Philosophische Versuche uͤber die menschliche Natur und ihre Entwickelung von Johann Nicolas Tetens , Professor der Philosophie zu Kiel. Erster Band . Leipzig , bey M. G. Weidmanns Erben und Reich. 1777. Vorrede . D ie nachstehenden Versuche betreffen die Wirkungen des menschlichen Verstan- des, seine Denkgesetze und seine Grundvermoͤgen; ferner die thaͤtige Willenskraft, den Grund- charakter der Menschheit, die Freyheit, die Natur der Seele, und ihre Entwickelung. Dieß sind ohne Zweifel die wesentlichsten Punkte in unserer Natur. Jch verehre die großen Maͤn- ner, die ihren Scharfsinn auf diese Gegenstaͤnde schon verwendet haben, und ich habe gesucht, ihre Bemuͤhungen zu nutzen. Aber ich meine nicht, daß daraus ein Vorurtheil gegen die meinigen, wenn sie auch jener ihren nicht gleichen, entstehen werde. Die Menschheit ist noch lange eine Gru- be, aus der sich jeder Forscher eine gute Ausbeute versprechen kann, und ich moͤchte hinzusetzen, auch dann sogar, wenn er nur die schon oft bearbeiteten Gaͤnge von neuem vornimmt. Denn auch bey den angelegentlichsten Wahrheiten, uͤber welche schon einiges Licht verbreitet ist, fehlet noch hie und da sehr viel an der voͤlligen Evidenz, die alle vernuͤnftige Zweifel ausschließt. Was die Methode betrifft, deren ich mich bedient habe, so halte ichs fuͤr noͤthig, daruͤber zum a 2 voraus Vorrede . voraus mich zu erklaͤren. Sie ist die beobach- tende, die Lock bey dem Verstande, und unsere Psychologen in der Erfahrungs-Seelenlehre be- folgt haben. Die Modifikationen der Seele so nehmen, wie sie durch das Selbstgefuͤhl erkannt werden; diese sorgfaͤltig wiederholt, und mit Ab- aͤnderung der Umstaͤnde gewahrnehmen, beobach- ten, ihre Entstehungsart und die Wirkungsge- setze der Kraͤfte, die sie hervorbringen, bemerken; alsdenn die Beobachtungen vergleichen, aufloͤsen, und daraus die einfachsten Vermoͤgen und Wir- kungsarten und deren Beziehung auf einander aufsuchen; dieß sind die wesentlichsten Verrichtun- gen bey der psychologischen Analysis der Seele, die auf Erfahrungen beruhet. Diese Methode ist die Methode in der Naturlehre; und die einzige, die uns zunaͤchst die Wirkungen der Seele, und ihre Verbindungen unter einander so zeiget, wie sie wirklich sind, und dann hoffen laͤßt, Grund- saͤtze zu finden, woraus sich mit Zuverlaͤssigkeit auf ihre Ursachen schließen, und dann etwas gewisses, welches mehr als bloße Muthmaßung ist, uͤber die Natur der Seele, als des Subjekts der beob- achteten Kraftaͤußerungen, festsetzen laͤßt. Was man in der neuern Psychologie die ana- lytische, auch wohl die anthropologische Me- thode nennet, ist ein hievon ganz unterschiedenes Verfahren. Man betrachtet die Seelenveraͤnde- rungen von der Seite, da sie etwas in dem Ge- hirn, als dem innern Organ der Seele sind, und sucht sie als solche Gehirnsbeschaffenheiten und Veraͤnderungen zu erklaͤren. Der Materialist loͤst Vorrede . loͤst alles in Koͤrperveraͤnderungen auf, die eine Folge der innern Organisation sind; die mecha- nischen Psychologen unterscheiden zwar die un- koͤrperliche Seele, das Jch, von dem koͤrperlichen Organ, und lassen auch jener ihren eigenen An- theil an den Seelenaͤußerungen, der von dem An- theil, den das Organ daran hat, verschieden ist; aber es geht doch bey ihren Analysen eben sowohl, als bey den Erklaͤrungen der erstern alles dahin, zu zeigen, wie weit Fuͤhlen, Vorstellen, Bewußt- seyn, Denken, Lust, Unlust, Wollen, Thun, nicht nur von der Organisation des Gehirns ab- haͤngen, sondern selbst in Veraͤnderungen und Be- schaffenheiten desselben bestehen. Und was nun in dem koͤrperlichen Organ seinen Sitz nicht haben kann, das hat ihn denn in der immateriellen See- le bey denen, die eine solche annehmen. Das Denkorgan ist eine Maschine, wozu die Seele die bewegende Kraft ist. Was der Seele im ge- woͤhnlichen Verstande oder dem Seelenwesen zugeschrieben wird, ist etwas in diesem beseelten Organ, als in seinem Subjekt. Es koͤmmt also bey diesen analytischen Erklaͤrungen der Seelen- veraͤnderungen darauf an, genauer die Art zu be- stimmen, wie sie es sind. Diese Aufloͤsungen soll- ten billig die metaphysischen heißen. Sie lie- gen ganz außer den Graͤnzen der Beobachtung, und bestehen am Ende in einer Reduktion dessen, was man bey der Seele beobachtet, auf Modifi- kationen des Gehirns, woran aber ein immate- rielles Jch, als wirkende und bewegende Kraft a 3 Antheil Vorrede . Antheil haben, und zugleich mit dem Gehirn mo- dificirt werden kann. Jch habe unten in einem besondern Aufsatz die Gruͤnde dieses Verfahrens ausfuͤhrlicher zu pruͤfen gesucht. Ohne also daruͤber hier schon zu urtheilen, will ich vorlaͤufig nur eine Anmerkung machen, die mich rechtfertigen soll, daß ich auch in den erstern Versuchen uͤber die Verstandeswir- kungen fast gar keine Ruͤcksicht auf den sogenann- ten Mechanismus der Jdeen genommen habe, obgleich dieser von vielen als das wichtigste ange- sehen wird, was jetzo bey einer Aufloͤsung des Verstandes zu erklaͤren uͤbrig sey. Sobald man bey den Grundsaͤtzen, worauf die metaphysischen Analysen beruhen, das Gewisse und Wahrscheinliche von dem absondert, was noch jetzo nichts ist, als bloße Muthmaßung, und auch noch lange nichts mehr werden wird; so zeigt es sich, daß jenes nur etwas allgemeines und un- bestimmtes sey, welches man als das metaphysi- sche hiebey ansehen koͤnnte, dagegen das naͤher bestimmte, was eigentlich eine Physik des Gehirns seyn wuͤrde, zu den bloß angenommenen und ver- mutheten gehoͤre, das nur auf Hypothesen be- ruhet. Es ist ein alter, und nun durch die Ueberein- stimmung der Erfahrungen bestaͤtigter Grundsatz, daß der Koͤrper, und noch naͤher das Gehirn, zu allen Seelenveraͤnderungen, zu ihren Thaͤtigkei- ten und Leidenheiten beywirke, und so unentbehr- lich dazu sey; daß ohne selbiges weder Gefuͤhl, noch irgend eine thaͤtige Kraftaͤußerung in der Maße Vorrede . Maße vorhanden sey, daß wir solche bey uns ge- wahrnehmen koͤnnten. Sollen nun solche Ge- hirnsveraͤnderungen materielle Jdeen heißen, so ist es gewiß, daß es materielle Jdeen gebe, und man wird nicht leicht Gruͤnde finden, deren Wirk- lichkeit zu bezweifeln. Noch weiter will ich es gerne als sehr wahr- scheinlich zugeben, oder gar fuͤr gewiß halten, daß jede Gehirnsveraͤnderung — welche als eine Ver- aͤnderung eines Koͤrpers uͤberhaupt in einer Be- wegung bestehen muß — auch eine bleibende Spur in dem Gehirn nachlasse, die, worinn sie auch bestehen mag, die bewegten Fasern aufgelegt mache, nachher leichter die erstmaligen Bewegun- gen von neuem anzunehmen, und zwar so leicht, daß es des naͤmlichen Eindrucks von außen nicht bedarf, der das erstemal erfodert ward. Wenn diese zuruͤckgebliebene bestehende Spuren auch materielle Jdeen im Gedaͤchtniß genennet wer- den, so ist es ungemein wahrscheinlich, daß es der- gleichen in dem innern Seelenkoͤrper gebe, und daß diese vorhanden sind, auch wenn wir an die vorgestellte Sache nicht gedenken. Diese Spuren sind wieder erweckbar, und wenn sie wirklich wie- der erwecket werden, so sind auch die ehemaligen sinnlichen Bewegungen wiederum gegenwaͤrtig. So weit geht das Wahrscheinliche auch in dem Allgemeinen nur. Aber es ist eine neue Vor- aussetzung, wenn man annimmt, daß diese Ge- hirnsbeschaffenheiten das ausmachen, was wir die Vorstellungen nennen, in so fern die Seele da- von zugleich veraͤndert wird, und sie fuͤhlet, wenn a 4 sie Vorrede . sie gegenwaͤrtig sind; auch solche zuweilen durch ihre bewegende Einwirkung auf die Fasern des Gehirns erwecket. Wenn die Jdee im Gedaͤcht- niß ruhet, so soll die Seele so wenig in sich selbst eine Spur ihrer Empfindung uͤbrig haben, als das in einem Gefaͤß eingeschlossene Wasser etwas von der vorigen Figur behalten hat, wenn die Ge- stalt des Gefaͤßes veraͤndert worden ist. Dieser Begriff von der Natur unserer Vorstellungen ist eine pure Hypothese. Sie stellet die Seele und ihr organisirtes Gehirn in einer solchen Beziehung dar, die das Wasser zu seinem Gefaͤß hat, oder die Luft zu der Blase, in der sie eingeschlossen ist, nur mit dem Zusatz, das Gefaͤß veraͤndere seine Figur sehr leicht, behalte aber von jedweder seiner vorigen Formen eine Leichtigkeit — solche wieder anzunehmen. Dieß ist der Mittelpunkt der Bon- netischen Aufloͤsung, dessen Richtigkeit man da- durch beweisen will, weil sich die Erscheinungen auf diese Weise am besten begreifen lassen; und dieß ist es auch, was unten besonders untersucht worden ist, und ich hier noch dahin gestellet las- sen will. Die uͤbrigen naͤhern Bestimmungen der be- sondern Art und Beschaffenheit dieser materiel- len Jdeen gehoͤren zu der Phyfik des Gehirns, und sind schlechthin nur Vermuthungen, denen, das mindeste zu sagen, bisher noch die Zuverlaͤs- sigkeit fehlet. Sehr witzig hat man die Spuren im Gehirn, als gewisse Abdruͤcke oder Bilder von den Objekten vorgestellet, die etwan den Bildern auf der Netzhaut aͤhnlich sind. Die Hartleyische Hypo- Vorrede . Hypothese, daß die Gehirnsbewegungen, welche die Empfindungen begleiten, und wieder erneuert werden, so oft die Phantasie Jdeen reproduciret, in gewissen Schwingungen der Gehirnsfasern oder auch des Aethers im Gehirn bestehen, ist von Hr. Priestley von neuem, in etwas veraͤn- dert, vorgetragen, und als die beyfallswuͤrdigste Voraussetzung geruͤhmt worden. Seitdem hat man sichs vorzuͤglich angewoͤhnt, die Jdeen fuͤr Gehirnsschwingungen anzusehen. Newton hat- te nur gemuthmaßet, daß vielleicht die Bewegun- gen in dem Auge und auf der Netzhaut, denen in dem Aether oder dem Licht, das auf sie faͤllt, aͤhn- lich und oscillatorisch seyn moͤchten, aber nach seiner maͤnnlichen Art zu philosophiren, wagte ers nicht einmal, von den Eindruͤcken auf das Gehoͤr dasselbige zu vermuthen, obgleich auch hier die Bewegungen der Luft, die diese Eindruͤcke verur- sachen, in Schwingungen bestehen. Herr Priest- ley glaubet nach der Analogie berechtiget zu seyn, dasselbige von allen Arten der Sensationen auch bey den uͤbrigen Sinnen annehmen zu duͤrfen. Wenn man auch uͤber die Schwierigkeiten wegsieht, die daraus entstehen, daß die weichen Nerven und das klebrichte Hirnmark zu keiner Art von Bewegungen weniger aufgelegt zu seyn schei- nen, als zu Vibrationen, so deucht mich doch, nichts sey weniger wahrscheinlich, als daß die gesamte sinnliche Bewegung des Gehirns, die die mate- rielle Jdee ausmacht, ganz und gar in Schwin- gungen bestehen koͤnne, wie es angegeben wird. Priestley hat, um dem erstern Einwurf auszuwei- a 5 chen, Vorrede . chen, bemerkt, daß statt der Vibrationen, wohl eine andere Art von fortgehenden Bewegungen oder auch Druckungen gedacht werden koͤnne; allein dieß heißt in Hinsicht derselben uns wieder- um auf unsere vorige Unwissenheit verweisen, und die besondern Bestimmungen zuruͤcknehmen, die man doch als ihre Unterscheidungsmerkmale an- gegeben hatte. Es mag vielmehr seyn, daß wahre Oscillationen oder Wallungen in einem fluͤssigen elastischen Koͤrper, wie die in der Luft und in dem Aether sind, in dem Gehirn vorhanden sind, wenn wir empfinden. Denn nach dem Urtheil der groͤß- ten Physiologen ist man fast genoͤthigt, außer den sichtbaren Theilen des Gehirns noch eine andere seine Materie in demselben anzunehmen, und also kann es wohl seyn, daß diese Materie, Lebensgei- ster, Aether, oder wie wir sie nennen wollen, die man aber in dem todten Koͤrper nicht mehr suchen muß, von solcher elastischer Natur sey, wie die Materie des Lichts, und also auch eigentliche Schwingungen annehme. Aber wie soll man sich diese Schwingungen als fortdauernd vorstellen, und sie fuͤr die materiellen Jdeen ansehen, die zu den ruhenden Jdeen im Gedaͤchtniß gehoͤren? und wenn dieß wenigstens sehr schwer ist, wird man denn nicht ganz natuͤrlich zu dem Gedanken ge- bracht, jene Schwingungen in dem Aether muͤß- ten wohl noch auf eine andere beugsame und wei- che Materie im Gehirn wirken, die nicht so ela- stisch sey, daß sie sich jedesmal nach erlittener Ver- aͤnderung voͤllig wieder in ihre erste Form herstel- le, und in der also auch eigentlich die Spuren von den Vorrede . den Vibrationen aufbehalten werden koͤnnen, die man fuͤr die materiellen Jdeen in dem Gedaͤchtniß ansieht. Kann es nicht wenigstens sich also ver- halten? Und alsdenn ist es schon keine richtige Anwendung der Analogie mehr, wenn Priestley schließet, daß derselbige Antheil, den die oscillato- rischen Bewegungen an den Sensationen des Au- ges und vielleicht auch des Gehoͤrs haben, ihnen auch bey den Eindruͤcken des Gefuͤhls, des Ge- schmacks und des Geruchs in gleicher Maße zu- komme. Die Natur suchet Stufenverschiedenhei- ten. Wenn die Bewegung in der Sensation nur zum Theil oscillatorisch ist, oder nur von Einer Seite es ist, so wird es wahrscheinlicher, daß sie bey den Sensationen des Gesichts es am meisten sey, weniger schon bey den Eindruͤcken aufs Ge- hoͤr, und noch weniger bey den uͤbrigen Sinnen; als daß sie es bey allen auf gleiche Weise seyn sollte. Eine Hypothese ist vielleicht der andern werth. Kann die Ausbildung und Entwickelung des See- lenwesens, die Entstehung der Jdeenreihen, und das Wachsen des ganzen innern Gedankensystems, der Ursprung der Fertigkeiten u. s. f. in so weit dieß alles etwas koͤrperliches in dem Gehirn ist, nicht fuͤglich auf eine aͤhnliche Art vorgestellet wer- den, wie die Ausbildung, oder die Entwicke- lung, und das Auswachsen der organisirten Koͤrper? Brauchte denn die Bonnetische Sta- tue, da sie noch ganz ideenlos war, schon ein voͤl- lig ausgewachsenes, mit allen ausgebildeten Vor- stellungsfibern versehenes Organ zu haben, dem nichts Vorrede . nichts fehlet, als nur, daß es von den Eindruͤcken aͤußerer Dinge in Bewegung gesetzt werde, und dadurch gewisse Dispositionen erlange? Jst nicht vielleicht das Gehirn in Hinsicht derjenigen Orga- nisation, die es zum Werkzeug der Seele macht, vor der Entwickelung der Seele, ehe diese Em- pfindungen und Jdeen aufgesammlet hat, in ei- nem aͤhnlichen eingewickelten Zustande, als ein organisirter Koͤrper in seinem Keim ist, der nur Anlagen hat, ein System von Fasern zu bekom- men, oder doch, wenn man nach der Jdee von der Bonnetischen Evolution sich die Sache vorstellet, diese Fasern nur in ihren ersten Anfaͤngen besitzet? Die Einrichtung der Denkmaschine wuͤrde auf diese Art der Entwickelung des ganzen organisir- ten Koͤrpers aͤhnlich und gleichartig seyn; die zu- ruͤckbleibenden Spuren der Eindruͤcke wuͤrden bey dem Gehirn solche Verlaͤngerungen und Verdi- ckungen der Denkfasern seyn, wie bey der Entwi- ckelung des Embryons, und bey dem Auswachsen vorkommen. Aber so wie jeder Schritt in der Entwickelung des organisirten Koͤrpers Bewegun- gen erfodert, wodurch die naͤhrende Materie durch die schon vorhandene Organisation vertheilet wird, so koͤnnten bey dem Organ des Denkens die sinnlichen Eindruͤcke von außen die Stelle dieser Bewegungen vertreten, und wenigstens die ersten Reizungen der Kraͤfte dazu abgeben. Und dann mag auch die Hartleyische Jdee hier eingeschoben werden, daß naͤmlich diese reizende und die Ent- wickelung befoͤrdernde Bewegungen in Vibratio- nen bestehen. Es ist meine Absicht nicht, eine neue Vorrede . neue Hypothese in Gang zu bringen, da wir ihrer ohne dieß schon genug haben, ob ich gleich glaube, daß man dieser letztern eben so viel Ansehen aus der Analogie geben koͤnne, als jeder andern. Jch fuͤhre diese noch moͤgliche Erklaͤrungsart nur an, um zu zeigen, daß man noch jetzo alle Moͤglichkei- ten, die hierbey Statt finden koͤnnen, nicht durch- gerathen habe. Jch wage es nicht, etwas zu be- stimmen, so lange die innere Einrichtung des Ge- hirns, die Natur seiner organischen Kraͤfte, und deren Wirkungsarten und Gesetze in so dicker Finsterniß gehuͤllet sind, als sie es zur Zeit noch sind. Jst diese Anmerkung gegruͤndet, so laͤßt es sich leicht uͤbersehen, wohin man am Ende mit al- len Bemuͤhungen, den Mechanismus der Seelen- veraͤnderungen darzustellen, kommen werde. Kei- nen Schritt weiter, als daß man etwan mehrere Fakta aufsammlet, die das Daseyn gewisser blei- bender Spuren in dem innern Seelenkoͤrper be- staͤtigen, deren Natur wir aber nicht erkennen. Unsere Einsicht von der Beschaffenheit dieses Me- chanismus ist durch die neuern Ausloͤsungen um nichts verbessert, und noch weniger gewinnt sie da- durch, daß man die Ausdruͤcke aͤndert, und Fiber- schwingungen nennet, was man sonsten Vorstel- lungen oder Jdeen genennet hat. Allein die zwote Folge, die ich aus dem Ge- sagten hier vornehmlich ziehen will, ist auffallen- der. Wenn auch diese metaphysischen Analysen etwas reelleres lehrten, als sie wirklich nicht leh- ren, so darf man doch die Untersuchung der Seele mit Vorrede . mit ihnen nicht anfangen, sondern nur endigen. Die psychologische Aufloͤsung muß vorhergehen. Jst diese einmal beschaffet, so ist die metaphysi- sche auf eine Aufloͤsung einiger weniger Grund- vermoͤgen und Wirkungsarten zuruͤckgebracht, und ist alsdenn, wofern sie sonst nur auf zuverlaͤs- sigen Gruͤnden beruhet, in der Kuͤrze so weit zu bringen, als sie uͤberhaupt gebracht werden kann. Fehlet es aber noch an jener Erfahrungskenntniß von den Grundvermoͤgen, so ist es vergeblich, diese aus einer uns so sehr verborgenen Organisation begreiflich machen zu wollen. Hiezu koͤmmt noch, daß, so weit man auch in der metaphysischen Psy- chologie fortgehet, die Richtigkeit ihrer Saͤtze im- merfort durch die Beobachtungskenntnisse gepruͤft werden muͤsse. Jndessen ist es, so zu sagen, ein neuer Ge- sichtspunkt, wenn man die Seelenveraͤnderungen sich von der Seite vorstellet, wo das Gehirn An- theil daran hat, und dieser kann eine Gelegenheit geben, sie besser und voͤlliger zu sehen. Vielleicht wird die neuere Analysis auch der Erfahrungs- kenntniß endlich diesen Nutzen bringen; aber zur Zeit scheint es nicht, daß sie es gethan habe. Nicht einmal die Wirkungen des Verstandes und die Natur der Erkenntnisse sind besser und deutlicher von denen entwickelt, die nach des Herrn Bon- nets Beyspiel sie zergliedert haben, als von an- dern, sondern man moͤchte eher sagen, daß die neue Methode in dieser Hinsicht geschadet habe. Was fast jedesmal in den Wissenschaften ge- schieht, wenn Epoche gemacht wird, das ist auch hier Vorrede . hier geschehen. Die neue Betrachtungsart, wel- che gemeiniglich auch eine Umaͤnderung des Rede- gebrauchs nach sich zieht, zeiget die Sachen aus einem neuen Standort, an dem man noch nicht gewohnt ist, und wo man sie daher auch nicht so bestimmt und deutlich fasset, als man sie vorher aus dem alten gefaßt hatte; man sieht sie also im Anfang verwirrter und schlechter. Die Begierde, Seelenbeschaffenheiten als Gehirnsveraͤnderungen sich vorzustellen, hat einige neuere Beobachter manches in den Gesetzen des Denkens uͤbersehen lassen, was ihrer Scharfsinnigkeit nicht entwischt seyn wuͤrde, wenn sie diesen Theil unsers Jnnern nicht in der unvortheilhaften Stellung der Hypo- these gesehen haͤtten. Beyspiele davon werden in den folgenden Versuchen vorkommen. Gleichwohl ist der Hang der Forscher, mit Vermuthungen da durchzubrechen, wo mit Er- fahrung und Vernunft allein nichts auszurichten ist, so nuͤtzlich als natuͤrlich, und in der Psycholo- gie sowohl als in andern Wissenschaften. Der Hypothesendichter traͤgt das seinige zur Fortbrin- gung der Erkenntniß bey, wie der Beobachter, und der luftige Systemenmacher hat ein Verdienst, wie der, welcher Vernunft auf Erfahrungen bauet; nur jeder in seiner Maße. Ueberdieß ist es in an- dern Hinsichten nuͤtzlich, zuweilen gar nothwendig, die festen Kenntnisse mit leichten Vermuthungen zu versetzen, wie das Gold mit unedlern Metal- len, wenn man es zum gemeinen Gebrauch ver- arbeitet. Aber der Freund der Wahrheit wird es doch eingestehen, daß man nicht sagen koͤnne, daß Vorrede . daß Kenntnisse zweckmaͤßig bearbeitet werden; von solchen ist naͤmlich die Rede, wobey es nicht sowohl auf eine Unterhaltung als auf wahre Be- lehrung des Verstandes ankommt; wenn nicht die Mittelrichtung aller Bemuͤhungen auf richtige Beobachtungen und Vernunftschluͤsse hingehet, von welchen allein nur die starke und feststehende Ueberzeugung zu erwarten ist, die der Forscher verlanget. Es darf nicht gesagt werden, daß es an solchen Kenntnissen in der beobachtenden Psy- chologie noch fehle. Es fehlet ihr auch noch an solchen Stellen daran, die schon mehrmalen unter- sucht sind. Genauere Beobachtungen uͤber den Verstand; so hoͤren z. B. die Verwirrungen in der Lehre von dem gemeinen Menschenverstande von selbst auf. Die heftigen Angriffe auf die rai- sonnirende Vernunft, welche den Menschenver- stand aufheben sollte, und die Ungewißheit, wor- an man sich zu halten habe, wenn das Raisonne- ment wirklich von dem gemeinen Verstande ab- weichet, wie es zuweilen geschieht, haben keinen andern Grund, als Mißkenntniß von beiden, und von ihrer natuͤrlichen Beziehung auf einander, die man nicht genau genug betrachtet hatte. Beob- achten und Vergleichen weiset uns, wie ich meine, sehr bald wieder uͤber diesen Punkt zurecht. So weit von der Nothwendigkeit der beobach- tenden Methode; nur noch ein Wort von ihren Schwierigkeiten. Das meiste bey ihr beruhet auf einer richtigen Beobachtung der einzelnen Wir- kungen, auf ihrer Zergliederung, und dann beson- ders auf ihrer Vergleichung, wodurch einzelne Saͤtze Vorrede . Saͤtze zu Allgemeinsaͤtzen der Erfahrung erho- ben werden. Jede dieser Operationen hat ihre Hindernisse. Es giebt bey dem innern Sinn, wenn nicht mehrere, doch ergiebigere Quellen zu Blendwerken, als bey dem aͤußern; wogegen ich kein Mittel weiß, das wirksam genug waͤre, um sich dafuͤr zu verwahren, als die Wiederholung derselbigen Beobachtung, sowohl unter gleichen, als unter verschiedenen Umstaͤnden, und jedesmal mit dem festen Ent- schluß vorgenommen, das, was wirkliche Em- pfindung ist, von dem, was hinzu gedichtet wird, auszufuͤhlen, und jenes stark gewahr zu nehmen. Wer dieß nicht kann, ist zum Beobachter der Seele nicht aufgelegt. Das schlimmste ist, daß man sich am mei- sten vor der Seelenkraft in Acht zu nehmen hat, die sonsten die besten Dienste thun kann, und auch wirklich thun muß, wenn der Blick in uns selbst etwas eindringen soll. Es ist die Phantasie, und noch naͤher die selbstthaͤtige Dichtkraft, deren Eingebungen nur zu leicht mit Beobachtungen, und mit Begriffen aus Beobachtungen verwechselt werden. Jndem der Verstand das wirklich Vorhandene oder Gefuͤhlte gewahrnimmt, bemerket, und nach- her eins mit dem andern vergleichet, so wirket die selbstthaͤtige Phantasie zur Seite, loͤset Bilder auf, und vermischt sie wieder, und webet fremde Jdeen hinein, die in der Em- pfindung nicht enthalten waren. Alsdenn ent- stehet eine Vorstellung in uns, die eine getreue I. Band. b Abbil- Vorrede . Abbildung des Wirklichen, oft ein Gemein- begriff aus mehrern einzelnen Empfindungen zu seyn scheinet, und die wir geneigt sind, da- fuͤr anzunehmen, weil sie ein Kind unsers Witzes ist. Je lebhafter die Phantasie ist, desto haͤufiger sind solche Meteoren, und den- noch siehet man auch ohne eine starke Phanta- sie nichts. Hier muß sich nun der wahre Be- obachtungsgeist zeigen, und jene starke Phan- tasie auf die Darstellung des Wirklichen ein- zuschraͤnken wissen. Es ist schwer, sich in Hinsicht dieser Suggestionen der Dichtkraft allemal so zu benehmen, wie man soll. Sie koͤnnen scharfe Bemerkungen eines Genies seyn, die richtig sind, aber eben so wohl auch nur Jrrwische, die uns mißleiten. Ein Be- griff von einer wirklichen Sache, den der Ver- stand aus Empfindungen bildet, seinen noth- wendigen Denkgesetzen gemaͤß, ist etwas an- ders als eine Jdee der Dichtkraft, die nur durch die Empfindungen veranlasset wird, und nur nebenher waͤhrend des Gefuͤhls entstehet. Jmgleichen ist eine Folgerung unserer Ver- nunft aus der Empfindung etwas anders, als eine Jdee, die von der Phantasie der Empfin- dung als eine Folge von ihr zugesetzet wird. Oftmals kommt man daruͤber nicht zur Ge- wißheit, als bis das ganze Verfahren mehr- malen wiederholet, und sorgfaͤltig zergliedert worden ist. Ueberhaupt aber haben solche Dich- tungen einen Werth, wenn sie von wahren Genies herruͤhren. Auch bloße Einfaͤlle von diesen Vorrede . diesen eroͤffnen neue Aussichten fuͤr den lang- sam forschenden Beobachter, und geben ihm Gelegenheit, Wege zu finden, wo sein Gang leichter ist. Der Systemmacher hat sie zu fuͤrchten, da sie oft mit Gewalt durch seine Gewebe von Betrachtungen hindurch fahren, und es zerreißen; aber richtiges Raisonne- ment, auf wahre Beobachtungen gebauet, kann dabey sicher seyn. Dieß laͤßt sich nicht von Einfaͤllen umwerfen. Eine der vornehmsten Operationen bey der beobachtenden Methode bestehet in der Ver- allgemeinerung der besondern Erfahrungs- saͤtze, die aus einzelnen Faͤllen gezogen sind. Hievon haͤngt die Staͤrke der Methode ab. Die Beobachtung hat fuͤr sich allein nur mit dem Jndividuellen zu thun. Was hierinn enthalten ist, die Art, wie es hervorgebracht wird, und das Gesetz, wornach die Ursachen wirken, das lehret die Beobachtung. Aber dasselbige wird auf ganze Gattungen von Din- gen uͤbertragen, von denen man weiß, daß sie den beobachteten aͤhnlich sind. Jst es die Vergleichung, welche diese Aehnlichkeit in ihrem ganzen Umfange zeiget, oder, erstrecket sich die beobachtete Aehnlichkeit auf die wesent- lichen Beschaffenheiten, von welchen auf die Aehnlichkeit in den uͤbrigen Beschaffenheiten geschlossen werden kann, wie von der Aehnlich- keit der Ursachen, auf die Aehnlichkeit der Wir- kungsgesetze und der Wirkungen, und umge- kehrt, so hat die Allgemeinheit der Saͤtze ihre b 2 nicht Vorrede . nicht zu bezweifelnde voͤllige Gewißheit. Kann jene Aehnlichkeit nur in Hinsicht einiger Stuͤcke beobachtet werden, so ist die Uebertragung nach der Analogie nur wahrscheinlich; dage- gen ist sie eine pure Hypothese, wenn sie auf nichts mehr beruhet, als auf die bloße Moͤg- lichkeit, daß es mit andern sich eben so verhal- ten koͤnne, als es sich mit dem verhaͤlt, was unmittelbar beobachtet ist. Bey der Graͤnze zwischen der vollen Gewißheit und der Wahr- scheinlichkeit darf es so genau nicht genommen werden, aber desto mehr ist darauf zu sehen, daß nicht das bloße So seyn koͤnnen, mit der Wahrscheinlichkeit verwechselt werde, daß es so sey. Die letztere setzet gewisse Anzeigen in den Beobachtungen voraus. Jn jenem Fall wird auf eine Hypothese gebauet, aber in dem letztern wird ein Schluß aus der Analogie gemacht, der desto wahrscheinlicher ist, je be- stimmter die Anzeigen sind, aus denen man die Aehnlichkeit gefolgert hat. Hier ist auch zu- weilen der sorgfaͤltigste Beobachter in Gefahr, unvermerkt auf leere Vermuthungen zu gera- then. Es kommen hievon gleich in der ersten Untersuchung Beyspiele vor. Mit unsern Jdeen von den Farben hat es dieselbige Be- schaffenheit, wie mit den Jdeen von den Fi- guren, die das Gesicht giebet; sie haben einer- ley Natur, einerley Bestandtheile, einerley Entstehungsart. Dieß wird durch die Ver- gleichung zur vollen Gewißheit gebracht. Nun sind auch die Vorstellungen des Gehoͤrs gleich- falls Vorrede . falls Vorstellungen von einerley Natur mit den Jdeen des Gesichts, nur das Objektivische ab- gerechnet, und das, was von dem Unterschied der Sinnglieder abhaͤngt. Auch bis hieher fuͤhrt die Beobachtung mit Sicherheit. Aber wenn man dieß weiter ausdehnet, und nach der Analogie folgert, daß es mit allen Arten von Jdeen aus dem aͤußern Sinn die naͤmliche Beschaffenheit habe, und noch weiter, daß es auch mit den Jdeen der Seele von sich selbst und ihren innern Beschaffenheiten sich so ver- halte, so zeigen sich neue Schwierigkeiten, da die letztern sich auch auf eine andere Art er- klaͤren lassen. Alsdenn muß man bey einer Hypothese stehen bleiben, oder Data in den Empfindungen aufsuchen, welche diese Aehn- lichkeit zum mindesten in solchen und so vielen Punkten bestaͤtigen, daß eine Wahrscheinlich- keit daraus erwaͤchset, sie koͤnnen auch in Hin- sicht der uͤbrigen angenommen werden, die man nicht beobachten kann. Jch habe in sol- chen Faͤllen mirs zur Regel gemacht, diese An- zeigen oder Data, jedesmal, so weit ich konn- te, aufzusuchen. Wenn Leibnitz sagte, man koͤnne der Er- fahrungen zu viele aufsammlen, und die Phi- losophie als die Einsicht ihres Zusammen- hangs, dadurch hindern, so hatte er ohne Zweifel in so ferne Recht, als die Ruͤcksicht auf gar zu viele und zu sehr unterschiedene Faͤlle es schwer macht, ein allgemeines Gesetz aus ihnen abzusondern. Die Menge der kleinen b 3 Ver- Vorrede . Verschiedenheiten in den Einzelnen, verhindert die Uebersicht des Ganzen und die Entdeckung des Aehnlichen. Aber wenn aus einigen an- gestellten Vergleichungen allgemeine Begriffe und Regeln abstrahirt sind, und solche ausge- dehnet und auf andere Erfahrungen angewen- det werden sollen, so kann man der Erfahrun- gen nicht zu viel haben, um hierinn sicher zu gehen. Der Gebrauch der Analogie enthaͤlt den Schluß, daß eine Sache, die der andern in Hinsicht einiger Beschaffenheiten aͤhnlich ist, es auch in Hinsicht mehrerer seyn werde, ohne daß eine nothwendige Verbindung zwischen diesen letztern Beschaffenheiten und den erstern einleuchte. Denn wo dieß Statt findet, da hat die Analogie nur zuerst auf den Weg ge- wiesen, aber die Folgerung, die aus ihr ge- macht ist, wird durch einen richtigen Schluß zur Gewißheit gebracht. Wer nur einigermaßen die Werke der Na- tur kennet, weiß es, wie oft die Analogie ein richtiger Wegweiser gewesen ist, und auch, wie oft sie irrig geleitet hat. Hr. Bonnet wuͤnschte deswegen, daß aus der Vergleichung dieser verschiedenen Faͤlle allgemeine Maximen uͤber ihren Gebrauch aufgesuchet werden moͤchten. Ohne Zweifel wuͤrden diese ein vortrefliches Stuͤck einer logischen Vermuthungskunst ab- geben, woran es noch fehlet, obgleich ein jeder Mensch von gutem Verstande etwas davon besitzet, und in seiner Sphaͤre von Kenntnissen oft Vorrede . oft gluͤcklich anwendet. Die Quelle, worauf Hr. Bonnet verwiesen hat, um solche Bemer- kungen zu sammeln, ist auch die ergiebigste; naͤmlich die Beobachtung der Aehnlichkeiten in den wirklichen Dingen. Aber dennoch erwarte ich nicht, daß man auf diesem Wege etwas mehr als Materialien und einzelne Beyspiele sammlen werde, die nie zu einem Ganzen wer- den koͤnnen, wenn nicht eine allgemeine Phi- losophie, uͤber die Beziehungen aller Arten von Beschaffenheiten in den Dingen auf einander, zu Huͤlfe kommt. Ohne diese wird man zum mindesten nicht alles recht deutlich uͤbersehen, worauf es ankommt. Wie und wie weit fol- get z. B. die Aehnlichkeit in den Wirkungen der Aehnlichkeit in den Ursachen? und umge- kehrt diese jener? Wie weit folgt die Aehn- lichkeit in dem Jnnern der Aehnlichkeit in dem Aeußern? Von welcher Groͤße von Aehnlich- keit laͤßt sich auf eine voͤllige oder doch auf eine noch weiter sich erstreckende, und von welcher Gattung von Aehnlichkeiten auf eine andere fortschließen? Denn diese Frage: wie wahr- scheinlich es sey, daß eine Aehnlichkeit in einer gewissen Gattung von Beschaffenheiten, mit einer Aehnlichkeit in einer andern Gattung von Beschaffenheiten verbunden sey? ist von einer andern Frage: wie weit mit dieser oder jener besondern Beschaffenheit eine andere besondere wahrscheinlich vergesellschaftet sey? unterschie- den. Es giebt in den einzelnen Beyspielen allgemeine Gruͤnde der Analogie; und es b 4 giebt Vorrede . giebt besondere. Solche mit einiger Voll- staͤndigkeit zu uͤbersehen, dient die Spekulation des Metaphysikers als das Eine Auge, und die Beobachtung der Natur als das zweyte; wenn gleich dieß letztere das fertigste ist, wo- mit man am oͤftersten allein siehet. Es haben doch auch die Logiker und Metaphysiker durch ihre allgemeine Betrachtungen wirklich hierinn etwas vorgearbeitet, und ich wollte nur bey- laͤufig erinnern, daß man ihre Bemuͤhungen nicht fuͤr so ganz unbedeutend anzusehen habe. Als ein Beyspiel einer besondern Maxime bey dem Gebrauch der Analogie, wie Hr. Bon- net sie wuͤnschte, kann vielleicht die nachstehen- de Bemerkung dienen, die uns oft bey psycho- logischen Beobachtungen an die Hand gegeben wird. Schließt man nach der Analogie, so wird vorausgesetzt, daß die Natur einfoͤrmig und sich im Jnnern aͤhnlich sey, von der wir doch auch zugleich wissen, daß sie die Abwech- selung und Mannigfaltigkeit bis ins Unendli- che liebet. Das letztere offenbaret sich am er- sten und am haͤufigsten in den Groͤßen, in Graden und Stufen; die Einfoͤrmigkeit fin- det mehr in den absoluten Qualitaͤten Statt. Je mehr man die Wirkungen der Natur stu- diert, je mehr naͤhert man sich der großen leib- nitzischen Jdee, die Mannigfaltigkeit in den Dingen bestehe am Ende nur in einem Mehr und Weniger in den Groͤßen der Grundkraͤfte, wobey die Kraͤfte selbst einerleyartig sind, und dieselbigen allgemeinen Gesetze befolgen. Aber bis Vorrede . bis dahin kann man nicht hinaufgehen, weder in der Naturlehre noch in der Psychologie. Wenn man auch zugeben wollte, daß wir von dieser einfoͤrmigen Urkraft der Dinge einen Begrif haͤtten, und daß solche eine vorstellende Kraft sey, wofuͤr sie Leibnitz ansah, so koͤn- nen wir doch nimmermehr in den Stand kom- men, die Erscheinungen der Koͤrper bis dahin aufzuloͤsen. Eine solche Analysis bleibet nur dem Verstand des Unendlichen vorbehalten. Unsre Erkenntniß von der wirklichen Welt er- fodert es, eine zwiefache Grundverschiedenheit in den Dingen anzunehmen, eine absolute in den Grundkraͤften und ihren Beschaffenhei- ten, und noch eine andere in den Quantitaͤten. Nun sage ich, „wo wir von einem Dinge „auf ein anders schließen, weil gewisse Anzei- „chen der Analogie vorhanden sind, da ist es „immer zu vermuthen, daß sie verschieden sind „in Hinsicht alles dessen, wobey es auf ein „Mehr oder Weniger ankommt, aber dagegen „einerley sind in Hinsicht der Qualitaͤten. ‟ Hat man beobachtete Objekte aufgeloͤset, und ihre Einrichtung aus der Verbindung ihrer Bestandtheile und deren Beziehungen auf ein- ander begriffen, so kommt es darauf an, daß man alles absondere, was eine Groͤße ist, was auf Zahl, Menge, Graden der Staͤrke, Laͤnge und Kuͤrze der Zeit, Groͤßen der Ausdehnung u. s. w. beruhet; alsdenn kann es eine Regel seyn, daß ein anders Objekt in Hinsicht der uͤbrigen absoluten Qualitaͤten mit dem ersten, b 5 gleich- Vorrede . gleichartig und von einerley Natur, in Hin- sicht der Groͤßen aber verschieden seyn werde, wenn naͤmlich sonsten Gruͤnde zu einem analo- gischen Schluß vorhanden sind. So ist es, um nur in der Psychologie zu bleiben, wahr- scheinlicher, was aber doch auch naͤher bewie- sen werden kann, daß bey allen Arten von Vorstellungen eben dieselbige Kraftanwendun- gen der Seele vorgehen, und daß sie alle nach einem allgemeinen Gesetz gemacht werden, als daß hierinn die Eine Gattung wesentlich von der andern unterschieden sey; so wie es auch dagegen gewiß ist, daß die Laͤnge, Groͤße und Staͤrke der einzelnen Seelenveraͤnderungen bey ihnen verschieden sind. Schließen wir von Menschenseelen auf Thierseelen, so ist es solan- ge wahrscheinlich, daß ihr Unterschied nur ein Stufenunterschied sey, bis ihre Aeußerungen uns auf eine weiter gehende Wesensungleich- artigkeit hinweisen. Solche Aufloͤsungen der Seelenkraͤfte, wobey das Charakteristische jed- weder Klasse, die aͤußere Verschiedenheit aus den Gegenstaͤnden bey Seite gesetzt, auf ein Mehr und Weniger reduciret wird, haben eine staͤrkere Vermuthung fuͤr sich, als andere. Da es aber schwer ist, und bey den fortge- setzten Aufloͤsungen so gar unmoͤglich wird, die Quantitaͤten, und was daraus folget, von dem, was eine Qualitaͤt ist, genau abzuson- dern, so ist es begreiflich, daß eine solche Ma- xime, wie die hier gegebene ist, nicht erlaube, ihr blindlings zu folgen, noch uns der Muͤhe uͤber- Vorrede . uͤberhebe, sorgfaͤltig auf alle Umstaͤnde zuruͤck zu sehen, worunter wir sie anwenden. Ver- schiedene neuere Philosophen finden die Mate- rialitaͤt der Seele, der Analogie, der Natur und der Stufenleiter der Dinge gemaͤßer, als ihre wesentliche Verschiedenartigkeit von dem Koͤrper. Die Natur gehet herauf von groͤbe- rer zu feinerer Organisation in ihren zusam- mengesetzten Wesen, aber von der Organisa- tion zur Jmmaterialitaͤt scheinet ein Sprung zu seyn, der sich nicht wohl von ihr erwarten laͤßt. Mich deucht, es lasse sich dieselbige Art zu schlies- sen umkehren, und eben so gut fuͤr die Jmma- terialitaͤt der Seele gebrauchen, als gegen sie, und vielleicht noch besser. Fangen wir bey den Pflanzen und organisirten nicht beseelten We- sen an, und gehen zu den Thieren uͤber, so se- hen wir auf Wesen, in welchen das innere Princip ihrer Lebensbewegungen durch alle Theile des Ganzen fast gleichfoͤrmig vertheilet ist, andere Wesen in der Stufenleiter stehen, wo solches mehr auf gewisse innere Theile, auf ein Gehirn, oder auf ein Fibern- und Nerven- system zusammengezogen ist. Jn den Poly- pen sind die Principe der Empfindlichkeit und der Bewegung wie in den Pflanzen allenthal- ben verbreitet, aber in den Polypen sind sie mehr und genauer mit einander zu Einem Ganzen vereinigt, haben mehr Gemeinschaft mit einander, und machen ein inniger verbun- denes Eins aus, als die vegetirende Kraft in den Pflanzen, die mehr in jedem Theil fuͤr sich abge- Vorrede . abgesondert ist, ob sie gleich auch hier ein Eins ausmacht, und einen gewissen Hauptsitz hat. Dieser Unterschied kann allerdings auf ein Mehr oder Weniger beruhen und Stufenver- schiedenheit seyn. Jn den Jnsekten, die sich nicht aus jeden Stuͤcken wieder ergaͤnzen, schei- net, das Nervensystem schon irgendwo eine besondere Stelle zu haben, wo das vornehmste Princip der Thierheit seinen Sitz hat. Jn den Thieren mit einem eigentlichen Gehirn geht dieß noch weiter. Diese sind in einem hoͤhern Grade Einheiten. Denn sie haben Einen Mittelpunkt, wohin alle Eindruͤcke von außen sich vereinigen, und woher alle Thaͤtigkeiten von innen herausgehen. Wenn man nun in dieser Stufenleiter hinaufsteiget, der Analo- gie der Natur, und ihrer Mannigfaltigkeit in allen, wobey ein Mehr und Weniger statt fin- det, gemaͤß, so meine ich, man muͤsse von selbst Eine Gattung von zusammengesetzten Wesen vermuthen, wo dieser Mittelpunkt der Empfin- dungen und der Bewegungen, das regierende Princip des Systems oder die Entelechia des- selben, oder, in der Sprache der Chemisten, der Spiritus Rector, eine voͤllige das ist eine substanzielle Einheit sey oder Ein fuͤr sich be- stehendes Ding. Die Demokratie fuͤhrt durch eine Stufenleiter uͤber die Aristokratie zur Mo- narchie. Warum nicht auf eine aͤhnliche Art die Pflanzen- und Polypenorganisation zu der Menschlichen? Jn jener ist es ein ganzes Ag- gregat von Wesen in Verbindung mit einan- der, Vorrede . der, davon jedwedes einzelne einen fast glei- chen Antheil an dem ganzen regierenden Prin- cip hat; in diesem ist eine einzige Substanz, die als Jch die Herrschaft fuͤhrt, oder doch we- nigstens uͤberwiegende Vorzuͤge hat. Wenn der Mensch auf dieser aͤußersten Stufe stehet, so ist es wiederum der Analogie der Natur ge- maͤß, nach welcher keine einzelne Beschaffen- heit Einer Gattung von Dingen allein zu- kommt, daß dieselbige Einheit einer Seele, als herrschenden Substanz, auch in noch mehrern Thierarten vorhanden sey, obgleich die Herr- schaft der Seele in ihnen mehr eingeschraͤnkt ist, wobey eine unendliche Mannigfaltigkeit in Graden Statt finden kann. So sorgfaͤltig ich uͤbrigens die Einmischung der Hypothesen unter den Erfahrungssaͤtzen zu vermeiden gesucht, so habe ich deswegen mich doch nicht enthalten, Folgerungen und Schluͤs- se aus den Beobachtungen zu ziehen, und sie dadurch zu verbinden. Auch habe ichs mir hie und da erlaubet, eine Anwendung von allge- meinen Betrachtungen zu machen. Die Er- fahrungen sind jedesmal von den Raisonne- ments die man uͤber sie anstellet, zu unter- scheiden, aber es ist hier desto mehr erlaubet, sie darunter zu mischen, da man in der Psycho- logie an simpeln Aufzaͤhlungen der Begeben- heiten noch nicht so gewoͤhnt ist, als in der Na- turlehre. Zum Theil ist es hier auch schwe- rer, die Raisonnements so strenge abzusondern. Sollte eine voͤllige Umarbeitung der Seelen- lehre Vorrede . lehre noch einmal es noͤthig machen, auch hier- inn genauer die Methoden der Naturlehrer zu befolgen, so kann es vor der Hand doch nicht schaden, daß zugleich raisonnirt und beobach- tet wird. Am Ende sind es doch die Reflexio- nen und Schluͤsse, die die simpeln Beobach- tungen erst recht brauchbar machen, und ohne die wir bestaͤndig nur auf der aͤußern Flaͤ- che der Dinge bleiben muͤßten. Aber meine Absicht in diesen Versuchen hat es erfodert, theils die eingestreueten Raisonnements nir- gends weiter zu verfolgen, als bis dahin, wo ihre Uebereinstimmung mit den Erfahrungen noch offenbar ist; theils sie nicht anders anzu- bringen, als wo ich glaubte, daß sie und ihre Gruͤnde eben so evident seyn wuͤrden, als die Beobachtungen selbst. Der Geist des Sy- stems verleitet sonsten eben so sehr, als die Phantasie, und ich habe es so lebhaft gefuͤhlet, wie schwer es sey, unser Jnneres so zu sehen, wie es ist, daß es mich nicht befremden wird, wenn man finden sollte, ich haͤtte hie und da ein Raisonnement fuͤr eine Beobachtung ange- sehen. Jch wiederhole die Erklaͤrung, daß es mein fester Vorsatz gewesen sey, auf nichts zu fußen, als was entweder unmittelbare Beob- achtung selbst ist, oder evidente und durch die Uebereinstimmung der Beobachtungen bestaͤ- tigte Vernunft. Diese Absicht vor Augen, habe ichs versuchet, die Faͤhigkeiten der Seele in die einfachsten Vermoͤgen aufzuloͤsen, und zu Vorrede . zu den ersten Anfaͤngen dieser Vermoͤgen in der Grundkraft mich so weit hin zu naͤhern, als ichs moͤglich fand. Mit den Erkenntnißfaͤhig- keiten ist der Anfang gemacht. Hier haben fast alle Psychologen den Eingang zu dem Jn- nern der Seele am offensten gefunden, und es beweiset der Erfolg, daß wirklich die Seele sich an dieser Seite am deutlichsten aͤußere, da keine andere Art von ihren Aeußerungen sich so gut zergliedern laͤsset, als Vorstellungen und Gedanken. Diese ersten Untersuchungen setzen uns in den Stand, besser die neuern Hypothesen uͤber die Natur unsers Seelenwesens zu beurtheilen. Die Bonnetische verdient vor andern die sorgfaͤltigste Pruͤfung. Sie kann die Bonne- tische heißen, ob gleich Hr. Bonnet nicht der erste ist, der sie vorgetragen hat. Denn wenn man bis auf ihre erste Anlage zuruͤck gehen wollte, so wuͤrde sich solche, wie fast zu allen andern von den Neuern weiter entwickelten Jdeen, bey den alten Philosophen schon fin- den lassen. Die aristotelische Jdee von der Seele als einer substanziellen Form des thie- rischen Koͤrpers scheint nicht weit von der neuen Jdee, die sie zu einer substanziellen Kraft des Gehirns macht, entfernet zu seyn. Gleich- wohl kann Hr. Bonnet, so viel ich weiß, auf die Ehre Anspruch machen, diese Hypothese aufs genaueste bestimmet, sie deutlich und aus- fuͤhrlich entwickelt, zur Erklaͤrung der beson- dern psychologischen Erfahrungen angewendet, und Vorrede . und durch seinen darstellenden Vortrag faßlich und bekannter gemacht zu haben. Sie scheint immer mehr Beyfall zu finden, und vielleicht mehr, als sie nach meiner Ueberzeugung sollte, da sie, wie ich meine dargethan zu haben, nicht ganz hinreichet, die Beobachtungen zu erklaͤ- ren, und aufs hoͤchste nur Eine Seite unserer Seelennatur richtig darstellet. So viel raͤu- me ich ihr aber gerne ein, daß ihre Schwaͤche nicht so offenbar auffallend ist, als einige ihrer Gegner sich uͤberreden. Es wird oft wieder- holet, das Gehirn sey als ein weicher, oder gar fluͤßiger Koͤrper unfaͤhig, bleibende Spu- ren von den Eindruͤcken der Dinge zu erhalten, und koͤnnen so wenig materielle Jdeen nach bonnetischer Vorstellung in sich haben, als das Wasser die Figur eines Petschafts be- halten kann, das man seiner Oberflaͤche auf- druͤckt. Wenn dieß schon genug ist, die Un- moͤglichkeit der materiellen Jdeen zu zeigen, so hat Hr. Bonnet freilich eine große Absurdi- taͤt behauptet, wie man von einem Philoso- phen, der mit einer starken Beurtheilungskraft die ausgebreitetste Kenntniß der Natur verbin- det, nicht so leicht vermuthen sollte. So ver- haͤlt sichs aber wohl nicht. Hr. Bonnet wuß- te, was diese seine Widerleger nicht wissen, oder woran sie nicht denken, daß es weiche, gallertige und breyartige Koͤrper gebe, und sogar solche, die dem Anschein nach fluͤßig sind, worinn sich nicht die mindeste Spur von Or- ganisation auch mit dem bewaffneten Auge entde- Vorrede . entdecken laͤßt, die doch nichts destoweniger ei- ne Anlage zu einem organisirten Koͤrper, zu- weilen auch diesen schon ausgebildet mit allen seinen unterschiedenen Theilen in sich enthalten. Man darf nur ein Ey betrachten, um sich davon zu uͤberzeugen, und wenn dieß noch nicht genug ist, so erwaͤge man den Versuch mit den Eyern der Spinnfliege, die nichts als eine fluͤßige, mil- chichte Substanz zu seyn scheinen, aber, nach- dem sie einige Minuten im heißen Wasser ge- kocht sind, und dann geoͤffnet werden, die un- ter dem Schein des Fluidums versteckten Nym- phen in ihren voͤlligen Formen darstellen. Bonnets Betrachtungen uͤber die organisirten Koͤrper, Erster Th. 9tes Kap. Zweyter Th. 5tes Kap. Kann also auch nicht unter der breyartigen Gestalt des Hirnmarks eine wahre Organisa- tion versteckt seyn? Nach dem Urtheil des groͤßten Physiologen, des Hrn. von Haller, macht die Aehnlichkeit der Steife dieses Marks mit den Nerven es wahrscheinlich, daß es fase- richter Natur sey, obgleich neulich ein britti- scher Arzt Hr. Kirkland dieß abgelaͤugnet hat, der es fuͤr einen bloßen Mukus, eine klebrichte Substanz angesehen haben will. Vielleicht lassen sich beide Meinungen gewissermaßen mit einander vereinigen. Aber in jedem Fall ist es ja offenbar, daß, obgleich keine sichtbare Festigkeit in den innern Theilen des Gehirns vorhanden ist, dennoch ein solcher Grad der Konsistenz, wie in den Eyern ist, da seyn koͤnne, I. Band. c die Vorrede . die hinreichet, bestimmte Spuren von den dar- auf gemachten sinnlichen Eindruͤcken in sich zu erhalten. Das Wasser dagegen hat nichts Organisirtes, so wenig als ein jeder anderer Koͤrper, der nichts mehr als fluͤßig ist, so daß die Vergleichung von dem auf das Wasser ge- druckten Petschaft von selbst wegfaͤllt. Hr. Bonnet ist diesem Einwurf nicht zuvor gekom- men, ohne Zweifel darum, weil er nicht ver- muthete, daß er ihm wuͤrde gemacht werden. Jndessen ist doch nicht zu laͤugnen, daß eben diese Weichheit des innern Gehirnmarks, nach dem jetzigen Stande unserer Kenntnisse, als eine Anzeige und auch wohl als ein Bestaͤti- gungsgrund einer von der bonnetischen ver- schiedenen Hypothese koͤnne gebraucht werden, wenn anders Beobachtungen auf eine solche hinfuͤhren. Denn so koͤnnte es doch auch wohl seyn, daß diese weichen und fluͤßigen Theile des Gehirns nichts anders in Hinsicht der mate- riellen Jdeen sind, als was die Fluͤßigkeiten in dem Auge in Ruͤcksicht auf die Bilder auf der Netzhaut sind. Wenn es gleich wahr- scheinlich ist, wie ichs dafuͤr halte, daß es ma- terielle Jdeen in dem Jnnern des Organs gebe, so folget noch nicht, daß man den Sitz dieser Jdeen weiter in das Jnnere des Gehirns hin- einsetzen muͤsse, als bis dahin, wo die Anfaͤnge der Nerven sind, und bis so weit ist doch ohne Zweifel eine Organisation vorhanden, und also auch die Moͤglichkeit, Spuren von den sinnlichen Eindruͤcken zu behalten. Vielleicht lieget Vorrede . lieget also noch tiefer in das Gehirn hinein, oder noch naͤher zur Seele, die weiche Materie, die nichts mehr thut, als daß sie die Bewegungen von dem Organ zur Seele, und von der Seele zum Organ durchlaͤßt, wozu es wohl nicht noͤthig ist, daß sie selbst organisirt sey. Aber man begreift leicht, daß nun auch hierdurch die bonnetische Psychologie nicht widerlegt werde, so fern solche auf materiellen Jdeen beruhet, sondern daß sie allenfalls nur in ihren naͤhern Bestimmungen nicht so zuverlaͤßig sey, als in den ersten Grundsaͤtzen. Die Untersuchung uͤber die Freyheit, die in einer erhoͤheten Selbstthaͤtigkeit der Seele bestehet, hieng mit den vorhergehenden und den folgenden Betrachtungen uͤber die mensch- liche Natur so genau zusammen, daß ich mich auf sie haͤtte einlassen muͤssen, wenn auch die bekannten Dunkelheiten in dieser Materie nicht besonders dazu gereizet haͤtten. Nirgends scheinet die Vernunft dem Gefuͤhl, und, wenn man naͤher zusieht, selbst das Gefuͤhl dem Ge- fuͤhl so sehr zu widersprechen, als hier. Es muß nothwendig irgendwo ein falscher Schein dahinter stecken, die Ursache desselben mag nun da liegen, wo ich sie glaube gefunden zu haben, oder anderswo. Der letzte Versuch uͤber die Perfektibilitaͤt und uͤber die Entwickelung der Seele ist ge- wissermaßen das Ziel, wohin die meisten der vorhergehenden Betrachtungen zusammen lau- fen. Bey dem großen Umfang dieses frucht- c 2 baren Vorrede . baren Feldes habe ich mich auf Eine Strecke eingeschraͤnkt. Jch habe mich nicht so wohl auf die Mittel eingelassen, wodurch der Mensch entwickelt wird, als vielmehr auf die Wir- kung dieser Mittel in seinem Jnnern, oder auf das, was die Vervollenkommung unserer Na- tur in dem Jnnern selbst ausmachet, die durch die ausbildenden Ursachen bewirket wird, und unter den mannichfaltigen Formen, worinn die Menschheit sich uns darstellet, enthalten ist. Dieß ist am Ende nichts anders, als eine deut- liche Auseinandersetzung dessen, was in dem Ge- fuͤhl des Menschenfreundes begriffen ist, wenn er die Wuͤrde des Menschen und die Erhaben- heit der Tugend empfindet. Dieß Gefuͤhl be- darf einer Leitung von der aufklaͤrenden Ver- nunft. Ohne diese kann der edelste Vorsatz, deren ein Mensch faͤhig ist, der Vorsatz, an der Verbesserung der Menschheit zu arbeiten, eine falsche Richtung nehmen, und in einen schaͤdlichen Eifer ausarten, sie in Eine von ih- ren besondern Formen hinein zu zwingen, die man als die alleinige fuͤr sie ansieht, in der sie eine innere Vollkommenheit besitzen koͤnne. Jnhalt Jnhalt des ersten Bandes . Erster Versuch . Ueber die Natur der Vorstellungen. I. V orlaͤufige Anzeige von den Bemuͤhungen der Philoso- phen, Vorstellungen, Empfindungen und Gedan- ken aus Einer Grundkraft abzuleiten S. 1 II. Was Vorstellungen in dem Wolfischen System sind 8 III. Eine Reihe von Beobachtungen und Erfahrungssaͤtzen, betreffend die Natur der Vorstellungen 12 IV. Weitere Erlaͤuterung des ersten Charakters der Vorstel- lungen, daß sie zuruͤckgebliebene Spuren vorherge. gangener Veraͤnderungen sind. Ob dieß bey allen Arten von Vorstellungen sich so verhalte 28 V. Von den Gesichtsvorstellungen. Entstehungsart der- selben. Unterschied zwischen Empfindung und Nach- empfindung. Einbildung, oder Wiedervorstellung 31 VI. Dieselbige Beschaffenheit der Vorstellungen in den Em- pfindungsvorstellungen des Gehoͤrs und der uͤbrigen aͤußern Sinne 40 VII. Die Vorstellungen des innern Sinns haben dasselbige Unterscheidungsmerkmal der Vorstellungen. Beweis davon aus Beobachtungen 45 c 3 VIII. Jnhalt VIII. Dunkelheit bey den Vorstellungen aus dem innern Sinn. Ob die Empfindungen des innern Sinns ihre eigene Spuren hinterlassen, die sich eben so auf sie beziehen, wie die Vorstellungen aus dem aͤußern Sinn auf ihre Empfindungen? Einwurf dagegen aus der Jdeen- association und Beantwortung desselben S. 57 IX. Noch eine Vergleichung der Wiedervorstellungen der letz- tern Art mit denen von der erstern Art in Hinsicht ih- rer Deutlichkeit 73 X. Ueber die zwote wesentliche Beschaffenheit der Vorstellun- gen, die ihnen als Zeichen von Gegenstaͤnden zukommt. Sie weisen die Reflexion auf ihre Objekte hin. Ur- sache davon 75 XI. Eine Anmerkung uͤber den Unterschied der analogischen und anschaulichen Vorstellungen 87 XII. Von der bildlichen Klarheit in den Vorstellungen. Sie kann von der ideellen, das ist, von der Klarheit in den Jdeen unterschieden werden. Wie ferne beide sich auf einander und auf die bezeichnende Natur der Vorstellungen beziehen. Kritik uͤber die gewoͤhnliche Abtheilung der Jdeen in dunkle, klare, verwirrte, deutliche 95 XIII. Verschiedene Thaͤtigkeiten und Vermoͤgen der vorstellen- den Kraft. Das Vermoͤgen der Perception, die Phantasie, und die Dichtkraft 104 XIV. Ueber das Gesetz der Jdeenassociation. Dessen wah- rer Sinn. Jst nur ein Gesetz der Phantasie bey der des ersten Bandes. der Reproduktion der Vorstellungen; ist kein Gesetz der Verbindung der Jdeen zu neuen Reihen S. 108 XV. Von der bildenden Dichtkraft. 1) Der Begriff davon 115 2) Ob ihre Wirksamkeit auf ein Zertheilen und Wie- derzusammensetzen der Vorstellungen eingeschraͤn- ket sey? 116 3) Sie macht neue sinnlich einfache Vorstellungen 119 4) Graͤnzen dieser Schoͤpferkraft 126 5) Graͤnzen des Vermoͤgens, Vorstellungen aufzu- loͤsen 127 6) Ueber die allgemeinen sinnlichen Vorstellungen 128 7) Gesetze der Dichtkraft, wenn sie neue einfache Vor- stellungen bildet 136 8) Folgen, die aus der Wirkungsart der Dichtkraft fließen, in Hinsicht des Ursprungs der Vorstel- lungen aus Empfindungen 138 9) Einfluß der Dichtkraft auf die Ordnung, in der die Reproduktiones der Phantasie erfolgen 139 10) Die Wirksamkeit der Dichtkraft erstrecket sich auf alle Arten von Vorstellungen 140 XVI. Ueber die Gleichartigkeit und Verschiedenartigkeit der Vermoͤgen, die zur vorstellenden Kraft gehoͤren 142 1) Bestimmung der zu untersuchenden Frage 142 2) Eine noͤthige Nebenbetrachtung uͤber die Begriffe von Einartigkeit und Verschiedenartigkeit 143 3) Verschiedene Stufen der Einartigkeit 152 4) Anwendung dieser Begriffe auf die Vermoͤgen, die zur vorstellenden Kraft gehoͤren. Jn wie weit das Vermoͤgen, Vorstellungen aufzunehmen, und das Vermoͤgen, Vorstellungen zu reproduciren, einer- leyartige Vermoͤgen sind 154 5) Das Verhaͤltniß der Phantasie zu der Dichtkraft 159 c 4 6) Das Jnhalt 6) Das Vermoͤgen, Nachempfindungen zu haben, und Vorstellungen aufzunehmen, haͤngt ab von der Modifikabilitaͤt der Seele, und von der Selbst- thaͤtigkeit, mit der sie ihre Modifikationen in der Empfindung aufnimmt S. 161 7) Eine allgemeine Anmerkung uͤber die Entwickelung des Princips der Vorstellungsthaͤtigkeiten 163 Zweeter Versuch. Ueber das Gefuͤhl, uͤber Empfindungen und Empfindnisse 166 I. Bestimmung dessen, was hier Fuͤhlen, Empfinden, Ge- fuͤhl, Empfindung und Empfindniß genennet wird 166 II. Einige Beobachtungen uͤber das Gefuͤhl. 1) Das Gefuͤhl hat nur mit gegenwaͤrtigen Dingen zu thun 170 2) Das Gefuͤhl ist verschiedener Grade faͤhig. Jn wie ferne es erwiesen werden kann, daß es ein dunkles Gefuͤhl gebe 172 3) Was gefuͤhlet wird, ist eine passive Modifikation der Seele 173 4) Was Thun und Leiden, Aktion und Passion sey 174 5) Auf welche Art wir unsere Thaͤtigkeiten fuͤhlen 178 III. Von dem Gefuͤhl der Verhaͤltnisse und Beziehungem 1) Ueberhaupt 182 2) Von dem Gefuͤhl der Verhaͤltnisse und Beziehun- gen der Gegenstaͤnde unter sich. 183 3) Von dem Gefuͤhl der Beziehungen der Dinge auf die gegenwaͤrtige Beschaffenheit der Seele 184 4) Von des ersten Bandes. 4) Von den Empfindungen des Wahren, des Schoͤ- nen und Guten S. 185 IV. Das Absolute und nicht das Relative ist ein unmittel- barer Gegenstand des Gefuͤhls. 191 1) Der Satz selbst 191 2) Beweis des Satzes aus dem Gefuͤhl der objektivi- schen Verhaͤltnisse der Dinge. Gefuͤhl des Ueber- gangs. Gefuͤhl der Einerleyheit und der Verschie- denheit. Gefuͤhl der Dependenz 194 3) Beweis aus dem Gefuͤhl der Wahrheit 202 4) Beweis aus den Empfindnissen 205 V. Von der Beziehung der Empfindnisse auf die Empfin- dungen. 1) Das Afficirende ist eine Beschaffenheit der affi- cirenden Empfindungen 210 2) Ob und wie das Afficirende von den afficirenden Empfindungen getrennet werden koͤnne? 217 VI. Weitere Betrachtung uͤber die Natur der Empfindnisse. 1) Unterschied zwischen afficirenden Empfindungen, und afficirenden Vorstellungen 220 2) Von urspruͤnglich und fuͤr sich afficirenden Em- pfindungen. Von der Ueberleitung des Gefal- lens und Mißfallens von einer Sache auf eine an- dere 222 3) Pruͤfung des Systems von dem Ursprung aller Empfindnisse aus aͤußern Empfindungen. Kenn- zeichen der urspruͤnglich fuͤr sich afficirenden Em- pfindungen, die solches weder durch eine Ueber- tragung sind, noch durch die Jdeenassoiation 226 4) Die Untersuchung uͤber die urspruͤnglichen Em- pfindnisse wird fortgesetzt. Jn welcher Ordnung die natuͤrliche Empfindsamkeit sich offenbaret 238 c 3 VII. Jnhalt VII. Von der afficirenden Kraft der Vorstellungen. 1) Sie hat ihren Ursprung aus der afficirenden Kraft der Empfindungen, aus denen die Vorstellungen entstehen S. 244 2) Die Empfindnisse aus Phantasmen sind selbst Wiedervorstellungen afficirender Empfindungen 247 3) Große Macht der Vorstellungen 247 4) Ursache dieser Staͤrke 249 5) Wie unangenehme Empfindungen in der Vorstel- lung angenehm seyn koͤnnen, und umgekehrt. Von dem Vergnuͤgen, das in den Vorstellungen als Vorstellungen seinen Grund hat 251 VIII. Jn dem Aktus des Fuͤhlens nimmt man keine Mannig- faltigkeit gewahr. Ob Fuͤhlen als eine Reaktion der Seele koͤnne angesehen werden? 255 Dritter Versuch. Ueber das Gewahrnehmen und Bewußtseyn. I. Bestimmter Begriff von dem Gewahrnehmen und dem Bewußtseyn 262 II. Ob das Gewahrnehmen einerley sey mit dem Aktus des Fuͤhlens in einer groͤßern Jntension? oder ob es ei- nerley sey mit dem Aktus des Vorstellens, wenn die- ser sich ausnehmend bey einer Vorstellung aͤußert? 263 III. Das Gewahrnehmen bringet Gedanken von Verhaͤlt- nissen hervor. Vergleichung der Verhaͤltnißgedanken mit dem Gefuͤhl des Absoluten 273 IV. des ersten Bandes. IV. Wie das Gewahrnehmen entstehe? 1) Es setzet eine sich ausnehmende Empfindung oder Vorstellung von der gewahrgenommenen Sache voraus S. 281 2) Es erfodert eine Zuruͤckbeugung der empfindenden und vorstellenden Kraft auf die gewahrgenommene Sache 283 V. Ob das Gewahrnehmen etwas Passives in der Seele sey? 285 VI. Ob das Gewahrnehmen einerley sey mit dem Gefuͤhl der Verhaͤltnisse? 291 Vierter Versuch. Ueber die Denkkraft und uͤber das Denken. I. Wie die Untersuchung dieses Seelenvermoͤgens anzustellen sey? 295 II. Die Denkkraft in Verbindung mit der Vorstellungskraft und mit dem Gefuͤhl macht das ganze Erkenntnißver- moͤgen aus 298 III. Ursprung der Verhaͤltnißbegriffe. 1) Von den ersten urspruͤnglichen Verhaͤltnißge- danken 301 2) Von den Verhaͤltnißideen und Verhaͤltnißbe- griffen 307 IV. Von dem Begriff der ursachlichen Verbindung. 1) Die Humische Erklaͤrung von diesem Begriff 312 2) Pruͤfung dieser Erklaͤrung. Der Begriff von der ursachlichen Verbindung stellet mehr vor, als eine bloße Jnhalt bloße Verbindung; er enthaͤlt auch die Jdee von Abhaͤngigkeit des Einen von dem andern 316 3) Die Jdee von Abhaͤngigkeit, die mehr ist, als bloße Verbindung, schreibt sich aus den ersten ursachli- chen Beziehungen her, und aus den Empfindun- gen dieser beziehenden Aktionen 318 4) Was das Begreifen des Einen aus dem andern, was Folgern und Schließen sey? 322 5) Bestimmung des Ursprungs des Begriffs von der ursachlichen Verbindung. Die Art, wie dieser Begriff angewendet wird 323 V. Von der Verschiedenheit der Verhaͤltnisse und der allge- meinen Verhaͤltnißbegriffe. 1) Nicht alle Verhaͤltnisse koͤnnen auf Jdentitaͤt und Diversitaͤt zuruͤckgebracht werden 328 2) Klassen der allgemeinen einfachen Verhaͤltnisse 330 VI. Naͤhere Untersuchung uͤber den Ursprung unsrer Jdeen aus Empfindungen. 1) Die Empfindungen geben den Stoff her zu allen Jdeen 336 2) Jnsbesondere auch zu den Verhaͤltnißbegriffen 337 3) Die Form der Jdee haͤngt von der Denkkraft ab 340 VII. Vergleichung der verschiedenen Aeußerungen der Denk- kraft unter sich. 1) Wie die verschiedenen Aeußerungen der Denkkraft, das Unterscheiden, das Gewahrnehmen, das Beziehen der Dinge auf einander, das Erkennen, sich gegen einander verhalten 346 2) Die einfachen Denkthaͤtigkeiten, in welche die Aeus- serungen der Denkkraft bey dem Gewahrnehmen aufgeloͤset werden koͤnnen 348 3) Die des ersten Bandes. 3) Die einfachen Denkthaͤtigkeiten in den uͤbrigen Ver- haͤltnißgedanken bestehen in Beziehung und Ge- wahrnehmung S. 353 4) Gewahrnehmung der Beziehungen, ohne Ge- wahrnehmung der sich auf einander beziehenden Gegenstaͤnde. Jdeen von Raum und Zeit 357 5) Jn wie ferne alle Jdeen durch die Vergleichung gemacht werden 361 6) Von der Form der Urtheile. Jn wie ferne sie in Vergleichungen bestehen 365 7) Vom Folgern und Schließen 369 Fuͤnfter Versuch. Ueber den Ursprung unserer Kenntnisse von der objektivischen Existenz der Dinge. I. Ob die Kenntnisse von dem Daseyn der aͤußern Gegen- staͤnde als instinktartige Urtheile der Denkkraft ange- sehen werden koͤnnen? 373 II. Ob der Mensch bey dem natuͤrlichen Gang der Reflexion vorher ein Egoist seyn muͤsse, ehe er es wissen kann, daß es Dinge außer ihm gebe? 377 III. Welche Entwickelung der Gedanken erfodert werde, um zur Unterscheidung der subjektivischen und objektivi- schen Existenz der Dinge zu gelangen 380 IV. Wie zuerst die Sonderung der Empfindungen in ver- schiedene Theile und Haufen vor sich gehe? 384 V. Von dem Ursprung der Grundbegriffe des Verstandes, die zu den Urtheilen uͤber die Existenz der Dinge erfo- dert werden. Begriffe von einem Subjekt und von Beschaf- Jnhalt Beschaffenheiten. Begriff von unserm Jch, als ei- nem Dinge S. 388 VI. Fortsetzung des Vorhergehenden. Von den Gemeinbe- griffen von einem Objekt, von der Wirklichkeit, und von der Substanz 395 VII. Eine Anmerkung gegen die Jdealisten aus dem Ursprung unserer Urtheile uͤber die aͤußere Wirklichkeit der Dinge. Aus welchen Empfindungen die Jdee von der aͤußern Existenz zunaͤchst entstanden sey? 401 VIII. Jn welcher Ordnung die Gedanken von unserer eigenen Existenz und von der Existenz aͤußerer Dinge ent- stehen 411 IX. Wie wir die Theile unsers Koͤrpers als besondere Dinge kennen gelernet 415 X. Grundregel, wonach wir uͤber die subjektivische und ob- jektivische Existenz der Dinge urtheilen 415 XI. Anwendung dieser Grundregel zur Erklaͤrung der beson- dern Urtheile 416 XII. Wie daraus der Unterschied zwischen qualitatibus prima- riis und secundariis zu begreifen sey 422 Sechster Versuch. Ueber den Unterschied der sinnlichen Kenntniße und der vernuͤnstigen. I. Von der sinnlichen Erkenntniß und den dabey wirksamen Denkungsvermoͤgen. 1) Unter- des ersten Bandes. 1) Unterschied der sinnlichen Erkenntniß und der ver- nuͤnftigen S. 426 2) Erste Art der sinnlichen Kenntnisse. Reine Er- fahrungen. Reine Empfindungsideen. Unmit- telbare Empfindungsurtheile 429 3) Schwierigkeiten bey einigen unmittelbaren Em- pfindungsurtheilen, die man fuͤr mittelbare an- zusehen pflegt. Sinnliche Urtheile uͤber die sicht- lichen Groͤßen der Objekte 431 4) Zwote Art der sinnlichen Urtheile 450 5) Naͤhere Betrachtung des sinnlichen Urtheils. Ent- stehungsart desselben 450 II. Von der Natur der hoͤhern vernuͤnftigen Kenntnisse. 1) Die hoͤhere Vernunftkenntniß erfodert allgemeine Begriffe. Wie diese in der Phantasie vermittelst der Woͤrter bestehen 460 2) Ursprung der Gemeinsaͤtze der Vernunft. Ob sie allgemeine Erfahrungssaͤtze sind? 462 3) Gruͤnde gegen diese Meinung 466 Siebenter Versuch. Von der Nothwendigkeit der allgemeinen Ver- nunftwahrheiten, deren Natur und Gruͤn- den. I. Von der subjektivischen Nothwendigkeit der Gewahr- nehmungen, der Urtheile und der Schluͤsse uͤberhaupt. 1) Die hier vorkommenden Fragen. Von der Ord- nung, in welcher die Aktus des Gefuͤhls, der vor- stellenden Kraft und der Denkkraft auf einander folgen? 470 2) Von der subjektivischen Nothwendigkeit der Ur- theil e , oder Verhaͤltnißgedanken uͤberhaupt. Jn wie Jnhalt wie ferne die Denkthaͤtigkeit nothwendig erfolget, wenn die vorher erfoderte Aktus des Gefuͤhls und der vorstellenden Kraft vorhanden sind? S. 475 3) Jn wie ferne dieß bey den dunkeln Reflexionen Statt findet, ingleichen bey den ersten urspruͤng- lichen sinnlichen Urtheilen des gemeinen Verstan- des. Wie der Jdealismus und der Skepticismus moͤglich sey 475 4) Dasselbige bey den Folgerungen und Schluͤssen 481 II. Von der subjektivischen Nothwendigkeit der Denkarten, in wie fern ihre Form nothwendig durch ihre Gruͤnde bestimmet wird. 482 1) Unterschied der nothwendigen und zufaͤlligen Ur- theile, die es der Form nach sind 483 2) Allgemeiner Charakter der zufaͤlligen Urtheile 486 3) Zu den subjektivisch nothwendigen Urtheilen ge- hoͤren die Verhaͤltnißgedanken, die aus der Ver- gleichung der Dinge entspringen 486 4) Ob alle nothwendigen Urtheile zu dieser Gattung gehoͤren? Ob alle Wahrheiten nur Eine Wahrheit sind? 487 5) Die Urtheile des unmittelbaren Bewußtseyns sind subjektivisch nothwendige Urtheile 491 6) Die Schlußurtheile sind subjektivisch nothwendige Urtheile, wenn die Grundurtheile vorausgesetzet werden. Graͤnze des vernuͤnftelnden Skepticismus 492 7) Von der Nothwendigkeit in unsern Urtheilen uͤber die verursachende Verbindung 494 Erster Fall, wo diese subjektivische Nothwendigkeit nur eine bedingte Nothwendigkeit ist 496 8) Jn welchen Faͤllen sie eine innere absolute Noth- wendigkeit ist 497 9) Wie des ersten Bandes. 9) Wie weit das allgemeine Princip: Nichts wird ohne Ursache, ein subjektivisch nothwendiger Grundsatz sey? S. 501 10) Von der subjektivischen Nothwendigkeit in andern allgemeinen Denkarten. Von Suggestionssatzen 507 11) Nochmalige Aufzaͤhlung der subjektivisch noth- wendigen Denkarten und Grundsaͤtze 512 12) Von der subjektivischen Nothwendigkeit gewisser Denkarten, die eine hypothetische Gewohnheits- nothwendigkeit ist. 516 III. Von der subjektivischen Nothwendigkeit in den Denk- arten des gemeinen Verstandes. 1) Worinnen Kenntnisse des gemeinen Verstandes bestehen? 519 2) Wie die verschiedenen Arten der subjektivischen Nothwendigkeit bey ihnen zu unterscheiden sind 526 IV. Von der objektivischen Wahrheit, und von objektivisch nothwendigen Wahrheiten 530 1) Worauf es bey der Wahrheit unserer Erkenntniß von den Gegenstaͤnden ankomme. Die Vorstellun- gen als Jmpreßionen von den Dingen sind nur sub- jektivische Scheine 531 2) Was es eigentlich sagen wolle, die Objekte sind so, wie wir sie uns vorstellen? 535 3) Die nothwendigen Denkgesetze unsers Verstandes koͤnnen von uns nicht fuͤr blos subjektivische Denk- gesetze, die es nur vor uns sind, angesehen wer- den. Die allgemeinen theoretischen Wahrheiten sind nicht blos Relationes fuͤr uns 540 4) Ob unsere Kenntnisse von wirklichen Dingen blos subjektivischer Schein sey? 546 I. Band. d 5) Jn Jnhalt 5) Jn wie fern wir Vorstellungen von aͤußern Ob- jekten haben, die wir als Vorstellungen von den Dingen selbst, nicht bloß von gewissen Beschaffen- heiten und Seiten der Dinge, gebrauchen koͤnnen? S. 548 6) Das Grundgesetz, wovon die Zuverlaͤßigkeit und Realitaͤt unserer Erkenntnisse abhaͤngt 551 7) Erfordernisse bey unsern Jmpressionen, wenn die Erkenntniß nicht bloß subjektivischer Schein seyn soll 552 8) Fortsetzung des Vorhergehenden. Warum die Schoͤnheit mehr etwas blos Subjektivisches sey als die Wahrheit 554 9) Fortsetzung der Betrachtung uͤber die Erfordernisse bey unsern Jmpressionen, wenn die Erkenntniß ob- jektivisch seyn soll 559 10) Gang der gesunden Vernunft, wenn sie ihre Kennt- nisse fuͤr mehr als bloßen Schein ansieht. Beweis, daß etwas Objektivisches in unserer Erkenntniß von wirklichen Dingen enthalten sey 560 11) Worauf die Unterscheidung zwischen nothwendigen und zufaͤlligen Wahrheiten beruhe 564 12) Das subjektivische Gesetz des zufaͤlligen Bey- falls, und das Gesetz, nach welchem etwas objekti- visch fuͤr zufaͤllig erkannt wird 568 Achter Versuch. Von der Beziehung der hoͤhern Kenntnisse der raisonnirenden Vernunft zu den Kenntnissen des gemeinen Menschenverstandes. I. Was hoͤhere Kenntnisse der raisonnirenden Vernunft sind? Von der Natur der allgemeinen Theorien 570 II. Jn den absolut nothwendigen Denkarten koͤnnen sich der des ersten Bandes. der gemeine Verstand und die Vernunft nicht wider- sprechen S. 575 III. Auf welche Art die Vernunft und der gemeine Verstand sich einander widersprechen koͤnnen? Wie sie sich von selbst vereinigen, und sich wechselseitig einander be- richtigen 576 IV. Wie uͤberhaupt in allen Faͤllen bey einer wahren Dis- harmonie der hoͤhern Vernunft, und des gemeinen Menschenverstandes zu verfahren sey? 584 V. Vergleichung der entwickelten hoͤhern Kenntnisse des Verstandes mit den unentwickelten sinnlichen Kennt- nissen, in Hinsicht der Seelenvermoͤgen, welche da- bey wirksam sind 587 Neunter Versuch. Ueber das Grundprincip des Empfindens, des Vorstellens und des Denkens. I. Bestimmung des zu untersuchenden Punkts 590 II. Das Princip des Fuͤhlens faͤllt mit dem Princip des Den- kens an Einer Seite zusammen 592 III. Das Beziehen der Vorstellungen auf einander, welches zum Denken erfodert wird, ist eine Aeußerung der vor- stellenden Kraft 594 IV. Andere Gruͤnde fuͤr die Meynung, daß die Denkkraft nur in einem hoͤhern Grade des Gefuͤhls und der vor- stellenden Kraft bestehe 598 V. Erfahrungen, aus denen zu folgen scheint, daß die Aktus der Denkkraft wesentlich von den Aeußerungen des d 2 Gefuͤhls Jnhalt Gefuͤhls und der vorstellenden Kraft unterschieden sind. 1) Empfinden, Vorstellen und Denken scheinet sich einander auszuschließen S. 599 2) Das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse ist oft lebhaft, ohne daß die Gewahrnehmung der Verhaͤltnisse es auch sey 601 3) Die Aeußerung der vorstellenden Kraft bey dem Beziehen der Vorstellungen auf einander, scheinet nicht allemal den zweeten Aktus des Denkens, nem- lich das Gewahrnehmen des Verhaͤltnisses in glei- cher Maße mit sich verbunden zu haben 602 VI. Das Resultat aus den vorhergehenden Erfahrungen ist folgendes: „Das erste Stuͤck des Denkaktus, das „ Beziehen der Vorstellungen auf einander, ist eine „ selbsithaͤtige Wirkung der vorstellenden Kraft. „Das zweyte Stuͤck, das Gewahrnehmen der Be- „ziehung, ist eine neue selbsithaͤtige Aeußerung des „Gefuͤhls.‟ 1) Vorstellung und Erlaͤuterung dieser Jdee 606 2) Ursprung des Empfindens, des Vorstellens und des Denkens aus Einem Princip 611 3) Uebereinstimmung dieser Vorstellungen mit den Be- obachtungen 616 Zehnter Versuch. Ueber die Beziehung der Vorstellungskraft auf die uͤbrigen thaͤtigen Seelenvermoͤgen. I. Von der Abtheilung der Grundvermoͤgen der Seele. 1) Es ist zu vermuthen, daß die Aufloͤsung aller uͤbri- gen Seelenaͤußerungen auf Eine und dieselbige Grundkraft zuruͤckfuͤhren werde, aus der die Ver- standeswirkungen entstehen 618 2) Von des ersten Bandes. 2) Von den verschiedenen Grundvermoͤgen der Seele, Gefuͤhl, Verstand, Thaͤtigkeitskraft oder Wille S. 619 II. Von der Natur der Vorstellungen, die wir von unsern Thaͤtigkeiten haben. 1) Jede Aeußerung der thaͤtigen Kraft ist vorher in- stinktartig erfolget, ehe eine Vorstellung von ihr hat gemacht werden koͤnnen 627 2) Die instinktartigen Thaͤtigkeiten sind Aeußerun- gen der thaͤtigen Seelenkraft, die durch Empfin- dungen gereizet und bestimmet ist 629 3) Entstehungsart der Vorstellungen, die wir uns von unsern eignen Aktionen machen. Zuerst, was zu einer vollstaͤndigen Empfindung einer Aktion erfodert wird 637 4) Was in der Wiedervorstellung einer Aktion ent- halten sey. Die Vorstellung von einer Aktion ent- haͤlt einen Ansatz zu der Aktion selbst 641 III. Aufloͤsung einiger psychologischen Aufgaben aus der Na- tur unserer Vorstellungen von Aktionen. 1) Warum Leute von großer praktischer Fertigkeit in einer Art von Handlungen weniger aufgelegt sind, solche deutlich zu beschreiben, und warum umge- kehrt die Geschicklichkeit zu dem letztern so oft von der Ausuͤbungsfertigkeit getrennet ist? 650 2) Was das Wesentliche in den Fertigkeiten sey? 653 3) Worinn das Nachahmungsvermoͤgen bestehe? 664 4) Auf welche Art das Mitgefuͤhl sich aͤußere? 677 5) Die Macht der Einbildungskraft auf den Koͤrper beruhet auf Vorstellungen von Handlungen. 684 IV. Wie die vorstellende Kraft der Seele sich auf ihre Re- ceptivitaͤt und auf ihre thaͤtige Krafr beziehe. d 3 1) Das Jnhalt 1) Das Vermoͤgen, Aktionen sich vorzustellen, bezieht sich auf die thaͤtige Kraft, welche die Aktionen her- vorbringet, auf dieselbige Art, wie das Vermoͤgen, Empfindungen zu reproduciren, sich auf das Ver- moͤgen beziehet, solche anzunehmen. Die vorstel- lende Kraft ist eine hoͤhere Stufe der innern Selbst- thaͤtigkeit 686 2) Ob alle Kraftaͤußerungen der Seele als eine Be- arbeitung der Vorstellungen angesehen werden koͤnnen? Leibnitz-Wolfische Erklaͤrung von den Willensaͤußerungen 691 V. Von der Verschiedenheit der Empfindungen, in so ferne sie mehr die eine, als die andere von den Grund- vermoͤgen der Seele zur Wirksamkeit reizen 703 1) Der Grund, warum gewisse Empfindungen mehr die Empfindsamkeit erregen, andere mehr den Verstand zum Denken, und andere mehr den Willen zum Handeln bestimmen, liegt zum Theil in einer gewissen Beschaffenheit der Empfindungen 704 2) Es koͤnnen uͤberhaupt nur solche Sachen besondere Gegenstaͤnde des Gefuͤhls seyn, von welchen die Eindruͤcke besonders, und unvermischt mit den Ein- druͤcken von andern der Seele zugefuͤhret werden 707 3) Vielbefassende, lebhafte, starke und unauseinander- gesetzte Empfindungen sind die eigentlichen Gefuͤhle, welche ruͤhren und bewegen. Allzu starke Ein- druͤcke betaͤuben 710 4) Gleichguͤltige Empfindungen reizen das Empfin- dungsvermoͤgen, als Sinn betrachtet, aus demsel- bigen Grunde, aus dem sie auf die Vorstellungskraft wirken 714 5) Gemaͤßigte und mehr auseinandergesetzte Em- pfindungen reizen die vorstellende Kraft. Noch mehr auseinandergesetzte die Denkkraft 715 6) Die des ersten Bandes. 6) Die Gefuͤhle reizen unmittelbar die Empfindsam- kett, in so fern sie angenehm sind. S. 720 7) Unangenehme Gefuͤhle reizen die Thaͤtigkeitskraft. Aber diese wird am meisten unterhalten durch Beduͤrf- nisse, denen durch die thaͤtigen Bestrebungen der Seele abgeholfen werden kann, und durch Vorstellungen von vorhergegangenen angenehmen Empfindungen 724 8) Folgerungen aus dem Vorhergehenden. Das Ver- haͤltniß in den entwickelten Grundvermoͤgen der Seele haͤngt zum Theil von der Art und Weise ab, womit die Seele Veraͤnderungen von außen an- nimmt, und solche zu Empfindungen macht 727 Eilfter Versuch. Ueber die Grundkraft der menschlichen Seele, und den Charakter der Menschheit. I. Ob wir eine Jdee von der Grundkraft der Seele haben koͤnnen, und welche? 1) Was eine solche Grundkraft seyn soll? 730 2) Jst eine Vorstellung von ihr moͤglich? 733 3) Jst das Gefuͤhl die Grundkraft der Seele? 734 II. Von dem Unterscheidungsmerkmal der menschlichen Seele, und dem Charakter der Menschheit. 1) Wie fern es bey jedweder Hypothese uͤber die Na- tur der Seele dennoch einen Grundcharakter der menschlichen Seele von andern Thierseelen geben muͤsse 738 2) Die Eigenheiten der menschlichen Seele vor den Seelen der Thiere 740 3) Ob der Grundcharakter der Menschheit in der Per- fektibilitaͤt gesetzet werden koͤnne? 742 4) Ob das Vermoͤgen der Reflexion diesen Grund- charakter ausmache? 744 5) Pruͤ- Juhalt des ersten Bandes. 5) Pruͤfung der Herderischen Jdeen. Ob das Ver- haͤltniß der Extension zur Jntension in der Natur- kraft fuͤr den Grundcharakter zu halten sey? S. 748 III. Von der innern Selbsithaͤtigkeit der menschlichen Seele. 1) Worinn diese Selbsithaͤtigkeit zu setzen ist 752 2) Ein hoͤherer Grad von ihr gehoͤrt zu den Eigenhei- ten des Menschen 754 3) Wie ferne darinn der Grundcharakter der menschli- chen Seele liege? 758 4) Ob dieser Grundcharakter bestimmt sey? 761 Anhang zum eilften Versuch. Einige Anmerkungen uͤber die natuͤrliche Sprachfaͤhigkeit des Menschen. I. Aus der natuͤrlichen Vernunft- und Sprachfaͤhigkeit des Menschen kann nicht geschlossen werden, daß solche bey ihm auch hinreiche, selbst sich eine Sprache zu erfinden 766 II. Der Grund, warum vorzuͤglich die Toͤne zu Zeichen der Sachen gebraucht worden sind, lieget nicht so wohl dar- inn, daß der Sinn des Gehoͤrs ein mittler Sinn ist, als darinn, daß der Mensch die Eindruͤcke auf diesen Sinn durch sein Stimmorgan wiederum andern eben so kann empfinden lassen, als er sie selbst empfunden hat 770 III. Es ist nicht erwiesen, weder, daß der Mensch von selbst keine Sprache erfinden koͤnne; noch daß er nothwendig von selbst sie erfinden muͤsse. Es giebt einen Mittelweg zwischen diesen beiden Meinungen 772 IV. Die Sprachfaͤhigkeit ist nicht bey allen menschlichen Jndi- viduen gleich groß. Bestaͤtigung der Meinung, daß irgend einige Jndividuen sich selbst uͤberlassen eine Sprache erfinden wuͤrden 778 Erster Erster Versuch . Ueber die Natur der Vorstellungen. I. Von den Bemuͤhungen der Philosophen, Vorstel- lungen, Empfindungen und Gedanken aus ei- ner Grundkraft abzuleiten. D ie Seele empfindet, sie har Vorstellungen von Sachen, von Beschaffenheiten und Ver- haͤltnissen, und sie denket. Dieß sind Aeus- serungen ihrer Kraft, die dem gemeinen Verstande sich als verschiedene Wirkungen von ihr dargestellet haben, und deswegen auch jede ihre eigene Benennung erhalten hat. Auf der aͤußern Flaͤche der Seele sie betrachtet, bis wohin nur die gemeine Beobachtung dringet, da sind Empfindungen nicht Vorstellungen, und beide nicht Gedanken. Jede dieser Kraft-Aeußerungen zei- get sich auf ihre eigene Art, mit einem eigenen Charak- ter und hat ihre besondere Wirkungen, die von den Wir- kungen der uͤbrigen verschieden sind. Bis so weit schei- nen also diese Thaͤtigkeiten, und ihre Vermoͤgen, ver- schiedenartig zu seyn. Aber wenn nun der forschende Philosoph jene ver- schiedene Scheine zu zergliedern suchet, etwas tiefer un- ter die Oberflaͤche der Seele hineindringet, und daselbst dem Entstehen der unterschiedenen Kraft-Aeußerungen aus I. Band. A dem I. Versuch. Ueber die Natur dem innern thaͤtigen Princip der Seele nachspuͤret; wie weit hinein erstrecket sich alsdann ihre aͤußerliche Verschie- denartigkeit, und wie tief geht sie in das Jnnere hin- ein? Es ist Ein und dasselbige Wesen, die gemeinschaftli- che Quelle, aus der alle Seelen-Thaͤtigkeiten entspringen. Wo und auf welche Art theilen sie sich in die verschiedene Ausfluͤsse, welche die Beobachtung unsers Selbst uns ge- wahrnehmen laͤßt? Jst vielleicht ihre ganze Verschiedenheit bloß aͤußer- lich? Jst Empfinden, Denken, Vorstellungen machen, von welchen hier nur zunaͤchst die Rede ist, an sich eben dieselbige gleichartige Thaͤtigkeit der Seele, die nur andere Gestalten annimmt, je nachdem die Ge- genstaͤnde verschieden sind, auf welche man sie anwen- det? Oder bestehet ihre Verschiedenheit allein in der Ver- schiedenheit der Werkzeuge, durch welche das innere Princip der Seele arbeitet? wie bey den aͤußern Sinnen, wo das Empfindungsvermoͤgen dasselbige ist, aber doch in mehrere aͤußere Sinne sich zertheilet, weil die Or- gane verschieden sind, wodurch wir empfinden? Wenn es so ist; so kann man die Hoffnung fast aufgeben, hier- uͤber zur Gewißheit zu kommen, da uns die innern Or- gane der Seele, und ihre Verschiedenheiten unaufdeck- bar verborgen sind. Oder vorausgesetzt, daß es weder eine Verschieden- heit in den Werkzeugen, noch eine Verschiedenheit der Objekte, noch eine Verschiedenheit in anderen aͤußern Beziehungen sey, was dieselbige Seelen-Thaͤtigkeit dann zu einem Empfinden, dann zu einem Vorstellen, dann wiederum zu einem Denken machet, ist es denn etwa ein innerer Unterschied in den Graden, ein Mehr oder Weniger, von der jenes abhaͤnget? Jst etwa eine Vor- stellung nichts anders, als eine mehr entwickelte und staͤrkere Empfindung; und Denken nichts als ein er- hoͤhetes, der Vorstellungen. hoͤhetes, verlaͤngertes oder mehr verfeinertes Empfin- den? Auf die Beantwortungen dieser Fragen sind die Un- tersuchungen der systematischen Seelenlehrer hinausge- gangen. Alles entstehet aus Einer Grundkraft; diese wirket uͤberall auf einerley Art und nach einerley Gesetzen. Dieß ist ein Grundsaz fast bey allen. So wie die Seele fuͤr sich ein einfaches Wesen ist; so soll auch ihre wirkende Kraft einfach und einartig seyn, und auf eine und dieselbige Art wirken, wann sie wirket, und nur die Anstrengung und Staͤrke, mit welcher sie wir- ket, und die Richtung der Kraft nebst den Gegenstaͤn- den, auf welche sie sich auslaͤsset, sollen den Grund von allen Verschiedenheiten ausmachen, die wir bey ihren Aeußerungen und Thaͤtigkeiten antreffen. Da mag sie denn in sich selbst wirken, oder außer sich, sie mag wirken im Denken, im Empfinden, im Vorstellen, oder auch außer sich auf den Koͤrper im Bewegen; so koͤnnen diese Wirkungen nur in solchen Hinsichten ver- schieden seyn, als ich vorher angefuͤhret habe. Einige haben diese Einartigkeit der Seelen-Aeus- serungen nur auf solche ausgedehnet, die man bey den kuͤnstlichen Abtheilungen zu einer besondern Klasse hin- brachte; und vor andern hat man diejenigen, welche zu dem Erkenntniß-Vermoͤgen gerechnet worden sind, und unter den genannten dreyen, dem Empfinden, dem Vorstellen und Denken begriffen werden koͤnnen, als gleichartig angesehn. Zu diesen Aktionen hat man eine Grundkraft angenommen, und diese den Verstand ge- nennet. Die Willens-Aeußerungen in der Seele sind zu einer andern Klasse gebracht, und dann auch alle zu- sammen auf eine aͤhnliche Weise in eine Grundkraft auf- geloͤset worden. Hr. Sulzer nimmt zwo Grundkraͤfte in der Seele an, Verstand und Empfindsamkeit. Aber die meisten sind weiter gegangen, und ihrer Meinung A 2 nach I. Versuch. Ueber die Natur nach auf ein allgemeines Princip, auf eine Quelle alles Denkens und alles Wollens gekommen. Diese Grundthaͤtigkeit glaubten Helvetius, Con- dillac, Bonnet, auch zum Theil Search, in dem Empfinden angetroffen zu haben. Unser Leibnitz und Wolf, — eine gerechte Nachwelt wird ihnen ihre Stelle unter den Philosophen und Geisteskundigen vom ersten Rang niemals entziehen, — behaupteten: die er- ste Grundthaͤtigkeit sey eben diejenige, womit die Seele ihre Vorstellungen machet. Die Begierde der Philoso- phen, alle Beschaffenheiten eines Dinges auf ein gemein- schaftliches Princip, die verschiedenen Veraͤnderungen und Wirkungen auf Eine und dieselbige Ursache, meh- rere Aeußerungen einer Kraft auf Eine Grundthaͤtigkeit, und mehrere Vermoͤgen auf Ein Grundvermoͤgen zuruͤck- zufuͤhren; ist dem Nachdenkenden natuͤrlich. Der Ge- danke, daß man durch alle verschiedene und mannigfaltige Seiten, an welchen sich das thaͤtige Wesen auswaͤrts sehen laͤßt, bis zu seiner ersten einfachen und einartigen Kraft durchgedrungen sey, oder bis dahin durchdringen koͤnne, ist sehr schmeichelhaft. Wir sind dem Jnnern der Natur, wo sie so einfoͤrmig und bestaͤndig, als unend- lich mannigfaltig und abwechselnd in ihren aͤußern Ge- stalten ist, naͤher gekommen, und in der That ist es ein großer Gewinn fuͤr unsere Kenntniße, wenn ein solcher Zusammenhang der entfernten Folgen mit ihrem ersten Grunde irgendwo entdecket wird. Diesen Hang zum einfoͤrmigen System vergebe ich den Philosophen so ger- ne, als ich will, daß man es mir vergeben soll, wenn ich selbst etwa in der Folge von ihm verleitet und da- durch irgendwo uͤber die Evidenz der Erfahrungen und Schluͤsse hinausgegangen bin. Nur Schade, daß man so oft nur eine Wolke anstatt der Juno erhaschet. Die Natur ist ohne Zweifel in ihrem Jnnern einfach: aber auch nur in ihrem Jnnern, in ihrem Mittelpunkt; sie der Vorstellungen. sie ist es nicht in ihrem Umfang, wo sie sich mit unend- licher Abwechselung und Mannigfaltigkeit zeiget. Wie weit stehen wir von jenem Jnnern noch ab! Die Sim- plicitaͤt, die wir in den wirklichen Dingen anzutreffen mei- nen, ist nur zu oft bloßer Schein, welcher auf Dunkel- heit, Verwirrung und Einseitigkeit unsrer Jdeen beruhet, eine wahre Einfalt aus Unwissenheit ist, und sich ver- lieret, wenn die Beobachtung die Gegenstaͤnde uns naͤ- her bringet und unsere Begriffe lichter, vollstaͤndiger und vielseitiger macht. Anstatt mich dabey aufzuhalten, worinne es andere versehen haben moͤgen, will ich ihnen eingestehen, daß sie meistens alle den richtigen Weg, nehmlich den Weg der Beobachtung und der Aufloͤsung, genommen haben; aber ich muß es auch zugleich gestehen, daß ich der Muͤ- he ungeachtet, die ich mir gegeben habe, ihnen zu fol- gen, und besonders dem Gang der scharfen und tiefen Untersuchung des Hrn. Bonnet und unsers Wolfs nach- zukommen, dennoch bey ihrem Verfahren nicht so be- friediget worden sey, daß ich es nicht fuͤr noͤthig gehalten haͤtte, nochmals die ganze Nachforschung fuͤr mich selbst zu wiederholen. Jhre Fehltritte sind ihnen von andern schon vorgehalten worden, und nicht ohne einen guten Erfolg; denn bis jetzo ist es in der Philosophie noch leich- ter, einzureißen und umzustoßen, als aufzubauen und zu bessern. Es darf kaum erinnert werden, daß es, um die Grundkraft in der Seele zu entdecken, nicht genug sey, alle ihre Veraͤnderungen zusammen mit einem gemein- schaftlichen Namen zu belegen, jedwede Aeußerung et- wa ein Empfinden, oder ein Vorstellen zu nennen, und dann aus einer einfachen Empfindungs- oder Vor- stellungs-Kraft sie wiederum alle abzuleiten. Eben so wenig ist es genug, ein gewisses gemeinschaftliches Merk- mal von allen ihren unterschiedenen Arten abzusondern, A 3 und I. Versuch. Ueber die Natur und dieses Allgemeine, worunter Denken, Empfinden und Vorstellen, nebst allen uͤbrigen als besondere Arten, unter einen generischen Begrif gebracht worden sind, fuͤr das einfache Princip anzusehen, worinn der Keim von ihnen liege, aus dem sie sich entwickeln. Jede besonde- re Art der Seelen-Veraͤnderungen, in welche sie bey ei- ner kuͤnstlichen Klassification vertheilet werden, hat doch ihr Eigenes und Charakterisches. Und da ist immer die Frage: ob eben dieses Eigene nur in einer bestimmten Vergroͤßerung, in einer Aufhaͤufung oder Verlaͤnge- rung des Gemeinschaftlichen bestehe? ob es gar nur von der Verschiedenheit aͤußerer Umstaͤnde abhange? oder ob es nicht vielmehr eine innere Verschiedenheit in dem thaͤ- tigen Wesen, und in der Art und Weise, wie es thaͤtig ist, vorausseze? die Kraft sich zu entwickeln und zu wach- sen, die in den Pflanzen, in den Thieren, wirket, ist uͤberhaupt eine Entwickelungskraft. Aber dadurch ist es in Wahrheit nicht entschieden, daß diese Grundkraft in einer Art dieser Koͤrper innerlich einerleyartig mit der in der andern sey, und daß nur ein Grad mehr oder we- niger, oder ihre verschiedene Einhuͤllung in dem Samen, oder die Verschiedenheit des Orts und der Nahrungssaͤf- te sie in dem einen Fall zu einer Urkraft der organischen empfindungslosen Pflanzen, in dem andern zu der Grund- kraft der beseelten Thiere mache. Eine Aufloͤsung der Kraͤfte auf eine solche Art kann unmoͤglich den Nachdenkenden befriedigen. Aber sie soll es| auch wohl nicht nach der Meinung der angefuͤhrten Philosophen. Hr. Bonnet, Leibnitz und Wolf ha- ben etwas mehr zu erweisen gesuchet, und ich wuͤrde fuͤr mein Theil nichts mehr verlangen, als wozu sie Hofnung gemacht haben, wenn sie wirklich geleistet haͤtten, was sie haben leisten wollen. Nichts mehr — um nur allein bey den Wirkungen des Erkenntniß-Vermoͤgens stehen zu bleiben, — als dieses, daß aus der Beobachtung und der Vorstellungen. und durch die Zergliederung der Wirksamkeitsarten der Seele, wenn sie Denket, Empfindet und Vorstellun- gen machet, die innere Jdenditaͤt dieser Thaͤtigkeiten offenbar werde. Wenn es evident gemacht werden kann, daß die Bestandtheile in ihnen allen innerlich dieselben sind, daß nur ein Mehr oder Weniger, oder gar nur ei- ne aͤußere Verschiedenheit in den Mitteln und Gegen- staͤnden ihren scheinbaren Unterschied ausmache, so kann wohl weiter nichts verlanget werden. Alsdenn wuͤrde auch daraus der fruchtbare Satz gefolgert werden koͤn- nen, daß ein jedes Wesen, was zum Empfinden von Natur aufgeleget ist, entweder, wenn seine aͤußere Um- staͤnde sich aͤndern, oder, wenn ihm eine groͤßere innere Staͤrke der Grundkraft beygebracht wird, zu einem vor- stellenden und denkenden Wesen gemacht werden koͤnne. Dieß wuͤrde ein großer Schritt zu dem allgemeinen Grundsatz von der Einartigkeit aller Wesen seyn. Dieß ist das Ziel, welches man sich gesetzt hat, und es ist nur die Frage, ob man es auch erreichet habe? Jch kann mit Condillac, und noch weiter mit dem Hrn. Bonnet auf eine lange Strecke fortkommen; aber auf den Stel- len, wo sie von dem Gefuͤhl und Empfinden zum Bewußtwerden oder zur Apperception und zum Denken uͤberschreiten, und dieses aus jenem erklaͤren, was einen der wesentlichsten Punkte ihres Systems aus- machet; da deucht es mich, die Phantasie habe einen kuͤh- nen Sprung gewagt, wo der Verstand, der sich uͤber die Graͤnzlinien der Deutlichkeit nicht hinauswaget, zu- ruͤckbleiben muß. Der Weg, den ich zu dem nehmlichen Ziel genom- men habe, mag mich hinbringen, oder nicht; so habe ich fuͤr nothwendig angesehen, vor allen Dingen jedwede von diesen Seelenwirkungen, Empfindungen, Vor- stellungen und Gedanken, vorher fuͤr sich besonders zu untersuchen. Vielleicht hatte man sie noch nicht ge- A 4 nug I. Versuch. Ueber die Natur nug beobachtet, als man schon zur Vergleichung schritt, wodurch denn bey der letztern manche Dunkelheit uͤbrig bleiben muͤssen. Mit den Vorstellungen habe ich den Anfang gemacht. II. Was eine Vorstellung in dem Wolfischen Sy- stem sey. N ach dem Begrif, den Leibnitz und Wolf von einer Vorstellung gegeben haben, kann jede Modifika- tion unserer Seele, sie sey welche sie wolle, von einer ge- wissen Seite betrachtet, eine Vorstellung genennet werden. Eine jede hat ihre Ursachen, entweder außer der Seele oder in ihr selbst, und eine jede hat ihre Wir- kungen und Folgen. Diese Beziehung jedweder Seelen- Veraͤnderung auf andere Dinge, die ihre Ursachen und Wirkungen sind, hat hier dieselbigen Folgen, welche sie uͤberall hat; diese nehmlich, daß solche Ursachen und Wirkungen in einem gewissen Verstande aus ihr erkenn- bar sind, und daß sie selbst, in so ferne sie Wirkung oder Ursache ist, als ein entsprechendes Zeichen und als eine Abbildung so wohl von solchen Dingen, von welchen sie verursachet ist, als von solchen, welche sie wiederum ver- ursachet hat, betrachtet werden kann. Sollen sie in die- ser Hinsicht Vorstellungen heißen; so ist dieß eine all- gemeine Benennung, die jeder Modification der Seele zukommen kann. Es giebt eine allgemeine Analogie zwischen der Wirkung und ihrer Ursache. Die letztere druͤcket sich gleichsam in jener ab, und stellet sich durch jene und in jener dar. Dahero kann die Wirkung die Ursache, so wie die Ursache wiederum die Wirkung vor- stellen, die aus ihr erkannt werden kann, und der sie ent- spricht. Jn diesem unbestimten Verstande ist das Wort Vorstellung in der Wolfischen Philosophie geblieben. Jede der Vorstellungen. Jede Veraͤnderung in der Seele, jede Bewegung, jeder Eindruck auf sie, jede Empfindung, jeder Trieb, jede Thaͤtigkeit in ihr, fuͤhret den Verstand, der scharf genug ist, den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen durchzusehen, auf andere Sachen hin, so wohl auf die vorhergehende, von welchen sie als Wirkung abhaͤngt, als auch auf die nachfolgende, welche wiederum als Wir- kung von ihr abhaͤngen. Hiemit nun den Grundsaz ver- bunden, daß alles in der wuͤrklichen Welt in einer durch- gaͤngigen Verbindung mit einander stehe, und also auch jedwede Modifikation in der Seele eine voͤllig be- stimmte Beziehung auf jede Veraͤnderung in jedem Theil des ganzen Systems der wirklichen Dinge habe; so sind wir mit einem mal bey dem Princip der Leibnitzischen und Wolfischen Seelenlehre, daß eine jede Veraͤnderung in der Seele das Gesammte Ganze der Welt vor- stelle; und dem unendlichen Verstande, der jede Ursa- che in ihrer Wirkung, und jede Wirkung in ihrer Ursa- che, erkennt, alles dasjenige wie in einem Spiegel vor- halte, was auf sie, als Ursache oder als Wirkung, mit- telbar oder unmittelbar, eine Beziehung hat. Von dieser Seite betrachtet sind auch die Freude, der Hunger, das Verlangen, die Furcht und alle Ge- muͤthsbewegungen und Begierden und Leidenschaften, Vorstellungen, wie es die Jdeen von der Sonne, von einem Pferde, von einem Menschen, sind. Wenn es auf nichts weiter ankommt, als auf den Redegebrauch; so will ich mich gerne zu diesem bequemen. Wer ver- diente mehr Gesetzgeber in der philosophischen Sprache zu seyn, als Leibnitz? Aber was wird denn nun dadurch aufgeklaͤret, wenn wir alle Arten der Seelen-Veraͤnde- rungen Vorstellungen heißen, und also das Vorstel- lungen machen als die Grundthaͤtigkeit zu allen uͤbri- gen Wirkungsarten ansehen? und, was hier noch naͤher hergehoͤret, wo ist das Charakteristische solcher Beschaf- A 5 fenhei- I. Versuch. Ueber die Natur fenheiten, die in der gemeinen Sprache von den Ge- muͤthsbewegungen unterschieden, und Vorstellungen, Jdeen und dergleichen genennet werden? Wolf Psycholog. Rat. §. 195. hatte indessen doch einen Unterschied zwi- schen mittelbaren und unmittelbaren Perceptionen gemacht. Diese letztern beziehen sich auf ihre Objekte, auf eine solche Art, daß sie unmittelbar, ohne Zwischen- schluͤsse zu erfodern, auf andere Sachen hinweisen und selbige uns vorhalten, wie ein Portrait das Gesicht des Menschen. Wir sehen einen Baum, und es entstehet ein sichtliches Bild von einem Gegenstande, an dem Gestalt, Farbe, Groͤße, Theile und ihre Lage gegen einander, unmit- telbar aus diesem Bilde erkannt werden. Bis dahin ist die Vorstellung eine unmittelbare Perception. Aber dieses Bild ist eine Wirkung von den Lichtstralen, die in einer gewissen Menge, auf eine gewisse Art, in einer gewissen Lage und Ordnung, auf unsere Augen fallen, und davon, daß dieß geschieht, liegt die Ursache wiederum in der Groͤße, Lage, und Festigkeit des Koͤrpers und seiner Be- standtheile, welche das Licht auf eine solche bestimmte Weise zuruͤckwerfen. Alle uͤbrige Eigenschaften des Baums, die man nicht siehet, haben auf die letztge- dachte Wirkung desselben bey dem Licht, und auf den davon verursachten Eindruck durchs Gewicht, eine solche Beziehung, daß jedwede von ihnen etwas dazu beygetra- gen, und das Bild nothwendig in irgend einer Hinsicht modificirt hat. Aber diese unsichbaren Beschaffenhei- ten des Objekts muͤßten durch Raisonnements aus den Zuͤgen des Bildes geschlossen werden, wenn sie daraus erkannt werden sollten. Sie gehoͤren zu den unmittelbar vorgestellten nicht; sondern sind nur eingewickelt in dem Bilde enthalten. Durch diese Unterscheidung machte Wolf es be- greiflich, wie in einer einzigen individuellen Perception der der Vorstellungen. der Seele, der Zustand der ganzen Welt, das Gegen- waͤrtige, auch das Vergangene und Kuͤnftige, eingewi- ckelt und mittelbar enthalten seyn koͤnne. Aber er machte keinen Gebrauch davon, ein Unterscheidungs-Merkmal der eigentlich so genannten Vorstellungen von andern Seelen-Veraͤnderungen festzusetzen, ob er gleich so viel zeig- te, daß die unmittelbaren Vorstellungen nur die in uns klaren Vorstellungen seyn koͤnnen, die von uns als Vor- stellungen und Bilder der Sachen zu erkennen und zu gebrauchen sind. Es ist ohne Streit ein Merkmal unserer Modifika- tionen, welche Vorstellungen sind, daß sie andere Sa- chen und Objekte unmittelbar uns vorhalten, und durch sie erkennen lassen, so oft wir sie als Bilder gebrauchen. Und wenn wir sie nicht gebrauchen; so haben sie doch dieses als etwas Eigenes an sich, daß man sich ihrer auf eine solche Art bedienen kann. Es wuͤrde nur die Frage uͤbrig bleiben, ob man mit diesem Merkmal ausreiche, um sie von allen uͤbrigen Seelen-Veraͤnderungen voͤllig zu unter- scheiden? Wir finden gewiß keine Modifikation in uns, der wir uns selbst auf die gedachte Art bedienen koͤnnen, welche nicht auch ohne Bedenken zu der Klasse der Vor- stellungen gebracht werden koͤnnte. Nicht zwar jedweder Modifikation, aus der, als einer Wirkung, ihre Ursa- che unmittelbar erkennbar ist, oder, uͤberhaupt, von irgend einem Verstande daraus erkannt werden kann, ist eine Vorstellung in diesem besondern Sinn des Worts; aber jedwede, der wir uns selbst zu diesem Zweck auf diese Art bedienen koͤnnen, ist es. Darum wuͤrde es auch eine vorlaͤufige angemessene Erklaͤrung von der Vor- stellung abgeben, „daß sie eine solche Modifikation von uns „sey, aus der eine andere Sache unmittelbar von uns „erkannt werden koͤnne.‟ Und in der That ist diese Erklaͤ- rung fruchtbar, und fuͤhret, wenn sie entwickelt wird, zu wichtigen Folgerungen. Aber was sie mangelhaft macht, ist I. Versuch. Ueber die Natur ist theils dieses, daß ihre Entwickelung nicht leicht seyn wuͤrde, indem der Unterschied zwischen der unmittelba- ren und mittelbaren Erkennbarkeit dazu deutlich ausein- ander gesetzet werden muͤßte, wobey vieles Dunkle vorkom- men wuͤrde; theils, daß sie entweder gar nicht, oder wenigstens nicht anders als durch einen langen Umweg, auf das Eigene in der bildlichen oder zeichnenden Bezie- hung auf andere Sachen, welches wir in den Vorstel- lungen antreffen, hinfuͤhret, noch den Grund desselben, worinn das vornehmste Unterscheidungsmerkmal dieser Gattung von Seelen-Veraͤnderungen enthalten ist, auf- decket. III. Eine Reihe von Beobachtungen und Erfahrungs- Saͤtzen, die die Natur der Vorstellungen be- treffen. K eine Kritik mehr uͤber die Begriffe und Erklaͤrungen andrer. Die Leibnitz-Wolfische verdiente es, be- sonders erwaͤhnet zu werden, weil sie so oft unrichtig ange- wendet worden ist, und eben so oft ungerechte Vorwuͤrfe von andern erfahren hat. Beobachtungen muͤssen uns mit der Natur der Vor- stellungen bekannt machen. Jch will hier die Reihe von Erfahrungs-Saͤtzen, von unmittelbaren Beobachtungen und unmittelbaren Folgerungen aus ihnen, hersetzen, wor- aus sich auf einmal als in einem Entwurf uͤbersehn laͤßt, was von der Natur unsrer Vorstellungen zu der Absicht zu bemerken ist, zu der ich sie hier untersuche. Diesen Saͤtzen will ich nachher einige Erlaͤuterungen beyfuͤgen, wo ich glaube, daß solches noch noͤthig, oder doch in an- drer Hinsicht nuͤtzlich sey. Auf diese Art meine ich, we- der den Leser, der uͤber die Vorstellungen schon vieles ge- dacht hat, mit Wiederholung bekannter Sachen zu be- schwe- der Vorstellungen. schweren, noch von dem etwas auszulassen, was zur voͤl- ligen Einsicht der Sache erfordert wird. 1) Die Seele ist wirksam und thaͤtig. Sie lei- det auch, und man kann hier ohne Bedenken hinzusezen, sie leidet von andern Dingen außer ihr. Sie leidet, indem sie Eindruͤcke und Veraͤnderungen in sich aufnimmt, die von fremden Ursachen in ihr entstehen. Sie wir- ket auf sich selbst, es gehe damit zu, auf welche Wei- se es wolle. Sie ist es alsdenn, wenn sie sich in Selbst- bestimmungen aͤußert, wenn sie nehmlich ihre eigene Kraft zur Anwendung und Thaͤtigkeit mehr anstrenget, oder wenn sie sie nachlaͤsset, und abspannet. Sie ist thaͤtig, wenn sie durch ihre Kraft-Aeußerung in ihrem innern Zustande Veraͤnderungen hervorbringet. Sie wirkt außer sich heraus auf den Koͤrper; sie aͤußert Triebe und Bestrebungen, diesen oder jenen Theil dessel- ben auf gewisse Weisen in Bewegung zu setzen, und durch ihn andere aͤußere Gegenstaͤnde zu veraͤndern. Ueberdieß sind in ihr gewisse Zustaͤnde der Lust oder Unlust vorhan- den, die man Gemuͤths-Zustaͤnde, auch Empfind- nisse nennet. Und dieses ihr Thun und ihr Leiden, ih- re Veraͤnderungen und ihre Zustaͤnde, werden von ihr selbst gefuͤhlet und empfunden, und einige von ihnen mit Bewußtseyn gewahrgenommen. 2) Diese verschiedene Arten von Veraͤnderungen, die Eindruͤcke von außen, auch ihre eigene innere Be- schaffenheiten, ihre Zustaͤnde, Thaͤtigkeiten, hinterlassen in ihr gewisse bleibende Wirkungen, Folgen oder Spuren. Und diese Wirkungen oder Spuren sind un- ter sich einander aͤhnlich oder unaͤhnlich, einerley oder ver- schieden, so wie es ihre Ursachen, nehmlich jene vorher- gegangene Modifikationen und Zustaͤnde gewesen sind, von welchen sie zuruͤckgelassen worden sind. Aus diesen Verhaͤltnissen und Bezeichungen der hin- terbliebenen Spuren, gegeneinander, und auf die vor- herge- I. Versuch. Ueber die Natur hergegangene Modifikationen, die als ihre Ursachen an- zusehen sind, entspringet ihre Analogie mit diesen letz- tern. Diese Analogie bestehet in einer Einerleyheit der Verhaͤltnisse und Beziehungen deßen was in einem Dinge ist, unter sich, mit den Verhaͤltnissen und Bezie- hungen, welche die Beschaffenheiten eines andern Dinges auf einander haben. Die analogischen Dinge entspre- chen einander, wie Zeichen und Bilder den bezeichne- ten und abgebildeten Gegenstaͤnden. 3) Ob alle einzelne Modifikationen der Seele in ihr dergleichen bleibende Folgen hinterlassen oder nicht? wird durch Beobachtungen allein wohl nicht zur Gewiß- heit gebracht werden. Aber es ist außer Zweifel, daß es in solchem Falle geschehe, wo wir Vorstellungen erhalten. Einige Zustaͤnde haben solche Spuren hinterlassen, welche die Seele durch ihre innere Kraft in sich unterhal- ten, oder doch aus sich selbst wieder hervorziehen kann, wenn gleich ihre ersten Ursachen selbst aufgehoͤret haben, uns gegenwaͤrtig zu seyn. Wenn die ersten Modificationen, von denen solche Spuren zuruͤckgeblieben sind, nicht mehr da sind, so kann die Seele selbstthaͤtig solche in sich ge- wissermaßen nachbilden, indem sie die von ihnen zuruͤck- gebliebenen Abdruͤcke wiederum hervorziehen, und die ersten Zustaͤnde, obgleich in einem geschwaͤchten und oft unmerklichen Grade, aus sich selbst wieder erneuern, und sich gegenwaͤrtig darstellen kann. Dieß geschieht, indem ich mich mit den Vorstellungen von Personen beschaͤftige, mit denen ich gestern zu thun gehabt habe. Jch sehe jetzo nicht, was ich damals sahe; ich hoͤre die derzeitigen Toͤne nicht mehr; ich befinde mich nicht in der Lage und in den Umstaͤnden, worunter ich gestern war: aber ich bilde den gestrigen Zustand in mir nach; ich erneuere ihn, und zwar durch eine mir innerlich beywohnende Kraft eigenmaͤchtig, durch meine Selbstthaͤtigkeit. Dieß geschieht, indem ich die von ihnen zuruͤckgebliebenen Wirkun- der Vorstellungen. Wirkungen wieder hervorbringe und mir jetzo gegen- waͤrtig mache. 4) Hieraus ist es offenbar, daß eine Menge Spu- ren oder Abdruͤcke von vorhergegangenen Veraͤnderun- gen, jede ungemischt und abgesondert von andern, in der Seele sich erhalten haben muͤssen. Verschiedene Ver- aͤnderungen haben verschiedene Abdruͤcke hinterlassen, eben so verschieden unter sich als ihre Originale. Dieß ist eine gewisse Deutlichkeit in den Spuren. Sie zei- get sich zum wenigsten alsdenn, wenn die Spuren selbst bis dahin wieder hervorgezogen werden, daß wir sie in uns gewahrnehmen. 5) Solche Spuren ehemaliger Veraͤnderungen muß es in der Seele geben, auch dann, wenn sie nicht hervorgezogen werden. Wenn ich gleich zu einer Zeit an den Mond nicht denke; so habe ich doch eine gewisse aus der Empfindung des Mondes hinterbliebene Folge, oder eine Spur in mir, die ich, ohne den Mond von neuen anzuschauen, wieder erneuren kann. Worinne bestehet aber dieser gleichsam zuruͤckgelegte Abdruck von jener Empfindung, welcher im Gedaͤchtniß ruhet? und worinn ist solcher von der wieder erweckten Nach- bildung des Mondes unterschieden? Jst jener etwan ei- ne blosse Disposition, ein bloßes Vermoͤgen, oder eine naͤhere Anlage, oder Aufgelegtheit, so eine der Empfin- dung aͤhnliche Modifikation wieder erwecken zu koͤnnen? und worinn besteht denn eine Disposition? oder ist es dieselbige Veraͤnderung, die ehedem da war, welche in meinem Jnnern unterhalten worden ist, so wie sie aus der ersten Empfindung zuruͤckblieb? ist sie niemalen wie- der verloschen gewesen, und hatte sie nur etwas von ih- rer Staͤrke und Lebhaftigkeit verloren, was sie haben mußte, um als eine gegenwaͤrtig vorhandene wahrgenom- men zu werden; ist sie also allein an Graden und Stu- fen von der wieder erweckten, die man in sich wahrneh- men I. Versuch. Ueber die Natur men kann, wenn man an das Objekt denket, unterschie- den? Sie war, wie einige sich ausdruͤcken, wieder ein- gewickelt, als sie in dem Gedaͤchtniß ruhig lag, und wird wieder entwickelt oder ausgewickelt, wenn die Einbildungskraft sie in der Gestalt darstellet, in der wir sie erkennen, und uns durch sie an den empfundenen Ge- genstand erinnern koͤnnen. Aber alle Ausdruͤcke, womit wir diese Zustaͤnde der Vorstellungen in uns zu bezeich- nen suchen, sind metaphorische Ausdruͤcke. Wor- rinn besteht das eigentliche in der Sache selbst? Eine Frage, die die Beobachtung unmittelbar nicht entschei- den kann. Was wir hieruͤber wissen sollen, muß durch Schluͤsse heraus gebracht werden; und dahero will ich es hier uͤbergehen. Es sey, wie ihm will; so ist es in allen Faͤllen nicht nur eine aus einer vorhergegangenen Veraͤnderung zuruͤckgebliebene Spur; sondern es ist auch eine solche, welche von der selbstthaͤtigen Kraft der See- le wiederum hervorgebracht, und mit mehr oder minde- rer Muͤhe, voͤlliger oder mangelhafter ausgedruckt, mit staͤrkerer oder geringerer Helligkeit gegenwaͤrtig wieder dargestellet werden kann, ohne daß ihre erste Ursache, oder der erste Zustand, von dem sie entstanden ist, wie- derum vorhanden seyn doͤrfe. Diese Spuren sind eine Art von Zeichnungen, welche die Seele von ihren Veraͤnderungen in sich aufbehaͤlt, und eigenmaͤchtig aus ihrem Jnnern, wenn sie sich ihrer bedienen will, wieder hervorzieht. Jn ihnen sieht sie den vorigen und nun ver- gangenen Zustand, als in einer Nachbildung, die von ihm uͤbrig geblieben ist. 6) Solche von unsern Modifikationen in uns zuruͤckgelassene, und durch ein Vermoͤgen, das in uns ist, wieder hervorzuziehende oder auszu- wickelnde Spuren machen unsere Vorstellun- gen aus. Sie stellen jene Zustaͤnde, oder deren ent- ferntere Ursachen wieder dar; genug, es sind Vorstel- lun- der Vorstellungen. lungen von andern Gegenstaͤnden; Modifikationen, die etwas anders abbilden, und, wenn sie gegenwaͤrtig sind, nicht sowohl sich selbst, als ihre Gegenstaͤnde uns sehen und erkennen lassen. Und alles was wir eine Vorstellung von irgend etwas nennen, das bestehet aus solchen Modifikationen unsers Wesens, welche auf andere vorhergegangene Ver- aͤnderungen sich auf die gesagte Weise beziehen. Vor- stellungen von koͤrperlichen aͤußerlichen Gegenstaͤnden, von uns selbst, von unserm Denken und Wollen, von Ver- moͤgen, von Thaͤtigkeiten; Vorstellungen von gegenwaͤr- tigen Dingen, von vergangenen, und, so weit wir der- gleichen haben, auch von zukuͤnftigen; alle ohne Ausnah- me sind solche von vorhergegangenen Zustaͤnden in uns zuruͤckgebliebene und wieder erweckbare Spuren. Sind sie es nicht im Ganzen in der Gestalt, in der sie wieder als gegenwaͤrtig hervortreten; so sind sie doch aus Spu- ren solcher Art zusammengesetzt. Jene sind die ur- spruͤnglichen Grundvorstellungen; diese letztern kann man uͤberhaupt unter dem Namen der abgelei- teten begreifen. Diese Beziehung der Vorstellungen auf an- dere vorhergegangene Modifikationen ist der wesentliche Charakter von ihnen. Die Vorstel- lungen gehoͤren selbst auch zu unsern Modifikationen; aber dieß ist ihre Eigenheit, woran sie unter den uͤbrigen Veraͤnderungen der Seele auszukennen sind. Die Freu- de, die Hofnung, und die Begierde, sind an sich nicht Vorstellungen. Aber wenn wir vermittelst ihrer uns die aͤhnlichen Empfindniße und Zustaͤnde bey andern Menschen vorstellen; so haben wir jene Zustaͤnde selbst nicht mehr in uns; so sind es ihre in uns hinterlassene ihnen entsprechende Folgen, die durch die Eigenmacht der Seele wieder hervorgebracht und entwickelt sind. I. Band. B Als- I. Versuch. Ueber die Natur Alsdenn sind sie fuͤr uns Abbildungen von andern Dingen. Auf die Wand eines verfinsterten Zimmers faͤllt ein Bild von der Sonne durch die gegen uͤber gemachte Oef- nung; wird die Oefnung wiederum verschlossen, so ist nichts auf der Wand von jenem Bilde zuruͤckgeblieben. Wenn das Wasser, worinnen ein Stein geworfen wird, in runden Kraisen aufwallet, und wieder zu seinem vo- rigen Ebenstand zuruͤcke faͤllt; so ist keine Spur mehr von den gemachten Kraisen vorhanden, so wenig, als von dem Lauf des Schiffes in den Wellen, wenn sich der Schaum zerstreuet hat. Eine Saite hoͤret auf zu zittern, die vorhero angeschlagen war, und kommt wie- der zu ihrer ersten Lage zuruͤck. Hier sind weder das Bild an der Wand, noch der Krais im Wasser, noch die Schwingungen in der Saite Vorstellungen. Es giebt keine bleibende Folgen von ihnen in den Dingen, die solche Veraͤnderungen in oder an sich erlitten haben. Aber wenn es auch solche giebet; wenn die einmal ge- schlagene Saite auch dadurch eine Leichtigkeit empfaͤngt, kuͤnftig wiederum auf dieselbe Art zu schwingen, und schneller zu schwingen, die sie wirklich in einem gewissen Grade empfaͤnget; so kann sie von ihrer empfangenen oder gestaͤrkten Disposition zum Schwingen, doch nicht aus sich selbst wiederum zu einem wirklichen Schwung hinuͤbergehen. Soll ihr voriger Zustand in ihr erneuret werden; so muß sie wiederum von neuem angeschlagen oder angestoßen werden, wie vorher. Sie muß von neu- em also gebildet werden, wie sie es vorher war; sie selbst kann sich nicht nachbilden. Sie hat also keine Vorstel- lungen, wie die menschliche Seele hat. 7) Ob diese Vorstellungen, diese bleibende Spuren, Dispositionen oder Abdruͤcke vorhergegangener Veraͤnde- rungen in dem organisirten Gehirn sich befinden, in dem sensorio communi, in den innern Organen, in der Vor- der Vorstellungen. Vorstellungs- und Denkungsmaschine, wie Hr. Bon- net und Hr. Search glauben? ob sie allein nur in die- sem koͤrperlichen Theil unsers Jchs? nichts mehr als ideae materiales sind? und was sie daselbst sind? ob sie in wirklichen fortdaurenden Bewegungen bestehen, die schwaͤcher als die ersten Eindruͤcke, aber ihnen aͤhnlich sind? oder ob sie nur Dispositionen, Tendenzen, Leich- tigkeiten gewisse Bewegungen anzunehmen ausmachen? und was es denn mit solchen Dispositionen in den koͤrper- lichen Fibern fuͤr eine Beschaffenheit habe? oder ob sie selbst in dem unkoͤrperlichen Wesen, das wir die Seele nennen, ihren Sitz haben; Beschaffenheiten, Bestim- mungen, Einschraͤnkungen, Dispositionen, neue Anla- gen ihrer Kraft, ideae intellectuales sind? oder ob in beiden in der Seele und in ihrem Organ, zugleich so etwas zusammengehoͤriges vorhanden sey; eine idea materialis im Gehirn, eine idea intellectualis, oder Seelenveraͤn- derung in der Seele selbst? und ob dann diese letztere ei- gentlich das ist, was wir die Vorstellung nennen? Wel- che Fragen! Nach einer Menge von Vergleichungen und Schluͤssen kann man nur wahrscheinlich machen, daß es koͤperliche Beschaffenheiten in dem Gehirn wirklich ge- be, wenn Vorstellungen vorhanden sind. Worinnen sie bestehen, das gehoͤret zu den verborgensten Geheim- nißen der Natur, woruͤber man vieles muthmaaßen und dichten, aber wenig beweisen kann. Hievon an ei- nem andern Ort. Eine Physik der Seele, die auf Be- obachtungen gegruͤndet seyn soll, muß nicht damit an- fangen, daß sie die Vorstellungen in die Fibern des Ge- hirns hinsetzet; allenfalls kann sie damit endigen. So viel ist indessen eine reine Beobachtung. Die Vorstel- lungen sind in uns, in dem denkenden Menschen, in dem Eins was wir das vorstellende Wesen, die Seele, das Seelenwesen, nennen. Mehr gehoͤret nicht zu den Grundsaͤtzen der Erfahrung. B 2 8) Die I. Versuch. Ueber die Natur 8) Die Analogie der Vorstellungen mit den Ver- aͤnderungen der Seele, aus welchen sie zuruͤckgeblieben sind, machet sie geschickt, Zeichen und Bilder von diesen zu seyn. Sie entsprechen ihnen. Daraus folget nicht, daß sie auch voͤllig gleichartige Modifikationen mit den ehemaligen Veraͤnderungen seyn muͤssen. Sie sind es die meisten male, wenn sie wieder erwecket wor- den und in uns lebhaft gegenwaͤrtig, und dann oͤfters nur in einem mindern Grade der Lebhaftigkeit von je- nen unterschieden sind. Man uͤbereile sich nicht, und schließe nicht, daß sie es allemal so sind, noch weniger, daß sie es seyn muͤssen. Die Beziehung der Vorstel- lungen auf ihre vorhergegangenen Modifikationen ist die allgemeine Analogie zwischen Wirkungen und Ursachen. Sie darf auch nicht naͤher bestimmet wer- den, als diese, wenn man sie sich also gedenken will, wie sie im Allgemeinen bey allen Arten von Vorstellungen angetroffen wird. Eine solche Analogie enthaͤlt nichts mehr, als eine Jdenditaͤt in den Beziehungen. Jede Beschaffenheit der Wirkung beziehet sich auf eine gewisse Beschaffenheit in der Ursache, welche die ihr zu- gehoͤrige oder die ihr entsprechende genennet wird. Die Verhaͤltnisse und Beziehungen, worinnen die Be- schaffenheiten der Wirkung gegen einander stehen, sind aber dieselbigen, welche zwischen den ihnen entsprechen- den Beschaffenheiten in der Ursache statt finden. Dieß hindert nicht, daß nicht die Ursache und ihre Wirkung unvergleichbare und ungleichartige Dinge sind, die unter keinem bestimmten gemeinschaftlichen Begriff befasset werden koͤnnen. Es ist die Analogie nur blos Einer- leyheit in den Verhaͤltnissen der Beschaffenhei- ten; nicht die Aehnlichkeit der absoluten Beschaffenhei- ten selbst. Nicht die ganze Aehnlichkeit eines Lamms mit dem Mutterschaaf; nur die Aehnlichkeit der Statue von Stein oder Metall mit dem thierischen und beseel- der Vorstellungen. beseelten Koͤrper des Menschen, welche sie abbildet; nur so eine Aehnlichkeit, wie die Figur von dem Welt- gebaͤude, auf dem Papier mit ihrem Gegenstande, dem Weltgebaͤude hat; nur so eine ist in der Analogie be- griffen. 9) Die Veraͤnderungen der Seele, von welchen sol- che Spuren in uns zuruͤck geblieben sind, haben wieder- um ihre Ursachen, entweder in uns selbst, in andern vorhergegangenen Zustaͤnden, oder außer uns gehabt. Sie beziehen sich also auch auf die nemliche, aber ent- ferntere Art, auf die Ursachen jener Veraͤnderungen. Die sinnlichen Eindruͤcke, welche uns durch das Ge- sicht zugefuͤhret werden, entsprechen den verschiedenen aͤußern Gegenstaͤnden, von denen sie in uns verursachet werden; der Eindruck von dem Mond, dem Mond; der Eindruck von der Sonne, der Sonne u. s. w. dahe- ro kann zwischen den Vorstellungen, die sich nur zu- naͤchst auf vorhergegangene Eindruͤcke beziehen, und zwischen den aͤußern Dingen, welche die Ursachen von jenen Eindruͤcken sind, mittelbar dieselbige Analogie statt finden, die den Vorstellungen in Hinsicht auf die Ein- druͤcke unmittelbar zukommt. Also koͤnnen die Vorstel- lungen auch Zeichnungen und Abbildungen von den Ur- sachen solcher Veraͤnderungen abgeben, von welchen die Spuren in uns hinterlassen sind. 10) Dieß erschoͤpfet noch nicht die ganze zeichnen- de Natur der Vorstellungen. Sie sind nicht bloß solche Veraͤnderungen, welche wir wegen ihrer Analogie mit andern Dingen, mit Bequemlichkeit als Zeichen und Bilder dieser Dinge gebrauchen koͤnnen, und besser gebrauchen koͤnnen, als jedes andere in uns; das nicht allein, sondern sie haben uͤber dieß etwas an sich, was uns so zu sagen, von selbst die Erinnerung giebet, daß sie Zeichen von andern Dingen sind, uns auf andere von ihnen selbst unterschiedene Sachen, als Gegenstaͤnde B 3 hinwei- I. Versuch. Ueber die Natur hinweiset, und diese durch sie und in ihnen sehen laͤßt. Hier, in dieser Beschaffenheit der Vorstellungen lieget der Grund von unserm natuͤrlichen Hang zu glauben, nicht, daß wir mit Bildern und Vorstellungen von Sa- chen zu thun haben, wenn wir an diese denken, sondern daß es die Sachen selbst sind, die wir erkennen, ver- gleichen, und mit welchen wir beschaͤftiget sind. 11) Ob wir gleich durch die Vorstellungen andere vorgestellte Objekte erkennen; so koͤnnen wir doch auch jene Bilder selbst in uns gewahrnehmen und bemerken. Woher wissen wir sonsten, daß sie in uns vorhanden sind? Aber dieß Gewahrnehmen ist eine eigene Thaͤtig- keit unsrer Seele und ihrer Gewahrnehmungskraft, wel- che alsdenn gleichsam auf uns selbst zuruͤckgebogen wird, und in ein Selbstgefuͤhl uͤbergehet. Es ist ein anders, die Vorstellung einer Sache in sich aufnehmen, die Sa- che nachbilden, die Nachbildung in sich aufbehalten, sie wieder hervorziehen; und ein anders, die Vorstellung und diese Thaͤtigkeiten und deren Wirkungen in sich fuͤh- len, und beobachten. 12) Die urspruͤnglichen Vorstellungen entste- hen in uns von unsern Veraͤnderungen und Zustaͤnden, wenn diese gegenwaͤrtig in uns vorhanden sind, und ge- fuͤhlet und empfunden werden, das ist, von unsern Empfindungen. Ob diese letzt erwaͤhnte Bedingung uͤberall erfordert werde? ob wir etwan jedwede gegen- waͤrtige Modifikation fuͤhlen und empfinden? oder ob doch insbesondere bey denen ein Gefuͤhl hinzukommen muͤsse, welche sich bis dahin in uns eindruͤcken sollen, daß sie bleibende Spuren hinterlassen? oder ob auch wohl Nachbildungen in uns zuruͤckbleiben, oder doch zu- ruͤckbleiben koͤnnen, wenn gleich ihre gegenwaͤrtige Mo- difikationen entstanden und vergangen sind, ohne em- pfunden zu seyn, oder doch ohne bis zum Gewahrnehmen empfunden zu seyn, das sind Fragen, die ich hier un- entschie- der Vorstellungen. entschieden lassen, und die man vielleicht am Ende mit mehrern andern unentschieden lassen muß. Jede Un- tersuchung uͤber wirkliche Gegenstaͤnde endiget sich in sol- che Fragen, die unsere Bekenntnisse sind, daß man in das unermeßliche Feld des Unbekannten zwar mit Be- dacht hineingesehen habe, aber nichts helle und deutlich genug bemerken koͤnne. Die ersten urspruͤnglichen Vorstellungen will ich Empfindungsvorstellungen nennen. Sie sind Bilder oder Vorstellungen, wie man sie aus der Em- pfindung der Sachen erlanget, und stellen die Sachen dar, wie sie empfunden werden. Wenn solche Vorstel- lungen nach einiger Zeit wieder hervorgezogen werden, ohne daß ihre Empfindungen vorhanden sind; so koͤnnen sie noch ebendieselbigen Zuͤge an sich haben, die sie vor- her an sich hatten, und also noch jetzo die Objekte so vor- stellen, wie diese empfunden worden sind. Die er- sten Empfindungsvorstellungen, die waͤhrend| der Empfindung in uns entstehen, und erhalten werden, sind die Nachempfindungen; sie sind das, was von den Philosophen Empfindungen genennet wird, wenn man Empfindungen zu den Vorstellungen hinrechnet. Es ist in ihnen etwas eigenes, und unter diesem ein ei- gener Grad der Lebhaftigkeit, der alsdenn fehlet, wenn sie in der Abwesenheit ihrer Gegenstaͤnde wieder hervor- kommen. 13) Die Seele beweiset sich auf verschiedene Ar- ten wirksam bey den urspruͤnglichen Vorstellungen. Wenn diese einmal in uns so klar ausgedruckt vorhanden sind, daß sie bemerket werden koͤnnen; so verlieren sie zuweilen diese objektivische Klarheit wieder, wickeln sich wieder ein, wie wir sagen, und entziehen sich dem Be- wußtseyn. Einige moͤgen sich gaͤnzlich aus der Seele verlieren, oder doch so weit sich verlieren, daß sie durch ihre Eigenmacht aus ihr selbst nicht wieder erneuret wer- B 4 den I. Versuch. Ueber die Natur den koͤnnen. Alsdenn muͤssen sie von neuem aus eben solchen Zustaͤnden erzeuget werden, woraus sie das er- stemal entstanden sind, wenn sie wiederum in sie hinein gebracht werden sollen. Sie hoͤren alsdenn auch auf, Vorstellungen zu seyn. Jch sage, so etwas mag gesche- hen. Wir haben Erfahrungen, die es lehren, mit wel- cher fast unglaublichen Festigkeit die einmal angenomme- ne und tief genug eingedruckte Vorstellungen in dem Jn- nern der Seele sich erhalten, und wie leicht man sich ir- ren koͤnne, wenn man sie darum schon fuͤr voͤllig verlo- schen haͤlt, weil etwa die Seelenkraft bey ihrer gewoͤhn- lichen Anstrengung sie nicht bis zum Bemerkbarwerden wieder entwickeln kann. Aber so viel ist offenbar, daß eine große Menge von ihnen zwar verdunkelt oder einge- wickelt, aber auch durch die Eigenmacht der Seele wie- der hervorgezogen, und beobachtbar gemacht werden kann. Dahero schreiben wir der Seele, nicht nur ein Vermoͤgen, Vorstellungen in sich aufzunehmen ( facultas percipiendi ) eine Fassungskraft, zu, sondern auch ein Vermoͤgen, sie wieder hervorzuziehen, eine Wieder- vorstellungskraft, die man gewoͤhnlich die Phanta- sie oder die Einbildungskraft nennet, welche letztere Benennungen dieß Vermoͤgen, in so ferne es bildliche Empfindungsvorstellungen erneuert, am eigentlichsten bezeichnet. 14) Die urspruͤnglichen Vorstellungen sind die Materie und der Stof aller uͤbrigen, das ist, aller abgeleiteten Vorstellungen. Die Seele besitzet das Vermoͤgen, jene auseinander zu legen, zu zertheilen, von einander abzutrennen, und die einzelne Stuͤcke und Bestandtheile wieder zu vermischen, zu verbinden und zusammenzusetzen. Hier zeiget sich ihr Dichtungsver- moͤgen, ihre bildende, schaffende Kraft, und aͤußert sich auf so mannigfaltige Arten, als die schaffende Kraft der koͤrperlichen Natur, die sich zwar keinen neuen Stof, der Vorstellungen. Stof, keine neue Elemente erschaffen kann, aber durch eine Aufloͤsung der Koͤrper, welche weiter gehet, als wir mit unsern Sinnen reichen koͤnnen, und durch eine neue Vermischung eben so unsichtbarer Partikeln, neue Koͤr- perchen und neue Geschoͤpfe darstellet, die noch fuͤr un- sere Sinne einfach sind. Man umfasset die ganze Macht dieses bildenden Vermoͤgens der Seele nicht, wenn man die Aufloͤsung und die Wiedervermischung der Vorstel- lungen dahin einschraͤnket, daß sie bey jenen nur bis auf solche Bestandtheile gehen koͤnne, die man einzeln genom- men kennen muͤßte, wenn sie abgesondert, jedes fuͤr sich, dem Bewußtseyn vorgehalten wuͤrden, und das Vermi- schen der Vorstellungen als ein Zusammensetzen aus sol- chen Theilen ansiehet, die einzeln genommen bemerkbar sind. Dieß ist, wie ich wohl weiß, die gewoͤhnlichste Jdee, von dem Dichtungsvermoͤgen. Man glaubet naͤmlich, jede ganze Erdichtung muͤsse in solche Theile zer- leget werden koͤnnen, die einzeln in den ersten urspruͤng- lichen Vorstellungen, (oder auch in ihren Empfindungen) von einer bemerkbaren Groͤße vorhanden gewesen sind. Jch will unten Beobachtungen anfuͤhren, welche, wie ich meine, etwas mehreres beweisen. Die Schaf- fungskraft der Seele geht weiter. Sie kann Vorstel- lungen machen, die fuͤr unser Bewußtseyn einfach, und dennoch keinen von denen aͤhnlich sind, die wir als die einfachsten Empfindungsvorstellungen antreffen. Sie kann also in dieser Hinsicht neue einfache Vorstellungen bilden. Der Stof zu allen Vorstellungen ist dennoch allemal in den Empfindungsvorstellungen enthalten; aber er ist zuweilen in den fuͤr uns einfachen Empfindungen versteckt gewesen, oder, wenn das auch nicht ist, so ist durch die Vereinigung mehrerer einfacher Empfindungs- vorstellungen zu einer neuen Vorstellung eine so innige Mischung entstanden, daß das entstandene Produkt das Ansehen einer neuen einfachen Vorstellung erhalten B 5 hat. I. Versuch. Ueber die Natur hat. Aus der Mischung der gelben und der blauen Lichtstrahlen in dem Prismatischen Sonnenbild entstehet ein gruͤnes Licht, welches von dem einfachen Gruͤnen dar- inn unterschieden ist, daß es in blaue und gelbe Strah- len wieder zertheilet werden kann; die urspruͤnglich gruͤ- nen Strahlen sind dagegen unaufloͤslich. Aber den- noch ist es fuͤr unsere Empfindung ein einfaches Gruͤn. Etwas aͤhnliches laͤßt sich in unsern Vorstellungen an- treffen. Alle diese Aeußerungen und Thaͤtigkeiten in Hinsicht der Vorstellungen begreifet man unter den vorstellen- den Thaͤtigkeiten, und schreibet sie der vorstellenden Kraft zu. Die Vorstellungskraft ist also ein Haupt- ast, der in die schon erwaͤhnte verschiedene Vermoͤgen, Vorstellungen anzunehmen, sie wiederhervorzuziehen, und sie umzubilden, das ist, in das Perceptionsvermoͤ- gen, in die Einbildungskraft, und in das bildende Dichtungsvermoͤgen, als in so viele Zweige ausschies- set. Jch habe es nicht unbequem gefundeu, die unter- schiedenen Ausbruͤche der vorstellenden Kraft in diese drey Klassen zu zertheilen. Jede kuͤnstliche Abtheilung von der Mannigfaltigkeit der Natur, hat sonsten ihre Luͤcken und muß sie haben, woferne nicht etwa die Klas- sen durch nothwendig sich ausschließende Merkmale ge- zeichnet sind, in welchem Fall aber eine oder die andere umbestimmter charakterisirt wird, als man sie haben will. 15) Aus den Vorstellungen werden Jdeen und Gedanken. Fuͤr sich sind sie dieß nicht. Das Bild von dem Mond ist nur die Materie zu der Jdee von dem Mond. Es fehlet ihm noch die Form: die Jdee ent- haͤlt außer der Vorstellung ein Bewußtseyn, ein Gewahrnehmen und Unterscheiden, und setzet Verglei- chungen voraus, und Urtheile, sobald wir sie als eine Jdee von einem gewissen Gegenstande ansehen. Diese letztern der Vorstellungen. letztern sind Wirkungen des Gefuͤhls und der Denk- kraft, die zum wenigsten in Gedanken, von der Vor- stellung abgesondert werden koͤnnen, wenn sie gleich in der Natur innig mit ihnen verbunden sind. Eine sol- che Sonderung in Gedanken ist noͤthig, wenigstens im Anfange, um dasjenige, was die Vorstellungen allein angehet, desto ungestoͤrter uͤberlegen zu koͤnnen. Die Seele mag Bilder von den Gegenstaͤnden haben, mag diese weglegen und wieder entwickeln, mag sie verbinden und trennen, und bearbeiten, wie sie will; so ist dieß alles noch etwas anders, als diese Bilder in sich ge- wahrnehmen, sie fuͤr das erkennen, was sie sind, und sie zu dem Zweck gebrauchen, zu dem sie bestimmet sind. Die Vorwuͤrfe, die man solchen philosophischen Ab- straktionen der Seelenvermoͤgen gemacht hat, werden hier, wie ich meyne, so wenig anpassen, als bey jeder andern philosophischen Untersuchung. Sie sind nichts als Aussonderungen irgend eines oder des andern Punkts zu einer besondern naͤhern Betrachtung. Sie sind un- entbehrlich fuͤr uns, sobald es nicht sowohl um glaͤnzende und blendende Verwirrung, als um aufklaͤrende Deut- lichkeit in der Erkenntniß zu thun ist. Die bisher angefuͤhrten Saͤtze enthalten die ganze Lehre von den Vorstellungen in einem kurzen Entwurf. Die mehresten von ihnen sind eben so bekannt, als ge- wiß. Aber laͤsset sich dasselbige von allen sagen? Ei- nige Punkte beduͤrfen noch einer weitern Erlaͤuterung, und diese will ich hinzusetzen. Wie viel oder wenig ei- nem oder dem andern meiner Leser noch undeutlich oder unbekannt seyn mag, das kann ich nicht wissen. Man- ches ist auch fuͤr sich etwas Bekanntes, aber nicht in sei- nem ganzen Umfange. Jch habe mich in dem, was ich noch sagen werde, nach meiner Absicht und nach dem Beduͤrfnisse gerichtet, das ich selbst in mir fand, als ich die psychologischen Schriften, die ich fuͤr klassisch ansehe, durch- I. Versuch. Ueber die Natur durchgedacht hatte, und den Vorsatz faßte, noch ein- mal die Natur der Vorstellungen fuͤr mich zu untersu- chen. IV. Weitere Erlaͤuterung des ersten Charakters der Vorstellungen, daß sie zuruͤckgebliebene Spu- ren vorhergegangener Veraͤnderungen sind. Ob dieß bey allen Arten der Vorstellungen sich so verhalte? D er erste wesentliche Charakter der Vorstellungen ist, daß sie zuruͤckgelassene bleibende Folgen an- derer vorhergegangener Seelen-Veraͤnderungen sind. Dieß ist auch die Grundidee von ihnen in dem System des Hrn. Bonnets; nur mit dem Unterschied, daß Hr. Bonnet diese Folgen oder Abdruͤcke ins Gehirn hinsetzet. Jn den Fibern des Organs soll die sinnliche Bewegung, wenn wir empfinden, eine gewisse Disposi- tion hinterlassen, wodurch die einmal so modificirte Fiber in ihre vorige Bewegung durch eine Ursache wieder ver- setzet werden kann, die innerlich in ihr ist, ohne daß ein Eindruck von außen, wie das erstemal, dazu erfodert werde. Wenn die Disposition wieder rege gemacht, und die vorhergegangene sinnliche Bewegung, obgleich in einem schwachen Grade, erneuret wird; so ist der Seele, der thaͤtigen Kraft des Gehirns, eine Vorstel- lung gegenwaͤrtig. Ueber diesen Sitz der Vorstellung entscheide ich hier nichts. Es sey und geschehe alles das im Gehirn, was Hr. Bonnet sich darinn vorstellet: Jch sehe es so an, als wenn es in dem vorstellenden Ganzen ist, und nenne dieses Ganze hier die Seele. Hiezu kommt eine andere Verschiedenheit. Hr. Bonnet nahm den Weg der Hypothese. Er nahm willkuͤhrlich seine Grundsaͤtze an, und erklaͤrte daraus die beobach- der Vorstellungen. beobachteten und zergliederten Vorstellungen. Jch habe den Weg der Beobachtung gewaͤhlet; der doch siche- rer, wenn gleich etwas laͤnger ist. Beydes bey Seite gesetzet; so sahe Hr. Bonnet die Beziehung auf eine vorhergegangene Veraͤnderung, als ein Unterscheidungs- merkmal der Vorstellungen an, wie sie es ist. Da- durch wird vieles unnoͤthig, was hieruͤber sonst zu sagen waͤre; da ich nicht wiederholen will, was dieser scharf- sinnige Mann deutlich und auffallender, als ich es thun kann, auseinander gesetzet hat. Aber ist diese Eigenschaft eine Eigenschaft aller Vorstellungen? Auch bey den Vorstellungen, die wir von unsern eignen Gemuͤthsbewegungen haben? Hiebey stoͤßet man auf manche Dunkelheiten, die ich nicht gerne zuruͤcklassen moͤchte. Um es zur Evidenz zu bringen, daß es aus unsern Empfindungen zuruͤckgebliebene Spu- ren, als ihre Nachbildungen sind, welche in allen Ar- ten von Vorstellungen vorkommen, will ich mich der Jnduktion bedienen. Unsere Vorstellungen koͤnnen auf zwey allgemeine Klassen gebracht werden. Sie sind entweder aus den aͤußern Empfindungen entstanden, oder aus den innern. Zu jenen gehoͤren die Vorstellungen aus den Gesichtsempfindungen; die Gesichtsvorstellungen, die, so zu sagen, oben an stehen. Diese Art von Em- pfindungen und Vorstellungen sind uns am meisten be- kannt, und sind es zuerst geworden. Sie haben uns auf die Bahn gebracht, auf der wir auch die uͤbrigen Arten von Vorstellungen kennen gelernet. Gehn wir auf sie zuruͤck, und bemerken es da deutlich, wie die er- sten Empfindungsvorstellungen waͤhrend der Em- pfindung, und nachher die Einbildungen aus ihnen entstehen; so haben wir ein Jdeal fuͤr die Untersuchung bey den uͤbrigen. Und dann wird es, im Fall nicht auch bey den letztern dieselbigen Beschaffenheiten unmittelbar beobach- I. Versuch. Ueber die Natur beobachtet werden koͤnnen, genug seyn, so viel an ihnen anzutreffen, daß ihre Analogie mit den Gesichtsvorstel- lungen erkannt werde. Aus dieser ist es denn erlaubt, ihre aͤhnliche Beziehung auf Empfindungen, und ihre aͤhnliche Natur als Vorstellungen betrachtet, zum min- desten mit vieler Wahrscheinlichkeit zu bestimmen. Zu den Vorstellungen des innern Sinnes ge- hoͤren 1) die Vorstellungen, die wir von den innern Seelenzustaͤnden, von Lust und Unlust, und derglei- chen haben, die man zum Unterschied von den uͤbrigen Gemuͤthszustaͤnde nennet. Wir kennen diese Mo- difikationen unsers Wesens, und unterscheiden sie von einander; Aber bey der Frage: Ob wir eine Vorstel- lung von der Freude und von dem Verdruß haben, wie wir eine von dem Mond und dem Baum haben? stu- tzet mancher und ist in Zweifel, ob er Ja oder Nein sagen soll. Was ist die Vorstellung in dem letztern Fall? Was ist sie in dem ersten? Die Beobachtung und die Vergleichung muß entscheiden. 2) Wir haben Vor- stellungen des innern Sinns von den Selbstbestim- mungen unserer Kraͤfte, von unsern Thaͤtigkeiten und von ihren Wirkungen; von solchen, die man der erkennenden Kraft der Seele zuschreibet, von Fuͤh- len und Empfinden, von den Denkarten, und selbst von den vorstellenden Thaͤtigkeiten, imgleichen von andern Thaͤtigkeiten, Trieben, Bestrebungen, und ih- ren Wirkungen, die auf eine Veraͤnderung unsers innern oder aͤußern Zustandes hinaus gehen, und die unter der gemeinschaftlichen Rubrik der Willensaͤußerungen gewoͤhnlich zusammen genommen werden. V. der Vorstellungen. V. Von den Gesichtsvorstellungen. Entstehungsart derselben. Unterschied zwischen Empfindung und Nachempfindung. Einbildung. E ine gespannte Saite eines Jnstruments faͤhret eine Weile fort, nachzuschwingen, wenn sie ein- mal angeschlagen oder gedruckt worden ist, und der Per- pendikel, welcher angestoßen worden ist, setzet noch seine Schwingungen fort, ob er gleich nun nicht mehr von der Hand, die ihn anstieß, beruͤhret wird. Die Saite nimmt in dem ersten Augenblick die Bewegung auf, und wirket zugleich zuruͤck auf den Koͤrper, der sie anschlaͤget, und erschuͤttert. Dieser Empfang der Bewegung, und die damit verbundene Ruͤckwirkung mag eine Thaͤtigkeit seyn, oder nur etwas leidendes; so ist beydes schon nicht mehr vorhanden, wenn die Saite zu zittern fortfaͤhret. Der stoßende Koͤrper hat sich alsdenn entfernet, und die Ruͤckwirkung hat aufgehoͤret. Jhre Bewegung in dem folgenden Augenblick ist die Fortsetzung derjenigen, wel- che sie von der wirkenden Kraft empfangen hat. Jene ist ein nachgebliebener Zustand in der Saite, in welchem sie nichts mehr von außen aufnimmt, und auch nicht mehr auf die aͤußere Kraft zuruͤckwirket. Da ist also ein anderer von dem erstern unterschiedener, und wesentlich unterschiedener Zustand in ihr. Diese Nachschwingungen hoͤren in der Saite allmaͤhlig auf, theils durch den Widerstand der aͤußern Luft, theils der Hindernisse wegen, welche in der Stei- figkeit der Saite selbst liegen. Endlich kommt die Sai- te dem Ansehen nach gaͤnzlich wiederum zu ihrer ersten Ruhe. Alsdenn ist alle Spur des ersten Schlages ver- loschen. So scheinet es wenigstens zu seyn. Es ist aber nicht voͤllig also. Die Kunstverstaͤndigen sagen, ein Jnstrument muͤsse vorher recht ausgespielet worden seyn, I. Versuch. Ueber die Natur seyn, ehe es seine Toͤne am vollkommensten nnd reinsten angeben koͤnne. Die Saite muß auch nach einigem Ge- brauch von neuem wieder gestimmet werden, und zuletzt verlieret sie blos durch den allzuhaͤufigen Gebrauch den noͤthigen Grad der Elasticitaͤt. Es muß also von der ersten Bewegung eine gewisse Wirkung in dem Koͤrper und in der Kraft der Saite zuruͤckgeblieben seyn, die in den einzelen Schwingungen unbemerkbar war, aber in der Folge sich offenbarte. Gleichwohl hat die Saite, wie es oben schon erinnert worden ist, keine Kraft, sich selbst, in einen ihrer vorigen Schwuͤnge wieder zu ver- setzen. Dieß Beyspiel soll nichts beweisen; sondern nur auf den Unterschied zwischen den Empfindungen und den Nachempfindungen, als den zuerst entstehenden Empfindungsvorstellungen aufmerksam machen. Wir richten die Augen auf den Mond. Die Licht- strahlen fallen hinein, durchkreuzen sich in ihnen, laufen auf der Netzhaut in ein Bild zusammen, ruͤhren den Sehenerven sinnlich; und in dem Jnnern von uns, in der Seele, entstehet, auf welche Art es auch geschehe, eine Modifikation, ein Eindruck, den wir fuͤhlen. Da ist die Empfindung des Mondes, aber noch nicht die Vorstellung desselben. Diese Modifikation bestehet eine Weile in uns, wenn gleich von außen kein Lichtstrahl mehr ins Auge hinein- faͤllt. Da ist die Nachempfindung, oder die Em- pfindungsvorstellung des gegenwaͤrtigen Objekts, oder auch die Empfindung selbst, als eine Vorstel- lung des Gegenwaͤrtigen betrachtet. Dieß Fortdauern des sinnlichen Eindrucks ist außer Zweifel. Es ist die Ursache, warum eine schnell in einem Kreis herumgedre- hete gluͤende Kohle den Schein eines ganzen leuchtenden Kreises hervorbringet. Diese und andere gemeine Er- fahrungen lehren uns, daß der Eindruck, den man von einem gesehenen Gegenstande erlanget hat, ein ge- wisses der Vorstellungen. wisses Zeitmoment, ohne Einwirkung der aͤußern Ursache in uns fortdauert. Man kann sogar die Laͤn- ge dieser Dauer in den Nachempfindungen be- stimmen. Wenn man solche nimmt, die am geschwinde- sten wieder vergehen, aber auch stark genug gewesen sind, um gewahrgenommen zu werden; so ist die kleinste Dauer in den Gesichtsempfindungen 6 bis 7 Terzen, bey den Nachempfindungen des Gehoͤrs nur 5 Terzen und noch kuͤrzer bey den Nachempfindungen des Ge- fuͤhls. Die Gefuͤhlseindruͤcke dauren kaum halb so lange, als die Eindruͤcke auf das Gehoͤr, wie ich aus einigen Ver- suchen weiß, die ich hieruͤber angestellet habe, deren weitere Anzeige hier aber nicht her gehoͤret. Der Augenblick, in welchem der Gedanke in uns entsteht: ich sehe den Mond; oder der Mond sieht so aus; kurz der Augenblick der Reflexion faͤllt in das Moment der Nachempfindung. Nicht waͤh- rend des ersten von außen entstehenden Eindruckes, wenn wir noch damit beschaͤftiget sind, die Modifikation von außen anzunehmen und zu fuͤhlen, geschieht es, daß wir gewahrnehmen und mit Bewußtseyn empfinden, son- dern in dem Moment, wenn die Nachempfindung in uns vorhanden ist. Die Ueberlegung verbindet sich mit der Empfindungsvorstellung, aber nicht unmittel- bar mit der Empfindung selbst. Man kann sich auch gerade zu aus Beobachtungen hievon versichern. Wenn wir z. B. die Augen starr auf einen Gegenstand hinrichten, um sein Bild in uns aufzufassen; so denken wir in diesem Augenblick nicht, daß wir ihn sehen. Sobald wir uͤber den Gegenstand reflektiren; so finden wir ihn zwar vor uns gegenwaͤr- tig, und sein Bild ist in uns, aber wir sind nicht mehr damit beschaͤftigt, es in uns aufzunehmen. Ueberdieß I. Band. C kann I. Versuch. Ueber die Natur kann die Bemerkung einiger andrer Umstaͤnde den Un- terschied zwischen der ersten Empfindung und der Nachempfindung außer Zweifel setzen. Bey dem Sehen ist es entschieden, daß der Ein- druck von dem Gegenstande selbst seine Zeit haben muß, ehe er helle und stark genug wird, um gewahrgenom- men zu werden. Die Kugel, die aus einer Buͤchse ge- schossen wird, beweget sich vor unsern Augen vorbey, und wird nicht gesehen, weil das Licht, das von ihr ins Auge kommt, nicht stark genug ist, eine bemerkbare Nachempfindung hervorzubringen. Aus derselbigen Ur- sache sehen wir die von einander abstehende Spitzen eines gemachten Sterns alsdenn nicht, wenn der Stern schnell herumgedrehet wird, und allemal ist der Schein, den ein schnell herumgedreheter Koͤrper verursachet, nur ein matter Schimmer, wenn es nicht ein fuͤr sich selbst leuch- tender Koͤrper ist. Jeder Punkt in dem Umfang des Raums, durch den die aͤußersten Enden des Koͤrpers geschwinde herumbeweget werden, giebt einen Schein; aber weil der Koͤrper sich nicht lange genug in einem je- den Punkte des Raums aufhaͤlt, um lebhaft daselbst gesehen werden zu koͤnnen; so giebt er in jedem dieser Punkte auch nur einen schwachen Schein von sich. Da- hero kann auch die schnelleste Vorstellungskraft einen Ge- genstand nicht mit Einem und dem ersten Blick schon fassen; sondern es wird eine Zeit dazu erfordert, und eine Wiederholung der ersten Eindruͤcke, wenn die nach- bleibenden Zuͤge bis zu einer gehoͤrigen Tiefe eindringen, und die noͤthige Festigkeit erlangen sollen. Hiezu kommt bey dem Sehen, daß der Eindruck nicht allein nur nach und nach, sondern auch unterbro- chen hervorgebracht wird, so, daß zwischen den kleinern auf einander folgenden Eindruͤcken gewisse Momente der Zeit vergehen, waͤhrend welcher das, was in uns ist, eine Nachempfindung ist, oder eine bestehende Folge von der Vorstellungen. von demjenigen, was durch die vorhergegangene Ein- wirkung hervorgebracht war. Die Nachempfindung verlieret sich bald wieder, wenn man aufhoͤret, die Augen auf den Gegenstand zu richten, ob sie gleich in einigen Faͤllen, wo der Ein- druck lebhafter gewesen ist, etwas laͤnger und merklicher als in andern fortdauret. Man wird z. B. das Bild der Sonne, wenn man sie angesehen hat, nicht sogleich wieder aus den Augen los, aber es wird doch bald so weit geschwaͤchet, daß diese Nachempfindung des zweeten Grades, wenn ich so sagen soll, von der er- sten, welche waͤhrend des fortgesetzten Anschauens vor- handen ist, leicht unterschieden werden kann. Die Beobachtungen und Untersuchungen der Optiker uͤber das Sehen, fuͤhren zu noch mehrern Bemerkun- gen uͤber die Beziehung der Nachempfindungen auf die Empfindungen, oder die erst empfundene Ein- druͤcke, davon etwas aͤhnliches auch bey den uͤbrigen Empfindungsarten vorhanden ist. Sehr oft haͤnget die Beschaffenheit des Eindrucks von einer vorhergegan- genen Modifikation des Organs ab; und ist nicht im- mer ebenderselbige, wenn er gleich von einerley Gegen- staͤnden entspringet. Was die Nachempfindungen betrifft: so entsprechen sie zwar gemeiniglich den Em- pfindungen, wovon sie die Fortsetzungen sind; aber es giebt auch Faͤlle, wenn z. B. die Empfindung allzu lebhaft gewesen ist, in welchen sie davon abweichen. So zeigen sich z. B. zuweilen eben solche Farben an den Ge- genstaͤnden in der Nachempfindung, als in der Empfin- dung gesehen worden. Scherffer. diff. de coloribus accidentalibus diff. Vin- dob. 1761. §. XVII. Die vom Hrn. von Buͤffon so ge- nannten zufaͤlligen Farben, oder die blos erscheinende Farben gehoͤren zwar nicht alle, aber doch groͤßten- theils hieher. Und das nemliche kann in C 2 den I. Versuch. Ueber die Natur den schon vorher erwaͤhnten geschwaͤchten Bildern, die uns nach dem Anschauen der Sonne noch eine Zeitlang vor Augen schweben, bemerket werden; denn diese ver- aͤndern ihre Gestalten. Viele andere Erfahrungen be- staͤtigen eben dasselbige. Die Nachempfindung, die erste nemlich — die folgende Veraͤnderungen der Bilder bey Seite gese- tzet — ist die Vorstellung, welche in der Empfindung er- zeuget wird. Und diese ist also wenigstens eben so sehr von der Empfindung selbst unterschieden, als die Nach- schwingungen in einer elastischen Saite von ihrer entste- henden Bewegung in dem ersten Augenblick sind, da sie der Wirksamkeit der aͤußern Ursache noch ausgesetzet ist. Jn dem Augenblick, da wir empfinden, leiden wir, und wirken zuruͤck im Gefuͤhl. Aber in der Nach- empfindung wird nichts mehr angenommen, und es wird auch nicht zuruͤck gewirket, sondern nur unterhalten, was schon hervorgebracht ist. Und darum kann eben alsdenn die Seele desto freyer mit ihrer Ueberlegungs- kraft sich bey dem Bilde beschaͤftigen. Es laͤßt sich hieraus begreifen, wie zuweilen der sinn- liche Eindruck, und auch das Gefuͤhl desselben, oder die Empfindung voͤllig, stark, lebhaft, deutlich und scharf genug von andern unterschieden seyn koͤnnen, ohne daß die in uns bestehende Nachempfindung es auch sey. Es kann die letztere verwirrt und matt seyn, wo die erste Empfindung es nicht ist. Sollte sich derglei- chen nicht auch wirklich bey den Kindern eraͤugnen? Hat nicht vielleicht ihr innerliches Gesichtsorgan noch zu we- nig Festigkeit, um Eindruͤcke, die es wie ein weicher Koͤrper aufnimmt, auch die Zeit durch in sich zu erhal- ten, als es noͤthig ist, um feste Empfindungsbilder zu er- langen? Mir ist dieses nicht unwahrscheinlich, und das, was den Erwachsenen zuweilen unter gewissen Umstaͤnden begegnet, bringt jene Muthmaßung fast zur Gewißheit. Die der Vorstellungen. Die Nachempfindungen sind Modificationen in der Seele, so wie es die Emfindungen sind. Als Nach- empfindungen sind sie zuruͤckgebliebene und durch innere Ursachen und Kraͤfte fortdaurende Veraͤnderungen. Hierinn sind sie von den sinnlichen Eindruͤcken unter- schieden, als welche Wirkungen von aͤußern Ursachen sind. Aber sollten jene auch Seelenbeschaffenheiten seyn? Sind es die Organe, und bey dem Gesicht die Sehenerven, welche durch eine ihnen beywohnende Kraft die empfangenen sinnlichen Bewegungen, wie die Saite auf dem Jnstrument ihre Schwingungen, fortsetzen, und solche der Seele zum Empfinden und Fuͤhlen vor- halten? Wenn es so ist; so wird in der Seele die Nachempfindung und die Empfindung selbst einerley seyn. Denn so kann die erstere in der Seele nichts anders, als ein fortgesetztes oder wiederholtes Aufnehmen des Ein- drucks seyn, wobey sie selbst nur ihre Reaktion gegen das Gehirn, oder ihr Gefuͤhl fortsetzet, ohne in sich durch ihre Selbstthaͤtigkeit etwas zu unterhalten. Oder| ist die Nachempfindung, in so ferne sie eine unterhaltene Folge des Eindrucks ist, vielmehr in der Seele? Giebt diese etwa die thaͤtige Kraft dazu her? Oder endlich, ist sie in beiden zugleich? Das erste ist ein Princip in dem System des Hrn. Bonnets. Jch setze aber diese Fra- gen nur her, wie ich es schon vorher mit andern aͤhnli- chen gethan habe, um die Erinnerung zu geben, daß man nicht unmittelbar in die Beobachtungen das psycho- logische System hineinbringen muͤsse. Es sey genug, daß es sich so, wie es hier angegeben worden ist, in dem Menschen, dem sehenden Dinge, verhalte. Die wieder hervorgezogenen ersten Empfindungs- vorstellungen, die man Phantasmata oder Ein- bildungen nennet — Wiedervorstellungen kann man sie nennen, wenn es nicht besser waͤre, diese letztere Benennung allgemeiner auf alle Arten von wiederhervor- C 3 gebrach- I. Versuch. Ueber die Natur gebrachten Vorstellungen auszudehnen, sie moͤgen Em- pfindungsvorstellungen seyn, oder nicht. — Die Einbildungen also sind offenbar nichts anders, als die ersten Nachempfindungen in einem weit schwaͤchern Grade von Licht und Voͤlligkeit, und wir nehmen sie im Schlaf und auch zuweilen im Wachen fuͤr Empfindun- gen an. Aber auch alsdenn zeiget sich doch der erste Un- terschied zwischen Empfindungen und Nachempfindun- gen, wenn sie gleich beide nur wieder erneuert als Ein- bildungen sich darstellen. Jm Schlaf glauben wir zu sehen. Nun ist zwar kein Eindruck von außen auf das Auge vorhanden, und also ist auch keine wahre Nach- empfindung da. Aber es ist doch eine Nachbildung, so- wohl von der Empfindung, als von der Nachempfindung vorhanden. Es ist naͤmlich wiederum ein Unterschied vorhanden, zwischen dem ersten Entstehen des sinnlichen Bildes, welches hier ein Wiederhervorbringen ist, wo- bey wir mit dem Gefuͤhl eben so reagiren, wie bey der wahren Empfindung; und zwischen dem Fortdauren des wiederhervorgebrachten Bildes, womit die Reflexion uͤber das Objekt verbunden ist. Am deutlichsten zeiget sich dieses in den sogenannten unaͤchten aͤußern Empfindungen. Das Auge kann aus innern Ursachen im Koͤrper mit einer gleichen, oder doch jener in der wahren Empfindung nahekom- menden Staͤrke sinnlich geruͤhret werden, auf eine aͤhn- liche Art, wie es bey der wahren Empfindung durch das hineinfallende Licht geschieht. Es giebt mehrere Ursa- chen, die solche falsche Empfindungen veranlassen koͤn- nen. Man sehe des Hrn. von Unzers Physiologie der thie- rischen Koͤrper, §. 148. 378. Aber dennoch ist in diesen Faͤllen die Empfin- dung selbst von ihrer Nachempfindung eben so offenbar unterschieden, als sie es bey den aͤchten Empfindungen ist. Wer der Vorstellungen. Wer ein Gespenst siehet, wo nichts ist, empfaͤngt einen Eindruck auf das Jnnere seines Sehwerkzeugs, und nimmt die damit vergesellschaftete Modifikation in der Seele auf, fuͤhlet sie. Bis so weit geht die falsche Em- pfindung. Nun unterhaͤlt sie diesen Eindruck in sich, und empfindet nach. Alsdenn nimmt er sie gewahr, und reflektirt daruͤber, wie uͤber eine Empfindungsvor- stellung eines aͤußern gegenwaͤrtigen Dinges. Die Einbildung eines gesehenen Gegenstandes ist also die wieder erweckte Nachempfindung desselben, in ei- nem schwaͤchern Grade ausgedruͤckt. Die Einbildun- gen gehoͤren dahero zu den Empfindungsvorstel- lungen, oder zu den urspruͤnglichen Vorstellungen; ob sie gleich nicht mehr die ersten selbst sind, sondern ihre Wiederholungen. Die Stufen der Lebhaftigkeit aber und der Deutlichkeit und Voͤlligkeit in den Einbildun- gen sind unendlich mannigfaltig: man mag entweder die Einbildungen unter sich vergleichen, oder auf das Verhaͤltniß sehen, worinn die Lebhaftigkeit und Deut- lichkeit einer jeden Einbildung mit der Lebhaftigkeit und Deutlichkeit der Empfindung stehet, zu welcher sie gehoͤ- ret. Zuweilen sind sie die mattesten Nachbildungen, und enthalten nur einige wenige Zuͤge von der Empfin- dung. Zu einer andern Zeit sind sie deutlichere Bilder, und so kenntliche Schatten, wie Aeneas in den Elisaͤi- schen Feldern antraf. Oefters bestehet fast die ganze Reproduktion mehr in einem Bestreben, eine ehema- lige Empfindung wieder hervorzuziehen, als daß sie eine wirklich wiedererweckte Empfindung selbst genennet wer- den koͤnnte. Oft sind es nur rohe Umzuͤge der Sachen, oft nur eine oder andere Seite; nur eine oder andere Beschaffenheit, Verhaͤltniß und dergleichen, was bis dahin wieder erneuert wird, daß es wahrgenommen wer- den kann; zuweilen sind es die staͤrksten Gemaͤhlde, die den Empfindungen nahe kommen, je nachdem die re- C 4 produ- I. Versuch. Ueber die Natur producirende Kraft mehr oder weniger auf sie gerichtet und verwendet wird. Da wir dem kuͤrzesten und leich- testen Weg von Natur nachgehen; so geschiehet es, daß anstatt einer Empfindung, die mehrere Anstrengung erfo- dert, wenn sie reproduciret werden soll, eine andere wie- der erneuert wird, welche mit jener vergesellschaftet ge- wesen ist, und deren Reproduktion leichter und geschwin- der geschehen kann. Der Name vertritt die Stelle der Sache. Die Einbildung des Worts ist voͤllig und leb- haft, aber die begleitende Einbildung der mit dem Wort bezeichneten Sache, ist oft so schwach, daß sie nur ein Ansatz zu der voͤlligen Wiederdarstellung genennt wer- den kann. VI. Die nemliche Beschaffenheit der Vorstellungen bey den Empfindungsvorstellungen des Gehoͤrs und der uͤbrigen aͤußern Sinne. A lles ist im Allgemeinen dasselbige bey den Vorstellun- gen aus dem Gehoͤr, dem Gefuͤhl, dem Ge- schmack und dem Geruch, wie bey den Gesichts- vorstellungen. Die aͤußern Gegenstaͤnde modificiren die Seele. Es entstehet ein sinnlicher Eindruck, der gefuͤhlet wird, die Empfindung. Die Empfindung hinterlaͤsset eine Nachempfindung, und die Einbil- dungen aus diesen Sinnen sind geschwaͤchte Nachgepraͤ- ge der ersten Nachempfindungen und der sinnlichen Ein- druͤcke. Diese drey unterscheidbare Modifikationen ha- ben in allen Arten der Empfindungsvorstellungen im All- gemeinen dieselbige Beziehung auf einander; sie sind in derselbigen Analogie mit einander, und entsprechen sich. Der Unterschied gehet hierinn nicht weiter, als auf das Mehr oder Weniger, auf Schwaͤche und Staͤrke, auf die laͤngere oder kuͤrzere Dauer, auf die mindere oder groͤßere der Vorstellungen. groͤßere Leichtigkeit, womit die Selbstkraft der Seele das, was sie dabey zu bewirken hat, hervorbringen kann. Die Vorstellungen des Gesichts haben große Vorzuͤge vor den Vorstellungen aus den uͤbrigen aͤußern Sinnen, wodurch vielleicht einige Philosophen in ihren Untersuchungen uͤber den menschlichen Verstand verleitet worden sind, gegen die letztern ungerecht zu seyn. Die Griechen benannten die Vorstellungen, wenn man sie als Zeichen ihrer Gegenstaͤnde gebrauchet, Jdeen vom Sehen, und es ist gewoͤhnlich zu glauben, man habe nur alsdenn erst eine Vorstellung von einer Sache, wenn man so ein Bild davon in sich hat, als man erhaͤlt, wenn man sie sehen kann. Die uͤbrigen Vorstellungen scheinen von dem Wesentlichen der Jdeen und Bilder von Gegenstaͤnden wenig oder nichts an sich zu haben. Nun ist es zwar offenbar, daß der Vorzug der Gesichts- vorstellungen in mancher Hinsicht allein sehr groß ist; das Gesicht ist der Sinn des Verstandes. Aber diese Vorzuͤge bestehen doch nur in Graden, und nicht im Wesentlichen, in so ferne sie nemlich Vorstellungen fuͤr uus sind. Denn die Vorstellungen des Geruchs und des Geschmacks sind in eben dem Sinn Vorstellungen, wie es die Bilder des Gesichts sind, und haben diesel- bige Natur als Vorstellungen; nur so vollkommne, so auseinandergesetzte, so leicht reproducible, und dahero so allgemeinbrauchbare Vorstellungen sind sie nicht. Unter die Vorzuͤge des Gesichts gehoͤret zuvoͤrderst folgender, der zugleich ein Grund von mehrern andern ist. Die Nachempfindungen dieses Sinnes bestehen eine laͤngere Zeit in uns, nachdem die sinnlichen Einwir- kungen der aͤußern Gegenstaͤnde schon aufgehoͤret haben, als die Nachempfindungen des Gehoͤrs und des Gefuͤhls. Die einzele beobachtbare Eindruͤcke auf das Gefuͤhl er- halten sich kaum durch eine halb so lange Zeit, als die Nachempfindungen des Gehoͤrs, und diese letztern ver- C 5 schwin- I. Versuch. Ueber die Natur schwinden eher, als die Nachempfindungen des Gesichts, wie ich oben schon bemerket habe. Die Nachempfin- dungen des Gehoͤrs haben eine mittlere Dauer. Wenn diese Verschiedenheit auch weiter keine Folgen haͤtte, als daß der Reflexion dadurch eine laͤngere oder kuͤrzere Zeit verstattet wird, um die Empfindung zu beob- achten und Denkungsthaͤtigkeiten mit ihr zu verbinden; so ist auch dieß schon so erheblich, daß es Aufmerksam- keit verdienet. Aber dieselbigen Erfahrungen, woraus wir diesen Vorzug der Gesichtsempfindungen erlernen, sind zugleich der offenbarste Beweis, daß es dergleichen einige Mo- mente in uns bestehende Nachempfindungen auch bey den Empfindungen des Gehoͤrs und des Gefuͤhls gebe. Man kann, ohne viele kuͤnstliche Veranstaltungen zu machen, ein kleines Rad schnell herumdrehen, und ver- mittelst eines feinen biegsamen elastischen Draths, bey jedem Umlauf, die Hand oder das Gesicht auf eine sanf- te aber bemerkbare Art beruͤhren lassen. Wenn die Ge- schwindigkeit des Umlaufs bis zu einer gewissen Groͤße kommt; so wird die Empfindung in eines fortgehend zu seyn scheinen, ohnerachtet es doch gewiß ist, daß die Eindruͤcke von außen eine unterbrochene Reihe aus- machen, und durch eine Zwischenzeit von einander abge- sondert sind, welche so groß ist, als die Zeit, in der das Rad umlauft, und der Drath die Hand wiederum be- ruͤhren kann, nachdem er sie das naͤchste mal beruͤhret hat. Daß es bey den Empfindungen des Gehoͤrs auf die nemliche Art sich verhalte, nehme ich hier an, als etwas, das schon bekannt ist. Die Einbildungen der Toͤne, der verschiedenen Ge- ruchsarten u. s. f. beweisen es unwidersprechlich, daß aus den ersten Empfindungen in uns etwas zuruͤckgeblie- ben sey. Es mag so wenig seyn, als es wolle; so kann es durch eine innere Ursache in uns, ohne den empfun- denen der Vorstellungen. denen Gegenstand vor uns zu haben, wieder hervorgezo- gen, entwickelt, und bis zu einer bemerkbaren Nachbil- dung der ersten Empfindung bearbeitet werden. Hierinn hat wiederum die Empfindung des Gesichts den Vorzug, daß sie leichter und mit einer groͤßern Deutlichkeit re- produciret werden kann, als die uͤbrigen. Ein Theil dieses Vorzuges hat in einem natuͤrlichen und nothwen- digen Verhaͤltnisse der Sinne seinen Grund; aber ein großer Theil ist hinzugekommen, indem der natuͤrliche Vorzug die Veranlassung gegeben hat, bey der Verbin- dung der Vorstellungen ihn auf diese Weise groͤßer zu machen. Die dunklern Vorstellungen der niedern Sin- ne, des Geschmacks, des Geruchs, des Gefuͤhls, und auch wohl des mittlern Sinnes, des Gehoͤrs, werden mit den Vorstellungen des Gesichts verbunden; die Jdee von dem Geschmack der Citrone mit der Vorstellung von ihrer Figur und Farbe; die Vorstellung von dem Ge- ruch der Rose mit der mehr klaren Vorstellung von ihr, die das Anschauen giebet. Nun ist der erste natuͤrliche Vorzug an leichterer Reproducibilitaͤt, den die Gesichts- empfindung hat, die Veranlassung, daß wir am meisten auf die letztern die Aufmerksamkeit verwenden, und da- durch jenen ersten Vorzug noch groͤßer machen. Wir legen naͤmlich die uͤbrigen Vorstellungen gleichsam um die Gesichtsvorstellung herum, und machen aus allen zusammen ein Ganzes, wobey die Gesichtsvorstellung die Grundlage oder das Mittel ausmacht. Und wenn nun dieses Ganze eingebildet werden soll; so uͤberheben wir uns oͤfters der Muͤhe, die dunklen Vorstellungen der uͤbrigen Sinne selbst wieder hervorzubringen. Die letz- tern lassen eine groͤßere Menge von kleinen Modifikatio- nen in sich, und erfodern eine groͤßere Selbstthaͤtigkeit bey der Reproduktion, weswegen wir es dabey bewen- den lassen, wenn nur die begleitende Gesichtsvorstellun- gen in uns erneuret werden, und hoͤchstens die ersten kenn- baren I. Versuch. Ueber die Natur baren Anfaͤnge von den uͤbrigen zuruͤckkommen. Es ist genug, an die Figur der Rose und an ihre Farbe zu gedenken, um uns zugleich zu erinnern, daß ihr Geruch von dem Geruch einer andern gegenwaͤrtigen Blume un- terschieden sey, weil mit der reproducirten Gestalt auch ein merkbarer Ansatz verbunden ist, die associirte Em- pfindung des Geruchs wieder zu erwecken. Bis auf die- sen Anfang oder Ansatz zur Wiederkehr des ehemaligen Zustandes lassen wir es kommen. So bald aber dieser bis dahin bemerkbar wird, als es unsre Absicht erfordert; so bemuͤhen wir uns nicht, die Einbildung noch lebhaf- ter zu machen. Bey Menschen mit allen fuͤnf Sinnen haben die Gesichtsvorstellungen diesen beschriebenen Vorzug; aber die Rangordnung der uͤbrigen, so ferne sie von der Ein- richtung der Natur abhaͤngt, ist schwerer zu bestimmen. Es ist bekannt, wie sehr einige Blinde an die Reproduk- tion der Gefuͤhlsempfindungen sich gewoͤhnt haben, und wie fertig sie darinn geworden sind. Der Sehende wird es nicht, weil er nicht genoͤthiget ist, so vielen Fleiß dar- auf zu verwenden. Aber so weit als die leichtere oder schwerere Reproducibilitaͤt von der Gewohnheit abhaͤn- get, so weit ist solche auch veraͤnderlich und nicht bey al- len Menschen von der nemlichen Groͤße. Der Tonkuͤnst- ler faßt und behaͤlt es leichter, feiner und vollstaͤndiger, wie der Canarienvogel singet, als der Maler, der sei- ne Farbe und Gestalt genauer und deutlicher bemerket. Ein Koch und ein Kellermeister und der Mann mit ei- nem delicaten Gaum haben wahrscheinlicher Weise leb- haftere und voͤlligere Wiedervorstellungen von den Em- pfindungen des Geschmacks, als andre Menschen, die nach dem Genuß der Speise es bald zu vergessen pflegen, wie sie geschmecket haben. VII. der Vorstellungen. VII. Die Vorstellungen des innern Sinnes haben das- selbige Unterscheidungsmerkmal der Vorstel- lungen. Beweis davon aus Beobachtungen. B ey den Vorstellungen, die wir von uns selbst, von unsern innern Veraͤnderungen, von unsern Thaͤ- tigkeiten und Vermoͤgen haben, uͤberhaupt bey solchen, die zu den Vorstellungen des innern Sinnes gehoͤ- ren, treffen wir eine groͤßere Dunkelheit an. Sollten auch diese Vorstellungen wohl Vorstellungen in dem nemlichen Verstande heissen koͤnnen, wie die Vorstel- lungen von aͤußern Gegenstaͤnden? Wolf nahm das Wort Vorstellung in einer so weiten Bedeutung, daß er freygebig mit dieser Benennung seyn konnte, und dennoch hat er in seiner groͤssern Psychologie, da wo von den Vorstellungen des innern Sinnes die Rede ist, sich dieser Benennung selten, oder gar nicht bedienet. Er saget nicht: wir haben Vorstellungen von dem, was in uns vorgehet, von unsern Denkarten, Gemuͤthszustaͤn- den und Thaͤtigkeiten, sondern er bedient sich der Aus- druͤcke, wir empfinden dergleichen in uns, wir sind uns dessen bewußt. Und doch nannte er die Empfindungen des aͤußern Sinnes, und ihre Einbildun- gen sinnliche Vorstellungen von Gegenstaͤnden au- ßer uns. War dieß etwann eine Wirkung seines Ge- fuͤhls, daß der Name Vorstellung jenen nicht in dersel- bigen Bedeutung zukomme, als diesen? denn deutlich hat er, so viel ich weiß, sich daruͤber nicht erklaͤret. Wie ferne haben wir denn auch Vorstellungen von jenen? Zuvoͤrderst ist hier nur von der ersten Eigenschaft der Vorstellungen die Rede, daß sie sich auf vorherge- gangene Modifikationen beziehen, wovon sie als ihre Abdruͤcke in uns zuruͤckgelassen sind, und durch die Kraft der Seele wieder hervorgezogen werden koͤnnen, ohne daß I. Versuch. Ueber die Natur daß dieselbige Ursache, die sie das erstemal bewirkte, wiederum gegenwaͤrtig sey. Was ist hier die erste Em- pfindung? Was ist die Nachempfindung? Giebt es dergleichen? Und wie verhaͤlt sich die wiedererweckte Empfindungsvorstellung, oder das Phantasma gegen jene? Einige Beobachtungen, die deutlich genug sind, werden uns zum Leitfaden an solchen Stellen dienen, wo es dunkel ist. Kann man nicht in das Jnnere einer Sache hineinkommen, so laͤsset sich doch wohl von außen in sie etwas hineinsehen. Jch will einige solcher Be- merkungen voranschicken, und dann versuchen, wie weit die Parallele zwischen unsern Vorstellungen aus dem in- nern Gefuͤhle, und zwischen den aͤußerlichen sinnli- chen Vorstellungen gezogen werden koͤnne. 1) Es ist beobachtet worden, und es laͤsset sich un- mittelbar und deutlich genug beobachten, daß man in eben demselbigen Augenblick, in dem wir uns einer Sa- che bewußt sind, in dem wir uͤber sie reflektiren, und unsere Denkungsthaͤtigkeit auf sie anwenden, nicht daran gedenke, daß man denke. Man ist sich nicht bewußt, daß man sich einer Sache bewußt sey; jenes nemlich nicht in demselbigen Augenblick, worinn man dieses ist. Ueber unsere eigene Reflexion reflektiren wir nicht in dem- selbigen Augenblick, in dem wir mit ihr bey einem Ge- genstand beschaͤftiget sind. Man sehe des Hrn. Merians Abhandlung daruͤber, in den Schriften der Berlinischen Akademie der Wis- senschaften. 1762. Die Ursache davon faͤllt uns gleich auf. Wenn die Denkkraft der Seele mit dem Bewußtseyn, mit dem Unterscheiden, mit dem Ue- berlegen der Jdee, die sie vor sich hat, beschaͤftiget ist; so ist sie schon als eine Denkkraft thaͤtig, und wirket auf eine vorzuͤgliche Art nach einer bestimmten Richtung hin. Sollte sie nun in demselben Augenblick auch uͤber diese ihre der Vorstellungen. ihre Thaͤtigkeit reflektiren, so muͤßte sie die nemliche Arbeit zugleich auf diese Thaͤtigkeit verwenden. Kann sie aber ihr Vermoͤgen des Bewußtseyns zerspalten, und mit Einem Theil desselben bey der Jdee von der Sache, und mit dem andern zugleich bey der Anwendung, die sie von dem Vermoͤgen machet, wirksam seyn? Sie muͤßte alsdenn noch mehr thun, als auf zwey Sachen auf einmal aufmerken. Dieß letztere laͤßt sich noch wohl auf eine gewisse Weise thun, aber wenn sie ihre Auf- merksamkeit und ihr Gewahrnehmungsvermoͤgen auf ei- ne Jdee verwendet, wie will sie solche denn zugleich auf ihre eigene Aufmerksamkeit und auf ihr eigenes Gewahr- nehmen verwenden? Jndem wir denken, und dieß zei- get sich am deutlichsten, wenn wir mit Anstrengung und mit einem gluͤcklichen Fortgange denken, wissen wir nichts davon, daß wir denken. Sobald wir auf das Denken selbst zuruͤcksehen, so ist der Gedanke entwischet, wie das gegenwaͤrtige Zeitmoment, das schon vergan- gen ist, wenn man es ergreifen will. Eben so verhaͤlt es sich bey allen uͤbrigen selbstthaͤ- tigen Aeußerungen unserer Denkkraft: eben so bey dem Urtheilen, bey dem Folgern und Schluͤssen. Der Zeit- punkt der Handlung schließet die Reflexion uͤber dieselbi- ge Handlung aus. Diese letztere folget erst auf jene. Hr. Merian hat hierauf seine Kritik uͤber des Des- cartes Grundsatz: ich denke gebauet, an dessen Statt es seiner Meinung nach heißen muͤßte: ich habe ge- dacht. Jenes ist ein Ausdruck des Bewußtseyns, daß wir von unserm Denken haben, und stellet dieses als gegenwaͤrtig in uns dar, in dem Augenblick, da wir uns dessen bewußt sind. Aber so ist es nicht, saget Hr. Merian, es ist schon vergangen, wenn wir darnach umsehen, und es beobachten. Aber ob ich gleich gegen die Erfahrung nichts einwende, aus welcher diese Folge gezogen wird, so deucht mich doch, eine solche Erinne- rung I. Versuch. Ueber die Natur rung gegen Descartes sey mehr eine Spitzfindigkeit, als eine scharfsinnige Kritik. Jch kann auch in der gegen- waͤrtigen Zeit sagen: ich denke; denn dieß soll nur den Aktus des gegenwaͤrtigen Denkens ausdruͤcken; nicht aber so viel heißen, als: ich denke, daß ich denke, oder: ich weiß, daß ich denke. 2) Jede Aktion der Denkkraft hat sogleich ihre unmittelbare Wirkung in der Vorstellung der Sache, mit der sie verbunden worden ist, und praͤget sich sogleich in ihr ab. Die Vorstellung, die ge- wahrgenommen worden ist, stehet abgesondert, heraus- gehoben, mit mehrerer und mit vorzuͤglicher Helligkeit vor uns. Haben wir eine Ueberlegung, ein Nachden- ken, eine Demonstration geendiget; so giebt es Wirkun- gen von diesen Arbeiten in den Jdeen. Hier sind sie tiefer eingedruckt, lebhafter, schaͤrfer abgesondert, mehr entwickelt, dort sind neue Jdeen bemerkbar geworden; die Ordnung, ihre Lage und Verbindung hat sich geaͤn- dert. So etwas, als man nach einem anhaltenden Nachdenken in sich gewahr wird, laͤsset sich, obgleich in einer geringern Maße, nach jedweder einzelnen einfachen Denkungsthaͤtigkeit gewahrnehmen. Das anhaltende Betrachten ist nichts, als eine, und in der That eine un- terbrochene, Reihe einzelner kleinerer Denkthaͤtigkeiten, deren jede ihre eigene bleibende, und nachbestehende Fol- gen in uns hat. Jn dem Augenblick, da wir gewahrnehmen, wer- den wir es nicht gewahr, daß wir gewahrnehmen; aber in dem unmittelbar darauf folgenden Augenblick kann dieß geschehen. Die Folge der ersten Thaͤtigkeit bestehet in uns von selbst, wenigstens ohne eine in eins fortge- hende Anwendung unserer Denkkraft. Da ist also der Zeitpunkt fuͤr die Empfindung und fuͤr die Reflexion uͤber die vorhergegangene Arbeit. Diese naͤchsten Wir- kungen der Aktion sind mit der Aktion selbst in einer so unmit- der Vorstellungen. unmittelbaren Verbindung, daß so wie die Aktion die Wirkung zuerst hervorgebracht hat, so kann auch die letz- tere wiederum ihre Aktion wieder erregen. Jndem wir also die Folge des vorhergegangenen Denkens in uns ge- wahrwerden, so sehen wir unser Denken gleichsam von hinten, wir halten es vor uns durch seine gegenwaͤrtig in uns bestehende Wirkung, und suchen es wieder zuruͤck- zubringen und zu erneuern. 3) Jn den Vorstellungen entstehet keine Veraͤnde- rung, die nicht mit einer gewissen dazu gehoͤrigen Mo- difikation des Gehirns verbunden ist, so wie auch umgekehrt eine jede Modifikation in dem Organ, als dem Sitz der materiellen Jdeen, mit einer Art von Ruͤckwirkung auf die Seele verbunden ist, wodurch in dieser eine Empfindung oder ein Gefuͤhl verursachet wird. Jch gebrauche hier diesen Satz nicht sowohl zu einem Beweis, als zur Erlaͤuterung, und wer das Gehirn und die Seele noch als ein Einziges Wesen betrachtet, der darf nur die Redensarten abaͤndern, so bleibet alles be- stehen, was hier behauptet wird. Wenn also von ei- nem auswaͤrts gerichteten Bestreben der Denkkraft eine Veraͤnderung in den Vorstellungen verursachet wird, so ist hiemit eine Veraͤnderung in den Organen verbunden, die wiederum von der Seele empfunden werden kann. So ist es begreiflich, wie eine Empfindung der Aktion auf die Jdeen in der Seele selbst auf die nemliche Art entstehen koͤnne, wie von einem Eindruck auf das Or- gan, den ein aͤußeres Objekt hervorbringet, eine Em- pfindung verursachet wird. Dieß wuͤrde das Gefuͤhl des Denkens seyn, das Gefuͤhl nemlich von der Wir- kung, die aus der unmittelbar vorhergegangenen Thaͤ- tigkeit entstanden ist. Die Augenblicke des thaͤtigen Denkens und des Gefuͤhls dieser Thaͤtigkeit sind verschie- den, oder lassen sich so ansehen. Diese Empfindung des Denkens kann nun auch ihre Nachempfindung I. Band. D haben, I. Versuch. Ueber die Natur haben, und hat sie, und mit dieser Nachempfin- dung kann das Gewahrnehmen und die Reflexion ver- bunden werden. Also haben wir Empfindungsvorstellungen von den einzelnen Thaͤtigkeiten unsers Denkens, in eben dem Verstande, wie wir solche von den koͤrperlichen Gegenstaͤnden haben, die auf unsere aͤußere Sinnglie- der wirken. Hier befindet sich das selbstthaͤtige Prin- cip des Denkens, von dem die Seele modificiret wird, in der Seele selbst; bey den aͤußern Empfindungen kommt die Modifikation von einer aͤußern Ursache. Jn beiden Faͤllen aber wird die neue Veraͤnderung aufgenommen, gefuͤhlet und empfunden; in beiden bestehet sie, und dauert einen Augenblick in uns fort, und muß wenig- stens alsdenn fortdauren, wenn sie bemerkbar seyn soll. Dieß macht eine Nachempfindung, oder die erste Empfindungsvorstellung aus. Jn diesem Stande kann sie gewahrgenommen, mit Bewußtseyn empfunden, mit andern verglichen und von andern unterschieden werden. Wird die Empfindungsvorstellung in der Folge von der Einbildungskraft reproduciret, so finden wir, daß jene erste Nachempfindung, obgleich auf eine unvoll- kommene und schwache Art, wieder erneuret wird, und daß zugleich ein Anfang oder ein Ansatz, die vorige Denkthaͤtigkeit zu erneuern, damit verbunden sey. Laßt uns eine Reihe von Reflexionen und Schluͤssen, die wir angestellet haben, ins Gedaͤchtniß zuruͤck rufen; sie nicht von neuen wiederholen, sondern wie schon angestellte und vergangene Raisonnements uns vorstellen; und wir wer- den bemerken, daß mit den Jdeen und deren Stellung allenthalben Anfaͤnge der ehemaligen Thaͤtigkeiten und Regungen sie zu wiederholen verbunden sind; welche man eben so fuͤglich schwache Nachahmungen jener ersten Re- flexionen nennen kann, wie uͤberhaupt die Einbildungen wiederzuruͤckkehrende geschwaͤchte Empfindungen sind. 4) Darf der Vorstellungen. 4) Darf man wohl Bedenken tragen, anzunehmen, dasselbige was die vorige Zergliederung bey einer Art von Thaͤtigkeiten gezeiget hat, dasselbe werde bey den uͤbrigen, die man Aeußerungen des Willens nennet, auf eine aͤhnliche Weise Statt finden, und daß auch diese letztere empfunden, und nachempfunden werden, und ih- nen entsprechende Spuren in der Seele hinterlassen, wie jene? Es ist nicht die Analogie allein, worauf man sich hier berufen kann, sondern auch die Jnduktion aus un- mittelbaren Erfahrungen bestaͤtiget es. Zwar ist es nicht moͤglich, in allen einzelnen Faͤllen solches offenbar vorzulegen. Bey dem groͤßten Theile unserer Kraft- aͤußerungen ist das, was dabey vorkommt, so stark in einander gewickelt, und die verschiedenen Absaͤtze in ih- rem Entstehen sind so undeutlich und verworren, daß man jeden fuͤr sich allein nicht gut bemerken kann. Aber dieß wird auch zur Ueberzeugung nicht erfodert werden. Wenn es aus Erfahrungen dargethan wird, daß es sich so, wie es angegeben worden ist, in allen Faͤllen ver- halte, worinn man etwas deutlich erkennen kann; wenn nur kein einziger Fall angetroffen wird, aus dem sich voͤllig erweisen laͤßt, daß es Ausnahmen gebe; und wenn alsdenn noch hinzu kommt, daß die sonstigen Kenntnisse von den nicht beobachteten und nicht vergli- chenen einzelnen Faͤllen ihre analogische Natur mit den uͤbrigen bestaͤtigen, oder ihr wenigstens nicht entgegen sind; wenn alle diese Umstaͤnde, sage ich, beysammen sind, so ist man voͤllig berechtiget, besondere Erfahrungs- saͤtze, die aus einigen Beobachtungen gezogen worden, nach der Analogie auf andere aͤhnliche auszudehnen. Es ist freylich bey einer solchen Verallgemeinerung der Be- obachtungssaͤtze Behutsamkeit erforderlich, und besonders alsdann, wenn es an einer oder mehrern der vorgedach- ten Bedingungen noch fehlet. Die Analogie hat in der D 2 Koͤrper- I. Versuch. Ueber die Natur Koͤrperwelt uns oftmals mißgeleitet. Aber dadurch wird ihr guter Gebrauch nicht aufgehoben, und wenn alle Bedingungen vorhanden sind, welche ich hier er- waͤhnet habe, so koͤnnen die analogischen Schluͤsse eine solche Wahrscheinlichkeit erlangen, welche Gewißheit ge- nennet zu werden verdienet. Alle Arten von Bestrebungen und Handlungen, die wir von der Seele kennen, haben wir gefuͤhlet und em- pfunden. Alle, so viele wir kennen, haben in uns eine gewisse Veraͤnderung hervorgebracht. Dieß war ihre Wirkung in uns, aus der wir sie erkannten; diese Wir- kung war etwas, das eine Weile in uns fortdauerte, und gewahrgenommen wurde. Dieß gab die erste ur- spruͤngliche Empfindungsvorstellung von ihnen. Es blieb eine Spur davon in uns zuruͤck, die durch die Kraft unserer Seele wieder hervorgezogen wird, wenn wir uns ihrer, als einer vergangenen Handlung erinnern. Dieß alles ist außer Zweifel bey denen, welche wir genauer untersuchen koͤnnen. Die Reproducibilitaͤt ist bey den Empfindungsvor- stellungen der aͤußern Sinne nicht gleich, und etwas kann die Gewohnheit, auf einige vor andern mehr auf- merksam zu seyn, daran aͤndern, wie oben erinnert wor- den ist. Kein Wunder also, wenn sie auch nicht bey allen Empfindungen des innern Sinnes von gleicher Groͤße ist. Auch hier wirket die Gewohnheit. Jn dem Kopf des Mannes, der viel denket, und noch mehr, wenn er zugleich sein Denken fleißig beobachtet, muͤssen auch die Spuren, die seine Denkungsthaͤtigkeiten hin- terlassen, ein groͤßeres Licht haben, und leichter wieder erweckbar seyn, als bey andern. Dasselbige findet bey den uͤbrigen Empfindungsvorstellungen des in- nern Sinnes statt, von welchen nun noch etwas zu sagen ist; ich meine die Vorstellungen, die wir von un- sern der Vorstellungen. sern eigenen Gemuͤthszustaͤnden, und uͤberhaupt von allen passiven Seelenveraͤnderungen haben. 5) Es ist Erfahrung, daß wir die Gemuͤthszustaͤn- de und Affekten, die Zufriedenheit, das Vergnuͤgen, die Begierde, den Unmuth, die Abneigung, den Zorn, die Liebe und dergleichen, alsdenn, wenn sie in uns vorhanden sind, in ihrer Gegenwart gewahrnehmen koͤnnen, zum wenigsten sie etwas leichter gewahrnehmen koͤnnen, als es bey den Denkthaͤtigkeiten angehet, die sich dem Be- wußtseyn in demselbigen Augenblicke entziehen, wenn es sie fassen will. Wir fuͤhlen z. B. daß wir zornig sind, indem wir es sind. Diese Zustaͤnde der Seele bestehen, wenn sie einmal hervorgebracht sind, eine Weile in der Seele ohne ihr selbstthaͤtiges Zuthun, wie die Wallungen im Wasser, welche noch fortdauern, wenn sich der Wind schon geleget hat. Alsdenn hat die Ue- berlegungskraft Zeit, sich mit den Nachwallungen des Herzens zu beschaͤftigen. Die leidenden Gemuͤthszu- staͤnde stehen also in einer andern Beziehung auf das Bewußtseyn, als die Selbstthaͤtigkeiten. Die letztern sind nicht sowohl selbst unmittelbare Gegenstaͤnde des Ge- fuͤhls, als vielmehr in ihren naͤchsten Folgen und Wir- kungen, die etwas passives in der Seele sind. Jene hingegen werden unmittelbar gefuͤhlet. Was wir Begierden und Affekten nennen, sollte von den Gemuͤthszustaͤnden, vom Vergnuͤgen und Verdruß, und von dem, was der | Seele, in so ferne sie empfindsam ist, zukommt, unterschieden werden. Die Begierden und Affekten enthalten thaͤtige Bestrebungen, wirksame Triebe, Aktiones, und also Aeußerungen der thaͤtigen Kraft der Seele, wozu diese durch Empfind- nisse gereizet wird. So wuͤrde auch die lebhafte Freude, selbst das Entzuͤcken kein Affekt seyn. Jndessen sind die Thaͤtigkeiten und die leidendlichen Gemuͤthszustaͤnde genau mit einander verbunden. Aus beiden wird ein D 3 Ganzes, I. Versuch. Ueber die Natur Ganzes, welches, je nachdem das eine oder das andere von ihnen das meiste davon ausmachet, zu den Willens- aͤußerungen oder zu den Gemuͤthszustaͤnden gerechnet wird. Solche leidendliche Seelenveraͤnderungen werden durch Empfindungen und Vorstellungen hervorgebracht oder veranlasset. Aber sie sind diese Vorstellungen und Empfindungen selbst nicht, sondern eine besondere Art von innern Veraͤnderungen der Seele. Dieselbige Vor- stellung ist zu einer Zeit angenehm, zu einer andern gleichguͤltig, und noch zu einer andern widrig. Der Anblick und der Geruch der Speise bringet dem Hung- rigen Begierde bey, und verursachet bey dem Uebersat- ten Ekel. Es ist nicht schwer, es gewahr zu werden, daß auch bey diesen passiven Seelenveraͤnderungen — die Em- pfindung und die Nachempfindung unterschieden sey, und daß der Augenblick, in welchem wir sie in uns gewahrnehmen, nicht der Zeitpunkt der ersten Empfin- dung, sondern der Nachempfindung, oder der Em- pfindungsvorstellung sey, in welchem das, was gegen- waͤrtig ist, sich auf eine vorhergegangene Modifikation beziehet. Was jetzo in mir gegenwaͤrtig ist, in dem Moment, da ich in mich zuruͤck sehe, und eine stille Heiterkeit des Geistes gewahrnehme, ist nicht mehr die erste Empfindung dieses Zustandes; es ist schon eine Fortsetzung, oder die Wiederkehr eines andern vorher- gegangenen, der in dem gegenwaͤrtigen, als in seiner Abbildung fortdauert, und auf diesen letztern eben eine solche Beziehung hat, als die Nachempfindung von ei- nem gegenwaͤrtigen sichtbaren Objekte zu der ersten Em- pfindung desselben. Die erste Empfindung ist schon ver- gangen, wenn man uͤber sie reflektiret. Jn den lebhaf- ten Gemuͤthsbewegungen und Affekten ist dieser Unter- schied am deutlichsten. Begreist die Seele sich so weit, daß der Vorstellungen. daß sie zu dem Gedanken kommt: Siehe, wie vergnuͤgt bist du, wie traurig, wie zornig u. s. w. so hat die Be- wegung schon angefangen nachzulassen, der Sturm bricht sich, und wir fuͤhlen es in diesem Augenblick, daß er schon etwas geschwaͤchet sey, wenn er auch bald darauf von neuem mit groͤßerer Staͤrke hervordringet und die Seele uͤberwaͤltiget. Das Bewußtseyn verbindet sich nicht mit der ersten Aufwallung des Gemuͤths; es ist offenbar nur eine Nachwallung von jener, welche wir in uns gewahrnehmen. Und nicht anders verhaͤlt es sich in den schwaͤchern Empfindnissen. Sie bestehen eine Weile, und dann koͤnnen wir sie gewahrnehmen, nicht in ihrem An- fang, sondern in ihrer Mitte; dagegen andere Veraͤn- derungen, die keine Dauer in uns haben, die durch das Herz fahren, wie der Blitz durch die Luft, und in dem Augenblick vergehen, in welchem sie entstanden sind, auch niemals beobachtet werden koͤnnen. Wir fuͤhlen sie, indem sie hindurch fahren, und aus ihren Spuren erkennen wir, daß sie da gewesen sind, aber die betrof- fene Seele kann in dem Augenblick ihrer Gegenwart nicht zur Besinnung kommen, noch sich ihrer bewußt werden, und noch weniger kann sie mit dem Bewußt- seyn bey ihnen sich verweilen und ihre Verhaͤltnisse auf- suchen. 6) Lasset uns nun solche vorhergehabte Empfind- nisse als abwesende mit der Einbildungskraft uns wieder vorstellen. Wir finden sogleich, daß diese Wie- dervorstellungen zu jenen ersten Empfindungsvorstellun- gen ein aͤhnliches Verhaͤltniß haben, wie die Einbildun- gen von Koͤrpern auf ihre Empfindungen. So wie wir durch jedes Phantasma in den ersten Zustand der Em- pfindung bis auf einen gewissen Grad zuruͤckversetzet wer- den; so geschieht es auch hier. Wir koͤnnen niemals ei- ne Vorstellung davon haben, welch ein Vergnuͤgen wir D 4 an I. Versuch. Ueber die Natur an einem Orte oder in dem Umgang einer Person ge- nossen haben, ohne von neuem eine Anwandelung von Vergnuͤgen in uns zu empfinden. Wir erinnern uns niemals eines vergangenen Verdrusses, ohne ihn von neuem in uns aufkeimen zu sehen. Und je lebhafter, je staͤrker, je anschauender die Wiedervorstellung eines ehe- maligen Zustandes jetzo ist, desto mehr naͤhert sich das Gegenwaͤrtige dem Vergangenen, und der gegenwaͤrti- ge wiederhervorgezogene Abdruck seinem ersten Origi- nal. Die Einwuͤrfe, die Hr. Beattie gegen diesen wahren Satz in dem humischen Skepticismus vorbringet, doͤr- fen uns nicht irre machen. Sie beruhen, wie so vieles andere bey diesem Verfasser, auf Mißverstand. Die Vorstellung des Essens macht den Hungrigen nicht satt, und die Einbildung von der Hize erwaͤrmet den nicht, der vor Kaͤlte erstarret. Nein, diese Jdeen koͤnnen das Bedoͤrfniß noch empfindlicher machen und die Begier- den zur Abhelfung desselben vergroͤßern. Und dennoch wird der Hungrige sich schwerlich recht lebhaft vorstel- len, wie ihm zu Muthe sey, wenn er sich saͤttiget, oh- ne daß ihm der Speichel in den Mund treten, und der Erkaͤltete wird schwerlich recht lebhaft sich die Erwaͤr- mung einbilden koͤnnen, ohne daß in seinen gespann- ten Fibern ein Ansatz zu der sanften Erschlaffung entstehe, welche die Waͤrme bey der Empfindung in ihnen be- wirket. So wie jeder Gemuͤthszustand seine Ursachen in Em- pfindungen und Vorstellungen der Seele hat, die vor ihm vorhergehen, so hat auch jedweder Zustand seine Wirkungen und Folgen in und außer uns; er hat ih- rer in den Vorstellungen und Gedanken, in den Trieben und Handlungen, und in dem Koͤrper; unmerkbare und bemerkbare, mittelbare und unmittelbare. Und ein großer Theil von diesen Folgen wird als besondere von neuem hinzukommende Veraͤnderungen der Seele em- pfunden der Vorstellungen. pfunden und gewahrgenommen. Solche vorhergehende und nachfolgende Modifikationen reihen sich an die Em- pfindnisse in unterschiedenen Richtungen an, und werden so viele associirte Vorstellungen, bey deren Wieder- erweckung auch die Empfindnisse selbst wiedererwecket werden koͤnnen. Aber dennoch ist die Einbildung oder Wiedervorstellung der ehemaligen Gemuͤthsverfassung von den Einbildungen der uͤbrigen vorhergegangenen, der jene umgebenden und auf sie folgenden Empfindun- gen, eben so unterschieden, als sie selbst in der Empfin- dung es war. Ein Mensch, dessen Herz noch nie die Vaterliebe empfunden hat, kann sich solche eben so we- nig wieder vorstellen, als ein Blindgebohrner die Farbe. Nur weil in seinen uͤbrigen Empfindnissen mehrere von den Jngredienzien dieser besondern Neigung enthalten sind, als der Blinde zur Vorstellung von der Farbe in sich hat, so kann die selbstthaͤtige Dichtungskraft eine Vor- stellung machen, die der Vorstellung von der Vaterliebe wenigstens nahe kommt, oder auch fast ganz diesel- bige ist. VIII. Dunkelheiten bey den Vorstellungen aus dem in- nern Sinn. Ob die Empfindungen des in- nern Sinns eigene bleibende Spuren hinterlas- sen, die sich eben so auf jene Empfindungen be- ziehen, wie die Vorstellungen aus dem aͤußern Sinn auf ihre Empfindungen? Einwurf da- gegen aus der Jdeen Association und Beant- wortung desselben. B ey dem letzterwaͤhnten Umstand, nemlich bey der Wiedererweckung der innern Empfindungen sto- ßen wir auf eine Schwierigkeit, wenn wir sie genauer an- sehen. Am Ende mag es gar unentschieden bleiben, ob D 5 das, I. Versuch. Ueber die Natur das, was wir Vorstellungen hier nennen, diesen Na- men fuͤhren koͤnne? Eine zum zweytenmal wiederholte Empfindung ist keine Vorstellung der erstern Em- pfindung, wenn sie jedesmal durch dieselbige Ursa- che und durch denselbigen Eindruck hervorgebracht wird. Die zwote Empfindung kann sehr viel schwaͤcher, als die erste ist, und ihr dennoch sonsten aͤhnlich seyn, wie ein Ton, den ich zum zweytenmal in einer groͤßern Ferne sehr schwach vernehme; kann deswegen die letztere wie- derholte Empfindung eine Vorstellung von der ersten genennet werden? Auf den Namen kommt es nicht an, aber darauf, ob der Sache die Beschaffenheit wirklich zukommt, die man ihr beyleget, wenn man sie so benen- net. Die Seelenveraͤnderungen, die Thaͤtigkeiten, die Leiden werden empfunden, diese fuͤr sich, jene in ihren Wirkungen, die sie hervorbringen. Es entstehen gewis- se bleibende Zustaͤnde, die man gewahrnimmt; dieß sind Nachempfindungen. Und dann hinterlassen sie Spuren in der Seele. Dieß ist es nicht alles, was bey den Vorstellungen aus den aͤußern Sinnen gefunden wird. Die Nachempfindungen wuͤrden keine Vorstellungen seyn, wenn sie nicht durch die Eigenmacht der Seele wie- der erwecket werden koͤnnten, ohne daß dieselbige Ursa- che wiederum wirke, welche sie das erstemal hervorbrach- te. Die Nachschwingungen einer elastischen Saite, die man angeschlagen hat, sind keine Vorstellungen. Auch ist nicht eine jede Disposition, eine ehemals erlittene Ver- aͤnderung von der nemlichen Ursache nun leichter aufzu- nehmen, eine Vorstellung. Die elastischen Saiten erlangen eine gewisse Geschwindigkeit durch den Gebrauch, wodurch sie geschickt werden, leichter ihre tonartige Be- wegungen anzunehmen, welche sie vorhero schwerer sich beybringen ließen. Sie verlieren ihre anfaͤngliche Rei- figkeit, und ein aͤußeres Hinderniß der Schwungsbewe- gung wird gehoben. Aber demohnerachtet ist keine naͤ- here der Vorstellungen. here Disposition, kein groͤßerer Grad von selbst- thaͤtigem Bestreben, aus einem innern Princip den ehe- maligen Zustand zu erneuern, in der Elasticitaͤt der Sai- ten vorhanden. So eine aus der ersten Veraͤnderung aufbehaltene Disposition oder Leichtigkeit in der innern Kraft muß es aber seyn, wenn sie eine Vorstellung von der vorhergegangenen Veraͤnderung heißen soll, in dem Verstande nemlich, worinn unsere Vorstellungen von den Koͤrpern, die wir durch das Gesicht und die uͤbri- gen aͤußern Sinne erlangen, so genennet werden. Hier kommen wir auf eine Untersuchung, die mit ihren Folgen tief in die Natur der Seele hineingehet. Die Empfindungen des innern Sinnes sind beson- dere Modifikationen der Seele; unterschieden sowohl von den aͤußern Empfindungen, als von den Vorstellungen, wodurch sie selbst verursachet werden. Sind nun die Spuren, welche von ihnen zuruͤckbleiben, die Leichtig- keiten in der Empfindsamkeit und in der thaͤtigen Kraft, gleichfalls besondere Dispositionen in der Seele, welche von den Dispositionen, aͤußere Empfin- dungen und andere Vorstellungen zu reproduciren, un- terschieden sind? dieß ist der Mittelpunkt der Untersu- chung. Wenn ein ehemaliger Gemuͤthszustand, oder eine ehemalige Aktion als eine abwesende und vergange- ne Sache, wieder vorgestellet wird, wie ein gesehenes Objekt in der Einbildung, ist denn der Uebergang von der Disposition zur wirklichen Wiedervorstellung des ehe- maligen Zustandes eine Wirkung, welche jene Dispo- sition in dem Jnnern voraussetzet, und erfodert, und oh- ne sie nicht entstanden seyn wuͤrde? Oder ist hier die Ein- bildung blos eine nochmalige schwache Empfindung, welche eine aͤhnliche Ursache hat, wie die erste Empfin- dung gehabt hat? Das Bild von dem Monde, das ich in Abwesen- heit des Gegenstandes in mir habe, wird durch eine inn- re I. Versuch. Ueber die Natur re Ursache in der Seele wiedererwecket, bey der Gele- genheit, da eine andere damit verbundene Jdee vorhan- den ist. Jenes ist aber keine wiederkommende Empfin- dung von außen her. Das Bild wird erneuert, weil eine Leichtigkeit, oder eine Disposition dazu, aus der vor- hergegangenen Empfindung zuruͤckgeblieben war, welche die Eigenmacht der Seele wieder hervorziehen, entwi- ckeln, und als Abbildung des vorigen Zustandes bemerk- bar machen kann. Wenn das lebhafte Vergnuͤgen und die warme Zu- neigung gegen eine Person in mir wiederhervorkommt, da ich ihr Bild vor mir habe, ohne sie selbst zu sehen; ist diese wiederkommende Gemuͤthsbewegung, oder die wiederaufsteigende Neigung eine aͤhnliche Wie- dererweckung einer aus der Empfindung zuruͤckgelas- senen Spur? Kann sie nicht vielleicht eine neue jetzo her- vorgebrachte Wirkung seyn, welche die Vorstellung des Objekts zur Ursache hat? kann diese wiederholte Em- pfindung in Verhaͤltniß mit der Lebhaftigkeit der Ein- bildung, wodurch sie hervorgebracht wird, nicht selbst lebhaft oder matt seyn, ohne Bezug darauf, daß sie vorhero in uns gegenwaͤrtig gewesen ist? Wenn ein Ver- gnuͤgen uͤber eine Sache das erstemal durch das Anschaun entstanden ist, muß nicht auch die Einbildung, als ein heruntergesetztes Anschaun, aus einem aͤhnlichen Grun- de die Ursache von einer schwachen Gemuͤthsbewegung seyn, welche sich zu dem Vergnuͤgen aus der Empfin- dung auf dieselbige Art verhaͤlt, wie die Einbildung selbst zu der Empfindung? Und dann ist es unnoͤthig, eine aufbehaltene Spur des ehemaligen Gemuͤthszustan- des anzunehmen. Die Vorstellung von einem aͤußern Gegenstande kann wieder erwecket werden vermittelst einer andern Vorstellung, die mit ihr verbunden ist und von der man es weiß, daß sie die physische Ursache von derjenigen nicht der Vorstellungen. nicht ist, deren Wiederentwicklung sie veranlasset. Die Jdee von dem Esel erwecket in mir die Jdee von dem Menschen, der auf ihm saß. Hier ist jene gewiß nicht mehr als eine Veranlassung zu dieser. So wenig als in der Empfindung eine der associirten Jdeen die andere der Seele einpraͤget, eben so wenig kann sie in der Re- produktion die Ursache von der letztern seyn. Es mag ihre Verbindung in der Phantasie, vermoͤge welcher eine die Wiederhervorziehung der andern veranlasset, beste- hen, worinn sie wolle, so ist doch die Reproduktion eine Wirkung, welche außerdieß ein dazu besonders disponir- tes Vermoͤgen in der Seele erfodert. Verhaͤlt es sich bey den wiedererweckten Vorstellungen aus innern Em- pfindungen auf dieselbige Weise? Man kann allerdings viele Wiedervorstellungen von innern Empfindungen so erklaͤren, daß sie aufhoͤren, wahre Vorstellungen zu seyn. Die innern Empfindun- gen, welche in uns unter gewissen Umstaͤnden entstehen, haben in der damaligen Verfassung der Seele ihre in- nern Ursachen; dagegen eine neue Empfindung des aͤus- sern Sinnes eine besondere aͤußere Ursache erfodert. Diese Verschiedenheit ist wichtig. Die innern Modifi- kationen sind dann, wann sie zuerst empfunden werden, Wirkungen, welche aus der Seele selbst, aus ihrer Em- pfindsamkeit durch eine innere Kraftaͤußerung hervorge- bracht werden, nachdem die Vermoͤgen und Kraͤfte durch die Empfindungen aͤußerer Objekte bestimmt und geformet sind. So oft wir uns solcher ehemaligen in- nern Eimpfindungen wieder erinnern, geht eine wieder- erweckte Vorstellung des Objekts vor der zuruͤckkehren- den Empfindung vorher, in derselbigen Ordnung, in der sie in den ersten Empfindungen auf einander folgten: es sind jedesmal entweder die nemlichen oder doch aͤhnli- chen Empfindungen, oder auch die nemlichen Einbil- dungen wieder da, wenn das vormalige Vergnuͤgen, der I. Versuch. Ueber die Natur der Verdruß, die vorher empfundene Neigung, die Ab- neigung u. s. f. wieder erwecket wird. So ist es oͤfters. Das Vergnuͤgen aus der Musik, die angenehme Wal- lung in der Seele, die wir in einem Garten empfunden haben, wird nicht in Gedanken erneuert, als wenn die Vorstellungen von der Musik und von dem Garten wie- derum gegenwaͤrtig sind. Laͤsset sich nun die Sache nicht so erklaͤren, so bedarf es keiner besondern von der Ge- muͤthsbewegung in uns zuruͤckgebliebenen Spur, und kei- ner Disposition, sie leichter wieder anzunehmen. Die Disposition, die bewegenden Vorstellungen von aͤußern Objekten zu reproduciren, ist genug; denn auf diese er- folgen die Anwandlungen zu Veraͤnderungen, welche die Stelle der Einbildungen von innern Empfindungen vertreten. Hr. Search hat in uns besondere Zufrie- denheitsfibern angenommen, so wie es Gesichts- und Gehoͤrsfibern giebt. Jene sollen die Organe des Ge- muͤths seyn, welche modificirt werden, wenn der Ge- muͤthszustand, den wir die Zufriedenheit nennen, em- pfunden wird. Die Beobachtung lehrt uns von solchen Organen nichts; aber man kann sich dieser Erdichtung hier bedienen, um die Jdee von der Sache durch eine bildliche Vorstellung deutlicher zu machen. Und ich wuͤrde noch zu derselbigen Absicht besondere Aktionsfibern hinzusetzen, die nur alsdenn sinnlich beweget werden sol- len, wenn die selbstthaͤtige Kraft der Seele entweder außer sich in den Koͤrper wirket, oder sich selbst und ih- re eigene Vermoͤgen bestimmet und neue Modifikationen in sich selbst hervorbringet. Die Vorstellungsfibern, solche nemlich, die zu den Vorstellungen aͤußerer Objekte gehoͤren, erhalten aus den Empfindungen gewisse Dispositionen, leichter die sinnliche Bewegung von neuem anzunehmen. Ob nun nicht das nemliche bey den Zufriedenheitsfibern und bey den Thaͤtigkeitsfibern statt finde oder ob diese immerfort so der Vorstellungen. so bleiben, wie sie sind, und niemals Bewegungen an- nehmen, als wenn dieselbige Ursache von neuen auf sie wirke? Dieß ist die vorige Frage in einer andern Spra- che vorgetragen. Jn Hinsicht der Vorstellungen des aͤußern Sinnes wissen wir mit Gewißheit, daß Dispositionen aus den Empfindungen zuruͤckgeblieben sind, und daß die Wie- dervorstellungen der abwesenden Objekte von diesen Dis- positionen abhangen. Wir koͤnnen uns daruͤber leicht versichern, daß die vorigen Ursachen zu der Empfin- dung bey der Vorstellung des Abwesenden nicht vorhanden sind, und daß auch keine andere da ist, die ihre Stelle, als wirkende Ursache, vertreten koͤnnte. Die associirte Jdee von dem Thurm, wobey die Jdee von dem Hau- se wiedererwecket wird, ist offenbar keine physische Ursa- che, welche die letztere Vorstellung der Seele beyoringen koͤnnte. Die Jdee von dem Hause muͤßte also in der Phan- tasie fehlen und bey der Abwesenheit des Gegenstandes unwiederhervorbringbar seyn, woferne sie in der Em- pfindung nicht vorhanden gewesen, und nicht aus dieser eine naͤhere Anlage dazu entstanden waͤre. Hievon haͤngt also die Entscheidung in der gedachten Untersu- chung ab, daß man aus Beobachtungen zeige, ob und wie weit die Gemuͤthszustaͤnde und andere innere Em- pfindungen und deren Einbildungen jenen von aͤußern Ge- genstaͤnden aͤhnlich sind? Oftmals bemerket man, daß die vorige Lust oder Unlust an einer Sache, so wie sie in der Empfindung der Empfindung der Sache, welche das Objekt der Affek- tion ist, nachfolget, auch alsdenn, wenn sie wiederer- wecket wird, in derselbigen Ordnung die Einbildung je- nes Objekts vor sich habe. Aber es ist doch auch ge- wiß, daß es in vielen andern Faͤllen nicht so ist. Da, wo eine Neigung zur Leidenschaft, und ein bloßes Ver- moͤgen zur Fertigkeit geworden ist, zeigen sich die Aus- nahmen I. Versuch. Ueber die Natur nahmen am deutlichsten. Es associiren sich die Ge- muͤthsbewegungen mit andern aͤußern Empfindungen und Vorstellungen, von welchen sie nur begleitet wer- den, die aber nicht zu den Ursachen gehoͤren, von wel- chen sie hervorgebracht sind. Sie legen sich an ihre Wirkungen und Folgen, die aus ihnen entstehen, und an Zeichen, Worte und Ausdruͤcke, worinne sie aͤußer- lich hervorbrechen. Hr. Search nennet dieß ein Ue- bertragen der Empfindungen von einer Jdee auf eine andere, die mit jener verbunden ist. Ohne diesem Philosophen in den Anwendungen, die er davon macht, durchgehends Beyfall zu geben, ist doch seine Bemer- kung eine richtige Beobachtung. Gemuͤthszustaͤnde und Neigungen vereinigen sich mit fremden Vorstellun- gen und Empfindungen, mit welchen sie in keiner verur- sachenden Verbindung stehen, das ist, mit solchen, die weder ihre Ursachen, noch ihre Wirkungen sind. Durch solche fremde associirte Empfindungen und Vorstellungen werden sie auch wiederum erwecket, wie die Vorstellung der Kirche durch die Vorstellung von dem Thurm, nemlich als durch blos veranlassende, nicht aber wirkende Ursachen. Jn vielen Faͤllen koͤnnen wir uns hievon eben so sehr versichern, als bey den Repro- duktionen sichtbarer Gegenstaͤnde. Dem Verliebten, der eben ruhig ist, faͤllt etwas in die Augen, das sich auf seine Geliebte beziehet; sogleich klopfet ihm das Herz. Zuweilen haben sich eine Menge von andern Vorstellun- gen zu dieser Jdee hinzugesellet, welche mitwirken, zu- weilen aber wird die Neigung unmittelbar bey solchen unwirksamen Vorstellungen erwecket, ohne daß eine an- dere Reihe von Vorstellungen dazwischen tritt, derglei- chen gemeiniglich erst nachher hinzukommen, und die Bewegung lebhafter machen. Das ist es, was in je- der Fertigkeit und in jeder Gewohnheit gefunden wird. Die geringste entfernteste Vorstellung, jeder aͤußere Aus- der Vorstellungen. Ausbruch, jede Wirkung von ihr fuͤhret auf sie zuruͤck, welches, ohne eine Disposition dazu in der Empfindsam- keit und in dem Thaͤtigkeitsvermoͤgen, nicht geschehen koͤnnte. Die Wiedervorstellung eines gesehenen und nun ab- wesenden Gegenstandes haͤlt sich gewoͤhnlich so in den Schranken der Einbildung, daß wenn sie mit andern gleichzeitigen Empfindungen derselbigen Art verglichen wird, sie sogleich fuͤr das erkannt werden kann, was sie ist, nemlich fuͤr einen Schatten von der Empfindung: sie ist nicht die volle und starke Empfindung selbst. Die Ursachen, die ihr diesen Grad der Staͤrke geben muͤßten, liegen nicht in dem Jnnern der Seele, sondern sind außer ihr, oder doch nicht in ihrer Gewalt. Etwas verhaͤlt es sich anders bey den Seelenveraͤnderungen, die aus einem innern Princip hervorgehen, wenn sie Empfin- dungen sind. Hier sind zwar auch die Einbildung und die Empfindung stark genug unterschieden; ein anders ist es, wenn wir uns nur erinnern, wie uns ehmals zu Muthe gewesen ist, und ein anders, wenn uns jetzo wieder von neuem eben so zu Muthe wird: je- nes ist die Vorstellung des abwesenden Zustandes; dieses ist eine nochmalige Empfindung; und der Unter- schied zwischen beiden faͤllt auf, und bestehet in Graden der Staͤrke und Lebhaftigkeit. Aber die Einbildung kann hier ich will nicht sagen leichter, aber oͤfterer, weil es auf innere Ursachen in der Seele ankommt, in eine Em- pfindung uͤbergehen. Das Andenken an die geliebte Person macht das Herz so voll, daß die zuruͤckgekehrte Affektion nicht mehr eine bloße Einbildung bleibet, son- dern zu einer vollen gegenwaͤrtigen Empfindung wird. Denn obgleich jetzo nur Einbildungen von dem abwesen- den Objekt, nicht aber Empfindungen von ihm vorhan- den sind, und also auch durch jene nur Einbildungen von den ehemaligen Zustaͤnden veranlasset werden, so koͤnnen I. Band. E solcher I. Versuch. Ueber die Natur solcher veranlassenden Einbildungen doch mehrere zusam- men kommen, deren vereinigte Macht so stark ist, als eine Empfindung; oder der Hang zu einer solchen Af- fektion in dem Jnnern der Seele kann so stark geworden seyn, daß nichts mehr als eine geringe Veranlassung noͤ- thig ist, um diese innere Ursache zur Wirksamkeit zu bringen. Was von der Jdee hinzu kam, brauchte ihr nur gewisse Reize und Bestimmungen zu geben. Ein schwacher Funken kann also zuͤnden, wenn das Gemuͤth den empfaͤnglichen Zunder in sich hat, und durch vor- hergegangene Empfindungen so leicht entzuͤndbar gewor- den ist. So scheint also die Sache entschieden zu seyn, wenn man bey den Beobachtungen stehen bleibet. Was ist einfacher? und analogischer? Aber durch eine Anwendung, die einige neuere Phi- losophen von der Jdeenassociation gemacht haben, werden alle solche aus Empfindungen entstandene Dispo- sitionen zu innern Veraͤnderungen, nur die Vorstellun- gen aus den aͤußern Sinnen ausgenommen, hinweg- erklaͤret. Die Gemuͤthszustaͤnde, die Neigungen, Bestre- bungen, und alles, was zu den leidentlichen und thaͤti- gen innern Seelenveraͤnderungen gehoͤret, das soll nicht anders wieder hervorkommen, als durch dieselbigen Jdeen, oder ihnen aͤhnliche, durch welche sie das erstemal in der Seele hervorgebracht worden sind. Wenn es den An- schein hat, als wuͤrde eine vorige Lust blos durch eine Nebenidee, die weiter keine Beziehung auf sie hatte, als daß sie mit ihr verbunden war, wieder hervorgebracht, so soll es nicht diese Nebenidee seyn, welche fuͤr sich selbst auf die Seele wirket; aber sie soll andere associirte Jdeen wieder herbey fuͤhren, in denen die bewegende Kraft ent- halten ist, und die in der ersten Empfindung die wir- kende Ursache des Gefallens gewesen sind. Der Spieler siehet der Vorstellungen. siehet die Karten nur an, und dem Geizigen schimmert nur eine Goldmuͤnze in die Augen. So ein Anblick bringet nach der gedachten Erklaͤrungsart die ehemali- gen angenehmen Empfindungen, die mit dem Spielen und mit dem Genuß des Geldes verbunden gewesen sind, und also eine lange Reihe von Jdeen wieder zuruͤcke. Und die letztern von ihnen, die nun die Zwecke und Ab- sichten vorstellen, sollen es seyn, von welchen das Herz ergriffen, und zur vorigen Begierde gespannet wird. Dieß ist denn eine neue Wirkung, ohne daß eine ander- weitige Aufgelegtheit in dem Vermoͤgen der Seele oder in ihrer Empfindsamkeit vorhanden sey, welche hierinn einen Einfluß haben doͤrfe. Fertigkeit und Gewohn- heit und Staͤrke in Empfindungs- und Hand ungs- arten sind also nichts als Fertigkeiten, die Jdeen sol- cher Gegenstaͤnde in Verbindung zu erwecken, welche die Reize enthalten, wodurch die Seele so zu empfinden und so zu handeln bestimmet worden ist, und nun auch in der Reproduktion bestimmet werden muß. Die Fer- tigkeiten sind Fertigkeiten, Joeen zu verbinden, und in der Verbindung wiederum darzustellen; Jdeen nemlich von Gegenstaͤnden, welche aus den aͤußern Sin- nen entstehen. Diese Art, die Wiedervorstellungen von Gemuͤths- bewegungen, Bestrebungen und Handlungen der Seele, zu erklaͤren, ist in dem System der Jdeenassociation des Englaͤnders Hartley eine nothwendige Folge seiner er- sten Grundsaͤtze. Aber es ist unnoͤthig, sie von einem Aus- laͤnder zu holen. Sie lieget auch in der Wolfischen Psychologie. Hr. Priestley muß diese letztere nicht ge- kannt haben; er wuͤrde sonsten das Lob, das er dem hartleyischen System so freygebig beyleget, nemlich es sey dadurch ein so einfaches, allgemeines und noch frucht- bareres Princip in die moralische Welt eingefuͤhret, als durch die Newtonische Attraktion in die Koͤrperwelt, E 2 auch I. Versuch. Ueber die Natur auch dem System des deutschen. Philosophen nicht ver- saget haben. Denn abgerechnet, daß Hartley die Jdeen Nervenschwingungen nennet, und sie wie Herr Bonner in die Organe im Gehirn hinsetzet, dagegen Wolf die Jdeen fuͤr Modifikationen der Seele selbst an- sah, so ist gewiß die vorstellende Kraft in dem Sy- stem des letztern ein eben so einfacher und so weit sich er- streckender Grundsatz, als die hartleyische Jdeenassociation, und kann auch auf eine aͤhnliche Art auf die psychologi- schen Beobachtungen, und besonders auf die, wovon hier die Rede ist, angewendet werden. Man darf nur die Sprache und Ausdruͤcke umaͤndern, so wird die Er- klaͤrung aus einem System in eine Erklaͤrung nach dem andern uͤbergehen. Hier ist es meine Absicht nicht, diese Hypothesen zu beurtheilen, welche, weil sie von ihren scharfsinnigen Verfassern gut genug durchgedacht sind, auch Ausfluͤchte genug in sich fassen, um Angriffen auszuweichen, welche man aus der Erfahrung auf sie thun kann. Moͤgliche Erklaͤrungsarten geben sie genug her, wie die Hypothe- fen uͤberhaupt, die vernuͤnftig sind. Fragt man aber, womit sie selbst bestaͤtiget sind, so stehen sie in der nackten Bloͤße der Hypothesen da. Jch will hier nur einige Anmerkungen anfuͤgen, die jene aus der Association der Jdeen gezogene Erklaͤrung von den Wiedervorstellungen innerer Empfindungen betreffen. Erstlich ist zu bedenken, daß hier noch nicht die Frage sey, worinn die Seelenveraͤnderungen, welche der innere Sinn empfindet, eigentlich bestehen. Ob das, was wir Vergnuͤgen nennen, etwas anders sey, als ein Phaͤnomen, das, wenn es deutlich auseinander ge- setzet werden kann, vielleicht nichts ist, als ein Aktus der vorstellenden Kraft oder des Vermoͤgens, Jdeen zu verknuͤpfen, und zwar ohne daß die Seele andere Jdeen besitze, als von aͤußern Objekten, die sie aus den aͤußern Sinnen der Vorstellungen. Sinnen empfangen hat? Mag es doch so seyn, so ist doch dieser Aktus, oder diese Tendenz der Kraft, den wir das Vergnuͤgen nennen, auch eine besondere Modi- fikation der Seele; eine Wirkung, zwar von andern vorhergegangenen Empfindungen und Vorstellungen, aber doch immer eine besondere Wirkung, welche fuͤr sich allein einen fuͤhlbaren Zustand ausmachet, und den wir von andern unterscheiden und gewahrnehmen. Der Anblick der Speise wirket bey dem Hungrigen den Ap- petit. Die Begierde ist aber nicht mit dem Anblick der Speise einerley. So darf hier im Anfang die Sache nur angesehen werden. Es ist die Frage, ob dieser besondere Zu- stand nicht eine Folge in der Seele hinterlasse, wodurch sie mehr aufgeleget wird, in eben denselbigen wiederum versetzet zu werden, als sie es sonsten nicht gewesen seyn wuͤrde? Zweytens scheint mir die obige Erklaͤrung doch in vielen Faͤllen zu weit hergeholet und unzulaͤnglich zu seyn. Wir erinnern uns oft, aus einer Sache Vergnuͤgen geschoͤpft zu haben, oder verdrießlich uͤber sie gewesen zu seyn, ohne es jetzo mehr zu wissen, was es eigentlich ge- wesen ist, das uns der Zeit afficiret habe. Wir sind jetzo nicht mehr in der vorigen Gemuͤthsbewegung, aber an gewissen aͤußern Handlungen des Koͤrpers, welche die Ausbruͤche. des innern Zustandes waren, und die in un- serm Gedaͤchtniß helle genug mit der Jdee der Sache wieder hervorkommen, wissen wir es nichts destoweniger gewiß, daß so ein Zustand in dem Gemuͤth zu der Zeit vorhanden gewesen sey. Die Wiedervorstellung des vo- rigen Zustandes enthaͤlt alsdenn so viel von der ehema- ligen Empfindung in sich, wie die Einbildung von dem Geschmack einer Birne von ihrer Empfindung in sich hat. E 3 Man I. Versuch. Ueber die Natur Man saget, die Wiedervorstellung des Verdrusses solle von Vorstellungen abhangen, die uns jetzo nicht genug gegenwaͤrtig sind, denn eine Vorstellung koͤnne wirksam seyn, ohne daß wir sie gewahrnehmen. Die bewegenden Vorstellungen sollen wirklich in uns re- produciret werden, ohne daß wir uns ihrer bewußt sind. Jenen Satz laͤugne ich nicht. Aber da ich nach der ge- nauesten Untersuchung keine von den ehemals bewe- genden Vorstellungen jetzo in mir antreffe, und viel- mehr sehe, ich wuͤrde von dem derzeitigen Gemuͤthsstan- de nicht einmal wissen, daß er vorhanden gewesen ist, wenn ich nicht auf diese Wiedererinnerung durch Vor- stellungen gebracht waͤre, welche nicht die Ursachen, sondern die Folgen und Aeusserungen von ihm gewesen sind, so ist es viel gefodert, daß ich die gegebene Erklaͤ- rung als die wahre annehmen soll. Die vorigen verursachenden Vorstellungen sind entweder jetzo nicht vorhanden, oder doch so dunkel, daß ich sie nicht gewahrnehme; und doch sollen sie in dem Grade thaͤtig seyn, daß sie von neuem einen Ansatz zu der ehemaligen Gemuͤthsbewegung hervorbringen. Dieß nicht allein. Mich deucht, in solchen Faͤllen koͤnne man es oftmals wissen, daß wir uns der ehema- ligen Gemuͤthsbewegung nicht wieder erinnern wuͤrden, wenn nicht solche Vorstellungen ihr Andenken erneuerten, welche der Zeit keine wirkende Ursachen von ihr gewesen sind; wie z. B. die Vorstellungen von aͤußern Ausbruͤ- chen der Freude in Bewegungen des Koͤrpers. Ver- langet man mehr, um sich zu uͤberzeugen, daß ein sol- cher vergangener Gemuͤthszustand wieder vorgestellet werde, durch die Association mit andern Vorstellungen, von denen er nicht mehr abhaͤngt, als die Jdee von dem Thurm von der Jdee der Kirche? daß also die Wie- dervorstellung hier eben so etwas sey, als sie es bey den Vorstellungen aͤußerer gesehener Objekte ist. Es der Vorstellungen. Es scheinen mir ferner uͤberhaupt alle Beobach- tungen mit der gedachten Erklaͤrung unvereinbar zu seyn, wo die Reproduktion eines ehemaligen Gemuͤthszustan- des, oder auch die Wiederversetzung in diesen Zustand, durch die Vorstellungen ihrer aͤußern Folgen und Wir- kungen veranlasset wird. Solche Faͤlle sind haͤufig. Die Einbildungskraft nimmt in der Reihe der Vorstel- lungen den Weg ruͤckwaͤrts, von den Wirkungen auf die Ursachen; sie wird es wenigstens leicht gewohnt, ihn zu nehmen, und sie wird es auch da gewohnt, wo die Ursache eine Gemuͤthsbewegung war und die Wir- kung von dieser eine Geberde des Gesichts, ein Ton der Stimme oder eine Bewegung mit der Hand ist. Man darf nur lustige Toͤne wiederholen, nicht eben solche, die uns wirklich ehedem vergnuͤgt gemacht haben, sondern solche welche wir angaben, weil wir vergnuͤgt waren, und in die das heitere Herz fast unwillkuͤhrlich, zumal in juͤn- gern Jahren, sich zu ergießen pfleget, oder man darf nur lebhaft an sie denken, und die Reproduktion des Vergnuͤgens, als ihrer Quelle, ist mit ihnen verbunden. Will man sagen, diese Vorstellungen muͤßten zu- voͤrderst andere hervorbringen, die vor der Gemuͤthsbe- wegung vorhergegangen sind; so kann man zweyerley antworten. Es lehret die Empfindung dieß nicht. Und dann so sind die vorhergehende wirkende Vorstellun- gen oft an die nachfolgende Vorstellungen nicht an- ders angereihet, als allein vermittelst der zwischen ihnen liegenden Gemuͤthsbewegung. Sie haben sonst keine hier in Betracht kommende Aehnlichkeit unter sich; sind auch in keiner wirkenden Verknuͤpfung mit einander, und auch in keiner Folge auf einander in der Empfin- dung gewesen, als nur in solchen Reihen, in denen zu- gleich die innere Seelenveraͤnderung das Verbin- dungsglied zwischen ihnen war. Da muß also auch nach dem bekannten Gesetze der Association die Einbil- E 4 dungs- I. Versuch. Ueber die Natur dungskraft, die bey der Reproduktion mit den nach- folgenden Vorstellungen anfaͤngt, den Weg uͤber je- nes Glied in der Reihe nemlich uͤber die Gemuͤthsbewe- gung genommen haben, ehe sie zu der Reproduktion der vorhergehenden verursachenden Vorstellungen hat hin- kommen koͤnnen. Das heißt, sie muß die Gemuͤthsbe- wegung unmittelbar bey Jdeen wieder erwecken, die sol- che nicht verursachen, und die Wiedervorstellung von je- ner zu einer neuen Empfindung machen koͤnnen. Endlich muͤßte folgen, daß die Uebertragung der Neigungen von einer Jdee auf andere, die durch viele Beobachtungen bestaͤtiget ist, ein bloßer Schein sey. Jst sie gegruͤndet, so kann eine Neigung unmit- telbar in Verknuͤpfung mit einer Vorstellung gebracht werden, mit der sie sonsten nur auf eine entfernte Art zusammenhaͤngt. Finden sich nun dergleichen Uebertra- gungen wirklich, so giebt es ja Faͤlle, in denen die Nei- gung zunaͤchst durch Jdeen wieder erwecket wird, wo- von es sich nicht einmal vermuthen laͤßt, daß sie als wirkende Ursachen sie hervorbringen. Dergleichen Ue- bertragungen sind gewoͤhnlich. Wenn wir eine fremde Sprache erlernen, so uͤbersetzen wir ihre Woͤrter zuerst in die Woͤrter unserer Muttersprache, und durch diese Vermittelung erregen wir die damit verbundenen Gedan- ken. Am Ende verlieret sich dieß. Wir gewoͤhnen uns, die Jdeen mit den fremden Woͤrtern unmittelbar zu verbinden, und bedoͤrfen dann jener Zwischenvorstel- lungen nicht mehr. Mich deucht, man muͤsse vielen Beobachtungen Gewalt anthun, wenn man es laͤugnen wollte, daß wir es nicht mit dem Vergnuͤgen und Ver- druß sehr oft eben so machen, und sie mit den gleichguͤl- tigsten Vorstellungen unmittelbar zusammen bringen. Dieß sey genug, um einen Einwurf zu heben, den ich nicht ganz zuruͤcklassen konnte, ohne gleich im Anfang auf meinem Weg aufgehalten zu werden. Das minde- ste, der Vorstellungen. ste, was aus dem vorhergehenden geschlossen werden kann, will ich hier nur herausziehen. So viel ist, wie ich meine, entschieden. So lange man nur den Beob- achtungen nachgehet, und sich noch in keine feine psycho- logischen Hypothesen einlaͤsset, findet man, das, was wir Vorstellungen von unsern innern leidentlichen und thaͤtigen Seelenveraͤnderungen nennen, zeige sich uns eben so, wie die Vorstellungen von aͤußern Dingen. Die Empfindung hinterlaͤsset Dispositionen, wovon die Reproduktion abhaͤngt, und die noch nicht vorhanden sind, wo die Empfindung nicht vorhergegan- gen ist. Dieser Leitung der Beobachtungen lasset uns im Anfang nachgehen. Kommen wir weiter in das Jnnere der Seele hinein, in eine tiefer liegende Schich- te, wo sich die Natur der innern Veraͤnderungen deutli- cher aufdecket; so wird es dann Zeit seyn, zu fragen, ob und wie weit das, was in den Beobachtungen ange- troffen worden ist, nur ein Schein sey, der die Eigenheit nicht an sich hat, die wir anfangs nach der verwirrten Vorstellung darinnen antrafen? IX. Noch eine Vergleichung der Wiedervorstellungen der letztern Art mit denen von der ersten Art, in Hinsicht ihrer Deutlichkeit. U nsere Einbildungen von gesehenen Dingen haben ei- ne vorzuͤgliche individuelle Deutlichkeit. Die Ein- bildungen von unterschiedenen einzelnen Objekten, erhal- ten sich so deutlich, daß auch diese Jdeate in der Abwe- senheit durch sie ganz gut sich von einander unterscheiden lassen. Eine gleiche Klarheit findet sich schon nicht mehr bey den Vorstellungen des Gehoͤrs; noch weniger bey den Vorstellungen der niedern Sinne, des Geruchs, des Geschmacks. Das Gefuͤhl hat vor den letztern in E 5 diesem I. Versuch. Ueber die Natur diesem Stuͤcke einen Vorzug, oder kann ihn durch Ue- bung erlangen. Man wird es z. B. gewohnt, im Dunkeln seinen Hut aus einer Menge anderer heraus- zufuͤhlen. Dagegen ist das Vergnuͤgen, was man in der Ge- sellschaft mit einem Freunde genossen hat, oft so sehr ei- nerley mit dem Vergnuͤgen, das die Gesellschaft des an- dern verursachte, daß, wenn man sich an beides wieder erinnert, so scheint es, man koͤnne die Eine solcher repro- ducirten Empfindungen von der andern nicht mehr unter- scheiden, obgleich die verknuͤpften Einbildungen des Ge- sichts ihre individuelle Deutlichkeit behalten haben. Schon in den Empfindungen ist dieser Unterschied der Klarheit merkbar. Tausend aͤußere Empfindungen sind auf einerley Art angenehm oder unangenehm. Aber wenn sie es nicht in der Empfindung sind, so sind sie es doch in der Reproduktion, wo man die Eine von der an- dern nicht anders, als vermittelst der associirten Jdeen von den aͤußern Gegenstaͤnden unterscheidet. Dennoch haben auch die Wiedervorstellungen der in- nern Gemuͤthsbewegungen ihr Unterscheidendes. Es giebt z. B. mannigfaltige Arten und Stufen der Lust und des Misfallens, mehrere, als wir mit eigenen Na- men beleget haben, die ihr Charakteristisches in der Wie- dererinnerung nicht verlieren. Bey dem Anschauen ei- ner Person empfinden wir Freundschaft; bey der andern Liebe. Ein Paar Empfindnisse, die sich auch in der Reproduktion eben so stark von einander auszeichnen, als das Gesichtsbild von dem Freunde, und von der Ge- liebten. Noch mehr. Es ist auch einiger individueller Unterschied bey einerley Art von Gefuͤhlen vorhanden, der in der Reproduktion nicht allemal zu schwach ist, um beobachtet werden zu koͤnnen. Man frage die empfind- samen Leute, wenn man selbst es nicht genug ist, um aus seiner eigenen Erfahrung eine Menge einzelner Faͤlle bey der Vorstellungen. bey der Hand zu haben, die dieses anschaulich lehren. Es laͤsset sich also nicht einmal als allgemein behaupten, daß die Abzeichnung der Einzelnen bey den Einbildun- gen der innern Gefuͤhle schwaͤcher sey, als bey den Ein- bildungen der aͤußern. Die Gesichtsempfindungen ha- ben einen ausnehmenden Vorzug. Bey den uͤbrigen haͤnget vieles, wie bey der Reproduktion uͤberhaupt, von der Aufmerksamkeit ab, die man bey der Empfindung anwendet, und mit der man gewohnt ist, die Empfindun- gen und ihre Vorstellungen zu beobachten. Jch habe dieß blos beruͤhren wollen, um zu erinnern, daß auch diese Verschiedenheit bey den verschiedenen Gattungen von Vorstellungen keinen wesentlichen Unterschied in ih- rer vorstellenden Natur ausmache. Sie ist an sich ge- wiß und bemerkbar genug, und hat ihre wichtigen Fol- gen; und kann zu den Gedanken verleiten, die letztere Gattung von Vorstellungen wuͤrden darum keine Vor- stellungen seyn, weil sie so sehr weit in Hinsicht der Klar- heit von andern abweichen, und auch in Hinsicht des Gebrauchs, den man von ihnen machen kann, wenn man Gegenstaͤnde durch sie erkennen will. X. Ueber die zwote wesentliche Beschaffenheit der Vor- stellungen, die ihnen als Zeichen von Gegen- staͤnden zukommt. Sie verweisen die Refle- xion auf ihre Objekte hin. Ursache davon. D ie Beziehung in unsern Vorstellungen — nur von den urspruͤnglichen Empfindungsvorstellungen ist zunaͤchst die Rede — auf vorhergegangene Modifika- tionen, und ihre Analogie mit ihnen, macht sie geschickt, Bilder oder Zeichen von diesen abgeben zu koͤnnen. Aber es ist in dem neunten der obigen Erfahrungssaͤtze, ange- I. Versuch. Ueber die Natur angemerkt, daß sie noch eine andere zeichnende Eigen- schaft an sich haben. Nemlich sie verweisen uns nicht auf sich selbst, wenn sie gegenwaͤrtig in der Seele sind, sie verweisen uns auf andere Gegenstaͤnde und Be- schaffenheiten, davon sie die Zeichen in uns sind. Wir sehen in den Vorstellungen ihre Objekte, in den Jdeen die Jdeate, in dem Bilde von dem Monde den Mond, und in der Vorstellung von einer ehemaligen Hofnung den derzeitigen und jetzo abwesenden Zustand des Ge- muͤths. Jenes macht ihre bildliche Natur aus. Dieß moͤchte ich als ihre zeichnende Natur ansehen, wenn die- se beiden unterschieden werden sollten. Darinn sind die Vorstellungen aus dem innern Sinn von den Vorstellungen des aͤußern Sinns unter- schieden, daß jene uns auf unsere eigenen innern Ver- aͤnderungen hinweisen, aus welchen sie zuruͤckgeblieben sind; ein großer Theil von diesen |hingegen, auf die aͤußern Ursachen der Empfindungen, auf Gegenstaͤn- de, die außer uns sind, auf gesehene, gefuͤhlte und uͤberhaupt auch empfundene koͤrperliche Gegenstaͤnde. Dieser Unterschied muß seinen Grund haben, und hat ihn in dem Gang, den die Reflexion nimmt, wenn sie den Gedanken bildet; die Vorstellung sey eine Vor- stellung von Etwas anders, das sie selbst nicht ist. Mit der Wiedervorstellung einer vergangenen Affektion ist das Urtheil verbunden: So war meine vorige Empfin- dung; so war mir der Zeit zu Muth. Der Einbildung von dem Monde, und von jedem aͤußern Koͤrper hinge- gen klebet ein andrer Gedanke an. Wir sehen diese Vor- stellungen nicht fuͤr Vorstellungen von dem ehemaligen Anschauen oder von unserer Empfindung an, son- dern fuͤr eine Vorstellung, die uns ein angeschauetes Ding darstellet. Diese Urtheile sind schon mit den Em- pfindungen verbunden, und haben sich aus diesen in die Reproduktion hineingezogen. Sie selbst sind Wirkun- gen der Vorstellungen. gen der Reflexion, der Denkkraft oder der Urtheilskraft, wie man sie nennen will; aber sie haben ihre Veran- lassungen in den Empfindungen, und in deren Umstaͤn- den. Was diese Verschiedenheit betrift, so | will ich da- von hier noch nichts weiter sagen, weil die Ursache da- von eine naͤhere Untersuchung der Denkkraft erfodert, als ich in diesem Versuch anstellen mag. Jch will hier bey dem stehen bleiben, was beiden Arten von Vorstel- lungen gemein ist. Beide Arten von Wiedervorstellungen beziehen sich auf ihre ehemaligen Empfindungen. Da man den sehendgewordenen Englaͤnder, der unter dem Na- men des Cheßeldenischen Blinden bekannt ist, und dessen Geschichte so vieles gelehret hat, und noch mehr wuͤrde haben lehren koͤnnen, wenn er mehr philosophische Beobachter gehabt haͤtte; da man ihn das erstemal in die Duͤnen von Epsom brachte, nannte er diese neuen ungewohnten Empfindungen eine neue Art von Se- hen. So moͤchte vielleicht jeder urtheilen, der mit einer voͤllig gereiften Ueberlegungskraft begabet, lebhaft von einer fuͤr ihn in aller Hinsicht neuen Empfindung be- troffen wuͤrde. Das erste Urtheil wird seyn: Siehe da eine neue Veraͤnderung von dir selbst! Wenn es dabey geblieben waͤre, und nicht bald darauf ein anderer richti- gerer Gedanke diesen erstern verdraͤnget haͤtte, so wuͤrde der erwaͤhnte Mensch sich an die Duͤnen von Epsom nicht anders erinnert haben, als man sich an eine Art von Gefuͤhlen erinnert, aber nicht als an eine eigene Art von aͤußern Gegenstaͤnden. Bey unsern Kindern waͤchset die Reflexion mitten unter den Empfindungen, und daher ist es wahrschein- lich, daß das erst erwaͤhnte Urtheil uͤber das Objektivi- sche der Vorstellung in ihrem Kopf entweder gar nicht, oder doch nicht zu seiner Voͤlligkeit kommen werde, ehe es nicht schon von dem nachfolgenden richtigern vertrie- ben I. Versuch. Ueber die Natur ben wird. Da ist also wohl der erste voͤllig ausge- bildete Gedanke, der mit einer Empfindung von einem gesehenen Objekt verbunden ist, dieser: daß es eine aͤußere Sache sey, was man sehe. Wie ihm aber auch sey, so hindert nichts, die Wiedervorstellungen anfangs als Abbildungen und Zeichen der vorigen Empfindungen anzusehen, und die Frage zunaͤchst zur Untersuchung zu bringen, was es fuͤr eine Beschaffenheit der Vorstellung sey, die es veranlasset, daß wir sie auf unsere Empfin- dungen beziehen, und diese in ihnen sehen, erkennen und beurtheilen? Wir sind uns auch der Vorstellungen selbst in uns bewußt, und koͤnnen sie in uns gewahrnehmen; aber wenn wir sie gebrauchen, so sehen wir nicht sowohl auf sie selbst, als auf etwas anders, auf die Empfindun- gen nemlich, oder die vorhergegangenen Veraͤnderun- gen, woraus sie in uns entstanden sind. Es ist nicht schwer, von diesem Phaͤnomen, oder, von dem natuͤrlichen Hang, wie einige es nennen, die Vorstellungen fuͤr ihre Gegenstaͤnde zu nehmen, den Grund zu finden. Laßt uns die Beobachtungen fragen, und vorher die Wirkung selbst genauer ansehen, ehe wir ihre Ursache suchen. Wenn eine abwesende Sache wieder vorgestellet wird; so koͤnnen wir, wofern die wiedererweckte Einbildung nur einigermaßen lebhaft ist, gewahrnehmen, daß eine Tendenz, die voͤllige vorige Empfindung wieder zu erneuern, mit ihr verbunden sey. Es entstehet eine Anwandlung, eben das wieder zu leiden, wiederum so afficirt zu werden, so zu wollen, und thaͤtig zu seyn, als wir es vorher in der Empfindung gewesen sind. Wir fangen wieder an, gegen abwesende Personen, die wir uns als gegenwaͤrtig einbilden, so zu handeln, als wir vorher gethan haben, da wir sie sahen. Wir bewegen die Glieder des Koͤrpers, wir schlagen mit den Haͤnden, wir sprechen mit ihnen, wie vorher. Und wo dieß nicht wirklich der Vorstellungen. wirklich geschieht, da werden wenigstens die Triebe und ersten Anfaͤnge zu allen diesen in uns rege. Die Seelenkraͤfte erhalten also eine gewisse Richtung; wo- durch sie nicht sowohl auf die Vorstellung, welche sonsten auch alsdenn zu den gegenwaͤrtigen Modifikationen ge- hoͤret, als vielmehr weiter hinaus auf die vorige Em- pfindung der Sache bestimmet werden. Was hier vorgehet, ist dem aͤhnlich, was uns wie- derfaͤhrt, wenn wir die Augen auf ein Gemaͤhlde ei- ner uns interessanten Person, die uns von mehrern Seiten bekannt ist, aufmerksam gerichtet haben; Man vergißt bald, daß es ein Bild sey, was vor uns stehet: Es ist die Person selbst vor Augen. Wir werden eben so modificirt, als wir es seyn wuͤrden, wenn die Licht- strahlen, die wir von der leblosen Flaͤche empfangen, aus dem lebenden Koͤrper ausgiengen, und mit sich eine ganze Menge von andern Empfindungen zur Gesellschaft haͤtten. Ferner. Unsere Reflexion erblicket in der Vorstel- lung das Objekt, oder, welches hier einerley ist, die vorige Empfindung. Was heisset dieses anders, als die Reflexion ist auf den Gegenstand hin gerichtet? die- ser ist es, den sie als die Sache denket, deren Bild ge- genwaͤrtig ist. Sie hat den Gedanken in sich: da ist ein Objekt, eine Sache, ein Gegenstand, und verglei- chet, uͤberleget, schließet eben so, wie sie es gethan hat, als der Gegenstand wirklich vorhanden war. Jene erstere Wirkung aus der Vorstellung entstehet auch bey den Thieren. Die zwote Wirkung, die Rich- tung in der Reflexion, findet nur bey vernuͤnftigen We- sen statt, die mit Denkkraft begabet sind. Das erste ist eine Folge aus der physischen Natur der Einbildun- gen. Das letztere ist eine Folge von einer allgemeinen Wirkungsart der Reflexion. Wir verfahren auf die nemliche Weise in allen Faͤllen, wo Dinge durch ihre Zeichen I. Versuch. Ueber die Natur Zeichen und Bilder erkannt werden; nur mit dem Un- terschied, daß die Reflexion nicht bey allen Arten von Zeichen so leicht, so natuͤrlich in diese Richtung gebracht wird, als bey den Vorstellungen, deren Natur sie von selbst dahin ziehet. So oft man sich ein hohes Gebaͤude, einen Berg, einen Thurm, in der Abwesenheit einbildet, so erheben sich die Augen auf die nemliche Art, wie vormals bey dem Anschauen. Wenn die Gegenstaͤnde in einer großen Entfernung gesehen wurden, so legen sich die Axen der Augen wiederum in eine aͤhnliche Lage, als wenn man dahin sehen wollte. Es laͤsset sich, wie bekannt ist, ei- nem wachenden Menschen, der sich ohne Verstellung sich selbst uͤberlaͤßt, an den Augen ansehen, ob er an dasje- nige denket, was vor ihm ist, oder ob sich seine Phanta- sie mit abwesenden Sachen beschaͤftige. Jn Wolfens groͤßerer Psychologie, und nun in viel mehrern neuern Schriften, findet man soche Beobachtungen gesammlet, und mit einer maͤßigen Aufmerksamkeit auf sich selbst findet man dergleichen in Menge, welche zu dem allge- meinen Satz hinfuͤhren, daß jede Einbildung mit Tendenzen verbunden sey, den vormaligen Zu- stand, sogar in dem aͤußerlichen Sinngliede wie- der zu erwecken, der bey der Empfindung vor- handen war. Das Auge ist unter den uͤbrigen aͤussern Sinngliedern das beugsamste, und dieß ist der Grund der Augensprache; aber oft, zumal bey den uͤbrigen Em- pfindungen, geht die wiederzuruͤckkehrende Bewegung in der Einbildung nicht so stark nach außen, daß sie be- merket werde, weil die Tendenz dazu innerlich zu schwach ist. Aber es lehret doch die Erfahrung, daß wer sich aͤußerlich nicht durch Minen verrathen will, auch Herr uͤber seine Einbildungen in dem Jnnern seyn muͤsse. Nur eine maͤßige Beobachtung seiner Selbst ist noͤ- thig, um zu finden, daß die Wiedervorstellungen aus dem der Vorstellungen. dem innern Sinn eben solche Tendenzen, die vorige Empfindung wieder herzustellen, mit sich verbunden ha- ben. Wir erinnern uns z. B. eines vergangenen Mis- vergnuͤgens. Sobald diese Vorstellung anfaͤngt, an- schaulich zu werden, so empfindet man einen Ansatz zu der vorigen Unruhe, zu der vorigen Begierde, zu dem Verlangen und dem Bestreben, sich aus der verdrießlich gewesenen Lage herauszuwickeln, als wenn man noch jetzo darinn verstrickt waͤre. Auch dieß. Sobald uns eine vorherige Spekulation wieder einfaͤllt, so setzet sich das Gehirn in seine vorige Lage; das Auge wird wie- der scharfsehend, spuͤrend; und der forschende Verstand ist schon wieder auf dem Anfang seines Weges, von neuem in die Materie hineinzugehen. So lange die Wiedervorstellungen nicht so voll und so lebhaft sind als die Empfindungen, und dieß werden sie gewoͤhnlich nicht; so lange sind auch die Tendenzen, den vorigen Empfindungszustand zu erneuern, noch immer aufgehaltene, noch unvollendete Bestrebungen. Sie sind es mehr oder minder, je nachdem die Einbildung selbst lebhafter wird, und den Empfindungen naͤher kommt. Zuweilen muß man die Reproduktion durch eine selbstthaͤtige Anwendung unserer Kraft befoͤrdern, und unterstuͤtzen, und sich voͤllig mit der Einbildung ein- lassen, wenn die Wiederversetzung in den ehemaligen Zustand bemerklich werden soll. Dieß ist, meyne ich, das Zeichnende, auf Ob- jekte Hinweisende in den Einbildungen. Das be- kannte Gesetz der Reproduktion: wenn ein Theil einer ehemaligen Empfindung wieder erwecket ist, so wird der ganze mit ihm vereinigte Zustand hervorgebracht, ist eine Folge davon. Die Seele leidet und handelt nicht so, wie sie leiden und handeln wuͤrde, wenn außer Einem Theil ihrer vorigen Empfindung, jetzo nichts mehr wie- der gegenwaͤrtig in ihr vorhanden waͤre; nichts mehr I. Band. F nemlich, I. Versuch. Ueber die Natur nemlich, als das Stuͤck von der Empfindung, welches ein Bild, oder eine Einbildung von dem empfundenen Gegenstand genennet wird, und der hervorstechende Theil der ganzen Empfindung gewesen ist, um welches die uͤbrigen sich wie um einen Mittelpunkt geleget hat- ten. Es ist noch etwas mehr vorhanden, nemlich eine Tendenz, auch die uͤbrigen Theile der Empfindung, die dunkeln Gefuͤhle bey ihr, zu erneuern. Die Seele leidet und ist thaͤtig, und ihre Kraft ist gespannet, als wenn die gesammte Empfindung oder Nachempfindung, wel- ches hier einerley ist, wiederum erneuert werden sollte. Wenn uns der Anblick eines Gemaͤhldes nicht so- gleich in das vorige Anschauen der abgemahlten Person zuruͤcksetzet, so kommt dieß ohne Zweifel daher, weil wir hier so viel Eigenes an dem Gemaͤhlde, als an einem besondern Objekte gewahrnehmen, das uns aufhaͤlt. Das Gemaͤhlde ist nicht durchaus Gemaͤhlde, sondern auch selbst ein Gegenstand, der als ein solcher seine ei- gene Empfindungen erreget. Waͤre es ganz und gar ein Bild einer andern Sache, so wuͤrden wir nur allein diese in jenem, und jenes selbst nicht empfinden. Ein Spiegel, der ein vollkommener Spiegel ist, kann nicht selbst gesehen werden, so wenig als ein Koͤrper, der voll- kommen durchsichtig ist, aber Dinge von dem aͤußersten Grade finden sich in der Natur nicht. Auf dieselbige Art verhaͤlt es sich mit unsern Vorstellungen. Sie sind in einigen Hinsichten selbst Gegenstaͤnde; sie werden als solche gefuͤhlet und erkannt; sie sind dieß desto- mehr, je verwirrter sie sind, und werden es desto weni- ger, je mehr sie deutlich und entwickelt werden. Den- noch behalten sie die zeichnende Natur, und beweisen sie sogleich im Anfange, wenn die Phantasie sie wieder er- wecket. Es ist nun noch das zweyte uͤbrig, nemlich die Richtung der Reflexion auf die Empfindung, welche durch der Vorstellungen. durch die das Bild begleitende Tendenz verursachet wird. Die Veranlassung dazu ist, wie gesagt worden, in der Vorstellung; daß aber diese eine solche Veranlassung fuͤr die Reflexion seyn kann; daß die letztere der Leitung von jener wirklich folget, davon lieget der Grund in der Na- tur der Reflexion selbst. Dieß muß noch etwas weiter hergeholet werden. Wie entstehet uͤberhaupt die Be- ziehung eines Bildes auf den abgebildeten Gegenstand, und wird mit dem Bilde, welches vor uns ist, der Gedanke verbunden, daß wir die Sache selbst in dem Bilde vor uns haben? wie wird die Aufmerksamkeit auf diese letztere uͤber das Bild hinausgerichtet, daß wir so denken und so uͤberlegen, als haͤtten wir die Sache vor uns? oder mit einem Wort, auf welche Art lernen wir in dem Bilde die Sache sehen und erkennen? Ein paar Beobachtungen lassen uns diesen Gang der Reflexion und die allgemeine Regel ihres Verfahrens bemerken. Ein kleiner Knabe spielet zuweilen mit dem Portrait seines Vaters, als mit einem buntbemahlten leichten Koͤrper, ohne daran zu gedenken, daß es seinen Vater vorstelle. Der Cheßeldenische Blinde hatte auf eine aͤhnliche Art schon einige Zeit her die Gemaͤhlde an der Wand von Personen, mit denen er umgieng, als buntscheckigte Flaͤchen angesehen, ehe er gewahr nahm, daß sie Abbildungen von seinen Bekannten waren. Jm Anfang war sowohl das Bild als die abgebildete Sache jedes ein eigenes Objekt, nach seinen Vorstellungen So verhaͤlt es sich uͤberhaupt bey allen unsern willkuͤhr lichen, in die aͤußern Sinne fallenden Zeichen. Was sind die Woͤrter einer Sprache, die wir noch nicht ver- stehen, fuͤr uns, wenn wir sie aussprechen hoͤren, oder auf dem Papier geschrieben sehen? Nichts als Toͤne und sichtbare Figuren. Erlernen wir aber nachher ihre Bedeutung, so wird die Aufmerksamkeit so stark auf die durch sie bezeichnete Gedanken hingezogen, daß die indi- F 2 viduelle I. Versuch. Ueber die Natur viduelle Empfindung, die sie durchs Gehoͤr und Gesicht verursachen, nur wenig, und nur, wenn sie etwas eige- nes an sich hat, beachtet und bemerket wird. Die Reflexion nimmt die Aehnlichkeit zwischen dem Bilde und der Sache, die Analogie der Zeichen auf die bezeichneten Gegenstaͤnde gewahr. So gleich verbindet sie nicht allein diese beyden Vorstellungen mit einander, sondern sie vereiniget solche gewissermaßen zu Einer Vorstellung. Alsdenn muß diejenige von ihnen, welche die schwaͤchere, die mattere, unvollstaͤndigere, entwe- der im Anfang schon war, oder bey der oͤftern Wie- derholung von beiden es darum wird, weil sie weniger interessant ist, und also die Aufmerksamkeit weniger be- schaͤftiget, von der staͤrkeren, voͤlligern und lebhaftern uͤberwaͤltiget, und auf diese mehr, als diese auf jene be- zogen werden. Daher wird von beiden aͤhnlichen und vereinigten Vorstellungen diejenige, welche die mehre- sten Empfindungen erreget, von mehreren Seiten be- trachtet, und also lebhafter und staͤrker vorgestellet wird, zu einer Vorstellung von dem Hauptgegenstande gemacht; die andere hingegen, welche uns minder beschaͤftiget, und bey der wir auf nichts mehr aufmerksam sind, als auf solche Beschaffenheiten, die ihre Aehnlichkeit mit dem ersten ausmachen, wird fuͤr uns zum Zeichen, bey dessen Gegenwart die erstere, als das vornehmste Ob- jekt der Aufmerksamkeit, diese auf sich hinziehet. Der gedachte Blinde glaubte anfangs in den Gemaͤhlden die wahren Personen zu sehen; aber als er sie befuͤhlte, und die Empfindungen nicht antraf, welche er von Personen zu empfangen gewohnt war, so entdeckte er ihr Leeres, und ihren nur einseitigen Schein, und fieng an, sie fuͤr dasjenige zu halten, was sie waren, nemlich fuͤr Bil- der. Diese Beobachtungen fuͤhren auf das allgemeine Ge- setz der Reflexion. „Wenn zwey Vorstellungen zu „Einer der Vorstellungen. „Einer vereiniget sind, und Eine von ihnen machet ei- „nen solchen erheblichen Theil des Ganzen aus, daß, „wo dieser Theil gegenwaͤrtig erhalten wird, auch ent- „weder das Ganze selbst gegenwaͤrtig, oder doch eine „Tendenz vorhanden ist, es wieder gegenwaͤrtig zu ma- „chen; so wird die Denkkraft durch eine solche partielle „Vorstellung auf das Ganze gerichtet.“ Wir sehen also das Ganze in jenem Theil von ihm. Wenn nun beyde Vorstellungen, die zu Einem Ganzen vereiniget sind, doch auch abgesondert, jede als ein eigenes Ganze in uns vorkommen, so wird zwischen ihnen das Verhaͤlt- niß eines Zeichens zu einem bezeichneten oder abgebilde- ten Gegenstande gedacht. Nach diesem Gesetz ist es nothwendig, daß die Einbildungen auf ihre vorigen Empfindungen hin- weisen. Sie sind Zeichen von Natur, und sind es mehr und naͤher als jede andere Art von Dingen, die wir zu Zeichen, Bildern und Vorstellungen gemacht haben. Denn was hier Einbildung oder Wiedervorstellung ist, das ist nicht die ganze ehemalige Empfindung, auch nicht das Ganze, was in der Abwesenheit der Gegen- staͤnde wiederum in uns hervorkommt, oder hervorzu- begeben sich anlaͤsset. Das Bild von dem Mond; die Wiedervorstellung von einer Freude ist nur ein Stuͤck aus der ganzen ehemaligen Empfindung, und auch nur ein Stuͤck von der ganzen Modifikation der Seele, wel- che bey der Reproduktion vorhanden ist. Es ist der Theil, bey dem die Reproduktion der gesammten Em- pfindung anfaͤnget. Zuweilen ist es der groͤßte Theil, zuweilen nur einige Zuͤge davon; aber allemal so ein Theil, der am klaͤrsten empfunden, am meisten gewahr- genommen, und am leichtesten reproducibel ist. Wenn ein solcher Zug aus der vorigen Empfindung wieder her- vorkommt, so ziehet er die uͤbrigen, wie seine Neben- theile mit hervor, oder es entstehet doch ein Bestreben, F 3 sie I. Versuch. Ueber die Natur sie hervorzuziehen. Hat die ganze vorige Empfindung von einem einzeln Gegenstande aus mehrern Eindruͤcken, und zwar auf verschiedene Sinne bestanden; so ist es, wie die Erfahrung lehret, oͤfters die Gesichtsempfindung, und das von ihr nachgebliebene Bild, dessen die Seele sich zu einer solchen Grundlage bey der Reproduktion der Empfindung bedienet. Dieser Theil der Einbildung muß also die Reflexion, wo diese als ertheilende und den- kende Kraft sich beweiset, auf das Ganze hinfuͤhren, und dieß als ein Objekt ihr darstellen. Diese zeichnende Be- ziehung der Vorstellung auf die Empfindung setzet keine Vergleichung voraus. Sie lieget in der Natur der Wiedervorstellungen. Aber wenn das Urtheil der Re- flexion hinzukommen, und wenn der Gedanke deutlich werden soll; da ist ein Objekt, oder eine Sache, und diese Sache stelle ich mir vor, so ist die Vorstellung schon eine Jdee, welches sie ohne Bewußtseyn und ohne Ver- gleichungen nicht werden kann. Es ist aber hier nicht die Rede von dem, was in der Action der Denkkraft enthalten ist; es war nur die Rede von dem Gesetz, wor- nach diese Action der Denkkraft erreget wird. Die Einbildung einer Sache oder die Vorstellung von ihr, habe ich gesagt, sey nur ein Theil der ganzen reproducirten Modifikation. Das heißet, moͤchte man einwenden; die Einbildung ist nur ein Theil der Einbil- dung. Was ist denn die ganze voͤllige Einbildung? Jch antworte: Man betrachtet hier nur die Einbildun- gen, in so ferne sie Zeichen von andern Gegenstaͤnden sind, die wir durch sie erkennen. Zu dieser Absicht ge- brauchen wir niemals das Ganze, sondern nur einen her- vorstechenden Theil, nur die Grundzuͤge, nicht alle klei- nen Nebenzuͤge; auch nicht alle diejenigen, die voͤllig wieder gegenwaͤrtig werden. Die voͤllige Reproduktion wird niemals zu einer solchen Absicht gebraucht, sondern zeiget sich vielmehr als eine neue gegenwaͤrtige Empfin- dung, der Vorstellungen. dung, wo sie so vollstaͤndig wird, daß sie alle kleinere Gefuͤhle der ehemaligen Empfindung enthaͤlt: Allein sie koͤnnte doch auch in diesem Zustande noch als eine auf die ehemalige Empfindung hinweisende Vorstellung gebrau- chet werden. Denn wo jene auch mit allen ihren Thei- len reproducirt wird, da wird doch kein Theil so voͤllig wieder ausgedruckt, als er in der Empfindung vorhan- den war, und daher bleiben immer Bestrebungen zu- ruͤck, deren Effekte nicht hervorkommen, und die auf ein anders als ein plus ultra verweisen. XI. Eine Anmerkung uͤber den Unterschied der analo- gischen und der anschaulichen Vorstellungen. D ie Analogie der Vorstellungen mit |ihren Gegen- staͤnden macht diese aus jenen erkennbar. Ueber diese Beziehung ist so vieles in den Schriften der neuern Philosophen gesaget, daß ich bey meinem Vorsatz, alles vorbeyzugehen, oder doch nur um des Zusammenhangs willen zu beruͤhren, was zur voͤlligen Evidenz von an- dern gebracht ist, nicht mehr als nur eine Anmerkung uͤber die Natur unserer eigentlich so genannten Analo- gischen Vorstellungen anzufuͤgen fuͤr nothwendig hal- te. Und auch diese setze ich hier nicht sowohl darum her, weil ich glaube, daß die Sache nicht schon ins Reine ge- bracht sey, sondern, weil ich die Gelegenheit nicht vor- bey lassen wollte, eine Anwendung von der vorherigen Betrachtung auf einen Theil unserer Kenntnisse zu ma- chen, dessen Aufklaͤrung wichtig und fruchtbar ist. Der erhabene Theil unserer Vorstellungen, welche die Gott- heit und ihre Eigenschaften zum Gegenstande hat, gehoͤ- ret zu den analogischen Jdeen. Unsere Vorstellungen von aͤußern koͤrperlichen Din- gen, und diese Gegenstaͤnde selbst, sind so heterogener F 4 Natur, I. Versuch. Ueber die Natur Natur, wie der Marmor, aus dem eine Statue ge- macht ist, und der menschliche Koͤrper, den die Statue vorstellet; so verschiedenartig als das mit Farben bestri- chene Leinwand und der abgemahlte lebende Kopf, und, wenn hier anders von Graden der Verschiedenartigkeit geredet werden kann, noch verschiedenartiger. Was hat das Bild von dem Mond in uns fuͤr eine Gleichar- tigkeit mit dem Koͤrper am Himmel? Beziehen wir aber unsere urspruͤnglichen Vorstel- lungen, auf die vorhergegangenen Nachempfindun- gen, aus denen sie zuruͤckgeblieben sind, so findet wie- derum eine gewisse Einartigkeit zwischen ihnen Statt. Da sind die Empfindungen, eben sowohl als ihre nach- gebliebenen Spuren, Modifikationen der Seele, welche nur an Voͤlligkeit und Staͤrke von einander unterschieden sind. Oder, wenn man will, daß die im Gedaͤchtniß ruhende eingewickelte Vorstellung zu der wieder entwickel- ten Einbildung und zu der Nachempfindung sich wie die Disposition einer Kraft zu ihrer wirklichen Thaͤtigkeit verhalte, so ist doch auch diese Beziehung schon mehr Homogenitaͤt, als die Beziehung des ideellen Mon- des auf den objektivischen außer uns. Die reprodu- cirte gegenwaͤrtige Vorstellung ist der vorhergegangenen Empfindung oder Nachempfindung naͤher und aͤhnlicher, als es die bloße Disposition oder die ruhende Vorstel- lung ist. Denn sie ist schon mehr entwickelt, als ein bloßer Keim oder Anlage zu der ehemaligen Empfindung. Zu der allgemeinen Analogie zwischen Vorstellun- gen und ihren Objekten kommt auch alsdenn noch eine naͤhere Aehnlichkeit hinzu, wenn die Vorstellungen, Dinge und Beschaffenheiten derselben, die mit uns selbst und unsern eigenen Beschaffenheiten, aus denen der Stoff der Vorstellungen genommen ist, gleichartiger Natur sind. Dieses findet insbesondere Statt bey denen aus dem Jnnern Sinn. Die Vorstellungen von Denkungs- thaͤtig- der Vorstellungen. thaͤtigkeiten, von Gemuͤthsbewegungen und Handlun- gen sind fuͤr uns Bilder von gleichartigen Modifikatio- nen anderer Menschen und anderer denkenden und em- pfindsamen Wesen. Ein Vater stellet sich vermittelst sei- nes eigenen Gefuͤhls es vor, was Vaterfreude uͤber Kin- der Wohl bey einem andern sey u. s. w. Dennoch ist bey aller Verschiedenartigkeit der Vor- stellungen von aͤußern Gegenstaͤnden, und der Gegen- staͤnde selbst, diese Beziehung zwischen ihnen, daß jene aus der Empfindung der Gegenstaͤnde entspringen. Die Vorstellung von der Sonne ist eine Vorstellung aus dem Anschauen. Sie sind also Modifikationen sol- cher Wesen, wie wir sind, welche entstehen, wenn die Objekte ihnen gegenwaͤrtig sind, und, vermittelst solcher sinnlichen Werkzeuge als die unsrigen, Eindruͤcke auf sie machen. Diese Vorstellungen sind daher auch keine willkuͤhrlich gemachte Zeichen, sondern natuͤrlich ent- standene Abdruͤcke von den Objekten. So wird der Mond empfunden, und so ein Bild bringet er in uns hervor, wenn er gesehen wird, als die Gesichtsvorstel- lung ist, unter der wir uns ihn einbilden. Der blinde Saunderson hatte Vorstellungen von den Lichtstrahlen und von ihrem Zerspalten in Farben, folglich von Dingen und Beschaffenheiten, die durch keinen andern Sinn empfindbar sind, als durch den, der ihm fehlte, und die es also fuͤr ihn nicht seyn konnten. Denn obgleich einige Blinde durch ein außerordentlich fei- nes und geschaͤrftes Gefuͤhl die groͤbern Farben auf Tuͤ- chern und auf andern Flaͤchen einigermaaßen unterschie- den haben, so hat man doch kein Beyspiel, und ist auch wohl keines jemals zu erwarten, daß ein Blinder auch die Farbenstrahlen, die aus der Zertheilung des weisen Sonnenlichts auf eine ebene Flaͤche fallen, durch das Gefuͤhl zu unterscheiden im Stande seyn werde. Saun- derson mag nicht einmal die groͤbern Farben auf den Tuͤ- F 5 chern I. Versuch. Ueber die Natur chern gefuͤhlt haben. Wie konnten also seine Vorstel- lungen beschaffen seyn, die er von den unfuͤhlbaren Ei- genschaften des Lichts hatte! Sie bestanden ohne Zwei- fel aus Bildern von Linien und von Winkeln, aus geo- metrischen Jdeen, die bey ihm so waren, wie sie aus den Empfindungen des Gefuͤhls entspringen koͤnnen. An Gesichtsbildern von Punkten und Linien und Win- keln, dergleichen der sehende Geometer hat, fehlete es ihm. Daher waren seine Vorstellungen von den Farben von den Vorstellungen der Sehenden so unterschieden- artig, als es Eindruͤcke unterschiedener Sinne seyn koͤn- nen und als es Farben und Toͤne sind. Und dennoch waren sie mit ihren Objekten analogisch, dennoch Vor- stellungen, wodurch die Gegenstaͤnde erkannt, verglichen und beurtheilet werden konnten, auf dieselbige Art wie die Gedanken durch Worte. Dieß war ein Beyspiel — aber es bedurfte eines solchen außerordentlichen Falles nicht, da so viele andere aͤhnliche vorhanden sind — daß wir aus unsern urspruͤnglichen Vorstellungen uns Vor- stellungen von Sachen verschaffen, die wir weder em- pfunden haben, noch empfinden koͤnnen, und die, wenn sie empfunden wuͤrden, Eindruͤcke in uns hervorbringen muͤßten, welche ganz verschiedenartig von denen sind, woraus wir die Vorstellungen von ihnen gemacht haben. Dieß ist eine Art von Vorstellungen, die auf ihre Gegenstaͤnde keine naͤhere Beziehung haben, als allein die allgemeine Analogie, die zu jeder Gattung von Zei- chen unentbehrlich ist. Sie entsprechen ihren Gegen- staͤnden; einerley Vorstellung gehoͤret zu einerley Objekt; unterschiedene Vorstellungen zu verschiedenen. Jm uͤbrigen aber sind sie weder mit ihren Objekten gleichar- tig, noch in einer solchen Verbindung, wie Wirkungen mit ihren Ursachen. Und dieß sind die analogischen Vorstellungen, die darum so genennet werden, weil sie nichts der Vorstellungen. nichts mehr sind, als dieses; sie geben bloß symboli- sche Vorstellungen. Es ist leicht zu begreifen, daß wir von solchen Ge- genstaͤnden, die nicht empfunden werden koͤnnen, z. B. von dem Urheber der Welt, von den innern Kraͤften der Elemente, und so weiter, keine andere, als bloß analogische Vorstellungen haben koͤnnen; wenigstens kei- ne andere, als solche, die nur dieß und nichts mehr sind, so viel wir es wissen. Man muͤßte denn geneigt seyn, Leibnitzens Gedanken von der allgemeinen Gleichartigkeit aller reellen Kraͤfte und Wesen anzunehmen, und zu glau- ben, daß sie alle vorstellende Kraͤfte sind, in dem Sinn, wie es unsere Seele ist. Jn einigen Faͤllen koͤn- nen die vorgestellten Objekte selbst unempfindbar fuͤr uns seyn, und es laͤßt sich doch vielleicht aus andern Gruͤn- den erkennen, daß sie mit denen, die wir empfinden, von gleicher Natur, und also unsere Vorstellungen von ihnen mehr als analogische Vorstellungen sind. Jndessen beruhet der ganze Gebrauch, den die Ver- nunst von den Vorstellungen jedweder Art machen kann, lediglich auf ihrer Analogie mit den Gegenstaͤnden. Es muß sich Sache zur Sache, wie Vorstellung zur Vor- stellung verhalten; und die Verhaͤltnisse und Beziehun- gen der Vorstellungen gegen einander mit den Verhaͤlt- nissen und Beziehungen der Gegenstaͤnde unter sich, ei- nerley seyn. Und in so ferne dieses Statt findet, sind sie fuͤr uns Zeichen der Dinge; weiter nicht. Denn bis so weit kann sich die Erkennbarkeit der Sachen aus ih- nen und durch sie nur erstrecken. Daher sind auch die blos analogischen Vorstellungen nicht minder und nicht mehr zuverlaͤßiger, als die ihnen entgegengesetzten, die man unter dem Namen von Anschaulichen befassen kann. So weit als die Analogie der Vorstellungen rei- chet, so weit sind die Urtheile und Schluͤsse zuverlaͤßig, die wir uͤber die Jdentitaͤt und Verschiedenheit, uͤber die I. Versuch. Ueber die Natur die Lage und Beziehungen, und Abhaͤngigkeit der Ob- jekte faͤllen, und den Objekten außer uns zuschreiben, wie solche in den Vorstellungen, das ist, in den ideellen Objekten gewahrgenommen werden. Beyde Arten, die analogischen und die anschaulichen sind eine Art von Sprache fuͤr uns, aber die letztere enthaͤlt die natuͤr- lichen Zeichen, die entweder Wirkungen auf uns von den bezeichneten Sachen sind, oder gar eben dieselbarti- gen Dinge. Die Analogischen sind Zeichen, welche die Reflexion sich entweder aus Noth selbst macht, weil es ihr an andern fehlet, oder auch aus Bequemlichkeit. Der Astronom stellet auf einer Flaͤche von Papier das Weltgebaͤude vor, und der Mechaniker ziehet einen Triangel, dessen Flaͤche und Seiten die Hoͤhe, wodurch die Schwere die Koͤrper heruntertreibet, die Zeit, in der solches geschieht, und die Geschwindigkeit, die im Fallen erlanget wird, vorstellen, und nun schließet er aus den Verhaͤltnissen der Linien und der Flaͤchen seiner Figuren auf die Verhaͤltnisse der durch sie abgebildeten und ihnen entsprechenden koͤrperlichen Beschaffenheiten und Veraͤn- derungen. Wenn Hobbes, Hume, Robinet und andere die analogische Kenntniß von der Ersten Ursache darum fuͤr unzuverlaͤssig erklaͤret, weil sie analogisch ist, so bestreiten sie solche aus einem Grunde, aus dem auch die Gewißheit der anschaulichsten Kenntniß bestritten wer- den kann. Einen Unterschied giebt es indessen zwischen den an- schaulichen und analogischen Vorstellungen, der uns die erstere in mancher Hinsicht brauchbarer machet, als die letztere. Die Analogie mit den Objekten ist bey den Anschaulichen voͤlliger, und erstrecket sich uͤber mehrere Beschaffenheiten, auch uͤber kleine Theile der ganzen Vorstellung; wogegen bey den bloß analogischen vieles mit darunter ist, was zu dem Analogischen und Zeichnen- den nicht gehoͤret. Zwey Gesichtsbilder von zween Men- der Vorstellungen. Menschen lassen die beyden Gegenstaͤnde in so manchen Hinsichten an der Groͤße, Farbe, Gestalt, Lage der Thei- le, Stellung, Mienen bis auf kleine Beschaffenheiten mit einander vergleichen. Da ist in den sinnlichen Vor- stellungen alles Bild und Zeichen. Wenn sich hingegen ein blinder Mathematiker die verschiedenen preismati- schen Farben nach ihrer Analogie mit den Toͤnen, unter Toͤnen vorstellet, so sind seine Vorstellungen des Gehoͤrs nur Vorstellungen von den Farben in einer sehr einge- schraͤnkten Hinsicht. Jene sind Gemaͤhlde auch in Hin- sicht des Kolorits; diese nur in Hinsicht der Zeichnung. Und dieß ist auch der Grund, warum man so leicht uͤber die Graͤnze der Aehnlichkeit hinaus gehen, und falsche Anwendungen von analogischen Jdeen machen kann. Jener Blinde stellte sich das Licht wie den Zucker vor, der ihm einen angenehmen Geschmack gab. Jn so weit konnte der Geschmack eine Analogische Vorstellung von der Gesichtsempfindung des Lichts abgeben. Aber wenn er nun daraus gefolgert haͤtte, das Licht lasse sich durch die Naͤsse zerschmelzen, oder mit den Zaͤhnen zermalmen, so wuͤrde dieß so ein Versehen gewesen seyn, als aus der Ueberschreitung der Analogie entspringen muß. Die vornehmste Schwierigkeit bey unsern analogi- schen Kenntnissen bestehet gemeiniglich darinn, daß die Gruͤnde aufgesucht und deutlich bestimmet werden, wor- auf die Analogie unsrer Jdeen mit ihrem Objekte beru- het. Diese Gruͤnde der Analogie muͤssen zugleich auch ihre Ausdehnung und ihre Grenzen anweisen. Wie und auf welche Art wird es uns moͤglich, die Analogie unem- pfindbarer Gegenstaͤnde mit empfindbaren, oder mit den Vorstellungen dieser letztern zu erkennen, und durch wel- che Wirkungsart des Verstandes koͤnnen wir daruͤber unterrichtet werden? Auf diese Frage antworte ich durch eine neue Frage: Wie ist es moͤglich, zu wissen, daß die aͤußern Gegenstaͤnde und ihre sinnlichen Bilder in uns einander I. Versuch. Ueber die Natur einander entsprechen? Woher weiß ich, daß ein frem- der Mensch vor mir stehe, wenn ich jetzo eine andere Gestalt in mir habe? Jn solchen Faͤllen, wo nicht von der Analogie willkuͤhrlicher Zeichen, die wir selbst ge- macht haben, und von deren Uebereinstimmung wir also auch selbst die Urheber sind, sondern von der Analogie unserer natuͤrlichen Zeichen die Rede ist, beruhet un- sere Erkenntniß von ihr auf allgemeinen Grundwahrhei- ten der Vernunft, oder auf natuͤrlichen Denkungsgesetzen des Verstandes, nach welchen wir uͤber Gegenstaͤnde, Dinge, Sachen und Beschaffenheiten aller Arten ur- theilen und urtheilen muͤssen. Nach solchen nothwendi- gen Denkgesetzen beurtheilet die Vernunft alles, Bekann- tes und Unbekanntes, das Unempfindbare und das Em- pfundene, die Objekte und Vorstellungen, Ursache und Wirkungen, und setzet die Grundanalogie zwischen ihnen fest. Es ist dieß aber ein Geschaͤft der Denkkraft, die sich der Vorstellungen bedienet, und nicht eigentlich der vorstellenden Kraft, die jene herbeyschaffet. Jch uͤber- gehe daher die weitere Untersuchung dieser Denkungs- weise. Am meisten liegen dabey die allgemeinen Axio- me von der Analogie der Wirkungen mit ihren Ursachen, und von der darauf beruhenden Erkennbarkeit der Ursache, aus ihren Wirkungen zum Grunde. Die sind es, wor- nach wir die Analogie unserer Vorstellungen mit ihren Objekten, und zwar sowohl bey den analogischen, als bey den anschaulichen Vorstellungen voraussetzen. Wenn man aber bey einer Gattung von Bildern und Zeichen ihre Beziehung auf Objekte erkennet, so kann auch nach- her anstatt derselben eine andere, die ihr aͤhnlich oder mit ihr in der Empfindung verbunden ist, gebrauchet, und die Analogie der erstern Art mit den Objekten auf die letztere ihr untergelegte uͤbertragen werden. XII. der Vorstellungen. XII. Von der bildlichen Klarheit in den Vorstellungen. Sie kann von der ideellen in den Jdeen unter- schieden werden. Wie fern beyde sich auf ein- ander und auf die zeichnende Natur der Vor- stellungen beziehen. Kritik uͤber die gewoͤhnli- chen Abtheilungen der Jdeen in dunkle und klare, verwirrte und deutliche. J ch kehre wieder zuruͤck zu den urspruͤnglichen Vorstel- lungen, die aus vorhergegangenen Empfindungen in uns entstanden sind. Sie entsprechen ihren Gegen- staͤnden, aber nur in so fern sie klar und deutlich sind. Es ist aber eigentlich nur die Rede von der Klarheit und Dunkelheit in den Vorstellungen, noch nicht von derjenigen, die in den Jdeen als Jdeen ist. Diese beyden Arten von Klarheit koͤnnen unterschieden seyn. Jene ist in der Vorstellung, als in einer Modification, welche sich auf ihr Objekt beziehet, ohne Ruͤcksicht auf das Bewußtseyn, und auf das wirkliche Gewahrnehmen der Sache durch die Vorstellungen. Sie ist nur Un- terscheidbarkeit; dagegen wo die Jdee klar ist, da wird etwas wirklich unterschieden. Jn der einfachen Empfindungsidee von dem weißen Sonnenlicht unter- scheiden wir keine prismatischen Farben. Die Vorstel- lung ist einfach, und enthaͤlt nichts von einander merk- lich abstechendes; das es nemlich fuͤr uns sey. Denn wir moͤgen so stark und so viel und von so vielen Seiten sie ansehen als wir wollen; so ist die Empfindung und ihre Vorstellung unaufloͤslich, ob sie gleich fuͤr sich Man- nigfaltiges genug enthaͤlt. Jhre Zuͤge sind fuͤr uns un- leserlich. Dieß ist bildliche Undeutlichkeit oder Verwirrung in den Vorstellungen. Die I. Versuch. Ueber die Natur Die Jdee ist, wenn dieß Wort noch in keiner ein- geschraͤnkten Bedeutung genommen wird, eine Vor- stellung mit Bewußtseyn, ein Bild, das von an- dern Bildern unterschieden wird. Jn einer engern Be- deutung ist es ein von uns zu einem Zeichen eines Ge- genstandes gemachtes Bild. Die Jdeen koͤnnen dun- kel und verwirrt seyn, nicht weil es an der dazu noͤthi- gen Staͤrke oder Deutlichkeit des Abdrucks in der Vor- stellung fehlet, sondern weil es an der Aufmerksamkeit fehlet, welche erfordert wird, wenn die sich ausnehmen- de und unterscheidbare Zuͤge in der Vorstellung bemerket werden sollen. Die Vorstellung kann nemlich eine an sich sehr leserliche Schrift in uns seyn, und das Auge kann fehlen, das solche scharf und genau genug ansieht. Jn dem Gemaͤhlde, worinn der Geschmacklose nichts, als bunte Striche gewahr wird, erblickt das Auge des Kenners tausend feine Zuͤge, Nuancen, Aehnlichkeiten, die dem erstern entwischen, obgleich sein Auge eben so gut die Lichtstrahlen fasset, als das vielleicht bloͤdere Ge- sicht des letztern. Ein Jaͤger kann in den leichtesten Spuren die Thierart bemerken, die solche hinterlassen hat; der wilde Amerikaner sieht es den Fußtapfen der Menschen im Schnee und auf der Erde an, zu welcher Nation sie gehoͤren, indem die Aufmerksamkeit auf die kleinsten Zuͤge verwendet wird, die einem andern unbe- merkt bleiben, dessen Beobachtungsgeist auf sie nicht gefuͤhret wird. Es ist bekannt, daß der Beobachter der Natur, der sich der Vergroͤßerungsglaͤser bedient, ge- wisse Theile und Beschaffenheiten an den Objekten, wenn sie vorher mit dem Glas entdecket sind, nachher auch mit bloßen Augen gewahrnehme, ohne solche vor dem Gebrauch des Glases gesehen zu haben. Diese und aͤhnliche Erfahrungen lassen sich weder aus der Verschiedenheit des sinnlichen Eindrucks, inso- ferne dieser in den aͤußern Objekten außer dem Gehirne seine der Vorstellungen. seine Ursache hat; noch aus dem Unterschied der Bilder auf der Netzhaut bey dem Gesichte erklaͤren. Es ist offen- bar, daß es hier von der Aufmerksamkeit bey der Beobach- tung abhange, warum Einer in derselbigen Sache so mancherley siehet, wo der andere nichts unterscheidet. Doch mißdeute man dieses nicht. Jch will nichts erschleichen. Es ist noch unentschieden, ob die Zuͤge, die in der Jdee unbemerkt bleiben, nicht auch in der Vorstellung, als Bild der Sache betrachtet, unausge- bildet und dunkel geblieben sind? Ob nicht jedwedes, in der Vorstellung genugsam hervorstechendes und kenn- bares Merkmal auch zugleich in der Jdee wahrgenom- men werden muͤsse? oder ob wol die Vorstellung, als Bild so vollkommen ausgearbeitet, und eine so voͤllige Vorstellung seyn koͤnne, als sie es nachher ist, ohne daß wir uns aller in ihr liegenden und abstechenden Zuͤge be- wußt sind? Ob nicht etwan nothwendig das Bewußt- seyn eben so weit uͤber das Bild und dessen Zuͤge sich er- strecke, als diese selbst in der Vorstellung apperceptibel sind? Ob das Bewußtseyn eine eigene, von den Thaͤ- tigkeiten, durch welche die Vorstellung ausgearbeitet wird, unterschiedene Kraftaͤußerung sey, die auch zu- weilen von jenen getrennet seyn koͤnne? Ueber diese Punkte will ich hier nichts ausmachen; zum wenigsten nicht gerade zu mich auf die angefuͤhrten Beobachtun- gen berufen. Aber so viel ist aus ihnen offenbar, daß es wohl zu unterscheiden sey, ob die Undeutlichkeit und Dunkelheit in der Vorstellung als in einer matten und verwirrten Abbildung ihres Gegenstandes in uns, ihren Grund habe, oder ob sie nur in der Jdee als Jdee, das ist in der bearbeiteten und mit Bewußtseyn verbundenen Vorstellung vorhanden sey. Wo es an der noͤthigen Helligkeit in der Vorstellung fehlet, da muß es auch in der Jdee daran fehlen. Die Klarheit in jener erfordert eine Appercibilitaͤt, eine Erkennbarkeit; es muß die I. Band. G Vor- I. Versuch. Ueber die Natur Vorstellung zur Jdee gemacht werden koͤnnen. Die letztere Klarheit der Jdee ist die wirkliche Apperception. Ob nicht jene Unterscheidbarkeit in dem Bilde vorhan- den seyn, und doch das Bewußtseyn fehlen koͤnne, das ist die Frage, auf welche in der alten, und jetzo mehr ein- geschlaͤferten als entschiedenen Streitigkeit uͤber die Vor- stellungen ohne Bewußtseyn, die Mißverstaͤndniße abge- fondert, am Ende alles hinauslaͤuft. Aber hier habe ich die Beobachtungen nicht beysammen, die erfordert werden, um diese nicht unwichtige Sache ins Helle zu setzen. Die Vorstellungen sind nur Bilder von den Ob- jekten fuͤr uns, in so ferne sie die gedachte bildliche Klarheit und Deutlichkeit besitzen; weiter nicht. Jn so ferne sie nicht gewahrgenommen werden koͤnnen mit der Aufmerksamkeit, und also nicht genug zu dieser Absicht von andern abgesondert und ausgezeichnet sind, in so ferne sind sie fuͤr uns bloße Modifikationen in der Seele, denen die Analogie mit ihren Objekten fehlet, durch wel- che allein sie nur Vorstellungen von Sachen seyn koͤnnen. Sie muͤssen sich doch im Ganzen von einander unter- scheiden lassen, wenn sie Sachen im Ganzen; und ihre einzelnen Theile muͤssen genug auseinander gesetzet seyn, wenn sie besondere Theile und Beschaffenheiten an Sa- chen kennbar machen sollen. Es ist eine viel feinere Frage, ob die zwote Eigen- schaft der Vorstellungen, das Hinweisen auf ihre Jdeate, auch in der naͤmlichen Beziehung mit ihrer bildlichen Deutlichkeit und Undeutlichkeit stehe. Diese Beschaffenheit kommt ihnen zu, wegen der mit ihnen verbundenen Tendenzen, sich weiter fort zu Empfindun- gen zu entwickeln. Es scheinet, von einer Seite die Sache betrachtet, nicht, daß diese Eigenschaft an ihnen davon abhange, ob ihre Theile mehr oder minder ausein- ander gesetzet und an sich apperceptibel sind. Ein dunkler Flecken an der Wand, in der Ferne gesehen, ziehet uns mit der Vorstellungen. mit eben der Staͤrke auf den Gedanken, es sey ein Ob- jekt an der Wand, was wir sehen, als wir in der Naͤhe, wenn wir gewahr werden, daß es ein Miniaturportrait sey, es fuͤr ein außer uns vorhandenes Gemaͤhlde erken- nen. Die Reflexion siehet in dem einen Fall wie in dem andern, bey den verwirrtesten Jdeen, wie bey den deutlichsten, nicht die Vorstellung selbst, sondern durch sie die Sache, die ihr Objekt ist. Eben dieses scheint auch die Natur der Vorstellungen mit sich zu bringen. Jeder einzelne Zug in ihnen ist, wenn sie wieder erwecket werden, oder wieder erwecket sind, eine wieder aufge- weckte Spur einer ehemaligen Empfindung, und ist also mit der Tendenz verbunden, den vorigen Zustand voͤllig herzustellen. Ob diese Zuͤge nun mehr durch ein- ander laufen, und sich verwirren, oder ob sie mehr ab- gesondert und auseinander gesetzet sind, wie aͤndert das etwas an der Tendenz, oder an dem Ansatz sich voͤlliger wieder darzustellen. Jndessen ist dieß doch nur ein Schein, wenn man die Sache von der andern Seite ansieht. Jst die Vor- stellung im Ganzen klar, so ist in so weit die Reflexion damit verbunden. Sie wird von andern im Ganzen unterschieden. Jn so weit ist Licht in ihr; und die Re- flexion wird auf das Objekt hingezogen, wenn gleich die einzelnen Theile der Vorstellung fuͤr sich solch eine Wir- kung nicht hervorbringen. So viel nur, und nichts mehr lehret die angefuͤhrte Beobachtung. Aber die Beobachtung lehret auch eben so deutlich, daß, je dunkler eine Jdee ist, desto eher werden wirs ge- wahr, daß sie eine Modifikation von uns selbst, und in uns sey. Es kommt uns so vor, sagen wir; es schwebt uns vor den Augen; es lieget uns in den Ohren. Je weniger Klarheit in einer Vorstellung ist, je mehr ver- wirrt und dunkel sie ist; desto mehr fuͤhlen wir die Vor- stellung als eine gegenwaͤrtige Veraͤnderung von uns G 2 selbst, I. Versuch. Ueber die Natur selbst, und desto leichter wird die Reflexion dahin gezo- gen, sie von dieser Seite anzusehen, und wir sehen als- denn mehr die Vorstellung in uns, als ihren Gegen- stand durch sie. Wir sehen den Spiegel, nicht die Sa- chen, deren Bilder in ihm gesehen werden; wir sehen das Glas der Fenster, nicht die aͤußeren Koͤrper, davon das Licht durch sie faͤllt. Dieß hat eine zwiefache Ursache. So ferne die Vorstelluug und ihre Zuͤge nicht appercipirt werden, in so ferne ist mit ihnen kein Aktus der Reflexion verbun- den, und es ist also auch nicht moͤglich, daß die Refle- xion eine besondere Richtung erhalte. Wo nichts ge- dacht wird, da wird auch der Gedanke nicht gedacht: es sey etwas eine vormalige Empfindung, oder ein empfundener Gegenstand. Die dunkle Vorstellung mag also mit Tendenzen verbunden seyn, welche der Re- flexion einen Wink geben, und ihren Schwung bestim- men koͤnnen; aber sie winken auf sie nicht, da die Thaͤ- tigkeit der letztern zuruͤcke bleibet. Zweytens. Wenn sich nun auch ein Aktus der Re- flexion mit der Vorstellung verbindet, so kann doch, so lange die Vorstellung selbst noch nicht von den uͤbrigen gegenwaͤrtigen Beschaffenheiten der Seele genug abge- sondert ist, um gewahrgenommen zu werden, auch nichts anders als das Bestreben der Kraft, das Bild fer- ner und staͤrker hervor zu heben, bemerket werden. Die Vorstellung selbst lieget also in dem Jnnern der Seele unter den uͤbrigen verstecket. Fuͤhlt die Seele ihr Be- streben, ohne die Wirkung desselben, nemlich die ab- gesondert dastehende Vorstellung, so ist dieß Gefuͤhl mit dem innern Selbstgefuͤhl vereiniget. Was wird daraus fuͤr ein Gedanke entstehen, als dieser, es sey etwas da in uns selbst. Jst die Vorstellung im ganzen klar, aber viel be- fassend und undeutlich, so laufen auch die mit ihren Zuͤ- gen der Vorstellungen. gen verbundene einzelne Bestrebungen zu vormaligen Empfindungen, in einander. Alsdenn ist zwar eine Tendenz zu einer Empfindung vorhanden, die man im Ganzen kennet, und deswegen auch die Vorstellung im Ganzen fuͤr eine Vorstellung eines Objekts ansieht; aber die einzelnen Theile derselben koͤnnen nicht unterschieden werden: diese einzelnen Bestrebungen vereinigen sich al- so mit den uͤbrigen innern Modifikationen, und bekom- men nun in Hinsicht auf die Reflexion eine gedoppelte Seite. Zusammen vereiniget in eine ganze Tendenz, fuͤhren sie oder fuͤhret vielmehr das Gefuͤhl von ihnen, auf eine Sache oder Objekt hin; aber einzeln sind sie unter andern Seelenbestrebungen vermischt, und das dunkele Gefuͤhl von ihnen in dieser Vermischung muß gleichfalls mit dem Selbstgefuͤhl vereiniget und ver- mischt seyn, daher denn die Reflexion von diesem Ge- fuͤhl auf einen gegenwaͤrtigen Zustand der Seele gerich- tet werden muß. Die Ursache, warum die dunkeln Spiegel und halbdurchsichtige Koͤrper mehr selbst gese- hen werden, als andere Koͤrper durch sie, ist derselbige allgemeine Grund in einem besondern Fall unter beson- dern Umstaͤnden. Wer die Ursachen des deutlichen und des undeut- lichen Sehens aus der Optik kennet und den Grund davon verallgemeinert und auf die Deutlichkeit und Un- deutlichkeit der Jdeen uͤberhaupt anwendet, wird man- che Gelegenheiten finden, uͤber den gewoͤhnlichen Vortrag der Vernunftlehrer Kritiken zu machen. Eine verwirr- te Jdee, das ist, eine klare aber undeutliche, wird als ein Jnbegriff von dunklen Vorstellungen angesehen, und die Ursache der Verwirrung wird in dem Mangel der Klarheit gesetzet, als wenn, um die Verwirrung zu he- ben, nichts erfordert werde, als nur mehr Licht aufzu- tragen. So ist es nicht. Verdeutlichen ist ein Aus- einandersetzen, ein Entwicklen, und nicht, wenigstens G 3 nicht I. Versuch. Ueber die Natur nicht allemal, so viel als heller machen. Jn manchen Faͤllen ist die allzugroße Helligkeit eben die Ursache von dem undeutlichen Sehen. Ohne mich hierauf weiter einzulassen, will ich um des folgenden willen nur eins im allgemeinen erinnern. Wenn wir zwey Sachen oder zwey Beschaffenheiten einer Sache oder was hier einerley ist, ihre Vorstellun- gen in uns, nicht unterscheiden, so kann es daher seyn, weil wir keine von beiden gehoͤrig gewahrwerden. Jn diesem Fall sehen wir an beyden Sachen nichts. Aber es kann auch daran liegen, daß die Gegenstaͤnde einan- der allzuaͤhnlich oder allzunahe bey einander sind, oder sich einander bedecken, oder auch sonsten in der Vorstel- lung so genau in einander fließen, daß sie wohl beide zu- gleich, aber nicht jedes abgesondert von dem andern vor- gestellet werden koͤnnen. Jenes erstere ist der Fall bey den eigentlich dunklen Jdeen. Diese, in so ferne sie dunkel sind — denn einigen Grad von Klarheit muͤssen sie besitzen, um Jdeen zu seyn — sind nicht so stark ausge- druckt, daß man die Eine mit der andern, im Ganzen oder in Theilen, vergleichen, und unterscheiden koͤnne. Man weis es nur aus aͤußern Umstaͤnden, daß es zwey Vorstellungen sind und nicht Eine, und urtheilet dahe- ro, daß ihre Gegenstaͤnde unterschieden sind, ohne solche weiter zu kennen. Jch sehe z. B. des Abends im Fin- stern zwey Menschen, davon einer zur Rechten, der an- dere zur Linken gehet. Dieser Umstand lehret mich, daß es zwo verschiedene Gegenstaͤnde sind, was ich sonst aus den Vorstellungen selbst nicht gewußt haben wuͤrde. Die klaren Jdeen dagegen, welche zugleich undeutlich sind, hat man mit vollem Recht verwirrte, ineinan- dergezogene genennet. Diese sind nicht allein klar im Ganzen; sie haben auch Licht in ihren einzelnen Zuͤgen, die man von den Zuͤgen einer andern gleich verwirrten Vorstellung wohl unterscheidet. Man unterscheidet ja jeden der Vorstellungen. jeden einzelnen Punkt in dem verwirrten Bilde von dem gruͤnen Felde, von einem jeden einzelnen Theil in dem verwirrten Bilde von einer Wasserflaͤche. Nur unter- einander und von einander lassen sich die Theile der ver- wirrten Jdee nicht unterscheiden. Jn einer weißen Flaͤche, die stark erleuchtet ist, hat jeder einzelne Strich ein viel staͤrkeres Licht, als es noͤthig seyn wuͤrde, sie zu unterscheiden, wenn ihre Farben verschieden waͤren; und dennoch werden solche nicht von einander unterschieden, als nur, wo dieß vermittelst ihrer verschiedenen Lage und Beziehungen auf andre Dinge geschehen kann. Jhre zu große Aehnlichkeit unter einander ist in diesem Fall die vornehmste Ursache von der Verwirrung. Um die Ver- wirrung, in so ferne sie von der Dunkelheit unterschieden ist, wegzubringen, ist es also nicht so wohl noͤthig, mehr Licht auf die Jdeen zu verbreiten, das zuweilen vermin- dert werden muß, sondern vielmehr dahin zu sehen, daß die Theile der Jdee, oder das Mannigfaltige und Un- terscheidbare in ihr, auseinander geruͤckt und jedes bis dahin abgesondert werde, daß es fuͤr sich ohne die uͤbri- gen gewahrgenommen werden kann. Die Jdee muß zu dieser Absicht von verschiedenen Seiten, aus verschiede- nen Gesichtspunkten beobachtet, und mit andern vergli- chen werden, u. d. g. Die Dunkelheit verursachet fuͤr sich keine Verwir- rung. Die Theile der ganzen Vorstellung koͤnnen die- selbige Lage und Beziehungen gegen einander behalten, welche sie haben, wenn sie deutlich ist, und es darf nur ihnen allen im gleichen Verhaͤltniße das Licht entzogen werden. Bey hellem Tage scheint eine entfernte Gruppe von Baͤumen ein in Eins fortgehendes Ganze zu seyn; da ist Verwirrung. Sind wir in der Naͤhe, und sehen jeden Baum besonders, so wird, wenn die Nacht ein- bricht, die Vorstellung verdunkelt, aber man findet nicht, daß die Jdeen von einzelnen Baͤumen zusammen in G 4 einander I. Versuch. Ueber die Natur einander fließen. Aber wenn die Dunkelheit zunimmt, so werden auch die dunklen Vorstellungen wiederum den verwirrten aͤhnlich. Davon ist die schoͤpferische Phan- tasie die Ursache. Denn sobald die Klarheit der Vor- stellungen sich bis auf eine gewisse Graͤnze hin vermin- dert hat, so findet die Phantasie Gelegenheit, die ge- schwaͤchten und erloͤschenden Zuͤge der Bilder aus sich selbst zu ersetzen. Es sind alle Kuͤhe nach dem Sprich- wort, schwarz bey der Nacht; aber sie haben die Farbe nicht, welche die schwarzen am Tage haben; sondern weil die Gegenstaͤnde in der Dunkelheit ganz farbenlos sind, so giebt die Phantasie ihnen die schwaͤcheste und uͤberzieht sie mit einem Schein, der nichts ist, als ein von ihr selbst gemachter Firniß. So entstehen eigene Schattirungen, wo die einzelnen Zuͤge, wie bey verwirr- tem Schein, in einander laufen, und durch einander ge- mischt werden. Und diese verdunkelten und modificir- ten Vorstellungen sind von den deutlichen noch weit mehr unterschieden, als in Hinsicht der groͤßern oder geringern Klarheit, obgleich in den gewoͤhnlichen Faͤllen die Ver- wirrungen von der Phantasie gehoben werden, und die einzelnen Theile des Ganzen in ihrer wahren Situation sich wiederum darstellen, sobald das entzogene Licht zu- ruͤck gebracht wird. XIII. Verschiedene Thaͤtigkeiten und Vermoͤgen der vor- stellenden Kraft. Das Vermoͤgen der Per- ception. Die Einbildungskraft. Die bilden- de Dichtkraft. D ie urspruͤnglichen Empfindungsvorstellun- gen sind der Grundstoff aller uͤbrigen. Die abgeleiteten werden alle ohne Ausnahme aus ihnen ge- macht. der Vorstellungen. macht. Eine Betrachtung uͤber die Art und Weise, wie dieses geschicht, kann uns in die innere Werkstatt der Seele fuͤhren, und es ist unumgaͤnglich nothwendig, uns daselbst umzusehen, um von der vorstellenden Kraft aus ihren Wirkungen den vollstaͤndigen Begrif zu erhal- ten, der uns in den Stand setzet, die Beziehung dieses Vermoͤgens auf die uͤbrigen Seelenvermoͤgen zu be- greifen. Was die Wirkungsarten betrifft, wodurch die Vor- stellungen in uns zu Jdeen werden, wodurch Bewußt- seyn und Gewahrnehmen der Gegenstaͤnde durch sie ent- stehet, so setze ich hier solche noch bey Seite. Worinne bestehen die Thaͤtigkeiten der vorstellenden Kraft, in so ferne sie mit den bildlichen Abdruͤcken der Gegenstaͤnde in uns beschaͤftiget ist, in so ferne sie diese aufnimmt, wiedererwecket und umbildet? Der Weg ist in dieser Untersuchung von andern voͤllig gebahnet, und fast aus- getreten worden. Ueber diese Strecken werde ich ge- schwinde weggehen, und mich nur an solchen Stellen ver- weilen, wo es noch nicht voͤllig eben ist. Die Vorstellungsthaͤtigkeiten koͤnnen unter die- sen dreyen begriffen werden. Erstlich, wir nehmen die urspruͤnglichen Vorstellungen aus den Empfindungen in uns auf, und unterhalten solche, indem wir nach- empfinden, und wir verwahren diese Nachempfindungen als aufgenommene Zeichnungen von den empfundenen Objekten in uns. Dieß ist die Perception oder die Fassungskraft. Zweytens, diese Empfindungsvorstel- lungen werden reproduciret, auch wenn jene ersten Empfin- dungen aufgehoͤret haben, das ist, sie werden bis dahin wieder hervorgebracht, daß sie mit Bewußtseyn gewahrge- nommen werden koͤnnen. Diese Wirkung schreibet man gemeiniglich der Einbildungskraft oder der Phanta- sie zu. Jnsbesondere heißen die wieder hervorgezogene Vorstellungen aus den aͤußern Sinnen Einbildungen, G 5 oder I. Versuch. Ueber die Natur oder Phantasmata. Sie sind uͤberhaupt, auch die aus dem innern Sinn mitgerechnet, unter dem Namen der Wiedervorstellungen schon befasset worden. Die ersten Empfindungsvorstellungen legen sich in der Seele in derselbigen Ordnung an einander, in wel- cher sie nacheinander hervorgebracht worden sind. Sie reihen sich an einander, und wenn die kleinern Zwi- schenvorstellungen zwischen andern herausfallen, so ruͤ- cken die in der Empfindung etwas entfernte in der Ein- bildungskraft dichter zusammen. Dieß geschiehet ge- woͤhnlicher Weise alsdenn, wenn wir mehrmalen eine Reihe von Empfindungen wiederholen, und nur auf ei- nige sich ausnehmende Theile derselben aufmerksam sind. Eben dadurch ziehen sich oft mehrere getrennte Empfin- dungen als Theile in ein Ganzes zusammen, und ma- chen eine zusammengesetzte Vorstellung aus. Die Phantasie wuͤrde also bey der Reproduktion der Vorstellungen lediglich ihrer vorigen Koexistenz in den Empfindungen nachgehen, wenn nicht noch ein anderer Grund hinzukaͤme, der ihre Richtung bestimmet, nem- lich dieser: Aehnliche Vorstellungen fallen auf einander, gleichsam in Eine zusammen. Dieß ist nicht allein von solchen wahr, die von merklich aͤhnlichen Gegenstaͤnden entspringen, sondern es fallen uͤberhaupt Vorstellungen zusammen, in so ferne sie einander aͤhn- lich sind. Wo nur Ein gemeinschaftlicher bemerkbarer Zug, nur eine aͤhnliche Seite in ihnen ist, da fallen diese Zuͤge und diese Seiten in einander, die Aehnlichkeiten machen die Vereinigungspunkte der Vorstellungen aus; und die Stellen, wo die Phantasie von Einer zu mehren andern unmittelbar uͤbergehen, und aus einer Reihe von Vorstellungen in eine andere hinuͤber kommen kann, die doch in den Empfindungen, dem Ort und der Zeit nach, von jener weit abstand. Das Gesetz der Asso- ciation der Jdeen ist daher zusammengesetzt. Die Vor- der Vorstellungen. Vorstellungen werden auf einander wieder er- wecket nach ihrer vorigen Verbindung und nach ihrer Aehnlichkeit. Drittens. Aber auch dieses Wiederhervorbringen der Jdeen ist noch nicht alles, was die menschliche Vor- stellungskraft mit ihnen vornimmt. Sie bringet sie nicht allein wieder hervor, veraͤndert nicht bloß die vori- ge Koexistenz, indem sie einige naͤher zusammenbringet, als sie es vorher waren, andere wiederum weiter aus- einandersetzet, und also ihre Stellen und Verbindungen bald so bald anders bestimmt, sondern sie schaffet auch neue Bilder und Vorstellungen aus dem in den Em- pfindungen aufgenommenen Stoff. Diese Wirkungen sind oben schon angezeiget worden. Die Seele kann nicht nur ihre Vorstellungen stellen und ordnen, wie der Aufseher uͤber eine Gallerie die Bilder, sondern sie ist selbst Mahler und erfindet und verfertiget neue Ge- maͤlde. Diese Verrichtungen gehoͤren dem Dichtungsver- moͤgen zu; einer schaffenden Kraft, deren Wirksam- keitssphaͤre einen groͤßern Umfang zu haben scheinet, als ihr gemeiniglich zuerkannt wird. Sie ist die selbstthaͤ- tige Phantasie; das Genie nach des Hrn. Girards Erklaͤrung, und ohne Zweifel ein wesentliches Jngre- dienz des Genies, auch in einer weitern Bedeutung des Worts, die das Genie nicht eben allein auf Dichter- genie einschraͤnket. Jch weis keine Thaͤtigkeit der Seele, in so ferne sie mit den Vorstellungen zu thun hat, welche nicht unter eine von diesen dreyen gebracht werden koͤnnte. Nur, wie ich vorher erinnert habe, diejenigen noch bey Seite gesetzet, wodurch Bewußtseyn entstehet, und Vorstellun- gen zu Jdeen und Begriffen erhoben werden. XIV. I. Versuch. Ueber die Natur XIV. Ueber das Gesetz der Jdeen-Association. Dessen eigentlicher Sinn. Jst nur ein Gesetz der Phantasie bey der Reproduktion der Vorstel- lungen. Jst kein Gesetz der Verbindungen der Jdeen zu neuen Reihen. S eitdem Locke das sogenannte Gesetz der Jdeenver- knuͤpfung nicht zwar zuerst entdecket, aber doch deutlich wahrgenommen hat, ist dieß wie ein Grundge- setz in der Psychologie angesehen worden. Man hat es in allen seinen Anwendungen aufgespuͤret, und einen Schluͤssel zu dem geheimsten und innersten Gemaͤchern in der Seele darinn gefunden. Es ist in der That ein wichtiger und fruchtbarer Grundsatz, wenn es auch das nicht alles ist, wofuͤr es von einigen gehalten wird. Was so oft geschicht, daß ein Princip, woraus so vie- les erklaͤret werden kann, fuͤr das einzigste angesehen wird, woraus alles soll erklaͤret werden; und daß eine Ursache, die unter den uͤbrigen mitwirkenden hervor- sticht, allein die Aufmerksamkeit auf sich ziehet, und deswegen die uͤbrigen desto leichter uͤbersehen laͤßt, das hat sich wie es mir scheinet, auch hier zugetragen. Das Gesetz der Association soll den Grund angeben, warum auf die Jdee A in dem Kopf eines Menschen die Jdee B hervortritt, wenn keine neue Empfindung die letztere hineinschiebet; und diesen Grund von der Jdeenfolge soll es voͤllig und bestimmt angeben. Dieß verdienet ei- ne naͤhere Untersuchung. Haͤnget die Folge, in der die Wiedervorstellungen auftreten, die Einmischung neuer Empfindungen bey Seite gesetzet, allein von der Phan- tasie ab? und in wie weit kann die Aehnlichkeit oder die ehemalige unmittelbare Verbindung der Jdeen A und B es bestimmen, daß auf A eben B, und nicht jede andere wieder hervorgezogen wird? Die der Vorstellungen. Die Regel der Association — wenn nichts mehr in ihr gesagt wird als was aus den Beobachtungen zu- naͤchst folget, und wenn in ihrem Ausdrucke alle Woͤr- ter vermieden werden, die nur unbestimmte Beziehun- gen angeben, und mehr geschickt sind, dem Verstande einige allgemeine Begriffe vorschimmern zu lassen, als ihm solche deutlich und abgemessen darzustellen, — will so viel sagen: „wenn die Seele von der Vorstellung A, „die diesen Augenblick in ihr gegenwaͤrtig ist, zu einer „andern B in dem naͤchstfolgenden Augenblick unmittel- „bar uͤbergehet, und diese letztere B nicht aus einer Em- „pfindung hineingeschoben wird, so ist die Veranlassung „dazu, daß eben B auf A folget, entweder diese, weil „beide vorher in unsern Empfindungen, oder auch schon „in den Vorstellungen, so nahe mit einander verbunden „gewesen sind, oder weil sie einander in gewisser Hin- „sicht aͤhnlich sind.“ Die Sinne wollen wir ruhen lassen, wenn der Gang der Phantasie beobachtet werden soll; die Em- pfindungen von außen her sollen sich also nicht einmischen, und auch die innern Sinne nichts beytragen, sondern die Einbildungskraft soll freye Haͤnde haben, zu arbeiten, so wie sie im Schlummer und im Traume sie hat. Wenn die Phantasie gleichguͤltig und absichtslos die vorigen Jdeen wieder hervorziehet, so gehet sie der Ord- nung nach, in der die Vorstellungen in den Empfindun- gen oder auch ehemals in den Vorstellungen neben ein- ander und auf einander gefolget sind. Dagegen verfol- get sie mehr das Aehnliche, das Gemeinschaftliche, an welchem die Jdeen zusammenhangen, und bringet aͤhn- liche nach einander hervor, sobald sie in einer lebhaften fortdaurenden Gemuͤthsbewegung sich befindet, und Trieb, Begierde und Absicht sie nach einer gewissen Richtung hinstimmet. Die Koexistenz der Vorstel- lungen in der Empfindung verbindet sie unter einander wie ein I. Versuch. Ueber die Natur ein Faden die auf ihn gezogenen Perlen. Die Aehn- lichkeit vereiniget sie, wie ein gemeinschaftlicher Mit- telpunkt, um welchen herum mehrere aͤhnliche Jdeen anliegen, so daß von der Einen zur andern ein unmittel- barer Uebergang moͤglich ist, auch bey solchen, die son- sten in der Reihe der Koexistenz sehr weit von einander abstehen. Die Einbildungskraft wechselt mit beiden Arten der Verbindungen ab und machet neue Verbin- dungen. Nie ist sie Einer dieser Beziehungen allein nachgegangen, wenn wir eine ganze Reihe von Repro- duktionen untersuchen, die eine merkliche Laͤnge hat. Nur liebet sie unter gewissen Umstaͤnden mehr den einen, unter andern mehr den andern Hang. Bey einem ver- gnuͤgten Herzen fuͤhret die Phantasie lauter heitere Jdeen hervor; bey einem niedergeschlagenen lauter traurige, bey einem betrachtenden solche, die mit dem allgemeinen Begriffe, dessen Bearbeitung er vorhat, in Verbin- dung sind. Jede einzelne der wiedererweckten Vorstel- lungen wuͤrde ganze Reihen von andern in Gesellschaft mit sich fuͤhren, und die Seele wuͤrde sich zerstreuen. Aber weil sie in ihrem Standort sich festhaͤlt, so wendet sie sich mehr nach solchen Jdeen hin, die um ihren ge- genwaͤrtigen Zustand, wie um einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt herumliegen, und unterdruͤcket die verbun- dene Nebenreihen, die sich auch wohl regen und zwi- schendurch hervortreten wollen. Dieß Gesetz der Association bestimmet nichts mehr, als die Ordnung, wie Jdeen auf einander folgen, wenn die Phantasie allein wirket. Es bestimmet nicht die ganze wirkliche Ordnung, in welcher die Vorstellungen erfolgen, und enthaͤlt auch das Gesetz der bildenden Dichtkraft nicht, wenn diese neue Jdeen machet. Wo die letztere wirket, und durch ihre Wirksamkeit neue Verbindungen hervorbringet, da reichet jenes Gesetz bey weitem nicht hin, den Grund der gesammten thaͤti- gen der Vorstellungen. gen Association anzugeben. Eigentlich bestimmet die Regel nichts mehr, als welche Jdee uͤberhaupt auf ei- ne andere folgen koͤnne? Auf die Jdee A kann nem- lich entweder eine von den ihr aͤhnlichen, oder eine von den koexistirenden folgen, aber von welcher Art wird nun eine folgen? das haͤnget von den Ursachen ab, wo- von die Einbildungskraft waͤhrend ihrer Wirksamkeit gelenket und regieret wird. Und weiter. Soll eine von den aͤhnlichen Jdeen auf A folgen, welche? und nach welcher Aehnlichkeit? Alle Vorstellungen haben gemeinschaftliche Zuͤge, und jede zwo derselben haben mehr als Einen Punkt, woran sie zusammenhangen. Welches ist nun der Punkt, um den herum die Phantasie, als um einen Mittelpunkt wirket? Bey einer jeden einzelnen Jdee ist bald diese, bald eine andere die naͤchste, je nachdem es diese oder je- ne Beschaffenheit, diese oder jene Seite ist, von der sie angesehen wird, und an der sie mit andern zusammen- haͤnget. Jn dieser Hinsicht ist die Verknuͤpfung der Jdeen in der Seele eine durchgaͤngige Verbindung singularum cum singulis. Es gibt also fast keine Jdee, von der, zumal in einer großen und reichen Einbildungs- kraft, nicht ein unmittelbarer Uebergang zu jeder andern vorhanden waͤre, wenn gleich dieser Weg bey vielen eng und so ungewohnt ist, daß die Phantasie weit leichter und gewoͤhnlicher einen andern nimmt. Die Anzahl der mit jeder einzelnen Jdee vorher verbundenen, oder durch die Koexistenz angereiheten, ist ebenfalls sehr groß, und wird es immer mehr, da neue Verbindungen bey jeder Reproduktion zu Stande kom- men. Da also dieß Gesetz der Association nichts weiter lehret, als daß auf eine gegenwaͤrtige Vorstellung eine andere folge, die mit ihr einen gemeinschaftlichen Ver- einigungspunkt hat, oder eine solche, die ehedem mit ihr I. Versuch. Ueber die Natur ihr verbunden gewesen ist; so gibt diese Regul die wahre Folge der Jdeen nicht bestimmter an, als wenn man sagte: „auf eine gegenwaͤrtige Jdee kann fast eine jed- „wede andere folgen.“ Wird die Regellosigkeit der Phantasie darum eine Regelmaͤßigkeit, weil die Jdeen nach dieser Regel reproduciret werden? Jst in einem Quodlibet deswegen eine ordentliche Gedankenfolge, weil diese Folge durch eine Regel bestimmet wird, wel- che saget, daß keine Ordnung darinn seyn soll. Noch weiter uͤber die Wahrheit hinaus ist es, wenn einige in dem Gesetz der Association ein allgemeines Ge- setz gefunden haben wollen, daß die ganze Folge der Vorstellungen in der Seele bestimmen soll, in so ferne sie nicht von neuen Empfindungen unterbrochen wird. Wenn die Sonne aufgehet, so siehet man in Osten lie- gende entfernte und dunkele Gebuͤsche fuͤr Berge an, und so scheinet es uns auch bey dieser Regel gegangen zu seyn. Es mag seyn, daß aus ihr die Folge der Vor- stellungen, welche alsdenn wieder erwecket werden, wenn alle uͤbrige Seelenvermoͤgen unthaͤtig sind und nur allein die wiederhervorbringende Phantasie beschaͤftiget ist, und ich will zugeben, daß sie diese Folge voͤllstaͤndig erklaͤre; wo und wie selten findet denn wohl diese angenomme- nen Bedingung Statt? Wenn arbeitet die Phantasie allein an der wirklichen Association der Jdeen, wozu sie nur die Materialien, der obigen Regel gemaͤß, darbie- tet? Das selbstthaͤtige Dichtungsvermoͤgen kommt da- zwischen, und schaffet neue Vorstellungen aus denen, die da sind, und machet also neue Vereinigungspunkte, neue Verknuͤpfungen und neue Reihen. Die Denkkraft entdecket neue Verhaͤltnisse und Beziehungen, neue Aehnlichkeiten, neue Koexistenzen, und neue Abhaͤn- gigkeiten, die vorher nicht bemerket waren, und machet auf diese Art neue Kommunikationskanaͤle zwischen den Jdeen, wodurch einige zur unmittelbaren Verbindung kommen, der Vorstellungen. kommen, andere von einander abgerissen werden, die es vorher nicht gewesen sind. Sollen etwan alle diese neuen selbstthaͤtigen Associationen mit zu den Empfin- dungen, die dazwischen kommen, etwan zu den Empfin- dungen des innern Sinnes gerechnet werden, von denen man voraus angenommen hat, daß auf sie keine Ruͤck- sicht genommen werde? Wenn dieß ist, so heißet jene Regel der Jdeenfolge so viel: die Jdeen werden wie- derum erwecket, nach ihrer Aehnlichkeit oder nach ihrer Koexistenz, wenn nichts dazwischen kommt. Aber die- ses Wenn ist ein Wenn, das Ausnahmen zulaͤßt, die vielleicht zur Regel gemacht, und das was Regel ist, so gut als Ausnahme angesehen werden muß. Die durch die verschiedenen Vermoͤgen der Seele, durch ihr Gefuͤhl, ihre bildende Dichtkraft, die Refle- xion und andere, alle Augenblicke hervorgebrachte Ver- bindungen, erfolgen jede nach ihren eigenen Gesetzen. Denn jedes Seelenvermoͤgen beobachtet ein gewisses Ge- setz, so oft es wirksam ist, und auch die schaffende Dicht- kraft beobachtet die ihrigen, wenn sie neue Jdeen her- vorbringet. Diese Gesetze koͤnnen einzeln aus den Be- obachtungen erkannt werden, wie es von den Psycholo- gen zum Theil schon geschehen ist. Aber da nun alle Vermoͤgen, jedes nach seiner Regel in Verbindung sind, und in dieser Verbindung wirken, wessen Verstand ist groß genug, diese besondern Regeln in Eine allgemeine zusammen zu fassen, durch welche die wahre Folge der Vorstellungen bey einem gegebenen Jdeenvorrath und bey den gegebenen damaligen Empfindungen bestimmet werden koͤnnte? Die einzelnen Ursachen, welche Wind und Wetter abaͤndern, und ihre Arten zu wirken sind bekannt. Aber die Naturkuͤndiger sind noch weit von dem allgemeinen Gesetz entfernt, wonach sich die Be- schaffenheit der veraͤnderlichen Witterung in unsern Ge- genden berechnen ließe. Die Gesetze der Attraktion I. Band. H kennet I. Versuch. Ueber die Natur kennet jeder Naturlehrer, und doch ist das sogenannte Problem de trois corps, das Gesetz der Bewegung, wenn drey Koͤrper sich einander anziehen, ein Kreuz der Analysten. Es ist in der Seelenwelt wie in der Koͤr- perwelt. Die einzeln Ursachen und ihre Wirkungsarten einzeln zu erkennen, das ist noch lange nicht die Erkennt- niß der Regel, nach der die Wirkung erfolget, wenn diese mehrern Ursachen zugleich in Vereinigung mit ein- ander wirken. Solch ein besondres Gesetz fuͤr ein be- sonders Vermoͤgen ist das Gesetz der Jdeenassocia- tion. Hiemit soll der große Nutzen, den die Entdeckung dieses psychologischen Gesetzes geleistet hat, nicht ge- laͤugnet noch heruntergesetzet werden. Nichts weniger. Nur lese man nichts mehr darinn, als was darinn ent- halten ist. Man sehe kein Ungeheuer von Riesen, wo nichts als ein simpler Mensch stehet. XV. Von der Vorstellungen. XV. Von der bildenden Dichtkraft. 1) Der Begriff von ihr. 2) Ob ihre Wirksamkeit auf ein Zertheilen und Wiederzusammensetzen eingeschraͤnkt sey? 3) Sie macht neue einfache Vorstellungen. 4) Graͤnzen dieser Schoͤpferkraft. 5) Graͤnzen des Vermoͤgens, Vorstellungen aufzuloͤsen. 6) Ueber die allgemeinen sinnlichen Vorstel- lungen. 7) Gesetze der schaffenden Dichtkraft. 8) Folgen, die aus dieser Wirkungsart der Dichtkraft fließen, in Hinsicht des Ursprungs der Vorstellungen aus Empfindungen. 9) Einfluß der Dichtkraft auf die Ordnung, in der die Reproduktionen der Phantasie er- folgen. 10) Die Wirksamkeit der Dichtkraft erstrecket sich uͤber alle Gattungen von Vorstellungen. 1. D er bildenden Dichtkraft habe ich mehrmalen er- waͤhnt und ihr ein Vermoͤgen, neue einfache Vorstellungen aus dem Stoff der Empfindungsvorstel- lungen zu bilden, beygelegt. Dieß setzet eine groͤßere Jdee von dieser schoͤpferischen Kraft voraus, als die meh- resten fuͤr richtig erkennen werden, daher diese Be- hauptung noch besonders mit Beobachtungen bewiesen werden muß. Die Frage ist diese: Wie weit gehet das Selbstmachen bildlicher Vorstellungen? Kann die H 2 Selbst- I. Versuch. Ueber die Natur Selbstmacht der Seele die Empfindungsvorstellungen vermischen und aus dieser Vermischung neue sinnliche Bilder hervorbringen, wie ein Maler aus der Vermi- schung der Farben neue Farben machet? Wie weit kann sie der Natur und den Chemisten in der Aufloͤsung nachkommen? wie weit also neue verwirrte Scheine her- vorbringen, die fuͤr uns einfach sind, wie einfache Em- pfindungsvorstellungen, und doch nicht in der Gewalt, so wie sie da sind, aus den Empfindungen geholet wor- den sind? 2. Die Psychologen erklaͤren gemeiniglich das Dichten durch ein bloßes Zertheilen und Wiederzusammen- setzen der Vorstellungen, die in den Empfindungen aufgenommen, und wieder hervorgezogen sind. Aber sollte dieß das Eigene der Fictionen ganz ausmachen? Wenn es so ist, so ist auch das Dichten nichts anders als ein bloßes Stellversetzen der Phantasmen; so wer- den dadurch keine neue fuͤr unser Bewußtseyn einfache Vorstellungen entstehen koͤnnen. Nach dieser Voraus- setzung muß jeder selbstgebildeter sinnlicher Schein, wenn man ihn in die einzelnen Theile zerleget, die durch Reflexion unterschieden werden koͤnnen, aus lauter Stuͤ- cken bestehen, die so einzeln genommen, reine Einbil- dungen, oder erneuerte Empfindungsvorstellungen sind. Die Vorstellung von dem Pegasus ist ein Bild von einem gefluͤgelten Pferde. Wir haben das Bild von einem Pferde aus der Empfindung, und das Bild von den Fluͤgeln auch. Beyde sind reine Phantasmen, die von andern Vorstellungen abgesondert, und hier in dem Bil- de des Pegasus mit einander verbunden sind. Jn so weit ist dieses nichts, als eine Wirkung der Phantasie, die nur ihre empfangnen einzelen Empfindungsvorstel- lungen, welche sie hie und da her aus andern Verbin- dungen der Vorstellungen. dungen herausgenommen hat, jetzo in einer neuen Lage bey einander darstellet, in der sie in der Empfindung nicht beysammen gewesen sind. Allein dieß ist nur ein Zertheilen und ein Wiederaneinandersetzen. Dieß ist noch nicht Entwickeln, Aufloͤsen und Wieder- vereinigen, kein Jneinandertreiben und Vermi- schen. Jch will nicht dagegen seyn, wenn man alle diese genannten Wirkungsarten unter dem generischen Begrif des Zertheilens und des Zusammensetzens bringen will. Alle Aufloͤsungen in der Natur und alle Vermi- schungen sind in diesem Sinn nichts als neue Theilun- gen und neue Zusammensetzungen. Aber es sind als- denn doch die beiden Arten dieser Operationen zu unter- scheiden, durch deren Eine die neuen fuͤr unser Bewußt- seyn einfache Scheine hervorkommen, da durch die an- dern nur neue Verbindungen solcher Scheine, deren wir uns einzeln schon bewußt gewesen sind, oder es doch ha- ben seyn koͤnnen, entstehen. Sieben Reihen von den prismatischen Farben neben einander gelegt, machen noch keinen weißen Strich, der doch aus der Vermi- schung von ihnen entspringet. Jn dem einen Fall ist entweder das ganze Bild, oder doch die einzelnen Theile, die die Reflexion darinn unterscheidet, zerstreuet hie und da in aͤhnlicher Gestalt in den Empfindungsvorstellun- gen vorhanden: Jn dem andern aber zeigen sich einfache Bilder von andern Gestalten, als sich jemals unter den Empfindungsvorstellungen haben antreffen lassen. Die gewoͤhnliche Erklaͤrungsart von dem Entstehen der Fiktionen scheint mir auch bey den gemeinsten Bey- spielen von Dichtungen unhinlaͤnglich zu seyn, um alles das voͤllig zu begreifen, was die Dichtungskraft in ih- nen hervorbringet. Nur die vorher angefuͤhrte Erdich- tung von neuem aufmerksam betrachtet, so deucht mich, es ist noch etwas mehr darinn als ein bloßes Zusammen- H 3 setzen. I. Versuch. Ueber die Natur setzen. Die Fluͤgel des Pegasus moͤgen in dem Kopf des ersten Dichters, der dieß Bild hervorbrachte, ein reines Phantasma gewesen seyn; und die Vorstellung von dem Pferde gleichfalls. Aber da ist eine Stelle in dem Bilde an den Schultern des Pferdes, etwas dunkler, als die uͤbrigen, wo die Fluͤgel an dem Koͤrper ange- setzet sind; da fließen die Bilder von des Pferdes Schul- tern und von den Wurzeln der Fluͤgel in einander; da ist also ein selbstgemachter Schein, der sich verlieret, wenn man das Bild vom Pferde und das Bild von den Fluͤ- geln deutlich von einander wieder abtrennet. Verbindet man blos diese beyden Bilder, so hat man die Fluͤgel dicht an den Schultern des Pferdes angesetzet; aber dann erscheinen sie nicht so, wie vorher in der verwirr- ten Fiktion, nicht so, als wenn sie daran gewachsen sind; es ist kein in eins fortgehendes Ganze mehr da, wie es in der lebhaften Dichtung war, wo die beyden Bilder an ihren Graͤnzen mit einander vermischt und gleichsam in einander hineingesetzet waren, wovon ihre Vereinigung zu Einem Ganzen, und die Einheit in der Fiktion ab- hieng. Jst hier also nichts mehr als ein Aneinanderle- gen zweyer Einbildungen? Um die gewoͤhnliche Theorie zu rechtfertigen, moͤchte man die Vereinigung der beiden gedachten Phantasmen dadurch erklaͤren, daß die Phantasie an der Stelle, wo die beyden Theile vereiniget sind, noch ein drittes dunk- les Phantasma hinzusetze, und da gleichsam eine Hefte oder ein Band auflege, um jene zusammen zu halten. So wuͤrde denn wiederum das Ganze nichts anders seyn, als ein Haufen zusammengebrachter einzelner Phantas- men. Jch antworte — ohne noch auf andere Fiktio- nen zu sehen, die unten angefuͤhret werden sollen — diese Erklaͤrung sey schon aus dem Grunde unzulaͤnglich, weil man hier außer den einzelnen Phantasmen von dem Pferde und von den Fluͤgeln, noch auch das dritte, das ein der Vorstellungen. ein Band von beiden ist, in ihr gewahr werden muͤßte, sobald man die Fiktion in ihre Theile zerleget. So et- was wird aber nicht gewahrgenommen. Das Ganze in seine Stuͤcke zerleget, giebt nicht mehr als jene beiden einzelne verbundene Vorstellungen. 3. Eine ausfuͤhrliche physische Untersuchung der bilden- den Kraft der Seele, in der jede Regel, jedes Gesetz ihrer Wirksamkeit so vollkommen mit Beobachtungen beleget wuͤrde, als eine uͤberweisende Deduktion aus Er- fahrungen es erfordert, wuͤrde uͤber die Graͤnzen hinaus- gehen, die ich mir in dem gegenwaͤrtigen Versuch gesetzet habe. Da aber doch diese Seite unserer vorstellenden Natur an sich so erheblich und fruchtbar ist; da sie noch weiter fuͤhret, als auf die Kenntnißkraft, und auch uͤber die Selbstthaͤtigkeit der Seele bey aͤußern Handlungen Licht verbreitet, so will ich einige Bemerkungen, die mir die wesentlichsten hieruͤber zu seyn geschienen haben, hin- zu fuͤgen. Jst dieß eine zu lange Verweilung bey einer einzelnen Sache, so bitte ich, in etwas doch die Ent- schuldigung hier gelten zu lassen, die Plinius fuͤr die Laͤnge eines Briefes angab: es ist die Materie zu groß, nicht die Beschreibung. Hr. Gerard, der scharfsinnige Beobachter des Genies, — und dieß ist bey ihm das Vermoͤgen, das hier die bil- dende Dichtkraft genennet wird — hat vielleicht am vollstaͤndigsten die besondern Regeln angegeben, nach welchen neue Jdeenassociationen durch die Dichtkraft gemacht werden. So ferne diese Kraft unter der Di- rektion der Reflexion arbeitet, muͤssen die neuen Jdeen- verknuͤpfungen ohne Zweifel eine Beziehung auf die Denkarten haben, womit die letztere die Verhaͤltnisse und Beziehungen in den Dingen gewahrnimmt. Da, wo die Denkkraft Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten, Ueber- H 4 Wenn I. Versuch. Ueber die Natur Wenn man die Beobachtungen uͤber die sogenann- ten zufaͤlligen oder Scheinfarben erwaͤget, so hat man offenbare Beweise, daß in uns gewisse neue Schei- ne oder Bilder von Objekten entstehen. Hier entstehen sie zwar waͤhrend der Nachempfindung, und haben ihren Grund in gewissen Veraͤnderungen der Sinnglieder; aber sie hangen von der Beschaffenheit der gefaͤrbten Koͤr- per und von der Beschaffenheit des auffallenden Lichts auf die Augen nicht so ab, wie die sonstigen Empfindun- gen, und sind auch bey dem gewoͤhnlichen Anschauen der Objekte nicht vorhanden. Sie entspringen aus einer Aufloͤsung und Verwirrung der sinnlichen Eindruͤcke, die in dem Auge selbst vor sich gehet. Nur Eins zum Bey- spiel anzufuͤhren. Wenn das Auge bis zum Ermuͤden ununterbrochen auf ein rothgefaͤrbtes Quadrat, das auf einem weißen Grunde lieget, gerichtet gewesen ist, so er- scheinet um die Figur des Quadrats herum die Gestalt eines schwachen gruͤn gefaͤrbten Umzuges; und wendet man alsdenn das Auge von der rothen Flaͤche auf den weißen Grund hin, so erscheinet ein Viereck von einer schwachen gruͤnen Farbe vor uns, das desto laͤnger beste- het, je lebhafter der Eindruck von dem rothen Viereck vorher gewesen ist. Wird diese Beobachtung mit an- dern Uebereinstimmungen und Entgegensetzungen, Beyeinan- derseyn und Getrennetseyn, Zugleichseyn, Vorange- hen, Nachfolgen, Verursachung und Abhaͤngigkeit, uͤberhaupt, wo sie Jdentitaͤten, Koexistenzen und De- pendenzen in den Vorstellungen bemerket, da muͤssen es denn auch dieselbigen Verhaͤltnisse seyn, nach welchen die Phantasie die Vorstellungen wieder erwecket. Hier ist die Dichtkraft nicht anders als die Phantasie nach einer gewissen Richtung hingestimmet. Die neuen Jdeenverknuͤpfungen kommen also so zu Stande, wie die von der Denkkraft gedachte Verhaͤltnisse der Jdeen es mit sich bringen. Aber dieß ist noch das Eigene des schaffenden Vermoͤgens nicht, wovon hier die Frage ist. der Vorstellungen. dern ihr aͤhnlichen verglichen, so fuͤhret sie sehr natuͤrlich auf die Ursache, welche Hr. Scherffer Jn der obgedachten diss. de color. accidentalibus. davon ange- geben hat. Das anhaltende Anschauen der rothen Flaͤ- che machet den Theil in dem Auge, auf den das Bild von ihr hinfiel, stumpf und unfaͤhig, weiter solche Ein- druͤcke, als die rothen Stralen verursachen, anzunehmen, um sinnlich von ihnen beweget zu werden, die Nerven erschlaffen also in Hinsicht auf diese Eindruͤcke. Faͤllt nun auf dieselbige Stelle das weiße Licht von dem Grun- de hin, das aus den prismatischen Farbenstralen zu- sammengesetzt ist, so koͤnnen die rothen Stralen, die in dem weißen Licht enthalten sind, keinen sinnlichen Ein- druck auf diese ermuͤdete Stelle hervorbringen. Was also da entstehen muß? nichts anders als ein Eindruck, der von dem weißen Licht gemacht werden kann, wenn die rothen Stralen davon abgesondert, und die uͤbrigen in ihrer Vermischung zuruͤckgeblieben sind. Also ein gruͤn Bild von der viereckten Flaͤche auf der Stelle im Auge, wo kurz vorher das Bild von dem rothen Viereck gewesen war. Auf diese Weise kann ein Mensch zu der Empfindungsvorstellung von einer gruͤnen Farbe gelan- gen, der niemals auf die gewoͤhnliche Art etwas gruͤnes gesehen hat. Hier ist nun zwar noch keine Wirkung der Phanta- sie und der Dichtkraft, und es folget also daraus noch nicht, daß die letztere eben solche neue Scheine von in- nen in uns bewirken koͤnne; aber wenn man uͤberleget, daß in den Reproduktionen dasselbige Gesetz statt findet, welches in dem angefuͤhrten Fall bey dem Empfinden die Ursache von dem neuen Schein ist, und daß ein zu lang und zu anhaltend fortgesetztes Phantasma eine Unfaͤhig- keit verursachet, es ferner gegenwaͤrtig zu erhalten, so sie- het man doch so viel, daß in den Einbildungen der zu- H 5 sammen- I. Versuch. Ueber die Natur sammengesetzten, aber dem Gefuͤhl nach so einfachen Ein- druͤcke, wie die Empfindung des weißen Lichts ist, sich etwas aͤhnliches eraͤugnen koͤnne; und wenn es andere Beobachtungen lehren, daß es sich wirklich eraͤugne, so siehet man hier Eine von den Arten, wie es geschehen koͤnne. Die Entstehung neuer Scheine in der Phan- tasie wird also durch diese Analogie schon etwas ver- muthlich. Es geschieht aber wirklich etwas aͤhnliches in der Phantasie mit den Vorstellungen. Wenn jemand Lust haͤtte, den gedachten Versuch mit den Farbenbildern im Kopf nachzumachen, ich glaube, er wuͤrde so etwas in sich gewahrwerden. Jch mag selbst meine Dichtungs- kraft dazu nicht anstrengen, aus Furcht, ich moͤchte sie, da sie zu schwach ist, uͤberspannen, und weil ich dieser Ver- suche zu meiner Ueberzeugung nicht bedarf. Wer sich bis zur Ermuͤdung mit einer sinnlichen Vorstellung von einer rothen Flaͤche beschaͤftiget hat, und dann sich bemuͤ- het, eine andere weiße Figur von eben der Gestalt und Groͤße und an eben der Stelle hinzudenken, dem wuͤrde vielleicht ein Bild im Kopf schweben, das nicht roth noch weiß waͤre, sondern sich dem Gruͤnen naͤherte, auf eine etwas aͤhnliche Art, wie es in den Empfindungen geschieht. Wir haben der Erfahrungen zu viele, daß wenn die Phantasie sich mit einerley Zuͤgen an einem sinnlichen Gegenstande lange und anhaltend, bis zur Er- schlaffung beschaͤftiget hat, die ganze Vorstellung sich aͤn- dere, und ein Schein hervorkomme, der so wie er als- denn vorhanden ist, weder aus der Empfindung des Ganzen, noch aus den abgesonderten Empfindungen ein- zelner Theile desselben entstehet und entstanden ist. Wir haben andere Erfahrungen, wo sichs weit deut- licher verraͤth, daß unsere Phantasie nicht blos Phantas- mate an einander lege, sondern auch sie mit einander ver- mischen und neue daraus machen kann. Man sage ei- nem der Vorstellungen. nem Koch die Jngredienzen einer Speise vor, die er selbst niemals gekostet hat. Er urtheilet aus den Vor- stellungen von jenen sogleich, wie das Gemische aus ih- rer Zusammensetzung etwan schmecken muͤsse, und ma- chet sich zum voraus eine einzelne Vorstellung vor der Empfindung, die der nachher hinzukommenden Empfin- dung und ihrer Einbildung nicht ganz unaͤhnlich ist. Ein Komponist hoͤret gewissermaßen schon zum voraus den Ton, den die Verbindung einiger ihm bekannten Jnstrumente hervorbringen wird. Die vorlaufende Fik- tion ist eine Vermischung der ihm bekannten Phantas- men in eine neue verwirrte Vorstellung, die von seinen einzelnen Empfindungsvorstellungen unterschieden ist. Jch habe die lambertsche Farbenpyramide vor mir genommen, um aͤhnliche psychologische Versuche zu machen. Jch nahm die Bilder zweyer Farbenflaͤchen z. E. roth und blau, und blau und gruͤn, und versuchte beide diese Flaͤchen in der Vorstellung auf einander zu legen, und so innig als moͤglich war, zu vermischen, dabey ich die mittlere Farbe auf der Tafel vor dem Auge be- decket hielt. Jch gestehe, es kam niemals in meinem Kopf ein solches Bild heraus, als die mittlere Farbe auf der Pyramide war, wenn ich diese nachher ansahe und sie mit jener Einbildung verglich. Die Vorstellung von dem Gelben und von dem Blauen konnte ich nicht so zu- sammenbringen, daß sie in Eine Fiktion von Gruͤnen, als der Zwischenfarbe uͤbergegangen waͤren. Dieß ge- schahe nicht; aber so viel war es auch nicht, was ich er- wartete. Denn dazu, daß aus der Vermischung der Farben außer uns eine neue Mittelfarbe entstehet, ist es nicht genug, daß einfache Farben vermischet werden, sondern es kommt außerdieß auf das Verhaͤltniß an, in welchem man sie nimmt. Und da konnte ich von meiner Phantasie es nicht fodern, daß sie die gelbe und die blaue Flaͤche, oder die rothe und die blaue, jede in dem Grade der I. Versuch. Ueber die Natur der Lebhaftigkeit gegenwaͤrtig erhalte, indem sie solche aufeinanderlegte, als dazu nothwendig war, um eine klare Jdee vom Gruͤnen, oder vom Blaurothen zu bekom- men. Dennoch entstand jedesmal ein matter Mittel- schein, der weder roth noch blau, noch gelb, und also von diesen einfachen Empfindungsvorstellungen verschie- den war. Bey oͤfterer Wiederholung dieser Beobach- tungen, fand sich, es sey nothwendig, die beiden ideellen Farben, die man im Kopf vermischen will, immer auf dieselbige Flaͤche in der Phantasie auf einander zu legen. Die alsdenn entstehende verwirrte Vorstellung war aber doch noch immer dunkler und viel weniger feststehend, als ein reines Phantasma; denn der neue Schein zog sich bald wieder in die einfachen Empfindungsscheine, die lebhafter gegenwaͤrtig waren, auseinander. Wenn ich nicht recht lebhaft die Phantasie anstrengte, so blieb es blos bey einem Bestreben, so eine Vermischung vor- zunehmen, und dies war ein Bestreben, die einfachen Empfindungsscheine zugleich auf einmal darzustellen. Auch habe ich den neuen Schein nie so feststehend ma- chen koͤnnen, als es die Phantasmata aus den Empfin- dungen sind. Es scheinet also doch nur ein schwaches Nachmachen zu seyn, was die Dichtkraft in ihrer Gewalt hat. Jhre neuen Gestalten sind vielleicht nur Schattenwerke in Vergleichung mit den Einbildungen, die man von au- ßen in neuen Empfindungen empfaͤngt. Und dies ist auch nicht zu verwundern. Jndem die Phantasie zwey unterschiedene Bilder wiederhervorbringet, und gegen- waͤrtig erhaͤlt, so hat ein jedes davon seine eigene associir- te Vorstellungen, die verschieden sind, und die sich ihrer Vermischung widersetzen. Diese unterschiedene Jdeen- reihen gehen mehr aus einander und halten sich abgeson- dert. Die Mischung wird dadurch geschwaͤcht, und das Ganze dunkler. Ein Theil der vorstellenden Kraft muß der Vorstellungen. muß verwendet werden, diese unterschiedene Nebenideen zu unterdruͤcken, der alsdenn nicht angewendet werden kann, die zu vermischende Bilder in ihrer vorigen Leb- haftigkeit zu erhalten. Gleichwohl ist aus diesen Erfahrungen so viel offen- bar, „wenn die Phantasie noch mit einer groͤßern Jn- „tension und auf mehrere Bilder zugleich wirken, und „mit einer groͤßern Staͤrke solche auf einmal wieder her- „vor bringen kann, als sie es in diesen beobachteten Faͤl- „len gethan hat, so wird die daraus entstehende verwirr- „te Erdichtung einem neuen Phantasma an Lebhaftigkeit „naͤher kommen.“ Jst dieß nicht zu vermuthen, wenn sie mehr sich selbst uͤberlassen, wenn sie ungezwungen und unbeobachtet wirket; wenn sie mehr aus innern Trieben, unwillkuͤhrlich als aus Absichten, mehr aus dem Herzen als aus dem Verstande gereizet wird, und nicht immer bey jedem Schritt durch die zur Seite gehende Refle- xion eingeschraͤnkt ist? Wenn sie im Traume und in dem Mittelzustand zwischen dem Wachen und Einschlafen, in dem sie am freyesten und maͤchtigsten herrschet, frey und ungebunden die Jdeenmasse in Bewegung setzet, und umarbeitet? Kann meine Phantasie jetzo, da ich Beyspiele zum Experimentiren suche, schon etwas aus- richten, und etwan die Helfte der ganzen Wirkung her- vorbringen, so zweifele ich nicht, sie werde solche voͤllig zu Stande bringen, wenn sie mit ihrer ganzen Macht in einem Milton und Klopstock in der Stunde der Be- geisterung arbeitet. Alsdenn draͤngen sich Empfindun- gen und Jdeen so ineinander und vereinigen sich zu neu- en Verbindungen, daß man viel zu wenig sich vorstellet, wenn man die Bilder, die von diesen Poeten in ihrer le- bendigen Dichtersprache ausgehauchet sind, fuͤr nichts anders als fuͤr eine aufgehaͤufte Menge von neben einan- derliegenden oder schnell auf einander folgenden einfachen Empfindungsideen ansieht. Jn ihren neuen selbstge- machten I. Versuch. Ueber die Natur machten zusammengesetzten Ausdruͤcken geben sie die ein- zelen Zuͤge an, aus denen das Gemaͤlde bestehet, aber selbst die Art, wie sie diese Woͤrter hervorbringen, be- weiset, daß die bezeichneten Zuͤge in der Phantasie, wie die vermischten Farben, in einander hineingetrieben und mit einander vermischt sind. 4. Es giebt indessen eine Graͤnze, uͤber welche hinaus die maͤchtigste Dichtkraft unvermoͤgend ist, diese Vereinigung von Empfindungsvorstellungen zu bewerkstelligen. Wenn die Empfindungen, deren Phantasmate zu einer Fiktion vermischt sind, selbst in der Empfindung zu Einer neuen einfachen Empfindung vermischt sind, und dann davon ein Phantasma genommen wird; so ist dieß letztere lebhafter und fester, als die selbstgemachte Fiktion hat seyn koͤnnen. Hier ist die Grenzlinie. „Die Dichtkraft kann keine „einfache neue Scheine hervorbringen, die so voll und „lebhaft sind, als die Wiedervorstellungen von vermisch- „ten Empfindungen.“ Aber es scheinet doch, als wenn sie in einigen Faͤllen auf die aͤußerste dieser Grenze hin- komme, zumal alsdenn, wenn die neue Fiktion mit ei- nem einfachen Wort hat bezeichnet werden koͤnnen; denn dadurch werden ihre vereinigten Theile unzertrennbarer und die ganze Vorstellung in der Phantasie wird inniger und fester vereiniget. Solche Vermischungen einfacher Phantasmate in Eine neue dem Gefuͤhl nach einfache Vorstellung, entste- hen auch in uns ohne Selbstthaͤtigkeit aus Schwaͤche der Phantasie. Die deutlich gewesene Empfindungs- vorstellungen verlieren ihre Helligkeit, und die Zeit al- lein schwaͤchet sie, wenn sie nicht dann und wann wieder- um erneuret werden. Es verlieren sich also die klei- nern Zwischenzuͤge, die zur Deutlichkeit des Ganzen, und zu dem Unterscheiden der Theile von einander erforderlich waren. der Vorstellungen. waren. Dadurch werden die Bilder dunkler, und die Phantasie, wenn sie solche wieder hervorziehet, sucht uͤber das verwirrte Ganze ein Licht zu verbreiten, wodurch es in der Gestalt einer einfachen vorwirrten Empfin- dungsidee dargestellet wird. Hier ist nun zwar diese letztere Operation, nemlich das Ueberziehen der Vorstel- lungen, eine positive Thaͤtigkeit; aber das erste nicht. Eben so verlieren auch mehrere sonst getrennte ganze Vorstellungen ihre Eigenheiten, und fallen alsdenn in Eine einzige zusammen, welches wiederum keine Wir- kung einer thaͤtigen Kraft ist. Nichttrennen ist et- was anders als Verbinden, und Nichtunterschei- den etwas anders als Zusammendenken. Jenes ist Unthaͤtigkeit und Schwaͤche; dieses ist Wirksamkeit und Staͤrke. Der Mangel am Licht in den Vorstellungen und die daraus entstehende Vermischungen sind kein Be- weis einer selbstthaͤtigen reellen Kraft; aber wenn mehrere lebhafte Vorstellungen in eine Einzige vereinigt werden, so arbeitet eine starke Vorstellungskraft, die solche gegenwaͤrtig erhalten, mehrere zugleich erhalten, und uͤberdieß sie so fassen kann, daß sie in Ein Bild zu- sammengehen. 5. Das Aufloͤsungsvermoͤgen der Dichtkraft, wo- mit sie verwirrte Empfindungsscheine auseinanderse- tzet, ist eben da begrenzet, wo es das Vermischungs- vermoͤgen ist, und dieses letztere, wo jenes es ist. Die Kraft der Seele reichet nicht hin, die sinnliche Vorstel- lung von dem weißen Licht in die sinnlichen Vorstel- lungen von den prismatischen Farben zu zerlegen; und der einfache Schein von dem Gruͤnen laͤsset sich in die einfachen Scheine von dem Gelben und von dem Blau- en in dem Kopf nicht auseinander setzen. Aber in eben diesen Faͤllen uͤbersteigt es auch das Vermoͤgen der See- le, I. Versuch. Ueber die Natur le, aus diesen gegebenen einfachen Empfindungsvorstel- lungen, als den Bestandtheilen, eine verwirrte Vorstel- lung von der gruͤnen Farbe zu machen. Warum verlangten denn die Antimonadisten, die sinnliche Vorstellung von einem Koͤrper solle sich im Kopf in die Vorstellung von ihren ersten Elementen zer- gliedern lassen? und warum bestritt man Leibnitzens Lehre von den unausgedehnten Wesen aus dem Grunde, weil es unmoͤglich ist, aus der Verbindung oder Auf- haͤufung der Vorstellungen, von ihnen eine Vorstellung von einem ausgedehnten Koͤrper herauszubringen? Durch eine aͤhnliche Logik muͤßte man Newtons Optik bestreiten. Es laͤßt sich diese Vermischung eben so we- nig bewerkstelligen, als man im Gegentheil die ver- wirrte Vorstellung vom Koͤrper in die Vorstellungen der einfachen unkoͤrperlichen Dinge aufloͤsen kann. Das Verundeutlichen einer deutlichen Vorstellung ist die umgekehrte Operation von dem Verdeutlichen einer verwirrten. Eine sinnliche Vorstellung, bey welcher die Eine dieser Arbeiten bey unsern Bildern uns nicht moͤglich ist, bey der ist es vergebens, die andere zu ver- suchen. Die Philosophen haben eine Wahrheit gesagt, wenn sie behauptet, es sey unmoͤglich, ausder metaphy- sischen Monadologie die Phaͤnomene in der Koͤrperwelt zu erklaͤren. Eine von den Ursachen davon lieget in der angefuͤhrten Regel der Fiktion. Zwischen dem Sinn- lichen und dem Transcendenten, zwischen Metaphy- sik und Physik, und eben so zwischen Metaphysik und Psychologie ist eine Kluft, uͤber welche gar nicht wegzu- kommen ist. Eine andere Ursache hievon wird sich aus andern Betrachtungen in der Folge ergeben. 6. Unter den Wirkungen, die aus diesen beiden Aeuße- rungen der Dichtkraft in den Vorstellungen entstehen, finden der Vorstellungen. finden wir keine, die in unserm Verstande von groͤßern und wichtigern Folgen sind, als die sogenannten sinn- lichen Abstrakta oder allgemeinen sinnlichen Vor- stellungen. Jhre Entstehungsart macht uns noch naͤ- her mit den Gesetzen der Dichtkraft bekannt. Jch empfinde einen Baum, und fasse eine Empfin- dungsvorstellung von ihm. Das Objekt hat viele Theile, die außereinander sind, einen Stamm, verschiedene Zwei- ge und kleine Aeste und Blaͤtter. Dieß sind so viele einzelne Gegenstaͤnde, davon jeder durch einen eigenen Aktus des Empfindens gefaßt wird. Das Auge muß sich wenden, wenn auf den Eindruck des einen Zweigs der Eindruck eines andern folgen soll; und die Hand muß nach und nach fortruͤcken, wenn von ihnen Gefuͤhls- eindruͤcke entstehen sollen. Da ist also in so weit in der ganzen Empfindung des Baums etwas unterscheidbares. Sie bestehet aus mehrern einzelnen unterschiedenen Em- pfindungsvorstellungen. Aber in diesen Vorstellungen der einzelnen Theile, giebt es eine andere intensive Mannigfaltigkeit. Das Blatt beweget sich, hat seine Figur, und seine Farbe. Diese einzelnen Vorstellungen von der Figur, von der Farbe, von der Bewegung, uͤberhaupt die Vorstellun- gen von Beschaffenheiten in einem Dinge, wie sind sol- che in der Empfindungsvorstellung des ganzen Objekts, als der Substanz, der solche Beschaffenheiten zukommen, enthalten? Sind sie darinn wie Theile, die nur neben einander liegen, in welche die ganze Vorstellung, als in so viele Stuͤcke zerschnitten werden koͤnnte? oder wie Theile, die sich ganz durch einander herdurch ziehen, da- von jeder mit jeden vermischt ist? wie Theile, die sich einander durchdringen? so wie etwan die gelben und blauen Lichtstralen durch einander aufs innigste vermischt sind, wenn sie eine gruͤne Farbe darstellen? Dieselbige einfache Empfindung, in der wir die Farbe fassen, giebt I. Band. J uns I. Versuch. Ueber die Natur uns auch den Eindruck von der Bewegung. Diese bei- den Empfindungen machen Eine Empfindung aus, und das Phantasma, das davon entstehet, ist ein einfaches. Wie kann der Zug in dem Bilde, der der Farbe ent- spricht, von dem andern, welcher der Bewegung ent- spricht, abgesondert werden? Jch antworte, es giebt verschiedene Operationes zu dieser Absicht, die so mannigfaltig sind, wie die chemi- schen Verrichtungen, wodurch die Scheidung bey den Koͤrpern geschicht. Jene koͤnnen mit diesen verglichen werden. Ueberhaupt werden andere Empfindungsvor- stellungen dazu erfordert, die auf jene, als Aufloͤsungs- mittel wirken. Eine von den gewoͤhnlichsten Operatio- nen ist die folgende, wodurch die allgemeinen Bilder hervorgebracht, und dann auch, wenn sie schon vorhan- den sind, zur weitern Befoͤrderung der Arbeit gebraucht werden. Jn mehreren unterschiedenen Empfindungen ist et- was aͤhnliches, gemeinschaftliches, einerley und dassel- bige. Dieß aͤhnliche druͤckt sich staͤrker ab und tiefer ein, da es mehrmalen wiederkommt. Dadurch wird ein sol- cher Zug mehr bemerkbar, und also auch da bemerkbar, wo es die uͤbrigen noch nicht sind. Dieß ist schon eine Auszeichnung, und eine Art von Scheidung und Ab- sonderung in der Phantasie. Jn der Empfindung von dem Blatt eines Baums war ein Zug von der Bewe- gung und ein anderer von einer Farbe. Der letztere ist auch sonsten in der Empfindung einer Farbe vorhanden gewesen, oder kommt doch anderswo wieder vor, wo- der Zug von der Bewegung nicht ist; und dieser letztere kommt vor, wo jener nicht ist; und dadurch werden diese beiden Zuͤge jeder fuͤr sich kennbar. Aber jeder hat auch fuͤr sich seine eignen associirten Vorstellungen. Dieß macht sie unterscheidbarer von einander. Einer von die- sen Zuͤgen wenigstens, muß schon in einer vorhergegan- genen der Vorstellungen. genen Empfindung gewesen seyn, wenn entweder die Farbe oder die Bewegung in der zusammengesetzten Em- pfindungsvorstellung unterschieden werden soll. Das erste, was sich hiebey am deutlichsten bemer- ken laͤßt, ist dieses: „Aehnliche Eindruͤcke, Vorstellun- „gen und Bilder fallen in Eine Vorstellung zusammen, „die aus ihnen bestehet, und diese wird eine mehr abge- „zeichnete und sich ausnehmende Vorstellung.“ Da sich nun nicht eher ein Zug in einer vielbefas- senden Empfindung vor den uͤbrigen so ausnimmt, daß er unterschieden werden kann, bis nicht etwas ihm aͤhn- liches, das schon in einer andern Vorstellung enthalten ist, mit ihm verbunden wird, so folget; es koͤnne we- der ein allgemeines Abstraktum hervorkommen, noch in einer zusammengesetzten Vorstellung ein Zug von dem andern unterschieden werden, wofern nicht eine Vereini- gung aͤhnlicher Vorstellungen vorhergegangen ist. Will man dieß letzte ein Vergleichen nennen, so entstehet kein allgemeines Bild ohne Vergleichung. Aber wird nicht das Wort Vergleichen sehr unbestimmt gebrau- chet, wenn ein solches Zusammenfallen der Bilder so genennet werden soll? Es lehret die Erfahrung, daß wenn die einzelnen Empfindungen von den einfachsten sinnlichen Beschaffen- heiten, z. B. von der gruͤnen Farbe eines Koͤrpers, ge- nau betrachtet werden, so giebt es nicht zwey von ihnen, bey denen nicht einiger Unterschied in den Graden der Lebhaftigkeit, in Schattirungen und Annaͤherung zu ei- ner andern Farbe angetroffen wird. So eine Verschie- denheit muß schon in den allerersten Eindruͤcken und in ihren Vorstellungeen vorhanden seyn. Also ist es klar, daß die einzelnen zusammenfallenden Vorstellungen nicht vollkommen dieselbigen sind, sondern ihre Verschieden- heiten haben. Aber ihre Gleichartigkeit uͤberwindet ihre Verschiedenartigkeit, und sie vereinigen sich in Eine. J 2 Daraus I. Versuch. Ueber die Natur Daraus folget — denn was von der allgemeinen Vorstellung der gruͤnen Farbe wahr ist, das gilt, wie man leicht siehet, von einer jeden andern Empfindungs- vorstellung — daß die allgemeinen Bilder ur- spruͤnglich wahre Geschoͤpfe der Dichtkraft sind, und aus einer Vereinigung mehrerer Eindruͤcke bestehen, die einzeln genommen nicht vollkommen das sind, was das allgemeine Bild ist. Sie sind also selbst gemachte einfache Vorstellungen, in die eine Verwir- rung anderer aͤhnlichen Elementareindruͤcke hineinge- bracht ist, und diese Verwirrung giebt der ganzen Vor- stellung eine Gestalt, dergleichen keines ihrer Elemente einzeln genommen, wenn sie so einzeln empfunden wuͤr- den, an sich haben kann. Man hat es erkannt, daß es sich mit den allgemeinen geometrischen Vorstellun- gen also verhalte. Jn der That aber haben alle uͤbrige dieselbige Beschaffenheit an sich. Jst die Phantasie nun schon mit solchen allgemei- nen Vorstellungen versehen, so sind diese fuͤr uns Bilder, durch welche wir bey den neuen hinzukommenden Em- pfindungen, die Beschaffenheiten der Dinge ansehen und kennen. Sobald eine Farbe der gruͤnen aͤhnlich em- pfunden wird, so vereiniget sich mit diesem Eindruck un- ser allgemeines Bild von dem Gruͤnen. Wir sehen sie nach diesem allgemeinen Bilde, und da erscheint der Eindruck anders, als er ohne dieses Bild wuͤrde erschie- nen seyn. Jndessen nehmen doch auch diese allgemei- nen Vorstellungen mit der Zeit eine Veraͤnderung an, wenn noch viele neue Eindruͤcke hinzukommen, die mit jenen zwar ihrer Aehnlichkeit wegen zusammenfallen, aber doch wegen ihrer Verschiedenheit auch eine andere Art von Schattirung auf das Bild bringen. Diese sinnlichen Abstrakta werden sinnliche Scheine, die den urspruͤnglichen Empfindungsvorstellungen nichts nachgeben. Der Schein, der eine Figur vorstellet, wird der Vorstellungen. wird in ein anders Subjekt uͤbergetragen von einer | an- dern Farbe als das erstere hatte, und der Schein von der Farbe in ein anders Subjekt von einer verschiede- nen Figur. Die abgesonderte Vorstellung von der Be- wegung wird ebenfalls mit andern Phantasmen so wie- der vereiniget, daß das sinnliche Bild eines bewegen- den Dinges daraus entstehet. Wenn wir die Vor- stellung von der rothen Farbe haben, und dazu eine an- dere vom Rothgelben, und dann aus dieser letztern den Schein des Gelben von dem Rothen absonderten, und nun dieselbige Flaͤche uns gelb vorstelleten, so waͤre hier ein neuer Schein von einer Farbe entstanden. So ver- fahren wir wirklich mit unsern sinnlichen Bildern von Beschaffenheiten. Jn den geometrischen Bildern von Linien, Winkeln, Flaͤchen und Koͤrpern, finden wir in unserer Phantasie einen eigenen Vorrath von andern sinnlichen Vorstellun- gen, mit welchen wir diese allgemeinen Vorstellungen verbinden. Der Winkel wird in die Vorstellung von gewissen Linien hineingeleget. Jedweder sinnliche Schein ist in der Phantasie der Schein eines ganzen vollstaͤndigen Dinges. Wird er in mehrere, aus denen er vermischt war, zerleget, so muß jeder dieser einzelnen Scheine, in welche man ihn aufloͤset, fuͤr sich eine ge- wisse Unterlage haben. Sie sind fuͤr sich allein nur un- vollstaͤndige Vorstellungen von Beschaffenheiten. Das Bild von einem bewegten, gefaͤrbten und figurirten Blatt eines Baums war eine Vorstellung eines voll- staͤndigen Dinges. Aber keiner der einzelnen Scheine, in welche er aufgeloͤset wird, kann in der Einbildungs- kraft fuͤr sich allein bestehen, woferne er nicht wiederum auf seine Art vollstaͤndig gemacht wird. Wenn die Vorstellung von der gruͤnen Farbe in die Vorstellungen von der blauen und von der gelben blos durch die Kraft der Phantasie zerlegt werden koͤnnte, so wuͤrde jede dieser J 3 letztern I. Versuch. Ueber die Natur letztern neuen Vorstellungen eine Vorstellung von einem blau und von einem gelbgefaͤrbten Koͤrper seyn muͤssen, so wie der erste verwirrte Schein eine Vorstellung von einem gruͤnen Koͤrper war. So lange ein solcher herausgezogener Schein noch nicht auf eine eigene Art wieder vollstaͤndig gemacht wor- den ist, so lange ist er auch kein fuͤr sich bestehender ab- gesonderter Schein. So lange ist es also auch nach dem Gesetz der Association nothwendig, daß die Phantasie, wenn sie ihn wieder hervorziehet, zugleich eine als die andere von den ganzen Empfindungsvorstellungen wieder darstelle, aus denen er gezogen ist. Diese Nothwen- digkeit faͤllt aber weg, wenn der neue Schein seine eige- ne Konsistenz erhalten hat. Und diese erlangen die geometrischen Scheine am leichtsten. Jch denke jetzo an einen Triangel und halte diese Vorstellung in mir gegenwaͤrtig, so lange ich will, ohne daß ich genoͤthiget waͤre, an eine dieser Figuren, die ich auf der Tafel, oder auf Papier, oder sonsten wo gesehen habe, zuruͤck zu denken, ob mir gleich diese bey der Fortsetzung jener Vorstellung einfallen. Jch habe mir nemlich statt ihrer eine nie gesehene Gestalt des Tri- angels in meinem Kopf selbst gemacht; ich stelle ihn mir in meinem Zimmer vor, und setze seine drey Spitzen an die drey Waͤnde meines Zimmers. Außer der Geometrie leisten uns die Woͤrter, aber auf eine weniger vollkommene Art, dieselbigen Dienste. Diese Zeichen unserer allgemeinen Jdeen sind selbst voll- staͤndige Empfindungsvorstellungen; und mit diesen ver- binden wir die ausgemerkten Vorstellungen von Kraft, Bewegung, Figur, Staͤrke, Gluͤck u. s. w. Aber so bald wir diese Zeichen verlassen, so fehlen uns andere substanzielle Grundlagen, um der Vorstellung die Ge- stalt der bestehenden Empfindungsscheine zu ertheilen. Daher fallen uns, wenn wir die allgemeinen Begriffe anschau- der Vorstellungen. anschaulich mit Unterdruͤckung des Worts vorstellen wol- len, bald diese, bald jene einzelne Empfindungen ein, aus denen sie genommen sind, welches nicht so geschicht, wenn wir das Wort gegenwaͤrtig erhalten. Denn das Wort Kraft haͤlt die verwirrte Jdee auf die naͤmliche Art so abgesondert in uns, wie es die Jdee der rothen Farbe ist. Die allgemeinen finnlichen Vorstellungen sind noch nicht allgemeine Jdeen, noch keine Begriffe der Denk- kraft und des Verstandes. Aber sie sind die Materie und der Stoff dazu, darum ist es so wichtig, jene zu un- tersuchen, wenn man diese kennen lernen will. Die geometrischen Vorstellungen von Punkten, Li- nien, Zirkeln, Sphaͤren u. s. f. sind, in ihrer geome- trischen Bestimmtheit genommen, auch noch aus einem andern Grunde Wirkungen der Dichtkraft. Jch betrach- te nemlich blos das Bildliche in ihnen. Es ist z. B. die Vorstellung einer krummen in sich zuruͤckgehenden Li- nie aus den Empfindungen des Gesichts genommen, und hat eine eigene Gestalt aus dem einzelnen Empfindungs- scheinen empfangen, den diese in ihrer Vereinigung hervorbrachten. Nun aber geschieht noch mehr. Die Vorstellung von der Ausdehnung haben wir in unserer Gawalt, und koͤnnen diese ideelle Ausdehnung modifici- ren, wie wir wollen. Die Phantasie richtet daher das Bild von der Cirkellinie so ein, daß jeder Punkt von dem Mittelpunkt gleich weit abstehe, und keines um das geringste von ihm weiter entfernt, oder ihm naͤher sey. Der letztere Zusatz in dem sinnlichen Bilde ist ein Zusatz der Dichtkraft, dergleichen es in allen unsern Jdealen giebt. Und wie viele von den Gemeinbegriffen des Ver- standes, oder den metaphysischen Notionen moͤgen wohl, wie Bacon schon gesagt hat, auch in dieser Hinsicht ein Machwerk unserer bildenden Dichtkraft seyn? J 4 7. Wir- I. Versuch. Ueber die Natur 7. Wirkungsgesetze der Dichtkraft, wenn sie neue einfache Vorstellungen bildet. Man darf dieß Verfahren der Dichtkraft nur etwas genauer in den erwaͤhnten Wirkungen ansehen, so erge- ben sich folgende allgemeine Regeln, wornach sie ver- faͤhrt, wenn sie neue einfache Vorstellungen durch die Vermischung oder durch die Aufloͤsung machet. Erstes Gesetz. „Mehrere einfache Vorstellun- „gen, die sich aͤhnlich oder einerley sind, fallen entwe- „der von selbst zusammen, oder werden durch eine Thaͤ- „tigkeit der vorstellenden Kraft in Eine vereiniget. “ Dieß Produkt von ihr ist zusammengesetzt. Es hat et- was eigenes an sich, das in seinen Jngredienzen einzeln genommen nicht vorhanden ist, und ist in so weit eine neue Vorstellung; aber doch einfach fuͤr uns, weil wir eben so wenig etwas vielfaches in ihm unterscheiden, als in den Bestandtheilen, woraus es gemacht ist. Die Dichtkraft vergroͤßert und verkleinert, und ma- chet dadurch neue Vorstellungen, in welchen sich nicht mehr unterscheiden laͤsset, als in denen, womit sie die Veraͤnderung vornahm. Sie haͤufet das Aehnliche und das Einerley auf, oder vermindert es, und machet Groͤ- ßen, Grade, Stufen, die uͤber oder unter den Groͤßen der Empfindung sind. Sie schaffet Broddingnacks und Lilliputier, Meilenlange Teufel u. s. w. Hier be- haͤlt sie die Formen, die sie in den Empfindungsvorstel- lungen antrift und schaffet neue Groͤßen in ihnen: Dieß letztere ist nur ein besonderer Fall von der allgemeinen Regel. Zweytes Gesetz. „Laß zwey oder mehrere Em- „pfindungsvorstellungen nicht voͤllig einerley seyn, aber „doch Aehnlichkeiten haben, in denen sie zusammenfal- „len; wenn dieß ist, so kann die Vorstellungskraft, in- „dem der Vorstellungen. „dem sie das Aehnliche vorzuͤglich stark und lebhaft, „das Verschiedene aber in einem schwaͤchern Grade fas- „set, aus beiden zusammen Eine neue verwirrte Vor- „stellung machen, welche fuͤr unser Gefuͤhl eben so ein- „fach ist, als es die partielle Vorstellungen waren, die „ihr Stoff sind, aber doch eine andere Gestalt an sich „hat, und von jenen einzeln vorgestellet unterschieden „ist.“ Dasselbige geschieht von sich selbst, wo die deutli- che Vorstellung dadurch in eine undeutliche uͤbergegan- gen ist, daß die Empfindungsvorstellungen, welche gleichsam zwischen den einzelnen Theilen der ganzen Vor- stellung lagen, und die letztern von einander getrennet hielten, verloschen sind. Es geschieht auch da, wo son- sten das Unterscheidbare an den Theilen der ganzen Vor- stellung sich verlohren hat. Drittes Gesetz. „Wenn eine dem Bewußtseyn „nach einfache, sonsten aber an sich vielbefassende Vor- „stellung, mit vorzuͤglicher Jntension von der Phanta- „sie bearbeitet wird, so kann diese das darinnen enthal- „tene Mannichfaltige weiter aus einander treiben, und „alsdenn jene in mehrere einfache Vorstellungen zerthei- „len, die eine jede wiederum fuͤr sich einfach, und doch „von der Erstern unterschieden sind.“ Wenn die einfache Vorstellung von einer Seite mit einer zwoten einerley, in einer andern Hinsicht aber von ihr verschieden ist, so kann die Vorstellungskraft in sol- chen Faͤllen, wo die Vereinigung jener beiden einander zum Theil aͤhnlichen Jdeen durch die ihnen anklebende verschiedene Nebenideen verhindert wird, eine Aufloͤ- sung beschaffen. Die Eine oder die andere, oder alle beide koͤnnen so auseinandergesetzet werden, daß das Un- gleichartige in ihnen von dem Gleichartigen abgesondert, und also Eine simple Vorstellung in zwo andere zer- leget wird. J 5 Dieß I. Versuch. Ueber die Natur Dieß sind einige von den Gesetzten und Wirkungs- arten der neue einfache Vorstellungen schaffenden Dicht- kraft. Jch habe hier nur die ersten Linien dieser Unter- suchung ziehen wollen. Ob sie es alle sind? Das sage ich nicht. Aber man wird nicht leicht eine von den kuͤnstlichen chemischen Arten, Koͤrper aufzuloͤsen und aufs neue zu verbinden angeben koͤnnen — und viel- leicht nicht eine von den Operationen der Naturkraͤfte in der Koͤrperwelt — zu der nicht eine aͤhnliche Aufloͤ- sungs- und Vereinigungsart in der Seelenwelt gefunden wuͤrde. Es scheinet mir indessen, als wenn alle diese Operationes aus dem Grundsatz begreiflich sind, daß das Gleichartige in Eins zusammen geht, das Verschie- denartige sich außer einander haͤlt; das schwach ausge- druckte Verschiedenartige aber, wenn es auf einmal ge- genwaͤrtig ist, mit Einem Aktus des Gefuͤhls und des Bewußtseyns gefasset wird. Jn diesem Aktus laͤßt sich nichts Mannigfaltiges unterscheiden, und dann ist auch das Verschiedenartige nur apperceptibel als etwas Ein- faches. Jm uͤbrigen wiederhole ich die obige Anmerkung, daß uͤberhaupt die Staͤrke der menschlichen Bildungs- kraft nicht groß genug sey, um ihren selbstgemachten neuen einfachen Vorstellungen, woferne nicht andere Umstaͤnde dazukommen, die gleiche Lebhaftigkeit, Voͤl- ligkeit und Festigkeit zu ertheilen, die den Einbildungen zukommt. 8. So viel von der dritten Wirkungsweise der vorstel- lenden Kraft. Von ihr kommt alles Originelle in un- sere Vorstellungen. Sie ist nicht aus der Acht zu las- sen, wenn der so oft unzulaͤnglich und so oft unrichtig verstandene Grundsatz, daß alle Vorstellungen aus Em- pfindungen entstehen, in seinem bestimmten Verstande, in der Vorstellungen. in welchem er wahr ist, behauptet werden soll. Von den Jdeen als Jdeen, ihrer Form nach, in so ferne Bewußtseyn und Unterscheiden vorhanden ist, rede ich hier auch nicht; sondern nur von ihrer Materie, das ist, von den Modifikationen der Seele, die fuͤr uns die natuͤrliche Zeichen der Objekte und ihrer Beschaffenhei- ten sind, und die es auch alsdenn sind, wenn sie gleich ruhig und ungebraucht unten im Gedaͤchtniß verwahret liegen. Es ist aus dem vorhergehenden offenbar, in welchem Verstande und in wie weit man sagen koͤnne, daß Vorstellungen ihrem Ursprung nach Empfindungen oder Empfindungsvorstellungen sind. Jhr Grundstoff nemlich, woraus sie gemacht und entstanden sind, alle ohne Ausnahme, ist in den reinen Empfindungsvorstel- lungen enthalten. Aber wie vergeblich wird man oft su- chen, wenn man zu jedweder Vorstellung, so wie sie in uns ist, die uns einfach vorkommt, eine Empfindung aufsuchen wollte, in der sie in eben derselbigen Gestalt sich befinden sollte, wie sie sich unserm Bewußtseyn als Fiktion darstellet. Die Dichtkraft kann keine Elemente, keinen Grundstoff erschaffen, aus Nichts nichts machen, und ist in so weit keine Schoͤpferkraft. Sie kann nur trennen, aufloͤsen, verbinden, vermischen, aber dadurch eben kann sie neue Bilder hervorbringen, die in Ruͤck- sicht auf unser Unterscheidungsvermoͤgen einfache Vor- stellungen sind. 9. Es ist leicht zu begreifen, wie diese Jdeenbilden- de Kraft die Folge der Reproduktionen veraͤndern muͤs- se, die sonsten durch das obige Gesetz der Jdeenassocia- tion bestimmt ist. Wenn mehrere Vorstellungen zufol- ge jener Regel wieder erwecket und gegenwaͤrtig gemacht werden, und die dichtende Kraft mischt sich mit ihrer Wirksamkeit darunter, so muͤssen neue Produkte von ei- ner I. Versuch. Ueber die Natur ner neuen Form hervorkommen, welche Aehnlichkeiten mit Vorstellungen, und sie nach dieser Aehnlichkeit erwe- cken, denen jene erstern blos reproducirten nicht aͤhnlich waren, und die sie also auch in dieser Ordnung nicht wie- derhervorgezogen haben wuͤrden. Der Uebergang von einer Jdee zu der naͤchstfolgenden geschicht in einem sol- chen Fall, nicht wegen der Aehnlichkeit zwischen ihnen, noch wegen ihrer ehemaligen Verbindung, sondern des- wegen, weil eine Fiktion dazwischen tritt, die wegen ih- rer Beziehung auf die nachfolgende diese zu erwecken Ge- legenheit gab. Alsdenn entstehen auch neue Verknuͤ- pfungen von Jdeen, neue Ordnungen und neue Reihen. Wie viele Augenblicke wirket in einem etwas lebhaften Menschen die Phantasie wohl blos als Phantasie allein nach der Regel der Association, ohne daß die geschaͤfti- ge Dichtkraft sich einmische, und die Reihen auf eine neue Art zusammenknuͤpfe? Man kann also, wie ich oben erinnert habe, wohl mit jenem Gesetz der Associa- tion nicht auslangen, um die Folge der Vorstellungen in uns zu erklaͤren. 10. Was von der Wirksamkeit des Dichtungsvermoͤ- gens, das nicht unfuͤglich die selbstthaͤtige Phanta- sie genennet werden kann, in Hinsicht auf die allein wie- dervorstellende Phantasie, die mehr leidend sich verhaͤlt, gesaget worden ist, das erstrecket sich nicht nur uͤber die Vorstellungen aus dem aͤußern Sinn, und uͤber die Vorstellungen von koͤrperlichen Gegenstaͤnden; sondern auch uͤber die Vorstellungen aus dem innern Sinn. Es erstrecket sich auf alle Gattungen von Vorstellungen, auf die Vorstellungen von unsern Gemuͤthsbewegungen, von unsern Thaͤtigkeiten des Vorstellens und des Den- kens selbst, und auf die Vorstellungen von unsern Wil- lensaͤußerungen. Jede dieser Vorstellungen ist entwe- der der Vorstellungen. der eine urspruͤngliche, die aus einer vorhergegange- nen Empfindung als eine Spur in uns zuruͤckgeblieben ist, oder aus dieser Art von Vorstellungen gemacht worden. Ohne hieruͤber noch weiter auf das Besondere mich einzulassen, deucht mich, es werde dieß deutlich erhellen, wenn das, was ich vorher uͤber die Natur der Vorstellungen aus innern Empfindungen gesagt habe, mit den Erfahrungen verglichen wird, die jeder Beobachter so leicht bey seinem Gedankenvorrath ha- ben kann. Jch werde in der Folge noch Gelegenheit haben, bey einigen besondern Vorstellungen hieruͤber mehr zu bemerken. XVI. Ueber I. Versuch. Ueber die Natur XVI. Ueber die Einartigkeit und Verschiedenartigkeit der Vermoͤgen der vorstellenden Kraft. 1) Bestimmung der Frage. 2) Einenoͤthige Nebenbetrachtung uͤber die Be- griffe von Einartigkeit und Verschiedenar- tigkeit. 3) Verschiedene Stufen der Einartigkeit. 4) Anwendung dieser Begriffe auf die Vermoͤ- gen der vorstellenden Kraft. Jn wie weit das Vermoͤgen Vorstellungen aufzunehmen und das Vermoͤgen Vorstellungen zu repro- duciren, einartige Vermoͤgen sind? 5) Das Verhaͤltniß der Phantasie zu der Dichtkraft. 6) Das Vermoͤgen, Nachempfindungen zu ha- ben, und Vorstellungen aufzunehmen, haͤngt ab von der Modifikabilitaͤt der Seele, und von der Selbstthaͤtigkeit, mit der sie ihre Modifikationen in der Empfindung annimmt. 7) Eine allgemeine Anmerkung uͤber die Ent- wickelung des Princips der Vorstellungs- thaͤtigkeiten. 1. S o weit fuͤhren die Beobachtungen uͤber die verschie- denen Aeußerungen des Seelenvermoͤgens, das man die vorstellende Kraft nennet, und dem man es zuschreibet, daß Vorstellungen aufgenommen, wieder hervorgezogen und umgebildet werden. Nun ist es viel- leicht der Vorstellungen. leicht Zeit zu fragen: wie sich diese verschiedene Thaͤtig- keiten und Vermoͤgen gegen einander verhalten; ob und wie weit sie einartig oder verschiedenartig sind? ob und wie Eins von ihnen in das andere uͤbergehen und umgeaͤndert werden koͤnne? ob es eben dasselbige Prin- cip sey, aus welchem alle diese Thaͤtigkeitsarten ent- springen, und wie weit es das naͤmliche sey, was sich dann als ein percipirendes, dann als ein wiedervorstel- lendes, dann als ein selbstthaͤtigbildendes Vermoͤgen dar- stellet? Diese Untersuchung wird zugleich ein Beyspiel seyn, wie weit die Abstraktionen in Gedanken, das ist, unsern einseitigen Jdeen, die wir von den wirklichen Dingen nach und nach auffassen, uns nuͤtzlich werden koͤnnen, so wie sie uns ohne dieß nothwendig sind, und es wird sich zeigen, daß, wenn sie nur fuͤr nichts mehr an- gesehen werden, als fuͤr das, was sie wirklich sind, sie uns oftmals, als so viele Oefnungen dienen, wodurch der Verstand in das Jnnere der Sache hineingehen, und einen bestimmten und vollstaͤndigen Begrif sich erwer- ben kann. Sie koͤnnen auch mißleiten, das ist wahr; zuweilen die Einsicht zuruͤck halten; und sie thun solches wirklich, so bald wir vergessen, daß sie einzeln betrach- tet sammt ihren Folgen nichts anders sind, als einseitige Prospekte, und Stuͤcke von vollstaͤndigen Begriffen, die mit einander verglichen, und in Verbindung gebracht werden muͤssen, ehe deutliche und bestimmte Jdeen von wirklichen Sachen aus ihnen gemacht werden koͤnnen. 2. Was ist aber Gleichartigkeit und Verschieden- artigkeit? Homogeneitaͤt und Heterogeneitaͤt? oder wie man es benennen will? Die welche so oft gesagt ha- ben, die Vermoͤgen unserer Seele sind etwas Einartiges oder gleichartiges, haben vielleicht etwas starkes, wah- res und lebhaftes gesagt; aber sie haben auch etwas ver- wirrtes I. Versuch. Ueber die Natur wirrtes gesagt, das nicht gehoͤrig aus einander gesetzt ist, und den, der den Begriffen weiter nachgehet, entweder nicht befriediget, oder in die Jrre fuͤhret. Einartig ist, wie einige sich ausdruͤcken, was unter demselbigen generischen Begrif befasset werden kann, und ver- schiedenartig, was es nicht kann. Aber man fragt sogleich von neuen: wo ist denn der bestimmte generi- sche Begrif, der als ein Maß bey der Vergleichung ge- brauchet werden soll? die Kreißlinie und die Ellipse sind ohne Zweifel gleichartige Linien, als Kegelschnitte: in anderer Hinsicht aber ohne Zweifel ganz heterogene und wesentlich unterschiedene Dinge. Solch eine Erklaͤrung mag uns allenfalls auf den Weg zu einem feststehenden bestimmten Punkt hinbringen; aber sie fuͤhret uns nicht zu ihm hinan. Der Begrif von der Einartigkeit ist nicht nur hier, wo noch weiter keine Seelenaͤußerungen, als die Vorstel- lungsthaͤtigkeiten in Betracht gezogen werden, eine Richt- schnur der Spekulation; nach Wolfs Ausdruck eine notio directrix; sondern sie ist es auch in der ganzen Psychologie bey allen Untersuchungen, die man uͤber die Grundkraͤfte der Seele anstellen mag. Sie ist es nicht minder in den Untersuchungen uͤber die ersten Grund- kraͤfte der Koͤrperwelt. Ohne diesen allgemeinen Be- grif genau bestimmt zu haben, kann das, was sich uͤber die Einheit oder Vielfachheit der Grundkraͤfte in der See- le sagen laͤsset, es sey viel oder wenig, am Ende im Ganzen, so viel gutes auch in einzelnen Nebenbetrachtun- gen enthalten ist, nichts anders als ein unbelehrendes und verwirrtes Raisonnement seyn, das auf einseitigen und unbestimmten Begriffen beruhet. Man muß etwas hoch anfangen, wenn dieser Be- grif voͤllig deutlich werden soll; aber man kann auch bald wieder herunter gehen zu dem mehr bestimmten, wo- bey man ihn anwenden will. Das der Vorstellungen. Das Mannichfaltige, was sich in einem jeden Dinge, fuͤr sich allein betrachtet, erkennen laͤsset, ist entweder etwas Absolutes, oder etwas Relatives. Das letztere ist so etwas, was ohne die Jdee von einem Verhaͤltniß oder von einer Beziehung nicht gedacht wer- den kann. Die drey Linien in dem Triangel gehoͤren zu den absoluten Praͤdikaten des Triangels. Dagegen ihre Verbindung mit einander, wodurch sie einen Raum ein- schließen, zu den Relativen, (zu den sich auf etwas Beziehenden, zu den Bezogenen ) gehoͤrt, wohin auch ihre bestimmte Lagen bey einander, oder die Winkel und die Verhaͤltniße ihrer Groͤßen gegeneinander zu rechnen sind. Das Absolute, (das auf nichts anders sich Be- ziehende, das Unbezogene ) ist es, worinnen Grade und Stufen, ein Mehr und ein Minder statt finden; obgleich nicht bey allen ohne Ausnahme. Die Ver- haͤltnisse nehmen zwar auch Groͤßen und Grade an, aber nicht eher, als wenn sie in der Gestalt des Absolu- ten vorgestellet werden. Jnnere Verhaͤltnisse, oder eigentlich Verhaͤltnisse der innern Beschaffenheiten einer Sache sind die Verhaͤltnisse, worinn die absolu- ten Beschaffenheiten eines Dinges gegeneinander stehen. Sie sind Verhaͤltnisse; nur nicht Verhaͤltnisse des Dinges gegen andere von ihm unterschiedene Dinge, sondern Verhaͤltnisse der Theile des Jnnern eines Din- ges gegen einander. Das Absolute und das Relative sind, wie ich hier zum Grunde setze, etwas Verschie- denartiges. Sie haben keinen gemeinschaftlichen ge- nerischen Begrif; außer etwan den Begrif des Praͤdi- kats, des Gedenkbaren und dergleichen. Und diese Be- griffe sind, wie sich unten bey einer andern Gelegenheit zeigen wird, nicht einmal dieselbigen Begriffe, wenn sie auf das Absolute, und zugleich auch auf das Relative angewendet werden. I. Band. K Jst I. Versuch. Ueber die Natur Jst das Absolute — die Grade, das Mehr und Minder in demselben, wenn es dergleichen zulaͤßt, bey Seite gesetzet — in einem Dinge nicht eben dasselbige, was es in einem andern ist, so ist eine Verschieden- artigkeit da. Jn dem einen ist entweder das Absolute gar nicht, was in dem andern ist; oder es ist einiges in beyden ebendasselbige; einiges nur anders; oder es enthaͤlt das Eine zwar alles was in dem andern ist, aber das letztere ist nicht ganz das erstere; sondern nur ein Theil desselben, woran noch etwas von dem fehlet, was jenes an sich hat, und wo doch dieß Fehlende nicht blos ein Mangel eines hoͤhern Grades ist. Jn jedem dieser Faͤlle sollen solche zwey Dinge un- vergleichbar, ungleichartig oder verschiedenartig genannt werden. Der Marmor, der den Menschen vor- stellet, bestehet nicht aus solchen Theilen, Substanzen, Stuͤcken, wie sein Objekt, der menschliche Koͤrper; und ist also etwas ungleichartiges mit diesem. Die Farben- striche auf einer Flaͤche, die ein Gemaͤlde machen, sind nicht einartig mit dem Fleisch, den Sehnen, dem Blut, den Adern und Knochen in dem Kopf des Menschen, wenn sie gleich von diesem eine Abbildung hervorbrin- gen, und die Vorstellungen in uns von der Sonne und dem Monde haben eben so wenig gleichartiges mit den Objekten an sich, die sie vorstellen. Eben diese angefuͤhrten Beyspiele zeigen, daß die Verschiedenartigkeit, welche aus der Diversitaͤt des Absoluten entstehet, eine analogische Beziehung auf einander, und also in so weit eine Aehnlichkeit zwischen ihnen, nicht ausschließe. Die Analogie bestehet in der Jdentitaͤt der Verhaͤltnisse und Beziehungen der ab- soluten Beschaffenheiten gegen einander; sie erfordert die Jdentitaͤt| des Absoluten selbst nicht. Jn der Vorstellungen. Jn dem Fall, wo in dem Einen der verglichenen Dinge eins oder mehrere von den absoluten Beschaffen- heiten fehlen, die in dem andern vorhanden sind, wo das uͤbrige aber beiden gemeinschaftlich ist, da kommt die bey der Anwendung auf besondere Faͤlle oftmals schwer zu entscheidende Frage vor: ob das positive und abso- lute Eigene in dem Einem Dinge etwan nur so eine Bestimmung sey, die von einem gewissen bestimmten Grade der absoluten Beschaffenheiten abhangen, und aus diesen letztern in einer gewissen Quantitaͤt genommen, entstehe oder entstehen koͤnne? oder ob es etwas Grund- eigenes in der Sache sey, das auch durch jede Ver- groͤßerung oder Verminderung des uͤbrigen Absoluten nicht hervorgebracht werden koͤnnte? Jn dem ersten Fall ist es eine Folgebeschaffenheit von andern, die hin- zu kommen kann, wenn die an ihren Groͤßen, Graden, Stufen veraͤnderliche Grundbeschaffenheiten eine solche Veraͤnderung wirklich annehmen, und alsdenn ist doch so eine Verschiedenartigkeit nicht vorhanden, wie hier be- stimmet worden ist. Dennoch kann eine andre Verschie- denartigkeit, die nicht in einer Verschiedenheit des Absolu- ten, sondern in einer Verschiedenheit innerer Verhaͤlt- nisse des Absoluten ihren Grund hat, vorhanden seyn. Von welcher Gattung der Heterogeneitaͤt gleich nachher gesaget werden soll. Jn dem denkenden Wesen ist die Vernunft etwas Eigenes, welches in den Thieren nicht ist, und ist dazu etwas absolutes. Jst sie aber nur eine Folgebeschaffenheit, die hinzukommt, wo das allen ge- meinschaftliche Empfindungsvermoͤgen eine gewisse Fein- heit und Groͤße erlanget hat, so werden doch beyde Gat- tungen von Wesen, vernuͤnftige und vernunftlose, ein- artig seyn. Vorausgesetzt, daß nicht noch eine andere Grundverschiedenheit in innern Verhaͤltnissen vorhanden sey. Bey derselbigen Bedingung muͤßte auch das Un- vernuͤnftige durch eine Erhoͤhung des Absoluten, was in K 2 ihm I. Versuch. Ueber die Natur ihm ist, in ein Vernuͤnftiges verwandelt werden koͤnnen. Denn wo diese Umaͤnderung durch einen wesentlichen Mangel an der dazu erforderlichen Perfektibilitaͤt unmoͤg- lich gemacht wuͤrde, da muͤßte der innere Grund, von dieser Unfaͤhigkeit bis zur Vernunft erhoben zu werden, entweder etwas eigenes Absolutes seyn, wie es doch hier nicht seyn soll, oder es muͤßte doch noch eine eigene Grund- verschiedenheit in den Verhaͤltnissen des Jnnern voraus- setzen. Die Geometer bringen alle Linien, die geraden und die krummen, und die letzten von allen Ordnungen, un- ter Eine allgemeine Gleichung. Soll diese nun weiter bestimmet, und zu einer besondern Gleichung fuͤr die Kegelschnitte, und noch naͤher fuͤr die Ellipse, oder fuͤr den Zirkel oder fuͤr die gerade |Linie gemacht werden, so muͤssen mehrere oder mindere Groͤßen, die in der allge- meinen Formel enthalten sind, zu Nullen werden. Die Gleichung fuͤr die eine Klasse enthaͤlt also einerley Jn- gredienzen, einerley unbestimmte Groͤßen mit der fuͤr eine andere, nur daß in einer von ihnen einige Groͤßen ausfallen, oder zu Zero werden, die in der andern als reelle Groͤßen vorhanden sind. Jn wie weit sind nun Linien einerleyartig? und in wie weit sind sie verschie- denartig? Diese Geschoͤpfe des Verstandes kennen wir am innigsten, und auch nach den Unterscheidungsmerk- malen, wornach wir sie in Klassen vertheilen. Da zeigt es sich auch am klarsten, worauf es ankomme, wenn mehrere Linien als Linien Einer Art oder Gattung oder Ordnung angesehen werden. Der Charakter der Gat- tung, der die Einartigkeit bestimmet, wird aus diesen zwey Stuͤcken genommen. Es sollen gewisse Groͤßen in der Aequation fuͤr die ganze einartige Gattung reelle Groͤßen seyn, so sehr sie sonsten an Graden der Quanti- taͤt veraͤnderlich sind. Dieß ist Eins. Dazu kommt zweytens ein gemeinschaftliches festes Grundverhaͤltniß zwischen der Vorstellungen. zwischen ihnen, welches keine andere Veraͤnderung anneh- men kann, als die aus der Veraͤnderung in den reellen veraͤnderlichen Groͤßen selbst entstehet. Die Verschiedenheit in dem Absoluten, die naͤm- lich nicht allein in Graden bestehet, ist Eine von den Quellen der Verschiedenartigkeit. Eine andere lieget in der Verschiedenheit der unveraͤnderlichen Verhaͤltniße des Absoluten. Denn unveraͤnderlich muß dieß Verhaͤltniß seyn und unabhaͤngig von den Veraͤnderungen, die in den Graden und Stufen der absoluten Beschaffenheiten selbst sich eraͤugnen, wenn diese vergroͤßert oder vermindert werden. Die drey Winkel im Dreyeck, als die absolu- ten Grundbeschaffenheiten, sollen, um einen Triangel auszumachen, mit ihren Endpunkten zusammenstoßen. Diese Verbindung ist eine Grundbeschaffenheit, ein we- sentliches Praͤdikat, obgleich etwas Relatives, das eben- dasselbige in allen Triangeln ist, wie auch sonsten die Groͤßen und Lagen der Seiten gegeneinander sich abaͤn- dern. Allein wenn doch die Groͤßen der Linien selbst so weit abgeaͤndert werden, daß ihrer je zweye zusammen nicht mehr an Groͤße die dritte uͤbertreffen, so faͤllt auch die Moͤglichkeit ihres Zusammenstoßens an den End- punkten, und also das Grundverhaͤltniß weg. Dann haben wir keine Triangel mehr, sondern unbegraͤnzte und unumschlossene Raͤume, die man nicht fuͤr einartig mit ihnen ansehen kann. Es gehoͤret zu dem Wesen eines jeden Dinges, was mehrere absolute und verschiedene Beschaffenheiten in sich fasset, außer den absoluten Be- schaffenheiten, noch ein gewisses Grundverhaͤltniß der- selben, welches aber, wie das angefuͤhrte Beyspiel zei- get, auf eine solche Art von den Groͤßen und Stufen in dem Absoluten abhangen kann, daß es aufgehoben wird, wenn jene veraͤnderlich sind, und ihre Vergroͤßerung oder Verkleinerung uͤber eine gewiße Graͤnze hinaus- gehet. K 3 Es I. Versuch. Ueber die Natur Es giebt vielleicht auch solche Beziehungen und Verbindungen der innern absoluten Beschaffenheiten, die gaͤnzlich von den in Groͤßen, Graden und Stufen des Absoluten vorgehenden Veraͤnderungen unabhaͤngig sind, so lange das Absolute nur nicht ganz verschwindet oder zu Nichts wird, z. B. die Ordnung und Folge, in der sie bey einander sind. Jch sage: vielleicht gebe es solche. Denn ich will hier uͤber die Natur solcher Verhaͤltnisse, die aus den verschiedenen Koexistenzarten der Dinge ent- springen, und in wie weit solche von ihren innern abso- luten Beschaffenheiten abhangen, nichts bestimmen. Und in diesem Fall, wenn naͤmlich die Dinge in Grund- verhaͤltnissen verschieden sind, welche bey aller Veraͤnde- rung in den Graden des Absoluten dieselbigen bleiben, so gehoͤren sie ebenfalls zu den Verschiedenartigen; moͤchten sie auch sonst in Hinsicht des Absoluten selbst ei- nerley seyn. Ohne mich weiter bey der Erlaͤuterung dieser Ge- meinbegriffe aufzuhalten, will ich nur die Grenzlinie noch hinziehen, wo sich die Homogeneitaͤt und Heterogeneitaͤt, die Einartigkeit und Verschiedenartigkeit, so wie diese Begriffe in psychologischen Untersuchungen am meisten gebraucht werden, von einander trennen. „Wenn Ein Ding, dessen absolute Beschaffenheiten „bestimmte Verhaͤltniße und Beziehungen auf einander „haben muͤssen, um so ein Ding zu seyn, durch eine „Veraͤnderung der Grade und Stufen in dem Absolu- „ten; dadurch naͤmlich, daß es vergroͤßert oder verklei- „nert, an Einer Seite vergroͤßert, an der andern ver- „kleinert wird; in ein anderes Ding verwandelt werden „kann, dessen Begrif ein anders Grundverhaͤltniß „eben derselben absoluten Beschaffenheiten erfordert; „wenn ein Ding sich so auf ein andres beziehet; so sol- „len diese beiden Dinge noch als gleichartige oder homo- „gene angesehen werden.“ Wenn der Vorstellungen. Wenn dagegen eine solche Verwandelung durch Ver- mehrung oder Verminderung, oder durch beides nicht moͤglich gemacht wird, sondern außerdieß noch etwas Absolutes weggeschaffet oder hinzugesetzet werden muͤßte; oder wenn ein neues Grundverhaͤltniß erfordert wird, um ein Ding in ein anders zu umformen; alsdenn sind die sich so auf einander beziehende Dinge heterogen und verschiedenartig. Die Verwandelung durch eine Veraͤnderung in den Groͤßen aber darf nur fuͤr sich moͤg- lich seyn, wenn man auf das innere Absolute in der Sache Ruͤcksicht nimmt: nur in den absoluten Grund- beschaffenheiten muß nichts enthalten seyn, das die dazu noͤthige Erweiterung oder Verengerung der Schranken unmoͤglich mache. Denn wo diese Unmoͤglichkeit nur in aͤußerlichen Ursachen und Umstaͤnden ihren Grund hat, da kann allein aus diesem Grunde die innere Homo- geneitaͤt der Naturen nicht aufgehoben werden. Jn diesem angegebenen Unterschied des Homogenen und des Heterogenen hat man einen feststehenden und bestimmten Begrif, durch den die sonst so schwankenden Begriffe von Gattungen und Arten, und die mit ihnen verwandte in der allgemeinen Philosophie eine gleiche Bestimmtheit erhalten. Bey dem Verfahren des ge- meinen Verstandes bemerket man, daß wenn zwey Din- ge zu Einer Art oder Gattung gebracht werden, so wird allemal vorausgesetzet, dasjenige, was den Charakter der Art oder der Gattung ausmachet, sey etwas, das entweder auf eine bestimmte Zeit oder auf immer den Subjekten zukommt, und also etwas bestaͤndiges in ih- nen. Bey den gewoͤhnlichen Abtheilungen in Klassen haben wir jedesmal eine bestimmte Absicht, die von ei- nem groͤßern oder geringern Umfange ist. Wenn die Bestaͤndigkeit der Merkmale so groß ist, als diese Absicht es erfordert, so ist es schon genug, um das Ding auf den allgemeinen Begrif zuruͤck zu bringen, der durch K 4 jene I. Versuch. Ueber die Natur jene Merkmale bestimmt wird, und also das Ding fuͤr ein Ding einer so charakterisirten Art anzusehen. Die Vorstellung von einem bestaͤndigen Unterschiede ist der Grund des Urtheils. Wo aber weiter die innere Wesens- oder Naturverschiedenheit bestimmet werden soll, da ist es wiederum die Unmoͤglichkeit, aus einer Art in die andere uͤberzugehen, unter welchen Bedin- gungen solche Statt finde, und wie weit und tief sie sich erstrecke, worauf es ankommt. Bey den wirklichen Dingen in der Welt ist es selten in unserm Vermoͤgen, die innere Unumaͤnderlichkeit eines Dinges Einer Art in ein Ding einer andern Art voͤllig ins Licht zu setzen. Deß- wegen sind diejenigen, die natuͤrliche Abtheilungen su- chen, oft genoͤthiget, gewisse bestaͤndige Eigenschaften oder Wirkungen, oder auch wol Beziehungen auf andere, als ein aͤußeres Kennzeichen von ihr, anzunehmen, und aus diesem die Einartigkeit und Verschiedenartigkeit zu bestimmen. Aber wie weit die Zuverlaͤßigkeit eines sol- chen aͤußern Merkmals gehe, das ist alsdenn noch, wenn es seyn kann, besonders auszumachen. Ein Beyspiel hievon giebt der Buͤffonische Geschlechtscharakter bey den Thieren, wo das Vermoͤgen, durch ihre Vermi- schung sich fortzupflanzen, zum Zeichen der Einartigkeit gemacht wird. 3. Aus dem obigen feststehenden Begrif, koͤnnen nun einige der vornehmsten Stufen der Homogeneitaͤt im all- gemeinen bestimmet werden. Homogene Dinge koͤnnen in einander umgeaͤndert werden durch Vergroͤßerung und Verkleinerung. Es kann alles beides dazu erforderlich seyn; einige Theile muͤssen wachsen; andere muͤssen abnehmen. Jn diesem Fall ist keine naͤhere Einartigkeit vorhanden, als die all- gemeine, deren Graͤnze vorhero bestimmet ist. Dieß sey der Vorstellungen. sey die erste Stufe. Eine solche Veraͤnderung gehet mit der Raupe vor, wenn sie zum Jnsekte wird. Hie- her gehoͤren auch die natuͤrlichen Verwandelungen, die durch innerliche Ursachen bewirket werden, oder doch von solchen groͤßtentheils abhangen. Sie sind zugleich Verwandelungen, in Hinsicht der neuen aͤußern Ge- stalten, wenn nemlich das aͤußerliche Ansehen bis dahin veraͤndert wird, daß das Ding, nach diesen zu urthei- len, zu einer andern von dem erstern unterschiedenen Gattung von Dingen gebracht werden muͤßte. Die Umaͤnderung kann auch allein durch die Vermehrung oder Erhoͤhung einer oder mehrern von den absoluten Beschaffenheiten eines Dinges zu Stande kommen; oder auch allein durch ihre Heruntersetzung oder Verminderung. Hieher koͤnnen auch solche Bey- spiele gezogen werden, wo zwar beides, eine Vermeh- rung und eine Verminderung, vor sich gehet, aber so, daß Eine Art dieser Veraͤnderungen in Vergleichung mit der andern unerheblich ist, und wenig in Betracht kommt oder kommen darf. Der Saame waͤchset auf zum Baum; und aus dem Embryon wird ein vollstaͤn- diges Thier. Jn beiden, in dem Saamen und in dem Embryon gibt es einige Theile, die waͤhrend der Ent- wickelung abnehmen und wegfallen, aber auf diese wird weniger Ruͤcksicht genommen, als auf die Vergroͤßerung die hier eine Entwickelung ist. Dieß ist eine zwo- te Stufe der Einartigkeit. Hiezu kann noch eine dritte gesetzet werden, die Aehnlichkeit nemlich. Wenn ein Ding durch eine ebenmaͤßige und pro- portionirliche Vergroͤßerung oder Verminderung sei- ner absoluten veraͤnderlichen Groͤßen in ein anderes Ding uͤbergehet. Wenn das Verhaͤltniß und die Beziehun- gen des Absoluten, bey allen Veraͤnderungen die in dem letztern vorgehen, unveraͤnderlich immer so bleiben wie sie K 5 sind, I. Versuch. Ueber die Natur sind, und wie sie in dem Dinge vor der Veraͤnderung schon gewesen sind. Wenn dieß ist, so ist weiter zwi- schen solchen Dingen kein Unterschied, als nur in den Groͤßen. Sie verhalten sich zu einander wie aͤhnliche Figuren. Nur die absoluten Groͤßen, die Materie ist verschieden; die Form ist dieselbige. Diese Homoge- neitaͤt ist Aehnlichkeit, welche auch zugleich eine Analo- gie ist, aber noch mehr als diese. Denn Analogie kann statt finden, wo die analogen Dinge verschiedenartig sind. 4. Wenn man diese gemeine Begriffe auf die Beob- achtungen von unseren Vorstellungsarten und Seelen- vermoͤgen anwendet, so deucht mich doch, es zeige sich deutlicher, worauf es bey ihrer Vergleichung ankomme, als vorher. Jst denn das Vermoͤgen zu percipiren, das ist, Vorstellungen von gegenwaͤrtigen Objekten bey der Em- pfindung anzunehmen, mit dem zwoten Vermoͤgen, die- se Vorstellungen wieder hervorzuziehen in der Ab- wesenheit der Gegenstaͤnde, und ist beydes mit dem drit- ten Vermoͤgen, mit der Dichtkraft, einartig, und wie weit sind sie alle Ein und dasselbige Vermoͤgen? Diese Frage haͤnget nun von der folgenden ab: kann jedes die- ser Vermoͤgen durch eine Vermehrung oder durch eine Verminderung seiner veraͤnderlichen Groͤße in jedes an- dere uͤbergehen, und in wie fern? und worinn bestehet die absolute veraͤnderliche Groͤße, durch deren Erhebung oder Heruntersetzung die eine Thaͤtigkeitsweise in die an- dere verwandelt wird? Auf dem letztern Theil der Frage beruhet das Erheb- lichste. Wenn man gerade zu behauptet, das Percipi- ren, das Aufnehmen einer gewissen Spur von einem vorherempfangenen Eindruck, oder erlittenen Veraͤnde- rung sey das naͤmlich, was wir das Reproduciren nen- nen, der Vorstellungen. nen, oder werde es, wenn es vergroͤßert wird, so saget man etwas unbestimmtes, das, von einer Seite betrach- tet, so unbegreiflich als unerweislich ist. Mag doch ei- ne Auster, welche empfindet, auch von den Eindruͤcken auf sie einige Nachempfindungen haben, wie die gespann- te elastische Saite nachzittert; und mag eine gewisse Spur oder eine Folge von diesem Eindruck in ihr blei- ben, wie in der unvollkommen elastischen Saite auch ge- schicht, die von jedwedem einzeln Schlag eine kleine ob- gleich unbemerkbare Veraͤnderung in der Lage und Ver- bindung ihrer Theile nach behaͤlt; kann deswegen die Au- ster und die Saite dieß Aufbehaltene selbstthaͤtig wieder ent- wickeln und den vorigen Zustand wieder herstellen, ohne daß die ehemalige aͤußere Ursache, oder doch eine aͤhnliche, von neuem auf sie wirke? Und wenn nun jenes Vermoͤgen auf- zunehmen vergroͤßert, die Perceptionskraft feiner, aus- gebreiteter, staͤrker, und mehr aufgelegt wird, mehrere, staͤrkere, besser abgesetzte und deutlicher ausgedruckte Spuren, auch von den schwaͤchsten Eindruͤcken anzuneh- men, wie soll daraus eine Kraft werden, von selbst aus sich solche wiederum hervorzuziehen? Das ist, wie kann ein erhoͤhetes Percipiren in ein Reproduciren veraͤndert werden? Das Vermoͤgen der Perception in der menschlichen Seele muß also noch eine andere Seite haben, und noch eine andere veraͤnderliche Groͤße, durch deren Ver- groͤßerung die Phantasie und das Dichtungsvermoͤgen daraus hervorschießet; oder diese letztern Vermoͤgen sind mit dem ersten heterogener Natur; die wohl aus Einer Substanz beysammen sind, aber als verschiedene Grundzuͤge, welche aus Einem und demselben absoluten Princip in ihr nicht abgeleitet werden koͤnnen. Da treffen wir aber auch, wie ich meine, bald auf den rechten Punkt. Die menschliche Seele ist faͤhig nachzuempfinden, und von diesen Nachempfindungen bestimm- I. Versuch. Ueber die Natur bestimmte und bleibende Spuren in sich aufzunehmen. Hiezu besitzet sie ein positives, reelles und absolutes Ver- moͤgen, und dieß Vermoͤgen ist ein wirksames Vermoͤ- gen. Es ist nicht blos Receptivitaͤt; es ist schon selbst- thaͤtig und mitwirkend alsdenn, wenn die aͤußere Ur- sache Eindruͤcke auf die Seele hervorbringet. So et- was aͤhnliches ist auch die Elasticitaͤt in der Saite, welche nachzittert, und die Schwere in dem Perpendikul, der zu schwingen fortfaͤhret. Aber noch mehr: Dieß Ver- moͤgen in der menschlichen Seele ist nicht von einer un- veraͤnderlichen Groͤße, sondern kann als ein selbstthaͤti- ges Vermoͤgen erhoͤhet werden. Die Selbstthaͤtig- keit in ihm ist die veraͤnderliche Groͤße. Das Vermoͤgen zu percipiren nimmt nicht allein eine Ver- groͤßerung an, in dieser Art thaͤtig zu seyn; es ist auch perfectibel, in so ferne es ein selbstthaͤtiges, oder aus sich selbst, aus einem innern Princip wirkendes Vermoͤgen ist. Die Elasticitaͤt der Saite kann durch die staͤrkere oder mindere Spannung mehr oder weniger Jntension erlangen, und dann wird sie aufgelegt, schneller zu schwingen, und laͤnger ihre Schwingungen fortzusetzen, aber ihre innere Selbstthaͤtigkeit bleibet in so weit von gleicher Groͤße, wie sie ist, als sie, um in einen Schwung zu kommen, und thaͤtig zu werden, jedesmal von einer aͤußern Ursache gereizet wiederum geschlagen, gedruckt, gestoßen und uͤber einen Raum getrieben wer- den muß, wie das erstemal, wenn sie uͤber denselbigen Raum hin und her zittern soll. Denn der Antheil, welchen sie als Kraft an der Weite der einzelnen Schwuͤn- ge hat, die sie annimmt, und die Beziehung der innern Kraft auf die aͤußere reizende oder beywirkende Ursache, ist unveraͤnderlich derselbige. Dieß fuͤhret uns auf das charakteristische der menschlichen Vorstellungskraft. Die letztere bedarf anfangs der Einwirkung einer aͤußern Ur- sache, um auf eine gewisse Art modificirt zu werden, und um der Vorstellungen. um diese Modificationen in sich aufzunehmen, hineinzu- legen, und eine Spur davon zu verwahren. Aber sie selbst wirkte mit, und enthielt zum Theil den Grund in sich von ihrer eigenen Veraͤnderung, die verursachet ward, und war in so weit selbstthaͤtig. Und diese Selbst- thaͤtigkeit oder Eigenmacht kann als eine solche erhoͤhet werden, wodurch denn die Beziehung des innern Prin- cips auf die mit wirkende aͤußere Ursache veraͤndert, und das Zuthun der letztern in Hinsicht auf die ganze Wir- kung entbehrlicher und minder nothwendig wird, wenn dieselbige oder doch eine aͤhnliche Wirkung hervorgebracht werden soll. Jst diese Selbstthaͤtigkeit des Vermoͤgens bis auf einen gewissen Grad hin erhoͤhet, so entstehet die Leich- tigkeit, eine vorige Modifikation wieder anzunehmen, die das Einbildungsvermoͤgen ausmachet, das Ver- moͤgen, die vorige Modifikation gewissermaßen wenig- stens wieder zu erneuren, ohne daß ein Einfluß einer sol- chen Ursache erfordert wird, wie zu der ersten Empfin- dung nothwendig war. Die wiedererweckten Einbildun- gen sind den Empfindungsvorstellungen in allem aͤhnlich, und nur an Lebhaftigkeit und Staͤrke von ihnen unter- schieden. Die innere Thaͤtigkeit; der Aktus und die Kraft, welche in beyden wirket, ist also dieselbige, und der ganze Unterschied zwischen ihnen bestehet darinn, daß die Einbildungen durch eine innerlich mehr hinreichende Kraft, durch eine vergroͤßerte Selbstthaͤtigkeit, bewir- ket werden, die Empfindungen aber, und die erste Auf- nahme der Vorstellungen die Beywirkung einer fremden und aͤußern Ursache erfodern. Das menschliche Vermoͤgen der Perception mehr selbstthaͤtig gemacht, ist also das Vermoͤgen zu reprodu- ciren, und mehr selbstthaͤtiges Percipiren ist so viel als Reproduciren. Jenes gehet in dieses uͤber, wenn die Kraft innerlich erhoͤhet ist, und dann die Ursachen verschie- I. Versuch. Ueber die Natur verschieden sind, wovon es zur Thaͤtigkeit gereizet wird. Es sind also einartige Arbeiten und einartige Faͤhig- keiten. Wenn die Selbstthaͤtigkeit des percipirenden Ver- moͤgens, der Antheil, den die innere Eigenmacht der Seele an den Wirkungen hat, und ihre innere Zureichlich- keit zu diesen nicht vergroͤßert und erhoͤhet wuͤrde, so moͤchte sich das Vermoͤgen, etwas anzunehmen, und sich modi- ficiren zu lassen, als bloße Receptivitaͤt, nach allen Rich- tungen hin ausdehnen, und es wuͤrde doch das Verhaͤlt- niß zwischen dem Beytrag des innern Princips und der aͤußern Ursache immer dasselbige bleiben. Alsdann koͤnnte das Perceptionsvermoͤgen von dieser Seite be- trachtet, als bloße Modificabilitaͤt, extensive und intensi- ve zunehmen, ohne jemals sich zur Phantasie zu entwi- ckeln. Fehlet es irgend einem percipirenden Vermoͤgen an der Perfektibilitaͤt in der innern Selbstthaͤtigkeit, und fehlet ihm solche von Natur; so ist das keine Kraft, die mit der menschlichen Perceptionskraft fuͤr gleichartig an- gesehen werden kann; keine Kraft, die jemals Einbil- dungs- oder Wiedervorstellungskraft werden kann. Es ist hieraus zugleich begreiflich, daß die Phan- tasie in dem Menschen sich in einem ungleichen Verhaͤlt- niß mit dem Vermoͤgen der Perception entwickeln koͤnne. Je mehr unsre Seele Vorstellungen empfindet und Vorstellungen aufsammlet, desto mehr uͤbet sie zwar ein Vermoͤgen von einer perfektiblen Selbstthaͤtigkeit, und es kann nicht fehlen, daß solches nicht auch zugleich an seiner selbstthaͤtigen Seite erhoͤhet werde; aber doch fol- get daraus nicht, daß es von dieser letzten Seite, als Einbildungskraft in eben dem gleichen Grade zunehme, wie die Aufhaͤufung der Vorstellungen vergroͤßert, und die Receptivitaͤt, die Empfindlichkeit, Beugsamkeit, oder Empfaͤnglichkeit gegen neue Eindruͤcke vergroͤßert wird. Die bekannte Uebung zur Staͤrkung der Einbil- dungs- der Vorstellungen. dungskraft und des Gedaͤchtnisses ist von einer andern Uebung im Empfinden und Beobachten, wobey die Ab- sicht nur darauf gerichtet ist, volle, genaue und feine Eindruͤcke von den Objekten zu erlangen, verschieden. Denn obgleich beyde sich gewissermaßen einander erfo- dern und mit einander verbunden sind, so wissen wir doch, daß, so wie eine schnelle und muntere Fassungskraft et- was anders ist, als ein festes, lange etwas behaltendes Gedaͤchtniß, auch die Uebungen in mancher Hinsicht ver- schieden sind, wodurch jene und wodurch dieses erlanget oder verbessert wird. Treibet nun die ganze Seelenkraft nach Einer Seite zu stark hin, so kann und muß sie ge- wissermaßen an der andern in etwas zuruͤcke bleiben. 5. Man setze die Vergleichung auf dieselbige Art wei- ter fort, so zeiget sich das Verhaͤltniß der Phantasie zu der Dichtkraft. Die Fiktionen sind den Wieder- vorstellungen nicht eigentlich aͤhnlich und also das Ver- moͤgen zu jenen auch dem Vermoͤgen zu diesen nicht. Laß die Phantasie in einem verhaͤltnißmaͤßigen Grade vergroͤßert, verfeinert, lebhafter und staͤrker gemacht werden. Hiedurch allein entstehen keine solche Selbst- geschoͤpfe der sinnlichen Vorstellungskraft, als die Er- dichtungen sind. Jn dieser Hinsicht sind beyde Thaͤtig- keitsarten unvergleichbar, und es laͤßt sich durchaus nicht gedenken, wie vielmal der Aktus des Einbildens in dem Aktus des Dichtens enthalten sey, noch wie Einer von ihnen vergroͤßert oder verkleinert in dem andern uͤber- gehe. Die starke, feste und ausgedehnte Jmagination des Ritters von Linne’ fasset eine unzaͤhlbare Menge kla- rer Empfindungsvorstellungen von koͤrperlichen Gegen- staͤnden, und eine gleiche Menge gehoͤrter und gelesener Toͤne; erhaͤlt solche in ihrer Deutlichkeit und reproduci- ret sie. Man vergleiche die starke Seelenaͤußerung mit der I. Versuch. Ueber die Natur der Dichtkraft im Milton und Klopstock, die mit innerer Heftigkeit die Einbildungen bearbeitet, aufloͤset und ver- mischet, trennet und zusammenziehet, und neue Gestal- ten und Erscheinungen schaffet. Wie verschiedenartig sind nicht die Wirkungen. Ein unermeßliches Gedaͤcht- niß kann ohne eine hervorragende Dichtkraft, und um- gekehrt die letztere vorhanden seyn, ohne daß das Ge- daͤchtniß von vorzuͤglicher Groͤße sey. Von dieser Seite betrachtet sind auch die Thaͤtigkeiten und die Vermoͤgen verschiedenartig. Dennoch aber sind sie von einer andern Seite ange- sehen, homogene Vermoͤgen, und Vermoͤgen einer und derselbigen Kraft. Jst das selbstthaͤtige Vermoͤgen zu reproduciren schon vorhanden; so wachse es, in so fer- ne es ein selbstthaͤtiges Vermoͤgen ist, und in so ferne es aufgenommene Vorstellungen wieder hervorziehet. Man gebe der Phantasie, die wie jedes Seelenvermoͤgen meh- rere Dimensionen, so zu sagen hat, groͤßere Lebhaftig- keit und Geschwindigkeit, und also von dieser Seite noch einen Grad innerer Selbstthaͤtigkeit mehr; und lasse sie dagegen an Staͤrke, die einzeln Empfindungsvorstellun- gen in ihrer individuellen Voͤlligkeit wieder darzustellen, etwas zuruͤck bleiben, so wird sie eine Kraft werden, wel- che Theile von ganzen Vorstellungen schnell aus ihrer Verbindung mit andern heraus zu heben, und sie abzu- trennen; dann mehrere Vorstellungen, die in unter- scheidbaren Momenten aufeinander folgen, oder die an unterschiedenen Stellen und von einander entfernt lagen, in Einem Augenblick und auf Eine Stelle hin zusam- men zu bringen, in einander zu draͤngen, zu vermischen und zu vereinigen vermoͤgend ist. Das ist, sie wird selbstbildende Dichtkraft seyn. Es ist oben der Ver- mischung der Vorstellungen erwaͤhnet worden, die in ei- ner Schwaͤche der Phantasie ihren Grund hat, und daher entstehet, weil Vorstellungen zusammenfallen, die die Phantasie der Vorstellungen. Phantasie zu schwach war, von einander zu erhalten. Ein gewisser Grad dieser Schwaͤche ist ein mindrer Grad an getreuer, fester und scharfer Reproduktion des Ein- zeln, und gehoͤret mit zum Dichtergenie, wogegen meh- rere Staͤrke von dieser letztern Seite, und mehrere Schwaͤche in Hinsicht der schnellen Reproduktion die Bestandtheile eines großen Gedaͤchtnißes ausmacht. Was aber zu beiden, zu dem Dichtergenie und zu dem historischen, von der Ueberlegungskraft noch hinzu kom- men muß, wird hier noch nicht in Anschlag gebracht. 6. Man setze bey unsern Empfindungen das noch bey Seite, was eigentlich das Fuͤhlen oder Empfinden ist, und wovon die empfundenen Modifikationen den Na- men der Empfindungen haben; so heißt eine Empfin- dung von der Sonne haben nichts anders, als eine ge- wisse Modifikation von ihr in sich aufnehmen, wenn die Sonne mittelst des Lichts auf unsere koͤrperlichen Organe wirket. Eine Nachempfindung hievon ist es, wenn die- se Veraͤnderung in uns eine Weile von selbst bestehet, da die aͤußere Ursache von außen nicht wirket. Das Vermoͤgen, solche Eindruͤcke aufzunehmen, enthaͤlt also ei- ne Aufgelegtheit, auf diese oder jene Weise gebildet, und andern Dingen nachgebildet zu werden, und die em- pfangenen Formen in sich zu erhalten, auch wenn die Ursache, welche sie zuerst aufdruͤckte, sich entzogen hat. Diese Formen werden in dem Jnnern der Seele weggeleget und eingewickelt, so daß eine ihr entsprechende Spur zuruͤckbleibet. Ein Reisender besieht ein Gebaͤude, macht sich dann eine Zeichnung davon, die er in seinem Coffre zum kuͤnftigen Gebrauch aufhebet. Was ihm die Zeichnung ist, das ist bey der Seele, wenn sie empfindet, die Nachempfindung. I. Band. L Es I. Versuch. Ueber die Natur Es kann nicht ein jeder Koͤrper, der angeschlagen wird, nachzittern oder nachschwingen, wie eine elastische Saite und wie ein Perpendikel. Der weiche Koͤrper thut es nicht. Die Seele der Auster und des Polypen mag empfinden, das ist, Eindruͤcke von den sie umge- benden Gegenstaͤnden aufnehmen; dieß kann eine bloße Receptivitaͤt seyn, ein bloßes Leiden; es ist damit nicht nothwendig verbunden, daß sie auch zu wallen fortfahre, wenn der Schlamm nicht mehr auf sie zustoͤßt, der ihr den Eindruck beybrachte. Aber wenn ihr Vermoͤgen, womit sie den Eindruck aufnahm, eine mitthaͤtige Kraft ist, die, wenn sie einmal eine Veraͤnderung empfangen hat, diese Wirkung einen Augenblick selbstthaͤtig in sich hervorbringen oder sie erhalten kann — die Elasticitaͤt in der Saite ist nur ein Beyspiel, aber kein allgemeines Bild fuͤr alle solche Kraͤfte — so kann sie nachempfin- den, die empfangene Modifikation ununterbrochen er- halten, obgleich die Einwirkung der Ursache unterbro- chen ist. Es ist also die Selbstthaͤtigkeit in der Re- ceptivitaͤt der Seele, von der das Vermoͤgen, Nach- empfindungen zu haben, abhaͤnget. Um aber ein percipirendes Vermoͤgen zu haben, muß von den Nachempfindungen eine Spur aufbewahret, und in dem Jnnern des percipirenden Wesens gewisser- maßen abgesondert, getrennet und auseinandergesetzet erhalten werden. Wenn jede Veraͤnderung in jedem Dinge ihre Wirkungen und Folgen hat, die in ihm nie ganz verloͤschen, — dieß ist ein Grundsatz der Leibnitzi- schen Philosophie — so koͤnnen doch diese Folgen derge- stalt in einander zusammen fallen, daß keine von ihnen jemals durch die innere Kraft der Substanz wieder aus- gesondert aus dem ganzen verwirrten Chaos der uͤbrigen reproduciret werden kann. Wo dieß letztere geschehen soll, da muß ein hoͤherer Grad von innerer Modifikabi- litaͤt seyn; ein groͤßerer Raum, Umfang, Tiefe und eine groͤßere der Vorstellungen. groͤßere Feinheit der modificirten Natur, welche nicht ein Eigenthum eines jeden Wesens seyn darf. Jst nun ein solcher Grad von Modifikabilitaͤt mit dem selbstthaͤti- gen Aufnehmungsvermoͤgen verbunden; koͤnnen einzelne Modifikationen einzeln unterhalten werden, und jedwede nachbleibende Spur findet ihre eigene Stelle, ihre Seite, ihren Punkt oder ihre Fiber, wo sie einzeln und abge- sondert hinfallen und wiedererweckbar aufbewahret blei- ben kann. Jst dieß die Natur des modificirten Wesens, so besitzet es ein percipirendes Vermoͤgen, ein Ver- moͤgen, Vorstellungen aufzunehmen. 7. Eine absolute Beschaffenheit in einem Wesen, die gestaͤrkt, vergroͤßert und erhoͤhet werden kann, ist ent- weder unter seinen Grundbestimmungen in irgend einem bestimmten Grade vorhanden, oder sie ist etwas Abge- leitetes, das zu den Folgebeschaffenheiten gehoͤret. Jn dem letztern Falle entspringet sie aus einer Entwickelung anderer absoluten Grundbeschaffenheiten. Wenn eine Anlage oder Disposition zu einer absoluten Beschaffen- heit vorhanden ist, so ist eine solche Anlage entweder diese Beschaffenheit selbst, nur in einem unbemerkbaren Grade; oder sie ist der Keim dazu, das ist, etwas absolutes, bey dessen Erhoͤhung die Beschaffenheit her- vorgehet. Man nehme es, wie man wolle, so ist in der ersten Empfindung der menschlichen Seele, und in der ersten Modifikation, die der durchs Auge ins Gehirn hineinfallende Lichtstrahl hervorbringet, und noch weiter zuruͤck, in dem ersten Druck auf die Seele des lebenden Embryons schon Anlage zur Perception. Die elasti- sche Saite, die dem ersten Schlag, den sie empfaͤnget, ausweichet, weichet aus, und nimmt den Schlag auf, der Natur eines elastischen Koͤrpers gemaͤß, nicht so wie ein weicher Koͤrper es thut. Wenn der angestoßene L 2 Per- I. Versuch. Ueber die Natur Perpendikel |in die Hoͤhe steiget, so steiget er wie ein schwerer Koͤrper, der, indem er ausweichet, mit seiner Tendenz zu fallen, und sich unterwaͤrts in Bewegung zu setzen, schon thaͤtig ist. So verhaͤlt es sich auch bey der menschlichen Seele. Jeder Eindruck auf sie ist eine Jmpreßion auf eine perfektible selbstthaͤtige Kraft. Je- des andere Wesen, eine Hundesseele z. E. an ihrer Stelle, vorausgesetzt, daß diese mit jener perfektiblen Selbstthaͤtigkeit und Entwicklungsvermoͤgen von Natur nicht begabt sey, wuͤrde so nicht etwas in sich aufnehmen, als die menschliche Seele aufnimmt. Jn dieser ihrer ersten individuellen Modifikation ist also schon eine Kraft beschaͤftiget, die mit Selbstthaͤtigkeit oder mit Anlage dazu wirksam ist; die nicht nur in sich etwas geschehen laͤsset, sondern es mitthaͤtig aufnimmt; die es einiger- maßen anfasset und ergreifet. Es darf keine neue abso- lute Qualitaͤt hinzugesetzet werden, sondern bloß durch eine Vergroͤßerung oder Verstaͤrkung des schon vorhan- denen Princips, und durch einen Uebergang von der unbemerkbaren zu der bemerkbaren Selbstthaͤtig- keit, von der Anlage zur Faͤhigkeit; und durch eine Erweiterung und Entwickelung ihres Raums, um alle unterschiedene Eindruͤcke an genugsam abgesonderten Stel- len in sich aufzubewahren, gehet die Receptivitaͤt unserer Seele in eine percipirende, reproducirende und dichtende Kraft uͤber. Jn allen diesen genannten Wirkungen zei- get sich Eins und dasselbige Princip; dieselbige Grund- kraft; dieselbigen Arten zu wirken und dieselbigen Ver- moͤgen. Einerley absolute Beschaffenheit, nur in ver- schiedenen Hinsichten veraͤnderlich, bringet in jeder be- sondern Richtung besondere Vermoͤgen hervor. Und da die Grundkraft nach allen diesen Richtungen zu wir- ken schon von Natur aufgeleget ist, und in jeder fortzu- gehen und zuzunehmen schon in ihrer ersten Aeußerung den der Vorstellungen. den Anfang machet, so kann man sich vorstellen, daß auch in ihrer ersten Aktion alle verschiedene Vermoͤgen vereiniget sind, und zwar jedes derselben in einem Grade, der im theoretischen Verstand niemals gaͤnz- lich ein Nichts ist. Gleichwol hindert dieß nicht, daß nicht das Eine oder das andere nur als ein Element, als Anlage, Ansatz, oder als ein Unendlichkleines, Unbeobachtbares, vorhanden seyn koͤnnte, wovon man, in dem praktischen Sinn den Ausdruck genommen, sa- gen kann, daß es noch gar nicht vorhanden sey. L 3 Zweeter II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Zweeter Versuch . Ueber das Gefuͤhl, uͤber Empfindungen und Empfindnisse. I. Bestimmung dessen, was Fuͤhlen, Empfinden, Gefuͤhl, Empfindung und Empfindniß genen- net wird. N aͤchst dem Vorstellungsvermoͤgen gehoͤret auch das Gefuͤhl, und vielleicht dieß letztere noch mehr als jenes, zu den einfachsten Grundaͤußerungen der Seele. Die Absicht in diesem zweeten Versuche ist, solches auf eine aͤhnliche Art zu untersuchen, wie es bey der Vor- stellungskraft in dem Ersten geschehen ist. Da, wo es sich am auffallendsten zeiget, soll aus seinen Wirkungen das Charakteristische desselben bemerket, und dann ihm weiter in seiner Verbindung mit andern Vermoͤgen nach- gegangen werden; so weit mir naͤmlich dieß noͤthig zu seyn schien, um die Beziehung der einfachsten Princi- pien, die vor uns die ersten beobachtbaren Entwickelun- gen der Grundnatur der Seele sind, zu erkennen. Jn der Empfindung entstehet eine Veraͤnderung un- sers Zustandes, eine neue Modification in der Seele. Jch richte die Augen gegen die Sonne. Da geschicht etwas, und ich fuͤhle etwas, empfinde es. Der Eindruck kommt in diesem Fall von außen her; so glaube ich es wenigstens; ich fuͤhle mit dem aͤußern Sinn, oder ich habe eine aͤußerliche Empfindung. Ein sol- ches Gefuͤhl ist zuweilen gleichguͤltig, zuweilen angenehm oder unangenehm. Die gefuͤhlte Veraͤnderung ist die Empfin- uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Empfindung. Wenn diese nicht zu den gleichguͤlti- gen gehoͤret, wenn sie afficirt, wenn sie uns gefaͤllt oder mißfaͤllt, so ist sie, von dieser Seite betrachtet, was nach dem gewoͤhnlichsten Gebrauch des Worts Em- pfindniß oder eine Ruͤhrung genennet wird. Herr Bonnet nennet die Empfindung, wenn sie eine Em- pfindniß ist, Sensation. Die gleichguͤltige Empfin- dung, das bloße Aufnehmen des Eindrucks mit dem Aktus des Fuͤhlens zusammen, heißt bey ihm die Per- ception. Essai Analytique §. 196. An die Bonnetische Art, sich auszudruͤcken erinnere ich hier, weil ich glaube, daß man oft Gelegen- heiten haben werde, seine Begriffe mit den meinigen zu vergleichen. Der sinnliche gefuͤhlte Eindruck von der Sonne wird zu einer Nachempfindung und Empfindungs- vorstellung. (Man sehe Abth. V. des vorhergehenden Versuchs uͤber die Vorstellungen.) Alsdenn ist es eine Perception, und das Empfinden ist ein Percipi- ren eines gegenwaͤrtigen Objekts. Die Perception ist es, zu der sich die Apperception, das Unterscheiden, oder der Gedanke: dieß ist etwas unterschiedenes; es ist eine besondere Modifikation; es ist ein besonders Objekt, hin- zugesellet. Alsdenn ist man sich des Gefuͤhls und der Sache bewußt, man nimmt sie gewahr. Die Empfindungsvorstellung wird eine Jdee des Em- pfundenen (sentiment) und die Empfindung ist eine klare Empfindung. Die Woͤrter Gefuͤhl und Fuͤhlen haben jetzo bey- nahe einen so ausgedehnten Umfang erhalten, als die Woͤrter: Empfindung und Empfinden. Aber doch scheinet noch einiger Unterschied zwischen ihnen statt zu finden. Fuͤhlen gehet mehr auf den Aktus des Em- pfindens, als auf den Gegenstand desselben, und Ge- L 4 fuͤhle, II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, fuͤhle, den Empfindungen entgegen gesetzt, sind solche, wo bloß eine Veraͤnderung oder ein Eindruck in uns und auf uns gefuͤhlet wird, ohne daß wir das Objekt durch diesen Eindruck erkennen, welches solche bewirket hat. Empfinden zeiget auf einen Gegenstand hin, den wir mittelst des sinnlichen Eindrucks in uns fuͤhlen, und gleichsam vorfinden. Dazu kommt noch ein anderer Nebenzug, der die Bedeutungen dieser Woͤrter unter- scheidet. Jn dem Empfinden einer Sache begrei- fen wir zugleich mit, daß wir sie gewahrnehmen, ap- percipiren, erkennen oder von andern unterscheiden. Das Wort Gefuͤhl scheinet von einem allgemeinern Um- fange zu seyn, und auch das dunkelste Gefuͤhl einzu- schließen, wo derselbige Aktus des Fuͤhlens vorhanden ist, ohne daß wir das Gefuͤhlte unterscheiden. Jn man- cher Hinsicht kann man beide Ausdruͤcke, Fuͤhlen und Empfinden, als Synonyme gebrauchen, beide fuͤr den Aktus des Fuͤhlens. Das schwaͤchste und dunkelste Fuͤh- len heißt auch bey vielen, ohne Ruͤcksicht auf eine Apper- ception, ein dunkles Empfinden. Es kommt nicht auf Namen an; eine gewisse Unbestimmtheit in der Bedeutung der Worte hat vielleicht gar ihr Angeneh- mes. Aber fast jeder Psycholog beschweret sich, daß man mit den Mißverstaͤndnissen beynahe so viel zu schaf- fen habe, als mit der Dunkelheit der Sachen selbst. Das Fuͤhlen, das Percipiren, das Gewahr- werden erfolget so schnell auf einander, daß es in Ei- nem unzertheilten Augenblick sich in der Seele vor unse- rer Beobachtung zusammendraͤnget. Es mag auch viel- leicht neben einander zugleich in uns vorhanden seyn, wie die mehreren gleichzeitigen Toͤne, welche eine gespannte Saite auf einmal angiebt. Aber wie es sich auch ver- haͤlt, so giebt es doch Faͤlle, wo Eine oder die andere dieser Aeußerungen vor den uͤbrigen hervorsticht, und auszeichnend erkannt werden kann. Aus solchen Faͤllen sieht uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. sieht man, daß es unterschiedene Wirkungsarten sind, worinn auch ihre Verschiedenheit bestehen, und wie weit hinein sie sich erstrecken mag. Ein Beobachter muß diesen Verschiedenheiten nachgehen, um das, was auf der Außenseite der Seele lieget, so viel es angeht, deut- lich und bestimmt zu fassen. Nachher laͤßt sich erst ver- gleichen. Wie die wirklichen Wesen alle, so lieget auch die Seele vor unserm Verstand. Er kann um sie her- um gehen, auch nur an einigen Stellen; aber nicht an- ders, als mit vielen Vorkenntnissen versehen, es wagen, in sie hineinzudringen. Der Aktus des Percipirens ist in dem vorherge- gangenen Versuch beobachtet worden, ob es gleich nicht das erste in der Seele ist. Es schien mir etwas heller sich zu zeigen, als das Fuͤhlen und Gewahrnehmen. Das letztere von diesen will ich auch hier noch wiederum aussetzen. Gewahrnehmen ist mehr, als ein bloßes Fuͤhlen und Empfinden, obgleich alles, was gewahrge- nommen wird, auch empfunden wird oder empfunden worden ist; aber wenn es auch mit dem Fuͤhlen und Empfinden am Ende voͤllig einerley seyn moͤchte, so will ich diese Frage hier doch in der gegenwaͤrtigen Betrach- tung vorbeygehen. Die gefuͤhlten Modifikationes von uns heißen darum Gefuͤhle, Empfindungen oder auch Empfindnisse, weil das Vermoͤgen zu Fuͤhlen und zu Empfinden, welches ich mit Einem Wort Gefuͤhl nennen will, ob- gleich dieß Wort auch oft den Aktus des Gefuͤhls anzei- get, am vorzuͤglichsten bey ihnen beschaͤftiget ist. Wir nennen sie nach ihrem vornehmsten Theil also. Es moͤ- gen mehrere Seelenfaͤhigkeiten bey jeder einzelnen Em- pfindung wirksam seyn, wie es bey den klaren Empfin- dungen außer Zweifel ist. Das Empfinden, das Fuͤh- len ist gleichwohl in ihnen die Hauptaͤußerung der Seele. L 5 II. Eini- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, II. Einige Beobachtungen uͤber das Gefuͤhl. 1) Das Gefuͤhl hat nur mit gegenwaͤrtigen Dingen zu thun. 2) Das Gefuͤhl ist verschiedener Grade faͤhig. Jn wieferne erwiesen werden kann, daß es ein dunkles Gefuͤhl gebe. 3) Was unmittelbar gefuͤhlt wird, ist eine pas- sive Modifikation der Seele. 4) Was Thun und Leiden, Aktion und Paßion sey. Jn wie weit solches zugleich neben ein- ander seyn koͤnne. 5) Auf welche Art wir unsere Thaͤtigkeiten fuͤh- len. 1. W as denn Fuͤhlen oder Empfinden sey? da gestehe ich sogleich mein Unvermoͤgen, es erklaͤren zu koͤn- nen. Es ist eine einfache Seelenaͤußerung, die ich nicht in noch feinere zu zerfasern weiß. Was man hie- bey thun kann, bestehet meiner Meinung nach darinn, daß man dieser einfachen Faser nachgehe und bemerke, wo und wie sie mit einander fortlaufe, und mit dem Gan- zen verwebet sey. Bey welchen Arten von Modifikatio- nen zeiget sich das Gefuͤhl? Was findet man fuͤr Merk- male bey dem, was ein Gegenstand des Gefuͤhles ist? Zuerst ist es leicht zu beobachten, daß wir nichts fuͤhlen und empfinden, als was gegenwaͤrtig ist. Nur jezige Veraͤnderungen, gegenwaͤrtige Zustaͤnde von uns, koͤnnen Objekte des Gefuͤhls seyn. Die Vorstellungen haben auch das Vergangene und Zukuͤnftige zum Gegen- stand. Die Erinnerung und das Gedaͤchtniß beziehen sich uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. sich auf das Vergangene; die Vorhersehungen, das Ver- langen, die Bestrebungen auf das Kuͤnftige. Aber was wir fuͤhlen, ist gegenwaͤrtig. Daraus folget also soviel, Fuͤhlen sey ein Thun oder ein Leiden in der Seele, so bestehet es, in so ferne es das nur allein ist, in keinem Bestreben, in keinem Ansatz, eine neue Veraͤnderung zu bewirken. Es gehet nicht uͤber das Gegenwaͤrtige hin- aus. Jst es eine Art von Aktion, so ist es weiter nichts, als eine solche, die einer Reaktion bey den Koͤrpern aͤhnlich ist. So haben verschiedene Philosophen es auch angese- hen. Fuͤhlen scheint ihnen das Ruͤckwirken eines vorstellenden Wesens zu seyn. Aber man muß sich erinnern, daß dieser Name ein metaphorischer Ausdruck ist, der eine Aehnlichkeit in sich schließet, und daß man da, wo auf diese Jdee etwas gebauet wird, nicht uͤber die aus den Beobachtungen erwiesene Aehnlichkeit hin- ausgehen darf. Die Reaktion eines Koͤrpers beziehet sich auf eine Veraͤnderung, die durch sie in einem andern Koͤrper verursachet wird, dessen Kraft den reagirenden veraͤndert hat. Jst es schon erwiesen, wie es verschiede- ne annehmen, daß die Seele, wenn sie fuͤhlet, immer unmittelbar auf ein aͤußeres Wesen, auf das Gehirn oder auf das innere Empfindungswerkzeug zuruͤckwirke? Jst man berechtiget, dieß daraus zu folgern, weil man das Fuͤhlen ein Ruͤckwirken zu nennen beliebet hat? Wir nehmen unsere Vorstellungen, auch die von abwe- senden und vergangenen Dingen, gewahr; wir empfinden auch die Jdeen, wir fuͤhlen sie,| und zuweilen ihre beschwer- liche Gegenwartungerne. Wir erinnern uns eines genosse- nen Vergnuͤgens, und empfinden dieses Andenken. Jn beiden Fuͤllen fuͤhlen wir etwas, und nehmen etwas ge- wahr. Aber auch in beiden Faͤllen hat das Fuͤhlen ein gegenwaͤrtiges Objekt. Wir fuͤhlen nemlich die gegen- waͤrtige Vorstellung des Vergangenen, nicht aber das vergan- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, vergangene Ding selbst, das vorgestellet wird. Wir fuͤhlen die Gemuͤthsbewegung, in der die Vorstellung des Vergangenen enthalten ist, oder durch die sie wie- dererwecket wird, aber nur so, wie sie jetzo wiederum ge- genwaͤrtig ist. Wir erinnern uns des ehemaligen Zu- standes, aber nur den gegenwaͤrtigen fuͤhlen wir. 2. Ferner der Aktus des Gefuͤhls ist verschiede- ner Grade faͤhig. Er kann staͤrker oder schwaͤcher seyn, der Jntension nach, der Ausdehnung und der Dauer nach. Dieß ist Erfahrung. Es ist also moͤg- lich, daß das Gefuͤhl einer Sache so matt, und kurz voruͤbergehend sey; daß es ungewahrgenommen bleibet, und nicht als ein besonders Gefuͤhl dieser Sache bemer- ket wird, ob es gleich die Quantitaͤt des ganzen Gefuͤhls vergroͤßert, wovon es ein Theil ist. Wo eine vielbesas- sende Modifikation das Objekt des Gefuͤhls ist; wo das unmittelbare Gefuͤhl des Ganzen aus dem unmittelba- ren Gefuͤhl seiner Theile bestehet und bestehen muß; und wo dennoch diese einzelnen Gefuͤhlstheile ununterscheid- bar sind, da hat man die Erfahrungen, woraus das Da- seyn solcher dunklen ununterscheidbaren Gefuͤhle geschlos- sen werden kann. Jch hoͤre einen vermischten Ton meh- rerer Jnstrumente im Koncert, und sehe eine Menge von Blaͤttern auf einmal verwirrt an einem Baum in der Ferne. Die Blaͤtter, die hinter einander stehen, und sich dem aͤußern Auge verstecken, sehe ich nicht. Aber es liegen eine Menge an der vordern Flaͤche, von denen ich Licht empfange. Wuͤrde ich nicht die einzelnen Blaͤtter fuͤhlen, die Toͤne einzelner Jnstrumente hoͤren, woher entstuͤnde denn das Gefuͤhl des Ganzen? Sollen jene einzelne Gefuͤhle, die fuͤr sich besonders nicht zu bemer- ken sind, nicht eben so wohl fuͤr Gefuͤhlsaktus angesehen werden, als das ganze, aus ihrer Verbindung bestehende Gefuͤhl? uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Gefuͤhl? Es sey so, so sind sie doch, das mindeste zu sagen, die Bestandtheile des Gefuͤhls von dem Ganzen. Koͤnnen sie genugsam aus einander gesetzet und abgeson- dert werden, so wird jedes von ihnen fuͤr sich selbst beob- achtbar. Jene Aktus sind das, was man die dunklen Gefuͤhle nennet, deren wir uns nicht einzeln, sondern nur in ganzen Haufen zusammen bewußt sind. Sollten sie, diese Elemente des ganzen Gefuͤhls wohl etwas ver- schiedenartiges in Hinsicht des letztern seyn? Jedes Ein- fache kann etwas Heterogenes seyn, in Hinsicht des Zusammengesetzten. Aber ist es glaublich, daß es hier so sey? die Beobachtung kann, so viel ich meine, hier- uͤber nicht entscheiden. Etwas naͤheres und mehr charakterisirendes bey dem Gefuͤhl zeiget sich in den Erfahrungssaͤtzen, die nun folgen. 3. Was unmittelbar gefuͤhlet wird, ist allezeit, wo sich diese Aeußerung unserer Seele beobachten laͤsset, etwas leidentliches, eine passive Modifikation der Seele; Es ist entweder ein Eindruck von einer aͤußern Ursache auf sie, die von ihr aufgenommen wird, eine Veraͤnderung, die sie zunaͤchst und unmittelbar von den innern Organen im Gehirn empfaͤnget; oder wenn es auch eine solche Veraͤnderung ist, die die Seele vorhero selbst in sich be- wirkt hat; so ist sie doch, in beiden Faͤllen alsdenn, wenn sie gefuͤhlet wird, auf eben die Art in uns vorhanden, wie eine passive, und wie ein von außen aufgenomme- ner Eindruck. Jch will nicht sagen, diese innere Ver- aͤnderung sey alsdenn in uns nichts anders, als eine Modifikation in dem durch die Wirksamkeit der Seele veraͤnderten Gehirn, das auf die Seele zuruͤckwirkt, wie sich viele neuere Psychologen die Sache vorstellen. Wo- her weiß man es? Dem sey wie ihm wolle, so ist das, was wir in uns fuͤhlen, als eine Passion in uns vorhan- den. II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, den. Es ist niemals die Thaͤtigkeit selbst, nie das Bestreben selbst, welches wir unmittelbar fuͤhlen; es ist eine bleibende Folge von etwas, das von unserer selbstthaͤtigen Kraft nun nicht hervorgebracht wird, sondern schon hervorge- bracht worden ist, wenn es ein Objekt des Ge- fuͤhls ist; eben so, wie der Koͤrper zuruͤckwirket, nicht ge- gen seine eigene Thaͤtigkeit, nicht auf das, was er wirket, sondern gegen das, was er leidet. Dieß allgemeine Gesetz bestaͤtiget sich in allen Beobachtungen, die wir mit klaren Bewußtseyn haben koͤnnen. Aber ehe man diese damit vergleichet, bereite man sich dazu mit eini- gen Bemerkungen, die ich hinzufuͤgen will. 4. Es ist ein Unterschied zwischen Thun und Leiden in der Seele, zwischen Veraͤnderungen, wovon die Kraft der Seele die thaͤtige Ursache ist, und die durch ihre Wirksamkeit hervorgebracht worden; und zwischen sol- chen, die von fremden Ursachen außer uns entstehen, oder die, wenn sie auch aus innern Ursachen in uns entstehen, dennoch aus einem vorhergehenden Zustande, von selbst entspringen, eben so wie die erstern, welche von außen kommen, ohne daß weiter einige innere Kraftanwendung der Seele sich dabey wirksam beweise. Der gemeine Verstand hat diese Verschiedenheit bemerket. Sie muß ihm recht lebhaft aufgefallen seyn, weil er sie in allen Sprachen bezeichnet hat. Die Abtheilung ist dunkel und noch in mancher Hinsicht unbestimmt; aber sie sey es, und noch mehr, sie mag so gar als ein leerer Schein bey einer genauern Entwickelung der Beschaffenheiten, die wir Aktionen und Passionen nennen, verschwinden; so kann doch nicht bestritten werden, daß die Beobach- tung nicht auf einen solchen Unterschied hinfuͤhre. Und wenn auch das schaͤrfere Auge des Beobachters manches fuͤr uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. fuͤr eine Aktion erkennet, was in der Sprache als eine Passion ausgedruckt ist, und umgekehrt, so wird jenes doch in den meisten Faͤllen daruͤber mit dem gemeinen Verstande uͤberein kommen. Beide sagen, wir leiden etwas, wenn ein sinnlicher Eindruck auf unsere Ohren durch einen unvermutheten Kanonenschuß und auf unser Gesicht durch ein unerwartetes Licht hervorgebracht wird. Beide sagen, wir sind wirksam, wir thun und verrich- ten etwas, wenn wir denken, wenn wir wollen, und wenn wir die Arme ausstrecken. Wenn man sich also das Aktive und Passive auch nur nach der Aehnlichkeit mit diesen Beyspielen vorstellet, so reichet doch so ein un- deutlicher Begrif hin, es bestimmt genug zu fassen, was die Behauptung sagen wolle, daß nur allein das Passi- ve ein unmittelbarer Gegenstand des Gefuͤhls sey. Jn den Beobachtungen unsers Jnnern ist dieser Charakter des Gefuͤhls nicht allemal auffallend. Die meisten von unsern Veraͤnderungen, sobald man sie von einiger Laͤnge und Breite nimmt, so wie man sie die meistenmale nehmen muß, wenn sie gewahrgenommen werden sollen, sind aus einem Thun und aus einem Lei- den zusammengesetzt. Fast alle unsere Veraͤnderungen zeigen diese zwiefache Seite, wenn man sie scharf ansie- het. Wo ist der unterscheidbare Augenblick, in dem die Seele sich durchaus unthaͤtig verhielte? und wo ist der, den sie mit einer ununterbrochenen Selbstwirksam- keit ganz ausfuͤllet? Wirken wir gar nichts, wenn wir so muͤssig und geschaͤftlos, als moͤglich, den Mann mit dem glaͤnzenden Kleide ansehen, der uns in die Augen faͤllt? Den sinnlichsten Eindruck aufnehmen, ist bey uns mit etwas Wirksamkeit verbunden, die aber oft den Namen nicht verdienet. Wir fassen, ergreifen, und muͤssen dieß mit einiger Jntension thun, wenn wir ge- wahr werden wollen, wie der Schullehrer richtig voraus- setzet, wenn er seine Schuͤler erinnert, die Ohren aufzu- thun. II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, thun. Ansehen, Aufmerken ist thaͤtig seyn; und ohne einen Grad von Aufmerksamkeit nimmt man nichts ge- wahr. Hingegen, wenn wir thaͤtig sind, es sey mit dem Koͤrper oder mit dem Geiste, in dem hoͤchsten Grad der Emsigkeit und der Anstrengung, so geschieht kein Fort- schritt mit der thaͤtigen Kraft, der nicht etwas als seine Wirkung in dem Gehoͤre oder in der Seele selbst hervor- bringe. Und diese Wirkung ist alsdenn ohne Anstren- gung der Selbstthaͤtigkeit auf dieselbige Art, wie ein sinn- licher Eindruck von außen, in uns vorhanden. Passive Veraͤnderungen sind mit den Selbstthaͤtigkeiten, Thun ist mit Leiden so innig verbunden, so genau vermischt, und so dichte an einander und durch einander durchflochten, daß es in unzaͤhlich vielen Faͤllen schwer wird, zu bemer- ken, ob es dieß oder jenes sey, was in dem Augenblick, wenn die Seele fuͤhlet, ihr vorlieget, und auf welches sie das Gefuͤhl unmittelbar anwende. Wenn eine Art von Modifikationen von dem gemeinen Verstande fuͤr eine Passion oder fuͤr eine Thaͤtigkeit erklaͤret und in der Spra- che so bezeichnet wird, so ist dabey auf den groͤßern oder hervorstechenden Theil Ruͤcksicht genommen, und davon nach der gewoͤhnlichen Synekdoche das Ganze benennet worden. Noch ferner ist zu bemerken. Wenn das Gefuͤhl nur passive Modifikationes zum Objekt haben soll, so muß die Seele in dem Moment des Fuͤhlens etwas lei- den. Die Selbstwirksamkeit und das Gefuͤhl derselben verdraͤngen sich dahero gewissermaaßen. Aber deswe- gen kann doch uͤberhaupt Thaͤtigkeit und Gefuͤhl zugleich in der Seele vorhanden seyn. Nur dieselbige Thaͤtigkeit muß in dem Augenblick, in dem sie gefuͤhlet werden soll, unterbrochen seyn. Sinnliche Eindruͤcke koͤnnen durch die aͤußern Sinne aufgenommen und dann gefuͤhlet wer- den, ohne daß eine andere Reihe von Gedanken, an der wir arbeiten, durch jene zwischen einfallende Empfin- dungen uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. dungen gestoͤret werde. Die Seele ist bestaͤndig an mehr als Einer Seite und mit mehr als Einem ihrer Vermoͤ- gen geschaͤftig, und die Erfahrung widerstreitet dem nicht. Sie kann sogar mit allen ihren unterschiedenen Vermoͤ- gen zu Einer Zeit arbeiten. Nur darinnen bestehet ihre natuͤrliche Einschraͤnkung. Sie kann diese mancherley- artigen Aeußerungen nicht alle in gleichem Grade aus- lassen. Eine Beschaͤftigung hindert die andere und schraͤn- ket sie ein. Es kann nur Eine in Einem Zeitpunkt vor- zuͤglich vorgenommen und betrieben werden; und nur ei- nige wenige koͤnnen zugleich mit einer solchen Jntension verrichtet werden, als die Absicht, in der man sie vor- nimmt, es erfodert. Es war eine nicht gemeine Auf- merksamkeit, da Caͤsar drey Briefe auf einmal zugleich diktiren konnte. Aber was neulich in den oͤffentlichen Zeitungen von einem Englaͤnder berichtet worden ist, der zugleich das Schach spielen, und die Points eines an- dern Tarocspiels zaͤhlen, und denn noch die Reden meh- rerer Personen in der Gesellschaft bemerken koͤnnen, ist voͤllig außerordentlich, wenn es wirklich so ist, wie man es erzaͤhlet hat. Der Handwerker singet bey seiner Ar- beit, und verrichtet sie dennoch zweckmaͤßig; man spatzie- ret und unterredet sich mit einem andern, oder uͤberlaͤsset sich wol gar einer Spekulation. Aber sobald auch dem Handarbeiter etwas in seinem Geschaͤfte aufstoͤßet, was mehr als die gewoͤhnlichste Aufmerksamkeit erfodert, und sobald der Spatziergaͤnger auf einen schluͤpfrigen Weg oder zu einem schmalen Steig uͤber einer Grube hinkommt, so muß die Kraft der Seele von den fremden Gedanken abgelenket und auf die gegenwaͤrtigen Eindruͤcke mehr hingezogen werden; oder es geschehen Mißgriffe, und der philosophirende Spatziergaͤnger erfaͤhrt das Schick- sal des Thales. So ist es. Soll seine Beschaͤftigung in der Maße betrieben werden, als es seyn muß, um besonders beobachtet, mit klarem Bewußtseyn erkannt, I. Band. M und II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, und von andern voͤllig unterschieden zu werden, so hat unsre Seele nur Kraft fuͤr Eine in Einem Augenblick. Jn einem aͤhnlichen Verstande ist es auch nur wahr, daß sie nicht Raum habe fuͤr zweene Gedanken auf einmal, nemlich fuͤr mehrere voͤllig klare Gedanken auf einmal. Aber es ist der Erfahrung entgegen, was hieraus von einigen geschlossen worden ist, daß es unmoͤglich sey, mehr als Eine Vorstellung zugleich in sich gegenwaͤrtig zu erhalten; und daß da, wo es das Ansehen hat, als wenn mehrere zugleich vorhanden sind, der ungemein schnelle Uebergang von Einer zur andern, diesen An- schein hervorbringe. Jch sehe keinen Grund, warum man es laͤugnen sollte, daß die Seele in einem Moment selbstthaͤtig an Einer Seite wirken, und zugleich an der andern Seite eine passive Veraͤnderung fuͤhlen und em- pfinden koͤnne? Dieß alles ist der obigen Bemerkung nicht entgegen. Wenn eine Thaͤtigkeit gefuͤhlet wird, so ist in diesem Moment eine passive Veraͤnderung da, die man fuͤhlet. Jhr wirksamer Aktus selbst ist unterbrochen. 5. Die Sache so erklaͤrt laͤsset sich, wie mich deucht, in einer Menge von Beobachtungen deutlich gewahrneh- men. Jndem wir denken, empfinden wir es nicht, we- nigstens koͤnnen wir es nicht beobachten, daß wir denken. Jn diesem Augenblick, da ich die Jntension der Seele dahin gerichtet habe, um der Natur des Gefuͤhls nach- zuspuͤren, fehlet es mir an der Zeit, nach der Art mei- nes Verfahrens, nach dem Gegeneinanderstellen und Vergleichen der Jdeen, nach Urtheilen, die ich zu dem Ende vornehmen muß, mich umzusehen. Jch fuͤhle dieß alles nur in den Zwischenzeitpunkten, wenn die Arbeiten selbst unterbrochen werden; und ich muß, um Eine zu fuͤhlen, einen Stillstand mit ihr machen, und auf dasjenige, was im uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. im Kopf gedacht oder auf dem Papier hingeschrieben ist, zuruͤcksehen, wenn ich sie beobachten will. Bey dem Gefuͤhl von unsern Vorstellungen finden wir dasselbige. Die Vorstellungen von abwesenden Dingen werden durch die Thaͤtigkeit der Phantasie in uns gegenwaͤrtig erhalten. Will man sie als gegenwaͤr- tige Modifikationes fuͤhlen und empfinden, so entweichen sie in dem Augenblick, da man sich nach ihnen umsiehet. Man wird sie, so zu sagen, nur von hinten gewahr im Weggehen; und was man fuͤhlet, das sind Eindruͤcke, die sie in der Seele, oder in den Organen, oder wo son- sten hinterlassen haben, und die jetzo noch einen Augen- blick als passive Veraͤnderungen zuruͤckbleiben, und dann zwischendurch von unserm selbstthaͤtigen Bestreben wie- derum erneuret werden. So verhaͤlt es sich durchgehends mit dem Gefuͤhl unserer Vorstellungen und Gedanken. Je mehr diese ein selbstthaͤtiges Wirken erfodern, desto leichter vergessen wir uns selbst bey ihnen. So oft wir solche als unsere eigene Veraͤnderungen fuͤhlen und em- pfinden wollen, so muͤssen die Aktus der Vorstellungs- kraft und der Reflexion nachlassen, und dann ist es eine in uns zuruͤckgebliebene Folge von ihnen, die ohne weiteres Beywirken der Seele in dem Augenblick, wenn man empfindet, dem Gefuͤhl vorlieget. Es gibt Vorstellungen genug, die sich uns wider un- sern Willen aufdraͤngen, traurige und hypochondrische sowohl als freudige Phantasien. Wer es gewohnt ist, sich selbst zu beobachten, wird es bald sehen, daß es ei- nen großen Unterschied gebe zwischen Wallungen in der Phantasie, die ohne ein willkuͤhrliches Zuthun der Seele da sind, und zwischen Bildern, zu deren Wiedererwe- ckung und Erhaltung wir uns selbstthaͤtig bestimmen, und bestimmen muͤssen. Es ist ein anders, wenn ich mich auf eine Sache oder auf einen Namen mit Fleiß besinnen will; ein anders, wenn mir so etwas von ohn- M 2 gefaͤhr II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, gefaͤhr aufstoͤßet und wider Willen in mir bleibet. Und es ist nicht schwer, in solchen Faͤllen zu bemerken, daß, je weniger wir dabey thun, und je mehr wir uns passive verhalten, desto leichter und desto lebhafter lasse sich die Vorstellung in uns als eine gegenwaͤrtige fuͤhlen und ge- wahrnehmen. Solche Bilder, die unwillkuͤhrlich und ohne Anstrengung vorhanden sind, fuͤllen den groͤßten Theil unserer Phantasie aus, und sind unsere gewoͤhnli- che Unterhaltungen, und außerordentlich wichtig fuͤr uns. Das naͤmliche wird bey den uͤbrigen wirksamen Kraftaͤußerungen wahrgenommen. Jn dem Augenblick, in welchem wir den Koͤrper zu bewegen uns bestreben, fuͤhlen wir diese intensive Anstrengung unserer Kraft nicht. Jn allen starken Affekten und in Gemuͤthsbewe- gungen, die mit maͤchtigen Tendenzen etwas hervorzu- bringen verbunden sind, zeiget es sich, daß unser Selbst- gefuͤhl nur alsdenn sie gewahrnehmen kann, wenn sie schon gebrochen und geschwaͤchet sind; oder auch nur in den Zwischenmomenten, wenn die thaͤtige Kraft ruhet, und der Seele Gelegenheit giebt, sich zu begreifen, ihre Kraft aufzuhalten, und anders wohin zu lenken. Jed- weder Affekt hinterlaͤßt seine Nachwallung, oder seine Veraͤnderung, man setze sie, wohin man wolle, in die innern Organe des Gehirns, oder in die Substanz der Seele, oder in beide zugleich. Diese Nachwallungen sind etwas passives, das ohne eine selbstthaͤtige Anstren- gung der Seelenkraft in uns bestehet. Und sie sind es nur, was wir fuͤhlen und empfinden. Wenn der Affekt in der Seele selbst schon ausgestuͤrmet hat, so kommen doch die vorigen Vorstellungen von neuem zuruͤck, reizen von neuem, und nicht selten bringen sie das Gemuͤth noch einmal auf. Der Magen kochet noch, wenn die Seele schon in Ruhe ist, und fuͤhret Vorstellungen und Re- gungen wieder herbey, auf eine Art, die es leicht be- greiflich uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. greiflich machet, wie jene Person es sich einbilden koͤn- nen, sie habe es gefuͤhlet, daß die boͤsen Gedanken aus ihrem Magen aufgestiegen waͤren. Es kommt das al- les, was wir fuͤhlen, entweder aus dem Koͤrper durch die Organe, oder, wenn es in der Substanz der Seele selbst ist, so sehen wir es da nicht anders, als nur dann, wenn es so vorhanden ist, wie andere Veraͤnderungen, bey denen wir uns leidentlich verhalten. Jch gestehe es, dieß ist keine vollstaͤndige Jn- duktion fuͤr den allgemeinen Satz, daß unser Gefuͤhl schlechthin nur mit Paßionen unmittelbar sich beschaͤftige. Aber wo es doch in vielen einzelnen Faͤllen offenbar sich so verhaͤlt; wo es keine Faͤlle giebt, die eben so deutlich das Gegentheil lehren, und wo in den uͤbrigen, welche wegen der innigen Vermischung des Thuns und des Lei- dens nicht mit einer solchen Klarheit beobachtet werden koͤnnen, doch nichts angetroffen wird, das ihm entge- gen ist; wo diese Umstaͤnde beysammen sind, wie sie es hier sind, da finde ich kein Bedenken, der Analogie zu folgen, und als allgemein anzunehmen, was die Beob- achtung in einigen Faͤllen so deutlich gelehret hat. M 3 III. Von II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, III. Von dem Gefuͤhl der Verhaͤltnisse und Bezie- hungen. 1) Ueberhaupt. 2) Von dem Ge- fuͤhl der Verhaͤltnisse und Beziehungen der Ge- genstaͤnde unter sich. 3) Von dem Gefuͤhl der Beziehungen der Dinge auf die gegenwaͤrtige Beschaffenheit der Seele. 4) Von den Em- pfindungen des Wahren, des Schoͤnen und des Guten. 1. D ie verschiedenen Arten von Seelenveraͤnderungen, und auch die passiven, die uns fuͤhlbar werden, haben unter sich gewisse Verhaͤltnisse und Beziehungen auf einander; sie sind einander aͤhnlich oder unaͤhnlich; sie sind mehr oder weniger in sich befassend, staͤrker oder schwaͤcher und modificiren also unsre Kraft im Verhaͤlt- niß mit dieser ihren Beschaffenheiten; sie sind unter sich in einer gewissen Ordnung und Zeitfolge, und veranlas- sen und verursachen einander. Außer diesen Verhaͤltnissen unter sich, haben sie auch gewisse Beziehungen auf den dermaligen Zustand der Seele, zu dem sie hinzukommen, auf die Vermoͤgen, Faͤhigkeiten und Kraͤfte und dieser ihre derzeitige Thaͤ- tigkeit. Sie werden daher mit mehrerer oder mit min- derer Jntension aufgenommen, sie beschaͤftigen die Kraͤfte und Vermoͤgen mehr oder minder, auf eine ihrer der- maligen Verfassung angemessene Art, und reizen auch mehr oder minder die selbstthaͤtigen Kraͤfte der Seele zu neuen Aktionen, und zu neuen Anwendungen auf andere Gegenstaͤnde u. s. f. Und diese verschiedene Beziehungen der Gegen- staͤnde des Gefuͤhls auf unsern gesammten gegen- waͤrtigen uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. waͤrtigen Zustand haben ihre Folgen in dem Aktus des Fuͤhlens selbst. Sie veranlassen gewisse Abaͤnde- rungen und Beschaffenheiten in dem Gefuͤhl, die wir oft als besondere Empfindungen und Gefuͤhle, und als Wir- kungen von den Eindruͤcken der Objekte ansehen, und den letztern daher gewisse sich darauf beziehende Beschaf- fenheiten beylegen. Es ist auch hierbey nicht einmal noͤthig, die unmittelbaren und eigentlichen Gegenstaͤnde des Gefuͤhls von denen abzusondern, die nur mittelbar empfunden werden. Denn auch die letztern haben ihre Folgen, welche wir fuͤhlen, und ihnen zuschreiben. Wenn wir unsere leichten und muntern Befchaͤftigun- gen fuͤhlen, so haben wir ein angenehmes Gefuͤhl. Dieß Gefuͤhl, in so ferne es angenehm ist, und in dem Gefuͤhl der Leichtigkeit bestehet, mit der wir unsere Kraft anwenden, wird von uns mit der Empfindung von der Beschaͤftigung selbst zusammengezogen, und entweder als eine Modifikation dieses letztern Gefuͤhls, oder als eine eigene Folge davon angesehen. Es ist noͤthig, diese Verschiedenheiten ein wenig genauer zu bemerken, wenn man dahinter kommen will, was und wie viel in solchen Faͤllen eigentlich Gefuͤhl und Empfindung ist, und was es nicht ist. 2. Wir empfinden — es scheint wenigstens im An- fang so — die Verhaͤltnisse und Beziehungen der Gegenstaͤnde unter sich in ihrer ideellen Gegen- wart in der Seele. Zwey Billiardkugeln liegen vor uns. Wir fuͤhlen sie beide, wir sehen sie beide, und sehen und fuͤhlen, daß sie an Farbe, an Groͤße und Ge- wicht einander gleich sind. Wir empfinden eine Folge in unseren Vorstellungen und Empfindungen; wir em- empfinden, daß einige vor andern vorhergehen, und daß andere nachfolgen. Wir sehen und fuͤhlen, daß ein M 4 Ding II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Ding in der Naͤhe, oder unmittelbar vor uns liege; ein anderes entfernter sey; wir empfinden die Lage der Theile in einem Gebaͤude, das Uebereinstimmende und Regel- maͤßige, was wir Ordnung und Symmetrie nen- nen. Solche Empfindungen von Gegenstaͤnden, in denen wir nichts mehr bemerken, als nur allein das Ge- fuͤhl ihrer selbst und ihrer Verhaͤltnisse, sind schon unter der Benennung der gleichguͤltigen Empfindungen oder der bloß lehrenden Empfindungen, welche in soweit einen Theil unserer Erkenntnisse und Gedanken ausma- chen, von den uͤbrigen abgesondert. Dieß Gewahrnehmen der Verhaͤltnisse in den gegen- waͤrtigen Dingen sehen wir als eine aͤußerliche Empfin- dung, oder als eine Folge von ihr an, wenn es aͤußere Gegenstaͤnde sind, die solche Verhaͤltnisse an sich haben. Dagegen gehoͤren die Verhaͤltnißgefuͤhle in den innern Modifikationen der Seele zu der Klasse der innern Empfindungen. 3. Man unterscheidet ferner eine Art von Empfindun- gen oder von Abaͤnderungen, die das Gefuͤhl nach den verschiedenen Beziehungen der gefuͤhlten Objekte auf die gegenwaͤrtige Beschaffenheit der Seele, und ihrer Vermoͤgen und Kraͤfte annimmt. Eini- ge von den Gegenstaͤnden und ihren Vorstellungen bezie- hen sich auf die vorstellende und denkende Kraͤfte; ande- re auf die Kraͤfte des Willens. Wirkungen, die von denselbigen sinnlichen Eindruͤcken, von einerley Vorstel- lungen und Gedanken in uns entstehen, sind doch ver- schieden, wenn die gegenwaͤrtige Seelenverfassung ver- schieden ist, die sie in sich aufnimmt. Einem Gesaͤttig- ten ekelt vor dem weitern Genuß einer Speise, die dem Hungrigen eine Wollust erwecket. Der Anblick eines Menschen ist dem Freunde angenehm, dem Feinde wi- drig; uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. drig; der Musik, die uns jetzo ergoͤtzet, sind wir nach einigen Stunden uͤberdruͤßig. Der Anblick des Kranken und die Jdee von der Krankheit ruͤhret bey dem Arzte weiter nichts als die Phantasie und den Verstand; bey andern Empfindsamen das ganze Gemuͤth, und bey dem Empfindlichen alle Triebe des Herzens. Daher ha- ben wir die qualificirten Empfindungen, die mehr sind, als die bloßen Empfindungen der Dinge selbst, die nemlich eine gewisse Beschaffenheit an sich haben, und ein Ge- fuͤhl der Beziehung oder des Verhaͤltnisses auf den der- maligen Seelenzustand in sich enthalten. Sie moͤgen uͤberhaupt afficirende Empfindungen heißen. Sie thun uns, so zu sagen, etwas an, wenn dieß fast ver- altete Wort, anthun, gebraucht werden darf. Ruͤh- rende werden sie von einigen genennet. Jch kenne kein deutsches Wort, das im Allgemeinen die Beschaffenheit der Empfindnisse ausdruͤcket. Die Empfindsamkeit bezeichnet bald die objektivische Beschaffenheit der Din- ge, die uns angenehm oder unangenehm sind; bald die Disposition der Seele, solche Empfindnisse leicht anzu- nehmen. Das Wort Gemuthlich wuͤrde hier vielleicht nicht un- anpassend seyn. Es kommt in den Schriften der Herrnhuter vor, aus denen es in der Klopstockischen Gelehrtenrepublik angefuͤhret ist. Ob es das Buͤrger- recht in der psychologischen Sprache erhalten soll, oder nicht, mag darauf ankommen, wie es sich bey den deut- schen Philosophen empfehlen kann. 4. Das Gefuͤhl des Wahren, des Schoͤnen und des Guten, und der diesen entgegengesetzten Beschaf- fenheiten der Dinge, mit den besondern Arten der Ge- fuͤhle, die hierunter begriffen sind, gehoͤren ohne Zweifel zu den Gefuͤhlen, die von den Verhaͤltnissen und Bezie- M 5 hungen II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, hungen unserer Vorstellungen und Veraͤnderungen unter einander, und auf den innern Zustand unserer Seele, abhangen, und also innere Verhaͤltnißgefuͤhle sind. Ob diese angefuͤhrten Arten die ganze Gattung erschoͤ- pfen, oder ob es noch andere Verhaͤltnisse in unsern in- nern Modificationen gebe, die in dem Wahren, dem Schoͤnen und Guten nicht befasset sind, das laͤßt sich erst alsdenn beurtheilen, wenn man so weit mit den Beob- achtungen der mancherley innern Empfindungen gekom- men ist, daß eine vollstaͤndige Klassifikation von ihnen angestellet werden kann. Bishieher scheinet es daran noch zu sehlen. Ohne mich aber darauf weitlaͤuftig ein- zulassen, will ich nur einige allgemeine Bemerkungen an- fuͤgen, die sich auf eine solche Abtheilung beziehen, und die zur weitern Aufklaͤrung dieser Seite unserer Seele nicht undienlich seyn werden. Es giebt Modifikationes, sie moͤgen entweder zu den eigentlichen Empfindungen der Gegenstaͤnde, oder zu den Vorstellungen, oder zu den Willensthaͤtigkeiten gehoͤren, die mit Vergnuͤgen oder Verdruß, mit Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, uͤberhaupt mit Gemuͤthszustaͤnden begleitet sind. Wir fuͤhlen die Veraͤnderungen selbst, in so ferne sie in uns gegenwaͤrtig vorhanden sind, und die Seele sich mit ihnen beschaͤftiget; in so weit sind es Empfindungen. Aber wir empfinden sie auch auf eine eigene und unterschiedene Art, nach ihren verschie- denen Wirkungen auf uns. Die letztere Empfindung ist die Empfindung des Angenehmen oder Unange- nehmen, oder eigentlich, sie machet das Angenehme oder Unangenehme bey der Empfindung aus. Jn so ferne sind sie Empfindnisse. Es ist Empfindsam- keit in der Seele, in so weit diese aufgelegt ist, ihre Ver- aͤnderungen als angenehme oder unangenehme zu em- pfinden, und Gefallen und Misfallen an ihnen zu haben. Empfindsam sind die Gegenstaͤnde fuͤr uns, in soferne sie uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. sie oder eigentlich ihre Eindruͤcke in uns, oder die Vor- stellungen von ihnen Beziehungen auf die jetzige Seelen- beschaffenheit haben, und den Vermoͤgen und Kraͤften, die sich mit ihnen beschaͤftigen, gemaͤß oder nicht gemaͤß sind. Wir fuͤhlen, daß eine Sache gut ist. Dieß ist et- was anders, als wenn wir fuͤhlen, daß sie angenehm sey. Einen Gegenstand als gut oder als boͤse zu em- pfinden, ist so viel, als fuͤhlen und empfinden, daß er eine Ursache von einer Vollkommenheit oder von so et- was sey, das uns Vergnuͤgen oder Verdruß machet. Ei- ne Modifikation der Seele kann ihre Kraft staͤrken, ih- ren innern Realitaͤten einen Zuwachs geben, sie erhoͤhen und vervollkommern. Solch eine Wirkung, solch ein Zusatz kann empfunden werden, und wenn er empfun- den wird, so ist das Gefuͤhl desselben ein Gefuͤhl des Guten. Das Gefuͤhl der Wahrheit findet nur bey den Vorstellungen und Gedanken statt. Jede gegenwaͤrti- ge Vorstellung und jeder Gedanke hat eine gewisse Be- ziehung auf unsere uͤbrige Gedanken und Vorstellungen, auf unser gesamtes vorhandenes Gedankensystem, und auf die dadurch modificirte Vorstellungskraft und Denk- kraft. Die eine Vorstellung vereiniget sich leichter mit den uͤbrigen, die schon vorhanden sind; eine andere da- gegen ist unvereinbar mit ihnen, und widerstehet der Vereinigung, wenn die Kraft ein Bestreben aͤußert, sie zu befassen. Daher entstehet denn in dem einen Fall Zustimmung des Verstandes, in dem andern Fall Zu- ruͤckhaltung und Abstimmung. Es gehet also eine ge- wisse Veraͤnderung in der Erkenntnißkraft vor, die in der Beziehung der Jdeen auf den gegenwaͤrtigen Zu- stand des Verstandes und seiner dermaligen Vorstellun- gen und Jdeen ihren Grund hat. Die innerliche Em- pfindung II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, pfindung davon ist das Gefuͤhl der Wahrheit, und der Falschheit. Diese erwaͤhnten Eigenschaften der afficirenden Em- pfindungen; das Angenehme, das Gute, das Wah- re kommen ihnen zu, in so ferne die Seele mit ihnen oder ihren Eindruͤcken und Vorstellungen dermalen sich beschaͤftiget, in so ferne ihre Vermoͤgen bey ihnen zur Anwendung gebracht werden, und die regen Triebe und Thaͤtigkeiten eine Nahrung erhalten, die ihrer Natur ge- maͤß ist, und sie befriediget. Aber es ist außerdieß noch eine andere Wirkung vorhanden, die in Betracht zu zie- hen ist. Einige Gefuͤhle fuͤllen zwar das Herz, sie unterhal- ten und befriedigen es fuͤr die Gegenwart; sie reizen die Kraͤfte, setzen sie in Thaͤtigkeit, aber nur auf sich selbst, und bieten sich zugleich als Gegenstaͤnde dar, an welche diese erregte Wirksamkeiten sich auslassen koͤnnen. Andere dagegen spannen die Seele noch mehr, und erregen Bestrebungen und Triebe zu Handlungen, die weiter fort auf noch andere Objekte als auf jene unmit- telbare Gegenstaͤnde des Gefuͤhls hingerichtet sind. Wer sich an den Farben der Tulpe belustiget, suchet nichts mehr als diese Empfindung ohne ein weiteres Jnteresse. Er befindet sich in einem Zustande, der zwar der Na- tur der Seele gemaͤß ein fortfließender Zustand ist, aber doch ist die Kraft hier auf nichts weiter gerichtet, als auf den Genuß, auf nichts weiter, als auf das, was sie fuͤhlet. Aber sobald der Trieb aufsteiget, die Blume, die Ursache ihrer jetzigen Lust, zu besitzen, um das Ver- gnuͤgen aus ihrem Anschauen nach Willkuͤhr oͤfters und laͤnger genießen zu koͤnnen, so fuͤhlen wir rege Bestre- bungen, die auf andere Handlungen und Anwendungen unserer Vermoͤgen hinausgehen, als die sind, die in je- nem Anschauen beschaͤftiget waren. Es entstehet ein neues Jnteresse, welches den schoͤnen und angenehmen Gegen- uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Gegenstaͤnden, in so ferne sie blos Empfindnisse sind, nicht zukommt. Die Seele wird erreget, gereizet, ge- trieben zu neuen Thaͤtigkeiten. Dieß letztere ist eine besondere Wirkung, eine Rei- zung des Begehrungs- oder Verabscheuungsvermoͤgen, die von dem Gefuͤhl der Lust oder Unlust unterschieden ist. Sie hat in dem Angenehmen und Unangenehmen ihre Ursache; doch nicht allein. Sie erfodert noch mehrere hinzukommende Umstaͤnde. Eine Empfindung kann in einem hohen Grade angenehm seyn, ohne Begierden zu andern Dingen zu erregen. Das vollkommenste Gefal- len schließet so gar die neuen Begierden aus. So lange dieß ohne Abnahme und ohne Gefuͤhl von Mangel und Beduͤrfniß dauren kann, saͤttiget es die Seele, und haͤlt die Bestrebungen, sich zu veraͤndern, vielmehr zu- ruͤck. Da ist nur eine Tendenz, sich in einem solchen Zu- stand zu erhalten. Es entstehen dadurch keine neue Angelegenheiten. Wo nun dagegen solche neue Bestrebungen erreget werden, da zeiget sichs, daß die gegenwaͤrtige Empfin- dung einen Einfluß auf unsere thaͤtige Kraft habe, und auch diese modificire. Diesen Einfluß auf unsere Kraͤfte zu neuen Bestrebungen fuͤhlen wir, wie jede andere Modi- fikation, und in so ferne haben diese Gefuͤhle etwas inter- essantes an sich, das von dem Gefallenden uͤberhaupt noch unterschieden ist. Sie machen uns neue Angele- genheiten, reizen die Thaͤtigkeitskraͤfte, und setzen uns in neue Bewegungen, deßwegen ihnen auch eine das Herz bewegende Kraft zugeschrieben wird. Die Empfind- lichkeit ist, wenn das Wort in seinem gewoͤhnlichen Sinn genommen wird, eine Disposition unserer Thaͤtigkeits- kraft, sich leicht und auch durch schwaͤchere Empfindnisse zu einer wirklichen Thaͤtigkeit, insbesondre aber zum Un- willen und Zorn, bewegen zu lassen. Jch II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Jch habe es vorher gesagt, daß eine vollstaͤndige Abtheilung der Empfindungen jetzo noch zu fruͤh unter- nommen werde. Es ist zweifelhast, ob solche jemals zu erwarten sey? Das Vorhergehende fuͤhret uns indeß auf folgende Verschiedenheiten. Wir fuͤhlen und empfinden 1) die absoluten Ge- genstaͤnde und Veraͤnderungen der Dinge an sich, und diese sind entweder in uns, oder außer uns. Da ha- ben wir aͤußere Empfindungen und innere Em- pfindungen. Zu den letzten gehoͤret das Selbstge- fuͤhl, das Gefuͤhl jedweder Art von innern Zustaͤnden und Veraͤnderungen fuͤr sich betrachtet, so wie sie fuͤr sich in uns vorhanden sind. 2) Wir fuͤhlen die Verhaͤlt- nisse und Beziehungen bey den Gegenstaͤnden, in de- nen sie unter sich stehen, ihre Objektwische Verhaͤlt- nisse. Dieß sind aͤußere Empfindungen, wenn die Objekte aͤußere Objekte sind; es sind innere, wenn die Objekte, zu denen sie gehoͤren, in uns selbst sind. Da haben wir aͤußere und innere Empfindungen von objektivischen Verhaͤltnissen und Beziehungen der Dinge. Das Gefuͤhl der Einerleyheit und der Ver- schiedenheit, das Gefuͤhl der Folge, der Lage und Ver- bindung, das Gefuͤhl der Abhaͤngigkeit u. s. f. gehoͤren hieher. Aber 3) wir fuͤhlen auch die subjektivischen Verhaͤltnisse und Beziehungen der Gegenstaͤnde und der Veraͤnderungen auf unsern jetzigen Zustand, oder eigent- lich, wir empfinden die Dinge mit ihren Wirkungen und Eindruͤcken in uns, die sie in Gemaͤßheit ihrer Be- ziehungen auf uns hervorbringen. Wir haben Em- pfindnisse, und in Hinsicht auf diese Empfindsam- keit. Diese Empfindungen sind allemal innere Em- pfindungen. Dahin gehoͤret das Gefuͤhl des Schoͤ- nen, des Guten, des Wahren; das letztere gehoͤrt zum wenigsten groͤßtentheils hieher. Und endlich 4) wir fuͤhlen insbesondere ihren Einfluß auf unsere selbstthaͤ- tige uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. tige Kraft, auf dieser ihre Wirksamkeit und auf unsere neuen folgenden Zustaͤnde, die davon abhangen. Hieher gehoͤrt das Gefuͤhl des Jnteresse, der Wichtigkeit, der Kraft, des Lebens, der Staͤrke aufs Herz u. s. f. Wir besitzen in Hinsicht auf diese, Reizbarkeit oder Em- pfindlichkeit wie man es nennen will. Jch will keinem hiebey etwas in dem Gebrauch der Woͤrter vor- geschrieben haben, als mir selbst, und nur die Sachen angeben, die man durch Benennungen zu unterscheiden gesucht hat; keinem aber in der Benennung selbst vor- greifen. IV. Das Absolute, nicht das Relative ist ein unmit- telbarer Gegenstand des Gefuͤhls. 1) Der Satz selbst. 2) Beweis des Satzes aus dem Gefuͤhl der ob- jektivischen Verhaͤltnisse in den Dingen. Gefuͤhl des Uebergangs. Gefuͤhl der Ei- nerleyheit und Verschiedenheit. Gefuͤhl der Abhaͤngigkeit. 3) Beweis aus dem Gefuͤhl der Wahrheit. 4) Beweis aus den Empfindnissen. 1. D ieser Verschiedenheiten in den Empfindungen ohn- erachtet, zeiget die genauere Beachtung, daß es niemals etwas Relatives sey, nicht Verhaͤltnisse und Beziehungen der Dinge, die wir unmittel- bar fuͤhlen und empfinden; daß hingegen nur allein das Absolute in den Dingen außer uns, und in uns, unmittelbar ein Gegenstand des Ge- fuͤhls sey. Dieß ist das dritte charakteristische Merk- mal II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, mal des Gefuͤhls, als eines besondern Vermoͤgens der Seele. Fraͤgt man, auf welche Art wir denn die Verhaͤlt- nisse erkennen? so antworte ich: sie werden gedacht, nicht gefuͤhlt. Aber wenn denn nun dieß Erkennen ein Fuͤhlen und Empfinden heißen soll, wie man es schon gewohnt ist, also zu nennen? so haben wir, sage ich, an dem Gefuͤhl der Verhaͤltnisse eine Art von Gefuͤhl, welche von dem Gefuͤhl des Absoluten so weit unterschieden ist, als das Absolute, (das auf etwas anders nicht Bezogene) in den Dingen von dem Relati- ven selbst es ist, so unterschieden, als zwey verschieden- artige Thaͤtigkeiten oder sonstige Modifikationen der Seele es seyn koͤnnen. Jn allen Empfindungen der Verhaͤlt- nisse und Beziehungen, man mag sie entweder als eige- ne Arten von Gefuͤhlen oder als Abaͤnderungen und Be- schaffenheiten des Gefuͤhls von den Gegenstaͤnden selbst ansehen, laͤsset sich bey genauerer Untersuchung ein Ge- fuͤhl des Absoluten bemerken, und von dem Erken- nen der Verhaͤltnisse, unterscheiden, und zwar auf eine solche Art, daß es nicht mehr zweifelhaft ist, jenes Gefuͤhl des Absoluten sey als der vorzuͤglichste Theil die Ursache, warum beides zusammen vereiniget ein Gefuͤhl oder eine Empfindung genannt worden ist. Jch darf hier die Einwendung nicht hoͤren: daß bei- des, das Fuͤhlen und Verhaͤltnisse erkennen, aus Einem Grundvermoͤgen entstehe, innerlich einartig sey, und nur den Graden nach, oder nur allein in Hinsicht der Objekte unterschieden seyn koͤnne. Das ist nicht die Sache des Beobachters, sie dafuͤr in Anfang anzuneh- men, wofern nicht alles untereinander geworfen werden soll. Zuerst deutliche Vorstellung von den Wirkungen, so wie sich solche in der Beobachtung darstellen. Es entscheide nachher die Reflexion aus den verglichenen Beobachtungen. Zwey Arbeiten, die man nirgends haͤufi- uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. haͤufiger als in der Psychologie zur Unzeit unter einander gemischt hat, wo es doch ohnedieß oft schwer genug an- zugeben ist, was eine reine Erfahrung, und was eine selbstgemachte Erdichtung oder ein Raisonnement sey. Herr Bonnet hat sich vor andern mit vielem Scharf- sinn die Art und Weise deutlich zu machen bemuͤhet, wie man es fuͤhle, daß Dinge einerley und verschieden sind, und wie ihre uͤbrigen Beziehungen empfunden werden. Dieser Theil seines Systems scheinet mir aus den schwaͤch- sten Faͤden zu bestehen, die dazu nicht einmal gut zu- sammen haͤngen. Es sey so, daß am Ende das Er- kennen der Verhaͤltnisse ein wahres Fuͤhlen ist; so gestehe ich doch, daß mir der Uebergang dieses scharf- sinnigen Mannes von dem Gefuͤhl des Absoluten zu dem Gedanken von dem Verhaͤltnisse ein großer Sprung zu seyn scheine, der nicht auf Beobachtungen ge- gruͤndet ist. Dieses letzte angegebene Merkmal des Gefuͤhls weis ich nicht einleuchtender zu beweisen, als durch eine Jn- duktion, die so gut und vollstaͤndig ist, als sie es in physischen Untersuchungen seyn kann. Wenn aus jeder der vorher unterschiedenen Klassen der Verhaͤltnißgefuͤhle ein Beyspiel genommen, und in diesem es deutlich vor- geleget wird, daß eine absolute Modifikation in der Seele da sey, die man fuͤhlen koͤnne, und daß das Gefuͤhl von dieser letztern ein wesentliches Stuͤck der ganzen Empfin- dung in solchen Faͤllen sey; und wenn alsdenn noch hin- zu kommt, daß es mit den uͤbrigen Faͤllen eine aͤhnliche Bewandtniß habe; was will man mehr? Alsdenn kann ich zugeben, es moͤge dasjenige, was mit dem Ge- fuͤhl des Absoluten verbunden ist, das Erkennen eines Verhaͤltnisses in den Dingen, das Appercipiren, das Bemerken, und was ich uͤberhaupt den Verhaͤltniß- gedanken nenne, nichts anders, als etwan das erhoͤhete und verfeinerte Gefuͤhl des Absoluten selbst seyn. Man I. Band. N mag II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, mag dieß annehmen, oder dagegen das Verhaͤltnisse- denken fuͤr eine besondere und wesentlich von jenem un- terschiedene Kraftaͤußerung der Seele ansehen; in bei- den Faͤllen wird es außer Zweifel seyn, daß das Gefuͤhl des Absoluten auch in dem Gefuͤhl der Verhaͤltnisse wie- der vorkomme, und auch hier wiederum etwas Absolutes zum Gegenstande habe, davon das Urtheil oder der Ver- haͤltnißgedanke wohl zu unterscheiden sey. Bey dem Gefuͤhl der objektivischen Verhaͤltnisse der Dinge gegen einander will ich anfangen. 2. Fuͤhlen und empfinden, daß zwey elfenbeinerne Ku- geln gleich groß und gleich wichtig sind, ist doch etwas anders, als diese gleichgroße und gleichwichtige Kugeln jede besonders, nach einander, oder beide zugleich zu fuͤhlen. Eben so ist es nicht einerley, die Verschieden- heit, die Stellung, die Folge der Dinge, den Einfluß des Einen in das andere u. s. w. zu empfinden, und die unterschiedene, die bey einander gestellte, die auf einan- der folgende Objekte selbst zu empfinden. Jenes ist das Gefuͤhl der Beziehung selbst, dieß das Gefuͤhl der sich auf einander beziehenden Dinge. Das er- stere ist nicht vorhanden ohne das letztere; aber ist oft vorhanden ohne das erstere. Wir fuͤhlen oft die Objekte einzeln, oder ihre Jdeen in uns, ohne daß eine Em- pfindung ihrer Relation damit verbunden sey. Unlaͤug- bar ist es, daß ein Hund die Ausduͤnstungen seines Herrn auf eine andere Weise rieche, als die Duͤnste von einem fremden Menschen; aber ob er auch ihre Verschiedenheit rieche und riechen koͤnne, dieß ist eine Frage, die nicht zugleich mit jener, als wenn sie voͤllig einerley mit ihr waͤre, bejahet werden darf. Wenden wir das Auge von einem Gegenstande weg, auf einen andern hin, von einem Hause auf einen Thurm, so uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. so gehet in der Kraft, welche empfindet, eine Veraͤnde- rung vor, die so etwas ist, als eine neue Richtung, wel- che dem in Bewegung gesetzten Koͤrper beygebracht wird. Das Gefuͤhl, oder hier der Aktus des Sehens, gehet von einem zum andern uͤber, und dieser Uebergang ist etwas neues in ihr, und etwas Absolutes, eine positive Veraͤnderung, wie die Veraͤnderung in der Richtung der Bewegung ist, welche ohne einen absoluten Trieb oder Stoß von einer bewegenden Kraft nicht entstehet, und in der That, wie die Naturlehrer wissen, selbst eine neue Bewegung ist. Gehet das Gefuͤhl uͤber von Einem Objekt zu einem andern, das von jenem verschieden ist, so geschicht noch etwas mehr. Gesetzt, die Nachempfindung des Zu- erstempfundenen daure noch fort in uns — man mag aber sich auch einbilden, sie sey schon in eine Wiedervor- stellung uͤbergegangen — so erfolget darauf der sinnliche Eindruck von dem zweyten Objekt. Alsdenn entstehet bey diesem Uebergang außer der Veraͤnderung in der Richtung der Kraft noch eine andere. Eine neue Em- pfindungsvorstellung, die vorher nicht da war, wird hervor- gebracht. Das Gefuͤhl wird also noch einmal mehr ver- aͤndert. Der sinnliche Eindruck von der erstern Sache wird weggeschaft, und der von der zwoten wird hinein- gebracht. Dieß letztere ist abermals eine absolute Ver- aͤnderung. Laß beide diese Eindruͤcke in der Abwesenheit der Ob- jekte in der Phantasie wieder gegenwaͤrtig seyn. So oft wir nun die Aufmerksamkeit von dem Phantasma des Einen auf das Phantasma des andern hinwenden, und also unsere Phantasie noͤthigen, bald die Eine Vorstel- lung, bald die andere vorzuͤglich ausgedruckt in uns zu erhalten; so eraͤugnet sich etwas aͤhnliches von dem, was vorher in der Empfindung geschah. Die Phantasie ge- het uͤber von einem Bilde zum andern. Dieser Ueber- N 2 gang II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, gang ist Eine Veraͤnderung. Das vorhergehende Bild, eine absolute Modifikation wird verdraͤnget oder geschwaͤ- chet und verdunkelt, und das folgende von jenem unter- schiedene Bild wird hervorgezogen, oder staͤrker und vol- ler gemacht. Beides sind absolute Veraͤnderungen. Etwas reelles und absolutes vergehet, und ein anders entsteht an dessen Stelle. Anstatt daß es zween verschiedene Gegenstaͤnde sind, die man nacheinander empfindet, oder nach einander sich vorstellet, nehme man zween andere, die einerley sind, wenigstens bey dem ersten Empfinden voͤllig so zu seyn scheinen. Gehet das Auge und die Vorstellungskraft von einer Billiardkugel auf die andre, von einem Ey auf ein anderes, von einem Wassertropfen auf einen an- dern; so ist die erste Veraͤnderung in der Direktion der Kraft auch hier wiederum vorhanden. Aber die folgen- de neue Veraͤnderung fehlet, oder ist doch in einem min- dern Grade da, als in dem vorhergehenden Beyspiel. Das Gefuͤhl von einerley Dingen ist selbst einerley Mo- difikation, in so ferne die Dinge als einerley empfunden werden. Das Gefuͤhl der zuerst gesehenen Kugel, oder die Einbildung von ihr bleibet so wie sie ist, wenn die zweyte, die der ersten gleich und aͤhnlich ist, gesehen wird. Folgt also eine Vorstellung von einer aͤhnlichen Sache auf eine andere, so sind so viele absolute Veraͤnderungen weniger da, als Zuͤge in den beiden Bildern eben diesel- bigen sind. Da ist also weit weniger von neuen Modi- fikationen, als in dem vorhergehenden Fall. Gesetzt auch, wie es Hr. Bonnet meynet, jede dieser aͤhnlichen Kugeln erfodere ein besonderes obgleich aͤhnliches Bild in dem Gehirn, und daß also ihre Aehnlichkeit es nicht hindere, daß nicht ein ganzes Bild vergehen, und ein anderes neues, obgleich jenem aͤhnliches wieder entstehen muͤsse, — gesetzt, es sey so, wie es nicht wahrscheinlich ist, obgleich der genannte Philosoph es bewiesen zu haben glaubet; uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. glaubet; so wuͤrde doch die Unterdruͤckung oder Ver- dunkelung des Einen und die Wiedererweckung oder Auf- hellung des andern Bildes, immer eine weit mindere Quantitaͤt von Veraͤnderung enthalten, und eine andere Aktion seyn, wo die Bilder einerley sind, als da, wo sie verschieden sind. Hiezu setze ich noch folgende Beobachtungen. Man betrachte aufmerksam was in uns vorgehet, wenn wir uͤber die Aehnlichkeit und Unaͤhnlichkeit der Dinge allein nach den Empfindungen von ihnen urtheilen. Wir fuͤh- len jenen Uebergang unserer Kraft und dessen Beschaf- fenheit. Denn wenn wir in diesen Faͤllen, bey der Ver- gleichung der Dinge, ihre Jdentitaͤt oder Diversitaͤt in den Vorstellungen von ihnen aufsuchen, so gehen wir von der Vorstellung des einen zu der Vorstellung des andern uͤber, und horchen so zu sagen in uns, ob sich nicht bey diesem Uebergang eine Veraͤnderung in uns empfinden lasse? ob nicht eine neue Modifikation in uns entstehe, wenn die Vorstellung des zweyten auf die Vorstellung des Ersten folget? Unser Urtheil kann auf drey unterschiedene Arten ausfallen. Das Erste Objekt ist mit dem andern, welches wir uns naͤmlich nachher vorstellen, Eins und ebendasselbige. Oder es ist ein anderes Objekt, aber innerlich an sich von jenem nicht unterschieden; oder Beide sind auch an sich verschiedene Gegenstaͤnde. Jn jedem Fall gehet vor diesem Ausbruch unserer Ur- theilskraft ein Gefuͤhl von gewissen Modifikationen vor- her, die in uns, in dem empfindenden Wesen, aus dem Verhaͤltnisfe der Gegenstaͤnde entspringen. Jch behaupte; was ich von einem Gefuͤhl des Uebergangs gesaget habe, das vor dem Urtheil ( sentiment ) vorhergehet, sey keine Erdichtung, sondern eine wahre Beobachtung. Die Psychologen haben sonsten N 3 weniger II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, weniger auf dieß Gefuͤhl, als auf das nachfolgende Ur- theil acht gehabt. Dieses mag denen, welche mit einem schaͤrferen Selbstgefuͤhl begabet sind, als ich, vielleicht so bald und so klar auffallen, daß sie bey dem ersten Ruͤck- blick in sich daruͤber zur Gewißheit gelangen. Fuͤr mich aber gestehe ich, daß ich nicht eher von aller Sorge, durch Einbildungen hier geblendet zu werden, befreyet worden bin, als bis ich einige mit Fleiß angestellte Beobachtungen sorgfaͤltig gepruͤfet, und eine Art von psychologischen Versuchen daruͤber gemacht habe. Zu dem Ende suchte ich zwey Empfindungsvorstellungen aus, die so wenig als moͤglich mit meinen sonstigen Jdeen in Verbindung waren. Jch nahm z. B. zwey arabische Buchstaben, die in einer Reihe von einander entfernet stunden, und verglich sie mit einander. Es fand sich allemal, daß ich nicht nur von jedem dieser Charaktere einen besondern Eindruck erhielte, sondern daß ich auch etwas besonders in mir fuͤhlte, wenn die Augen von dem Einen zum andern uͤbergingen. Dieß letztere Gefuͤhl des Uebergangs nahm ich nur alsdenn erst gewahr, wenn ich schon vorher die sinnlichen Eindruͤcke selbst einigemal in mir mit einander hatte abwechseln lassen. Zwischen den beiden Eindruͤcken, die ich, ohne mich bey den dar- zwischenstehenden Buchstaben auszuhalten, auf einander folgen ließ, fuͤhlte ich jedesmal eine Veraͤnderung in der Richtung des Gefuͤhls; und diese Veraͤnderung fuͤhlte ich auf eben die Art, wie ich einen andern innern Ein- druck fuͤhle, der durch die Sinne entstehet. Je mehr die nachfolgende Vorstellung von der vorhergehenden ver- schieden war, desto staͤrker und voͤlliger war das Gefuͤhl von dieser Modifikation. Wenn man solche gleichguͤl- tige Empfindungen zum Versuche nimmt, wie ich hier gethan hatte, so hat man den Vortheil, daß die Phan- tasie nicht leicht fremde Bilder dazwischen bringet, und die Beobachtung stoͤret. Aber auf der andern Seite ist auch uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. auch die Unbequemlichkeit babey, daß man die vorstel- lende Kraft mehr selbstthaͤtig anstrengen, und sich auf keine angenehme Art bemuͤhen muß, weil die Phantasie allemal traͤge ist, Vorstellungen in sich gegenwaͤrtig zu erhalten, die mit ihren uͤbrigen Reihen von Jdeen in kei- ner Verbindung sind. Man gehe die uͤbrigen Empfindungen von den Ver- haͤltnissen und Beziehungen der Dinge auf einander durch. Es wird sich zeigen, es hat mit allen eine aͤhnliche Be- wandniß. Wie empfinden wir, daß ein Objekt weiter von uns entfernet sey, als ein anders? was empfin- den wir, wenn wir die Folge der Dinge empfinden? was alsdenn, wenn wir empfinden, daß in uns oder außer uns ein Ding als eine Ursache etwas anderes als ihre Wirkung hervorbringe? und was ist alsdann in uns? Es ist nicht davon die Frage, worinnen das Objektivische dieser Beziehungen in den Gegenstaͤnden außer der Vorstellung bestehe? auch noch nicht davon, was das Urtheil oder der Verhaͤltnißgedanke selbst sey? und wie er entstehe? sondern nur davon, was wir fuͤh- len und empfinden? Jn allen Faͤllen, wo wir, es sey mit Grunde oder ohne Grund, solche Beziehungen in den gegenwaͤrtigen ideellen Objekten empfinden, entstehet bey dem Uebergang der vorstellenden und empfindenden Kraft von dem Einen zu dem andern, eine absolute und positive Modifikation; und bey jedweder besondern Art der Verhaͤltnisse eine eigene von einer eigenen unter- schiedene Art, welche gefuͤhlet und bey einer genauern Beobachtung unserer selbst bemerket werden kann. Jch sehe, daß der Thurm weiter von mir absteht, als das Haus; daß ein Wasser mir naͤher sey, als das jenseit desselben liegende Gehoͤlz. Nun sey dieß ein Gedanke oder ein Gefuͤhl, so entstehet jener so wenig als dieses, ohne daß in mir, indem ich die Augen von dem Einen zum andern hinwende, eine Veraͤnderung vorgehet, die N 4 ent- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, entweder an Graden und Stufen oder an sonstigen Be- schaffenheiten von einer andern in einem andern Fall un- terschieden ist, und die als etwas Gegenwaͤrtiges und Absolutes gefuͤhlet wird, oder doch gefuͤhlet werden kann. Sie ist es, wobey ich die Beziehung des Einen Objekts auf das andere nicht blos denke, sondern empfinde und gewahrnehme. Sie ist der empfundene Charakter der objektivischen Beziehung der Dinge. Jch muß z. B. die Augen in dem einen Fall weiter hindrehen, als in dem andern, und jede Drehung ist ein neuer Eindruck auf das Gefuͤhl; oder ich muß sie auf eine andere Art wen- den; und dann entstehen neue Eindruͤcke, indem die vor- hergehenden aufhoͤren. Diese Veraͤnderungen gehen denn eigentlich in uns selbst vor, in den Empfindungen und in den Vorstel- lungen von den Dingen, also in den ideellen Objek- ten: Sie moͤgen sich nun auf die Gegenstaͤnde außer uns beziehen oder nicht; aus dem Objektivischen ent- springen, und aus dem letztern in die ideellen Objekte hinuͤbergebracht werden, oder nicht. Vielleicht sind sol- che innere Modifikationen in dem Aktus des Empfindens und des Vorstellens von den wirklichen Objekten unab- haͤngig; vielleicht haben sie nur, in den Vorstellungen und in der Wirkungsart unserer vorstellenden Kraft, in ihrer Art die Jdeen zu fassen, und sich von der einen auf die andere hinzuwenden, einen subjektivischen Grund. Wie es auch seyn mag, so schreiben wir sie den Gegen- staͤnden zu, und sehen die Empfindung des Uebergangs als eine Wirkung an, die von dem Objektivischen in den Gegenstaͤnden verursachet wird. Jch sehe, so reden wir, daß das Buch und das Stuͤckpapier dichte bey einander liegen. Diese Empfindung wird fuͤr eine aͤußere Em- pfindung gehalten, wie die Empfindung des Buchs und des Papiers einzeln genommen aͤußere Empfindungen find. Jn einem gewissen Verstande ist sie es auch. Denn uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Denn wenn die Lage der Dinge gleich nichts objektivi- sches außer uns waͤre, wie manche behaupten, so ist sie doch eine Wirkung von den ideellen Objekten in uns, und von deren Gegenwart und Wirkung in und auf unsere empfindende und vorstellende Seele. Also be- ziehet sie sich auf etwas in den Objekten und in den Vor- stellungen von ihnen. Was das Gefuͤhl der Kausalitaͤt und der Abhaͤn- gigkeit einer Wirkung von ihrer Ursache betrift, so uͤber- hebe ich mich hier der Muͤhe, die Beobachtungen zu zer- gliedern, um den eigentlichen Gegenstand des Gefuͤhls dabey zu bemerken, da ich dieß an einer andern beque- mern Stelle thun werde. Hume hat sich besonders da- mit beschaͤftiget, und zu erweisen gesucht; es sey die ge- naue Verknuͤpfung der Jdeen in der Einbildungskraft das naͤchste Objekt des Gefuͤhls, aus dessen Empfindung der Begrif von der Ursache entstehe. Dieß ist noch nicht voͤllig genau angegeben; aber genug, wenn einge- standen wird, daß es so eine gewisse Beschaffenheit in uns gebe, die gefuͤhlet wird, und auf welcher die Em- pfindung von der verursachenden Verknuͤpfung der Din- ge beruhet. Ueberhaupt haben Bonnet, Search, Hume und andere, welche die gesammte Verstandeser- kenntniß fuͤr eine verfeinerte und erhoͤhete Empfindung ansehen, sich bemuͤhet, zu den verschiedenen allgemeinen Verhaͤltnißgedanken die zugehoͤrigen Gefuͤhle aufzusu- chen. Bey einigen haben sie solche ganz richtig angege- ben, und alsdenn sind dieß gewisse absolute Veraͤnderun- gen in uns, deren Gefuͤhl die Verhaͤltnißgedanken und Ur- theile veranlasset. Nach der Meinung dieser Philoso- phen sollen solche Verhaͤltnißgefuͤhle mit den Verhaͤltniß- gedanken einerley seyn. Dieß letztere ist eine Sache, die noch einer weitern Pruͤfung bedarf; aber darinn sind sie mit mir und ich mit ihnen einig, daß, wo ein Verhaͤlt- niß empfunden wird, auch in uns eine gewisse, reelle und N 5 absolu- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, absolute Veraͤnderung vorgehe, die gefuͤhlet wird. Was es aber in diesem |oder in jenem Fall insbesondere fuͤr eine sey, daruͤber koͤnnen wir uns nochmals von ein- ander trennen, und dann muß die Beobachtung ent- scheiden, wer sie richtig gefunden habe. Hier aber ge- he ich mit den gedachten Philosophen noch auf Einem Gleise. 3. Von der dritten und vierten Klasse der Empfindun- gen, so wie sie am Ende der vorhergehenden Abtheilung ( III. 4.) gesetzet sind, nemlich von den Empfindnis- sen und von den interessirenden innern Empfindun- gen habe ich dasselbige behauptet; es sey in ihnen etwas absolutes und ein eigenes Gefuͤhl dieses Absoluten. Die- ser Theil des allgemeinen Beobachtungssatzes muß noch weiter erlaͤutert und bestaͤtiget werden. Bey dem Gefuͤhl des Wahren und Falschen scheinet solches am ersten aufzufallen. Eine Vorstel- lung, die uns als eine wahre vorkommt, vereiniget sich, wie ich schon erinnert habe, mit unserm sonstigen Ge- dankensystem, reihet sich an andere festgesetzte Vorstel- lungen leicht an, und fließet mit ihnen so zusammen, daß aus ihnen zusammen ein groͤßerer Aktus des Vorstellens, und des Denkens entspringet. Dieß hat seine physische Ursache in einer Beziehung der Vorstellung auf die Be- schaffenheit des Vorstellungsvermoͤgens, auf dessen ge- genwaͤrtigen Zustand, auf die Jdeenreihen, die vorhan- den sind, und die hieraus entspringende Dispositionen, andere Jdeen aufzunehmen, und ist in so weit eine Fol- ge einer Beziehung; aber an sich ist es etwas Abso- lutes, nemlich eine Erweiterung des Jnbegrifs von Vorstellungen, die nebeneinander von der Kraft der See- le gefaßt werden. Es ist zugleich eine Ausdehnung der Kraft selbst, und eine angenehme Empfindung. Und diese uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. diese Empfindung bewirket in uns diejenige Hinbeugung des Verstandes auf die Jdee, die wir die Beystim- mung oder den Beyfall nennen. Bey den widerspre- chenden, den falschen, und unwahrscheinlichen Jdeen zei- get sich das Gegentheil. Diese wollen uns nicht in den Kopf hinein, wie wir sagen, man kann sie nicht anrei- hen, nicht mit denen vereinigen, welche schon ihre Stelle eingenommen haben. Sie verursachen eine Richtung in der Reflexion, die wir die Abstimmung oder Ver- neinung nennen. Der Beyfall und die Abstimmung machen be- sondere, von dem Gedanken und selbst von dem Urtheil, womit sie verbunden sind, noch unterschiedene Modifika- tionen in unserer Denkkraft aus, weil noch erst das Ge- fuͤhl der Wahrheit oder der Falschheit als ihre unmittel- bare Ursache hinzukommen muß. Dieß erhellet zunaͤchst daraus, weil es moͤglich ist, daß wir einen Satz oder ein Theorem voͤllig nach seinem Sinne schon eingesehen und erkannt haben, ehe wir durch die Gruͤnde und den Beweis, als durch die vereinigenden Mittelbegriffe, zu dem Beyfall oder zur Verwerfung, das ist, zu dem Gedanken: dieß Urtheil ist objektivisch wahr oder falsch, gebracht werden. Da ist also eine absolute Veraͤnde- rung in uns vorhanden, welche ein unmittelbarer Ge- genstand des Gefuͤhls seyn kann, so oft wir die Wahr- heit oder die Falschheit in einem Gedanken empfinden. Wir sehen dasselbige in dem verschiedenen Verhal- ten des Verstandes bey der Annahme der Wahrheiten, die ihm in Verbindung mit ihren Gruͤnden vorgestellet werden. Jn einigen Faͤllen haben wir uͤber unsern Bey- fall keine Gewalt. Die Geometer zwingen uns ihn ab, wo wir nicht, wie Sextus Empiricus, uns auf das Zweifeln in geometrischen Sachen mit Fleiß geleget ha- be. Aber es giebt auch andere Faͤlle genug, wo die Beweisgruͤnde fuͤr eine Wahrheit in uns vollstaͤndig vor- handen II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, handen sind, und doch bleibet Beyfall und Ueberzeu- gung zuruͤck, blos weil es an einem Grad von Lebhaftig- keit in dem Gefuͤhl der Beziehungen fehlet, der zur Er- regung des Verstandes erfodert wird. Es giebt einen Eigensinn des Verstandes, wie des Willens. Wie die- ser letztere den vernuͤnftigen und starken Bewegungs- gruͤnden den Gedanken entgegen zu stellen weiß, daß es doch besser sey, zu beweisen, daß man einen eigenen Wil- len habe, und unabhaͤngig sey; so kann auch der skepti- sche Verstand gegen alle Ueberzeugungsgruͤnde sich durch die Vorstellung halten, es sey doch sicherer, nicht zu glau- ben, weil vielleicht die scheinbare große Evidenz nur ein Blendwerk seyn moͤchte. Dadurch unterdruͤcket er das Gefuͤhl, was sonsten den Beyfall hervorbringet, oder haͤlt seine Wirkung zuruͤck. Jo so ferne haͤnget es auch oft von unserm eigenen Bemuͤhen ab, ob wir durch Gruͤnde uͤberzeuget werden wollen; so wie es von uns ab- haͤnget, ob wir durch guͤltige Objektivische Bewegungs- gruͤnde zur Handlung uns bestimmen oder bestimmen las- sen wollen? Oft ist es eine Erschlaffung des Verstandes, die, wenn wir auch gerne wollen, uns dennoch die Staͤr- ke der Gruͤnde nicht fuͤhlen, und Glaubensfestigkeit er- langen laͤsset. Ein Fehler, in den diejenigen verfallen, die anfangs aus uͤbertriebener Sorgfalt bey der Untersu- chung es gewohnt geworden sind, auch gegen auffallende Gruͤnde fuͤr die Wahrheit ihren Beyfall zuruͤck zu halten. Jn den Fibern des Verstandes ist es, wie in den Fibern des Koͤrpers. Eine zu starke Erschlaffung ist die Folge von einem vorhergegangenen zu starken krampfhaften Zu- sammenziehen. Soviel habe ich hier von dem Gefuͤhl des Wahren erweisen wollen. Es giebt in uns eine absolute Modi- fikation in der Denkkraft, die alsdenn gefuͤhlet werden kann, und gefuͤhlet wird, wenn wir sagen: wir fuͤhlen, daß etwas wahr oder daß etwas falsch sey. Diese Em- pfindung uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. pfindung ist das vornehmste Jngredienz zu dem ganzen vielbefassenden Begrif von dem Gefuͤhl des Wahren, den die neuern Philosophen sich davon scheinen gemacht zu haben. Man hat die Wirkungen, die Folgen, die Graͤnzen und die Brauchbarkeit desselben zu einem Pro- birstein der Wahrheit oder zu einem Princip unserer Er- kenntniß mit vieler Scharfsinnigkeit und Genauigkeit zu bestimmen gesuchet. Es ist aber nicht moͤglich, deut- lich und bestimmt die richtige und sichere Anwendung desselben anzugeben; wie doch noͤthig ist, wenn das, was davon gesagt ist, etwas besseres als Deklamation seyn soll, ohne vermittelst einer physischen Analysis desselben, die Ursachen, Gruͤnde und Anlagen in der Seele, von welchen das Wahrheitsgefuͤhl abhaͤnget, aus einander zu setzen. Es ist nicht schwer zu entdecken, daß es, in sei- nem ganzen Umfang genommen, eine vereinigte Wir- kung des Gefuͤhls, der vorstellenden Kraft und der Denk- kraft sey, aus deren Wirkungsgesetzen es begreiflich wird. Hier ist nun der Antheil bestimmt, den das Gefuͤhl dar- an hat, und der eins der wichtigsten Jngredienzen des Ganzen ausmachet. 4. Gehen wir zu der Betrachtung der Empfindnisse uͤber, oder zu den angenehmen und unangenehmen Em- pfindungen, so kommen wir bald auf das naͤmliche Re- sultat. Es giebt in jedweden etwas absolutes, was ei- gentlich der Gegenstand des unmittelbaren Gefuͤhls seyn kann. Hier ist es schwer, unmittelbar aus Beobach- tungen es zu beweisen, daß es so ist. Aber es ist nicht schwer, durch einige vorlaͤufige allgemeine Betrachtun- gen uͤber die Empfindnisse zu zeigen, daß es so seyn koͤn- ne, und es wahrscheinlich zu machen, daß es wirklich so sey. Was II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Was die Empfindnisse auch seyn moͤgen, so stim- men alle Philosophen, die uͤber die Natur des Schoͤnen, uͤber dessen Wirkungen auf den Menschen, uͤber das An- genehme und Unangenehme und uͤber die Quelle von bei- den nachgedacht haben, alte und neuere, darinn uͤberein: daß es eine gewisse Beziehung der Gegenstaͤnde und ih- rer Eindruͤcke auf den dermaligen Zustand der Seele, auf ihre Triebe und Thaͤtigkeiten sey, was die Gegen- staͤnde zu gefaͤlligen oder mißfaͤlligen, zu angenehmen oder unangenehmen, das ist, zu Empfindnissen mache. Worinnen diese Beziehung eigentlich bestehe, und wor- auf sie so wohl von der einen Seite in den Objekten, als auf der andern in uns gegruͤndet sey, daruͤber sind die Mei- nungen etwas getheilet; aber daruͤber nicht, daß nicht selbst der Unterschied in den Empfindungen, die angenehm und unangenehm sind, ein reeller positiver Unterschied sey, und seine unterschiedene absolute Folgen auf uns ha- be. Die mehresten haben das Objektivische der Schoͤn- heit in einer Mannigfaltigkeit mit Einheit gesucht, und diese Jdee ist von unserm scharfsinnigen Hr. Sulzer vor- zuͤglich durchgedacht. Sie laͤßt sich auch noch wohl gegen die Erinnerungen vertheidigen, die Hr. Burck dagegen ge- macht hat. Man muß nur auf den Unterschied zwi- schen dem Urspruͤnglichangenehmen, das es fuͤr sich ist, und zwischen dem, was es durch die Verbindung mit andern ist, so viel Ruͤcksicht nehmen, als da uͤberhaupt noͤthig ist, wo eine Menge von Beobachtungen, die nicht selten einander aufzuheben scheinen, auf Einen Grund- satz, und viele und mancherley Wirkungen auf Eine ge- meinschaftliche Ursache zuruͤckgefuͤhret werden sollen. Worinn aber auch das Objektivische des Schoͤnen, und uͤberhaupt das Afficirende in den Objekten bestehen moͤge, so hat doch die maͤßigste Aufmerksamkeit auf die Abwechselungen und auf die Verschiedenheiten des menschlichen Geschmacks es sogleich erkennen lassen, daß das uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. das Objektivische, so zu sagen, nur die eine Haͤlfte von der ganzen Ursache der erfolgenden Gemuͤthsruͤhrung aus- mache, die andere Haͤlfte aber subjektivisch, in den na- tuͤrlichen Anlagen, in den Faͤhigkeiten und in den der- maligen Beschaffenheiten des empfindenden Wesens ent- halten seyn muͤsse. Es mag schoͤne Gegenstaͤnde geben, die es vor allen Menschen sind, von jedem Alter, zu al- len Zeiten, unter allen Himmelsgegenden, deren Em- pfindung allen ohne Ausnahme, wie das Anschauen der Blumen gefalle, und die man als absolute objektivi- sche Schoͤnheiten ansehen kann: so beweiset dieß nichts mehr, als daß die Einrichtung der Seele, die Anlage, die bestimmte Beschaffenheit der Empfindungs- und Vorstellungsvermoͤgen, worauf solche Gegenstaͤnde auf eine angemessene Art wirken koͤnnen, zu den gemein- schaftlichen Zuͤgen der Menschheit gehoͤren. Fuͤr We- sen anderer Art wuͤrden jene absoluten Schoͤnheiten doch entweder gleichguͤltige, oder gar Gegenstaͤnde des Miß- vergnuͤgens seyn koͤnnen, wie sie es wirklich sind. Auch daruͤber hegen nicht alle einerley Meynung, welche Seite der Seele, welche besondere Faͤhigkeit, Kraft, Thaͤtigkeit es sey, deren gegenwaͤrtige Beschaf- fenheit der subjektivische Grund ist, warum die Empfin- dung des Objekts in diese oder jene Art von Empfindniß uͤbergehe. Jst es die Erkenntnißkraft, oder sind es die Triebe der Thaͤtigkeitskraft? Jst es die Sinnlichkeit oder ist es das Ueberlegungsvermoͤgen? oder ist es bald dieses oder jenes nach der Verschiedenheit der Gegenstaͤn- de und der Umstaͤnde? Auf welche Fiber der Seele muß das Objekt anschlagen, um angenehm oder unangenehm empfunden zu werden? und welch ein Grad der Span- nung, welche Stufe in der Faͤhigkeit, welche Jntension wird in ihr erfodert, wenn die Einwirkung des Objekts angemessen und uͤbereinstimmend, oder unangemessen sich auf sie beziehen soll? Auch ist man daruͤber verschie- dener II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, dener Meynung, worinn die Wirkungen und Veraͤn- derungen in der Seele bestehen, wenn in einem Fall Wollust, in dem andern Schmerz verursachet wird. Und dieß ist ohne Zweifel das dunkelste in der Sache, wozu noch keine Hofnung ist, daß es aufgehellet werden wuͤrde. Das meiste wird doch, — um nicht zu bestimmt von einer Sache zu reden, auf die ich hier nur im Vor- beygehen mit dem Finger zeige — auf den Charakter ankommen, den schon die Alten, und unter den Neuern vorzuͤglich Des Cartes bemerkt hatte; daß in den po- sitivangenehmen Modifikationen ein Gefuͤhl der Wirk- samkeit, der Staͤrke und Kraft in der Seele vorhanden sey; in den mißfallenden dagegen Ohumacht und Schwaͤche gefuͤhlet werde. Aber wie dem allen auch seyn mag, so ist doch dieß offenbar: so wie der Ein- druck von einem sichtbaren Objekte auf die Seele, und dieser ihre Empfindung von dem Objekt selbst von der Beschaffenheit der Gesichtswerkzeuge, von der Lage des Objekts gegen das Werkzeug, und von andern Em- pfindungserfordernissen zusammen abhaͤnget, und allen diesen Beziehungen gemaͤß ist, so ist es auch in den Em- pfindnissen. Das Ruͤhrende in ihnen hat in einem gewissen Verhaͤltniß des Objektivischen zu dem Subjekti- vischen seinen Grund und seine Ursache. Von hieraus kommen wir mit Einem Schritt auf die Folge, welche ich vorhero schon angezeiget habe, und welche allein ich hier aus der ganzen Betrachtung nur gebrauche. Es muß nemlich die Veraͤnderung, welche als Wirkung von einem angenehmen Eindruck auf die empfindende Kraft gemacht wird, als eine absolute Seelenveraͤnderung betrachtet, von der Wirkung eines entgegengesetzten widrigen Eindrucks unterschieden seyn. Der Funke verloͤschet auf einem Stein, und verursachet in dem Pulverthurm eine Erderschuͤtterung, und ein Schlag auf eine staͤrker gespannte Saite bringet schnellere Schwin- uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Schwingungen hervor, als auf eine andere, die schlaffer angezogen ist, weil das leidende Subjekt sich in verschiedenen Zustaͤnden befindet. Das Verhaͤltniß der Empfindungen zu dem empfindenden Wesen mag darum anders seyn, weil das Objektivische anders ist, und also auch die bloße Empfindung dieses Objektivischen; oder daher, weil das Subjektivische, der Zustand des empfin- denden Wesens, verschieden ist; so folget in beiden Faͤl- len, daß die absoluten Wirkungen der Empfindungen in der Seele verschieden sind, da, wo ihre Beziehungen auf den Seelenzustand es sind. Jede solche naͤchste Wirkung hat ihre fernern Folgen. Es entstehen Spannungen und Erregungen der Kraͤfte, wiederum neue Veraͤnderungen in ihnen; Aufwallun- gen des Herzens und der Leidenschaften; Verlangen, Abneigungen. Dieß alles wird oft noch zu der ersten Wirkung mit gerechnet, und bestehet in absoluten Mo- difikationen; aber es lassen sich doch diese entferntere Wirkungen in einigen Faͤllen ganz deutlich von dem un- mittelbaren Gefallen oder Mißfallen an der Empfindung unterscheiden. Wir werden munter durch den Anblick eines schoͤnen Gegenstandes; wir fuͤhlen uns durch ein maͤßiges sinnliches Vergnuͤgen erquicket. Diese Em- pfindnisse erregen die dazu passende Reihen von Vorstel- lungen in der Phantasie; und von da geht die Wirkung weiter in die Vorstellungskraft uͤber und in den Verstand, und durch diesen Weg auf das Gemuͤth. Diese Folge laͤsset sich oft besonders gewahrnehmen. Solche absolute Modifikationes sind vorhanden, und bieten sich dem Gefuͤhl als dessen unmittelbare Gegen- staͤnde dar. Sie koͤnnen und muͤssen gefuͤhlet werden, es muͤßte denn das Vermoͤgen oder der Aktus des Fuͤh- lens zu schwach dazu seyn. So oft wir das Angenehme oder das Schmerzhafte von einer Sache empfinden, leh- ret es auch die unmittelbare Beobachtung, daß wir bald I. Band. O die II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, die Eine, bald die andere solcher absoluten Wirkungen gewahrnehmen. Dieß zusammen macht es doch wahr- scheinlich, es sey nicht das Relative, nicht Verhaͤltniß, nicht Beziehung, was unmittelbar gefuͤhlet werde, und wodurch die Empfindung eine Empfindniß wird, son- dern es sey das Absolute in ihnen, dessen Gefuͤhl Gefal- len und Mißfallen hervorbringet. Nicht die Harmonie der Toͤne also, sondern die Wirkung der harmonischen Toͤne, die sie eben dieser Harmonie wegen auf die Seele hervorbringen, ist es, dessen Gefuͤhl, als ein Gefuͤhl des thaͤtigen Daseyns, angenehm ist, und das was wir ein Gefuͤhl der Harmonie nennen, in uns ausmachet. V. Von den Beziehungen der Empfindnisse auf die Empfindungen. 1) Das Ruͤhrende ist eine Beschaffenheit der ruͤhrenden Empfindungen. 2) Ob das Ruͤhrende von den ruͤhrenden Em- pfindungen getrennet werden koͤnne? 1. W ie verhalten sich nun in den Empfindnissen die beiden Empfindungen gegen einander, die Empfindung des Gegenstandes und die Empfin- dung des Ruͤhrenden, des Angenehmen oder Un- angenehmen? Wir koͤnnen diese von jenen mit dem Verstande unterscheiden. Beyde entstehen aus demsel- bigen Eindruck, aber aus unterschiedenen Beschaffen- heiten desselben. Jst die Empfindung des Afficirenden eine besondere Empfindung, welche auf die Empfindung des Gegenstandes folget, etwan um ein Moment spaͤter kommt? Oder uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Oder ist jene nur eine gewisse Beschaffenheit in der Empfindung des afficirenden Objekts, die mit ihr und in ihr schon enthalten ist? Jch empfinde die harmonischen Toͤne; diese Em- pfindung ist angenehm. Aber ich habe bey aller Sorg- falt nicht bemerken koͤnnen, daß das Vergnuͤgen aus der Empfindung, oder die Empfindung des Angeneh- men, von der Empfindung der Sache selbst der Zeit- folge nach haͤtte unterschieden werden koͤnnen. Die Em- pfindung der Toͤne war angenehm. Der Stich mit ei- ner Nadel wird empfunden; und diese Empfindung ist schmerzhaft. Es ist mir unmoͤglich, hierinne eine Zeit- folge gewahr zu nehmen; und zuerst die Sache, dann den Schmerzen zu empfinden. Es scheinen die Em- pfindnisse als Empfindnisse betrachtet gewisse Beschaf- fenheiten der Empfindung; nicht besondere Empfindun- gen selbst zu seyn. Hr. Search mag sich wohl eine andere Vorstellung davon gemacht haben. Er meynt, man muͤsse beson- dere Fibern fuͤr die Eindruͤcke der Sache und ihre Em- pfindungen, und andere besondere Fibern fuͤr das Gefal- len oder Mißfallen annehmen, die er Zufriedenheits- fibern nennet, und dann auch gewisse Kanaͤle oder Kommunikationsfibern, durch welche die Eindruͤcke aus jenen in diese letztern hinuͤbertreten koͤnnen. So lange die Eindruͤcke nur allein auf jene erstern Fibern wirken, so lange haben wir nur Empfindungen, nur gleichguͤltige Empfindungen von den Dingen. Aber wir empfinden Wol- lust oder Schmerzen, wenn die Veraͤnderungen aus diesen Empfindungsfibern in die Zufriedenheitsfibern hinuͤber uͤbergehen, welche letztern das Organ des Gemuͤths sind. Die Gewalt, welche wir in vielen Faͤllen uͤber unsere Empfindnisse haben, und ohne Zweifel in noch mehreren erlangen koͤnnen, sollen die angegebene Erklaͤrungsart bestaͤtigen. Es ist mancher Beobachtungen wegen der O 2 Muͤhe II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Muͤhe werth, sich ein wenig bey dieser Searchischen Jdee zu verweilen. Was Hr. Search uͤberhaupt von Fibern im Gehirn vorbringet, kann man, wie schon anderswo erinnert ist, fuͤr nichts mehr, als fuͤr eine bildliche Vorstellungsart ansehen, die an sich nicht unbequem und jetzo in psycho- logischen Untersuchungen gewoͤhnlich ist. Wer kennet die Fibern des Gehirns, und hat sie beobachtet? Es ist wahrscheinlich, daß es dergleichen gebe, vielleicht auch, daß sie von so verschiedener Art sind, daß jede besondere Klasse von Empfindungen und Thaͤtigkeiten auch ihre besondern Theile in dem innern Werkzeug habe, die ei- gends fuͤr diese Seelenaͤußerungen bestimmt sind. Aber es ist nicht so wahrscheinlich, daß der Antheil der Orga- ne an den Seelenhandlungen von dem Umfang sey, wie es in der beliebten Hypothese angenommen wird, auf welche die gedachte psychologische Sprache sich beziehet. Jch kann etwas von dem beobachten, was in mir, im Menschen; in mir, in so ferne ich ein denkendes, em- pfindendes und vorstellendes Wesen bin, vorgehet. Al- lein was in meinem Gehirn vorgehet, ob und wie daselbst die Fibern liegen, welche Gestalt und Verbindung zwi- schen ihnen ist, das kann ich nicht beobachten, so wenig als man das beobachten kann, was ausschließungsweise in dem thaͤtigen unkoͤrperlichen Wesen ist, welches man die Seele nennet. Man spricht, seitdem Hr. Bonner diesen Ton nicht zwar zuerst angestimmet, aber durch sein Beyspiel angenehm gemacht hat, von den Organen des Gehirns, nach einer Hypothese, wobey man aber doch nicht glauben sollte, es sey zugleich auch aus Beobach- tungen erwiesen, daß die Sache so sey, wie sie in unse- rer neuern Phraseologie vorgestellet wird. Nimmt man also den Gedanken aus der Searchischen Einkleidung her- aus, so haben wir nichts als die Fragen, die ich oben, so viel moͤglich, mit ihren eigentlichen Worten vorgetra- gen uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. gen habe. Jst naͤmlich die Empfindung des Angeneh- men, die eine innere Empfindung, von einer blos sub- jektivischen Seelenbeschaffenheit ist, eine nachfolgende Empfindung, wozu die Seele uͤbergehet, nachdem sie vorhero den Eindruck von dem Objekt selbst, es sey die- ses in uns oder außer uns vorhanden, schon gefuͤhlet hat? oder ist jene in dem Gefuͤhl der Sache selbst be- griffen, als eine ihm anklebende Beschaffenheit? Da, deucht mich, es lasse sich darauf leicht antworten. Die Empfindung des Gegenstandes ist in dem empfin- denden Wesen vorhanden, dessen Vermoͤgen auf eine gewisse Weise gestimmet ist. Dieß ist Beobachtung. Jener Eindruck wirket also auf seine bestimmte Weise, und bringt eine bestimmte Wirkung hervor, die zugleich, indem sie als Veraͤnderung in der Seele entspringet, auch ihre Eigenheiten an sich hat, wodurch sie zu einem Ob- jekt einer bestimmten Empfindung wird. Will man sich gewisse Fibern einbilden, so nimmt dieselbige Fiber, welche den Eindruck von dem Objekt empfaͤngt, in dem- selben Augenblick diesen Eindruck mit seiner bestimmten Beschaffenheit auf, welche er darum an sich hat, weil er eben auf diese so und nicht anders gestimmte Fiber in der bestimmten Maße auffaͤllt. Wie also die Kraft zu afficiren eine Beschaffenheit ist, die dem Eindruck an- klebet, so ist auch die Ruͤhrung oder Affektion, als die Wirkung von jener, eine Beschaffenheit, welche der Empfindung des Eindrucks als seiner Ursache beywoh- net. So stellet sich auch Hr. Bonnet die Sache vor. Es ist unnoͤthig, eine besondere Fiber zu erdichten, die das Afficirende des Eindrucks aufnehme, wenn der Ein- druck selbst von einer andern schon aufgenommen ist. Es ist ja nicht allein ein Ton; sondern es ist ein Ton in ei- nem bestimmten Verhaͤltniß gegen die Gehoͤrnerven, den ich hoͤre; es ist nicht blos eine Empfindung einer Sache; es ist eine bestimmte Empfindung von dieser Sache, die O 3 eine II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, eine gefallende oder mißfallende Empfindung, das ist ein Empfindniß ausmacht. Jn der Abstraktion kann das Ruͤhrende in einem Eindruck von dem Eindruck selbst abgesondert werden, wie die rothe Farbe von dem rothen Tuche; aber dennoch ist es nur eine Beschaffenheit des- selben. Dahero die Searchische Absonderung der Zu- friedenheitsfibern, von den Fibern, in denen die Vor- stellung der Zufriedenheit bringenden Sache sich befindet, unnoͤthig ist, ob sie gleich dazu dienen kann, das Eigene des Empfindnisses, als welches gleichfalls eine absolute Seelenmodifikation ist, von dem, was blos zu der Em- pfindung des Objekts gehoͤret, desto staͤrker und auffal- lender in dem Ausdruck zu unterscheiden. Man kann dieses auch noch deutlicher vorstellen, wenn man, wie einige es gethan haben, hiebey Gefuͤhle und Empfindungen von einander unterscheidet. Bishero ist der gesammte Eindruck, der von einem Gegenstand ent- springet, oder die gesammte Veraͤnderung, die in uns, in der Seele, durch irgend eine Ursache hervorgebracht, und dann gefuͤhlet wird, die Empfindung genennet worden. Diese Empfindung hat zwey Seiten; lasset uns solche unterscheiden. So ein gefuͤhlter gegenwaͤrtiger Eindruck, oder uͤber- haupt, so eine gefuͤhlte gegenwaͤrtige Modifikation, hat etwas an sich, das fuͤr uns als ein Zeichen von ihrer Ur- sache, als ein Bild von ihr, und als eine Vorstellung gebrauchet werden kann. Dieß ist es, was in uns, in ihrer Spur, die sie zuruͤck laͤsset, am meisten als das ihr zugehoͤrige bemerket wird, und was wieder hervor- gezogen ihre Wiedervorstellung ausmachet. Jn so weit ist sie eine Empfindung einer Sache. Es ist dieß das klaͤrere, am leichtesten erkennbare, und am leichte- sten zu reproducirende in dem gesammten Eindruck, das wir nicht sowohl fuͤr eine Beschaffenheit von uns selbst ansehen, uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. ansehen, als vielmehr fuͤr eine Abbildung eines Objekts, das wir dadurch zu empfinden glauben. Jn so ferne ist auch die gesammte Empfindung et- was gleichguͤltiges; sie ist keine Ruͤhrung; sie hat nichts Angenehmes oder Unangenehmes an sich. Sie unter- richtet nur den Verstand, und stellet ihm Gegenstaͤnde dar, die auf uns wirken. Aber es lieget in der gesammten gefuͤhlten Modifi- kation, die zum Empfindniß wird, noch etwas mehre- res. Es ist ein individueller Eindruck, davon der groͤßte Theil nur zusammen auf einmal dunkel gefuͤhlet, nicht aber auseinander gesetzt und entwickelt werden kann. Jn so ferne ist sie blos Gefuͤhl von einer Veraͤnderung in uns; und in so ferne ist sie auch nur eine Ruͤhrung. Wenn ich einen entzuͤckenden Ton hoͤre, oder eine lachen- de Gegend sehe, so ist das was ich fuͤhle und empfinde, theils eine Empfindung gegenwaͤrtiger Dinge, die ich mittelst einiger Zuͤge, welche in ihrer Wirkung auf mich enthalten sind, kennen lerne; theils aber ist es etwas, wovon ich weiter nichts weis, als daß es eine Veraͤn- derung in mir selbst sey, und es nicht so wie jenes auf aͤußere Gegenstaͤnde beziehe. Als Empfindung von ge- wissen Toͤnen und von gewissen Koͤrpern ist sie mir gleich- guͤltig; aber als eine Veraͤnderung von mir selbst, als ein Gefuͤhl hat sie das an sich, was sie zu einem Em- pfindniß macht, was angenehm oder unangenehm bey ihr ist. Unter den Empfindungen des koͤrperlichen Ge- fuͤhls bestehet der groͤßte Theil nur aus solchen verwirr- ten Gefuͤhlen. Die Empfindung von Hunger und Durst, von Staͤrke und Schwaͤche, von Wohlseyn und Uebel- seyn und dergleichen, sind mehr Gefuͤhle als Empfindun- gen in dieser Bedeutung. Von den Eindruͤcken, die auf den Geschmack und den Geruch wirken, laͤsset sich dasselbige sagen. Die Empfindungen des Gehoͤrs haben O 4 beide II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, beide Beschaffenheiten fast in gleichem Grade an sich; doch sind sie wohl mehr noch Gefuͤhle als Empfindun- gen von Gegenstaͤnden. Aber dagegen sind die Gesichts- empfindungen gewiß im Durchschnitt mehr Empfindun- gen als Gefuͤhle. Nach dieser Vorstellungsart kann man sagen; die Empfindnisse sind das was sie sind, nur in so ferne als sie Gefuͤhle sind, nicht in so ferne sie Empfin- dungen sind; und es fließet daraus die wichtige Folge, daß alle und jede Arten von Empfindungen im Anfang, wenn sie auf die junge Seele fallen, die es noch nicht ge- wohnt ist, zu unterscheiden und das Bildliche in ihnen auf die Objekte zu beziehen, von denen sie verursachet sind, pure Gefuͤhle, und also durchaus Ruͤhrungen, oder afficirende Empfindungen seyn muͤssen. Voraus gesetzt, daß sie nur die gehoͤrige Empfaͤnglichkeit besitze, um sol- che Modificirungen aufzunehmen. Wenn also manche Eindruͤcke fuͤr nichts weiter als fuͤr Abbildungen von den Objekten angesehen, und aus diesem Grunde gleichguͤl- tig werden, (denn das letztere koͤnnen sie auch sonst noch werden, ob sie gleich Gefuͤhle bleiben;) so hat dieß sei- nen Grund in der Reflexion, die sie bewirket, und zu Jdeen von Sachen machet. Dennoch ist die Beziehung der Empfindnisse auf die Empfindungen dieselbige, wie sie vorher angegeben wor- den ist. Der ganze gefuͤhlte Eindruck, in so ferne er an- genehm oder unangenehm ist, hat diese Beschaffenheit eben darum an sich, weil die gesammte individuelle Em- pfindung so etwas an sich hat, was sie zum Gefuͤhl ma- chet. Die Empfindung von dem Gefuͤhl unterschieden, ist hier zwar ein Theil des Ganzen, und man koͤnnte sa- gen, jene habe die Gefuͤhle mit sich verbunden. Allein wenn das Ganze, welches aus beiden bestehet, Empfin- dung heißt, so ist das, was sie zu einem Gefuͤhl und zu einer Ruͤhrung machet, eine Beschaffenheit derselben. Jndessen uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Jndessen will ich diese erwaͤhnte Unterscheidung nun wie- der bey Seite setzen, und die ganze gefuͤhlte Veraͤnderung eine Empfindung nennen, wie sie vorher geheißen hat. 2. Da entstehet nun eine andere Frage, ob das Ruͤh- rende in der Empfindung von der Empfindung der Sa- che selbst getrennet werden koͤnne? Es kann es nicht, woferne das Verhaͤltniß der empfindenden Kraft gegen den Eindruck nicht veraͤndert werden kann. Wenn die Eindruͤcke gleichguͤltig werden, die uns vorher lebhaft ruͤhrten, so haben entweder sie selbst oder die Empfaͤng- lichkeit der Seele sich veraͤndert. Eine solche Veraͤn- derung ist so gar waͤhrend der Empfindung in einigem Grade moͤglich. Wir koͤnnen, wie die Erfahrung leh- ret, unsere Empfindungswerkzeuge in einigen Faͤllen bis auf eine Grenze hin schlaffer machen, und gleichsam die Lebensgeister aus ihnen zuruͤcke ziehen; wir koͤnnen solche hingegen auch spannen, z. B. die Ohren spitzen. So etwas vermoͤgen wir auch uͤber unsere Empfindungs- vermoͤgen in dem Jnnern der Seele. Die Kraͤfte koͤn- nen in etwas willkuͤhrlich nachgelassen und angestrenget werden. Dadurch wird alsdenn ihr Verhaͤltniß zu dem Eindruck von dem Objekt, das ihnen vorlieget, um et- was veraͤndert, und die angemessene oder unangemessene Beziehung, wovon Lust oder Unlust abhaͤnget, befoͤrdert oder gehindert. Außerdieß koͤnnen andere Empfindun- gen, die staͤrker sind, erreget, und jene dadurch unter- druͤcket werden. Bis so weit, aber auch weiter nicht, erstreckt sich unsere Gewalt uͤber das Angenehme oder Unangenehme, das in den Empfindungen unmittelbar lieget. Aber es ist doch nicht außer acht zu lassen, daß diese bisher betrachtete Verbindung des Afficirenden mit der O 5 Em- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Empfindung des afficirenden Objekts nur eigentlich da statt findet, wo von Empfindungen die Rede ist, die fuͤr sich allein und unmittelbar jene Beschaffenheit, durch welche sie Empfindnisse sind, an sich haben. Die- selbigen Eindruͤcke bringen noch andere Veraͤnderungen hervor oder veranlassen solche, die man zu ihren natuͤrli- chen und unmittelbaren Wirkungen nicht rechnen kann. Solche Modificirungen, die nur mittelbar aus ihnen ent- stehen, und die sie veranlassen, die Reproduktiones der Phantasie, und die sich dadurch associirende wolluͤstige oder fuͤrchterliche Jdeen; dieses Kolorit der Empfindun- gen; die Aufwallungen der Triebe und Leidenschaften, die Ungedult und dergleichen Zusaͤtze und Ergießungen des Ruͤhrenden mehr, koͤnnen entweder zuruͤckgehalten, und die Empfindung in den Grenzen der Empfindung eingeschrenket, oder ihren freyen Lauf behalten und befoͤr- dert werden. Der Koch, der die Speise kostet, um sie zu beurtheilen, empfindet sie auf dieselbige Art, wie der Wolluͤstling, und findet sie seinem Geschmack gemaͤß, wie dieser. Allein dadurch, daß er seinem Gefuͤhl eine gewisse Spannung giebt, als ein Beobachter, um mehr das Eigene des Eindrucks gewahrzunehmen, als das Vergnuͤgen aus derselben in sich zu ziehen, so ist auch das Empfindniß in ihm nicht so lebhaft, obgleich die Em- pfindung als Empfindung schaͤrfer und feiner ist, als bey dem andern, der die Speise auf seiner Zunge laͤnger er- haͤlt, seine Fibern in die angemessenste Spannung gegen den Eindruck zu setzen suchet, sich dem Gefuͤhl des Wohl- geschmacks in dieser Lage uͤberlaͤßt, und die ganze kitzeln- de Wollust, die darinn lieger, heraus zu saugen weiß. Bey dem ersten ist die Empfindung mehr Empfindung des Gegenstandes; bey dem letztern ist sie mehr ein Ge- fuͤhl. Die Wunde schmerzet, wenn anders natuͤrliche Empfindlichkeit vorhanden ist. Dieß ist nicht abzuaͤn- dern; aber Gedult und Staͤrke der Seele kann den Schmerz uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Schmerz mindern oder unterdruͤcken, oder ihm seinen Stachel nehmen. Posidonius mußte die Gichtschmerzen als wahre physische Schmerzen fuͤhlen, und Epictet sei- nen Beinbruch. Aber das vermochte die durch Weis- heit, und stoischen Eigensinn gestaͤrkte Seele, daß das Gefuͤhl mehr in den Grenzen des bloßen gegenwaͤrtigen Gefuͤhls eingeschlossen; und von der Phantasie, von dem Herzen, dem Triebe und Bestrebungen, wodurch die Un- ruhe vermehret wird, abgehalten wurde. Die Em- pfindung kann zur Vorstellung gemacht und mit der Denkkraft bearbeitet werden, und dadurch wird sie gewis- sermaßen aus der Seele zuruͤckgeschoben, und als ein Gegenstand der Beobachtung vor ihr hingestellet. Ue- berdieß kann die innere Selbstthaͤtigkeit der Seele maͤch- tige Quellen entgegengesetzter Empfindungen eroͤfnen, um jene Schmerzen zu uͤberstroͤmen; und endlich, koͤn- nen selbst die Empfindungskraͤfte gestaͤrket werden, so daß die Disproportion zwischen ihnen und zwischen den auf sie wirkenden Objekten und also auch der wahre phy- sische Schmerz, selbst das Gefuͤhl als Gefuͤhl in etwas veraͤndert wird. Alle diese Wirkungen, die man in he- roischen Seelen antrift, und die entgegengesetzten, die man bey schwachen, und kleinmuͤthigen Personen ge- wahr wird, erklaͤren sich nun so zu sagen von selbst aus der angegebenen Beziehung, in der die Empfindnisse auf die bloßen Empfindungen der Gegenstaͤnde stehen. VI. Wei- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, VI. Weitere Betrachtung uͤber die Natur der Em- pfindnisse. 1) Unterschied zwischen ruͤhrenden Empfindun- gen und ruͤhrenden Vorstellungen. 2) Von urspruͤnglich fuͤr sich afficirenden Em- pfindungen. Von der Ueberleitung des Ge- fallens und Mißfallens von einer Sache auf eine andere. 3) Pruͤfung des Systems von dem Ursprung aller Empfindnisse aus aͤußern Empfindun- gen. Unterscheidungskennzeichen der ur- spruͤnglich fuͤr sich afficirenden Empfindun- gen von solchen, die nur durch die Uebertra- gung oder durch die Jdeenassociation es sind. 4) Die Untersuchung uͤber die urspruͤngliche Empfindnisse wird fortgesetzet. Jn welcher Ordnung die natuͤrliche Empfindsamkeit sich offenbaret. 1. W ir koͤnnen alles, was bey der Seele beobachtet wird, unter die beiden allgemeinen Klassen hin bringen. Es gehoͤret entweder zu den Vorstellungen, das ist, zu den Modifikationen, die sich auf andere schon vorher- gegangne, wie hinterlassene Spuren von ihnen, be- ziehen, oder zu den uͤbrigen, die dergleichen Beziehun- gen auf andere nicht haben, sondern sich in uns als neue Abaͤnderungen unsers Zustandes eraͤugnen, wohin denn alle Arten des Thuns und Leidens der Seele gezogen wer- den muͤssen. Diese Abtheilung ist zwar nur aus dem Groben uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Groben gemacht, und sehr unbestimmt, aber sie hat vor- her in dem Ersten Versuch uͤber die Vorstellungen schon ihre guten Dienste gethan, und es kann auch hier wie- derum Gebrauch von ihr gemacht werden. Alle beide Gattungen von Modifikationen koͤnnen Gegenstaͤnde des Gefuͤhls seyn, und als gegenwaͤrtige empfunden werden. Alsdenn sind sie Empfindungen. Beide Arten koͤn- nen auch ihr Afficirendes an sich haben, und haben es, und sind in so weit Empfindnisse, oder koͤnnen es seyn. Will man aber, nach dem Beyspiel anderer Psycholo- gen, unter dem Wort Empfindungen nur solche in uns vorhandene Modifikationes befassen, die empfun- den werden, und nicht zu den Vorstellungen gehoͤren, so ist das was in uns gefuͤhlet wird, entweder eine Em- pfindung oder eine gefuͤhlte Vorstellung. Alsdenn haben wir auch eine zwiefache Art von Empfindnissen; nemlich ruͤhrende Empfindungen und ruͤhrende Vorstellungen, und eine zwiefache Empfindsamkeit so wohl in Hinsicht jener, als in Hinsicht dieser. Die letz- tere ist es wohl, worauf die mehresten bey dem Gebrauch des Worts Empfindsamkeit am meisten Ruͤcksicht neh- men. Wenn jemanden ein empfindsames Herz zuge- schrieben wird, so ist es mehr die Aufgelegtheit, von Vorstellungen geruͤhret zu werden, als von Empfin- dungen, die man ihm beyleget. Das ist nicht viel Em- pfindsamkeit, wenn ein Mensch aus den Eindruͤcken der groͤbern Sinne die darinn liegende Wollust heraussaugen; das Delicate einer Speise, das Angenehme der Wohl- geruͤche vorzuͤglich aufnehmen kann. Merklicher ist sie schon bey dem, der die Harmonie der Toͤne, und die Schoͤnheiten des Gefuͤhls, die von feinerer Art sind, zu genießen weiß. Noch mehr werden wir den empfindsam nennen, welcher die innern Thaͤtigkeiten der Seele im Vorstellen, im Denken, die Triebe und Regungen des Herzens, die Selbstbestimmungen des Willens nicht gleich- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, gleichguͤltig empfindet. Alsdenn ist aber Empfindsam- keit am auffallendsten, wenn das Afficirende in den Vor- stellungen, in diesen feinern wiederzuruͤckkehrenden Modifikationen auf sie wirken kann. Diese letztere Em- pfindsamkeit in Hinsicht auf Vorstellungen hat an der ge- sammten menschlichen Empfindsamkeit den wesentlichsten und wichtigsten Antheil. Man mag es mit den Worterklaͤrungen einrichten, wie man will. Aber fuͤr mich will ich in diesem Absatz bey den zuletzt bestimmten Redensarten bleiben, und die ruͤhrende Empfindungen mit den ruͤhrenden Vorstellun- gen vergleichen. Wie die letztern ruͤhrend werden, und woher sie diese Kraft empfangen, das laͤsset sich alsdenn erst erklaͤren, wenn es vorher gezeiget ist, wie und mit welchen Empfindungen das Affieirende urspruͤnglich ver- bunden ist. Die Empfindnisse aus Vorstellungen sind abgeleitete Saͤfte von den afficirenden Empfindungen her; es entstehet also die Frage, in welchen Arten von Empfindungen das Afficirende urspruͤnglich vorhanden sey? Wo ist die Seite der Seele, an der sie den ersten Stoff ihres Wohls und Wehs aufnimmt, und von der solcher uͤber die ganze Seele verbreitet, vertheilet und ernaͤhret wird? 2. Es giebt urspruͤnglich angenehme und unan- genehme Zustaͤnde und Eindruͤcke auf uns. Diese erregen ein Gefallen oder Mißfallen fuͤr sich allein, ohne daß es einer Dazwischenkunft anderer bedoͤrse, die et- wann in der Empfindung oder in der Reproduktion mit ihnen verbunden sind. Es giebt ruͤhrende Empfin- dungen von außen, die es fuͤr sich sind, wie z. B. die Ergoͤtzungen des Gehoͤrs, des Gefuͤhls, des Gesichts, des Geschmacks und des Geruchs, und die ihnen entge- gengesetzten Eindruͤcke. Die Wirkung, die sie auf uns hervor- uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. hervorbringen, gehoͤret ihnen unmittelbar, und ihnen selbst fuͤr sich zu; worinn auch ihre wirkeude Kraft liegen moͤge: Denn wir koͤnnen bey ihnen wohl noch weiter fra- gen, worinn ihr Vergnuͤgendes oder Schmerzendes be- stehe, aber wir koͤnnen nicht fragen, aus welchen andern und fremden Modifikationen das Afficirende in sie uͤber- getragen werde? Von allem oberwaͤhnten will ich dieß letztere nicht behaupten. Viele Empfindungen des Ge- sichts, des Gehoͤrs und selbst Geschmacks-und Geruchs- arten moͤgen fuͤr sich allein ganz gleichguͤltige Eindruͤcke seyn, und nur durch die Verbindungen mit fremden Jdeen und Empfindungen ruͤhrend werden, deren afficiren- de Kraft sich uͤber jene hingezogen und mit ihnen ver- bunden hat. Hr. Search nennet dieß eine Uebertra- gung der Empfindungen, oder der Empfind- nisse. Es ist zuverlaͤssig, daß viele unserer aͤußern Em- pfindungen nur Empfindnisse durch eine solche Uebertra- gung sind. Dennoch ist es doch auch gewiß, daß es urspruͤng- lich afficirende Empfindungen gebe, daß die Musik, der Anblick glaͤnzender Sachen — die aller Menschen Her- zen, bis auf der dummsten Wilden ihrer in eine ange- nehme Wallung bringen, woferne nur nicht fremde Hin- dernisse ihrer Wirkung entgegenstehen — daß, sage ich, diese und andre aͤhnliche ihr Angenehmes fuͤr sich ei- genthuͤmlich besitzen. Dieß sind die ersten Quellen, aus denen die Empfindnisse hervordrengen. Jn einem andern Sinn kann man allerdings sagen, es komme auch bey diesen urspruͤnglichen Empfindnissen doch noch auf etwas mehr an, als auf die pure Empfin- dung der Sache, und als auf den puren Eindruck. Au- ßer dem Objektivischen in den Dingen wird noch et- was Subjektivisches erfodert, weil die Wirkung eine ge- wisse Beziehung des Eindrucks auf das empfindende We- sen voraussetzet. Zu diesem Subjektivischen gehoͤret auch II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, auch in vielen Faͤllen ein Vorrath von Vorstellungen und Jdeen, der in der Seele vorhanden sey muß, ehe die er- foderliche Empfaͤnglichkeit und Empfindsamkeit vorhan- den ist. So sehen wir an den zarten Kindern, daß sie in Hinsicht vieler Eindruͤcke von außen unempfindlich und gefuͤhllos sind, in Vergleichung mit dem Grade von Em- pfindlichkeit, den sie nachhero erlangen. Sie hoͤren die eindringendeste Musik; man sieht sie davon geruͤhret, aber bey weitem nicht so, wie in dem folgenden Alter, wenn ihre Empfindsamkeit sich mehr entwickelt hat. Jn dem Fall, wovon hier die Rede, wird es vorausge- setzet, daß die erfoderliche Empfaͤnglichkeit in der Seele vorhanden sey. Wenn alsdenn harmonische Toͤne gefal- len, so ist es das Objektivische, in der Empfindung, so viel nemlich von der Einwirkung des Objekts abhaͤnget, was die Gemuͤthsbewegung hervorbringet, indem es auf die Empfindungskraft und den sonstigen Zustand der Seele auf eine angemessene Art zuwirket. Da ist also keine fremde Sache, kein fremder Eindruck, etwann eine Empfindung des Geschmacks, der mit jener Ge- hoͤrsempfindung verbunden seyn, und ihr eine afficiren- de Kraft mittheilen doͤrfe. Wenn einem Liebenden der Weg angenehm ist, der zu der Wohnung seiner Gelieb- ten hinfuͤhret, so sieht man bald, daß dieß Gefallen an ei- ner Art gleichguͤltiger Sachen anders woher entstehet; aber man kommt doch, wenn man weiter fortgehet, end- lich auf Empfindungen, die fuͤr sich selbst allein gefallen, und Grundempfindnisse, oder Grundruͤhrungen sind. Aber nun in dem ganzen Jnbegrif der menschlichen Empfindungen — und ich erinnere es hier von neuen, daß ich alle Arten von Modifikationen der Seele, die in uns gefuͤhlt werden, nur Vorstellungen ausgenommen, darunter begreife — welche Empfindnisse sind denn ur- spruͤngliche Grundempfindnisse? dieß ist die vielbedeu- tende uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. tende Frage, bey der die verschiedenen Meinungen der Philosophen uͤber die Natur des menschlichen Wohls, uͤber dessen erste Quelle, und uͤber die Wuͤrde und den Werth desselben von einander abgehen. Welche Arten von Empfindungen sind es nemlich, die urspruͤnglich an- genehm oder unangenehm sind? und welche sind es nur durch die Uebertragung, oder durch die Mittheilung ge- worden? Sind es die aͤußern sinnlichen Empfindun- gen des Gesichts, des Gehoͤrs, des Geschmacks, des Geruchs und des Gefuͤhls, welchen die Wollust oder der Schmerz fuͤr sich allein urspruͤnglich anklebet? Dieß ist das bekannte System des Helvetius, das auch von andern angenommen ist; das nur etwas verfeinerte Sy- stem von der blos thierischen Gluͤckseligkeit des Menschen. Die moralischen Empfindungen gutthaͤ- tiger Triebe, das Gefuͤhl der Menschenliebe, das Mit- leiden, und die Ergoͤtzungen aus der Beschaͤftigung des Verstandes sind wollustvolle Empfindungen, auch nach den Grundsaͤtzen des Epikurs. Aber woher haben sie diese Beschaffenheit? Jst es ihr eigner Saft, der in ihnen abgesondert und zubereitet wird, oder muß er ih- nen anders woher zugefuͤhret werden, und zwar von den aͤußern Empfindungen des Koͤrpers, dessen Quelle also sogleich versieget, wenn die aͤußern Empfindungen ihn nicht mehr zufuͤhren? Lebet der Mensch nur von dem Genuß dessen, was aus den aͤußern Empfindungen in seine Vorstellungen uͤbergeleitet ist, so wird das, was den Archimedes an seine Betrachtungen fesselte, die inni- ge bis in das Mark der Seele dringende sanfte Lust, die mit dem ungehinderten Fortgang in der Erkenntniß, mit der Nachforschung und der Entdeckung der Wahrheit verbunden ist, die Wollust, die der Menschenfreund fuͤhlet, der den Nothleidenden vom Elende befreyet hat, welche auch in der Wiedererinnerung das Herz naͤhret und groß machet; so werden alle diese intellektuellen I. Band. P und II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, und moralischen Empfindnisse fuͤr sich selbst nichts an sich haben, was sie so reizend macht. Jn jedem Fall soll eine angenehme aͤußerliche koͤrperliche Empfindung, entweder in der Phantasie oder in der Empfindung, mit den innern Gefuͤhlen vergesellschaftet seyn, oft ohne daß wir diese gewahrnehmen, und dadurch sollen sie das An- ziehende erhalten, das uns mit einer Art von Leidenschaft gegen sie erfuͤllet. Die koͤrperlichen Vergnuͤgungen sind der Nervensaft, der alle uͤbrige Empfindungen und Vor- stellungen belebet, ohne welche diese nichts als eine todte Masse seyn wuͤrde. Die dieser entgegengesetzte Hypothese ist edler. Die- ser zufolge hat jedwede Art von Veraͤnderungen und Thaͤ- tigkeiten, die uns ein Gefuͤhl unserer Realitaͤt gewaͤhren, eine eigene urspruͤnglich ruͤhrende Kraft in sich. Ein ungehindertes Denken ohne Gefuͤhl von Schwaͤche, ein maͤchtiges Wollen und Wirken ist allein fuͤr sich ein ur- spruͤnglich angenehmer Zustand, ohne Ruͤcksicht auf die begleitende Empfindungen oder Vorstellungen, die ohne Zweifel ihre bewegende Kraft mit jener ihren vereinigen. Nach dem ersten System sind es blos die thierische; nach dieser letztern auch die geistigen Modifikationes, wel- che zu der ganzen Masse des Wohls und der Gluͤckse- ligkeit in der Seele ihren Antheil beytragen. 3. Ohne mich in das weitlaͤuftige Besondere der Be- obachtungen hieruͤber einzulassen, will ich nur einige all- gemeine Anmerkungen hinzufuͤgen, die meine jetzige Ab- sicht zulaͤsset und zum Theil erfodert. Die erst erwaͤhnte Meinung ist einer andern theoreti- schen Hypothese einiger Philosophen von dem Ursprung aller Vorstellungen aus den aͤußern Sinnen aͤhnlich, und beruhet auch eben so, wie diese letztere, auf einseitigen Beobachtungen und auf unbestimmten Begriffen. Man sehe uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. sehe den Menschen nur von allen Seiten an, wo man zu ihm kommen kann, so wird es, des blendenden Schmucks ohnerachtet, in dem Helvetius seine Jdeen aufgestellet hat, doch bald sichtbar werden, daß der An- schein von Simplicitaͤt in dieser Lehre am Ende in den Mangel eines vollstaͤndigern Begrifs von dem Menschen, seinen Grund habe; ein Mangel, der sich uͤberall findet, wo man diesen vielbefassenden Gegenstand nicht aus mehr als Einem Gesichtspunkt zu beobachten suchet. Jch will weder die Searchische Uebertragung des Vergnuͤgens laͤugenen, noch der Hartleyischen, von verschiedenen andern auch deutschen Philosophen aufge- nommenen Association ihre Wirkungen absprechen, die man ihnen nach den Beobachtungen zuschreiben muß; aber beide sind zu schwache Erklaͤrungsmittel, wenn sie angewendet werden sollen, die Ableitung alles Vergnuͤ- gens und Verdrusses aus den aͤußern Empfindungen, als aus ihrer ersten und einzigen Quelle zu bestaͤtigen. Es gehet ohne Zweifel ein solches Spiel in dem mensch- lichen Herzen vor, als diese Beobachter wahrgenommen haben. Der Mensch suchet anfangs das Geld, wenn er den Nutzen davon gelernet hat, um dieses Nutzens, das ist, um der sinnlichen Vergnuͤgungen willen, um so manche Beduͤrfnisse befriedigen, so manche Leidenschaf- ten stillen zu koͤnnen, wozu es ein maͤchtiges Mittel ist. Aber der Mann, den die Erwerbung dieses Mittel Muͤ- he machet, verlieret sich in dem Mittel, vergißt die Ab- sicht, und machet sich den Besitz des Mittels und sogar seine Bemuͤhung, um zu dem Mittel zu gelangen, zu ei- ner Quelle von Vergnuͤgen. Die Einbildungskraft traͤ- get die Lust, welche sonsten nur mit dem erreichten End- zweck unmittelbar verbunden ist, auf die Vorstellungen von dem Mittel und von dem Erwerb desselben hinuͤber, und weiß sie dem letztern so fest einzuverleiben, als wenn sie urspruͤnglich ihnen zugehoͤrte, oder mit ihnen von Natur P 2 verbun- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, verbunden waͤre. So etwas aͤhnliches finden wir fast in allen Begierden und Leidenschaften. Aber ich glaube nicht, daß eine solche Uebertragung die ganze Wirkung, die in dem Herzen des Geizigen vorgehet, voͤllig erklaͤre, wie sich hernach zeigen wird. Es ist hiebey auch nicht zu uͤbersehen, daß die Ab- leitung des Vergnuͤgens von einer Sache zu einer an- dern, auf eine ganz andere Art geschehe, wenn die bloße Uebertragung des Hrn. Searchs statt finden soll, als sie nach der Jdeenassociation des Hrn. Hartley vor sich gehet. Hr. Search stellet sich die Sache so vor. Mit der Jdee einer Absicht ist ein Vergnuͤgen verbunden, darum weil es mit der Empfindung oder mit dem Genuß des Guten verbunden ist, das man sich zur Absicht oder zum Zweck gemacht hat. Dieß Ver- gnuͤgen nun, welches der Vorstellung von der Absicht einverleibet ist, soll sich mit der Jdee von dem Reich- thum, als von dem Besitz des Mittels unmittelbar ver- binden, und dann mit dieser letztern in solchen unmittel- baren Verbindungen erhalten werden, ohne daß die Vor- stellung von der Absicht, die anfangs die Mittelidee war, welche sie vereinigte, nun ferner zwischen ihnen liegen, und weiter dazu beywirken doͤrfe. Nach dem Associa- tionssystem hingegen, soll die Jdee von der Absicht immer dazwischen liegen und wirken. Sie ist es, wel- che das Angenehme mit sich zunaͤchst vereiniget hat, und sie behaͤlt es auch bey sich. Aber da sie mit einer an- dern Jdee, nemlich mit der von dem Mittel selbst ver- bunden ist, so verknuͤpset sie mit dieser letztern das Ver- gnuͤgen als eine Mittelidee. Wenn nun gleich die oͤfters erneuerte und lebhastere Vorstellung von dem Mittel die Vorstellung von der Absicht unterdruͤcket, und kaum mehr als gegenwaͤrtig sie bemerken laͤßt, so ist die letztere den- noch in dem innern Grunde der Seele gegenwaͤrtig, und wirket. Die Association des Vergnuͤgens an der Vor- stellung uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. stellung von dem Gelde ist also immer abhaͤngig von der sie verbindenden Vorstellung der Absicht, und diese Ver- bindung mußte aufhoͤren, wenn die letztere gaͤnzlich aus der Seele sich verlieren wuͤrde. Daher sind es auch die- selbigen Vorstellungen von dem, was man mit dem Gel- de machen kann, will und wird, und die naͤmlichen Hof- nungen auf das Vergnuͤgen, das man sich von dem Gebrauch desselben verspricht, die noch immer fort die Begierden des Geizhalses reizen, und noch immer die Quelle seiner Lust sind, womit er sich, es zu erwerben, be- muͤhet, so wie sie es das erstemal gewesen sind. Und wenn nun gleich diese Lust mit der Jdee von dem bloßen Besitz, und mit dem bloßen Anblick des Metalls unmit- telbar scheint verknuͤpfet zu seyn, so kommt dieß nur da- her, weil der Gedanke, das Geld zu gebrauchen, unter- druͤcket wird. Hierinn ist viel richtiges. Daß eine Jdee eine ganze Reihe anderer klaren Jdeen in der Phan- tasie herguffuͤhren, und vorige Empfindungen mit Leb- haftigkeit wieder erneuren koͤnne, ohne selbst deutlich ge- nug wahrgenommen zu werden, ist etwas, worauf so viele psychologische Erfahrungen hinfuͤhren, daß es nicht bezweifelt werden kann. Aber muß deßwegen in allen Faͤllen die ruͤhrende Jdee gegenwaͤrtig seyn, wo sie das erstemal es hat seyn muͤssen? Wenn man auf die Art und Weise zuruͤck siehet, wie neue Verknuͤpfungen der Jdeen in uns entstehen, so erkennet man deutlich, es sey nicht unmoͤglich, daß eine eigentliche Uebertragung des Vergnuͤgens, oder eine unmittelbare Verbindung desselben, mit Vorstellungen, mit denen es sonsten nur mittelbar verbunden gewesen ist, in vielen Faͤllen statt finde, wie Search es angenommen hat. Was Hr. Search eine Uebertragung nennet, hat, ehe sein Buch bekannt geworden ist, Hr. Garve, mit sei- nem gewoͤhnlichen Scharfsinn und mit philosophischer Deut- P 3 Es II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Es sey aber gleichviel, wie die Ableitung des Ver- gnuͤgens geschehe, so kommt es darauf an, ob solche die obgedachten Phaͤnomene vollstaͤndig zu erklaͤren hinreiche? Ob nicht in so vielen Faͤllen dieser Art eine neue Quelle von Vergnuͤgen hinzu komme, die selbst in der Arbeit, in dem Bestreben und in der Thaͤtigkeit lieget, womit man die Absicht zu erreichen suchet? Jch will die Ab- leitung des Vergnuͤgens wirken lassen, was sie kann, und ihre Macht nicht verkennen, wo die Erfahrung sie zeiget. Deutlichkeit in der vortreflichen Schrift: uͤber die Neigungen, erklaͤret, und auch schon derselben Be- nennung sich bedienet. Warum die Reihe der Vorstel- lungen, von der vom Besitz des Geldes an, bis zu der Jdee von dessen Genuß, in der Phantasie des Geizigen so zu sagen abgeschnitten, und die Seele bey der Vor- stellung von dem Gelde, als der letzten stehen bleibet, und Vergnuͤgen, Bedoͤrfniß und Begierde daran hef- tet, davon ist auch ein naturlicher Grund in dem Ge- setz der Reproduktion, „daß, wenn viele Jdeenreihen „Eine Vorstellung, als einen gemeinschaftlichen Punkt „haben, auf welchen die Seele bey der Reproduktion „kommen muß, wenn sie zu jenen dahinter liegenden „Reihen hin will, sie gemeiniglich bey jenem Punkt, „als bey einem Endpunkt stehen bleibet.‟ Denn eben weil viele verschiedene Reihen fast gleich stark an dieser gemeinschaftlichen Vorstellung anliegen, so kann sie sol- che nicht alle zugleich erwecken, und wird daher aufge- halten, und steht still. Es muß eine oder die andere von den nachfolgenden associirten Reihen vorzuͤglich leb- haft seyn, wenn die Einbildungskraft ihr weiter nach- gehen soll. So ein gemeinschaftlicher Punkt mehrerer Reihen, ist die Vorstellung von dem Gelde in dem Kopf des Geizigen. Jch beziehe mich auf dieselbige Garvi- sche Schrift in Hinsicht der Frage, die hier gleich nach- folget. Es wuͤrde uͤberfluͤßig seyn, auch die uͤbrigen mit jener zugleich herausgekommenen Abhandlungen, bey dieser ganzen Betrachtung als nuͤtzlich und vortref- lich zu empfehlen. uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. zeiget. Die Phantasie ist eine große Zauberinn; sie verwandelt duͤrre Sandwuͤsten in Paradiese, und elende Huͤtten in Pallaͤste; aber mit großer Einschraͤnkung. Vermag sie deswegen alles? sollte nicht starkes Gefuͤhl und Beobachtungsgeist, in vielen Faͤllen wenigstens, es zu unterscheiden wissen, ob die Farbe einer gewissen Em- pfindung nur ein Wiederschein von einer andern Em- pfindung sey, den die Phantasie auf jene zuruͤck wirft; oder ob sie der Empfindung eigenthuͤmlich zugehoͤre? Da will ich einen jeden Beobachter selbst durch sein Gefuͤhl entscheiden lassen. Nur betrachte man vorher die beiden Arten von Affektionen, jede besonders, die urspruͤnglichen und die abgeleiteten, nebst den Man- nigfaltigkeiten des Geschmacks, und dessen Abwechselun- gen; und was das Wesentliche ist, so nehme man Ruͤck- sicht auf das, was von der afficirenden Kraft durch an- dere Beobachtungen außer Zweifel gesetzet worden ist. Die Phantasie und Dichtkraft moͤgen uns auch in unsern aͤußern simpeln Empfindungen mitspielen. Allein so wenig sie das Unterscheidungszeichen wahrer Empfin- dungen uns ganz entreißen koͤnnen, wenn sie gleich in un- zaͤhligen Faͤllen es zweifelhaft machen, ob Empfindung oder nur Vorbildung da ist, so wenig werden sie uns auch das Kennzeichen wegnehmen, an dem wir es wis- sen koͤnnen, ob das Ruͤhrende einer Empfindung selbst fuͤr sich zukomme, oder ob es aus einer andern Em- pfindung in sie hineingetragen worden sey, oder jetzo hin- eingetragen werde? Es ist wahr, ein lebhafteres und staͤrkeres Vergnuͤ- gen unterdruͤckt einen mattern und schwaͤchern Verdruß; und dieser kann jenes wuͤrzen und schaͤrfen. Alsdenn wird der Verdruß gemeiniglich fuͤr sich selbst als Verdruß bemerket; aber auch oͤfters unterdruͤckt ihn die entgegen- gesetzte Bewegung gaͤnzlich, und macht ihn unbemerk- bar. Am leichtesten nehmen die an sich gleichguͤltigen P 4 Eindruͤcke II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Eindruͤcke die Farbe von den afficirenden an, die mit ihnen verbunden sind. Jndessen siehet man, wenn gleich ein wirklich vorhandener Schmerz uͤber eine gute Gesell- schaft vergessen wird, so ist doch nichts mehr noͤthig, als daß unser Gefuͤhl durch irgend eine Veranlassung auf den Schmerz wieder hingelenket werde, um ihn von neuen zu fuͤhlen. Der beschwerliche Weg zu der Spitze von dem Aetna behaͤlt doch immer sein Beschwerliches und sein Mißfallendes, obgleich der Reisende um der reizenden Aussicht willen, die er oben antrift, jenes we- nig achtet. Jn solchen Beyspielen, wo die Nebenem- pfindung, sie sey gleichguͤltig, oder afficirend, und der herrschenden Empfindung entgegen, fuͤr sich allein beson- ders beobachtet werden kann, da hat sie ihre Gleichguͤl- tigkeit oder ihre eigene ruͤhrende Gegenkraft durch die Ueberwucht der herrschenden Empfindung niemals ver- loren. Es waͤre denn, was in einigen Faͤllen geschehen kann, daß zugleich der erstern ihr eigenes inneres Ver- haͤltniß auf die Empfindungskraft veraͤndert und sie also selbst nun zu einer fuͤr sich afficirenden und der herrschen- den aͤhnlichen Empfindung gemacht worden sey. Wenn man erwaͤget, auf wie viele und mannigfaltige Arten eine solche Umaͤnderung moͤglich sey, so wird man eben so geneigt werden, in Faͤllen, wo das Gleichguͤltige und Unangenehme angenehm geworden zu seyn scheinet, so- wohl eine wirkliche innerliche Umaͤnderung des Empfind- nisses anzunehmen, als solches aus einer Uebertragung des Vergnuͤgens von einer andern Empfindung her zu erklaͤren. Es ist zu vermuthen, daß jene Ursache eben so haͤufig als die letztere, bey den Veraͤnderungen des Geschmacks an einerley Dingen mit im Spiel sey. Eine unzaͤhlige Menge von Gegenstaͤnden hat eine leicht veraͤnderliche Beziehung auf unsre Empfindungs- vermoͤgen. Die wirklichen Empfindungen von ihnen koͤnnen bald gleichguͤltig, bald angenehm, bald unange- nehm uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. nehm seyn, oder eins nach dem andern werden, obgleich die Objekte und die Eindruͤcke von ihnen, von einer Sei- te als Empfindungsbilder betrachtet, dieselbigen blei- ben. Es haͤngt oͤfters nur davon ab, daß sie um einen Grad lebhafter und staͤrker, oder auch matter und schwaͤ- cher werden; oft davon, daß sie mehr von der Einen, als von der andern Seite des Objekts uns auffallen; oft davon, daß unsere Empfindungskraft bald mehr, bald weniger frey und allein wirket, bald mit frischer Kraft, bald mehr ermattet, bald staͤrker bald schwaͤcher gespan- net ist, wenn sie den Eindruck aufnimmt, und sich mit ihm beschaͤftigt. Wie oft ist das, was nur obenhin angesehen, nichts verspricht, das Herz kalt und den Willen ruhig laͤsset, genauer beschauet und befuͤhlt, vel- ler Reize, voller Unterhaltung, Vergnuͤgen, Jnteresse. Wie manche Sache hat ihre gute und boͤse Seite zu- gleich; ihre vergnuͤgende und ihre verdrießliche. Die Dinge gefallen oder mißfallen, je nachdem sie mit ihren Eindruͤcken den rechten Zeitpunkt in uns treffen. Die Neuheit ist allemal eine Ursache vom Angenehmen, und benimmt auch den widrigen Empfindungen etwas von ihrem Beschwerlichen. Die angenehmsten Empfin- dungen werden uns gleichguͤltig, und bringen am Ende, wenn das Organ durch ein anhaltendes Einerley ermuͤ- det ist, Ueberdruß und Ekel hervor. Dieses alles aͤn- dert das Verhaͤltniß der Eindruͤcke gegen die Empfin- dungskraft, und aͤndert also auch das Empfindnißbare in ihnen. Die Liebe zum Gewohnten, welche mit dem Hang zur Abwechselung sich wohl vertraͤget, machte je- nem Gefangenen seinen finstern Kerker angenehmer, als die ihn angebotene freye und lichte Wohnung. Einige Veraͤnderung verlanget die Kraft, die durch das Einer- ley stumpf geworden ist; aber eine zu große Veraͤnderung scheuet sie, das ist, eine solche, die ihr Gewalt thut und Schmerzen verursachet; welches um desto eher moͤglich P 5 ist, II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, ist, je mehr sie durch eine zu lange Gewohnheit auf eine gewisse Art zu handeln, etwas steif und ungeschmeidig zu neuen Abaͤnderungen in derselben geworden ist. Jch wiederhole es; ich laͤugne die Wirkungen der Association und des Uebertragens nicht. Es werden manche Empfindungen allein ruͤhrend durch die Affektion, die von den vergesellschafteten fremden Empfindungen ih- nen zugefuͤhret wird. Das vergnuͤgte Herz freuet sich uͤber jedes, was sonst gleichguͤltig ist. Die innere Hei- terkeit der Tugend und Weisheit verbreitet sich uͤber alles, was um den Menschen ist. Wir finden Sachen angenehm, und sie bleiben es auch auf eine Weile nachher allein darum, weil mit ihrer ersten Empfindung aus der Fuͤlle des Herzens her eine Freudigkeit sich vergesellschaf- tete, die ihnen noch nachher in der Reproduktion ankle- bet. So eine afficirende Kraft war nur uͤbergetragen. Das Vaterland, der Ort, wo wir erzogen sind, die Stelle, wo wir uns oͤfters gut befunden haben, behal- ten diesen Schimmer noch lange in der Zukunft. Dem Saͤufer wird auf einige Zeit sein Lieblingsgetraͤnk ver- leidet, wenn ihm ein Vomitiv durch selbiges beygebracht ist. Aber mich deucht, wo das Vergnuͤgen oder der Verdruß in einer Empfindung nur anders woher mit ihr verbunden und in sie uͤbergetragen ist, und also in ihr selbst keinen innern Grund hat, da zeige sich solches deutlich und am meisten an der Staͤrke und Dauerhaf- tigkeit, in der es mit ihr vereiniget bleibet. Die Ruͤh- rung, welche die Einbildungskraft mittelbar oder unmit- telbar der Empfindung zusetzet, ist doch nur eine repro- ducirte Affektion, nur eine Vorstellung, die nicht in dem Grade ruͤhrend ist, als wenn sie aus der gegenwaͤrtigen Empfindung selbst entspringet. Ein Saͤufer findet das ihm verleidete Getraͤnk nach einiger Zeit doch wieder schmackhaft. Die Vorstellung vom Vaterlande, die Jdee von dem Ort, dem Hause, dem Felde, wo die sorgen- uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. sorgenlose frohe Jugendzeit durchgelebet ist, machet frey- lich noch einen Eindruck auf das Gemuͤth, der seine Ur- sache in den ehemaligen Empfindungen hat, deren Erin- nerung sich mit der gegenwaͤrtigen Empfindung verbin- det; aber wenn die letztere so stark ruͤhret, sollte nicht wohl ihre groͤßte Kraft auf das Herz in ihr selbst liegen, und daher kommen, weil man empfindet oder sich vor- stellet, daß der Aufenthalt daselbst noch jetzo eine Quelle von Vergnuͤgen sey? Wenn der Name des Vaterlan- des den Griechen und Roͤmer in Enthusiasmus setzte, so war es daher, weil er sonsten nirgends, als da, die Be- friedigung seiner thaͤtigen Triebe, wenigstens nicht in der Maße zu der Zeit noch, da ihn diese Jdee ruͤhrte, antraf. Es war ihm also sein Vaterland nicht nur vorhero angenehm gewesen, sondern es war ihm noch jetzo ein Gut, ein Gluͤck, eine Ursache von Zufriedenheit und Vergnuͤgen. Wo dieser letztere Umstand fehlet, da be- haͤlt das Andenken des Vaterlandes noch wohl einen schwachen Schein von seiner vorigen Farbe; aber das Leben der Jdee ist dahin, und sie entzuͤckt nicht mehr. Es wird patria ubicunque bene est. Jch habe gesaget, es sey ein andres, wenn die Em- pfindung fuͤr sich selbst ein Empfindniß ist, oder wenn sie es nachhero fuͤr sich selbst wird, und ein andres, wenn sie es nur durch eine fremde begleitende Jdee ist. Dieß zeiget sich auch sehr deutlich in solchen Faͤllen, wo gewis- se Dinge, die uns im Anfang nur angenehm oder unan- genehm aus der letztern Ursache gewesen sind, uns nach- hero ihrer selbst willen lieb oder verhaßt werden. Wenn die Phantasie zuerst gewisse Sachen uns anpreiset, und ihnen einen fremden Schein giebt, so veranlasset sie, daß die Empfindungskraft auf diese Gegenstaͤnde sich mehr und inniger einlaͤsset, und daß sie mit der Begierde staͤr- ker auf einen gewissen angemessenen Ton gespannt und auf die Seite des Gegenstandes hin gerichtet wird, die sich fuͤr II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, fuͤr sie schicket. Dieß bringet ein Verhaͤltniß der Kraft gegen den Eindruck hervor, das vorhero nicht vorhan- den war, und es entstehet ein Vergnuͤgen an solchen Em- pfindungen, oder in dem entgegengesetzten Fall ein Miß- vergnuͤgen, das anfangs in dem Vorurtheil, der Asso- ciation und der Uebertragung, jetzo aber auch selbst in der Empfindung gegruͤndet ist. Die uͤbertragene Lust oder Unlust hatte die Kraͤfte der Seele vorbereitet, um die Empfindung genießen zu koͤnnen, und es traͤgt sich oft zu, daß diese Empfaͤnglichkeit des Gemuͤthes, die auf solche Art durch ein vergesellschaftetes fremdes Empfind- niß entstanden ist, sich auf einmal festsetze und in eine fortdaurende Fertigkeit auf eine aͤhnliche Art von einer aͤhnlichen Sache geruͤhret zu werden, uͤbergehe. Die Aufmerksamkeit des faͤhigen Knabens auf sein A. B. C. kann zuerst durch den Kuchen gereizet worden seyn, den der Lehrer als eine Belohnung auf das Erlernen gesetzet hat. Aber die einmal so gereizte, gestimmte und auf das Fassen der Buchstaben gerichtete Vorstellungskraft findet nicht nur diese seine Beschaͤftigung selbst seinen Kraͤften angemessen, sondern behaͤlt auch fuͤr die Zukunft die eingedruckte Fertigkeit, sich mit gleicher Jntension mit dieser Arbeit zu befassen. Alsdenn bestehet dieser Geschmack auch in der Folge, und kann durch jeden neu- en gluͤcklichen Fortgang vergroͤßert werden. Jn allen solchen Faͤllen ist es indessen eben so leicht zu unterschei- den, ob wir etwas um sein selbst willen lieben, oder nur um etwas andern willen, als es leicht ist, zu unterschei- den, ob wir etwas aus eigener Einsicht glauben, oder um eines fremden Zeugnisses willen, das uns anfangs auf die Sache aufmerksam gemacht, und um deswillen wir sie schon vorhero fuͤr richtig und wahr gehalten hatten. Es giebt noch mehrere Kennzeichen, die eine von andern uͤbertragene Ruͤhrung von der eigenthuͤmlichen und uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. und urspruͤnglichen unterscheiden lassen. Wenn eine Jdee in der Einbildungskraft mit einer großen Menge anderer unmittelbar verbunden wird, so wird zugleich auch das Band, das sie an jede einzelne dieser verknuͤpf- ten Jdeen befestiget, desto schwaͤcher und unbestimmter. Wir stoßen jeden Augenblick auf Eine von unsern ge- woͤhnlichen Jdeen, weil wir allenthalben von andern auf sie hingefuͤhret werden. Allein eben diese Jdeen machen auch mit keiner, oder doch nur mit einigen wenigen, ein so eng verbundenes Ganze aus, als andere associirte Vorstellungen, die nur allein unter sich, und sonsten nur wenig mit andern verknuͤpfet sind. Je mehrere Jdeen um eine andere unmittelbar herumliegen, desto mehrere Beruͤhrungspunkte hat sie an diesen; aber desto kleiner sind auch die einzelnen Beruͤhrungspunkte, wo sie mit jeder einzeln besonders zusammenhaͤnget. Wenn also ein Vergnuͤgen oder Verdruß von einer Empfindung auf mehrere gleichguͤltige Empfindungen uͤbergetragen wird, so kann es mit diesen einzeln genommen nur in einem schwachen Grade vereiniget seyn, und also oͤfters von der einen oder andern getrennet werden. Und daher kann auch so eine Empfindung die mit ihr anderswoher verbundene Gemuͤthsbewegung niemals so voll und leb- haft wieder erneuern, als wenn sie selbst aus sich solche hervorbringet. Wenn dagegen die Empfindung die af- ficirende Kraft auf sich selbst in sich hat, so hat sie auch ihre Wirkung unzertrennlich bey sich, so lange nicht et- wann Gewohnheit und Ueberdruß ihre Natur als Em- pfindniß veraͤndern. Hierinn lieget fuͤr uns ein starkes Unterscheidungsmerkmal der Empfindnisse, die fuͤr sich sind, was sie sind, und der Empfindungen, die nur durch eine anderswoher verpflanzte Lust oder Unlust zu Empfindnissen gemacht worden sind. 4. Diese II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, 4. Diese Anmerkungen sind Grundsaͤtze in der Optik des Gemuͤths. Wenden wir uns mit ihnen versehen nunmehr zu den Erscheinungen, in der Absicht, die Em- pfindungen, die ihrer Natur nach und urspruͤnglich Empfindnisse sind, auszumerken; so zeiget sich bald, daß die koͤrperlichen aͤußern Empfindungen der Zeitordnung nach bey dem Menschen die Ersten unter ihnen sind. Gefuͤhl, Geschmack sind bey dem Kinde die Sinne, deren Empfindungen zuerst angenehm oder wi- drig sind. Es beweiset sich dieses in ihren Bestrebun- gen, von einigen Dingen sich zu entfernen, und zu andern sich hinzu zu naͤhern. Der Geruch ist ein Sinn, der schon weniger bestimmt ist, und vielleicht, ehe er durch Uebung verfeinert wird, der gleichguͤltigste. Diese Em- pfindungen sind auch die groͤbsten, dunkelsten und staͤrk- sten. Auf die Eindruͤcke, die das Gehoͤr und das Ge- sicht empfangen, wird das Kind schon mehr durch die Amme von außen her aufmerksam gemacht, indem sie ihm allerley glaͤnzende Gegenstaͤnde vorhaͤlt, und durch einen lebhaften Ausdruck ihres eigenen Vergnuͤgens oder Verdrußes, zu einer aͤhnlichen sympathetischen Empfind- niß es zu reizen suchet. Eben so machet man es mit ge- wissen Schallarten der Klapperbuͤchse und Schellen. Und dann sieht man erst nachher, daß das Kind eine Auswahl anstellet, und dadurch zu erkennen giebt, daß ihm eine Art von Bildern und von Toͤnen angenehmer geworden sey, als eine andere. Das innere Selbstgefuͤhl, das Gefuͤhl eige- ner Thaͤtigkeiten, der Phantasie, der Denkkraft, des Herzens u. s. f. entwickelt sich zwar zwischendurch mit den aͤußern Sinnen, aber es ist doch immer, so zu sagen, um einen Schritt zuruͤck. Da es schon bey den feinern Empfindungen der aͤußern Sinne erfodert wird, durch uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. durch gewisse Huͤlssmittel das Gefuͤhl auf sie hinzulenken, und auf sie aufmerksam zu machen, wenn sie so gefasset werden sollen, daß sie die Empfindsamkeit reizen, so ist eine aͤhnliche Richtung und Erregung bey den uͤbrigen Empfindungen noch um einen Grad mehr nothwendig. Man muß es dem Kinde noch oͤfterer sagen, und voll- ausgedruckt sagen, mit Mienen, Geberden und Hand- lungen es sagen, daß es ein Vergnuͤgen sey, etwas zu lernen, eine Wollust, andere Menschen vergnuͤgt zu machen, und dergleichen, um seine Anlage zu den intel- lektuellen und moralischen Empfindnissen anzufachen, und dieß muß ihm mehr und oͤfterer vorgesaget werden, als es noͤthig ist, ihm auf dem Clavier vorzuspielen, und zu bezeugen, daß es ergoͤtze, um ihm einen Geschmack an Musik beyzubringen. Aber in der Folge bemerket man, in der Maße, wie die innere Thaͤtigkeitskraft der ju- gendlichen Seele zunimmt, eben eine solche Unterschei- dung zwischen den innern Empfindnissen, einen Hang zu gewissen Spielarten und Ergoͤtzungen mehr als zu andern, eine Liebe zu gewissen kleinen Geschaͤften, Absich- ten, zu der Ausfuͤhrung der kindischen Einfaͤlle, und zu gewissen geflissentlichen Thaͤtigkeiten und Arbeiten der vorstellenden und denkenden Kraft, und eine aͤhnliche leb- hafte Auskiesung der einen Art vor der andern, wie sich solches bey den aͤußern Empfindungen verrathen hat. Man lernet die innern Seelenbeschaͤftigungen und Selbst- gefuͤhle kennen, unterscheiden und schmecken, wie die Speisen, Toͤne und Gemaͤhlde. Jene innere Empfind- samkeit wird bey einigen Menschen, die in einer oder der andern Hinsicht Genies sind, staͤrker, als es die aͤußere ist. Laß also, wie es ist, die aͤußern sinnlichen Em- pfindungen die Quellen der Ruͤhrungen seyn, die sich zu- erst eroͤffnen und ergießen; laß dieser ihre Lust oder Un- lust den Anfang machen, die natuͤrliche Empfindsamkeit zu erwecken, und sie zu der Aufnahme anderer Empfind- nisse II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, nisse aus dem innern Sinn vorbreiten; oder auch — denn es kommen ohne Zweifel beide Ursachen zusam- men — laß die Association sinnlicher koͤrperlicher Em- pfindnisse mit den innern Empfindungen in der Einbil- dungskraft es anfangs seyn, was der jungen Seele die innern Geistesthaͤtigkeiten angenehm oder unangenehm machet; wie der Kuchen ist, den der Lehrer dem Kinde giebt, um ihm an der Schule, der Fibel und dem Ler- nen ein Vergnuͤgen finden zu lassen, so wird doch, so bald die Seelenvermoͤgen zu innern Geistesbeschaͤftigungen mehr gestaͤrket worden sind, diejenige Beziehung zwi- schen der Handlung und der Kraft entstehen, die jene selbst fuͤr sich zu einer Zufriedenheit und Vergnuͤgen ge- waͤhrenden Unterhaltung machet. Die innern Empfind- nisse koͤnnen also fuͤr sich urspruͤngliche Empfindnisse, eigene Quellen von Lust und Unlust seyn und es wer- den, sobald die Empfindsamkeit nur in den Stand ge- setzt ist, aus ihnen schoͤpfen zu koͤnnen. Jch will das mindeste sagen. Es kann sich doch so verhalten, als es hier angegeben worden ist. Man vergleiche diese Hypothese uͤber den Ursprung und uͤber die Verbreitung der menschlichen Empfindnisse mit der ent- gegengesetzten, die alles Vergnuͤgen des Menschen fuͤr ein sinnliches koͤrperliches Vergnuͤgen erklaͤret, das nur in dem Sinn ein geistiges und moralisches genennet werden kann, weil es sich in die hoͤhern moralischen Ver- moͤgen und Thaͤtigkeiten der Seele eingesogen, und an ihnen angeleget hat. Dann gehe man zu der anschauli- chen Betrachtung des Menschen, so wie dieser in seinen entwickelten Neigungen sich darstellet. Zum mindesten meine ich muͤsse der erstern Erklaͤrungsart der Vorzug zu- gestanden werden, daß sie natuͤrlicher sey, als die letz- tere. Die Lust der Menschen an ihren mannigfaltigen Beschaͤftigungen, an ihren eigenen Gedanken und Hand- lungsarten, eines Philosophen an seinen Betrachtungen, des uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. des Dichters an seinen Erdichtungen; des Kuͤnstlers, des Landmanns und des Handwerkers an ihren Hand- arbeiten; wie mannichfaltig und wie verschieden sind nicht diese Vergnuͤgungen! Alle diese Arten von Lust und Unlust sollten nichts seyn, als die Lust oder Unlust, die mit den Eindruͤcken auf das Gefuͤhl und auf den Ge- schmack verbunden, und von diesen auf jene hinuͤberge- tragen, oder durch eine Jdeenverbindung mit jenen verbunden sind. Diese letztere Hypothese hat uͤberdieß noch eine andre Folge, die solche nicht empfiehlet. Nach ihr muß die ganze Masse des menschlichen Wohls ohne Zuwachs immer dieselbige bleiben, so lange die Summe seiner sinnlichen Ergoͤtzungen und ihre Spuren in der Phantasie dieselbige Groͤße behalten. Jene wird nicht groͤßer durch die Entwickelung der Seelenvermoͤgen, son- dern nur mehr ausgebreitet und an mehreren Stellen hin vertheilet. Der sinnlichste Mensch ziehet die Lust und Unlust unmittelbar aus der Wurzel; der ausgebildete, der geistige genießet sie nicht anders als so, wie sie in den Aesten und Zweigen vertheilet und schon etwas geschwaͤ- chet vorhanden ist. Die Wissenschaften und Kuͤnste, der Umgang mit den Musen, die Entfaltung der Phan- tasie und des Herzens, gewaͤhren keine neue Lust fuͤr uns, die der sinnliche Wolluͤstling, der die Kunst angenehm zu empfinden verstehet, sich nicht in einer viel reichlichern Masse verschaffen koͤnnte, wofern nicht jene erworbene und entwickelte Faͤhigkeiten zugleich die Empfaͤnglichkeit der sinnlichen Vergnuͤgungen erhoͤhen. Doch diese Fol- gen entscheiden nichts fuͤr die Wahrheit oder Falschheit der Grundsaͤtze, wovon sie abhangen. Sie zeigen nur dieser ihren praktischen Einfluß, und dieß ist die Absicht, warum ich ihn erwaͤhne. Soll es, da beide gedachte Hypothesen, davon Eine urspruͤngliche Empfindnisse aus dem innern Sinn voraussetzet, die andere solche laͤugnet, moͤglich sind, I. Band. Q nun II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, nun noch entschieden werden, welche von ihnen die wahre sey, so muͤssen Beobachtungen oder Schluͤsse die Gruͤnde hergeben. Und ich meyne, daß sie entscheiden, und daß es ein Erfahrungssatz sey, daß einige innere Empfin- dungen fuͤr sich unmittelbar afficirend sind, und daß wir dieß eben so zuverlaͤßig wissen und wissen koͤnnen, als wir es wissen, daß es urspruͤnglich angenehme und un- angenehme koͤrperliche Gefuͤhle giebt. Daß es in so manchen besondern Faͤllen zweifelhaft sey, zu welcher Gattung ein Empfindniß gehoͤre, wird man nicht in Abrede seyn. Aber deswegen wird man in andern dar- uͤber zur Gewißheit kommen, wenn man sich auf einzelne Beobachtungen einlaͤßt, und alsdenn zwischen einer ur- spruͤnglich angenehmen Empfindung aus dem aͤußern Sinn, und einer andern aus dem innern Sinn die Pa- rallele ziehet. Sollte z. B. das Anschauen herausge- forschter Wahrheit in dem Kopf desjenigen, der einen Drang zum Nachsinnen in sich fuͤhlet, nicht fuͤr sich, und nicht aus sich selbst die Lust bewirken, die er empfindet und die sein Jnnerstes erschuͤttert? Er empfindet sie doch. Diese Empfindung soll nicht aus einem gegen- waͤrtigen Eindruck aufs Gemuͤth, den seine Verstandes- thaͤtigkeit hervorbringet, sondern aus einer vorhergegan- genen, jetzt wieder heraufgefuͤhrten und in der Einbil- dung daran verknuͤpften, also aus einer ideellen Empfind- niß entstehen, die eigentlich ein Phantasma ist? Jch kann weder der Uebertragung noch dem Associations- system hierinnen meinen Beyfall geben. Aber ich ge- stehe, ich weis auch die Vertheidiger dieser Meinungen nicht anders zu widerlegen, als auf die Art und durch die Gruͤnde, auf und mit welchen es hier geschehen ist. Nemlich, die Moͤglichkeit ist auf beiden Seiten gleich; die Analogie koͤnnen beide fuͤr sich anfuͤhren. Nur die unmittelbare Beobachtung ist der einen guͤnstiger als der andern. Die Eine muß von dem, was man beobachtet, manches uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. manches wegerklaͤren, und wiederum manches hinein er- klaͤren, was man nicht beobachtet. Nach der Art zu folgern und zu schließen, nach welcher Helvetius, Search und Hartley erklaͤren, ist es nicht schwer, noch weiter zu gehen. Nicht nur keine von den innern Em- pfindungen sollen urspruͤngliche Empfindnisse seyn: dieß Vorrecht soll auch den aͤußern Gefuͤhlen aus dem Koͤrper entzogen werden, zwo Gattungen ausgenommen, die Empfindungen des koͤrperlichen Gefuͤhls und des Ge- schmacks. Alle uͤbrigen, die Gehoͤrs- und Gesichts- empfindnisse koͤnnen in abgeleitete Empfindnisse ver- aͤndert werden. Da wuͤrden wir das einfachste System haben, aber gewiß auch das aͤrmste und das einseitigste. Jch setze noch eine Erinnerung hinzu, um Mißdeu- tungen vorzubeugen. Sind nicht alle Empfindungen auch Empfindungen aus dem Koͤrper, aus dem innern Gehirn? Empfindungen der Veraͤnderungen in den Seelenwerkzeugen? Gefuͤhle aus dem Koͤrper? Also die Empfindnisse auch? Koͤnnen sie es nicht seyn? So wuͤrden alle Empfindnisse in diesem Verstande, Empfindungen aus dem Koͤrper und von dem Koͤr- per seyn. Die Sache selbst erfordert eine tiefere Unter- suchung. Aber sie hat keinen Einfluß in die hier vorge- tragene Lehre. Es sey jede Empfindung ein Gefuͤhl ei- nes Zustandes oder einer Beschaffenheit im Gehirn; es sey das Spiel der Fasern, ihre Schwingungen, ihr Zit- tern, oder welche Bewegungsart in den innern Organen es seyn soll, das Objekt, was unmittelbar empfunden wird; so ist dennoch ein Unterschied zwischen solchen Ge- hirnsveraͤnderungen, die unmittelbar zu den Denkungs- thaͤtigkeiten, und zu den Selbstbestimmungen der See- lenkraͤfte gehoͤren, und zwischen denen, die von der Ein- wirkung der aͤußern Gegenstaͤnde außer und in dem Koͤr- per mittelst der aͤußern Organe entstehen, und Gegen- staͤnde der aͤußern Empfindungen sind. Wenn also jene Q 2 fuͤr II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, fuͤr sich selbst und urspruͤnglich empfindsam sind, so kann ihre Empfindung ein Empfindniß seyn, und die letztern besitzen nicht allein diesen Vorzug. Da kommen wir also auf die schon beantwortete Frage zuruͤck. Sie blei- bet die nemliche nur in einer andern Sprache vorgetra- gen, je nachdem ein anderer Begrif von der Natur der denkenden und wollenden Seele zum Grunde geleget wird. VII. Ueber die ruͤhrende Kraft der Vorstellungen. 1) Sie hat ihren Ursprung aus der Kraft der Empfindungen, aus denen die Vor- stellungen entstehen. 2) Die Empfindnisse aus Phantasmen sind selbst Wiedervorstellungen ruͤhrender Em- pfindungen. 3) Große Macht der Vorstellungen. 4) Ursachen dieser Staͤrke. 5) Wie unangenehme Empfindungen in der Vorstellung angenehm seyn koͤnnen, und umgekehrt. Von dem Vergnuͤgen, das in den Vorstellungen als Vorstellungen seinen Grund hat. 1. G ehen wir nun zu den Empfindnissen der zwoten Art uͤber, das ist, zu den Affektionen, die in den Vorstellungen als Vorstellungen, in den lebhaften Vor- stellungen schoͤner und haͤßlicher, guter und boͤser Gegen- staͤnde angetroffen werden, so ist es nicht schwer, unmit- telbar aus den Beobachtungen sich davon zu uͤberzeugen, daß die Vorstellungen als ruͤhrende Vorstellungen auf eine uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. eine aͤhnliche Art von den ruͤhrenden Empfindungen ab- hangen, wie die bloßen oder gleichguͤltigen Vorstellun- gen von den gleichguͤltigen Empfindungen. Es muß aber von der Lust oder Unlust, die einer Vorstellung zu- geschrieben wird, der Theil der Gemuͤthsbewegung ab- gerechnet werden, der aus der innern Empfindung ent- stehet, wenn die Seele im Vorstellen und Denken be- schaͤftiget ist. Dieß ist eine innere afficirende Empfin- dung, die sich zu der Vorstellung gesellet, aber ihr selbst nicht als eine Wirkung zugeschrieben werden kann. Die Affektiones aus den Vorstellungen sind abgeleitete Em- pfindnisse, die ihre Kraft aus den Empfindungen her ha- ben, von denen sie in jene uͤbergehet. Wenn das oben erwaͤhnte System von den Empfindnissen, das ich be- stritten habe, nichts weiter sagen wollte, als dieß: „alles „Vergnuͤgen sey seinem ersten Urstof und seiner Quelle „nach ein Empfindungsvergnuͤgen, und in diesem Ver- „stande ein sinnliches Vergnuͤgen, Lust der Sinne — „nur den Jnnern Sinn nicht ausgeschlossen‟ — so hat es meinen Beyfall. Aber dennoch verlange ich, daß man es recht verstehe. Außer der schon angefuͤhrten Bedingung, daß die innere Empfindung als die zwote große Quelle nicht uͤbersehen werden darf, muß man noch eine andere Einschraͤnkung hinzu setzen, die derjeni- gen aͤhnlich ist, unter welcher ich in dem ersten Versuch den Ursprung aller Vorstellungen aus den Empfindun- gen eingestanden habe, und die mich am Ende von den Vertheidigern des blos sinnlichen Wohls wiederum weit entfernen wird. Erstlich ist dieser Satz: alle Empfindnisse aus Vorstellungen sind abgeleitete Empfindnisse, eine natuͤrliche Folge von den Beziehungen der Vorstellungen auf die Empfindungen. Jene haben ihren Stof in die- sen; oder bestehen aus den von den Empfindungen nach- gebliebenen und wieder erweckten Spuren derselben. Q 3 Dazu II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Dazu erhellet dieses auch unmittelbar aus den Beobach- tungen. Woher die Lust, die mit der Wiedervorstel- lung einer schoͤnen ehedem gesehenen Gegend verbunden ist? woher das Ergoͤzende in der Erinnerung an die Musik, die das Ohr vorher ergoͤzte, jetzo aber nicht ge- genwaͤrtig ist? Es ist offenbar, daß sie aus den Em- pfindungen her sey. Die Gegenstaͤnde sind angenehm und unangenehm in der Phantasie, die es in der Em- pfindung gewesen sind, und sind es desto mehr, je voller und lebhafter die Wiedervorstellung ist, und je mehr sie der ersten Empfindungsvorstellung an Staͤrke und Leb- haftigkeit gleich kommt. Es koͤnnen zufaͤllige Ursachen einige Veraͤnderungen hierinn hervorbringen, die beym ersten Anschein fuͤr Ausnahmen gehalten werden moͤchten. Aber wer sie genauer betrachtet, findet, daß sie es nicht sind. Es kann allerdings eine Affektion, die mit einer Empfindung verbunden war, in der Phantasie bey der Wiedervorstellung wegfallen, und die letztere gleichguͤl- tig werden, da es jene nicht war. Eben so kann sich eine fremde Affektion mit der Vorstellung einer Sache verbinden, die vorher in der Empfindung nicht vor- handen gewesen ist. Man liebet den jetzo, da man ihn verloren hat, den man haßte, da er gegenwaͤrtig war, und umgekehrt. Eine Leidenschaft, die das Gemuͤth beherrschet, unterdruͤcket die entgegenstehenden schwaͤchern Empfindnisse, und wird dadurch, wenn diese ihr nach- geben, noch staͤrker entflammet, wie das Feuer auf dem Heerd eines Schmiedes durch aufgespruͤtztes Wasser. Alsdenn kann die Erinnerung an angenehme Gegenstaͤn- de schmerzhaft werden; aber nur auf einige Zeit und nur Beziehungsweise. Es koͤnnen auch unangenehme Jdeen ein Vergnuͤgen verursachen, wenn sie mit der gegenwaͤr- tigen Leidenschaft uͤbereinstimmen, in so ferne sie dem der- maligen Hang der Seele gemaͤß sind. Ein Betruͤbter fin- det Nahrung in der Betruͤbniß. Es uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Es verhaͤlt sich mit den Wiedervorstellungen von den innern Selbstempfindungen, von unsern Gesinnungen, Entschluͤssen, Neigungen, Handlungen und Auffuͤh- rungen auf dieselbige Art. Dieß zu bestaͤtigen, ist es un- noͤthig, einzelne Faͤlle anzufuͤhren. Jede Vorstellung einer unserer ehemaligen Veraͤnderungen hat der Regel nach ein Jnteresse fuͤr uns, wie die Empfindung es hatte. Es muͤssen fremde Empfindungen sich einmischen, wenn wir dem ersten Anblick nach das Gegentheil gewahrneh- men, oder andere fremde Ursachen dazwischen gekom- men seyn. Werden solche fremde Wirkungen abgeson- dert, so bleibet noch immer etwas uͤbrig, das aus den vorigen Empfindungen den Phantasmen in der Wieder- erinnerung anklebet. Die Natur der Vorstellungen bringet es mit sich, daß es so seyn muͤsse. 2. Diese den Wiedervorstellungen anklebende Lust oder Unlust ist eigentlich selbst eine Wiedervorstellung, nemlich, ein wiedererweckter von der ersten Empfindung hinterlassener Gemuͤthszustand, eine Vorstellung von einem vorhergegangenen Empfindniß, die sich auf das vorhergegangene Empfindniß eben so beziehet, wie jedwede Vorstellung auf ihre Empfindung, und auch aus aͤhnlichen Ursachen unter aͤhnlichen Umstaͤnden, wenn sie nemlich lebhaft und stark wird, die Stelle der sinn- lichen Empfindnisse vertreten, und die Triebe und Kraͤf- te der Seele regemachen, spannen und leiten kann, wie die afficirende Empfindung selbst es gethan hat. 3. Solche ideelle Empfindnisse wirken mit einer Macht, und in einem Umfang auf das menschliche Herz, welche oft groͤßer ist, als selbst die afficirende Kraft in Empfindungen; wie uͤberhaupt die Vorstellungen in der Phantasie oft lebhafter sind, und uns mehr beschaͤftigen, Q 4 als II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, als die gegenwaͤrtige Dinge, die wir empfinden. Die Empfindnisse aus Vorstellungen machen ohne Zweifel den groͤßten Theil von unserm Wohl und Weh aus. Nicht die Krankheiten, wie Hr. v. Buͤffon etwas un- bestimmt, aber richtig und erhaben saget, nicht die Schmerzen, nicht der Tod sind es, die den Menschen un- gluͤcklich machen, es sind es seine Einbildungen, seine Furcht, seine Begierden. Der große Mann nannte nur einige, aber die vornehmsten Theile von unserm gan- zen Empfindungsuͤbel, die nemlich, welche aus den aͤu- ßern Empfindungen entspringen. Es ist noch der zwote geistige Theil zuruͤck, der in den innern Empfindungen unser selbst lieget. Aber wenn man auch beide zusam- men nimmt, so ist es doch eine Wahrheit, wenn die Phan- tasie dem Menschen benommen wuͤrde, oder wenn ihr Beytrag abgehalten werden koͤnnte, so wuͤrden die Em- pfindungen allein immer zwar noch die Gruͤnde seyn, aus welchen Lust und Unlust hervorquillet und von ihnen als von so viel Mittelpunkten aus uͤber die Seele sich verbrei- tet, aber sie allein wuͤrden die ganze Seele nicht ausfuͤl- len, und nur wie einzelne und zerstreuete Punkte auf ei- ner Flaͤche vorhanden seyn. Die Einbildungskraft ist es, die jene Empfindnisse in einander zusammen ziehet, zu Einem Ganzen vereiniget, die Eindruͤcke von vielen in Einem Haufen zusammenbringet, solche mit jeder ein- zelnen Empfindung verbindet, und sie mit ihrer vereinig- ten Macht auf jede einzelne Seite des Gemuͤths wirksam macht. Es sind nicht die Schmerzen aus den Empfin- dungen; es ist nicht die Wollust aus den Empfindungen, die allein menschlich ungluͤcklich oder gluͤcklich machen; es sind die Empfindnisse aus Vorstellungen, die ange- nehmen und unangenehmen Gefuͤhle, welche in der Form der Vorstellungen in uns vorhanden sind, indem sie sich auf vorhergegangene Gefuͤhle eben so beziehen, wie alles das, was Vorstellung ist, auf andere vorhergegangene Seelen- uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Seelenveraͤnderungen; diese sind es, welche an der gan- zen Masse der menschlichen Gluͤckseligkeit und Ungluͤckse- ligkeit den staͤrksten und wichtigsten Artheil haben. Es ist voͤllig richtig; die Lust oder Unlust in der Em- pfindung ist staͤrker, als die in der Wiedervorstellung von demselbigen Gegenstand es ist. Die Empfindung ist staͤrker, als ihre Wiedervorstellung, wenn sonsten alles gleich ist. Allein so wenig dieses hindert, daß die Herr- schaft der Einbildungen nicht ausgebreiteter und staͤrker sey, als die Herrschaft der Empfindungen; so wenig hindert jenes, daß die Lust und Unlust in den Wieder- vorstellungen im Ganzen in dem Menschen nicht maͤchti- ger seyn sollte, als die in den Empfindungen es ist. 4. Und die Ursache hievon darf nicht weither gesuchet werden. Erstlich, so ist das Vergnuͤgen und der Ver- druß aus den Wiedervorstellungen, gemeiniglich reiner, und mit entgegengesetzten oder auch fremdartigen Em- pfindnissen unvermischter, als die Affektion in der Em- pfindung gewesen ist. Das gegenwaͤrtige Vergnuͤgen auf einer Reise, bey der Tafel, aus der Gesellschaft, bey der Musik u. s. f. ist mit manchen kleinern Unbehaglich- keiten, mit unbefriedigten Verlangen, mit Anwandlun- gen von Verdruß und Ekel durchgemischet. Alle diese kleinern widrigen Empfindungen fallen zum Theil von selbst heraus, zum Theil scheidet sie die Einbildungskraft zumal bey guter Laune davon ab, wenn sie das Vergan- gene wieder hervorziehet. Da hat sie also das Vergnuͤ- gen aus der Empfindung reiner. Mit dem Mißver- gnuͤgen eraͤugnet sich etwas aͤhnliches; aber vielleicht im Ganzen genommen seltener. Das Herz ist jederzeit in- teressirt, und leitet die Phantasie lieber auf die gefaͤllige und angenehme Seite der Sachen, als auf die entgegen- stehende. Nach dem Genuß eines Guten, und noch Q 5 mehr II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, mehr vorher, da die Sehnsucht es faͤrbte, scheinet das sinnliche Vergnuͤgen am reinsten zu seyn. Zweytens. Die Empfindungen entstehen nur nach und nach in der Seele; und auch so die Lust oder Unlust, welche sie begleitet. Aber in der Wiedervorstellung sind ganze Reihen von afficirenden Vorstellungen auf Einer Stelle in Einem Augenblick bey einander. Jene einzel- ne Eindruͤcke der Empfindungen sind zertheilt; die Wir- kung von der, die vorangehet, ist schon verloschen, wenn eine andere nachfolget. So fließen die vergnuͤgtesten Tage in der Gesellschaft angenehmer und geistreicher Freunde dahin, ohne die Seele anzuschwellen. Aber die Erinnerung dieser Tage wirket wie die durch ein Brenn- glas vereinigte Sonnenstrahlen, die einzeln bey ihrem Durchgang durch das Glas geschwaͤchet werden, dennoch aber da zuͤnden, wo sie zusammengebracht sind. Beide Ursachen zusammen machen die Empfindnisse aus Vorstellungen zu einem abgezogenen aber starken Geist, den die Phantasie aus Empfindungen abscheidet. Jst es zu verwundern, daß sie in dieser Gestalt Wir- kungen hervorbringen, die man vorhero bey ihnen nicht gewahrnahm? Hiezu kommt drittens, daß auch die Vorstellun- gen, als Modifikationes der Seele betrachtet, durch ih- re Ordnung, Folge und Uebereinstimmung unter sich, und durch ihre Beziehungen auf die vorstellende Kraft, eine Art von Empfindnissen in der Seele hervorbringen, die sie einzeln und absonderlich genommen nicht bewir- ken koͤnnen. Etwas aͤhnliches finden wir auch bey den Empfindungen. Der Reiz der Musik; das Vergnuͤ- gen aus der Symmetrie u. s. w. ist ein Beweis, daß ih- re afficirende Kraft mehr von der Stellung und Folge der einzelnen Eindruͤcke abhange, als von der absoluten Staͤrke und Schwaͤche der Kraft, die in ihnen, einzeln genommen, vorhanden ist. Wenn nun eine Reihe von Vorstel- uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Vorstellungen in uns ist, die uns afficiret, deren Ge- genstaͤnde aber in dieser Folge und Ordnung niemals vor- her empfunden worden sind, so ist eine Wirkung da, ei- ne Affektion, die aus den Empfindungen nicht hergelei- tet werden kann. Gedichte, Romane, selbstgemachte Erdichtungen gewaͤhren uns Empfindnisse dieser Art, die den Vorstellungen eigen sind, aber ihnen nur in ihrer Ordnung und Verbindung zukommen. Diese Empfind- nisse sind das Parallel zu den Selbstgeschoͤpfen der Dicht- kraft. Man kann sie aus den Empfindungen, aus de- nen die Vorstellungen herkommen, nicht anders ablei- ten, als nur in so ferne, daß die letztern den Stof zu ih- nen hergegeben haben. Sie sind sonsten wie die Erdich- tungen, Geschoͤpfe der selbsthaͤtigen wiedervorstellenden Kraft. Doch sind diese noch von den Empfindnissen unterschieden, die sie begleiten, und die aus dem innern Gefůhl der gegenwaͤrtigen thaͤtigen Geistesthaͤtigkeiten entstehen. 5. Der guͤtige Menschenvater hat uns der angenehmen Empfindnisse in so vorzuͤglicher Maaße empfaͤnglich ge- macht, daß widrige Empfindungen, wenn sie in Vor- stellungen uͤbergehen, so oft ihre Natur veraͤndern, und angenehme Empfindnisse werden. Bey einigen gehet zwar eine Veraͤndrung auf die entgegenstehende Art vor sich; aber das letztere geschieht seltener als das erstere, und erfodert besondere Umstaͤnde und Ursachen, da die erste Veraͤnderung von Natur derjenigen anklebet, wel- che Empfindungen leiden, wenn sie in Vorstellungen uͤbergehen. Es ist keine Ausschweifung, wenn ich ei- nige Worte uͤber die Ursache dieser Umaͤnderung hinzuse- tze. Hr. Mendelsohn und Hr. Burk, der Verfasser der Schrift uͤber den Ursprung unserer Begriffe vom Schoͤnen und Erhabenen, haben mit großer Scharf- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Scharfsinnigkeit viel vortrefliches uͤber diese Sache gesa- get, und wenn sie nicht uͤberall mit einander uͤberein- stimmen, so kommt es, wie ich glaube, daher, weil sie oftmals Wirkungen, die aus mehreren verschiedenen Ur- sachen entstehen, aus Einer gemeinschaftlichen zu erklaͤ- ren gesucht haben. Unfaͤlle und Widerwaͤrtigkeiten sind unangenehm, wenn sie gegenwaͤrtig sind und gefuͤhlet werden, aber ihre Wiedererinnerung ist oftmals eine Wollust. Die vermischten Empfindungen, die schon als gegenwaͤrtige Veraͤnderungen beides, Lust und Un- lust, bey sich fuͤhren, sind, wenn sie als Vergangene vorgestellet werden, angenehm. Es giebt einige Aus- nahmen, die man aber nur da antrift, wo das Widri- ge ein allzugroßes Uebergewicht in der Empfindung ge- habt hat. Die aus Mitgefuͤhl entspringende unangeneh- me Empfindnisse, die ein wirkliches Mitleiden sind, werden fast durchgehends zu ergoͤtzenden Empfindnissen, wenn man sich ihrer als vergangener wieder erinnert. Wir finden Vergnuͤgen in der Erzaͤhlung und in der Vor- stellung tragischer Handlungen. Selbst das Haͤßliche und Widrige, das Schreckhafte bis auf eine gewisse Grenze, sehen wir mit Vergnuͤgen in Gemaͤhlden abge- bildet, dessen Empfindung wir nicht aushalten koͤnnten. Wo die Empfindung selbst schon gemischter Art ist, da kann die Phantasie durch ihre gewoͤhnliche Wirkungs- arten, durch Weglassen, Unterdruͤcken, Verdunklen von Einer Seite, und durch Hinzusetzen, Erheben, Auf- klaͤren von der andern ohne viele Anstrengung die Vor- stellungen mehr von dem Unangenehmen reinigen und mehr von dem Gefallenden in sie hineinbringen. Dieß geschieht auch oft in solchen Faͤllen, wo in der Empfin- dung das unangenehme in einem hohen Grad die Ober- hand hatte. Wie vielmehr muß es geschehen koͤnnen, wo jenes schwaͤcher gewesen ist, als das begleitende Ver- gnuͤgen. Das Ungluͤck mit Standhaftigkeit ertragen und uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. und es uͤberwinden, bringet eine gemischte Empfindung hervor; aber wenn der Mann mitten im Kampf mit dem Schicksal sich so stark noch fuͤhlet, daß er mit Ae- neas denken kann: cuius olim meminisse juvabit, so ist er nicht ungluͤcklich in seinem Leiden, sondern das Ange- nehme in seiner Empfindung hat das Uebergewicht. Wie voll von der innigsten Wollust muß die Wiederer- innerung davon nicht seyn, wenn die Phantasie die Vor- stellung auf eine solche Art umbildet, daß die mit ihrer ganzen Groͤße wirkende und siegende Geistesstaͤrke in dem hellesten Licht und mit den staͤrksten Farben erscheinet, und dagegen der Schmerz und das Leiden im Dunklen und in der Ferne gesetzet sind? Jn der Empfindung mag wohl einige Kleinmuͤthigkeit, Ungedult, ein Aer- ger, ein schmerzhaftes Verlangen, eine Anwandelung vom Verzweifeln mit untergelaufen seyn; allein dieß wirft die Phantasie heraus, oder unterdruͤcket es. Dieß Angenehme in der Vorstellung hat noch seinen Grund in dem, was aus der Empfindung entstanden und in die Vorstellung uͤbergegangen ist. Diese Umaͤnderung der Vorstellungen haͤnget davon ab, daß Jdeen von einander abgesondert, und andere verbunden werden. Oft ist die Association der Jdeen die vornehmste Ursache, wenn sie es gleich nicht allein ist. Es scheinet mir doch, als wenn ein Gemaͤhlde von ei- nem scheuslichen Gegenstand sein Gefallendes von beglei- tenden Jdeen habe. Es gefaͤllt die Geschicklichkeit des Mahlers, und die Kunst bey der Nachbildung, und dieß Gefallen verbinden wir mit dem Anblick der gemahlten Sache. Das Kind, das vor dem Gegenstande fliehet, scheuet auch das Gemaͤhlde, bis es bemerket, daß es nur ein Gemaͤhlde ist; und empfindsame Personen koͤnnen auch gemahlte fuͤrchterliche und scheusliche Gegenstaͤnde nicht lange ohne Schaudern und Ekel ansehen. Allein II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Allein es scheinet in der Natur der Vorstellungen, wenn gleich die vergangene Empfindung voͤllig und ge- treu wieder dargestellet wird, noch außerdieß eine Ursa- che zu seyn, die es machet, daß eine Vorstellung zuwei- len ein anderes Empfindniß hervorbringet, als die Em- pfindung gethan hat, woran weder die Association, noch eine Absonderung der Jdeen schuld ist. Die Vor- stellungen koͤnnen allein aus dem Grunde angenehm seyn, weil sie schwaͤchere und minder starke Seelenmodifikatio- nen sind, als die Empfindungen. Da haben sie also eine Beziehung auf die Seele, die der Groͤße ihres Ver- moͤgens angemessener ist, die sie nur beschaͤftiget und spannet, aber nicht uͤberspannet und uͤberwaͤltiget. Da- durch wird das was in der Empfindung ein Schmerz ist, in der Vorstellung zum Kitzel. Und wenn denn einige Unannehmlichkeit aus der Empfindung her auch der Vor- stellung noch ankleben wuͤrde, wie es sich zuweilen wirk- lich verhaͤlt, so ist dieses Unangenehme doch nicht stark genug, um das entgegengesetzte Vergnuͤgen zu unter- druͤcken, sondern dienet vielmehr, es zu erhoͤhen und schmackhafter zu machen. Dieß scheinet doch, wie einige schon bemerket haben, die vornehmste Ursache von dem Vergnuͤgen zu seyn, womit wir tragische Erzaͤhlungen anhoͤren, und womit der gemeine Mann den hoͤllischen Proteus lieset. Die Empfindungen des Mitleidens, die mit der Vorstellung verbunden sind, haben nichts schmerz- haftes an sich, oder doch nur wenig, und gewaͤhren eine geheime Wollust, da wo das Mitleiden aus dem An- schauen des Elenden ein wahrer Schmerz ist. Jch schließe mit dieser Folge. Wo von der affici- renden Kraft einer Vorstellung Grund angegeben wer- den soll, da haben wir drey verschiedene Ursachen, auf die gesehen werden muß. Nemlich, die Empfindung, aus der die Vorstellung ihren Ursprung hat; die Ver- bindung dieser Vorstellungen mit andern Vorstellungen; und uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. und endlich die Beziehung der Vorstellung, als einer gegenwaͤrtigen Seelenbeschaffenheit auf die Empfindsam- keit. Bey der Erklaͤrung einzelner Faͤlle wird es am meisten darauf ankommen, welche von diesen dreyen Ur- sachen entweder allein oder als die vorzuͤglichste an der hervorgebrachten Wirkung Antheil habe. VIII. Jn dem Aktus des Fuͤhlens nimmt man keine Mannigfaltigkeit gewahr. Ob das Fuͤhlen als eine Reaktion der Seele koͤnne angesehen werden? N un wieder zuruͤck zu der physischen Natur des Fuͤh- lens. Jn allen den angefuͤhrten mannigfaltigen Aeußerungen des Gefuͤhls finde ich innerlich nichts ver- schiedenartiges. Die Gegenstaͤnde sind unterschieden und mannigfaltig. Es findet auch in dem Gefuͤhl ein Mehr und Weniger statt; es ist feiner oder stumpfer, anhal- tender und unterbrochener, lebhafter oder schwaͤcher; aber diese Unterschiede bey Seite gesetzet; so haben wir uͤberall, wo wir empfinden, die nemliche einfache Aeu- ßerung unserer Kraft. Wir fuͤhlen, das Licht durch die Augen, den Ton durch die Ohren; die Last, die auf den Schultern druͤcket; daß ein schoͤner Gegenstand uns ge- falle, ein interessirter uns ruͤhre. Verschiedene Ursa- chen, und verschiedene Wirkungen, aber die Thaͤtig- keit des Fuͤhlens selbst ist uͤberall die nemliche. Jch komme hier noch einmal auf die im Anfang schon aufgeworfene Frage zuruͤck, ob das Fuͤhlen eine Art von geistiger Reaktion der Seele sey. Es ist nichts in den vorhergehenden Beobachtungen, das diese Benen- nung unanpassend macht. Da das Gefuͤhl nur absolute und gegenwaͤrtige Beschaffenheiten zu unmittelbaren Gegen- II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, Gegenstaͤnden hat, so wird die Jdee bestaͤtiget, nach welcher der Aktus des Fuͤhlens eine geistige Zuruͤckwir- kung seyn soll, die alsdenn erfolget, wenn die Seele etwas leidend aufnimmt. Die Reaktion des Koͤrpers stellet man sich als eine Aktion vor, die er alsdenn aͤu- ßert, wenn ein anderer ihn veraͤndert, die aber mit der Aktion des fremden Koͤrpers, der auf den leidenden wir- ket, in einem Ebenmaaß stehet. Es kann hier unaus- gemacht bleiben, ob diese Vorstellung der Natur gemaͤß ist, oder nicht, da sie hier nur als ein Bild gebrauchet wird. Die Reaktion erfolget auf jede leidentliche Ver- aͤnderung; keine ausgenommen, aber auch nur so, daß sie der Aktion entspricht, und weder von selbst hervorge- het, noch weiter fort sich beweiset, als in so ferne sie von der Einwirkung des aͤußern Koͤrpers gereizet wird. Die Ruͤckwirkung ist eine blos anders woher erregte Aktion; keine solche die aus einem innern Selbsttriebe, oder aus einer Tendenz zum Bewegen hervorkommet. Hr. Bonnet und andere neuere Philosophen haben aber noch einen Grund mehr, das Fuͤhlen wie ein Ruͤckwirken anzusehen, wodurch die Aehnlichkeit zwi- schen beiden weiter ausgedehnet wird, als die Beobach- tungen es erlauben. Die Ruͤckwirkung des Koͤrpers er- folget nur auf die Einwirkung einer aͤußern von dem lei- denden Koͤrper unterschiedenen Kraft, und hat diesen aͤußern Koͤrper zu ihrem Gegenstand. Auf die naͤmliche Art soll nach Hr. Bonnets Jdee dasjenige, was die Seele fuͤhlet, die gegenwaͤrtige und absolute Veraͤnde- rung, etwas außer ihr seyn; im Gehirn nemlich, wel- ches der Sitz aller Vorstellungen und fast aller Seelen- veraͤnderungen ist: und auf dieses soll die Seele als eine fuͤhlende Kraft zuruͤckwirken. Auf einer solchen Vor- stellung bauete schon Condillac, und nachher hat Hr. Search sie mit verschiedenen andern als eine Grundvor- stellung angenommen. Eine uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Eine solche Aehnlichkeit des Fuͤhlens mit einer koͤr- perlichen Reaktion kann unmittelbar nicht wahrgenom- men werden. Es ist Erfahrung, daß es etwas leident- liches sey, was die Seele fuͤhlet; aber wo, und in wel- chem Subjekt ist die gefuͤhlte Modification? Nach der reinen Erfahrung koͤnnen wir nichts anders antworten, als dieß: sie ist in dem Menschen, oder in dem Seelen- wesen. Zuverlaͤssig; aber in welchem Theil von uns? kann sie nicht eine Modifikation der unkoͤrperlichen Seele seyn? eine Bestimmung, Einschraͤnkung ihrer Kraft, die doch allemal mit einer entsprechenden Beschaffenheit des Gehirns vergesellschaftet ist? Kann die Seele sich nicht selbst fuͤhlen, sich unmittelbar fuͤhlen, da sie sich selbst doch noch naͤher ist, als ihr Gehirn? Koͤnnen nicht beyde Veraͤnderungen, die materielle Gehirnsbe- schaffenheit und die immaterielle Modifikation der Seele zugleich, fuͤr das unmittelbare Objekt des Gefuͤhls ange- nommen werden? Denn die Meinung des Hrn. Home und einiger andern brittischen Philosophen uͤbergehe ich, welche sich vorstellen, daß wir auch wohl aͤußere Dinge, die außer unserm Koͤrper vorhanden sind, unmittelbar empfinden koͤnnten, und die deswegen den Grundsatz der Lockischen und einer jeden andern Philosophie, in der uͤber Erfahrungen raisonniret wird, daß wir nemlich die aͤußern Gegenstaͤnde nur allein vermittelst ihrer Eindruͤcke auf uns fuͤhlen, und durch die Jdeen in uns erkennen, als eine unrichtige und zum Skepticismus fuͤhrende Leh- re vorzustellen suchen. Es kann hieruͤber kein Zweifel mehr Statt finden, ob nicht das, was unmittelbar ge- fuͤhlet wird, entweder selbst etwas in der Seele als in seinem Subjekt seyn muͤsse, oder doch in demjenigen Theil ihres Empfindungswerkzeuges vorhanden sey, auf welchen sie zunaͤchst und unmittelbar ihr Vermoͤgen zu fuͤhlen anwendet. Aber welches von diesen beiden nun wirklich ist, daruͤber belehret uns die Beobachtung selbst I. Band. R nicht. II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, nicht. Es muͤßte also entweder durch ein Raisonnement aus Beobachtungen etwas gewisses, oder durch Analo- gie etwas Wahrscheinliches entdecket werden koͤnnen; oder es kann nur das Eine oder das andere als eine Hy- pothese angenommen und gemuthmaßet werden. Hr. Search hat es sonsten durch einen Schluß aus der Analogie wahrscheinlich zu machen gesucht, daß die Seele niemals etwas unmittelbar in sich selbst hervor- bringe, sondern durch jede Thaͤtigkeit zunaͤchst nur ihr inneres Organ modificiren muͤsse. Und hiemit verbindet er nun den Gedanken, daß es diese Organsveraͤnderung sey, welche sie fuͤhle, wenn sie sich selbst und ihre eigene Aktionen empfindet. Wenn ich den ersten Satz zugebe, so deucht es mich doch nicht, daß es natuͤrlicher sey, sich diese dem Gehirn eingedruckte Bewegung als das un- mittelbare Objekt des Fuͤhlens anzusehen, als es ist, sich vorzustellen, daß vorher von dieser Gehirnsveraͤnderung auch in der Kraft der Seele selbst eine Modifikation ent- stehe, indem das modificirte Gehirn auf sie zuruͤckwirket, und ihr selbst eine immaterielle Bestimmung ertheilet; und daß es alsdenn diese letztere, in ihr selbst und in ih- rer Kraft verursachte Beschaffenheit sey, die sie unmit- telbar fuͤhlet und empfindet. Jndessen werden diese bei- den Vorstellungsarten nun so weit nicht mehr von ein- ander abgehen, wenn nur in beiden, so wohl die im- materielle Seelenveraͤnderung als die ihr zugehoͤrige ma- terielle Gehirnsveraͤnderung als wirklich vorhanden an- genommen wird, und man keine von ihnen uͤbersiehet. Jn den Erklaͤrungen der neuern wird gemeiniglich zu wenig Ruͤcksicht auf die Seelenbeschaffenheit genommen, so wie in den Erklaͤrungen der vorigen Philosophen weniger auf die Gehirnsveraͤnderung geachtet wurde. Diese sagten, die Seele fuͤhle sich selbst und ihre eigene Modifikatio- nes in sich; jene sagen, sie fuͤhle das Gehirn und dessen Veraͤnderungen außer sich. Bey uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. Bey dem vornehmsten Grundsatz, den Hr. Search fest zu legen gesuchet hat, daß die Seele nie unmittelbar in sich selbst etwas hervorbringe, sondern in ihrem Ge- hirn, und die Modifikationen ihres Zustandes, von dem leztern erst wieder zuruͤck empfange, laͤsset sich eine wich- tige Erinnerung machen. Es ist sonsten kein ganz neuer Gedanke; denn die alte Aristotelische Jdee von der Seele, als einer Entelechia des thierischen Koͤrpers, fuͤhrte auch dahin; aber in der Psychologie kann man es auch am wenigsten erwarten, daß etwas gesaget werde, was nicht in einem, vor ihm schon von einem Philosophen geheg- ten Gedanken zum mindesten auf eine solche Art, wie eine Pflanze in ihrem Keim ist, enthalten seyn sollte. Kann denn die Seele, nur als eine substantielle, das Gehirn bewegende Kraft betrachtet, in aller Hinsicht in ihrem innern Zustande ohne Veraͤnderung bleiben, wenn sie sich auf das Gehirn aͤußert und hierinn etwas bewir- ket? Muß nicht ihre Kraft bey jeder neuen Aeußerung eine neue Richtung annehmen, oder mit einer groͤßern oder geringern Jntension wirken, als bey der naͤchstvor- hergehenden? Und dazu bestimmt sie sich in einigen Faͤllen selbst. Wie ist es begreiflich, daß eine Kraft von dieser Gattung außer sich etwas verursachen koͤnne, ehe nicht jene Veraͤnderung in der Richtung und Jnten- sion ihrer Thaͤtigkeit, in ihr selbst verursachet und her- vorgebracht ist? Muß nicht diese letztere innere Veraͤn- derung des Zustandes vorhergehen? Also wirket sie ja, wenn sie sich selbst zu etwas bestimmet, auch selbstthaͤtig in sich, oder nimmt eine passive Veraͤnderung in sich selbst auf, wenn sie von außen her dazu bestimmet wird; beides vorher, ehe sie ihre Kraft außer sich auf die Mo- dificirung des Gehirns anwendet. Kann die Seele nun nicht auch diese vorhergehende Modifikation ihres Zustandes fuͤhlen, und sie unmittel- bar fuͤhlen? Oder ist diese ihre innere Veraͤnderung R 2 vielleicht II. Versuch. Ueber das Gefuͤhl, vielleicht nichts anders, als dasjenige, was sich in un- sern Beobachtungen als Thaͤtigkeit darstellet, und was sich niemals als ein unmittelbares Objekt des Gefuͤhls antreffen laͤsset: Die Aktionen werden nur in ihren blei- benden und in Hinsicht auf die Kraft der Seele leident- lichen Folgen gefuͤhlet. Sind es vielleicht diese Wirkun- gen in dem Gehirn, die durch jene Thaͤtigkeiten der Seele hervorgebracht werden, und auf eine Weile bestehen, welche die ersten bleibenden Folgen der Aktionen ausma- chen? Wirken nicht diese von neuen auf die Seele zu- ruͤck, und verursachen in ihr Eindruͤcke auf eine aͤhnliche Art, wie es die Gehirnsveraͤnderungen thun, die von aͤußern sinnlichen Objekten herkommen? und sind es nun nicht entweder jene Gehirnsbeschaffenheiten, oder die ihr entsprechende Seelenbestimmungen, oder beide, die unmittelbar dem Gefuͤhl der Seele vorliegen, und durch welche wir mittelbar die vorhergegangene Aeuße- rungen ihrer thaͤtigen Kraft auf eine aͤhnliche Art em- pfinden, wie wir die sichtbaren Objekte mittelst der Ein- druͤcke sehen, die sie auf das innerste Organ hervorbrin- gen? Wenn diese Vorstellungen noch auffallender unter sich uͤbereinstimmten, und noch leichter mit den Beobach- tungen sich vereinigen ließen, als es jetzo nach meiner Meinung geschehen kann, so wuͤrde ich sie dennoch fuͤr nichts mehr als hoͤchstens fuͤr vernuͤnftige Muthmaßun- gen halten, weil sie die besten sind, die man sich machen kann, aber ihnen dennoch wenig Zuverlaͤßigkeit beylegen. Wer weis, auf wie viel tausendfache andere Arten, von welchen wir keine Begriffe haben, es sich wirklich in un- serer innern dunkeln Tiefe verhalten mag? Die Vergleichung des Gefuͤhls mit einer Zuruͤck- wirkung fuͤhret noch zu einer andern Folgerung. Jed- wede leidentliche Modifikation, welche die Seele empfaͤn- get, wird ihre Kraft zu reagiren rege machen, das ist, ihr uͤber Empfindungen u. Empfindnisse. ihr Gefuͤhl, und also einen Aktus des Fuͤhlens veranlas- sen. Wie weit wird dieser Gedanke durch die Beobach- tung bestaͤtiget? Begleitet nicht ein gewisses dunkles Selbstgefuͤhl alle unsere Zustaͤnde, Beschaffenheiten und Veraͤnderungen von der leidentlichen Gattung? Ein staͤrkeres Gefuͤhl unterdruͤckt ein schwaͤcheres, und macht es unbeobachtbar. Aber deßwegen nimmt es solches nicht weg, so wenig als das Sonnenlicht am Tage das Licht der Sterne zuruͤck haͤlt, ob gleich das letztere nicht gesehen werden kann. Es ist nemlich leicht zu begreifen, wie dieß mit einander vereiniget werden koͤnne. Wenn die einzelnen Aeußerungen des Gefuͤhls sich nicht so aus- nehmen, daß sie in ihren Folgen, die sie hinterlassen, von neuen besonders gefuͤhlet, und von andern abgeson- dert werden koͤnnen, so ist es nicht moͤglich, sie zu unter- scheiden, gewahrzunehmen und zu bemerken. Die Er- fahrung widerspricht dieser Allgemeinheit des Gefuͤhls nicht, und die Uebereinstimmung dieses Satzes mit an- dern psychologischen Wahrheiten giebt ihm wenigstens eine große Wahrscheinlichkeit. R 3 Dritter III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen Dritter Versuch . Ueber das Gewahrnehmen und Bewußtseyn. I. Bestimmter Begrif von dem Gewahrnehmen und Bewußtseyn. D ie Redensarten in unserer Sprache, eine Sache gewahrnehmen, sie gewahrwerden, etwas bemerken, sich einer Sache bewußt werden, be- wußt seyn, sie erkennen, und mehrere, haben zwar nicht voͤllig einerley Sinn, aber sie beziehen sich doch alle auf einen einfachen gemeinschaftlichen Grundbegrif von einer Aeußerung unserer Erkenntnißkraft, die so, wie die meisten Psychologen jetzo die Worte zu gebrauchen gewohnt sind, am reinsten und einfachsten durch das Wort Gewahrnehmen bezeichnet wird. Wenn die Seele gleichsam zu sich selbst innerlich saget, und wo die- ser Aktus lebhaft wird, ihn wirklich so ausdruͤckt: Sie- he; wenn sie nemlich einen Gegenstand nun als einen besondern Gegenstand fasset, ihn auskennet unter an- dern, ihn unterscheidet; dann ist dasjenige vorhanden, was ein Gewahrwerden oder ein Gewahrnehmen, oder die Apperception genennet wird. Ohne Zweifel hat dieß Wort, wie fast alle uͤbrige, urspruͤnglich eine viel eingeschraͤnktere Bedeutung. Gewahrnehmen ist ein Unterscheiden, ein Auskennen, wie die mehresten sagen, die zwar durch diese Vertauschung der Ausdruͤcke den Begrif von dem Aktus des Gewahrnehmens nicht deutlicher machen, als er und Bewußtseyn. er es vorher war, aber ihn doch von einer andern Seite darstellen, von der er vielleicht etwas mehr und heller gesehen werden kann. Das Bemerken will etwas mehr sagen, als Gewahrnehmen. Wer etwas bemer- ket, suchet an der gewahrgenommenen Sache ein Merk- mal auf, woran sie auch in der Folge gewahrgenommen und ausgekannt werden koͤnne. Sich einer Sache bewußt seyn, drucket einen fortdaurenden Zustand aus, in welchem man einen Gegenstand oder dessen Vorstel- lung unterscheidend fuͤhlet, und sich selbst dazu. Das Bewußtseyn ist von Einer Seite ein Gefuͤhl, aber ein klares Gefuͤhl, klare Empfindung, ein Gefuͤhl, mit dem ein Unterscheiden der gefuͤhlten Sache und Seiner selbst verbunden ist. Gefuͤhl und Gewahrnehmung sind die beiden Bestandtheile des Bewußtseyns. II. Ob das Gewahrnehmen einerley sey mit dem Aktus des Fuͤhlens in einer groͤßern Jntension? oder ob es einerley sey mit dem Aktus des Vorstel- lens, wenn dieser sich ausnehmend bey einer Vorstellung aͤußert? E in Objekt, welches gewahrgenommen werden soll, muß in uns, entweder in der Empfindung oder in der Vorstellung, gegenwaͤrtig seyn. Ohne Gefuͤhl oder ohne Vorstellung kann nichts gewahrgenommen werden. Aber ist dieß letztere etwas Eigenes, von je- nen Seelenaͤußerungen verschiedenes? oder ist es nur ein gewisser Grad an Staͤrke, an Lebhaftigkeit, an Fein- heit in dem Aktus des Fuͤhlens oder des Vorstellens? Denn daß nicht ein jedes Gefuͤhl, nicht das dunkle Ge- fuͤhl einer Sache, vorausgesetzt, daß dieses auch ein Fuͤhlen genennet werden soll, ein Bewußtseyn sey, schei- R 4 net III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen net mir durch das Raisonnement außer Zweifel gesetzet zu seyn, dessen ich in dem naͤchstvorhergehenden Versuch erwaͤhnet habe. Condillac ist auch hier gleich wieder bey der Hand mit seinen Entscheidungen. Die Auf- merksamkeit ist nichts, sagt er, als ein lebhaftes Ge- fuͤhl; Vergleichen und Reflektiren ist nichts, als ein Gefuͤhl von zween oder mehreren empfundenen Gegen- staͤnden, die man gegenwaͤrtig vor sich hat; das Wie- dererinnern ist nichts, als das Gefuͤhl einer vergan- genen Empfindung, die in der Einbildungskraft mit ei- nem matten Licht zuruͤck geblieben ist. Und also das Gewahrnehmen? was anders, als ein lebhaftes, hervorstechendes Gefuͤhl einer empfundenen oder einer vor- gestellten Sache? Zufolge einer in dem Versuch uͤber die Vorstellun- gen ( N. V. ) gemachten Anmerkung verbindet sich die Gewahrnehmung eines empfundenen Gegenstandes nicht sowohl mit der ersten Aufnahme eines sinnlichen Ein- drucks, und mit dessen Empfinden, als vielmehr mit der Nachempfindung. Der Eindruck von der Rose, von der Sonne, ist schon in uns aufgenommen, und bestehet daselbst in den Zeitmomenten zwischen den unter- brochen auf einander folgenden Eindruͤcken von außen. Alsdenn ist die Nachempfindung vorhanden; die Em- pfindung ist schon in eine Vorstellung uͤbergegangen; und durch diese Vorstellung wird das Empfundene wahr- genommen. Wenn die Empfindungen oder die blos ge- fuͤhlten Eindruͤcke am staͤrksten sind, so nehmen wir am wenigsten gewahr, und indem wir noch die Augen starr auf die Sache gerichtet haben, gar nicht. Lebhaftes Ge- fuͤhl haͤlt die Reflexion zuruͤck. Aber es ist unnoͤthig, auf diesen Unterschied hier Ruͤcksicht zu nehmen. Die Nachempfindung kann selbst noch zu der Empfindung mit gerechnet werden, wo nicht etwan die Beziehung des Fuͤhlens und des Percipirens untersuchet werden soll. Jch und Bewußtseyn. Jch setze also in der gegenwaͤrtigen Betrachtung zum Grunde, es sey das Gewahrnehmen mit dem Gefuͤhl wie mit dem Vorstellen verbunden; und dann ist zu- naͤchst zu fragen: „ob ein lebhaftes abgesondertes Ge- „fuͤhl einer Sache das Gewahrnehmen allemal mit sich „verbunden habe, und verbunden haben muͤsse,‟ in al- len Wesen, auch in den Thierseelen? und ob jenes mit diesem einerleyartig sey? Ob es dasselbartige Vermoͤ- gen der Seele sey, womit sie fuͤhlet, und womit sie das Gefuͤhlte als etwas besonders gewahrnimmt, es ausken- net oder unterscheidet? Es giebt Vorstellungen ohne Bewußtseyn. Aber in welchem Verstande? Es giebt Eindruͤcke von den Dingen außer uns, die an sich vielbefassend und zu- sammengesetzt sind, und in denen wir nichts unterschei- den; und dergleichen giebt es auch in unsern innern Ver- aͤnderungen, welche Gegenstaͤnde des Selbstgefuͤhls sind. Wir wissen so wenig | um alles, was in unsrer innern Welt vorgehet, als wir alles bemerken koͤnnen, was au- ßer uns ist. Dahero sind auch in den nachbleibenden Spuren, welche die Phantasie wiederum gegenwaͤrtig machet, so viele Theile, die wir so wenig unterscheiden, als die einzelnen Duͤnste in den Wolken; und die den- noch auch einzeln genommen, Vorstellungen, das ist, solche hinterlassene Abbildungen der Dinge sind, deren sich die Seele, wenn es nur nicht an der noͤthigen mate- riellen Klarheit in ihnen fehlet, sich zu Zeichen der Din- ge bedienen kann. So viel ist wohl außer Zweifel. Der Grund und Boden der Seele bestehet, wie Leibnitz sagte, aus unwahrgenommenen Vorstellungen. Die Jdeen, die Vorstellungen, deren man sich bewußt ist, sind einzelne hervorragende Theile, wie die Jnsuln auf dem Weltmeer, davon nur hie und da, eine groͤßere An- zahl nahe auf einem Haufen beysammen lieget. R 5 Dennoch III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen Dennoch ist die Hauptsache in dem Streit uͤber die Existenz der bloßen Vorstellungen hiedurch noch nicht entschieden. Alles abgesondert, was Wortgezaͤnke ist, und auf Wortverwirrung und Mißverstand beruhet, so findet sich hiebey eine dunkle Stelle, auf die, soviel mir bekannt ist, noch das noͤthige Licht nicht gebracht worden ist, und auch aus Beobachtungen allein wohl nicht ge- bracht werden kann. Giebt es in uns Vorstellungen, die als Bilder und Zeichen betrachtet, hinreichend aus- gedruckt, und von andern stark genug in der Phantasie abgesondert sind, so daß sie selbst und durch sie ihre Ob- jekte von andern unterschieden werden koͤnnen? Haben sie alle bildliche Klarheit, alles Licht, was ihnen noͤthig ist, um als Jdeen gebrauchet zu werden, sobald das Au- ge des Geistes auf sie hinsiehet, ohne doch daß wir dar- um wissen, daß wir sie wirklich sehen und gewahrneh- men? Sind sie und koͤnnen sie schon voͤllig zubereitet und apperceptibel seyn, ohne zugleich wirklich appercipirt zu werden? Oder muͤssen sie vielleicht jene materielle Klarheit nur erst durch derselbigen Aktus empfangen, wodurch sie wirklich gewahrgenommen, und wirklich als Bilder und Zeichen gebrauchet werden? durch den Ak- tus, wodurch sie mit Bewußtseyn beseelet, und zu Jdeen werden? Die hier aufgeworfene Frage kommt unter andern Gestalten und Ausdruͤcken in mehrern psychologi- schen Aufgaben vor. Der Unterschied zwischen der bild- lichen und ideellen Klarheit ist oben in dem Versuch uͤber die Vorstellungen ( N. XII. ) angegeben worden. Hier will ich noch etwas hinzufetzen, um die Dunkelheit in der Sache, die wohl nicht vertrieben werden kann, bestimmt anzugeben, und zu zeigen, wie stark sie sey, und wo sie liege. Wir haben oͤfters einen Gegenstand so nahe und so gerade vor Augen, daß wir eine und die andere Beschaf- fenheit an ihm haͤtten gewahrnehmen koͤnnen, ohne daß solches, und Bewußtseyn. solches, so viel wir wissen, dennoch geschehen sey. Aber wenn es nun nicht geschehen ist, zu der Zeit, da wir die Sache empfunden haben, so besinnen wir uns auch nachher nicht darauf, wenn sie in ihrer Abwesenheit blos als Phantasma in uns gegenwaͤrtig ist. So oft ich mich erinnere, was fuͤr ein Kleid eine Dame getragen habe, die ich in der Gesellschaft gesehen, wie ihr Kopf- zeug gestaltet gewesen sey, und dergleichen, so oft erin- nere ich mich, schon damals, als ich sie sahe, diesen Zug in der Empfindungsidee bemerket zu haben. Man sehe eine Sache recht genau an, praͤge sich ihr Bild ein, so gut man kann; mache alsdenn die Augen zu, und ver- suche, ob man im Stande sey, nunmehr in der Vorstel- lung mehr bey der Sache zu entdecken, als man schon in der Empfindung bemerket hatte. Die Dichtkraft muß nur das Bild nicht umaͤndern; so wird man der- gleichen nicht finden. Scheinet es nicht, man koͤnne schließen, „wenn die Vorstellung als Bild in der Seele „so ausgearbeitet vorhanden seyn koͤnnte, als es erfodert „wird, um durch sie die Sache gewahrzunehmen, ohne „daß man sie zugleich wirklich gewahrnehme, so muͤßte „ich manches, auch bey der Abwesenheit der Sache, „durch ihr Phantasma entdecken, dessen ich mich vor- „her bey ihr nicht bewußt gewesen bin. Aber das letz- „tere geschieht nicht.‟ Sollte es also nicht wohl an ei- ner Apperceptibilitaͤt in dem Bilde, oder in einem Theil desselben gefehlet haben, wo die wirkliche Apperception zuruͤckgeblieben ist? zumal da wir auch, wie schon erin- nert worden ist, in solchen Faͤllen nichts mehr in der Wiedervorstellung eines empfundenen Objekts unterschei- den, als wir nicht schon in der Empfindung unterschieden haben, wo es doch ungemein wahrscheinlich ist, daß in dem zuruͤckgebliebenen Bilde Zuͤge vorhanden sind, die, gehoͤrig ausgezeichnet und gewahrgenommen, die Vor- stellungen von solchen unbemerkten Beschaffenheiten seyn wuͤrden. III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen wuͤrden. Solchen Zuͤgen koͤnnen wir nun die ideelle Klar- heit nicht geben, die sie in der Empfindung nicht hatten. Warum nicht? Es muß ihnen an der erfoderlichen bildlichen Klarheit fehlen, sie muͤssen fuͤr sich in der Vor- stellung noch nicht apperceptibel seyn. Denn laͤgen sie schon so ausgearbeitet und abgesondert da, so wuͤrde es ja nur darauf ankommen, daß wir die Aufmerksamkeit gehoͤrig auf sie verwendeten. Da wir sie nicht sehen, auch wenn wir sie suchen, ist es nicht wahrscheinlich, daß sie auch in dieser sichtbaren Gestalt noch nicht vorhanden gewesen sind, und ist es nicht wahrscheinlich, daß sie alsdenn erst sichtbar werden, wenn wir sie wirklich sehen? Aber nun betrachte man die Sache auch von der andern Seite. Nehmen wir nicht wirklich so manches an den Gegenstaͤnden gewahr, wenn wir die Jdeen, die bey der Empfindung von ihnen entstanden sind, nun mit voller Aufmerksamkeit betrachten, da sie selbst nicht mehr vor uns sind? und nehmen wir nicht solche Beschaffenheiten an ihnen gewahr, wovon wir es uns nicht erinnern, we- nigstens nicht deutlich erinnern, es in der Empfindung bemerkt zu haben? Sind denn dieß nicht die Beobach- tungen, welche es beweisen, daß doch manche voͤllig ap- perceptible Zuͤge in dem Bilde gewesen sind, ob es an ihrer wirklichen Apperception noch gefehlet habe? Es laͤßt sich hierauf antworten. Sind es Verhaͤlt- nisse und Beziehungen, die wir gewahrwerden, in- dem wir die jetzige Vorstellung des Abwesenden mit an- dern Vorstellungen in uns vergleichen, so kann dieß eine gegenwaͤrtige neue Wirkung unserer Reflexion seyn, die sich auf die gegenwaͤrtigen Vorstellungen verwendet. Da sind es keine absolute Beschaffenheiten in dem Gegen- stande, keine solche, die wir durchaus nicht in ihm er- kennen koͤnnten, ohne einen ihnen entsprechenden und ab- stechenden Zug in der Vorstellung gewahrzunehmen; es sind Gedanken von Verhaͤltnissen, welche die Denkkraft zu und Bewußtseyn. zu den Vorstellungen hinzusetzet, wozu diesen nicht mehr bildliches Licht und Deutlichkeit noͤthig ist, als sie vor- her hatten. Es geschicht auch wohl, daß, wenn wir uͤberlegen, und einen Theil einer Vorstellung mit andern vergleichen, solche verglichene Zuͤge etwas lebhafter aus- gezeichnet, und mehr abgesondert werden, als sie es vor- her in dem Ganzen gewesen sind. Allein nicht davon, sondern dieß war die Frage, ob sie schon vorher so deut- lich abgesondert gewesen sind, ehe das Unterscheiden und das Gewahrnehmen der Beziehungen hinzugekommen ist? Wir koͤnnen nachdenken uͤber die Vorstellungen empfundener Dinge, und uͤber diese philosophiren; aber koͤnnen wir in ihnen etwas absolutes entdecken, das wir nicht in der Empfindung schon haben bemerken muͤssen? Sind es absolute Beschaffenheiten der Dinge, die wir in ihren Wiedervorstellungen sehen und in ihren Em- pfindungen nicht bemerket haben, so kann dieß ein Zusatz aus der Phantasie seyn. Die selbstbildende Dichtkraft kann bey der Reproduktion manches anderswohergenom- menes hineinbringen, was aus der Empfindung der Sa- che nicht gekommen ist. Aber alsdenn ist das neue, was wir in dem Bilde lesen, und in der Empfindung nicht antrafen, eine Erdichtung, und wenn sie auch durch ei- nen Zufall mit der Wahrheit uͤbereinstimmet. Haben wir einigemale eine Person mit einer gewissen Kleidung gesehen, und dieselbige Person nun das letztemal an ei- nem andern Ort, wo wir auf die Farbe des Kleides nicht acht hatten, so werden wir, bey der Wiedererinnerung an die letztgehabte Empfindung, sie von selbst in dem- jenigen Kleide uns vorstellen, worinn wir sie die meh- rern male gesehen haben. Da ist es die Jdeenassocia- tion, die uns nun in der letzten Wiedervorstellung etwas bemerken laͤsset, was vielleicht wuͤrklich in der Empfin- dung gewesen ist, ohne gewahrgenommen zu seyn. Die- se Faͤlle entscheiden es also auch nicht, ob irgend in einer Vorstel- III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen Vorstellung etwas gewahrnehmbares vorhanden sey, was doch nicht gewahrgenommen wird, und ob eine gan- ze Vorstellung einer Sache so seyn koͤnne? Endlich, so sind auch unsere Auseinandersetzungen der Jdeen im Kopf, und ihre Verdeutlichung keine Be- weise, daß etwas in ihnen ehe schon voͤllig apperceptibel gewesen sey, ehe es wirklich appercipiret worden ist. Un- sere selbstthaͤtige Vorstellungskraft kann die in eine ver- wirrte Vorstellung zusammenlaufende einzelne Bilder auf manche Weise auseinander setzen, und das vermischte auf- loͤsen; es folget aber nicht, daß sie solches bis dahin thun koͤnne, daß irgend ein Theil, ein Zug, ein Merk- mal die abgesonderte und hervorstechende Lage empfange, in der es ist, wenn es unterschieden wird, ohne daß alsdenn der Aktus des Gewahrnehmens zugleich auch er- folge? Laß die Vorstellung, noch ehe sie in diesen Zu- stand versetzet wird, immer eine Perception oder eine Vorstellung heißen; sie ist doch eine solche Vorstellung noch nicht, die mit der bildlichen Klarheit versehen waͤ- re, welche sie alsdenn an sich hat, wenn sie als eine Vor- stellung einer Sache von uns gebrauchet wird. Dieje- nigen, welche gelaͤugnet haben, daß es bloße Vorstellun- gen ohne Bewußtseyn gebe, haben auch ohne Zweifel den Namen der Vorstellung einer sich auf einen andern Gegenstand beziehenden Modifikation der Seele nicht ehe geben wollen, als bis solche so weit abgesondert in uns vorhanden sey, als sie alsdenn ist, wenn wir sie von andern unterscheiden und gewahrnehmen. Es geschieht oft, daß ich auf die Frage, welch ein Kleid hatte die Person an, die ich in der Gesellschaft nicht lange vorher gesehen habe, nicht sogleich antworten kann, aber nach einigem Besinnen sage ich: es duͤnke mich, dieses oder jenes, und zuweilen setze ich hinzu, es sey gewiß. Aber sobald ich es fuͤr gewiß ausgebe, so erin- nere ich mich, in der Empfindung schon die Farbe und Gestalt und Bewußtseyn. Gestalt des Kleides bemerket zu haben. Wo ich unge- wiß bin, da bin ich es, nicht zwar darum, weil ich et- wan das, was ich angebe, nicht klar genug mir vorstelle, sondern daher, weil ich mich nicht versichert halte, daß diese Vorstellung mit der vorigen Empfindung uͤberein- stimmet, und also nicht weis, ob es nicht eine Erdichtung sey. Wenn es aber dergleichen nicht ist, so kann die- se bildliche Klarheit meiner Vorstellung doch daher kom- men, weil ich in der Empfindung schon etwas gewahr- genommen habe, ob ich gleich mich nicht mehr darauf besinne. Denn nichts ist gewisser, als daß wir Dinge vergessen, ohnerachtet wir uns ihrer in einem hohen Gra- de bewußt gewesen sind. Entschieden ist also der Streit, ob es Jdeen ohne Bewußtseyn gebe, wenn man nemlich den streitigen Punkt gehoͤrig bestimmet, durch diese Betrachtung noch nicht, wenigstens nicht voͤllig. Es ist auf der einen Seite wahrscheinlich, daß in einer Vorstellung Merkmale von dem Objekt leserlich genug sind, die wir uͤbersehen; aber es ist auf der andern Seite auch wahrscheinlich, daß diese Zuͤ- ge alsdenn, wenn wir sie bemerken, mit diesem Aktus des Bemerkens nur erst dasjenige empfangen, was sie voͤl- lig leserlich fuͤr uns machet. Und dieß letztere halte ich fuͤr mehr wahrscheinlich als jenes, daß nemlich das Gewahrnehmen und das Absondern der Vorstellung zugleich vor sich gehe. Denn indem wir gewahrnehmen, so aͤußert sich ein Vermoͤgen der Seele und verwendet sich auf die Vor- stellung. Hiervon wird diese doch in etwas modifiei- ret werden muͤssen. Sollte sie nun nichts von ihrer bild- lichen Klarheit empfangen haben, die sie an sich hat, wenn das Bewußtseyn zu ihr hinzugekommen und sie zu einer Jdee gemacht worden ist, so muͤßte man annehmen, daß die Seele ihr Bewußtseyn nur schlechthin auf die schon voͤllig fertige Vorstellung aufgedruͤckt habe, ohne daß III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen daß zugleich eine andere Veraͤnderung in dieser letztern als Bild betrachtet entstanden sey. Dieß ist dem, was man in andern aͤhnlichen Faͤllen antrift, nicht gemaͤß. Allein nun ist dieß noch eine andere Sache. Soll- te etwan das Gewahrnehmen gar nichts anders seyn, und in sich enthalten, als denjenigen Aktus der Seele, wodurch das Bild oder seine Theile ihre bildliche Klar- heit empfangen? oder ist der Aktus des Gewahrneh- mens nur darum mit dem letztern zugleich verbunden, weil das Gewahrnehmungsvermoͤgen durch den letztern, dem man noch die Vorstellungskraft zuschreiben kann, zur Wirksamkeit gereizet wird? Die Frage will noch mehr sagen, als die vorherge- hende. Und wie viele andere, die zur Zeit unentschie- den bleiben muͤssen, lassen sich nicht zu den vorhergehen- den noch hinzusetzen. Z. B. Wie weit naͤhert sich das- jenige von materieller Klarheit in der Vorstellung, was vor dem Gewahrnehmen vorhanden ist, der voͤlligen Ap- percibilitaͤt derselben, oder wie weit stehet jener Grad der bildlichen Klarheit noch von dieser letztern ab? Die Thei- le einer ganzen Vorstellung sind doch schon an sich in der Seele in einigen Graden verschieden, ehe sie wirklich von uns unterschieden werden. Wie viel fehlt noch daran, daß ihr Unterschied der Reflexion einleuchten, und daß es zu einer wirklichen Apperception kommen koͤnne? Soll- te in den noch ungeuͤbten Seelen der Kinder die bild- liche Deutlichkeit in ihren Vorstellungen und Empfin- dungen nicht weiter gehen, als die ideelle Deutlichkeit in den Gedanken? Das Kind richtet oft seine Augen starr auf seine Klapperbuͤchse, ohne daß man in den Au- gen den Ausdruck der Reflexion, den Zug der die Ueber- legung verraͤth antreffe, der doch in der Folge deutlich genug zu sehen ist. Wie weit kann denn wohl die Bil- derschrift in dem jungen weichen Gehirn leserlich seyn, oh- ne wirklich von der Seele gelesen zu werden? III. Das und Bewußtseyn. III. Das Gewahrnehmen bringet Gedanken von ei- nem Verhaͤltniß hervor. Vergleichung des Verhaͤltnißgedanken mit dem Gefuͤhl des Abso- luten. D as Gewahrnehmen gehoͤret zu den sehr einfachen Thaͤtigkeiten der Seele, in deren Jnnern sich wenig Mannigfaltiges bemerken laͤsset. Es ist nicht leicht, es zu beobachten, als nur auf die Art, daß man es von außen zu betrachten suche, daß man nemlich auf die Wirkungen sehe, die es hervorbringet, auf seine Gegen- staͤnde, mit denen es sich unmittelbar beschaͤstiget, und so weit es angehet, die Entstehung des Bewußtseyns aufsuchet. Jndem wir etwas gewahrnehmen, so entstehet in uns ein Gedanke von einem Verhaͤltniß einer Sache gegen andere. Das Wort, Siehe, druͤcket zum min- desten so viel aus: das Objekt, was ich gewahrnehme, ist eine besondere Sache fuͤr sich. Darinnen bestehet das Unterscheiden und Auskennen, daß ich diesen Gedanken in mir habe, wenn er auch gleich weder ent- wickelt in der Form eines voͤlligen Urtheils vorhanden ist, noch durch Worte wirklich bezeichnet wird. Der Gedanke von der Besonderheit der wahr- genommenen Sache ist also eine Wirkung von dem Aktus des Gewahrnehmens, oder, wenn man die Sache so an- sehen will, dieß Verhaͤltniß der Dinge ist dasjenige, womit sich das Gewahrnehmungsvermoͤgen unmittelbar beschaͤftiget. Es ist also eine Art von Urtheilen, was in uns bey dem Gewahrwerden entstehet. Jch sage eine Art von Urtheilen. Denn ein eigent- liches Urtheil, wenn dieß als eine besondere Gattung von Gedanken angesehen wird, die von den Jdeen unter- I. Band. S schieden III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen schieden ist, und zu diesen hinzu kommt; (so nimmt man das Wort gewoͤhnlicher Weise in der Vernunftlehre) so ist das Gewahrnehmen noch nicht unter die Urtheile zu setzen. Durch das Unterscheiden entstehen zuerst Jdeen; in den Urtheilen werden sie als schon vorhandene voraus- gesetzt. Das einfache Gewahrnehmen erfordert nichts mehr, als daß der wahrgenommene Gegenstand vorzuͤg- lich vor den uͤbrigen, unter welchen er ausgekannt wird, vorgestellet werde. Die Vergleichung, welche dabey zwischen dieser Vorstellung und zwischen den uͤbrigen an- gestellet wird, ist nichts weiter, als eine Gegeneinan- derstellung von Bildern, keine eigentliche Verglei- chung der Dinge in den Jdeen. Es ist seit dem Des Cartes zur Untersuchung gekommen, ob alle Jrrthuͤ- mer in den Urtheilen liegen, oder ob es nicht auch schon falsche Jdeen gebe? Die Frage ist leicht zu entscheiden, wenn man zwischen den eigentlichen Urtheilen, oder Ge- danken von Verhaͤltnissen der Jdeen, und zwischen dem Verhaͤltnißdenken uͤberhaupt einen Unterschied machet. Wird dieß letztere ein Urtheilen genannt, so werden schon Urtheile erfordert, und es werden dergleichen ge- faͤllt, wenn eine Jdee hervorgebracht wird. Das Ge- wahrnehmen ist ein Urtheilen, das ist, ein Gedanke ei- nes Verhaͤltnisses, und es hat das Wesentliche des Ur- theilens an sich. Alsdann sind alle Fehler der Denk- kraft auch Fehler in dem Urtheilen. Diese abgerechnet, so bleibet in unserer Erkenntniß nichts mehr als die bloßen Vorstellungen zuruͤck, bloße Bilder, die ebenfalls un- natuͤrlich, ihren Gegenstaͤnden unangemessen und fehler- haft seyn koͤnnen, und dadurch falsche Gedanken und Ur- theile veranlassen, aber doch selbst keinen Jrrthum, als einen unrichtigen Gedanken enthalten koͤnnen, weil noch gar keine Denkthaͤtigkeit in ihnen vorhanden ist. Diese Beschaffenheit des Gewahrnehmens, daß es nemlich zu einem Verhaͤltnißgedanken fuͤhret, ist vor an- dern und Bewußtseyn. dern in Betracht zu ziehen. Sie giebt ein Unterschei- dungsmerkmal des Gewahrnehmens von dem Gefuͤhl, welches letztere nur allein das Absolute in den Dingen zum Gegenstande hat. Sollte nicht hiedurch der Satz, es sey der Aktus des Fuͤhlens von dem Gewahr- nehmen wesentlich unterschieden, eine heterogene und mit diesem letztern unvergleichbare Kraftaͤußerung, wenn nicht voͤllig bestaͤtiget, doch wahrscheinlich gemacht werden? Die Objekte des Gefuͤhls und der Apper- ception sind so weit verschiedenartig, indem es absolute und relative Praͤdikate sind, als diese beiden Gattun- gen von Praͤdikaten oder Zukommenheiten es selbst sind, oder eigentlich in dem Grade, in welchem es die Vor- stellungen von dem Absoluten und die Gedanken von dem Relativen es sind. Gibt es etwan einen identischen generischen Begrif von beiden, der das in sich faßt, was ihnen gemeinschaftlich ist? Was hat eine Relation, eine Beziehung zweyer Dinge auf einander, fuͤr eine Aehnlichkeit mit den Dingen, die sich auf einander be- ziehen? Sie sind beide Praͤdikate, beide Beschaffen- heiten der Sache, saget man. Was heißet dieß? Beides, das Absolute wie das Relative, wird von uns in den Objekten gefuͤhlet, erkannt, bemerket. Richtig, aber eben diese allgemeine Notion von einer Zukommen- heit oder von einem Praͤdikat, ist sie etwas mehr, als ein blos symbolisches Genus, mehr als ein gemeinschaft- licher Name? Wenn das Absolute nur allein fuͤhl- bar und vorstellbar; das Relative nur allein gedenk- bar ist, so fraͤget es sich ja wiederum, wie weit diese Aktus des Fuͤhlens und des Denkens selbst Einerley- oder verschiedenartig sind? Jst jenes, so enthaͤlt der Begrif vom Praͤdikat etwas allgemeines, das sowohl in den relativen als absoluten Praͤdikaten vorhanden ist; aber wenn das letztere statt findet, worinn bestehet denn am Ende das gemeinschaftliche in ihnen? Worinnen S 2 mehr, III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen mehr, als daß sie Gegenstaͤnde der ganzen menschlichen Erkenntniß- und Vorstellungskraft sind. Die Verschiedenartigkeit des Relativen (Beziehen- den) und des Absoluten (Unbezogenen) ist bey der ersten Gattung der Verhaͤltniße, bey der Einerleyheit und Verschiedenheit der Dinge, die eigentlich Verhaͤlt- nisse oder Relationen genennt werden, sehr auffallend. Zwey Objekte, welche wir fuͤr Einerley, fuͤr gleich, fuͤr aͤhnlich erkennen, haben ihre absolute Beschaffenhei- ten (als Sachen). Jedes Ey hat seine Groͤße, Gestalt, Farbe, Gewicht in sich objektivisch. Dieß sind seine absolute Beschaffenheiten. Aber was ist das, was wir ihre Aehnlichkeit, Gleichheit, Einerleyheit nen- nen? Wo ist ihre Einerleyheit? Es ist offenbar; sie sey nur sukjektivisch in dem Verstande vorhanden, der nach der Gegeneinanderhaltung der Dinge dieß Praͤ- dikat der Aehnlichkeit zu den Jdeen der Sachen hinzu fuͤget. Der Gedanke von dem Verhaͤltniß ist von der Denkkraft hervorgebracht, und ist nichts außer dem Ver- stande, sondern ein ens rationis, ein Machwerk von derjenigen Kraft, mit welcher wir die in uns gegenwaͤr- tigen Vorstellungen von den Dingen als Sachen ver- gleichen, und dann ihnen so zu sagen, ein Siegel unse- rer vergleichenden Thaͤtigkeit aufdrucken. Wenn der Gedanke von dem Verhaͤltniße einmal hervorgebracht worden ist, so hat die Kraft der Seele sich thaͤtig ge- aͤußert, und diese Aktion ist eine Veraͤnderung in der Seele, die, wie jedwede andere, Spuren hinterlaͤßt, welche auf eine aͤhnliche Art, wie andere Vorstellungen, wieder erwecket werden koͤnnen, ohne daß der erste Aktus des Denkens selbst wiederholet werde. Dieß fuͤhret uns wiederum auf eine Unterscheidung, die nicht uͤbergangen werden darf. Man klage uͤber Subtilitaͤt; ich wende nichts ein. Aber es ist nun so; man muß sich an allen Seiten umsehen. Es ist ein anders, und Bewußtseyn. anders, Dinge zuerst fuͤr einerley erklaͤren, oder sie un- terscheiden; und ein anders ist es, sich diesen Gedanken wieder vorstellen, davon zu abstrahiren, das Gemein- schaftliche in mehrere Verhaͤltnißgedanken absondern, und daraus den allgemeinen Begrif von dem Verhaͤltniß- gedanken, und von dem Verhaͤltnisse selbst herausziehen. Bey einer andern Gattung von Verhaͤltnissen, die man Beziehungen nennen kann, die wir nur bey wirk- lichen Dingen uns vorstellen, und die von der verschie- denen Art abhangen, wie die Dinge mit einander wirk- lich vorhanden sind, von der Art nemlich, wie sie ne- ben einander zugleich sind, oder wie sie auf einander folgen, mit einem Wort, von den Arten ihrer Mit- wirklichkeit, ist es schon eine mehr verwickelte Frage; ob auch diese so, wie die vorhergehenden Verhaͤltnisse, als ein bloßes Werk des denkenden Verstandes, auf eine aͤhnliche Weise aus der Vergleichung entstehen, und nur etwas Subjektivisches in uns sind? Leibnitz und seine Nachfolger, und unter den neuern Philosophen, die Herren Mendelsohn, Kant, Ulrich und andere ha- ben sie, obgleich nicht voͤllig auf einerley Weise bejahet, denen aber andere widersprechen. Z. B. Ein Ding lieget dem andern nahe; es stehet von ihm ab. Es giebt eine Ordnung und Symmetrie in der Verbindung der Theile in einem Gebaͤude, in einer Maschine u. s. w. Was sind diese Mitwirklichkeits- verhaͤltnisse? Was ist die Naͤhe, die Entfernung; die Beruͤhrung, der Abstand? Zu der Einerleyheit und Verschiedenheit, und ihren Arten, welche aus der Ver- gleichung der Dinge in den Jdeen, ohne Ruͤcksicht auf ihre Lage und Stellung gegeneinander entspringen, koͤn- nen sie nicht gerechnet werden, sobald nemlich nur von einfachen Verhaͤltnissen die Rede ist, und nicht von sol- chen, die aus Verhaͤltnissen von mehreren Gattungen zusammen gesetzet sind. Was ist das Objektivische und S 3 Absolute III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen Absolute in den vorerwaͤhnten Verhaͤltnissen der Lage und Ordnung, und worinn bestehet das Relative, das nur der Verstand aus sich hinzu setzet? oder giebt es dergleichen nicht? Jst die Lage und Stellung der Dinge gegeneinander etwas Absolutes, so etwas als ihre Farbe, Kraft, Soliditaͤt, und dergleichen? Der Grund die- ser Beziehungen kann wie der Grund der erstgedach- ten Gattung von Verhaͤltnissen, ( fundamentum rela- tionis, ) etwas Absolutes in den Objekten seyn; aber was ist die Beziehung selbst noch mehr, als ein Gedanke in der Denkkraft? Diese Betrachtung ziehet sich in die verwickeltesten metaphysischen Untersuchungen uͤber die Natur des Raums und der Zeit hinein, worauf ich mich hier nicht einlasse; aber es an einem andern Ort etwas mehr werde thun muͤssen, wo die verschiedenen Wirkungsarten der Denk- kraft naͤher zu betrachten kommen. Denn die ganze Spekulation uͤber die erwaͤhnten Gemeinbegriffe des Ver- standes, beruhet am Ende auf psychologischen Untersu- chungen uͤber ihre Entstehungsart und ihre subjektivische Natur im Verstande. Hier will ich nur Eine Bemer- kung herausnehmen, welche die Verschiedenartigkeit der Verhaͤltnißbegriffe dieser Art und der Vorstellungen von dem Absoluten, (oder von Sachen) erlaͤutert. Wenn es ausgemacht waͤre, daß die Mitwirklich- keitsverhaͤltnisse etwas Objektivisches in den Gegenstaͤn- den sind, so koͤnnten diese so gut, wie andere absolute Beschaffenheiten der Dinge, auch unmittelbare Gegen- staͤnde des Gefuͤhls seyn. Alsdenn koͤnnte der Aktus der Seele, wenn sie z. B. den Gedanken denket, ein Baum stehet in der Naͤhe des Hauses, eine Aeußerung eben des- selbigen Vermoͤgens seyn, womit die Vorstellungen von dem Baum und von dem Hause gegenwaͤrtig gemacht, und in ihrer Gegenwart gefuͤhlet und empfunden werden. Unter dieser Voraussetzung wuͤrden das Absolute der Dinge und und Bewußtseyn. und diese Gattung von Beziehungen, beides fuͤhlbare Zukommenheiten oder Praͤdikate bey den Gegenstaͤnden seyn. Diese Einartigkeit faͤllt aber weg, wenn die Ver- haͤltnißgedanken etwas vorstellen, das durchaus kein un- mittelbarer Gegenstand des Gefuͤhls seyn kann. Jndessen ist doch eine andere Verschiedenartigkeit von einem geringern Grade zwischen ihnen vorhanden. Die Jdeen von den absoluten Beschaffenheiten der Din- ge koͤnnen weder durch Erhoͤhung, noch durch Verseine- rung, in Verhaͤltnißbegriffe dieser Gattung uͤbergehen, so wenig als Toͤne in Farben. Jhre Verschiedenheit gehet also weiter, als auf Grade und Stufen. Nach dem gemeinen Axiom sind Raum und Zeit und die Lage der Dinge unabhaͤngig von ihren Groͤßen, Figuren, Ge- wicht, Festigkeit und Farbe und andern unbezogenen Beschaffenheiten, in so ferne, daß jedwedes Ding nach dem betrachtet, was ihm fuͤr sich zukommt, voͤllig das- selbige bleiben kann, wenn gleich sein Ort und seine Lage gegen andere veraͤndert wird; so wie auch umgekehrt an die Stelle eines Objekts ein anderes z. B. an die Stelle eines steinernen Pfeilers ein hoͤlzerner hingedacht wer- den kann, der den Raum von jenem genau ausfuͤllt. Laß es seyn, daß in den wirklichen Dingen dieser Welt ein wahrer Zusammenhang zwischen ihrem innern und aͤußern Zustaͤnden vorhanden ist, wie Leibnitz und Wolf mit guten Gruͤnden behauptet haben, so folget doch auch daraus nichts mehr, als daß das Absolute und das Relative von einander abhaͤnget, und mit einander veraͤndert wird, aber es folget nicht, daß das eine auf- hoͤre etwas ganz verschiedenartiges von dem andern zu seyn. Endlich, so mag es mit dieser letztgedachten Art von Verhaͤltnissen, und auch mit denen, die aus der ver- ursachenden Verknuͤpfung entspringen, die ich hier unberuͤhrt uͤbergehe, beschaffen seyn wie es wolle; so ist S 4 es III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen es doch bey der erstern Gattung von ihnen, welche die Jdentitaͤt und Diversitaͤt enthaͤlt, offenbar, wie wenig Verhaͤltnisse und absolute Beschaffenheiten der Dinge, mit einander verglichen werden koͤnnen. Das Gewahr- nehmen ist ein Unterscheiden. Es faßt also einen Gedanken von einer Verschiedenheit in sich, und gehoͤrt zu eben dieser Gattung der Verhaͤltnißgedanken, die mit den Vorstellungen, deren Objekt das Absolute ist, am wenigsten gleichartig sind, und welche das Gefuͤhl, als Gefuͤhl, nicht hervorbringen kann. Jst nicht also auch der Aktus des Gewahrnehmens etwas ganz verschiedenes von dem Aktus des Gefuͤhls, da die Wirkung von jenem etwas ganz verschiedenes von der Wirkung des letztern ist? Folget denn nicht ferner hieraus, daß Gewahr- nehmen eine eigene Anlage in der Seele voraus setze, die vielleicht noch fehlen koͤnnte, wenn gleich die Kraft zum Fuͤhlen in allen ihren Richtungen, so fein, so leb- haft, und so stark waͤre, als das koͤrperliche Gefuͤhl in einer Spinne, der Geruch in dem Hunde, und das Gesicht in dem Adler ist? Wenn das letztere aus je- nem noch nicht mit voͤlliger Evidenz gefolgert werden kann, so erhellet doch so viel, daß es zu voreilig sey, mit Condillac und andern das Gewahrnehmen gerade hin fuͤr ein lebhaftes Gefuͤhl zu erklaͤren. IV. Wie und Bewußtseyn. IV. Wie das Gewahrnehmen entstehe. 1) Es setzet eine sich ausnehmende Empfin- dung oder Vorstellung von der gewahrge- nommenen Sache voraus. 2) Es erfordert eine Zuruͤckbeugung der em- pfindenden und vorstellenden Kraft auf die gewahrgenommene Sache. 1. D er Aktus des Gewahrnehmens kann nur beobachtet werden, wenn eine Sache schon wahrgenommen worden ist. Denn in dem Augenblick, wenn man ge- wahrnimmt, kann man nicht auch gewahrnehmen, was dabey vorgehet. So verhaͤlt es sich bey den meisten un- serer innern Empfindungen, wie oben schon bemerket worden ist; und dieß ist nur allzuoft die Gelegenheit, daß die Phantasie ihre Dichtungen unter den Beobachtun- gen einmischet. Aber dennoch machet dieser Umstand eine richtige Beobachtung nicht ganz unmoͤglich. Richte ich das innere Geistesauge auf den Aktus des Gewahrnehmens, so gut ich kann, so zeiget sich zuerst dabey dieser merkwuͤrdige Umstand. „Die Empfin- „dung oder die Vorstellung, durch welche man einen Ge- „genstand gewahrnimmt, ist vorzuͤglich lebhaft in uns „gegenwaͤrtig, und abgesondert von andern.“ Die Veranlassung, warum ich eben dieß Ding und nicht ein anders jetzo gewahrwerde, mag seyn, welche sie wolle; sie mag in mir oder vorzuͤglich in dem Objekt selbst lie- gen; es moͤgen meine Augen von ohngefehr auf einen Menschen fallen, den ich unter einem großen Haufen vor andern bemerke; oder es mag daher kommen, weil die- ser Mensch eben allein von den uͤbrigen abgesondert steht; S 5 oder III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen oder daher, weil seine Gestalt, seine Kleidung oder son- sten etwas ihn auszeichnet, oder weil er ein Bekannter von mir ist; es sey Vorsatz oder Zufall, was mich ihn hat gewahrwerden lassen; so ist so viel gewiß: ich werde alsdenn, wenn ich ihn gewahrnehme, auf eine vorzuͤg- liche Art mit der Empfindung von diesem Menschen be- schaͤftiget. Jst es eine Vorstellung in der Einbildungs- kraft, die ich gewahrnehme, so treffe ich auch bey dieser denselbigen Umstand an. Die appercipirte Vorstellung ziehet die Kraft der Seele vor andern vorzuͤglich auf sich. Wir nennen es ein Befuͤhlen, Betasten, Be- schauen, Besehen, Beriechen, wenn wir die Sin- ne auf eine vorzuͤgliche Weise und mit Fleiß auf einen Gegenstand hinwenden, um ihn besser zu empfinden. Ge- meiniglich wird hiebey vorausgesetzt, daß wir schon eine Jdee von ihm haben, und daß es uns nur um eine groͤ- ßere Klarheit oder Deutlichkeit in ihr zu thun sey. Das simple Gewahrnehmen bringet die erste klare Jdee her- vor, und erfordert also, in diesem Verstande jene Woͤr- ter genommen, kein Beschauen. Aber wenn man, — wie solches denn ja wohl hier erlaubt ist, — jenen Aus- druͤcken eine etwas erweiterte Bedeutung giebet, und jed- wede vorzuͤgliche Anwendung des Empfindungsvermoͤ- gens auf einen Gegenstand ein Befuͤhlen oder Beschau- en desselbigen nennet, so gehoͤret eine solche Beschaͤfti- gung der Sinne zu dem Gewahrnehmen der Dinge in der Empfindung. Das Wort Beachten kann in ei- ner aͤhnlichen Bedeutung von der Vorstellungskraft ge- brauchet werden; und zum Theil ist es schen so gebrau- chet worden. Jede in der Vorstellung gewahrgenom- mene Sache, oder jede appercipirte Vorstellung ist al- so e ine beachtete Vorstellung. Es heißt dieß so viel. Sie ist eine solche, mit welcher das vorstellende Vermoͤ- gen der Seele sich ausnehmend beschaͤftiget hat. Bis zum Befuͤhlen und Beachten bringet es die Seele des und Bewußtseyn. des Hundes ohne Zweifel auch; aber bringet sie es auch bis zum Gewahrnehmen und Bemerken, bis zu dem Gedanken: Siehe da! einen besondern Gegenstand? oder lieget nicht dieß vielmehr außer ihrer Sphaͤre? Wir bedienen uns des Ausdrucks Aufinerken und Aufmerksam seyn in jedem Fall, wo unsere Erkenntniß- kraͤfte mit einer vorzuͤglichen Jntension auf einen Gegen- stand gerichtet werden. Aber wir setzen allemal voraus, daß wir alsdenn nicht allein die Sinne und die Phan- tasie, sondern mehr und vorzuͤglich das Ueberlegungsver- moͤgen mit der Sache beschaͤftigen. Das Vermoͤgen zur Aufmerksamkeit ist es, wodurch die Klarheit und Deutlichkeit in den Vorstellungen erlanget wird, und wo- durch wir die Verhaͤltnisse und Beziehungen des Objekts gegen andere und seiner Theile unter einander erkennen. Und diese Bestimmten Worterklaͤrungen vorausgesetzt, so kann man das Befuͤhlen, das Beachten und das Aufmerksam seyn von einander unterscheiden. Es sind dieß Richtungen und Anwendungen verschiedener Seelenvermoͤgen auf einen Gegenstand, obgleich diese Vermoͤgen in Verbindung miteinander wirken, und ins- besonders muß in jedem Fall, wo wir auf etwas auf- merksam sind, auch die Vorstellung von der Sache vor- zuͤglich bearbeitet, und also die Sache selbst beachtet werden. 2. Zweytens findet sich bey jedweder Gewahrnehmung, daß das Gefuͤhl oder die Vorstellungskraft nicht allein auf das gewahrgenommene Objekt in etwas festgeheftet sey, sondern daß sie auch auf selbiges zuruͤckgebogen worden sey, wenn sie schon im Begrif gewesen ist, es zu verlassen und sich auf andere Dinge zu verwenden. Die Seelenkraft, es sey ihr Empfindungsvermoͤgen oder ihre vorstellende Kraft, ist thaͤtig, unruhig, und hat einen III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen einen Hang zu Veraͤnderungen, und vermoͤge dieses Hangs ist sie geneigt, von einer Vorstellung, die jetzo ihr vorlieget, zu einer andern fortzugehen, oder auch sich zu- ruͤck zu wenden auf andere, die sie vorhero gehabt hat. Da wo wir gewahrnehmen, finden wir, daß sie zum mindesten einen Ansatz zu einem solchen Uebergang geaͤu- ßert und auch wohl den Anfang dazu wirklich gemacht ha- be, aber auch, daß sie auf die gewahrgenommene Sache wiederum zuruͤckgezogen sey. Es zeiget sich in sehr vie- len Beyspielen sehr deutlich, daß so etwas vorgehe. Die Kraft wird bey dem gewahrgenommenen Gegenstand ge- fesselt, sie will sich zerstreuen, will zu andern Empfin- dungen fortruͤcken, wird aber auf jene von neuen hinge- zogen. Es ist eine Art von physischer Zuruͤckbeugung der Kraft auf die Vorstellung, die man gewahrnimmt. Eine Art von Reflexion, davon man noch die Spuren erkennet, wenn man den Aktus des Gewahrnehmens in seinen hinterlassenen Folgen beobachtet. So gar in sol- chen Faͤllen, wo uns etwas von selbst aufstoͤßet, ohne daß wir es gesucht haben, wo ein Gegenstand allein und abgesondert vor unsern Augen hingestellet ist, und also bey dem ersten Blick bemerket wird, da zeiget sich doch ein gewisser Ansatz, die Augen weiter fort von der Sa- che wegzudrehen, und entweder auf uns selbst zuruͤckzu- gehen, oder auf andere Dinge sie zu werfen, aber sie werden auf das gewahrgenommene Objekt zuruͤckgefuͤh- ret, oder bleiben auf selbiges geheftet. Die Kraft wird reflektirt nach der Stelle und nach dem Punkt hin, den man gewahrnimmt, und muß hier eine Weile sich auf- halten. Dieser Anfang, von der Vorstellung einer Sache sich zu entfernen, und dann wieder auf sie zuruͤck zu kommen und mehr bey ihr zu bleiben, scheinet ein wesentlicher Um- stand zu seyn, wenn eine Unterscheidung entstehen soll. Wo man mit Fleiß und aus Absicht auf eine Sache auf- merksam und Bewußtseyn. merksam ist, wo es uns darum zu thun ist, diefe oder jene Beschaffenheit bey ihr besonders gewahrzuwerden, da fuͤhlt man es am deutlichsten, daß eine Kraft erfor- dert wird, um der Zerstreuung vorzubeugen. Sinne und Phantasie auf ein Objekt hinzuwenden, und sie stark beobachten, erfordert ebenfalls aus diesem Grunde eine Seelenthaͤtigkeit, die es verwahret, daß die Kraͤfte nicht auf fremde Vorstellungen abspringen. Sind solche Schwingungen der vorstellenden Kraft schon dasjenige, was man ein Vergleichen, ein Ge- geneinanderstellen der Jdeen, ein wechselsweises Ue- bergehen von der Einen zur andern, auch eine Reflexion nennet? Einige haben es damit verwechselt. Es ist der Keim dazu, das Analogon davon, aber noch kein ei- gentliches Vergleichen, weil noch keine Jdeen vorhan- den sind, die bey dem Vergleichen der Dinge vorausge- setzet werden. Es ist eine Beschaͤftigung mit Vorstel- lungen, die durch solche zu Jdeen gemacht werden. V. Ob das Gewahrnehmen etwas Passives in der Seele sey? E s ist weder fuͤr sich offenbar, noch durch eine richtige Folgerung aus Empfindungen bewiesen, was Hr. Search und andere mit ihm als einen Grundsatz ange- nommen haben, daß das Gewahrnehmen etwas Lei- dentliches in der Seele sey. Es scheint solches viel- mehr eine thaͤtige Anwendung unserer Kraft zu seyn, mit welcher wir auf unsere gegenwaͤrtige Vorstellungen oder Empfindungen noch mehr als blos zuruͤckwirken. Hr. Search erklaͤret auch den Verstand fuͤr ein pas- sives Vermoͤgen der Seele, oder fuͤr eine bloße Recep- tivitaͤt, und um diese Jdee mit den gemeinen Erfahrun- gen zu reimen, nach welchen die Arbeiten des Verstan- des III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen des unter die staͤrksten Anstrengungen der Seele gehoͤren; so wird alles, was bey dem Ueberlegen und bey dem Nachdenken einer Sache als eine Selbstwirksamkeit der Seele vorkommt; die gegenwaͤrtige Darstellung der Jdeen, ihre Gegeneinanderhaltung, das Herumsetzen derselben, das Vergleichen, Verbinden, Absondern u. s. f. dem Willen zugeschrieben, als dem Vermoͤgen, sich selbstthaͤtig zur Wirksamkeit zu bestimmen. Wenn man so abtheilen will, so kann freylich fuͤr den Verstand nichts mehr uͤbrig bleiben, als die Empfaͤnglichkeit, oder die passiven Vermoͤgen der Seele, Veraͤnderungen in sich aufzunehmen. Und auch nicht alle hieher gehoͤrige sollen dem Verstande zugeschrieben werden, sondern nur allein das Gewahrnehmungsvermoͤgen, das man fuͤr ei- ne bloße Receptivitaͤt angesehen hat. Die kuͤnstliche Ab- theilung der Seelenkraͤfte mag jeder einrichten, wie er es fuͤr gut befindet, wenn nur nichts reelles bey ihnen uͤber- sehen wird. Aber warum unterscheidet man nicht Selbst- thaͤtigkeiten, die auf das Erkennen gerichtet sind, von denen, welche auf Handlungen hinausgehen, durch wel- che in uns selbst und außer uns etwas verursachet wird, das nicht in Vorstellungen und Gedanken bestehet? Jndessen kann ich es leicht zugeben; daß der Ver- stand nichts mehr befassen soll, als das Vermoͤgen gewahr- zunehmen. Jst denn dieses Gewahrnehmen blos eine leidentliche Veraͤnderung? Das gemeine Gefuͤhl der Deutschen muß zwischen dem Gewahrnehmen und dem Gewahrwerden einigen Unterschied gefunden ha- ben, weil es zwey verschiedene Woͤrter in die Sprache gebracht hat, davon das andere ein Thun ausdruͤcket, das andere ein Mittelwort ist, um diese Verschiedenheit anzugeben. Wie weit ist solche denn gegruͤndet; oder ist der gemeine Verstand, wie er es selten ist, hier einmal ein spitzfindiger Wortkraͤmer gewesen? Es und Bewußtseyn. Es giebt zwey unterschiedene Faͤlle. Zuweilen su- chen wir ein Ding mit Fleiß und aus Absicht. Wir wollen es auskennen und unterscheiden; das ist, wir su- chen eine gewisse Beziehung unserer Jdeen, als das Re- sultat unserer Vergleichungen und Ueberlegungen. Wir nehmen es, wie wir sagen, gewahr, wenn sich der gesuchte Gegenstand und das Verhaͤltniß der Jdeen, das wir erkennen wollen, uns darstellet. Wir werden ge- wahr da, wo uns etwas auffaͤllt, das wir nicht gesucht haben, wie etwann ein Freund, der unvermuthet uns vor den Augen tritt. Aber der Aktus des Gewahrnehmens, ist dieser nicht in dem einen Fall dasselbige, was er in dem an- dern ist, nur daß mehrere Vorarbeiten bey den Vorstel- lungen und Jdeen in dem einen Fall vorhergehen, als in dem andern? Archimedes mußte manche Verbin- dungen von Jdeen im Kopf herumgehen lassen, ehe er das Verhaͤltniß der Kugel, des Cylinders und des Ke- gels von gleicher Grundflaͤche und Hoͤhe, gegeneinander gewahrnahm. Diese Einsicht entstehet oft nur nach und nach. Man muthmaßet sie vorher, siehet sie in der Ferne noch dunkel, wittert sie, so zu sagen, ehe das Ge- wahrnehmen vollstaͤndig wird. Dagegen kostet es nichts als eine Wendung der Augen, um einen Marktschreyer zu bemerken, der sich zu Pferde sehen und hoͤren laͤßt. Wir muͤssen Sachen gewahrwerden, die uns in die Sin- ne fallen, wie den Ton der Trummel, die vor unsern Ohren geschlagen wird. Hieraus kann man schwerlich schließen, weder daß der Aktus des Gewahrnehmens in diesen verschiedenen Faͤllen einerley, noch daß er etwas verschiedenes sey. Es kann in beiden Beyspielen eine wahre Aktion, oder auch in beiden eine Passion seyn. Jst Gewahrnehmen das Einemal nichts als ein Annehmen, oder ein Aufnehmen, ein Zulassen einer Veraͤnderung, oder auch ein Ergrei- fen, III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen fen, und Absondern einer Vorstellung, so kann es in dem andern Fall dasselbige seyn. Jst es dagegen eine thaͤti- ge Aeußerung der Seelenkraft gegen die beachtete lebhaf- ter ausgedruckte Vorstellung, und also nicht blos eine Thaͤtigkeit, die etwas in der bildlichen Klarheit der Vor- stellung bewirket, sondern noch eine andere besondere Aktion, von der der Verhaͤltnißgedanke eine besondere Wirkung ist, so kann es solches sowohl seyn, wenn wir gewahrwer- den, als wenn wir gewahrnehmen. Eine Kugel nimmt von einer gespannten Stahlfeder, die sich aus- dehnet, und sie fortstoͤßet, eine Bewegung auf, und rea- girt in so weit gegen die Stahlfeder; aber wenn die Fe- der hingegen von dem Stoß einer Kugel, die gegen sie an- faͤhrt, zusammengedrucket worden ist, so wirkt sie nun von neuem heraus gegen die Kugel. Jst der Aktus des Ge- wahrnehmens in der Seele jener passiven Reaktion der Kugel aͤhnlich, wie das Fuͤhlen es war, oder muß sie mit der neuen bewegenden Thaͤtigkeit der Feder gegen die Kugel verglichen werden? Wir muͤssen gewahrnehmen auch wider unsern Wil- len, wenn alle Vorveraͤnderungen dazu geschehen sind: ich muß die Trummel hoͤren, das Bittere der Arzeney schmecken, den Stich der Nadel mit Bewußtseyn em- pfinden, wenn meine Sinnglieder die erforderlichen Ein- druͤcke empfangen haben. Dieß ist ein Beweis, daß das Gewahrnehmungsvermoͤgen, es sey ein thaͤtiges oder passives Princip, nicht allemal in unserer Gewalt ist; daß wir es oft so wenig zuruͤckhalten koͤnnen, als die ge- spannte Stahlfeder ihre Elasticitaͤt aufhalten kann. Aber ist es ein Beweis, daß wir leiden, wofuͤr einige es an- sehn? Wie viele thaͤtige Anwendungen unserer Kraft sind nicht unwillkuͤhrlich, und wie viele von den freywil- ligen werden es nicht, wenn die Seele zu heftig gereizet wird? Das Unwillkuͤhrliche in der Handlung hindert nicht, daß sie nicht eine Handlung sey. Wenn und Bewußtseyn. Wenn man, wie hier geschicht, unter dem Ge- wahrnehmen den ganzen Aktus der Seele verstehet, wovon das Unterscheiden einer Sache, oder der Ge- danke: Siehe, unmittelbar hervorgebracht wird, so kann man, wenn man auf die Empfindung zuruͤck siehet, sich kaum erwehren, zu glauben, „daß dieser Aktus ein „gewisser Ausbruch der selbstthaͤtigen Seelenkraft sey, „die sich von neuen auf schon vorhandene Empfindungen „oder Vorstellungen verwendet, und auslaͤßt.“ Bey einem jeden Gewahrnehmen findet sich Be- schauung und Beachtung. Jenes ist eine Fortsetzung des Gefuͤhls, diese eine Fortsetzung der Vorstellungs- kraft, die sich bey dem Objekt verweilet. Beides ist ei- ne vorzuͤgliche Bearbeitung des sinnlichen Eindrucks oder seiner Abbildung in uns, wodurch diese, staͤrker und lebhafter und tiefer in uns ausgedruckt, hervorstechend gemacht und abgesondert wird. Beides ist etwas, so von innen kommt, und ein selbstthaͤtiges Bestreben er- fodert. Denn auch da, wo ich nur das Sinnglied in einer Richtung, auf einen Gegenstand hin fest halten soll, da beweise ich mich als ein thaͤtiges und wirksames We- sen. Wir nehmen nichts gewahr, ohne einigen Grad von Aufmerksamkeit, in der gewoͤhnlichen weitern Be- deutung dieses Wortes, nemlich ohne eine Anstrengung unserer Erkenntnißkraft, es sey unsers Gefuͤhls, unse- rer Vorstellungskraft oder unserer Denkkraft. Jst das Gewahrnehmen nichts anders, als eben dieser Aktus der vorzuͤglichen Bearbeitung eines Ein- drucks oder einer Vorstellung, so ist es ohne Zweifel eine Aktion des Gefuͤhls und der vorstellenden Kraft, und ist so etwas, wozu ein Wesen, das allein zum Leiden auf- gelegt ist, nicht aber wirksam und thaͤtig seyn kann, gaͤnz- lich unvermoͤgend ist. Jst es aber nicht einerley mit der Beachtung und Beschauung — und so stellte es sich dar, wenn man auf seine Wirkung siehet, nemlich I. Band. T auf III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen auf den Verhaͤltnißgedanken, der gaͤnzlich von dem Absondern und Hervorziehen der Vorstellungen, ver- schieden ist — so muß es noch mehr eine besondere Selbstwirksamkeit seyn, wodurch eine eigene, sich unter- scheidende Wirkung in der Seele hervorgebracht wird. Verbinden wir hiemit die unmittelbare Beobach- tung, so wird dieser Gedanke bestaͤtiget. Jndem wir etwas gewahrnehmen, so fahren wir, so zu sagen, in Hinsicht dieses Gegenstandes auf, wie aus einem Schlaf. Wir fassen, ergreifen ihn, wir fassen uns selbst in Hinsicht seiner, besinnen uns, und fangen eine neue Jdeenreihe an. Wenn das Gewahrnehmen geschehen ist, so ist auch die Vorstellung der Sache im Lichten, klar und unterscheidend vor uns. Mit diesem ihr aufgedruck- ten Charakter wird sie im Gedaͤchtniß aufbewahret, und denselben traͤgt sie an sich, wenn sie von der Einbildungs- kraft wieder erwecket wird, und fuͤhret dadurch die vorige Apperception selbst wieder mit sich zuruͤck. Es kommt also manches zusammen, das Apperci- piren fuͤr eine neue hinzukommende Aktion der Seele zu halten, und also auch das Gewahrnehmungsvermoͤgen fuͤr ein thaͤtiges Vermoͤgen. Ob aber von dieser Un- tersuchung etwas erhebliches in der Psychologie abhange oder nicht, daruͤber bitte ich nicht eher zu urtheilen, als bis man weiter kommt. Und warum sollte man bey der Nachforschung der Wahrheit sich aͤngstlich fuͤrchten, daß man ohne Nutzen arbeite. Man finde nur Wahrheit; sie wird, wie das Geld, wohl irgendwo genutzet werden koͤnnen. VI. Ob und Bewußtseyn. VI. Ob das Gewahrnehmen einerley sey mit dem Ge- fuͤhl der Verhaͤltnisse? N och eine Bemerkung uͤber das Gewahrnehmen. Die Erklaͤrungsarten des Hrn. Bonnets von den Wirkungen der Seelenvermoͤgen, unterscheiden sich durch ihre Genauigkeit und den dabey angewandten Scharf- sinn so vorzuͤglich, daß man Ursache hat, uͤberall auf sie Ruͤcksicht zu nehmen. Jst das Gewahrnehmen etwas anders, als eine vorzuͤgliche Vorstellung einer Sache, mit einem Gefuͤhl des Verhaͤltnisses dieser Sache gegen andere verbunden. So wuͤrde es eine zusammengesetzte Wirkung seyn, die in dem Vorstellungsvermoͤgen und in dem Gefuͤhl zugleich ihren Grund hat. Dafuͤr muß man es erklaͤren, wenn man dem genannten Philosophen auch da noch folgen will, wo er das Wiedererinnern zergliedert. Es giebt ein Gefuͤhl der Verhaͤltnisse und Be- ziehungen, ohnerachtet diese Art von Bestimmungen kein unmittelbarer Gegenstand des Gefuͤhls ist, wie in dem vorhergehenden Versuch ( N. III. ) gezeiget ist. Aber diese Gefuͤhle von Verhaͤltnissen sind auch eigentlich Ge- fuͤhle von innern absoluten Veraͤnderungen, die von den Verhaͤltnissen und Beziehungen der Objekte abhangen. Es ist außer Zweifel, daß wenn etwas wahrgenommen, oder unterschieden wird, auch der Uebergang von dem gewahrgenommenen Gegenstande auf andere gefuͤhlet werde. Daraus koͤnnte das Entstehen der Verhaͤltniß- gedanken und des Gewahrnehmens, mit einem großen Schein auf die folgende Art erklaͤret werden, die mit der bonnetischen Psychologie uͤbereinstimmen wuͤrde. Die Vorstellung von der Sonne z. B. ist in uns gegenwaͤr- tig; die vom Monde auch. Laß nun zuvoͤrderst die T 2 Eine, III. Versuch. Ueber das Gewahrnehmen Eine, dann die andere unsere Vorstellungskraft beschaͤf- tigen; laß uns wechselsweise von Einer Vorstellung zu der andern uͤbergehen. Dann werden beide, oder doch die Eine von ihnen, vorzuͤglich lebhaft und abgesondert, das ist, es entstehet eine Beachtung, Gegeneinander- haltung, Vergleichung. Und diese Operationen bewir- ken die bildliche Klarheit in der Vorstellung. Nun wird auch der Uebergang von Einer zur andern gefuͤhlet. Dieß Gefuͤhl, mit der bildlichen Klarheit einer Jdee ver- bunden, kann das Urtheil oder den Gedanken ausma- chen, daß die Eine Sache von der andern unterschieden sey. Daraus fließet denn das vorher schon angegebene Resultat: Gewahrnehmen sey, von einer Seite betrach- tet, nichts als ein Gefuͤhl, von der andern aber eine thaͤtige Anwendung der Vorstellungskraft, die gewisse Vorstellungen nicht nur wieder erwecket, und gegenwaͤr- tig in uns erhaͤlt, sondern sie auch aufloͤset, von einander trennet, und eine oder die andere dem Gefuͤhl allein ab- gesondert und ausnehmend darstellet. Das Urtheil blei- bet zwar zuweilen zuruͤck, ohnerachtet wir die Vorstellun- gen im Kopf genug umwenden und gegeneinander stel- len; und zuweilen bleiben wir zweifelhaft, wenn das, was wir den Beyfall, die gewisse Einsicht, Entschei- dung, Endurtheil nennen, nicht erfolget, ob es gleich weder in dem einen noch in dem andern Fall an der ma- teriellen Klarheit in den Jdeen nicht fehlet; aber auch von diesen und andern besondern Symptomen des Ge- wahrnehmens, ließe sich noch wohl aus der obigen Jdee einiger Grund angeben. Man muͤßte sagen, in solchen Faͤllen, wo der gehoͤrigen Absonderung in den Vorstel- lungen ohnerachtet, es doch noch an einem voͤlligen Ge- wahrnehmen eines Verhaͤltnisses dieser Sache auf andere zu fehlen scheinet, da sey die Ursache diese: es fehle noch das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse der Jdeen, das wir suchen und haben muͤssen, wenn ein bejahender oder verneinen- der und Bewußtseyn. der Urtheilsgedanke hervorkommen soll; und dieß Ge- fuͤhl entstehe nicht, oder doch nicht mit der noͤthigen Staͤrke, weil die Vorstellungen in uns noch in eine sol- che Lage nicht gebracht sind, in der sie seyn muͤssen, wenn der Uebergang von Einer zur andern in uns diejenige absolute Modifikation verursachen soll, deren Gefuͤhl ei- gentlich das Gefuͤhl ihres Verhaͤltnisses, welches wir denken wollen, ausmachet. Zufolge dieser Erklaͤrungsart wird fuͤr das Wesent- liche und Unterscheidende des Gewahrnehmens, wenn die Absonderung der Vorstellungen als eine Thaͤtigkeit der vorstellenden Kraft angesehen und dieser zugeeignet wird, nichts mehr, als die leidentliche Empfindung oder das Gefuͤhl der Verschiedenheit zuruͤcke bleiben. Jst diese Erklaͤrung richtig aus Beobachtungen her- geleitet, oder ist sie nur von dem Geist des Systems er- dichtet, und in die Beobachtungen hineingetragen? Der Gedanke von einem Verhaͤltniß sollte doch nur ein Ge- fuͤhl des Verhaͤltnisses seyn? dieß ist mir unbegreiflich. Das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse ist ja eine Reaktion gegen eine absolute Veraͤnderung in der Seele. Eine solche Reaktion, deren Objekt etwas Absolutes ist, sollte einer- ley mit einem Verhaͤltnißgedanken seyn, in welchem die Seelenkraft sich wie eine aus sich selbst hervorgehende Kraft beweiset, die in den relativen Praͤdikaten den Dingen etwas hinzu setzet, das sie sonsten nicht hatten, und das von ihrem Absoluten, womit sich das Gefuͤhl be- schaͤftiget, ganz und gar verschieden ist? Mir ist es weit wahrscheinlicher, daß der Aktus des Gewahrneh- mens eine neue Aktion ist, bey der die Seele sich nach dem vorhergehenden Gefuͤhl und der Vorstellung auf die letztere noch weiter fort aͤußert und selbstthaͤtig sich ver- wendet. Aber ich gebe gerne zu, und so viel lehret auch nur die Beobachtung, daß jenes Gefuͤhl des Verhaͤlt- nisses die naͤchstvorhergehende Veranlassung sey, T 3 wodurch III. Versuch. Ueb. d. Gewahrnehmen ⁊c. wodurch die Seelenkraft zu diesem neuen Aktus gereizet wird, bey dem sie sich als Denkkraft beweiset, als eine Kraft, die ihre Wirksamkeit weiter fortsetzet, als bis zum Fuͤhlen und Vorstellen? Wenn ich diese letztere Meinung behaupte — ich verlange nicht, daß man sie als eine, durch die Beobachtungen zur voͤlligen Gewiß- heit gebrachte, ansehen soll — was wird Hr. Bonnet gegen mich anfuͤhren, wenn ich in den naͤmlichen Erfah- rungen, diese meine Vorstellung in der Sache lese, wo- mit er die seinige bestaͤtigen moͤchte? ich weis nicht, was er mehr gegen die meinige sagen koͤnnte, als ich in Hin- sicht der seinigen gesagt habe. Die meinige ist vielleicht auch vom Geist des Systems gebildet. Was ist zu thun? Wir muͤssen es darauf ankommen lassen, welche von beiden sich am besten mit den uͤbrigen Erfahrungs- begriffen vertragen wird, die uns aufstoßen werden, wenn wir dem Gewahrnehmungsvermoͤgen, und der Denk- kraft uͤberhaupt in ihren verschiedenen Aeußerungen wei- ter nachspuͤren. Vierter Vierter Versuch . Ueber die Denkkraft und uͤber das Denken. I. Wie die Untersuchung dieses Seelenvermoͤgens anzustellen sey. D as Gewahrnehmen ist Eine von den ersten Wir- kungen des Vermoͤgens der Seele, womit sie Verhaͤltnisse und Beziehungen in den Dingen erkennet. Dieß ganze Vermoͤgen will ich zusammen von nun an die Denkkraft nennen, so wie das Erkennen der Ver- haͤltnisse und Beziehungen in den Dingen uͤberhaupt ein Denken heißen kann. Da es mehrere Verhaͤltnisse in den Dingen giebt, als ihre Verschiedenheit, so ist das Gewahrnehmen nur Eine Art, und zwar die einfachste von den Aeuße- rungen der Denkkraft. Wenn die uͤbrigen Arten von Verhaͤltnissen, und die Aktus des Beziehungsvermoͤ- gens, wodurch sie entstehen, auf dieselbige Art aufgeloͤ- set werden, wie es mit dem Gewahrnehmen geschehen ist, so kann man vielleicht hoffen, die urspruͤngliche Ver- bindung und Beziehung dieser Seelenvermoͤgen, der Denkkraft, des Vorstellungs- und des Empfindungs- vermoͤgens auf einander, in ihren ersten Anfaͤngen in Deutlichkeit zu setzen. Aber ich gestehe, ob ich gleich diesem Wege sorgfaͤltig nachgegangen bin, dennoch das nicht so voͤllig gefunden zu haben, was ich suchte, und wovon es mir schon geahndet hatte, daß es sich nicht so deutlich zeigen wuͤrde. Der Psycholog kann bey seinen Nachforschungen wohl nichts anders erwarten, als was T 4 dem IV. Versuch. Ueber die Denkkraft dem Physiologen begegnet. Geht man den einfachen Fasern bis auf ihren Ursprung nach, so verlieren sie sich auch vor dem bewafneten Auge, und zwar noch ehe man zu dem Anfangspunkt hinkommt, bey dem sich ihre Ab- stammung aus einem gemeinschaftlichen Princip bemer- ken ließe. So gehts auch in der Seele. Loͤset man das Beziehungsvermoͤgen auf, und geht ruͤckwaͤrts auf die ersten Grundthaͤtigkeiten, worinn es sich offenbaret, so entziehen sie sich endlich aller Bemerkung. Sie wer- den immer bey einander gefunden, aber als verschiedene Seelenfasern, so lange sie beobachtbar sind, ohne daß man deutlich die Grundsache sehen koͤnne, aus der sie alle, und mit ihnen zur Seite das Gefuͤhl und das Vorstel- lungsvermoͤgen hervorgehen. Dieß hat mich bewogen, mit der Untersuchung umzuwenden, und aufwaͤrts den Wirkungen der Denkkraft nachzugehen, und die letztere in ihrer Verbindung mit den Wirkungen der uͤbrigen Vermoͤgen zu betrachten. Laß also das Beziehungsver- moͤgen oder die Denkkraft anfangs als ein eigenes Grund- vermoͤgen angesehen werden. Dieses verbindet, vermi- schet und durchschlaͤngelt sich mit dem Gefuͤhl und der vorstellenden Kraft, und macht in dieser Vereinigung dasjenige aus, was unter dem Namen von Erkennt- nißkraft die Ursache von Jdeen, Urtheilen, Schluͤssen, uͤberhaupt von Gedanken und Kenntnissen ist. Es wird sich zeigen, ob nicht hiebey in den Beziehungen dieser Vermoͤgen, die sie in ihren Wirkungen auf einander ha- ben, Anzeigen vorkommen, woraus ihre Beziehung auf einander in ihren ersten Anfaͤngen, in ihrem Keim, in der Grundkraft der Seele, einigermaßen sich verrathe? Die Denkkraft, das Vermoͤgen, Verhaͤltnisse und Beziehungen zu erkennen, ist dasselbige Vermoͤgen, was zu einer merkbaren Groͤße entwickelt, wenn es sich in seinen Wirkungen deutlicher offenbaret, den Namen von Verstand und Vernunft annimmt. Nun sehen ver- schiedene und uͤber das Denken. schiedene Philosophen es als ausgemacht an, daß die Verstandes - und Vernunftfaͤhigkeit eine Eigenheit der menschlichen Seele sey, in Vergleichung mit den blos empfindenden und sinnlichen Thierseelen. Nach dieser Voraussetzung haben sie sich der Vergleichung der Menschen mit den Thieren bedienet, um hinter die Grundbeschaffenheit des Verstandes, und also auch ihrer Quelle der Denkkraft und des Beziehungsvermoͤgens zu kommen. Aber es scheinet nicht, als wenn dieser Weg bisher zum Ziel hingebracht haͤtte. So manche gute und fruchtbare Bemerkungen uͤber das Unterscheidungs- merkmal der Menschheit, und so manche schoͤne Aufklaͤ- rungen uͤber die Natur des Verstandes, und der Denk- kraft, die außer Zweifel unter den Eigenheiten des Men- schen einer der wesentlichsten und vorzuͤglichsten, und wohl der Mittelpunkt aller uͤbrigen ist, dadurch entdecket sind, so getraue ich mich doch nicht, von dieser Ver- gleichung vorher etwas erhebliches zu versprechen, als bis die Natur und der Grund des Verstandes, aus sei- nen Wirkungen in uns selbst, in unsern Denkarten und Kenntnissen, so weit es angehet, aus Beobachtungen sorgfaͤltig zergliedert ist. Der vornehmste Charakter der Menschheit ist wohl in der Denkkraft. Aber ob diese darum die einzige sey, und ob nicht die menschliche Seele auch allein als empfindendes und fuͤhlendes Wesen, schon Eigenheiten und Vorzuͤge an Staͤrke, Feinheit, Aus- dehnung, Vielseitigkeit u. s. w. vor den Thieren besitze, ist noch unausgemacht, wenn auch vorausgesetzet wird, was schon vieles zugegeben heißt, daß die Grenzen zwi- schen Menschheit und Thierheit genau und bestimmt er- kannt werden koͤnnen. Auch diesen Weg habe ich also nicht waͤhlen wollen. Wenn wir zuvoͤrderst in unserm Jnnern selbst die Aeuße- rungen der Denkkraft aufgesucht, diese zergliedert, und T 5 nach IV. Versuch. Ueber die Denkkraft nach ihrer Aehnlichkeit geordnet haben, alsdenn kann die Vergleichung der Menschenseelen mit Thierseelen zu Huͤlfe genommen werden. II. Die Denkkraft in Verbindung mit der Vor- stellungskraft und mit dem Gefuͤhl macht das ganze Erkenntnißvermoͤgen aus. W enn das Vermoͤgen, die Verhaͤltnisse der Din- ge zu erkennen, als das dritte einfache Jngre- dienz der menschlichen Erkenntnißkraft angesehen, und mit dem Vermoͤgen, Vorstellungen zu machen, und mit dem Gefuͤhl zu dem Begrif von ihrer Grundkraft vereiniget wird, so haben wir eine vollstaͤndige Jdee von der Seele, aus der sich begreifen laͤßt, wie sie Jdeen und Begriffe erhalten, wie sie urtheilen, folgern und schließen, und also alle Denkarten hervorbringen koͤnne, die wir bey ihr als Wirkungen ihrer Erkenntnißkraft an- treffen, und zwar so wohl die niedern und sinnlichen Kenntnisse, als die hoͤhern und vernuͤnftigen, die man einer hoͤhern Erkenntnißkraft zuschreibet. Die Ein- druͤcke von den aͤußern Gegenstaͤnden sind dann nicht mehr bloße Eindruͤcke, auch nicht blos aufgenommene und gefuͤhlte Eindruͤcke, wenn alle drey Grundvermoͤgen dar- an gewirket haben; dann sind es gewahrgenommene unterschiedene Eindruͤcke, das ist, Eindruͤcke, mit denen sich durch die Denkkraft der Gedanke verbindet, daß sie besondere Veraͤnderungen fuͤr sich, und von einander un- terschieden sind. Es sind alsdenn klare Empfindun- gen und klare Empfindungsideen, Wirkungen aus Perception, Gefuͤhl und Apperception zusammengesetzt, so wie das vorzuͤglich starke Gefuͤhl unserer Selbst nicht mehr ein bloßes Gefuͤhl, sondern ein klares Gefuͤhl, eine und uͤber das Denken eine Empfindung, ein Bewußtseyn unsers Selbst ist. Denn es vereiniget sich mit dem Gefuͤhl das Un- terscheiden der gefuͤhlten Modification und des fuͤhlenden Subjekts, und die Beziehung jener Modifikation auf das Subjekt, worinn sie ist. Eben so veraͤndert die Denkkraft die bildlichen Vorstellungen, und macht bloße Bilder, oder seelenartige Zeichen und Abrisse von Objekten und ihren Beschaffenheiten zu Jdeen, durch die hinzukommende Apperception, die Eine von den Wirkungen der Denkkraft ist. Die sinnlichen Abstrak- tionen, und andere sinnliche allgemeine Bilder, wel- che aus aͤhnlichen Vorstellungen von einzelnen Objekten entstehen, wenn die gemeinschaftlichen Zuͤge in den aͤhn- lichen Bildern aufeinander fallen, und, weil sie mehr- malen wiederholet sind, sich lebhafter, staͤrker und tie- fer in der Phantasie abdrucken, werden zu allgemeinen Jdeen des Verstandes, und zu Begriffen. Es ist die Denkkraft, welche das Gewahrnehmen hinzusetzet; und das Gemeinschaftliche oder Aehnliche von dem Uebri- gen, was in den einzelnen Empfindungsvorstellungen ist, unterscheidet, absondert, und als Etwas besonders er- kennet. Eben diese Begriffe werden deutliche Begrif- fe, wenn dieselbige Kraft, Beziehungen und Verhaͤlt- nisse zu denken, noch staͤrker und weiter auch auf ihre be- sondern Theile sich anwendet. Die allgemeinen Jdeen von Verhaͤltnissen und Beziehungen der Dinge, von der Aehnlichkeit und Verschiedenheit, von der Ordnung und von dem Zusam- menhang, die von einigen mit dem besondern Namen der Verhaͤltnißbegriffe, nicht ohne Grund, von den uͤbrigen unterschieden werden, sind ebenfalls Wirkungen, die sich aus jenen Grundvermoͤgen der Erkenntnißkraft begreifen lassen. Die ersten Beziehungen der Dinge auf einander, und die dabey entstehende urspruͤngliche Verhaͤltnißgefuͤhle oder Verhaͤltnißgedanken, wie man IV. Versuch. Ueber die Denkkraft man sie nennen will, sind die ersten Wirkungen des Be- ziehungsvermoͤgens, und dessen beziehenden Aktionen. Aber diese thaͤtigen Anwendungen der Kraft haben ihre Folgen und nachbleibende Wirkungen in der Seele, wel- che aufbewahret, und bey Gelegenheit wieder gegenwaͤr- tig dargestellet, und alsdenn auf dieselbige Art, wie an- dere Vorstellungen von neuen, von dem Beziehungsver- moͤgen oder der Denkkraft gewahrgenommen, und in Beziehung unter sich gedacht werden koͤnnen. Sind die Vorstellungen, deren Beziehung gedacht wird, schon unter- schiedene oder wahrgenommene Vorstellungen, und in die- ser Bedeutung Jdeen, so werden ihre Beziehungen auf- einander zu den Urtheilen gehoͤren, die anfangs sinnlich und unentwickelt sind, und dann durch eine weitere Be- arbeitung der Denkkraft in deutliche Urtheile uͤberge- hen. Jst endlich auf diese Art das gesammte Vermoͤ- gen, Jdeen und Begriffe zu bilden, und dann auch un- ser Urtheilsvermoͤgen, nichts als eine besondere Anwen- dung der angenommenen Grundkraft, Dinge auf einan- der zu beziehen und ihre Verhaͤltnisse zu denken, in so ferne diese mit dem Gefuͤhl und der Vorstellungskraft in Verbindung wirket, und ist diese Ableitung von allen ihren Schwierigkeiten voͤllig befreyet, so ist es ein leich- ter Uebergang, wenn nun auch das Schlußvermoͤgen als eine Abstammung von demselben Princip erklaͤret werden soll. Und alsdenn ist im Allgemeinen der Ursprung al- ler Arten von Gedanken aus dem angezeigten Grundver- moͤgen offenbar. Auf diese angegebene Art verhaͤlt sich die Sache wirk- lich. Das letzte Resultat aus den nachfolgenden genau- ern Untersuchungen uͤber die menschliche Erkenntniß wird dasselbige sagen. Allein zweyerley Gattungen von Schwierigkeiten, die man antrift, wenn man dieß all- gemeine als eine Richtschnur in der Hand nimmt, und nun in das Gedankensystem des Menschenverstandes hin- eingehet, und uͤber das Denken. eingehet, und da alle vorkommende Wirkungen nach dem- selben ordnen und uͤbersehen will, verwickeln uns fast un- widerstehlich in manche besondere und dunkle Untersu- chungen, ehe man Licht und Deutlichkeit in dem Zusam- menhang der Verstandesthaͤtigkeiten haben kann. Zu- erst hat die Entstehungsart unserer Verhaͤltnißbegrif- fe noch ihre Dunkelheiten; und wenn denn ferner insbe- sonders auf die menschlichen allgemeinen Denkarten und deren Entstehungsart, auf die Grundideen, Grund- urtheile, und Raisonnements, in so ferne diese die all- gemeinen Bestandtheile der menschlichen Erkenntniß sind, Ruͤcksicht genommen wird, so bekommen wir von neuen eine Menge von Untersuchungen, womit sich die groͤßten Philosophen schon befaßt haben, und die noch lange ihren Nachfolgern zu thun machen werden, bis es allenthalben hell werden wird. III. Ursprung der Verhaͤltnißbegriffe. 1) Von den ersten urspruͤnglichen Verhaͤlt- nißgedanken. 2) Von den Verhaͤltnißideen und Verhaͤlt- nißbegriffen. 1. W as den Ursprung der Verhaͤltnißbegriffe beson- ders betrift, so ist es sogleich klar, daß die Jdeen, welche wir mit den Worten Einerleyheit, Verschie- denheit, Abhaͤngigkeit, und so ferner, verbin d en, allgemeine Begriffe sind, die wir von einander unter- scheiden, wenn gleich nicht deutlich entwickeln koͤnnen, wie es der gemeine Verstand der mehresten Menschen gewiß nicht kann. Da IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Da sie aber das sind, so setzen sie schon mehr be- stimmte einzelne Jdeen voraus, von denen sie das Ge- meinschaftliche und Aehnliche in sich fassen. Die Ver- schiedenheit uͤberhaupt enthaͤlt z. B. das Aehnliche, was in der Verschiedenheit des Menschen und des Thie- res, des Baumes und des Berges, des Himmels und der Erde u. s. f. enthalten ist. Die Abhaͤngigkeit uͤber- haupt ist etwas, das wir in allen besondern Faͤllen vor- finden, wo eine Ursache eine Wirkung hervorbringt. Es kann eine solche allgemeine Jdee eine reine Abstrak- tion seyn, aber auch schon eine Zusammensetzung aus andern Abstraktionen. Die allgemeinen Verhaͤltnißideen, oder Ver- haͤltnißbegriffe haben wohl am allerwenigsten unter allen uͤbrigen Gattungen von Jdeen, ich will nicht sa- gen, zuerst unterschieden, aber doch in uns als verschie- dene abgesondert erhalten werden koͤnnen, wenn man sie nicht durch Worte oder andere Zeichen merkbar gemacht haͤtte. Jndessen hindert dieß nicht, bey ihnen, so wie bey den Jdeen von absoluten Gegenstaͤnden, das Wort und den Begrif von einander zu unterscheiden, und nur auf den letztern Ruͤcksicht zu nehmen. Denn es versteht sich doch von selbst, daß die Verschiedenheit der Verhaͤlt- nißbegriffe auch in den Gedanken selbst seyn muͤsse, und nicht in den Worten allein, womit wir sie ausdruͤcken. Die allgemeinen Verhaͤltnisse fuͤhren eben so auf besondere einzelne individuelle Verhaͤltnißideen zu- ruͤck, als die allgemeine Jdeen von dem Koͤrper auf die Jdeen von einzelnen Koͤrpern. Die zwey Buͤcher, die vor mir liegen, sind verschiedene Buͤcher. Hier sind einzelne Empfindungsideen von den beiden Sachen, und zwischen diesen ist eine bestimmte einzelne Verschieden- heit, von der ich eine Vorstellung habe. Jch fasse das Buch mit meiner Hand an, und hebe es in die Hoͤhe. Hier ist eine Ursache und eine Wirkung, und eine ur- sach- und uͤber das Denken. sachliche Verbindung zwischen ihnen, von der ich eine Vorstellung habe. Jn der Untersuchung uͤber das Gewahrnehmen ist es gezeiget, daß der Gedanke, der alsdenn entstehet, daß das Gewahrgenommene eine besondere Sache ist, ein Gedanke von einer Relation sey, der durch eine Aktion der Seele hinzukomme, und mit dem Gefuͤhl des Abso- luten in den Dingen nicht verwechselt werden muͤsse. Es mag nun das Objektivische in den Dingen, was den Grund der gedachten Relation ausmacht, bestehen, worinn es wolle, so ist doch das Gewahrnehmen eine Wirkung aus einer gewissen Aeußerung der Denkkraft, die sich mit der Empfindung und den Vorstellungen ver- bindet. So wie sichs bey dem Gewahrnehmen verhaͤlt, so verhaͤlt es sich auch bey den uͤbrigen Verhaͤltnißgedanken. Wenn wir zwey Dinge fuͤr einerley halten, wenn wir sie in ursachlicher Verbindung denken, wenn wir Eins in dem Andern, als Beschaffenheit in einem Subjekt, oder beide zugleich als neben einander oder in der Folge auf einander uns vorstellen, so giebt es einen gewissen Aktus des Denkens; und die gedachte Beziehung oder Verhaͤltniß in uns, ist etwas subjektivischen, das wir den|Objekten als etwas Objektivisches zuschreiben, und das aus der Denkung entspringet. Diese Aktus des Denkens sind die ersten urspruͤnglichen Verhaͤltniß- gedanken, bey denen es unentschieden bleibt, ob und wie weit solche von dem Gefuͤhl oder von der vorstellen- den Kraft abgeleitet werden koͤnnen. Die Denkkraft oder das Vermoͤgen, sie hervorzubringen, wird hier als ein Grundvermoͤgen angenommen. Das Gewahrnehmen ist ein Aktus, der, nach den vorhergehenden Beobachtungen zu urtheilen, sich nicht sowohl unmittelbar mit der Empfindung der ge- wahrgenommenen Sache, das ist, mit dem Gefuͤhl ei- ner IV. Versuch. Ueber die Denkkraft ner gegenwaͤrtigen Modifikation, als vielmehr mit der Nachempfindung oder der Empfindungsvorstel- lung verbindet; aber er kann doch an sich schon statt fin- den, ehe eine allgemeine Vorstellung abgesondert ist, und sich bey bloßen Empfindungsvorstellungen von einzelnen Dingen schon aͤußern; ob wir gleich die Aktion des Ge- wahrnehmens und den Gedanken von dem Verhaͤltniß, in uns nicht beobachten koͤnnen, als nur dann, wenn viele Gemeinbilder schon vorhanden sind. Wie die letz- tern das Gewahrnehmen befoͤrdern, ist aus dem klar, was anderswo uͤber sie gesagt worden ist. Erster Versuch XV. 6. Aber es wuͤrde uͤbereilt seyn, zu behaupten, daß ihre Beyhuͤlfe schlechthin zu der erstern Hervorlockung des Gewahrneh- mens und des Unterscheidens unentbehrlich sey. Sollte nicht der Eindruck von dem Berg gegen den Eindruck von dem Wasser, und die Gegeneinanderstellung dieser ersten simpeln individuellen Empfindungsideen genug seyn, den Aktus des Unterscheidens zu erregen? Aber wahr ist es, daß in dem Augenblick, wenn wir auch ein- zelne Empfindungsvorstellungen vergleichen, viele von den einzelnen Zuͤgen in ihnen entweder zugleich wegfallen, oder nicht geachtet werden, so daß sie das voͤllig Bestimm- te der ersten Empfindungsvorstellungen nicht mehr an sich haben, und also, von dieser Seite betrachtet, auf et- was, das in mehrern Empfindungen gemeinschaftlich ist, das ist, auf etwas Allgemeines eingeschraͤnkt sind. Da- her wird es wahrscheinlich, daß sich schon Gemeinbilder abgesondert und geformet haben, ehe die Thaͤtigkeit der Seele im Gewahrnehmen in einer bemerkbaren Groͤße hervorgeht. Die uͤbrigen Verhaͤltnißgedanken, die Gedanken von der ursachlichen Beziehung, von der Beziehung des einen auf ein anders, als ein Praͤdikat auf sein Sub- und uͤber das Denken. Subjekt, worinn es ist, von den Beziehungen der Din- ge, als koexistirend, zugleich oder in ihrer Folge auf einander, finden wir gewoͤhnlich erst alsdenn in uns, wenn schon das Gewahrnehmen der auf einander bezoge- nen Dinge vorhanden ist. Sollen wir zu dem Gedan- ken gebracht werden, daß der Ast eines Baums ein Theil des ganzen Baums sey, daß das Haus neben dem Thurm liege, daß die Sonne den Tag erleuchte, so muͤs- sen wir nicht bloße Vorstellungen oder Bilder von diesen Gegenstaͤnden, sondern unterschiedene gewahrgenom- mene Vorstellungen von ihnen haben; man muß den Ast und den ganzen Baum, jeden besonders sich vorstel- len, von einander unterscheiden, imgleichen das Haus und den Thurm, die Sonne und das Licht, ehe wir die uͤbrigen Verhaͤltnisse hineindenken. Dieß ist wenigstens bis dahin richtig, daß wir uns nie es einfallen lassen, uns selbst oder andere zu den letztern Verhaͤltnißgedanken zu bringen, ehe nicht dafuͤr gesorget ist, daß von den zube- ziehenden Objekten schon Jdeen vorhanden sind. Aus diesen Erfahrungen sieht man, daß so ein Ver- haͤltnißgedanke der letztern Arten, von der ursachlichen Verbindung und der Koexistenz und dergleichen, ein Ge- wahrnehmen der Sachen voraussetze, zwischen denen eine solche Beziehung erkannt werden kann. Wenn wir die Denkaͤußerungen der letztern Art bemerken wollen, so kann das nicht geschehen, als dadurch, daß wir acht ge- ben, was in uns vorgehet, wenn wir schon gewahrge- nommene Gegenstaͤnde auf einander beziehen. Das Gewahrnehmen der Sachen ist also ein Gedanke, der vorhergegangen sey muß, ehe wir die Gegenstaͤnde beob- achten koͤnnen, auf welche die uͤbrigen Denkvermoͤgen sich anwenden. Aber daraus folget nicht, daß die uͤbrigen Aktus des Denkens sich gar nicht aͤußerten, ehe das Gewahrneh- men der Sachen fuͤr sich schon geschehen waͤre, vollstaͤn- I. Band. U dig IV. Versuch. Ueber die Denkkraft dig nemlich, bis so weit, daß wir den Aktus des Ge- wahrnehmens selbst beobachten koͤnnen; ja es lassen sich Beyspiele geben, worinn der Gedanke von der Bezie- hung der Sache vorhanden ist, ohne daß das Gewahr- nehmen der auf einander bezogenen Sachen fuͤr sich ein- zeln genommen, beobachtbar sey. Was das erste betrift; kann nicht die Vorstellung von der Sonne und von ihrem Licht, die Vorstellung von dem Feuer und von der davon verursachten Erwaͤr- mung, beide in Einer ganzen Vorstellung, zwar als verschiedene, aber doch nicht, als so weit aus einan- der gesetzte Theile, wie zum wirklichen Unterscheiden noͤ- thig ist, enthalten seyn, und im Dunkeln liegen, und dennoch die Denkthaͤtigkeit, wodurch sie als abhaͤngig und verursacht von einander gedacht werden, hervorge- hen? Reid hat viele Beyspiele angebracht, worinn mit dem Gewahrnehmen der Dinge so unmittelbar der Gedanke, oder wie Reid sagt, das Urtheil, daß sie in ursachlicher Verknuͤpfung stehen, verbunden ist, daß der Verhaͤltnißgedanke zugleich mit dem Gewahrnehmen der Sachen entstanden, gewachsen, und zur Reife gekom- men zu seyn scheinet. Jnnerlich nach der Analogie zu urtheilen, ist es wahrscheinlich, daß da, wo die Verbindung der Vor- stellungen in der Phantasie so wohl die uͤbrigen Denk- vermoͤgen, als das Gewahrnehmungs- und Unterschei- dungsvermoͤgen zur Thaͤtigkeit reizet, auch jene nicht so lange gaͤnzlich zuruͤck bleiben werden, bis die Wirkung der letztern voͤllig fertig ist; vorausgesetzt, daß jene nicht blos in einem hoͤheren Grad von dieser bestehen. „Kei- „ne bemerkbare Aktion der Seele entsteht in einem Nu. „Jede hat ihre Folge und Laͤnge, und entstehet nach und „nach. Sind es also verbundene, zugleich hervorge- „lockte, und doch verschiedene Aktus, so mag es wohl „seyn, daß auch der Anfang der Entwickelung bey einer „von und uͤber das Denken. „von dem Anfang der Entwickelung bey der andern „vorhergehet; aber es ist wahrscheinlich, daß wenn die „eine zu der beobachtbaren Groͤße gelanget ist, die an- „dere auch schon fortgeruͤckt, und nicht weit mehr von „diesem Grade entfernet seyn werde.‟ Es giebt, wie gesagt, Beyspiele, die es zeigen, daß eine der uͤbrigen Beziehungen vor der Gewahrneh- mung fortruͤcke. Da, wo wir eine Folge von Veraͤn- derungen empfinden, und die einzelnen Theile, die auf einander folgen, nicht unterscheiden, da haben wir Ver- anlassungen, die Dinge als auf einander folgende, in einer gewissen Ordnung, und auch als ursachlich verknuͤpfet zu denken, das heißt, die subjektivischen Relationes in uns hervorzubringen, die wir nachher, wenn wir sie bemerken, Gedanken von der Folge, Ordnung und Abhaͤngigkeit, nennen. Am freyen Him- mel sehen wir, so zu sagen, schon ein Auseinander- seyn; eigentlich haben wir es in unsern Empfindungen, ehe wir noch die Objekte unterscheiden, die außer einan- der sind. Es ist aber hier blos von den ersten Denkarten die Rede; und von den ersten Aeußerungen der Denk- kraft. 2. Dieß sind noch nicht, weder unsere Vorstellungen von den Verhaͤltnissen, noch die Verhaͤltnißideen, noch die allgemeinen Vorstellungen, noch die allgemei- nen Jdeen, oder Begriffe von den Verhaͤltnissen. Es sind die ersten Denkaktus, die wir in ihren bleiben- den Wirkungen in uns empfinden. Jn diesem Ver- stande koͤnnten sie die Empfindungen oder Gefuͤhle der Verhaͤltnisse genennet werden. Allein dieß Wort ist von mir oben in dem zweyten Versuch, schon in einer andern Bedeutung von einem Gefuͤhl gebraucht worden, das vor dem Denken vorausgehet, woferne es nicht mit U 2 dem IV. Versuch. Ueber die Denkkraft dem Denken selbst einerley ist. Wenn die Denkung schon geschehen ist, so fuͤhlen wir diese Aktus, als etwas Absolutes in uns auf dieselbige Art, wie wir jedwede an- dere Arten von Thaͤtigkeiten innerlich empfinden. S. den 2ten Versuch II. 5. III. 2. IV. 2. Diese ersten Denkarten, es moͤgen entweder einzelne Empfindungsvorstellungen des Absoluten, oder allge- meine Vorstellungen, bloße Vorstellungen, oder andere schon gewahrgenommene Vorstellungen seyn, die auf ein- ander bezogen werden, sind in jedem Fall etwas einzel- nes oder individuelles in uns, und also etwas voͤllig bestimmtes. Aber mehrere dergleichen Aktus haben ihre Aehnlichkeiten wie die verschiedenen Eindruͤcke von gruͤ- nen Farben, die wir sehen. Daher entstehen zuerst Empfindungsvorstellungen von diesen Denkungen, und dann allgemeine Vorstellungen von ihnen, in Hin- sicht deren ich das nicht wiederholen will, was in dem Versuch uͤber die Vorstellungen daruͤber gesagt worden ist. Erster Versuch XV. 6. Aber da, wo wir sagen, wir kennen die Beziehung oder das Verhaͤltniß, da ist nicht blos eine Vorstellung von diesem ersten Gedanken, sondern eine gewahrgenom- mene Vorstellung. Diese letztere ist eine Jdee von dem Verhaͤltniß, und wenn die allgemeine Vorstellung un- terschieden wird, so haben wir die allgemeinen Ver- haͤltnißideen oder Verhaͤltnißbegriffe. Dinge, die wir erkennen, muͤssen wir unterscheiden. Es aͤußert sich die Denkkraft in mancherley Thaͤtigkeiten, ehe wir ihre Thaͤtigkeiten selbst kennen, und ohne daß sie uns je bekannt werden, so wie es andere Vorstellungen, wenig- stens Modifikationen in uns giebt, welche unserm Ge- wahrnehmen immer entzogen bleiben. Daher und uͤber das Denken. Daher lassen sich folgende Stufen in Hinsicht unse- rer Verhaͤltnißbegriffe unterscheiden. Zuerst sind bloße Denkaktus und Gedanken da. Dann entstehen Vorstellungen dieser Aktus, Vorstel- lungen von Verhaͤltnissen; einzelne und allgemeine; dann Verhaͤltnißideen, und Verhaͤltnißbegriffe. Weiter deutliche Verhaͤltnißideen. Die ersten Aktus der Denkkraft finden sich in jedem Menschenverstande, und erfolgen nach gewissen noth- wendigen Gesetzen der Denkvermoͤgen, bey gewissen Um- staͤnden und Erfordernissen in den Empfindungen und Vorstellungen. Dieses Gesetz und diese Umstaͤnde las- sen sich aus unsern Jdeen von den Verhaͤltnissen erkennen, als welche uns solche darstellet, wenn sie rich- tig ist, auf dieselbige Art, wie wir aus andern Jdeen die Empfindungen erkennen, woraus der Stoff von ih- nen genommen worden ist. Aber um sie genau zu er- forschen, und ihren ganzen Umfang bestimmt und deut- lich zu fassen, muͤssen auch selbst die Jdeen, die wir da- von haben, entwickelt, und in ihren Stoff, ihre Em- pfindungen, zergliedert werden. Man muß also zu den Empfindungen von den erstern Verhaͤltnißgedanken zu- ruͤck, diese moͤglichst beobachten, und zergliedern, und alsdenn die Jdee oder den Begrif eines Verhaͤltnisses, mit solchen Empfindungen vergleichen. Die Jdee koͤnnte einen Zusatz bekommen haben, der von der Dichtkraft beygemischt ist, und sie verdirbt. Ein Beyspiel einer solchen Untersuchung ist, in Hinsicht des Gewahrnehmens, in dem Vorhergehenden vorgekommen; und ein anders uͤber die Jdee von der ursachlichen Verbindung will ich sogleich hinzufuͤgen, und noch einige andere werden in dem folgenden angefuͤhret werden muͤssen. Sollen aus den ersten Verhaͤltnißgedanken, Jdeen von Verhaͤlt- nissen werden, so muͤssen wir solche von neuen gewahr- nehmen. So geschicht es in der menschlichen Denkkraft. U 3 Die IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Die ersten Denkarten werden als gewisse besondere Thaͤ- tigkeiten mit ihren Wirkungen von neuem gegen einander gestellet, und unterschieden. Das Gewahrneh- mungsvermoͤgen bearbeitet alle die uͤbrigen Aktus, und sogar seine eigene Aeußerungen. Aber man kann auch dieß letztere von jedem andern besondern Denkver- moͤgen sagen. Sind gewahrgenommene Vorstellungen oder Jdeen vorhanden, so werden auch diese von neuem in eine ursachliche Beziehung gebracht, oder auf einan- der wie Subjekt und Praͤdikat bezogen. Jedwede Kraft, jedwedes Vermoͤgen des Verstandes aͤußert sich auf die Wirkungen jedwedes andern Vermoͤgens, und gar auf seine eigenen. Von den ersten Verhaͤltnißgedanken bis zu den gewahrgenommenen Verhaͤltnissen ist schon ein großer Sprung. Wenn auch Gewahrnehmungsvermoͤ- gen vorhanden ist, so muß doch auch selbst die Aktion des ersten Denkens an sich so merklich ausgezeichnet, und al- so an sich so stark seyn, daß sie ihre eigene abgesonderte bleibende Wirkung in der Seele hinterlassen koͤnne. An dieser kann sie nur erkannt werden. Sind die ersten Denkaktus nur geringe Kraftaͤußerungen, oder ist das Gewahrnehmungsvermoͤgen so schwach, daß es solche nicht unterscheiden kann, so moͤgen andere Modifikatio- nen der Seele, Jdeen von aͤußern Gegenstaͤnden, auch innere Veraͤnderungen ihres Zustandes, wohl unterschie- den werden, ohne daß doch Verhaͤltnißideen entste- hen, obgleich die ersten Verhaͤltnißgedanken vorhanden sind, und in diesem Verstande Verhaͤltnisse gedacht werden. Der Abstand zwischen dem ersten Denken, und zwischen der Jdee von diesem Denken ist so groß, daß auch selbst der menschliche Verstand von jenem zu diesem nicht hinuͤber kommen wuͤrde, wenn er sich nicht der Worte, als Fluͤgel bedienen koͤnnte. Von den einzel- und uͤber das Denken. einzelnen Verhaͤltnißideen bis zu dem allgemeinen Verhaͤltnißbegrif ist wiederum ein großer Schritt; aber dennoch kommt auch der Gemeinverstand uͤber ihn hin, sobald er Woͤrter hat, wodurch die allgemeinen Ver- haͤltnisse unterschieden werden. Allein nun von hier an bis zu den deutlichen Verhaͤltnißbegriffen, das ist, bis zur Bestimmung der einzelnen Kraftaͤußerungen, welche in einem solchen Begriff enthalten sind, und, wenn diese einfach sind, zur Bestimmung der Gesetze und Umstaͤn- de, unter denen das Denkvermoͤgen da wirket, wo es sich diese Begriffe verschaffet; von dem gemeinen Ge- brauch der Begriffe, von Einerleyheit und Verschieden- heit, von Ursache und Wirkung, bis zu den psycholo- gischen und metaphysischen Untersuchungen dieser Begriffe in dem Kopf des Philosophen, dieß ist ein weiter und schwerer Weg, auf dem sich auch Nachdenkende ver- irren. U 4 IV. Von IV. Versuch. Ueber die Denkkraft IV. Von dem Begrif der ursachlichen Verbindung. 1) Die Humische Erklaͤrung von diesem Begrif. 2) Pruͤfung dieser Erklaͤrung. Der Begrif von der ursachlichen Verbindung stellt mehr vor, als eine bloße Verbindung. Er ent- haͤlt auch die Jdee von Abhaͤngigkeit des Einen von dem Andern. 3) Die Jdee von Abhaͤngigkeit, die mehr ist, als bloße Verbindung, schreibt sich aus den ersten ursachlichen Beziehungen her, und aus den Empfindungen dieser beziehenden Aktio- nen. 4) Was das Begreifen des Einen aus dem Andern, was Folgern und Schließen sey? 5) Bestimmung des Ursprungs des Begrifs von der ursachlichen Verbindung. Die Art, wie dieser Begrif angewendet wird. 1. U m das, was in dem vorhergehenden Absatz uͤber den Ursprung der Verhaͤltnißbegriffe aus den ersten Be- ziehungen der Vorstellungen in uns gesagt ist, durch ein Beyspiel in Deutlichkeit zu setzen, waͤhle ich den Begrif von der ursachlichen Verbindung. Und diesen um desto mehr, je ausgebreiteter die Folgen sind, welche in der ganzen Aussicht uͤber die Natur der menschlichen Er- kenntniß, von der richtigen Bestimmung desselben ab- hangen. Hume hat Einen seiner wesentlichen Bestand- theile uͤbersehen, was zugleich die vornehmste Veranlas- sung war, daß er einen gleichen Fehler bey der ganzen menschlichen Erkenntniß begangen, und, weil er die wahre innere und uͤber das Denken. innere Staͤrke derselben nicht gekannt, durch seine skepti- schen Vernuͤnfteleyen sie wankend machen zu koͤnnen, ge- glaubet hat. Hume glaubte, gefunden zu haben, der Begrif von der Abhaͤngigkeit der Wirkung von ihrer Ursache, oder, von der ursachlichen Verbindung, von der Verursachung u. s. w. wie man ihn benennen will, sey am Ende nichts, als eine Wirkung der Einbildungs- kraft, und seine ganze Entstehungsart lasse sich aus dem Gesetz der Association der Jdeen erklaͤren. Die Beobach- tungen, auf welche dieser Philosoph sich zur Bestaͤtigung seiner Meinung beruft, beweisen, mit wie scharfen Au- gen er in die Natur des menschlichen Verstandes gesehen habe; aber dennoch meine ich, er wuͤrde selbst seine Er- klaͤrung unzulaͤnglich gefunden haben, wenn nicht eine Seite der Operation des Verstandes allein ihn aufgehal- ten haͤtte, wenn er nicht andere uͤbersehen, oder doch we- niger deutlich bemerket haͤtte. Wir haben — so ist das Raisonnement von ihm und andern, die ihm darinn gefolget sind — die beiden Gegenstaͤnde, davon wir den Einen die Ursache, und den andern die Wirkung nennen, in unsern Em- pfindungen bestaͤndig mit einander in Verbindung ge- funden. Die Empfindung dessen, was wir die Ur- sache nennen, ist vorhergegangen, und die Empfin- dung der Wirkung ist nachgefolgt. Die Jdeen von ihnen sind also in dieser Ordnung und Verbindung ent- standen, in eben derselbigen wieder hervorgebracht, und uns fast allemal in der naͤmlichen Ordnung gegenwaͤrtig gewesen. Wir haben z. B. eine Kugel mit einer Schnelligkeit auf eine andere zufahren, und an sie an- stoßen gesehen; alsdenn ist eine neue Bewegung in der letztern empfunden worden. Wir haben es alle Tage hell werden sehen, mit dem Aufgang der Sonne. Sol- che bestaͤndig einander begleitende und auf einander fol- U 5 gende IV. Versuch. Ueber die Denkkraft gende Jdeen legen sich in der Vorstellungskraft so dichte an einander, und verbinden sich so innig, daß, so oft die Eine in uns wiederum gegenwaͤrtig wird, auch die zwote als ihre Folge, oder als ihre Begleiterinn mit hervortritt. Gerathen wir durch irgend eine Veranlas- sung zuerst auf die nachfolgende Jdee von der Wirkung, so setzet doch die Einbildungskraft die vorhergehende Jdee von der Ursache wiederum in ihre Stellung, die sie so vielmal in den Empfindungen, in Hinsicht auf jene, ge- habt hat. Diese Verbindung der Jdeen wird uns end- lich durch die Gewohnheit so nothwendig, daß wir diese nicht mehr trennen koͤnnen, und gezwungen sind, von der Einen zu der andern uͤberzugehen. Jndem wir nun diese Folge der Jdeen außer uns in die Objekte uͤber- tragen, so entspringet der Gedanke, „wenn Eins von „jenen Gegenstaͤnden wirklich vorhanden ist, so werde „auch das zweyte vergesellschaftet daseyn,‟ das heißt, wir stellen uns Eins wie die Ursache, und das andre, wie die Wirkung vor, und denken eine verursachende Verbindung zwischen ihnen. Es war so schwer nicht, einen ganzen Haufen von Beyspielen aufzufinden, wo der Gedanke von dieser ur- sachlichen Beziehung der Dinge, zumal wenn die zusam- mengesetztern Ursachen in einfache ausgeloͤset werden, am Ende auf nichts anders, als auf einer solchen Verbin- dung der Vorstellungen, die sich aus den Empfindungen herschreibet, gegruͤndet ist. Wir sind in den meisten Faͤllen keiner andern Erkenntniß von dieser Gattung von Verbindung unter den wirklichen Dingen faͤhig. Die einfachen Grundsaͤtze der Naturlehre, aus welchen die wirkende Verbindung der Koͤrper begriffen wird, sind Sammlungen von einer Menge uͤbereinstimmender und aͤhnlicher Erfahrungen. Z. B. die Saͤtze: die Koͤrper ziehen sich einander an; die Waͤrme dehnet die Koͤrper aus; der Stoß eines fremden Koͤrpers auf einen andern aͤndert und uͤber das Denken. aͤndert die Bewegung des letztern; Jede Wirkung ist mit einer Ruͤckwirkung verbunden, u. s. w. Was sind diese als immer wieder kommende und uns allenthalben aufstoßen- de Empfindungen, aus denen gewisse Reihen verknuͤpf- ter Vorstellungen in uns entstanden sind, die sich un- aufloͤslich mit einander vereiniget haben? Jst eine zu- sammengesetzte Wirkung aus ihrer zusammengesetzten Ursache zu begreifen, so findet sich zwischen den einzel- nen Theilen und Beschaffenheiten in der Jdee von der Ursache, und zwischen den Theilen und Beschaffenheiten in der Jdee von der Wirkung, eine solche Verknuͤpsung, die diese an jene befestiget. Und so geschichts, daß die Jdee der Ursache, wenn wir uns selbige deutlich vorstel- len, mit einer Art von Nothwendigkeit die Jdee von der Wirkung hervorziehet. Von dem Gedanken also, daß jene wirklich vorhanden sey, gehen wir, mit Ge- walt getrieben, hinuͤber zu der Folgerung, daß auch die Wirkung existire. Jn dieser humischen Erklaͤrung ist viel richtiges. Der Gedanke: Ein Ding ist die Ursache von dem an- dern, erfodert, daß die Jdeen von der Ursache und von ihrer Wirkung in einer solchen Verbindung entweder schon vorher gewesen sind, oder nun darein kommen, wo- durch Eine die andere wieder zuruͤckfuͤhret; und daß die- ser Verbindung wegen der Gedanke von der Existenz der Wirkung uns mit einer gewissen Nothwendigkeit abge- drungen werde, wenn wir der Vorstellung von der Ur- sache, und dem Gedanken, daß solche vorhanden sey, nachgehen. Es ist ferner wahr, daß wir die bestaͤndi- ge Folge der Dinge auf einander als einen Charakter ihrer ursachlichen Beziehung gebrauchen, der auch als- denn ein voͤllig zuverlaͤssiges Merkmal davon ist, wenn in der Ursache dasjenige angetroffen wird, was wir ihre Thaͤtigkeit nennen, und wenn sonsten außer jener Ur- sache nichts vorhanden ist, was die erfolgte Wirkung hervor- IV. Versuch. Ueber die Denkkraft hervorbringen koͤnnte. Dieses letztern Umstandes wegen sind wir am oͤftersten zweifelhaft; denn wer kann sicher seyn, daß da nichts im Verborgenen vorhanden sey, und wirke, wo unsre Empfindung uns nichts anzeigt? Des- wegen geben wir Acht, ob das, was auf die Aktion der Ursache folget, nicht zuruͤckbleibe, so oft die Aktion selbst gehindert wird, oder aufhoͤret. 2. Soviel dem Hrn. Hume eingeraͤumet, so sind wir noch nicht uͤber alles weg, was bey seiner Erklaͤrung be- denklich ist. Er schoͤpfet die Vorstellung von einer be- staͤndigen Folge des Einen auf das Andere, unsern ganzen Begrif von der Verursachung des Einen durch das Andere? Wir stellen es uns doch so vor, als wenn die Wirkung von der Ursache abhaͤnge, von ihr hervorgebracht, und durch sie wirklich gemacht wer- de. Enthaͤlt diese letztere Vorstellung nicht andere Ne- benideen außer der bestaͤndigen Folge? Wir sehen die Wirkung als etwas an, welches aus seiner Ursache be- gre flich ist! Jst das Begreiflich seyn aus einem Andern nichts mehr, als so viel, daß die Jdee des Ei- nen in uns hervorkomme, wenn die Jdee des Andern gegenwaͤrtig ist, ohne Ruͤcksicht auf die Art und Weise, wie jene diese in uns nach sich ziehet? und ist wohl die Begreiflichkeit lediglich eine Folge von einer vorherge- gangenen Association der Jdeen? Jch mache erstlich diese vorlaͤufige Erinnerung. Jn solchen Faͤllen, wo die Verbindung zwischen den Jdeen von der Ursache und von der Wirkung allein in der Asso- ciation der Einbildungskraft ihren Grund hat, wo- hin die mehresten Urtheile dieser Art, die in den einfa- chen Grundsaͤtzen der Naturlehre liegen, gerechnet wer- den koͤnnen; da ist es doch gewiß, daß wir in unserm Urtheil uͤber ihre Dependenz von einander uns noch et- was und uͤber das Denken. was mehreres unter ihrer ursachlichen Verknuͤpfung vorstellen, als die Association in den Jdeen und die blo- ße Mitwirklichkeit in den Objekten. Die Waͤrme ist die Ursache von der Ausdehnung der Koͤrper. Es mag seyn, daß wir keinen andern Grund zu diesem Ausspruch vor uns haben, als die bestaͤndige Verbindung der Waͤr- me in dem Koͤrper mit der darauf folgenden Ausdehnung in unsern Empfindungen. Es mag seyn, daß diese in uns zur Fertigkeit gewordene feste Verknuͤpfung das ein- zigste ist, was uns von einer Vorstellung zu der andern forttreibet, und den Gedanken von ihrem Daseyn, so zu sagen, von der Jdee des Vorhergehenden uͤber die Jdee des Nachfolgenden hinziehet; so setzen wir dennoch in uns selbst voraus, daß noch eine andere reelle Verknuͤ- pfung zwischen den Objekten vorhanden sey. Wir sehen nemlich die Jdeen in uns in einer nothwendigen Fol- ge. Woher diese Verknuͤpfung auch immer so nothwen- dig geworden seyn mag, so ziehen wir sie doch in Be- tracht, und nehmen an, daß ein ihnen entsprechender nothwendiger Zusammenhang in den Gegenstaͤnden vor- handen sey. Die nothwendige Verknuͤpfung der Jdeen in ihrer Folge in uns ist eigentlich unsere Vor- stellung von der verursachenden Verbindung. Denn sobald wir einsehen, daß jene Verbindung der Jdeen nichts mehr ist, als eine Association der Einbil- dungskraft, und daß es eine blos subjektivische Noth- wendigkeit sey, womit Eine auf die andere folget, so faͤllt das Urtheil des Verstandes weg, wodurch die Ob- jekte selbst fuͤr abhaͤngig von einander erklaͤret werden. Hieraus erhellet soviel, daß wenn gleich Hr. Hume es bewiesen haͤtte, daß keiner unserer Ausspruͤche uͤber die ursachliche Verknuͤpfung der Dinge einen reellern Grund habe, als den angegebenen, so sey doch in dem Begrif von dieser Verbindung noch ein anders Jngre- dienz, das aus der Art der Jdeenverbindung genommen, und IV. Versuch. Ueber die Denkkraft und zu einem Zeichen der objektivischen ursachlichen Be- ziehung der Gegenstaͤnde gemacht ist. Gesetzt nun auch, es sey dieser Zusatz etwas Jmaginaires, so wuͤrde der ganze Begrif, und das Reelle in ihm, von einander zu unterscheiden seyn; aber im Anfang, wenn die Frage von seinem innern Gehalt und Sinn ist, so muß er auch ganz in seinem voͤlligen Umfang genommen werden. 3. Nun aber weiter. Jst denn wirklich dasjenige, was noch mehr in diesem Begrif lieget, uͤber dem, was Hume darinn fand, etwas Erdichtetes? Giebt es nicht viele Beyspiele, in denen die subjektivische Verbindung der Jdeen aus einer nothwendigen Wirkungsart des Verstandes entspringet, und einen ganz andern Grund hat, als ihre Association in der Einbildungskraft? solche, wo der Verstand, um die Jdee von der Wirkung mit der von der Ursache auf einmal so fest zu verbinden, als zu dem Gedanken von der ursachlichen Beziehung erfo- dert wird, nichts mehr gebraucht, als daß beide Jdeen vor ihm sind, und gegen einander gehalten werden, ohne daß er sie jemals varher in einer solchen Verbindung ge- habt habe? Man setze, ein uͤberlegender Mann sehe ei- ne Kugel auf eine andere zufahren, und an selbige an- stoßen, und es hoͤre nun in diesem Augenblick die Em- pfindung auf; sollte er den Erfolg nicht von selbst sich ausdenken koͤnnen, wenigstens im Allgemeinen und un- bestimmt, ohne ihn jemals empfunden zu haben? vor- ausgesetzt, daß er mit den noͤthigen Vorbegriffen von der Bewegung, von dem Raum und von der Undring- lichkeit versehen ist. Kann und muß nicht seine Ueber- legungskraft den Gedanken, daß der Zustand der Einen oder der andern dieser beiden Kugeln, oder beider noth- wendig eine Veraͤnderung erleiden muͤsse, von selbst aus der Vergleichung jener Grundbegriffe hervorbringen? Muß und uͤber das Denken. Muß nicht der fortarbeitende, und den Stoß, so weit er ihn empfunden hat, sich vorstellende Verstand durch ein Raisonnement zu dem Schlußurtheil kommen, daß irgendwo eine Veraͤnderung von dem Stoße entstehen muͤsse? Die eine Kugel nimmt ihren Weg auf die ande- re zu, und zwey Koͤrper koͤnnen nicht zugleich denselbi- gen Ort einnehmen. Dieß wuͤrde Statt finden muͤssen, wenn die anstoßende Kugel ihren Weg ungehindert ver- folgen, und die ruhende ihre Stellung unveraͤndert be- halten sollte. Dieß angefuͤhrte Beyspiel ist nur erdich- tet, und ich kann zugeben, daß wir, ohne mit einem Stoß auch zugleich seine Wirkung empfunden zu haben, vielleicht niemals ein solches Raisonnement gemacht haͤt- ten, das uns auf diese Art zu den Gedanken von der Wirkung hinfuͤhret. Aber es ist unlaͤugbar, daß wir das gedachte Raisonnement wirklich vornehmen, und daß wir nachher mehr um dieses Raisonnements willen als durch die Empfindung uns uͤberzeugt halten, daß unser Urtheil von der wirkenden Verbindung zwischen dem Stoß und ihrem Effekt auch im Allgemeinen ein wahres Urtheil sey! Untersuchen wir die Quelle unserer Ueberzeugung von den ersten Grundgesetzen der Bewegung, so finden wir mehrere Beyspiele von der naͤmlichen Art. Jst es eine Jnduktion, daß ein Koͤrper, der einmal in Bewegung ist, seine Bewegung ungeaͤndert beybehalte, so lange nicht eine aͤußere Ursache sie abaͤndere? daß ein ruhender Koͤrper ewig an seiner Stelle bleibe, woferne keine frem- de Ursache ihn heraus triebe? ist es eine Jnduktion, und allein eine Jnduktion, daß die Aktion eines Koͤrpers al- lemal mit einer Reaktion verbunden sey? Wenn man die einzelnen Faͤlle zumal bey dem ersten Gesetz aufzaͤhlet, in denen man es zu beobachten Gelegenheit gehabt hat, und sie gegen andere haͤlt, die davon abzuweichen schei- nen, so wird man sich schwerlich uͤberreden, daß wir je- nes IV. Versuch. Ueber die Denkkraft nes Gesetz darum fuͤr ein allgemeines Naturgesetz anse- hen, weil unsere Einbildungskraft es aus den Empfin- dungen sich nur angewoͤhnt hat, mit der Jdee von einer Veraͤnderung in dem Stand der Ruhe oder der Bewe- gung des Koͤrpers, die Jdee von einer aͤußern Ursache zu verknuͤpfen. Es sind ohne Zweifel Empfindungen gewesen, welche die erste Gelegenheit gegeben haben, das Gesetz zu entdecken; aber es ist ein Raisonnement hinzu- gekommen, eine innere Selbstthaͤtigkeit des Verstandes, von der jene Verknuͤpfung der Jdeen bewirket worden ist. Die Jdee von einem in Bewegung gesetzten Koͤrper, der in keinen andern wirket, und von keinem andern lei- det, leitet den Verstand auf die Vorstellung, daß seine Bewegung ungeaͤndert fortgesetzet werde; und wenn gleich auch diese letztere Jdee fuͤr sich aus Empfindungen hat genommen werden muͤssen, so ist doch ihre Verbindung mit jener ein Werk der Denkkraft, welche ihrer Na- tur gemaͤß diese Beziehung zwischen den Jdeen in uns zu Stande bringet; und die durch diese ihre Operation in uns bewirkte Verbindung des Praͤdikats mit dem Subjekt, ist weit mehr der Grund von der Ueberzeu- gung, daß unser Urtheil ein wahres Urtheil sey, als die Jdeenassociation aus Empfindungen. Jch will damit nicht behaupten, daß man irgend eine der allgemeinen Grundsaͤtze der Naturlehre in seiner voͤlligen Bestimmt- heit a priori, aus bloßen Begriffen erweisen koͤnne. Sie sind nach meiner Meinung zufaͤllige Wahrheiten. Es ist keine absolute Nothwendigkeit in dem Verstande, Subjekt und Praͤdikat mit einander so zu verbinden, als hiezu noͤthig ist. Aber der Verstand verbindet sie nach einem gewohnten Denkungsgesetze, das er befolget, ob er es gleich nicht mit solchem unwiderstehlichen Zwange befolget, als diejenigen, nach welchen er die nothwendi- gen Wahrheiten der Vernunft, z. B. das Princip des Widerspruchs annimmt. Solche allgemeine Gedanken sind und uͤber das Denken. sind wahre Gedanken, vor aller Erfahrung vorher. Wir erlernen sie aus dieser nicht durch die Abstraktion, und es haͤngt also auch nicht von einer mehrmals wiederholten Uebung ab, daß sich solche Jdeenverknuͤpfungen festsetzen. Drittens. Jn solchen Faͤllen, wo wir zusammen- gesetzte Wirkungen aus zusammengesetzten Ursachen er- klaͤren, und wo die einfachen Grundsaͤtze nichts anders sind, als aus Empfindungen entstandene bestaͤndige Jdeenverknuͤpfungen, und bloße Erfahrungssaͤtze, da se- hen wir es auch ein, daß wir die Dependenz der einfa- chen Wirkungen von ihren Ursachen nicht begreifen, son- dern davon nur allein wissen, daß sie da sey. Aber wir suchen alsdenn auch nicht, die einfachen Wirkungen aus ihren einfachen Ursachen begreiflich zu machen, und zu erklaͤren; sondern nur die zusammengesetzte Wirkung aus der zusammengesetzten Ursache, indem wir beide zer- gliedern, und jeden Theil der Wirkung auf die ihm zu- gehoͤrige einfache Ursache zuruͤckfuͤhren. Jn so weit ist eine Erklaͤrung moͤglich, und in so weit glauben wir auch nur, solche geben zu koͤnnen. Da ist doch die Jdee des vielfachen Effekts niemals mit der Jdee der zusammen- gesetzten Ursache vorher associirt gewesen, sondern die Verbindung ist ein Werk der Reflexion, und bleibet fest, wenn sie einmal gemacht ist. Den Regenbogen erklaͤret und begreifet man als eine Wirkung von den Sonnen- strahlen, die in Wassertropfen fallen. Die einfachen optischen Grundsaͤtze, in welche diese Erklaͤrung zerglie- dert werden kann, sind Erfahrungssaͤtze. Der Licht- strahl bricht sich auf eine gewisse Weise, und wird re- flektirt unter einem Winkel, der dem Einfallswinkel gleich ist. Bis dahin gehen die vorlaͤufigen Associatio- nes. Aber in dem Kopf eines Newtons war nichts mehr erforderlich, als die Vorstellung von den Sonnen- strahlen und die Vorstellung von dem Regenbogen, und seine Denkkraft brachte diese beiden Jdeen durch Ver- I. Band. X gleichung IV. Versuch. Ueber die Denkkraft gleichung mit andern Lehrsaͤtzen, in die Verbindung, in der das Objekt der Einen, als die Wirkung von dem Objekt der andern gedacht wird. 4. Viertens. Laßt uns auch da die Gedankenverbin- dung beobachten, wo wir sagen, wir begreifen eine Folge aus ihren Grundsaͤtzen. Jst es nicht klar, daß eine Wahrheit aus einer andern herleiten, fol- gern und schließen ein Verknuͤpfen der Jdeen sey, das von der Association in der Phantasie wesentlich unter- schieden ist? Wir ziehen eine unmittelbare Folge- rung aus Einem Grundsatz; und in dem eigentlichen Schluß verbinden wir zwey Vordersaͤtze zu Einem Schlußsatz. Die Jdeen, welche in dem Schlußsatz vorkommen, sind zwar nicht neue Jdeen, sie waren schon in den Vordersaͤtzen mit gedacht; aber ihre Stel- lung und Verbindung in dem Schlußsatz ist neu. Und wodurch ist dieses neue Urtheil hervorgebracht? Es ist offenbar ein Werk des nachdenkenden Verstandes, oder der Denkkraft, die aus der Beziehung zweyer Jdeen ge- gen Eine dritte, den Gedanken von ihrer eigenen Bezie- hung auf sich, gemacht hat. Jst es etwan die Phan- tasie, welche die zwey Jdeen, die vorher getrennet, aber auf eine gewisse Weise gegen eine dritte gestellet sind, nun auf eine andere Art zusammenschiebet? etwan wie in dem Koͤrper zwo Seitenbewegungen sich zu Einer drit- ten Diagonalbewegung vereinigen? Wenn dem auch so waͤre, so ist dennoch ein großer Unterschied zwischen solchen Verbindungen von Jdeen, die aus den Empfin- dungen genommen werden, und zwischen denen, die durch eine natuͤrliche Wirkungsart der Phantasie, in ihr selbst urspruͤnglich hervorgebracht sind. Aber es ist noch mehr da, denn es entsteht ein Verhaͤltnißgedanke zwi- schen den Jdeen des Schlußsatzes, der vorher nicht da war. und uͤber das Denken. war. So oft wir uns einen Zusammenhang von Wahr- heiten und Gegenstaͤnden vorstellen, so setzen wir voraus, daß der Zusammenhang der Jdeen im System so eine Beziehung auf einander sey, daß der von der Grundidee modificirte Verstand die Folgerung aus sich selbst her- vorbringen, oder doch seiner Natur gemaͤß zu ihr uͤber- gehen muͤsse; und dieß ist ganz etwas anders, als ein bloßer Haufe in einer gewissen Ordnung neben einander liegender und auf einander folgender Jdeen. Wenn der Geometer ein Korollarium aus seinem bewiesenen Theo- rem herleitet, so ist er das erstemal schon von dem Zu- sammenhang uͤberzeuget. Warum? Darum etwan, weil Korollarium und Theorem in unmittelbarer Folge von ihm gelesen, gehoͤret und vorgestellet worden, und in eine unzertrennliche Verbindung in der Phantasie getre- ten sind? So etwas geht in dem Kopf desjenigen vor, der die Geometrie auswendig erlernet; aber so ist es nicht bey dem, der sie durchgedacht und eingesehen hat. Hier ist ein fuͤhlbarer Unterschied. 5. Nun also das Resultat dieser Erinnerungen. Erstlich ist es wohl nicht die bloße Folge der Empfindun- gen auf einander, aus denen der Begrif von der ver- ursachenden Verknuͤpfung genommen wird. Es sind vielmehr gewisse besondere Arten von Jdeenassociationen, wovon er abstrahirt wird, und zwar solche, bey denen noch etwas mehr bemerket wird, als daß eine Jdee vor- hergehe, und die andere darauf folge. Wir nehmen ohne Zweifel diesen Begriff zunaͤchst aus dem Gefuͤhl von unserm eigenen Bestreben, und dessen Wirkungen. Es ist eine Empfindung von dem Dinge da, welches die Ursache genennet wird, und wir fuͤhlen ein Bestreben und eine Thaͤtigkeit bey demselben. Wir empfinden das Nachfolgende, welches Wirkung genennet wird, und X 2 entstanden IV. Versuch. Ueber die Denkkraft entstanden ist, da es vorher nicht war. Mit diesen Em- pfindungen verbinden wir einen Gedanken, der entweder in den naͤmlichen Empfindungen erzeuget ist, oder auch aus andern vorhergehenden herruͤhret, nemlich, daß, wenn die Wirksamkeit in dem Vorhergehenden, was die Ursache ist, aufhoͤret oder unterbrochen wird, auch das Nachfolgende, was die Wirkung ist, zuruͤckbleibe. Der- gleichen Unterbrechungen unserer Bestrebungen werden oft genug empfunden. So lange wir unser Bestreben fuͤhlen, empfinden wir auch ihre hervorkommende Wir- kungen, aber wenn jene aufhoͤren, so hoͤren auch diese auf. Wenn irgend einmal jenes Bestreben fortdauert, und dennoch nichts erfolget, so fuͤhlen wir Etwas anders, welches wir den Widerstand oder das Hinderniß nen- nen. Es kommen also mehrere Verbindungen von Vor- stellungen und Jdeen zusammen, durch welche der Aktus der Denkkraft bey dem Gedanken von einer ursachlichen Verbindung bestimmet wird. Und diese Zuͤge der Em- pfindung des erwaͤhnten Aktus sind bey einander, und muͤssen also auch in dem Gemeinbegrif von der Verur- sachung, der aus dieser Empfindung genommen ist, bey einander bleiben, wenn seinem innern Gehalt nichts ent- zogen werden soll. Eine Folge von Eindruͤcken em- pfinden, und auch bestaͤndig die naͤmliche Folge empfin- den; dieß giebt zwar Einige von den wesentlichen Zuͤgen des allgemeinen Begriffs her, aber nicht alle Grund- theile desselben. Zweytens. Diesen aus unserm Selbstgefuͤhl ge- nommenen Begriff tragen wir auf die aͤußern Gegen- staͤnde uͤber. Jn den meisten Faͤllen haben wir von ih- nen nichts mehr als eine Folge von Empfindungen, und diese giebt nur Einen von den Merkmalen der physischen Verbindung ab, aber doch Einen von denen, die am er- sten und leichtesten bemerket werden. Daher urtheilen wir auch nach diesem Merkmal; doch selten, ohne daß noch und uͤber das Denken. noch ein anderer Umstand hinzukomme. Denn wir muͤssen auch außer der dafuͤr gehaltenen Ursache sonst nichts wahrnehmen, dem die Hervorbringung der Wir- kung zugeschrieben werden koͤnnte. Es ist also begreiflich genug, warum wir auch alsdenn, wenn die bestaͤndige Jdeenverknuͤpfung in der Phantasie allein den Grund unsers Urtheils uͤber ihre objektivische reelle Verknuͤpfung ausmacht, dennoch in dem Zusammenhang noch wirk- lich etwas mehr, als jene Association uns vorstellen. Mag es seyn, daß wir in unsern reinen Empfindungs- vorstellungen von dem aͤußern Objekte weiter nichts an- treffen, als eine Folge von Empfindungen, so legen wir doch noch etwas mehreres in sie hinein, so bald wir den Begriff von der ursachlichen Verbindung auf sie an- wenden. Drittens. Die Begriffe, vom Grunde ( ratio ) und von dem in ihm Gegruͤndeten, und von der Begreiflichkeit des letztern aus jenem, koͤnnen von dem Verstande nur aus den Thaͤtigkeiten seines Begrei- fens, des Folgerns und des Schließens genommen wer- den. Eins aus dem andern begreifen heißt nicht, einen Gedanken auf den andern folgen zu sehen, mit dem er vorher schon in Verbindung gewesen ist, und durch den er jetzo nach dem Gesetz der Association wiederum er- wecket wird. Vielmehr sobald wir gewahr werden, daß die Folge eines Gedanken auf den andern, nur durch dieses Mittel geschehe, so verneinen wir es gerade zu, daß wir jenen aus diesem begreifen. Das Begreifen erfodert, daß die Folgegedanken auf die fortwaͤhrende Thaͤtigkeit des Verstandes, der sich | mit dem Grund- gedanken beschaͤftiget, hervorkommen, auch ohne vorher jemals in dieser Folge gewesen zu seyn. Die Phantasie mag durch die Stellung der Jdeen, welche zu dem neuen Gedanken gehoͤren, dem einsehenden Verstande vorge- hen oder zu Huͤlfe kommen, aber der neue Gedanke selbst X 3 ist IV. Versuch. Ueber die Denkkraft ist nicht ihr Werk. Es sey indeß Phantasie oder Ver- nunft; genug es ist innere Erkenntnißkraft, auf deren Bestreben der Schlußgedanke wirklich wird. Begreif- lich ist also die Folge aus ihrem Grunde, darum, weil der letztere ein solcher Gedanke ist, auf welchen in der thaͤtigen Ueberlegungskraft, die ihn bearbeitet, ein ande- rer, der seine Folge ist, hervorkommt. Viertens. Wir sehen so viele Dinge außer uns und in uns fuͤr Ursachen und Wirkungen von einander an, und sagen nicht, daß wir diese aus jenen begreifen. Das koͤnnen wir auch nicht sagen, wenn wir aus un- sern Denkthaͤtigkeiten wissen, was Begreifen heiße. Es lieget auch nicht allemal daran, daß wir etwan das- jenige, was in der Reihe zwischen der Ursache und ihrer Wirkung lieget, nicht genau und deutlich genug empfin- den und uns vorstellen. Fontenelle hatte den Einfall, das Philosophiren wuͤrde unnuͤtz seyn, wenn der Mensch schaͤrfere Sinne haͤtte, und alle kleine Uebergaͤnge von einer Veraͤnderung zur andern, die waͤhrend ihrer Aktion in einander, in dem Jnnern der Dinge vorgehen, mit Augen beschauen koͤnnte. Die deutliche Empfindung befoͤrdert das Begreifen; aber wir wuͤrden bey der schaͤrfsten, eindringendsten, microscopischen Empfindung dennoch nichts begreifen, wenn nicht zugleich auch die vorhergehende Vorstellung, von dem Verstande bear- beitet, die nachfolgende so aus sich erzeugte, wie ein Grundsatz sein Korollarium. Wo das Wie einer Sa- che erkannt, das heißt, wo begriffen werden soll, da muß dieses letztere nicht fehlen; sonsten bleibet es nur bey der Erkenntniß, daß die Sache sey, aber wir be- greifen nicht, wodurch und wie sie so sey? Jn solchen Faͤllen, wo wir aus der Vorstellung des Vorhergehenden eine nachfolgende wirklich werdende Sa- che begreifen, da nehmen wir ohne Bedenken eine wir- kende Verbindung, eine physische Abhaͤngigkeit in den und uͤber das Denken. den Gegenstaͤnden selbst an. Denn wo eine solche sub- jektivische Verbindung zwischen den ideellen Dingen in uns ist, daß Eins von ihnen voraus als wirklich an- genommen — als das vorhergehende gedacht — der Gedanke von der Existenz des zweyten in dem thaͤtigen Verstande hervorkommt, da legen wir dieselbige Bezie- hung auch dem reellen Dinge außer uns, oder dem Objekte bey. Die Begreiflichkeit des Einen aus dem Andern ist die subjektivische Vorstellung, und der Charakter im Verstande, von der objektivischen De- pendenz der vorgestellten Sachen. Jndem die Begreiflichkeit des Einen aus dem Andern, oder das Gegruͤndetseyn in dem Andern zu einer Jdee von der objektivischen Abhaͤngigkeit ge- macht wird, so wird behauptet, daß die Ursache zu der Wirkung in einer solchen objektivischen Beziehung stehe, daß ein Verstand, der jene in dem noͤthigen Lichte deut- lich und vollstaͤndig sich vorstellet, und dann in dem zum Begreifen erforderlichen Aktus fortwirket, die Vorstel- lung von der nachfolgenden Wirkung in sich hervorbrin- gen, oder doch, wenn ihm diese Jdee anderswoher zu- gekommen ist, mit jener Vorstellung verbinden muß. Jst dieß nicht eine Voraussetzung? Das ist es freylich, aber sie ist ein Grundsatz und ein Postulat. Wir haben keine andere Jdee von der objektivischen Verursachung, als diese innere subjektivische Verursachung in dem Ver- stande. Wenn der gemeine Verstand oft blos durch eine Jdeenverbindung zu dem Gedanken von der ursachlichen Verbindung gebracht wird, so ist jene fuͤr ihn eine Be- greiflichkeit des Einen aus dem andern. Aber er unter- scheidet die verschiedenen Verbindungsarten der auf ein- ander folgenden Jdeen nicht, und untersucht ihre Um- staͤnde nicht, und bedienet sich eines unvollstaͤndigen und daher unzuverlaͤßigen Charakters, von dem es nicht zu verwundern ist, so er so oft truͤget. X 4 V. Von IV. Versuch. Ueber die Denkkraft V. Von der Verschiedenheit der Verhaͤltnisse und der allgemeinen Verhaͤltnißbegriffe. 1) Nicht alle Verhaͤltnisse koͤnnen auf Jden- titaͤt und Diversitaͤt zuruͤck gebracht werden. 2) Klassen der allgemeinen einfachen Ver- haͤltnisse. 1. W enn man die gewoͤhnlichen Theorien in den Ver- nunftlehren von den Urtheilen ansiehet, so schei- net es, als wenn alle Verhaͤltnisse und Beziehungen sich am Ende als Gedanken von der Jdentitaͤt und Diver- sitaͤt der Dinge betrachten, und alle Verhaͤltnisse auf diese Eine Gattung zuruͤckgebracht werden koͤnnten. Das Urtheil wird nemlich fuͤr einen Gedanken von den Ver- haͤltnissen der Dinge, oder vielmehr ihrer Jdeen, erklaͤ- ret. Nach dieser Erklaͤrung muͤßte das Denken uͤber- haupt nichts anders seyn, als ein Urtheilen, weil es in dem Erkennen der Verhaͤltnisse bestehet, wenn nicht zum Urtheilen vorausgesetzet wuͤrde, daß schon Jdeen und Begriffe von den Objekten, deren Verhaͤltnisse man denket, vorhanden seyn sollen. Durch diesen Zusatz wer- den die Thaͤtigkeiten der Denkkraft, die sich mit den bloßen Vorstellungen verbinden, und diese dadurch erst zu Jdeen machen, von den Urtheilen abgesondert, und dann wird aus dem Urtheilen eine eigene Art der Ge- danken gemacht, die von dem Appercipiren und Jdeen machen, so wie von dem Folgern und Schließen un- terschieden ist. Jndessen ist das Urtheilen, in so ferne es ein Erkennen der Verhaͤltnisse ist, ein Denken uͤber- haupt. Giebt es also noch andere Verhaͤltnisse und Be- ziehun- und uͤber das Denken. ziehungen der Dinge, die sich nicht in Einerleyheit und Verschiedenheit aufloͤsen lassen, so ist diese ange- fuͤhrte gewoͤhnliche Erklaͤrung der Urtheile von dem all- gemeinen Umfange nicht, den sie haben muͤßte, um die ganze Mannigfaltigkeit dieser Denkarten zu umfassen. Sollten wohl alle Verhaͤltnisse auf Jdentitaͤt und Diversitaͤt, oder wie einige sich ausgedrucket haben, auf Einstimmung und Widerspruch zuruͤckgefuͤhret werden koͤnnen; und also alle Urtheile in Gedanken die- ser einzigen Gattung von Verhaͤltnissen bestehen? Die gewoͤhnliche Methode der Vernunftlehrer, in dem Kapitel von den Urtheilen, gefaͤllt mir nicht recht. Sie bedienen sich eines gewissen Kunstgriffes, die erste Erklaͤrung eines Urtheils, „daß es ein Gedanke von dem Verhaͤltniß der Dinge sey,‟ in eine andere umzu- aͤndern, nach der Urtheilen so viel seyn soll, als Dinge wie einerley oder verschieden sich gedenken, in- dem sie alle Verhaͤltnisse zwischen den Gegenstaͤnden in die sogenannten Praͤdikate der Saͤtze werfen, und am Ende fuͤr die Verbindung der Jdeen nichts mehr uͤbrig behalten, als den Gedanken, daß ein Verhaͤltniß entwe- der statt finde, oder nicht statt finde; und alsdenn dieß Stattfinden oder das Nichtstattfinden eines Ver- haͤltnisses ein Seyn oder Nichtseyn, ein logisches Verhaͤltniß nennen. Dadurch wird die Lehre von den Urtheilen einfacher, aber sie wird auch zugleich magerer, und anstatt einer reichhaltigen Theorie uͤber die Verstan- desthaͤtigkeiten, worauf die Entwickelung der ersten fruchtbaren Erklaͤrung fuͤhren koͤnnte, erhaͤlt man eine eingeschraͤnkte und wenig aufklaͤrende Rubrik. Zuwei- len geht man wieder zu der ersten Grunderklaͤrung zuruͤck; z. B. in der Lehre von den zusammengesetzten Ur- theilen, wobey der letzte Begriff von dem Urtheil un- anpassend ist, die erstere aber alles in Deutlichkeit setzet. Man mag die Bestimmtheit und Genauigkeit in der X 5 Methode, IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Methode, das sogenannte Schulgerechte so wenig schaͤ- tzen, als man will, so verdienet es doch eine Beherzi- gung, daß eben die Wissenschaft, die dem Verstande die Anweisung geben soll, richtig, fest und sicher in den Kenntnissen einherzugehen, an so manchen Stellen einen schwankenden Gang hat. An der logischen Erklaͤrung eines Urtheils moͤgte endlich wenig gelegen seyn, und ich will es unten noch besonders zeigen, daß sich die ge- woͤhnliche, von Einer Seite betrachtet, und so ferne von einem deutlich gedachtem Urtheil die Rede ist, zur Noth vertheidigen lasse. Nur muß es dadurch nicht zu einem Grundsatz gemacht werden, „daß alle Verhaͤltnisse, wenn man sie aufloͤset, auf Jdentitaͤt und Diversitaͤt hin- auskommen.‟ Dieser unrichtige Satz hat bey der Unter- suchung des menschlichen Verstandes seine vielen nach- theiligen Folgen gehabt. Jst denn die Abhaͤngigkeit eines Dinges von ei- nem andern auch eine Aehnlichkeit oder Verschiedenheit dieser Dinge? wenn gleich die von einander abhangende Gegenstaͤnde sich entweder einander aͤhnlich oder unaͤhn- lich sind? Jst die Folge der Dinge auf einander; ist ihr Beyeinanderseyn; die besondere Art ihrer Mitwirklichkeit, ihre Lage gegen einander; Jst das Jnhaͤriren einer Beschaffenheit in ihrem Subjekt nichts als eine Art von Jdentitaͤt und Diversitaͤt? Nach mei- nen Begriffen ist es nicht also. Jch unternehme es zwar hier noch nicht, die ganze Mannigfaltigkeit der Wirkun- gen unserer Denkkraft anzugeben; aber ich meine, man hat nur Eine Seite von ihr betrachtet, wenn man alle einfache und allgemeine Verhaͤltnisse auf diese einzige Art einschraͤnket. 2. Leibnitz, dessen scharfe und eindringende Blicke in die allgemeinen Denkarten des menschlichen Verstandes sich und uͤber das Denken. sich auch hier zeigten, unterschied zwo Klassen von einfa- chen Verhaͤltnissen ( relations ). Essais sur l’entendement humain lib. II. p. 98. Selon mon sens la Relation est plus generale, que la com- paraison. Car les Relations sont ou de comparaison ou de concours. Les premieres regardent la convenance ou disconvenance (je prens ces termes dans un sens moins étendû) qui comprend la ressemblance, l’égalité, l’inégalité, etc. Les secondes renferment quelque liaison, comme de la cause et de l’effet, du tout et des parties, de la situation et de l’ordre, etc. Zu der einen sollten die eigentlichen Verhaͤltnisse, die nemlich, welche aus der Vergleichung der Dinge entspringen, die Jdenti- taͤt und Diversitaͤt, Aehnlichkeit und Unaͤhnlichkeit, mit allen ihren Arten, die er Vergleichungsverhaͤltniße nannte, gehoͤren. Unter die andern aber die Beziehun- gen gebracht werden, die ihren Grund in einer wirkli- chen Verknuͤpfung der Objekte haben, dergleichen die Dependenz, die Ordnung, die Verbindung der Dinge zu einem Ganzen, ihre Stellung und Lagen u. s. f. sind. Er nannte sie Verhaͤltnisse aus der Verbindung ( relations de concours ). Diese Abtheilung giebt der Sa- che schon etwas mehr Licht. Aber ist sie vollstaͤndig? Wie kann die ursachliche Verbindung mit den un- wirksamen Beziehungen, die von der verschiede- nen Art der bloßen Mitwirklichkeit abhange, und Folgen des gleichzeitigen Daseyns mehrerer Dinge sind, in Eine gemeinschaftliche Gattung zusammen gebracht werden, da diese beiden letztern Klassen eben so wesent- lich von einander, als beide von der ersten Klasse der Verhaͤltnisse, aus der Vergleichung, unterschieden sind? Leibnitz hatte nun zwar, wie Wolf und andere Phi- losophen nach ihm, die Meinung, die Mitwirklich- keitsarten, und die daraus entstehende unwirksame Be- ziehungen, welche durch Raum und Zeit bestimmet wer- den, IV. Versuch. Ueber die Denkkraft den, waͤren am Ende in den ursachlichen Verknuͤpfun- gen der Objekte gegruͤndet, und glaubte daher, beide zu Einer Gattung hinbringen zu koͤnnen. Aber das minde- ste zu sagen, so gruͤndet sich dieser Gedanke auf einer tie- fen metaphysischen Spekulation, die gewiß nicht zum Grunde geleget werden kann, wo man in der Erfah- rungs-Seelenlehre die mannigfaltigen Verhaͤltniß- und Denkarten aus Beobachtungen aufzaͤhlen muß. So wie der blos beobachtende Verstand die Sache ansieht, „so setzet die verursachende Verbindung zwischen zwey Dingen, sobald diese endlich und eingeschraͤnkt sind, al- lemal eine unwirksame Beziehung aus der Koexistenz voraus.‟ Der thaͤtige Einfluß einer Ursache in den Gegenstand, der von ihr leidet, kann nicht bestimmt ge- dacht werden, ehe nicht beide als in eine gewisse Lage ge- gen einander gebracht vorgestellet werden. Es ist z. B. nicht genug, daß Feuer und Holz vorhanden sey, son- dern beyde muͤssen unmittelbar an einander gebracht wer- den, wenn ein Verbrennen des Holzes vom Feuer moͤg- lich seyn soll. Es ist ein Magnet da, welcher Eisen an sich ziehet, und Eisen ist da, welches sich von dem Ma- gneten anziehen laͤsset; aber die Verbindung dieser beiden Jdeen giebt keine bestimmte Jdee von ihrer wirklichen verursachenden Verknuͤpfung, wofern nicht auch das Ei- sen in einer solchen Koexistenz mit dem Magneten vorge- stellet wird, daß es sich innerhalb des Wirkungskreises des letztern befindet. Es ist ein sehr fruchtbarer Grund- satz, „daß die ursachliche Verbindung außer den in- „nern Kraͤften der Ursache, und außer der Receptivi- „taͤt in dem leidenden Subjekt, in welchem die Wir- „kung hervorgebracht wird, noch eine bestimmte Art der „Koexistenz erfodere, woferne die wirkende Ursache nicht „von einer uneingeschraͤnkten Kraft ist, die an keinen „Ort oder Raum gebunden, in der Naͤhe und Ferne, „und in jeder Richtung hin gleich stark thaͤtig seyn kann.‟ Aber und uͤber das Denken. Aber eben dieß macht es nothwendig, die unwirksamen Beziehungen aus der Art der Koexistenz von der ursach- lichen Verbindung wesentlich zu unterscheiden. Um demnach die einfachen Verhaͤltnisse, welche auch einfache Denkarten und also einfache Wirkungen unserer Denkkraft sind, im allgemeinen vollstaͤndig zu klassificiren, zaͤhle ich ihrer drey Arten. Eine Art entspringet aus der Vergleichung der Vorstellun- gen. Dieß ist die Klasse der Jdentitaͤt und Diversitaͤt, und ihrer Arten, und das sind die eigentlichen Relatio- nes oder Verhaͤltnisse, Vergleichungsverhaͤltnisse ( relations de comparaison ). Eine andere entsprin- get aus dem Zusammennehmen und Absondern, Verbinden und Trennen der Vorstellungen, und den mancherley Arten, auf welche solches geschehen kann. Dahin gehoͤren das Jneinanderseyn, oder die Bezie- hung, die eins auf das andere hat, als eine Beschaffen- heit oder ein Praͤdikat auf das Subjekt, worinn es sich befindet. Ferner, wenn von den Beziehungen sol- cher Dinge die Rede ist, deren jedes wie ein besonders Ding fuͤr sich angesehen wird, das Verbundenseyn und das Getrenntseyn, das Zugleichseyn, die Fol- ge, die Ordnung, und alle besondere Arten der Mit- wirklichkeit: diese koͤnnen durch den Namen: unwirk- same Beziehungen, Mitwirklichkeits-Beziehun- gen ( relations de combinaison ) unterschieden werden. Hievon ist alsdenn die dritte allgemeine Gattung unter- schieden, welche die Verhaͤltnisse der Dependenz, die Verbindung des Gegruͤndeten mit seinem Grunde, und der Wirkung mit ihrer Ursache, in sich fasset. Die Thaͤtigkeit der Denkkraft, mit der wir die erstge- dachten Verhaͤltnisse erkennen, bestehet in dem Verglei- chen und Gewahrnehmen. Die Thaͤtigkeit, mit der die unwirksamen Beziehungen gedacht werden — sie be- stehen auch, worinn sie wollen — aͤußert sich, wenn wir IV. Versuch. Ueber die Denkkraft wir mehrere wirkliche Gegenstaͤnde zugleich, oder in ei- ner Folge auf einander uns vorstellen. Endlich, wird die ursachliche Verbindung dann nur gedacht, wenn die Jdeen der Objekte selbst in einer gewissen wirkenden Verbindung auf einander in dem Verstande sind. Es ist Folgern und Schließen etwas anders, als blos Jdeen in eine Folge und Verbindung zu bringen; auch etwas mehr, als eine Aehnlichkeit und Uebereinstim- mung gewahrzunehmen. Denn wenn auch der Ver- nunftschluß durch die Herleitung einer Aehnlichkeit oder Verschiedenheit zwoer Jdeen aus ihren Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten in Hinsicht einer dritten erklaͤret wird; so ist doch selbst dieses Herleiten der Aehnlichkeit oder Verschiedenheit aus andern gleichartigen Verhaͤlt- nissen eine eigene Thaͤtigkeit des Verstandes; ein thaͤti- ges Hervorbringen eines Verhaͤltnißgedanken aus ei- nem andern, welches, wie oben erinnert worden, mehr ist, als zwey Verhaͤltnisse nach einander gewahrnehmen. Zu diesen dreyen Gattungen von einfachen objekti- vischen Verhaͤltnissen, als so vielen unterschiedenen Thaͤ- tigkeitsarten unserer Denkkraft lassen sich die einfachen Verhaͤltnisse in der Grundwissenschaft hinbringen. Jch habe wenigstens bey keiner Art derselben Ursachen gefun- den, die Zahl der allgemeinen und einfachen Gattungen zu vermehren, wenn nemlich, wie hier vorausgesetzet wird, nur von Verhaͤltnissen der Objekte unter sich, die man in den Dingen außer dem Verstande gedenket, und ihnen in Hinsicht auf andere zuschreibet, die Rede ist. Die Gedenkbarkeit der Dinge ist eine Beziehung auf den Verstand eines erkennenden Wesens. Solche Ver- haͤltnisse koͤnnen von einer Seite betrachtet, unter jenen Gattungen, als ihre besondern Arten begriffen werden, doch mag man auch, wenn man will, eine eigne Ord- nung aus ihnen machen. Jch bemerke hiebey nur gele- gentlich, und uͤber das Denken. gentlich, daß diese Aufsuchung aller von uns gedenkbaren Verhaͤltnisse und Beziehungen der Dinge den Umfang und die Grenzen des menschlichen Verstandes aus einem neuen Gesichtspunkt darstellet. Sollten wir behaupten koͤnnen, daß nicht noch mehrere allgemeine objektivische Verhaͤltnisse von andern Geistern denkbar sind, wovon wir so wenig einen Begrif haben, als von dem sechsten Sinn, und von der vierten Dimension? Ohne bey diesen letzten Klassen in das besondere zu gehen, wie es bey dem Begrif von der Dependenz vor- her geschehen ist, faͤllt es bald auf, daß alle Arten von Gedanken, Jdeen nemlich, Urtheile, Schluͤsse, mit dem was zwischen diesen lieget, Fragen und unmittelba- re Folgerungen, zusammengesetzte Produktionen sind, wozu die vorstellende und empfindende und denkende Kraft vereiniget das ihrige beywirken; wozu jene beiden ersten den Stoff hergeben, die letztere aber alles hinein- wirket, was die Gedanken zu Gedanken, Vorstellungen zu Jdeen, verbundene Jdeen zu Urtheilen, und verbun- dene Urtheile zu Schluͤssen machet. Aus der Denkkraft entspringet das Geistige, das sich mit den Gefuͤhlen und den Bildern der vorstellenden Kraft vereiniget, und ih- nen die Form der Gedanken und Kenntnisse giebt. VI. Naͤhere IV. Versuch. Ueber die Denkkraft VI. Naͤhere Untersuchung uͤber den Ursprung unse- rer Jdeen aus Empfindungen. 1) Die Empfindungen geben den Stoff her zu allen Jdeen. 2) Jnsbesonders auch zu den Verhaͤltnißbe- griffen. 3) Die Form der Jdeen haͤngt von der Denkkraft ab. 1. D er Erfahrungssatz, daß alle Jdeen und Begrif- fe aus Empfindungen entstehen, und den die mehresten neuern Philosophen in seiner voͤlligen Allge- meinheit ohne Ausnahme fuͤr wahr annehmen, wird durch die vorhergehenden Betrachtungen nicht aufgehoben, aber genauer bestimmt, als es von den mehresten zu geschehen pfleget. Ohne Eindruͤcke von Farben und Toͤnen, und ohne gefuͤhlte Eindruͤcke davon, giebt es keine Vorstellun- gen von ihnen, und kann keine geben. Wo es aber keine Vorstellungen giebet, da fehlet es an Gegenstaͤn- den, womit das Vermoͤgen, Verhaͤltnisse zu denken, sich beschaͤftigen kann. Es koͤnnen keine Jdeen vorhan- den seyn, wo keine Vorstellungen sind; keine Urtheile, wo keine Jdeen sind. Es kann also auch nichts gefol- gert, kein neues Urtheil aus einem andern herausgezo- gen werden, wo nicht schon ein Grundurtheil da ist. Em- pfindungen, oder eigentlich Empfindungsvorstellungen sind daher der letzte Stoff aller Gedanken, und aller Kenntnisse; aber sie sind auch nichts mehr, als der Stoff oder die Materie dazu. Die Form der Gedanken, und der Kenntnisse ist ein Werk der denkenden Kraft. Die- se ist der Werkmeister und in so weit der Schoͤpfer der Gedanken. 2. Es und uͤber das Denken. 2. Es koͤnnte scheinen, als wenn die Verhaͤltnißbe- griffe, die nicht das Absolute in den Dingen, sondern ihre Beziehungen und Verhaͤltnisse vorstellen, dar- um eine Ausnahme machen muͤßten, weil hier das Ob- jekt, welches vorgestellet wird, das Verhaͤltniß nem- lich, nicht aus der Empfindung entstehet, sondern eine hinzukommende Wirkung der Denkkraft ist. Es gehoͤ- ret also auch der Stoff dieser Begriffe dem Verstande zu, und zwar ausschließungsweise. Wir haben z. B. die Aehnlichkeit nicht empfunden, sondern hinzugedacht. Der Gegenstand dieses Verhaͤltnißbegriffes ist eine Thaͤ- tigkeit oder eine Wirkung unserer Denkkraft; ist keine Wirkung unserer vorstellenden Kraft; auch keine Em- pfindung. Der innere Aktus der Denkkraft giebt hier die innere Empfindung her, aus welcher die Vorstellung gemacht wird, welche letztere von einem nachfolgenden Aktus der Denkkraft gewahrgenommen, und unterschie- den wird, und dann die Jdee ausmachet, dessen Ob- jekt dasjenige in den Gegenstaͤnden ist, was wir ihre Verhaͤltnisse nennen, und ihnen beylegen. Dieß war vielleicht die Seite, von der Leibnitz Essais sur l’entend. humain, liv. II. chap. I. p. 67. die Verhaͤltniß- begriffe; und dahin gehoͤrt der groͤßte Theil unserer Ge- meinbegriffe; ansah, als er gegen Locken darauf be- stand: die Aristotelische Regel, nihil est in intellectu, quod non ante fuerit in sensu, muͤsse nur mit einer Ausnahme fuͤr wahr angenommen werden: excepto ipso intellectu. Jch sage, vielleicht; denn Leibnitz wollte ebenfalls die Jdeen von der Seele selbst, und von ihren Beschaffenheiten, und dadurch alle Jdeen von immate- riellen Dinge, ingleichen die transcendenten Ver- standesbegriffe, von einem Dinge uͤberhaupt, von I. Band. Y der IV. Versuch. Ueber die Denkkraft der Substanz, von der Einheit und der Wirklichkeit, und andere, wozu uns kein aͤußerer Sinn von noͤthen ist, wenn wir nur innere Empfindungen haben und aus die- sen gehoͤrig abstrahiren koͤnnten, als Ausnahmen von der gedachten Regel angesehen wissen. Es war offenbar ein Mißverstand zwischen ihm, und zwischen Locken, wie, zwar nicht alles, aber doch das meiste war, was in ih- rem Streit uͤber die angebohren Jdeen zum Grunde lag, und eben so verhielt es sich in dem Streit des Locke mit dem des Cartes. Aristoteles mogte noch wohl Empfindung und Sinn auf die aͤußern Empfindun- gen und auf den aͤußern Sinn| eingeschraͤnkt haben; al- lein Locke hatte sich deutlich genug erklaͤret, daß er nicht die aͤußern Empfindungen allein, sondern auch die in- nern Selbstgefuͤhle unter der Benennung der Empfin- dungen befaßte. Außer jenen fuͤhrte er auch die Refle- xion, das ist, die denkende Kraft der Seele, als eine Jdeenquelle an. Was die Jdeen von absoluten Sachen und Beschaffenheiten betrift, so kann der neuern Ein- wendungen des Hr. Reid, Beatties und und Oswalds ohnerachtet, die in der That auch kein einziges wirklich entgegenstehendes Beyspiel aufgebracht haben, es fuͤr entschieden angesehen werden, daß sie aus innern und aͤußern Empfindungen entspringen, und aus diesen das Bildliche her haben, was ihre Materie ausmacht. Nur wenn die Verhaͤltnißideen den Jdeen des Absolu- ten entgegengesetzet werden, so kann es anfangs zweifel- haft scheinen, ob zu jenen, wie zu diesen der Stoff aus Empfindungen genommen werde? Aber der Zweifel verschwindet, sobald man auf die Entstehungsart der Verhaͤltnißbegriffe zuruͤcksieht. Dazu, daß eine Thaͤ- tigkeit des Denkens sich aͤußert, und ein Urtheil oder Verhaͤltnißgedanke entstehet, werden andere Vorstellun- gen der beurtheilten Gegenstaͤnde, und Veranlassungen und Reize fuͤr die Denkkraft, um wirksam zu werden, ersodert, und uͤber das Denken. erfodert, die zum Theil wenigstens in jenen Vorstellun- gen und deren Beziehung auf uns enthalten sind. Die Materie, oder der Stoff, auf den die Denkkraft sich ver- wendet, bestehet also in den Vorstellungen, oder in Jdeen der Objekte, deren Beziehung oder Verhaͤltniß gedacht wird. Aber dieser erste Gedanke eines Ver- haͤltnisses ist nicht der Verhaͤltnißbegrif, oder die Jdee von dem Verhaͤltniß. Ein Urtheil ist keine Jdee von einem Urtheil, so wenig als eine Leidenschaft eine Jdee von ihr ist. Jch kann mich auf das oben schon gesagte beziehen. Soll ein Begrif von diesem Ak- tus des Verstandes, oder von dessen Wirkung erlanget werden, so muß es auf die naͤmliche Weise geschehen, wie dergleichen von andern Seelenaͤußerungen, Veraͤnderun- gen, Thaͤtigkeiten und Kraͤften entstehen. Der Aktus des Denkens und des Urtheilens muß in seinen unmittel- baren, leidentlichen, eine Weile daurenden Wirkungen gefuͤhlet und empfunden werden; und diese gefuͤhlte Mo- difikation hat ihre Nachempfindung, und hinterlaͤßt ihre reproducible Spur. Da ist die Vorstellung, und also der Stoff zu der Jdee von dem Gedanken, der ab- gesondert, gewahrgenommen und unterschieden, eine Jdee von dem Verhaͤltnißgedanken, und also ein Verhaͤltnißbegrif wird. Daher ist es auch, wie die Er- fahrung lehret, unmoͤglich, jemanden einen Begrif von der wirklichen Verknuͤpfung der Dinge beyzubringen, der nicht eine solche Verknuͤpfung selbst vorher gedacht, der diesen Gedanken nicht empfunden und wiederhervorgezo- gen hat. Wie will man es einem begreiflich machen, was Raisonnement und zusammenhangende Einsicht sey, der selbst nie raisonnirt und zusammenhangend gedacht hat, und dem nicht die Empfindung dieser einzelnen Thaͤ- tigkeiten schon so gelaͤufig ist, daß er sie mit Leichtigkeit wiedervorstellen, und in sich so lebhaft gegenwaͤrtig er- halten kann, als es erfodert wird, um davon abziehen Y 2 zu IV. Versuch. Ueber die Denkkraft zu koͤnnen? dieß geht so wenig an, als einem Blinden die Vorstellung von der rothen Farbe zu verschaffen. 3. Alle Jdeen und Begriffe sind also ohne Ausnahme bearbeitete Empfindungsvorstellungen, wie die Vorstellungen bearbeitete Empfindungen sind. Aber diese Bearbeitung ist von der Denkkraft geschehen. Und ist es da nun wohl zu verwundern, daß manche Jdeen, wenn man sie gegen ihre Empfindungsvorstellungen haͤlt, von diesen so weit unterschieden zu seyn scheinen; als ir- gend ein Kunstwerk von seiner rohen Materie? und daß, es oft so schwer ist, bey ihnen herauszubringen, aus wel- cher Gattung von Empfindungen ihr erster Stoff herruͤh- ret? Es ist nicht zu laͤugnen, und wenn man die inne- re Werkstatt der Denkkraft und die Operationen erweget, wodurch Empfindungen zu Jdeen verarbeitet werden, zum voraus zu vermuthen, daß man viele Schwierigkeiten antreffen werde, wenn man bey besondern Jdeen die Art ihrer Entstehung deutlich angeben will. Hr. Reid, und seine Nachfolger haben sich in die- sen Schwierigkeiten verwickelt, und um herauszukom- men, die Meinung angenommen, es lasse sich von den ersten Empfindungsideen, die wir aus dem Gesicht und dem Gefuͤhl erlangen, weiter gar kein Grund noch eine Entstehungsart angeben, als daß sie durch die Per- ceptionskraft der Seele gemacht werden; daß sie von den Sensationen zwar wesentlich unterschieden, aber Wir- kungen eines Jnstinkts sind, bey denen man nur fragen kann, wie sie beschaffen sind, nicht aber, wie sie ent- stehen? Es ist außer Zweifel, daß sie Wirkungen des Jnstinkts sind, nemlich Wirkungen, die aus der Natur der Denkkraft hervorgehen. Dieß haben Locke und die uͤbrigen Philosophen nicht gelaͤugnet, denen man da- durch hat widersprechen wollen. Aber die Frage, welche jene und uͤber das Denken. jene bejaheten, ist diese: ob sich die Wirkungsart der Naturkraft und die Gesetze ihres Verfahrens nicht zer- gliedern, und auf allgemeine Regeln zuruͤckbringen laͤßt? Wenn dieß angeht, so ist es nicht noͤthig, dabey zu bleiben, daß man saget: diese oder jene Jdee ist eine unmittelbare Arbeit des Jnstinkts. Es laͤsset sich als- denn noch zeigen, daß sie nach einem allgemeinen Wir- kungsgesetze gemacht ist, und es laͤßt sich auch begreifen, woher dasjenige, was ihr Eigen ist, seinen Ursprung habe. Wir schmecken, wir riechen, wir hoͤren. Diese Empfindungen vergehen; wir erwecken sie in etwas wie- der in der Einbildungskraft, ob gleich auf eine sehr matte Art. Wir unterscheiden sie von einander, und verbin- den mit ihnen den Gedanken, daß sie von aͤußern Ge- genstaͤnden entspringen, und gewisse Beschaffenheiten in diesen voraussetzen, deren Zeichen oder Vorstellungen sie sind. Jn so weit sind sie, nach dem Sprachgebrauch, dem ich bisher gefolget bin, Jdeen von Gegenstaͤnden, die uns etwas objektivisches vorstellen. Sind nun diese Vorstellungen und Jdeen aus den mindern Sinnen so wesentlich von den Vorstellungen und Jdeen aus dem Gesicht und Gefuͤhl unterschieden, wie einige geglaubet haben, daß sie nicht in demselbigen Verstande Jdeen genennet werden koͤnnen? Man hat sich vorgestellet, die Jdeen des Gehoͤrs, des Geruchs und des Geschmacks koͤnnten nichts als klare Empfindungen, Sensationen, oder Gefuͤhle, aber keine Vorstellungen und Jdeen seyn. Jn wie ferne sie Vor- stellungen sind oder seyn koͤnnen, ist in dem Ersten Ver- such gewiesen worden. Sie sind klare Empfindungen, und klare Empfindungsvorstellungen, wenn das Vermoͤ- gen gewahrzunehmen, ein Zweig der Denkkraft, sich mit dem Gefuͤhl und der Reproduktion verbindet, und sie unterscheidet. Aber als Jdeen von Objekten betrachtet, Y 3 haben IV. Versuch. Ueber die Denkkraft haben sie noch eine Beschaffenheit mehr an sich, wodurch sie zu Jdeen, oder, wie Reid sagt, zu Perceptionen werden. Es ist nemlich der Gedanke mit ihnen ver- bunden, daß sie in aͤußern Dingen ihren Ursprung ha- ben, und daß sie etwas objektivisches und reelles vor- stellen. Dieß ist der vornehmste Zusatz von der Denk- kraft, und da ist die Frage, ob solcher auf eine andere Art und nach andern Denkungsgesetzen hinzukomme, als diejenigen sind, nach welchen alle Jdeen uͤberhaupt von der Denkkraft ihre Form erhalten? Die Jdeen des Gefuͤhls und des Gesichts schei- nen weit mehr von ihren Empfindungen sich zu entfernen, als die Jdeen aus den uͤbrigen Sinnen. Wir befuͤhlen die Koͤrper. Dieß Gefuͤhl ist eine Empfindung, die wir beachten, unterscheiden und bemerken koͤnnen. Jch lege die Hand auf einen harten oder auf einen weichen Koͤrper, und fahre mit den Fingern uͤber ihn, und um ihn herum. Es entstehet ein Gefuͤhl von Haͤrte und Weichheit, von Figur und Groͤße, und dieß wird be- sonders bemerket; zuweilen wenigstens, wenn man durch Schmerz oder Lust oder durch Jnteresse gereizet wird, aufmerksam darauf zu seyn. Diese Empfindung der Haͤrte, sagt Reid, hat nichts aͤhnliches mit der Haͤrte in dem Koͤrper, und das hat sie freylich nicht. Sie ist etwas subjektivisches in der Seele, da die Haͤrte des Koͤr- pers etwas objektivisches in den Dingen ist. Aber diese Empfindung hat auch nichts aͤhnliches, setzet er hinzu, mit der Perception oder mit der Jdee von der Haͤrte, welche uns die objektivische Beschaffenheit als im Bilde vorhaͤlt. Jch antworte, das Gefuͤhl ist hier allerdings von der Jdee unterschieden; aber ist jenes deswegen nicht der Stoff zu dieser? Sind beide wohl weiter von einander unterschieden, als es eine jede undeutliche Jdee von sich selbst ist, nachdem sie deutlich gemacht worden ist? Und erstrecket sich uͤberhaupt der Unterschied zwischen unsern und uͤber das Denken. unsern Jdeen von den sogenannten qualitatibus prima- riis der Dinge, und denen von den qualitatibus secun- dariis wohl weiter, was auch Hr. Reid saget, der hier bey dem ersten Anscheine stehen bleibt, als bis dahin, daß die Eine Art deutlicher gemachte Vorstellungen sind, und aus allgemeinen einfachen Vorstellungen bestehen; die andern hingegen nicht so allgemeine Vorstellungen zu Jngredienzen haben, und undeutlich und verwirrt ge- blieben sind? Die Gesichtsideen sind Vorstellungen, die am meisten von der Denkkraft bearbeitet sind. Was hier Empfindung und Vorstellung ist, besteht in Licht und Farben, und diese Empfindungen sind schwache Empfin- dungen, aber sehr deutlich auseinander gesetzt. Das sichtliche Bild ist daher merklich unterschieden von der Jdee des gesehenen Objekts. Jenes wird fast unkennt- lich unter den Zusaͤtzen, die von der Denkkraft kommen, und daher bemerket der gemeine Verstand es selten, wenn er auf seine Jdee zuruͤcksieht. Die Perspektive lehret uns, auf das sichtliche Bild recht acht zu haben; aber die Jdee von dem Baum, den ich sehe, ist fast ganz eine Zusammensetzung von Verhaͤltnißgedanken, und von Urtheilen, daß ein Ding da außer mir stehe, ein Ding von einer gewissen Laͤnge, Dicke, Breite, Figur, in einer gewissen Weite u. s. f. Aufs Einzelne sich einzulassen, und bey jedweder Gattung von Empfindungsideen ihre Entstehungsart deutlich auseinander zu setzen, das ist fuͤr meinen gegen- waͤrtigen Zweck zu weitlaͤuftig. Jch kann nur im All- gemeinen stehen bleiben, und die wesentlichsten Punkte angeben, worauf es dabey ankommt. Und warum sollte man auch nicht gerne eingestehen, daß diele Wirkungen unserer Seele eben so undurchdringlich, und eben so schwer in ihre einzelne Schritte zu entwickeln sind, als viele Wirkungen der Koͤrperkraͤfte? Aber dagegen heißt Y 4 es IV. Versuch. Ueber die Denkkraft es doch auch nicht nach Hypothesen philosophiren, wenn man die in einigen Erfahrungen deutlich beobachteten Wirkungsgesetze auf andere anwendet, worinn man die dazu erforderlichen Thaͤtigkeiten nicht so unmittelbar be- obachten kann. Wenn die letztern sich aus denselbigen Gruͤnden und auf dieselbige Art begreifen lassen, wie die erstern erklaͤret sind, so macht die Analogie es wahr- scheinlich, daß sie auch wirklich auf dieselbige Art und Weise entstehen. Und dieß wird zur voͤlligen Gewiß- heit gebracht, wenn man Erfahrungen findet, woraus es unmittelbar erhellet, daß es mit ihnen in Hinsicht der vornehmsten Umstaͤnde, dieselbige Beschaffenheit habe, wie mit jenen. Wenn Hr. Reid und seine Nachfolger so billig sind, dieses Verfahren fuͤr logisch richtig zu er- kennen, so wird der Ursprung aller Empfindungsideen, wovon sie glauben, daß solcher nothwendig ein eigenes Princip in der Seele erfordere, welches sie den gemei- nen Verstand nennen, und der Vernunft entgegen setzen, aus der vereinigten Wirkung des Gefuͤhls, der vorstellenden Kraft und der, die Verhaͤltnisse nach ge- wissen allgemeinen Gesetzen erkennenden, Denkkraft be- griffen, und die bey diesen oder jenen einzelnen Jdeen vorkommenden Schwierigkeiten gehoben werden. Und da, deucht mich, werden die Hauptstuͤcke, worauf es ankommt, um das Jdeenmachen voͤllig einzusehen, folgende seyn. Mit allen Vorstellungen des Gesichts, des Gefuͤhls und der uͤbrigen Sinne wird der Gedanke verbunden, daß sie aͤußere Objekte vorstellen. Dieser Gedanke be- stehet in einem Urtheil, und setzet voraus, daß schon eine allgemeine Vorstellung von einem Dinge, von einem wirklichen Dinge, und von einem aͤußern Dinge, vorhanden, und daß diese von einer andern allgemeinen Vorstellung von unserm Selbst, und von einer Sache in uns, unterschieden sey. Wie diese Vorstellungen entstehen, und uͤber das Denken. entstehen, durch die Denkkraft unterschieden, dann mit den Empfindungen von aͤußern Objekten und deren Reproduk- tionen verbunden werden, bedarf allerdings einer besondern Eroͤrterung, die ich sogleich nachher vornehmen will. Jst dieser Punkt ins Helle gebracht, so darf man sich nur folgender Verschiedenheiten erinnern, die bey den Empfindungen und Vorstellungen schon in dem vorher- gehenden bemerket sind. Die verschiedenen Empfindungen sind fuͤr sich als Eindruͤcke und Veraͤnderungen betrachtet, von sehr ver- schiedener Lebhaftigkeit, Feinheit und Deutlichkeit. Eine Art enthaͤlt mehr unterscheidbare Mannigfaltigkeit, als die andere. Die Gefuͤhls- und Gesichtseindruͤcke sind hierinn die vorzuͤglichsten. Die Gefuͤhlsempfindungen verbinden sich zum Theil mit den Gesichtsempfindungen, wie diese mit jenen, und mit allen beiden werden noch andere mehr in der Phan- tasie dergestalt associirt, daß sie nur eine Reproduktion ausmachen. Die Vorstellung von der Haͤrte des Koͤr- pers, ingleichen die von der Figur desselben ist ein Gan- zes, welches sowohl Reproduktionen des Gesichts, und dieses sind fast die meisten, als Reproduktionen des Ge- fuͤhls in sich faßt. Diese Vereinigung mehrerer Em- pfindungen ist aus dem Gesetz der Association voͤllig be- greiflich, und eine Wirkung des uns angebohrnen Ver- moͤgens, mehrere Vorstellungen in Eine zu verbinden. Die Gesichts- und die Gefuͤhlsideen sind so zu sagen mehr Jdeen, als bildliche Vorstellungen. Das letztere sind sie nur, in so ferne sie aus reproducirten Em- pfindungen bestehen — der Dichtkraft das ihrige nicht ver- geben; — allein in so ferne Unterscheide, Lagen und Bezie- hungen der vorgestellten Objekte und ihrer Theile, in ihnen gesehen, und durch sie erkannt; ingleichen so ferne sie als Bilder von aͤußern Objekten angesehen werden, enthal- ten sie Urtheile, und sind Wirkungen der Denkkraft. Y 5 VII. Ver- IV. Versuch. Ueber die Denkkraft VII. Vergleichung der verschiedenen Aeußerungen der Denkkraft unter sich. 1) Wie die verschiedenen Aeußerungen der Denkkraft, das Unterscheiden, das Ge- wahrnehmen, das Beziehen der Dinge auf einander, das Erkennen, sich gegen einander verhalten. 2) Die einfachen Denkthaͤtigkeiten, in wel- che die Aeußerungen der Denkkraft bey dem Gewahrnehmen aufgeloͤset werden koͤnnen. 3) Die einfachen Denkthaͤtigkeiten in den uͤbrigen Verhaͤltnißgedanken, bestehen in Beziehung und Gewahrnehmung. 4) Gewahrnehmung der Beziehungen ohne Gewahrnehmung der sich auf einander beziehenden Gegenstaͤnde. Jdeen von Raum und Zeit. 5) Jn wie ferne alle Jdeen durch die Ver- gleichung gemacht werden. 6) Von der Form der Urtheile. Jn wie ferne sie in Vergleichungen bestehen. 7) Von Folgern und Schließen. 1. V erhaͤltnißideen sind uͤberhaupt die Wirkungen der Denkkraft. Alle Aktus, welche dazu erfodert wer- den, daß außer dem Absoluten, was in den Vorstellun- gen als Modifikationen enthalten ist, noch die subjekti- vischen und uͤber das Denken. vischen Verhaͤltniße und Beziehungen hinzu kommen, daß nemlich in uns das entstehet, was wir durch die relativen Woͤrter bezeichnen; z. B. ein Ding ist ein besonders Ding; ein Ding ist einerley mit einem an- dern, oder verschieden von einem andern; ein Ding ist Ursache oder Wirkung eines andern; es ist bey, in, mit und um ein anders; es folgt auf ihn, oder geht vor ihm her, und so weiter; was hiezu erfodert wird, ausser den Gefuͤhlen und Vorstellungen, die dazu auf eine gewisse Weise in uns eingerichtet seyn muͤssen, das wird so angesehen, als entspringe es aus einer ei- genen Quelle, und aus einem eigenen Grundvermoͤgen, wel- ches ganz eigentlich die Denkkraft genennet wird. So sehen die mehresten die Sache an, und ich habe vorher das Wort Denkkraft in dieser Bedeutung genommen, und daher in der Verbindung dieser Kraft mit Gefuͤhl und Vorstellungskraft das gesammte Erkenntnißver- moͤgen gesetzet. Verschiedene nennen das ganze Er- kenntnißvermoͤgen, Denkkraft. Die vornehmsten unter den einfachen Aeußerungen, in denen die Denkkraft sich wirksam beweiset, sind das Unterscheiden, das Gewahrnehmen, das Bezie- hen der Dinge auf einander, Urtheilen, Folgern, Schließen. Wer etwas gewahrnimmt, denket. Da zeiget sich die Denkkraft als ein Gewahrnehmungs- vermoͤgen. Wer unterscheidet, denket. Da zei- get sie sich, wie einige es nennen, als Unterscheidungs- vermoͤgen. Wer die Dinge auf einander beziehet, denket, und besitzet Beziehungsvermoͤgen, Refle- xion. Urtheilen, Schließen sind ein Denken, und Denkungsaktionen, und dann ist auch das Wort Er- kennen eins von denen, welche Grundbegriffe aus- druͤcken. Jn jeder dieser Aktionen offenbaret sich die Denk- kraft von einer besondern Seite, und jedes der einzeln Vermoͤ- IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Vermoͤgen, die zu diesen Aeußerungen gehoͤren, ist nichts anders, und kann nichts anders seyn, als Eine von den verschiedenen Aussenseiten der ganzen Kraft. Es giebt noch mehrere, als die angefuͤhrten sind, die nur die einfachsten und vornehmsten ausmachen, und so, wie es nothwendig ist, diese Seiten einzeln zu untersuchen, wenn die Natur der Denkkraft aus Beobachtungen er- forschet werden soll, so ist es auch nothwendig, nicht bey der bloßen Betrachtung dieser aͤußern einzelnen Aussichten stehen zu bleiben. Viele von ihnen sind zum Theil die- selben, und fallen an Einem Ende auf einander. Vor allen muͤssen diese vermischten, und sich in einander verwirrenden, so viel es angeht, aus einander gesetzet wer- den, um diejenigen zu erhalten, die, wenn sie auch gleich noch nichts mehr sind, als eben solche aͤußere einseitige Wirkungen, dennoch ganz von einander verschieden sind, und, so zu sagen, ganz außer einander liegen. Sind sie einzeln beschauet, und werden dann wieder an einan- der gefuͤget, so hat man, wenn sie sich schließen, den wahren aͤußern Umfang der Denkkraft, und keine Stel- le gedoppelt genommen. 2. Wie diese einfachen, an sich, wenigstens der Be- obachtung nach, gaͤnzlich unterschiedene Denkaͤußerun- gen herausgesucht werden koͤnnen, dazu giebt die Zer- gliederung des Gewahrnehmens, wenn wir damit einige der uͤbrigen Verhaͤltnißideen verbinden, Gelegen- heit an die Hand, die ich nutzen will, so gut ich kann. Bey dem Gewahrnehmen ließ sich 1) eine gewisse Einrichtung der Vorstellung bemerken, welche ge- wahrgenommen ward. Die Vorstellung oder das Bild von der Sache, die ich gewahrwerde, steht abgesondert und hervorstechend vor mir. Diese Wirkung hatte Ak- tionen der Vorstellungskraft und des Gefuͤhls erfodert, womit und uͤber das Denken. womit die Vorstellung der Sache bearbeitet war. Die gewahrgenommene Vorstellung war andern gegenuͤber gestellet und auf andere bezogen worden. 2) Wenn die Vorstellung durch diese Bearbeitun- gen und Beziehungen die gehoͤrige Staͤrke und Stellung, die objektivische Klarheit empfangen hatte, so erfolgten der Gedanke selbst, das eigentliche Gewahrnehmen, der Beziehungsgedanke; oder das, was da ist, wenn ich sage: Siehe! Die Sache ward dadurch als eine be- sondere Sache vorgestellet. Ob dieß letztere, und wie ferne es an jenes vorher- gehende Gefuͤhl und an die Zurichtung oder Absonderung und Beachtung der Vorstellung gebunden, und mit ihm einerley sey, oder ob und in wie ferne es durch eine eige- ne nachfolgende Aktion der Seele hinzukomme, ist in dem vorhergehenden als unentschieden dahingestellet. Aber der letztere dieser beiden Aktus, wodurch die sub- jektivische Relation oder der Gedanke mit der vorzuͤg- lich abstechenden und abgesonderten Vorstellung verbun- den wird, und dessen Wirkung dieser Gedanke ist, machet den eigentlichen Aktus des Gewahrnehmens aus, und in diesem besteht hier das Wesentliche des Denkens. Das Gewahrnehmen erfodert eine Beziehung der gewahrgenommenen Sache auf andere, die von einigen fuͤr eine Vergleichung angesehen wird. Wenn ich ei- nen einzelnen Menschen unter einem Haufen auskenne, so kann eine andere vorhergehende Jdee da seyn, welche durch die Einbildungskraft wieder dargestellet, und mit der gegenwaͤrtigen Empfindung verbunden wird, und dadurch diese letztere lebhafter und ausgezeichneter in mir abdruckt; es kann mir zum Exempel einfallen, daß der Mensch, den ich jetzo sehe, ein Bekannter von mir sey, oder einem Bekannten sehr aͤnlich sehe. Dieß ist Ein Fall. Es kann aber auch die Ursache, warum sein Bild so vorzuͤglich lebhaft mir auffaͤllt, in dem Bilde selbst lie- gen, IV. Versuch. Ueber die Denkkraft gen, weil es sich so vorzuͤglich stark vor andern aus- nimmt. Alsdenn bedarf es eben keiner Herbeyholung anderer aͤhnlichen Vorstellungen, um es merklicher zu machen, da es solches fuͤr sich schon ist. Jndessen geht doch auch in dem letztern Fall etwas vor, was eine Be- ziehung auf andere genennet werden kann. Es entsteht nemlich, wie vorher in dem Versuch uͤber das Gewahr- nehmen bemerkt worden ist, ein Ansatz, von der sich ausnehmenden Vorstellung auf andere uͤbergehen zu wol- len, woran aber die Kraft gehindert wird, weil die er- stere Vorstellung sie an sich zuruͤckhaͤlt, oder doch bald wieder auf sich zuruͤck ziehet. Aber wenn diese Aktion, als ein Beziehen der wahrzunehmenden Sache, auf an- dere, betrachtet wird, so ist sie doch nur eine Neben- thaͤtigkeit, die weiter nicht erfodert wird, als nur, in so ferne sie ein Mittel ist, die Vorstellung von den uͤbrigen in die sich ausnehmende und abgesonderte Stellung zu bringen, in der sie seyn muß, wenn sie gewahrgenom- men und als eine besondere Sache erkannt werden soll. Daher wird auch diese Beziehung in solchen Faͤllen, wo uns etwas von selbst auffaͤllt, und wir mehr leidend et- was gewahrwerden, als thaͤtig es gewahrnehmen, wenig bemerket. Das Haupterfoderniß zu dem Ge- wahrnehmen einer Sache ist immer dieses, daß die Vor- stellung auf die noͤthige vorzuͤgliche Art abgesondert in uns gegenwaͤrtig sey. Wenn dieß ist, so erfolgt das Gewahrnehmen. Auch in dem Fall, wenn andere vorhergegangene Vorstellungen, die mit der gegenwaͤrtigen sich vereini- gen, die Gewahrnehmung befoͤrdern, so kann diese Ver- bindung doch auch nur als ein entferntes Huͤlfsmittel an- gesehen werden, wodurch die gehoͤrige Absonderung der Vorstellung erleichtert wird. Diese Anmerkung ist um des folgenden willen nicht zu uͤbersehen. Wenn wir den ganzen Aktus des Ge- wahr- und uͤber das Denken. wahrnehmens, so wie es vorher geschehen ist, in zwey andere zertheilen, so kann der erstere Aktus eben so wohl ein Beziehen des Gewahrgenommenen auf andere ge- nennet werden, als eine Absonderung, ein vorzuͤgli- ches Darstellen, ein Auszeichnen (eine Sonderung). Die Absonderung der Vorstellung ist ihre Wirkung. Man kann die dazu wirkende Thaͤtigkeit von einer zwie- fachen Seite ansehen, als Beziehung, in so ferne die Vorstellung gegen andere Vorstellungen oder Empfin- dungen auf eine gewisse Weise gestellet, oder mit ihnen verbunden wird; als eine Absonderung, in so ferne sie in einer staͤrkern Ausarbeitung der gewahrgenomme- nen Vorstellung selbst bestehet. Beides geschicht in je- dem einzelnen Gewahrnehmen. Aber es ist schicklicher, diese Aktion hier eine Absonderung, als ein Bezie- hen auf andere zu nennen, weil jenes Wort die davon entstehende Wirkung naͤher angiebt. Gleichwohl kommt es niemals auf die Namen an, wenn man die Sache selbst kennet. Wenn man den er- sten Aktus des Gewahrnehmens ein Beziehen, oder eine Beziehung nennen will, so werde ich daruͤber nicht strei- ten; nur daß diese zum Gewahrnehmen erfoderliche Ak- tion alsdenn von andern Beziehungen unterschieden wer- de, wo das Verbinden und Gegeneinanderstellen der Vorstellungen nicht so wohl eine bessere Aussonderung der Einen, als vielmehr eine gewisse Lage oder Stellung von mehrern gegen einander zur Wirkung hat. Das Gewahrnehmen ist also aufgeloͤset in diese zwey Aktus, in das vorzuͤgliche Darstellen (die Sonde- rung) und in das Denken der Besonderheit, das Un- terscheiden, das Auskennen. Es laͤßt sich der erste Aktus des Gewahrnehmens ohne den letztern denken, wenigstens in einigem Grade. Jch sage: in einigem Grade, denn ich lasse es hier noch unentschieden, wie weit der zweyte Aktus nur ein hoͤhe- rer IV. Versuch. Ueber die Denkkraft rer Grad des erstern ist. Jenen ersten allein kann man die Vorstellung der Sache in ihrer Besonderheit nennen; sie ist das Analogon des Gewahrneh- mens. Man sehe solche Unterscheidungen nicht fuͤr unnuͤtz- lich an. Wollen wir doch unsere Psychologie auch ge- brauchen, um von den Thierseelen bestimmte Begriffe zu machen, und koͤnnen wir glauben, daß unsere Scharf- sinnigkeit so viele unterschiedene Grade, Stufen und Schritte bemerken werde, als der Schoͤpfer in den wirk- lichen Seelen wirklich und wesentlich von einander abge- sondert hat? Sollten wir mit aller unserer Subtilitaͤt die reellen Unterscheidungen der Natur erreichen? Und selbst bey der Menschenseele, wie viele Stufen ihrer Ent- wickelung, auf deren jeder sie, wer weiß, wie lange, ohne merkliche Fortruͤckung stille stehet, auf welchen sie sich selbst nicht beobachten, sondern nur von andern an aͤußern Kennzeichen beobachtet werden kann? Bey je- der reellen Verschiedenheit solcher Stufen kann eine Grenzlinie so gar fuͤr ein ganzes Geschlecht von wirkli- chen Dingen seyn. Ohne diese genauen Unterschiede zu bemerken, weiß ich kein Mittel, die wesentlichen Unter- schiede in den unendlich mannigfaltigen Gattungen von Seelen und seelenartigen Wesen jemals auch nur als moͤglich zu begreifen. Es ist noch ein anders, eine Sache gewahrneh- men, sie als eine besondere Sache zu denken, auszu- kennen, von andern zu unterscheiden, und ein anders, diese ihre Besonderheit, welche eine Beziehung auf andere ist, selbst gewahrzunehmen. Dieser Unter- schied ist dem Selbstgefuͤhl offenbar. Jn dem ersten Fall wird die Vorstellung von der Sache abgesondert und ausgekannt; aber in dem letztern Fall, wenn ich wissen will, was seine Besonderheit eigentlich sey, muß die Gewahrnehmung der Sache, als eine Aktion der Seele und uͤber das Denken. Seele von neuen gewahrgenommen, das heißt, von neu- en vorzuͤglich gegenwaͤrtig gemacht, und ausgekannt wer- den. Wenn wir sagen, ich weiß, daß ich die Sache gewahrnehme, ich sehe, daß der Fleck an der Wand etwas unterschiedenes ist, so will ich nicht blos sagen, daß ich die Sache selbst auskenne, sondern auch, daß ich die- ses ihr Hervorstechen, als eine Beziehung auf andere gewahrnehme. Es ist ein großer Schritt von dem sim- peln Gewahrnehmen der Sache bis zum neuen Gewahr- nehmen dieses wahrnehmenden Aktus. 3. Die zunaͤchst mit dem simpeln Gewahrnehmen ver- wandten Verhaͤltnißgedanken sind die Gedanken von der Verschiedenheit und Einerleyheit der Sachen. Es wird genug seyn, die erstere zu zergliedern. Das Gewahrnehmen ist auch schon ein Unter- scheiden; aber eigentlich ein Auskennen einer Sache vor andern. Jch werde einen Thurm gewahr, so unter- scheide ich ihn aus dem ganzen Haufen anderer Sachen, die um ihn sind, oder eigentlich, in mir kenne ich seine Vorstellung vor den uͤbrigen Vorstellungen, Empfindun- gen und Modifikationen, die etwann noch gegenwaͤrtig seyn moͤgten, aus. Ein anders ist es, wenn ich sage: ich unterscheide diesen Thurm von einem andern, der nahe bey ihm steht; das ist, ich denke, daß Einer nicht der andere ist. Jn dem letztern Aktus werden schon beide Vorstel- lungen, von dem einen Thurm sowohl, als von dem an- dern, jede als gewahrgenommen vorausgesetzt. Dieß sind die Jdeen, deren bloße Gegenwart aber noch den Aktus des Unterscheidens nicht ausmacht. Es erfolgt eine Gegeneinanderstellung beyder Jdeen; man geht von der Einen zur andern uͤber, und es erfolgt ein Gefuͤhl des Uebergangs. I. Band. Z Dieser IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Dieser Aktus ist eine Beziehung; wenn ich aber die beiden Thuͤrme als unterschiedene kennen soll, so muß noch mehr hinzukommen. Diese Beziehung und die da- von bewirkte Stellung der Jdeen muß gewahrgenommen werden, sonsten habe ich den Gedanken von ihrer Verschiedenheit noch nicht. Der erste beziehende Aktus ist schon ein Unterschei- den der Vorstellungen, und wird auch oft ein Un- terscheiden genennet; aber diese Beziehung muß er- kannt und gewahrgenommen werden, wenn das in mir seyn soll, was ich alsdenn ausdruͤcke, wenn ich sage, ich unterscheide sie. Denn diesen Ausdruck gebrauche ich nicht, als bis ich das Unterscheiden, oder die Ver- schiedenheit der Dinge in mir gewahrnehme. Vergleichen wir also das simple Gewahrnehmen eines Thurms mit dem Gedanken, „daß dieser Thurm von einem andern unterschieden sey,“ so findet man 1) sie darinn verschieden, daß in dem simpeln Gewahr- nehmen einer Sache eine Sonderung der Vorstellung erfodert wird; bey dem Unterscheiden aber werden die schon gesonderten Vorstellungen der Sachen gegenein- ander gestellet, es wird von dem einen zum andern uͤber- gegangen. Es ist auch das Gefuͤhl dieses Uebergangs etwas anders beschaffen, als bey dem simpeln Gewahr- nehmen. Aber 2) darinn sind sie einerley, daß in beiden ein Gewahrnehmen vorkommt. Jn dem simpeln Ge- wahrnehmen ist es die Sache, oder ihre Vorstellung, welche gesondert und dann als besonders gedacht wird. Jn der Gewahrnehmung der Verschiedenheit ist es diese Beziehung selbst, die unterscheidende, vergleichen- de Aktion der Seele, und die davon bewirkte Stellung der Jdeen, die abgesondert und als besonders gedacht wird. Durch dieses Gewahrnehmen der beziehen- den und uͤber das Denken. den Aktion wird das, was man den Gedanken von ihrer Relation nennet, hervorgebracht. Denken, daß zwey Dinge von einander ver- schieden sind, heißt also, die beziehende Aktion bey ihnen gewahrnehmen. Und nun sind wir zu dem Allgemeinen, was in je- den andern einzelnen Verhaͤltnißgedanken enthalten ist, nemlich, das Beziehen der Dinge in ihrer Vor- stellung auf einander, und das Gewahrnehmen dieser Beziehung. Die gewahrgenommene Bezie- hung ist die Jdee des Verhaͤltnisses zwischen den Dingen. Jch sehe das Licht im Zimmer seine Strahlen um- her breiten, und die Koͤrper sichtbar machen. Was denke ich, wenn ich dieß Licht fuͤr die Ursache der Hel- ligkeit in dem Zimmer halte? Es ist eine Jdee von dem Licht, und eine Jdee von der Wirkung vorhanden, und diese beyden Jdeen sind in einer gewissen Ordnung mit einander verbunden. Jn diesem Beyspiel folgen sie nur auf einander, und repro- duciren sich in der Phantasie, wie Hr. Hume glaubt, daß es allemal nur geschehe; aber zuweilen wird die eine, auch wenn sie niemals da gewesen ist, in der Seele her- vorgebracht, wenn die erstere gegenwaͤrtig ist, und die wirksame Denkkraft modificirt. Wir haben also in un- serm Beyspiel eine Verbindung der Jdeen und einen Uebergang von der einen zur andern; mit den vergesell- schaften Gefuͤhlen. So weit die beziehende Aktion, oder die ursachliche Beziehung der Vorstellungen. Diese Aktion wird gewahrgenommen. Dadurch wird das, was in der Vorstellung und Empfindung ist, und in absoluten Modifikationen bestehet, zu dem Ge- danken veraͤndert, daß die Helligkeit von dem Licht verursachet worden. Z 2 Aller IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Aller Unterschied zwischen dem Gedanken von der Verschiedenheit zweyer Dinge, und zwischen dem Gedanken von ihrer ursachlichen Verbindung, be- stehet darinn, daß die Beziehungen in beiden verschie- den sind. Es sind nemlich andere Verbindungen der Jdeen in dem Einen, als in dem andern, und also auch ein verschiedenes Gefuͤhl dieser Verbindungen. Aber das Gewahrnehmen der Beziehungen ist dasselbige. Also bestehet das Wesen des Denkens in dem Beziehen und in dem Gewahrnehmen. Zu dem Gewahrnehmen gehoͤren aber auch zwey Aktus, das Absondern nemlich und das eigentliche Erkennen. Das letztere bringet den Verhaͤltnißgedanken hervor. Und eben dieser Aktus ist es, was Denken zum Denken macht, das geistige Jngredienz des Gedankens; aber das Absondern der Vorstellungen, und das Bezie- hen derselben auf einander muß vorhergehen, und ist in so weit das zweyte wesentliche Stuͤck zum Denken. Jn einem vollstaͤndigen Gedanken von dem Ver- haͤltniß zweyer Dinge auf einander liegen also folgende einfache Aktus. 1) Sonderung der Einen Vorstellung. 2) Sonderung der zwoten Vorstellung. 3) Beziehung beider Vorstellungen auf einander. Die beiden ersten machen das Analogon des Ge- wahrnehmens aus; die letztere das Analogon von einer Verhaͤltnißidee, und alle drey zusammen geben das Analogon von der Gewahrnehmung des Ver- haͤltnisses des Einen Dinges zu dem andern, das ist, das Analogon eines Urtheils. 4) Voͤllige Gewahrnehmung des Einen Dinges. 5) Voͤllige Gewahrnehmung des andern. 6) Gewahrnehmung ihrer Beziehung auf einander. Wenn und uͤber das Denken. Wenn zwey Gegenstaͤnde gewahrgenommen, und uͤberdieß auf einander bezogen werden, so werden sie im Verhaͤltniß gedacht. Dieß ist das sinnliche Urtheil uͤber gewahrgenommene Sachen. Der gemeine Verstand, der die Jdee von der Sonne, und die Jdee von dem Tageslicht hat, denket nothwendig diese beiden Sachen in einer ursachlichen Beziehung; aber dieß ist noch nicht der Gedanke von ihrem Verhaͤlt- nisse, sondern nur ihre ursachliche Beziehung auf ein- ander. 4. Es ist oben in der Betrachtung uͤber die urspruͤngli- chen Denkarten bemerket worden, es sey ganz wohl moͤg- lich, daß ein Gedanke von den Verhaͤltnissen und Be- ziehungen der Dinge, von ihrer ursachlichen Verbindung, von ihrer Koexistenz, auch von ihrer Aehnlichkeit und Verschiedenheit, nicht nur zugleich entstehen koͤnne, wenn das Gewahrnehmen der bezogenen Dinge selbst zu Stande kommt, sondern daß jene Verhaͤltnißideen auch wohl noch vor dem Gewahrnehmen der auf ein- ander bezogenen Sachen vorhergehen, und zuweilen al- lein ohne dieß letztere vorhanden seyn koͤnnen. Hier laͤsset sich nun die Art und Weise davon begreifen. Diese Betrachtung empfehle ich den Philosophen zur Ueberle- gung, weil sie uns am deutlichsten die Entstehungsart der Begriffe von Raum und Zeit vorleget. Ohne Vorstellungen von Sachen ist kein Bezie- hen der Vorstellungen moͤglich, folglich auch kein Ge- wahrnehmen ihrer Beziehung, kein Gedanke von ihrem Verhaͤltniß. Aber das letztere laͤßt sich wohl gedenken, ohne daß die Vorstellungen, die auf einander bezogen werden, selbst gewahrgenommene Vorstellungen oder Jdeen sind. Wir fuͤhlen es oft genug, daß Veraͤnde- rungen, Vorstellungen, Bewegungen u. s. f. in uns auf Z 3 einander IV. Versuch. Ueber die Denkkraft einander erfolgen, ohne zu wissen, und gewahrzuneh- men, worinn diese Veraͤnderungen fuͤr sich bestehen. Wir fuͤhlen, daß sie von einander abhangen; wir fuͤh- len, daß mehrere zugleich vorhanden sind; die wir in ih- rer Folge und als abhaͤngig auf einander beziehen und zusammen nehmen, ohne sie einzeln gehoͤrig abzusondern, besonders zu stellen, sie gewahrzunehmen, von einander zu unterscheiden, und jedwede fuͤr sich zu kennen. Da wir solche Erfahrungen haben, so ist dieß fuͤr sich allein ein Beweis, daß wir die Beziehungen zwoer Sachen ohne die Sachen selbst gewahrnehmen koͤnnen. Jn solchen Faͤllen, wo wir fuͤhlen, daß die Sachen einerley, oder daß sie verschieden sind, scheinet es, als wenn doch etwas von einer Gewahrnehmung der Sa- chen selbst vorhanden sey, weil wir in dem ersten Fall sie als mehrere Sachen erkennen, und in dem letztern Fall wissen, daß die Eine nicht die andere sey. Aber dieß beides koͤnnen wir aus Umstaͤnden wissen, die mit den dunkeln Vorstellungen in uns verbunden sind, ohne es aus den Vorstellungen her zu nehmen. Denn so weiß ich auch in der dunkelsten Nacht, daß der Gegen- stand an der rechten Seite nicht der sey, der zur Linken liegt. Da sind zwar die Gefuͤhle von diesen Objekten, und ihre Vorstellungen, in so weit auseinander gesetzt, als wir sie in ihrer Beziehung gewahrnehmen. Das Gefuͤhl des Hauses zur Rechten ist abgesondert von dem Gefuͤhl der Sache zur Linken. Aber es sind nicht diese Gefuͤhle und diese Vorstellungen selbst, die ohne Ruͤck- sicht auf ihre Verbindung in uns, ihrer eignen innern Verschiedenheit wegen, als unterschiedene haͤtten erkannt werden koͤnnen. Ein klares Gewahrnehmen, da jede Vorstellung fuͤr sich mit den uͤbrigen gegenwaͤrtigen Ver- aͤnderungen kontrastiret, und dann als eine besondere Vorstellung wegen ihrer innern Beschaffenheit gedacht werden koͤnnte, worinn das eigentliche Gewahrnehmen einer und uͤber das Denken. einer Sache bestehet, findet sich in diesen Beyspielen nicht. Es kann also Verhaͤltnißideen geben, ohne Jdeen der sich auf einander beziehenden Dinge. Die Aktion des Beziehens wird klar genug wahrgenommen, aber die Objekte selbst nicht. Solche Verhaͤltnißideen sind die Jdeen von dem Raum und der Zeit. Wir beziehen die koexistirende Dinge auf einander in unsern Empfindungen des Gesichts und des Gefuͤhls; die auf einander folgenden Sachen aber in allen unsern Gefuͤhlsarten. Diese Beziehungen bestehen darinn, daß wir die mehrern einzelnen Gefuͤhle und Empfindungen in Ein ganzes zusammen nehmen. Wenn ich mit dem Auge von der Erde zum Monde hin- auffahre, so ist eine Reihe von einzelnen Aktus des Se- hens vorhanden, die ich unter einander nicht unterschei- de, aber zusammennehme; und das nemliche eraͤuget sich, wenn ich mit der Hand einen Kreiß in der Luft ma- che, ohne an einen Koͤrper anzuschlagen. Da ist also ein ganzer Aktus, der aus mehrern Theilen bestehet, die fuͤr sich nicht von einander unterschieden, aber in eins zusammengezogen, und als ein ununterbrochenes Ganze vorgestellet werden. Mit diesem ganzen Gefuͤhlsaktus werden die besonders hie und da in ihm zerstreuten klaren Gefuͤhle von einzelnen gewahrgenommenen Gegenstaͤnden verbunden, und auf ihn bezogen, wie Theile in einem Ganzen auf dieß Ganze, worinn sie sind. So wohl je- nes Zusammennehmen der ununterscheidbaren Theile, als dieß letztere, sind Beziehungen. Das vereinigte Ganze der Empfindung wird gewahrgenommen, und also zu einer Jdee gemacht, welche in dem einen Fall die ein- zelne Jdee von einem Raum, und in dem andern die einzelne Jdee von einer Zeit ist. Hr. Kant De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et prin- cipiis. diss. 1770. hat, so Z 4 viel IV. Versuch. Ueber die Denkkraft viel ich weis, zuerst gesagt, der Raum sey eine ge- wisse instinktartige Weise, die koexistirende Din- ge bey einander zu ordnen, und koͤnne also aus den empfundenen Gegenstaͤnden, das ist, aus den einzelnen Empfindungen der Objekte nicht abstrahirt seyn, wie ver- schiedene Philosophen sichs vorstellen. Der tiefsinnige Mann hat gewiß darinn Recht, daß die beziehende Aktion der Seele, mit der diese alle zugleich vorhandene dunkle Gefuͤhle in Ein Ganzes vereiniget, eine natuͤrlich noth- wendige Wirkung ihrer beziehenden Kraft ist, die sich auf koexistirende Dinge verwendet. Auch ist es richtig, daß eine solche Beziehung zu den Begriffen von dem Raum und von der Zeit nothwendig erfodert wird. Aber die eigentliche Materie zu der Jdee von dem Raum, das Bild oder die Vorstellung, die als gewahrgenommene Vorstellung die Jdee von dem Raum ausmacht, ist nicht der Aktus, womit die mehreren Gefuͤhle zu Einem ganzen vereiniget werden, sondern vielmehr ihre Wir- kung, das vereinigte Ganze der Empfindung, dessen Bestandtheile die ununterschiedene Gefuͤhle sind, das ist, der ganze vereinigte Aktus der Empfindungen. Ver- muthlich hat Hr. Kant eben dasselbige im Sinne gehabt, und diese ganzen Gefuͤhle, eine gewisse Weise des Zu- sammenstellens der empfundenen Gegenstaͤnde, genennet. Dieß ist es noch nicht alles, was zu dem Ursprung der Begriffe von Raum und Zeit gehoͤret, die den Me- taphysikern so viel Kreuz verursachet haben. Aus den Jdeen von einzelnen Raͤumen und Zeiten entstehen die Gemeinbegriffe vom Raum und Zeit; und dann die Gemeinbegriffe von Einem ganzen alles umfassenden unendlichen Raum, und von Einer unendlichen Zeit. Dieß sind ohne Zweifel Grundbegriffe im mensch- lichen Verstande. Jch werde noch anderswo wieder auf sie zuruͤcke kommen. 5. Aus und uͤber das Denken. 5. Aus den zergliederten Thaͤtigkeiten, die das Denken ausmachen, zeiget sich nun die Natur der besondern Denkarten mehr im Lichten. Vorstellungen annehmen, erhalten, machen, verbinden, trennen, stellen, auf ein- ander sie beziehen und gewahrnehmen; die Aktionen fuͤhren zu Jdeen, zu Urtheilen, zu Folgerungen und Schluͤssen. Es ist bey verschiedenen angesehenen Philosophen ein Grundsatz, daß wir alle unsere Jdeen nur durch die Vergleichung machen; und der groͤßte Theil der Ver- nunftlehrer sieht auch die Urtheile fuͤr nichts anders an, als fuͤr Vergleichungen und fuͤr ein Gewahrnehmen der Einerleyheit und Verschiedenheit. Beide Voraussetzun- gen sind in mancher Hinsicht richtig, aber beide doch nur auf einer einseitigen Vorstellungsart des Denkens gegruͤndet, und haben den Fehler veranlaßt, daß man die uͤbrigen Beziehungen, die nicht in Vergleichungen bestehen, und Verhaͤltnisse, die nicht Einerleyheit und Verschiedenheit sind, mißgekannt hat, und dieß Ver- sehen hat man in die Anfangsgruͤnde gebracht. Entstehen wohl alle unsere Jdeen aus der Verglei- chung, und wie ferne? Jst Jdee nichts mehr, als eine gewahrgenomme- ne Vorstellung, so macht das Gewahrnehmen ihre Form aus. Zu diesem Aktus wird zwar eine Bezie- hung der gewahrgenommenen Vorstellung auf andere er- fodert, und diese kann eine Vergleichung genannt werden. Aber sie ist doch von einer Vergleichung unterschieden, welche alsdenn erfolgt, wenn eine gewahrgenommene Vorstellung gegen eine andere gehalten wird, die gleich- falls schon als eine besondere Vorstellung erkannt ist, wel- cher Aktus eigentlich ein Vergleichen heißt. Z 5 Ferner, IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Ferner, wenn die Jdee eine allgemeine Vorstel- lung ist, die gewahrgenommen wird, so hat das allge- meine Bild seinen Grund darinn, daß das Aehnliche in mehrere besondere Vorstellungen abgesondert und in Eine Vorstellung gebracht ist. Will man auch dieß als ein Vergleichen ansehen, und so nennen, so habe ich nichts dagegen. Und noch mehr. Wenn wir uns eine Jdee von ei- nem empfundenen Objekte machen, zu der Zeit, da schon allgemeine Abstraktionen in uns sind, so verbinden wir mit der gegenwaͤrtigen Empfindung des Objekts die Gemeinbilder, denen die Empfindungsvorstellung aͤhn- lich ist, und setzen also das Bild von dem Objekt aus der Empfindungsvorstellung und aus den schon vorhan- denen Gemeinbildern zusammen. Das heißt, wir stel- len uns die Sache und ihre Beschaffenheiten durch schon vorhandene Gemeinbilder vor. Man sieht den Polyp, und macht sich von ihm die Jdee, er sey eine Pflanze; man betrachtet ihn genauer, und sieht ihn fuͤr ein Thier an. Beides auf gleiche Art. Wir empfunden, das er Sproͤßlinge und Zweige treibt, wie eine Pflanze, und hernach, daß er Nahrung zu sich nimmt, wie ein Thier. Wie viel tausend Beobachtungsfehler haben nicht hierinn ihren Grund, da die Gemeinbilder oft ein gefaͤrbtes Glas sind, das unsere Empfindung taͤuschet. Wenn Hr. Bonnet so oft daran erinnert, daß wir unsere Jdeen nach der Vergleichung bilden, so will er fuͤr diesen Feh- ler warnen. Ob in uns uͤberhaupt irgend Jdeen von einzelnen Gegenstaͤnden seyn koͤnnen, ehe nicht allgemeine Bil- der vorhanden sind, ist eine Frage, die zwar nicht mit Gewißheit entschieden werden kann, aber gewiß doch in Hinsicht der mehresten Jdeen verneinet werden muß. Warum sollte der Mensch an sich nicht den starken Ein- druck von dem Feuer gewahrnehmen koͤnnen, ehe die Verbin- und uͤber das Denken. Verbindung anderer aͤhnlicher Empfindungen dem Ge- fuͤhl das Abstechende gegeben hat, was die Vorstellung haben muß, um als eine besondere Vorstellung apperci- pirt zu werden? Kann es nicht Eindruͤcke geben, die stark genug in der Empfindung, und also auch in der Vorstellung sich ausnehmen, ohne daß es noͤthig sey, sie selbst oder andere ihnen aͤhnliche vorher schon gehabt zu haben, damit sie ausnehmend genug sich abdruͤcken? Aber es ist auch außer Zweifel, wie Erfahrung und Gruͤnde lehren, daß es solcher sehr wenige geben koͤnne, und es ist so gar wahrscheinlich, daß es ihrer gar keine gebe. Die Jdeen von den Beschaffenheiten der Dinge, welche nur einzelne Zuͤge in den Gegenstaͤnden sind, er- fodern es noch mehr, daß man sie oder ihnen aͤhnliche schon mehrmale gehabt habe, ehe sie bemerket werden koͤnnen. Das heißt, sie erfodern noch mehr ein schon vorhandenes allgemeines Bild oder Abstraktion, welche die Aehnlichkeit von mehreren einzelnen vorstellet. Der sehendgewordene Cheßeldenische Blinde unter- schied anfangs in den Gesichtseindruͤcken wenig oder nichts, und sahe noch lange nachher in den Gemaͤhlden an der Wand nur bunte Flaͤchen. So geschwinde sich auch die Gemeinbilder von Farben und Figuren, die man durchs Gesicht empfaͤngt, festsetzen moͤgen, so schien es ihm doch im Anfang daran zu fehlen, und so lange war er unvermoͤgend, Figur und Farben mit dem Gesicht zu un- terscheiden und gewahrzunehmen. Dieß ist ein Beweis, wie weit die obgedachte Er- innerung, daß wir uns die Jdeen von den Gegenstaͤnden durch die Vergleichung mit schon vorgekommenen aͤhn- lichen Sachen machen, sich erstrecke. Dennoch heißt dieß nur eine Seite des Jdeenma- chens vorzeigen, wenn man allein das angefuͤhrte so ge- nannte Vergleichen darstellet. Jch habe selbst bis hie- her IV. Versuch. Ueber die Denkkraft her die Jdee fuͤr einerley genommen mit einer gewahr- genommenen Vorstellung. Wenn es im Allge- meinen bey dieser Erklaͤrung bleibet, so macht die Ge- wahrnehmung die Form der Jdee aus, und dazu ist weiter kein Beziehen noͤthig, als dasjenige, was in dem Gewahrnehmen vor sich gehet. Aber wenn ich meine Jdee von der Sonne, als ei- ne Jdee in mir habe, so beziehe ich sie auf die Sonne, als auf ihr Objekt. Jch darf diese Beziehung zwar nicht deutlich gewahrnehmen: dieß wuͤrde schon das Urtheil seyn; meine Vorstellung ist eine Jdee, und man hat Recht, wenn man dieß Urtheil als ein neues hinzukom- mendes Urtheil ansiehet, welches zu der Jdee als Jdee nicht gehoͤret. Aber wenn meine Jdee als eine Jdee in mir gegenwaͤrtig ist, so ist doch dasjenige da, was ich vorher die Beziehung der Vorstellung auf ihr Objekt ge- nannt habe, ob ich gleich diese Beziehung selbst nicht ge- wahrnehme. Die gewahrgenommene Vorstel- lung in der Beziehung auf ein Objekt, macht ei- gentlich erst die Jdee von einer Sache aus. Jst diese Beziehung der Vorstellung auf ihr Objekt eine Vergleichung? Kann sie es seyn? Kann das Objekt mit der Vorstellung von ihm verglichen werden? Ein anders ist, eine Vorstellung von einer Sache mit einer andern Vorstellung von derselben Sache zu verglei- chen. Worinn also auch diese Beziehung bestehen mag, so ist sie ein Bestandtheil von jedweder Jdee, und ist diese eine Vergleichung? Es wird sich unten zeigen, daß wenn sie auch wiederum zu Vergleichungen zuruͤck- fuͤhret, so komme man doch bey ihrer Entwickelung auf eine eigene Beziehung, die keine Vergleichung ist, und weder den Gedanken von Einerleyheit, noch den von Verschiedenheit hervorbringet. Soll eine Jdee eine deutliche Jdee seyn, so muͤs- sen ihre Theile unterschieden; und also einiges von dem Mannig- und uͤber das Denken. Mannigfaltigen in ihr besonders gewahrgenommen wer- den. Aber dieß ist es nicht allein; auch dieß Mannig- faltige muß in seinen Beziehungen auf einander gewahr- genommen werden. Die Theile, aus denen die Uhr bestehet, stellen sich in ihrer Lage und Verbindung dar, wenn die Jdee deutlich ist. Werden die Beziehungen der Theile selbst gewahrgenommen, so giebt es Urtheile, welche zu der Jdee allein nicht erfodert werden; nicht weiter nemlich, als in so ferne sie dunkle Urtheile, oder Gewahrnehmungen der Dinge in ihren Beziehun- gen sind. 6. Das logische Urtheil setzet schon Jdeen voraus, und ist eine Art von Gedanken, nemlich, ein Gedanke von dem Verhaͤltniß, oder von der Beziehung der Jdeen, das ist, eine Gewahrnehmung einer Bezie- hung der Jdeen. Wenn jede Beziehung oder jede Ge- wahrnehmung ein Urtheil genennet wird, so wird Urthei- len und Denken einerley seyn. Da nun nicht jedes Verhaͤltniß oder jede Beziehung in Einerleyheit und Verschiedenheit bestehet, so kann die Aktion des Urtheilens auch nicht allemal ein Vergleichen seyn. So weit ist es gewiß ein Fehler in der Vernunft- lehre, den ich oben dafuͤr angegeben habe. Es muß vielmehr Urtheile von verschiedenen Formen geben, und es giebt auch dergleichen, davon folgende die allgemein- sten und einfachsten sind: Eine Sache hat eine Beschaffenheit in sich und an sich, oder nicht. Ein Ding ist einerley mit dem andern oder verschieden von ihm. Ein Ding ist Ursache oder Wirkung von dem andern. Ein IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Ein Ding ist mit dem andern auf eine gewisse Weise koexistirend. Diese Form hat man vermindert, und alle auf die erste- re gebracht, indem man die Verhaͤltnisse zu den Praͤdi- katen hingezogen hat. Aber die erste Form hat man sich so vorgestellet, als wenn das Praͤdikat etwas ist, welches mit dem Subjekt verglichen wird, und mit diesem oder mit einem Theil desselben als einerley, oder als verschieden davon, vorgestellet wird. Das Feuer brennet; dieß soll ein Gedanke seyn, der aus der Ver- gleichung der Jdee von dem Feuer, mit der Jdee von dem Brennen entstanden ist. So eine Vergleichung findet wirklich statt, so bald eine allgemeine Notion vom Brennen in uns ist. Der Satz, das Feuer brennet, heißt in der That nichts an- ders, als so viel, das Feuer hat eine Beschaffenheit an sich, welche einerley ist mit derjenigen, die in unsern uͤbrigen Empfindungen vorgekommen ist, und die wir mit dem Wort brennen bezeichnet haben. Jch will zugeben, daß keine Gewahrnehmung, und also auch kein Urtheil vorhanden sey, in dem nicht Ge- meinbegriffe gebrauchet werden. Aber dennoch laͤßt es sich wohl als moͤglich vorstellen, daß z. B. in dem Ein- druck von der Sonne, ihre leuchtende Beschaffenheit, als etwas besonders in ihr unterschieden werde, wenn man es gleich anderswo noch nicht empfunden hat. So ei- nen Fall gedenke man sich blos zur Erlaͤuterung. Alsdenn ist es desto auffallender, daß außer der Jdee von der Sonne als dem Subjekt, und der Jdee von ihrem Leuchten, welches dadurch gewahrgenommen wird, da dieser einzelne Zug in der Jdee von der Sonne besonders hervorsticht; noch eine Beziehung beider ge- wahrgenommener Eindruͤcke mehr vorgehen muͤsse, um zu dem Gedanken zu kommen, daß Leuchten, eine Be- schaffen- und uͤber das Denken. schaffenheit der Sonne, das ist, etwas in dem Sub- jekt sey. Diese Beziehung koͤnnte vielleicht bey dem ein- zeln Empfindungsurtheil unmittelbar gewahrgenommen werden; so daß nicht blos ein dunkles Urtheil, sondern ein vollstaͤndiges Urtheil, oder ein Gedanke von dieser Beziehung ohne vorhergehende Vergleichungen mit an- dern entstanden sey. Aber zugegeben, daß auch diese Beziehung, welche wir das Jn einem Subjekt seyn nennen, nicht ge- wahr genommen werden koͤnne, ehe solche nicht schon mehrmalen vorgekommen, und also ehe nicht schon die ge- genwaͤrtige Beziehung mit einem allgemeinen aus den vor- gehenden Empfindungen abstrahirten Begrif verglichen sey; so erhellet doch. Erstlich, daß ein solches urspruͤngliches Beziehen des Einen auf ein anders, als Praͤdikat auf ein Subjekt, in jedem Urtheil vorkomme, so wie es schon in andern vorgekommen ist, und daß Alsdenn erst die Vergleichung der gegenwaͤrtigen Beziehung mit andern das Mittel seyn koͤnne, jene ge- wahrzunehmen. Es ist also doch eine wesentliche Aktion in dieser Art von Urtheilen uͤbersehen worden, wenn man den ganzen Aktus des Urtheilens auf ein Verglei- chen einschraͤnket, und solchen in einer Aktion setzet, wel- che nur ein Huͤlfsmittel des Gewahrnehmens ist, und auch das Gewahrnehmen selbst nicht einmal ganz aus- macht. Koͤnnte das erste urspruͤngliche Beziehen zweyer Jdeen das erstemal schon als ein besonderer Aktus er- kannt, und also die Beziehung der Jdeen gewahrgenom- men werden, so wuͤrden wir ein voͤlliges Urtheil haben, ohne eine andere Vergleichung, als diejenige, welche zu jedwedem Gewahrnehmen erfodert wird. Aber sobald wir eine Jdee oder ein Urtheil mit einem allgemeinen Worte bezeichnen, so setzen wir seine Aehn- IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Aehnlichkeit mit andern fest, nemlich mit solchen, welche mit demselbigen Worte benennet sind. Und dieß letztere ist die Wirkung einer angestellten Vergleichung. Wenn ich mich also des simpeln Ausdrucks: ist, nur bediene, und sage: das Papier ist weiß, so gebe ich schon so viel an, daß die gegenwaͤrtige Beziehung der Jdee von der weißen Farbe, auf die Jdee von dem Pa- pier dieselbige sey, welche allenthalben vorkommt, wo wir sagen: ein Ding ist dieß, oder jenes, ich sage; sie ist die Beziehung einer Beschaffenheit auf eine Sache, oder die Beziehung eines Dinges auf ein anders, in wel- chem oder bey welchem jenes als eine Beschaffenheit ist. Ob ein Urtheil richtig ist oder unrichtig, das haͤngt also theils von der gegenwaͤrtigen Beziehung der Jdeen ab; theils von der Richtigkeit des Gewahrnehmens, ob die gegenwaͤrtige Beziehung eben dieselbige sey, als die- jenige, mit deren Jdee sie zusammen faͤllt, und durch welche sie gewahrgenommen wird. Die erste Beziehung kann schon unrichtig gemacht seyn; aber auch die Ver- gleichung, welche das Gewahrnehmen befoͤrdert, kann falsch seyn; wenn nach dem Gesetz der Phantasie das Halbaͤhnliche als voͤllig aͤhnlich zusammenfaͤllt. Jn so weit kann die getadelte Erklaͤrung von dem Urtheil, daß es auf eine Vergleichung der Jdeen des Subjekts und des Praͤdikats beruhe, geduldet werden, wenn man alle Verhaͤltnisse zwischen den Jdeen außer dem Seyn und Nichtseyn, in die Jdeen des Praͤdikats hineinbringt. Aber dennoch stellt diese Erklaͤrung die Sache etwas verschoben dar. Beziehung der Jdeen, und eine Gewahrnehmung dieser Beziehung oder der ihr entsprechenden objektivischen Verhaͤltnisse machen die Form oder das Wesen des Urthells aus. Jn dem logi- schen Satz aber als einem ausgedruckten Urtheil, kommt noch die Beziehung dieses gewahrgenommenen Verhaͤltnisses durch ein allgemeines Zeichen hinzu, wo- durch und uͤber das Denken. durch noch ein Gedanke mehr, nemlich die Aehnlichkeit des gewahrgenommenen Verhaͤltnisses mit andern, be- hauptet wird. 7. Endlich wird noch das Folgern und Schließen unter die allgemeinen Aeußerungen der Denkkraft ge- bracht, und als besondere von dem Gewahrnehmen der Sachen und von dem Urtheilen unterschiedene Thaͤtigkeiten betrachtet. Beides mit vollem Rechte, wie ich meine. Ein Urtheil aus einem andern oder aus mehrern herleiten, will so viel sagen, als ein neues Verhaͤltniß zwischen Jdeen, aus andern Verhaͤltnissen gewisser Jdeen, hervorbringen, machen, bewirken. Es erfodert also, daß gewisse Urtheile vorhanden sind, und daß aus diesen eine neue Beziehung entstehe, und ein neues Gewahrnehmen. Man kann auch Urtheile auf einander beziehen, und ihre Beziehung gewahrnehmen, ohne daß man foͤlgere oder schließe . So etwas gehet vor, so oft wir ein so genanntes zusammengesetztes Urtheil in uns haben, welches nichts anders ist, als ein Gedanke von der Beziehung mehrerer Urtheile auf ein- ander, davon jede Periode, die aus verbundenen Saͤtzen bestehet, ein Beyspiel giebt. Aber alsdenn haben die einfachen Urtheile, welche man in ihrer Beziehung ge- denket, die Gestalt der Jdeen; und das Ganze ist ein neues Urtheil. Dagegen wenn wir Eins aus dem Andern herlei- ten, die Folge aus ihrem Grundsatz, so heißt das nicht so viel, als die Folge und den Grundsatz auf einander beziehen, sondern die Folge wird hervorgebracht, ge- macht, herausgedacht. Es entstehet ein neues Urtheil, ein neuer Satz, und dieser entstehet aus dem erstern, wenn die von dem Grundsatz modificirte Denkkraft ihre I. Band. A a Thaͤtig- IV. Versuch. Ueber die Denkkraft Thaͤtigkeit fortsetzet. Die Aktion des Herleitens hat also mit der Aktion des Urtheilens zwar in so weit eine Aehnlichkeit, daß in beiden eine Beziehung entstehet, und zwar eine Beziehung zwischen Jdeen, welche vorher nicht da war. Aber darinn sind sie unterschieden, daß in dem simpeln Urtheil die Beziehung der Jdeen, welche hervorkommt, eine Bearbeitung dieser Jdeen ist, welche, wofern es nicht etwan ein wahrer Schluß, sondern nur ein eigentliches und unmittelbares Urtheil ist, nichts weiter erfodert, als nur die Gegenwart dieser auf einan- der bezogenen Jdeen, dagegen es in dem Folgern ein schon vorhandenes Urtheil, oder eine schon gewahrgenom- mene Beziehung von Jdeen ist, wovon die Denkkraft modificiret seyn muß, um die neue Jdeenbeziehung in dem Schlußsatz zu Stande zu bringen. Daraus ist es indessen auch offenbar, daß das Her- leiten an sich doch nichts anders als ein Beziehen der Jdeen ist, so wie das Urtheilen, nur daß es eine andere Beziehung von Jdeen schon voraussetzet, und daher gleichsam ein weiter gehendes, verlaͤngertes, erhoͤhetes Beziehen ist, aber doch eine Wirkung desselbigen Be- ziehungsvermoͤgens, welches, wenn es folgert und schließet, nur in einem hoͤhern Grade wirksam seyn muß. Dieß Herleiten des Einen aus dem andern ist nur Eine Haͤlfte von der ganzen Aktion des Folgerns. Wenn nichts weiter, als jenes allein da ist, so wuͤrde es nur eine dunkle Folgerung, und in der That nichts mehr, als eine gewisse, von einer vorhergegangenen Beziehung abhangende neue Bearbeitung, Stellung und Verbindung der Jdeen seyn, wie das pure Analogon vom Folgern und Schließen, wenn dergleichen bey bloßen Vorstellungen erfolgen. Wenn die Vorstellun- gen schon Jdeen sind, da ist es das, was wir dunkle Schluͤsse nennen. Der und uͤber das Denken. Der zweete wesentliche Theil des Folgerns und Schließens ist das Gewahrnehmen des Ver- haͤltnisses zwischen dem Schlußsatz, der hergeleitet ist, und seinem Grundsatz, woraus er folget. Dieß Ver- haͤltniß bestehet in Abhaͤngigkeit, und gehoͤret zu den Beziehungen, die aus einer ursachlichen Verbindung ent- springen. Einige erklaͤren den ganzen Aktus des Schließens durch diesen Aktus des Gewahrnehmens, der doch aber auch nur Ein Theil desselben ausmacht. Die vollstaͤndige Erklaͤrung von dem Folgern muͤßte beide Aktus zugleich ausdruͤcken, wenn man nicht etwan beide schon in ein Wort hinein leget. Folgern ist, Eines aus dem andern herleiten, und die Abhaͤn- gigkeit des letztern von dem ersten gewahrnehmen. Es ist ein wesentlicher Unterschied zwischen den un- mittelbaren Folgerungen ( consequentiae imme- diatae ) und den eigentlichen Schluͤssen ( ratiocinia ), den ich hier darum nur im Vorbeygehen hersetzen will, weil ihn so viele Vernunftlehrer, wie mich deucht, richtiger gefuͤhlet, als erklaͤret haben. Leichte Schluͤsse sind darum keine unmittelbare Folgerungen. Wenn der Schlußsatz nur eine neue Beziehung enthaͤlt, zwischen denselbigen Jdeen, die schon in dem Grundsatz in einer Beziehung gesetzet waren, so geschicht weiter nichts, als „daß aus einem gegebenen Ver- „haͤltniß zwoer Jdeen, ein anderes Verhaͤltniß zwischen „ihnen gemacht wird.“ Die logischen Umkehrungen geben die besten Beyspiele davon. Es ist Ein Grund- satz da; Ein materieller Grundsatz. Dieser ist der Vor- dersatz, und aus diesem wird ein Schlußsatz hergeleitet. Aber wenn aus den Verhaͤltnissen zwoer Jdeen gegen eine dritte, ihr eigenes Verhaͤltniß herge- A a 2 leitet IV. Versuch. Ueber die Denkkraft ⁊c. leitet wird, so wird geschlossen. Alsdenn werden in dem Schlußsatz solche Jdeen in eine Beziehung auf sich gebracht, die es in den Vordersaͤtzen noch nicht gewe- sen sind. Der Schluß erfodert durchaus zween Vorder- saͤtze; das allgemeine logische Schlußgesetz, welches die Form des richtigen Verfahrens bestimmet, abgerech- net. Solch ein formeller Grundsatz kann auch bey den unmittelbaren Folgerungen hinzugedacht, aber nicht un- ter die materiellen Vordersaͤtze derselben gerechnet wer- den, wie es einige gethan haben, um doch auch hier zwey Vordersaͤtze herauszubringen. Wenn man so zaͤh- len will, so hat man bey den eigentlichen Schluͤssen drey Vordersaͤtze. Fuͤnfter Fuͤnfter Versuch . Ueber den Ursprung unserer Kenntnisse von der objektivischen Existenz der Dinge. I. Ob die Kenntnisse von dem Daseyn der aͤußern Gegenstaͤnde als instinktartige Urtheile der Denkkraft angesehen werden koͤnnen? W er uͤber die Wirkungen des menschlichen Verstan- des nachgedacht hat, wird es eingestehen, daß in der ganzen Lehre von dem Ursprung unserer Kenntnisse keine dunklere Stelle vorkomme, als bey der Frage: wie, auf welche Art, durch welche Mittel, nach welchen Gesetzen der Verstand von den Vorstellungen auf die Gegenstaͤnde, von dem Jdeellen in uns, auf das Ob- jektivische außer uns uͤbergehe, und zu den Gedanken gelange, daß es aͤußere Dinge gebe, die wir in uns durch unsere Vorstellungen erkennen? Die Vorstellungen sind fuͤr sich zwar Zeichen anderer Dinge, auf welche sie sich beziehen, aber fie sind es nun auch fuͤr uns. Wir stellen uns Sachen durch sie vor. Sie sind eine Schrift, bey der wir nicht nur die Buchstaben und Woͤrter unterscheiden, und sie lesen, sondern die wir auch verstehen, und der wir einen Sinn unterlegen, indem wir sie nicht blos als Veraͤnderungen von uns selbst, son- dern als Dinge und Beschaffenheiten ansehen, die ein objektivisches Daseyn haben. Einige Jdeen stellen uns selbst und unsere Veraͤnderungen vor; andere sind Vor- stellungen von unserm Koͤrper, und dessen Veraͤnderun- gen; andere zeigen uns Objekte außer uns, und Be- A a 3 schaffen- V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer schaffenheiten von ihnen. Die Freude ist in uns selbst, und eine eigene Beschaffenheit von uns selbst. Der Geruch ist in der Nase, der Schmerz in dem verbrann- ten Finger, und die Farbe des Himmels ist weder in unserer Seele etwas, noch eine Beschaffenheit unsers Koͤrpers, sondern etwas, das in einem aͤußern Dinge sich befindet. Jn dem Versuch uͤber die Vorstellungen ist schon bemerket worden, daß reproducirte Vorstellungen als zuruͤckgebliebene und wieder erweckte Abbildungen vor- hergegangener Modifikationen, ein Merkmal von ihrer Beziehung auf die Empfindungen, von denen sie her- ruͤhren, an sich haben; und daß dieses in einer Tendenz, sich mehr zu entwickeln, bestehe, welche mit jeder Em- pfindungsvorstellung verbunden ist, und aus dieser auch in die selbstgemachten Bilder der Dichtkraft uͤbergehe. Und dieses Bestreben kann, wie jedwede andere Modi- fikation der Seele, gefuͤhlet und gewahrgenommen wer- den. Aber dieß Charakteristische der Vorstellungen ist nichts mehr, als die Materie, woraus die Denkkraft die Jdee von ihrer Beziehung auf die Empfindungen machen kann. Jenes ist nicht der Gedanke selbst, daß die Vorstellungen Zeichen und Spuren von Empfindun- gen sind; und noch weniger wird dadurch die folgende Frage beantwortet: warum stellen wir uns denn nicht lauter Empfindungen von uns selbst vor? Wie unter- scheiden wir die subjektivische und objektivische Wirk- lichkeit der Dinge, wie einige sich ausdruͤcken, oder wie empfinden wir Dinge außer uns, und stellen uns solche als aͤußere Dinge vor? Jst dieß Jnstinkt, und ist das es alles, was man davon sagen kann? Man kann nicht in Abrede seyn, daß, wenn es auf der einen Seite aus der Analogie der Beobachtungen deutlich genug erhellet, daß der Gedanke von der objekti- vischen Wirklichkeit der Dinge eine Aeußerung der Denk- Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. Denkkraft sey, die nur alsdenn erst hervorkommt, wenn die Empfindung des Objekts schon in eine Vorstellung uͤbergegangen ist, und diese Vorstellung als eine Appre- hension des Objekts voraussetzet, so finden wir doch auch in unserm jetzigen Zustande des Geistes, den wir zu be- obachten im Stande sind, unzaͤhlige Faͤlle, wo wir glau- ben, die empfundene Gegenstaͤnde unmittelbar vor uns zu haben; wo wir sie als aͤußere Objekte ansehen, sie dafuͤr erklaͤren, ohne von ihren zuruͤckgebliebenen Ein- druͤcken und Vorstellungen, oder von Verbindungen die- ser Vorstellungen mit andern, oder von Vergleichungen und andern Denkthaͤtigkeiten, wodurch jenes Urtheil her- vorgebracht werden sollte, etwas in uns gewahrzuneh- men. Jn unsern gewoͤhnlichen Empfindungsideen ist der Gedanke, daß wir uns andere Objekte vorstellen, so unmittelbar eingewebet, und wir sind uns so wenig ir- gend eines Aktus der Reflexion bewußt, der vorhergehe, daß man es Reid, Home, Reimarus und andern, nicht eben hoch anzurechnen hat, wenn sie den Gedanken von der objekrivischen und subjektivischen Existenz der Dinge, fuͤr eine unmittelbare Wirkung des Jnstinkts gehalten. Sie haben auch in einer gewissen Hinsicht nichts unrichtiges gesagt. Die Aeußerungen der Denk- kraft sind Aeußerungen eines Grundvermoͤgens, die am Ende in gewisse allgemeine natuͤrlich nothwendige Wir- kungsarten aufgeloͤset werden, bey denen wir, wie bey den Grundvermoͤgen der Koͤrper weiter nichts thun koͤn- nen, als nur bemerken, daß sie vorhanden sind, ohne sie aus noch entferntern Principien her zu holen. Aber auf der andern Seite ist es ein Fehler, wenn man sich bey einzelnen besondern Wirkungen, unmittelbar auf den Jnstinkt beruft. Das heißt die Untersuchung allzu vor- eilig abbrechen, wobey der philosophische Psycholog so wenig befriediget wird, als der philosophische Naturfor- scher, wenn man ihm sagt, es sey ein Jnstinkt des A a 4 Magne- V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer Magneten, daß er Eisen anziehe. Wo nicht weiter fort zu kommen ist, so muß man freylich stille stehen; aber jenes ist doch zu versuchen, und ist die Pflicht des Nach- denkenden, der an der alten bequemen Methode, sich auf qualitates occultas zu berufen, keinen Geschmack hat. Es ist doch immer zu untersuchen, ob nicht die besonde- ren und einzelnen Kraftaͤußerungen in andere einfachere zergliedert, und dann auf bekannte allgemeine Wir- kungsarten zuruͤckgebracht, mithin ihre Entstehung, zum Theil wenigstens, erklaͤret werden koͤnnen? Z. B. Warum erkennet die Denkkraft ein Ding fuͤr einerley mit sich selbst? Antwort: es ist ein natuͤrlich nothwendiges Gesetz ihrer Denkkraft. Weiter weiß ich davon keinen Grund. Warum haͤlt sie einen viereckten Zirkel fuͤr ungedenkbar? Antwort: sie kann sich ihn nicht vorstellen. Ferner, wenn zwey Eindruͤcke von aͤu- ßern Gegenstaͤnden, die man empfindet, das sind, was wir voͤllig gleiche und aͤhnliche Eindruͤcke nennen, und wenn die Denkkraft von solchen Eindruͤcken modificiret ist, so kann sie ihre Urtheilskraft nicht anders aͤußern, als auf diejenige Art, die wir mit den Worten bezeich- nen, „sie halte solche fuͤr einerley.“ Es giebt allgemei- ne instinktartige Urtheilsgesetze, oder die wir doch dafuͤr annehmen muͤssen, weil sie fuͤr uns Grundgesetze sind, wonach die Denkkraft Dinge fuͤr einerley, und fuͤr ver- schieden gedenken muß; und dergleichen kann es mehrere geben, die wir nicht im Stande sind, auf Einen allge- meinen Grundsatz zuruͤckzufuͤhren. Aber nun ist die Fra- ge; wie weit die Urtheile uͤber die Objektivitaͤt der Vor- stellungen, wenn ich so sagen soll, oder uͤber die innere und aͤußere Wirklichkeit der vorgestellten Gegenstaͤnde, Wirkungen der Denkkraft sind, die aus andern allge- meinen nothwendigen Naturgesetzen dieser Kraft begrif- fen werden, oder in wie ferne sie ihre eigene Grundge- setze erfodern; denen sie gemaͤß sind? II. Ob Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. II. Ob der Mensch bey dem natuͤrlichen Gang der Reflexion vorher ein Egoist seyn muͤsse, ehe er es wissen koͤnne, daß es Dinge außer ihm gebe? B ey dieser Untersuchung muß beobachtet, und Beob- achtungen muͤssen verglichen werden, und so viel moͤglich mit Beyseitesetzung aller selbst gemachten Vor- stellungen der Dichtkraft. Wenn einige Philosophen in dem Raisonnement, wodurch der Mensch zur Erkennt- niß der Existenz der Dinge außer sich gelanget, die Denk- kraft einen solchen Gang haben nehmen lassen, der leich- ter, natuͤrlicher, und zunaͤchst auf den Jdealismus und Egoismus hinfuͤhret, als zu dem System des ge- meinen Verstandes, so hat man sich ein wenig diesem angenehmen Fehler uͤberlassen. Die von Hr. Reid so- genannte Jdeenphilosophie oder der Grundsatz: alle Urtheile uͤber die Objekte entstehen nur vermittelst der Eindruͤcke oder der Vorstellungen von ihnen; ein Grund- satz, den dieser Britte nach seiner sonstigen Einsicht in der Naturlehre nicht haͤtte leugnen sollen, ist gewiß hier- an ganz unschuldig. Die Art, wie Hume, und nach ihm vor andern der Hr. Graf von Buffon, das Entstehen des Gedankens von der objektivischen Existenz der Dinge dargestellet hat, ist, besonders in dem Vortrag des letztern, schoͤn und einnehmend, und dabey so scharfsichtig, daß es al- lein darum der Muͤhe werth ist, zu untersuchen, ob sie auch eben so wahr und richtig sey? Hr. Buffon laͤßt den Menschen im Anfang, da er seine Empfindungen mit einander vergleicht, nicht zwar voͤllig ein Egoist seyn, weil er ihn noch nicht laͤugnen laͤsset, was dieser laͤugnet, aber er laͤßt ihn doch auf gut Berkeleyisch und Humisch A a 5 eine V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer eine Weile fortraisonniren, bis er sich aus seinem Jr- thum allmaͤlig heraus ziehet. Die Reflexion soll zuerst alles, was die Seele empfindet, hoͤret, siehet, fuͤhlet, schmecket, riechet, als besondere Theile ihrer eigenen Existenz ansehen, und alle Modifikationen, die sie ge- wahrnimmt, fuͤr Modifikationen ihrer selbst erkennen. Da die ganze Scene von Empfindungen in ihr selbst vorgehet; so soll sie selbige auch in sich selbst, als in das ihnen zugehoͤrige Subjekt hinsetzen, so, daß das erste natuͤrliche Urtheil uͤber die objektivische Existenz der Din- ge das idealistische sey, welches sie nachher durch ihre Raisonnements, verbessern und berichtigen muͤsse. Aber wenn man uͤberleget, wie viele Schritte des Verstandes schon vorhergehen muͤssen, ehe dieser falsche Gedanke hervorkommen kann, so muß man mit Grunde zweifeln, ob er der zuerst entstehende seyn werde? Wenn Adam als ein Mensch mit einer gereiften Ueberlegungs- kraft in das Paradieß trat, und nun, voͤllig unbekannt mit den Gegenstaͤnden und ihren Eindruͤcken auf sich, an- fieng, den sich auszeichnenden Gesang eines Vogels von seinen uͤbrigen Empfindungen zu unterscheiden, warum sollte denn sein erstes Urtheil dieses seyn: Siehe, das ist etwas in dir? Vor einem solchen Urtheil mußten doch noch andere Aeußerungen der Denkkraft vorhergehen: es mußte Besinnung da seyn; Adam mußte aus der großen Menge der Empfindungen, die von allen Seiten her auf ihn zustroͤmten, einige unterscheiden und gewahrnehmen. Dann mußten noch alle Empfindungen unmittelbar in Ein Ding hin, als in Ein Subjekt gesetzet, alle auf sein Jch bezogen, und zu diesem hingerechnet werden. Wie viele Begriffe setzte so ein Urtheil nicht schon vor- aus? Jst es nicht vielmehr eben so natuͤrlich, und eben so leicht zu erwarten, wenn die Reflexion bis dahin ge- kommen ist, wohin sie seyn muß, ehe sie etwas in sich selbst hinsetzen, und als ein Theil ihrer eigenen Exi- stenz Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. stenz ansehen kann, daß sie alsdenn auch schon zu der Jdee von der aͤußern Existenz gelanget seyn, und diese einigen ihrer Empfindungen zuschreiben muͤsse? Konnte die Vorstellung und der Begrif von der subjek- tivischen Existenz abgesondert seyn, ohne daß auch der Begrif von der objektivischen aͤußern Existenz es ge- worden? Konnte der Mensch sein Jch kennen, und unterscheiden lernen, ohne zugleich einen Begrif von ei- nem wirklichen Objekt zu erhalten, das nicht sein Jch ist? Und wenn diese beiden Begriffe unzertrenn- lich sind, so war es doch eben so moͤglich, daß die beider- ley Arten von Urtheilen; dieß ist in mir, und: jenes ist nicht in mir, zu gleicher Zeit sich entwickelt hatten, ohne daß das letztere das erste voraussetze, und nachher mittelst anderer Gedanken, die noch gesammlet werden mußten, hervorgebracht werden doͤrfe. Jch will gerne gestehen, daß die ersten Urtheile eines Menschen unter den angenommenen Umstaͤnden, uͤber die Existenz der Dinge oͤfters unrichtig seyn werden, auch alsdenn noch, wenn wir ihm jene beiden allgemeinen Begriffe von der subjektivischen und objektivischen Wirklichkeit beyleger, und ihn nun die Anwendung davon auf die einzelnen Empfindungen machen lassen; und vielleicht mag er sich mehr an der einen Seite als an der andern versehen. Aber kann er noch in dem Grad unwissend seyn, daß er sich allemal in diesem Urtheilen irren muͤsse, allemal als ein Egoist urtheilen, wenn seine Denkkraft schon die Vor- begriffe abstrahiret hat, ohne welche er gar nicht weder Egoistisch noch idealistisch zu urtheilen im Stande war? dieß scheinet mir so nothwendig nicht zu seyn. Es ist Einer der interessantesten Punkte in der natuͤrlichen Ge- schichte des menschlichen Verstandes, und dessen Entwi- ckelung, wenn der Gang erforschet wird, auf dem er zu den Begriffen von der Existenz der Dinge in sich und außer sich gelangen muß. III. Welche V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer III. Welche Entwickelung der Gedanken erfodert wer- de, um zur Unterscheidung der subjektivischen und objektivischen Existenz der Dinge zu ge- langen. B ey dieser Entwickelung der Denkkraft lassen sich fol- gende Schritte unterscheiden. Da anfangs der ganze Jnbegrif von Empfindungen und Empfindungsvorstellungen, mit welchen sich eigent- lich der Aktus der Denkkraft verbindet, so wohl der in- nern als aͤußern Empfindungen, derer die aus unserm eigenen Koͤrper und derer die von fremden entstehen, unabgesondert und unauseinandergesetzt; fast wie Eine ganze Empfindung vorhanden war, so mußte die erste Wirkung der Seele auf sie darinn bestehen, daß sie ver- theilet und in verschiedene Haufen gesondert wurden. Dieß geschah, und zwar so, daß die Jnnern Empfin- dungen zu Einer Klasse; die Aeußern aus unserm Koͤr- per zu Einer andern, und die von fremden Objekten zu Einer dritten gebracht, und dann als unterschiedene Arten gewahrgenommen wurden. Von hier an gieng die Denkkraft weiter. Sie machte sich eine Jdee von Jhrem Selbst und Jhrem Jnnern; sie erhielt eine andere von Jhrem Koͤrper, und eine dritte von ei- nem aͤußern Objekt; und da sie nun die einzelnen Em- pfindungen auf diese Begriffe von Sich, von Jhrem Koͤrper und dem aͤußern Objekt bezog, so entstanden die Urtheile uͤber die subjektivische und objektivische Existenz der empfundenen Objekte. Um diese Schritte deutlich zu begreifen, wird erfo- dert, 1) Daß man einsehe, durch welche Vermoͤgen und nach welchen Wirkungsgesetzen die Absonderung und Ver- Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. Vertheilung geschicht, und was fuͤr Unterscheidungs- merkmale der abgesonderten Klassen, oder welche ge- meinschaftliche Kennzeichen bey denen, die zu jeder be- sondern Klasse gebracht worden, darauf fuͤhrten. 2) Da sie insbesondere zu dem Unterscheidungsmerk- male gelangte, daß Eine Art von Sachen in ihr selbst; die andern außer ihr vorhanden sind, auf welche Wei- se die Seele zu diesem Begrif von Sich selbst als ei- nem fuͤr sich bestehenden Dinge, und wie sie zu dem Begrif von aͤußern Dingen gelangte? Was hatte es urspruͤnglich fuͤr eine Bedeutung, wenn sie einen Theil der Empfindungen als Veraͤnderungen von ihr selbst, und in ihr selbst ansah, andre aber nicht? 3) Da sie weiter in der Abtheilung fort gieng, die Jnnern sowohl, als die Aeußern Modifikationen von neuen in besondere Klassen brachte, die Jnnern Em- pfindungen z. B. aus dem Verstande von denen aus dem Willen unterschied, wie auch die Empfindungen aus den verschiedenen Theilen ihres Koͤrpers; den Schmerzen z. B. im Kopf von dem Schmerzen in dem Arm u. s. f. und endlich auch bey den Empfindungen von aͤußern Koͤr- pern, das was sie durch Einen Sinn erkennet, von dem, was sie durch den andern erkennet, unterschied; auf wel- che Art und nach welchen Gesetzen geschahe dieser Fort- gang? 4) Wenn die allgemeine Klassifikation einmal zu Stande gebracht ist, so urtheilet sie in einzelnen Faͤllen, es sey die empfundene Sache entweder in ihr selbst, oder in ihrem Koͤrper, in diesem oder jenem Theil von ihm, oder außer ihr. Nach welchem allgemeinen Denkungs- gesetz wird sie bey diesen Urtheilen bestimmt? Kann man auf diese Fragen antworten, so meine ich, es werde der Ursprung der Begriffe von Objekten, oder Sachen, und von ihrer innern und aͤußern Wirk- lichkeit, wie auch der darauf beziehenden Urtheile eini- germa- V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer germaßen begreiflich. Die Sache verdient noch eine groͤßere Aufhellung, als sie zur Zeit, so viel ich weiß, erhalten hat. Lock war zwar nahe bey dieser Untersuchung, als er den Unterschied zwischen den qualitatibus primariis und secundariis der Koͤrper bestimmte; aber er gieng nicht weiter in sie hinein. Condillac hat sie, wie verschiede- ne andere, nur beruͤhret. Reid in seinem Inquiry into the human mind, sieht mit seinen Nachfolgern, Beattie und Oswald und andern, diese Urtheile uͤber die objektivische Wirklichkeit der Dinge fuͤr instinktar- tige Wirkungen des Verstandes an, wovon sich weiter kein Grund angeben lasse, bringet aber viele schoͤne Be- trachtungen bey, die hieher gehoͤren. Leibnitz ( nou- veaux essais sur l’entendement humain liv. 2. cap. VIII. §. 15. S. 87.) saget: „wir setzen den Schmerz von ei- nem Nadelstich in unsern Koͤrper hin, nicht in die Na- del, darum, weil der Schmerz in der Seele nicht auf die Bewegungen der Nadel, sondern auf die Bewegun- gen in den gestochenen Theilen des Koͤrpers diejenige Beziehung hat, die sie zu einer Vorstellung von einer Sache machet.“ Il est vrai, sind seine Worte, que la douleur ne ressemble pas aux mouvemens d’une epin- gle, mais elle peut ressembler fort bien aux mouve- mens, que cette epingle causse dans notre corps, et representer ces mouvemens dans l’ame, comme je ne doute nullement, qu’elle ne fasse. C’est aussi pour cela, que nous disons, que la douleur est dans notre corps, et non pas, qu’elle est dans l’epingle. Mais nous disons, que la lumiere est dans le feu, parce qu’il y a dans le feu des mouvemens, qui ne sont point distinctement sensibles à part, mais dont la confusion ou conjunction devient sensible, et nous est représentée par l’idée de la lumiere. Der Grund, den Leibnitz hier angiebet, warum wir den Schmerz in den verletzten Koͤrper setzen, und das Licht in das Feuer, mag fuͤr sich genommen, richtig seyn. Das Gefuͤhl oder die Empfindung des Schmerzens haben eine analogische Beziehung auf die Bewegungen in den em- pfindli- Aber da ich sie hier doch nicht anders, als Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. als fuͤr eine Nebensache ansehen kann, so will ich sie nicht ausfuͤhrlich behandeln, sondern nur im Auszug meine Gedanken daruͤber hersetzen. IV. Wie pfindlichen Theilen des Koͤrpers; die Empfindung von dem Licht aber auf die Bewegungen, die sich in dem Feuer, nicht auf die, welche sich in dem Auge befinden; aber dadurch scheinet die Sache nicht erklaͤret zu seyn. Woher erkennet die Seele diesen Unterschied der Objekte, auf welche ihre Modifikation sich vorstellungsartig be- ziehet? Und schließt die Analogie der Empfindung in der Seele mit den Veraͤnderungen des Organs, die Analogie derselben mit den Bewegungen des aͤußern Koͤrpers, welche die Ursache von den Veraͤnderungen im Organ sind, wohl aus? und kann nicht auch die letztere Analogie mit der erstern bestehen? Kann nicht die Vorstellung zugleich eine Vorstellung von der Ursa- che seyn, wenn sie es von dieser ihrer Wirkung ist? Man koͤnnte indeß der Leibnitzischen Jdee weiter nachgehen, und sich vorstellen, der Gegenstand unserer Empfindung in der Seele wuͤrde von uns dahin, in den Koͤrper naͤmlich, oder außer ihn, gesetzt, wo die sinnlichen Eindruͤcke zuletzt ausgehen, und sich in ver- schiedene Richtungen, als so viele Empfindungslinien, nach Art der Lichtstrahlen verbreiten, die dann wieder in der Seele in besondere Punkte vereiniget werden. Die Stelle, wo diese Empfindungslinien, als divergi- rende Strahlen aus Punkten des Objekts herausgehen, und auf uns zufahren, mußte die Stelle des Objekts seyn. Diese Vorstellungsart von der Sache, scheinet in den Gesichtsempfindungen bestaͤtiget zu werden. Die Lichtstrahlen gehen durch die Luft, und durch Glas. Aber wir sehen hier in diesen Mittelkoͤrpern kein Objekt, weil das Bild auf unsere Netzhaut nicht die Lage der Strahlen gegen einander, in dem Durchgang durch diese Koͤrper abbildet. Die vollkommenen durchsichtigen Koͤrper wuͤrden voͤllig unsichtbar seyn. Es ist also das Objekt unserer Vorstellung an der Stelle, wo die Punkte sind, aus welchen uns die ausgehende Lichtstrahlen zu- kommen, und dieß sind hier die Punkte, aus denen die Empfin- V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer IV. Wie zuerst die Sonderung der Empfindungen in verschiedene Theile und Haufen, vor sich gehe. D ie erste Frage beantworte ich so. Wenn der Mensch die Begriffe von dem Jn ihm seyn und von dem außer ihm seyn noch nicht hatte, so konnte doch das Vergleichungs- und Gewahrnehmungsvermoͤgen die Ein- druͤcke von außen durch eben die Kennzeichen von den innern Veraͤnderungen seiner Selbst unterscheiden, ab- sondern, und beide zu verschiedenen Klassen hinbringen, durch welche der Egoist und der Jdealist es thun kann, der jene Begriffe zwar hat, aber sie wieder aufhebet, oder doch den letztern fuͤr einen bloßen Schein ansiehet. Die Eindruͤcke durch das Gesicht und das Gehoͤr — die erstern, die sich am klarsten als Eindruͤcke von dieser Klas- se auszeichneten — entstehen ohne eine innere Vorberei- tung Empfindungslinien, so zu sagen, ausgehen. Aber auch diese Erklaͤrung ist sehr unzureichend: ich will das nicht einmal anfuͤhren, was von den Optikern schon gesagt, und wodurch es voͤllig bewiesen ist, daß der an- gefuͤhrte Grund auch bey den Gesichtsempfindungen es nicht sey, wonach wir uͤber die Stellen und Entfernun- gen der Gegenstaͤnde urtheilen. Warum setzen wir die Schallarten und Toͤne nicht dahin, wo ihr Ursprung ist? Und um nicht auf anderartige Empfindungen zu kommen, die uns noch zu wenig bekannt sind, warum setzen wir nicht bey dem Sehen die Objekte auf die Netz- haut im Auge hin, da es doch gewiß ist, daß die Licht- strahlen hier wiederum in Punkte zusammengehen, wel- che nun auch als die ersten Anfangspunkte zu den wei- ter in das Gehirn fortgehenden Bewegungslinien an- gesehen werden koͤnnen, eben so wohl als die aͤußern Punkte auf der Oberflaͤche der Koͤrper außer dem Auge? Es scheinet nicht, daß wir in der Analogie der Vorstel- lung Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. tung dazu, die sich bemerken ließe, und vergehen wie- derum ohne merkbare Folgen. Nicht so die Empfin- dungen aus dem Koͤrper, noch die Empfindungen des innern Selbstgefuͤhls. Diese sind staͤrker, und verfol- gen das Bewußtseyn laͤnger. Von ohngefaͤhr schloß der Mensch die Augen, und die Gesichtsbilder waren dahin; er wandte sie nach einer andern Seite, und die Scene aͤnderte sich. Aber der Schmerz im Koͤrper, sein Ver- druß in der Seele war ihr laͤnger gegenwaͤrtig, wie sehr sich jene Scene auch aͤnderte. Hier war seine thaͤtige Kraft mehr und staͤrker beschaͤftiget; und er bemerkte bey ihnen mehrere und mannigfaltigere Umstaͤnde und Fol- gen. Dieß allein reichte, meiner Meinung nach, hin, diese beiden großen Haufen von innern und aͤußern Empfindungen von einander zu unterscheiden, wenn gleich die Empfindungen aus dem Koͤrper, von denen aus der Seele selbst, noch unauseinandergesetzet blieben, davon auch einige sich niemals voͤllig von einander abson- dern. lung mit dem aͤußern Objekt das Kennzeichen finden, wodurch die Eindruͤcke von außen sich von den uͤbrigen zuerst haben unterscheiden lassen. Ein mir unbekanter Philosoph, der die Garveische Ausgabe von Fregu- sons Moral-Philosophie (in der A. D. Biblioth. 17. B. 2. Th. S. 336.) recensirt, hat die hiebey vorkom- menden Schwierigkeiten am deutlichsten eingesehen, und einen scharfsinnigen Versuch gemacht, die Gesetze, wo- nach die Denkkraft subjektivische und objektivische Wirk- lichkeit beurtheilet, aus Beobachtungen fest zu setzen. Er scheint mir aber hiebey auf einen Umweg gerathen zu seyn, bey dem er doch am Ende den, meiner Ein- sicht nach, richtigen Erklaͤrungsgrund wohl verfehlet haben moͤchte. Die von ihm angegebenen Regeln aber, in so ferne sie voͤllig mit den Beobachtungen uͤberein- stimmen, sind besondere Folgen, aus dem allgemeinen Denkgesetze, woraus ich unten die Sache zu erlaͤutern gesucht habe. I. Band. B b V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer dern. Zum wenigsten ließ sich ein großer Theil der gan- zen Empfindungsmasse sehr leicht in zwo verschiedene Haufen vertheilen. Auf gleiche Art, und aus dem gleichen Grunde muß- ten auch viele Empfindungen aus dem Koͤrper von den innern Empfindungen der Seele des denkenden Jchs, es bestehe, worinn es wolle, unterschieden werden. Jene beschaͤftigen zwar das Bewußtseyn und die Denkkraft, aber doch auf eine solche Art, wie Gegenstaͤnde es thun, wenn die Kraft, welche thaͤtig ist; und das Objekt, wo- bey sie es ist, auffallend unterschieden sind. Dagegen die Empfindungen unsers Jchs, besonders unserer Vor- stellungen und Gedanken, die sich zuerst als zu dieser be- sondern Klasse gehoͤrige auszeichneten, so innig mit der Kraft, welche sie gewahrnimmt, vermischt sind, daß man sie in dem Zeitpunkt nicht gewahrnehmen kann, wenn sie da sind, sondern sie nur von hinten, wenn sie voruͤber sind, in ihren nachgelassenen Spuren erkennen muß. Da war also Veranlassung genug, anderer Verschie- denheiten in ihren Ursachen und Wirkungen zu geschwei- chen, wodurch die Unterscheidungskraft auf eine Abson- derung des ganzen Chaos von Empfindungen in beson- dere Haufen gebracht werden konnte, ohne daß sie hiebey auf eine andere Art, als nach dem allgemeinen Gesetz des Unterscheidens verfahren durfte. Noch ein anderer Umstand muß diese Vertheilung sehr erleichtern, nemlich die eigene Verbindung sol- cher Vorstellungen unter sich, die zu derselbigen Klasse gehoͤren. Sobald z. E. die Augen geschlossen wurden, so verschwand die ganze Menge von Gesichtsempfindun- gen auf einmal; wurden sie wieder eroͤfnet, so erneuerte sich eine ganze Scene von unendlicher Mannigfaltigkeit. Auf gleiche Art entstund eine ganze Menge von Empfin- dungen, wenn der Arm oder der Fuß beweget ward, die zusam- Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. zusammen nur Eine ausmachten, und jeder Schmerz in einem Theil des Koͤrpers ist ein Jnbegrif von meh- ren gleichzeitigen Gefuͤhlen und Eindruͤcken, die mit ein- ander entstehen und vergehen. Solche naͤher verbun- dene Eindruͤcke muͤssen sich also, so zu sagen, von selbst in einzelne Haufen zusammenziehen, und zwar nach dem Gesetz der Association, noch ehe die Denkkraft zu ver- gleichen anfaͤngt, und die Verschiedenheiten gewahr- nimmt. Und auf dieselbige Weise konnten auch die Empfindungen des Koͤrpers in besondere Klassen von Empfindungen aus einzelnen Theilen, z. B. in die Empfindungen im Kopf, in die, in den Fuͤßen, in die, in den Haͤnden u. s. w. gesondert werden. Die einmal in gewisse Haufen gesonderte Modifika- tionen machten ein vereinigtes Ganze aus. Dieses mußte wiederum die Folge haben, daß, sobald das Ge- wahrnehmungsvermoͤgen von der Empfindung einer Art zu einer anderartigen uͤbergieng, sich eine große Aussicht in der Seele auf einmal veraͤnderte. Eine so große Ver- aͤnderung aber gab der Aufmerksamkeit einen neuen star- ken Antrieb nach einer neuen Richtung hin, wobey neue Thaͤtigkeiten und neue Empfindungen erreget wurden, die sich wiederum mit den Gefuͤhlen vereinigten, und als Unterscheidungskennzeichen von diesen gebrauchet werden konnten. Die Seele wirket, so zu sagen, in einer an- dern Richtung, wenn sie auf aͤußere Objekte wirket, und in einer andern, wenn sie sich selbst beschauet, deren Un- terschied auch aͤußerlich in dem Gesichtsmuskeln und Bli- cken ausdruͤcket, wo man den in sich gekehrten Sinn nach- denkender und schwermuͤthiger Personen lesen, wie dem Beobachter, der auf aͤußere Gegenstaͤnde aufmerksam ist, es an den Augen ansehen kann, daß seine Seele außer sich mit andern Objekten zu thun hat. B b 2 V. Von V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer V. Von dem Ursprung der Grundbegriffe des Verstandes, die zu den Urtheilen uͤber die Existenz der Dinge erfodert werden. Be- griffe von einem Subjekt und von Beschaf- fenheiten. Begrif von unserm Jch, als einem Dinge. D ie zwote Frage, wie entstehen die allgemeinen Vor- stellungen und Begriffe von einem Dinge, von Beschaffenheiten, die in einem Dinge sind, von der Substanz und von Accidenzen, von einem wirklichen Dinge oder Objekt, von unserm Jch, und von aͤu- ßern Objekten, und von der Jnhaͤrenz einer Beschaf- fenheit in jenem oder in diesem, oder von der subjekti- vischen und objektivischen Existenz? Diese Frage ist schwer, und weitlaͤuftig in ihrem ganzen Umfang be- antwortet zu werden. Jch werde nicht viel mehr als die Grundlinien von dieser fruchtbaren Untersuchung herse- tzen, so weit es meine Absicht erfodert; verweise aber auch im uͤbrigen meine Leser auf Locken und Leibnitz. Diese erwehnten Gemeinbegriffe muͤssen, wie es oben von den sinnlichen Abstraktionen erinnert ist, schon vor- handen seyn, ehe irgend eins von unsern Urtheilen uͤber die Objektivitaͤt der Vorstellungen und uͤber die subjekti- vische und objektivische Wirklichkeit der Objekte zu Stan- de kommen kann. Der Gedanke: das, was ich sehe, ist ein Baum, der vor mir stehet, ein gewisses Ding, oder ein wirkliches Objekt, das ich nicht selbst bin; und „die Bewegung und Figur, die ich gewahrnehme, ist eine Beschaffenheit in dieser aͤußern Sache,“ und der- gleichen Ausspruͤche mehr, erfodern, daß Jdeen von die- sen allgemeinen Praͤdikaten in uns sind, die wir den Sub- jekten zuschreiben. Auch Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. Auch diese Abstraktionen sind urspruͤngliche Vor- stellungen aus Empfindungen, welche die Denkkraft be- arbeitet hat. Es ist die Frage, welche Arten von Em- pfindungen — denn danach richten sich die Vorstellun- gen — den Stoff dazu ausmachen, und durch welche Thaͤtigkeiten der verhaͤltnissedenkenden Kraft sie zu Jdeen und Gemeinbegriffen zugerichtet werden? Was zunaͤchst die beiden sich auf einander beziehen- den Begriffe von einem Dinge und von einer Be- schaffenheit eines Dinges betrift, so laͤßt sich, wie ich meine, die Materie zu ihnen in den Empfindungen bald gewahrnehmen. Z. B. Jch sehe da ein kleines Bild vor mir liegen, das ich mit Einem Blick, wie es mir vorkommt, ganz mit meinem Anschauen umfasse, und davon ich den ent- stehenden Eindruck fuͤhle. Diese Empfindung mag aus einer Menge, und aus einer unzaͤhligen Menge von kleinern Gefuͤhlen bestehen, die auf einander folgen; und jedes auf einmal vorhan- dene Gefuͤhl mag mehrere einfachere gleichzeitige in sich enthalten, so ist es doch fuͤr mich Ein Gefuͤhl, und Ein und derselbige Aktus des Bewußtseyns, womit ich diese Summe von Gefuͤhlen, oder was es ist, zu- sammennehme, nnd daher als Eine Empfindung un- terscheide. Jch bemerke keine Mannigfaltigkeit in die- sem Aktus, und keine Folge, und keine Theile, oder wenn ich sie auch nachher bemerke, so sondere ich solche nicht von einander ab. Sie machen ein vereinigtes Ganze in der Empfindung und in der Wiedervorstel- lung aus, dessen Theile in Verbindung mit einander vorhanden sind. Dieß Ganze kann entweder als ein Jnbegriff von einer Menge einzelner dunkler Gefuͤhle angesehen werden, die dessen Bestandtheile sind, und aus deren Verbin- dung es bestehet; oder auch nur als eine einfache oder B b 3 einzige V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer einzige Empfindung, von einer gewissen merklichen Groͤße, Breite, Tiefe und Dauer. So geschwinde voruͤbergehend, so klein am Umfang es auch sonsten seyn mag, so muß es eine solche Groͤße und Dauer haben, daß eine Nachempfindung entstehen, und daß das Ganze gewahrgenommen werden koͤnne. Jn dieser ganzen Empfindung des Bildes, werden Ein oder mehrere Farbenzuͤge unterschieden, und ausge- kannt von dem uͤbrigen, diejenigen naͤmlich, die am meisten hervorstechen. Diese sich ausnehmende Zuͤge in der ganzen Em- pfindung sind Theile der ganzen Empfindung. Aber man kann sie nur Theile in der allgemeinsten Bedeu- tung des Wortes nennen. Denn wir sehen sie nicht so an, als wenn die ganze Empfindung aus solchen hervor- stechenden Zuͤgen zusammengesetzet waͤre. So eine Empfindung, die eine ganze ungetheilte, zugleich vorhandene Empfindung ist, und in der Ein unabgesonderter, mit dem uͤbrigen vereinigter Zug sich vor andern an leichterer Apperceptibilitaͤt ausnimmt, ist eine solche, aus der die Denkkraft die Jdee von einem Dinge und von einer Beschaffenheit macht. Auf diese Art: Sie unterscheidet das Ganze von andern. Dieß ist der Gedanke: es ist Eine besondere ganze Empfindung, oder Vorstellung. Sie unterscheidet den sich ausneh- menden Zug in diesem Ganzen. Die Verbindung des unterschiedenen Zuges mit dem Ganzen, erreget den Verhaͤltnißgedanken, „daß der Zug in dem Ganzen enthalten sey.“ Dieß ist eine Beziehung, die zu den Verhaͤltnissen aus der Mitwirklichkeit gehoͤrt. Es ist Vereinigung des Unterschiedenen da. Bald darauf denket die Seele noch eine ursachliche Beziehung hinzu. Die ganze Empfindung wird als abhaͤn- Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. abhaͤngig, als eine Wirkung vorgestellet, die anders woher kommt. Aber dieser Zusatz erfodert, daß sie schon Begriffe von mehrern Dingen habe. Jm Anfang kann also dieser Gedanke noch nicht vorhanden seyn. Da haben wir nun den Gemeinbegriff eines Din- ges, als eines Subjekts, und einer Beschaffenheit, als eines Praͤdikats, das diesem Subjekte zukommt, und in ihm ist. Aus allen Empfindungen, die einzeln genommen, ein unzertrenntes Ganze ausmachten, dessen Bestandtheile durch die Koexistenz vereiniget waren, und vereiniget vorgestellet worden sind, und in welchen wiederum etwas unterschieden wird, koͤnnen die gedach- ten Abstraktionen von einem Dinge und dessen Beschaf- fenheiten, abgezogen werden. Jede solche ganze Empfindung faßt, wie sichs nach- her zeiget, mehr in sich, als wir besonders gewahrzu- nehmen und zu unterscheiden im Stande sind; und bey solchen, wo wir die Aufloͤsung versucht haben, fand sichs, daß immer noch etwas Unaufgeloͤsetes zuruͤck blieb. Die noch moͤgliche Aufloͤsung schien ins Unendliche zu ge- hen, oder doch fuͤr uns endlos zu seyn. Jede solche Em- pfindung und die ihr zugehoͤrige Vorstellung hat, so zu sagen, einen dunklen unaufloͤsbaren Boden, auf welchem noch unendlich vielfache, aber fuͤr uns nicht un- terscheidbare Punkte vorhanden seyn koͤnnen. Wenn es aber erlaubt waͤre, von der Jdee der von einigen in die Philosophie gebrachten unkoͤrperlichen Ausdehnung als von einem Bilde, Gebrauch zu machen, so koͤnnte man sich so ausdruͤcken: jede ganze Empfindung oder Vorstellung eines Subjekts enthalte eine Ausdehnung, in welcher sich unendliche Punkte außer einander, die aber untrennbar sind, vorstellen lassen. Jede Beschaffenheit eines Dinges kann wiederum in der Gestalt eines Subjekts gedacht werden, das von neuen seine Beschaffenheit an sich hat; und Sub- B b 4 jekte V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer jekte koͤnnen als Praͤdikate von andern Dingen, als ihren Subjekten, vorgestellet werden. Wir nehmen diese Veraͤnderung der Formen wirklich vor, wie die Er- fahrung lehret. Alle Beschaffenheiten, sobald sie fuͤr sich allein ein Gegenstand der Betrachtung werden, nehmen die Form der Dinge an, denen man Beschaffen- heiten beyleget, sobald man in ihnen etwas unterschei- det. Dieß haͤngt von der Absonderung und Vereini- gung der Empfindungsvorstellungen in der Einbildungs- kraft ab. Es giebt aber auch Ganze, die es durch die Natur der Empfindung sind, welche nicht getheilet werden koͤn- nen, sondern fuͤr uns so sehr einzelne ganze Empfindun- gen sind, daß sie entweder voͤllig vorhanden sind, oder nichts von ihnen. Die einfachen Empfindungen ge- hoͤren alle zu dieser Gattung, nebst noch andern, in wel- chen sich besondere Theile als Merkmale unterscheiden, aber wegen ihrer innigen Vereinigung oder natuͤrlichen Unzertrennlichkeit nicht von einander absondern lassen. Hume, als Verfasser der beruͤchteten Schrift uͤber die menschliche Natur, Treatise of human nature. 3. vol. 8. erklaͤrte die Jdee, die wir von unserm Jch, oder von unserer Seele haben, „fuͤr einen Jnbegriff von einer Menge besonderer, auf „einander gefolgter einzelner aber getheilter und zerstreue- „ter Empfindungen, aus deren Verbindung in der „Phantasie die Jdee von Einem Ganzen, als einem „Subjekt gemacht worden, welches das einzelne Em- „pfundene als seine Beschaffenheiten in sich halte.“ Er zog daraus die Folgerung, daß wir auch mit Evidenz nichts mehr von der Seele behaupten koͤnnten, als daß sie ein Jnbegriff von Beschaffenheiten und Veraͤnderun- gen sey, welche, da sie unmittelbar gefuͤhlet werden, wirklich existiren; nicht aber, daß sie Ein Ding, ein Ganzes Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. Ganzes Eins, ein wirkliches Ding sey. Und hier- inn besteht es, was ihm seine Gegner zur Last gelegt ha- ben, er habe sogar die Existenz der Seele wegver- nuͤnftelt, und nur die Wirklichkeit seiner Gedanken und Veraͤnderungen eingestanden. Allerdings war dieß die aͤußerste Grenze in dem raisonnirenden Skepti- cismus. Was die Hrn. Reid und Beattie ihm entgegen gesetzet, ist bekannt, nemlich, daß dieß wider den Men- schenverstand sey. Die Antwort ist nicht unrichtig, nur unphilosophisch, so lange noch eine andere moͤglich ist, welche zugleich auch den Grund von dem Jrrthum an- giebet. Es verhaͤlt sich nicht so, wie es Hr. Hume angege- ben hat, und dieß kann man behaupten, ohne etwas mehr fuͤr wirklich vorhanden anzunehmen, als was er selbst dafuͤr erkennet; nur so viel nemlich, als wir uns un- mittelbar bewußt sind. Hr. Hume hat aber einen wichtigen Umstand uͤbersehen. Jch fuͤhle eine Vorstellung; noch eine andere, auch eine Denkungsthaͤtigkeit, eine Willensaͤußerung, u. s. w. und diese Empfindungen sind unterschieden, und wirklich. Aber ich empfinde noch mehr. So oft ich eine Vorstellung empfinde, gewahrneh- me, und mich ihrer unmittelbar bewußt bin, so bin ich mir eben so gut bewußt, daß dieß Gefuͤhl meiner Mo- difikation nur ein hervorstechender Zug in einem viel groͤßern, ausgebreitetern, staͤrkern, obgleich in seinen uͤbrigen Theilen dunklen, oder doch wenig klaren Gefuͤhl sey; und dieses letztere bin ich mir eben so bewußt, und auf dieselbige Art, wie ich es in Hinsicht der besonders gewahrgenommenen einzelnen Beschaffenheit nur immer seyn kann, so nemlich wie man sich uͤberhaupt einer Sa- che unmittelbar bewußt seyn kann. Jch habe also eine solche Empfindung, die mich auf die nemliche Art zu B b 5 dem V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer dem Gedanken bringet, daß ein Ding und eine Be- schaffenheit in diesem Dinge vorhanden ist, als ich nach Hrn. Hume’s eigener Einraͤumung zu dem Ge- danken gebracht werden kann: da ist eine Beschaffen- heit wirklich. Und in dieser ganzen Empfindung ist der dunkle Grund von ihr immer eben derselbige, wenn ich an- statt eines sich ausnehmenden Zuges einen andern ver- schiedenen in mir als gegenwaͤrtig vorhanden gewahrneh- me. Dieser Grund der ganzen Empfindung, der ge- gen den hervorstechenden Zug sich wie die Flaͤche des Lan- des gegen den Fuß eines hervorragenden Berges ver- haͤlt, ist bey allen besondern Veraͤnderungen, in der Empfindung und in der Vorstellung eben derselbige. Daher der Begrif von der Jdentitaͤt unsers Jchs, aus der Vergleichung eines gegenwaͤrtigen Gefuͤhls von unserm Jch, als einem Subjekt mit seiner in ihm vor- handenen Beschaffenheit mit einem aͤhnlichen vergange- nen Gefuͤhl, welches reproduciret wird. Doch dieß nur im Vorbeygehen. Eine andere Folge davon ist, daß die Jdee oder Vorstellung von meinem Jch, keine Sammlung von einzeln Vorstellungen sey, welche et- wan die Einbildungskraft zu einem Ganzen gemacht hat, wie sie die einzelnen Vorstellungen von Soldaten zu einer Vorstellung von Einem Regiment vereiniget. Jene Vereinigung liegt in der Empfindung selbst, in der Natur, nicht in einer selbst gemachten Verbindung. Daher entstehet eine Vorstellung von Einem Subjekt mit verschiedenen Beschaffenheiten, das heißt, die aus der Empfindung unmittelbar entstehende Vor- stellung muß so gedacht, und zu einer solchen Jdee gemacht werden, wozu der gemeine Menschenverstand sie wirklich machet, der nur dann diese Jdee auf Humisch gebildet haben koͤnnte, wenn er in seiner natuͤrlichen Be- obachtung eben so viel bey ihr uͤbersehen, und nur an Einer Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. Einer sich ausnehmenden Seite sie gefasset haͤtte, als dieser feine Metaphysiker bey seiner Spekulation, da er jeden Zug nach dem andern deutlich abloͤsen wollte. VI. Fortsetzung des Vorhergehenden. Gemeinbe- griffe, von einem Objekt, von der Wirklich- keit, von der Substanz. D ieser Begrif von einem Subjekt und von einer Be- schaffenheit, ist noch nicht der voͤllige Begriff von einem Dinge, als Objekt oder Gegenstand betrach- tet, und noch weniger der Begriff von einer Substanz. Die Begriffe vom Seyn oder Wirklichkeit, und vom Bestehen oder Fortdauern, und von dem Fuͤr sich bestehen muͤssen noch hinzu kommen; und die Denk- kraft muß den Verhaͤltnißgedanken von der ursachli- chen Verbindung hervorbringen, und ihn mit jenen Abstraktionen vereinigen. Wir halten die Empfindun- gen und Vorstellungen nicht selbst fuͤr ihre Objekte, son- dern setzen noch etwas anders außer der Vorstellung vor- aus, das die Quelle der Empfindung ist, und diese letz- tere auch wohl in den Zeitpunkten hervorbringen koͤnnte, in welchen wir sie nicht haben. Die Abstraktion, welche wir durch das Wort Seyn oder Wirklichseyn ausdruͤcken, war der ersten Anlage nach so viel, als gefuͤhlet und empfunden werden, und ein Subjekt oder Ding seyn. Aber es kam noch hinzu, daß das gefuͤhlte Subjekt auch ohne Ruͤcksicht darauf, daß es wirklich gefuͤhlet ward, doch fuͤhlbar sey, und gefuͤhlet werden konnte. Das Wirkliche ist etwas Objektivisches, ein Gegenstand, etwas, das von der Empfindung und Vorstellung unterschieden ist. Dieß sind die ersten urspruͤnglichen Bestandtheile des Begrifs von der Existenz, vor seiner vollstaͤndigen Ent- wickelung V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer wickelung und Bestimmung, wozu die Nebenideen von Ort und Zeit, oder von Jrgendwo und Jrgendwie, und von der vollstaͤndigen innern Bestimmung ( de- terminatio omnimoda ) gehoͤren. Diese letztern Zusaͤ- tze bestehen wiederum in Beziehungen, welche die Denk- kraft hinzufuͤget, wenn sie soweit ist, daß sie das Wirk- liche mit dem Unwirklichen, oder mit dem blos Vor- gestellten vergleichen kann. Die Abstraktion von dem gefuͤhlet werden, kann man aus jedweder Empfindung nehmen. Die Jdee von einem Subjekt — denn so bald wir auch eine Be- schaffenheit einer Sache, als etwas wirkliches uns vor- stellen, gedenken wir sie als ein Subjekt, oder Ding, dem eine Beschaffenheit, die Wirklichkeit nemlich, zu- kommt, — ist schon vorhanden. Es ist also der Ur- sprung des dritten Jngredienz noch uͤbrig. Wie entste- het der Gedanke von einem Objekt, das ist, von einem Dinge, welches von der Empfindung und Vorstellung von ihm unterschieden ist, und jene hervorbringet, oder hervorbringen kann? Also erfodert der Begrif von einem Objekt, erstlich die Bemerkung des Unterschiedes zwischen Sache oder Ding und zwischen einer Vorstellung davon; dann zweytens das Unterscheiden einer Sache, und des von ihr entstehenden Gefuͤhls, das ist, einen Gedanken von ursachlicher Verbindung. Das Unterscheiden, als ein Gedanke von Ver- schiedenheit entstehet aus der Vergleichung. So bald eine Vorstellung, das ist, ein wieder erneuerter Abdruck eines vorigen Zustandes, ein Phantasma, mit einem Gefuͤhl eines gegenwaͤrtigen aͤhnlichen Zustandes vergli- chen wird, so muß der Gedanke; daß Vorstellung und Sache unterschieden sind, hervorgehen. Dazu reichet die natuͤrliche Verschiedenheit der schwachen Vorstellung des Vergangenen mit dem Gefuͤhl des Gegenwaͤrtigen, wenn Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. wenn sonsten alles einerley ist, schon hin. Die Abstrak- tion von der Objektivitaͤt in Hinsicht dieses ersten Merk- mals konnte also aus allen Arten von Empfindungen und Vorstellungen, die einander so weit aͤhnlich waͤren, als die Jdentitaͤt des Gegenstandes es mit sich brachte, er- halten werden. Und dieser Theil des Begrifs konnte vorhanden seyn, ehe der zweete entwickelt wurde, wie es wahrscheinlich sich bey den Kindern wirklich verhaͤlt, bey denen das Gefuͤhl der Sache, und die gefuͤhlte Sache selbst, als die Ursache von jenem, lange ununterschieden bleiben. Was der Begrif von der Ursache und von der Ver- ursachung in sich enthalte, und bey welcher Art von Empfindungen und Vorstellungen die Denkkraft zuerst den Gedanken von der ursachlichen Verbindung hervor- bringe, ist anderswo weitlaͤuftig von mir aus einander gesetzt. Siehe den vierten Versuch IV. Hier bedarf es jenes voͤlligen Begrifs nicht. Es ist genug, daß unter Ursache der Empfindung ein Ding gedacht wird, das von der Empfindung ver- schieden ist, aber diese zur Folge hat. Der unentwickel- teste Begrif von der Ursache war schon hinreichend, um diejenige Jdee vom Objekt zu bewirken, von deren Ent- stehungsart hier die Rede ist. Und zu diesen Gedanken konnte und mußte jedwede neue Modifikation, welche aus der Seele selbst entstand, ihrer Natur nach, der Denkkraft die Veranlassung ge- ben. Denn jedwede aus innerer Kraft entstehende Ver- aͤnderung fuͤhrte auf Vorstellungen von den vorhergegan- genen Umstaͤnden, Bestrebungen und Beschaffenheiten, die mit ihr associiret sind. Da war also Gefuͤhl eines gegenwaͤrtigen Subjekts mit einer Beschaffenheit; dann Vorstellung eines vorigen Subjekts mit einer Beschaffen- heit, und dann Gefuͤhl der Folge, so wie diese gefuͤhler werden kann. Diese Gefuͤhle und Vorstellungen zu Ge- danken V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer danken gemacht, so hatte man nebst der Jdee eines ge- genwaͤrtigen Zustands, die Jdee eines andern Din- ges, und auch den Verhaͤltnißbegrif von der Folge und Verbindung jenes Zustandes mit dem von ihm verschie- denen Dinge. Der Begrif vom Bestehen und Fortdauern be- zieht sich auf den Begrif der Zeit. Beide sind in ih- rem Ursprung verwandt, und beide entstehen durch eine Abstraktion aus den Empfindungen von dem Aktus des Gefuͤhls, und des Denkens. Jedes bemerkbare Gefuͤhl hat seine Laͤnge. Wenn wir mit dem Fin- ger uͤber einen Koͤrper hinfahren, so kann es seyn, daß wir nur an zweyen Stellen solche Eindruͤcke empfangen, die in der ganzen Reihe der Veraͤnderungen sich ausneh- men, und unterschieden werden. Das uͤbrige wird als- denn eine im Ganzen klare, aber in ihren einzelnen Thei- len ununterscheidbare, vielbefassende Empfindung ausma- chen. Es sind nicht jene sich ausnehmende Gefuͤhle oder die gefuͤhlten Gegenstaͤnde, von deren Empfindung oder Vorstellung der Begrif der Dauer und der Zeit abstrahiret werden kann, wie Hr. Kant erinnert hat; aber es sind die in uns fortgehende Aktus des Gefuͤhls, die ihre Succession und Laͤnge haben, wenn gleich kein bemerkbarer Gegenstand gefuͤhlet wird, und die wieder- um, wie das Gefuͤhl uͤberhaupt, in ihren naͤchsten Wir- kungen empfunden, vorgestellet und gewahrgenommen werden; diese sinds, aus welchen die einzelnen Em- pfindungsvorstellungen kommen, die den Stoff zu der Abstraction von der Zeit hergeben. Die Dichtkraft hat indessen auch einigen Antheil an der voͤlligen Zurich- tung dieser Vorstellungen. Eine aͤhnliche Anmerkung laͤßt sich uͤber den Begrif des Raums machen. Auch dieser entsteht aus dem Ak- tus des Gefuͤhls. Jch beruͤhre dieß hier nur in der Ferne, weil der Gemeinbegrif von dem Bestehen und der Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. der Dauer darauf fuͤhret, der ein Bestandtheil des voͤl- ligen Begrifs von einem wirklichen Gegenstande ist, und eile zu dem Schluß aus diesen letztern Betrachtungen. „Es ist Stoff in den Empfindungen vorhanden, aus „dem der allgemeine Begrif von einem wirklichen Ob- „jekt, und von einer Beschaffen heit in ihm erlanget „werden kann. Und dieser Begrif muß vorhanden seyn, „ehe irgend ein Urtheil, daß dieß oder jenes ein wirk- „lich vorhandenes von unsern Vorstellungen unterschiede- „nes Ding sey“ hat entstehen koͤnnen. Der Begrif von einem Objekt ist noch nicht der Be- grif von einem fuͤr sich bestehenden Dinge, oder von einer Substanz, die fuͤr sich allein besonders vorgestel- let, als ein wirkliches Objekt gedacht werden, und daher außer dem Verstande, es seyn kann. Die Materie zu diesem Gemeinbegrif erfodert „so eine ganze „Empfindung, die fuͤr sich allein abgesondert, ohne als „ein Theil, oder als ein Zug in einem andern gegen- „waͤrtig seyn kann.“ Eine Empfindung, die zwar in Ruͤcksicht auf einen in ihr sich ausnehmenden Zug eine Vorstellung eines Dinges mit einer Beschaffenheit ver- anlasset, aber doch wiederum in einer andern gan- zen Empfindung enthalten ist, kann nur den Stoff zu einer Vorstellung von einem Accidenz, oder von ei- nem Dinge, „welches nicht anders als in der Gestalt „einer Beschaffenheit eines andern Subjekts existiren „kann,“ hergeben. Das gesammte Gefuͤhl von unserm Jch, als dem fuͤhlenden und denkenden Wesen, ist eine solche Empfindung, und in unserm jetzigen Zustande se- hen wir die Gefuͤhle einzelner Koͤrper auch dafuͤr an; ob sie aber durch eine falsche oder richtige Reflexion dafuͤr angesehen werden? das ist die Frage in dem Streit mit den Jdealisten. So ein abgesondertes ganzes Gefuͤhl, aus dem die Abstraktion von einer Substanz entstehet, muß eine V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer eine gewisse innere Vollstaͤndigkeit besitzen. Es muß allein fuͤr sich vorhanden seyn, und also die fuͤhlende Seele waͤhrend des Gewahrnehmens so ganz ausfuͤllen koͤnnen, daß kein anderes groͤßeres und weiter sich ver- breitendes Gefuͤhl, welches jenes in sich schließet, als gleichzeitig vorhanden bemerket werde. Seitdem Aristoteles diesen Begrif in die Philoso- phie gebracht, haben die Philosophen unter Substanz ein solches Ding verstanden, welches ohne Ruͤcksicht auf un- sere Jdee, fuͤr sich allein und abgesondert ein wirkliches Ganze seyn kann. Ein deutlich bestimmter Begrif da- von kostet den Metaphysikern viele Muͤhe. Aber in dem gemeinen Verstande ist eine Substanz, und ein Objekt fuͤr sich allein, Eins und dasselbige. Wenn mehrere Substanzen als verschiedene Ob- jekte, davon jedes ein Ding fuͤr sich ist, gedacht werden, so sind sie außer einander. Die Abstraktion von die- ser Beziehung ist einerley mit dem Begrif von der Ver- schiedenheit auf den Begrif von Substanzen angewendet. VII. Eine Anmerkung gegen die Jdealisten aus dem Ursprung unserer Urtheile uͤber die aͤußere Wirklichkeit der Dinge, aus welchen Em- pfindungen zunaͤchst die Jdee von der aͤu- ßern Existenz entstanden sey. S ind nun einmal diese Abstraktionen durch die verei- nigte Wirkung des Gefuͤhls, der vorstellenden Kraft und der Denkkraft in der Seele vorhanden, so koͤnnen Urtheile uͤber die Existenz der Dinge in uns und außer uns gefaͤllet werden. Um aber hiebey die Art des Ver- fahrens in der Denkkraft, und den Ursprung und die Gruͤnde der Zuverlaͤssigkeit dieser Urtheile voͤllig deutlich zu erkennen, muß folgendes in Betracht gezogen werden. Jn Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. Jn dem Urtheil z. B. was ich da mit dem Finger befuͤhle, und Koͤrper nenne, ist ein wirkliches außer mir, als Seele oder Mensch, vorhandenes Ding und Objekt, liegen folgende Gedanken: Vierter Versuch VI. 6. ich fuͤhle oder empfinde; und ferner, was ich fuͤhle, ist ein wirkliches Ding, ein Objekt, Substanz; und es ist verschieden von meinem Jch. Es fraͤgt sich: Jst nun das gegenwaͤrtige Gefuͤhl ein eben solches Gefuͤhl, als diejenigen Gefuͤhle sind, aus denen die Denkkraft, nach ihren natuͤrlich nothwendigen Gesetzen, den Begrif von einem wirklichen Objekt ab- strahiret hat, und abstrahiren muͤssen? und muͤßte also die Denkkraft, wenn sie nach denselbigen Gesetzen wir- ket, nach welchen sie die gedachte Abstraktion aus vor- hergegangenen Empfindungen gezogen hat, sie gleich- falls aus dem jetzigen Gefuͤhle und dessen Vorstellung abziehen, woferne sie nicht schon mit ihr versehen waͤre? Es wird mit einem Subjekt ein Praͤdikat verbunden, welches man bey andern Subjekten schon gewahrgenom- men hat; ist nun jenes Subjekt den letztern, die gegen- waͤrtige Empfindung den vergangenen, als Stoff und Materie des allgemeinen Begrifs betrachtet, gleich und aͤhnlich, so daß aus demselbigen Grunde einerley Be- schaffenheit ihnen beygeleget werden muß? Denn das Praͤdikat ist in beiden Faͤllen dasselbige, und es hat den- selbigen Sinn, wenn ich von dem Stein, woran mein Fuß anstoͤßet, sage, er sey ein wirkliches Objekt, und eine Substanz, als wenn ich solches von mir selbst und von meinem Jch gedenke. Ob denn auch dieß wirkliche Objekt, was ich mit dem Finger befuͤhle, von meinem Jch verschieden, und also, da beide diese Objekte fuͤr sich bestehende Dinge I. Band. C c sind, V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer sind, eine aͤußere Substanz sey? dieß ist die zwote Frage, die aber am wenigsten Schwierigkeiten hat. Weder Hume noch Berkeley wuͤrden gegen die Zuverlaͤssigkeit unsers Urtheils in dem angefuͤhrten Bey- spiel, wie ich glaube, etwas mehr einwenden, wenn sie es als evident anerkennen muͤßten, daß mein gegenwaͤr- tiges Gefuͤhl, von einem aͤußern Koͤrper, als die Mate- rie zu der Notion von einem aͤußern wirklichen Dinge detrachtet, den uͤbrigen Empfindungen voͤllig aͤhnlich sey, aus welchen der gedachte Gemeinbegrif gemacht ist. Al- les, was in den Zweifelsgruͤnden dieser Philosophen lie- get, wovon sie erwarten konnten, daß es nachdenkenden Personen als eine gegruͤndete Bedenklichkeit gegen den lauten und unwiderstehlichen Ausspruch des gemeinen Menschenverstandes vorkommen solle, das mußte am Ende dahin ausgehen; daß wenn wir den aͤußern Din- gen eine objektivische Wirklichkeit zuschreiben, in eben dem Sinn, wie wir sie unserm Jch und seinen Beschaf- fenheiten beylegen, so muͤsse eine blos scheinbare oder mangelhafte Aehnlichkeit der Subjekte in unsern Vorstel- lungen uns blenden, die aber in der That nicht vorhan- den sey, und bey einem vorsichtigen Verfahren nicht an- getroffen werden wuͤrde. Und daß diese gedachte Aehnlichkeit wirklich vorhan- den sey, das ist es, was in Hinsicht der Grundsaͤtze, bey jedem fuͤr sich, zur voͤlligen Evidenz gebracht wer- den muß, wenn man die Absicht hat, das System des Skeptikers und des Jdealisten in seinen ersten Gruͤnden anzugreifen, und es selbst vor dem Anschaun der raison- nirenden Vernunft als grundleere Vernuͤnfteley darzu- stellen. Die Hrn. Reid und Beattie haben diese Ab- sicht nicht erreicht, weil sie auf eine so unbestimmte Art den gemeinen Menschenverstand entgegensetzten, der fuͤr sich allein wohl immer den Sieg gegen Hume und Ber- keley behalten wird, daß auch alte von der wahren Phi- losophie Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. losophie laͤngst verdraͤngte Vorurtheile mit unter den Ge- gengruͤnden gebraucht worden sind. Sie laͤugneten mit den Grundsaͤtzen des Skepticismus auch den Grundsatz der Philosophie ab, „daß alle aͤußere Objekte nur nach „den Vorstellungen von ihnen in uns beurtheilet werden,“ und verwarfen den Richterstuhl der aufloͤsenden und schlie- ßenden Vernunft, so daß man sagen kann, es muͤsse die gesunde Vernunft zutreten, und sich in manchen Saͤtzen der Skeptiker und Jdealisten gegen sie annehmen. Es fehlet, so viel ich weiß, noch an einer solchen Schrift, in der auf die vorher erwaͤhnte Art die falsche Vernuͤnfteley des scharfsinnigen Hume in alle ihre Laby- rinthe verfolget, und ans Licht gezogen wuͤrde. Ein Buch von solchem spekulativischen Jnhalt wuͤrde freylich nur wenige Leser finden, aber doch nuͤtzlich, und, wenn es wahr ist, was Beattie und Oswald versichern, daß Hume durch seine skeptischen Versuche wirklich bey vie- len nachdenkenden Koͤpfen praktisch schaͤdliche Jrthuͤmer veranlasset habe, fuͤr diese Klasse von Lesern nothwendig seyn. Nur muͤßte es, um einen gleichen Eingang, wie die gedachten humischen Vernuͤnfteleyen, zu finden, nicht allein mit demselbigen Verstande, sondern auch mit dem- selbigen Geist geschrieben werden, womit Hr. Hume auch alsdenn noch schreibet, wenn er die abstraktesten Ge- genstaͤnde behandelt, und dieß ist eine harte Foderung. Von der Richtigkeit oder Unrichtigkeit unserer Ur- theile uͤber die Existenz der aͤußern Dinge ist hier bey der gegenwaͤrtigen Betrachtung eigentlich die Frage nicht, sondern nur von der Art, wie diese Urtheile entstehen, und von der Ordnung, in der sie entstehen. War der Gang des sich entwickelnden Verstandes dieser, daß zu- erst alle Empfindungen fuͤr Beschaffenheiten unsers Jchs gehalten, und nur hernach erst durch manche Raisonne- ments die richtigere Erkenntniß erlanget werden konnte? Oder war die letztere eben so natuͤrlich, und in eben dem C c 2 Verstan- V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer Verstande Jnstinkt, wie die Urtheile von unserm existi- renden Selbst, und von dem, was in diesem ist? Auf dem Ruͤckweg von den vorhergehenden Bemer- kungen uͤber die allgemeinen Begriffe zu der Art und Wei- se, wie sie mit unsern Empfindungen verbunden werden, und die Urtheile uͤber das Daseyn der Dinge hervorbrin- gen, liegt noch manches, was nicht uͤbersehen werden muß, wenn der natuͤrliche Weg des Verstandes deutlich beobachtet werden soll. Allgemeine Begriffe koͤnnen aus andern Abstraktio- nen zusammengesetzet werden; und daher erfodern nicht alle eine Mehrheit von aͤhnlichen Empfindungen, aus de- nen ihr Gemeinschaftliches abstrahiret werden muͤßte. Aber sind nicht die vorhergehende Grundbegriffe von Sub- jekt und Beschaffenheit, von einem wirklichen Dinge und von einem Objekt fuͤr sich, wahre Abstraktionen, die also auch verschiedenartige Empfindungen voraussetzen, bey welchen das Gemeinschaftliche, oder der Gemeinbe- grif, angetroffen worden ist? die Abstraktion setzet zwar keine eigentliche Vergleichung voraus, aber doch ein Analogon davon, ein Zusammenfallen mehrerer ein- zelnen Empfindungen oder Vorstellungen an Punkten, wo sie einander aͤhnlich sind. Vorausgesetzt also, daß der ganze Jnbegrif von Empfindungen und Vorstellungen sich schon in unterschie- dene Haufen und abgesonderte Ganze zertheilet hat; daß die innern Selbstgefuͤhle der Seele von den Gefuͤhlen des Koͤrpers, und von diesen wiederum die Empfindungen der aͤußern Gegenstaͤnde, eines Baums, eines Vogels, eines Bergs, eines Flusses u. s. w. unterschieden, und als unterschiedene Ganze und Subjekte dargestellet wer- den; aus welchen von diesen vertheilten Haufen konnte und mußte der Stoff zu dem Gemeinbegrif von einem wirklichen Objekt gezogen werden? Diejenigen, von welchen die Abstraktion geschehen ist, muͤssen auch noth- wendig Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. wendig das Praͤdikat der wirklichen Objekte erhalten, so- bald die Reflexion ihre Gedanken entwickelt. Wenn al- so die Empfindung von einem Baume mit der Empfin- dung von dem Jch das Gemeinschaftliche enthaͤlt, das zu der Jdee von einem existirenden Objekt gemacht wor- den ist; so ist es eben so nothwendig, zu denken: der Baum ist ein wirkliches Objekt, als es ist, zu denken: ich selbst bin etwas wirkliches. Es ist also offenbar, wie viel diese Frage auf sich hat, und deswegen ist sie auch von Hume und Berkeley nicht so beantwortet worden, wie von andern nicht idealistischen Philosophen, obgleich diese auch in ihren Gedanken daruͤber verschieden sind. Es ist nur das Selbstgefuͤhl der Seele, sagen die erstern, woraus die Jdee von einem existirenden Dinge entstehen kann. Die uͤbrigen Empfindungen werden so bald nicht unterschieden und gekannt, als sie auch schon auf unser Jch, mit dessen Gefuͤhl sie unzer- trennlich verbunden sind, bezogen, und wie Beschaf- fenheiten in einem Subjekt gedacht werden. Die aͤu- ßern Empfindungen koͤnnen fuͤr sich also in der Vorstel- lung als solche voͤllig abgesonderte Ganze nicht er- scheinen, und also keinen Stoff zu der Jdee eines wirk- lichen Dinges hergeben. Daher auch das Praͤdikat der Existenz auf die aͤußern Objekte nur aus innern Empfin- dungen uͤbertragen werden kann, und, wie die gedach- ten Philosophen hinzusetzen, ohne hinreichenden Grund uͤbertragen wird. Condillac war der Meinung, von den aͤußern Em- pfindungen koͤnnten nur allein die Empfindungen des aͤußern koͤrperlichen Gefuͤhls auf die Jdee von wirk- lichen Gegenstaͤnden außer uns, hinfuͤhren. Was wir sehen, hoͤren, schmecken, riechen, kommt uns, seinen Gedanken nach, nur wie Beschaffenheiten von Dingen vor, das wir daher entweder in unser Jch, oder hoͤch- C c 3 stens V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer stens in unsern Koͤrper hin setzen, wenn dieser schon von der Seele unterschieden worden ist. Hr. Home hat außer den Gefuͤhls- auch den Ge- sichtsempfindungen diese Eigenschaft zugestanden. Versuch uͤber die Grundsaͤtze der Moralitaͤt. 3ter Versuch. Wenn wir sehen und fuͤhlen, sagt er, empfinden wir fuͤr sich bestehende wirkliche Dinge, oder glauben doch dergleichen vor uns zu haben; dagegen wir die Toͤne, die Geruchs- und Geschmackarten nicht empfinden oder uns vorstellen, ohne ein gewisses Subjekt zugleich zu gedenken, worinn sie existiren. Die Toͤne setzen wir in die Seele selbst, die Eindruͤcke auf den Geruch und Geschmack aber in die Werkzeuge dieser Sinne im Koͤrper. Diese letztern Empfindungen, die wir in unserm jetzigen Zu- stande nicht anders haben, als auf eine folche Art, daß sie nur sich ausnehmende Zuͤge in andern gleichzeitigen Empfindungen sind, haben auch wohl niemals bey der ersten Entwickelung des Verstandes so abgesondert fuͤr sich allein daseyn, und in der Abwesenheit der Gegenstaͤn- de so abgesondert vorgestellet werden koͤnnen, daß sie die Jdee von besondern fuͤr sich bestehenden Dingen veran- lasset haben sollten. Aber die Empfindungen des Ge- sichts und des Gefuͤhls haben solches thun koͤnnen. Das Phaͤnomen ist wirklich so, wie Hr. Home es bemerket hat. Es ist nur die Frage, aus welcher Ur- sache es so sey, und ob es von Natur so sey, und unver- aͤnderlich so sey, oder ob es allein von zufaͤlligen Umstaͤn- den abhange, und daher auch veraͤndert werden koͤnne? Wenn wir sehen, so erhalten wir, wie nunmehr ausgemacht ist, Eindruͤcke von dem Lichte auf die Augen, und werden dadurch modificirt, und fuͤhlen. Bey un- serm koͤrperlichen Gefuͤhl, das aus der aͤußern Beruͤh- rung der Koͤrper entstehet, ist es ein Stoß oder Druck groͤberer Materie auf unsern Nerven, der die Modifikation in Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. in der Seele veranlasset, und dessen Gefuͤhl die Empfin- dung ausmacht. Ausfluͤsse der Koͤrper, Salze, die auf- geloͤset werden, und zitternde Bewegungen sind es, die im Riechen, Schmecken und Hoͤren empfunden werden. Kann in diesen Eigenheiten der beiden erstern Sinne, in der Beschaffenheit der Dingarten, welche auf sie wirken, oder in der Art der Modifikation selbst, deren Gefuͤhl in der Seele die Empfindung ausmacht, der Grund von dem obgedachten Unterschiede, daß sie fuͤr sich beste- hende Gegenstaͤnde darstellen, gesucht werden? Es scheinet nicht so. Nicht in der specifiken Verschiedenheit der Eindruͤcke, sondern in den verschiedenen Graden der Staͤrke, der Klarheit und Feinheit, und der davon ab- hangenden leichtern Reproducibilitaͤt kann man ihn an- treffen. Und da meine ich offenbare sich dieser Grund deut- lich genug. Soll eine Empfindung zu denen gehoͤren, woraus die Jdee von einem fuͤr sich vorhandenen Objekt gezogen worden ist, oder doch eben so wohl als aus andern gezogen werden koͤnnen, so ist dieß ein Er- foderniß bey ihr „sie muß allein fuͤr sich, abgesondert „von andern, in der Seele vorhanden seyn, und auf ei- „ne Weile auf diese Art bestehen, und dann auch so ab- „gesondert und fuͤr sich allein wieder vorgestellet werden „koͤnnen.“ Dazu aber ist es noͤthig, daß sie in der Zeit, wenn sie vorhanden ist, das Empfindungsvermoͤ- gen allein beschaͤftiget, in der Maße nemlich, daß sie kein anders gleichzeitiges, und bis zur Apperceptibilitaͤt starkes Gefuͤhl neben sich erlaube, und waͤhrend des Aktus des Gewahrnehmens die Seele des fuͤhlenden We- sens allein ausfuͤlle. Jedwede aͤußere Empfindung, von einiger Staͤrke und Dauer, besitzet die Kraft, die Seele, auf eine Weile wenigstens, außer sich herauszuziehen, in der Maße, daß sie sich selbst als zuruͤckwirkendes, vorstellendes, den- C c 4 kendes V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer kendes und wollendes Wesen vergißt, und sich allein mit der ihr beygebrachten Modifikation beschaͤftiget, ohne ih- re eigene Thaͤtigkeiten dabey gewahrzunehmen. Dieß ist Erfahrung. Und bey solchen Empfindungen fehlet schlechthin die Veranlassung, sie in sich selbst zu setzen. Es waren von andern abgesonderte, und fuͤr sich allein vorhandene Em- pfindungen. Wir setzen sie daher auch alle außer uns, denn wir muͤssen ja gewahrnehmen, daß sie von un- serm Jch unterschiedene Sachen sind. Aber nicht alle diese aͤußern Empfindungen sind zu- gleich auch von andern aͤußern Gefuͤhlen so gaͤnzlich ab- gesondert, als von den innern Selbstgefuͤhlen, oder sie bleiben es doch nicht lange, oder koͤnnen es in der Wie- dervorstellung nicht bleiben. Ein Ding wirket zugleich auf mehrere Sinne. Diese gleichzeitigen Gefuͤhle mach- ten zwar ein abgesondertes fuͤr sich bestehendes Ganze; aber jeder Theil dieses Ganzen, was etwan auf den Ei- nen oder den andern Sinn allein fiel, war nicht so ab- gesondert, daß es ohne Verbindung mit den andern seyn konnte. Daher geschah die Vertheilung der aͤußern Gefuͤhle in abgesonderte Haufen nicht nach der Verschiedenheit der Sinne, so daß die Gesichtsempfindungen fuͤr sich ein Ganzes, die Gefuͤhlsempfindungen ein anders, die Eindruͤcke auf das Gehoͤr ein drittes, die Geruͤche ein viertes und so weiter ausmachten. Vielmehr zogen sich alle Gefuͤhls- Geruchs- Gesichts- und Geschmacksein- druͤcke einer Blume z. B. in Eine ganze Empfindung zu- sammen; und wo dieß geschehen ist, da kann keine ein- zelne Empfindung, die in dem Ganzen begriffen ist, an- ders als in der Gestalt einer Beschaffenheit sich der Reflexion darstellen. Jndessen konnten doch Einige aus dem ganzen Hau- fen der Eindruͤcke, welche in demselbigen aͤußern Gegen- stand Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. stand ihre gemeinschaftliche Quelle hatten, sich abtrennen, und sich mit einem andern Haufen, der aus einem an- dern Objekt herruͤhrte, genauer vereinigen. Der Ein- druck auf das Organ des Geruchs, der aus einer Rose kommt, vereinigte sich mehr mit dem koͤrperlichen Ge- fuͤhl des Sinngliedes, als mit dem sichtlichen Bil- de von der Blume. So eine Empfindung machte also mit dem Gefuͤhl des Organs ein vereinigtes Ganze aus, und stellte sich, als eine Beschaffenheit oder Modifika- tion des koͤrperlichen Werkzeugs dar. Diese Absonde- rung von einem Haufen, und die Vereinigung mit ei- nem andern war desto eher moͤglich, je oͤfterer eine solche einzelne Empfindung von dem uͤbrigen abgesondert vor- handen war. Einige konnten von allen Gefuͤhlen aus unserm Koͤr- per abgesondert, und mit Selbstgefuͤhlen der Seele ver- einiget werden, wie bey den Toͤnen geschicht, die wir nach Homes Bemerkung, gewoͤhnlicher Weise in die Seele selbst setzen, andere konnten fuͤr sich allein abgesondert bleiben, ohne sich anderswo wieder anzulegen. Dahin gehoͤren vor andern die Empfindungen des Gesichts, und die sanftern an sich deutlichen Eindruͤcke auf das aͤußere koͤrperliche Gefuͤhl. Jn der Wiedervorstellung haben die Gesichtsbilder darinn noch einen Vorzug mehr, daß das Bild einer gesehenen Sache fuͤr sich allein eine Wei- le gegenwaͤrtig seyn kann, ohne daß andere da sind, die auf eine merkliche Art das Gefuͤhl und die Thaͤtigkeit der Seele auf sich ziehen. Kein Wunder also, daß sich diese beiden Arten von Empfindungen so leicht unter sich in Eine ganze vereinigen, und daß sie in dieser Verbindung die Jdee eines fuͤr sich vorhandenen Objekts hergeben. Etwas ist auch hiebey veraͤnderlich. Das aͤußere koͤrperliche Gefuͤhl kann allein, ohne Vereinigung mit dem Gesicht, zu Jdeen von wirklichen aͤußern Ob- jekten fuͤhren, wie die Erfahrung gezeiget hat; aber ist C c 5 es V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer es denn unmoͤglich, daß das Gesicht allein ohne Beyhuͤl- fe des Gefuͤhls etwas aͤhnliches thun koͤnne? Wir legen nun zwar jedem sichtbaren Dinge auch eine Soliditaͤt, und einen Umfang bey, der gefuͤhlt werden kann, weil wir die Jdee von dem Raum aus der Vereinigung der Gesichts- und Gefuͤhlsempfindungen genommen haben, und diese mit jeder Jdee von einem aͤußern existirenden Objekte verbinden, aber der gemeine Mann stellt sich doch die Gespenster als eine Art von blos sichtbaren Wesen vor, die nichts an sich haben, was sich fuͤhlen und greifen lasse. Das Gefuͤhl ist der allgemeinste und ein unterbrochen wirksamer Sinn, da einer und meh- rere von den uͤbrigen fehlen, oder unwirksam seyn koͤn- nen. „Daher kann kein Ganzes von Empfindungen „seyn, wozu das Gefuͤhl nicht seinen Beytrag liefere.“ Dieß verursacht die Verbindung der Vorstellungen aus dem Gefuͤhl mit den Vorstellungen aus dem Gesicht, auch da, wo sonst die Sache nur allein gesehen wird. Allein ich meine, es lasse sich doch begreifen, daß wohl eine Vorstellung eines blos sichtlichen Gegenstandes, der wirklich außer uns vorhanden ist, moͤglich ist, ohne daß einem solchen Objekt fuͤhlbare Soliditaͤt und ein fuͤhlbarer Raum zugeschrieben werden duͤrfe. Wie weit darf also nun wohl die natuͤrliche Verbin- dung der Empfindungen veraͤndert werden, um auch Ge- ruͤche, Toͤne und Geschmacksarten zu substantificiren, oder sich wirkliche Objekte vorzustellen, die nur allein riechbar, oder allein hoͤrbar, oder allein schmeckbar sind, ohne zugleich auch sichtbar und fuͤhlbar zu seyn, so wie wir uns blos fuͤhlbare Objekte gedenken? Natuͤrlich ist eine solche Vorstellungsart nicht; aber man sieht, daß dieß von der Einrichtung der Natur, in der Verbindung der Sinne, nicht aber von der Natur der Sinne selbst fuͤr sich allein betrachtet, abhange. VIII. Jn Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. VIII. Jn welcher Ordnung die Gedanken von unse- rer innern Existenz, und von der Existenz aͤußerer Dinge entstehen? D as Resultat dieser Anmerkungen uͤber den Ursprung der Grundbegriffe des Verstandes faͤllt von selbst auf. Zuerst, „daß es eben so natuͤrlich, eben so nothwen- „dig sey, und nach denselbigen Wirkungsgesetzen der „Denkkraft erfolge, wenn ich denke: mein Koͤrper „ist ein wirklich vorhandenes Objekt, und ist „nicht mein Jch; der Baum, den ich sehe und „befuͤhle, ist ein wirklich vorhandenes Objekt „fuͤr sich, und weder meine Seele, noch mein „Koͤrper ;“ diese Urtheile sind eben so natuͤrlich, so na- he den ersten Thaͤtigkeiten der Reflexion, als wenn ich denke: „ Jch, als Seele bin ein wirkliches vor- „handenes Ding. “ Diese Folgerung ist gegen Hu- me und Berkeley, die ich nicht weiter gebrauchen will. Jch will eine andere herausziehen, welche zur Beurthei- lung des Buffonschen Raisonnements uͤber die Ordnung, in der sich die Gedanken von der objektivischen und sub- jektivischen Existenz entwickeln, dienlich ist, und die, wenn es moͤglich ist, eine noch groͤßere Evidenz an sich hat. Hr. von Buffon setzt voraus, der sich bildende Verstand habe zuerst den ganzen Jnbegriff seiner Em- pfindungen in Ein Ganzes vereiniget, und aus ihnen allen Eine Existenz gemacht. Alsdenn muͤßte jede einzelne bemerkte Modifikation mit diesem Ganzen Selbst verglichen, auf solches bezogen worden seyn, und sich als einen Theil oder Zug unsers Jchs, das heißt, als eine Beschaffenheit desselben dargestellet haben. Was der Mensch V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer Mensch sah und hoͤrte, der Baum, der Himmel, der Gesang des Vogels, das Rauschen der Quelle, muͤßte ihn, sobald er es gewahr nahm, zu dem Gedanken ge- bracht haben: Siehe, das ist auch ein Stuͤck von dir, und dieß Urtheil waͤre egoistisch gewesen. Kann eine solche Voraussetzung als moͤglich ange- nommen werden? Sollte wohl der ganze Jnbegriff aller Empfindungen zu Einer Existenz vereiniget, und in Eine Vorstellung zusammengebracht werden koͤnnen, ehe sich schon unterschiedene und abgesonderte Haufen von selbst gebildet hatten? Und ehe eine solche Sonderung geschehen war, wie haͤtte die Jdee von einem wirklichen Dinge, und von unserm Jch als einem Dinge entstehen sollen? Die Vereinigung aller Empfindungen zu Ei- ner ganzen, wenn sie schon unterschieden werden, kann darum nicht als moͤglich angenommen werden, weil auch unsere gestaͤrkte Vorstellungskraft nicht vermoͤgend ist, solche auch nur bey allen aͤußern Empfindungen allein zu beschaffen. Will man sich aber etwan vorstellen, es sey in dem ersten dunkeln Zustande, wo voͤllige Nacht war, ein Theil der Gefuͤhle nach dem andern aufgehel- let, bemerket und unterschieden worden, und also jedes in dieser Folge auf das Ganze wie eine Beschaffenheit auf ihr Subjekt bezogen, so wird theils wiederum etwas voraus gesetzet, was uͤber alle Maßen unwahrscheinlich ist, theils aber wird der Ursprung des egoistischen Ur- theils dadurch nicht begreiflich gemacht. Jst es wahrscheinlich, daß die Aufhellung und Ab- sonderung der Empfindungen auf diese Art geschehen sey, daß Eine Empfindung allein vorher gaͤnzlich unterschie- den worden, ehe noch die uͤbrigen angefangen, sich aus- einander zu setzen? oder gieng es nicht in der Seele so vor sich, wie es in der Koͤrperwelt geschicht, wenn das Tageslicht allmaͤhlig die Dunkelheit vertreibet, so nem- lich, daß das Licht uͤber eine ganze Menge von Gegen- staͤnden Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. staͤnden in gleichen Graden sich zugleich verbreitet, und mehrere zugleich auf einmal helle macht? Jst es also nicht zu erwarten, daß, ehe noch die voͤllige Unterschei- dung eines einzelnen Gefuͤhls zu Stande gekommen ist, und ehe dieß unterschiedene Gefuͤhl auf das uͤbrige Ganze hat bezogen werden, und also ehe der Gedanke hat ent- stehen koͤnnen, daß dieß eine Beschaffenheit des Ganzen sey, daß, sage ich, nicht auch schon mehrere abgeson- derte Ganze von Empfindungen vorhanden gewesen sind, auf welche die nemliche einzeln gewahrgenommene Em- pfindung als eine Beschaffenheit auf ihr Subjekt bezogen werden konnte, und war es denn nothwendig, daß sie dem Ganzen, was unser Jch ausmacht, und nicht ei- nem andern Ganzen beygeleget wurde? Ferner, wuͤrde der Gedanke, der aus der Bezie- hung der ersten klaren Empfindung auf das Ganze der uͤbrigen haͤtte entstehen koͤnnen, hoͤchstens nichts mehr gewesen seyn, als der Gedanke, daß jene in diesem vorhanden sey. Es fehlte noch viel daran, daß dieß nicht der Begrif von einem wirklichen Objekt, und von unserm Jch sey. Da so viele vorhergehende Verhaͤlt- nißgedanken und daraus entsprungene allgemeine Be- griffe zu dem Urtheil: es ist etwas in mir, in meinem Jch, erfodert werden, wie Hr. von Buffon selbst nicht in Abrede ist, so ist es fuͤr sich klar, daß dieser Gedanke nicht hat ausgebildet werden koͤnnen, ehe nicht schon Vertheilungen und Absonderungen der Empfindungen vorher gegangen sind, die nebst der Jdee von unserm Jch, durch die Grundzuͤge vom Gefuͤhl und Bewußt- seyn charakterisirt, zugleich auch Jdeen von andern wirk- lichen Objekten, die nicht unser Jch sind, hergeben mußten. Jener Jdee von unserm Jch mag man allen- falls den Vorgang geben, und sie als die erste ansehen, welche als eine Jdee von einem Dinge besonders erkannt worden sey; aber wenn die Reflexion schon so weit ge- kommen V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer kommen war, daß sie mit diesem Jnbegriff von innern Empfindungen den Gedanken verbinden konnte, es sey unser Jch ein wirkliches Ding fuͤr sich, so mußte sie auch die Vorstellungen von ihrem Koͤrper, und den aͤußern Gegenstaͤnden, auf gleiche Art zubereitet in sich antref- fen, daß sie solche ebenfalls zu Jdeen von aͤußern Din- gen machen konnte. Man kann sich einen Fall geden- ken, wo es etwas anders seyn wuͤrde. Wenn etwan eine Art von Empfindungen gaͤnzlich in der Seele zu- ruͤck geblieben ist, und nicht ehe, als, nachdem der Ver- stand aus den uͤbrigen schon die Grundbegriffe abstrahi- ret, und seine Grundsaͤtze uͤber die Wirklichkeit der Dinge befestiget hat, als ein Nachtrag hinzu kommt, so ist es wohl begreiflich, ja es ist zu vermuthen, daß die neuen Empfindungen sich an die vorhandenen Vorstellungen von Dingen, und besonders an die Vorstellung von dem Jch, allenthalben anlegen, und mit diesem zu einem Ganzen vereinigen werden, mehr und anders, als es sonst geschehen seyn wuͤrde. Darum konnte der Cheßel- denische Blinde die neuen Gegenstaͤnde, die er in den Duͤnen von Epsom sah, fuͤr eine neue Art von Se- hen annehmen, denn er vereinigte die Eindruͤcke von den Gegenstaͤnden mit seinen Gefuͤhlen von dem neu er- langten Sinn und dessen Wirkungen. Aber bey dem natuͤrlichen Gang der Reflexion eines Menschen, der von Anfang an mit dem Gesicht begabet ist, und dessen Denkkraft sich unter allen Arten von Empfindungen ent- wickelt, kann so ein falsches Urtheil nicht erwartet wer- den, wo nicht besondere Ursachen einen Jrthum veran- lassen. IX. Wie Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. IX. Wie wir die Theile unsers Koͤrpers als beson- dere Dinge kennen gelernet. D ieselbigen Wirkungsgesetze, und dieselbige Art des Verfahrens fuͤhrten zu den besondern Vorstellun- gen von den unterschiedenen Theilen des Koͤrpers, und von dem, was in ihnen ist. Der Jnbegrif der Gefuͤh- le aus der Hand, derer aus dem Fuß, derer aus dem Kopf, u. s. w. machten, jeder die Vorstellung Eines besondern Dinges aus, das von andern unterschieden war, weil jeder Eine ganze Empfindung verursachte, zu der die einzelnen Gefuͤhle durch die Koexistenz vereiniget sind. X. Grundregel, wornach wir uͤber die subjektivi- sche und objektivische Existenz der Dinge ur- theilen. D ieß gesagte fuͤhret nun zu dem letzten Schritt. Es laͤsset sich nemlich daraus eine allgemeine Regel be- stimmen, nach der wir noch jetzo die Gegenstaͤnde, die wir fuͤhlen, oder ihre Empfindungen unmittelbar in uns oder außer uns hinsetzen, das ist, die Regel, nach wel- cher das sinnliche Empfindungsurtheil uͤber die objekti- vische oder subjektivische Existenz der Dinge abgefaßt wird. Denn es ist ein anders, wenn wir daruͤber nach entwickelten Vernunftgrundsaͤtzen urtheilen. Diese Re- gel ist folgende: „Wir setzen eine jede Empfindung in „das Ding hin, in dessen gleichzeitigen Empfindung sie „wie ein Theil in einem Ganzen enthalten ist. Kurz, „jede Empfindung wird dahin gesetzet, wo wir sie em- „pfinden. Denn sie wird da und in dem Dinge em- „pfunden, wo und in dessen Empfindung sie selbst mit „begrif- V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer „begriffen ist.“ Es ist ein Gesetz des koͤrperlichen Se- hens in der Optik, daß wir die gesehenen Objekte an solchen Oertern und Stellen sehen, die wir mit ihnen zu- gleich vors Gesicht haben, und in deren Empfindung das Bild des Objekts als ein Theil der ganzen Empfin- dung enthalten ist. Dagegen sehen wir ein Ding bey einem andern, den Stern z. E. bey dem Mond, wenn die Empfindung von jenem mit der Empfindung von die- sem, als ein Theil mit einem andern Theil verbunden ist, und beide ein vereinigtes Ganze ausmachen. Dieß sind die Gesetze fuͤr das koͤrperliche Sehen. Man verallge- meinere sie, so hat man das obige Gesetz fuͤr das Gesicht des Verstandes. XI. Anwendung dieser Grundregel zur Erklaͤrung der besondern Urtheile. D ie Anwendung dieser Grundregel, wenn unsere sinn- lichen Urtheile aus ihr erklaͤrt werden sollen, ist an sich nicht schwer. Man darf nur ihren eigentlichen Sinn vor Augen haben. Daß alsdenn Ausnahmen vorkom- men sollten, die ihr entgegen sind, meine ich nicht. Es scheinen so gar die Faͤlle, worinn wir ungewiß, und zweifelhaft sind, ob wir die Dinge in uns oder außer uns setzen sollen, die Grundregel selbst zu bestaͤtigen. Figur und Farbe erscheinen uns allemal als Dinge außer uns; aber nicht allemal erscheint uns die Kaͤlte und Waͤr- me so. Einige dieser Art von Urtheilen sind veraͤnder- lich nach der Verschiedenheit der Umstaͤnde. Das an- gegebene Gesetz enthaͤlt auch hievon den Grund. Es kommt auf den Grad der Klarheit an, womit wir ent- weder unser Jch, oder unsere Organe oder andere Sub- stanzen zugleich mitempfinden, wenn der Eindruck em- pfunden wird, den wir in irgend eins dieser Dinge hin- setzen; Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. setzen; und da kann es durch zufaͤllige Ursachen an der erfoderlichen Lebhaftigkeit fehlen; oder diese kann an Ei- ner Seite der Empfindungen mehr als an einer andern vorhanden seyn. Die Freude, die Traurigkeit u. s. w. setzen wir in uns. Der Mensch kann sich freuen, ohne auch schon mit dieser Freude die Jdee zu verbinden, daß sie eine Beschaffenheit sey, die in einem Subjekt existire. Aber sobald dieser letzte Gedanke hinzukommt, so nimmt er seinen Gemuͤthszustand gewahr. Dieß kann er aber nicht, ohne sein Jch mit gewahr zu nehmen, oder, ohne zugleich seine Kraft, sein Gefuͤhl, sein Bewußtseyn, sei- ne Thaͤtigkeit mit zu empfinden. Er nimmt ein Gan- zes von Empfindungen zugleich gewahr, und in diesem Ganzen, das ist, in seinem Jch, nimmt er seine Freu- de gewahr, oder eine Beschaffenheit desselben. Die Freude ist also in ihm. Wenn ich mir jetzo den Mond in der Abwesenheit wieder vorstelle, und diese Wiedervorstellung zu beob- achten anfange, so nehme ich sie in mir gewahr, das heißt, das Gefuͤhl aus der gegenwaͤrtigen Vorstellung wird als ein Theil einer ganzen Empfindungsvorstellung von meinem Jch gewahrgenommen. Jch setze sie also in mich hin, wenn ich urtheile. Man kann so weit und so lebhaft in die Vorstellungen aͤußerer Objekte hin- eingehen, wie Archimedes in seine Zirkel, daß das Ge- fuͤhl unserer Selbst unter dem Grad verdunkelt wird, der zum klaren Bewußtseyn erfodert wird. Jn dieser Hitze der Betrachtung vergessen wir es am meisten, daß es unsere Vorstellungen sind, und nicht die Objekte, die uns beschaͤftigen. Die Eindruͤcke des Geschmacks und des Geruchs setzen wir, jene in die Zunge, diese in die Nase. Wir empfinden sie in dem Organ. Warum? Die Empfin- dung des ganzen Organs ist mit der Empfindung des I. Band. D d Geruchs V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer Geruchs verbunden. Es entstehen Bewegungen in dem Organ, deren Empfindung das Merkmal ist, daß es dieß Organ sey, welches veraͤndert wird. Jene Em- pfindung des Ganzen kann dunkel und matt seyn, aber doch nicht auf den Grad, daß nicht das Ganze mit eini- ger Klarheit unterschieden wuͤrde. Jn diesem Ganzen raget der Eindruck z. B. von der Nelke merklich hervor; aber doch nur als ein Theil einer ganzen Empfindung. Wenn ich die Nelke auf einer Stelle im Garten stehen sehe, so ist die sinnliche Vorstellung von diesem Theil des Bodens auch dunkler, als die Empfindung von der Nel- ke; aber sie ist doch bis dahin klar, daß ich nicht allein die Nelke sehe, sondern sie auch auf dem Fleck sehe, wo sie stehet. Wir riechen in der Nase und schmecken auf der Zunge. Dieses Urtheil ist unterschieden von dem folgenden. „Das Ding, was diesen Geruch und diesen Geschmack hat, ist außer uns.“ Das letztere Urtheil ist eine Folgerung, die wir durch ein Raisonnement gemacht haben. Es entstand nemlich eine Veraͤnderung; welche ihre Ursache in dem Organ nicht hatte, noch sonsten in uns selbst, und sie also in einem andern Dinge, das nicht wir selbst, noch unser Organ ist, das ist, in einem aͤußern Dinge haben mußte. Eine solche Folgerung mußte desto leich- ter entstehen, und desto gewoͤhnlicher seyn, je leichter es uns ward, den vorhergehenden Zustand unsers Selbst und des Organs zu uͤbersehen, und die Ursache der Ver- aͤnderung darinn zu vermissen. Dieß scheinet der Grund zu seyn, warum wir noch mehr den Geruch als den Ge- schmack den Objekten zuschreiben. Haben nicht die Er- fahrungen oͤfterer noch es bey den Empfindungen der Zunge als bey denen durch die Nase gelehret, daß die Ursache, warum der Eindruck so ist, wie er ist, zum Theil in der Beschaffenheit des Organs seyn koͤnne? Ein solches Urtheil uͤber die aͤußere Ursache der Empfindung kann Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. kann auch von einem Fall zu einem andern, mit dem es urspruͤnglich nicht verbunden war, uͤbergetragen seyn. Es kann dasselbige lebhafter seyn, als der Gedanke von der subjektiven Existenz des empfundenen Eindrucks ist, und kann diesen letzten verdunkeln. Das Feuer ist heiß, sagen wir, und schreiben die Hitze dem Feuer zu; und zugleich ist doch auch ein anderes Urtheil in uns, nem- lich das Feuer machet die Hitze in dem Finger. Wir setzen also die Hitze in unsern Koͤrper; aber jenes Urtheil ist das lebhafteste, und machet das letztere unmerkbar. Wir hoͤren den Schall nicht in den Ohren, als nur wenn er so heftig ist, daß uns die Ohren gellen, und wenn die starken Toͤne der Musik zu lebhaft auffallen. Jn den gewoͤhnlichen Empfindungen des Gehoͤrs fuͤhlen wir das Organ selbst nicht mit; wenigstens nicht klar genug, um diese Empfindung als eine eigene Empfin- dung gewahrzunehmen. Wir koͤnnen daher auch den Ton nicht in den Ohren fuͤhlen. Wo setzen wir diese Em- pfindung hin? Jn uns selbst, wie Home bemerkt hat? Nicht sogleich, nicht allemal, aber doch alsdenn, wenn wir eine Reflexion uͤber sie machen; auch wenn die Empfindung eine Empfindniß wird, und uns beschaͤfti- get. Jm Anfang wissen wir nicht, was wir aus einem Schall machen sollen. Jn die Classe unserer innern Selbstgefuͤhle gehoͤret die Empfindung nicht. Da ist sie also nicht. Jn den Ohren ist sie auch nicht. Außer uns denn? Sie ist etwas Abgesondertes, aber sie hat doch die Voͤlligkeit und Dauer nicht, um uns als ein fuͤr sich bestehendes Ding vorzukommen. Wir suchen daher ein Subjekt zu ihr, wohinein wir sie setzen koͤnnen, und die Reflexion ist alsdenn, wenn das toͤnende Jn- strument zugleich mit den Fingern befuͤhlet, oder mit den Augen gesehen wird, nicht abgeneigt, den Schall als eine Beschaffenheit in dem Jnstrument sich vorzustellen; und wuͤrde dieß gewoͤhnlich thun, wenn die Empfindung D d 2 des V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer des Tons nur mit der uͤbrigen gleichzeitigen Empfin- dung des Jnstruments genauer vereiniget waͤre. Weil dieß aber selten ist, so finden wir kein naͤheres Subjekt fuͤr den Ton als unser Jch, und setzen ihn also dahin, und dieß noch um desto mehr, weil die Toͤne selten gleich- guͤltige Gefuͤhle sind, und Gemuͤthsbewegungen veran- lassen, die wir nothwendig zu unserm Jch hinrechnen. Den Gesichtsempfindungen von Farben und Figuren, schreiben wir fast ohne Ausnahme eine Wirk- lichkeit außer uns zu. Warum setzen wir diese Ein- druͤcke nicht in die Augen, nicht auf die Netzhaut hin? Darum nicht, weil diese sanften und zarten Eindruͤcke leicht durch die Organe durchgehen, ohne Erschuͤtterun- gen hervorzubringen, wodurch die das Organ charakte- risirende Gefuͤhle erreget wuͤrden. Zuweilen geschicht doch das letztere. Wenn das schwache Auge von dem Licht bis zum Blendenden angegriffen wird, dann fuͤhlen wir, daß wir mit den Augen sehen. Wenn ein Funke aus dem Auge springet, das gestoßen und erschuͤttert wor- den ist, so empfinden wir die Veraͤnderung auch wohl in dem Auge. Jn den gewoͤhnlichen Faͤllen sehen wir also die Sache niemals in dem Auge. Der Cheßeldenische Blinde setzte sie dicht vor den Augen hin. Ohne Zweifel des- wegen, weil er es gewohnt war, die gefuͤhlten Gegen- staͤnde dicht an das Organ hin zu setzen. Warum wir aber denn die Gesichtsempfindungen nicht in uns selbst, sondern außer uns hinsetzen, davon ist der Grund aus dem vorhergehenden leicht einzusehen. Sie konnten nicht in uns gesetzet werden, weil sie nicht in der Empfindung unsers Jchs begriffen waren. Auch sind sie nicht solche voruͤbergehende Eindruͤcke, wie die Toͤne, sondern ganze Haufen vereinigter Empfindungen. Der Anblick von einem Baum, von seiner Figur, Farbe, Bewegung ist eine solche Menge von Empfindungen, die Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. die vereiniget ein vollstaͤndiges Ding vorstellen koͤnnen. Daher erscheinet jedwede Gesichtsempfindung entweder selbst als eine voͤllige Substanz, die außer uns und un- serm Koͤrper ist, das heißt, die von beiden reell ver- schieden ist; oder als eine Beschaffenheit von einer sol- chen. Ob die Gesichtsempfindungen einer Sache allein genommen, eine solche Vorstellung geben koͤnnen, als die ist von einem wirklichen Objekt, und vollstaͤndigen Dinge oder von einer Substanz, wie Hr. Home meinet, das scheinet an sich nicht unmoͤglich zu seyn; aber es ist auch gewiß, daß die unsrigen diese Beschaffenheit den mit ihnen verbundenen Empfindungen des Gefuͤhls zum Theil zu verdanken haben. Die gleichzeitigen Empfin- dungen durch beide Sinne vereinigten sich, und die Ein- druͤcke des Gesichts konnten, da sie am klaͤrsten und leich- testen zu reproduciren sind, auch am bequemsten, als die hervorstechende Merkmale des ganzen Jnbegriffs, das ist, des ganzen Dinges gebrauchet werden, wie es wirklich geschicht. Der Gedanke, daß die Gesichtsempfindun- gen weder zu unserm Jch gehoͤren, noch zu unserm Koͤr- per, konnte allein aus ihrer Vergleichung mit andern entstehen; aber der Gedanke: „sie sind vollstaͤndige Dinge, in eben dem Sinn, wie unser Jch ein Ding ist.“ Dieser Gedanke ist wahrscheinlich nur entstanden, weil sie die wesentlichen Merkmale von einer ganzen Vorstel- lung sind, die aus dem, was man sahe und was man fuͤhlte, zusammen bestehet. Endlich, — denn ich eile zum Schluß, — setzen wir die Eindruͤcke auf die Nerven, welche wir zum aͤußer- lichen koͤrperlichen Gefuͤhl hinrechnen, allemal in das Organ hin, sobald die Bewegungen so heftig sind, daß sie das Organ lebhaft erschuͤttern, hingegen außer uns, wenn wir nur sanft beruͤhret werden, und die Empfin- dung deutlich ist. Der Schmerz, der Kizel, Frost und D d 3 Hitze V. Versuch. Ueber den Urspr. unsrer Hitze sind in dem Koͤrper; aber das Sanfte, die Glaͤtte, die Festigkeit, die Haͤrte, die Bewegung sind Beschaf- fenheiten aͤußerer Dinge, nach unsern sinnlichen Ur- theilen. An eine sonsten auffallende Beobachtung will ich nur mit zwey Worten erinnern. Unsere Urtheile uͤber die subjektivische und objektivische Existenz der Empfindun- gen, kleben diesen so fest an, daß si e auch in der Repro- duktion mit ihnen verbunden bleiben. Jm Traum stel- len wir uns die gesehenen Dinge, Figuren und Farben als aͤußere Gegenstaͤnde vor, niemals als etwas in uns; — und unsere Gemuͤthsbewegungen dagegen als etwas, das in uns ist, niemals als aͤußere Objekte. XII. Wie daraus der Unterschied zwischen qualita- tibus primariis und secundariis zu begreif- fen sey. D ie alten und auch einige von den neuern Philosophen, haben viel auf den Unterschied zwischen den so ge- nannten qualitatibus primariis et secundariis gebauet. Was wir schmecken, riechen, hoͤren, auch die Farben rechnen die mehresten zu den qualitatibus secundariis. Diese Abtheilung ist mit einer andern Abtheilung der Beschaffenheiten, in Grundbeschaffenheiten und in abgeleitete Beschaffenheiten verwandt, aber doch nicht voͤllig dieselbe. Die Empfindungen und Empfindungsvorstellungen haben ihren Grund in den reellen Beschaffenheiten der Dinge, denen sie entsprechen. Aber einigen von diesen objektivischen Beschaffenheiten sollen unsern sub- jektivischen Bildern von ihnen aͤhnlich seyn, wie verschiedene Philosophen sich ausdruͤcken. Und dieß sind quali- Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. qualitates primariae. Bey andern Vorstellungen soll eine solche Aehnlichkeit mit ihren Objekten nicht statt ha- ben, und dann sind diese objektivischen Beschaffenheiten die so genannten qualitates secundariae. Zu den qualitatibus primariis gehoͤret die Farbe, die Figur, die Ausdehnung, der Ort, die Bewegung, mit einem Wort, alle Vorstellungen, die wir durch das Gesicht und Gefuͤhl erlangen, und die den Begrif vom Raum, von der Zeit, von der Bewegung zum Grunde haben. Bey diesen Dingen und Beschaffenheiten sind, sagt man, die Empfindungen oder die Eindruͤcke auf die Sinne, die wir von den Koͤrpern empfangen, ganz verschieden von den Vorstellungen der Sachen, welche aus den Empfindungen gemacht werden. Wir em- pfinden nichts als Licht und Farben durch die Augen; die Vorstellungen aber von der Gestalt und Bewegung, sind Vorstellungen, die, nach Reids Philosophie, mit je- nen Eindruͤcken keine Aehnlichkeit haben; aber Vorstel- lungen von dem Objektivischen in den Dingen sind. Wir sehen sie immer an als Etwas außer uns, in den Ob- jekten selbst. Diese Vorstellungen sollen auch nach des genannten Philosophen Gedanken, aus den Empfin- dungen nicht entspringen, sondern unmittelbare Wirkun- gen des gemeinen Menschenverstandes als eines beson- dern Vermoͤgens der menschlichen Seele seyn. Jch will hier nur mit wenig Worten meine Mei- nung daruͤber sagen, davon die Gruͤnde in den vorher beygebrachten Betrachtungen offenbar sind, so daß fast nur mit andern Ausdruͤcken noch einmal erinnert werden darf, was schon gesagt ist. Die Empfindungen der aͤußern Sinne von den qualitatibus primariis der Dinge sind Eindruͤcke, eben so wie die uͤbrigen, nur mit dem Unterschied, daß sie, als Bilder betrachtet, deutlicher und auseinandergesetzter sind. Es ist also mehr in ihnen zu unterscheiden. Der Ton, der Geschmack ist eine D d 4 einfache V. Versuch. Ueber den Urspr. unserer einfache verwirrte Empfindung, wie vor den Augen ein verwirrter heller Flecken ist. Aber die Gesichtseindruͤcke sind deutlich, und geben viel zu unterscheiden. Beide Arten von Empfindungen, so wohl von den secundariis qualitatibus, als von den primariis, sind entsprechende Zeichen von ihren Gegenstaͤnden und den Beschaffenhei- ten, mit dem Unterschied, daß jene nur allein Zeichen, die letztern aber bildliche Zeichen, und Vorstellungen in einer engern Bedeutung sind. Die Gesichtsempfindung von einem Punkt ist, in so ferne sie nichts deutliches ent- haͤlt, nicht mehr Vorstellung von einem Punkt, als das Gefuͤhl von einer Nadelspitze eine Vorstellung von ihm ist. Die Vorstellungen von den qualitatibus primariis sind so, wie wir sie in uns gewahrnehmen, Jdeen, das ist, mit der Denkkraft bearbeitete Vorstellungen; und das, was die Denkkraft hinzugesetzt hat, diese Ver- haͤltnisse und Beziehungen der Theile gegen einander, ist das vornehmste in ihnen, betraͤgt das meiste, und ziehet unsere Aufmerksamkeit mehr auf sich, als das blos empfundene. Jn den undeutlichen Empfindungen ver- haͤlt sich die Sache anders. Aus der gegebenen Regel, nach der wir die Objekte der Vorstellungen in uns, oder außer uns, in dieses oder jenes Sinnglied, oder außer dem Koͤrper hinsetzen, wird man begreifen, warum die herrschende Deutlichkeit in den Eindruͤcken des Gesichts und des Gefuͤhls, die nicht schmerzhaft oder kitzelnd sind, mit unter die Ursa- chen gehoͤre, daß wir ihnen aͤußere Subjekte unterle- gen. Denn da sie deutlicher und schwaͤcher sind, als an- dere Empfindungsvorstellungen, so reizen sie auch mehr die Denkkraft zur Beschauung, zum Vergleichen, zum Denken, als das Gefuͤhl, die Empfindsamkeit und die Triebe zum Empfinden und zum Handeln. Es sind das Kenntn. v. d. objektiv. Existenz d. Dinge. das Gesicht und das Gefuͤhl darum die Sinne des Ver- standes, weil dieser sich natuͤrlicher weise mit ihren Ein- druͤcken am liebsten beschaͤftiget, weil er hier am leichte- sten wirken kann, und am meisten Nahrung fuͤr sich fin- det. Es fehlet ihnen also der Charakter solcher Modifi- kationen, die wir als subjektivisch in uns existirend an- sehen. Wir unterscheiden sie demnach, und setzen sie daher eben so nothwendig außer uns hin, als wir die uͤbrigen in uns selbst oder in unsere Sinnglieder hin- bringen. D d 5 Sechster VI. Versuch. Ueber den Unterschied Sechster Versuch . Ueber den Unterschied der sinnlichen Kennt- niß und der vernuͤnftigen. I. Von der sinnlichen Kenntniß und den dabey wirk- samen Denkungsvermoͤgen. 1) Unterschied der sinnlichen Erkenntniß und der vernuͤnftigen. 2) Erste Art der sinnlichen Kenntnisse. Reine Erfahrungen. Reine Empfindungsideen. Unmittelbare Empfindungsurtheile. 3) Schwierigkeiten bey einigen unmittelbaren Empfindungsurtheilen, die man fuͤr mittel- bare anzusehen pflegt. Sinnliche Urtheile uͤber die sichtliche Groͤße der Objekte. 4) Zwote Art der sinnlichen Kenntnisse. 5) Naͤhere Betrachtung des sinnlichen Urtheils. Entstehungsart desselben. 1. A lle vorhergehende Betrachtungen fuͤhren noch im- mer auf das naͤmliche Resultat hin. Ein Wesen, das fuͤhlen, Vorstellungen machen und Verhaͤltnisse fas- sen oder gewahrnehmen kann, ist aufgelegt zu alle dem, was eine Menschenseele verrichtet, wenn sie sich Kennt- nisse verschaffet. Alle Verstandesthaͤtigkeiten bestehen aus diesen genannten Elementar-Aktionen. Dieß zu zeigen, war ein Theil meiner Absicht in den beyden naͤchst vorher- der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. vorhergehenden Versuchen. Nun ist noch ein anderer zuruͤck, nemlich das Verhaͤltniß dieser Grundthaͤtigkeiten und der Vermoͤgen, gegen einander, und ihrer Abhaͤn- gigkeit von einander aus Beobachtungen aufzusuchen. Jch verlange hieruͤber kein anders Licht, als das, was die Erfahrung giebet: keine Hypothese, keine Spekula- tion aus Begriffen. Wenn aber jene Fackel verloͤscht, was alsdenn zu thun sey, muß man sehen, wenn es da- hin kommt. Jedwede Erkenntniß ist als Erkenntniß ein Werk der Denkkraft. Aber wir haben sinnliche Erkennt- nisse, und wir haben vernuͤnftige. Das gemeine Ge- fuͤhl empfindet diesen Unterschied. Bey jener wirket die Denkkraft das wenigste; bey dieser das meiste. Da sind also zwey von einander abstehende Seiten der Erkennt- nißkraft. Die Beziehungen dieser beiden auf einander, und der Unterschied in dem Verhaͤltnisse, worinn jedes einfache Vermoͤgen das Seinige zu der sinnlichen und zu der vernuͤnftigen Kenntniß beytraͤget, koͤnnen uns einen Schritt zu den Beziehungen dieser Vermoͤgen selbst naͤ- her bringen. Ueber beides ist von den neuern Untersu- chern, von Locke, Condillac, Bonnet, Hume und andern so vieles beobachtet und gesagt worden, und in der That noch mehr von Leibnitz und Wolf, daß ich die meisten male nur auf diese verweisen darf. Doch ist auch etwas von ihnen zuruͤckgelassen, das nicht lauter Spreu ist, wenn man es aufsammlet. Was insbeson- dere die Natur unserer vernuͤnftigen Einsicht, den Gang des Verstandes in den Spekulationen und die Ein- richtung der allgemeinen Theorien betrift, so haben die genannten Auslaͤnder, auch Bacon nicht ausgenom- men, diese nur in der Ferne, und ziemlich dunkel gese- hen. Man hat den Verstand am oͤftersten da beobach- tet, wo er Erfahrungen sammlet, und aus Empfindun- gen sich die ersten sinnlichen Jdeen machet, wie in der Natur- VI. Versuch. Ueber den Unterschied Naturlehre und Seelenlehre; aber da, wo dieselbige Denkkraft einen hoͤhern Flug in den allgemeinen Theori- en nimmt, und Wahrheiten zu Wissenschaften zusam- menkettet; auf dieser Bahn, die in der Philosophie so schluͤpfrig, als sie fest und eben in der Mathematik ist, wie da ihr Gang und was die Richtschnur ihres Verfah- rens sey, das hat man nicht so scharf, so innig, so an- schauend nachgespuͤret. Und dieß ist die Quelle so man- cher einseitigen Urtheile. Ob die Denkkraft dann viel- leicht nicht mehr in einer ihr natuͤrlichen Beschaͤftigung sich befinde, wann sie spekuliret? Ob die allgemeinen Abstraktionen und deren Verbindung nicht etwan außer ihrer Atmosphaͤre liegen? ob sie hier in einer zu duͤnnen Luft, oder auch bestaͤndig mit Nebel und Wolken umge- ben sey, und jemals sichere Kenntnisse erhalten koͤnne? Dieß, meine ich, sind keine Fragen mehr, und Dank sey es den mathematischen Wissenfchaften, daß sie es nicht mehr sind. Auf eine allgemeine Grundwissen- schaft, die in der Philosophie die Algeber seyn soll, will ich mich hier nicht berufen, weil von ihr noch die Frage ist, was man an ihr hat? Hume hat ihr zum voraus ihr Urtheil gesprochen, und nach so maͤchtigen Versuchen, welche die Metaphysiker und unter diesen Leibnitz und Wolf gemacht haben, sie einzurichten, wuͤrde vielleicht die Mehrheit der neuern Philosophen sie aus der Liste der moͤglichen Wissenschaften ausgestrichen haben wollen. Aber die Geometrie, die Optik, die Astronomie, diese Werke des menschlichen Geistes und unwiderlegliche Beweise seiner Groͤße, sind doch reelle und feststehende Kenntnisse. Nach welchen Grundregeln bauet denn Menschenvernunft diese ungeheuren Gebaͤude? Wo fin- det sie dazu den festen Boden, und wie kann sie aus ih- ren einzelnen Empfindungen Allgemeine Grundideen und Principe ziehen, die als ein unerschuͤtterliches Funda- ment so hohen Werken untergeleget werden. Hiebey muß der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. muß doch die Denkkraft sich in ihrer groͤßten Energie beweisen. Jch wiederhole es; Jede Erkenntniß, als Erkennt- niß, ist ein Werk der Denkkraft. Nicht das Gefuͤhl, nicht die vorstellende Kraft kann unterscheiden, ge- wahrnehmen und erkennen. Dieß thut die Denkkraft. Aber dadurch wird das Eigene der sinnlichen und der Empfindungserkenntnisse nicht aufgehoben. Wor- inn bestehet dieser Unterschied? 2. Bey den Erfahrungen, bey denen, die reine Erfah- rungen sind, oder, wenn man das Wort, Erfahrung, wie es gemeiniglich geschicht, nur fuͤr die Erkenntniß der Sachen gebrauchen will, die aus der Vergleichung der Beobachtungen mit dem Verstande gezogen wird, und die uns die Sachen so vorhaͤlt, wie sie sind, nicht wie sie in einzelnen Beobachtungen zu seyn scheinen, so sage man lieber, bey den reinen Empfindungsurtheilen; bey diesen wird die Aktion der Denkkraft, wenn sie ur- theilet, durch nichts als durch die Empfindung oder, ei- gentlich, durch die Empfindungsvorstellung bestim- met, die in uns von den Objekten gegenwaͤrtig vorhan- den ist. Die Denkkraft unterscheidet, haͤlt Dinge fuͤr einerley, beziehet Eins aufs andere, je nachdem die Ein- druͤcke sie leiten, die sie von den Objekten aus der Em- pfindung her hat. Der Mond ist so groß als die Son- ne. So urtheilet der Verstand des Schaͤfers. Eben so siehet es der Astronom, das ist, er urtheilet eben so, wenn seine Reflexion von diesen Gesichtsbildern sich zum Vergleichen und Urtheilen bringen laͤsset, und nichts an- ders da ist, wodurch die Denkthaͤtigkeit geleitet wird. Es ist ein Naturgesetz der Denkkraft, „da wo sie in ih- „ren Vorstellungen von zweyen Objekten das Kennzei- „chen der Gleichheit findet;“ und das findet sie in die- sem VI. Versuch. Ueber den Unterschied sem Fall, wo die Lichtstrahlen von den aͤußersten Enden der Objekte unter gleichen Winkeln zusammenlaufen; „da muß sie, wenn sonsten nichts im Wege stehet, das „Urtheil faͤllen: Ein Gegenstand ist so groß als der an- „dere.“ Die reinen Empfindungskenntnisse sind ein großer Schatz, aber auch seltener als es gemeiniglich ge- glaubet wird. Sie machen den re inen und festen Stoff aller Kenntnisse aus, die wir von wirklichen Dingen haben koͤnnen, und man kann nicht genug darauf drin- gen, daß sie mit Sorgfalt gesammlet, und von allen andern, die es nicht sind, und bey denen etwas fremdes den Empfindungsvorstellungen eingemischt ist, das die Denkkraft bestimmet hat, ausgesondert werden. Laß es seyn, daß sie nur einseitige, und oft falsche Kenntnisse sind, die wir nachher wegwerfen, wie das eben angefuͤhr- te sinnliche Urtheil, daß der Mond der Sonne fast gleich sey, so muß man diese reinen Empfindungsurthei- le doch erst kennen, ehe man sie umaͤndert, und auch alsdenn hoͤren sie noch nicht auf, brauchbar zu seyn. Weder die Phantasie, noch die Dichtkraft, soll hier etwas an den Vorstellungen aͤndern, die von den em- pfundenen Gegenstaͤnden gekommen sind, wenn es reine Erfahrung bleiben soll. Sobald dergleichen geschicht, so sind es nicht mehr reine Empfindungskenntnisse. Die Empfindung kann sich selbst aͤndern, und dann die Vor- stellung aus der Empfindung mit ihr. Das ist ein an- ders. Jn solchen Faͤllen giebt es mehrere verschiedene Empfindungen von einerley Sachen. Die Farbe er- scheint bey dem Kerzenlicht anders, als am Tage. Aber jedwede dieser verschiedenen Vorstellungen ist eine wahre Empfindungsvorstellung, und die Jdee und das Urtheil, das dieser allein nachgehet, ist ein reines Empfindungs- urtheil. Hat die Phantasie oder die Dichtkraft an dem Bilde Antheil, hat sie etwas zugesetzet oder abgelassen, so der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. so haben wir zwar noch ein sinnliches Urtheil, aber keine reine Beobachtung mehr. Auch hoͤret der Gedanke auf, eine reine Beobach- tung zu seyn, sobald ein vorgefaßtes Urtheil, das jetzo wieder erneuret wird, oder nur ein aus andern Empfin- dungen gezogenes Gemeinbild, das mit der gegenwaͤrti- gen associiret wird, oder ein Raisonnement, das man unvermerkt hinzusetzet, die Denkkraft hindert, allein nach den Bildern der Empfindung sich zu richten, und sich von diesen lenken zu lassen. Das Urtheil in dem Kopf des Schaͤfers: der Mond ist groͤßer als ein Stern, richtet sich nach seinen Empfindungsvorstellungen. Aber er folget diesen doch nur unter der Bedingung, daß son- sten nichts im Wege stehe. Die Verbindung, welche zwischen dem Urtheil, als den Verhaͤltnißgedanken, und zwischen den Beschaffenheiten der Vorstellungen, nach denen jenes sich richtet, statt findet, ist nichts weniger als an sich unaufloͤslich. Es sind unzaͤhliche Faͤlle, wo die Beziehung in den Bildern die naͤmliche ist, wie in dem angefuͤhrten Fall, und wo dennoch die Denkkraft, weil andere Bestimmungsgruͤnde dazwischen treten, ei- nen andern Verhaͤltnißgedanken hervorbringet. Das Bild von einem Thurm, in der Ferne gesehen, ist nicht groͤßer, als das Bild von einem Strohhalm in der Naͤ- he, und dennoch denket man nicht nur den Thurm viel groͤßer; sondern was hier noch mehr ist, man siehet ihn auch groͤßer. 3. Das letztangefuͤhrte Beyspiel, dem viele andere aͤhn- lich sind, besonders unter denen, die aus den Gesichts- eindruͤcken entspringen, lehret uns nicht nur, wie außer- ordentlich schwer es zuweilen sey, was wirklich in unse- rer gegenwaͤrtigen Empfindung enthalten ist, von dem auszufuͤhlen, was durch eine Jdeenverknuͤpfung hinzuge- setzet VI. Versuch. Ueber den Unterschied setzet wird, sondern fuͤhret auch noch auf eine besondere Schwierigkeit, die Condillac Traité des sensations. schon bemerket hat, und auf welche in den neuern Erklaͤrungen von dem Ur- sprung unserer Gesichtsurtheile, nicht Ruͤcksicht genug genommen wird. Freylich sind die reinen Empfin- dungsurtheile weit seltener, als man es gemeiniglich glaubet; aber man hat doch auch ihre Zahl zu sehr ein- geschraͤnket, und aus einer Jdeenassociation oder aus einem Raisonnement manches hergeholet, was nach meiner Meinung zu den unmittelbaren Erfahrungen ge- hoͤret. Sollte nicht der Grundsatz, „daß dasjenige, „dessen ich mir deutlich und stark in meinem gegenwaͤrti- „gen Gefuͤhl bewußt bin, auch wirklich darinn enthalten „ist, ein festes Axiom seyn, welches keinen Ausnahmen „unterworfen ist?“ Wenn es nicht ist, so koͤnnen wir wenigstens bey solchen Arten von Beobachtungen, von ihrer Zuverlaͤssigkeit nicht versichert seyn, und nicht wis- sen, ob das was wir gegenwaͤrtig zu empfinden glau- ben, nicht eine Phantasie aus fremden Empfindungen her sey? Ein Mensch, der vier Fuß von mir abstehet, und sich nun noch einmal so weit entfernet, wird eben so groß ge- sehen, als vorher; und der Mond scheinet am Horizont groͤßer als in der Hoͤhe Robert Smith hat in so weit (in seiner von dem Hr. Hofr. Kaͤstner umgearbeiteten Optik. S. 57.) dieß Phaͤnomen erklaͤret, daß es nunmehr gewiß ist, es habe dieselbige Ursache, die dem Himmel das Ansehen eines laͤnglichen elliptischen Gewoͤlbes giebt, indem wir den Mond fuͤr so groß ansehen, als das Stuͤck die- ses Gewoͤlbes, das von ihm bedecket wird. Aber man kann von neuen fragen, was denn von dieser Gestalt des Himmels der Grund sey, und nach welchem Gesetz des Sehens dieß letztere Bild entstehen muͤsse? Dann muß . Jn jenem Fall urtheilen wir nicht der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. nicht nach der Groͤße des Bildes im Auge, und es ist gut, daß wir es nicht thun, weil unser Urtheil unrich- tig seyn wuͤrde, wenn wir es thaͤten. Jn dem letztern Fall weichen wir ebenfalls von dieser Richtschnur ab; aber hier waͤre es gut, wenn wir dabey blieben; alsdenn wuͤrde unser Urtheil richtig seyn, wie es nun nicht ist. Man sagt mir, daß die Empfindung des Gegenstan- des in der groͤßern Entfernung, die aus andern Empfindungen erlangte Jdee von seiner sichtlichen Groͤ- ße mit sich verbunden habe, und solche mir jetzt durch ei- ne Jdeenassociation vorhalte. Das waͤre recht gut, wenn ich eine solche Groͤße mir alsdenn nur einbildete, wenn ich sie nicht wirklich in dem Gegenstand saͤhe und em- pfaͤnde, oder doch fest und sicher zu sehen und zu em- pfinden glaubte. Der Hang, was mit einer gegenwaͤr- tigen Jmpression von einem Objekt zugleich in uns vor- handen ist diesen letztern zuzuschreiben, ist zwar gewoͤhn- lich und verursachet die bekannten maͤchtigen Wirkungen der Jdeenassociation; aber es muß doch dem scharfsinni- gen Selbstgefuͤhl moͤglich seyn, diese vergesellschafteten Einbildungen von dem, was wahrer gegenwaͤrtiger Ein- druck ist, zu unterscheiden. Den obgedachten Beyspie- len muß man doch am Ende auf allgemeine Regeln kom- men, wornach die sichtliche Groͤße empfunden wird. Diese sichtliche Groͤße in der Empfindung aber haͤngt nicht allein von der Groͤße des optischen Winkels, oder von der Groͤße des Bildes auf der N tzhaut ab, son- dern auch von andern Zuͤgen in der ganzen Empfindung, von der Helligkeit und Dunkelheit, von der Entfernung. Auch die Groͤße des Bildes im Auge richtet sich wohl nicht allein nach der Groͤße des Winkels, unter wel- chem die Strahlen von den aͤußersten Punkten in dem Objekt am Auge zusammen laufen. Nach welchen Ge- setzen wird also die scheinbare Gestalt des Himmels so empfunden, wie wir sie sehen? I. Band. E e VI. Versuch. Ueber den Unterschied len scheinet doch das Bewußtseyn, daß ich fuͤhle und empfinde, zu stark und zu lebhaft zu seyn, als daß ich mir nur einbilden koͤnnte, zu empfinden. Diese Schwierigkeit verdienet eine naͤhere Betrachtung. Das Empfindungsurtheil ist ein reines Empfin- dungsurtheil, oder wuͤrde es doch seyn, wenn nichts mehr, als eine bloße Beziehung zweer oder mehrerer gegenwaͤrtigen gefuͤhlten Eindruͤcke, und deren Gewahr- nehmung, darinn enthalten ist. Wenn ich nichts mehr denke, als daß der Eindruck von einem Baum von dem Eindruck der Huͤtte, bey dem er stehet, unterschieden ist, so ist dieß ein solches einfaches Empfindungsurtheil, das keine anderweitige Vorstellungen und keine Gemeinbil- der voraussetzet, noch von Jdeenverknuͤpfung abhaͤngt. Solche einfache Urtheile sind in uns; aber ehe sie zu Stande kommen, haben sie auch schon Gemeinbilder abgesondert, die sich mit der Beziehung und mit der Ge- wahrnehmung vereinigen. Sieh. Versuch 4. VI. 5. Jedwedes Empfindungsurtheil, worinn wir einer uns gegenwaͤrtigen Sache eine Beschaffenheit zuschreiben, die wir in dem sinnlichen Eindruck von ihr gewahrneh- men, — ich rede hier nur zunaͤchst von den Empfindun- gen aͤußerer Gegenstaͤnde, — ist, so wie es nun in uns ist, ein zusammengesetzter Gedanke, der unter seine Jngredienzen allgemeine Vorstellungen oder Gemein- bilder hat, die sich mit der gegenwaͤrtigen Jmpression verbinden. Die einfachste Beobachtung „das Feuer leuchtet,“ faßt folgende Stuͤcke in sich: Erstlich einen gefuͤhlten Eindruck oder eine sinn- liche Jmpression von dem Feuer, und einen hervorste- chenden Zug in ihr, der besonders gefuͤhlet, von der ganzen Jmpression unterschieden, und auf das Ganze, wie eine Beschaffenheit auf ihr Subjett, bezogen wird. Dann der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. Dann ein Gemeinbild vom Leuchten, das aus andern vorhergegangenen Empfindungen abgesondert ist, und mit jenem sich ausnehmenden Zuge in der ge- genwaͤrtigen Jmpression zusammenfaͤllt. Zuweilen wird jenes mit diesem merklicher verglichen, uͤberhaupt aber wird es reproducirt und damit vereiniget. Hiezu kommt der Gemeinbegrif von einem aͤußern Objekt, der sich gleichfalls associirt, und das, was sonsten nur eine Beziehung der gegenwaͤrtigen Eindruͤcke seyn wuͤrde, zu einem Urtheil uͤber einen aͤußern Gegen- stand machet. Versuch 4. VI. Versuch 5. V. Die Verbindung solcher Gemeinbilder mit den ge- genwaͤrtigen Eindruͤcken macht die puren Empfin- dungen erst zu Erfahrungen und Beobachtun- gen, als Erkenntnißarten aͤußerer Objekte. Dadurch hoͤren die Beobachtungen noch nicht auf, reine Erfah- rungen, oder reine Empfindungsurtheile zu seyn; aber wie weit kann es mit jener Association gehen, wenn sie es nicht mehr seyn sollen? Sind die gegenwaͤrtigen Gefuͤhle eben solche Jmpressionen, wie diejenigen, woraus der mit ihnen verbundene Gemeinbegrif abstrahiret worden ist, so muͤs- sen sie auch nothwendig unter diesem Bilde vorgestellet werden; so sind sie solche Dinge und solche Beschaffen- heiten, und werden als solche empfunden, wirklich ge- fuͤhlet, wie sie alsdenn erscheinen, wenn die anders- woher genommene Abstraktion mit dem gegenwaͤrtigen Eindruck zusammenfaͤllt. Der Zug in dem Eindruck von dem Feuer, den ich das Leuchten nenne, ist so ein Zug, wie er es in allen uͤbrigen Empfindungen gewesen ist, aus denen ich das Leuchten kenne, und also empfin- de ich gegenwaͤrtig das Leuchten. Dieß ist eine reine Erfahrung; denn es ist dasselbige in der gegenwaͤrtigen E e 2 Empfin- VI. Versuch. Ueber den Unterschied Empfindung wirklich enthalten und so enthalten, wie ichs mir vorstelle, wenn ich es unter der Jdee vom Leuchten gedenke. Ob die Empfindungsurtheile in diesem Fall auch zu- gleich objektivisch wahre Urtheile sind, das heißt, ob die bey den Objekten empfundene Beschaffenheit ih- nen wirklich zukommt, mit allen Folgen und Wir- kungen, die daraus fließen? Dieß ist dann noch eine andere Frage, die urspruͤnglich diesen Sinn hat: ob ihre gegenwaͤrtig empfundene Beschaffenheit eben dieselbige ist, die andern Gegenstaͤnden zukommt, bey denen wir sie als dieselbige empfunden haben? Und diese Frage ist alsdenn nur mit Zuverlaͤssigkeit zu bejahen, wenn wir versichert sind, daß der gegenwaͤrtige Eindruck unter denselbigen Umstaͤnden von dem Objekt entspringet, unter welchem er in den sonstigen Faͤllen entstanden ist, das heißt, wenn wir wissen, daß alle Erfordernisse der Empfindung dieselbigen sind, wie sonsten. Denn diese Gleichheit der uͤbrigen Umstaͤnde, des Organs, der Lage der Sache gegen das Organ, und der uͤbrigen Mittel- ursachen setzen wir voraus, wo wir die Beziehungen und Verhaͤltnisse der empfundenen Dinge nach den Be- ziehungen und Verhaͤltnissen der von ihnen in uns ent- standenen Jmpressionen, uns vorstellen und beur- theilen. Diese letztere Frage wollen wir hier bey Seite setzen. Sie gehoͤret zu dem Gebrauch unserer Empfindungen, wenn aus ihnen uͤber die Gegenstaͤnde geurtheilet wird. Hier soll nur auf die subjektivische Zuverlaͤssigkeit der Empfindungen als Empfindungen gesehen werden; wo- bey alles darauf beruhet, daß es wirklich eine Empfin- dung sey, was wir zu empfinden glauben, und keine Phantasie, oder Vorstellung aus einer abwesenden Em- pfindung. „Wenn der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. „Wenn die gegenwaͤrtige Jmpression, oder ein Zug „in ihr, nicht zu der Klasse von Eindruͤcken gehoͤret, aus „denen das Gemeinbild abstrahiret ist, sondern das letz- „tere durch eine Association anderer Eindruͤcke, woraus „es her ist, erwecket und mit dem gegenwaͤrtigen verei- „niget ist, so ist die Empfindung der unter einem „solchen Gemeinbilde vorgestellte Sache oder Beschaf- „fenheit, nicht mehr eine reine Empfindung;“ nicht mehr, was sie in dem erstern Fall war, man mag sie nun einen Schlußgedanken, ein mittelbares Ur- theil, einen mittelbaren Schein, eine unaͤchte Em- pfindung — wenn sie so schwer von einer reinen Em- pfindung zu unterscheiden ist, — oder anders nennen, wie man will. Wenn also die Frage ist, ob wir die reine Empfin- dungen von den mittelbaren Urtheilen aus Empfin- dungen unterscheiden koͤnnen? so kommt es darauf an, ob wir die ehemaligen Empfindungen, aus denen die Abstraktion von einem Praͤdikat der Sache genom- men ist, kennen; ob wir solche, so weit jene Abstraktion sie nach ihrer Aehnlichkeit vorstellet, mit der gegenwaͤrti- gen Jmpression von der Sache, vergleichen, und es alsdenn wissen koͤnnen, in einem Fall, daß die vorigen Empfindungen von der jetzigen verschieden sind, und in einem andern, daß sie einander aͤhnlich und dieselbi- gen sind? Versuch 5. VIII. Wir haben das Gemeinbild vor uns, und durch dieses sehen wir die ehemaligen Empfindungen, und die gegenwaͤrtige mit. Lassen sich jene Empfindun- gen lebhafter reproduciren? lassen sich die gegenwaͤrti- gen Eindruͤcke ohne das Gemeinbild lebhafter fuͤhlen, ge- wahrnehmen, und dann, wo sie von jenen verschieden sind, auch wirklich unterscheiden? Das Gemeinbild ist wie ein Glas, das uns vor Augen tritt. Die vergan- gene Empfindungen koͤnnen wir nur sehen durch dasselbe, E e 3 wenig- VI. Versuch. Ueber den Unterschied wenigstens so lange nur, bis wir die Reproduktion der einen oder der andern voͤlliger machen, bis dahin, daß sie mehr als das allgemeine Aehnliche enthaͤlt. Aber die Hauptsache ist, daß wir solches bey der gegenwaͤrti- gen Jmpression weglegen, diese, so zu sagen, mit bloßen Augen ansehen, und sie alsdenn mit dem Schein durch das Glas vergleichen. Um das Allgemeine auf einen besondern Fall bey den Gesichtsempfindungen anzuwenden, so stehe ein Mensch vier Fuß von mir ab. Jch habe alsdenn einen sinnlichen Eindruck von ihm, den ich fuͤhle, und dieser giebt mir eine Jdee von seiner sichtlichen Groͤße. Wenn nun dieser Mensch noch einmal so weit von mir abgeht, so ist meine Jmpression veraͤndert: es ist ein kleinerer Winkel am Auge, und ein kleineres Bild auf der Netzhaut. Kann ich diese Verschiedenheit gewahr- nehmen? oder, wenn ich sie nicht gewahrnehme, wenn der sichtliche Schein der Groͤße noch unveraͤndert dersel- bige ist, kann ich sagen, ich fuͤhle, daß er noch dersel- bige sey, und daß ich den Menschen noch eben so groß empfinde als vorher? oder kann ich wohl mehr sagen, als, ich fuͤhle keinen Unterschied? Laß das Objekt noch weiter sich entfernen, so wird doch endlich der Unterschied in der Jmpression so groß werden, daß wir ihn bey ei- ner genauern Beobachtung bemerken koͤnnen. Aber wir geben selten darauf acht, und wenn wirs auch thun, so meinen wir doch, daß wir jetzo noch sehen, die Sache sey eben so groß, oder doch beynahe, als vorher. Wir sagen, wir empfinden noch dieselbige sichtliche Groͤße. Jst dieß letztere eine wahre Empfindung oder eine Ein- bildung? Gemeiniglich erklaͤrt man dieß so: Es giebt gewisse Arten, die Objekte in gewissen Lagen, in einer gewissen Naͤhe, und unter gewissen Umstaͤnden durchs Auge zu empfinden. Aus diesen Empfindungen nehmen wir die Jdeen der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. Jdeen von ihren sichtlichen Groͤßen, welche uns die ge- woͤhnlichsten sind, oder bey denen wir doch am meisten die Jmpression bemerken. Und dieß sind meistentheils solche Empfindungen, bey welchen der Abstand des Ob- jekts von uns, und die sonstigen Umstaͤnde dieselbigen sind, oder uns doch so vorkommen. Die so entstehende Jmpression ist das Bild oder die Vorstellung ihrer sichtlichen Groͤße, die man die Groͤße nach dem Sehewinkel nennen kann. Bey einer groͤßern Ent- fernung und unter andern veraͤnderten Umstaͤnden der Empfindung haben wir nun freylich eine solche Jmpres- sion von der Sache nicht. Der Sehewinkel ist kleiner, aber die Entfernung, auch ein gewisser Zug in der ge- genwaͤrtigen Jmpression, wird zugleich mit empfunden. Diese Empfindung koͤnnte fuͤr sich auch ein Bild oder eine Vorstellung von der sichtlichen Groͤße der Sache ge- ben, in der aber, wenn die Verschiedenheit der Eindruͤ- cke in der Seele durch das ausged ruc kt wird, was in dem Auge statt findet, das Bild von dem Objekt auf der Netzhaut kleiner, und das Bild von dem Abstand des- selben groͤßer ist. Aber so weit wir es gelernet haben, bey dieser Ver- schiedenheit der Jmpressionen unsern Sinn zu gebrau- chen, soll jenes erstere Bild der sichtlichen Groͤße aus dem groͤßern Sehewinkel durch die Jdeenassociation er- wecket, und mit der letztern Jmpression bey dem groͤßern Abstande vereiniget werden, und auf diese Art ein ande- rer Schein in uns entstehen, als sonsten in der letztern Empfindung entstanden seyn wuͤrde. Jene Vereinigung aber soll so innig und unzertrennbar durch die Gewohn- heit gemacht worden seyn, daß auch derjenige, der es weis, daß sein gegenwaͤrtiges Bild nicht aus der ge- genwaͤrtigen Jmpression entstehe, es dennoch davon nicht absondern, und die Vorstellung, die sonsten aus ihr entstehen wuͤrde, nicht erhalten kann. Der Astronom E e 4 weis VI. Versuch. Ueber den Unterschied weis es recht gut, daß der Mond am Horizont nicht nur nicht groͤßer ist, als in der Hoͤhe, sondern auch, daß das Bild im Auge von ihm nicht groͤßer sey; — ich setze dieß aus der obgedachten Erklaͤrung des Hrn. Smiths hier als richtig voraus, und halte es auch selbst dafuͤr, — und dennoch sieht er ihn auf dieselbige Art daselbst groͤßer, wie andere Menschen. Hierbey soll also eine schlußartige Verbindung der Jdeen in der Phantasie zum Grunde liegen. Jndem die Seele einen geometrischen Ueberschlag machet, und ur- theilet, der kleinere Gegenstand in der groͤßern Entfer- nung muͤsse so groß seyn, als ein groͤßer scheinender in der Naͤhe, so nimmt man an, es werde das groͤßere Bild aus der Naͤhe erwecket, und mit dem gegenwaͤrti- gen Eindruck so vereiniget, daß wir dieß groͤßere Bild zu empfinden glauben. Einige, denen diese Wirkung fuͤr die Association der Jdeen zu stark zu seyn schien, kamen auf die Muthmas- sung, daß es vielleicht in dem Jnnern des Sinnglie- des zwischen solchen verschiedenen Jnpressionen eine phy- sische Verbindung gebe, wodurch entweder eine die an- dere, besonders die weniger gewoͤhnliche die mehr ge- woͤhnliche, erwecken oder auch beyde, in Hinsicht ihrer Wirkungen auf das Gehirn und auf die Seele, einan- der aͤhnlich werden koͤnnten. Haller. Element. Physiolog. Tom. V. Libr. XVI. §. XXIX. Auf diese Art glaubten sie die Wahrheit der Empfindung zu retten. Denn nun sehe ich wirklich dasselbige Objekt in der Weite von zehn Fuß eben so, wie in der Naͤhe von fuͤnf Fuß. Wenn gleich die Bilder auf der Netzhaut verschieden sind, so sind doch die sinnlichen Jmpressionen in dem Jnnern des Organs, und nach diesen richten sich die Empfindungen der Seele nur, in beyden Faͤllen dieselbigen. Daß der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. Daß hier die Jdeenassociation das bewirken soll- te, was man ihr zuschreibet, hat in der That sehr vieles gegen sich, wodurch es unwahrscheinlich wird. Wenn der Astronom gleich voͤllig uͤberzeugt ist, daß die Sonne viele millionenmal groͤßer ist, als der Mond, so ist er doch bey der moͤglichsten Anstrengung seiner Phantasie unvermoͤgend, den sichtlichen Schein umzuaͤndern, und dieß muͤßte in den angefuͤhrten Beyspielen der gegebenen Erklaͤrung zu Folge, doch geschehen. Der Schein aus der Empfindung soll durch eine reproducirte Einbildung umgeaͤndert, oder doch von ihr verdraͤnget werden. Die Phantasie ist allerdings sehr maͤchtig, und giebt den Em- pfindungen Farben und Gestalten, die sie nicht haben. Dieß muß allerdings eingeraͤumet werden, aber wenn man genauer nachsieht, so bemerket man, daß sie diese ihre Metamorphosen mehr in der Wiedererinnerung der Empfindungen, als waͤhrend des Gefuͤhls selbst zu Stande bringe. So lange wir empfinden, und auf das gegenwaͤrtige aufmerksam sind, laͤßt sich der wahre Ein- druck noch nicht so schwer von der begleitenden Einbil- dung auskennen; nur wenn die gegenwaͤrtige Empfin- dung voruͤber ist, und dann in eben der Gestalt, wie ei- ne andere Einbildung wieder gegenwaͤrtig wird, so ver- liert sich eines von ihren vorigen Merkmalen, und dann wird sie nur zu leicht mit den Phantasien, die sie ehemals begleiteten, so vermischt, daß diese mit ihr als Eine ehe- malige Empfindung sich darstellen. So lange die Em- pfindung selbst oder die Empfindungsvorstellung noch fortdauert, hat sie uͤber die zugleich gegenwaͤrtige schwaͤ- chere Einbildung einen groͤßern Vorzug, der von dem scharfen und ruhig und mit Sorgfalt beobachtenden Selbstgefuͤhl gefaßt werden kann. Es geschicht oft ge- nug, daß sie dennoch mit der Empfindung verwechselt wird; aber wo es gar nicht angeht, daß sie unterschie- den werden kann, da haben wir auch keine Sicherheit, E e 5 daß VI. Versuch. Ueber den Unterschied daß wir das empfinden, was wir als gegenwaͤrtig mit klarem Bewußtseyn in uns gewahrnehmen. Dem Skeptiker brauchten wir darum noch die Zu- verlaͤssigkeit der Empfindungen nicht aufzuopfern, wenn gleich eingestanden werden muͤßte, daß eine solche sub- jektivische Gewißheit nicht bey allen einzelnen behauptet werden koͤnne. Es muß doch zugegeben werden, daß es in einigen Faͤllen so schwer sey, die gegenwaͤrtige Em- pfindung von den begleitenden Vorstellungen zu unter- scheiden, daß man solches fast so gut als fuͤr unmoͤglich ansehen kann. Muͤßte man nun, in Hinsicht der Ge- sichtsempfindungen von der sichtlichen Groͤße der Koͤrper, zugeben, daß sie uns uͤber die Beschaffenheit der gegen- waͤrtigen Jmpressionen in Zweifel lassen, so folget dar- aus noch keinesweges, daß wir nicht durch die Verglei- chung anderer gleichzeitiger Gefuͤhlsempfindungen uͤber die wahre Beschaffenheit der Jmpression zur Gewißheit kommen koͤnnten. Der Sinn des Gesichts ist der mun- terste und der am meisten vorspringet, aber freylich auch der voreiligste, der uns ohne den berichtigenden Sinn des Gefuͤhls oft der Gefahr aussetzet, etwas wie reine Empfindung anzunehmen, was es nicht ist. Aber es waͤre doch allerdings sehr viel, wenn die Groͤße in einem Thurm, den ich in der Entfernung von einigen hundert Schritten als einen großen Gegenstand von mir sehe, nichts als ein Phantasma aus einer Em- pfindung, die ich in der Naͤhe von ihm gehabt habe, seyn sollte. Jch sehe ihn doch groͤßer. Und es ist ge- wiß falsch, daß ein Bild von dem Thurm aus der Naͤ- he, an meiner gegenwaͤrtigen Jmpression, die ich in der Ferne von ihm habe, associiret seyn sollte. Denn wenn ich lebhaft mich erinnere, oder es mir vorstelle, wie so ein Thurm in der Naͤhe von etlichen Schritten wohl aus sehen wuͤrde, so merke ich deutlich, daß diese Vorstel- lung nicht diejenige ist, die ich gegenwaͤrtig in meiner Empfin- der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. Empfindung habe. Dennoch sehe ich den Thurm groͤ- ßer, als meinen Finger, mit dem ich sonsten ihn leicht ganz vor meinen Augen bedecken kann. Die gewoͤhnlichen Erklaͤrungen, die man von diesen sichtlichen Scheinarten giebet, nach welchen sie Wirkun- gen einer schlußartigen Verknuͤpfung von Jdeen seyn sollen, gestehe ich, gefallen mir nicht. Die Jdeenasso- ciation ist allerdings mit ein Spiel und hindert hier, wie bey andern Empfindungen bekannter Gegenstaͤnde, nur zu oft die Aufmerksamkeit, das, was wirklich eine Em- pfindung ist, von dem, was wir hinzudenken, zu unter- scheiden. Aber das bey Seite gesetzet, was sie unter besondern Unstaͤnden vermag, so deucht mich doch, man habe ihr in dem erwaͤhnten Faͤllen zu viel beygeleget. Unser sinnliches Urtheil darf hier nicht nothwendig auf- hoͤren, ein unmittelbares Urtheil und eine reine Beob- achtung zu seyn. Es ist wirklich das letztere, wenn nur dasjenige, dessen wir uns als gegenwaͤrtig in der Jm- pression von dem Objekte klar und deutlich bewußt sind, mit der Sorgfalt bemerket wird, die ein scharfer Beob- achter in seiner Gewalt hat. Jch will meine Erklaͤrung daruͤber hersetzen. Da aber eine solche Deduktion, wor- inn alle Behauptungen durch die noͤthigen Beobachtun- gen beleget wuͤrden, hier viel zu weitlaͤuftig seyn wuͤrde, so begnuͤge ich mich, diese Gedanken nur wie eine Hypo- these ansehen zu lassen. Zuvoͤrderst muß man wohl die Faͤlle unterscheiden, wo wir mit Sorgfalt auf den sinnlichen Eindruck acht haben, und die, wo dieß nicht geschicht. Das letztere ist das gewoͤhnlichste. Bey unsern individuellen Em- pfindungen beachten wir selten das Besondere und Eige- ne, wenn wir mit bekannten Objekten zu thun haben, die wir nur im Ganzen unterscheiden und greifen wollen. Der sichtliche Schein der Dinge, die um mich in mei- ner Stube sind, aͤndert sich ab, je nachdem das Licht sie aͤndert, VI. Versuch. Ueber den Unterschied aͤndert, das auf sie faͤllt. Jhre Farben erscheinen an- ders schattirt bey dem hellen Mittagslicht als des Mor- gens und des Abends, wenn das Licht schwaͤcher ist; aber wer achtet viel auf diesen Unterschied der Jmpressio- nen, wenn man sich nicht mit Fleiß darauf leget, die Malerperspektive zu studieren? Es geht uns dabey wie bey dem geschwinden Ueberlesen einer bekannten Schrift, in der wir manche Schreib-und Druckfehler uͤbersehen. Wir begnuͤgen uns nur so viel von den gegenwaͤrtigen Eindruͤcken aufs Auge zu bemerken, als erfodert wird, gewisse Jdeen zu erwecken; und dann vergleichen, uͤber- legen und urtheilen wir nach diesen Jdeen ohne besondere Ruͤcksicht auf die Jmpressionen. So glauben wir, die Soliditaͤt in den Koͤrpern zu sehen. Was wir hier sehen, und wirklich empfinden, bestehet in einer gewissen Lage des Lichts und der Schat- ten, und mit dieser verbinden wir die Jdee von der Soliditaͤt, die aus dem Gefuͤhl her ist. Aber wenn wir genau auf unsern Gesichtseindruck Acht geben, so nehmen wirs auch bald gewahr, daß es jene fremde Ge- fuͤhlsidee sey, mit der wir uns am meisten beschaͤftigen, und daß wir in der That nichts mehr sehen, als was auch wirklich in der gegenwaͤrtigen Jmpression enthalten ist, nemlich, ein Merkmal der Soliditaͤt, oder die sicht- liche Soliditaͤt, mit der wir den allgemeinen Begrif von der Soliditaͤt verbunden haben. So bald man die- sen letztern Begrif fuͤr sich allein lebhaft zu machen sucht, ihn entwickelt und Folgerungen daraus ziehet, so offen- baret es sich sogleich, daß es das nicht sey, was wir wirklich durch die Augen empfinden. Es ist wohl moͤglich, daß die Jmpression von einem Objekt unter einem groͤßern Sehewinkel in der Naͤhe, und die Jmpression von eben derselben unter einem klei- nern Winkel in einem groͤßern Abstand, nicht unterschie- den werde; oͤfters nicht aus Mangel der Aufmerksam- keit, der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. keit, zuweilen auch deßwegen nicht, weil der Unterschied in den ohnedieß sehr kleinen Bildern auf der Netzhaut zu geringe ist, um gewahrgenommen werden zu koͤnnen; oder weil andere staͤrkere Gefuͤhle ihn unterdruͤcken. Als- denn halten wir beyde Eindruͤcke fuͤr einerley, weil wir sie nicht als unterschiedene gewahrnehmen. Aber als- denn ist auch das Urtheil; ich empfinde keinen Unter- schied, ein wahres Urtheil, und kann uns nur irre fuͤhren, wenn wir diese subjektivische Jdentitaͤt auf die Objekte außer uns uͤbertragen. So ist es dagegen in andern Faͤllen nicht. Es kann die Jmpression von einem Gegenstand aus einer groͤßern Entfernung unter einem kleinern Winkel, von der Jm- pression desselben unter einem groͤßern Winkel, und also auch die sichtliche Groͤße aus der Entfernung, von der sichtlichen Groͤße aus dem optischen Winkel recht gut unterschieden werden. Dieß zeiget sich, sobald wir der Zeit, wenn die erstere in uns gegenwaͤrtig ist, uns an die andere lebhaft erinnern. Aber wir sind ge- neigt, diese Verschiedenheit in den Gestalten der Groͤße, die aus der erwaͤhnten Verschiedenheit der Jmpressionen entspringet, zu uͤbersehen und zu vernachlaͤßigen. Bey beyden Jmpressionen sehen wir aber doch den Gegenstand von einer Groͤße, und empfinden seine sichtliche Groͤße. Nicht zwar in beiden diejenige, die aus dem groͤßern Sehewinkel und aus dem groͤßern Bil- de im Auge entspringet. Nein, sondern „in beiden „Jmpressionen ist etwas, das wir als gegenwaͤrtig fuͤh- „len, wovon die Jdee von der sichtlichen Groͤße die Ab- „straktion ist, die mit dem empfundenen Zuge in der „Jmpression zusammenfaͤllt.“ Das Gemeinbild von der sichtlichen Groͤße eines Gegenstandes mag anfangs nur ein Abstraktum aus der Jmpression von demselben in der Naͤhe bey einem groͤs- sern Sehewinkel gewesen seyn. Diese Empfindung mag urspruͤng- VI. Versuch. Ueber den Unterschied urspruͤnglich den Gemeinbegriff von der sichtlichen Groͤße hergegeben haben. Aber dabey ist es nicht geblieben. Dieser Begriff ist nachher noch allgemeiner geworden, so daß er nun auch die Abstraktion aus der zwoten Empfindung der Sache, unter einem kleinern Winkel in einer groͤßern Entfernung, unter sich begreift. Da wo die Jmpression von der Entfernung, zugleich mit der Jmpression von dem Objekt selbst, als ein Zug der ganzen Jmpression ge- fuͤhlet und wahrgenommen wird, da ist das Gefuͤhl die- ser Jmpression ein groͤßerer Aktus des Empfin- dens, der sich mit dem Gegenstand beschaͤftiget. Diese Groͤße, Laͤnge und Breite des Gefuͤhls - oder des Empfindungsaktus ist uͤberhaupt das Bild der sicht- lichen Groͤße geworden. Auch anfangs, als noch der groͤßere optische Winkel, und die Groͤße des Bildes auf der Netzhaut, die Vorstellung von der relativen sichtli- chen Groͤße war, ist es doch dieselbige relative Groͤße des Empfindungsaktus gewesen, die der Zeit von der Groͤße des Bildes im Auge allein abhieng, welche eigent- lich und unmittelbar den Schein der sichtlichen Groͤße, ausmachte. Jch habe es ziemlich in meiner Gewalt, Objekte groͤßer und kleiner zu sehen, je nachdem ich sie als ent- ferntere oder naͤhere zu sehen, mich bemuͤhe; und dieß ist am leichtesten, wo es andere Gegenstaͤnde giebt, bey de- nen ich sie hinsetzen kann. Aber ich fuͤhle jedesmal et- was mehr, wenn ich dieselbige Sache unter demselbigen Sehewinkel, als weiter abstehend sehe. Der Aktus des Sehens erhaͤlt einen Zusatz, dessen ich mir voͤllig be- wußt bin, und der mit der Empfindung des Objekts verbunden wird, dieser Zusatz mag seinen Ursprung ha- ben, woher er wolle. Er ist auch etwas in der Jm- pression selbst. Darum der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. Darum haben die folgenden beiden Saͤtze einerley Sinn, und sind beide in demselbigen Verstande reine Erfahrungssaͤtze. Jch sehe den Thurm in der Weite von dreyhundert Fuß, viel groͤßer, als meinen Finger, mit dem ich ihn bedecken kann; und der andere Satz: ich sehe diesen Thurm in der Naͤhe groͤßer als meinen Finger, wo ich ihn durch diesen, wenn letzterer in der- selbigen Entfernung von dem Auge gehalten wird, nicht bedecken kann. Jn beiden Faͤllen ist die ganze Jmpres- sion von dem Thurm durch die Augen ein groͤßerer sinn- licher Eindruck, obgleich das Bild auf der Netzhaut, das ich nicht empfinde, und von dem ich aus der Em- pfindung allein nicht einmal weis, daß es da ist, in der letztern groͤßer seyn mag. Jn beiden ist also auch ein groͤßerer Aktus des Gefuͤhls von dem Thurm als von dem Finger, weil in dem einem Fall das Gefuͤhl der Entfernung hinzukommt; und also empfinde und sehe ich in beiden Faͤllen den Thurm viel groͤßer als meinen Finger. Wenn ich sagte, ich haͤtte in der Ferne von dem Thurm ein groͤßeres Bild auf der Netzhaut, als von mei- nem Finger, der ihn decket, so waͤre dieß eine falsche Erfahrung; und wenn ich sagte, ich haͤtte so ein Bild von ihm, als ich in der Naͤhe von etlichen Schritten von ihm haben wuͤrde, so ist das auch falsch. Man erin- nere sichs nur, wie ein solcher Thurm wohl in der Naͤhe aussehen muͤßte, den man jetzo in der Ferne siehet, so lehret es die Vergleichung dieser letztern Vorstellung mit der gegenwaͤrtigen Jmpression, daß diese ein solches Bild nicht in sich enthalte. Dagegen wenn ich nur sa- ge; ich sehe den Thurm groͤßer; ich habe in mei- nem gegenwaͤrtigen Eindruck von ihm einen Zug oder eine Beschaffenheit, die ich fuͤhle, welche das ist, was in andern Faͤllen, die sichtliche Groͤße heißet, so sage ich eine reine Beobachtung aus. Hier VI. Versuch. Ueber den Unterschied Hier ist also kein Raisonnement, noch eine Jdeen- Association. Nur eine Abstraktion von der sichtlichen Groͤße ist vorhanden, welche Vergleichungen erfodert haben mag, ehe sie zu Stande gekommen ist. Aber in der gegenwaͤrtigen Jmpression ist etwas, was mit die- sem Gemeinbilde einerley ist, und mit ihm, ohne daß eine Vergleichung angestellet oder raisonniret wird, nach dem Gesetz der Association zusammenfaͤllt, wie in jedwe- der andern Beobachtung, die man in Worten angiebet. Es ist ein unmittelbares Empfindungsurtheil da. Wenn die gegenwaͤrtige Jmpression das Bild aus einer andern vorhergehenden erweckte, in der das Objekt unter einem groͤßern Winkel gesehen ward, und dann der Schein aus dieser letztern, mit der Jmpression unter dem kleinerm Winkel vereiniget wuͤrde, so waͤre es ein falscher Ausspruch, daß wir den Thurm so groß sehen, und es waͤre nur ein mittelbares Urtheil, wenn wir uns ihn so groß vorstellten, als wir wirklich thun. Man bildete sich ihn wirklich nur so ein, obgleich diese Einbil- dung wohl eine richtige Vorstellung seyn koͤnnte. Aber so ist es nicht. Die Jdee von der sichtlichen Groͤße aus einer vorhergegangenen Empfindung ist jetzo gar nicht vorhanden, da man sie nur lebhaft reproduciren darf, um es deutlich gewahr zu werden, daß sie das nicht ist, was die gegenwaͤrtige Jmpression zu seyn scheinet. Die gegenwaͤrtige Jdee von der sichtlichen Groͤße hat also ih- re naͤhern Bestimmungen und Eigenheiten, auf die man aber selten Acht hat. Will man sagen, die Abstraktion von der sichtlichen Groͤße habe mit der Jmpression bey einer groͤßern Ent- fernung und einem kleinern Winkel nicht associiret wer- den koͤnnen, als nur vermittelst gewisser anderer Mittel- ideen; aber sie sey unmittelbar aus der Jmpression mit einem groͤßern Bilde auf der Netzhaut gezogen worden, so laͤßt sich aus der Natur unserer Gemeinbilder darauf leicht der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. leicht antworten. Warum haͤtte die Abstraktion von ei- nem groͤßern Aktus der Empfindung nicht auch anfangs und unmittelbar aus der zwoten Jmpression des Objekts, in der groͤßern Weite und unter dem kleinen Winkel, ge- nommen werden koͤnnen, wenn der Gang der Denkkraft bey dem Gebrauch des Sinns darnach geleitet worden waͤre? Vielleicht ist sie so gar bey dem Kinde das sei- ne Sinne alle hat, eben so geschwinde aus der einen als aus der andern abgesondert. Wir koͤnnen die Folge der sich absondernden Gemeinbegriffe in dem sehenden Kinde doch nicht gerade zu nach derjenigen beurtheilen, in der sie bey dem Blindgewesenen entstanden sind. Auch bey diesen haben sich merkliche Verschiedenheiten in ihrem Sehenlernen gezeiget. Aber wenn auch zugegeben wird, daß das Bild der sichtlichen Groͤße zuerst von der Jm- pression unter einem groͤßern Winkel in der Naͤhe, ab- strahiret sey, so ist doch dazu, daß eben dieses nachher mit der Jmpression aus der Entfernung verbunden wor- den ist, nichts mehr noͤthig gewesen, als daß die letztere Jmpression mit der erstern verglichen, und dadurch die Vorstellung von der sichtlichen Groͤße verallgemeinert wuͤrde. Dieß ist aber keine Association der Vorstellung mit einer Jmpression vermittelst der andern. Die No- tion von einem Dreyeck mag zuerst aus den Vorstellun- gen von geradelinigten Dreyecken abstrahiret seyn; sie ward nachher allgemeiner gemacht, als auch krummlinig- te Figuren von drey Seiten verglichen worden. Kann man diese Operation sich so vorstellen, als wenn die No- tion von einem Dreyeck der Vorstellung von einem krummlinigten Dreyeck, nur mittelst der Jdee von dem geradelinigten Dreyeck anklebe, und die allgemeine Notion von dem Triangel, bey der Erblickung eines krummlinigten Triangels, nur dadurch erwecket werde, weil die Jdee vom geradelinigten Triangel dazwischen tritt, und sie erneuert? oder gar, daß diese letztere die I. Band. F f allgemei- VI. Versuch. Ueber den Unterschied allgemeine Notion selbst ausmache? Soll hier von ei- ner Jdeenassociation geredet werden, so ist sie doch gewiß von einer ganz andern Art, als die gewoͤhnliche, die von der bloßen Koexistenz in der Empfindung abhaͤngt. Diese besondern Beyspiele von sinnlichen Urtheilen machen das Verfahren der Vorstellungskraft in andern begreiflich. Hier habe ich mich auf sie eingelassen, um das Allgemeine, was in unsern Empfindungsurtheilen vorgehet, desto deutlicher vorzuzeigen, und gehe nun zu der allgemeinen Betrachtung wieder zuruͤck. 4. Von der zwoten Klasse der sinnlichen Kenntnisse, die von den reinen Erfahrungen nur darinn abweichet, daß außer den Empfindungsvorstellungen von gegenwaͤr- tigen Objekten, auch Phantasmata oder Dichtungen, mit ihnen vermischet sind, oder daß auch wohl diese letz- tern allein, die Aeußerungen der Denkkraft bestimmen, halte ichs fuͤr uͤberfluͤßig, hier mehr hinzu zu setzen. 5. Aber nun zu dem Gang unserer Denkkraft in den allgemeinen Theorien, und bey der Bewendung dieser letztern, auf die Vorstellungen von wirklichen Objekten, wodurch das, was wir die vernuͤnftige Einsicht oder Wissenschaft nennen, erlanget wird. Diese Sache verdienet unsre ganze Aufmerksamkeit, wenn wir wissen wollen, was und wie viel wir an jenen Kenntnissen ha- ben. Die Sonne ist dennoch viele millionenmal groͤßer, als der Mond, wenn schon beide als gleich groß aus- sehen. Da ist ein Ausspruch der Vernunft. Durch welchen Weg kommt sie zu diesem Gedanken? Wie faͤngt sie an, mit den Jdeen von dem Himmel, derglei- chen Virgils Schaͤfer hatte, und hoͤret auf mit den Jdeen eines Newtons? Und woher die Macht, womit eine der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. eine vernuͤnftige Einsicht uns uͤberzeuget, ohnerachtet ihr Ausspruch dem Ausspruch der Sinne so sehr entge- gen ist? Die Antwort auf diese Fragen kann kurz gegeben werden. Die Vernunft machet sich allgemeine Vor- stellungen und Begriffe, suchet die in diesen liegende Verhaͤltnisse und Beziehungen der Dinge auf, und er- haͤlt allgemeine Grundsaͤtze. Diese Saͤtze sind noch- wendige Wahrheiten, das heißt, das Urtheil muß bey jenen allgemeinen Vorstellungen nothwendig so aus- fallen, wie es ist, vermoͤge der natuͤrlichen Wir- kungsgesetze der Denkkraft. Da ist eine subjektivi- sche Nothwendigkeit in dem Urtheil, welche wir auf die Objekte außer uns uͤbertragen, und darum ihren ob- jektivischen Verhaͤltnissen eine objektivische Noth- wendigkeit zuschreiben. Die nothwendigen Wahrhei- ten erzwingen den Beyfall; und ziehen ihn auf sich hin, staͤrker, als die sinnlichen Vorstellungen andere entgegen- stehende Gedanken zu erregen suchen. Beides, die ver- nuͤnftigen Urtheile sowohl als die sinnlichen sind Wir- kungen der Vorstellungskraft und der Denkkraft. Der Unterschied zwischen ihnen haͤnget zunaͤchst von dem Un- terschied zwischen allgemeinen und sinnlichen Vor- stellungen ab. Aber dazu kommt noch eine andere Ver- schiedenheit, die darinn ihren Grund hat, weil bey jenen die Denkkraft nach solchen Gesetzen wirket, die nothwen- dig sind; bey diesen hingegen nur solche Regeln befolget, an die sie nicht so nothwendig gebunden ist. Dieß wuͤrde die Antwort seyn, die man nach den Jdeen verschiedener unserer vorzuͤglichsten Philosophen zu geben haͤtte. Andere wuͤrden, nach den Gruͤnden zu urtheilen, die sie fuͤr die Zuverlaͤßigkeit der menschlichen Erkenntniß anzufuͤhren pflegen, nicht so viel behaupten koͤnnen. Aber sollte nicht, ich will nicht sagen, der scharfsinnige Steptiker, sondern auch der bedachtsame F f 2 Forscher VI. Versuch. Ueber den Unterschied Forscher nach Gewißheit, hiebey und insbesondere bey dem Vorzug an Zuverlaͤßigkeit, den man der vernuͤnfti- gen Einsicht aus allgemeinen Begriffen vor der sinnlichen Erkenntniß einraͤumet, noch manche Dunkelheit antref- fen? zumal wenn er die Gruͤnde pruͤfet, die diesen Un- terschied evident machen sollen. Jch habe zu meiner eigenen Ueberzeugung den Weg genommen, auf dem ich diese Betrachtung fortsetzen will. Doch muß ich zu dieser Absicht vorher noch einmal zu dem sinnlichen Urtheil zuruͤck gehen. Ein Bey- spiel sey das Muster der uͤbrigen. Dieß sinnliche Ur- theil nemlich: Die Sonne und der Mond sind fast von gleicher Groͤße. Was hat es mit diesem Urtheil fuͤr eine Beschaffenheit? Wie ist es entstanden? in der Gestalt, wie es in dem Kopf des Schaͤfers vorhanden, und ein sinnliches Urtheil ist? Nicht so, wie derselbige Gedanke bey dem philosophischen Dichter, eine Wirkung eines vernuͤnftigen, obgleich falschen Raisonnements war: Nec nimio solis major rota, nec minor ardor Esse potest, nostris quam sensibus esse videtur. Lucret. Man wird bey diesem wie bey allen ihm aͤhnlichen sinnlichen Urtheilen, folgende Bemerkungen machen koͤnnen. Wenn das Urtheil: „die Sonne und der Mond „sind einander an Groͤße gleich, nicht mehr sagen woll- „te, als sie sind es dem Ansehen, den Augen nach, „und werden es allemal seyn, wenn wir diese Koͤrper „von der Erde aus sehen,‟ so wuͤrde dieses Urtheil ein wahres und ein nothwendig wahres Urtheil seyn. Es hieße alsdenn nichts mehr, als so viel: Zwey Koͤr- per, die gleich groß durch das Gesicht erscheinen, werden gleich groß gesehen, und haben eine gleiche sicht- liche Groͤße. Wenn der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. Wenn es dabey bleibet, so ist ein solches Urtheil ein natuͤrlicher und nothwendiger Ausbruch der Ur- theilskraft. Warum wir bey einer solchen Beschaffen- heit der Vorstellungen ein solches Verhaͤltniß denken, davon laͤßt sich kein weiterer Grund angeben, als daß die Natur einer Denkkraft es so mit sich bringe. Jch wuͤrde also ohne Bedenken mit Reid sagen, es sey eine Wirkung eines Jnstinkts. Ohne Abaͤnderung in dem ganzen vollen Schein, oder wenigstens ohne eine meh- rere oder mindere objektivische Klarheit in den einzelnen Theilen desselben ist auch ein solches sinnliches Urtheil unveraͤnderlich. Aber dieß ist nicht der ganze Jnhalt des sinnlichen Gedankens. Wir praͤdiciren von beiden eine gleiche Groͤße, nicht blos in Hinsicht des Gesichts, das die Objekte in der Ferne anschauet, sondern auch in Hin- sicht unserer uͤbrigen Empfindungen, auch in andern Stellungen gegen diese Objekte. Sie sind gleich groß, heißet so viel: Wenn wir sie auch in der Naͤhe sehen, und sie befuͤhlen wuͤrden, so wuͤrden die Gesichts- und Gefuͤhlsempfindungen von ihnen, in demjenigen Ver- haͤltnisse gegen einander stehen, welche wir Gegenstaͤnden beylegen, denen wir eine gleiche Groͤße im Umfang zuschreiben. Es ist eine Association der Gleichheit nach dem Gesicht und der Gleichheit nach dem Gefuͤhl vorhanden. Jene ist urspruͤnglich verbunden mit den Empfindungen des Gesichts. Die letztere kommt hinzu. Daraus entspringet in dem gegenwaͤrtigen Fall der Jrrthum. Zweytens. Dieß sinnliche Urtheil ist eine Wirkung der Denkkraft, welche das Verhaͤltniß der Gleichheit mit den Empfindungsvorstellungen, die sie vor sich hat, verbindet, und dabey ihrer Natur und ihrem natuͤrlichen Denkungsgesetze dergestalt gemaͤß wirket, daß sie unter den Umstaͤnden, unter denen sie hier urtheilet, nicht F f 3 anders VI. Versuch. Ueber den Unterschied anders urtheilen kann, woferne der Association der Ge- fuͤhlsgleichheit mit der Gesichtsgleichheit nichts im Wege ist. Der Schaͤfer muß so denken: „die Sonne sey mit dem Monde fast von gleicher Groͤße.‟ Denn so ist der Schein des Gesichts, und es sind keine andere Vorstellungen vorhanden, die seine Denkkraft in eine andere Richtung bringen koͤnnen. Er muß also entwe- der gar nicht urtheilen, oder so urtheilen, wie er es wirk- lich thut. Lasset uns die Probe mit uns selbst machen, und die Gegenstaͤnde stark und lebhaft anschauen, und denn alles Raisonnement aus Grundsaͤtzen zu unterdruͤ- cken suchen, so werden wir bemerken, daß in uns dassel- bige sinnliche Urtheil hervorkomme. Jn so manchen Faͤllen wird uns ein Versuch dieser Art nur gar zu leicht; und das ist Eine von den Ursachen welche die sinnliche Kenntniß gegen das bessere Wissen der Vernunft so stark machet. Drittens. Der Verhaͤltnißgedanke, der hier ent- stehet, kann dennoch von den dermaligen sinnlichen Vorstellungen der Gegenstaͤnde getrennet werden, und er wird wirklich davon getrennet. Wie nothwendig also auch die Verbindung zwischen den Vorstellungen und der Reflexion gewesen seyn mag, so ist sie doch in so weit zufaͤllig gewesen, daß die Denkthaͤtigkeit oder der Aktus des Urtheils, als eine Wirkung, die in den sinn- lichen Vorstellungen ihren bestimmenden Grund hatte, durch die Dazwischenkunft anderer Vorstellungen von jenen getrennet werden konnte. Die sinnlichen Vorstel- lungen bleiben bey einer bessern Erkenntniß dieselbigen, wie sie vorher waren; aber es sind Raisonnements in dem Kopf des Verstaͤndigen, welche seine Denkkraft verhindern, die Objekte fuͤr das zu halten, was sie zu seyn scheinen. Jene Nothwendigkeit in der Wirkung der Denkkraft war also bedingt, und setzte voraus, daß nichts der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. nichts dazwischen treten, und die Reflexion entweder zu- ruͤckhalten, oder sie anders wohin lenken sollte. Viertens. Da, wo das sinnliche Urtheil durch das vernuͤnftige aufgehoben wird, findet sich, daß die Unrichtigkeit von jenem daher entstanden sey, „weil man „ein gewisses subjektivisches Verhaͤltniß der Vor- „stellungen als ein zuverlaͤßiges Merkmal von dem „ Verhaͤltniß der Objekte gebrauchet hatte, das doch „nicht zuverlaͤßig und hinreichend war.‟ Die gleiche Groͤße der Bilder im Auge, leitet in unserm Beyspiel das sinnliche Urtheil, aber sie ist allein genommen, kein zuverlaͤßiges Zeichen der objektivischen Gleichheit, die wir in dem Urtheil denken. Diese Unzuverlaͤßigkeit kann uns aus Empfindungen bekannt seyn, oder aus Betrach- tungen allgemeiner Begriffe, die aber alsdenn gemeinig- lich schon in uns durch einzelne Erfahrungen erlaͤutert und bestaͤtiget worden sind. Wir haben es aus Erfah- rungen erlernet, daß zwey Dinge in der Ferne gleich groß gesehen werden koͤnnen, ohne es doch zu seyn. Wir koͤnnten es ohne Erfahrung durch Raisonnement erkannt haben. Jndessen wo unsere vernuͤnftige Einsicht mit einer groͤßern Staͤrke uͤber unsern Beyfall wirken soll, da ist es fast allemal nothwendig, daß die Unzuverlaͤßig- keit von jener, auch in unsern Empfindungen gewahr- genommen werde. Selten hat unsere Ueberzeugung ohne diesen Umstand die noͤthige Festigkeit. Noch fuͤnftens kommt uns hiebey diese Frage ent- gegen: ist das sinnliche Urtheil durch Uebung er- lernet? und wie weit und auf welche Art ist es solches? Der Gedanke naͤmlich von dem Verhaͤltniß der Objekte, wovon man Vorstellungen in sich hat? Der Cheßeldenische Blinde urtheilte nicht so gleich im Anfang uͤber die Groͤßen und Entfernungen der Sachen, die ihm vor Augen kamen. Er erlernete das Sehen erst nach und nach, er lernete sinnlich nach Gesichtsbil- F f 4 dern VI. Versuch. Ueber den Unterschied dern urtheilen. Also muß die Fertigkeit im Sehen, we- nigstens in einer gewissen Hinsicht, einige Uebung er- fordern. Das Urtheilen ist eine Wirkung, die eine Thaͤ- tigkeit der Denkkraft voraussetzet, und diese Thaͤtigkeit erfodert, daß Vorstellungen vorhanden sind. Es kann diese Thaͤtigkeit zuruͤck bleiben. Wie viele Jdeen gehen nicht durch unsern Kopf, ohne daß wir uͤber die Bezie- hungen in ihnen, die sich uns darstellen wuͤrden, so bald wir den Blick dahin richteten, reflektiren? Es gehoͤ- ret Uebung dazu, ehe wir es erlernen, auf gewisse neue Gattungen von Vorstellungen unsre Urtheilskraft anzu- wenden. Ferner kann das Urtheil aus einem andern Grunde als durch Uebung erlernet angesehen werden. Es kann seyn, und es ist wahrscheinlich, daß es so sey, daß die urtheilende Thaͤtigkeiten im Anfang nur als schwache Bestrebungen in der Seele sind, die, wie andere, vorher mehrmalen wiederholet werden muͤssen, ehe sie so volle Wirkungen werden, wie sie es alsdenn schon sind, wenn wir sie in uns gewahrnehmen. Es ist natuͤrlich, zu glauben, daß jede Art von Seelenthaͤtigkeiten in ih- ren ersten Anfaͤngen in schwachen Versuchen auf eine sol- che Art zu wirken, bestanden haben, die nur durch die Wiederholung endlich zu vollen wirkenden Handlungen gewachsen sind. Allein hievon ist nicht die Rede, wenn ins besonders auf die Entstehungsart der sinnlichen Urtheile gesehen wird, und nicht uͤberhaupt auf den Ak- tus des Urtheilens, und dessen allmaͤhligen Verstaͤrkung bis zu einer Fertigkeit. Ein Feuer hat aus einem Fun- ken vorher muͤssen angefacht werden, ehe seine Flamme maͤchtig genug ward, um einen Klotz zu verbrennen, aber wenn es nun so weit ist, so brennet und zuͤndet es seiner Natur nach, ohne solches erst aus Uebung zu er- lernen. der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. lernen. So verhaͤlt es sich mit den ersten urspruͤngli- chen Verhaͤltnißgedanken. Eine Fertigkeit, Verhaͤltnisse zu denken, also vor- ausgesetzt, wie ist das sinnliche Urtheil entstanden? Jst es ein unmittelbarer Ausbruch der Denkkraft, wenn ein Mensch, der das erstemal die Sonne und den Mond ver- gleichet, sie fuͤr gleich groß haͤlt? oder setzet dieses Ur- theil schon andere vorhergegangne voraus, und welche? Das gedachte sinnliche Urtheil kann zuerst als ein einfaches Urtheil angesehen werden, wie ich oben erin- nert habe. Die den Objekten zugeschriebene Gleichheit kann blos die sichtliche Gleichheit oder Einerleyheit, unter den Umstaͤnden seyn, unter denen die Objekte ge- sehen werden. Alsdenn ist nicht mehr zu untersuchen, wie der Verhaͤltnißgedanke entstehet? Er ist ein in- stinktartiger Ausbruch der Jdentitaͤt denkenden Seelen- kraft. Jn den Empfindungen zweyer Dinge ist nichts zu unterscheiden. Das ist genug; alsdenn muͤssen sie als einerley gedacht werden. Es kann aber die Jdee, die wir mit dem Praͤdikat verbinden, schon mehr zusammengesetzt seyn, und sie ist es auch in dem Sinn, in welchem es der Schaͤfer nimmt, wenn er Sonne und Mond fuͤr gleich groß er- kennet. Ein Ding ist dem andern gleich, heißt so viel als: es ist ihm nicht nur hier und unter diesen Umstaͤnden, unter denen wir beide sehen, sondern auch dann gleich, wenn wir beide fuͤhlen, das heißt, es ist auch ei- ne fuͤhlbare Gleichheit da; und die Jdentitaͤt der Ge- fuͤhlsempfindungen macht eigentlich die Gleichheit aus, oder ist es vielmehr, aus der wir die Abstraktion von der Gleichheit, die dem Monde in Beziehung auf die Son- ne in unserm sinnlichen Urtheil zugeschrieben wird, gezo- gen haben. Wird das sinnliche Urtheil in dieser letzten Gestalt betrachtet, so muß die Abstraktion von der fuͤhlbaren F f 5 Gleich- VI. Versuch. Ueber den Unterschied Gleichheit schon in Verbindung mit der sichtlichen Gleichheit vorhanden seyn, ehe das Praͤdikat, welches beide in sich faßt, mit Vorstellungen verbunden wird, die nicht aus dem Gefuͤhl, sondern aus dem Sinn des Ge- sichts allein entstehen, und es ist eine schlußartige Ver- bindung der Vorstellungen mittelst einer Vergleichung der gegenwaͤrtigen und der vergangenen Empfindungen, wenn der Begrif von der voͤlligen Gleichheit solchen Din- gen beygeleget wird, deren sichtliche Gleichheit nur em- pfunden wird. Der Cheßeldenische Blinde konnte also aus einer zwiefachen Ursache im Anfang nach seinen Ge- sichtsbildern nicht urtheilen. Theils fehlte bey ihm die Verbindung der sichtlichen Gleichheit, mit der Gleich- heit die aus Gefuͤhlsvorstellungen abstrahiret wird; und dieß war der vornehmste Mangel, theils aber fehlte es an einer Fertigkeit, auf die Kennzeichen der Verhaͤltnis- se in den Gesichtsempfindungen, das ist, auf die sicht- lichen Verhaͤltnisse acht zu haben, und sie geschwinde genug gewahrzunehmen. Endlich ist noch zu bemerken. Wenn dem gedach- ten Blinden zwey sichtlich gleiche Objekte vorgeleget worden waͤren, so wuͤrde in diesen beiden Gesichtsem- pfindungen alles vorhanden gewesen seyn, was seine Denkkraft, sobald jene Vorstellungen gegen einander ge- halten wurden, zu einem aͤhnlichen urtheilenden Aktus, und also zur Hervorbringung des aͤhnlichen Verhaͤltnißgedan- kens, nemlich der Gleichheit, reizen konnte, dergleichen sonsten bey zwey gleichen Gefuͤhlen bey ihm entstanden war. Diese Wirkung wuͤrde nothwendig, wenigstens natuͤrlich, und alsdenn ein unmittelbares Urtheil gewe- sen seyn. Aber wuͤrde er das Verhaͤltniß, was er auf diese Art in gesehenen Dingen bemerket, wohl eine Gleichheit genannt haben? Jch antworte, ja, aber nicht ehe, als bis er bemerket, daß es derselbige Aktus und derselbige Gedanke sey, der schon bey gleichen Ge- fuͤhlen der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. fuͤhlen entstanden, und eine Gewahrnehmung, daß die Objekte gleich sind, genannt worden war. Denn es war der Aktus der Reflexion bey dem Sehen ein aͤhnlicher Aktus und derselbige, wie bey dem Fuͤhlen. Wenn kein Begrif von Gleichheit aus dem Gefuͤhl vorhanden gewe- sen, so wuͤrde die Denkthaͤtigkeit bey dem Gesichtsem- pfindungen ihn zu einem Begrif von Gleichheit haben bringen koͤnnen. Der Schluß aus diesen Anmerkungen ist also folgen- der. Es giebt erste unmittelbare Verhaͤltnißgedan- ken bey sinnlichen Vorstellungen, die man die er- sten unmittelbaren sinnlichen Urtheile nennen kann. Sie sind nicht erlernet, als in so ferne uͤberhaupt die Denkkraft nur nach und nach so stark geworden ist, der- gleichen Wirkungen hervorzubringen. Eben so wenig sind sie auf irgend eine Weise Schlußurtheile, indem sie nichts voraus setzen, als eine Art von Vergleichen oder Gegeneinanderhalten der sinnlichen Vorstellungen, zwischen denen das Verhaͤltniß gedacht wird. Weiter. „Es giebt in einem jeden besondern sinn- „lichen Urtheile etwas, das als eine urspruͤngliche un- „mittelbare Aeußerung der Denkthaͤtigkeit angesehen wer- „den kann, und also als ein unmittelbares instinktarti- „ges Urtheil.‟ Aber wenn nun in das gewahrgenom- mene Verhaͤltniß mehr hineingeleget wird, als dieser un- mittelbare Aktus hervorbringet, so hat dieß seine Ursache in einer Verbindung des gegenwaͤrtigen Verhaͤltnisses mit andern, die bey andern Empfindungen und sinnli- chen Vorstellungen erkannt sind, das ist in einer Asso- ciation der allgemeinen sinnlichen Vorstellungen. II. Von VI. Versuch. Ueber den Unterschied II. Von der Natur der hoͤhern vernuͤnftigen Kenntnisse. 1) Die hoͤhere Vernunftkenntniß erfodert allgemeine Begriffe. Wie diese in der Phantasie vermittelst der Woͤrter beste- hen. 2) Ursprung der Gemeinsaͤtze der Vernunft. Ob sie allgemein Erfahrungssaͤtze sind? 3) Gruͤnde gegen diese Meinung. 1. D ie hoͤhern Vernunftkenntnisse erfodern allge- meine Urtheile, und diese setzen allgemeine Begriffe voraus. Was aber diese letztern betrift, so darf ich hier nicht wiederholen, was ich anderswo zur Erklaͤrung ihres Entstehens in uns gesagt habe. Jhr Stoff lag in den Empfindungen. Diesen bearbeitete die Einbildungskraft und die Dichtkraft zu allgemeinen Bil- dern, welche denn durch die Denkkraft auf die naͤmliche Art, wie die sinnlichsten Bilder verglichen und unter- schieden werden. Nur noch eine Anmerkung uͤber die Verbindung der Woͤrter, als willkuͤhrlicher Zeichen, mit jenen Jdeen, ist hier nachzuholen, weil einige Philoso- phen diese Beziehung der Begriffe und ihre Hervor- bringung von der Denkkraft, verwechselt zu haben scheinen. Es giebt allgemeine Vorstellungen, die sich als gewisse aͤhnliche Zuͤge mehrerer einzelnen Empfindungs- vorstellungen von selbst so stark auszeichnen, daß die Phantasie sie in ihrer Verschiedenheit aufbewahren kann, ohne daß es noͤthig sey, durch eine andere sinnliche Vor- stellung, dergleichen die Toͤne sind, sie noch mehr aus- zu- der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. zuzeichnen. Dahin gehoͤren die allgemeinen Vorstel- lungen von den Gattungen der Dinge, welche die Natur gemacht hat. Mensch, Thier, Baum, Wasser sind Aehnlichkeiten mehrerer Empfindungen, deren Theile stark genug zusammenhangen, und die sich als Ganze deutlich genug im Kopf von einander absondern wuͤrden, wenn wir auch gleich ihre Benennungen entbehren muͤß- ten. Solche allgemeine sinnliche Abstrakta haben fuͤr sich ohne Worte in der Phantasie Haltung genug, um zu bestehen. Aber auch in den uͤbrigen Faͤllen, wo die einmal be- merkten Aehnlichkeiten sich in der ganzen Masse unserer Bilder wieder zerstreuen moͤchten, wenn man sie nicht durch ein Wort, als durch ein Band zusammen verei- niget hielte, sind dennoch die Woͤrter immer nur die Zeichen der Vorstellungen, niemals die Vorstellun- gen selbst. Der sie vergleichende und urtheilende Ver- stand haͤlt die Vorstellungen sich vermittelst der Worte vor, siehet jene bey diesen, und durch diese, aber nicht diese allein, und die Reflexion, welche Verhaͤltnisse der Vorstellungen denket, urtheilet nicht uͤber die Worte. Die allgemeinen Begriffe von dem Seyn, von der Sub- stanz, von der Nothwendigkeit u. s. w. sind nun zwar so innig als moͤglich diesen Zeichen einverleibet, aber wer uͤber solche Jdeen nachdenken will, muß nicht die Wor- te anschauen, sondern die Sachen, das sind hier die Aehnlichkeiten der Empfindungen, welche man mit die- sen Worten bezeichnet hat. Es ist nur so oft von den spekulirenden Metaphysikern geschehen, daß gewisse Ver- haͤltnisse der Woͤrter mit den Verhaͤltnissen der Sachen verwechselt worden sind, woraus sachleere Wortkraͤme- rey entstanden ist. Dennoch giebt es eine gewisse Klasse von allgemei- nen Urtheilen, wovon man sagen kann, die Reflexion brauche außer den Worten oder den Zeichen nichts vor sich VI. Versuch. Ueber den Unterschied sich zu haben, um richtig uͤber die Sachen zu urtheilen. Dieß findet erstlich da statt, wo die Sachen selbst einer- ley Beziehungen haben mit ihren Zeichen, wie sich bey den voͤllig angemessenen Zeichen der Mathematiker, und auch bey den Woͤrtern der philosophischen Sprache, wenn diese erfunden waͤre, am deutlichsten zeigen wuͤrde, son- sten aber bis auf einen gewissen Grad, so weit nemlich die Analogie der Woͤrter mit den Gedanken sich erstre- cket, bey jedwedem Ausdruck geschehen kann. Zwey- tens auch in den Urtheilen uͤber die ersten Grund-Ge- meinbegriffe, die von einer solchen Allgemeinheit sind, daß sie sowohl die Zeichen, als jede andere Sachen un- ter sich begreifen. Die ersten Grundsaͤtze des Ver- standes sind Urtheile, die von keinen besondern Beschaf- fenheiten der Vorstellungen abhangen, sondern von jed- weder Art von Dingen, von Jdeen, von Zeichen der Jdeen, und von Objekten gleich richtig sind. Sie be- stehen in Verhaͤltnißgedanken, die bey der Vergleichung und Verbindung jedweder Art vor Dingen, Sachen, Woͤrter, Buchstaben, und was es auch seyn mag, das sich der Denkkraft darstellet, uͤberall auf eine und die- selbige Art gedacht werden. Z. B. Jn dem Grundge- meinsatz, den man das Princip der Jdentitaͤt nen- net; A ist A, kann man sagen, die verglichenen Begrif- fe sind die Buchstaben selbst. Aber um den ganzen Um- fang des Satzes zu verstehen, muß man nicht blos bey dem Buchstaben stehen bleiben. Denn hier ist das Zei- chen A, obgleich der Satz auch von diesem Zeichen rich- tig ist, das allgemeinste Zeichen eines jeden Dinges, ei- ner jeden Vorstellung und eines jeden Begrifs. 2. Die Entstehungsart der allgemeinen Urtheile und Gemeinsaͤtze der Vernunft, ist ohne Zweifel das wichtigste und dunkelste in der ganzen Oekonomie des Menschen- der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. Menschenverstandes. Was es mit seinen Spekulatio- nen und Theorien, und deren Anwendung auf Empfin- dungsvorstellungen auf sich habe, das offenbaret sich als- denn, wenn man nachsiehet, auf welche Art Gedanken hervorgebracht werden, die man als die Grundlage aller menschlichen Einsichten gebrauchet, und gebrauchen muß. Viele scharfsinnige Untersucher des menschlichen Ver- standes sehen die allgemeinen Vernunftsaͤtze fuͤr eine Art von allgemeinen Erfahrungssaͤtzen an, deren Richtigkeit auf einer durchgaͤngigen Uebereinstim- mung der Empfindungen beruhen soll. Die Gemein- saͤtze in der Metaphysik sollen solche Beobachtungssaͤtze seyn, wie die mehresten Grundsaͤtze der Naturlehre sind. Eine Meinung, die ich, denn ich muß es nur gerade zu sagen, fuͤr einen Hauptirrthum ansehe, so sehr ich die Maͤnner schaͤtze, die faͤhig gewesen sind, in einen solchen Jrrthum zu verfallen. Doch ich will zuvoͤrderst sagen, wie ich das verstehe, was man von der Analogie der Empfindungen, worauf die Gemeinsaͤtze beruhen sol- len, vorzubringen pflegt. Wir verbinden mit der Jdee des Subjekts die Jdee des Praͤdikats, darum, weil wir da, wo wir die Sache oder das Subjekt in unsern Empfindungen antreffen, auch allemal die Beschaffen- heit bey ihm gewahrnehmen, die wir ihm zuschreiben, oder doch die meistenmale sie gewahrwerden, und weil sonsten auch kein Grund vorhanden ist, sie in den uͤbri- gen Faͤllen, die wir noch nicht empfunden haben, nicht zu vermuthen. Auf solche Art sollen die Verbindungen der Jdeen entstanden seyn, die in den Gemeinsaͤtzen ent- halten sind, und die dadurch so fest und innig mit einan- der vereiniget worden, daß es uns unmoͤglich gemacht ist, sie wiederum von einander zu trennen. Da haben wir nach Hum’s und anderer Erklaͤrung den Ursprung der allgemeinen Vernunftwahrheiten, aus Nichts wird Nichts, ein Ding ist sich selbst gleich u. s. w. und VI. Versuch. Ueber den Unterschied und auch zugleich die Quelle, woraus die Nothwendig- keit fließet, die wir diesen Grundsaͤtzen beylegen. Allein es sey mir erlaubt, hinzuzusetzen, da haben wir bey die- sen scharfsinnigen Philosophen die Wirkung davon, daß sie den Gang des Menschenverstandes in den mathema- tischen Wissenschaften nicht mit eben der Genauigkeit, und mit eben der eindringenden Sorgfalt beobachtet, als sie es in der Naturlehre, und in der Moral, und eini- gen andern Kenntnissen gethan haben, wo der Einfluß der allgemeinen nothwendigen Vernunftsaͤtze nicht so auf- fallend sich beweiset. Es giebt allgemeine Erfahrungssaͤtze, physi- sche Saͤtze, und manche von ihnen koͤnnen bis zu ei- ner solchen Allgemeinheit gebracht werden, daß sie kos- mologische Saͤtze sind. Der Koͤrper ist schwer. Die Materie besitzet eine anziehende Kraft u. d. gl. Solche Saͤtze sind allgemeine Abstrakta von allen in den Em- pfindungen wahrgenommenen Verbindungen der Jdeen, deren Richtigkeit von der Uebereinstimmung oder der so genannten Analogie der Erfahrungen abhaͤnget, mit einem Wort, Jnduktionssaͤtze, die die Vernunft auf dieselbige Art aufsammlet, wie die Gemeinbegriffe, die von individuellen Vorstellungen abstrahiret sind. Wenn man nur diese Wahrheiten im Sinne hat, so wende ich kein Wort gegen die Erklaͤrung ein, die man von dem Entstehen allgemeiner Grundsaͤtze gegeben hat. Die Verbindung zwoer Jdeen, wenn sie oͤfterer geschehen ist, bringet in dem Verstande eine Gewohnheit hervor, die wie eine zwote Natur mit einer Art von Nothwendigkeit wirket, welche fast eben so stark ist, als diejenige, mit der die erste wahre Natur sich aͤußern muß. Der Geo- meter kann keinen staͤrkern Naturzwang empfinden, wenn er dem Triangel den dritten Winkel absprechen wollte, als der gemeine unphilosophische Verstand, wenn er ei- nen Stein ohne Schwere denken sollte. Ein sonst ver- nuͤnftiger der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. nuͤnftiger Mann lachte einstmals einem Naturlehrer ins Gesicht, als dieser ihm sagte, daß er nach der Ursache forsche, warum ein Koͤrper, den man aus der Hand lasse, herunterfalle; denn es schien dem ersten dieß eben so sehr sich von selbst zu verstehen, als daß zweymal zwey viere machen. Jch uͤbergehe, was in jeder guten Vernunftlehre uͤber diese Gattung von Gemeinsaͤtzen gesagt wird. Die Jnduktion ist allemal, wenn die Saͤtze von einigem Um- fang sind, unvollstaͤndig; man kann aber demohngeach- tet durch einen Huͤlfsschluß sich bey einigen von ihrer Allgemeinheit uͤberzeugen. Einige aus dieser Klasse moͤchten durch eine genauere Entwickelung der Begriffe in die Klasse der nothwendigen Vernunftsaͤtze gebracht werden koͤnnen. Aber in wie vielen Faͤllen hat man diese Umaͤnderung in der Philosophie nicht vergeblich versuchet? Die Metaphysiker haben nur gar zu gerne Saͤtze, die eigentlich nichts anders, als physische, psy- chologische und auch wohl kosmologische Beobachtungs- saͤtze seyn konnten, durch Demonstrationen aus Begrif- fen zu allgemeinen transcendenten Vernunftsaͤtzen machen wollen, und dieß hat einigen Schein bey solchen gehabt, wie die allgemeinsten Bewegungsgesetze sind, worinn wirklich etwas allgemeines enthalten ist, was zu den nothwendigen Grundsaͤtzen hingehoͤret. Nur haͤtte man dieß nicht auf ihren ganzen Jnhalt ausdehnen sollen. Jch uͤbergehe diese Anmerkungen mit andern. Diese allgemeinen Erfahrungssaͤtze sind ein großer Schatz in unserer menschlichen Erkenntniß. Noch mehr. Sie sind das reelleste in ihr, und die wahren Materia- lien zu der Erkenntniß von wirklichen Dingen. Aber dennoch sind sie allein genommen, auch nichts mehr als dieß, nichts mehr als die Materie der reellen Erkennt- niß, und zwar bloße Materie, die nicht verbunden, nicht in Zusammenhang und Form gebracht werden kann, I. Band. G g wenn VI. Versuch. Ueber den Unterschied wenn nicht die nothwendigen Axiomen der Vernunft mit ihnen vermischet werden. Man versuche es, einen solchen reinen Erfahrungssatz mit einem andern zu ver- binden. Z. B. den Satz, daß ein jeder Koͤrper schwer ist, mit diesem: die Theile eines um einen Mittelpunkt in die Runde gedreheten Koͤrpers haben einen Hang, sich von dem Mittelpunkt zu entfernen; beides sind Erfah- rungssaͤtze; man versuche, beide in einen Zusammen- hang zu bringen, so wird man folgern und schließen muͤssen; aber wo ist eine Folgerung und ein Schluß nur moͤglich, wenn nicht allgemeine nothwendige Vernunft- saͤtze gebrauchet werden, die aus einer ganz andern Quelle her sind, als diejenigen, welche man vermittelst ihrer verbinden will? 3. Zuerst muß der Gedanke entfernet werden, daß die allgemeinen nothwendigen Grundsaͤtze, Ab- straktionen aus Erfahrungen sind. Dieß sind sie nicht, und koͤnnen es auch nicht seyn, und nur aus Miß- verstand hat man sie dafuͤr angesehen. Kann die Ver- nunft das Axiom: daß jedes Ding sich selbst gleich ist, und der Geometer seinen Lehrsatz: „daß gleiches zu gleichem addirt, eine gleiche Summe gebe,‟ daher erst als eine allgemeine Wahrheit erlernet haben, weil man es in den einzelnen Faͤllen so befunden hat? Einzelne Bey- spiele machen solche allgemeine Grundsaͤtze verstaͤndlich, und erlaͤutern sie, aber die Einsicht, daß sie allgemeine Saͤtze sind, haͤngt deswegen von der Jnduktion nicht ab. Jst nicht der Beyfall, womit der Verstand solche auf- fallende Saͤtze annimmt, sobald er sie versteht, und das erstemal sie eben so stark und so nothwendig annimmt, als nachher, wenn er sie tausendmal gedacht hat, ist dieß nicht ein Beweis, daß eine andere Ursache da seyn muͤsse, die ihm diese Beystimmung abzwingt? Sind diese allge- der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. allgemeinen Verhaͤltnißgedanken bey den allgemeinen Begriffen nicht eben so in der Natur der Denkkraft ge- gruͤndet, als es die ersten sinnlichsten Urtheile sind, wo sinnliche Eindruͤcke gegen einander gehalten werden? Jn diesen Fragen liegen drey Gruͤnde, die jener Meinung ganz entgegen sind. Erstlich werden wir von den nothwendigen Grund- wahrheiten so gleich das erstemal uͤberzeuget, da wir sie fassen und verstehen. Ein Exempel darf nur ange- fuͤhret werden, um uns zu lehren, was sie eigentlich sa- gen wollen; nicht aber, um sie zu beweisen. Ganz an- ders verhaͤlt es sich mit den allgemeinen Beobachtungs- saͤtzen, wo wenigstens mehrere Beyspiele noͤthig sind. Dann zweytens ist auch die Art, wie der Verstand jenen Axiomen Beyfall giebet, verschieden von derjeni- gen, womit Erfahrungssaͤtze fuͤr allgemeine Wahrheiten erkannt werden. Ein viereckter Zirkel ist ein Unding. Jedes Ding ist sich selbst gleich. Ohne Ursache wird Nichts. Der Triangel hat drey Winkel u. s. f. Dieß kann ich nicht laͤugnen, weil ichs gar nicht anders den- ken kann; alles Bestrebens ohngeachtet, und es bedarf weiter keines Grundes, um meinen Beyfall zu erzwin- gen, da es, wie wir sagen, fuͤr sich evident ist. Aber bey allgemeinen Erfahrungen sehe ich mich nach den ein- zelnen Faͤllen um, in welchen das Allgemeine vorkommt. Je mehr mir solcher Faͤlle bekannt werden, desto mehr waͤchset meine Ueberzeugung, die hier einer Zunahme faͤhig ist; bey jenen Grundsaͤtzen aber nicht. Drittens ist ja fuͤr sich wahrscheinlich, da die ersten unmittelbaren sinnlichen Verhaͤltnißgedanken natuͤrliche Aeußerungen der Denkkraft bey den Vorstellungen sind, so werden jene einfachen allgemeinen Verhaͤltnißgedanken auf eine aͤhnliche Weise entstehen, das ist, sie werden natuͤrliche Wirkungen seyn, die nach den Na- turgesetzen der Denkkraft durch dieser ihre Thaͤtig- G g 2 keiten VI. Versuch. Ueber den Unterschied keiten hervorgebracht sind. Der Unterschied zwischen den allgemeinen Urtheilen und zwischen den einzelnen Saͤtzen ist dieser; in jenen sind es allgemeine Vorstellungen, womit die Denkkraft zu thun hat; in dem letztern sind es Jdeen von einzelnen Dingen, die sie bearbeitet. Man kann nicht einwenden, daß doch die Gemein- begriffe, die in den Gemeingrundsaͤtzen vorkom- men, Abstrakta aus einzelnen Empfindungen, und aus der Aehnlichkeit der Empfindungen genommen sind, und daß folglich auch die Verhaͤltnißgedanken dieser Begriffe von der Uebereinstimmung der Empfindungen abhangen. Die Antwort hierauf ist nicht schwer. Es ist nur Eine Klasse von Gemeinbegriffen, die man fuͤr Abstrakta von Empfindungen ansehen kann. Der groͤßte Theil derselben ist nur dem Stoff nach, aus den Empfindungen, sonsten aber ein Werk der selbstbildenden Dichtkraft; und auch bey solchen, die eigentlich abstrahirte Begriffe sind, und wirkliche Aehnlichkeiten wirklicher Dinge enthalten, hat es doch keiner vollstaͤndigen Vergleichung aller Arten von Din- gen bedorft, um sie zu erlangen. Aus sehr wenigen Beyspielen, kann eine Abstraktion gezogen werden, wie es bekannt ist. Ferner bedarf es nur einer maͤßigen Beobachtung auf sich selbst, um gewahr zu werden, daß alsdenn, wenn wir die nothwendigen Beziehungen und Verhaͤltnisse der Gemeinbegriffe denken, diese auf dieselbige Art in uns gegenwaͤrtig sind, wie die Jdeen von einzelnen Dingen bey den sinnlichen Urtheilen. Jene sind selbst die Ge- genstaͤnde unserer urtheilenden Thaͤtigkeit. Wir finden die Verhaͤltnisse und Beziehungen in ihnen, ohne Ruͤck- sicht darauf, ob sie Jdeen wirklicher Dinge sind, oder nicht? und ob sie durch die Abstraktion, oder durch einen andern Weg uns zugekommen sind? Die Richtigkeit der Gemeinsaͤtze beruhet also auf die allgemeinen Begriffe und der sinnlich. Kenntn. u. d. vernuͤnftigen. und auf die Verfahrungsart der Denkkraft; nicht aber auf die einzelne Faͤlle, woraus die Begriffe etwan haͤtten abstrahiret seyn koͤnnen. Es ist allerdings eine Beobachtung unserer eigenen Denkart, wenn wir die allgemeinen Urtheile, als Ef- fekte unsers Verstandes in uns gewahrnehmen. Aber dieß heißt nur so viel, als unsere Erkenntniß von ih- nen ist aus Beobachtung. So ist es. Die Grund- saͤtze kennen wir aus Beobachtung, wie die Gesetze, wor- nach Licht und Feuer wirken. Aber die Urtheile selbst sind nicht Beobachtungen, noch Abstrakta aus Beob- achtungen, sondern Wirkungen, die von der Natur der Denkkraft abhangen, wie das Ausdehnen der Koͤrper von der Natur des Feuers. G g 3 Siebenter VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Siebenter Versuch. Von der Nothwendigkeit der allgemeinen Vernunftwahrheiten, deren Natur und Gruͤnden. I. Von der subjektivischen Nothwendigkeit der Gewahrnehmungen, der Urtheile und der Schluͤsse uͤberhaupt. 1) Die hier vorkommende Fragen: Von der Ordnung, in welcher die Aktus des Gefuͤhls, der vorstellenden Kraft und der Denkkraft auf einander folgen? 2) Von der subjektivischen Nothwendigkeit der Urtheile oder Verhaͤltnißgedanken uͤberhaupt. Jn wie ferne die Denkthaͤ- tigkeit nothwendig erfolget, wenn die vorher erforderte Aktus des Empfindens und des Vorstellens geschehen sind? 3) Jn wie ferne dieß bey den dunklen Re- flexionen statt findet, ingleichen bey den ersten urspruͤnglichen sinnlichen Urtheilen des gemeinen Verstandes? Wie der Jdea- lismus und der Skepticismus moͤglich sey. 4) Dasselbige bey den Folgerungen und Schluͤssen. 1. E ine der vornehmsten und schwierigsten Untersuchun- gen bey den allgemeinern Grundsaͤtzen der Vernunft betrift ihre Nothwendigkeit. Worinn bestehet diese, und der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. und worinn hat sie ihren Grund? Wie weit und war- um sind sie in dieser Hinsicht von einer andern Natur, als die einzelnen Empfindungsurtheile? Ueber die objektivische Nothwendigkeit der Saͤtze laͤsset sich nichts sagen, ehe man nicht die sub- jektivische, mit der sie von unserm Verstande gedacht werden, untersucht, und in uns die Natur der Gemein- saͤtze als Produkte der Denkkraft beobachtet, und ihre Beschaffenheiten bemerket hat. Nur daraus, und son- sten nirgends her kann es erkannt werden, was und wie viel wir an ihnen haben, wenn wir sie als Abbildungen und Vorstellungen von dem objektivischen ansehen, was außer dem Verstande ist. Die allgemeine obige Frage will ich folgendermaßen zergliedern. Erstlich. Jst es nothwendig, daß der Aktus des Urtheilens erfolge, wenn die Vorstellungen ge- genwaͤrtig sind, und wenn sie so gegenwaͤrtig sind, als sie es in dem Augenblick sind, wenn wir urtheilen? Laß z. B. zwo Vorstellungen von zween geradelinigten Tri- angeln gegenwaͤrtig seyn, in deren beiden zwey Seiten und der von diesen Seiten eingeschlossene Winkel schon als gleiche Groͤßen erkannt sind. Was wird noch mehr erfordert, wenn ein Urtheil uͤber das Verhaͤltniß dieser Figuren, wenn der Gedanke, „daß diese beiden Trian- geln sich decken,‟ entstehen soll? Erfolget denn das Urtheil nothwendig, wenn alle Befordernisse dazu, so ferne diese in den Jdeen liegen, vorhanden sind? Kann es nicht zuruͤckgehalten werden? auch durch eine geflis- sentliche Anstrengung der Seele nicht? Wie weit ist es subjektivisch nothwendig, daß die Denkkraft einen Ver- haͤltnißgedanken hervorbringe? Zweytens ist es nothwendig, und in wie weit und bey welchen Erfordernissen, daß das Urtheil, seiner Form nach, wenn es erfolget, so erfolge, wie es er- folget? Jst es nothwendig, daß in dem angefuͤhrten G g 4 Beyspiel VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Beyspiel die beiden Figuren fuͤr Einerley, fuͤr sich den- kende Figuren gehalten werden? Koͤnnen wir sie nicht fuͤr verschieden in uns erklaͤren? Wie weit ist es sub- jektivisch nothwendig, daß, wenn wir urtheilen, wir so urtheilen, und nicht anders? Drittens. Diese Nothwendigkeit oder Zufaͤlligkeit ist zunaͤchst eine subjektivische. Wie kommen wir zu der Erkenntniß der objektivischen, die wir den Din- gen außer uns und ihren Verhaͤltnissen zuschreiben? Wie zu den nothwendigen Vernunftsaͤtzen, in so ferne diese fuͤr Vorstellungen von dem, was den Objekten zukommt, angesehen werden? Die beiden ersten Fragen betreffen die Nothwendig- keit oder Zufaͤlligkeit der Verhaͤltnißgedanken in uns, und zwar uͤberhaupt. Die Fragen selbst sind noch sehr allgemein und unbestimmt. Um daher bestimmte Ant- worten geben zu koͤnnen, worinn die Art der Nothwen- digkeit oder der Zufaͤlligkeit, ihre Staͤrke, ihre Grenzen und Bedingungen aus Gruͤnden einleuchtet, sehe ich es fuͤr dienlich an, vorher gewisse Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten von Urtheilen anzugeben. Verhaͤltnißgedanken sind uͤberhaupt Wirkungen in uns von einer innern Thaͤtigkeit, die wir als den Aktus des Urtheilens ansehen, und der Denkkraft zu- schreiben. Lasset uns nun diesen Aktus der Denkkraft, als eine Wirkung, in Verbindung mit ihren Ursachen und Veranlassungen betrachten, und dann darauf sehen, in wie ferne diese Verbindung eine nothwendige oder eine zufaͤllige Verbindung sey? Das Verhaͤltnissedenken ist ein Denken, eine Kraftaͤusserung der Seele, die alle- mal gewisse vorhergehende Empfindungen oder Vorstel- lungen erfordert, wovon die Seelenkraft zu der Zeit mo- dificirt ist, wenn sie einen solchen Aktus hervorbringet. Und nach der Analogie solcher Faͤlle, die mit einiger Deutlichkeit beobachtet werden koͤnnen, zu schließen, so verbindet der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. verbindet sich die Denkthaͤtigkeit nicht unmittelbar mit den Empfindungen der Gegenstaͤnde, uͤber welche ge- dacht wird, sondern nur mit ihren Vorstellungen. Versuch 4. VII. 1. 2. Reid ist der Meinung, einige unserer ersten Ur- theile muͤßten wohl noch vor der simpeln Apprehen- sion der Sachen, das heißt, vor den Jdeen von Sub- jekt und Praͤdikat vorhergehen, und unmittelbar auf den sinnlichen Eindruck von außen erfolgen. Ohne Zweifel ward er, wie andere, dadurch zu diesen Gedanken ge- bracht, daß in einigen Faͤllen die Denkhandlung und die vorhergehende Empfindungs- und Vorstellungshand- lungen so schnell auf einander folgen, daß sie in Eine be- merkbare Thaͤtigkeit der Seele zusammenfließen. Es ist schwer, die eigentlichen Graͤnzen genau zu beobachten, wo das vorhergehende Empfinden und Vorstellen sich endiget, und das Denken anfaͤnget. Diese drey Kraftanwendungen Eines und desselbigen Wesens, die oft unterscheidbar genug sind, und dann auf einander folgen, verlieren sich auch oft an ihren Grenzen in einander. Dennoch ist es nicht unmoͤglich, wie bey den Farben in dem prismatischen Bilde, sie von einander zu unterscheiden. Wenn man von den Em- pfindungen anfaͤnget, so laͤßt sich folgende Ordnung er- kennen. Zuerst Empfindung, oder gefuͤhlter Ein- druck der Sache; dann Vorstellung; dann das Ge- fuͤhl der Verhaͤltnisse; dann die Beziehung der Vor- stellungen und die Gewahrnehmung dieser Beziehung, oder die Erkenntniß des Verhaͤltnisses, das Ur- theil. Jn solchen Urtheilen, worinn das Verhaͤltniß der Jdentitaͤt oder der Diversitaͤt gedacht wird, sehen wir deutlich, daß auch ein Gegeneinanderhalten der Vorstel- lungen, oder ein Vergleichen geschicht. Wo faͤllt die- ses hin? Vor oder nach dem Gefuͤhl des Verhaͤlt- G g 5 nisses VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit nisses und des Uebergangs? Wo ist nun in diesen Faͤllen der Anfang der Reflexionsaͤußerung? Siehe Versuch 4. VII. 1. 2. und Vers. 3. VI. Wenn das Gegeneinanderhalten nichts anders ist, als ein Abwechseln mit den Vorstellungen oder Jdeen, so sind wir noch in den Graͤnzen der vorstellenden Kraft. Man kann zwey Dinge lange wechselsweise angaffen, ohne die geringste Reflexion zu machen. Dieß ist also nicht Den- ken. Aber Vergleichen, das heißt; „von der Vor- „stellung der einen Sache zu der Vorstellung der andern „auf eine solche Art uͤbergehen, daß man ihre Aehnlich- „keit oder Verschiedenheit gewahrnehme; mit dieser „Absicht ansetzen, oder wenn auch die Absicht fehlet, „doch mit der naͤmlichen Tendenz die Kraft anwenden, „und wirksam seyn lassen, als es da geschicht, wo die „Absicht vorhanden ist,‟ welches so viel ist, als die Vorstellungen auf einander beziehen. Diese Aktus ge- hoͤren schon zu der Thaͤtigkeit der Denkkraft, die das Urtheil bewirket. Es gehet nicht allemal eine solche Vergleichung vor; aber man kann doch eine Anwendung unserer Kraft, als den Aktus des Beziehens, gewahrnehmen, die von der- jenigen Thaͤtigkeit, womit die Vorstellungen oder Jdeen jedwede fuͤr sich gegenwaͤrtig erhalten oder dargestellet werden, unterschieden ist. Das Gefuͤhl des Uebergangs und der Verhaͤltnisse laͤßt sich begreifen ohne Denkkraft. Darum glaube ich festsetzen zu koͤnnen, „das Abwechseln der Vorstellun- „gen, oder ihr Gegeneinanderhalten gehe vor dem Ge- „fuͤhl der Verhaͤltnisse vorher, und bringe es hervor.‟ Hier aber, wo dieß Gefuͤhl entstehet, da sey der An- fang des Beziehens der Vorstellungen auf einander, und der Gewahrnehmung. Die obigen Versuche machen mir dieß wahrscheinlich, aber es sey ferne, hierauf, als auf einen Grundsatz, zu bauen. 2. Jn der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. 2. Jn wie ferne erfolgen nun die Thaͤtigkeiten der Denk- kraft nothwendig, wenn die erwaͤhnten Aktus des Ge- gefuͤhls und der Vorstellungskraft vorhanden sind? koͤn- nen jene alsdann noch zuruͤckgehalten und abgeaͤndert werden? Zuerst unterscheide man die dunklen Urtheilsthaͤ- tigkeiten von den klaren Urtheilen, die schon Jdeen und Bewußtseyn der Dinge, woruͤber man urtheilet, voraussetzen. Versuch 4. VII. 6. Ferner die erstmaligen Urtheile von denen, die man nachher nur wiederholet. Und dann noch die un- mittelbaren Grundurtheile, die nichts weiter vor- aussetzen, als daß Vorstellungen oder Jdeen von den Dingen und Beschaffenheiten, das ist von dem Subjekt und Praͤdikat, zwischen denen ein Verhaͤltniß gedacht wird, vorhanden sind, und die wirksame Denkkraft mo- dificiren, von andern mittelbaren, gefolgerten und abgeleiteten Urtheilen, die man unter den Namen von Schlußgedanken oder Raisonnements zu begreifen pfleget. 3. Die blinden Reflexionsaͤußerungen sind natuͤr- lich nothwendige Wirkungen unserer Seele, uͤber die wir geradezu wenigstens, keine Gewalt haben. Sie erfolgen, wenn ihre Ursachen vorhanden sind, und kom- men nicht hervor, wenn jene fehlen. Sie erfolgen so, wie sie erfolgen, ohne daß wir durch eine Willkuͤhr sie befoͤrdern oder aufhalten oder sie abaͤndern koͤnnen, so noth- wendig, wie es dem Feuer nothwendig ist, zu zuͤnden, wenn es an trocknes Stroh gebracht wird. Sie erfo- dern ihre sie voͤllig bestimmenden Gruͤnde, in und außer der Seele, und zu diesem gehoͤret mancherley. Die Ge- genwart VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit genwart der Vorstellungen in der Phantasie, die vor- nehmste dieser Gruͤnde, hat doch nicht allemal das Be- ziehen und das Gewahrnehmen, als Aeußerungen der Denkkraft zur Folge. Und das letzte, das Gewahr- nehmen kann noch wohl gar alsdenn zuruͤck bleiben, wenn schon ein Gefuͤhl der Verhaͤltnisse vorhanden ist. Viel- leicht kann auch der Aktus des Denkens, „der wie ein jeder anderer Aktus durch eine Zeit fortwirken muß, ehe der herausgedachte Gedanke voͤllig zu Stande kommt,“ mitten in seiner Dauer unterbrochen werden. Allein so viel ist gewiß, daß wir es nicht in unserer Gewalt haben, willkuͤhrlich ihm Hindernisse in Weg zu legen. Wir koͤnnen nicht sagen, bis so weit wollen wir an dem fuͤr uns einfachen Verhaͤltnißgedanken arbeiten, und nun nicht weiter. Jn diesem Stuͤck haben wir uns eben so wenig in unserer Gewalt, als bey andern Ausbruͤchen natuͤrlicher Jnstinkte, bey denen sich nur auf eine indirek- te und mittelbare Weise willkuͤhrlich etwas| andern laͤßt. Es ist ein allgemeines Erfahrungsgesetz: „wir be- „sitzen uͤber keine Kraftaͤußerung, uͤber keine Thaͤtigkeit „oder Handlung einige Selbstmacht, als nur dann, „wenn wir solche wollen und nichtwollen koͤnnen.“ Dieß aber erfodert, daß wir eine Vorstellung von ihr haben, und nach dieser uns bestimmen koͤnnen, sie her- vorzubringen, oder nicht, oder sie durch eine andere ihr entgegengesetzte zu unterdruͤcken oder zuruͤckzuhalten. Wo keine Vorstellung von einer Kraftaͤußerung vorhergehet, da findet kein Wollen statt. Es geschicht das, was geschicht, der Natur der Kraft und den Umstaͤnden ge- maͤß, wie bey den Bewegungen der Koͤrper, und es feh- let uns gaͤnzlich an dem Vermoͤgen, solches nach Will- kuͤhr einzurichten. Nun haben wir aber keine Vorstel- lung, als aus der Empfindung. Sollen wir also im Stande seyn, nach willkuͤhrlicher Selbstbestimmung un- ser Urtheil zuruͤckzuhalten, oder anders einzurichten, als solches der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. solches durch die Natur der Denkkraft, und in Gemaͤß- heit der Vorstellungen erfolget, so mußte schon vorher eine Denkthaͤtigkeit von selbst und unwillkuͤhrlich vorhan- den gewesen seyn. Wir muͤßten vorher schon auf eine aͤhnliche Art geurtheilet, diesen Aktus empfunden, und eine Vorstellung davon in uns aufbehalten haben. Daraus ist es eine natuͤrliche Folge, daß wir auch in dem Fall, wo wir uͤber Jdeen schon unterschiedener Vorstellungen urtheilen, dennoch das erste mal, wenn wir ihre Verhaͤltnisse denken, sie unwillkuͤhrlich und noth- wendig auf die Art denken, als wir es thun. Die er- sten Urtheile des gemeinen Verstandes, daß es Koͤrper außer uns gebe, daß die Seele in den Koͤrper wirke; die ersten Raisonnements uͤber die Gestalt des Himmels, und viele andere Grundsaͤtze sind Wirkungen der Natur, die der Jdealist, der Harmonist und der Astronom schon in seinem Kopf antrift, ehe er durch Fleiß und wiederholtes Bestreben es sich moͤglich machet, sie umzuschaffen. Und eine solche Umaͤnderung jener Ur- theile, ist, dieselbigen Vorstellungen nemlich von den Subjekten und Praͤdikaten unveraͤndert vorausgesetzt, nicht ehe in seiner Gewalt, als bis er mit vielen Vorstel- lungen und Jdeen von diesen Denkhandlungen und von ihren entgegenstehenden versehen ist. Aber wie bekommt er es denn in seiner Gewalt, die- se Urtheile umzuaͤndern und in wie weit? Wenn man schon so oft mit den Empfindungsvorstellungen von der Sonne und Mond den Gedanken verbunden hat, daß beide von gleicher Groͤße sind; wenn es schon mehrma- len gedacht worden ist, daß der Tisch, den ich anfuͤhle, ein existirendes Ding außer mir ist, so muß die Gewohn- heit so einen Gedanken mit den Vorstellungen oder Jdeen zu verbinden, die erste natuͤrliche Verbindung verstaͤrket, und fast unaufloͤslich gemacht haben. Durch welche Mittel kann also nachher die Reflexionsaͤußerung von den gegen- VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit gegenwaͤrtigen Vorstellungen abgesondert, und zuruͤckge- halten werden, wenn die letztere noch immer dieselbige bleiben, die sie vorher waren, und wie laͤßt sich ein an- ders Urtheil an die Stelle des gewoͤhnlichen einschieben? Jch berufe mich auf innere Beobachtungen, wenn ich sage, daß solches auf die Art geschicht, die ich hier angeben will. Wenn wir Vorstellungen von dem Re- flexionsaktus in uns haben, eben so wohl als von den Objekten, woruͤber reflektiret wird, und wenn wir auch andere Vorstellungen von den entgegengesetzten Denkthaͤ- tigkeiten besitzen, durch deren Erregung jene zuruͤckblei- ben muͤssen; wenn wir von der Vernemung eine Jdee haben, wie von der Bejahung, von dem Zuruͤckhal- ten des Beyfalls und von dem Beystimmen, von dem Zweifeln so gut, als von dem Entscheiden, so werden bey der mannigfaltigen Association einer und derselbigen Vorstellung mit einer Menge anderer, auch Verknuͤ- pfungen zu Stande kommen koͤnnen zwischen den Jdeen von den Objekten, uͤber die man urtheilet, und zwischen dem Zweifeln, dem Verneinen und dem Bejahen. Dadurch wird es moͤglich, daß die Seele von jenen Vor- stellungen der Dinge, die sie ehemals hatte, zu Vorstel- lungen und Urtheilsthaͤtigkeiten uͤbergehet, die von de- nen verschieden sind, welche das erstemal unmittelbar er- folgten. Laß also die naͤmlichen Vorstellungen von den Objekten in uns gegenwaͤrtig seyn; laß mich denselbigen Tisch sehen, es ist gewiß, daß mir nur deswegen der Gedanke nicht einfallen doͤrfe, der Tisch sey ein Ding außer mir. Es kann mir der Geschmack der Speise ein- fallen, die darauf gestanden hat, oder die Jdee von dem Gelde, das auf ihm gezaͤhlt worden ist, oder jedwede andere, die mit jener in der Phantasie associirt ist. Ue- berfaͤllt mich aber die Reflexion von der objektivischen Existenz des Tisches, so kann ich doch diese durch die Er- weckung anderer Jdeen unterdruͤcken, und sie mir aus dem der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. dem Sinne schlagen. Aber dieß nicht allein; ich kann so gar den Gedanken mit ihr verbinden, daß der Tisch kein wirkliches Objekt sey, wenn ich anders im Stande bin, die berkeleyischen Zweifelgruͤnde lebhaft genug zu erwecken, und in mir zu erhalten. Jn diesen angefuͤhrten Urtheilsarten ist also die Ver- bindung zwischen den Gedanken von dem Verhaͤltnisse der Jdeen, und zwischen den Jdeen selbst nicht in einem solchen Grade nothwendig, daß nicht ein anderer Ver- haͤltnißgedanke an die Stelle des erstern hervorgebracht werden koͤnne. Die subjektivische Folge unserer Kraft- aͤußerungen ist hier an sich zufaͤllig und kann veraͤn- dert werden, und wird oftmals wirklich veraͤndert. Dagegen ist nun dieß auch eine Erfahrung. „Wenn „wir bestimmte Jdeen in uns gegeneinander stellen, mit „der Tendenz unserer Kraft zum Vergleichen, und wir „es also darauf anlegen, die Verhaͤltnisse der Dinge aus „ihren Jdeen zu erkennen, so muß auch bey der Fortse- „tzung dieser Thaͤtigkeit der Verhaͤltnißgedanke so erfol- „gen, wie er wirklich erfolget, woferne nicht andere „Vorstellungen dazwischen treten, und die Applikation „der Kraft hindern oder anderswohin lenken.“ Lasset uns, wenn wir koͤnnen, einen Augenblick unsere astro- nomischen Jdeen zuruͤck lassen, und die Groͤßen der Sonne und des Monds nach ihren sinnlichen Jdeen zu vergleichen uns bestreben; stoͤret uns nur keine frem- de Jdee, so wird der Gedanke sich bald einstellen, der das sinnliche Urtheil ausmacht, daß die Sonne dem Monde an Groͤße gleich sey. Wo diese Wirkung nicht erfolget, oder wo die entgegengesetzte erfolget, und wo sich dergleichen durch unsere eigene willkuͤhrliche Bestim- mung so zutraͤget, da ist eine fremde Jdee vorhanden, die es entweder nicht bis zu dem Aktus des Vergleichens kommen laͤßt, oder waͤhrend dieses Aktus es veranlasset, daß VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit daß die Thaͤtigkeit abgebrochen wird, und ihre Wirkung zuruͤck bleibet. Jch setze noch diese Anmerkung hinzu. Wenn das Vergleichen der Jdeen Schwierigkeiten findet; wenn es merklich lange dauert, bis das Urtheil zu Stande kommt; so findet sich, daß es den verglichenen Jdeen an der noͤ- thigen Klarheit oder Deutlichkeit gefehlet habe, oder auch an der noͤthigen Lebhaftigkeit und Staͤrke, die sie haben muͤssen, um einander so nahe gebracht zu wer- den, und um so lange gegenwaͤrtig zu seyn, bis ihre Verhaͤltniß gewahrgenommen werden kann. Jch rede nur noch von einfachen Urtheilen, nicht von Schluͤssen. Um dem letztern Mangel abzuhelfen, wird eine wieder- holte und staͤrkere Anstrengung der Vorstellungskraft er- fordert; der erste aber wird durch vorlaufende Reflexio- nen gehoben, wodurch die in den Jdeen noch fehlende Klarheit und Deutlichkeit bewirket wird. Jn einem sol- chen Fall, wo man vorher vieles an den Vorstellungen oder Jdeen arbeiten muß, bis man sie zum Gewahrwer- den ihres Verhaͤltnisses einrichtet, da ist der laͤngere Ak- tus des Vergleichens in der That nichts anders, als ei- ne groͤßere Menge einzelner gleichartiger Thaͤtigkeiten der vorstellenden und denkenden Kraft, die sich auf die Jdeen des Urtheils, einzeln genommen, verwendet. Wenn es nun aber so weit ist, daß zwo Jdeen ihre voͤl- lige Klarheit, Deutlichkeit und Staͤrke erhalten haben, so wird nichts mehr, als, so zu sagen, ein einziger Blick darauf, oder ein einziges Bestreben der Denkkraft er- fordert; und der Verhaͤltnißgedanke bey den Jdeen ist hervorgebracht und das Urtheil gefaͤllet. Betrachten wir also eine einfache Reflexion, wozu die vorstellende Kraft und das Gefuͤhl alles erforderliche vorbereitet hat, so ist der Ansatz der Denkkraft zum Denken, die Aktion selbst, und ihre Wirkung, das Urtheil, sogleich un- mittelbar mit einander da, und alles, besonders der Aktus der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Aktus und sein Erfolg so unzertrennlich, daß beides zu- sammen zuruͤckgehalten werden muß, wenn der Erfolg, oder der hervorgebrachte Gedanke nicht entstehen soll. 4. Wo aus einem Urtheil eine unmittelbare Folge- rung gezogen wird, da haben wir eine Fortsetzung des Reflexionsaktus von einem Verhaͤltnißgedanken zu einem andern uͤber ebendieselbigen Gegenstaͤnde. Versuch 4. VII. 7. Da sind also zween unterscheidbare Aktus, die auf einander folgen, und der zweete kann zuruͤckbleiben, wenn gleich der erstere vorhanden ist. Es muß die Denkkraft, so zu sagen, noch einen Schritt weiter gehen, wenn man z. B. den umge- kehrten Satz aus einem andern folgern will. Jn einem eigentlichen deutlichen Schluß erwaͤchset der Gedanke von dem Verhaͤltniß zweyer Dinge aus den vorhergehenden Gedanken von ihrem Verhaͤltniß gegen ein drittes. Man weiß es, daß die beiden Vorder- saͤtze gedacht werden koͤnnen ohne den Schlußsatz; und daß wir diesen auch fuͤr sich denken koͤnnen, ohne ihn als einen Schlußsatz zu denken. Soll man schließen, so muß die Denkkraft, welche die Vordersaͤtze gegenwaͤrtig hat, in ihrer Thaͤtigkeit fortschreiten. Das Verhaͤltniß der Jdeen in dem Schlußsatz muß eine Wirkung der durch die vorhergehenden Gedanken modificirten und fort- arbeitenden Reflexion seyn. Jn dem deutlichen Rai- sonnement sind also drey Urtheilsthaͤtigkeiten in einer Folge auf einander. Jn den unvollstaͤndigen Schluͤssen kann eine davon fehlen, indem eine Association der Jdeen in der Phantasie die Stelle eines von diesen Vorder- urtheilen vertreten kann, in welchem Fall man eigentlich mehr ein mittelbares Urtheil als ein Kaisonnement hat. I. Band. H h Es VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Es ist also offenbar, daß wenn der Verstand von den Vordersaͤtzen zu dem Schlußurtheil uͤbergehet, eine an sich zufaͤllige Folge von Thaͤtigkeiten, die durch machen Ursachen unterbrochen werden kann, vorhanden sey. II. Von der subjektivischen Nothwendigkeit der Denkarten, in wie fern ihre Form noth- wendig durch ihre Gruͤnde bestimmet wird. 1) Unterschied der nothwendigen und zufaͤl- ligen Urtheile, die es der Form nach sind. 2) Allgemeiner Charakter der zufaͤlligen Ur- theile. 3) Zu den subjektivisch nothwendigen Ur- theilen gehoͤren die Verhaͤltnißgedanken, die aus der Vergleichung der Dinge ent- springen. 4) Ob alle nothwendigen Urtheile zu dieser Gattung gehoͤren? Ob alle Wahrheiten nur Eine Wahrheit sind? 5) Die Urtheile des unmittelbaren Bewußt- seyns sind subjektivisch nothwendige Ur- theile. 6) Die Schlußurtheile sind subjektivisch nothwendige Urtheile, wenn die Grund- urtheile vorausgesetzet werden. Gren- zen des vernuͤnftelnden Skepticismus. 7) Von der Nothwendigkeit in unsern Ur- theilen uͤber die verursachende Verbin- dung. Erster Fall, wo diese subjektivi- sche der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. sche Nothwendigkeit nur eine bedingte Nothwendigkeit ist. 8) Jn welchen Faͤllen sie eine innere abso- lute Nothwendigkeit ist. 9) Wie weit das allgemeine Princip des Verstandes: Nichts wird ohne Ursache, ein subjektivisch nothwendiger Grund- satz sey? 10) Von der subjektivischen Nothwendigkeit in andern allgemeinen Denkarten. Von Suggestionssaͤtzen. 11) Nochmalige Aufzaͤhlung der subjektivisch nothwendigen Denkarten und Grundsaͤtze. 12) Von der subjektivischen Nothwendigkeit gewisser Denkarten, die eine hypothetische Gewohnheitsnothwendigkeit ist. 1. D ie zwote Frage bey der subjektivischen Nothwen- digkeit der Urtheile ist diese: Wird die formelle Beschaffenheit des Urtheils nothwendig durch die Ursa- chen und Gruͤnde bestimmt, durch welche der Verhaͤlt- nißgedanke veranlasset wird? und in wie ferne? Koͤn- nen wir durchaus nicht bejahend urtheilen, wo wir verneinen; nicht Aehnlichkeit finden, wo wir die Ver- schiedenheit antreffen und umgekehrt? Es scheinet, dieß beantworte sich von selbst, und so ist es auch in einem gewissen Verstande; aber dennoch verdienet es eine eigene Erwaͤgung: Wir treffen darinn Saamen zu fruchtbaren Betrachtungen an. Jeder Verhaͤltnißgedanke hat in uns seinen voͤllig determi- nirenden Grund. Jst dieser da, bestehet und wirket H h 2 er VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit er auf die Denkkraft in dem Augenblick, in welchem diese den Verhaͤltnißgedanken hervorbringet, so ist es auch unmoͤglich, daß die Kraft anders denken koͤnnte, als wie sie denket. Dieß ist sehr einleuchtend, und diese Nothwendigkeit enthaͤlt so viel, daß wir kein Vermoͤgen haben, unter den gesagten Umstaͤnden, anders zu ur- theilen, als wir urtheilen, woferne nicht etwas von dem vorhergehenden voͤllig bestimmten Grunde geaͤndert wird. Aber wie viel oder wie wenig begreift man unter dem vorausgesetzten voͤllig bestimmenden Grunde? Man hat einen bekannten Unterschied zwischen den so genannten nothwendigen Urtheilen, wo außer den Vorstellungen oder Jdeen von den Objekten, nichts weiter vorhanden ist, wodurch die wirksame Denkkraft zu dem Urtheile bestimmet wird; und zwischen andern zufaͤlligen Urtheilen, wenn die Aktion der urtheilenden Kraft noch uͤberdieß von einem andern gegenwaͤrtigen, mit den Jdeen des Subjekts und des Praͤdikats verbun- denen, Umstande, abhaͤnget. Wenn außer den Vorstellungen der Dinge noch et- was bestimmendes mehr vorhanden ist, das mit jenen nur als zugleich vorhanden in der Jmagination associiret wird; oder wenn etwas vorhanden ist, was mit der Denkthaͤtigkeit selbst auf solche Weise associiret wird, so begreifet man leicht, wie die Vorstellungen und Jdeen dieselbigen bleiben koͤnnen, die sie sind, und wie dennoch der Verhaͤltnißgedanke veraͤndert werden kann, wenn jene Nebenumstaͤnde sich absondern lassen. Wenn gleich die Gewohnheit, zwey Dinge zugleich neben einander, auf eine gewisse Weise koexistirend, zu denken, sehr stark ist; so sind doch diese beiden Jdeen an sich wiederum von einan- der trennbar; vorausgesetzt, daß sie keinen weitern Grund ihrer Verbindung haben, als die Koexistenz, und die davon abhangende Association in der Phantasie; daß sie nemlich nicht einerley mit einander sind, oder auch son- sten der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. sten nicht von einander so abhangen, daß die Denkkraft, welche die Eine von ihnen in sich gegenwaͤrtig erhaͤlt; ih- rer innern Natur nach auf die andere gefuͤhret wird, auch wenn sie die letztere noch niemals vorher mit der er- stern verbunden hat. Die Gewohnheit, „zwey Dinge bey einander als koexistirend sich vorzustellen, sey so stark als sie wolle, so ist es dennoch moͤglich, jede dieser beiden Vorstellun- gen mit andern verschiedenen Vorstellungen zu verbin- den, und sie in diesen neuen Verbindungen gegenwaͤrtig zu haben, und alsdenn sie selbst von einander in der Phan- tasie zu trennen. Die Gewohnheit, associirte Jdeen zu verbinden, und die Beziehung, welche sie in dieser Asso- ciation auf sich haben, als ihre wahre Beziehung anzu- sehen, ist bekanntlich so maͤchtig wie eine zwote Natur. Es lassen sich aber doch andere Reflexiones entgegen setzen, wenn jene gleich oͤfters diese letztern unterdruͤcket, und uns gegen besseres Wissen zu uͤbereilten Urtheilen bringet. Der Schaͤfer hat sich angewoͤhnt, Sonne und Mond fuͤr gleich groß zu erkennen, und ihnen eine gleiche fuͤhl- bare Groͤße mit der sichtlichen zuzuschreiben. Der Astronom aber hat diese Association aufgehoben, und ur- theilet auf die entgegengesetzte Art, daß diese Koͤrper ungleich sind. So sind sie auch vor dem Gefuͤhl; und selbst die sichtliche Gleichheit, welche ihnen zukommt, ist nur eine relative sichtliche Gleichheit, eine solche nemlich, die nur bey einer bestimmten Entfernung des Auges statt findet; sie ist nicht einmal eine absolute sichtliche Jdentitaͤt, die den Objekten nach den Gesichts- vorstellungen zukommt, wenn ihre Lage gegen das Auge, und die uͤbrigen Empfindungserfordernisse dieselbigen sind. H h 3 2. Wir VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit 2. Wir haben hier einen allgemeinen Charakter der zufaͤlligen Urtheile, die es nemlich in so ferne sind, daß sie durch Erfahrungen und durch Ueberlegung um- geaͤndert werden koͤnnen, wenn gleich die auf einander bezogene Vorstellungen und Jdeen, oder die Materie des Urtheils, wie die Vernunftlehrer sagen, in aller Hin- sicht, auch an Klarheit und Deutlichkeit dieselbigen blei- ben. „Wo das Urtheil eine gewisse Verknuͤpfung von „Vorstellungen erfodert, die blos von der Koexistenz in „der Empfindung, oder von einer nachher entstandenen „bloßen Association in der Phantasie, und nicht von „noch andern Beziehungen und Verhaͤltnissen der Jdeen „abhaͤngt, und wo wir nur allein vermittelst einer sol- „chen Association urtheilen, da ist die Form des Ur- „theils zufaͤllig. ‟ Wenn eine solche Association einen Einfluß in das Verhaͤltniß hat, das wir den Sachen oder Jdeen zuschreiben, so ist es an sich moͤglich, daß jene Association gehoben, und alsdenn verneinet werden kann, was vorher bejahet worden ist. Das vorige Bey- spiel erlaͤutert auch dieses. Es koͤnnen Objekte, die wir fuͤr gleich große erkannt haben, fuͤr ungleich erkannt wer- den, obgleich dieselbigen Vorstellungen von ihnen noch vorhanden sind, die wir vorher hatten, und ob wir gleich in ihnen noch dasselbige gewahrnehmen, und sie auf die- selbige Art mit einander vergleichen. 3. Dagegen, wenn solch eine vorlaͤufige Association kei- nen Einfluß in den Aktus des Denkens hat, so erfolget dieser seiner Form nach, nothwendig so, wie er erfol- get, daferne die Vorstellungen und Jdeen, als die Ge- genstaͤnde der Denkkraft, unveraͤndert bleiben. Dahin der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Dahin gehoͤren zunaͤchst die blos aus einer Verglei- chung entspringenden Verhaͤltnißgedanken, von der Einerleyheit und Verschiedenheit, mit allen ihren Arten. Denn wenn das Praͤdikat einerley ist mit dem Subjekt, oder mit einem Theil und Beschaffenheit der- selben; wenn es in ihr lieget, wie wir sagen, oder wenn das Gegentheil von diesem statt findet, und die Ver- gleichung wird nur auf dieselbige Art angestellet, so muß auch die Wirkung der Denkthaͤtigkeit, oder das Urtheil in allen Faͤllen dasselbige seyn. Der leere Raum, saget eine Parthey der Philo- sophen, ist etwas, das nachbleibet, wenn der Koͤrper weg- genommen wird, und ein reelles Ding. Der Gegner urtheilet, er sey ein pures Nichts. Scheint dieß Bey- spiel nicht eine Ausnahme zu machen? Jch meine nicht. Denn ohne Zweifel ist in dem Kopf des Einen eine an- dere Nebenidee mit dem Begrif des Subjekts oder auch mit dem Begrif des Praͤdikats verbunden, als in dem andern. Die Verschiedenheit liegt in den Jdeen, ohne daß es vielleicht die Streitenden selbst wahrnehmen, weil jene von dem Gleichlaut der Woͤrter unterdruͤcket wird. Hievon an einem andern Ort. Jeder urtheilet nach sei- nen Jdeen, und muß darnach urtheilen. 4. Bestehen aber alle nothwendigen Urtheile ohne Ausnahme in Gedanken von der Einerleyheit, oder der Verschiedenheit der Dinge? Dieß ist ein oft be- ruͤhrter, aber noch nie ins Helle gesetzter Punkt in der Natur des menschlichen Verstandes. Einige Philoso- phen haben alle Urtheile auf diese einzige Gedankengat- tung reducirt, daß die Dinge einerley oder verschieden sind. Jch habe oben gezeiget, Versuch 4. VII. 6. daß dieß unrichtig sey, H h 4 wenn VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit wenn von den ersten Beziehungen und von den ersten Grundurtheilen die Rede ist, wie es hier ist. Andere stellen die Sache so vor: das Praͤdikat, das einem Subjekt beygeleget wird, muß entweder in der Jdee des Subjekts schon begriffen seyn, oder es muß bey ihr und mit ihr verbunden seyn, und wenn man einer Sache etwas abspricht, so muß das Gegentheil ent- weder in ihr vorhanden, oder doch von ihr getrennet seyn. Jst das Praͤdikat in der Jdee des Subjekts be- griffen, so ist es entweder mit der ganzen Jdee des Sub- jekts, oder mit einem Theil von ihr, in dem Fall, wenn es Eine von den mehreren Beschaffenheiten des Sub- jekts ist, einerley. Es findet also eine Jdentitaͤt zwi- schen den beiden Jdeen Statt. Jn den verneinenden Urtheilen ist es eine Verschiedenheit zwischen dem Praͤ- dikat, und den Beschaffenheiten des Subjekts, und oͤf- ters ein Widerspruch zwischen ihnen. Setzet man also die Klasse von Urtheilen, worinn nichts mehr als eine bloße Verbindung, oder nichts mehr als ein Getrennetseyn der Sachen gedacht wird, als eine ei- gene Gattung von zufaͤlligen Urtheilen bey Seite; so bleibet nur die zwote Klasse von nothwendigen Ur- theilen uͤbrig. Dieß sind denn die Gedanken, daß Dinge einerley, oder daß sie verschieden sind. Zu- folge dieses Raisonnements wuͤrden also alle nothwen- digen Urtheile in Gedanken uͤber die Jdentitaͤt und Di- versitaͤt bestehen muͤssen. Leibnitz behauptete, das metaphysische Princip der Jdentitaͤt sey das allgemeinste Princip aller noth- wendigen Wahrheiten. Wenn er seinen eigenen Sinn bestimmter ausgedruckt haͤtte, so wuͤrde er gesagt haben: Der Satz, ein Ding ist mit sich selbst einerley, sey der allgemeinste Ausdruck aller nothwendigen bejahen- den Saͤtze, so wie dagegen das Princip der Dwersi- taͤt: „Ein Ding ist verschieden von einem Andern,“ die der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. die allgemeine Formel aller nothwendigen vernei- nenden Saͤtze ist, in demselbigen Verstande, wie das Princip des Widerspruchs als die allgemeinste For- mel aller nothwendigen falschen Saͤtze angesehen werden kann. Hr. Dalembert scheint denselbigen Ge- danken gehabt zu haben, da er behauptet, daß alle geo- metrischen Lehrsaͤtze, und nicht diese nur, sondern auch alle physischen Wahrheiten fuͤr den Verstand, der sie in ihrer vollkommensten Deutlichkeit durchschauet, nur Ei- ne große Wahrheit ausmachen koͤnnen. Jn seinem discours préliminaire zur Encyclopaͤdie, der zu Zuͤrich 1761. mit Anmerkungen eines dunklen aber scharfsinnigen Schweizerschen Philosophen deutsch herausgegeben ist. §. 34. 35. Ein sehr un- bestimmter Satz, den schon aͤltere Philosophen gesaget haben. Sind denn diese beiden Saͤtze, „9 ist so viel als 9“ und „2 ist gleich 2“ nicht eben so weit unterschie- dene Saͤtze, als die Zahlen 9 und 2 selbsten sind, ohner- achtet in beiden das allgemeine Princip: Ein Ding ist sich selbst gleich, zum Grunde lieget? Besondere An- wendungen eines und desselbigen Princips auf besondere mehr bestimmte aber unterschiedene Begriffe geben doch verschiedene Saͤtze, und sind nicht Ein und derselbige Satz, wenn anders nicht eine allgemeine Aehnlichkeit mehrerer Urtheile schon ein Grund seyn soll, sie fuͤr Ein Urtheil anzusehen. Die geometrischen Folgerungen und Schluͤsse bestehen in einer Substitution gleicher und aͤhn- licher Dinge, und in einem Uebergang von Gleichen zu Gleichen. Dieß hat der scharfsinnige Mann ohne Zwei- fel im Sinn gehabt, aber doch in der That sich mehr wi- tzig, als bestimmt und fruchtbar ausgedruckt, wenn er saget, daß alles an sich nur Eine Wahrheit ausmache. Sonsten kann auch wohl in einer andern Hinsicht der Jn- begrif aller Wahrheiten, der ganze zusammenhaͤngende H h 5 Umfang VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Umfang derselben wie ein Eins angesehen, und Eine gro- ße unendlich vielbefassende Wahrheit, wenn man will, genennet werden. Ob Leibnitz und Dalembert Recht haben, und in welchem bestimmten Verstande, das laͤsset sich alsdenn besser uͤbersehen, wenn man vorher die mehreren Arten subjektivisch nothwendiger Wahrheiten abgesondert hat. Jch fuͤrchte hier; wie an mehrern Orten, daß die Be- trachtung zu einseitig werde, wenn man sogleich auf ei- ne systematische Einfoͤrmigkeit bedacht ist. Man sehe sich vorher nach allen nothwendigen Wahrheiten um, die verschiedener Art zu seyn scheinen; Ob sie am Ende sich auf eine einzige zuruͤckbringen lassen, oder aus Einem und demselbigen gemeinschaftlichen Grunde entspringen, wird sich alsdenn durch die Vergleichung zeigen, und es liegt weniger daran, wenn dieß auch nicht voͤllig entschie- den wuͤrde. Es giebt eine subjektivische Nothwendigkeit in den geometrischen Demonstrationen, eine andere in den Grundsaͤtzen uͤber die Dependez, und eine andere in andern allgemeinen Denkarten, die man Suggestions- saͤtze nennen kann; auch in den sinnlichen Urtheilen, und in dem Glauben, womit man fremdes Zeugniß fuͤr wahr annimmt. Hr. Beattie hat sich bemuͤhet, die Natur dieser Nothwendigkeit zu zeigen, aber es scheinet nicht, als wenn er bis auf ihren Grund und Ursprung gedrun- gen sey. Denn hiezu ist bey weiten nicht genug, hie und da die Art der subjektivischen Nothwendig- keit in den Gedanken, aus der allein die objektivische Nothwendigkeit der Saͤtze beurtheilet werden kann, an- zugeben; es muß auch der Grund dieser Nothwen- digkeit in dem Verstande, oder zum mindesten das all- gemeine Denkgesetz, das die natuͤrlich nothwendige Wir- kungsart der Gedanken und Urtheile bestimmet, aufge- sucht werden. Dieß ganze große fruchtbare Feld hat Hr. Beattie, wie seine Vorgaͤnger, groͤßtentheils so unauf- der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. unaufgehellet gelassen, wie es vorher war. Jch kann nicht alles nachholen, aber einige Stellen, die am mei- sten hervorragen, und von welchen ab die Aussicht auf die wichtigsten Gegenden hin offen seyn wird, will ich etwas mehr bemerklich zu machen suchen. 5. Die Urtheile uͤber die wirklichen unmittelba- ren Gegenstaͤnde des Bewußtseyns, die die Er- kenntniß des unmittelbaren Bewußtseyns aus- machen, sind in Hinsicht ihrer Form schlechthin sub- jektivisch nothwendige Aeußerungen der Denkkraft. Jch hoͤre, ich sehe, ich fuͤhle Schmerz, ich denke, ich stelle mir etwas vor, ich erinnere mich; und alle derglei- chen Grundurtheile uͤber unsere Empfindungen sind eben so nothwendig, als nothwendig es ist, das geometrische Axiom fuͤr wahr zu halten, daß zwo Summen einander gleich sind, die aus gleichen zu gleichen addirt, entste- hen. Es moͤgen meine Empfindungen wahr oder falsch seyn, so gar ein leerer Schein, wie der Skeptiker es ha- ben will; so ist es dennoch unmoͤglich, anstatt des Ge- dankens, ich fuͤhle, ich habe eine Jdee, und ich denke, den Gedanken hervor zu bringen: ich fuͤhle nicht, ich habe keine Jdee, ich denke nicht. Jn tiefem Schlaf denke ich weder das Eine noch das andere. Die Denkkraft kann vielleicht eine Weile stille stehen. Aber wenn und sobald sie wirket, so sind dieß ihre Wir- kungen, und sie kann die entgegengesetzten durchaus nicht hervorbringen. Das Feuer kann nicht loͤschen da, wo es zuͤndet, und die Denkkraft kann eben so wenig denken; es scheine etwas nicht zu seyn, wo es ihr doch wirklich zu seyn scheint, als sie einen viereckten Zirkel sich vorstellen kann. Da haben wir also die zwote Art schlechthin nothwendiger Reflexionsaͤußerungen. Die Er- ste VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit ste bestehet in den Urtheilen uͤber die Einerleyheit und Verschiedenheit der Objekte nach den Jdeen von ih- nen. Die erwaͤhnten Urtheile des unmittelbaren Be- wußtseyns uͤber Wirklichkeiten machen die zwote aus. Zweifler oder Vernuͤnftler, so lange sie nicht ganz zu den Sinnlosen sich gesellen, urtheilen hierinn so, wie andere Menschen. Diese beiden erwaͤhnten Gattungen von Ur- theilen haben doch auch Hume und Berkeley fuͤr Grund- wahrheiten angenommen. 6. Es sind drittens unsere gefolgerten und aus an- dern geschlossenen Urtheile nothwendige Urtheile, wenn die Vordersaͤtze als anerkannte Wahrheiten voraus- gesetzet werden. Der Beyfall, womit wir den Schluß- satz annehmen, ist nicht aufzuhalten, noch zu unterdruͤ- cken, woferne die Vernunft nicht in ihrer folgernden Aktion aufgehalten wird, und sonsten kein Zweifel bey den Grundsaͤtzen, noch einige Verwirrung in der Art des Schließens uns aufstoͤßet. Denn indem die Ver- nunft den Schlußsatz aus den Vordersaͤtzen herausnimmt, so wirket sie nach dem Gesetz der Denkbarkeit, der Jdentitaͤt, und nach dem Grundgesetz der beiden entgegenstehenden moͤglichen Faͤlle, in so ferne diese allgemeine Axiome als formelle Denkungsgesetze betrachtet werden. Die Denkkraft kann Widerspruͤche nicht gedenken; sie setzet nothwendig Einerley fuͤr Einer- ley; dieß ist das Gesetz der Substitution; sie kann nur zwo moͤgliche Faͤlle, Seyn oder Nichtseyn sich vorstellen, und nimmt nothwendig den Einen an, wenn der andere auf etwas widersprechendes fuͤhret. Jndem sie diesen Gesetzen gemaͤß verfaͤhret, kommt sie auf den Gedanken, der den Schlußgedanken ausmachet. Un- ter der Voraussetzung also, daß sie denket, und von den fuͤr richtig erkannten Vordersaͤtzen anfaͤngt, kann sie den Schluß- der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Schlußgedanken nicht umaͤndern. Die Geometrischen Theoreme koͤnnen eben so wenig von dem Verstande, der ihre Beweise durchdenket, bezweifelt werden, als ihre Axiome. Wenn es geschaͤhe, so muͤßte es daran liegen, weil man die Demonstrationen nicht ganz durchdenken kann, oder in einige Verwirrung geraͤth. Die subjektivische Nothwendigkeit, mit der unsere Reflexion in diesen drey angefuͤhrten Faͤllen so wir- ket, wie sie wirkt, ist von einer unuͤberwindlichen Staͤr- ke. Der Hang zum Pruͤfen und Zweifeln, das geflis- sentlichst muthwilligste Bestreben wuͤrde hierinn ein Be- streben gegen seine eigene Natur seyn, und bleibet im- mer unfaͤhig, sie umzuaͤndern. Hier ist die Grenze des Stepticismus, so lange noch vernuͤnftelt wird. Alles, was der hartnaͤckigste Zweifler uͤber sich vermag, wuͤrde dieß seyn, daß er seine Vernunftfaͤhigkeit schwaͤ- chen und sie unvermoͤgend machen koͤnne, so anhaltend wirksam zu seyn, als es noͤthig ist, wenn eine Reihe von Schluͤssen durchgedacht werden soll. Wenn ihm diese Unterdruͤckung der Vernunft gelingen koͤnnte, so muͤßte er freylich dasselbige erfahren, was Personen von schwa- chem Verstande begegnet, die, ob sie gleich mehrmalen eine Rechnung nachgesehen, und richtig befunden haben, sich doch noch wohl durch eine dreiste Behauptung des Gegentheils zweifelhaft machen lassen, ob die Rechnung auch wirklich richtig sey? Aber dahin ist es doch nicht zu bringen, daß in jedem einzelnen Schluß ein anderer Schlußsatz aus den Vordersaͤtzen gezogen werde, als der einzige richtige ist, es sey denn, daß zugleich in den Jdeen oder in den Vordersaͤtzen eine Veraͤnderung vor- gehe. Diese subjektivische Nothwendigkeit in unseren Urtheilen ist eine Nothwendigkeit von dem ersten Rang, eine absolute Nothwendigkeit; aber doch eine so genannte necessitas contrarietatis, eine Nothwendig- keit, VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit keit, in der Art und Weise zu wirken; nicht eine Noth- wendigkeit zu wirken uͤberhaupt. Es ist nicht nur nothwendig, daß wir die Folge- rungen fuͤr wahr anerkennen; wenn wir die Grundsaͤtze dafuͤr annehmen, und die Verbindung von jenen mit diesen einsehen, sondern es ist auch nothwendig, „daß wir den Schlußsatz fuͤr abhaͤngig von seinen Gruͤnden erklaͤren.‟ Der Schlußsatz ist um der Vordersaͤtze wil- len wahr; er wird durch sie gesetzet, er haͤnget von ihnen ab. Dieß Urtheil ist gleichfalls ein nothwen- diges Urtheil, sobald wir uͤber diese Beziehung reflek- tiren. 7. Sollte es viertens unter unsern Urtheilen uͤber die wirkende Verbindung der Ursachen mit ihren Wir- kungen, nicht auch einige geben, die von einer gleichen Nothwendigkeit sind, und in denen es nemlich eben so nothwendig ist, bey der Gegeneinanderhaltung der bei- den Objekte, von denen Eins die Ursache, das andere die Wirkung genannt wird, zu urtheilen, „daß sie von einander abhangen, ‟ als es nothwendig ist, den Schluß- satz fuͤr eine von seinen Praͤmissen abhaͤngige Folge anzu- sehen? Dieser Gedanke: Ein Ding ist die Ursache, die ein anders hervorbringet, erfodert, wie vorher weitlaͤuftiger gewiesen worden ist, Versuch 4. IV. 4. nicht allein, daß wir etwas vorhergehendes und etwas nachfolgendes, und das letztere als ein werdendes oder entstehendes Ding, in dem Erstern aber ein Bestreben und eine Thaͤtigkeit gewahrnehmen, und uns vorstellen, fondern es wird auch die entstandene Sache, die Wirkung ist, als eine sol- che angesehen, die nicht von selbst, noch anderswoher ihren Ursprung hat. Der der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Der erste Theil dieses letztern Gedankens ist eben so subjektivisch nothwendig, als es ist, einem Dinge, das wir als etwas Entstehendes und Werdendes uns vorstellen, eine Ursache zuzuschreiben, oder mit andern Worten: als es nothwendig ist, zu denken: Aus Nichts wird Nichts, von welcher Nothwendigkeit ich gleich nachher mehr sagen will. Das zweyte Urtheil, daß die Wirkung nicht sonsten woher entstanden sey, ist alsdenn auch ein nothwendi- ger Gedanke, wenn wir nirgends sonsten etwas wirkli- ches wahrnehmen, was die Ursache zu dem Entstande- nen seyn koͤnnte. Denn es ist ein Naturgesetz der Denkkraft, „daß sie Nichts als ein wirklich vorhande- „nes Ding annimmt, oder annehmen kann, ohne sol- „ches entweder zu empfinden, oder in andern Gedanken „einen Grund dazu anzutreffen.‟ Daher ist es, wenn die zuletzt erwaͤhnte Bedingung Statt findet, ein subjektivisch nothwendiger Gedanke, daß wir die Bewegung des Arms nach dem Willen der Seele fuͤr eine Wirkung unsers Wollens, und das Licht des Tages fuͤr eine Wirkung von der Sonne halten. Der Harmonist und der Jdealist urtheilet im Anfang eben so, wie andere Menschen, und muß also urtheilen, so lan- ge nicht in ihm der neue Gedanke hinzu gekommen ist, daß die Bewegung in dem Koͤrper nach dem Willen der Seele wohl anderswoher, nemlich aus den Kraͤften des Koͤrpers, entstanden seyn koͤnne. Wenn aber dagegen, Spekulation oder Empfindung oder Jnstruktion, oder was es sey, diesen letztern Gedanken ihm beygebracht hat, und wenn dieser mit demjenigen verbunden wird, was er nicht mehr und nicht weniger wie andere Menschen, in der Empfindung gewahr wird; so hat es die Wirkung, daß der Gedanke von einer wirkenden Verknuͤpfung zwischen dem Wollen in der Seele und der Bewegung in dem Koͤrper in ihm zuruͤckgehalten wird, obgleich sei- ne VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit ne Denkkraft nach einerley Gesetzen wirket, wie bey de- nen, die anders urtheilen. Da zeiget sich also auch der Grund von dem, was, wie die Erfahrung lehret, oft geschicht. Das Urtheil uͤber diese oder jene besondere ursachliche Verbindung der Dinge, mag so instinktartig bey gewissen Empfindungen erfolgen, als es wolle, so ist es doch an sich nicht so schlechthin nothwendig damit verbunden, daß es nicht auch von denselbigen Empfindungen getrennet, und sein entgegengesetztes, mittelst der Dazwischenkunft anderer Jdeen eingeschoben werden koͤnne. Es ist wenigstens an sich moͤglich, denn es kann zuweilen dem Verstande schwer genug werden, ehe es dazu kommt; und Zweifels ohne hat es den wenigen spekulativischen Koͤpfen, die mit innerer Ueberzeugung Harmonisten, Jdealisten, oder gar Egoisten gewesen sind, Muͤhe gekostet, ehe sie zu einer voͤlligen Glaubensfestigkeit in ihrer Meinung ge- langet sind, wenn sie solche anders jemals wirklich erhal- ten haben. Hier ist also ein Beyspiel von subjektivischen be- dingt nothwendigen Urtheilen. Dieß sind solche, die außer den Gruͤnden, welche das Urtheil in der Denk- kraft bestimmen, noch die Bedingung erfodern, daß nir- gendswoher ein Hinderniß sich im Weg lege, und das Urtheil abaͤndere. Ein solches Urtheil kann veraͤndert werden, „wenn gleich alle vorhandene bestimmende „Gruͤnde bleiben, wie sie sind, und nur noch etwas neu- „es hinzukommt, das die bestimmende Kraft der erstern „verhindert.‟ Aber in diesen Faͤllen ist auch, um den Beyfall des Verstandes hervorzubringen, und die an sich hinreichende Ueberzeugungsgruͤnde wirksam zu ma- chen, nichts mehr noͤthig, als daß die neuen Jdeen, welche ihnen entgegenstehen, aus dem Wege geraͤumet werden. So verhaͤlt es sich in Hinsicht des Systems der Jdealisten und Harmonisten. Wenn jemand von der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. von ganzem Herzen Meinungen fuͤr richtig haͤlt, die der natuͤrlichen Art zu denken so sehr entgegen sind, als die- se; so ist es nicht noͤthig, mit noch mehrern und staͤrkern Gruͤnden die gewoͤhnlichen Ausspruͤche des gemeinen Menschenverstandes zu bestaͤtigen, sondern es ist genug, wenn man nur das Grundleere der entgegenstehenden Zweifel ins Licht setzet. Denn wenn dieß geschehen ist, so wird ihr natuͤrlicher Menschenverstand, der eben so wenig etwas ohne Grund ablaͤugnen, und annehmen kann, als anderer Menschen ihrer, auch von selbst sei- nen Weg fortwandern, und so urtheilen, wie er vorher urtheilte, ehe er auf die neuen Vernuͤnfteleyen gerathen war. Das aͤußerste wuͤrde noch seyn, daß er sich in sei- nen Zweifeln fest hielte. Aber daß jemand unter der hier angenommenen Bedingung, er sey von dem Un- grund seines Skepticismus in Faͤllen, wo es auf Mei- nungen des Sensus kommunis ankommt, uͤberzeugt, nun in sich eine innere Beystimmung des Verstandes und Ueberzeugung erzwingen, und diese in sich erhalten koͤnnte; dieß ist eine physische Unmoͤglichkeit. Bis hie- her hat die Vernunft eine Medicin gegen Krankheiten des spekulativischen Geistes. Aber die Deklamation, und auch die schoͤnste Deklamation wird keinen Berke- ley oder Hume von seiner Meinung abbringen, noch einem Leibnitz die Ueberzeugung von der Harmonie be- nehmen. Die Deklamation ist recht gut; aber sie wir- ket nur allemal da an ihrer rechten Stelle, wo die Ver- nunft entweder einen Vorlaͤufer noͤthig hat, der ihr Platz mache, oder wo diese gar nicht hinkommen kann, oder wo sie das Jhrige schon gethan hat. 8. Es giebt aber andere Faͤlle, wo der Verhaͤltnißge- danke, „daß ein Ding die Ursache von einem andern sey,‟ I. Band. J i schlecht- VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit schlechthin nothwendig ist, sobald man Ursache und Wirkung gegen einander haͤlt. Außer den Merkmalen, die bey dem vorhergehen- den Fall erwaͤhnet worden sind, und die uns auf die Jdee von der ursachlichen Verbindung zwischen zwey Gegen- staͤnden bringen, giebt es noch ein anders; nemlich, die Begreiflichkeit der Wirkung aus ihrer Ursache. Wenn diese zu den obigen hinzukommt, so ist das Kennzei- chen der Abhaͤngigkeit des Einen von dem andern untruͤglich. Jst die Begreiflichkeit vollstaͤndig, so ist sie allein Kennzeichen genug von einer wahren Verursa- chung. Wo nun aber alles, die vorerwaͤhnten mit dem letztern Merkmal der ursachlichen Verknuͤpfung beysam- men sind, da wird der Verstand unwiderstehlich gezwun- gen, sie so zu denken und zu erkennen, als es wirklich geschicht. Es ist nur die Frage, ob sich in irgend einem Beyspiele, wo wir eine wirkende Verbindung uns vor- stellen, eine wahre Begreiflichkeit findet? Sollten wir z. B. begreifen, wie die Seele in den Koͤrper, oder dieser in jene wirket, so muͤßte die Vorstellung von dem wollenden Bestreben in der Seele, den Verstand auch nothwendig auf die Jdee von einer neuen, im Koͤrper entstehenden Bewegung hinfuͤhren, das ist, wenn der Verstand sich das vorstellet, was die Ursache und Kraft ist, so mußte er so nothwendig auf den Gedanken, daß die Wirkung hervorgebracht werde, uͤbergehen, als von den Vordersaͤtzen eines Schlusses auf die Konklusion, die er aus ihnen herleitet. So weit das eigentliche Begreifen sich erstrecket, das Begreifen einer Wirkung aus ihrer Ursache, so weit folgern und schließen wir aus Einem Grundsatz auf einen andern, es sey unmittelbar oder vermittelst eines Zwischensatzes. Wenn wir folgern und schließen, so ist eine absolute Nothwendigkeit in dem Uebergang von dem Princip zu seiner Folge vorhanden, so oft dieser Ueber- der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Uebergang der Denkkraft nach dem Gesetz der Substi- tution, und nach den uͤbrigen nothwendigen Denkge- setzen vor sich gehet, und nur nicht von einer bloßen As- sociation verschiedener, an sich trennbarer, Jdeen in der Einbildungskraft, abhaͤnget. Denn wo dieß letztere Statt findet, da kann alles vorhergehende bleiben, wie es ist, und die Reflexion dennoch einen andern Gang nehmen, als sie wirklich nimmt. Wenn also der Ge- danke: „diese Wirkung muß erfolgen, und auf eine be- stimmte Art erfolgen, wo eine bestimmte Ursache unter bestimmten Umstaͤnden vorhanden ist,‟ eine nothwen- dige Folge von der vorhergehenden Jdee von der Ursache seyn soll, so wird entweder eine unmittelbare Folge- rung gemacht, oder es wird Einerley fuͤr Einerley sub- stituiret. Die Wirkung, welche hervorgebracht wird, muß in diesem Fall Einerley mit dem seyn, was in den Jdeen von der Aktion der Ursache schon enthalten ist, nur daß jenes in einem andern Subjekte vorgestellet wird. Oder mit andern Worten: die Wirkung in dem Dinge, welches sie aufnimmt, muß einerley, und gleich- sam nur die Fortsetzung von dem seyn, was in der Thaͤtigkeit der wirkenden Kraft als vorhanden vorgestel- let und gedacht wird. Da sehen wir moͤgliche Faͤlle, wo der Gedanke von der ursachlichen Verbindung seiner Form nach ein subjektivisch absolut nothwendiger Gedanke seyn wuͤrde; aber zugleich sieht man auch den Grund, warum von unsern Verhaͤltnißgedanken uͤber die wirklichen Verknuͤpfungen in der Welt so wenige oder gar keine dahin gehoͤren. Wir begreifen bey den wirklichen Verursachungen manches, aber keine von ihnen voͤllig. Wenn eine in Bewegung gesetzte Kugel auf eine andere ruhende zufaͤh- ret, so muß zum mindesten eine von ihnen, wenn nicht alle beide ihren Zustand veraͤndern. Jch sage, dieß J i 2 letztere VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit letztere begreifen wir aus dem ersten. Allein wie? Wir haben eine Jdee von dem Zufahren der Einen Ku- gel gegen die andere; wir haben eine Jdee von dieser Bewegung und ihrer Richtung; und dann auch eine Jdee von der im Wege liegenden ruhenden Kugel. Dar- aus entspringet nun die Jdee von der Veraͤnderung des Orts in einer von beiden. Allein diese Jdee entstehet noch aus jenen nicht, als vermittelst eines andern Ge- danken, „daß beide Kugeln undurchdringlich sind, und also nicht zugleich Einen und denselbigen Raum einneh- men koͤnnen.‟ Jn so ferne dieser letzte Huͤlfsgedanke, der unsere Reflexion fortfuͤhret, nichts anders ist, als eine aus Empfindungen erlangte Jdeenassociation, so ist der Schritt der Denkkraft, der von ihr abhaͤngt, doch nicht absolut nothwendig. Und alsdenn ist es auch der ganze Uebergang, von der Vorstellung der Ursache und der Umstaͤnde, zu der Jdee von der Wirkung, nicht. Da hoͤret denn, so zu sagen, das eigentliche Begreifen auf. Jnzwischen koͤnnen wir doch auch sagen, daß in diesem Fall etwas schlechthin nothwendiges in unserm Urtheil liege. Denn die Undurchdringlichkeit der Koͤr- per einmal als ein Grundsatz angenommen, so ist gewiß, es kann aus den angefuͤhrten Vorbegriffen durch eine nothwendige Folgerung der Gedanke herausgebracht werden, daß Eine von den beiden Kugeln ihren Platz veraͤndern muͤsse, oder auch alle beide. Diese Anmerkungen machen das sonderbare Phaͤ- nomen in der Geisterwelt, das Daseyn einer Philosophie begreiflich, welche alle ursachliche Verbindungen zwi- schen den Dingen in der Welt, alle wirkliche Einwirkun- gen der Substanzen in einander aufhebet. So selten diese Meinung mit Ueberzeugung geglaubet werden mag, und so weit sie von der gemeinen Wirkungsart des Men- schenverstandes abweichet, so giebt es doch wirklich sol- che Jdeenverbindungen, durch welche die Denkkraft von der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. von ihrer gewoͤhnlichen Richtung bis dahin abgelenket werden kann. 9. Noch eine andere Frage ist es, ob und in wie ferne alle verursachende Verknuͤpfungen uͤberhaupt wegver- nuͤnftelt werden koͤnnen? Wir haben ein Axiom der Ver- nunft: Nichts entstehet ohne eine Ursache. Lasset uns annehmen, bey jeder bestimmten Wirkung, die wir fuͤr entstanden erkennen, lasse sich keine bestimmte Ur- sache angeben, bey der nicht gezweifelt werden koͤnne, daß sie die wahre sey; sollte denn der Verstand auch daran zweifeln koͤnnen, ob es uͤberhaupt eine Ursache eines sol- chen werdenden Dinges in oder außer uns geben wuͤsse? Selbst Berkeley, und der schon oft erwaͤhnte Virtuos im Skepticiren, Hr. Hume, als Verfasser der Schrift: uͤber die Natur des Menschen, haben von diesem Axiom der Vernunft, „daß ein werdendes Ding eine Ursache habe und haben muͤsse,‟ Anwendung und Gebrauch ge- macht, obgleich der letztere solches als einen durchaus und nothwendig allgemeinen Grundsatz bezweifelt hat. Wir sehen alle Tage gewisse Scheine, und hoͤren Schallarten, die hervorkommen, ohne daß wir von ei- nem andern sie verursachenden Dinge etwas empfin- den, ja ohne uns um ein solches einmal zu bekuͤmmern. Wir haben also Empfindungen, aus denen sich ein Be- griff von Dingen abstrahiren ließe, die entstehen und vergehen, ohne daß sonsten etwas vorhanden sey, das sie hervorbringet, oder vernichtet. Diese Abstraktion „von Dingen, die ohne Ursache, von selbst, geworden sind,‟ haben auch einige Philosophen nicht nur gehabt, oder es doch wenigstens geglaubt, sie zu haben, sondern sie auch auf Fakta in der Welt angewendet. Es scheinet doch also, so schlechthin der Denkkraft nicht nothwendig zu seyn, mit der Jdee eines werdenden oder geworde- J i 3 nen VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit nen Dinges den Gedanken zu verbinden, daß noch et- was anders vorher gewesen seyn muͤsse, wodurch es her- vorgebracht werde, oder hervorgebracht worden sey. Dem Einfaͤltigen, dem Mann von schwachem Mutter- witz wird es leichter gelingen, die Gedanken zu verbin- den, „es entstehe etwas,‟ und „es habe keine Ursache,‟ als dem Nachdenkenden, dessen Verstand es gewohnt ist, sich nach einer Ursache umzusehen. Kinder und Wilde lassen sich die ungereimtesten Luͤgen erzaͤhlen und nehmen sie mit Verwunderung und Erstaunen auf, ohne daß es ihnen einfaͤllt, zu fragen, wie und auf welche Art das zugehe oder zugegangen sey? Es scheinet, die Sache von dieser Seite betrachtet, die subjektivische Nothwendigkeit in dem Princip: Nichts ohne Ursache, sey nur bedingt und einge- schraͤnkt, weil die Denkkraft von diesem Gesetz des Den- kens abweichen kann, und zuweilen wirklich davon ab- zuweichen scheinet. Allein man sehe die vermeinten Ab- weichungen genauer an, und es wird sich bald zeigen, daß sie wirklich keine sind. Der Dummkopf denket nicht weiter, als auf die ihm vorliegende Jdee von dem werdenden Ding; seine Reflexion ist mit der Ergrei- fung dieser Jdee schon genug beschaͤftiget, und endiget dabey ihre ganze Wirksamkeit. Er denket also gar nicht an eine Ursache, und laͤugnet sie eben so wenig ab, als er sie behauptet. Was er erlanget, ist eine Jdee von den Dingen, die geworden sind, aber er stellt sich solche nicht als gewordene Dinge vor. Man mache den Versuch, sich entstandene Dinge als entstandene, ohne Ursa- che vorzustellen, so wird das innere Selbstgefuͤhl es sa- gen, daß mit der Jdee des Entstehens und des Wer- dens die Jdee von einer hervorbringenden Ursache so innig verbunden sey, daß man dem Naturtrieb der Re- flexion, die zu den Gedanken von einer vorhandenen Ur- fache uͤbergehet, mit Gewalt widerstehen, und zu dem Ende der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Ende auf solche Faͤlle, als ich vorher angefuͤhret habe, wo entstandene Dinge ohne ihre Ursachen empfunden wor- den sind, zuruͤcksehen, lebhaft sich solche vorstellen und dadurch den Gedanken von einer Ursache zuruͤckhalten muͤsse. Sobald die Aufmerksamkeit von einigen beson- dern Faͤllen abgewendet, und ein Ding uͤberhaupt als Entstanden betrachtet wird, so verraͤth sich wiederum die natuͤrliche Neigung des Verstandes. Wenn etwan die Erinnerung, „daß in vielen Faͤllen doch keine Ursa- che gewahrgenommen werde,‟ sich in den Weg leget, so darf man dieser nur den Gedanken entgegen setzen: „daß eine Ursache doch wohl daselbst vorhanden gewesen seyn koͤnne, und in so vielen Faͤllen wirklich vorhanden gewesen sey, ob man gleich sie nicht bemerket habe;‟ und man wird finden, daß die Reflexion alsdenn ihren freyen Gang geht, und nothwendig und unaufhaltsam mit der Jdee von einem entstandenen Dinge den Ge- danken verbindet, daß es ein verursachtes, oder von einem andern Dinge hervorgebracht sey. Die natuͤrliche, die subjektivische Nothwendig- keit ist also wirklich vorhanden, und es ist nur die Frage, worinn sie ihren Grund habe. Einige Philoso- phen sehen sie fuͤr eine Folge der Gewohnheit an. Der Satz; Nichts ohne Ursache, ist, ihrer Meinung nach, ein Erfahrungssatz und aus den Empfindungen. Wir haben zu den entstehenden Dingen, da wo sie unsern Sinnen vorgekommen sind, besonders in unserm Jnnern, andere vorhergehende Ursachen gefunden; und daraus eine Abstraktion von einem Entstehenden Dinge gemacht, worinn die Beziehung desselben auf eine Ursache schon enthalten ist. Und diesen Begriff haben wir nachher auf alle Arten von Veraͤnderungen und Erscheinungen angewendet, von welchen wir erkannt, daß sie einmal nicht vorhanden gewesen, sondern geworden sind. Ob also nun gleich der allgemeine Grundsatz: „Ein entstan- J i 4 denes VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit denes Ding ist ein abhangendes Ding,‟ ein nothwen- diger Satz ist, in so ferne wir in unserm Begriff vom Entstehen den Begriff von Abhaͤngigkeit einschließen, so sey doch die Verbindung dieser beiden Merkmale zu Einem Begriff nirgends anders, als aus ihrem Bey- sammenseyn in den Empfindungen her, in wel- chem ihre Vereinigung in der Phantasie seinen Grund habe. Dieser angegebene Grund scheint mir nicht hinrei- chend zu seyn, diese Nothwendigkeit zu erklaͤren. Ver- gleichet man die Menge der Faͤlle, in denen wir nichts mehr als entstehende Wirkungen, ohne ihre Ursache, empfinden, mit den entgegengesetzten, wo beides zusam- men ist; so sehe ich nicht, warum nicht eben so wohl der Hang, Etwas ohne Ursache zu gedenken, sich in uns festsetzen koͤnnte, als der entgegengesetzte, den wir ha- ben. Ueberdieß haben auch die aus Gewohnheit entstan- dene und allein auf eine Koexistenz in den Empfindungen beruhende Denkarten einen Charakter an sich, wovon ich nachher sagen will, der noch einen naͤhern Grund an die Hand giebt, diese, von welcher hier die Rede ist, aus ihrer Klasse auszuschließen. Mich deucht, die Ursache von der Verbindung der Abhaͤngigkeit mit dem Begrif des Entstehens, lie- ge tiefer in der Natur unserer Denkkraft. Es ist ein Gesetz des Beyfalls — wie es von einigen genennet worden — „wenn die Reflexion bey der Betrachtung „und Vergleichung zweyer Jdeen nichts in ihnen antrift, „warum sie bejahend oder verneinend uͤber sie urtheilen „sollte; so entstehet gar kein Urtheil, oder kein Verhaͤlt- „nißgedanke, ohne daß ein anderer Grund hinzu komme, „und die Reflexion bestimme.‟ Wo beide kontradikto- risch entgegenstehende Faͤlle vorliegen, da entscheidet die Denkkraft nicht und kann nicht entscheiden, ohne einen hinzukommenden Grund, der nun in Hinsicht der ver- glichenen der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. glichenen Jdeen und der Denkkraft, ein aͤußerer Grund ist. Es hindert nicht, daß dieser Grund oͤfters unrich- tig ist, wenn er vernuͤnftig geschaͤtzet wird. Genug er ist allemal vorhanden. Dieß ist ein Beobachtungs- satz. Von diesem allgemeinen Denkungsgesetz ist folgen- des ein besonderer Fall: „Wenn wir einem Dinge als „einem Subjekt, das wir uns als unwirklich vorstel- „len, nun das Praͤdikat zuschreiben sollen, daß es ein „ wirklich vorhandenes Ding sey, so muß in unsern „Gedanken irgendwo ein Grund zu diesem letztern Ur- „theil vorhanden seyn, der von der Jdee die wir von „dem erwaͤhnten Subjekt haben verschieden ist.‟ Wird ein solches vorher unwirkliches Objekt von uns empfunden, so enthaͤlt diese Empfindung den er- foderlichen Grund des Urtheils. Setzen wir diesen Fall beyseite, so muß anderswo ein ideeller Grund des Ge- dankens vorhanden seyn. Es heißt dieß mit andern Worten soviel: „Das „Praͤdikat der Existenz kann die Denkkraft mit keiner „Jdee, in der es nicht schon fuͤr sich enthalten ist, ver- „binden, und also kein Ding als ein Entstandenes ge- „denken, wenn sie nicht durch einen Grund, der fuͤr sie „ein physischer, eigentlich ein psychologischer Grund ist, „dazu gebracht worden ist.‟ Daraus folget, daß wenn auch die Abstraktion von dem Entstehen oder Werden, so wie solche aus den Empfindungen gezogen ist, noch die Jdee von der ur- sachlichen Beziehung des Entstandenen auf ein an- deres nicht in sich schließet, so ist es doch nicht moͤglich, daß dieses Praͤdikat jemals mit der Jdee eines Subjekts verbunden werde, ohne daß dieser Aktus des Denkens ein Effekt sey, der in einer ursachlichen Verbindung mit einer Vorstellung oder Empfindung oder einem J i 5 Gedan- VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Gedanken stehet, welcher von der Jdee des Subjekts verschieden sey. Jn der That enthaͤlt unser gewoͤhnlicher Grundbe- grif von dem Entstehen schon die Jdee von einer Ab- haͤngigkeit und ursachlicher Verbindung in sich. Denn die mehresten empfundenen Entstehungen, zumal die in- nern, haben klar genug andere Gefuͤhle bey sich gehabt, welche die Materie zu dem Verhaͤltnißgedanken von der ursachlichen Verbindung ausmachen, aus der dieser Ge- danke gemacht wird. Aus solchen Empfindungen ist die Abstraktion ohne Zweifel zunaͤchst gezogen worden, so wie sie in dem gemeinen Verstande vorhanden ist. Aber da es andere Empfindungen giebt, wo Dinge entstehen, ohne daß etwas von ihrer Ursache mit empfunden wird, so konnte der letztere Zusatz in dem Gemeinbegrif auch wohl von ihm wieder abgesondert werden. Es ist also nicht so wohl die aus der Empfindung herruͤhrende Verbindung der Jdee von Abhaͤngigkeit mit der Jdee von dem Entstehen, sondern vielmehr die Ab- haͤngigkeit des Gedankens, wenn wir ein Ding als ein entstandenes, oder wirklich gewordenes Ding erken- nen, und die Unentbehrlichkeit eines ideellen Grundes hiezu, die wahre physische Ursache von der subjektivischen Nothwendigkeit, mit der ein Entstandenes Ding zugleich auch als ein von einer andern Ursache abhangendes und hervorgebrachtes gedacht wird. Dieß geht so zu. Die Unentbehrlichkeit einer ideellen Ursache zu der ideellen Existenz in uns, wird auf die objektivische Existenz der Dinge außer uns uͤbergetragen. So wie in uns der Gedanke „ein unwirklich gewesenes Ding sey zur Existenz gekommen,‟ seinen psychologischen Grund haben muß, der vor der Wirkung vorhergehet, und also im Verstande ein sub- jektivischer Grund a priori ist, so muß auch jedes sol- ches Objekt außer dem Verstande seinen objektivischen Grund der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Grund a priori haben, von dem es abhaͤngt. Hier ge- schicht eine Substitution des Objektivischen, und des Subjektivischen, welche uͤberhaupt der Grund ist, wodurch wir dasjenige den Dingen außer uns beylegen, was wir in ihren Jdeen in uns erkennen. Das Objekt außer dem Verstande wird auf dieselbige Art auf andere Objekte bezogen, wie das ideelle Objekt auf andere Jdeen; und das objektivische Entstehen der Dinge wird als so etwas angesehen, mit dem es sich auf diesel- bige Art verhaͤlt, und das auf andere Objekte eben so hinweiset, und von einem andern abhaͤngig ist, wie das subjektivische Ding, das ist, wie der Gedanke, oder die Vorstellung davon in uns. Diese Betrachtungen fuͤhren endlich auf den Schluß- satz: „Es gehoͤret zu den natuͤrlich nothwendigen Denk- „arten, sich ein entstehendes Ding, als ein verursach- „tes von einem andern, vorzustellen, oder, zu einem „Dinge, welches wird, sich eine Ursache zu gedenken, „von der es hervorgebracht wird. 10. Die Abhaͤngigkeit eines werdenden Dinges von sei- ner Ursache nehmen wir nunmehr als ein Merkmal in der Jdee des Entstehens gewahr, auf dieselbige Art, wie wir andere Beschaffenheiten in den Dingen erkennen. Da wird vor meinen Augen eine Figur sichtbar. Jch sehe in dieser Vorstellung, Figur, Farbe und Groͤße als absolute Beschaffenheiten, welche dem gewordenen Din- ge zukommen. Sobald ich aber diese Sache als ein entstandenes Ding gedenke, so weiset sie mich auf ei- ne Ursache hin. Da ich diese Ursache noch nicht kenne, so ist keine Vergleichung zwischen der Ursache und ihrer Wirkung vorgegangen, durch welche der Gedanke von Verursachung entstanden waͤre. Die Denkkraft hat vielmehr den Verhaͤltnißbegrif von der Verursachung mit VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit mit der Jdee des Entstehens verbunden, und mittelst dieser Verbindung ist sie von Einem der sich auf einan- der beziehenden Dinge auf die Beziehung selbst gekom- men. Sie kann in einigen Faͤllen auch besondere Be- schaffenheiten der Ursache, als des zweyten Relatums, aus der Jdee von der Wirkung und der Verursachung herausbringen. Es giebt noch mehrere Verhaͤltnißgedanken, die nicht aus einer Gegeneinanderhaltung der sich auf ein- ander beziehenden Dinge ( relatorum, ) sondern aus der Jdee des Einen von ihnen, entspringen. Wir den- ken die Farbe, die Figur, die Bewegung, und andere Beschaffenheiten der Dinge, und diese fuͤhren uns von selbst auf ihre Jnhaͤrenz in einer Substanz, indem sie als Beschaffenheiten oder Bestimmungen vorhan- den sind. So oft wir eine Beschaffenheit uns vorstel- len, so geben wir ihr ein Subjekt, und gedenken sie in diesem. Hr. Reid hat diese letztere Klasse von Urtheilen Sug- gestionsurtheile genannt, Urtheile aus einem natuͤr- lichen Antrieb, oder aus Eingebung. Wenn man aus solchen Saͤtzen, in welchen aus Einem Relatum der Gedanke von der Relation entspringet, eine eigene Gattuug machen will, so muͤssen noch mehrere dahin ge- bracht werden. Aus der Vorstellung Eines Dinges urtheilen wir in vielen Faͤllen, daß es mehrere andere ihm aͤnliche gebe, wovon die Gewohnheit abhaͤnget, das, was wir bey Einer Sache oder Person gewahrnehmen, sogleich unmittelbar einigen, das ist, mehrern, zu- schreiben. Jn allen Arten von Verhaͤltnissen, auch bey den Koexistenzarten finden wir Beyspiele solcher Sug- gestionen von Verhaͤltnißgedanken, die durch die Vor- stellung des Einen Theils der in Relation stehenden er- zeuget werden. Man siehet es einer Sache in vielen Faͤllen an, nicht nur, daß sie mit andern koexistire, son- dern der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. dern auch bey und unter welcher Art von Dingen sie sich befunden habe. Aber ich sehe nicht ab, was es fuͤr Nu- tzen haben wuͤrde, diese Arten von Suggestionen unter Einem Namen zu vereinigen. Die Ursachen, welche in diesen Faͤllen wirken, die der Denkkraft Trieb geben, und sowohl die Art, als Richtung ihrer Wirksamkeit be- stimmen, sind so verschieden, daß man die Erforschung der ersten Grundgesetze des Verstandes mehr befoͤrdert, wenn man sie von einander abgesondert haͤlt, als sie in dem gemeinschaftlichen Namen unter einander mischet. Die Ursache, warum wir die Bewegung, die Far- be, die Figur, den Gedanken u. s. w. nicht anders, als in der Gestalt der Accidenzen uns vorstellen, die ein Subjekt voraussetzen, worinn sie existiren, offenbaret sich bald, wenn wir auf den Ursprung solcher Begriffe zuruͤckgehen. Das Allgemeine davon ist oben schon aus- einander gesetzet. Fuͤnfter Versuch. V. Wir haben die Jdeen von diesen Beschaffenheiten nicht anders erhalten, wir haben sie nie- mals auf eine andere Art gehabt, und haben koͤnnen, als in dieser Gestalt. Sie sind jederzeit nur einzelne Zuͤ- ge von andern Ganzen gewesen, und zwar von sol- chen, deren Gegenstaͤnde wir allein fuͤr sich abgesondert als existirend empfunden, und als solche gedacht haben. Wo die Figur in einem Baum bemerket worden ist, da war eine ganze Empfindungsvorstellung eines Baums oder eines fuͤr sich bestehenden Dinges, und dieß Ganze war in so weit unzertrennlich, weil wir es zusam- men nehmen mußten, um es allein fuͤr sich als existirend gedenken zu koͤnnen. Von diesem Ganzen war das, was wir die Vorstellung einer Figur nennen, ein Theil, aber nur ein Theil, der nirgends und niemals als ein ei- genes abgesondertes Ganze uns vorgekommen ist. Was Wunder also, daß diese Vorstellung auch niemals wie- der VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit der in uns zuruͤckkommt, als nur in der Gestalt eines Theils von einem Ganzen. Zwar ist das Gemeinschaft- liche und Aehnliche mehrerer Dinge in einem gewissen Grade zu einer eigenen Art von Dingen, nemlich zu all- gemeinen Dingen gemacht worden, wir haben diese abgesondert, und mit Woͤrtern bezeichnet, und die noch weiter gehende Lebhaftigkeit der platonischen Phantasie hat sie zu besonders existirenden Substanzen gemacht; aber ihr Anschein von Substanzialitaͤt ist nicht bestaͤndig, und verliert sich, so bald wir ihre sinnlichen Zeichen bey Seite setzen, und sie uns anschaulich vorstellen. Dann sind es wiederum nur Zuͤge, die in diesen sowohl, als in jenen Gemaͤhlden, aber niemals anders, als in einer Verbindung mit andern, in uns gegenwaͤrtig sind. Die Aehnlichkeiten und Verschiedenheiten setzen Dinge voraus, die sich aͤhnlich und verschieden sind ( res relatas ). Wenn also die Accidenzen nicht anders vorgestellet werden koͤnnen, als auf die Art, daß sie auf etwas an- ders, was ihr Subjekt ist, hinweisen, so liegt die Ur- sache davon in der Entstehungsart dieser Vorstellun- gen, in der Association der Einbildungskraft, und in dem nothwendigen Gesetz der Denkkraft, „keiner Vorstellung „sich auf einer anderen Art bewußt zu seyn, als auf der- „jenigen, in welcher sie in uns gegenwaͤrtig sind.‟ Jst es aber subjektivisch nothwendig, die Be- schaffenheiten der Dinge sich in den Dingen, als etwas diesen zukommendes, vorzustellen, so muß doch diese Nothwendigkeit entweder nicht so unbedingt seyn, daß sie nicht uͤberwunden werden koͤnne, oder es ist ein psy- chologisches Paradoxon, daß Hume in dem mehrmalen gedachten Buch die Existenz der Seele, als eines Sub- jekts der Gedanken hat bezweifeln koͤnnen, da er die Ge- danken selbst fuͤr etwas wirkliches anerkannte. Nie ha- ben wohl den Scholastiker seine Abstraktionen als einsei- tige Begriffe weiter verleitet, als hier den scharfsinnigen Mann der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Mann einseitig beachtete Gefuͤhle. Denn diese Einsei- tigkeit ist der Grund einer so unnatuͤrlichen Absonderung, da er von den Jdeen, von den Beschaffenheiten die ihnen anklebende Beziehung auf ein Subjekt getrennet hatte. Hume hat so wenig als ein anderer Mensch das, was eine Jdee oder ein Gedanke ist, sich voll und lebhaft vor- stellen koͤnnen, ohne zugleich ein Subjekt dazu zu denken, und im Ernste hat er es wohl nicht geglaubt, daß Jdeen solche einzelne abgesonderte Existenzen fuͤr sich sind, als sie sich, wie er behauptete, den unmittelbaren Bewußt- seyn darstelleten. Laß es indessen, wenigstens in dem Augenblick der Spekulation, ihm ein Ernst mit dem Zweifel gewesen seyn, so laͤßt sich dieß Phaͤnomen wohl erklaͤren. Die Ursache, warum wir diese oder jene Be- schaffenheit uns nicht anders, als in einem Subjekt vorhanden, vorstellen koͤnnen, ist, weil wir eine solche Beschaffenheit nicht so abgesondert, fuͤr sich allein em- pfinden koͤnnen. Die natuͤrliche Koexistenz in den Empfindungen ist also der Grund, warum wir sie in die Jdeen von Objekten hineinlegen, mit Vorstel- lungen von Dingen verbinden, und sie als Zuͤge von die- sen gedenken. Aber, wie vorher gesagt ist, durch eine starke Absonderung in Gedanken substantificiren wir ja so manches Accidenz. Und wenn nun eine solche Tren- nung in Gedanken durch einige Raisonnements befoͤrdert wird, wie sollte denn nicht eine Art von augenblicklicher Ueberzeugung wenigstens entstehen koͤnnen, daß die na- tuͤrliche Denkweise der Reflexion, die eine Beschaffenheit in ein Subjekt hinsetzet, nur zufaͤllig sey, in einem Unvermoͤgen des menschlichen Verstandes seinen Grund habe, und also weiter nichts als ein sinnliches Urtheil sey, wie das Urtheil des Schaͤfers von der Gestalt des Him- mels. Solche dazwischentretende Gedanken haben als- denn die Wirkung, daß die Beziehung auf ein Subjekt, welche den Jdeen von den Beschaffenheiten ankleben, noch VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit noch mehr verdunkelt wird, und noch weniger der Refle- xion vorlieget, wenn diese ihr Urtheil faͤllt. Das na- tuͤrliche Urtheil wird also, wenn nicht ganz unterdruͤcket, doch in etwas zuruͤckgehalten. Jn diesen Beyspielen sehen wir eine eigene Gattung von subjektivisch nothwendigen Gedanken, die besonders ausgezeichnet zu werden verdienet. Sie sind physisch nothwendig, und hangen doch ab, von ge- wissen Verbindungen in den ersten Empfindungen. Der Grund der Nothwendigkeit lieget in einer, unsern Vor- stellungen aus ihrem Ursprung anklebenden Beschaffen- heit, die eigentlich von ihnen unzertrennlich ist, aber doch mittelst einer Abstraktion, zwar nicht voͤllig abge- sondert, aber doch in so weit unterdruͤckt werden kann, daß wir die Vorstellungen selbst, nach ihren uͤbrigen Zuͤ- gen gegenwaͤrtig haben, sie vergleichen, und uͤber sie ur- theilen koͤnnen, ohne jener ihre Beschaffenheit, mit der sie auf andere hinweisen, so deutlich gewahrzunehmen, daß unsere Urtheile auch nothwendig in jedwedem Fall von diesen letztern bestimmet wuͤrden. Diese Gattung schien es mir zu verdienen, daß ich mich besonders bey ihr aufhielt. 11. Ueberhaupt lassen sich die subjektivisch nothwen- digen Denkarten, Gedanken, Saͤtze, Urtheile nach der Verschiedenheit der Gruͤnde, worauf diese Noth- wendigkeit beruhet, und ihrer Quelle, woraus sie ent- springet, unter gewisse allgemeine Klassen bringen. I. ) Die subjektivisch nothwendige Formen der Urtheile, vorausgesetzt, daß die Vorstellungen oder Jdeen von den Objekten, auf deren Beziehung und Verhaͤltniß es ankommt, so sind, wie sie wirklich alsdenn in uns sind, indem wir denken, das heißt, die Noth- wendigkeit der Denkweise, ist in der Natur der Denk- der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Denkkraft an sich gegruͤndet. Wir kennen wenig- stens einige von diesen allgemeinen Naturgesetzen, denen der Verstand als Verstand so unterworfen ist, wie das Licht dem Gesetz des Zuruͤckfallens und des Brechens. Widersprechende Dinge, viereckte Zirkel, kann die Denkkraft nicht denken; wir koͤnnen kein Bild, noch Vorstellung davon machen; wir schreiben solchen Sachen nicht nur keine Wirklichkeit, kein Seyn zu, sondern wir koͤnnen ihm dergleichen nicht zuschreiben. Dieß ist das Gesetz der Denkbarkeit, des Wider- spruchs; der Grundsatz aller nothwendigen Falschheiten. Zwischen zwey kontradiktorisch einander ent- gegenstehenden Faͤllen laͤßt sich kein dritter ge- denken, und wenn Einer von ihnen auf etwas Wider- sprechendes hinfuͤhrt, so muß der zweete nothwendig als der wahre angenommen werden. Dieß ist der Grund- satz aller moͤglichen Faͤlle. Seyn oder Nichtseyn. So seyn oder nicht so seyn u. s. f. Wir muͤssen Ein Ding mit sich selbst fuͤr Ei- nerley halten. Wenn A nicht als Einerley vorge- stellet wird, wie B, so muͤssen wir sie als verschiedene Dinge ansehen. Dieß ist das Gesetz der Jdenti- taͤt und der Diversitaͤt. Wenn wir A als ein wirklich vorhandenes Ob- jekt empfinden, und auch B als ein solches empfinden, und zwischen diesen beiden Empfindungen andere Objekte empfunden werden, oder wenn doch ein Aktus des Empfindens zwischen ihnen vorgeht, dessen groͤssere oder geringere Laͤnge uns fuͤhlbar ist, so muͤssen wir A und B als von einander, mehr oder minder, abste- hend gedenken. Das Grundgesetz der Koexistential- relationen oder der unwirksamen Beziehungen. Andere dergleichen Formen der Verhaͤltnißgedan- ken oder Denkarten will ich hier uͤbergehen. Es kann I. Band. K k aus VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit aus dem obigen leicht begriffen werden, daß es derglei- chen allgemeines Gesetz auch fuͤr die Urtheile uͤber die verursachende Verbindung und uͤber die Abhaͤn- gigkeit gebe. Wo soll man den Grund von diesen nothwendigen Denkarten suchen? Er liegt in der Natur des Ver- standes. Ob es angehe, daß sie sich alle in eine einzige nothwendige Denkart, in diejenige, die in dem Grund- satz des Widerspruchs angegeben wird, aufloͤsen lassen, wie unsere Metaphysiker bisher es zu thun versucht ha- ben? das lasse ich dahin gestellet. Jch kann sie nicht darauf zuruͤck fuͤhren, so wenig als alle nothwendige Ur- theile auf Gedanken von Einerleyheit und Verschieden- heit. Zu dieser Gattung gehoͤren auch alle Saͤtze des un- mittelbaren Bewußtseyns; ich denke, ich fuͤhle, ich will, es kommt mir so vor, es scheint mir u. s. f. Dieß sind Urtheile uͤber einzelne Veraͤnderungen von mir selbst, unmittelbare Empfindungsurtheile, worinn die Praͤdi- kate von Denken, Fuͤhlen, Wollen, Scheinen mit ei- ner gegenwaͤrtigen Empfindungsvorstellung nach dem Gesetz der Jdentitaͤt verbunden werden. Daß ich zugleich denke und nicht denke, zugleich wolle und nicht wolle, ist unmoͤglich, vermoͤge der Na- tur der Seele; daß ich zugleich urtheilen koͤnnte: ich denke, und auch, ich denke nicht, ist unmoͤglich vermoͤge der Natur der Denkkraft; daß ich aber, indem ich die Empfindung oder Empfindungsvorstellung des Den- kens jetzo vor mir habe, mit dieser das Praͤdikat sollte verbinden koͤnnen: ich denke nicht, ist wider das Gesetz der Jdentitaͤt. Was in meiner gegenwaͤrti- gen Empfindung gewahrgenommen wird, ist einerley mit dem, was ein Denken genennet wird, und darum muß dieß und nicht das entgegengesetzte Praͤdikat der je- tzigen Empfindung beygeleget werden. Sich der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Sich weiter hiebey zu verweilen, moͤchte das Anse- hen einer uͤbertriebenen Subtilitaͤt haben. II. ) Es haͤngt in andern Faͤllen die Nothwendig- keit der Denkart von den Jdeen und deren Beschaf- fenheiten, das ist, von der Materie des Urtheils ab. Dieß sind die bestimmten nothwendigen Urtheile, wohin die geometrischen Lehrsaͤtze gehoͤren, und alle ihnen darinn aͤhnliche, daß die Verbindung des Praͤdikats und des Subjekts dergestalt auf diesen Jdeen beruhet, daß solche nicht anders von dem nach seinem Naturgesetze denkenden Verstande verbunden werden koͤnnen, als es wirklich geschicht. Ferner sind auch zu diesen materiell nothwendi- gen Saͤtzen diejenigen zu rechnen, deren in dem naͤchst vorhergehenden Absatz erwaͤhnet worden ist. Die Form von ihnen ist auf gewisse Zuͤge oder Nebenmerkmale ge- gruͤndet, welche den Jdeen ankleben, und wiederum in gewissen subjektivischen aber unabaͤnderlichen Umstaͤn- den, unter denen solche nur erlanget werden und in uns gegenwaͤrtig seyn koͤnnen, ihre Ursachen haben. So eine subjektivische materielle Nothwen- digkeit findet sich in vielen Gemeinbegriffen. Der Satz: Nichts wird ohne Ursache, ist darum ein nothwendiger Grundsatz unsers Verstandes, weil wir die Jdee des Werdens theils nicht erlangen, und in uns gegenwaͤrtig haben, ohne den Gedanken, daß das ent- standene Ding von einem andern als von seiner Ursache abhange, theils aber, was hier das vornehmste ist, die- sen Begriff auf kein Ding anwenden koͤnnen, ohne den Gedanken von ursachlicher Verbindung hineinzutragen. Ferner. Wir koͤnnen die Jdee von der Farbe und von der Figur und andern Beschaffenheiten der Dinge nicht anders haben, als in der Gestalt von Accidenzen, die fuͤr sich nicht bestehen, und nur in andern fuͤr sich be- stehenden vorhanden sind. K k 2 Eine VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Eine Menge von solchen Saͤtzen, die Reid und Beattie Eingebungen ( suggestions ) der Vernunft genennet haben, gehoͤren zu dieser Klasse. Die subjektivisch nothwendigen Saͤtze der ersten Art, sind eben so wie die formellen Grundsaͤtze, die unter der vorhergehenden Nummer angefuͤhret worden sind, uͤber alle Angriffe des Skepticismus erhaben, wenn dieser nicht in wahren Unsinn ausartet. Sie sind Grund- saͤtze des ersten Rangs. Jhre Nothwendigkeit ist eine absolute Nothwendigkeit. Die subjektivische Nothwendigkeit der letztern Art, ist ebenfalls eine physische Nothwendigkeit, und die Umstaͤnde und Bedingungen, von denen sie abhaͤngt, sind von dem menschlichen Verstande unzertrennlich. Jndessen kann es dahin gebracht werden, daß die Wir- kungen dieser Umstaͤnde durch entgegengesetzte Ursachen geschwaͤcht, oder minder merklich werden, wodurch als- denn die davon abhangenden Denkarten das Ansehen der zufaͤlligen Denkarten bekommen. Dieß aͤndert als- denn auch etwas an dem Gebrauch, den wir von ihnen machen, wenn wir die nothwendigen Verhaͤltnißgedan- ken auf die Objekte außer dem Verstande uͤbertragen, und den letztern zuschreiben, was wir in ihren Jdeen nothwendig antreffen. 12. III. ) Nun ist noch Eine Art von subjektivischer Noth- wendigkeit zuruͤck, die aus Gewohnheit entspringet, und ihren Grund in einer Association solcher Jdeen hat, die zwar an sich von einander, auch bey uns, getrennt seyn koͤnnen, aber nun doch so mit einander verbunden sind. Sie mag die hypothetische oder Gewohn- heitsnothwendigkeit heißen. Hr. Hume und nach ihm andere Philosophen, haben sie mit jener erstern Na- turnothwendigkeit verwechselt, oder vielmehr sie fuͤr die der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. die einzige erkannt. Daraus laͤßt sich allein schon be- greifen, wie weit ihr Gebiet in dem Verstande sich er- strecke. Es ist unnoͤthig, von der Art und Weise etwas zu sagen, wie aus der Gewohnheit, Jdeen von Dingen und Beschaffenheiten zu verbinden, eine Nothwendigkeit im Verstande entspringe, zu einer der associirten Jdeen die andere hinzu zu denken; und wie diese Gewohnheit zur zwoten Natur werden koͤnne. Es giebt Gewohn- heiten im Verstande, die uns so stark ankleben, und un- sern Beyfall mit einem gleich großen Zwang hinreißen — wenigstens der gemeinen Aufmerksamkeit nach — als selbst die absolute und natuͤrliche Nothwendigkeit es thut. Es giebt andere Faͤlle, wo sie schwaͤcher ist. Diese hy- pothetische Nothwendigkeit hat verschiedene Grade. Weil sie aber doch an sich eine wahre subjekti- vische Zufaͤlligkeit ist, so ist es an sich moͤglich, daß der von ihr abhangende Beyfall des Verstandes zuruͤck gehalten werden koͤnne. Eine solche Gewohnheitsnothwendigkeit kann zu Ei- ner Zeit bey allen Menschen gefunden werden. Der Satz: die Koͤrper sind schwer, ist ein Satz, den der Gemeinverstand nicht laͤugnen kann. Ehmals war auch der Satz: „die Sonne geht taͤglich von Osten nach We- sten um die Erde,‟ ein Beyspiel davon. Kein Mensch konnte sichs nemlich anders vorstellen. Jndessen giebt es einen allgemeinen Charakter, woran die blos aus Gewohnheit nothwendig gewordene Jdeenverbindungen in den meisten Faͤllen deutlich zu er- kennen sind. „Wenn man sie deutlich auseinander setzet; „wenn die Jdeen einzeln genommen, von ihren Neben- „ideen moͤglichst abgesondert, und ohne Ruͤcksicht auf „das Besondere in den Empfindungen, woraus sie ent- „standen sind, dem Geist gegenwaͤrtig vorgehalten und „verglichen werden, so ergiebt sichs, daß sie nicht nur K k 3 „ an VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit „ an sich unterschieden, sondern daß sie auch von ein- „ander trennbar sind, und daß kein anders noth- „wendiges Denkgesetz da sey, nach welchem der Ver- „stand von der Einen zur andern uͤbergehe, und ihre „Beziehung denke, als nur das Gesetz der Association „in der Einbildungskraft.‟ Sobald aber dieses Merk- mal entdeckt ist, so entsteht das Urtheil in dem Verstan- de; und dieß ist wiederum ein nothwendiges Urtheil: „daß die beurtheilte Verbindung zufaͤllig sey.‟ Es offenbaret sich alsdenn der Charakter ihrer Zufaͤllig- keit. So verhaͤlt es sich in dem Satz: „Die Koͤrper sind schwer.‟ Dem gemeinen Verstande mag dieser eben so nothwendig wahr vorkommen, als daß zweymal zwey viere machen; aber sobald man ihn deutlich aus- einander setzet, und die Jdee von der Schwere, von der Jdee vom Koͤrper absondert, so hat man zwey unterschie- dene Jdeen vor sich, und nimmt keine andere innere Be- ziehung zwischen ihnen gewahr, als nur diese, daß sie mit einander in unserer Vorstellungskraft verbunden sind. Es ist alsdenn auch keine Nothwendigkeit im Verstande mehr da, jedem Koͤrper die Schwere beyzulegen, keine andere nemlich, als die darinn ihren Grund hat, weil die Jdee von Schwere und Druck nach unten, der Vor- stellung von einem Koͤrper gleichsam auswaͤrts anhaͤnget. Mag auch der Gedanke, daß die Schwere nur zufaͤllig mit der Materie und dem Koͤrper verbunden ist, falsch seyn, wie einige Newtonianer behauptet haben; so ist doch das allgemeine Princip unumstoͤslich: „daß eine „jede Beschaffenheit, die einer Sache zukommt, nur „eine zufaͤllige Beschaffenheit von ihr sey, wenn die Jdee „von der Beschaffenheit auf die Jdee von der Sache „selbst keine andere innere Beziehung hat, als die bloße „Verbindung mit ihr, aus den Empfindungen her.‟ Wir urtheilen uͤber diese Zufaͤlligkeit nach unsern Jdeen, und setzen voraus, daß die Jdeen den Objekten gemaͤß sind. der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. sind. Man sehe hiebey auf das zuruͤck, was oben (2.) bemerket ist. III. Von der subjektivischen Nothwendigkeit in den Denkarten des gemeinen Verstandes. 1) Worinnen Kenntnisse des gemeinen Ver- standes bestehen? 2) Wie die verschiedenen Arten der subjekti- vischen Nothwendigkeit bey ihnen zu un- terscheiden sind. 1. W o die menschliche Erkenntnißkraft als gemeiner Menschenverstand wirket, Beziehungen ge- wahrnimmt und urtheilet, da muͤssen auch nothwendig in ihren Wirkungen die verschiedene Arten der subjekti- vischen Nothwendigkeit angetroffen werden, die in dem vorhergehenden bemerket sind. Das Beziehungsver- moͤgen wirket nach den allgemeinen nothwendigen Denk- gesetzen, aber verbindet auch Jdeen und vereiniget sie nach dem Gesetz der Association. Ohne also den so ge- nannten Menschenverstand genauer in seinen Wirkun- gen zu untersuchen, versteht es sich von selbst, daß der innere oft unwiderstehliche Zwang, womit er seine Ur- theile faͤllt, und Beziehungen gewahrnimmt, wovon wir sagen, daß wir sie uns nicht anders gedenken koͤnnen, als es wirklich geschicht, zuweilen eine Wirkung der Gewohnheit, in andern Faͤllen aber auch eine wahre Naturnothwendigkeit seyn muͤsse. Dieß, sage ich, ist fuͤr sich allein daraus offenbar, weil eine solche gedoppelte Quelle der subjektivischen Noth- wendigkeit unsers Beyfalls und unserer Abstimmung uͤberhaupt vorhanden ist. Jst dergleichen aber uͤber- K k 4 haupt VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit haupt in unserm Verstande vorhanden, wie kann es feh- len in dem, was Sensus kommunis genennet wird? Bey|aller Verschiedenheit in den Bedeutungen, wor- inn die neuern Philosophen die Worte: Menschenver- stand ( sensus communis; commun sense; gemeiner Verstand, und andere) genommen haben, sieht man es doch als einen allgemeinen Charakter desselben an, „daß er der raisonnirenden Vernunft entgegen gese- „tzet sey.‟ So nahm Keid, auch Beattie und Os- wald dieß Wort, obgleich sonsten ihre Erklaͤrungen da- von unbestimmt sind. Bald scheinet es, als wenn nur das allen Menschen gemeine Beziehungsvermoͤgen, und dessen Wirkungen, zu verstehen seyn; bald aber schreibt man ihm, wie besonders Beattie und Oswald gethan haben, Wirkungen zu, die weit uͤber den gemei- nen Menschensinn hinaus sind, und ohne ein sehr weit entwickeltes, und durch Ueberlegungen, Nachdenken und Kenntnisse geschaͤrftes Beziehungsvermoͤgen, und ohne das feinste Gefuͤhl der Wahrheit unbegreiflich sind. Jn dem Streit mit den Skeptikern und Jdealisten kommt es auch vornehmlich auf das Unterscheidungsmerk- mal an, was ich angegeben habe. „Das gesammte „Beziehungsvermoͤgen des Menschen, in so ferne es „unmittelbar aus der Gegeneinanderhaltung der Vor- „stellungen, ohne eine merkliche Entwickelung allge- „meiner Begriffe, und ohne merkliche Folgerungen „aus diesen entwickelten Begriffen, uͤber die Sachen ur- „theilet,‟ ist uͤberhaupt der Menschenverstand, als ein Vermoͤgen betrachtet, in so ferne er der raisonni- renden Vernunft entgegengesetzet wird. Es ist keine merkliche Entwickelung der Begriffe und kein merkliches Folgern und Schließen aus Ge- meinbegriffen, was da vorkommt, wo nur allein der Menschenverstand, der folgernden Vernunft entge- gengesetzt, wirksam ist. Dieses Zusatzes habe ich mich darum der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. darum bedienet, weil sonsten die Grenzen zwischen der Beurtheilung nach unmittelbarer Beziehung, und nach der mittelbaren in einander fließen. Es mischen sich auch in die ersten Vergleichungen der Dinge, die wir leicht fuͤr unmittelbare Vergleichungen ansehen, gewisse unvermerkte Uebergaͤnge von einem Urtheil zum andern, die, wenn wir sie genauer betrachten, in der That dunke- le und zusammengezogene Schluͤsse, oder Folgerun- gen sind. Daher weiß ich die Grenzlinie zwischen die- sen beiden Vermoͤgen, wenn sie nun einmal bestimmt unterschieden werden sollen, nicht genauer anzugeben, als dadurch, daß ich sage, es soll die Beziehung in dem ei- nen Fall ohne eine solche Entwickelung allgemeiner Be- griffe und Folgerungen aus ihnen geschehen, die von uns selbst als ein Raisonnement aus Begriffen, gewahr- genommen werden. Sind die Begriffe von den Dingen, die wir auf einander beziehen, selbst schon deutlich, und in so weit auseinandergesetzt, so kann doch ihre Vergleichung nach diesen deutlichen Begriffen nur eine unmittelbare Ver- gleichung seyn, und dann gehoͤrt das daraus entspringen- de Urtheil noch zu den Urtheilen des Menschenverstandes. Ursache und Wirkungen, Vermoͤgen und das, was durch sie hervorgebracht wird, empfangen nach einer na- tuͤrlichen Metonomie dieselbigen Namen. Die Gedan- ken, Urtheile, Kenntnisse, welche die Wirkungen des erklaͤrten Menschenverstandes sind, werden oft eben so benennet, aber andere unterscheiden sie von jenem durch eigene Kunstwoͤrter. Alle Kenntnisse also, die wir von den Gegenstaͤnden erlangen, ohne allgemeine Theorien, ohne daß Gemein- begriffe und Grundsaͤtze fuͤr sich in ihrer Allgemeinheit besonders gedacht werden, und dann daraus gefolgert wird, ohne Schluͤsse, die mittelst der deutlichen Ausein- andersetzung abgesonderter Beschaffenheiten gemacht wer- K k 5 den; VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit den; Kenntnisse also und Urtheile, die bey der Verglei- chung der Sachen entstehen, wenn wir sie in ihren Jdeen vor uns stellen, und sie aufmerksam beschauen, oder auch wohl mit andern, aber ohne Entwickelung der Ge- meinbegriffe, vergleichen; alle diese, und alle dazu ge- hoͤrige Vermoͤgen, Thaͤtigkeiten und Wirkungsarten gehoͤren zu dem Umfang des Menschenverstandes; die Kenntnisse selbst als die Wirkungen desselben. Dieser Menschenverstand ist also nichts anders, als die Denkkraft, in so ferne diese aus einer unmit- telbaren Beziehung uͤber die Dinge urtheilet. Loͤset man ihn also in seine Bestandtheile auf, so erhaͤlt man das Beziehungsvermoͤgen oder die Denkkraft, in Verei- nigung mit dem Gefuͤhl und der Vorstellungskraft. Hie- von darf ich den anderswo gegebenen Beweis nicht wie- derholen. Es ist begreiflich, daß der Menschenverstand in die- ser Bedeutung, verschiedene Stufen der Entwicke- lung, der innern Groͤße und Staͤrke, und also auch in Hinsicht des Umfangs der Kenntnisse, die seine Wir- kungen sind, haben muͤsse. Von diesen Stufen koͤnnen einige besonders bemerket, und mit eigenen Namen un- terschieden werden. Da in dem Vermoͤgen „nach unmittelbaren Be- ziehungen der Dinge, ihre Verhaͤltnisse zu denken,‟ die- selbigen Stufen vorkommen, welche oben bey dem Be- ziehungsvermoͤgen uͤberhaupt beobachtet sind, Vierter Versuch. VII. so koͤn- nen auch hier die drey Grade, nemlich, das urspruͤng- liche Beziehungsvermoͤgen; die sinnliche Urtheils- kraft, und die deutliche Urtheilskraft unterschieden werden. Einige haben es so gemacht, und die erste Stuse des Menschenverstandes den gemeinen Men- schensinn genennet. Aber der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Aber in der Anwendung, die man von der Unter- scheidung des Menschenverstandes und der Ver- nunft gemacht hat, ist diese gedachte Abtheilung, wo- bey auf die Grade der innern Entwickelung des Ver- moͤgens gesehen wird, nicht so fruchtbar befunden wor- den, als eine andere, bey welcher die Ausdehnung der gesammten unmittelbaren Urtheilskraft, und der Umfang der Kenntnisse, die diese erreichet hat, zum Grunde geleget ward. Hier giebt es erstlich einen Grad von Menschenver- stande, den alle vollstaͤndige Menschen, die mit den gewoͤhnlichen Sinnen begabt sind, alsdenn erlanget ha- ben, wenn sie erwachsen sind, und uͤber Dinge und Be- schaffenheiten urtheilen. Dieß ist der gemeine Men- schenverstand, und seine Kenntnisse machen die allge- meinen menschlichen Meinungen aus, den Sensus communis hominum. Dieß sind die entwickelten Erkenntnißvermoͤgen, in dem Grad der Entwicke- lung betrachtet, den diese in allen Menschen durch die innere Anlage der Natur und durch die Einwirkung der aͤußern Umstaͤnde, gewoͤhnlicher Weise erlangen. Diese erste Stufe des Menschenverstandes, den man eigentlich allgemeinen Menschen erstand nennen kann, ist deswegen besonders zu bemerken, weil man nicht ohne Ursache seinen Ausspruͤchen und Urtheilen eine große Auktoritaͤt beygeleget hat. Es ist von einigen die Uebereinstimmung aller Menschen zu einem Charak- ter der Wahrheit gemacht, nach der Regel, „was alle „Menschen ohne Ausnahme fuͤr wahr halten, das muß „es auch seyn.‟ Alle Menschen glauben, daß sie ei- nen Koͤrper besitzen, daß es Objekte außer ihnen gebe, daß die Sonne sowohl ein wirkliches Ding sey, als sie selbst, daß das Feuer warm mache, wie die Sonne, und wie sie brenne, u. s. w. Bey diesen und unzaͤhlig meh- rern Saͤtzen trift die angezeigte Regel zu; aber wenn der Skepti- VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Skeptiker sie nicht fuͤr ein untruͤgliches Kennzeichen der Wahrheit anerkennen will, so beruft er sich auf Jrrthuͤ- mer, die wir jetzo dafuͤr erkennen, und die doch zu Ei- ner Zeit allgemein als Wahrheiten geglaubet worden sind. Davon giebt es noch mehrere Beyspiele, als die bekannte sinnliche Vorstellung von der Bewegung der Sonne um die Erde. Woher eine gewisse Gleichheit aller Menschen in Hinsicht ihrer entwickelten Denkkraͤfte entstehen koͤnne, und eine allgemeine Uebereinstimmung in gewissen Mei- nungen und Urtheilen, das ist, bey aller ihrer sonstigen Verschiedenheit, aus ihrer aͤhnlichen Naturanlage, und der dadurch bestimmten nothwendig aͤhnlichen Wirkungs- arten, aus der Aehnlichkeit der aͤußeren Sinne und der ersten Empfindungen und Vorstellungen, wie auch der Gelegenheiten, Reizungen und Gegenstaͤnde fuͤr die Ver- moͤgen, welche letztere wiederum in einer allgemeinen Aehnlichkeit der Lage und Beziehungen, gegruͤndet ist, in der alle Menschenkinder auf die aͤußere wirkliche Welt sich befinden, sehr leicht zu begreifen. Aber es ist nicht leicht, und vielleicht unmoͤglich, die Grenze genau zu be- stimmen, bis wohin die allgemeine Gleichheit bey al- len Jndividuen, in Hinsicht der Groͤße der Vermoͤgen, und die davon abhangende Uebereinstimmung in den Meinungen sich erstrecke? Es gehoͤrt doch wahrlich nicht zu den gemeinen Meinungen, was Oswald fuͤr Erkenntnisse des Menschenverstandes ausgegeben hat, und doch auch selbst nicht zu den allgemeinen Menschenverstand hinrechnet. Daher koͤnnen Faͤlle genug vorkommen, wo es durchaus nicht zu entscheiden ist, ob etwas als eine Wahrheit von allen Menschen er- kannt sey, oder nicht? Man hat insbesondere diese Frage bey der Lehre von dem Daseyn eines Gottes un- tersuchet, aber weder die bejahende noch die verneinende Antwort bisher voͤllig zur Evidenz gebracht. Ein der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Ein hoͤherer Grad von Menschenverstand kann der kultivirte Menschenverstand genennet werden. Er fin- det sich bey den polizirten Voͤlkern in Vergleichung mit den Barbaren und Wilden; bey dem brittischen Matro- sen in Vergleichung mit dem Neuhollaͤnder. Sonsten wissen wir wohl, daß es unter den so genannten wilden Voͤlkern Jndividuen giebt, die durch ihre feine und rich- tige Beurtheilungskraft tausende von unsern gemeinen Leuten beschaͤmen. Dieser kultivirte Menschenverstand hat sehr unterschiedene Stufen, und das Maaß desselben bey Einer Person ist bey weitem nicht das Maaß bey an- dern. Der gelehrte Menschenverstand ist durch Unter- weisungen und eigenes Nachdenken nach einem Grad hoͤ- her aufgeklaͤrt. Jeder Mensch erwirbet sich in seinem Fach, durch die oͤftere und fleißige Bearbeitung einerley Art von Vorstellungen und Jdeen, eine gewisse Fertig- keit, ohne deutliche Entwickelung der Begriffe, mit Ei- nem scharfen Blick uͤber die dahin gehoͤrigen Sachen rich- tig zu urtheilen. Dieser in Hinsicht gewisser Arten von Kenntnissen vorzuͤglich kultivirte Menschen- verstand ist der eigentliche gelehrte Schulwitz, oder Schulverstand. Er ist es in einer noch engern Be- deutung, wenn die Kenntnisse, mit denen er zu thun hat, zu den besonders so genannten gelehrten Kenntnissen ge- hoͤren. Aber ehe die Begriffe so zubereitet worden sind, als sie diesem fertigen Menschenverstande vorliegen, und ehe die Urtheilskraft so stark ward, daß sie mit Einem festen Blick die Verhaͤltnisse der Dinge durch die Ver- gleichung gewahrnehmen konnte, ehe es so weit kam, wie viel Vorarbeiten sind nicht vorhergegangen? Ein solcher kultivirter Menschenverstand, ein fertiges Wahr- heitsgefuͤhl, eine starke unmittelbare Beurtheilungs- kraft, kann nicht leicht bey allen Arten von Kenntnissen erlanget werden; bey einigen muß man sich durchaus ent- wickelter VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit wickelter Vernunftschluͤsse bedienen; aber es sollte da, wo es angeht, ein Ziel seyn, wonach auch ein Philosoph dann, wenn sonsten die Raisonnements noch wohl zur Ueberzeugung hinreichen, moͤglichst zu beachten hat. Und diese Fertigkeit kann noch immer staͤrker und fester wer- den, so lange noch eine mittelbare Kenntniß in eine un- mittelbare, durch die genauere und schnellere Vereini- gung der Mittelbegriffe veraͤndert werden kann. Dieß Bestreben, bey jedem Gegenstand dasjenige aufzusuchen, was aus der Betrachtung desselben ohne merkliche Ent- wickelung der Begriffe erkannt wird, gewaͤhret uͤberdieß den außerordentlich großen Vortheil, das die Raisonne- mentskenntnisse, die fast alle in einseitigen Aussichten bestehen, bestaͤndig mit dem Anschauen des ganzen Ge- genstandes wiederum vereiniget werden. Dadurch wird vielen schiefen Beurtheilungen, so mancherley Uebersicht und Doppelsicht, vorgebogen, die man am haͤufigsten bey solchen Leuten antrift, welche sich am meisten angewoͤh- net haben, bey jeder Sache sogleich auf das zu sehen, was durch die Entwickelung der Jdeen, und durch Schluͤsse aus allgemeinen Grundsaͤtzen, sich erkennen laͤßt, und die nur darnach, das ist, nach einzeln obgleich scharfen Seitenblicken sie beurtheilen. Ueberhaupt wird man finden, daß die neuern theo- retischen und praktischen Bemerkungen uͤber den Men- schenverstand nichts sind, als was mit andern Worten und in andern Verbindungen schon in den aͤltern Logiken und Phychologien gesagt ist. Nur ein veraͤnderter Ge- sichtspunkt war es, aus dem man die sonst bekannten Er- kenntnißvermoͤgen betrachtete, und eine veraͤnderte Art zu reden, welche doch auch ihre guten Wirkungen ge- habt hat. 2. Man mag das Wort, Gemeine Verstand, nun nehmen, in welcher Bedeutung man wolle, so ist es fuͤr der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. fuͤr sich aus der Natur desselben offenbar, daß die oben unterschiedene Arten der subjektivischen Nothwen- digkeit in den Wirkungen desselben vorkommen muͤssen. Und wenn dieß noch nicht genug einleuchtet, so braucht es nur der maͤßigsten Aufmerksamkeit auf die letztere, um jene hier unmittelbar zu beobachten. Die Urtheile uͤber das Daseyn der wirklichen Welt, uͤber die ursach- lichen Verbindungen der Dinge in der Welt; die Unter- scheidung des Gegenwaͤrtigen in der Empfindung von dem Vergangenen durch die Wiedererinnerung, und von dem bevorstehenden Kuͤnftigen; unser Glaube an frem- des Zeugniß sind solche Wirkungen und Aeußerungen des Menschenverstandes. Betrachtet man die Gruͤnde und die Art des Verfahrens jeder derselben besonders, so wird es auch bey jedweder besonders offenbar, daß es bald eine Jdeenassociation, und eine Verallgemeinerung besonderer Erfahrungssaͤtze ist; bald aber natuͤrliches Denkungsgesetz, und in einem gewissen Verstande im- mer beydes zusammen, was die Denkkraft in diesen Kenntnissen bestimmt, und was den Beyfall und die Ueberzeugung nothwendig macht. Hier aufs Einzelne sich einzulassen, und bey jedwe- der Art der gemeinen Verstandeskenntnisse zu zei- gen, wie viel davon nothwendig durch die Natur des Verstandes fuͤr wahr anerkannt werden muͤsse, und wie viel von einer | Jdeenverknuͤpfung abhange? dieß haͤtte das eigentliche Geschaͤft der brittischen Philosophen seyn sollen, die sichs zur Pflicht machten, gegen Hume und Berkeley die Grundsaͤtze des gemeinen Verstandes zu rechtfertigen. Dieß ist erstlich eines der wesentlichsten Stuͤcke, wor- auf es in dem Streit mit dem Skeptikern ankommt. Der Verstand denket seinen Naturgesetzen gemaͤß, und so weit ist sogar der Jrrthum unmoͤglich; aber er verbin- det auch Jdeen zusammen in Eine, macht daraus allge- meine VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit meine Saͤtze, die nur auf einer unvollkommenen, ob- gleich großen Jnduktion beruhen; legt den Sachen Be- schaffenheiten in ihrem ganzen Umfang bey, dem ganzen Jnhalt seiner Jdeen gemaͤß, wo nur ein Theil gewahr- genommen wird, oder spricht ihnen solche ganz ab, wo nur Ein Theil vermißt wird, der als ein Charakter des uͤbrigen Theiles angenommen, weil er in den Empfin- dungen damit verbunden gewesen ist. Die Urtheile, welche aus den letztern Wirkungsarten entspringen, wer- den uns nur durch die Gewohnheit natuͤrlich. Sie ha- ben, vielleicht alle, eine große innere Wahrscheinlich- keit fuͤr sich; aber sie werden als voͤllig gewisse Ge- meinsaͤtze gebraucht, an deren Ausnahme man nicht ein- mal denket, und dann entstehen Vorurtheile, und bey der Anwendung Jrrthuͤmer. Auf diese Art wird auch zweytens der vernuͤnfteln- de Skepticismus da angegriffen, wo er seine wahre Schwaͤche hat. Hume und Berkeley erkannten die Unbezweifelbarkeit der nothwendigen allgemeinen Grund- saͤtze, und der unmittelbaren Empfindungskenntnisse. Macht man es ihnen nun evident, daß zu diesen beiden Arten weit mehr Urtheile des Verstandes gehoͤren, als sie es bey ihren einseitigen Betrachtungen der menschli- chen Denkkraft gefunden haben, so zeiget man ihnen sol- che von der Seite, wo sie nach ihren eigenen Grundsaͤ- tzen die Zuverlaͤßigkeit derselben anerkennen. Dieß ist das Erste, was geschehen muß; doch aber noch nicht alles. Denn es werden in den gemeinen Kenntnissen des Verstandes, doch manche Grundsaͤtze als voͤllig allgemeine voraus gesetzet, die nur auf einer Uebereinstimmung der Empfindungen beruhen, und also Erfahrungssaͤtze sind, bey welchen der Beweis durch ei- ne vollstaͤndige Jnduktion nicht moͤglich ist. Daher muß noch die Natur und die Groͤße der Gewißheit gezeiget werden, die dieser letzten Art von Saͤtzen zukommt. Soll sie der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. sie uͤberhaupt nur eine Wahrscheinlichkeit genennet werden, so giebt es auch Wahrscheinlichkeiten, die der voͤlligsten Gewißheit so nahe kommen, daß der Theil, der ihnen noch fehlet, wegen seiner Geringfuͤgigkeit, als ein unendlich kleines angesehen werden kann. Es giebt unendlich große Wahrscheinlichkeiten, ob sie gleich nach der Theorie nicht gaͤnzlich der Gewißheit gleich sind, und diese verdienen eine vorzuͤgliche Erwaͤgung. Andere sind von einem mindern Grade, und machen doch schon eine moralische Gewißheit aus. Alsdenn fehlt noch das dritte, wenn man widerle- gen will. Es muß der Ungrund des skeptischen Vor- wandes, als fuͤhre uns das natuͤrliche Verfahren des ge- meinen Verstandes auf Widerspruͤche/ mit sich selbst und mit der raisonnirenden Vernunft voͤllig ins Licht gesetzet werden. Weiter kann man mit dem Zweifler nichts an- fangen; aber es ist auch nichts mehr noͤthig, wenn der Zweifler ein nachdenkender Mann ist. Dagegen wenn man auf die Art zu Werke geht, wie Reid, Beattie und Oswald; nur unbedingt und gerade als ein Princip es annimmt, es sey ein untrieg- licher Charakter der Wahrheit, daß der Menschenver- stand sich die Sachen so und nicht anders denke, oder den- ken koͤnne; wenn der Ausspruch der entwickelnden und schließenden Vernunft nicht geachtet, und ihr so gar ihr Stimmrecht bey der Beurtheilung von Wahrheit, Vor- urtheil und Jrrthum, entzogen wird; wie kann der den- kende Zweifler auf die Art uͤberzeugt werden? Jst es zu hart zu sagen, daß dieß Verfahren wider den Men- schenverstand ist? I. Band. L l IV. Von VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit IV. Von der objektivischen Wahrheit, und von ob- jektivisch nothwendigen Wahrheiten. 1) Worauf es bey der Wahrheit unserer Er- kenntniß von den Gegenstaͤnden ankomme. Die Vorstellungen als Jmpressionen von den Dingen, sind nur subjektivische Scheine. 2) Was es eigentlich sagen wolle: die Objekte sind so, wie wir sie uns vorstellen. 3) Die nothwendigen Denkgesetze unsers Ver- standes, koͤnnen von uns nicht fuͤr blos sub- jektivische Denkgesetze, die es nur vor uns sind, angesehen werden. Die allgemeinen theoretischen Wahrheiten sind nicht blos Re- lationes fuͤr uns. 4) Ob unsere Kenntnisse von wirklichen Din- gen, blos subjektivischer Schein sey? 5) Jn wie ferne wir Vorstellungen von aͤußern Objekten haben, die wir als Vorstellungen von den Dingen selbst, nicht blos von ge- wissen Beschaffenheiten und Seiten der Din- ge gebrauchen koͤnnen. 6) Das Grundgesetz, wovon die Zuverlaͤssig- keit und Realitaͤt unserer Erkenntnisse ab- haͤngt. 7) Erfordernisse bey unsern Jmpressionen, wenn die Erkenntniß nicht blos subjektivi- scher Schein seyn soll. 8) Fort- der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. 8) Fortsetzung des vorhergehenden. Warum die Schoͤnheit mehr etwas blos subjektivi- sches sey als die Wahrheit? 9) Fortsetzung der Betrachtung uͤber die Er- fodernisse bey unsern Jmpressionen, wenn die Erkenntniß objektivisch seyn soll. 10) Gang der gesunden Vernunft, wenn sie ihre Kenntnisse fuͤr mehr als bloßen Schein ansieht. Beweis daß etwas Objektivisches in unserer Erkenntniß von wirklichen Din- gen enthalten sey. 11) Worauf die Unterscheidung zwischen noth- wendigen und zufaͤlligen Wahrheiten beruhe. 12) Das subjektivische Gesetz des zufaͤlligen Beyfalls, und das Gesetz, nach welchem etwas objektivisch fuͤr zufaͤllig erkannt wird 1. D ie subjektivische Nothwendigkeit nach den allge- meinen Gesetzen des Verstandes zu denken, erken- nen wir aus der Beobachtung. Wir empfinden es, daß wir keine viereckte Zirkel uns vorstellen, und kein Ding fuͤr unterschieden von sich selbst halten koͤnnen. Auf diese subjektivische Nothwendigkeit gruͤnden wir die objekti- vische: Die Unmoͤglichkeit, die Dinge anders zu den- ken, wird den Dingen außer dem Verstande beygeleget. Unsere Jdeen sind nun nicht mehr Jdeen in uns; es sind Sachen außer uns. Die Beschaffenheiten und Ver- haͤltnisse, die wir in jenen gewahrnehmen, stellen sich uns als Beschaffenheiten und Verhaͤltnisse der Sachen selbst vor, die diesen auch ohne unser Denken zukommen, und von jedem andern denkenden Wesen in ihnen erkannt L l 2 werden VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit werden mußten. So bringet der Jnstinkt es mit sich. Es ist dieß eine Wirkung des gemeinen Menschenver- standes, und die alte Metaphysik hat in diesem Verfah- ren etwas richtiges erkannt, und zum Axiom angenom- men, daß die Wahrheit etwas objektivisches sey. Jn Hinsicht der Schoͤnheit hat man es schon laͤn- ger und mit mehrerm Fleiß untersuchet, ob sie nur et- was relatives vor uns, oder auch etwas absolutes in den schoͤnen Gegenstaͤnden fuͤr sich sey? Die Sache hatte zwo verschiedene Seiten. Von der Einen sie betrachtet, konnte und mußte man sagen, die Sachen, die haͤßlich und schoͤn sind, haben diese Beschaffenheiten nur vor diejenigen, die sie also empfinden; von der andern Seite ließ sich auch das Gegentheil behaupten; aber da jene die fruchtbarste und gewoͤhnliche ist, von der sie fast von allen angesehen wird, die aus Beobachtungen uͤber sie raisonniren, so gewann der allgemeine Ausspruch: „daß die Schoͤnheit nur relativer Natur sey,‟ die Oberhand. Und nun verglich man Wahrheit mit der Schoͤnheit, und glaubte die Parallel zwischen beiden gehe so weit, daß man auch von der Wahrheit sagen koͤnne: „sie sey durchaus nichts anders als nur eine Relation vor den der sie denket.‟ Ein Satz, den ein neuerer Philosoph bis zu seinem voͤlligsten Umfang ausgedehnet, und in diesem Umfang zu beweisen gesucht hat. Lossius Physische Ursachen des Wahren. So gar soll es nicht unmoͤglich seyn, daß es denkende Wesen gebe, die sich auch dasjenige vorstellen koͤnnen, was fuͤr uns etwas Widersprechendes ist. Dieß letztere ist der haͤrteste Angriff, den die Skepsis auf die Menschen- vernunft thun kann. Jndessen sind die Gruͤnde, ich will nicht sagen, diejenigen, worauf sich der gedachte Zusatz stuͤtzet, aber doch die uͤbrigen, die zu dem Satz hinfuͤhren, daß die Wahrheit nur eine Relation sey fuͤr den, der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. den, der sie denket, so blendend und so weit reichend, daß es nicht leicht ist, aus der Natur unserer Kenntnisse es genau zu bestimmen, wie viel richtiges in dieser Halb- wahrheit, wofuͤr ich sie ansehe, enthalten ist. Zuvoͤrderst muß es doch bestimmt werden, worauf es bey der Wahrheit eigentlich ankomme, und was das sagen wolle, wenn wir glauben, die Dinge sind auch an sich so beschaffen, wie wir sie uns vorstellen? Alsdenn muß die Art, wie wir zu diesem Urtheil gelangen, und die Gruͤnde, die uns darauf fuͤhren, erwogen werden. Wenn die Wahrheit fuͤr die Uebereinstimmung unserer Gedanken mit den Sachen, erklaͤret wird, so kann diese Uebereinstimmung nichts anders seyn, als eine Analogie, nach welcher Jdee zur Jdee sich verhalten soll, wie Sache zur Sache. Die Ge- genstaͤnde mit den Jdeen verglichen, heißt nichts an- ders als Vorstellungen mit Vorstellungen vergleichen; oder eine Vorstellung aus der Empfindung mit einer an- dern, die ich schon habe. Sind die Objekte einerley oder verschieden, wie es die Jdeen von ihnen sind, be- ziehen sich jene auf einander, wie diese; so sind die Ver- haͤltnisse in jenen dieselbigen wie in diesen, und unsere Jdeen stellen uns die Beziehungen der Sachen auf einander vor. Dieß lehret auch die Natur unsers Denkens und unserer Urtheile. Vierter Versuch VII. 5. Die Jmpression, von der rothen Farbe ist in Hinsicht der Beschaffenheit des so gefaͤrbten Koͤrpers, was ein Wort in Hinsicht des Gedankens ist, den es bezeichnet. Diese Jmpressionen hangen so sehr von der Natur des empfindenden Wesens und von an- dern Umstaͤnden ab, daß man es unmoͤglich annehmen kann, jedes andere Wesen mit andern Werkzeugen, unter andern Umstaͤnden gesetzt, werde von demselbigen Objekt L l 3 auf VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit auf dieselbige Art modificiret werden, wie ich. Solche Jmpressionen sind nur etwas Subjektivisches; das was sie sind, sind sie nur fuͤr den, der sie aufnimmt. Aber in diesen Jmpressionen liegt auch kein Gedanke, und keine Wahrheit, ob sie gleich sonsten ihre Fehler ha- ben koͤnnen. Denken bestehet in dem Gewahrnehmen der Verhaͤltnisse der Vorstellungen; und in diesen kann nur Wahrheit oder Jrrthum seyn. Was es auch fuͤr eine Jmpression ist, die ich von der rothen Farbe empfange, so ist doch der Schnitt an dem Buche, das vor mir lieget, roth; nemlich es ist dieselbige Jmpres- sion, die ich in andern Faͤllen gehabt und roth genennet habe. Ein Ding ist rund; ist eckigt; diese Ausdruͤcke wollen nichts mehr sagen, als daß der Sache etwas zu- komme, welches einerley mit dem ist, was ich eckigt und rund nenne. Es ist nichts daran gelegen, wenn ein anderer die Jmpression von den Ecken hat, die ich von dem Runde habe. Die Richtigkeit des Gedankens haͤngt nur davon ab, daß mein Urtheil richtig sey, und das Urtheil ist ein Verhaͤltnißgedanke. Die Jmpressio- nen sind nur die Schriftzuͤge oder Buchstaben. Diese moͤgen seyn, welche sie wollen, sie sind zu entziffern, wenn jeder Buchstabe seinen eigenen Zug hat, und die Worte, zu welcher Sprache sie auch gehoͤren, sind verstaͤndlich, wenn jeder bestimmte Gedanke seinen bestimmten Ton hat. Die Vorstellungen als Vorstellungen, Bilder, Zeichen der Sachen, sind nur relativischer Natur. Aus diesem Satz folget aber nicht, daß die Gedanken von den Verhaͤltnissen der Sachen, und von ihren Be- schaffenheiten, denn diese letztern sind auch nichts als Gedanken von Verhaͤltnissen, es gleichfalls seyn muͤssen. Es kann die Proportion: Das Bild zum Bilde, wie Sache zur Sache, dieselbige bleiben; wenn gleich zwey andere Bilder an die Stelle der erstern beiden gesetzet werden; der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. werden; es kommt nur auf ihr Verhaͤltniß unter ein- ander an. Erster Versuch XI. Die Frage: ob den Objekten außer dem Verstande so etwas zukomme, als wir ihnen zuschreiben, oder in ihnen uns vorstellen, ist also diese: „ob diejenigen Ver- „haͤltnisse und Beziehungen, die wir in unsern Vorstel- „lungen gewahrnehmen, den Objekten außer uns zu- „kommen?‟ Der Verstand hat die Jdeen vor sich, vergleicht, verbindet und trennet solche, und findet ihre Verhaͤltnisse, in so ferne sie Vorstellungen sind, die aus Jmpressionen von den Objekten entstehen. Nach wel- chem Gesetz kann man diese Beziehungen der Jdeen, als Beziehungen der Objekte auf einander ansehen? Man beruft sich so oft auf den Satz, daß wir die Gegenstaͤnde nur nach den Jmpressionen denken, die wir von ihnen erhalten, und daß diese nur solche Jm- pressionen fuͤr uns sind, daß es fast scheinen moͤchte, man habe es nur mit dem Bildlichen in unserer Erkenntniß, mit den Zeichen selbst zu thun, wenn man sie fuͤr eine Relation auf unsern Verstand ausgiebet. Wenn das ist, so waͤre der Streit geendiget. Aber es wuͤrde so gleich ein anderer entstehen. Ob die Beziehungen, die wir in unsern Jdeen gewahrnehmen, nicht blos sub- jektivische Beziehungen sind, die wir nur bey Jm- pressionen oder Vorstellungen solcher Art gewahrnehmen, als die unsrigen? Jn dieser Frage lieget die Spitze der Sache. 2. Die zwote vorlaͤufig abzumachende Sache ist, was eigentlich die Objektivitaͤt unserer Erkenntniß sagen wolle? Diese oder jene Verhaͤltnisse kommen den Ob- jekten zu, sind in ihnen außer dem Verstande, und sind L l 4 hier VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit hier dasselbige, was die Beziehungen der Jdeen im Verstande sind. Diese Ausdruͤcke, was bedeuten sie nach der Natur unsers Verstandes und unserer Begriffe, und nach den Erklaͤrungen der Philosophen, welche die Wahrheit fuͤr etwas objektivisches ansehen? Was heißt es: die Sonne ist so ein Ding, wie die sind, welche leuch- ten; die viereckte Figur meiner Stubenthuͤr ist fuͤr sich eine andere, als die ovale Figur eines alten Kirchen- fensters? Jn der Jdee des gemeinen Verstandes, die wir ha- ben, wenn wir etwas fuͤr ein Objekt und fuͤr objekti- visch ansehen, und die wir ausdruͤcken, wenn wir sagen: „die Sache ist so,‟ lieget eigentlich der Gedanke, daß die Sache auf der Art, wie wir uns sie vorstellen, von jedem andern wuͤrde und muͤßte empfunden werden, der einen solchen Sinn fuͤr sie hat, als wir. Die Sache ist so beschaffen, heißt so viel: „auf diese Art ist sie em- pfindbar.‟ So scheinet sie nicht nur mir unter diesen Umstaͤnden; sondern so muß sie jedem erscheinen, der sie empfindet, und besonders dem der sie fuͤhlet. Denn da das Gefuͤhl der Sinn ist, aus dem wir die Jdee eines wirklichen Objekts erlangen, so heißt, ein Objekt seyn und objektivische Beschaffenheiten besitzen, nichts anders, als auf eine solche Art beschaffen seyn, daß ein fuͤhlendes Wesen es nicht anders als auf diese Weise empfinden kann. Man sehe den fuͤnften Versuch V. Ein bestaͤndiger Schein ist vor uns Realitaͤt, wie einige Philosophen reden, und so viel als Seyn und Wirklichkeit. Dieß ist in so weit richtig, weil wir ei- nen voͤllig immer sich gleichen Schein in der Empfin- dung von dem Reellen nicht zu unterscheiden wissen, es waͤre denn, daß uns Vernunftschluͤsse, wie in der Astro- nomie, daruͤber belehrten. Aber es ist doch wahr, daß wenn der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. wenn wir den Gedanken fassen: „eine bestaͤndige auf dieselbige Art scheinende Sache, sey eine reelle Sache, und so an sich beschaffen, wie sie scheint,‟ so wollen wir doch etwas mehreres ausdruͤcken, als blos dieses, daß sie uns so scheine. Sie wird und muß ihrer Natur nach, jedwedem andern, sie fuͤhlenden und empfindenden We- sen, auch so erscheinen. Dieß ist noch ein Zug, der in jenem Praͤdikat enthalten ist. Es ist noch derselbige Begriff von dem Objektivi- schen, der in der Philosophie beybehalten wird. Die Dinge sind fuͤr sich, auf diese oder jene Art beschaffen, heißt auch hier so viel als, jedwedes Wesen, das sie em- pfindet, oder sie als existirende Dinge sich vorstellet und gedenket, muß sie so empfinden, so sich vorstellen und gedenken, wenn es sie nemlich auf dieselbige Art geden- ket, wie wir es in solchen Faͤllen thun, in denen wir un- serer Erkenntniß eine objektivische Realitaͤt beylegen. Denn es wird stillschweigend angenommen, daß diesel- bigen Erfordernisse, die uns bewegen, unsere eigene Er- kenntnisse fuͤr objektivisch anzusehen, da wir wohl wissen, daß sie zuweilen nur subjektivischer Schein sind, auch bey andern denkenden Wesen vorhanden seyn muͤssen, wo die Erkenntniß objektivisch seyn soll. Von dem vollkom- mensten Verstande haben wir eine solche Vorstellung, nach der wir glauben muͤssen, daß er die Objekte so ge- denke, wie sie an sich sind. Daher sehen wir es als ei- nen Grundsatz an, daß da, wo wir selbst die Dinge uns so vorstellen, wie sie sind, unsere Vorstellungen von ihnen mit denen in dem goͤttlichen Verstande uͤberein- stimmen. Jch rede hier nach dem Sinn derer, die eine solche objektivische Realitaͤt unserer Erkenntnisse behaup- ten. Ein viereckter Zirkel ist an sich ein Unding. Was heißt dieß, als es ist ein schlechthin ungedenkbares, auch von dem goͤttlichen Verstande ungedenkbares Ding, das nicht ist und nicht seyn kann, das nicht gefuͤhlet und L l 5 empfun- VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit empfunden, oder als ein gegenwaͤrtiges vorhandenes Ding vorgestellet und gedacht werden, noch zu einem solchen empfindbaren Dinge gemacht werden kann. Nun ergiebt sich der wahre Sinn der Frage, ob die Wahrheit nur etwas subjektivisches von dem sey, der sie denket, oder auch etwas objektivisches? Ge- danken bestehen in den Beziehungen der Jmpressionen. Sind also diejenigen Beziehungen, die wir in unsern Jmpressionen gewahrnehmen, dieselbigen, welche jedwe- des die Objekte denkendes Wesen, in den seinigen an- treffen mußte; vorausgesetzt, daß seine Kenntniß die naͤm- liche Beschaffenheit einer reellen Kenntniß habe, welche die unsrige hat, und die wir noch aufsuchen muͤssen? Die Jmpressionen von den Sachen, oder das, was die Stelle unserer Jmpressionen, die wir doch dem goͤttlichen Ver- stande nicht zuschreiben koͤnnen, als Zeichen der einzel- nen wirklichen Objekte in dem denkenden Wesen vertritt, moͤgen seyn welche sie wollen, so ist die Frage von ihren Beziehungen. Sind diejenigen Beziehungen, die wir in unsern Jmpressionen antreffen, nur allein an diese Art von Jmpressionen gebunden, so ist ihre ganze Ana- logie mit den Objekten, nichts als eine subjektivische Art, die Beziehungen der Dinge zu erkennen, und zum Bey- spiel, viereckt und rund in einer Figur nur fuͤr uns un- vereinbar. Sind dagegen diese Beziehungen von der Natur der Jmpressionen unabhaͤngig, und dieselbigen, die jedes andere denkende Wesen in den seinigen ge- wahrnehmen muß, so ist die Unmoͤglichkeit eines vier- eckten Zirkels eine absolute objektivische Unmoͤg- lichkeit. Weiter, meine ich, kann die Frage nicht gehen. Wollte man sagen, es waͤren doch alle Gedanken als Verhaͤltnißgedanken nur etwas subjektivisches und die Verhaͤltnisse als ihre Objekte außer dem Verstande ein Nichts. Von den Verhaͤltnissen aus der Vergleichung ist dieß der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. dieß außer Zweifel; denn Aehnlichkeit und Verschieden- heit ist nur ein Gedanke in dem Verstande. Jn Hin- sicht der Beziehungen aus der Art der Koexistenz der Dinge und der ursachlichen Verknuͤpfung ist es so offen- bar nicht. Aber zugegeben, daß es so sey, so wuͤrde nur folgen, daß alle Gedanken und also auch alle Wahr- heiten in so weit etwas subjektivisches sind, als nur eine Denkkraft ihrer empfaͤnglich ist. Hievon, glaube ich, sey gar nicht die Rede. Es ließe sich noch dieß sagen. Die Verhaͤltnisse, welche unser Verstand in den Dingen gewahrnimmt, moͤgen vielleicht selbst andere Verhaͤltnißarten seyn, als diejenigen, welche eine andere Denkkraft fasset. Aehn- lichkeit und Verschiedenheit, beyeinander seyn, und von einander abhangen, das sind Denkarten unsers Verstan- des. Sind es auch Denkarten eines jedweden andern Verstandes? Also ist es unmoͤglich auszumachen, ob un- sere Denkarten uͤber die Gegenstaͤnde, auch die Denkar- ten eines Engels oder gar des goͤttlichen Verstandes sind? Also sind auch die Verhaͤltnisse, die wir in unsern Jmpressionen gewahrnehmen, schlechthin nur Gedanken vor uns, und nur Wahrheiten vor uns. Hierauf kann man antworten. Es werde das erste Ziel verlassen, und ein anders gesteckt. Wir haben kei- nen Begrif von einem Verstande, der nicht solche Ver- haͤltnisse in den Jdeen gewahrnimmt, als wir gewahr- nehmen. Giebt es also eine Denkkraft, die so sehr hete- rogen ist von der unsrigen, daß die Verhaͤltnisse und Be- ziehungen, welche sie hervorbringet, mit den unsrigen un- vergleichbar sind, so ist das etwas, das vielleicht als ein Analogon eines Verstandes, oder wenn es eine groͤßere Vortreflichkeit ist, als unsere Denkkraft, als ein Ver- stand per eminentiam angesehen werden kann; aber ein eigentlicher Verstand und eine Denkkraft, davon wir ei- nen Begrif haben, ist es nicht. Und solche eigentliche Denk- VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Denkkraͤfte werden vorausgesetzt, wenn die Frage ist, ob die von uns gedachten Verhaͤltnisse der Objekte dieselbi- gen sind, welche jede andere Denkkraͤfte von denselbigen haben muͤssen? Die Dinge sind an sich einerley oder verschieden, das heißt auch nichts mehr, als sie sind es vor jedweder Wesensart, welche die Verhaͤltnisse der Einerleyheit und der Verschiedenheit gedenken kann. Man schließe hieraus nicht, die Frage habe vielleicht gar keinen Sinn und gehoͤre zu der alten Scholastik. Man setze an statt der Woͤrter, objektivisch und sub- jektivisch, die Woͤrter unveraͤnderlich subjektivisch und veraͤnderlich subjektivisch, so ist es nicht noͤthig auf die Denkkraͤfte anderer Wesen Ruͤcksicht zu nehmen, von denen wir keine Begriffe haben, und dennoch zeiget es sich, wie viel sie bedeute? Es ist das naͤmliche, wenn wir fragen, was haͤngt von der besondern Einrichtung unserer Organe ab, und von unserer jetzigen Verfassung? was ist dagegen nothwendig und immer so, und bleibet so, wie auch die koͤrperlichen Werkzeuge unsers Denkens veraͤndert werden moͤchten, so lange unser Jch nur ein denkendes Wesen bleibet? 3. Diese beyden Punkte voraus festgesetzt, wodurch al- les Wortgezaͤnk vermieden wird, so ist das erste, wor- uͤber etwas entschieden werden kann, dieses: „Ob die „nothwendigen Denkgesetze unsers Verstandes nur sub- „jektivische Gesetze unserer Denkkraft sind, oder ob sie „Gesetze jeder Denkkraft uͤberhaupt sind? und dann auch, „ob die allgemeinen Vernunftwahrheiten nur Wahrhei- „ten vor uns sind, oder Allgemeinsaͤtze vor jeder Ver- „nunft?‟ Der Grundsatz des Widerspruchs soll das Beyspiel seyn. Mit den uͤbrigen die von diesem abhangen, oder die mit gleicher subjektivischen Nothwendigkeit als Axio- me der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. me angenommen werden muͤssen, wird es dieselbige Be- schaffenheit haben. Es sind eigentlich drey verschiedene Saͤtze, die bey dem Grundgesetz des Widerspruchs zusammen kommen. Erstlich. Jch kann keinen viereckten Zirkel mir vor- stellen noch gedenken; oder, wenn wir den allgemeinsten Ausdruck aller widersprechenden Gedanken gebrauchen wollen, ich kann diesen Gedanken: A ist nicht A , nicht gedenken. Dieß ist ein Erfahrungssatz. Zweytens. Ein viereckter Zirkel, oder uͤberhaupt der Satz, A ist nicht A, ist gar nicht gedenkbar, ohne alle Einschraͤnkung, und kann von keiner Denk- kraft vorgestellet und gedacht werden. Dieß ist weder ein Erfahrungssatz, noch ein Schlußsatz; es ist ein ange- nommenes Axiom. Endlich drittens. Ein solches ungedenkbares, oder widersprechendes Ding ist kein wirkliches Objekt, ist keine fuͤhlbare Sache, und kann es auch nicht seyn noch werden. Es ist objektivisch unmoͤglich. Dieser letzte Ausspruch ist eigentlich der metaphysische Grundsatz, und ist wiederum weder ein Erfahrungssatz noch ein Schluß- satz, sondern ein angenommenes Axiom. Kein Mensch, der es weis, was er denket, kann sichs je uͤberreden, daß er eine Jdee von einem viereck- ten Zirkel habe. So weit kann auch die ausgelassenste Zweifelsucht nicht gehen. Aber kann man vielleicht bey den beyden letztern Saͤtzen Anstand nehmen? Als eini- ge sonderbare Leute am Ende des sechszehnten und im Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts zu Helmstaͤdt ge- gen die Vernunft schrieen, und behaupteten, auch wah- re Widerspruͤche muͤßten fuͤr Wahrheiten von uns ange- nommen werden, wenn sie in der Bibel entdecket waͤren, war dieses vielleicht was sie im Sinn hatten. „Die Ungedenkbarkeit eines viereckten Zirkels sey nur eine subjektivische Unmoͤglichkeit bey dem Menschenver- stande, VII. Versuch. Von der Nothwendigken stande, aber deßwegen nicht bey dem goͤttlichen.‟ Denn hieraus konnten sie die obige Folgerung ziehen. Wenn es einmal voͤllig gewiß ist, daß Gott es offenbaret habe, es sey in einem Fall wahr, daß A nicht A ist, so sind wir verpflichtet es zu glauben, ob es uns gleich unbe- greiflich ist. Die Widerspruͤche sind denn nichts mehr als andere Unbegreiflichkeiten, die uͤber unserer Ver- nunft sind. Es faͤllt meiner Meinung nach, so gleich auf, daß, da wir selbst keinen viereckten Zirkel uns vorstellen koͤn- nen, es uns auch eben so unmoͤglich seyn muͤsse, eine Jdee von einer Denkkraft zu machen, in der jene Vor- stellung enthalten sey. Das widersprechende kann sym- bolisch ausgedruckt; der Satz: A ist nicht A, kann auf dem Papier geschrieben werden. Aber das, was in die- sem Ausdruck lieget, ist fuͤr uns ungedenkbar, und eben so unvorstellbar ist uns ein Verstand, der diesen Gedan- ken haben koͤnne. Ein solcher Verstand ist selbst vor dem menschlichen, was ein viereckter Zirkel vor ihm ist. Das Daseyn eines solchen Verstandes muß ich also eben so nothwendig verneinen, als die Existenz eines wider- sprechenden Objekts; und jenen fuͤr moͤglich halten, heißt eben so viel, als die ungedenkbare Sache selbst dafuͤr an- sehen. Das ist, mit andern Worten, glauben, daß der Ausdruck, A ist nicht A , vor irgend einem an- dern Verstande etwas gedenkbares sey, heißt, den Grundsatz des Widerspruchs aufheben. Dieß Denkge- setz ist also eben so gewiß nicht allein ein Gesetz vor unse- rem Verstand, sondern vor jedem andern, und das Princip des Widerspruchs ist so gewiß ein objektivisches Princip, als es selbst ein wahres Princip ist. Kann etwas noch gewisser seyn? Hr. Lossius druͤckt sich in der schon angefuͤhrten Schrift S. 56. so aus, daß man glauben muß, er habe sei- ne der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. ne Behauptung, die Wahrheit sey nur eine Relation vor dem der sie denket, bis dahin ausgedehnet, daß auch das Widersprechende nur ein Ungedenkbares vor unserm Verstande sey. Verstehe ich ihn unrecht, so deucht mich doch, er sey selbst durch die Undeutlichkeit seiner Worte Schuld daran, die ich anfuͤhren will, weil er so gar die Art hat begreiflich machen wollen, wie das Wi- dersprechende bey einer andern Einrichtung der Organen gedacht werden koͤnne. „Es liegt daher in der Aussage: die Dinge sind „widersprechend, nur das, was sie vor unsern „Organen sind, sie moͤgen uͤbrigens in der Natur wirk- „lich so seyn oder nicht, darauf kommt hier noch nichts „an. Reid hat das erstere laͤngst bewiesen. Die Ur- „sache scheinet, wie zuvor, diese zu seyn: weil entge- „gengesetzte Jdeen nicht zu dem Sitz der Perception ge- „langen koͤnnen. Die Erschuͤtterung, welche die eine „Jdee macht in der hiezu bestimmten Figur, ist die ent- „gegengesetzte von derjenigen, welche die andere erfo- „dert, wenn sie soll gedacht werden koͤnnen. Die Seele „kann mithin solche Jdeen niemals vereiniget denken, „weil sie niemals als solche zugefuͤhret werden. Und „wenn sie sich auch bemuͤhet, durch eine Wirkung, wel- „che vorwaͤrts auf ihr Fibern- und Gedankensystem „gerichtet ist, eine moͤgliche Vereinigung zu stiften, und „indem die erstere dauret, die entgegengesetzte zu erwe- „cken, so verschwindet jene, so bald diese erwacht. Haͤt- „te der Urheber der Natur eine solche Fiber mit in ihr „Fibernsystem geleget, wodurch dieses moͤglich waͤre, so „wuͤrden wir vom Widerspruch nichts wissen. So aber „wollte er, daß der Widerspruch fuͤr unsern Verstand „das seyn sollte, was der Schmerz fuͤr unsern Koͤrper „ist.‟ Es ist Erfahrung, daß ein Mensch in einer Ver- bindung von Gedanken einen Widerspruch findet, wo ihn VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit ihn ein anderer nicht findet; ferner, daß eben derselbige anfangs eine Ungereimtheit in seinen eigenen Gedanken nicht findet, die er nachher entdecket, und umgekehrt, daß etwas ihm anfangs ungedenkbar zu seyn scheinet, was bey einer sorgfaͤltigern Untersuchung nicht so, oder wohl gar ganz begreiflich ihm vorkommt. Ohne allen Zweifel giebt es blos subjektivische Widerspruͤche. Wenn davon die Rede waͤre, wie dieß zugehe, da doch unser Verstand seiner Natur nach nichts widersprechendes den- ken kann; so moͤchte die angefuͤhrte Erklaͤrung des Hr. Lossius etwan angewendet werden koͤnnen. An sich sehe ich sonsten darinn keine Erklaͤrung unserer Denk- arten, wenn nur blos statt der Woͤrter, Vorstellun- gen, Gedanken, Seele, Einbildungskraft, die Woͤrter, Fibernschwingungen, Fibernsystem, und Wirkungen auf das Fibernsystem und so ferner ge- brauchet werden. Wir haben von den letztern nicht bes- sere Jdeen als von den gewoͤhnlichen. Aber wenn da- durch eine Art und Weise angegeben werden soll, wie widersprechende Dinge vorgestellet werden koͤnnten, in dem Sinn nemlich, wie es unser menschlicher Verstand durchaus nicht kann, so gestehe ich, dieß sey mir das Unbegreiflichste. Widersprechende Jdeen, als zirkel- rund und eckigt in einer und derselbigen Figur sind dar- um eben widersprechend, weil das Daseyn der Einen die Gegenwart der andern ausschließt, und das Nicht- daseyn der letztern in sich enthaͤlt. Nirgends sind son- sten blos verschiedene Dinge unvereinbar, als da, wo eins von dem andern praͤdiciret werden soll, das ist, wo etwas das seyn soll, was es doch nicht ist. Eine Fiber fuͤr eine Seele, welche Widerspruͤche denken kann, muͤßte so eingerichtet seyn, daß sie zugleich auf eine ge- wisse Art schwingen und auch nicht auf diese Art schwin- gen koͤnnte. Denn daß sie zugleich mehrere unterschie- dene Schwingungen haben koͤnnte, geht ja so wohl bey Seelen- der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Seelenfibern an, als es, wie bekannt ist, bey klingen- den Saiten wirklich statt findet. Und eine Denkkraft, welche Widerspruͤche gedenken sollte, muͤßte zugleich et- was gewahrnehmen und auch nicht gewahrnehmen koͤn- nen, zugleich dieselbigen Dinge fuͤr aͤhnliche erkennen, und auch fuͤr verschiedene, das ist, nicht fuͤr aͤhnliche. Eine solche Seele und ein solches Organ muͤßten doch wirklich selbst viereckte Zirkeln seyn. Sollten solche Jdeen, als unsere widersprechende Praͤdikate sind, die Jdee vom Zirkelrunden und die Jdee von Winkeln und Ecken, in irgend einer Denkkraft als Praͤdikate Einer Figur vereiniget werden koͤnnen, so muͤs- sen es solche Jdeen nicht mehr seyn, als sie es bey uns sind. Sie muͤssen sich nicht ausschließen, oder aufhe- ben. Und wenn sie das nicht thun, so sind sie freylich auch nicht widersprechend, aber denn sind sie auch nicht unsere Jdeen, sondern wer weis was anders? Es bedarf meiner Meinung nach keiner weitern Er- laͤuterung, daß es uͤberhaupt mit allen uͤbrigern subjekti- visch nothwendigen Grundsaͤtzen, welche die Beziehun- gen ausdruͤcken, die unsere Denkkraft bey ihren Jdeen und Begriffen nothwendig antrift, und also mit allen geometrischen Wahrheiten, und andern, die ihnen in Hinsicht dieser Nothwendigkeit, aͤhnlich sind, dieselbige Beschaffenheit habe. Daß gleiches zu gleichen hinzu- gesetzt, gleiche Summen gebe; daß der Zirkel so groß ist, als ein Triangel, dessen Grundlinie dem Umfang und dessen Hoͤhe seinem Halbmesser gleich ist; und alle dergleichen allgemeine theoretische Wahrheiten, Wahr- heiten fuͤr jeden Verstand sind, kann so wenig gelaͤugnet werden, als diese Wahrheiten selbst. Die Verhaͤltnisse und Beziehungen denket der Verstand in diesen Jdeen, und legt sie nur solchen Objekten bey, die seine eigene Ge- schoͤpfe sind. Denn wo wir die Theorien anwenden auf wirkliche Gegenstaͤnde, da setzen wir voraus, daß das I. Band. M m Wirkli- VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Wirkliche so beschaffen sey, als die Allgemeinbegriffe es vorstellen. Jn jenen Beziehungen arbeitet aber der Verstand nach Gesetzen, die wir fuͤr Gesetze jedweder Denkkraft ansehen muͤssen. Daher muͤssen wir auch die gewahrgenommene Beziehungen solcher Jdeen als noth- wendige Denkarten jedweden Verstandes ansehen, der eben solche Vorstellungen in sich hat und gegeneinander haͤlt. Das heißt; diese Wahrheiten sind objektivische Wahrheiten, und daß sie es sind, ist so gewiß, als sie selbst Wahrheiten sind. Wir koͤnnen jenes so wenig be- zweifeln oder laͤugnen, als dieses. 4. Vielleicht aber hat man dieß auch nicht so eigentlich im Sinn; und vielleicht haben, wenigstens einige, da sie alle Wahrheit fuͤr etwas Relatives auf den Men- schen angesehen, sich nur aus Versehen allgemeiner aus- gedrucket, als es ihre wahre Meinung gewesen ist. So viel ist gewiß, daß die meisten sich nur auf die sinnliche Kenntniß von wirklichen Gegenstaͤnden berufen, wenn sie ihre Meinung mit Beyspielen beweisen wollen. Und dann ist es ohne Zweifel eine ganz andere Frage: Ob nicht unsere Empfindungskenntnisse, die Verhaͤlt- nisse der existirenden Dinge, nach den Vorstellungen von ihnen aus der Empfindung, etwas anders als hoͤch- stens ein bestaͤndiger subjektivischer Schein sey? Von den Vorstellungen, als Bildern und Jmpressionen ist wiederum nicht die Rede, wie ich oben erinnert habe, sondern von ihren Verhaͤltnissen. Oft genug sind diese Kenntnisse nur subjektivisch; aber es giebt doch andere Faͤlle, die uns aufmerksam machen muͤssen. Das Buch, was ich jetzo vor mir sehe und in Haͤnden nehme, ist dasselbige, wofuͤr ichs halte, und was ich sonsten oft in Haͤnden gehabt. Sollte es denn nur mir und auch wohl andern Menschen dasselbige Buch zu seyn scheinen, und nur der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. nur in den menschlichen Jmpressionen diese Jdentitaͤt liegen? oder sollte nicht jedwedes empfindendes und vor- stellendes Wesen, wenn es Jmpressionen von der gehoͤ- rigen Bemerkbarkeit von diesem Objekt erhalten kann, eben so daruͤber urtheilen, und gleichfalls Jdentitaͤt in seinen Vorstellungen davon gewahrnehmen muͤssen? Die Existenz der aͤußern Dinge ist doch etwas objektivisches, selbst nach der Meinung des oben genannten Philosophen, der sonsten alle Erkenntniß fuͤr bloße Relation haͤlt, ohne doch ein Jdealist zu seyn. Welcher Charakter bezeichnet also hier das blos Subjektivische, und welcher das Ob- jektivische? Die Vorstellungen aus der Empfindung sind bey uns Jmpressionen, die ein solches Wesen, wie die menschliche Seele ist, mittelst solcher Sinnglieder, wie wir haben, unter solchen Umstaͤnden, als die Erforder- nisse der Empfindung bey uns sind, erlangen. Unsere Jmpressionen sind einerley oder verschieden. Wenn nun ein anderes Wesen, wie etwan die Thierseelen sind, mit- telst anderer Organe, und unter andern Umstaͤnden, von eben denselbigen Gegenstaͤnden Eindruͤcke empfaͤnget, so lassen sich Erstlich im Allgemeinen aus Vernunftgruͤnden, die Bedingungen bestimmen, unter welchen die Jmpressio- nen unserer Seele sich eben so gegen einander verhalten, und verhalten muͤssen, als die Jmpressionen in andern vorstellenden Wesen. Alsdenn wird es zweytens darauf ankommen, in wie ferne es sich bey unsern Vorstellungen, als Bildern der Objekte mit Gewißheit erkennen lasse, daß jene Bedin- gungen der Realitaͤt bey ihnen statt finden. Die Absicht, die ich hier habe, geht nur aufs All- gemeine, und ist daher eingeschraͤnkt. Was man in den gewoͤhnlichen Vernunftlehren uͤber die Zuverlaͤssig- keit der sinnlichen Kenntnisse vortraͤgt, reichet nicht hin, M m 2 alle VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit alle Falten aufzuschlagen, unter welchen die Skepsis sich verstecken kann. Jn dem Organon des Hrn. Lam- berts, Zweyter Band. Phaͤnomologie. Hauptstuͤck II. ist so viel eindringendes hieruͤber gesagt, daß man daraus die Einschraͤnkung des Satzes, es sey die sinnliche Erkenntniß nur subjektivischer Schein, sich ab- strahiren kann. Sie ist es groͤßtentheils an ihrer breite- sten Seite: aber doch nicht ganz und gar. Darf ich besorgen, daß der Mond und die Sonne nur zwey Koͤr- per von verschiedenen Beschaffenheiten zu seyn scheinen, und es doch wohl an sich nicht sind? Jst es zweifelhaft, ob das Buch was ich aufgeschlagen vor mir liegen habe, der zweyte Band des Lambertischen Organons sey, und mir nur so scheine? Es sind nur einige Anmerkungen, die ich als eine Nachlese uͤber den Gang des Menschen- verstandes hiebey anfuͤgen will. 5. Erster Satz. „Die sinnlichen Eindruͤcke von den „Objekten, die vermittelst einzelner Sinne entstehen, „entsprechen ihren Objekten nur von Einer Seite be- „trachtet, oder nur relative auf diesen Sinn.‟ Die Jdentitaͤt oder Diversitaͤt solcher Jmpressionen, wenn auch alles uͤbrige so ist, wie es seyn muͤßte, kann also nur die Verhaͤltnisse der Objekte von einer gewissen Seite genommen, darstellen; nicht aber die Verhaͤltnisse der Dinge selbst. Ein Kegel, von dem ich nichts mehr sehen kann, als seine Grundflaͤche, muß mir wie eine Scheibe von derselben Groͤße vorkommen. Beide sind einander von dieser Seite aͤhnlich, sonsten sehr verschieden. Zweyter Satz. „Jndessen haben wir Jmpressio- „nen von den Koͤrpern vermittelst des Gefuͤhls, von ih- „rer Ausdehnung und Soliditaͤt, die wir mit den Jm- „pressionen durch das Gesicht, und die uͤbrigen Sinne „verbin- der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. „verbinden, und daraus uns sinnliche Vorstellungen „von den Substanzen machen, oder von dem, was die „Objekte selbst sind, ihren substanziellen, nicht einzel- „nen Beschaffenheiten nach.‟ Die Jdentitaͤt oder Di- versitaͤt solcher Vorstellungen kann, wenn die uͤbrigen Bedingungen so sind, wie sie seyn muͤssen, auf die naͤm- lichen Verhaͤltnisse in den Objekten selbst hinfuͤhren. Jn- dem ich die jetzige Empfindung von einem Buche, mit der Empfindung von demselbigen, die ich vorher ge- habt, oder mit der Jmpression von einem andern ver- gleiche, so vergleiche ich solche Zeichen, Bilder oder Wir- kungen der Objekte auf mich, von denen ich glaube, daß ihre Beziehung auf einander, eine Beziehung der Sa- chen selbst sey. Es ist in dem fuͤnften Versuch Fuͤnfter Versuch. V. gesaget worden, wie die Begriffe von einem Dinge, von einem wirkli- chen Dinge, von einem Objekt, und von der Sub- stanz entstehen. Unsere sinnlichen Vorstellungen von den besondern Substanzen sind besondere Arten jener all- gemeinen Begriffe, und enthalten dasselbige in sich. Daraus folget, — und diesen Schluß mache ich nach nothwendigen Denkgesetzen, den ein jedwedes rai- sonnirendes Wesen auch so machen muß, — daß, wenn ich denke: „das Papier und die Feder da vor mir, sind verschiedene Sachen, Substanzen und Objekte,‟ so ist dieß ein Gedanke, der in eben dem Sinn wahr ist, in welchem die einzelnen Saͤtze, „das Papier ist ein Ding,‟ und „die Feder ist ein Ding,‟ wahr sind. Also muß auch ein jedes Wesen, welches Vorstellungen von wirk- lichen Sachen und Gegenstaͤnden aus seinen Modifika- tionen bildet, auf dieselbige Art, wie die menschliche Denkkraft aus den ihrigen, so verschieden auch im uͤbri- gen die Modifikationen dieser Wesen seyn moͤgen; und M m 3 nun VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit nun auch Jmpressionen von dem Papier und von der Feder empfaͤngt, auf gleiche Art, wie von andern koͤr- perlichen Objekten; ein jedes solches Wesen muß in die- sen seinen Jmpressionen dasselbige Verhaͤltniß finden, was wir in den unsrigen gewahrnehmen, das heißt, es muß denken, daß Papier und Feder zwey unterschiedene Sachen sind. Zwey Sachen sind oft den Gesichtseindruͤcken nach einerley, und doch verschieden; auch wohl zugleich nach dem Gesicht und dem Gefuͤhl, wie reines Wasser und Brandtwein, aber nicht dem Geschmack nach. Jn sol- chen Faͤllen, wo wir nach den Jmpressionen eines ein- zelnen Sinnes urtheilen, hat unser Urtheil nur eine Wahrscheinlichkeit. Wir schließen aus Einem Charakter der Jdee von einem Objekt auf das Daseyn der uͤbrigen, die gemeiniglich mit jenem verbunden sind. Aber das hindert nicht, daß wir nicht in einigen Faͤllen die Jdee des Objekts vollstaͤndig in unsern Jmpressionen antreffen sollten. Wenn auch ein denkendes Wesen sich seine Begriffe nicht aus Jmpressionen von den Gegenstaͤnden so bildet, wie es unsere Denkkraft thut, so moͤgen anstatt der Jm- pressionen andere Modifikationen vorhanden seyn, die kei- ne leidendliche Empfindungen sind, aber ihre Stelle vertreten, und dieß wird noch nichts aͤndern in ihren Be- ziehungen. Aber wenn ein anderes Wesen nicht so den- ket, wie wir, und seine Vorstellungen und Begriffe sich nicht auf seine innere Modifikationes so beziehen, wie bey uns, so haben wir freylich keinen Begriff von einer solchen Denkkraft, und koͤnnen auch nicht sagen, worinn ihre Urtheile und Gedanken bestehen. Wer hat eine Vorstellung von dem goͤttlichen Verstande, wenn es nicht erlaubt ist, nach der analogischen Vorstellung von dem unsrigen daruͤber zu urtheilen? 6. Voraus- der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. 6. Vorausgesetzt also, daß man die Vorstellungen von Sachen und Substanzen, von denen unterscheide, die nur Vorstellungen von Beschaffenheiten, oder von den Objekten von gewissen Seiten betrachtet, sind; und daß man nun die in den Jdeen gewahrgenommene Verhaͤltnisse nicht weiter ausdehne, als es die Natur dieser Jdeen erlaube; so kann man nun folgenden Satz als den allgemeinen Grundsatz von der Zuverlaͤs- sigkeit der sinnlichen Erkenntniß ansehen. Dritter Satz. „Wenn wir von mehreren Objek- „ten Jmpressionen haben; wenn wir auf dieselbige Art „modificiret alle diese Jmpressionen empfangen haben, „und wenn die uͤbrigen Erfodernisse bey ihnen allen die- „selbigen gewesen sind, so sind auch die Verhaͤltnisse, die „wir alsdenn in unsern Vorstellungen gewahrwerden, die- „selbigen, welche in den Jmpressionen anderer vorstel- „lenden Wesen vorhanden sind, unter der Bedingung, „daß auch diese letztere Wesen auf einerley Art modifi- „cirt, und unter gleichen Umstaͤnden alle ihre Jmpres- „sionen empfangen haben.‟ Dieß ist ein Grundsatz der Vernunft, der selbst mit zu den nothwendigen und objektivischen Allgemeinsaͤtzen gehoͤrt. Laß das Katzenauge anders gebildet seyn als das menschliche, und die Katzenseele andere Eindruͤcke be- kommen als die unsrige. Aber laß sie ein Viereck und ein Eyform unter gleichen Umstaͤnden ansehen, so werden diese Jmpressionen unter sich verschieden seyn muͤssen, wie es unsere Jmpressionen von diesen Objekten sind. Die Eindruͤcke hangen ab von der Ursache, welche wirket, von der Beschaffenheit des leidenden Subjekts, welches sie annimmt, und von den uͤbrigen Umstaͤnden. Sind nun zwey Eindruͤcke verschieden, wo die Umstaͤn- de dieselbigen und auch das Subjekt, welches sie em- M m 4 pfaͤngt, VII. Versuch. Von der Rothwendigkeit pfaͤngt, dasselbige ist, so ist zu dieser Verschiedenheit nun weiter kein Grund uͤbrig, als in den Ursachen, welche die Eindruͤcke hervorbringen. Dieß ist so nothwendig bey der Thierseele als bey der Menschenseele. Sind also bey uns zwo verschiedene Scheine vorhanden unter den glei- chen Umstaͤnden, so muͤssen die Objekte, von dieser Seite betrachtet, oder in so ferne sie auf diese Art in diesen be- sondern Beschaffenheiten empfindbar sind, verschieden seyn. Und diese unterschiedene Objekte werden, wenn sie auf die Thierseele wirken, auf dasselbige Wesen, auf gleiche Art modificirt, und unter gleichen Umstaͤnden, wiederum unterschiedene Jmpressionen hervorbringen. Das Verhaͤltniß der Bilder ist bestaͤndig, unter diesen Bedingungen. 7. Bey der Anwendung dieser allgemeinen Regel auf unsere sinnliche Vorstellungen muß manches in Betracht gezogen werden, das ich hier nur beruͤhren kann. Am Ende kommen wir doch wiederum auf ein schon bekanntes Resultat. „Es ist etwas objektivisches in dieser Art „von Erkenntniß, aber der groͤßte Theil bestehet nur in „einem subjektivischen Schein.‟ Erstlich wird angenommen, daß die Jmpressionen von den Objekten so beschaffen sind, daß ihre Verhaͤltnis- se und Beziehungen auf einander gewahrgenommen wer- den koͤnnen. Es ist etwas anders, „keine Verschieden- heit bemerken‟ und ein anders „gewahrnehmen, daß Sachen einerley sind,‟ ob wir gleich gemeiniglich dieses mit einander verwechseln, und der gemeine Verstand da- her die Wassertropfen, die Grashalme, die Sandkoͤrner fuͤr Dinge von gleicher Gestalt und Groͤße haͤlt, weil ih- re Verschiedenheit nicht bemerket wird. Aber die besser unterrichtete Vernunft weiß es doch, daß sie das Nicht- zuunterscheidende nur dann erst fuͤr Einerley halten doͤrfe, der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. doͤrfe, wenn man sich versichern kann, daß die Verschie- denheiten, im Fall sie wirklich vorhanden waͤren, auch bemerkbar seyn muͤßten. Auf eine aͤhnliche Art verwech- selt man das bloße Nichtgewahrnehmen der Jden- titaͤt mit dem Gewahrnehmen der Diversitaͤt. Aber welche Fehler wir auch auf diese Art begehen moͤ- gen, und wie viel allein aus diesem Grunde blos subjek- tivischer Schein in unsern Urtheilen seyn mag, so hindert dieß doch nicht, daß es nicht Jmpressionen gebe, in de- ren Hinsicht aller Zweifel wegfaͤllt, ob sie dieselbigen oder ob sie verschieden sind. Daß ich jetzo nach einander zwey- mal dieselbige Jmpression von demselbigen Buche habe, daß ich heute dieselbigen habe, die ich gestern gehabt ha- be, daß meine Jmpressionen von dem Papier und von der Feder verschieden sind, und dergleichen, kann ich nicht bezweifeln, ohne die Skepsis sehr hoch zu treiben. Wer durchaus alle Beziehungen in den wirklichen Dingen zum bloßen subjektivischen Schein machen will, muß behaup- ten, daß es auch diejenigen sind, die wir in unsern in- nern Modifikationen, und in den subjektivischen Vor- stellungen, und selbst in den Denkarten antreffen. Nun aber ist es uns unmoͤglich, uns zu uͤberreden, die Vorstellung von einem Vierecke und von einem Zirkel koͤnne wohl an sich einerley Vorstellung seyn. Es giebt also Faͤlle, wo wir in Hinsicht unserer Vor- stellungen versichert sind, daß die Verhaͤltnisse und Be- ziehungen, welche wir ihnen zuschreiben, ihnen auch wirk- lich, unabhaͤngig von unsern gegenwaͤrtigen Denkthaͤtig- keiten und Reflexionen uͤber sie, das ist, Objektivisch zukommen. Und dieß letztere ist wiederum so nothwen- dig zu glauben, als es uns unmoͤglich ist, den Wider- spruch zu gedenken. Dieß ist bey unserer Erkenntniß von wirklichen Ob- jekten, die erste Voraussetzung. „Die Verhaͤltnisse der „Jdeen oder der Jmpressionen der Bilder, und Zeichen M m 5 „der VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit „der Dinge, gegen einander in uns sind solche, als wir „in ihnen gewahrnehmen, und nothwendig gewahrneh- „men muͤssen.‟ Darauf beruhet auch die absolute Noth- wendigkeit der allgemeinen Theorien. 8. Ein anderes Erfoderniß zur reellen objektivischen Kenntniß ist folgendes: „Das Subjekt, und hier ist „es unsere Seele, muß, indem es Jmpressionen von „mehreren Gegenstaͤnden empfaͤngt, innerlich dasselbige „seyn; und ist es etwann in dem Fall, wenn es die eine „empfaͤngt, anders modificirt, als da, wo es die zwote „erhaͤlt, so doͤrfen doch solche innere Verschiedenheiten „keinen Einfluß in die Jmpressionen selbst haben, in so „ferne man diese als Zeichen der Gegenstaͤnde gebrau- „chet.‟ Die menschlichen Urtheile uͤber die physischen Be- schaffenheiten der Dinge, z. B. uͤber Farben und Figu- ren, sind uͤbereinstimmender, als uͤber ihre morali- schen und aͤsthetischen Eigenschaften. Die Urthei- le uͤber die Schoͤnheit und Haͤßlichkeit, oder wie man sich sonsten ausdruͤckt, die Schoͤnheit selbst ist mehr blos subjektivischer Natur, als die Urtheile uͤber die Groͤßen. Der Grund davon lieget in der Entstehungsart dieser Urtheile. Der heitere Himmel erscheinet mir blau, die Blaͤt- ter der Baͤume gruͤn, und die Sonne leuchtend, ich mag verdrießlich oder vergnuͤgt, muͤssig oder beschaͤfti- get sey, diese oder jene Jdeen im Kopf haben. So ver- haͤlt sichs nicht mit den Eindruͤcken auf die Empfindsam- keit und aufs Herz. Mir ist dieselbige Jmpression jetzo angenehm, die eine Stunde nachher Eckel verursachen kann. Jene sind also von dem gegenwaͤrtigen innern Zustand der Seele weniger abhaͤngig, als diese, und richten der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. richten sich mehr nach den aͤußern Objekten, die auf die Sinne wirken. Daraus entstehet zuerst einige Verschiedenheit in den Gemeinbegriffen, die wir von diesen beyden Arten von Beschaffenheiten aufsammlen. Die Abstraktion von der rothen Farbe z. B. ist eine Aehnlichkeit der Jmpres- sionen von gewissen Gegenstaͤnden, die, so unterschieden auch die Jmpressionen, oder die bildlichen Vorstellungen selbst seyn moͤgen, doch allen Menschen auf eine aͤhnli- che Art erscheinen. Denn die Aehnlichkeit in ihnen hat bey allen diesen in der Aehnlichkeit der Objekte ihren Grund. Dagegen sind die Gemeinbegriffe vom Ange- nehmen und Unangenehmen, vom Schoͤnen und Haͤßli- chen, vom Erhabenen und Niedrigen, von dem Wich- tigen und Unwichtigen und dergleichen, auch zwar Aehn- lichkeiten in gewissen Empfindungen von Gegenstaͤnden, aber nicht in solchen, wo die Aehnlichkeit in den Gegen- staͤnden liegt, oder eigentlich, wo sie durch die letztern charakterisiret wird. Setzet eine Menge von rothgefaͤrb- ten Gegenstaͤnden neben einander, und sagt, die Aehnlich- keit dieser Empfindungen sey das was Roth genennet werde, so finden alle etwas gemeinschaftliches in ihren Jmpressionen, das nun auf dieselbige Art benennet wird. Aber wenn man eine Menge von uns selbst angenehmen Dingen verschiedenen Menschen vorstellet, und ihnen da- bey saget, diejenige Affektion, welche aus diesem An- blick entspringet, die sich durch eine heitere Miene und durch leichte Bewegungen aͤußerlich im Koͤrper ausdruͤ- cket, sey das was man ein Vergnuͤgen nennet, so wer- den nicht alle dieß Aehnliche in ihren Empfindungen von denselbigen Objekten gewahrnehmen. Daher ist das Vergnuͤgen auch eine Jmpression von diesen oder jenen besondern Objekten, die man jemanden nur vorhalten doͤrfe, um in ihn die Jdeen davon zu erregen und die man durch die Gegenstaͤnde charakterisiren koͤnne. Man muß VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit muß einen andern unabhaͤngig von den Gegenstaͤnden, auf die aͤußern Wirkungen und Ausbruͤche der Affektion selbst aufmerksam machen. Jndessen giebt es ganz ge- wiß Gegenstaͤnde, deren Eindruck bey allen gleiche Wir- kung hat, und solche kann man gebrauchen, um einem andern die Jdee von ihrer Wirkung abstrahiren zu las- sen. Nur wird die allgemeine Jdee auch hier nicht so wohl von der Aehnlichkeit in den Ursachen, als von der Aehnlichkeit in den Wirkungen solcher Jmpressionen ab- strahiret werden. Dieß hindert gleichwohl nicht, daß die Gemeinbegriffe von dem was Angenehm ist oder Un- angenehm, in verschiedenen Menschen sich nicht eben so auf einander beziehen sollten, als ihre Gemeinbilder von der weißen und schwarzen Farbe. Die weiße Farbe ist bey jedwedem eine Farbe, wie die ist, welche in dem Schnee und der Kreide empfunden wird. Angenehm ist bey jedem dasjenige, was ihn lebhafter macht, was den Umlauf des Gebluͤts befoͤrdert, was ihn zum Singen und Springen bringet, und uͤberhaupt sich so aͤußert, wie bey andern. Kommt es nun aber zu den Urtheilen uͤber einzelne Gegenstaͤnde, die aus der Vergleichung der besondern Eindruͤcke von diesen mit jenen Abstraktionen entstehen, so findet man die Verschiedenheit. Die Urtheile uͤber die physischen Jmpressionen von einer Speise auf die Zunge sind dieselbigen; der eine sagt wie der andere, die Spei- se schmeckt suͤß, oder sauer. Beyde finden den Eindruck dem vom Zucker oder vom Essig aͤhnlich: aber nicht bey- de sagen, sie schmecke angenehm. Das ist, sie finden nicht beyde, daß bey ihnen solche Affektionen entstehen, dergleichen sie von andern angenehmen Objekten erhal- ten hatten. Und der Grund von dieser Verschiedenheit ist hier wiederum derselbige. Laßt uns annehmen, daß beyde an einer gewissen Speise einerley Geschmack finden, aber nicht der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. nicht an der, die sie jetzo proben. So ist nun die ge- genwaͤrtige Jmpression bey dem Einen jener abwesenden Jmpression aͤhnlich; aber bey dem andern ist sie es nicht. Da sind also in jedweder Person zween Eindruͤcke von denselbigen Gegenstaͤnden, Ein Eindruck von einem ab- wesenden Objekt, und ein zweeter von einem gegenwaͤr- tigen, und doch ist die Beziehung derselben bey ihnen nicht dieselbige. Dieß ist keine Ausnahme von dem obi- gen allgemeinen Gesetz. Auf beyder Sinn wirken zwar dieselbigen Objekte, aber die fernen Wirkungen der er- sten Eindruͤcke auf die Organe, hangen von andern Ur- sachen ab, von dem dermaligen Zustand und von vor- hergehenden und begleitenden Nebenempfindungen; und diese sind nicht dieselbigen bey der gegenwaͤrtigen wie bey der vergangenen Empfindung. Es ist zwar einerley Sinnglied, womit ich die eine Speise wohlschmeckend fin- de, und die andere nicht; aber daß ich jene so finde, haͤngt von gewissen Dispositionen und gemeiniglich von Jdeenassociationen ab, die in die zwote Empfindung keinen Einfluß haben. Daher bin ich so zu sagen nicht derselbige, der beyde Jmpressionen aufnimmt, oder es ist nicht dieselbige Seite, an der ich sie aufnehme. Jch darf mich also nicht verwundern, daß die Aehnlichkeit, die ich in den meinigen gewahrwerde, in den Eindruͤ- cken eines andern nicht vorhanden ist. So viel ist indessen gewiß, daß hier die Stelle sey, wo diejenigen, welche die Wahrheit eben so relativ ma- chen, als die Schoͤnheit, am hartnaͤckigsten Stand hal- ten koͤnnen. Denn am Ende hat doch die Verschieden- heit des Geschmacks darinn ihren Grund, daß die Ver- haͤltnisse, welche die Menschen in ihren subjektivischen Eindruͤcken gewahrnehmen, unterschieden sind, ob sie solche gleich durch dieselbigen Sinnglieder aufnehmen, und auch die Objekte, von denen sie solche erhalten, die- selbigen sind. Nun beruhet aber alles Objektivische dar- auf, VII. Versuch. Von der Rothwendigkeit auf, daß wir gewiß versichert sind, es werde auch an- dern aͤhnlich zu seyn scheinen, was uns so scheinet, wenn wir unter denselbigen Umstaͤnden von dem Einen eben so afficiret werden, als von dem andern. Die Ruͤhrung mag bey einem eine ganz andere Modifikation seyn, als bey dem andern, warum aber findet nicht der Eine zwo Eindruͤcke eben so wohl einander aͤhnlich in Hinsicht die- ser Affektion, als in Hinsicht ihrer physischen Beschaffen- heiten, z. B. daß sie suͤße oder sauer sind? Warum soll hier die Parallel zwischen Schoͤnheit und Wahrheit abgeschnitten werden? Meiner Meinung nach muß man so darauf antwor- ten, wie ich vorher gethan habe. Man kann sonsten noch mehreres anfuͤhren. Der Koͤrper, der roth ist, re- flektiert in der That auch Lichtstrahlen von andern Far- ben, und die rothen sind nur die vorzuͤglichsten. Er kann also auch mit einer andern Farbe gesehen werden, wenn das Auge unfaͤhig gemacht wird, die rothen anzuneh- men. Erster Versuch XV. 3. Eben so sind die Dinge die meistenmale nur angenehm oder unangenehm, weil diese Beschaffenhei- ten das Ueberwiegende in ihnen sind, nicht weil die ent- gegengesetzten ihnen gaͤnzlich fehlen. Das Angenehme und Unangenehme sind also immer nur gewisse Seiten der Gegenstaͤnde, deren Verhaͤltniß nicht das Verhaͤlt- niß der Dinge selbst ist, wie ich schon oben erinnert habe. Aber wenn man diese Antwort verfolget, so wird man doch gestehen muͤssen, es bleibe am Ende die Frage uͤbrig: „Wie Eindruͤcke von einerley Objekten in diesem Sub- „jekt sich aͤhnlich, und in einem andern verschieden seyn „koͤnnen, wenn man in der Verschiedenheit der aͤußern „Umstaͤnde den Grund dazu nicht finden kann?‟ Es sind alsdenn die innern Umstaͤnde verschieden. Und daß es so bey unsern Affektionen sey, wissen wir uͤberhaupt recht der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. recht gut, ob es gleich in besondern Faͤllen schwer ist, die eigentliche Verschiedenheit anzugeben. Uebrigens ist es nicht zu laͤngnen, daß unsere Ur- theile uͤber das Schoͤne und Gute von eben der Natur sind, als die von den physischen Beschaffenheiten. Sie beruhen auf Vergleichungen. Das blos Subjektivische in jenen hat dieselbigen Gruͤnde, wie in diesen; nur sind sie dorten haͤufiger und staͤrker, als hier. Was die Kenntnisse zu bloßen Relationen macht, macht auch die Empfindungen von dem Schoͤnen dazu, wie das Gefuͤhl der Wahrheit, das nicht die Wahrheit selbst ist; nur ist des blos Subjektivischen in den letztern mehr vorhanden, als in der Art von Kenntnissen, die wir fuͤr objektivische Wahrheit ansehen. 9. Dieß sind die Bedingungen noch nicht alle, unter welchen nur unsere Erkenntniß objektivisch ist. Die aͤußern Umstaͤnde, die Mittelursachen, die Sinnglieder, die Lage der Gegenstaͤnde, und was sonsten unter der Be- nennung aͤußerer Erfordernisse, begriffen werden mag, muß bey den Jmpressionen, die wir in uns ver- gleichen, dasselbige seyn. Hiezu gehoͤret sehr vieles, wie bekannt ist. Aber wo das alles bey mehreren Jmpressionen von wirklichen Gegenstaͤnden einerley ist, vorausgesetzt daß in Hinsicht der uͤbrigen Erfodernisse nichts zu erinnern sey, da sind wir auch sicher, daß die Verhaͤltnisse unse- rer eigenen Jmpressionen bestaͤndige und objektivi- sche Verhaͤltnisse sind. Mag gleich das Auge der Ka- tze alles laͤnglicher und runder sich vorstellen, als das unse- rige, und das gelbsuͤchtige alle Farben mit einem gelben Anstrich uͤberziehen, so wird doch die Jmpression von der viereckten Stubenthuͤr in jenem, von der von einer runden Figur eben so wohl verschieden seyn, als sie bey uns VII. Versuch. Von der Rothwendigkeit uns ist; und der gelbsuͤchtige wird das rothe Tuch doch anders ansehen, als das Gelbe. Endlich muß es auch nie vergessen werden, wie weit denn uͤberhaupt das so genannte Objektwische, oder welches gleich viel ist das Unveraͤnderliche und Nothwendige in den Subjektivischen, sich erstre- cke. Nur bis dahin nemlich, „daß jedwede andere We- „sen, welche von denselbigen Gegenstaͤnden Empfindun- „gen haben, auch dieselbigen Beziehungen in ihnen an- „treffen, unter der Bedingung, daß auch ihre Jmpres- „sionen dieselbigen Beschaffenheiten haben, wie die unse- „rigen die wir fuͤr objektivisch halten.‟ Nur dann, wenn auch diese Wesen von den Objekten Jmpressionen unter gleichen Umstaͤnden erhalten; wenn alles uͤbrige dasselbige ist, koͤnnen die Verhaͤltnisse in den ihrigen mit den Verhaͤltnissen in den unsrigen uͤbereinstimmen. Wenn zwey Gegenstaͤnde in derselbigen Entfernung von allen Seiten betrachtet, uns gleich groß erscheinen, oder einander decken, so sind sie gleich groß, und scheinen auch andern so, aber doch nur immer unter der Bedin- gung, daß diese sie auch in gleichen Entfernungen an- sehen. 10. Der Gang der gesunden Vernunft, wenn sie ihren Scheinen Realitaͤt unterleget, ist also folgender. Noth- wendige Denkgesetze fuͤhren sie auf die Existenz aͤußerer Dinge, als der Ursachen ihrer aͤußern Gefuͤhle. Eben solche bringen die Urtheile uͤber ihre Jmpressionen her- vor; aber eben solche fuͤhren sie auf den Gedanken, daß die Verhaͤltnisse der letztern unter gewissen Umstaͤnden, auch Verhaͤltnisse der Objekte sind. Das allgemeine Denkgesetz, wornach der letztere Gedanke entstehet, ist an sich immer dasselbige, ob wir gleich im Anfang bey dessen Befolgung Fehltritte genug begehen, die alle aus Einer der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. Einer Quelle entspringen, weil wir da, wo keine Ver- schiedenheit in den Umstaͤnden wahrgenommen wird, die einen Einfluß auf die Jmpression haben, annehmen, daß dergleichen auch nicht vorhanden sey. Alsdenn muͤssen wir unsere Jmpressionen fuͤr entsprechende Zeichen der Objekte ansehen. Wir lernen mit der Zeit, durch die Vergleichung der Empfindungen, diese einfließende Ur- sachen kennen, und berichtigen unsere Urtheile, wenn wir etwan dergleichen vorher schon gefaͤllet hatten; denn die mehresten kommen in der Schule der Natur nicht ehe zu ihrer Reife, als bis sie zugleich auch schon berichtiget worden sind. Jn der gemeinen Jdee von der Realitaͤt unserer Vorstellungen lieget aber noch ein anderer Nebenzug. Wir rechnen die Jmpressionen, so wie sie bey uns sind, mit zu dem, was objektivisch in ihnen ist, und setzen voraus, daß diese bey allen empfindenden Wesen die- selbigen sind. Doch haben wir die Meinung nicht von allen Arten von Eindruͤcken. Wir waͤhlen diejenigen von ihnen aus, die wir unter den gewoͤhnlichsten Umstaͤnden erlangen. Der gemeine Verstand argwohnet es nicht, daß seine innere Modifikation von der rothen Farbe nicht eben dieselbige seyn sollte, die alle Menschen haben, und so lange wir nur bey Menschen bleiben, irret er auch wohl nicht sehr. Darum sieht er die rothe Farbe nicht blos fuͤr etwas Eigenes an, das von andern Farben unter- schieden ist, sondern glaubet auch, sie werde denselbigen Eindruck nothwendig auf jedes Auge bewirken muͤssen. Der gewoͤhnlichste, bestaͤndigste Schein ist fuͤr ihn ganz und gar Realitaͤt. Hierinn berichtiget die Vernunft den gemeinen Verstand, und lehret, daß das Objektivische sich nirgends weiter als auf die Ver- haͤltnisse der Eindruͤcke erstrecken koͤnne, und schraͤnket von dieser Seite die gemeine Vorstellung etwas ein. I. Band. N n Auf VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit Auf der andern Seite hingegen erweitert sie selbige. Denn da der gemeine Verstand sich nur an Einen Ge- sichtspunkt bey jedem Sinn gewoͤhnt hat, und fuͤr reelle Eindruͤcke nur solche gebraucht, die alsdenn entstehen, wenn die Organe in ihrer natuͤrlichen, gesunden und ge- woͤhnlichen Verfassung sind, und die uͤbrigen Erforder- nisse gleichfalls so sind, wie gewoͤhnlicher Weise, so zei- get die Vernunft, daß dieser Gesichtspunkt wohl veraͤn- dert werden moͤge, ohne daß die Realitaͤt der Erkenntnisse darunter leide. Nur muß dieser Punkt doch der naͤmli- che bleiben, bey allen Jmpressionen, die man verglei- chen und wornach man urtheilen will. Wir brauchten die Planeten niemals in solcher Naͤhe zu sehen, als die- jenige ist, die wir bey kleinen Koͤrpern auf unserer Erde verlangen, um sie so zu sehen, wie sie sind; waͤren jene nur alle gleich weit entfernt, so ließe sich ihre wahre Groͤße doch aus ihrer scheinbaren beurtheilen. Es ist nur diese Vorsichtigkeit noͤthig, daß keine Jmpression unter ge- wissen Umstaͤnden mit einer andern unter ungleichen Um- staͤnden verglichen werde. Wir bedienen uns zwar auch solcher oft genug, aber nicht unmittelbar wie entsprechen- de Zeichen, sondern nur erst nach einer vorhergegange- nen Reduktion. Wollte man unserer Erkenntniß von wirklichen Din- gen alles Objektivische, alles Unveraͤnderliche und Noth- wendige absprechen, so muͤßte man annehmen, es sey uns nicht moͤglich, in irgend einem Fall es mit Gewiß- heit auszumachen, daß die Jmpressionen von allen uͤbri- gen Umstaͤnden so unabhaͤngig sind, als dazu erfodert wird. Denn es soll bey ihnen so, wie sie als Wirkun- gen vorhanden sind, alles uͤbrige gleich und einerley seyn, nur die einwirkende Dinge ausgenommen, damit von diesen allein ihre Verhaͤltnisse und Beziehungen nur ab- hangen. Sonsten kann die Analogie nicht Statt fin- den, in der die Wahrheit bestehet. Kann man nun in der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. in keinem Beyspiel versichert seyn, wenn zwo Jmpres- sionen verschieden sind, wie meine jetzigen, von dem Tisch und von dem Buch das darauf lieget, es sind, daß zu dieser Verschiedenheit sonsten nirgends ein Grund sey, als in den aͤußern Dingen, die ich Buch und Tisch nenne? Daß die meisten Urtheile von dieser Art nichts mehr als wahrscheinlich sind, ist außer Zweifel; aber es giebt doch auch in einigen Faͤllen eine voͤllige Gewißheit, die es naͤmlich so ist, wie die Gewißheit, die wir uͤberhaupt von der Wirklichkeit aͤußerer Dinge haben. Die letztere beruhet doch darauf, daß wir Gefuͤhle in uns gewahr- nehmen, die aus uns selbst nicht entstehen, und also außer uns Ursachen vorhanden seyn muͤssen, die auf uns wirken. Das Daseyn dieser Gefuͤhle erkennen wir durch das unmittelbare Bewußtseyn; aber daß solche nicht aus uns selbst entstehen, woher wissen wir dieses? Oft nehmen wir es nur aus Unwissenheit so an, nach dem Grundsatz: „was ich nicht gewahr werde, ist nicht;‟ aber in solchen Beyspielen, die fuͤr uns die Grundem- pfindungen ausmachen, fuͤhlen wir auch zugleich, daß unsere innere leidende Kraft den ihr beygebrachten Mo- difikationen entgegen arbeitet, und den Effekt vernichten wuͤrde, wenn sein Daseyn von ihr abhienge. Und in diesen Faͤllen schließen wir nicht unrichtig, „daß dasje- nige nicht vorhanden sey, was wir nicht bemerken,‟ weil wir es bemerken muͤßten, wenn es vorhanden waͤre. Jch halte mich uͤberzeuget, daß jetzo außer mich allein, kein Mensch in meiner Stube ist. Jch sehe mich um, und erkenne, wenn jemand vorhanden waͤre, so wuͤrde ich ihn gewahr werden. Jch bin also sicher, daß nie- mand da ist, weil ich niemanden gewahr werde. Es giebt wenigstens einige Faͤlle, wo wir bey dem Gebrauch unserer sinnlichen Bilder eben so sicher sind. Wir koͤnnen es zuweilen ausmachen, daß wenn irgend N n 2 eine VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit eine innere Bestimmung in der Seele, eine Beschaffen- heit des Gehirns und der aͤußern Werkzeuge, oder der Mittelursachen, und aͤußern Umstaͤnde, oder sonsten et- was, das von den empfundenen Objekten verschieden ist, der Grund von den Verhaͤltnissen waͤre, die wir in un- sern Jmpressionen antreffen, z. B. davon, daß jetzo der Anblick des Buchs, von dem Anblick des Tisches ver- schieden ist, so muͤßten wir dieses aus unserm gesammten Gefuͤhle entdecken koͤnnen. Man kann die Jdentitaͤt aller innern Umstaͤnde und aller aͤußern Erfodernisse er- proben, und sie daraus durch eine Schlußfolge beweisen, weil die Wirkungen fehlen, die erfolgen muͤßten, wenn eine Verschiedenheit von Einfluß in ihnen verborgen waͤre. Bis dahin reicht also die Gewißheit von der Analo- gie unserer Bilder mit ihren Gegenstaͤnden. 11. Bey dieser Uebertragung unserer Jdeenbeziehungen auf die Objekte, unterscheiden wir doch bey den letztern nothwendige und zufaͤllige Verhaͤltnisse, und thei- len daher auch die objektivischen Wahrheiten in nothwendige und zufaͤllige ein. Es mag uns sub- jektivisch nothwendig seyn, den Sachen diese oder jene Beschaffenheiten zuzugestehen, so nehmen wir doch ge- wahr, daß diese ihnen deswegen noch nicht nothwendig zukommen. Jch muß nothwendig glauben, daß es mit einer Sache, die ich empfinde, diese oder jene Be- schaffenheit hat; aber ich glaube deswegen nicht, daß die Sache selbst fuͤr sich nothwendig so eingerichtet ist, wie ich sie finde. Jch bin, ich denke; ich habe einen Koͤrper, und die Sonne erleuchtet unsere Erde. Lauter Saͤtze, die ich nicht laͤugnen kann, die ich mit subjekti- vischer Nothwendigkeit fuͤr wahr halte; aber ich glaube deswegen nicht, daß ich selbst nothwendig existire, noth- wendig der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. wendig denke u. s. f. Die Saͤtze, als Gedanken von Gegenstaͤnden betrachtet, sind zufaͤllige Wahrheiten, Diese Unterscheidung kann in der Betrachtung des Ver- standes nicht uͤbergangen werden. Der Grund dazu ist schon in dem Vorhergehenden gezeiget worden, und ich will nur mit wenig Worten auf ihn zuruͤck weisen. Nemlich, wenn man die objektivisch nothwen- digen und zufaͤlligen Wahrheiten unterscheidet, so sieht man nicht allein auf die natuͤrliche Nothwendigkeit des Beyfalls, sondern auf die Nothwendigkeit oder Zufaͤl- ligkeit in der erkannten Sache selbst, oder in der Vor- stellung von ihr, fuͤr sich betrachtet. Jst das Objekt un- serer Vorstellung auch alsdenn, wenn wir nothwendig uns vorstellen, daß es wirklich ist, und so ist, wie wir es finden; — ist es dann an sich nur zufaͤllig so, oder muß es nothwendig so seyn? Jst etwas eine nothwen- dige Folge der Jdeen von den Dingen, und unzertrenn- bar von diesen, oder ist es nur etwas mit ihnen verbun- denes, das von ihnen abgesondert werden kann? Die Begriffe von Nothwendigkeit und Zufaͤl- ligkeit nehmen wir aus uns selbst und aus unsern Em- pfindungen, also aus dem, was wir subjektivisch noth- wendig oder zufaͤllig bey uns antreffen. Bey der Frage: ob etwas nothwendig oder zufaͤllig sey, setzen wir schon voraus, daß es etwas wirkliches ist, und so ist, wie es ist; und fragen, ob es auch statt dessen, nicht seyn oder anders seyn, oder anders werden koͤnne? Die Empfindungen zeigen uns die Sachen mit den Beschaffenheiten, die sie wirklich an sich haben. Um also zu wissen, was nothwendig in ihnen ist, und wel- che Verhaͤltnisse und Beziehungen bey ihnen nothwen- dig sind, muͤssen wir sie, so zu sagen, aus ihrer Wirk- lichkeit herausnehmen, und sie blos nach den Jdeen von ihnen beurtheilen, wie wir den Gedanken abgesondert haben, daß sie wirklich vorhanden sind. Nothwen- N n 3 dige VII. Versuch. Von der Nothwendigkeit dige Saͤtze sind also keine andern, als solche, „in denen „der Grund von der Beziehung der Jdeen auf einan- „der, allein in den Jdeen des Subjekts und des Praͤ- „dikats lieget.‟ Ob die Dinge einerley oder verschieden sind, das lehret die Vergleichung der Jdeen. Ob sie von einan- der abhangen, wie eine Folgerung von ihrem Grund- satz, das ist in einigen Faͤllen aus ihren Begriffen zu be- urtheilen. Daher sehen wir in den wirklichen Dingen diese genannten Verhaͤltnisse als etwas nothwendiges an. Ein Ey ist nothwendig dem andern aͤhnlich; wenn es naͤmlich beides Eyer sind von derselbigen Gattung, so wie wir die Woͤrter nehmen. Wenn wir beide Eyer nur als moͤgliche Dinge uns vorstellen, so sehen wir doch, daß solche Dinge nicht wirklich vorhanden seyn koͤnnen, ohne einander aͤhnlich zu seyn. Die Lage der wirklichen Dinge gegen einander, ihre Naͤhe und Abstand, ihr Zugleichseyn, und ihre Folge auf einander, und uͤberhaupt die unwirksamen Beziehungen der Dinge auf einander, die durch Raum und Zeit bestimmet werden, sind nach unserer Vorstel- lungsart zufaͤllige Beziehungen des Wirklichen. Denn wie auch die Dinge beschaffen sind, und was wir bey ihnen in unsern Jdeen antreffen, was z. B. die Son- ne und die Erde fuͤr Beschaffenheiten fuͤr sich haben moͤ- gen, so sind sie deswegen doch nicht zu einem gewissen Raum und Zeit bestimmt. Soll so eine Beziehung in ihnen erkannt werden, so muͤssen außer ihren Jdeen noch gewisse andere Vorstellungen von der Art ihrer Mit- wirklichkeit, als gewisse Bedingungen zu den Jdeen von den Gegenstaͤnden, hinzukommen. Daher sind auch alle unsere Kenntnisse von der wirk- lichen Welt, in so ferne sie die Art und Weise der Verbindung der Dinge mit einander betreffen, zufaͤl- lige Wahrheiten. Ohne die Dinge selbst empfun- den der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. den zu haben, wuͤßten wir von diesen Beziehungen nichts, oder wir mußten es aus andern Empfindungen, die uns ebenfalls nur etwas zufaͤlliges erkennen lassen, herleiten. Von den verursachenden Verbindungen der Dinge in der Welt haben wir keine vollstaͤndigen Be- griffe, wenn nicht außer der Jdee von dem Dinge, das die Ursache ist, und von demjenigen, worinn die Ursache wirket, noch eine gewisse Art der Koexistenz hinzugedacht wird. Vierter Versuch. V. 2. Diese Koexistenz ist aber etwas zufaͤl- liges. Daher sind die ursachlichen Verbindungen sol- cher Dinge nach unsern Begriffen zufaͤllige, und die Saͤtze, in welchen sie ausgedruckt werden, zufaͤllige Wahrheiten. Das Feuer verbrennet das Holz, aber nur dann, wenn jenes an dieses gelegt ist. Nicht in den beiden Jdeen von dem Feuer und von der verbrenn- lichen Sache allein lieget das, was es uns nothwendig macht, zu denken, daß eins das andere verzehret, son- dern es wird dazu noch eine andere Vorstellung von ih- rer Verbindung in Hinsicht des Raums erfordert; aber daß dem Feuer ein Vermoͤgen zum Verbrennen zukom- me, ist eine nothwendige Wahrheit. Alles uͤbrige, was in unsern Jdeen von den verur- sachenden Verbindungen der Dinge in der Welt noth- wendig ist, beruhet auf Verhaͤltnissen, die wir vermoͤge der allgemeinen formellen Naturgesetze der Denkkraft in den Jdeen antreffen muͤssen; auf einer solchen Abhaͤn- gigkeit in den Jdeen, als diejenige ist, in der eine Fol- gerung gegen ihre Grundsaͤtze stehet. Ueberhaupt sind die oben ( II. 11.) aufgefuͤhrten all- gemeinen nothwendigen Denkgesetze, als ob- jektivische Saͤtze vorgetragen, die allgemeinsten Aus- druͤcke aller nothwendigen Wahrheiten, weil sie N n 4 die VII. Versuch. Von der Rothwendigkeit die allgemeinsten Gattungen von Verhaͤltnissen und Be- ziehungen angeben, die der Verstand bey den Vorstel- lungen von den Dingen denket, und nicht anders, als ihnen gemaͤß, denken kann. Der Satz: ich denke, gehoͤrt mit allen Saͤtzen des unmittelbaren Bewußtseyns zu den zufaͤlligen Wahrheiten, so schlechthin nothwendig es uns auch ist, ihn fuͤr einen wahren Satz anzunehmen. Denn wir er- kennen, daß, obgleich meinem Jch die Aktion des Den- kens jetzo wirklich zukomme, so liege doch in der Jdee eines solchen Dinges, als mein Jch ist, weder daß es immer wirklich denke, wenn es wirklich ist, noch daß es uͤberhaupt wirklich vorhanden sey. Jch verbinde zwar den Gedanken, daß ich wirklich bin, mit der Vorstel- lung von meinem Jch; aber ich weiß es auch, daß diese Verbindung nicht aus der Vorstellung des Subjekts, und dem Begriff von der Wirklichkeit, als dem Praͤdi- kat abhange, sondern daß noch ein anderer Grund, naͤm- lich die Empfindung meines Jchs die Ursache ist, wo- durch die Denkkraft zu dem Gedanken: ich bin, be- stimmt wird. 12. Ohne weiter in diese Betrachtung hinein zu gehen, will ich nur noch das Gesetz des zufaͤlligen Beyfalls, und das Gesetz, nach welchem wir nothwendig etwas fuͤr objektivisch zufaͤllig erkennen, gegen einander stel- len. Sie sind nicht einerley; aber sie haben doch ver- schiedenes mit einander gemein, und beziehen sich auf einander. Subjektivisch zufaͤllig ist der Verhaͤltnißge- danke oder das Urtheil, in Hinsicht auf die Natur der Denkkraft, und der Jdeen, die auf einander bezogen werden, „wenn die Aktion des Urtheilens nur durch ei- „ne associirte Empfindung, oder Vorstellung, bestimmet „wird, der allgem. Vernunftwahrheiten, ⁊c. „wird, die von jener getrennet seyn koͤnnte, und also „weiter keine Beziehung auf die Jdeen des Urtheils noch „auf die Thaͤtigkeit der Denkkraft hat, als daß sie mit „ihr verbunden ist.‟ Jch sehe das Buch auf dem Tisch, und denke beide in solcher Verbindung; aber dieß war keine Aeußerung des Beziehungsvermoͤgens, welches durch die innere Natur des Vermoͤgens und durch die Jdee von dem Buch und von dem Tisch bestimmet ward. Sie erfoderte außer diesen noch einen Umstand in der Em- pfindung, der von jenen Jdeen getrennet seyn konnte. Das Gesetz der objektivischen Zufaͤlligkeit lautet so: „Jedes Verhaͤltniß, das seinen bestimmenden Grund „anderswo hat, als in den Vorstellungen und Jdeen „von den Gegenstaͤnden, und in der Natur der Denk- „kraft, die solche Jdeen auf einander beziehet, wird als „ein zufaͤlliges Verhaͤltniß angesehen. Es giebt nur Eine Gattung subjektivisch noth- wendiger Urtheile, die nicht zugleich objektivisch nothwendige Wahrheiten sind; aber sie ist auch von einem weiten Umfang. Dieß sind diejenigen, wobey der Grund des Beyfalls in einem von dem Aktus des Denkens unzertrennlichen Umstande lieget, in ei- nem Gefuͤhl naͤmlich, das diesen Aktus begleitet. Da- hin gehoͤren die Kenntnisse des unmittelbaren Be- wußtseyns. Jch bin. Diesen Gedanken muß ich so denken, nicht darum, weil ich das Praͤdikat vom Nicht- seyn nicht sollte mit der Jdee von meinem Jch verbinden koͤnnen, sondern darum, weil ich es mit dem Gefuͤhl von meinem Jch nicht verbinden kann; und weil ich die Vorstellung von meinem Jch niemals ohne das beglei- tende Selbstgefuͤhl in mir habe. Und gleichermaßen verhaͤlt es sich mit unsern uͤbrigen unmittelbaren Er- fahrungen. N n 5 Achter VIII. Versuch. Von der Beziehung Achter Versuch . Von der Beziehung der hoͤhern Kenntnisse der raisonnirenden Vernunft, zu den Kenntnissen des gemeinen Men- schenverstandes. I. Was hoͤhere Kenntnisse der raisonnirenden Vernunft sind? Von der Natur der all- gemeinen Theorien. V ordem setzte man die sinnliche Kenntniß der ver- nuͤnftigen entgegen; die Welt, wie sie sich den Sinnen darstellet ( mundus sensibilis, ) der Welt, wie sie sich dem Verstande zeiget ( mundus intellectualis; ) das hieß, die verwirrten Vorstellungen von den Dingen und von ihren Beziehungen auf einander, so wie man solche durch die Sinne zuerst empfaͤngt, den deutlichen Jdeen, die man sich macht, wenn man jene entwickelt und daruͤber nach allgemeinen Begriffen und Grund- saͤtzen gedacht hat; und die Philosophen untersuchten, wie diese beiden Arten von Vorstellungen sich zu einan- der verhalten. Es sind fast dieselbigen Fragen und die- selbigen Betrachtungen, nur daß sie in einer andern Ge- stalt vorkommen, wenn die neuern untersucht haben, wie sich der gemeine Menschenverstand und seine Kennt- nisse auf die hoͤhere raisonnirende Vernunft, und ih- re wissenschaftlichen Einsichten beziehet? Daß beide zuweilen sich nicht mit einander vertragen, ist von den Skeptikern behauptet, und von ihren Gegnern eingeraͤu- met der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. met worden. Jene verlangen, die Vernunft solle in solchen Faͤllen der entscheidende Richter seyn; diese wol- len: der gemeine Verstand soll es selbst seyn, und eben dieser soll auch da, wo seine ersten Schritte falsch gewesen sind, solche wiederum fuͤr sich berichtigen. Die raisonnirende Vernunft koͤnne und solle das nicht thun. Jn einer Streitsache, die so viele Seiten und so vie- le Theile hatte, wie diese, waͤre es von allen nothwen- dig gewesen, sich zuvoͤrderst bestimmt und deutlich uͤber den streitigen Punkt zu erklaͤren. Da dieß nicht gesche- hen ist, so ist es auch nicht zu verwundern, daß so viele Argumente und Deklamationes vergeblich verwendet wor- den sind, wo man vielleicht durch ein paar bestimmte Er- klaͤrungen die ganze Sache haͤtte ins Licht setzen koͤnnen. Was gemeiner Verstand hier sey, ist vorher deutlich bestimmet worden; nemlich das Vermoͤgen, uͤber die Dinge zu urtheilen, ohne daß es eines deutlichen Raisonnements aus allgemeinen Begriffen und Grund- saͤtzen beduͤrfe. Dieser wird der hoͤhern und raison- nirenden Vernunft entgegengesetzt; die letztere bedie- net sich allgemeiner wissenschaftlicher Theorien, und modificiret nach diesen die Kenntnisse, welche der Verstand ohne sie erlanget hat. Der gemeine Verstand arbeitet ohne Huͤlfe der Spekulation; die Vernunft spe- kulirt aus Begriffen, die sie deutlich entwickelt. Die raisonnirende Vernunft ist ein Zweig dessel- bigen Beziehungsvermoͤgens, und derselbigen Denkkraft, welche den Sensus kommunis ausmacht. Sie ist das Vermoͤgen zu folgern und zu schließen, ohne dessen Mitwirkung auch der gemeine Verstand das nicht seyn wuͤrde, was er ist, nur in vorzuͤglicher Staͤrke und auf Gemeinbegriffe angewendet. Der eigentliche Grundun- terschied kommt endlich darauf hinaus. Die Vernunft ist das Vermoͤgen, gewisse Beziehungen und Verhaͤlt- nisse aus andern Verhaͤltnissen herzuleiten, und beweiset sich VIII. Versuch. Von der Beziehung sich im Folgern und Schließen, und ist darinn etwas mehr, als das Beziehungsvermoͤgen, welches allein aus der unmittelbaren Gegeneinanderstellung der Dinge ihre Beziehungen erkennet. Daher bedienet sich die hoͤhere Vernunft gewisser Mittel, die man Ausschließungswei- se als die ihrigen ansehen kann. Sie macht sich ein ge- wisses Gewebe von nothwendigen Wahrheiten aus allge- meinen Begriffen. Sie legt allgemeine Grundbegriffe und Grundsaͤtze hin, verbindet solche nach ihren nothwen- digen Denkgesetzen, und findet dadurch die nothwen- digen Verhaͤltnisse der Jdeen, die sie alsdenn den Ob- jekten zuschreibet, wenn sie findet, daß dieser ihre Be- schaffenheiten mit demjenigen einerley sind, was sie sich unter ihren entwickelten Gemeinbegriffen schon vorgestel- let hat. Zuweilen hat sie solche allgemeine Theorien noch nicht zum Voraus verfertiget, aber alsdenn entwi- ckelt sie doch die Begriffe von den ihr vorliegenden Ge- genstaͤnden, setzt sie deutlich aus einander, verbindet und vergleicht sie, und macht Folgerungen und Schluͤsse aus ihnen. Hoͤhere Vernunft, oder raisonnirende Ver- nunft, oder Vernunft schlechthin ist also „das Ver- „moͤgen, aus Einsicht des Zusammenhangs allgemei- „ner Begriffe uͤber die Dinge zu urtheilen.‟ Es kann nicht vergeblich wiederholet werden, daß die allgemein Begriffe nichts als so viele einzelne besondere Seiten sind, an welchen die wirklichen Ge- genstaͤnde betrachtet werden koͤnnen. Sie sind gewisse Aehnlichkeiten mehrerer Dinge. Wenn solche Ge- meinbegriffe verbunden, verglichen, und ihre nothwen- digen Verhaͤltnisse erkannt werden, was hat man denn anders, als eine gewisse Menge von Gedanken oder von Verhaͤltnissen der Dinge von diesen Seiten betrachtet? Die allgemeine Theorien sind in der Seele eine Art von neuen Gedankenreihen; so lange kein Objekt da ist, das zu der allgemeinen Gattung von Dingen gehoͤret, die durch der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. durch den Begrif vorgestellet werden, sind sie nichts, als bloße ruhende Jdeenreihen, wovon der Verstand keinen andern Nutzen hat, als das Vergnuͤgen aus der Speku- lation als seiner eigenen Arbeit, wenn er sie verfertiget, und sich ihrer zuweilen erinnert. Aber so bald sich ein wirklicher Gegenstand antreffen laͤßt, der unter dem Gemeinbegrif enthalten ist, so gleich wird die ganze Theo- rie auf ihn angewendet, und dann enthaͤlt sie nun wahre und nothwendige Verhaͤltnisse dieses Gegenstandes auf andere in sich. Die mathematische Theorie von den Ke- gelschnitten, und besonders von der Ellipsis ward zu ei- ner Kenntniß von den Bahnen der Planeten, als Kep- ler aus Beobachtungen bewiesen hatte, daß diese krum- me Linien solche Ellipsen sind. Diese Theorien sind, von einer Seite betrachtet, kuͤnstliche Huͤlfsmittel des Verstandes. Sie sind ihm, was die Vergroͤßerungsglaͤser und die Fernglaͤser den Augen sind, oder die Bewafnung dem natuͤrlichen Magneten. Es war sehr natuͤrlich, ein solches Huͤlfs- mittel zu suchen, ob es gleich lange gedauert hat, ehe man damit einigermaaßen zu Stande gekommen ist, denn hiebey fieng sich erst das eigentliche Philosophiren an. Nichts ist natuͤrlicher, als daß wir eine Sache, die wir genau untersuchen wollen, erst von einer Seite nachfor- schen, darauf von der andern, und alsdenn diese ver- schiedene Gedanken mit einander vergleichen und verbin- den. Durch die Erlernung der allgemeinen Theorien er- haͤlt man sonsten nichts, als solche verschiedene Beobach- tungen der Dinge von gewissen Seiten, die man als ei- nen Vorrath zum kuͤnftigen Gebrauch sich verfertiget hat. Der gemeine Verstand hat unter seinen Kenntnissen auch allgemeine Begriffe und allgemeine Grundsaͤtze, aber er hat sie nicht in ihrer Allgemeinheit und noch we- niger in ihrer bestimmten Allgemeinheit vor sich, und verbin- VIII. Versuch. Von der Beziehung verbindet sie nicht, oder doch nur selten. Der groͤßte Theil seiner Kenntnisse bestehet in den Jdeen und Ur- theilen von den wirklichen Dingen, ihren Beschaffenhei- ten und Verhaͤltnissen, die er sich bey dem Gebrauch sei- ner Sinne, durch Uebung und Wirksamkeit, ohne das Huͤlfsmittel jener allgemeinen Theorie, verschaffet hat. Was von diesen letztern abhaͤnget, das gehoͤrt ausschlie- ßungsweise der raisonnirenden Vernunft. Diese Anmerkung ist bey ihrem Gebrauch nie aus der Acht zu lassen. Sie macht es zunaͤchst begreiflich, wie oft Koͤpfe in abstrakten Wissenschaften, auch in der theoretischen Mathematik fortkommen koͤnnen, und bes- ser fort kommen, als andere, ohnerachtet sie sonsten nur einen mittelmaͤßigen Menschenverstand beweisen, und in dieser Hinsicht unter denen sind, die sie uͤbertreffen. Ei- ne Vorstellungskraft, die eine zu geringe Breite hat, um ganze Gegenstaͤnde mit einmal in ihrer Voͤlligkeit zu umfassen, kann doch wohl einzelne Seiten von ihnen al- lein und abgesondert sehr gut durchdenken. Wenn die aus solchen abstrakten Raisonnements erwachsene Kennt- niß von einer Sache, nicht immer auf das Anschaun der ganzen Sache zuruͤckgefuͤhret wird, so ist es gar zu leicht moͤglich, das Ganze nach Einer Seite von ihm zu be- urtheilen. Daher entstehet der theoretische Schief- sinn. Die mathematischen Theorien sind von derselbigen Natur, und im Grunde nichts anders, als einseitige Untersuchungen der wirklichen Koͤrper, nemlich in so fer- ne diese nur Groͤßen sind; aber sie haben außer ihrer Genauigkeit und Evidenz noch einen andern Vorzug. Denn weil wir bey so vielen Koͤrpern, auf welche die Mathematik angewendet wird, fast auf nichts mehr, als auf ihre Groͤßen Ruͤcksicht nehmen, und also die ganzen Gegenstaͤnde allein wie Groͤßen betrachten, so erhalten jene Theorien das Ansehn, als wenn sie selbst die wirk- lichen der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. lichen Objekte in ihren Verhaͤltnissen, und nicht blos ge- wisse Seiten von ihnen uns darstelleten. Sollte dieß nicht Eine von den Ursachen seyn, warum die mathe- matischen Spekulationen niemals, die logischen, me- taphysischen und moralischen aber so oft bey der Beurtheilung des Wirklichen die sonderbarsten Deraison- nements veranlasset haben, ob sie gleich fuͤr sich in ihrer Abstraktion genommen, richtige Gedanken enthalten. II. Jn den absolut nothwendigen Denkarten koͤn- nen sich der gemeine Verstand und die Ver- nunft nicht widersprechen. A lle Gedanken, die der Denkkraft absolut subjekti- visch nothwendig sind, muß sie annehmen, und es kann auch nimmermehr zwischen diesen ein Widerspruch statt finden. Hieher gehoͤren alle objektivisch nothwendige Wahrheiten, dergleichen allein nur in den allgemeinen Theorien aufgenommen werden. Ferner gehoͤren dahin noch andre, besonders die Urtheile des unmittelbaren Bewußtseyns. Jn allen diesen ist es unmoͤglich, daß der Sensus kommunis und die Vernunft einander entgegen komme, wenn von beiden Seiten kein Fehltritt geschehen ist, oder kein Mißverstand statt findet. Denn wenn ein An- schein von einem Widerspruch sich zeiget, so muß auf Einer Seite ein Gedanke fuͤr unbedingt nothwen- dig gehalten werden, der es nicht ist, und dieß koͤnnte eben so wohl bey irgend einem Satz in den Theorien als bey irgend einem Urtheil des gemeinen Verstandes gesche- hen seyn. Aber innerhalb den natuͤrlich nothwendigen Kenntnissen kann kein wahrer Widerspruch Statt finden, und VIII. Versuch. Von der Beziehung und die Ausspruͤche der Vernunft muͤssen sich mit den Ausspruͤchen des gemeinen Verstandes vereinigen lassen. Nur hat keiner von beyden ein Recht, ausschließend sich fuͤr fehlerfrey zu halten. Die Denkkraft kann vielleicht in den Theorien sich ehe versehen haben, weil sie da mehr und anhaltender hat arbeiten muͤssen. Aber vielleicht liegt auch die Schuld an dem Sensus kommunis, der eine ihm nur aus Gewohnheit nothwendige Denkart fuͤr eine absolut nothwendige ansieht. Er hat sich so oft von dieser Seite verdaͤchtig gemacht, daß er in den noch un- untersuchten Faͤllen die Vermuthung mehr gegen sich als fuͤr sich hat. Aber gesetzt, er habe sie fuͤr sich, wie er niemals hat, wo er mit mathematischen Theorien in Kollision kommt, so hieße doch das nur so viel, dieselbi- ge Denkkraft kann in der einen Gattung ihrer Arbeiten leichter ihre natuͤrlich nothwendigen Wirkungen mit de- nen, die sie nur zufaͤllig aus Gewohnheit angenommen hat, verwechseln, als bey der andern. Laͤßt sich deswe- gen uͤberhaupt sagen, daß sie diesem Jrrthum am meisten unterworfen sey, wo sie ihre Schluͤsse aus Gemeinbegrif- fen untersucht, oder da, wo sie ihre sinnlichen Urtheile pruͤfet? III. Auf welche Art die Vernunft und der gemeine Verstand einander widersprechen koͤnnen? wie sie sich von selbst vereinigen, und sich wechselseitig einander berichtigen. E in wahrer Widerspruch zwischen dem gemeinen Ver- stand und der Vernunft kann sich eraͤugen, wenn von der einen oder der andern Seite das Urtheil von ei- ner zufaͤlligen Jdeenassociation abhaͤngt. Dieß ist in den sinnlichen Urtheilen am haͤufigsten. Aber auch in der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. in den allgemeinen Theorien sind dergleichen Fehler haͤu- fig genug vorgekommen, davon die metaphysischen und moralischen eine Menge von Beyspielen enthalten; nur die Geometrie und Arithmetik hat sich davon frey ge- halten. Wenn die Sinne sagen: der Mond sey so groß wie die Sonne, so lehret die Theorie ein anders, die Theo- rie nemlich mit andern Beobachtungen verbunden. Da ist ein Widerspruch des Gemeinverstandes und der rai- sonnirenden Vernunft, und es ist der erstere, welcher un- recht hat. Aber nicht nur die raisonnirende Vernunft und der Gemeinverstand kommen sich so im Wege, son- dern jede wird oft mit sich selbst uneins, wie die verschie- denen Systeme der spekulativischen Philosophie von der Vernunft beweisen. Auf gleiche Weise geraͤth der Ge- meinverstand oft in aͤhnliche Verwirrungen. Das Ur- theil nach den Gesichtsideen ist dem Urtheil des Ge- fuͤhls entgegen; wir wissen es recht gut, wie oft uns der sichtliche Schein truͤgen wuͤrde, wenn wir ihn nicht kennen gelernet haͤtten. Wie machen wir es in solchen Faͤllen, oder vielmehr, wie haben wir es gemacht, da wo wir aus diesen Ver- wirrungen uns gluͤcklich heraus geholfen haben? Wie haben wir in den Kenntnissen des gemeinen Verstandes, so zu sagen, das Gesicht und das Gefuͤhl mit einander vertragen? und wie sind wir uͤberzeugt worden, daß wir richtig entschieden haben? Wie hat der Astronom den sinnlichen Schein seiner Vernunft unterworfen, und ist zu der Gewißheit gelanget, daß er sich in seinen Schluͤs- sen nicht irre, die Erde drehe sich gegen die Sonne, wie’s ihm auch sein Gesicht vorstellen moͤge? Und wie soll man in allen uͤbrigen Faͤllen es machen, in denen der scheinbare Streit zwischen Gemeinverstand und Vernunft noch nicht so voͤllig gehoben ist? I. Band. O o Da VIII. Versuch. Von der Beziehung Da uns das Gefuͤhl saget, die Sachen, die ich durch den aufsteigenden Dampf in der Naͤhe eines stark eingeheizten Ofens zittern sehe, ruͤhren sich von der Stelle nicht, so glaube ich dem Gefuͤhl, und nicht dem Ge- sicht. Es hat Ueberlegungen gekostet, ehe die natuͤr- liche Denkkraft zur Gewißheit hieruͤber gekommen ist. Das sieht man an den Kindern; sie fuͤhlen nach der Sache; sie sehen sie wieder an, verwundern sich, ver- gleichen die Eindruͤcke, und dann kommt es erst zu einem festen Urtheile. Der Gemeinverstand berichtiget sich auf folgende Art. Da ich die Gegenstaͤnde befuͤhle, so sind die Or- gane, womit ich fuͤhle, dieselbigen, und die Gegenstaͤnde liegen alle unmittelbar an dem Organ. Jch kenne kein Erfoderniß der Empfindung, das ich nicht in der einen Empfindung durchs Gefuͤhl so antreffe, als in der an- dern. Jch muß also nothwendig glauben, daß Dinge, von denen ich unter einerley Umstaͤnden, auf eben diesel- bige Art, durch einerley Organ, Eindruͤcke erhalte, ei- nerley oder verschieden sind, je nachdem es die Eindruͤcke, als ihre Wirkungen auf mich, sind. Jch muß also nothwendig die Beziehungen der Dinge so denken, wie es ihre Gefuͤhlsempfindungen mit sich bringen. Die Verhaͤltnisse und Beziehungen in den Dingen, die man ihnen zufolge des Gefuͤhls beyleget, sind also auch bestaͤndig dieselbigen, so lange mit den Objekten selbst keine Veraͤnderung vorgehet. So etwas finden wir in den Gesichtseindruͤcken nicht. Wir nehmen also unsere festen Begriffe von diesen Verhaͤltnissen aus den Gefuͤhlsempfindungen. Ruhen, sich bewegen, gleich groß, groͤßer und kleiner seyn, heißt uns also so viel, als: „dergleichen nach Gefuͤhlseindruͤcken seyn.‟ Die Gesichtseindruͤcke geben die naͤmlichen Ver- haͤltnisse, wie die Gefuͤhlseindruͤcke, wenn auch bey ih- nen alles uͤbrige, was zu der Empfindung gehoͤret, eben so der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. so gleich und aͤhnlich gefunden wird, wie es bey dem Ge- fuͤhl allemal ist. Aber jene geben verschiedene Bezie- hungen, wenn wir in den Empfindungserfodernis- sen in einem Fall etwas nicht so antreffen, als in einem andern, und dieß eraͤuget sich oft. Diese zwote Ursache kommt zu der ersten hinzu, und darum nehmen wir die Begriffe von der koͤrperlichen Groͤße aus dem Gefuͤhl, nicht aus dem Gesicht. Die Groͤße der Dinge ist die fuͤhlbare Groͤße. Die Geome- trie, nicht die Perspektive Hr. Reid setzet der gemeinen Geometrie eine andere entgegen, die er Geometriam visibilium nennet, und von jener Geometria tangibilium unterscheidet. Er traͤgt auch die Grundsaͤtze seiner sichtlichen Geometrie auf eine solche Art vor, daß es scheinet, er habe geglau- bet, hier auf eine neue Jdee gekommen zu seyn. Aber seine Geometria visibilium ist nichts, als die bekannte Perspektive. , ist die Wissenschaft von den wahren objektivischen Groͤßen der Dinge fuͤr uns. Da dieß geschehen ist, so begreifen wir bald, daß, wenn Verhaͤltnisse den Dingen nach den Gesichtsein- druͤcken zugeschrieben werden, der Begriff von der fuͤhlbaren Groͤße mit dem Begriff von der sichtlichen Groͤße verbunden, und zum Grunde gelegt werde. Auf die Art wird ein Begriff mit einem andern verbunden, der in keiner andern Beziehung auf ihn stehet, als daß der letztere mit dem erstern zugleich entstanden, und bei- de nun durch die Jdeenassociation mit einander vereini- get sind. Daher kann nun auch das Urtheil kein subjektivisch nothwendiges Urtheil seyn, wenn es nur den Gesichts- vorstellungen gemaͤß ist. Denn so bald wir einsehen, daß es nur allein einer solchen Verbindung wegen, uns so gelaͤufig oder auch nothwendig ist, zwo Vorstellungen O o 2 zu- VIII. Versuch. Von der Beziehung zusammen zu werfen, so erkennen wir sie doch fuͤr zufaͤl- lig verbunden, und sehen sie fuͤr Beschaffenheiten der Dinge an, deren Eine ohne die andere da seyn koͤnne. So berichtiget sich der gemeine Verstand selbst. Bey der einen Art zu verfahren muͤssen wir nothwendig so denken, wie wir denken; bey der andern dagegen ist es nur eine angenommene Gewohnheit. Wo nun beide Urtheile einander entgegen sind, da erklaͤren wir ohne Bedenken das letztere fuͤr unrichtig, und uͤberzeugen uns von dem ersten, welches uns subjektivisch nothwendig ist. Es liegt dieselbige Ursache zum Grunde, wenn wir unsere sinnlichen Urtheile dem Urtheil der Vernunft nachsetzen. Zuvoͤrderst muß man von der Richtigkeit des Raisonnements in der Astronomie uͤberzeuget seyn, und wissen, daß man schlechthin nicht anders denken und urtheilen koͤnne, als hier geurtheilet und gefolgert ist. Dann auch einsehen, daß in dem entgegenstehenden sinnlichen Urtheil keine solche subjektivische Nothwendig- keit vorhanden sey, sondern daß hier der Ausspruch der Reflexion auf eine an sich zufaͤllige Verbindung von Jdeen ankomme, die von einander getrennet werden koͤnnen. Wenn Eins von diesen beiden fehlet, so kann auch leicht unserer Ueberzeugung davon etwas fehlen, daß wir auf das vernuͤnftige Urtheil uns verlassen koͤnnen. Jch sage, es kann der Ueberzeugung etwas fehlen. Denn es kommt darauf an, wie groß die Evidenz ist, die wir in dem Raisonnement antreffen, und dieß haͤngt zum Theil davon ab, wie der Kopf es gewohnt sey, Vernunftschluͤssen nachzugehen. Wenn der gemeine Verstand ohne Kenntniß der Geometrie — voraus ge- setzet, daß er nicht blos den Zeugnissen anderer trauet — nicht aus eigener Erfahrung belehret wird, daß die Son- ne sich von Osten gegen Westen zu bewegen scheinen koͤn- ne, und ihm voͤllig so scheinen koͤnne, als es scheinet, und daß selbige demohngeachtet stille stehen, und er viel- mehr der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. mehr mit der Erde sich herumdrehen koͤnne; ich sage, wenn jemand nicht davon auf einem Kahn, auf einem Schiff, auch allenfalls, wenn er in einem Wagen faͤhrt, mit einem Wort, aus seinen eigenen Ersahrungen uͤber- zeuget worden ist, so wird er es nimmer recht fassen, wie das am Himmel so seyn sollte, wie es wirklich ist, und nie recht fest von der Wahrheit des astronomischen Vor- trages uͤberzeuget werden. Aber deswegen ist doch nicht allemal, noch bey al- len eine solche, aus eigenen Erfahrungen anschaulich ge- machte Einsicht, daß in unserm sinnlichen Urtheil nur eine zufaͤllige Verbindung trennbarer Jdeen zum Grunde liege, erfoderlich. Wenn nur in dem Raisonnement voͤllige Evidenz fuͤr uns ist, so darf hoͤchstens nur die Moͤglichkeit erkannt werden, daß die Nothwendigkeit in unserm entgegenstehenden sinnlichen Urtheil, nur allein aus gewohnter Jdeenassociation herruͤhre. Alsdann kann eine wiederholte Pruͤfung der Schluͤsse aus Grund- saͤtzen uns voͤllig sicher daruͤber machen, daß die Sache sich so verhalte, wie es die Theorie lehret, obgleich die Sinne dagegen sind. Unser Beyfall ist in diesem Fall subjektivisch nothwendig, so lange die beweisenden Schluͤsse in ihrer Evidenz uns gegenwaͤrtig sind. Es ist keine falsche Vernuͤnfteley, wenn der Philosoph verlangt, daß man in solchen Faͤllen auf seine Schluͤsse bauen solle. Z. B. daß wir die Fixsterne nicht sehen an densel- bigen Stellen, wo das Licht von ihnen in gerader Linie her zu uns kommt, weil die Geschwindigkeit, womit die Erde und unser Auge auf ihr, sich beweget, indem es von den Lichtstrahlen getroffen wird, zwar gegen die Ge- schwindigkeit des Lichts nur geringe ist, aber doch schon ein zu bestimmendes Verhaͤltniß zu ihr hat. Von die- sem Satz koͤnnen wir aus keiner andern Erfahrung mit dem Gesicht uͤberzeuget werden; aber aus der Natur des Sehens begreifen wir doch, daß es so seyn koͤnne, O o 3 und VIII. Versuch. Von der Beziehung und wenn nun Bradley uns zeiget, daß die kleine jaͤhr- liche Bewegung in den Fixsternen nicht in ihnen selbst vorgehe, sondern der Anschein davon durch jene Ursache veranlasset werde, so wird es uns, der gemeine Ver- stand mag sagen, was er will, wenigstens ungemein wahrscheinlich, daß die Sache sich wirklich also verhalte. Die Optik und die Astronomie sind voll von Saͤtzen, die zum Beweise dienen, daß es so oft die raisonni- rende Vernunft sey, die die Urtheile des Gemeinver- standes berichtige, wo dieser es selbst nicht durch die Vergleichung seiner Empfindungen thun kann. Ohne Geometrie und Arithmetik wuͤrde nimmermehr die ver- nuͤnftige Astronomie eine Wissenschaft geworden seyn. Hier hat sich Hr. Beattie sehr geirret. Die entwickelnde und raisonnirende Vernunft leh- ret es, und hat es gelehret, daß die subjektivische Noth- wendigkeit in den sinnlichen Urtheilen des Gemeinver- standes, in so vielen Faͤllen nur eine angenommene Ge- wohnheitsnothwendigkeit sey, und zu Vorurtheilen fuͤhre, und sie hat es gezeiget, wie ihre Ausspruͤche zu verbes- sern sind, und uns davon uͤberzeuget. Ohne Geometrie wuͤrden wir nicht einmal die Natur des Sehens kennen, und nach diesem Sinn in allen Faͤllen unrichtig urtheilen, in denen wir ihn nicht richtig zu gebrauchen, aus der An- fuͤhrung und Uebung erlernet haben. Der Jaͤger ur- theilet auf der See, und der Schiffer auf dem Lande sehr schlecht uͤber die Entfernungen nach dem Augenmaaß. Die raisonnirende Vernunft hat auch oft die Mittel an die Hand gegeben, die Pruͤfung des Gemeinverstan- des zu erleichtern. Sie kann auch schneller die Urtheile des letztern berichtigen, als er selbst durch die Verglei- chung der Erfahrungen zu thun im Stande ist. Herr Beattie giebt ein schoͤnes Beyspiel, wie der Menschen- verstand sich selbst helfe, das aber zugleich auch lehret, wie wichtig die Huͤlfe sey, die von der Vernunft kommt. Jch der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. Jch ziehe ein Perspektiv mehr oder weniger heraus, bis ich es so getroffen habe, daß sich die Gegenstaͤnde da- durch am deutlichsten zeigen. Recht, da lerne ich durch Proben und Erfahrungen. Aber der Mann, der die Optik verstehet, und die Focuslaͤnge der Glaͤser kennet, haͤtte mir es, ohne Proben zu machen, auf einmal sa- gen koͤnnen, wie weit ich die Roͤhre heraus zu ziehen habe. Der Kurzsichtige nimmt den schon fuͤr andere gut sehende Augen zurecht gestellten Tubus, will ihn nach den seinigen richten, und probiert vielleicht eine lange Zeit vergeblich, wenn er die Glaͤser weiter von einander ziehet. Der Theorist kann ihm auf einmal sagen: er muͤsse sie naͤher zusammen ruͤcken. Wenn Berkeley, Hume und Leibnitz es zur Evidenz durch Schluͤsse aus unlaͤugbaren Grundsaͤtzen gebracht haͤtten, entweder, daß es keine materielle Welt außer uns geben koͤnne, oder, daß der wirkliche Ein- fluß der aͤußern Objekte auf die Seele, auf einen wah- ren Widerspruch fuͤhre; wenn sie dieß evident gemacht haͤtten, so wuͤßte ich ihnen meinen Beyfall nicht zu ver- sagen, es waͤre denn, daß die entgegengesetzte Noth- wendigkeit, das Gegentheil von diesen Saͤtzen zu glau- ben, eben so groß sey. Evidenz der Sinne gegen Evi- denz der Vernunft, hieße aber eine Evidenz unserer Denkkraft gegen sich selbst. Wenn es unter der eben erwaͤhnten Bedingung alsdenn nur auf einige Art be- greiflich gemacht wuͤrde, wie die genannten Philosophen es zu machen versucht haben, daß die Nothwendigkeit, mit der wir der Empfindung folgen, aus einer zufaͤlli- gen Jdeenassociation ihren Ursprung habe, so ließe sichs schon dahin bringen, daß diese aus Gewohnheit verei- nigte Jdeen auch in uns wiederum getrennet wuͤrden, und es waͤre eine wahre subjektivische Ueberzeugung von ihrem System nicht nur moͤglich, sondern sie muͤßte ent- stehen, wenn unsere Denkkraft in ihrem Fortgang des O o 4 Denkens VIII. Versuch. Von der Beziehung Denkens nicht aufgehalten wuͤrde. Die Logik dieser Philosophen ist nicht unrichtig, wenn es nur ihre Vor- aussetzungen nicht waͤren. IV. Wie uͤberhaupt in allen Faͤllen, bey einer wah- ren Disharmonie der hoͤhern Vernunft und des gemeinen Menschenverstandes zu ver- fahren sey? W ie man nach einer gesunden Vernunftlehre in solchen Faͤllen zu verfahren habe, wo Vernunft dem ge- meinen Verstande entgegen ist, deucht mich, sey nun von selbst klar. Behaupten, man muͤsse der Evidenz der Sinne nachgehen, und nicht der Evidenz der Vernunft, heißt so viel, als man muͤsse der Evidenz nachgehen in einem Fall, und der naͤmlichen Evidenz nicht trauen in einem andern Fall. Derselbige Fehler ist da, wenn man es umkehren will. Die Raisonnements nur schlechthin bey Seite setzen, und dem so genannten Sensus kommunis allein folgen, ist ein Princip, das zur Schwaͤrmerey fuͤhret. Es fuͤhret schon zu sinnlichen Vorurtheilen, wenn man, ohne vorhergehende Pruͤfung, woher die scheinbare Nothwen- digkeit und Evidenz in unsern Urtheilen entspringe, den Menschenverstand allein zur Richtschnur nimmt, ob- gleich noch nichts von besserer Einsicht dagegen eingewen- det wird. Jn solchen Faͤllen die Frage: „ob auch wohl irgendwo wahre subjektivische Naturnothwendigkeit mit angenommener Gewohnheit verwechselt werde?‟ fuͤr ganz unnuͤtz zu erkennen, und nach Reids, Beatties und Oswalds Vorschriften, dem ungepruͤften Men- schenverstand sich ganz allein zu uͤberlassen, heißt, der vernuͤnftigen Untersuchung entsagen. Dage- der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. Dagegen auf den Ausspruch des Sensus kommunis gar nicht achten, sondern allein den Ausspruch der rai- sonnirenden Vernunft hoͤren wollen, ist ein Princip, das zur falschen Vernuͤnfteley fuͤhret. Die Raisonne- ments der Jdealisten und der Harmonisten brauchen eine scharfe Pruͤfung, und haben die Evidenz nicht, die ih- nen beygeleget wird. Jn dem Streit mit den Jdeali- sten, ist die wahre Evidenz auf der Seite des gemeinen Verstandes, wenn es anders, wie es ist, eben so sub- jektivisch und absolut nothwendig ist, mit Gefuͤhlen von unserm Koͤrper die Jdee von einem existirenden Objekt, als solche mit den Selbstgefuͤhlen von unserm Jch zu ver- binden, und wenn wir eben so nothwendig jene Objekte von diesem Jch unterscheiden, als zwey verschiedene Vor- stellungen in uns. Fuͤnfter Versuch VII. Was bleibet also uͤbrig, als dieß: Man muß sie beide untersuchen, die Urtheile des Gemeinverstandes, und die Urtheile der Vernunft. Ueberhaupt ist eine Art von ihnen nicht mehr und nicht minder verdaͤchtig, als die andere; wenn gleich in besondern Faͤllen Eine mehr Praͤsumtion fuͤr sich haben kann, als die andere. Hat man sie untersucht und verglichen, so wird sich in den uͤbrigen Beyspielen offenbaren, was in so vielen sich schon gezeiget hat, daß ein Mißverstand zum Grunde lie- ge; und wenn der Knoten auf diese Art nicht aufgeloͤset werden kann, so muß man ihn sitzen lassen, wenigstens in der Spekulation, wenn es gleich in der Praxis oft noͤ- thig ist, ihn zu zerhauen. Bey der Frage: „ob wir denn in Einem Fall es „mit Zuverlaͤssigkeit wissen, daß Exidenz da sey? ob „wir die Faͤlle, in denen nach nothwendigen Natur- „gesetzen geurtheilet wird, von solchen unterscheiden koͤn- „nen, in welchen wir nur nach zufaͤlligen associirten O o 5 „Neben- VIII. Versuch. Von der Beziehung „Nebenideen denken? ob es nicht evident sey, daß eini- „ge besondere Grundsaͤtze, einige allgemeine Axiome, ei- „nige Erfahrungssaͤtze und einige Schlußkenntnisse „zuverlaͤssig auf unveraͤnderlicher Naturnothwendigkeit „beruhen?‟ bey dieser Frage, sage ich, scheidet sich ei- gentlich der Skepticismus von der Lehre, die etwas behauptet; sowohl von der wahren Philosophie, als von der falschen Vernuͤnfteley, und von der ihr ent- gegenstehenden Schwaͤrmerey des gemeinen Verstan- des. Diese drey letztern fangen von gemeinschaftlichen Grundsaͤtzen an, aber zwey gerathen von dem rechten Wege ab. Da mit der falschen Vernuͤnfteley auch noch dieß verbunden ist, daß die Evidenz der Empfin- dungen, und mit der Schwaͤrmerey, daß die Evidenz der Raisonnements aus allgemeinen Begriffen abgelaͤugnet wird, so vereinigen sie sich an einer Seite wieder mit dem Skepticismus. Mit dem Zweifler uͤber ein allgemeines Merkmal der Evidenz zu streiten, halte ich fuͤr eine unnuͤtze Be- muͤhung. Es ist besser, es so zu machen, wie die Phi- losophen es zum Theil gethan haben: Sie setzen nem- lich die Grundsaͤtze hin, die sie als evident ansehen, und behaupten von diesen insbesonders, daß sie es sind. Der Skeptiker kann alsdenn auch bey jedem Axiom fuͤr sich erinnern, was er daran auszusetzen habe. Und da hat der Dogmatiker so viel fuͤr sich, daß es doch einige Ge- meinsaͤtze sowohl, als einzelne Empfindungen giebt, die in der Maaße subjektivisch nothwendige Urtheile des Ver- standes sind, daß alles Bemuͤhen, sie entweder unmittel- bar zu laͤugnen, oder durch Raisonnements sie umzusto- ßen, ein vergebliches Bestreben gegen die Natur ist. Nur Unsinn oder Unvermoͤgen des Verstandes muͤßte der Grund seyn, wenn sie im Ernst jemanden als falsch, oder auch nur als zweifelhaft vorkommen koͤnnten. V. Ver- der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. V. Vergleichung der entwickelten hoͤhern Kennt- nisse des Verstandes mit den unentwickelten sinnlichen Kenntnissen, in Hinsicht der See- lenvermoͤgen, welche dabey wirksam sind. W enn man nun noch einmal auf der einen Seite die entwickelten Vernunftkenntnisse, die all- gemeinen Spekulationen und Theorien des Verstandes in den Wissenschaften hinstellet, und auf der andern die sinnlichen Kenntnisse des unentwickelten gemeinen Menschenverstandes gegenuͤber, und alsdenn aus der Beziehung dieser Wirkungen auf einander auf die Be- ziehung der Seelenvermoͤgen fortschließet, durch welche sie bewirket werden, so ist es zuerst klar, daß die hoͤhern Kenntnisse nichts mehr, als dieselbigen Seelenvermoͤgen erfodern, die schon in den gemeinen sinnlichen Kenntnis- sen sich wirksam bewiesen haben. Dieselbige Denkkraft vergleichet Empfindungsvorstellungen, Einbildungen, und allgemeine Bilder, und urtheilet uͤber die Beziehun- gen und Verhaͤltnisse bey diesen, wie bey jenen. Kein Seelenvermoͤgen wirket in den hoͤhern Wissenschaften mehr, als in den niedern. Vierter Versuch. II. Sechster Versuch. I. 1. II. 1. Nur wirken sie in ver- schiedenen Graden! Die allgemeinen Bilder wer- den sorgfaͤltiger gegen einander gehalten; ihre Verschie- denheit wird genauer bemerket; ihre Theile, ihre einzel- ne Zuͤge werden verglichen. Die Jdeen werden deutli- cher, feiner, und mehr der Gewalt der Seele un- terworfen. Die Erkenntniß wird, so zu sagen, mehr Erkenntniß, indem die Denkkraft sich weiter und inni- ger durch die Vorstellungen verbreitet, und mit ihnen verbindet. Also sind auch die Wirkungsgesetze einerley, und VIII. Versuch. Von der Beziehung und dieselben; in beiden ist die naͤmliche Art der Thaͤtig- keit, und die naͤmliche Form der Kenntnisse. Es wir- ket in Leibnitzens Spekulationen dasselbige gleichartige Princip, das in dem Wilden wirket, wenn er daran denkt, wie er ein Thier erlegen will. An den sinnlichen Kenntnissen hat die vorstel- lende Kraft, welche Bilder aufnimmt, gegenwaͤrtig darstellet, verbindet, vereiniget, oder trennet, den mei- sten Antheil; und das wenigste bey ihnen hanget von der Verhaͤltnisse und Beziehungen hineinbringenden Denkkraft ab. Doch ist auch nicht bey allen Arten von sinnlichen Kenntnissen das Verhaͤltniß dieser beyden Er- kenntnißkraͤfte dasselbige. Denn die sinnliche Kenntniß durch das Gesicht und das Gefuͤhl, die beiden Sinnen, die der Denkkraft die meiste Nahrung geben, ist schon hoͤher, schon mehr vernuͤnftig, als die Kenntniß, durch die Sinne des Gehoͤrs, des Geruchs und des Geschmacks, weil in jenen Jdeen mehr Vergleichungen, Beziehun- gen, Folgerungen und dunkle Schluͤsse enthalten sind. Noch groͤßer ist der Antheil, den die Denkkraft an den allgemeinen Begriffen hat. Da ist die vorstellende Kraft nur die Dienerinn, und in der Maße, wie die Kennt- nisse deutlicher und entwickelter werden, aͤndert auch sich das Verhaͤltniß in dem Beytrag, den das Gefuͤhl, die vorstellende Kraft, und das Denkvermoͤgen dazu hergie- bet, obgleich keins von ihnen gaͤnzlich fehlen kann. Jn den hoͤhern entwickelten Kenntnissen offenbaret sich ein hoͤherer Grad eines selbstthaͤtigen Bestrebens der Denkkraft. Wir lernen unvermerkt sehen, hoͤren, und den Verstand bey sinnlichen Dingen anwenden; aber es kostet mehr selbstthaͤtiges Bemuͤhen, die Jdeen zu entwickeln, und hoͤhere Wissenschaften und zusammen- hangende Kenntniß zu erwerben. Die gemeinen Denk- thaͤtigkeiten sind selbstthaͤtige Aeußerungen der Seele, in so ferne diese die thaͤtige Kraft dazu in sich selbst hat, aber der hoͤhern Kenntnisse ⁊c. aber sie gehen von selbst hervor, und werden dann, wenn die Empfindungen reizen, dem wirksamen Princip der Seele mehr abgezwungen, als daß es sich selbst aus in- nerer Eigenmacht zu solchen Aeußerungen bestimmen sollte. Die hoͤhern Aktus der Vernunft sind dagegen mehr geflissentliche, und mehr selbstthaͤtige Handlungen, selbstthaͤtige nemlich auch darum, weil die Denkkraft sie nicht nur vornimmt, sondern sich auch mehr mit Selbstthaͤtigkeit bestimmt, so zu wirken, und mehr mit Anstrengung sich in dieser ihrer Wirksamkeit erhalten muß. Der gemeine Verstand wirket instinktartig, und ohne Bewußtseyn seiner Aktion; aber die hoͤhere Ver- nunft arbeitet mehr mit Bewußtseyn ihres Verfahrens, und nach Plan und Absichten; freyer und mit mehrerer Gewalt uͤber sich selbst. Was ist also Verstand und Vernunft, und die hoͤhere Erkenntnißkraft anders als die zu einem hoͤhern Grad der Selbstthaͤtigkeit gebrachte Denkkraft? Neunter IX. Versuch. Ueber das Grundprincip Neunter Versuch . Ueber das Grundprincip des Empfindens, des Vorstellens und des Denkens. I. Bestimmung des zu untersuchenden Punkts. A us den vorhergehenden Untersuchungen halte ich mich fuͤr berechtigt, es als einen Grundsatz der Erfahrung anzunehmen, daß zu den Wirkungen der menschlichen Erkenntnißkraft keine andern mehr als diese drey Seelenvermoͤgen, das Gefuͤhl, die vorstellende Kraft, und die Denkkraft, erfodert werden. Alle Thaͤtigkeiten der Erkenntnißkraft, von den ersten sinnli- chen Aeußerungen an bis zu ihren feinsten und hoͤchsten Spekulationen, bestehen in Fuͤhlen, im Vorstellen und im Denken. Diese Vermoͤgen sind schon wirksam in dem ersten einfachsten Gewahrnehmen, das ist, in den ersten Aeußerungen des Verstandes; aber es sind auch keine andern, als eben diese, welche man in den hoͤch- sten Wirkungen der aufgeklaͤrtesten Vernunft antrift. Daraus kann nun zwar gerade zu nicht geschlossen werden, daß jedes Wesen, welches Gewahrnehmen kann, auch schon die gesammte Anlage zu dem menschli- chen Verstande in sich enthalte. Denn es ist zugleich aus den vorhergegangenen Betrachtungen offenbar, daß ein jedes dieser einfachen Vermoͤgen auch mit einem Grade von Perfektibilitaͤt begabt seyn muͤsse, der viel- leicht fehlen koͤnnte, wenn auch das Vermoͤgen selbst vor- handen waͤre. Vielleicht kann die thierische Denkkraft bis zur Apperception der Sachen, der Objekte, der sinnlichen Objekte gehen, aber nicht zu der Gewahrneh- mung des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. mung der Beziehungen zwischen den Objekten, ohne welches doch keine eigentlichen Urtheile und keine Schluͤs- se moͤglich sind. Aber dennoch ist soviel außer Zweifel, daß die positiven Grundvermoͤgen, wodurch die mensch- liche Seele ein verstaͤndiges Wesen wird, in den ange- fuͤhrten Faͤhigkeiten bestehen, und daß ihre groͤßte Ent- wickelung nicht anders, als durch die Erhoͤhung, Ver- staͤrkung, Ausdehnung, das ist, durch die Entwicke- lung von jenem beschaffet werde. Jn der ersten Ge- wahrnehmung des Kindes finden wir die vernuͤnftige Menschenseele schon voͤllig gebildet und gebohren; denn was weiter geschicht, bestehet blos in dem Auswachsen. Aber wie bey dem Koͤrper die Entwickelung des Embryons von dem Anfang des Lebens an bis zu der Geburt weit tiefer im Dunkeln lieget, als das Auswach- sen des gebohrnen Kindes, so ist es auch bey der mensch- lichen Seele. Von dem Punkt an, da ihre ganze Wirk- samkeit, in so ferne sie beobachtbar ist, aufs Fuͤhlen sich einschraͤnket, bis zu der ersten Aeußerung der Denk- kraft hin, in diesem Zwischenraum gehet eine Entwicke- lung vor, die weit versteckter ist. Aus dem blos fuͤh- lenden wird ein vorstellendes, und aus dem vor- stellenden ein gewahrnehmendes und denkendes Ding. An Meinungen und Hypothesen hieruͤber hat es nicht gefehlet, und einige von ihnen sind Beweise von der Scharfsinnigkeit ihrer Erfinder. Aber da ich nun einmal sehr mißtrauisch gegen die Eingebungen der Phan- tasie bin, und Beobachtungen oder feste auf Beobach- tungen gegruͤndete Schluͤsse, oder doch zum mindesten Analogien verlange, so muß ich hier nicht noch etwas mehr wuͤnschen, als man in den Schriften der Psycho- logen uͤber diese Sache findet? Sie wird, man kann nicht sagen, voͤllig ins Helle gesetzt, aber hie und da etwas aufgeklaͤret, wenn es bis zur Evidenz entschieden werden kann, ob die drey erwaͤhn- ten IX. Versuch. Ueber das Grundprincip ten Vermoͤgen zu Fuͤhlen, Vorstellungen zu machen und zu Denken, aus Einer Grundkraft entspringen, und nur Erhoͤhungen derselben sind an verschiedenen Seiten hin? oder, ob sie selbst an sich schon unterschiedenartige und trennbare Grundprincipe in der Seele vorausse- tzen? solche Principe, die in Einem Wesen zwar zu Ei- ner Natur vereiniget sind, aber bis in ihre ersten Anla- gen in der Urkraft der Seele zuruͤck, als unterschiedene Fasern hinlaufen, und sich entweder nirgends in Einen und denselbigen Anfangspunkt endigen, oder, wenn es denn nur Eine Urkraft in einem einfachen Wesen geben soll, ihren gemeinschaftlichen Anfangspunkt erst in der innersten Tiefe der Seele in ihrer Urkraft haben? Ohne ein Wort weiter daruͤber zu sagen, wie Condillac, Bonnet und andere nach ihnen bey ihrer Analyse ver- fahren sind, will ich meinen eigenen Weg fortgehen, und nochmals die Natur dieser angefuͤhrten Wirkungsarten aus den Beobachtungen ihrer selbst gegen einander stel- len, und alsdenn denjenigen Begrif von dem Grund- princip der menschlichen Erkenntnißkraft angeben, der aus diesen verglichenen Erfahrungen von selbst sich anzu- bieten scheint. II. Das Princip des Fuͤhlens faͤllt mit dem Prin- cip des Denkens an Einer Seite zusammen. J n dem vierten Versuch VII. 2. 3. sind alle Verhaͤltnißge- danken in diese zwo einfachen Aktus aufgeloͤset, in das Beziehen der Vorstellungen auf einander, und in das Gewahrnehmen. Das Gewahrnehmen faßt wiederum zwey Thaͤtigkeiten in sich, davon eine die Sonderung der Vorstellungen genannt wurde, und auch des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. auch in der That zu den Beziehungen derselben gerechnet werden konnte. Die zwote war die naͤchste Ursache des Gedankens, „daß die gewahrgenommene Sache ei- ne besondere Sache sey,‟ und machte den eigentlichen Aktus des Denkens aus. Dieß setze ich hier als et- was voraus, das aus Beobachtungen entschieden ist. Nun giebt es ferner ein Gefuͤhl der Verhaͤltnis- se und Beziehungen, und daruͤber berufe ich mich auf die Erfahrungen in dem zweyten Versuch. Dieß ist eigentlich ein Gefuͤhl der Veraͤnderungen, welche von den Dingen, nach ihren Verhaͤltnissen und Beziehungen unter einander, und auf uns hervorgebracht werden, in- dem wir sie empfinden oder vorstellen. Dieß Gefuͤhl ge- het vor dem Gewahrnehmen vorher, und reizet die Denk- kraft zu dem Aktus, von welchem der Gedanke, Sie- he! die Wirkung ist. Dennoch aber berechtiget uns dieses, wie ich in dem Versuch uͤber das Gewahrneh- men erinnert habe, noch nicht, das Gefuͤhl, welches sich als eine Ruͤckwirkung der Seele gegen ihre aufgenom- mene absolute Modifikationen beweiset, mit dem Ver- moͤgen fuͤr einerley zu halten, von welchem ein Verhaͤlt- nißgedanke erzeuget wird. Es blieb nach den daruͤber angestellten Betrachtungen zum mindesten wahrschein- lich, daß zu der blos fuͤhlenden Reaktion der Seele noch eine neue Thaͤtigkeit hinzukommen muͤsse, wenn ein Ge- danke oder eine Erkenntniß von relativen Praͤdikaten ent- stehen solle. Gleichwohl graͤnzet das Denken an dieser Seite sehr nahe an das Fuͤhlen, und bey aller Verschie- denartigkeit, welche in diesen beiden Aeußerungen ange- troffen wird, scheinet es, daß eine Kraft, die mit einem so feinen Gefuͤhl begabet ist, daß sie die Uebergaͤnge von einer Empfindung und von einer Vorstellung zur andern, und die aus den Beziehungen der Vorstellungen entsprin- gende absolute Folgen stark und lebhaft genug empfindet, zugleich auch ein Vermoͤgen gewahrzunehmen, besitzen I. Band. P p werde. IX. Versuch. Ueber das Grundprincip werde. Wo ein besonderes Gefuͤhl der Verhaͤltnisse vor- handen ist, sollte da der Gedanke, Siehe! wohl fehlen koͤnnen? Der Aktus des Denkens wird dadurch nicht zu einem fuͤhlenden Aktus gemacht. Jn jenem lieget ei- ne Aktion mehr, weil eine Wirkung mehr vorhanden ist. Aber das Princip des Fuͤhlens scheinet mit dem Princip des Denkens an Einer Seite zusammen zu fallen. III. Das Beziehen der Vorstellungen auf einander, welches zum Denken erfodert wird, ist eine Aeußerung der vorstellenden Kraft. A n der andern Seite faͤllt die Denkkraft, in so ferne sie auch das Beziehungsvermoͤgen in sich begreift, mit der vorstellenden Kraft zusammen. Es ist eine offenbare Analogie zwischen den Grundregeln, nach wel- chen die vorstellende Kraft Bilder verbindet und trennet, vermischt und aufloͤset, und die Denkkraft sie als einer- ley und verschieden, als verbunden und getrennet erken- net. Diese Aehnlichkeit der Wirkungsgesetze scheinet es offenbar zu machen, daß die Denkkraft als Beziehungs- vermoͤgen nichts anders sey, als die vorstellende Kraft, in so ferne diese die vorraͤthigen Bilder stellet und ordnet. Zuerst erfodert jedes Denken Vorstellungen, und ein Beziehen der Vorstellungen. So lange wir blos empfinden, das ist, blos fuͤhlend auf den Eindruck von außen, oder auf die durch innere Kraͤfte in uns verur- sachte leidentliche Modifikation zuruͤckwirken, kann auch nicht einmal das Gewahrnehmen, oder das Siehe! her- vorkommen. Die Empfindung muß zum mindesten in eine Empfindungsvorstellung uͤbergegangen seyn. Das Auskennen erfodert eine Aufstellung einer Vor- stellung gegen andere, und also mehrere Vorstellungen. Je des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. Je mehr die zuerst aufgenommene Veraͤnderungen oder Empfindungen zu Vorstellungen geworden sind, und je selbstthaͤtiger wir sie als Vorstellungen wieder erwecken, verbinden und trennen, und in gewisse Stellungen in uns bringen koͤnnen, desto leichter urtheilen wir uͤber sie, und desto mehrere Verhaͤltnisse und Beziehungen erken- nen wir in ihnen. Das hoͤhere Denken erfodert allgemeine Bilder. Diese befassen wenigere und schwaͤchere Zuͤge in sich, als die Empfindungsvorstellungen, von denen sie der feinste Auszug sind. Sie machen die Gegenstaͤnde und die Materie aus, welche die hoͤhere Vernunft bearbeitet, wenn sie allgemeine Verhaͤltnisse ausforschet, die unsere eingeschraͤnkte Kraft nur alsdenn deutlich zu bemerken vermoͤgend wird, wenn sie das Aehnliche und Allgemei- ne in den absoluten Beschaffenheiten der Dinge abson- dert, und es abgesondert in sich gegenwaͤrtig erhalten kann. Die sinnlichen Bilder von einzelnen Dingen sind viel zu stark und zu reichhaltig, um von der Eigenmacht der Seele in so mancherley Stellungen und Verbindun- gen gebracht, und so selbstthaͤtig bearbeitet zu werden, als zur Bemerkung allgemeiner Verhaͤltnisse und Beziehun- gen erfodert wird. Ferner. Alle allgemeine Denkungsgesetze, wonach die Denkkraft Verhaͤltnisse und Beziehungen noth- wendig denken muß, entsprechen gewissen aͤhnlichen Ge- setzen der Vorstellungskraft, nach welchen diese ihre Bilder bearbeiten muß. Zum Exempel: Jene kann nicht zugleich denken und auch nicht den- ken. Aber eben so wenig kann diese zugleich eine Vor- stellung haben, und nicht haben. Die Denkkraft urtheilt uͤber die ursachliche Bezie- hung. Aber welche Dinge haͤlt sie nothwendig fuͤr ab- haͤngig von einander, und warum haͤlt sie solche dafuͤr? darum, weil die Vorstellungen dieser Gegenstaͤnde in P p 2 der IX. Versuch. Ueber das Grundprincip der Phantasie in einer nothwendigen Verbindung stehen. Die Bewegung wird fuͤr eine Beschaffenheit eines Subjekts erkannt, indem sie als eine Beschaffenheit vor- handen ist, aber es ist offenbar, daß die vorstellende Kraft die Jdee von der Bewegung nicht anders in sich stellen kann, als nur in der Verbindung mit der Jdee eines andern Dinges, und zwar so, daß jene als ein Theil einer ganzen Vorstellung, welche die von dem Sub- jekt ist, vorkommt, und in dieser letztern begriffen ist. „Das Gesetz der Denkkraft richtet sich also nach dem Gesetz der Vorstellungskraft.‟ Das Widersprechende ist ungedenkbar; aber eben so unvorstellbar. Wo ist die schoͤpferische Dichtkraft, die sich das Bild von einem viereckten Zirkel schaffen koͤnne? Die Denkkraft urtheilet nach dem Gesetz der Sub- stitution der Dinge, die Einerley sind, und verneinet das Unterschiedene von einander. Jn der Vorstellungs- kraft fallen die Aehnlichkeiten und das Einerley uͤber- haupt zusammen in Eins. Unterschiedene Bilder blei- ben, so zu sagen, immer außer einander. Die Reflexion denket nach dem Gesetze des Grun- des. Wie wirket die Phantasie? Eine Vorstellung, die nicht in ihr vorhanden ist, kann ohne eine Ursache nicht in ihr entstehen; eine Verbindung von Vorstellun- gen kann es eben so wenig. Die Verbindung der Vorstellungen in der Phantasie haͤnget entweder von ihren innern Beziehungen auf ein- ander ab, zum Beyspiel, wenn die Aehnlichen zusam- menfallen; oder von einer zufaͤlligen Vergesellschaftung. Da die Phantasie die durch lange und ununterbrochene Gewohnheit associirte Jdeen nicht trennen kann, die Reflexion aber doch ihre Verbindung fuͤr zufaͤllig erklaͤ- ret, so scheint sich in diesem Fall das Gesetz des Denkens am meisten von dem Gesetz des Vorstellens zu entfernen. Jn des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. Jn der That aber scheint es nur so. Denn so oft es der Reflexion moͤglich wird, zu urtheilen, daß z. B. ein Koͤrper von der Gestalt wie ein Baumblatt, nur zufaͤl- lig die gruͤne Farbe besitze, so oft wird es auch der Vor- stellungskraft moͤglich, das Bild des Koͤrpers und das Bild von der Farbe von einander zu trennen, wenn sie mit Fleiß auf diese Arbeit gerichtet wird. Wer sollte sich nicht Baumblaͤtter mit jedweder Farbe einbilden koͤnnen, auch ohne daß man gelbe und roͤthliche gesehen habe? So lange man zwey Vorstellungen nicht aus- einander setzen, und abgesondert haben kann, so lange ist die Reflexion gezwungen, beide fuͤr einerley oder doch fuͤr nothwendig verknuͤpft zu erklaͤren. Wenn zwey Jdeen unterschieden werden sollen, so muͤssen sie, wenigstens so lange der Aktus des Vergleichens dauert, in so weit von einander getrennet seyn, daß die Eine ausnehmend gefuͤhlt werde, und gerade in der Axe der Aufmerksam- keit gestellet sey, wenn die andere nur zur Seite lieget. So ist es also offenbar, daß die Beziehungen der Vorstellungen, die zu dem Aktus des Denkens erfo- dert werden, nichts anders sind, als Thaͤtigkeiten der vorstellenden Kraft, die nur mit den Vorstellungen sich beschaͤftiget, diese mehr und besser ausdrucket, beson- ders stellet, auszeichnet, verbindet, ordnet, abwechselt. Eine erhoͤhete, verfeinerte Vorstellungskraft ist also die- selbige gleichartige Kraft, von der die Beziehungen der Vorstellungen, und also Eins der wesentlichen Stuͤcke des Denkens abhangen. P p 3 IV. Andere IX. Versuch. Ueber das Grundprincip IV. Andere Gruͤnde fuͤr die Meinung, daß die Denkkraft nur in einem hoͤhern Grade des Gefuͤhls und der vorstellenden Kraft bestehe. D iese Betrachtungen fuͤhren zu der Vorstellung: „die Denkkraft sey wohl nichts anders, als ein hoͤherer Grad des Gefuͤhls und der vorstellenden Kraft.‟ Es giebt noch einige Erfahrungsgruͤnde mehr, welche diese Meinung bestaͤtigen. Doch uͤbereile man sich nicht. Wenn die hoͤhere Vernunft mit der sinnlichen Denk- kraft verglichen wird, so findet man bey jener, als einer hoͤhern Wirksamkeit der Denkkraft, zugleich auch ein feineres Gefuͤhl der allgemeinen Vorstellungen, und eine groͤßere innere selbstthaͤtige Beschaͤftigung der vorstellen- den Kraft mit den Gemeinbildern! Achter Versuch V. Und da steht die Groͤße des Gefuͤhls und der vorstellenden Kraft mit der Groͤße in den Wirkungen der Denkkraft, in einer solchen Gleichheit, daß man allerdings es fuͤr sehr wahrschein- lich halten kann, es sey das Denken nichts anders, als eine Wirkung dieses feinen Gefuͤhls und dieser vorstellen- den Kraft, wenn sich beide mit allgemeinen Vorstellun- gen beschaͤftigen. Daß aber ein feineres Gefuͤhl bey dem Nachden- ken der Vernunft sich aͤußere, bedarf keiner Bestaͤtigung. Die allgemeinen Begriffe werden auf einander bezogen; das mag eine Wirkung der vorstellenden Kraft seyn, aber niemals entstehet ein Gewahrnehmen dieser Bezie- hungen, ohne ein Gefuͤhl solcher Beziehungen; und ohne Zweifel ist dieses Gefuͤhl um viele Grade zarter und fei- ner, als dasjenige, dessen man zum Gewahrnehmen der groben sinnlichen Eindruͤcke benoͤthiget ist. Wenn all- gemeine Distinktionen sinnlich dargestellet werden, so kann des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. kann sie auch der gemeine Menschenverstand sehen; aber die subtilern Jdeen der Spekulation in dem Kopf ge- gen einander zu halten, sie gleichsam in der Phantasie gegen einander abzuwaͤgen, und ihre kleinsten Verschie- denheiten, eigentlich, die kleinsten Veraͤnderungen bey dem Uebergang von einer zur andern zu empfinden, und solche lebhaft zu empfinden, dazu gehoͤret etwas mehr. Ein feines und schaͤrferes Selbstgefuͤhl bey den Vorstel- lungen, ist ein wesentliches Erforderniß zur Scharfsin- nigkeit des Verstandes. V. Erfahrungen, aus denen zu folgen scheint, daß die Aktus der Denkkraft wesentlich von den Aeußerungen des Gefuͤhls und der vorstellenden Kraft unterschieden sind. 1) Empfinden, Vorstellen und Denken schei- net sich einander auszuschließen. 2) Das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse ist oft leb- haft, ohne daß die Gewahrnehmung der Verhaͤltnisse es auch sey. 3) Die Aeußerungen der vorstellenden Kraft bey dem Beziehen der Vorstellungen auf einander, scheinet nicht allemal den zwee- ten Aktus des Denkens, nemlich das Ge- wahrnehmen des Verhaͤltnisses, in glei- cher Maaße mit sich verbunden zu haben. 1. V on jener Seite scheinet es allerdings so, als wenn das Denken dasselbige Princip habe mit dem Em- pfinden und Vorstellen. Aber ehe man entscheidet, werfe P p 4 man IX. Versuch. Ueber das Grundprincip man auch auf die Seite gegenuͤber einen Blick, wo sich die Sache anders darstellet. Da lehret die Erfahrung zunaͤchst, daß die drey Ak- tionen der Seele, Fuͤhlen, Vorstellungen machen, und Denken sich gewissermaßen ausschließen. Man vergleiche einen empfindsamen Menschen, der von den Zaubertoͤnen eines Lolli entzuͤcket ist, mit einem Dichter in der Stunde der Begeisterung; und dann beide mit einem Archimedes unter seinen Zirkeln. Jn dem er- stern herrschet das Gefuͤhl; in dem zweeten die Vor- stellungskraft, und in dem dritten die Denkkraft. Jn jedem aͤußert sich jedes Vermoͤgen. Aber woferne das Gefuͤhl in dem erstern das uͤberwiegende bleiben soll, wie es ist, so muß die Seele sich weder dem Dichten noch dem Denken uͤberlassen. Jn dem Poeten arbeitet die Vorstellungskraft, unter der Leitung der Reflexion, wenn kein Ungeheuer hervorkommen soll; aber die Spekula- tion der Vernunft muß zuruͤckbleiben, oder das Feuer der Phantasie verloͤscht. Jn dem Kopf des Geometers sind auch Bilder und Vorstellungen in Arbeit; aber dieß ist bey weitem nicht die Hauptbeschaͤftigung seines Geistes im Nachdenken. Es ist gemeine Erfahrung, je mehr wir uns dem Gefuͤhl uͤberlassen, desto weniger koͤnnen wir denken; und wenn die Einbildungskraft herrschet, wie im Traum oder in einer Leidenschaft, so werden die Wirkungen der Vernunft verhindert. Wenn diese Aktio- nen dieselbigen, und nur in Stufen unterschieden sind, warum hindern und verdraͤngen sie sich auf eine solche Art, die ein offenbarer Beweis ist, daß, wenn die eine statt der andern die herrschende werden soll, nicht allein die Gegenstaͤnde der Beschaͤftigung, sondern auch die Art und Weise der Wirksamkeit in der Seele geaͤndert wer- den muß? Es verstehet sich aber, daß ich hier die Bedeutung der Woͤrter beybehalte, wie solche einmal festgesetzet ist. Da des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. Da ist naͤmlich Fuͤhlen und Empfinden nichts anders, als die simple Reaktion der Seele, wie sie einige nen- nen, auf ihre leidentliche absolute Veraͤnderungen, ohne ein weiteres Bestreben, neue besondere Veraͤnderungen hervorzubringen. 2. Das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse, in so ferne dieß Wort fuͤr das Gefuͤhl des Absoluten genommen wird, was aus den Verhaͤltnissen und Beziehungen unserer Veraͤnderungen auf einander entspringet, ist oftmals leb- haft, wo doch das Gewahrnehmen, oder das Den- ken des Verhaͤltnisses nur schwach ist. Dieses Grun- des habe ich mich schon in dem dritten Versuch uͤber das Gewahrnehmen bedienet, um zu beweisen, daß in dem letztern noch eine besondere Kraftaͤußerung enthalten sey, die von dem Gefuͤhl unterschieden ist. Das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse ist auch mit den Empfindungen des Abso- luten unmittelbar verbunden; das Gewahrnehmen ent- stehet nicht ehe, als bis die Empfindung schon eine Em- pfindungsvorstellung geworden ist. Dritter Versuch VI. Erster Versuch V. Auch ist nicht jed- wedes Gefuͤhl der Verhaͤltnisse, ein unmittelbarer Reiz fuͤr das Gewahrnehmungsvermoͤgen. Der Gegenstand des Gefuͤhls ist etwas Absolutes; aber dieß ist nur als- denn in der vorstellenden Kraft, wenn wir von einer Vorstellung zur andern uͤbergehen, und alsdenn ist das Gefuͤhl des Uebergangs vorhanden, worauf die Gewahrnehmungen der Verhaͤltnisse folgen. Es ent- stehen auch Gefuͤhle der Beziehungen auf das Gemuͤth, und aufs Herz. Jn diesem letztern Fall reizen sie mehr die Kraͤfte des Willens zum Handeln, als die Kraͤfte des Verstandes zum Denken. Nur das Gefuͤhl des Uebergangs, das ist, das Gefuͤhl von der Veraͤnderung, P p 5 welche IX. Versuch. Ueber das Grundprincip welche die vorstellende Kraft leidet, in so fern sie Vor- stellungen vergleichet, und von einer zur andern uͤberge- het, ist dasjenige, was unmittelbar vor dem Gewahr- nehmen vorhergehet. 3. Das Denken erfodert eine vorhergehende Beziehung der Vorstellungen und ein Gefuͤhl des Uebergangs; aber es lehret die Erfahrung, daß diese Erfodernisse vorhan- den seyn koͤnnen, ohne daß der Aktus des Denkens voͤl- lig zu Stande komme. Der Aktus des Schließens, und die Einsicht des Zusammenhangs in den Beweisen, wird zwar erleichtert, wenn die Stellungen der Jdeen leichter und geschwinder hervorgebracht werden; aber nicht in der naͤmlichen Maaße, wie man diese Zuberei- tungen in den Vorstellungen beschaffet. Man hat, wie bekannt ist, Linien und Figuren, die so zusammen gestel- let werden koͤnnen, daß die Demonstrationen des Eucli- des vor Augen geleget werden. Jeder Satz kann nach dem andern, so wie sie auf einander folgen, sichtlich ge- macht werden. Ohne Zweifel erleichtert dieß die Ein- sicht des Zusammenhangs, da auf diese Art die einzel- nen Jdeen ohne alle Muͤhe die Stellung in der Phanta- sie erhalten, die zu ihrer Vergleichung erfodert wird. Aber weder ein Urtheil, noch ein Schluß wird dadurch sichtbar. Wuͤrde der, dem durch solche Zusammen- setzungen und Substitutionen von Linien, die ganze De- monstration vorgemacht worden ist, der jede auf einan- der folgende Abaͤnderung besonders, deutlich und voll- staͤndig gesehen hat, deswegen ein Raisonnement gemacht haben? Die Folge von Vorstellungen in ihrer gehoͤri- gen Lage ist in seinem Kopf, aber fehlt nicht der Gedanke und der Schluß? Derjenige hat noch nicht Schach ge- spielt, der nur die auf einander gefolgten Zuͤge bemerket hat, und wenn auch seiner Aufmerksamkeit keine ein- zige des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. zige von den Veraͤnderungen in den Steinen entwischet waͤre. Es kann dieselbige Lebhaftigkeit und Lage in den Vorstellungen, und dasselbige Gefuͤhl des Uebergangs, wodurch die Denkkraft sonsten zum Urtheilen bestimmet wird, so bleiben, wie sie vorher waren, und doch un- kraͤftig gemacht werden, die Denkkraft auf dieselbige Art in Thaͤtigkeit zu setzen. Warum urtheilet der Astronom nicht eben so uͤber das Verhaͤltniß der Weltkoͤrper, als der gemeine Mann? und als er selbst ehedem geurthei- let hat? Die sinnlichen Vorstellungen sind noch diesel- bigen, auch noch das Gefuͤhl des Uebergangs dasselbige. Daher, wird man sagen, weil andere Betrachtungen dazwischen treten. Ohne Zweifel ist es also. Es ist hier ein Hinderniß des vorigen Urtheils, und die Wir- kung erfolget nicht, welche sonsten unter denselbigen Um- staͤnden erfolget seyn wuͤrde, und die auch noch jetzo so- gleich wiederum erfolget, sobald die hindernde Ursache weggenommen wird. Allein auf welche Art wirken hier wohl die Gegengruͤnde? heben sie etwan das vormalige Gefuͤhl, oder die vormalige Lage der Vorstellungen auf, oder unterdruͤcken sie solche? oder ziehen sie nicht vielmehr nur die Reflexion staͤrker nach einer andern Seite hin, etwan wie ein groͤßeres Gewicht ein kleineres zum Stei- gen bringet, ohne daß es die niederwaͤrts druckende Kraft des letztern im mindesten schwaͤche? Es giebt Beyspiele genug von der letztern Art. Wie oft urtheilen wir nach einer einseitigen Betrachtung der Sache, und aͤndern dieses Urtheil, nachdem wir sie in mehrern Beziehungen erwogen haben; und sind zugleich vermoͤgend, den erstern Gang der Reflexion, auf welchem sie verleitet ward, in allen Theilen, mit allen vorhergehenden Vorstellungen und Gefuͤhlen, die zum Jrrthnm fuͤhrten, voͤllig deut- lich uns vorzustellen. Berkeley und Leibnitz fuͤhlten so gut, wie andere, die Wirkungen des Jnstinkts, welche unserer IX. Versuch. Ueber das Grundprincip unserer Reflexion den Gedanken abdringen, daß die aͤus- sern Koͤrper auf uns wirken. Was hieraus folgen soll? So viel, daß die ehedem auf den Verstand wirksam ge- wesenen Gruͤnde, die ihn zum Beyfall bewogen haben, noch jetzo auf ihn wirken koͤnnen, ohne denselben Erfolg zu haben; und daß also der Aktus des Urtheilens et- was eigenes ist, was dem ihn erregenden Gefuͤhl nach- gehet, aber nicht einerley mit ihm selbst ist, sondern viel- mehr von diesen seinen vorhergehenden Umstaͤnden ge- trennet werden kann, wenn andere Ursachen dazwischen treten. Was in diesem Beyspiele die Gegengruͤnde thun, das koͤnnen statt ihrer in andern Faͤllen die Zweifelsucht, das Mißtrauen und die Aengstlichkeit im Entscheiden, eine Wirkung von einer sorgfaͤltigen Untersuchung bey einem feinen, aber etwas schwachen Verstande, ausrich- ten. Nichts mehr als der allgemeine Grund, daß man sich leicht irren koͤnne, darf bey solchen aͤngstlichen Per- sonen der Seele vorschweben. Da fehlet es gewiß nicht allemal weder an der noͤthigen Klarheit in den Jdeen, noch an der erfoderlichen Staͤrke in dem Gefuͤhl; es feh- let an der noͤthigen Festigkeit der eigentlichen Denkkraft, wovon der Verhaͤltnißgedanke abhaͤngt. Diese letztere ist es, welche zu schwach ist, um durch die vorliegende Gruͤnde zu einer so klaren und starken Gewahrnehmung der Beziehung zu gelangen, die sich innig genug mit den Jdeen vereiniget, und auch in der Wiedervereinigung den Beyfall fest haͤlt. Jeder Gegengrund hat Kraft ge- nug, sie zuruͤck zu halten, und allein der Gedanke, daß eine Uebereilung moͤglich sey, wirket so lebhaft auf die schwache Reflexion, als bey andern die Vermuthung ei- nes wirklichen begangenen Versehens. Bey andern Zweiflern ist es eine Art von Ungelenksamkeit in der Denkkraft. Man kann sich so stark angewoͤhnen, sein Urtheil zuruͤckzuhalten, daß das Gewahrnehmungsver- moͤgen des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. moͤgen auch gegen Gruͤnde abgehaͤrtet wird, und eine Steifigkeit erlangt hat, die nicht anders als durch staͤr- kere andraͤngende Gruͤnde, und durch ein lebhafteres Ge- fuͤhl uͤberwaͤltiget werden kann; und auch wohl gegen diese den Beyfall noch zuruͤckhaͤlt, wenn es nur irgend eine Vorstellung oder Empfindung antrift, woran es sich gegen die Beystimmung steifen kann. Vergleichet man die letzten Erfahrungen mit den vor- erwaͤhnten, so stellen sich das Fuͤhlen, das Vorstellen und das Denken in dieser Ordnung dar. Zuerst hat die vorstellende Kraft schon Vorstellun- gen gemacht, und solche vorlaͤufig in eine gewisse Stel- lung und Verbindung gebracht. Alsdenn erfolgt ein Gefuͤhl des Uebergangs und der Verhaͤltnisse. Darauf die Aktus des Denkens, und ihre Wirkungen, der Gedanke von dem Verhaͤlt- nisse, naͤmlich die Absonderungen und Beziehungen der Vorstellungen auf einander, und die Gewahrnehmung die- ser Beziehungen, in so ferne sie den Gedanken von dem Verhaͤltniß hervorbringet. Dieses Denken hat nun wieder seine Folgen auf die Vorstellungen. Die bloßen Vorstellungen sind zu Jdeen geworden, denen das Be- wußtseyn, das ist, der Gedanke aufgedruckt ist, und ste- hen jetzo deutlicher, als vorher, von andern ausgezeichnet. Wenn vorher schon Jdeen vorhanden waren, deren Ver- haͤltniß gewahrgenommen wird, wenn wir urtheilen, so findet sich nach dem Urtheil, daß jene in ihrer Stellung eine Veraͤnderung erlitten hatten, die von dem Aktus des Urtheilens uͤbrig geblieben ist. „Der Anfang des „Denkens ist also in dem Gefuͤhl der Verhaͤltnisse, und „die Wirkung davon ist in den Vorstellungen.‟ Vergl. vierter Versuch. VII. VI. Das IX. Versuch. Ueber das Grundprincip VI. Das Resultat aus den vorhergehenden Erfah- rungen ist folgendes. Das erste Stuͤck des Denkaktus, das Beziehen der Vor- stellungen auf einander, ist eine selbstthaͤ- tige Wirkung der vorstellenden Kraft. Das zweyte Stuͤck, das Gewahrnehmen der Beziehung, ist neue selbstthaͤtige Aeu- ßerung des Gefuͤhls. 1) Vorstellung und Erlaͤuterung dieser Jdee. 2) Ursprung des Empfindens, des Vorstel- lens und des Denkens aus Einem Princip. 3) Uebereinstimmung dieser Vorstellung mit den Beobachtungen. 1. W as fuͤr ein Begrif von der innern Beziehung der drey Grundthaͤtigkeiten, des Fuͤhlens, des Vor- stellens und des Denkens, lieget nun in dem bisher An- gefuͤhrten? Jch suche einen solchen Begrif von ihrem Ursprung aus Einem Grundprincip, nach welchem sie so weit einerley, und so weit unterschieden sind, so innig vereiniget und von einander abhaͤngig, und so weit trenn- bar von einander sind, als die Beobachtungen sie dar- stellen. Daruͤber kann man nicht leicht zweifelhaft seyn, daß diejenige Aktus, die zu den Beziehungen der Vorstellun- gen gehoͤren, nicht feinere und neue Aeußerungen dessel- bigen Vermoͤgens sind, welches die vorstellende Kraft genennet wird. Dieß ist Eins der wesentlichen Stuͤcke des Denkens. Aber des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. Aber das zweyte, der Aktus der Gewahrnehmung, wodurch der eigentliche Gedanke von dem Verhaͤltnisse, oder das subjektivische Verhaͤltniß in uns hervorgebracht wird? Jst dieser Aktus etwas anders, als eine Aeußerung derselbigen Kraft, der das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse zugeschrieben wird? ist es nicht die Wirkung dieses Ver- moͤgens, in so ferne es eine thaͤtige Kraft ist, in so fer- ne es naͤmlich nicht blos Modifikationen aufnimmt, sol- che fuͤhlet, und auf sie zuruͤckwirket, sondern in so ferne mit dieser Reaktion eine neue Thaͤtigkeit verbunden ist? Thaͤtiges Empfindungsvermoͤgen ist also das den Verhaͤltnißgedanken hervorbringende Vermoͤgen, und das zweyte und vornehmste Jngredienz der Denkkraft. „Selbstthaͤtig Vorstellungen bearbeiten, und thaͤtig mit „dem Gefuͤhl auf diese bearbeiteten Vorstellungen zu- „ruͤckwirken, das ist und heißt Denken. ‟ Was ich durch die Thaͤtigkeit des Gefuͤhlsvermoͤgen, die mit der Reaktion auf absolute Modifikationes ver- bunden seyn soll, sagen will, bedarf noch einiger Erlaͤu- terung. Wenn zwey verschiedene Formen auf weiches Wachs gedruckt werden, so entstehen zwey Abdruͤcke in dem Wachs so unterschieden, als die Formen sind. Das Wachs leidet, nimmt diese beiden Modifikationen auf. Die Receptivitaͤt ist in dem Wachs in Hinsicht beider Eindruͤcke dasselbige Vermoͤgen. Eben dieses Wachs reagirt, indem es geformet wird. An Statt der Forme, die man aufdruͤcket, lasse man eine Kugel und einen Cylinder von unterschiedener Ge- stalt auf das Wachs herunterfallen, so werden diese bei- den Koͤrper verschiedene Eindruͤcke machen, ihren Figu- ren und ihrer Geschwindigkeit, womit sie anfallen, gemaͤß, aber beide werden ihre Bewegungen, die sie hatten, da- bey einbuͤßen. Das Wachs hat zuruͤckgewirket, und hat IX. Versuch. Ueber das Grundprincip hat ihnen solche durch seinen Widerstand entzogen, oder sie selbst haben sie von sich gegeben, und sie verbrauchet, je nachdem man sichs vorstellen will. Diese allgemeine Reaktion, ohne welche kein Koͤrper veraͤndert wird, noch einige Bewegung aufnimmt, wollen verschiedene Natur- lehrer fuͤr keine wahre Aktion erkennen, welche aus ei- ner thaͤtigen Kraft entspringe; da andere sie als Wir- kungen einer Kraft ansehen, die in demselbigen Verstan- de, wie andere Kraͤfte, wirke und thaͤtig sey. Die Sa- che bleibt hier unentschieden; aber so viel ist gewiß, das Phaͤnomen ist in beiden Faͤllen, wie man es erklaͤren will, dasselbige. Kein Koͤrper kann in den andern wir- ken, und kein Koͤrper kann in sich etwas aufnehmen, oh- ne daß entweder die Bewegung in dem wirkenden Koͤr- per um so viel vermindert, oder auch eine neue nach der entgegengesetzten Seite in ihm hervorgebracht wird, wenn keine in ihm vorhanden ist, als dem leidenden Koͤrper beygebracht worden ist. Dennoch hat das Wachs durch diese Reaktion alles ausgerichtet, was es ausrichten kann, wenn die auf das- selbe gefallenen Koͤrper zur Ruhe gebracht sind. Es stoͤ- ßet diese Koͤrper nicht wiederum von sich zuruͤck. Soll nun die Reaktion des Wachses diesen Namen behalten, so ist sie in so weit eine bloße Reaktion; und die Kraft dazu erstrecket sich nicht weiter, als darauf, daß eine an- dere Kraft verbrauchet und vernichtet wird. Diese blo- ße Reaktion gehet nicht weiter heraus, als bis dahin, Aber sie ist allemal vorhanden, wo ein Koͤrper etwas aufnimmt. Das Vermoͤgen, sich modificiren zu lassen, ist also zugleich das Vermoͤgen zu reagiren. Beides ist Eins und dasselbige, nur von verschiedenen Seiten be- trachtet. Es ist Receptivitaͤt, wenn auf das gesehen wird, was in dem leidenden Koͤrper entstehet, und es ist Reaktionsvermoͤgen, in so ferne auf die Veraͤnde- rung in der aͤußern wirkenden Ursache gesehen wird. An des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. An die Stelle des weichen Wachses setze man eine elastische Feder, und lasse jene beiden Koͤrper mit glei- cher Geschwindigkeit auf sie zufahren. Die Feder laͤsset sich zusammendruͤcken, mehr oder minder; die Koͤrper kommen um ihre Bewegung, wie vorher. Bis dahin beweiset die Feder Receptivitaͤt, und bloße Reaktions- kraft. Aber das ist es nicht alles. Sobald die Koͤrper in Ruhe sind, dehnet sich die gepreßte Feder wiederum aus, stoͤßt zuruͤck, giebt ihnen ihre Bewegung wieder, und treibet sie von sich ab. Da hat sie bewiesen, daß sie ein Vermoͤgen besitze, thaͤtig zu seyn. Dieß ist eine Aeußerung eines innerlich wirksamen Vermoͤgens, oder einer selbstthaͤtigen Kraft. Und diese letztere Kraft ist Eine und dieselbige, wel- che Receptivitaͤt und bloßes Reaktionsvermoͤgen bewies. Alle drey Wirkungen entspringen aus derselbigen Elasti- citaͤt, die von der Kraft, welche in dem weichen Wachs war, nur allein an Selbstthaͤtigkeit unterschieden ist. Wenn jede dieser Wirkungen einem eigenen Vermoͤgen zugeschrieben wird, so ist es offenbar, daß die naͤmliche Kraft nur von drey verschiedenen Seiten, oder in drey unterschiedenen Hinsichten betrachtet wird; aber sie selbst ist innerlich dieselbige. Man wird nicht leicht auf den Einfall kommen, zu glauben, daß das Vermoͤgen, wo- mit die elastische Feder die an sie stoßenden Koͤrper von sich abtreibet, eine eigene Grundkraft erfodere, die nur dann erst sich auslaͤßt, wenn ihre Receptivitaͤt und ihre bloße Reaktion schon ihre Wirkung gehabt, und die auf sie zufahrende Koͤrper ihre Bewegungen verlohren haben. Denn indem die Feder den Druck aufnahm, sich zusam- menpressen ließ, und die Koͤrper zu Ruhe brachte, nahm sie an, und reagirte mit eben der Elasticitaͤt, die nach- her den Ruͤckstoß bewirkte. Die letztere Wirkung er- folgte auf jene, ohne daß nun erst eine eigene vorher un- gebrauchte Kraft zur Thaͤtigkeit gekommen sey. Die I. Band. Q q Aktion IX. Versuch. Ueber das Grundprincip Aktion der Elasticitaͤt, welche vorher sich als widerste- hende Kraft bewies, ward fortgesetzet, und dann ent- stund aus ihr das Zuruͤckfahren der Koͤrper, als ihre Wirkung. Was diese Beyspiele lehren sollen, das darf ich nicht hinzusetzen. Sie sollen den Unterschied zwischen dem blo- ßen Gefuͤhl, und dem Denken, den ich darinn setze, daß das letztere Eine von den selbstthaͤtigen Aeuße- rungen des naͤmlichen Vermoͤgens ist, welches fuͤhlet, erlaͤutern. Der weiche Koͤrper reagirt, der elastische auch; dieser mit innerlicher Selbstthaͤtigkeit, mit mehre- rer und weiter fortgesetzten innern Selbstthaͤtigkeit, wenn gleich auch jenem eine wahre selbstthaͤtige Kraft zukommt. Eben so soll es dasselbige Vermoͤgen seyn, welches die Verhaͤltnisse der Vorstellungen fuͤhlt, und welches, wenn es innerlich selbstthaͤtig ist, oder es in einem hoͤhern Gra- de ist, seine Thaͤtigkeit fortsetzet, von neuen wiederum so zu sagen, außer sich herausgehet, und alsdenn Ver- haͤltnißgedanken oder die Gewahrnehmung hervor- bringet. Die Thaͤtigkeit in dem Vermoͤgen, womit wir fuͤh- len, kann sich noch in mehrern andern Wirkungen aͤußern, als in dem Aktus des Denkens. Hier wirket es auf Vorstellungen, und faͤngt bey dem Gefuͤhl der Verhaͤlt- nisse an. Es ist also auch der Verhaͤltnißgedanke die Wirkung des thaͤtigen Gefuͤhls in einer besondern Richtung, welche durch die erwaͤhnten zwey Umstaͤnde, daß es naͤmlich vor dem Gefuͤhl der Vorstellungen und ihrer Beziehungen anfaͤngt, und eine Beschaffenheit in den Vorstellungen zur Wirkung hat, als durch zwey Punkte bestimmet wird, davon der eine in der Sprache der Alten, als der terminus a quo, und der andere als der terminus ad quem zu betrachten ist. 2. Gehet des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. 2. Gehet man dieser Jdee weiter nach, und vergleichet damit dasjenige, was in dem ersten Versuch uͤber die Vorstellungen, Erster Versuch XVI. 4. von der Beziehung der vorstellenden Kraft zu dem Vermoͤgen, Modifikationen aufzunehmen, angefuͤhret ist, so stellen sich die drey Grundaͤußerungen der Erkenntnißkraft, das Fuͤhlen, das Vorstellen und das Denken in ihrer wahren Verbindung, in ihrer Ab- haͤngigkeit von Einer Grundkraft, und zugleich in ihrer voͤlligen Verschiedenheit deutlich dar. Diese Deutlich- keit ist doch schon etwas, wodurch sich die gegebene Er- klaͤrung dem Verstande empfiehlet, obgleich ihre Rich- tigkeit damit noch nicht voͤllig erwiesen ist. Zwo Eindruͤcke, einer durch die Augen, der andere durch das Ohr, entstehen in der Seele, oder fallen auf sie; wie man sich ausdruͤcken will. Dadurch entstehen zwo unterschiedne Modifikationen. Die Seele beweiset Receptivitaͤt, indem sie solche aufnimmt, und sie fuͤh- let solche zugleich, oder nimmt sie fuͤhlend auf. Jhr Gefuͤhl ist so etwas, das dem bloßen Reagiren der Koͤr- per entspricht, ich will nicht sagen, diesem gleichartig ist. Aber es ist das naͤmliche Princip, welches sich modifici- ren laͤßt, und zugleich diese Modifikation fuͤhlet und em- pfindet. Diese beiden Wirkungen sind gleichzeitige Aeußerungen des naͤmlichen Vermoͤgens, von verschie- denen Seiten betrachtet. Dieß Vermoͤgen sey nun innerlich selbstthaͤtig; das ist, es sey eine Kraft, die mit arbeitet, indem sie ver- aͤndert wird, und nicht ganz leidentlich annimmt, son- dern zum Theil thaͤtig etwas aufnimmt, und es ergrei- fet; alsdenn beweiset sie ihr Apprehensionsvermoͤgen. Ein hoͤherer Grad der innern Selbstthaͤtigkeit in diesem Vermoͤgen setzet sie in den Stand, auch Vorstellungen Q q 2 zu IX. Versuch. Ueber das Grundprincip zu machen, das ist, die ihr von aͤußern Ursachen beyge- brachten Eindruͤcke in sich eine Weile zu erhalten, von ihnen Spuren aufzubewahren, solche wiederum zu er- wecken, sie wieder erweckt gegenwaͤrtig zu erhalten, zu verbinden, zu trennen, staͤrker und voͤlliger auszubilden, oder auch sie zuruͤck zu legen, und zu verdunkeln. Die vorstellende Kraft ist eine innere Selbstthaͤtigkeit des naͤmlichen Vermoͤgens, welches aufnimmt und fuͤhlet. Jede wieder erweckte Empfindung hat etwas von der ersten Empfindung an sich, aus der sie entstanden ist. Jede Wiedervorstellung reizet also auch die Seelenkraft auf eine aͤhnliche Art. Die Vorstellung wird gefuͤhlet, und leidet eine thaͤtige Zuruͤckwirkung der Grundkraft. Die Wirkung von dieser ist, daß die Wiedervorstellung entweder fortgesetzet, und mehr und staͤrker ausgedruͤckt, oder verdunkelt und unterdruͤcket wird. Mehrere solcher Vorstellungen bringen nach ihren verschiedenen Beziehungen und Verhaͤltnissen in der Seele neue absolute Modifikationen hervor. Dergleichen ent- stehen nicht weniger von den ersten Empfindungen. Diese neue Veraͤnderungen sind auch von neuen Gegenstaͤnden des Gefuͤhls und der vorstellenden Kraft. Die Harmo- nie der Toͤne, die Uebereinstimmung des Wahren, der Reiz des Guten, die bewegenden Antriebe des Jnteres- sirenden, und dergleichen, werden gefuͤhlet, und die vor- stellende Kraft machet auch aus diesen gefuͤhlten Modi- fikationen, Vorstellungen. Zu diesen Gefuͤhlen der Verhaͤltnisse und Beziehun- gen gehoͤrt auch das Gefuͤhl des Uebergangs, das Gefuͤhl von derjenigen Veraͤnderung, welche die Thaͤ- tigkeit der vorstellenden Kraft leidet, wenn eine Vor- stellung auf die andere folget, oder wenn die Kraft von der vorzuͤglichen Beschaͤftigung mit der einen, zu einer Anwendung auf die andere uͤbergehet. Zweeter Versuch. IV. 2. Hier entstehet ebenfalls des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. ebenfalls eine neue Modifikation, sie wird wie andere, nicht nur aufgenommen und in dem Aufnehmen gefuͤhlet, sondern reizet auch zu einer selbstthaͤtigen Reaktion, gegen die Vorstellungen selbst. Dadurch entstehet ein- mal die weitere selbstthaͤtige Bearbeitung der Vorstellun- gen, die das Beziehen derselben ist, wodurch sie so gestellet werden, wie man sie findet, wenn ihr Verhaͤlt- niß gedacht wird; und dann zweytens das eigentliche Gewahrnehmen oder Denken, das ist, diejenige Kraft- aͤußerung, woraus der Gedanke von den Verhaͤltnissen hervorgehet, der die Bilder oder Vorstellungen zu Jdeen, und ihre Beziehungen zu Urtheilen und Schluͤssen macht. Also noch einmal. Der Denkaktus ist eine Aktion der vorstellenden Kraft und des Vermoͤgens, womit der Uebergang von einer Vorstellung zur andern gefuͤhlet wird, zusammen; und die letztere ist es, wodurch der Verhaͤltnißgedanke bewirket wird, da jene die Beziehung der Vorstellungen ausmacht. Dieser Denkaktus ist von dem bloßen Gefuͤhl so un- terschieden, wie Thun vom Leiden. Bloßes Fuͤhlen ist also nicht Denken, und kann es nicht werden, durch keine Erhoͤhung oder Verfeinerung. Es laͤsset sich ein Wesen von dem zartesten und feinsten leidentlichen Gefuͤhl vor- stellen, dem deß ohngeachtet die thaͤtige Denkkraft gaͤnz- lich mangelt. Aber wenn sein fuͤhlendes Princip Selbst- thaͤtigkeit besitzet, so kommt es nur auf einen gehoͤrigen Grad dieser innern Selbstmacht an, um ein denkendes Wesen zu werden. Auch machen die Thaͤtigkeiten der vorstellen- den Kraft das ganze Denken nicht aus. Der eigent- liche Aktus des Gewahrnehmens, wovon der Verhaͤlt- nißgedanke abhaͤngt, ist wesentlich von allen Thaͤtigkei- ten der vorstellenden Kraft unterschieden. Das Vermoͤ- gen, Vorstellungen zu haben, ist zwar ebenfalls eine Folge von einer innern Selbstthaͤtigkeit in dem Gefuͤhl, Q q 3 oder IX. Versuch. Ueber das Grundprincip oder in dem Vermoͤgen, womit wir Modifikationen auf- nehmen und zuruͤckwirken, so wie das Vermoͤgen ge- wahrzunehmen es auch ist; aber jenes ist die Selbstthaͤ- tigkeit der Grundkraft von einer andern Seite betrachtet. Das Wachs nimmt einen Abdruck an von einem Koͤrper, der auf solches herunterfaͤllt, wirket zuruͤck, und behaͤlt die Figur, ohne doch, wie die elastische Feder, diesen Koͤrper, wenn er zur Ruhe gebracht ist, von neuen von sich abzustoßen. Laß das Wachs nun selbstthaͤtig seyn, indem es die Figur annimmt, laß es sich solche, selbst, so zu sagen, geben, oder zum Theil doch mit wirken, wenn es sie empfaͤngt, so mag es sie auch, wenn sie ein- mal sich etwas verlohren hat, aus sich selbst wieder er- wecken koͤnnen. Dieß hieße so viel, als: das Wachs wuͤrde Reproduktionskraft besitzen. Aber diese Wirkung ist nicht jene neue Aktion, womit die Feder den Koͤrper, der sie modificirt, zuruͤck treibet. Diese beiden Wir- kungen sind doch den Begriffen nach unterschieden, und also auch die Vermoͤgen dazu; wenn es auch unausge- macht ist, ob und in wie ferne die eine von der andern getrennet seyn kann. Die vorstellende Kraft hat nur mit passiven Modifikationen zu thun, welche schon auf- genommen sind, und mit Aktionen, die schon einmal vorgenommen worden sind, und Spuren hinterlassen haben; dagegen ist das Vermoͤgen, Verhaͤltnisse zu denken, ein Vermoͤgen, eine neue Modifikation her- vorzubringen, und zwar da, wo der Uebergang von ei- ner Vorstellung zu andern gefuͤhlet wird. Nach den Begriffen zu urtheilen, auf welche die bisherige Aufloͤ- sung gefuͤhret hat, lassen sich Wesen gedenken, die fuͤh- len, Bilder haben, Bilder wieder erwecken und auf einander beziehen koͤnnen, ohne doch gewahrnehmen und denken zu koͤnnen; ob es gleich unwahrscheinlich ist, daß Gefuͤhl und Vorstellungskraft in einem merklichen Grade vorhanden seyn koͤnne, ohne daß aufs mindeste ein schwacher Grad des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. Grad der Apperception damitverbunden sey. Zum Den- ken wird erfodert, nicht nur, daß Eindruͤcke und Modi- fikationen aufgenommen, gefuͤhlet, und selbstthaͤtig wie- der erneuert werden; nicht nur, daß das fuͤhlende Wesen Selbstthaͤtigkeit besitze, und auch in neuen Veraͤnderun- gen sich wirksam beweise; sondern es gehoͤrt noch dazu, daß selbst die Veraͤnderungen in der Richtung der vor- stellenden Kraft in ihrem Uebergang von einem Bilde zum andern, merkliche neue Modifikationen nach sich ziehen, die besonders gefuͤhlet werden, und alsdenn noch eine neue Aktion des Gefuͤhls auf sich annehmen. Nun ist es doch an sich nicht unmoͤglich, daß die einzelnen Ge- fuͤhle und Vorstellungen, welche Gegenstaͤnde der vor- stellenden Kraft sind, zwar merklich genug sind, ohne daß auch die Uebergaͤnge, und Veraͤnderungen in der Richtung der Kraft es sind. Wenn die letztern entweder gar keine besondere absolute Veraͤnderungen nach sich zie- hen, oder so schwache, daß solche fuͤr sich besonders nicht gefuͤhlet werden koͤnnen; oder wenn das Princip des Fuͤhlens in seinem Jnnern wesentlich zu wenig selbst- thaͤtig ist, als daß es bey diesen zarten Gefuͤhlen zu einer neuen thaͤtigen Kraftaͤußerung gebracht werden koͤnnte, — sondern sich hiebey durchaus nicht weiter, als wie ein blos reagirendes Wesen beweisen koͤnnte, — wie sollte da ein Denkaktus zu erwarten seyn? Jndessen hebet dieses das vorige Resultat nicht auf. Fuͤhlen, Vorstellungen haben und denken, sind Faͤhig- keiten Eines und desselbigen Grundvermoͤgens, und nur von einander darinn unterschieden, daß das naͤmliche Princip in verschiedenen Richtungen auf verschiedene Ge- genstaͤnde, und mit groͤßerer oder geringerer Selbstthaͤ- tigkeit wirket, wenn es bald wie ein fuͤhlendes, bald wie ein vorstellendes, und bald mehr als ein denkendes We- sen sich offenbaret. Q q 4 3. Diese IX. Versuch. Ueber das Grundprincip 3. Diese angegebene Beziehung des Denkens, des Vorstellens und des Empfindens gegen einander, laͤsset sich nicht allein mit den Beobachtungen zusammen rei- men, sondern die letztern erheischen jene fast nothwendig. Um das wenigste zu sagen, so wird sie durch folgende Bemerkungen bestaͤtiget. Es ist ein allgemeines Gesetz, „daß jede Empfin- „dung die Seelenkraft zu einer Aeußerung irgend eines „Vermoͤgens reize, und zur wirklichen Thaͤtigkeit bewe- „ge, wenn ihre Kraft innerlich dazu den erfoderlichen „Grad der Staͤrke besitzet.‟ Auf jeden Eindruck er- folget in dem thierischen Koͤrper eine Reaktion, die aus- waͤrts in den Koͤrper hingehet, und eine Bewegung irgendwo bewirket. Dasselbige gilt von der Seele, de- ren Grundkraft reizbar ist. Jede Empfindung reizet sie. So muß ja auch das Gefuͤhl des Uebergangs zu ei- ner Thaͤtigkeit reizen. Und die Thaͤtigkeit muß ihre Wirkung haben. Nun lehret die Erfahrung, daß jenes Gefuͤhl unmittelbar das Gewahrnehmen zur Folge habe. Da haben wir also die Wirkung derjenigen Kraftaͤuße- rung, welche durch die Empfindung des Uebergangs er- reget wird. Ferner ist das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse der Vor- stellungen ein schwaͤcheres Gefuͤhl, als das Gefuͤhl der ersten Eindruͤcke von außen, und als anderer Selbstge- fuͤhle neuer Modifikationen. Daher reizen auch die letztern staͤrker und leichter. Daraus folget, die Seele muͤsse Vorstellungen machen, ehe sie denken kann, so wie sie eher empfinden muß, als sie Vorstellungen haben kann. Es ist dieß dieselbige Ordnung, in der sich die Vermoͤgen zu fuͤhlen, vorzustellen und zu denken, nach der Erfahrung, entwickeln. Denken setzet einen erhoͤheten Grad der innern Selbst- thaͤtigkeit in der Seelenkraft, sowohl in dem Vorstel- lungs- des Empfindens, des Vorstellens ⁊c. lungsvermoͤgen, als in dem Gefuͤhl voraus, nach dem Begriff. Aber eben so nach den Beobachtungen. Und dieß wird dadurch bestaͤtiget, daß Vernunft und Frey- heit zu gleicher Zeit sich offenbaren, welche beide Folgen einer erhoͤheten Selbstthaͤtigkeit sind. Endlich so scheinet die oben angefuͤhrte Aehnlichkeit in den Wirkungsgesetzen der Vorstellungskraft und der Denkkraft, als Beziehungsvermoͤgen betrachtet, es ganz zu entscheiden, daß es Eine und die naͤmliche innere Kraft sey, welche sich in beiden Vermoͤgen aͤußert, und nur in ihren Richtungen und Graden verschieden sind. Bei- de sind sie das thaͤtig wirkende Princip, welches sich aus- laͤsset, wo es durch Empfindungen gereizet worden ist; und beide wirken auf dieselbige Art. Bis so weit kann man voͤllig sicher fortgehen. Ob aber dennoch diese Jdee von dem Grundprincip der Verstandesvermoͤgen nichts mehr als eine Hypothese sey, und ihres innern Zusammenhangs und Uebereinstim- mung mit den Beobachtungen ohngeachtet wohl nur eine bloße Moͤglichkeit seyn koͤnne, das will ich zwar noch ger- ne dem Urtheil scharfsinniger Forscher uͤberlassen, aber ich meine es doch nicht. Wer die vorhergehende Erfah- rungen nochmals in Verbindung uͤberdenken will, wird zum mindesten doch einraͤumen, daß diese Jdee bis zu einem solchen Grade der Gewißheit gebracht sey, wozu in jeden aͤhnlichen Beyspielen die physischen Untersuchun- gen uͤber die innern Kraͤfte der Dinge gebracht worden sind. Q q 5 Zehnter X. Versuch. Ueber die Beziehung Zehnter Versuch. Ueber die Beziehung der Vorstellungskraft auf die uͤbrigen thaͤtigen Seelen- vermoͤgen. I. Von der Abtheilung der Grundvermoͤgen der Seele. 1) Es ist zu vermuthen, daß die Aufloͤsung aller uͤbrigen Seelenaͤußerungen auf Ei- ne und dieselbige Grundkraft zuruͤckfuͤh- ren werde, aus der die Verstandeswir- kungen entstehen. 2) Von den verschiedenen Grundvermoͤgen der Seele. Gefuͤhl, Verstand, Thaͤtig- keitskraft, oder Wille. 1. D ie Aufloͤsung der Verstandeswirkungen haben auf ein Grundvermoͤgen in der Seele gefuͤhret, das sich veraͤndern lassen, mitwirkend diese Veraͤnderungen auf- nehmen, solche fuͤhlen, und dann thaͤtig wieder auf sie zuruͤckwirken kann. Mit einem Wort auf eine fuͤhlende thaͤtige Kraft, die zu einer gewissen Stufe entwickelt, und in einer gewissen Richtung sich als Denkkraft offen- baret. Es ist sehr natuͤrlich, auf die Muthmasung zu verfallen, eine gleiche Aufloͤsung der uͤbrigen Seelenaͤuße- rungen werde auf dasselbige Princip hinfuͤhren. Soll- ten nicht wohl alle Bestrebungen, Handlungen, Wil- lensaͤußerungen, und, wie man weiter das Mannigfal- tige der Vorstellungskraft ⁊c. tige nennen will, was sich in der Seele unterscheiden laͤsset, und wozu man ihr gewisse Vermoͤgen oder Faͤhigkeiten zuschreibet, eben so wohl als das Vorstellen und Denken Ausfluͤsse einer und derselbigen Grundquelle seyn? Wir- kungen eines und desselben einfachen selbstthaͤtigen Prin- cips, die in nichts als an ihren Richtungen, und Groͤ- ßen von einander unterschieden sind? Sollte sich dieß nicht deutlich darstellen, wenn die uͤbrigen Seelenaͤuße- rungen mit den Wirkungen des Verstandes verglichen, und die Beziehung jener auf diese untersucht wird? Dieß ist eine so natuͤrliche und wahrscheinliche Jdee, daß ich befuͤrchten muß, sie habe unvermerkt als ein Vorurtheil gewirkt, da ich sie in den Beobachtungen bestaͤtiget fand. Nirgend hat man Ursache sich sorgfaͤltiger zu huͤten, daß man nicht von dem Geist des Systems geblendet werde, als da, wo die Natur sich so gleich in der Gestalt zu zei- gen scheinet, in der man vorher sich eingebildet hatte, sie zu finden. Alsdenn schmeichelt die scheinbare Evidenz und hintergeht uns. Dennoch aber kann man die Augen nicht zuschließen, wenn Einfachheit, Uebereinstimmung und Zusammenhang im Lichte vor uns liegen. 2. Die Vergleichung der Beobachtungen lehrte bald, die Veraͤnderungen und Wirkungen der Seele auf einige wenige Grundvermoͤgen zu reduciren, ob sie gleich sehr mannigfaltig zu seyn schienen. Es ist offenbar, daß vie- le abgeleitete Vermoͤgen in nichts anders bestehen, als in verschiedenen Graden der Staͤrke, womit dieselbige Grundkraft wirket; daß andere bloß verschiedene Rich- tungen sind, in der sie wirket; andere auch nur von der Verschiedenheit der Objekte abhangen. Aber wie viele solcher Grundvermoͤgen, und welche dafuͤr zu halten sind, daruͤber sind die Psychologen nicht einerley Meinung. Die meisten nennen, wie der Katechismus, zwey, den Verstand X. Versuch. Ueber die Beziehung Verstand und den Willen; aber wenn sie die Graͤn- zen dieser Grundvermoͤgen bestimmen, so gehen sie sehr von einander ab. Andern scheinet noch ein drittes Prin- cip, ein Vermoͤgen, Empfindnisse zu haben, unter dem Namen Empfindsamkeit erfodert zu werden. Hr. Sulzer bringet alle auf zwey urspruͤngliche Faͤhigkeiten, auf Empfindsamkeit und Erkenntnißkraft. Jn so ferne dergleichen Abtheilung nichts als bloße Gedaͤchtnißmittel seyn sollen, um die mannigfaltige See- lenveraͤnderungen desto leichter uͤbersehen zu koͤnnen, ist eben keine besondere Sorgfalt noͤthig, wenn man Eine auswaͤhlen will. Aber wenn man zugleich die Nebenabsicht dabey hat, die man gewoͤhnlich hat, daß durch die Vereini- gung mehrerer Modifikationen zu Einer Klasse eine ver- haͤltnißmaͤßige innere Gleichartigkeitund Ungleichartigkeit in ihnen festgesetzet werden soll, so kann eine solche Klassifi- kation auch nur das Resultat der genauesten Aufloͤsung seyn. Aus der Aufloͤsung der Erkenntnißkraft hat sichs er- geben, daß in der Seele ein dreyfaches Vermoͤgen un- terschieden werden kann. Zuerst besitzt sie ein Vermoͤ- gen, sich modificiren zu lassen, Empfaͤnglichkeit, Re- ceptivitaͤt oder Modifikabilitaͤt. Dann ein Vermoͤ- gen, solche in ihr gewirkte Veraͤnderungen zu fuͤhlen. Beides zusammen macht das Gefuͤhl aus. Außer dieß hat sie ein reizbares Vermoͤgen, auf die empfangene Mo- difikationen noch ferner zu wirken. Es entstehet aber keine Veraͤnderung in der Seele, die nicht von einem dunkeln Gefuͤhl begleitet wird. Dieß ist wahrscheinlich, wenn wir der Analogie der Beobach- tungen nachgehen, und ist nothwendig, da wir aus den bekannten Beschaffenheiten des Gefuͤhls sicher annehmen koͤnnen, daß es in der Seele eben so etwas sey, als bey dem Koͤrper die Kraft der Traͤgheit, mit der er reagirt, so oft ihm eine Bewegung, oder ein Trieb von Bewe- gung mitgetheilet wird. Daher ist das Gefuͤhl, und die Rece- der Vorstellungskraft ⁊c. Receptivitaͤt eins und dasselbige Vermoͤgen. Die Seele nimmt etwas an, indem sie fuͤhlet, und fuͤhlet, indem sie sich modificiren laͤßt, und etwas annimmt. Jndes- sen mag man, wenn man will, die Modifikabilitaͤt vom Gefuͤhl unterscheiden, und das letztere, daß naͤm- lich die Seele ihre Modifikationen fuͤhlet, als ein Unter- scheidungsmerkmal einer geistlichen Empfaͤnglichkeit ansehen. So mag es denn auch dahin gestellet seyn, ob jedwede Aufnahme einer Modifikation mit Fuͤhlen ver- bunden sey. Aber dieß wird hier nicht hindern die Em- pfaͤnglichkeit und das Gefuͤhl zusammen unter dem letztern Namen zu begreifen, und also das Gefuͤhl in diesem Verstande als Eine von ihren Grundfaͤhigkei- ten anzunehmen. Die vorstellende und denkende Kraft war beides eine Folge einer innern thaͤtigen Kraft, mit der die Seele etwas hervorbringet, wenn sie gefuͤhlet hat. Die Wir- kungen dieser Vermoͤgen sind in ihr selbst, oder doch in demjenigen Theil des Gehirns, den wir zu unserm Jch rechnen. Die erste, die Vorstellungskraft beschaͤftiget sich mit den Spuren der empfundenen Modifikationen; die Denkkraft wirket auf die Vorstellungen, und bringet etwas aus sich hervor. Aber Denken sowohl als Vor- stellen sind beides Wirkungen einer selbstthaͤtigen Kraft. Die Seele also besitzet Gefuͤhl und thaͤtige Kraft, das ist eine Kraft, thaͤtig etwas hervorzubringen, wenn sie modificiret worden ist. Jene ist ihre Receptivitaͤt, dieses ihre Aktivitaͤt. Sie wirket in sich selbst, oder außer sich in den Koͤrper, bey welcher Eintheilung der gemeine Unter- schied zwischen Seele und Koͤrper zum Grunde geleget wird. Wenn es eine Bewegung ist, was durch ihre Kraft bewirket wird, so ist dieß eine herausgehende Thaͤtigkeit ( actio transiens ), welche der in ihr blei- benden ( immanens ) entgegen gesetzet wird. Die Thaͤ- tigkeiten X. Versuch. Ueber die Beziehung tigkeiten der vorstellenden Kraft und der Denkkraft ge- hoͤren zu den letztern. Wenn die vorstellende Kraft als ein besonderer Zweig ihrer thaͤtigen Kraft angesehen wird, so kommt das daher, weil ihre Wirkung, die Vorstellung naͤm- lich, als eine eigene Art von Modifikationen, die sie in sich hervorbringet, von den uͤbrigen sich besonders aus- nehmen. Die Vorstellungen sind Veraͤnderungen, die sich auf andere vorhergegangene auf eine naͤhere Art be- ziehen, und hinterlassene Spuren oder Nachbildungen von andern sind. Darum koͤnnen sie nicht so wohl fuͤr neue Veraͤnderungen gehalten, als vielmehr fuͤr Ueber- bleibsel und Wiederholungen von denen, die schon vorher da gewesen sind. Jn so ferne die Seele Vorstellungen machet und Vorstellungen bearbeitet, ist ihre Kraft mit ehemals schon gefuͤhlten Modifikationen beschaͤftiget. Und da die Denkkraft auf Vorstellungen wirket, so kann man auch von ihr mehr sagen, daß sie mit ehemaligen Seelenbeschaffenheiten zu thun habe, als neue hervor- bringe. Jndessen ist doch hier das Gewahrnehmen et- was Neues. Aber die Seele wirket auch neue Veraͤnderungen, die keine Vorstellungen sind. Laß sie eine Modifikation angenommen haben oder in einen gewissen Zustand ver- setzet seyn, und diesen fuͤhlen, so ist ihre thaͤtige Kraft in zwoen verschiedenen Richtungen beschaͤftiget. Jn der einen sucht sie die gefuͤhlte Modifikation in sich zu erhal- ten, sie nachzubilden, und diese Nachbildungen zu bear- beiten. Da aͤußert sie sich im Vorstellen und Denken. Jn der andern Richtung schreitet sie selbstthaͤtig weiter, und bringet entweder neue Abaͤnderungen ihres innern Zustandes hervor, oder wirket außer sich in dem Koͤrper; oder thut beides zugleich. Jn so ferne aͤußert sich ihre thaͤtige Kraft in Aktionen, die keine Vorstellungsaktio- nen sind. Soll eine jede innere neue Modifikation in der der Vorstellungskraft ⁊c. der Seele zu den Empfindungen gerechnet werden, weil sie gefuͤhlet und empfunden wird, so haben wir alle Ef- fekte der Seele auf Empfindungen und Vorstellungen gebracht. Einige reden so; andere nennen alles Vor- stellungen. Die neu entstandene Modifikation, welche durch die thaͤtige Seelenkraft gewirket ist, wie auch die Vorstel- lung, welche sie gemacht hat, werden von neuen gefuͤh- let, oder koͤnnen doch gefuͤhlet werden. Dieß neue Ge- fuͤhl reizet zu einer neuen Kraftaͤußerung, welche eben so verschieden ist und seyn kann, als die erstere. Alsdenn faͤnget eine neue Reihe von Veraͤnderungen an. Wenn wir also bey einer einfachen Reihe stehen bleiben, so ge- hoͤrt nichts mehr dahin, als was zwischen zweyen zunaͤchst auf einander folgenden Gefuͤhlen vorgehet. Da ist eine neue Modifikation, sie sey eine thaͤtige oder eine leident- liche, und ihre Empfindung; dann folget eine Vor- stellung, oder eine von neuen thaͤtige Aktion, oder bei- des zugleich. So wohl die Vorstellungsthaͤtigkeit, als die neue Aktion hat wiederum ihre leidentliche Folge, welche von neuen gefuͤhlet wird, und den Stoff zu den Vorstellungen von der Handlung hergiebet. Zweeter Versuch. II. 5. Nun kann die Frage, deren Beantwortung ich hier suche, genau bestimmet werden: „Wie verhaͤlt sich „das thaͤtige Vermoͤgen der Seele, womit sie neue „Modifikationen hervorbringet, zu der Kraft, welche „Vorstellungen macht und denket?‟ Die letztere ist das selbstthaͤtige Gefuͤhl. Jst die er- stere etwas anders? Jenes hat sich aus der Aufloͤsung der Denk- und Vorstellungsaktionen gezeiget; sollte nun nicht eine aͤhnliche Zergliederung und Vergleich n ng bey den Aeußerungen der zwoten Kraft erfodert werden. Hier ist die Mannigfaltigkeit der Wirkungen groͤßer, und also die Aufloͤsung schwieriger. So vortreflich und frucht- bar X. Versuch. Ueber die Beziehung bar diese Arbeit seyn wuͤrde; denn was waͤre es anders, als eine Zergliederung des Willens und des Herzens? so will ich hier mich ihr doch entziehen, und nur das All- gemeine herausnehmen, was diese ganze Gattung von Aktionen an sich hat, und dieß mit den Aktionen des Verstandes vergleichen. Jch vermuthe von meinem philosophischen Leser die schaͤrfste Pruͤfung, und daher schon zum voraus einen Einwurf gegen die angezeigte Art des Verfahrens, den ich abzulehnen suchen will. Wie kann die thaͤtige Kraft der Seele, die in unendlich mannigfaltigen neuen Mo- difikationen, in ihr und außer ihr in dem Koͤrper, sich aͤußert, mit dem Verstande verglichen werden, wenn nicht jener ihre Aeußerungen vorher besonders unter- sucht, verglichen, und auf dieselbige Art auf Ein Prin- cip zuruͤckgefuͤhret werden, wie es mit den Verstandes- wirkungen geschehen ist? Wird nicht dadurch das un- erwiesene vorausgesetzet, daß alle jene Aeußerungen zu Einem und demselben Grundvermoͤgen hingehoͤren? Und kann dieß vorausgesetzet werden? Kann man es gerade zu annehmen, es sey dieselbige Grundkraft, mit der die Seele begehrt und will, sich bestimmet, anstren- get oder nachlaͤßt, und dieselbige, mit der sie die Glie- der ihres Koͤrpers in Bewegung setzet? Jch antworte; dieß soll nicht als erwiesen angenom- men werden. Aber wenn aus demjenigen, was in al- len Aeußerungen der thaͤtigen Kraft gemeinschaftlich angetroffen wird, sichs offenbaret, daß das Grundver- moͤgen derselben mit dem Grundvermoͤgen zum Vor- stellen innerlich einerley ist, so soll daraus ihre Gleichar- tigkeit gefolgert werden. Dazu bedarf es alsdenn kei- ner weitern Vergleichung der verschiedenen besondern Ar- ten mit einander. Aber woferne diese Gleichartigkeit aus den allgemeinen Beschaffenheiten nicht erhellet, so gestehe ich, man muͤßte ins Besondere gehen, alle unter- schiede- der Vorstellungskraft ⁊c. schiedenen Kraftaͤußerungen und Willenswirkungen un- tersuchen, zergliedern, und dann erst nach angestellter Vergleichung urtheilen. Um mich in dem Folgenden kuͤrzer ausdruͤcken zu koͤnnen, will ich alle Thaͤtigkeiten der Seele, durch die sie neue Modifikationen in ihr und außer ihr hervor- bringt, und die so wohl von dem bloßen Fuͤhlen, als auch von den Aktionen des Vorstellens und Den- kens unterschieden sind, unter Einem Namen befassen, und das Vermoͤgen dazu uͤberhaupt die thaͤtige Kraft der Seele in einer engen Bedeutung, oder ihre Thaͤtig- keitskraft nennen. Auf diese Art zaͤhle ich drey Grund- vermoͤgen der Seele. Das Gefuͤhl, den Verstand und ihre Thaͤtigkeitskraft. Das Gefuͤhl begreifet sowohl ihre Modifikabilitaͤt, oder Empfaͤnglichkeit, als auch das bloße Gefuͤhl der neuen Veraͤnderungen in sich. Die vorstellende Kraft und die Denkkraft zusammen, gehoͤren alsdenn zum Verstande, und das uͤbrige Vermoͤgen, welches nun mit dem Gefuͤhl und dem Verstande zu vergleichen ist, hat den letzten Namen, Thaͤtigkeitskraft, (Willen). Dieser Abtheilung, der ich hier folge, weil sie mir die bequemste zu meiner jetzigen Absicht ist, will ich nicht mehr Realitaͤt zugeschrieben haben, als ihr vermoͤge der Beobachtungen zukommt. Suchet man das Fach, wo- hin die Empfindsamkeit, das ist, die Aufgelegtheit zu angenehmen und unangenehmen Gemuͤthsbewegungen gehoͤre, so meine ich, die Erfahrungen, die in dem Ver- such uͤber die Empfindungen angefuͤhret sind, lassen kei- nen Zweifel, daß diese Beschaffenheit nicht von einer ge- wissen Feinheit der Modifikabilitaͤt und des Gefuͤhls ab- hange. Empfindsam seyn, setzet nur voraus, daß die Seele nicht blos aufgelegt ist, von starken Eindruͤcken von außen und von innern Thaͤtigkeiten modificiret zu werden; sondern daß sie auch Veraͤnderungen annehmen I. Band. R r kann, X. Versuch. Ueber die Beziehung kann, die aus den Verhaͤltnissen und Beziehungen ent- springen, worinn jene Empfindungen und Vorstellungen unter sich stehen, und die ihrer Beziehung auf den Zu- stand der Seele gemaͤß sind. Jn so weit ist die Em- pfindsamkeit nichts, als eine groͤßere und feinere Modi- fikabilitaͤt in dem Jnnern, nebst einem feinen Gefuͤhl; und ist fuͤr sich allein keine Wirkung der thaͤtigen Kraft, weder der vorstellenden noch der handelnden. Der Em- pfindsame leidet, wenn er Empfindnisse hat; so viele Thaͤtigkeit der Seele auch vorher erfodert werden mag, ehe er empfindsam geworden ist, das ist, eine solche Fein- heit des Gefuͤhls erlanget hat. Es ist blos Leiden und Fuͤhlen, wenn der Kenner von den feinern Schoͤnheiten eines Gedichts, einer Statue, eines Gemaͤldes u. s. f. geruͤhret wird. Aber daß er dieses Gefuͤhls faͤhig ist, hat lebhafte Thaͤtigkeiten, Vorstellungen und Ueberle- gungen gekostet, durch welche die natuͤrliche Traͤgheit und Ungeschmeidigkeit der Seele gehoben werden muͤssen. Denn aus einer traͤgen und todten Masse ist sie zu einem lebenden, jedem Eindruck offenen, leicht beweglichen gefuͤhlvollen Wesen gemacht worden. Ueberdieß ist jed- wedes Empfindniß ein Reiz zu neuen thaͤtigen Aeuße- rungen, die den Unempfindlichen nicht anwandeln. Diese fernern mittelbaren Folgen der Empfindsamkeit muß man eben so, wie ihre vorhergehende entfernte Ursache abrech- nen; dann bleibet fuͤr sie selbst nichts mehr, als ein hoͤ- herer Grad der innern Empfaͤnglichkeit und des Empfindungsvermoͤgens uͤbrig. Zweeter Versuch III. 3. V. 1. Das Wort Wille wird noch selten anders gebraucht, als da, wo die Seele sich selbst nach schon vorhande- nen Vorstellungen zu ihrer Kraftaͤußerung bestimmet. Wenn der Wille fuͤr das ganze Vermoͤgen, thaͤtig zu seyn, — Vorstellungen machen und Denken abgerech- net, — genommen wird, so koͤnnen fuͤr die drey Grund- vermoͤgen der Vorstellungskraft ⁊c. vermoͤgen der Seele mehr gewoͤhnliche Benennungen ge- brauchet, und Gefuͤhl, Verstand und Willen ge- nannt werden. So viel wird hinreichen, Mißdeutun- gen in dem folgenden vorzubeugen. II. Von der Natur der Vorstellungen, die wir von unsern Thaͤtigkeiten haben. 1) Jede Aeußerung der thaͤtigen Kraft ist vorher instinktartig erfolget, ehe eine Vorstellung von ihr hat gemacht werden koͤnnen. 2) Die instinktartigen Thaͤtigkeiten sind Aeußerungen der thaͤtigen Seelenkraft, die durch Empfindungen gereizet und be- stimmet ist. 3) Entstehungsart der Vorstellungen, die wir uns von unsern eigenen Aktionen ma- chen. Zuerst, was zu einer vollstaͤndi- gen Empfindung einer Aktion erfodert wird. 4) Was in der Wiedervorstellung einer Aktion enthalten sey. Die Vorstellung von einer Aktion enthaͤlt einen Ansatz zu der Aktion selbst. 1. D er erste Erfahrungssatz, den ich hier zum Grunde lege, ist folgender: „Wir haben keine Vorstel- „lung noch Jdee von irgend einer Aeußerung der thaͤti- „gen Seelenkraft, und von irgend einer Wirkungsart R r 2 „dersel- X. Versuch. Ueber die Beziehung „derselben, die sich nicht vorher instinktartig schon geaͤus- „sert haͤtte, und gefuͤhlet worden waͤre.‟ Wir haben ja selbst Vorstellungen schon in uns gemacht, sie wieder erwecket, sie gegen einander gestellet, verglichen, und geurtheilet, ehe wir wissen, was dieß in uns sey, und ehe wir eine Jdee davon haben koͤnnten. Auf gleiche Art muͤssen wir die Glieder des Koͤrpers gebrauchet ha- ben, ehe wir eine Jdee von diesen Bewegungen erlan- gen koͤnnen. Ehe wir uns einen Begriff machen von einer Selbstbestimmung, von einem Entschlusse, sind alle diese Handlungen schon vorher von uns verrichtet worden. Auch hier bestaͤtiget die Erfahrung den allge- meinen Satz, daß jedwede Vorstellung eine vorherge- gangene Empfindung erfodere, aus der sie genommen worden ist. Dagegen haben wir auch keine Jdeen von Handlungen, die wir nicht empfunden haben. Wir koͤnnen nicht fliegen, wie die Voͤgel, wir haben also auch von dieser Aktion selbst keinen weitern Begriff, als nur den von ihren Wirkungen, die empfunden worden sind, nebst der unbestimmten Jdee von der Anstrengung der Arme und der Fuͤße, und von einer rudernden Bewe- gung, dergleichen wir selbst empfunden haben. Die Vorstellung ist bey uns eine selbstgemachte Fiktion. Was das Schwimmen fuͤr eine Handlung sey, davon hat ei- ner, der es nie selbst versucht, keine andere Vorstellung, als ein Hottentotte von dem tiefsinnigen Nachdenken. Dieser Satz also, „daß instinktartige Kraftaͤus- serungen vorhergehen, ehe wir Vorstellungen von ihnen haben koͤnnen,‟ ist von einer gleichen Zu- verlaͤßigkeit, wie der Satz, daß alle Vorstellungen vor- hergehende Empfindungen erfodern. Aber dieser letzte Satz ist in dem Umfange wahr, in dem es wahr ist, daß alle Vorstellungen nichts anders sind, als hinterbliebene Spuren von absoluten Modifikationen, die vorher gefuͤh- let worden sind. Daher der Vorstellungskraft ⁊c. Daher muß hier auch dieselbige Einschraͤnkung hin- zugesetzet werden. Die Dichtkraft kann aus dem er- langten Stoff von Vorstellungen, neue originelle Vor- stellungen machen. Zu einer aͤhnlichen Arbeit ist sie auch bey dieser besondern Art aufgeleget, die wir von unsern Willensaͤußerungen haben. So wie sie die Vorstellun- gen von den Objekten, als die Gegenstaͤnde unserer Kraftaͤußerungen, trennen, verbinden, aufloͤsen und vereinigen kann; so kann sie auch die Vorstellungen von unsern Kraftanwendungen selbst bearbeiten. Dieß kann sie bey vorstellenden und Denkthaͤtigkeiten, und auch bey den uͤbrigen Handlungen. Aber bey allen auch nur auf eine aͤhnliche Art, nach denselben Gesetzen, und durch dieselbigen Mittel. 2. „Die ersten instinktartigen Thaͤtigkeiten der Seele „uͤberhaupt bestehen in Aeußerungen ihres thaͤtigen „Grundprincips, das durch |vorhergegangene Empfin- „dungen gereizet, und davon in seiner Richtung bestim- „met wird.‟ Der sinnliche Eindruck bringet die Reaktion hervor, durch welche die Vorstellung von dem Objekt gemacht wird. Die Empfindung eines Baumes bestimmet die Seele zu der Vorstellung eines Baums; die Empfin- dungen der Farben zu Vorstellungen der Farben; die Eindruͤcke der Toͤne, zu den Vorstellungen von Toͤ- nen u. s. w. Der Unterschied in den Wirkungen ent- spricht der Verschiedenheit der auffallenden Modifikatio- nen, die gefuͤhlet werden. Aber die innere thaͤtige Kraft, welche wirket, ist dieselbige. Jst es wohl philosophisch, zu glauben, daß ein anders Grundprincip der Seele die Gesichtsideen, ein anderes die Gehoͤrsideen hervorbringe? Jst es wahrscheinlich, daß in dem blinden Englaͤnder eine neue Kraft zur Wirksamkeit gebracht ward, als ihm R r 3 Cheßel- X. Versuch. Ueber die Beziehung Cheßelden zum Gesicht verhalf? Bestand das neue Ver- moͤgen nicht offenbar nur in einer neuen Richtung seiner vorstellenden Kraft auf neue Gegenstaͤnde. Es ist noch zu bemerken, daß, wenn eine Vorstel- lung gemacht wird, die Seele auf gewifse Theile ihres Gehirns wirke; und daß diese verschieden sind, nachdem es diejenigen sind, welche in der Empfindung veraͤndert werden. Das Vorstellen ist also selbst eine Art von Zu- ruͤckwirkung, die, in so ferne sie außer der Seele selbst herausgeht, gewisse Theile ihrer Vorstellungsmaschine zum Gegenstand hat. Was sind nun die instinktartigen Aeußerungen ihrer Thaͤtigkeitskraft, womit die Seele sich selbst modificiret, und womit sie Bewegungen in dem Koͤrper hervorbringet, anders, als Aeußerungen ihrer Grund- kraft, die durch Empfindungen erreget und gelenket wird? Es sind Gefuͤhle, Empfindungen von Sachen, Gegen- staͤnden, Beschaffenheiten, und Ruͤhrungen oder Em- pfindnisse, das ist, angenehme oder unangenehme Ge- fuͤhle, die sie bestimmen. Wenn man die Willens- aͤußerungen von den Aktionen des Verstandes unterschei- det, so sind die Reize zu jenen mehr in Empfindnissen, als in den gleichguͤltigen Empfindungen. Die gleichguͤl- tigen Eindruͤcke werden empfunden und vorgestellet, hoͤch- stens auch gedacht; weiter reget sich das thaͤtige Wesen nicht; aber Schmerz und Vergnuͤgen bestimmet die Thaͤtigkeitskraft zu einer neuen Aktion, und zur Hervor- bringung neuer Modifikationen. Daher entstehen Be- strebungen, ihren Zustand zu behalten, oder auch ihn zu veraͤndern, das ist, die Kraft empfaͤngt neue Spannung, und wird in eine neue Richtung gebracht. Man hat so oft behauptet, der Wille erfodere Vor- stellungen, wodurch seine Aeußerungen bestimmet wer- den, wenn er wirken soll. Jst der Vorstellungskraft ⁊c. Jst von der thaͤtigen Kraft der Seele uͤberhaupt die Rede, und unterscheidet man die Vorstellungen von Empfindungen, so kann diese Behauptung mit den Be- obachtungen nicht bestehen. Denn ehe wir Vorstellun- gen von den Aktionen des Vorstellens und des Denkens erhalten koͤnnen, muͤssen wir mit der vorstellenden Kraft gewirket haben, und also von dieser Seite wirksam ge- wesen seyn. Aber wenn es nur auf die Willensaͤuße- rungen eingeschraͤnket wird, so kann allerdings die Frage aufgeworfen werden: „ob es das Gefuͤhl unmittelbar „sey, was den Willen zur Wirksamkeit bringe? oder ob „noch zwischen dem Gefuͤhl und zwischen der neuen Kraft- „aͤußerung, eine Wirkung der vorstellenden Kraft ein- „treten, und sich eine Vorstellung von dem Objekt der „Aktion gemacht haben muͤsse?‟ Ob naͤmlich das Gefuͤhl aufgehoͤret haben muͤsse, Gefuͤhl zu seyn, und in eine Em- pfindungsvorstellung von der Sache uͤbergegangen sey? Es versteht sich, daß wir keine Vorstellung von der Aktion selbst haben koͤnnen, ehe sie nicht schon vorher verrichtet ist; aber ob wir nicht eine Vorstellung von der die Kraft reizen- den Empfindung haben muͤssen, ehe diese letztere eine wirk- liche Reizung in der Kraft hervorbringet, das ist nicht so offenbar. Jndessen ist es, das mindeste zu sagen, sehr wahrscheinlich, daß es dergleichen Dazwischenkunft der vorstellenden Kraft bey den ersten Willensaͤußerungen nicht beduͤrfe. Die Erfahrung lehret, daß es nicht Jdeen und Gedanken, sondern Empfindungen sind, die uns reizen und in Bewegung setzen. Die Jdeen enthal- ten nur in so ferne die unmittelbaren Reizungen, als sie selbst voͤlliger bestimmt, und den Empfindungen aͤhnlich sind. Da ohnedieß die Vorstellungen und ihre Empfin- dungen nur an Graden unterschieden sind, so kann es nicht zweifelhaft seyn, daß jede bewegende Kraft, welche den Vorstellungen beywohnet, nicht auch den Empfin- dungen in einer noch reichlichern Maaße zukommen sollte. R r 4 Die X. Versuch. Ueber die Beziehung Die Empfindnisse sind eine besondere Art von Ge- fuͤhlen und Empfindungen, die nicht sowohl von den Dingen selbst, welche unsern Zustand veraͤndern, als vielmehr von den Beziehungen dieser Veraͤnderungen auf einander und auf die Seele entstehen. Zweeter Versuch. III. 3. Diese ihre Eigenheit macht es begreiflich, wie und warum sie die thaͤtige Kraft der Seele, den Verstand sowohl als den Willen, zu neuen Thaͤtigkeiten anreizen. Denn da sie reizende Ursachen sind, die nicht von den Sachen, fuͤr sich allein genommen, herruͤhren, so koͤnnen sie die thaͤ- tige Kraft auch nicht allein auf die Sachen selbst zuruͤck- wirkend machen, woraus nur eine Vorstellung von der Sache entstehen wuͤrde. Sie muͤssen ihr eine neue Rich- tung geben, das ist, sie nicht blos zur Bearbeitung des Eindrucks von außen, zur Apprehension der Sache, und zu einer Vorstellung von ihr, sondern zu neuen Hand- lungen in sich oder außer sich hintreiben. Wird das Licht schmerzhaft, so wenden wir die Augen weg; ist der Ton widrig, so arbeiten wir mit Macht, ihn durch andere zu verdraͤngen. Jst die Empfindung dagegen angenehm, so suchen wir sie zu erhalten, und das besteht in neuen Aktionen, die wir vornehmen, ohne welche die ergoͤzende Modifikation verschwinden wuͤrde. Die gleichguͤltigen Empfindungen enthalten gar keine Reize zu neuen Aktio- nen, so weit sie gleichguͤltig sind. Aber diejenigen, die gleichguͤltig fuͤr das Herz sind, koͤnnen interessirend fuͤr den Verstand seyn. Ueberhaupt aber sind es Empfind- nisse, in der Maaße, wie sie die thaͤtigen Vermoͤgen zu neuen Aktionen spannen, die von denjenigen, welche in dem bloßen Gefuͤhl sich aͤußern, verschieden sind. Jch will es hier noch nicht beweisen, daß alle Kraft- aͤußerungen der Seele, des Verstandes und des Willens, in nichts verschieden sind, als nur in Hinsicht der Ver- anlassungen, der Gegenstaͤnde und der Richtung und Staͤrke der Vorstellungskraft ⁊c. Staͤrke der Thaͤtigkeiten. Dieser Satz soll eigentlich erst die Folge seyn, die aus der gegenwaͤrtigen Be- trachtung gezogen werden kann. Genug, wenn die er- sten instinktartigen Aktionen nur Hervorgehungen des gesammten innern Princips sind, die den Empfindnissen gemaͤß sind, und in der Maaße und in der Folge her- vorgelocket werden, wie die sie veranlassende Gefuͤhle vor- handen sind. Die Empfindnisse hangen nicht allein von den Modifikationen ab, die von den auf die Seele wir- kenden Ursachen entstehen, wenn man diese fuͤr sich be- trachtet, sondern auch von Anlage, Dispositionen, Faͤ- higkeiten und andern dermaligen Beschaffenheiten der Seele selbst. Dahero kann der Unterschied zwischen Verstandes- und Willensthaͤtigkeiten auf eine innere Verschiedenheit der Grundvermoͤgen zuruͤckfuͤhren. Dem sey inzwischen wie ihm wolle, so will ich noch eine Aehn- lichkeit anfuͤhren, die den ersten instinktartigen Kraft- aͤußerungen des Willens, und den ersten Aeußerungen des Verstandes zukommt. Wir moͤgen uns selbst innerlich modifieiren, oder außer uns heraus in den Koͤrper wirken, so entstehn in jedem Fall Bewegungen in dem Koͤrper. Sie schei- nen in dem letztern Fall die ganze Wirkung der Kraft allein auszumachen, in dem ersten aber nur begleitende Folgen der Aktion zu seyn. Wenn wir den Arm bewegen, so kommt dabey nichts mehr, als die Bewegung in diesem sichtbaren Theil des Koͤrpers in Betracht. Dagegen, wenn die Seele sich selbst inner- lich modificiret, so ist ihre Wirkung etwas geistiges in ihr selbst, und die in dem Jnnern des Organs entstehen- den Bewegungen, deren Wirklichkeit wir in vielen Faͤl- len nur durch Schluͤsse erkennen, sind nur harmonische Folgen von jener Wirkung. Aber dennoch finden wir in beiden Aktionen, wenn wir sie genauer betrachten, eine Folge in dem Koͤrper und in der Seele selbst. Die R r 5 Seele X. Versuch. Ueber die Beziehung Seele wirket in den Koͤrper; alsdenn bestimmt sie sich selbst, bringet einen Ansatz und ein Bestreben in sich selbst hervor, und von diesem Bestreben entstehen Bewegun- gen in dem Koͤrper, die bis auf die aͤußern sichtbaren Theile herausgehen. Dieß ist eine herausgehende Aktion. Aber was liegt nun in einer immanenten, wenn die Seele auf sich selbst wirket, wenn sie z. B. ei- nen Vorsatz fasset, eine Jdee unterdruͤckt, die Aufmerk- samkeit auf etwas wendet, oder sich zerstreut, u. d. gl. So eine Modifikation wird niemals bewirket, ohne daß auch zugleich Bewegungen im Gehirn entstehen, die sich, wo die Wirkung nur etwas ist, so gleich auswaͤrts bis auf die aͤußere Flaͤche ergießen und hier bemerket werden koͤnnen. Jn beiden Faͤllen, die Seele wirke in sich selbst oder außer sich, faͤngt die Kraft bey sich selbst an, be- stimmet, und veraͤndert sich, und dann zugleich den Koͤrper. Alle Verschiedenheit, die dabey in dem Jn- nern der Aktion vorkommen kann, bestehet darinn, daß ihre Richtung in diesen Faͤllen verschieden ist. Aber die Effekte sind in so weit dieselbigen, daß naͤmlich eine in- nere Modifikation in der Seele, und eine Bewegung in dem Koͤrper zugleich erfolget. Von den Bewegungen in dem Koͤrper, die sonsten der Seele unterworfen sind, giebt es viele, die allein durch koͤrperliche Nervenkraͤfte bewirket werden koͤnnen, wenn diese von außen gereizet werden, ohne daß sie See- lenwirkungen sind, wie z. B. das Zusammenziehen der Muskeln, woran ein Krampf Schuld ist, und die Spruͤnge der Kranken in dem Veitstanz. Dieß gilt nicht blos von ungewoͤhnlichen Bewegungen, sondern auch von gewoͤhnlichen. Es ist vielleicht ein allgemeines Gesetz unserer Natur, „daß jedwede willkuͤhrliche Be- „wegung, ehe sie der Kraft der Seele unterworfen wor- „den ist, von Nervenkraͤften bewirket worden sey, we- „nigstens zum Theil, wenn auch nicht in ihrem voͤlligen „Um- der Vorstellungskraft ⁊c. „Umfang.‟ Was wuͤrde daraus folgen? „Viel- „leicht daß die aller ersten instinktartigen Thaͤtigkeiten „gar keine Seelenaͤußerungen gewesen sind.‟ Laß es blos organische Aktionen des Koͤrpers seyn, von denen man sich aus der Empfindung eine Vorstellung gemacht, und mittelst dieser sie als eine Seelenaktion wiederholet hat. Setzet man dieß voraus, so ist es auch nicht un- moͤglich, daß es sich mit den ersten Aktionen der vor- stellenden Kraft nicht eben so verhalte. Es ist eben so uͤbereinstimmend mit der uns bekannten physischen Na- tur des Menschen, daß auch das Gehirn die empfange- nen sinnlichen Eindruͤcke zuerst durch seine eigene Fibern- kraft in sich eine Weile erhalte, eine Spur von ihnen auf bestaͤndig aufnehme, und was Hr. Bonnet zum Grund- satz seines Systems machet, solche wiedererneuere, ehe die Seele selbst mit ihrem Vorstellungsvermoͤgen dazu- kommt. Die ersten instinktartigen Verstandesthaͤtigkei- ten wuͤrden also hierinn den uͤbrigen Willensthaͤtigkeiten aͤhnlich sey. Aber wenn dieß auch so ist, so sind doch die ersten Nerven- und Fibernaktionen noch keine Seelenthaͤtig- keiten, bis die Seelenkraft selbst sich mit ihnen verbin- det, und diese letztere das innere wirksame Princip wird, wovon die Fibernbewegungen gewirket werden. Ehe dieß nicht geschicht, koͤnnen sie auch nicht als Seelenwirkungen erkannt werden. Der Schwung einer Faser, der die Jmpression von einem gesehenen Objekt ausmacht, ist noch nicht die Vorstellung von dem Objekt, und die Ruͤckkehr einer solchen Schwingung keine wiedererneuerte Vorstellung, bis die Seelenkraft solche gewirket hat. Nur der Anfang der Thaͤtigkeit wird dadurch in das Or- gan geleget, aber die Veraͤnderung des Organs macht nicht die ganze Seelenaktion aus. So viel koͤnnte daraus gefolgert werden, was ver- schiedene neuere Philosophen als einen Grundsatz anneh- men, X. Versuch. Ueber die Beziehung men, naͤmlich, daß die Seelenkraft innerlich in allen ih- ren Aeußerungen dieselbige thaͤtige Kraft sey, deren Handlungen, Aktionen und Effekte nur nach dem Unter- schied der Fibern verschieden sind, mit deren organischen Kraͤften sie sich verbindet, auf welche sie als so viele Saiten wirket, und durch welche das Charakteristische in ihren Aeußerungen in Hinsicht der Art der Handlung be- stimmet wird. Vorstellen und Denken und den Koͤr- per bewegen, wuͤrden also nur so viel seyn, als auf die Vorstellungsfibern und auf die Bewegungsfibern wirken, oder vielmehr durch sie wirken und hervorgehen. Das Mehr oder Minder in den Graden der Staͤrke, mit der die Aktion erfolget, wuͤrde allein uͤbrig bleiben, und von der mehrern oder mindern Anwendung der Seelenkraft noch abhangen. Alles uͤbrige aber der Beschaffenheit der Werkzeuge gemaͤß, und alles innerlich Eine Art von Thaͤtigkeit seyn, so wie Sehen, Hoͤren und Fuͤhlen nur Ein gleichartiges Fuͤhlen ist, dessen Unterschied durch die Verschiedenheit der Werkzeuge bestimmet wird. Alle Kraftaͤußerungen sind alsdenn nur Aeußerungen desselbi- gen Princips nach verschiedenen Seiten und Richtungen hin, wie das Wasser des Stroms dasselbige ist, das in unterschiedene Canaͤle und Roͤhren geleitet wird. Aber verhaͤlt es sich hiemit wirklich so? Schwingt das Gehirn zuerst, und erhaͤlt seine so genannte mate- rielle Jdee, ehe die Seele dazu kommt und eine Vor- stellung daraus macht? Wirken die organischen Kraͤfte in den lebenden Thieren, die naͤmlich, welche zu den Willenshandlungen beystimmen, vorher ohne Zuthun der Seele? Und wenn nun dieß auch waͤre, kann die Folge gerechtfertiget werden, die man daraus so allge- mein herleitet, daß die Seele nichts anders, als eine unbestimmte Gehirnskraft sey, die innerlich so unbe- stimmt wie ein fluͤßiger Koͤrper, wie Luft und Wasser, ihre Formen nur von der Organisation des Koͤrpers, als den der Vorstellungskraft ⁊c. den Gefaͤßen annimmt, in welchen sie eingeflossen ist? Und ferner, daß sie diese fluͤßige oder weiche Natur im- mer beybehalte? Jn Wahrheit sind wir noch weit von den Gruͤnden ab, die uns zu solchen Schluͤssen berechti- gen, woferne wir nicht die Fluͤgel der Phantasie anlegen, und uns zu Hypothesen fortschwingen. Jn einem der folgenden Versuche will ich mich hierauf insbesondere ein- lassen. Hier aber, wo ich nicht weiter gehen will, als die Beobachtungen fuͤhren, muß ich bey dem allein ste- hen bleiben, was ich im Aufang schon gesagt habe, und was aus den angefuͤhrten Erfahrungen erhellet, naͤmlich daß die instinktartigen Aeußerungen der thaͤtigen Seelen- kraft des Verstandes sowohl als des Willens, Anwen- dungen einer durch Empfindungen gereizten Grundkraft sind, deren Wirkungen und Richtungen, nach der Ver- schiedenheit der Empfindungen, von welchen sie in Thaͤ- tigkeit gesetzet wird, unterschieden sind. 3. Da wir die Seelenthaͤtigkeiten nicht anders beur- theilen koͤnnen, als nach den Jdeen, die wir aus ihren Wirkungen hernehmen; so ist es vor allen noͤthig, zu untersuchen, was es mit diesen Vorstellungen insbeson- dere fuͤr eine Beschaffenheit habe? Jn dem ersten Ver- such uͤber die Vorstellungen ist ihrer nur beylaͤufig er- waͤhnt worden. Sie entspringen, wie alle andere, aus Empfindungen; davon ist nicht mehr die Frage, aber desto mehr davon, was sie eigentlich in sich enthalten, was sie voraussetzen, wenn sie gegenwaͤrtig sind, und was sie nach sich ziehen? Lasset uns Ein Beyspiel aufmerksam betrachten. Es sey die Aktion eines Malers, der eine Figur zeichnet. Was ist in dieser Aktion, und in ihrer Empfindung? was bleibet von dem, was in der Empfindung war, in der Seele als eine wiedererweckbare Spur zuruͤck, und macht X. Versuch. Ueber die Beziehung macht die Materie der Vorstellung von dieser Handlung aus? Den Pinsel in der Hand, das Papier vor sich, faͤngt der Maler seine Arbeit an. Hier sind aͤußere Gegenstaͤnde, die gesehen werden, das Papier, die Farbe, der Pinsel, die Hand, und die Lage des Pin- sels in der Hand. Dazu kommen gewisse Gefuͤhle in den Fingern, die nur der Maler allein hat, und der Zuschauer nicht empfinden kann. Aber außer dieß ist in dem Kopf des Malers ein Jdeal von der Figur, die er sichtbar machen will. Die ersten sind groͤßten- theils aͤußere vor der Aktion vorhergehende Empfin- dungen; diese letztere ist die vorhergehende Vorstellung. Die Aktion selbst enthaͤlt die Selbstbestimmung sei- ner Kraft, welche nur allein der Handelnde fuͤhlet, und nicht der, der ihm zusiehet. Es erfolget die Kraftaͤuße- rung, es entstehet ein Gefuͤhl von einer Bewegung in der Hand, und es wird auf dem Papier etwas sichtbar. Die ganze Aktion des Zeichnens, die zu einer Figur er- fodert wird, bestehet aus mehreren einzelnen Aktionen, die auf einander folgen. Die erstere hat ihre Wirkung, welche empfunden wird. Stimmet diese mit der Vor- stellung von der Wirkung uͤberein? Was erwartet wuͤr- de, ist der gezogene Strich, so wie er seyn soll; und ei- gentlich muß man noch kleinere Theile nehmen; es ist die Fortruͤckung des sichtbar werdenden Zuges. Jst diese Wirkung nun so, wie sie seyn soll, so giebt auch ihre Uebereinstimmung mit der Erwartung eine neue Empfin- dung des wirklichen Fortgangs. Diese bestimmt den noch fortdaurenden Vorsatz zu der naͤchsten Kraftanwen- dung, welche wiederum, wie die erstere, gewisse innere Gefuͤhle, und aͤußere sichtbare Veraͤnderungen auf dem Papier, zur Folge hatte. Aus solchen Gliedern beste- het die ganze Reihe. Jedes einzelne Glied enthaͤlt rei- zende vorhergehende Empfindungen, seine eigene Kraft- der Vorstellungskraft ⁊c. Kraftanwendung, und seine innerliche und aͤußerliche Wirkungen, welche gefuͤhlt und empfunden werden. Und diese letztern werden wiederum vorhergehende, rei- zende, bestimmende Empfindungen zu dem naͤchstfolgen- den. Dadurch fließen die Theile der ganzen Aktion in einander. Die sichtbaren Empfindungen, welche nach und nach hervorkamen, die Zuͤge, die nach und nach sichtbar wur- den, die sichtbaren Bewegungen der Hand, der Fin- ger und des Pinsels; diese Reihe von Veraͤnderungen kann derjenige, der der Arbeit zusiehet, eben so gut und besser gewahrnehmen, als der Arbeitende selbst. Der Zuschauer kann gleichfalls das Original vor Augen gehabt haben, wie der Maler. Aber die Reihe inne- rer Gefuͤhle, die nach und nach in dem Jnnern der Seele und in dem Jnnern der Finger erfolgte, war al- lein fuͤr den, der die Handlung verrichtete. Die Reihe der gesehenen Veraͤnderungen kann der Zuschauer sich wiedervorstellen, wenn die Arbeit aufge- hoͤret hat. Dieß geschehe, so hat er eine Reihe von Bil- dern in sich, die mit dem Jdeal, welches der Maler darstellen wollte, anfaͤngt, und sich bey der Jdee von dem letzten Pinselzug endiget. Diese Jdee stellet die ge- sammte Wirkung vor. Aber ist sie eine Vorstellung von der malenden Aktion selbst? Sie ist es in der That nur von ihren sichtbaren Wirkungen; und so we- nig eine Vorstellung von der Aktion selbst, wofern man sie nicht synekdochisch so nennen will, als es eine Vor- stellung von dem thaͤtigen Nachdenken eines Geometers ist, wenn man seine nach und nach gezogene Linien und Figuren, und seine aufs Papier gebrachte Worte in ih- rer Ordnung sich vorstellet. Einer solchen Vorstellung wuͤrde auch vielleicht ein Affe faͤhig seyn. Die Vorstellung des sichtbaren Theils der Aktion, kann bey dem Zuschauer voller, lebhafter und deutlicher seyn, X. Versuch. Ueber die Beziehung seyn, als bey dem Mann, der selbst gearbeitet, und am wenigsten auf diese Seite der Wirkungen gemerket hat. Die erste Vorstellung von seinem Jdeal ist wohl bey ihm am lebhaftesten, und auch die letztere Jdee von dem gan- zen fertigen Gemaͤlde. Mit beiden beschaͤftiget sich der Handelnde mehr, als der Zusehende; doch auch nicht allemal. Das kritische Auge des betrachtenden Ken- ners kann so wohl in dem Jdeal, wenn solches ein sicht- bares Muster ist, als in der Ausfuͤhrung und in den ein- zelnen Theilen schaͤrfer sehen, als jener, und sieht oft wirklich schaͤrfer. Aber dagegen ist die ganze Reihe der unsichtbaren Gefuͤhle in der Seele, und in dem Koͤrper; das Gefuͤhl des ersten Ansatzes, das Gefuͤhl des Zuges in den Fin- gern, und so ferner die ganze abwechselnde Reihe von Bestrebungen und ihren Wirkungen, die zu neuen Kraft- aͤußerungen reizten; dieß alles ist allein in dem Maler; nicht in dem Zuschauer; es sey denn durch die Sympa- thie. Diese Gefuͤhle sind mit den vorerwaͤhnten Em- pfindungen des Gesichts verbunden, vermischt und durch- flochten. Die Thaͤtigkeiten der Seele sind nicht unmittelbare Gegenstaͤnde des Gefuͤhls, sondern nur ihre Wirkungen, die als leidentliche Modifikationen von ihnen in uns be- stehen. Aber diese innern Wirkungen, in denen die sie hervorbringende Kraft empfunden wird, sind von ihren aͤußern herausgehenden und mittelbaren Folgen unter- schieden. Jene fallen mit der Thaͤtigkeit der wirkenden Kraft so nahe in Ein Moment zusammen, daß es hier unnoͤthig ist, beide von einander noch zu unterscheiden. Wir koͤnnen sagen, der Maler habe die Reihe der in- nern Thaͤtigkeiten selbst gefuͤhlet. Zweeter Versuch. II. 5. 4. Laßt der Vorstellungskraft ⁊c. 4. Laßt uns dasselbige Beyspiel behalten. Der Ma- ler kann eine Wiedervorstellung von seiner Aktion haben, und hat eine solche, wenn er sich lebhaft vorstellet, was er verrichtet hat; und diese Vorstellung ist von der Vor- stellung, die sich der bloße Zuschauer machen kann, eben so weit verschieden, als die Empfindung des ersten von der Empfindung des letztern gewesen ist, wenn die Rei- he der unsichtbaren innern Gefuͤhle wiederum mit erwe- cket wird. Jch sage nicht, daß es bey der Wiedererin- nerung an die Handlung die meistenmale wirklich so weit gehe. Oft bleibt es bey der Wiedervorstellung einiger charakteristischen Zuͤge des Ganzen, und die Jdee von dem Original, wonach er gearbeitet hat, nebst der Jdee von dem Gemaͤlde, wie es wirklich ward, und einigen andern zunaͤchst herumliegenden Nebenideen, machen oft- mals die ganze Wiedervorstellung aus, wenigstens nach ihren erkennbaren Theilen. Aber der Handelnde kann eine voͤlligere Vorstellung davon haben, und eine solche, in der seine vorigen Kraftanwendungen selbst reproduciret werden; und er hat eine solche in dem Grunde der Seelen. Die Reproduktionen der Gesichts- und Gefuͤhlsem- pfindungen verhalten sich zu den Empfindungen selbst, wie uͤberhaupt Vorstellungen zu ihren Empfindungen. Es sind Spuren von den ersten Modifikationen zuruͤck- geblieben, und wieder erwecket worden, aber herunter- gesetzt an Staͤrke und Voͤlligkeit, wie die Vorstellungen es uͤberhaupt sind, wenn sie mit ihren Empfindungen verglichen werden. Hier stoßen wir auf eine Hauptfrage: „koͤnnen diese „Gefuͤhlsempfindungen, oder vielmehr ihre Spuren „wieder erneuert werden, ohne daß auch das naͤmliche „in derselbigen Maaße mit den Kraftanwendungen ge- „schehe, wodurch jene in der ersten Empfindung hervor- I. Band. S s „gebracht X. Versuch. Ueber die Beziehung „gebracht worden sind?‟ Die Reihe der Gesichtsem- pfindungen von den allmaͤhlig sichtbar gewordenen Zuͤgen, und von den Bewegungen der Finger entstunden auch in der Seele des Zuschauers unabhaͤngig von den Thaͤtig- keiten des Malers, der diese sichtbaren Gegenstaͤnde dar- stellete. Die Reihe der sichtbaren Zuͤge machte eine eigene Reihe von Eindruͤcken und Empfindungen aus, die nicht nothwendig auf ihre verborgene unsichtbare Ur- sachen zuruͤckfuͤhren. Aber mit den innern Gefuͤhlen in der Seele des Malers, in denen er seine eigene Aktion empfand, verhaͤlt es sich anders. Diese sind Folgen von ihren vorhergehenden Aktionen, und sind Reizungen zu neuen nachfolgenden Aktionen. Koͤnnten also auch diese wieder zuruͤckkehren; in einem so schwachen Grade, als man will, ohne daß auch ihre Ursachen und ihre Wirkungen, und dieß sind die Kraftaͤußerungen oder Thaͤtigkeiten, zugleich mit ihnen erneuert werden? Da haben wir in den Vorstellungen von den Aktionen, selbst die Anfaͤnge dieser Aktionen in dem Jnnern, zuweilen merkliche Anwandlungen, dieselbige Aktion von neuen zu verrichten, die aber nur bloße Anfaͤnge bleiben, und die man, wenn die Phantasmen von einer vergangenen Aktion voll und lebhaft sind, deutlich genug bey sich ge- wahrnehmen kann. Hieraus folgt also das naͤmliche Resultat, in Hin- sicht der Vorstellungen von unsern Aktionen, was in dem zweeten Versuch N. VIII. von Vorstellungen uͤberhaupt schon gezeiget ist. Eine Vorstellung von einer Aktion enthaͤlt nicht blos Vorstellungen von den geschehenen Gegenstaͤnden, womit sich die Aktion beschaͤftiget, sondern auch Vorstellungen von den aͤußern und innern Gefuͤhlsempfindun- gen, welche die Folgen der Aktion gewesen sind; und uͤberdieß auch Anfaͤnge der Aktion selbst, oder An- wandlungen zu den vorherbewiesenen Kraftanwendungen, die der Vorstellungskraft ⁊c. die sich auf die ehemaligen Aktionen eben so beziehen, wie ihre leidentliche Folgen in der Wiedervorstellung, auf ihre Folgen in der ersten Empfindung. Eine volle anschauliche Wiedervorstellung einer Aktion ist ein schwa- ches Nachspiel der ganzen vormaligen Kraftaͤußerung. Jch sage, eine volle anschauliche Vorstellung von der Handlung sey selbst eine Anwandelung dazu. Dadurch meine ich gegen schiefe Auslegungen voͤllig ge- sichert zu seyn. Wer an Haß und Liebe, an loͤbliche und schaͤndliche Thaten denket, soll nicht schon auf dem Wege seyn, von jenen erfuͤllet zu werden, und diese nachzu- machen. Das hieße sich dem Vorwurf aussetzen, den Beattie der Lockischen Philosophie macht, daß die Jdee von der Hitze erwaͤrme, und der Hunger sich mit der Vorstellung von Essen stillen lassen muͤsse. Vergl. Erster Versuch VII. Wenn wir uns Worte vorstellen, so sprechen wir innerlich; aber oft so sehr allein innerlich, daß wir nicht einmal die Lippen ruͤhren. Wird die innere Sprache lebhafter, so sieht man uns Bewegungen des Mundes an; und den- noch reden wir nicht; es erfolgt kein hoͤrbarer Ton. Dieß sind drey Stufen der Reproduktion. Die Erstere ist allgemein bey allen, und diese will ich hier eigentlich nur unter den ersten innern Anfaͤngen der Aktion ver- standen haben. Einmal ist von solchen Vorstellungen der Aktionen die Rede, die nicht blos symbolisch es sind; blos in den Bildern von dem Worte oder dem Zeichen bestehen, womit die Aktion ausgedrucket wird. Ferner sollen es nicht die Vorstellungen von dem Objekt und von den Wirkungen der Aktion seyn, die man nur durch eine Metonymie, Vorstellungen von der Handlung selbst nennen kann, und die auch oft die Stelle derselben ver- treten. Dieß alles sind nur Vorstellungen von beglei- S s 2 tenden X. Versuch. Ueber die Beziehung tenden Sachen, nicht von der Art der Thaͤtigkeit und von der Aktion selbst. Dazu kommt, daß, da die Vorstellung, welche ein Anfang oder ein Ansatz zu einer Aktion ist, nur in dem Jnnern der Seele, oder in dem innern Vorstellungs- organ ist, sie nicht die Aktion selbst ist, und es auch nicht wird, als nur wenn sie weiter herausgeht, und wenn von einer koͤrperlichen Handlung die Rede ist, sich auch in die Bewegungsnerven und in die Muskeln er- gießet. Die Vorstellung von der Suͤnde ist keine Suͤn- de, es ist vielmehr Tugend, sie in sich haben, und sie in sich beschraͤnken zu koͤnnen, ohne daß ein merklicher Hang entstehe, in wirkliche That hervorzugehen. Die Vorstellung ist nur darum ein Ansatz zur Handlung zu nennen, weil mit ihr, wie mit jeder Phantasie, ein An- fang zu dem vorigen Zustand vorhanden ist, der, wenn man sich ihm uͤberlaͤßt, in eine merkliche Tendenz uͤber- gehet, den ehemaligen Zustand zu erneuren. Und jene innere Bewegung steht in einer physischen Verbindung mit der aͤußern, die ein weiterer Ausfluß von jener ist. Und endlich, so giebt es selbst in den innern Anfaͤn- gen der Aktion, unendlich viele Grade der Lebhaftigkeit und Staͤrke. Die Woͤrter, lieben, hassen, stossen, fliehen u. s. w. laufen geschwinde uͤber die Zunge weg, und wenn sie wahre Jdeen mit sich verbunden haben, so hat auch jedes Wort einen Druck auf die Vermoͤgen der Seele zu ihrer Kraftaͤußerung bey sich. Aber wie groß ist und kann nicht die Verschiedenheit in den Gra- den dieses Drucks seyn! Wenn es erlaubt ist, die Vor- stellungen uͤberhaupt Elemente der Handlungen oder Elementaraktionen zu nennen, und ohne Zweifel ist es erlaubt, sich dieser mathematischen Gleichnisse in der unkoͤrperlichen Natur eben so wohl zu bedienen, als in der koͤrperlichen, so kann man hinzu setzen, daß es selbst unter diesen Elementen verschiedene Ordnungen gebe, und der Vorstellungskraft ⁊c. und daß Eins in Hinsicht des andern fast wiederum nur wie ein Element anzusehen ist. Die Dunkelheit, welche hiebey vorkommt, ist schon oben in dem ersten Versuch Erster Versuch VIII. auseinander gesetzet, wenn ich auch nicht sagen darf, aufgehellet worden. Hier will ich nur, was insbesondere die Beschaffenheit unserer Vorstellungen von Aktionen betrift, noch etwas anfuͤgen. Nach der Hartleyischen Jdee von der Wirkung der Association, muͤssen die in der Wiedererinnerung zuruͤck- kehrenden Ansaͤtze zur Thaͤtigkeit, neue Empfindungen seyn, durch die gegenwaͤrtigen Jdeen von den Objekten, in einem schwaͤchern Grade hervorgebracht, wie es in ei- nem staͤrkern Grade vorher geschah, als anstatt der jetzi- gen Vorstellungen von abwesenden Dingen Empfindun- gen die Triebfeder waren. Also ist diesem zufolge die wieder erweckte Aktion in der Vorstellung eine neue Aktion, welche eben so entstanden seyn wuͤrde, wie sie entsteht, wenn nur die Vorstellungen von den Objekten gegenwaͤrtig sind, ob schon niemals eine Kraftanwendung der Art vorhergegangen waͤre. Was wuͤrde eine Fer- tigkeit in einem thaͤtigen Vermoͤgen seyn? Nichts weiter, als eine Fertigkeit, die bewegenden Vorstellun- gen von den Objekten zu erneuern. Denn in der thaͤti- gen Kraft selbst kann es zufolge dieser Hypothese keine blei- bende Folgen von vormaligen Aktionen geben. Der erste Grundpunkt der ganzen Sache beruhet darauf, daß die innern Ansaͤtze zur Wiederholung einer ehemaligen Aktion, die man so deutlich bemerket, wenn die Vorstellung lebhaft ist, wirklich Ueberbleibsel aus der ehemaligen Aktion sind, und eine erlangte Disposition in dem thaͤtigen Vermoͤgen, leichter sich so zu aͤußern, zum Grunde haben. Ein solcher Ansatz, oder Anfang der Aktion, muß keine gegenwaͤrtige Wirkung der gegen- S s 3 waͤrtigen X. Versuch. Ueber die Beziehung waͤrtigen Vorstellungen seyn, von denen das thaͤtige Vermoͤgen gereizet wird. Nehmen wir das letztere an, so muͤßte sich doch auch ein solcher Ansatz zu einer Aktion wohl irgend einmal in der Vorstellung antreffen lassen, wenn sie gleich noch nicht vorher verrichtet waͤre. Findet sich aber das Gegentheil, kann ein solcher Ansatz zur Thaͤtigkeit niemals ein Jn- gredienz der Vorstellung seyn, kann er nicht durch die Vorstellungen von den Objekten hervorgebracht werden; als nur da, wo er vorher schon Empfindung gewesen ist, und durch Empfindungen der reizenden Gegenstaͤnde be- wirket worden; kann dieß nicht seyn, so ist offenbar die Wiedervorstellung einer Aktion, eine aͤhnliche wieder- erweckte Disposition in der thaͤtigen Kraft, wie die Vor- stellung von der Farbe eine wieder erweckte Spur von einem leidentlichen aufgenommenen Eindruck ist. Es muß aber zugleich auf die Wirkungen der selbst- thaͤtigen Dichtkraft gesehen werden, wenn von dem Ur- sprung der Vorstellungen aus Empfindungen die Rede ist. Eben diese kommt uns hier bey den Vorstellungen von Aktionen in Betracht, und sie verhindert es in vielen Faͤllen, hier eben so deutlich als bey andern Vorstellun- gen es zu sehen, daß die Vorstellung ohne die vormalige Empfindung nicht haͤtte vorhanden seyn koͤnnen. Zu jedweder Art von Thaͤtigkeit, die andere Men- schen verrichten, findet sich auch eine Anlage in uns selbst, so schwach sie auch seyn mag, die schon lange ohne unser Wissen zur wirklichen Aeußerung gereizet worden ist. Nun besteht das Eigene der verschiedenen Aktionen mehr in eigenen Richtungen, welche die Seelenkraft nimmt, und in dem besondern Grad der Jntension, womit sie wirket, und in den Objekten, auf welche sie wirket, als in sonst etwas. Dieß ist es eben, was uns so aufgelegt macht, eine Aktion, die wir nur von ihrer aͤußerlichen Seite ansehen, auch nach ihren innern Thaͤtigkeiten uns vorzu- der Vorstellungskraft ⁊c. vorzustellen. Dann kommt es uns vor, als haͤtten wir diese Vorstellung ohne vorhergegangene Empfindung erlanget. Dieß vorausgesetzt, so meine ich, folgende zwey Gruͤnde bringen es zur Gewißheit, daß es sich mit un- sern Vorstellungen von Handlungen so verhalte, wie ichs angezeigt. 1) Solche Vorstellungen, die wir von einer noch nie vorher verrichteten Aktion uns zum voraus ma- chen, und die wir zergliedern koͤnnen, finden wir aus an- dern vorhergegangenen Empfindungsaktionen zusammen- gesetzet. Dieß ist ein entscheidender Beweis, daß sie nicht erst jetzo in der Vorstellung erzeuget worden sind, sondern vormaligen Empfindungen zugehoͤren. Man kann hinzu setzen, daß alle solche vorlaͤufig gemachte Jdeen von Aktionen, die wir uns zu verrichten vornehmen, sich zu den nachher erfolgenden Empfindungen derselbigen Aktionen eben so verhalten, wie unsere sonstigen Fiktio- nen, die wir zum voraus machen, zu den nachherigen Empfindungen. Man vergleiche die vorlaufende Jdee von einer Arbeit, die man hat, ehe man sie verrichtet, mit derjenigen, die man nach dem Versuch erhalten hat. 2) Andere Beyspiele von Jdeen gewisser Handlun- gen, die wir haben sollten, ehe wir sie aus der Selbstver- richtung kennen gelernet, finden sich nicht, als die vor- erwaͤhnten, welche offenbar Wirkungen der Dichtkraft sind, wozu die vormaligen Empfindungen die Bestand- theile enthalten. Jn Hinsicht der uͤbrigen bleibet es bey dem allgemeinen Erfahrungssatz, der oben zum Grunde geleget ist, daß naͤmlich jedwede Aeußerung der thaͤtigen Vermoͤgen der Seele, vorher instinktartig, ohne Vor- stellung, als eine blinde Regung vorhanden gewesen, und gefuͤhlet worden ist, ehe davon eine Vorstellung oder Jdee in uns hat entstehen koͤnnen. Sollten Ausnahmen hierbey seyn? Vielleicht giebt es selbstgemachte Jdeen von Aktionen, die wir in ihre S s 4 einfache X. Versuch. Ueber die Beziehung einfache Bestandtheile aus den Empfindungen her, nicht aufloͤsen koͤnnen; also solche, die dem Schein nach ein- fach sind, und doch neugemacht. Vielleicht giebt es viele von dieser Art. Aber giebt es nicht auch derglei- chen Vorstellungen von andern, auch sichtbaren Objekten, die dennoch keine wahre Einwendung gegen den Ursprung aller Vorstellungen aus der Empfindung begruͤnden? Was hieraus folget, ist offenbar die Bestaͤtigung des obi- gen Schlusses uͤber die Natur unserer Vorstellungen von Aktionen. Die wieder zuruͤckkehrende Anwandlung in dem Jnnern zu derselbigen Kraftaͤußerung, die sich in jeder solcher Vorstellungen wahrnehmen laͤsset, beziehet sich auf eine vorhergegangene Empfindung, und ist eine von dieser zuruͤckgebliebene wiedererregte Disposition. La Fontaine hatte noch keine Fabeln gemacht, als ihm der Gedanke einfiel, er koͤnne solche Aussaͤtze wohl nach machen, als ihm sein Lehrer vorgelesen hatte, und zugleich auch der Trieb zu dieser Art von Arbeiten auf- stieg. Hier gieng eine Vorstellung von der Dichterar- beit noch vor dem Versuch vorher. Aus dem vorher erinnerten lassen solche Beyspiele sich leicht erklaͤren, und diese Erklaͤrung stimmet wiederum mit der unmittelba- ren Erfahrung uͤberein. Das sich selbst noch unbekannte Genie des genannten Dichters empfand, was jedes Genie empfindet, wenn ein Zufall es auf Geschaͤfte fuͤhrt, die ihm angemessen sind. Es entsteht Lust, Begierde, reges Bestreben, und ein Ansatz zur Wirksamkeit, sobald eine geringe vorlaufende Empfindung es wittern laͤßt, daß es einen freyen Kreis vor sich hat, in den es sich ausbreiten kann. Dieß ist eine Empfindung, wodurch die so leicht reizbare Kraft erreget wird. Diese geht unmittelbar und instinktartig hervor, bearbeitet Jdeen, und findet Wirkungen, welche er mit dem vorgelegten Muster ver- gleicht, und diesem aͤhnlich findet. Dann macht er sich eine Vorstellung von der Arbeit, und es entsteht ein Vor- der Vorstellungskraft ⁊c. Vorsatz, oder ein Wollen nach dieser Vorstellung. Die erste Anwandelung zur Thaͤtigkeit ist keine Vorstellung einer Aktion, sondern eine neue urspruͤngliche Aktion, die durch innere Empfindnisse gewirket wird, und aus dem innern Princip der Seele hervorbricht. Wir koͤnnen etwas verrichten, was wir noch niemalen verrichtet ha- ben, auf dieselbige Weise, wie wir etwas sehen koͤnnen, so wir nie vorher gesehen haben; nur daß jede neue An- wendung unserer Kraft eine eigene vorhergehende Em- pfindung erfodert. Aber da sind es nicht bloße Phan- tasmate, welche die Aktion hervorbringen, es muͤßten denn solche seyn, die wiederum in volle Empfindungen uͤbergegangen sind. Jch meine also, es sey der Satz ins Reine gebracht, daß diejenige wieder zuruͤckkehrende Aktion, die das we- sentlichste Stuͤck in der Wiedervorstellung von einer Aktion ausmacht, etwas zuruͤckgebliebenes von ihr sey, wie das Bild der Farbe von dem Anschauen derselben. Jene Vorstellung ist daher in dem naͤmlichen Verstande eine Vorstellung von der Aktion, wie es jedwede an- dere Art von Vorstellungen ist. S s 5 III. Aufloͤ- X. Versuch. Ueber die Beziehung III. Aufloͤsung einiger psychologischen Aufgaben, aus der Natur unserer Vorstellungen von Aktionen. 1) Warum Leute von großer praktischen Fertigkeit in einer Art von Handlungen weniger aufgelegt sind, solche deutlich zu beschreiben, und warum umgekehrt die Geschicklichkeit zu dem letztern so oft von der Ausuͤbungsfertigkeit getrennet ist? 2) Was das Wesentliche in den Fertigkei- ten sey? 3) Worinn das Nachahmungsvermoͤgen be- stehe? 4) Auf welche Art das Mitgefuͤhl sich aͤu- ßere? 5) Die Macht der Einbildungskraft auf den Koͤrper beruhet auf der Natur der Vorstellungen von Handlungen. U m meine Leser und mich selbst etwas zu zerstreuen, sey mir eine Ausbeugung auf einige Nebenbetrach- tungen erlaubt. Es giebt einige psychologische Aufga- ben, die zwar schon oft, aber selten bis auf ihre ersten Gruͤnde, aufgeloͤset sind. Es sind psychologische Er- scheinungen, davon der Grund in der Natur unserer Vorstellungen lieget, die wir von Handlungen haben. Sie sind zugleich Beyspiele, wie fruchtbar der zuletzt an- gefuͤhrte Grundsatz sey, und neue Beweise desselben aus der Erfahrung. Die erste Frage sey diese: „Wie gehet es zu, daß „so oft Personen, die eine große Fertigkeit in einer Art „von der Vorstellungskraft ⁊c. „von Handlungen besitzen, so wenig aufgeleget sind, sol- „che deutlich zu beschreiben, und umgekehrt, daß die, „welche sie lebhaft beschreiben koͤnnen, oftmals keine be- „sondere Staͤrke besitzen, sie auszuuͤben?‟ Warum hat man nur allzuoft Ursache, dem, der von der Tugend, der Froͤmmigkeit, von der Regierungskunst, von der Beherrschung seiner selbst, u. s. f. sehr lebhaft deklami- ret, wenige praktische Staͤrke darinn zuzutrauen? Diese Frage scheinet etwas paradoxes zu sagen. Kei- ner kann eine Vorstellung von einer Handlung baben, die er nicht selbst ausgeuͤbt hat, entweder zusammen in ihrem Ganzen, oder nach ihren einzelnen Theilen. Wenn also die Vorstellung von einer Tugend bey jemanden leb- haft ist, so muß zum mindesten ein Anfang dieser Fertig- keit vorhanden seyn. Wer eine Ruͤhrung des Herzens darstellen soll, muß ja selbst geruͤhret seyn; und muß nicht auch das Herz von tugendhaften Gesinnungen wal- len, wenn der Verstand solche deutlich denken, und die Phantasie sie in ihren Wirkungen lebhaft fassen soll? Eine starke volle Beschreibung der Tugend sollte also ein guͤnstiges Vorurtheil fuͤr den Redner oder Poeten erwe- cken, der sie schildert. Warum also ein nachtheiliges, wie in der Frage angenommen wird, und wie die Er- fahrung es lehret? Zum voraus bitte ich, man erinnere sich, daß diese Regel zu der Physiognomie der Geister gehoͤre, und be- huͤte der Himmel! daß ich eine einzige derselben fuͤr so allgemein richtig anerkennen sollte, daß keine Ausnahme gestattet wuͤrde. Selten sind doch die Heldenseelen, die zugleich das Jnnere ihrer Thaten beschreiben, selten die starken Denker, die die Schritte ihrer Denkkraft deut- lich angeben; selten die Virtuosen in der Kunst, welche zugleich die besten Anweisungen zur Ausuͤbung ertheilen! Wenn sie es thun, so haben ihre Beschreibungen auch einen eigenen Charakter. Jede X. Versuch. Ueber die Beziehung Jede Handlung von einiger Laͤnge enthaͤlt ihre Rei- he von innern Thaͤtigkeiten und von innern Gefuͤhlen in der Seele, und zugleich eine andere von aͤußern Wirkungen, die aͤußerlich empfunden werden koͤnnen. Mit diesen sind Reihen von Vorstellungen verbunden, welche die Aktion begleiten, und in die Richtung der Kraft, obgleich nur mittelbar, einen Einfluß haben. Die erstgedachten innern Gefuͤhle sind groͤßtentheils un- aussprechlich. Wer andern eine Vorstellung von einer Aktion beybringen will, muß solches durch die Darstel- lung der aͤußern Merkmale bewerkstelligen. Dazu aber wird eine vorzuͤgliche Aufmerksamkeit auf diese letztern er- fordert, und eben dieß schließet die Beschaͤftigkeit mit der Aktion selbst zum Theil aus. Der Maler, der das Bild des Zorns aus dem Gesicht des Zornigen aufneh- men will, muß in der That selbst ohne Leidenschaft seyn, sonsten fasset er die charakteristischen Zuͤge nicht stark genug. Denn in der Leidenschaft selbst beobachtet man nicht genau, und deutlich, obgleich in Hinsicht der Leb- haftigkeit der Affekt die Sinne schaͤrfen kann. So ver- haͤlt es sich bey jedweder Seelenthaͤtigkeit. Man beob- achtet ihre aͤußerlichkennbare Seite desto weniger, je groͤßer die Jntension ist, mit der die Seele in dem Jn- nern beschaͤftiget ist. Die Beobachtung des Aeußerli- chen kann nachgeholet werden; aber dieß ist alsdenn auch eine andere Seite der Aktion, wo manche Zuͤge demjenigen entwischen muͤssen, der nicht eben so stark am Beobachtungsgeiste als an Handlungsfertigkeit ist. Daraus wird die obige Erfahrung begreiflich. Es kann jemand die Aktionen beschreiben nach ihren aͤußern Wirkungen, auf eine Art, die lebhaft ist, und einen star- ken Eindruck bey solchen Personen machet, welche ohne- dieß eine vorzuͤgliche Anlage zu derselbigen Kraftaͤuße- rung besitzen. Und dennoch ist es an sich nicht unmoͤg- lich, daß ihm das Wesentliche der Vorstellung von die- ser der Vorstellungskraft ⁊c. ser Aktion sogar gaͤnzlich mangele. Wenn dieß letztere nun zwar ein sehr seltener Fall ist, so ist es dagegen desto gewoͤhnlicher, daß nur matte Vorstellungen von der Hand- lung damit verbunden sind. Es ist natuͤrlich, wenn die Seelenkraft staͤrker auf die Bemerkung der aͤußerlichen Wirkungen gerichtet ist, so wird sie desto weniger mit der Nachmachung der in- nern Aktionen selbst beschaͤftiget seyn koͤnnen, und umge- kehrt. Wer lebhaft schildert, beweiset, daß seine Seele in der ersten Richtung, als Beobachtungsgeist am thaͤ- tigsten gewesen sey; und desto minder ist sie es in der letz- tern gewesen, als wirksamen, bestrebenden, handelnden Kraft. Auf diese Art werden die Tugenden erzeugt, die nur Kinder der Phantasie sind. Sie sind selten ohne einige Wallungen des Herzens, und ohne Empfin- dungen, die sie begleiten; aber sie sind nicht die starken Fertigkeiten in der Thaͤtigkeitskraft, sondern vielmehr Fertigkeiten, es bey den ersten halben schwachen Anfaͤngen der Aktionen bewenden zu lassen, und die Seelenkraft mehr auf die Reproduktionen der Aeußern Wirkungen hinzulenken. Daher das Uebertriebene von dieser Seite, das Heftige, das Zudringende, welches nur einige lei- dentliche Empfindungen bey andern hervorbringet, und weniger thaͤtige Entschluͤsse und starke Ausuͤbungen be- foͤrdert. Dagegen sieht man, daß der, welcher aus dem Gefuͤhl eigener innerer Fertigkeit redet, weniger die Außenseite der Aktion vor Augen zu legen suchet, und wenn er es thut, so thut, daß er in und durch diese auf die unausdruͤckliche innere Aktion hinweiset. Dieß ist das Gepraͤge der Meister in der Kunst, das sie ihren praktischen Vorschriften aufdrucken. 2. Die zwote Frage: Worinnen bestehet das Wesentliche einer Fertigkeit, die innere Staͤrke, die X. Versuch. Ueber die Beziehung die Erhoͤhungen der Kraͤfte und Vermoͤgen, und wie werden solche erlanget? Die aus der Association der Vorstellungen alles erklaͤren, stellen sich vor, als komme es auf einer leichtern Reproducibi- litaͤt der Vorstellungen von den Gegenstaͤnden an, mit welchen sich die thaͤtige Kraft beschaͤftiget. Aber kann es das alles seyn, wenn nicht selbst die hinterblie- benen Dispositionen der Kraft leichter auf gewisse Wei- sen hervorzugehen, diese Vorstellungen von den Aktionen selbst dazu genommen werden? Soll jemand eine Fer- tigkeit erwerben, so muß es ihm freylich auch leicht wer- den, die ganze Reihe der aͤußern Empfindungen und der Vorstellungen, die zu den beyden Außenseiten der Hand- lung gehoͤren, zu erneuern, aber dieß macht noch nicht einmal eine Leichtigkeit aus, die Vorstellung von der Aktion nach dem innern Bestandtheil zu reproduciren. Die Disposition, eine Handlung sich leicht wieder vor- stellen zu koͤnnen, ist selbst eine Disposition in demsel- bigen Vermoͤgen zur Thaͤtigkeit, und bestehet in einer innern Leichtigkeit, die schwache Anfaͤnge der Aktion zu wiederholen, ohne von Empfindungen dazu gereizt zu seyn. Noch weniger macht jene die Fertigkeit in der Handlung selbst aus. Denn die Fertigkeit, etwas zu ver- richten, erfodert noch mehr, als die Fertigkeit, die er- sten Anfaͤnge den Aktion in dem Jnnern zu erneuern. Die Wiedervorstellung der Aktion ist noch keine Wiederholung derselben, so wenig als die Erinnerung an einen Freund so viel ist, als ihn wiedersehen. Aber wo eine Fertigkeit statt findet, da muß es leicht seyn, die ersten Anfaͤnge der Handlung hervorgehen, und zur wirklichen Thaͤtigkeit kommen zu lassen, ohne daß es so stark reizender Empfindungen und einer so großen An- strengung beduͤrfe, als vorher, da die Fertigkeit noch nicht entstanden war. Die der Vorstellungskraft ⁊c. Die Leichtigkeit, die Vorstellung von einer Aktion in ihrem Jnnern zu erneuern, ist also ein hoͤherer Grad des innern Vermoͤgens, die ersten Anfaͤnge der Aktion anzunehmen. Die Fertigkeit, die Handlung selbst zu wiederholen, oder die eigentliche Fertigkeit ist ein hoͤherer Grad in dem Vermoͤgen selbst, womit man handelt. Aber das Vermoͤgen der Seele, womit sie wirket, wenn sie thaͤtig ist, kann kein anderes als dasselbige seyn, welches auf eine aͤhnliche obgleich schwache Art wirket, wenn nur die ersten Anfaͤnge der Aktion vorhanden sind. Die Fertigkeit eine Handlung sich vorzustellen ist also ein Bestandtheil von der Fertigkeit, die Handlung selbst vorzunehmen. Jene ist eine Leich- tigkeit sie anzufangen, diese eine Leichtigkeit sie weiter fort- zusetzen. Die letztere kann fehlen, wo die erstere vor- handen ist, aber wo die letztere, die Fertigkeit zu ver- richten, vorhanden ist, da muß die Fertigkeit sie anzufan- gen nothwendig zugleich seyn. Jndessen ist es doch zu bemerken, daß dieß eigent- lich nur von Seelenhandlungen gelte, und zunaͤchst nur von Fertigkeiten, die durch Uebung erlanget werden, und bey welchen wir die vorhergehende Vorstellung von der zu verrichtenden Handlung von der wirklichen Ausrich- tung derselben unterscheiden koͤnnen. Von solchen Aktio- nen, die wir der Seele zwar zuschreiben, welche ihr aber nur zum Theil zukommen, und wenigstens außer ihr noch gewisse organische Kraͤfte im Koͤrper erfodern, ohne deren Beywirkung sie nicht erfolgen koͤnnen, ist nicht die Rede, wenigstens nicht weiter, als in so ferne sie Fer- tigkeiten und Handlungen in der Seele sind. Was hilft dem Virtuosen alle innere Anstrengung, wenn die Gicht seine Finger oder Fuͤße laͤhmt? Bey den Seelenhandlungen hingegen ist es so, daß eine Fertigkeit, sie hervorzubringen, eine Fertigkeit ist, welche in dem Vermoͤgen zur Handlung ihren Sitz hat, und X. Versuch. Ueber die Beziehung und ein noch groͤßerer Grad desselben ist, als die Fertig- keit, sich die Handlung vorzustellen. Die letztere ist eine Fertigkeit der Phantasie, ein Phantasma hervorzu- bringen; die erstere eine Fertigkeit, das Phantasma bis zur Lebhaftigkeit der Empfindungen auszubilden. Die Fertigkeit zu handeln erfodert zugleich auch eine Fertigkeit, leidend die Wirkungen der Aktionen und an- dre Eindruͤcke, von denen die Kraft gereizet wird, auf- zunehmen und zu fuͤhlen. Das heißt, es muß auch in dem passiven Gefuͤhl eine Leichtigkeit zu gewissen Modi- fikationen und Ruͤhrungen erzeuget werden. Laßt uns alles in einem Beyspiel sehen. Wer fertig auf dem Kla- vier spielet, kann 1) die Noten geschwinde in ihrer Rei- he gewahrnehmen. Wenn man geschwinde lieset, so uͤberschlaͤget man viele Buchstaben und Sylben. Em- pfinden wir nur den ersten Anfang eines Worts, so bil- det die Phantasie das ganze Wort aus. Das naͤmliche geschicht bey den Noten. Es sind also diese Vorstellun- gen nur zum Theil Empfindungen, und werden voͤllig ausgebildet durch die Phantasie. Die Noten selbst brau- chen nicht einmal vor Augen zu liegen. Bekannte Stuͤ- cke spielt man aus dem Kopf. Es wirken 2) in dem Jnnern die Empfindnisse, das Gefallen oder Misfallen, und dann sind diese Gemuͤthsbewegungen nur zum Theil neue Wirkungen jener Eindruͤcke, und bestehen groͤßten- theils in wiedererweckten Dispositionen aus vorhergegan- genen Empfindnissen. Dann entstehen 3) die thaͤtigen Kraftanwendungen, die Bewegungen der Finger, in dem Spieler, die nicht minder nur in Hinsicht eines Theils durch die gegenwaͤrtige Empfindungen von neuem erreget werden, zum Theil aber Reproduktionen sind, die aus vorhergegangenen hinterlassenen Dispositionen ent- springen, und also auf die Staͤrke in der Kraft beruhen, womit sie die Vorstellungen von den Spielsthaͤtigkeiten erneuern koͤnne. Alles was in einer neuen Anwendung der der Vorstellungskraft ⁊c. der Fertigkeit enthalten ist, bestehet zum Theil aus Re- produktionen; wie das geschwinde etwas uͤbersehen, nur halb ein Sehen, und halb ein Einbilden ist. Daraus folget, daß die Fertigkeit zwar eine Fertig- keit erfodere, gewisse Jdeenreihen ohne merkliche Muͤhe zu reproduciren; aber wenn man sich so ausdruͤcken will, so muß die Vorstellung von der Thaͤtigkeit selbst als der wesentlichste Bestandtheil nicht ausgeschlossen, und die uns gelaͤufig seyn sollende Jdeenreihe nicht auf die Jdeen von den Gegenstaͤnden und andere aͤußerlich empfindbare Veraͤnderungen eingeschraͤnket werden. Die Vorstellungen aus aͤußern Empfindungen koͤn- nen der Regel nach nicht wiederum bis zu Empfindun- gen hervorgehen, ohne daß auch von außen der ehema- lige Eindruck hinzu komme. Denn das Phantasma von dem Mond wird nicht Empfindung von dem Monde, wenn nicht das Auge von außen her geruͤhret wird. Dasselbige treffen wir zwar auch in den Gemuͤthszustaͤn- den und in den Handlungen an, aber in einem unterschie- denen Grade. Ein Mensch kann sich durch seine Jma- ginationen so lebhaft wieder erhitzen oder beunruhigen, als er es durch die Empfindungen gewesen ist, und noch staͤrker. Die Wiedervorstellungen der Empfindnisse ge- hen naͤmlich leichter in wahre Empfindungen uͤber, als jene; und so auch wie die Erfahrung lehret, die innern Willensthaͤtigkeiten. Jst die Fertigkeit zur Handlung recht groß, so darf man sich solche nur ein wenig lebhaft vorstellen, und die ganze Aktion erfolget. Und dieß er- aͤugnet sich gar bey vielen, die von koͤrperlichen Kraͤften abhangen. Einige Leute gaͤhnen nicht nur, wenn sie an- dere gaͤhnen sehen, sondern alsdenn schon, wenn sie sichs bey andern nur lebhaft vorstellen. Die Fertigkeiten, welche wir uns erwerben muͤssen, entstehen| nur aus der Handlung selbst, und die Hand- lung erfolget nur auf Empfindnisse. Die Jdee von der I. Band. T t Absicht, X. Versuch. Ueber die Beziehung Absicht, oder von dem Endzweck, der bewirket werden soll, kann selbst die reizenden Empfindnisse veranlassen, und dann wirket sie als eine Modifikation der Seele als Bewegungsgrund. Jn so ferne sie aber bloß eine Vor- stellung von dem ist, was hervorgebracht werden soll, bestehet ihr ganzer Effekt darinn, daß sie, wie das Jdeal bey dem Maler, der thaͤtigen Kraft die gehoͤrigen Rich- tungen giebet, und sie in ihr Gleiß wieder hineinlenket, wenn sie abweichet. Wer der Jugend gute moralische Jdeen und Vorschriften beybringet, giebt ihr eine Richt- schnur ihres Verhaltens, ein Jdeal und einen Kompaß. Aber Empfindnisse sind noͤthig, wenn bewegende Kraft in die Seele gebracht werden soll; und Uebung, mehr oder minder, wenn Fertigkeiten erzeuget werden sollen. Es giebt natuͤrliche Fertigkeiten, und einige der erworbenen koͤnnen so stark werden, daß man bey ih- nen eben so wenig wie bey jenen, die anschauliche Vor- stellung der Handlung von der Handlung selbst mehr un- terscheiden kann. Jn diesem entwickeln sich die ersten Anfaͤnge der Aktion so schnell zur voͤlligen Aktion, daß man den allmaͤhligen Fortgang nicht gewahrnehmen, noch diese Folge irgendwo unterbrechen kann. Jm uͤbrigen haben sie einerley Natur mit den erworbenen. Sie be- stehen in Dispositionen zu handeln, die schon solche Leich- tigkeiten sind, daß sie selten noch vergroͤßert werden koͤnnen. Jch schließe diese Betrachtung uͤber die Fertigkeiten mit folgender Anmerkung. Jede Fertigkeit ist ein ge- staͤrktes oder erhoͤhetes Vermoͤgen. Sie enthaͤlt also eine Groͤße, Quantitaͤt, und entstehet auch, wie eine jedwede Groͤße, aus einer Mehrheit des Aehnlichen, das in Eins vereiniget wird, ( quantitas est pluralitas eo- rundem in uno ). Jedwede aͤhnliche Handlung, so ferne sie dieselbige ist, hinterlaͤßt eine aͤhnliche Spur, die sich zu den vorhergehenden gesellet, und eine Aufhaͤu- fung der Vorstellungskraft ⁊c. sung aͤhnlicher Spuren, zu Einer großen Spur aus- machet. Dieser Begriff fuͤhret uns zugleich auf die verschie- dene Dimensionen, die wir in den Fertigkeiten gewahr- nehmen, und auf ihre Entstehungsart. Es giebt zuerst eine gewisse Promtituͤde, das Ver- moͤgen bey jeder auch entfernten Veranlassung anzuwen- den, da man so zu sagen, es uͤberall bey der Hand hat. Dieß ist nicht die innere Groͤße des Vermoͤgens selbst. Es ist noch kein großer Verstand, der uͤber alles gleich weg raisonnirt; noch ein witziges Genie, das bey allen Gelegenheiten aufgesammlete Einfaͤlle vorbringer, oder ein lebendes Vademecum ist, so wenig als ein allzeit fertiger Reimer ein Poet ist. Diese Fertigkeit, von seinem Vermoͤgen Gebrauch zu machen, ist indessen an sich eine wahre Realitaͤt, so ferne sie nur keiner andern wichtigern im Wege stehet. Es ist leicht zu begreifen, daß solche von der Association der Fertigkeit mit mehrern verschiedenen Jdeen abhange. Denn an je mehrere Vorstellungen die Vorstellung von der Aktion gebunden ist, desto haͤufiger und leichter wird die Seele auf sie zuruͤck gefuͤhret, und desto haͤufiger wird die Wirksamkeit des Vermoͤgens veranlasset und ge- reizet. Allein bey der innern Groͤße in dem erhoͤheten Vermoͤgen selbst, finden wir eine Ausdehnung oder einen Umfang; und diese Dimension ist von der Staͤrke oder Jntension desselben unterschieden, bey der noch wiederum die Groͤße in dem Ansatz, die Lebhaftig- keit, und die Groͤße des Aushaltens oder der Nach- druck, die Protension, als verschiedene Modifikationen von dieser innern Staͤrke vorkommen. Die Ausdehnung der Kraft zeiget sich in den meh- rern, zwar gleichartigen aber doch verschiedenen Handlungen, die zu Einer Gattung gehoͤren, und sich T t 2 darum X. Versuch. Ueber die Beziehung darum auf Eine Fertigkeit beziehen. Die Fertigkeit des Spielers, der auf allen Jnstrumenten spielet, ist eine ausgedehnte Spielfertigkeit. Das Vermoͤgen, nur Ein Jnstrument auf alle Arten zu gebrauchen, hat in soweit gleichfalls seine Ausdehnung, als diese Arten von einan- der verschieden sind. Wenn die Handlungen, woraus die Fertigkeit er- wachsen ist, nebst ihrer Hauptuͤbereinstimmung zugleich merkliche Verschiedenheiten gehabt haben, so sind auch die hinterbliebene Spuren von diesen Aktionen zum Theil nur sich aͤhnlich und dieselbigen, zum Theil aber unaͤhn- lich und verschieden, und fallen also nach einem allge- meinen Gesetz der Vorstellungskraft, nur zum Theil auf einander, zum Theil aber neben einander, oder mit andern Worten, sie werden nur zum Theil vereint, zum Theil aber nur verbunden, dem Raum oder der Zeit nach. So fern diese Spuren verschieden sind, ma- chen sie Verschiedenheiten in der Fertigkeit aus, und er- zeugen gar verschiedene ungleichartige Fertigkeiten, wenn sie selbst ungleichartig sind. Denn in diesem Fall entstehet nicht einmal eine Verbindung zwischen ihnen, und noch weniger eine Vereinigung; also wird auch durch ihre Aufhaͤufung keine einzelne Groͤße erzeuget. Die Groͤße in einem und demselben Vermoͤgen waͤchset nur durch das Aehnliche in den Spuren. Jst nun in den einfachen Spuren so viele Jdentitaͤt, daß ihr Ganzes eine Groͤße wird, so bekommt diese Groͤße in so weit eine Ausdehnung, als diese Spuren verschieden sind. Nur muß ihre Verschiedenheit die Gleichartigkeit nicht aufheben. Wenn sie bis so weit gehet, so werden ver- schiedene Fertigkeiten erzeuget, die sich einander alle- mal in so weit hindern, als sie die Kraft der Seele un- ter sich vertheilen, zuweilen einander aufheben oder doch schwaͤchen. Das letztere ist die Wirkung von der Ver- schiedenheit in den Vorstellungen, so bald diese sich zu- gleich der Vorstellungskraft ⁊c. gleich neben einander in der Seele erhalten und ihre Kraft beschaͤftigen wollen. Denn das bekannte: apposita juxta seposita magis elucescunt, gilt nur in solchen Faͤllen, wo der vorhergehende verschiedene Zustand den nachfol- genden Platz machet, und nur die Neuheit bey dem letz- tern vergroͤßert. Hiedurch wirken die abstechende Far- ben, und Toͤne, und die kontrastirenden Jdeen in der Phantasie. Bleibet dagegen die vorhergehende Modi- fikation in der Seele auch nur zum Theil zuruͤck, wenn eine andere von ihr verschiedene nachfolget, so mag jene oder diese die herrschende werden, entweder sie vermi- schen sich in eine dritte zusammen, oder wenn die Seele sie nicht zugleich umfassen kann, so schwaͤchen und ver- theilen sie einander. Und auch da, wo sie in eine dritte zusammenfliessen, haben doch alle beide einzeln von ein- ander gelitten. Daher muß auch jede Ausdehnung ei- ner Fertigkeit in dem endlichen Wesen die innere Staͤrke der Fertigkeit selbst vermindern, wofern diese nicht an- derswoher neue Nahrung empfaͤngt. 2) Die innere Staͤrke der Fertigkeit ist eine Folge von der Aehnlichkeit oder Einerleyheit der Spuren, welche die Vorstellungen von der Aktion aus- machen und darum auf einander fallen. Diese Vorstel- lungen richten sich nach den Handlungen, und ihre Ver- einigung nach ihrer eigenen Aehnlichkeit. Aber die Groͤße der Fertigkeit, welche entstehet, als eine ganze Fertigkeit aus einfachen, die ihre Theile sind, haͤngt zu- gleich auch von der Beschaffenheit des Vermoͤgens, oder der Anlage und Disposition ab, ohne der Menge von Handlungen, womit die Uebung geschicht, zu entspre- chen, weil das Vermoͤgen der Seele die aus der Hand- lung empfangene Spur mit andern vorraͤthigen, die sie aus aͤhnlichen Modifikationen herausziehet, vermehren und vereinigen kann. Das mehr oder weniger zu etwas aufgelegt seyn besteht darinn, daß in dem T t 3 Jnnern X. Versuch. Ueber die Beziehung Jnnern der Seele mehr oder weniger von demjenigen vorhanden ist, was entweder fuͤr sich schon ein Bestand- theil der ganzen Modifikation ist, die sie thaͤtig bewir- ken oder leidend annehmen soll, oder doch durch eine Ab- sonderung, Ausscheidung, oder Verbindung und Mi- schung darzu gemacht werden kann. Dieß ist der Grund der oft augenblicklich, und zuweilen unvermuthet entste- henden Fertigkeiten, die wie durch einen Sprung hervor- getrieben zu werden scheinen. Diese Staͤrke der Fertigkeit bestehet zuweilen mehr in Lebhaftigkeit, in der Groͤße des ersten Ansatzes, ohne daß ein Nachdruck von merklicher Groͤße erfolge; zuweilen ist mehr Staͤrke im Aushalten, als im ersten Ansetzen da. Die lebhaften Genies, und die mehr dieß als tiefe Genies sind, wirken mit ihrer ganzen Staͤrke auf einmal, in einem Nu. Jhre Gedanken sind Blicke, und der Ausdruck ein Wurf. Sind es wirklich große Genies, so sind jene Blitze, die aber schnell voruͤber ge- hen. Jn den Fertigkeiten der hoͤhern Verstandeskraͤfte ist es selten diese Dimension, worinn sie am groͤßten sind, sondern ihre groͤßte Kraft bestehet in dem Anhalten und Durchsetzen. Diese Abaͤnderungen lassen sich daraus erklaͤren, daß die Menge der einfachen Theile, welche zusammen die ganze Fertigkeit ausmachen, in einem Fall mehr von allen fremden Vorstellungen anderer Aktionen abgeson- dert, in dem andern aber mit mehreren dergleichen ver- bunden sind. Jst die ganze Fertigkeit in der Seele von fremden Vorstellungen abgesondert, so geht jene auf ein- mal ganz hervor, und setzet heftig an, verzehret sich aber bald, wenn die Vorstellung von der Aktion in die volle Empfindung hinuͤber ist. Jst dagegen die Fertigkeit mit| vielen andern Vorstellungen associirt, so liegen neben ihr auch Anfaͤtze zu mehreren Handlungen, welche die Kraft der Seele auf sich ziehen, und es verhindern, daß sie der Vorstellungskraft ⁊c. sie nicht so gleich sich gaͤnzlich mit jener aͤußern kann. Wenn nun aber diese Nebenanlaͤsse die Kraft von ih- rer staͤrkern Richtung nicht abwenden, so halten sie solche nur auf, und machen es ihr moͤglich, laͤnger dieselbige Art der Wirksamkeit fortzusetzen. Das zu schnelle Ablaufen der Kraft ist eine Unvoll- kommenheit, wenn es aus einem Mangel an associirten Jdeen herruͤhret, die entweder in der Seele nicht sind, oder von ihr nicht verbunden werden koͤnnen. So ist es mit der Lebhaftigkeit der Kinder, die allemal ein Beweis ist von einem gewissen Grad der Staͤrke, aber zugleich auf der andern Seite Schwaͤche verraͤth, welche entwe- der keine zuruͤckhaltende Vorstellungen in sich hat, oder sie nicht zu gebrauchen weis. Aber sie ist eine Vollkom- menheit, wenn es nicht der Mangel an Vorstellungen, sondern die Selbstthaͤtigkeit der Seele ist, welche die Thaͤtigkeit beschleuniget, indem sie die zerstreuende und aufhaltende Vorstellungen unterdruͤcket, zuruͤckhaͤlt, und dadurch die ganze Staͤrke der Kraft auf Eine Sache und auf einen Zeitpunkt zusammendraͤnget. Gleichfalls ist das Allmaͤhlige in der Handlung eine Unvollkommenheit und Schwaͤche, wenn die Fer- tigkeit zu wenig ein Eins ist, und ihre Theile durch ein- gemischte fremde Vorstellungen zu sehr von einander ab- gesondert sind, um auf Einen Punkt zusammengebracht werden zu koͤnnen. So ist auch in diesem Fall das Zau- dern uͤber eine Sache eine Schwaͤche, weil es ein Unver- moͤgen zum Grunde hat, die fremden Vorstellungen, welche die Aktion aufhalten, genugsam zu entfernen. Aber es ist Staͤrke und Vollkommenheit, wenn die Seele aus Eigenmacht fremde Vorstellungen in sich unterhal- ten, und mit diesen wie mit Sperraͤdern die zu schnelle Aeußerung des Vermoͤgens hindern, und dessen Wirk- samkeit in die Laͤnge ziehen kann. Sie schonet alsdenn ihr Feuer, bedecket es mit neuen Kohlen, und bespritzet T t 4 es X. Versuch. Ueber die Beziehung es mit Wasser, um die Glut anhaltender und staͤrker zu machen. Was weiter aus diesen Begriffen gezogen werden kann, zumal wenn man den Allgemeinbegrif von der Fertigkeit naͤher durch die Natur einer fuͤhlenden, und vorstellenden Kraft zu bestimmen sucht, und die Folgen mit den Erfahrungen, wie Fertigkeiten entstehen, ver- groͤßert, und wiederum geschwaͤcht und vertilget werden, vergleichen will, das gehoͤret nicht zu meiner gegenwaͤr- tigen Absicht, die mehr dahin gehet, Begriffe aus Be- obachtungen zu suchen, als Beobachtungen aus Begrif- fen zu erklaͤren. Daher muß ich mich an der Kuͤste der Erfahrung zu halten suchen. Jch wuͤrde auch dieses letz- tere Raisonnement uͤber die Fertigkeiten mir nicht erlau- bet haben, wenn nicht der Unterschied zwischen Ausdeh- nung und Jntension unserer Fertigkeiten eine von den vornehmsten Beobachtungen bey der Entwickelung der menschlichen Seele aufklaͤrte, nach der wir noch lange fortfahren, die Kraͤfte am Unfang zu vergroͤßern, wenn sie an Jntension keinen merklichen Zuwachs mehr anzu- nehmen scheinen, davon ich anderswo ausfuͤhrlicher zu handeln Gelegenheit haben werde. 3. Noch eine Aufgabe, die dritte: Wie geschiehet das Nachmachen fremder Handlungen? Wie wirket unsere Sympathie? Der Mensch ist, wie Aristoteles gesagt hat , das Thier, welches die groͤßte Ge- schicklichkeit zum Nachmachen besitzet. Die Wirkungen dieses Vermoͤgens sind erstaunlich, und, so viel ich weiß, hat man noch den eigentlichen Grund dieses Vermoͤgens, aus dem seine ganze bis in das Jnnere der Natur ein- dringende Macht begreiflich wird, nicht deutlich genug aus einander gesetzt. Die vornehmste Schwierigkeit lie- get der Vorstellungskraft ⁊c. get darinn. Wie kann eine Aktion nachgemachet wer- den, die ein anderer vor unsern Augen vornimmt, da wir doch von ihr weiter nichts sehen, als ihre Außenseite, oder den Theil von Veraͤnderungen, der in die aͤußern Sinne faͤllt, und den man kennen kann, ohne von dem Jnnern der Handlung selbst die geringste Jdee zu erlan- gen? Wir sehen nicht in das Jnnerste des Menschen, wir fuͤhlen seine Anstrengungen nicht, sondern nur ihre aͤußerlichen Wirkungen, wie werden wir denn geschickt gemacht, uns in seine Lage zu versetzen, das naͤmliche innerlich zu empfinden, wie er, und unsere Kraft in die naͤmliche Richtung zu lenken, welche die seinige hat? Diese Frage graͤnzet an die zwote: „Wie wirket „unser Mitgefuͤhl?‟ Wir sehen Thraͤnen in den Au- gen eines andern; dieß ist eine Gesichtsempfindung, wie entstehet in der Seele die Traurigkeit? Es ist zwar eine ursachliche Verbindung zwischen der Gemuͤthsbewegung in der Seele und zwischen ihrem aͤußern Ausbruch in den Augen, und wenn also unser Auge zum Weinen ge- bracht wuͤrde, so wuͤrde das Herz das Empfindniß an- nehmen, welches von jenen die Quelle ist; aber da wir nur die Thraͤnen bey andern sehen; woher entsteht die Verbindung zwischen dieser Gesichtsempfindung und zwi- schen dem Gefuͤhl in der Seele? Jst diese urspruͤnglich natuͤrlich, oder ist sie hinzugekommen, und eine Wir- kung von der Jdeenverknuͤpsung? die Beantwortung der obigen Frage wird die Beantwortung dieser letztern zu- gleich mit an die Hand geben. Wenn ein Genie zum Malen dem Meister zusiehet, der ihm vorarbeitet, so besteht alles, was er an dieser Aktion mit den Augen siehet, in einer Reihe von sichtli- chen Veraͤnderungen, die fuͤr sich zwar allein empfunden werden koͤnnen, aber doch solche genau entsprechende Wirkungen der malenden Handlung sind, daß sie nir- gends anders entstehen, als da, wo die sie bewirkende T t 5 Hand- X. Versuch. Ueber die Beziehung Handlung, und zwar auf dieselbige Art vorgenommen wird. Nun fuͤhlet der Zuschauer auch bey sich eine Ge- schmeidigkeit in der Hand; er fuͤhlt es, daß er solche mit leichter Muͤhe in mannigfaltige Stellungen bringen kann, oder weis dieß schon aus vorhergehenden Erfahrungen. Was geschicht also? er wendet dieß Vermoͤgen an, be- stimmet sich zur Thaͤtigkeit, leget die Hand und den Pin- sel so, wie er es gesehen hat, und ziehet sie fort auf die naͤmliche Weise. Diese erste Thaͤtigkeit war nicht wei- ter bestimmt, als durch den allgemeinen Vorsatz, er wollte malen, und durch die Jdee von dem Jdeal, welches er darstellen wollte. Gesetzt, die Hand falle bey dem ersten Ansatz nicht so, als er bey dem Meister es gesehen hat, so aͤndert er es, und bringet sie in eine andere Lage, bis er die naͤmliche erreichet, die er an seinem Vorgaͤn- ger bemerket hat. Hier wird also eine Gesichtsidee mit einer andern verglichen; er siehet seine Hand, wie er die fremde gesehen hat. Auf die naͤmliche Weise verfaͤhrt er mit dem Pinsel bey allen nachfolgenden Zuͤgen. Ob sie so sind, wie sie seyn sollen, das lehret ihn sein Gesicht und die Vergleichung mit der Gesichtsidee, welche sein Muster ist. Bey jeder Abweichung der aͤußerlich sicht- baren Seite seiner eigenen Aktion von der sichtlichen Aus- senseite seines Vorbildes giebt er seiner Kraft eine an- dere Richtung nach der entgegengesetzten Seite, wie der Aequilibrist, der seinen Koͤrper im Gleichgewicht haͤlt, nichts anders thut, als daß er unaufhoͤrlich dem Herun- terfallen bald nach einer, bald nach der andern Seite, durch entgegenstehende kleinere Bewegungen vorbeuget. Das Nachmachen ist also eine Anwendung einer aͤhn- lichen Kraft, wenn diese nach der Absicht geleitet wird, daß die aͤußerliche empfindbare Seite der Aktion der Au- ßenseite einer andern aͤhnlich wird. So weit gehet das Nachmachen. Ein anders ist es, wenn jemad das- selbige thut, was ein anderer thut. Dieß letztere ist kein der Vorstellungskraft ⁊c. kein Nachmachen, sondern urspruͤngliche Handlung, wel- che einer andern aͤhnlich ist, und durch aͤhnliche Ursa- chen hervorgebracht wird. Auch in den unmerklichsten Nachmachungen, durch welche die Jugend am meisten nach den Personen gebil- det wird, mit denen sie umgehet, und auch die Erwach- senen vieles in ihren Charakter und Sitten von andern annehmen, treffen wir das naͤmliche Gesetz bey dem Ue- bergang der Beschaffenheiten aus dem Einen zum An- dern an. Außer dem ersten Beyspiel des Nachmachens, wo die Handlung noch nicht vorher verrichtet war, und also die Vorstellung von ihren aͤußern Wirkungen auch der wirkenden Kraft nur allein die Richtung gab, will ich noch ein anderes zergliedern. Es soll eine Fertigkeit in der Handlung schon vorhanden seyn, die nur durch das Beyspiel einer fremden Handlung in Thaͤtigkeit ge- setzet wird, und dann eben das verrichtet, was ein an- derer ihm vormachet. Hernach wird sich das Allge- meine in jedweder Art der Nachmachung daraus abzie- hen lassen. Wenn eine Person in einer Gesellschaft gaͤhnet, so gaͤhnen andere nach. Sollte dieß blos eine aͤhnliche Handlung seyn, aus aͤhnlichen Ursachen, just in demsel- bigen Moment durch Zufall oder durch vorherbestimmte Harmonie hervorgebracht? Ohne Zweifel ist hier eine gewisse ursachliche Verbindung zwischen dem Gaͤh- nen der ersten Person, und der uͤbrigen, die es mitma- chen; und ohne Zweifel ist das Athmen der letztern eine Art von Nachmachung. Aber was hier diejenigen, welche nachgaͤhnen, bey dem sehen der zuerst gaͤhnet, das bestehet in Bewegungen des Mundes, der in die Hoͤhe erweitert und in der Breite verkuͤrzet wird, und in gewissen Zusammenziehungen der Muskeln an den Backen, mit einer Bewegung der Hand zum Munde. Wie sollten diese Gesichtsbilder bey mir die naͤmliche Aktion hervorbrin- gen, X. Versuch. Ueber die Beziehung gen, wenn ich nicht wuͤßte, was solche sichtliche Bewe- gungen bedeuten, oder was sie eigentlich fuͤr Handlun- gen mit den Gliedern sind? Woher sollte ich aber dieß wissen, wenn das Anschauen dieser Bewegungen bey an- dern nicht eine Vorstellung von aͤhnlichen bewegenden Thaͤtigkeiten in mir hervorbraͤchte, und diese wegen ihrer physischen Verbindung mit der Aktion des Gaͤhnens, dessen Wirkungen sie sind, auch in mir die Vorstellung von der Aktion des Gaͤhnens erregen, und dadurch meine Disposition zum Gaͤhnen erwecken? Einmal muß ich wissen, daß der, der den Mund aussperret, den Athem stark an sich ziehet, die Hand vor dem Mund haͤlt, den Kopf zuruͤckzieht, und so ferner, das thut, was ich thue, wenn ich gaͤhne. Und dann muß ich aus dem, was ich sehe, die genannten Bewegungen erkennen. Die Jdee von dem Gaͤhnen eines andern ersodert eine Verglei- chung. Wir denken und sagen, es ist ein Gaͤhnen, da wir nur die sichtbare Seite der Aktion vor uns haben. Diese letztere ist also der Charakter eines Zustandes, von dem nur eine Jdee aus eigenem Gefuͤhl moͤglich ist. Oh- ne diesen Charakter einmal in Verbindung mit dem Ge- fuͤhl der Sache selbst gehabt zu haben, kann er nicht wis- sen, daß jenes ein Merkmal von ihr sey, hier haben wir also die Seite, an der die Handlung eines fremden fuͤr eine aͤhnliche mit der unsrigen erkannt werden kann. Die sichtliche Vorstellung von beiden ist dieselbige. Jch sehe die koͤrperliche Bewegung des andern so, wie meine eigene. Dieß erwecket bey mir die Jdee von derselbigen Handlung, die ein anderer vornimmt. Diese Erklaͤrung wuͤrde ungemein mangelhaft seyn, wenn sie nicht durch einen Zusatz verstaͤrket wuͤrde. Das Kind sollte daher wissen, daß seine Mutter weinet, weil man es etwann vor dem Spiegel gestellet hat, zu der Zeit, da es selbst Thraͤnen vergoß, und es dadurch belehret, daß seine weinerliche Miene eben so aussieht, wie der Vorstellungskraft ⁊c. wie andrer Menschen ihre. So hat das Kind doch wohl den sichtbaren Charakter des Weinens nicht kennen gelernet. Und eben so unwahrscheinlich ist es, daß wir aus dieser Vergleichung der sichtlichen Aehnlichkeit un- sers Gaͤhnens mit dem Gaͤhnen anderer es sollten erler- net haben, daß das, was wir sehen, mit dem, was wir bey uns nur fuͤhlen, dasselbige sey. Man kann sich allerdings solcher Vergleichungen durch einen Sinn mit Vortheil bedienen, und thut es auch oft, wenn man je- mand sich selbst im Spiegel sehen laͤßt, um ihm zu zei- gen, was zu einer guten Stellung des Koͤrpers, oder zu einer schoͤnen Bewegung des Leibes gehoͤret, die man mit einem gewissen Worte bezeichnet. Aber dieses Mittel ist nicht nothwendig, und wird oft gar nicht einmal zu Huͤlfe genommen. Der Weg der Natur ist kuͤrzer. Das Kind weinet; man sagt ihm, es weine, und bezeichnet seine Aktion durch ein Wort. Eben dieß Kind sieht einen andern weinen, und man sagt ihm wiederum, dieser Mensch weine. Dieß ist genug. Das aͤhnliche Wort lehrt es die Aehn- lichkeit der Handlungen, der seinigen, die es nur fuͤhlt, und der fremden, die es sieht. Erblickt es jenes Wei- nen, so nennt es dieß ein Weinen, und seine eigene Gefuͤhlsidee von dem Weinen wird mit dieser sichtli- chen Jdee vereiniget. Die letztere wird ein Bestand- theil und also auch ein Merkmal der ganzen Vorstellung. Darum kann der Mensch mittelst der Worte als aͤhnlicher Toͤne, mehrere Empfindungen in Eine Jdee vereinigen, und auch aͤhnliche Sachen an mehrern Merk- malen erkennen, die sonsten in seinen Empfindungen, welche er von ihnen einzeln hat, so verschieden sind, daß er schwerlich dadurch auf die Aehnlichkeit der Sachen selbst gefuͤhret seyn wuͤrde. Dieß giebt auch seinem Nachbildungsvermoͤgen eine groͤßere Ausdehnung, naͤmlich dem Vermoͤgen etwas X. Versuch. Ueber die Beziehung etwas aͤhnliches an sich hervorzubringen, mit dem, was bey andern gewahrgenommen wird. Die harmonisch gespannte musikalische Saite zittert einer andern nach, wenn die letztere die Luft, und diese wieder die nachzitternde Saite auf eine aͤhnliche Art in Schwung bringet, wie die erstere es selbst ist. Das Parallel hievon bey dem Menschen ist, daß der Vor- gang des Einen dem Andern dieselbigen Empfindungen beybringet, und seine thaͤtige Kraft auf eine aͤhnliche Art zu einer aͤhnlichen Aeußerung reizet. Hievon will ich noch unten etwas sagen. Der Affe ahmet auch nach, und in einigem Grade thun es andere Thiere auch. Aber er ahmet nur Handlun- gen nach, deren Aehnlichkeit durch denselbigen Sinn er- kannt werden koͤnnen. Er sieht sich z. B. selbst tanzen. Da ihm die Worte fehlen, — einige Toͤne kennt er, die hierinn jener ihre Dienste thun, — so koͤnnen ihm auch keine Handlungen als aͤhnliche vorkommen, und in der Vorstellung zusammenfallen, als nur solche, von denen er aͤhnliche Eindruͤcke durch denselbigen Sinn em- pfangen hat. Jch gehe wieder zu dem Gaͤhnen zuruͤck. Das erst- malige Gaͤhnen ist keine Nachmachung. Wir haben schon gegaͤhnet, und eine Fertigkeit darinn erworben, ehe wir dem Andern zur Gesellschaft es nachmachen. Aber gesetzt auch, wir haͤtten noch keine Fertigkeit und noch keine Vorstellung aus der Empfindung von einer solchen Aktion, so koͤnnten wir wohl solche von einigen ihrer einzelnen Theile haben, etwan von den aͤußerli- chen Bewegungen. Wenn nun diese zusammen genom- men, mit den uͤbrigen Theilen der ganzen Aktion in ei- ner physischen Verbindung stehen, und jene diese durch den Organismus des Koͤrpers nach sich ziehen, so koͤnnte es sich ja wohl eraͤugnen, daß die partiellen Jdeen von aͤußern Bewegungen in Eine durch die Zusammense- tzung, der Vorstellungskraft ⁊c. tzung, wie die Bilder der Objekte von der Dichtkraft, vereiniget wuͤrden, und daß alsdenn die gesammte Aktion erfolge. Zwar nicht bey dem Gaͤhnen, aber bey andern nachgemachten Handlungen haben wir davon Bey- spiele. So weit ist also die Erscheinung erklaͤrt. Wir sehen einen andern gaͤhnen; dieß Anschauen erweckt in uns die ganze Vorstellung von dem Gaͤhnen. Die Vorstellung des Gesehenen ist schon ein Theil von der letztern, denn sie ist die Vorstellung von der Anßenseite der Aktion. Was noch uͤbrig ist, besteht darinn, daß die er- weckte Vorstellung vom Gaͤhnen, sobald sie so lebhaft ist, als sie wird, wenn wir einem andern zusehen, ein wirk- liches Gaͤhnen selbst nach sich ziehe. Wie dieß zugehe, ist begreiflich, da die Vorstellung von der Aktion, schon ein wahrer Anfang von der Aktion in dem Jnnern ist, und es bedarf nur noch eines schwachen Reizes, um sie in eine voͤllige Aktion zu veraͤndern. Ein Theil von der Vorstellung des Gaͤhnens, ist alsdenn, wenn wir andere gaͤhnen sehen, eine wirkliche Empfindung, und reizet also wie eine Empfindung, aber auch dieser Reiz ist nicht einmal erfoderlich, wie ich vorher schon erinnert habe. Der geringste Umstand, der ein Gefallen veranlasset, ist dazu hinreichend. Denn das Gaͤhnen gehoͤrt zu den or- ganischen Bewegungen, wozu wir eine sehr große Fer- tigkeit erlangen, weil unsere natuͤrliche Anlage dazu so groß ist. Warum Kinder in Gesellschaft nicht mit gaͤhnen, davon ist die Ursache vor Augen. Jhre natuͤrliche Dis- position dazu mag stark genug seyn, auch wohl ihre Fer- tigkeit. Aber das Nachmachen erfodert eine Vor- stellung von dem, was nachgemacht werden soll, und diese erfodert angestellte Vergleichungen. Das Kind kennt die Handlung des Gaͤhnens von außen noch nicht. Wenn X. Versuch. Ueber die Beziehung Wenn es mich gaͤhnen sieht, weis es eben so wenig, daß ich gaͤhne, als es weiß, daß ich lache oder weine. Wie denn die Nachmachung sogleich unmittelbar auf den Anblick der nachgemachten Handlung erfolge? so daß man die dazwischen liegende wiedererweckte Vorstel- lung von der Aktion |fast nicht gewahr wird? Jch ant- worte, es sey nichts mehr dazwischen noͤthig, als wir wirklich finden. Wenn wir die Handlung bey einem Andern sehen, so bedarf es keiner sorgfaͤltigen, weitlaͤuf- tigen und deutlichen Vergleichung dieser Außenseite von ihr, mit der von unserer eigenen aͤhnlichen Handlung, und keines foͤrmlichen Urtheils. Jene Vorstellung von dem was wir sehen, ist schon fuͤr sich einerley mit einem Theil der ganzen Vorstellung von unserer eigenen Aktion, und dann stellet die Phantasie das Uebrige nach dem be- kannten Gesetz der Association dar. Diese beiden aufgeloͤseten Beyspiele von der Nach- machung fremder Handlungen, fuͤhren uns auf die ein- fachen Naturfaͤhigkeiten, die in dem Nachahmungs- vermoͤgen enthalten sind. Unter allen zur Entwicke- lung unserer Natur arbeitenden Kraͤften, ist dieß Ver- moͤgen eins der staͤrksten. Wir haben in unserer Spra- che die Woͤrter: Nachthun, Nachmachen, Nach- ahmen, Nachaͤffen, Nachbilden, Nachbestre- ben, Nacheifern. Sie sind in ihren Bedeutungen in etwas verschieden, beziehen sich aber doch auf einen Grundbegriff des Nachmachens. Nachahmen ist im- mer etwas willkuͤhrliches, und erfodert Aktionen, die nach dem Muster anderer gemacht sind, auf die Art, wie der Knabe seine Vorschrift nachschreibet oder nach- zeichnet; und eine andere Nebenidee ist noch diese, daß gemeiniglich die Nachahmung mehr auf die Form der Handlung, nemlich, auf die Art und Weise, wie sie verrichtet wird, und auf die Wirkung, in so ferne sie von dieser Form abhaͤngt, als auf das Materielle von beiden der Vorstellungskraft ⁊c. beiden geht. Wenn auf das letztere gesehen wird, so ist es mehr ein Nachmachen, welches Wort aber auch von dem unwillkuͤhrlichen Nachmachen gebraucht wird, wie die Redensart, Einem andern etwas nachthun, sich auch auf solche Faͤlle erstrecket, dergleichen das Mit- gaͤhnen ist. Wir thun sonsten einem die Handlungen nach; und machen die Sachen nach, die er ge- macht hat. Diese kleinern Verschiedenheiten in dem Nachthun oder Nachmachen bey Seite gesetzet, so erfodert das All- gemeine der Nachmachung folgende Stuͤcke. Jn dem Einen, der vorgehet oder vormachet, ist eine innere Aktion, und diese aͤußert sich in Bewegungen des Koͤrpers, in Wirkungen, welche aͤußerlich empfun- den werden. Dieses Aeußerliche der Handlung wird von einem andern auf eine gewisse Art durch die aͤußern Sinne, es sey des Gesichts, oder des Gehoͤrs, oder auch des Ge- fuͤhls, empfunden. Das ist, die Handlung zeiget sich dem, der etwas nachmacht, in einer gewissen aͤußerlichen Gestalt. Der Handelnde selbst kann sie auch in dieser Gestalt kennen; er sieht, fuͤhlt, hoͤrt die Aeußerungen, wie der Nachahmer; aber zuweilen empfindet er sie auch nicht auf diese Art. Ein Tanzender fuͤhlt nur seine Bewegun- gen in den Gliedern; vielleicht aber weis er nicht, wie er alsdenn andern erscheinet, die ihm zusehen. Diese aͤußere Gestalt, in der die Handlung dem Nachahmer erscheinet, veranlasset bey diesem eine aͤhnli- che Handlung; und diese aͤhnliche Handlung erfodert aͤhn- liche Kraͤfte in einer aͤhnlichen Wirksamkeit, und aͤhn- liche Wirkungen der Aktion in den Bewegungen des Koͤrpers, und in den aͤußern Effekten, die hervorge- bracht werden. I. Band. U u Dieß X. Versuch. Ueber die Beziehung Dieß ist allen Nachmachungen gemeinschaftlich; aber ihre vornehmsten Verschiedenheiten ruͤhren von der verschiedenen Art her: „wie die aͤußere Gestalt, wor- „inn die Aktion dem Nachahmer erscheint, das ist, ihre „Empfindung durch die aͤußern Sinne, mit der repro- „ducirten Vorstellung von derselben in dem Nachah- „mer, und mit Stimmung seiner Kraͤfte zu der aͤhnli- „chen Wirkungsart in Verbindung stehet.‟ Jene aͤußere Empfindung ist es doch allein, was er empfaͤngt, und diese allein muß ihn zum Nachmachen bestimmen, es sey nun, daß er willkuͤhrlich sich selbst zum Nachmachen entschließt, oder daß er es thut, ehe er darum gewahr wird. Sehen wir nur auf die einfachen Faͤlle, und lassen die zusammengesetzten noch zuruͤck, so stellen sich uns fol- gende dar. Die nachzumachende Aktion sey noch niemals vor- her von dem, der sie nachmachet, unternommen worden. Also ist auch nichts weiter als ein bloßes Vermoͤgen da- zu vorhanden, ohne eine Vorstellung von ihr; es mag das Vermoͤgen von Natur stark seyn, und mit einer Fer- tigkeit, wie ein Jnstinkt wirken, oder schwaͤcher, so mag vielleicht die Empfindung von der fremden Aktion einen physischen Einfluß auf das Vermoͤgen des Nachmachers haben, und seine Kraͤfte durch die aͤhnlichen Empfind- nisse reizen und bestimmen, durch welche sie solche in dem erstern gereizet und bestimmet hat. Dieß ist die erste Art der Verbindung zwischen der Aktion und derjenigen, die ihr nachgemacht wird. Der Nachahmer wird durch eine Empfindung einem andern nachgestimmet. Die heitere Miene eines andern, sein Lachen, sein Singen, macht mich mit ihm aufgeraͤumt und bringt mich dazu, daß ich mit lache. Jch fuͤhre diese Beyspiele hier nur zur Erlaͤu- terung an. Wenn man sie genauer zergliedert, so gehoͤ- ren sie wenigstens nicht gaͤnzlich hieher, indem auch die folgen- der Vorstellungskraft ⁊c. folgenden Arten der Verbindung dabey vorkommen. Unten will ich die Frage noch besonders untersuchen: „ob aͤußere Eindruͤcke, die wir von den Ausbruͤchen der innern Gemuͤthsbewegungen eines andern empfangen, als sinnliche Eindruͤcke auf die Organe, durch ihre physi- sche Einwirkung, zu aͤhnlichen Bewegungen uns stim- men koͤnnen, und wie weit dieß gehe?‟ Davon haͤngt es ab, ob die hier angegebene Art, wie man zum Nach- machen gebracht werde, wirklich Statt findet, und wie weit sie Statt findet. Eine zwote Art der veraͤhnlichenden Verbin- dung ( nexus exemplaris ) finden wir in solchen Bey- spielen, wo ein eigentliches Nachahmen oder Nach- machen geschicht, wenn ein Knabe seine Vorschrift nachschreibet, wenn er nachzeichnet, und Mienen und Geberden und Stellungen nachmacht, die man ihm vor- zeiget. Hier ist die physische Kraft, welche die aͤhnliche Aktion hervorbringet, durch gewisse Empfindungen schon rege und wirksam gemacht. Das Muster, was ihm vor- gehalten wird, ist nur sein Jdeal, wornach seine unbe- stimmten Bestrebungen geleitet werden. Ein solches Beyspiel ist oben zergliedert worden, und es zeigte sich, daß eine Nachahmung dieser Art voraussetzet, daß man die Theile der ganzen Aktion, die hervorgebracht werden soll, schon kenne, und daß also nichts anders geschehe, als was einer Zusammensetzung von Bildern in der Dichtkraft aͤhnlich ist, die hier durch das Muster in ih- rer Arbeit geleitet wird. Die Art aber, wie die Ver- aͤhnlichung geschehe, wozu nothwendig ist, daß die Aehn- lichkeit erkannt werden koͤnne, ist hier ebenfalls wie oben zwiefach. Entweder wird die Außenseite der Aktion, die man hervorbringt, ihre aͤußern Ausbruͤche und Wir- kungen durch denselbigen Sinn empfunden, mit dem man die vorgemachte Handlung empfindet; und dann lehret es die Aehnlichkeit dieser Eindruͤcke, als desselbigen U u 2 Charak- X. Versuch. Ueber die Beziehung Charakters, daß die Handlungen selbst einander aͤhnlich sind; oder man muß dieses Huͤlfsmittel entbehren. Es will sich z. B. jemand die große Miene geben, die er an einem siehet, und die ihm gefaͤllt, ohne sich im Spie- gel beschauen zu koͤnnen. Das Verbindungsmittel ist alsdenn das Wort, oder die Benennung, womit seine eigene und die fremde Gebehrdung bezeichnet wird. Die seinige fuͤhlt er innerlich; und ob er sie zwar nicht sehen kann, so weis er doch daraus, daß sie mit der gesehe- nen Gebehrdung eines andern, einerley ist, weil beide auf einerley Art benennet werden. Die seinige, welche er fuͤhlt, ist Gravitaͤt genannt, wie die, welche er an seinem Muster sieht, und zwar von solchen Perso- nen, welche beide nach Gesichtsvorstellungen verglichen hatten. Die Gleichheit des Namens vertritt hier also die Stelle einer empfundenen Aehnlichkeit in ihren aͤußern Gestalten. Die dritte Art der Verbindung in der Nachah- mung treffen wir in solchen Beyspielen an, wo schon ei- ne Vorstellung und eine Fertigkeit zu der nachgemach- ten Aktion vorhanden ist. Der Eindruck von der frem- den Aktion von außen, thut nichts mehr, als daß er die Veranlassung ist, bey der die Vorstellung von der Hand- lung, die zugleich der Anfang der Aktion selbst ist, wie- der erwecket wird. Und dieß geschicht daher, weil ein solcher Eindruck selbst ein Stuͤck einer solchen Vorstellung ausmacht. Und dieß ist ein eigentliches Nachthun, und geschicht vermittelst einer Reproduktion von Jdeen. Jch verweise auf die obige Erklaͤrung, wie das Mitgaͤh- nen entstehet. Der aͤußere Eindruck von einer fremden Handlung ist ein Zug, der mit der Vorstellung von der eigenen Handlung verbunden ist, und nach dem Gesetz der Association die ganze Vorstellung erwecket. Diese letztere ist aber selbst ein Anfang der Aktion, welche in die voͤllige Aktion uͤbergehet. Die der Vorstellungskraft ⁊c. Die Veraͤhnlichung, und das Nachmachen uͤber- haupt beruhet also auf Einem von diesen Dreyen Gruͤn- den, oder, wie gemeiniglich, auf mehrern von ihnen zu- gleich. Es ist entweder eine aͤhnliche Empfindung, die durch eine andere entstehet; oder es ist eine Repre- duktion der aͤhnlichen Jdee, die zu einer vollen Aktion uͤbergehet; oder es ist eine Fiktion, wo aus schon vor- handenen Materialien eine neue Vorstellung von einer Handlung, nach einem vorgelegten Jdeal gebildet wird. Die erstere Art der Nachmachung, welche eine Em- pfindung ist, gehoͤrt zu den leidentlichen Bildungen, die die geschmeidige Kraft der menschlichen Seele an- nimmt. Sie wird nachgestimmet. Diese Art er- fodert, wenn sie allein vorhanden ist, weder eine Erwe- ckung schon angereiheter Jdeen, noch eine neue Zusam- mensetzung von ihnen, sondern es entstehet durch den physischen Einfluß einer fremden Aktion eine neue Em- pfindung, woraus nachher erst die Vorstellung von der Aktion gemacht werden kann. Man sieht es gleich, daß dieß auf dieselbige Art geschehe, wie unsere Mitgefuͤhle mit andern entspringen. Denn eben dadurch, daß wir in ein aͤhnliches Empfindniß mit andern gesetzet werden, wird auch unsere Kraft zu aͤhnlichen Handlungen erwecket, Hieruͤber will ich noch etwas hinzu setzen, aber mich doch erinnern, daß ich noch immer auf einem Nebenwege fortgehe. 4. Wir haben Vorstellungen von unsern Empfind- nissen und Gemuͤthsbewegungen, die uns in Thaͤ- tigkeit setzen, auf eine aͤhnliche Art, wie wir sie von die- sen letzten selbst haben. Erster Versuch VII. Wenn also die Frage ist, wie wir durch den Anblick von der Betruͤbniß eines andern U u 3 in X. Versuch. Ueber die Beziehung in eine aͤhnliche Empfindung versetzet werden, und wie uͤberhaupt unser Herz auf dieselbige Art gestimmet wird, wie ein anderes es ist, dessen Zustand wir nur aͤußerlich empfinden, so giebt es hier eben so viele verschiedene Ue- bergaͤnge aus einem Herzen in das andere, als wir bey dem Nachmachen fremder Handlungen gefunden haben. Jch hoͤre den Klageton, das Winseln und Schreyen des Leidenden. Diesen Ton kenne ich, er ist der Aus- druck meines eigenen Schmerzens gewesen. Die Vor- stellung des Schmerzens wird also durch ihn erweckt, geht in Empfindung uͤber und ich leide mit. Das Gehoͤr hat eine gedoppelte merkwuͤrdige Ei- genschaft. Wir koͤnnen keine Empfindung aus einem der uͤbrigen Sinne so vollkommen nachmachen, und an- dern wiederum zu empfinden geben, als die Schallarten und Toͤne durch das Stimmorgan. Sollte ich den Wald, den ich gesehen habe, andern wieder sichtbar ma- chen, so muͤßte ich ihn zeichnen oder malen. Das zwote ist, daß die Toͤne, welche wir hervorbringen, und in welchen wir unsere Empfindungen ausdruͤcken, zugleich von uns und zwar auf dieselbige Art gehoͤrer werden, als von andern. Machen wir eines andern Mienen nach, so sehen wir sie doch selbst an uns nicht, oder wir muͤßten vor dem Spiegel stehen. Die erste Beschaffenheit, welche Hr. Herder nicht bemerket hat, macht diesen Sinn mehr zu dem natuͤrlichen Sinn der Sprache, als alle die uͤbrigen Eigenschaften, die ihm als einen Mit- telsinn zukommen. Die zwote ist aber hier am meisten merkwuͤrdig. Sie macht es begreiflich, warum der Weg von dem Herzen zu dem Herzen durch das Gehoͤr ohne Ausnahme der kuͤrzeste ist, wenn nur Mitgefuͤhle erre- get werden sollen, die von Natur in Toͤne ausbrechen. Wenn wir mitweinen mit dem, den wir weinen se- hen, so geschicht das auf eine aͤhnliche Art, als wir mit einem andern gaͤhnen. Was wir dem Weinenden an- sehen, der Vorstellungskraft ⁊c. sehen, sind gewisse aͤußere Veraͤnderungen auf dem Ge- sicht, die unsere Vorstellung von dem Weinen, und durch diese selbst die Empfindung erregen. Diese Au- gen-und Mienensprache muͤssen wir erst verstehen ler- nen, wie die Woͤrtersprache, ob sie gleich geschwinder er- lernet wird, und so wie jene uns zu Huͤlfe kommt bey der Erlernung der Worte, so befoͤrdert auch die Woͤrter- sprache die Kenntniß der Mienen. Es giebt auch geflissentliche eigentliche Nachahmun- gen der Empfindungen, wie der Handlungen, und da beide einander aͤhnlich sind, so will ich mich auch hiebey nicht aufhalten, sondern auf das vorhergesagte wieder hinweisen. Aber gehoͤren alle Mittheilungen der Gefuͤhle, alle Erregungen aͤhnlicher Empfindungen, die Ansteckungen der Gemuͤthsbeschaffenheiten und der Leidenschaften, zu Einer von den beiden erklaͤrten Gattungen, oder giebt es noch einen wahren physischen Einfluß der Herzen in ein- ander, wobey die Einbildungskraft die Vermittlerinn nicht seyn darf? Kann nicht das Angstgeschrey der Verzweifelung als ein aͤußerer sinnlicher Eindruck eine Wirkung auf die Nerven, und von ihnen auf die Seele hervorbringen, welche ihrer Ursache in etwas aͤhnlich ist, auf dieselbige Weise, wie eine Saite eines Jnstruments die andere harmonisch gespannte in eine aͤhnliche Bewe- gung setzet, und wie schallende Koͤrper andere nachklin- gend machen? Hr. Home hat eine Menge von Beyspielen ange- fuͤhrt, die daruͤber fast keinen Zweifel zu lassen scheinen. Grundsaͤtze der Kritik Erst. Th. Kap. 2. VI. Th. von der Aehnlichkeit, welche Bewegungen (Gemuͤths- bewegungen) mit ihren Ursachen haben. Die Bewegungen der Koͤrper verursachen unter ihren verschiedenen Umstaͤnden Empfindungen, welche ihnen U u 4 aͤhn- X. Versuch. Ueber die Beziehung aͤhnlich sind. Eine traͤge Bewegung macht, daß wir auch etwas Mattes und Verdrießliches empfinden; eine langsame gleichfoͤrmige Bewegung giebt uns ein ruhiges und ergoͤtzendes, und eine schnelle Bewegung ein leb- haftes Gefuͤhl, welches die Lebensgeister aufbringt, und zur Hurtigkeit reizt. Ein Wasserfall zwischen den Fel- sen wirkt ein unruhiges verwirrtes Gefuͤhl in der Seele, das seiner Ursache sehr aͤhnlich ist, und bey schwachen Personen einen Schwindel, wie die unordentlichen Be- wegungen einer Heerde Schaafe oder Schweine bey dem, der mitten unter ihnen steht, wenn sie gedraͤngt um ihn vorbey laufen. Ein hoher Gegenstand schwellt das Herz, und bewegt den Zuschauer, aufgerichtet zu stehen. Ei- ne gezwungene Stellung, welche der Person, die sie an- nimmt, beschwerlich wird, ist auch dem Zuschauer wi- drig. Von den Toͤnen darf nichts gesaget werden, da ihre physische Wirkung bekannt ist. Der genannte Schriftsteller erklaͤrt daraus die Ansteckung der Freude und der Betruͤbniß, und glaubt, wenn uns tugendhafte Handlungen in einzelnen Faͤllen zur Nachahmung leiten, so sey es ihr physischer Einfluß bey dem Anblick, der uns Bewegungen einfloͤße, die den Leidenschaften, welche sol- che Handlungen hervorbringen, aͤhnlich sind. Es ist wohl wahr, daß die Aehnlichkeit der Wirkungen und der Ursachen in einigen von den obgedachten Faͤllen eine Folge ihrer physischen ursachlichen Verknuͤpfung ist, aber ich meine, es sey auch eben so gewiß, daß sie es in einigen nicht sey, und nur auf einer Jdeenverbindung beruhe. Die Empfindungen des Gesichts und des Gehoͤrs koͤnnen fuͤr sich Gemuͤthsbewegungen hervorbringen, in- dem sie die Seelenorgane durch ihre Eindruͤcke auf eine gewisse Weise in Bewegung setzen, wobey Empfindnisse in der Seele erzeuget werden, auch wenn dergleichen nie- mals vorher da gewesen sind. Denn so wie die Veraͤn- derungen in der Seele die entsprechende Bewegungen in der Vorstellungskraft ⁊c. in den Lebensgeistern zur Folge, und wie ich hier anneh- me, zur Wirkung haben, so verursachen auch in umge- kehrter Ordnung die harmonischen Gehirnsveraͤnderungen die Empfindnisse in der Seele. Eindruͤcke von außen auf das Organ, welche physische Ursachen von jenen sind, werden also auch Ursachen von Seelenveraͤnderungen. Hievon haͤngt das Angenehme und Unangenehme, das Schoͤne und Haͤßliche, das Erhabene und das Niedrige der aͤußern Gegenstaͤnde, mit einem Wort, ihre ganze objektivische Empfindsamkeit ab, die ihnen fuͤr sich, ohne Beywirkung der Association der Jdeen zukommt. Nehmen wir dieß zum Grundsatz an, so werden wir etwas von den angefuͤhrten Erscheinungen begreifen. Die Menge der Eindruͤcke, die durch die aͤußern Sinne von den Gegenstaͤnden und ihren Bewegungen, und also auch von den aͤußern Ausbruͤchen der Empfindungen, der Neigungen und der Leidenschaften, in der sichtbaren Veraͤnderung des Koͤrpers auffallen; zugleich oder in ihrer Folge; ihre Geschwindigkeit und Langsamkeit, ihre Jntension, ihre Ordnung, dieß alles wird die reizbaren Vermoͤgen der Seele auf eine ihnen gemaͤße Art rege machen, und Modifikationen bewirken, welche in Hin- sicht auf innere Staͤrke, Lebhaftigkeit, Mannigfaltigkeit, Geschwindigkeit und dergleichen den aͤußern Eindruͤcken aͤhnlich sind. Nun verhalten sich die aͤußern Eindruͤ- cke, die wir von fremden Empfindungen empfangen, wie ihre Ursachen, das ist, wie die aͤußern Bewe- gungen, welche empfunden werden; und diese letztern verhalten sich wiederum, wie die innern Bewegun- gen der Seele, welche in jenen sich aͤußern. So ist es begreiflich, „wie uͤberhaupt die Empfindung einer aus- waͤrts sich ergießenden Affektion eines andern fuͤr sich eine Affektion in der Seele verursachen koͤnne, die jener in einigen allgemeinen Beschaffenheiten aͤhnlich ist.‟ U u 5 Aber X. Versuch. Ueber die Beziehung Aber dieß ist noch nicht alles, was bey dem Mitge- fuͤhl vorgeht. Wir sehen einen Menschen, der eine Last traͤget, mit großer Anstrengung der Muskeln sich lang- sam bewegen, und hoͤren ihn stoͤhnen. Laßt diesen An- blick und diesen Ton unangenehme Empfindungen des Gesichts und des Gehoͤrs hervorbringen, wie entstehen denn daraus die uͤbrigen Mitempfindungen auch in dem innern koͤrperlichen Gefuͤhl? Wir leiden noch mehr mit; es wird uns schwer in den Gliedern, es druͤckt uns auf den Schultern, wir fuͤhlen Anstrengungen in unsern Gliedern, zum mindesten schwache Anfaͤnge davon, mehr oder minder, je nachdem unser Anschaun lebhafter oder matter ist, und wir mehr oder minder uns der Empfin- dung uͤberlassen. Eine unangenehme Empfindung eini- ger aͤußern Sinne erreget eine aͤhnliche nicht nur in der Seele, sondern auch in den uͤbrigen Sinnen, und be- sonders in dem Gefuͤhl. Kann dieser Uebergang Statt finden, wenn nicht eine gleiche Affektion schon ehedem vorhanden gewesen ist, die durch die Einbildungskraft wieder erwecket wird, indem ein Theil von ihr, naͤm- lich der in den Empfindungen verschiedener Sinne ge- meinschaftliche, von neuen gegenwaͤrtig wird? Ein Blinder weiß nicht, was ein widriger Anblick ist; er hat widrige Empfindungen des Gehoͤrs und wi- drige Gefuͤhle; aber diese erregen keine aͤhnliche widrige Gesichtsempfindungen oder Einbildungen von ihnen, als nur bey dem Sehenden. Eine aͤhnliche Anmerkung laͤßt sich uͤber taube Menschen machen, die am Ende da- hin fuͤhrt, daß wenn die Empfindung eines Sinnes eine ihr aͤhnliche Empfindung eines andern Sinnes er- reget, so setzet dieß voraus, daß die Empfindungen des letzten Sinns schon vorher da gewesen, und mit den er- stern auch schon vereiniget sind, oder etwann jetzo durch die selbstthaͤtige Associationskraft vereiniget werden. Wenn der Vorstellungskraft ⁊c. Wenn man die obgedachten Beobachtungen uͤber das Entstehen aͤhnlicher Gemuͤthsbewegungen mit ihren Ursachen nun mit jungen Kindern und mit unerfahrnen Personen anstellet, so wird dieß letzte voͤllig bestaͤtiget. Es laͤßt sich zwar den Kindern, die eine Musik hoͤren, ansehen, daß sie uͤberhaupt etwas lebhaft und heiter, und zu einer allgemeinen Empfindung des Vergnuͤgens ge- stimmet werden; aber von besondern bestimmten Leiden- schaften, auch von solchen, denen sie selbst schon unter- worfen gewesen sind, findet man keine Spur in ihren Mienen, wie bey dem erwachsenen gefuͤhlvollen Liebha- ber. Es mag ein unangenehmer Ton fuͤr das Kind seyn, wenn es jemand im Wasser um Rettung schreien hoͤret, aber es ist auch nichts mehr, nur ein widriger Ton, der die Seele vielleicht etwas unruhig macht, aber es zeiget sich keine weitere Spur von einem bestimmten Mitgefuͤhl mit der Verzweiflung des Huͤlflosen. Der Schluß aus diesen Bemerkungen ist also folgen- der: „Die physische Wirkung, welche durch die aͤu- „ßere Empfindung einer fremden Gemuͤthsbewegung „verursachet wird, hat in einigen Faͤllen etwas aͤhnli- „ches mit ihrer ersten Ursache, und diese Aehnlichkeit „ist Eins von den Verbindungsmitteln der fremden „Empfindung mit der eigenen, die das Mitgefuͤhl aus- „macht. Aber diese Aehnlichkeit erstreckt sich nicht wei- „ter als auf das Allgemeine; ist wenigstens nicht weiter, „als in Hinsicht dieses Allgemeinen bemerkbar. Daher „ist jedes durch eine physische Einwirkung erzeugte Mit- „gefuͤhl nur eine unbestimmte Empfindung. Soll die- „ses einer bestimmten Art von Empfindung aͤhnlicher „werden, so muß die Einbildungskraft hinzu kommen, „die entweder schon verbundene Jdeen von Empfindnis- „sen, Gemuͤthsbewegungen und Handlungen nach ihrer „Aehnlichkeit wieder erwecket, oder auch eine neue Ver- „bindung von ihnen gegenwaͤrtig zu Stande bringt, und „zumal X. Versuch. Ueber die Beziehung „zumal solche vereiniget, die ohnedieß schon an einigen „Beschaffenheiten mit einander uͤbereinstimmen.‟. 5. Nur im Voruͤbergehen setze ich noch diese Erinne- rung hinzu. Die ganze Macht der Einbildungskraft auf den Koͤrper, wovon die Schriften der Physiologen so voll sind, Die Unzersche Physiologie verdienet von andern an- gefuͤhret zu werden. Man sehe §. 587. und an vielen andern Stellen. beruhet auf der hier erklaͤrten Art, wie Vorstellungen von koͤrperlichen Handlungen und Bewe- gungen in der Seele vorhanden sind. Diese Jdeen sind allemal mit wirklichen Anfaͤngen von solchen Bewegun- gen verbunden, so bald sie lebhaft wieder erwecket sind, und es kommt nur darauf an, wie weit diese ersten innern Anfaͤnge von ihrer voͤlligen Entwickelung zu wahren Em- pfindungen abstehen, und ob eine solche Entwickelung ohne einen neuen von außen hinzukommenden Eindruck auf die Organe erfolgen koͤnne? Auch bey den will- kuͤhrlichsten Handlungen wirken organische Kraͤfte der Fibern und Nerven; deren Wirksamkeit aber dem Antrieb, der von den Vorstellungen aus der Seele kommt, unterworfen ist. Wie weit sind also die Ner- venkraͤfte auch in andern Faͤllen den Vorstellungen un- tergeordnet, oder wie weit koͤnnen sie es werden? Was die verstimmte Einbildungskraft in dem Phanta- sten mit den Jdeen von aͤußern Gegenstaͤnden vor- nimmt, die sie von innen aus bis zu vollen Empfindungen entwickelt, das kann die lebhafte und gespannte Einbil- dungskraft noch viel haͤufiger bey den Vorstellungen von Bewegungen und Handlungen zu Stande bringen. Bey diesen letztern bewirket sie eben so starke Fiktionen, als bey jenen. Wie weit aber solches wirklich bey dem Men- der Vorstellungskraft ⁊c. Menschen gehe, muß die Erfahrung lehren; und sie hat es schon gelehret, daß es in der That weiter gehe, als ein Mensch von kaltem Blut und von gesetztern Verstan- de, es sich nur mit Muͤhe vorzustellen im Stande ist. Einige neuere Naturforscher wollen auch den Ursprung der so genannten Muttermaͤler aus der Einbildungskraft der Mutter, jedoch mit Abziehung dessen, was offenbar Aberglauben und Vorurtheile zu den Faktis hinzugesetzet hatte, nicht ganz verwerfen. Wenn es nur auf die Moͤglichkeit ankaͤme, so deucht mich, die Gesetze der Phantasie, mit dem verbunden, was Hr. Bonnet in seinen vortreflichen Betrachtungen uͤber die organisirten Koͤrper Man sehe besonders das achte Kapitel des zweyten Theils. gelehret hat, geben Data genug an die Hand, die Art und Weise, wie eine solche Fortpflanzung an sich wohl geschehen koͤnne, begreiflich zu machen. Und dieß zwar aus dem analogischen Verfahren der Natur. Die vermeinte Unmoͤglichkeit der Sache laͤßt sich wohl heben. Denn an Ende kommt es nur darauf an, ob wirklich der Einfluß der Phatasie sich so weit erstrecke, als er nach den allgemeinen Gesetzen ihrer Wirksamkeit sich wohl erstrecken koͤnnte? Diese Grenzen muß die Erfah- rung bestimmen, und nicht die Einbildung sie ausdeh- nen noch beengen. IV. Wie X. Versuch. Ueber die Beziehung IV. Wie die vorstellende Kraft der Seele sich auf ihre Receptivitaͤt und auf ihre thaͤtige Kraft beziehe. 1) Das Vermoͤgen, Aktionen sich vorzustel- len, bezieht sich auf die thaͤtige Kraft, welche die Aktionen hervorbringt, auf die- selbige Art, wie das Vermoͤgen, Empfin- dungen wieder hervorzubringen, sich auf das Vermoͤgen bezieht, solche anzuneh- men. Die vorstellende Kraft ist eine hoͤ- here Stufe der innern Selbstthaͤtigkeit. 2) Ob alle Kraftaͤußerungen der Seele als eine Bearbeitung der Vorstellungen an- gesehen werden koͤnnen? Leibnitz-Wol- fische Erklaͤrung von den Willensaͤuße- rungen. 1. J ch wende mich zuruͤck zu der Betrachtung, die ich oben verlassen habe, naͤmlich zu der Beziehung der vorstellenden Kraft der Seele auf ihre thaͤtige Kraft. Noch einmal. Die Vorstellung von einer Aktion verhaͤlt sich zu der Aktion selbst, die von der thaͤtigen Kraft hervorgebracht, und dann gefuͤhlet wird, wie sich jede andere Vorstellung zu ihrer Empfindung verhaͤlt. Die Vorstellung einer Aktion ist ein schwacher Anfang der Aktion selbst in dem Jnnern. Dieser Grundsatz fuͤhrt von selbst zu der Folge, es sey das Vermoͤgen, Aktionen sich vorzustellen, nicht so wohl ein Vermoͤgen, das als ein eigenes von der thaͤ- tigen der Vorstellungskraft ⁊c. tigen Kraft unterschiedenes, und ihr zur Seite gesetztes Princip anzusehen ist, als vielmehr ein Vermoͤgen, das der thaͤtigen Kraft wie eine Beschaffenheit zu- komme. Es ist ein Vermoͤgen der thaͤtigen Kraft selbst, ihre Aktionen, die sie verrichtet hat, auch in der Abwe- senheit der ersten Umstaͤnde und Reizungen zu erneu- ern. Denn die Vorstellungen von den Thaͤtigkeiten sind nichts als hinterbliebene Spuren von ihnen, welche wie- der erwecket werden. Auf dieselbige Art verhaͤlt fich das Vermoͤgen, Gesichtsempfindungen zu reproduciren, zu dem Sinn, der solche aufnimmt. Wenn die Gesichts- empfindung wieder erwecket wird, so wirket dasselbige Vermoͤgen, das solche ehedem aufnahm und fuͤhlte. Es ist dieselbige Receptivitaͤt oder dasselbige Gefuͤhl, welches nun die ehemaligen Modifikationen aus innerer Selbst- macht wieder entwickelt und gegenwaͤrtig macht. Dieß Vermoͤgen brachte zwar die erste Empfindung nicht her- vor, als wozu noch eine andere Ursache mitwirkte. Aber das Nachspiel, das in den Vorstellungen vor sich geht, ist ein Werk des naͤmlichen innerlich selbstthaͤtigen Ver- moͤgens. Das Vermoͤgen, Vorstellungen zu haben, kam auf eine Anlage hinaus, gewisse Leichtigkeiten zu den Modifikationen anzunehmen, und solche selbstthaͤtig zu wiederholen, ohne daß es derselben Huͤlfsursachen von außen bedarf. Auf diese Jdee fuͤhrten die Beobachtun- gen; mit ihr stimmten sie insgesammt uͤberein, und be- staͤtigten sie, oder machten sie doch in einem hohen Gra- de wahrscheinlich. Was indessen diese Jdee von der vorstellenden Kraft, als einem Vermoͤgen in dem Gefuͤhl, auch sey, Hypo- thes oder Beobachtung, so ist die ihr parallele Jdee von dem Vermoͤgen, Thaͤtigkeiten vorzustellen, dasselbige. Die Wirkungen desselben verhalten sich zu den Wirkun- gen der thaͤtigen Kraft auf dieselbige Art, und dieß ist zum mindesten doch Erfahrung; wie kann denn dabey eine X. Versuch. Ueber die Beziehung eine Bedenklichkeit seyn, wenn wir schließen, daß die Vermoͤgen oder Kraͤfte selbst sich auf gleiche Art auf ein- ander beziehen? Aber vielleicht macht es einen Unterschied aus, daß das Gefuͤhl der leidentlichen Modifikationen, diese nicht zuerst als Empfindungen hervorbringen kann, und daß hiezu bey den aͤußern Empfindungen allemal eine aͤußere Ursache, welche auf das Vermoͤgen wirket, erfo- dert wird; die Aktionen dagegen allein durch die thaͤtige Kraft, ohne Zuthun eines aͤußern Princips hervorgehen? Außerdem scheinet noch ein Umstand mehr hinzuzukom- men. Die Vorstellung von einer Aktion geht oft und leicht in eine volle Aktion uͤber, die der ersten Empfin- dung gleich ist, aber das Phantasma von dem Mond wird in der Abwesenheit des Objekts nie wiederum ein Anschaun desselben, auch nicht so voͤllig stark ausgedruͤckt, es sey denn unter außerordentlichen Umstaͤnden. Auf alles beides laͤßt sich antworten, und die Ant- wort liegt in der Sache. Die thaͤtige Kraft, womit wir neue Veraͤnderungen unsers Zustandes hervorbrin- gen; denn von dieser ist nur die Rede, wie sie oben von der Kraft, welche Vorstellungen macht, unterschieden worden ist; die thaͤtige Kraft aͤußert sich nicht, ohne durch eine vorhergehende Empfindung zur Wirksamkeit gereizet zu seyn. Dieser bedarf sie, als eines Stoßes von außen, ohne welche sie nicht hervorgehen kann, so wenig als die Receptivitaͤt der Seele, ohne einen Ein- druck von außen, unsere Modifikationen von Farben und Toͤnen annehmen kann. Die wiedererweckte Vorstellungen von Aktionen ge- hen aus einem innern Princip in volle Thaͤtigkeiten uͤber, und dieß geschieht desto leichter, je groͤßer die Fertigkeit dazu vorhanden ist. Aber kann sich dieß jemals eraͤug- nen, ohne daß eine Empfindung da sey, welche die Kraft zu diesem Uebergang reizet? So lange dieß erregende Gefuͤhl der Vorstellungskraft ⁊c. Gefuͤhl fehlet, stellen wir uns die Handlung nur vor, wiederholen sie aber nicht. Daß sie aber leicht wieder- holet wird, ist etwas, was wir bey den innern Ge- muͤthsbewegungen und Empfindnissen ebenfalls antreffen. Die Leidenschaft ist Zunder, der durch den schwaͤchsten Funken Feuer faͤngt, aber doch auch jedesmal eines Fun- kens noͤthig hat, und ohne diesen so wenig in Brand ge- raͤth, als die nasse Erde. So ist es. Wenn Fertig- keiten zu etwas vorhanden sind, so darf man, so zu sa- gen, nur an die Handlung denken, und das Bestreben zu |handeln wandelt einem schon an. Es ist doch eine Empfindung da, und ein neues Empfindniß, das mehr als eine Vorstellung ist; aber dieß kann allenfalls aus den gegenwaͤrtigen Vorstellungen selbst erzeuget werden. Bey dieser Einschraͤnkung verliert sich hier das Eigene, was den Vorstellungen von Aktionen zukommen sollte. Finden wir doch auch etwas aͤhnliches bey den Empfin- dungsvorstellungen? Woher die große Menge falscher Erfahrungen, als daher, weil man so leicht sieht und hoͤ- ret, was man sich mit großer Fertigkeit einbilden kann? Die Beziehung der vorstellenden Kraft auf das Ge- fuͤhl und auf die thaͤtige Kraft erklaͤrt vieles in der Seele, und ist ein Theorem von großen Folgerungen. Laßt uns sie noch einmal deutlich vor uns stellen. Die Seele besitzet in ihrer thaͤtigen Kraft, wie in ihrer Receptivitaͤt, ein Vermoͤgen, das sie aufgelegt macht, empfangene Veraͤnderungen und einmal unternommene Handlungen leichter zu wiederholen, oder eigentlich die von ihnen zu- ruͤckgelassenen Folgen wieder zu erneuern. Jhre Grund- vermoͤgen sind die Receptivitaͤt mit dem Gefuͤhl, und die thaͤtige Kraft. Sie wird ein vorstellendes Wesen durch eine Beschaffenheit, die diesem Vermoͤgen beywohnt. Bestehet nun diese Beschaffenheit bey dem Einen in einem Grade einer innern Selbstthaͤtigkeit; so bestehet sie auch darinn bey der andern. Wenn eine lei- I. Band. X x dentliche X. Versuch. Ueber die Beziehung dentliche Veraͤnderung aufgenommen wird, so wirkte die innere Kraft zugleich mit, und dieß Vermoͤgen mit- zuwirken ward erhoͤhet, und machte das Vermoͤgen aus, Vorstellungen zu haben. Jn der thaͤtigen Kraft waͤch- set die Disposition, von selbst in Wirksamkeit gesetzet zu werden, das ist, es waͤchset die innere Reizbarkeit der Kraft, welche hier von der Kraft selbst in Hinsicht der Wirkungen, die sie hervorzubringen vermoͤgend ist, und deren Grade und Stufen, in ihrer Ausdehnung und in ihrer Jntension, eben so unterschieden sind, als die Selbstthaͤtigkeit in dem Vermoͤgen zu leiden, von der Groͤße und den Graden der Modifikabilitaͤt es ist. Das Gefuͤhl konnte fein, zaͤrtlich und stark seyn, bey einem noch schwachen Vermoͤgen, sich die Veraͤnderungen vor- zustellen, und an sich ist es nicht unmoͤglich, daß auch das letztere gaͤnzlich fehle. Erster Versuch. XVI. 4. Neunter Versuch. VI. Dieselbige Anmerkung muß hier wiederholet werden. Die Grade der Wirk- samkeit in der Seelenkraft, und die Staͤrke in dem Ver- moͤgen, Vorstellungen von ihren Aktionen zu haben, sind keine Groͤßen, die zu Einer und derselben Dimen- sion gehoͤren; ob sie gleich Groͤßen in einem und demsel- bigen Grundprincip sind. Es sind Erhoͤhungen nach verschiedenen Seiten hin, davon die Eine große Grade annimmt, obgleich die andere in ungleichem Verhaͤltnisse zuruͤckbleibet. Also sind es auch zwey unterschiedene Kraftaͤußerun- gen: eine Aktion zu verrichten, oder eine neue Veraͤn- derung hervorzubringen, und diese Aktion in sich vorzu- stellen, das ist einen ehemaligen Zustand wieder an sei- nen Spuren hervor zu ziehen. Vorstellungen haben koͤnnen, und die Empfindungen haben koͤnnen, sind auch hier noch weiter unterschieden, als an einem Mehr oder Weniger. Jch darf das nicht wiederholen, was schon in der Vorstellungskraft ⁊c. in dem Ersten Versuch ( XVI. 6.) daruͤber gesagt ist. Fuͤr den, der jenes begriffen hat, ist hier nichts mehr noͤthig hinzu zu setzen. 2. Nach der Leibnitz-Wolfischen Psychologie er- klaͤrt man die Seele durch eine vorstellende Kraft. Wenn dieß nur so viel heißen sollte, als das Vermoͤgen, Vorstellungen zu machen, und sie zu bearbeiten, sey ein Unterscheidungsmerkmal der Seele, das sie vor allen nicht vorstellenden Wesen, das ist vor solchen, die blos Veraͤnderungen annehmen ohne Gefuͤhl, und vor solchen, die nur fuͤhlen und wirken, voraus habe, so haͤtte ich nichts weiter dabey zu erinnern, als daß man nur diese Charakterisirung etwas naͤher zu bestimmen habe. Aber diese Philosophen haben in ihr noch mehr gesucht. Siehet man ihre Erklaͤrungen von den Begierden und Handlungen der Seele an, so sind alle Kraftaͤußerungen nichts anders als Operationen der Vorstellungskraft; alles Wollen ist ein Bestreben zu neuen Vorstellungen, und alles Thun besteht darinn, daß Vorstellungen her- vorgebracht, gegenwaͤrtig erhalten, verbunden und ver- mischet, und lebhafter und staͤrker bis zu Empfindungen ausgedruckt und bearbeitet werden. Jch will etwas. Was ist dieß anders, sagen sie, als, ich will es als ei- ne wirkliche Sache mir vorstellen, ich will es empfin- den. Das Bestreben etwas hervorzubringen, wenn ich eine vorhergehende Vorstellung habe, ist also ein Be- streben zu einer Empfindung, oder ein Bestreben, jene Vorstellung zu einer vollen Empfindung zu machen. Sollen diese Behauptungen mit philosophischer Gerech- tigkeit gepruͤft werden, so muß man auch auf den weiten Umfang des Begriffs, der in diesem System mit dem Wort, Vorstellung, verbunden wird, Ruͤcksicht nehmen. Wenn jemand saget, Etwas wirklich machen und em- X x 2 pfinden X. Versuch. Ueber die Beziehung pfinden sey nichts anders, als eine neue Vorstellung ma- chen; denn neue Modifikationen und neue Empfindun- gen sind neue Vorstellungen, so wuͤrde es umsonst seyn, mit ihm daruͤber zu streiten, da man ihm am Ende nichts mehr als eine Abweichung von dem Redegebrauch vor- zuwerfen haͤtte; eine Versuͤndigung, die da, wo von den Sachen selbst die Rede ist, nicht anders, als nur neben- her geruͤget werden sollte. Denn wir moͤgen uns aus- druͤcken, wie wir wollen, so bleibet die Untersuchung der Sache auf demselbigen Fleck, wo sie vorher war; naͤm- lich bey der Frage: Ob das Hervorbringen neuer Em- pfindungen eben dasselbe sey, was die Seele verrichtet, wenn sie Vorstellungen, das ist, die von vorhergegan- genen Empfindungen aufbehaltene Spuren bearbeitet? Diejenigen unter Wolfs Nachfolgern, die das System, welches ohne Zweifel Eins der besten und durch- gedachtesten ist, voͤllig gefaßt haben, behaupten auch, daß es allerdings sich so verhalte. Wenn sich dieß durch Beobachtungen erweisen ließe, so wuͤrde die vorstellende und die handelnde Kraft der Seele einerley Grund- princip in einer viel weiter gehenden Bedeutung seyn, als sie in dem vorhergehenden dafuͤr angesehen ist. Nach dem obigen stellet sich die Seele Aktionen vor, in so fer- ne sie ihre ehemalige Thaͤtigkeiten aus sich selbst aus in- nerer Macht von neuem wieder anfaͤngt, und sie zuwei- len ganz wiederholet. Jn so ferne sie Vorstellungen be- sitzet, hat sie gewisse naͤhere Dispositionen in ihrer Kraft, sich auf diese oder jene Arten zu aͤußern, ohne daß sie solcher Reize und Bestimmungen von außen be- darf, dergleichen das erstemal erfodert wuͤrden. Das Vor- stellen einer Aktion ist also eine Wirkung der agirenden Kraft, und zwar eine selbstthaͤtige Wirkung; und in so weit ist die vorstellende Kraft eine Beschaffenheit der thaͤtigen Kraft. Aber nach der Wolfischen Er- klaͤrungsart muͤßte die thaͤtige Kraft als eine gewisse Beschaf- der Vorstellungskraft ⁊c. Beschaffenheit der vorstellenden angesehen werden, indem die Seele nur handelt dadurch, daß sie etwas vorstellet, und die Vorstellung mit der gehoͤrigen Jntension aus- arbeitet. Dieß ist aber nach meiner Meinung das Un- angemessene, was darinnen lieget. Jndessen gehoͤret ganz gewiß der erwaͤhnte Leibnitzische Gedanke zu den tiefsten Blicken, mit der je ein philosophisches Auge in die Natur des Willens gedrungen ist; und verdienet es recht sehr, daß sorgfaͤltig nachgesehen werde, wie vie- les davon wahre und reine Beobachtung sey? Der Mittelpunkt dieses Systems ist folgender: die Seele empfindet, das ist, fuͤhlet ihren gegenwaͤrtigen Zustand, woher solcher auch gekommen seyn mag, und hat Vorstellungen, und bearbeitet diese. Bis dahin wirkt sie als ein vorstellendes Wesen, welches man- nigfaltige Modifikationen anzunehmen faͤhig ist. Die Vorstellungen und Empfindungen ziehen alsdenn Ge- muͤthszustaͤnde nach sich, werden angenehm oder unan- genehm. Es entstehen Empfindnisse, neue Gefuͤhle, ohne weitere Kraftaͤußerungen, denn die Empfindnisse sind die von selbst in uns entstehende Folgen aus vor- hergegangenen Empfindungen und Vorstellungen, und fodern also keine andere Thaͤtigkeiten, als solche, die sich im Fuͤhlen und Vorstellen schon geaͤußert haben. Durch diese Empfindnisse wird die Seelenkraft gereizet, auf eine unterschiedene Art gereizet, thaͤtig sich zu aͤußern, je nachdem sie an ihrem gegenwaͤrtigen Zustand ein Ge- fallen oder ein Mißfallen findet, das ist, nach der Ver- schiedenheit der Empfindnisse zu wirken. Sind diese unangenehm, so erfolget ein Bestreben zu neuen Vor- stellungen, und es entstehen solche Vorstellungen, die sie aus dem in ihr vorhandenen Stoff hervorbringet. Also zeiget sich wiederum noch nichts, als Operationes der vorstellenden Kraft. Aber nun entsteht zugleich auch ein Bestreben, diese neuen Vorstellungen von veraͤnderten X x 3 Zustaͤn- X. Versuch. Ueber die Beziehung Zustaͤnden zu vollen Empfindungen auszubilden. Sie will etwas wirkliches, eine wirkliche Veraͤnderung, die so wie jedwede gegenwaͤrtige und wirklich vorhandene Sache gefuͤhlet und empfunden werden kann. Da ist also ein eigenes Bestreben zu neuen Empfindun- gen, und dieß ist ein Bestreben ihrer thaͤtigen Kraft, oder ihrer Aktivitaͤt, in so fern diese von der vor- stellenden Kraft unterschieden werden kann. Nach ei- ner solchen Erklaͤrungsart sind offenbar die letztern Be- strebungen, welche dahin gehen, die Vorstellung bis zur Empfindung zu erheben, nichts anders, als Be- strebungen, solche zu erwecken, uud sie gegenwaͤrtig zu erhalten, nur daß es staͤrkere Anstrengungen der Kraft sind, wodurch sie den wieder erweckten oder selbst gemach- ten Vorstellungen das Lebhafte und Volle erhalten wird, das sie zu Empfindungsvorstellungen und zu Empfin- dungen macht. Thaͤtig seyn, neue Empfindungen hervorbringen, ist also dieselbartige Aktion der Seele, welche in dem Reproduciren der Vorstellungen und in dem Dichten vorkommt, und hat sein Eigenes und Un- terscheidendes nur von der groͤßern Jntension, mit der das Vorstellungsvermoͤgen arbeiten muß, wenn es neue Empfindungen hervorbringen soll. Jn dem andern Fall, wenn das Bestreben dahin gehet, den angenehmen gegenwaͤrtigen Zustand fortzu- setzen, so ist das, was geschicht, ein Bestreben, die Empfindungen oder Empfindungsvorstellungen in ihrem derzeitigen Zustand zu erhalten. Der gegenwaͤrtige Zu- stand besteht in Empfindungen und in Vorstellungen. Aber da wir die Empfindung nicht anders gegenwaͤrtig erhalten koͤnnen, als wenn die Vorstellungen in ihrer Voͤlligkeit, die sie als Empfindungsvorstellungen haben, fortdaurend bestehen, so geht alles Bestreben auf die ge- genwaͤrtigen Empfindungsvorstellungen, und die mit der dazu hinreichenden Jntension wirkende Vorstellungskraft faͤhrt der Vorstellungskraft ⁊c. faͤhrt fort, in der naͤmlichen Richtung ohne Nachlaß thaͤtig zu seyn. Das Bestreben zur Erhaltung ihrer der- maligen Empfindungen ist also wiederum nichts anders, als ein Bestreben der vorstellenden Kraft. Da ist der Kern der Wolfischen Erklaͤrungen von dem Ursprung des Denkens und des Wollens aus Einem Grundprincip, ganz und unzerstuͤmmelt, von seinen Huͤlsen entbloͤßet, so wie er dem Auge des Untersuchers vorgeleget werden muß. Diese Erklaͤrungsart, wenn sie nur auf unsere will- kuͤhrlichen Handlungen gehet, wozu wir uns nach ei- ner vorhergegangenen Vorstellung bestimmen, wird durch die Beobachtungen bestaͤtiget. Hier heißt selbst- handeln nach Vorstellungen so viel als ehemalige Aktionen wiederholen; und neue Aktionen vorneh- men, ist dasselbige in Hinsicht der Vorstellungen von Thaͤtigkeiten, was das Dichten in Hinsicht der Bilder von empfundenen Gegenstaͤnden war. Aber damit ist man doch nicht berechtiget, alle Kraftaͤußerungen der Seele fuͤr Bearbeitungen von Vorstellungen anzusehen. Das letztere so wohl als das erstere wird aus den folgen- den Bemerkungen erhellen. Jn unsern willkuͤhrlichen und absichtlichen Bestrebungen, Thaͤtigkeiten, Handlungen nehmen wir zweyerley wesentliche Stuͤcke gewahr. Erstlich eine Vorstellung von dem Endzweck, von dem, was her- vorgebracht werden soll. Dieß ist die Absicht, der Vorsatz, der Zweck, das Ziel. Der Maler hat das Bild im Kopf, welches er darstellen will. Wenn sich der Geometer hinsetzt, ein Problem aufzuloͤsen, so mag seine Jdee von dem, was er ausrichten will, in man- cher Hinsicht noch unbestimmt seyn, aber er hat doch eine Jdee von einer gewissen Verbindung und Beziehung anderer Jdeen, die er in sich hervorbringen will. Wer nach einem Ziel wirft, richtet die Augen nach dem Ziel, X x 4 und X. Versuch. Ueber die Beziehung und machet sich eine Vorstellung davon, wie dieß Ziel mit dem Wurf getroffen werden solle. Diese Vorstel- lung von dem Zweck ist die leitende, waͤhrend der Aktion gegenwaͤrtige Vorstellung. Außer dieser ist zweytens ein Bestreben in unsern Kraͤften vorhanden, welche der leidenden Vorstellung gemaͤß gelenket werden. Der Nach- denkende bietet seine Vorstellungen und seine Ueberle- gungskraft auf, bemerket die Jdeen, die sich ihm dar- bieten, stoͤßt diejenigen zuruͤck, welche zu seinem Zweck nicht gehoͤren, sucht die uͤbrigen zusammen zu halten, und zu ordnen, bis die gesuchte Beziehung gewahr ge- nommen wird. Der Maler laͤsset seine Finger mit dem Pinsel wirken, aber jeder Ansatz zur Bewegung, der die Richtung nicht hat, welche zu seiner Absicht erfoderlich ist, wird zuruͤckgehalten, und nur die damit uͤberein- stimmenden werden fortgesetzt. Es ist hiebey vorzuͤglich zu bemerken, in welcher Verbindung die Bestrebungen der wirksamen Kraft mit den sie leitenden Vorstellungen stehen. Der Maler hat nicht blos das Bild von der Sache im Kopf, die er darstellen will, sondern er denket sich diese als et- was das von ihm hervorgebracht werden soll. Die Absicht ist nicht eine bloße Vorstellung des aͤußern Objekts, oder der Wirkung, die man hervorbringen will. Es liegt noch etwas mehr in ihr; da die zu bewirkende Sache auch als eine solche, welche wirklich ge- macht werden soll, vorgestellet wird. Und dieß ist ein wichtiger Bestandtheil in jener Jdee. Die Jdee der Sache selbst kann gegenwaͤrtig seyn, ohne daß wir im geringsten ein Bestreben fuͤhlen, sie hervorzubringen. Man kann das Original des Malers ansehen, ohne die mindeste Anwandlung es kopiren zu wollen. Aber wenn die Vorstellung der Sache, als eine Absicht, die er- reichet werden soll, in uns ist, so erwecket sie zugleich Jdeen von Handlungen, von denen sie vormals eine Wirkung der Vorstellungskraft ⁊c. Wirkung war. Daher auch derjenige, der niemals ei- nen Pinsel gefuͤhret, noch solche Bewegungen mit der Hand gemacht hat, dergleichen die Verfertigung eines Gemaͤldes erfodert, sich keinen Begriff von einem her- vorzubringenden Gemaͤlde machen, noch sich derglei- chen zu verfertigen den Vorsatz fassen kann. Unmittel- bar naͤmlich. Denn ein anders ist es, sich vorzuneh- men, daß man sich zu einer Arbeit geschickt machen wolle, und ein anders, diese Arbeit unmittelbar verrichten wol- len. Die Materialien zu einem Vorsatz erfodern Jdeen vorhergegangener Thaͤtigkeiten, welche in der Verbin- dung mit ihren Folgen reproduciret werden muͤssen. Die leitende Vorstellung bestimmet also in unsern willkuͤhrlichen Handlungen sowohl die Kraͤfte und Ver- moͤgen, die wir anwenden sollen, als auch die Art der Thaͤtigkeit. Sie lehret, welche Saiten der Seele, und auf welche Art sie geruͤhret werden sollen. Dieß erklaͤ- ret manche psychologische Erscheinungen. Z. B. Wenn das Werkzeug der Stimme schon gelenksam genug ist, um die einzelnen Theile der Toͤne anzugeben, so ist nichts mehr noͤthig, als daß der nachzusprechende Schall genau mit dem Ohr aufgefasset werde. Jst alsdenn ein fester Vorsatz da, ihn anzugeben, so geschicht es. Es ist eine allgemeine Erfahrung: „wer einen Vorsatz vollstaͤn- „dig fassen kann, ist auch im Stande, ihn auszufuͤhren, „woferne er mit Stetigkeit fortarbeitet, oder nicht aͤußere „Hindernisse in den Weg treten.“ Ein Genie siehet nur zu, wie ein anderer arbeitet, fasset alsdenn die Jdee von der Arbeit selbst, entschließet sich, sie nachzumachen, und siehe, er machts nach. Worinn bestehet der we- sentlichste Theil der praktischen Anweisungen — einige Vorbereitungen fuͤr diejenigen ausgenommen, denen es noch an vorher erforderlichen Fertigkeiten zu den Elemen- tarhandlungen fehlet, von denen doch auch das naͤmliche gilt, wenn man sie als einzelne Handlungen betrach- X x 5 tet? X. Versuch. Ueber die Beziehung tet? — Am Ende in nichts anders, als in Vorschrif- ten, die uns behuͤlflich sind, den Endzweck, den man er- halten will, lebhafter und vollstaͤndiger kennen zu lernen. Die Augen unverruͤckt auf das Ziel hingerichtet, und dann sich mit der gehoͤrigen Kraft angestrenget; dieß und was dazu dienet, um ihn das Ziel wohl fassen zu lassen, ist alles, was man jemanden sagen kann, wenn es eine einfache Handlung ist, zu der die Anweisung er- theilet wird. Denn ihm Regeln geben wollen, wie er die Fibern seines Koͤrpers anziehen, und die Muskeln seiner Finger und Haͤnde durch diese oder jene besondere Richtung seiner Seelenkraft in Bewegung setzen solle, ist eben so vergeblich, als die Vorschriften selbst ihm unver- staͤndlich und unmoͤglich zu befolgen seyn wuͤrden. Was geschehen kann, ist dieses, daß man ihm es vormache, was er thun soll, wenn ihm die Vorerfordernisse ver- schaffet sind, und alsdenn zum ernstlichen Wollen und zum festen Vorsatz aufmuntere. Hieraus folget nun allerdings, daß jedwede Hand- lung, die mit Absicht oder nach einer vorhergehenden Vorstellung unternommen wird, in einem Bestreben be- stehe, eine Menge von Vorstellungen von vorhergegan- genen Aktionen wieder zu erwecken, und zwar so stark, daß es wahre Wiederholungen derselben werden. Aber wenn nun auch diese Erklaͤrungsart bis dahin als richtig angenommen, so kommt noch manches dabey zu erwaͤgen vor, das zwar die Jdee nicht aufhebt, jede Wiederholung einer ehemaligen Handlung mittelst der Reproduktion ihrer Vorstellung sey in der Seele selbst nichts anders als ein hoͤherer Grad jener Reproduktion der Vorstellung, und jede willkuͤhrliche Handlung bestehe aus solchen Reproduktionen; das aber zugleich der Jdee: Handeln uͤberhaupt und Vorstellungen reproduciren, waͤren einerley Kraftanwendungen, ganz entgegen ist. Jch will nur einiges davon beybringen. 1) Kann der Vorstellungskraft ⁊c. 1) Kann dieselbige Kraft der Seele, welche die Spu- ren vorhergegangener Aktionen wiedererwecket, solche in irgend einem Fall bis zu dem Grade wieder hervorziehen, daß sie wiederkommende Empfindungen sind? Jst nicht diese letztere Wirkung uͤber ihr Vermoͤgen, wenn nicht eine andere Ursache hinzukommt? Die Vorstellungen veranlassen allerdings neue Empfindungen, wenn sie lebhaft reproduciret werden, aber wo ist ein Beyspiel, daß die Phantasie als wirkende Ursache solche hervor- bringe, wenn nicht noch eine andere Ursache sich mit ihr vereiniget? Man wende die falschen oder unaͤchten Empfindungen, und die Lebhaftigkeit der Vorstellungen im Traum hier nicht an. Falsche Empfindungen und wahre Empfindungen sind und bleiben wesentlich unter- schieden; jene sind nur Vorstellungen, diese Wirklichkei- ten. Aber laß diesen Unterschied gaͤnzlich wegfallen, wie er bey Handlungen oͤfters wegfaͤllt, die wir, wie das Gaͤhnen so leicht wiederholen, ob wir gleich nur von ei- ner Vorstellung gereizet werden, als wenn die erstere Empfindung uns antreibet; so ist doch gewiß, daß auch die Seele selbst, wenn sie nur ihre innere Handlung wiederholen soll, außer dem aufsteigenden Vorstellungen noch mit Gefuͤhlen in ihrem dermaligen Zustande ver- sehen seyn muͤsse, wenn es bey der Reproduktion der Vorstellung bis zu einer voͤlligen Wiederholung der Hand- lung gehen soll. Jn diesen dermaligen Gefuͤhlen muß also zum mindesten davon der Grund liegen, daß die die Jdee von der Aktion reproducirende Kraft jetzo zu einem solchen Grad der Jntension fortschreitet, wodurch mehr als die Jdee und die voͤllige Wiederholung bewirket wird. Wenn nichts mehr als die bloße Vorstellung vorhanden waͤre, und nicht eine aus den uͤbrigen Empfindungen entstehende Spannung der Kraft solche begleitete, so wuͤrde die Wiederholung der Aktion nicht erfolgen koͤn- nen. Die Kraft, womit die Seele die Aktion wieder- holet, X. Versuch. Ueber die Beziehung holet, ist freylich dieselbige, mit der sie diese Wiederho- lung bey der Vorstellung anfaͤngt, oder die Jdee repro- duciret. Aber so wenig das nochmalige Ansehen des Mondes aus der Reproduktion des Bildes erklaͤret wer- den kann, das wir von ihm aus den vorigen Empfin- dungen her haben, und so wenig das Bestreben dieses Bild in uns zu erneuern ein Bestreben ist, das Objekt wiederum zu sehen, so wenig |kann die Wiederholung der Aktion in ein Bestreben ihre Vorstellung zu erneuern aufgeloͤset werden. Jn beyden Faͤllen ist ein solches Be- streben da, und in dem einem gelinget es ehe, die Vor- stellung so lebhaft wie die erste Empfindung zu machen. Aber auch in beiden Faͤllen muß alsdenn, wenn dieß ge- schieht, die ganze ehemals gegenwaͤrtige Ursache wie- derum vorhanden seyn und wirken. Das Bestreben, die Jdee von der Aktion zu reproduciren, wuͤrde nichts mehr ausrichten, als das Bestreben, sich den Mond in der Abwesenheit vorzustellen, wenn in jenem Fall nicht die ganze ehemals wirkende Kraft in der Seele vorhanden waͤre, und von aͤhnlichen Empfindungen gespannet wuͤrde. Man pflegt gewoͤhnlich noch eine andere Einwen- dung gegen die wolfische Erklaͤrung zu machen, die sie aber bey genauerer Untersuchung nicht trift. Sie erlaͤu- tert das vorhergehende, darum will ich sie anfuͤhren. Sind nicht, sagt man, diese zwey Kraftaͤußerungen, die Bestrebungen naͤmlich zu handeln, und die Bestrebun- gen, Vorstellungen und Jdeen lebhafter auszubilden, in unserm Gefuͤhl deutlich genug von einander unterschie- den? Wenn der Maler sich bestrebet, sein Jdeal auf dem Pergament sichtbar zu machen, so ist das kein Be- streben, sich es stark und lebhaft vorzustellen, wie das Gemaͤlde auf dem Pergament aussehen werde, ob- gleich das letztere mit jenem verbunden ist. Er will nicht phantasiren, er will etwas wirklich machen und dar- der Vorstellungskraft ⁊c. darstellen. Jene Bemuͤhung, die auf die lebendige Vorstellung geht, kennet er wohl, aber er ist es sich sehr gut bewußt, daß, um etwas hervorzubringen, noch eine andere Anstrengung der thaͤtigen Kraft erfodert werde. Aber hierauf kann man antworten. Es ist nicht die Vorstellung von dem Gegenstande, sondern die wie- dererneuerten Anfaͤnge der ehemaligen Aktionen, die man alsdenn, wenn man etwas ausrichten will, zu einem solchen Grade von Staͤrke zu erheben sich bestrebet, daß sie in wahre wiederholte Aktionen uͤbergehen. Der Maler, der sichs nur einbilden will, wie das Gemaͤlde aussehen werde, wenn es verfertiget ist, sucht zwar die Jdee des Gegenstandes lebhaft zu machen, aber nicht die Vorstellungen von den Aktionen, die zum Malen er- fodert werden, und zwar die von dem Jnnern der Hand- lungen selbst. Denn die Aussenseite derselben koͤnnte er sich gleichfalls lebhaft vorzustellen suchen, ohne daß dar- aus ein Bestreben wirklich Hand anzulegen hervorgienge. Ferner muß dabey bemerket werden, daß nie eine Handlung, die wir willkuͤhrlich und nach einer Vorstel- lung verrichten, in aller Hinsicht dieser Vorstellung ge- maͤß werde. So genau auch die Ausfuͤhrung mit der vorgefaßten Jdee uͤbereinstimmen mag, so ist doch kein Beyspiel da, in dem nicht noch etwas anders eingemischt wird, das nicht vorher vorgestellet war. Zu den Bestre- bungen, die Jdeen ehemaliger Aktionen zu reproduciren, gesellen sich also andere Triebe und Kraftaͤußerungen, die mit jenen nicht auf einerley Art entstehen koͤnnen. So wie jeden Augenblick neue Empfindungen hinzukommen, und neue Empfindungsvorstellungen uns zugefuͤhret werden, die keine Wirkungen der Phantasie noch der Dichtkraft sind, sondern aus neuen Gefuͤhlen entsprin- gen, so giebt es auch in jeder Aktion etwas Neues, eine neue Anwendung der Kraft, die von allen nur wiedererweckten und aufs neue verbundenen vorhergegan- genen X. Versuch. Ueber die Beziehung genen Aktionen unterschieden ist. War die neue Em- pfindung des Lichts in dem Sehendgewordenen Blinden nichts als eine Fiktion aus vorhergegangenen und wie- dererweckten Empfindungen zusammengesetzt? Die ganze erwaͤhnte Erklaͤrung ist endlich nur allein auf die willkuͤhrlichen Handlungen, wozu wir uns nach Vorstellungen von ihnen bestimmen, anpassend. Was soll aber aus den blinden instinktartigen Kraftaͤu- ßerungen werden, die vor allen Vorstellungen von Aktionen vorhergehen. Die thaͤtige Kraft wird in den Jnstinktaͤußerungen gereizet durch Empfindungen und gelenkt durch Empfindungen; und von dieser Art sind die ersten natuͤrlichen Handlungen alle. Jst es ein Er- fahrungssatz, wie er es ist, daß wir von jeder Hand- lung nur die Vorstellung aus der Empfindung von ihr erlangen, wie kann denn die Handlung als ein Be- streben, die Vorstellung von ihr zu erneuern, angesehen werden, die noch nicht da ist, ehe jene schon verrichtet wor- den? Dieß wuͤrde ein Kreiß im Erklaͤren seyn, der nothwendig Schwindel verursachen muß. V. Von der Vorstellungskraft ⁊c. V. Von der Verschiedenheit der Empfindungen, in so ferne sie mehr die eine, als die an- dere von den Grundvermoͤgen der Seele zur Wirksamkeit reizen. 1) Der Grund, warum gewisse Empfin- dungen mehr die Empfindsamkeit erregen, andere mehr den Verstand zum Denken, und andere mehr den Willen zum Han- deln bestimmen, liegt zum Theil in einer gewissen Beschaffenheit der Empfin- dungen. 2) Es koͤnnen uͤberhaupt nur solche Sachen besondere Gegenstaͤnde des Gefuͤhls seyn, von welchen die Eindruͤcke besonders und unvermischt mit den Eindruͤcken von an- dern der Seele zugefuͤhret werden. 3) Vielbefassende, lebhafte, starke und un- auseinandergesetzte Empfindungen sind die eigentlichen Gefuͤhle, welche ruͤhren und bewegen. Allzustarke Eindruͤcke be- taͤuben. 4) Gleichguͤltige Empfindungen reizen das Empfindungsvermoͤgen, als Sinn be- trachtet, aus demselbigen Grunde, aus dem sie auf die Vorstellungskraft wirken. 5) Gemaͤßigte und mehr auseinandergesetzte Empfindungen reizen die vorstellende Kraft. Noch mehr auseinandergesetzte die Denkkraft. 6) Die X. Versuch. Ueber die Beziehung 6) Die Gefuͤhle reizen unmittelbar die Em- pfindsamkeit, in so ferne sie angenehm sind. 7) Unangenehme Gefuͤhle reizen die Thaͤ- tigkeitskraft. Aber diese wird am mei- sten unterhalten durch Bedoͤrfnisse, de- nen durch die thaͤtige Bestrebung der See- le abgeholfen werden kann, und durch Vorstellungen von vorhergegangenen an- genehmen Empfindungen. 8) Folgerungen aus dem Vorhergehenden. Das Verhaͤltniß in den entwickelten Grundvermoͤgen der Seele haͤngt zum Theil von der Art und Weise ab, womit die Seele Veraͤnderungen von außen an- nimmt, und solche zu Empfindungen macht. 1. D iese Beziehung der vorstellenden Kraft zu dem Gefuͤhl und zu der Thaͤtigkeitskraft wird noch etwas mehr aufgeklaͤret, wenn man auf den Unterschied in den Empfindungen siehet, wodurch jene und diese in Wirksamkeit gesetzet werden. Jedwede einzelne Empfin- dung in der Seele hat einen Einfluß auf ihre gesammte Grundvermoͤgen, aber doch nicht auf alle in gleicher Maße und auf gleiche Art. Einige sind mehr eine Nah- rung fuͤr die vorstellende Kraft; andere sind es weniger fuͤr den Verstand, aber mehr fuͤr den Geist und das Herz. Es giebt gleichguͤltige, es giebt afficirende, es giebt bewegende Empfindungen, und wenn wir un- ter den letztern alle die zusammennehmen, wodurch die Seele zu irgend einer thaͤtigen Aeußerung ihrer wirksa- men der Vorstellungskraft ⁊c. men Vermoͤgen gespannet wird, so koͤnnen unter ihnen solche, welche die Vorstellungs- und Denkkraft am mei- sten beschaͤftigen, von andern unterschieden werden, wo- durch die Kraft der Thaͤtigkeit zu den Abaͤnderungen ihres Zustandes, die nicht in Bearbeitungen nachgelas- sener Spuren des vorhergehenden bestehen, gereizet wird. Wenn man annimmt, daß schon ein merklicher Un- terschied unter den einzelnen Menschen sich fest gesetzet, und in dem Einen das Gefuͤhl, in dem Andern der Ver- stand, in dem Dritten die Thaͤtigkeitskraft — die Woͤrter in der Bedeutung genommen, die oben bestim- met ist, — eine uͤberwiegende Staͤrke erhalten hat; es sey nun eine solche Ungleichheit in den Verhaͤltnissen den Grundvermoͤgen gegen einander, natuͤrlich und angebohren, oder hinzugekommen, so ist es wohl be- greiflich, daß dieselbige Empfindung, das ist, dieselbi- ge gegenwaͤrtige gefuͤhlte Modifikation, sie komme von aͤußern oder von innern Ursachen, bey dem Einen mehr Spekulationen des Verstandes, bey dem Andern mehr thaͤtige Bestrebungen des Willens erregen, und bey dem Dritten mehr das Herz mit Wallungen des Vergnuͤ- gens und des Verdrußes erfuͤllen koͤnne. So finden wir es wirklich. Man kann die Menschen, nach dem herr- schenden Grundvermoͤgen, in Personen vom Gefuͤhl, vom Verstande, und in thaͤtige abtheilen, wenn man die kleinern Verschiedenheiten entweder bey Seite setzet, oder in eine oder die andere Klasse unterschiebet. Die Kloͤtze, die Dummkoͤpfe, und die unthaͤtigen Phle- gmatiker, sind jenen entgegengesetzet, in so ferne die Grundvermoͤgen bey diesen eine negative Groͤße haben, oder schwaͤcher sind, als sie in einer mittelmaͤßigen und gewoͤhnlichen Menschenseele seyn sollen. Diese verschie- dene Seelenarten benehmen sich auf eine verschiedene Art bey einerley Eindruͤcken von außen, unter gleichen Um- I. Band. Y y staͤnden. X. Versuch. Ueber die Beziehung staͤnden. Der Beobachter besieht einen Gegenstand ge- nau an allen Seiten, macht sich die lebhafteste Vorstel- lung davon, und bezieht ihn auf andere; der Denker ver- gleicht ihn, abstrahiret, und legt eine neue Reihe allge- meiner Betrachtungen bey ihm an. Der Empfindsame kann sich nicht genug an seiner Schoͤnheit ergoͤtzen, oder uͤber sein haͤßlich Ansehen aͤrgern; und in dem Mann von starken Begierden entstehen maͤchtige Bestrebungen, die Sache entweder sich zu verschaffen, oder sie von sich abzuhalten. Die Seele wirkt auf die ihr leichteste Art, wenn sonsten nichts im Wege ist, und also am ersten und am meisten mit dem Vermoͤgen, welches in ihr am staͤrksten ist. Die Eindruͤcke von außen, und nachher die innern Abaͤnderungen des Zustandes, die in der Seele vor sich gehen, sind ein allgemeiner Nahrungs- saft fuͤr alle Seelenvermoͤgen; aber ein jedes von diesen muß desto mehr und desto staͤrker aus ihnen anziehen, je reger und staͤrker es zu der Zeit ist, wenn die Empfin- dung ihm vorgehalten wird. Auch derselbige Mensch ist nicht zu allen Stunden gleich aufgelegt zum Nachden- ken, zum Genießen und zum Handeln. Es wuͤrde uͤbereilt seyn, daraus sogleich zu schließen, daß es auf die Beschaf- fenheit der Empfindung selbst nicht ankomme, was fuͤr ein Grundvermoͤgen am meisten von ihnen gereizet wer- den muͤsse. Die maͤßigste Vergleichung unserer taͤgli- chen Erfahrungen lehret es ohne Wiederrede, daß eine Art von Empfindungen fuͤr Eins dieser Vermoͤgen weni- ger schicklich sey, es weniger reize, und weniger seine Kraft hervorlocke als eine andere; daß z. B. die eine Art mehr zu denken und die andere mehr zu fuͤhlen gebe. Und dieß kann als ein Grundsatz der Erfahrung, der keiner Bestaͤtigung mehr bedarf, angenommen werden. Aber es wuͤrde auch wiederum eine Ausschweifung auf der andern Seite seyn, wenn nun die gesammte Ursache dieser Verschiedenheit allein dem Unterschied der Reizun- gen, der Vorstellungskraft ⁊c. gen, die in den Empfindungen liegen, beygemessen, und nichts den verschiedenen Graden der Reizbarkeit in dem Jnnern der Vermoͤgen selbst zugeschrieben werden sollte. Was fuͤr Saͤfte durch die Absonderungswerkzeuge aus der Masse unsers Bluts im Koͤrper zubereitet werden, und in welcher Quantitaͤt sie abgesondert werden, das haͤngt ohne Zweifel theils von der Menge der zu diesen Saͤften schicklichen Bestandtheile ab, die in dem Blut enthalten sind, doch auch von der Kraft und Staͤrke der Organe, die solche herausziehen sollen. 2. Dieß zum Grunde gelegt, so fragt sich zuerst, was es fuͤr Beschaffenheiten in den Empfindungen sind, die vorzuͤglich und am meisten die vorstellende und den- kende Kraft in Thaͤtigkeit setzen? Dann, welche es sind, wodurch sie mehr die Empfindsamkeit erregen, und welche es sind, wodurch die Thaͤtigkeitskraft zu neuen Bestrebungen gereizet wird. Oder uͤberhaupt was in ihnen sey? wodurch sie das Gefuͤhl, den Verstand und den Willen zu neuen Veraͤnderungen rege machen, sie entwickeln, unterhalten, uͤben, und verstaͤrken? Diese Untersuchung, zumal wenn man sich auch er- was auf die angrenzende Sachen einlassen wollte, wuͤrde in ein großes Feld hinfuͤhren. Der Leser erwarte hier nichts mehr, als einige einzelne Zuͤge, die mit dem vor- hergehenden Jnhalt dieses Versuchs in der naͤchsten Be- ziehung stehen. Zuerst, was haben uͤberhaupt die Eindruͤcke von den aͤußern Gegenstaͤnden an sich, deren die Seele em- pfaͤnglich ist, und die sie fuͤhlen oder empfinden kann, was sie zu solchen fuͤhlbaren und empfindbaren Objekten macht? Was ist in dem Licht, in den Toͤnen, in den Ausfluͤßen der Koͤrper, in ihren aufgeloͤseten Salzen, in ihrem Druck auf unsere Nerven, warum nur dieß aͤußer- Y y 2 lich X. Versuch. Ueber die Beziehung lich sinnliche Sachen und Beschaffenheiten sind? kann man daran zweifeln, daß es nicht mehrere Beschaffen- heiten, Wirkungsarten und Effekte der Koͤrper gebe, zu denen uns der Sinn fehlet, und die uns vielleicht kuͤnf- tig ein sechster Sinn lehren wird? Worinn bestehet denn jener ihre Fuͤhlbarkeit? Auf diese Frage kann man wenig oder nichts antwor- ten. Wer kennet die Modifikabilitaͤt der Seele so von Grund aus? Man hat keine Begriffe von Einwirkun- gen auf sie, davon sie so wenig veraͤndert wird, und die sie so wenig empfindet, als die Ohren das Licht. Aber wenn man Schluͤsse mit Erfahrungen verbin- det, so wird es doch sehr wahrscheinlich, daß die Augen zum Exempel nicht so wohl Werkzeuge sind, wodurch das Licht auf die Seele wirket, und sie veraͤndert, son- dern vielmehr Werkzeuge, wodurch diese Lichtseindruͤcke allein und abgesondert von den Eindruͤcken anderer Koͤrper und anderer Kraͤfte uns zugefuͤhret werden. Dieß ist der wesentlichste und charakteristische Dienst der unterschiedenen Sinnglieder, und dahin geht das Ei- gene in ihrer Einrichtung. Sie wirken wie Absonde- rungsgefaͤße, die aus der ganzen vermischten Masse al- ler auf die Seele fallenden Eindruͤcke von außen, diese oder jene besondere Art absondern, oder sie doch abge- sondert und unvermischt mit den uͤbrigen der Seele vor- legen. Die Augen geben der Seele keine neue Em- pfaͤnglichkeit, die sie vorher nicht hatte; und bringen ihr eben so wenig neue Eindruͤcke von eigenen Koͤrpern oder besondern Kraͤften zu, die ihr nicht schon durch ihre uͤbri- gen Sinne zugesuͤhret waren. Die Wirkungen des Lichts, und seine Eindruͤcke, welche es als Licht, hervor- bringet, sind auch in den Empfindungen des koͤrperli- chen Gefuͤhls begriffen, wie außer Zweifel ist. Aber es fehlte noch, daß diese Art von Eindruͤcken abgesondert und unterscheidbar von der Seele erhalten wuͤrde. Und das der Vorstellungskraft ⁊c. das ist es, was durch das Sehwerkzeug bewerkstelliget wird, als welches so eingerichtet ist, daß es nur das Licht, als Licht, oder doch dieses nur vorzuͤglich durch- laͤßt. Wenn die Sache sich bey den uͤbrigen Sinnen eben so verhaͤlt, so kann man sagen, daß auch ein sechs- ter und siebenter Sinn uns keine neue Welt, keine neue Dinge, keine neue Kraͤfte, sondern nur neue Seiten eben derselbigen Kraͤfte darstellen und kennen lehren wuͤrde. Dieser Satz gehoͤrt nicht zu den Erfahrungssaͤtzen, und kann ohne Raisonnement nicht erwiesen werden. Jch fuͤhre ihn daher auch nur beylaͤufig an. Aber wenn wir ihn einmal als bestaͤtiget annehmen, so laͤßt sich daraus fuͤr die letzterwaͤhnte Frage folgende Antwort geben: „Wenn es wirkliche Objekte giebt, oder Kraͤfte und „Beschaffenheiten von ihnen, von denen wir keine Em- „pfindungen haben, so liegt das nicht daran, weil unsere „Seele uͤberall keine Empfaͤnglichkeit fuͤr sie hat; sie kann „wirklich von ihnen modificiret seyn, ihre Eindruͤcke in „Vermischung mit andern aufnehmen, und auf sie zu- „ruͤckwirken, und, wie Leibnitz und Wolf sagten, „dunkel empfinden; sondern es liegt daran, daß es an „einem so eingerichteten Sinngliede fehlet, welches diese „Art von Eindruͤcken fuͤr sich allein der Seele zufuͤhren „koͤnnte.‟ Jndessen kann man noch dieß hinzusetzen. Da unser weiser Urheber unsere Sinnglieder der innern Natur der Seele voͤllig angemessen gebildet hat, so muͤsse wohl die Seele noch nicht aufgelegt gewesen seyn, meh- rere Gattungen von Jmpressionen abgesondert anzuneh- men, als wir wirklich empfangen; oder zum mindesten muͤsse es ihr in ihrem jetzigen Zustande nicht zutraͤglich gewesen seyn, sie so zu empfangen. Y y 3 3. Laßt X. Versuch. Ueber die Beziehung 3. Laßt uns also nicht weiter zuruͤckgehen, als auf die Empfindungen, wie sie da sind; wie die aͤußern durch die Einwirkung der Objekte auf unsere Sinnglieder, und die innern durch innere Ursachen bewirket sind. Was ist nun in diesen Modifikationen enthalten, wodurch sie vorzuͤgliche Reizungen fuͤr die unterschiedene Vermoͤgen werden? Es ist ein Erfahrungssatz: „Jede gegenwaͤrtige „Empfindung wirket auf das Gemuͤth und auf den „ Willen, wenn sie vielbefassend und unauseinan- „dergesetzt, lebhaft und stark ist, bis auf einen gewis- „sen Grad hin.‟ Und umgekehrt. „Um eine afficirende Empfin- „dung zu seyn, und um zu neuen Bestrebungen zu be- „wegen, muß sie einen gewissen Grad von Staͤrke und „Lebhaftigkeit besitzen, den man nur dadurch bestimmen „kann, daß man ihn vergleichungsweise mit andern ei- „nen groͤßern Grad nennet; das ist, sie muß vielbe- „fassend und unauseinandergesetzt seyn, und zu den ei- „gentlichen Gefuͤhlen Zweeter Versuch. V. 2. gehoͤren.‟ Jch berufe mich auf alle Untersuchungen, die von den Philosophen uͤber den Ursprung des Gefallens und des Mißfallens, und uͤber die Entstehung der Neigun- gen angestellt sind. Etwas davon habe ich oben in dem zweyten Versuch uͤber die Empfindungen schon gebraucht. Alle Beobachtungen haben diese Saͤtze bestaͤtiget, und wenn etwan einige darinn eine Ausnahme anzutreffen ge- glaubet, daß doch auch ein einfacher Sonnenstral uns afficire, so deucht mich, man muͤsse sich nur aus der Optik erinnern, was ein sogenannter einfacher Lichtstral sey, und dann seine innere Menge und Mannigfaltig- keit mit der Groͤße seiner Wirkung, und mit den Um- staͤnden, der Vorstellungskraft ⁊c. staͤnden, unter welchen er wirket, vergleichen, um zu begreifen, daß dieß Beyspiel von der Regel nicht ab- weiche. Jede einzelne Empfindung ist an sich vielbefassend und unauseinandergesetzt. Daͤraus folget, daß auch eine jede ihrer innern Jntension gemaͤß, im Anfange affici- ren und bewegen muͤsse; daß keine urspruͤnglich ganz und gar gleichguͤltig sey, so lange sie noch neu ist. Aber wenn ihre Menge sich in der Seele aufgehaͤufet hat, so er- halten sie außer ihrer absoluten innern Quantitaͤt, eine relative Groͤße, und die Eine Art wird in Hinsicht auf die andere klein und unbedeutend. Jedwede wirket im Anfang auf das gesammte Grundprincip der Seele, und auf alle seine Kraͤfte, und dieser Einfluß wird auch nie ganz ein Nichts. Aber die Eine wird doch mehr affici- rend, und die andere weniger; die eine bewegt, und die andere laͤßt uns in Ruhe. Bey diesen Wirkungen sehen wir nur darauf, daß sie vorzuͤglich das sind, wofuͤr wir sie halten, und es mehr sind, als andere; und eben eine solche Vergleichung, und einen solchen Ueberschlag muß man auch nicht aus den Augen setzen, wenn uͤber ihre Ursachen geurtheilet wird. Zu schwache Empfindungen wirken nichts; reizen nicht und bewegen nicht, aber allzuheftige haben eine aͤhnliche Wirkung; sie betaͤuben. Jn der Koͤrperwelt ist das Gesetz von der Aehnlichkeit des Aeußersten in den entgegengesetzten Dingen bekannt. Die heftigste Kaͤlte hat aͤhnliche Wirkungen mit der groͤßten Hitze; aber diese Aehnlichkeit ist keine voͤllige Einerley- heit, sondern es nur zum Theil und in gewisser Hinsicht. Es giebt ein aͤhnliches Gesetz in der Psychologie. Auch bey den Seelen giebt es einen gewissen Grad, uͤber wel- chen die Lebhaftigkeit und Staͤrke der Empfindung nicht steigen darf, ohne sie in einen Zustand zu versetzen, worinn Y y 4 sie X. Versuch. Ueber die Beziehung sie so fuͤhllos und unthaͤtig sich beweisen, als bey dem gaͤnzlichen Mangel der Eindruͤcke. Was aber insbesondere die afficirende Empfin- dungen zu angenehmen Empfindungen mache, und worinn der urspruͤngliche Grundcharakter dieser und ih- rer entgegengesetzten, welche Unlust oder Schmerz erre- gen, bestehe, das uͤbergehe ich hier, und werde blos die Erfahrung annehmen, daß einige von ihnen angenehm, andere unangenehm sind. Das erstere Problem scheinet mir, der vortreflichen und scharffinnigen Untersuchungen ohngeachtet, die daruͤber angestellet sind, noch nicht in seinem ganzen Umfang aufgeloͤset zu seyn. Wenn eine Empfindung angenehm ist, und die andere widrig, so haͤngt dieß ohne Zweifel von einer gewissen Beziehung auf die Kraͤfte, und Vermoͤgen der Seele, in ihrem derzeitigen Zustand, ab. Denn diese Beziehung be- stimmt die Wirkung, die sie hervorbringet. Diese Be- ziehung hat aber einen gedoppelten Grund, einen sub- jektivischen, indem eine gewisse Beschaffenheit und Ein- richtung der Seele und ihrer Grundvermoͤgen erfodert wird, und einen objektivischen in den Gegenstaͤnden, deren Jmpressionen mit der also bestimmten Naturkraft der Seele vereiniget werden. Wenn der sogenannte Erweiterungs- oder Entwickelungstrieb, als der alleinige Grundtrieb der Seele angesehen werden koͤnn- te, so wuͤrde jener subjektivische Grund dadurch im all- gemeinen bestimmet, und nur noch uͤbrig seyn, die Be- schaffenheit der Objekte und der Jmpressionen von ihnen anzugeben, wodurch sie dem Triebe sich zu erweitern, mehr oder minder angemessen, oder ihm zuwider sind. Und da wuͤrde dieß auf Mannigfaltigkeit mit Ueberein- stimmung hinauskommen. Aber Eins steht im Wege, diese Theorie fuͤr voͤllig allgemein und auf alle Arten von gefallenden und angenehmen Modifikationen anwendbar halten zu koͤnnen. Die Menschenseele aͤußert eben so wohl der Vorstellungskraft ⁊c. wohl einen Hang sich einzuwickeln, sich zusammen- zuziehen, ihre Empfindungen und Vorstellungen zu ver- mindern und zu verdunkeln, und noch einen andern, ei- nen Erhaltungstrieb, oder eine Traͤgheitskraft, die dahin geht, sich blos in ihrer dermaligen Verfassung zu erhalten, und so wohl der Erweiterung ihrer gegen- waͤrtigen Thaͤtigkeit als der Einschraͤnkung derselben zu widerstehen, als sie den Erweiterungstrieb offenbaret. Der bloße Erhaltungstrieb kann leicht als ein Re- sultat aus dem Gleichgewicht des Erweiterungstriebes und des entgegenstehenden Triebes sich zusammen zu zie- hen erklaͤret werden. Aber was die beyden uͤbrigen be- trifft, so sehe ich nicht, wie man natuͤrlicher den letztern in den erstern, als den erstern in den letztern aufloͤsen wolle. Jst der Hang zur Unthaͤtigkeit und zum Schlaf in dem Ermuͤdeten, — von dem was in der Seele vor- geht ist nur die Rede — eine Folge von dem Natur- hang, sich zu beschaͤftigen und den Umfang der Gefuͤhle zu erweitern, der nur unter gewissen Umstaͤnden modi- ficirt in jenen uͤbergeht? Diese Analysis scheinet mir noch eben so viele Schwierigkeiten zu haben, als in der Naturlehre die Reduktion der abstoßenden Kraft auf die anziehende. Daher deucht mich, es sey nur Eine Seite der Urkraft der Seele, woran sie den Hang sich zu er- weitern zeiget; oder es sey dieser Trieb nur ein Seiten- zweig, der einen andern entgegengesetzten neben sich habe, und es fehle uns an dem Begriff eines Urtriebes, der von beyden der gemeinschaftliche Stamm ist. Und eben daher scheinet mir die bisherige Theorie von dem Grund der angenehmen Empfindungen noch unzulaͤnglich zu seyn, alle Erfahrungen zu erklaͤren, ob er gleich bey so vielen hinreichet, und bey den meisten, wenn nur auf die Art zu empfinden Ruͤcksicht genommen wird, die wir unter den Umstaͤnden und in den Jahren bey dem Menschen antreffen, wo die Seele noch mit merklichen Schritten Y y 5 in X. Versuch. Ueber die Beziehung in ihrer Entwickelung fortgehet. Vielleicht hievon mehr an einem andern Ort. Jch hoffe nicht, daß diese hier blos hingeworfene Erinnerung als ein Tadel der tieffin- nigen Betrachtungen angesehen werde, die von den groͤßten Philosophen hieruͤber angestellet, und fuͤr voͤllig hinreichend gehalten worden sind. Die Absicht davon ist nur, aufmerksam zu machen auf das, was meiner Ein- sicht nach jene fuͤr ihre Nachfolger hier uͤbrig gelassen haben. 4. Die gleichguͤltigen Empfindungen reizen zwar die Empfindsamkeit, die eine gewisse Art des Gefuͤhls ist, so wenig als die thaͤtige Kraft, aber koͤnnen sie nicht doch das Empfindungsvermoͤgen, als ein Theil der Erkennt- nißkraft auf sich ziehen? also die Ursache seyn, daß der Sinn sich gerne mit dem Eindruck beschaͤftiget, ihn leb- hafter, staͤrker, voͤlliger, deutlicher in sich aufnimmt? Jch antworte, was meiner Meinung nach fuͤr sich selbst klar ist, daß diese naͤhere und angestrengtere Anwendung des Sinns nur in der Absicht zu beobachten, und die Empfindung besser zu fassen, keine Wirkung des gleich- guͤltigen Eindrucks sey, als nur, in so ferne diese auch die vorstellende Kraft in Thaͤtigkeit setzet, oder schon darinn gesetzt hat. Diese schaͤrfere Betrachtung ist auf die Vorstellung und Kenntniß gerichtet. Der verstaͤrkte Gebrauch des Sinns ist zum Theil selbst schon eine An- wendung des Vermoͤgens, mit dem wir Nachempfin- dungen und Empfindungsvorstellungen erhalten; theils eine Wirkung davon, daß dieses Vermoͤgen rege ge- macht ist. Aber wenn man endlich hier auf die bloße Empfindung, das ist, auf die bloße Reaktion gegen die empfangene Veraͤnderung, oder die bloße Aeußerung des Sinns, die von der vorstellenden Kraft unterschieden ist, sehen, und in der Jmpression etwas suchen will, was der Vorstellungskraft ⁊c. was auch unmittelbar auf den Sinn wirken, und eine groͤßere und laͤngere anhaltende Thaͤtigkeit desselben, ohne andere dazwischengekommene Vorstellungen, herauslo- cken kann, so ist dieser Reiz in derselbigen Beschaffenheit der Jmpression gegruͤndet, durch welche sie die vorstel- lende und denkende Kraft in Regung setzet. Die gleich- guͤltige Empfindung ist nicht ganz unwirksam. Sie heißt nur unwirksam, in so ferne sie keine Gemuͤthsbe- wegungen und keine Bestrebungen der Thaͤtigkeitskraft hervorbringet. 5. Gemaͤßigte Staͤrke und Deutlichkeit in den gefuͤhlten Eindruͤcken sind die Reizung fuͤr die vorstellende und denkende Kraft. Allzugroße Schwaͤche wirket nichts, und reizet die Seele nicht, we- der zum Denken noch zum Handeln. Große Lebhaftig- keit unterhaͤlt das Gefuͤhl, und spannet die thaͤtige Kraft, und hindert dagegen das Vorstellen und Denken. Aber wo sie in einem mittlern Grade vorhanden ist, da fin- det die Vorstellungskraft ihr Werk; da kann sie wirken und wirket; und wo objektivische Deutlichkeit ist, da ist Nahrung fuͤr das Beziehungsvermoͤgen, und fuͤr die Denkkraft. Dieß Gesetz der Vorstellungskraft wird durch folgende Beobachtungen, außer Zweifel gesetzt. 1) Die Gesichtsvorstellungen sind die Vorstellungen von der ersten Ordnung. Jn ihnen ist die meiste Klar- heit. Sie werden am leichtsten wieder erweckt, und sind die Huͤlfsmittel, die uͤbrigen wieder zu erwecken, die man an sie anleget. Jn den Reihen der associirten Jdeen sind die Gesichtsvorstellungen gemeiniglich die Klaves, auf welche die Reproduktionskraft unmittelbar anschlaͤ- get, wenn sie ganze Jdeenreihen wiedererwecken will. Aber X. Versuch. Ueber die Beziehung Aber eben diese Gattung von Empfindungen ist auch diejenige, die in Vergleichung mit den uͤbrigen, im Durch- schnitt die gemaͤßigteste Lebhaftigkeit und Staͤrke besitzet. Die staͤrksten Empfindungen des Gesichts, — solche naͤm- lich, wodurch wir Vorstellungen von den Objekten er- halten, nur in Rechnung gebracht, denn die staͤrkere Er- schuͤtterung der Netzhaut, welche blendet, gehoͤrt zu den Gefuͤhlen — sind schwaͤchere, und enthalten weniger intensive Staͤrke, wenigere Vielfachheit von Eindruͤcken, als die staͤrksten Empfindungen der uͤbrigen Sinne. Es giebt freilich eine Menge von Eindruͤcken, aus jedem an- dern Sinn, am meisten bey dem Gefuͤhl, die an Schwaͤ- che einigen Gesichtseindruͤcken gleichkommen, und noch unter ihnen sind. Wie viele kleinere Druckungen auf das Gefuͤhl, wie viele Geruchsarten, und Schalle blei- ben nicht unbemerkt, und aͤußern keinen merklichen Ein- fluß auf die innern Vermoͤgen der Seele? So gar, wenn man die schwaͤchsten noch fuͤhlbaren Eindruͤcke aus jeder Klasse der fuͤnf Sinne gegen einander stellet, so sind unter diesen die schwaͤchsten Gesichtsempfindungen vielleicht die staͤrksten. Aber eben dieß ist es, was mit dazu gehoͤrt, wenn die Eindruͤcke des Gesichts die mei- sten Reize, und die meiste Nahrung fuͤr die Vorstel- lungskraft enthalten sollen. Dieser Zweck erfodert, daß die Eindruͤcke weder allzuschwach und unmerklich sind, noch auch allzu heftig; und welche Klasse hat diese Eigen- heit mehr an sich, als diejenige, deren Staͤrksten in Vergleichung der Staͤrksten der uͤbrigen am kleinsten sind, und deren Schwaͤchsten in Vergleichung mit den Schwaͤchsten der uͤbrigen am staͤrksten sind? Die Gesichtsempfindungen sind auch die deutlich- sten, in denen das Vielfache am meisten auseinander- gesetzt, und abgesondert empfindbar ist. Jn keiner an- dern Art giebt es mehr unterscheidbare Theile, die jeder fuͤr sich unvermischt mit andern gefuͤhlet werden koͤnnen. Jede der Vorstellungskraft ⁊c. Jede Art des Lichts macht einen eigenen Eindruck auf die Netzhaut nach der Verschiedenheit der Farben; und die Menge der einzelnen Punkte, die beruͤhret werden, und davon jeder allein ohne die uͤbrigen seine eigene sinn- liche Bewegung annehmen und erhalten kann, wenn die zugleich mit geruͤhrten unveraͤndert bleiben, oder anders afficiret werden, als sie es zu derselbigen Zeit sind; die Menge dieser besonders und allein fuͤr sich sinnlich beweg- baren Punkte ist in dem Sinnglied des Gesichts groͤßer, als in jedem andern. Und auf dieselbige Art verhaͤlt es sich mit den innern Eindruͤcken auf die Seele. Was Wunder also, daß sie so vorzuͤglich auf die vorstellende Kraft, und auf die Denkkraft wirken, und daß, wie anderswo schon bemerket ist, Vierter Versuch. VI. 3. Fuͤnfter Versuch. XII. unsere gewoͤhnlichen Ge- sichtsvorstellungen in einem vorzuͤglichen Grade Jdeen und Gedanken sind? 2) Wenn das Licht den Augen zu stark wird, wenn es schmerzet und blendet, so faͤllt die angegebene Ursache weg; zugleich aber auch die Wirkung. Es erfolgen Schmerzen und Bestrebungen, die Augen wegzuwen- den; aber keine Vorstellungen und Gedanken. 3) Das Gefuͤhl giebt uns, auch allein fuͤr sich, Jdeen von der Ausdehnung, von der Figur, dem Raum, und von der Bewegung; und von der Haͤrte und Festig- keit der Koͤrper haben wir die Begriffe allein durch die- sen Sinn. Dieß sind wiederum mehr Jdeen als Em- pfindungen, die wir nicht fuͤr etwas subjektivisches in uns, sondern fuͤr etwas objektivisches außer uns ansehen. Mit der Vorstellung von einem Stich, einem starken Stoß, und uͤberhaupt von dem Schmerze oder dem Kitzel ver- haͤlt es sich auf die entgegengesetzte Art. Da haben wir mehr klare Empfindungen, als klare Vorstellungen von Sachen. Aber ist es nicht auch offenbar, daß die Ge- fuͤhls- X. Versuch. Ueber die Beziehung fuͤhlseindruͤcke, die uns den Stoff von jenen Vorstellun- gen hergeben, durchgehends eine groͤßere Mannigfaltigkeit in ihren Theilen und weniger Jntension besitzen? 4) Nicht genug, daß gemaͤßigte Empfindungen die Gegenstaͤnde der vorstellenden Kraft sind, sie wird auch nur zur Thaͤtigkeit gereizet durch solche Empfindungen, da die staͤrkern entweder ihre Empfindsamkeit beschaͤfti- gen, oder ihre Aktivitaͤt in Bewegung setzen. Die Re- flexion wird gereizet durch das Gefuͤhl der Verhaͤltnisse, welches ein schwaches feines Gefuͤhl ist, das mit dem Gefuͤhl der Aktion selbst, die davon veranlasset worden ist, fast ganz vermischet wird. Vierter Versuch. VII. 1. Siebenter Versuch. I. 1. Es sind bekannte Erfahrungen, daß eine zu große Lebhaftigkeit der Empfindung, wie die zu große Begierde, die Wirksamkeit der Vorstellungskraft und des Verstan- des hindert und gar aufhebt. Ein heftiger Schmerz und entzuͤckende Wollust hemmet den Lauf der Vorstel- lungen und schließet Ueberlegungen aus. Man setze nicht entgegen, daß der Affekt die Sinne schaͤrfe, oder eigentlich die Einbildungs- und Dichtungskraft anflam- me. Es ist nicht zu verwundern, daß die von der star- ken Empfindung betaͤubte Seele sich wie ein aufgehalte- ner Strom nachher mit Gewalt wieder fort zur Wirk- samkeit reißet, und alsdenn auch ihre Vorstellungskraft mit Heftigkeit in einer gewissen Richtung anwendet. Aber man muß die Art von Empfindungen, welche die Seele von selbst zum Vorstellen reizen, von denen un- terscheiden, welche die Aktivitaͤt der Seele erregen, und diese auf Veraͤnderungen ihres innern Zustandes hinden- ken. Denn die Vorstellungskraft von neuen aufbieten, daß sie sich anwende, oder sie zuruͤckhalten oder anders- wohin wenden, sind innere Aktionen auf uns selbst, die von der Operation des Vorstellens, welche nachher erfol- get, der Vorstellungskraft ⁊c. get, unterschieden ist. Dorten wird eine neue Modisi- kation hervorgebracht, und der wichtigste Theil der Wir- kungen auf uns selbst bestehet in den Lenkungen, die wir der Vorstellungskraft beybringen, und in den Erregun- gen der Jdeen, ohne welche wir niemals willkuͤhrlich handeln. Aber diese Thaͤtigkeiten der vorstellenden Kraft, welche die Leidenschaft erreget, ist nur ein uns bekanntes Mittel zu unserer Absicht, nicht aber unser Zweck selbst, der in einer Veraͤnderung des Zustandes, und in der Bewirkung neuer Modifikationen bestehet. Empfindungen, die das Vermoͤgen unsern Zustand zu veraͤndern, in Thaͤtigkeit setzen, sind auch mittelbare Triebfedern fuͤr die vorstellende Kraft, in so ferne die Be- stimmung dieser Kraft selbst das Mittel ist — und man hat in den meisten Faͤllen kein anderes — Gemuͤthsver- aͤnderungen und Handlungen hervorzubringen. Dage- gen geht der natuͤrliche Reiz der Erkenntnißkraft nicht weiter, als bis zur Erkenntniß. Die vorstellende Kraft gehet alsdenn von selbst hervor, ohne mit Gewalt getrie- ben zu werden. Von jenem unmittelbaren Reiz fuͤr die Vorstellungskraft habe ich behauptet; er finde sich nur in gemaͤßigten und deutlichen Empfindungen. Allein wenn die Seele als ein handelndes Wesen thaͤtig ist, und dann in der Richtung zu den Veraͤnderungen ihres Zu- standes hin, zugleich ihre vorstellende Kraft aufbietet, so haben die ihre Aktivitaͤt erregenden Gefuͤhle einen an- dern Charakter. Muͤssen aber nicht die Empfindungen, welche die vorstellende Kraft erregen sollen, auch angenehme seyn, und gefallen? Jch antworte, dieß sey fuͤr sich nicht noͤthig, aber die Operationen der vorstellenden und den- kenden Kraft, welche die Seele auf sie anwendet, muͤs- sen gefallen. Sie muß Lust haben an diesen Arbeiten, und sich darinn fuͤhlen; und daher muß die Empfindung, welche sie dazu reizet, der vorstellenden Kraft angemes- sen X. Versuch. Ueber die Beziehung sen seyn. Allein dieß ist es nicht, worauf es hier eigentlich ankommt. Die Empfindung kann deswegen, als ein gefuͤhlter gegenwaͤrtiger Zustand, fuͤr sich ganz geschmack- los seyn. Dem Geometer machet der Anblick seiner Fi- guren kein solches Vergnuͤgen, wie dem Kenner der An- blick schoͤner Gemaͤlde; aber jene setzen seine Vernunft in Arbeit, und diese Arbeit ist es, welche ihn ergoͤtzet, und als eine afficirende Empfindung seinen thaͤtigen Wil- len beweget, und ihn daher bestimmet, sich dieß Ver- gnuͤgen laͤnger und mehrmalen zu verschaffen. Wenn die afficirenden Empfindungen von solchen unterschieden werden, die auf die Erkenntnißkraft wirken, so setzet man das Charakteristische von ihnen darinn, daß jene als gegenwaͤrtige Beschaffenheiten angenehm oder wie- drig sind, und daher die Kraft der Seele bestimmen, solche zu unterhalten, oder zu veraͤndern; dagegen dieje- nigen, welche nur die Vorstellungskraft reizen, fuͤr sich weder gefallen noch mißfallen, sondern nur aufgenom- men, und abgebildet werden, welche Beschaͤfftigung selbst angenehm oder unangenehm seyn kann, und andere dergleichen Folgen veranlassen. Diese Erinnerung ist vielleicht uͤberfluͤßig, aber in mikroskopischen Untersuchun- gen kann man nicht leicht allzuscharf und allzu genau zu- sehen. 6. Die empfindsamen Veraͤnderungen, und die be- wegenden haben den gemeinschaftlichen Charakter, daß sie staͤrker und verwirrter sind, als diejenigen, auf welche sich die Vorstellungskraft verwendet. Aber wenn nun von neuen die Frage ist, welche unter diesen denn vorzuͤglich die Empfindsamkeit unterhalten, und wel- che mehr die Triebfedern fuͤr die handelnde Thaͤtigkeits- kraft sind, so deucht mich, die Beobachtungen fuͤhren dahin, das erstere sey eine Folge des Angenehmen; das der Vorstellungskraft ⁊c. das letztere aber des Unangenehmen. Das Vergnuͤ- gen schaͤrft am meisten den Geschmack; der Verdruß trei- bet staͤrker zur Thaͤtigkeit. Aber es ist wohl zu merken, daß nur auf die urspruͤnglichen und unmittelbaren Rei- zungen der Vermoͤgen gesehen werde. Sobald diese sich aͤußern, so wirken sie auch in einander, reizen und er- wecken einander wechselseitig und die ersten Empfindun- gen werden mittelbar die Triebfeder zu allen Vermoͤgen der Seele. Durch diesen gegenseitigen Einfluß der Ver- moͤgen in einander, muß man hindurch sehen, so sehr er es sonsten verdienet, fuͤr sich allein naͤher betrachtet zu werden. Wenn die aktiven Kraͤfte der Seele schlaff sind, und das Vorstellungsvermoͤgen zuruͤckbleibet, so muß das innere Gefuͤhl und die Empfindsamkeit einen großen Vorrath von Modifikationen entbehren, aus dem sie den groͤßten und feinsten Theil ihrer Vergnuͤgungen heraus- ziehen kann. Feine Empfindsamkeit ist keine Eigenschaft des Dummkopfs und des Traͤgen. Und wiederum darf man da keinen großen Verstand erwarten, wo es an feiner Empfindsamkeit, und an reger Kraft zur Thaͤtig- keit in dem Jnnern fehlet. So wie auch da, wo die Traͤgheit groß ist, das Gefuͤhl sehr stumpf, und die Vor- stellungskraft und der Verstand sehr unwirksam sind. Aber dieses Einflusses in einander ohnerachtet, sind doch diese Vermoͤgen selbst, und ihre vorzuͤglichen Grade von einander unterschieden, und so auch die Ursachen, welche sie unmittelbar zur Thaͤtigkeit bringen. Die angenehmen lebhaftern Empfindungen ma- chen den Zustand aus, den die Seele ihrer Natur nach zu erhalten und fortzusetzen suchet. Der Genuß ist ihr Wohl; und sie will genießen. Bey diesen Empfindun- gen suchet sie nichts weiter, als sie zu erhalten; sie hasset vielmehr die Veraͤnderung, und haͤlt das Bestreben ih- rer thaͤtigen Kraft zuruͤck, das darauf, als auf die Zer- stoͤrung ihres Wohlseyns ausgehet. Da jede Empfin- I. Band. Z z dung X. Versuch. Ueber die Beziehung dung von selbst erlischet, woferne sie nicht durch einige selbstthaͤtige Bestrebungen von innen erhalten wird, so erfodert auch der Genuß eine Beschaͤftigung der Kraft, sich zu bestimmen. Sogar das Empfinden selbst ist eine Reaktion, die bey einem Wesen ohne alle thaͤtige Theil- nehmung nicht statt finden kann. Aber es ist wenig Thaͤtigkeit in dieser Handlung, und desto weniger, je mehr die Empfindnisse koͤrperlich sind, bey welchen die Seele sich am meisten leidend verhaͤlt. Das Gefuͤhl ist es also, dem die Seele sich uͤberlaͤsset, wenn ihre gegen- waͤrtige Modifikationen lebhaft und ergoͤtzend sind. Und dadurch wird es gestaͤrkt, verfeinert und erhoͤhet. So lehret es die Erfahrung. Der Geschmack an allen Arten des Schoͤnen, so gar der Geschmack am Den- ken und Handeln wird nicht anders gereizet und entwi- ckelt, als durch angenehme Empfindungen, welche in den Gegenstaͤnden, oder in unserer Art sie zu bearbeiten, ihre Quelle haben. Es ist zwar ein Unterschied zwischen dem Geschmack an einer Sache, und zwischen dem kri- tischen Gefuͤhl. Jene ist eine Fertigkeit des Gefuͤhls, das Angenehme der Dinge zu empfinden, mit einem Hang verbunden, diese Empfindung laͤnger zu genießen. Das kritische Gefuͤhl ist mehr ein Gefuͤhl der Kennzei- chen, daß in den Objekten die Quellen der Lust oder Un- lust enthalten sind. Daher ein Mensch von dem fein- sten kritischen Gefuͤhl das Vergnuͤgen aus gewissen Arten von Empfindungen dennoch so wenig schaͤtzen kann, daß ihm keine Lust, wenigstens keine merkliche Begierde an- wandelt, sich solchen zu uͤberlassen. Er hat eine andere Art von Wollust, die ihm mehr werth ist. Aber uͤber- haupt kann niemand einen Geschmack in einer Sache oder eine Staͤrke in dem Gefuͤhl des Angenehmen und Unangenehmen, des Schoͤnen und des Haͤßlichen, des Vollkommenen und des Mangelhaften, der Ordnung und der Verwirrung, erlangen, ohne vorher solche Ge- genstaͤnde der Vorstellungskraft ⁊c. genstaͤnde lebhaft empfunden zu haben. Jch nehme sol- che Faͤlle aus, wo ein besonderer Geschmack eine Folge von einem Geschmack an andern Dingen ist, und also nur die Objekte veraͤndert, wenn er sich als eine neue Art des Geschmacks offenbaret. Die unangenehmen Gefuͤhle schließe ich hievon aus. Diese erregen Bestrebungen, uns ihrer zu entledi- gen, und also unsern Zustand zu veraͤndern, das ist, Bestrebungen der Thaͤtigkeitskraft; aber sie koͤnnen ih- rer Natur nach die Seele nicht an sich ziehen, und sie dahin bringen, daß sie sich mit ihnen naͤher, staͤrker und inniger einlasse, und das Vermoͤgen, solche Gefuͤhle zu haben, mehr auf sie verwende, und dadurch uͤbe und staͤrke. Was ich auf die scheinbaren Einwendungen dagegen antworten werde, ist aus dem vorhergehenden leicht zu begreifen. Mißvergnuͤgen und Schmerz er- weichen das Gemuͤth, machen es bewegbarer, zaͤrtlicher, zum Mitleiden aufgelegter; und wie kann der Geschmack an dem Schoͤnen und Vollkommenen verfeinert und be- festiget werden, wenn nicht neben diesen angenehmen Empfindungen die ihnen entgegenstehenden Widrigen aufgestellet gewesen sind, und jene schmackhafter und be- merkbarer gemacht haben? Laßt die Erfahrungen, wel- che hieher gehoͤren, nur ein wenig zergliedert werden, so bestaͤtigen sie den obigen Satz. So lange die unange- nehmen Eindruͤcke anhalten, ist freylich das Gefuͤhl an ihnen gebunden, und muß fortfahren, sie anzunehmen, so groß auch das innere Widerstreben ist, womit es sich von ihnen zu entfernen sucht. Aber dadurch werden diese Gefuͤhle selbst nicht anziehend, und locken das Gefuͤhl nicht weiter auf sich heraus, als es durch eine uͤberwaͤlti- gende Kraft gezwungen wird, sich mit ihnen zu beschaͤf- tigen. Nur aus diesen Ursachen koͤnnen sie das Gefuͤhl an sich ziehen; wenn sie des Kontrastes wegen gesucht werden, wie die Dissonanzen in der Musik; oder auch Z z 2 als X. Versuch. Ueber die Beziehung als Mittel, das Mißvergnuͤgen leichter, auch in der Ferne, kennen zu lernen, damit man sich desto ehe dafuͤr huͤten koͤnne; oder endlich wenn sie selbst in der Vor- stellung geschwaͤchet, ihre Natur veraͤndern, und zu an- genehmen Empfindnissen werden. Zweeter Versuch. VII. 5. Jn den ersten Faͤllen bleiben sie, was sie sind, nemlich kleinere Uebel, die man entweder gerne zulaͤßt, und wuͤnschet, um des staͤrkern Guten willen, das sie veranlassen, oder die man doch zulassen muß. Aber nie werden sie dadurch natuͤrliche und urspruͤngliche Triebfedern, wodurch die Seele an der Seite ihrer Empfindsamkeit entwickelt wuͤrde. 7. Endlich sind es die unangenehmen lebhaften Empfindungen, welche die unmittelbaren Reize fuͤr die Thaͤtigkeitskraft in sich enthalten. Bedoͤrfniß ist die große Triebfeder unserer Natur. Jst der Zustand un- angenehm, so erfolget das Bestreben solchen zu veraͤn- dern. Jenen will man nicht fortsetzen, sondern weg- schaffen, und einen andern hervorbringen, das ist, eine neue Modifikation bewirken. Die unangenehmen Empfindungen koͤnnen unter zwo allgemeine Klassen gebracht werden. Jch setze voraus, daß die Ursache dieser ihrer Beschaffenheit in ihrer Dis- proportion mit den Vermoͤgen und Kraͤften bestehe, so wie die letztern zu der Zeit sich befinden, wenn die Jm- pressionen hinzukommen. Dem Muͤden ist die Ruhe ein Balsam, da die Unthaͤtigkeit bey frischen und regen Kraͤften die unausstehlichste Langeweile hervorbringet. Erfodert also das Vergnuͤgen ein gewisses Ebenmaaß der Modifikation zu dem gegenwaͤrtigen Zustand der Seele, zu ihren Kraͤften, Vermoͤgen und Beschaͤfti- gungen, der Vorstellungskraft ⁊c. gungen, und entstehet das Mißvergnuͤgen uͤberhaupt aus dem Mangel dieses Verhaͤltnisses, so haben wir zwo Ar- ten vom Unangenehmen, davon das Eine in dem Zuviel, das andere in dem Zuwenig seinen Grund hat. Jst die Veraͤnderung fuͤr die Empfindungskraft, welche sie aufnimmt, zu groß, so entstehet Schmerz; ist sie zu klein, so entstehet Unbehaglichkeit ( uneaseness ), Un- ruhe aus der Einschraͤnkung, aus Hindernissen, welche sich dem Bestreben thaͤtig zu seyn, im Weg legen, Man- gel des Vergnuͤgens. Beide noͤthigen uns, eine Ver- aͤnderung zu suchen; beide spannen die Thaͤtigkeitskraft der Seele. Aber dennoch auf eine unterschiedene Art, die wegen ihrer praktischen Folgen bemerket zu werden verdienet. Der Schmerz verursachet ein Bestreben zur Ver- aͤnderung, und wirket mit großer Heftigkeit; aber er bestimmet die Richtung dieses Bestrebens nicht zu einer besondern Art von Anwendung. Die Seele will nur ihrem Ungluͤck entgehen, und fliehen, es sey zur Rechten oder zur Linken, auf diesem oder jenem Wege. Und weiter gehet auch die Wirkung des Schmerzens nicht. Der Schmerz erwecket nicht so sehr eine Lust zu einer neuen Thaͤtigkeit, als vielmehr eine Abneigung gegen den Zustand, der ihn erzeuget. Die Furcht wirket fuͤr sich nicht mehr Bestreben und Fleiß, als zur Vermei- dung der schmerzhaften Empfindung unentbehrlich ist. Der faule Neger bauet die Erde nicht weiter, als nur um nicht zu verhungern. Aber wenn innere Unbehag- lichkeit oder Uebelseyn, das seinen Grund in einem ge- hinderten und aufgehaltenen Bestreben hat, uns treibet, so ist ein Trieb vorhanden zu der Handlung selbst, als wodurch dieser Unannehmlichkeit nur allein abgeholfen werden kann. Urspruͤnglich entstehet diese Empfindung aus den Veraͤnderungen, welche das gereizte Gefuͤhl zu wenig beschaͤftigen. Die erste Wirkung davon ist das Z z 3 blinde X. Versuch. Ueber die Beziehung blinde Bestreben zur Wirksamkeit, als zu einer Veraͤn- derung, welche das Gefuͤhl mehr befriediget. Dieses unbestimmte Verlangen wird zu einer bestimmten auf einen gewissen Gegenstand gerichteten Begierde, wenn einmal ein den Bestrebungen der Kraft angemessener Gegenstand gefunden worden ist. Unangenehme Em- pfindungen reizen also uͤberhaupt die Aktivitaͤt; aber die- jenigen, die mehr aus dem Mangel des positiven Ver- gnuͤgens entspringen, sind wirksamer, als diejenigen, welche in positiven Uebeln bestehen. Jene haben indes- sen immer etwas von dem letztern in ihrer Begleitung. Ueberhaupt kann man nicht sagen, daß die Thaͤtigkeit des Menschen in der Maaße vergroͤßert werde, wie die Quantitaͤt unangenehmer Empfindnisse vergroͤßert wird. Das nicht; sondern nur dann, wenn die abhelfbaren Bedoͤrfnisse, oder unangenehmen Empfindnisse, deren man sich durch die Anwendung seiner Kraͤfte erledigen kann, vermehret werden, so wird die Jndustrie in dem Verhaͤltniß gereizet, wie die Summe der Vorstellungen von angenehmen, durch eigene Arbeit zu erreichenden Ver- gnuͤgungen vergroͤßert wird. Ohne vorhergegange- ne angenehme Empfindungen wuͤrde der Theil der un- angenehmen Gefuͤhle fehlen, der aus der Beraubung oder aus dem Mangel entstehet. Angenehme Empfin- dungen werden also gebrauchet, um Verlangen zu erre- gen, welches ohne Kenntniß des Guten nicht statt fin- det. Verlangen und Hofnung und Furcht sind die drey Triebfedern unserer Wirksamkeit, die den groͤßten Effekt haben, wenn sie mit einander verbunden sind. Aber wer sich der Furcht allein bedienet, giebt der Natur eine schiefe Richtung, oder uͤbertreibt und vernichtet sie. Man kann damit anfangen, daß man Nachlaͤßigkeit be- strafet, aber wahre Lust zur Arbeit will am meisten durch Verlangen und Hoffnung genaͤhret seyn. 8. Die der Vorstellungskraft ⁊c. 8. Die vorhergehenden allgemeinen Erfahrungssaͤtze fuͤhren uns zu einer entferntern Ursache, wovon das un- gleiche Verhaͤltniß entstehet, in welchem die Grundver- moͤgen der Seele, das Gefuͤhl, der Verstand und die Thaͤtigkeitskraft bey verschiedenen Jndividuen entwickelt werden. Die naͤchste Folgerung aus dem vorhergehen- den ist diese: Da die aͤußere Welt fuͤr die Menschen- seelen, im Anfang wenigstens fuͤr die Kinder fast diesel- bige ist, da jedweder gutorganisirter Mensch, durch alle Sinne gleichartige Eindruͤcke von gleichen Gegenstaͤnden empfaͤngt, so kann, wenn alles uͤbrige gleich ist, die ver- schiedene Art, womit die von außen auffallenden Veraͤn- derungen aufgenommen und zu Empfindungen ge- macht werden, allein schon den Unterschied zwischen den Menschen von Empfindung, von Verstande und von Geschaͤftigkeit, veranlassen. Laß die Organe so einge- richtet seyn, daß sie uͤberhaupt die Eindruͤcke von den Objekten etwas maͤßigen, sie zerstreuen, auseinander setzen; oder laß sie ihrer Feinheit wegen mehr solche durch- lassen, die so beschaffen sind, als andere; oder laß die Receptivitaͤt der Seele selbst ein wenig mehr von einer zerstreuenden Kraft, wenn das Vermoͤgen die auf- fallenden Eindruͤcke auseinander zu setzen, und sie da- durch gemaͤßigter und deutlicher zu machen, so genennet werden darf, an sich haben; oder endlich, laß beides, die harmonische Disposition in den Organen, und in der Seelenkraft — nach welcher psychologischen Hypothese man sichs vorstellen will, — zu dieser Zertheilung und Maͤßigung der Jmpressionen beytragen; so ist die An- lage schon vorhanden zu einer vorzuͤglichen Entwickelung der Vorstellungskraft und des Verstandes. Solche Eindruͤcke sind es eben, die am leichtesten bey der Ab- wesenheit ihrer ersten Ursachen durch die Anwendung der innern Kraft hervorgezogen und erneuert werden koͤnnen, Z z 4 wozu X. Versuch. Ueber die Beziehung wozu die mehr befassenden weniger geschickt sind. Jst dagegen in dem Gehirn, oder in der Empfaͤnglichkeit der Seele, oder in beiden, wie man will, ein gewisses Vermoͤgen zusammenzubringen, eine Vereinigungs- kraft, wenn sie so heißen darf, durch welche die Ein- druͤcke naͤher an einander gebracht, und in einander ge- zogen werden; so wird auch das Grundprincip der Seele mehr in Empfindsamkeit und in Thaͤtigkeitskraft hervor- gehen. Beide Arten von Dispositionen koͤnnen entwe- der blos etwas leidentliches seyn, und im Grunde mehr in einer Schwaͤche oder in einem Mangel an Kraͤften ge- gruͤndet seyn, als in positiven Faͤhigkeiten; aber eben so wohl koͤnnen auch die beiden Anlagen zu zerstreuen und zu vereinigen, in reellen Vermoͤgen bestehen. Nach meiner allgemeinen Absicht, mich nie weiter auf die Betrachtung einzulassen, als so lange ich noch die Erfahrungen im Gesicht haben kann, will ich lieber zu nahe bey diesen bleiben, als zu weit mich entfernen. Jndessen moͤgen noch ein paar Saͤtze der Beurtheilung anderer, die weiter gehen wollen, uͤberlassen werden. Eine Spekulation hat zwar darauf gefuͤhret, aber ich meine doch, daß sie auch mit vielen Beobachtungen be- leget werden koͤnnen. Eine groͤßere Anlage, die empfangenen Eindruͤcke zu vereinigen, hat ihre verschiedenen Dimensionen. Jst sie extensive staͤrker, verbreitet sie sich auf mehrere und mancherleyartige Eindruͤcke, so treibet solche vorzuͤglich auf die vorstellende Kraft, auf eine starke Einbil- dungskraft und auf das Dichtungsvermoͤgen, also uͤber- haupt auf die sinnliche Erkenntnißkraft. Dieß ist die Grundanlage zu den Dichtergenie. Jst sie an Jntension staͤrker, und was Wunder, daß es alsdenn weniger an Ausdehnung vorzuͤglich ist, so wirket sie zu einer groͤßern Denkkraft, zu der hoͤhern Erkenntnißkraft, zum Verstande und zur Vernunft. Die der Vorstellungskraft ⁊c. Die Disposition, die Eindruͤcke mehr vereiniget zu lassen, oder sie selbstthaͤtig zusammenzubringen, hat auf eine aͤhnliche Art ihre verschiedene Dimensionen. Das Verhaͤltniß der Ausdehnung zu ihrer innern Staͤrke kann auch hiebey verschieden seyn. Man kann noch die Pro- tension, die Staͤrke im Anhalten und Nachsetzen, als die dritte Dimension hinzudenken, die aber in allen von glei- cher Groͤße angenommen, oder auch zu der Jntension mit gezogen werden mag. Wenn die Ausdehnung groͤßer ist, wobey denn die Jntension einige Grade weniger hat, so ist die Anlage da zu der starken Empfindsamkeit. Jst dagegen die Jntension groͤßer, als die Ausdehnung, so haben wir die Grundanlage, aus der die thaͤtigen und in Geschaͤften wirksamen Koͤpfe gebildet werden. Ob aber das Verhaͤltniß der Jntension zu der Ex- tension in der gesammten selbstthaͤtigen Receptivi- taͤt mit dem Verhaͤltniß in den gedachten Dispositionen, die Eindruͤcke zu vereinigen und zu zerstreuen, zu- sammenfalle, das getraue ich mich nicht zu bejahen. Es scheinen die Beobachtungen vielmehr dagegen zu seyn. Aber desto sicherer ist die Folgerung, die auch ohne viele Spekulationen einleuchtet, „daß es nur eine Verfuͤhrung „des Herzens sey, auf Mangel an Menschenkenntniß „gegruͤndet, wenn wir einen etwanigen Vorzug an unsern „eigenen einseitigen Talenten fuͤr einen gleich großen Vor- „zug an gesammter Seelen-Geistes- und Menschen- „groͤße ansehen, und uns auf dieselbige Staffel unter „den Menschen setzen, auf der wir vielleicht mit Recht „stehen moͤchten, wenn die Ordnung allein nach der „Groͤße des Witzes, oder der Verstandesfaͤhigkeiten be- „stimmet werden sollte.“ Z z 5 Eilfter XI. Versuch. Ueber die Grundkraft Eilfter Versuch . Ueber die Grundkraft der menschlichen Seele und den Charakter der Menschheit. I. Ob wir eine Vorstellung von der Grundkraft der menschlichen Seele haben koͤnnen, und welche? 1) Was eine solche Grundkraft seyn soll? 2) Jst eine Vorstellung von ihr moͤglich? 3) Jst das Gefuͤhl die Grundkraft der Seele? 1. N icht Hypothesen, sondern Beobachtungen geben uns von der Seele, sie sey nun sonsten was sie wolle, ein immaterielles Wesen, oder das Gehirn, oder das beseelte Gehirn, oder welches Wort hier vielleicht das beßte ist, weil es am wenigsten saget, die Entelechia des Menschen, diesen Begrif. Sie ist ein Wesen, welches mittelst gewisser Werkzeuge in dem Koͤrper von andern Dingen veraͤndert wird, fuͤhlet, dann selbstthaͤtig etwas in sich und außer sich hervorbringet, und von dem, was sie leidet und thut, Spuren in sich auf- behaͤlt, die sie hervorziehet, und bearbeitet. Sie ist immer dasselbige Wesen, sie mag fuͤhlen, vorstellen, den- ken, bewegen, oder wollen; und wenn wir ihr nach der Verschiedenheit dieser Aeußerungen verschiedene Vermoͤ- gen zuschreiben, so heißt dieß nur so viel; es kann das- selbige Wesen bald an der Einen bald an der andern Sei- te sich aͤußern, je nachdem seine Kraft eine andere Rich- tung der menschlichen Seele ⁊c. tung nimmt, andere Gegenstaͤnde vor sich hat, und innre Staͤrke genug besitzt, um bis dahin sich zu aͤußern, daß diese besondern Auslassungen von uns selbst gewahrge- nommen werden. Eine naͤhere Aufloͤsung dieser mannigfaltigen Aeuße- rungen und Gestalten, unter denen dieß Wesen sich vor sich selbst offenbaret, lehrt noch ferner so viel, daß es ein gewiffer hoͤherer Grad von innerer Selbstthaͤtig- keit sey, womit sie beywirket, wenn sie leidend veraͤndert wird, und sich dann wieder aus sich selbst in Wirksam- keit setzet, wenn sie in neue Thaͤtigkeiten hervorgehet, wodurch sie zu einem vorstellenden, denkenden und wol- lenden Wesen gemacht werde. Erster Versuch. XVI. 4 - 7. Achter Versuch. VI. Neun- ter Versuch. IV. Als ein in einem ho- hen Grade modifikables Wesen ist sie nichts mehr als ein fluͤßiger Koͤrper; als ein thaͤtig herauswirkendes, und dadurch sich auch selbst veraͤnderndes Wesen, ist sie nichts mehr, als eine elastische Feder oder eine gespannte Kla- viersaite auch seyn koͤnnte; aber als ein mit der vor er- waͤhnten Selbstthaͤtigkeit versehenes Wesen ist sie eine fuͤhlende und vorstellende Seele, und bey noch et- was mehrerer Staͤrke und Feinheit in diesem Vermoͤgen ist sie eine denkende Seele. Was ist also nun die Grundkraft dieses Wesens, oder das urspruͤngliche Vermoͤgen, dessen Wirkungen innerlich immer dieselbigen einartigen Aeußerungen sind, die nur nach der Verschiedenheit der aͤußern Umstaͤnde und der Objekte, auf die es sich anwendet, in verschie- denen Richtungen erfolgen, und dadurch als unterschie- dene Wirkungen erscheinen? Aus der Grundkraft in ihren verschiedenen Richtungen, mehr oder minder ver- laͤngert, verfeinert, erhoben, sollen alle uͤbrige Ver- moͤgen und Kraͤfte hervorgehen. Welche Jdee kann und soll man sich von dieser Grundkraft nun abziehen? Diese XI. Versuch. Ueber die Grundkraft Diese Grundkraft oder Urkraft ist eine Folge ih- rer Natur, und diese ist unveraͤnderlich, so lange die Seele als Seele wenigstens vorhanden ist; sie sey in dem eingewickeltesten Zustande, oder in dem entwickelten. Jst die Seele ein einfaches unkoͤrperliches Wesen, oder giebt es in dem ganzen Seelenwesen des Menschen so et- was Unkoͤrperliches, dem die Seelenvermoͤgen eigent- lich, als thaͤtige Kraft zukommen, so hat jene Urkraft so lange ein Vermoͤgen der Seele seyn muͤssen, als sie selbst vorhanden gewesen ist, und nur eine Umschaffung der Allmacht, die sie vernichtet, und ein neues Wesen wirklich macht, kann ihr solche entziehen. Was war also diese Grundkraft vor der Empfaͤngniß des Menschen, und in dem Embryon im Mutterleibe? War auch da- mals die Seele ein fuͤhlendes, ein denkendes Wesen? Sie hatte die Anlage es zu werden, und also war der Grundkeim des Gefuͤhls und der Vernunft vorhanden, so lange ihre Natur bestand. Da wir wissen, was in diesem Leben aus ihr wird, so sehen wir, was sie fuͤr ein Ding hat werden koͤnnen. Sie wird naͤmlich zu einer fuͤhlenden, empfindsamen, und denkenden Substanz, und nichts ist also richtiger, als daß sie von Natur auch aufgelegt seyn muͤsse, die naͤchsten Vermoͤgen wie die Alten sagten, zu diesen Aktionen, zu bekommen, das ist, daß sie der Vermoͤgen, solche Wirkungen unmittelbar zu aͤußern, ohne noch vorher etwas neues in ihrem Jn- nern annehmen zu duͤrfen, in so weit von Natur faͤhig gewefen sey, daß sie folche habe erlangen koͤnnen. Al- lein hat sie diese naͤchsten Vermoͤgen jederzeit gehabt? Zum wenigsten doch das Ueberlegungsvermoͤgen nicht; Und hat sie nun zu irgend einer Zeit nichts mehr an sich gehabt, als die Anlage, Empfindungskraft und Ver- stand durch ihre Entwickelung zu bekommen, so waren diese Vermoͤgen doch zu der Zeit, da sie noch in der Natur als bloße Anlagen steckten, nur entfernte Ver- moͤgen der menschlichen Seele ⁊c. moͤgen zu diesen Wirkungen, und also nicht sowohl Ver- moͤgen zum Empfinden, Vorstellen, Denken, Wollen, als vielmehr nur Vermoͤgen, die naͤchsten Faͤhigkeiten dazu anzunehmen. Soll dieß letztere der Keim jener naͤchsten Vermoͤgen genennet werden, so haben wir von neuen die Frage, worinn denn dieser Keim, oder Disposition, Gefuͤhl und Vernunft erlangen zu koͤnnen, bestehe? Dieß ist die groͤßte Frage in der Psychologie. Jch weiß nichts darauf zu antworten, als nur disjunk- tive: entweder es laͤsset sich gar keine Vorstellung von der Grundkraft machen, oder nur Eine. 2. Die Kraͤfte koͤnnen nur durch ihre Wirkungen, wel- che sie hervorbringen, von uns erkannt und nur durch die- sen charakterisirt werden. Alle Wirkungen von der Grundkraft der Seele, von welchen wir Begriffe haben, sind Wirkungen, die sie in ihrem dermaligen Zustande hervorbringet, nachdem sie schon vorher bis auf eine hohe Stufe in ihrer Entwickelung fortgeschritten ist. Sie hat schon manche Veraͤnderungen erlitten, wenn sie sich erst als ein fuͤhlendes, als ein denkendes, als ein wollendes Wesen selbst offenbaret. Dieß sind Wirkungen entwi- ckelter Kraͤfte, die zu den abgeleiteten Kraͤften oder Faͤhigkeiten gehoͤren, welche aus den Grundfaͤhigkeiten nicht nur durch die Erhoͤhung derselbartigen Kraͤfte, son- dern auch durch die Vereinigung mehrerer ungleich- artiger Vermoͤgen entstehen koͤnnen. Haben wir also keine Begriffe von andern Wirkungen, als von solchen, die aus abgeleiteten Vermoͤgen entspringen; woher sol- len wir denn die Begriffe von Wirkungen hernehmen, zu deren unmittelbaren Hervorbringung die Grundkraft aufgeleget ist? wie sie uns vorstellen, und durch welche Merkmale sie beschreiben? Muß man nicht da stehen bleiben, wo wir vorher waren, und uns begnuͤgen zu sagen, XI. Versuch. Ueber die Grundkraft sagen, „ihre Grundkraft sey die, welche den Keim der Grundvermoͤgen zum Fuͤhlen, zum Vorstellen, zum Wollen in sich enthalte?‟ Wir fuͤhlen sie, wir wirken im entwickelten Zustande, indem wir uns selbst fuͤhlen. Vielleicht verhalten sich also die uns bekannten Grund- vermoͤgen zu der Urkraft der Seele, wie das Vermoͤgen zum Lachen, sich zu den entferntern Vermoͤgen der Seele und des Leibes verhaͤlt, von denen es eine Folge und Wir- kung ist. Vielleicht ist die Urkraft der Seele noch wei- ter entfernt. 3. Man gebe dieser Schwierigkeit nach, und halte sich von der dunklen Tiefe, in der die Grundkraft der Seele lieget, zuruͤck. Will man sich aber nicht abschrecken lassen, so weit hineinzugehen, als man sich fortzufuͤhlen im Stande ist, so wird man doch auf einige nuͤtzliche Betrachtungen kommen, und manches besser sehen, wenn gleich das nicht entdecket wird, was man aufsuchte. Zuerst bietet sie die von so manchen schon angenommene Hypothese dar, „das Gefuͤhl selbst sey der Unterschei- dungscharakter der Urkraft der Seele von andern Urkraͤf- ten. Diese Jdee hat einiges fuͤr sich, das sie wahr- scheinlich machet; aber auch nur einiges, denn an voͤlli- ger Evidenz muß da nothwendig vieles fehlen, wo das Licht der Beobachtungen verlischt, und nur ein schwa- cher Schimmer der Analogie zur Leuchte dienet. Die Spekulation aus Begriffen sollte hier als ein sicherer Wegweiser zutreten. Aber bey der thut sie dieß in me- taphysischen Untersuchungen sehr selten, theils weil sie nicht kann, und theils auch, weil ihre Beyhuͤlfe so oft nicht gesuchet, und gar von der Hand gewiesen wird. Es verlohnt sich doch der Muͤhe, die Gruͤnde der er- waͤhnten Hypothese genauer anzusehen. Fuͤhlen oder Empfinden — so eine Jdee davon vorausgesetzt, wie der menschlichen Seele ⁊c. wie aus unsern Beobachtungen gezogen wird — soll eine unmittelbare Wirkung der Grundkraft der Seele seyn, und diese soll denn dadurch, daß sie als eine fuͤhlende Kraft vorgestellet wird, von andern nicht see- lenartigen Urkraͤften unterschieden werden. Von dem eigenen Charakter der menschlichen Seele, wodurch diese von andern Gattungen fuͤhlender Kraͤfte unterschie- den ist, darf denn noch die Frage nicht seyn. Wenn hier auch nur etwas wahrscheinliches sich zeiget, wer wird es nicht gerne annehmen, wo an voͤllige Gewißheit nicht zu gedenken ist? Jn dem entwickelten menschlichen Zustande hat die Seele nicht blos eine fuͤhlende, sondern auch eine vor- stellende und denkende Kraft. Aber die Verglei- chung dieser ihrer Wirkungen hat so viel gelehret, daß die beiden letztgenannten Vermoͤgen als abgeleitete Faͤ- higkeiten angesehen werden koͤnnen, die in einem fuͤhlen- den Wesen bey seiner Entwickelung entstehen, wenn des- sen innere Kraft nur die erfoderliche Groͤße und Selbst- thaͤtigkeit dazu besitzet. Ein Wesen blos zum Fuͤhlen aufgeleget, wuͤrde auch der Vorstellungen und Gedan- ken faͤhig werden, woferne seine natuͤrliche Receptivitaͤt an innerer Selbstthaͤtigkeit eine Vergroͤßerung bis zu ei- ner gewissen Stufe annehmen koͤnnte. Ein fuͤhlendes Wesen, was keine Vorstellungen hat, entbehret nur ei- ner gewissen Stufe an innerer Selbstthaͤtigkeit, wo- bey die absolute Realitaͤt selbst, in welcher diese Stufen sich befinden, vorhanden seyn kann. Scheint es nicht, als wenn hieraus ungezwungen die Folgerung gezogen werden koͤnnte, daß in der Jdee eines fuͤhlenden Wesens, die gesammte absolute Rea- litaͤt begriffen sey, die vergroͤßert und hervorgezogen die Natur des Vorstellenden und Denkenden ausmachet? Denken, Vorstellen und Fuͤhlen moͤgen so heterogen seyn, als sie wollen, so sind doch die Naturen der Sub- stanzen XI. Versuch. Ueber die Grundkraft stanzen, welche blos fuͤhlen, und welche sich zum Den- ken entwickeln, mit einander so nahe verwandt, daß sie denselbigen absoluten Grundstof zu haben scheinen, und nur an Stufen und Graden verschieden sind. Aus der Notion eines fuͤhlenden Wesen wird der Begrif eines Vorstellenden und eines Denkenden durch eine Bestim- mung der Quantitaͤten. Das fuͤhlende Wesen mit ei- ner groͤßern Selbstthaͤtigkeit ist ein vorstellendes und denkendes Wesen. Und umgekehrt. Ein denkendes Wesen bis auf einen gewissen Grad an seiner Selbstthaͤ- tigkeit, als an einer absoluten Realitaͤt heruntergesetzt, ist ein blos fuͤhlendes Wesen. Das Vermoͤgen zu Fuͤh- len ist also das Vermoͤgen zum Vorstellen und zum Denken. Bis dahin sind wir. Nehmet der denkenden Kraft etwas von ihrer Selbstthaͤtigkeit, vermindert ihre abso- luten Kraͤfte, setzet ihre Realitaͤten herunter; so wird sich das Denken verlieren, und die Kraft dazu in seinen Keim, in die bloße Anlage, denkend zu werden, zuruͤck- gehen. Man fahre fort, sie weiter herunter zu setzen, so wird ihre Vorstellungskraft sich ebenfalls einwickeln, und die Seele ist bis zu einem blos fuͤhlenden Wesen er- niedriget. Nun aber werde sie noch weiter eingewickelt, noch weiter heruntergesetzt und verkleinert, bis zu ihrer un- veraͤnderlichen Naturkraft zuruͤck, so weit auch diese zu- ruͤckliegen mag. Auf welche Stufe in der Wesenleiter wird sie alsdenn kommen? Was geschicht mit ihr? Jhr Gefuͤhl wird geschwaͤchet, heruntergesetzt, verdun- kelt; aber ist und bleibet es doch nicht Gefuͤhlskraft? Muß sie nicht, so lange sie noch Naturkraft besitzet, und wirket, auf dieselbige Art wirken, als sie es da thut, wo wir ihre Aeußerung ein Fuͤhlen nennen? Jst ihre Naturkraft nicht also immer noch eine fuͤhlende Kraft? Gefuͤhl? Unver- der menschlichen Seele ⁊c. Unvermerkt verliert man sich hier in eine Hypothese? Wer ist Buͤrge dafuͤr, daß Fuͤhlen, so wie wir es aus dem entwickelten Zustande der Seele kennen, von der Aeuße- rung der ersten Naturkraft nicht noch weit mehr unter- schieden sey, als Denken und Vorstellen es von dem Fuͤh- len ist? Muͤßten wir nicht nach der Analogie so schlie- ßen: Da das denkende Wesen bis zu dem Punkt her- untergesetzt, auf dem es als blos fuͤhlend erscheinet, das Vermoͤgen zum Denken, das naͤchste und eigentliche Vermoͤgen zum Denken naͤmlich, verlohren hat, so wird sein Vermoͤgen, zum Fuͤhlen nun weiter eingeschraͤnket, auch nicht mehr ein naͤchstes und eigentliches Vermoͤ- gen zum Fuͤhlen seyn koͤnnen. Was die Urkraft als- denn wirket, ist freylich eine Aeußerung desselbigen thaͤ- tigen Princips, das in einer hoͤhern Stufe fuͤhlte, und in einer noch hoͤhern Vorstellungen machte und dachte; Aber kann es mit mehrerm Rechte alsdenn noch ein fuͤh- lendes Princip genannt werden, als das blos fuͤhlende Princip ein denkendes heißen kann? Vielleicht viel weniger. Denn der Abstand vom Denken bis zum Fuͤhlen kann wohl viel kleiner seyn, als der vom Fuͤhlen bis zu den ersten Aeußerungen der Urkraft herunter. Am Ende sehen wir, wo wir sind, naͤmlich da, wo wir in Anfange waren. Die Grundkraft der Seele kennen wir nicht; weil wir keine Jdee von den ersten ur- spruͤnglichen Wirkungen ihrer Naturkraft haben. Das Fuͤhlen ist nur die erste Aeußerung, die wir kennen. Wir koͤnnen sagen, die Grundkraft der Seele sey diesel- bige absolute Realitaͤt, welche bis zu einiger Groͤße ent- wickelt, empfindet und denket. Aber was sie fuͤr ein Naturvermoͤgen besitze, zu welchen Arten von Thaͤtigkei- ten sie aufgelegt sey, so lange sie existirt, ob und worinn diese von den Thaͤtigkeiten anderer Elemente sich unter- scheiden, davon wissen wir nichts, als daß ihre Grund- kraft den Keim des Fuͤhlens doch in sich enthalte. I. Band. A a a II. Von XI. Versuch. Ueber die Grundkraft II. Von dem Unterscheidungsmerkmal der menschli- chen Seele, und dem Charakter der Mensch- heit. 1) Wiefern es bey jedweder Hypothes uͤber die Natur der Seele dennoch einen Grundcha- rakter der menschlichen Seele vor andern Thierseelen geben muͤsse. 2) Die Eigenheiten der menschlichen Seele von den Seelen der Thiere. 3) Ob der Grundcharakter der Menschheit in der Perfektibilitaͤt gesetzet werden koͤnne? 4) Ob das Vermoͤgen der Reflexion diesen Grundcharakter ausmache? 5) Pruͤfung der Herderschen Jdee. Ob das Verhaͤltniß der Extension zur Jntension in der Naturkraft, fuͤr den Grundcharakter zu halten sey? 1. D as Gefuͤhl ist vor unserer Kenntniß das erste und urspruͤngliche Vermoͤgen, das die Seele von an- dern Kraͤften unterscheidet. Laß also dieß fuͤr einen Ur- charakter angenommen werden; so wird die Grundkraft der Seele eine Kraft seyn, welche fuͤhlet. Fangen wir hier an, so ist das naͤchste, daß das Eigene der mensch- lichen Seele vor den Seelen der Thiere, denen wir doch mit keinem vernuͤnftigen Grunde das Vermoͤgen zu fuͤhlen absprechen koͤnnen, aufgesuchet werde. Aber sind wir auch vielleicht hier an der aͤußersten Graͤnzlinie unsers Wissens, wo nicht gar außer ihr? und wie groß ist der Schimmer, den die Beobachtung bis hieher wirft? Wenn der menschlichen Seele ⁊c. Wenn die Seele im metaphysischen Verstande fuͤr das einfache, von dem organisirten Koͤrper unterschiedene Wesen genommen wird, so fuͤhret uns die erstere Frage uͤber das Unterscheidungsmerkmal der Menschenseele auf zwo andere. Jst die Entwickelung des Menschen eine Entwickelung jenes unkoͤrperlichen Wesens, oder bestehet sie allein in der Entwickelung ihres organisirten Koͤrpers, mit dem sie vereiniget ist? Nimmt sie selbst in ihrem Jnnern keine Entwickelung, keine Erhoͤhung oder Ausbreitung ihrer Vermoͤgen an, so bestehen alle ihre erworbene Fertigkeiten nur in Geschicklichkeiten des Gehirns, der Seele in ihren Wirkungen zu Diensten zu seyn. Was bedarf sie alsdenn fuͤr einen Charakter als menschliche Seele? Jn der That gar keinen. Der Charakter des Menschen bestehet unter dieser Voraus- setzung allein in der besondern| Organisation des Gehirns, oder der Vorstellungsmaschine. Die Polypenseele, wenn es eine giebt, wie Hr. Unzer nicht meinet, in das ent- wickelte Gehirn des Menschen versetzet, wird zu einer Menschenseele werden. Dieß haben schon mehrere und angesehene neuere Philosophen behauptet. Oder zweytens. Wenn gleich in ihrem Jnnern Entwickelungen und Erhoͤhungen vor sich gehen, so kann gefraget werden, ob diese auch gewisse perfektible Be- schaffenheiten in ihrer eigenen besondern Natur voraus- setzen? Wenn es dabey allein auf den Koͤrper ankommt, und eine Hundesseele in einem menschlichen Gehirn sich menschlich entwickelt haben wuͤrde, ohne irgend andere Grundanlagen zu besitzen, als sie in dem Gehirn des Hundes hat, wie kann, wenn es so waͤre, nach dem Charakter der menschlichen Seele einmal gefraget wer- den? Alsdenn hat sie fuͤr sich nichts Eigenes vor jedem andern fuͤhlenden Wesen voraus, nichts vor der Seele des Hundes, des Frosches oder der Auster. A a a 2 Die XI. Versuch. Ueber die Grundkraft Die erste Meinung ist unwahrscheinlich, und zwar in einem hohen Grad, und die zwote nicht viel minder. Aber sie muͤssen beide als unrichtig vorausgesetzet werden, ehe man in eine Untersuchung uͤber den Charakter der menschlichen unkoͤrperlichen Seele sich einlassen, und mit festen Schritten fortgehen kann. Da dieß ein zu großer Aufenthalt seyn wuͤrde, so will ich hier die Frage in diesem Verstande ganz aufgeben, und sie auf die Seele in psychologischer Bedeutung, oder auf die Seelennatur des Menschen anwenden. Die menschliche Seele im psychologischen Ver- stande genommen, ist das Jch, das wir mit unserm Selbstgefuͤhl empfinden und beobachten koͤnnen. Es mag aus einem einfachen immateriellen Wesen allein bestehen, oder aus diesem, und einem innern koͤrperlichen Werk- zeug des Gefuͤhls und des Denkens zusammengesetzt seyn, oder, um kein psychologisches System auszuschließen, es mag nichts als der innere organisirte Koͤrper selbst seyn. Genug es ist das fuͤhlende, denkende und wol- lende Eins, der innere Mensch selbst. Dieser hat seinen Charakter, und seine Eigenheiten, woruͤber sich nach Anleitung der Erfahrung philosophiren laͤßt, ohne jene theoretische Spekulation uͤber die Natur des Seelenwe- sens zu beruͤhren. Worinn bestehet dieser Charakter der Menschheit? Worinn haben die Philosophen ihn gesetzet? und worinn kann und muß man ihn setzen, wenn man so weit auf den angebohrnen Grundcharakter zuruͤckgehen will, als der Faden der Beobachtung sicher hinleitet. 2. Der Mensch ist unter allen empfindenden Mitge- schoͤpfen auf der Erde das meist perfekrible Wesen, dasjenige, was bey seiner Geburt am wenigsten von dem ist, was es werden kann, und die groͤßte Auswickelung annimmt. Es ist das vielseitigste, das beugsamste Wesen, der menschlichen Seele ⁊c. Wesen, das am mannigfaltigsten modificiret werden kann, seinem ausgedehnten Wirkungskrais, zu dem es bestimmt ist, gemaͤß. Am schwaͤchsten zu Einer Form allein bestimmt kann es die mehresten annehmen. Fer- ner ist der Mensch das Thier, welches das Vermoͤ- gen nachzumachen in einem hoͤhern Grade besitzet, als irgend ein anderes. Sprachfaͤhigkeit, Ueberle- gungskraft, Vernunft, Freyheit sind ihm eigen vor allen. Und er kann lachen und weinen, was nach der Anmerkung des Aristoteles, die bis auf einige noch zweifelhafte Ausnahmen, von den neuern Naturkundi- gern bestaͤtiget ist, kein anderes Thier kann. Da ha- ben wir also Eigenheiten des Menschen genug, die ihn von den Thieren unterscheiden, solche, die sich blos auf den Koͤrper beziehen, bey Seite gesetzet, und die zum Theil zweifelhaft sind. Daß der Mensch das groͤßte Gehirn im Verhaͤltniß zu der Groͤße seines Koͤrpers habe, ist nur mit einiger Einschraͤnkung wahr; der Affe Pygman soll ihn hierinn uͤbertreffen, wie es von einigen Fischen gewiß ist. Sein Gehirnlein dagegen, ist im Verhaͤltniß gegen das Gehirn, das kleinste. Der Vorzug des menschlichen Koͤrpers, an Geschmeidigkeit und mannigfaltiger Modifikabilitaͤt vor den uͤbrigen thie- rischen Koͤrpern, scheinet ihm durch die Gruͤnde des Hrn. Moscati Von dem koͤrperlichen wesentlichen Unterschiede, zwischen der Straktur der Thiere und der Men- schen. noch nicht entzogen zu seyn. Solche Eigenheiten moͤchten alle gut seyn, wenn es nur darauf ankaͤme, den Menschen in der Naturgeschichte zu charakterisiren. Aber da viele von ihnen offenbar nur Folgen von andern Grundcharaktern sind, so koͤnnen sie hier nicht in Betracht kommen. Lachen und weinen koͤnnen, ist so wenig ein Grundcharakter der Menschheit, A a a 3 als XI. Versuch. Ueber die Grundkraft als es einer ist, Feuer und Licht zu gebrauchen. Man suchet die Grundbeschaffenheiten seiner Natur, den Keim, wovon die sichtbaren Unterscheidungszeichen aussprießen. 3. Zu diesem Grundcharakter der Menschheit haben die Philosophen bald diese, bald jene von den angefuͤhr- ten Eigenheiten fuͤr schicklich gehalten. Diejenigen ha- ben ein naͤheres Recht hiezu, die sich auf die uͤbrigen so beziehen, daß sie alle, oder doch die mehresten aus ih- nen gefolgert werden koͤnnen. Jede von diesen stellet Eine besondere Seite des ganzen Charakters dar, aber auch jede fuͤr sich allein genommen giebt gewoͤhnlicher Weise nur eine einseitige Jdee, und ist zu unbestimmt. Die vornehmsten, die man als Grundmerkmale ge- braucht hat, will ich anfuͤhren, und meine Gedanken daruͤber sagen. Solche Art von Kritiken sind nicht un- nuͤtz, wenn es gleich noch nuͤtzlicher waͤre, es besser zu machen. Aber es versteht sich auch, daß es nicht nuͤtz- lich sey, bey der Anzeige, wo andere stehen geblieben sind, es zu vergessen, wie groß das Verdienst war, bis dahin fortgeruͤcket zu seyn. Hr. Rousseau nahm die Perfektibilitaͤt (Ver- vollkommlichkeit) des Menschen, die ihn in einem so vorzuͤglich hohen Grade vor andern empfindenden Wesen zukommt, als ein bestimmtes Grundmerkmal der Menschheit an. Sie findet sich uͤberall, wo sich die Menschheit findet. Das neugebohrne Kind, der Wald- mensch, der Schafmensch, der Baͤrmensch sind nicht entwickelt, nicht vervollkommet, wie es ein Mensch wer- den kann, aber die Moͤglichkeit, die Anlage dazu war in ihnen. Mich deucht, dieser Charakter ist noch zu unbe- stimmt. Von der Perfektibilitaͤt der Seelenfaͤhig- keiten soll nur die Rede seyn, nicht von den Koͤrper- kraͤften. der menschlichen Seele ⁊c. kraͤften. Allein von welchen? Das Gefuͤhl wird ent- wickelt, wird groͤßer und feiner gemacht. Daraus wird keine vorstellende und denkende Kraft. Zu dieser letztern ist eine Entwickelung von einer besondern Seite erfoder- lich, denn das fuͤhlende Wesen muß vornehmlich an Selbstthaͤtigkeit zunehmen, wenn es zum Denken sich erheben soll. Will Rousseau außer der Perfektibilitaͤt auch die Denkkraft zu dem voͤlligen Keim der Menschheit gerechnet wissen, und jene als eine allgemeine Eigen- schaft aller Grundvermoͤgen ansehen, so gehoͤret sie unter seine simpeln Unterscheidungsmerkmale. Dann lieget der Grundcharakter schon in der Denkkraft selbst, und wuͤrde in der vorzuͤglich perfektiblen Denkkraft bestehen muͤssen. Dazu kommt, daß dieser Charakter wiederum auf einen andern uns zuruͤckweiset, den er voraussetzet. Perfektibilitaͤt ist eine Moͤglichkeit entwickelt zu wer- den. Muß diese Anlage nicht in absoluten Natur- beschaffenheiten ihren Grund haben? und das Vermoͤ- gen, welches weiter gebracht werden kann, als andere, auch innerlich eine groͤßere Naturkraft besitzen, woraus der laͤnger anhaltende und weiter fortschreitende Drang begreiflich wird? Jndessen moͤchte dieß noch hingehen, denn wenn gleich ein solcher Charakter noch auf etwas anders hinweiset, und also wuͤnschen laͤßt, daß wir den noch entferntern absoluten Grund moͤchten angeben koͤn- nen, so ist es noch eine Frage, ob man bey jedem andern angenommenen Grundcharakter tiefer in die Urkraft der Seele eindringe? Aber die erste Erinnerung halte ich fuͤr gegruͤndet, daß doch zum mindesten noch naͤher die- jenigen Kraͤfte und Vermoͤgen bestimmet werden muͤssen, in deren groͤßern Perfektibilitaͤt eigentlich die Entwicke- lung zum Menschen, zum vorstellenden und denkenden und mit Freyheit handelnden Wesen ihren Grund habe. A a a 4 4. Der XI. Versuch. Ueber die Grundkraft 4. Der sel. Reimarus glaubte in dem Reflexions- vermoͤgen, oder, wie er sich erklaͤrte, in dem Vermoͤ- gen, Dinge in der Vorstellung gegen einander zu ver- gleichen, die eigentliche Wurzel gefunden zu haben, wor- aus des Menschen Vorzuͤge vor den Thieren hervor- sprießen. Diese Reflexionsfaͤhigkeit war der Anfang der Vernunft und der wahre Grundcharakter des ver- nuͤnftigen Menschen, von dem seine uͤbrigen Vollkom- menheiten nur Folgen und Wirkungen sind. Jch geste- he es, ich habe schon an andern Stellen es erklaͤret, daß mir die Raisonnements dieses scharfsinnigen und wuͤrdi- gen Mannes uͤber die Natur des menschlichen Verstan- des nicht eindringend genug zu seyn scheinen. Eben so kommt es mir auch hier vor. Dieß benimmt der vor- zuͤglichen Hochachtung nichts, die ich fuͤr diesen Philo- sophen hege, und die Deutschland, wie ich glaube, im- mer fuͤr ihn hegen wird, als fuͤr einen Mann, der tiefe metaphysische Theorien mit einer ausgebreiteten Erfah- rungskenntniß verband, und jene auf diese so anwandte, wie es ihre wahre Bestimmung erfodert, um helle und feststehende Einsichten in die wirkliche Natur, in ihre Beziehung auf den Schoͤpfer, und in den Zusammen- hang ihrer Theile unter einander und mit den Menschen, als das schaͤtzbarste Kleinod fuͤr den Menschenverstand, zu befoͤrdern, zu vergroͤßern, und auszubreiten. Was ich uͤber den von ihm angegebenen Grundcharakter des Menschen zu erinnern habe, ist folgendes. Ob das, was Reimarus Reflexion nennet, die erste urspruͤngliche Aeußerung der Denkkraft sey, und also ein Grundvermoͤgen in Hinsicht des Verstandes und der Vernunft darstelle, will ich hier nicht untersuchen, und verweise auf die obigen Betrachtungen uͤber das Ge- wahrnehmen und uͤber die Denkkraft. Aber ist denn voͤllig der menschlichen Seele ⁊c. voͤllig außer Zweifel, daß keinem Thiere außer dem Menschen von diesem Reflexionsvermoͤgen etwas zu- komme? Verstand und Vernunft, oder ein hoͤheres, entwickeltes und gewissermaßen gereiftes Reflexionsver- moͤgen besitzen sie nicht; aber auch mehr nicht als dieses lieget in den Gruͤnden, die man gegen die Vernunft der Thiere anfuͤhren kann. Muß ihnen daher alles Denken uͤberhaupt, auch die ersten Stufen desselben abgespro- chen werden? Haben sie nichts von dem Vermoͤgen, Dinge in der Vorstellung auf einander zu beziehen? Gar nichts vom Gewahrnehmen und vom Bewußtseyn? Man kann die Wirkungen der thierischen Verschlagenheit, zur Noth wie Reimarus es gethan hat, aus dem bloßen Gefuͤhl und der Vorstellungskraft erklaͤren, wenn man abrechnet, was die Einbildungskraft derer, die in den Handlungen der Thiere so oft das Menschliche gewahr werden, weil sie solche, wie der Verfasser der Briefe uͤber die Thiere und Menschen, durch die Begriffe von menschlichen Handlungen ansehen, hinzusetzet, ohne daß man die Apperception und irgend einen Reflexions- aktus zu Huͤlfe nehme. Sind aber diese Erklaͤrungen deswegen sehr wahrscheinlich? und wenn es nur auf theoretische moͤgliche Erklaͤrungsarten ankaͤme, sollte es einem Verfechter der Cartesischen Hypothese von dem seelenlosen Organismus so schwer werden, mit ihr ziem- lich weit durchzukommen? Vielleicht befuͤrchtet man, wenn den Thieren einiger Antheil an der Denkkraft zu- gestanden wuͤrde, so koͤnne ihnen auch der hoͤhere Grad derselben, der den beobachtbaren Verstand ausmachet, nicht so ganz abgelaͤugnet werden, wogegen doch die Er- fahrung so starke Gruͤnde an die Hand giebt. Aber die Besorgniß ist nicht sehr gegruͤndet. Bey aller Ver- schiedenartigkeit der Thiere und der Menschen, die man so groß und tief sich erstreckend annehmen muß, als es die Verschiedenheit in ihren aͤußern Handlungen nur im- A a a 5 mer XI. Versuch. Ueber die Grundkraft mer erfodert, wird man nicht leicht etwas finden, was mit dem Gedanken nicht bestehen koͤnnte, daß alles aus einer Verschiedenheit der Grade und Stufen und Quan- titaͤten in den absoluten Grundkraͤften begreiflich sey, und daß der Unterschied dennoch eben so natuͤrlich nothwendig und wesentlich seyn koͤnne, als sie nach den Beobachtun- gen angenommen werden muß. Wollte Reimarus die Reflexion selbst fuͤr den Ver- stand und Vernunft angesehn wissen, wie solche in unse- rer Seele in dieser Gestalt erkennbar ist, so sagte er nichts, als was alle vorhergehende Philosophen auch gesagt hatten, welche die Vernunftfaͤhigkeit zum Cha- rakter des Menschen gemacht. Der Mensch besitzt Ver- nunft, wie kein Thier sie besitzt. Dieß ist also der Charakter der Menschheit; aber worinn bestehet diese Anlage? wozu und in welcher Grundbeschaffenheit hat sie ihre Wurzel? Jst sie selbst nicht eine Folge einer gewissen Einrichtung ihrer Natur? Und dieser Grund- charakter ist es, den man aufsuchet. Doch der scharfsinnige Mann blieb auch in der That hiebey nicht stehen. Er drang noch tiefer in den Grund- charakter hinein, als er in dem Weniger und Mehr bestimmt seyn der Grundkraft, den Grund des Un- terschiedes zwischen Menschen- und Thierseelen aufsuchte. Die Menschenseelen hielt er fuͤr weniger bestimmte, allgemeine, zu mehreren Wirkungsarten aufgelegte We- sen; die Thierseelen hingegen fuͤr mehr und genauer auf gewisse Wirksamkeitsarten eingeschraͤnkt. Da ein jed- wedes wirkliches Ding nach der sonstigen Sprache der Philosophen voͤllig allseitig und durchaus bestimmt ist, so moͤchte seine eigene Art, des Worts Determination sich zu bedienen, wohl die Ursache seyn, die seinen Aus- druck undeutlich machte und Mißverstaͤndnisse veranlaßte. Jndessen der menschlichen Seele ⁊c. Jndessen setzen seine letztern Erklaͤrungen Anhang zu seinen Betrachtungen uͤber die Triebe der Thiere, von der verschiedenen Determination der Naturkraͤfte, und ihren verschiedenen Stufen. seine Mei- nung daruͤber ins Licht. Das Weniger bestimmt seyn bey dem Menschen lief auf eine groͤßere Vielsei- tigkeit oder eine groͤßere Mannigfaltigkeit in den Grundanlagen und in der Receptivitaͤt hinaus; dagegen die Thierseelen mehr und staͤrker auf einzelne, aber auch wenigere Wirkungsarten besehraͤnkt seyn sollten; und au- ßer Zweifel gehoͤrt jenes zu den Eigenheiten der Men- schen. Sind die Grundkraͤfte aller Seelen und seelen- artiger Wesen einfache Principe; so sollte das menschli- che doch darinn wesentlich verschieden seyn, daß es einen groͤßern Umfang hat, und faͤhig ist, nach mehrern unter- schiedenen Richtungen hin sich auszulassen, wenn es denn gleich in jeder einzelnen Richtung nicht mit so großer Jn- tension wirken koͤnnte, als die mit einzelnen Jnstinkten versehenen Thierseelen. Der Mensch ist mehr modifi- kabel, kann mannigfaltiger empfinden, und auch man- nigfaltiger wirken, dem groͤßern Umfang seiner Sphaͤre gemaͤß, in der er zu wirken bestimmt ist, und wenn nun seine einzelne Faͤhigkeiten und Triebe weniger inten- sive Staͤrke besitzen, so haben sie dagegen desto mehr an Extension voraus. Die Spinne mag, wenn man will, ein zaͤrteres Gefuͤhl haben, als der Mensch, aber die ganze Kraft ihrer kleinen Seele ist auch auf dieß Gefuͤhl zusammengedraͤngt, dagegen Fuͤhlen bey der Menschen- feele nur Eine von den mancherley Arten ihrer Aeuße- rungen und Ruͤckwirkungen ist, zu welchen sie durch aͤu- ßere Eindruͤcke gereizet wird. Die Menschenseele hat mehr zu thun, machet auch Vorstellungen, vergleichet, und wendet ihre Kraft an unendlich vielen Seiten an. Diese XI. Versuch. Ueber die Grundkraft Diese Jdee von dem Grundcharakter der Mensch- heit liegt, wie ich meine, in des sel. Reimarus Vor- trage. Aber da er sie weiter aus einander setzte, ge- rieth er auf eine Richtung, welche seiner Meinung die Vorwuͤrfe zuzog, daß er blinde Determinationen zum Erklaͤrungsgrunde angebe. Auch sahe er das Weni- ger bestimmt seyn nur fuͤr Einen der menschlichen Vorzuͤge an, und die Reflexion sollte dabey die voͤllig bestimmte Graͤnzlinie zwischen Thierheit und Menschheit ausmachen. Sonsten wuͤrde seine Vorstellung und seine Erklaͤrung der thierischen Jnstinkte von den Erklaͤ- rungen des Hr. Herders aus der Besonnenheit Herder uͤber den Ursprung der Sprache. wohl nicht so weit verschieden seyn, als der letztere es dafuͤr hielt, und jene unter die misgerathenen Hypothe- sen hinrechnete. Mir kommt es so vor, aber ich getraue mich nicht, es voͤllig zu bestimmen, wie weit beide zu- sammenkommen, weil sich beyde zu kurz und zu dunkel ausgedruckt. Wenn Hr. Herder sagt, die menschliche Seele be- sitze eine groͤßere Extension zu mehrartigen mit min- derer Jntension in einzelnartigen Handlungen; daß ihre positive Kraft sich in einem groͤßern Raum aͤußere, nach feinerer Organisation, und heller, und daß in die- ser Richtung ihrer Kraͤfte, in dem Verhaͤltniß der Ex- tension zur Jntension, darinn, daß die Menschenseele weniger thierisch auf Einen Punkt eingeschlossen ist, die Grundbestimmung liege, die sie zu einem besonnenen, vernuͤnftigen Wesen machet, so sehe ich in diesen Ausdruͤ- cken nichts mehr, als in der Vorstellung des Reimarus, nur ist alles lebhafter und staͤrker gesagt, so wie das Ge- nie des Hr. Herders, der die Begriffe mehr malt, als logisch zeichnet, es mit sich bringet. Man muß ihm da- fuͤr Dank wissen; die Jdeen in starken Jmaginationen einge- der menschlichen Seele ⁊c. eingetaucht, leuchten mit einem hellerm Lichte, das aber auch oftmals blendet. Die sanftere Deutlichkeit ist doch mehr dem forschenden Verstand angemessen, die oft durch die zu starken Farben der Metaphern vorlohren ge- het. Statt eines genau ausgemalten Bildes erhaͤlt man zuweilen nur ein buntes Gekritsel. Jndessen hat Hr. Herder mit der Besonnenheit wohl etwas mehr sagen wollen. Das besonnene Geschoͤpf erkennet, will, und wirkt abgetrennt und frey, nach seinen Ausdruͤcken, und weis auch, daß es erkenne, wolle und wirke. Sein Gedanke ist kein unmittelbares Werk der Natur, und eben damit kann es sein eigen Werk werden. Das alles aber, Freyheit und Selbstthaͤtigkeit soll zwar nur eine Folge von jener mindern Beschraͤnkung auf Einiges seyn, wenigstens fuͤhrt mich die Verbindung der Woͤrter auf diese Auslegung; Aber wie leicht verwechselt nicht die lebhafte Vorstellungskraft eine nachfolgende Jdee, wel- che in der That eine neue Jdee ist, die aus dem anhal- tenden Anschauen der Sache entstehet, mit einer logi- schen Folgerung, die nur auf einer vorhergehenden Vor- stellung beruhet, und daraus hergeleitet wird? Lese ich die Erklaͤrung von der Besonnenheit in ihrem ganzen Zusammenhang, so deucht mich, außer dem Hauptbe- grif, schimmere noch ein gewisses Licht auf einigen Stel- len hervor, so verwirrt, wie das Licht im Orion, das aber doch etwas hinter sich hat. Jst diese meine Jdee nicht selbst eine Blendung in der Phantasie, den der Ruͤckschein der starken Bilder veranlasset hat, so hat der scharfe Blick dieses Mannes die innere Selbstrhaͤtig- keit der menschlichen Seele, das wesentlichste Stuͤck ih- res Grundcharakters, gefasset, und diese mit dem Ver- haͤltniß der Jntension zur Extension in die Jdee von der Besonnenheit zusammen gebracht. Dem sey nun, wie ihm wolle, so kann die bloße Richtung der Kraͤfte, die aus dem Verhaͤltniß des groͤs- sern XI. Versuch. Ueber die Grundkraft sern Umfanges zu der innern Jntension ihres Wirkungs- kreises entspringet, den voͤlligen Charakter der Menschheit allein nicht ausmachen. An sich giebt dieses Verhaͤlt- niß denen Menschen nicht einmal Vorzuͤge vor den Thie- ren, wenn nicht noch uͤberdieß der ganzen Seelenkraft im Menschen eine groͤßere innere Staͤrke beygeleget wird. Thier- und Menschenseelen wuͤrden ohngefaͤhr in das Verhaͤltniß mit einander kommen, dergleichen zwi- schen den kleinen allgemeinen Geistern, die zu allen mit- telmaͤßig geschickt sind, weil sie zu nichts es auf eine vor- zuͤgliche Art sind, und zwischen den Genies statt findet, die an Einer Seite weit uͤber den gemeinen Men- schenverstand erhaben, und an Einer Seite unter ihm stehen. Dieß letztere wuͤrden die Thiere mit ihren star- ken und sichern Jnstinkten; und jenes der Mensch mit seinen schwachen zu allen aufgelegten Naturkraͤften seyn. Bey welchen ist aber die groͤßte Seelengroͤße? Sie kann so gar in den letztern geringer seyn, als in jenen. Dieß wird von der absoluten Groͤße der Kraft ab- hangen. Es ist aber uͤber die Maßen unwahrscheinlich, und ohne Bedenken setze ich hinzu, falsch, und den Beob- achtungen zuwider, daß die ganze Seelengroͤße bey Thieren und Menschen gleich seyn sollte; so wie es un- wahrscheinlich ist, daß sie in allen Thierarten gleich sey. Jhre Verschiedenheit muß also| auch außer der Ver- theilung der Kraft, nach mehrern oder wenigern Rich- tungen hin, und außer dem Verhaͤltniß der Ausdeh- nung zur Jntension, noch etwas Mehr in dem Jnnern hinter sich haben. Endlich, wenn man auch hinzusetzet, daß die posi- tive Seelenkraft im Menschen uͤberhaupt groͤßer seyn solle, als die in den Thieren, so sehe ich noch nicht, wie diese groͤßere und mannigfaltigere modifikable Grundkraft zu etwas mehr, als zu einer Thierkraft von mehrern und der menschlichen Seele ⁊c. und mannigfaltigern thierischen sinnlichen Vermoͤgen sich entwickeln koͤnne; nicht, wie sie zur Menschenseele wer- de, wenn nicht ein innerer Vorzug an Staͤrke und Perfektibilitaͤt ihr an derjenigen Seite gegeben wird, wo sie die Anlage zum Denken besitzet. Jst dieselbige fuͤhlende Grundkraft in den Menschen und Thieren vor- handen, so mag nun der Mensch mannigfaltigerer Em- pfindungen, und uͤberhaupt einer groͤßern Quantitaͤt der- selben faͤhig seyn, als das Thier ist, dennoch kann dar- aus noch weiter nichts entstehen, als eine feinere Sinn- lichkeit, mehrere, und mannigfaltigere und mehr aus- einandergesetzte Veraͤnderungen, und mehr diesen ge- maͤße Reaktionen, Gefuͤhle und neue Thaͤtigkeiten. Wo kommt denn die vorstellende, und die hoͤher vorstellende und feiner fuͤhlende Denkkraft her? Der Vorzug an innerer Kraͤftengroͤße muͤßte doch auch insbesondere auf die Selbstthaͤtigkeit ausgedehnt wer- den, in der der letzte Grund zum Vorstellen und zum Denken lieget. Sollte vielleicht das innere Princip eben durch die groͤßere Zerstreuung des Gefuͤhls in so viele Richtungen, wobey es in einzelnen Richtungen geschwaͤ- chet wird, Raum und Freyheit gewinnen, heraus zu ge- hen, und sich thaͤtig zu beweisen? dieß koͤnnte durch die Beobachtungen in dem vorhergehenden zehnten Ver- such Zehnter Versuch. V. 3. 5. 8. bestaͤtiget werden. Die einseitigen intensivern Empfindungen des Thiers betaͤuben und reißen hin, und hindern dadurch die Besinnung; dagegen die sanftern, gemaͤßigtern und mehr auseinandergesetzten menschli- chen Gefuͤhle die Selbstthaͤtigkeit zum Vorstellen und zum Denken erwecken. Aber auch hieraus wuͤrde folgen, daß man auf die Selbstthaͤtigkeit, als auf den Mit- telpunkt der menschlichen Eigenheiten zuruͤcke kommen, und das Verhaͤltniß der Ausdehnung zur Jntension, nur in XI. Versuch. Ueber die Grundkraft in so weit als einen Zug in dem Grundcharakter ansehen muͤsse, als eine gewisse vortheilhafte Beziehung auf die innre Selbstthaͤtigkeit davon eine Folge ist. III. Von der innern Selbstthaͤtigkeit der menschli- chen Seele. 1) Worinn diese Selbstthaͤtigkeit zu setzen ist. 2) Ein hoͤherer Grad von ihr gehoͤrt zu den Eigenheiten des Menschen. 3) Wie ferne darinn der Grundcharakter der menschlichen Seele liege. 4) Ob dieser Grundcharakter bestimmt sey? 1. D as vernuͤnftige Denken entspringet aus einem hoͤ- hern Grade der innern Modifikabilitaͤt und der Selbstthaͤtigkeit. Ein Vorzug von Selbstthaͤ- tigkeit muß also wohl unter die Grundvorzuͤge der Mensch- heit gehoͤren. Aber worinn bestehet sie, und wieviel enthaͤlt sie von dem ganzen Grundcharakter? Man gehet einen Berg langsam hinauf, und ge- schwinder herunter. Jn dem letztern Fall ist in dem Koͤrper eine staͤrkere Bewegung vorhanden, und also wirket auf ihn eine groͤßere Kraft; aber es ist mehr Selbstthaͤtigkeit in ihm beym Hinaufsteigen. Die Vor- stellung des Phantasirenden, der im Fieber irre redet, die Jdeen eines Menschen in einer heftigen Leidenschaft, in der Vernunftlosigkeit, sind vielleicht in groͤßerer An- zahl, lebhafter und staͤrker gegenwaͤrtig, als die sanftern Wallungen der Phantasie bey dem, der mit kaltem Blut einen Plan uͤberdenket; aber arbeitet deswegen unser Jch, die sich selbstfuͤhlende Seele in den erstern Faͤllen bey den staͤrkern der menschlichen Seele ⁊c. staͤrkern Aufwallungen des Gehirns, mit einer groͤßern Eigenmacht, als in den letztern, wenn es seine schwaͤ- chern Jdeen im Nachdenken selbst hervorzieht, ordnet und regieret? Die Selbstthaͤtigkeit steht nicht in Gleich- heit mit der Groͤße und Menge der passiven Modifikatio- nen, die ein Wesen annimmt, noch in einem Ebenmaß mit der Kraft, wodurch diese verursachet werden. Es kann auch nicht einmal das Maß der wirksamen Kraft in dem Dinge selbst, in jedwedem Fall als das Maß seiner Selbstthaͤtigkeit angesehen werden. Die innere Thaͤtig- keit kann von einer fremden Kraft herruͤhren, wie die Gewalt des Schlages, womit der Hammer wirket, nicht von der Eigenmacht des Hammers, sondern von der Kraft des Arms abhaͤnget, die nur durch jenen als durch einen Mittelkoͤrper hindurch gehet. Soll die Selbstthaͤ- tigkeit ihrer Groͤße nach geschaͤtzet werden, so muß man darauf sehen, in wie ferne die thaͤtige und verursachende Kraft, von der die Wirkung abhaͤngt, ein inneres Princip in der Substanz selbst sey. Die Selbstthaͤtig- keit eines Wesens ist so groß, als der Antheil, den das innere Princip durch seine eigene, nur aus ihm selbst entstehende, nicht blos durch ihn von einer fremden Kraft durchfließende Aktion an der Wirkung hat, welche hervor- gebracht wird. Was selbstthaͤtig wirket, hat die erste Quelle der Aktion in sich selbst, in einem ihm bey- wohnenden Vermoͤgen. Dieß Vermoͤgen mag wohl ei- ner Anreizung von außen beduͤrfen, ehe es sich in Thaͤtigkeit offenbaret, so wie man oft einer Quelle vorher eine Oefnung machen muß, ehe das Wasser auswaͤrts hervortreibet. Aber die Quelle ist darum kein bloßer Ka- nal, wodurch nur das anderswoher entspringende Wasser durchgeleitet wird. Dieser obgleich noch nicht genau bestimmte und noch weniger deutlich auseinander gesetzte Begrif von der Selbstthaͤtigkeit mag hier genuͤgen. Man wird I. Band. B b b ihn XI. Versuch. Ueber die Grundkraft ihn wenigstens so deutlich finden, als es noͤthig ist, um diese Folgerung zu begreifen, daß wenn zwey selbstthaͤtige Wesen in so genauer Vereinigung mit einander wirken, wie die Seelen und Koͤrper bey den Thieren, daß sie al- lemal beide an den einzelnen Veraͤnderungen des Ganzen, jede durch ihre eigene Kraft, beytragen, es unendliche Verschiedenheiten in dem Verhaͤltnisse geben muͤsse, in dem sie dazu beytragen, und daß es also eben so viele Stufen geben muͤsse, in der die erfolgte Wirkung von der Eigenmacht der Seele allein, oder auch des Koͤrpers allein abhangen koͤnne. 2. Unter den beseelten Wesen, von dem Meerschwamm oder von der Tremella an, bis zu den Menschen, giebt es ohne Zweifel in Hinsicht dieser Selbstthaͤtigkeit eine Stufenleiter. Woferne anders diese Wesen noch fuͤr beseelt anzusehen sind, diese Seele mag nun bestehen worinn sie wolle, und vielleicht nicht einmal eine Seele in dem Sinne seyn, wie sie den vollkommenen Thieren beygeleget wird. Denn unter Seele oder Seelenwe- sen kann man doch im Allgemeinen bey der Betrachtung der Thiere nichts anders verstehen, als das innere Prin- cip der Empfindungen und eigenmaͤchtigen Bewegungen, die vor uns das Merkmal der thierischen Natur sind. Dieß Princip ist Seele, wenn es nicht durch den gan- zen organisirten Koͤrper und dessen Theile verbreitet ist, sondern in einem eigenen Theile desselben, dergleichen das Gehirn ist, sich in vorzuͤglichster Maaße befindet, und dadurch als ein von dem uͤbrigen Koͤrper unterschiedenes und mit diesem verbundenes Wesen angesehen werden kann. Jn einem beseelten Wesen muß es irgendwo ei- nen Theil geben, der gleichsam der Mittelpunkt aller thierischen Veraͤnderungen ist, wohin die Eindruͤcke von außen zusammen laufen, und von dem alle selbstthaͤtige Bewe- der menschlichen Seele ⁊c. Bewegungen wieder herausgehen. Jn diesem Ver- stande wuͤrde auch vielleicht Hr. Unzer, Physiologie der eigentlich thierischen Natur. der sonsten die unvollkommenen Thiere fuͤr blos organisirte Koͤrper haͤlt, ihnen eine Seele beylegen koͤnnen, wofern noch irgend ein Gehirn oder ein anderes die Stelle des Ge- hirns vertretendes Werkzeug da ist, das von den uͤbrigen Theilen des organischen Ganzen unterschieden werden kann. Die letzte Stufe in den beseelten Wesen kann sich endlich in solche verlieren, die voͤllig nichts mehr als bloße organisirte Maschinen sind, bey welchen die Quelle der eigenmaͤchtigen Lebensbewegungen, so ferne es der- gleichen giebt, mehr gleichfoͤrmig durch die Theile des Ganzen verbreitet ist, ohne daß ein besonderes sich aus- nehmendes Behaͤltniß dieser innern wirksamen Lebens- kraft in ihnen vorhanden sey. Ein solches Seelenwesen oder eine psychologische Seele, kann nun zwar als der Mittelpunkt der thieri- schen Natur und der thierischen Veraͤnderungen vorhan- den, und also in so weit auch Regent des organisirten Ganzen seyn, aber auch hiebey so passiv sich verhalten, daß es bloß leidentlich die Eindruͤcke aufnimmt, wie sie ihm durch die Empfindungswerkzeuge zugefuͤhretwerden, sie dann fuͤhlet, und zuruͤckwirket, nur in der Richtung, und mit der Kraft, die ihm von den organischen Kraͤften des Koͤrpers beygebracht ist, wie eine Kugel sich dahin treiben laͤsset, und mit so vieler bewegenden Kraft fort- geht, wie es der Druck oder der Stoß auf sie mit sich bringet. Solche Seelenwesen koͤnnen wohl bloße Gefuͤhle haben, ohne Vorstellungen zu machen. Bey den voll- kommenen Thieren finden wir die Seele bis auf einen gewissen Grad selbstthaͤtig, nemlich bis dahin, daß sie empfangene Eindruͤcke von den aͤußern Gegenstaͤnden aus B b b 2 Eigen- XI. Versuch. Ueber die Grundkraft Eigenmacht reproduciren, und also Vorstellungen ma- chen koͤnnen. Vielleicht wohnt auch diese Seelenkraft bey ihnen noch mehr in dem Gehirn, dem koͤrperlichen Organ des vorstellenden Wesens, als in der unkoͤrperli- chen, und eigentlich nur empfindenden Seele. Denn daß es auch hierinn eine Gradation geben koͤnne, die uns auf einen analogischen Beweis fuͤr die Jmmaterialitaͤt der menschlichen Seele hinfuͤhret, will ich bey einer an- dern Gelegenheit mit mehreren zeigen, und hier nur im Vorbeygehen erinnern, daß die Analogie der Natur und die Stufenleiter der Wesen so wenig den Uebergang von blos organisirten Koͤrpern, zu den mit einfachen Seelen begabten, oder eigentlich beseelten ausschließe, wie ei- nige neuere Vertheidiger des Materialismus zu behau- pten suchen, daß sie vielmehr solche zu erfodern scheine, und daher die substanzielle Einheit der menschlichen Seele wahrscheinlich mache. Bey dem Menschen ist die Seele in einem hoͤhern Grad selbstthaͤtig. So sehr sie auch an den aͤußern Organen der Empfindung und der Bewegung gebunden ist, so besitzet sie doch eine weit groͤßere Selbstmacht in ihrer Grundkraft, als die Seele bey irgend einer andern Thierart. Diese Selbstmacht ist es, welche sie aufgelegt macht, die empfangenen Modifikationen oder ihre nachgebliebe- nen Spuren von neuen durch sich selbst wieder zu erwe- cken. So wie ihre vorzuͤgliche, feinere, geschmeidigere, Modifikabilitaͤt sie der innern Empfindungen, als Ver- aͤnderungen, die sich von den von außen empfangenen Jmpressionen mehr und weiter in ihr Jnnerstes und in ihre Kraͤfte verbreiten, faͤhig macht, so macht ihre Selbst- thaͤtigkeit sie zu einem vorstellenden und denkenden Wesen. Eben diese hoͤhere innere Selbstmacht ihrer Urkraft ist die Quelle von ihrer groͤßern Unabhaͤngigkeit und von der menschlichen Seele ⁊c. von ihrer Freyheit. Die Freyheit ist wie die Ver- nunft eine der spaͤtesten Aeußerungen der zu ihrer Reife fortschreitenden menschlichen Natur. Daß aber die Freyheit in nichts anders bestehe, als in einer weiter ent- wickelten und erhoͤheten Selbstthaͤtigkeit der Grundkraft, wie es von der Vernunft aus der vorhergehenden Ana- lysis sich gezeiget hat, verdienet noch eine weitere und eigene Untersuchung in dem folgenden. Ob nicht auch der Koͤrper des Menschen, wenn nicht Vorzuͤge an Macht und Staͤrke und Geschmeidigkeit, doch dergleichen an innerer Selbstthaͤtigkeit und an Un- abhaͤngigkeit von dem Einfluß der aͤußern Dinge, vor andern thierischen Koͤrpern voraus habe, ist eine Frage, die wenigstens mit Wahrscheinlichkeit bejahet werden kann. Verraͤth sich nicht so etwas bey seiner Ernaͤh- rung und Erhaltung? Die aͤußere Luft und Nahrungs- mittel sind ihm zwar eben so unentbehrlich, als sie jed- weder Thierart sind; aber da kein anderes Thier in so verschiedenen Himmelsgegenden und bey so verschiedenen Nahrungsmitteln so gut sich erhalten, sich fortpflanzen, und sich vermehren kann, als das Menschenthier, so scheinet dieß doch eine groͤßere Unabhaͤngigkeit seiner Na- turkraͤfte von den besondern aͤußern Gegenstaͤnden zu be- weisen, welche auf eine groͤßere innere Selbstthaͤtigkeit seiner thierischen Kraͤfte zuruͤckfuͤhrt. Und diese wuͤrde vermuthlich wiederum auf die innere Staͤrke und Selbst- thaͤtigkeit des Gehirns und der Seele, als auf seine Quelle zuruͤcke weisen, wenn man nur die Fakta mit Sorgfalt sammlen und vergleichen wollte. Denn wenn man die Beyspiele von solchen Personen betrachtet, die auf Reisen in entfernten Laͤndern, dem Einfluß der ver- schiedenen Witterungen, des Klima und der Nahrungs- mittel widerstanden, und sich dabey munter und gesund erhalten haben, da andere ihnen untergelegen sind, so hat man Gruͤnde zu glauben, daß jene diesen Vorzug B b b 3 mehr XI. Versuch. Ueber die Grundkraft mehr ihrem gesetzten und starken Muth, der sich bey allen Abwechselungen aufrecht erhaͤlt, und also ihrer Seelen- staͤrke, als der vorzuͤglichen Festigkeit und Staͤrke ihrer koͤrperlichen Kraͤfte zu verdanken haben. 3. Da die Seele ein Wesen ist, welches leidet und wirket, sich modisiciren laͤsset, und thaͤtig etwas in und außer sich hervorbringet; so wird derjenige, der das Un- terscheidungsmerkmal der menschlichen Seele in einer vorzuͤglichen Modifikabilitaͤt und Selbstthaͤtig- keit setzet, am Ende weder mehr noch weniger als dieß sagen: sie ist eine Seele in einem hoͤhern Grade; sie ist, von der leidenden Seite betrachtet, von einem groͤßern Umfang, und innerlich weicher, mehr und tie- fer durchdringlich, und als thaͤtiges Wesen betrachtet, hat sie eine groͤßere innere Kraft, auf sich und auf an- dere Dinge zu wirken. Gehen wir nun aber mit dieser Jdee, von einer groͤßern Empfaͤnglichkeit und einer groͤßern Selbstmacht, bis auf die Naturkraft der Seele in dem Zustand zuruͤck, in welchem diese vor ihrer Entwickelung zu einem vor- stellenden und denkenden Wesen sich befindet, koͤnnen wir alsdenn ihr solche auch in dieser Verfassung noch zu- schreiben? oder ist es nicht vielmehr nur eine Anlage zu einer solchen Selbstmacht zu gelangen, die der Urkraft zu- geschrieben werden kann? Laßt uns sagen, die Grund- kraft der Seele besitze eine vorzuͤgliche Perfektibilitaͤt an Selbstmacht, so irren wir nicht, weil sie sich als ein sol- ches Wesen nachher wirklich beweiset, woferne wir an- ders nicht die ganze Ursache ihres nachherigen Vorzuges in den Koͤrper, durch den sie sich ausbildet, setzen wollen. Und dennoch, wenn wir auch alles auf die Einwirkung aͤußerer Ursachen schieben wollten, so sind diese so bestaͤn- dig mit dem menschlichen Seelenwesen von dem ersten embryo- der menschlichen Seele ⁊c. embryonischen Zustande an verbunden, daß wir diese vorzuͤglich perfektible Selbstthaͤtigkeit noch immer als ein Grundmerkmal gebrauchen koͤnnen, wenn wir in der Vergleichung der Menschenseelen und der Thiersee- len nicht weiter als auf jenen ersten embryonischen Stand, wo die Ausbildung zum voͤlligen Thiere schon angefan- gen hat, hinausgehen wollen. Und dieß waͤre schon weit genug gegangen. Wenn die vorzuͤgliche Selbstmacht als ein Unter- scheidungsmerkmal der Urkraft der Seele angesehen wird, so wird ein Schluß gemacht von der Anlage, vorzuͤglich selbstthaͤtig zu werden, auf ein wirklich vorhandenes vor- zuͤgliches Vermoͤgen, auf eine schon in ihr existirende Selbstkraft. Jst diese Folgerung nicht etwas bedenk- lich? Koͤnnen die wirklichen reellen Vermoͤgen in einem Wesen nicht dermalen geringer und schwaͤcher seyn, als in einem andern, wenn jenes gleich aufgelegt ist, meh- rere als dieß letztere anzunehmen, und in der Folge sich uͤber dieses zu erheben? Jst die treibende Kraft in dem Saamen der Eiche darum innerlich groͤßer, staͤrker, maͤchtiger, als in dem Saamen der schneller nach allen Dimensionen sich entwickelnden Kohlstaude, weil jene noch immerfort mehr Vermoͤgen annehmen, sich immer mehr entwickeln und wachsen, und die letztere so weit hinter sich zuruͤcklassen kann? Wir verlieren uns in die Dunkelheit der Begriffe von Kraͤften, Vermoͤgen, Anlagen, Graden und Entwickelungen, wenn wir weiter hierinn hin- eingehen, und sammlen hoͤchstens noch Ein Beyspiel mehr zu so vielen andern, wie unentbehrlich zu jeder gruͤndlichen Untersuchung uͤber die Natur der wirklichen Dinge die Aufloͤsung der allgemeinen Verstandesbegriffe, das ist, eine vernuͤnstige Metaphysik sey. Es ist meiner jetzigen Absicht gemaͤßer, bey der Perfektibilitaͤt an Selbstmacht stehen zu bleiben, als noch weiter den Grund B b b 4 dieser XI. Versuch. Ueber die Grundkraft dieser Perfektibilitaͤt selbst in einer groͤßern Stufe der Vermoͤgen der Urkraft aufzusuchen. Aber so viel ist doch ohne viele Spekulationen leicht zu begreifen, daß von zwo Kraͤften, die im uͤbrigen an naͤchsten Vermoͤgen zu wirken, nichts vor einander voraus haben, davon Eine eine Erhoͤhung annehmen kann, deren die andere nicht faͤhig ist, die erstere dieser Perfektibilitaͤt wegen, auch schon eine innere absolute Realitaͤt besitzen muͤsse, sie sey nun eine bloße Anlage, oder ein groͤßeres inneres Bestreben, ein staͤrkerer Ansatz oder Drang, oder was sie wolle, welche der andern mangelt. Denn selbst die Empfaͤnglichkeit zu einem hoͤhern Grade in dem Ver- moͤgen, diese bloße Moͤglichkeit, daß eine Leichtigkeit et- was zu wirken entstehe, erfodert doch etwas positives in der Kraft, als eine Anlage dazu, oder als ein Keim, der entwickelt werden kann, wofern nicht etwan die nach- herige Erhoͤhung nur allein von der Wegraͤumung aͤuße- rer Hindernisse abhangen, oder eine Wirkung einer frem- den Kraft seyn soll, die sich mit dem empfaͤnglichen We- fen verbindet, und nun eine groͤßere Kraft mit jener ver- bunden ausmacht. Aber dieser Anwachs wuͤrde auch nur uneigentlich als eine Erhoͤhung des erstern empfaͤng- lichen Vermoͤgens angesehen werden. Denn wenn eine groͤßere Stufe eines Vermoͤgens in dem Jnnern eines Dinges entstehen soll, so muͤssen auch eigene Grundzuͤge, als die Grundanlagen dazu vorhanden seyn; es mag der Uebergang von der Anlage zu dem wirklichen Vermoͤgen, von dem entferntern Vermoͤgen zu dem naͤhern; von der Moͤglichkeit sich zu aͤußern zur Wirklichkeit; von bloßer Disposition zur Leichtigkeit, durch eine Art von Epige- nesis, von Anwachsen, oder durch eine Evolution des Vorhandenen vor sich gehen. Jch wuͤrde daher fuͤr mich selbst kein Bedenken haben, die vorzuͤgliche Perfektibi- litaͤt an selbstthaͤtiger Kraft fuͤr eine Folge einer vorzuͤg- lichen innern Groͤße der Urvermoͤgen anzunehmen, und also der menschlichen Seele ⁊c. also auch in der vorzuͤglichen Modifikabilitaͤt und in der groͤßern innern Staͤrke der thaͤtigen Kraft, einen Grundcharakter der menschlichen Seele auch bis in die entfernteste Urkraft hin zu erkennen. Und es ließe sich hiemit wohl vereinigen, daß die mit minderer Selbst- macht in ihrer Grundkraft versehene Thierseelen, den- noch in Hinsicht der schon entwickelten Selbstmacht bey ihrer Geburt einen Vorsprung vor den Menschenseelen voraus haben, wie die einjaͤhrige Weide vor der einjaͤh- rigen Eiche voraus hat. Aber ich uͤberlasse andern diese Hypothese als eine Vermuthung, die ihren Grund in ei- ner Spekulation uͤber Kraͤfte und Vermoͤgen hat, die ich zur Zeit aber weder durch eine evidente Demonstration zu erweisen, noch durch eine einleuchtende Analogie wahrscheinlich zu machen weis. 4. Jst nun aber gleich ein hoͤherer Grad innerer Re- ceptivitaͤt und Perfektibilitaͤt der Selbstmacht ein Grund- charakter der Menschheit, so verdienet noch dieß eine Un- tersuchung, ob solcher vollstaͤndig und bestimmt genug sey? Es verraͤth sich bald, was hieran noch fehle. Wie groß soll denn dieser Vorzug seyn, und welches ist das Maaß, wodurch die Groͤße desselben angegeben, und ihr Abstand von dem Grade in den Thierseelen be- stimmet werden kann? Hoͤchstens kann man so viel sa- gen; jene koͤnne bis zur Vernunft und Freyheit entwi- ckelt werden, die Thierkraft nicht. Aber wie weit ist denn das Groͤßte in der thierischen Entwickelung unter dem Groͤßten in der menschlichen? Wie viele Fragen bleiben hier noch mehr zuruͤck, auf die ich keine Antwort weiß. Jst nun der Unterschied zwischen Menschen und Thieren blos ein Stufenunter- schied? oder ist Verschiedenartigkeit da? Man sehe den ersten Versuch. XVI. 1. 2. 3. Jst der B b b 5 Stufen- XI. Versuch. Ueber die Grundkraft Stufenunterschied zufaͤllig, veraͤnderlich, oder natuͤrlich und unabaͤnderlich? Wenn dieß letztere ist, fuͤhrt denn nicht eine nothwendige Einschraͤnkung und eine wesentli- che Unfaͤhigkeit, auf immer aus gewissen Graͤnzen her- auszugehen, nicht auf einen andern Mangel in der Na- tur zuruͤck, der nicht wiederum nur in einem mindern Grade bestehet kann, sondern eine Qualitaͤt und eine Be- ziehung der Vermoͤgen auf einander in der Urkraft, die wir nicht kennen, und also einen gaͤnzlichen Mangel ei- ner absoluten Realitaͤt zum Grunde haben muß? oder ist bey der gaͤnzlichen Einartigkeit der Urkraͤfte in den einfachen Wesen, die Leibnitz am lebhaftesten und am besten dachte, dennoch der Stufenunterscheid zwischen ihnen, den ihnen der Schoͤpfer vom Anfang ih- res Daseyns an mitgetheilet hat, von unendlicher Groͤße? so daß die Kluft zwischen dem niedern Wesen und den Wesen der hoͤhern Gattung auch bey einem immer dau- ernden Fortschritt in der Entwickelung nicht zu uͤberstei- gen ist? so daß das niedrige Wesen in seiner hoͤchsten Stufe das hoͤhere, so wie es in seiner niedrigsten ist, nimmermehr erreichen kann? Die mehresten Philoso- phen sehen den Unterscheid der Seelen fuͤr zufaͤllig und veraͤnderlich an, und schreiben ihn sogar nur den aͤußern Umstaͤnden und ihrer Lage in der Welt zu. Jch weis keine Gruͤnde, womit ich dieß behaupten oder laͤugnen koͤnnte. Jst aber in dem neugebohrnen Menschen schon der bestimmte natuͤrliche Vorzug vorhanden; so ist es auch außer Zweifel, daß die erste Aeußerung einer menschli- chen Seele, und ihr erstes Gefuͤhl, von der ersten Aeu- ßerung und dem ersten Gefuͤhl einer Thierseele unterschie- den seyn muͤsse. Jeder Eindruck wird dorten schon mehr verbreitet, tiefer eingezogen, und mit mehrerer Perfek- tibilitaͤt ergriffen, als hier; das heißt dorten ist die Em- pfindung menschlich, mit dem Anfang des Denkens verbunden, obgleich dieses noch unbemerkbar ist. Und in der menschlichen Seele ⁊c. in diesem Verstande lieget in jedwedem Gefuͤhl einer Menschenseele schon der Ansatz zum Gedanken. Denn jedwede einzelne Handlung einer Substanz ist in ihrer voͤlligen Jndividualitaͤt betrachtet, ein Effekt von ihren gesammten Naturvermoͤgen, ob sie gleich nicht von je- dem einzelnen Vermoͤgen hervorstechende Zuͤge in sich ent- haͤlt. Nur sind wir dadurch noch nicht berechtiget, zu sagen, das neugebohrne Kind mache schon Schluͤsse, und handle mit Freyheit. Die Bluͤthen und die Fruͤchte des Baums sind ihrer Anlage nach in der jungen Pflanze, die aus der Erde hervorgeht. Aber auch nur der Anlage nach, welches freylich nach der Jdee derer, die die Evolution behaupten, eben so viel ist, als dem Anfang nach. Jndessen wenn auch die Anfaͤnge oder die ersten Elemente vorhanden sind, so ist es doch mehr sinnreich und schon als philosophisch richtig gesagt, daß die Sache selbst schon im kleinen vorhanden sey. Die erfoderliche Groͤße giebt ihr erst ihr Wesen und ihren Namen, und der Anfang der Sache kann gar sehr von der Sache selbst unterschieden seyn. Jst die angebohrne Perfektibilitaͤt der menschlichen Seele groͤßer, als bey den Thieren, so kann es damit, wie oben schon erinnert ist, wohl bestehen, daß dennoch die Thierseelen mit groͤßern und schnellern Schritten zu ihrer voͤlligen Auswickelung fortgehen, als die Menschen- seelen. Denn man kann nicht schließen, weil das Thier sich seiner Sinne schneller bedienen lernet, und an Seele und Koͤrper geschwinder zu seiner groͤßten Vollkommen- heit gelanget, als der Mensch, so muͤsse die Perfektibi- litaͤt, als eine positive Eigenschaft der angebohrnen Na- turkraft bey jenen staͤrker wirken und groͤßer seyn, als bey den langsamer sich entwickelnden Menschen. Der Vor- zug des Menschen soll in einer groͤßern Anlage an See- lenvermoͤgen bestehen. Die Seelenkraft ist aber nicht einerley mit der ganzen Lebens- und Einwickelungs- kraft XI. Versuch. Ueber die Grundkraft kraft des Thiers, welche in der Seele, in der Organi- sation des Gehirns, und in dem aͤußern thierischen Koͤr- per, auch wohl in den aͤußern Ursachen vereiniget ist. Das Thier kann sich also wohl schneller perfektioniren, sich schneller Empfindungen aufsammeln, und mit Vor- stellungen erfuͤllen, weil seine koͤrperlichen Nervenkraͤfte schneller wachsen und ihr Trieb zur Entwickelung in die- sem auch die Seele mit entwickelt, nicht aber weil das Princip in der Seele maͤchtiger treibet. Bey dem Menschen, wo die Seele mehr sich selbst durch ihre ei- gene Kraft entfalten soll, koͤnnen die Entwickelungen im Ganzen wohl langsamer erfolgen, und ihre Wirkungen anfangs geringer seyn, obgleich die Seelenkraft selbst mehr arbeitet. Aber wenn man allein die Seelenhand- lungen mit einander vergleichet, so kann man es mit gu- tem Fug bezweifeln, daß die Menschenseele in der ersten Zeit des Lebens hinter den Thierseelen in ihren Vermoͤ- gen zuruͤck bleibe. Jn dem ersten Laͤcheln des Kindes fand Aristoteles schon mit Recht die Merkmale der Ver- nunft, und die Handlungen der meisten unter den voͤllig erwachsenen Thieren verrathen nicht soviel Vorstellungs- und Beziehungsvermoͤgen, als die Mienen und Gebehr- den des Saͤuglings von vier Wochen, wenn er laͤchelt oder weinet. Die angebohrne Wuͤrde der Menschheit scheint in dem ersten Anblick des Kindes deutlich hervor- zuleuchten, da man in den kuͤnstlichsten Handlungen der Thiere nichts mehr als ein vernunftloses Thier siehet, das auch da, wo wir am meisten uͤber seine Jnstinkte erstau- nen, nicht anders sich zeiget, als ein Wesen, dessen wunderbare Organisation zwar die Weisheit seines er- sten Urhebers darstellet, das aber selbst keine Bestre- bungen oder Thaͤtigkeiten einer weisen und uͤberlegenden Seele zu erkennen giebt. Was die Kuͤnste der abge- richteten Thiere betrift, so koͤnnen solche noch weniger mit den menschlichen Handlungen des Kindes in Ver- glei- der menschlichen Seele ⁊c. gleichung kommen. Sie sind so wenig Beweise von er- hoͤheten Seelenkraͤften in den Thieren, so sehr wir sie auch bewundern, weil wir sie an Thieren sehen, wo wir sie nicht gewohnt sind, daß sie vielmehr eine wahre Her- absetzung der thierischen Natur sind, die bey der gewalt- samen Einklemmung in eine gewisse Form geschwaͤchet und zerdruͤcket worden ist. Es ist bekannt, daß die Geschick- lichkeit des zur Jagd abgerichteten Falken, die uns von außen eine Wirkung eines groͤßern Witzes zu seyn schei- net, in der That in Furcht und Aberwitz gegruͤndet ist. Und so findet man es bey andern abgerichteten Voͤgeln, Affen, Baͤren, und so gar bey den Hunden. Jn der tiefsten Erniedrigung, in der man jemals die menschliche Natur gefunden hat, in dem Wald-Baͤr- und Schaf-Menschen, in den sprachlosen Jchthyopha- gen des Diodors, Diodor. Sicul. Rer. Ant. Lib. IV. Cap. 3. wenn es anders dergleichen, wie zu zweifeln ist, je gegeben hat, wo nur die Naturanlage vollstaͤndig gewesen ist, da hat sich der Vorzug an Em- pfindlichkeit und Selbstthaͤtigkeit, als der unausloͤsch- liche Charakter der Menschheit offenbaret. Der Baͤr- mensch war doch mehr als ein Baͤr; der Schafmensch mehr als ein Schaf. Es giebt unendliche Stufen von der Form des neugebohrnen Kindes an bis zu der Form des dreyßigjaͤhrigen Mannes, und die mannigfaltigen Modifikationen der Menschheit, womit uns die Erfah- rung bekannt gemacht, zeigen, auf welcher niedrigen Stufe sie in ihrer Entwickelung zuruͤckgehalten merden koͤnne. Aber die Naturvorzuͤge sind in allen. Die an- gebohrne Selbstmacht beweiset zwar keine so starke Trie- be, daß sie ohne Reizungen von außen zu haben, allent- halben in gleicher Staͤrke hervorgehe, sich allenthalben gleich entwickele, und durch alle aͤußere Hindernisse sich nothwendig durcharbeite. Und dieß lehret uns unsere Erfahrung in der Naͤhe. Deutlicher und auffallender lehrt Anhang lehrt es die Geschichte der Menschheit, was aus einem solchen Wesen, wie der Mensch ist, bey der natuͤrlichen Schwaͤche und Traͤgheit der Kraͤfte, bey der Groͤße und Mannigfaltigkeit der koͤrperlichen Beduͤrfnisse, wodurch die thierische Kraft zuerst und am staͤrksten hervorgelo- cket, aber auch die feinern Wirkungen der Selbstmacht in der Seele verhindert werden, und endlich unter mehr oder guͤnstigern Gelegenheiten mit seiner innern Selbst- thaͤtigkeit zu wirken, werden kann. Aber der Grundcha- rakter der Menschheit, die vorzuͤgliche Modifikabilitaͤt, und Anlage zur Selbstthaͤtigkeit, sie mag sich wenig oder viel entwickeln, und auch bey den verschiedenen Jn- dividuen von verschiedener Groͤße seyn, gehoͤret unter die unveraͤnderlichen Kennzeichen der Menschheit, die man allenthalben findet, wo es Menschen giebet. Anhang zum eilften Versuch. Einige Anmerkungen uͤber die natuͤrliche Sprachfaͤhigkeit des Menschen. I. Aus der natuͤrlichen Vernunft- und Sprach- faͤhigkeit des Menschen kann nicht geschlossen werden, daß solche bey ihm auch hinreiche, selbst sich eine Sprache zu erfinden. 1. W enn der Mensch so weit gekommen ist, daß er spre- chen kann, so sind alle Grundzuͤge der Seele deut- lich entwickelt, und der Mensch der Seele nach, voͤl- lig ausgebildet, so daß alles was nun noch weiter ge- schehen kann, blos im Auswachsen bestehet. Jst Spra- che da, so ist auch schon ein wirklicher Gebrauch des Ver- zum eilften Versuch. Verstandes da; und ist dieser da, so wirket der Mensch schon als ein freyes Wesen. Vielleicht kann man die Seele noch fruͤhzeitiger fuͤr voͤllig gebildet ansehen, ehe es noch zum Sprechen kommt, aber desto gewisser ist sie es in dieser Epoche, in der nicht blos Anlage zur Ver- nunft, und Anlage sprechen zu lernen, sondern auch wirkliche Vernunft, und Sprachfaͤhigkeit, als unmit- telbare naͤchste Vermoͤgen vorhanden sind. Laß es uns dahin gestellet lassen, auf welche Art die Entwickelung der Grundkraft bis dahin vor sich gehe, was in dieser die angebohrne Anlage zu jenen Faͤhigkei- ten eigentlich sey, und in welcher Beziehung sie auf diese letztern stehen moͤgen? so muß uns doch noch eine andere fruchtbare Untersuchung aufstoßen, wenn wir bey dieser Entwickelung auf die aͤußern Umstaͤnde und Ursachen sehen, deren Einfluß zu ihr erfodert wird, und auf die groͤßere oder geringere Nothwendigkeit dieses Einflußes. Die Anlagen zur Sprache und Vernunft sind in der an- gebohrnen Natur; und diese Natur treibet durch innere Kraft wie der Keim in den Pflanzen, wenn die ihn in Thaͤtigkeit setzende aͤußern Ursachen vorhanden sind, und die Umstaͤnde eher seiner Natur gemaͤß sich entwickeln las- sen. Da nun aber die erfolgende Entwickelung so wohl von aͤußern als von innern Ursachen abhaͤngt, wie weit sind jene unentbehrlich, wenn wir blos hier die Sprach- faͤhigkeit in Betracht ziehen? Wie starktreibend ist die innere Naturanlage dazu und wie weit braucht es der Pflege und der Reizung von außen? Jst hier nichts weiter noͤthig, als was der natuͤrlich nothwendige Ge- brauch vollstaͤndiger und gesunder Sinnglieder schon mit sich bringet? oder ist uͤberdieß noch eine Anfuͤhrung von andern schon bis zur Sprache entwickelten Menschen und eine Jnstruktion erfoderlich, wie eine Art von kuͤnstlicher Pflege bey unseren Pflanzen und heißen Erd- strichen, wenn sie zu Bluͤthe kommen und reife Fruͤchte geben sollen. Jn Anhang Jn den neuern Untersuchungen, die durch die be- kannte Berlinische Aufgabe uͤber die Erfindung der Sprache veranlasset worden sind, ist die allgemeine Frage besonders in der letzterwaͤhnten Anwendung auf die Sprachfaͤhigkeit vorgekommen. Aber da die Art und Weise, nach welcher die Entwickelung der Anlage zum Sprechen innerlich erfolget, am meisten die Auf- merksamkeit der Philosophen erfodert hat, die sich mit der Aufloͤsung der Aufgabe beschaͤftiget, so hat es sich am Ende gezeigt, daß der Punkt, von der Entbehr- lichkeit oder Unentbehrlichkeit der menschlichen Anfuͤhrung, der doch Einer der wesentlichsten Stuͤcke war, wenige Aufklaͤrung mehr erhalten habe, als er nicht vorher schon hatte. Die Verbindung der Vernunft und der Sprache mit einander, ihr wechselseitiger Einfluß in einander, und die Art, wie die Grundkraft des Men- schen unter der Voraussetzung, daß sie aus innerer Ge- nugsamkeit sich Jdeen und Begriffe verschaffe, auch zu- gleich auf Woͤrter kommen muͤsse, und wie diese wie- derum die Begriffe befoͤrdern, ist, wie ich meine, voͤl- lig ins Helle gesetzt. Aber was die Fortschreitung von dem angebohrnen Zustand der Grundkraft bis zu den ersten Begriffen und deren Bezeichung durch Toͤne betrift, und insbesondere die Frage; ob nicht Beyspiele anderer, Ermunterungen, Anfuͤhrungen durch gewisse geflissentlich eingelenkte Umstaͤnde, unter welchen man die Naturkraft setzen kann, als Geburtshelfer des wirk- lichen Gebrauchs des Verstandes, und der Sprachfaͤ- higkeit, nothwendig sind, und unter welchen Bedingun- gen? so ist zwar hieruͤber von einigen vieles vortrefliches gesagt, aber auch noch vieles zuruͤckgelassen worden. Der angebohrnen Vernunft- und Sprachfaͤhigkeit ohn- geachtet hat es doch Waldmenschen gegeben. Dieß al- lein ist schon Beweises genug, daß damit die Sache nicht erklaͤret werde, wenn man sich nur uͤberhaupt auf die zum eilften Versuch. die menschliche Anlage zur Sprache und auf die Art, wie sich solche entwickeln koͤnne, berufet. Es gehoͤret mehr dazu, wenn man erweisen will, der Mensch habe durch seine innere Naturkraft, ohne Vorgang und An- fuͤhrung, eine Sprache wirklich erfinden koͤnnen und muͤssen. Hier will ich nicht wiederholen, was andere, und was ich selbst daruͤber in einer besondern Schrift Abhandlung uͤber den Ursprung der Sprache und der Schrift. Buͤtzow 1772. ge- sagt habe. Die Sprachmoͤglichkeit, die Anlage zum Sprechen, oder, wenn man lieber will, die Sprachfaͤhigkeit des Menschen ist außer Zweifel; der Mensch hat die Anlage, sich Jdeen und Begriffe aus seinen Empfindungen zu machen; Anlage, seine Em- pfindungen und seine Jdeen durch Zeichen andern zu erkennen zu geben, und viele und große Veranlassungen, dieß vermittelst seines Sinnorgans wirklich zu thun. Jst aber einmal ein Anfang im Sprechen gemacht wor- den, so reicht sein natuͤrlicher Witz so wohl hierinn, als bey allen andern menschlichen Erfindungen schon hin, die ersten Elemente weiter zu entwickeln. So viel kann als außer Zweifel gesetzet, angesehen werden; es laͤßt sich wenigstens aus dem voͤllig beweisen, was wir bey dem Kinde, wenn es eine Sprache von andern erlernet, wirklich antreffen. Nur was die innere Staͤrke des Entwickelungstriebes betrift, wenn die Natur sich selbst uͤberlassen ist, wobey es auf Groͤßen ankommt, so ist es schwerer, solche zu bestimmen. Thierische Toͤne brechen von selbst durch den Mechanismus des Koͤrpers hervor, aber ist der sich selbst uͤberlassene Denktrieb stark genug, diese bis zur menschlichen Sprache zu erheben? dar- uͤber will ich einige Anmerkungen hinzusetzen. Es ist dieß ein besonderes Beyspiel zu der vorhergehenden allgemeinen Betrachtung uͤber die Beschaffenheit der Naturanlagen. I. Band. C c c II. Der Anhang II. Der Grund, warum vorzuͤglich die Toͤne zu Zeichen der Sachen gebrauchet worden sind, liegt nicht sowohl darinn, daß der Sinn des Gehoͤrs ein mittler Sinn ist, als darinn, daß der Mensch die Eindruͤcke auf diesen Sinn eben so durch sein Stimmorgan andern em- pfinden lassen kann, als er sie selbst em- pfunden hat. D arinnen, daß der Sinn des Gehoͤrs unter den aͤußern Sinnen in mancher Hinsicht gleichsam der mittlere Sinn ist, dessen Eindruͤcke nicht zu matt und nicht zu stark, nicht zu undeutlich, noch zu deutlich, nicht in zu großer Menge auf einmal die Seele uͤberfallen, u. s. w. darinnen fuchet der Verfasser der vortrefflichen Preis- schrift die vornehmste Ursache, warum die Eindruͤcke auf diesen Sinn zuerst und am leichtesten die Merkmale der Objekte darreichen; welches denn die Veranlassung war, daß auch die uͤbrigen aus andern Empfindungen hinzu gekommenen Merkmale, mit jenen vereinigt, und mit ih- nen auf dieselbige Art durch die Schallarten bezeichnet wurden. Ueber diese Mittelheit des Gehoͤrs saget uns der gedachte Verfasser viel Wahres, Schoͤnes und Ein- nehmendes. Aber es scheinet mir selbige doch nicht die Ursache, wenigstens nicht die vornehmste von dem zu seyn, was Hr. Herder daraus herleitet. Sollte das Bloͤcken des Schaafs wohl das erste Merkzeichen dieses Gegen- standes darbieten? Das erste, was die Reflexion fas- sen, und was sie vor allen andern angeben muͤsse, wenn sie das Schaaf fuͤr sich selbst sich bemerken will? und wenn es in diesem einzelnen Fall also gewesen waͤre, soll- ten denn wohl uͤberhaupt im Durchschnitt die Schallar- ten und die Toͤne die ersten Kennzeichen gewesen seyn, welche die Reflexion unterschieden haͤtte. Die Jmpres- sionen zum eilften Versuch. sionen auf das Gehoͤr moͤgen unter die erstern gehoͤren, welche die Reflexion gewahrnimmt und unterscheidet, aber daß sie als Merkzeichen von Gegenstaͤnden ge- brauchet wurden, setzte voraus, daß diese Empfindun- gen mit den Empfindungen des Gefuͤhls und des Ge- sichts vereiniget waren, und zusammen Eine Jdee von einem Objekte ausmachten. Diese Vereinigung konnte aber so geschwinde nicht vor sich gehen. Die Eindruͤcke des Gehoͤrs weisen am wenigsten auf die Stelle hin, wo sie her kommen. Wie konnte also der Mensch, der das Schaaf vor Augen hatte, wissen, daß der Schall des Bloͤckens von dem Dinge herkomme, das er sah und fuͤhlte? Ehe er dieß erkannte, mußte die so klar und leicht sich absondernde sichtliche Gestalt des Schaafs und seine Farbe schon bemerket seyn. Der Hang, bey den Sachen auf die Toͤne Acht zu haben, und sie dadurch zu charakterisiren, scheinet mehr eine Wirkung von vorher gegangenen Erfahrungen zu seyn, aus denen man es erlernet hatte, daß diese die brauchbarsten Bezeichnun- gen waͤren, um andern seine eigenen Eindruͤcke bekannt zu machen; als davon, daß die Gegenstaͤnde sich am leich- testen durch ihre Toͤne haͤtten in uns bemerken und unter- scheiden lassen. Die Ursache, warum alle Arten von Empfindun- gen und Jdeen sich mit den Gehoͤrseindruͤcken in der Folge vereiniget, und durch den naͤmlichen Weg mit diesen hervor zu gehen, scheint viel naͤher zu liegen. „Die Gehoͤrsempfindungen sind die einzigen, welche „so wie sie aufgenommen sind, nachgemacht und aͤußer- „lich dargestellet werden koͤnnen, ohne die naͤmlichen „oder ihnen aͤhnlichen Dinge, von welchen sie zuerst ent- „standen, vor sich zu haben.“ Das gesehene Rind durch gezogene Linien wieder sichtbar zu machen, war weitlaͤuftig. Die Mittheilung des Geschmacks, des Geruchs und des Gefuͤhls erfodert, daß dieselbigen Ge- genstaͤnde den Sinnen des andern vorgehalten wurden, C c c 2 oder Anhang oder doch aͤhnliche. Aber das Geboͤlke des Stiers machte der Mensch nach, und ließ es andern so hoͤren, wie er es selbst gehoͤret hatte. Jn dem Stimmorgan war der Kanal zum Hervorgang der Gehoͤrsempfindungen, und zur Bezeichnung der Dinge, und daher wurden die Toͤne so wichtige Merkmale, und darum draͤngten sich die uͤbri- gen Empfindungen in die Gesellschaft der Toͤne; und alle Huͤlfsmittel der Phantasie und der Dichtkraft wurden aufgeboten, um die sinnlichen Eindruͤcke so einzurichten, daß sie in Gesellschaft der Toͤne hervorgehen konnten. III. Es ist nicht erwiesen, weder daß der Mensch von selbst keine Sprache erfinden koͤnne; noch daß er von selbst nothwendig sie erfin- den muͤsse. Es giebt einen Mittelweg zwi- schen diesen beyden Meinungen. S uͤßmilch und Hr. Herder haben sich uͤber die Er- findung der Sprache aus eigener Naturkraft am positivsten, aber auf die entgegengesetzte Art erklaͤret. Der Mensch kann durchaus die Sprache nicht erfin- den, und hat sie nicht erfunden. Dieß ist die Behau- ptung des erstern, der Vorgaͤnger, Zobels Gedanken uͤber die verschiedenen Meinun- gen der Gelehrten von dem Ursprung der Sprache. und auch nach der letztern Eroͤrterung der Sache, Nachfolger gehabt hat. Der Mensch muß die Sprache erfinden, und hat sie erfunden. Dieß hat Hr. Herder zu beweisen gesucht. Eine mittlere Meinung zwischen beiden war die meinige in der vorhergedachten Schrift. Ein Mensch kann die Sprache selbst erfinden, aber es gehoͤren vortheilhafte Umstaͤnde dazu, und vor allen andern, eine schon beste- hende Verbindung mit seines Gleichen. Ferner, es ist wahrscheinlich, Menschen wuͤrden die Sprache erfin- den, zum eilften Versuch. den, wenn mehrere sprachlose Heerden von ihnen in der Form der Waldmenschen, oder wie das mutum pecus des Horaz und des Lukrez, auf der Erdflaͤche in ver- schiedenen Himmelsgegenden verbreitet waͤren. Dieß Erfinden koͤnnen, und vermuthlich erfinden wer- den, steht zwischen dem Nichtkoͤnnen und dem Muͤs- sen. Jetzo will ich einen Schritt dem letztern naͤher zu- gehen. Es ist, meiner Meinung nach, nicht daran zu zweifeln, daß in dem verbreiteten Menschengeschlecht die Menschheit sich nicht durch den innern Drang ihrer na- tuͤrlichen Faͤhigkeiten irgendwo von selbst zur Sprache verhelfen sollte. Die, welche behaupten, der Mensch koͤnne die Sprache nicht selbst erfinden, haben sich des Grundes bedienet; daß diese Erfindung den Gebrauch des Ver- standes und der Vernunft ersodere, der aber nicht vor- handen seyn kann, so lange es an Sprachen gaͤnzlich feh- let. Dieser Schluß ist uͤbereilt, weil es unerwiesen, und weder mit der Natur der menschlichen Denkkraͤfte, noch mit der Beobachtung uͤbereinstimmet, daß jedwede Jdeen und Denkarten schlechthin solche Zeichen, wie die Toͤne sind, voraussetzen. Sechster Versuch. II. Empfindungen hat der Mensch durch seine blos thierische Natur. Nun kann die Denk- kraft von diesen zum Bewußtseyn uͤbergehen, und sich Jdeen und Begriffe verschaffen; ja sie muß schon als Denkkraft vorher wirksam gewesen seyn, ehe sie die Wir- kungen des Verstandes durch Toͤne andern mittheilet. Es ist freylich wohl wahr, daß sie keine große Schritte ohne Sprache machen und bald ganz stehen bleiben, oder doch durch die ihr aufstoßende Schwierigkeiten aufgehal- ten werde, wenn ihr nicht die Wortzeichen zu Huͤlfe kommen. Deswegen moͤchte ich aber Suͤßmilchs Gedanken selbst nicht Unsinn nennen. Wie wenn er behauptet, es sey die Denkkraft von Natur so schwach, daß sie ohne eine C c c 3 Bey- Anhang Beyhuͤlfe von außen zu ihrer Entwickelung durch eigene innere Kraft nicht gelangen koͤnne, womit hat Hr. Herder dieses widerlegt? Etwan damit, weil der Mensch alsdenn auch keiner Jnstruktion von außen faͤhig seyn wuͤrde, als welche doch auch innere Vernunftkraft voraussetze, um sie annehmen zu koͤnnen? Hierinn ist nur so viel richtig, daß wo noch nicht einmal ein Anfang von Vernunft ist, da sey der Mensch auch keines eigentlichen Unterrichts faͤhig; aber kann er deswegen nicht angefuͤhrt, nicht gezogen, nicht geleitet werden, wie es die Thiere koͤnnen! Kann sein blos thierisches Nachahmungsver- moͤgen nicht erwecket, und unter gewisse Umstaͤnde ge- setzet werden, unter denen die gereizte Sinnlichkeit eine solche Richtung nehmen, und ein solches Maaß halten muß, daß die Denkkraft die naͤchsten und leichtesten Ver- anlassungen antrifft, sich auszulassen? Beider dieser Mittel bedienen wir uns bey unsern Kindern. Suͤß- milch verlangte nichts mehr, wenigstens war zur Ver- theidigung seiner Meinung nichts mehr erfoderlich, als daß so eine Anfuͤhrung, als wir unsern Kindern geben, schlechthin jedem Jndividuum unentbehrlich sey, um die sonst zu schwache und zu sehr gehinderte Naturkraft fort- zuhelfen. Der Mensch hat angebohrnes Reflexionsvermoͤgen. Recht gut. Aber ist dieses so maͤchtig, als ein Jnstinkt? Der beste Saame, in dem besten Erdreich, kann durch allzuviel Naͤsse verquellen, oder durch zu große Doͤrre vermodern, und beides, Naͤsse und Waͤrme ist ihm in einem gewissen Verhaͤltniß nothwendig, um nur aus der Erde zu kommen, geschweige denn zur Bluͤthe zu gelangen? Wo ist der Beweis gefuͤhret worden, daß dieser noth- wendige Einfluß von außen nicht fehlen koͤnne, wenn kein Mensch dem andern mit einem Beyspiele vorgehet, und nicht etwan ein hoͤheres Wesen ihm eine naͤhere Anleitung verschaffet? Wenn zum eilften Versuch. Wenn man behauptet, der Mensch muͤsse als Mensch durch seine angebohrne Sprachfaͤhigkeit von selbst eine Sprache bilden, woraus denn folget, daß auch jedwedes Jndividuum, wenn es lebet, fortwaͤchset, und nur mit allen menschlichen Sinnen versehen ist, sich Begriffe und Sprache verschaffen koͤnne; so hat man doch offenbar die Erfahrung gegen sich. Die Baͤr- und Schaafmenschen haben weder Begriffe noch Sprache gehabt, und waren doch vollstaͤndige Menschen, hatten Vernunft in der An- lage, und Sprachfaͤhigkeit, so weit als diese ein wesent- licher Charakter der Menschheit ist. Wie viele einzelne Jndividuen mitten unter den kultivirten Voͤlkern, wuͤr- den der groͤßten Wahrscheinlichkeit nach, nicht ebenfalls wohl vernunft- und sprachlos bleiben, wenn die von eini- gen vorgeschlagene Versuche mit ihnen angestellet, und sie von allen sprechenden Menschen abgesondert, ihrer eigenen Naturkraft zur Ausbildung uͤberlassen wuͤrden? Tausend Versuche dieser Art moͤchten vielleicht alle zu- sammen mit Suͤßmilchs Meinung uͤbereinstimmen. Vielleicht ist es des Hrn. Herders Meinung nicht, daß jedwedes menschliche Jndividuum durch seine innere Naturkraͤfte nothwendig selbst eine Sprache erfinden muͤsse, wenn ihm nur seine volle Menschheit unverletzt bleibet; denn er giebt es selbst zu, daß die freye von in- nen heraustreibende Grundkraft aufgehalten, geschwaͤchet und unterdruͤcket werden koͤnne, wie das Beyspiel an dem Baͤrmenschen gelehret hat. Es ist eine Pflanze, sagt er, auf die man einen Stein geleget hat, und die nun des- wegen schief waͤchst. Allein sein Beweisgrund, der Mensch ist ein besonnenes und sprachfaͤhiges Wesen, beweiset entweder fuͤr jedwedes einzelnes vollstaͤndiges Menschengeschoͤpf, dessen innere Naturkraft nur nicht gewaltsam zuruͤckgepreßt, oder in eine unnatuͤrliche Rich- tung gebracht wird, oder er beweiset gar nicht, was er beweisen soll, nemlich die Selbsthinreichlichkeit zur Ausbil- dung ohne Unterricht und Beyspiel. C c c 4 Ob Anhang Ob der Mensch wirklich selbst die Sprache er- funden habe, ist alsdenn zugleich aus Gruͤnden ent- schieden, wenn von diesen beiden erwaͤhnten aͤußersten Mei- nungen Eine richtig ist. Kann der Mensch durchaus die Sprache nicht selbst erfinden, so hat er sie gewiß nur aus Anfuͤhrung und Unterricht. Muß jedes Jndividuum von selbst auf die Sprache kommen, so hat auch Adam seine erste Sprache selbst gebildet. Bey den uͤbrigen Hypothesen, die zwischen diesen in der Mitte liegen, ist die Frage von dem wirklichen Ursprung der Sprache historisch, und gaͤnzlich von der philosophischen Untersuchung dessen, was geschehen kann, unabhaͤngig. Denn wenn auch der Mensch eine Sprache erfinden kann, und sie etwan nach Jahrtausenden endlich gefunden haben wuͤrde; so konnte der Vater der Menschen doch wohl seine weisen Ursachen haben, den An- fang ihres Geschlechts nicht auf den aͤußerst niedrigsten Punkt seiner moͤglichen Selbstentwickelung zuruͤckzusetzen. Konnte er nicht Ursachen haben, Pflanzen in der Bluͤthe zu erschaffen? Die Geschichte muß hier entscheiden, oder es ist nicht zu entscheiden. Wenn Suͤßmilch die Natur der Sprachen in ihrer Grundeinrichtung, in dem Verhaͤltniß der Mittel zur Absicht zu weisheitvoll fand, um sie fuͤr eine Erfindung von Menschenwitz zu halten; so findet Hr. Herder solche zu menschlich, um ihren Ursprung unmittelbar von Gott abzuleiten. Die wahren Fakta beweisen, wie mich deucht, auf beiden Seiten nichts. Die Sprachen sind der Natur des Menschen, und den Seelenkraͤften, ihrer Staͤrke und Schwaͤche angemessen. So mußte es seyn, wenn sie selbsteigene Wirkungen von jenen sind. Findet sich nicht eine gleiche Zweckmaͤßigkeit in den Ausbildun- gen und Erweiterungen der Sprachen, wovon es doch außer Zweifel ist, daß sie ohne einen goͤttlichen Unter- richt aus Menschenwitz entsprossen sind. Auf der andern Seite folget es auch nicht, daß die erste Anlage der Sprachen, ihre Grundtheile, und die Grundoͤkonomie in zum eilften Versuch. in ihren Verbindungen fuͤr einen goͤttlichen Unterricht zu niedrig seyn, wenn gleich das Außerwesentliche, das Hinzukommende hier durch das Zuviel, dort durch das Zuwenig offenbar das Gepraͤge des durch Zufaͤlle in seiner Ausbildung geleiteten Menschen an sich traͤget. Aber gesetzt auch, der erste Grundriß der ersten Sprache sey mangelhaft, hat nicht auch ein goͤttlicher Anfuͤhrer sich nach der Einschraͤnkung der menschlichen Seelenkraͤfte in dem ersten Zustande richten muͤssen, die eines solchen Mittels, Gedanken auszudruͤcken, unfaͤhig waren, wel- ches alle in einer Bezeichnungskunst beysammen moͤgli- che Vollkommenheiten in sich vereinigte? So viel sehe ich als entschieden an. Wenn der Mensch mit Menschen in Gesellschaft zusammenlebet, so wuͤrde irgendwo irgendjemand auf den Ausdruck der Ge- danken durch Toͤne gerathen koͤnnen, und also wuͤrden Sprachen in dem sprachlosen Menschengeschlecht entstehen koͤnnen. Die Anlage des Menschen zum Sprechen laͤsset daruͤber keinen Zweifel, zumal wenn man erwaͤget, was diese aus innerer Kraft bey unsern Kindern wirklich thut, wo sie ja nur durch naͤhere Veranlassungen von außen hervorgelocket, aber nicht innerlich unmittelbar ge- stimmet wird, und was dieselbige Erfindungskraft in den Umaͤnderungen und Erweiterungen der Sprache wirk- lich geleistet hat. Aber wuͤrde denn nicht auch die Sprache irgendwo von irgendjemanden wirklich erfun- den werden? muͤßte sie nicht erfunden werden? Wenn nicht in dem heißen und traͤgmachenden Afrika, oder in dem erstarrenden Nova Zembla, doch unter dem sanf- tern Himmel Griechenlandes, oder noch ehe in dem die Phantasie erhitzenden Asien? Sollte nicht hie und da Einer von den auf der Erde zerstreueten Vernunft- und Sprachkeimen sich von selbst, durch zufaͤllige Veranlas- sungen gereizet, aufschließen und hervorgehen muͤssen? C c c 5 IV. Die Anhang IV. Die Sprachfaͤhigkeit ist nicht bey allen mensch- lichen Jndividuen gleich groß. Bestaͤtigung der Meinung, daß irgend einige Jndivi- duen sich selbst uͤberlassen eine Sprache er- finden wuͤrden. D ie Philosophen, welche den Schritt von der Sprach- losigkeit bis zur Sprache zu groß fuͤr die Kraͤfte des sich selbst uͤberlassenen Menschen gehalten haben, fan- den die Schwierigkeit entweder in der Sache selbst, oder in dem zu schwachen Entwickelungstriebe des Naturwi- tzes, und in der uͤberwiegenden Traͤgheit des Menschen, der gerne auf jeder Stufe seiner Ausbildung stehen blei- bet, von der ihn nicht thierische Beduͤrfnisse weiter draͤn- gen. Die erste dieser Schwierigkeiten kann nunmehro fuͤr voͤllig gehoben erklaͤret werden. Die Sprache lieget dem Menschen nahe genug, wenn ihm nur die Kraft nicht fehlet, zu ihr hinzuzugehen. Welche Vorstellung von dem auf der Erde vertheil- ten Menschengeschlecht im Sprach- und Vernunftlosen Stande ist wohl unter den beiden folgenden die richtige. Soll man sich das Geschlecht als einen Haufen von lau- ter natuͤrlichen Dummkoͤpfen und Phlegmatikern vorstel- len, bey denen die Naturanlage des Verstandes ohne Trieb und Regung ist, und in deren Seele die Traͤgheit die Thaͤtigkeit, die Last die Kraft uͤberwieget? Soll die Jdee von dem Naturmenschen uͤberhaupt, von den einzelnen Thiermenschen, die man gefunden hat, abgezo- gen werden? oder von einigen faulen Voͤlkern in den heißen Erdstrichen, wo die Hitze die Fibern erschlaffet, und jede Anstrengung der Kraͤfte schmerzhaft machet? oder etwann von denen, die unter einem strengen Him- mel und auf einem unfruchtbaren Boden alle Kraͤfte auf die Stillung des Hungers und Dursts und auf die Be- deckung vor der Kaͤlte zu verwenden haben? Solche Voͤlker- zum eilften Versuch. Voͤlkerarten bleiben sehr leicht von Jahrhundert zu Jahr- hundert ohne Aufklaͤrung und Verbesserung in ihrem ein- maligen Zustande. Sollen es diese Jndividuen allein seyn, woraus man das Maaß der natuͤrlichen Traͤgheit und Thaͤtigkeit, der Staͤrke und Schwaͤche, der Mat- tigkeit und der Lebhaftigkeit der Seelenfaͤhigkeiten in dem sich selbst und der Natur uͤberlassenen Menschen nehmen koͤnne? Oder sollen dagegen die Erfinder in den Kuͤn- sten und Wissenschaften, die vorzuͤglichen Koͤpfe, die originellen sich selbst erhebenden Genies Beyspiele seyn, wonach man die Jdee von der Groͤße der ungefesselt und frey sich hervorarbeitenden Naturtriebe machen muͤß- te? Die Philosophen, die dem sich selbst uͤberlassenen Menschen die Erfindung der Sprache absprechen, reden von dem Naturmenschen so, als wenn sie nur allein jene vor Augen gehabt; und als wenn nichts mehr von den bloßen Naturkraͤften zu erwarten waͤre, als man von ihnen in solchen schwachen Jndividuen erwarten koͤnne und wirklich erhalten hat. Hr. Herder spricht dagegen von der Macht, von der Staͤrke und dem Hervordrang der Natur zur Sprache in einem Ton, der es wahr- scheinlich machet, er habe das vortheilhafte Jdeal von dem Naturmenschen, den er zum Genie machet, aus sich selbst und aus dem Gefuͤhl seiner eigenen Schoͤpfer- kraft entlehnt. Jst jedes menschliche Jndividuum ein gebohrner Dummkopf, so kann der Mensch die Sprache nicht erfinden; aber ist jedes ein maͤchtig reges Genie, so wird und muß er sie erfinden, wo kein aͤußeres Ge- wicht ihn niederdruͤcket. Das letztere ist offenbar unrichtig. Es sind Beobach- tungen dagegen. Aber ist das erstere es weniger? Die wahre Vorstellung lieget wohl in der Mitte von beiden. Es ist ein allgemeiner Erfahrungssatz, „daß unter „jedwedem Volk von einiger Groͤße in allen unterschiede- „nen Graden der Kultur, unter jedem Himmelsstrich, — „fast ohne Ausnahme — einzelne originelle Menschen „gefun- Anhang „gefunden werden, die ohne Unterricht und ohne Bey- „spiele vor sich zu haben, so wohl an Witz und Verstan- „deskraͤften, als an Geisteserhabenheit, und Vollkom- „menheit des Herzens, sich selbst ausbilden, und vor „den uͤbrigen groͤßern Haufen hervorheben.“ Die Bey- spiele davon unter den gefitteten Voͤlkern finden sich in der Geschichte der Weltbegebenheiten, der Kuͤnste und Wissenschaften, und es ist bis zum Sprichwort bekannt, daß es allenthalben gute und schlechte, kluge und einfaͤl- tige Menschen giebt, und daß die Zahl der letztern allent- halben die staͤrkste sey. Beyspiele unter den barbarischen und wilden Voͤlkern, auch unter solchen, welche entwe- der fast voͤllig isolirt sind oder doch nur mit Nachbarn in Verbindung stehen, die nichts besser sind, als sie selbst, kann man in der allgemeinen Historie der Reisen, in großer Menge antreffen. Einige der auff allendesten Beyspiele solcher sich selbst bil- denden Genies unter Barbaren sehe man in d. 2ten B. d. Allg. Hist. der Reisen. S. 319. 391. 437. 443. Je mehr man mit den Voͤlkern auf der Erde bekannt wird, desto vollstaͤndiger wird die Jnduktion, und in der That ist sie es schon fast voͤllig, die die Allgemeinheit dieses Satzes bestaͤtiget. Zu meiner gegenwaͤrtigen Absicht ist es genug, wenn er nur von vielen Voͤlkern und vielen Laͤndern richtig ist, wie er es unlaͤugbar ist. Diese Beobachtung bestimmet die Vorstellung, die wir uns von dem auf der Welt verbreiteten und sich selbst uͤberlassenen Menschengeschlecht zu machen haben. Nicht alle Jndividuen sind als trieblose, leidentliche, traͤge Dumm- koͤpfe von Natur anzusehen. Hie und da ist eine Seele von regern Trieben darunter. Jm Durchschnitt ist der Mensch mehr ein nachahmendes als selbst erfindendes Thier; aber es giebt doch hie oder da Einzelne, welche Naturkraft zu dem letztern befitzen, und bey denen die Anlage zur Vernunft, und ihre Tochter, die Sprachfaͤhig- keit, staͤrker treiben, als bey dem uͤbrigen groͤßern Haufen. Es zum eilften Versuch. Es muß einem hiebey freylich wohl Helvetius Mei- nung einfallen, der alle Menschenseelen, so wie sie auf die Welt kommen, an Kopf und Herzen fuͤr einander gleich hielt und alle nachherige Verschiedenheit als eine Wirkung der aͤußern Umstaͤnde ansah. Wenn diese Meinung bewiesen waͤre, so scheinet es, die obige Jdee von dem Menschengeschlecht muͤsse durchstrichen werden. Man kann zuerst hierauf antworten, daß, so viele Muͤhe sich Helvetius auch gegeben hat, die natuͤrliche Gleichheit der Koͤpfe zu beweisen, so sey und bleibe sie unerwiesen, und unwahrscheinlich, und habe die ganze Analogie der Natur gegen sich. Jst in allen einzelnen Pflanzensaamen der Entwickelungstrieb von gleicher Staͤrke? Die Menschenseelen haben zwar als Wesen Eines Geschlechts einerley Anlagen, und daraus folget, daß jedes Jndividuum eben das erlernen, und eben die moralischen Gesinnungen erlangen koͤnne, die der Kopf und das Herz eines jeden andern gefasset hat. Dieß ist das Hauptargument des Helvetius, aber wie wird da- durch jede angebohrne Verschiedenheit in der Groͤße und Staͤrke der Triebe ausgeschlossen? Laß jedwede Hottentottenseele aufgelegt seyn, alle Jdeen anzunehmen, und laß sie solche selbstthaͤtig sich bilden lernen koͤnnen, die Leibnitz Genie gefasset und geschaffen hatte, unter der Bedingung, daß jene gehoͤrig angefuͤhret und ihr die dazu noͤthige Zeit gelassen werde, und daß sie in ihrer Uebung auch bestaͤndig fortfahre; laß dieß so seyn, aber wuͤrde sie nicht, wie viele tausend andere, in ihren Lehrjah- ren wegsterben? Die Schnecke kann dahin kommen, wohin der Hirsch lauft; nur in ihrem gegenwaͤrtigen Le- ben duͤrfte ihr die Zeit dazu leicht zu kurz seyn. Und auf diesen Umstand finde ich nicht, daß Helvetius bey so vielen Wendungen, die er seiner Lieblingshypothese ge- geben, Ruͤcksicht genommen habe. Eine ganz andere Sache ist es, wenn von der Groͤße des Einflusses der aͤußern Umstaͤnde auf die Verschiedenheit der Koͤpfe die Rede Anhang Rede ist, und davon, ob jene nicht mehr und staͤrker als die angebohrne Natur selbst zu der wirklichen Verschie- denheit unter den Menschen beytrage? Da gestehe ich, daß dieß mehrern Zweifeln unterworfen sey, wenn man auf der Einen Seite den immer kenntlichen Charakter des Naturgenies, wodurch es vor dem durch Nachah- mung und Fleiß erworbenen Genie sich unterscheidet, auf der andern Seite gegen die auffallend maͤchtigen Einfluͤsse der Anfuͤhrung, der Erziehung und der aͤußern Umstaͤnde in Vergleichung bringet. Und da kann es nicht gelaͤug- net werden, daß es in dem Schlußsatze wenig aͤndern wuͤrde; man moͤchte den aͤußern Umstaͤnden nur ein ent- scheidendes Uebergewicht bey der Ausbildung zuschreiben, oder sie allein alles wirken lassen. Es bedarf aber der Widerlegung dieser Meinung nicht, wenn man aus dem obigen Erfahrungssatz nur so viel be- weisen will, daß es im Menschengeschlecht, so wie sol- ches ist, hie oder da Koͤpfe gebe, die eine Sprache erfin- den koͤnnten, wuͤrden, und muͤßten; und nicht zugleich behaupten will, daß diese Erfindungskraft eine innere Naturstaͤrke seyn solle. Es mag alle Verschiedenheit unter den Menschen ein Werk der aͤußern Umstaͤnde seyn, so zeiget die erwehnte Be- obachtung, daß Jndividuen da sind, die allein durch die Er- ziehung der Natur und der Umstaͤnde, ohne Unterricht und ohne Vorgang anderer Menschen ihre Vervollenkommung weiter bringen, als die meisten uͤbrigen: Und hieraus fol- get denn ferner, daß wenn gleich tausend und zehntausend sich selbst uͤberlassen niemals zu einer Sprache ohne Anfuͤh- rung von andern gelangen koͤnnen, so sey daraus noch kein Schluß zu machen, daß nicht Einer oder zwo unter diesen, oder, unter einer noch groͤßern Anzahl, dazu kommen werden. Wir sehen doch daraus, daß auch die Schule der Natur hie und da solche Anleitungen gebe, wodurch die angebohrne Vernunftanlage zu ihrer Entwickelung gebracht wird. Und dieß ist genug; denn wenn sie zu dieser hinreichet, so reichet zum eilften Versuch. reichet sie auch hin, die Sprachfaͤhigkeit wirksam zu ma- chen. Die Versuche mit auszusetzenden Kindern, die ohne Anfuͤhrung und Sprache groß gefuͤttert seyn sollen, wuͤr- den ohne Zweifel vielmal mißlingen; und moͤchten mißlin- gen, ohne daß eine allgemeine Urfaͤhigkeit aller Jndividuen zur Erfindung der Sprache daraus geschlossen werden koͤnn- te. Wer stehet dafuͤr, daß man unter diesen Menschen ei- nen von der seltenen Art getroffen haͤtte, oder daß die Um- staͤnde, unter welche man sie setzet, so sind, wie die Umstaͤnde der Naturmenschen in der Welt? Aber wenn dagegen ein einziger Versuch zeigte, daß eine Sprache von selbst erfun- den wuͤrde, so waͤre die Jdee, die ich hier vertheidige, auf einmal voͤllig durch die Erfahrung bestaͤtiget. Man moͤchte vielleicht sagen, was die Genies bey al- len Nationen gethan haben, koͤnne mit der Erfindung einer Sprache, wo noch keine ist, nicht verglichen werden. Jhre Selbstentwickelung unter den vortheilhaften Umstaͤnden bestand in nichts mehr, als in einem weitern Fortgang auf einer Bahn, auf die sie von andern schon gebracht waren. Jst schon Vernunft da, so kann sie sich erweitern; allein hier ist von den ersten Anfaͤngen des Denkens und des Sprechens die Rede. Sollte man schließen koͤnnen, weil es allenthal- ben originelle Koͤpfe gegeben hat, die weiter gedrungen sind, durch innere und aͤußere Kraft der sich selbst uͤberlassenen Natur, so wuͤrden solche auch den Schritt von thierischer Sinnlichkeit zur menschlichen Vernunft, und von Sprach- losigkeit zur Sprache thun koͤnnen, und thun muͤssen, wenn sie ihn noch nicht gethan haͤtten, vorausgesetzt, daß sie dem- selbigen Einfluß der aͤußern Ursachen unterworfen gewesen? Wenn man uͤberlegt, daß auch dieser erste Anfang des Denkens und des Sprechens in einem vernunft- und sprachfaͤhigen Wesen, wie der Mensch ist, nichts anders ist, als ein Fortruͤcken desjenigen Zustandes, der zunaͤchst vor- hergehet, und den der Mensch als Thier in Gesellschaft mit seines Gleichen erreichen kann, so deucht mich, ein solcher Schluß Anhang zum eilften Versuch. Schluß habe so viel Staͤrke, als ein Schluß aus der Analo- gie nur haben kann. Das erstere haben die neuern Untersu- chungen uͤber die Vernunft und Sprache voͤllig aufgeklaͤrt. Jst die Gesellschaft der Thiermenschen dahin gekommen, daß sie sich erhalten und fortpflanzen kann, so bedarf es keiner neuen Richtung in ihrer Kraft, sondern nur einer weitern Fortruͤckung in der vorhergehenden, wenn er von den ersten Ausbruͤchen der Freude und des Schmerzens in organische Toͤne, zu Woͤrtern, und von Empfindungen zu Jdeen und Begriffen uͤbergehen soll. Der Anfang des er- sten merklich vernuͤnftigen Zustandes lieget nicht nur zu- naͤchst an dem thierischen, sondern ist schon in ihm enthal- ten, so bald die Sinnlichkeit etwas verfeinert ist. Daher kann auch dieser Uebergang nicht breiter noch schwerer seyn, als er es bey andern neuen Erfindungen von dem Bekann- ten zum Unbekannten gewesen ist. Jndessen will ich so viel gerne gestehen; wenn der Mensch noch einige Stufen nie- driger heruntergesetzet ist, wenn man ihn gaͤnzlich von seines Gleichen absondert, nur Baͤren oder Schaafe ihm zu Gesellschaftern giebet, oder ihn in eine wuͤste Jnsel verse- tzet, wo nichts um ihn ist als Wesen die seines Gleichen nicht sind, so werden seiner Sprachfaͤhigkeit alle Veranlassungen entzogen, hervorzugehen, und alle etwan von selbst geschehe- ne Ausbruͤche des Stimmorgans so unnuͤtz und wirkungs- leer gemacht, daß keine Entwickelung von selbst zu erwar- ten ist. Dazu kommt, daß die dringendesten thierischen Be- doͤrfnisse die ganze Naturkraft abwaͤrts lenken. Unter die- sen Umstaͤnden ist es schwerlich moͤglich, daß der Mensch auch bey der vortreflichsten Anlage, auf eine Bezeichnung seiner Gedanken mit Worten gerathen, oder nur einmal auf einen Ausdruck seiner Empfindungen in Toͤnen, um sich et- wan mit den Voͤgeln zu unterhalten, verfallen sollte. Noch mehr wuͤrde es ein Wunder seyn, wenn seine Vernunft sich so weit erhoͤbe, daß die Erdichtung des Arabers Thophail von dem Philosophen durch sich selbst, realisiret wuͤrde. Ende des ersten Bandes.