Lieder fuͤr Kinder. Leipzig, bey M. G. Weidmanns Erben und Reich. 1767. Zuschrift an ein paar Kinder. J hr fodert huͤpfend eine Gabe Mir, kleinen Schmeichler, ab? Hier habt Jhr alles, was ich habe, Und mir die Muse gab. D ie Muse — doch ich hoͤr Euch fragen, Welch Wunderding dieß ist? Jch will es im Vertraun Euch sagen: So bald ich Euch gekuͤßt. E s ist die vaͤterliche Liebe, Der jede Liebe weicht, Und der bey mir nichts, als die Liebe Fuͤr Eure Mutter gleicht. L aßt sie Euch diese Lehren geben, Durch Harmonie versuͤßt: Weit kraͤftiger lehrt Euch ihr Leben, Das lauter Wohllaut ist. A Der Der junge Baum. D as liebe kleine Baͤumchen hier, Das einst gepflanzet ward mit mir, Traͤgt schon so jung und zart Die Fruͤchte von der besten Art. E s lohnt des Gaͤrtners froher Hand, Den Fleiß, den er darauf verwandt: Was wird, ihn zu erfreun, Es nicht erst einst erwachsen seyn! O bin ich nicht dem Baͤumchen gleich? Zwar itzt nur noch an Hoffnung reich. Doch will ich nicht nur bluͤhn, Nein, einst von goldnen Fruͤchten gluͤhn. Lob Lob der Unschuld. D u, der Unschuld suͤße Ruh, O wie lieblich schmeichelst du Unsern Seelen! Eitle Wollust fleucht vor dir, Und doch laͤssest du es mir Nicht an Wollust fehlen. D u streust Rosen und Jesmin Auf die sichern Pfade hin, Die ich gehe. Jch bin ganz Zufriedenheit, Wenn ich dich voll Heiterkeit Auf mich laͤcheln sehe. O hne Kummer, ohne Reu, Fuͤhrst du sie vor mir vorbey Meine Tage. Meine Muͤh machst du mir leicht, Und in meine Spiele schleicht Sich nicht spaͤte Klage. A 2 Laß L aß mein Herz sich deiner freun, Dich noch, werd ich aͤlter seyn, Freundinn nennen. Jn dem Ungluͤck troͤste mich, Und nie laß mich ohne dich Eine Freude kennen. Das Das Veilchen. W arum, geliebtes Veilchen, bluͤhst Du so entfernt im Thal? Versteckst dich unter Blaͤttern, fliehst Der stolzern Blumen Zahl? U nd doch voll Liebreiz duftest du, So bald man dich nur pfluͤckt, Uns suͤßre Wohlgeruͤche zu, Als manche, die sich schmuͤckt. D u bist der Demuth Ebenbild, Die in der Stille wohnt, Und den, der ihr Verdienst enthuͤllt, Mit frommen Dank belohnt. A 3 Schoͤn- Schoͤnheit und Stolz. Phillis. D u lobest Chloen? nennst sie schoͤn? O sieh doch mir erst ins Gesicht! Wie ich, das mußt du mir gestehn, So schoͤn ist Chloe nicht. Damon. J a, Phillis, daß du schoͤner bist, Gesteh ich dir gar gerne zu: Doch ist sie nicht so schoͤn, so ist Sie nicht so stolz, als du. Der Der May. E s laͤchelt aufs neu Der froͤhliche May Jn buntem festlichen Kleide. Von Hoͤhen und Thal Toͤnt uͤberall Die suͤße Stimme der Freude. J n Wiesen und Flur Giebt uns die Natur Die schoͤnsten Blumen zu pfluͤcken. Drum will ich zum Tanz Mit einem Kranz Die blonden Haare mir schmuͤcken. D och sollt ich nicht den, Der alles so schoͤn Erschuf, erst bruͤnstig erheben? Durch Jubelgesang Preis ihn mein Dank, Doch mehr: mein kuͤnftiges Leben! A 4 Der Der Tod. E s sterben Greise, Und sind nicht weise, Und wenn man sie nunmehr begraͤbt, Wird sie kein Edler klagen; Denn man weiß nichts zu sagen, Als daß sie lang genug gelebt. S ollt ich nicht streben Also zu leben, Daß, wenn man mich auch jung begraͤbt, Die Frommen bey mir klagen, Und zu einander sagen: O haͤtt er laͤnger doch gelebt! Der Der Apfel. A ls juͤngst Haͤnschen in dem Gras Sich ein Blumenstraͤuschen las, Fand er, welch Vergnuͤgen! Einen Apfel liegen. H aͤnschen huͤpfte froh daher; „Ey wie wunderschoͤn ist er!„ Sprach er; meinem Magen Soll er wohl behagen. V oll Begierde biß er zu — Haͤnschen, o was sprudelst du? Will dem kleinen Gecken Nicht der Apfel schmecken? O sprach er: „der Wurm ist drinn,„ Und warf ihn entruͤstet hin: „Eine schoͤne Luͤgen Laß ich mich betruͤgen!„ A 5 Die Die Freyheit. W arum, du kleine Nachtigall, Hoͤr ich nicht deiner Stimme Schall Mehr der Natur zu Ehren? Du sangst in Straͤuchen ja zuvor So wunderschoͤn, daß aller Voͤgel Chor Schwieg, wenn du sangst, um dich zu hoͤren. J m goldnen Bauer sitzest du; Jch trage dir die Speise zu Schon mit dem fruͤhsten Morgen. Kein Sturm und Regen schadet dir; Doch du singst nicht, und sitzest traurig hier, Als haͤttest du recht schwere Sorgen. W ie, sollt es dich vielleicht gereun, Bey mir hier eingesperrt zu seyn? Da flieg in Freyheit wieder! O ja, du singst, schon hoͤr ich dich Vom naͤchsten Baum, und du belohnest mich Dafuͤr durch deine besten Lieder! Die Die wahre Groͤße. D er Krieger duͤrstet nach Ehre Jn eisernem Feld, Und glaubt, er bau ihr Altaͤre, Wenn mancher edle Held Von seinem Schwerdtstreich faͤllt. U nd wenn er Laͤnder verwuͤstet Und Staͤdte verbrannt, Und sich auf Leichen gebruͤstet Mit Blut bespritzter Hand; Wird er oft Groß genannt. D och wer sich selber bestreitet, Die Tugend verehrt, Um sich das Gluͤcke verbreitet, Und durch sein Beyspiel lehrt, Jst nur des Ramens werth. Das Das Kartenhaͤuschen. L acht nur, guten Leute, lacht, Daß mein Haus, das ich gemacht, Eine leichte Luft zerstoͤrt. Jst dieß lachens werth? O ! ihr baut auch oft in Wind! Sagt, was eure Schloͤsser sind, Die ihr euch so hoch erbaut, Und mit Stolz beschaut? W erden sie noch morgen stehn? Ja — vielleicht — wir wollen sehn. Stoͤrt nicht oft ein Augenblick Unser ganzes Gluͤck? Der Der wahre Reichthum. W arum durchirrt nach Gut und Geld Der Mensch die fernsten Meere, Als ob fuͤr ihn nicht eine Welt Schon groß genug waͤre? Doch, wenn er, was er wuͤnscht, besitzt, So stirbt er, ohne daß ers nuͤtzt. D ieß koͤnnen nicht die Guͤter seyn, Die man sich soll erwerben. Ein Weiser sammlet Schaͤtze ein, Die nie mit ihm sterben. Die Tugend ists; nach dieser Zeit Folgt sie ihm in die Ewigkeit. Der Der Fisch an der Angel. D as kleine Fischgen spielet hier Jn silbernem Bach, Und haͤngt, voll luͤsterner Begier, Bloß seinen Freuden nach. E s merket nicht die blutge List, Den freundlichen Feind, Der desto mehr zu fuͤrchten ist, Je guͤtiger er scheint. D ie Ruthe mit der Angel spielt Schon uͤber ihn hin, Und voller Neubegierde schielt Es bloß nach dem Gewinn. E s naht sich schon — itzt schnappt es zu! Was hast du gethan? Du blutest, armes Thierchen du, O bissest du nicht an! — M ich reiße nie, was mir gefaͤllt, Unpruͤfend dahin! Dein Beyspiel lehre mich die Welt Und ihre Reizung fliehn! Die Die Seifenblase. W ie spielt die schoͤne Blase nicht So bunt am goldnen Sonnenlicht? Allein, ein Hauch! weg ist die Pracht, Und ihrer wird nicht mehr gedacht. J hr ist ein junges Herrchen gleich, Stolz auf sein Kleid, vom Golde reich, Selbst aber an Verdiensten leer: Man nehm es ihm, so bleibt nichts mehr. Die Die kleinen Leute. J n Lilliput, ich glaub es kaum, Doch Swift erzaͤhlts, sind Leute So groß, als ungefaͤhr mein Daum: Man denk erst in der Weite! Da muͤssen sie gewiß so klein, Als bey uns eine Muͤcke seyn. O waͤr ich dort, wie groß waͤr ich! Man nennte mich den Riesen, Und mit den Fingern wuͤrd auf mich, Wo man mich saͤh, gewiesen! Dort, spraͤchen sie, dort gehet er! Und vor mir gieng das Schrecken her. D och wenn ich nun nicht kluͤger waͤr, Als itzt; sie aber waͤren Gesitteter, verstaͤndiger, Wie! wuͤrden sie mich ehren? Jch glaube kaum. Sie wuͤrden schreyn: Groß an Gestalt, am Geiste klein! Die Die Muͤcke. D es Lichtes Glanz in dunkler Nacht Reizt einer Muͤcke Unbedacht: Sie spielt und nimmt nicht die Gefahr, Die ihr das Leben kostet, wahr. O ladet mich der goldne Schein Der Wollust dieses Lebens ein: So denke stets mein Herz daran, Wie leicht ihr Reiz verderben kann! B Der Der Vorsatz. W eil ich jung bin, soll mein Fleiß Eifrig sich bestreben, Daß ich moͤg einst, als ein Greis, Recht zufrieden leben. Z war will ich mich jugendlich Meiner Tage freuen; Doch nie also, daß es mich Darf im Alter reuen. Die Die Sonne. G egruͤßet seyst du, edles Licht, O Sonne, die mein Angesicht Aufs neu jetzund erhellet! Wie groß ist der, der dich gemacht, Und deine Majestaͤt und Pracht Ans Firmament gestellet! A us deinem Feuermeere fließt Die Waͤrm in alles, was da ist, Jhm Kraft und Glanz zu geben. Der Eichbaum und das kleinste Gras Empfaͤngt von dir in gleichem Maas Flor, Wachsthum, Reife, Leben. D u bist des frommen Weisen Bild, Der stets, mit Menschenlieb erfuͤllt, Vertheilt, was er besitzet. Den Bloͤden leuchtet sein Verstand, Jndem die immer offne Hand Wohlthaͤtig andern nuͤtzet. B 2 Die Die Kleiderpracht. T ulipanen prangen schoͤn Jn den Farben, die sie schmuͤcken; Doch man laͤßt sie traurig stehn, Da sie sonst durch nichts entzuͤcken. A ller Kleider Herrlichkeit Mag sich auch ein Geck verschaffen; Man verkennt im bunten Kleid Doch nicht den geputzten Affen. Der Der Sperling und das Tur- teltaͤubchen. Der Sperling. J ch armer Schelm! wie geht es mir! Du bist geliebt: ich bin verachtet! Was denkt der Mensch wohl, daß er dir Weit minder nach dem Leben trachret? Bin ich, gesteh es mir nur zu, Nicht zehnmal listiger, als du? Das Turteltaͤubchen. D as macht, daß du ein Raͤuber bist; Jch nehme bloß, was er mir schenket, Und habe noch durch Trug und List Jhn nie an seinem Gut gekraͤnket. Was hilfts, wenn man Verstand besitzt, Und nicht zu guten Thaten nuͤtzt! B 3 Das Das Clavier. S uͤßertoͤnendes Clavier, Welche Freuden schaffst du mir! Jn der Einsamkeit gebricht Mir es an Ergoͤtzen nicht; Du bist, was ich selber will, Bald Erweckung und bald Spiel. S cherz ich, so ertoͤnet mir Ein scherzhaftes Lied von dir; Will ich aber traurig seyn, Klagend stimmst du mit mir ein; Heb ich fromme Lieder an, Wie erhaben klingst du dann! N iemals oͤffne meine Brust Sich der Lockung falscher Lust! Meine Freuden muͤssen rein, So wie deine Saiten seyn, Und mein ganzes Leben nie Ohne suͤße Harmonie. Die Die Freundschaft. D er Freund, der mir den Spiegel zeiget, Den kleinsten Flecken nicht ver- schweiget, Mich freundlich warnt, mich ernstlich schilt, Wenn ich nicht meine Pflicht erfuͤllt: Das ist ein Freund, So wenig er es scheint! D och der, der mich stets schmeichelnd preiset, Mir alles lobt, nie was verweiset; Zu Fehlern mir die Haͤnde beut, Und mir vergiebt, eh ich bereut: Das ist ein Feind, So freundlich er auch scheint! B 4 An An den Schlaf. K omm, suͤßer Schlaf, erquicke mich! Mein muͤdes Auge sehnet sich Der Ruhe zu genießen, Komm, sanft es zuzuschließen! W ie aber, Freund, o schloͤssest du Von nun an es auf ewig zu, Und diese Augenlieder Saͤhn nie den Morgen wieder? S o weis ich, daß ein schoͤnres Licht Einst meinen Schlummer unterbricht, Und einen Tag mir goͤnnet, Der keinen Abend kennet. Die Die Zeit. S o wie ein Tropfen in dem Bach, Folgt in der Zeit Ein Augenblick dem andern nach Jns Meer der Ewigkeit. D er jetzt noch gegenwaͤrtig war, (Schon jetzt nicht mehr!) Entflieht fuͤr mich auf immerdar Ohn alle Wiederkehr. W ie muß mir jeder Augenblick Unschaͤtzbar seyn! Leg ich ihn ungenuͤtzt zuruͤck, So bring ich nie ihn ein. W ie viel verscherzt ich schon, wie viel! Sie sind dahin! Weg Taͤndeley und Puppenspiel, Da ich kein Kind mehr bin. B 5 Die Die Furcht. H ier in diesen dunkeln Straͤuchen Will ich, ganz allein, Meine Grillen mir verscheuchen, Mich des Fruͤhlings freun. P hilomele soll mich lehren Was sie singen kann; Und ich stimm auch ihr zu Ehren Wohl ein Liedgen an! — D och was hoͤr ich sich bewegen? Ah! was rauschet dort? — Schrecklich rauscht es mir entgegen, — Waͤr ich dießmal fort! — O ! ich zittre! ich vergehe, Weh mir Armen! Weh! Jetzund kommt es — ja, ich sehe — Ach! — ein kleines Reh. Die Die Dohle und die Nachtigall. Dohle. K leiner Schreyhals sage mir, Ey, wie koͤmmts, daß Menschen dir So viel Beyfall gern gewaͤhren? Gleichwohl schweigt oft dein Gesang: Jch! ich schwatze Tage lang, Und mich wuͤnscht kein Mensch zu hoͤren! Nachtigall. K oͤmmt es denn aufs Schwatzen an? Dem, der niemals schweigen kann, Wird kein Kluger Lob gewaͤhren. Du sprichst ohne Unterlaß, Jmmer einerley, und was? Nichts. Das wuͤnscht man auch zu hoͤren! Der Der Neid. M an lobt den kleinen Fritzen sehr, Er sey gehorsam und bescheiden, Verstaͤndig, fleißig, lerne mehr, Als ich? ihn sollt ich wohl beneiden. A llein was hilft mein Neid mir nun? Wird er dann weniger erhoben? Weit besser, es ihm vorzuthun! So muß man mich noch weit mehr loben. Der Der arme Mann. Bruder und Schwester. Schwester. B ruder! sieh den armen Mann Doch nicht in der Naͤh so an! Wie verhungert! wie zerrissen! Nein, mich schaudert hinzugehn! — Aber du? — so moͤcht ich wissen, Was du willst an ihm ersehn! Bruder. L aß mich immer naͤher gehn, Und sein ganzes Elend sehn! Man lernt nie sein Gluͤck erkennen, Wenn man nicht das Elend kennt, Noch fuͤr den voll Dank entbrennen, Der uns dieses Gluͤck gegoͤnnt. Eitle Eitle Schoͤnheit. Der Knabe vor dem Spiegel. Der Bruder. O ! ich bin doch ein schoͤner Knabe! Das ist gewiß! Der Spiegel, den ich vor mir habe Verraͤth mir dieß! Wie sanft ist mein Gesicht! wie rund! Die blauen Augen schmachten! Und dieser kleine rothe Mund Jst auch nicht zu verachten. S o bald ich freundlich laͤchle, prangen Die Zaͤhn, als Elfenbein, Auf Ros und Lilien vollen Wangen Druͤckt sich ein Gruͤbchen ein, Und ach! das guͤldne Haar: so soll Ein paar der schoͤnsten Goͤtterknaben, (Sie hießen Bacchus und Apoll) Es einst getragen haben. Die Die Schwester. M ein lieber Bruder, vor dem Jahre War ich, wie du, so schoͤn! Was hatt ich da fuͤr schwarze Haare? Du hast sie noch gesehn. Da lobte jedes dieß Gesicht Bewundernd um die Wette, Und schwur, es sey kein Maͤdchen nicht So schoͤn, als Henriette. A llein die Schoͤnheit ist vergangen. Da kam der Blattern Wuth, Zerriß mir diese glatten Wangen, Loͤscht aus der Augen Gluth: Doch glaube nicht, daß michs verdruͤßt. Nein, es hat mich gelehret, Daß das nur wahre Schoͤnheit ist, Was keine Zeit zerstoͤret. Der Der Greiß. D ort fiel ein armer alter Greiß! Sein Haupt war wie ein Silber weiß, Und ihm versagt sein zitternd Knie, Und ach — die boͤsen Knaben die, Wie lachten sie! M ich dauert dieser gute Mann! Wer eines Alten spotten kann, Jst der wohl werth, ietzt jung zu seyn? Jst der wohl werth, einst alt zu seyn? Wahrhaftig, nein! Der Der Fleiß. S uͤßer, angenehmer Fleiß! O wie herrlich ist der Preiß, Den er jedem Juͤngling beut, Der ihm seine Kraͤfte weiht. W enn die Langenweile gaͤhnt Und sich krank nach Possen sehnt, Huͤpft in froher Thaͤtigkeit Die ihm nie zu lange Zeit. J a, auf seidnen Schwingen fliehn Seine Stunden vor ihm hin: Den verlohrnen Augenblick, Nichts sonst, wuͤnscht er sich zuruͤck. E r ist stark, gesund und frisch, Arbeit wuͤrzet ihm den Tisch, Und kein kranker Ekel schleicht Sich zu seiner Mahlzeit leicht. W enn er winkt, druͤckt ihm die Ruh Seine Augen willig zu: Nie hat ihn ein Traum geweckt, Der im Schlummer ihn geschreckt. C Er E r begegnet allemal Fruͤh dem ersten Sonnenstral, Wenn er, munterm Fleiß geneigt, Von den Bergen nieder steigt. J n der Jahre reifern Lauf Suchen Ehr und Wuͤrd ihn auf: Gluͤck und Seegen warten sein, Um sein Alter zu erfreun. A ller Orten trifft er dann Fruͤchte seiner Arbeit an, Keinen Augenblick der Zeit, Die er nun umsonst bereut. A uch im Alter, auch als Greiß Jst er munter und voll Fleiß, Und ihn traͤgt kein falscher Stab An sein ruhigs, spaͤtes Grab. Die Die Eule. D ie Eule scheut das Sonnenlicht Und kriecht in finstre Hoͤhlen. Warum? weil ihre Werke nicht Den Menschen sich empfehlen. M ich uͤbereile keine That, Die ich einst muß bereuen! Denn wer ein gut Gewissen hat, Braucht nie den Tag zu scheuen. C 2 Das Das aͤußerliche Ansehn. U nter schoͤn gewachsnen Baͤumen Stand ein niedrer krummer Baum: Sie in ihrer Hoheit Traͤumen, Goͤnnten ihm das Leben kaum: O koͤmmt nur der Zimmermann, Sprachen sie, so muß du dran! D och schon koͤmmt er angestiegen, — Wie? was faͤllt dem Thoren ein? Sie bemerkt er mit Vergnuͤgen, Sollts auf sie gemuͤnzet seyn? Himmel! alle haut er um, Dieser bleibt, denn er war krumm. O man trotze nicht auf Erden Auf Gestalt und aͤußre Pracht: Das kann oft zum Fall uns werden, Was uns stolz und eitel macht. Wer nicht sehr ins Auge faͤllt, Den beneidet nicht die Welt. Klage- Klagelied eines Knaben auf ein junges Maͤdchen. D ieß bange Klaggetoͤne Gilt das Amalien? Wie hab ich nicht die Schoͤne Vor kurzem noch gesehn? O ja, mit ihren Schwestern Gieng sie noch ehegestern, Zum frohen Tanz Jn einem Blumenkranz. W ie die Orangenbluͤte, So glaͤnzt ihr Angesicht, Und selbst die Rose gluͤhte Darunter schoͤner nicht: Am Abend von dem Tage, War ihre letzte Klage, Daß ganz und gar Jhr Kranz entblaͤttert war. C 3 Wer W er haͤtt ihr sollen sagen, Daß wir in naͤchster Nacht Sie wuͤrden so beklagen, Wie sie des Kranzes Pracht. Die Blume — unter allen Die schoͤnste ist gefallen — Sie faͤllt herab, So fruͤh verwelkt, ins Grab! W o seyd ihr suͤßen Rosen, Wo seyd ihr hingeflohn? Statt euch noch lieb zu kosen, Eilt man behend davon. Wie schlecht schmuͤckt sie die Seide Von ihrem Sterbekleide, Und dieß ist doch An ihr das schoͤnste noch. Bald B ald wird man den Gebeinen Den letzten Dienst verleihn, Um sie nicht weiter weinen Und sie vergessen seyn! Jch will ihr Blumen streuen, So oft sie sich verneuen — Doch wer sagt mir, Wie lange bin ich hier! C 4 Das Das Geschenk. Der Bruder an die Schwester. S ieh! kann ein Apfel schoͤner seyn? Ja Schwester, eine Augenweide! Wie muß nicht sein Geschmack erfreun, Macht schon sein Anblick solche Freude. S ein lieblicher Geruch, wie hold! Jn gelben roth durchstreiften Schaalen, Glaͤnzt ein Rubin gefaßt in Gold: Kein Maler kann den Apfel malen. D u moͤchtest ihn? ich geb ihn dir, Ja, haͤtt ich auch noch schoͤnre Sachen! Schoͤn ist es, gluͤcklich seyn: Doch mir Jst es weit schoͤner, gluͤcklich machen. Der Der Vorwitz das Kuͤnftige zu wissen. G uͤtig huͤllt in Finsternissen Gott die Zukunft ein: Deutlich sie voraus zu wissen Wuͤrde Strafe seyn. S aͤh ich Gluͤck auf meinem Wege; Wuͤrd ich stolz mich blaͤhn, Und leichtsinnig oder traͤge Meinen Zweck versehn. S aͤh ich Ungluͤck; wuͤrd ich zittern: Und die kuͤnftge Zeit Wuͤrde mir das Gluͤck verbittern, Das mich ietzt erfreut. W as ich habe, will ich nuͤtzen, Fernen Gram nicht scheun: Und soll ich ein Gluͤck besitzen, Meines Gluͤcks mich freun. C 5 Unuͤber- Unuͤberlegter Wunsch. Der Mann und der Knabe. Der Knabe. D ieß braune Pferd — welch schoͤnes Thier! O lieber Mann, erlaubet mir Ein wenig drauf herum zu traben, Was wollt ich nicht fuͤr Freude haben! Der Mann. P ruͤf deine Kraͤfte dich zuvor, Eh du was wuͤnschest, kleiner Thor! Weist du ein Pferd auch zu regieren, Um nicht dein Leben zu verlieren? Der Der Seiltaͤnzer. J ch hab ihn gesehen, Den kuͤnstlichen Mann, Auf einem Seile gehen, So gut ichs auf der Ebne kann. J ch muß es wohl sagen, Das fordert viel Muͤh: Doch moͤcht ich etwas fragen: Die seltne Kunst — was nuͤtzet sie? Das Das Lamm. W ie nah, du armes Laͤmmgen, du, Wie nahe gehst du mir! Noch spielst du sorglos und in Ruh, Und ach! was drohet dir! D en, der dir ietzt das Futter giebt, Haͤltst du fuͤr einen Freund? — Dich liebt er, weil er sich nur liebt Und ist dein aͤrgster Feind! D ie rothe Schleife, welche sich Jetzt um dein Haͤlschen schlingt, Ach! ist das Band, woran man dich Zum Tode morgen bringt. U nd diese Hand — mit sanftem Muth Wird sie von dir gekuͤßt? O! wuͤßtest du, daß morgen Blut, Dein Blut von dieser fließt! W ohl dir! genieß in Gluͤck und Ruh Der kurzen Lebensfrist: Was huͤlf es dir: ach wuͤßtest du, Was dir beschieden ist! Das Das groͤßte Gluͤck. V on dem Gluͤcke alle Gaben, Reichthum, Ehr und Schaͤtze haben, Dieß ist zwar, ich muß gestehn, Wuͤnschenswerth und wunderschoͤn. D och das groͤßte Gluͤck auf Erden, Das uns kann zu Theile werden, Jst des Gluͤcks, deß wir uns freun, Ja, des groͤßten wuͤrdig seyn. Ein Ein kleines Unrecht. M einen Vetter Christian Wagts ein Bienchen einst zu stechen: Zornig sprach der kleine Mann, Wart, nur wart, ich will mich raͤchen! P loͤtzlich brach mit kuͤhner Hand, Er vom naͤchsten Busche Reiser, Schlug, und warf mit unter Sand An der armen Bienen Haͤuser. D och der kleinen Voͤgel Heer Ließ die Schmach nicht ungerochen, Alles fiel ihn an, und er Wurde jaͤmmerlich zerstochen. „ D ieß war, rief er, deine Schuld, \&q;Wird mein Jnformator sagen: \&q;Lerne kuͤnftig in Geduld \&q;Ein geringes Unrecht tragen!„ Der Der Schneemann. D er schoͤne Schneemann — ey wie groß, Ein riesenmaͤßiger Coloß! Doch ach! die liebe Sonne scheint, Und er zerrinnt, eh mans gemeint. J hm gleicht ein eitler leerer Kopf, Von weitem glaͤnzt der arme Tropf, Doch der Verstand beleucht ihn nur, So schmilzt die schimmernde Figur. Der Der Mond. W ie suͤß und freundlich lacht Des Monden stille Pracht, Den ich von jener Hoͤh Heruͤber steigen seh. J ch sehe glaͤnzend ihn Auf jenen Baͤumen gluͤhn, So wie der Phoͤnix ruht Jn seinem Rest voll Gluth. A llein sein silbern Bild Jst ruhig, lieblich, mild, Er laͤchelt jedem Ruh Und suͤße Stille zu. D ie Weisheit gleichet ihm, Nie wild und ungestuͤm, Die jedem, der sie liebt, Auch gleiche Sanftmuth giebt. Sein S ein liebreich Angesicht Faͤrbt sich vom Sonnenlicht, Warum denn? ohne dieß Bedeckt es Finsterniß. S o muß der Tugend Schein Der Weisheit Glanz verleihn — Dich, Weisheit, such auch ich, Doch, Tugend, bloß durch dich! D An An die Lerchen. H immel, ach! ist das der Dank? Kann der reizende Gesang, Den, wenn sich der Lenz verjuͤngt, Jhr der frohen Erde bringt, Euch fuͤr diese Wuth nicht buͤrgen, Daß die Menschen Euch erwuͤrgen? A rme kleine Lerchen, ach! Jch, ich fuͤhle Eure Schmach: Fiel es mir auch zehnmal ein, Nie will ich so grausam seyn — Doch, bald haͤtt ich es vergessen, Daß wir heute Lerchen essen. Der Der Gehorsam. M ein Hundchen ist ein gutes Thier, So bald ich rufe, folgt er mir, Doch koͤmmt er nicht, wenn ichs ihm sage, So ist er werth, daß ich ihn schlage. B estrafet mich mein Vater nun, Will ich nicht seinen Willen thun, Darf ich es denn so uͤbel nehmen? — Mich wuͤrde ja mein Hund beschaͤmen. D 2 Der Der thoͤrichte Wunsch. O daß ich nicht ein Vogel bin, So schnell und federleicht, Der uͤber Berg und Thaͤler hin Jn Augenblicken streicht. D ann floͤh ich uͤber Land und See, Durchreiste jeden Ort, Waͤr bald im Thal, bald in der Hoͤh, Bald hier, bald wieder dort. D ann sucht ich stets den Ort mir aus, Wo Lenz und Sommer bluͤhn, Und baute mir mein fluͤchtig Haus An schoͤnsten Oertern hin. B ald schwaͤng ich mit der Lerche Schall Jn Luͤften mich empor: Bald schluͤg ich, wie die Nachtigall, Aus dunkeln Straͤuchen vor. Bald B ald floͤg ich, wie ein Adler fliegt — Doch — welch ein Schuß geschah? O weh! ein armer Vogel liegt Jn seinem Blute da. W ohl mir! daß nicht mein Wunsch gelang, Wie sollt es mich gereun! Wie groß ist, Gott, Gott sey es Dank! Das Gluͤck ein Mensch zu seyn! D 3 Der Der Schatten. D a laͤuft mein Schatten vor mir hin: O seht doch! seht! wie groß ich bin! Mich wagt man Klein zu nennen? — Doch ach! weg war ich! seh ichs nicht, Ein Woͤlkchen deckt der Sonne Licht? So kann man sich verkennen! D er Herr dort, der sich vornehm blaͤht, Lacht: doch wer weiß, wies ihm ergeht, So groß wir ihn ietzt nennen. Es nehme nur ein neidisch Gluͤck Den guͤldnen Sonnenschein zuruͤck: So wird man ihn nicht kennen! Die Die Bienen. T ragt nur in die Zellen ein, Kleine Honigsammlerinnen: Jetzt bey warmen Sonnenschein Sucht Jhr Schaͤtze zu gewinnen: Muͤßiggaͤnger haßt man hier; Fleiß und Arbeit sind Euch Freude, Und das Beste sammelt Jhr Auf der blumenvollen Weide. W enn dann einst der rauhe Nord Ueber jene Huͤgel streichet Und der Flora Kinder dort, Von der bunten Flur verscheuchet; Dann sitzt Jhr in Sicherheit: Voll sind Eure Vorrathskammern, Und Euch lehrt die Duͤrftigkeit Nicht vor andern Thuͤren jammern. D 4 Doch D och Jhr sorgt nicht nur fuͤr Euch: Nein, bey Eurem suͤßen Fleiße Seyd Jhr auch fuͤr andre reich, Dankbegierig, milde, weise: Jhr verzinnßt das kleine Haus Reichlich dem, der es erbauet, Und der leiht mit Wucher aus, Der Euch in der Theurung trauet. E uer bluͤhendes Geschlecht Moͤge jaͤhrlich sich vermehren, Und das weise Buͤrgerrecht Nie ein falscher Fremdling stoͤren! Blumen will ich pflanzen, hier Jedes Bluͤmchens sorgsam schonen, Und Jhr sollet mich dafuͤr Einst mit Honigseim belohnen. Die Die Lieblings Leidenschaft. Schwester. D u kleiner Trommelschlaͤger Du, Wenn hoͤrst Du einmal auf zu schwaͤrmen? So sitze doch einmal in Ruh! Kein Ende hat das Stunden lange Laͤrmen. Bruder. D u kleine Puppentaͤndlerinn, Du hast auch wohl zu reden Ehre: Du bringst die Zeit mit Puppen hin, Als ob dieß nicht so gut als Trommeln waͤre. Schwester. S ich zu vergnuͤgen ist auch Pflicht; Doch werd ich damit niemand plagen, Fuͤr mich schickt sich das Trommeln nicht: Doch Puppenspiel; das mußt du selber sagen. D 5 Bru- Bruder. J ch sag, eins ist das andre werth, Du bist so klug, als ich mir scheine; Ein jedes liebt sein Steckenpferd: Die Pupp ist deins, die Trommel ist das meine. Der Der Schmetterling. O seht den bunten Schmetterling, Welch glaͤnzend allerliebstes Ding! Wie ist ihm doch geschehen! Als ich ihn kuͤrzlich noch gesehen, War es ein kriechend garstges Thier, Nur Ekel macht es mir. D ieß soll mir eine Lehre seyn, Nie auf den aͤußerlichen Schein Blos mein Vertraun zu setzen. Der, den wir ietzt veraͤchtlich schaͤtzen, Vielleicht wird das ein groͤßrer Mann, Als ich nie werden kann. Der Der Kraͤusel. M ein Kraͤusel huͤpfet froh umher, Wenn ich ihn fleißig treibe, Doch ganz unthaͤtig lieget er, Wenn ich in Ruhe bleibe. W er stets dem Gluͤck im Schooße ruht, Wird oft zur Tugend traͤge: Doch er wird thaͤtig, weise, gut, Fuͤhlt er des Ungluͤcks Schlaͤge. Der Der Morgen. W illkommen schoͤner Morgen! Wie groß ist deine Pracht! Sie bliebe mir verborgen, Waͤr ich nicht fruͤh erwacht: Lust, Wunder und Entzuͤcken Begegnen meinen Blicken, Wohin ich immer seh, Jm Thal und auf der Hoͤh. E s gluͤhn der Berge Spitzen Von guͤldnem Sonnenstrahl; Von Diamanten blitzen Die Pflaͤnzgen uͤberall. Jn Luft und auf der Weide Ertoͤnt das Lied der Freude, Und weckt in suͤßem Schall Den dankbarn Wiederhall. E Jhr J hr wißt nicht, reiche Prasser, Was ihr fuͤr Gluͤck verschlaft? Seyd eure eignen Hasser, Und durch euch selbst bestraft! Verschlaft die schoͤnsten Stunden, Nie sey von euch empfunden, Was diese schoͤne Welt Fuͤr Wunder in sich haͤlt. J ch will es aber fuͤhlen. — Jndem die Weste mir Jn Locken lieblich spielen, Sitz und betracht ich hier. Gott! ist mein irrdisch Leben Mit so viel Gluͤck umgeben, Was wird der Wohnplatz seyn, Der uns dort soll erfreun! Das Das Vogelnest. D a hab ich es, das Haͤnflingsnest! Nun ist mirs endlich doch gelungen: Das ganze Nest und mit vier Jungen: — Ja straͤubt Euch nur, ich halt Euch fest. D och wie barmt nicht der Aeltern Paar! Soll oder soll ich sie nicht nehmen? Nein, nein, deß muͤßt ich mich ja schaͤmen, Jch handelte, wie ein Barbar. W ie oft hat mich nicht ihr Gesang, Lag ich im Grase dort gestrecket, Zu Harmonie und Lust erwecket, Und dieß waͤr nun der ganze Dank? J ch riß ihr armes Haͤuschen ab, Das sie nach Gastrecht mir vertrauet, Von Moos und Stroh sich selbst erbauet, Zu dem ich nicht ein Haͤlmchen gab. E 2 Wenn W enn eine raͤuberische Hand Mich meinen Aeltern nun entrissen? Was wuͤrden da fuͤr Thraͤnen fließen, Wie jammervoll waͤr unser Stand! N ein, liebe Saͤnger, bleibt in Ruh, Hier habt Jhr Eure Kinder wieder: Vervielfacht singt Jhr Eure Lieder, Mir dann aufs naͤchste Fruͤhjahr zu. Ermah- Ermahnung an zwey Kinder. S uͤßes Maͤdchen, holder Knabe! Spielt nur, spielt in meinem Schooß! Wenn ich Euch in Armen habe, Bin ich wie ein Koͤnig groß. Euer Stammeln, Euer Lallen, Jst fuͤr mich Beredsamkeit: Euer Wunsch, mir zu gefallen, Wollust und Zufriedenhelt. W enn mich Eure Haͤndchen streicheln, Sanft mir Euer Auge lacht: O so hab ich auf das Schmeicheln Einer ganzen Welt nicht Acht. Gern misch ich in Eure Spiele Mich mit froher Nachsicht ein. O des Gluͤcks! daß ich dann fuͤhle Wieder einmal Kind zu seyn. E 3 Ja, J a, geliebte, zarte Beyde, Tausendmal umarm ich Euch! Jmmerdar sey Eure Freude Eurer jetzgen Freude, gleich. Unschuld wohn in Euern Herzen, Keine Bosheit komm in sie! Jhr koͤnnt singen, tanzen, scherzen, Nur verscherzt die Tugend nie!