen, welcher die Entfernung unserer Sonne vom Mittelpunct des Fixsternensystems ist, zu welchem sie gehoͤrt. Unsere Sonne ist nicht in diesem Mittelpunct. Sie wird aber kaum um uͤber die Einrichtung des Weltbaues. um den Abstand etlicher Fixsterne davon entfernt seyn. Ungeacht es aber hiezu Zeit und Weile gebraucht, so vergnuͤgt es mich doch, daß es auch Mittel geben wird, die Einrichtung des Fixsternensystems genauer kennen zu lernen, und vielleicht sind die Nachkommen, die ich gut in das fuͤnfzigste Saeculum gesetzt haͤtte, gar nicht weit von unserer Zeit entfernt. Ehe ich Ihr System kannte, werden Sie sich, mein Herr, erinnern, daß ich Sie zur Dreis t igkeit aufmunterte, weil ich uͤber das Urtheil einer so spaͤten Nachwelt nicht besorgt waͤre. Allein Ihr System gebrauchte keine Dreistigkeit, und wenn wir selbsten unvermu- thet diese Nachwelt waͤren, so wuͤrde ich nun nicht be- sorgt seyn, daß es wesentliche Veraͤnderungen leiden werde. Es wird nichts als eine individualere Bestim- mung fordern, die man von der Erfahrung hernehmen muß. Fuͤr das Allgemeine in dieser Einrichtung ha- ben Sie zureichend gesorgt. Die Aehnlichkeit zwi- schen demselben und unserm Sonnensystem sehe ich nun vollkommen ein. Aber ich muß mich doch ein wenig bey dem dun- keln Koͤrper aufhalten, den Sie, mein Herr, in den Mittelpunct des Fixsternensystems setzen wollten, und woruͤber Sie zwar noch einigen Anstand finden, aber dennoch Beweise dazu aufsuchen, die man eben nicht unbetrachtet uͤbergehen kann. Wissen Sie, woran ich mich aufhalte? Fuͤrnemlich an den Folgen Ihrer Beweise. Cosmologische Briefe Beweise. So scharf Sie diese Beweise machen, so glaube ich, daß sie mit eben dieser Schaͤrfe sich auch auf den Mittelpunct der ganzen Milchstrasse, und folg- lich aller Fixsternensystemen zusammen genommen aus- dehnen lassen. Sie ordnen dennoch der ganzen Milch- strasse ebenfalls eine Laufbahn, weil Sie mich fragen, in welcher Zeit wir sie herum fuͤhren wollen? Und die Aehnlichkeit, die von System zu System geht, das Gesetz der Schwere, welches alle mit einander verbin- det, und die Welt zu einem zusammenhaͤngenden Gan- zen macht, die Harmonie und Vollkommenheit, wel- che Zeit und Raum zusammen faßt, und daher Bewe- gung fordert, kurz, alle Gruͤnde, woraus Sie die Be- wegung einzeler Fixsterne geschlossen haben, und nun durch die Erfahrung bekraͤftigt werden, lassen die Milchstrasse nicht ruhen. Wenn sie aber eine Laufbahn hat, so lassen sich Ihre Gruͤnde von dem dunkeln Koͤrper im Mittel- punct des Fixsternensystems eben so gut darauf anwen- den. Setzen Sie den Mittelpunct der Milchstrasse ganz oͤde, so wird ihre Bewegung aus lauter kleinen Ausnahmen bestehen, weil ihre einzeln Systemen kei- ne gemeinsame und uͤberwiegende Richtung der Schwe- re haben, welche ihre Bewegung so einfoͤrmig machte, als es bey grossen Weltsystemen erfordert wird. Ein jedes Fixsternensystem der Milchstrasse begreift Mil- lionen Sonnen, und um jede Sonne eben so viele Planeten und Cometen. Nehmen sie alle diese Coͤr- per zusammen, wie betraͤchtlich muß ihre gemeinsame Schwere uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Schwere werden, und wie unordentlich ihr Lauf, wenn nichts ist, welches allen gebietet, in einer sehr einfa- chen Laufbahn zu bleiben? Ich glaube, daß ich in der Anwendung Ihrer Gruͤnde, ordentlich verfahren bin. Solle ich sie nun als nothwendig schliessend ansehen, so werde ich auch einen dunkeln Coͤrper annehmen muͤssen, welcher Mas- se genug habe, um die Milchstrasse in einfacher Ord- nung zu halten, und nehmen Sie, mein Herr, an, daß die Milchstrasse zu noch unzaͤhligen andern gehoͤrt, so geben Sie mir Stoff zu einem noch vielfach schwe- rern und groͤssern Koͤrper, welcher wider alle Milch- strassen Gesetze und Ordnung geben muß. So weit Sie nun hierinn gehen wollen, so kommen Sie doch endlich auf den Mittelpunct des ganzen Weltbaues, und hier finde ich meinen letzten Koͤrper, der die gan- ze Schoͤpfung um sich herum lenkt. Hier finde ich Stoff fuͤr meine Einbildungskraft, und zaͤhle die Augenblicke der Ewigkeit, in welchen die aͤussersten Grenzen der Schoͤpfung im Kreyse her- um kommen. Da ist der Thron, dem alle Systemen als so viele Trabanten aufwarten, die Hauptstadt, die dem Reiche der Wirklichkeit Gesetze giebt, und alle in Ordnung und vollstaͤndigster Harmonie erhaͤlt, das Ganze zum Ganzen macht, alle Ausschweifungen ver- bannet, der Empoͤrung und Zerstreuung jeder fluͤchti- gen Theile Einhalt thut, und sie in ihre behoͤrige Stelle zuruͤck lenkt. Allein Cosmologische Briefe Allein unvermerkt verdunkele ich meine Schwie- rigkeit durch diese Entzuͤckung, die mir der Anblick ei- ner so praͤchtigen Stelle verursacht. Ein Dichter haͤt- te hier einen reizenden Anlaß, sie vollends auszuschmuͤ- cken, und sie unserer Einbildungskraft bis zur voll- kommensten Glaubwuͤrdigkeit vorzumalen, und einneh- mend zu machen. Aber philosophisch davon zu reden, so gestehe ich gerne, daß mir die ungeheure Groͤsse die- ser dunkeln Koͤrper ganz im Wege steht. Sie faͤllt mir ins unglaͤubliche. Es ist wahr, daß sie sich viel- leicht ins Kleine ziehen lassen, wenn wir annehmen, daß wenigstens der Kern derselben von einer absoluten Dichtigkeit seye, wenn sich die Schwere nothwendig nach der Masse richtet, oder die Dichtigkeit des Ae- thers gegen den Mittelpunct des Weltgebaͤudes, und eben so auch gegen den von jeden groͤssern Systemen zunimmt. Was wir bey unsern irrdischen Koͤrpern wahrnehmen, so scheint das erstere statt zu haben, weil wir finden, daß sich die Schwere nach der Masse richtet, und so scheint es immer noch, daß man diesen dunkeln Koͤrpern einen bis zum Erstaunen grossen Um- fang geben muͤsse. So sehr ich mich aber hiebey aufhalte, so kann ich doch nicht in Abrede seyn, daß Ihre Beweise mir bey naͤherer Untersuchung etwas mehr einleuchteten. Ich habe nur eine Probe in Kleinem davon gemacht. Ich nahme die Sonne aus unserm System weg, und daher auch die so kraͤftig gegen den Mittelpunct zie- hende Schwere. Aber gleich mußte ich auch die vim centri- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. centrifugam oder die Geschwindigkeit jeder Planeten und Cometen vermindern, wenn ich dafuͤr sorgen woll- te, daß nicht alle und jede nach einer tangentialen Richtung auseinander fuͤhren, und das ganze System sich gegen jede Fixsternen hinaus zerstreute. Allein damit richtete ich nichts aus. Denn Jupiter, welchen die Philosophen als einen Cometenraͤuber vorgestellt hatten, wurde es nun in der That. Jede Cometen, die in seiner Nachbarschaft waren, fiengen an, El- lipsen um denselben zu beschreiben. Sein Gebiet wur- de nach und nach ansehnlicher. Die Planeten erga- ben sich ebenfalls, und selbst Saturn konnte sich mit seinen Trabanten nicht widersetzen. Anfangs gienge es, wie bey einer Empoͤrung, unordentlich zu. Aber die Sonne war einmal weggeschaft. Jupiter sahe sich nach und nach von allen Seiten her mit Weltku- geln umringt. Der gemeinsame Mittelpunct der Schwere aller dieser Weltkugeln, welcher Anfangs vom Jupiter sehr entfernt und veraͤnderlich ware, kam ihm immer naͤher, und endlich traf er mit seinem Mit- telpuncte zusammen. Die Schwere der Weltkugeln gegen einander bliebe ohne Wirkung, weil die von den naͤhern wegen den entgegengesetzten Richtungen ent- kraͤftet, und so gut als aufgehoben, und die von den entferntern mit ihrer Schwere gegen den Jupiter ver- einigt ware. So kame das System unter einem klei- nern Regenten in Beharrungsstand. Wuͤrde ich nun den Jupiter auch wegschaffen, so glaube ich, daß Sa- turn das naͤchste Recht zur Regierung haͤtte, und es auf eine aͤhnliche Art erlangen wuͤrde. Allein durch Q solche Cosmologische Briefe solche Veraͤnderungen wuͤrde das System viel unan- sehnlicher, und die guͤldene Zeit wuͤrde mit der Sonne aufhoͤren. Urtheilen Sie nun, mein Herr, ob ich dieses Bild richtig entworfen habe, und wie fern es sich auf ein Fixsternsystem anwenden lasse. Ich glaube schlies- sen zu koͤnnen, daß, ohne den dunkeln Koͤrper im Mit- telpuncte zu lassen, die maͤchtigste unter den Sonnen des Systems sich die Oberherrschaft zueignen, daß aber das ganze System an Groͤsse, Geschwindigkeit und einfacher Ordnung viel unansehnlicher werden wuͤrde. So viel ist gewiß, daß unter der Regierung des Jupiters Saturn ein sehr maͤchtiger Vasall waͤre, welchem eine ziemliche Anzahl von kleinern Fuͤrsten das Gleichgewichte halten muͤßte, damit er keine Un- ruhe anrichte. So aber kann es mit der Ordnung in den Laufbahnen nicht gehen, daß dem Saturn, wel- cher, wo er sich befindet, ein Uebergewicht geben wuͤr- de, eine desto groͤssere Anzahl von Cometen und Pla- neten gegen uͤber seyn sollte, die den Jupiter eben so kraͤftig gegen sich zoͤgen, als er vom Saturn auf die andere Seite gezogen wuͤrde. Unsere Sonne hat dieses lange nicht so noͤthig, und das Uebergewicht, welches Jupiter und Saturn zusammen genommen der einen Seite des Systems geben, wird gegen die starke Kraft der Sonne, und bey so vielen Cometen, die auf allen Seiten um sie herum sind, vollends un- merklich. Der gemeinsame Mittelpunct des ganzen Sonnensystems scheint mir bey so bewandten Sachen von uͤber die Einrichtung des Weltbaues. von dem Mittelpunct der Sonne vielleicht kaum eines Zolles breit entfernt seyn zu koͤnnen. So wenig ich demnach dem Jupiter oder Sa- turn die Regierung unseres Systems lassen wuͤrde, so unschicklich scheint es mir, daß ein Fixsternensystem von einem Fixstern regiert werde. Als ein Fixstern muͤßte er ein eigenes Gefolg von Cometen und Planeten ha- ben, dieses waͤren aber nur seine Hausgenossen, und ich glaube, daß er damit genug zu thun habe, als daß er noch ein Herr von andern Fixsternen, die doch mit ihm zu paaren gehen, regieren koͤnnte. Die Ober- herrschaft muß despotischer seyn, weil sie maͤchtiger seyn muß. Und damit verfalle ich allerdings auf ei- nen Koͤrper, der jeden Fixstern mit seinem ganzen Ge- folge im Zaume halten kann. Daß dieser Koͤrper dunkel seye, aber von einer Sonne beleuchtet werde, geht mir wohl ein. Nur dieses ist noch der Anstand, den ich dabey habe. Waͤ- re ein solcher Koͤrper von so ungeheurer Groͤsse und beleuchtet, so deucht es mich immer, daß sich einige Spur sollte davon finden lassen, zumal da unsere Son- ne eben nicht am aͤussersten Ende des Systems, son- ern naͤher bey dem Mittelpuncte, und daher naͤher bey diesem Koͤrper ist. Es koͤnnte also einen betraͤcht- lichen scheinbaren Diameter haben, und sein Licht, so schwach es ist, wuͤrde unterwegen nicht so stark ge- schwaͤcht, daß wir es nicht durch Fernroͤhren entdecken koͤnnten. Da die Sonne, die ihn beleuchtet, zunaͤchst Q 2 um Cosmologische Briefe um ihn herumlaͤuft, so muͤßte er Phases haben, und daher bald voll, bald ganz verfinstert seyn. Haͤtte er wie die uͤbrigen Weltkugeln Flecken, so wuͤrde sich sei- ne scheinbare Gestalt auch dadurch aͤndern. Glauben Sie, mein Herr, daß wir einige Hoffnung haben koͤn- nen, etwas dergleichen zu entdecken? Ich wuͤnschte, daß es geschehe, weil die Anwendung unserer Mond- astronomie dadurch merklich erleichtert wuͤrde. Es waͤre dabey nicht mehr nothwendig, voraus zu setzen, daß die Astronomen des Mondes zur Errichtung ihres Copernicanischen Systems den Ort der Sonne erst durch Umwege suchen muͤßten. Doch da ich es dahin gestellt seyn lasse, so halte ich mich dabey nicht auf, was in diesem Falle zu thun waͤre, um die Lage der Fixsterne unseres Systems nach und nach zu bestim- men. Uebrigens kann ich nicht laͤugnen, daß es mich sehr freuen wuͤrde, wenn sich bald Mittel und Wege dazu finden liessen. Die Anmerkungen, die Sie, mein Herr, uͤber meine Einrichtung des Cometensystems gemacht ha- ben, sind mir desto angenehmer gewesen, weil ich sie als die erste Probe ansehen kann, die ich gemacht ha- be, um mir Ihre Art zu schliessen anzugewoͤhnen. So viel sehe ich nun daraus, daß mir doch von sechs Stuͤcken fuͤnf gelungen sind, und Ihren Beyfall er- halten haben, und besonders auch, daß Sie meine Betrachtungen uͤber die Berechnung der Wahrschein- lichkeit, die dabey vorkoͤmmt, und daruͤber ich mir et- was zu gut hielte, nicht nur billigen, sondern noch durch uͤber die Einrichtung des Weltbaues. durch mehrere Betrachtungen ins Licht setzen. Aber bey dem sechsten Stuͤcke lassen Sie mich in Zweifel, und vielleicht an statt es mir rund zu sagen, daß ich mich dabey geirrt habe, wollen Sie mir lieber eine nuͤtzliche Beschaͤftigung geben, indem Sie mir die Sa- che als ein Problem vorlegen, an dessen Aufloͤsung ich mich uͤben koͤnnte. Ich liebe und suche die Wahrheit, und wie Sie mir dieselbe auch vorlegen, verbinden Sie mich. So werde ich sie auch annehmen, wenn ich die Aufloͤsung zu Ende bringen kann, ohne darauf zu sehen, ob ich mich selbst widerlege, und das, so ich zuvor gedacht hatte, wieder aͤndern muß. Die Schwierigkeit, die Sie mir vorlegen, be- steht darinn. Ich hatte alle Neigungswinkel der Co- metenbahnen als gleich moͤglich angesehen, und zwar weil sie mir als ein von den uͤbrigen unabhaͤngiges Bestimmungsstuͤck vorkamen, und Halleys Tafel mich noch mehr dazu verleitete, so gern ich die kleinern Nei- gungswinkel ganz haͤtte ausschliessen wollen. Allein die Tafel verboth es, weil sie Exempla in contrarium enthaͤlt. Und dieses ware eben, woran ich mich in meinem letzten Schreiben aufhielte, und wobey Sie mir zeigten, wie die Sache von einer andern Seite betrachtet werden koͤnne. An den Schluͤssen, die Sie, mein Herr, dabey machen, habe ich desto weniger auszusetzen, weil sie auf eine viel nothwendigere Art aus dem zum Grunde gelegten allgemeinen Gesetze fliessen, daß die Cometen- Q 3 bahnen Cosmologische Briefe bahnen alle moͤgliche Lage haben. Sie bringen die Lage einer jeden Bahn auf eine Linie, und endlich noch kuͤrzer auf einen Punct der Sphære, und diese Pun- cten muͤssen auf der Flaͤche der Sphære gleich vertheilt seyn. Es versteht sich von selbsten, daß hier von ei- ner physicalischen Gleichheit die Rede ist. Hieraus leiten Sie her, es muͤssen mehr groͤssere als kleinere Neigungswinkel seyn. Dieser Schluß ware mir in Absicht auf die Eccliptic erwuͤnscht, ungeacht er eben so gut auf jede andere Flaͤche bezogen wird. Indes- sen bin ich doch noch immer fuͤr die Planeten und un- sere Erde mehr besorgt als fuͤr die Cometen, die sich in alle Verruͤckungen besser schicken, und alle Unfaͤlle besser aushalten koͤnnen. Sodann vergleichen Sie Ihre Rechnung mit der Halleyschen Tafel, mit welcher sie ordentlich uͤber- einstimmen sollte, aber dennoch davon sehr betraͤchtlich, und zwar durchgehends auf gleiche Seite abweicht, dahingegen meine Rechnung damit ordentlich zutrifft. Der Unterschied zwischen der Tafel und unsern beyden Gesetzen ist fast einerley mit dem Unterschiede zwischen den Gesetzen selbst. Es ist unstreitig, wenn es dabey bleiben sollte, so wuͤrde ich Recht haben, und auf dieses hin haben Sie, mein Herr, bereits den Schluß angegeben, den Sie machen wuͤrden: Es muͤßte nemlich die Eccliptic hierinn etwas besonderes haben. Allein bedenken Sie, worinn dieses besondere bestehen wuͤrde. Es waͤre uͤber die Einrichtung des Weltbaues. waͤre just so, als wenn den Planeten zum Trotze mehr Cometen kleinere Neigungswinkel haͤtten, als es na- tuͤrlicher Weise noͤthig gewesen waͤre. Was wollen Sie hieraus machen. Sind etwan Cometen und Planeten so gute Freunde, oder haben Jupiter und Saturn verschiedene Cometen schon so nahe zu sich gezogen, daß nun die Bahnen nicht mehr so stark in- clinirt sind? Sie sehen, mein Herr, schon voraus, daß ich Ihnen hieruͤber meine alte Klaglieder anstimmen wuͤr- de, weil Sie noch andere Mittel aufsuchen, diese Schwierigkeit zu heben. Die Perihelien sehen Sie als auf der Sphære gleich vertheilt an, und so stellet sie auch Halleys Tafel vor, und dabey fragen Sie, ob nicht diese Vertheilung der Vertheilung der Pole von den Cometenbahnen im Wege stehen moͤchte? Ich habe dieses nicht finden koͤnnen. Denn wo ich den ei- nen dieser Puncte hinsetze, da bleibt mir fuͤr den an- dern ein ganzer Circul auf der Kugelflaͤche, in welchen ich ihn setzen kann, wo es am schicklichsten, und der gleichfoͤrmigen Vertheilung nach nothwendig ist. Ich halte mich daher lieber an den andern Grund, den Sie, mein Herr, angeben, daß nemlich die Sichtbarkeit denen Cometen, die staͤrkere Nei- gungswinkel haben, mehr im Wege stehe, weil sie uns in ihren besten Umstaͤnden viel leichter unter dem Ho- rizonte bleiben koͤnnen. Sie sehen schon, daß dieses meine Regel umstoͤßt, allein ich opfere sie der Wahr- Q 4 heit Cosmologische Briefe heit um desto lieber auf, weil ich die Planeten dabey ruhiger lasse, als wenn ich mehrere kleine Neigungs- winkel annehmen sollte. Ich habe demnach gesucht, ob nicht die Halleysche Tafel einige Spuren dieser Hin- dernis angebe, die von der Sichtbarkeit herruͤhrt. Zu diesem Ende nahme ich an, die besten Um- staͤnde der Sichtbarkeit eines Cometen fallen auf den Theil seiner Bahn, welcher zwischen ihren beyden Kno- ten liegt, und um die Sonne geht, oder auf die Sei- te des Perihelii . Es wird dieses wohl bey den mei- sten zutreffen, ungeacht es auch einige Ausnahmen ha- ben kann. Hieraus folgerte ich nun, daß, wenn das Peri- helium austral ist, der Comet in seinen besten Umstaͤn- den der Sichtbarkeit desto leichter unter unserm Hori- zonte bleiben koͤnne, je groͤsser der Neigungswinkel sei- ner Bahn gegen die Eccliptic ist. Hingegen wenn das Perihelium in die noͤrdliche Halbkugel faͤllt, so hindert die Groͤsse des Neigungswinkels die Sichtbar- keit nicht, im Gegentheil wird der Comet desto mehr uͤber unsern Horizont erhoͤht. Ich theilte demnach die Cometen in diese zwo Classen, und fande fuͤr die Borealischen die Neigungs- winkel 18, 31, 32, 32, 32, 55, 64, 79, 83, 83. hingegen fuͤr die Australischen die Winkel 5, 6, 11, 21, 29, 37, 60, 65, 74, 79. Die Minuten und Secunden lasse ich Kuͤrze halber weg. Hieraus sahe ich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ich wohl, daß die Neigungswinkel der Australischen durchgehends kleiner waren, hingegen bey den Borea- lischen der kleinste sich auf 18. Grad beliefe. Bey je- nen war der groͤßte 79°. bey diesen aber liefen noch zween bis auf 83. Grad. Bey dieser Eintheilung finden sich nun in jeder Classe weniger Cometen, und daher mehr Luͤcken, so daß ich sie nun nicht von 10. zu 10. Grad, sondern nur von 0. bis 60. und von 60. bis 90°. vergliche. Denn nach der Regel, die Sie, mein Herr, gegeben, sollten in diesen beyden Intervallen gleich viele seyn. Bey den 11. Noͤrdlichen sind 6. von 0. bis 60. Grad, und 5. von 60. bis 90. Grad. Bey den Suͤdlichen aber sind 6. von 0. bis 60. Grad, und nur 4. von 60. bis 90, weil bey diesen die groͤssern Neigungs- winkel seltener vorkommen. Ich trage demnach kein Bedenken, meine Re- gel aufzugeben, die mir ohnehin anstoͤssig ware, und den Grund, warum sie mit der Tafel noch ziemlich zu- trafe, darinn zu suchen, daß die Sichtbarkeit der groͤs- sern Neigungswinkel, wenn die Cometen Suͤdlich sind, im Wege stehe. Auf diese Art hat zwar die Eccli- ptic nichts zum voraus, aber die Anzahl der kleinern Neigungswinkel wird geringer, und dieses scheint mir auch des Ausweichens halber viel dienlicher zu seyn. Das Unerwartete hiebey ist, daß die verschiedene Stuffen der Sichtbarkeit der wirklichen Vertheilung der Pole von den Cometenbahnen just so Abbruch O 5 thun, Cosmologische Briefe thun, daß in der Halleyschen Tafel statt Ihrer Regel die meinige vorkoͤmmt, und diese Vermischung beyder Umstaͤnde mich zur Annehmung der gleich moͤglichen Neigungswinkel verleitet hat. Indessen ist es un- streitig, daß sich die Sache noch mehr aufklaͤren wird, wenn diese Tafel wird vollstaͤndiger gemacht werden. Ein und eben derselbe Comet ist nicht bey jeder Ruͤck- kunft gleich sichtbar, und man muß sie jedesmal in ihren besten Umstaͤnden der Sichtbarkeit in die Tafel bringen. Der Abstand der Perihelien von der Sonne mag auch etwas zu der Vertheilung der Neigungswinkel beytragen. Ein Comet, wie der von 1680, muß fast nothwendig einen groͤssern Neigungswinkel gegen die Eccliptic haben, weil seine Ellipse ungemein schmal wird. Aus der Halleyschen Tafel erhellt uͤber- haupt, daß die Neigungswinkel groͤsser sind, je naͤher das Perihelium bey der Sonne ist. Ist dasselbe wei- ter hinweg, so finde ich in der Tafel alle Neigungs- winkel. Die Lage der Bahn eines Cometen wird de- sto willkuͤhrlicher, je mehr sein Perihelium von der Sonne entfernt ist. Seine Ellipse breitet sich mehr aus, und um desto leichter kann sie sich von der Flaͤ- che der Planetenbahnen, und uͤberhaupt von jeder an- dern entfernen. Dieses ist die Aufloͤsung, die Sie mir, mein Herr, haben vorlegen wollen, so gut ich sie habe fin- den koͤnnen. Habe ich sie vollstaͤndig getroffen, so stoͤßt sie uͤber die Einrichtung des Weltbaues. sie meine Regel um, und ich opfere sie der Sicherheit unserer Erde, die Sie, mein Herr, viel ungestoͤrter machen, und daher zugleich auch der Harmonie unse- rer Gedenkensart mit Freuden auf, weil ich die Re- gel, so Sie gegeben, genauer erwiesen, und die Hin- dernisse weggeschaft, die sie unwahrscheinlicher mach- ten. Es wird mir jedesmal ein Vergnuͤgen seyn, wenn Sie mir so wohl neue Wege zeigen, als auch mich wieder darauf fuͤhren, wenn ich in meinen nach und nach kuͤhnern Untersuchungen davon abgehen soll- te. Ich kann es von Ihrer Freundschaft erwarten, und jede neue Probe wird mir den verbindlichsten Dank vergroͤssern, in den Sie mich schon so ofte gesetzt ha- ben, und mit welchem ich alle Anlaͤsse ergreifen werde, um zu zeigen, daß ich mit vollkommenster Ergebenheit verbleibe, Mein Herr ꝛc. Acht- Cosmologische Briefe Achtzehnter Brief. S o lange Sie, mein Herr, fortfahren werden, zu Fortsetzung meiner Gedanken uͤber die Ein- richtung des Weltbaues solche Anlaͤsse zu ge- ben, wie Sie dieselben in Ihren Schreiben bisher auf- gehaͤuft haben, werde ich mich wohl nicht uͤber den Mangel fernerer Einfaͤlle zu beschweren haben, und es ist mir eine wahre Freude, daß Sie mich immer auf- muntern, die Tiefen des Firmamentes noch mehr zu durchforschen. Stoff, Beytraͤge, Fragen und Zwei- fel, kurz, alles, was Sie mir dazu angeben wollen, werde ich suchen so anzuwenden, daß wir noch mehre- res finden koͤnnen, und daß das bisher Gefundene im- mer mehr zusammenhangend werde. Aber beklagen Sie sich nicht daruͤber, als wenn es Ihnen nicht ge- lingen sollte, selbst etwas hierinn zu finden. Die Schluͤsse, die Sie aus denen ziehen, so ich gemacht habe, um einen dunkeln Koͤrper in den Mittelpunct jedes Fixsternensystems zu setzen, und die Sie sogleich auch allgemeiner machen, und auf jede Milchstrassen und groͤssere Systemen, ja endlich bis auf die ganze Schoͤpfung ausdehnen, sind offenbare Proben, daß es Ihnen weder an der Allgemeinheit noch an der Staͤrke der Erkenntniskraͤfte und ihrer Anwendung in dieser Sache fehle. Sie reichen ja bis zu den scharf- sinnigern Fragen und Zweifeln, und suchen Mittel, auch diese noch zu heben, um noch weiter fortzugehen, und dazu fordern Sie mich nun auf. Sie verlang- ten, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ten, daß ich Sie fuͤhren sollte, und, sehen Sie, nun bringen Sie mich unvermerkt zu dem Mittelpunct des ganzen Reiches der Wirklichkeit. Entzuͤckt uͤber die Pracht, Groͤsse, Majestaͤt und Schoͤnheit dieser Stel- le, die Ordnung und Gesetze durch die ganze Schoͤp- fung ausbreitet, wohin jede einzele Theile zielen, und um welchen sie saͤmtlich ihren Lauf richten, und in ge- setzten Bahnen zuruͤck gehalten werden, fordern Sie einen Dichter auf, der seine Farben darleihe, uns die- se Stelle reizend genug zu schildern, wo das erste Triebrad jeder Bewegung der Weltsystemen ist. Von da aus schwingen Sie sich gegen die aͤussersten Grenzen des Weltbaues, und uͤberdenken die Zeit des Umlau- fes der entferntesten Systemen um diesen Ort, der je- de einzeln Theile durch allgemeine Kraͤfte verbindet, und sie zum Ganzen macht. Allein ich kehre mit Ihnen wieder zu philosophi- schen Untersuchungen zuruͤcke. Sie erstaunen uͤber die ungeheure Groͤsse solcher Koͤrper, die ganze Fixster- nensystemen, ganze Milchstrassen, und kurz, die gan- ze Schoͤpfung in Ordnung halten sollen. Ungeacht dieses Erstaunen Sie bald dahin verleitet, daß Sie gerne etwas dergleichen sehen moͤchten, so glaube ich doch, daß Sie es nicht aus Gruͤnden thun, wie die, die in viel leichtern Sachen zum Glauben die Autopsie fordern. Sie wollen deßwegen sehen, weil Sie ver- muthen, es werde moͤglich seyn, und Koͤrper von so ungeheurer Groͤsse, wenn sie auch nicht mehr erleuch- tet waͤren, als es Jupiter oder Saturn ist, muͤßten noch Cosmologische Briefe noch einen solchen scheinbaren Diameter haben, daß man wenigstens den naͤchsten durch Fernroͤhren entde- cken sollte. Sie stellen sich zum voraus seine Phases und Flecken vor, und bestimmen die Abwechslungen in seiner scheinbaren Gestalt. Es wundert mich, daß sie nicht das bloße Licht im Orion wieder von der Classe der Milchstrasse ausschloßen, und dasselbe zu einem hellern Theile eines solchen Koͤrpers machten. Sie wußten ja, daß Derham es nicht als ein wahres Licht, sondern nur als eine Art von Wiederschein an- sehen wollte, den man wie durch eine Oefnung, als ei- nen Abglanz des Caeli empyrei sehe. Diese Be- schreibung schickte sich besser fuͤr einen erleuchteten, als fuͤr einen leuchtenden Koͤrper. Eben so wußten Sie, daß man die scheinbare Gestalt dieses blassen Lichtes veraͤndert gefunden, welches in so wenigen Jahren von einer Milchstrasse nicht wohl kann gesagt, oder wenigstens nur dadurch erklaͤrt werden, wenn man den Grund von der groͤssern oder kleinern Durchsich- tigkeit unserer Luft hernehmen koͤnnte. Die Sonne, die einen solchen Koͤrper erleuchtet, mag uns als ein sehr kleiner Fixstern vorkommen, wenn nur der Koͤr- per groß genug ist, um einen merklich grossen schein- barn Diameter zu haben, und nicht zu gar weit ent- fernt, als daß sein Licht durch die Himmelsluft ganz sollte geschwaͤcht werden, so thun uns die Fernroͤhren hierinn die behoͤrigen Dienste. Dieses schwache Licht ist uͤberdiß im Orion, in welcher Gegend Sie ohnede- me den Mittelpunct unseres Fixsternensystems haben suchen wollen. Ich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Ich habe dasselbe noch nicht durch ein Fernrohr, sondern nur im Kupfer gezeichnet gesehen. Da etli- che Fixsterne vor demselben stehen, so kann ich, aller dieser Gruͤnde ungeacht, nicht in Abrede seyn, daß es mir zu groß vorkomme, so ungeheuer auch die Groͤsse des Koͤrpers seyn mag, den ich in den Mittelpunct ei- nes Fixsternensystems setze. Indessen aber, da man es veraͤnderlich gefunden hat, so gebraucht es wenige Jahre, um zu sehen, ob sich in seinen Veraͤnderungen so etwas einfoͤrmiges zeigt, das man aus einer Bewe- gung um die Axe und aus dem Umlaufe einer Sonne um dasselbe erklaͤren koͤnnte. Ich wuͤnschte mit Ih- nen, mein Herr, daß es so befunden, oder daß uͤber- haupt ein solcher Koͤrper entdeckt wuͤrde, weil es un- streitig eine betraͤchtliche Erleichterung fuͤr die naͤhere Bestimmung des Fixsternensystems waͤre. Ich wuͤr- de sodann die Beweise, die ich fuͤr das Daseyn solcher Koͤrper aufgesucht habe, so weit ausdehnen, als Sie nur immer wollten. Da es aber inzwischen unausgemacht bleibt, so kehre ich zu diesen Beweisen zuruͤck, um genauer zu pruͤfen, worauf sie sich gruͤnden, und wie weit sie rei- chen, und da finde ich wieder an den netten Bildern, die Sie sich, mein Herr, daruͤber entworfen haben, ein erwuͤnschtes Huͤlfsmittel, meine Beobachtungen ordentlicher einzurichten. Nachdem es nun einmal ausgemacht ist, daß die Fixsterne sich verruͤcken, und man es als eben so ausgemacht ansehen kann, daß ih- re Bewegung nicht geradlinicht, sondern kreyßfoͤrmig ist, Cosmologische Briefe ist, und daher die Central- Kraͤfte dabey vorkommen, so wird die Hauptfrage diese seyn, die Sie, mein Herr, bereits gemacht haben, ob man das Regiment eines ganzen Fixsternensystems einem einigen Fixstern anver- trauen koͤnne? Sie haben diese Frage in eine aͤhnli- che verwandelt, da Sie die Sonne wegnahmen, und schauten, wie die Unordnung und Zerstreuung in un- serm Planeten- und Cometensystem wuͤrde muͤssen ver- mieden und gehoben werden. Diese Frage zeigte Ih- nen sogleich, daß Jupiter, oder wenn dieser auch weg- kaͤme, Saturn sich auf den Thron schwingen wuͤrde, weil diese beyden Koͤrper, wenigstens unter allen, die uns zu Gesichte kommen, die maͤchtigsten Kraͤfte ha- ben. Setze ich demnach, ein Fixsternensystem seye in dem gemeinsamen Mittelpunct ganz oͤde, oder es habe darinn keinen solchen Koͤrper, der es ganz regieren, und jeden Fixstern mit seinem Gefolge in Ordnung halten koͤnne, so lassen sich folgende Betrachtungen ma- chen. Da die Fixsterne sich nicht in geraden Linien bewegen sollen, so muͤssen sie davon abgelenkt werden, und ihre Geschwindigkeit muß dieser Ablenkung ange- messen seyn, damit sie immer ein System ausmachen. Denn diese Subordination laͤßt sich nicht aufheben, sie ist fuͤr die Einrichtung des Weltbaues viel zu noth- wendig. Was nun die Sterne von der geraden Linie ab- lenken kann, ist hier nichts anders als die Schwere, die uͤber die Einrichtung des Weltbaues. die sie gegen jede andere haben, und die Ablenkung selbst geschieht nach der mittlern Directionslinie, wel- che entsteht, wenn man jede einzele Richtungen zu- sammensetzt. Sie ist demnach alle Augenblicke veraͤn- derlich, und schon dieses macht sie sehr unglaͤublich, und der Analogie widersprechend. In der That, in unserm Sonnensystem ist diese Richtung bey jeden Planeten und Cometen so gut als einfach, die wenigen Faͤlle ausgenommen, wo zweene derselben sehr nahe bey ein- ander vorbey laufen. Bey den Fixsternen, deren je- der wegen seines ganzen Gefolges viel ungestoͤrter seyn muß, sollte nun eine so einfache Richtung nicht statt haben, sondern eine andere, die aus Millio- nen kleinerer zusammengesetzt, und jede Augenbli- cke veraͤnderlich ist? Dieses wird nicht wohl ange- hen. Ferners laͤßt sich wohl begreifen, daß in solchem Fall die mittlere Richtungslinie der Schwere bey den aͤussersten Fixsternen des Systems ziemlich ordentlich gegen den Mittelpunct gehen wuͤrde, und daß, weil die einzelnen Richtungen alle auf eine gleiche Seite fallen, die Summe von allen merklicher waͤre, und daher auch die Geschwindigkeit des Laufes groͤsser seyn muͤßte. Nehme ich hingegen einen Fixstern in der Mitte des Systems, so ist er gegen alle Sei- ten hinaus schwer. Die Schwere in jeden entgegen- gesetzten Richtungen hebt sich auf, ihre Wirkung faͤllt weg, und der Stern ist so gut, als wenn er gar keine oder eine unmerklich kleine Schwere R haͤtte. Cosmologische Briefe haͤtte. Da er also entweder gar nicht, oder sehr wenig von der geraden Linie abgelenkt wuͤrde, so koͤnnte er auch fast gar keine Geschwindigkeit ha- ben. Kurz, die Ordnung waͤre nicht nur unend- lich zusammengesetzt, sondern vollends umgekehrt. Die aͤussersten Sterne des Systems wuͤrden sich am geschwindesten, die inneren aber desto langsa- mer bewegen, je naͤher sie bey dem Mittelpuncte waͤren. Alles dieses aͤndert sich, und die Ord- nung wird harmonisch und einfach, wenn ich wie- der den dunkeln Koͤrper in den Mittelpunct setze. Hiezu rechne ich noch, daß ich nicht gedenke ein Fixsternensystem in gleicher Stelle zu lassen. Es gehoͤrt zu einer Milchstrasse, und sein Mittel- punct solle um den Mittelpunct der Milchstrasse eine sehr ordentliche Laufbahn haben. Dieses fordert die Analogie, die von System zu System fortgeht, und jede Gesetze der Bewegung immer einfacher macht, je groͤsser ein System ist. Neh- men Sie z. E. nur den Jupiter weg, wie bald werden seine Trabanten zerstreut werden? Solle sich ein ganzes System in einer Laufbahn bewe- gen, und beysammen bleiben, so muß im Mit- telpunct ein Koͤrper seyn, der es mit sich herum fuͤhrt. Fuͤr die Groͤsse solcher Koͤrper bin ich eben nicht besorgt. Sind sie wegen der Erhaltung einer einfa- chen und gesetzten Ordnung nothwendig, so muͤssen sie ihre uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ihre angemessene Groͤsse haben, so erstaunungswuͤrdig diese uns vorkommen mag. Ich finde uͤberhaupt, daß wir uns in der Astronomie immer mehr zu groͤssern Dingen gewoͤhnen, und die Maaßstaͤbe weglassen muͤs- sen, die wir auf der Erde gebrauchen. Sie fallen ins unendlich Kleine, und verschwinden vor unsern Augen, wenn wir astronomische Blicke in das Firma- ment thun. Fangen wir bey den Satelliten an, und gehen zu den Hauptplaneten und Cometen, und von diesen zu den Sonnen, so sind die Sonnen in der Sprache des Himmels nur noch Koͤrper vom dritten Range. So blieben wir, wie bey den Systemen, zu- ruͤcke, aber wir muͤssen diese Rangordnung bey beyden als noch viel vollstaͤndiger ansehen. Den vierten Rang haben die Koͤrper, welche ganze Fixsternensyste- me regieren, und diese sind die Grundlage zu den Milchstrassen, deren jede sich um einen Koͤrper vom fuͤnften Range bewegt. Und so weiter, bis wir end- lich zu dem kommen, der die ganze Schoͤpfung als sein Gebiet beherrschet, und gegen sich schwer macht. Aber ich muß Ihnen, mein Herr, noch auf eine andere Art zeigen, daß wir noch wenig wissen, was groß oder klein ist. So lange wir nicht wissen, wie weit die Sonne von dem Mittelpunct des ganzen Welt- gebaͤudes entfernt ist, und in wie viel Zeit sie um den- selben herum koͤmmt, koͤnnen wir nicht sagen, wie ge- schwinde sich die Erde oder jeder anderer Planet be- wegt. Die Ellipsen, in welchen wir die Planeten und Cometen einherwandeln machen, sind eine bloße Er- R 2 dich- Cosmologische Briefe dichtung, und nicht besser, als wenn wir in der sphaͤ- rischen Astronomie annehmen, der Himmel drehe sich um die Erde. Es ist noch weit gefehlt, daß das Co- pernicanische System etwas mehr als eine nuͤtzliche und brauchbare Hypothese seyn sollte. Sehen Sie, ich kehre nun vollends alles um, allein ich werde Ihnen andere und bessere Beweise geben, als es die Ptolo- maͤicker und Tychonianer thun. Um bey einem Beyspiele anzufangen, welches zunaͤchst bey uns, und schon bekannt ist, so setzt man, der Mond bewege sich in einer Ellipse um die Erde, und in dieser komme er ungefehr in 27. Tagen herum. Dieses wuͤrde angehen, wenn die Erde unbewegt blie- be. Allein nimmt man an, die Erde laufe in einer Ellipse um die Sonne, so faͤllt die Ellipse des Mon- des ganz weg, und nunmehr lauft der Mond in einer Cycloidal- Linie um die Sonne, und zwar etwas ge- schwinder als die Erde, weil er Umwege zu nehmen hat, und dennoch in gleicher Zeit herumkoͤmmt. Die- ses geht wieder an, so lange man annimmt, die Son- ne seye unbewegt. Allein sie aͤndert ihren Ort so gut als jede Fixsterne. Setzt man, sie bewege sich in ei- ner Ellipse um den Mittelpunct des Fixsternensystems, zu welchem sie gehoͤrt, so faͤllt die Ellipse der Erde und die Cycloidal- Linie des Mondes weg, und beyde verwandeln sich in Cycloidal- Linien, die Erde laͤuft in einer vom ersten, und der Mond in einer vom zweyten Grade. Es ist fuͤr sich klar, daß die Ge- schwindigkeit immer zunimmt. Dieses uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Dieses geht wieder an, so lange der Mittelpunct des Fixsternensystems oder der vorhin sogenannte Koͤr- per vom vierten Range unbewegt bleibt. Da aber nirgends Ruhe in der Welt ist, so wird wieder muͤssen gesetzt werden, dieser Koͤrper habe einen Kreyßlauf, und so wird die Sonne in einer Cycloidal- Linie vom ersten, die Erde vom zweyten, und der Mond vom dritten Grade einhergehen. Aber alles dieses sind noch immer Hypothesen, bis wir zu dem Koͤrper kom- men, der die ganze Schoͤpfung um sich lenkt. Waͤre dieser vom 1000ten Range, so wuͤrde die Erde eine Cycloide vom 998ten Grade beschreiben, und die Geschwindigkeit, die dabey heraus kaͤme, waͤre ihre wahre Geschwindigkeit. Wie groß wird diese seyn, und wer wird die Natur dieser Cycloide, ihre tau- sendfache Wendungen und ihren Umfang bestimmen? Was ich hier von dem Monde gesagt habe, gilt von jedem Satelliten, das von der Erde erstreckt sich auf jede Planeten und Cometen, und das, so ich von der Sonne sagte, von jeden andern Sonnen, und so weiter. Die Ordnung wird zusammengesetzter, je nie- driger der Rang der Koͤrper ist, und die Art, wie sie zusammengesetzter wird, richtet sich nach einem glei- chen Gesetze, oder nach den Stuffen der Cycloidal- Linien, die sie durchlaufen. Wie gefaͤllt Ihnen, mein Herr, dieser Beweis? Ich gestehe Ihnen gerne, daß ich mich dabey verwirre, wenn ich die Folgen davon mir vorstellen will. Allein R 3 Sie Cosmologische Briefe Sie wissen sich schon zurecht zu helfen. Ich werde sie demnach nur angeben. Im eigentlichsten Verstan- de laͤuft unsere Erde, und uͤberhaupt jeder Weltkoͤrper um den Mittelpunct der Schoͤpfung. Mit der Son- ne hat sie weiter nichts zu thun, als daß sie dieselbe begleitet, bestaͤndig in ihrer Nachbarschaft bleibt, um ihr Licht und ihre Waͤrme zu nutzen. Hiezu gebraucht sie einen Umweg, weil das Gesetz der Schwere kein ander Mittel leidet, zween und mehrere Koͤrper bey- sammen zu behalten. Ich will nicht bestimmen, wie viele Koͤrper zu jedem Range gehoͤren, aber aus jedem Range nehme ich einen, zu welchem unsere Erde ge- hoͤrt, und gegen welchen sie nothwendig eine Schwere hat. Sie ist gegen die Sonne schwer, damit sie in der Cycloide um sie bleibe. Mit der Sonne zugleich ist sie gegen den Koͤrper vom vierten Range schwer, damit beyde in desselben Naͤhe und unter seinem Ge- folge bleiben. Dieser Koͤrper, die Sonne und die Erde sind gegen den Koͤrper vom fuͤnften Range schwer, der die Milchstrasse regiert, wiederum damit sie sich nicht zerstreuen. Auf diese Art schreite ich wei- ter fort, und bey jedem Schritte bekoͤmmt die Cycloi- dal- Linie der Erde neue und groͤssere Wendungen zu den kleinern, die sie nimmer behaͤlt. Es scheint, als wenn die Satelliten uns zum Muster dessen dienten, was im Grossen vorgeht. Die Cycloidal- Linien, die wir bisher bey ihnen angenommen haben, zeigen uns, daß wir eben nicht bey den Ellipsen stehen blei- ben sollen, wenn wir den wahren Lauf der Weltkoͤrper uns vorstellen wollen, und beyde sind viel zu einfach fuͤr uͤber die Einrichtung des Weltbaues. fuͤr Koͤrper von so niedrigem Range. Die Ellipsen kommen nur denen zu, die unmittelbar von dem Re- genten des Weltbaues abhaͤngen, und demselben so subordinirt sind, daß sie seine ersten Befehle unter sich vertheilen, und sie durch ihre unmittelbar Untergebe- nen weiter ausbreiten. Diese muͤssen sich schon et- was mehr Muͤhe geben, und in Cycloiden vom ersten Grade laufen, wie wir sie bisher dem Monde zugeeig- net haben. Sie sehen, mein Herr, hierinn einen kurzen Entwurf von der Subordination, die in der Welt herrscht. Hatte ich Unrecht, zu sagen, daß alles ein- facher werde, je naͤher es dem Ganzen koͤmmt? Oder solle ich meine dunkeln Koͤrper, die ich zu Regenten der Fixsternensystemen, der Milchstrassen, der Syste- men von Milchstrassen ꝛc. gesetzt hatte, wieder abschaf- fen, und in dem Weltbaue eine Democratie einfuͤh- ren? Er ist viel zu groß dazu, und wenn nicht jeder Theil ohne Ordnung thun solle, was er will, so muͤs- sen kraͤftigere Gruͤnde da seyn, ihn in gesetzter Ord- nung zu halten, und den Weltbau zu einem durch vie- le Stuffen durch wohleingerichteten und harmonischen Ganzen zu machen. Da wir die wahre Cycloide, so die Erde durch- laͤuft, allem Ansehen nach niemals kennen werden, so haben wir die Wahl, in den Hypothesen so weit zu ge- hen, als wir wollen. So lange wir nur Planeten und Cometen zu berechnen haben, wuͤrden wir ohne R 4 Grund Cosmologische Briefe Grund von der Copernicanischen abweichen. Sie ist viel zu bequem zu diesen Rechnungen. Eben so koͤn- nen wir es bey einer Cycloide vom ersten Grade be- wenden lassen, wenn wir nur unser Fixsternensystem genauer bestimmen wollen. In etlichen tausend Jahr- hunderten mag es vielleicht Zeit seyn, an eine Cycloi- de vom zweyten Grade zu denken, um die Systemen, so die Milchstrasse ansmachen, in Ordnung zu bringen. So unerschoͤpflich ist die Astronomie, daß wir uns nothwendig mit Hypothesen begnuͤgen muͤssen, und nun nur so viel einsehen, wie diese Hypothesen nach und nach weiter ausgebreitet und zusammengesetzter ge- macht werden muͤssen. Sie gehen durch unzaͤhlige Stuffen naͤher zum Wahren, und mit jeder Stuffe faͤngt ein neuer Maaßstab von Raum und Zeit an. Unser dermaliger Maaßstab ist fuͤr den Raum der Halbmesser der Erdbahn in der Copernicanischen Hy- pothese, fuͤr die Zeit aber ein Jahr, oder die Dauer des Umlaufes der Erde. Da wir Hoffnung haben, nun bald zur zweyten Hypothese zu gelangen, so wer- den wir den Abstand der Sonne von dem Mittelpunct des Fixsternensystems und die Zeit ihres Umlaufes um denselben als Maaßstaͤbe annehmen koͤnnen. Die dritte Epoche, die noch groͤssere Maaßstaͤbe erfordert, bestimme ich nicht, und noch viel weniger die darauf folgenden. Wie bequem ist uns indessen diese Auswahl der Hypothesen, da wir die zusammengesetztern immer in die einfachern aufloͤsen koͤnnen. So thun wir es be- reits uͤber die Einrichtung des Weltbaues. reits bey dem Monde, fuͤr dessen Laufbahn wir hoͤch- stens nur alsdenn eine Cycloide vom ersten Grad an- nehmen, wenn wir die von der Wirkung der Sonne herruͤhrende Abweichungen und Ungleichheiten seines Laufes eroͤrtern sollen. In jedem andern Falle lassen wir ihme eine Ellipse gelten, weil sie einfacher ist, und auf diese suchen wir die Ungleichheiten auf eine schickli- che Art zu schieben, um die Berechnung seines Laufes desto leichter zu machen. Auf eben diese Art werden wir die Bahnen der Planeten und Cometen Ellipsen seyn lassen, wenn gleich der Umlauf der Sonne einige Ungleichheiten darinn wird entdecken lassen. Wir haben uns ohnedem schon vollkommen an die Sprache des Copernicanischen Systems gewoͤhnt, und es ist eine viel zu bequeme Hypothese, als daß wir von Cycloiden reden sollten, wo es nicht besonde- re Umstaͤnde erfordern, dergleichen z. E. die Bestim- mung von den Ungleichheiten in dem Umlaufe der Er- de und anderer Planeten, oder die von der Lage der Fixsterne mit der Zeit seyn wird. In allen uͤbrigen Faͤllen bleiben wir bey den Ellipsen, wir lassen die Sonne unbewegt, und fuͤhren die bisher gewoͤhnliche Sprache, weil wir die wahre dennoch niemals werden auf eine bestimmtere Art fuͤhren koͤnnen. Ich werde sie nun ebenfalls wieder annehmen, da ich noch auf die uͤbrigen Stellen Ihres Schreibens zu antworten habe. Sie behaupten, mein Herr, aus guten Gruͤnden, daß unsere Sonne bey der grossen R 5 Anzahl Cosmologische Briefe Anzahl von Cometen viel ruhiger bleibt, und ihr Mit- telpunct von dem Mittelpuncte des Systems weniger abweichen kann, als wenn die Planeten allein waͤren. Sie behaͤlt gegen den Jupiter und Saturn noch alle- zeit eine sehr betraͤchtliche Schwere, welche zureichend waͤre, sie in einem Circul herum zu ziehen, dessen Halbmesser ungefehr so groß als der Durchmesser der Sonne waͤre. Dieser Circul waͤre noch uͤberdiß vie- len kleinen Abweichungen unterworfen, die ungefehr eine Periode von 20. Jahren, als der Zeit einer gros- sen Conjun c tion haͤtten. Dieses aber hat nun nicht statt, weil aller Orten um die Sonne herum eine be- traͤchtliche Anzahl von Cometen ist, deren jeder die Sonne etwas gegen sich zieht, und eben dadurch weicht sie so gut als gar nicht. Ich bleibe noch immer da- bey, daß die groͤßten Cometen nicht nahe zur Sonne, und daher auch nicht in unsern Gesichtskreyß kommen. Wir hatten dieses aus der Oeconomie des Raumes, der nahe bey der Sonne gespahrt werden muß, und aus der ungestoͤhrten Ruhe der Planeten und Come- ten hergeleitet; und nun koͤnnte es auch daraus ge- folgert werden, daß die Sonne selbst ungestoͤrt blei- ben muͤsse. Erinnern Sie sich hiebey, mein Herr, daß ich in der Sprache der Copernicanischen Hypothese rede. Denn an sich betrachtet, wird die Sonne ge- nug beschaͤftigt, weil sie in ihrer Cycloidal- Linie vom 997ten Grade noch eben so vielen Befehlshabern Folge leisten muß. Denn ich bleibe nun bey die- ser Subordination, so unzureichend sie bewiesen seyn mag. Sie ist viel zu harmonisch, als daß ich sie bis zu uͤber die Einrichtung des Weltbaues. zu einer kuͤnftigen Erfahrung ohne Sehen nicht an- nehmen sollte. Sie haben mich Ihnen, mein Herr, durch die Aufloͤsung der Frage von den Neigungswinkeln der Cometenbahnen sehr verbunden. Sie setzten dabey, Ihrer Gewohnheit nach, meine Untersuchung daruͤber in ein mehreres Licht, und was ich noch jedesmal an Ihnen hochzuschaͤtzen gefunden habe, so fuͤhren Sie dieselbe, ohne Ruͤcksicht auf Ihre eigene Meynung, so fort, daß Sie zur Wahrheit kommen wollen, auch wenn Sie Ihre eigene Gedanken umkehren muͤßten. Sie koͤnnen immer versichert seyn, daß Sie sich diese edle Absicht, ohne mein Zumuthen, vorsetzen, weil ich in der That die Sache im Zweifel liesse, und die so gar ordentliche Uebereinstimmung Ihrer Rechnung mit der Halleyschen Tafel mir ein Hauptanstoß fuͤr meine Meynung ware. Waͤre diese richtig, so wuͤr- de ich mich an die verschiedene Sichtbarkeit halten, und mich verwundern, daß diese vermoͤgend waͤre, ein leichtes Gesetz in ein noch leichteres zu verwandeln, und die Neigungswinkel, deren Anzahl ich wie die Cosinus derselben zu nehmen machte, in der Tafel schlechthin als gleichfoͤrmig ausgetheilt vorzustellen. Waͤren sie aber in der That gleich ausgetheilt, so ver- fiele ich wieder auf die Perihelien, weil ich ohnedem sehe, daß ihr Abstand von der Sonne einen sehr star- ken Einfluß in die Bestimmung der Anzahl und Lage der Cometenbahnen hat. Da Cosmologische Briefe Da also hiebey vielerley Umstaͤnde vorkommen, und, wie Sie es, mein Herr, selbst anmerken, die ganze Sache nicht die wirkliche, sondern nur die wahrscheinliche Vertheilung der Cometenbahnen an- giebt, so habe ich auch die Untersuchung meiner Fra- gen nicht weiter verfolgt, und werde es dahin gestellt seyn lassen, bis die Verzeichnis der Cometen vollstaͤn- diger wird. Es koͤnnte dennoch seyn, daß die Ec- cliptic hierinn etwas voraus haͤtte, es mag nun von der Sichtbarkeit, oder von irgend einer andern Ursa- che herruͤhren. Vielleicht hat der Kreyßlauf der Son- ne um den Mittelpunct unseres Fixsternensystems auch etwas dabey zu sagen. Wir koͤnnen uͤberhaupt noch wenig Gruͤnde angeben, warum die Flaͤche der Plane- tenbahnen, die von dem Aequator der Sonne und die von ihrer Athmosphære zusammentreffen. Da ich diesen Kreyßlauf der Sonne nun in al- les einmenge, was ihro zugehoͤrt, so habe ich noch vor wenigen Tagen wiederum das Zodiacal- Licht, oder die Athmosphære der Sonne betrachtet, und dabey waͤre ich bald wieder auf die Theorie der Wirbel ver- fallen, die man sich in die Wette bisher bemuͤht hat, bey jeden Systemen einzufuͤhren, und wieder umzu- stossen, und sie in tausend verschiedene Formen zu giessen. Daß die Sonne ihre Athmosphære, so schnell auch ihr Kreyßlauf seyn mag, dessen uneracht bey sich behalte, dieses wunderte mich nicht, weil wir es auch an unserm eigenen Wohnorte an der Erde se- hen. Daß aber diese Athmosphære sich von der Sonne uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Sonne wenigstens bis zu der Erdbahn erstrecke, und daher die beyden untern Planeten, oder Venus und Mercur, sich in derselben bewegen, dieses verleitete mich fast zu dem Schlusse, daß die Sonne alle Mate- rie und Koͤrper, die um sie herum sind, gleich als in einem Wirbel mit sich forttrage. Ich weiß wohl, daß man die Athmosphære der Sonne nicht selbst als den Wirbel ansehen kann, und daß ein Koͤrper, der sich darinn bewegt, einen ihm eigenen Kreyßlauf um die Sonne hat, welchen man den Theilgen der Ath- mosphære nicht wohl zuschreiben kann; allein dessen uneracht bleibt alles beysammen, und das ganze Son- nensystem waͤlzt sich mit der Sonne und ihrer Ath- msphære fort. Diese wird man allerdings als eine sehr duͤnne fluͤssige Materie ansehen muͤssen, damit sie durch ihren Druck gegen die Sonne, ungefehr eben so wie unsere Erdluft, zusammen haͤnge, und einen Koͤr- per ausmache, widrigen Falls wuͤrde ich fuͤr ihre Zer- streuung nicht gut stehen, und es koͤmmt mir ohnede- me vor, daß ihre Figur nicht circular, sondern ablang seye. Die aͤusserste Spitze des Zodiacal- Lichtes sieht man oͤfter bis 100. und mehr Grade von der Sonne entfernt. Ihre Figur mag nun aussehen wie sie will, so scheinet es mir, daß man annehmen muͤsse, die aus dem Auge an diese Spitze gezogene Linie seye eine Tan- gente daselbst. Die Athmosphære der Sonne scheint in eine Spitze auszulaufen, weil wir die aͤusserste Schaͤrfe davon sehen, ungefehr wie ein auf beyden Seiten erhabenes Brennglas, wenn das Aug in seiner Flaͤche liegt. Ziehen Sie nun einen Triangel, dessen drey Cosmologische Briefe drey Ecken, die Sonne, die Spitze oder der Beruͤh- rungspunct am Zodiacal- Lichte und das Aug des Zu- schauers ist. Dieser Triangel wird in dem Auge ei- nen stumpfen Winkel von 100. Grad haben, daher muß jeder der beyden uͤbrigen kleiner als 90. Grad seyn. So klein Sie nun den Winkel in der Sonne machen, so wird der, so an dem Beruͤhrungspuncte ist, immer kleiner als 80. Grad seyn. Dieses ist unmoͤg- lich, wenn die Figur oder der aͤussere Umriß des Zo- diacal- Lichtes, nach seinem Aequator genommen, circular und mit der Sonne concentrisch waͤre. So- dann ist die Seite, die dem stumpfen Winkel gegen uͤ- ber steht, groͤsser als jede der beyden andern. Man schließt daraus allerdings richtig, daß die Spitze des Zodiacal- Lichtes weiter von der Sonne weg seyn muͤsse, als die Erde, wenn sie mehr als 90. Grad von der Sonne absteht. Zu andern Zeiten, und vermuth- lich zu andern Jahrszeiten betraͤgt dieser Abstand kaum 50. bis 60. Grad. In diesem Falle ist die Spitze in- nerhalb der Erdbahn. Man hat daraus geschlossen, die Sonnen- Athmosphære muͤsse sehr veraͤnderlich seyn, und dieser Schluß ist nothwendig, so bald man annehmen kann, ihre Figur seye circular und der Sonne concentrisch. Allein nimmt man dieses an, so bleibt kein Mittel, zu erklaͤren, wie die aͤusserste Spi- tze von der Sonne 100. und mehr Grade abstehen koͤnne. Die Erde wuͤrde sich darinn befinden, weil sich diese Athmosphære uͤber die Erdbahn hinaus er- streckte. Daraus aber folgt nothwendig, daß man das Zodiacal- Licht uͤber den ganzen Himmel verbreitet se- hen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. hen muͤßte, diß will nicht mehr sagen, als daß es sich mit der Demmerung vollkommen vermische. Man wird keine wohl abgeschnittene und in eine Spitze zu- laufende Figur davon sehen. Dieser Unterschied aͤussert sich bey uns nach den Jahrszeiten. Wir sehen das Zodiacal- Licht vom An- fange des Herbstes und den Winter durch bis zu An- fang des Fruͤhlings. Im Sommer laͤßt es sich nicht sehen, und man hat grossen Theils der Demmerung Schuld gegeben. Allein vermuthlich ohne voͤllig zu- reichenden Grund. Da ich seine Figur ablang und der Sonne nicht concentrisch setze, so werde ich sie Kuͤr- ze und mehrerer Deutlichkeit halber als eine laͤnglichte Ellipse ansehen, in deren Brennpunct die Sonne ist. Das Aphelium ist ausserhalb, und das Perihelium innerhalb der Erdbahn. Unsere Erde geht demnach in den Sommermonaten bey dem Aphelio der Son- nen- Athmosphære durch dieselbe. In den Winter- monaten geht sie bey ihrem Perihelio vorbey, aber ausserhalb demselben. Es wuͤrde etliche Jahre von Observationen er- fordern, die man in dieser Absicht anstellen muͤßte, um zu sehen, wieferne sich die Figur des Zodiacal- Lichtes vermittelst solcher Tangentenlinien bestimmen liesse, und wieferne die Veraͤnderlichkeit der Sonnen- Ath- mosphære in die scheinbare Gestalt und Laͤnge dersel- ben einen Einfluß haben kann: Es deucht mich noch immer am schwersten zu seyn, einen Grund anzugeben, woher Cosmologische Briefe woher es komme, daß die Spitze dieses Lichtes 100. und noch mehr Grade von der Sonne abstehen koͤnne, wenn es sich nicht sollte aus der laͤnglichten Figur der Sonnen- Athmosphære herleiten lassen. Waͤre aber diese Figur laͤnglicht, so wuͤrde ich nicht wohl einen andern Grund davon suchen, als den Kreyßlauf der Sonne und ihre Schwere gegen den Mittelpunct des Fixsternensystems. Doch bis zu mehreren Erfahrun- gen und Observationen hieruͤber lasse ich die Sache ausgestellt. Die Theorie der Sonnen- Athmosphære scheint mir noch nicht genug entwickelt zu seyn, wenig- stens so weit sie mir bekannt ist. Ich habe Ihnen, mein Herr, diese Schwierigkei- ten, daraus ich noch nichts bestimmtes schliesse, nur des- wegen angefuͤhrt, weil ich, wie Sie es leicht sehen koͤn- nen, von allen Seiten her neuen Stoff aufsuche, dar- aus sich etwan mit der Zeit etwas zu mehrerer Aufklaͤ- rung unserer Lage in der Welt koͤnnte schliessen lassen, oder der wenigstens Anlaß zu fernern Untersuchungen geben koͤnnte. Finden Sie daruͤber und uͤberhaupt uͤ- ber das, so in diesem Schreiben vorgetragen, einige gluͤckliche Einfaͤlle und schicklichere Vorstellungsart, so werden Sie, mich dadurch aͤusserst verbinden. Ich weiß, daß Sie hierinn niemals Mangel haben. Ich erwarte Ihre Betrachtungen mit der erneuerten Ver- sicherung der freundschaftlichsten Ergebenheit, mit wel- cher ich bin Mein Herr ꝛc. Neun- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Neunzehnter Brief. N un werden wir doch einmal genug Copernica- nisch seyn, oder wir werden es niemals wer- den, oder wir haͤtten es nie seyn sollen, denn bald weiß ich mich vollends nimmer darein zu finden, nachdem Sie mir, mein Herr, von Cycloidal- Linien vom 1000ten Grad, von Weltkoͤrpern vom 1000ten Range, von einer tausendgliedrigen Reihe von Hypo- thesen, und von eben so vielen Sprachen reden, die man in der Astronomie wird gebrauchen, und allem Ansehen nach bey jeden Untersuchungen und Streitig- keiten zuvorderst ausmachen muͤssen, welche Sprache man gebrauchen, oder aus welchem Tone man sprechen wolle. Wie sehr wird die Welt umgekehrt! Anfangs ruhete die Erde. Dann fieng sie an zu laufen, und die Sonne setzte sich in Ruhe. Nun laͤuft sie auch, und der Koͤrper vom vierten Range ruht. Er wird aber auch gestoͤhrt werden, und die Ruhe wird an den vom fuͤnften Grade kommen, und so weiter, bis die Ordnung an den letzten koͤmmt, welcher nicht hypothe- tisch, sondern in der That in Ruhe ist. Es gefaͤllt mir uͤberaus wohl, daß wir die Wahl behalten, jeden von diesen Koͤrpern in Ruhe oder in Bewegung zu setzen. Diß heißt nun eben so viel, als den Ton geben, aus welchem man anstimmen will. Ruht die Erde, so bleiben wir bey der sphaͤrischen Astronomie, auf welche alle Erscheinungen des Him- S mels Cosmologische Briefe mels muͤssen gebracht werden. Diß geschieht durch eine Uebersetzung aus jeder astronomischen Sprache in die gemeine. Ruht die Sonne, so haben wir es mit unsern Planeten, Satelliten und Cometen zu thun, und sprechen von Ellipsen und Hyperbeln allein. Soll es weiter gehen, so geht es unsere benachbarten Son- nen oder Fixsternen an, da kommen neue Ellipsen und Hyperbeln, und die Sprache dehnt sich auf Cycloiden vom ersten Grade aus. Auf diese werden die vom zweyten, dritten und den folgenden Graden kommen. Aber ich kehre wieder auf meine erste Frage zu- ruͤck, ob wir nun Copernicanisch sind, oder wie es da- mit gehe? Wenn ich mir die Sache recht vorstelle, so wird es dahinaus laufen. Ptolomaͤus bliebe bey der popularen oder gemeinen Sprache. Copernicus fieng an, den ersten Schritt zu thun, und lehrte uns die Buchstaben der ersten astronomischen Sprache kennen. Aber er wußte nicht, daß sie nur hypothetisch ware, und uns durch viele Stuffen erst zu der wahren fuͤh- ren wuͤrde. Tycho Brahe versah sich dabey, und ver- wechselte den Vocal mit einem Consonanten, allein man fand bald, daß die Aussprache dabey litte, und gar nicht fliessend ware. Kepler und Newton hoben diese Verwechslung vollends auf, und fanden Mittel, die bis dahin noch etwas rohe Sprache zu ihrer wah- ren Feinheit zu bringen, und ihre Heldengedichte nach der Mythologie ihrer Zeiten einzurichten. Allein die Zeiten aͤndern sich, und unsere naͤchsten Nachkommen werden diese Sprache nur noch in Gedichten gelten lassen, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. lassen, oder sie zur Abkuͤrzung der Ausdruͤcke gebrau- chen, wo es nichts wird zu bedeuten haben. Aber wo es etwas auf sich hat, werden sie aus einem hoͤhern Tone sprechen. So muß ich mir nun die Sache entwickeln. In so ferne Copernicus den ersten Schritt that, bleiben uns und unsern Nachkommen noch tausend andere zu thun, und in so ferne werden wir noch lange nicht vollkommen Copernicanisch werden. In so ferne wir aber wissen, daß der letzte dieser Schritte sich bey dem Koͤrper endigen werde, der die ganze Schoͤpfung um sich herum lenkt, glaube ich doch, daß wir genug Co- pernicanisch denken; oder wollen Sie, mein Herr, von da noch weiter gehen? Ich finde vollends nicht, wo Sie noch hin wollten. Oder haͤtten wir etwann nie Copernicanisch seyn sollen? Dieses wuͤrde doch nicht wohl anderst angehen, als wenn wir veste geglaubt haben, die Sonne bleibe ein - fuͤr allemal an ihrer Stelle, und bewege sich nur um ihre eigene Axe. Ich gebe Ihnen zu, daß dieses ein Irrthum ist, den wir haͤtten vermeiden sollen, weil die Sonne, so wenig als die Fixsterne, an ihrer Stelle bleibt. Die Scene verwandelt sich, und es wird eine Zeit kommen, wo das Sternbild des Orions vielleicht so aussehen wird, wie jezt das von dem grossen Baͤren. Ich gedenke wohl bey der Copernicanischen Sprache zu bleiben, weil sie am leichtesten in die ge- meine uͤbersetzt werden kann, und wie Sie es, mein S 2 Herr, Cosmologische Briefe Herr, anmerken, wird man die naͤchst darauf folgen- de mit derselben so verbinden, daß man die Anomalien der Cycloiden auf die Ellipsen bringt, wie wir es bey dem Monde thun. Ich glaube, die Astronomen des Mondes haben viel leichter auf diese verschiedene Sprachen verfallen koͤnnen, ungeacht sie einen Schritt mehr zu thun hatten, weil sie einen Satelliten bewoh- nen. Ihre gemeine Sprache lautet allerdings so, als wenn der Mond keine Bewegung haͤtte. Allein da sie die Erde bestaͤndig auf einem gleichen Fleck ihres Himmels sehen, so mußte sie ihnen entweder ganz, oder doch fast unbeweglich vorkommen, oder keine an- dere Bewegung, als die um ihre Axe zu haben schei- nen. Es ware ihnen natuͤrlicher, zur andern Spra- che fortzuschreiten, und den Umlauf des Mondes um die Erde vest zu setzen. Allein sie mußten bald beyde zugleich um die Sonne herum laufen machen, und bey dieser doppelten Analogie konnten sie mit gutem Grunde auch an der Ruhe der Sonne zweifeln, und uͤberhaupt vollends alles aus der Ruhe stoͤren. Waͤ- ren irgend ausser dem Saturn Planeten oder Come- ten, deren Satelliten noch eigene Satelliten um sich haͤtten, so wuͤrden die Astronomen dieser letztern drey Schritte zu thun haben, bis sie die Sonne koͤnnten herumlaufen machen, aber diese drey Schritte waͤren ihnen noch natuͤrlicher, weil ihre Beweise sie fast noth- wendig weiter hinaus verleiten wuͤrden. Ungeacht ich aber bey der Copernicanischen Sprache bleibe, so habe ich doch gesucht, mir von et- lichen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. lichen der naͤchst darauf folgenden einen Begriff zu machen, um mir die Uebersetzung daraus einiger mas- sen vorzustellen. Ich konnte die verschiedene Stuffen der Cycloiden mit nichts genauer vergleichen, als mit den Wellen des Wassers. Wird es von irgend einer Ursache bewegt, sogleich wird seine Oberflaͤche uneben. Es entsteht eine Reihe von auf einander folgeuden Wellen, und zwischen jeden zwoen derselben bleibt ei- ne Tiefe, welche wieder ausgefuͤllt wird, wenn die Wellen sich legen. Diese aufeinander folgende Erhe- bung und Vertiefung bildet im Durchschnitte auf der Flaͤche des Wassers eine Art von Schlangenlinie, und stellt mir das Bild der Cycloiden vor. Sind die Wel- len klein, so ist auch die Erhebung und Vertiefung nur einfach, und da habe ich eine Cycloide vom ersten Gra- de. Werden sie aber merklich groͤsser, so besteht eine grosse Welle aus sehr vielen kleinern. Die kleinern Kruͤmmungen bleiben zwar, allein sie ziehen sich nach den Wendungen der groͤssern Welle in die Hoͤhe, und von da wieder in die Tiefe. Es scheint, die Natur muͤsse zu dergleichen Wellenlinien und Oscillationen ei- ne grosse Lust haben, weil wir sie fast in allen Bewe- gungen finden. So faͤhrt ein Schiff durch eine Reyhe von solchen Wellenfoͤrmigen Schwankungen uͤber das Meer. Je groͤsser es ist, desto groͤsser muß die Wage seyn, die es heben und sinken machen kann. Ein klei- ner Kahn folgt schon den kleinen und groͤssern Erhebun- gen zugleich, und indem sich das Orlogschiff einmal er- hebt und sinkt, leydet der Kahn mehrere kleinere Erhe- bungen und Senkungen, die zusammen genommen, die S 3 grosse Cosmologische Briefe grosse ausmachen. So scheinen jede Weltkugeln durch den Raum des Weltgebaͤudes zu laufen. Alle kommen endlich um seinen Mittelpunct herum, aber je groͤsser jede ist, desto weniger giebt sie nach, und desto einfacher sind ihre Schwangungen. Es ist natuͤrlich, daß es dabey ruhiger und einfoͤrmiger zugehen muͤsse, als auf dem Meere. Der allgemeine Wind, so jede forttreibt, ist ordentlicher und sich selbst bestaͤndiger gleich, als der Ostwind zwischen den Windecirculn unserer Erde; Und an der Erhaltung eines Weltkoͤrpers ist mehr gelegen, als an der von einem Schiffe, zu dessen Ersetzung im- mer neuer Stoff nachwaͤchßt. Wenn ich die Cycloidal- Linie, die unser Mond in der Copernicanischen Hypothese beschreibt, zum Muster nehme, so ist ihre Kruͤmmung sehr geringe. Die Laͤnge von einer Erhoͤhung und Vertiefung zu- sammen genommen betraͤgt beynahe 30. Grad unserer Erdbahn, und daher ungefehr den vierten Theil ihres Diameters; da hingegen die Erhoͤhung und Vertie- fung zusammen kaum den 365ten Theil dieses Diame- ters ausmachen. Die Cycloide ist demnach bey 90mal laͤnger als breit. Solle ich nun die zweyte Sprache annehmen, welche die Sonne in einem Kreyse herum laufen laͤßt, so verwandle ich die Ellipse der Erdbahn in eine Cy- cloide vom ersten Grade, und diese muß allem Anse- hen nach noch vielfach laͤnger als breit seyn. Es bleibt zwar noch unausgemacht, ob die Sonne seit des Hip- parchus uͤber die Einrichtung des Weltbaues. parchus Zeiten, oder eine runde Zahl genommen, seit 2000. Jahren einen Grad ihrer Bahn durchlaufen, und wie lang ein solcher Grad ist. Indessen aber hat die Erde 2000. Schwangungen in ihrer Cycloide ge- macht, und Saturn 70. in der seinigen. Ein Come- te, der erst in etlichen Jahrhunderten wieder koͤmmt, hat noch eine geringere Anzahl. Dessen uneracht wuͤrde ich alle die Cycloides in die Laͤnge ziehen. Al- les haͤngt von der Geschwindigkeit des Laufes un- serer Sonne ab. Setze ich diese nur etliche mal groͤsser als die von der Erde in dem Copernicanischen System, so werden die Cycloiden sehr laͤnglicht, und ihre Wendungen geringe. Es scheint aber nicht, daß dieses nothwendig seyn muͤsse, und die Satelliten des Jupiters und Saturns beschreiben in dem Copernicanischen System solche Cy- cloiden, die sich mit den Wellen des Wassers nicht ver- gleichen lassen. Weil sie in ihren Ellipsen geschwin- der laufen als die Hauptplaneten in den ihrigen, so laufen sie in der That ruͤckwaͤrts, wenn sie zwischen den Hauptplanet und die Sonne kommen, und ihre Cycloiden durchkreuzen sich. Ich kann ihre Figur unter keinem bekanntern Bilde vorstellen, und uͤberhaupt verwirre ich mich un- vermerkt in allen diesen Laufbahnen. Bald werden die Zuͤge, so die Schreibmeister um ihre Buchstaben herum ziehen, nicht so verwickelt aussehen, als die wahren Bahnen der Weltkoͤrper. Ich wollte die von S 4 einem Cosmologische Briefe einem Cometen verfolgen, dessen Laufbahn um unsere in Ruhe gesetzte Sonne, eine Hyperbel ist, allein ich kam damit nicht zu Stande, und ich mußte mich mit der Vorstellung begnuͤgen, daß er ein Koͤrper seye, den die Sonne in ihrem Umlaufe irgend antrafe, sei- ne Laufbahn um sich herum kruͤmmete, und ihn so- dann wieder neues Gluͤck suchen, und gehen liesse. Bald haͤtte ich die praͤchtige Vorstellung davon ver- gessen, die wir uns ehedeme gemacht hatten. Wie wunderbar muß es in dem Weltbaue aus- sehen? Ich finde da zwo Classen von Ordnungen. In dem Laufe der Dinge auf unserer Erde ist die Un- ordnung scheinbar, weil dem ersten Ansehen nach alles durcheinander geht. Uebersieht man das Ganze, so kommen die allgemeinen Gesetze, und mit diesen die Ordnung zum Vorschein. Am Firmamente ist es umgekehrt. Die einfache Ordnung ist die scheinbare. In der That, was kann ordentlicher scheinen, als der taͤgliche Umlauf, Auf- und Untergang der Sonne und jeder Fixsterne. Mit einem male dreht sich der gan- ze Himmel um die Erde herum, und des Nachts scheint der Mond der Anfuͤhrer des ganzen Sternenheeres zu seyn. Laͤßt man sich Zeit und Weile, dieser Scene genauer nachzuschauen, so fangen kleine Abweichungen an, sich herfuͤr zu thun. Der Mond wandelt von Stern zu Stern ruͤckwaͤrts, und die Planeten fangen auch an, zu zeigen, daß sie ihrem eigenen Sinne fol- gen, so sehr sie auch der allgemeine Strom mit sich fortreißt. Diese Unordnung zu heben, faͤngt der Zu- schauer uͤber die Einrichtung des Weltbaues. schauer an, Copernicanisch zu denken, und bringt Pla- neten und Cometen in eine solche Ordnung, die nicht auserlesener seyn koͤnnte. Allein nach und nach zei- gen auch die Fixsterne, daß sie nicht todte Massen sind, sondern eigenes Leben und Bewegung haben. Ein neuer Grund, auch die Ordnung der Planeten als er- dichtet anzusehen, und zugleich ein fuͤr allemale zu schliessen, daß die wahre Ordnung die allerzusammen- gesetzteste ist, und von uns nie erreicht werden wird. Der Weltbau im Ganzen betrachtet hat tausend Trieb- raͤder, so ineinander gerichtet, daß jedes groͤssere in die naͤchstkleinern, und diese in die folgenden eingrei- fen, und in den kleinsten unzaͤhlige Schwankungen verursachen. So sind Zeit und Raum durch die Bewegung jeder Koͤrper des Weltbaues mit einander verbunden, daß die scheinbare Ordnung die einfachste seyn muͤßte, und daß wir eine desto zusammengesetztere nehmen muͤs- sen, je mehr die Zeit groͤsser wird, deren Ablauf wir vergleichen sollen. Wie ordentlich und genaue mißt uns die taͤgliche Umdrehung des Himmels die Tage und Stunden und ihre Theile vor, die wir zu jeder Verrichtung eingetheilt haben muͤssen! Kein genauer Uhrwerk als der taͤgliche Umlauf jeder Fixsterne! Ge- braucht es Zeiten von laͤngerer Dauer; Solle der Umlauf der Cometen und Planeten, die an der ersten Ordnung die fruͤheste und sichtbarste Ausnahm machen, ausgemessen werden, so muͤssen wir das naͤchste Trieb- rad mit in die Rechnung ziehen, und koͤnnen wieder S 5 bey Cosmologische Briefe bey einer ausbuͤndigen Ordnung bleiben, die uns Co- pernicus vorgezeichnet hat. Kommen aber Zeiten von vielen Jahrhunderten vor, so aͤussern sich auch in die- ser Ordnung neue Abweichungen, die man ebenfalls wieder in eine neue Ordnung bringen muß. Man muß zu dem dritten Triebrade fortschreiten, welches seinen Umlauf nach Platonischen Jahren mißt. So haben wir durch bloß scheinbare Ordnungen genaue Uhrwerke, fuͤr Stunden, Tage, Jahre, Jahrtausen- de, und jede andere Zeiten, die Schritt fuͤr Schritt Millionenmal groͤsser werden als die naͤchst vorherge- henden. Ich erstaune nochmals uͤber diese Einrichtung. Die allerzusammengesetzteste unter allen Ordnungen muß uns einen sehr einfachen Schein zeigen, damit wir unsere Zeit messen, eintheilen, und richtig anwen- den koͤnnen. Wie nothwendig ist uns diese Absicht des Schoͤpfers! Ackerleute mußten uns die Astronomie lehren, weil es ihnen nothwendig ware, die Jahrszeit zu jeder Feldarbeit zu wissen, um nicht zur Unzeit aus- zusaͤen, und allgemeine Theurungen zu vermeiden, die in den aͤltesten Zeiten bloß daher so ofte vorgefallen sind, weil die Hoffnung der reifen Erndte aus Man- gel der Kenntnis der Jahrszeit fehlgeschlagen hatte. Vielleicht wird es Gruͤnde geben, auch die Jahrtau- sende so genau zu kennen, wie dermalen die Jahrszei- ten, aber fuͤr diese Zeitpuncten bin ich nicht besorgt, und kann es bey der Wißbegierde bewenden lassen. Sie wird bey mir von Tag zu Tag groͤsser, und je mehr uͤber die Einrichtung des Weltbaues. mehr ich nun den Weltbau ansehe, desto mehr bieten sich mir Fragen an, die ich gerne eroͤrtern moͤchte. Indessen vergnuͤgt es mich, die Einrichtung des Ganzen einzusehen, so unbestimmt auch jede einzele Umstaͤnde bleiben. Wo sind wir nun in der Welt? Wie weit steht unsere Erde von jedem der Koͤrper ab, um welchen sie sich herum schwingt? Wie viele einze- le Wendungen gebraucht sie zu der naͤchst groͤssern, und wie viele von diesen zu der noch groͤssern? Wie nahe kann sie zu dem Mittelpunct der Schoͤpfung kom- men, und wie weit kann sie sich in ihrer Cycloide von tausend groͤssern Wendungen davon entfernen? In welchem Puncte von jeder Wendung laͤuft sie jezt? Wie groß ist ihre wahre Geschwindigkeit, oder steht sie vielleicht diesen Augenblik ganz stille, indem sie wie- der den Ruͤckweg zu nehmen anfaͤngt, oder hat sie ihre groͤßte moͤgliche Geschwindigkeit, welche die Summe der Geschwindigkeiten in jeden Ellipsen ausmacht, so die Koͤrper von jedem Range, zu welchem sie gehoͤrt, durchlaufen wuͤrden, wenn der von dem naͤchst hoͤhern Range in Ruhe bliebe? Faͤllt diese Geschwindigkeit nicht fast ins unendliche, oder wird sie dadurch gemaͤs- sigt, daß einige dieser Koͤrper vorwaͤrts, die andere ruckwaͤrts, noch andere herauf, und andere herunter laufen? So wuͤrde bey den Lustfeuern kein Schwaͤr- mer in der Luft wunderbarere Wendungen machen, als die Erde oder jede andere Weltkugel durch die Tie- fen des Firmamentes. Und bey dieser unausdenkba- ren Kruͤmmung ihrer Bahn mußte dennoch unsern Au- gen Cosmologische Briefe gen die einfachste, und bey dem ersten Gebrauche des Verstandes eine eben so schoͤne Ordnung dabey zu seyn scheinen! Sehen Sie hieraus, mein Herr, wie ich mich nun gewoͤhne, ein ganzes Register von Fragen zu ma- chen. Allein ich fuͤrchte mich nicht mehr dabey. So ausserordentlich auch alle Weltkoͤrper durch einander laufen, so bin ich nun wegen ihres Ausweichens vol- lends ausser Sorgen. Ich sehe genaue ein, wie bey der Schoͤpfung jedem derselben eine Masse von be- stimmter Groͤsse, ein ihm und allen denen Koͤrpern, denen er subordinirt ist, vollkommen angemessener Grad von Geschwindigkeit, und die behoͤrige Richtung hat gegeben werden muͤssen, damit bey dieser fast un- endlich zusammengesetzten Ordnung jeder Planet ein vollkommen richtiges Uhrwerk haben koͤnnte, welches ihm Zeitraͤume von jeder Dauer anzeigte, und mit zunehmendem Zeitraume sich neue Triebraͤder zur Aus- messung aͤusserten. Denn ich verwundere mich noch- mals daruͤber, daß bey diesem allem die einfachste Ord- nung nur scheinbar, die wahre aber so sehr zusammen- gesetzt ist, als es nur immer seyn kann. Die wahre werden wir nie ganz uͤbersehen koͤnnen, und in so fer- ne wuͤrde sie uns nie dienen, wenn sie auch unter al- len die einfachste waͤre. Aber so bequemt sie sich nach unserm Gebrauche, und so weit wir sie noͤthig haben, stellt sie sich uns unter der einfachen Gestalt vor. Vielleicht ist dieser Schein so wesentlich, daß bloß um denselben zu erhalten, die wahre Ordnung so sehr hat verwickelt uͤber die Einrichtung des Weltbaues. verwickelt werden muͤssen. Eben die Sonnen, um welche Planeten und Cometen laufen muͤßten, sollten schwer seyn, oder Kuͤrze halber mit Newton zu reden, eine anziehende Kraft haben. Sogleich hebt dieses ihre Ruhe auf, so wenig es auch anfangs betragen mochte. Um die Bewegung in einfachere Ordnung zu bringen, und das Ganze dauerhaft zu machen, muß- ten die Sonnen in Classen gebracht, oder in Systemen eingetheilt, und jedem System ein Regent gegeben werden. Allein da mehrere Systemen waren, so fiel eben diese Schwierigkeit vor, und die Regenten muß- ten selbst wieder einen Oberherrn haben, der sie mit ihrem Gefolge herum lenke. Dieses alles war noch zu wenig, und diese Subordination mußte mehrere Stuffen haben. Je mehr Stuffen hinzu kamen, de- sto zusammengesetzter wurde der Lauf der erstern Welt- kugeln, allein das Scheinbare darinn bliebe einfach, wie es seyn sollte, wenn das Firmament einem jeden Planeten das vollkommenste Uhrwerk vorstellen sollte. Sie haben mich, mein Herr, nun in die Haupt- stadt gefuͤhrt, und die Anlage des Ganzen sehen lassen. Allein wissen Sie, was mir noch dabey fehlt? Erin- nern Sie sich, daß Sie mir vorwarfen, als wenn ich ohne sehen nicht glauben wollte? In der That, was getrauen Sie sich aus dem schwachen Lichte im Orion zu machen? Sie haͤufen mir so viele Betrachtungen auf einander, daß ich es bald als den hellern Theil von dem Regenten unseres Fixsternensystems ansehen wuͤr- de. Denn ich glaube fast, daß es Ihnen damit Ernst ist, Cosmologische Briefe ist, und Sie suchen nur andere Gruͤnde auf, um die Autopsie als nothwendig vorzustellen. Derham woll- te es nicht fuͤr ein eigenes Licht ansehen, sondern nur fuͤr einen Wiederglanz? Es schiene ihme zu gleichfoͤr- mig helle, und so genau abgeschnitten, als wenn es ei- ne Oefnung waͤre, durch welche man in einen erleuch- ten Ort sehen koͤnnte? Was kann genauer auf eine erleuchtete Flaͤche passen, deren reflectirtes Licht noch durch die Himmelsluft geschwaͤcht, und dadurch noch viel blasser und einfoͤrmiger wird? Ferner, man hat seine Gestalt veraͤndert gefunden? Sollte man dieses von der Undurchsichtigkeit unserer Erdluft herleiten, daß der Rand dieses Lichtes sich nicht allmaͤhlich ins Dunkle verleurt, sondern deutlicher abgesetzt ist? Ich bedaure wirklich, daß es mehrere Observationen ge- braucht, um aus diesen Veraͤnderungen etwas zu schlies- sen. Ich wuͤrde mir bald suchen aus der Sache zu helfen. Doch ich will mich dabey noch gedulten. Aber den Grund, den Sie, mein Herr, von der scheinbaren Groͤsse dieses Lichtes hernehmen, um es nicht als einen von ihren dunkeln Koͤrpern anzusehen, haben Sie viel- leicht nur angefuͤhrt, weil ich mich bey dieser Groͤsse in meinem vorhergehenden Schreiben aufgehalten hatte. Ich hatte ja nur den Schluß daraus gezogen, daß man wenigstens den naͤchsten von diesen Koͤrpern mit den Fernroͤhren sollte aufspuͤhren koͤnnen. Nehmen Sie nur selbsten, welche Masse zu einem Koͤrper gehoͤrt, der ein ganzes Fixsternensystem in Ordnung halten solle. uͤber die Einrichtung des Weltbaues. solle. Sie sagen mir ja dabey, daß wir noch nicht wissen, was groß oder klein ist, und daß wir uns im- mer mehr an groͤssere Dinge gewoͤhnen muͤssen. Was ist die Erde gegen der Sonne, und was mag die Son- ne gegen einen solchen Koͤrper seyn? Der Diameter der Sonne ist gut zweymal groͤsser als der Diameter der Mondbahn um die Erde. Koͤnnte nicht der Durchschnitt eines solchen Koͤrpers noch groͤsser seyn als die Bahn des Saturns um die Sonne? Ich soll- te wohl gedenken, daß er sichtbar waͤre. Wir sind allem Ansehen nach kaum um den Abstand etlicher Fix- sterne davon entfernt, und die Fixsterne, die man in diesem Lichte des Orions sieht, muͤssen nothwendig in ungleichen Entfernungen hinter einander liegen, weil sie zu nahe beysammen zu seyn scheinen. Allein ich will es mit Ihnen auf die Erfahrung ankommen las- sen, und ich hoffe, daß Zeit und Umstaͤnde es geben werden, daß wir sie beysammen anstellen koͤnnen. Inzwischen kann ich von der Moͤglichkeit, einen solchen Koͤrper zu sehen, noch nicht abgehen, und wann das Licht, so sie reflectiren, an sich nicht schwach waͤre, wenn es in dem unermeßlich weiten Wege, denn es durch die Himmelsluft zuruͤcke zu legen hat, nicht sehr merklich schwaͤcher wuͤrde, wenn endlich un- sere Luft von dem Lichte jeder Fixsterne des Nachts nicht einen gewissen Grad von Klarheit haͤtte, so wuͤr- de ich dreiste genug seyn, zu glauben, daß wir auch den Koͤrper, der unsere Milchstrasse regiert, und uͤberhaupt alle die, um welche die Erde ihre Cy- cloide Cosmologische Briefe cloide herum kruͤmmet, sehen wuͤrden, und ihr scheinbarer Diameter noch groß genug dazu waͤre. Mein Beweis ist aus der Analogie hergenom- men, und vermoͤg dieser schliesse ich, der Koͤrper, der ein System regiert, muͤsse auch an den aͤussersten Grenzen desselben einen wenigstens mit Fernroͤhren noch sehr sichtbaren Diameter haben. Bey den Sa- telliten in unserm Sonnensystem ist es ausgemacht. Sie sehen ihren Hauptplaneten so groß, daß er ihre Naͤchte erleuchten kann. Saturn, der aͤusserste der Planeten, sieht die Sonne noch unter einem Winkel von mehr als 3. Minuten. Der Comet von 1759. in seiner groͤßten Entfernung sieht sie noch unter ei- nem Winkel von einer Minute. Ein Comet, der sich noch 60mal weiter entfernen wuͤrde, koͤnnte die Sonne noch unter einem Winkel von einer Secunde sehen, welches durch ein gutes Fernrohr noch 2. und mehr Minuten betragen mag. Ich glaube schwer- lich, daß je ein Comet, der wieder kommen, oder in einer Ellipse laufen solle, sich so weit entferne. Die kuͤrzeste Zeit seines Umlaufes waͤre uͤber 35000. Jahre, weil er 2200mal weiter wegbliebe als die Erde. Wiederum die anziehende Kraft eines Koͤrpers nimmt ab, wie das Quadrat des Sinus seines schein- baren Halbmessers. Solle sie nicht vollends unmerk- lich oder so geringe werden, daß sie die Oberhand nicht mehr behaͤlt, so kann man diesen scheinbaren Halb- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Halbmesser nicht unmerklich annehmen, er muß noch eine kenntliche Groͤsse behalten. Denn Sie geben zu, mein Herr, daß ein Koͤrper, der ein System regie- ren solle, bis zu den Grenzen des Systems seine Herr- schaft mit Nachdrucke zeigen muͤsse, oder umgekehrt, daß sein System sich nicht uͤber den kraͤftigern Theil seines Wirkungskreyses ausdehne. Um desto mehr muß er auch an dem Umfange desselben einen noch be- traͤchtlichen scheinbaren Diameter haben. Sie werden leicht sehen, wo dieses hinaus will? Unsere Erde gehoͤrt zu stuffenweis groͤssern Systemen. Sie ist demnach in dem Wirkungskreyse jeder Koͤrper, so dieselbe regieren, daher in dem von der Sonne, in dem von dem Regenten unseres Fixsternensystems, in dem von dem Regenten unserer Milchstrasse, und so fort. Jeder dieser Koͤrper sollte demnach einen noch kennbaren Raum an unserm Himmel einnehmen, und daher wenigstens durch Fernroͤhren sichtbar seyn, wenn keine andere Hindernisse dabey waͤren. Allein ich glaube nicht, daß wir mehr als einen davon werden sehen koͤnnen, weil die Schwaͤchung des Lichtes durch die Himmelsluft und die naͤchtliche Klarheit unserer Erdluft, ein Licht, das nur reflectirt ist, und einen so ungeheuren Weg zuruͤcke legen muß, nothwendig unsern Augen entziehen, so gute Dienste auch die Fernroͤhren uns hiebey thun koͤnnen. Welche Merkwuͤrdigkeiten geben Sie uns noch am Firmamente zu entdecken? Oft findet man erst, T wenn Cosmologische Briefe wenn man ungefehr weiß, was man suchen solle. Ich bin je laͤnger je mehr geneigt zu glauben, daß Derham auch nicht einmal im Traume an das Cae- lum empyreum gedacht haͤtte, wenn er gewußt haͤt- te, daß man Koͤrper von solcher Groͤsse auch noch hin- terhalb etlichen Fixsternen suchen muͤßte, und eben so wenig wuͤrde ich an eine Milchstrasse gedacht haben. Aber nun ist es bey mir veste gesetzt. Ich werde Zeit und Anlaͤsse dazu suchen, etwas aus dieser Entdeckung zu machen, und bringe ich den Regenten unsers Fix- sternensystems heraus, so gebe ich Ihnen jede andere zu, so ungewoͤhnt uns ihre Groͤsse vorkommen mag. So viel sehe ich gar wohl ein, daß auf diese Art, wie Sie sich, mein Herr, den Weltbau vor- stellen, alles einfacher wird, je naͤher man dem Gan- zen koͤmmt. Die Ellipsen, die wir in dem Coperni- canischen System an den Planeten und Cometen als eine ungemein ordentliche und einfache Einrichtung bewundern, fallen deßwegen aus dem Weltgebaͤude nicht weg; Sie werden als die einfachsten nur an wuͤrdigere Stellen versetzt, und die Koͤrper, die un- mittelbar von dem Regenten der Schoͤpfung abhaͤn- gen, bewegen sich in denselben, mit einer ihrem Ran- ge angemessenen einfachen und ernsthaften Majestaͤt. Naͤchst diesem folgen Cycloiden vom ersten, zweyten, dritten und folgenden Graden, bis wir endlich auf die von den Satelliten kommen. So verbreitet sich ein einfaches Gesetz durch jede Stuffen uͤber das Ganze, daß wir eben die Ordnung, die von innen heraus in der uͤber die Einrichtung des Weltbaues. der That herrscht, und sich von dem ersten Regenten auf seine naͤchst subordinirten, von diesen auf die fol- genden und so weiter ausbreitet, bey jedem subordi- nirten Regenten, und wenn er auch der tausendste in der Ordnung waͤre, hypothetisch annehmen, und sei- ne naͤchst Untergebenen in den so einfachen und beque- men Ellipsen einher wandeln lassen koͤnnen. Ich gestehe Ihnen gerne, mein Herr, daß mir diese Ordnung so sehr einleuchtet, daß ich nichts har- monischers und nichts vollstaͤndigers aussinnen kann. Sie gleicht einer Reihe, daran jedes Glied nach ei- nerley Gesetz aus dem naͤchst vorhergehenden formirt wird, und unter denen Reihen, die man recurrentes nennt, ist sie die einfachste und vollkommenste. Ich kann mich nicht genug dabey aufhalten, und wuͤrde sie bereuen, wenn je die Regenten, bloß wegen ihrer ungeheuren Groͤsse, sollten gelaͤugnet werden. Ich nehme z. E. die Reihe 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, ꝛc. ziehe ich jedes Glied von dem naͤchst folgenden ab, so bleibt 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, ꝛc. welches wieder eben diese Reihe ist, und daher wieder eben diese Verwandlung leidet. Aber jedesmal faͤllt das erste Glied weg. Diß ist eben so viel, als wenn ich den Koͤrper, der in einer Ellipse laufend angenommen worden, in Ruhe setze. Gleich werden jede von ihm abhaͤngende Cycloiden um einen Grad einfacher, aber die Reihe bleibt. Wir koͤnnen dieses so weit treiben, bis ein Koͤrper von ge- T 2 gebenem Cosmologische Briefe gebenem Range ruht, oder in einer Ellipse laͤuft. Und so machen wir es in dem Copernicanischen System, wo wir die Sonne in Ruhe setzen, da- mit Planeten und Cometen in Ellipsen laufen moͤ- gen. Was Sie, mein Herr, von der Figur der Athmosphære der Sonne sagen, scheint mir der Un- tersuchung wuͤrdig zu seyn. Von verschiedenen Be- schreibungen, die ich davon gelesen, giebt mir noch keine einen zureichenden Grund, warum ihr aͤusserster Stand oder die Spitze des Zodiacal- Lichtes uͤber 100. Grad von der Sonne abstehen koͤnne, und so deutlich abgeschnitten erscheine, wenn seine wahre Fi- gur circular und der Sonne concentrisch seyn sollte. Hingegen sollte sich diese durch die Tangenten, die Sie ziehen, ordentlicher bestimmen lassen, und wo ich mich recht entsinne, hat man bereits angemerkt, daß sich die scheinbare Gestalt des Zodiacal- Lichtes sehr nach unsern Jahrszeiten richtet. Ich glaube aber, daß wir in Europa dasselbe niemals in jeden Theilen seines Umfanges sehen. Im Herbste sieht man es nur des Morgens, im Fruͤhlinge nur des A- bends, folglich beyde male nur den Theil, der gegen den Colur der Sommersonnenwende liegt. Im Winter wird es Morgens und Abends, und folglich der Theil gesehen, der gegen die beyden Aequino- c tial- Puncte des Thierkreyses hinaus geht. Der vierte Theil, welcher gegen den Steinbock liegt, koͤmmt uns nicht zu Gesichte, und im Sommer, wenn nem- lich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. lich die Erde in diesem Zeichen Zeichen ist, sehen wir gar nichts von dieser Athmosphære . Ihre Nei- gung gegen die Eccliptic setzt man 7½. Grad, und ihre Knotenlinie geht durch den 8ten Grad der Zwillinge und des Scorpions. Dieses sind just die Umstaͤnde, welche machen, daß sich die Erde des Sommers innert dieser Athmosphære befinden kann, so daß sich ihr Licht uͤber den Him- mel ausbreitet, und wo ich mich nicht irre, ha- ben einige franzoͤsische Astronomen so gar in Chi- na, vielleicht auch aus diesem Grunde, dieses Licht fuͤr eine zweyte Demmerung ausgeben wol- len. Ist diese Athmosphære gegen das Zeichen des Steinbocks, und daher dem Orion gegenuͤber laͤnger gedehnt als auf der andern Seite, so wuͤr- de ich einen neuen Grund finden, meinen so sehr gewuͤnschten dunkeln Koͤrper im Orion zu suchen. Diese Athmosphære wuͤrde etwas den Cometen- schweifen sehr aͤhnliches haben, welche auch von dem Brennpunct ihrer Ellipse fast immer in gera- der Linie abstehen. Die Observationen, die hie- zu noch erfordert werden, wie die von dem Lichte im Orion, lassen sich etliche Winter durch zu Stande bringen. Ich bin auf beyde so begierig, daß ich alles aufsuchen werde, um sie mit Weile anzustellen, und hoffe, daß ich es mit Ih nen, mein Herr, werde thun koͤnnen. Wir werden nun den Orion mit andern Augen anstaunen, als T 3 es Cosmologische Briefe es vormals geschahe, und wenn wir etwas da finden, mit ungleich groͤsserm Vergnuͤgen. Aber wollen Sie, mein Herr, in Ernste die Wirbel wieder aufbringen? Muß ein Wirbel kei- nen grossen Koͤrper als einen Regenten in seinem Mittelpuncte haben? Wenn dieses nicht noͤthig ist, so verliere ich bald wieder die Hoffnung, im Orion etwas zu entdecken. Sie werden doch ei- nen Wirbel nicht sich selbsten uͤberlassen. Ich glaube, er waͤre zu unordentlich, wie die, so in der Luft oder im Wasser entstehen, und wieder vergehen. Die Ordnung in dem Weltbaue muß viel gesetzter und einfoͤrmiger seyn. Es deucht mich, die Erfindung der Wirbel seye eine zu miß- liche Sache, und ich weiß, daß Sie, mein Herr, lieber bey dem bloßen Gesetze der Schwere, als bey einer richtigen Erfahrung bleiben, als daß Sie auf einen Mechanismum sinnen sollten, fuͤr den man eben deßwegen nicht gut stehen kann, weil man immer zweifeln wird, ob nicht noch meh- rere moͤglich sind. Doch ich muß zum Beschlusse eilen. Sie sehen hieraus, mein Herr, wie ich mir Ihre Sy- stemen auf allen Seiten vorzustellen gesucht habe. Vielleicht habe ich dabey der Einbildungskraft zu freyen Lauf gelassen, denn die Astronomie erweckt mir sie immer mehr. Aber ich weiß, daß Sie mich uͤber die Einrichtung des Weltbaues. mich wieder zuruͤck fuͤhren werden, wo ich abge- wichen bin. Ich erwarte Ihre Gedanken hieruͤ- ber mit Sehnsucht. Nichts wuͤrde mich mehr ver- gnuͤgen, als wenn ich bald zu den Observationen schreiten koͤnnte, die ich mir nun vorgesetzt habe. In der angenehmen Hoffnung, daß es mit Ih- nen, mein Herr, geschehen werde, verbleibe ich mit unverletzlicher Ergebenheit Mein Herr ꝛc. T 4 Zwan- Cosmologische Briefe Zwanzigster Brief. S ie haben, mein Herr, alle Ursache, mich zu fragen, wo ich noch weiter hinaus wollte, wenn es mir etwann einfiele, daß das bis- herige noch nicht genug waͤre. Der Weltbau ist ja nun ein zusammenhaͤngendes, und nach einem allge- meinen Gesetze harmonisch eingerichtetes Ganzes. Wollten Sie, daß ich noch Stuͤcke anflicken sollte, die nicht dazu gehoͤren? Und recht betrachtet, bin ich nicht etwann bereits schon uͤber die Grenzen des Glaubwuͤrdigen hinaus geschweift? Ich machte Schluͤs- se, und zwar Schluͤsse ohne jedesmal zulaͤngliche Er- fahrung dazu in Vorrathe zu haben, und ohne gleich zu wissen, wie weit sie fuͤhren wuͤrden. Aber Ihr letzters Schreiben, welches mir in allen Absichten sehr angenehm und verbindlich gewesen, stellt mir nun das Ganze in seinem Zusammenhange und auf allen Seiten vor, und zeigt mir, wie weit ich gegangen bin. Ist es nicht so, bis zum Unglaͤublichen? An den netten Vorstellungen, die Sie, mein Herr, von dieser Einrichtung des Weltbaues machen, wird es gewiß nicht liegen, wenn sie nicht wahrschein- lich seyn sollte. Sie zeichnen die Ordnung, die sich darinn durch tausend Stuffen verbreitet, mit so leb- haften und einnehmenden Zuͤgen, daß man bald fra- gen moͤchte, ob eine andere Ordnung da seyn koͤnne, ohne wider die Analogie zu verstossen, und wenn die- ses uͤber die Einrichtung des Weltbaues. ses im Zweifel bliebe, so wuͤrde man mit den Welschen sagen: Se non é vero, é ben truovato. Es ist in der Naturlehre schwer, so gar aus Erfahrungen richtige Schluͤsse zu ziehen, zumal wenn man daraus ein System ohne Hypothesen errichten solle. Wie viel schwerer muß es seyn, wenn man die Erfahrung gar nicht zu Rathe zieht, sondern sich mit allgemeinen Betrachtungen begnuͤgt! Dieses ist der Fall, in welchem ich mich befinde. Ich mache nicht etwann einen einigen, sondern eine lange und vielfache Reihe von Schluͤssen. Solche Reihen sind wie weitlaͤuftige Rechnungen, wobey es rathsam ist, von Theil zu Theil eine Probe anzustellen, ob man sich nicht uͤberrechnet habe, ehe man aufs Ungewisse weiter fortrechnet. Solche Proben bey meinen Schluͤs- sen haͤtten Erfahrungen seyn sollen. Allein ich habe mich begnuͤgt, sie nur anzugeben, und inzwischen ge- trost fortgeschlossen, als wenn alles ausser allem Zweifel, und jede Erfahrung schon laͤngsten angestellt waͤre. Ich kann demnach meine Schluͤsse als ein Mu- ster einer nicht geringen Verwegenheit ansehen, zu- mal da ich in Zeiten lebe, wo die Freyheit, die Na- tur nach seinem Sinne einzurichten, ganz verbannt ist. Und ich richte nicht etwann einzele Theile, son- dern die ganze Natur, den ganzen Umfang der Schoͤpfung nach meinem Sinne ein! Kann man drei- ster seyn? Wer hat mir die Waagschal gegeben, je- T 5 de Cosmologische Briefe de Gruͤnde zu pruͤfen, und jede Schluͤsse genaue ab- zuwaͤgen, oder die Weltkoͤrper darauf zu legen, um zu sehen, wie viel Gewicht ich ihnen zugeben daͤrfe, da ich ohne Bedenken die Erde zum Sandkorn ma- che? Mag der Grund, daß wir nicht wissen, was groß oder klein ist, das Recht geben, Koͤrper von je- der Groͤsse dahin zu setzen, wo man sie noͤthig hat, um das System vollends aufzufuͤhren? Sind sie darinn eben so nothwendig, und ist das System bis dahin so strenge erwiesen, daß man sie nicht mehr weglassen kann? Muß das Gebaͤude der Welt solche Ecksteine und Pfeiler haben, um durch jede Zeiten durch dauerhaft zu seyn? Solle man sie so ungesehen zugeben? Wer ist jenseits der Milchstrasse gewesen, um sie in Augenschein zu nehmen, und das Maaß davon zuruͤck zu bringen? Woher das Recht, Ver- muthungen fuͤr buͤndige Schluͤsse, und Erdichtungen fuͤr Wahrheiten auszugeben, und erst das Recht, grosse dahin zu setzen, wo wir es nie werden sehen koͤnnen, und wo wir folglich auch nie sehen werden, ob nicht das Gegentheil oder ganz was anders statt finde? Wo sind die Beweise, wenn wir ohne Sehen glauben, und statt dessen sie gleiche Dienste thun sollen? Sehen Sie, mein Herr, ich trete nun vor den Richterstuhl der Vernunft. Dieses ist ihre Stimme, und sie fordert die Pruͤfung meines Sy- stems und meiner Gruͤnde als ihr Eigenthum. Sie wird, was irrig ist, verwerfen, was uͤbertrieben ist, behoͤrig uͤber die Einrichtung des Weltbaues. behoͤrig einschraͤnken, was unreif ist, auf mehrere Erfahrungen aussetzen, das Bewiesene gutheissen, zu dem Beweisbaren tuͤchtige Gruͤnde geben, das Un- vollstaͤndige ergaͤnzen, die Luͤcken ausfuͤllen, jede Thei- le verbinden, die zu engen Schranken bis zum Gan- zen erweitern, und dieses in einen durchgaͤngigen und vesten Zusammenhang bringen. So billig ist diese Richterin, wo sie herrschet, daß ich mit Vergnuͤgen vor sie trete, weil ich jeden Eigensinn verbanne, mein System ihrer Pruͤfung ganz unterwerfe, und da, wo ich geirrt habe, fuͤr den Irrthum Wahrheit erwarten kann. Jedesmal ist mir dieser Tausch erwuͤnscht gewesen, und immer wird er mir noch angenehmer werden. Sie hasset den falschen Schmuck, mit welchem die Advocaten des Irrthums denselben einnehmend zu machen suchen. Sie fordert, daß man zweifele, wo die Gruͤnde nicht zureichen, daß man jede Gruͤnde entbloͤßt von allem, was sie scheinbar macht, vorzeige, und da will sie nachhelfen, wenn aͤchte Mittel da sind, und behaͤlt sich vor, den Ausspruch zu thun, oder wenn sie ihn aufschiebt, noch anzuzeigen, was erfordert wird, zum Schlusse zu schreiten. Sie haben mir, mein Herr, zu Errichtung meines Systems so viele Anlaͤsse gegeben, daß ich bey jedem vorhergehenden Schreiben nicht wußte, was mir zu dem darauf folgenden einfallen wuͤrde. Und auf diese Art kam ich unvermerkt weiter, da Sie Cosmologische Briefe Sie mir selbst anzeigten, wie weit mich meine Schluͤsse fuͤhren wuͤrden. Nun uͤbersehe ich sie ganz, und finde jeden Schritt, den ich dabey gethan habe. Ich werde sie nun in ihrer Staͤrke und Schwaͤche vor- stellen. Urtheilen Sie sodann, mein Herr, wie weit sie reichen. Sie haben der Vernunft die voͤlli- ge Einrichtung des Systems ihrer Gedanken uͤberlas- sen. Ihr Ausspruch kann nicht davon abweichen, und ich werde dabey sehen, wie ferne mein Weltgebaͤude nach jeder erforderlichen Pruͤfung gut geheissen oder geaͤndert werden muß. Sehen Sie nun das Regi- ster der Fragen, in die ich es einkleide, um vor ei- nem so schaͤtzbaren Richterstuhl untersucht zu wer- den. 1°. Ob die Fixsterne durch Central- Kraͤfte bewegt werden? Daß sie sich bewegen, ist aus der Erfah- rung. Es ist also die Frage, ob ihre Be- wegung geradlinicht, oder aber gebogen und ordentlich seye? 2°. Ob das Newtonische Gesetz der Schwere sich durch die ganze Welt ausbreite, und sie zu einem zusammenhaͤngenden Ganzen mache? Es ist die Frage, ob es der Materie oder der allgemeinen Himmelsluft eigenthuͤmlich seye? Uebrigens solle die Welt ein Gan- zes, uͤber die Einrichtung des Weltbaues. zes, und nicht ein Flickwerk seyn, und ihre Theile sollen eine naͤhere Verbindung ha- ben, die Zeit und Raum in sich schliesse. 3°. Ob man die Milchstrasse in einzele Fixsternen- systemen eintheilen solle, und ob die Fixsterne ausser der Milchstrasse ein solches System aus- machen? Der Anblick der Milchstrasse gibt Anlaß, das erste zu vermuthen, weil sie an meh- rern Orten wie in kleine Woͤlklein vertheilt scheint. Das andere scheint daraus zu fol- gen, weil der Rand der Milchstrasse zu deutlich abgeschnitten ist. 4°. Ob die Sonne auch einen Kreyßlauf habe? So gut als andere Fixsterne. 5°. Ob in dem jaͤhrlichen Umlauf der Erde und Planeten kleine Abweichungen, und ob die Verruͤckungen der Knotenlinien und Aphelien daher entstehen? Dieses koͤmmt bey dem Monde in Absicht auf die Sonne vor. Bey den Hauptpla- neten muß es auch seyn. Man wird aber sehen muͤssen, ob die Abweichungen bemerk- bar seyen, und was bey den Aphelien und Kno- Cosmologische Briefe Knotenlinien den Cometen muͤsse zugeschrie- ben werden. Das bestaͤndige darinn mag von dem Kreyßlaufe der Sonne herruͤhren. 6°. Ob die wahren Laufbahnen der Planeten und Cometen Ellipsen sind? Sie waͤren es, wenn die Sonne in Ruhe bliebe. In der That aber sind es Cycloi- dal- Linien. 7°. Ob man die Ellipsen dennoch beybehalten koͤnne? Eben so wie bey dem Monde und den uͤbri- gen Satelliten. 8°. Ob in dem Mittelpuncte eines Fixsternensy- stems ein Koͤrper seye, welcher dasselbe eben so in Ordnung erhalte, wie unsere Sonne ih- re Planeten und Cometen? Es scheint der Analogie gemaͤß, und die Ordnung in dem Umlaufe der Fixsterne des Systems wird einfacher. Es bleibt zu se- hen, ob dieses nicht das einige Mittel ist, einen Beharrungsstand zu erhalten? 9°. Ob ein solcher Koͤrper groß und leuchtend seyn muͤsse? Er uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Er muß eine ansehnliche Masse haben. Die Groͤsse richtet sich nach der Dichtigkeit der Materie. Beydes muß der Groͤsse des Systems angemessen seyn. Er mag ein schwaͤcheres eigenes Licht haben, oder von einer Sonne naͤchst um ihn beleuchtet wer- den. Sind die Sonnen nur zum leuchten bestimmt, so bleibt er dunkel, und wird er- leuchtet. 10°. Ob man im letzten Fall den Koͤrper entdecken koͤnne, der in dem Mittelpunct unseres Fix- sternensystems ist? Ist seine Masse nicht vielfach dichter als die von der Sonne oder den Planeten, so mag es angehen, weil er auch an den Gren- zen des Systems noch einen betraͤchtlich scheinbaren Diameter haben wird. 11°. Ob er Phases haben werde? Wenn eine Sonne um ihn laͤuft, und ihn erleuchtet. Und die Gestalt aͤndert sich, wenn er Flecken hat, und sich um seine Axe drehet, wie dieses allgemein zu seyn scheint. 12°. Ob das schwache Licht im Orion solche Abaͤnde- rungen zeige, und ob man es sodann fuͤr einen solchen Koͤrper ansehen koͤnne? Das Cosmologische Briefe Das muß die Erfahrung lehren. Richten sich die Abaͤnderungen nach einer einfachen oder doppelten Periode, und nach der Theo- rie der Phasen, so laͤßt es sich nicht anderst auslegen. 13°. Wenn die Fixsternensystemen solche Koͤrper zu Regenten haben, ob sie nicht wieder zusam- men ein groͤsseres System ausmachen, in des- sen Mittelpunct wieder ein Regent ist, der seinen Wirkungskreyß durch dieses groͤssere System ausbreitet? Die Systemen zusammen genommen ma- chen bereits die Milchstrasse aus. Findet sich, daß jedes, oder wenigstens nur eines derselben einen Regenten habe, so mag die Analogie sicher fortgehen, und die Milch- strasse hat auch einen, der sie ganz beherr- sche und herum lenke. 14°. Ob dieser Regent der Milchstrasse nicht eine noch betraͤchtlichere Groͤsse habe? Seine Groͤsse wird seinem Gebiete angemes- sen seyn. 15°. Ob dieser Regent der letzte seye, von dem man nicht weiter gehen koͤnne? Die uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Die Milchstrasse mag zu noch mehrern an- dern wie zu einem noch groͤssern System ge- hoͤren. Ist dieses, so wird die Analogie fortgesetzt. Sie faͤngt aber an, willkuͤhr- lich zu werden, weil sie uͤber unsere Gesichts- Sphære hinaus laͤuft. Sie wird allem An- schein nach mehr Stuffen haben. Allein die erstern muͤssen zuvor, so viel moͤglich, aus der Erfahrung vestgesetzt werden, zu- mal was die Regenten der Systemen be- trift. Auf diese Art gedaͤchte ich zu capituliren, wenn die Untersuchung des Gewissen und Ungewissen oder bloß Wahrscheinlichen in meinem System etwas schaͤr- fer angestellt werden sollte. Ich haͤtte noch mehr Fragen aufhaͤufen koͤnnen, allein diese scheinen mir die vornehmsten, und zu einer Probe zureichend zu seyn. Sie, mein Herr, halten sich am liebsten bey der Sub- ordination auf, die in diesem System von Stuffe zu Stuffe geht, und uns die bequeme Wahl laͤßt, aus Cycloiden von jedem Grade Ellipsen zu machen, und die uns zu jedem Zeitraume und seinem Maaße neue Triebraͤder dieses vollkommensten Uhrwerkes aufdeckt, und gebrauchen laͤßt. Beyde Bequemlichkeiten ha- ben Sie auf eine so lebhafte Art ins Licht gesetzt, daß ich hoͤchstens nur den Schatten dazu hergeben koͤnnte, wenn ich mich laͤnger dabey aufhalten wollte. Ich muͤßte zeigen, daß jede andere Einrichtung weder so vollkommen, noch so einfach, noch so bequem und har- U monisch Cosmologische Briefe monisch waͤre als diese, und daß die Analogie ganz wegfallen wuͤrde, wenn die groͤsseren Systemen nicht nach dem Modelle, so wir in den kleinern sehen, ein- gerichtet waͤren. Dieses scheint doch wenigstens da- her nothwendig zu seyn, weil in allen einerley Cen- tral- Kraͤfte vorkommen, und die Ordnung in den groͤssern ehender einfacher als zusammengesetzter wer- den solle. So lange man die Sonne und jede Fix- sterne noch als ruhend angesehen, hat sich niemand daran gestossen. Die Ruhe schiene ihrer majestaͤti- schen Groͤsse angemessen. Sollten je noch groͤssere Koͤrper zum Vorscheine kommen, so wuͤrden auch die- se mehr Anspruch auf die Ruhe haben. Ich kann uͤ- berhaupt noch nicht davon abgehen, die Bewegung de- sto einfoͤrmiger zu setzen, je groͤsser der Koͤrper und sein Gefolge ist. Die Berechnung der Art, wie die Fixsterne ei- nes Systems, ohne einen Regenten, um den ge- meinsamen Mittelpunct ihrer Schwere einen Kreyß- lauf haben koͤnnten, faͤllt ins unendlich Weitlaͤuftige, wenn man jede Faͤlle mitnehmen will, weil die An- zahl so gar groß ist. Nimmt man nur zween Koͤr- per, die in einer gleichen Flaͤche laufen sollen, so gibt es allerdings Mittel, sie in Ellipsen oder Circuln um den gemeinsamen Mittelpunct ihrer Schwere zu len- ken, so daß sie immer einerley Laufbahn um diesen Punct behalten. Dieser Mittelpunct wird der Brenn- punct beyder Ellipsen seyn. Ihre laͤngern Axen lie- gen in gerader Linie, aber die Aphelien gegen einan- der uͤber die Einrichtung des Weltbaues. der uͤber, und die Koͤrper muͤssen sich so darinn bewe- gen, daß sie mit dem gemeinschaftlichen Brennpunct immer in gerader Linie sind. Daher kommen sie in gleicher Zeit herum. Eben so wenn drey und mehre- re Koͤrper in concentrischen Circuln laufen sollen, kann man sie so setzen, daß sie vermoͤg der Central- Kraͤfte in gleicher Zeit umlaufen. Aber eine so voll- kommene Gleichheit der Zeit ist in der Natur so gut als unmoͤglich. Nimmt man sie aber ungleich, oder solle die Bewegung in verschiedenen Flaͤchen und Rich- tungen geschehen, so habe ich noch nicht finden koͤn- nen, daß Ordnung und Dauer dabey statt haben wuͤr- de. Es ist immer besser dafuͤr gesorgt, wenn sie ei- nen Koͤrper in dem gemeinschaftlichen Brennpuncte haben, wie es die Sonne in Absicht auf die Planeten und Cometen ist, die sie saͤmtlich, so viel ihrer seyn moͤgen, in bestimmter Ordnung erhaͤlt. Und ich kann mit Ihnen, mein Herr, fragen, wie sich ohne die Sonne ein Comet dem Jupiter nahen duͤrfte? Ich habe die Absicht nicht, die Bewegung der himmlischen Koͤrper durch Wirbel zu erklaͤren, ungeacht ich diesel- ben zugeben kann, so wenig es uns noch gelungen ist, ihre mechanische Einrichtung einzusehen. Es koͤmmt hiebey, wie in der Naturlehre uͤberhaupt, auf eine Art analytischer Schluͤsse an, die man gebrauchen muß, wenn man ohne eine Hypothese anzunehmen, aus dem, was uns die Erfahrung lehrt, die wahre Einrichtung heraus bringen will. Ausser der Astro- nomie haben wir noch sehr wenige Beyspiele von die- ser Methode, und man ist noch so wenig daran ge- U 2 woͤhnt, Cosmologische Briefe woͤhnt, daß, da Newton sie gebrauchte, um das Gesetz der Schwere zu erfinden, die meisten dasselbe fuͤr nichts bessers als eine willkuͤhrliche Hypothese an- sahen, und die, so die Staͤrke des Beweises fuͤhlten, fast immer erinnern mußten, es seye keine Hypothe- se, sondern eine Erfahrung. Newton selbsten scheinet das Allgemeine in seiner Methode nicht ein- gesehen zu haben, so sehr er auch wußte, daß er auf seine Schluͤsse bauen konnte; Und da er es uͤberdiß mit dem Namen der Attra c tion belegte, so veranlaß- te er selbst, daß man seine Erfindung unter die da- mals schon voͤllig veraltete Qualitates occultas rech- nete, und desto geneigter wuͤrde, sie zu verwerfen. Da er uͤberdiß den Raum leer setzte, so hatten die Cartesianer, die alles dichte ausfuͤlleten, desto mehr scheinbare Gruͤnde, die ganze Erfindung als etwas Willkuͤhrliches anzusehen. Ihre Wirbel lagen ihnen zu sehr am Herzen, als daß sie dieselben so leicht auf- opfern sollten. Es ist wahr, daß man mit dieser Methode nicht weit koͤmmt, und dabey leicht ungedultig wird, da man bey Hypothesen die Schluͤsse durch ganze Lehr- gebaͤude durch fortsetzen kann, und sich bey diesem Vergnuͤgen nicht besinnet, daß in wenigen Jahren das ganze Lehrgebaͤude den Weg aller Erdichtungen gehen werde, die man hoͤchstens nur wieder herfuͤr zieht, um sie aufs neue zu verwerfen. In dieser Absicht haben Aesops Fabeln betraͤchtliche Vorzuͤge vor den physischen Hypothesen. Jene erhaͤlt das Sinn- uͤber die Einrichtung des Weltbaues. Sinnreiche in der Erdichtung und die Sittenlehre, diese fallen hin, so bald man weiß, daß sie nicht wahr sind. Ich glaube inzwischen, daß bey der Bewegung der Weltkugeln allerdings ein Mechanismus statt ha- be, und es muͤßte strenge bewiesen werden, daß Koͤr- per in einem vollkommen leeren Raume, und ohne Zwischenkunft einer Materie so in einander wirken koͤnnen, wie Newtons Anhaͤnger die Attra c tion er- klaͤren. Wir sind viel zu stark daran gewoͤhnt, bey je- der Wirkung ein mittelbares oder unmittelbares Be- ruͤhren voraus zu setzen, als daß wir dasselbe ohne strenge Beweise jemals sollten weglassen koͤnnen. Wie man aber immer einen Wirbel annimmt, so zweifle ich sehr, ob man seinen Mittelpunct werde leer lassen koͤnnen. Man gebraucht sie, um von zwoen Erfahrungen Rechenschaft zu geben. Entwe- der ein Wirbel, zum Exempel der von der Sonne, solle nur dienen, um die Planeten gegen die Sonne zu druͤcken, und in diesem Falle haben die Planeten ihre vim centrifugam oder ihre Geschwindigkeit fuͤr sich, und ohne Ruͤcksicht auf den Wirbel. Oder die- ser solle die Planeten voͤllig im Kreyse herum fuͤhren, und in diesem Falle bildet der Wirbel den Kreyß schon ab, weil die Materie desselben fuͤr sich diesen Weg nimmt, und den Planeten wie ein Strom mit sich fortreißt. Dieses wuͤrde angehen, wenn der Lauf je- der Planeten und Cometen circular und concentrisch U 3 waͤre, Cosmologische Briefe waͤre, und uͤberdiß alle in gleicher Flaͤche laͤgen, und alle auf gleicher Seite herum getrieben wuͤrden. Da es aber eben so viele ruͤcklaͤufige Cometen als gerad- laͤuftige gibt, so muͤßte der Strom des Wirbels sich nach der Bahn eines jeden richten, der Wirbel wuͤrde aus so vielen einzeln Stroͤmen bestehen, als es Bah- nen von Cometen und Planeten giebt, und wie Sie, mein Herr, ihre Elliptischen Stangen durch einander verschrenkt haben, so muͤßten diese Stroͤme durch ein- ander laufen, und die Geschwindigkeit muͤßte sich an jeden Orten nach den Keplerischen Gesetzen richten. Was wird nun diesen Stroͤmen Lauf, Ordnung und Richtung geben? Die Frage koͤmmt immer wieder. Verwandelt man aber den Strom in einen Druck, so hat dieser Druck entweder an jedem Orte die Richtung, die der Strom wuͤrde gehabt haben, um den Koͤrper fortzutreiben, wenn dieser fuͤr sich kei- ne Geschwindigkeit haben solle. Hiebey ist wiederum nichts einfaches, und die vorige Frage koͤmmt noch- mals vor. Richtet sich aber der Druck schlechthin ge- gen den Mittelpunct oder gegen die Sonne, so haben wir in eigentlichem Verstande keinen Wirbel. Der Druck koͤnnte sich aͤussern, wenn auch die Materie in Ruhe bliebe. Es kaͤme auf die verschiedene Stuffen ihrer Dichtigkeit und Schnellkraft an, die vom Mit- telpunct aus muͤßte staͤrker werden. Ich weiß wohl, daß Liebhaber der Wirbel diesen Druck durch verschie- dene Arten von Bewegungen haben erklaͤren wollen. Allein ich glaube nicht, daß wir noch genug Erfah- rungen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. rungen haben, um etwas hierinn veste zu setzen, und die Erklaͤrung, wie dieser Druck geschehe, wird immer der Knote der Schwierigkeit bleiben, wenn er richtig erwiesen seyn solle. Inzwischen kann man ihn zum Grunde setzen, und die Wirkung der Schwere einer Materie zuschrei- ben, so die Planeten, welche ihre eigene Geschwin- digkeit haben, von der geraden Linie gegen die Son- ne ablenkt. Man wird sodann auf die Frage verfal- len: Ob diese Materie, die in dem Wirkungskreyse der Sonne ihren Druck aͤussert, mit der Sonne in ihrer Laufbahn herum koͤmmt, oder ob die Sonne, wo sie seyn mag, sich gleich wieder einen Wirkungs- kreyß errichtet. Im letzten Falle haͤngt der Druck der Materie oder des Wirbels von der Sonne ab, wie es auch immer damit zugehe, und da setze ich aller- dings in jeden Wirbel einen Koͤrper, der ihn beherr- sche, und aller Orten verursache. Ist das erste, so verfallen wir allem Ansehen nach wieder auf Stroͤme, und muͤssen sie bey Planeten und Cometen wieder vor- nehmen, bloß mit dem Unterschiede, daß hiebey nur ein Theil des Stroms den Wirbel ausmacht. Der andere ist in Bewegung, weil er ausweichen muß. Die Frage, woher der Koͤrper seine Bewegung hat, wird nun in die verwandelt, woher sie der Wirbel ha- be, und ist also so gut unaufgeloͤßt, wie die erste. Da die Stroͤme so gar unschicklich sind, so wuͤrde ich bey dem letzten verbleiben, und den Druck der Schwere von jedem Koͤrper selbst abhaͤngen machen, U 4 so Cosmologische Briefe so wenig sich auch der Mechanismus davon erklaͤren laͤßt. Der Druck richtet sich so genaue nach der Mas- se des Koͤrpers, daß ich ohne einen Koͤrper keinen Wirbel zugeben kann. Der Wirbel eines ganzen Fixsternensystems muͤßte von einer ganz andern Art seyn, wenn sein Druck nicht auch von einem Koͤrper abhienge, gegen welchen jede Fixsterne, wie die Pla- neten gegen die Sonne, schwer waͤren. Man hat die Wirbel ausgesonnen, um eine einfoͤrmige Einrich- tung durch den Weltbau zu verbreiten. Allein es scheint noch nicht Zeit zu seyn, an das Mechanische darinn zu gedenken. Es koͤnnen mehrere Arten moͤg- lich seyn, und wir haben noch gar zu wenige Data, um eine Auswahl zu treffen. Da unsere Sonne einen eigenen Lauf, und ver- muthlich in einer sehr zusammengesetzten Cycloidal- Linie hat, so wird sich der Copernicanische Weltbau nicht wohl anderst als eine Hypothese erweisen las- sen, und unsere sphaͤrische und theorische Astronomie unterscheiden sich nur dadurch, daß man in jener die Erde, in dieser aber die Sonne in Ruhe setzt. Es wundert mich, wie eine nach aller Strenge erwiesene Astronomie aussehen muͤsse. Es scheint, als wenn man darinn durch eine Reihe von Hypothesen zur Wahrheit gelange, und jede vorhergehende umstosse, um die folgende anzunehmen, und wieder wegzulas- sen. Dieses ist wenigstens der Weg, durch welchen man uͤber die Einrichtung des Weltbaues. man wirklich gegangen ist, und es ist die Frage, ob sich ein anderer finden lasse. Jede dieser Hypothesen berechtigt sich dadurch, daß sie den Schein der Sache aus einer Reihe von Gesichtspuncten vorstellt, und es ist unstreitig, daß man sie sicher annehmen koͤnne, aber nicht weiter ausdehnen muͤsse, als es der Schein zulaͤßt, auf welchen sie sich gruͤndet. Man nimmt an, der ganze Himmel drehe sich um die Erde, und hieraus muß man herleiten, die Erde drehe sich um ihre Axe. Dieses bleibt nun wahr. Aber da man damit nicht ausreicht, so nimmt man an, die Erde laufe um die ruhende Sonne, und daraus muß sich ergeben, die Sonne ruhe nicht, sondern sie veraͤnde- re ihre Stelle, und so weiter. Es bleibt mir unaus- gemacht, ob man hierinn ohne mechanische und cos- mologische Gruͤnde auskommen koͤnne, oder ob man sich nur mit einer Aufhaͤufung von Fragmenten einze- ler Beweise aushelfen muͤsse, die zwar die Sache aus- ser Zweifel setzen, aber die in Absicht auf den Zusam- menhang und Schaͤrfe viel schoͤner seyn sollten. Mit cosmologischen Gruͤnden wuͤrde man sich hiebey bald aushelfen. Nehmen Sie, mein Herr, an, es seye in dem ganzen Weltbaue nichts in einer abso- luten Ruhe, so stoͤren wir gleich Erde, Sonne und Fixsterne auf, und sie muͤssen herum laufen. Neh- men Sie ferner an, in diesen Bewegungen muͤsse al- le moͤgliche Verschiedenheit in Absicht auf Zeit und Raum seyn, sogleich dreht sich die Erde um ihre Axe, damit die so gar gleiche Umdrehung jeder Fixsterne in U 5 24. Cosmologische Briefe 24. Stunden wegfalle, und der Abstand jeder himm- lischen Koͤrper wird ungleich. Eben so wenn Sie an- nehmen, daß hiebey Ordnung und allgemeine Gesetze seyn muͤssen, so werden bald Systemen entstehen, die Planeten in eine Classe gebracht, und die Fixsterne selbsten in Haufen abgetheilt werden. Ich will eben nicht gutstehen, ob man diese Schluͤsse fuͤr wahr halten wuͤrde, wenn sie nicht auch aus andern Gruͤnden bewiesen waͤren, so geringe ist noch das Ansehen der cosmologischen Saͤtze! Die me- chanischen Beweise hat man bereits schon versucht. Die abgeplattete Figur der Erde solle eine unverwerf- liche Anzeige ihrer Bewegung um die Axe seyn, und ich sehe auch nicht, was man dawider einwenden kann. Die elliptischen Laufbahnen der Planeten und Come- ten um die Sonne, die man, wenn die Sonne in Ruhe gesetzt ist, mechanisch aus dem Gesetze der Schwere beweisen kann, gehoͤren ebenfalls hieher. Nun aber kann ich nicht sagen, nach welcher Ord- nung dieser Beweis solle vorgetragen werden. Der Umlauf der Sonne ist gewiß genug, aber noch nicht a posteriori erwiesen, welches doch nothwendig zu seyn scheint. Die Ellipsen sind nur hypothetisch wahr, und es steht dahin, wie man sie ohne angenommene Saͤtze erweisen koͤnne. Es scheinet, wir seyen in der Astronomie gluͤck- lich auf die wahre Spur gekommen, und haben den Schein, so bald wir ihn unter der ersten Gestalt er- kannt uͤber die Einrichtung des Weltbaues. kannt haben, so weit hinaus geruͤckt, bis er sich wie- der aufs neue und unter einer andern Gestalt sehen liesse, um noch weiter hinaus geruͤckt zu werden. Und dabey werden wir vermuthlich bleiben muͤssen, weil es noch mehrere Entfernungen desselben erfordern wird. Indessen kann ich mich mit Ihnen, mein Herr, nicht genug dabey aufhalten, daß dieser Schein je- desmal eine so einfache Ordnung zeigt, und in Absicht auf den Gebrauch, den wir davon zu machen haben, so gar bequem ist. Der Unterschied, den Sie zwi- schen demselben und dem Laufe der Dinge auf unserer Erde finden, wo der Schein lauter Unordnung zeigt, ruͤhret fuͤrnemlich daher, weil das Firmament sich nach einem einigen Gesetze richtet, welches zwar die Bewegung durch jede Stuffe zusammengesetzter macht, aber immer auf eine gleiche Art, wie Sie es durch Ihre Seriem recurrentem erlaͤutern. Hingegen bey uns sind mehrere und sehr verschiedene Gesetze, Ursa- chen und Triebfedern, die sich so durch einander men- gen, daß es viele Zeit und das Uebersehen einer gan- zen Reihe von Veraͤnderungen erfordert, bis sich et- was Allgemeines darinn entdeckt. In dieser Absicht kennen wir den Himmel besser als die Erde, und viel- leicht werden wir ehender die Fixsterne in Ordnung bringen, und die Veraͤnderungen in ihrem Laufe be- stimmen koͤnnen, als die Veraͤnderungen des Wetters und die Bewegungen des Barometers. Hier sind zu viele Ursachen, und jede haͤngt von unzaͤhligen Um- staͤnden, Cosmologische Briefe staͤnden, und man kann sagen, von jeder Un- gleichheit der Erdflaͤche ab. Jeder Berg, jedes Thal, jede Quelle, jede Beschaffenheit des Bodens traͤgt dazu bey. Wir koͤnnen auch hieraus schliessen, das Fir- mament habe dauerhafter seyn muͤssen, als die Dinge auf unserer Erde und die Reiche der Welt. Es sollte ein Uhrwerk seyn, welches fuͤr jede Zeit- raͤume neue Triebraͤder und Zeiger haͤtte, und je- dem Weltkoͤrper sollte dieses Uhrwerk auf eine ih- me angemessene Art dienen. Jedes Triebrad soll- te sich erst hervor thun. Wenn die bereits ver- flossene Zeit anfaͤngt, eine bemerkbare Verhaͤlt- nis zu seinem Umlaufe zu haben. Wir kennen noch hoͤchstens nur den Secunden- und Minuten- zeiger dieses Uhrwerkes, oder unsere Tage und Jah- re haben noch viel weniger zu sagen, wenn ich die Fragen uͤberdenke, die Sie, mein Herr, hieruͤ- ber aufgehaͤuft haben, und zu denen Sie sich ge- woͤhnen, versichert, es werde an diesem Werke des Allerweisesten kein Triebrad ins Stecken kom- men, wie es nur zu ofte an unsern Uhren ge- schicht. Es vergnuͤgt mich sehr, daß Sie, mein Herr, die Figur der Sonnen- Athmosphære meh- rerer Untersuchung wuͤrdig achten, und noch mehr, daß Sie mir Hoffnung machen, die dahin gehoͤri- gen uͤber die Einrichtung des Weltbaues. gen Observationen, wie auch die uͤber unseren Koͤrper im Orion mit mir anzustellen. Wenn ich mich recht entsinne, hat man noch mehrere der- gleichen lichte Stellen am Himmel bemerkt. Es wird sich sodann zeigen, was sich aus denselben und aus jeden andern Merkwuͤrdigkeiten, die man an den Fixsternen entdeckt hat, wird machen las- sen; nachdem wir nun einmal auf die Spur ge- kommen sind, den Weltbau unter einer Gestalt an- zusehen, die vermuthlich von der wahren so gar sehr nicht wird verschieden seyn. Setzt uns die Ordnung, die wir darinn gefunden haben, so wie sie ist, in Bewunderung, so muͤßte, wenn diese noch nicht die wahre waͤre, diejenige, die es ist, nur noch verdeckter, aber noch um desto bewunde- rungswuͤrdiger seyn. Ich meines Theils bleibe nun bey dieser, und werde nicht weiter gehen, bis sie durch Observationen gepruͤft, und daher ent- weder richtig befunden, oder ausgebessert werden wird. Sie wissen, mein Herr, wie viel ich auf scharfe Beweise halte. Ich haͤtte gute Lust, die vorhin gedachte Probe zu machen, wie ferne sich die Astronomie, die uns bisher gluͤcklich gelun- gen ist, nach aller Strenge erweisen lasse. Aber nach unseren Observationen wird es sich besser und vollstaͤndiger thun lassen. Ich halte mich nicht auf, Ihnen, mein Herr, alles Vergnuͤgen zu beschrei- Cosmologische Briefe ꝛc. beschreiben, so ich dabey empfinden werde. Aber bey ihrer Ankunft solle es mir an Worten und Werken nicht fehlen, die Empfindungen der Freu- de und unveraͤnderlichen Ergebenheit zu zeigen, mit welcher ich verbleibe Mein Herr ꝛc.