Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. Unsere Zeit. Deutsche Revue der Gegenwart. Herausgegeben von Rudolf von Gottschall. Jahrgang 1881. Erster Band. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1881. Die ostasiatischen Studien und die Sprach¬ wissenschaft. Von Georg von der Gabelentz. Bearbeitung der vom Verfasser in der Aula der Universität zu Leipzig am 28. Juni 1879 gehaltenen Antrittsvorlesung. Der Begriff der Orientalistik hat sich bekanntlich in unserm Jahrhundert stetig um ein sehr Bedeutendes erweitert. Noch zu unserer Großväter Zeiten waren die morgenländischen Studien kaum mehr als ein Nebenfach der Theologie; die Sprache des Alten Testaments bildete sozusagen den Kernpunkt; andere semitische Sprachen: Syrisch, Chaldäisch, Samaritanisch, Arabisch und etwa noch Aethiopisch, schlossen sich in zweiter und dritter Reihe an, und da uns einmal das mohammedanische Culturleben näher gerückt war, so wurden wol auch gelegentlich Türkisch und Persisch mit in den Bereich jener Studien gezogen, und einzelne verstiegen sich bis ins Armenische und Koptische: sie blieben aber eben vereinzelt. Christliche Sendboten, zumal die rastlos fleißigen Jesuiten, hatten schon längst eine fremde Sprache nach der andern grammatisch und lexikalisch bearbeitet, Reisende hatten aufgezeichnet, was sie in fernen Landen am Wege aufgelesen: an Stoff zum Sammeln hätte es nicht gefehlt, aber es fehlte an wissenschaftlichen Sammlern. Wohl entstanden polyglottische Sammelwerke — man weiß, welchen Antheil Leib¬ niz' allbefruchtender Geist hierbei hatte —, allein noch ähnelten sie einigermaßen den Raritätencabinets in alten Schlössern: unserm Jahrhundert blieb es vor¬ behalten, sie in Museen zu verwandeln. In der That bedurfte es hierzu einer mächtigen Anregung, und diese verdanken wir einem glücklichen Zusammentreffen. Die Philosophie des vorigen Jahrhunderts hatte auch die menschliche Sprache in das Bereich ihrer Speculationen gezogen. Ihr Treiben mochte ein sehr voreiliges sein, aber ein anregendes war es ganz gewiß. Was zeither nur für die Neugier den Reiz des Absonderlichen gehabt, das lernte man nun mit ganz andern Augen betrachten: es war ein gewaltiger Fortschritt von dem „Vocabular“ Katharina's II . bis zu Adelung's „Mithridates!“ Dazu nun kam ein zweites. Im Jahre 1799 hatte Gyarmathi einen Theil der Sprachen finnischen (ugrischen) Stammes auf ihre Verwandtschaft hin gramma¬ Unsere Zeit. tisch verglichen. Daß sein Werk nicht in ähnlicher Weise epochemachend wurde wie bald nachher die Arbeiten Bopp's und Grimm's: das war wol nicht Schuld seiner Leistung, sondern es lag an dem gewählten Gegenstande. Die Sache mußte uns vollends zu Haus und Hof gebracht werden, ehe sie rechten Anklang finden konnte. Nun aber erschien das Sanskrit auf der Bildfläche; mit jubelndem Er¬ staunen sah man ein ganz neues Licht sich über unsere Sprachen ergießen, erkannte man in dem alten Denker- und Dichtervolke ehrwürdige Verwandte unsers eigenen Geschlechts. Unsere Hochschulen sind sonst zähe; ein neuer Wissenszweig muß kämpfen, ehe er sich einen Lehrstuhl erobert. Hier jedoch war nicht lange zu zaudern: Bopp's Schüler nahm man mit offenen Armen auf. Es war kein Zweifel, dieser Zweig der Orientalistik hatte mit der Theologie nichts zu schaffen; sein Platz war in dem Massenquartier der philosophischen Facultät, und dahin folgten ihm denn die andern, soweit sie nicht vorab der Bibelkritik dienen wollten, so sachte nach. Von den großen Entdeckungen auf ägyptischem, persisch-baktrischem und assyrischem Gebiet will ich nicht reden. Genug, der ganze bisher beschriebene Kreis der morgenländischen Forschungen zielt am Ende auf uns selbst hin: woher stammen unsere europäischen Völker? woher stammt ihre Cultur? So war es vielleicht kein Zufall, daß unsere deutschen Universitäten zunächst innerhalb dieses Kreises Genüge fanden. Sehe ich ab von dem, was unmittelbar aufs Leben selbst abzweckt, von Staats- und Wirthschaftslehre, von Recht, Religion und Gesundheitspflege: so wüßte ich nicht, was unserm Interesse näher liegen sollte als die Frage nach unserer eigenen Geschichte. Frankreich freilich, auch dies¬ mal von rascherm Entschlusse, ging sofort noch weiter. Mehr als 10000 Bände der wichtigsten chinesischen Bücher schlummerten in den Repositorien der pariser Bibliothek; man ahnte Schätze neuer Belehrung, und das genügte. Im Jahre 1814 wurde Abel R é musat zum Professor der ostasiatischen Sprachen am Coll é ge de France ernannt, und seitdem haben fast ein halbes Jahrhundert lang die fran¬ zösischen Sinologen den Reigen geführt, bis ihnen englische Meister den Vorrang streitig machten. Erst 1838 folgte Preußen mit der Berufung Schott's an die berliner Universität, und seitdem hat sich die eigenthümliche Begabung des deutschen Geistes auch auf diesem Gebiete gezeigt; denn dem berliner Gelehrten verdanken wir die erste wahrhaft wissenschaftlich systematische Grammatik der Sprache. Ein zweiter Lehrstuhl der ostasiatischen Sprachen und Literaturen besteht seit 1878 an der leipziger Hochschule. Derselbe wurde mir anvertraut, und meine Antritts¬ vorlesung hatte naturgemäß von den Aufgaben und der Berechtigung des neuen Lehrfaches zu handeln. Letztere war freilich von seiten der Nächstbetheiligten durch die That anerkannt. Allein ich wiederhole es, von der zeitherigen Richtung unserer morgenländischen und sprachwissenschaftlichen Studien scheint der Gegenstand zu weit abzuliegen. Kein Zweifel, jedes wahrhaft wissenschaftliche Streben ist berech¬ tigt. Allein nicht jeder Zweig wissenschaftlichen Forschens ist geeignet, in dem Rahmen der Universitätsstudien Aufnahme zu finden. Die Entscheidung hierüber gehört nicht ausschließlich vor das Forum der Leute vom Fach, der Gelehrten; die Frage ist nur zur einen Hälfte eine wissenschaftliche, zur andern eine prak¬ tische. Wie ist sie zu beantworten? Die ostasiatischen Studien und die Sprachwissenschaft. Mit dem bloßen Hinweise auf andere, zum Theil kleinere Länder, auf die Hochschulen Frankreichs, Englands, Rußlands, Hollands und Italiens wäre wenig gedient; denn in wissenschaftlichen Dingen wenigstens pflegt es sonst nicht Deutsch¬ land zu sein, das am Vorbilde seiner Nachbarn zu lernen hat. Die Aufgabe, fremden Leistungen mit Aufmerksamkeit zu folgen, bleibt uns darum nicht minder. Es könnte sonst geschehen, daß uns manche jener reichhaltigen Gänge verschlossen blieben, aus welchen andere ihre Schätze fördern. Und wenn ich nun betrachte, was die Gelehrten anderer Nationen, und was so mancher unserer Landsleute aus den unerschöpflichen Fundgruben der ostasiatischen Literaturen heimgebracht: dann muß ich wol wünschen, hier recht viel deutschen Fleiß und deutschen Geist in Arbeit zu sehen. Anders als zur Zeit der Völkerwanderungen, friedlicher, aber nicht minder mächtig treten heute die Völker Ostasiens mit der europäisch-ameri¬ kanischen Culturwelt in Berührung. Ein Wettbewerb von stets zunehmender Leb¬ haftigkeit ist eröffnet. Das hochbegabte, thatkräftige Japanervolk hat sich mit einem Sprunge, wie er für jede andere Nation ein Salto mortale gewesen wäre, mitten in europäisches Wesen hineingestürzt. Der Chinese, bisher weniger zu¬ gänglich für unsere Ideen als für unser Silber, fordert zum Entgelt für die Aufnahme unserer Kaufleute, unserer Diplomaten und Missionare freien Einmarsch seiner Arbeiterbataillone in die Werkplätze unsers Gewerbfleißes. Zukunftsreicher als alle andern Asiaten treten uns heute jene Menschen des fernsten Ostens poli¬ tisch und wirthschaftlich viel näher als die sinnigen, aber passiven Hindus oder die Bekenner des Islams von arischem, tatarischem oder semitischem Blute. Es gilt, sich in sie hineinzufinden, ihr Denken und Leben zu verstehen. Die Geschichte der letzten Jahrhunderte hat bewiesen, wie hier jedes Misverständniß zu den bedenklichsten Misgriffen führen könne. Hier fällt dem Gelehrten, dem Völker- und Sprachenkundigen eine Pionnierrolle zu, wie ich sie mir dankbarer kaum denken kann. Kaum dankbarer und auch kaum reizvoller. Ich denke an mich und mein Fach, vor allem an das Studium der chinesischen Gesittung, wie sie sich in einer der interessantesten Literaturen der Welt abspiegelt. Diese Lite¬ ratur, vor mehr denn 4000 Jahren begründet, mithin unter allen lebenden die älteste, vielseitiger als irgendeine des übrigen Orients, vielleicht bändereicher selbst als die meisten europäischen — ist uns kaum erst in einigen ihrer Erzeugnisse bekannt — und wie wenig bekannt sind noch diese! Es ist schlimm, daß ich dies gestehen mußte: man schließt zu gern aus der Größe der Nachfrage auf die Güte der Waare. Jedermann weiß, wie trügerisch dieser Schluß in literarischen Dingen ist. Hier ist das Beste für die Besten, also nicht allemal für die Mehrzahl, und selbst das Beste hat sich seinen Platz zu erkämpfen, wenn es ein Seltsames, Ueberraschendes ist. Man soll sich keiner Täuschung hingeben: die Sinologie hat in Deutschland einen schweren Stand, Wir bauen auf dem Felde unserer Orientalistik andere Früchte, und mit wie glänzendem Erfolge! Die herrlichen Errungenschaften unserer indischen, iranischen, semitischen und ägyptologischen Forschungen werden der gebildeten Welt sozusagen zu Haus und Hof behändigt; die Pharaonen und ihre Unterthanen, die Musel¬ manen und die Brahmanen erscheinen uns nachgerade wie alte Geschäftsfreunde Unsere Zeit. und Vettern, mit denen man sich nicht schnell genug auf Du und Du stellen kann und deren Geschichten man lauscht wie Märchen aus der eigenen Kinderzeit. Was zu uns aus der chinesischen Culturwelt herübertönt, gemahnt freilich nicht an heimische Klänge. Die Dinge haben sich hüben und drüben so ganz vonein¬ ander unabhängig gestaltet, daß das beiden Theilen Gemeinsame kaum viel mehr sein kann als das allgemein Menschliche. Und doch, wie viel ist dies! Man durchbreche die fremdartige Hülle, man dringe ein in den Sinn jener reichen Poesie, in ihre Leidenschaften, ihre Andacht, ihre Sehnsucht, ihren Humor, so wird man bald vergessen, daß man um fast zwei Drittheile unserer Halbkugel ostwärts gewandert ist. Gar bald lernt unsere Phantasie in die glatten, gelben, schlitzäugigen Chinesengesichter sympathische Züge zeichnen, und was von fern einer hölzernen Puppe glich, entpuppt sich nun als ein warm fühlender Mensch. Oder versuchen wir es, uns in die Geheimnisse der chinesischen Philosophie zu versenken, in ihre tiefsinnige Mystik, ihre optimistischen und pessimistischen, ihre realistischen und idealistischen Strömungen, in die Kämpfe ihrer Systeme, in die Geschichte ihrer stetigen Entwickelung — schließen wir aus dem Wenigen, was uns heute zugänglich ist, auf die Bedeutung jenes riesenhaften Bücherschatzes, von welchem uns die einheimischen Kataloge melden: so werden wir staunend an Stelle jenes Bildes geistiger Uniformität, welches man uns vorgemalt hat, ein Schauspiel gewaltigen geistigen Ringens erblicken und auf der gelben Chinesenstirn die tiefen Furchen des Denkers gewahren. Jener wunderlich trockene Weltweise, dessen Geist seit mehr als zwei Jahrtausenden ein Drittheil der Menschheit beherrscht, war ein Chinese; und des Confucius Lehre sollte man kennen, ehe man über das Mittel¬ reich und seine Bewohner urtheilt. Wenn wir die Größe einer geschichtlichen Persönlichkeit nach der Mächtigkeit, dem räumlichen und zeitlichen Umfange ihres Wirkens und Nachwirkens bemessen, so ist Confucius unter den großen Männern aller Zeiten einer der größten. Ich finde aber, daß er noch vielfach arg verkannt wird. Man will ihn immer und immer wieder in die Reihe der Religionsstifter stellen: kein Wunder, daß er dabei zu kurz kommt. Er war gewiß nicht irreligiös, wie er etwa dem oberfläch¬ lichen Betrachter erscheinen könnte; er glaubte an die Heiligkeit der menschlichen Pflichten und an die Gerechtigkeit der himmlischen Vorsehung, welche straft und belohnt nach Verdienst. Aber es fehlte seinem Geiste die Anlage und Neigung zur Mystik — er kannte, wenn ich den modernen Ausdruck anwenden darf, nur „Gott in der Geschichte“. Sein Sinn war überwiegend praktisch, darum historisch. „Ich schaffe nichts Neues“, so sagte er von sich, „ich überliefere; ich glaube an die Alten und liebe sie.“ Allein er überlieferte nur das Bewährte; er kannte, wie nicht leicht ein zweiter, sein Volk und erkannte, was ihm in alle Ewigkeit from¬ men würde. Hierin erblicke ich seine Größe: es ist die Größe des Staatsmannes und des praktischen Philosophen. Es ist bekannt, daß kein Reich der Erde besser als das chinesische für Voll¬ ständigkeit und Zuverlässigkeit seiner Geschichtschreibung gesorgt hat. Seit dem frühesten Alterthum besoldeten die Regierungen gelehrte Staatsmänner, deren Aufgabe es war und noch ist, jedes denkwürdigere Ereigniß selbständig zu ver¬ Die ostasiatischen Studien und die Sprachwissenschaft. zeichnen. Die von ihnen aufgenommenen Urkunden wurden in einem geheimen, dem Fürsten und seinem Cabinet selbst unzugänglichen Archiv aufbewahrt und erst nach dem Untergange der Dynastie ans Licht gezogen und verarbeitet. So ent¬ stand jenes vielhundertbändige Werk der chinesischen Reichsannalen, der Zeugen einer viertausendjährigen Geschichte. Einzelwerke über Geschichte und Landeskunde der Provinzen und der Regierungsbezirke, deren eins allein 160 starke Hefte füllt, ebenso gewaltige biographische und literaturhistorische Werke schließen sich ihnen ergänzend an. Und was man uns auch von dem stagnirenden Stillstand des Chinesenthums erzählen möge: das Reich und sein Volk hat eine Geschichte, in welcher sich Ideen entwickelt, Staatsformen, gesellschaftliche Sitten und Zustände umgestaltet, neue Erfindungen und Einrichtungen Bahn gebrochen haben — lang¬ samer vielleicht als bei uns, doch kaum weniger mächtig. Da erfahren wir von einem allmählichen Erstarken der feudalistischen Einzelstaaten, von einem jahr¬ hundertelangen Kriegs- und Fehdezustande, landverwüstend und sittenverwildernd wie unser Dreißigjähriger Krieg; dann von der Errettung der Gesellschaft durch das reformatorische Wirken des Confucius und seiner Schule; dann wieder von dem radicalen Regierungssystem des Kaisers Schi-hoang-ti, oder von jenem ephe¬ meren socialistischen Staat zur Zeit der Sung-Dynastie, und von so und so vielen andern staatsmännischen Experimenten, für welche die Analogien in unserer Ge¬ schichte nicht immer weit her zu suchen sind. Man wirft den Chinesen Mangel an kriegerischem Heldenmuth vor: nicht mit Unrecht, so scheint es; denn ihre mili¬ tärischen Leistungen gegen europäische Waffen waren bisher kläglich genug. Allein ich könnte aus den Annalen einer einzigen Dynastie zwei Feldherren nennen, welche mit ihren Heeren dasselbe geleistet haben, was des Leonidas und seiner Spartaner unsterblichen Ruhm begründet hat. Und Folgendes ist sozusagen das Formular zu einer ganzen Menge Episoden der chinesischen Geschichte: der Kaiser gibt im Staatsrathe eine Absicht kund, ein Minister widerspricht; der Kaiser schenkt seinen Gegengründen kein Gehör, und — so drücken sich die Historiker aus — „der Minister stirbt“. Brauche ich nun noch zu sagen, welche Aufklärungen wir von dieser Seite für die Geographie und Geschichte Ostasiens und für die Entstehung der Völkerwanderungen zu erhoffen haben? Wir kennen die beharr¬ liche Ausdehnungskraft des Chinesenvolkes und dürfen ahnen, wie sein stetiges Vordringen gen Norden und Westen sich bei seinen nomadischen Nachbarn in ein verheerendes Vorwärtsstürmen umsetzen mochte. Seit dem 10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung wird in China die Buch¬ druckerei allgemein geübt. Das Volk ist seitdem eins der lese- und schreiblustigsten der Welt geworden; das Streben nach Bildung ist hier verbreiteter als in manchen Ländern unsers Erdtheiles; Gelehrsamkeit allein berechtigt zu Rang und Macht; und ich erfahre, daß jene Aermsten des Volkes, welche in Californien ihr Glück suchen, ihre Schulmeister und Buchhändler mit sich in die neue Heimat geführt haben. Alle Klassen, aber auch alle Provinzen und Stämme der Nation haben an der schriftstellerischen Arbeit ihren Antheil, und dem uniformirenden Einflusse von oben wirkt von unten eine gesunde decentralisirende Macht entgegen. Er¬ leuchtete Kaiser lassen Prachtausgaben der vorzüglichsten Werke drucken: eine der¬ Unsere Zeit. selben in 10000 Bänden hat unlängst die englische Regierung erworben. Reiche Private setzen eine Ehre darein, auf ihre Unkosten neue Auflagen ihrer Lieblings¬ bücher zu veranstalten und um ein Spottgeld zu verbreiten. Jetzt frage ich: klingt das alles nach Indolenz, nach geistiger Versumpfung? Von den Leistungen der Chinesen für die Kunde ihrer Sprache, von ihren zweihundertbändigen Wörterbüchern, ihren unermeßlichen philologisch-kritischen Ar¬ beiten will ich meine Leser nicht unterhalten. Wozu auch die Ziffern, die doch das Beste verschweigen? Lieber möchte ich ihnen einen Blick in jenes heitere Gebiet der üppig wuchernden neuern Belletristik eröffnen. Sie ist der treueste Spiegel des heutigen Volkslebens, bunt, vielgestaltig, ab und zu auch unsauber wie dieses, hier pedantisch und superfein, dort in genialer Ausgelassenheit über den Strang schlagend. Tollen, oft glänzenden Humor und dann wieder tiefempfundene, echte Poesie, märchenhafte Phantastereien und wiederum den vollkommensten Realis¬ mus voll feinster psychologischer Wahrheit — alles dies besitzt der Chinese in jenen leichtesten seiner Geisteserzeugnisse. Welchen Gewinn die Kunde des Buddhismus von den chinesisch-japanischen Quellen zu erwarten habe, ist heute noch nicht zu ermessen. Die Reisebeschreibungen kühner Mönche, welche uns Stanislas Julien zugänglich gemacht, haben in den Kreisen der Indianisten gebührende Beachtung gefunden; eine unlängst nach England ge¬ langte Uebersetzung des „ Tripitaka “ in reichlich 2000 Heften wartet noch der Ausbeutung. Der Fremdherrschaft der Mandschu in China ist unsere Sinologie in mehr als einer Beziehung Dank schuldig. Nicht am mindesten wegen der Mandschuliteratur. Diese ist nicht sehr bändereich und nur zum allerkleinsten Theile heimisches Geistes¬ gut. Aber ihre Uebersetzungen so vieler der wichtigsten chinesischen Werke in eine leicht erlernbare Sprache mit bequemer Buchstabenschrift müssen als nahezu authen¬ tische gelten und sind, wo sie vorhanden, uns noch heute ein unschätzbares Hülfs¬ mittel. Kein europäischer Sinolog darf die Mandschusprache vernachlässigen. Die Geistesarbeit des japanischen Schriftstellerthums können wir eher nach ihrem Inhalt und Werth beurtheilen. Eins erkennt man schon heute: das merk¬ würdige Inselvolk, so begeistert und erfolgreich es die Bildung des Mittelreiches in sich eingeschlürft, ist in vielen Dingen auf ganz eigenen Wegen gewandelt. Die Sinnesart beider Nationen war zu verschieden, die der Japaner bereits zu sehr entwickelt und gefestigt, als das Chinesenthum eindrang; man nahm dieses in sich auf, statt selbst darin aufzugehen. Eine merkwürdige Mythologie, einmündend in die eigentliche Geschichte des Landes, dann diese selbst bilden den Inhalt der ältesten sehr ansehnlichen Schriftwerke. Bald auch zeichnete man jene ansprechenden kurzen lyrischen Gedichte auf, in welchen das ritterlich leidenschaftliche Volk seine Stimmungen zu äußern liebt. Das Leben selbst bot der Romantik genug; es galt nur, wie unser Dichter sagt, frisch hineinzugreifen, um Stoff zu Romanen und Epopöen zu schöpfen. So entstanden jene zahllosen halbgeschichtlichen Werke, welche uns abwechselnd mit Entzücken und mit schauderndem Entsetzen erfüllen, jene ergreifenden „ Monogatari “ und die kurzen volksthümlichen Erzählungen, deren Die ostasiatischen Studien und die Sprachwissenschaft. einige unlängst der europäischen Lesewelt bekannt geworden sind. Werke der reinen Erfindung schlossen sich ihnen an, darunter, nach den mir vorgelegenen Proben zu urtheilen, wahre Kunstwerke. Massenhafte beschreibende und belehrende Bücher, meist mit flüchtigen, doch deutlichen Zeichnungen ausgestattet, führen uns in die Landschaften des herrlichen Archipels, in seine Fauna und Flora oder in die gewerb¬ liche und landwirtschaftliche Thätigkeit seiner Bewohner ein. Die Werke der chinesischen Weisen und die Schriften der Buddhisten haben in Japan begeisterte Aufnahme gefunden. Für die gebildete Jugend dieses Landes waren zeither die Classiker des Mittelreiches genau dasselbe, was die römischen und griechischen für unsere Gymnasiasten sind. Ja sie waren noch mehr, und wir werden an das Zeitalter unsers Humanismus erinnert, wenn wir erfahren, daß der Altjapaner sein Lebtag für um so gebildeter galt, je vertrauter er mit jener fremden Literatur, je gewandter er im chinesischen Stil war. Ein solches Ab¬ hängigkeitsverhältniß mußte für die heimische Wissenschaft geradezu verhängnißvoll werden. Man hat, soviel mir bekannt, noch nichts von einem selbständigen japa¬ nischen Philosophen gehört: kein Wunder wäre es, wenn es nie einen gegeben hätte. Um so anziehender ist die Art, wie die Japaner ihren Landsleuten die ausländischen Geistesfrüchte mundgerecht machen. Unter jenen volksthümlichen Predigern, welche seit einer Reihe von Jahren das Land durchwandern und vor Arbeitern, Frauen und Kindern die schönsten Sprüche aus den drei landesgültigen Lehren auslegen, trifft man wahre Meister künstlerischer Erfindung und Gestal¬ tung an. Die philologische Kritik der alten Schriftsteller blüht in Japan kaum weniger als im Mittelreiche, und viel ist für die Erforschung der eigenen Sprache geschehen. Diese hat sich rascher entwickelt und verändert als vielleicht irgendeine der übrigen Cultursprachen unserer Erde. Die schriftlichen Aufzeichnungen ihrer ältesten Denk¬ mäler sind derart, daß sich nur auf dem Wege der scharfsinnigsten Reconstructionen zu ihrem wissenschaftlichen Verständnisse gelangen läßt, und was die Japaner in dieser Richtung geleistet haben, verdient trotz mancher Ungeheuerlichkeiten alles Lob. Von ihren zahlreichen, zum Theil auch sehr bändereichen Wörterbüchern, deren Vorzüge auch der europäische Forscher bald anerkennen lernt, will ich hier nicht weiter reden. Wenig bekannt aber ist der Umfang und die Bedeutung ihrer grammatischen Werke. Indische Bücher, von den Buddhisten eingeführt, mögen ihnen die erste Anregung hierzu gegeben haben; allein ihr Einfluß dürfte kaum über das gebührende Maß hinausgereicht haben. Sehen wir, wie gewaltsam man noch zuweilen bei uns den heterogensten Sprachen die Glieder verrenkt, um sie in die allbeliebte Uniform der lateinischen Sprachen hineinzuzwängen, so werden wir den japanischen Sprachforschern Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihnen um der Genialität ihrer grammatischen Auffassung und um ihres Sammlerfleißes willen so manche Possirlichkeit verzeihen. Jetzt eben ringt auch auf diesem Felde eine europäisirende Schule mit der bodenwüchsigen um die Palme, und unlängst brachte mir dieselbe Post aus Japan zwei Elementar-Sprachlehren der beiden Parteien. Wie reizvoll, einem solchen Kampfe beizuwohnen! Unsere Zeit. So ist den ostasiatischen Studien ein unabsehbar weites Feld eröffnet. Ihre Aufgabe ist zunächst eine philologische im weitesten Sinne des Wortes. Aber eine zweite, nicht minder wichtige reiht sich ihr an: ich meine die linguistische, die Er¬ weiterung und Vertiefung unserer Kenntniß vom Wesen der menschlichen Sprache. Es könnte sein, daß ich insofern mir und meiner Sache erst recht eine Ver¬ antwortung schuldig wäre, und indem ich eine Vertheidigung unternehme, könnte es scheinen, als erhöbe ich eine Anklage. In der That liegt mir nichts ferner als dies. Ich muß von Gemeinplätzen ausgehen, um diesen garstigen Schein zu vermeiden. Die Linguistik begreift die wissenschaftliche Erkenntniß der menschlichen Sprachen. Soll diese Erkenntniß eine vollständige sein, so muß sie ihren Gegenstand nach allen Richtungen hin durchdringen. Jede Sprache ist zunächst ein Daseiendes und auf jeder Stufe, in jedem Augenblicke seines Daseins ein in sich Vollkommenes. Man hat von einem Organis¬ mus der Sprache geredet und diesen Ausdruck dann wieder verworfen, weil er als eigenlebiges Wesen bezeichnet, was nur eine Function ist. Was aber nicht zur Definition taugt, kann darum doch als Gleichniß dienen; und in der That wüßte ich nichts, was Entwickelung und Beschaffenheit der Sprache besser ver¬ bildlichen könnte als eben der Organismus. Hier wie dort sind alle Glieder einander und dem Ganzen nothwendig, und jede Redeäußerung ist zugleich eine Aeußerung der ganzen im Redenden vorhandenen Sprache. Man muß die Er¬ scheinungen der jetzigen Sprachperiode mit den gleichartigen früherer Entwickelungs¬ stufen vergleichen, wenn man die äußere Sprachgeschichte erforschen will. Man muß aber alle Erscheinungen einer und derselben Phase untereinander in Beziehung setzen, wenn man die bewegenden Ursachen der Sprachentwickelung begreifen will. Es ist von hoher Bedeutung für unsere Wissenschaft, daß gerade die Indo¬ germanistik zur Zeit den so genannten falschen Analogien vorzugsweise Beachtung schenkt. Die Kluft, welche noch vor wenigen Jahren zwischen ihr und den übrigen Fächern der allgemeinen Sprachwissenschaft zu gähnen schien, ist überbrückt, seit sie ihrerseits mit jener Fülle wohlerhaltenen Beobachtungsmaterials, über welches sie gebietet, den psychologischen Kräften in der Sprachenbildung nachforscht. Daß diese Kluft entstanden war, daß ihre Erweiterung der gemeinschaftlichen Sache Gefahr drohte, wer will das leugnen? Die sprachgenealogischen Forschungen seit Bopp, durch eine Menge der bedeutendsten Kräfte gefördert, eilten allen übrigen Bestrebungen auf linguistischem Gebiete um ein Weites voraus. Bei den Indo¬ germanisten müssen wir lernen, ihre Methode, ihre Kritik müssen wir uns aneignen, wenn wir je für die Erkenntniß anderer Sprachenfamilien Aehnliches leisten wollen, wie sie für die ihrige gethan. Dies dürfen wir nicht vergessen, und insoweit, aber auch nur insoweit müssen wir die Ueberlegenheit jener anerkennen. Wenn unserer weniger sind, wenn wir mit bescheidenern Mitteln arbeiten müssen: so ist dafür unsere Arbeit um so schwieriger, unser Feld um so größer, aber auch unsere Ernte um so mannichfaltiger. Es ist nun aber für denjenigen, welcher auf entlegenern Sprachgebieten genea¬ Die ostasiatischen Studien und die Sprachwissenschaft. logische Vergleichungen unternehmen will, nicht leicht, sich mit der Indogermanistik auseinanderzusetzen. Die sich immer steigernde Sicherheit ihrer Methode wird auch ihm als Ideal vorschweben. Will er sich aber vorzeitig an sie binden, so kann sie ihm zur hemmenden Fessel, wo nicht zum Fallstrick werden. Die Gesetze, welche die Laut- und Formenentwickelungen bedingen, sind ihrerseits wiederum bedingt von so und so vielen geschichtlichen, ethnologischen, psychologischen, vielleicht physio¬ logischen Voraussetzungen. Die Sprachen unsers Stammes mögen, gut gerechnet, etwa ein Zwanzigtheil aller Sprachen der Erde bilden. Wer mag nun die Kräfte alle benennen und bemessen, welche bei ihren Spaltungen und Wandlungen mit¬ gewirkt haben; wer wollte behaupten, daß bei den übrigen Sprachfamilien nicht noch ganz andere Kräfte hier treibend, dort hemmend gewaltet hätten? Um von den Lauten zu reden: muß denn das Artikulationsvermögen überall und zu allen Zeiten genau so stark gewesen sein wie bei uns? Mich wenigstens will bedünken, der Polynesier mit seinen zehn bis zwölf Consonanten sei hierin ärmer, und so manches kaukasische Gebirgsvolk mit der Unmasse seiner Laute und Lautverknüpfungen vielleicht noch reicher als wir. Wenn wir bei uns und so manchen unserer Verwandten die Conjugationsformen schwinden sehen, so können wir dafür anderwärts, z. B. bei den Kalmücken, beobachten, wie Personalendungen am Verbum entstehen. In der That, stellten unsere Sprachen alle Möglichkeiten der sprachlichen Entwickelung dar, so würden sie nicht einem wohlgeordneten Hausrathe gleichen, der bestimmt und geeignet ist den Bedürfnissen seiner Benutzer zu genügen, sondern eher einem riesenhaften Museum, von dessen Stücken man die Mehrzahl lieber betrachten als handhaben möchte. Gerade dieses, die Vielgestaltigkeit der Sprachen, wird uns gelegentlich bestritten, auch von solchen, die ihre Blicke über die heimischen Grenzen haben hinausschweifen lassen. Noch vor wenigen Jahren las ich in dem Buche eines namhaften ausländischen Gelehrten von einer gemeinsamen Grammatik aller aggluti¬ nirenden, und einer solchen aller isolirenden Sprachen. Ich kenne in der That zwei Mittel, sich diese gemeinsamen Grammatiken anzueignen: entweder erlerne man aus jeder dieser Klassen nur eine Sprache — oder, was noch einfacher ist — man erlerne lieber gar keine! Die Wahrheit ist, daß in beiden Klassen sich neben sehr armen und rohen Sprachen andere von ungeahntem Reichthum und Feinsinn vorfinden, und daß die so genannte agglutinirende Klasse kaum mehr als ein cache-désordre , eine große wissenschaftliche Rumpelkammer ist, in welcher die grundverschiedensten Sprachformen vorläufig in ähnlicher Ordnung aufbewahrt werden wie etwa die verschiedenen Wiesenpflanzen im Heu. Voreiligkeiten jener Art richten sich selbst. Schwerer ist es, einem andern Einwande zu begegnen. Wozu, fragt man, die Betrachtung dieses ganzen bunten Bildes? Wenn ich eine Anzahl Sprachen aus allen Erdtheilen kenne, was besitze ich mehr als eine Art Raritätencabinet? Wo ist das innere Band? Wo bleibt die Wissenschaft? — Dabei wird jedenfalls Eins zugegeben: was der Zulu oder der Hottentotte, der Hurone oder der Quechuá, der Malaie oder der Australneger redet, alles ist menschliche Sprache, oder noch genauer, alles sind verschiedene Aeußerungen des menschlichen Sprachvermögens. Und jetzt frage ich meinerseits: Unsere Zeit. ist dies Sprachvermögen Gegenstand der Linguistik oder nicht? Und wenn es das ist, muß es dann nicht durch die Linguistik definirt werden? Wie aber soll man es definiren, solange man nicht den ganzen Umfang seiner Aeußerungen, solange man nicht alle Möglichkeiten der Sprachentwickelung kennt? Die Naturforscher lehren uns täglich, daß die niedern Organismen für die Wissenschaft nicht minder belangreich sind als die höhern; unsere Etymologen suchen in der höhern Sprach¬ form die niedere als aufgehobenes Moment zu entdecken, und wer Darwin's Lehre auf die Sprachwissenschaft anwenden will, der muß folgerichtig annehmen, daß auch unsere Sprachen vor Jahrtausenden nicht reicher und feiner gewesen seien als jene der rohesten uns bekannten Völkerschaften. Es dürfte viel Phantasie dazu gehören, sich ohne lebende Vorbilder einen derartigen Urzustand zu vergegenwärtigen, und unsere Sprachanatomen haben manche Anregung zu hoffen von jenen Aermsten und Schwächsten der Sprachenwelt. Und muß denn eine Sprache todt sein, damit sie unser Interesse verdiene? Oder muß ihre Vorgeschichte zugänglich sein, damit ihre Erforschung lohne? Heutzutage veranschlagt man das Alter des Menschengeschlechts so hoch, weiß man von der verschiedenen Lebensgeschwindigkeit der Sprachen so viel, man wol zweifeln darf, ob das, was vor 4000 Jahren aus unserer Vorfahren Mund erklungen, den ältesten Formen menschlicher Rede ähnlicher gewesen als die eine oder andere der jetztlebenden Sprachen oder etwa das Gelalle unserer Kinder. Es ist dies ein nebensächlicher Gesichtspunkt; denn man erforscht nicht die eine Sprachform, um diese oder jene andere besser zu begreifen, sondern um ein reicheres, volleres, wahreres Bild von der Mannichfaltigkeit der Sprachorganismen zu ge¬ winnen. Es leuchtet ein, daß zu diesem Zwecke nicht ein oberflächliches Nippen an dieser oder jener Grammatik genügt. Nur wenn eine Sprache zu einem Theil unsers Ich geworden ist, können wir über sie, über ihre Vorzüge und Schwächen urtheilen. In einem sehr beliebten und verbreiteten Buche können wir freilich das Gegentheil lesen: ein Selbstlob der Leichtfertigkeit, das seinesgleichen sucht! Daß Völkerkunde und Linguistik eine ebenso sorgfältige Untersuchung aller Sprachfamilien erheischen, wie sie dermalen für den indoeuropäischen Stamm ge¬ führt wird, möchte keines Beweises bedürfen. Namhaftes ist in dieser Richtung bereits geleistet, viel mehr aber noch zu thun. Daß wir uns meist ohne alte Sprachen behelfen müssen, muß uns zu doppelter Vorsicht, zu einem ganz behut¬ samen Fortschreiten vom Nächsten zum Entferntern veranlassen. Der Erfolg kann bei sorgsam methodischem Vorgehen nicht ausbleiben; der Gewinn aber wird ein doppelter sein. Zunächst eine Vervollständigung und Berichtigung unserer Kenntniß von der Abgrenzung der Sprachstämme nach außen und von ihrer Gliederung nach innen. Dann aber auch, oder ich müßte mich sehr täuschen, eine Bereicherung der Sprachphilosophie selbst. Der indogermanische Sprachstamm scheint nämlich nur einen Theil der möglichen Verwandtschaftsverhältnisse und Entwickelungs¬ richtungen darzustellen. Man hat, ich weiß nicht mit wie vielem Rechte, seine uns bekannte Entwickelung eine absteigende genannt, und man pflegt noch heute zu be¬ streiten, daß er wirkliche Mischsprachen enthalte. Sicher ist, daß sich in vielen andern Sprachenfamilien ein lebendigeres Bewußtsein vom Werthe der Bildungs¬ Die ostasiatischen Studien und die Sprachwissenschaft. elemente bekundet als in der unsern. Und eben jetzt arbeite ich in Fortsetzung der von meinem verewigten Vater eröffneten melanesischen Forschungen an einer Sprachengruppe, in welcher mit den uns geläufigen Verwandtschaftsbegriffen schlechterdings nicht auszukommen ist. Müssen wir hier oder sonstwo echte Misch¬ linge anerkennen, so ergibt sich von selbst die Folgerung, daß zwei Sprachen mit einer dritten verwandt sein können, ohne es untereinander zu sein: sprachliche Ver¬ schwägerungen, wenn der Ausdruck erlaubt ist. Jene armen Contactsprachen, welche noch heute, fast unter unsern Augen entstehen, das Creolische, Pitchen- Englisch und so viele andere, gewinnen ein hohes Interesse, wenn man zu enträthseln versucht, warum in ihnen gerade diese Elemente der einen, jene der andern Sprache entlehnt sind. Es gilt hier Gesetze zu entdecken, welche der Linguistik mit nicht minderm Rechte angehören als etwa die der Lautverschiebungen. Die Zeit der allgemeinen oder philosophischen Sprachlehren im Becker'schen Sinne ist vorüber. Was aber unsere Vorfahren speculativ aus ihrem eigenen Denken heraus schaffen wollten, das müssen wir und unsere Nachfolger durch in¬ ductive Arbeit zu erringen suchen. Das Problem der allgemeinen Grammatik bleibt; Arbeiten, wie wir sie über den Dualis, die Zählmethoden, das Relativ¬ pronomen, das Passivum u. s. w. besitzen, sind Beiträge zu seiner Lösung. Wie wenig hierbei auf apriorischem Wege zu erreichen ist, dafür nur einige Beispiele. Die Sprache der Insulaner von Errub und Maer (Meir) kennt nur die Grund¬ zahlen eins und zwei und kann nur bis fünf zählen, wofür zwei-zwei-eins gesagt wird. Die Chikitos in Südamerika besitzen überhaupt gar keine Zahlen, nicht einmal die Zwei. Dafür besitzen andere melanesische Sprachen neben dem Sin¬ gular, Dual und Plural noch einen Trialis. Die Sprachen der philippinischen und einiger anderer malaiischer Völker vermögen mit ihrem dreifachen Passivum nicht nur das Object, sondern auch den Ort und das Werkzeug der Handlung zum Subject des Satzes zu erheben. Die schwarzen Bewohner von Annatom, einer Insel der neuen Hebriden, conjugiren nicht das Verbum, sondern das Pro¬ nomen. Und wessen Phantasie möchte jene Ungeheuer von Conjugationssystemen für möglich halten, welche uns die polysynthetisch-incorporirenden Sprachen ame¬ rikanischer Indianervölker oder in unserm Erdtheile das Baskische aufweisen? Um nur ein Beispiel anzuführen: Die Tscheroki, jenes interessante Indianervolk, welches sich zur Annahme europäischer Cultur so willig und befähigt gezeigt, drücken den Gedanken: „Ich gehe, um wiederholt hier und da damit zu binden“, in Einem Worte aus: galöstisanidolega ! — Um die menschliche Sprache in dem ganzen Reichthum ihrer möglichen Gestaltungen zu begreifen, müssen wir die lautlichen, morphologischen und syntaktischen Mittel aller Sprachen und das Verhalten einer jeden einzelnen gegenüber den logischen und psychologischen Erfordernissen überschauen. Offenbar ist dies seinerseits erst dann vollkommen zu erreichen, wenn alle oder doch alle in typischer Hinsicht wichtigern Sprachen in erschöpfender Weise grammati¬ kalisch erforscht sein werden. Und die Aufgabe der Einzelsprachlehre kann man nicht hoch genug stellen. Die Geschichte unserer eigenen Philologie mag dies bezeugen; man braucht nur an die jahrhundertelange Reihe von Vorarbeiten zu denken, deren Unsere Zeit. 1881. I . 19 Unsere Zeit. es bedurfte, ehe die lateinische Grammatik ihre heutige Verfassung erhielt. Jede Form des Sprachbaues verlangt eine besondere, ihr allein zukommende Form der Darstellung. Diese zu finden, setzt nicht nur wahres Eingelebtsein in das Idiom voraus, sondern auch, und vielleicht vornehmlich, einen sichern und klaren sprach¬ philosophischen Verstand. Wo dem Verfasser das eine oder das andere mangelt, da eile man rasch über seine Arbeit hinweg und tummele sich um so unbefangener in der lebendigen Sprache, in der Lektüre von Texten und, wenn es sein kann, im Gespräch. Jede Aneignung einer fremdgeistigen Sprache ist zugleich eine That der Be¬ freiung von so vielen Vorurtheilen, welche uns von den früher erlernten Idiomen her anhaften; man findet Sprachfactoren, die uns nutzlos erscheinen, vermißt andere, welche wir für unentbehrlich hielten. Warum das? Weil man von Haus aus gewöhnt ist, die Theile früher zu betrachten als das Ganze, die Wörter und ihre Formen früher als den Satz. Solange man eine Sprache nur so kennt, wie sie zerstückelt auf dem Secirtische vorliegt, ahnt man nimmermehr, was sie ver¬ mag; da fällt man Urtheile, wie wir sie oft genug lesen können, Urtheile, die um kein Gran verständiger sind als jenes: der Fisch hat keine Lunge, folglich kann er nicht athmen! Solange wir unsere Studien auf die uns geistig und leiblich verwandten Sprachenkreise beschränken, liegt die Gefahr nahe, daß wir die Be¬ deutung des syntaktischen Moments unterschätzen. Allein schon der erste ernstliche Schritt über diese Schranke hinaus wird zu der Erkenntniß führen, wie viel wir bis dahin besessen und unbewußt verwerthet hatten, was nun plötzlich seinen Dienst versagt. Unsere Sanskritgrammatiken dürften nicht da aufhören, wo die Syntax anfangen sollte, wenn nicht die Grundgesetze des altindischen Satzbaues die näm¬ lichen wären wie die der übrigen zur Familie gehörenden Sprachen. Ich glaube, es ist Zeit, daß auch wir Deutschen uns jener minder gepflegten Gebiete der Sprachwissenschaft annehmen. Auch sie bedürfen der Pflege, das wird niemand bestreiten, und ich glaube, sie dürfen diese Pflege erwarten an einer Hoch¬ schule ersten Ranges, deren Aufgabe und Ruhm es ist, recht eigentlich eine universitas literarum zu sein. Vielleicht bedurfte es nicht einmal dieser Worte pro domo ; liegt doch die Sprachwissenschaft in der von mir gewünschten Ausdehnung keinem andern Lehr¬ fache näher als demjenigen, welches selbst die entlegensten Sprachgebiete zum Gegenstande hat. Man kann wol Chinesisch rein praktisch und empirisch erlernen wie jede andere Sprache; wissenschaftlich studiren, begreifen kann man es aber nicht ohne scharfes sprachphilosophisches Nachdenken. Man hat diese Sprache eine formlose genannt, weil sie eine isolirende, der Flexions- und Agglutinationsmittel entbehrende ist; und wieder hat man sie eine Formsprache genannt, weil sie die grammatischen Beziehungen rein und fein wie kaum eine zweite zum Ausdruck zu bringen vermag. Beides ist wahr, so unvereinbar es scheinen mag. Das Chinesische besitzt nur zwei grammatische Factoren: feste und klare Gesetze der Wortstellung und verdeutlichende Hülfswörter. Es würde zu weit führen, wenn ich auch nur andeutungsweise erklären wollte, wie kunstvoll und doch natürlich diese beiden ineinanderwirken. Genug, die Sprache, wie sie ist, hat sich bewährt Die ostasiatischen Studien und die Sprachwissenschaft. als Trägerin einer der bedeutendsten Literaturen, jeder logischen Abstraction ge¬ wachsen, fähig eines reichen Periodenbaues und wieder einer wuchtigen Kürze und einer rhetorischen Kraft und Innigkeit, wie sie so vereint sich kaum in einer andern Sprache finden dürften. Die Grammatik stellt an das Gedächtniß des Lernenden sehr bescheidene, an sein logisches Denken sehr hohe Anforderungen. Mit dem Hersagen von Paradigmen und dem Aufzählen von Unregelmäßigkeiten bleibt er verschont. Dafür muß er seinen Geist einer ihm gänzlich neuen Denkweise anbe¬ quemen; er muß diese in ihrer ganzen Folgerichtigkeit nicht nur begreifen, sondern geradezu erleben, und ich wüßte nicht, wo ihm die Bedeutung der Syntax deut¬ licher zu Tage treten sollte als hier, wo nicht nur die Beziehungen der Wörter untereinander, sondern auch ihre Functionen als Redetheile, als Substantiva, Adjectiva, Verba u. s. w. sich lediglich aus dem Satznexus ergeben. Die An¬ regung mag eine einseitige sein, aber sie ist eine mächtige; wer sie mit wissen¬ schaftlich empfänglichem Sinne empfunden hat, dem wird von selbst nach andern ähnlichen verlangen. Und kein Verlangen ist gegründeter; denn mit jeder neuen Sprache, die wir erlernen, erschließt sich in uns eine neue Gedankenwelt. 19*