Die drey aͤrgsten Ertz-Narren Jn der gantzen Welt/ Auß vielen Naͤrrischen Begebenheiten hervorgesucht/ und Allen Interessen ten zu besserem Nachsinnen uͤbergeben/ durch Catharinum Civilem. Anietzo von denen vielfaͤltigen Druckfeh- lern gereiniget und verbessert. Jm Jahr 1673 . Hochwehrter Leser. D Jeß Buch hat einen naͤrrischen Ti- tul/und ich halte wohl/ daß mancher meinen wird/ er wolle seine Narr- heit daraus studiren. Doch es geht hier wie mit den Apothecker Buͤchsen/ die haben außwendig Satyros oder sonst Affengesich- te angemahlt/ inwendig aber haben sie Balsam oder andre koͤstliche Artzneyen verborgen. Es siehet naͤrrisch aus/ und wer es obenhin betrachtet/ der meint/ es sey ein neuer Simplicissimus oder sonst ein le- derner Saalbader wieder auffgestanden. Allein was darhinter versteckt ist/ moͤchte ich denenselben ins Hertz wuͤnschen/ die es beduͤrffen. Uber Fuͤrsten und Herren haben andere gnug geklaget und geschrie- ben: hier finden die Leute ihren Text/die entweder nicht viel vornehmer sind/ als ich/ oder die zum wenigsten leiden muͤssen/ daß ich mich vor ihnen nicht entsetze. Den Leu- ten bin ich von Hertzen gut: daß aber etli- A iij che che Laster so beschaffen sind/ daß ich sie we- der loben noch lieben kan/ solches geht die Leute so eigentlich nicht an. Es ist auch keiner gemeint/ als wer sichs annehmen will. Und diesem wuͤnsch ich gut Gluͤck zur Besserung/ vielleicht wirckt diese Pos- sierliche Apothecker-Buͤchse bey etlichen mehr/ als wenn ich den Catonem mit gros- sen Commentariis haͤtte auflegen lassen. Plato hat gesagt: Imperare est legitimè fallere populum. Es scheint als muͤste man die Tugend auch per piam fraudem, der kuͤtzlichten und neubegierigen Welt auf eine solche Manier beybringen/ drum wuͤnsche ich nichts mehr/ als die Welt wol- le sich zu ihrem Besten allhier betriegen lassen. Sie bilde sich lauter lustige und zeitvertreibende Sachen bey diesen Nar- ren ein: wenn sie nur unvermerckt die klu- gen Lebens-Regeln mit lesen und erwegen will. Und wer will die Satyrische Art zu schreiben der ietzigen Zeit verbieten/ da solches bey den klugen Griechen und Roͤ- mern mit sonderbahrer Beliebung erhalten worden? Jch mache es ja so unhoͤfflich und un- unchristlich nicht/ daß ich mich befahren muͤsse/ als wuͤrden sich mehr daran aͤrgern als bessern. Vielmehr will ich die schreib- sichtigen Papier-verderber beschaͤmen/ welche unter dem Deckmantel der Saty- rischen Freyheit/ solche unverantwortliche Zoten vorbringen/ darvor der Him̃el ver- schwartzen moͤchte. GOtt der unbetrogene Hertzenkuͤndiger bringe den leichtfertigen Menschen zum Erkaͤntniß/ der unlaͤngst den verfluchten und Henckermaͤßigen Klunckermutz in die Buchlaͤden ein- geschoben hat: gleich als wolte er die Ab- scheuligkeit der Unzucht allen erschrecklich machen/ da er doch mit seinen leichtfertigen und unverschaͤmten Umstaͤnden so viel jun- ge unschuldige Gemuͤther geaͤrgert hat/ daß man ihm tausend Muͤhlstein an sei- nen Hals wuͤnschen moͤchte. Jn Franck- reich ist vor wenig Jahren eine Jungfer- Schule natuͤrlich und aͤrgerlich gnug her- aus kommen. Doch nun haben wir auch ein Buch/ dabey wir den Frantzosen nichts vorwerffen koͤnnen. Eine Schande ist A jv es/ es/ daß solche Gewissenslose Drucker und Buchhaͤndler gefundẽ werdẽ/ welche sich so viel mehr dieser Suͤndẽ theilhafftig machẽ/ so viel mehr sie die Schãd-Possen unter die Leute bꝛingẽ. Nun ich wuͤnsche noch einmal/ GOtt bringe die Liecht-scheuende Fleder- Maus zum Erkaͤntniß/ damit ihm die ver- dammten Bogen nicht einmahl auf der Seele verbrennen/ und die boͤse Brunst/ die er bey vielen erwecket/ auf seinem Kopfe zu Pech und Schwefel werde. Er mag seyn wer er will/ so weiß ich/ daß ihn sein Ge- wissen eher verdammet hat/ als die ehrba- re Welt davon hat urtheilen koͤnnen. Nun wie dem allen/ hier lege ich dem Kerlen mit der Sauglocke was anders vor/ daran er mag zierlicher schreiben lernen. Eines ist mir leid/ daß ich die Sachen/ welche mei- stentheils vor acht Jahren mit fluͤchtiger Feder auffgesetzet worden/ weder uͤbersehn noch leserlich abschreiben kan. Und dan- nenhero versche ich mich unterschiedener Druckfehler. Jm̃it t elst haͤtte ich Lust mich zu nennen/ wuͤrde ich wegen meiner Ver- rich- richtungen leicht entschuldiget seyn/ wo- fern einige Nachlaͤssigkeit an meinem Or- te mit unterlauffen solte. So ist dieß meine Bitte/ es wolle ein iedweder die Er- innerungen mit so gutem Hertzen anneh- men/als gut meine Jntention ist einem ied- weden zu dienen. Erhalte ich den Zweck nicht/ so soll mich doch der gute Willen er- getzen/ welchen ich hierbey gehegt habe. Jm uͤbrigen habe ich dieß lange bedacht/ gleich wie ein Schneider auß schlimmen Tuche kein gut Kleid machen kan; also wuͤrde ich von boͤsen Sachen kein koͤstlich Buch schreiben. Doch weil es einmahl geschrie- ben ist/ so bleibt es bey der guten recom- mendation, lebe und urtheile wohl. A v Ein Eingang. T Eutschland hatte nunmehr den dreissig-jaͤhrigen Krieg beygele- get/ und der angenehme Friede fieng allbereit an seine Fruͤchte außzustreuen/ als ein grosser Herr/dem das Leben in den ver- schlossenen Festungen bißher gar verdrießlich gefallen war/ sich wiederumb auf seine Herr- schafft begab und daselbst sein zerstoͤrtes Schloß auf eine neue und schoͤnere Manier anlegen ließ. Das Werck gieng wohl von statten/ die Mauern wurden aus dem aͤusser- sten Grunde wohl auffgefuͤhrt/ die Daͤcher fuͤgten sich zierlich zusammen/ die Losamenter hatten ihre ordentliche Abtheilung/ und die Sache kurtz zu geben/ ein ieder freuete sich schon/ den Pallast in wuͤrcklicher Vollkom- menheit anzuschauen. Doch wie es in den Menschlichen Sachen pflegt herzugehen/ daß sich die Hoffnung allzeit weiter erstreckt/ als die That selber: also befunden sich die Leute in ihrer Freude/ wo nicht betrogen/ doch sehr lan- ge ge auffgehalten. Denn obgedachter Herr fiel in eine ploͤtzliche Kranckheit/ ward auch von dem herein brechenden Tode uͤbereilet/ daß er kaum Zeit hatte seinen letzten Willen zu er- klaͤren/ und in Ermangelung eigener Leibes- Erben/ die naͤchsten Freunde im Testament ordentlich zu bedencken. Was geschach? die Leiche wurde praͤchtig beygesetzt/ und weinten dieselben am trotzigsten/ die sich der Erbschafft wegen am m eistẽ freueten/ daß m an also wol in die Trauer-Fahne haͤtte sehreibẽ moͤgẽ: NUL- LI JACTANTIUS MOERENT, QUAM QUI MAXIME LÆTANTUR. Endlich bey Eꝛoͤffnung des Testaments fand sichs/ daß dem jenigen/ der des Hauses Besitzer seyn wuͤrde/ die Beschwerung/ doch ohne seinen Schaden aufferleget war/ den angefangenen Bau nicht allein zu vollenden/ sondern auch in allen Stuͤcken so wohl in grossen als in kleinen dem auffgesetzten Verzeichniß zu folgen. Nun war gedachtes Verzeichniß so accurat einge- richtet/ daß fast nicht ein Balcken vergessen war/ wo er solte eingeschoben/ wie er solte be- kleidet oder gemahlet/ wie er solte behobelt und beschnitzet werden. Was solte der Erbe thun? wolte er den Pallast haben/ muste er die bey- gefuͤgte Condition eingehen. Und also ließ er in dem Bau gar sorgfaͤltig fort fahren/ ver- A vj gaß gaß auch nichts in Obacht zu nehmen/ wie es vorgeschrieben war. Nach langer Muͤh kam er auf die Gemaͤcher/ die er mit allerhand Schildeꝛeyen außputzen solte/ wie denn alle In- ventiones schon vorgeschrieben waren. Und da war ein Saal/ bey dem die Verordnung geschehen/ es solten in den drey grossen Feldern der Thuͤre gegen uͤber die drey aͤrgsten Narren auf der Welt abge- mahlet werden. Jn diesem Stuͤck erei- gneten sich nun grosse Scrupel/ indem nie- mand gewiß sagen konte/ welches denn eben in der grossen und weitlaͤufftigen Narrenschu- le der Welt/ die 3. groͤsten und vornehmsten Narren seyn muͤsten/ und ob nicht auf allen Fall/ wenn ein Schluß solte getroffen werden/ man einen præceden tz Streit um die Narren- Kappe/ oder wohl gar einen injuri en -proceß moͤchte an den Hals bekommen/ nach dem be- kanten Sprichwort: Quo stultior, eò su- perbior. Es fiel auch dieses inconveniens mit ein/ daß einer/ der ietzund ein kleiner Narr waͤre/ in kurtzer Zeit mit einer hoͤhern Charge moͤchte versehen/ und vielleicht uͤber die Ober- sten gesetzet werden. Denn weil heute zu Ta- ge die Ehre nichts ist als ein blosser Titel/ so koͤnte man leicht verstehẽ was das heist/ Senio- res ludunt titulis, ut pueriastragulis. Zwar der der Sache muste endlich abgeholffen werden/ und kamen zu dem Ende die kluͤgsten desselbi- gen Orts zusammen/ ob sie nicht in der zwei- felhafftigen Frage koͤnten einen richtigen Schluß treffen. Einer machte den Handel sehr schwer/ vorgebende/ er haͤtte auf seiner Reise durch Ober-Sachsen/ in einem vorneh- men Adelichen Hause einen Saal gesehn/ da neun und neuntzig Narren waͤren abgemahlt gewesen/ und waͤre noch ein ledig Feld gelas- sen worden/ wann sich unversehns irgend ei- ner angegeben/ den der Mahler vergessen haͤt- te. Dannenhero würde die Wahl unter so vielen nicht gar zu leicht seyn. Ein ander gab vor/ der waͤre der groͤste Narr/ welcher die groͤsten Schellen haͤtte: Aber er muste sich berichten lassen/ daß die meisten Schellen heimlich getragen wuͤrden/ sonderlich nach der Zeit/ da man unter den Baruquen und breiten Huͤten viel verbergen koͤnte. Nach langem Berathschlagen/ fing ein alter Gruͤllẽ- faͤnger/ der bißhero gantz still geschwiegen/ also an: Jhr Herren/ was wolt ihr in dieser Stu- be die groͤsten Narren dergantzen Welt auß- suchen/ ihr kommt mir vor als wie Peter Sqventz/ der meinte/ weil er im Dorffe keinen Pfarherr haͤtte und derowegen als Schul- meister der oberste zu Rumpels-Kirche waͤre/ A vij so so muͤste er unfehlbar der Hoͤchste in der gan - tzen Welt seyn. Magnum \& parva sunt re- lata. Will einer nun wissen/ was in diesem oder jenem Stuͤcke das Groͤste in der gantzen Welt sey/ der muß auch einen Blick in die gantze Welt thun. Und ich halte/ der selige Herr habe einen klugen Vesitzer seines Hau- ses dadurch bestaͤtigen wollen/ indem solcher Krafft der Bedingung/ sich in der Welt zuvor versuchen/ und also in Betrachtung vielfaͤlti- ger Narren/ desto verstaͤndiger werden muͤste. Diese Rede wolte dem jungen Faͤntgen nicht zu Sinne/ daß er sich so viel Meilen hinter den Backofen verlauffen solte: absonderlich war ihm dieß zuwider/ daß er seine Liebste so lange verlassen muͤste/ mit welcher er sich/ nach der Gewonheit aller reichen Erben/ verplempert hatte. Aber es halff nichts/ wolte er nicht/ so war schon ein ander da/ der es umb dieß Geld thun wolte. Derhalben weil wider den Tod kein Kꝛaut gewachsen war/ so ward unverzuͤg- lich zu der Reise geschickt/ und freueten sich die andern/ wenn dieser auf dem langen We- ge umbkaͤme/ in seinen Guͤtern zu bleiben. Es machte ihm auch einer ein Propempticum, und setzte diese Worte mit dazu: I decus inostrum, melioribus utere fatis. Er meinte aber/ das waͤren die meliora fa- ta, ta, wenn er bald stuͤrbe und in den Himmel kaͤme. Sit divus modo non vivus. Nun waͤre ziel zu gedencken/ mit was vor nassen Augen der Abschied genommen worden/ und was ihm die Liebste vor Lehren mit auf den Weg gegeben/ wenn es nicht das Ansehen ge- winnen moͤchte/ als waͤre dieser Narren Auß- koster der erste in dem Register gewesen. Drumb sey nur kuͤrtzlich diß gesagt/ er reisete fort und nahm niemand mit sich als drey Die- ner/ einen Hofmeister/ einen alten Verwal- ter/ der die Quartiermeister-Stelle vertreten solte/ und einen Mahler/ daß man das Eben- bild alsobald haben koͤnte/ wenn sich der groͤ- ste Narr sehen liesse. Lichter und Laternen bedurfften sie nicht/ denn sie meinten/ sie wol- ten die Narren eher im Finstern finden/ als Diogenes die Menschen am hellen Mittage. Nun wir wollen die andern zu Hause/ und ab- sonderlich die Ubelauffseher/ bey ihrer admini- stration lassen/ und wollen der schoͤnen Com- pagnie zu allen wunderlichen und naͤrrischen Begebenheiten das Geleite geben. CAP. CAP. I. F Lorindo der Herr selbst/ Gelanor der Hoffmeister/ und Eurylas der Verwalter/ zogen mit ihrem Mahler und drey Dienern von dañen/ traffen auch innerhalb acht Tagen wenig denckwuͤrdiges an. Weil es doch all- zeit die Art mit den Leuten hat/ daß sie nur das jenige hochhalten/ was weit entlegen ist; und hingegen ihre eigene Sachen verachten oder hindan setzen/nach dem Sprichwort: A- sinus peregrinus majori venit pretio, quàm eqvus domesticus. Also eileten sie von ihrem Vaterlande hinweg/ und meinten nicht in der Nachbarschafft viel meꝛckwuͤrdiges anzutref- fen. Als sie aber etliche funffzig Meilen hin- rer sich hatten/ kamen sie auf den Abend sehr muͤde in das Wirthshaus. Der Wirth war allem Ansehen nach ein feiner hoͤfflicher Mann/ der sich gegen fremde Gaͤste sehr wohl anlassen konte. Absonderlich wuste er sich in Gespraͤ- chen mit iederman sehr annehmlich aufzuhal- ten/ daß die Compagnie vermeinte/ es wuͤrde nun einmahl Zeit seyn/ etwas genauer in die naͤrrische Welt zu gucken. Fragten derowe- gen/ ob nicht etwas sonderliches in selbiger Ge- Gegend zu sehen waͤre? der Wirth gab zur Antwort/ es waͤre ein schlechter Ort/ da man viel Raritaͤten nicht antreffen-wuͤrde: Doch koͤnte er dieses ruͤhmen/ daß eine Meile von dar ein Warmes Bad sey/ da nicht allein die Natur viel vortreffliche Wunderwercke zu erweisen pflege: Sondern da auch al- lerhand Gattung von grossen und geringen Leuten/ sich haͤuffig antreffen liessen. Sie baten/ weil sie des Weges nicht kuͤndig/ moͤch- te er ihnen das Geleite geben/ und solte er vor gute Belohnung nicht sorgen. Er bedachte sich etwas; doch nach wiederholter Bitte sag- te er ja/ und ward also noch den Abend zu der Reise gewisse Anstalt gemacht. Hierauff wur- den sie in ihre Schlaff-kammer gewiesen/ und hatte sich Florindo schon außgekleidet/ als der Mahler geschwind gelauffen kam/ mit dem Bericht/ wofern sie wolten einen Ertznarren finden/ solten sie ihm folgen. Sie waren froh/ und liessen sich nicht auffhalten/ kamen auch in aller Stille vor des Wirthes Kammerthuͤr/ da hoͤreten sie/ wie die F rau mit dem Manne expostulirte. Was/ sagte sie/ du ehrverges- sener Vogel/ wilstu wieder aus dem Hause lauffen/ und mir die schweren Haussorgen al- lein auf dem Halse lassen? Haͤtten dich die kah- len Schuͤffte vor 2. Jahren gemiethet/ so moͤch- ten ten sie dich heuer vor einen Boten gebrauchen. Jetzt bistu mein Mann/ und dessentwegen hab ich dich in die Guͤter einsitzen lassen/ daß du mir pariren sollst. Oder haͤttestu wollen ein Landlaͤuffer werden/ so haͤttestu eine Marcke- tener-Hure moͤgen aussuchen/ ich haͤtte doch wohl so einen nackichten Bernheuter gekriegt. Daß dich botz Regiment! mache mir es nicht zu bund/ sonst werden meine Naͤgel mit dei- nem Hurenspiegel treffliche Cameradschafft machen. Gelt! du hast Blaubeltzgen im war- men Bade lange nicht besucht? du elender Teufel/ wenn du deine Haußarbeit recht ver- sorgen koͤntest! Hier fiel ihr der Mann in die Rede;ach hertzallerliebste Frau/ sagt er/ war- umb erzuͤrnet ihr euch doch uͤmb so eine gerin- ge Sache/ ihr wisset ja/ daß ihr allzeit darauff kranck werdet. Soll ich nicht mitreisen/ so sagt mir es nur mit guten/ ich will von Hertzen gern zu Hause bleiben/ thut nur eurer Gesund- heit keinen solchen Schaden. Ach du Hunds- ꝛc. fing sie hingegen an / du hast es wohl ver- dient/ daß ich dir viel gute Worte geben soll/ wie lange hat das lauffen nun gewaͤhret/ und wielange soll ich dein Schaubhuͤtgen seyn/ der Hencker dancke dirs/ daß ich mir deinetwegen das Hertze und das Leben abfressen muß/ und rede mir nur kein Wort darzwischen/ sonsten wol- wollen wir sehen/ wer Herr im Hause ist. Du Bettelhund/ wer warestu/ als du in deinem lausichten Maͤntelgen angestochen kamest/ da dir das Hemd zu den Hosen herauß hieng/ und da dir der Steiß auf beyden Seiten herauß guckte/ haͤttestu auch einen blutigen Heller ge- habt/ wenn man dich haͤtte zu Boden geworf- fen? Wer hat dich denn nun zum Manne ge- macht/ du Esel/ als eben ich? Und wer hat dir bessere Macht Ohrfeigen zu geben/ als eben ich? Der Mann wolte etwas reden/ aber es fing abscheulich an zu klatschen/ daß die Zuhoͤ- renden geschworen haͤtten/ der gute Kerle be- kaͤme Maulschellen/ da da/ du Berenhaͤuter/ rieff sie/ da hastu Geld auf die Reise/ du ver- lauffener Schelm/ da hastu die Lauge zum warmen Bade/ warte/ ich will dir den Kopff mit der Mandel-Keule wieder abtrocknen. Der Mann muckste kaum dargegen/ nur biß- wei’en murmelte er diese Worte: o meine guͤldene hertzallerliebste Frau/ was hab ich deñ gethan? Endlich als das Gefechte lang genug gewaͤhret/ und viel leicht feꝛtge Worte vergossẽ worden/ sagte die F rau: das soltu wissen/ du eingemachter Eselskopff/ daß ich dich nicht weg ziehen lasse/ und damit du zu Hause blei- ben must/ siehe so wil ich dir Schuh und Struͤmpfe verstecken/ und solstu morgen den gan- gantzen Tag zur Straffe barfuß gehn. Hier- mit kam sie an die Thuͤre/ und wolte die Struͤmpfe herauß tragen/ da riß die Com- pagni e wieder aus/ und verfuͤgte sich in die Schlaff-Kammer. Nun haͤtten sie sich ger- ne uͤber den Narren verwundert/ aber uͤmb den Schlaff nicht zu verstoͤren/versparten sie solches biß auf den andern Tag/ gaben unter- dessen dem Mahler Befehl/ sich mit den F ar- ben fertig zu halten/ wenn er unversehens den elenden Sieman abmahlen muͤste. Fruͤh morgens gieng der gute Mann mit seinen Grillen zu Rahte/ wie er sich doch gut genug entschuldigen moͤchte/ wenn er von Gaͤsten zur Reise gefordert wuͤrde/ vornem- lich schaͤmte er sich vor den fremden Leuten mit nackichten Beinen zu erscheinen/ und gleich- wol kunte er die Sache nicht aͤndern/ doch zu seinem Gluͤcke saß der Mahler in der Stube/ und machte die Farben zu rechte/der hatte nun etwas in der Kam̃er oben vergessen/ und wolte es holen/ indessen wischet der Wirth uͤber die schwartze Farbe/ und bestreichet sich die blossen Beine uͤber und uͤber/ daß zehen Blinden haͤt- ten sollen voruͤber gehen/ und nicht anders dencken/ es waͤren rechte nette Englische Struͤmpfe. Jn solchem Ornat steckte er die F uͤsse in die Pantoffeln/ und sprach sei- seinen Gaͤsten zu/ fragte wie sie geschlaffen/ und ob sie gesonnen/ nach dem warmen Bade zu reisen; Es sey ihm hertzlich leid/ daß seiner Liebsten diese Nacht ein schwerer F luß auf die Brust gefallen/ und er selbst gezwungen wuͤr- de hier zu bleiben/ und der annehmlichen Ge- sellschafft zu entrathen. Solche entschuldi- gung wurde leicht angenom̃en/ und nachdem das F ruͤhstuͤck verzehret/ und der Wirth be- zahlet/ namen sie einen andern Wegweiser/ und reiseten auf erwehntes warmes Bad zu. U nterwegens fieng Florindo an: Jst dieses nit ein Anblick von einem rechtschaffenem Haupt- Narren/ daß ein Mann/ der doch wohl in der Welt fort kom̃en koͤnte/ uͤm einer eiteln und verdrießlichẽ Nahrung willẽ/ sich mit einer sol- chen Vettel verkuppelt/ und sich zu einem ewi- gen Sclavẽ macht. U nd ist es nicht ein gedop- pelter Narr/ daß er sich so eine matte krancke Fraulaͤsset Ohrfeigẽ gebẽ/ und schmeist die alte Hexe nicht wieder/ daß ihr alle drey Zaͤhne vor die Fuͤsse fallen/ da geht nun der arme Don- ner/ in seinen geschwaͤrtzten Beinen/ und wer weiß/ wie ihm das Mittagsmahl bekommen wird. Der Hoffmeister gab sein Wort auch dazu/ doch war dieses seine Erinnerung/ man solte sich uͤber den ersten Narren nicht zu sehr verwundern/ es moͤchten noch groͤssere kom̃en/ bey bey welchen man die Verwunderung noch mehr von noͤthen haͤtte. Es waͤhrete auch nicht lange/ so kamen sie an ein Dorff/ da sahen sie/ daß ein grosser Zulauff von Leuten war/ sie eileten hinzu/ und befunden/ daß ein Mann/ der sonst/ den Kleidern nach/ erbar genug war/ seine F rau bey den Haaren hatte/ und ihr mit einem Bruͤgel den Ruͤcken mit aller Leibes- Macht zerklopffte. Sie liessen die zween un- gleiche Federfechter von einander reissen/ und fragten/ was er denn vor Ursache haͤtte/ mit seiner Frau so unmenschlich umzugehen. Ach ihr Herren/ sagte der Kerle/ ich bin ein Spi- tzen-Haͤndler/ da hab ich bey einem vorneh- men Junckern einen guten Verdienst gehabt/ und soll mir nur die F rau/ die lose Bestie/ den Gefallen thun/ daß sie spraͤche: nun Gott Lob und Danck/ daß die Spitzen verkaufft sind. Aber der Hencker hohlte sie/ ehe sie mir zu Lie- be das Wort sagte/ und doch muß sie noch so sagen/ und solt ich ihr den Hals in zehen Stuͤ- cke brechen. Hierauff fragte Eurylas die Frau/ warum sie so widerwaͤrtig waͤre/ da sie doch mit leichter Muͤh diesem Ungluͤck entlauf- fen koͤnte. Ach! sagte sie/ es waͤre viel davon zu reden/ wer alles erzehlen solte/ wenn mein thummer Haus-Elephant den Narren in Kopff bekom̃t/ so muß er was zu zancken ha- ben/ ben/und wenn er die Ursache von Zaune bre chen solte. Es ist ihm nicht uͤmb die liebe Gottesfurcht zu thun/haͤtte ich so gesagt/ so waͤre was anders herauß kommen. Gelanor versetzte/ gleich wohl haͤtte sie das Wort leicht nachsprechen koͤnnen/ und also waͤre sie desto mehr aus der Schuld gewesen/ wenn ihr her- nach etwas ungebuͤhrliches waͤre zugemuthet worden. Ja woht/ sagte sie/haͤtte ich es nach- sprechen koͤnnen/ wenn ich nicht wuͤßte/ was er vor ein liebes Hertzgen waͤre; das ist der Maͤnner Gebrauch/ sie fordern so viel von den Weibern/ biß es unmoͤglich zu thun/ und der- halben ist diese am kluͤgsten/ die im Anfange sich nicht laͤst zum Narren machen. Wer a. spricht/ soll auch b. sprechen/ und das will ich meinem Kerl nimmermehr weißmachen/ daß er mich das gantze A. b. c. durchfuͤhren soll. Hierauff ritte Florindo fort/ und sagte zu sei- nen Gefaͤhrten/ es verlohne sich nicht der Muͤh dem Lumpen-Gesinde zuzuhoͤꝛen/ doch gab Ge- lanor diese Anmerckung darzu/ es waͤre nicht eine geringe Narrheit mit untergelaufen: denn/ sagte er/ solte der Mann nicht mit dem schwachen Werckzeuge Geduld haben/ und wann er in der Weiber Gemuͤthe einige Ver- drießligkeit befuͤnde/ solte er nicht vielmehr auf Mittel und Wege dencken/ sie zu beguͤtigen/ als als daß er einen Teufel heraus und zehen hin- gegen wieder hinein schlaͤgt. Er muß sie doch einen Weg wie den andern umb sich leiden/ und wer wird mit ihrer Bosheit aͤrger ge- strafft/ als der Mann selber. Eine geringe Schwachheit wolte er nicht vertragen/ nun muß er eine uͤbermaͤßige Boßheit einfressen/ und kommt so zu reden auß dem Staube in die Muͤhle/ aus dem Regen in die Trauffe. Es ist nicht ohn/ Alexander M . beim Curtio hat es auch vor gut erkannt/ daß ein Mann seine Frau schlagen moͤchte: allein es bleibet doch dabey/ was ein vornehmer Consistorial Rath gesagt: wer die F rau schlaͤgt/ der ist ein elen- der Mann; wer sie aber aus geringen U hrsa- chen schlaͤgt/ der ist gedoppelt elende. Jn dergleichen Discursen hielt sich die Com- Pagn i e auf biß sie vor das Staͤdtgen gelan- geten/ allwo des Wirthes Aussage nach das warme Bad anzutreffen war: Nun hatten sich eben viel Leute eingefunden/ welche die F ruͤlings-Cur daselbst gebrauchen wolten/ daß also wegen der Quartiere grosse Ungele- genheit war. Nach vielen Bemuͤhungen ka- men sie bey einem Priester in das Losament/ und funden einen vornehmen Cavallier, der sich mit seiner Liebste etliche Stunden zuvor eben in selbigem Hause einquartieret hatte. Sie Sie machten bald Bekandschafft/ und be- schlossen die Mahlzeit beysammen einzuneh- men/ inzwischen ließ Florindo einen Becher Wein langen/ und brachte dem unbekanten Cavallier eins auf Gesundheit zu: Allein wie er darnach greissen wolte/ kam die Liebste dar- zwischen/ ach mein Engel/ sagte sie / was will er mit dem ungesunden Wein in dem Leibe/ er gedencke doch/ daß er durch einen jedweden Becher etliche Tage von seinem Alter/ und noch einmahl so viel Bluts-Tropfen von mei- nem Hertzen absauffen muß. Ach er thu den Becher weg! Er schuͤttelt den Kopff/ und gab zur Antwort:meine Frau/ das ist kein uͤberfluß/ wenn man vornehmen Leuten zu bestaͤtigung fernerer Bekandschafft einen erleidlichen Eh- ren-Becher bescheid thut/ ich werde darum weder eher noch langsamer sterben/ ob ich den Becher trincke oder auf die Erde giesse. Gleich- wohl dieser Worte ungeacht/ grieff sie noch haͤrter zu/ und bat ihn/ er solte doch seine Liebste bedencken/ welche seine Gesundheit so genau und sorgfaͤltig in Acht nehme. Kurtz von der Sache zu reden/ sie brachte ihm so viel bewe- gliche Worte fuͤr/ fing auch ein bißgen an zu weinen/ daß der gute Herr sich muste gefan- gen geben; und solches that sie ohn unterlaß/ wenn er einen Bissen wider ihren Willen es- B sen sen’oder sonst was vornehmen wolte/ das ihr nicht annehmlich war. Recht laͤcherlich stund es/ als in waͤhrender Mahlzeit ein Mahler kam/ und allerhand Schildereyen zu verkauf- fen hatte. Denn als die andern etwas von ihrem Gelde anlegten/ und dieser eines Stuͤ- ckes gewahr wurde/ auf welchen die Einneh- mung der grossen Chinesischen Mauer abge- bildet war/ beliebte er es zu kauffen. Es mag seyn/ daß er sich in das Bild verliebte/ oder auch daß er in der Gesellschafft nicht wolte vor karg angesehen werden. Doch schlug sich die Liebste bald ins Mittel/ und beredete ihn wun- derli che Haͤndel. Er solte doch sehen wie die F arben so unscheinbar auffgetragen/ wie es hin und wieder schon auffgesprungen/ er waͤre gewiß etliche Jahr ein Ladenhuͤter gewesen/ nun kaͤme er und suchte einen Narren/ der es uͤber der Mahlzeit in voller Weise behalten moͤchte. Sie wuͤste einen Mahler/ der haͤtte Stuͤcke/ denen nichtsfehlte als das Leben/ und welchen andre Taffelkleckereyen nicht das Wasser reichten. Uber dieß waͤre es Schan- de/ daß er seine schoͤne Ducaten und Reichs- thaler vor solchen Lumpenzeug solte hinschleu- dern/ wenn es noch Doppel-Schillinge oder kuͤpfferne Marien-Groschen waͤren/ deren man ohn dieß gern wolte loß seyn. Summa Sum- Summarum/ er durffte das Bild nicht kauf- fen. Nach verrichteter Mahlzeit zog Gela- nor den Florindo auf die Seite/ und fragte ihn/ ob er auch den abscheulichen Narren in Acht genommen. Ach/ sagte er/ ist das nicht ein Muster von allen elenden Sclaven. Das Weib stehet in solcher Furcht/ daß sie im Ern- ste nichts begehren darff/ und gleich wol kan sie unter dem Schein einer demuͤtigen und unter- thaͤnigen Bitte ihre Herrschafft gluͤcklich ma- nuteni ren. Von grossen Herren ist das Sprichwort/ wenn sie bitten/ so befehlen sie: aber es scheint/ als wolte solches auch bey dieser Frau wahr werden/ und also ist ein schlechter Unterscheid/ ob sich der Mann befehlen laͤst/ oder ob er in alle Bitten willigen muß. Flo- rindo, der allezeit die Helffte von den Gedan- cken bey seiner Liebsten hatte/ fiel ihm in die Re- de/ und wolte erweisen/ daß alles aus reiner und ungefaͤrbter Liebe geschehen/ und also der Mann waͤre straffwuͤrdig gewesen/ wenn er solch freundlich Ansinnen durch rauhe und un- barmhertzige Minen von sich gestossen haͤtte. Allein Eurylas fing hefftig an zu lachen/ und fragte/ ob er nicht wuͤste/ daß keine Sache so schlimm waͤre/ die sich nicht mit einem erbah- ren Maͤntelgen bedecken liesse. Man duͤrffe denselben nicht alsobald vor einen Engel des B ij Lichts Lichts ansehen/ welcher dem aͤusserlichen Scheine nach also verstellet waͤre. Die Liebe bestuͤnde in dem/ daß beyderseits ein glei- cher Wille in gleicher Freyheit gelassen waͤre: nun aber sey der gute Mann mit seinem Wil- len dermassen gebunden/ daß man nothwendig schliessen koͤnte/ dem Weibe sey es nicht darum zu thun/ daß sie dem Manne viel nach seiner In- clination machen wolte. Bey diesen Wor- ten kam der Priester/ dem das Hauß gehoͤrte/ in das Zimmer hinnein getreten/ und legte sei- ne Compli mente ab/ sie solten in der wenigen Bequemligkeit vorlieb nehmen/ und nur be- fehlen was sie begehrten. Hierauff geriethen sie in ein Gespraͤche/ und fragte Florindo, wer denn der unbekante Gast sey? Der Priester gab zur Antwort/ es waͤre ein vornehmer Mann/ habe sich vor diesem in hohen F uͤrstli- chen Diensten auffgehalten/ es sey ihm aber der Neid zuwider gewesen/ daß er nun von seinen Renten leben muͤsse. Jtzt sey er meh- rentheils wegen seiner Liebsten in das warme Bad gezogen/ als welche verhoffte hiedurch fruchtbar zu werden. Florindo fragte in sei- ner Einfalt/ ob denn das Wasser solche Krafft haͤtte/ doch halff ihm Gelanor bald auß dem Traume/ indem er sagte/ thuts das Bad nit/ so thuns die Badgaͤste. Der Priester stellte sich sich/ als verstuͤnde er die Rede nicht/ und nahm bald Abschied/ mit wiederholter Bitte/ das Losament nach ihrem Willen zu brauchen Da gieng es nun an ein Lachen/ uͤber die Frucht- barkeit des Weibes/ die nicht viel anders auß- sah/ als ein alter Meeraffe/ und konte man fast errathen/ warum der Mann seine hertzaller- liebste Gemahlin nicht gern erzuͤrnen wolte/ in- dem er ohn allen Zweifel die Beysorge haben muste/ als moͤchte sich die angefangene Frucht- barkeit durch den Zorn wieder zerschlagen. Absonderlich wuste Eurylas, der alte durch- triebene Susannenbruder/ viel Historien auf diesen Schlag beyzubringen. Es habe ein- mahl eines Schiffers Frau an ihren Mann so hertzinniglich gedacht/ und in solchen Gedan- cken habe sie einen Eißzapffen vom Roͤhr-Ka- sten abgebrochen und verschluckt/ also daß sie bloß von dieser Einbildung durch Huͤlffe des Eißzapffens schwanger worden/ und ein arti- ges schoͤnes weißhaͤriges Knaͤbgen an die Welt gebracht. Eine andere habe nur auf ihres abwesenden Mannes Gesundheit ge- truncken/ und alsobald haͤtte sie den Segen ihres Leibes empfunden. Wieder eine an- dere haͤtte sich an Hechts-Lebern/ und noch eine andre an Heringskoͤpffen fruchtbar gegessen. Endlich kam die application, die gute Frau B iij muͤste muͤste gewiß solcher Mittel nicht kundig seyn/ daß sie alles so auff eine weitlaͤufftige Reise haͤtte spielen muͤssen/ und würde genau ein Trinckgeld zu verdienen seyn/ wenn iemand ein solches probatum est dem alten Herren er- oͤffnen wolte. Mehr dergleichen Haͤndel ka- men vor/ als der Mahler dem Florindo einen project vorstellete/ was er auf seine ledigen Tafeln vor Narren wolte mahlen lassen. Jm ersten Bilde war eine F rau/ die ritte auf einem Mann/ dem Esels-Ohren angehefftet waren/ mit dieser Uberschrifft: Das ist ein grosser Narr/ der uͤmb das lie- be Brot Deß Weibes Esel wird/ und leidet solche Noth. Auf der andern war ein Mann/ der ritte auf der Frauen/ und stach ihr die Sporn weidlich in die Ribben/ mit dieser uͤberschrifft: Das ist ein groͤsser Narr: er legt die Spo- ren an/ Da er sein treues Pferd mit Guͤte lencken kan. Auf der dritten war ein Reuter/ der keinen Zaum in der Hand hatte/ mit dieser uͤber- schrifft: Das ist der groͤste Narr/ er reitet zwar sein Pferd/ Doch Doch kommt er nur dahin/ wohin der Gaul begehrt. Florindo sahe die Kunststuͤcke mit sonder- lichen Freuden an/ und vermeinte nun/ es waͤre seine muͤhsame Reise glücklich abgelauffen/ und wuͤrde er nun innerhalb 14. Tagen seine Lieb- ste zu sehen bekommen. Aber Gelanor halff ihm bald aus dem Traume/ es waͤre noch lan- ge nicht an dem/ daß er von dem aͤrgsten Nar- ren in der Welt urtheilen koͤnte/ ob er schon et- liche Proben von rechtschaffenen Weiber- Narren angetroffen haͤtte. Er muͤßte noch weiter dran / ehe er die Zahl auf neun und neuntzig braͤchte. Ja Eurylas brachte einen artigen Possen zu Marckte/ Jn Warheit/ sag- te er/ Mons. Florindo, wo er sich seine Liebste zu sehr einnehmen laͤst/ so muͤssen wir uͤber die drey F elder noch eines bauen/ da er hinein ge- mahlt wird. Gelanor lachte und bot sich an die Uberschrifft zu machen: Der Mahler selbst trat ihm ins Gesichte/ als wolte er schon auf den Grund-Riß studiren Mit einem Worte/ der Haͤndel wurden so viel/ daß Florindo zu- sagte/ er wolte die Liebste zu Hause des ihrigen gern warten lassen/ sie solten ihn nur nicht in das Narren-Register mit einschreiben/ wegen der Reise moͤchte es nach ihrem Gefallen lang oder kurtz waͤhren. B jv CAP. CAP. II. F Olgenden Tag wolten sie zur Kurtzweil sich des Bades gebrauchen/ und gingen also etliche Stunden vor Mittage fein ge- mach dahin. Nun meinte Florindo, weil in seinem Dorffe alle Baurn-Jungen den Hut vor ihm abgezogen/ so muͤßte ihm die gantze Welt zu F usse fallen/ derhalben als ihm eine bequeme Stelle gefiel/ welche aber allbereit von einem andern eingenommen war/ begehrte er von ihm/ er solte doch auffstehen. Dieser gab ihm eine hoͤnische Mine/ und sagte nichts mehr als: Monsieur, kan er warten? Florindo blieb stehen und vermeinte auf so eine gute Selle waͤre noch wohl zu warten; allein wie ihm die Zeit etwas lang ward/ fragte er noch einmahl/ wie lang er warten solte/ der sagte nichts dar- auf/ als: er warte so lang es ihm beliebt/ Flo- rindo schuͤttelte den Kopff und beteurte hoch/ er haͤtte sich dergleichen Unhoͤfligkeit nicht versehen. Jndem kam der Hoffmeister dar zu/ und hielt ihm verweißlich vor/ warum er mit aller Gewalt in das Narren Register wolle gesetzt seyn/ es waͤre hier ein freyer Ort/ da die Ersten das beste Recht haͤtten/ und da nie- mand des Andern Unterthan waͤre. Was? sagte Florindo, soll einer von Adel nicht besser respectirt werden/ als auf diese Weise? wer weiß weiß ob der lausigte Kerle so viel Groschen in seinem Vermoͤgen hat/ als ich 1000. Thaler? Gelanor schalt ihn noch haͤrter/ mit der Be- dꝛauung/ er wolle gleich nach Hause reisen/ und sein Bildniß drey fach abmahlen lassen/ er wuͤ- ste nicht/ was hinter dem unbekandttn Men- schen waͤre/ und solte er sich gegen der F reyheit dieses Ortes bedancken/ daß jener nicht Gele- genheit zu fernerer action gehabt. Was ge- schach/ Florindo war mit dem Hoffmeister uͤ- bel zufrieden/ und stellete sich/ als haͤtte er schlechte Lust zu baden/ gieng auch mit einem Pagen hinauß. Der Unbekante/ der von ihm so uͤbel angelassen war/ und sich nur vor dem Orte gescheuet hatte/ Haͤndel anzufangen/ folgete ihm auff dem Fusse nach/ rencontrirte ihm auch in einen Gaͤßgen/ da wenig Leute zu gehn pflegten; da gab es nun kurtze Compli- menten/ sie griffen beyde zum Degen/ und machten einen abscheulichen Lermen/ daß das Geschrey in das Bad kam/ es waͤren zween frembde Kerlen an einander gerathen/ die wol- ten einander die Haͤlse brechen. Gelanor fuhr geschwind in seine Kappe/ und eilte hin- auß/ da er denn sich eyfrichst bemuͤhete/ F riede zu machen. Jedennoch weil der anders auch seinen Beystand erhielt/ konte die Sache an- drs nicht vertragen wer den/ als daß sie zu- B v sam- sammen auf einem Platz vor dem Thore re- venge suchten. Was wolte der Hoffmeister thun/ der Karren war in den Koth gestossen/ und ohne Muͤh konte man nicht zuruͤcke. Der- halben blieb er bey der Resolution, und hatte Florindo das Gluͤck/ daß er im dritten Gange dem unbekanten Eisenfresser eines in den Arm versetzte. Darauff ward die Sache vertra- gen/und ob zwar der Beschaͤdigte sich vorbe- hielt weitere satisfaction zu suchen/ gab ihm doch Gelanor hoͤfflich zu verstehen/ er wuͤrde nicht begehren/ daß sie als reisende Personen seinetwegen etliche Wochen verziehen solten: sie wuͤrden inzwischen niemahls vor ihm er- schrecken/ und allezeit parat seyn ihm auffzu- warten/ hiermit verfuͤgte sich ein ieder nach Hause/ und gieng Florindo mit seiner Gesell- schafft wieder in deß gedachten Priesters Lo- sament. Nun hatte der Priester von dem gantzem Handel schon Nachricht bekommen/ und als sie zu der Mahlzeit eilten/ und den Wirth gern bey sich haben wolten/ hatte er gu- te Gelegenheit davon zu reden. Florindo zwar ließ sich/ als ein tapfferer Cavallier herauß/ er sey noch sein Tage vor keinem erschrocken/ wolle auch ins kuͤnfftige in kein Maͤuseloch kriechen. Galanor gieng etwas gelinder/ und vermeinte es waͤre eine schlechte Ehre nach Streit Streit und Schlaͤgen zu ringen/ doch haͤtte es bey denen von Adel die Beschaffenheit/ daß sie auch wider ihren Willen sich offt einlassen muͤssen/ denn/ sagt er/ es glaubt kein Mensch/ wie weh es thut/ wenn man aus einer ehrlichen Compagnie gestossen/ oder zum wenigsten in derselben schlecht respectirt wird. Und gleich- wohl ist es leicht geschehen/ daß einer zur acti- on genoͤthiget wird/ und also entweder auf dem Platz erscheinen/ oder den garstigsten Ti- tel von der Welt davon tragen muß. Hier- auff kam die Reih an den Priester/ der bat/ sie moͤchten ihm zu gute halten/ wofern er seine Gedancken etwas freyer eroͤffnen wuͤrde. Jch vor meine Person/ sprach er/ halte diß vor die hoͤchste Thorheit/ daß einer nicht anders als im duelliren seine Revenge suchen will/ denn ich will nicht gedencken/ wie gefaͤhrlich man Leib und Leben/ ja seiner Seelen Seligkeit in die Schantze schlaͤgt; indem ich wohl weiß/ daß viel Politici dergleichen Pfaffen-Haͤndel nicht groß achten/ und ist mir ein vornehmer Offi- cirer bekant/ welcher von einem Geistlichen gefragt/ ob er nicht lieber auf dieser Welt wol- te ein Hunds ꝛc. seyn/ als daß er ewig wolte verdammet und also/ in erwegung der unend- lichen Schmach ein ewiger und hundert tau- sentfaͤchtiger ꝛc. werden: Dennoch die vermes- B vj sene sene Antwort von sich hoͤren lassen/ er wolle lieber verdammt seyn/ als solchen Schimpff ertragen. Nun darff ich vielweniger auf die scharffen Edicta trotzen/ welche numehr fast in allen Laͤndern und Koͤnigreichen wider die Duellanten promulgirt seyn. Angesehn/ heutiges Tages die beste F reyheit ist/ wider die Gesetze zu streben. Und uͤber diß alles Fuͤr- sten und Herren selbst/ ob sie schon die Sache verbieten/ dennoch von einem Edelman am meisten halten/ der sich brav relolvirt erwie- sen hat. Es komme nur einer/ und klage uͤber eine affront, die er sonst mit dem Degen auß- fuͤhren solte/ und sehe darnach/ ob er zu Hofe werde sonderlich respectirt werden. Nur die- ses scheinet wider die klare und helle Vernfft zu lauffen/ daß derjenige/ welcher sich raͤchen will/ seinen Gegner so viel in die Haͤnde gibt/ als er selbst kaum hat/ dannenhero es offt ge- schicht/ daß der Beleidigte mit einer drey- oder vierfachen Beleidigung wieder zu Haufe koͤmmt. Man sehe das gegenwaͤrtige Exem- pel an/ Mons. Florindo hat ohne Zweifel Ur- sach genug gegeben/in solchen Streit zu gera- then: aber waͤre der gute Kerl mit seiner klei- nen Injurie zufrieden gewesen/ so duͤrffte er ietzt nicht etliche Wochen in des Barbierers Gewalt liegen. Bey den alten Teutschen/ wel- che che noch im blinden Heidenthum lebten/ war es kein Wunder/ daß dergleichen Duell ge- hegt wurden; denn sie stunden in dem Aber- glauben/ als muͤste bey der besten Sache auch nothwendig das beste Gluͤck seyn. Nun aber wir Christen aus der hellen Erfahrung ver- gewissert sind/ daß offt die aͤrgsten Zaͤncker und Staͤncker denen unschuldigsten und froͤmsten Leuten uͤberlegen seyn/ und daß mancher an statt gesuchter satisfaction sein Leben in die Schantze geschlagen/ so scheinet es ja wunder- lich/ daß man noch ferner in seine eigene Ge- fahr hinein rennen will. Da waͤre es eine Sache/ wenn der provocant seine drey Kreutz- hiebe auf gut Schweitzerisch duͤrffte vorauß thun/ als denn moͤchte es zu gleichen Theilen gehen. Gelano r fing ihm diese Rede auf/ und sagte/ ihr Herren Geistlichen/ ihr habt gut re- den/ indem ihr auf euren Hartzkappen das privilegium habt/ daß ihr euch nicht wehren duͤrfft/und man hat es nun erfahren/ daß es grossẽ Doctoribus nichts am Handwerck scha- det/ weñ sie sich gleich unter einan der Schelm und Diebe heissen. Tu, si hic esses, aliter sen- tires. Es muß wohl mancher mit machen/ der sonst schlechte Lust darzu hat. Die Ge- wonheit ist ein starcker Strom/ dem ein schlech- ter Baum nicht widerstehen kan. Der Prie- B vij ster ster sagte/ er wisse wohl/ daß solches die allge- meine Entschuldigung waͤre/ aber weñ gleich- wol einer daruͤber zum Teufel fuͤhre/ was wuͤrde ihm solche hergebrachte Gewonheit helffen. Gelanor ließ sich hierauff in die recht- Christlichen Worte heraus: F reylich ist man- cher in dieser Gefahr umkommen/ und sieht dannenhero ein Edelmann/ was ihm fuͤr Netz und Stricke gestellet werden/ darunter ein ge- meiner Mann leicht hinkrichen kan. Doch der Gott/ der uns zu solchen Leuten gemacht hat/ kan auch alle Gefahr abwenden/ wol dem/ der sich mehr auf ein fleißig Gebet/ als auf eine lange Spanische Klinge verlaͤst. Und haͤtte ich an des obgedachten Officirers Stelle die F rage sollen beantworten/ ob ich lieber zeitlich oder ewig wolte ein ꝛc, seyn/ so haͤtte ich gesagt. ich wolte Gott bitten/ daß er mich vor beyden behuͤten/ und mir dort das ewige Leben/ hier aber einen ehrlichen Namen/ als das beste Kleinod/ geben wolle. Kaum waren die Wor- te geredet/ als ein Diener gelauffen kam/ mit Vermeldung/ der im Duell beschaͤdigte Mẽsch gehoͤre einem Graffen zu/ welcher diesen Schimpff nicht leiden wolle/ auch die Obrig- keit schon ersucht habe/ sie mit allen Helffers- Helffern in Arrest zu nehmen; was solte Flo- rindo machen/ er erschrack/ und haͤtte seinen Hoff- Hoffmeister gern uͤmb Rath gefragt/ wenn er nicht alles wider sein treuhertzig Vermahnen veruͤbet haͤtte. Der Priester wuste den be- sten Rath/ der sagte/ sie solten unverwandtes F usses durchgehen/ und an einem Orte sich versichern/ da der Graffe wenig schaden koͤnte. Also packten sie uͤber Hals uͤber Kopff zu sam- men/ und eilten durch des Priesters Garten heimlich zum Staͤdtgen hinauß. Ob nun die Obrigkeit nach ihrem Abschied den Arrest angekuͤndiget/ oder nicht/ darum hat sich nie- mand von unsern reisenden Personen biß auf diese Stunde im geringsten nicht bekuͤmmert. CAP. III. S O reiset nun die Narrenbegierige Com- pagnie dahin/ und wußte sich sehr viel/ dz sie ein Recommendation -Schreiben von dem Priester mit nehmen kunten/ an einen vorneh- men Mann/ welcher in der nechsten Stadt vor den Gelehrtesten im gantzen Lande gehalten wurde. Sie sahen sich auch unterwegens uͤmb/ aus Furcht/ die Haͤscher und Landknechte moͤchten hinten nach galloppirt kommen; und legten also die vier Meilen gluͤcklich zuruͤcke/ daß sie vor der Sonnen Untergang in die Stadt gelangtẽ. Sie fragtẽ nach dem besten Wirthshause/ und als sie ein Losamẽt gefun- den/ auch die Abend-Mahlzeit bestellen lassen/ kam kam ein fremder Kerle/ der von aussen Anse- hens genug hatte/ einen Candidatum Juris, oder wohl gar einen Graͤfflichen Gerichts- V erwalter zu bedeuten/ diesen hieß der Wirth alsobald wilkommen seyn/ fragte ob er nicht seinen Verrichtungen so viel abbrechen koͤñte/ den vornehmen Gaͤsten Gesellschafft zu leisten. Er wegerte sich anfangs/ es waͤre gleich Post- Tag/ da er warten muͤsse/ ob nicht Brieffe von seinem Principalen ankaͤmen: Doch habe er seinem Secretario Befehl gegeben/ im Post- hause nach zufragen/ und koͤnne er endlich so lange/ und nicht weiter verziehen. Hierauff bat der Wirth/ sie moͤchten sich nicht lassen zu- wider seyn/ daß/ in dem er selbst ab und zuge- hen muͤsse/ er einen andern zum Wirth ge- macht haͤtte. Nun schiene der Kerle anfangs trefflich reputir lich/ daß dem Hoffmeister selbst angst war/ ob er den stattlichen qualificir ten Menschen hoch genug respecti ren wuͤrde. Er schwatzte von lauter Staats-Sachen/ und setzte zu allen Erzehlungen solche artige Poli- tische Regeln/ wuste darneben hoͤffliche Schertzreden mit einzumischen/ daß man ge- meynet haͤtte/ er muͤste einen Reichs-Rath in dem Leibe haben. Niemand aber hatte das Hertze zu fragen/ was er vor eine Charge be- diente/ weil er alle seine Reden so einrichte- te/ te/ als solte man an seinem Maule ansehen/ was er vor ein Miraculum hujus seculi waͤre. Endlich als er etliche Becher Wein auf das Hertz genommen hatte/ gab er sich bloß/ daß er einen Sparren zu wenig/ oder mehr als einen zu viel/ haben muͤsse. Denn da ließ er sich in wunderliche discursen heraus. Jch lache/ sagte er/ wenn ich die Schwachheiten ansehe/ die in den vornehmsten Republiqven vorge- nommen werden. Zwar die Potentaten sind selbst Ursache daran. Einen Kerlen/ der nicht weiß was vor ein Unterscheid ist inter Rem- publicam Laconicam aut Æsymneticam, und der nicht einmal speculiert hat an, Aristocra- tia prævaleat Monarchiæ, den setzen sie oben an/ geben ihm Geld uͤber Geld/ daß sie ihn nur gewiß behalten/ hingegen wenn sie ein qualifi- cirt Subjectum meines gleichen nur mit gerin- ger Vestallung begnadigen sollen/ so ist kein Geld vorhanden. Es tauret mich; daß ich dem Koͤnige in Engeland so viel Ehre ange- than/ und ihm einmal auffgewartet habe/ weit ich nun befinde/ daß meine guthertzige Mey- nungen so liederlich verworffen worden. Was gilts/ haͤtte er mir gefolget/ Holland und halb Franckreich solte sein seyn/ ich rieth/ man solte einen Damm durch den Canal machen/ und nur bey der Jnsul Wicht eine kleine Durch- fahrt farth lassen/ etwan so groß als der Sund in Dennemarck. Zwar die Narren lachten da- ruͤber/ und gaben also ihren Verstand an den Tag; daß sie nicht gelesen/ wie der Cardinal Richelieu eben auf solche Masse die unuͤber- windliche Stadt Rochelle bezwungen. Ach ihr stoltzen Hamburger/ haͤttet ihr mich zu eu- rem Buͤrgemeister gemacht! ietzt waͤre die Farth von Luͤbeck bis in die Elbe fertig/ und solten die Polnischen Korn-Schiffe den Zoll/ der sonst im Sunde abgeleget wird/ bey euch bezahlen. Was hilffts? Serò sapiunt Phryges Jch wolte euch nun nicht kommen/ wenn ihr mir die vier Lande darzu schencken wolltet. Der Marquis Caracena, das war ein braver Herr/ der wuste was hinter mir war/ haͤtten mich seine Pagen nicht bey ihm verkleinert/ ich wolte ietzt Niederlaͤndischer præsident seyn: Es solte auch ein bißgen bes- ser umb die Spanische Armee stehen. Deñ ich weiß/ daß die Catholischen und Calvini- schen Kinder ohne dieß nicht in den Himmel kommen/ drumb haͤtte ich die selben nicht tauf- fen lassen/ sondern haͤtte das gewoͤhnliche Pa- tengeld an die Soldaten verwendet. O Franckreich! wo haͤttestu bleiben wollen. Aber ô ihr Christen wie gluͤckselig seyd ihr/ daß ich ein Gewissen habe/ sonst/ wann ich auf vielfaͤl- tiges tiges Ansuchen deß Tuͤrckischen Kaͤysers waͤre Grandvezier worden/ so wolte ich in der Ste- phans Kirche zu Wien dem Mahomet zu Eh- ren die kuͤnfftige Pfingst-Predigt haltẽ lassen. Doch der Hencker hat die Jesuiten erdacht/ die mich keinmahl vor ihre Kaͤyserliche Maj. gelassen haben. Jch wolte ein Mittel vorge- schlagen haben/ daß dem Bluthund in Con- stantinopel solte angst und bange worden seyn. Denn wie leicht waͤre es gethan/ daß ein Befehl aus bracht wuͤrde/ alle Moͤnche und Nonnen solten etliche mal bey sammen schlaf- fen/ und Kinder zeugen/ darauß in 20. Jahren eine vollstaͤndige Armee koͤnte formirt wer- den. Es schiene/ als koͤnte der possierliche Sau- sewind kein Ende finden/ so sehr hatte er sich im discurse vertieffet/ doch machte Gelanor einen Auffstand/ welcher einen Boten wegen auf- senbleibendes Wechsels noch vor Tages ab- fertigen solte. Jnzwischen machte sich Flo- rindo, nach dem er etwas freyere Lufft bekom- men/ uͤber den Politicum her/ verwunderte sich uͤber die sonderbahre Weisheit/ und wuͤnschte ihn zum Hoffmeister zu haben. Dem Kerln wackelte das Hertz vor Freuden und weil er ihn vor einen jungen Fuͤrsten hielt/ ließ er sich desto eher zu solcher Charge behandeln. Da gieng es nun an ein Vexieren/ er muste etliche grosse grosse Humpen auf deß Fuͤstlichen Hauses Wohlergehen außsauffen/ und dabey mit dem Mahler und etlichen Pagen auf den Tisch stei- gen/ biß es endlich auf Nasenstuͤber und Kopff- stoͤsse hinaus lieff/ welche der Auffschneider schwerlich wuͤrde vertragen haben/ wenn ihm Florindo nicht ein paar Reichsthaler an den Hals geworffen haͤtte. Doch schnitten ihm die Jungen unterschiedene Loͤcher in die Kap- pe/ pinckelten ihm in die Degen-Scheide/ heff- teten ihm Hasen-Ohren an die Krempe/ mit einem Worte/ sie thaten alles was man bey einem perfect en Hof-Narren nicht zu ver- gessen pflegt. Mit solchen Ceremonien schaff- ten sie auch die volle Sau von sich/ und meyn- te Florindo, er wuͤrde bey seinem Hoffmeister grossen Danck verdienen/ wenn er ihm fruͤh Morgens die artige Action erzehlen wuͤrde. Aber er muste wider sein Verhoffen einen dichten Filtz mitnehmen. Was meynt ihr wohl! sagte Gelanor, welcher die groͤste Thor- heit begangen. Der gute Mensch hat frey- lich in das Hasen-Fett tieff genung einge- tuͤtscht; aber wer klug seyn will/ hat billich mit dessen Ungluͤcke Mitleiden/ daß er seine Ver- nunfft nicht besser anwenden kan. So habt ihr das Widerspiel erwiesen/ und habt euch von diesem Narren selbst lassen zum Narren ma- machen. Und dazu was wollet ihr euch ei- ner solchen Vexiererey beruͤhmen/ da ein schlechter und einfaͤltiger Guͤmpel durch gute Worte beruͤcket worden. Diese Kunst haͤtte der schlimste Handwercks-Junge gleich so gut zu practiciren gewust: wer Auffzuͤge machen will/ der wage sich an verstaͤndige Leute/ die vor uͤbriger Klugheit das Gras wachsen hoͤ- ren; und hat er da was erhalten/ so will ich helffen mit lachen/ und wil sagen/ daß die Pro- be gut abgeleget sey. Diese Predigt haͤtte ohn allen Zweiffel noch laͤnger gewaͤhret/ weñ Eurylas nicht erinnert haͤtte/ ob sie bald ihr recommendation -Schreiben an den vorneh- men gelehrten Mann uͤbergeben wolten. Ge- lanor war willig darzu/ allein Eurylas gedach- te/ er haͤtte den Priester bey Vollendung des Brieffes lachen sehen/ und zweifelte also nicht/ es muͤste was laͤcherliches darinn enthalten seyn. Wenn es ihnen gefiele/ er wolte durch ein sonderliches Kunststuͤcke den Brieff auff und wieder zumachen/ daß niemand etwas da- ran mercken solte. Nun wolte sich Gelanor schwerlich daꝛzu verstehẽ/ weñ er nicht diß zum Stichblat behalten/ auf allen Fall/ Wenn der Brieff verderbet wuͤrde/ koͤnte man ihn ohne Schaden gar zuruͤcke laßen, Also befanden sie folgends: Vir Vir Clarissime. Mitto tibi vulpem ; mitto tibi leporem ; utriusq́ curam sic habueris , ut intelligent , meam a- pud te valere recommendationem. Cura ut valeas. Gelanor ruffte hierauff den Florindo auff einem Ort allein/ hielt ihm̃ den Brieff vor/ er solte nun sehen/ ob sein Thun von allen Leuten gebilliget würde/ und ob es eine sonderbahre Ehre geben wuͤrde/ wenn er mit einem solchen praͤchtigen Hasen-Titul auffgezogen kaͤme: bat ihn darneben instaͤndig/ er solte sich der uͤ- bermaͤssigen Kuͤnheit entschlagen/ und viel- mehr in mode sten und hoͤfflichen Sitten seine Ehre suchen: Zwar die rechte Warheit zu be- kennen/ Florindo haͤtte den geistlichen/ Va- ter gerne auf die Klinge fordern lassen/ wenn er gekunt haͤtte. Also fraß er die kurtze Lection mit aller Gedult in sich/ und begehrte nur/ man moͤchte den Brieff zuruͤcke lassen. Nein/ sagte Gelanor, wie haͤtten wir thun muͤssen/ wenn der Brieff uns nicht waͤre geoͤffnet wor- den/ und uͤber dieß wird er weder kluͤger noch naͤrrischer/ ob ihn ein ander einen veraͤchtli- chen Titul auf solche Weise anhaͤngt/ er trach- te vielmehr dahin/ daß er den übel informirten Brieffsteller zum Luͤgner mache. Diese Zurede nun wuͤrckte so viel/ daß sie den Brieff durch durch einen Diener hinschickten/ mit vermel- den/ es waͤren etliche frembde Leute im Wirthshause/ welche instaͤndig bitten liessen eine Stunde zu benennen/ an welcher sie ihm ohn grosse verhinderniß auffwarten koͤn- ten. Der Gelehrte Mann nahm so wol den Brieff/ als die beygefuͤgte Complimente mit aller Hoͤff igkeit an/ und sagte/ es waͤre ihm allezeit gelegen vornehmen Leuten dienstfertig auffzuwarten/ doch solte es ihm lieber seyn/ wenn sie nach Tische umb 1. Uhr sich einstellen wolten. Solche Stunde nahmen sie in Acht/ und gieng Gelanor mit dem Florindo allein dahin/ da sie denn mit vielfaͤltigen Ehrbezeigungen in die wolangelegte Stu- dierstube gefuͤhret worden/ und mit Ver- wunderung ansehen muͤssen/ wie alle Waͤnde mit den schoͤnsten repositoriis bekleidet/ die Buͤcher in lauter F rantzoͤsischen Baͤnden mit verguͤldten Ruͤcken außgebutzet/ und sonst alles so zierlich außgefuͤhret war/ daß man vermeynte/ wenn Apollo selbst da re- sidiren wolte/ so wuͤrde ihm das Quartier nit schimpflich oder geringe seyn. Dazu wuste der ruhmraͤthige Besitzer die curieusen Gaͤste in ihrer Verwunderung wohl zu unterhalten/ denn da zeigte er auf seine Buͤcher: dieses habe ich erst vor 8. Tagen aus F ranckreich bekom- bekommen: dieses ist in Jrrland gedruckt/ und bin ich versichert/ daß nur zwey Exemplaria davon in Teutschland gebracht worden. Die- ses ist aus Rom verschrieben worden/ und koͤmmt mich ein iedweder Bogen auf einen halben Reichsthaler zu stehen. Hier hab ich etliche unbekante Rabinen/ die in Amsterdam gedruckt find. ꝛe. Diese demonstration waͤh- rete laͤnger als eine Stunde/ und vergnuͤgte sich Gelanor an den kostbahren und gelehrten Raritaͤten/ welche er als einen Kern von allen Weltberuͤhmten Buͤchern heraus strich. Ach sagte er/ ist es auch moͤglich/ daß in einem sol- chen Gemach etwas kan verdrießlich seyn. Ach wohl dem/ der mit so schoͤnem Zeitvertreib sein Leben geruhig und selig durchbringen kan. Hierauff begunten sie des Spatzirens muͤde zu werden/ und satzten sich an eine kleine Tafel nieder/ da brachte nun Gelanor etliche Fragen auf die Bahn/ welche dem grossen Bi- bliothecario gnug zu schaffen machten. Und erkennete dieser schlaue Fuchs endlich/ daß der Mann alle seine Kunst in dem erwiese/ wie er Historicè von diesem oder jenem Buche reden koͤnte/ was vor ein Autor solches hervorgege- ben/ wo er gelebet/ in was vor einem Ehren- Stande er gesessen/ wo es gedruckt worden/ ob einer darwider geschriben ꝛc. hingegen befand er in er in dem sundament selbst so einen Mangel/ daß wenn man ihm die Pralerey mit der gros- sen und abscheulichen Bibliothec benommen haͤtte/ er kaum einen Dorff-Schulmeister waͤre aͤhnlich gewesen. Drum als Gelanor wieder ins Wirths-haus kam/ und Florindo sich uͤber den weltberuͤhmtẽ Mañ trefflich ver- wunderte/ bat ihn der Hoffmeister/ er moͤchte seine Verwunderung biß auf andere Gele- genheit lassen versparet seyn. Denn/ sagte er/ ist das nicht eine hauptsaͤchliche Thorheit/ daß einer mir etliche 1000 Buͤchern die Erudi- tion erzwingen will/ gleich als wenn dieser ein perfecter Medicus seyn muͤste/ der seine Simse mit lauter Apothecker-buͤchsen besetzet haͤtte. Die Buͤcher sind gut/aber von den auß- wendigen Schalen wird kein Doctor. Jch weiß auch/ daß der Tuͤrckische Keyser viel Gelt hat/ aber darum bin ich nicht reich: Also kan ich wohl wissen/ wer von dieser oder jener Sache geschrieben; unterdessen folgt es nicht daß ich die Sach selbst verstehe. Ach wie wahr wird das Sprichwort: Mundus vult decipi. Denn wo die F rantzoͤsische Baͤnde gleissen/ da fallen die Judicia hin: Ungeacht/ ob mancher vielmehr mit seinem papiernen Hausrath auf- richte als ein Esel/ der einen Sack voll Buͤcher C auf auff dem Ruͤcken hat. Diese Leute gehoͤren inter claros magis, quàm inter bonos. Wie Tacitus redet, oder wie Salustii Worte sind. Magis vultum quàm ingenium bonum ha- bent. CAP. IV. S Olche Anmerckungen hatte Gelanor uͤ- ber diesen vermeynten gelaͤhrten Wun- der Mann. Jnmittelst aber/ als diese beyde sich in der Bibliothec umsahen/ satzte es im Wirthshause einen laͤcherlichen Possen. Der Mahler hatte gesehen/ daß Gelanor den Brieff eroͤffnen lassen/ und den Florindo stracks darauff allein zu sich gezogen/ dahero muthmassete er/ es muͤste was sonderliches da- rinnen gewesen seyn/ und weil Eurylas noch immer sein bester Patron war/ fragte er ihn in allem Vertrauen/ was denn in dem Brieffe vor Heimligkeiten gestanden. Eurylas, dem nichts mehr zu wieder war/ als wenn sich ie- mand uͤmb frembte Haͤndel bekuͤmmerte/ machte alsobald den Schluß/ er wolte dem vorwitzigen Kerln einen artigen Wurm schneiden. Sagte derowegen/ er haͤtte zwar den Jnhalt gesehen/ doch wuͤrde er bey dem Florindo grosse Verantwortung bekommen/ wenn er nicht reinen Mund halten wolte. End- lich lich fugte er mit leiser Stim̃e dieses hinzu/ ach ihꝛ guter Mẽsch euch betraffdz meiste/ ich darff nur nichr schwatzẽ/ wie ich will. Dieses mach e den einfaͤltigẽ Gesellen noch begieriger/ daß er nicht allein viel hefftiger anhielt/ sondern auch bey allen Engeln und Heyligen sich verschwur/ im geringsten nichts davon zu verrathen. Auf solche Versicherung fuͤhrte Eurylas den Mah- ler in eine Kammer/ und bat nochmahls er solte ihm durch eine unzeitige Schwaͤtzerey keine ungelegenheit machen/ vertraute ihm darbey/ der Priester in dem warmen Bade habe an den gelehrten Mann geichrieben/ er solte den Florindo um seinen Mahler anspre- chen/ denn er habe eine schoͤne Stimme zu sin- gen/ und koͤnne im Schlaffe einmahl capau n et/ und hernachmahls bey der Music sehr schoͤn gebrauchet werden. Was? sagte der Mah- ler/ soll ich vor meine Treu so unmenschlich und Tuͤrckisch belohnet werden/ so sey der ein Schelm/ der noch eine Stunde hier bleiben will. Eurylas beruffte sich auf die gethane Versicherung er solte sich nichts mercken las- sen/ sonst wuͤrde er wissen/ wie er mit einem sol- chen Verraͤther umgehen wolte; also war nun der gute Kerle in tausend Aengsten/ und wu- ste nicht auf welcher Seite er es am ersten C ij ver- verderben solte. Den Eurylas mochte er nicht verrathen/ und gleichwol schien es auch nicht rathsam seine zeitliche Wohlfahrt also zu ver- schlaffen: Er gieng auf dem Boden hin und wieder/ und fing unzehlig viel Grillen/ biß der Kopff voll ward/ da kam ihm Florindo und Gelanor gleich in den weg/ bey denen er seine Boßheit außlassen wolte. Jhr Herren/ sagte er/ wollet ihr einen Narren haben/ so schafft euch einen/ der sich wallachen laͤst/ich mag euch nit mehr dienen. Gelanor meynte der Brand- tewein waͤre ihm in das Gehirn gestiegen/ und bat also/ er moͤchte doch schlaffen gehen/ sonst wuͤrde sein Gehirne und V erstand noch treff- lich gewallachet werden. Aber der Kerle be- fand sich noch mehr offendirt, und begehrte gleich weg seinen Abschied. Florindo frag- te wer ihm denn zuwider gelebt/ oder was ihm in der Compagnie mißfallen/ daß er nun so bald wolte durchgehen. Allein es blieb dabey/ er wolte kein Hammel seyn. Endlich kam es herauß/daß Eurylas ihm den Affen ge- schleiert/ und zu dergleichen schrecklichen im- pression Ursache gegeben. Da verwieß nun Gelanor zwar dem Mahler seinen Vorwitz/ welcher Gestalt derselbe keinen geringen Platz im Narren-Register verdienet hatte/ der sich um um solche Sachen gerne bekuͤmmerte/ die ihn doch im geringsten nichts angehen. Denn vor eins gaͤbe er seine Schwachheit an den Tag/ daß er sich selbst nicht erkenne/sondern was an- ders erkennen wolle/ dasihm nichts nuͤtze waͤ- re. Darnach muͤste er gewaͤrtig seyn/ daß ihm allerhand Narren-Schellen angehenckt/ und er mit einem unrechten Bericht abgewie- sen wuͤrde. Da gienge darnach ein Fantast mit seiner ungereimten Einbildung/ und haͤtte dieß zum Profit/ daß ihn die Leute auß achten- Das war nun die Lection vor den Mahler: Aber Eurylas konte sich bey dem Gelanor nicht so gar entschuldigen/ daß er nicht haͤtte hoͤren muͤssen: Ein kluger/ der sich eines an- dern Einfalt mißbrauchte/ machte sich muth- willig mit zum Narren/ alldieweil es schiene/ als gaͤbe er Ursach zur Narrheit/ und haͤtte an einem thoͤrichten Menschen Lust/ den er leicht koͤnne kluͤger machen. Wiewohl Eu- rylas lachte/ und meynte/ zum wenigsten wuͤr- de auß dieser Thorheit der grosse Nutz zu ge- warten seyn/ daß der Mahler ins kuͤnfftige nach keinen frembden Zeitungen fragen wuͤr- de. Endlich machte Florindo den besten Auß- schlag/ und spendirte dem Mahler ein paar Ducaten/ damit war die Sache verglichen. C iij Nun Nun war es noch zu zeitlich zur Abendmahl- zeit/ darum meynten Gelanor und Florindo es wuͤrde am besten seyn/ daß sie durch einen kleinen Spatziergang sich einen Appetit zum Essen erweckten. Als sie aber an die Thuͤre kamen/ sahen sie in dem Hause gegen uͤber ei- nen jungen Menschen/ der allen uͤmbstaͤnden nach wolte vor einen Stutzer angesehen seyn/ er war etwas subtil und klein von Person/ doch hatte er eine Parucke uͤber sich hencken lassen/ die fast das gantze Gesichte bedeckte/ daß man eine artige Comœdie vom Storchsneste haͤtte spielen koͤnnen. Uberdiß waren in den Diebs-Haaren wohl ein Pfund Buder/ und etliche Pfund Pomade verderbet worden/ und auß solchem Gepuͤsche guckte das junge Geel- schneblichen mit einem paar rothen Baͤckgen herfuͤr/ als wenn er das Gesichte mit rothem Leder oder mit Leschpappier gestrichen haͤtte. Die Lippen bies er bald ein/ bald ließ er sie wie- der auß/ nicht anders als wie die Schiffer/ wenn sie zu Hamburg das Bier außkosten. Jn der Krause steckte ein schoͤner Ring/ der mit seinen hertzbrechenden Stralen die Venus selbst uͤberwunden haͤtte/ wenn nicht ein bund Band im Wege gestanden. Auf den Er- meln/ absonderlich auf den Lincken/ der von Her- Hertzen geht/ war ein gantzer Kram von aller- hand liederlichen Baͤndergen aufgehefft/ wel- che/ weil sie keine Accordiren de Farben hatten/ sich ansehen liessen/ als waͤren sie von baͤnder- suͤchtigen Personen zum Almosen spendiret worden. Zur Kappe baumelten wohl sechs Trodelchen vom Schnuptuche herauß/ die Schuh waren mit so viel Rosen besetzt/ daß man nicht wuste/ ob sie von Corduan/ oder von Englischen Leder waren. Der Degen gieng so lang hinauß/ daß sieben Dutzent Sperlinge drauff haͤtten Platz gehabt/ und im Gehen schlug er so unbarmhertzig an die Waden/ daß wenn die Kniebaͤnder nicht etwas auffgehal- ten/ er ohn Zweiffel in acht Tagen haͤtte den Vulcanum agiren koͤnnen. Und welches vor allen dingen zu mercken war/ so lieffen die arti- gen und verliebten Mienen dermassen nett/ als wolte er die Circe selbst bezaubern. Mit den Haͤnden legte er sich in so schoͤne positur, daß er gleichen Weg in den Schiebsack und auf den Hut haben koͤnte. Die Fuͤsse setzte er so außwerts/ daß man augenscheinlich abneh- men muste/ der Mensch waͤre uͤber vier Mon- den zum Tantzmeister gegangen. Mit einem Worte/ das Muster von allen perfecten Po- liticis stund da. Gelanor sahe ihn wohl an/ C jv end- endlich fragte er den Florindo was er von dem Kerln hielte. Dieser gab zur Antwort/ wenn er es zu bezahlen haͤtte/ koͤnte man ihn nicht viel tadeln/ ein iedweder brauchte das Geld nach seinem Velieben. Und darzu stuͤnde es reputir- licher/ wañ ein Mẽsch etwas von sich und seineꝛ Schoͤnheit hielte/ als daßer auffgezogen kaͤme/ wie die fliege auß der Buttermilch. Ey ver- setzte Gelanor, gefaͤllt euch das schoͤne Kar- tenmaͤnngen/ fuͤrwar wer diesen haͤtte und drey Scharwentzel darzu/ der koͤnte 50. Thaler besser bieten. Sehet ihr nicht/ daß er mit der hoͤchsten Thorheit von der Welt schwanger geht. Wem zu Gefallen butzt er sich so? Die Maͤnner achten es nicht/ und wo es der Wei- ber halben geschicht/ so verlohnt sichs nicht der Muͤh. Kaufft er solches vor sein Geld/so solte man ihm einen Curatorem suriofi oder pro- digi, wolt ich sagen/ bestellen/ der ihm die Re- gulas parsimoniæ etwas beybraͤchte: ist er a- ber allen Leuten schuldig/ so solte man seine Laus Deo die er zu hause liegen hat/ mit unter die Favoͤrgen hefften/ daß das Frauenzim- mer wuͤste/ was vor Sorgen und Ungelegen- heit er ihrentwegen einfressen muͤste. Rein- lich und nett soll ein junger Mensch gehen/ deñ an den Federn erkennet man den Vogel/ an den den Kleidern das Gemuͤthe. Allein es ist ein Unterscheid unter erbaren und naͤrꝛischen Klei- dern. Æstimirt man doch einen fahlen Pa- pagoy hoͤher/ als einen bundscheckigten- Drumb ist es nicht die Meynung/ wenn man solche Kleider verspricht/ als moͤchten sie nun kein Hemde mehr waschen lassen/ die Hosen moͤchten hinden und forn offen stehn/ und alle Grobianisini moͤchten nun frey practicirt werden. Sondern gleich wie der suͤndiget/ der in der Sache zu wenig thut/ also ist ein an- der in gleichem Verdamniß/ der sich der Sa- che zu uͤbermaͤssig annim̃t. Hierauff spatzirte der Teutsche F rantzose die Gasse hin/ und ließ die Augen an alle Fenster fliegen sahe sich auch bißweilen um/ ob iemand oben oder unten sich uͤber den schoͤnen Herrn verwunderte. Ge- lanor sagte/ wir wollen eine kleine Thorheit be- gehen/ und dem Kerlen nachfolgen/ er wird ohn Zweifel in solchem Oruat an einem vor- nehmen Ort erscheinen s ollen. Nun gieng es so langsam und gravitaͤtisch/ als waͤre er daꝛzu gedingt/ daß er die Fenster und die Dach- ziegel zehlen solte/ und in Warheit/ haͤtte man ihm einen Besem hindẽ hinein gesteckt/ so haͤt- te ein Ehrnoester Rath derselben Stadt etli- che Gassenkehrer ersparen koͤnnen. Wann C v sich sich etwas an einem F enster regte/ es moͤchte gleich eine Muhme mit dem Kinde/ oder ein weisser Blumen-Topff/ oder gar eine bunte Katze seyn/ so muste der Hut vom Kopffe/ und haͤtte er noch so fest gestanden. Und solches geschah mit einer unbeschreiblichen Hoͤfflig- keit/ daß man nicht wuste/ ob er sich auf die Er- de legen/ oder ob er sich sonsten seiner Bequem- ligkeit nach/ ein bißgen außdehnen wolte. Nach vielen weitlaͤufftigen Umschweiffen kam er wieder vor das Haus/ darauß er gegan- gen war/ und Gelanor, als ein U nbekanter selbiges Orts/ kam vor sein Wirtshaus/ ehe er es war inne worden. Sie wunderten sich/ wie es zugienge/ und haͤtten sich leicht bereden lassen ein Wirtshaus waͤre dem andern aͤhn- lich/ wann nicht der arme Mahler in dem Hau- se auf einen Steine gesessen/ und die Sorgen- seule unter den Kopff gestuͤtzet haͤtte. CAP. V. G Elanor fragte was er neues zu klagen haͤtte/ ob ihm die Capaun-Angst noch nit vergangen waͤre. Der gute Kumpe seuffzete ein wenig/ endlich fieng er an/ich wolte daß der Hencker das Spielen geholt haͤtte/ ehe die Kar- tenmacher waͤren jung worden. Denn da hatte ich eben ein paar Ducatẽ vom Herrn ge- schenckt schenckt kriegt/die wolt ich nũ gar zu gut anle- gen/ und meynte/ wenn ich im Spiele noch et- liche Stuͤcke darzu bekaͤme/ so koͤnte ich einen alsdenn mit besserm Gewissen vertrincken. Aber ich meyne ich habe sie kriegt. Jch halte es sind gar Spitzbuben gewesen/ so meisterlich zwackten sie mir das Geld ab. Jm Anfang hatte ich lauter Gluͤcke/ aber darnach machten sie mich auf tertia major Labeih. O haͤtte ich das Geld versoffen/ so haͤtte ich noch was da- fuͤr in den Leib bekommen; so muß ich mit duͤr- rem Halse davon gehen/ und habe nicht so viel darvon/ daß die losen Voͤgel mir gedanckt haͤt- ten. Nun das heist in einer halben Stunde bald reich/ bald arm/ bald gar nichts. Ge- lanor haͤtte mit dem ungluͤckseligen Tropffen gern Mitleiden gehat: Doch war der Casus gar zu laͤcherlich/ und Eurylas, der ihm auch Trost zusprechen wolte/ machte es so hoͤnisch/ daß es das Ansehn hatte/ als waͤre alles Un- gluͤck dem guten Mahler allein uͤber den Hals kommen. Das schlimste war/ daß Gelanor den Actum mit einer ziemlichen Straff-Pre- digt beschloß. Jhr thummen Strohstepsel/ sagte er/ist es auch moͤglich/ daß ihr einen Tag ohne Narrheit zubringen koͤnnet. Da sitzt ihr nun und klagt uͤber eine Sache/ die nicht zu C vj aͤn- aͤndern ist. Vor einer Stunde war es Zeit; nun macht ihr den Beutel zu/ da die gelben Voͤgelgen außgeflogen sind. Wißt ihr nicht/ was vor ein Erwerb bey dem Spielen ist? Ei- nen Vogel/ den ihr in der Hand habt/ lasset ihr fliegen/ und greiffet nach zehen andern/ die auf dem Zaune sitzen. U ber diß/ warumb habt ihr Lust zu gewinnen? wisset ihr nicht/ daß/ wann einer gewinnet/ ein ander nothwendig verspielen muß? Gedencket nun/ so weh als euch der Verlust ietzund thut/ so weh haͤtte es einem andern auch gethan: und dannenhero seyd ihr werth/ ihr Ungluͤcksvogel/ daß euch die andern außlachen/ gleich wie ihr sie viel- leicht außgelachet haͤttet. Behaltet ein an- dermal/ was ihr habt/ und verschlaudert nicht in einer halben Stunde so viel/ als ihr in einem halben Monat und laͤnger kaum verdienen koͤnnet/ sonsten sollet ihr euch selbst mitten un- ter die Ertz-Narren abmahlen: hiermit gien- gen sie zur Mahlzeit/ und hatte Eurylas noch manche Stockerey mit dem armen Schaͤcher; da fragte er ihn/ ob er sich bald in den Wechsel finden koͤnte/ und ob er nicht eine Ost-Jndia- nische Compagnie wolte anlegen/ weil er sich auf die Handlung cento pro cento so gluͤck- lich verstuͤnde; er solte ein andermahl die Schar- Scharwentzel bekneipen/ daß er wuͤste/ wo sie laͤgen/ und dergleichen. Bey Tische fragte Gelanor den Wirth/ wer dann der junge Mensch waͤre/ der sich gegenuͤber auffhielte/ da bekam er die Nachricht/ es waͤre ein Buͤr- gerskind/ sein Vater haͤtte diesen eintzigen Sohn/ und wolte ihn kuͤnfftig zum Studiren halten/ daß er in zwey jahren koͤnte Doctor werden/ er wuͤste nur nicht/ welche Facultaͤt ihm und seiner Liebsten am besten anstehen wuͤrde. U nterdessen muͤste er sich in Politi- schen und hoͤflichen Sachen uͤben/ daß er nicht so Schulfuͤchsisch uͤber den Buͤckern würde. So so/ sagte Gelanor, wird mir nun auß dem Traume geholffen. Jch meynte der Kerl waͤre ein Narr/ daß er die lange Weile auf der Gasse vertroͤdeln muͤste: so sehe ich wohl der Vater ist noch ein aͤrger Narr. So wird er einen Doctorem utriusque Juris bekommen/ qui tantum sciverit in uno, quantum in altero. Die Leute meynen gewiß/ so leicht als man die Kinder deponirt, so leicht sind sie auch zum Doctor gemacht/ und sey es nur darumb zu thun/ daß man ein gedruckt testimonium dar- uͤber habe. Die Bauren judiciren sonst von den Zeitungen/ wann sie gedruckt seyn/ so muͤste alles wahr seyn. Nun scheint es/ als wol- C vij te te die Albertaͤt unter den Buͤrgern auch auf- kommen. Zwar der liebe Mensch tauret mich/ wo er das Frauenzimmer mit so tieffen Reverentzen gruͤssen wird/ moͤchte ihm das te- stimonium auß dem Schiebsack fallen; Und wann also der Wind die Herrligkeit einmahl wegfuͤhrete/ so waͤre es mißlich/ ob iemand be- richten koͤnte/ in welcher Facultaͤt er Doctor worden. O du blinde Welt bist du so nach- laͤssig in der Kinderzucht/ und siehstu nicht/ daß/ welcher vor der Zeit zum Juncker wird/ solchen Titul in der Zeit schwerlich behaupten kan. Es bleibet wohl darbey/ wann die jun- gen Rotzloͤffel sich an den Degen binden lassen/ oder die Beine uͤber ein Pferd hencken/ ehe ih- nen die Thorheit und das Kalbfleisch vom Steiße abgekehret worden/ so ist es mit ihnen/ und sonderlich mit ihrem Studiren gesche- hen. Die Jugend ist ohn diß des Sitzens und der Arbeit nicht viel gewohnt/ man darff ihr nur einen F inger bieten/ sie wird gar bald die gantze Hand hernach ziehen. Doch meinen die klugen und uͤbersichtigen Eltern/ welche sonst alle Splitter zehlen koͤnnen/ es sey eine sonderbahre Tugend/ wann sich die Knaben so hurtig und excitar erweisen koͤnnen/ und be- dencken nicht/ daß die Magd in der Kuͤche kluͤ- ger ger ist/ die laͤst die Fische nicht sieden biß sie uͤ- berlauffen/ sondern schlaͤgt mit allen Kraͤfften drauff/ daß die Hitze nicht zu maͤchtig wird. Solche und andre dergleichen Reden fuͤhre- te Gelanor, biß er merckte/ daß der Wirth mit solchen discur sen uͤbel zu frieden war; doch ließ er sich die Ungnade nichts anfechten/ son- dern fragte/ was er darvon hielte/ der Wirth antwortete/ er waͤre zwar zu wenig/ von an- dern zu urtheilen/ die offtermals ihre gewisse Ursachen haͤtten/ diß oder jenes zu thun. Un- terdessen meynte er/ daß man eben von allen so grosse Gelehrsamkeit nicht fodern duͤrffte/ die schon so viel im Kasten haͤtten/ daß sie sich mit Ehren erhalten koͤnten/ die Eltern sehen meh- rentheils dahin/ daß sie ihr Kind zu einer an- sehnlichen Ehrenstelle/ und also fort zu einer anstaͤndigen Heyrath bringen moͤchten. Ge- lanor wolte antworten/ aber eben zu der un- gelegenen Zeit kam die Wirthin in die Stu- be/ und rieff dem Mann/ er solte hinunter ge- hen und die vornehmen Gaͤste empfangen/ da- mit ward das koͤstliche Gespraͤch verstoͤrt/ und weil sie alle wissen wolten/ wer dann in der Kutsche saͤsse/ blieben die schoͤnen An- merckungen zuruͤcke. CAP. CAP . VI. A Ls die Kutsche in das Haus gebracht wor- den/ stiegen drey alte Herren herauß. Ei- ner hatte einen altvaͤterischen Sammet-Peltz an/ mit abscheulich grossen Knoͤpffen. Der ander hatte ein ledern Collet an/ und trug den Arm in einer Binde. Der dritte hatte dicke di- cke Struͤmpfe angezogen/ als wañ ihm Lun- ge und Leber in die Waden gefahren waͤren. Der Wirth fuͤhrete sie in ein absonderlich Zimmer/ und weil es ziemlich spaͤt/ trug er ihnẽ etwas von kalter Kuͤche fuͤr/ mit Versprechen/ das Fruͤhstuͤck besser anzurichten. Gelanor fragte zwar den Wirth/ was dieses vor Gaͤste waͤren; aber es wuste einer so viel als der an- der/ drumb giengen sie auch zu Bette. Auf den Morgen kam Florindo und weckte den Gelanor auf/ mit Bitte/ er solte doch hoͤren/ was die drey alten Herren in der Kammer darneben vor Gespraͤche fuͤhreten. Nun war die Wand an dem Orte ziemlich durchloͤchert/ und jene gebrauchten sich auch einer feinen maͤnnlichen Außsprache/ daß man wenig Worte verhoͤren durffte. Ach! sagte einer/ bin ich nicht ein Narr gewesen/ ich hatte meine koͤstlichen Mittel/ davon ich leben kunte: Nun hab ich zehen Jahr in frembden Laͤndern zu- ge- gebracht/ liege auch schon zwanzig Jahr zu Hause/ und sehe nicht/ wer mir vor mein Rei- sen einen Pfifferling giebt. Ach haͤtte ich die Cronen und die Ducaten wieder/ die ich in Franekreich und Jtalien vor unnutze Comoͤ- dien gegeben/ oder die ich in den vornehmen Compagnien liederlich verthan habe. Anno 1627. hatte ich die Ehre/ daß ich mit dem Hn. Claude de Melme Abgesandten auß F ranck- reich nach Venedig/ und von dar nach Rom gehen duͤrffte/ da lernte ich viel Staatsgrieffe/ welche zwischen Venedig und Spanien/ in- gleichem zwischen V enedig und dem Pabste vorgenommen wurden/ aber ach haͤtte ich mein Geld wieder/ das mir dabey zu schanden gieng Mein Herr schickte mich endlich vor seiner Abreise wieder in Franckreich/ da hieng ich mich an den Herrn Claude de Buillion, als er anno 1631. nach Beziers reisete/ und den damahligen Hertzog von Orleans mit dem Koͤnige vergleichen wolte; aber alles auf mei- nen Beutel/ wie es in Franckreich zu gehen pflegt/ da man solche Volontiers die ohne son- derliche Kosten den Staat vermehren/ gar gerne leiden kan. Nachmahls reisete ich mit obgedachtem de Mesme in Holland/ da gieng das Geld geben erst recht an/ daß ich seit die- ser ser Zeit offt gedacht/ die Hollaͤnder muͤsten die Zehen Gebote in eines verwandelt haben/ das heisse: gieb Geld ber. F erner gieng dieser Abgesandte Anno 1634. in Dennemarck/ von dar in Schweden und Pohlen/ den damahli- gen Stillstand Anno 1635. zu befoͤrdern. End- lich als die Wexel bey mir nicht zulangen wol- ten/ und gleichwohl keine Fortun in F ranck- reich zu hoffen war/ begab es sich/ daß offter- wehnter de mesme Anno 1637. zu den Præli- minar F riedens-Tractaten in Teutschland geschickt ward/ da danckte ich GOtt/ daß ich Gelegenheit hatte in mein Vaterland zu kom- men. Aber der schlechte Zustand/ und die uͤ- bergrosse Kriegs U nruh verderbten mir alle F reude. Mein Geld/ das ich bey gewissen Kauffleuten in Hamburg stehen hatte/ war verzehrt; die geringen F eldguͤtergen erforder- ten mehr Unkosten/ als ich davon nehmen kun- te: und welches mich am meisten schmertzte/ ich hatte nichts gelernet/ davon Geld zu neh- men war. Meine gantze Kunst bestund in dem/ daß ich von grossen Reisen/ von Balletten/ Co- medien/ Masqueraden/ Banqueten und an- der Eitelkeiten auffschneiden kunte: und mei- ne Bibliothec war von zehen Frantzoͤsischen Liebes Buͤchern/ sechs Jtaliaͤnischen Comoͤ- dien dien/ zwey geschriebenen Buͤchern voller Lie- der und Palquille: Mehr durffte mir kein Mensch abfordern. Jch hatte Anschlaͤge ansehnliche Hoffmeistereien anzutreten/ aber zu meinem Ungluͤck traffe ich lauter solche Leu- te/ die ihre Soͤhne deßwegen in die Welt schickten/ daß sie solten kluͤger werden/ und al- so musten sie sich an meiner Person aͤrgern: Jch aber muste meinen Stab weiter setzen. Was ich nun vor Muͤhseligkeit/ Noth und Verachtung außgestanden/ werde ich die Zeit meines Lebens nicht erzehlen. Doch war Got- tes Gnade so groß/ daß endlich Friede ward. So habe ich meine F eld-Guͤter nach vermoͤ- gen angerichtet/ bringe mein Leben kuͤmmeꝛlich hin/ wuͤste auch diese Stunde meinen Leiden keinen Rath/ wenn nicht mein Bruder vor 6. Jahren gestorben/ und mir etlich hundert Guͤlden Erbschafft verlassen haͤtte. Ach wer dreißig Jahr zuruͤcke haͤtte/ ach bin ich nicht ein Narr gewesen; Ach was vor ein gediege- ner Mann koͤnte ich ietzund seyn/ ach wie habe ich mir selbst im Liechte gestanden. Hierauff fing der ander seine Klaglieder an. Ach sagte er/das ist noch eine schlechte Thor- heit/ ich bin erst ein Narr gewesen. Mein Vater war ein wolhabender Kauffmann/ und haͤtte haͤtte mich gern bey der Handlung erhalten/ aber ich verliebte mich in das Soldaten We- sen/ daß ich wie der meiner Eltern Wissen und Willen mit in den Krieg zog. Und ich ab- schẽlicher Narr/haͤtte ich mich nur in Teutsch- land unterhalten lassen: so zog ich mit Fran- tzoͤsischen Werbern fort/ und meynte/ nun wuͤrde ich in Schlaraffen-Land kommen/ da wuͤrden mir die gebratenen Tauben ins Maul fliegen. Jch meyne aber/ ja/ ich hatte es wohlgetroffen. Jch muste mit vor Ro- chelle, da lagen wir uͤber ein Jahr wie die Narren/ und wusten nicht ob Krieg oder Frie- de war. Die Stadt solte außgehungert wer- den/ und fuͤrwar wir Soldaten im Laͤger half- fen bißweilen weidlich hunger leiden/ daß die in der Stadt desto eher fertig worden. Endlich uͤbergab sich die Stadt/ damit war der Krieg zu Ende keine Beute wurde gemacht/ die Ga- ge blieb zuruͤcke/ und ich war ein stattlicher Cavallier. Ach wie gerne waͤr ich darvon gewischt; aber weil ich sahe/ wie der Galgen hinden nach schnappte/ mochte ich meinen Hals auch nicht gern in dergleichen Ungele- genheit bringen/ und ließ mir lieber den Tag zweymal pruͤgelsuppe/ und einmal zu fressen ge- ben. Nun fieng der Cardinal Richelieu wun- wunderliche Possen an/ und wolte Mantua ent- setzen/ da solten die armen Soldaten uͤber Hals uͤber Kopff/ durch Frost und Schnee die Schweitzer-Gebuͤrge hinnan klettern. Alle Welt sagte es waͤre unmuͤglich/ die Solda- ten wuͤrden nur auffgeopffert/ und wuͤste man auß allen Exempeln/ daß solche Anschiaͤge waͤ- ren zu Schanden worden. Aber der Starr- kopff fragte nichts darnach/ wir musten fort/ und da haͤtte ich vor mein Leben nicht drey Heller gegeben. Etliche hundert musten vor- an/ und den Schnee auf beyden Seiten weg schauffeln/ darauff folgete die Armee. Doch war an etlichen Orten die Arbeit gantz verge- bens/ deñ wir musten die Klippen hinauff klet- tern/ als wann wir dem Monden wolten die Augen außgraben. Mancher dachte/ er waͤ- re bald hinauff/ so verstarten ihm die Haͤnde/ daß er herunter portzelte/ und der Schnee uͤber ihm zusammen schlug. Wer sich nun nicht selber helffen kunte/ der mochte sich zu Bette egen. Da war Elend. Und man dencke ur/ mitten zwischen den hoͤchsten Bergen/ lag oben ein Schloß/ das solten wir einnehmen. Nun haͤtten die thummen Kerlen uns mit Steinen oder mit Schneeballen abwenden koͤnnen/ daß wir deß kletterns und des Einneh- mens mens weiter nicht begehrt haͤtten. Aber ich weiß nicht/ ob die Leute bezaubert/ oder sonst verblend waren/ daß sie uns hinein liessen/ dar- auff hatten wir in Jtalien guten Fortgang. Doch werde ichs keinen Menschen sagen wie mich nach meines Vatern Kuͤche verlangte. Jch dachte die Frantzosen waͤren Hungerlei- der; aber nun schien es/ als waͤr ich zu Leuten kommen/ die gar von der Lufft lebten. Jch halte auch nicht/ daß ich dazumal auf meinem gantzen Leibe ein Pfund F leich haͤtte zusam- men bracht/ so sehr war ich außgepoͤckelt/ dar- um freuete ich mich/ wie die Kinder auf St. Martin/ als wir in F ranckreich zuruͤck com- mendirt wurden. Da uͤberließ nun der Koͤ- nig denen Schweden etliche Voͤlcker/ damit kam ich in Schwedische Dienste gleich zu der rechten Zeit/ daß ich in der Schlacht vor Noͤrdlingen die Schlaͤge mit kriegte. Da hatte ich vollends des Krieges satt/ denn eine Musqueten Kugel hatte mich am dicken Bei- ne gestreifft/ daß mir die Haut einer Spanne lang abgegangen. Jns F leisch konte sie nicht kommen/ denn ich hatte keines. Nun war der Schaden nicht gefaͤhrlich: allein wie es brennte/ und wie mir das Außreissen so sauer worden/ laß ich dieselben urtheilen/ die derglei- chen chen Vocksspruͤnge versucht haben. Hier- mit eilte ich nach meinem Vater zu/ und ver- hoffte/ er werde sich wohl beguͤtigen lassen/ wann er nur mein außgestandenes Elend se- hen und behertzigen solte. Aber ich kam zu langsam/ er war vor acht Wochen gestorben/ und hatte mich meines Ungehorsams halben außgeerbet bis auf hundert Guͤlden/ was solte ich thun/ der letzte Willen war nicht umbzu- stossen/ meine zwey Schwaͤger wolten mir nichts einraͤumen/ ich hatte nichts gelernet; drumb muste ich wieder an den Krieg geden- cken. Und war dieß mein Trost/ wenn ich mich von den 100. Guͤlden außmundirt haͤtte/ so wuͤrde ich als ein Cavallier besser fort kom- men. Jch begab mich unter die Banniri- sche Armee/ gleich als sie in Meissen und Thuͤ- ringen herum hausete. Und gewiß/ dazumal gefiel mir das Wesen gar wohl/ so lange wir Beute machten/ und kein Mensch da war/ der uns das unserige wieder nehmen wolte: Allein als Hatzfeld hinter uns drein war/ und wir bey Zerbst stehen musten/ da wer ich lieber im Qvartier vor Rochelle gewesen: ich wur- de an unterschiedenen Orten gequetscht/ muste auch mit meinem Schaden fortreiten biß nach Magdeburg. Da lag ich in einem wuͤsten Hau- Hause/ davon im Brande die Kuͤche war ste- hen blieben. Und diß war meine Herrligkeit alle. Letzlich kam ich zu meiner Gesundheit/ daß ich wieder auf die Parthey gehen kunte. Aber ich sehnte mich nach keiner Beuthe/ ich verlangte vielmehr eine Gelegenheit/ da ich nie- der geschossen wuͤrde/ und der Marter loß kaͤ- me. Diese Desperation ward von vielen vor eine sonderliche Courage außgeleget/ daß ich endlich von einer Charge zu der andern kam/ biß ich Rittmeister ward. Wie nun der allgemeine Friede geschlossen war/ hatte ich gleich zu meinem Gluͤcke in Brag brav Beute gemacht/ die nahm ich und kauffte ein wuͤst Guͤtgen vor 10000. Thaler/ darauff haͤtt ich wohl außkommen koͤnnen/ doch war ich zum andernmahl so ein Narr/ daß ich meynte/ ich müste noch ein mahl versuchen/ ob ich im Krie- ge 20000. Thaler darzu erwerben koͤnte/ und ließ mich in den Polnischen Krieg mit behan- deln. Jch borgte auf mein Guͤtgen/ so viel ich kriegen kunte/ mundirte unterschiedene Soldaten auß/ und gieng damit fort. Jch muß gestehn/ daß ich so unangenehm nicht war/ aber ich fand alsobald einen Knoten/ daß in Polen keine Lust waͤre/ als in Teutschland. Es waren keine solche Doͤrffer die man exe- quiren quiren koͤnte/ traff man ein Nest voll Bauren an/ so waren die Schelmen so boßhafftig/ daß sie sich eher das Hertz auß dem Leibe reissen liessen/ ehe sie einem ehrlichen Manne etwas auf die Reise spendiret haͤtten. Doch daß ich es kurtz mache/ so will ich mein hauptsaͤchliches Ungluͤck erzehlen. Jn Warschau wolte ich einmahl recht versuchen/ wie die Thornische Pfefferkuchen zu dem Polnischen Brandte- wein schmeckten/ und mochte die Probe zu scharff gethan haben/ daß ich gantz truncken worden. Jn solcher vollen Weise gerathe ich an einen Polnischen Edelman/ der mit in Schwedischen Diensten war/ der verstehts unrecht/ und langt mir eines mit seinem Sebel uͤber den rechten Arm/ daß wenn mein Collet nicht etwas außgehalten haͤtte/ ich unstreitig des Todes gewesen waͤre. Da lag ich nun vor einen todten Mann/ und ließ mich endlich nach Thoren fuͤhren/ da ich durch einen Kauff- man einen Wechsel nach dem andern zahlen ließ/ biß mein Guͤtgen hin war. Jch kam zwar wieder auf: doch ist mir die Hand ge- schwunden/ und wenn schwere Monat kom̃en/ so fuͤhle ich grosse Schmertzen oben in der Achsel Nun placke ich mich herumb und muß von blossen Gnadengeldern kuͤmmerlich und D elend elend gnug meinen Leib ernehren. Ach bin ich nicht ein Narr gewesen/ ach haͤtte ich mei- nen Eltern gefolgt; Ach waͤre ich das ander- mahl zu Hause blieben/ ach solte ich ietzt die viertzig Jahr noch einmahl leben/ ach ich wol- te kein solcher Narr seyn. Der Dritte hatte gedultig zugehoͤret/ nun traff ihn die Reih/ daß er reden solte/ der sagte: ach ihr Herren/ nehmet mich auch mit in eure Gesellschafft/ ich bin ja so ein grosser Narr ge- wesen/ als vielleicht keiner von euch. Mein Vater war ein vornehmer Advocat/ der dach- te/ weil ich sein eintzig Kind waͤre/ muͤste er mich in sonderlicher Wartung halten/ daß ich nicht etwan stuͤrbe/ und der Welt so eine angelege- ne Person entziehen moͤchte. Jch that was ich wolte/ kein Nachbars Kind war vor mir sicher/ ich schlug es an den Hals/ die Jnforma- tores sassen wie Schaubhuͤtgen vor mir/ das Gesinde muste meinen Willen thun/ er selbst der Vater muste sich von mir regieren lassen: Jch war kaum drey Jahr/ so hatte ich einen Degen an der Seite: Jm achten Jahre kauff- te mir der Vater ein Pferdgen/ etwan so groß als ein Windhund/ das lernte ich nach aller Hertzens-Lust tummeln: Jm zehenden Jahr hatte ich schon ein seiden Ehren-Kleid/ darinn ich ich konte zur Hochzeit gehen. Jm zwoͤlfsten Jahre dachte ich/ es waͤre eine Schande/ wañ ich keine Liebste haͤtte. Aber in der gantzen Zeit durffte ich nichts lernen oder vornehmen. Ein Præceptor muste deshalben von uns fort/ daß er mich mit dem Catechismo so sehr ge- bruͤhet. Ein ander kriegte den Abschied/ weil er behaupten wollen/ ich muͤste in dem zehendẽ Jahre Mensa conjugiren koͤnnen. Wieder ein ander ward mit der Thier vor den Hinder- sten geschlagen/ weil er vorgab/ ich solte nicht mehr bey der jungen Magd im Bette liegen/ bey welcher ich doch von langer Zeit gewohnt war. Mit einem Worte viel zu begreiffen/ wer mich anruͤhrete/ der tastete meines Va- ters Augapffel an. Endlich schaͤmte ich mich ei- nen Præceptor zu habẽ/ da kriegt ich einẽ Hoff- meister/ der hieß mich Monsieur, der nahm mich mit zum Schmause/ und perfectionirte mich/ daß ich pro hic \& nunc ein vollkom̃ener Juncker war. Jm 18. Jahre starb mein Va- ter/ da war Herrligkeit. Sie wolten mir ei- nen Curator setzen/ aber ich fieng Haͤndel mit ihm an/ und schlug ihm ein paar Pistolen um den Kopff. Jch dachte/ ich waͤre ὑπὲρ klug/ meinen Stand außzufuͤhren. Nun war es nicht ohne/ mein Vater hatte so viel Causen D ij ge- gemacht/ daß ich von den Capitalien wohl haͤtte leben koͤnnen. Aber ich meinte/ ich muͤ- ste dreymahl praͤchtiger leben als er/ ungeacht ich nicht den zehenden Theil erwerben konte. Da fanden sich viel gute Fꝛeunde/ die mir einen Schmauß nach dem andern außfuͤhrten/ und ich hatte alle Freude daran; ja ich ließ michs verdriessen/ wann mir einen Abend weniger als 10. Thaler auffgingen. Alles gieng vom besten/ wenn mir der Weinschencke 3. Noͤssel sechs Groschen Wein schickte/ haͤtte ich mich geschaͤmt/ daß ich ihm nicht vor zwey Kannen zehen Groschen Wein bezahlet haͤtte; die Ler- chen aß ich nicht eher/ als biß eine Mandel im Weinkeller 20. Groschen galt/ die Gaͤnse schmackten mir uͤmb Pfingsten vor einen hal- ben Thaler am besten/ und ich weiß wohl eh/ daß ich vor einen gebratenen Hasen 2. Guͤl- den bezahlet habe. Jch wolte mich einmahl mit dem Gastwirthe schlagen/ daß er vor mich und vier Gaͤste 9. Thal. forderte/ da ich die gu- ten Freunde gern vor 18. Thal. tractirt haͤtte. Jn Kleidern hielt ich mich polit/ die daffete Waͤmser und Kappen ließ ich nicht fuͤttern/ es haͤtte sonst ein Toͤpffgen-Stutzer gemeynt/ ich wolte es mit der Zeit wenden lassen. Wañ das Band etwas zusammen gelauffen war/ mochte mochte es mein Famulus abtrennen. Dann der Kauffmann creditir te schon aufs neue/ und was der Eitelkeiten mehr seyn. Das wuste die gantze Stadt/ daß ich ein perfecter Narr war/ und ich werde es meine Lebtage nicht vergessen/ was mein Beichtvater zu mir sagte: Ach Haͤnsgen/ sprach er/ wie will das ablauffen/ ach bestellt den Bettelstab/ weil ihr Geld habt/ sonst werdet ihr einen Knittel von der ersten Weide abschneiden muͤssen. Ja wohl/ ich habe ihn gar zu offt abschneiden muͤssen. Dann ob sich zwar die Obrigkeit ins Mittel schlug/ und mir als einem verthuli- chen Menschen nichts folgen ließ/ war es doch zu lang geharret/ und ich hatte doch nichts anders gelernet/ als boͤses thun. Uber diß kunten sie mir meine nothduͤrfftige Unter- haltung nicht wehren/ daß ich also mein gan- tzes Reichthum durchbracht/ biß auf 200. Guͤlden/ ehe ich 23. Jahr alt war/ darauff sol- teich nun in der Welt fort kommen/ und wohl gar eine Frau nehmen. Auf die letzt trat mich zwar die schwartze Kuh/ aber zu spat/ ich wu- ste nicht wohin/ meine Freunde hätten mich gern befoͤrdert/ aber ich haͤtte lieber einen Dienst gehabt/ da ich einen Sammetpeltz al- le Tage anziehen/ und in sechs Tagen kaum D iij eine eine Stunde arbeiten doͤrffen. Gewiß ich wunderte mich von Hertzen/ daß so wenig Leu- te waren/ welche Muͤßiggānger brauchten. Zwar ich begunt es allmehlig nãher zu geben. Und wie die liebe Noth gar zu groß ward/ ließ ich mich bey einem von Adel in Dienste ein. Er sagte zwar/ ich solte sein Secretarius heissen/ aber wann ich vom Pferde fiel/ so stund ein Schreiber und Tafeldecker wieder auf/ da ward mir wieder eingeschenckt/ was ich an meinem Vater verschuldet hatte. Die F rau schickte mich bald da bald dorthin/ die Kinder begossen mich mit Wasser/ das Gesinde setzte mir Eselsohren auf/ kurtz von der Sache zu reden/ ich war der Narr von Hauß. Es that mir zwar unerhoͤrt bange: Aber was solt ich thun/ ich wuste nirgend hin/ ohne Unterhalt konte ich nicht leben/ also hieß es mit mir lieber ein Narr/ als Hungers gestorben. Doch daß ich auf meine rechte Thorheit komme/ so hatte der von Adel 2. Pfarrs-Toͤchter bey sich/ de- rer Eltern gestorben waren. Eine zwar ziem- lich bey Jahren/ zum wenigsten auf einer Sei- te 18. biß 19. Jahr/ und allem Ansehen nach/ mochte sie wohlwissen/ was fuͤr ein Unter- scheid zwischen einem gemeinen und einem E- delmann wãre. Die andere war kaum 16. Jahr Jahr alt/ und hatte so ein niedlich Gesichte/ und so freundliche Minen/ daß auch ein stei- nern Hertze sich nur durch ihre Freundligkeit bewegen lassen. Weil ich nun des courtoi- si rens schon lang gewohnt war/ dacht ich/ da wuͤrde auch ein Fuͤttergen unter mein Beltz- gen seyn. Jch fieng erstlich von weitlaͤuffti- gen Sachen an zu reden/ und gedachte/ sie wuͤrde mit mir gewohnt werden/ daß ich sie umb was anders desto kuͤhner ansprechen duͤrffte/ doch weiß ich nicht/ wie sie so kaltsin- nig gegen mir war. Endlich nach 9, oder 10. Wochen merckte ich daß sie lustiger ward. Sie gruͤste mich freundlich/ sie brachte m i r wohl ein Straͤußgen/ und fragte mich/ wie mir es gienge. Ja was noch mehr ist/ als ich sie kuͤssen wolte/ sagte sie/ ich solte sie ietzt mit frieden lassen/ ich wuͤste wohl wo die Possen hingehoͤrten. Damit war ich gefangen/ ich præsentir te meinen Dienst mit der gantzen Schule an/und befand/ daß ich bey dem Mad- gen noch weiter von solchen Sachen reden moͤchte. Kurtz/ wir bestellten einander auf den Abend umb 10. in eine Gastkammer/ und damit war es richtig. Jch versaͤumte die Zeit nicht/ fand auch die Liebste schon in der Kammer/ doch ohne Licht dann sie gab vor/ es D jv moͤchte moͤchte iemand des ungewoͤhnliehen Lichtes an dem Fenster gewahr werden Und darzu bat sie mich/ wir moͤchten nicht zu viel reden/ weil der Schall leicht koͤnte von uͤbel paßionir- ter Personen auffgefangen werden. Jch ließ mir alles gefallen/ und stelle es einem ied- weden zu reiffem Nachdencken anheim/ was darnach mag vorgelauffen seyn: Aber die Lust waͤhrete nicht lange/ so kam der Edelmañ mit mehr als 20. Mann in die Kammer hinein/ und wolte wissen/ was ich hier zu schaffen haͤtte: Jch war von Erschrecken eingenommen/ daß ich nicht achtung gab/ wer bey mir lāge. Doch kont ich mit stillschweigen wenig ausrichten/ weil der Juncker mit dem blossen Degen mir auf den Leib kam da erschrack ich vor dem kal- ten Eysen/ und wolte ein bißgen Trost bey meiner Liebsten schoͤpffen: sieh da so war es nicht das junge artige Maͤdgen/ sondern die alte garstige Emerentze/ die lachte mich uͤber einen Zahn so freundlich an/ daß man alle eylffe davon sehen kunte. Ey/ ey/ wer war elender als ich: Und fuͤrwar/ es hat mich offt getau- ert/ daß ich mich nicht habe todt stechen lassen. Doch dazumahl war mir das Leben lieb/ daß ich/ alles Ungluͤck zu vermeiden/ mich gefangen gab/ und auch in die Trauung einwilligte. Da saß saß ich nun mit meiner Gemahlin/ und haͤtte mich gern zu frieden gegeben/ wañ ich nur/ wie Jacob die Junge auch noch hohlen duͤrffen. So merckte ich/ daß es mit mir hieß/ O ho Bauer! laß die Roͤßlein stahn/ sie gehoͤren fuͤr einen Edelmann. Was solte ich aber fuͤr Nahrung anfangen/ graben mocht ich nicht/ so schaͤmte ich mich zu betteln/ drum muste ich mit einem geringen Verwalterdienstgen vor- lieb nehmen/ von welchem diß accidens war/ daß ich die Mahlzeit bey Hofe mit haben solte. Jch ließ es gut seyn/ und legte mich mit mei- ner alten Schachtel alle Abend zu Bette/ als hātte ich die Junge nie lieb gehabt. Doch war diß meine Plage/ daß ich allen Gaͤsten Ge- sellschafft leisten muste/ dann wer Lust zu sauf- fen hatte/ dem solte ich zu Gefallen das Tann- zapffen-Vier in den Leib giessen/ davon ward ich endlich so ungesund/ daß ich meinem Leibe keinen Rath wuste/ zu grossen Gluͤcke kam eine Rechts Sache zu Ende/ davon ich 2000. Thl . participirte / und meine alte Kachel starb in Kindesnoͤthen. Also ward ich wieder frey/ und behelffe mich numehr auf mein Geld so gut ich kan. Aber ach! bin ich nicht ein Narr gewesen/ ach haͤtt ich einen Curator angenom- men/ ach haͤtte ich was rechtes gelernt D v ach ach koͤnte ich ietzt dreissig Jahr juͤnger wer- den! CAP . VII. F Lorindo hatte alle die Erzehlungen mit grosser Lust angehoͤret/ Gelanor auch ließ sich die artlichen Begebenheiten nicht uͤbel gefallen/ doch hatte dieser etliche Lehren daruͤ- ber abgefast welche dem Florindo gantz in ge- heim communicirt worden/ also daß kein Mensch solcher biß auf diese Stunde habhafft werden kan. Derhalben wird der geneigte Leser auch zu frieden seyn/ daß hier etwas mit Stillschweigen übergangen wird. Es moͤch- ten sich etliche Leute der Sache annehmen/ die man nicht gern erzuͤrnen will: Und wer will sich an allen alten Gasconiern das Maul ver- brennen. Wir gehen in unserer Erzehlung fort/ und geben unsern narrenbegierigen Per- sonen das Geleite. Diese hatten sich auf des Wirths Einrathen in einen beruͤhmten Lust- garten verfuͤgt/ und wolten die Herrligkeit desselben Ortes auch mitnehmen. Aber Gelanor sagte den halben Theil von seinen Gedancken nicht/ dann so offt der Gaͤrtner mit seinen frembden Gewāchsen herpralte/ wie ei- nes 10. das andere 20. das dritte 50. das vierd- te gar hundert Thaler zu stehen kaͤme/ hielt er allzeit allzeit eine schlechte F eldblume dargegen/ die an vielen Stuͤcken/ sonderlich in Medicini- scher Wuͤrckung weit besser war/ und machte den Schluß: STUL TITIAM PATIUNTUR OPES. Doch sagte er nichts laut/ weil ihm als einem Narren-Probirer wol bewust war/ daß kein ārger Narr in der Welt sey/ als der alles sage/ was er dencke. Jmmittelst erblickte er einen Mann/ welcher in der Galerie spatzie- ren gieng/ und dem aͤusserlichen Ansehen nach vor einen stattlichen Minister bey Hofe passiren moͤchte/ zu diesem verfuͤgte er sich/ und fieng von einem und dem andern an zu reden/ vor- nehmlich verwunderten sie sich uͤber die ar- beitsame Natur/ welche dem Menschlichen F leisse sich so unterthaͤnig macht/ daß alle Rosen/ Nelcken und andere Blumen/ welche sonst mit wenig Blaͤttern hervor kommen/ durch fleißiges und ordentliches Fortsetzen leicht vollgefuͤllt/ und zu einer ungemeinen Groͤsse gebracht werden. Von solchen na- tuͤrlichen Dingen geriethen sie auf Politische Fragen/ und Weil sich Gelanor in dieses un- bekandten gute Qualitaͤten etwas verliebete/ giengen sie zusammen in das Garten-Haus/ und setzten sich in den Schatten/ da druck te dieser frembde Gast loß/ wer er waͤre/ und D vj fuͤhrte fuͤhrte folgenden Discurs. Es ist eine wun- derliche Sache/ daß man dem Gluͤcke in dieser Welt so viel nachgeben muß; wie mancher zeucht von einem Orte zum andern/ und sucht Befoͤrderung/ doch weil er den Zweck nicht in acht nimmt/ darauff sein Glũcke ziehlt/ geht al- les den Krebsgang. Hingegen wer dem Gluͤcke gleichsam in die prædestination hinein rennt/ der mag es so naͤrrisch und so plump vornehmen/ als er will/ so muß er doch erho- ben/ und vielen andern vorgezogen werden. Wie viel habe ich gekennt/ die wolten entwe- der auf ihrer Eltern Einrathen/ oder auch wol auf ihr eigen plaisir Theologiam studi ren: allein es gerieth ins Stecken/ biß sie das Stu- dium Juris vor die Hand nahmen/ darzu sie von dem Gluͤcke waren gewidmet worden. Und alsdann muste man sich verwundern/ wie alles so gluͤcklich und gesegnet war. An- dere haben die Medicin ergriffen/ welche bey der Juristerey verdorben waͤren/ und was ist gemeiner/ als daß ein Mensch/ der mit Gewalt will einen Gelaͤhrten bedeuten/ sich hernach in das Bierbrauen/ in die Handlung/ in den Ackerbau und in andere Handthierungen ste- cken muß/ welcher ohn allen Zweiffel besser ge- than haͤtte/ wann er Anfangs dem Gluͤcke waͤ- re re entgegen gangen. Und gewiß/ ist iemand auf der Welt/ der solches an seiner eigenen Person erfahren hat/ so kan ich wohl sagen/ daß er mir nicht viel nehmen soll. Jch war von Lutherischen Eltern gebohren und erzo- gen/ vermeynte auch/ ich wolte bey eben dersel- ben Religion leben und sterben. Allein wie mir das G luͤcke dabey zuwider gewesen/ kan ich nicht sagen. Numehr als ich auf Zure- den vornehmer und verstaͤndiger Leute zu der Catholischen Religion geschritten bin/ hab ich noch nichts unter die Haͤnde bekommen/ daß mir nicht mehr als erwuͤnscht waͤre von statten gangen. Jch habe mein reichlich und uͤber- fluͤßig Außkommen/ ich sitze in meinem Ehren- stande/ und welches das beste ist/ so darff ich nicht befuͤrchten/ als moͤchte die Zeit schlimmer werden. Solches alles nun muß ich dem blossen Gluͤcke zuschreiben/ welches mich bey keiner andern Religion wil gesegnet wissen. Gelanor wolte auch etwas darbey geredt ha- ben/ drumb sagte er: Es waͤre nicht ohne/ der Menschen Glücke hielte seinen verborgenen Lauff/ doch meynte er/ man muͤsse die endliche direction solcher wunderbahren Faͤlle GOtt zuschreiben/ welcher das Gemuͤthe durch aller- hand heimliche inclinationes dahin zu lencken D vij pflegte/ pflegte/ daß man offtermahls nicht wisse/ wa- rumb einer zu diesem/ der andere zu jenem Lust habe. Was aber die Religion betreffe/ meynte er nicht/ daß man mit so einem goͤttlichen Wercke gar zu liederlich spielen solte. Ey/ versetzte der Weltmann/ was soll man spielen/ die Sache ist noch streitig/ und so lange nichts gewisses erwiesen wird/ bleibt die Cathol. als die aͤlteste/ noch immer in possessione . Und darzu/ man sehe nur was die Lutherische Lehre denen von Adel vor Herrligkeit macht. Sie heyrathen alle und vermehren sich wie die A- meißhauffen/ und gleichwohl vermehren sich die Guͤter nicht/ ich lobe es bey den Catholi- schen/ da gibt es stattliche præben den/ die wer- den denen von Adel eingeraͤumt/ und bleiben indessen die Lehngüter unzertrent; duͤrffen die Geistlichen nicht heyrathen/ so haben sie ande- re Gelegenheit/ dabey sie die Lust des Ehstan- des geniessen/ und der Plage uͤberhoben seyn- So hoͤre ich wohl/ antwortete Gelanor, man lebt nur darumb in der Welt/ daß man wil reich werden. Mich duͤnckt/ das ist ein starck Argument wider die Catholischen/ daß sie gar zu groß Gluͤcke haben. U nd er wird ohn Zwei- fel den Spruch Christi gelesen haben: waͤret ihr von der Welt/ so haͤtte die Welt das ihre ihre lieb/ weil ihr aber nicht von der Welt seyd/ so hasset euch die Welt. Derhalben schaͤtze ich die vor gluͤckselig/ wel- che durch viel Truͤbsal in das Reich Gottes eingehen/ und also nach Christi Befehl am ersten nach demselben Reich Gottes trachten. Es hat sich wohl getracht/ fieng jener hingegen an/ wann man seinen Stand fuͤhren soll/ und hat nichts darzu. Gelanor fragte/ welche Lu- therische von Adel hungers gestorben waͤren? sagte darbey/ er koͤnne nicht laͤugnen/ daß etli- chen das liebe Armuth nahe genug waͤre: doch wolte er hoffen/ die Catholischen Edelleute wuͤrden auch ihre Goldguͤlden nicht mit lau- ter Kornsaͤcken außmessen/ es waͤre eine andere Ursache/ dadurch die Meisten in Armuth ge- riethen. Dann da hielte man es fuͤr eine Schande/ auf buͤrgerliche Manier Geld zu verdienen/ und wann ja etliche das Studiren so hoch schaͤtzten/ daß sie dadurch meinten em- por zu kommen/ so waͤren hingegen etliche hun- dert/ die nichts koͤnten als Fische fangen und Vogel stellen. Derhalben waͤre auch die Republic nicht schuldig/ ihnen groͤssere Unter- halt zu schaffen/ als den Fischern und Vogel- stellern zukaͤme. Mit dem Geschlechte und dessen fortpflantzung haͤtte es ja seinen Ruhm: doch doch wuͤrden die Ahnen nur geschimpfft/ wañ man ihre Wappen/ und nicht ihre Tugenden zugleich erben wolte. Man solte auch nur in andere Republicqven sehen/ wie sich die von Adel weder der Kaufsmanschafft noch der F e- der schaͤmeten/ der Hertzog von Churland/ der Groß-Hertzog von F lorentz/ ja die Venetia- nisch- und Genuesischen Patricii wuͤrden durch ihre Kauffschiffe im minsten nicht geringer; Und sie selbst/ bey den Catholischen/ machten auß ihren Grafen und Hn. Doctores und Professores. Dem guten Herrn wolte die Rede nicht in den Kopff/ stund derhalben auf/ mit vorgeben/ er muͤsse nothwendig einem andern hohen Praͤlaten auffwarten/ recom- mendir te sich in seine Gunst/ bat alles wohl auffzunehmen/ und gieng hiermit zum Garten hinaus. Da ließ nun Gelanor seine Gedan- cken etwas freyer herauß/ ach sagte er/ ist diß nicht Blindheit/ daß/ ehe man sich etwas druͤ- cken und buͤcken wolte/ man lieber Gott und Himmel vor eine Handvoll Eitelkeit versetzen und verkauffen darff. Gesetzt die Catholische Lehre waͤre so schlim nicht/ daß alle in derselben sollen verdammt seyn: so frage ich doch/ ob ein solcher abgefallener Sausewind nicht in sei- nem Gewissen einen Scrupel befinde/ der ihm die die Sache schwer mache. Dann die Lehre/ darinn er gelebt hat/ kan er nicht verdammen. Und gleichwohl gehoͤrt ein grosser Glaube darzu/ zwey gegenstreitende Sachen gleich gut zu heissen/ Conscientia dubia nihil est facien- dum. Endlich was den Handel am schlim- sten macht/ so nehmen sie ja die Enderung nit etwan vor/ Gottes Ehre zu befoͤrdern/ oder ihre Seligkeit gewisser zu machen: sondern weil sie meynen/ ihre zeitliche Gluͤckseligkeit be- stens außzufuͤhren/ das ist mit derben deut- schen Worten so viel gesagt/ weil sie an Got- tes Vorsorge verzweiffeln/ als sey er nicht so Allmaͤchtig/ daß er einen in der armseligen Re- ligion ernehren koͤnte/ nun uͤberlege man den schoͤnen Wechsel. Ein Kind wird außgelacht/ wann es nach einem Apffel greifft/ und einen Rosenobel liegen laͤst. Eine Sau ist darum eine Sau/ weil sie den Majoran veracht/ und mit dem Ruͤssel in alle weiche materie faͤhrt. Aber der wil vor einen klugen und hochver- staͤndigen Menschen gehalten seyn/ der das E- wige verwirfft/ und auf das Zeitliche siehet/ welches in lauter kurtzen Augenblicken be- steht/ die uns eher unter den Haͤnden entwi- schen/ als wir sie recht erkennet haben. Doch wer will sich wundern/ Christus hat die Thor- heit heit alle zuvor gesehen/ drum sagt er auch: das Evangelium sey den Unmuͤndigen offenbah- ret/ aber den Klugen und Weisen verbor- gen. CAP. VIII . H Jerauf giengen sie wieder nach Hause/ und als sie kaum in ihr Zimmer kommen/ fragten etliche Kerlen von geringem Ansehen/ ob sie nicht koͤnten beherberget werden/ sie wol- ten gern eine Mahlzeit essen; der Wirth satzte sie an einen Tisch bey der Haußthuͤr/ und gab ihnen so lang etliche Kannen Bier/ biß sie et- was zu essen kriegten Gelanor, der mit Ver- langen auf die Mahlzeit wartete/ sahe von oben auf sie hinunter/ und hoͤrete/ was sie vor Ge- spraͤche fuͤhren wuͤrden. Ja wohl/ sagte ei- ner/ ist es eine stattliche Sache/ wer viel baar Geld hat/ ich wolte/ ich faͤnde einmahl einen Schatz von zehn biß zwoͤlff tausend Thalern. Ja Bruder/ sagte der ander/ was faͤngt man ietziger Zeit mit dem baaren Gelde an? Hoho/ antwortete jener/ da laß mich davor sorgen/ sind nicht waͤchselbaͤncke genug/ da man es hinlegen kan. Ja fragte der/ wo koͤmmt man also bald unter/ und es ist ungewiß/ ob sie dritt- halb pro cento geben. Es scheinet auch/ als wann wann die Baͤncke wolten ihren credit allmeh- lig verlieren/ was haͤtte man darnach/ wann das schoͤne Capital auf einmahl vor die Hun- de gienge. Dieser Atzt weiß ich schon einen Stiel/ replicir te der erste/ man darff nicht so ein Narr seyn/ und alles an einen Ort stecken/ hie Tausend Thaler/ dort tausend Thaler/ so muͤste es S. Velten gar seyn/ daß man al- lenthalben auf einmahl geschnellt wuͤrde. A- ber wie waͤre es/ sagte der ander/ wann du es an was anlaͤgest/ wann ich an deiner Stelle wāre/ ich kauffte ein Stuͤcke gut/ gaͤbe ein starck Angeld/ liesse mir hernach die Ta- gezeiten desto gnaͤdiger machen/ daß ich sie halb und halb von dem Gute nehmen koͤnte. Ach Bruder/ gab der zur Antwort/ man sieht ja/ was itzo die Guͤter abwerffen/ der Ackerbau traͤgt nichts/ die Viehzucht ist auch gar ins Abnehmen gerathen/ haͤtte ich Teiche/ und kaͤme mir der F ischotter hinein/ so haͤtte ich auch drey oder vier Jahr uͤmbsonst gehofft/ zwar wenn trockene Zinsen dabey waͤren/ so waͤre es gut; aber wer findet flugs ein Gut/ das solche Pertinentz-Stuͤcke hat. Mit Hol- tzungen ists auch ein eben Thun/ wañ ein gros- ser Wind kaͤme/ und risse die Helffte von den Baͤumen auß/ so haͤtte ich meinen Nutz. O- der der wenn ich einen boͤsen Nachbarn haͤtte/ der mir sein Vieh auf die jungen Baͤumgen triebe/ und liesse mir die Lobden wegfressen/ so solte ich wohl funsszig Jahr warten/ biß ich wieder Holtz kriegte. Das solte mir der Nachbar wohl bleiben lassen/ sagte der ander/ ich wolte ihm einen Advocaten uͤber den Hals fuͤhren/ daß er des Huͤtens vergessen solte: oder genauer davon zu kommen/ ich wol- te ihn pfaͤnden/ daß er nicht einen Kaͤlberfuß solte zuruͤck bekommen: was solten die Possen/ wann einer moͤchte dem andern zu Schaden handthieren wie er nur selber wolte. Nein das muß nicht seyn/ es ist noch Gerechtig- keit im Lande/ dahin man appelliren kan. Sol- che Worte stieß der gute Mensch aus allem Ei- fer herfuͤr/ und gewißlich/ wenn der Kühhirte ihm waͤre in den Wurff kommen/ er haͤtte sich an ihm vergriffen. Doch war es umb einen Trunck Bier zu thun/ damit war das ungeheu- re Zorn-Feuer geloͤscht/ und der Discurs hatte seinen Fortgang: denn da sagte eben die- ser: hoͤre Bruder/ was mir einfaͤllt/ ein Landgut stuͤnde dir doch am besten ’an/ ich weiß wie du es koͤntest nutzbar machen. Laß eine grosse Gru- be graben/ darein schuͤtte allen Unflat/ der im Hause gesamlet wird: Und sieh in etlichen Jah- ren ren darnach/ ob nicht lauter Salpeter wird da seyn. Da laß nun eine Salpeter: Huͤtte bauen/ und verlege etliche Materialisten/ es ist darum zu thun daß du das Pfund umb 4. Pfennige wolfeiler gebest. Ey sagte jener/ was fragte ich nach dem Dreckhandel/ ich lasse mich doch zu keinem Landgute bringen/ du magst reden was du wilst/ es ist allzeit in der Stadt bequemer/ da will ich mir lassen ein Haus bauen/ mit schoͤ- nen Erckern/ mit grossen Saͤlen/ mit zierli- chen Kammern/ Summa Summarum/ es soll sich kein F uͤꝛst schaͤmen dariñen zu wohnen/ nur einen grossen Kummer hab ich/ darvor ich bißweilen die Nacht nicht schlaffen kan: Jch weiß nit/ wo ich die F euermauer und das Secret recht anbringe. Nun es wird sich schon schicken/ sagte dieser/ ich/ wolte das Haus waͤre fertig/ und du haͤttest mir eine Stube drin- nen vermiethet; du wuͤrdest doch discret seyn/ und wuͤrdest mich mit dem Zinß nicht zu sehr forciꝛen. Dis gefiel dem andeꝛn nit/ deꝛ wandte ein/ der Zinß muͤste alle Ostern und Michaelis gefaͤllig seyn/ sonst moͤchte er es nicht einmal thun U nd in solchem Streit geriethen die gutẽ Leute võ Worten zu Schlaͤgẽ/ daß dem Wirth angst und bange war wie er F riede machen koͤnte/ daß der Richter nichts davon kriegte. Gela- Gelanor hatte inzwischen treffliche Ergoͤtz- ligkeit gehabt/ und erzehlte bey Tische/ woher sich der gantze Streit entsponnen/ fuͤgte so dann diese Anmerckung hinzu. Sind das nicht Narren/ die auf eine ungewisse und woh/ gar unmoͤgliche Sache so grosse Lufft-Schloͤs- ser bauen? Da bekuͤmmern sie sich umb den Schatz/ den sie nimmermehr finden werden/ und versaͤumen hingegen ihre eigene Sachen/ darauff sie dencken solten. Zwar man solte nicht meinen/ daß die Welt so gar blind waͤre/ wenn nicht die sichtbahren Exempel mit den Haͤnden zu ergreiffen waͤren. Da heist es/ ie haͤtt ich/ ie duͤrfft ich/ ie koͤnt ich/ ie solt ich. Und kein Narr sieht auf das jenige/ was er schon hat/ was er thun darff/ was er kan und soll. Vielleicht muͤssen wir im Hause einen Tisch noch hinan schieben/ wann alle solche Lufftspringer solten mitgespeiset werden. Dañ die Welt ist solcher Wuͤnsche voll/ und den- cket/ ob mir es gleich nicht werden kan/ hab ich doch meine Lust daran. Mit andern derglei- chen Gespraͤchẽ ward der Tag zugebracht/ also daß keine sonderliche Thorheit auffs neue vor- lieff/ welche man haͤtte hauptsachlich be- lachen sollen. CAP, CAP. IX. D En andern Morgen gieng Gelanor in seiner Stuben hin und wieder/ und weil ein Schubkaͤstgen unten am Tische war/ trieb ihn seine Curiositaͤt zu sehen/ was drinnen waͤre. Nun waren allerhand Rechnungen und andere Acta drinnen verwahret/ an wel- chen man schlechte Ergetzligkeit haben kunte/ daß auch Gelanor den Kasten wieder hinein schieben wolte. Allein Florindo ward eins Seitenkaͤstgens gewahr/ und als er solches oͤffnete/ lagen etliche Brieffe mit Baͤndergen und bunter Seide bewunden/ daß man leicht schliessen mochte/ es wuͤrden Liebes Brieffe seyn. Sie waren auch in solcher Meinung nicht betrogen/ denn also lauteten die hertz- brechende Complimentir-Schreiben: Der erste Brieff. Mein Herr ꝛc. S Ein Schreiben habe ich wohl gelesen; er sehe/ daß er auß seiner uͤberfluͤßigen Hoͤf- lichkeit mir solche Sachen zuschreibet/ deren ich mich nicht anmassen darff: Doch nehme ich alles an/ nicht anders/ als eine guͤnstige Erinnerung/ wie nehmlich dieselbe solle be- schaffen schaffen seyn/ welche sich dermahl eins seiner Affection werde zu ruͤhmen haben. Jch ver- bleibe inzwischen in den Schrancken meiner Demuth/ und verwundere mich uͤber die Tu- genden/ welche ich nicht verdienen kan. Und zwar diß alles in Qvalitaͤt. Seine getreue Dienerin Amaryllis. Jn Warheit sagte Florindo, mit diesem F rauenzimmer moͤchte ich selbst Brieffe wech- seln/ so gar zierlich und kurtz kan sie ein Com- plimentgen abstechen/ also daß man weder ihre Hoͤflichkeit tadeln/ noch auß ihrer Freymuͤtig- keit einige Liebe oͤffentlich schliessen kan. Der andre Brieff. Mein Herr/ ꝛc. S O offt ich seine Hand erblicke/ so offt muß ich mich uͤber meine Gebrechligkeit betruͤben/ welche mir nicht zulaͤst/ daß ich seinen Lobes-Erhebungen statt geben kan. Und in Warheit/ ich zweifle offt/ ob der Brieff eben mich angehe/ und ob nicht eine andere mich ei- nes unbilligen Raubes beschuldigen werde/ welche diese angenehme Zeilen mit besserem Rechte solte gelesen haben. Geschicht diß/ so leb leb ich der gewissen Hoffnung/ er werde mich helffen entschuldigen und den Jrrthumb der Außschrifft dz Versehen beschuͤtzen lassen/ als- denn werde ich mit doppelter Schuldigkeit heissen N. N. Seine Das heist bey der Nasen herumb gefuͤhrt/ sagte Gelanor, man mag die Worte außlegen wie man will/ so heist alles/ wasche mir den Peltz und mache mir ihn nicht naß. Jch halte davor/ daß sie eine von den qualificirtesten Per- sonen seyn muß. Der dritte Brieff. Mein Herr/ ꝛc. N Unmehr will ich zugeben/ daß auf dieser Welt nichts vollkommen ist/ nach dem ich in seiner vollkommenen Tugend/ diese Un- vollkommenheit befinde/ dadurch er veranlas- let wird/ mich hoͤher zu loben/ als ich verdient habe. Ob ich aber solche Wuͤrckung der Liebe zuschreiben soll/ kan ich eher nicht urthei- len/ als biß ich durch seinen außfuͤhrlichen Be- richt erfahre/ was Liebe sey. Jnzwischen lasse er sich meine Kuͤhnheit nicht mißfallen/ daß ich mich nenne Mienesunvollkommenen Herren unvollkommene Dienerin Amaryllis. E Scheint Scheint doch der Brieff als ein halber Korb/ sagte Florindo, ich wolte mir derglei- chen Zierligkeit nicht viel wuͤnschen. Dem guten Menschen muß gewiß viel daran gele- gen seyn/ daß er Brieffe außgewuͤrckt/ die nichts geheissen. Der vierdte Brieff. Mein Herr/ ꝛc. O B sein G luͤck auf meiner Gunst beruhe/ kan ich dannenhero schwerlich glauben/ weil er schon vor langer Zeit gluͤckselig gewe- sen/ ehe er das geringste von meiner Person ge- wust. Doch trag ich mit seinem betruͤbten Zustande Mitleiden/ daß er mich umb etwas zu seiner Huͤlffe ansprechen muß/ welches ich alsdenn geben koͤnte/ wenn ich es verstehen lernte. So weiß ich nicht/ was Gunst oder Liebe ist/ und sehe auch nicht/ welcher Gestalt man solche den Patienten beybringen muß. So lange ich nun der Sachen ein Kind bin/ muß ich wieder meinen Willen heissen Seine Dienstbegierig-ungehorsame Dienerin Amaryllis. Gela- Gelanor sagte/ wir kommen nicht auß dem Handel/ wir muͤssen suchen/ ob nicht ein Con- cept vorhanden/ welches der ungluͤckselige Liebhaber stylisiret. Und zu allem Gluͤcke fanden sie etliche Bogen Papier/ darauff die hertzbrechende inventiones gestellt waren. U nd sahe man wohl/ daß der gute Guͤmpel alle Worte etlichemahl auf die Goldwage gelegt/ weil hin und wieder etliche Zeilen mehr als dreymahl außgestrichen waren. Also brach- ten sie auch mit genauer Noth folgendes zu wege. Schoͤnste Gebieterin. G Luͤckselig ist der Tag/ welcher durch das glutbeflammte Carfunckel Rad der he- len Sonnen mich mit tausend suͤssen Strah- len begossen hat/ als ich in dem tieffen Meere meiner Unwuͤrdigkeit/ die koͤstliche Perle ihrer Tugend in der Muschel ihrer Bekandschafft gefunden habe/ dazumahl lernte ich der Hof- fart einigen Dienst erweisen/ in dem ich die schoͤne Himmels- F ackel mit veraͤchtlichen Au- gen ansah/ gleich als waͤre sie nicht wuͤrdig/ bey dem hellblinckenden Lustfeuer ihrer lieb- reitzenden Augen gleichscheinend sich einzustel- len. Die Venus hat ihr vorlaͤngst den guͤl- denen Apffel geschickt/ und durch ihr eigenes E ii Be- Bekaͤntniß den Ruhm der Schoͤnheit auf sie geleget. Juno eiffert nun wieder mit ihrem Jupiter/ als moͤchte er sich auffs neue in et- was anders verwandeln und ihrer theilhaff- tig werden. Diana will nicht mehr nackend baden/ weil sie weiß/ daß sie das Lob ihres schneeweissen Leibes verlohren hat. Apollo wünschet sie unter den Musen zu haben/ wenn das Verhaͤngniß nicht den Schluß gemacht haͤtte/ daß sie solte lieben und geliebet werden. Jnzwischen freuen sich die Gratien, daß in ih- rer angenehmen Persohn alle Liebligkeit gleich- sam als in einen Mittelpunct zusammen laͤufft. Minerva schaͤmet sich/ daß sie in Tugendhaff-, ten Treffligkeiten nicht mehr die vortrefflichste ist. Ach wertheste Schoͤne/ sie vergebe mei- nem Kiel/ daß er die Feuchtigkeit seines Schnabels an ihrem Ruhm wetzen wil. Hier ward Gelanor ungeduldig/ und warff das Papier an seinen Ort. Es verlohnt sich nicht der Muͤh/ sagt er/ daß wir uͤber dem Ratten- Pulver die kalte Pisse kriegen. Nun muß ich erst das Frauenzimmer loben/ daß sie dergleichen abgeschmackte Narrenpossen mit so einer hoͤflichen Freundligkeit hat auffneh- men und beantworten koͤnnen. Jch haͤtte so einen hoͤltzernen Peter gleich in den Kuh- stall stall gewiesen/ da haͤtte er seine Liebes-Gedan- cken in die Pflaster-Steine eindruͤcken moͤgen. Doch ist es nicht eine Thorheit/ sagte er wei- ter/ daß ein junger Mensch mit solchen Eitel- keiten kan schwanger gehen. Da fressen sie den Narren an einer Person/ und wissen dar- nach nicht/ was sie haben wollen; sie lauffen und wissen nicht wohin/ drum ist es auch kein Wunder/ daß solche schoͤne Brieffe an den Tag kommen/ die keinen Verstand in sich ha- ben. Jch weiß nicht wer der verliebte Schaͤ- ferknabe seyn muß: aber das will ich mich verwetten/ er soll selbst nicht verstehen/ was der Brieff heissen soll. U nd also wird es wahr; Stultus agit sine fine. Florindo hoͤrete es mit an/ und furchte sich/ der Hoffmeister moͤch- te eine Application machen auff das Liebes- Brieffgen/ welchen er neulich von seiner Lieb- sten erhalten. Drum machte er eine diversi- on und suchte das Papier wieder hervor/ be- gehrende/ Gelanor moͤchte doch weiter nach- suchen. Es war aber so untereinander ge- schmiert/ auch so offt veraͤndert/ daß man schwerlich etwas daraus nehmen konte. Ei- nes war noch mit Muͤh und Noth zu lesen/ welches auch Gelanor mit seinen Glossen ver- mehrte/ wie folget: E iij Schoͤ- Schöne Grausame/ deswegen heist sie grausam/ weil sie aus seinen confusen Schrei- ben nicht errathen kan/ was der Narr haben will: Es wundert mich/ daß er nicht geschrie- ben: schoͤnes Ungethuͤm oder schoͤne Bestie. Nach dem ich in dem Spittal einer ungewissen Hoffnung kranck liege/ und die Schmertzen der Verzweiffelung alle Tage zunehmen/ wird es umb mich ge- schehen seyn/ wo ich das Pflaster ihrer Gunst und ungefaͤrbten Liebe nicht umb meine laͤchzende und durstige Seele schlagen darff. Hans spann an und fuͤhre den Kerl in den Narren-Spittal. Sind das nicht Worte/ und wird die ange- fangene allegorie nicht schoͤn außgefuͤhrt? Denn eben darumb wird ein Pflaster auffge- legt/ daß man den Durst vertreiben will. O du elender Brieffsteller! wie viel Ursachen hast du zu verzweifeln? Es geht fast wie beym Poeten steht: Jch weiß nicht was ich will/ ich will nicht was ich weiß Jm Sommer ist mir kalt/ im Winter ist mir heiß. Deñ was hast du zu hoffen/ was wilst du ver- zweifeln/ und was soll dich die eitele Einbil- dung dung der Gegenliebe helffen? Doch weiter in den Text. Die gehorsamsten Dienstlei- stungen welche ich ihrer Gottheit ge- widmet habe/ muͤssen in meiner verlieb- ten Seele sterben/ in dem mir die Gele- genheit ermangelt solche herauß zulas- sen. Mich duͤnckt ich habe die hertzbrechende Complimente in einem Buche gelesen/ dar- auß der Liebhaber seine Invention wird auß- geschrieben haben. Sonsten halt ich davor/ es wird trefflich umb den Menschen stincken/ wo die Dienstleistungen alle in der Seele ver- faulen sollen. Mein Rath waͤre/ er legte sich eine Quanti taͤt von Bisemkuͤchlein zu/ damit er den uͤbeln Geruch bey der Liebsten verber- gen koͤnnte/ daß es nicht hiesse/ Jungfer riecht ihr was/ es koͤmmt von mir her. Ach wie gluͤckselig wolt ich mein Verhaͤngniß preisen/ wenn ich als ihr geringster Sclave/ ihre Schuhbaͤnder auffzu- knuͤpfen gewuͤrdiget/ oder sonst durch ihren hochmoͤgenden Befehl in dero wuͤrckliche (werckliche) Dienste ange- nommen wuͤrde. Pfuy uͤber die Beren- heuterey/ ist dieß nun die Hoͤffligkeit alle/ daß ein Kerle/ der den lieben GOtt dancken solte/ weil er ihn zu einem Mannsbilde erschaffen/ E jv sich sich gleichwohl nicht schaͤmet/ einem schwa- chen Werckzeuge fußfaͤllig zuwerden. Pfuy daß man dir nicht die! Fleischsuppe uͤber den Grind herab giessen soll. Jch liege vor ihrẽ Fuͤssen/ habe ich durch meine Kuͤhn- heit gesuͤndiget/ so trette sie mich: hab ich Mitleiden verdienet/ so erzeige sie nur durch ein sachtes Anruͤhren/ daß ich Gnade erhalten habe. Jch will gerne sterben/ ich will gerne leben/ sie erwehle nur/ welches sie mir am liebsten goͤnneu will. O du barmhertziger Cour- tisan ! ist dir das sterben so nahe/ und schreibst noch Brieffe? Mein Rath waͤre/ du stuͤrbest/ und liessest dich per μετεμψύχωσιν Pythago. ricam in dasselbe Bret verwandeln/ welches die Liebste taͤglich mit dem Hintertheil ihres Leibes zu bekuͤssen pfleget. Sonst soltest du dich ehe zu tode complimenti ren/ ehe du so weit kaͤ- mest. Sie wolten weittr lesen: doch kam der Haußknecht und ruffte zur Mahlzeit/ da legten sie die Sachen an ihre Stelle/ und sagte Ge- lanor diese kurtze Lehre: Ach studiere davor/ mein armer Kerle/ als deñ wirst du ohne der- gleichen Weitlaͤufftigkeit Liebsten genug fin- den. Wilst du aber ietzt lieb haben und die nothwendigen Sachen versaͤumen/ so will ich wet- wetten/ du wirst einmal bey deinẽ U nverstan- de kein Madgen antreffen/ welches dir den Hindern weisete. Bey Tische brachte er es nun durch weitlaͤufftige F ragen herumb/ wer etwan vordiesem in der Stube gewohnet haͤt- te/ da sagte der Wirth/ es haͤtte sie ein Tantz- Meister gehabt/ und waͤre der junge Stutzer gegenuͤber gleichsam als sein Stuben-Geselle gewesen/ welcher auch unterschiedene Sachen/ die seiner Groß-Mutter Erbschafft betreffen/ annoch oben verwahret haͤtte/ aus Beysorge/ der Vater moͤchte ihm sonsten eine unange- nehme Visitation anstellen. Damit hatte Gelanor genug/ und wunderte sich nicht mehr/ warum der elende Galan die Gassen auf und nieder gestutzt/ ohn daß ie einer Jungfer wuͤrcklich zu gesprochen waͤre. Doch wolte er gerne das Frauen-Zimmer kennen/ welche un- ter dem Nahmen Amaryllis sich so manirlich bezeuget hatte. Drumb brachte er den Wirth besser auf die Spruͤnge/ und erfuhr nicht al- lein die Person/ sondern hoͤrte auch/ es wuͤrde ehistes Tages eine Zusammenkunfft ihrent- halben angestellet werden. Hiermit ließ er es gut seyn/ und sagte nur dieses darzu/ er hoffe alsdenn das Gluͤcke zuhaben/ mit so vor- nehmen Leuten bekand zu werden. E v CAP. CAP. X . N U n war diese Compagnie niemahls muͤssig/ sondern gebrauchten sich aller Zeitvertreibung/ welche an selbigem Orte frembden Personen zugelassen war. Sie unterliessen auch nicht alle naͤrrische Actiones wohl zu observi ren/ doch wuͤrde der geneigte Leser mit unserer Weitlaͤufftigkeit nicht zu- frieden seyn/ wenn wir alle minutias allhier haͤtten einmischen wollen. Dannenhero wir auch verhoffen entschuldiget zu seyn/ wofern wir das jenige nur kuͤrtzlich erwehnen/ wel- ches unserm Beduͤncken nach, das merckwuͤr- digste seyn wird. Und daher wird die obge- dachte Jungfer Zusammenkunfft nothwendig muͤssen beruͤhret werden/ weñ wir nur etlicher Haͤndel/ so vorhergangen/ werden gedacht haben. Einmahl traff Gelanor in der Kir- che einen alten Bekandten an/ mit welchem er vor diesem auf Universi taͤten gantz vertrau- lich gelebt hatte. Von diesem ließ er sich mit in ein ander Wirths-haus noͤthigen/ da er auch seinen Florindo Ehrenhalben mit neh- men muste. Sie satzten sich/ und liessen sich die Mahlzeit wohlbekommen. Unter andern war ein Kerle bey Tische/ der noch einen Fuchspeltz von Winters her am Leibe hatte/ und und meinten die andern alle/ er moͤchte gern ein Sommerkleid angezogen haben/ wenn er eines gehabt haͤtte. Nun wolten die andern Wein trincken/ und weil der Wirth keinen selbst im Keller hatte/ legten die Gaͤste zusam- men und liessen hohlen. Als aber die Reih an den frostigen Peltz-Stutzer kam/ gab er vor/ es waͤre ihm von den Medicis verboten/ Wein zu trincken/ doch damit sie nit meinten als wolte er sich der Compagnie entbrechen/ so wolte er gern sein Contingens mit beytragen/ sie moͤchten es in Gottes Namen außtrincken/ damit warff er ein Goldstuͤck von zehen biß zwoͤlff Thalern auf den Tisch/ und begehrte man solte ihm herauß geben/ aber die andern mercktẽ bald/ wie viel es bey dem guten Men- schen geschlagen/ daß er leicht schliessen kunte/ niemand würde so unhoͤfflich seyn/ und irgend eines Ortsthalers wegen/ das schoͤne Stuͤcke zu wechseln begehren: drumb sagten sie/ ein iedweder bezahle was er trincket/ beliebt einem nicht mit zutrincken/ so waͤre es auch nicht von noͤthen/ Geld zugeben/ sie haͤtten schon so viel bey sich/ daß sie die Unkostẽ tragen koͤntẽ. Da- mit grieff der Stutzer gar willig zu/ und steckte den Goldfuͤnckler wider in seine Tasche/ daß er dadurch ins kuͤnfftige noch etliche mal moͤchte E vj vom vom Geldgeben erloͤset werden. Der Wein ward in dessen gebracht/ sie truncken herumb; doch wolte der im Winterkleide nicht Be- scheid thun/ soudern nachdem er sich etliche mahl bedancket/ gieng er davon. Gelanor fragte den Wirth/ wer dieß gewesen waͤre/ der gab ihm diesen Bericht/ es waͤre ein reicher Kerle/ der von seinem Vater mehr als 30000. Reichs-Thaler geerbet: Allein er waͤre so karg und knickerhafftich/ daß er sich eher ein Haar auß dem Barte/ als einen Zweyer auß dem Beutel vexieren liesse. Der Peltz were in der Erbschafft mit gewesen/ diesen truͤge er nur/ daß er kein Geld an ein Sommer-Kleid wen- den duͤrffte. Ja er wuͤrde nimmermehr so viel auf seinen Leib spendieren/ daß er die Mahl- zeit im Wirthshause esse. So habe er eine Schuld auf dem Hause stehen/ die also ver ac - cordi ret worden/ daß er sie abfressen muͤste: doch sey er so genau/ daß/ wenn er einen andern haben koͤnne/ der ihm 4. Groschen gaͤbe/ er in- dessen zu Hause vor einen Pfenning Brot in Bier brockte/ und das Essen darbte. Es kaͤme offt/ daß/ wenn er Hoffnung haͤtte/ die F resse- rey zu verhandel n / er die Mahlzeit zuvor etli- che Stuͤcke Brod einsteckte/ daß er das Brod zum einbrocken nicht bezahlen duͤrffte. Den ver- vergangenen Winter habe er sein Holtz ver- kaufft/ und sey biß gegen Mittag im Bette gelegen; hernach habe er den Tag in fremden Stuben zugebracht. Man koͤnte auch seiner nicht loß werden/ als biß man Geld herumb geben wolle/ da liesse er sein Goldstuͤck sehen/ und wenn niemand wieder zu geben haͤtte/ so suchte er Gelegenheit wegzugehen. Er habe nicht weit auf dem Lande eine Schwester/ die schickte ihm bißweilen etwas von kalter Kuͤche: aber er boͤte solches entweder der Troͤdel- Frauen an/ daß sie es umb ein lumpen Geld verschleppen muͤste: oder er aͤsse so sparsam/ daß gemeiniglich das meiste verduͤrbe. Da sagte einer/ es waͤre noch Wunder/ daß er eine Bier-Merthe machen liesse. Ach sagte der Wirth/ es ist auch eine Merthe/ darauff ich seyn Gast nicht seyn will. Er hat Bier zu brauen: Nun will er mit allen auf das theuerste hinauß/ und gleich wohl laͤst er es an Hopffen und Maltz allenthalben fehlen/ ja er geust den Kofent mit in die Bier- F aͤsser. Da kan es nicht anders kommen/ das elende Ge- soͤffe muß ihm uͤber dem Halse bleiben. Und also koͤmmt das saure Bier an ihn/ da wirfst er ein bißgen Saltz hinein/ krumelt Brod darzu/ daß man die Seure nicht so E vij haupt- hauptsaͤchlich schmecket: Neulich begieng er ein hauswirthisch Stuͤcke/ sagte der Wirth ferner/ da kam ihn eine Lust Wein zu trincken an/ doch war ihm das Geld zu lieb. Drum borgte er bey mir ein Wein- F aß/ darauf noch etliche Hefen waren/ die ich sonst weggegossen haͤtte. Darzu goß er Wasser/ ruͤhrete es weidlich unter einander/ gab ihm darnach mit einem Noͤssel Brandtewein den Einschlag/ welchen die Troͤde- F rau an statt baaren Gel- des gebracht hatte. Daraus ward ein Tranck/ er roch nicht wie Wein/ er sahe nicht wie Wein/ er schmackte nicht wie Wein/ er waͤrmte nicht wie Wein/ und war doch Wein. Florindo, dem das Maul allezeit nach der Liebsten waͤsserte/ fragte/ warum sich der wunderliche Kummpe nicht verheyrathet haͤtte/ so koͤnte er offt ein gutes bißgen zurich- ten lassen/ und duͤrffte dem Wirthe nit gleich vier Groschen davor bezahlen. Ja wohl/ gab der Wirth zur Antwort/ haͤtte er die Coura- ge, er will immer verhungern/ weil er allein ist/ was wuͤrde er thun/ wenn er heyrathen sol- te? Hencken koͤnte er sich nicht/ denn die zween Pfennige thauerten ihn/ davor er den Strick kauffen muͤste. Vielleicht hungerte er sich selbst zu Tode. Gelanor fragte/ womit er denn denn die Zeit passir te? Mit Sorgen/ sagte der Wirth/ denn es ist ihm alle Stunden leid/ sein Geld moͤchte gestolen werden/ oder die Capi- talia moͤchten caduc werden/ oder es moͤchte sonst ein Ungluͤck kom̃en/ das er nicht zuruͤcke treiben koͤnte. Er behaͤlt zwar nicht uͤber dreis- sig Thaler im Hause/ es muß verliehen werden und Nutzen bringen/ doch hat er fast nichts zu thun/ als daß er Geld zehlt/ da hat er sich an ei- nem Dreyheller/ dort an einem Vierpfenniger verrechnet/ und wann man ihn umb einen Spatziergang anspricht/ so ist kein Mensch auf der Welt der mehr zuthun hat. Das aͤrgste ist/ daß er keinen rechtschaffenen Men- schen zu Rathe zeucht/ wenn er was vornimt: sondern da sind lauter Troͤdelhuren und Wet- termacherin/ denen er seine Wohlfahrt anver- traut. Ach du Ertznarr/ ruffte Gelanor uͤber- laut/ hab ich doch deines gleichen noch nie an- getroffen. Gott hat die Mittel bescheret/ da- durch du dein Leben mit hoͤchster reputation fuͤhren koͤntest; und gleichwohl bistu nicht wehrt/ daß du einen Heller davon geniessen solst. O wer ist aͤrmer als du? Ein Bettel- mann darff leicht etliche Pfeñige zusam̃en ras- peln/ so stelt er einẽ Schmauß an/ darzu er den folgenden Tag noch vier Heller betteln muß: du du aber sitzt bey deinem Reichthum mit ge- bundenen Haͤnden/ und fuͤhrst ein Leben/ der- gleichen sich kein Vieh wuͤnschen soll. Du bist nicht Herr uͤber das Geld: das Geld ist Herr uͤber dich. Bedencke doch/ was Geld ist. Es ist ja nichts anders/ als ein Mittel/ dadurch man alle andere Sachen an sich brin- gen kan. V or sich selbst ist es ein glaͤntzend Metall/ das so viel hilfft/ als ein bißgen Glaß/ oder ein zerbrochener Kieselstein. Waͤre der Schmiedt nicht ein Narr/ der nicht arbeiten wolte/ auß Ursachen/ er moͤchte den Hammer verderben? Oder solte man den Muͤller nicht in die Lache werffen/ der die Rāder nicht lauf- fen liesse/ auß Beysorge es moͤchte zu viel Was- ser darneben weg fliessen. Warumb setzt man denn solchen Geld Narren keine Esels-Ohren auf/ der elende Schoͤpsbraten moͤchte alle Jahꝛ 500. Thaler verzehren/ ich wolte ihm gut da- vor seyn/ ehe sechtzig Jahr ins Land kaͤmen/ wuͤrde er kein Geld beduͤrffen. So nimt er noch die jaͤhrlichen Renten darzu ein/ und schlaͤgt sie lieber zum Capital/ als daß er seine Lust davon haͤtte. Nun freuet euch ihr zukuͤnf- tigen Erben/ die Lust soll bey euch zusammen kommen; ihr sollet die Heller wieder unter die Leute bringen; ihr sollet wissen/ wohin das Geld gehoͤrt; gehoͤrt; ihr sollet die Gastwirth/ und Wein- schencken besser erfreuen. CAP . XI . D Je andern stimmeten mit ein/ und wo- fern die alten Aberglauben noch kraͤff- tig sind/ so ist kein Zweifel/ die Ohren muͤssen dem ehrlichen Stuͤmper wol geklungẽ haben. Jn dem sie nun in dem Gespraͤche begriffen waren/ kam ein Kerl/ und fragte ob ein Herr unter dem Hauffen einen Schreiber beduͤrffte. Gelanor, dem es an solcher Auffwartung schon offt gemangelt hatte/ nahm ihn mit auf seine Stube/ und sagte/ er solte ihm zur Probe einen Brieff schreiben (denn er war mehr als ein Copiste) darinn er einen guten Freund com- plimentir te/ der unlaͤngst haͤtte Hochzeit ge- halten; Mit Bitte sein aussenbleiben zuent- schuldigen/ und mit einem wenigen Hochzeit- Geschencke vorlieb zunehmen. Nun war der Schreiber geschwind uͤber das Dintenfaß her/ und setzte folgenden wunderschoͤnen Brieff innerhalb sechs Viertelstunden auf. Hooch geneugter und Follkom- men liebender Freund. Daß seine sich-so ploͤtzlich fergnuͤgenwollen- de Jugend/ in das luͤstrende und augenreiz- zende zende Lachchen der holdreuchesten Fenus an- gefaͤsselt worden/ haabe ich wohl fernommen/ lasse auch den Preißwuͤrdigsten Einladungs- Brieff deswegen in dem Tageleuchter liegen/ dahmit ich das Ahndaͤnkken der fohrstehenden Lustbarkeit nicht auß den Lichtern meines Haubtes ferlihren moͤhge. Die F akkel des Himmels wird nicht fihlmahl umm den Tihr- kreuß lustwandeln fahren/ so wird die gaͤnzzlich- herfor gekwollen seynde Suͤssigkeit der freundlichsten Libinne/ sein gantzes Laͤben er- kwikkend beseligen. U nd da muͤste Zizero saͤlbst ferstummen/ ja dem Firgilius und Ho- razius ingleichen dem Ofidius wuͤrde es an gleichmaͤssigen Gluͤckwuͤnschungs-Wohrten fermangelbahren. Bei so angelaassenen Sachchen/ solte ich schweugen/ umb meine in der Helden sprachmaͤssiger Wohlsaͤzzenheit gahr waͤ ni g außgekuͤnstelt habende/ und nicht allzu woortsaͤlig erscheunende Schreibrich- tigkeit/ oder daß ich baͤsser vernuͤnfftele/ umb meine sich unwissend erkaͤnnende Gemuͤths Gebraͤchchen nicht zu ferbloͤssen. Entzwi- schen ist die Ohngedult meiner begirig auff- steugenden Haͤrzzens Neugungen so groß/ daß ich den Mangel der an den Himmel der E- wigkeit zu schreiben wuͤrdig seinden Worte/ mit mit gegenwaͤrtiger Geringfuͤgigkeit zu er saͤz- zen beschlossen habende/ mein Ohnvermoͤgen entschuldigt zu haben bittend/ und in forlieb- naͤhmender Gunst-gesinnenschafft aufgenom- men zu werden hoffend/ mich in staͤter und un- wandelbahr bluͤhender Dienstfaͤrtigkeit wuͤn- sche zu naͤnnen Meines Haͤrzzengebieters dienstsamen und ausswarts- bahren Knaͤchts N . N . Gegaͤben mit fluͤch- tiger Faͤder den 10. deß Rosenmonds im 1656. H. Jahre. Gantz unten war angeschrieben/ Kristoff Zi- riacks Fogelbauer Erz-Koͤniglicher bestaͤ- tigter und Freyheitsferbrieffter offener Schreiber. Gelanor laß den Brieff durch/ und wuste nicht/ was er darauß machen solte. Er frag- te den ehrlichen Ziriaͤkel/ was er mit den ver- wirrten Possen meynete/ und warumb er die gantze Schreib-Art so liederlich verderbet haͤt- te. Nun war dieser mit der Antwort nicht langsam: Es ist zu beklagen/ sagte er/ daß die Kunst so viel Veraͤchter hat. Man solte dem Him- Himmel mit gefaltenen Haͤnden dancken/ daß nunmehr etliche vornehme Maͤnner mit unbe- schreiblich grosser Muͤh / der Teutschen Hel- den-Sprache zu der alten Reinligkeit geholf- sen: So muͤssen die stattlichen Leute vor die saure Arbeit nichts als Spott und Verach- tung einnehmen. Doch stellt man den end- lichen Außschlag der grauen Ewigkeit anheim. Meynt mein Herr/ also redte er weiter/ daß ich verwirrt schreibe? Ach nein/ er sehe nur die neuen Buͤcher an/ und bedencke/ was vor ein Unterscheid zwischen schlecht Teutsch und Hochteutsch ist. Er schlage nur die Schriff- ten vieler Weltberuͤhmten Poeten auf/ und er- wege/ was sie vor Fleiß gethan/ die unreinen Woͤrter auß der Helden-Sprache außzumu- stern/ und hingegen schoͤne/ reine und natuͤrli- che an die Stelle zu schaffen. Was soll ich den Lateinern die Ehre goͤnnen/ daß ich ihnen zugefallen sogen soll Fenster: Jch mache lie- ber ein Teutsch Wort Tageleuchter. Und fragtiemand/ was ein Fenster in der Nacht heist/ so sag ich/ ebensowohl Tageleuchter/ wie- ein Nachtkleid in dem Tage auch ein Nacht- kleid/ und die Sonntagshosen in der Woche auch Sontagshosen heissen. So ist es mit den andern Woͤrtern auch beschaffen. Wun- dert dert sich ferner iemand uͤber die neue Schreib- richtigkeit: So muß ich sagen/ daß derselbe noch nicht Teutsch versteht. E. ist kein Teut- scher Buchstabe/ V. auch nicht/ Y. auch nicht/ ja auch das Q. Warumb solt ich nun falsch schreiben/ da ich es besser wuͤste? Gesetzt auch/ daß die Gewohnheit nun im Gegentheil einge- rissen waͤre: So folgt es nicht/ daß die Men- ge der Jrrenden die Sache deswegen gut machen muͤste. Gelanor hoͤrete mit grosser Gedult zu/ wie der gute Stuͤmper in seiner Thorheit ersoffen war. Letzlich fieng er also an: Jhr lieber Mensch/ seyd ihrs/ der dem Va- terlande wieder auf die Beine helffen will. Ach besinnet euch besser/ und lasset euch die Schwachheiten nicht so sehr einnehmen/ deñ was wollet ihr vors erste sagen/ es waͤre Hoch- Teutsch geschrieben/ ja wohl/ dencket ihr/ euere Sachen sind noch so hoch/ daß sie keine Ziege weglecken soll. Aber es hat die Gefahr nicht. Das Hochteutsche muß auch verstaͤndlich seyn/ und muß nicht wieder die Natur der Sprache selbst lauffen. Uber dis koͤnte auch eine Eitelkeit groͤsser seyn/ als daß man sich ein- bildet/ es sey ein Wort besser als das ander? Ein Wort ist ein Wort/ das ist/ ein blosser Schall/ der vor sich nichts heist/ und nur zu einer einer Bedeutung gezogen wird/ nachdem der Gebrauch und die Gewonheit solches bestaͤti- gen. U nd also muß man den Gebrauch am meisten herrschen lassen. Ein Tisch heist da- rum ein Tisch/ weil es von den alten Teutschen so beliebet und gebraucht worden. So heist auch ein F enster/ ein Pistol/ eine Orgel/ ꝛc. das jenige/ wozu es von den ietzigen Teutschen ist geleget worden. Jch frage auch/ ist diß nicht der eintzige Zweck von allen Sprachen/ daß man einander verstehen will? Nun wird es niemand leugnen/ daß dieselben Woͤrter/ die ihr außmustert/ von iederman besser verstan- den werden/ als euere neue Gauckel Possen. Nehmet ein Exempel. Wann ein Soldat seinen Lieutenant wolte einen Hr. Plaßhalter/ den Quartiermeister Hr. Wohnungs- oder Herbergenmeister nennen: Oder wenn einer die Pistolen haben wolte/ und forderte die Reit-Puffer: Oder wann er einen in die Corps de Garde schicken wolte/ und sagte/ er solte in die Wacht-Versamlung gehen/ wer wuͤrde ihn mit den neugebackenen Woͤrtern verste- hen? Und fuͤrwahr eben/ so thum̃ koͤm̃t es mit euren Erfindungen heraus. Es ist nicht so bald geschehen/ daß andere Leute errathen koͤnnen/ was ihr haben wollet. U nd wo habt ihr ihr eure Authori taͤt itabilirt, daß die Spra- che/ welche von F uͤrsten und Herren gebraucht wird/ nach eurem Gefallen soll umgeschmeltzet werden? Mit den elenden Buchstaben ist es noch erbaͤrmlicher/ die werden ohn Ursach relegirt, und auß dem A B C gestossen/ welches kuͤnfftig A B D heissen muß. Gesetzt sie waͤ- ren bey den Alten nicht gebraucht worden: Mein was sollen die alten Pritschmeister/ welche die Teutsche Schreiberey durch viel Secula fortgepflantzt haben/ uns vor Gesetze geben/ und warumb soll man nicht dabey blei- ben/ nachdem etliche Secula geruhig und ein- stimmig so geschrieben haben? Darzu/ was stecket dann vor Klugheit dahinder/ ob ich die neue oder die alte Mode brauchen will? Lese- bengel und Papierverderber seyd ihr. Waͤre es euer Ernst der Welt nuͤtze zu seyn/ so wuͤr- det ihr nicht an den blossen Schalen kleben/ und den Kern gantz dahinden lassen. Wann ihr auch die Antiquitaͤt so gar lieb habt/ war- umb waͤrmet ihr nicht alle altvaͤterische Re- dens-Arten wieder auf? Jch habe ein Alt Complimentir-Buch/ welches Petrus Dres- densis, der das Lied In dulci jubilo gemacht/ ungefehr A. 1400. bey seiner Liebstẽ gebraucht/ meynet ihr/ daß alles darauß wieder mag ge- braucht braucht werden/ so will ich endlich gern sehen/ was Hochteutsch heissen wird. Hl. Ziriacks machte eine ungnaͤdige Mine/ darauß Ge- lanor abnahm/ er wuͤrde nunmehr schlechte Lust zu dienen haben. Derhalben gab er ihm einen halben Thaler vor die Schreibgebuͤhr/ und gedachte/ es waͤre doch alles Zureden vergebens/ wann sich ein Mensch allbereit in die suͤsse Thorheit so tieff eingelassen haͤtte. CAP . XII. N Ach diesem gedachte unsere Compagnie weiter zu reisen/ als der Wirth bat/ sie moͤchten doch etlichen vornehmen Leuten in seinem Garten Gesellschafft leisten/ es hãtte der junge Stutzer gegen uͤber eine Collation angestellt/ und sey zwar viel Frauenzimmer ge- beten/ doch moͤchte er sonst niemands bekan- tes dabey haben. Dann es sey ein alter Do- ctor von 60. Jahren/ der habe sich in ein Maͤd- gen verliebt/ und wolle gern allein bey ihr seyn/ daß ihn kein ander Buͤrgers-Sohn abstechen moͤchte. Nun wolte zwar Gelanor die Leute gerne eigentlich kennen lernen: Doch meynte er/ es moͤchte bey dem Wirth nur ein Ehren- Wort seyn/ und bedanckte sich also auffs be- ste ste. Jmmitteist muste der Mahler hinauß lauffen/ und zusehen/ ob nicht im Hause dar- neben Gelegenheit waͤre/ daß man den arti- gen Liebhabern koͤnte in die Karte sehen. Die- ser kam zuruͤcke/ mit der Zeitung/ es waͤre ein Garten hart darbey/ da man durch einen ge- flochtenen Zaun nicht allein alles hoͤren koͤnte: sondern es waͤre auch ein bequem Garten- haus/ das etliche F enster gegen dem Garten zu haͤtte/ hierauf liessen sich Gelanor, Florindo und Eurylas nicht lang auffhaleen/ und traf- fen in dem Garten eine alte Wittfrau an/ wel- che sie mit aller Hoͤffligkeit empfieng/ mit dem Erbieten/ sie moͤchten alles nach ihrem Gefal- len gebrauchen. Sie nahmen es zu Danck an/ und baten/ man moͤchte nur die Thuͤr zu- schliessen/ und sie allein ihrer Lust gebrauchen lassen/ es solte schon ein gutes Trinck-Geld er- folgen. Aber wer wolte nun so viel Papier verklecken/ als die Eitelkeit erforderte/ deren sie in dem andern Garten mehr als zu viel an- sichtig worden. Da war lauter Hoͤffligkeit/ lauter Complimenten/ lauter Liebe Der Tisch war mit dem besten Confect besetzt/ etli- che Maͤgde und Jungen hatten nur zu thun/ daß sie Zucker in den Wein thaten. Der junge Kerle selbst trenschirte die Kirschen/ F und und machte lauter Affen-Gesichter darauß. Der Alte fraß nichts als Mandelkerne/ und hatte in einem heimlichen Buͤchsgen Confe- ctio Alkermes, die lapperte er so stillschwei- gend mit hinein. Die Jungfern sassen da in aller Herrlichkeit/ bald lachten sie/ bald rede- ten sie heimlich/ bald schrieben sie Buchstaben auf die Mandelkerne/ bald hatten sie sonst et- was vor/ doch wie gedacht/ es wuͤrde zu lang alles außzufuͤhren. Darumb wollen wir bloß zweyer Gespraͤche gedencken/ welche dar- bey gehalten worden. Denn als die Gaͤste des Trinckens muͤde worden/ kriegten sie eine Karte und spielten. Da machte sich der alte Doctor mit seiner Liebsten in einen schattich- ten Gang. Eurylas, auf der andern Seite/ lieff hinnach/ und gab auf alle Worte genau Achtung. Das erste Gespraͤch. Lißgen. Jungfer Lißgen/ ich weiß/ die Zeit ist ihr bey dem Tisch lang worden. Ach warum? Jst doch die Gesell- schafft gar angenehm. Man geht aber ietziger Zeit lieber spatzie- ren/ weil man sich im Winter muͤde genug gesessen hat. L Ach Ach nein Hr. Doctor/ ich bin noch so alt nicht/ daß ich einen Unterscheid unter den Jahrzeiten machen koͤnte. Es mag seyn. Doch gefaͤlt ihr nicht der schoͤne Spaziergang? Der Gang ist gut gnug. Aber wie gefaͤlt ihr die Persohn/ die mit ihr geht. Jch werde ja so unhoͤfflich nicht seyn/ und werde sagen/ sie gefiele mir nicht. Jch mag keine Complimente haben/ sie soll von Hertzen sagen/ ob ihr die Person gefaͤllt. Wen ich in Ehren halte/ der gefaͤllt mir. Wie hālt sie mich aber in Ehren? So hoch als meinen Vater. Jungf. Lißgen/ das ist zu viel/ vor dem Vater muß man sich fuͤrchten/ das darff man bey mir nicht thun. Aber ich fuͤrchte mich vor ihm Herr Doctor. Darzu hat sie keine Ursach. Jch werde mich ja vor einem vornehmen Manne fuͤrchten. Ein vornehmer Mann thut so einem schoͤnen Maͤdgen nichts. Das weiß ich wohl. So muß sie ohne Furcht seyn. F ij L. Ach Ach Herr Doctor/ ich versteh nicht/ was er saget. Sie versteht was sie will. Aber wa- rumb ist die Frau Mutter nicht mit herauß kommen. Sie hat sich schon entschuldigen lassen/ es giebt ietzund allerhand zu thun/ daß sie gar uͤbel abkommen kan/ und darzu was hat ei- ne alte Frau vor Freude im Garten? Es ist so eine Entschuldigung; doch steht mirs frey/ daß ich andere Gedancken dar- bey habe. Jch will nicht hoffen Hr. Doctor/ daß er meine Mutter wird was Unfreundliches zutrauen. Bey Leibe nicht. Jch dachte nur/ was sie zu thun haͤtte. Geht nicht alle Stunden was in der Haus- haltung vor? Mich deucht/ sie schickt auf eine Hoch- zeit zu. Was vor eine Hochzeit? Hat sie nicht die grosse Tochter? Daß mir nicht die grosse Tochter weg- koͤmmt; Ach es ist noch Zeit vor mich/ eine Butterbamme davor/ die ist mir gesuͤnder. Ach Jungf. Ließgen/ sie rede nicht wider ihr Gewissen. L . Was Was soll ich denn anders reden? Er ver- dencke mich nicht wider sein Gewissen. Es muß doch einmahl seyn. Deßwe- gen laͤst Gott so schoͤne Creaturen auff- wachsen/ daß sie sich verliebẽ/ und wiederum andere schoͤne Creaturen auffziehen sollen. Herr Doctor/ der Discurs gehoͤrt vor schoͤ- ne Creaturen/ und nicht vor mich. Es ist ihre Hoͤffligkeit also zu reden. Sie antworte nur daruff/ ob sie nicht einmal will Hochzeit machen? Jch weiß nit/ vielleicht gehe ich ins Kloster. Jch sehe sie nicht davor an. Eh ich auch einen Kerln naͤhme/ den ich nicht koͤnte lieb haben/ ehe wolt ich auf allen Vie- ren ins Kloster kriechen/ wann ich auf zweyen Beinen nicht fort koͤnte. Da lob ich sie drumb/ es ist aber kein Zweiffel/ es wird ihr an stattlichen Freyern nicht mangeln. Ja wohl/ sie werden sich sehr uͤm mich reis- sen/ wie umb das saure Bier. Die that wird es anders außweisen. Sie bleibe nur bey ihren Gedancken/ und nehme lieber einen rechtschaffenen/ stattlichen/ ehr- lichen Mann/ als einen liederlichen Kerln/ der mehr Geld verthun als erwerben kan. F iij L . Jch Jch muß vor warten/ ob ich das außlesen habe. Das ist das beste/ wenn ein Maͤdgen in einen ansehnlichen Ehrenstand koͤmmt/ daß nicht alle Aschenbroͤdel uͤber sie gehen: sind darnach feine Mittel darbey/ so ist es desto bequemer. Mit den andern Narrenpos- sen/ darein sich junge Leute offt verlieben/ ist es lauter Eitelkeit. Hr. Doctor/ ist es doch Schade/ daß er nicht etliche dreyßig Jahr juͤnger ist/ und koͤmmt zu mir auf die Freythe/ ich muͤste ihn doch unter vier und zwantzigen außle- sen. Jch bin ietzt noch so gut als ein Jungge- selle/ ich koͤnte nochkommen. Ja/ so ein Kind waͤre ihm nuͤtze. Nuͤtze genug. U nd fuͤrwahr sie schertze nicht zu lang/ ich mache sonst Ernst drauß. Jst er so hitzig Hr. Doctor/ so will ich mein Schertzen wohl bleiben lassen. Ach nein/ sie schertze nach ihrem Belieben. Doch was solte ihr wohl bey mir fehlen/ wo waͤr ein Junggeselle/ da sie dergleichen antreffen wuͤrde? Herr Doctor/ er ist hoͤnisch; doch kurtz auf seine Frage zu antworten: Jetzt leben wir im im Fruͤhlinge/ da halten wir von dem schlimsten Rosenstocke mehr als von dem besten Weinstocke. Das Gleichniß reimt sich hieher nicht. Er gehe nur zu dem Wittweibigen in sei- ner Gasse/ die wird ihm die Sache schon außlegen. Wer fragt nach den Witfrauen/ wann Jungfern da sind. Wenn nun die Jungfern auch so daͤchten/ und fragten nach Wittbern nicht/ so lang sie Junggesellen haͤtten. Das moͤchten sie thun/ wenn sie nur das bey den jungen Kerlen finden/ was sie bey den Wittwern außschlagen. Was sollen wir denn finden? Ach mein Jungfer Ließgen/ die Zeit ist zu koͤstlich/ daß wir Reden fuͤhren sollen/ die nichts zur Sache dienen. Jch habe hier Gelegenheit gesucht/ mit ihr bekand zu wer- dẽ/ und will auch hoffẽ sie wird mir vor eins zutrauen/ daß ich ihr rechtschaffen zuge- than bin/ und vors andere/ wird sie gegen mich dergleichen thun. Sie sey versichert/ die Wahl soll sie nicht gereuen. Herr Doctor/ ich halte ihn vor meinen Va- ter/ er wird ja seine Tochter nicht heyra- then? Chr. Jungfer Ließgen/ ich habe sie in Ernst ge- fragt/ sie wird mir ja auch in Ernst ant- worten. Herr Doctor/ daran sieht er/ daß wir uns nicht zusammen schicken/ er thut ernstlich/ und ich schertze gern. Das Schertzen soll sich schon finden/ sie sage nur ihre Gedancken. Jch dachte die Doctor wuͤsten alles/ weiß er denn nicht/ was ich dencke? Die Doctor wissen alles/ was sich wissen laͤst. Aber andere Gedancken koͤnnen sie nicht errathen. Herr Doctor/ kurtz von der Sache zu kom- men/ ich bin mein eigen Herr nicht/ will er bey meiner Mutter hoͤren/ so wird er mehr erfahren/ als bey mir. Das sey er versi- chert/ daß ich den Spruch allzeit vor Au- gen habe/ den mir mein alter Præceptor vorgeschrieben: Vor einem grauen Haupte solt du dich neigen. Hier kamen etliche darzwischen/ und ver- stoͤreten die verliebten Gespraͤche/ also daß Eurylas nichts weiter vernehmen kunte. Jm- mittelst saß der junge Kerle/ welchen wir Sto- rax heissen wollen/ und spielte so raisonabel, daß Gelanor seine Freude an ihm hatte. Alles gieng gieng par force auff Gesundheit/ daß ehe der Herr Doctor mit seinem Gespraͤche fertig war/ etliche und funffzig Thaler hinflogen. Endlich ward er des Sitzens muͤde/ und satzte den Wirth an seine Stelle/ gab ihm auch ze- hen Thaler/ davon er zusetzen solte. Er selbst folgte seiner Amaryllis nach/ welche/ weil sie mit einer andern einen Karren gelegt/ ihre Gesellin spielen liesse/ und kurtz zuvor hinter die Johannis-Beeren spatzieret war. Da war nun der Ort so gelegen/ daß Gelanor al- les deutlich verstehen kunte. Das andere Gespraͤch. Storax, Amaryllis. Jungfer Maríegen/ wie so allein? Suchet sie Johannis-Beeren? Wie er siht. Soll ihr niemand helffen? Was ich pfluͤcke/ schmeckt mir am besten. Sie bemuͤhe sich nicht/ ich will schon pfluͤcken. Jch will aber nun selber die Lust haben. Der Diener ist gewiß nicht angenehm. Ach nein/ er ist mir zu vornehm. F v St. Jch Jch bin unter ihren Dienern der Ge- ringste. Wo haͤtte ich denn die andern/ die besser waͤren? (Hier stunde der gute Stor . stille/ und sahe nach der Seite/ wie eine Wetter-Gans; ob es ihm am Materie zu wèitern Discurse man- gelte/ oder ob er sich auf die Hochteutschen Reden nicht besinnen kunte/ die er von acht Tagen her auß dem Complimentir- Bu- che sehr fleissig außwendig gelernet hatte/ haͤtte er nur gesagt/ wie Peter Sqventz/ er wolte es mit seinem Famulus bezeugen/ daß er alles zu Haus gar fertig gekunt. Ge- lanor muste unterdessen lachen/ daß man- cher Stuͤmper Tag und Nacht seuffzet/ biß er zur Liebsten kommen kan/ und wenn sich das Gluͤck nach seinem Wunsche fuͤ- get/ so steht er wie ein ander Maul-Affe/ und weiß kein Wort vor zu bringen. Also ge- hen offt etliche Personen von einander/ un- wissend was sie beyde gewolt haben. Ja wann der Sammetpeltz- oder die strei- fichte Kappe reden koͤnte. Doch still/ dem Courtisan wird die Zunge wieder geloͤst.) Jungfer Marigen/ sie sey doch nicht so an- daͤch- daͤchtig/ sie dencke doch zuruͤck/ ob sich auch ihre Gespielin mit der Karte in Acht nim̃t. Will sie verspielen/ so mag sie den Scha- den mit haben. Jch weiß nicht/ was mein Factor machen wird. Jch bin heut brav eingeritten. Esist seines Ruhms ein Stuͤckgen. Die Occasion brachte es so mit. Wo bleiben unterdessen die Groß-mut- ter-Pfennige. Das darff ein Politicus nicht achten/ wor geheyt sich umbs Geld. Ach Gott straffe mich nicht mit einem sol- chen Liebsten. Man kan es ja nicht aͤndern. Wie machen es andere Leute. Wer ein Pruͤlcker seyn will/ der mag sich uͤmb ein paar kahle Ducaten schimpffen lassen. Die Reputation hat manches mahl nicht die Folge. Jch will es bey mir nicht hoffen. ( Das war der ander Actus, und hatte der gute Kerle nichts mehr in seinem Zettel. Gelanor hatte nur seine F reude uͤber den schoͤnen Liebs-Gespraͤchen/ die sich so vor- trefflich zu der Sache reimten/ wie eine F vj F aust F aust auf ein Auge. Gleichwohl meynte der Galan, er haͤtte seine L iebe koͤstlich an- bracht/ und nun muͤste es Jungfer Mari- gen ihm an dem krummen Maule ansehen/ daß er in sie verliebt waͤre. Jnzwischen weil er nichts zu reden hatte/ spielte er mit den Johannißbeer-Blaͤttern/ und rieß ei- nes nach dem andern vom Stocke/ daß die Jungfer nicht anderst meinte/ er wolte den Meykãfer suchen/ der ihm die Sprache entfuͤhret haͤtte. Doch endlich traff er das rechte Blat! da uͤberfiel ihn die gantze Redens-Kunst auf einmahl. Jungfer Marigen/ ich sehe was. Mons. Storax ich sehe auch was. Ach nein/ ich sehe fürwahr was/ da kreucht eine Raupe auf der Krause herum. U nd da tappt mir einer auf dem Latze he- rumb; Er lasse die Hand zuruͤcke/ oder ich gehe davon. Soll ich die Raupe nicht weg jagen? Das mag er thun/ er lege nur nicht et- was her/ das mir verrießlicher ist als eine Raupe. Ach du ungluͤckselige Hand! darffst du dei- ner Inclination nicht nachgehen? ach wie offt offt solstu noch so elend abgewiesen werden? ach du elende/ du arme/ du unvergnuͤgte Hand! Weiß er nichts mehr. Die Sonne hat wohl keinen ungluͤckseli- gern Menschen beschienen/ als mich/ ach Himmel! ach verwandele dieses Holtz in ein Messer/ damit ich mein truͤbseliges Hertze abstechen/ und von der Angst erloͤ- sen kan. Wird ihm uͤbel/ Mons . Storax? Ach freylich ist mir uͤbel/ und sie giebt die meiste Ursache darzu. Jch bekenne meine Unschuld. Sie bekenne den Todschlag/ den sie an mir begehen wird. Betrübt er sich etwan uͤber das Geld/ das wir gewonnen haben. Er verzieh nur/ ehe er sich daruͤber zu Tode graͤmt/ wollen wirs ihm wieder geben. Ey der Hencker hole das Geld. Jhre zahrten Augen haben mir alle Lebens- Krafft außgesauget. So will ich ein andermahl die Augen von ihm wegkehren. Das mag ich auch nicht haben: sie sehe mich nur freundlicher an. F vij Am. Was wird deñ aus der F reundligkeit. Daß ich leben bleibe. Jch muß lachen. (Hier erfiel dem halbtodten Liebhaber die Sprache/ und kunte sich Gelan. kaum ent- halten/ dz er nicht dem Gaͤrtner geruffet/ dz er nachgegraben hatte/ ob die Sprache waͤ- re in ein Hamsterloch gekrochen. Nun gab es einen vortreflichen Anblick/ wie der gute Mensch da stund/ mit dem Hute unter dem lincken Arme/ und dem Kopffe auf der rechten Achsel/ daß man ihm die Liebes- Kranckheit wol abmercké kunte. Nach lan- gem Bedencken grieff er in den Schiebsack/ und langete ein guͤldenes Balsambuͤchsen in Form eines Hertzen heraus/ welches an einem zierlichen Kettgen hieng/ und an etli- chen Orten mit Diamanten versetzt war.) Ach soll ich davon Krafft haben! Jst das nicht ein schoͤnes Balsam- Buͤchsgen. Es ist nicht schoͤne/ als biß sie es in ihren Haͤnden hat. Gewiß es ist recht schoͤne/ da hat ers wie- der. Ach nein/ es steht zu ihren Diensten. Ey das solte mir trefflich anstehn. St. Jch Jch nehme es nicht wieder. Sie behalt es nur und mein Hertz darzu. Jch werde ihn nicht in solchen Schaden bringen. Das ist kein Schaden/ ich bin ihr Leibeige- ner/ so ist es nun kein Unterscheid/ ob meine Sachen bey mir oder bey ihr in Verwah- rung liegen. Jch bitte er nehme es wieder/ was wuͤr- den die Leute sprechen. Sie moͤgen sprechen was sie wollen/ sie sprechen nur alles Gutes dazu. Weil er mich dann so zwingt/ daß ich sei- nen Schadẽ begehren muß/ so will ich zwar gehorsam seyn: doch mag er es wieder ab- fordern lassen/ wenn er will. Wenn das Gold wird blaß werden/ so werde ich auch auffhoͤren/ ihr auffzuwarten. Hiermit ergriff er sie bey dem Kinne/ und gab ihr einen sachten Kuß/ welchen Amaryllis durch einen heimlichen Gegenkuß erwiederte/ dannenhero Gelanor abmerckte/ die Jungfer muͤsse von der Gattung seyn/ die nichts umb- sonst/ und alles umbs Geld thun. Wie er sich denn besann/ daß zu seiner Zeit/ als er auf Universi taͤten gelebt/ ein Courtisan gewesen/ welcher allzeit 6. Ducaten zuvor verspielen muͤs- muͤssen/ ehe er zu einem armseligen Kusse gelan- get. Nun die Lust war auß/ und Amaryllis kam wieder zur Compagnie. Da foderte der Junge Geld zu Wein/ Storax griff in den Beutel/ und langete eine Handvoll klein Geld herauß/ welches er kurtz zuvor wechslen lassen. Ach mit dem Lumpen-Geld/ sagte er/ ist es doch als wenn ich einen Bettelmann erschla- gen haͤtte/ so viel Dreyer und Zweyer habich bey mir: nahm darauff die Groschen und leg- te sie besonders/ die kleinere Muͤntze warff er unter die Jungen/ daß sie sich drumb schlagen mochten/ was sonst vorgelauffen/ weiß unsere Compagnie nicht/ weil sie von Zusehen muͤde nach Hause eilete. CAP . XIII. S Je hatten sich aber kaum recht gesetzt/ als der Wirth auß dem Garten zuruͤ- cke kam/ und so wohl obgedachten Mons . Sto- rax, als auch etliche andere mitbrachte. Sie nahmen ihren Platz bey Tische/ und stellten sich Anfangs gantz erbar. Endlich als Gelanor weg gieng/ von etlichen guten Freunden Ab- schied zu nehmen/ war das Buͤrschgen lusti- ger. Da musten lauter Gesundheiten ge- truncken werden/ und Florindo, der seine Lust an dem Courtisan hatte/ machte alles mit. Je mehr mehr nun der Wein in den Kopff stieg/ desto schaͤrffer fieng die Liebe an zu brennen:also daß Herr Storax dem Florindo eine Humpe zu- tranck auf des liebsten Maͤdgens Gesundheit/ er soff sie haustikôs auß/ rieß damit das Hals- tuch ab/ und verbrennte es auf Gesundheit uͤ- ber dem Lichte. Solches solte Florindo nach- thun/ der verstund sich endlich auf die Humpe/ aber wegen der Hals-Krause bat er/ man moͤchte ihm solche Thorheit nicht zumuthen. Das junge Faͤntgen fragte wieder/ ob man seine Liebste schimpfen wolte/ und solches Knar- ren waͤhrete so lange/ biß Florindo sich erbar- mete/ und mit seinen fuͤnff Fingern auf seinem Backen spielete; da wolten zwar die andern zu- greiffen/ allein der Mahler hatte die Diener schon aufgeboten/ die sich in voller battaille ins Mittel schlugen/ und den armen Stutzer ohne Hals-Krause dermassen koberten/ daß er seines Kusses und seines Balsambuͤchsgens haͤtte vergessen moͤgen. Letzlich machte der Wirth Friede/ und daließ der gute blau-au- gichte Storax seines Ungluͤcks ungeacht die Stadtpfeiffer hohlen/ und spendierte einem ied weden einen Thaler/ daß sie vor der Liebsten Thuͤre ein Staͤndgen machten. Dazumahl war das Lied noch neu: Hier lieg ich nun/ mein Kind/ Kind/ in deinen Armen: das muste nun ein Discant ist mit heller Stimme in eine Baß- geige singen. Jn waͤhrendem Liede will Storax nach seiner Amaryllis sehen/ ob sie auch im F enster audienz gaͤbe/ tritt daruͤber fehl/ daß er mit seinem gantzen Orn at in die Pfuͤtze faͤllt. Da machte eine Macht gegen uͤber diese Parodie : Hier liegt mein Schatz im ꝛc. biß an die Armen. Solches sahe der Mahler/ und referir te es seinen Principalen, welche sich all- sachte schickten/ den folgenden Tag auffzubre- chen. Was aber Florindo vor Lehren von seinem Hoffmeister wegen der possierlichen Begebenheiten hat anhoͤren muͤssen/ ist unnoͤ- thig zu erzehlen. Denn es kan ein iedweder verstaͤndiger Leser die abgeschmackten Thor- heiten selbst mit Haͤnden greiffen. Eins war bey dem Gelanor abzumercken/ daß er zuruͤcke dachte/ wie er in seiner bluͤhenden Jugend der Liebe auch durch die Spießruthen gelauffen/ und dannenhero die gute Hoffnung hatte/ es wuͤrde sich auch mit diesen jungen Liebhabern schicken/ wenn sie die Hoͤrner etwas wuͤrden abgelauffen haben. Und in diesem judieirte er nicht unrecht. Denn die Liebe ist bey einem jungen Kerlen von 15. Jahren gleichsam als ein Malum necessarium, wer auch da- mit mit zu derselben Zeit verschont bleibt/ der muͤß hernach Haare lassen/ wenn er aͤlter wird/ und mit groͤsserm S chimpff solchen Eitelkeiten nachsetzet. Wohl dem/ der das Medium o- der Teutsch zu reden/ die Masse halten kan. CAP . XIV . D Er Tag brach an: der Kutscher kam vor die Thuͤre. Sie reiseten fort/ und traffen viel Thorheiten an/ doch hatten sie schon die Resolution gefast/ nichts auffzuzeich- nen/ als was notabel waͤre/ und solcher Regi- stratur haben wir folgen muͤssen. Auf dem Wege gesellete sich ein Advocat zu ihm/ der in derselben Gegend an ein em F uͤrstlichen Hofe et was zu soliciti ren hatte Der gedachte unter andern/ er habe seinẽ Sohn an demselbẽ Orte bey einem Menschen/ der in informations Sa- chen in Europa seines gleichẽ nit habẽ wuͤrde. Er verhoffte/ sie wuͤrden sich auch an gedachtẽ Orte etwas auffhalten/ und da solten sie mit Verwunderung sehen/ was der Knabe von zwoͤlff Jahren vor profectus in philosophi- cis, Historicis, Geographicis, Politicis, Ora- toriis: Summa sumarum, fast in omni scibili haͤtte. Gelanor freuete sich/ und meinte/ er wuͤrde wuͤrde ein Exempel sehen/ das sich mit dem kleinen Canter zu Friderici III . Zeiten verglei- chen liesse. Und in Warheit/ als sie an den Ort kamen/ und der Knabe gehohlet ward/ musten sie erstaunen/ daß er mit dieser artigen Rede ex tempore auffgezogen kam. Viri spectatissimi, ignoscite, quod pueri- tia mea sui paulisper officii oblita, vobis se si- stat audaciùs. Ex Lipsio enim jam tribus ab- hinc annis didici, pudorem in omnibus re- bus laudabilem, tunc debere abjici, quoties præclari cujusdam hominis ambienda esset notitia. Neque est, cur de benevola apud vos admissione dubitem, quippe quod lite- ras non ametis solum in superbo maturitatis statu; sed etiam in ipsis progerminandi ini- tiis. Præsertim cum vestram non lateat prudentiam, foveri herbam solere magis in semine, quàm in caule. Unicus mihi re- stat scrupulus, qui malè animum habet me- um, nihil in me reperiri, cujus indicio vel minima consret diligentia. Interim susfi- cere credidi professionem perpetui erga li- teras amoris mei, ut proinde rogare non du- bitem, velitis infimo servorum vestrorum lo- co meum quoque ad/ cribere nomen, non si- ne spe, fore, ut affulgente annorum numero, faci- facilior etiam inserviendioc casio affulgeat. Quod reliquum est, Te, pater oculissime, qua par est, filiali obtestor observantia, ut, quando maximum fortunæ meæ arbitrium à natura tibi permissum est, sermone plus gravitatis autoritatisq́ue habituro, mearn agere causam digneris, ne ab expectatione tam luculenta dejectus, de felici studiorum successu delperare incipiam. Sic DEUS vos servet quam diutissimè. Dem Vater fielen die Thraͤnen hauffen- weise auß den Augen/ als welcher sich bey die- sem wohlgezognen Sohne einen Mann ein- bildete/ qui futurus esset, Turnebo doctior, Mureto disertior, Sigonio profundior. Al- lein Gelanor, der auch wuste/ wo man den Speck auf Kohlen zu braten pflegte/ dachte alsbald der Sache etwas tieffer nach/ und be- antwortete des Knabens Rede kurtz: Adole- scentulorum optime; Laudamus conatum tuum, ex quo probamus indolem non vul- garem. Provehat DEUS quæ feliciter in- cepisti. Nostra utinam tibi prodesse queat amicitia. Parente interprete non indiges, qui laudabiliter dixisti. Accede saltem pro- pius, ut, qui orationem admiramur, singu- los tuos perfectus ordine inspiciamus. Id autem autem fieri pace honoratissimi parentis tui, non despero. Sein Informator merckte den Braten/ und gab derhalben vor/ er koͤnte ihn besser examini ren/ und solches muste Gelanor ge- schehen lassen. Da fielen nun hohe F ragen vor/ welche in diesen schweren Zeiten manchem Doctor solten zu schaffen machen. Endlich als diese Fragen kamen: Quid est metaphy- sica? R. est Scientia Entis quatenus Ens. Quid est Ens? R. Ens est quod habet essen- tiam. Quid est essentia? est primus rei con- ceptus. Da fiel ihm Gelanor in die Rede: Metaphysica cujus generis? cujus declina- tionis? der Knabe sah dẽ Informator an/ gleich als wolte er sagen/ was sind das vor roth- wellische Sachen? dieser aber entschuldigte sich/ dergleichen Dinge waͤren dem Knaben nichts nuͤtze/ indẽ er ihm dz Latein alles ex usu beybringen koͤnte. Gelanor muste sich ab- weisen lassen: Allein als weiter gefragt wur- de/ Polonia, estne regnum aut est Aristo- cratia? und der Knabe sagte: est Aristocra- tia. F ieng er noch einmahl an: mi adolescen- tule, dicis, Poloniam esse Aristocratiam. Ego sic argumentor: ubi Rex propria authori- tate Episcopos \& Senatores eligit, ibi non est Aristocratia. Atqui in Polonia \&c. E. Das Das gute Kind war wieder in tausend Aeng- sten und wuste keine Huͤlffe als bey Herr Ca- sparn dẽ Informator, der wandte wieder ein/ es waͤre Eitelkeit/ daß man die Jugend zu sol- chẽ schulfuͤchsischen Gezaͤncke angewehnte/ die Logica Naturalis duͤrffte halbicht im discu- riren exercirt werden/ so waͤren die regulæ Syllogisticæ nicht von noͤthen. Gelanor war hiemit nicht zu frieden/ sondern begehrte/ weil der Discipulus nicht disputi ren koͤnne/ so sol- te er der Informator selbst das Argument auf sich nehmen/ weil er die gedachte hypothesin seinem Untergebenen haͤtte beygebracht. Doch an statt/ daß er sich in ein disputat ein- ließ/ wickelte er sich mit des Horatii Versen herauß: ‒ ‒ ergo fungar vice cotis, acuturn Reddere quæ ferrum valet, exsors ipfa secandi. Und damit hatte Gelanor seine dritte Ab- fertigung/ also daß er sich in das stoltze Exa- men nicht mehr ein mischen wolte. Aber als die Probe gantz abgelegt war/ suchte Gelanor mit dem Vater allein zu reden/ und sagte/ es kaͤme ihm vor/ als waͤre der Kerle ein Praler / der seinen Sohn mehr confundi ren/ als ge- lehrt machen wuͤrde. Untersuchte hierauff den methodum informandi, da er denn be- fand, fand/ daß der gute Knabe nichts anders thun muste/ als etliche Lateinische formulas sine judicio außwendig lernen/ die er bey vorfal- lender Gelegenheit/ nicht viel kluͤger als ein Papagoy herbeten kunte: er mochte nun von der Sache ichts oder nichts verstehn. Da remonstrir te nun Gelan. dem ehrlichen Mañe/ wie er mit seiner sonderlichen Hoffnung waͤre hinter dz Licht gefuͤhret woꝛden/ und wie schlim er sein vaͤterliches Gewissẽ verwahren wuͤrde/ wenn er den Sohn nicht in Zeiten auß dem Labyrinth herauß fuͤhrte. Der Advocat ent- schuldigte sich/ er haͤtte hierin vornehmer Leute Gutachten angesehen: und dar zu so koͤnte es vielleicht mit jungen Leuten nicht im ersten Jahre zur Vollkommenheit gebracht werden: Er saͤhe gleichwohl/ daß noch huͤbsche Com- pendia discendi darbey getrieben wuͤrden. Erstlich wuͤste er/ daß sein Sohn den Orbem pictum perfect durchgetrieben haͤtte. Ge- l anoꝛ wuste nicht/ was es vor ein Buch waͤre/ doch als er solches nur ein wenig in die Haͤnde bekam/ so sagte er: Jch finde viel Zeugs/ das zu leꝛnen ist/ doch sehe ich nichts/ das ins kuͤnff- tige zu gebrauchen ist/ die wunderlichen Leute wollen nur Latein gelernt haben/ und sehen nit aufden scopum, warum man eben solcher Sprache von noͤthen hat. Es Es gemahnt mich wie mit jenem Buͤr- germeister/ der schrieb an drey Universi taͤten uͤmb einen Magister, der seinen Sohn in allen Handwercks- Offici nen herumfuͤhrte/ und ihm sagte/ wie alles Lateinisch hiesse/ gleich als bestuͤnde die Kunst darinn/ daß man solche Sachen Lateinisch verstuͤnde: die wohl der vornehmste Professor nicht Teutsch zu nennen weiß. Unterdessen lernt ein Kind viel no- mina die Verba hingegen und die particulæ connectendi bleiben aussen. Wenn nun ein Moral-discurs oder sonst eine Disciplin soll tracti ret werden/ so stehen die Kerlen mit ih- rem bettelsaͤckischen Latein/ und koͤnnen ihre Schauffeln/ Qverle/ Mistgabeln und Ofen- kruͤcken nicht anbringen. Wer heutiges Ta- ges einen Historicum, Philosophum, Theo- logum und andere Disciplinen Lateinisch ver- steht: darneben selbst eine nette Epistel/ und zur Noth eine Oration schreiben kan. Und endlich im Reden so fertig ist/ daß er im di- sputiren seine Sachen vorzubringen weiß/ der ist perfect genug/ er wolte denn Latinam lin- guam ex professo vor sich nehmen. Nun aber ist es zu diesem allen kaum die Helffte auß dem Orbe picto und auß dergleichen gemahl- ten Narren-Possen von noͤthen. Gesetzt G auch auch es kaͤme zu weilen ein ungewoͤhnlich Wort in diesem und jenem Autore vor/ so ist doch bekant/ daß sich die Gelehrtesten Leute bey so raren Exempeln des Lexici als eines Troͤsters bedienen. Endlich/ daß man meynt/ es wuͤrde ein prægustus omnium disciplina- rum hier durch beygebracht/ das ist Eitelkeit. Denn die Knaben haben lange das Judicium nicht/ solche Sache zu penetriren. Und folgt nicht/ der Herr Præceptor von 40. Jahren versteht es/ ergò kan es ein kleiner Bachant von 9. Jahren alsobald auf dem Butterbrot in den Bauch einfressen. Es waͤre zu wuͤn- schen/ daß ein Kuͤnstler aufftraͤte/ und mit kur- tzen Spruͤchen auf die Regulas Grammati- cas zielte/ damit solche per exempla eingebil- det wuͤrden/ haͤtte man hernach das exerciti- um, so wuͤrden sich die Vocabula wohl geben. Nun aber wird es umbgekehrt/ die Gram. matica soll sich ex usu geben. Ja sie giebt sich/ daß man niemahls weniger Latein gekunt hat/ als seit der uͤbersichtige Autor Orbis picti mit seinen vielfaͤltigen Buͤchern auffkommen/ der alles/ was er zu Hause theoreticè vor gut be- funden/ nescio quo fatierrore, den Schulen zu practici ren auffgetrungen hat. Und ist zu beklagen/ daß niemand kluͤger wird/ ob gleich gleich die janua Linguarum aurea mehr por- ta inscitiæ plumbea moͤchte genennet wer- den. Der gute Vater empfand hierauß einigen Trost/ weil er sahe/ daß sein Sohn nicht allein in die vergebene Weitlaͤufftigkeit gefuͤhret wuͤrde. Doch wolte er es auf einer andern Seite verbessern: gab derhalben vor/ er liesse solches die philologos verantworten/ es waͤre zum wenigsten ein Zeitvertreib darbey/ da- durch die Jugend angewehnet wuͤrde/ etwas außwendig zu lernen. Sonsten waͤre der hi- storische methodus desto besser/ ließ darauff etliche Kupperstuͤcke hohlen/ auf welchen viel wunderlich Zeugs gemahlet war/ darbey man sich der Nahmen in sacra \& profana historia errinnern solte. Ein Teichdamm mit A be- zeichnet solte Adam heissen. Ein Sack mit I Jsaac. Ein Apt mit einer Fensterrahme Abram . Eine Semmel mit Butter be- schmiert/ bedeutete Sem und Japhet, quasi du Narr friß doch die Semmel/ sie ist ja fett. Ei- ne Amme hatte den Bietz in der Hand/ das war so viel als Bizanz. Ein Bauer guckte zu seinem Fenster herauß/ und sah daß das Wasser außgetreten biß an seinem Misthauf- fen/ gleich als sagte er die See mir am G ij Mist Mist. Und das war Semiramis. Gela- nor warff die Figuren auß Ungedult von sich/ und ruffte uͤberlaut. O ihr armen Eltern! wie jaͤmmerlich werden eure Kinder betro- gen! wie elend werden eure unsaͤgliche Un- kosten angeleget! S ollen nun die abge- schmackten Gauckel-Ppssen memoriam ar- tificialem machen/ die vielleicht memoriam so sehr confundi ren oder obrui ren moͤchten/ daß ein Kind zwirbelsichtig daruͤber wuͤrde. O wohl dem der die Namen recht wie sie heissen durch offtmalige repetition sich einbildet und bekand macht. Wo die notiones secundæ schwerer gemacht werden als die primæ, da ist ein compendium uͤbel gefast und wird ein dispendium darauß. Hier ward der Advocat auch disjustirt, und fragte/ wenn gleichwohl alles solte ver- achtet werden/ wo man denn guten Rath her- nehmen wolle. Nun saß einer mit am Ti- sche/ der bey waͤhrendem discurse sich mit hin- zugefunden/ der zwar den Kleidern nach gar zu viel Ansehn nicht hatte/ doch endlich der Wissenschafft nach einer von den geringsten nicht war. Dieser bat/ man moͤchte ihm ver- goͤnnen/ seine Gedancken von den Informati- on Sachen etwas weitlaͤufftiger zu eroͤffnen. Es Es ist zu verwundern/ sagte er/ warumb von etlichen seculis daher/ seit die literæ humanio- res wiederumb auß der finstern Barbarey hervorgezogen worden/ die Schulen so gar wenig zur Besserung kommen/ und die Ju- gend einmahl wie das andere verdrießlich und weitlaͤufftig genug herumb gefuͤhret wird. Die meisten werffen die Schuld auf die præceptores, welche gemeiniglich è fæce Eruditorum genommen worden/ also daß/ wenn man mit einem seichtgelehrten Kerlen weder in dem Predigampt noch in der Rich- ter-Stube fortkommen kan/ ein jeder meynt/ er schicke sich am besten in die Schule. Nun ist dieß nicht ohne/ und moͤchte sich mancher Patron in das Hertze hinein schaͤmen/ daß er die Jugend nicht besser versorget/ da er doch sich zehn mahl in den Finger bisse/ eh er vor seine Pferde einen ungeschickten Stallbuben/ oder vor die S chweine einen nachlaͤssigen Hir- ten annehme. Doch ist zum wenigsten in den Schulen ein Rector oder sonst ein Col- lege, dem man nicht alle erudition absprechen darff/ also daß obangefuͤhrte Ursache nicht eben die rechte zu seyn scheinet. Soll ich offen- hertzig bekennen/ was die Schulen verderbt/ so ist es nichts anders/ als daß die Inspectio- G iij nes nes und Ordinationes solchen Leuten anver- trauet werden/ welche sich umb das Informa- ti ons Wesen niemahls bekuͤmmert/ zum we- nigsten in praxi nichts versucht haben. Sie- het nun gleich ein geuͤbter Schulmann/ wie man eines oder das andere bessern solte/ so darff er doch nichts sagen/ er moͤchte sonst den Namen haben/ als wolte er solche grosse und gelehrte Leute tadeln/ ja wenn es vorbracht wird/ so bleiben solche lumina mundi doch auf ihren neun Augen/ und aͤndern es der gerin- gen Person zu trotze nicht. Nun moͤchte man doch dieß erwegen/ es studieret mancher etliche zwantzig/ dreissig Jahr/ von Morgen biß in die Nacht/ ehe er in Schul-Sachen recht hinter die Springe koͤmmt. Gleiwohl soll er sich von einem andern reformi ren/ und dictatoria voce eintreiben lassen/ der in seiner facul taͤt zwar gelehrt gnug ist: doch aber in diesen Studiis kaum dasselbige noch weiß/ des- sen er sich von der Schule her oben hin erin- nern moͤchte. O wie wuͤrde ein Schuster/ ein Schneider/ oder wohl gar ein Drescher lachen/ wenn ein Doctor trium facultatum sagen wolte/ so mustu das Leder zerren/ so must du das Band frisi ren/ so must du den Flegel in der Hand herumb lauffen lassen: denn denn die præsumptio waͤre da/ daß die guten Leute ihre Handgriffe besser verstuͤnden: aber in der Schule mag ie derman stoͤren/ wer ein Bißgen zu befehlen hat. Die Theologi, wenn sie gefragt werden/ wieweit sich ein Fuͤrst vi Superioritatis in die Consistorial- Sachen mit ein zu mischen habe/ bringen die distinction vor/ inter actus religionis inter- nos \& externos . Das ist/ etliche Sachen giengen die Religion und Artickel selbst an/ und betraͤffen ihre Warheit/ die bloß auß der Schrifft muͤstẽ decidirt werden/ und solches waͤre derselben Ammt/ welche dem Studio lang obgelegen/ und von den Fragen judici- ren koͤnten: Etliche S achen aber giengen die Religion nur zufaͤlliger Weise an/ e. g. ob die Theologi auch ihre actus internos recht ex- ercirten, es etwas im Lande sich ereignete/ das der Religion koͤnte schaͤdlich seyn u. d. g. Und solche gehoͤrten dem jenigen/ der nechst der Hohen Obrigkeit auch Inspectionem \& po- testatem religionis auf sich habe. Jch will diese distinction auf die Schule applici ren/ damit niemand meyne/ als wolte ich lauter Freyherren haben. Die externa inspectio ist gar gut/ ob alle Præceptores ihr Ampt ver- richten/ ob sie der Jugend einige Bosheit G jv ge- gestatten/ ob sie ihrem selbst beliebten Metho- do nachkommen ꝛc. Aber daß die Obrigkeit sich umb die interna bekuͤmmern will/ und doch keine erfahrne Schulmaͤnner zu Rathe zeucht/ zum Exempel/ daß sie die Autores vor- schreibt/ ja wohl gar den modum tractandi beyfuͤgt/ das ist zu viel. Wer einen recht- schaffenen Rector in der Schule hat/ der soll ihm die Lectiones samt der Jugend auf sein Gewissen binden/ daß/ so gut als er es vor dem Richterstul Christi dermahleins verantwor- ten wolle/ er auch seine Wissenschafft hierinn anwenden moͤge. Vielleicht wuͤrde es an manchem Orte besser/ und wuͤrden sich die Collegen hernach so nach Belieben verglei- chen/ damit die Jugend nicht confundiret wuͤrde. Man sehe die meisten Schulen an; Fruͤh umb sechs werden Theologica gehan- delt. Umb 7. koͤmmt einer mit dem Cice- rone angestochen. Umb achte koͤmmt der dritte und laͤst ein Carmen machen. Umb neun ist ein privat Collegium uͤber das Grie- chische. Um zehen ein anders uͤber den Mu- retum. Umb zwoͤlff wird ein exercitium Styli vorgegeben. Umb eins werden die præcepta Logices reci tirt. Umb zwey wird der Plautus erklaͤrt; umb drey ist priva- tim tim ein Hebraͤisch dictum zu resolviren. Umb viere lieset man etwas auß dem Curtio. Und dieß wird alle Tage geaͤndert/ daß wenn die Jugend auf alles solte achtung geben/ entwe- der lauter divina ingenia oder lauter confu le Koͤpffe darauß wuͤrden/ nun gehen zwar etli- che Stunden offt dahin/ da mancher nichts lernt; doch ist es Schade/ daß so viel ed le Stunden vorbey gehen. Ach doͤrffte ein Re- ctor mit seinen Collegen, wie er wolte/ wie ordentlich wuͤrde er seine Labores eintheilen. Ein halb Jahr wuͤrde er nichts als Oratoria, ein anders nichts als Epistolica, ein anders Græca, weiter fort Logica, und so ferner vor- nehmen/ damit die Jugend bey einerley Ge- dancken bliebe. Es koͤnten doch gewisse Re- petitiones angestellet werden/ daß man in dem andern halben Jahre nicht vergesse/ was in dem ersten gelernet worden. Denn in dem Oratori schen halben Jahre/ muͤste ein College die Logicam also tracti ren/ daß er den Usum Oratoricum darinn zeigte/ ein an- der muͤste einen Historicum lesen/ und zu Col- lectaneis Anleitung geben. Ja was von Theologicis Quæstionibus vorkaͤme/ das muͤste man zu lauter Chrien und Orationen machen/ so boͤten die Collegen einander die G jv Hand Hand/ und berathschlagten sich alle halbe Jahr/ was kuͤnfftig von noͤthen waͤre. Ach wie gluͤcklich wuͤrde die Information ablauf- fen/ besser als bey uns/ da ein Præceptor hie/ der ander dort hinauß will/ und sich hernach mit der Obrigkeit entschuldiget/ die habe es also verordnet. CAP . XV. G Elanor hoͤrte diese Consilia gedultig an. Endlich fuͤgte er sein Judicium bey. Mein Herr/ sagte er/ es ist alles gut/ was er vorbingt: Nur diß ist mir leid/ daß es sich schwerlich practici ren laͤst. Denn gesetzt/ die Obrigkeit koͤnne etwas darzu/ so weiß ich den Schulmann nicht/ welcher der Katze die Schelle anhencken wolle. Uber dieß sind die Rectores allenthalben mit den Collegen nicht so einig/ daß man mit gutem Gewissen die Le- ctiones ihrem Gezaͤncke anheim stellen koͤnne. Ja wo sind Leute/ welche so gar sonderlich der Jugend bestes/ und nicht vielmehr ihren Privat-Nutzen ansehen? Und welches das aͤrgste ist/ so werden zu den untersten Colle- gen offt gute ehrliche Leute gebraucht/ welche ausser ihren elaborir ten Argument-Buͤchern wenig wenig vorgeben koͤnnen: Hingegen wo ein Rector zu erwehlen ist/ da muß es ein grosser Philosophus oder Philologus seyn. Ein Philologus aber heist ins gemein/ der sich in alle Criti sche Subtili taͤten vertiefft/ oder der nichts als Syrische Chaldeische/ Persische Aethiopische/ S amaritanische Grillen an die Tafel mahlen kan/ Gott gebe die Jugend versaͤume die nothwendigen Sachen darbey oder nicht. Ein anderer armer Mann/ der nicht so wohl dahin geht/ daß er außwaͤrtig will vor einem Gelehrten außgeschryen wer- den/ als daß er die Jugend fundamentaliter moͤchte pro captu anweisen/ der sieht nicht stoltz gnug auß. Der Advocat sagte/ diß sey eben die Ursa- che/ warumb er vor den Scholis publicis ei- nen Abscheu gehabt/ und seine Kinder viel lie- ber privatim unterweisen liesse. Der unbe- kandte Gast aber gab zur Antwort/ es waͤre auch zu Hause nicht alles schnurgleich abge- messen. Vor eins haͤtten die Knaben kein Exempel vor sich/ dadurch sie excitirt wuͤr- den: Da hingegen in einer Classe von funff- zig biß sechzig Personen zwey oder drey leicht- lich gefunden wuͤrden/ welche den andern zur Nachfolge dienten. Nechst diesem waͤre es G vj ver- vermuthlicher/ daß man eher einen gelehrte Mann vor alle Kinder finden koͤnte/ als daß ein jedweder Burger vor sich einen gleich-ge- lehrten Menschen antreffen solte. Man wuͤ- ste warum die meisten armen Kerlen præce- ptorir tẽ/ nicht daß sie den Untergebenen wol- ten so viel nuͤtze seyn; sondern daß sie den Hals so lang ernehren moͤchten/ biß sich das Gluͤck zu fernerer Promotion fuͤgte. Und endlich waͤre einem geuͤbten Manne mehr zu trauen/ als einem armseligen Anfaͤnger/ der selbsten Information beduͤrffte. Gelanor gab den letzten Außschlag. Wir sitzen da/ sagte er/ und meynen/ die Leute sind wunderlich/ welche die Schulsachen so am unrechten Orte angreiffen; Aber wir begehen viel eine aͤrgere Thorheit/ daß wir meynen/ als koͤnte in dieser Welt alles abgezirckelt werden. Hier ist der Stand der Unvoll- kommenheit/ da nichts an allen Stuͤcken voll- kommen ist. Absonderlich ist es mit den Schulen so bewandt/ daß der boͤse Feind sie hindert/ so viel er weiß und kan/ indem er wol sieht/ daß ihm dardurch der groͤste Schaden kan zugefuͤgt werden. Doch ist etwas zu wuͤnschen/ so sag ich: Sint Sint Mœcenates non deerunt, Flacce, Marones, hielten grosse Herren viel von gelehrten Leu- ten/ so wuͤrden sich die Ingenia wohl selber treiben/ wenn sie ihren rechtschaffenen Nutz vor Augen haͤtten. Jetzt da mancher zehen mahl besser fort koͤm̃t/ der nichts studirt hat/ kan man es dem hundertsten nicht einbilden/ daß die Gelehrsamkeit selbst ihr bester Lohn/ und ihre reicheste Vergeltung sey. Hiermit gingen sie von einander/ und hatte das Ge- spraͤch ein Ende. CAP . XVI. N Un war Gelanor so attent gewesen/ daß er nicht in Acht genommen/ was unter- dessen vor eine Lust vorgangen/ deren Eurylas und Florindo wohl genossen hatten. Dann als diese beyde in der Tafel-Stube sich befan- den/ und durch das Fenster die Leute auf der Gasse betrachteten/ hoͤreten sie ein groß Ge- schrey im Hause. Sie lieffen zu/ und sahen einen Kerln/ der sich stellte! als wenn er ra- send waͤre. Wo ist der Hund/ schrye er/ gebt ihn her/ ich will ihn in tausend S tuͤcke zer- hauen/ die Ameissen sollen ihn wegtragen. G vij Was? Was? soll mich so ein Schurcke nicht vor voll ansehen/ und ich soll ihm nicht den Hals brechen? Herauß/ herauß du quinta Essentia von allen Ertzbernheutern; komm her/ich will dein Hertz vor die Hunde werffen/ komm her/ bist du besser als ein eingemachter ꝛc. Halt mich nicht// last mich gehn/ halt mich nicht/ ich begeh noch heut einen Todschlag/ und wenn ich wissen solte/ daß mein Blut morgen in des Henckers Namen wieder springen muͤste. Ach lieber ehrlich gestorben/ als wie ein Lum- penhund gelebt; Sa sa ich zerreisse mich/ sa sa wo bist du? steh ꝛc. wo bist du! steh! Eu- rylas hoͤrte dem Tyrannen ein wenig zu/ und wuͤnschte nichts mehr/ als daß er den andern koͤnte herschaffen/ umb zu erfahren/ ob der boͤ- se Kerle so grausam verfahren wuͤrde. Doch es bedurffte keines langen Wünschens/ er kam mit einem Spanischen Rohr/ und stellte sich ein/ fragte auch alsobald/ wer seiner be- gehrt haͤtte. Der Provocant that/ als koͤnte er sich vom Wirth und vom Haußknecht nit loß reissen/ und biß gantz stillschweigend die Zaͤhn zusammen. Bißweilen schnipte er in den Schiebsack/ bißweilen sagte er dem Hauß- knecht etwas in das Ohr. Endlich kam je- ner/ und wolte wissen/ was sein Begehren waͤre waͤre. Du Schaum von allen rechtschaffe- nen Kerlen/ hast du auch so viel Hertze/ daß du mich provociren kanst/ oder bist du auch so viel werth/ daß ich deinen Buckel meines Stockes wuͤrdige. Du elende Creatur/ re- de doch ietzund etwas/ daß ich boͤse auf dich werden kan oder schreibe es meiner Barm- herzigkeit zu/ wofern ich dich nach wuͤrden nicht tractiren kan. Da stund nun der Tuͤr- ckenstecher/ und hatte alle Boßheit inwendig/ wie die Ziegen das Fett. Nach langem War- ten/ nahm der andere ihm der Degen auß der Hand/ und pruͤgelte ihn so zierlich im Hause herum/ daß der Wirth sich darzwischen legen muste. Damit war die Comœdie zu Ende/ und hatten die andern das Ansehen umbsonst gehabt. Als nun Gelanor die troͤstliche Hi- storie erzehlen hoͤrete/ fragten sie weiter/ was denn der Kerle vor U rsache gehabt/ solch ei- nen Tumult anzufangen. Da kam einer/ und gab diesen Bericht; der gute Mensch ha- be sich so sehr in den Koͤnig von Schweden verliebt/ daß er nicht leiden koͤnte/ wenn ie- mand eine widrige Zeitung von demselben er- zehlen wolte. Weil nun der andere vorgege- ben/ der Koͤnig waͤre von den Dantzigern auf die Weichselmuͤnde gefangen gefuͤhrt wor- den den/ so haͤtte dieser sich so sehr erzuͤrnet/ daß er nicht geruhet/ biß die Extremi taͤten vor- gangen. Eurylas sagte hierauff/ der Kerl moͤchte in Schweden reisen/ und umb ein Genaden-Geld soliciti ren/ weil er des Koͤ- nigs Respect zu erhalten/ so grosse Gefahr uͤ- ber sich genommen. Florindo sagte/ wenn der Koͤnig lauter Soldaten haͤtt/ die mit den Haͤnden so grimmig waͤren/ als dieser mit dem Maule/ so wuͤrde der Tuͤrcke am laͤngsten zu Constantinopel residi ret haben: Der Wirth sagte/ wenn iemand kaͤme und sagte/ die Moscowiter haͤtten sich zu den Schweden geschlagen; so wolte er wetten/ der Vote be- kaͤme einen Thaler Trinckgeld. Andre wusten was anders Gelanor sagte dieß/ es waͤre ein bloͤder Narr/ der kein medium haͤtte inter fortissima \& dimidissima, man solte sein Elend mehr betauren/ als belachen. Und darbey blieb es dasselbe mahl. CAP . XVII. D En folgenden Tag brachten sie noch zu/ in Besichtigung der Raritaͤten/ und Besu- chung vornehmer Leute/ alß daß nichts son- derliches vorlieff. Darauff nahmen sie bey gu- guter Zeit Abschied und fuhren davon. Et- liche Tage hernach fuͤtterten sie Mittags in einem kleinen Staͤdtgen/ da gleich Jahr- Marckt gehalten ward. Da hatte Florindo seine sonderliche Lust an einem Qvacksalber/ der seine Bude dem Gast-Hofe gegenuͤber auffgeschlagen hatte. Secht ihr Herren/ sagte er/am Anfang schuff Gott Himmel und Erde/ am letzte Tage hat er auch den Men- sche erschaffe. Darumb schreibe alle Gelaͤhrte davon/ daß das Mensche S chmaltz alle ande- re Schmaͤltze uͤber trifft/ wie das Gold das Kupffer. Wenn ich nun mein Salb mach/ so nimm ich erstlich darzu Mensche Schmaltz. Darnach nimm ich Wachs/ Wachs sag ich ist in einer Apotecke von noͤthen/ denn in einer Apotecke sind vier Seule/ ohne welche vier Seule keine Apotecke/ uͤber Jahr gantz blei- ben kan/ und wenn sie des Roͤmischen Kaͤsers Apotecke waͤr. Die erste Seule ist Wachs/ die andere Honig/ die dritte Zucker/ und die vierte Waß i nit. Weiter nim ich dazu das Johannis Oel/ das fleust im Lande Thucia auß die harte Steinfelse/ auß die wunderbah- re Schickung GOttese. Mehr brauche ich das Oleum Poppolium, Schmaltz von einer wilden Katze/ die schlaͤfft auff dem Schwei- tzer- tzer Gebuͤrge von Sanct-Gallen biß Sanct- Goͤrgen Tag/ und wird im Schlaffe so faist/ daß/ wer es nicht gesehen hat/ meynen solte/ es waͤr erlogen. Summirum Summarum/ ich nimm darzu die Kraͤuter Herba, die wach- sen in dem Land Regio auf dem Berge Mons, an dem Wasser Aqua, in dem Monat Men- sis genañt/ darauß wird mein Salb/ und i wil kain ehrlicher Mann syn/ wo iemand im Roͤ- mische Reiche solch Salb hat. Kommt her ihr Herre/ kaͤfft in der Zeit/ so habt ihr in der Noth. Der gleichen lahme Fratzen brachte er vor/ und erzehlte etliche wunderliche und unglaͤubliche Exempel von seinen Curen. Nichts desto weniger hatten sich viel Leute umb ihn gesamlet und kaufften ihn fast mit seinem Krame gantz auß/ denn die Salbe halff inwendig und außwendig vor alles. U- ber diß kamen viel Patienten/ und consulir- ten diesen Herrn Doctor . Einer beschwerete sich/ er duͤrffte auf den Abend kaum zwoͤlff Kannen Vier/ und irgend ein halb Noͤssel Brandtewein trincken/ so fuͤhlte ers den fol- genden Tag immer im Kopffe. Ein ande- rer klagte/ sein Pferd waͤre ihm gestohlen wor- den/ ob er keine Artzney haͤtte/ daß er es wie- der kriegte. Der dritte gab vor seine Elle- bogen bogen waͤren so spitzig/ er duͤrffte kein Wam- mes vier Wochen anziehen/ so waͤren die Er- mel durch gebohrt. Der 4. kunte kein Geld im Hause sehn/ drum wolte er sich den Staar stechen lassen/ daß er Geld zu sehen kriegte. Der fuͤnffte war ein Schulmeister/ der haͤtte gern eine helle liebliche Stimme gehabt. Der Sechste war ein Bote/ der klagte er lieffe sich stracks uͤber einer Meile den Wolff. Der Siebende hatte ein Huͤnerauge in der Nase. Der Achte klagte er duͤrffte nicht vor neun Pfennige Kirschen essen/ so legen ihm die Kerne im Magen/ als wolten sie ihm das Hertz abdruͤcken. Der Neundte war schon dreyssig Jahr alt und hatte noch keinen Bart. Der zehende wolte der Spulwuͤrmer gerne loß seyn. Die andern suchten was anders. Und da hatte der gute Meister ein trefflich Compendium curandi, daß seine Salbe sich eben zu allen Beschwerungen schickte. Flo- rindo lachte wohl daruͤber/ und haͤtte gern ge- sehen/ daß Gelanor mit ge'acht haͤtte. Doch sagte dieser/ man duͤrffte sich uͤber den Quack- salber nicht zu tode wundern/ haͤtte doch ein iedweder fast das principium, MUNDUS VULT DECIPI, in seinen actionibus gleich- sam forn angeschrieben. Und wer von der Poli- Politischen Qvacksalberey reden solte/ da man offt quid pro quo nehmen muͤste/ der wuͤrde vielleicht groͤssern Betrug antreffen/ als in dieser elenden Bude/ da nichts als einfaͤlti- ge Bauren zu sammen kaͤmen. Florindo fragte/ ob die Politici auch mit Salben han- delten? Ja wohl/ sagte der Hoffmeister/ sind Salbenbuͤchsen genug/ damit den Leuten die Augen verkleistert werden/ aber es ist nicht von noͤthen/ daß man solches allen Leuten weiß macht. Florindo ward begierig die sonder- lichen Sachen zu erfahren/ und hielt instaͤn- dig an/ Gelanor moͤchte doch etwas deutlicher reden. Da sagte dieser/ habt ihr nicht das Buch gesehen/ da forn auf dem Titel steht/ der Politische Quacksalber : seht dassel- be durch/ so wird euch die Thuͤre zum Ver- staͤndniß schon geoͤffnet werden. Mehr sagte er nicht/ deñ es ist vergebene Arbeit/ daß man jungẽ unverstaͤndigẽ Leutẽ viel von Politischẽ Staatshaͤndeln auffbriefen will/ weil sie doch mit ihrem einfaͤltigen Verstande so weit nit langen/ und alle dergleichen actiones viel- mehr ansehen/ wie die Kuh das neue Thor. Und fuͤrwar hierinn erwieß Gelanor eine un- gemeine Klugheit/ die man vielen grossen und hochtrabenden Leuten vergebens wuͤnschen muß. CAP. CAP . XVIII. F Lorindo haͤtte sich so kurtz nicht abweisen lassen: Allein der Wirth kam und wolte seinen Gaͤsten Gesellschafft leisten. Da legte sich Gelan. mit ihm ins Fenster und schwatzte bald dieß/ bald jenes mit ihm. Endlich giengen zween Maͤnner vorbey. Einer hatte ein grau Roͤckgen an/ und waͤre leicht vor einem Bau- er mit hingelauffen/ wenn er nicht ein Haͤlsgen umbgehabt. Der andre hatte eine Kappe an/ der zehende haͤtte geschworen/ es waͤre ein Sammeter Peltz gewesen/ und nun haͤtte sie der Schneider wendẽ muͤssen: Daruͤbeꝛ hieng ein beschaͤbter Mantel mit einem gebluͤme- ten Sammet-Kragen/ den vielleicht der alte Cantzler Beier bey Ubergebung der Aug- spurgischen Confession mochte zum ersten- mahl umbgehabt haben. Gelanor wolte wissen/ was dieses vor ein par nobile fratrum waͤre. Darauff sagte der Wirth/ es waͤren zwey Bruͤder/ die zwar gute Mittel gehabt/ ietzt aber in euserster Armuth lebten. Der graurock habe das seinige alles auf Processe spendiret: denn da habe er keine Schuld ge- standen/ biß er judicialiter darzu condem- nirt worden. Und da habe er dem Gegen- theil die Unkosten erstatten/ auch offt wegen ver- vergossener losen Worte hauptsaͤchlich in die Buͤchse blasen muͤssen/ dadurch sey er von den schoͤnsten Mitteln so elend herunter kommen. Der andere Bruder habe Anfangs Theolo- giam studiert/ hernachmahls habe er sich in die Alchimisterey verliebt/ dabey er so viel Gold gemacht/ daß er ietzund in seinem gan- tzen Vermoͤgen nicht eines Ducatens maͤch- tig sey. Gelanor sagte/ so buͤssen die guten Bruͤder woll vor ihre Narrheit. Wer hats den ersten geheissen/ daß er die Richter-Stu- be ohne Noth beschweret hat. Ach wer bey den Juristen in die Information, und bey den Apoteckern zu Tische geht/ dem koͤmmt es ein Jahr uͤber sehr hoch. Der andere haͤtte seine Postille davor reiten moͤgen/ so hat ihn der Hencker geritten/ daß er gemeynt hat/ein Hirsch im Walde/sey bes- ser als der Hase in der Kuͤche. Solche thumme Geldverderber sind nicht werth/ daß man sie klagt. Der Wirth gab hierauff sein Bedencken darzu/ es waͤre nicht ohne/ die guten Leute haͤtten ihre Sachen besser koͤnnen wahrnehmen/ als daß sie nun in diesem Lum- pen, Staͤdtgen nicht viel herrlicher/ als die Bauren leben muͤsten. Doch aber bildete er sich gaͤntzlich ein/ es sey GOttes Straffe/ die die selten das unrecht erworbene Gut an den dritten Erben kommen lasse. Jhr Vater habe ehrliche Mittel hinterlassen/ aber auf un- ehrliche Manier erworben. Ach sagte er/ da ist wohl kein Groschen im Kasten gewesen/ da nicht etliche Seufftzer von armen Leuten daran geklebet. So viel Steine hat er in seinen Haͤusern nicht zusammen bracht/ als er heisse Thraͤnen von Wittwen und Waͤysen außgeprest hat. Sein Reichthum war an- derer Leute Armuth. Er selbst war nicht viel anders/ als eine gemeine Plage. Geld war die Losung/ damit mochte GOtt und Himmel bleiben/ wo sie kunten; Endlich fuhr er dahin wie eine Bestie. Jns Gemein gab man vor/ er waͤre an einem Schlagflusse gestorben: Doch waren viel vornebme Leute/ die munckelten/ als haͤtte er sich selbst ge- henckt/ und waͤre darnach von den Seinen loß geschnitten worten/ so wohl die Schande als des Scharffrichters Unkosten zu vermei- den. Es war viel Pralens von der grossen Erbschafft/ doch nun haben die Adlers-Federn alles verzehret/ daß sie nicht mehr ein tuͤchtig Federbette auffweisen koͤnnen. Gelanor stimmte mit dem Wirthe ein/ und setzte den Discurs fort. Jch glaube es wohl/ sagte er/ daß daß GOtt dieß Zorn Exempel nicht verge- bens vorgestellet hat. Dieß ist nur zu bekla- gen/ daß niemand gebessert wird. Es be- ze ug ets die taͤgliche Erfahrung mehr/ als zu viel/ daß unrecht Gut nicht auf den dritten Erben koͤmmt. Ein jedweder/ der in seinem Ampte sitzet/ hat entweder seiner Anteces- sorum oder anderer dergleichen Kinder vor sich/ daran er so wohl den Segen/ als den Unsegen seinen Kindern gleichsam als ein ge- wisses Nativi taͤt prognostici ren kan. Jst das nun nicht Thorheit? Sie scharren viel zusammen: zu Essen/ Trincken und Kleidern brauchen sie nicht alles/ den Kindern wollen sie es verlassen/ doch wo sie nicht gantz blind seyn/ so wissen sie/ daß es nicht wudelt/ ja daß die Kinder an ihrem andern Gluͤcke dadurch gehindert werden. Wir lachen die Affen auß/ daß sie ihre Jungen auß Liebe zu tode druͤcken. Aber ist dergleichen Vorsorge/ da- durch manches umb seine zeitliche und ewige Wohlfahrt gebracht wird/ nicht eben so thoͤ- richt? die Griechen satzten die Kinder weg/ welche sie nicht ernehren kunten. Die Leute kehren es umb/ und setzen die Kinder weg/ welche sie auffs beste ernehren wollen. Das aͤrgste ist/ daß die Eltern selbst ihre eigene Wohl- Wohlfahrt dabey in die Schantze schlagen. Und also kommen sie mir vor wie die Schlan- gen/von welchen Plinius fabulirt, daß sie uͤber der Geburt ihrer jungen nothwendig sterben muͤssen. Nun mit einem Worte/ das heist auß Liebe in die Hoͤlle gefahren. Als sie noch redeten brachten die Bauren einen Spitzbuben vor sich her gejagt/ der hatte einer Frauen Geld auß dem Schiebsacke entfuͤhren wollen/ war aber auß Unvorsichtigkeit in den Schiebsack darneben kommen. Nun warff er die Beine hurtig nach einander auf/ und fragte nicht viel darnach/ ob sie gleich mit Erd- kloͤssern hinden drein spieleten. Doch waͤh- rete die Geschwindigkeit nicht lange/ denn ein Baur warff ihm einen Knittel unter die Bei- ne/ daß er nothwendig fallen muste. Da gieng nun das Ballspiel an/ und muste Gela- nor gestehen/ er haͤtte nicht geglaubet/ daß ein Bauer so juste ment auf eine Staͤte schmeissen koͤnte/ als nachdem er so eine vollkommene Probe mit angesehen. Es haͤtte auch leicht geschehen koͤnnen/ daß der gute Kerl waͤre um sein Leben kommen. Wenn nicht der Mann/ der in den Staͤdgen/ Haͤscher/ Thürknecht/ Stundenruͤffer/ Marckmeister/ Geꝛichtsfron/ Blutschreyer/ Stockmeister und alles war/ H ihn ihn auß dem Gedraͤnge heraußgerissen/ und mit sich in das Wirthshaus zur’Apfelkammer gefuͤhret hātte. Gelanor sagte hierauff/ er haͤtte nur gemeint/ es waͤren solche Schnap- haͤne in grossen Staͤdten anzutreffen. Da habe er sich offt verwundert/ warum ein Men- sche seinem eigenem Gluͤcke so feind sey/ daß er sich dem Beutelschneider-Leben so unbesonnen ergeben koͤnne. Bey einem Herrn wolle man- cher nicht ein loses Wort einfressen/ da er doch alle Befoͤrderung von ihm zu gewarten haͤt- te; hingegen liesse er sich hernach die Bauern lahm und ungesund pruͤgeln/ und muͤste wohl darzu gewaͤrtig seyn/ daß er mit einem gnaͤdi- gen Staupbesen zum uͤberfluß bedacht wuͤrde: Der Wirth kehrte sich weg/ und stellte sich als waͤre im Hause etwas zu befehlen/ denn er hat- te auch einen Vetter/ der zu Hamburg auf dem Kack etliche Ballette getantzt hatte. CAP . XIX. G Elanor gieng also auch vom Fenster hin- weg und gieng hinunter in das Haus/ da stund der Hausknecht und weinte bittere Zaͤh- ren/ Eurylas, der dabey war/ fragte was ihm zu Leide geschehen waͤre. Ach ihr Herren/ sagte sagte er/ soll ich nicht uͤber mein Ungluͤck Thraͤ- nen vergiessen? Da wollen alle Leute an mir die Schuh wischen/ O wer sich nur solte ein Leid anthun! gedenckt nur wie mirs geht! da ist meine Frau in die Wochen kommen/ und hat einen jungen Sohn bracht. Nun soll ich ja vor allen Dingen drauf dencken/ wie ich des jungen Heydens los werde/ und einen neu- en Christen davor kriege. Aber ihr Herr en / ihr wist es selber/ das Werck laͤst sich nit thun/ ich muß ehrliche Leute zu Gevattern haben. Gleichwohl geht mirs so naͤrrisch/ daß ich flugs moͤchte davon lauffen. Da ist ein Kerle/ dem hab ich in diesem Gasthoffe wohl sechs- tausend Glaͤser Bier eingeschenckt/ den wolt ich bey diesem Ehrenwercke gerne haben/ we- gen der alten Bekandschafft. Aber er/ at mir den Gevatterbrieff zuruͤck geschickt au ß Ursachen/ weil ich ihn nicht Edler/ Wohl-Eh- renvester titulirt. Eurylas / fragte weiter/ wer es denn waͤre/ ob es ein vornehmer Mann sey/ der den Titel verdienet habe? der Knecht gab zur Antwort/ er wisse nicht wie hoch einer vor dem andren geschoren sey; doch sagten alle Leute/ der Kerle sey im Kriege bey einem O- bersten ein Bißgen vornehmer als ein Schuh- putzer gewesen; so habe der Herr Rector (also H ij ward ward der Præceptor Classicus genant/ der Cantor, Baccalarius, und infima \& suprema Collega zugleich war) gemeint/ es sey genug wenn er schriebe Ehrenwohlgeachter. Nun sey der Groschen vergebens außgegeben/ da der Steiß-Paucker vor das Geld hãtte Edel und Wohl-Ehrenvest koͤnnen hinschreiben. Eurylas sprach ihm Trost zu/ er solte sich zu frieden geben/ wenn es ja an Gevattern man- gelte/ so haͤtten sie einen Mahler bey sich/ der das Christliche Werck auf sich nehmen koͤnte. Der Hausknecht wolte sich noch nicht zu frie- den geben/ biß er einen andren Brieff geschrie- ben/ und seinen außerlesenen Gevatter versoͤh- net haͤtte; da nam Eurylas den Mahler und dictirte ihm folgenden Brieff. Edler/ Wohl-Ehrenvefter/ Großachtba- rer/ Hochbenahmter/ Hoch- und Wohl- Mannhaffter/ Hoch-Ehren-Wohlge- achter und Hocherbarer Herr. Eurer Edlen und Wohl-Ehrenvesten Herrligkeit kan ich nicht bergen/ daß meine Tugendsame Hausehre die Christliche Kir- che mit einer Maͤnnlichen Person vermehret. Wenn ich denn auß tragendem vaͤterlichen Ampte mich nach vornehmen Paten uͤmbse- hen muß/ Und aber Eure Edle Wohl-Ehren- veste veste Herrligkeit mir iederzeit mit guter Affe- ction zugethan gewesen. Als ist an Eure obgedachte Edle Wohl-Ehrenveste Herrlig- keit mein gehorsamstes Bitten/ dieselbe wolle geruhen/ durch dero Edle und Wohl-Ehren- veste Præsenz die Christliche Versammlung zu vermehren/ und das arme Kind in dero Ed- le und Wohlehrenveste Affection auf- und an- zunehmen. Solche Edle und Wohlehren- veste Wohlthat weide ich in meiner Niedrig- keit nicht allein erkennen: sondern werde auch in dessen Edlen und Wohlehrenvesten Dien- sten zu leben und zu sterben befliessen seyn. E. Edl. und Wohlehrend. Herrligk. Unterthaͤniger Haus-Knecht Steffen Leipeltz. Solchen Brieff gab Eurylas dem Haus- Knechte/ und weil er nicht lesen konte/ laß er ihm was anders vor/ daß der gute Tropff gar wohl mit zu frieden war/ damit schickte er die Kindfrau fort. Nun gefiel dem neuen Herr Gevatter die Außschrifft sehrwohl/ daß er die Frau gar freundlich abfertigte/ allein dz inwendige fuhr ihm in d’Nase auf wie Pfef- fer. Er schickte also fort nach dem Hausknech- te/ und fragte ihn/ wer diesen Brieff gestellet haͤtte? der Knecht besorgte sich nichts Boͤses/ H iij und und sagte die rechte Wahrheit: da fieng der Fincken-Ritter an/ ich sehe es/ du bist ausser Schuld/ denn du kanst/ nicht lesen/ da hastu ein Gold guͤlden Patengeld/ unser Haus-Knecht soll vor mich stehen/ aber morgen will ich zu euch zum Biere kommen/ und da will ich dem Schreiber seine Arbeit gesegnen. Der Knecht referirte solches dem Eurylas, der war uner- schrocken/ und vexierte unterdessen den Mah- ler/ als welchen immer leid war/ daß man ihn in der Patschke stecken lasse. Denn ob/ sie zwar nicht Willens gewesen/ sich an dem Or- te lang auf zu halten/ war doch ein Pferd ver- nagelt worden/ daß sie also wieder ihren Wil- len dem Thiere seine Ruh goͤnnen musten. Der morgende Tag kam/ das Mittagsmahl war fertig/ als sich der Edle Wohl-Ehrenveste Herr Ober Stiefel Inspector einstellete. Er hatte eine braune Kappe an/ und ein elend Ca- misol darunter/ das hieb und stich frey war: an der Seite hieng eine breite Bloͤtze/ damit er auf einen Hieb sieben Krautkoͤpfe haͤtte koͤn- nen abhauen. Ein Junge muste ihm einen Saͤbel nachtragen/ der so schrecklich außsah/ daß einem von dem eꝛsten Anblicke haͤtte moͤgen der Kopff vor die F uͤsse fallen. Mit einem Worte alles zu begreiffen/ dem Eury- Eurylas war zu muthe/ als wenn ihm die Tuͤr- cken und Tartarn waͤren zu gleich ins Land gefallen. Gelanor und Florindo stellten sich gantz unbekant/ und assen vor sich fort/ ingleichen machte Eurylas auch nicht viel Wesens. Nun war dem guten Stuͤmper/ welcher vor dießmahl Horribilicribrifax heis- sen mag/ immer leid/ die Gaͤste moͤchten etwan nicht wissen/ wer er waͤre/ und moͤchten dan- nenhero vor seinem Zorne nicht gar zu hoch er- schrecken: Gleichwohl aber wolte sich kein Discurs fuͤgen/ dabey er seine Heldenmaͤssige Thaten haͤtte angebracht. Darum mußte er sich mit des Wirths Sohn einlassen/ der sich auf der nechsten Schule sonsten auffh ielt und dazumal zu dem Hr. Vater in pat r iam verreiset war: Junge sagte er zu seinem S e r- viteur, wo hast du meinen Saͤbel/ bring ihn nur in der Scheide her/ zeuch ihn nicht auß/ du moͤchtest Schaden thun. Hiemit wandte er sich zu dem jungen Lappen/ der viel wuste/ was der Krieg vor ein Ding waͤre/ und sagte: Das ist ein Saͤbel/ der mir im Polnischẽ Krie- ge Dienste gethan hat. Jch wolte ihm so viel Ducaten goͤnnen/ so viel als Tartar- Koͤpffe davor abgeflogen sind. Jch ward bey der koͤstlichen Klinge des Blutvergiessens so H jv ge- gewohnt: daß ich offt mit meinen besten Freun- den Haͤndel kriegte/ und einem ein Zeichen geben kunte. Sie wustens auch alle/ darum schickten sie mich mehrentheils auf die Par- they/ nur daß sie im Quartier unbeschaͤdigt blieben. Ja Czarnetzky hatte Gluͤcke/ daß er mir auß den Haͤndẽ entwischte/ ich hatte ihm/ soll mich der und jener/ schon die Charpe vom Leibe weggebauen: doch man weiß wohl/ was die Pohlnischen Kloͤpper vor Kroͤten seyn/ wie sie durch gehẽ Sonst haͤtte es geheissen/ Bru- der/ gib eine Tonne Goldes Rantzion/ oder ich haue dich/ daß dir die Caldaunen am Sattel- knopffe haͤngen bleiben Ach das war ein Lebẽ drey Teutsche/ sieben Pohlen/ zehen Cosacken/ vierzehn Tartarn/ und ein halbschock Musco- witter warẽ mir als ein Morgẽbrod. Jch achte sie offt nicht so gut/ daß ich auf sie loßgeschla- gen haͤtte/ biß mir die Hunde sagten/ ob ihrer nicht mehr waͤren. Aber ich wuste/ daß ich mich auf mein Gewehr verlassen konte. Haͤtte ich meinen Bachmatt/ der mir in der Schlacht vor Warschau erschossen ward/ nur ein halb Jahr eher kriegt/ ich wolte funffzig- tausend Thaler reicher seyn. Er gieng in ei- nem Futter dreyssig Meylen hin und her/ als wenn ihm nichts drum waͤre. Ein Morast/ der der nicht breiter war/ als etliche Acker/ war seine Lust/ daß er druͤber springen solte. Ein- mahl jagte ich den Pohlen nach/ biß in ein Staͤdgen/ da schlossen sie das Thor zu/ und meynten sie haͤtten mich gar gewiß. Aber da sie zu Rathe giengen/ wie sie mir beykaͤmen/ setzte ich uͤber die Stadtmauer weg/ und stellte mich ins blancke F eld: der Hencker haͤtte die Kerlen geritten/ daß sie mir waͤren nachkom- men. Ein andermahl umbringte mich eine gantze Compagnie Tartarn/ aber ich sprengte uͤber die gantze Schwadrone weg/ und schmieß mit dem Foͤrderbeine den Rittmeister/ mit den Hinterbeinen den Cornet/ vor die Koͤpffe/ daß sie wohl ihres Party-gehens vergessen haben. Jch moͤchte mir wohl so viel dergleichen Pfer- de wuͤnschen/ als ich mit diesem eintzigen durch die Weichsel und durch den Dnieper ge- schwummen bin. Und was das beste war/ das Thier hatte einen Verstand/ als ein Mensch/ es legte sich flugs auf die Streu zu mir/ und schlieff die gantze Nacht mit. Hatte ich Meet oder Brandtewein/ das Pferd soff so einen dichten Rausch/ als ein Kerl. Ewig Schade war es/ daß es so liedeꝛlich solte dꝛauff gehen/ und ich solte es nicht außstopffen/ oder zum wenigsten begraben lassen. Ja wohl/ es H v ist ist eine brave Sache umb den Krieg/ wenn einer courage hat/ und weiß sie recht zu ge- brauchen. Doch wolte ich es keinem rathen/ daß er sich so uͤbel verwahrte/ als ich. Mein Oberster/ bey dem ich war/ wuste/ daß er sich auf mich verlassen kunte/ drum verhinderte er mich an meinem Gluͤck/ daß ich bey allen Offi- cir-Stellen/ die mir angetragen wurden/ dar- neben hingieng. Nun giebt sich noch ein Krieg an/ mein Saͤbel soll mir noch eine Graffschafft erwerben/ du ehrlicher Saͤbel/ hastu nichts zu thun/ moͤchtestu nicht einmahl einem guten Freunde eine Schmarre uͤber den Kopff hau- en/ daß ein Bachmatt/ wie meiner war/ darauß sauffen koͤnte? Ja fuͤrwaꝛ/ du hast ein Luͤstgen. Nun sey zu frieden/ wo dich duͤrst/ ich will dir bald zu trincken geben. Der Mahler hatte sich dazumahl muͤssen mit zu Tische setzen/ dem war nun Angst und bange/ was auß dem Blutvergiessen werden solte/ und ob er nich auch etwas von Cinnober darzu spendiren muͤste. Eurylas hingegen/ dem sonst mehr solche Praler bekant waren/ lachte heimlich/ und wolte nur sehn/ ob sich der Kerl an den Mahler reiben wuͤrde/ doch als seine Auffichneiderey zu lange waͤhrte/ trunck er ihm eins zu/ und sagte: Mein Herr/ ich hoͤre/ er ist er ist in dem Polnischen Kriege gewesen/ hat er nicht den Obristen Widewitz gekennt/ der die alte Timmertze oberhalb der Weichsel ein- genommen hat? Der gute Kumpe verstund die Woͤrter nicht/ doch meynte er/ es waͤre ihm schimpfflich/ wenn ihm etwas in Pohlen solte unbekant/ seyn. Darumb sagte er/ er sey ihm gar wohl bekant/ und habe er offt im Na- men seines Obersten Brieffe hin zu bestellen gehabt. Eurylas hatte ihn auf dem rechten Wege/ darumb fragte er weiter/ ob er nicht gehoͤret haͤtte/ daß derselbige Obriste einen Hirsch durch das lincke Ohr und durch die rechte Pfote mit einer Kugel zugleich geschos- sen haͤtte? Ja sagte er/ ich kam gleich darzu/ wie der Schuß geschehen war. Eurylas wieß hiermit auf den Mahler/ und fragte ob er deñ diesen guten F reund nicht kennte/ er haͤtte eben uͤber demselben Stuͤcke das Weidmesser kriegt. Der ehrliche Horribilicribrifax wu- ste nicht/ wie er dran war/ doch wickelte er sich wieder herauß/ er waͤre gleich fortgeritten/ und haͤtte nicht observi rt/ was sonst passirt waͤre. Eurylas sagte weiter/ gleichwohl haͤt- te sich dieser rechtschaffene Kerle uͤber ihn be- schwert/ als waͤre er sein Verraͤther gewesen/ und wenn es wahr waͤre/ so wolte er diesen H jv nicht nicht mehr vor seinen Compagnon erkennen/ wo er den Schimpff nicht revengirte. Hor - ribilicribrifax versetzte/ er wuͤste nichts davon/ doch wolte er es keinem rathen/ daß er sich an ihn machte/ wenn er nicht sein Leben in Gefahr setzen wolte. Eurylas kriegte hierauff den Mahler bey dem Flaͤgel/ und sagte/ wie sitzt ihr da/ als wenn ihr eure drey Pfund allein behal- ten wollet/ macht fort/ und schmeist euren Ver- raͤther an den Hals/ oder der kleinste Junge/ den ich auf der Gasse finde/ soll euch Nasen- stuͤber geben. Habt ihr ihm gestern zur Bra- vade einen Brieff schreiben koͤnnen/ so trettet ihm auch heute unter das Gesichte. Jndem sich nun der Mahler besann/ ob er sich in Leib- und Lebens Gefahr wagen wolte/ gieng der andere mit rechten Bachmattß-Schritten zu der Stube hinauß. Und wie der Hausknecht erzehlte/ hatte er vorgegeben/ er waͤre uͤber- mannet gewesen/ und wuͤste wohl/ wie hoch ein Todschlag gestraffet wuͤrde/ wenn man ihn noch so raisonable begangen haͤtte; doch solte ihm einer auß der gantzen Compagnie im Kriege begegnẽ/ er wolte ihm den Saͤbel zu ko- st en geben. Ho ho! sagte Eurylas, haben wir solang noch Zeit/ so vexiren wir den Mosco- witer noch einmahl. Damit redte einer dieß/ der der ander das von dem elenden naͤrrischen Auffschneider: Etliche verwunderten sich uͤ- ber die ungereimten Luͤgen: Andere lachten daruͤber/ daß mancher so streng uͤber solchen Tituln hielte/ die er kaum halb verdient haͤtte. Aber Gelanor machte nicht viel Wunders/ was ist es nun mehr/ sagte er/ daß ein Kerl et- was liberal im reden ist/ wenn er seine Repu- tation dadurch bestaͤtigen soll. Thutes doch die gantze Welt/ was ruͤhmen die Gelehrten nicht von ihren sonderlichen Meinungen/ die Medici von ihren arcanis, die Juristen von ih- ren Exceptionibus, die Philologi von ihren Manuscriptis, die Kauffleute von ihren Wah- ren/ die Schaͤffer von ihrer Keule/ und was des Pralens mehr ist? Hat es nun der gute Schoͤps zu mercklich gemacht/ was kan er da- vor/ daß er den Schalck nicht so wohl verber- gen und vermaͤnteln kan/ als die andern? Auch was die Titul betrifft/ warumb soll er eben der Narr alleine seyn/ da sich so viel Leute umb die Narrenkappe schlagen und schmeissen wollen/ und da nunmehr die gantze Brieffschreiberey in dieser Zierligkeit besteht/ daß man die Emi- nentzen/ Excellentzen/ Reverentzen und Pesti- lentzen fein nach der Tabulatur herschneiden kan. Darumb duͤrffen wir den guten Men- H vij schen schen nicht außlachen/ oder wenn wir solches thun wollen/ haben wir nicht Ursache/ daß wir vornehmere Leute vorbey gehen/ und bey die- ser elenden Creatur den Anfang machen wol- len. U nd dieß war dazumahl das Lied vom Ende. CAP . XX . W Eiter begegnete der Compagnie nichts sonderliches/ biß sie fortreiseten/ da kam ein alter Mañ mit in die Gesellschafft/ nebenst einem jungen Menschen von fuͤnff biß sechs und zwantzig Jahren. Nun wusten sie nicht/ was sie von diesem jungen Keꝛl geden- cken solten. Denn bißweilen s prang er vom Wagen/ und gieng ein wenig: Bald spitzte er das Maul/ und pfiffe eine Sarabande daher/ als trotz ein Canarien Vogel: Bald nahm er den Kamm auß der Tasche/ und kaͤmte sich: bald fieng er an zu singen/ tira tira tira, Soldat tira, bald fistulir te er wie ein Capaun/ Ayma- ble bergere quand tromperons nous, la gar- de sefere d’ un mary jaloux. S’il n’ est pas honeste il est du devoir, de luy mettre au te- ste ce q’il croit avoir; bald zog er einen Puffer auß der F icke/ und kuͤnstelte dran: bald knuͤpff- te er te er die Ermelbānder anders: bald war ihm die Schleiffe auf gefahren/ damit er die Haa- re biß an die Ohren auffgebunden hatte; Bald nahm er den Hut/ und drehte ihn auf dem Fin- ger etliche mahl herumb. Als sie ins Wirths- Haus kamen/ und die andern ihre Messer und Gabel außzogen/ grieff dieser mit allen Fuͤnf- fen in den Salat/ und machte sonst abscheuli- che Gauckelpossen. Endlich tadelte er das Brod/ es waͤre nicht recht außgebacken/ in Franckreich koͤnte man schoͤn Brod backen: da sagte der Alte: Ach du elender Teufel/ das Brod ist laͤnger im Backofen gewesen/ als du in Franckreich. Da merckten die anderen/ daß der Kerl ein gereister Monsieur waͤr/ und daß er eben deßwegen so liederlich gethan/ daß man ihm die F rantzoͤsische Reise ansehen solte. Darneben observir ten sie/ daß der gute Mensch vielleicht auf der Post durch Pariß moͤchte geritten seyn/ wie jener/ der beklagte sich/ es huͤlffe ihm nichts/ daß er auf Pariß ge- zogen waͤre/ denn es waͤre zu seiner Zeit so fin- ster drinn gewesen/ daß man kein Hauß von dem andern unterscheiden koͤnnen. U nd als man nachfragte/ war der Postilion gleich in der Mitternacht mit ihm durch passirt/ als der Mond im letzten Viertel gewesen. Doch war war keiner/ der ihn in seinen Gedancken besser entschuldigte/ als Gelanor : denn er hatte rai- son liederlich zu thun. Ein ander/ der sich et- liche Jahr in fremden Laͤndern versucht hat/ kan durch seine Actiones leicht darthun/ daß er kein Haus-Veix sey: Aber so ein Mensch/ mit dem es etwas geschwinde zugegangen/ moͤchte sich leicht unter den Aepffelbratern verliehren/ wenn er nicht alle Leute mit gantzer Gewalt bereden solte/ wo er gewesen waͤre. Nach der Mahlzeit gerieth Gelanor, mit dem Alten in Discurs, und befand/ daß es kein une- bener Mann war; dieser beklagte sich nun uͤber diesen jungen Frantzosen/ man koͤnne ihn zu nichts bringen/ daß er mit Lust thaͤte/ und dar- bey er bestaͤndig bliebe: alle Tage wolle er et- was anders werden/ bald ein Gelehrter/ bald ein Kauffmann/ bald ein Soldat/ bald ein Hoffman; und solche Abwechselung hab er nun biß in daß fuͤnff und zwantzigste Jahr getrie- ben. Neulich sey er gleichsam verschwunden/ daß kein Mensch gewust/ wo er blieben. End- lich in acht Wochen hab er sich wieder præ- sentirt, in dieser Frantzoͤsischen Gestalt/ als wie mann ihn noch sehen koͤnte. Nun wolle er an einem vornehmen Orte Hoffmeister werden/ aber die Lust wuͤrde auch nicht lang waͤh- waͤhren. Eurylas sagte; der wunderliche Kautz habe wohl verdienet/ daß man ihn et- was vexirte/ der Alte war es wohl zu frieden. Derhalben/ als sie wieder zusammen in die Kutsche sassen/ fiengen sie darvon an zu reden/ wie das dieser Sausewind in keiner Sache bestaͤndig waͤre/ als in seiner Unbestaͤndigkeit. Er entschuldigre sich/ und wuste seine Ursa- chen recht vernuͤnfftig und nachdencklich an- zufuͤhren. Denn als Eurylas fragte/ wa- rumb er sein Studieren nicht fortgesetzt/ so erzehlte er seinen gantzen Lebenslauff. Jch solte/ sagte er/ freylich studieren/ und einen Ju- risten abgeben/ aber ich bedachte dieß/ wie leicht koͤnte ich eine Sache wider einen Edel- mann gewinnen/ der mirs nachtruͤge/ und mir wohl gar einen F ang mit dem kalten Eisen gaͤbe: Oder wenn ich im Winter einen Ter- min haͤtte/ und stolperte mein Pferd auf dem Eise/ daß mir das Bein im Stieffel zerbraͤ- che/ und niemand waͤre bey mir/ muͤste ich nicht als ein Hund verderben? Oder wenn ich von meinen Clienten tracti rt wuͤrde/ daß ich in der Nacht reisen muͤste/ und führte mich ein Jrrwisch in das Wasser; Nein/ nein/ ich moͤchte nicht. Die Kauffmannschafft beliebte mir/ aber in wenig Wochen fiel mir ein/ sieh da/ da/ wenn du einen Kauffmann in einer an- dern Stadt vor 10000. Rthl. Wahren cre- di tirst/ und es kaͤme ein Erdbeben/ daß die Stadt mit allen Leuten untergienge/ wo krie- gest du deine Bezahlung? Oder wenn du kein Gewoͤlbe zu mieten kriegst/ wo wolstu deine Wahren außlegen? Oder wenn du einen Pack von inficir ten Orten her bekaͤmest/ daß du moͤchtest des Todes uͤber dem Außpacken seyn. Nein/ nein/ unverworren mit so einer gefaͤhrlichen Profession. Drauff wolte ich die Haushaltung vor die Hand nehmen/ daß ich mit der Zeit ein Adeliches Guth haͤtte pach- ten koͤnnen; Aber ich bedachte mich/ wie leicht waͤre es geschehen/ daß deine Frau mit But- ter und Kaͤsen zu thun haͤtte/ und gebe das Kind einem Bauermaͤdgen zu warten/ das thumme Rabenaaß trüge es im Hoffe herum/ und kaͤme gleich der Klapperstorch/ und wolte sich auf dem Schorstein ein Nest zu rechte bauen/ der schmieß einen Stein auf die Dach- ziegel/ das ein halb Schock herunter floͤgen/ wer haͤtte nun das Hertzeleid/ wenn dem Kin- de die Hirnschale enzwey geschmissen waͤre/ a l s eben ich? Oder wenn der unachtsame Aschen- broͤdel das Kind an die Thuͤr legte/ und kaͤmen die Schweine und fraͤssen ihm/ mit zuͤchten zu mel- melden/ wer weiß was vom Leibe ab. Oder wenn im Winter ein Dieb in den Kuͤhstall braͤch/ und zoͤge den Kuͤhen Stieffel an/ daß man die Spur nicht merckte. Ach nein/ in sol- che Gefahr begehrte ich mich nicht zu stecken. Also dacht ich wieder an das Studieren/ und wolte ein Medicus werden. Allein in vier- zehen Tagen ward ich kluͤger. Wie leicht haͤtte mir eine Retorte koͤnnen zu springen/ daß mir die Scherben im Gesichte waͤren stecken blieben. Oder wie leicht koͤnte die Magd ei- ne Katze in das Laboratorium lassen/ die mir vor tausent Thaler Glaͤser auf einmahl umb- wuͤrffe. Oder wie leicht koͤnte mich ein Ban- dit niedermachen/ wenn ich wolte zu Padua Doctor werden? Damit aͤnderte ich meinen Vorsatz/ und hatte zum Bierbrauen Lust; Doch erwog ich dieses/ wenn ich einmahl ein gantz Bier zu brauen haͤtte/ und fiele unver- sehens ein Hund in den Bottich/ so waͤre das Bier zu meinem Schaden verdorben. Oder wenn meine Frau die F aͤsser ein wenig mit frischem Brunnwasser wolte fuͤllen lassen/ es haͤtte aber ein schabernaͤckischer Nachbar Heckerling in den Brunnen geschuͤtt/ daß also die Leute fruͤh lauter Heckerling im Bier fuͤn- den/ wuͤrde mir dieß nicht eine Ehre seyn? Es Es waͤre zu lang alles vorzubringen; dieß war der Jnhalt seiner Rede/ er haͤtte nach die- sem bald ein Mahler/ bald ein Priester/ bald ein Goldschmied/ bald ein Schreiber/ bald ein Hoffmann/ bald ein Dinten kle cker werden wollen; doch sey er allzeit durch dergleichen Er- hebligkeiten abgeschreckt worden. Eurylas fiel ihm in den Discurs, und sagte/ warum be- denckt er denn nicht/ was ihm bey seiner Hoff- meisterey moͤchte zu Handen stossen/ weiß er nicht/ daß die von Adel auf ihren Vorwegen Hoffmeister haben die nicht viel besser seyn/ als ein Großknecht? Weñ nun sein Principal ein- mahl ruffte/ komm her Hoffmeister/ du ꝛc koͤnte nicht leichtlich ein Mißverstand darauß erwachsen? Der Teutsche Frantzoß besann sich etwas/ doch fiel ihm endlich dieß expedi- ens bey/ er wolle sich à la francoise lassẽ Gou- verneur heissen. Eurylas wandte ein/ dieß waͤre ein boͤß Zeichen/ denn gleich wie ein Spanischer Gouverneur selten uͤber 3. Jahr zu guberni ren haͤtte/ also moͤchte mancher urtheilen/ er wuͤrde es nicht viel uͤber drey Wochen bringen. Sein Rath waͤre er fien- ge einen Gewandschnitt mitt Tauben an. Denn wo ein Baar sechs Pfennige guͤlte/ und er verkauffte tausend/ so haͤtte er unfehlbar zwan- zwantzig Thaler und zwantzig Groschen. Der Alte lachte hierauff/ und verwieß seinem Vet- ter/ daß er nicht allein so liederlich lebte/ son- dern auch den Lebenslauff zu erzehlen keinen Scheu truͤge. Das waͤre die hoͤchste Narr- heit/ daß man auf keiner Meynung bestaͤndig bliebe/ und habe Seneca wohl gesagt: Stultus quotidie incipit vivere . Uber dieß habe er sich dergleichen Ursachen abschrecken lassen/ welche mehr zu verlachen/ als zu bedencken waͤren. Denn auf solche Masse duͤrffte man nicht in der Welt bleiben/ alldieweil man auf allen Seiten der Gefahr unterworffen sey. Ein andermahl solle er dencken/ daß ein an- daͤchtiges Gebete/ und ein gnaͤdiger Gott/ al- len furchtsamen Sachen leicht abhelffen koͤnne. CAP . XXI. M Jt solchen Reden brachten sie die Zeit hin/ biß in die Stadt/ da sie gleich im Wirthe hause viel Personen antraffen/ welche in einer benachbarten Stadt auf der Messe gewesen. Gelanor fragte/ ob was neues da- selbst passirte/ und da sagte einer diß/ der ander das. Endlich sagte ein Kerl der am schwar- tzen tzen G efieder fast einem Studenten aͤhnlich war/ er schaͤtzte sich gluͤckselig/ daß er eben diese Messe besucht haͤtte/ denn er habe einen treff- lichen Extract von allerhand wunderschoͤnen Tractaͤtgen außgesucht/ darauß er sich in al- len Facul taͤten perfectioni ren wolte. Gela- nor bekam ein Verlangen in die Rari taͤten zu sehen/ bat derhalben/ er moͤchte ihm doch etwas auf eine Viertel-Stunde communici ren. Der Student war willig darzu/ nur dieß ent- schuldigte er/ die Materien waͤren nicht nach ihren Facul taͤten und Disciplinen außgelesen/ sondern er wuͤrde alles wie Kraut und Ruͤben unter einander gemenget finden. Hiermit oͤffnete er seinen Kuffer/ und da fande Gelanor folgende Stücke/ welche wir in der Ordnung/ wie sie gelegen/ referiren wollen. 1. De tribus literis X. Y. Z. in antiquo lapide repertis. 2. De Abstractione abstractissimâ. 3. An spatium imaginarium sit substantia? 4. An Socrates intellexerit Quadraturam Circuli? 5. An Gymnosophistæ potuerint formaliter disputare? 6. De modo pingendi cucurbitas secundum proportionem Geometricam, tractatus sex. 7. An 7. An si mansissent homines in statu integri- ratis, excrementa eorum fœtuissent? 8. An Stolæ, quas Josephus fratribus dedit, fuerint holosericæ? 9. De Vaticinio Sauli Regis, cum esset inter Prophetas. 10. An Secta Mexicanorum propior sit no- stræ religioni, quàm Peruvianorum? 11. An si Papa Alexander III. non calcaverit cervicem Friderici Barbarossæ, Pontifex nililominus sit Antichristus? 12. Antres Reges sepulti sint Coloniæ? 13. Quomodo Chinenses expellere possint Tartaros? 14. An utile sit Regi Galliæ, ut parium pote- stas reducatur? Quæstio singularis. 15. An Imp. Justinianus Instit. de J. \& J. defi- niverit Justitiam particularem, an univer- salem? Dissertationes quinque. 16. Cur partus septimestris rectiùs admitta- tur quàm octimestris? 17. An Politica sit prudentia? Disputationes XXIII. 18. An fundi Dominus jus habeat altiùs tol- lendi usque in tertiam aeris regionem? 19. An licentia peccandi pertineat ad Jura Majestatis? 20. In 20. In quo Prædicamento sit litis contesta- tio, quod ejus proprium Genus, quæ opti- ma Definitio? Liber unus. 21. An mulier arcta non sit sana? 22. An passeres laborent epilepsia? 23. An lues Gallica fuerit in usu tempore Caroli M.? 24. Quomodo antiqui Japonienses curave- rint malum Hypochondriacum? 25. An vetulæ possint rejuvenescere? 26. De quartâ figurâ Galeni. Disputatio Medica. 27. Hippocrates resolutus per quatuot causas. 28. An pictor depingere possit ægrotum, ut ex imagine Medicus de genere morbi ju- dicare queat? 29. De origine Nili. 30. De Hominibus in Sole viventibus. 31. De legitimâ consequentiâ argumento- rum purè negativorum. 32. De ponte Asinorum, \& modo eum orna- tè depingendi, cum figuris æneis. 33. An ignis sit accidens? 34. An Darapti \& Felapton aliquid signifi- cent ex sua essentia? 35. An, si Metaphysica sit Lexicon Philoso- phi- phicũ, ea referenda sit ad Grammaticam? \&, si hoc concedatur, an ea tractanda sit in Etymologia aut in Syntaxi? quæstio- nes illustres XVII. 36. De discrimine Mahumetismi apud Tur- cas \& Persas \& an Sperandus inter eos sit Syncretismus? 37. De umbra Asini, disputatio optica. 38. An Asina Bileamilocuta fuerit Hebraicè? 39. An primi parentes deficiente adhuc ferro pedum manuumq́ue ungues dentibus aut silicibus abraserint? 40. An Judas Ischarioth rupto fune, quo se sulpenderat, inciderit lapidi aut gladio? 41. An Abelus ante mortem locutus sit cum Parentibus? 42. An Daniel Propheta intellexerit ludum Schachicum seu latrunculorum? 43. Utrum Bathseba an Susanna fuerit for- mosior? 44. De Modo acquirendi pecuniam. 45. An Ulysses projectus fuerit usque in A- mericam? 46. An Græci in, bello Trojano præcisè ha- buerint mille naves? 47. An Hollandi debeant tolerare piratas Africanos? I 48. An 48. An objectum Politicæ sint res omnes? 49. An Politica sit supra Metaphysicam? 50. An Romani antiqui gestaverint pileos, \& an rectiùs scribatur pilleus? 51. De perfectissima Rep. 52. An Asini annumerandi sint feris anima- libus? 53. An qui in duello læsus est ad necem, con- dere possie testamentum militare? 54. An apud Aurifabros quisquiliæ spectent ad Geradam? 55. An pecunia à sponso spontè perdita voca- ri debeat donatio ante nuptias? 56. An hodie inter Senatores retinenda di- stinctio, Illustrium, Superillustrium, Spe- ctabilium \& Clarissimorum? 57. An oppidana ancilla cum rustico con- cumbens per Se t um Claudianum, fiat ejus Nobilis subdita, cui subest rusticus? 58. An primicerius sit, qui secundicerium non habet? 59. An Autor noctium Atticarum vocetur Gellius aut Agellius? 60. Quis fuer it Merdardus, cujus mentionem in colloquiis facit Erasmus? 61. De usu quæstionum Domitianarum? 62. An Cicero usurpaverit vocabulum In- gratitudo? 63. 63. An, queadmodum dicitur Mus die Mauß/ sic dici queat Lus die Laus/ exer- citationes XX. 64. An crepitum ventris emittenti sit appre- canda salus? 65. Quatenus per vim Magneticam \& occul- tas qualitates solvi possint omnes diffi- cultates Physicæ? 66. An posita atomorum rotunditate sequa- tur vacuum in rerum natura? 67. An, quoties à muribus vivorum porco- rum adeps arroditur, aliqua simul devo- retur formæ substantialis particula? 68. An inter rusticum esurientem \& frustum panis aliqua sit anthipathia, sicut inter lupos \& oves? 69. Quoto grano adjecto fiat cumulus? 70. An per potentiam absolutam vulpes pos- sit esse anser? 71. De distinctionibus latè \& strictè, explicitè \& implicitè in omni disputatione adhi- bendis, Quæstiones selectiores. 72. An Lipsius de Constantia scribens habue- rit summum bonum? 73. De perfecte habea Hermolai Barbari Schediasma. 74. An puer sit dignus Auditor Ethices? \& I 2 an an quispiam ante duodecimum ætatis annum debeat corrigere septuaginta in- terpretes? opes posthumum. 75. An tot sint Prædicamenta, quod sunt hy- driæ positæ in Cana Galilææ. 76. An in ea disciplina, quæ docet, qui sit prædicamentum, explicari commodè pos- sit Prædicamentalitas? 77. De Steganographia Antediluvianorum, eorumq́ue obeliscis. 78. Quomodo Characteres nihil significan- tes per commodam explicationem ali- quid significare incipiant? Quæstiones curiosæ 79. De eadem omnium Linguarum scri- ptura. 80. De ritu assuendistultis tintinabula, cum notis perpetuis \& figuris. Gelanor suchte immer fort/ und vermeynte die Sachen waͤren nur als Maculatur oben angelegt. Doch als lauter solch Zeug nach einander folgte/ schmieß er den Bettel hin und nahm eine weissen Bogen Papier/ und schrieb oben drauff: Excerpta rerum utilium ex his tractatibus. Der Studente kam darzu/ und fragte/ wie ihm die Wercklein gefielen. Gela- nor sagte/ da habe er die besten Sachen her- aus gezogen. Dieser verwunderte sich/ wo er denn die Excerpta haͤtte/ doch bekam er zur Antwort/ man haͤtte nichts merckwuͤrdiges gefunden/ und also haͤtte man auch nichts ex- cerpi ren koͤnnen. Denn es ist warlich zube- klagen/ daß man auß dem Studieren lauter Eitelkeit macht/ und an statt der herrlichen Wissenschafften/ solche brodlose Grillenfaͤn- gereyen auf die Bahne bringt/ gleich als haͤtte man gar wohl Zeit darzu: daher ist es auch kein Wunder/ daß man bißweilen nicht gern ein Gelehrter heissen will/ auß Beysorge/ man moͤchte auch vor ein solch animal disputax \& æs tinniens gehalten werden. Es waͤre zu wuͤnschen/ daß mancher zu einem Bunde der- gleichen disputatio nen noch so viel Geld spen- dirte/ und liesse mit groben Buchstaben forn an druͤcken: NECESSARIA IGNORABIMUS, QUIA SUPERVACANEA DISCIMUS . Der Studente hoͤrte die Rede mit an/ und dachte/ der unbekante Praler verstuͤnde viel/ was ein rechtschaffener Gelaͤhrter wissen muͤ- ste/ packte darauff ein/ und reisete fort. CAP . XXII. G Elanor waͤre mit den Seinigen auch fort gereiset/allein er hoͤrte/ daß eine vor- J iij nehme nehme Stands-Person auff den andern Tag eben in dem Wirthshause abtreten wolte. Dieser zu Gefallen/ blieben sie zuruͤcke. Ge- gen Mittage kamen zween wohlmundirte Kerlen zu Pferde und bestelleten es nochmals/ daß in anderthalb Stunden alles solte parat seyn. Endlich folgte die gantze Suite, welche in etliche 20. Personen bestund. Der jenige/ welcher vor den Principal angesehen ward/ hielt sich sehr praͤchtig. Seine Diener/ wel- che zwar an Kleidern auch nichts mangeln liessen/ musten ihn als die halben Sclaven ve- neri ren. Ja als Gelanor, Florindo und die andern ihm mit einer tieffen reverenz bege- gneten/ that er nichts dargegen/ als daß er eine gnaͤdige Mine uͤber die Achsel schiessen ließ. Da war nun alles auf das kostbarste zuge- schickt/ wie denn der Wirth schon hundert Thaler auf die Hand bekommen/ daß er nichts solte mangeln lassen. Zu allem Ungluͤck hatte Florindo einen alten Diener der vor diesem der Kauffmanschafft war zugethan gewesen/ der kante diesen vornehmen Fuͤrsten/ daß er eines Kauffmanns Sohn auß einer wohlbe- kandten Stadt in Franckreich waͤre. Gelanor straffte ihn/ er solte sich besinnen/ in dem leicht ein Gesicht dem andern etwas koͤnne aͤhnlich seyn. seyn. Doch bestund dieser drauff/ und sagte darzu/er kenne wohl ihrer sechs auß der Suite, Der Fourirer sey ein Schneider/ der Mar- schalck sey etliche Jahr mit den Stapelherrn herumb gelauffen: die zween Hoffjunckern haͤttẽ sich zu seiner Zeit auf die Balbier-Kunst verdingt/ und moͤchten nun außgelernet ha- ben: ein Kammerjuncker sey ein verdorbener Kauffman/ und der Kutscher sey vor diesem bey einem von Adel Reitknecht gewesen. Sie betraueten ihn nochmals er solte wohlzusehen/ ehe er solche gefaͤhrliche Sachen gewiß mach- te: Aber er blieb dabey/ und bat/ man moͤchte ihm doch solche Thorheit nicht zumessen/ daß er etwas ohne allen Grund wuͤrde vorbrin- gen; Er wolle drauff leben und sterben. Nun waren etliche von Adel und andere Studen- ten im Gasthoffe/ welche des Knechts relati- on angehoͤret. Zu diesen sagte Gelanor, was duͤncket euch/ ihr Herren/ wollen wir dem neu- backenen Fuͤrsten die Herrschafft gesegnen. Er ist uns noch eine Complimente schuldig/ vor die Bicklinge/die wir gemacht haben/ die muͤssen wir nothwendig abfordern. Sie wa- ren allerseits willig darzu/ und versicherte sie der Knecht/ sie wuͤrden solche verzagte Beren- heuter antreffen/ daß es keiner sonderlichen J jv Gewalt Gewalt wuͤrde von noͤthen seyn. Sie gieñ- gen zu Rathe/ wie man die Sache am artig- sten anfangen moͤchte. Endlich sagte Eury- las, er wolle seinen Knecht vor einen Hoffnar- ren außgeben/ diesen moͤchten etliche dem Fuͤr- sten schencken. Gelanor wuste/ was dieser vor ein Kautz war/ und ließ sich den Anschlag gefal- len. Hierauff deputir ten sie etliche/ welche sich musten anmelden lassen/ als waͤren etliche Baronen, die Verlangen trügen/ Jh. Durchl. auffzuwarten. Mit genauer Noth konten sie vorkommen: doch war die Gnade hernach- mahls so groß/ daß sie bey der Tafel blieben. Unterdessen muste der Mahler mit den Fuͤrstl. Dienern bekandschafft machen und sie ausser dem Hause in einen Keller fuͤhren/ damit der Tumult nicht zu groß wuͤrde. Also stund nun der Hoffnarr vor dem Tische/ und machte einen lustigen Blick nach dem anderm biß der Fuͤrst fragte/ was diß vor ein Landsmann waͤ- re. Alsbald sagte einer/ es waͤre ein guter Mensch/ der bey hohen Personen condition suchte vor einen kurtzweiligen Rath auffzu- warten. Und damit war es richtig/ der Fuͤrst nahm ihn in Bestallung/ und fieng seine Kurtz- weil mit ihm an. Nun machte der Kerle wunderliche Possen/ Herr/ sagte er/ wolt ihr mein mein Vater seyn/ so will ich euer Sohn seyn/ gebt mir nur zu Fressen und zu Sauffen/ so soll es an meinen Kindlichen Gehorsam nicht mangeln. Aber/ Vater/ bistu nicht ein Narr/ daß du so viel Schuͤsseln auf dem Tische stehn hast. Kan sich einer meines gleichen an ein paar Gerichten satt essen/ so meynt ich/ du sol- test auch außkom̃en. Oder glaubstu es nicht/ so kom̃ her und weise auf/ wer den groͤsten Bauch hat. Jch habe wohl ein besser Fuͤrstlich Zei- chen/ als du. Die saͤmtlichen Bedienten lachten von Hertzen uͤber diesen neuen Pickel- hering/ doch sie kriegten auch ihr Theil/ denn er sagte/ Vater/ wz machstu mit dem Muͤssig- gaͤngern/ verlohnt sichs auch der Muͤh mit den Mast-Schweinen/ daß du so viel Tisch- geld vor sie giebst. Mein Rath waͤre/ du ver- suchst es etliche Wochen/ ob sie wolten lernen Heckerling fressen. Oder vielleicht kanst du sie gar zum Hungerleiden angewehnen wie ich meinen Esel. Der kunte die Kunst/ doch da er sie am besten inne hatte/ da starb er/ sonst solter vor den Tisch herkommen/ und solte da mit seinen Bluts-Freunden eines herum trin- cken: der F uͤrst ließ sich die freymuͤtige Natur des jungen Kerlen wohl gefallen/ und vertiefte sich mit ihm in einen Discurs, welchen wir b e- J v que- quemerer Erzehlung halben hersetzen wollen Der F uͤrst mag Sinobie, der Narr Pizlipuzli heissen. Hoͤre/ wenn du wilst mein Sohn seyn/ must du dich im Reden besser in Acht neh- men. Ey Vater laß du mich ungehoffmeistert/ du verstehest viel/ was zu einem Narren er- fodert wird. Nun du wirst es machen/ aber sag uns doch/ wie heist du. Jch habe keinen Namen. Aber/ Vater/ sa- ge du mir/ wo ist dein Land. Das wirstu Zeit genug er fahren. Vater/ du wirst ohne Zweiffel sehr reich seyn/ ich hoͤre der Pfeffer und Jngwer/ Streusand/ Bindfaden und Loͤschpapier wachsen in deinem Lande/ wie anders wo die Tanzapffen. O du alberner Tropff. Ey nun Vater/ ich frage/ wie ich es ver- steh. Aber was soll ich denn vor ein Aemt- gen kriegen/ wenn du in deine Residenz wie- der koͤmmst. Du sollst F utter Marschalck uͤber die Ca- narien Voͤgel werden. Ach Vater/ mache du mich zum F utter- Mar- Marschalck uͤber den Zucker Kasten/ und gib mir eine Moͤrsel-Keule in die Hand/ daß ich laͤuten kan/ wenn mir was fehlt. Ein schoͤn Aemptgen. Aber warumb heist du deinen Vater du? Je sieh doch/ es verlohnte sich mit so einem neubackenen — Vater/ daß ich ihm grosse Titel gãbe. Doch wo du mir sagst/ wie weit dein Land von hier ist/ so will ich dich 12. mahl Jhr heissen. Es ist so weit von hier biß dorthin/ als von dort biß hieher. Vater/ das haͤtte mir ein klug Mensch ge- sagt. Scheint es doch/ als wārestu auch einmahl ein Kurtzweiliger Rath gewesen/ huy daß sich das Blaͤtgen umbkehrt/ ich werde Fuͤrste/ und du wirst Narr. Du solst dich wohl schicken. Vater denckstu denn/ daß du dich so wohl in den Fuͤrsten Stand schickest/ wenn ich nicht gewiß wuͤste/ daß du ein vornehmer Herr waͤrest: so schaͤtzte ich dich auß deinen Minen vor einen Tabackpfeiffenkraͤmer. Ey du respecti rst deinen Herrn Vater schlecht. Es ist ja wahr. Frage nur deinen Cam- merdiener/ was du vor Reden im Schlaffe fuͤhrest J vj Sin. Was sag ich denn? Jch habe nichts gehoͤret/ aber der Cam- merdiener spricht/ du kanst kaum einschlaf- fen/ so ruffstu: Heinrich/ wo ist die Wage? ach fuͤrwar es ist ohn dieß halb geschenckt/ noch sechs Pfennige auf das Loth/ nun vor dießmahl mag es hingehen. Heinrich/ wo ist der F aden/ ꝛc. Gelanor stund mit der gantzen Compa- gnie vor der Thüre/ und hatten ihre sonderli- che Freude an dem vortrefflichen Fuͤrsten. Doch mochten die letzten Reden zu empfind- lich seyn/ daß er solche mit einem Nasenstuͤber belohnen wolte: Aber der gute Pizlipuzli fieng an zu schreyen/ und der vermeynte Ba- ron/ der den Narren recommendirt hatte/ gab sein Wort auch darzu. Monsieur Printz/ sagte er/ lasset den guten Menschen unberuͤhrt/ oder es wird sich einer angeben/ der euch tra- cti ren soll/ als den geringsten auf der gantzen Welt. Der F uͤrst sahe sich umb/ und be- gehrte/ man solte seiner Gnade nicht mißbrau- chen: Er haͤtte Diener/ die ihn leicht darzu bringen koͤnten/ daß er seine Unbesonnenheit bereuen muͤste. Was/ replicir te dieser/ sollen diese elende Creaturen mich darzu zwingen? so muß ich zuvor tod seyn: schmieß darauff ein Glaß Glaß mit Wein vor dem Fuͤrsten auf den Tisch/ daß ihm der Wein in das Gesichte spritzete. Jndem trat Gelanor mit den Sei- nigen in die Stube/ der F uͤrst sahe sich nach seinen Leuten uͤmb: Aber sie sassen bey dem Mahler in dem Weinkeller/ und truncken ih- res Fuͤrstens Gesundheit: und also war Noth vorhanden. Kurtz von der Sache zu reden/ der Printz kam in das Gedraͤnge/ daß er mehr Maulschellen einfraß/ a l s er Untertha- nen hatte. Seine Junckern machten sich bey Zeiten darvon/ und nahmen mit etlichen Creutzhieben vorlieb/ doch der Principal mu- ste außhalten. Da war nun alles preiß/ die Kasten wurden zerschmissen/ die Fuͤrstlichen mobilia in den Koth getreten/ die schoͤnsten Kleider in Stuͤcken zerschnitten/ das Geld theilten die Diener unter sich/ und ob schon der Wirth sein bestes zum Frieden sprechen wol- te; muste er doch Knebel inne halten/ weil er leicht etliche Tachteln haͤtte koͤnnen davon tra- gen. Endlich kam Florindo über das F uͤrst- liche Archivum, welches in einem Beykaͤstgen gantz heilig auff gehoben war; da waren nun unterschiedene Wechselbrieffe/ absonderlich etliche Frantzoͤsische Schreiben/ darinn der Kauffmann seinen Sohn ermahnete/ er solte J vij sich sich nur resolut halten/ an Gelde solte kein Mangel seyn. Ho ho/ sagte Eurylas / ist es umb die Zeit/ dem ehrlichen Manne ist gewiß bange/ wo er mit dem Gelde hin soll. Jch halte/ es wird sich am Ende außweisen/ daß arme Witwen und waysen oder sonst gute Leute werden darben muͤssen/ was dieser Pra- cher in seinem Fuͤrstenstande so liederlich und unverantwortlich durchgebracht hat. Nun waͤre noch viel zu schreiben/ was vor eine Pas- sion mit dem Fuͤrsten gespielet worden: was er vor Beschimpffungen eingefressen/ was er vor Stirnnippel auf die Nase genommen/ wie zierlich die guͤldenen Spitzen auf seinem Sil- berstuͤck/ das nun lauter stuͤcke war/ herumb gebaumelt; doch ruffte der Wirth die Obrig- keit umb Huͤlffe an/ daß letztlich hundert Buͤr- ger kamen/ und die Comœdie zerstoͤrten/ wie- wohl dem F uͤrsten zum schlechten Trost/ weil er bey Erkaͤntniß der Sache/ mit in das Loch wandern/ und biß auf des liberalen Vaters kostbare Außloͤsung allda verpausiren muste. Was nun weiter vorgelauffen/ darumb haben sich die andern nicht viel bekuͤmmert/ ohn daß sie leicht geschlossen/ er wuͤrde brav in die Buͤchse blasen muͤssen. Also machte sich Ge- lanor mit den seinen auf den Weg/ und zogen auf die Messe. CAP. CAP . XXIII. D A fiel nun nichts merckwuͤrdiges vor: dann was gemeiniglich pflegt vor zuge- hen/ ist unvonnoͤthen zu erzehlen. Ob zum Exempel einer feil gehabt/ und die Wahren gerne doppelt theuer haͤtte verkauffen wollen; der andere noch zehenmahl lieber uͤmb das halbe Geld noch einmahl so viel kauffen wol- len/ diese und dergleichen Haͤndel gehen allzeit vor. Da geht ein Narr/ und vertroͤdelt das Geld beym Frantzosen: der haͤnckt es einem Jtaliāner auf; der will die Hollaͤnder gern reich machen. Einer kaufft die Schlesische Leinwad bey einem Niedersachsen; die West- phalischen Schincken bey einem Thuͤringer; den Reinischen Wein von einem Holsteiner; die Wuͤrtze bey einem Pohlen; die Nuͤrnber- ger Wahre bey einem Schlesier: Alles umb- gekehrt und umb das doppelte Geld. Doch wer wolte dergleichen Dinge auffschreiben. Miracula assiduitate vilescunt. Ein Pos- sen trug sich zu/ der Lachens werth ist. Dañ da war ein Kerle/ der sich gern bey dem F rau- enzimmer wolte beliebt machen/ aber er hatte eine gantz unangenehme Sprache/ und abson- derlich konte er das R. nicht außsprechen/ son- dern schnarrte/ wie eine alte Regalpfeiffe/ die ein ein stuͤcke von der zunge verlohren hat. Die- ser hatte sich lassen weiß machen/ es waͤre in ei- nem Gasthoffe ein alter Doctor, der solchem vitio lingvæ gar leicht abhelffen koͤnte. Nun glautbe der gute Mensch der Relation, und kam eben dahin/ wo unsere Compagnie ihr Qvartier auffgeschlagen hatte. Eurylas stun- de im Hause/ und konte in seinem Schimmel- kopffe wol gar vor einẽ Doctor mit lauffen. Zu diesem verfuͤgte sich der Patient/ und klagte ihm seine Noth/ welcher Gestalt er mit so ei- nem vexierlichen Malo behafftet/ dadurch er offt bey dem Frauenzimmer in sonderliche Verachtung gerathen waͤre/ dann da koͤnne kein Koͤnigsspiel/ oder des Pfandaußloͤsens oder sonst etwas gespielet werden/ so muͤste er herhalten. U nlaͤngst habe ihm eine Jungfer auffgelegt/ er solte sechs mahl in einem Athem sprechen; drey und drey ßig gebratene Erffur- ter Nuͤrnberger oder Regenspurger Brat- wuͤrste: Und da sey ein solch Gelaͤchter ent- standen/ daß er bey sich beschlossen/ nicht eher in eine Gesellschafft zu kommen/ als biß er dem Gebrechen gerathen wuͤste. Nun habe er den Hr. Doctor wegen der gluͤckseligen Curen ruͤhmen gehoͤrt/ also daß er seine Zuflucht zu keinem andern nehmen koͤnne/ baͤte nur mit der- derselben dexteri taͤt/ dadurch er vielen behuͤlff- lich gewesen/ auch seiner gegenwaͤrtigen Noth beyraͤthig zu erscheinen. Eurylas, der keinen Possen außschlug/ wann einer zu machen war/ hoͤrte den Menschen mit grosser Gedult/ und bließ die Backen so groß auf/ daß man ge- schworen haͤtte/ er waͤre ein Doctor . End- lich als er reden solte/ sagte er/ mein F reund/ ich bin deswegen da/ ehrlichen Leuten auffzu- warten. Jch weiß mich auch zu besinnen/ daßich unteꝛschiedene Personen von dem gros- sen Gebrechen der Zunge befreyet habe. Al- lein der Herr koͤmmt mir zu alt vor/ daß ich nicht glauben kan/ als wuͤrde er die Schmer- tzen daꝛbey außstehen. Dann er dencke selbst nach/ wann einem die Zunge auf das neue soll geloͤset werden/ so muß das Fleisch im Rachen noch jung seyn. Gleichwohl dieser Reden ungeacht/ bat der gute Kerle Himmelhoch/ er moͤchte sich doch uͤber ihn erbarmen; er haͤtte sein gantz Vertrauen auf ihn gesetzt/ und wolte er nun nicht hoffen/ als solte diese seine Hoff- nung zu Wasser werden. Kurtz/ das Bitten waͤhrte so lang biß sich Eurylas resolvir te/ ei- nen Doctor zu agi ren/ und dem Menschen das Schnarren zu vertrejben. Allhier wird man- cher Medicus lachen/ als waͤre diese Cur wohl mit mit Schanden außgeführet worden/ und ich frage den Kluͤgsten unter allen/ und wann er sich bey einem Comite Palatino haͤtte crei ren lassen/ was haͤtte er wohl in dergleichen casu verordnen wollen/ gelt er weiß nichts? Und wann Eurylas mit seinem Specifico wird auff- gezogen kommen/ so wird es ihm gehen/ wie dem Columbo mit seinem Ey/ das konte nie- mand zu stehen machen: Aber als er es auf die Spitze schlug/ konten es alle nach thun. Nun wir wollen sie rathen lassen/ und unter- dessen etwas anders erzehlen. Es waren/ wie in Messen zu geschehen pflegt/ viel fremde Leute in dem Gasthofe beysammen. Unter andern war ein junger Mensch/ der in seinem Sam- metpeltze was sonderliches seyn wolte/ dieser kam zum Wirthe/ und begehrte/ man moͤchte ihm die Oberstelle geben/ sonst habe er nicht in willens bey Tische zu bleiben. Er sey eines vornehmen Mannes Sohn/ mit welchem sich die andern nicht vergleichen duͤrfften. Der Wirth sagte/ er habe damit nichts zu thun/ die Gaͤste moͤchten sich selbst ordnen/ so gut sie wolten: doch gieng er zu etlichen und gedachte/ was dieser gesucht haͤtte. Gelanor lachte der eiteln Thorheit des Menschen: dann so fern an allen Orten die præceden tz Streite nicht nicht zu verwerffen sind; so ist es doch Eitel- keit/ daß man die Narrenkappe im Wirths- hause suchen will/ da ein ieder oben an sitzt/ der Geld und gute Qualitaͤten hat. Nun sie legten es mit einander ab/ wie sie den ehrsuͤch- tigen Kerlen wolten zu schanden machen/ drumb als die Mahlzeit fertig war/ und des Wirths kleiner Sohn vor dem Tische gebe- tet hatte/ stunden sie gantz stille/ und sahen ein- ander an/ gleich als wuͤsten sie nicht/ wer der vornehmste waͤre. Der gute Stutzer wolte sich den Zweiffel zu Nutz machen/ und sagte/ Messieurs, es nehme ein jeder seinen Platz/ satzte sich hierauff an die Stelle/ die sonst vor die Oberste an der Tafel pflegt gehalten zu werden. Gelanor mit den seinigen satzten sich auch/ und machten die vornehmste Reihe von unten auf/ daß der Mahler und etliche lumpichte Diener/ die sonst haͤtten auffwarten muͤssen/ neben dem Ju u cker oben an zu sitzen kamen/ der Vorschneider nahm es auch in Acht/ daß der Unterste sein Stuͤck zu erst kriegte: was solte der gute Kerl oben anfan- gen/ sein. Wille ward erfuͤllet/ er hatte die Stelle selbst außgelesen/ denen andern stund frey zu sitzen wo sie wolten: Also ließ er etliche Gerichte vorbey gehen: als dann stund er auf/ und und nahm seinen freundlichen Abschied. Hier- auff erhub sich ein trefflich Gelaͤchter/ und sagte Gelanor, ist das nicht ein barmhertziger Geelschnabel mit seinem vornehmen Vater/ waͤre der Vater selbst hier/ und es traͤffe ein/ was der Sohn vor ein Zeugniß giebt/ so wol- ten wir sehen/ ob wir ihn vor den vornehmsten in der Compagnie koͤnten passi ren lassen. A- ber wie koͤmmt der Haußfeix darzu/ daß er sich in allem mit dem Vater vergleichen will. Der Vater mag vielleicht 50. Jahr alt seyn; ist denn deßwegen dieser elende Sechzehn- pfenniger auch so alt. Es heist/ folge des Vaters Thaten nach/ und laß dirs so saur werden/ so wird die Ehre ungedrungen und ungezwungen darzu kommen. Mit der Ehre ist es so beschaffen: Quod sequitur fugio, quod fugit ipse sequor . Solche discursen fielen vor/ also daß sie nicht einmahl gedachten/ wo der schoͤne Vater- Sohn seine affront verfressen wuͤrde. CAP . XXIV . J Mmittelst begunte einem am Tische sehr uͤbel zu werden/ weil er den vorigen Tag einen einen ziemlichen exceß im trincken begangen/ und also den Magen schaͤndlich verderbt hatte/ dem rieth Gelanor, er solte sich eine Schale ge- gluͤeten Wein bringen lassen/ dadurch er den Magen wieder erwaͤrmte. Solches war beliebt/ und brachte der Wirth eine gantze Kanne voll/ darauß er in eine Schale einschen- cken kunte. Nun saß ein vernaschter Kerl darbey/ der alsobald meynte/ er muͤste sterben/ wann er nicht alles beschnopern solte. Die- ser gab allzeit Achtung drauff/ wañ der Nach- bar auf die Seite sah/ und wischte stracks uͤ- ber die Schale/ und nippte einmahl. Eury- las merckte es/ und gedachte stracks den Naͤ- scher zu bezahlen: dann er stellte sich/ als waͤre ihm auch nicht wohl/ und ließ etliche einge- machte Quitten holen: doch hatte er dem Die- ner befohlen/ daß er eine außhoͤhlen/ und mit Saltz und Pfeffer fuͤllen solte. Es gieng an/ Eurylas saß in seiner Grandezze und aß Qvit- ten: der gute Schlucker gegenuͤber verwand- te kein Auge von ihm/ und hatte groͤssere Lust als eine schwangere Frau: nur dieses war so klaͤglich/ daß er kein Mittel sahe/ wie er dar- zu kommen solte. Endlich als lucta carnis \& spiritus lange genug gewaͤhret hatte/ sagte er/ Monsieur, er vergebe mir/ ich kauffte ge- stern stern eben dergleichen Qvitten/ die waren nicht wehrt/ daß man sie solte zum Fenster hinauß werfen/ ich muß doch versuchen/ ob die- se besser seyn? Eurylas ruͤckte ihm die recht- schuͤldige vor/ und da war der arme Schlu- cker so geitzig/ als wolte ihm iemand die Qvit- ten nehmen/ und steckte sie auf einen Bissen in das Maul. Da saß nun mein, Narr/ und empfand einen Geschmack in der Kehle/ daruͤ- ber er haͤtte vergehen moͤgen. Anfangs zwar wolte er den Possen vor den andern verber- gen; Aber es erfolgte ein trefflicher Husten/ der ihm die Thraͤnen zu den Augen/ und ich weiß nicht/ was zu dem Halse herauß trieb. Eu- rylas stellte sich unterdessen als haͤtte er kein Wasser betruͤbt/ und fragte etlich mahl/ ob ihm irgend ein Qvittenkern waͤre in die unrechte Kehle kommen. Doch wuste der gute Mensch am besten/ wie ihm zu Muthe war/ und stunde vom Tische auff/ dem die andern auch folgten. Als nun Eurylas bey dem Gelanor und Flo- rindo allein war/ und den Possen erzehlte/ folgte diß Morale darauff/ es solte sich nie- mand mercken lassen/ was er gern haͤtte: ab- sonderlich solte man lernen an sich halten/ wañ ja etwas waͤre/ daß fein und annehmlich auß- saͤhe/ nach dem Reimen des alten Philippi Me- lanch- lanchthonis, was mir nicht werden kan/ da wende mir Gott mein Hertz davon. Uber dieß gedachte Gelanor an ein Buch/ welches er bey einem guten Freunde/ geschrie- ben gesehen/ mit dem Titul der Politische Naͤscher. Florindo sagte/ es wäre Schade/ daß diß Scriptum nicht solte gedruckt werden. Ach/ sagte Gelanor, es ist ietzund so ein Thun mit dem drucken/ daß mancher schlechte Lust darzu hat. Es wendet ein ehrlicher Mann seine Unkosten drauff/ daß er zu einem Buche koͤmmt; hernach wischt ein obscurer Beren- heuter herfuͤr/ dem sonst die liebe Sonne eher ins Haus kommt/ als das Liebe Brod/ der druckt es nach und zeucht entweder den Pro- fit zu sich/ oder zum wenigsten verderbt er den Ersten/ dem es von Gott und Rechtswe- gen zukoͤmmt. Und gewiß hieran redte Ge- lanor nicht unrecht. Denn man hat es biß- her etlichmahl erfahren/ wie ein und ander Buch alsobald hat muͤssen nachgedruckt wer- den. Unlaͤngst sind etliche Bogen herauß- kommen/ darinn von den dreyen Hauptver- derbern in Teutschland gehandelt wird. Al- lein der GUTE Kerle ist mehr als bekandt/ der solches zu sich gezogen/ und moͤchte er kuͤnfftig/ wenn die vornehmen Narren vorbey/ wohl wohl mit einer sonderlichen Narren-Kappe bedacht werden. Jezunder ist er noch zu GUTH / oder daß ich recht sage/ zu geringe darzu. Nun wir kommen zu weit von der Sache. Wiewohl ietzt haͤtten wir Zeit ge- nug etwas zu reden/ denn es war schon tieff in die Nacht/ daß alle zu Bette giengen/ und sich umb die Narren wenig bekuͤmmerten. Also wuͤrden wir verhoffentlich keinen verstoͤren. Doch es ist auch Zeit/ daß wir zu Bette gehn/ Morgen soll was bessers erfolgen/ diesen A- bend hiesse es Interdum magnus dormitat Homerus. Gute Nacht. CAP . XXV . D Och wir werden nicht lange schlaffen/ denn es gibt schon etwas neues zu schrei- ben. Eurylas hatte die Qvitten zu sich ge- nommen/ und mochte etliche Truͤncke Bier drauff gethan haben/ also daß er vocation kriegte/ dasjenige zu verrichten/ welches der Roͤmische Keyser in eigener Person/ und nicht durch einen Ambassideur, thun muß. Nun muste er den Gang hingehen/ und ward beim Mondenscheine gewahr/ daß ein Mann/ der bey bey Tische erbar genug außgesehen/ sich zu der Mago gefunden/ und ihr mit so freundlichen Worten begegnete/ als haͤtte er ein Luͤstgen/ die Hollaͤndische Manier zu versuchen. Eurylas behorchte sie ein wenig/ und nach ab- gelegter Expedition kam er in die Kammer und erzehlte es seinen Schlaffgesellen. Ge- lanor empfand in seinem Gemuͤthe einen son- derbahren Abscheu/ und sagte/ pfuy dich an mit der Pestie. Muß der Kerle nicht ein Narr seyn/ daß er offentlich zwar die Erbarkeit spie- len kan; heimlich aber sich an einen solchen Schandnickel henckt/ die doch nichts anders ist als communis matula da Kutscher und F uhrleute ihren uͤberfluͤssigen Unflath hin- schuͤtten. Denckt denn der boͤse Mensch nicht zuruͤcke daß er zu Hause eine Frau hat/ die mit solcher Untreu hoͤchst beleidiget und betro- gen wird? Und ich halte nicht/ daß er hier viel- mehr delicatesse wird angetroffen haben/ wo ihn die naͤrrische Einbildung nicht secundirt hat/ daß er im Finstern Kuͤhmist vor Butter angegriffen. Er fuhr in dieser Rede fort biß ihm der Schlaff den Mund verschloß. Fruͤh konte er die Schande noch nicht vergessen/ und als der Wirth in die Stube kam/ sagte er/ wie daß er von der Mago dergleichen Leicht- K fertig- fertigkeit in acht genommen/ welche nicht doͤrffte ungestrafft bleiben. Der Wirth lachte/ und gab zur Antwort/ er koͤnte die Maͤgde nicht huͤten/ wann sie ihre Arbeit thaten/ waͤre er zu frieden: wolten sie im uͤbrigen die Nacht sonst anwenden/ und ein Trinckgeld verdienen/ so gienge ihm an der Tags Arbeit nichts ab. Und darzu wolten sie sich etwas zimmern las- sen/ moͤchten sie zusehn/ wo sie einen Ammen- dienst antreffen/ er wolte sehen/ wo er andere Maͤgde kriegte. Gelanor verwieß ihm/ daß er hierinn dem Ampte eines rechtschaffenen Haußvaters nicht nachkaͤme/ indem er von Gott darzu gesetzt waͤre/ daß er in dem Hause alles erbar und zuͤchtig regieren solte. Auf die Masse wuͤrde er selbst nicht viel bes- ser als ein Huren Wirth. Der ruͤmpffte die Nase/ und sagte/ wenn er so scharff verfah- ren wolte/ wuͤrde er wenig Gesinde behalten. Gelanor sagte weiter/ wenn es ia mit den Maͤgden nicht so viel zubedeuten haͤtte/ so waͤre es doch zu beklagen/ daß manch unschuldiges Blut durch solche Betzen in sein zeitlich und ewigs Verderben gestuͤrtzet wuͤrde. Abson- derlich waͤre es schrecklich/ daß sich auch Ehe- maͤnner auß solchen Mistpfuͤtzen ableschen wolten. Der Wirth zog die Achsel ein/ und meyn- meinte/ man duͤrffte in dieser Welt nicht alles so genau suchen/ es waͤre der gemeine Lauff al- so/ und welcher ohne Suͤnde waͤre/ moͤchte den ersten Stein auf solche Leute werffen. Es waͤren in der Stadt wohl vornehmere Leute/ die dergleichen Sachen thaͤten/ und die es als hochvernuͤnfftige Menschen nicht thun wuͤr- den/ wenn es wahr waͤre/ daß man eben um ei- ner solchen Lust willen muͤste zur Hoͤllen fah- ren. Gelanor sagte darauff; es ist nichts de- sto besser/ daß vornehme Leute/ durch ihr aͤr- gerlich Exempel/ den andern Anlaß zu suͤndi- gen geben; doch wenn der Teufel die Grossen hohlen wird/ so moͤgen die kleinen sehen/ hinter welchem sie sich verstecken wollen: Entweder Gott muß zum luͤgner werden/ oder die Wor- te stehen noch feste/ daß die Hurer und E- hebrecher Gott richten wird/ und daß diejenigen/ welche die Wercke des F leisches vollbringen/ das Reich Gottes nicht erer- ben sollen; aber wer bedenckt diß schreckliche Gericht? und gleich wohl bilden sich die unver- staͤndigen Blindschleichen groß Gluͤck ein/ ja Gott hat es wohl Ursache/ daß er euch freund- lich tractiren solte/ indem ihr mit seinen Gebo- ten so hoͤfflich wisset uͤmbzugehen: Blitz und Donner/ Pestilentz und theur Zeit/ Krieg und K ij Blut- Blutvergiessen haͤttet ihr verdienet/ wann nicht etliche arme Kinder/ die vielleicht ihr Brod vor den Thuͤren suchen/ durch ihr Va- ter unser den Himmlischen Vater noch beweg- ten/ daß er umb zehen Gerechter willen dieses Sodoma nicht verderbte. Der Wirth/ der sonst im Geschrey war/ nicht daß er wie Elisa- beth unfruchtbar/ sondern daß er hier und da gar zu fruchtbar waͤre/ hatte keinen Gefallen an der, Predigt: Stellte sich derhalben/ als muͤ- ste er weggehẽ und fragte kuͤrtzlich/ ob sie noch etwz zu bestellen haͤtten. Gelan . begehrte man moͤchte ihm doch einen Schneider verschaffen/ der mitgienge/ weñ sie zu Kleidern einkaufften. Der Wirth versprach einen koͤstlichen Mei- ster in einer halbẽ Stunde mit zubringen. Jn- dessen legte sich Gelanor und Florindo an das Fenster und sahen/ was auf der Gasse neues vorlieff/ weiln ein vornehmer Fuͤrst gleich fort gereiset/ dem zu ehren etliche Compagnien Buͤrger auffgezogen waren: die schossen in der zuruͤckkunfft ihre Musqueten loß/ und platz- ten daß es vor frembden Leuten eine Schan- de war. Unter andern wolte ein armer Ta- geloͤhner/ der vor einen andern Buͤrger auff- zog/ seine Buͤchse auch versuchen: Aber als er es knallen hoͤrte/ erschrack er so hefftig/ daß er er die Buͤchse in die Pfuͤtze fallen ließ. Flo- rindo fieng an zu lachen/ daß der Narr nicht sein Platzen bleiben liesse/ wann ers nicht bes- ser gelernet haͤtte/ doch hatte Gelanor gar an- dere Gedancken darbey/ der sagte: Mein Florindo, was wolt ihr den armen Menschen außlachen/ der ehe hat schiessen wollen/ ehe er es gelernet hat? Geht es nicht in der gantzen Welt also her/ daß einer ein Ampt begehrt/ darauff er sich sein Lebetage nicht geschickt hat: Gott gebe er lasse darnach die Buͤchse fallen/ oder lasse sich vor die Ohren schlagen/ daß ihm der Kopff brummt. Jch kenne Priester, die wenig an das Predigen gedacht haben: wie viel sind Juristen/ die ihren Volckmann nicht eher auffgeschlage/ als biß sie keine Bratw urst im Hause gehabt/ und auß Noth advociren muͤssen? da wird ein Professor Mathematum, der sich bey Antritt der Profession den Eucli- dem erst kauffen muß. Ein ander wird Pro- fessor Poeseos der sich selbst verwundert/ wo er zum Poeten worden/ und dem die saͤmptli- chen Studenten nach singen. Quid mirum? Si septipedem versum facit ipse Professor. Wie sich mancher Officirer in den Krieg schickt/ist mehr als zu bekandt. Wie mancheꝛ K iij Kauff- Kauffmañ mit seinẽ Soñen-kraͤmgen zu rech- te kom̃t/ das sieht man alle Tage. Absonder- lich ist in dem Buͤcherschreiben so eine Menge/ die fast im Franckfurter Catalogo nicht mehr Raum hat/ und doch wenn man die Liederli- chen Tractaten mit den stoltzen Titeln ansieht/ so haͤtte mancher moͤgen zu hause bleiben/ ehe er in der That erwiesen/ daß er sich zum Buͤ- cherschreiben schicke/ wie die Kuh zum Orgel- schlaggen. Jn solchen Reden vergieng eine Stunde nach der andern/ und verwunderten sich alle/ wo doch der Schneider blibe. Endlich kam er/ und entschuldigte sich/ er haͤtte gerne eher kommen wollen; allein es sey ihm im Heraußgehen zu erst eine alte Frau begegnet/ und weil er auß der Erfahrung wuͤste/ daß sol- ches lauter Ungluͤck bedeute/ so habe er noth- wendig muͤssen zuruͤcke gehen. Gelanor lachte uͤber die Entschuldigung/ und weil es bald Tischzeit war/ bestellte er den Schnipschnap nach der Mahlzeit wieder zu sich. CAP . XXVI . U Ber dem essen gedachte Gelanor an den alten Gaͤnse-Glauben/ welchen er an dem Schneider observiret, und belustigte sich treff- trefflich mit der Einfalt der Menschen. Doch hoͤrte er/ daß dergleichen Aberglauben so- wohl bey vornehmen/ als gemeinen Leuten in den Schwange gingen. Denn da war ein fremder von Adel/ der erzehlte folgendes. Mein Herr/ sagte er/ wird hier zu Lande nicht viel be- kandt seyn/ denn sonst wuͤrde er von solchen Albertaͤten etwas erfahren haben: Jndem die Leute auf die lauteren Einbildungen mehr halten/ als auf GOttes Wort. Da geht mancher und will GOttes Befehl zur schul- digen Folge in die Kirche gehn. Doch weil ihm eine alte F rau begegnet/ so muß GOttes Befehl nachbleiben/ warumb? Es ist nicht gut. Da liesse sich mancher eher erschlagen/ ehe er durch zwey Weibes Personen durch gienge: Ein ander zeucht sein weiß Hembde am Montage an/ und gienge lieber nackend/ als daß er sich am Soñtage solte weiß anzie- hen: etliche halten den Tag/ auf welchen der ehrliche Sanct Velten gefaͤllig ist/ durch das gantze Jahr vor Fatal/ und nehmen an dem- selben nichts vor: ich kenne Leute/ die stehn in der Meynung/ wenn sie nicht an der Ascher- mittwoche gelbe Muß/ am Gruͤnendonnersta- ge ein gruͤn Kraut von neunerley Kraͤutern/ an der Pfingstmitwoche Schollen mit Knob- K jv loche loche fressen/ und wuͤrden sie noch dasselbe Jahr vor Martini zu Eseln. Und was sol ich sagen von Braut und Braͤutigam/ woß sie mehrentheils vor Sachen mercken muͤssen. Da sollen sie dicht zusammen treten/ wann sie sich trauen lassen/ daß niemand durch sehen kan: da sollen sie den Zapffen vom ersten Bier- oder Weinfasse in acht nehmen: da sollen sie zugleich in das Bette steigen/ ja was das Pos- sirlichste ist/ da soll sich der Braͤutigam wohl gar in einer Badeschuͤrtze trauen lassen. Mit einem Worte der Haͤndel sind so viel/ daß man ein groß Buch davon schreiben koͤnte. Gelanor fragte/ was doch solche Aberglau- ben muͤsten vor einen U rsprung haben? Dieser sagte/ ich habe den Sachen offt mit verwun- derung nachgedacht/ und befinde zwar/ daß etliche auß blossen Possen vorgebracht/ und hernach von einfaͤltigen Leuten im Ernste ver- standen worden: Da naͤhme mancher nicht viel Geld und wuͤschte das Maul an das Tischtuch/ deñ es heisst: wer das Maul an das Tischtuch wischt/ der wird nicht satt. Ja wohl moͤchte ein Narr hundert Jahr wischen/ er solte doch vom wischen nicht satt werden. Jngleichen sprechen sie/ es sey nicht gut/ wenn man das Kleid am Leibe flicken liesse. Und mancher lieffe lieber durch ein Feuer/ als daß er sich er sich einen Stich liesse am Leibe thun: doch ist es nicht Thorheit/ wenn es gut waͤre/ duͤrff- te man es nicht flicken. Was vor Haͤndel geglaubt werden/ wie man thun solle/ wenn ein Wolff oder ein Hase uͤber den Weg laͤufft/ ist verhoffentlich bekandt: denn wenn der Wolff davon laͤufft/ ist es ein besser Zeichen/ als wenn er da bleibt. Aber laͤufft der Hase davon/ so ist es ein boͤse Zeichen/ daß er nicht soll in der Schuͤssel liegen. Jngleichen ist an etlichen Orten der Brauch/ daß sie das Brod/ welches zu letzt in den Backoffen geschoben wird/ sonderlich zeichnen/ und es den Wirth nennen/ da halten sie davor/ so lange der Wirth im Hause sey/ mangele es nicht am Brodte/ und glauben derwegen/ wenn das gezeichnete Brod vor der Zeit angeschnitten wuͤrde/ so muͤste theuer Zeit erfolgen. Doch es sind Thorheiten/ so lange das Brod da ist/ man- gelt es nicht. Wie jener liesse sich einen Zwey- er in die Hosen einnehen/ und ruͤhmte sich er haͤtte stets Geld bey sich. Doch darff man alle Aberglauben auf solche possirliche Außle- gungen nicht fuͤhren. Das meiste kommt mei- nes erachtens daher/ weil die Eltern ihren Kin- dern ein und ander Morale haben wollen bey bringen/ und haben ihren Kindischen Ver- K jv stan- stande nach eine Ursache beygefuͤget/ welche doch hernachmals vor wahr angenommen und in der Welt als eine sonderliche Weisheit fort gepflantzet worden. Zum Exempel/ es steht unhoͤflich/ wann man auf alles mit den F ingern weiset. Drumb hat ein Vater un- gefehr wider sein Kind gesagt/ bey leibe weise nicht mit dem Finger/ du erstichst einen Engel. Solches ist von dem Kinde auffgefangen/ und auf die Nachkommen gebracht worden/ daß ietzund mancher nit viel Geld nehme/ und wiese mit dem Finger in die Hoͤh/ wenn es auch die hoͤchste Noth erforderte. Jngleichen weiß ein iedweder/ wie gefaͤhrlich es ist/ wenn man das Messer auf den Ruͤcken legt/ denn es kan ein ander leicht drein greiffẽ/ und sich Schaden thun/ drum hat der Vater gesagt/ liebes Kind/ lege das Messer nicht so/ die lieben Engel tre- ten sich hinein. Nun ist der Glaube so einge- rissen/ daß ich einen Priester in einer vorneh- men Stadt kenne/ der in einem Gastgebot of- fentlich gesagt/ wenn man zugleich ein Kind im F euer und ein Messer auf dem Ruͤcken lie- gen saͤhe/ solte man eher dem Messer/ als dem Kinde zulauffen/ und haͤtte ein solcher Kerl nit verdient/ daß man ihn mit blossem Ruͤcken in die heisse Asche setzte/ und liesse ihn so lange zap- peln peln/ biß man ein Messer zuꝛ Ruhe gelegt haͤtte. Noch eins zu gedencken. Es ist nicht fein/ daß man die Becher oder Kannen uͤberspannt/ denn es kan dem Nachbar ein Eckel entstehen/ wenn man alles mit dem Faͤusten betastet: so hat der Vater gesagt/ mein Kind/ thue es nicht/ wer darauß trinckt/ bekoͤmmt das Hertz- gespann. Nun sind die Leute so sorgfaͤltig darbey/ daß auch keine Magd im Scheuern uͤber die Kanne spannen darff. Mehr koͤnte ich anfuͤhren/ wenn es von noͤthen waͤre. Gleich bey diesen Worten kam der Schneideꝛ/ und fragte/ ob es Zeit waͤre in den Laden zu ge- hen. Sie liessen ihn etwas nieder sitzen/ und fragte Eurylas, wie stehts/ Meister Fabian/ ist euch keine alte F rau begegnet? Der Schnei- der war fix mit der Amwort; Ja/ sagte er/ es begegnete mir eine/ sie kam mir bald vor/ wie des Herrn erste Liebste. Florindo wolte wis- sen/ warumb er nicht zuruͤcke gangen? doch versetzte dieser/ er haͤtte sie noch vor eine reine Jungfer gehalten. Und in Warheit ie mehr sie fragten/ ie possirlicher kam die Antwort herauß/ daß sie endlich gewahr wurden/ daß sich dieser Schneider nicht eine alte Frau/ son- dern irgends ein gutes Fruͤhstuͤck abhalten lassen: drumb lachten sie wohl uͤber die K vj Ent- Entschuldigung/ und giengen hierauffin den Laden CAP . XXVII . D Och wir muͤssen unsern ehrlichen Schnarrpeter mit seinem Nuͤrnberger/ Erffurter und Regenspurger Bratwuͤrsten nicht zu lange warten lassen/ ich weiß/ daß sich keiner auff ein remedium besonnen hat/ daß also ein jedweder/ der das Wort Daradirita- rum tarides gern außsprechen will/ dem Eury- las wird zu dancken haben. Denn er nahm seinen Patienten vor/ und sagte/ mein F reund/ ich wolt euch gern geholffen wissen/ aber es ist ein zaͤrtlich Gliedmaß uͤmb die Kehle/ das man nicht Bleche anflicken kan/ wie an die Regal- pfeiffen. Es kan seyn/ daß sich eure Mutter bey schwangerm Leibe an einem andern sol- chen Knisterbart versehen hat. Was nun in Mutterleibt schon der Natur mit getheilet wird/ daß lãsset sich so spaͤth nicht aͤndern. Doch aber damit ihr meine Treu verspuͤhren moͤget/ so lasset euch diß gesagt seyn/ und huͤtet euch vor allen Worten die ein R. haben. Sprecht zu niemanden/ mein Herr/ sondern Monsieur, weil solches Wort der Frantzoͤsi- schen schen Sprache und ihrer pronunciation nach Moslie heist. An statt F rau sagt Madame, vor Jungfer Madamoiselle. Wann ihr etwas kaufft/ so resolviert die Groschen zu Pfennigen oder zu Kopffstuͤcken/ die Thaler zu Guͤlden oder Ducaten/ und Sum̃a Sum- marum nehmt einen Pfriemen zu euch/ und wenn euch ein R. entfaͤhrt/ so stecht euch selbst zur Straffe in den Arm oder sonst wohin/ was gilts es soll mit euer Sprache besser kommen. Der Gute Mensch schittelte den Kopff/ und meynte/ es würde sich mit allen Reden nicht thun lassen/ daß man so einen nothwendigen Buchstaben außliesse. Ey sagte Eurylas, warumb solte sichs nicht thun lassen/ seht da will ich euch etliche Manieren von Compli- menten in die F eder dictiren . Vor allen Dingen habt ihr zwar zu mercken/ was ich zu- vor bedacht/ daß ihr euch vor Worten huͤtet/ welche den heßlichen Buchstaben fuͤhren. Da last alles heissen Madamoiselle, mein Kind/ mein Engel/ mein Liebgen/ mein Goldmaͤdgen/ mein tausend Kindgen. Nur werdet nicht so ein Narr/ daß ihr dergleichen Possen mit einmenget/ mein Maͤußgen/ mein Laͤmgen/ mein Blumentoͤpffgen/ mein Engelkoͤpffgen/ und was der Schwachheiten mehr sind. Ab- K vij son- sonderlich gebet Achtung auf den Namen/ ob sie ein R. drinne hat. Denn es ist ohne diß ein gemeiner Glauben/ daß die Jungfern am besten gerathen/ welche dergleichen Buchsta- ben nicht haben. U nd gewiß ich muß offt la- chen uͤber die ietzige mode/ welche die R. so kuͤnstlich verstecken kan/ denn da steht es alber/ wenn man spricht Jungfer Ließgen/ Jungfer Susgen/ Jungfer Fickgen/ u. d. g. sondern man sagt viel lieber gleich weg/ Ließgen/ Suß- gen/Fickgen/ warumb? man kan das R auß- lassen. Jngleichen weiß man diesen huͤndi- schen Buchstaben in dem Namen selbst sehr appetitlich zu verbeissen. Maria heist Micke/ Dorothee Thee oder Theie/ Regine Gine oder Hine/ Rosine Sine/ Christine Tine/ Barbare Baͤbe/ Gertraud Teutgen/ und so fort. Solte auf allen Fall der Name sich nicht zwingen lassen/ so haben die meisten mehr als einen/ und kan man endlich sich mit einem andern Titel behelffen. Jn Boͤhmen sprechen sie an statt Margrite Heusche/ aber es moͤchte sich bey allen Geitgen nicht practi- eiren lassen: doch nun schreiten wie zur Sa- che. Zum Exempel/ ihr waͤret bey einer Hoch- zeit/ so ist gemeiniglich die erste Hoͤffligkeit/ daß man ein Maͤdgen zum Tantze aufffuͤh- ret; ret; darbey kan etwann also geredet wer- den. Madamoiselle sie wolle sich nicht miß- fallen lassen/ daß ich so kuͤhn gewesen/ und sie zum Tantze auffgezogen. Es hat mich die Annehmligkeit/ damit sie allenthalben bekandt ist/ so weit einge- nommen/ daß ich nichts wuͤnsche/ als mich auf solche Masse/ mit meinen Diensten bekand zu machen. Hier wird die Jungfer sich entschuldigen/ und wird bitten/ er soll sie nicht so sehr in das Gesichte loben/ drumb sey er bald mit der Antwort hinden drein. Jch habe mich auf die Complimen- te mein Tage nicht gelegt/ und was ich sage/ das soll die That selbst außwei- sen: doch habe ich gesuͤndigt/ dz ich die Annehmligkeit in das Gesichte lobe/ so kan ich ins kuͤnfftige stillsch weigen/ und gedoppelt dencken/ daß sie die An- nehmligkeit selbsten ist. Hier ist kein Zweiffel/ die Jungfer wird dencken/ er ist ein Narr/ daß er mit solchen weit- laͤufftigen Fratzen auffgezogen koͤmmt/ doch also kan er alles gut machen. Was soll ich machen/ meine Liebste/ ich ich bin unbekand/ von Sachen kan ich nicht schwatzen/ die sich zwischen unß begeben haͤtten/ so muß ich mich in weitlaͤufftigen Complimenten auff- halten. Doch will sie mich als einen Bekandten annehmen/ daß ich sie mein Kind und meine Liebste heissen mag/ so will ich sehen lassen/ daß ich den Com- plimenten Todfeind bin. Da wird sie Schande halben bekennen muͤssen/ daß sie an seiner Bekandschafft ein groß Gluͤcke zu hoffen haͤtte/ und derowegen wird sich folgende Antwort wohl schicken: Nun so sey es gewagt/ ich habe sie als meine Bekante angenommen/ und hof- fe nicht/ daß meine Kuͤhnheit und Un- hoͤffligkeit solten eine uͤbele Außlegung finden: doch was meynt sie/ daß sie sich mit so einem schlechten Menschen auff- halten muß/ da vielleicht iemand zuge- gen ist/ dem sie alle Lust und Bedienung zu gedacht hat. Dieß ist genug: denn ehe sie zur Antwort koͤmmt/ so faͤngt der Spielmann an/ doch botz tausend daß ich die Herren Stadtpfeiffer/ oder Lateinisch Musicanten genant/ nicht er- zuͤrne/ so faͤngt der Herr Musicante seinen Tantz Tantz an/ und da kan einer mit guten Gewissen stillschweigen/ weil es doch das Ansehen hat/ als muͤsse man alle Kraͤffte auf den Tantz spen- diren. Jmmittelst wird sichs nicht schicken/ daß man das Maͤdgen gar zu lang an der Hand behaͤlt. Denn was ist das vor Noth/ wann eine Jungfer/ die gerne mit einem an- dern tantzen wolte/ einen hoͤltzernen Peter am Halse haben muß/ als ein Fieber. Drumb bringt die Jungfer weiter/ und bedanekt euch erstlich gegen sie: Nun ich muß nicht so unhoͤflich seyn/ und sie mit meinen schlechten Tan- tzen zu viel belaͤstigen. Sie habe schoͤ- nen Danck/ daß sie sich so guͤtig bezei- gen wollen/ und sey gewiß/ daß ich im steren Andencken solches hoch schaͤtzen/ und nach Moͤgligkeit bedienen wil. Jnzwischen ist es vielleicht nicht uͤbel gethan/ daß ich Monsieur N. bitte das- selbige gut zu mach en/ was ich so genau nicht habe nach Wunsche vollenden koͤnnen. Mehr dergleichen Redens-Arten hatte Eu- rylas in einem Buͤchlein beysammen/ welche er dem guten Menschen fideliter communicir- te. Doch wuͤrde es zu lang/ wenn alles hier solte solte angefuͤhret werden/ und es trug Eurylas auch Bedencken/ daß er seine Kunst so gar uͤmb sonst solte weggeben. Wenn er von der Per- son funffzehen Guͤlden zu gewarten haͤtte/ wuͤrde er leicht zu behandeln seyn/ daß er die schoͤnen Inventiones publicirte, dieses wollen wir noch hinzufuͤgen. Es bat der gute Stuͤm- per/ es moͤchte ihm doch eine Anleitung gege- ben werden/ wie er bey Gelegenheit eine Redt/ auf dergleichen Manier/ halten solte/ denn er versaͤhe sich alle Stunden/ daß ein vornehmer Mann sterben moͤchte/ da wuͤrde er vermuth- lich einen Goldguͤlden zu verdienen/ das ist/ die Abdanckung zu halten haben. Eurylas hatte einen Studenten bey sich/ der halff ihm folgende Rede schmieden/ welche vielleicht zu lesen nicht unangenehm seyn wird. Ja es gilt eine Wette/ ehe ein Jahr in das Land koͤmmt/ so hat ein guter Kerle die Invention darvon genommen. Sed ad rem. Hochgeneigte Anwesende. P Hilippus ein Koͤnig in Macedonien/ hatte die loͤbliche Gewohnheit/ daß alle Tage/ ehe die Sonne auffzugehen pflegte/ ein Knabe mit hellem Halse folgendes gedencken muste: Philippe memento, te esse hominem, das ist/ Philippe besinne dich/ daß du ein Mensch Mensch seyest. Mit welchem hoch-nothwen- digen Denckmahl sich dieses Koͤnigliche Ge- muͤthe/ ohne allen Zweifel in den Eitelkeiten des menschlichen Lebens umbgesehen hat/ wie daß alles/ es mag so koͤstlich und so annehmlich seyn/ als es will/ dem ungewissen und unbe- staͤndigem Gluͤcke zu Gebote stehe/ und ehe man es meynet/ zu boden fallen wuͤsse. Denn es fuͤnckelte ja wohl das Koͤnigliche Gold umb seinem Weltbekanten Scheitel/ und schickte/ gleichsam als eine lebhaffte Sonne/ den ungemeinen Glantz in alle umbliegende Landschaff t en hinaußt Seine Hand hatte den gewaltigen Stab des gemeinen Wesens klug genug befestiget/ und alles/ was sonst ei- nen Koͤnig nicht annehmen wolte/ suchte bey ihm Schutz und Huͤlffe. Allein dz wuste dieses kluge Gemuͤthe schon an den Haͤndẽ abzuzehlẽ/ es sey um einen schlechten Augenblick zu thun/ so koͤnte ein Feind/ ein aufgewiegelt Volck/ und endlich ein schnelles Todesstuͤndgẽ alle Gewalt und Gluͤckseligkeit zu nichte machen. Hochge- neigte Anwesende/ solte ich auch zu tadeln seyn/ wann ich diesem Heyden solche Denckzeichen ablehnen/ und dem instehenden Leidwesen also entgegen gehen wolte? das weiß ich wohl/ es hat mit uns diese Gelegenheit nicht/ daß man sich sich einem Koͤnige gleich stellen koͤnte. Je- dennoch was das Menschliche Leben und des- sen vielfaͤltige Abwechselung belangt/ so ist es gewiß/ daß alle Menschen/ sie moͤgen so wohl Koͤnige als schlechte Stadt- und Landleute seyn/ solches alle Tage bedencken und zu Sin- ne nehmen moͤgen. O homines mementote, vos esse homines. O du Menschliches Ge- schlechte bedencke/ daß alles in deinem Thun und Gluͤcke menschlich sey. Keinen Tag hastu in deinem Gefallen/ es kan sich am Abend etwas zufaͤlliges begeben. Keine Stunde/ kein Augenblick ist also lieblich/ es kan ein Wechselstand mitten in dem lieblichen Wesen entstehen: Keine Gesundheit ist so unbeweglich/ sie ist dem Tode einen Dienst schuldig. Und was am meisten zu beklagen scheint/ so gilt als- dann kein Wunsch/ welchen Theo dofius mag in dem Munde gehabt haben: wolte Gott/ ich koͤnte Todten auffwecken. Nein es bleibt bey dem/ die Sonne legt sich Abends gleichsam zu Bette/ und koͤmmt allzeit den folgenden Tag an die alte Stelle: die Baͤume lassen das Laub auf eine Zeit fallen/ und putzen sich in wenig Monate mit neuen Knospen auß. Doch so bald ein Mensch seinen endlichen Zu- fall außgestanden hat/ so ist es geschehen/ und kan kan man keine Hoffnung schoͤpffen/ ihn noch einmahl ins Gesichte zu bekommen. Also daß die Johanna des Philippi Koͤniges in Hispanien Gemahlin sich nicht uneben dieses Sinnbildes bedienet/ daß sie einen Pfau auf eine Kugel gesetzt/ und die Außlegung beygefuͤ- get. Vanitas, Eitelkeit. Ach ja wohl ist alles eitel: dann sonst haͤtte diese hochloͤbliche Stadt/ die hochedle familie, dieses hochgeschaͤtzte Haus/ diesen Weltbe- liebten und niemahls gnug belobten Mann nicht so zeitlich eingebuͤsset. Die entseelten Gebeine haͤtten sich so bald nicht in das kalte Todtenbette gesehnet/ welche nun da stehen/ gleich als wolten sie das unbestaͤndige Leben in einem gewissen Bilde kendlich machen. O du edle Tugend! hast eben ietzt von uns wei- chen muͤssen/ da man deine Schaͤtze am meisten von noͤthen hat! O du seliges und gesegnetes Haupt! hastu uns die Wissenschafft/ die Weißheit/ die Liebe so bald entzogen/ ehe man sich an denselben nach Wunsche saͤttigen kan? O du gebenedeyte Seele! wilst du dem ange- nehmen Leibe mit keinem Leben ins kuͤnfftige beystehen? Doch was klage ich? hochgeneigte Anwe- sende/ soll ich dem Heidnischen Koͤnige Philip- po po in allen Stuͤcken nachfolgen? soll ich diß allein bedencken/ was ein Mensch in seinem schwachen und hinfaͤlligen Zustande sey? Nein/ ich muͤste in den Gedancken stehen/ als beleidigte ich den guͤtigen Himmel/ dessen Gnade so maͤchtig gewesen/ daß uns das Licht des hellglaͤntzenden Evangelii beschienen/ und solche Gewißheit unß zugewendet hat/ damit eine iedwede Seele in Noth und Tod sich fest setzen/ und von allen Anfechtungen entledigen kan. Dañ was heist Tod? was heist Ungluͤck? da diese Welt nichts/ ist als ein Hauffen voll Tod und Ungluͤck. Soll man klagen/ daß iemand zu bald in den Himmel koͤmmt? gleich als haͤtte ein Mensch den Himmel in diesem Angsthause empfunden. Soll man nicht im Gegentheil mit Gluͤckwuͤnschenden Haͤnden dem angenehmen Gaste/ dem suͤssen und lieb - lichen Tode entgegen lauffen/ als bey welchem ein sanfftes Schlaffen/ ein seliges Wohlwe- sen/ ein ewiges Gedeyen zu befinden und zu kosten ist. Nein/ ich will die Heidnischen Gedancken nicht gesagthaben. Memento, te esse hominem, sed beatum . Jch sage auch/ die Seele ist gluͤckselig/ welche den Leichnam so bald von sich ablegen/ und als eine muͤhsa- me Last abweltzen kan. Ja ein Mensch soll diß/ diß/ als sein bestes Kleinod annehmen/ daß sein Leben nicht ewig in dem Angstwesen stecken muß. Und also will ich auch den kuͤhlen Sand/ die sauffte Schlaffstaͤtte mit diesen Zeilen kent- lich machen: Lebe wol/ du liebe Seele/ Lebe nun und ewig wohl/ Biß des blassen Leibes Hoͤle Deinem Sitze folgen soll. Du bist selig/ wo dein Gott Ohne Seuffzen Angst und Spott Seine liebsten Soͤhne weidet/ Und mit Gnad und Wonne kleidet. Wolte Gott/ es koͤnten alle Gleich so Tod und selig seyn/ Daß sie mit beliebtem Schalle Huͤpften in des Himmels Schein. Nun wohlan es koͤmmt die Zeit/ Daß die suͤsse Seligkeit/ Uns ingleichem soll entbinden Deine Wollust zu empfinden. Nun dieses sey die Letze/ und damit lasset uns hingehen/ biß des Himmels Gewalt sol- ches auch bey uns gebieten will. Jmmittelst haben sie saͤmmtlichen ein Lob und danckgezie- mendes Mitleiden bey den jenigen vollkoͤm̃lich abgestattet/ welche in das hohe Leidwesen ge- setzet setzet sind/ und solches als das eintzige Labsal annehmen/ daß sie mit so einem ansehnlichen Comitat den entseelten Leichnam biß an diese Stelle begleiten koͤnnen. Sie wuͤnschen Ge- legenheit zu haben/ alles mit gutem Danck zu bedienen/ und bitten Gott/ daß solches in ei- nem annehmlichen Stande und nicht mitten in Seufftzen und Klagen geschehen moͤge. Und solches habe ich im Namen des gesamp- ten hochadelichen Hauses abstatten sollen. Sie koͤnnen ietzt so viel nicht sagen/ nach dem das Leid den Mund geschlossen hat/ doch soll die That und die danckschuldige Bedienung niemahls zugeschlossen seyn. Jch habs gesagt. Setzt immer dieses Finaldarzu/ ob es gleich nicht accurat eintrifft/ was bey den Lateinern Dixi geheissen hat/ solche kleine absurdi taͤten gehen wohl hin. Endlich beschloß Eurylas, ihr guter Freund/ ihr seht wie weit euch auß dem Elend geholffen ist. Nehmt die Lehren in Acht/ und huͤtet euch vor dem Hunds- Buchstaben Nerr Nerr aͤrger/ als vor dem kalten F ieber. Jch weiß daß an einem Or- te die Comœdie nach gespielet ward/ welche Anno 1650. bey der Friedens- Execution zu Nuͤrnberg vor den saͤmptlichen anwesenden hohen hohen Gevollmaͤchtigten war præsenti ret worden/ da hatte ein solcher Schnarr-Peter diese Person. Haͤnde die der Zepter ziert/ haben offt den Stab genommen/ den ein schlechter Schaͤffer fuͤhrt/ Helden sind auß Huͤrden kommen. Mancher grosser Welt- Regierer legte Cron und Purpur hin/ ward ein armer Herdenfuͤhrer/ und liebt eine Schaͤfferin. Jngleichen kam ein an- der bey einem Leichbegaͤngniß mit solchen Worten auffgezogen: Jch armer verirr- ter und verwirrter Erdenbuͤrger werde durch hertzbrechenden Kummer hart und schrecklich angegriffen. Und da kan ich nicht beschreiben/ wie es knasterte: war- lich es schien/ als haͤtte iemand einen Sack voll Erbsen auf ein Bret außgeschuͤtt. Der gute Kerle bedanckte sich/ und fragte/ was vor die Muͤhe seyn solte. Doch Eurylas sagte/ ich begehre nichts/ habt ihr aber so viel Mittel/ daß ihr ohn eurem Schaden 20. Thaler entra- then koͤnnt/ so spendirt sie auf meine und eure Gesundheit einem armen Studenten. Und hierinn that Eurylas sehr klug/ da hingegen mancher Narr/ wann er ehrenhalben das Geld nicht nehmen will/ solches der Compa- gnie zu versauffen giebt. L CAP. CAP. XXVIII . J N dessen als dieses in der Herberge vor- gieng/ kaufften Gelanor und Florindo zu Kleidern ein/ und verwunderten sich wohl uͤber die Naͤrrische Welt/ daß alle halbe Jahr fast eine hauptsaͤchliche Veraͤnderung in Zeu- gen und Kleidern vorgenommen wird. Doch weil die Narrheit so gemeine ist/ so lacht sichs nicht mehr/ wann man viel von ihren Gedan- cken wolte anfuͤhren. Ferner kamen sie in den Buchladen/ da traff Gelanor etliche von seiner Tischgesellschafft auß dem Wirths- hause an/ mit diesen gerieth er in einen discurs von den neuen Buͤchern. Absonderlich war ein neuer Prophete auffgestanden/ der hatte etliche zwantzig Jahr hinauß geweissaget/ was sich in der Welt unfehlbar begeben wuͤrde. Zum Exempel von dem Jahr 1672. hatte er folgende Muthmassung : VENIO NUNCAD ANNUM M. DC. LXXII. Cui Ob visum in Cassiopeia sidus seculare, sed ominosum debemus Jubileum. Reviviscent seculares historiæ. Ebulliet Effu. Effusus in laniena Parisiensi Hugo nottarum sanguis. Nam seculum est Quod clamavit ad cœlum. Quem quidem clamorem compescere videbatur Edicti Nannetensis lenitas, Henrico IV. Regie \& fideliter præstita, nisi quietem turbasset Indigna Rupellæ oppressio, Fallor? An à Ludovico Rege, an ab Armando ministro cum stupore universi orbis suscepta\& perfecta. Ab hujus enim civitatis interitu dependere videtur, Quicquid calamitatis ac miseriæ Hugonottarum postea pressit Ecclesiam. Sed E xtollite capita vestra, Cives Europæi, Lilia Hugonottis denuo infesta sunt, Aut extirpaturi religionem, Aut Daturipœnas. Galli exercitum conscribu n t: L 2 Nam Nam forte Sic visum est superis, Ut illata Relig i oni injuria, Per neminem, Nisi per ejusdem religionis asseclas vindicetur. O Europa, quando vidisti aut videbis tantum belli apparatum? Interim Vos spectatores cavete, Ne, qui fabulam agunt, Spectaculi mercedem à vobis exigant. Imprimis O Germani! Præparate vos ad futuri Anni solennitates: Quatuor enim tunc effluxerint Secula Ab instaurata Habsburgensium Felicitate, Fortassis quod numerum septimum dimidiat, Et seculi septimi medium obtinet, Vim habet climacterici. Hungaria parturit, \& Lucina Seu Mahometis Luna opem feret. O notabilem \& posterorum historiis Annum celebratissimum! Nam Nam etiam Seculum tunc est, Ex quo Romani ultimum viderunt Papam, Qui fuerit pius. Cui parentandum esse, nisi opinantur Itali, Turca judicabit. O annum admirabilem! Ne quid addam amplius. Gelanor sahe sich in den Weissagungen etwas umb. Endlich ruffte er uͤberlaut. Ach sind das nicht Schwachheiten mit den elen- den Stroh-Propheten/ die alle zukuͤnfftige Dinge auß den blossen Zahlen erzwingen wol- len. Was hat es auff sich/ ob nun hundert oder mehr Jahr verflossen sind? Jch sehe kei- ne Nothwendigkeit die mir anzeigte/ warumb ietzund eben viel mehr als sonst/ diß oder jenes vorgehen solte. Es steckt ein betruͤglicher Gaͤnse-Glauben dahinter: dann dieses ist ge- wiß/ daß in dem eitelen Weltwesen nichts uͤ- ber hundert Jahr in einem Lauffe verbleiben kan. Also daß man sich schwerlich verrech- net/ wann man spricht/ uͤber hundert Jahr werde diß Reich staͤrcker/ ein anders schwaͤ- cher seyn. Aber waꝛum es nicht eher oder laͤng- L iij samer samer geschehen moͤge/ das sehe ich nicht. Hier gaben die andern ihr Wort auch darzu/ und kamen also von einer F rage auf die andere. Einer lachte dieselben auß/ welche meynen/ sie haben unserm Herrn Gott in das Cabinet ge- kuckt/ und haben observirt / was er in seinem Calender vor einen Tag zum Juͤngsten Ge- richt anberaumet. Ein ander nahm diejeni- gen vor/ welche in ihren annis Climactericis grosse Wunderwercke suchen/ da es doch hies- se/ wie Kaͤyser Maximilianus II . gesagt: Qui- libet annus mihi est climactericus, die an- dern brachten was anders vor. Letzlich kam die Frage auf die Bahn/ was man von Nati- vi taͤtstellen halten solte? da sagte ein Unbekan- ter/ der sich in das Gespraͤche mit eingemi- schet/ ihr Herren/ diese F rage ist etwas kuͤrtz- lich/ es denckt offt einer etwas/ das er doch nicht sagen mag/ immittelst wil ich sagen was meine Meynung ist: die Sterne und des Him- mels Einfluß kan niemand leugnen; ob ie- mand auß denselben koͤnne urtheilen/ mag ich nicht decidirn, gesetzt die principia traͤffen ein/ und man koͤnte einem den gantzen Lebens-lauff gleichsam als in einem Spiegel vorstellen/ so ist doch diß zu beklagen/ daß die meisten/ welche sich dergleichen Rath geben lassen/ solches auß einem einem blossen/ und ich haͤtte bald gesagt Athei- slischen/ Fuͤrwitz thun. Da ist die Verheis- sung Gottes viel zu wenig/ daß man auf sie trauen solte; Man muß bessere Versicherung auß der Constellation erhalten und niemand giebt achtung auff das allgemeine Nativi taͤt/ welches Gott nicht lang nach Erschaffung der Welt allen Menschen gestellet hat: bistu from̃/ so bist du angenehm/ bist du aber nicht fromm/ so ruhet die Suͤnde vor deiner Thuͤr. Das heist so viel/ wirst du dich uͤmb einen gnaͤdigen GOtt bekuͤmmern/ so wirstu wohl leben/ alles soll dir zum Besten außschlagen/ es mag Ar- muth/ Kranckheit/ Verachtung/ Krieg und ander U ngluͤck einbrechen/ so soll es dir doch zu lauter Gluͤcke gedeyen. Wirst du aber auf andere Sachen dich verlassen/ und gleich- sam andere Goͤtter machen/ so wird alles Gluͤ- cke/ es mag an deiner Hand/ oder in deinem Themate natalitio stehen/ zu lauter bellenden Hunden werden/ welche dich endlich in Noth und Tod so erschrecken sollen/ daß die boͤse Stunde aller vorigen Freude und Herrligkeit vergessen wird. Ach was vor ein schoͤn Fun- dament haben die Atheisten zu ihrem absoluto decreto, zu ihreꝛ prædeterminatione volunta- tis, und was die andern Grillen seyn/ dadurch L jv man man Gott entweder per directum oder per in directum zu der Suͤnden Ursache machen will. Und dieses ist die Ursache/ daß bißher vornehme Politici in ihren Schrifften solches ziemlich hochgehalten/ weil sie durch die allge- meine Nothwendigkeit/ etwas erzwingen koͤn- nen/ das in ihrem Statistischen Kram dienet. Hier fiel ihm ein ander in die Rede/ und sagte/ das waͤre die beste Nativi taͤt/ hastu viel Geld/ so wirst du reich/ lebst du lang/ so wirst du alt: Und wuͤste er einen Studenten/ dem habe die Mutter sollen Geld schicken/ allein sie haͤtte sich entschuldiget/ das Bier/ davon sie sich nehren muͤste/ verdürbe so offt/ er solte zuvor ein Mit- tel schicken/ damit das Bier gut würde: drauff haͤtte der Sohn einen Zettel genom̃en/ und darauff geschrieben: Liebe Mutter brauet gut Bier so habt ihr guten Abgang. Solchẽ haͤtte die Mutter angehenckt/ und waͤ- re auch ihre Braunahrung besser von statten gangen. Andere Sachen giengen weiter vor/ welche doch von keiner Wichtigkeit waren/ daß man sie auffzeichnen solte. Es lieff auch hernach nichts denck wuͤrdiges vor/ weil sie den Tag darauff/ so bald etliche Kleider gemacht waren/ auß der Stadtreiseten und anderswo mehr Narren suchen wol l en. CAP. CAP. XXIX . S Je reiseten etliche Tage und traffen we- nig sonderliches an. Einen Mittag kehreten sie auf einem Adelichen Schlosse ein/ wurden auch von dem Herrn desselben Ortes gar hoͤflich empfangen/ bey der Mahlzeit klag- te der von Adel/ was er vor eine possierliche action mit seinen zween Priestern habe. Ei- ner haͤtte dem andern hinter dem Ruͤcken nach geredet/ als waͤre er auf der Universi taͤt mit Fidel Treutgen wohl bekandt gewesen/ solches habe dieser nicht leiden wollen/ sondern habe ihm durch Notarien und Zeugen eine schimpfliche und ehrenruͤhrige Retorsion in das Haus geschickt. Jener waͤre nicht zu gegen gewesen/ und haͤtte in seiner Abwesen- heit des Priesters-Sohn die Sachen ange- nommen. Nun habe er sich in allen Juristen- Facul taͤtẽ belernen lassen/ ob er die vermeynte retorsion nicht vor eine hauptsaͤchliche Inju- rie annehmen/ und derhalben sich seines Juris retorquendi gebrauchen moͤge. Und als gesprochen worden/ wofern er die Bekand- schafft mit F idel Treutgen nicht anders als in Ehren verstanden/ so haͤtte freylich das Recht statt/ und waͤre der erste ein grausameꝛ Injuri- L v ant: ant: sey er hingangen und habe ihm eine Schkarteke in das Haus geschickt/ darvor dem Hencker grauen moͤchte. Der erste ha- be gesehn die Notarien und Zeugen mit ihren Papiergen auffpassen/ derwegen den Haus- knecht geruffen/ und nachdem er gebeten/ sie moͤchten doch von den Sachen/ die sie sehen wuͤrden/ gleichfals ihr Zeugniß beytragen/ ge- sagt: gehe Haußknecht/ lege diesen Brieff/ eh ich ihn lese/ auf den Hackstock/ und haue so lange drauff/ biß er in kleine Stuͤckgen ist/ als- dann gehe auffs secret, wirff den Plunder hin- ein/ und thue etwas drauff/ ihr Herren aber werdet euch in eurem Instrumente darnach zu richten wissen/ und werdet es meiner Guͤtig- keit zuschreiben/ daß ich euch mein Hausrecht nicht gethan habe. Florindo, der mit seinem Maule sehr fix war/ sagte hier/ ist der geistliche Vater nicht ein Narr/ daß er in die Juristen- Facul taͤt schickt/ ob er retorqui ren darff/ und schickt nicht in die Theologische Facul taͤt/ ob es ihm als einem Geistlichen wohl anstehe/ daß er wie Petrus mit dem Schwerd hinein schlaͤgt/ oder als ein Donnerkind F euer vom Him̃el wuͤndscht. Jch halte der Spruch: Vos autem non sic, gehoͤrt auch hieher. Gelanor hatte uͤber den freyen Reden ein son- sonderliches Mißfallen und straffte ihn der halben/ er solte nicht so unbedachtsam von der- gleichen Sachen urtheilen/ so lang er nicht den Unterscheid wuͤste/ was geistliche und was weltliche Haͤndel wãren: denn deßwegen wer- de niemand ein Theologus, daß er ohne Un- terscheid/ absonderlich wo die Ehre GOttes nicht darunter versir te/ solte mit allen unhoͤfli- chen Injurien vor lieb nehmen: die Richter waͤren den Geistlichen so wohl zum Besten ge- setzt als den Weltlichen. Und gewiß/ Gela- nor hatte Zeit/ daß er die Sache wieder gut machte/ denn der von Adel hatte einen Præce- ptor, der spielte schon mit den Augen/ wie eine Meerkatze auf den Aepffelkram/ als er hoͤrte/ ein Geistlicher duͤrffte sich nicht wehren. Wie er dann eꝛst vor etlichen Tagen sich mit etlichen Pfeffersaͤcken brav herumb geschmiessen/ und sich einen Drescher/ der vor diesem im Kriege Leutenant gewesen/ secundi ren lassen. Wie- wohl Florindo entsetzte sich nicht/ und als er die trockene Correction eingesteckt/ fragte er den boͤsen Mann/ Hr. Præceptor, was halt ihr davon? dieser sagte/ Mons. Gelanor habe sehr vernuͤnfftig von der Sache geurtheilt/ sonst wuͤrde es ihm/ als einem Theologo nicht angestanden haben/ solche unverantwortliche L vj Reden Reden zu vertragen. Hier fieng sich ein ar- tig disputat an/ worinn Florindo seinen alten Schulsack gantz außschuͤttete. Domine Præceptor, an igitur es Theo- logus? Ita, ita. Sed si es Theologus, dic quæso, quot jam refutaveris hæreticos. Ego sum Theologus, qui conciones habet. Intelligo rem, Theologus es non dispu- tax, sed concionax. Ita, ita. At ego quidem credideram concio- nandi artem sine notitia Theologiæ tam positivæ quàm polemicæ subsistere non posse. Ego distinguo inter Theologum theo- retitcum \& practicum. Eego verò novum distinctionis mon- strum video. Theologus theoreticus discit articulos fidei: sed practicus discit conciones. Discit igitur? utinam ipse faceret. Interim ut intelligo, theoreticum voca- tis Professorem; practicum, Conciona- torem. Præc. Ita, ita. Quid autem si argumentis evicero, Professorem esse debere practicum; Con- cionatorem vero ne quidem esse Theo- logum? Ego negarem conclusionem. Citra jocum. Ego sic argumentor. Quæ professio versatur circa agenda \& credenda, ea est practica. Atqui professio Theologiæ sic se habet. E. Conclusio est falsa. Eâdem ego operâ dicam, tuam the sin esse falsam. Sed ego hoc audivi à Doctore cele- berrimo. Si Doctor ille celeberrimus, præfisci- ni, adesset, sententiam suam fortè de- fenderet melius, nunc ordo loquendi te tangit. Quicquid dicas, ego aliter non sta- tuam. Sed obstat argumentum à me propo- situm. Hoc ego non curo, sicut malam nucem. Neque tamen aliter emerget veritas \& cogita, quantum tuum sit peccatum, si me L 7 relin- relinquas in errore, cum ipsa charitas Christiana cupiat, informari proximum. Sivis, ut tibiad pudorem responde- am, ego dico, Professores Theologiæ legunt saltem in libris, \& vident quid bo- num est, \& hoc dicunt aliis, qui concio- nantur. Id videris statuere, Theologos illos dicere quidem, quid agendum aut cre- dendum sit; sed tamen vi professionis suæ adstrictos non esse, ut ipsi talia a- gant aut credant. Et inde dici theore- ticos. Ita, ita. Sed ubi jam ostendes Theologos pra- cticos, cùm ipsi plerumque concionato- res dicant \& non faciant? Nonne praxis est, quod concio- nantur? Nonne praxis est, quod illi legunt \& disputant? Studia practica non di- cuntur à t r actatione, quæ practica esse videtur; sed ab objecto tractationis, quod ad praxin terminatur, seu agendo absolvitur. Qui ad omnes distinctiones debet respondere, illum oportet sibi emere Lexi- Lexicon Philosophicum Rodolphi Go- clenii. Quid audio? an Goclenius, qui con- tradictiones philosophicas conciliavit, nostræ etiam controversiæ medelam affer- re poterit? Quid ego curo; credat unusquisque, quicquid vult. Mirum est, Theologum practicum adeò propendere ad Syncretismum. Hocego non facio. Provoco ad auditores. Interim si displicet quæstio prior, veniamusad alte- ram, Concionatores enim quatenus tales sunt, mihi quidem non videntur Theologi. Rogote, noli tam absurda statuere. Ego sic argumentor; Artifex non est Theologus, Concionator quatenus talis est artifex. E. Me oportet ridere, quòd Syllogismum profers, in quo omnes tres propositiones sunt absurdæ. Cupis probationem? Non non, impossibile est, ut probari possit. Sic ego nunquam memini disputare. Præc, Ego sæpè disputavi cum Pastoribus hu- jus loci, sed nemo me taxavit. Quanti te taxaverint alii, id equi- dem meâ non refert. Fac saltem, ut vi- deant reliqui, quid sentias de meo argu- mento. Eja, eja quasi ego nescirem, quòd tu me vis confundere, sed tamen ut omnes audiant, quàm absurda sint omnia. Tu dicis, artifex non est Theologus. Anne- scis hinc inde à Theologis proponi ar- tem moriendi, artem bene vivendi, artem credendi \&c. eja, eja, ergò Theologus non est artifex. Miserum est, ut video, cum iis disputa- re, qui terminos philosophicos hauriunt ex Calepino aut Dasypodio. Distin- guo inter artis acceptionem philoso- phicam \& vulgarem, vulgaris de qua. vis sumitur notitia quæ practica est; Philosophica præcise denotat habitum e ffectivum. Ego non disco philosophiam ex Cale- pino, ego habeo tabulas Stierii, ostende mi- hi hanc distinctionem. Quem tu mihi opponis arietem? Sed consultum vix est, ut optima mea argu- men- menta in pumice cerebri tui deteram, fa- ciam quod olim domini bellaturi ad- versus servos. Illi enim non hastis aut gladiis, sed scuticis \& ferulís victoriam reportabant. Sic ego leviori quadam viâ te aggrediar. Nescio, quid dicis. Dicebas antea, te esle Theologum, quæ res cum mihi di s pliceat, hoc mihi enasci- tur argumentum: Theologus est mortu- us: Tu non es mortuus, E. Tu non es Theologus. Nego minorem. Cum mortuo igitur disputavi? egre- giam vero umbram, quæ nullam mihi in cussit formidinem. Ego mortuus sum huic mundo. Et vivis huic seculo? Hier legte sich Gelanor darzwischen/ und sagte/ sie solten sich in der Lateinischen Weis- heit nicht zu tieff versteigen/ doch fragte er sei- nen Nachbar/ wer dieser Præceptor waͤre; Da erzehlte dieser/ es waͤre ein Magister, haͤtte feine Dona zu predigen/ und koͤnte er den Heer- man fast ad unguem außwendig. Sein Va- ter waͤre ein Pastor paganus, und ob gleich der- derselbe nicht promotus Magister waͤre/ so liesse er ihn doch oben an gehen. Mit der glei- chen passirten sie die Zeit biß sie auffbrachen/ und weiter reiseten. CAP . XXX . J N wenig Tagen kamen sie in eine vor- nehme Stadt und da legten sie sich in das beste Wirthshaus: bey Tische nahm ei- ner die Oberstelle/ welcher vor eins laͤnger im Hause gewesen/ und vors andere eine grosse und vornehme Person bedeuten solte. Er saß gantz Gravitaͤtisch/ wie ein Spanischer Ambassadeur, und wenn die anderen die Dis- curse liessen herumb gehen/ machte er mit sei- nem Stillschweigen/ daß man ihn vor einen koͤstlichen Mann hielt Endlich setzte sein Jun- ge vor dem Tische/ indem er auffwarten solte/ die Beine etwas krumm/ da fieng er an zu ful- miniren als waͤre ihm etwas grosses wieder- fahren. Du Stuͤck von allen Ertzschelmen/ sagte er/ wie offt soll ich mich wegen deiner Unhoͤffligkeit erzuͤrnen? nahm darmit sein Spanisch Rohr/ und kurrentzte den armen Lauer durch alle prædicamenta durch/ und ge- wiß/ es war sehr verwunderlich anzusehen/ wie der der gute Junge so gedultig war/ bald muste er die Schienbeine hinstellen/ und sich auß aller Macht drauff pruͤgeln lassen: Balt muste er mit den Haͤnden Pfoͤtgen halten: Bald muste er mit den Backen auffblasen/ und eine Maulschelle nach der andern einfressen/ und was der Haͤndel mehr war. Nachdem nun der arme Tropff wohl strappezirt war/ fieng der Herr an/ Ach du Boͤsewicht/ siehe wie ich mir deinetwegen das Leben abkuͤrtzen muß/ ist es auch moͤglich daß ein Tag vorbey geht/ da ich mich nicht erzuͤr- nen muß. Wolte ich doch das Leben keinem Hunde goͤnnen. Ach Herr Wirth/ ist keine Citrone da/ die Galle laͤufft mir in Magen. Ach der Schelme wird noch zum Moͤrder an meinem Leibe/ ꝛc die Compagnie sahe den Narren an und ließ ihn reden. Doch als ihn der Wirth in sein Zimmer gebracht/ sagte Eu- rylas, nun das Gluͤcke haͤlt sich wohl/ die Nar- rẽ praͤsentiꝛẽ sich von Tage zu Tage besseꝛ. Deꝛ Zwecken-Peter moͤchte sich nicht erzuͤrnen/ wann ihm die Boßheit so geschwind in die Caldaunen faͤhrt. So will er erstlich sehen lassen/ daß er Macht hat so einen elenden Jun- gen zu pruͤgeln/ und vors andere thut er fein naͤrrisch/ daß die Leute dencken sollen/ er wird flugs flugs sterben. Ja es mag vielleicht ein treff- licher Handel an seiner Person gelegen seyn/ daß die Leute deßwegen vor der Zeit Floͤre auf die Huͤte knuͤpfften Und gewiß es verlohn- te sich wohl der Muͤh/ daß er so einer Lumpen- Ursach willen einen Fladenkrieg anfieng. Haͤtte auch der Junge was gethan/ so weiß ich gewiß/ der Hausknecht haͤtte nichts darnach gefragt/ und haͤtte ihm umb sechs Pfennige in dem Stalle eine Galliarde mit der Spießru- the gespielt. Da sagte ein ander am Tische/ mein Herr verwundere sich nicht zu sehr/ das ist noch nichts/ gestern karbatschte er den Kut- scher im Hofe herumb/ als einen Tantzbaͤr/ nur daß er nicht stracks gehoͤret/ da er Zum Fenster hinauß gepfiffen: da er doch erwiesen/ daß er eben dazumahl die Pferde gefuͤttert. Nach- mittage schleppte er seinen Schreiber in der Stube bey den Haaren herum/ und pauckte mit einem Banckbein hinten nach/ daß wir alle dachten/ er wuͤrde ihn krum und lahm schmeissen/ und als wir fragten/ was er ge- than/ so hatte er die Sandbüchse in der Tafel- Stube vergessen. Der Junge/ der ietzund so tractirt wurde/ mag sichs vor eine Ehre ach- ten/ daß er ein Spanisch Rohr zu kosten kriegt: denn sonst muß er allzeit auf der Stu- be be die Hosen abziehen/ und da tritt der grosse Staatsmann mit der Ruthe davor/ und be- sieht die postprædicamenta vom Auffgang biß zum Niedergang. Unterdessen schreyt der lose Dieb/ als steckte er an einem Spiesse/ und rufft seinen hertzlieben/ guͤldenen/ geblü- melten Herrn uͤmb Gnade und Barmhertzig- keit an. Gelan . sagte darauff ein Esel mag sich in die Loͤwenhaut so tieff verbergẽ als er will/ es kucken doch die langen Ohren hervor. Und ein Kerle/ welchen die Natur zu einem Bacu- lario in der A. B C. Schule deputirt hat/ mag so Politisch werdẽ als er will/ so kuckt doch die Ruthe und der Stecken/ gleichsam als zwey lange Esels-Ohren unter seiner Staats- Muͤtze hervor. Hiermit kam der Wirth wie- der in die Stube/ da fragte Eurylas, wer die- ses gewesen waͤre; Der Wirth sagte/ es sey ein vornehmer Mann/ er habe ein hohes Ampt/ doch haͤtte es so einen langen Lateini- schen Namen/ daß er es nicht behalten koͤnte. Zwar dieses wuͤste er von ihm zu ruͤhmen/ daß sich alle uͤber ihn beklagten/ als kernte er sich vor Hoffart selbst nicht/ und haͤtte zwar ge- ringe Meriten/ doch sehr hohe Gedancken. Gelanor brach hierauff in folgende Worte herauß: Der Kerle strebt mit aller Gewalt nach nach dem Superlativo in der Narrheit. Was bildet er sich mit seiner vornehmen Charge ein? weiß er nicht/ wenn die Schweine auf den Moͤhren oder Ruͤben-Acker kommen/ so er- wischt die groͤste Sau gemeimglich das groͤ- ste Stuͤcke. Es faͤllt mir bey/ was in der al- ten Kirchen-Historie von einem Bischoff er- zehlet wird. Dieser ließ sich viel duͤncken/ daß er so ein vornehmes Ammt erlanget haͤtte/ und sahe alle andere Leute gegen ihm zu rechnen vor Katzen an. Endlich erschien ihm im Schlaffe ein Engel/ und redete ihn also an: Warumb erhebst du dich deines hohen Be- ruffs/ meynst du/ daß deine Qvalitaͤten solches verdient haben? Ach nein/ die Gemeine ist kei- nes bessern Bischoffs werth gewesen. Mich duͤnckt/ wer manchen Rath/ Superintenden- ten/ Buͤrgermeister/ Am̃tmann/ Richter und dergleichen anatomiren solte/ es wuͤrde nichts anders herauß kommen/ als Gott habe die Gemeine nicht aͤrger straffen koͤnnen/ als mit so einem geschnitzten Palm-Esel/ dem man nun fast goͤttliche Ehre anthun muͤsse. Hier sagte einer am Tische/ er haͤtte solches in der That offt erfahren. Jch kenne/ sagte er/ einen Burgemeister/ der will sich an den Grie- chischen Patribus zu tode lesen: einen Super- in- intendenten/ der schreibt Commentarios uͤ- ber die Politica und ve r tirt Frantzoͤsische Ro- manen : Einen Stadt- Physicum, der will Barth ii Adversaria continuiren: Einen Schul- Rector, der refutirt die Ketzer: Einen Kauffmann/ der ist ein Chymicus : Einen Soldaten/ der sitzt Tag und Nacht über Teut- schen Versen: Einen Schuster/ der Advo- cirt und heisst novo nomine Licentiat Absatz : Einen Bauer/ der schreibt Calender. Das heist mit kurtzen Worten so viel gegeben/ ein iedweder Narr thut/ was er nicht thun soll/ und darzu er von Gott beruffen ist/ das setzt er hinten an/ gleich muͤste das ἔργον dem παρ- έργῳ weichen. Eurylas sagte hierauff/ mein lieber Herr/ diß geht wohl hin/ da thut gleich- wohl em iedweder etwas/ und zeigt dadurch an/ daß er nicht gantz einen Gruͤßkopff hat. Zum wenigsten dienen diese Sachen wie mein alter Edelmann auß dem Tacito offt sagte/ ad velandum segne otium : aber was soll man bey den Leuten thun/ die gar nichts verstehn/ und doch/ wie jener/ der Teufel gar bey der Cantzley seyn. Gelanor fiel ihm in die Rede/ es bleibt darbey/ wo dergleichen vorgeht/ da ist die Gemeine oder das Land keines bessern werth gewesen. Gott strafft nicht nur mit Fuͤr- Fuͤrsten die Kinder sind/ oder doch Kindische Gedancken haben: sondern wo man kluge und vernuͤnfftige Leute bedarff/ da kan er ein Kind hinsetzen/ dadurch die allgemeine Wohlfahrt in das Decrement gebracht wird. Und dan- nenhero sieht ein iedweder/ was dieselbe vor Narren sind/ welche auf die uͤbele Admini- stration bey hoher und niedriger Obrigkeit schmaͤhen wollen. Du elender Mensch/ gib achtung auf dich/ ob du mit deinem boͤsen Le- ben was bessers verdienet hast. Vielleicht hat ein F uͤrst oder sonst ein hoher Minister offt- mahls mehr auf die Unterthanen zu schelten/ daß sie mit ihren Suͤnden und Schanden GOtt er zuͤrnen/ und also viel gute Consilia von ihrem guten Event zu ruͤcke halten. Es dencke auch ein iedweder Buͤrger und Bauer nach/ es wird alle Soñtage von der Cantzel vor die Obrigkeit gebetet. Aber wo ist einer/ der solches mit Andacht nachspricht? daß es also kein Wunder ist/ daß Gott so sparsam mit den Guͤtern gegen uns uͤmbgeht/ darumb er so sparsam oder wohl gar nicht angeruffen wird. Unterdessen mag ein solcher zur Straff eingesetzter Großsprecher sich nicht zu viel auf seine Farbe verlassen. Kaͤyser Caligula wolte seinem Pferde Goͤttliche oder F uͤrstliche Ehre erwei- erweisen lassen/ gleich wohl blieb es ein Pferd und ward an sich selbst zu keinen F uͤrsten. Al- so wenn Gott einen F uchs/ einen Wolff/ eine Sau/ einen Esel oder wohl gar eine Fleder- mauß von den Menschen zur Straffe will ge- ehret wissen/ so ist es zwar billig/ daß man Got- tes willen mit gantzen Hertzen erfuͤllt/ doch das unvernuͤnfftige Thier wird deßwegen kein Mensch. Ja es geht endlich wie mit dem Attila, der nennete sich Flagellum Dei ; Aber nun liegt die Ruth im Hoͤllischen Feuer und brennet. Wie ein Vater! wenn er die Ru- the gegen die Kinder gebrauchet hat/ sie zu letzt in den Ofen wirfft. Mehr dergleichen wur- den vorgebracht/ biß die Compagnie auf ei- nen andern Discurs gerieth/ und endlich vom Wirthe vernahm/ wie daß instehende Woche eine grosse Hochzeit/ und auch ein groß Lei- chenbegaͤngniß wuͤrde angestellet werden. Weil nun ein ied weder ohn disem gern auß- geruhet hãtte/ ward alsobald beschlossen/ beyde Actus in Augenschein zu nehmen. CAP . XXXI. N Un hatten sich bey waͤhrender Mahlzeit etliche Kerlen in die Stube gefunden/ M welche welche einen sonderlichen Tisch einnahmen und zu Trincken begehrten/ die waren so treu- hertzig auf das Bier und den Wein erpicht/ daß sie ein groß Straff-Glaß in die Mitten setzten/ welches der jenige außsauffen sol t e/ der uͤber drey Glaͤser wuͤrde vor sich stehen lassen/ und wie die Redens-Art hieß/ zum Schaff- haͤuser werden. Da gieng Bier und Wein unter einander/ da truncken sie carlemorle- puff, da soffen sie Flores, da verkaufften sie den Ochsen/ da schrieben sie einen Reim auf den Teller/ in Summa/ da plagten sie einan- der mit dem Sauffen/ daß es eine Schande anzusehen war. Die Gaͤste uͤber der Tafel stunden auf und giengen in ihre Gemaͤcher/ diese aber stocherten die Zaͤhne biß nach Mit- ternacht; und ob gleich etliche das uͤberfluͤßige Getrāncke nicht vertragen kanten/ so stund doch schon ein Becken auf dem Tische/ in wel- chem man S. Ulrichen ein Kaͤlbgen auffopf- fern kunte/ und damit gieng es von forn an. Ja es kam so weit/ daß die Glaͤser und Kañen zu sehlecht waren/ und daß sie auß umgekehr- ten Leuchtern/ auß Huͤten/ auß Schuhen/ und auß andern possirlichen Geschirr soffen/ biß ei- ner da/ der andere doꝛt in seinem eigenen Soͤd- gen liegen blieb. Der Mahler hatte diß Cy- clo- clopische und Bestialische Wesen mit angese- hen/ als er nun alles nach der Ordnung refe- rir te/ sagte Gelanor : Jst das nicht eine Thor- heit bey uns Teutschen/ daß wir so unbarm- hertzig auf das liebe Getraͤncke loßgehn/ als koͤnten Gottes Gaben sonst nicht durchge- bracht werden; und daß wir uns einander selbst solche Ungelegenheit machen. Es wird einer in dem Hauffen gewesen seyn/ dem zu Ehren der Schmauß wird angestellet seyn/ und da wird es moꝛgen heissen/ ha ich bin statt- lich tractirt worden/ ich habe die Thuͤr nicht finden koͤnnen/ der Kopff thut mir drey Tage darnach weh/ und dieß heist auf Teutsch/ dem zu Gefallen bin ich ein Narr/ eine Bestie/ Ja wohl gar ein Teufel worden. Nun wird niemand leugnen/ daß offt einer in der Com- pagnie den andern zwinget/ da doch keiner rechte Lust zum Sauffen hat. Und doch muß die Gewonheit ihren Lauff behalten/ und es heist/ sie sind lustig gewesen. Wann ich einen Feind haͤtte/ und koͤnte ihn so weit bringẽ/ dz er einen Tag sich an stellte als ein rechter gebohr- ner Narr/ und den andern Tag vor Schmer- tzen nicht wuͤste/ wo er den Kopff lassen solte/ so meinte ich/ meyne Rache waͤre sehr koͤstlich abgelauffen. Nun aber thun sie solches nicht M ij ihrem ihrem Feinde/ sondern ihrem besten Kern- Freunde/ den sie sonderlich respecti ren wol- len/ und iemehr sie einen obligi ren wollen/ desto schaͤrffer setzen sie einem zu/ daß mancher Gluͤckselig ist/ der wenig F reunde hat/ und also bey seiner Vernunfft ungehindert gelas- sen wird. Eurylas sagte hierauff: es nimt mich offt wunder/ warum ein Mensch solche grosse Lust an seiner Unvernunfft und an anderer her- nachfolgenden Verdrießlichkeit haben kan: dann/ daß niemand den Befehl Christi in acht nimmt/ huͤtet euch vor Fressen und Sauffen/ das ist in der Atheistischen Welt kein Wun- der/ da man Gottes Gebote offt hintan setzt. Sondern diß scheinet vor solche Politicos zu ungereimt/ daß/ indẽ sie in allem auf ihr Bestes sehen und dencken wollen/ gleichwol ihre Ver- nunfft/ ihre Gesundheit und alles in dem Weinfasse zurück lassen. Da koͤmmt ein Priester/ und haͤtte die Gaben/ daß er eine fei- ne andaͤchtige Predigt ablegen koͤnte: Aber weil der gestrige Rausch noch nicht verdauet ist/ so geht es ab wie Pech vom Ermel/ und hat er selbst neben seinen Zuhoͤrern/ die hoͤchste Ungelegenheit darbey. Das Nachsinnen koͤmmt ihn sauer an/ kein Wort henckt an dem andern/ andern/ das Maul ist so duͤrr/ daß ihm die Zun- ge als ein alter Peltzfleck an dem Gaumen herum zappelt. Von andern Staͤnden mag ich nichts sa- gen/ wolte Gott! die jungen Leute spiegelten sich an den alten podagrischen/ trieffaͤugigten/ zitterenden Herren/ welche in Staͤdten und Doͤrffern offt verursachen/ daß ein gemeines Wesen auff schwachen Fuͤssen steht/ da sie doch solcher Schwachheit wohl koͤnten geuͤbrigt seyn/ wann sie in der Jugend ihre gesunde und starcke Naturen nicht so sehr sorcirt haͤtten. Und wie mancher waͤre ein beliebter und ge- segneter Mann blieben/ wann er im Truncke nicht alle Heimligkeit geoffenbahrt/ oder mit einem andern unnoͤthigen Streit angefangen oder sich sonst mit naͤrrischen Reden und Ge- berden prostituirt haͤtte. Gelanor gedachte darbey an einen Studen- ten/ welchen er zu seiner Zeit auf Universi taͤ- ten gekennt hatte/ von diesem sagte er/ ich habe mein Tage keinen Menschen gesehn/ der sich mit bessrer Manier vom Sauffen abfinden kunte. Einmahl solte er ein Glaß voll Wein ungefehr von einer Kanne außtrincken/ und stellte sich der andere/ der es ihm zugetruncken/ so eifrig an/ als wolte er sich zureissen/ doch die- M iij fer ser sagte; Mein Freund/ ich habe ihn vom Hertzen lieb/ doch ist mirs lieber/ er wird mein Feind/ als daß ich soll sein Narr werden. Ein ander sagte zu ihm/ entweder das Bier in den Bauch/ oder den Krug auf den Kopff/ da war seine Antwort: Jmmer her/ ich habe lieber nuͤchtern Haͤndel/ als in voller Weise. Wieder einander; trunck ihn eines grossen Herrn Gesundheit zu/ da sagte er: GOTT gebe dem lieben Herrn heute einen gu- ten Abend/ meine Gesundheit ist mir lieber als seine. Ferner solte er seines gu- ten Freundes Gesundheit trincken/ da war diß seine Entschuldigung: Es waͤr mir leid/ daß ich die Gesundheit oben oder un- ten so bald weglassen solte. Einmahl bat ihn einer/ er solte ihn doch nicht schimpfen/ daß er ihn unberauscht solte von der Stube lassen/ aber er replicir te: Mein Herr schimpffe mich nicht/ und sauffe mir einen Rausch zu. Mehrentheils war dieß seine Exception . Herr/ sagte er/ wil er mir eine Ehre an- thun/ so sey er versichert/ ich suche mei- ne Ehre in der Freyheit/ daß ich trin- cken mag/ so viel mir beliebt: wil er mich aber zwingen/ und mir zuwider seyn/ so so nehme ich es vor eine Schande an/ und dancke es ihm mit etwas anders/ daß er mich gebeten hat. Gleich in dem fragte Florindo, ob sie nicht wolten zu Bette gehn/ und verstoͤrte also das schoͤne Ge- spraͤche. CAP. XXXII. A M Morgen stunden sie auf und spa- tzierten durch die Stadt/ als sie nach Hause kamen/ war der Richter an demselben Orte von einem andern pro hospite genom- men worden/ der fuͤhrte lauter Christliche Discurse . Ja sagte er/ was hat ein Mensch/ das ihm Gott nicht giebt. Ach Gottes Vor- sorge muß dz beste bey unserer Nahrung thun- Wie muͤssen doch die Menschen dencken/ wel- che Gott nicht vor Augen haben/ und ihr Her- tze an das Zeitliche hencken? Ach ein gutes Ge- wissen ist ein ewiges Wohlleben. Jch wolte lieber Saltz und Brod essen/ als einen geme- steten Ochsen mit Unrecht. Diesen Ruhm wil ich einmahl mit in die Erde nehmen/ daß ich niemanden sein Recht gebeugt habe. Ge- lanor sperrete Augen und Ohren auf und ver- liebte sich fast in den Gewissenhafftigen Rich- M jv ter- ter. Aber als die Mahlzeit geendigt war/ und Gelanor seine Gedancken dem Wirthe eroͤffnete sagte dieser/ mein lieber Herr/ weiß er nicht/ daß sich die schwartzen Engel offt in Engel des Lichts verstellen. Es ist kein aͤr- ger Finantzen-Fresser im Lande/ als der Mañ/ zwar dieses muß ich ihm nachsagen/ er ist so heilig/ als ein Bettelmuͤnch/ dann gleich wie dieser kein Geld anruͤhrt/ so greifft er kein Ge- schencke an; er spricht nur/ Jungefrau nehmt ihrs/ ich kans mit gutem Gewissen nicht neh- men/ ich habe geschworen. Quasi verò, als waͤ- re Mann und Weib nieht ein Leib. Uber diß nimmt er alle accidentia mit Recht ein/ denn er verdoppelt die Gerichts-Gebuͤhren/ und spielt die Sachen/ welche man in einem Ter- min debatti ren koͤnte/ in die lange Banck hin- auß/ daß viel unnoͤthige Zeugen abgehoͤret/ viel nichtige Exceptiones zugelassen werden/ nur daß die Gebuͤhren fein hoch lauffen/ weil man solche doch mit gutem Gewissen einstreichen kan. Jtem/ er haͤlt etliche Advocaten auf der Streu/ die muͤssen ihm jaͤhrlich etliche hundert Guͤlden geben. Und dieses laͤst sich mit gu- tem Gewissen nehmen/ deñ donatio inter vi- vos ist ja ein titulus Juris : Jnzwischen thut er den guten Wohltaͤtern die courtoisie, und for- foͤrdert ihre Sachen/ daß sie zutraͤgliche Cli- enten bekommen/ und also heist es recht; Ach GOTT der theure Nahme dein/ muß ihrer Schalckheit Deckel seyn. Hierauff sagte Gelanor, nun so hab ich noch keinen solchen Heuchel - Narren angetroffen: der blinde Mann meinet/ es sey gar wohl außgericht/ wann er nur den Nahmen GOttes im Mun- de fuͤhre/ gesetzt/ daß er solchen in der That mehr als zu sehr verleugne. Nun/ nun ver- lasse dich auf dein fas \& nefas, das heist/ auf deine Besoldung und accidentia, du wirst zu recht kommen/ nur sieh dich vor/ daß keiner auf den Juͤngsten Tag appellirt, da moͤchte der Hencker zum Strassenrauber werden/ und moͤchte dich hohlen/ ehe du alle deine Liquida- tiones legitimirt haͤttest. Als dann wirst du erfahꝛen/ welches du manchem Inquisi tẽ nicht glauben wilst; Ex carcere malèrespondetur. Jndem fiengen sie an zu laͤuten/ da eilte der Wirth/ daß er kunte zu der Leiche gehn/ und gab seinen Gaͤsten Anleitung/ wo sie in der Kirche die Predigt hoͤren solten/ denn die Ei- telkeit/ die so wol im Proceß, als in der Trauer selbst gehalten worden/ mag ich nicht beruͤh- ren: Weil es doch so gemein damit ist/ daß sich niemand mehr daruͤber verwundert. Da- M v rumb rumb eilen wir zu der Predigt. Nun war die gantze Stadt voll/ was der verstorbene vor ein boͤser Mensch gewesen/ also daß etliche sagten/ er waͤre nicht einmahl wehrt/ daß er auf den Gottes-Acker begraben wuͤrde/ des- sen aber ungeacht/ war die Leichpredigt so troͤstlich und delicat eingericht/ daß mancher vor Freuden gestorben waͤre/ wann er sich an seinem Ende solcher Predigten haͤtte versi- chern sollen. Endlich kam es an den Lebens-Lauff/ da war es voller Christlicher und Himmlischer Tugenden/ da hatte er in der Schule die vor- trefflichsten / pecimina abgeleget/ und alle Leu- te sagten/ er haͤtte sich mit etlichen Præcepto r i- bus geschlagen/ wäre hernach zum F enster hinauß gesprungen/ und was dergleichen Leichtfertigkeiten mehr waren. Ferner solte er sich auf Universi taͤten eine geraume Zeit mit sonderbahren Nutzen auffgehalten haben/ und iederman sagte/ er waͤre einmahl auf die Leiptziger Messe gezogen/ und haͤtte sich im Auerbachs-Hoffe auf dem Bilderhause umb- gesehen/ waͤre darnach in das rothe Collegi - um gangen/ und haͤtte der Deposition zugese- hen/ von dar haͤtte er in dem Fuͤrsten Collegio eine Kanne Vier getruncken/ und damit waͤre er er wieder nach Hause kommen. Absonder- lich muste Eurylas lachen/ daß erzehler wurde/ wie er sich so wohl mit den boͤsen Nechsten vertragen/ alles mit Christlicher Gedult uͤber- sehn/ und niemahls boͤses mit boͤsem vergol- ten haͤtte: denn er fragte/ wo denn der boͤse Nechste waͤre/ dem man alles muͤsse zu gut halten/ weil dergleichen Ruhm in allen Leich- predigten zu befinden waͤre. Es muͤsten vielleicht diejenigen seyn/ welche mit der halben Schule begraben wuͤrden/ und keine Predigt kriegten. Gelanor sagte/ es waͤre nicht so zu verstehen/ als wenn sie eben so gut und heilig gelebt haͤtten/ sondern daß sie also haͤtten leben sollen/ damit die Lebenden sich ihrer Schul- digkeit dabey erinnern/ und das Leben genau- er anstellen moͤchten. Ja wohl versetzte Eu- rylas, haͤtten sie also leben sollen; aber wer wil sich einbilden/ daß iemand durch diese Erin- nerung gebessert wird. Jch menyte vielmehr/ weil andere mit ihrem liederlichen Wesen so ein Lob verdienet haͤtten/ so wolte ich es gleich so bunt treiben/ und doch die stattlichsten Per- sonalia darvon tragen. Nein nein/ antwortete Gelanor, die Meynung hat es nicht/ sondern es wird so viel darunter verstanden. Seht ihr Lente/ dieser Mensch hat an seinem letzten M vj Ende Ende noch die Gnade gehabt/ daß er zum Er- kaͤntniß kommen ist. Jhr andern wagt es nicht darauff/ ihr habt kein Brieff und Siegel daruͤber/ daß ihr auch mit solcher Vernunfft hinfahren koͤnnet. U nter diesen Reden hat- ten sie auf das uͤbrige nicht achtung gegeben/ daß sie also nichts mehr davon zu hoͤren krieg- ten: alldieweil die Music wieder angieng/ und alle mie hellem Halse zu sammen anstimmten/ deñ der Tod koͤmmt uns gleicher Weiß. Als sie nach Hause kamen/ brachte der Wirth einen Pack Leichen Carmina mit/ darein er haͤtte vor zehen Thaler Pfeffer und vor fuͤnff- zehn Guͤlden Jngwer einwickeln koͤnnen/ Ge- lanor sahe sich in denselben etwas umb/ und fand unter andern folgende Kern-Verse/ oder daß ich einer iedweden Sache ihren rechten Namen gebe/ folgendes Madrigal, von vier- tzig Versen weniger eins. O Tod du grimmer Menschen F raß/ Du Streckebein du Leute Schlaͤchter/ Du Lebens-Dieb/ du Blecke-Zahn/ Du Schatten-Kind/ du Sensen-Mann/ Du F reund der Atropos, O du der Clotho Schwager/ Du Hertz der Lachesis, sag an/ was heist denn das? Du Du bist von Knochen nur und bleibest allzeit mager. Weßwegen frist du denn die Menschen so dahin? Hier stirbt ein grosser Mann/ ist dieses denn dein rechter? Bewegt dich nicht der Tugendhaffte Sinn? Hoͤrst du nicht unsre Klagen? Ach nein du kanst es auß dem Sinne schla- gen/ Du grausams Ebenbild/ du gifftigs Wun- derthier/ Du Basiliske du/ du Stadt und-Land-Ver- derber/ Das Tiger oder doch du Tiger Kind. Du bist mit deiner Sichel blind/ ꝛc. Gelanor hatte grosse Gedult/ daß er es im Lesen noch so weit gebracht. Doch weiter mochte er die Nießwurtzel nicht in sich fressen/ sondern warff das Papier in das Fenster/ und sagte/ es bleibt darbey/ der Kerle ist ein Narr/ und wenn sonst kein Poete ein Narr mehr waͤre. Was hat der uͤbersuͤchtige Sause- wind auf den Tod zu laͤstern? Der Tod ist GOttes Ordnung/ der laͤst die Menschen sterben/ und setzt uns ein Ziel/ welches nie- mand uͤberschreiten kan. Daß die Heidni- M vij schen schen Poeten/ welche von GOtt nichts ge- wust/ unterweilen solche Fratzen mit einge- mengt/ das ist kein Wunder; Aber daß ein Christ dem Tode gleichsam vor der Thuͤre wetzt und ihn herauß fordert als einen andern Berenheuter/ das ist fuͤrwar eine von den groͤsten Schwachheiten. Jn waͤhrendem Gespraͤche kam ein heßlicher Dampff in die Stube gezogen/ daß alle meynten/ sie muͤsten von dem widrigem Geruche vergehen. Als sie nun hinauß sahen/ wurden sie etliche Kerlen gewahr/ welche Tabackpfeiffen im munde hat- ten/ und so abscheulich schmauchten/ als wenn sie die Sonne am F irmament verfinstern wol- ten. Gelanor sahe ein wenig zu/ endlich sagte er/ sind das nicht Narren/ daß sie dem Teufel alles nachthun und Feur fressen. Jch moͤchte wohl wissen/ was vor Kurtzweil bey dem Lum- penzeuge waͤre. Der Wirth hoͤrte es/ und meinte/ es muͤste mancher wegen seiner Phleg- matischen Natur dergleichen Mittel gebrau- chen. Doch Eurylas fragte/ wie sich denn die Phlegmatischen Leute vor zweyhundert Jahren curirt haͤtten/ ehe der Taback in Eu- ropa wāre bekandt worden/ sagte darneben/ es waͤren etliche Einbildungen/ daß der Taback solte die Fluͤsse abziehen/ er braͤchte zwar Feuch- tigkeit tigkeit genug in dem Munde zusammen: Al- lein dieses waͤren nicht die rechtschuͤldigen Fluͤsse/ sondern die Feuchtigkeit/ welche im Magen der concoction als ein vehiculum dienen solte/ wuͤrde hierdurch abgefuͤhret: dannenhero auch mancher duͤrre/ matt/ hart- leibicht/ und sonst elende und kranck davon wuͤrde. Der Wirth wandte ein/ gleich wohl keñte er vornehme Doctores und andere Leu- te/ die auch wuͤsten/ was gesund waͤre/ bey wel- chen der Taback gleichsam als das taͤgliche Brot im Hause gehalten wuͤrde. Ey sagte Eurylas, ist denn nun alles recht/ was grosse Leute thun? Jn Warheit es steht schoͤn/ wann man in ihre Studierstuben koͤmmt/ und nicht weiß/ ob man in einer Bauer- Schencke/ oder in einem Wachhause ist/ vor Rauch und Stancke. Warumb muͤssen et- liche den Taback verreden und verschweren/ wollen sie anderst bey der Liebsten keinen Korb kriegen! warumb schleichen die armen Maͤn- ner in die Kuͤche/ und setzen sich umb den Herd/ daß der Rauch zum Schorstein hinauß stei- gen kan? warumb ziehen sie andere Kleider an/ und setzen alte Muͤtzen auf? Gelt/ wenn sie sich des Bettelments nicht schaͤmen muͤsten/ sie wuͤrden es nicht thun. Fldrindo sagte hier- hierauff/ ey was sollen sich die Leute schaͤmen. Wisset ihr nit/ wie wir unlaͤngst in einer nam- hafftigẽ Stadt auf die Trinckstube gehen wol- tẽ/und vor der Stube einen Tisch voll Docto- res antraffen/ welche Collegialiter die Taback- pfeiffen in dem Munde hatten. Dazumahl lernte ich/ was die weitlaͤufftigẽ Programma- ta an den Doctoraten nuͤtze waͤren/ dann zur Noth koͤnten die lieben Herren fidibus dar- auß machen/ und Mußquetier-Taback vor Virginischen gebrauchen. Dem Wirthe waren die Reden nicht angenehm/ drum gieng er fort und sagte/ wem der Gestanck zuwider waͤre/ der moͤchte sich eine Balsambuͤchse zu- legen/ er koͤnte den Geruch nicht besser schaffen/ als er von Natur waͤre. CAP . XXXIII . F Olgenden Tag war die Hochzeit ange- setzt/ da muste unsere Compagnie Maul und Nase auffsperren/ daß sie alles recht be- trachten und einnehmen kunten Die Gaͤste waren auf das Koͤstlichste herauß geputzt/ die Tractamenten waren sehr delicat/ die Music ließ sich mit sonderlicher Annehmligkeit hoͤrẽ/ die Taͤntze wurden mit grossem Tumult voll- bracht bracht. Einer schnitt Capreolen/ der andere machte Floretten/ der dritte stolperte uͤber die hohen Absaͤtze: da mochte sauffen/ wer ein Maul hatte. Denn andern Tag war die Braut mit ihrem neuen Schlaffgesellen un- erhoͤrt auffgezogen/ da kamen die Weiber und Maͤnner/ und versuchten ihr Herl. Abson- derlich haͤtten ihr die Junggesellen/ oder die Herren Braut-Luͤmmel bald den Kopff mit Band und Haaren abgerissen/ weil sie den Krantz mit starckem Drate unter den Haaren fest verwahret hatte. Und bey diesem Actu giengẽ solche obscœna æquivoca vor/ daß sich zuͤchtige Ohren billig davor zu schaͤmen hat- ten. Als nun der Wirth mit unsrer Com- pagnie wieder zu sprechen kam/ sagte Eurylas, es gefāllt mir an diesem Orte sehr wohl/ in- dem es lauter wohlhabende und vergnuͤgte Leute hier giebt. Jch sehe alles in Kostbahren Kleidern in koͤstlichẽ Essẽ und Tꝛinckẽ/ in Wol- lust und Herrligkeit daher stutzen. Doch der Wirth gab zur Antwort; mein Herr/ es ist nicht alles Gold/ was gleisset. Solte er un- sere Hoffart auf den Probierstein streichen/ sie wuͤrde nicht guͤlden herauß kommen. Es geht manche Jungfer/ die hat ihr gantz Patri- monium an den Hals gehenckt/ nur daß sie desto desto eher ein ander Patrimonium mit verdie- nen will. Zu Hause zotteln sie in Leinwat- Kuͤtteln/ und essen trocken Brod/ nur daß sie allen Alamodischen Bettel schaffen koͤnnen. Mancher wirfft den Spielleuten/ oder Hoch- teutsch zu reden/ den Herren Justrumentisten einen Thaler auf/ den er an drey und zwantzig Ecken zusammen geborgt hat. Mancher tantzt die Schuh entzwey/ ehe er weiß wo das Geld herkommen soll/ damit er den Schuster contentirt. Braut und Braͤutigam selber werden in drey Jahren nicht so viel eiñehmen/ als sie auf ihre Pralerey auffgewendet haben. Da sagte Eurylas, du blinde Welt/ bist du so naͤrrisch/ und knuͤpffst keine Schellen an die Ohren? da haͤtte mancher meynen sollen/ es waͤre lauter Fuͤrstlich und Graͤfflich Reich- thumb darhinder/ so sehe ich wohl/ es ist mit ei- nem Quarge versiegelt. Gelanor gab sein Wort auch darzu. So haben die Leute/ sagte er/ schlechte Ursache so uͤppig und wohlluͤstig ihre Sachen an zu stel- len. Sie moͤchten an statt ihrer Zotten und unzuͤchtigen Raͤtzel etliche Gebete sprechen/ daß sie GOtt auß ihrer Armuth erretten/ und ihnen ein zutraͤgliches Außkommen bescheren wolle. Es Es ist ohn diß eine Schande/ daß die zarte Jugend durch dergleichen aͤrgerliche Haͤndel zu boͤser Lust angereitzet wird. Und da moͤchte man nachdencken/ warumb vor alters bey de- nen Hochzeiten Nuͤsse unter das junge Volck außgeworffen worden? nehmlich daß sie nicht solten umb die Tische herumb stehen/ wenn ir- gend ein muthwilliger Hochzeit-Gast ein schlipffrich Wort liesse uͤber die Zunge sprin- gen. Nun wer will sich wundern/ daß so we- nig Heyrathen wohl außschlagen/ da mit sol- cher Uppigkeit alles angefangen wird. Wenn nun die Nachfolge nicht so suͤß ist/ als sich man- ches die Einbildung gemacht hat/ so geht es auf ein Klagen und Lamentiren hinauß: da hingegen andere/ welche den Ehestand als ei- nen Wehestand annehmen/ hernachmahls al- le gute Stunden gleichsam als einen unver- hofften Gewinn erkennen/ das Boͤse aber nicht anders als ein telum prævisum gar leicht ent- weder vermeiden/ oder doch mit Gedult beyle- gen koͤnnen. Hierauff gedachten sie an das Tantzen/ und meynte Eurylas, es waͤre eine Manier von der klugen Unsinnigkeit/ daß eines mit den andern herumb springe und sich muͤde machte: aber Gelanor fuͤhrte diese entschuldigung an. Es ist ist nicht ohne/ sagte er/ es scheinet etwas lieder- lich mit den Tantzen. Doch die gantze Ju- gend koͤmmt den alten Leuten eitel und lieder- lich vor. Und darzu kan es auch von Alten mit Masse gebrauchet werden: denn die Be- wegung ist dem Menschen nicht schaͤdlich/ ab- sonderlich wenn im trincken ein klein Excesgen vorgegangen/ da sich der Wein desto eher ver- dauen und auß dem Magen bringen laͤst/ und also desto weniger exhalationes das Gehirne beschweren. Wie man offt sieht/ daß einer/ der am Tische ein Narr war/ auf dem Tantz- boden wieder nuͤchtern wird. Zwar etliche Theologi sind hefftig darwider/ doch sind etli- che nicht so wiederwaͤrtig und Tantzen eins mit/ daß ihnen die Kappe wackelt. Die War- heit davon zu sagen/ so haben auch etliche alte Kirchenlehrer gar scharff darauff geschrieben/ daß sie auch gesagt: chorea est circulus, cu- jus centrum est Diabolus: doch es ist der al- ten Vaͤter Brauch/ daß sie das Kind offt mit dem Bade außschuͤtten/ und da sie den Miß- brauch tadeln solten/ den rechten Gebrauch zugleich verdammen wollen. Denn solche leichtfertige Taͤntze/ wie der Zeuner Tantz biß- weilen gehalten wird/ und wie Anno 1530. zu Dantzig einer von lauter vermum̃ten nackich- ten ten Personen angestellet worden: oder wie Anno 1602. zu Leipzig auf dem damahligen Rabeth ein Schneider Geselle mit einer un- zuͤchtigen Breckin vor allen Leuten nackend herumb gesprungen: oder wie auf Kirmsen und andern gemeinen Sonntagen/ Knechte und Maͤgdẽ zusammen lauffen/ oder auch in Staͤdten heimliche Rantzwinckel gehalten werden/ die soll man mit Pruͤgeln und Staup- besen von einander treiben. Und da heists/ non centrum modo, sed ipsum circulum possidet Diabolus . Aber dieses alles auf die sittsamen und zuͤchtigen Ehren-Taͤntze bey Hochzeiten und Gastereyen zu appliciren/ ist etwas zu scharff gebutzt. Ach wie ist mancher Vater so gewissenhafftig/ ehe er sein Kind auf eine Hochzeit gehen laͤst; oder wenn er Schan- de und naher Freundschafft halben sie nicht zu Hause behalten kan/ so muß sie doch als balde vom Tische wieder heim/ da er sie doch mit bes- serm Gewissen von andern heimlichen Zusam- menkunfften abhalten moͤchte: denn auf einem oͤffentlichen Tantzbodẽ wird keine so leicht ver- fuͤhret/ als wenn sie hinter der Haus-Thuͤr einen Rendezvous von zwey Personen an- stellet/ und mit drey Personen wieder hervor kommet. Eury- Eurylas fragte/ warumb aber die Taͤntze bey Hochzeiten so gemein worden? Gelanor antwortete/ die lieben Alten haͤtten es darumb angestellet/ daß ein Junger Mensch/ der sich nunmehr nach einer Liebsten zu seiner Heyrath umbsehen wolle/ an einem Orte Gelegenheit haͤtte/ ohne sondeꝛlichem Veꝛdacht mit etlichen bekandt zu werden. Allein die heutige Welt habe es umbgekehrt/ denn/ sagte er/ da muͤssen alles gelschneblichte Stutzergen seyn/ die noch ïn vierzehen Jahren keine rechte Liebste beduͤrffen. Und manche Jungfer steht sich selbst im Lichten/ die offt einen ehrlichen Kauff- oder Handwercksmann der sie in allen Ehren meynet/ uͤber Achsel ansieht/ und einen Bunt- baͤndrichten Monsieur ihm zu Trotze mit vor- trefflichen Liebkosungen bedienet/ daruͤber sie endlich zur alten Magd wird: und da mag sie wohl versichert seyn/ wann sie den Kirch- Thurm scheuern wird/ so wird ihr keiner von den vorigen Auffwaͤrtern Wasser zutragen. Hier ward etwas anders drein geredet/ und Eurylas erinnerte/ ob man nicht kuͤnfftigen Tag weiter reisen wolte. Solches ward be- liebet/ und weil gleich eine Landkutsche auf eine andere Stadt abfahren wolte/ setzten sich Flo- rindo, Gelanol und Eurylas darauff/ und lies- sen sen ihre uͤbrigen Leute mit den Pferden hinten nach kommen. CAP . XXXIV. D Je Kutsche war mit acht Personen be- setzt/ und unter denselben befanden sich zween Studenten/ welche erstlich von ihren Büchern und Collegiis viel zu reden hatten. Endlich kam es herauß/ daß einer ein Sperlin- gianer, der andere ein Zeisoldianer war. Deñ da fiengen sie de Materia prima so eiffrig an zu disputiren, als weñ die Seeligkeit dran gelegen waͤr. Einer sagte/ materia tua pri- ma est ens rationis, der andere retorquirte, \& materia tua simplex insignem tuam arguit simplicitatem. Und in dergleichen Streite mangelte es wenig/ daß es nicht zu Schlaͤgen kam. Gelanor schlug sich zu letzt ins Mittel/ und sagte/ ihr Herren/ warumb zancket ihr euch/ ihr habt alle beyde recht. Eure Magi- stri haben euch was weiß gemacht/ das ihr in kurtzer Zeit vor Eitelkeit halten werdet. Denn seht die Philosophie, ob sie zwar in partem principalem \& instrumentalem abgetheilet wird/ so ist sie doch in unserm studieren nichts mehr als ein Jnstrument oder ein Werckzeug/ des- dessen wir uns in den hoͤhern F acultaͤten be- dienen muͤssen. Jhr wisset ohne Zweiffel das Sprichwort: Philosophia ancillatur Theolo- giæ, oder wie es ein vornehmer Mann nicht uneben extendirt, Philosophia inservit supe- rioribus facultatibus . Nun sagt Aristote- les, servus est instrumentum Domini. Und folgt also/ quòd Philosophia sit instrumen- tum superiorum facultatum . Nun will ich euch die gantze Sache in einem Gleichnuͤsse vorbilden. Es sind drey Zimmerleute/ die haben drey Beile/ einer hat Affen und Meer- katzen lassen drauff stechen. Der andere fuͤhrt Blumen und Gartengewaͤchse drauff. Der dritte hat auf seinem nichts/ als das Zeichen von der Schmiedte/ da das Beil gemacht ist. Sie kommen in der Schencke zusammen/ und disputi rt ein ieglicher/ sein Beil ist das schoͤn- ste. Aber wenn sie den Tag hernach an die Arbeit kommen/ schmeist einer sowohl drauff/ als der andere/ und ist im Effect kein Unter- scheid. So geht es mit der Philosophie auch her. Weil ihr auf Universi taͤten seyd/ da wollet ihr ein ander tod disputi ren/ uͤber sol- chen Sachen/ die nicht viel besser herauß kom- men/ als Affen und Meerkatzen; Aber wenn es zum Gebrauch selber koͤmmt/ so macht es ei- ner ner so gut als der andere. Ob einer Meta- physicam per Sapientiam oder per Scienti- am definirt. Ob es ein Lexicon Philoso- phicum, oder eine sonderliche disciplin ist: ob drey Affectiones Entis sind Unum, Verum, Bonum, oder ob Ubicatio und Quandicatio darzu gerechnet werden/ so versteht einer die terminos so wohl als der andere/ und ist in den Haupt- disciplinen einer so gluͤckselig als der andere. Jngleichen ob einer materiam pri- mam oder materiam simplicem statuirt, ob er transelementationem beweist oder ver- wirfft; ob er sagt/ Calidum est, quod calefa- cit, oder Calidum est, quod congregat h o - mogenea \& separat heterogenea. Jo o b einer gar dem Cartesio in das Gehaͤge geht/ und ausser der Materie und des Menschẽ See- le keine andere Substanz- annimmt/ und alle A- ristote lische formas substantiale s auf einen confluxum certorum accidentium hinauß lauffen laͤst/ so ist es doch in dem Hauptwercke bey einem so wohl getroffen/ als bey dem an- dern/ wie in der Astronomie keiner irret/ er mag das Systema Coperniceum oder Ty- chonicum annehmen. Drumb ihr lieben Herren/ lernet nur gut hacken/ ihr moͤgt einen Sperling oder einen Zeisig auf dem Beile ha- N ben ben. Zu wuͤndschẽ waͤre es/ daß etliche gute Leute auf Universi taͤten sich hierinn maͤssigten/ und die jungen Studenten nicht in der glei- chen Theoreti sche Jrrthuͤmer fuͤhrten/ son- dern vielmehr den usum in den hoͤhern disci- plinen zeigten/ und in den andern adiaphoris einen ieglichen bey seinen neun Augen liessen. Die jungen Studenten machten ein paar grosse Augen/ und verwunderten sich/ daß ein Politicus in bunten Kleidern von solchen Sachen also frey urtheilen wolte. Doch war der Respect gegen ihre Præceptores so groß/ daß sie die Erinnerung so gar umbsonst und undisputiet nicht begehrten anzunehmnen/ drumb fragte einer/ ob es rathsam waͤre/ zwey contradictoria vor wahr zu halten? Es waͤre ja unmoͤglich/ daß nicht eines von beyden muͤste falsch seyn. Gelanor sagte/ ihr lieber Mensch reissen euch die contradictoria so sehr im Leibe? gebt doch zuvor achtung drauff/ ob dieselbe sich in dem Hauptwercke oder in dem Neben wercke befinden? oder daß ich deutli- cher rede/ sehet ob die contradictoria den fi- nem oder die media betreffen? die media oder die Hypotheses moͤgen wohl bey andern con- tradictoriè angenommen werden/ wenn nur die conclusiones allenthalben richtig sind. Wie Wie es ein schlechter Unterscheid ist/ ob die Erde stille stehn oder herumb lauffen lasse/ weñ nur auf beyden Theilen die Phænomena ei- nerley herauß kommen. Jch gebe ein Gleich- niß. Es wollen ihr zween von Leipzig auf Hamburg. Einer zeucht mit der fahren- den Post über Magdeburg/ der andere geht zu Pferde uͤber Qvedlinburg/ hier sind in me- dio sichtbare contradictoria . Denn Magde- burg ist nicht Qvedlinburg/ und Qvedlinburg ist nicht Magdeburg: allein es nimmt der Sache nichts/ wenn sie nur in fine einig sind/ und alle beyde auf Hamburg/ und nicht auf Bremen oder Luͤbeck kommen/ wie jener Eulenburgische Bote der auf Torgau wol- te/ und sich verirrete/ daß er auf Leipzig kam. Waͤren aber dieses nicht abscheuliche Nar- ren/ wenn sie einander zu Ketzern machten/ daß einer nicht so! wohl als der andere uͤber Magdeburg oder Qvedlinburg reisen wolte? Also machen es manche Philosophi, die su- chen andere Wege genauer zum Zwecke zu kommen. Und da fangen sie ein Gezaͤncke dar- uͤber an/ als wenn der Him̃el einfallen wolte. Endlich aber im Zwecke selbst sind sie so einig/ wie Zweckenpeter mit Hirsemerten in der Schencke, Hier fieng einer an zu klaffen/ Eja N ij Eja, Eja contradictoria non sunt simul vera. A- ber Florindo wolte ihm g l eich den Schnabel wischen mit den contradictoriis veris \&appa- rentibus, wenn nicht etwas waͤre darzwischen kommen. ( notetur hæc formula, sagte jener Bacularius. ) CAP . XXXV . E S saß einer auf der Kutsche/ der hatte sich im waͤhrenden Gespraͤche zu rechte gelegt und schlieff eines auf der Philosophie Gesundheit. Endlich fiel ihm der Hut vom Kopffe/ daruͤber erwachte er/ und fieng eben zu der Zeit/ da Florindo am nothwendigsten zu disputiren hatte/ an zu schreyen: halt/ halt halt Kutscher/ mein Hut/ mein Hut. Der Kutscher mochte auch seine Liebes-Grillen vor sich haben/ also daß er das Geschrey nicht in Acht nam/ nach langen Ruffen hielt er still. Aber als er den Hut wieder auffheben wolte/ hatte sich ein grosser schwartzer Wasserhund daruͤber gemacht/ und lieff damit querfeld ein. Der gute Mensch wolte hinden nach setzen; doch vier Beine lieffen schaͤrffer als zwey Bei- ne/ und damit war der Hut verlohren. Er lamentir te abscheulich/ der Hut koste an sich selbst selbst zwey Reichsthaler/ die Krempe haͤtte er keinem umb vierdthalb Thaler gelassen/ das F utter kaͤme ihn auf sieben Groschen zu flehen/ und die Schnure wuͤrde er unter funfzehn Groschen nicht wiederschaffen/ und da war es erschrecklich/ was der Hund vor injurien und vor haͤßliche Ehren-Titul muste uͤber sich neh- men/ ja er haͤtte sich lieber an den Kutscher ge- macht: Allein dieser gab ihm Wahre dran/ daß die gantze Compagnie lachte/ und er Schande halben still schweigen muste. Eury- las gab ihm einen Trost/ wie waͤr es/ sagte er/ wenn er zu Schiffe gewesen/ und der Hut waͤre ihm in das Wasser gefallen/ so hãtte der Schiffer nicht einmahl koͤnnen stillhalten Florindo sagte/ der Thor-Waͤrter in der Stadt wird steltz werden/ denn er wird sich einbilden/ als habe er den Hut ihm zu Ehren abgenommen; Der Dritte sagte/ man solte ihn gehen lassen/ wenn er einen neuen Hut kauffte/ so haͤtte er das beste Ansehen in der Compa- gnie . Der Vierdte sagte/ es wuͤrde mich greulich kraͤncken/ wenn ich den Schaden haͤt- te/ absonderlich wenn ich nicht wuͤste/ ob dieses ein ehrlicher Kerl waͤre/ der ihn nach mir tra- gen solte. Der Fuͤnffte sagte/ wenn ich nicht wuͤste/ wie er waͤre darum kommen/ so meynte N iij ich/ ich/ er haͤtte kein Geld/ und haͤtte den Hut muͤs- sen zum Pfande lassen. Der sechste brachte dieses vor/ ihr Herren/ sagte er/ ihr wisset viel/ was der Handel zu bedeuten hat. Wer weiß/ wo ein Frauen Zimmer in der Nachbar- schafft ist/ die den Hut hohlen laͤst/ wenn er nur nachlieffe/ und sein Gluͤcke zu suchen wuͤste: denn es kam mir vor/ als waͤr es kein natuͤrli- cher Hund. Gelanor sagte zuletzt/ ey lasset ihn zu seinem Schaden unvexirt/ es ist ein Zufall/ da er nichts davor kan. Wer weiß wo ihm das Gluͤcke guͤnstig ist/ daß er einen Hut vor vier Thaler/ und eine Krempe vor sieben Thaler geschenckt kriegt. Jnzwischen saß der arme Donner und spintisirte/ wo er einen an- dern. Hut schaffen wolte. Doch als sie an ein Dorff kamen/ hielt ein Kerle auf einem Pfer- de/ und fragte/ ob iemand von der Kutsche einen Hut verlohren haͤtte/ es waͤre uͤmb ein Trinckgeld zu thun/ so wolte er ihm solchen wieder zuweisen. Dem guten Menschen wa- ckelte das Hertz vor Freuden wie ein Laͤmmer- Schwaͤntzgen. Nur das Trinckgeld verstoͤr- te ihm die Freude ein wenig/ doch es halff nichts davor/ und sagte der obgedachte Sper- lingianer zu seinem Troste/ è duobus malis minus est eligendum. Hierauff sahen sie Un- Unterschiedene zu Pferde/ welche wohl zwan- tzig Stuͤcke Jagt-Wind- und Wasser-Hun- de nach sich lauffen hatten. Da sagte Eury- las, wenn der Wallensteiner hier waͤre/ so wuͤr- de er sprechen/ da laͤufft eine kleine Bestie/ und eine andere kleine Bestie koͤmmt hinten nach/ dem folgt eine grosse Bestie/ drauff sitzt wieder eine Bestie/ die jagen einander im Felde her- umb. Hierauff sagte ein Studente/ es waͤ- re eine Schande/ daß man solch ungezieffer an allen Hoͤffen so haͤuffig auffziehen liesse/ man solte die Bestien in das Wasser werffen/ die Hasen und die Fuͤchse wuͤrden sich doch wohl fangen lassen. Florindo lachte und fragte/ ob er etwan auch Hasen schiessen wolte/ wie jener der haͤtte drey Hasen im Lager schlaffend gefun- den/ und waͤre hingangen/ und haͤtte einen nach dem andern auffgehoben/ und gefuͤhlt/ welcher der schwerste waͤre/ hernach waͤre er zuruͤck getreten/ und haͤtte den schwersten auß dem Hauffen herauß geschossen/ daß die Haare gestoben. Er wuͤste viel/ was die Hunde vor ein Nutzen haͤtten/ er solte solche Sachen unrefor- mirt lassen. Gelan fiel ihm in die Rede: Es ist war/ sagte er/ die Hunde haben ihr Lob/ doch daß mancher so viel im Hause herumb lauffen laͤst/ die ihm den gantzen Kornboden moͤchten N jv kahl kahl fressen/ da er doch alle seine Jagten mit einem paar guten Zwittern oder Bauerhun- den bestreiten koͤnte/ dz ist eine Sache/ die Ab- mahlens werth ist. Uber dieß sind etliche so gesinnet/ daß ehe sie einem Hunde was abge- hen oder zu Leide thun liessen/ ehe schluͤgen sie drey Knechte/ 6. Bauren und wohl gar das beste Pferd in die Schantze/ und wenn man hernach das Raben-Aaß beym Licht ansiehet/ so verdienet es kaum die Beine/ geschweige das Fleisch und das liebe Brot. Eurylas sagte; Ey mit den grossen Hunden geht es wohl hin/ denn wenn sie sonst nichts nuͤtze sind/ so dienen sie zum Staat. Es sieht gleichwol praͤchtig/ wenn mann in ein Haus koͤmmt/ und solche schoͤne Thiere herumb lauffen sieht. Und ich gesteh es/ waͤre ich ein grosser Herr worden/ ich haͤtte mich trefflich auf rare Hun- de befliessen. Doch dieses ist ein erbaͤrmlicher Handel/ daß viel Leute ein halb Schock kleine und unnuͤtze Stubenklecker halten/ die nicht wehꝛt sind/ daß man sie mit Heckeꝛlinck maͤstet/ geschweige daß sie mit den delicat sten Suͤpp- gen und muͤßergen sollen gefretzet werden/ welche man offt mit besserm Gewissen kran- cken und nothleiden den Leuten zuwenden koͤnte. Jch kenne/ sagte er ferner/ eine vornehme Frau/ Frau/ die lebt sonst sehr praͤchtig und kostbar; Allein in ihrem Zimmer ist ein Stanck von Hunden/ daß man eher einen Schinder/ als etwas rechtschaffenes da suchen solte. Hierauff sagte ein ander/ diese Thorheit gehet noch hin- Allein wo man die Meerschweingen/ Canini- chen/ Eichhoͤrngen/ und ander solch Gezichte in Stuben und Cam̃ern hegt/ davon ein Ge- stanck entstehet/ als waͤre man in die tieffste Schundgrube gefallen/ das giebet ansehnli- chen und grossen Leuten schlechte reputation. Florindo konte dieß wieder nicht leiden. Was sagte er/ soll vornehmen Leuten alle Ergetzlig- keit zur Thorheit gemacht werden? Jch ge- steh es/ daß mich keine curiosi taͤt so sehr a ffi- cirt, als wenn ich solche Thiere zahm und ge- wohnet sehe/ die sonsten wild und furchtsam seyn. Jener replicir te/ er wolte niemanden seine Lust ab disputi ren. Dieses verwunder- te ihn nur/ daß etliche ihre Lust zur Unlust/ und ihr divertissement zu lauter Gestanck mach- ten. Doch sagte er/ es ist Gottes Ordnung so wunderlich/ daß reiche Leute auch ihre liebe Noth haben muͤssen. Wer sich in der Schule mit Kindern blackẽ muß/ deꝛ wird vor ungluͤck- selig außgeschrien/ weil er von den selben/ ich weiß nit was lauffle sen muß/ und, es naͤhme N v manch manch delicat Gemuͤthe nicht viel Geld/ und bliebe einen halben Tag in einer solchẽ Stube. Doch die Kinder sind noch vernuͤnftige Crea- turen. Da sie hingegen von solchen unnuͤ- tzen Bestien sechsmahl mehr Unflat und Wi- derwertigkeit aufflesen/ und endlich zur schul- digen Danckbarkeit sich in die Hand oder in den Finger beissen lassen. Hier fiengen sie au von den grossen Thieren zu reden/ ob es an hohen Hoͤfen verantwortlich waͤre/ Loͤwen/ Beeren/ Tigerthier/ Luchse und dergleichen zu halten/ weil man unzehlige Exempel haͤt- te/ daß sie entweder loß gerissen und Scha- den gethan/ oder doch ihre Wãrter bißwei- len so empfangen waͤren daß ihnen das Fell uͤber dem Kopffe herunter gehangen. Doch sie kamen zu bald an die Stadt/ daß sie dem discurs seine endschafft nicht gaben. CAP . XXXVI . J M Wirths-Hause war etliche Stun- den zu vor eine Kutsche von 6. Perso- nen ankommen/ also daß der Wirth eine gros- se Taffel decken ließ. Nun befand sich unter den Gaͤsten ein iungeꝛ Kerl/ der wolte mit gan- zer Gewalt ein Narr seyn/ denn da mochte man vorbringen/ was man wolte/ so hatte er ein en Possen fertig/ zwar bißweilen kam es so so uneben nicht heraus: doch gemeiniglich kam es so lahm/ daß den andern das Wei- nen so nahe war/ als das Lachen. Weil er aber bloß dahin zielte/ daß die Compagnie lachen solte/ nahm Eurylas seine Gelegenheit in Acht/ als der vermeynte Pickelhering in der Kuͤcke war/ und der Koͤchin den Planeten lesen wolte. Jhr Herren/ sagte er wir/ koͤnnen diesen Abend keine bessere F reude haben / als daß wir den lustigen Menschen vor uns neh- men. Er wil uns mit aller Gewalt zum Lachen zwingen; wir wollen ihm den Possen thun/ und allzeit sauer sehen/ so offt er einen Schnal- tzer fahren laͤst. Dessen waren sie alle zu frie- den und satzten sich zu Tisch/ da kam der gute Hans Wurst auß der Kuͤche gelauffen/ und dachte die Suppe waͤre schon versaͤumet/ halt/ halt ihr Herꝛen/ schrie er/ nehmt mich auch mit/ ich sehe wol/ wenn ich den gruͤnen Scharwen- tzel nicht besetzt haͤtte/ ich waͤre auf drey Daͤu- ser Labeth. Darauff sahe er sich um und ver- wunderte sich/ daß niemand lachte/ doch sagte er/ botz tausend/ es geht scharff/ es geht gewiß vor vier und zwantzig Pfennige/ wie Eulen- spiegel einmal gefressen hat/ doch des Schwã- ckes ungeacht/ sassen sie alle vor sich/ und mach- ten saure Gesichte. Er satzte mit an/ und N vj aß aß seinen Theil auch mit. Endlich/ als er so viel Haͤndel vorbrachte/ und gleichwohl nicht einen zum Lachen bewegen kunte/ schaͤmte er sich/ daß ihm seine Kunst nicht besser ablauffen solte/ und grieff sich derhalben auß allen Kraͤfften an. Jhr Herren sagte er/ wir sitzen da an der Taffel zu trocken und zu stille. Jch muß euch etwas von meinem Lebens-Lauffe erzehlen. Der Wirth/ der von dem abgeleg- ten Karren nichts wuste/ bat ihn gar sonder- lich/ er moͤchte es doch erzehlen/ und die Gaͤste lustig machen/ darauff fieng er also an. Es sind nun vier Jahr/ daß mich mein Vater an einen fremden Ort schickte/ da hatte ich mir vorgenommen/ mit dem F rauengezieffer recht bekand zu werden/ und wolte so lange auf die Courtoisie gehen/ bißich ein wichtig Weiber Stipendium zusammen bringen koͤnte; Aber wie ich eingeplumpt bin/ das ist unbeschreib- lich: Wie ich mich aber revengirt, das ist un- erhoͤrt. Meine erste Liebe warff ich auf ein Maͤdgen/ die kam mir vor als ein Meerkaͤtz- gen. Denn gleich wie dieses halb ein Affe/ und halb eine Katze ist/ so war jene auch halb eine Magd/ und halb eine Jungfer. Unter dem Gesichte sahe sie ein Bißgen auß wie ein abgeklaubter Kirmeß-Kuchen/ sonsten moch- te te sie in ihren essentialibus noch gut genug seyn. Da lieff ich nun mit der Latte/ und wu- ste nicht/ wo ich den Rosenstock solte angreiffen. Jch mochte thun/ was ich wolte/ so war es ver- gebens/ biß mir das Gluͤck die Gedancken ein- gab/ daß ich sie anbinden solte/ da deuchte mich/ als haͤtte sich der boͤse Sinn umb ein paar Querfinger gebessert. Zwar das Angebin- de an sich selbst/ bestund in einer Teute Zucker/ und einem Stuͤck Band vor acht Groschen/ nebenst diesen hertzbrechenden Versen/ die ich halb und halb auß einer gedruckten und fluͤch- tigen F eld Rose sehr kuͤnstlich nach machte. Halt/ halt/ Cupido halt/ du Schelme/ Du thust mich gar zu sehr quaͤlen. Jch schwere bey deinem offenen Helme/ U nd bey deiner armen Seelen/ Laͤst du mein Hertz in liebes-Feuer ver- lodern/ So will ich dich auf den Hieb und auf den Stoß wie einen andern ꝛc. herauß fodern. Siehst du nicht meine abscheuliche Liebe/ Ach weh mir armen Schaͤffer-Knaben! Mein Hertz sieht auß wie eine welcke Ruͤbe/ Da die Maͤuse den Zippel abgebissen ha- ben/ N vij Und Und ie laͤnger ich muß hoffen und harren/ Je mehr werd ich zum klugen Menschen. Galathee die Schoͤnste von unsern Nim- pfen/ Besitzt mein Hertze und thut mich erhitzen/ Nun kan sie mich nicht leichtfertiger schimpfen/ Als wenn ich ihr Hertze nicht soll wieder besitzen/ Jch seh euch schon so wacker/ Wie eine vierzehn-taͤgige Kuhblum auf dem Acker. Viel Gluͤcks zu deinem erwuͤnschten Nah- mens-Feste/ Jch wuͤnsche dir vom Gold ein Haͤusgen/ Das Dach von Pfefferkuche auf das aller- beste/ Und die Latten von Zuckerstengeln/ mein liebstes Maͤußgen Von Roßmarin F ensterlein Und von Zimmetrinde Scheiben drein. Biß der Ochse wird F iltz-Stiefeln tra- gen/ Biß der Quarck wird die Sau fressen/ Biß die Kuh wird auf der Theorbe schla- gen/ Als denn will ich deiner vergessen/ Biß Biß der Esel seinen Schwantz hat forne/ Und die Ziege auf den Steiß ein Horne. Das war ungefehr meine herrliche Erfin- dung/ die mich so beliebt machte/ daß ich den Tag darauff zu ihr in das Haus bestellt ward. Jch war gehorsam/ und folgte meiner Ge- bieterin/ wie der Kuhschwantz dem Horn- bocke: doch/ als ich angestochen kam/ erin- nerte ich mich/ ich moͤchte ja kein grossen Ler- men machen/ sie haͤtte einen Vater/ bey dem sie nicht des Lebens sicher waͤre/ wenn er hinter die Spruͤnge kommen solte. Jch zischelte meine Complimenten so heiser zu/ als haͤtte ich den Wolff tausendmahl gesehen/ doch mei- ner stillen Music ungeacht/ knasterte was an der Thuͤr/ und wolte in die Kuͤche: da war mein Hertze wie eine gefrorne Pferde-Qvitte. Die Liebste bat mich/ ich moͤchte sie nicht in Leibs- und Lebens-Gefahr bringen: Jch bat sie wieder/ sie moͤchte mir eine Außflucht wei- sen. Nach langen Nachdencken muste ich in ein Wasserfaß steigen/ und etliche Brete daruͤber legen lassen/ da saß mein Narr frisch genug. U nd ich werde es mein Tage nicht vergessen/ wie sich meine lederne Hosen an dem Leib anlegten/ darumb dachte ich auch/ und wenn dich alles verlaͤst/ so halten die lederne lederne Hosen bey dir. Aber als ich das kal- te Wasser etwas schaͤrffer empfand/ ward mir die Zeit allmaͤhlich lang/ doch es wolte mit dem herumblauffen in der Kuͤche kein Ende wer- den. Nach drithalb Stunden ward es still/ und da kam meine Liebste geschlichen/ und fragte mich/ ob ich meine Liebes-Hitze abge- kuͤhlet haͤtte? Aber ich bat umb schoͤn Wetter/ daß ich nur zum F asse und Hause hinauß kam. Jn meinem Quartier zog ich mir den Pos- sen erst zu Gemuͤthe/ und wuste nicht/ was ich der untreuen Seele vor einen Schimpff er- weisen wolte. Nach langen Nachsinnen er- fuhr ich/ die Jungfer wuͤrde auf eine Hochzeit gehen/ und ihre Mutter wuͤrde Tutsche-Mut- ter seyn/ da bewarb ich mich bey dem Braͤuti- gam/ daß er mich auch bitten ließ. Nun wolte sich keiner zum Vorschneiden verstehen/ ich aber bot mich selbst an/ die Jungfer Tafel zu versorgen/ da muste die gute Jungfer einen Verdruß nach dem andern einfressen/ denn ich legte ihr alle Keulen/ und sonst nichts rechtes vor; wann die andern Schmerlen kriegten/ muste sie auf ihrem Teller mit Petersilge vor lieb nehmen. Summa Summarum/ ich machte sie trefflich boͤse/ doch dieses alles war mir noch nicht genug: sondern ich ließ meinen Jun- Jungen unter die Tafel kriechen/ und ließ gleich unter die Jungfer ein groß Glaß Bier gantz sachte außgiessen/ daß es nicht anders außsahe/ als haͤtte das liebe Mensch garstig gethan. Als denn nahm ich meine Gelegen- heit in Acht/ als die Tutsche Mutter in die Stube kam/ und zum rechten sehen wolte/ da ruffte ich sie zu mir/ fieng mit ihr an zu schwa- tzen/ fragte sie/ ob es ihr sauer wuͤrde/ und ob sie ein Stuͤck Marcipan haben wolte? Jndem entfiel mir das Messer/ da war die gute Frau hofflich/ und nahm das Licht vom Musican- ten-Tische weg/ und wolte das Messer suchen. Allein wie sie der grossen Katz-Bach unter dem Tische ansichtig ward/ und den ersten Qvell bey ihrer Tochter abmerckte/ uͤberlieff sie eine schamhafftige und boßhafftige Roͤthe/ daß sie außsah wie ein Zinß-Hahn/ und der Treh- ter alsobald befahl/ sie solte auffstehn. Die gute Schwester wuste nicht/ was die Mutter in der Kuͤchen-Kammer so heimlich mit ihr zu reden haͤtte/ ich halte sie stund in den Ge- dancken/ weil keine Hochzeit vorbracht wuͤrde/ da man nicht eine andere erdaͤchte/ so wuͤrde sie nun die Reihe treffen/ und wuͤrde ihr die Mut- ter Instruction geben/ wem sie am hoͤfflichsten begegnen solte. Aber mich deucht/ sie kriegte die die Instruction, daß ihr die Ohren summten/ und daß ihr das Geschmeide vom Kopffe fiel. Da war kein erbarmen/ da halff keine Ent- schuldigung/ da folgte ein Schlag auff den andern; das beste Gluͤck war/ daß eine kleine Seiten-Treppe zur Hinter-Thuͤre zu gieng/ da diese geputzte Venus mit der Magd heimlich fortschleichen kunte. Es hat mir auch ein guter F reund/ der neben anwohn- te/ erzehlt/ daß der Bettel-Tantz zu Hause erst recht angangen/ und daß man auß allen Um- staͤnden haͤtte schweren sollen/ das liebe Kind von neunzehen Jahren waͤre umb das hin- terste Theil ihres Leibes mir der Ruthe ver- braͤmet worden. An diesem Ungluͤcke haͤtte ich sollen besaͤnfftiget werden; doch die un- barmhertzigen Angst-Laͤuse stackẽ mir in Haa- ren/ daß ich die Historie in der gantzen Stadt außbreitete/ und das Mensch in einen uner- hoͤrten Schimpff brachte. Ja/ weil ich eine sonderliche Vene zu teutschen Versen bey mir merckte/ setzte ich folgendes Lied auf/ und ließ es vor ihrer Thuͤr absingen. Jhr Herren/ daß ihr die Melodey mit begreiffen koͤnnet/ so will ichs auch singen im Thon: Ach traute Schwester mein/ ꝛc. 1. Bulle 1. Bullé Bullè Bullé Ach weh/ ach weh/ ach weh! Haͤttestu die Stube nicht naß gemacht/ So haͤtten wir dich nicht außgelacht/ Bullé Bullè Bullé :/: 2. Bullé Bullé Bullé Ach weh/ ach weh/ ach weh! Wie schmecken dir die Kuchen fein/ Die in der Kuchen-Kammer zum besten seyn/ Ach weh/ ach weh/ ach weh:/: 3. Bullé Bullé Bullé Ach weh/ ach weh/ ach weh:/: Haͤttestu nicht zu tieff in das Bier ge- tuͤtscht/ So haͤtte dich die Mutter nicht mit der Ruthe geklitscht/ Ach weh/ ach weh/ ach weh:/: CAP . XXXVII . H Jer sahe sich der Stuͤmper um/ und wuste nicht/ was es heissen solte/ daß sich niemand uͤber seine Possen verwundern wol- te. te. Doch dessen ungeacht/ wolte er in der Erzehlung fortfahren. Allein Gelanor mach- te eine unfreundliche Mine/ und redete ihn fol- gender Gestalt an: Jhr Kerle/ wer ihr seyd/ habt ihr nun das grosse Wort uͤber dem Ti- sche allein/ und sind wir gut genug eure Zotten und Saupossen anzuhoͤren. Wollt ihr einen Stocknarren agi ren/ so habt ihr in unserer Compagnie nichts zu thun/ vor den Tisch ge- hoͤren solche Gauckeler/ da sie die Nasenstuͤber zur Hand haben. Jn ehrlichen Gesellschafften soll es ehrlich und vernuͤnftig zugehen/ so kom̃t ihr und verunehret uns mit euren unvernuͤnff- tigen und unverantwortlichen Narrenthei- dungen/ gleich als waͤre kein GOtt/ der von allen unnuͤtzen Worten Rechenschafft fordern wolte. Oder/ als wenn der Apostel gelogen haͤtte/ indem er von Schertz und Narrenthei- dung gesagt/ die den Christen nicht geziemen. Es solte ein jedweder froh seyn/ der seinen ge- sunden Verstand gebrauchen koͤnte. Doch es ist eine Schande/ daß sich mancher stellt als waͤre er auß dem Tollhause entlauffen. Ein hoͤflicher Schertz zu seiner Zeit geredt/ wird von niemanden getadelt. Vielmehr werden dergleichen sinnreiche und anmuthige Koͤpffe bey allen in sonderlichen Ehren gehalten. Al- lein lein wer mit seinen abgeschmackten Pickelhe- rings-Possen uͤberall auffgezogen koͤmmt/ und die Sau-glocke brav darzu laͤuten laͤst/ der ist nicht werth/ daß er einem ehrlichen Manne soll an der Seite sitzen. Daß Fuͤrsten und Her- ren ihre Hoffnarren halten/ das hat gar eine andere Ursache/ die den Politicis bekandt ist/ wie man auch offt erfahren/ daß so ein kurtz- weiliger Rath mit einem Worte mehr Nutz geschafft als andere/ die sich so kuͤhn und offen- hertzig nicht duͤrffen herauß lassen. Gleich- wohl muß ich bekennen/ daß ich dergleichen Leute vor die Elendesten halte/ und fast so lieb wolte von dem Tuͤrcken gefangen seyn/ als in solcher Qvalitaͤt zu Hoffe leben. Und wie schwer werden es dieselben bey Gott zu ver- antworten haben/ welche bißweilen ein Kind mit Wissen und Willen verwarlosen/ und zum Narren machen/ nur daß es nicht an kurtzwei- ligen Personen mangelt. Als nun Gelanor solche Discurse fuͤhrete/ saß der lustige Pickelhering mit nieder geschla- genen Augen/ und schaͤmete sich: denn seine Vernunfft sagte es ihm klar genug/ daß er sich vor erbaren Leuten scheuen/ und mit derglei- chen liederlichem Wesen haͤtte sollen zuruͤcke halten. Doch was wolte er machen/ verant- wor- worten kunte er sich nicht/ und darzu muste er in furchten stehen/ es moͤchten noch Be- renheuter und Ohrfeigen unter einander auf ihn zufliegen/ wie denn Florindo ein gutes Luͤst- gen gehabt/ wenn Gelanor sein Votum dar- zu gegeben haͤtte. Das beste war/ daß er auff- stund und sich unsichtbar machte. Da erzehl- te einer seinen gantzen Lebens-Lauff/ wie daß er von Jugend an nichts anders vorgehabt/ als laͤcherliche Possen zu machen/ und in der Compagnie vor einen Jean potage zu dienen. Er waͤre auch dessentwegen in grosse Verachtung/ offtmahls auch wegen seiner freyen und ungezaͤumten Zunge in grosse Un- gelegenheit gerathen: also daß sein Vater ihn laͤngst vor verlohren gehalten/ und seine Hoffnung von ihm abgesetzt/ doch lasse er sich unbekuͤmmert/ und bleibe bey seiner Natur. Hierauff sagte Eurylas, ich wuͤste/ wie dem Menschen zu rathen waͤre/ das Zucht- Haus moͤchte ihm zu beschwerlich seyn. Jch kenne ei- nen Manne der bringet sich mit seinen Sau- Possen durch die Welt/ und wo er was zu su- chen hat/ da schicket er etliche Zoͤtgen voran/ die ihm gleichsam den Weg zur guten expedition bahnen muͤssen. Wie waͤr es/ wenn wir den Menschen hin recommendir ten/ sie wuͤrden treff- treffliche Boltzen mit einander finden. Ja/ sag- te Gelanor, es waͤre von noͤthen/ daß man die Narren dahin recommendir te; schickt einen klugen Menschen davor hin/ der ihm die Pos- sen vertreiben kan/ und damit stunden sie auff. Nun war einer bey Tische/ der saß die gantze Zeit traurig/ und that weder dem Essen noch Trincken gar zu uͤbrig viel nicht. Gela- nor sah ihn etliche mahl genau an/ und ließ sich seine Person nicht uͤbel gefallen. Darumb fragte er ihn/ warumb er so Melancholisch gewesen? Mich duͤnckt/ ihr beyde seyd zu un- gerechten Theilen kommen/ einer hat die Lust/ der andere die Melancholie mit einander kriegt. Doch dieser gab zur Antwort: Ach wie kan der froͤlich seyn/ der zu lauter Ungluͤck gebohren ist? Gelanor versetzte: Was/ im Un- gluͤcke sol man sich freueu/ denn man hat die Hoffnung/ daß es besser wird. Ein Gluͤck seli- ger muß traurig seyn/ denn er hat die Furcht/ es moͤchte schlimmer werden. Dieser unbe- kante sagte drauff: Die Erfahrung habe ihm offt genung dargethan/ daß er sich in seinem Glücke keiner Besserung troͤsten duͤꝛffte: Gela- nor sprach ihm einen Trost zu/ und nach we- niger Wortwechselung fragte er/ worinn deñ eben sein Ungluͤck bestuͤnde? Da erzehlte er fol- gen- gendes. Jch/ sagte er/ habe dem Studieren in das achte Jahr obgelegen/ und habe mich an meinem Ingenio so ungluͤcklich nit be- fun den/ dz ich nicht in all meinem Vornehmen guten Fortgang gespuͤret. Meine Studier- genossen hielten viel von mir/ und beredeten mich endlich/ als wuͤste ich etwas/ weil sie alle von mir lernen wolten. Und gewiß/ es man- gelte mir auch an Patronen nicht/ welche mich schon zu unterschiedenen Functio nen bestimm- ten; Ach haͤtte ich nur eine Sache nachgelas- sen/ die mich nun biß in die Grube druͤcken wird. Denn da war ein vornehmer Mann/ der hatte eine grosse Cyprische Katze/ die ihm mochte ziemlich lieb seyn/ die fieng an einem Beine etwz an zu hincken/ wie sie deñ allem An- sehẽ nach in dem Gedraͤnge gewesen ward. Al- lein des Mannes Sohn/ ein Knabe von sechs Jahren gab vor/ ich haͤtte sie mit dem Stabe geschlagen/ und davon waͤre sie lahm worden/ und da halff keine Entschuldigung/ es dauert mich auch diese Stunde noch/ daß ich der lie- derlichen Sache halben so viel Schwuͤre ha- be herauß stossen muͤssen: denn dieß war nicht ohne/ ich mochte sie mit dem Stabe angeruͤh- ret/ und im Voruͤbergehen mit ihr gespielet haben/ doch wuste ich wohl/ daß sie davon nicht waͤre waͤre hinckend worden. Dessen aber unge- acht/ warff der Mann so einen unendlichen Haß auf mich/ daß er sich also bald verschwo- ren/ er wolte mich an meinem Gluͤcke hindern/ wo er wuͤste und koͤnte. Und gewiß/ er hat seinen Schwur nicht vergebens gethan/ Gott weiß/ wie er mich gedruckt/ wie er mich bey al- len Leuten verkleinert/ wie er mir die Patronen auffsaͤtzig gemacht; Ja wie er mir viel falsche und unverantwortliche Sachen angedichtet. Offt meynte ich/ mein Gluͤcke waͤre noch so fest eingericht/ so hatte mir der Boßhafftige Mann schon in die Karte gesehen/ und damit muste ich wieder das Nachsehen haben. Ja wenn ich Gelegenheit gesucht/ anders wo fort- zukommen/ hat er mich allezeit daran verhin- dert/ nur daß er sein Muͤtgen laͤnger an mir kuͤhlen kunte. Gelanor sagte hierauff: Mein F reund/ gebet euch zu frieden? der boͤse Mann denckt es schlimm mit euch zu machen; Aber ihr wisset nicht/ daß er euch zu eurem Besten verhindert hat: GOtt hat euch was bessers auffgehoben. Doch muß ich gestehen/ der grosse Mann wer er auch ist/ mag ein rechter Hauptnarr seyn. Erstlich daß er umb einer Feder willen einen bleyern Zorn fassen kan. Darnach/ daß er den Haß so lange bey sich O hale halten kan. Er muß j a das Vater unser nie- mahls beten/ oder er muß es machen wie je- ner Narr/ der ließ in der fuͤnfften Bitte all- zeit die Worte auß: Als wir vergeben unsern Schuldigern: und dachte/ er waͤre der Gotts- fuͤrchtigste Mensch in der Welt. Ja/ ja/ du bist auff dem rechten Wege/ zuͤrne nur statt- lich mit deinem Naͤchsten/ und gieb dem lieben GOtt Anleitung/ wie er es einmahl mit dir machen soll. Hiermit kam er auff unterschiede- ne F ragen/ und befand/ daß der Mensch sehr wohl qualificirt war/ ein und ander vor- nehmes Ampt mit Ruhm zu verwalten/ dar- umb resolvirte er sich/ ihn mit in die Compa- gnie auffzunehmen/ biß sich das Gluͤcke guͤn- stiger fuͤgen wolte. Und diesem werden wir ins kuͤnfftige den Nahmen Sigmund ge- ben. CAP. XXXVIII . D En andern Tag wolten sie weiter rei- sen/ allein Florindo befand sich so uͤbel/ daß sie/ groͤssere Gefahr zu vermeiden/ zuruͤck blieben. Gelanor zwar bildete sich so grosse Noth nicht ein/ und ließ ihn etwas von der tincturâ Bezoardi einnehmen/ darauff er schwi- schwitzen solte. Doch die Artzney war zu schwach/ also daß sich in wenig Tagen ein hitzi- ges Fieber anmeldete. Und da muste Gelanor lachen/ so wenig als er Ursach darzu hatte/ denn der Wirth solte einen Medicum schaf- fen/ der dem Ubel im Afang zu vor kaͤme: So brachte er nicht mehr als ihrer drey zusam- men/ die curir ten alles contra. Einer kam/ und sagte/ ich bitte euch um Gottes willen/ gebt dem Patienten nichts zu trincken/ weil er den Paroxysmum hat/ es ist so viel/ als wenn im Bade Wasser auff die heissen Steine gegos- sen wird/ und es waͤre kein Wunder/ daß er die Kanne im Munde behielte und gaͤhlin- ges Todes stuͤrbe. Der andere kam: Waswolt ihr den Menschen quaͤlen/ gebt ihm zu trincken/ was er haben will/ Kofent/ gebrande Wasser/ Julep/ Staͤrck-Milch ꝛc. weñ er trinekt/ wird die Hitze præcipi tirt/ und darzu das Fieber muß etwas angreiffen. Jst nichts im Magen/ so greiffts die Natur an/ wird es schaden/ so will ich davor stehen. Der Dritte sagte: Mann lasse es gehn/ und beschwere den Pati- enten mit keiner uͤberfluͤssigen Artzney/ wir wollen vor sehen/ wie sich der ueunte Tag an laͤst. Jn dessen verschrieben die andern brav in die Apothecken. Einer verordnete O ij gros- grosse Galenifche Traͤncke/ der andeꝛe hatte klei- ne Chymische Pulver/ und gewiß es lieff con- trar durch einander. Ja es blieb bey dem nicht/ es meldeten sich auch alte Weiber an/ die wolten ihre Wunderwercke sehen lassen/ eine hatte eine Ruthe auß einem alten Zaun gebrochen/ die hatte neun Enden oder Zweige/ und damit solte sich der Patient beraͤuchern lassen. Eine andere lieff in eine Erbscheune und hohlte ungeredt und ungescholten vom Boden etliche Hand voll Heu/ und mischte andern Quarck darunter/ das solte zum Raͤuchern gut seyn. Die dritte gab vor/ er haͤtte das Maß verlohren/ er muͤste sich auf das neue Messen lassen. Andere machten andere Gauckelpossen. Gelanor und Eurylas haͤt- ten gerne das beste herauß genommen: doch sie waren so klug nicht/ die Heimligkeit der Natur außzu forschen. Gleichwol aber hiel- ten sie sein Leben zu koͤstlich/ daß er durch sol- che contraria solte zum Tode befoͤrdert wer- den. Nun es lieffen etliche Tage dahin/ ohn ei- nige Anzeigung zur Besserung. Endlich gerieth Florindo auf einen possierlichen appe- tit, und wolt einiger Noͤthen Sauerkraut essen. Es widerriethen solches zwar alle/ mit Vorgeben die Speise wāre offt gesunden Leu- ten ten gleichsam als eine Gifft/ was solte sie nicht einem Krancken schaden koͤnnen: Doch des- sen allen ungeacht/ blieb Florindo bey seinem Sauerkraute/ und bat seinen Hoffmeister Himmel hoch/ weñ er ja nichts davon essen sol- te/ er moͤchte ihm doch etwas bringen lassen/ daran er nur riechen koͤnte. Wiewol es blieb darbey/ der Patiente solte kein Kraut essen. Aber was hat Florindo zu thun? er kriegte einen Pagen auff die Seite/ bey dem vernim̃t er/ daß die Koͤchin einen grossen Topff voll Sauer-Kraut gekocht/ und in den Kuͤchen- Schranck gesetzt habe: Damit als es Abend wird/ und ein Diener nebenst einer alten F rau bey ihm wachen/ schickt er den Diener in die Apothecke nach Julep; der alten Frau befiehlt er/ sie solte noch ein Hauptkuͤssen bey der Wirthin borgen/ und wenn sie auß dem Schlaffe muͤste erwecket werden. Nach- dem er also allein ist/ schleichet er auß allen Leibeskraͤfften zur Stuben hinauß/ und die Treppen hinunter zur Kuͤchen zu und uͤber den Kraut-Topff her/ fristu nicht/ so hastu nicht/ die Frau und der Diener kommen wieder/ und weil der Patiente nicht da ist/ vermeinen sie/ er sey mit Leib und Seele davon gefahren. Machen derohalben einen Lermen O iij und und ruffen alle im Hause zusammen. Es weiß niemand/ wie es zugeht/ biß die Koͤchin zuge- lauffen koͤmmt/ und rufft/ sie moͤchten nur in die Kuͤche kommen/ da lag er und hatte den Topff so steiff in die Arme gefast/ als waͤre alle Gesundheit daran gelegen/ und schmatzte et- lich mahl mit der Zunge/ als haͤtte es noch so gut geschmeckt. Gelanor wuste nicht/ was er darzu sagen solte/ bald wolte er sagen/ er waͤre ein Moͤrder an seinem eigenen Leibe worden/ bald furchte er sich/ die harte Zurede moͤchte ihm am letzten Ende ein boͤß Gewissen ma- chen/ weil er es doch nicht lang mehr treiben wuͤrde. Das rathsamste war/ daß sie ihn auffsackten und; wieder hinauff truͤgen/ und da erwartete Gelanor mit Schmertzen/ wie es den kuͤnfftigen Tag ablauffen wuͤrde. Und weil er in solchen Gedancken biß gegen Morgen gelegen/ gerieth er in einen mat- ten und annehmlichen Schlaff/ also daß er vor neun Uhr nicht wieder erwachte. Jndes- sen hatte er viel schwere uñ verdrießliche Traͤu- me/ wie es bey denselben kein Wunder ist/ die sich in der Nacht miüde gewacht haben. Bald dauchte ihn/ als kaͤme ein Hund/ der ihn beis- sen wolte: bald fiel er ins Wasser/ und wenn er umb Huͤlffe ruffen wolte/ so kunte er nicht re- den den: bald solte er eine Treppe hinan steigen und kunte die Fuͤsse nicht auffheben. Bald gieng er im Schlamme/ bald in einem unbe- kanten Walde. Und gewiß wenn solches ei- nem andern vorkommen waͤre/ der haͤtte sich in allen Traumbuͤchern belernen lassen/ was die Haͤndel bedeuten solten. So war Gelanor in dergleichen zweiffel- hafften Sachen schon durchtrieben/ daß er wuste/ ob gleich etliche Traͤume einzutreffen schienen/ dennoch etliche tausend dargegen zu fehlen pflegten/ und daß hernach die gewis- sen gemercket und fleissig auffgeschrieben; die ungewissen hingegen leichtlich vergessen wuͤr- den. Drum ließ er sich solche Grillen nicht viel anfechten/ und/ nachdem er erwachte/ fuhr er auß dem Bette herauß/ und wolte sehen/ was er seinem untergebenen vor ei- nen Leichen-Text bestellen wuͤrde. Doch siehe da! Florindo hatte seine Unter-Kleider an- gelegt/ und gieng nach aller Herrligkeit in der Stube spatzieren herum. Waͤre iemand anders hinein kommen als Gelanor, der haͤt- te geglaubt/ er waͤre schon todt/ und fienge schon an umbzugehen oder zu spuͤcken. So fragte er doch/ warumb er nicht im Bette blie- be Allein er muste sich berichten lassen/ daß O iv er er vom Sauerkraute so weit restituirt waͤ- re/ und endlich keines schlimmern Zufalls sich besorgen durffte. Gleich indem stellete sich ein guter Bekandter ein/ der dem Patienten die visite geben/ und Abschied nehmen wol- te. Mit diesem uͤberlegte Gelanor die wun- derliche und gleichsam uͤbernatuͤrliche Cur; Doch wuste er bald seine Ursachen anzufuͤh- ren/ deñ sagte er/ Leib und Seele stehen in steter Gemeinschafft mit einander/ und wie es einem geht/ so gehts dem andern auch/ doch ist die Seele mehrentheils am geschaͤfftig- sten/ und dannenhero auch am kraͤfftigsten/ also daß sie so wohl ihre Freude als ihre Be- truͤbnuͤß dem Leibe weiß mit zutheilen. Drum heist es/ die Einbildung ist aͤrger/ als die Pestilentz/ und drum sagen auch die Docto- res, keine Artzney wircke besser/ als da man den Glauben darzu habe. Weil nun dieser Patiente sich das Sauerkrant heilsam einge- bildet hat/ ist der Leib der Seele nach gefol- get/ und hat sich eben dieses zur Artzney die- een lassen/ was sonst vielleicht sein Gifft gewe- sen waͤre. Gelanor dachte dieser Sympatheti- schen Cur etwas nach; Eurylas aber fieng an zu lachen/ gefraget warumb? sagte er/ ich erin- nere mich eines jungen Doctors in Westfah- len/ len/ der hatte den Brauch/ daß er allzeit eine Schreib-Tafel bey sich fuͤhrte/ und also bald eine Artzney gluͤcklich angeschlagen/ solches mit sonderbahrem Fleisse einzeichnete. Nun solte er einen Schmiedt am viertaͤgichtem Fieber curiren/ dieser wolte ohne des Henckers Danck/ Speck und Kohl fressen/ der gute Me- dicus hatte seine Buͤcher alle auffgeschlagen/ doch fand er kein gut votũ vor den Kohl/ dar- um bat er die Frau/ so lieb sie ihres Mannes Leben haͤtte/ so fleißig solte sie sich voꝛsehen/ daß er keinen Speck mit Kohl zu essen kriegte. Was geschicht da die Frau nicht wolte/ bat der Meister seinen Schmiedknecht/ er moͤch- te ihm was bey dem Nachbar zu wege brin- gen. Der ist nicht faul und traͤgt ihm un- ter dem Schurtzfell eine Schuͤssel zu/ daꝛan sich drey Meißnische Zeisigmagen haͤtten zu tode gessen/ die nim̃t der arme Krancke/ schwa- che Mann auff das Hertze/ den Tag hernach/ als der Medicus in seiner Erbarkeit daher ge- treten koͤmmt/ und mit grosser Bekuͤmmernuͤß der gefaͤhrlichen Kranckheit nach denckt/ siehe da/ so stehet deꝛ Schmied wiedeꝛ in der Werck- stadt/ und schmeist auff das Amboß zu/ gleich als haͤtte er die Zeit seines Lebens kein Fieber gehabt/ der Doctor verwundert sich O v uͤber uͤber die schleunige Veraͤnderung/ und als er sich berichten laͤst/ faͤhrt er geschwind uͤber sei- ne Schreibtaffel/ und schreibt/ Speck und Kohl sind gut fuͤr das viertaͤgige Fie- ber. Jn kurtzer Zeit bekam der wohl und hoch- erfahrne Practicus einen matten Schneider- gesellen/ der eben mit dem Fieber behafftet war/ nun schien er nicht von sonderlichen Mit- teln zu seyn/ daß er viel aus der Apotecke haͤt- te bezahlen koͤnnen/ drumb gab er ihm das Hauß-Mittel/ er solte nur fein viel Speck und Kohl zu sich nehmen/ doch der gute Mensch starb wie er noch den Kohl in Zaͤhnen stecken hatte. Da wischte er noch einmahl uͤber seine Efelshaut/ und Schrieb: Speck und Kohl helffen vor das viertaͤgige Fie- ber; aber nur einem Westphaͤlischen Schmiede. CAP . XXXIX . S Je lachten daruͤber/ doch hatten sie ihre groͤste Freude daran/ daß Florindo so leicht/ darvon kommen. Nur dieß besorgten sie es moͤchte leicht ein recidiv zuschlagen/ weñ sie gar zu bald die Lufft veraͤndern wolten/ drumb beschlossen sie/ weil ohn dieß der Winter ein- einbrechen wolte/ und darzu der Ort so un- annehmlich nicht war/ etliche Monat außzu- ruhen. Da lieffen nun viel Thorheiten vor/ doch waren die meisten von der Gattung/ derer oben gedacht sind/ also daß sie nur mehr Exempel zu einer Thorheit antraffen. Ei- nes kan ich nicht unberuͤhret lassen. Es kam die Zeit/ da man die Weynacht Feyertage zu begehen pfleget/ da hatten sich an dem vorher- gehenden heiligem Abend unterschiedene Partheyen bunt und rauch unter einander angezogen/ und gaben vor; sie wolten den heilgen Christ agiren. Einer hatte F luͤgel/ der ander einen Bart/ der dritte einen rau- chen Peltz. Jn Summa/ es schien als haͤtten sich die Kerlen in der Fastnacht verirret/ und haͤtten sie anderthalb Monat zu fruͤh angefan- gen. Der Wirth hatte kleine Kinder/ drum bat er alle Gaͤste sie moͤchten doch der solen- ni taͤt beywohnen. Aber Gelanor hoͤrete so viel Schwachheiten/ so viel Zoten und Got- teslãsterungen/ die absonderlich von denen also genanten Ruppertẽ vorgebracht worden/ daß er mitten in waͤhrender action darvon gieng. Den andern Tag als sie zu Tische kamẽ/ sagte Gelanor, ist das nicht ein rechtes Teu- felswerck/ daß man in der heiligen Nacht/ da O vi ein ein iedweder sich erinnern soll/ was vor einen schoͤnen und troͤstlichen Anfang unser Heil und unsere Erloͤsung genommen/ alles hin- gegen in uͤppigen und leichtfertigen Mum- mereyẽ herum laͤufft. Jch halte mancher traͤgt es einer Magd das gantze Jahr nach/ biß er sie bey dieser anstaͤndigen Gelegenheit auff die Seite bringen/ und die Beschwerung mit ihr theilen kan. Darnach gehts/ wie mir die Gotteslaͤsterliche Rede einmahl vorge- bracht worden. Jch weiß nicht weꝛ (Gott ver- gebe mirs/ daß ich es nur halb vorbringe) ha- be der Magd ein Kind gemacht. Ja es ge- schicht daß der Nahme bey etlichen bekleibt/ und also einer oder der andere etliche Jahr der heilige Christ heissen muß. Wie man nun dar- bey den hochheiligen Namen/ davor die Teufel erzittern/ mißbraucht/ ist unnoth viel zu erzeh- len. Ja bey dem gemeinen Volcke sind so gro- be unbedachtsame Redens-Artẽ im Schwan- ge/ darbey die Kinder von Jugend an sich liederlicher und Gottesvergessener Reden angewehnen. Ein Schuster/ wenn er seinen Kindern ein paar Schuh hinleget/ so ist die gemeine Redensart/ der heilige Christ habe sie auß dem Laden gestohlen/ gleich als waͤren die Kinder nicht so klug/ daß sie koͤnnten nach- den- dencken/ darff der stehlen/ der heilig ist/ und den ich anbeten muß/ so darff ichs auch thun. Dergleichen thun andere Leute auch. Der Wirth hoͤrte ihm zu/ endlich sagte er: Ey wer kan alle Mißbraͤuche abschaffen; Die Ge- wonheit ist doch an sich selbst loͤblich. Es wird den Kindern eine Furcht beygebracht/ daß sie desto eingezogener leben/ und auß Be- gierde der Christbescherung sich froͤmmer und fleißiger erweisen. Gelanor versetzte dieß/ mein Freund/ sagte er/ das ist auch das eintzige Maͤntelgen/ darunter die Papisti- schen Alfentzereyen sich verdecken wollen. Doch gesetzt/ es waͤre ein Nutz darbey/ weiß man denn nicht/ daß der Nutz kein Nutz ist/ wenn er einen groͤssern Mißbrauch nach sich zeucht. Es ist ein eben thun umb die F urcht und um die Freude/ die etwan drey oder vier Tage waͤhret. Jst die Furcht groß/ so ist die Verachtung desto groͤsser/ weñ sie heꝛ- nach den heilgen Christ keñen lernen/ da haben sie ein gut principium gefast/ sie duͤrffen nicht allein glauben/ was die Eltern von der Gottes- furcht vorschwatzen. Ja weil sie noch in ihrer Einfalt dahin gehen/ sehen sie augenscheinlich/ dz der heilige Christ seine Gaben nicht nach der Gerechtigkeit außtheilet. Reicher Leute O vij Kin- Kinder sind die muthwilligsten/ und die be- kommen das Beste. Die Armen haben biß- weilen den Psalter und den Catechismus etli- che mahl außgelesen/ und muͤssen mit ein paar Krauthaupten und etlichen Moͤhren oder Ruͤ- ben vorlieb nehmen. Mich duͤnckt der Eltern Ruthe ist der beste Roppert/ und ihr Zucker oder was sie sonst Jahr auß Jahr ein pfle- gen außzutheilen/ ist der beste heilige Christ. Dieses muß 360. Tage kraͤfftig seyn. War- umb will man einen solchen Lermen auf fuͤnff oder sechs Tage anfangen/ der niemanden zu- traͤglicher ist/ als den Puppen-Kraͤmern. Jch besinne mich/ sagte er ferner/ daß in einer vor- nehmen Stadt ein gelehrter Mann war/ der sich mit den Gauckel-Possen nicht wohl vertragen kunte/ der ließ die Kinder kaum drey Jahr alt werden/ so sagte er ihnen den gan- tzen Handel/ und stellte ihnen an dessen Statt die Ruthe fuͤr/ die operirte mehr als bey den Nachbarn ein vermumter Kuͤster-Jun- ge. Drumb als sich auch die Andern beschwer- ten/ es haͤtten dessen Kinder ihre verfuͤhrt/ und ihnen den heiligen Christ kennen lernen/ lachte dieser und sagte/ warumb seyd ihr nicht so klug und sagts ihnen selbst/ so duͤrfften es meine Kinder nicht thun. Hier gab der jenige/ von dem dem wir cap. 37. gedacht haben/ daß er in die Compagnie auffgenommen worden/ und der ins kuͤnfftige Sigmund heissen soll/ sein Wo rt auch darzu. Die Gewonheit/ sagte er/ ist so weit eingerissen/ daß man schwerlich eine Enderung hoffen kan/ und uͤber dißscheint es zwar/ als waͤren die Mummereyen den Kin- dern zu gefallen angestellt. Doch die Alten thun es ihrer eigenen Ergetzlichkeit wegen/in- dem sie auß uͤbermaͤssiger Liebe den Narren an den Kindern fressen/ und dañenhero in ihrẽ Affecten nie besser vergnuͤgt sind/ als wenn sie dergleichen Auffzuͤge vernehmen sollen. Drumb worzu die Leute ingesamt Lust haben/ das laͤst sich schwerlich abbringen. Solche Discurse wurden continuirt, biß sie auf etwas anders fielen. Da war ein vor- nehmer Hoffrath mit am Tische/ welcher sich der Ferien zu gebrauchen/ etliche Meilen von dar auf eine Gevatterschafft begeben wolte. Der hatte an den Gesprechen ein sonderlich Gefallen/ und damit er auch etwas von dem seinigen moͤchte beytragen/ sagte er: Jhr Her- ren/ ihr habt viel Sachen auf die Bahn ge- bracht/ ich wil auch etwas vorbringen/ dar- in ich eure Meynung gern hoͤren moͤchte. Un- laͤngst war ein ansehnlicher Pfarrdienst ledig wor- worden. Zu diesem gaben sich unterschiede- ne Canditatitàm Ministerii quàm Conjugii an. Unter andern waren etliche Supplica- tio nen sehr possierlich eingericht/ die ich ab- schreiben ließ/ in Hoffnung/ ich koͤnte mich auf der instehenden Zusammenkunfft nicht lusti- ger machen/ als wenn ich die Haͤndel mit gu- ten Freunden belachen solte. Jch muß sie doch communiciren, und hoͤren/ welchen sie wohl am ersten befoͤrdert haͤtten/ wenn sie an des Fuͤrsten Stelle gewesen. Die erste Supplication . P. P. E. Fürstl. Durchl. besinnen sich gnaͤ- digst/ daß ich schon vor sechs Jahren in dero Consistorio examinirt und unter die Expe- ctanten eingeschrieben/ auch bißhero auf ge- wisse promotion vertroͤstet worden. Ob ich nun wohl gemeinet/ ich wuͤrde in solanger Zeit meines Wunsches gewaͤhret werden/ daß ich meine wohlher gebrachten Studia, GOtt und der Christlichen Kirchen zu Ehren haͤtte koͤñen an den Mann bringen/ so will es doch fast scheinen/ als haͤtte ich meine fuͤnff Disputatio- nes auf der Universi taͤt/ und meine hundert und fuͤnffundsiebentzig Predigten in waͤhren- der Expectan tz gar umbsonst gehalten. Son- derlich weil andere/ die mir nicht zu verglei- chen/ chen/ gantz auf unverantwortliche Weise vor- gezogen worden/ also daß andere Leute an mei- ner Erudition zu zweiffeln anfangen/ da es doch denen/ so mich examinirt, am besten wird bekant seyn/ daß ich nicht in einer Frage die geringste Satisfaction bin schuldig blieben. Und dieses hab ich etliche mahl so hefftig ad a- nimum revocirt, daß ich gaͤntzlich beschlossen/ nicht einmahl anzuhalten; weil sie doch meine Qualitaͤten wuͤsten: und bey vorfallenden Be- duͤrfftniß mich leicht erlangen koͤnten. Je- dennoch solches haͤtte bey etlichen passionirten Gemuͤthern/ dergleichen ich mehr als zu viel wider mich habe/ vor eine Verachtung moͤ- gen außgeleget werden/ gleich als hielte ich E. F. Durchl. nicht so wuͤrdig/ daß sie ein unter- thaͤnigstes Supplicat von mir sehen solten. U- ber diß haͤtte sich E. F. Durchl. einmahl ent- schuldigen moͤgen/ als haͤtte ich mich nicht zu rechter Zeit angegeben/ daß sie also bey dero hochwichtigen Angelegenheiten meiner ver- gessen. Drumb wil ich mein letztes Bitten hier in optimâ formâ ablegen. E. F. Durchl. wolle gnaͤdigst geruhen/ mir das verledigte Pfarrdienst zu N N. vor andern zu goͤnnen/ und in gnaͤdigster Versicherung zu leben/ daß ich keine Stuͤcke von meiner Erudition werde un- unangewendet lassen. Jst keine Schande mehr in der Welt/ daß ich uͤber Verhoffen solte darhinter hingehen/ so will ich auch die Zeit meines Lebens nicht mehr anhalten/ und wil meine schoͤne studia aller Welt zu schimpf- fe verderben lassen. Nun ich versehe mich noch des Besten/ und wuͤnsche dannenhe- ro ꝛc. Gelanor sagte hierauff: der Kerle muß ein vielfaͤltiger Narr seyn/ erstlich weil er seine E- rudition so hoch ruͤhmet/ da sie doch allen Umbstaͤnden nach nicht viel uͤber das mittel- ste Fenster wird gestiegen seyn: darnach weil er vom Fuͤrsten und Herren eine Gnade abtro- tzen wil. Es heist ja ex beneficii negatione nulla est injuria . Und wie wuͤrde der Mensch beten/ wenn er sich in Gottes horas \& moras schicken solte/ da er in sechs Jahren an allem Gluͤcke verzweifeln wil. Waͤre ich F uͤrste gewesen/ ich haͤtte ihm an statt des Dienstes eine Expectan tz auf zwoͤlff Jahr gegeben/ mit angehaͤngter Vertroͤstung/ wenn er nach ver- flossener Zeit/ hoͤflicher wuͤrde/ und sich gebuͤhr- lich angebe/ solte er nach Befindung seiner meriten accommodirt werden. Die Die andere Supplication. P.P. E. Durchl haben viel Brieffe zu lesen/ drumb muß ich meinen kurtz machen. Es hat sich zu N. N. das Pfarrdienst verlediget/ das moͤchte ich gern haben. Nun weiß ich/ wer nicht supplici rt/ bekoͤm̃t nichts: Aber ich sehe/ daß viel supplici ren/ die auch nichts be- kommen. Dannenhero ist an E. F D. mein unterthaͤnigst gehorsamstes Bitten und Fle- hen/ sie wollen doch dero angebohrne Gnade nach/ mir einen Weg an die Hand geben/ dar- bey dero Hochfuͤrstlichen Gemuͤthe ich gewin- nen/ und den Dienst darvon tragen moͤchte. Solche/ ꝛc. Gelanor sagte/ wo dieses den F uͤrsten zur guten Stunde ist uͤberreicht worden/ so ist kein Zweiffel/ er wird sich an der artigen In- vention ergetzt/ und desto lieber in des suppli- can ten Begehren eingewilliget haben: hat er aber die Zeit nicht getroffen/ so moͤchte er eher eine Vocation zur Superintendentur / in der Narren-Schule/ als zu diesem Kirchendien- ste bekommen haben/ ich wolte es keinem ra- then/ der nicht Patro nen auf der Seite haͤtte/ die es bey vorfallender Ungnade/ mit einer milden und angenehmen Außlegung ent- schuldigen koͤnten. Die Die dritte Supplication. Ehrnvester/ Hochweiser und Allmaͤchtiger Hr. F uͤrst. Euer Ehrentugenden thue ich mich gantz und gar befehlen/ und bitte euch gar sehr/ macht mich doch zum Pfarr in N N. Jch habe predigen gelernt/ ich kan auch die Lateinischen Buͤcher verstehn/ ich weiß auch das Examen eorum qui gantz außwendig/ und ich halte nicht/ daß sich eineꝛ so huͤbsch an den Oꝛt schicke als ich/ ach gnaͤdiger Juncker/ laßt euch nicht andere Leute uͤberreden/ die grosse Comple- mante machen/ ihr sollet so einen rechtschaffe- nen Mann an mir haben/ der alle Wochen acht Buß-Psalmen vor euch beten soll. Nun lieber Herr/ meint ihr/ daß ich mit dem Dienste versorget werde/ so schreibt mirs doch fein bald wieder. Jm Gasthoffe zur guͤldenen Lauß ist ein Fuhrmann Karsten Frantze/ der kan den Brieff biß auf die halbe Meile nehmen/ da wilt ich auf ihn warten/ daß er meiner nicht verfehlt. Unterdessen Gott befohlen. Euer guter F reund/ und wann ihr wollt zukuͤnfftiger Pfarr. N. N. Sigmund sagte/ dieses muß ein bloͤder ein- faͤltiger Schoͤps seyn/ der sich vielleicht besser zu zu einem Schweintreiber/ als einen Seelsor- ger schickte/ da moͤchte man seinen Namen auf die Schweinkoben schreiben/ und darzu setzen Pastor hujus loci . Die vierdte Supplication. S erenissime Princeps. Vacat in oppido N.N. munus Ecclesiasti- cum, quod Te agnoscit Patronum. Pro- inde ut locum suppleas, necessitatis est; ut è multis unum eligas, clementiæ tribuitur, cu- jus u t inam ego tam fierem particeps, quàm hactenus egens fui. Nulla hominum est gratia, quæ me commendet: sed eâ nec opus est in divino munere. Splendidam \& su- perciliosam non profite or doctrinam; s ed si- ne quâ Deo placere possumus. Paupertas me premit; sed quæ Christum \& Apostolos non oppressit. Deum veneror in cujus ma- nu corda Principum. Sanè quid rogare debeam? ignoro: quid cupiam, scio. Tu quid faciendum, judicaveris. Id saltem oro, si Deo visum fuerit eam mihi commit- tere provinciam, nolis paternę ejus directio- ni resistere, An vicem exsoluturus sim, non addo. Beneficium quippe quod re- fundi postulat locatum videtur opus. Ne- que indiget Princeps subditorum præmiis, nisi nisi præmiorum loco ponere velis obedien- tiam, precesq́ue ad Deum pro incolumitate tuâ indefessas, quam quidem solutionem plenis tibi manibus offero. Vive Pater Patriæ \& Vale. Gelanor hatte wieder seine Gedancken darbey. Der gute Mensch mag seine Lateini- sche Autores wohl gelesen haben. Doch weiß ich nicht/ ob man allzeit auf die alte Manier schreiben darff. Die Welt will sich lieber in abstracto, anreden lassen/ und es scheint an- nehmlicher tu serenitas, als tua, ob man gleich nicht leugnen kan/ daß viel Redens-Arten bey solchen weitlaͤufftigen abstractis zu schanden werden. Sonst leuchtet eine affectir te Art zu schreiben herauß/ die einer kleinen Theologi- schen Hoffaꝛt aͤhnlich sieht. Er haͤtte seine Mey- nung viel deutlicher koͤnnen von sich geben/ so hat er was sonderliches wollen vorbringen. Gott gebe daß er nicht einmahl im Ministerio mit hohen Worten auffgezogen koͤm̃t. Darzu ist es nicht unrecht/ daß man einem F uͤrsten/ sonderlich zu der Zeit/ wenn man umb Gna- de bitten wil/ mit demuͤtigen und unterthaͤni- gen Worten begegnet. Der Hoffratth hatte gedultig zugehoͤret. Endlich sagte er/ der andere haͤtte das beste Gluͤ- Gluͤcke davon getragen. Dem vierdten waͤre anderweit Befoͤrderung versprochen wor- ben. Die uͤbrigen haͤtte man schimpflich ab- gewiesen. Eines referirte er von den Prob- Predigten/ daß einer ohne die beyde noch dazu begehret worden/ der eine praͤchtige aber nicht allzu trostreiche Predigt gehalten. Doch waͤre ein Juncker in der Kirche gewesen/ der haͤtte ihn verrathen/ dz sie vom Wort zu Wort auß einem Frantzoͤsischen Jesuiten uͤbersetzt/ und dannenhero von wenig Trost und geistlicher Erquickung gewesen. Drumb haͤtten die Censores auch sich verlauten lassen. Sie wolten lieber einen blossen Postillen-Reiter haben/ der fromme und geistreiche Maͤnner imitirte, als einen solchen Huͤlsen-Kraͤmer/ der unter dem Schein einer sonderlichen Wis- senschafft und eines unvergleichlichen Fleis- ses nichts als Spreu und lehre Worte vor- braͤchte. Man haͤtte auß der Erfahrung/ daß solche Prediger zwar delectirten, doch bey den Zuhoͤrern/ sonderlich bey einfaͤltigen Leuten/ auf welche man vornehmlich se- hen solte/ gar schlechten Nutz schafften. CAP. CAP . XL. H Jer ward der discurs durch einen un- verhofften Lermen verstoͤrt/ der sich vor der Stube zwischen der Frau und den Maͤg- den erhub. Der Wirth lieff zu/ und wolte zum Rechten sehn. Doch ward es viel aͤrger/ und thaͤt er nichts bey der Sache/ als daß er das Geschrey groͤsser machte. Endlich kam der Hausknecht/ den fragten sie/ was fuͤr ein Ungluͤcke entstanden waͤre/ dieser berichte/ die Māgde wolten alle viere in die Kirche gehen/ die F rau wolte hingegen haben/ es solte eine bey den Kindern zu Hause bleiben. Eurylas verwunderte sich uͤber die grosse Andacht/ die er bey dem heutigen Maͤgde-Volcke nicht ge- sucht haͤtte. Doch der Knecht halff ihm auß der V erwunderung. Denn er sagte/ sie ris- sen sich nicht umb die Predigt oder sonst umb den Gottesdienst: sondern sie wuͤrden in der Kirche das Kind wiegen/ den Vogelgesang und den Stern mit den Cimbeln gehen lassen/ deßwegen wolte keine die schoͤnen Sachen ver- saͤumen. Sonst wuͤste er wohl/ daß man vier Wochen zu schelten haͤtte/ ehe man sie einmahl koͤnte in die Kirche bringen. Eury- las sahe die andern an/ und als sie nichts darzu reden reden wolten/ fragte er/ was sie von dieser Kirchen-Gauckeley hielten. Ob es nicht ein Anhang waͤre von dem vermummten heiligen Christo? Sigmund gab zur Antwort/ in die- sem Stücke moͤchte er leicht zum Purita ner werden/ und die Papistischen Ceremonien mit dem kindischen Kinderwiegen abschaffen. Die Leute wuͤrden zwar delectirt, absonder- lich haͤtte es bey den Kindern gar ein schoͤnes Ansehen/ doch wāre es besser/ man delectir te sie mit geistlichen Weynacht-Liedern/ alß das man sie mit solchen Vanitæ ten von der An- dacht abfuͤhrte. Der Hof Rath sagte/ das waͤ- re ein geringes/ gegen den Chosen, die sonsten auff der Orgel getrieben wuͤrden. Er waͤre unlaͤngst an einem Orte in der Kirche gewe- sen/ da haͤtte die Gemeine gesungen/ Erbarm dich mein/ O HErre Gott. der Organist hāt- te indessen drein gespielet mit lauter sechsvier- theil und zwoͤlff achtheil Tact, daß man also lieber getantzet als die Suͤnden beweinet haͤt- te. Jngleichen wuͤste er anders wo einen Or- ganisten/ der haͤtte an stat des Subjecti, das altvaͤterische Lied durch gefuͤhrt; So wollẽ wir auff den Eckartsberg gehn. Ja er haͤtte wol eher in der Kirche Sonaten gehoͤrt/ die nicht viel geistreicher herauß kom̃en/ als Hertze-liebe P Liese Liese. Doch hiermit fiengen sie an in die Kirche zu laͤuten/ und stunden alle vom Tische auff. Etliche giengen in die Predigt/ etliche blie- ben zu Hause. Nach der Kirche kam ein junger Stutzer/ der wolte ungeacht des heiligen Ta- ges auff dem Schlitten fahren/ und hatte sich den Zeug darzu gar praͤchtig auffgeputzt: doch er mochte wol an keinem Fuͤrstlichen Hofe seyn Stallmeister gewesen/ oder zum wenigsten mochte das Pferd kein Hochdeutsch verstehn. Denn es kam alles so verkehrt und sel tz am herauß/ daß wohl hundert Jungen hinter drein lieffen/ und mit hellem Halse schrien/ Haber/ Haber/ Haber/ Haber. Der Handel verdroß ihn/ und gewiß/ 15 . Tha- ler waͤren ihm lieber gewesẽ/ als der Schimpf/ doch meinte er/ es waͤre noch zu verbessern/ und wolte auff dem grossen Platze gleich vor dem Wirthshause etliche Raͤdgen herum drehen/ und kam den alten Weibern/ die Aepffel/ Nuͤs- se/ Kraut/ Kaͤse und andere Hoͤckereyen feil hatten/ mit den Kuffen in ihre Koͤrbe/ daß ei- nes hin das andere her flog. Die Jungen lief- fen zu und lasen auff/ die alten Weiber warf- fen mit ihren Feuerpfaͤngen darzwischen/ und wolten ihre Wahren nicht preiß geben. Das Pferd ward von dem Getoͤse scheu gemacht/ daß daß es durchgieng/ biß der Schlitten an ei- nem Eckstein in tausend Stuͤcke zersprang/ und der Stutzer in seinem Luchsbeltze auff dem Eise herum baddelte/ wie ein Floh im Oh- re. Wo das Pferd hinlieff/ konten sie auß dem Gasthofe nicht sehn. Doch in kurtzer Zeit kamen etliche Jungen/ die hatten es angepackt/ und ritten so lange in der Stadt herum/ biß der Kerl/ dem das Pferd zustund die Reute- rey zerstoͤrete. Florindo hatte seine sonder- liche Lust daran/ und sagte/ ein andermal bleib an dem heiligen Tage zu Hause/ und den fol- genden Tag sieh zu/ ob dir das Schlittenfah- ren von statten geht/ wo nicht so bleib wieder zu Hause. Eurylas sagte: Jch moͤchte gerne wissen/ warum einer so gern in der Stadt auff dem Schlitten fāhrt. Jch lobe es im freyen Felde/ da mag ich thurnieren nach meinem G- fallen/ und stosse an keinem Eckstein an: Jch mag auch so offt umwerffen als ich wil/ und ist doch niemand/ der mich außlacht/ o- der mir das Ungiuͤck goͤnnt. Ja wohl/ sagte Sigmund, ist die Lehre nicht zu tadeln/ wenn man auß Lust auff dem Schlitten faͤhrt. Wo man aber dem Frauenzimmer zu gefallen sich wil sehen lassen/ da giebt es auf dem fꝛeyen Fel- de schlechte Possen. Drumb gleich wie jener P ij blin- blinde Bettelman nirgend lieber gieng/ als wo er von dem Volcke gedraͤnget und ge- druckt ward: also fahren auch solche verliebte Hertzen am liebsten/ wo die Ecksteine und die Qvergassen am gemeinsten sind. Jndem sie noch davon redeten/ kam der gewoͤhnliche Postwagen/ welcher Tag vor Tag fort zu ge- hen pfleget/ im Wirthshause an/ und hatte un- terschiedene Personen auffgeladen/ denen der Wirth mit einem Trunck warmen Seckt be- gegnete/ daher sie nach der Kaͤlte gar wohl er- quicket wurden. Doch hatten sich etliche so sehr erkaͤltet/ daß sie den Abend drauff nicht wieder fort wolten: sondern biß auf bessere Ge- legenheit in der warmen Stube sitzen blieben. Auff den Abend bey der Mahlzeit kamen sie mit zu Tische da saß eineꝛ gantz eꝛnsthafftig/ als ein erstochener Bock/ daß auch die andern nicht wusten/ woher ihm einiges disgusto moͤchte entstanden seyn. Eurylas, der solche Sauertoͤpfische Gesichter in der Gesellschafft nicht gerne leiden konte/ fragte ihn/ warum er sich so betruͤbt befaͤnde? Dieser gab die unbe- scheidene Antwort von sich/ er habe in acht Ta- gen kein suͤsses gessen. Eurylas merckte den Bauer wohl/ daß er von derselben Gattung waͤre/ die keinen Schertz vertragen koͤnnen; drum drum hatte er seine Lust/ daß er ihm noch mehꝛ Verdruß er wecken solte/ und sagte/ mein Herꝛ/ hat er nichts suͤsses gessen/ so hat er doch vor dem Essen suͤssen Wein getruncken. Dieser fuhr ungestuͤm̃ herauß/ es haͤtte ihm niemand seinen Wein vorzuwerffen/ haͤtte er was ge- truncken/ so waͤre es auch von seinem Gelde bezahlet worden/ es gienge einen andern nichts daran ab/ was er endlich verzehren wolte. Eurylas der hoͤhnische Gast hatte den Trotzer auf dem rechten Wege/ dannenhero winckte er auch den andern/ absonderlich dem Florindo, sie moͤchten nichts darzwischen reden/ daduꝛch die Lust verderbet wuͤrde/ und sagte hingegen/ der Herr habe keinen Ungefallen an meinem Schertze/ die Freundschafft/ die ich bey ihm verlange gibt mir Anlaß darzu. Deꝛ gute Mo- plus warff das Maul auff und sagte/ er haͤtte ihm noch keinen Boten geschickt/ der ihn um die F reundschafft ansprechen solte. Und viel- leicht schickt sichs/ daß wir das gantze Gespraͤ- che ordentlich fortsetzen. Hat er mir keinen Boten geschickt/ so wil ichs thun/ und wil selbst mein grosser Bote seyn. Solchen Boten pfleget man schlecht zulohnen. P iij Eury- Eine schlechte Belohnung ist besser/ als gar keine. Ey was sol das heissen? wollet ihr einen Narren haben/ so schaffet euch einen/ ich zehre hier vor mein Geld/ und bin so gut als einander/ ich laß mich keinen dexiren/ und solte der Hagel drein schlagen. Jch sehe/ bey dem Herrn ist ein klei- ner Mißverstand. Was? was? wer hat einen Mist- verstand? ich habe keinem Bauer Mist ge- laden/ und ich halte den jenigen selbst vor ei- nen Ertz-Mist- Hammel/ der mir solches wil Schuld geben. Wenn der Herr an D. Luthers Stelle waͤre gewesen/ solte er nicht eine schoͤne Außlegung uͤber den Catechismum gemacht haben. Und ihr sollet die Außlegung uͤber den Eulenspiegel machen, Was ist denn der Eulenspiegel vor ein Ding? Er ist ein Kerle gewesen/ vor dem nie- mand hat koͤnnen zu frieden bleiben. Hat er auch koͤñen Schertz verstehẽ? Ja wenn es ihm gelegen war. Nun so gilt es ein halbes. auff Mons . Eulenspiegels gute Gesundheit. Mops. Jhr moͤcht wol selbst ein Eulenspie- gel seyn. Jch wolte viel schuldig seyn/ daß ichs waͤre/ so haͤtte ich ohne Zweiffel bey dem Herrn bessere addresse, als itzund. Bey diesen Worten stund Mopsus vom Ti- sche auff/ warff Teller/ Messer und Gabel von sich/ und fluchte alle Elemente nach der Ord- nung daher/ biß er oben in sein Zimmer kam/ da er die Boßheit nach seinem Gefallen auß- lassen mochte. Einer/ der mit ihm auf dem Postwagen gesessen/ konte nicht gnug erzehlen/ was sie vor Muͤh auff der Reise mit ihm ge- habt; es haͤtte niemand den geringsten Schertz duͤrffen vorbringen/ so haͤtte er alles auff sich gezogen/ und zwar mit so einer laͤcherlichen außlegung/ daß man fast ein Buch davon schreiben moͤchte. Und uͤber diß haͤtte er kei- nen Schimpff wollen auff sich ersitzen lassen/ sondern haͤtte sich allezeit mit laͤcherlichen re- torsionibus gewehret. Jch muß/ sagte dieser/ nur etliche Exempel anfuͤhren. Einmal ward auff dem Wagen gefragt/ was man guts im Wirthshause zu hoffen habe/ und sagte einer diß/ der andere was anders. Jch sagte/ haben wir sonsten nichts/ so haben wir einen guten Stockfisch. Da befand er sich also P iiij bald bald offendirt, und sagte/ er waͤre darumb kein Stockfisch/ wenn er schon bey einem F ischhaͤndler waͤre zu Tische gangen; wer ihn davo r hielte/ moͤchte wohl ein gedoppelter Stockfisch seyn. Nun konte ich wol mit Grũd der Warheit sagen/ daß ich nicht gewust/ wo- her eꝛ gewesen/ viel weniger wo eꝛ zu Tische ge- gangen/ also daß ich wol ausser verdacht war/ daß ich ihn nicht gemeinet hatte. Ferner frag- te einer ob Nuͤrnberg in Schwaben laͤge? Da fuhr dieser auff als eine Wasserblase im Bade/ und sagte/ es koͤnte ihm kein ehrlicher Kerle nachsagen/ daß er ein Schwabe waͤre/ er haͤtte sein Vaterland viertzig Meilen von Schwaben abgelegen/ doch sehe er wohl/ sie haͤtten es ihm zum Verdruß und zum Ange- hoͤr vorgebracht. Ein ander schwatzte von Kleidern/ und meynte/ wer itzt einen Beltz wol- te machen lassen/ der solte nur nach guten Futter fragen/ der Uberzug moͤchte leicht von Berenheuterzeug gut genug seyn. Da wol- te er schliessen/ man haͤtte ihn einen Berenheu- ter geheissen. Doch es fehlete nicht viel/ daß er nicht ein paar dichte Maulschellen davon ge- tragen. Eurylas sagte/ der Kerle muͤste ein wunderlicher Narr seyn/ der sich in keine Gesellschafft schicken koͤnte. Doch nam sich Ge- Gelanor seiner an/ und redete sein Wort. Laßt ihn einen Narren seyn/ sagte er/ was kan er davor? seine Natur bringet es nicht anders mit sich. Er hat ein Melancholisch verdrieß- liches Temperament, dadurch er von aller Lust und Kuꝛtzweil abgehalten wiꝛd. Muß man doch leiden/ daß in einer Compagnie/ da alle Kaͤse essen/ einer die Nase zuhaͤlt und nicht mit macht. Mancher isset keine Buttermilch ein ander trinckt kein Bier/ ja man findet Leu- the/ die kein Brot riechen koͤnnen. Gleich wie nun solche Menschen deßwegen vor kei- ne Narren zu halten seyn/ ob sie gleich das- selbe nicht nachthun/ was andern angenehm ist: Also muß man auch von diesen urtheilen/ die an Schertz und andern Lustigkeiten gleich- sam von Natur einen Abscheu haben. Doch solte ein solcher Mensch sich entweder der Ge- sellschafft gantz aͤussern/ und sein Vergnuͤgen in der Einsamkeit suchen: Oder wenn er j a nicht Umbgang nehmen koͤnte/ bey Leuthen zu seyn/ so solte er seine Natur zwingen/ und nicht alles mit so grosser und laͤcherlicher Unge- dult aufnehmen. Denn was hat einander darvon/ daß er seine Worte so uͤbel außlegen lassen/ und daß er seiner F reymuͤthigkeit we- gen sich allerhand Ungelegenheit uͤber den Hals ziehen soll. P v Cap. CAP. XLI. D En folgenden Tag kamen unterschiede- ne junge Weibergen/ und besuchten die Wirthin/ welche allem aͤusserlichen Ansehen nach/ bald wolte zu Winckel kriechen. Nun hatte Gelanor mit den seinigen das Zimmer neben ihrer Stube eingenommen/ also daß man alles vernehmen konte/ was daruͤber geredet ward. Solcher Beqvemligkeit be- diente sich Florindo, und hoͤrete die anmu- thigen Gespraͤche mit sonderbahrer Freu- den an. Die Wirthin fragte eine/ Schwester- gen/ gehestu nicht zur Hochzeit? da antworte- te diese ach was solte ich zur Hochzeit ma- chen/ ist es doch eine Schande/ wie man hin- unter gestossen wird. Es hat meinen Mann wol tausend mal getauret/ daß er nicht ist Doctor oder zum wenigsten Magister wor- den. Da hat er das seinige verreiset/ und hat wohl mehr gesehen als einander. Aber es gehet hier zu Lande nicht nach Geschick- ligkeit. Sonst wolten ich und mein Mann wohl uͤber die Taffel kommen. Eine andere sagte. Eben darumb habe ichs meinem Man- ne gar fein abgewehnet/ daß er an keinen vor- nehmen Ort zur Leiche oder zur Hochzeit gehen darff. darff. Jch lobe es bey geringen Leuten/ da hat man das Ansehen allein/ und geht uͤber die andern weg. Es ist auch wahr/ die Vornehmen haben es doch keine Spanne hoͤ- her/ als die andern; Die dritte sagte: Ja haͤtte diß nicht gethan/ mein Mann haͤtte nicht so viel Geld duͤrffen hingeben/ daß er waͤre Fuͤrst- licher Rath worden. So dencke ich/ sechshun- dert Thaler sind leicht zu vergessen/ wenn man nur allen stoltzen Kluncker-Fuͤchsen nicht darff nach treten. Die erste fiel ihr in die Rede: Ja Schwestergen/ sagte sie/ wer weiß/ wie lange es mit der Herrligkeit waͤhret/ weist du nicht/ wie viel Leute Geld dargegen spendi- ren wollen/ daß sie deinen Mann wiedeꝛ herun- ter bringen. Ach thaͤte daß nicht/ ich haͤtte lang ein stuͤcke Gut verkaufft/ daß wir auch einen solchen Ehrenstand kriegt haͤtten. Die andere sagte: Jch wil mich umb den Gang nicht zu Tode graͤmen. Nur das verdreust mich an meinem Mann/ das er nicht biß fuͤnff- hundert Thaler dran wagt/ daß wir duͤrffen Sammet-Peltze tragen. Die dritte sagte: Jch weiß wohl/ es sind viel Leute/ die uns unsere Ehre nicht goͤnnen. Aber wir wollen dar- bey bleiben/ und solte es uns noch tausend Thaler kosten. Es ist ein eben thun umb den P vj Groß- Großsprecher/ der uns zu wider ist/ wenn er sat zu fressen haͤtte. Da frisst der kahle Hund welcke Ruͤben/ und hertzt die Frau/ damit tritt er an die Haußthuͤre/ und stochert in den Zaͤh- nen/ so dencken alle Bauren/ die voruͤbergehen/ er hat Fleisch gessen. Die vierdte hatte bißher still geschwiegen/ nun gieng ihre Klapper- buͤchse auch loß. Ach sagte sie/ ich lasse mir auff die Hochzeit ein schoͤn Kleid machen. Wir sind Freundschafft/ da werden wir vorgezo- gen. Ach es gefaͤlt mir gar zu wol/ weñ die stol- tzen Weiber/ die sonst immer oben hinauß und nirgend an wollen/ so brav das Nachsehen haben/ und mir hinten nach zotteln. Die er- ste sagte: Ja ich besinne mich/ was ich bey mei- ner Mutter Begraͤbniß vor eine F reude hat- te/ daß ich durffte uͤber die Burgemeisters Weiber gehn. Die andere sagte: Ja/ als haͤtte ich neulich die Ehre nicht gehabt/ da mein Va- ter begraben ward/ da giengen mir zwoͤlff Do- ctors Weiber nach. Die dritte sagte/ unlaͤngst gieng mein Mann uͤber etliche Edelleute/ und es soll mich mein Lebetage reuen/ daß ich bin zu Hause blieben/ wie haͤtte ich die grossen Frau- en von Adel wollen uͤber Achsel ansehn/ wann sie waͤren hinter mir angestochen kommen. Die Vierdte sprach: Ach botz tausend haͤtte ich ich doch bald das beste vergessen/ sprechen doch die Leute Herr N. N. ist Rathsherr worden/ wer wird nun mit seiner Frau außkommen/ die stoltze Noppel wuste ohn dem nicht/ wie sie das Maul solte krum genug außzerren. Mein Mann ist sonst gut Freund mit ihm gewesen; Aber der Hencker solte ihm nun das Liecht hal- ten/ weñ er weiter mit ihm Freundschafft hiel- te. Ja wohl/ daß er ihn liesse oben an gehen. Ach nein trinckt dort numm/ es sind der Sau- ren/ ich mag sie nicht. Es verlohnte sich der Muͤh mit der Bauer-Magd. Vor sechs Jahren haͤtte sie noch die Gaͤhse gehuͤtet/ und Qvarck-Kaͤse gemacht/ nun solte sie mir vorgezogen werden. Ja / ja schiers kuͤnff- tig wenn Pfiengsten auf den Gruͤnen-Don- nerstag faͤllt. Jch thue es nicht/ und wenn ich sechs Jahr nicht solte auß dem Hause gehen. Die erste versetzte: Ey Schwestergen/ glaube es nicht/ sie werden so einen hoͤltzernen Peter nicht zum Rathsherrn machen. Ja wenn es Mistladens guͤlte/ so moͤchte er weise gnug darzu seyn/ und wenn er auch so klug waͤ- re/ als der weise Koͤnig Salomon/ so thãten sie es der Frauen wegen nicht/ wer wird denn einen solchen Nickel lassen oben an gehen/ wo wolten wir Strümpffe kriegen/ die wir dem P vij Bauer- Bauer-Mutze anzoͤgen: denn du weists wohl/ die Beine geschwellen den gemeinen Leuten/ wenn sie zu viel Ehre kriegen. Die Wirthin hatte zwar zum Gespraͤche Anlaß gegeben/ doch konte sie nicht wieder zu einem Worte kommen. Und da gemahnete sie dem Florindo, wie jener Superintendens, der war zur Hoch- zeit/ und als einer sagte/ es wunderte ihn/ war- umb die Weiber so stille saͤssen/ sagte dieser hingegen/ gebt euch zufrieden/ ich will den Weibern bald zu reden machen/ und ruffte seiner Frau uͤberlaut: Jungefrau wie viel gabt ihr gestern vor einen Stein Flachs? da- mit war das Wespen-Nest rege gemacht/ daß die Maͤnner ihr eigen Wort nicht vernehmen konten/ und ihre retirade zur Stuben hinauß nehmen musten. Also hatte die gute Wirthin mit einer F rage so viel zuwege gebracht/ daß sie stillschweigen kunte/ weil ihr doch das Reden etwas saur ankam: doch war es ihr unmoͤglich/ daß sie gar ungeredt darbey sitzen solte/ drumb sagte sie dieß darzu: Ach mein Mañ haͤtte lange koͤnnen Rathsherr werden/ wenn er gewolt haͤtte/ aber das Prackdezeren bringt ihm mehr ein. Sonst duͤrffte er wider den Rath nichts annehmen. Er ist bey einem Freyherrn Gerichts-Verwalter/ das wird ja so so vornehm seyn als ein junger Rathsherr. Bey diesem Gespraͤche war eine alte Frau/ welche bey der Wirthin Niederkunfft solte Waͤrterin werden/ die muste ihren Dreyhel- lers-Pfennig auch darzu geben. Jhr jun- gen Weibergen/ haltet mirs als einer unver- staͤndigen Fꝛau zu gute/ daß ich auch was dꝛein rede. Sind es nicht rechte Narren-Possen mit dem oben an gehen. Jch daͤchte/ wenn man gute Kleider am Leibe/ und gut Essen/ und Trincken im Bauche haͤtte/ so thaͤt ich was auf die elende Ehre. Man wird ja we- der fett noch duͤrre davon/ ob mann im ersten oder im letzten Paar geht. Jch haͤtte mei Sile nicht zu einen Manne getocht/ waͤre mir eine Frau mit den Obenangehen auffgezogen kom- men/ ich haͤtte ein Banckbein außgetreten/ wañ sonst kein Stecken waͤre zur Hand gewesen/ und haͤtte ihr die sechshundert Thaler zu ge- zehlt. Zu meiner Zeit waren auch vornehme Leute/ sie giengen in ihren mardernen Schau- ben daher/ daß einem das Hertze im Leibe lach- te. Allein von solchen Narren-Possen/ wie die Leute itzt vornehmen/ hab ich nie gehoͤrt. Ach ihr jungen Spritzen/ lasset es bey den alten Loͤchern bleiben/ und lasset die neuen ungebohrt. CAP. CAP. XLII. F Lorindo haͤtte gern gehoͤrt/ was die Wei- bergen vor eine Antwort wuͤrden gegeben haben/ doch der Wirth kam in die Stube/ und empfieng sie/ brachte auch hernachmahls an- dere Fragen auf die Bahne/ daß der præce- denz mit keinem Worte mehr gedacht ward. Es lieff auch in seiner Stube etwas vor/ daß er abgehalten ward ferner zu zuhoͤren. Jn etlichen Tagen aber begab sich ein possierlicher Casus, denn Florindo mochte den kuͤnstlichen Schlittẽfahrer einen gedoppeltẽ Berenheuter geheissen haben/ und solches war dem Kerlen durch den Haußknecht hinterbracht worden. Drumb weil er sich mit dem Degen nicht er- kuͤhnete alles außzufuͤhren/ gieng er zu einem Notario publico, und ließ sich eine Klage auff- setzen/ uͤbergab solche dem Stadtrichter/ wel- cher auch auß obliegenden Ampt dieselbe also- bald insinui ren ließ/ mit Begehren/ mit der Gegen-Nothdurfft bey Straff Ungehorsams ehistes einzukommen. Florindo zeigte die Klage dem Gelanor, welche folgender Massen eingerichtet war. Hochweise Herren Stadt Gerichten. E. Hochw. bey dieser heil. und hoch feyerl. Zeit Zeit zu belaͤstigen/ hab ich auß hochdringen- der Noth nicht Umbgang nehmen koͤnnen- Jndem ein junger von Adel/ der sich Florin- do nennet/ und im Gasthoffe zum guͤldenen Kachelofen zur Herberge liegt/mich verschie- henen 25. Decembr. halb vier Uhr nach Mit- tage/ ohne alle meine Schuld und Verbre- chung einen doppelten Berenheuter geschol- ten. Wenn ich denn solche grausame und unverdiente Injurie mir nicht allein/ wie ei- nem ehrlichen Menschen zusteht/ gebuͤhrender Massen ad animum revocirt, sondern auch in Primo motu iracundiæ so sehr erbittert wor- den/ daß ich auß Zorn in meiner Stuben zwey Fenster eingeschmissen/ hernach drey Venedi- sche Glaͤser vom Simmse geworffen/ endlich auch mit einem grossen Stocke einen Schief- fer-Tisch in Stuͤcken geschlagen/ dadurch ich/ leichtlichem Ermessen nach/ in grossen und hauptsaͤchlichen Schaden bin gesetzt worden. Als gelanget an E. hochw. mein unterdienst- liches Bitten und Suchen/ sie wollen obge- dachten Florindo auß Obrigkeitlicher Macht und Gewalt/ krafft welcher sie uͤber alle Ein- heimische und Einquartierte gleich zu gebieten haben/ aufferlegen/ mir nicht allein vor meinen erlittenen Schaden/ welcher sich auf eilff Guͤl- den den siebenzehen Groschen acht Pfennige be- lauffen thut: sondern auch vor allen Dingen/ wegen des angethanen Schimpffes/ welchen ich auf eilff tausend siebenhundert und acht und viertzig Gülden ex legitimâ affectione, qvam famæ meæ debeo schaͤtzen und æstimi- ren wil/ gebuͤhrende und vollkoͤm̃liche satis- faction zu geben. Wenn auch uber alles Vermuthen/ offterwehnter Florindo sich auf die Klage nicht einlassen/ und so lang in pos- session verbleiben wolte/ daß ich ein gedoppel- ter Berenheuter sey/ biß ich solches in petito- rio außgefuͤhret haͤtte; Als will ich alles in sein Christliches Gewissen zur eydlichen Er- oͤffnung geschoben haben. Und weil er als- denn solches nicht wird leugnen koͤnnen/ ver- sehe ich mich bey E. Hohw. einer gerechten decision und verbleibe ꝛc. Florindo wuste nicht/ ob er lachen oder flu- chen solte/ doch ruffte er uͤberlaut/ halt du Cu- jon, ich will in posseß bleiben/ daß du ein dop- pelter ꝛc. bist/ und deiner funffzehen sellen mich nicht herauß setzen/ du solst mit mir in das pe- titorium, und da will ich dir sehen lassen/ daß ich die leges besser versteh/ als du/ und dein kahler Concipient: doch Gelanor dachte den Sachen besser nach und sagte: Hoc Hoc scio pro certo, quoties cum sterco- re certo; Vinco seu vincor, semper ego ma- culor. Ließ also den Wirh kommen/ hielt ihm die Klage fuͤr/ und bat er moͤchte den Stadtrich- ter dahin disponi ren/ daß sie als fremde nicht ohn Ursach discommodirt wuͤrden/ und an hoͤhern Orten Huͤlffe suchen muͤsten. Doch war dieser kaum auß dem Haus/ so kam der Stadtrichter selbst/ der mit dem Gelanor auf Universi taͤten wohl bekand gewesen/ und auf solche Masse mit ihm suchte wieder in Freund- schafft zu treten. Da lieff die gantze action auf eine sonderliche Lustigkeit hinauß/ daher Florindo leicht abnehnen kunte/ daß er bey sei- ner ruhigen posseß wol wuͤrde geschitzet wer- den. Absonderlich delectir ten sich alle an der schoͤnen Klage/ die so artig war auffgesetzt wor- den; Doch hatte d’ Richter nach etliche Inven- tiones bey sich/ welche noch besser kamen/ und daran sich Florindo am besten besaͤnfftigẽ ließ. Die Erste verhielt sich also: P. P. Vor N . erscheinet N . mit Vorbehalt aller rechtlichen Wolthaten: Jnsonderheit sich zu keinem uͤberfluͤssigen Beweiß/ denn so viel ihm ihm zu bestaͤtigung seiner Gerechtigkeit von noͤthen seyn wird/ zu verstricken und zu ver- binden/ bestellet und setzet seine Klage nicht in Form eines zierlichen libells, sondern schlech- ter Narration kuͤrtzlich sagende/ daß ob wohl im Rechten deutlich versehen/ daß ein iedwe- der ehrlicher Biederman in seinem Hause ruhig und unmolestirt wohnen solle/ dessen al- len dennoch ungeacht/ beklagter N. sich geluͤ- sten lassen bey Naͤchtlicher Weite vor klaͤgers Hause vorbey zu gehen/ und einen grossen ab- scheulichen Wind/ lalva reverentia, streichen zu lassen. Weil demnach solche unmenschliche Injurien ungerochen nicht duͤrffen hinge- ben/ als bittet Klaͤger im Rechten zu erken- nen und außzusprechen/ daß Beklagter den Staupenschlag verwircket/ und nebenst dem- selben vier tausend Reichsthaler in specie Klaͤ- gern wegen des erlittenen Schimpffs außzu- zahlen schuldig sey. Rufft hieruͤber das rich- terliche Ampt an/ und bittet ihm Gerechtig- keit mit zu theilen/ und Beklagten durch or- dentliche Mittel dahin zu zwingen und anzu- halten/ damit sowohl der hochheiligen Justitz als zufoͤrderst ihm Klaͤgern satisfaction ge- schehen moͤge. Solches ꝛc. Die Die Andere lautete also: P . P. Klaͤger erscheinet/ und giebt mit wehmuͤ- thigen Klagen zu verstehen/ daß Beklagter N . sein Nachbar einen Birnbaum habe/ der mit etlichen Zweigen in seinen Klaͤgers Hoff hinnuͤber reiche. Ob nun wohl Veklagter gewust/ daß hierdurch alle Birnen/ so auf den hinuͤber hangenden Zweigen wachsen/ ihm als Nachbarn verfallen waͤren: Auch keine Mit- tel gesehen/ wie er sich solcher Birnen theil- hafftig machen koͤnte: hat er doch auß unchrist- lichem boßhafftigen Gemuͤthe bey dunck- ler Nacht-Zeit offt erwehnte Birnen/ mit Gunst und reverenz zu melden/ mit Men- schen-Koth beschmieret/ und hierdurch Anlaß gegeben/ daß/ als er folgendes Tages eine abgeschlagen und essen wollẽ/ ihm ein hefftiger Eckel zugestanden/ der wohl gar in ein hitzig Fieber haͤtte degeneriren koͤnnen/ wenn ihm nicht durch kraͤfftige medicamenta waͤre be- gegnet worden. Weil denn solch frevent- liches Beginnen andern zu mercklichem Ab- scheu muß gestraffet werden; Als bittet Klaͤger im Rechten außzusprechen/ daß er schuldig sey/ eben eine solche beschmierte Birne mit Haut und Haar auffzufressen. Und Und gleich wie es einem hochweisen Richter- lichen Ammte an Mitteln nicht ermangelt/ ihn auf vorhergegangene Wegerung dahin an zuhalten/ also verspricht Klaͤger ꝛc. Mehr dergleichen schoͤne libelli kamen vor/ die der Richter/ als ein sonderlicher Liebhaber dergleichen Haͤndel colligirt hatte. Einer klagte den Nachbar an/ er habe einen Schweinsdarm mit einem Ende an den Roͤhrkasten und mit dem andern in sein Keller- loch geleget/ dadurch der Keller voll Wasser worden/ und als er solches per legitimam re- torsionem wollen nachthun/ sey er mit allen Haußgenossen herauß gefallen und habe ihm Schlaͤge darzu gegeben. Der Andere be- schwerte sich uͤber Titium, er habe einen Chur- fuͤrstlichen Reichsthaler in ein Schnuptuch gebunden/ und solchen an die Decke gehan- gen/ mit Versprechen/ wer ihn mit dem Mau- le erschnappen wuͤrde/ der solte ihn behalten. Allein als er Klaͤger solchen gefangen/ sey ein Kuhfladen an statt des Thalers darinne gewesen; bitte derhalben Beklagten anzuhal- ten/ daß er ihm geschehener Abrede nach/ den Rthl. zahlen solte. Der Dritte klagte/ Sem- pronius habe eine Kugel von assa fœtida in seinen Taubenschlag geschossen/ dadurch ihm 600. 600. Paar Tauben vertrieben worden/ und weil er hiermit uͤber 20. Ducaten gefaͤh- ret worden/ vermeinte er/ Beklagter haͤtte den Galgen wohl verdienet/ und was die anderen Possen mehr waren. Kurtz/ der Abend ward mit solchen lustigen Rechts-Sachen pas- sirt. CAP . XLIII . U Ber etliche Tage wurden sie zu gedach- ten Stadtrichter wieder zu Gaste gebe- ten/ da befand sich ein Kerle/ der sich vor einen perfecten Lautenisten außgab. Der schuͤttete seinen gantzen Sack voll auß/ und meynte/ es fehlte nicht viel/ daß nicht die Steine wie bey dem Orpheus zu tantzen anfiengen. Doch waren alle Stuͤcke von altvaͤterischen Manie- ren/ von alberer application, von confusen tacte, mit einem Worte/ wer einem andern waͤre einen elenden Lautenisten schuldig gewe- sen/ und haͤtte mit diesen Musicanten bezahlt/ der haͤtte noch dritthalb Groschen wieder her- auß bekommen. Endlich sagte der Richter/ ob niemand in der Compagnie waͤre/ der Lust haͤtte ein Schulrecht abzulegen/ er haͤt- te neulich auf ihrer Stuben eine Laute ge- sehen/ sehen/ und koͤnte leicht abnehmen/ daß unter dem Hauffen ein Liebhaber waͤre. Florindo, der bey einem guten Meister von Jugend auff war informirt worden/ und im Lauten- spiel wenig seines gleichen hatte/ bekandte zwar/ daß er vor etlichen Jahren zwey oder drey Stuͤckgen gelernet; doch schaͤmte er sich an einem solchen Orte sich damit hervor zu thun/ da er Meister vor sich haͤtte. Der Lau- tenist praͤsentirte ihm also bald seine Laute/ und sagte: Monsieur, ich mache profession von diesem Instrument, ob ich nun gleich ge- uͤbter darauff bin/ so ist es doch keinem eine Schande/ der seine profession in anderen Sa- chen sucht. Jch bin der schlechten Stuͤck- gen bey meinen Discipuln wohl gewohnt/ er lasse hoͤren/ ob er einen bessern Meister ge- habt hat dann ich erkenne es bald am ersten Griffe/ was hinter einem ist. Florindo dach- te/ halt ich wil dir den ersten Griff weisen/ daß du des letzten darbey vergessen solst/ und nahm die Laute an. Aber was machte der Ertz- kuͤnstler vor grosse Augen/ als er solche Haͤn- del auff der Laute hoͤrete/ die er sein Lebtage nicht in der partitur gesehen hatte. Es gieng ihm wie einem Calecutischen Hahn/ oder wie man das zahme Wildpret auff hoch Teutsch nen- nennet/ einem Truthahn/ der zeucht den Schwantz wie ein Pfau/ laͤsset die Fluͤgel biß auff die Erde hangen/ und stellet sich/ als wolte er die gantze Welt braviren: doch wenn der kleineste Haußhahn die Courage nimmt/ und auff ihn zu laͤufft/ so ist Schwantz/ Fluͤgel/ Bauch und Ruͤcken ein Ding/ und aller bra- vade ist vergessen. Und ohn allen Zweiffel wuͤrde er ohne sonderliches Vexieren nicht seyn darvon kommen: doch zu seinem Gluͤcke/ und zu der gantzen Compagnie Verdruß/ kam eine Frau mit einem Notario, die brachte klagend vor/ ihr Mann waͤre von dem Nach- bar schelmischer und hinterlistiger Weise er- schossen worden; der Richter solte ex officio das Corpus delicti in Augenschein nehmen. Hiermit war die Lust verstoͤrt/ und weil der Wirth weggehen muste/ gaben ihm die Gaͤste das Geleite/ und wolten auch sehen/ ob ein er- schossener Mensch anders gestalt waͤre/ als eine gemeine Leiche. Sie kamen in das Hauß/ da lag die Leiche/ und war mit dem Ruͤcken gantz bloß und voll Blut. Der Richter befand kein Leben da/ drum befahl er dem Balbier/ er solte darnach sehen/ ob der Schuß toͤdlich ge- wesen/ oder nicht! ( quasi verò non potius ex intentione agentis, quàm ex effectu judican- Q dum dum sit. Sed Mundus vult decipi : ac pro- inde in favorabilibus excusat intentionem, in odiosis negligit effectum, ne utrinque via claudatur patrocinio ) der Balbirer war fleissig druͤber her/ wischte das Blut mit war- men Wasser rein ab; doch da war keine Wunde/ da man sich eines Blutvergiessens her vermuthen sollen. Der Ruͤcken und was dran hangt/ war unversehrt/ und iemehr sie nachsuchten/ desto weniger funden sie. Jn dem kamen die Haͤscher/ und brachten den Thaͤter/ der trat vor den Richter/ und ent- schuldigte sich folgender Massen: Hochwei- ser Herr Stadtrichter/ ich weiß nicht/ warum ich so geschimpfft werde/ daß mich die gemeine Knechte auffsuchen müssen. Jch will gleich herauß sagen/ was die Sache ist. Der Kerle der sich stellt/ als waͤre er erschossen/ hat biß- her den loͤblichen Gebrauch gehabt/ daß er Abends vor meine Thuͤre kommen/ und mir was anders/ das ich nicht nennen mag/ davor gesetzt. Nun ist er offt freundlich erinnert worden/ er solte seine buͤrgerliche Pflicht be- dencken/ und seine Nachbarn ungeschimpfft lassen/ doch dessen ungeacht/ hat er solches un- terschiedene mahl continuiret. Dannenhero ich endlich gezwungen wor- den den/ ihn von dergleichen boͤsen und leichtferti- gen Beginnen abzuhalten. Gestalt ich eine Buͤchse mit Rind s -Blut geladen/ und als er/ seiner taͤglichen Gewonheit nach/ mit dem blossen Ruͤcken meine Haußthuͤre angesehen/ unversehens Feuer gegeben/ und ihn so blutig gemacht/ daß er sich leicht eines groͤsseꝛn Scha- dens hat befuͤrchten koͤnnen. Jst er nun vom Erschrecken gestorben/ so mag man ihn mit was anders zu Grabe laͤu- ten. Jch bin auß aller Schuld. Denn die- ser ist kein Schalck/ der einen Schalck mit Schalckheit bezahlt. Der Richter haͤtte bald uͤber der artigen Erzehlung gelacht/ wenn ihn das Ansehen seines tragenden Amptes nicht davon abge- halten. Doch befahl er/ man solte dem Tod- ten Coͤrper brennen de Liechtschnuppe vor die Nase halten/ ob er dadurch wieder lebendig wuͤrde; und fuͤrwar der Anschlag war so une- ben nicht/ denn der Todte regte sich/ und weil er meynte/ er waͤre schon in den Campis Ely- fiis, hãtte er gerne Hebraͤisch geredet/ wenn er nur haͤtte den unterscheid zwischen Schiboleth und Siboleth machen koͤnnen. Er hatte in einer Disputation gelesen in Q ij jener jener Welt wuͤrden die Leute Hebraͤisch reden/ und weil er nicht darauff achtung gegeben/ was ein anderer opponirt, quò din altera vita planè non simus locuturi, cum æternitas consistat in puncto: locutio autem inferat prius \& posterius, seu quod idem sonat, ge- nerationem \& corruptionem, so war es kein Wunder/ daß er bey solcher Einbildung ver- blieb. Doch fragte der Richter nach seiner Sprache nicht; sondern da er ihn nur lallen hoͤrete/ befahl er den Hauß-Genossen/ seiner zu warten/ und gieng davon. Zwar es haͤtte so uͤbel nicht gestanden/ wenn die Gaͤste wieder waͤren mit ihrem Wirthe gegangen/ doch der Stundenruͤffer hatte die Uhr verschlaffen/ und ruffte eins auß/ als er I I . ruffen solte. Damit gieng ein ieglicher nach Hause. CAP . XLIV . D En folgenden Tag gieng Florindo in der Stube hin und wieder/ als er uff dem Simse eines Buches gewahr war/ wel- ches forne am Titul seiner intention sehr be- quem schiene. Denn es hiesse die naͤrrische Welt. Er nahm es mit grossen Begierde vor sich/ und befand zwar/ daß die Sachen ohne allen allen Unterschied gantz confu ß unter einan- der geworffen waren/ doch notirte er folgen- de Sachen darauß. Einer wolte dem andern eine Heimligkeit vertrauen/ und bat hoͤchlich/ er moͤchte sie bey sich behalten/ und keinem Menschen davon gedencken/ da sagte dieser: du Narr/ wenn ich schweigen sol/ warumb schweigstu nicht/ so bistu am sichersten. Oder meynestu/ daß mir das Schweigen moͤglich ist/ da es dir unmoͤglich ist? Einer haͤtte gerne ein Weib genommen/ es war ihm nur keine schoͤn genug/ da sagte sein Schwager: ihr naͤrrischer Kerle/ nehmt doch eine/ die eures gleichen ist/ deßwegen laͤsset G O T T auch haͤßliche Maͤnner le- ben/ daß er damit gedenckt die haͤßlichen Jungfern zu verthun. Einer hielt um ein recommendation- Schreiben an/ damit er an andern Orten moͤchte voꝛ fromm gehalten werden/ zu diesem sagte der Patron: Jhr wunderlicher Mensch/ mein Schreiben wird euch nicht fromm ma- chen/ ihr aber koͤñet mich wol zum Luͤgner ma- chen/ ein rechtschaffener Kerle recommendirt sich selbst. Einer beschwerte sich/ es waͤre Schande/ Q ij daß daß keine Land-Kinder mehr befoͤrdert/ und hingegen lauter Fremde vorgezogen wuͤrden/ dem antwortete ein ander/ du Narr/ wenn man keine Pferde zu Hause hat/ muß man freylich Esel von andern Orten hohlen. Einer wuͤndschete/ daß er brav sauffen koͤnte/ so wolte er wohl in der Welt fortkom- men/ zu diesem sagte einander: du Narr/ wuͤn- sche dir/ daß du klug wirst/ so koͤmmstu noch besser fort. Ein Kauffmann hatte sich an der Messe in den Weinkeller gesetzt und soff einen Rausch uͤber den andern/ diesen fragte einer/ ob er auch wuͤste/ was dieses heisse: wer in der Erndte schlaͤft/ der ist ein Narr. Ein Student saß dar- neben/ der gab es Lateinisch also: Bibite vos Domini, ne Diabolus vos inveniat o- tiosos . Einer wolte nirgend hingehn/ da er nicht oben an sitzen durffte/ diesem gab einer die Lehre: du Narr/ zeuch auffs Dorff und geh in die Schencke/ da lassen die Bauern einen Buͤrger oben an sitzen. Ein junger Stutzer kauffte eine Kutsche mit zwey kostbahren Pferden/ zu diesem sprach sein alter Tischwirth: Jhr thut wohl/ daß ihr die Beine schont/ im Alter werdet ihr gnug muͤssen zu Fuse lauffen. Einer Einer wolte ein Pferd miethen/ und gab einen Thaler drauff/ als er nun meynte/ es waͤ- re gewiß/ war der Pferdhaͤndler davon ge- ritten. Zu dem sagte einer: Du Narr/ ein andermahl gib das Geld mehr vorauß. Ein Verwalter bat seinen Edelmann zu Gaste/ und hatte herrlich zugeschickt/ des E- delmanns Narr wolte nicht mitgehn/ denn er sagte: Zween Narren vertragen sich nicht. Nun muß der Verwalter ein Narr seyn/ daß er sich so laͤst in die Karte gucken. Jch fraͤsse mein Wildpret allein/ und bestreute das Gesichte mit Bohnen-Meel/ daß ich nur vor dem Juncker elend gnug außsehe. Aber wañ man fallen sol/ so wird man zuvor ein Narr. Einer ließ sich von etlichen Sauff- Bruͤ- dern einen grossen Schmauß außfuͤhren. Gefragt/ warum er solches liedte? sagte er/ ich thue es/ daß ich wil Friede haben; doch er muste die Antwort hoͤren: du Narr/ wenn du mit Bratwuͤrsten unter die Hunde wirffst/ so wirstu ihr nich loß/ wiewol er retorquir te: du Narr/ wer keine Knuͤttel hat/ muß wohl Bratwuͤrste nehmen. Einer wolte vor den andern Buͤrge wer- den/ da sagte sein Vetter: du Narr/ fuͤhle doch zuvor an den Hals/ ob du kuͤtzlich bist/ denn es heist: Buͤrgen sol man wuͤrgen. Ei- Einer wolte mit keinem Freundschafft hal- ten/ der geringer war/ als er/ zu diesem sagte einander: du Narr/ wenn deine Hoͤhern auch so gedaͤchten/ mit wem wollestu umbge- hen? Einer ruͤhmte sich/ als waͤr er wegen sei- nes losen Mauls allenthalben im Beruff/ die- sen fragte einer/ ob er auß/ den Worten Sa- lomonis koͤnte einen Syllogismum machen: Wer verleumdet/ der ist ein Narr. Ein Narren-Maul wird geschlagen. Einer konte keinen Anschlag heimlich hal- ten/ diesen erinnerte ein ander/ du Narr/ wenn du wilst das Netze außwerffen/ daß die Voͤgel zusehn/ so wirstu langsam auf den Vo- gelmarckt kommen. Einer fieng mit etlichen Grossen an zu zan- cken/ da sagte sein Bruder: du Narr/ haue nicht uͤber dich/ die Spaͤne fallen dir in die Au- gen. Einer kandte sich nicht vor Hoffart/ von diesem sagte einer: Der Kerle ist ein Narr; doch moͤchte ich seyn/ was er sich einbildt. Einer draute dem andern/ wo er ihm kein Geld liehe/ wolte er sein Feind werden. Der sagte: Jmmer hin/ die erste F eindschafft ist mir lieber/ als die letzte/ wenn es zum bezahlen koͤmmt. Ei- Einer sagte es ist natuͤrlich/ daß Maͤnner und Weiber einander lieb haben/ dem begeg- nete ein ander: Du Narr/ wenn dich der Teufel holt so ist es auch natuͤrlich. Einer klagte die Zeit waͤre ihm lang/ den fragte einander: Du Narr/ warumb klag- stu denn/ daß dir das Leben kurtz ist. Ein Student wolte alle Handwercke be- greiffen/ dem sehrieb ein ander ins Stamm- buch: Wer unnoͤthigen Sachen nachgeht/ der ist ein Narr. Prov. 12. Einer hielt einen andern hoͤnisch/ weil er ei- nen Buckel hatte/ diesen schalt einer: Du Narr was kan er davor/ daß ihn GOtt so buckelicht haben will/ ficht es mit seinem Schoͤpffer auß. Einer muste in der Gesellschafft sein Maul allzeit forne fuͤrhaben/ diesen erinnerte ein ander: Du Narr/ schweig doch still/ so hal- ten dich die Leute auch vor einen Philoso- phum . Einer trotzte auff seine Erbschafft/ die doch in lauter papiernen Schuld-Verschreibun- gen bestund/ zu diesem sagte ein Kauffmann: du Narr/ hebe die Zettel auff biß an den juͤngsten Tag/ da gelten sie so viel als baar Geld. Q v Eine- Einer ruͤhmete sich/ er haͤtte auff der Franckfurter Meß uͤber sechs hundert Tah- ler außgegeben/ und wuͤste nicht wovor/ die- sem halff ein ander auß dem Traum: Wenn Narren zu Marckte ziehen/ so loͤsen die Kraͤ- mer Geld. Einer praalte mit vielen Geschencken/ die ihm hin und wieder waͤren verehret worden/ diesem gab ein ander folgende Antwort: Du Narr/ du hast deine Freyheit viel zu wohl- feil verkaufft. Einer lachte den andern auß/ weil er in eine Pfuͤtze fiel/ doch muste er dieses hoͤren: Du Narr/ du lachst/ da mir es uͤbel geht/ und er- schrickst nicht/ da dir es auch begegnen kan. Einer sagte/ das kalte Fieber diente zur Gesundheit/ diesen wiederlegte einander: Du Narr/ das ist eine elende Artzney/ wo man der Gesundheit halber kranck wird. Einer lobte seinen Patron gar zu sehr/ doch dieser rieff ihm zu: Du Narr/ was schimpffstu mich/ lieber schilt mich auf das hefftigste/ so glauben es die Leute nicht/ und ich werde gelobet. Einer befließ sich sehr obscur und unver- staͤndlich zu schreiben/ diesem ruffte ein an- der zu. Du Narr/ wilstu nicht verstanden wer- werden/ so schreib nichts: so hastu deinen Zweck gewiß. Es kriegte einer Gaͤste/ und wolte eine Henne abwuͤrgen lassen/ doch als die Henne auff die Scheune flog und nicht herunter wol- te/ sagte er/ ich wil dich wohl herunter langen/ und schoß damit die Henne von dem Dache weg. Allein das Dach brennete an/ und gieng das gantze Haus zu Grunde/ da sagte sein Gast/ du Narr/ wenn du in Stroh schiessen wilst/ mustu eine Windbuͤchse nehmen. Eine vornehme Frau hatte eine krancke Tochter/ auff welche sie viel gewendet. Als sie aber der guten Wartung ungeacht sterben muste/ und nunmehr in den letzten Zuͤgen lag/ gieng die Mutter hin/ gab ihr eine dichte Maulschelle/ und sagte du ungeꝛathenes Teu- felskind/ das hab ich nun vor meine Muͤh und vor meine Wohlthaten/ daß du mir stirbst. Daruͤber fielen unterschiedene Judicia . Einer sagte/ in diesem Hause ist uͤbel zu leben/ aber noch uͤbeler zu sterben. Der andere sagte: Wer bey dieser Frauen sterben will/ muß eine Sturmhaube auffsetzen. Der dritte: Je lieber Kind/ je schaͤrffer Ruthe. Der vierdte: die Tochter kriegt eine Ohrfeige/ wo der Mann stirbt/ der kriegt gar einen Schilling. Der Q vi fuͤnff- fuͤnffte: Jch halte wenn sie sterben wolte/ sie kriegte dessentwegen keine Maulschelle. Der sechste: Es ist Wunder/ daß der Medicus keine Wespe davon getragen hat: doch sie hat sich gefuͤrcht/ er moͤchte sich mit einem bißgen Huͤterauch revergi ren. Der siebende: Die Frau soll den Teuffel vom Todtbette vertrei- ben. Der achte: Es ist ein Dieng/ ob der Teu- fel da ist/ oder ob er seinen Stadthalter da hat. Der neundte: Wenn die Frau mein waͤ- re/ ich liesse sie verguͤlden und mit Roßmari- en bestecken/ gebe ihr eine Pomerantze ins Maul/ und verkauffte sie dem Hencker vor ein Spanferckel. Der zehnde: Vielleicht hat sie die Seele wollen erschrecken/ daß sie solte drinne bleiben. Der eilffte: Die liebe Jung- fer hat gewiß gedacht/ S . Peter schlegt sie mit dem Schluͤssel vor den Kopf. Der zwoͤlffte: Wenn ich solte eine Grabschrifft machen/ so liesse ich eine Hand mahlen/ und schriebe daruͤ- ber: Die muͤtterliche Verlassenschafft. Einer wolte fallen/ und hielt sich an ein Bierglaß/ zu dem sagte einer/ du Narr/ das Bier hilfft wider den Durst/ aber nicht wi- der das Fallen. Einer wolte Geld borgen zu spielen/ da s agte der ander/ du Narr/ was ich dir leihe/ das das nehme ich dir/ und was ich dir nicht leihe/ das schenck ich dir. Einer sagte: Jch habe es verschworen/ ich wil dich nicht mehr gruͤssen/ dieser gab zur Antwort: du Narr/ ist das was sonderliches? Ein Esel gruͤsset mich nicht und hat es doch nicht verschworen. Einer sagte: Es verdreust mich/ daß ich den Mann respect iren muß/ dem antworte- te ein ander: du Narr/ ich weiß ihrer ze- hen/ die verdreust es/ daß sie dich respecti ren muͤssen: Einer erzehlte etwas/ und sagte darbey/ es waͤre gewiß wahr/ er habe es von einem vor- nehmen Manne gehoͤrt. Ein ander versetzte/ du Narr/ ein vornehmer Mann hat gut re- den/ er weiß/ daß du ihm glauben must. Ein Causenmacher verwunderte sich/ daß er zu nichts kommen koͤnte/ da sagte einer: Du Narr/ was mit Drummeln koͤmmt/ geht mit Pfeiffen wieder weg. CAP . XLV . F Lorindo haͤtte weiter gelesen/ doch er ward verstoͤrt/ und muste zu Tische gehn/ und ober gleich den Vorsatz hatte/ noch wei- Q vij ter ter drine zu lesen/ schob er es doch in die lange Banck/ biß nichts drauß ward. Nun begunte unsrer Compagnie die Zeit all maͤhlich lang zu werden/ indem sie auff des Florindo Bes- serung so lang gewartet/ und nun wegen des unfreundlichen Winterwetteꝛs nicht fort kunte/ doch es halff nichts/ sie musten verziehẽ biß auff Fastnacht. Und da gab es so ein Land voll Narꝛen/ daß der Mahleꝛ fuꝛchte es moͤch- te an Farben mangeln/ wo er alle abschildern solte. Der Priester hatte zwar den Sontag zu vor nicht allein erinnert/ daß man um die hei- lige Zeit der gleichen Heidnisches Unwesen un- terlassen/ und sich zu einer Christlichen und bußfertigen Fasten schicken solte; sondern er hatte auch auß des blinden Bartimæi Wor- ten: Herr/ daß ich sehen moͤge/ sehr schoͤn ange- fuͤhrt/ was vor ein edel thun es waͤre so wohl umb das Gesichte des Leibes/ als vornehmlich umb das Gesichte des Gemuͤhtes oder umb die Klugheit: und wie unverantwortlich sich dieselben bezeigten/ welche als blinde und naͤrrische Leute/ ihren Verstand gleichsam ver- leugneten Doch die Predigt hatte so viel ge- wiꝛckt/ als sie gekoͤnnt. Unterdessen blieb es bey der alten Gewonheit/ man muste die heilige Fastnacht feyern/ drumb sagte auch Gela- nor, nor, er wolte nit viel Geld nehmen/ und einen unter dem Hauffen einen Narren heissen/ da doch alle mit einander sich vor Narren angezogen/ und nichts anders als Narren- possen vornehmen. Einen laͤcherlichen Possen gab es/ denn es war eines vornehmen Man- nes Sohn zum Mahler gelauffen/ hatte sich da liederlich angezogen/ und hatte begehrt/ er solte ihm das Gesichte gantz schwartz mahlen: denn unter der Masque koͤnte er nicht sauffen/ der Mahler war auch mit seinen Farben vor ihn getreten; aber er hatte die Pinsel nur in klar Wasser gesteckt/ und ihn uͤber und uͤber naß gemacht/ der gute Kumpe meinte/ nun sol- te ihn niemand kennen und lieff herum als ein unsinnig Mensch. Endlich gerieth er an eine Magd/ die rieff/ Herr Frantze/ seyd ihr ein Narr? da erschrack er und machte sich auff die Seite/ doch die Sache war verrathen/ und durffte er in einem vierthel Jahre sei- nem Herrn Vater nicht vor die Augen kom- men. Bey solcher Gelegenheit erinnerte Flo- rindo seinen Hofmeister/ ob es nicht bald Zeit waͤre nach Hause zu reisen Es waͤren ja Nar- ren gnung hin und wieder betrachtet wor- den/ daß man leicht die drey groͤsten herauß lesen lesen/ und abmahlen koͤnte. Doch Gelanor war gantz einer andern Meynung. Der sag- te: Mein F reund/ wir haben noch nicht gantz Deutschland durchwandert/ und solten nun von der gantzen Welt urtheilen/ wir muͤssen weiter gehen/ Jn Franckreich/ Spanien/ Engeland/ Polen. Ja absonderlich in Jta- lien wird auch etwas auffzuzeichnen seyn. Florindo machte zwar ein saur Gesichte: Al- lein Gelanor trotzte auf seine Instruction, also daß der gute untergebene sich wegen der Lieb- ste noch keine suͤsse Gedancken durffte ankom- men lassen. Derhalben bat er auch/ man moͤchte an einem Orte die Zeit nicht so verge- bens verlieren; sondern ehe heute als morgen sich zur Reyse schicken/ wiewohl Gelanor traue- te der ungesunden Lufft nicht/ und blieb biß ge- gen Ostern still liegen/ immittelst kam etliche mahl Post/ dabey Florindo Brieffe von sei- ner Liebsten erhielt/ doch kunte er alles so ver- bergen/ daß man so eigentlich nicht wuste/ in was vor terminis die Sache bestehen moͤchte/ zu grossen Versehen/ hatte er den Schluͤssel am Reiß-Kuffer stecken lassen/ und war zu ei- nem guten Freunde gangen/ da er allem Ver- muthen nach/ sobald nicht gedachte wieder zu kommen/ drumb ließ sich Gelanor die Curio- si taͤt si taͤt verleiten/ den Brieffen nach zu suchen/ wiewohl er fand keinen/ als den neulichsten/ welcher dieses Jnhalts war. Liebster Besitzer meiner verliebten Ge- dancken. Nach dem ich die Bitterkeit der Liebe satt- sam empfunden/ waͤre es Zeit/ daß ich durch einige Suͤssigkeit erfreuet wuͤrde. Wie lan- ge ist es/ daß ich mein Hertz und meine Seele in fremden Laͤndern herumb schweben lasse? und wie lange soll ich meine Hoffnung noch auffschieben. Ach mein Kind! weist du was mir vor Gedancken einfallen? Ach die Liebe ist furchtsam/ drumb halt mir auch meine Furcht zu gute/ denn es scheinet/ als waͤre die versprochene und mit so vielen Eydschwuͤren bekraͤfftigte Liebe/ etwas kaltsinnig worden. Waͤre es so wohl in meiner Gewalt/ dir zu- folgen/ als du Gelegenheit hast mich zu suchen/ ach ich wolte den Adlern die Fluͤgel abborgen/ und zu dir eylen. Nun bleibst du an einem Orte/ da du erweisest/ daß du ohne mich vergnuͤgt leben kanst. Wir armen Weibes- bilder lassen uns die Leichtglaͤubigkeit offt uͤbel belohnen/ der guͤtige Himmel helffe/ daß ich solches nicht durch mein Exempel bestaͤtigen muͤsse. Doch komm Ende/ komm Tod/ und ver- verzehre mich zu vor/ ehe ich solches erleben/ und mein suͤsses Kleinot einer andern Besitze- rin uͤberlassen solle/ doch mein Hertz/ ich traue dir solche Falschheit nicht zu. Erkenne du nur auß dieser Furcht meine Bestaͤndigkeit/ und wo du Lust hast mich bey dem Leben zu er- halten/ so komm der Kranckheit zuvor/ welche sich durch nichts wird erquicken lassen/ als durch deine hoͤchstverlangte Gegenwart. Und diese wird mir das Gluͤcke ertheilen/ daß ich noch ferner heissen kan Deine lebendige und treuverbund. Dienerin Silvia. Gelanor sagte zu Sigmunden, das F rau- en-Zimmer hat das Ansehen/ als wenn sie ihre Brieffe mehr auß Alamode-Buͤchern/ als auß dem Hertzen schrieben. Rechte Liebe braucht andere Reden/ welche mehr zu Hertzen gehen. U nd wer weiß/ wo sie einen Troͤster hat/ der diesen Brieff zu erst auffgesetzet. Sigmund war nicht sonderlich darwider/ doch suchten sie weiter/ und fanden seine Antwort/ die er ehi- stes Tages fortschicken wolte/ und darinn er sich bemuͤhet hatte/ den Senecam, Tacitum, Curtium und andere zuverteutschen oder doch zu imiti ren. Mein Mein Hertz/ meine Seele/ meine Goͤttin. Deine Furcht toͤdtet mich/ deine Liebe er- quicket mich/ ich sterbe uͤber deinen Mißtrau- en/ und erhalte mich bey meinen guten Gewis- sen. Meine Liebste rufft mir/ und mein Ver- haͤngniß haͤlt mich zu ruͤcke. Jch wil etwas/ und darfs nicht sagen/ was ich will. O mein liebstes Hertz/ vergib deinem diener/ daß er so verwirrt schreibt/ darauß solst du meine ver- wirrte Seele erkennen und beklagen lernen/ ach wie gern waͤre ich zu Hause! haͤtte mir mein Unstern nicht einen Hoffmeister zuge- fuͤhret/ der seine Lust in der Welt suchte/ unter dem V orwand/ mir zu Nutzen/ da ich doch den Mittelpunet aller meiner Nutzbarkeit in die Feste gestellet habe/ du bist meine Reise/ da- hin ich meine Gedancken abfertige/ wenn gleich der Leib sichtbarlicher Weise anderswo ge- fangen lebt. Jch weiß du bist dem Schwe- ren feind; sonst wolte ich alles zu Zeugen an- ruffen/ daß ich so wohl aͤusserlich/ als im Her- tzen stets dahin getrachtet zu verbleiben Meiner lieb-werthesten Silvie unbefleckter und unveraͤnderter Florindo. Gelanor schuͤttelte zwar etlichmahl den Kopff Kopff daruͤber/ doch wuste er/ daß ein Liebha- ber nicht allzeit verbunden waͤre/ die Warheit zu schreiben und schloß derhalben den Kuffer gar hoͤfflich wieder zu/ mit vorbehalt/ daß er bey erster Gelegenheit solches auffmutzen wolte. Also vergieng die Zeit biß auf Ostern/ da sie keinen sonderlichen Narren angetroffen/ mit dem sich es der Muͤh verlohnet/ daß sie ihn auffgezeichnet. Zwar sie waren nicht nach- laͤssig/ und liessen sich in dem benachbarten Walde das neuangelegte Bergwerckgefallen. Da sie den allerhand Spiele der Natur ab- merckten/ welche wohl so annehmlich waren/ als die Narrenkuckerey. CAP. XLVI. N Ach Ostern diengten sie einen Kutscher/ der sie mit auf die Leipziger Messe neh- men solte/ von dar sie in Holland und ferner in Engeland mit der Post reisen koͤnten. Und sie erfreueten sich/ daß/ nach dem sie in vielen Staͤdten waren bekand worden/ sie auch in Leipzig einig divertissement haben solten/ an- gesehen diese Stadt ihnen sehr offt war geruͤh- met worden/ sondern daß sie Gelegenheit ge- habt CAP . XLVII . habt/ dieselbe in Augenschein zu nehmen. Sie hatten in dem verdeutschten Lucas de Linda gelesen/ es waͤre daselbst F rauenzimmer/ das auch auß einem steinern Hertzen die Liebe er- zwingen koͤnte. Ja sie wusten sich zu besin- nen/ daß schon vor anderthalbhundert Jah- ren D. Ecken von D. Luthern vorgeworffen worden/ wie daß er sich die venereas veneres daselbst auffhalten lassen: doch glaubten sie nicht/ daß dieses der eintzige Ruhm sey/ da- durch die hochloͤbliche Stadt fast in der gan- tzen Welt bekand und beruffen waͤre/ sondern sie verhofften daselbst gleichsam in einem kur- tzen begrieff anzutreffen/ was sie anderswo zu einzelen Stuͤcken gefunden und ruͤhmlich ob- servirt hatten. Die herrliche Universi taͤt/ den wohlgefasten Rath/ die hochansehnlichen Rechts Collegia, die nutzbare Kauffmann- schafft/ und was sonst an zierlichen und beque- men Wohnungen/ an niedlicher Schnabel- weyde/ an koͤstlicher Music/ und an anderer Lustigkeit mag gefunden werden. Doch in solcher Hoffnung wurden sie zwar nicht betro- gen/ wenn sie nur solche haͤtten fortsetzen koͤn- nen. Denn als sie auf Leipzig kamen/ fuͤgte sich das Gluͤcke oder das Ungluͤcke/ daß sie gleich eine anstaͤndige Gelegenheit biß auf Am- Amsterdam antraffen/ mit welcher sie fort- giengen/ mit vorbehalt/ bey kuͤnfftiger Zeit die visite, welche sie dieser annehmlichen Stadt schultig geblieben/ gebuͤhrend abzustatten. Al- so reiseten sie durch Holland/ hielten sich zu Leyden/ absonderlich aber in Haag eine ziem- liche Zeit auf/ giengen von dar auf Roterdam und ferner in Engeland/ da sie die herrliche Stadt Londen/ wie sie vor dem Brande auß- gesehen/ unter der hoͤchsten Gewalt des da- mahligen Koͤnigl. Protectoris mit verwunde- rung betrachteten. Sie waͤren gern tieffer in das Land hinein gangen/ haͤtten auch gern eine tour biß Edenburg gethan/ doch sie liessen sich berichten/ wer Londen gesehen haͤtte/ der haͤtte gantz Engeland gesehen. Drumb lies- sen sie es bey dem bewenden/ und satzten sich zu Doevers auf die Frantzoͤsische Post/ und fuhren uͤber daß Canal biß Cales, da saͤumten sie sich nicht/ und machten einen kleinen Um- schweiff durch die Spanischen Niederlanden/ biß sie auf Paris kamen/ da hielten sie sich lang auff/ biß sie auf Nantes zu giengen da sie Gelegenheit fanden in Spanien und Por- tugal zu reisen. Von Lisabon wandten sie sich gegen die Strasse/ und giengen an den Spanischen und Frantzoͤsischen Cuͤsten biß biß in Jtalien. Zu Venedig giengen sie uͤber das Tyrolische Gebuͤrge biß auf Wien/ da waͤren sie gern in Pohlen gereiset. Doch der Krieg machte alles unsicher/ daß also Ge- lanor wider seinen Willen den Florindo ver- troͤsten muste/ nun wolten sie wieder nach Hause. Nun moͤchte aber einer fragen/ ob sie denn in so weiten und grossen Laͤndern keine Nar- ren observirt? doch es ist zu antworten/ daß solches zwar mit eben so grossem F leiß gesche- hen/ als in Teutschland. Gleichwohl haben sie vor gut angesehen/ einem iedweden in seiner eigenen Sprache zu beschreiben. Wie der Sigmund diese muͤh auf sich genommen und die F rantzoͤsische/ Spanische/ Englische/ Jta- liaͤnische Reysebeschreibung fleissig in Ord- nung zu bringen/ und mit Kupfferstuͤcken her- auß zu geben versprochen hat. Ob es wird geschehen/ das stehet bey der Zeit. Ohne Zweiffel wird er seinen Fleiß nicht sparen. Solte auch ein Liebhaber gefunden werden/ der seine Curiosi taͤt niche laͤnger befriedigen koͤnte/ so ist es umb eine kleine Nachfrage zu- thun. Massen die Compagnie so discret ist/ daß sie einen iedweden mit richtiger Ant- wort versehen wird. CAP. CAP . XLVII . N Un mangelte nichs/ als daß Florindo zu einer Liebsten reisen solte/ doch Gelanor sagte/ man muͤ st e zuvor einen vollkommenen Schluß machen/ welches eben die drey groͤ- sten Narren gewesen/ damit die Mahlerey im Schlosse koͤnte ihren Fortgang haben. Und also setzten sie sich zusammen/ und wusten viel von Narren zu reden: Gleichwohl befanden sie den Mangel/ daß sie so eigentlich nicht er- wogen hatten/ worine eben die Narrheit be- stuͤnde: Dannenhero man desto eigentlicher im urtheilen haͤtte koͤnnen fortfahren. Nun Florindo war hitzig und sehnte sich nach Hau- se: Gelanor hingegen wolte zuvor den rechten Grund treffen/ biß endlich diß conveniens vorgeschlagen wurde/ Sigmund solte in ein Collegium Prudentium reisen/ und sich da- selbst in der gedachten zweiffelhafftigen Fra- ge informi ren lassen. Solches ward alsobald beliebt und satzte Gelanor folgende Urtheils- frage auf: Hochgelehrte ꝛc. Demnach in einer wichtigen Angelegen- heit die F rage vorgestellet/ worinne die Narr- heit bestehe? und so fort/ welches vor die hoͤch- ste Thorheit zuschātzen sey? Und aber hierinn einiger Streit sich ereignet/ dadurch man schwer- schwerlich zum Zwecke gelangen kan. Als ist das gute und zuversichtliche Vertrauen auff Dero Weltbekandte dexteri taͤt und Wis- senschafft gesetzet worden/ das jenige/ was Sie in dieser Frage setzen und schliessen wer- den/ vor gut und bekand anzunehmen. Ge- langet derowegen an Dieselben unser Dienst- freundliches Ansinnen/ sie wollen sich belie- ben lassen/ der Sache nachzudencken/ und gegen Danckgeziemende Vergeltung de- ro vielguͤltige Meynung schrifftlich zu eroͤff- nen. Solches werden wir saͤmtlich als eine sonderbahre Wolthat erkennen/ und mit anderweit bereiten Diensten schuldigst zu er- wiedern befliessen seyn. E. Hochgelahrt Herrligk. Dienster gebenste Compagnie zu Suchstedt. Hiermit reisete Sigmund ab/ und ver- sprach seinen Fleiß nicht zu sparen/ daß er zum wenigsten/ innerhalb acht biß zehen Wo- chen mit guter Verrichtung wieder zu kom̃en/ verhoffte sie solten sich nur nit zu weit von dem Orte weg machen/ daß er bey abgelegter ex- pedition sie alsobald zur Hand haͤtte. Nun war dieselbe Gegend sehr lustig/ daß man ei- nen Fruͤling daselbst wohl passiren kundte. R Wie Wie sie denn von einem Dorffe zu dem an- dern/ von einem F lecken und Staͤdgen zu dem andern zu reisen pflegten/ und sich bald im Gebuͤrge bald auff der Ebene eine neue Lustigkeit erweckten. Einsmahls kehrten sie in ein Wirthshaus ein/ da Gelanor o- ben auff dem Gange die Melancholischen Grillen vertreiben und außspatziꝛen wolte/ un- terdessen hatten die Diener mit dem Mahler unten im Hofe ein Gespraͤch/ warumb mit der Heim-Reise so lang verzogen wuͤrde. Ei- ner meinte diß/ der ander was anders. End- lich als der Mahler vorgab/ es wāre umb die drey groͤsten Narren zu thun/ da fieng ein Diener an: Das sind Haͤndel/ haͤtten sie mich gefraget/ ich wolte ihnen laͤngst auß dem Traume geholffen haben. Der Mah- ler wolte gern was neues hoͤren/ und bat den Diener/ er moͤchte ihm doch die sonderli- chen Sachen vertrauen/ dieser wolte nicht mit herauß/ endlich ließ er sich uͤberbitten/ und sagte/ es sind drey grosse Narren in der Welt. Der Thuͤrmer oder der Haußmann blaͤst den Tag ab/ und er koͤmmt von sich sel- ber. Der Stundenruͤffer blaͤst in ein kalt Loch/ und er koͤnte wohl in ein warmes bla- sen. Hier ließ er sein Messer fallen/ und stellte sich/ sich/ als muͤste er es wieder auffheben und ab- putzen. Da fragte der Mahler unter schiede- ne mahl/ wer ist denn der Dritte? wer ist denn der Dritte. Da fuhr der Diener herauß: Der ist der Dritte/ der darnach fragt. Al- so war der Mahler gefangen/ und hatte kei- nen andern Trost/ als daß er dachte/ es wuͤrde ihm wohl ein ander wieder kommen/ den er betriegen koͤnte. Doch muste er sich ziemlich außlachen lassen. Der andere Diener hat- te bißher stille geschwiegen. Nun sagte er/ sein voriger Herr habe diß Sprichwort an sich gehabt: Ein jeglicher Mensch ist ein Narr/ aber der wird ins gemein davor ge- halten/ der es mercken laͤst. Ja sagte der Mahler/ der es mercken laͤst/ der ist gar ein kleiner: aber der sich vor klug haͤlt/ der ist viel groͤsser/ und wer an den beyden seine Freude hat/ der ist der allergroͤste. Der erste Diener sagte: Es kanseyn/ daß alle Leute Narren sind/ wie ich mich besinne/ daß ein vornehmer Mann gedachte/ er haͤtte in seinem Kopffe sechs Stuͤhle und im Bauche sieben Haasen/ wenn er einen Becher Wein truͤncke/ so stie- ge ein Haase hinauff und nehme einen Stuhl ein. Wenn er aber den siebenden Becher getruncken haͤtte/ und der Letzte Haase kei- R ij nen nen Sitz finden koͤnte/ so wolte er die andern herunter werffen/ biß endlich so ein Rumor entstuͤnde/ daß er selbst nicht wuͤste/ wo ihm der Kopff stuͤnde. Hier fragte einer den Mahler/ wieviel er Haasen im Leibe haͤt- te? es waͤre umb einen Orthsguͤlden zu thun/ so nehme ein Wurmschneider die Muͤh auff sich/ und suchte nach. Sie lachten daruͤ- ber/ und nach vielfaͤltigen Gespoͤtte sagte ein Diener: Sie moͤchten doch fragen lassen/ wer der Kluͤgste waͤre/ so koͤnte man die Nar- ren leicht dargegen halten. Der andere gab zur Antwort: Die F rage waͤre leicht auffzuloͤsen/ ist sie doch neulich an des Tuͤrcki- schen Kaͤysers Hofe vorgegangen. Der Mah- ler hatte seiner vorigen Vexirerey schon ver- gessen/ und fragte instaͤndig/ was neues vor- gegangen waͤre? Der Diener gab ihm die- sen Bericht: Der Roͤmische Kaͤyser solte zu dem Tuͤrckischen Kaͤyser etliche Abgesand- ten schicken/ so begehrte der Tuͤrcke/ er solte ihm die drey klügsten Leute auß seinem Lan- de schicken/ sonst sey er nicht willens einen an- zunehmen. Hierauff fertigte der Roͤmische Kaͤyser einen Muͤnch/ einen Soldaten und ei- ne alte Frau ab. Denn er sagte: Der Muͤnch ist klug/ ehe er am Freytage hunger litte und und haͤtte keinen F isch/ ehe wirfft er eine Brat- wurst in das Wasser/ und langte sie mit dem Fischhamen wieder herauß Der Soldate ist klug/ ehe er ungesaltzen Fleisch isset/ ehe saltzet er mit Pulver und wirfft dem F einde die Patron-Tasche ins Gesichte. Hier zog er sein Schnuptuch herauß/ und verstreute etwas Geld/ das suchte er langsam wieder zusammen. Unterdessen stund der Mah- ler in voller Curiosi taͤt, und fragte stets: Ey wie war es deñ mit der alten Frau. End- lich stellte sich der Diener gar ungedultig/ und sagte: Die solstu sonst wo lecken/ daß sie wie- der jung wird/ damit war der Haase wieder gefangen/ nach dem Sprichwort/ die Haa- sen sind nirgend lieber/ als wo sie gehetzet wor- den. Hierauff gieng Gelanor zur Mahlzeit/ und fragte den Mahler/ was er vor vertrau- liche discurse mit dem Diener gefuͤhret. Die- ser dachte er wolte einen von der Compagnie fangen/ und erzehlte seine Klugheit von sei- nen drey Narren/ nemlich von dem Thuͤrmer und von dem Stundẽruͤffer/ als er aber lausch- te/ ob niemand fragen wolte/ sagte Eurylas : Und ich hoͤre die Mahler sind die Dritten/ die mahlen die Narren in papiernen Krau- sen/ und koͤnten mit eben den Unkoften Daf- R iij fen- fente mahlen. Damit saß der Mahler wie- der/ also daß ihn Gelanor ermahnte/ er waͤ- re nun so weit gereißt/ er solte doch kluͤger werden. Sonst gienge es ihm wie jenem Schweitzer/ der fuͤnf und zwantzig Jahr zu Pariß gedienet/ und doch nicht Frantzoͤsisch reden gelernet hatte. Und als er gefraget wor- den/ warumb er so nachlaͤssig gewesen/ hatte er geantwortet: was koͤnte man in so kurtzer Zeit lernen; Doch haͤtte es noch sollen ein halb Jahr waͤhren/ so haͤtte er die Sprache wollen weg haben. Eurylas sagte hierauff: Ach last ihn gehn/ er ist klug genug/ aber er schont die Klugheit/ daß er sie spanfunckelneu mit nach Hause bringen kan. Florindo sagte: Was soll er sie schonen/ schont er doch sein Geld nicht. Es ist ihm gangen wie jenem kleinstaͤd- tischen Buͤrgemeister/ dem begegneten et- liche im harten Winter/ und sagten: Eure Weißheit ist treflich erfroren. Der Buͤr- gemeister dachte/ das waͤre seyn Ehren-Titul/ und gab zur Antwort: Ach ja/ ich bin treff- lich erfroren. Der Mahler konte nicht lān- ger zuhoͤren/ und gieng zur Thuͤr hin- auß. Da sagte der Wirth/ Jhr Herren/ morgen ist der erste April/ der Mensch solte sich der Jahr-Zeit zu Ehren brauchen lassen. Flo- Florindo stimmte bald mit ein/ und bot sich an/ er wolte ihn mit einem Korb voll Steine wohin schicken/ doch Gelanor verwieß ihm solches. Denn/ sagte er das April-schicken ist darumb erdacht worden/ daß man hat vorwitzige Leute wollen klug machen. So mißbrauchen es etliche Narren/ die geben ih- ren Knechten und Maͤgden wunderliche commissiones auff/ die sie nicht freywillig sondern gezwungen verrichten muͤssen/ der Kerl ist leichtglaͤubig gnung darzu/ er wird bald ins Netz gehen. Man schwatze ihm nur was curieuses vor/ ehe er davon bliebe/ ehe lieffe er auff den Sturtzeln fort/ wenn er kei- ne Beine haͤtte. Hierauff geriethen sie auff unterschiedene April - Possen. Eurylas referi rte dieses: An einem bekandten Orte war ein Kauffman/ der hielt fleissige Corre- sponden tz/ und so bald er eine Zeitung im Briefe gesehn/ lieff er nach Hofe/ und wuste sich viel damit. Am ersten April bekam er ein Schreiben; Umb Wittenberg stellten sich die Qvacker haͤuffig ein/ und waͤre allbe- reit der Oberste Knepner wider sie auß com- mandiret worden. Der laß die erschreckliche novelle nicht bedachtsam/ sondern eilte bruͤh R iv heiß heiß damit nach Hofe. Da merckten die Hoff- leute/ daß unter den Quackern die Froͤsche verstanden wuͤden/ weil der Klapperstorch an etlichen Orten Knepner hiesse/ und muste sich der gute unzeitige Quacker wohl damit leiden. Gelanor erzehlte folgendes: Als ich zu Leyden in Holland studierte/ berath- schlagten unser etliche/ wie wir einem stol- tzen auffgeblasenen Kerl in unserer Compag- nie moͤchten die Brille auffsetzen. Nun hat- ten wir geheime Nachricht/ daß sein Va- ter/ der bey einem Fuͤrsten Ammtmann war/ solte abgesetzet werden. Drumb kleideten wir einen unbekandten Mann vor einen Boten auß/ der muste die Zeitung bringen/ sein Va- ter waͤre Hoff-Rath und uͤber etliche Aemp- ter Hauptmann worden. Auff diese Zei- tung ward der gute Mensch so courage, daß er denselben Tag einen Schmauß spendirte/ der ihn uͤber sechzig Thaler zu stehen kam. Aber in wenig Tagen kriegte er sein mise- rere hinten nach/ daß er das krauen im Na- cken davon bekam. Der Wirth sagte: Jhr Herren/ mir faͤllt ein possierlicher Handel ein. Es sind itzt gleich sechs Jahr/ da hatte ich unterschiedene Gaͤste/ denen erzehlte ich/ wie damahls vor etlichen Jahren ein Reuter von von der Bruͤcke in das Wasser gefallen. Solches hoͤrte ein Junger Außfliegling/ und meynte nicht anders als waͤre es diesen Tag geschehen/ l ieff derowegen Sporn- streichs nach dem Wasser zu/ und fragte/ wo der Kerl waͤre/ den man unter der Bruͤcke ge- funden haͤtte. Die Fischer hoͤrten es bald/ daß der junge Geelschnabel wolte vexiret seyn/ und schickten ihn fast eine halbe Meile den Strohm hinauff. Als die andern fort wollen/ wissen sie nicht/ wo ihr Compagni oͤ- nichen hinkommen/ schicken auff allen Stras- sen nach ihm auß. Endlich kam er wieder und brauste vor Lauffen/ als ein Hamster. Die andern scholten auff ihn loß: Doch kam er vor zu mir/ und klagte/ er haͤtte den er- soffenen Kerl nicht finden koͤnnen. Und da kan ich nicht beschreiben/ was vor ein Gelaͤch- ter bey den andern entstund/ daß sich dieser wunderliche Mensch selbst zum April geschickt hatte. Andere erzehlten etwas anders. Den folgenden Tag/ als sie zur Mahlzeit kamen/ war der Mahler nicht da. Sie fragten nach ihme/ doch es wolte ihn niemand in viel Stunden gesehen haben. Zuletzt sagte der Wirth/ das ist ein lustiger April/ daruͤ- ber man das Essen versaͤumt. Erzehlte hier- R v auff auff/ er haͤtte ihn fruͤh sehen im Hause stehen/ da habe er der Wirth gleich iemand bey sich gehabt/ zu dem er gesagt: Sieht der Herr heute den Fuͤrstlichen Einzug? Er wird sehr praͤchtig werden. Nun hielte er davor/ er wuͤr- de auff den Einzug warten/ daß er ihn in Lebens-Groͤsse auff einen Teller abmahlen koͤnne. Und hierinn hatte der Wirth nicht gefehlt/ denn der Mahler hatte sich von einem Thore lassen zum andern schicken/ biß er von einen ehrlichen Manne vernommen/ was vor einem Heiligen zu Ehren dieser Einzug geschehen solle. Da schliech er nach Hause/ und stellte sich gantz truncken/ als wenn er an einem andern Orte so sehr gesoffen haͤtte. Doch die Sache war verrathen/ und mu- ste der arme Schaͤcher wohl herhalten. A- ber es schien als waͤr er in einem ungluͤckli- chen Monden/ denn als sie in etlichen Tagen anderswohin reiseten/ war in der Stube hinter dem Ofen ein Knecht mit der Magd angemahlt/ die hatten alle beyde Narren- Schellen/ und stund daruͤber geschrieben: Unser sind drey. Der gute Mahler/ der al- lenthalben nach raren Inventionen trachtete/ tratt davor/ und spintesirte lang daruͤber/ wo denn der dritte waͤr. Endlich gab ihm Eu- ry- rylas den Bericht/ der dritte ist der Narr/ der sich neulich ließ zum April schicken/ damit war er wieder kluͤger. CAP . XLVIII. J Ch sehe wohl sagte Gelanor, das Rei- s en hilfft nicht wider die Thorheit- Es mag einer in Franckreich und Jtalien gewesen seyn/ so heist es doch mit ihm: fleucht eine Ganß hinuͤber/ koͤmmt eine Ganß wie- der heruͤber. Jch dachte unser Mahler wuͤr- de ins kuͤnfftige zu etwas hoͤhers gebraucht werden. Allein es wird ihm gehen wie ie- nen Manne/ zu dem sagte die Frau: Mann/ wenn ihr so ein Narr seyd/ so werdet ihr kein Rathsherr. Jm uͤbrigen gebrauchten sie sich allerhand Ergoͤtzligkeit/ welche die schoͤ- ne Fruͤhlings- Zeit mit sich brachte/ und in- dem sie der Narren inquisition muͤde waren/ hatten sie groͤssere Lust mit klugen Leuten zu conversi ren. Endlich kam Sigmund wieder und brach- te folgende resolution mit/ welche alsobald in der Compagnie deutlich verlesen ward. R vi Groß- Großguͤnstige/ ꝛc. Derselben freundliches Schreiben ist uns durch Mons. Sigmund wohl uͤbergeben wor- den. Ersehen darau ß / welcher Gestalt eini- ger Zweiffel in einer Philosophischen F rage entstanden/ dessen Eroͤrteung sie uns wollen guͤnstig anheim gestellet haben. Ob wir nun wohl nicht zweiffeln/ es wuͤrden dieselben ih- rer beywohnenden Geschickligkeit nach/ solches vor sich selbst am besten beylegen koͤnnen: Dennoch weil ihnen beliebet hat/ dergleichen Muͤh uns auffzutragen: Als haben wir so wohl auß Erforderung unsers Ammtes/ als vornehmlich auß sonderbahrer Begierde dem- selben auffwaͤrtig zu eꝛscheinen/ folgende Saͤtze kuͤrtzlich zusam̃en bringẽ/ und dadurch dero ab- gelassene Frage/ wo nicht gaͤntzlich abthun/ doch zum wenigsten erklaͤren sollen. Befehlen uns hiermit in deroselben guͤnstiges Urtheil/ und verbleiben der Hochloͤblichen Compa- gnie Dienstwillige N. N. Eroͤrterung D er F rage Welcher der groͤste Narr sey? I. Die I. D Je Thorheit ist nichts anders/ als ein Mangel der Klugheit. Darumb wer die Klugheit erkennet/ k an auß dem Wieder- spiel leicht abnehmen/ das ein Narr sey. II. Es bestehet aber die Klugheit vornehm- lich in Erwehlung des Guten und vermei- dung des Boͤsen/ also daß der jenige vor den Kluͤgsten gehalten wird/ der sich am besten vor der instehenden Gefahr huͤten/ und seinen Nutzen in allen Stuͤcken befoͤrdern kan. III. Und hierauß folget/ daß derjenige ein Narr sey/ der entweder das Boͤse dem Guten vorsetzt/ oder doch die Sachen/ welche an sich selbst gut genug sind/ nicht recht unterscheiden kan. IV. Zwar die Natur hat einen jedweden so klug gemacht/ daß niemand mit Wissen und Willen etwas verlangen oder erwehlen wird/ welches er vor Boͤß hielte. Dannenhero weñ Leute gefunden werden/ die sich selbst den Tod anthun/ geschicht solches/ weil sie den Tod vor gut und angenehm halten/ als dadurch sie ih- rer Gefahr und anderer Widerwaͤrtigkeit entsetzet wuͤrden. V. Unterdessen ist diß zu beklagen/ daß etli- che Sachen zwar recht und in der Warheit R vij gut gut befunden werden: Etliche aber an ihm selbst grundboͤse sind/ und aber einen aͤusserli- chen Schein des Gu ten bey sich fuͤhren. Wie ein uͤberzuckerter Gifft/ so lang er in dem Munde und in der Keh le ist/ sehr suͤsse schmeckt/ und einen sonderlichen Schein des guten hat doch endlich im Bauche sich also verhaͤlt/ daß man die boͤse Natur mehr als zu viel erkennen muß. VI. Derhalben ist diß der endliche Unter- scheid zwischen klugen und thoͤrichten Leuten. Ein Kluger erwehlet das Gute/ welches in der That und in der Warheit gut ist. Ein Narr laͤsset sich den aͤusserlichen Schein be- thoͤren/ daß er/ wie des Esopi Hund/ das war- hafftige Stuͤck Fleisch auß dem Munde fallen laͤst/ und nach dem Schatten schnappt. VII. Solche naͤrrische Leute aber werden in dreyerley Sorten abgetheilet. Etliche ziehen das Boͤse dem Guten fuͤr/ auß Einfalt und Unwissenheit. Wie ein Kind sich den schoͤnen Glantz des Feuers betriegen laͤst/ daß es hinein greifft und sich die Finger verbrennt. Oder wie ein unerfahrner Knabe sich durch den Schein der Freundschafft in Gefahr verleiten laͤst. Deñ solche Leute wissen es nicht besser/ und weil sie durch durch die Erfahrung nicht geübt sind/ koͤnnen sie es nicht besser wissen. VIII. Die andere So rte b egeht die Thor- heit auß geschwinden und uͤbereileten Affe- cten . Wie ein zorniger Mensch auß unbe- dachtsamer Begierde zur Rache/ darinn er sich einige Suͤssigkeit einbildet/ den andern be- leidiget: welches er nicht thaͤte/ wann er dem Verstande Raum liesse/ und bedaͤchte/ was er selbst vor Straffe und U ngluͤck darauff zu ge- warten haͤtte. IX. Die letzte Sorte erkennet das Gute und das Boͤse gar wohl/ doch faͤlt es wissent- lich in die Thorheit/ daß ein kleines und schein- bares Gut/ das gegenwaͤrtig ist/ trotz allen kuͤnfftigen und bevorstehenden Straffen und Belohnungen/ dem warhafftigen und wesent- lichen Gute vorgezogen wird. Und da ent- schuldigt keine angemaßete Unwissenheit. Sondern alle Thorheit wird wissentlich be- gangen/ da man es haͤtte sollen und koͤnnen besser wissen. X . Denn gleich wie ein Koch/ der Schla n- gen vor Aal speiset/ sich mit der Unwissenheit nicht entschuldigen kan. Weil er als ei n Koch krafft seiner Profession diß hat wi sse n sollen: Also hilfftes nicht/ wenn einer spre che n wol/ wolte/ ich habe es nicht gewust/ daß im Kriegt so boͤse Leben ist/ sonst waͤre ich nit hinein gezo- gen/ deñ er hatte es koͤnnen wissen haͤtte er nur den Vermahungẽ s ta tt gegebẽ. Jaer haͤtte es sollen wissen/ weil ihm die Vernunfft leicht eingegeben/ daß/ wo Rauben/ Brennen/ Tod- schlagen ein taͤgliches Handwerck ist/ kein gu- tes Leben erfolgen koͤnne. Und daß man nicht allein von dar hin schiest/ sondern auch von dort wie der her schiest. XI . Mit der ersten Gattung hat man bil- lich Mitleiden. Die andere wird etlicher Massen/ doch nicht allerdings/ entschuldiget. Die dritte steht gleichsam auf der hoͤchsten Spitze der Thorheit/ und wer den groͤsten Narren finden will/ der muß ihn hier suchen. XII Nun sind in dieser letzten Classe die Narren auch unterschiedlich/ nachdem die Guͤter sind/ welche man in die Schantze zu schlagen/ und andern nichtswuͤrdigen Dien- gen nachzusetzen pfleget. XIII . Das hoͤchste Gut ist ohne Zweiffel GOTT/ oder weil sich GOTT dadurch will geniessen lassen/ hier der Glaube/ dort die Se- ligkeit; Denn weil GOtt alles schoͤne Frau- en- en-Zimmer/ alle helle Sterne/ Gold und Sil- ber/ alle niedliche Speisen/ alle annehmliche Music/ in Summa was hie r schoͤn und er- freulich ist/ geschaffen hat: So muß freylich folgen/ daß der Ursprung solcher Treffligkei- ten viel schoͤner und annehmlicher seyn muß. XIV. Nach die se m Gute folgen die zeitli- chen Gaben/ welche uns GOtt/ dem muͤhseli- gen Leben zu Trost uͤberlassen hat. Und da sind zwey Sachen/ welche einander gleiche Wage halten. Auf einer Seite Leib/ Leben und Gesundheit; Auf der andern Ehre/ Ruhm und redlicher Namen. XV. Zuletzt kommen die anderen Ergoͤtz- ligkeiten/ als Geld/ Freunde/ Lust/ und derglei- chen. XVI. Nun ist zwar dieser ein rechtschaffe- ner Narr/ der seine Lust in dem Spielen sucht/ und dadurch viel Geld verlieret/ oder der eine Heimligkeit verraͤth/ und seines Freundes da- durch verlustig wird: Oder der umb Essen und Trincken willen sich umb seine Freyheit und gleichsam in Frembde Dienstbarkeit bringt. Doch weil man bey diesen allen ge- sund/ ehrlich/ und Gottesfuͤrchtig bleiben kan/ so ist hierdurch die hoͤchste Narrheit noch nicht erfuͤllet. XVI I XVII. Diese sind ohne Zweifel aͤrger/ wel- che zum Exempel den Wein nicht lassen/ un- geacht sie das P ud agra, trieffende Augen und andere Ungelegenheit davon haben/ oder wel- che auß Geitz Hunger leiden/ und schwind- suͤchtig daruͤber werden/ oder welche eiteler revenge wegen sich in Le ib - und Lebens-Ge- fahr setzen/ und was vor Leute mehr sind/ die auf ihre Gesundheit hinein stuͤrmen/ als haͤt- ten sie das Gedienge/ daß ihnen nichts schaden solte. XVIII. Eben so verhalten sich die Andern/ welche ihre Ehre und Redligkeit entweder an den Nagel hencken oder unter die Banck stellen. Etliche fragen nichts nach Ehr und Respect, wie die jungen Leute/ welche Muͤssig- gangs halben unwissend und ungeschickt ver- bleiben. Etliche rennen gar in den buͤrgerli- chen Tod hinein/ und stehlen/ luͤgen/ huren und buben so lang/ biß sie dem Hencker in die Faͤuste gerathen/ oder mit dem Schelmen zum Thor hinauß lauffen. XIX. Ob nun wohl solche Leute/ welche die heilige Schrifft selbst Narren heisset/ im Grunde Gottes Veraͤchter sind: dennoch sind noch die letzten dahinden/ welche auf eine Wag-Schaale die ewige Seligkeit/ auf die andere andere zeitliche Ehre/ Reichthum und andere Eitelkeiten legen. Und ob sie gleich den Außschlag auf Seiten der Seligkeit sehen/ gleichwohl sich mit den Hertzen so fest an die Eitelkeit anhencken/ bi s der Himmel von der Erde uͤberwogen wird. XX. Nun ist leicht die Rechnung zu ma- chen/ wer der groͤste Narr sey: Nemlich der- selbe/ der umb zeitliches Kothes willen den Himmel verschertzt. Nechst diesem/ der umb luͤderlicher Ursachen willen entweder die Ge- sundheit und das Leben/ oder Ehre und gu- ten Nahmen in Gefahr setzet. CAP . XLIX . S Je waren saͤmptlich uͤber diesem Bericht gar wohl vergnuͤget/ und erfreuten sich/ daß sie eine rechte Elle gefunden/ damit sie alle ihre Narren nach der Laͤnge und nach der Breite messen koͤnten. Machten derowegen eifrige Anstallt mit ehester Gelegenheit nach Hause zu kommen/ da sie deñ alles in gutem Zustand antraffen/ und die leeren Felder in dem Anfangs erwehnten Saale also außputzen liessen. Oben uͤber ward mit grossen Buch- staben geschrieben: DIO- DIOGENES AMOVE LATERNAM HOMINES HI C SUNT NON HO- M IN ES . Das mittelste Feld war etwas hoͤher/ da stund ein Mensch/ der u mb fieng eine Jung- frau/ welche von hinten zu lauter Feuerflam̃en außspie/ mit der Uberschrifft: STULTE DUM MUNDUM COLIS INFERNUM AMPLECTERIS . Auf einem Seiten-Felde war ein Mensch/ der kuͤste eine Jungfrau/ welche vorn lieblich bekleidet/ hinten als ein Todengerippe war/ mit beygefuͤgten Worten: STULTE DUM VANITATES DEPERIS MORTEM AMPLECTERIS . Auf dem andern Seiten-Felde stund ein Mensch der liebte eine Jungfrau/ welche hin- ten als eine Bettelmagd außsah/ mit der U- berschrifft: STUL- STULTE DUM DULCEDINEM SECTARIS, INFAMIAM AM PL ECTERIS. Unten stund eine eine Taffel/ darauf die- se Worte zu lesen waren: FEL IX QVIA STULTORUM PERICULIS CAUTIOR FACTUS INEPTORUM MAGISTRORUM PRUDENS DISCEDIT DIS CIPULUS. APERTA EST SCHOLA STULTORUM OMNIA PLENA. CAP . XLIX. H Jerauff nahm Florindo die voͤllige Be- sitzung seiner Herrschafft ein/ belohnte alle Gefaͤhrten nach Verdienst/ und bat vor- nehmlich seinen wohlverdienten Gelanor, er moͤchte ins kuͤnfftige ihm allezeit mit er- sprießlichem Rath behuͤlflich seyn. Eury- las tratt wieder in sein Verwalter-Ampt. Sigmund solte so lange auf promotion war- ten/ biß die außlaͤndischen Narren waͤren be- beschrieben worden. Der Mahler blieb zu Hofe/ und mahlte Narren/ und war selbst ein Narr. Niemand aber war vergnuͤgter/ als Florindo, daß er nunmehr in den Armen seiner angenehmsten Sy lvie sich entschuldi- gen koͤnte/ warumb er so lang aussen blie- ben. Wer dergleichen Suͤ ssi gkeit empfunden hat/ wird desto eher des Florindo Gluͤckse- ligkeit errathen/ die andern moͤgen zusehen/ daß sie nicht zu Narren werden/ ehe sie darzu- kom̃en/ wir beschliessen mit dem nachdenckli- chen Spruche: Wenn ein Narr außgelacht wird/ und sich daruͤber erzuͤrnt/ so ist er ein gedoppelter/ und das ist das Lied vom ENDE .