Franz Sternbald's Wanderungen. Eine altdeutsche Geschichte herausgegeben von Ludwig Tieck. Zweiter Theil. Berlin, bei Johann Friedrich Unger . 1798 . Erstes Buch. (2r Th.) A Erstes Kapitel. I n einem alten Buche, das in meiner Sammlung sich befindet, habe ich immer folgende Stelle mit vorzüglichem Wohlge¬ fallen gelesen: »O Jugend! Du lieber Frühling, der Du so sonnenbeschienen vorn im Anfange des Lebens liegst! wo mit zarten Äugelein die Blumen umher, des Waldes neugrüne Blätter, wie mit fröhlicher Stimme Dir winken, Dir zujauchzen! Du bist das Pa¬ radies, das jeder der spätgebohrnen Men¬ schen betritt, und das für jeden immer wie¬ der von neuem verloren geht.« »Gefilde voll Seligkeit! überhangend von Blüthen, durchirrt von Tönen! Sehn¬ A 2 sucht weht und spielt in Deinen süßen Hai¬ nen. Vergangenheit so golden, Zukunft so wunderbar: wie mit dem Sirenenge¬ sange der Nachtigall lockt es von dorther; mondliche Schimmer breiten sich auf dem Wege aus, liebliche Düfte ziehen aus dem Thal herauf, vom Berge nieder den Sil¬ berquell. O Jüngling, in Dir glänzt Mor¬ genröthe, sie rückt mit ihren Strahlen und wunderglänzenden Wolkenbildern herauf: dann folgt der Tag, bis auf die Spur so¬ gar verfließt die heimliche Sehnsucht; alle Liebesengel ziehen fort, und Du bist mit Dir allein. War alles nur Dunst und bun¬ ter Schatten, wornach Du brünstig die Arme strecktest? — Aus Wolken winken Hände, An jedem Finger rothe Rosen, Sie winken Dir mit schmeichlerischem Kosen, Du stehst und fragst: wohin der Weg sich wende? Da singen alle Frühlingslüfte, Da duften und klingen die Blumendüfte, Lieblich Rauschen geht das Thal entlang: »Sey muthig, nicht bang! Siehst Du des Mondes Schimmer, Der Quellen hüpfendes Geflimmer? In Wolken hoch die goldnen Hügel, Der Morgenröthe himmelbreite Flügel? Dir entgegen ziehn so Glück als Liebe, Dich als Beute mit goldenen Netzen zu fahn, So leise lieblich, daß keine Ausflucht bliebe Umzingeln sie Dich, bald ist' um Dich gethan.« — Was will das Glück mit mir beginnen? O Frühlingsnachtigall, singst Du drein? Schon dringt die sehnende Lieb' auf mich ein, Wie Mondglanz webt's um meine Sinnen. — Wie bang' ist mir's, gefangen mich zu geben, Sie nah'n, die Schaaren der Wonne mit Heeres¬ macht! Verloren, verträumt ist das fliehende Leben, Schon rüstet sich Lieb' und Glück zur Schlacht. Der Kampf ist begonnen, Ich fühle die Wonnen Durchströmen die Brust: O, sel'ge Gefilde, Ich komme, wie milde Erquickt und ermattet des Lebens Lust. Es winket vom Himmel Der Freuden Gewimmel, Und lagert sich hier: Im Boden, ich fühle Der Freuden Gewühle, Sie streben und drängen entgegen mir Der Quellen Getöne, Der Blümelein Schöne, Ihr lieblicher Blick, Sie winken so eigen, Ich deute das Schweigen: Sie wünschen mir alle zum Leben Glück. — — Nun geht das Kind auf grünen Wegen Den goldglänzenden Strahlen entgegen, Im bangen Harren geht es weit, Es klopft das Herz, es flieht die Zeit. Es ist, als wenn die Quellen schwiegen, Ihm dünkt, als dunkle Schatten stiegen, Und löschten des Waldes grüne Flammen, Es falten die Blumen den Putz zusammen. Die freundlichen Blüthen sind nun fort, Und Früchte stehn an selbigem Ort; Die Nachtigall versteckt die Gesänge im Wald' Nur Echo durch die Einsamkeit schallt. »Morgenröthe bist Du nach Haus gegangen? Ruft das Kind, und streckt die Händ' und weint; O komm', ich bin erlös't vom Bangen, Du wolltest mich mit goldnen Netzen fangen, Du hast es gewiß nicht böse gemeint. Ich will mich gerne drein ergeben, Es kann und soll nicht anders seyn: Ich opfre Dir mein junges Leben, O, komm' zurück, Du Himmelsschein!« Aber hoch und höher steigt das Licht, Und bescheint das thränende Gesicht; Die Nachtigall flieht waldwärts weiter, Quell wird zum Fluß und immer breiter. »Ach, und ich kann nicht hinüberfliegen! Was mich erst lockt, ist nun so weit, Der Morgenglanz, die Töne müssen jenseits liegen, Ich stehe hier, und fühle nur mein Leid.« — Die Nachtigall singet aus weiter Fern: »Wir locken, damit Du lebest gern, »Daß Du Dich nach uns sehnst, und immer matter sehnst, »Ist, was Du thöricht Dein Leben wähnst.« — — — Ich wähle dieses alte, kindlich redende Lied zum Eingange dieses dritten Buchs meiner Geschichte. Der unbekannte Verfas¬ ser beweint in diesen Worten seine weit ent¬ flohene Jugend, und seine Erinnerungen le¬ gen sich als Töne und sanfte Bilder vor ihm hin, die auch mich wieder ansprechen, und jeden, der diese Stelle lies't. — Wie viele Zeit ist indeß verflossen! Es mag kom¬ men, daß nach langer Zeit jemand, den ich nicht kenne, dieses Buch aufschlägt, und von diesen Worten gerührt wird. Giebt es denn nun, geliebter Leser, nicht eine ewige Jugend? Indem Du Dich der Vergangen¬ heit erinnerst, ist sie nicht vergangen: Deine Ahndung des Künftigen macht die Zukunft zur Gegenwart, die Verwandelung der Na¬ tur außer Dir ist nur scheinbar; wie flie¬ gende Wolken umhüllt die Wirklichkeit die innere Sonne. Sonnenblicke wechseln mit Schatten; in ewiger Erneuerung giebt es kein Alter. Darum fahre ich in meiner Geschichte fort. Laß die vorige Zeit in Dein Gemüth zurückkommen, und glaube, daß die Geister der großen Künstler, die damals lebten, Dich umgeben und kennen, wie ich es glaube. Dann wirst Du an jenen Gestalten Ergöz¬ zen finden, die ich Dir vorüberführe. Franz Sternbald und sein Freund Ru¬ dolf Florestan durchwanderten jetzt den El¬ saß. Es war die Zeit im Jahre, wenn der Frühling in den Baumknospen schläft, und die Vögel ihn in den unbelebten Zweigen aufwecken wollen. Die Sonne schien blaß und gleichsam blöde auf die warme, dam¬ pfende Erde hernieder, die das erste neue Gras aus ihrem Schooße gebahr. Stern¬ bald erinnerte sich der Zeit, als er zuerst seine Pflegeältern verließ, um bei Albrecht Dürer in Nürnberg zu lernen, gerade in solchem Wetter hatte er sein friedliches Dorf verlassen. Sie gingen, indem Rudolf fröh¬ liche Geschichten erzählte, durch die schöne Gegend. Straßburg lag hinter ihnen, noch sahen sie den erhabenen Münster; in der nächsten Stadt wollten sie einen Mann er¬ warten, der auf der Rückreise von Italien begriffen war. In Straßburg hatte Franz seinem Se¬ bastian folgenden Brief geschrieben: »Jetzt, lieber Sebastian, ist mir sehr wohl, und Du wirst Dich darüber freuen. Meine Seele ergreift das Ferne und Nahe, die Gegenwart und Vergangenheit mit glei¬ cher Liebe, und alle Empfindungen trage ich sorglich zu meiner Kunst hinüber. War¬ um quäle ich mich ab, da ich mich doch am Ende überzeugen muß, daß jeder nur das leisten wird, was er leisten kann? Wie kurz ist das Leben, und warum wollen wir es mit unsern Beängstigungen noch mehr verkürzen? Jeder Künstlergeist muß sich ohne Druck und äußern Zwang, wie ein edler Baum mit seinen mancherlei Zweigen und Ästen ausbreiten; er strebt von selbst durch eigne Kraft nach den Wolken zu, und ohne seine Mitwirkung erzeugt sich die er¬ habene Pflanze, sey es Eiche, Buche oder Cypresse, Myrthe oder Rosengesträuch, je nachdem der Keim beschaffen war, aus dem sie zuerst in die Höhe sproßte. So musicirt jedes Vögelein seine eigenthümlichen Lieder. Freilich will es unter ihnen auch je zuwei¬ len einer dem andern nach- und zuvorthun; aber sie verfehlen doch nie so sehr ihren Weg, wie es dem Menschen nur gar zu oft geschieht. So will ich mich denn der Zeit und mir selber überlassen. Soll ein Künstler, kann ein edler Mahler aus mir werden, so ge¬ schieht es gewiß; mein Freund Rudolf lacht täglich über meine unschlüssige Ängst¬ lichkeit, die sich auch nach und nach verliert. Im reinen Sinne spiegeln sich alle Empfin¬ dungen, und lassen nachher eine Spur zu¬ rück, und selbst was das Gemüth nicht auf¬ bewahrt, nährt heimlicherweise den Sinn der Kunst und ist nicht verloren. Das trö¬ stet mich und hemmt die Beklemmungen, die mich sonst nur gar zu oft überwältigten. Auf eine fast magische Weise, zauberisch oder himmlisch ( deun ich weiß nicht, wie ich es nennen soll) ist meine Phantasie mit dem Engelsbilde angefüllt, von dem ich Dir schon so oft gesprochen habe. Es ist wun¬ derbar. Die Gestalt, die Blicke, der Zug des Mundes, alles steht deutlich vor mir und doch wieder nicht deutlich, denn es dämmert dann wie eine ungewisse, vorüber¬ schwebende Erscheinung vor meiner Seele, daß ich es festhalten möchte, und Sinnen und Erinnerung brünstig ausstrecke, um es wirklich und wahrlich zu gewahren und zu mei¬ nem Eigenthum zu machen So ist es mir oft seitdem gegangen, wenn ich die Schönheit einer Landschaft so recht innigst empfiuden wollte, oder die Größe eines Gedankens, oder den Glauben an Gott. Es kömmt und geht; bald Dämmerung, bald Mondschein, nur auf Augenblicke wie helles Tageslicht. Der Geist ist in ewiger Arbeit, im rastlosen Streben, sich aus den Ketten aufzurichten, die ihn im Körper zu Boden halten. O, mein Sebastian! wie wohl ist mir, und wie lieblich fühl' ich in mir die Re¬ gung der Lebenskraft und die heitere Ju¬ gend! Es ist herrlich, was mir die Rhein¬ ufer, die Berge und die wunderbaren Krüm¬ mungen des Gewässers verkündigt haben. Von dem großen Münster will ich Dir ein andermal reden, ich bin zu voll davon. In Straßburg habe ich für einen rei¬ chen Mann eine heilige Familie gemahlt. Es war das erstemal, daß ich meinen Kräf¬ ten in allen Stunden vertraute, und mich begeistert und doch ruhig fühlte. In der Madonna habe ich gesucht die Gestalt hin¬ zuzeichnen, die mein Inneres erleuchtet, die geistige Flamme, bei der ich mich selbst sehe, und alles, was in mir ist, und durch die alles von dem lieblichen Wiederscheine ver¬ schönt und strahlend ist. Es war beim Mah¬ len unaufhörlich derselbe Kampf zwischen Deutlichkeit und Ungewißheit in mir, und darüber ist es mir vielleicht nur gelungen. Die Gestalten, die wir wahrhaft anschauen, sind eben dadurch in uns schon zu irrdisch und wirklich, sie tragen zu viele Merkmale an sich, und vergegenwärtigen sich darum zu körperlich. Geht man aber im Gegen¬ theil auf's Erfinden aus, so bleiben die Ge¬ bilde gewöhnlich luftig und allgemein, und wagen sich nicht aus ihrer ungewissen Ferne heraus. Es kann seyn, daß diese meine Ge¬ liebte (denn warum soll ich sie nicht so nen¬ nen?) so das Ideal ist, nach dem die gro¬ ßen Meister gestrebt haben, und von dem in der Kunst so viel die Rede ist. Ja, ich sage sogar, Sebastian, daß sie es seyn muß, und daß diese Unbekanntschaft, dies Fern¬ seyn von ihr, dies Streben meines Geistes, sie gegenwärtig zu machen und zu besitzen, meine Begeisterung war, als ich das Bild mahlte. Darum gab ich es auch so ungern aus meinen Händen, und seitdem ist meine Phantasie noch ungewisser; denn manchmal steht nur die gemahlte Madonna vor mei¬ nen Augen, und ich denke dann, genau so müsse die Unbekannte gestaltet seyn. Wenn ich sie einst finden sollte, würde dann viel¬ leicht mein Künstlertalent seine Endschaft erreicht haben? — Nein, ich will es nicht glauben. Festen Muths wie ein Eroberer will ich in das Gebiet der Kunst vorrücken; ich fühle es ja, wie mein Herz für das Edle und Schöne entzückt ist, es ist also mein Gebiet, mein Eigenthum, ich darf darin schalten und mich einheimisch fühlen. Wirf mir nicht Stolz vor, Sebastian; denn denn Du thätest mir Unrecht. Ich bin und bleibe, wie ich war. Der Himmel schenke Dir Gesundheit.« Nach einigen Tagen waren die Wälder, Felder und Berge grün geworden und die Obstbäume blühten, der Himmel war heiter und blau, sanfte Frühlingslüfte spielten zum erstenmal durch den Sonnenschein und über die fröhliche Natur hin. Sternbald und Rudolf waren entzückt, als sie von einem Hügel hinab in die überschwengliche Pracht hineinschauten. Das Herz ward ihnen groß, und sie fühlten sich beide neugeboren, von Himmel und Erde mit Liebe magnetisch an¬ gezogen. O, mein Freund! rief Sternbald aus, wie liebreizend hat sich der Frühling so plötzlich aufgeschlossen! Wie ein melodischer (2r Th.) B Gesang, wie angeschlagene Harfensaiten sind diese Blüthen, diese Blätter herausgequol¬ len, und strecken sich nun der liebkosenden, warmen Luft entgegen. Der Winter ist fort, wie eine Verfinsterung, die ein Sonnenblick von der Natur hinweggehoben. Sieh, al¬ les keimt und sproßt und blüht, die klein¬ sten Blumen, unbemerkte Kräuter drängen sich hinzu; alle Vögel singen und jauchzen und flattern umher, in fröhlicher Ungeduld ist die ganze Schöpfung in Bewegung, und wir sitzen hier als Kinder, und fühlen uns dem großen Herzen der mütterlichen Natur am nächsten. Rudolf nahm seine Flöte, und blies ein lustiges Lied. Es schallte fröhlich den Berg hinunter, und Lämmer im Thal fingen an zu tanzen. Wenn nur der Frühling nicht so schnell vorüberginge! sagte Rudolf; er ist eine Morgenbegeisterung, die die Natur selbst nicht lange aushält. Oder daß es uns nur gegeben wäre, sagte Sternbald, diese Fülle, diese Allmacht der Lieblichkeit in uns zu saugen, und im hellsten Bewußtseyn diese Schätze aufzuspa¬ ren. Ich wünsche nichts mehr, als daß ich in Tönen und Gesängen den übrigen Men¬ schen diese Gefühle geben könnte; daß ich unter Musik und Frühlingswehen dichtete, und die höchsten Lieder sänge, die der Geist des Menschen bisher noch ausgeströmt hat: Ich fühle es jedesmal, wie Musik die Seele erhebt, und die jauchzenden Klänge wie En¬ gel mit himmlischer Unschuld alle irrdischen Begierden und Wünsche fern abhalten. Wenn man ein Fegfeuer glauben will, wo die Seele durch Schmerzen geläutert und gereinigt wird, so ist im Gegentheil die B 2 Musik ein Vorhimmel, wo diese Läuterung durch wehmüthige Wonne geschieht. Das ist, sagte Rudolf, wie Du die Mu¬ sik empfindest; aber gewiß werden we¬ nige Menschen darin mit Dir überein¬ stimmen. Davon kann ich mich nicht überzeugen, rief Franz aus. Nein, Rudolf, sieh' alle lebendige Wesen, wie die Töne der Harfe, der Flöte, und jedes angeschlagenen Instru¬ ments sie ernst machen: selbst die Gesänge, die den Fuß mit lebendiger Kraft zum Tanz ermuntern, gießen eine schmachtende Sehn¬ sucht, eine unbekannte Wehmuth in das Gemüth. Der Jüngling und das Mädchen mischt sich dann in den Reigen; aber sie su¬ chen mit den Gedanken jenseit dem Tanze einen andern, geistigern Genuß. O, über die Einbildungen! sagte Ru¬ dolf lachend; eine augenblickliche Stimmung in Dir trägst Du in die übrigen Menschen hinüber. Wer denkt beim Tanze etwas an¬ ders, als daß er den Reigen durchführt, daß er sich im hüpfenden Schwarm auf eine lebendige Art ergötzt, und in diesem fröhli¬ chen Augenblick Vergangenheit und Zukunft durchaus vergißt. Der Tänzer sieht nach dem blühenden Mädchen, sie nach ihm; ihre Augen begegnen sich glänzend, und wenn sie eine Sehnsucht empfinden, so ist es gewiß eine ganz andre, als Du geschil¬ dert hast. Du bist zu leichtsinnig, antwortete Franz, es ist nicht das erstemal, daß ich es bemerke, wie Du Dir vorsätzlich das schönere Gefühl abläugnest, um einer sinnlichern Schwär¬ merei nachzuhängen. Nur nicht wieder diese grellen Unterschie¬ de! rief Rudolf aus; denn das ist der ewige Punkt unsres Streites. Aber ich verstehe Dich nicht. Mag seyn! schloß Florestan, das Ge¬ spräch darüber ist mir jetzt zu umständlich; wir reden wohl ein andermal davon. Franz war ein wenig auf seinen Freund erzürnt; denn es war nicht das erstemal, daß sie so mit einander stritten. Florestan betrachtete alle Gegenstände leichter und sinnlicher; er war oft dieselbe Empfindung, die Franz nur mit andern Worten ausdrück¬ te; es fügte sich wohl, daß Sternbald nach einiger Zeit denselben Gedanken äußerte, oft kam auch Rudolf später zu dem Gefühl, dem er kurz vorher an seinem Freunde wi¬ dersprochen hatte. Wenn die Menschen Mei¬ nungen wechseln, so entsteht nur gar zu oft ein blindes Spiel des Zufalls daraus, aus dem Wunsche, sich mitzutheilen, entsteht die Sucht zu streiten, und wir widersprechen oft, statt uns zu bemühen, die Worte des andern zu verstehen. Nachdem Franz eine Weile geschwiegen hatte, fuhr er fort: O, mein Florestan, was ich mir wünsche, in meinem eigenthüm¬ lichen Handwerke das auszudrücken, was mir jetzt Geist und Herz bewegt, diese Fülle der Anmuth, diese ruhige, scherzende Hei¬ terkeit, die mich umgiebt. Mahlen möchte ich es, wie in dem Luftraume sich edle Gei¬ ster bewegen, und durch den Frühling schrei¬ ten, so daß aus dem Bilde ein ewiger Früh¬ ling mit unverwelklichen Blüten prangte, der jedem Auge auch nach meinem Tode neu aufginge und den frenndlichen Willkommen entgegenbrächte. Meinst du uicht , daß es dem großen Künstler möglich sey, in einem Historiengemählde, oder auch auf andre Weise einem fremden Herzen das deutlich hinzugeben, was wir jetzt empfinden? Ich glaube es wohl, antwortete Flo¬ restan, und vielleicht gelingt es manchem, ohne daß er es sich gerade vorsetzt. Geh' nach Rom, mein Freund, und dieser ewige Frühling, nach dem Du Dich sehnst, blüht dort in dem Hause des Agostins Ghigi. Der göttliche Rafael hat ihn dort hingezaubert, und man nennt diese Bilder gewöhnlich die Geschichte des Amor und der Psyche. Diese Luftgestalten schweben dort, vom blauen Aether umgeben, und bedeutungsvoll von großen frischen Blumenkränzen statt der Rahmen eingeschränkt und abgesondert. — Wenn Du diese Bildungen mit dem Auge durchwanderst, so wird es Dir vielleicht so seyn, wie mir immer bei ihrer Betrachtung gewesen ist. Die Geschichte selbst ist so lieb¬ lich und zart, ein Bild der ewigen Jngend , von dem Jünglingsgeiste, dem prophetischen Sanzius, in seiner schönen Entzückung hin¬ gemahlt, die Verkündigung der Liebe und der Blumenschönheit, des erhabenen Reizes. Alles ist, um mich so auszudrücken, eine poetische Offenbarung über die Natur der Lieblichkeit, und sie ist dem Menschenherzen vertraulich nahe gerückt. Wie wenn der Frühling in seiner höchsten Blüthe steht, so schließt die Geschichte in diesen Bildern mit der hohen Pracht der Götterversammlung, wo im schönsten Leben alle einzelnen Ge¬ stalten vereinigt sind, und die Seligkeit des Olympus den sterblichen Augen enthüllen. Gedulde Dich, mein Franz, bis Du in Rom bist. Ach, Rafael! sagte Franz Sternbald, wie viel hab' ich nun schon von Dir reden hören; wenn ich Dich doch noch im Leben anträfe! Ich will Dir noch ein Lied vom Frühlinge singen, sagte Rudolf. Sie standen beide auf, und Florestan sang. Er präludirte auf seiner Flöte, und zwischen jeder Strofe spielte er einige Töne, die sich wunderbar zum Liede paßten, und es dem Hörer gleichsam erläuterten. Vöglein kommen hergezogen, Setzen sich auf dürre Äste: — »Weit, ach weit sind wir geflogen, Angelockt vom Frühlingsreste.« Also klagen sie, die Kleinen: »Schmetterlinge schwärmen schon, Bienen sumsen ihren Ton, Suchen Honig, finden keinen. Frühling! Frühling! komm' hervor! Höre doch auf unsre Lieder, Gieb uns unsre Blätter wieder, Horch, wir singen Dir in's Ohr. Kommt noch nicht das grüne Laub? Laß die kleinen Blätter spielen, Daß sie warme Sonne fühlen, Keines wird dem Frost zu Raub.« »Was singt so lieblich leise? Spricht drauf die Frühlingswelt: Es ist die alte Weise, Sie kommen von der Reise, Keine Furcht mich rückwärts hält.« Auf thun sich grüne Äugelein, Die Knospen sich erschließen Die Vögelein zu grüßen, Zu kosten den Sonnenschein. Durch alle Bäume geht der Waldgeist Und sumst: Auf, Kinder der Frühling ist da: Storch, Schwalbe, die ich schon oftmals sah‚ Auch Lerch' und Grasmückt' ist hergereif't. Streckt ihnen die grünen Arm entgegen, Laßt sie wohnen wie immer im schattigen Zelt, Daß sie von Zweig zu Zweig sich regen, Und jubeln und singen in frischer Welt. Nun regt sich's und rauscht in allen Zweigen, Alle Quellen mit neuem Leben spielen, In den Ästen Lust und Kraft und Wühlen, Jeder Baum will sich vor dem andern zeigen. Nun rauscht's und alle stehn in grüner Pracht, Die Abendwolken über Wäldern ziehn, Und schöner durch die Wipfel glühn, Der grüne Hain von goldnem Feuer angefacht. Gebiert das Thal die Blumen an das Licht Die die holde Liebe der Welt verkünden, Es lächelt und winkt in stillen Gründen Des sanften Veilchens Angesicht, Das sinnige Vergißmeinnicht. Sie sind die Winke, die süßen Blicke, Die dem Geliebten das Mädchen reicht, Vorboten vom zukünft'gen Glücke, Ein Auge, das schmachtend entgegen neigt. Sie bücken sich mit schalkhaftem Sinn Und grüßen, wer vorübergeht, Wer ihren sanften Blick verschmäht Dem reichen sie die weißen Finger hin. Doch nun erscheint des Frühlings Frühlingszeit, Wenn Liebe Gegenliebe findet Und sich zu einer Lieb' entzündet, Dann glänzt die Pracht der Blumen hell und weit. Die Rosen nun am Stock in's Leben kommen, Und brechen hervor mit liebreizendem Prangen, Die süße Röthe ist aufgeglommen Daß sie vereinter Schmuck dicht an einander hangen. Dann ist des Frühlings Frühlingszeit, Mit Küssen, mit Liebesküssen der Busch bestreut, Rose, süße Blüthe, der Blumen Blum', Der Kuß ist auf Deinen Lippen gemahlt, O Ros', auf Deinem Munde strahlt Der küssenden Lieb' Andacht und Heiligthum. Höher kann das Jahr sich nicht erschwingen, Schöner als Rose der Frühling nichts bringen, Nun läßt Nacht'gall Sehnsuchtslieder klingen Bei Tage singt das ganze Vögelchor, Bei Nacht schwillt ihr Gesang hervor. Und wenn Rose, süß' Rose die Blätter neigt, Dem Sommer wohl das Vögelchor weicht, Nachtigall mit allen Tönen schweigt. Die Küsse sind im Thal verblüht, Dichtkunst nicht mehr durch Zweige zieht ¬ Zweites Kapitel. N och im Felde begegnete ihnen der Mann, den sie in der nächsten Stadt hatten auf¬ suchen wollen; sie fingen zufälligerweise ein Gespräch an, und erkannten sich dadurch. Der Mann nannte sich Bolz , und war ein Bildhauer, der jetzt nach Nürnberg, seinem Wohnorte, reis’te. Er kam aus Italien zu¬ rück, und hatte einen Gefährten bei sich, der wie ein Mönch gekleidet war. Franz war erfreut, wieder jemand vor sich zu sehn, der bald seine liebe Vaterstadt erblicken, der seinen Dürer sprechen sollte; er ging daher dem Fremden mit aufrichti¬ ger Freude und Freundschaft entgegen. Bolz und der Mönch schienen auf Sternbald nicht sonderliche Rücksicht zu nehmen. Man unterhielt sich von der Kunst, und Franz fragte begierig: was macht der edle Rafael von Urbin? Habt Ihr ihn noch gesehn? Der Mönch nahm das Wort. Nein, sagte er, leider hat diese schönste Zier der edlen Mahlerkunst die Erde verlassen; er ist im vorigen Jahre gestorben. Mit ihm ist viel¬ leicht die Kunst aus Italien entwichen. Wie Ihr da sprecht! rief der Bildhauer Bolz, und was wäre dann der unsterbliche Michel Angelo, der die höchste Höhe der Kunst erreicht hat, die Rafael niemals ge¬ kannt hat? Der uns gezeigt hat, was er¬ habener Reiz sey, und die Ideale der Alten mit dem genauen Studium der wirklichen Natur verbunden? Dieser lebt noch, mein junger Freund, und er steht lächelnd am Ziele der Sculptur und Mahlerei, als ein hoher Genius, der jedem Schüler sein Stre¬ ben andeutet und erleichtert. So ist mir dieser Wunsch meines Her¬ zens versagt? sagte Franz, den Mann zu sehn, der ein Freund meines Dürer war, den Dürer so bewunderte? Nun freilich, rief Bolz aus, der alte gutherzige Dürer hat ihn auch wohl be¬ wundern dürfen, und für ihn ist freilich Rafael noch viel zu gut. Er ist aber auch nicht im Stande, etwas von Agnolo's Größe zu verstehn, wenn er ein Kunstwerk von die¬ sem erhalten sollte. Erlaubt, sagte Florestan, ich bin kein Kenner der Kunst; aber doch habe ich von Tausenden gehört, daß Rafael das Kleinod dieser Erde zu nennen sey, und wahrlich! wenn ich meinen Augen und meinem Ge¬ fühle trauen darf, so leuchtet eine erhabene Göttlichkeit aus seinen Werken. Und wie Ihr alle von Dürer sprecht! sagte Franz, wahrlich! er weiß wohl das Eigne und Große an fremden Werken zu schätzen, wie wie könnte er sonst selber ein so großer Künstler seyn! Ihr liebt Euer deutsches Vaterland wenig, wenn Ihr von seinem er¬ sten Künstler geringe denkt. Erzürnt Euch nicht, sagte der Mönch; denn es ist seine rauhe, wilde Art, daß er alles übertreibt. Ihm dünkt nur das Große, Gigantische schön, und der Sinn für alles übrige scheint ihm versagt. Nun, was ist es denn auch mit Deutsch¬ land und mit unsrer einheimischen Kunst? rief Bolz ergrimmt aus. Wie armselig und handwerksmäßig wird sie ausgeübt und ge¬ schätzt! Noch kein wahrer Künstlergeist hat diesen unfruchtbaren deutschen Boden, die¬ sen trüben Himmel besucht. Was soll auch die Kunst hier? Unter diesen kalten gefühl¬ losen Menschen, die sie in dürftiger Häus¬ lichkeit kaum als Zierrath achten? Darum strebt auch keiner von den sogenannten (2r TH.) C Künstlern, das Höchste und Vollkommenste zu erreichen, sondern sie begnügen sich, der kalten dürftigen Natur nahe zu kommen, ihr hin und wieder einen Zug außer dem Zu¬ sammenhange abzulauschen, und glauben dann, wenn sie ihr Machwerk in kahler Unbedeutsamkeit stehen lassen, was Rechtes gethan zu haben. So ist Euer gepriese¬ ner Albert Dürer, Euer Lukas von Leyden, Schoorel, obgleich er in Italien gewesen ist, ja kaum der Schweizer Holbein ver¬ dient zu den Mahlern gezählt zu werden. Ihr kennt sie nicht, rief Franz unwillig aus, oder verkennt sie mit Vorsatz. Soll denn ein Mann allein die Kunst und alle Trefflichkeit, erschöpft und beendigt haben, so daß mit ihm, nach ihm kein andrer nach dem Kranze greifen darf? Wie beengt und klein müßte dann das himmlische Gebiet seyn, wenn es ein einziger Geist durch¬ schwärmte, und wie ein Herkules an den Gränzen seine Säulen setzte, um der Nach¬ welt zu sagen, wie weit sie gehen könne. Mir scheint es Barbarei und Hartherzig¬ keit, Entwürdigung des Künstlers selbst, den ich vergöttern möchte, wenn ich ihm ausschließlich alle Kunst beilegen will. Bis¬ her scheint mir Dürer der erste Mahler der Welt; aber ich kann es mir vorstellen, und er hat es selbst oft genug gesagt, wie viele Herrlichkeiten es außerdem noch giebt. Mi¬ chael Angelo ist wenig, wenn es nicht mög¬ lich seyn darf, daß es auch jenseit seinem Wege Größe und Erhabenheit giebt. Kommt nur nach Italien, sagte Bolz, und Ihr werdet anders sprechen. Nein, Augustin, fiel ihm der Mönch ein. So reich die Kunstwelt dort seyn mag, so wird dieser junge Mann doch nachher schwerlich anders sprechen. Ihr gefallt Euch C 2 in Euren Übertreibungen, in Eurer erzwun¬ genen Einseitigkeit, und glaubt, daß es keinen Enthusiasmus ohne Verfolgungsgeist geben könne. Sternbald wird gewiß auch in Rom und Florenz seinem Dürer getreu bleiben, und er wird gewiß Angelo's Erha¬ benheit und Rafael's reizende Schöne mit gleicher Liebe umfassen. Und das soll er, das muß er! rief Ru¬ dolf hier mit einem Ungestüm aus, den man sonst nicht an ihm sah. Ihr, mein ungestümer Bruder Augustin, oder wie Ihr Euch nennt, habt wenig Ehre davon, daß Ihr solche Gesinnungen und Redensarten aus dem lieblichen Italien mit Euch bringt; nach Norden, nach den Eisländern hättet Ihr reisen müssen. Ihr sprecht von deut¬ scher Barbarei, und fühlt nicht, daß Ihr selbst der größte Barbar seyd. Was habt Ihr in Italien gemacht, und wo hat Euch das Herz gesessen, als Ihr im Vatikan vor Rafael's Unsterblichkeit standet? Alle mußten über den Ungestüm des Jünglings lachen, und er selbst lachte von Herzen mit, obgleich ihm eine Thräne im Auge stand, die ihm seine begeisterte Rede hervorgebracht hatte. Ich bin ein Römer, sagte er dann, und ich gestehe, daß ich Rom unaussprechlich liebe; Rafael ist es beson¬ ders, der Rom ausgeschmückt hat, und seine hauptsächlichsten Gemählde befinden sich dort. Vergebt mir, und sagt nun, was Ihr wollt; ich werde Euch gewiß nicht noch einmal so heftig widersprechen. So ist denn dieser Rafael gestorben! fing Franz von neuem an, indem sie wieder friedlich über das Feld gingen. Wie alt ist er denn geworden? Gerade neun und dreißig Jahre, sagte der Mönch. Am Charfreitage, an diesem heiligen Tage ist er gebohren, und an die¬ sem merkwürdigen Geburtstage ist er auch wieder von der Erde hinweggegangen. Er war und blieb sein Lebelang ein Jüngling, und aus allen seinen Werken spricht ein milder, kindlicher Geist. Sein letztes großes Gemählde war die Transfiguration, Christi Verklärung, worin er sich seine eigne Apo¬ theose gemahlt hat. Oben die Herrlichkeit des Erlösers, allgemeine Liebe in seinen Blicken, unter ihm der Glaube der Apostel, umgeben von dem übrigen Menschenleben, mit allem Elende, das darin einheimisch ist, Unglückliche, die dem Erlöser zur Heilung gebracht werden, und Zweifel, Hoffnung und Zutrauen in den Umstehenden. Ra¬ fael's Sarg stand in der Mahlerstube, und sein letztes vollendetes Gemählde daneben, seine eigne Verklärung. Der Finger ruhte nun auf immer, der diese Bilder in Leben und Bewegung gezaubert hat; die bunte freundliche Welt, die aus ihm hervorgegan¬ gen war, stand nun neben der blassen Lei¬ che. Ganz Rom war in Bewegung, und keiner von denen, die es sahen, konnte sich der Thränen enthalten. Nein, rief Franz aus, wer wollte sich der Thränen bei solchem Anblick enthalten? Was können wir denn den großen Kunst¬ geistern zum Dank anders widmen, als un¬ ser volles, entzücktes Herz, unsre andächtige Verehrung? Für diese unbefangene, kind¬ liche Rührung, für diese völlige Hingebung unsres eigenthümlichen Selbsts, für diesen vollen Glauben an ihre edle Trefflichkeit haben sie gearbeitet; dies ist ihr größter und ihr einziger Lohn. Kommen mir doch jetzt die Thränen in die Augen, wenn ich mir den Abgeschiedenen da liegen denke, unter seinen Gemählden, seine letzte Schöpfung dicht neben ihm, die so kürzlich noch sein Kunstgeist belebte und bewegte. O, man sollte denken, alle jene lebendigen Gestalten hätten sich verändern, und nur Schmerz und Verzweiflung über den entflohenen Ra¬ fael äußern müssen. Der Bildhauer sagte: Nun, gewiß, Ihr habt eine lebhafte Imagination; am Ende meint Ihr gar, sein gemahlter Chri¬ stus hätte ihn wieder vom Tode erwecken können! Und ist denn Rafael gestorben? rief Sternbald in seiner Begeisterung aus. Wird Albrecht Dürer jemals sterben? Nein, kein großer Künstler verläßt uns ganz; er kann es nicht, sein Geist, seine Kunst bleibt freund¬ lich unter uns wohnen. Der Nahme der Feldherren wird auch vom späten Enkel noch genannt; aber größern Triumph ge¬ nießt der Künstler. Rafael ruht neben sei¬ nen Kunstwerken glänzender, als der Sie¬ ger in seinen ehernen Grabmählern; denn er läßt die Bewegungen seines edlen Her¬ zens, die großen Gedanken, die ihn begei¬ sterten, in sichtbaren Bildungen, in liebli¬ chen Klängen unter uns zurück, und jede Gestalt bietet schon jetzt dem noch ungebohr¬ nen Enkel die Hand, um ihm zu bewill¬ kommen; jedes Gemählde drückt den entzück¬ ten Beschauer an das Herz Rafaels, und er fühlt, wie ihn der Geist des Mahlers liebevoll umfängt und erwärmt, er glaubt den Athem wehen zu hören, die Stimme des Grußes zu vernehmen, und ist durch diese Stunde für seine ganze Lebenszeit gestärkt. Bolz sagte: Ihr werdet Euer Lebelang kein großer Mahler werden; Ihr erhitzt Euch über alles ohne Noth, und das wird Euch gerade von der Kunst abführen. Darin mögt Ihr nicht ganz Unrecht haben, sagte der Mönch. Ich kenne in Italien einen alten Mann, der mir einmal seine Geschichte erzählte, die mir sehr merk¬ würdig dünkte. Aus dem Ganzen erhellte, besonders nach der Meinung jenes Man¬ nes, daß die Kunst einen ruhigen Geist fordre. Das ist wohl ausgemacht, fuhr Rudolf fort; aber warum muß Euch ein alter Mann, den wir alle nicht kennen, gerade auf diesen Gedanken bringen, der doch so natürlich ist? Er fiel mir nur dabei ein, sagte der Mönch, weil seine Geschichte recht sehr son¬ derbar ist, und weil der junge Mahler dort ihm auf eine wunderbare Weise ähn¬ lich sieht, so daß ich an jenen Alten denke, seitdem wir mit einander gegangen sind. Könnt Ihr uns nicht seine Geschichte erzählen? fragte Franz. Der Mönch wollte eben anfangen, als sie Jagdhörner und Hundegebell hörten. Ein Trupp Reuter jagte bei ihnen vorüber, und in den benachbarten Wald hinein. Die Berge gaben die Töne zurück, und ein schö¬ nes musikalisches Gewirr lärmte durch die einsame Gegend. Bolz stand still, und sagte: Laßt um des Himmels Willen Eure langweiligen Er¬ zählungen; freut Euch doch an diesem Kon¬ zerte, das, nach meinem Gefühl, jede Brust erregen müßte! Ich kenne nichts Schöneres, als Jagdmusik, den Hörnerklang, den Wie¬ derhall im Walde, das wiederholte Gebell der Hunde, und das hetzende Hallo der Jä¬ ger. Als ich jetzt Italien verließ, gelang es mir, bei Gelegenheit einer Jagd einem über¬ aus reizenden Mädchen das Leben zu ret¬ ten. Das, Herr Mahler, war eine Scene, die der Darstellung würdig war! Der grü¬ ne dunkelschattige Wald, das Getümmel der Jagd, ein blondes geängstigtes Mäd¬ chen, die, vor Schreck halb ohnmächtig, einen Baum hinanklettern will, der Busen halb frei, die langen Haare aufgelös't, Fuß und Bein von der Stellung entblößt, ein Mann, der ihr Hülfe leistet. — Ich habe nie wieder so etwas Reizendes gesehn, und unter allen Menschen hat mir dies Mäd¬ chen den Abschied aus Italien am meisten erschwert. Franz dachte unwillkührlich an seine Unbekannte, und der Mönch sagte: Ich kann den Gegenstand so besonders mahle¬ risch nicht finden; er ist alltäglich und be¬ deutungslos. Nachdem ihn der Mahler nehmen dürf¬ te, fiel Franz ein; vielleicht ist kein einziger Gegenstand ohne Interesse. Ihr könntet nun wohl Euer Gezänk abbrechen, sagte Rudolf; denn Ihr werdet nie über irgend etwas einig werden. Sie waren einen Berg hinangestiegen, und standen nun ermüdet still. Indem sie sich an der Aussicht ergötzten, rief Franz aus: mich dünkt, ich sehe noch ganz in der Ferne den Münster! Sie sahen alle hin, und ein jeglicher glaubte, ihn zu entdecken. Der Münster, sagte Bolz, ist noch ein Werk, das den Deutschen Ehre macht! Das aber doch gar nicht zu Euren Be¬ griffen vom Idealischen und Erhabenen paßt, antwortete Franz. Was gehen mich meine Begriffe an? sagte der Bildhauer; ich knie in Gedanken vor dem Geiste nieder, der diesen allmäch¬ tigen Bau entwarf und ausführte. Wahr¬ lich! es war ein ungemeiner Geist, der es wagte, diesen Baum mit Ästen, Zweigen und Blättern so hinzustellen, immer höher den Wolken mit seinen Felsmassen entgegen zu gehn, und ein Werk hinzuzaubern, das gleichsam ein Bild der Unendlichkeit ist. Sternbald sagte: Ich ärgere mich jetzt nicht mehr, wenn ich von diesem Riesenge¬ bäude verächtlich sprechen höre, wie es mir ehemals wohl begegnete, da ich es nur noch aus Zeichnungen kannte. Führt jeden Tad¬ ler, jeden, der von griechischer und römi¬ scher Baukunst spricht, nach Straßburg. Da steht er in voller Herrlichkeit, ist fertig, ist da, und bedarf keiner Vertheidigung in Worten und auf dem Papiere; er verschmäht das Zeichnen mit Linien und Bögen, und all' den Wirrwarr von Geschmack und edler Einfachheit. Das Erhabene dieser Größe kann keine andre Erhabenheit darstellen; die Vollendung der Symmetrie, die kühnste allegorische Dichtung des menschlichen Gei¬ stes, diese Ausdehnung nach allen Seiten, und über sich in den Himmel hinein; das Endlose und doch in sich selbst Geordnete; die Nothwendigkeit des Gegenüberstehenden, welches die andre Hälfte erläutert und fertig macht, so daß eins immer um des andern willen, und alles um die gothische Größe und Herrlichkeit auszudrücken, da ist. Es ist kein Baum, kein Wald; nein, diese all¬ mächtigen, unendlich wiederholten Stein¬ massen drücken etwas Erhabeneres, ungleich Idealischeres aus. Es ist der Geist des Menschen selbst, seine Mannigfaltigkeit zur sichtbaren Einheit verbunden, sein kühnes Riesenstreben nach dem Himmel, seine ko¬ lossale Dauer und Unbegreiflichkeit: den Geist Erwins selbst seh' ich in einer furcht¬ bar sinnlichen Anschauung vor mir stehen. Es ist zum Entsetzen, daß der Mensch aus den Felsen und Abgründen sich einzeln die Steine hervorholt, und nicht rastet und ruht, bis er diesen ungeheuren Springbrun¬ nen von lauter Felsenmassen hingestellt hat, der sich ewig, ewig ergießt, und wie mit der Stimme des Donners Anbetung vor Erwin, vor uns selbst in unsre sterblichen Gebeine hineinpredigt. Und nun klimmt unbemerkt und unkenntlich ein Wesen, gleich dem Baumeister, oben wie ein Wurm, an den Zinnen umher, und immer höher und höher, bis ihn der letzte Schwindel wieder zur flachen, sichern Erde hinunternöthigt, — wer da noch demonstriren, und Erwin und das barbarische Zeitalter bedauern kann, — o wahrhaftig, der begeht, ein armer Sün¬ der, die Verläugnung Petri an der Herr¬ lichkeit des göttlichen Ebenbildes. Hier gab der Bildhauer dem Mahler die Hand, und sagte: so hör' ich Euch gern. Aber Aber wir müssen uns trennen, fuhr er fort; hier an diesem Scheidewege geht un¬ sre Straße aus einander. Ihr kommt jetzt, junger Freund, nach Italien, indem es viel¬ leicht seine glänzendste Epoche feiert. Ihr werdet viele große und verdiente Männer antreffen, und was an ihnen das Schönste ist, erkennen. Die meisten arbeiten in der Stille. Vielleicht kommt bald, oder irgend einmal die Zeit, wo man viel Aufhebens von der Kunst macht, viel davon spricht und schreibt, Schulen errichtet, und alles in's Geleise und gehörige Ordnung bringen will, und dann ist es wahrscheinlich mit der Kunst selbst zu Ende. Jetzt thut ein jeder, was er vermag, und nach seiner besten Überzeugung; aber ich fürchte, bald stehen die falschen Propheten auf, die eine erzwungene Ehrfurcht erheucheln. Jetzt schätzt man die Kunst und ihre Künstler (2r Th.) D wirklich; dann entsteht vielleicht der After¬ enthusiasmus, der das wahrhaft Edle her¬ abwürdigt. — Lebt wohl! Sie gingen aus einander, und Franz überdachte die letzten Worte, die ihm un¬ verständlich waren. Drittes Kapitel. I ndem Rudolf und Franz ihren Weg fort¬ setzten, sprachen sie über ihre Begleiter, die sie verlassen hatten. Franz sagte: Ich kann es mir nicht erklären, vom ersten Augen¬ blicke an empfand ich einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen diesen Bildhauer, der sich mit jedem Worte, das er sprach, ver¬ mehrte. Selbst die freundschaftliche Art, mit der er am Ende Abschied nahm, war mir recht im Herzen zuwider. Der Geistliche, antwortete Rudolf, hatte im Gegentheil etwas Anlockendes, das gleich mein Zutrauen gewann; er schien ein sanfter, freundlicher Mensch, der jedem wohlwollte. Er hätte uns, fuhr Sternbald fort, die Geschichte des alten Mannes erzählen sollen, von dem er sprach. Vielleicht hätte ich dar¬ aus viel für mich selbst gelernt. D 2 Du bist viel zu gewissenhaft, mein Freund, sagte Rudolf weiter. Alles in der Welt bestimmt Dich und hat Einfluß auf Dein Gemüth. Ein Fußsteig führte sie in einen dichten kühlen Wald hinein, und sie bedachten sich nicht lange, ihm nachzugehn. Eine erquik¬ kende Luft zog durch die Zweige, und das mannigfaltigste, anmuthigste Konzert der Vögel erschallte. Es war ein lebendiges Gewimmel in den Gebüschen; die buntgefie¬ derten Sänger sprangen hier und dort hin; die Sonne flimmerte nur an einzelnen Stel¬ len durch das dichte Grün. Beide Freunde gingen schweigend neben einander, indem sie des schönen Anblicks genossen. Endlich stand Rudolf still, und sagte: Wenn ich ein Mahler wäre, Freund Sternbald, so würde ich vorzüglich Wald¬ scenen studiren und darstellen. Schon der Gedanke eines solchen Gemähldes kann mich entzücken. Wenn ich mir unter diesen däm¬ mernden Schatten die Göttin Diana vor¬ übereilend denke, den Bogen gespannt, das Gewand aufgeschürzt, und die schönen Glie¬ der leicht umhüllt, hinter ihr die Nymphen und die muntern Jagdhunde: oder stelle Dir vor, daß dieser Fußweg sich immer dich¬ ter in's Gebüsch hineinwendet, die Bäume werden immer höher und wunderbarer, ein¬ zelne Laute klingen durch das verschlungene Laub, plötzlich steht eine Grotte, eine küh¬ les Bad vor uns, und in ihm die Göttin, mit ihren Begleiterinnen, entkleidet. Oder, sagte Franz, hier im tiefen Walde ein Grabmahl, auf dem ein Freund ausge¬ streckt liegt und den Todten beweint: dazu die dunkelgrünen Schatten, der frische Ra¬ sen, die einzelnen zerspaltenen Sonnenstrah¬ len von oben, alles dies zusammen müßte ein vortreffliches Gemählde der Schwermuth ausbilden. Fühlst Du nicht oft, sprach Rudolf wei¬ ter, einen wunderbaren Zug Deines Her¬ zens dem Wunderbaren und Seltsamen ent¬ gegen? Man kann sich der Traumbilder dann nicht erwehren, man erwartet eine höchst sonderbare Fortsetzung unsers gewöhn¬ lichen Lebenslaufs. Oft ist es, als wenn der Geist von Ariosts Dichtungen über uns hinwegfliegt, und uns in seinen krystallenen Wirbel mit fassen wird; nun horchen wir auf und sind auf die neue Zukunft begierig, auf die Erscheinungen, die an uns mit bun¬ ten Zaubergewändern vorübergehn sollen: dann ist es, als wollte der Waldstrom seine Melodie deutlicher aussprechen, als würde den Bäumen die Zunge gelös't, damit ihr Rauschen in verständlichern Gesang dahin¬ rinne. Nun fängt die Liebe an auf fernen Flötentönen heranzuschreiten, das klopfende Herz will ihr entgegenfliegen, die Gegen¬ wart ist wie durch einen mächtigen Bann¬ spruch festgezaubert, und die glänzenden Minuten wagen es nicht, zu entfliehen. Ein Zirkel von Wohllaut hält uns mit ma¬ gischen Kräften eingeschlossen, und eine neue verklärtere Existenz schimmert wie räthsel¬ haftes Mondlicht in unser wirkliches Leben hinein. O Du Dichter! rief Franz aus, wenn Du nicht so leichtsinnig wärst, solltest Du ein großes Wundergedicht erschaffen, voll von gaukelnden Glanz und irrenden Klän¬ gen, voll Irrlichter und Mondschimmer; ich höre Dir mit Freuden zu, und mein Herz ist schon wunderbar von diesen Wor¬ ten ergriffen. Nun hörten sie eine rührende Waldmu¬ sik von durch einander spielenden Hörnern aus der Ferne; sie standen still und horch¬ ten, ob es Einbildung oder Wirklichkeit sey; aber ein melodischer Gesang quoll durch die Bäume ihnen wie ein rieselnder Bach entgegen, und Franz glaubte, die Geister¬ welt habe sich plötzlich aufgeschlossen, weil sie vielleicht, ohne es zu wissen, das große zaubernde Wort gefunden hätten, als habe nun der geheimnißvolle unsichtbare Strom den Weg nach ihnen gelenkt, und sie in seinen Fluthen aufgenommen. — Sie gin¬ gen näher, die Waldhörner schwiegen, aber eine süße melodische Stimme sang nun fol¬ gendes Lied: Waldnacht! Jagdlust! Leis' und ferner Klingen Hörner, Hebt sich, jauchzt die freie Brust Töne, töne nieder zum Thal Freun sich, freun sich allzumal Baum und Strauch beim muntern Schall. Klinge Bergquell, Epheuranken Dich umschwanken, Riesle durch die Klüfte schnell, Fliehet, flieht das Leben so fort, Wandelt hier, dann ist es dort, Hallt, zerschmilzt ein luftig Wort. Waldnacht! Jagdlust! Daß die Liebe Bei uns bliebe, Wohnen blieb' in treuer Brust. Wandelt, wandelt sich allzumal, Fliehet gleich dem Hörnerschall, Einsam, einsam grünes Thal. Klinge Bergquell! Ach betrogen Wasserwogen Rauschen abwärts nicht so schnell. Liebe, Leben sie eilen hin, Keins von beiden trägt Gewinn, Ach, daß ich geboren bin! Die Stimme schwieg, und die Hörner fielen nun wieder mit schmelzenden Akkor¬ den darein; dann verhallten sie, und eine andre Stimme sang von einem entfernteren Orte: Treulieb' ist nimmer weit, Nach Kummer und nach Leid Kehrt wieder Lieb' und Freud', Dann kehrt der holde Gruß, Händedrücken, Zärtlich Blicken, Liebeskuß. Treulieb' ist nimmer weit, Ihr Gang durch Einsamkeit Ist Dir, nur Dir geweiht. Bald kömmt der Morgen schön, Ihn begrüßet Wie er küsset Freudenthrän'. Die Hörner schlossen auch diesen Gesang mit einigen überaus zärtlichen Tönen. Franz und Rudolf waren indeß näher geschritten, und standen jetzt still, an einen alten Baum gelehnt, der sie fast ganz be¬ schattete. Sie sahen eine Gesellschaft von Jägern auf einem kleinen grünen Hügel ge¬ lagert, einige darunter waren diejenigen, die ihnen vorher begegnet waren. Ein schö¬ ner Jüngling, den Franz für ein verkleide¬ tes Mädchen hielt, saß in ihrer Mitte; er hatte das erste Lied gesungen, in der Ferne saß ein junger Mann, der mit schöner vol¬ ler Brust die Antwort sang, die übrigen Jäger waren zerstreut, und am Fuße des Hügels lagen die ermüdeten Hunde schnau¬ fend. Franz war wie bezaubert; das Mäd¬ chen erhob sich jetzt, es war eine schöne schlanke Gestalt, sie trug einen Helm mit grüner Feder auf dem Kopfe, ihr Anzug war mit vielen Bändern geschmückt; sie glich, von der Jagd erhitzt, einer Göttin. Jetzt ward sie die beiden Reisenden gewahr, und ging freundlich auf sie zu, indem sie sich erkundigte, auf welche Weise sie dort¬ hin gekommen wären. Rudolf merkte nun, daß sie sich verirrt haben müßten, denn sie sahen jetzt keinen Weg, keinen Fußsteig vor sich. Auf den Befehl der Jägerin reichte man ihnen Wein in Bechern zur Erfrischung; dann erzählten sie unverholen von ihrer Wan¬ derschaft. Da die schöne Jägerin hörte, daß Sternbald ein Mahler sey, bat sie beide Freunde, dem Zuge auf ihr nahe gelegenes Schloß zu folgen, Sternbald solle ausru¬ hen, und wenn er nachher wolle, etwas für sie mahlen. Franz war wie begeistert, er wünschte jetzt nichts so sehr, als in der Nähe dieses wundervollen Wesens zu bleiben, wie sie ihm erschien. Die Jäger stiegen also wieder auf ihre Pferde, und zwei von ihnen boten Franz und Rudolf ihre Hengste an. Sie stiegen auf, und Rudolf war immer der vorderste im Zuge, wobei sich seine auslän¬ dische Tracht, seine vom Hute flatternden Bänder gut ausnahmen: Sternbald aber, der noch kein Pferd bestiegen hatte, war ängstlich und blieb hinten; er wünschte, man hätte ihn zu Fuß folgen lassen. Jetzt eröffnete sich der Wald, eine schöne Ebene mit Gebüschen und krausen Hügeln in der Ferne lag vor ihnen. Die Pferde wieherten laut und fröhlich, als sie die Rück¬ kehr zur Heimath merkten; das Schloß der Gräfin lag mit glänzenden Fenstern und Zinnen zur Rechten auf einer lieblichen An¬ höhe. Ein Jäger, der mit Rudolf den Zug angeführt hatte, bot diesem an, einen Wett¬ lauf bis zum Schlosse anzustellen: Rudolf war willig, beide spornten ihre Rosse und flogen mit gleicher Eile über die Ebene, Rudolf jauchzte und triumphirte, als er sei¬ nem Mitkämpfer den Vorsprung abgewann, die übrigen folgten langsam unter einer fröhlichen Musik der Hörner. Es war um die Mittagszeit, als der Zug im Schlosse ankam, und die ganze Ge¬ sellschaft setzte sich bald darauf zur Tafel; die schöne Jägerin war aber nicht zugegen. Die Tischgesellschaft war desto lustiger, Ru¬ dolf war vom Reiten erhitzt, und da er überdies noch vielen Wein trank, war er beinahe ausgelassen. Desto mehr aber be¬ lustigte er die Gesellschaft, die es nicht müde wurde, seine Einfälle zu belachen; Franz fühlte sich gegen seine Leichtigkeit unbehol¬ fen und ohne alle Fähigkeit zum Umgange. Ein ältlicher Mann, der im Hause aufbe¬ wahrt wurde, galt für einen Dichter; er sagte Verse her, die ungemein gefielen, und noch mehr deswegen, weil er sie ohne alle Vorbereitung deklamirte. Unter dem lauten Beifall der Gesellschaft sang er folgendes Trinklied: Die Gläser sind nun angefüllt, Auf, Freunde! stoßet an, Der edle Traubensaft entquillt Für jeden braven Mann. Es geht von Mund zu Mund Das volle Glas in die Rund, Wer krank ist, trinke sich gesund. Es kommt vom Himmel Sonnenschein Und schenkt uns Freud' und Trost, Dann wächst der liebe süße Wein, Es rauschet uns der Most. Es geht von Mund zu Mund Das volle Glas in die Rund, Wer krank ist, trinke sich gesund. Da alle das Talent des Mannes be¬ wunderten, sagte Rudolf im Unwillen: Es geschieht dem Wein keine sonderliche Ehre, daß Ihr ihn auf solche Art lobt, denn es klingt beinahe, als wenn Ihr aus Noth ein Dichter wäret, der den lieben Wein nur be¬ singt, weil er sich diesen Gegenstand einmal vorgesetzt hat; es ist wie ein Gelübde, das jemand mit Widerwillen bezahlt. Warum quält Ihr Euch damit, Verse zu machen? Ihr könnt den Wein so durch funfzig Stro¬ fen verfolgen, von seiner Herkunft anfan¬ gen und seine ganze Erziehung durchgehn. Ich will Euch auf diese Art auch ein Ge¬ dicht über den Flachsbau durchsingen, und über jedes Manufakturprodukt. Das hören wir sehr ungern! rief einer von den Jägern. Wir haben den Mann immer für einen großen Dichter gehalten, sagte ein andrer, warum macht Ihr uns in unserm Glau¬ ben irre? Es ist leichter tadeln, als besser machen! rief ein dritter. Der Poet selber war sehr aufgebracht, daß ihm ein fremder Ankömmling seinen Lorbeer streitig machen wollte. Er bot dem berausch¬ berauschten Florestan einen dichterischen Zwei¬ kampf an, den die Gesellschaft nachher ent¬ scheiden sollte. Florestan gab seine Zustim¬ mung, und der alte Sänger begann so¬ gleich ein schönes Lied auf den Wein, das alle Gemüther so entzückte, daß Franz für seinen Freund wegen des Ausganges des Krieges in billige Besorgniß gerieth. Während dem Liede war die Tafel auf¬ gehoben, und Florestan bestieg nun den Tisch, indem er seinen Hut aufsetzte, der mit grünem Laube geputzt war; vorher trank er noch ein großes Glas Wein, dann nahm er eine Zitter in die Hand, auf die er artig spielte und dazu sang: Erwacht ihr Melodien Und tanzt auf den Saiten dahin, Ha! meine Augen glühen Alle Sorgen erdwärts fliehen, Himmelwärts entflattert der jauchzende Sinn. (2r Th.) E In goldenen Pokalen Verbirget die Freude sich gern, Es funkeln in den Schaalen Ha! des Weines liebe Strahlen, Es regt sich die Welle ein schimmernder Stern. In tiefen Bergesklüften Wo Gold und der Edelstein keimt, In Meeres fernen Schlüften In Adlers hohen Lüften, Nirgend Wein wie auf glücklicher Erde schäumt. Gern mancher sucht' in Schlünden Wo selber dem Bergmann graut, In felsigen Gewinden, Könnt' er die Wonne finden Die so freundlich uns aus dem Becher beschaut. — Rudolf hielt inne. Ist es mir, Herr Poet, fragte er bescheiden, nun wohl ver¬ gönnt, das Silbenmaas ein wenig zu ver¬ ändern? Der Dichter besann sich ein Weilchen, dann nickte er mit dem Kopfe, um ihm diese Freiheit zuzugestehn. Rudolf fuhr mit erhöhter Stimme fort: Als das Glück von der Erde sich wandte, Das Geschick alle Götter verbannte, Da standen die Felsen so kahl, Es verstummten der Liebenden Lieder, Sah der Mond auf Betrübte hernieder, Vergingen die Blumen im Thal. Sorg' und Angst und Gram ohne Ende Nur zur Arbeit bewegten sich Hände, Trüb' und thränend der feurige Blick, Sehnsucht selber war nun entschwunden Keiner dachte der vorigen Stunden, Keiner wünschte sie heimlich zurück. Nicht wahr, unterbrach sich Rudolf sel¬ ber, das war für die arme Menschheit eine traurige Lage, die so plötzlich das goldene Zeitalter verloren hatte? Aber hört nur weiter: Alle Götter ohn' Erbarmen Sahn hinunter auf die Armen, Ihr Verderben ihr Entschluß. E 2 O, wer wäre Mensch verblieben, Ohne Götter, ohne Lieben, Ohne Sehnsucht, ohne Kuß? — Bacchus sah, ein junger Gott Lächelnder Wang' mit Blicken munter, Zur verlaßnen Erd' hinunter Ihn bewegt' der Menschheit Noth. Und es spricht die Silberstimme: Meine Freunde sind zu wild, Ihrem eigensinn'gen Grimme Unterliegt das Menschenbild. Weil kein Tod den Gott betastet Höhnen sie die Sterblichkeit, Die, von ihrem Zorn belastet, Leben fühlt im bittern Leid. — Aber, meine Freunde, ich bin des Sin¬ gens und Trinkens überdrüssig. Und mit diesen Worten sprang er vom Tische her¬ unter. Unter der berauschten Geschaft entstand ein Gemurmel, weil sie stritten, welcher von den beiden Poeten den Preis verdiene. Die meisten Stimmen schienen für den alten Sänger; einige aber, die durch ihre Vor¬ liebe für das Neue einen bessern Verstand anzudeuten glaubten, nahmen sich des Flo¬ restan mit vielem Eifer an, unter diesen war auch Sternbald. Man weiß nicht recht, was der junge Mensch mit seinem Gesange oder Liede will, sagte einer von den ältesten. Ein gutes Weinlied muß seinen stillen Gang für sich fortgehn, damit man brav Lust bekömmt, mitzusingen, deshalb auch oft blinkt, klingt und singt darin angebracht seyn muß, wie ich es auch noch allenthalben gefunden habe. Allein was sollen mir dergleichen Geschichten? Freilich, sagte Florestan, kann es nichts sollen; aber, lieben Freunde, was soll Euch denn der Wein selber? Wenn Ihr Wasser trinkt, bleibt Ihr noch um vieles mäßiger. Nein, schrie ein andrer, auch im Weine kann und muß man mäßig seyn; der Ge¬ nuß ist dazu da, daß man ihn genießt, aber nicht so gänzlich ohne Verstand. Rudolf lachte und gab ihm Recht, wo¬ durch viele ausgesöhnt wurden und zu sei¬ ner Parthei übergingen. Ich habe nur den Tadel, sagte Sternbald, daß Dein Gedicht durchaus keinen Schluß hat. Und warum muß denn alles eben einen Schluß haben? rief Florestan, und nun gar in der entzückenden Poesie! Fangt Ihr nur an zu spielen, um aufzuhören? Denkt Ihr Euch bei jedem Spaziergange gleich das Zu¬ rückgehn? Es ist ja schöner, wenn ein Ton leise nach und nach verhallt, wenn ein Was¬ serfall immer fortbraus't, wenn die Nachti¬ gall nicht verstummt. Müßt Ihr denn Winter haben, um den Frühling zu ge¬ nießen? Es kann seyn, daß Ihr Recht habt, antworteten einige, ein Weinlied nun gar, das nichts als die reinste Fröhlichkeit ath¬ men soll, kann eines Schlusses am ersten entbehren. Wie Ihr nun wieder sprecht! rief Flo¬ restan im tollen Muthe, indem er sich ha¬ stig rund herumdrehte. Ohne Schluß, ohne Endschaft ist kein Genuß, kein Ergötzen durchaus nicht möglich. Wenn ich einen Baumgang hinuntergehe, sey er noch so schön, so muß ich doch an den letzten Baum kommen können, um stillzustehen und zu denken: dort bin ich gegangen. Im Leben wären Liebe, Freude und Entzücken Quaa¬ len, wenn sie unaufhörlich wären; daß sie Vergangenheit seyn können, macht das zu¬ künftige Glück wieder möglich, ja, zu je¬ dem großen Manne mit allen seinen bewun¬ dernswerthen Thaten gehört der Tod als unentbehrlich zu seiner Größe, damit ich nur im Stande bin, die ordentliche Summe seiner Vortrefflichkeit zu ziehn, und ihn mit Ruhe zu bewundern. In der Kunst gar ist ja der Schluß nichts weiter, als eine Er¬ gänzung des Anfangs. Ihr seyd ein wunderlicher Mensch, sag¬ te der alte Poet; so singt uns also Euren Schluß, wenn er denn so unentbehrlich ist. Ihr werdet aber damit noch viel weni¬ ger zufrieden seyn, sagte Florestan. Doch, es soll Euch ein Genüge geschehn. — Er nahm die Zitter wieder in die Hand, und spielte und sang: Bacchus läßt die Rebe sprießen, Saft durch ihre Blätter fließen, Läßt sie weiche Lüfte fächeln. Sonnet sie mit seinem Lächeln, Um die Ulme hingeschlungen Steht die neue Pflanz' im Licht, Herrlich ist es ihm gelungen, Ihn gereut die Arbeit nicht. Läßt die Blüthen röthlich schwillen Und die Beeren saftig quillen, Fürchtend die Götter und das Geschick Kömmt er in Trauben verkleidet zur Welt zurück. Nun kommen die Menschlein hergegangen Und kosten mit süßem Verlangen Die neue Frucht, den glühenden Most, Und finden den Gott, den himmlischen Trost. In der Kelter springt der muthwillige Götter¬ knabe Der Menschen allerliebste Haabe, Sie trinken den Wein, sie kosten das Glück, Es schleicht sich die goldene Zeit zurück. Der schöne Rausch erheitert ihr Gesicht Sie genießen froh das neue Sonnenlicht, Sie spüren selber Götter- und Zauberkraft Die ihnen die neue Gabe schafft. Die Blicke feurig angeglommen Zwingen sie die Venus zurückzukommen, Die Göttin ist da und darf nicht fliehn Weil sie sie mächtig rückwärts ziehn. Die Götterschaar wird zum Erstaunen bewogen, Sie kommen alle zurückgezogen: Wir wollen wieder bei Euch wohnen, Ihr Menschen bauet unsre Thronen. Was brauchen wir Euch und Euer Geschick? So tönt von der Erde die Antwort zurück, Wir können Euch ohne Gram entbehren Wenn Wein und Liebe bei uns gewähren. Nun schwieg er still, und legte mit ei¬ ner anständigen Verbeugung die Zitter weg. Das ist nun gar gottlos! riefen viele von den Zuhörern, Euer Schluß ist das Uner¬ laubteste von allem, was Ihr uns vorge¬ gesungen habt. Der Streit über den Werth der beiden Dichter fing von neuem an. Sternbald ward hitzig für seinen Freund, und da er ihn einigemal bei seinem Namen Florestan nannte, so ward der andre Poet dadurch aufmerksam gemacht; er fragte, er erkun¬ digte sich, das Gespräch nahm eine andre Wendung. Es fand sich, daß die beiden Streitenden Verwandte waren; sie umarm¬ ten sich, sie freuten sich beide, einander so unverhofft anzutreffen, und es wurde nun weiter an keine Vergleichung ihrer Talente gedacht. Viertes Kapitel . D ie Gesellschaft zerstreute sich hierauf, und Franz verließ nach dem Getümmel gern das Haus, um sich in den Schloßgarten zu be¬ geben. Eine geschmückte Dame, die er an¬ fangs nicht erkannte, begegnete ihm im Gange; es war niemand, als die Jägerin. Sie grüßten sich freundlich, aber nach einem kurzen Gespräch trennten sie sich wieder. Franz betrachtete sinnend einen künstlichen Springbrunnen, der mit seinen krystallenen Strahlen die Luft lieblich abkühlte, und ein sanftes Geräusch ertönen ließ, zu dem die nahen Vögel williger und angenehmer sangen. Er hörte auf den mannichfaltigen Wohllaut, auf den Wechselgesang, den die Fontaine gleichsam mit den Waldbewohnern führte, und sein Geist verlor sich dann wieder in eine entfernte wunderbare Zaubergegend. Bin ich getäuscht, oder ist es wirklich? sagte er zu sich selber; ich werde ungewiß, ob mir allenthalben ihr süßes Bild begegnet, oder sie meine Phantasie nur in allen Ge¬ stalten wieder erkennt. Diese Gräfin gleicht ihr, die ich nicht zu nennen weiß, die ich suche und doch raste, für die ich nur lebe und sie doch gewiß verliere. Eine Flöte ertönte aus dem Gebüsch, und Franz setzte sich auf eine schattige Ra¬ senbank, um den Tönen ruhiger zuzuhören. Als der Spielende eine Weile musicirt hat¬ te, sang eine wohlbekannte Stimme folgen¬ Holdes, holdes Sehnsuchtrufen, Aus dem Wald, vom Thale her: Klimm' herab die Felsenstufen, Folg' der Oreade Rufen Und vertrau dem weiten Meer. Wohl seh ich Gestalten wanken Die bewegten Zweige schwanken, Sie entschimmern wie Gedanken, Die der Schlaf hinweggefacht. Komm' Erinnrung, liebe Treue, Die mir oft im Arm geruht, Nahe flüsternd mir und weihe Diese Brust, dann fühlt der Scheue Neue Kraft und Lebensmuth. Kinder lieben da die Scherze Und ich bin ein thöricht Kind, Treu verblieb Dir doch mein Herze, Leichtsinn nur im frohen Scherze, Bin noch so wie sonst gesinnt. Wald und Thal und grüne Hügel Kennt die Wünsche meiner Brust, Wie ich gern mit goldnem Flügel Von der Abendröthe Hügel Möchte ziehn zu meiner Lust. Erd' und Himmel nun in Küssen Wie mit Liebesschaam entbrennt, Ach! ich muß den Frevel büßen, Lange noch die Holde missen Die mein ganzes Herze nennt. Morgenröthe kommt gegangen, Macht den Tag von Banden frei, Erd' und Himmel bräutlich prangen, Aber ach! ich bin gefangen, Einsam hier im süßen Mai. Lieb' und Mailust ist verschwunden, Ist nur Mai in ihrem Blick, Keine Rose wird erfunden, Flieht und eilt ihr trägen Stunden, Bringt die Braut mir bald zurück. Es war Rudolf, der nun hervortrat, und sich zu Sternbald an dem Rande des Springbrunnens niedersetzte. Ich erkannte Dich wohl, sagte Franz, aber ich wollte Dich in Deinem zärtlichen Gesange nicht stören; doch siehst Du munterer aus, als ich Dich erwartet hätte. Ich bin recht vergnügt, sagte Florestan, der heutige Tag ist einer meiner heitersten; denn ich kenne nichts Schöneres, als so recht viel und mancherlei durch einander zu empfinden, und deutlich zu fühlen, wie durch Kopf und Herz gleichsam goldene Sterne ziehn, und den schweren Menschen wie mit einer lieben wohlthätigen Flamme durchschimmern. Wir sollten täglich recht viele Stimmungen und frische Anklänge zu erleben suchen statt uns aus Trägheit in uns selbst und die alltägliche Gewöhnlichkeit zu verlieren. Der Schluß Deines heutigen Trinklie¬ des, antwortete Franz, hat mir nicht gefal¬ len; es ist doch immer unerlaubt, auf diese Art mit dem Leichtsinn zu scherzen. O, mein Freund, rief Rudolf aus, wie bist bist Du denn heute so gar schwerfällig ge¬ worden, daß Du es mit einer augenblickli¬ chen Begeisterung so ernst und strenge nimmst. Laß doch der unschuldigen Poesie ihren Gang, wenn der klare Bach sich einmal ergießt, der Scherz soll ja nichts weiter als Scherz be¬ deuten; willst Du ihn aber für eine Entwei¬ hung des Feierlichen und Erhabenen neh¬ men, so thust Du Dir selbst zu nahe. Sing dafür lieber mit mir dies Lied. Franz mußte das vorige Lied wiederho¬ len, und Florestan begleitete ihn mit seiner Flöte; als es geendigt war, sagte Rudolf: ich habe diesen Gesang heute Nachmittag aufgeschrieben, als die Abendröthe anfing heraufzurücken, ich hörte eine Flöte anspie¬ len, und der Ton des Instruments gab mir diese Verse ein. Das ist ein Beitrag zu jenen Liedern, sagte Sternbald, die Du mir vor Antwerpen (2r Th.) F einmal sangest. Ich habe sie mir aufge¬ schrieben, und kann manchmal nicht finden, daß sie sich zu den Überschriften passen. Es thut nichts, sagte Florestan, sie mö¬ gen auch wohl unpassend seyn, aber mir kam es so vor, als ich sie machte; wer es nicht mitfühlt, dem ist es auch nicht zu be¬ weisen. Sie sollten gleichsam die Akzente seyn, in die diese Instrumente freiwillig übergingen, wie sie als lebendige Wesen sprechen und sich ausdrücken würden. Man könnte sich, wenn man sonst Lust hätte, ein ganzes Gesprächstück von mancherlei Tönen aussinneu . Es kann seyn, antwortete Franz, von Blumen kann ich es mir gewissermaßen vor¬ stellen. Es ist freilich immer nur ein Cha¬ rakter in allen diesen Dingen, wie wir ihn als Menschen wahrzunehmen vermögen. So geschieht alle Kunst, antwortete Florestan; die Thiere können wir schon rich¬ tiger fühlen, weil sie uns etwas näher stehn. Ich hatte einmal Lust, aus Lämmern, ei¬ nigen Vögeln und andern Thieren eine Ko¬ mödie zu formiren, aus Blumen ein Liebes¬ stück und aus den Tönen der Instrumente ein Trauer-, oder, wir ich es lieber nennen möchte, ein Geisterspiel. Die meisten Leute würden es zu fan¬ tastisch finden, sagte Sternbald. Das würde gerade meine Absicht seyn, antwortete Rudolf, wenn ich mir Mühe geben wollte, es niederzuschreiben. Es ist indeß schon Abend geworden. Kennst Du Dante's großes Gedicht? Nein, sagte Franz. Auf eine ähnliche ganz allegorische Weise ließe sich vielleicht eine Offenbarung über die Natur schreiben, voller Begeisterung und mit prophetischem Geiste durchdrungen. Ich habe F 2 Dir einigemal von den seltsamen Arten der spanischen Poesie gesgrochen , getraust Du Dir nun mit mir ein solches Wechsellied zu singen, wie ich es Dir beschrieben habe? Wir könnten es versuchen, sagte Franz, aber Du mußt das Silbenmaas setzen. Rudolf fing an: Wer hat den lieben Frühling aufgeschlagen Gleich wie ein Zelt In blühn'der Welt? Die Wolken sich nun abwärts jagen; Das Thal voll Sonne, Der Wald mit Wonne Und Lied durchklungen: — Der Liebe ist das schöne Werk gelungen. Franz . Der Liebe ist das schöne Werk gelungen Der Winter kalt Entwich ihr bald, Holdsel'ge Macht hat ihn bezwungen. Die Blumen süße Der Quell, die Flüsse, Befreit von Banden Sind aus des Winters hartem Schlaf erstanden. Rudolf . Sind aus des Winters hartem Schlaf erstanden Der Wechselsang Der Echoklang, Die sich durch Waldgezweige fanden. Die Nachtigallen- Gesänge schallen, Die Lindendüfte Liebkosen liebevoll die Frühlingslüfte. Franz . Liebkosen liebevoll die Frühlingslüfte. Die Blumenschaar Sie beut sich dar Von Rosen glühn die Felsenklüfte, Um Lauben schwanken Die Geisblattranken, Des Himmels Ferne Erhellen tausend goldne kleine Sterne. Rudolf. Erhellen tausend goldne kleine Sterne So golden klein Der Flimmerschein Erleuchtet unsre Erde gerne. Mit Liebesblicken, Uns zu beglücken Schaut grüßend nieder Die Lieb' und freut' sich unsrer Grüße wieder. Franz. Die Lieb' und freut sich unsrer Grüße wieder, Die Blumenwelt Uns zugesellt, Gesandt von ihr des Waldes Lieder: Sie schickt die Rose Daß sie uns kose Daß wir ihr danken Streckt sie entgegen uns die Geisblattsranken. Rudolf. Streckt sie entgegen uns die Geisblattsranken Die Lilienpracht Grüßt uns mit Macht Daß wir nicht fern von Lieb' erkranken Und leise drücken Wir Dank in Blicken Der Lilie Wange Damit die Lieb' von uns den Dank empfange. Franz. Damit die Lieb' von uns den Dank empfange Wird Mädchenmund Geküßt zur Stund', Und Nacht'gall plaudert's im Gesange. Die Liebe höret Was jeder schwöret, Sie wacht dem Eide Verfolgt den Frevelnden mit bittern Leiden. Rudolf. Verfolgt den Frevelnden mit bittern Leiden, Das Mädchen flieht Wenn sie ihn sieht Ach! jede mag ihn gerne meiden. In Händen welken Ihm Ros' und Nelken, Die Himmelslichter Erblassen und er ist ein schlechter Dichter. Und darum wollen wir lieber aufhören, sagte Rudolf, indem er aufstand; denn ich gehöre seibst nicht zu den reinsten. Die beiden Freunde gingen nun zurück; der Abend hatte sich schon mit seinen dichte¬ sten Schatten über den Garten ausgestreckt, und der Mond ging eben auf. Franz stand sinnend am Fenster seines Zimmers, und sah nach dem gegenüberliegenden Berge, der mit Tannen und Eichen bewachsen war, zu ihm hinauf schwebte der Mond, als wenn er ihn erklimmen wollte, das Thal glänzte im ersten funkelndgelben Lichte, der Strom ging brausend dem Berge und dem Schlosse vorüber, eine Mühle klapperte und saus'te in der Ferne, und nun aus einem entlege¬ nen Fenster wieder die nächtlichen Hörner¬ töne, die dem Monde entgegengrüßten, und drüben in der Einsamkeit des Bergwaldes verhallten. Müssen mich diese Töne durch mein ganzes Leben verfolgen? seufzte Franz; wenn ich einmal zufrieden und mit mir zur Ruhe bin, dann dringen sie wie eine feind¬ liche Schaar in mein innerstes Gemüth, und wecken die kranken Kinder, Erinnerung und unbekannte Sehnsucht wieder auf. Dann drängt es mir im Herzen, als wenn ich wie auf Flügeln hinüberfliegen sollte, höher über die Wolken hinaus, und von oben herab meine Brust mit neuem, schöneren Klange anfüllen und meinen schmachtenden Geist mit dem höchsten, letzten Wohllaut ersättigen. Ich möchte die ganze Welt mit Liebesgesang durchströmen, den Mondschimmer und die Morgenröthe anrühren, daß sie mein Leid und Glück wiederklingen, daß die Melodie Bäume, Zweige, Blätter und Gräser er¬ greife, damit alle spielend meinen Gesang wie mit Millionen Zungen wiederholen müßten. — — Er war am folgenden Morgen sehr früh aufgestanden und hatte das Schloß durch¬ wandert. In einem Zimmer hing ein Brust¬ bild eines Mannes, mit einem kostbaren Hute und einer blauen Feder geschmückt; die Miene zog ihn an, und als er es ge¬ nauer betrachtete, glaubte er in diesem Kopfe das Gesicht des Mönchs zu entdek¬ ken, der den Bildhauer Bolz begleitet hatte. Je mehr er das Bild untersuchte, je über¬ zeugender fand er die Ähnlichkeit. — Jetzt trat Rudolf zu ihm, dem er seine Entdek¬ kung mittheilte; Florestan fand sie nach sei¬ ner leichtsinnigen Art nicht sonderlich wich¬ tig, sondern brach das Gespräch darüber bald ab, indem er sagte: Ich habe gestern noch, lieber Franz, ein andres Gedicht ge¬ schrieben, in dem ich versucht habe, eine Stimmung auszudrücken und darzustellen, die schon oft meine Seele erfüllt hat. Er las: Mondscheinlied. Träuft vom Himmel der kühle Thau Thun die Blumen die Kelche zu, Spätroth sieht scheidend nach der Au, Flüstern die Pappeln, sinkt nieder die nächt'ge Ruh'. Kommen und gehn die Schatten Wolken bleiben noch spät auf Und ziehn mit schwerem, unbeholfnem Lauf Über die erfrischten Matten. Kommen die Sterne und schwinden wieder Bllcken winkend und flüchtig nieder, Wohnt im Wald die Dunkelheit Dehnt sich Finster weit und breit. Hinter'm Wasser wie flimmende Flammen, Berggipfel oben mit Gold beschienen, Neigen rauschend und ernst die grünen Gebüsche die blinkenden Häupter zusammen. Welle, rollst Du herauf den Schein Des Mondes rund freundlich Angesicht? Es merkt's und freudig bewegt sich der Hain Streckt die Zweig' entgegen dem Zauberlicht. Fangen die Geister auf den Fluthen zu springen, Thun sich die Nachtblumen auf mit Klingen, Wacht die Nachtigall im dicksten Baum Verkündet dichterisch ihren Traum, Wie helle, blendende Strahlen die Töne niederfließen Am Bergeshang den Wiederhall zu grüßen. Flimmern die Wellen, Funkeln die wandernden Quellen, Streifen durch's Gesträuch Die Feuerwürmchen bleich. — Wie die Wolken wandelt mein Sehnen, Mein Gedanke bald dunkel bald hell, Hüpfen Wünsche um mich wie der Quell, Kenne nicht die brennenden Thränen. Bist Du nah, bist Du weit, Glück das nur für mich erblühte? Ach! daß es die Hände biete In des Mondes Einsamkeit. Kömmt's aus dem Walde? schleicht's vom Thal, Steigt es den Berg vielleicht hernieder? Kommen alte Schmerzen wieder? Aus Wolken ab die entfloh’ne Quaal? Und Zukunft wird Vergangenheit, Bleibt der Strom nie ruhig stehn, Ach! ist Dein Glück auch noch so weit Magst Du entgegen gehn, Auch Liebesglück wird einst Vergangenheit. Wolken schwinden, Den Morgen finden Die Blumen wieder; Doch ist die Jugend einst entschwunden, Ach! der Frühlingsliebe Stunden, Steigen keiner Sehnsucht nieder. Fünftes Kapitel. E s waren indeß einige Tage verflossen; Sternbald hatte die Gräfin zu mahlen an¬ gefangen, neben ihr mußte er den Ritter zeichnen, der dem Mönche so ähnlich sah. Sein Geist war mit der Schönheit seines Gegenstandes beschäftigt, er wußte nicht mehr, ob er sich in Gegenwart der Jägerin seiner Unbekannten erinnere, oder diese Bil¬ dung selber liebgewann. Sie ließ sich als Jägerin darstellen, fast eben so, wie er sie zum erstenmale gesehn hatte. Er ließ oft Musik in den Saal brin¬ gen, und ihm war dann, als wäre seine Hand sicherer und geläufiger, als würde dann sein Geist zur Kunst lieblicher ange¬ trieben. Er zitterte oft, wenn er die zarten Umrisse des Busens anblickte und abzeich¬ nete, wenn er den Glanz der schalkhaft feurigen Augen ausdrücken wollte. Florestan hatte das Schloß verlassen, und schwärmte wieder in den benachbarten Gegenden umher, weil er niemals lange an einem Orte verweilen mochte. Franz wollte diese Zeit benutzen, um seinem Dürer und Sebastian einen weitläuftigen Brief zu schrei¬ ben, allein er verschob es von einem Tage zum andern. An manchen Tagen sprach die Gräfin viel, indem er sie mahlte, und seine Aufmerksamkeit wurde gewöhnlich dann ganz zerstreut. Die Gräfin war an jedem Tage in ei¬ ner andern Laune, ja sie konnte sogar in derselben Stunde die Stimmung ihres Ge¬ müths auffallend verändern. Franz fühlte einige Theilnahme, wenn sie traurig war, aber er war in einer quälenden Verlegen¬ heit, wenn sie ihm mit vertraulicher Lustig¬ keit näher kam. Dann konnte ihn Musik trösten und beruhigen, es war, als wenn ihn die angeschlagenen Akkorde dreister und kühner machten, die Töne waren sein Bei¬ stand und ihm wie zärtliche Freunde nahe, seine Hand arbeitete schneller und williger, und sein Gemüth war durchsichtig und rein wie ein heller Bach. Die Gräfin schien ihn mit jedem Tage lieber zu gewinnen, Franz war gewöhnlich stumm, aber sie sprach desto mehr: ihre lebhafte Beweglichkeit ertrug nicht den Stillstand einer Minute, sie machte sich immer etwas zu schaffen, sie erzählte hundert kleine Geschichten, und Sternbald wurde nicht selten durch ihre Munterkeit gestört. So erfuhr er unter vielen andern Er¬ zählungen, daß sie einige Verwandten in Italien und zwar in Rom habe, an die sie ihm auch Briefe mitzugeben versprach. Sie schil¬ schilderte die Lebensart der ganzen Familie und die Eigenheiten eines jeden Charakters bis auf den kleinsten Umstand, sie ging so weit, daß sie Stellungen und Mienen nach¬ ahmte, wodurch denn Franz zuweilen im Mahlen aufgehalten wurde, ja sie unterließ nicht, die Arbeit nach ihrer Laune zu unter¬ brechen, um mit ihm durch den Garten zu spazieren. Oft verlor sie sich dann so plötz¬ lich in ein trübseliges Nachsinnen, in weh¬ müthige Klagen, daß Franz mit vieler An¬ strengung das Amt eines tröstenden Freun¬ des bei ihr übernehmen mußte. Als Sternbald ihren Kopf fast vollendet hatte, und er nun an die Abschilderung des Ritters ging, war ihre Lebhaftigkeit noch mehr erhöht. Ihr müßt wissen, lieber Freund, sagte sie, daß jenes Bild von ei¬ nem wahren Stümper in der edlen Kunst herrührt, der es noch gar nicht einmal ver¬ (2r Th.) G stand, das Holdselige und Angenehme eines Antlitzes zu fühlen und auszudrücken, ihm war es nur darum zu thun, einen Kopf mit den gewöhnlichen Sinnen fertig zu machen, der dem Originale im Groben ähnlich sähe. Ihr müßt Euch die Klarheit der Augen, das süße Lächeln der freundlichen Lippen nur vorstellen, denn das Bild selbst giebt Euch keine Anweisung zu dergleichen. O, wenn er doch hier wäre! wenn er so vor Euch stände, und ich ihm den Arm um den schö¬ nen Nacken schlänge! Unmöglich könnt Ihr es Euch vorstellen, und das Gemählde muß nothwendig kalt werden. Aber freilich sieht es ihm dann um so ähnlicher, denn er ist jetzt auch kalt und fühllos. Wo mag er umher¬ irren, und wann kommt er zu mir zurück? Sie stand auf, Franz mußte die Mah¬ lerei bei Seite legen, sie gingen in ein be¬ nachbartes Gehölz. Hier sah ich ihn zum letztemale, fuhr die Gräfin fort, hier stieg er auf sein Roß, und sagte mir sein heuch¬ lerisches Lebewohl, er wolle noch am Abend wiederkommen; aber es ist schon in meiner Seele Abend geworden, und er ist noch nicht wieder da. Könnt' ich den Undankbaren ver¬ gessen, dies Andenken, sein Bild aus mei¬ nem Herzen verstoßen, und wieder so glück¬ lich und zufrieden werden, als ich vormals war! Dies thörichte Herz will ihm nach, ihn in weiter Welt aufsuchen, und weiß doch nicht, wohin? Ich finde ihn niemals wieder! ‒ ‒ Sie setzten sich im Schatten nieder, und nach einem kleinen Stillschweigen fuhr die Dame fort: Ich will Euch kürzlich meine ganze Geschichte erzählen; sie ist unbedeu¬ tend und kurz, aber Ihr habt etwas in Eu¬ rem Wesen, einen Blick Eurer Augen, das alles mir mein Zutrauen abgewinnt. Wenn G 2 man recht unglücklich ist, und sich durchaus verlassen fühlt, so sehnt man sich nach dem Mitleiden einer guten Seele, wie nach ei¬ ner herrlichen Gabe, und darum will ich Euch meine Leiden vertrauen. Kurz nach¬ her, als mich der Tod meines Vaters in den Besitz meiner Güter setzte, erschien in der Nachbarschaft hier ein junger Ritter, der vorgab, er komme aus Franken. Er war so jung, schön und liebenswürdig, daß man ihn allenthalben gern sah: es verging nur wenige Zeit, und es schien, daß er sich in meiner Gegenwart am meisten gefalle, daß ihn nur das freue, was auf mich eini¬ gen Bezug habe. Mir schmeichelte dieser Vorzug, ich kam ihm eben so entgegen, wie er mir, ich schenkte ihm mein reinstes Wohl¬ wollen; denn es ist einmal der Fehler un¬ seres Geschlechts, an List und Verstellung nicht zu glauben, sondern sich von dem Irr¬ thume blenden zu lassen, als könne jede von uns durch einen Betrüger niemals betrogen werden. Was soll ich weitläuftig seyn? Ihr kennt mein Herz nicht, und gehört selbst zu dieser hinterlistigen Rotte. Er gestand mir seine Liebe, ich ihm meine Zuneigung; er nannte mir seinen Namen, und bekannte, daß er ein armer Edelmann sey, der mir kein Glück anbieten könne; ich wollte ihn zum Herrn aller meiner Besitzthümer machen, ich fand mich so groß darin, ihm mein Ei¬ genthum, mich selbst ihm zu schenken. Schon war unsre Verlobung, schon der Tag unsrer Vermählung bestimmt, als er mich plötzlich nach einer Jagd hier auf dieser Stelle ver¬ ließ. Er wolle einen Freund in der Nach¬ barschaft besuchen, war sein Vorgeben; er lächelte noch, als er fortritt, und seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehn. Franz konnte nach ihrer Erzählung nichts antworten, er blieb in sich gekehrt, und wünschte seinen Freund Florestan zurück, der sich in jede Lage des Lebens mit Leichtigkeit fand. Es war indeß Abend geworden, und die Jäger kamen mit einer Jagdmusik aus dem Walde zurück, dadurch wurde das Ge¬ spräch beendigt. Sternbald war verdrüßlich, daß alle Gegenstände und Gespräche so hart auf sein Gemüth fielen, so daß ihn der Ein¬ druck davon bemeisterte und sein Lebenslauf dadurch gestört wurde. Schon seit langer Zeit hatte er viel von einem wunderbaren Menschen sprechen hören, der sich in den benachbarten Bergen aufhielt, halb wahnsinnig seyn sollte, in der Einsam¬ keit lebte, und niemals seinen öden Aufent¬ halt verließ. Was Franz besonders anzog, war, daß dieser abentheuerliche Eremit auch ein Mahler war, und gewöhnlich denen, die ihn besuchten, Bildnisse oder andre Mah¬ lereien zeigte, sie auch um einen billigen Preis verkaufte. Man erzählte so viel Wunder¬ bares von diesem Manne, daß Franz der Begier unmöglich widerstehn konnte, ihn selber auzusuchen. Da Florestan immer noch nicht zurückkam, und die Gräfin wieder eine Jagd, ihre Lieblingsergötzung anstellte, mach¬ te er sich an einem schönen Morgen auf den Weg, um den bezeichneten Aufenthalt zu suchen. Unterwegs überdachte er nach langer Zeit wieder die Veränderungen seines Lebens, es schien ihm alles so sonderbar und doch so gewöhnlich, er wünschte die Fortsetzung sei¬ ner Schicksale und fürchtete sie, er erstaunte über sich selber, daß ihn der Enthusiasmus, der ihn zur Reise angetrieben, seitdem nur selten wieder besucht habe. Er stand oben auf dem Hügel, und sah im Thale die versammelte Jagd, die vom Schlosse ausritt, und sich durch die Ebene verbreitete. Es klangen wieder die musika¬ lischen Töne zu ihm hinauf, die durch den frischen Morgen in den Bergen wiederschall¬ ten, die Eichen und Tannen rührten sich be¬ deutungsvoll. Bald verlor er die Jagd aus dem Gesichte, die Musik der Hörner ver¬ schwand, und er wandte sich tiefer in's Ge¬ birge hinein, wo die Gegend plötzlich ihren anmuthigen Charakter verlor, und wilder und verworrener ward, die Aussicht in das ebene Land schloß sich, man verlor den vol¬ len herrlichen Strom aus dem Gesichte, die Berge und Felsen wurden kahl und un¬ fruchtbar. Der Weg wand sich enge und schmal zwischen Felsen hindurch, Tannengebüsch wechselte auf dem kahlen Boden, und nach einigen Stunden stand Franz auf dem hö¬ heren Gipfel des Gebirges. Nun war es wieder wie ein Vorhang niedergefallen, seinem Blicke öffnete sich die Ebene wieder, die kahlen Felsen unter ihm verloren sich lieblich in dem grünen Gemisch der Wälder und Wiesen, die unfreundliche Natur war verschwunden, sie war mit der lieblichen Aussicht eins, von dem übrigen verschönert, diente sie selber die andern Ge¬ genstände zu verschönern. Da lag die Herr¬ lichkeit der Ströme vor ihm ausgebreitet, er glaubte vor den plötzlichen Anblick der weiten, unendlichen, mannigfaltigen Natur zu vergehn, denn es war, als wenn sie mit herzdurchdringende Stimme zu ihm hinauf¬ sprach, als wenn sie mit feurigen Augen vom Himmel und aus dem glänzenden Strom heraus nach ihm blickte, mit ihren Riesen¬ gliedern nach ihm hindeutete. Franz streckte die Arme aus, als wenn er etwas Unsicht¬ bares an sein ungeduldiges Herz drücken wollte, als möchte er nun erfassen und fest¬ halten, wonach ihm die Sehnsucht so lange gedrängt: die Wolken zogen unten am Ho¬ rizont durch den blauen Himmel, die Wie¬ derscheine und die Schatten streckten sich auf den Wiesen aus, und wechselten mit ihren Farben, fremde Wundertöne gingen den Berg hinab, und Franz fühlte sich wie fest¬ gezaubert, wie ein Gebannter, den die zau¬ bernde Gewalt stehen heißt, und der sich dem unsichtbaren Kreise, trotz alles Bestre¬ bens, nicht entreißen kann. O, unmächtige Kunst! rief er aus, und setzte sich auf eine grüne Felsenbank nieder; wie lallend und kindisch sind Deine Töne, gegen den vollen harmonischen Orgelgesang, der aus den innersten Tiefen, aus Berg und Thal und Wald und Stromesglanz in schwellenden, steigenden Akkorden herauf¬ quillt. Ich höre, ich vernehme, wie der ewige Weltgeist mit meisterndem Finger die furchtbare Harfe mit allen ihren Klängen greift, wie die mannigfaltigsten Gebilde sich seinem Spiel erzeugen, und umher und über die ganze Natur sich mit geistigen Flügeln ausbreiten. Die Begeisterung meines klei¬ nen Menschenherzens will hineingreifen, und ringt sich müde und matt im Kampfe mit dem Hohen, der die Natur leise lieblich re¬ giert, und mein Hindrängen zu ihm, mein Winken nach Hülfe in dieser Allmacht der Schönheit vielleicht nicht gewahrt. Die un¬ sterbliche Melodie jauchzt, jubelt und stürmt über mich hinweg, zu Boden geworfen schwin¬ delt mein Blick und starren meine Sinnen. O, ihr Thörichten! die ihr der Meinung seyd, die allgewaltige Natur lasse sich ver¬ schönen, wenn ihr nur mit Kunstgriffen und kleinlicher Hinterlist eurer Ohnmacht zu Hülfe eilt, was könnt ihr anders, als uns die Natur nur ahnden lassen, wenn die Natur uns die Ahndung der Gottheit giebt? Nicht Ahndung, nicht Vorgefühl, urkräftige Em¬ pfindung selbst, sichtbar wandelt hier auf Höhen und Tiefen die Religion, empfängt und trägt mit gütigem Erbarmen auch mei¬ ne Anbetung. Die Hieroglyphe, die das Höchste, die Gott bezeichnet, liegt da vor mir in thätiger Wirksamkeit, in Arbeit, sich selber aufzulösen und auszusprechen, ich fühle die Bewegung, das Räthsel im Be¬ griff zu schwinden, — und fühle meine Menschheit. — Die höchste Kunst kann sich nur selbst erklären, sie ist ein Gesang, de¬ ren Inhalt nur sie selbst zu seyn vermag. Ungern verließ Sternbald seine Begei¬ sterung, und die Gegend, die ihn entzückt hatte, ja er trauerte über diese Worte, über diese Gedanken, die er ausgesprochen, daß er sie nicht immer in frischer Kraft aufbe¬ wahren könne, daß neue Eindrücke und neue Ideen diese Empfindungen vertilgen oder überschütten würden. Ein dichter Wald empfing ihn auf der Höhe, er warf oft den Blick zurück, und schied ungern, als wenn er das Leben ver¬ ließe. Der einsame Schatten erregte ihm gegen die freie Landschaft eine seltsame Em¬ pfindung, seine Brust ward beklemmt und von Ängstlichkeit zusammengezogen. Als er kaum eine halbe Stunde gegangen war, stand er vor einer kleinen Hütte, die offen war, in der er aber niemand antraf. Er¬ müdet warf er sich unter einen Baum, und betrachtete die beschränkte Wohnung, das dürftige Geräth, mit vieler Rührung eine alte Laute, die an der Wand hing, und auf der eine Saite fehlte. Palletten und Farben lagen und standen umher, einige Kleidungs¬ stücke; Sternbald war wie in die uralte Zeit versetzt, von der wir so gern erzählen hö¬ ren, wo die Thür noch keinen Riegel kennt, wo noch kein Frevler des andern Gut be¬ tastet hat. Nach einiger Zeit kam der alte Mahler zurück; er wunderte sich gar nicht, einen Fremdling vor seiner Schwelle anzutreffen, sondern ging in seine Hütte, räumte auf, und spielte dann auf der Zitter, als wenn niemand zugegen wäre. Franz betrachtete den Alten mit Verwunderung, der indessen wie ein Kind in seinem Hause saß, und zu erkennen gab, wie wohl ihm sey in seiner kleinen Heimath, unter den befreundeten, wohlbekannten Tönen seines Instrumentes. Als er sein Spiel geendigt, packte er Kräu¬ ter, Moos und Steine aus seinen Taschen, und legte sie sorgfältig in kleine Schachteln zurecht, indem er jedes aufmerksam betrach¬ tete. Über manches lächelte er, anderes schien er mit einiger Verwunderung anzu¬ schauen, indem er die Hände zusammen¬ schlug, oder ernsthaft den Kopf schüttelte. Immer noch sah er nach Sternbald nicht hin, bis dieser endlich in das kleine Haus hineintrat, und ihm seinen Gruß anbot. Der alte Mann gab ihm die Hand, und nöthigte ihn schweigend, sich niederzusetzen, indem er sich weder verwunderte, noch ihn als einen Fremden genau beachtete. Die Hütte war mit mannigfaltigen Stei¬ nen aufgeputzt, Muscheln standen umher, durchmengt von seltsamen Kräutern, ausge¬ stopften Thieren und Fischen, so daß das Ganze ein höchst abentheuerliches Ansehn erhielt. Stillschweigend holte der Alte un¬ serm Freunde einige Früchte, die er ihn ebenfalls mit stummer Gebehrde vorsetzte. Als Franz einige davon gegessen hatte, in¬ dem er immer den wunderbaren Menschen beobachtete, fing er mit diesen Worten das Gespräch an: Ich habe mich schon seit lan¬ ger Zeit darauf gefreut, Euch zu sehn, ich hoffe nun, Ihr zeigt mir auch einige von Euren Mahlereien, denn auf diese bin ich vorzüglich begierig, da ich mich selbst zur edlen Kunst bekenne. Seyd Ihr ein Mahler? rief der Alte aus, nun wahrlich, so freut es mich, Euch hier zu sehn, seit lange ist mir keiner be¬ gegnet. Aber Ihr seyd noch sehr jung, Ihr habt wohl schwerlich schon den rechten Sinn für die große Kunst. Ich thue mein mögliches, antwortete Franz, und will immer das Beste, aber ich fühle freilich wohl, daß das nicht zureicht. Es ist immer schon genug, rief jener aus; freilich ist es nur Wenigen gegeben, das Wahrste und Höchste auszudrücken, ei¬ gentlich können wir uns alle ihm nur nähern, aber aber wir haben unsern Zweck gewißlich schon erreicht, wenn wir nur das wollen und er¬ kennen, was der Allmächtige in uns hinein¬ gelegt hat. Wir können in dieser Welt nur wollen , nur in Vorsätzen leben, das ei¬ gentliche Handeln liegt jenseits, und besteht gewiß aus den eigentlichsten, wirklichsten Gedanken, da in dieser bunten Welt alles in allem liegt. So hat sich der großmäch¬ tige Schöpfer heimlich- und kindlicherweise durch seine Natur unsern schwachen Sinnen offenbart, er ist es nicht selbst, der zu uns spricht, weil wir dermalen zu schwach sind, ihn zu verstehn; aber er winkt uns zu sich, und in jedem Moose, in jeglichem Gestein ist eine geheime Ziffer verborgen, die sich nie hinschreiben, nie völlig errathen läßt, die wir aber beständig wahrzunehmen glau¬ ben. Fast eben so macht es der Künstler: wunderliche, fremde, unbekannte Lichter schei¬ (2r Th.) H nen aus ihm heraus, und er läßt die zau¬ berischen Strahlen durch die Krystalle der Kunst den übrigen Menschen entgegenspie¬ len, damit sie nicht vor ihm erschrecken, sondern ihn auf ihre Weise verstehn und begreifen. Nun vollendet sich das Werk, und dem Geoffenbarten liegt ein weites Land, eine unabsehliche Aussicht da, mit allem Menschenleben, mit himmlischen Glanz überleuchtet, und heimlich sind Blumen hin¬ eingewachsen, von denen der Künstler selber nicht weiß, die Gottes Finger hineinwirkte, und die uns mit ätherischem Zauber anduf¬ ten und uns unmerkbar den Künstler als ei¬ nen Liebling Gottes verkündigen. Seht, so denke ich über die Natur und über die Kunst. Franz war vor Erstaunen wie gefesselt, denn dermaßen hatten ihn bis dahin noch keine Worte angeredet; er erschrak über sich selber, daß er aus dem Munde eines Man¬ nes, den die übrigen Leute wahnsinnig nann¬ ten, seine eigensten Gedanken deutlich aus¬ gesprochen hörte, so daß wie mit Bannsprü¬ chen seine Seele aus ihrem fernen Hinter¬ halt hervorgezaubert ward, und seine un¬ kenntlichen Ahndungen in anschaulichen Bil¬ dern vor ihm schwebten. Wie willkommen ist mir dieser Ton! rief er aus, so habe ich mich denn nicht ge¬ irrt, wenn ich mit dem stillen Glauben hier anlangte, daß Ihr mir vielleicht behülflich seyn würdet, mich aus der Irre zurecht zu finden. Wir irren alle, sagte der Alte, wir müssen irren, und jenseit dem Irrthum liegt auch gewiß keine Wahrheit, beide stehn sich auch gewiß nicht entgegen, sondern sind nur Worte, die der Mensch in seiner Unbehülf¬ lichkeit dichtete, um etwas zu bezeichnen. H 2 was er gar nicht meinte. Versteht Ihr mich? Nicht so ganz, sagte Sternbald. Der Alte fuhr fort: Wenn ich nur mah¬ len, sprechen oder singen könnte, was mein eigentlichstes Selbst bewegt, dann wäre mir und auch den übrigen geholfen; aber mein Geist verschmäht die Worte und Zeichen, die sich ihm aufdrängen, und da er mit ihnen nicht handthieren kann, gebraucht er sie nur zum Spiel. So entsteht die Kunst, so ist das eigentliche Denken beschaffen. Franz erinnerte sich, daß Dürer einst diesen Gedanken fast mit den nämlichen Wor¬ ten ausgedrückt habe. Er fragte: was hal¬ tet Ihr denn nun für das Höchste, wohin der Mensch gelangen könne? Mit sich zufrieden zu seyn, rief der Alte, mit allen Dingen zufrieden zu seyn, denn dann verwandelt er sich und alles um sich her in ein himmlisches Kunstwerk, er läu¬ tert sich selbst mit dem Feuer der Gottheit. Können wir es dahin bringen? fragte Franz. Wir sollen es wollen, fuhr jener fort, und wir wollen es auch alle, nur daß vie¬ len, ja den meisten, ihr eigner Geist auf dieser seltsamen Welt zu sehr verkümmert wird. Daraus entsteht, daß man so selten den andern, noch seltener sich selber inne wird. Ich suche nach Euren Gemählden, sagte Sternbald, aber ich finde sie nicht; nach Eu¬ ren Gesprächen über die Kunst darf ich et¬ was Großes erwarten. Das dürft Ihr nicht, sagte der Alte mit einigem Verdruß, denn ich bin nicht für die Kunst gebohren, ich bin ein verunglückter Künstler, der seinen eigentlichen Beruf nicht angetroffen hat. Es ergreift manchen das Gelüste, und er macht sein Leben elend. Von Kindheit auf war es mein Bestreben, nur für die Kunst zu leben, aber sie hat sich unwillig von mir abgewendet, sie hat mich niemals für ihren Sohn erkannt, und wenn ich dennoch arbeitete, so geschah es gleich¬ sam hinter ihrem Rücken. Er öffnete eine Thür, und führte den Mahler in eine andre kleine Stube, die vol¬ ler Gemählde hing. Die meisten waren Köpfe, nur wenige Landschaften, noch we¬ niger Historien. Franz betrachtete sie mit vieler Aufmerksamkeit, indeß der alte Mann schweigend einen verfallenen Vogelbauer aus¬ besserte. In allen Bildern spiegelte sich ein strenges, ernstes Gemüth, die Züge waren bestimmt, die Zeichnung scharf, auf Neben¬ dinge gar kein Fleiß gewendet, aber auf den Gesichtern schwebte ein Etwas, das den Blick zugleich anzog und zurückstieß, bei vie¬ len sprach aus den Augen eine Heiterkeit, die man wohl grausam hätte nennen kön¬ nen, andre waren seltsamlich entzückt, und erschreckten durch ihre furchtbare Miene. Franz fühlte sich unbeschreiblich einsam, vol¬ lends wenn er aus dem kleinen Fenster über die Berge und Wälder hinübersah, wo er auf der fernen Ebene keinen Menschen, kein Haus unterscheiden konnte. Als Franz seine Betrachtung geendigt hatte, sagte der Alte: Ich glaube, daß Ihr etwas Besondres an meinen Bildern finden mögt, denn ich habe sie alle in einer seltsa¬ men Stimmung verfertigt. Ich mag nicht mahlen, wenn ich nicht deutlich und bestimmt vor mir sehe, was ich eigentlich darstellen will. Wenn ich nun manchmal im Schein der Abendsonne vor meiner Hütte sitze, oder im frischen Morgen, der die Berge herab, über die Fluren hingeht, dann rauschen oft die Bildnisse der Apostel, der heiligen Mär¬ tyrer hoch oben in den Bäumen, sie sehen mich mit allen ihren Mienen an, wenn ich zu ihnen bete, und fordern mich auf, sie abzuzeichnen. Dann greife ich nach Pinsel und Pallette, und mein bewegtes Gemüth, von der Inbrunst zu den hohen Männern, von der Liebe zur verflossenen Zeit ergriffen, schattirt die Trefflichkeiten mit irrdischen Far¬ ben hin, die in meinem Sinn, vor meinen Augen erglänzen. So seyd Ihr ein glücklicher Mann, sagte Franz, der über diese Rede erstaunte. Wie Ihr es wollt, sagte der Alte, der Künstler sollte nach meinem Urtheile niemals anders arbeiten, und was ist seine Begeiste¬ rung denn anders? Dem Mahler muß al¬ les wirklich seyn, denn was ist es sonst, das er darstellen will? Sein Gemüth muß wie ein Strom bewegt seyn, so daß sich seine innere Welt bis auf den tiefsten Grund er¬ schüttert, dann ordnen sich aus der bunten Verwirrung die großen Gestalten, die er seinen Brüdern offenbart. Glaube mir, noch nie ist ein Künstler auf eine andre Art be¬ geistert gewesen; man spricht von dieser Be¬ geisterung so oft, als von einem natürlichen Dinge, aber sie ist durchaus unerklärlich, sie kömmt, sie geht, gleich dem ersten Früh¬ lingslichte, das unvermuthet aus den Wol¬ ken niederkömmt, und oft, ehe Du es ge¬ nießest, zurückgeflohen ist. Franz war verlegen, was er antworten sollte; er war ungewiß, ob der alte Mahler wirklich vom Wahnsinn befallen sey, oder ob er nur die Sprache der Künstler rede. Zuweilen, fuhr der Alte fort, redet mir auch die umgebende Natur zu, und erregt mich, daß ich mich in der Kunst üben muß. Es ist mir aber bei allen meinen Versuchen niemals um die Natur zu thun, sondern ich suche den Charakter oder die Physiognomie herauszufühlen, und irgend einen frommen Gedanken hineinzulegen, der die Landschaft wieder in eine schöne Historie verwandelt. Er machte hierauf den jungen Mahler auf eine Landschaft aufmerksam, die etwas abseits hing. Es war eine Nachtscene, Wald, Berg und Thal lag in unkenntlichen Massen durch einander, schwarze Wolken tief vom Himmel hinunter. Ein Pilgram ging durch die Nacht, an seinem Stabe, an seinen Mu¬ scheln am Hute kennbar: um ihn zog sich das dichteste Dunkel, er selber nur von ver¬ stohlenen Mondstrahlen erschimmert; ein fin¬ sterer Hohlweg deutete sich an, oben auf ei¬ nem Hügel von fern her glänzte ein Cruci¬ fix, um das sich die Wolken theilten; ein Strahlenregen vom Monde ergoß sich, und spielte um das heilige Zeichen. Seht, rief der Alte, hier habe ich das zeitliche Leben und die überirrdische, himm¬ lische Hoffnung mahlen wollen: seht den Fingerzeig, der uns aus dem finstern Thal herauf zur mondigen Anhöhe ruft. Sind wir etwas weiter, als wandernde, verirrte Pilgrimme? Kann etwas unsern Weg er¬ hellen, als das Licht von oben? Vom Kreuze her dringt mit lieblicher Gewalt der Strahl in die Welt hinein, der uns belebt, der unsre Kräfte aufrecht hält. Seht, hier habe ich gesucht, die Natur wieder zu verwan¬ deln, und das auf meine menschliche künst¬ lerische Weise zu sagen, was die Natur sel¬ ber zu uns redet; ich habe hier ein sanftes Räthsel niedergelegt, das sich nicht jedem entfesselt, das aber doch leichter zu errathen steht, als jenes erhabene, das die Natur als Bedeckung um sich schlägt. Man könnte, antwortete Franz, dieses Gemählde ein allegorisches nennen. Alle Kunst ist allegorisch, sagte der Mah¬ ler, wie Ihr es nehmt. Was kann der Mensch darstellen, einzig und für sich beste¬ hend, abgesondert und ewig geschieden von der übrigen Welt, wie wir die Gegenstände vor uns sehn? Die Kunst soll es auch nicht: wir fügen zusammen, wir suchen dem Ein¬ zelnen einen allgemeinen Sinn aufzuheften, und so entsteht die Allegorie. Das Wort bezeichnet nichts anders als die wahrhafte Poesie, die das Hohe und Edle sucht, und es nur auf diesem Wege finden kann. Unter diesen Gesprächen war ein Hänf¬ ling unvermerkt aus seinem Käfig entwischt, der Alte hatte die Thür in der Zerstreuung offen gelassen. Er schrie erschreckend auf, als er seinen Verlust bemerkte, er suchte umher, er öffnete das Fenster, und lockte pfeifend und liebkosend den Flüchtigen, der nicht wiederkam. Er konnte sich auf keine Weise zufrieden geben, er hörte auf Stern¬ balds Worte nicht, der ihn zu trösten suchte. Sternbald sagte, um ihn zu zerstreuen: Ich glaube es einzusehn, wie Ihr über die Landschaften denkt, und mich dünkt, Ihr habt Recht. Denn was soll ich mit allen Zweigen und Blättern? mit dieser genauen Kopie der Gräser und Blumen? Nicht diese Pflanzen, nicht die Berge will ich abschrei¬ ben, sondern mein Gemüth, meine Stim¬ mung, die mich gerade in diesem Momente regiert, diese will ich mir selber festhalten, und den übrigen Verständigen mittheilen. Ganz gut, rief der Alte aus, aber was kümmert mich das jetzt, da mein Hänfling auf und davon ist? War er Euch denn so lieb? fragte Franz Der Alte sagte verdrießlich: so lieb wie mir alles ist, was ich liebe. Ich mache da eben nicht sonderliche Unterschiede. Ich denke an seinen schönen Gesang, an seine Liebe, die er immer zu mir bewies, und darum hätte ich mir diese Treulosigkeit um so we¬ niger vermuthet. Nun ist sein Gesang nicht mehr für mich, sondern er durchfliegt den Wald, und dieser einzelne, mir so bekannte Vogel vermischt sich mit den übrigen seines Geschlechts. Ich gehe vielleicht einmal aus und höre ihn, und sehe ihn, und kenne ihn doch nicht wieder, sondern halte ihn für eine ganz fremde Person. So haben mich schon so viele Freunde verlassen. Ein Freund, der stirbt, thut auch nichts weiter, als daß er sich wieder mit der großen allmächtigen Erde vermischt, und mir unkenntlich wird. So sind sie auch in den Wald hineingeflo¬ gen, die ich sonst wohl kannte, so daß ich sie nun nicht wieder herausfinden kann. Wir sind Thoren, wenn wir sie verloren wähnen: Kinder, die schreien und jammern, wenn die Eltern mit ihnen Verstecken's spielen, denn das thun die Gestorbenen nur mit uns, der kurze Augenblick zwischen Jetzt und dem Wiederfinden ist nicht zu rechnen. Und daß ich das Gleichniß vollende: so ist Freundschaft auch wohl einem Käfige gleich, ich trenne den Vogel von den übrigen, um ihn zu kennen und zu lieben, ich um¬ gebe ihn mit einem Gefängnisse, um ihn mir so recht eigentlich abzusondern. Der Freund sondert den Freund von der ganzen übrigen Welt, und hält ihn in seinen ängst¬ lichen Armen eingeschlossen; er läßt ihn nicht zurück, er soll nur für ihn so gut, so zärt¬ lich, so liebevoll seyn, die Eifersucht bewacht ihn vor jeder fremden Liebe, verlöre jener sich im Strudel der allgemeinen Welt, so wäre er auch dem Freunde verloren und ab¬ gestorben. — Sieh her, mein Sohn, er hat sein Futter nicht einmal verzehrt, so lieb ist es ihm gewesen, mich zu verlassen. Ich habe ihn so sorgfältig gepflegt, und doch ist ihm die Freiheit lieber. Ihr habt die Menschen gewißlich recht von Herzen geliebt! rief Sternbald aus. Nicht immer, sagte jener, die Thiere stehn uns näher, denn sie sind wie kindische Kinder, deren Liebe immer unterhalten seyn will, weil sie ungewiß und unbegreiflich ist, mit dem Menschen rechnen wir gern, und wenn wir Bezahlung wahrnehmen, vermis¬ sen wir schon die Liebe; gegen Thiere sind wir duldend, weil sie unsre Trefflichkeiten nicht bemerken können, und wir ihnen da¬ durch immer wieder gleich stehn; indem wir aber ihre dumpfe Existenz fühlen und ein¬ sehn, entsteht eine magische Freundschaft, aus Mitleiden, Zuneigung, ja ich möchte sagen sagen aus Furcht, gemischt, die sich durch¬ aus nicht erklären läßt. Ich will Euch kürz¬ lich meine Geschichte im Auszuge erzählen, damit Ihr begreifen könnt, wie ich hierher gerathen bin. Sie verließen die Hütte, und setzten sich in den Schatten eines alten Baumes, sie schwiegen eine Weile, dann fing der alte Mahler folgende Erzählung an: Ich bin in Italien gebohren und heiße Anselm . Weiter kann ich Euch eben von meiner Jugend nichts sagen. Meine Eltern starben früh, und hinterließen mir ein klei¬ nes Vermögen, das mir zufiel, als ich mün¬ dig war. Meine Jugend war wie ein leich¬ ter Traum verflogen, keine Erinnerung war in meinem Gedächtnisse gehaftet, ich hatte nicht eine Erfahrung gemacht. Aber ich hatte die entflohene Zeit auf meine Art ge¬ (2r Th.) J nossen, ich war immer zufrieden und ver¬ gnügt gewesen. Jetzt nahm ich mir vor, in's Leben ein¬ zutreten, und auch, wie andre, einen Platz anzufüllen, damit von mir die Rede sey, daß ich geachtet würde. Schon von meiner Kindheit hatte ich in mir einen großen Trieb zur Kunst gespürt, die Mahlerei war es, die meine Seele angezogen hatte, der Ruhm der damaligen Künstler begeisterte mich. Ich ging nach Perugia, wo damals Pietro in besonderm Rufe stand, ihm wollte ich mich in die Lehre geben. Aber bald ermüdete meine Geduld, ich lernte junge Leute ken¬ nen, deren ähnliche Gemüthsart mich zu ihrem vertrauten Freunde machte. Wir waren lustig mit einander, wir sangen, wir tanzten und scherzten, an die Kunst ward wenig gedacht. Franz fiel ihm in die Rede, indem er fragte: Könnt Ihr Euch vielleicht erinnern, ob damals bei diesem Meister Pietro noch Rafael in der Lehre stand? Rafael Sanzio? O ja, sagte der Alte, es war ein klei¬ ner unbedeutender Knabe, auf den Niemand sonderliche Rücksicht nahm. Ich erstaune, daß Ihr den Namen so eigentlich wißt. Und ich erstaune über das, was Ihr mir sagt, rief Sternbald aus. So wißt Ihr es denn gar nicht, daß dieser Knabe seitdem der erste von allen Mahlern geworden ist? daß jedermann ihn im Munde führt, jeder ihn anbetet? Er ist seit einem Jahre gestor¬ ben, und ganz Europa trauert über seinen Verlust, wo Menschen wohnen, die die Kunst kennen, da ist auch er gekannt, noch keiner hat die Göttlichkeit der Mahlerei so tief er¬ gründet. Anselm stand eine Weile in sich gekehrt, dann brach er aus: O, wunderbare Ver¬ I 2 gangenheit! Wo ist all' mein Bestreben ge¬ blieben, wie ist es gekommen, daß dieser mir Unbekannte meine innigsten Wünsche ergriffen und zu seinem Eigenthume gemacht hat? Ja, ich habe wahrlich umsonst gelebt. Aber ich will meine Erzählung beendigen. Damals schien die ganze Welt glänzend in mein junges Leben hinein, ich erblickte auf allen Wegen Freundschaft und Liebe. Unter den Mädchen, die ich kennen lernte, zog eine besonders meine ganze Aufmerksam¬ keit auf sich, ich liebte sie innig, nach eini¬ gen Wochen war sie meine Gattin. Ich hemmte meine Freude und meine Entzückun¬ gen durch nichts, ein blendender, ungestör¬ ter Strom war mein Lebenslauf. In der Gesellschaft der Freunde und der Liebe, vom Wein erhitzt, war es mir oft, als wenn sich wunderbare Kräfte in meinem Innersten ent¬ wickelten, als beginne mit mir die Welt eine neue Epoche. In den Stunden, die mir die Freude übrig ließ, legte ich mich wieder auf die Kunst, und es war zuweilen, als wenn vom Himmel herab goldene Strahlen in mein Herz hineinschienen, und alle meine Lebensgeister erläuterten und erfrischten. Dann drohte ich mir gleichsam mit ungebohrnen und unsterblichen Werken, die meine Hand noch ausführen sollte, ich sah auf die übrige Kunst, wie auf etwas Gemeines und Alltägliches hinab, ich wartete selber mit Sehnsucht auf die Mahlereien, durch die sich mein hoher Genius ankündigen würde. Diese Zeit war die glücklichste meines Lebens. Indessen war mein kleines Vermögen aufgegangen. Meine Freunde wurden käl¬ ter, meine Freude erlosch, meine Gattin war krank, denn ihre Entbindung war nahe, und ich fing an, an meinem Kunsttalent zu zwei¬ feln. Wie ein dürrer Herbstwind wehte es durch alle meine Empfindungen hindurch, wie ein Traum wurde mein frischer Geist von mir entrückt. Meine Noth ward grö¬ ßer, ich suchte Hülfe bei meinen Freunden, die mich verließen, die sich bald ganz von mir entfremdeten. Ich hatte geglaubt, ihr Enthusiasmus würde nie erlöschen, es könne mir an Glück niemals mangeln, und nun sah ich mich plötzlich einsam. Ich erschrak, daß mir mein Streben als etwas Thörichtes erschien, ja daß ich in meinem Innersten ahndete, ich habe die Kunst niemals geliebt. O, wenn ich an jene drückenden Mo¬ nate zurückdenke! Wie sich nun in meinem Herzen alles entwickelte, wie grausam sich die Wirklichkeit von meinen Phantasien los¬ arbeitete und trennte! Ich suchte allenthal¬ ben Hülfe, ich versuchte die schmählichsten Mittel, und kaum fristete ich mich dadurch von einem Tage zum andern hin. Nun fühlte ich das Treiben der Welt, nun lernte ich die Noth kennen, die meine armen Brü¬ der mit mir theilten. Vorher hatte ich die menschliche Thätigkeit, diese mitleidswürdige Arbeitseligkeit verachtet, mit Thränen in den Augen verehrte ich sie jetzt, ich schämte mich vor dem zerlumpten Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein tägliches Brod erwirbt, und nicht höher hinausdenkt, als wie er morgen von neuem beginnen will. Vorher hatte ich in der Welt die schö¬ nen Formen mit lachenden Augen aufgesucht und mir eingeprägt, jetzt sah ich im ange¬ spannten Pferde und Ochsen nur die Skla¬ verei, die Dienstbarkeit, die den Landmann ernährte, ich sah neidisch in die kleinen schmutzigen Fenster der Hütten hinein, nicht mehr um seltsame poetische Ideen anzutref¬ fen, sondern um den Hausstand und das Glück dieser Familien zu berechnen. O, ich erröthete, wenn man das Wort Kunst aus¬ sprach, ich fühlte mich unwürdig, und das, was mir vorher als das Göttlichste erschien, kam mir nun als ein müßiges, zeitverder¬ bendes Spielwerk vor, als eine Anmaßung über die leidende und arbeitende Mensch¬ heit. Ich war meines Daseyns überdrüßig. Einer meiner Freunde, der mir vielleicht geholfen hätte, war verreis't. Ich überließ mich der Verzweiflung. Meine Gattin starb im Wochenbette, das Kind war todt. Ich lag in der Kammer neben an, und alles erlosch vor meinen Augen. Alles, was mich geliebt hatte, trat in einer fürchterlichen Gleichgültigkeit auf mich zu: alles, was ich für mein gehalten hatte, nahm wie Fremd¬ ling von mir auf immer Abschied. Alle Gestalten der Welt, alles, was sich je in meinem Innern bewegt hatte, verwirrte sich verwildert durch einander. Es war, als wenn ich mich verlor, und das Fremdeste, mir bis dahin Verhaßteste mein Selbst wurde. So rang ich im Kampfe, und konnte nicht sterben, sondern verlor nur meine Vernunft. Ich wurde wahnsinnig. Ich weiß nicht wo ich mich herumtrieb, was ich damals erlebt habe. In einer klei¬ nen Kapelle einige Meilen von hier fand ich zuerst mich und meine Besinnung wieder. Wie man aus einem Traume erwacht, und einen längst vergessenen Freund vor sich ste¬ hen sieht, so seltsam überrascht, so durch mich erschreckt, war ich selber. Seitdem wohne ich hier. Mein Gemüth ist dem Himmel gewidmet. Ich habe alles vergessen. Ich brauche wenig, und dies Wenige besitze ich durch die Gutheit einiger Menschen. Seitdem, fuhr er nach einigem Still¬ schweigen fort, ist die Natur mein vorzüg¬ lichstes Studium. Ich finde allenthalben wunderbare Bedeutsamkeit und räthselhafte Winke. Jede Blume, jede Muschel erzählt mir eine Geschichte, so wie ich Euch eine er¬ zählt habe. Seht diese wunderbaren Moose. Ich weiß nicht, was alle dergleichenin der Welt soll, und doch besteht daraus die Welt. So tröste ich mich über mich und die übri¬ gen Menschen. Die unendliche Mannigfal¬ tigkeit der Gestalten, die sich bewegen, die gleichsam mehr ein Leben erstreben und an¬ deuten, als wirklich leben, beruhigt mich, daß auch ich vielleicht so seyn mußte, und mich von meiner Bahn niemals so sehr ver¬ irrt habe, als ich wohl ehemals wähnte. — Es war indessen spät geworden. Franz wollte gehen, ihm aber gern vorher etwas abkaufen, damit er ihm auf eine leichtere Art ein Geschenk machen könne. Er sah noch einmal umher, und begriff es selber nicht, wie ihm ein kleines Bild habe ent¬ gehn können, das er nun jetzt erst bemerkte. Es war das genaue Bildniß seiner Unbe¬ kannten, jeder Zug, jede Miene, so viel er sich erinnern konnte. Er nahm es hastig herab, und verschlang es mit den Augen, sein Herz klopfte ungestüm. Als er darnach fragte, erzählte der Alte, daß es ein junges Frauenzimmer sey, die er vor einem Jahre gemahlt habe: sie habe ihn besucht, und ihr holdseliges Gesicht habe sich seinem Ge¬ dächtnisse dermaßen eingeprägt, daß er es nachher mit Leichtigkeit habe zeichnen kön¬ nen. Weitere Nachricht konnte er von dem Mädchen nicht geben. Franz bat um das Bild, das ihm der Alte gern bewilligte: Franz drückte ihm hier¬ auf ein größeres Geschenk in die Hand, als er ihm anfangs zugedacht hatte. Der Alte steckte es ein, ohne die Goldstücke nur zu besehn, dann umarmte er ihn und sagte: Bleibe immer herzlich und treu gesinnt, mein Sohn, liebe Deine Kunst und Dich, dann wird es Dir immer wohl gehn. Der Künstler muß sich selber lieben, ja verehren, er darf keiner nachtheiligen Verachtung den Zugang zu sich verstatten. Sey in allen Dingen glücklich! Franz drückte ihn an seine Brust, und ging dann den Berg hinunter. Er war durch die Erzählung des alten Mahlers wehmüthig geworden, es leuchtete ihm ein, daß es ihm möglich sey, sich auch über seine Bestimmung zu irren, dabei war mit frischer Kraft das Andenken und das Bild seiner Geliebten in seine Seele zurück¬ gekommen. Er kam zum Schlosse, indem er den Weg kaum bemerkt hatte, von der Gräfin war er schon vermißt, sie war auf ihr Bildniß begierig, und er mußte gleich am folgenden Morgen weiter mahlen. Franz fand sie an diesem Tage ungemein liebens¬ würdig, ja er war auch in ihrer Gesellschaft weniger verlegen; er erzählte ihr von seiner Wallfahrt zum alten Mahler, dessen Ge¬ schichte er ihr kürzlich wiederholte. Die Grä¬ fin sagte: Nun wahrlich, der alte Einsiedler muß Euch auf eine ungemeine Art liebge¬ wonnen haben, da er so viel mit Euch ge¬ sprochen hat, denn es ist sonst schon eine große Gefälligkeit, wenn er dem Fragenden nur ein einziges Wort antwortet, so viel ich aber weiß, hat er bisher noch keinem Einzigen seine Geschichte erzählt. Franz zeigte ihr hierauf das Gemählde, das er gekauft hatte, ohne den Zusammen¬ hang zu erwähnen, den dieses Bild mit sei¬ nem Leben hatte. Die Gräfin erstaunte. Ja, sie ist es! rief sie aus, es ist meine arme, unglückliche Schwester! Eure Schwester? sagte Franz erschrok¬ ken, und Ihr nennt sie unglücklich? Und mit Recht, antwortete die Gräfin; jetzt ist sie seit neun Monaten todt. Franz verlor die Sprache, seine Hand zitterte, es war ihm unmöglich, weiter zu mahlen. Jene fuhr fort: Sie trug und quälte sich mit einer unglücklichen Liebe, die ihr Leben wegzehrte; vor einem Jahre machte sie eine Reise durch Deutschland, um sich zu zerstreuen und gesunder zu werden, aber sie kam zurück und starb. Der Alte hat sie da¬ mals noch gesehen, und wie ich jetzt er¬ fahre, nachher gemahlt. Franz war durch und durch erschüttert. Er stand auf und verließ den Saal. Er irrte umher, und warf sich endlich weinend an der dichtesten Stelle des Gehölzes nieder: die Worte, die ihn betäubt hatten, schallten noch immer in seinen Ohren. — So ist sie denn auf ewig mir verloren, die niemals mein war! rief er aus. O, wie hart ist die Weise, mit der mich das Schicksal von mei¬ nem Wahnsinne heilen will! O, Ihr Blu¬ men, Ihr süßen Worte, die Ihr mir so er¬ freulich war't, du holdselige Schreibtafel, die ich seitdem immer bei mir trage, — ach! nun ist alles vorüber! Von diesem Tage, von heute ist meine Jugend beschlossen, alle jungen Wünsche, alle liebreizenden Hoffnun¬ gen verlassen mich nun, alles ruht tief im Grabe. Nun ist mein Leben mir kein Leben mehr, mein Ziel, nach dem ich strebte, ist hinweggenommen, ich bin einsam. Das Haupt, das meine Sonne war, nach dem ich mich wie die Blume wandte, liegt nun im Grabe und ist unkenntlich. Ja, Anselm, sie ist nun auch in den großen weiten Wald wieder hineingeflogen, meine liebste Sänge¬ rin, die ich so gern an diesem Herzen be¬ herbergt hätte, aller Gesang erinnert mich nur an sie, die fließenden Waldbäche hier ermuntern mich, immer fort zu weinen, so wie sie selber thun. Was soll mir Kunst, was Ruhm, wenn sie nicht mehr ist, der ich alles zu Füßen legen wollte? Am folgenden Tage kam Rudolf zurück, vor dem Franz sein Geheimniß nun noch geflissentlicher verbarg; er fürchtete den hei¬ tern Muthwillen seines Freundes, und moch¬ te diese Schmerzen nicht seinen Spöttereien Preis geben. Rudolf erzählte ihm mit kur¬ zen Worten die Geschichte seiner Wander¬ schaft, wo er sich herumgetrieben, was er in diesen Tagen erlebt. Franz hörte kaum dar¬ auf hin, weil er mit seinem Verluste zu in¬ nig beschäftigt war. Du hast ja hier einen Verwandten gefun¬ den, sagte Sternbald endlich, aber mich dünkt, Du freust Dich darüber nicht sonderlich. Meine Meine Familie, sagte jener, ist ziemlich ausgebreitet, ich bin noch niemals lange an einem Orte geblieben, ohne einen Vetter oder eine Muhme anzutreffen. Darum ist mir dergleichen nichts Ungewöhnliches. Die¬ ser da ist ein guter langweiliger Mann, mit dem ich nun schon alles gesprochen habe, was er zu sagen weiß. Ihr führt aber übri¬ gens hier ein recht langweiliges Leben, und Du, mein lieber Sternbald, wirst darüber ganz traurig und verdrüßlich, so wie es sich auch ziemt. Ich habe also dafür gesorgt, daß wir einige Beschäftigung haben, womit wir uns die Zeit vertreiben können. Er hatte alle Diener des Schlosses auf seine Seite gebracht und beredet, auch ei¬ nige andre, besonders Mädchen aus der Nachbarschaft eingeladen, um am folgenden Tage ein lustiges Fest im Walde zu begehn. Franz entschuldigte sich, daß er ihm nicht (2r Th.) K Gesellschaft leisten könne, aber Florestan hörte nicht darauf. Ich werde nie wieder vergnügt seyn, sagte Franz, als er sich al¬ lein sah, meine Jugend ist vorüber, ich kann auch nicht mehr arbeiten, wenn ich in der Zukunft vielleicht auch geschäftig bin. Der folgende Tag erschien. Florestan hatte alles angeordnet. Man versammelte sich Nachmittags im Walde, die Gräfin hatte allen die Erlaubniß ertheilt, der kühl¬ ste, schattigste Platz wurde ausgesucht, wo die dicksten Eichen standen, wo der Rasen am grünsten war. Rudolf empfing jeden Ankömmling mit einem fröhlichen Schall¬ meiliede, die Mädchen waren zierlich ge¬ putzt, die Jäger und Diener mit Bändern und bunten Zierrathen geschmückt. Nun kamen auch die Spielleute, die lustig auf¬ spielten, wobei Wein und verschiedene Ku¬ chen in die Runde gingen. Die Hitze des Tages konnte an diesen Ort nicht dringen, die Bäche und fernen Gewässer spielten wie eine liebliche Waldorgel dazu, alle Gemü¬ ther waren fröhlich. Im grünen Grase gelagert, wurden Lie¬ der gesungen, die alle Fröhlichkeit athmeten: da war von Liebe und Kuß die Rede, da wurde des schönen Busens erwähnt, und die Mädchen lachten fröhlich dazu. Franz wehrte sich anfangs gegen die Freude, die alle beseelte, er suchte seine Traurigkeit, aber der helle, liebliche Strom ergriff auch ihn mit seinen krystallenen plätschernden Wellen, er genoß die Gegenwart und ver¬ gaß, was er verloren hatte. Er saß neben einem blonden Mädchen, mit der er bald ein freundliches Gespräch begonn, und den runden frischen Mund, die lieblichen Au¬ gen, den hebenden Busen ununterbrochen betrachtete. K 2 Als es noch kühler ward, ordnete man auf dem runden Rasenplatze einen lustigen Tanz an. Rudolf hatte sich auf seine Art fantastisch geschmückt, und glich einer schö¬ nen idealischen Figur auf einem Gemählde. Er war der Ausgelassenste, aber in ihm spiegelte sich die Fröhlichkeit am lieblichsten. Franz tanzte mit seiner blonden Emma, die manchen Händedruck erwiederte, wenn sie den Reigen herunter ihm entgegen kam. Da aber der Platz für den Tanz fast ein wenig zu eng war, so sonderten sich ei¬ nige ab, um auszuruhen; unter diesen wa¬ ren Florestan, Sternbald und die Blonde. Abseits befestigten Franz und Rudolf ein Seil zwischen zwei dicken, nahestehenden Ei¬ chen, ein Brett war bald gefunden und die Schaukel fertig. Emma setzte sich furchtsam hinein, und flog nun nach dem Takte und Schwunge der Musik im Waldschatten auf und ab. Es war lieblich, wie sie bald hin¬ auf in den Wipfel schwankte, bald wieder wie eine Göttin herabkam, und mit leichter Bewegung einen schönen Cirkel beschrieb. Franz fand sie immer schöner; der Busen war verrätherisch halb bloß, die Bewe¬ gung der Schaukel entblößte eine zierliche Wade und ein schönes rundes Knie, wenn der Schwung sie etwas höher trieb, ent¬ deckte das lüsterne Auge den runden, weißen Schenkel, sie aber saß ängstlich und unbe¬ fangen oben, und dachte nicht daran, vor¬ sichtiger zu seyn, weil sie zu vorsichtig war und nur den Fall befürchtete. Nun, mein Freund, rief Rudolf öfter, bist Du nun nicht vergnügt? Laß alle Gril¬ len schwinden! Franz sah nur die reizende Gestalt, die sich in der Luft bewegte. Als man des Tanzes überdrüßig war, setzte man sich wieder nieder, und ergötzte sich an Liedern und aufgegebenen Räthseln. Jetzt ertrug Sternbald den Muthwillen der Poesie, die in alten Reimen die Reize der Liebsten lobpries: er stimmte mit ein, und verließ die blonde Emma niemals, wenig¬ stens mit den Augen. Der Abend brach ein, in gespaltenen Schimmern floß das Abendroth durch den Wald, die lieblichste, stillste Luft umgab die Natur, und bewegte auch nicht die Blätter am Baume. Rudolf, dessen Phantasie im¬ mer geschäftig war, ließ nun eine lange Tafel bereiten, auf die eben so viele Blu¬ men als Speisen gesetzt wurden, dazwischen die Lichter, die kein Wind verlöschte, son¬ dern die ruhig fortbrannten, und einen zau¬ berischen, berauschenden Anblick gewährten. Man aß unter schallender Musik, dann wur¬ den die Tische aus einander geschoben, und umher zwischen den Bäumen vertheilt, die Wachskerzen brannten auch hier. Nun kam ein muthwilliges Pfänderspiel in den Gang, bei dem Sternbald manchen herzlichen Kuß von seiner Blonden empfing, wobei ihm je¬ desmal das Blut in die Wangen stieg. Jetzt war es Nacht, man mußte sich trennen. Die Leute aus dem Dorfe und der kleinen Stadt gingen zurück, Rudolf und Sternbald begleiteten den Zug, Later¬ nen gingen voran, dann folgten die Spiel¬ leute, die fast beständig ihre Musik erschal¬ len ließen, und dadurch den Zug im Takte erhielten; Franz führte seine Emma, er schlang seinen Arm um ihren Leib, seine Hand fiel auf ihre schöne Brust, er wagte es, von der Dunkelheit, von der Musik be¬ rauscht, das Gewand zurückzuschieben, sie widersetzte sich nur schwach. Er drückte die schöne volle Brust mit zitternden Fingern, die ihm muthwillig entgegenquoll. — Jetzt standen sie vor dem Dorfe, er nahm mit einem herzlichen Kusse Abschied; Emma war stumm, er konnte kein Wort hervorbringen. Schweigend ging er mit Rudolf durch den Wald zurück: als sie heraustraten, glänzte ihnen über die Ebene herüber der aufgehende Mond entgegen: das Schloß brannte in sanften goldenen Flammen. Sechstes Kapitel. D as Bildniß der Gräfin und des fremden Ritters war beendigt, sie war sehr zufrieden, und belohnte den Mahler reichlicher, als es beide Freunde erwartet hatten. Franz und Emma sahen sich oft, und Franzens Wün¬ sche und Bitten wurden immer ungestümer und ungeduldiger; er dachte auch dieser Be¬ kanntschaft wegen ungern an die Abreise, an die ihn Rudolf oft erinnerte, um ihn zu ängstigen. Franz erstaunte oft in einsamen Stun¬ den über sich selber, über die Ungenügsam¬ keit, die ihn peinigte. Er betrachtete dann mit wehmüthiger Ungeduld das Bild seiner ehemaligen Geliebten, er wollte sie seiner Phantasie in aller vorigen Klarheit zurück¬ zaubern, aber sein Geist und seine Sinne waren wie mit ehernen Banden in der Ge¬ genwart festgehalten. Bravo! sagte an einem Morgen Rudolf zu seinem Freunde, Du gefällst mir, denn ich sehe, Du lernst von mir. Du ahmst mir nach, daß Du auch eine Liebschaft hast, die Deine Lebensgeister in Thätigkeit erhält' glaube mir, man kann im Leben durchaus nicht anders zurecht kommen. So aber ver¬ schönert sich uns jede Gegend, der Name der Dörfer und Städte wird uns theuer und bedeutend, unsre Einbildung wird mit lieb¬ lichen Bildern angefüllt, so daß wir uns al¬ lenthalben wie in einer ersehnten Heimath fühlen. Aber wohin führt uns dieser Leichtsinn? fragte Franz. Wohin? rief Rudolf aus, o mein Freund, verbittere Dir nicht mit dergleichen Fragen Deinen schönsten Lebensgenuß, denn wohin führt Dich das Leben endlich? Aber die Sinnlichkeit, sagte Franz, hörst Du nicht jeden rechtlichen Menschen schlecht davon sprechen? O, über die rechtlichen Menschen! sagte Florestan lachend, sie wissen selbst nicht, was sie wollen. Der Himmel giebt sich die Mühe, uns die Sinnen anzuschaffen, nun, so wollen wir uns deren auch nicht schämen, nach unserm löblichen Tode wollen wir uns dann mit des Himmels Beistand zur Freude besser gebehrden. Was war das für ein Mädchen, fragte Franz, das Du in der Gegend von Ant¬ werpen besuchtest? O, das ist eine Geschichte, antwortete jener, die ich Dir schon lange einmal habe erzählen wollen. Ich war vor einem Jahre auf der Reise, und ritt über's Feld, um schneller fortzukommen. Ich war müde, mein Pferd fing an zu hinken, die Meile kam uns unendlich lang vor. Ich sang ein Liedchen, ich besann mich auf hun¬ dert Schwänke, die mich in vielen an¬ dern Stunden erquickt hätten, aber alles war vergebens. Indem ich mich noch ab¬ quäle, sehe ich eine hübsche niederländische Bäuerin am Wege sitzen, die sich die Augen abtrocknet. Ich frage, was ihr fehlt, und sie erzählt mir mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit, daß sie schon so weit ge¬ gangen sey, sich nun zu müde fühle, noch zu ihren Eltern nach Hause zu kommen, und darum weine sie, wie billig. Die Däm¬ merung war indeß schon eingebrochen, mein Entschluß war bald gefaßt: weiter um Rath zu fragen, bot ich ihr das müde Pferd an, um bequemer fortzukommen. Sie ließ sich eine Weile zureden, dann stieg sie hin¬ auf, und setzte sich vor mich: ich hielt sie mit den Armen fest. Nun fing ich an, die Meile noch länger zu wünschen, der nied¬ lichste Fuß schwebte vor mir, von der Bewe¬ gung entblößt, die frische rothe Wange dicht an der meinigen, die freundlichen Augen mir nahe gegenüber. So zogen wir über das Feld, indem sie mir ihre Herkunft und Er¬ ziehung erzählte: wir wurden bald vertrau¬ ter, und sie sträubte sich gegen meine Küsse nicht mehr. Nun wurde es Nacht, und die Bangig¬ keit, die sie erfüllte, erlaubte mir, dreister zu seyn. Endlich kamen wir in der Nähe ihrer Behausung, sie stieg behende herunter, wir hatten schon unsre Abrede genommen. Sie eilte voraus, ich blieb eine Weile zu¬ rück, dann zwang ich mein Pferd, in einer Art von Gallopp mit mir vor das Haus zu sprengen. Es war ein altes, weitläuftiges Gebäude, das abseits vom übrigen Dorfe lag; das Mädchen kam mir entgegen, ich trat als ein verirrter Fremdling ein, und bat demüthig um ein Nachtlager. Die El¬ tern bewilligten es mir gern, die Kleine spielte ihre Aufgabe gut durch, sie zeigte mir verstohlen, daß sie neben der Kammer schlafen würde, die man mir einräumte; sie wollte die Thür offen lassen. Das Abend¬ essen, die umständlichen Gespräche wurden mir sehr lang, endlich ging alles schlafen, meine Freundin aber hatte in der Wirth¬ schaft noch allerhand zu besorgen. Ich be¬ trachtete indessen meine Kammer, sie führte auf der einen Seite nach dem Schlafzimmer des Mädchens, auf der andern in einen langen Gang, dessen äußerste Thür geöffnet war. Freundlich schien durch diese die runde Scheibe des Mondes, das schöne Licht lockt mich hinaus, ein Garten empfängt mich. Ich durchwandere auch diesen, gehe durch ein Gatterthor, und verliere mich voller Er¬ wartungen im Felde. Man ist indessen sorgsam gewesen, alle Thüren zu verschließen, es war das letzte Geschäft des Vatees , nach allen Riegeln im Hause zu sehn. Bestürzt komme ich zurück, die Gartenthür ist verschlossen; ich rufe, ich klopfe, Niemand hört mich, ich versuche überzusteigen, aber meine Mühe war ver¬ gebens. Ich verwünsche den Mond und die Schönheiten der Natur, ich sehe die Freundliche vor mir, die mich erwartet und mein Zögern nicht begreifen kann. Unter Verwünschungen und unnützen Bemühungen sah ich mich genöthigt, den Morgen auf dem freien Felde abzuwarten: alle Hunde wurden wach, aber kein Mensch hörte mich, der mich eingelassen hätte. O, wie segnete ich die ersten Strahlen des Frühroths! Die Alten bedauerten mein Un¬ glück, das Mädchen war so verdrüßlich, daß sie anfangs nicht mit mir sprechen wollte, ich versöhnte sie aber endlich, ich mußte fort, und versprach ihr, auf meiner Rückreise von England sie gewiß wieder zu besuchen. Und Du sahst damals, daß ich ihr auch Wort hielt. Ich kam an: schon sah ich mit Verdruß und klopfendem Herzen den Garten mit der mir so wohl bekannten Mauer, schon suchte mein Auge das Mädchen, aber die Sachen hatten sich indessen sehr verändert. Sie war verheirathet, sie wohnte in einem andern Hause, und was das Schlimmste war, sie liebte sogar ihren Mann; als ich sie besuch¬ te, bat sie mich mit der höchsten Angst, doch ja je eher je lieber wieder fortzugehn. Ich gehorchte ihr, um ihr Glück nicht zu stören, — Siehst Du, mein Freund, das ist die unbedeutende Geschichte einer Bekanntschaft, die sich ganz anders endigte, als ich er¬ wartet hatte. Dir Dir geschieht schon Recht, sagte Franz, wenn Du manchmal für Deinen übertriebe¬ nen Muthwillen bestraft wirst. O, daß Ihr allenthalben Übertreibungen findet! rief Florestan aus, Ihr seyd immer besorgt, Euch in allen Gedanken und Ge¬ fühlen zu mäßigen. Aber es gelingt nie¬ mals und ist unmöglich, in einem Gebiete zu messen und zu wägen, wo kein Maas und Gewicht anerkannt wird. Es freut mich, Dich auch einmal verliebt zu sehn. Franz sagte: Ich weiß nicht, ob ich verliebt bin, aber Du ängstigest mich mit Deinen Reden; wozu wäre es auch, da wir so bald abreisen müssen? Florestan lachte, und gab ihm gar keine Antwort. — Nun, wie haben Dir die neu¬ lichen Lieder gefallen? sagte er, und die Lich¬ ter, der Wald? Nicht wahr, es war der Mühe werth, fröhlich zu seyn? (2r Th.) L Er stellte sich vor Sternbald hin, und sang ihm einen von jenen altfränkischen Gesängen: Wann ich durch die Gassen schwärme Suche dort und suche hier Bei der sanften Frühlingswärme, Steht die Liebste vor der Thür. Wen erwart'st Du auf dem Platz? — Ach! ich suche meinen Schatz. Komm', ich will Dein Schatz Dir werden, Findest keinen Treuern nicht. — Nein, er ist der Schönst' auf Erden, Meiner Augen liebstes Licht. — Nimm mich an zu dieser Frist, Allzutreu nicht löblich ist. — Willst Du wohl das Küssen lassen? Nein bin ja nicht Dein Kind, Geh', ich fange an zu hassen, Keiner so bei mir gewinnt. Wider Willen küßt mein Mund, Macht mit Frevlern keinen Bund. — Aber schön sind Deine Küsse, Deine Lippen kirschenroth, Ihr Berühren honigsüße, Hier vergeß' ich meine Noth. Mädchen, ach, wie klopft Dein Herz! Ist es Freude, ist es Schmerz? — — Laß das Herz, es ist im Schelten Über Deine freche Hand, Nein, bei mir darf das nicht gelten, Aufzulösen jedes Band. Erst suchst Du das Herz mit List, Nun Dein Mund den Busen küßt. — O, je freier von Gewändern Du nur um so schöner prangst, Häßlich putze sich mit Bändern, Du gewandlos Ruhm erlangst, Dich verdunkelt nur Dein Kleid, Überschattet Dich mit Neid. Herrlich ist es, wenn die Hülle Sich von jedem Gliede neigt, Und des zarten Busens Fülle Unserm Blick entgegensteigt, L 2 Wenn das Knie sich uns entblößt, Gürtel von den Hüften lös’t. Du marterst mich nur, sagte Sternbald, als Rudolf geendigt hatte, sprich wie Du willst, ich werde niemals Deiner Meinung seyn. Man kann sich in einem leichtsinni¬ gen Augenblicke vergessen, aber wenn man freiwillig den Sinnen den Sieg über sich selbst einräumt, so erniedrigt man sich da¬ durch unter sich selbst. Du willst ein Mahler seyn, und sprichst so? rief Rudolf aus, o, laß ja die Kunst fahren, wenn Dir Deine Sinnen nicht lie¬ ber sind, denn durch diese allein vermagst Du die Rührungen hervorzubringen. Was wollt Ihr mit allen Euren Farben darstel¬ len und ausrichten, als die Sinnen auf die schönste Weise ergötzen? Durch nichts kann der Künstler unsre Phantasie so gefangen nehmen, als durch den Reiz der vollendeten Schönheit, das ist es, was wir in allen Formen entdecken wollen, wonach unser gie¬ riges Auge allenthalben sucht. Wenn wir sie finden, so sind es auch nicht die Sinne allein, die in Bewegung sind, sondern alle unsre Entzückungen erschüttern uns auf ein¬ mal auf die lieblichste Weise. Der freie un¬ verhüllte Körper ist der höchste Triumph der Kunst, denn was sollen mir jene beschleier¬ ten Gestalten? Warum treten sie nicht aus ihren Gewändern heraus, die sie ängstigen und sind sie selbst? Gewand ist höchstens nur Zugabe, Nebenschönheit. Das griechische Alterthum verkündigt sich in seinen nackten Figuren am göttlichsten und menschlichsten. Die Decenz unsers gemeinen prosaischen Lebens ist in der Kunst unerlaubt, dort in den heitern, reinen Regionen ist sie unge¬ ziemlich, sie ist unter uns selbst das Doku¬ ment unsrer Gemeinheit und Unsittlichkeit. Der Künstler darf seine Bekanntschaft mit ihr nicht verrathen, oder er giebt zu erken¬ nen, daß ihm die Kunst nicht das Liebste und Beste ist, er gesteht, daß er sich nicht ganz aussprechen darf, und doch ist sein verschlossenes Innerstes gerade das, was wir von ihm begehren. In einigen Tagen war ihre Abreise be¬ schlossen; die Gräfin hatte den versproche¬ nen Brief an die italienische Familie geschrie¬ ben, den Sternbald mit großer Gleichgül¬ tigkeit in seine Brieftasche legte; er zeigte ihn auch seinem Freunde nicht, sondern war sogar ungewiß, ob er ihn abgeben solle. Es war einer der heißesten Tage gewe¬ sen, als Sternbald gegen Abend das Ge¬ hölz besuchte, um sich seinen Gedanken zu überlassen. Im Walde erreichte der durch¬ fließende Bach an der schönsten Stelle eine eine ziemliche Breite und Tiefe, der Ort war abgelegen, dichtes Gebüsch wuchs um¬ her, und machte hier die Kühlung noch schöner. Franz entkleidete sich, und warf sich in die kühlen Wellen des kleinen Flus¬ ses. Sein Gemüth ward heiterer, als er sich rings vom frischen Elemente umgeben spürte, die Gebüsche rauschten um ihn, sein Auge verlor sich in die schöne Dunkelheit des dichten Waldes, und ihm fielen aller¬ hand Gemählde ein, auf denen er ähnliche Darstellungen angetroffen hatte. Indem er so nach dem Walde hinein¬ schaute, sah er Emma aus der Dunkelheit hervorkommen. Erst traute er seinen eige¬ nen Augen nicht, aber sie war es wirklich. Er verbarg sich in das dichte Gebüsch: sie kam näher, und schien von der Hitze des Tages und des Weges ermattet, sie sank auf den Rasen hin, der mit frischem Grün den Bach umkränzte, dann lös'te sie die Schuhe ab, und erprobte mit dem nackten Füße und Beine die Kälte des Wassers. Sternbald fand sie schöner als je, er wand¬ te seine Augen in keinem Momente von ihr; sie sah schüchtern und vorsichtig umher, dann machte sie den Busen frei, und lös'te die schönen goldgelben Haare auf. Jetzt war sie nur noch mit einem dünnen Gewande bekleidet, das die schönen, vollen Formen ihres Körpers verrieth, im Augenblicke stand sie nackt, verschämt und erröthend da, und stieg so in das Bad. Franz konnte sich in seiner Verborgenheit nicht länger zurückhal¬ ten, er stürzte hervor, sie erschrak, der grü¬ ne Rasen, die dichten Gebüsche waren Zeu¬ gen ihrer Versöhnung und ihres Glücks. — Als sie das Schloß verlassen hatten, als beide Freunde sich auf der weiten Heer¬ straße befanden, gestand Franz seinem Ver¬ trauten diesen Vorfall, er erzählte ihm, wie Emma bei ihrem Abschiede geweint, wie sie gewünscht, ihn wiederzusehn. Rudolf blieb bei dieser Erzählung nachdenklich, er war weniger fröhlich und leichtsinnig, als man ihn sonst sah, er schien Erinnerungen zu be¬ kämpfen, die ihn beinahe schwermüthig machten. Kein Mensch, rief er endlich aus, kann seine frohe Laune verbürgen, es kommen Augenblicke und Empfindungen, die ihn wie in einem Kerker verschließen, und ihn nicht wieder frei geben wollen. Ich denke eben daran, wie ohne Noth und ohne Zweck ich mich hier herumtreibe, und indessen das ver¬ nachlässige, was doch das einzige Glück in der Welt ist. Wahrlich, ich könnte in man¬ chen Augenblicken so schwermüthig seyn, daß ich weinte, oder tiefsinnige Elegien nieder¬ schriebe, daß ich auf meinen Instrumenten Töne hervorsuchte, die in Steine und Felsen Mitleiden hineinzwängen. O, mein Freund, wir wollen uns nicht mit unnützem Gram den gegenwärtigen Augenblick verkümmern, diese Gegenwart, in der wir jetzt sind, kömmt nicht zum zweitenmale wieder, mag doch ein jeder Tag für das Seine sorgen. Auf, mein Freund, durch die Welt Über Feld Berg und Thal Blum' und Blümlein ohne Zahl. Heute hier, morgen dort Jeder Ort Freuden hegt Wenn nur froh Dein Herze schlägt. Darum, mein Frennd, entschlage Dich al¬ ler Deiner trübseligen Gedanken, keine schlech¬ tere Frucht hat die menschliche Seele in ih¬ rer Verderbtheit hervorgebracht, als die Reue: man sey frisch und froh ein andrer Mensch, wenn es seyn muß, nur quäle man sich nicht mit vergeblichen Wünschen, daß man die Vergangenheit zurückruft, und dar¬ über sein Herz mit einer fürchterlichen Leere anfüllt; oder man begehe unbekümmert die¬ selbe Thorheit wieder, wenn es die Um¬ stände so mit sich bringen. Es wurde Abend, ein schöner Himmel erglänzte mit seinen wunderbaren, buntge¬ färbten Wolkenbildern über ihnen. Sieh' fuhr Rudolf fort, wenn Ihr Mahler mir dergleichen darstellen könntet, so wollte ich Euch oft Eure beweglichen Historien, Eure leidenschaftlichen und verwirrten Darstellun¬ gen mit allen unzähligen Figuren erlassen. Meine Seele sollte sich an diesen grellen Farben ohne Zusammenhang, an diesen mit Gold ausgelegten Luftbildern ergötzen und genügen, ich würde Handlung, Leiden¬ schaft, Composition und alles gern vermis¬ sen, wenn Ihr mir, wie die gütige Natur heute thut, so mit rosenrothem Schlüssel die Heimath aufschließen könntet, wo die Ahndungen der Kindheit wohnen, das glän¬ zende Land, wo in dem grünen, azurnen Meere die goldensten Träume schwimmen, wo Lichtgestalten zwischen feurigen Blumen gehn und uns die Hände reichen, die wir an unser Herz drücken möchten. O, mein Freund, wenn Ihr doch diese wunderliche Musik, die der Himmel heute dichtet, in Eure Mahlerei hineinlocken könntet! Aber Euch fehlen Farben, und Bedeutung im gewöhn¬ lichen Sinne ist leider eine Bedingung Eu¬ rer Kunst. Ich verstehe, wie Du es meinst, sagte Sternbald, und die freundlichen Himmels¬ lichter entwanken und entfliehen, indem wir sprechen. Wenn Du auf der Harfe musi¬ cirst, und mit den Fingern die Töne suchst, die mit Deinen Phantasien verbrüdert sind, so daß beide sich gegenseitig erkennen, und nun Töne und Phantasie in der Umarmung gleichsam entzückt immer höher, immer mehr himmelwärts jauchzen, so hast Du mir schon oft gesagt, daß die Musik die erste, die un¬ mittelbarste, die kühnste von allen Künsten sey, daß sie einzig das Herz habe, das aus¬ zusprechen, was man ihr anvertraut, da die übrigen ihren Auftrag immer nur halb ausrichten, und das beste verschweigen: ich habe Dir so oft Recht geben müssen, aber, mein Freund, ich glaube darum doch, daß sich Musik, Poesie und Mahlerei oft die Hand bieten, ja daß sie oft ein und dasselbe auf ihren Wegen ausrichten können. Frei¬ lich ist es nicht nöthig, daß immer nur Hand¬ lung, Begebenheit mein Gemüth entzücke, ja es scheint mir sogar schwer zu bestimmen, ob in diesem Gebiete unsre Kunst ihre schön¬ sten Lorbeern antreffe: allein erinnere Dich nur selbst der schönen, stillen, heiligen Fa¬ milien, die wir angetroffen haben; liegt nicht in einigen unendlich viele Musik, wie Du es nennen willst. Ist in ihnen die Religion, das Heil der Welt, die Anbetung des Höch¬ sten nicht wie in einem Kindergespräche of¬ fenbart und ausgedrückt? Ich habe bei den Figuren nicht bloß an die Figuren gedacht, die Gruppirung war mir nur Nebensache, ja auch der Ausdruck der Mienen, in so fern ich ihn auf die gegenwärtige Geschichte, auf den wirklichen Zusammenhang bezog. Der Mahler hat hier Gelegenheit, die Ein¬ bildung in sich selbst zu erregen, ohne sie durch Geschichte, durch Beziehung vorzube¬ reiten. — Die Gemählde von Landschaften scheinen mir aber besonders dazu Veranlas¬ sung zu geben. Bist Du denn auch der Meinung, fragte Rudolf, daß jede Landschaft mit Figuren ausstaffirt seyn muß, damit dadurch Leben und Interesse in das Bild hineinkomme? So viel ich darüber habe einsehen kön¬ nen, antwortete Franz, scheint es mir un¬ nöthig. Eine gute Landschaft kann etwas Wunderbarers ausdrücken, so daß die Ein¬ samkeit gerade eine vortreffliche Wirkung thut: auch können so mancherlei Empfin¬ dungen erregt werden, daß sich eine Vor¬ schrift darüber wohl schwerlich in so allge¬ meine Worte fassen läßt. Es können nur selten die Figuren seyn, die die Theilnahme erregen, die es beleben, wer sie bloß dazu braucht, scheint mir von seiner Kunst wenig begriffen zu haben, aber sie können vielleicht jenes Spiel der Ideen, jene Musik mit er¬ regen helfen, die alle Kunstwerke zu geheim¬ nißvollen Wunderwerken macht. Aber denke Dir eine Waldgegend, die sich im Hinter¬ grunde öffnet, und die Durchsicht in eine Wiese läßt, die Sonne steigt herauf, und ganz in der Ferne wirst Du ein kleines ländliches Haus gewahr, mit rothem freund¬ lichen Dache, das gegen das Grün der Bü¬ sche und der Wiese lebhaft absticht, so er¬ regt schon diese Einsamkeit ohne alle leben¬ dige Gestalten eine wehmüthige, unbegreif¬ fliche Empfindung in Dir. Am meisten ist mir das, was ich so oft von der Mahlerei wünsche, bei allegorischen Gemählden einleuchtend, sagte Rudolf. Gut, daß Du mich daran erinnerst! rief Franz aus, hier ist recht der Ort, wo der Mahler seine große Imagination, sei¬ nen Sinn für die Magie der Kunst offen¬ baren kann: hier kann er gleichsam über die Gränzen seiner Kunst hinausschreiten, und mit dem Dichter wetteifern. Die Begeben¬ heit, die Figuren sind ihm nur Nebensache, und doch machen sie das Bild, es ist Ruhe und und Lebendigkeit, Fülle und Leere, und die Kühnheit der Gedanken, der Zusammensez¬ zung findet erst hier ihren rechten Platz. Ich habe es ungern gehört, daß man diesen Gedichten so oft den Mangel an Zierlichkeit vorrückt, daß man hier thätige Bewegung und schnellen Reiz einer Handlung fordert, wenn sie statt eines einzelnen Menschen die Menschheit ausdrücken, statt eines Vorfalls eine erhabene Ruhe. Gerade diese anschei¬ nende Kälte, die Unbiegsamkeit im Stoffe ist das, was mir so oft einen wehmüthigen Schauder bei der Betrachtung erregte: daß hier allgemeine Begriffe in sinnlichen Gestal¬ ten mit so ernster Bedeutung aufgestellt sind, Kind und Greis in ihren Empfindungen ver¬ einigt, daß das Ganze unzusammenhängend erscheint, wie das menschliche Leben, und doch eins um des andern nothwendig ist, wie man auch im Leben nichts aus seiner (2r Th.) M Verkettung reißen darf, alles dies ist mir immer ungemein erhaben erschienen. Ich erinnere mich, antwortete Rudolf, eines alten Bildes in Pisa, das schon über hundert Jahr alt wurde, und das Dir auch vielleicht gefallen wird; wenn ich nicht irre, ist von Andrea Orgagna gemahlt. Dieser Künstler hat den Dante mit besondrer Vor¬ liebe studirt, und in seiner Kunst auch et¬ was ähnliches dichten wollen. Auf seinem großen Bilde ist in der That das ganze menschliche Leben auf eine recht wehmüthige Art abgebildet. Ein Feld prangt mit schö¬ nen Blumen von frischen und glänzenden Farben, geschmückte Herren und Damen ge¬ hen umher, und ergötzen sich an der Pracht. Tanzende Mädchen ziehen mit ihrer muntern Bewegung den Blick auf sich, in den Bäu¬ men, die von Orangen glühn, erblickt man Liebesgötter, die schalkhaft mit ihren Ge¬ schossen herunterzielen, über den Mädchen schweben andre Amorinen, die nach den ge¬ schmückten Spaziergängern zur Vergeltung zielen. Spielleute blasen auf Instrumenten zum Tanz, eine bedeckte Tafel steht in der Ferne. — Gegenüber sieht man steile Fel¬ sen, auf denen Einsiedler Buße thun und in andächtiger Stellung beten, einige lesen, einer melkt eine Ziege. Hier ist die Dürf¬ tigkeit des armuthseligen Lebens dem üppigen glückseligen recht herzhaft gegenüber gestellt. — Unten sieht man drei Könige, die mit ihren Gemahlinnen auf die Jagd reiten, denen ein heiliger Mann eröffnete Gräber zeigt, in denen man von Königen verwes'te Leichnahme sieht. — Durch die Luft fliegt der Tod, mit schwarzem Gewand, die Sense in der Hand, unter ihm Leichen aus allen Ständen, auf die er hindeutet. — Dieses Bild mit seinen treuherzigen Reimen, die M 2 vielen Personen aus dem Munde gehn, hat immer in mir das Bild des großen mensch¬ lichen Lebens hervorgebracht, in welchem ei¬ ner vom andern weiß, und sich alle blind und taub durch einander bewegen. Unter diesen Gesprächen waren sie an eine dichte Stelle im Walde gekommen, ab¬ seits an einer Eiche gelehnt lag ein Ritters¬ mann, mit dem sich ein Pilgrim beschäftigte, und ihm eine Wunde zu verbinden suchte. Die beiden Wanderer eilten sogleich hinzu, sie erkannten den Ritter, Franz zuerst, es war derselbe, den sie vor einiger Zeit als Mönch gesehn hatten, und den Sternbald im Schlosse gemahlt hatte. Der Ritter war in Ohnmacht gesunken, er hatte viel Blut verloren, aber durch die vereinigte Hülfe kam er bald wieder zu sich. Der Pilgrim dankte den beiden Freunden herzlich, daß sie ihm geholfen, den armen Verwundeten zu pflegen, sie machten in der Eile eine Trage von Zweigen und Blättern, worauf sie ihn legten und so abwechselnd trugen. Der Ritter erholte sich bald, so daß er bat, sie möchten diese Mühe unterlassen; er ver¬ suchte es, auf die Füße zu kommen, und es gelang ihm, daß er sich mit einiger Beschwer¬ lichkeit und langsam fortbewegen konnte, die übrigen führten und unterstützten ihn. Der Ritter erkannte Franz und Rudolf ebenfalls, er gestand, daß er derselbe sey, den sie neu¬ lich in einer Verkleidung getroffen. Der Pil¬ grim erzählte, daß er nach Loretto wall¬ fahrte, um ein Gelübde zu bezahlen, das er in einem Sturm auf der See gethan. Es wurde dunkel, als sie immer tiefer in den Wald hineingeriethen und kaum noch den Weg bemerken konnten. Franz und Rudolf riefen laut, um jemand herbei¬ zulocken, der ihnen rathen, der sie aus der Irre führen könne, aber vergebens, sie hör¬ ten nichts als das Echo ihrer eignen Stim¬ me. Endlich war es, als wenn sie durch die Verworrenheit der Gebüsche ein fernes Glöcklein vernähmen, und sogleich richteten sie nach diesem Schalle ihre Schritte. Der Pilger insonderheit war sehr ermüdet, und wünschte einen Ruheplatz anzutreffen, er gestand es ungern, daß ihn sein übereiltes Gelübde schon oft gereut habe, daß er es aber nun schuldig sey zu bezahlen, um Gott nicht zu irren. Er seufzte fast bei jedem Schritte, und der Ritter konnte es nicht unterlassen, so ermüdet er selber war, bis¬ weilen über ihn zu spotten. Franz und Ru¬ dolf sangen Lieder, um die Ermüdeten zu trösten und anzufrischen, sehnten sich aber auch herzlich nach einer ruhigen Herberge. Jetzt sahen sie ein Licht ungewiß durch die Zweige schimmern, und die Hoffnung von allen wurde gestärkt, das Glöcklein ließ sich von Zeit zu Zeit wieder hören, und viel vernehmlicher. Sie glaubten sich in der Nähe eines Dorfs zu befinden, als sie aber noch eine Weile gegangen waren, standen sie vor einer kleinen Hütte, in der ein Licht brannte, das ihnen entgegenglänzte, ein Mann saß darin, und las mit vieler Auf¬ merksamkeit in einem Buche, ein großer Ro¬ senkranz hing an seiner Seite, über der Hütte war eine Glocke angebracht, die er abwechselnd anzog, und die den Schall ver¬ ursacht hatte. Er erstaunte, als er von der Gesellschaft in seinen Betrachtungen gestört wurde, doch nahm er alle sehr freundlich auf. Er berei¬ tete schnell aus Kräutern einen Saft, mit dem er die Wunde des Ritters verband, wonach dieser sogleich Linderung spürte, und zum Schlafe geneigt war. Auch Franz war müde, der Pilgrim war schon in einem Win¬ kel des Hauses eingeschlafen, nur Rudolf blieb munter, und verzehrte einiges von den Früchten, Brod und Honig, das der Ein¬ siedler aufgetragen hatte. Ihr seyd in mei¬ ner Einsamkeit willkommen, sagte dieser zu Florestan, und es ist mein tägliches Gebet zu Gott, daß er mir Gelegenheit geben möge, zuweilen einiges Gute zu thun, und so ist sie mir denn heute wider Erwarten gekom¬ men. Sonst bringe ich meine Zeit mit An¬ dacht und Beten zu, auch lasse ich nach ge¬ wissen Gebeten immer mein Glöcklein erschal¬ len, damit die Hirten und Bauern im Walde, oder die Leute im nächsten Dorfe wissen mö¬ gen, daß ich munter bin und für sie den Herrn danke, das einzige, was ich zur Ver¬ geltung für ihre Wohlthaten zu thun im Stande bin. Rudolf blieb mit dem Einsiedler noch lange munter, sie sprachen allerhand, doch ließ sich der Alte nicht zu lange von seinen vorgesetzten Gebeten abwendig machen, son¬ dern wiederholte sie während ihrer Erzäh¬ lung; Franz hörte im Schlummer die bei¬ den mit einander sprechen, dann zuweilen das Glöcklein klingen, den Gesang des Al¬ ten, und es dünkte ihm unter seinen Träu¬ men alles höchst wunderbar. Gegen Morgen schlief Rudolf auch ein, so viele Mühe er sich auch gab, wach zu bleiben, der Alte sang indeß: Bald kommt des Morgens früher Strahl Und funkelt tief in's ferne Thal Und macht die Leutlein munter: Dann regt zur Arbeit alles sich Und preis't den Schöpfer festiglich, Weicht Nacht und Schlaf hinunter, Weil' nicht Süß' Licht, Morgenröthe Magst die Öde, Hell entzünden Gottes Lieb' zu uns verkünden. Das Morgenroth brach liebreich herauf, und schimmerte erst an den Baumwipfeln, an den hellen Wolken, dann sah man die ersten Strahlen der Sonne durch den Wald leuchten. Die Vögel wurden rege, die Lerchen jubelten aus den Wolken herab, der Morgenwind schüttelte die Zweige. Die Schläfer wurden nach und nach wieder wach: der Ritter fühlte sich gestärkt und munter, der Einsiedel versicherte, daß seine Wunde nichts zu bedeuten habe. Franz und Ru¬ dolf machten einen Spaziergang durch den Wald, wo sie eine Anhöhe erstiegen und sich niedersetzten. Sind die Menschen nicht wunderlich? fing Florestan an, dieser Pilgrim kreuzt durch die Welt, verläßt sein geliebtes Weib, wie er uns selber erzählt hat, um Gott zu Gefallen die Capelle zu Loretto zu besuchen. Der Einsiedler hat mir in der Nacht seine ganze Geschichte erzählt: er hat die Welt auf immer verlassen, weil er unglücklich ge¬ liebt hat, das Mädchen, das ihn entzückte, hat sich einem andern ergeben, und darum will er nun sein Leben in der Einsamkeit beschließen, mit seinem Rosenkranze, Buche und Glocke beschäftigt. Franz dachte an das Bildniß, an den Tod seiner Geliebten, und sagte seufzend: O, laß ihn, denn ihm ist wohl, tadle nicht zu strenge die Glückseligkeit andrer Men¬ schen, weil sie nicht die Deinige ist. Wenn er wirklich geliebt hat, was kann er nun noch in der Welt wollen? In seiner Ge¬ liebten ist ihm die ganze Welt abgestorben, nun ist sein ganzes Leben ein ununterbroche¬ nes Andeuken an sie, ein immerwährendes Opfer, das er der Schönsten bringt. Ja, seine Andacht vermischt sich mit seiner Liebe, seine Liebe ist seine Religion, und sein Herz bleibt rein und geläutert. Sie strahlt ihm wie Morgensonne in sein Gedächtniß, — kein gewöhnliches Leben hat ihr Bild ent¬ weiht, und so ist sie ihm Madonna, Ge¬ fährtin und Lehrerin im Gebet. O, mein Freund, in manchen Stunden möchte ich mich so, wie er, der Einsamkeit ergeben, und von Vergangenheit und Zukunft Ab¬ schied nehmen. Wie wohl würde mir das Rauschen des Waldes thun, die Wieder¬ kehr der gleichförmigen Tage, der ununter¬ brochene leise Fluß der Zeit, der mich so un¬ vermerkt in's Alter hineintrüge, jedes Rau¬ schen ein andächtiger Gedanke, ein Lobge¬ sang. Müssen wir uns denn nicht doch einst von allem irrdischen Glücke trennen? Was ist dann Reichthum und Liebe und Kunst? Die edelsten Geister haben müssen Abschied nehmen, warum sollen es die schwächern nicht schon früher thun, um sich einzu¬ lernen? Florestan verwunderte sich über seinen Freund, doch bezwang er diesmal seinen Muthwillen, und antwortete mit keinem Scherze, weil Franz zu ernstlich gesprochen hatte. Er vermuthete im Herzen Stern¬ balds einen geheimen Kummer, er gab ihn daher schweigend die Hand, und Arm in Arm gingen sie herzlich zur Hütte des ar¬ men Klausners zurück. Der Ritter stand angekleidet vor der Thür. Die Röthe war auf seine Wangen zurückgekommen und sein Gesicht glänzte im Sonnenschein, seine Augen funkelten freund¬ lich, er war ein schöner Mann. Der Pil¬ grim und der Einsiedler hatten sich zu einer Andachtsübung vereinigt, und saßen in tief¬ sinnigen Gebeten im kleinen Hause. Die drei setzten sich im Grase nieder, und Rudolf faßte die Hand des Fremden und sagte mit lachendem Gesicht: Herr Rit¬ ter, Ihr dürft es mir wahrlich nicht verar¬ gen, wenn ich nun meine Neugier nicht mehr bezähmen kann, Ihr seyd überdies auch ziemlich wieder hergestellt, so daß Ihr wohl die Mühe des Erzählens über Euch nehmen könnt. Ich und mein Freund haben Euer Bildniß in dem Schlosse einer schönen Dame angetroffen, sie hat uns vertraut, wie sie mit Euch verbunden ist, Ihr könnt kein andrer seyn, Ihr dürft also gegen uns nicht weiter rückhalten. Ich will es auch nicht, sagte der junge Ritter, schon neulich, als ich Euch sah, fa߬ te ich ein recht herzliches Vertrauen zu Euch und Eurem Freunde Sternbald, daher will ich Euch recht gern erzählen, was ich selber von mir weiß, denn noch nie habe ich mich in solcher Verwirrung befunden. Ich be¬ dinge es mir aber aus, daß Ihr Niemand von dem etwas sagt, was ich jetzt erzählen werde; Ihr dürft darum keine seltsame Ge¬ heimnisse erwarten, sondern ich bitte Euch bloß darum, weil ich nicht weiß, in welche Verlegenheiten mich etwa künftig Euer Man¬ gel an Verschwiegenheit setzen dürfte. Wißt also, daß ich kein Deutscher bin, sondern ich bin aus einer edlen italienischen Familie entsprossen, mein Name ist Rode rigo . Meine Eltern gaben mir eine sehr freie Erziehung, mein Vater, der mich über¬ mäßig liebte, sah mir in allen Wildheiten nach, und als ich daher älter wurde und er mit seinem guten Rathe nachkommen wollte, war es natürlich, daß ich auf seine Worte gar nicht achtete. Seine Liebe zu mir er¬ laubte ihm aber nicht, zu strengern Mitteln als gelinden Verweisen seine Zuflucht zu nehmen, und darüber wurde ich mit jedem Tage wilder und ausgelassener. Er konnte es nicht verbergen, daß er über meine un¬ besonnenen Streiche mehr Vergnügen und Zufriedenheit als Kummer empfand, und das machte mich in meinem seltsamen Le¬ benslaufe nur desto sicherer. Er war selbst in seiner Jugend ein wilder Bursche gewe¬ sen, und dadurch hatte er eine Vorliebe für solche Lebensweise behalten, ja er sah in mir nur seine Jugend glänzend wieder auf¬ leben. Was mich aber mehr als alles übrige bestimmte und begeisterte, war ein junger Mensch von meinem Alter, der sich Ludo¬ viko nannte, und bald mein vertrautester Freund wurde. Wir waren unzertrennlich, wir streiften in Romanien, Calabrien und Ober¬ Oberitalien umher, denn die Reisesucht, das Verlangen, fremde Gegenden zu sehn, das in uns beiden fast gleich stark war, hatte uns zuerst an einander geknüpft. Ich habe nie wieder einen so wunderbaren Menschen gesehn, als diesen Lodoviko, ja ich kann wohl sagen, daß mir ein solcher Charakter auch vorher in der Imagination nicht als möglich vorgekommen war. Immer eben so heiter als unbesonnen, auch in der verdrie߬ lichsten Lage fröhlich und voll Muth: jede Gelegenheit ergriff er, die ihn in Verwir¬ rung bringen konnte, und seine größte Freude bestand darin, mich in Noth oder Gefahr zu verwickeln, und mich nachher stecken zu las¬ sen. Dabei war er so unbeschreiblich gutmü¬ thig, daß ich niemals auf ihn zürnen konnte. So vertraut wir mit einander waren, hat er mir doch niemals entdeckt, wer er eigent¬ lich sey, welcher Familie er angehöre, so oft (2r Th.) N ich ihn darum fragte, wies er mich mit der Antwort zurück: daß mir dergleichen völlig gleichgültig bleiben müsse, wenn ich sein wirklicher Freund sey. Oft verließ er mich wieder auf einige Wochen, und schwärmte für sich allein umher, dann erzählten wir uns unsre Abentheuer, wenn wir uns wie¬ derfanden. So giebt es doch noch so vernünftige Menschen in der Welt! rief Rudolf heftig aus, wahrlich, das macht mir ganz neue Lust, in meinem Leben auf meine Art weiter zu leben! O, wie freut es mich, daß ich Euch habe kennen lernen, fahrt um Gottes Willen in Eurer vortrefflichen Erzählung fort! Der Ritter lächelte über diese Unterbre¬ chung, und fuhr mit folgenden Worten fort: Es war fast kein Stand, keine Verkleidung zu erdenken, in der wir nicht das Land durchstreift hätten, als Bauern, als Bett¬ ler, als Künstler, oder wieder als Grafen zogen wir umher, als Spielleute musicirten wir auf Hochzeiten und Jahrmärkten, ja der muthwillige Lodoviko verschmähte es nicht, zuweilen als eine artige Zigeunerin herumzuwandern, und den Leuten, besonders den hübschen Mädchen, ihr Glück zu ver¬ kündigen. Von den lächerlichen Drangsalen, die wir oft überstehen mußten, so wie von den verliebten Abentheuern, die uns ergötz¬ ten, laßt mich schweigen, denn ich würde Euch in der That ermüden. Gewiß nicht, sagte Rudolf, aber macht es, wie es Euch gefällt, denn ich glaube selbst, Ihr würdet über die Mannigfaltig¬ keit Eurer Erzählungen müde werden. Vielleicht, sagte der Ritter. Von mei¬ nem Freunde glaubte ich heimlich, daß er seinen Eltern entlaufen sey, und sich nun N 2 auf gut Glück in der Welt herumtreibe. Aber dann konnte ich wieder nicht begreifen, daß es ihm fast niemals an Gelde fehle, mit dem er verschwenderisch und unbeschreib¬ lich großmüthig umging. Fast so oft er mich verließ, kam er mit einer reichen Börse zu¬ rück. Unsre größte Aufmerksamkeit war auf die schönen Mädchen aus allen Ständen ge¬ richtet; in kurzer Zeit war unsre Bekannt¬ schaft unter diesen außerordentlich ausgebrei¬ tet, wo wir uns aufhielten, wurden wir von den Eltern ungern gesehn, nicht selten wur¬ den wir verfolgt, oft entgingen wir nur mit genauer Noth der Rache der beleidigten Liebhaber, den Nachstellungen der Mädchen, wenn wir sie einer neuen Schönheit aufop¬ ferten. Aber diese Gefährlichkeiten waren eben die Würze unsres Lebens, wir vermie¬ den mit gutem Willen keine. Die Reiselust ergriff meinen Freund oft auf eine so gewaltsame Weise, daß er we¬ der auf die Vernunft, noch selber auf meine Einwürfe hörte, der ich doch Thor gern ge¬ nug war. Nachdem wir Italien genug zu kennen glaubten, wollte er plötzlich nach Afrika übersetzen. Die See war von den Corsaren so beunruhigt, daß kein Schiff gern überfuhr, aber er lachte, als ich ihm davon erzählte, er zwang mich beinahe, sein Begleiter zu seyn, und wir schifften mit glücklichem Winde fort. Er stand auf dem Verdecke und sang verliebte Lieder, alle Ma¬ trosen waren ihm gut, jedermann drängte sich zu ihm, die afrikanische Küste lag schon vor uns. Plötzlich entdeckten wir ein Schiff, das auf uns zuseegelte, es waren Seeräu¬ ber. Nach einem hartnäckigen Gefechte, in welchem mein Freund Wunder der Tapfer¬ keit that, wurden wir erobert und gefangen fortgeführt. Lodoviko verlor seine Munter¬ keit nicht, er verspottete meinen Kleinmuth, und die Corsaren betheuerten, daß sie noch nie einen so tollkühnen Wagehals gesehen hätten. Was soll mir das Leben? sagte er dagegen in ihrer Sprache, die wir beide ge¬ lernt hatten, heute ist es da, morgen wieder fort; jedermann sey froh, so hat er seine Pflicht gethan, keiner weiß, was morgen ist, keiner hat das Angesicht der zukünftigen Stunde gesehn. Spotte über die Falten, über das Zürnen, das uns Saturn oft im Vorüberfliegen vorhält, der Alte wird schon wieder gut, er ist wacker, und lächelt end¬ lich über seine eigne Verspottung, er bittet Euch, wie Alte Kindern thun, nachher seine Unfreundlichkeit ab. Heute mir, morgen Dir: wer Glück liebt, muß auch sein Un¬ glück willkommen heißen. Das ganze Leben ist nicht der Sorge werth. So stand er mit seinen Ketten unter ihnen, und wahrlich! ich vergaß über seinen Heldenmuth mein eignes Elend. — Wir wurden an's Land gesetzt und als Sklaven verkauft: noch als wir getrennt wurden, nickte Lodoviko mir ein freundliches Lebe¬ wohl zu. Wir arbeiteten in zwei benachbarten Gärten, ich verlor in meiner Dürftigkeit, in dieser Unterjochung allen Muth, aber ich hörte ihn aus der Ferne seine gewöhnlichen Lieder singen, und wenn ich ihn einmal sah, war er so freundlich und vergnügt, wie im¬ mer. Er that gar nicht, als wäre etwas Besondres vorgefallen. Ich konnte innerlich über seinen Leichtsinn recht von Herzen böse seyn, und wenn ich dann wieder sein lächeln¬ des Gesicht vor mir sah, war aller Zorn ver¬ schwunden, alles vergessen. Nach acht Wochen steckte er mir ein Briefchen zu, er hatte andre Christensklaven auf seine Seite gebracht, sie wollten sich ei¬ nes Fahrzeugs bemächtigen und darauf ent¬ fliehen: er meldete mir, daß er mich mit¬ nehmen wolle, wenn dieser Vorsatz gleich seine Flucht um vieles erschwere; ich solle den Muth nicht verlieren. Ich verließ mich auf sein gutes Glück, daß uns der Vorsatz gelingen werde. Wir kamen in einer Nacht am Ufer der See zu¬ sammen, wir bemächtigten uns des kleinen Schiffs, der Wind war uns anfangs gün¬ stig. Wir waren schon tief in's Meer hin¬ ein, wir glaubten uns bald der italienischen Küste zu nähern, als sich mit dem Anbruche des Morgens ein Sturm erhob, der immer stärker wurde. Ich rieth, an's nächste Land zurückzufahren, und uns dort zu verbergen, bis sich der Sturm gelegt hätte, aber mein Freund war andrer Meinung, er glaubte, wir könnten dann von unsern Feinden ent¬ deckt werden, er schlug vor, daß wir auf der See bleiben, und uns lieber der Gnade des Sturms überlassen sollten. Seine Überredung drang durch, wir zogen alle See¬ gel ein, und suchten uns so viel als möglich zu erhalten, denn wir konnten überzeugt seyn, daß bei diesem Ungewitter uns Nie¬ mand verfolgen würde. Der Wind drehte sich, Sturm und Donner nahmen zu, das empörte Meer warf uns bald bis in die Wolken, bald verschlang uns der Abgrund. Alle verließ der Muth, ich brach in Klagen aus, in Vorwürfe gegen meinen Freund. Lodoviko, der bis dahin unablässig gearbei¬ tet und mit allen Elementen gerungen hatte, wurde nun zum erstenmale in seinem Leben zornig, er ergriff mich und warf mich im Schiffe zu Boden. Bist Du, Elender, rief er aus mein Freund, und unterstehst Dich zu klagen, wie die Sklaven dort? Rode¬ rigo, sey munter und fröhlich, das rath' ich Dir, wenn ich Dir gewogen bleiben soll, denn wir können in's Teufels Namen nicht mehr als sterben! Und unter diesen Wor¬ ten setzte er mir mit derben Faustschlägen dermaßen zu, daß ich bald alle Besinnung verlor, und den Donner, die See und den Sturm nicht mehr vernahm. Als ich wieder zu mir kam, sah ich Land vor mir, der Sturm hatte sich gelegt, ich lag in den Armen meines Freundes. Ver¬ gieb mir, sagte er leutselig, wir sind geret¬ tet, dort ist Italien, Du hättest den Muth nicht verlieren sollen. — Ich gab ihm die Hand, und nahm mir im Herzen vor, den Menschen künftig zu vermeiden, der meinem Glücke und Leben gleichsam auf alle Weise nachstellte; aber ich hatte meinen Vorsatz schon vergessen, noch ehe wir an's Land ge¬ stiegen waren, denn ich sah ein, daß er mein eigentliches Glück sey. Rudolf, der mit der gespanntesten Auf¬ merksamkeit zugehört hatte, konnte sich nun nicht länger halten, er sprang heftig auf, und rief: Nun, bei allen Heiligen, Euer Freund ist ein wahrer Teufelskerl! Wie lumpig ist alles, was ich erlebt habe, und worauf ich mir wohl manchmal etwas zu Gute that, gegen diesen Menschen! Ich muß ihn kennen lernen, wahrhaftig, und sollte ich nach dieser Seltenheit bis an's Ende der Welt laufen! Wenn er nur noch lebt, antwortete Ro¬ derigo, denn nun ist es schon länger als ein Jahr, daß ich ihn nicht gesehen habe. Ich habe Euch diesen Vorfall nur darum weit¬ läuftiger erzählt, um Euch einigermaßen ei¬ nen Begriff von seinem Charakter zu geben. Meine Eltern priesen sich glücklich, als sie mich wiedersahen, aber Lodoviko hatte mich bald wieder in neue Abentheuer verwickelt. Ich wollte die Schweiz und Deutschland be¬ suchen, er wollte ohne meine Gesellschaft eine andre Reise unternehmen, es war nichts ge¬ ringeres, als daß er nach Aegypten gehen wollte, die seltsamen uralten Pyramiden, das wunderbare rothe Meer, die Sandwü¬ sten mit ihren Sphinxen, der fruchtbare Nil, diese Gegenstände, von denen man schon in der Kindheit so viel hört, waren es, die ihn dorthin riefen. Unser Abschied war überaus zärtlich, er versprach mir, in einem Jahre nach Italien zurückzukommen; ich nahm auf eben so lange von meinen Eltern Urlaub, und trat meine Reise nach Deutschland an. Ich fühlte mich ohne meinen Gefährten recht einsam und verlassen, der Muth wollte sich anfangs gar nicht einstellen, der mich sonst aufrecht gehalten hatte. Die hohen Gebirge der Schweiz und in Tyrol, die furchtbare Majestät der Natur, alles stimmte mich auf lange Zeit traurig, ich bereute es oft, ihm nicht wider seinen Willen gefolgt zu seyn und an seinem Wahnsinne Theil zu nehmen. Einigemal war ich im Begriff, zu meiner Familie zurückzukehren, aber die Sucht, ein fernes Land, fremde Menschen zu sehn, trieb mich wieder vorwärts, auch die Schaam, einer Lebensart untreu zu wer¬ den, die bis dahin mein höchstes Glück aus¬ gemacht hatte. Ich will Euch die einzelnen Vorfälle verschweigen, und mich zu der Be¬ gebenheit wenden, die Ursache ist, daß Ihr mich hier angetroffen. Nach manchen lustigen Abentheuern, nach manchen angenehmen Bekanntschaf¬ ten langte ich in der Gegend des Schlosses an, wo Ihr gekannt seyd. Ich saß auf ei¬ ner Anhöhe und überdachte die Mannigfal¬ tigkeiten meines Lebenslaufs, als eine fröh¬ liche Jagdmusik mich aufmerksam machte. Ein Zug von Jägern kam näher, in ihrer Mitte eine schöne Dame, die einen Falken auf der Hand trug; die Einsamkeit, ihr schimmernder Anzug, alles trug dazu bei, sie ungemein reizend darzustellen. Meine Sinne waren gefangen genommen, ich konn¬ te die Augen nicht von ihr abwenden: alle Schönheiten, die ich sonst gesehn hatte, schienen mir gegen diese alltäglich, es war nicht dieser und jener Zug, der mich an ihr entzückte, nicht der Wuchs, nicht die Farbe der Wan¬ gen oder der Blick der Augen, sondern auf geheimnißvolle Weise alles dies zusammen. Es war ein Gefühl in meinem Busen, das ich bis dahin noch nicht empfunden hatte, es durchdrang mich ganz, nur sie allein sah ich in der weiten Welt, jenseit ihres Besiz¬ zes lag kein Wunsch mehr in der Welt. Ich suchte ihre Bekanntschaft, ich ver¬ schwieg ihr meinen Namen. Ich fand sie meinen Wünschen geneigt, ich war auf dem höchsten Gipfel meiner Seligkeit. Wie arm kam mir mein Leben bis dahin vor, wie entsagte ich allen meinen Schwärmereien! Der Tag unsrer Hochzeit war festgesetzt. O, meine Freunde, ich kann Euch nicht beschreiben, ich kann sie selber nicht begrei¬ fen, die wunderbare Veränderung, die nun mit mir vorging! Ich sah ein bestimmtes Glück vor mir liegen, aber ich war an die¬ sem Glücke festgeschmiedet: wie wenn ich in Meeresstille vor Anker läge, und nun sähe, wie Mast und Seegel vom Schiffe herunter¬ geschlagen würden, um mich hier, nur hier ewig festzuhalten. O, süße Reiselust! sagte ich zu mir sel¬ ber, geheimnißreiche Ferne, ich werde nun von Euch Abschied nehmen und eine Hei¬ math dafür besitzen! Lockt mich nicht mehr weit weg, denn alle Eure Töne sind vergeb¬ lich, ihr ziehenden Vögel, du Schwalbe mit deinen lieblichen Gesängen, du Lerche mit deinen Reiseliedern! Keine Städte, keine Dörfer werden mir mehr mit ihren glänzenden Fenstern entgegenblicken, und ich werde nun nicht mehr denken: Welche weib¬ liche Gestalt steht dort hinter den Vorhän¬ gen, und sieht mir den Berg herauf entge¬ gen? Bei keinem fremden liebreizenden Ge¬ sichte darf mir nun mehr einfallen: Wir werden bekannter mit einander werden, die¬ ser Busen wird vielleicht am meinigen ruhn, diese Lippen werden mit meinen Küssen ver¬ traut seyn. Mein Gemüth ward hin- und zurück¬ gezogen, häusliche Heimath, räthselhafte Fremde; ich stand in der Mitte, und wußte nicht, wohin. Ich wünschte, die Gräfin möchte mich weniger lieben, ein Anderer möchte mich aus ihrer Gunst verdrängen, dann dann hätte ich sie zürnend und verzweifelt verlassen, um wieder umherzustreifen, und in den Bergen, im Thalschatten, den frischen, lebendigen Geist wiederzusuchen, der mich ver¬ lassen hatte. Aber sie hing an mir mit al¬ lem Feuer der ersten Liebe, sie zählte die Minuten, die ich nicht bei ihr zugebracht: sie haderte mit meiner Kälte. Noch nie war ich so geliebt, und die Fülle meines Glücks übertäubte mich. Sehnsüchtig sah ich jedem Wandersmann nach, der auf der Landstraße vorüberzog; wie wohl ist Dir, sagte ich, daß Du Dein ungewisses Glück noch suchst! ich habe es gefunden! Ich ritt aus, um mich zu sammeln. Ich hielt mir in der Einsamkeit meinen Undank vor. Was willst Du in der Welt als Liebe? so redete ich mich selber an; siehe, sie ist Dir geworden, sey zufrieden, begnüge Dich, Du kannst nicht mehr erobern: was Du in ein¬ (2r Th.) O samen Abenden mit aller Sehnsucht des Herzens erwünschtest, wonach Du in Wäl¬ dern jagtest, was die Bergströme Dir entge¬ gensangen, dies unnennbare Glück ist Dir geworden, ist wirklich Dein, die Seele, die Du weit umher gesucht, ist Dir entgegen gekommen. Wie kam es, daß die Dörfer mit ihren kleinen Häusern so seltsamlich vor mir la¬ gen? daß mir jede Heimath zu enge und beschränkt dünkte? Das Abendroth schien in die Welt hinein, da ritt ich vor einem nie¬ drigen Bauernhause vorbei, auf dem Hofe stand ein Brunnen, davor war ein Mägd¬ lein, das sich bückte, den schweren gefüllten Eimer heraufzuziehen. Sie sah zu mir her¬ auf, indem ich stillhielt, der Abendschein lag auf ihren Wangen, ein knappes Mieder schloß sich traulich um den schönen vollen Busen, dessen genaue Umrisse sich nicht ver¬ bergen ließen. Wer ist sie? sagte ich zu mir, warum hat sie Dich betrachtet? Ich grüßte, sie dankte und lächelte. Ich ritt fort, und rettete mich in die Dämmerung des Waldes hinein: mein Herz klopfte, als wenn ich dem Tode entgegen ginge, als mir die Lichter aus dem Schlosse entgegenglänzten. Sie wartet auf Dich, sagte ich zu mir, freundlich hat sie das Abendessen bereitet, sie sorgt, daß Du müde bist, sie trocknet Dir die Stirn. Nein, ich liebe sie, rief ich aus, wie sie mich liebt. In der Nacht tönte der Lauf der Berg¬ quellen in mein Ohr, die Winde rauschten durch die Bäume, der Mond stieg herauf und ging wieder unter: alles, die ganze Natur in freier, willkührlicher Bewegung, nur ich war gefesselt. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als ich wieder durch das Dorf ritt, es traf sich, daß das Mädchen wieder am Brunnen stand: ich war meiner O 2 nicht mehr mächtig. Ich stieg vom Pferde, sie war ganz allein, sie antwortete so freund¬ lich auf alle meine Fragen, ich war in mei¬ nem Leben zum erstenmal mit einem Weibe verlegen, ich machte mir Vorwürfe, ich wußte nicht, was ich sprach. Neben der Thür des Hauses war eine dichte Laube, wir setzten uns nieder; die schönsten blauen Augen sa¬ hen mich an, ich konnte den frischen Lippen nicht widerstehen, die zum Kuß einluden, sie war nicht strenge gegen mich, ich vergaß die Stunde. Nachdenkend ritt ich zurück, ich wußte nun bestimmt, daß ich in dieser Einschränkung, in der Ehe mit der schönen Gräfin nicht glücklich seyn würde. Ich hatte es sonst oft belacht, daß man mit dem ge¬ wechselten Ringe die Freiheit fortschenkte, jetzt erst verstand ich den Sinn dieser Re¬ densart. Ich vermied die Gräfin, ihre Schönheit lockte mich wieder an, ich ver¬ achtete mich, daß ich zu keinem Entschlusse kommen konnte. Der Hochzeitstag war in¬ deß ganz nahe herangerückt, meine Braut machte alle Anstalten, ich hörte immer schon von den künftigen Einrichtungen sprechen; mein Herz schlug mir bei jedem Worte. Man erzählt, daß man vor dem letzten Unglück des Markus Antonius wunderbare Töne wie von Instrumenten gehört habe, wodurch sein Schutzgott Herkules von ihm Ab¬ schied genommen: so hört ich in jedem Lerchen¬ gesange, in jedem Klang einer Trompete, jegli¬ chen Instruments das Glück, das mir seinen Ab¬ schied wehmüthig zurief. Immer lag mir die gründämmernde Laube im Sinne, das blaue Auge, der volle Busen. Ich war entschlossen. Nein, Lodoviko, rief ich aus, ich will Dir nicht untreu werden. Du sollst mich nicht als Sklav wiederfinden, nachdem Du mich von der ersten Kette losgemacht hast. Soll ich ein Ehemann werden, weil ich liebte? Seltsame Folge! Ich nahm Abschied von ihr, ich ver¬ steckte mich in die Kleidung eines Mönchs, so streifte ich umher, und so traf ich auf je¬ nen Bildhauer Bolz, der eben aus Italien zurückkam. Ich glaubte in ihm einige Züge von meinem Freunde anzutreffen, und entdeckte ihm meine seltsame Leidenschaft. Er ward mein Begleiter. Wie genau lernte ich nun Laube, Haus und Garten meiner Geliebten kennen! Wie oft saßen wir da in den Nacht¬ stunden Arm in Arm geschlungen, indem uns der Vollmond in's Gesicht schien! In der Kleidung eines gemeinen Bauern machte ich auch mit den Eltern Bekanntschaft, und schmeckte nun nach langer Zeit wieder die Süßigkeiten meiner sonstigen Lebensweise. Dann brach ich plötzlich wieder auf; nicht weit von hier wohnt ein schönes Mäd¬ chen, die die Eltern dem Kloster bestimmt haben, sie beweint ihr Schicksal. Ich war bereit, sie in dieser Nacht zu entführen; ich vertraute dem Gefährten meinen Plan, die¬ ser Tückische, der sie anbetet, lockt mich hier¬ her in den dichten Wald, und versetzt mir heimlich diese Wunde. Darauf verließ er mich schnell. Seht, das ist meine Geschichte. Unaufhörlich schwebt das Bild der Grä¬ fin nun vor meinen Augen. Soll ich sie lassen? kann ich sie wiederfinden? soll ich einem Wesen mein ganzes Leben opfern? Franz sagte: Eure Geschichte ist selt¬ sam, die Liebe heilt Euch vielleicht einmal, daß Ihr Euch in der Beschränkung durch¬ aus glücklich fühlt, denn noch habt Ihr die Liebe nicht gekannt. Du bist zu voreilig, mein Freund, sagte Florestan, nicht alle Menschen sind wie Du, und genau genommen, weißt Du auch noch nicht einmal, wie Du beschaffen bist. Der Einsiedler kam, um nach der Wunde des Ritters zu sehn, die sich sehr gebessert hatte. Rudolf nahm seine Schreibtafel und schrieb etwas hinein, Franz ging sinnend im Walde hin und her. Nach einer halben Stunde suchte Flore¬ stan seinen Freund, und las ihm folgendes Gedicht vor, das Sternbald sehr bewegte. Das Kind. Ach! wie schön die Welt! Ruht der freundliche Glanz auf den grünen Bergen, Winkt mir der goldne Strahl durch die Bäume, Durch den dichten Wald. Welch' ein schönes Land mag hinter den Bergen an¬ fangen, Hör' ich wie bunte Hähne von dorther krähen, Hör' ich Hündchen bellen, mich locken, Aber ich darf nicht folgen. Über Wiesen kommen mir vielleicht mit vielen Blumen Schöne Kinder entgegen, Goldne Haare hängen über die Stirne, Herrliches, wunderbares Spielzeug halten sie in den kleinen Händen, Alles wollen sie mir gern und freundlich geben. Meine Lippen würden sie küssen, Gingen dann mit einander Über die bunte, blumenglänzende Wiese. Ach! und einsam muß ich nun hier stehn, Die Kinder, die ich kenne, gefallen mir nicht, Sie spielen mit mir und ich muß weinen Daß ich die Herrlichkeiten in der Ferne nicht suchen darf. O, wär' ich groß und stark, und dürfte der Vater Nicht mehr schelten, die Mutter nicht mehr sorgen, Wie wollt' ich eilen hinein in die Welt, und alles suchen, Was ich mir wünsche. Der Jüngling. Rastlos irrt' ich hin und her Durch die Länder, über's Meer, Weiter drängte mich der Muth, Suchte unbekanntes Gut, Immer weiter lockten die Sterne, Zimmer ferner die zauberische Ferne, Suchte immer in Meer und Land Was mir gebrach, was ich doch nicht fand. Schmachtend kam ich stets zurück, Nirgend auf weiter Erde mein Glück. O Thor, und hast es nicht gefunden, Wonach alle Sehnsucht rang, Dem Dein Herz entgegen drang In den bittersüßen Stunden? Zu ihr, zu ihr mein Herz gerissen Entgegen ihren Wonneküssen! Diese Trauer beengte die Brust, Vergällte jede Lebenslust, Daß keiner dies mein Herz verstand, Jedweder Sinn mir abgewandt; Das trieb mich her, das trieb mich hin, Und nirgend war mein Leben mir Gewinn. Die Schwesterseele mein Geist gefunden, Und Seele mit Seele fest verbunden, Das halbe Wort, der Blick, der Ton, Mir mehr als Rede verständlich schon: Seh' ich des Auges Holdseligkeit, Ihr Geist den süßen Gruß mir brut, Die Lippe nicht allein, die küßt, Im Küssen ein Geist im andern ist, Himmelsothem umweht mich mit Engelsschwingen, Alle Pulse Wonn' und Entzücken klingen. Keine Sehnsucht weckt des Waldes Ton, Blickt mich an der holde Augenstern, Fliegt mein Geist nach Strömen nicht davon, Lockt mich keine zauberreiche Fern, Bleibe in der Heimath gern. Der Mann. Irrte der Mensch in der schönsten Zeit des Le¬ bens nicht rastlos über Klippen und Fels, glücklich wäre der Mensch, Aber er sucht in Bergen, im Thal das befreundete Wesen, Jenes bleibt ihm fremd, er nur sich selber getreu, Könnte Vernunft durch's Leben den raschen Jüng¬ ling geleiten, Daß er das Leben nicht selbst wie ein Verschwender verlör', Suchend, was niemals noch vor ihm ein Einz'ger gefunden, Daß er doch glaubte, was ihn Mutter Erfahrung belehrt. Lernte zum Nutzen für sich und andre die Kräfte beherrschen, Die zur Zerstörung nur leider die Jugend gebraucht. — Hoben Muth und Geisterkraft empfind' ich im Innern, Aber noch ist nichts Würdiges durch mich geschehn, Doch, zu Thalen soll mich die schönste Hoffnung be¬ geistern, Alles, was ich bin, Wohlthat für jeglichen sey, Heiter seh' ich dann am Abend in's Leben zurücke, Mich beruhigt es dann, daß ich gewirkt und genützt, Daß ich gethan, so viel das Geschick mir immer er¬ laubte Und von meinem Platz niemals den Bessern ver¬ drängt. Der Greis. Von der langen Lebensreise müde, Bin ich an des Todes Thor gekommen, Sitze da und schau auf meinen Weg. — Viele mühevolle Schritte, wie vergeblich, Aber mich gereut nicht einer. Unerfüllt dem Jüngling des Kindes Sehnsucht, Ward die Hoffnung des Manne betrogen, Aber ich traute nicht darob. Hier im Baumschatten ruhend schau ich Wohlgemuth nach meinen gepflanzten Blumen, Die mit süßen Düften mich erquicken; Denke bei den kleinen Blumen jeder Gegend, Die ich sonst wohl sah, die mir jetzt fern liegt, Aber nun lockt mich die Ferne nicht mehr. Rasche Jünglinge nennen meine Blumensorge Spiel des Alters, was gewinnen sie mit Ihrer stürmenden Kraft? Diese Blumen wachsen, blühn und duften, Alle meine Wünsche sind erfüllt. In des Lebens harten Felsen stecken sie Ach! manche Hoffnung und wünschen ihr Gedeihn, Wie selten, daß der Saame grün emporschießt, Wie seltner, daß er Blüthen trägt! Um mich sammeln sich die Kinder Und es freut mich, Spielwerk für sie zu schnitzen, Dann seh' ich den ernsten Mann wohl lächeln, Der den Geschäften sein Leben weiht. Nennt mein Beginnen kindisch, und weiß nicht Daß er mit unzufried'nen Kindern nur zu thun hat, Denen er das Spielzeug nimmer recht macht, Thöricht ist es, auf- und abzutreiben, Der Seele Heimath hier auf Erden suchend, Sie kann auf dieser Erde nirgend seyn. Auf meinen Blumen zittert das Abendroth Und versinkt dann hinter Bergen. O, daß ich so in die kühle grüne Erde sänke, Dann suchte die freie Seele durch den Luftraum Die schön're Heimath unter den Gestirnen, Dann fänd' ich den geliebten Bruder, Den ich vergeblich mit Schmerzen hier gesucht, Dann träf' ich die wirkende Kraft und Dauer, Da ich mich hier in vergeblicher Arbeit abgequält. Franz Sternbald suchte den Ritter wie¬ der auf, nachdem Florestan ihn verlassen hatte, und sagte: Ihr seyd vorher gegen meinen Freund so willfährig gewesen, daß Ihr mich dreist gemacht habt, Euch um die Geschichte jenes alten Mannes zu bitten, dessen Ihr an dem Morgen erwähntet, als wir uns hinter Straßburg trafen. So viel ich mich erinnern kann, sagte der Ritter, will ich Euch erzählen. — Auf einer meiner einsamen Wanderungen kam ich in ein Gehölz, das mich bald zu zwei einsamen Felsen führte, die sich wie zwei Thore gegenüberstanden. Ich bewunderte die seltsame Symmetrie der Natur, als ich auf einen schönen Baumgang aufmerksam wurde, der sich hinter den Felsen eröffnete. Ich ging hindurch, und fand einen weiten Platz, durch den die Allee von Bäumen gezogen war, ein schöner heller Bach floß auf der Seite, Nachtigallen sangen, und eine schöne Ruhe lud mich ein, mich nieder¬ zusetzen und auf das Plätschern einer Fon¬ taine zu hören, die aus dichtem Gebüsche herausplauderte. Ich saß eine Weile, als mich der lieb¬ liche Ton einer Harfe aufmerksam machte, und als ich mich umsah, ward ich die Büste Ariost's gewahr, die über einem kleinen Al¬ tar erhaben stand, unter dieser spielte ein schöner Jüngling auf dem Instrumente. — Hier wurde die Erzählung des Ritters durch einen sonderbaren Vorfall unterbrochen. Zweites Zweites Buch. (2r Th.) P Erstes Kapitel. I n der Klause entstand ein Geräusch und Gezänk, gleich darauf sah man den Eremi¬ ten und Pilgrim beide erhitzt heraustreten, aus dem Walde kam ein großer ansehnli¬ cher Mann, auf den Roderigo sogleich hin¬ zueilte, und ihn in seine Arme schloß. O, mein Ludoviko! rief er aus, bist Du wieder da? Wie kömmst Du hierher? geht es Dir wohl? bist Du noch wie sonst mein Freund? Jener konnte vor dem Entzücken Rode¬ rigo's immer noch nicht zu Worte kommen, indessen die heiligen Männer in ihrem eifri¬ gen Gezänk fortfuhren. Da Florestan den Namen Ludoviko nennen hörte, verließ er auch Sternbald, und eilte zu den beiden, P 2 indem er aufrief: Gott sey gedankt, wenn Ihr Ludoviko seyd! Ihr seyd uns hier in der Einsamkeit unaussprechlich willkommen! Ludoviko umarmte seinen Freund, in¬ dem Sternbald voller Erstaunen verlassen da stand, dann sagte er lustig: Mich freut es, Dich zu sehn, aber wir müssen doch dort die streitenden Partheyen aus einander bringen. Als sie den fremden schönen Mann auf sich zukommen sahen, der ganz so that, als wenn es seine Sache seyn müßte, ihren Zwist zu schlichten, ließen sie freiwillig von einan¬ der ab. Sie waren von der edlen Gestalt wie bezaubert, Roderigo war vor Freude trunken, seinen Freund wieder zu besitzen, und Florestan konnte kein Auge von ihm verwenden. Was haben die beiden heiligen Männer gehabt? fragte Ludoviko. Der Eremit fing an, seinen Unstern zu erzählen. Der Pilger sey derselbe, der seine Geliebte geheirathet habe, diese Entdeckung habe sich unvermuthet während ihrer Gebe¬ ter hervorgethan, er sey darüber erbittert worden, daß er nun noch zum Überfluß sei¬ nem ärgsten Feinde Herberge geben müßte. Der Pilgrim verantwortete sich dagegen: daß es seine Schuld nicht sey, daß jener ge¬ gen die Gastfreiheit gehandelt und ihn mit Schimpfreden überhäuft habe. Ludoviko sagte: Mein lieber Pilger, wenn Dir die Großmuth recht an die Seele geheftet ist, so überlaß jenem eifrigen Lieb¬ haber Deine bisherige Frau, und bewohne Du seine Klause. Vielleicht, daß er sich bald hierher zurücksehnt, und Du dann gewiß nicht zum zweitenmale den Tausch eingehn wirst. Rudolf lachte laut über den wunderli¬ chen Zank und über diese lustige Entscheidung, Franz aber erstaunte, daß Einsiedler, heilige Männer so unheiligen und gemeinen Leiden¬ schaften, als dem Zorne, Raum verstatten könnten. Der Pilgrim war gar nicht Wil¬ lens, seine Frau zu verlassen, um ein Wald¬ bruder zu werden, der Eremit schämte sich seiner Heftigkeit. Alle Partheyen waren ausgesöhnt, und sie setzten sich mit friedlichen Gemüthern an das kleine Mittagsmahl. Du hast Dich gar nicht verändert, sagte Roderigo. Und muß man sich denn immer verän¬ dern? rief Ludoviko aus; nein, auch Ae¬ gypten mit seinen Pyramiden und seiner hei¬ ßen Sonne kann mir nichts anhaben. Nichts ist lächerlicher, als die Menschen, die mit ernsthaftern Gesichtern zurückkommen, weil sie etwa entfernte Gegenden gesehn haben, alte Gebäude und wunderliche Sitten. Was ist es denn nun mehr? Nein, mein Rode¬ rigo, hüte Dich vor dem Anderswerden, denn an den meisten Menschen ist die Ju¬ gend noch das Beste, und was ich habe, ist mir auf jeden Fall lieber, als was ich erst bekommen soll. Eine Wahrheit, die nur bei einer Frau eine Ausnahme leidet. Nicht wahr, mein lieber Pilgrim? Du selbst kömmst mir aber etwas anders vor. Und wie steht es denn in Aegypten? fragte Florestan, der gern mit dem seltsa¬ men Fremden bekannter werden wollte. Die alten Sachen stehn noch immer am alten Fleck, sagte jener, und wenn man dort ist, vergißt man, daß man sich vorher dar¬ über verwundert hat. Man ist dann so eben und gewöhnlich mit sich und allem außer sich, wie mir hier im Walde ist. Der Mensch weiß nicht, was er will, wenn er Sehnsucht nach der Fremde fühlt, und wenn er dort ist, hat er nichts. Das Lächerlichste an mir ist, daß ich nicht immer an demselben Orte bleibe Habt Ihr die seltsamen Kunstsachen in Augenschein genommen? fragte Franz be¬ scheiden. Was mir vor die Augen getreten ist, sagte Ludoviko, habe ich ziemlich genau be¬ trachtet. Die Sphinxe sehn unser eins mit gar wunderlichen Augen an, sie stehn aus dem fernen Alterthum gleichsam spöttisch da, und fragen: Wo bist Du her? was willst Du hier? Ich habe in ihrer Gegenwart meiner Tollkühnheit mich mehr geschämt, als wenn vernünftige Leute mich tadelten, oder andre mittlern Alters mich lobten. O, wie gern möchte ich Euer Gefährte gewesen seyn! rief Franz aus, die Gegenden wirklich und wahrhaftig zu sehn, die schon in der Imagination unsrer Kindheit vor uns stehn, die Örter zu besuchen, die gleichsam die Wiege der Menschheit sind. Nun dem wunderbaren Laufe des alten Nils zu fol¬ gen, von Ruinen in fremder, schauerlicher, halbverständlicher Sprache angeredet zu wer¬ den, Sphinxe im Sande, die hohen Pyrami¬ den, Memnons wundersame Bildsäule, und immer das Gefühl der alten Geschichten mit sich herumzutragen, noch einzelne lebende Laute aus der längst entflohenen Heldenzeit, zu vernehmen, über's Meer nach Griechen¬ land hinüberzublicken, zu träumen, wie die Vorwelt aus dem Staube sich wieder empor¬ gearbeitet, wie wieder griechische Flotten lan¬ den, — o, alles das in unbegreiflicher Ge¬ genwart nun vor sich zu haben, könnt Ihr gegen Euer Glück wirklich so undankbar seyn? — Ich bin es nicht, sagte Ludoviko, und mir sind diese Empfindungen auch oft auf den Bergen, an der Seeküste durch die Brust gegangen. Oft faßte ich aber auch eine Handvoll Sand, und dachte: Warum bist Du nun so mühsam, mit so mancher Ge¬ fahr, so weit gereis't, um dies Theilchen Erde zu sehn, das Sage und Geschichte Dir nun so lange nennt? Ist denn die übrige Erde jünger? Darfst Du Dich in Deiner Heimath nicht verwundern? Sieh die ewi¬ gen Felsen dort an, den Aetna in Sicilien, den alten Schlund des Charybdis. Und mußt Du Dich verwundern, um glücklich zu seyn? — Ich sagte dann zu mir selber: Thor! Thor! und wahrlich, ich verachtete in eben dem Augenblicke den Menschen, der diese Thorheit nicht mit mir hätte begehn können. Unter mancherlei Erzählungen verstrich auch dieser Tag, der Einsiedel sagte oft: Ich begreife nicht, wie ich in Eurer Gesell¬ schaft bin, ich bin wohl und sogar lustig, ja meine Lebensweise ist mir weniger ange¬ nehm, als bisher. Ihr steckt uns alle mit der Reisesucht an; ich glaubte über alle Thorheiten des Lebens hinüber zu seyn, und Ihr weckt eine neue Lust dazu in mir auf. Am folgenden Morgen nahmen sie Ab¬ schied; der Pilgrim hatte sich mit dem Ein¬ siedel völlig versöhnt, sie schieden als gute Freunde, Ludoviko führte den Zug an, die übrigen folgten ihm. Auf dem Wege erkundigte sich Ludoviko nach Sternbald und seinem Gefährten Flo¬ restan, er lachte über diesen oft, der sich alle Mühe gab, von ihm bemerkt zu werden, Sternbald war still, und begleitete sie in tiefen Gedanken. Ludoviko sagte zu Franz, als er hörte, dieser sey ein Mahler: Nun, mein Freund, wie treibt Ihr es mit Eurer Kunst? Ich bin gern in der Gesellschaft von Künstlern, denn gewöhnlich sind es die wun¬ derlichsten Menschen, auch fallen wegen ih¬ rer seltsamen Beschäftigung alle ihre Launen mehr in die Augen, als bei andern Leuten. Ihr Stolz macht einen wunderlichen Con¬ trast mit ihrem übrigen Verhältniß im Le¬ ben, ihre poetischen Begeisterungen tragen sie nur zu oft in alle Stunden über, auch unterlassen sie es selten, die Gemeinheit ih¬ res Lebens in ihre Kunstbeschäftigungen hin¬ einzunehmen Sie sind schmeichelnde Skla¬ ven gegen die Großen, und doch verachten sie alles in ihrem Stolze, was nicht Künst¬ ler ist. Aus allen diesen Mißhelligkeiten entstehen gewöhnlich Charaktere, die lustig genug in's Auge fallen. Franz sagte beschämt: Ihr seyd ein sehr strenger Ritter, Herr Ritter. Ludoviko fuhr fort: Ich habe noch we¬ nige Künstler gesehen, bei denen man es nicht in den ersten Augenblicken bemerkt hät¬ te, daß man mit keinen gewöhnlichen Men¬ schen zu thun habe. Fast alle sind unnöthig verschlossen und zudringlich offenherzig. Ich habe mich selbst zuweilen geübt, dergleichen Leute darzustellen, und es niemals unterlas¬ sen, diese Seltsamkeiten in das hellste Licht zu stellen. Es fällt gewiß schwer, Mensch wie die übrigen zu bleiben, wenn man sein Leben damit zubringt, etwas zu thun und zu treiben, wovon ein jeder glaubt, daß es übermenschlich sey: in jedem Augenblicke zu fühlen, daß man mit dem übrigen Menschen¬ geschlechte eben nicht weiter zusammenhänge. Diese Sterblichen leben nur in Tönen, in Zeichen, gleichsam in einem Luftreviere wie Feen und Kobolde, es ist nur scheinbar, wenn man sie glaubt die Erde betreten zu sehen. Ihr mögt in einiger Hinsicht nicht Un¬ recht haben, sagte Franz. Wer sich der Kunst ergiebt, sagte jener weiter, muß das, was er als Mensch ist und seyn könnte, aufopfern. Was aber das schlimmste ist, so suchen jene Leute, die sich für Künstler wollen halten lassen, noch al¬ lerhand Seltsamkeiten und auffallenden Thor¬ heiten zusammen, um sie recht eigentlich zur Schau zu tragen, als Orden oder Ordens¬ kreuz, in Ermangelung dessen, damit man sie in der Ferne gleich erkennen soll, ja sie halten darauf mehr, als auf ihre wirkliche Kunst. Hütet Euch davor, Herr Mahler. Man erzählt doch von manchem großen Manne, sagte Franz, der von dergleichen Thorheiten frei geblieben ist. Nennt mir einige, rief Ludoviko. Sternbald sagte: Zum Beispiel der edle Mahlergeist Rafael Sanzio von Urbin. Ihr habt Recht, sagte der heftige Rit¬ ter, und überhaupt, fuhr er nach einem klei¬ nen Nachdenken fort, laßt Euch meine Rede nicht so sehr auffallen, denn sie braucht gar nicht so ganz wahr zu seyn. Ihr habt mich mit dem einzigen Namen beschämt und in die Flucht geschlagen, und alle meine Worte erscheinen mir nun wie eine Lästerung auf die menschliche Größe. Ich bin selbst ein Thor, das wollen wir für ausgemacht gel¬ ten lassen. Roderigo sagte: Du hast manche Sei¬ ten von Dir selbst geschildert. Mag seyn, sagte sein Freund, man kann nichts bessers und nichts schlechters thun. Laßt uns lieber von der Kunst selber sprechen. Ich habe mir in vielen Stunden gewünscht, ein Mahler zu seyn. Sternbald fragte: Wie seyd Ihr dar¬ auf gekommen? Erstlich, antwortete der junge Ritter, weil es mir ein großes Vergnügen seyn würde, manche von den Mädchen so mit Farben vor mich hinzustellen, die ich wohl ehemals gekannt habe, dann mir andre noch schönere abzuzeichnen, die ich manchmal in glückli¬ chen Stunden in meinem Gemüthe gewahr werde. Dann erleide ich auch zuweilen recht sonderbare Begeisterung, so daß mein Geist sehr heftig bewegt ist, dann glaube ich, wenn mir die Geschicklichkeit zu Gebote stände, ich würde recht wunderbare und merkwür¬ dige Sachen ausarbeiten können. Seht, mein Freund, dann würde ich einsame, schauer¬ liche Gegenden abschildern, morsche zerbro¬ chene Brücken über zwei schroffen Felsen, ei¬ nem Abgrunde hinüber, durch den sich ein Waldstrom schäumend drängt: verirrte Wan¬ dersleute, deren Gewänder im feuchten Winde flattern, furchtbare Räubergestalten aus dem Hohlwege heraus, angefallene und geplün¬ derte Wägen, Kampf mit den Reisenden. — Dann wieder eine Gemsenjagd in einsamen, furchtbaren Felsenklippen, die kletternden Jä¬ ger, die springenden, gejagten Thiere von oben herab, die schwindelnden Abstürze. Figuren, die oben auf schmalen überragenden Stei¬ nen Schwindel ausdrücken, und sich eben in ihren Fall ergeben wollen, der Freund, der jenen zu Hülfe eilt, in der Ferne das ruhige Thal. Einzelne Bäume und Gesträuche, die die Einsamkeit nur noch besser ausdrücken, auf die Verlassenheit noch aufmerksamer ma¬ chen. — Oder dann wieder den Bach und Wassersturz, mit dem Fischer, der angelt, mit der Mühle, die sich dreht, vom Monde beschienen. Ein Kahn auf dem Wasser, ausgeworfene Netze. — Zuweilen kämpft meine Imagination, und ruht nicht und giebt sich nicht zufrieden, um etwas durch¬ aus Unerhörtes zu ersinnen und zu Stande zu bringen. Äußerst seltsame Gestalten würde ich dann hinmahlen, in einer verworrenen, fast unverständlichen Verbindung, Figuren, die sich aus allen Thierarten zusammenfän¬ (2r Th.) Q den und unten wieder in Pflanzen endigten: Insekten und Gewürme, denen ich eine wun¬ dersame Ähnlichkeit mit menschlichen Charakte¬ ren aufdrücken wollte, so daß sie Gesinnun¬ gen und Leidenschaften possierlich und doch furchtbar äußerten; ich würde die ganze sicht¬ bare Welt aufbieten, aus jedem das Selt¬ samste wählen, um ein Gemählde zu machen, das Herz und Sinnen ergriffe, das Erstau¬ nen und Schauder erregte, und wovon man noch nie etwas Ähnliches gesehn und gehört hätte. Denn ich finde das an unsrer Kunst zu tadeln, daß alle Meister ohngefähr nach einem Ziele hinarbeiten, es ist alles gut und löblich, aber es ist immer mit wenigen Ab¬ änderungen das Alte. Franz war einen Augenblick stumm, dann sagte er: Ihr würdet auf eine eigene Weise das Gebiet unsrer Kunst erweitern, mit wun¬ derbaren Mitteln das Wunderbarste errin¬ gen, oder in Euren Bemühungen erliegen. Eure Einbildung ist so lebhaft und lebendig, so zahlreich an Gestalt und Erfindung, daß ihr das Unmöglichste nur ein leichtes Spiel dünkt. O, wie viel billigere Forderungen muß der Künstler aufgeben, wenn er zur wirklichen Arbeit schreitet! Hier stimmte der Pilgrim plötzlich ein geistliches Lied an, denn es war nun die Tageszeit gekommen, an welcher er es nach seinem Gelübde absingen mußte. Das Ge¬ spräch wurde unterbrochen, weil alle auf¬ merksam zuhörten, ohne daß eigentlich einer von ihnen wußte, warum er es that. Mit dem Schlusse des Gesanges traten sie in ein anmuthiges Thal, in dem eine Heerde weidete, eine Schallmey tönte her¬ über, und Sternbalds Gemüth ward so hei¬ ter und muthig gestimmt, daß er von freien Q 2 Stücken Florestan's Schallmeylied zum Er¬ götzen der übrigen wiederholte; als er geen¬ digt hatte, stieg der muthwillige Ludoviko auf einen Baum, und sang von oben in den Tönen einer Wachtel, eines Kuckuks und ei¬ ner Nachtigall herunter. Nun haben wir alle unsre Pflicht gethan, sagte er, jetzt ha¬ ben wir es wohl verdient, daß wir uns aus¬ ruhen dürfen, wobei uns der junge Florestan mit einem Liede erquicken soll. Sie setzten sich auf den Rasen nieder, und Florestan fragte: welcher Inhalt soll denn in meinem Liede seyn? Welcher Du willst, antwortete Ludoviko, wenn es Dir recht ist, gar keiner; wir sind mit allem zufrieden, wenn es Dir nur ge¬ müthlich ist, warum soll eben Inhalt den Inhalt eines Gedichts ausmachen? Rudolf sang: Durch den Himmel zieht der Vögel Zug, Sie sind auf Wanderschaft begriffen, Da hört man gezwitschert und gepfiffen Von Groß und Klein der Melodien genug. Der Kleine singt mit feiner Stimm', Der Große krächzt gleich wie im Grimm Und ein'ge stottern, andre schnarren, Und Drossel, Gimpel, Schwalbe, Staaren, Sie wissen alle nicht, was sie meinen, Sie wissen's wohl und sagen's nicht, Und wenn sie auch zu reden scheinen, Ist ihr Gerede nicht von Gewicht. — «Holla! warum seyd Ihr auf der Reise?« — Das ist nun einmal unsre Weise. — »Warum bleibt Ihr nicht zu jeglicher Stund?« — Die Erd' ist allenthalben rund. Auf die armen Lerchen wird Jagd gemacht, Die Schnepfen gar in Dohnen gefangen, Dort sind die Vöglein aufgehangen, An keine Rückfahrt mehr gedacht. — Ist das die Art mit uns zu sprechen? Uns armen Vögeln den Hals zu brechen? — »Verständlich ist doch diese Sprache, So ruft der Mensch, sie dient zur Sache, In allen Natur die Sprache regiert, Das eins mit dem andern Kriege führt, Man dann am besten raisonnirt und beweis't, Wenn eins vom andern wird aufgespeis't: Die Ströme sind im Meere verschlungen, Vom Schicksal wieder der Mensch bezwungen, Den tapfersten Magen hat die Zeit, Ihr nimmermehr ein Essen gereut, Doch wie von der Zeit eine alte Fabel besagt Macht auf sie das jüngste Gericht einst Jagd. Ein' andre Speise giebt's nachher nicht, Heißt wohl mit Recht das letzte Gericht. Rudolf sang diese tollen Verse mit so lächerlichen Bewegungen, daß sich keiner des Lachens enthalten konnte. Als der Pilgrim wieder ernsthaft war, sagte er sehr feierlich: Verzeiht mir, man wird unter Euch wie ein Trunkener, wenn Ihr mich noch lange be¬ gleitet, so wird aus meiner Pilgerschaft gleichsam eine Narrenreise. Man verzehrte auf der Wiese ein Mit¬ tagsmahl, das sie mitgenommen hatten, und Ludoviko wurde nicht müde, sich bei Rode¬ rigo nach allerhand Neuigkeiten zu erkundi gen. Roderigo verschwieg, ob aus einer Art von Schaam, oder weil er vor den beiden die Erzählung nicht wiederholen mochte, seine eigne Geschichte. Er kam durch einen Zufall auf Luthern und die Reformation zu sprechen. O, schweig mir davon, rief Ludoviko aus, denn es ist mir ein Verdruß zu hören. Jedweder, der sich für klug hält, nimmt in unsern Tagen die Parthey dieses Mannes, der es gewiß gut und redlich meint, der aber doch immer mit seinen Ideen nicht recht weiß, wo er hinaus will. Ihr erstaunt mich! sagte Franz. Ihr seyd ein Deutscher, fuhr Ludoviko fort, ein Nürnberger, es nimmt mich nicht Wunder, wenn Ihr Euch der guten Sache annehmt, wie sie Euch wohl erscheinen muß. Ich glaube auch, daß Luther einen wahr¬ haft großen Geist hat, aber ich bin ihm darum doch nicht gewogen. Es ist schlimm, daß die Menschen nichts einreißen können, nicht die Wand eines Hofs, ohne gleich dar¬ auf Lust zu kriegen, ein neues Gebäude auf¬ zuführen. Wir haben eingesehn, daß Irren möglich sey, nun irren wir lieber noch jen¬ seits, als in der geraden lieblichen Straße zu bleiben. Ich sehe schon im Voraus die Zeit kommen, die die gegenwärtige Zeit fast nothwendig hervorbringen muß, wo ein Mann sich schon für ein Wunder seines Jahrhunderts hält, wenn er eigentlich nichts ist. Ihr fangt an zu untersuchen, wo nichts zu untersuchen ist, Ihr tastet die Göttlich¬ keit unsrer Religion an, die wie ein wunder¬ bares Gedicht vor uns da liegt, und nun einmal keinem andern verständlich ist, als der sie versteht: hier wollt Ihr ergrübeln und widerlegen, und könnt mit allem Trach¬ ten nicht weiter vorwärts dringen, als es dem Blödsinne auch gelingen würde, da im Gegentheil die höhere Vernunft sich in der Untersuchung wie in Netzen würde gefan¬ gen fühlen, und lieber die edle Poesie glauben, als sie den Unmündigen erklären wollen. O, Martin Luther! seufzte Franz, Ihr habt da ein kühnes Wort über ihn gesprochen. Ludoviko sagte: Es geht eigentlich nicht ihn an, auch will ich die Mißbräuche des Zeitalters nicht in Schutz nehmen, gegen die er vornehmlich eifert, aber mich dünkt doch, daß diese ihn zu weit führen, daß er nun zu ängstlich strebt, das Gemeine zu sondern, und darüber das Edelste mit ergreift. Wie es den Menschen geht, seine Nachfolger mö¬ gen leicht ihn selber nicht verstehn, und so erzeugt sich statt der Fülle einer göttlichen Religion eine dürre vernünftige Leerheit, die alle Herzen schmachtend zurückläßt, der ewige Strom voll großer Bilder und kolossaler Lichtgestalten trocknet aus, die dürre gleich¬ gültige Welt bleibt zurück und einzeln, zer¬ stückt, und mit ohnmächtigen Kämpfen muß das wieder erobert werden, was verloren ist, das Reich der Geister ist entflohen, und nur einzelne Engel kehren zurück. Du bist ein Prophet geworden, sagte Roderigo, seht, meine Freunde, er hat die ägyptische Weisheit heimgebracht. Wie könnt Ihr nur, sagte der Pilgrim, so weise und so thörichte Dinge in einem Athem sprechen und verrichten? Sollte man Euch diese frommen Gemüthsbewegungen zu¬ trauen? — Rudolf stand auf und gab dem Ludo¬ viko die Hand, und sagte: Wollt Ihr mein Freund seyn, oder mich für's Erste nur um Euch dulden, so will ich Euch begleiten, wo¬ hin Ihr auch geht, seyd Ihr mein Meister, ich will Euer Schüler werden. Ich opfere Euch jetzt alles auf, Braut und Vater und Geschwister. Habt Ihr Geschwister? fragte Ludoviko. Zwei Brüder, antwortete Rudolf, wir lieben uns von Kindesbeinen, aber seitdem ich Euch gesehn habe, fühle ich gar keine Sehnsucht mehr, Italien wiederzusehn. Ludoviko sagte: Wenn ich über irgend etwas in der Welt traurig werden könnte, so wäre es darüber, daß ich nie eine Schwe¬ ster, einen Bruder gekannt habe. Mir ist das Glück versagt, in die Welt zu treten, und Geschwister anzutreffen, die gleich dem Herzen am nächsten zugehören. Wie wollte ich einen Bruder lieben, wie hätte ich ihm mit voller Freude begegnen, meine Seele in die seinige fest hineinwachsen wollen, wenn er schon meine Kinderspiele getheilt hätte! Aber ich habe mich immer einsam gefunden, mein tolles Glück, mein wunderliches Land¬ schwärmen sind mir nur ein geringer Ersatz für die Bruderliebe, die ich immer gesucht habe. Zürne mir nicht, Roderigo, denn Du bist mein bester Freund. Aber wenn ich ein Wesen fände, in dem ich den Vater, sein Temperament, seine Launen wahrnähme, mit welchem Erschrecken der Freude und des Entzückens würde ich darauf zueilen und es in meine brüderlichen Arme schließen! Mich selbst, im wahrsten Sinn, fände ich in einem solchen wieder. — Aber ich habe eine ein¬ same Kindheit verlebt, ich habe niemand weiter gekannt, der sich um mein Herz be¬ worben hätte, und darum kann es wohl seyn, daß ich keinen Menschen auf die wahre Art zu lieben verstehe, denn durch Geschwister lernen wir die Liebe, und in der Kindheit liebt das Herz am schönsten. — So bin ich hartherzig geworden, und muß mich nun selber dem Zufalle verspielen, um die Zeit nur hinzubringen. Die schönste Sehnsucht ist mir unbekannt geblieben, kein brüderliches Herz weiß von mir und schmach¬ tet nach mir, ich darf meine Arme nicht in die weite Welt hineinstrecken, denn es kommt doch keiner meinem schlagenden Herzen ent¬ gegen. Franz trocknete sich die Thränen ab, er unterdrückte sein Schluchzen. Es war ihm, als drängte ihn eine unsichtbare Gewalt auf¬ zustehn, die Hand des Unbekannten zu fas¬ sen, ihm in die Arme zu stürzen und auszu¬ rufen: Nimm mich zu Deinem Bruder an! Er fühlte die Einsamkeit, die Leere in sei¬ nem eignen Herzen, Ludoviko sprach die Wünsche aus, die ihn so oft in stillen Stun¬ den geängstigt hatten, er wollte seinen Kla¬ gen, seinem Jammer den freien Lauf lassen, als er wieder innerlich fühlte: Nein, alle diese Menschen sind mir doch fremd, er kann ja doch nicht mein Bruder werden, und viel¬ leicht würde er nur meine Liebe verspotten. Unter allerhand Liedern, gegen die der andächtige Gesang des Pilgers wunderlich abstach, gingen sie weiter. Roderigo sagte: mein Freund, Du hast nun ein paarmal Deines Vaters erwähnt, willst Du mir nicht endlich einmal seinen Namen sagen? Und wißt Ihr denn nicht, fiel Rudolf hastig ein, daß Euer Freund dergleichen Fragen nicht liebt? Wie könnt Ihr ihn nur damit quälen? Du kennst mich schon besser, als jener, sagte Ludoviko, ich denke, wir sollen gute Kameraden werden. Aber warum ist Dein Freund Sternbald so betrübt? Sternbald sagte: Soll ich darüber nicht trauern, daß der Mensch mich nun verläßt, mit dem ich so lange gelebt habe? Denn ich muß nun doch meine Reise fortsetzen, ich habe mich nur zu lange aufhalten lassen. Ich weiß selbst nicht, wie es kömmt, daß ich meinen Zweck fast ganz und gar vergesse. Man kann seinen Zweck nicht vergessen, fiel Ludoviko ein, weil der vernünftige Mensch sich schon so einrichtet, daß er gar keinen Zweck hat. Ich muß nur lachen, wenn ich Leute so große Anstalten machen sehe, um ein Leben zu führen, das Leben ist dahin, noch ehe sie mit den Vorbereitun¬ gen fertig sind. Unter solchen Gesprächen zogen sie wie auf einem Marsche über Feld. Rudolf ging voran, indem er auf seiner Pfeife ein mun¬ teres Lied blies, seine Bänder flogen vom Hute in der spielenden Luft, in seiner Schärpe trug er einen kleinen Säbel. Ludoviko war noch seltsamer gekleidet; sein Gewand war hellblau, ein schönes Schwerdt hing an ei¬ nem zierlich gewirkten Bandelier über seine Schulter, eine goldene Kette trug er um den Hals, sein braunes Haar war lockig. Roderigo folgte in Rittertracht, neben dem der Pilgrim mit seinem Stabe und einfachen Anzuge gut kontrastirte. Sternbald glaubte oft einen seltsamen Zug auf einem alten Ge¬ mählde anzusehn. Es war gegen Abend, als sie alle sehr ermüdet waren, und noch ließ sich keine Stadt, kein Dorf antreffen. Sie wünschten wieder einen gutmüthigen stillen Einsiedel zu finden, der sie bewirthete, sie horchten, ob sie nicht Glockenschall vernähmen, aber ihre Bemühung war ohne Erfolg. Ludo¬ viko schlug vor, im Walde das Nachtlager aufzuschlagen, aber alle, außer Florestan, waren waren dagegen, der die größte Lust bezeigte, sein Handwerk als Abentheurer recht sonder¬ bar und auffallend anzufangen. Der Pil¬ grim glaubte, daß sie sich verirrt hätten, und daß alles vergebens seyn würde, bis sie den rechten Weg wieder angetroffen hät¬ ten. Rudolf wollte den längern Streit nicht mit anhören, sondern blies mit seiner Pfeife dazwischen: alle waren in Verwirrung, und sprachen durch einander, jeder that Vor¬ schläge, und keiner ward gehört. Während des Streites zogen sie in der größten Eile fort, als wenn sie vor jemand flöhen, so daß sie in weniger Zeit eine große Strecke Weges zurücklegten. Der Pilgrim sank end¬ lich fast athemlos nieder, und nöthigte sie auf diese Weise, stille zu halten. Als sie sich ein wenig erholt hatten, glänzten die Wolken schon vom Abendroth; sie gingen langsam weiter. — Sie zogen (2r Th.) R durch ein kleines, angenehmes Gehölz, und fanden sich auf einem runden, grünen Rasenplatz, vor ihnen lag ein Garten, mit einem Stakete umgeben, durch dessen Stäbe und Verzierungen man hindurchblicken konnte. Alles war artig eingerichtet, das Geländer war allenthalben durchbrochen ge¬ arbeitet, eiserne Thüren zeigten sich an etli¬ chen Stellen, kein Pallast war sichtbar. Dichte Baumgänge lagen vor ihnen, kühle Felsengrotten, Springbrunnen hörte man aus der Ferne plätschern. Alle standen still, in dem zauberischen Anblicke verloren, den niemand erwartet hatte: späte Rosen glüh¬ ten ihnen von schlanken, erhabenen Stäm¬ men entgegen, weiter ab standen dunkel¬ rothe Malven, die wie krause gewundene Säulen die dämmerndgrünen Gänge zu stützen schienen. Alles umher war still, keine Men¬ schenstimme war zu vernehmen. Ist dieser Feengarten, rief Roderigo aus, nicht wie durch Zauberei hierher gekommen? Wenn wir mit dem Besitzer des Hauses be¬ kannt wären, wie erquicklich müßte es seyn, in diesen anmuthigen Grotten auszuruhen, in diesen dunkeln Gängen zu spazieren, und sich mit süßen Früchten abzukühlen? Wenn wir nur einen Menschen wahrnähmen, der uns die Erlaubniß ertheilen könnte! Indem wurde Ludoviko einige Bäume mit sehr schönen Früchten gewahr, die im Garten standen, große saftige Birnen und hochrothe Pflaumen. Er hatte einen schnel¬ len Entschluß gefaßt. Laßt uns, meine gu¬ ten Freunde, rief er aus, ohne Zeremonien über das Spalier dieses Gartens steigen, uns in jener Grotte ausruhen, mit Früchten sättigen, und dann den Mondschein abwar¬ ten, um unsre Reise fortzusetzen. Alle waren über seine Verwegenheit in R 2 Verwunderung gesetzt, aber Rudolf ging so¬ gleich zu seiner Meinung über. Sternbald und der Pilgrim widersetzten sich am läng¬ sten, aber indem sie noch sprachen, war Lu¬ doviko, ohne danach hinzuhören, schon in den Garten geklettert und gesprungen, er half Florestan nach, Roderigo rief den Rück¬ bleibenden ebenfalls zu, Sternbald bequemte sich, und der Pilgrim, den auch nach dem Obste gelüstete, fand es bedenklich, ganz ohne Gesellschaft seine Reise fortzusetzen. Er machte nachher noch viele Einwendungen, auf die niemand hörte, denn Ludoviko fing an aus allen Kräften die Bäume zu schüt¬ teln, die auch reichlich Obst hergaben, das die übrigen mit vieler Ämsigkeit aufsammelten. Dann setzten sie sich in der kühlen Grotte zum Essen nieder und Ludoviko sagte: Wenn uns nun auch jemand antrifft, was ist es denn mehr? Er müßte sehr ungesittet seyn, wenn er auf unsre Bitte um Verzeihung nicht hören wollte, und sehr stark, wenn wir ihm nicht vereinigt widerstehn sollten. Als der Pilger eine Weile gegessen hat¬ te, fing er an, große Reue zu fühlen, aber Florestan sagte im lustigen Muthe: Seht, Freunde, so leben wir im eigentlichen Stande der Unschuld, im goldenen Zeitalter, das wir so oft zurückwünschen, und das wir uns ei¬ genmächtig, wenigstens auf einige Stunden erschaffen haben. O wahrlich, das freie Le¬ ben, das ein Räuber führt, der jeden Tag erobert, ist nicht so gänzlich zu verachten: wir verwöhnen uns in unsrer Sicherheit und Ruhe zu sehr. Was kann es geben, als höchstens einen kleinen Kampf? Wir sind gut bewaffnet, wir fürchten uns nicht, wir sind durch uns selbst gesichert. Sie horchten auf, es war, als wenn sie ganz in der Ferne Töne von Waldhörnern vernähmen, aber der Klang verstummte wie¬ der. Seyd unverzagt, rief Ludoviko aus, und thut, als wenn Ihr hier zu Hause wä¬ ret, ich stehe Euch für alles. Der Pilgrim mußte nach dem Spring¬ brunnen, um seine Flasche mit Wasser zu füllen, sie tranken alle nach der Reihe mit großem Wohlbehagen. Der Abend ward immer kühler, die Blumen dufteten süßer, alle Erinnerungen wurden im Herzen ge¬ weckt. Du weißt nicht, mein lieber Roderi¬ go, fing Ludoviko von neuem an, daß ich jetzt in Italien, in Rom wieder eine Liebe habe, die mir mehr ist, als mir je eine gewesen war. Ich verließ das schöne Land mit ei¬ nem gewissen Widerstreben, ich sah mit un¬ aussprechlicher Sehnsucht nach der Stadt zu¬ rück, weil Marie dort zurückblieb. Ich habe sie erst seit Kurzem kennen gelernt, und ich möchte Dir fast vorschlagen, gleich mit mir zurückzureisen, dann blieben wir alle, so wie wir hier sind, in Einer Gesell¬ schaft. O Roderigo, Du hast die Vollen¬ dung des Weibes noch nicht gesehn, denn Du hast sie nicht gesehn! all' der süße, ge¬ heime Zauber, der die Gestalt umschwebt, das Heilige, das Dir aus blauen verklärten Augen entgegenblickt: die Unschuld, der lok¬ kende Muthwille, der sich auf Wange, in den liebreizenden Lippen abbildet; — ich kann es Dir nicht schildern. In ihrer Ge¬ genwart empfand ich die ersten Jugendge¬ fühle wieder, es war mir wieder, als wenn ich mit dem ersten Mädchen spräche, da mir die andern alle als meines Gleichen vorkom¬ men. Es ist ein Zug zwischen den glatten schönen Augenbraunen, der die Phantasie in Ehrfurcht hält, und doch stehn die Brau¬ nen, die langen Wimpern wie goldene Netze des Liebesgottes da, um alle Seele, alle Wünsche, alle fremde Augen wegzufangen. Hat man sie einmal gesehn, so sieht man keinem andern Mädchen mehr nach, kein Blick, kein verstohlenes Lächeln lockt Dich mehr, sie wohnt mit aller ihrer Holdseligkeit in Deiner Brust, Dein Herz ist wie eine treibende Feder, die Dich ihr, nur ihr durch alle Gassen, durch alle Gärten nachdrängt; und wenn dann ihr himmelsüßer Blick Dich nur im Vorübergehen streift, so zittert die Seele in Dir, so schwindelt Dein Auge von dem Blick in das rothe Lächeln der Lippen hinunter, in die Lieblichkeit der Wangen ver¬ irrt, gern und ungern auf dem schönsten Bu¬ sen festgehalten, den Du nur errathen darfst. O Himmel, gieb mir nur dies Mädchen in meine Arme, und ich will Deine ganze übrige Welt, mit allem, allem was sie Köstliches hat, ohne Neid jedem andern überlassen! Du schwärmst, sagte Roderigo, in dieser Sprache habe ich Dich noch niemals spre¬ chen hören. Ich habe die Sprache noch nicht ge¬ kannt, fuhr Ludoviko fort, ich habe noch nichts gekannt, ich bin bis dahin taub und blind gewesen. Was fehlt uns hier, als daß Rudolf nur noch ein Lied sänge? Eins von jenen leichten, scherzenden Liedern, die die Erde nicht berühren, die mit luftigem Schritt über den goldenen Fußboden des Abendroths gehn, und von dort in die Welt hineingrüßen. Laß einmal alle Liebe, die Du je empfandest, in Deinem Herzen auf¬ zittern, und dann sprich die Räthselsprache, die nur der Eingeweihte versteht. So gut ich kann, will ich Euch dienen, sagte Rudolf, mir fällt so eben ein Lied von der Sehnsucht ein, das Euch viel¬ leicht gefallen wird. Warum die Blume das Köpfchen senkt, Warum die Rosen so blaß? Ach! die Thräne am Blatt der Lilie hängt, Vergangen das schön frische Gras. Die Blumen erbleichen, Die Farben entweichen, Denn sie, denn sie ist weit Die allerholdseligste Maid. Keine Anmuth auf dem Feld, Keine süße Blüthe am Baume mehr, Die Farben, die Töne durchstreifen die Welt Und suchen die Schönste weit umher. Unser Thal ist leer Bis zur Wiederkehr, Ach! bringt sie gefesselt in Schöne Zurücke ihr Farben, ihr Töne. Regenbogen leuchtet voran Und Blumen folgen ihm nach, Nacht'gall singt auf der Bahn, Rieselt der silberne Bach: Thun als wäre der Frühling vergangen, Doch bringen sie sie nur gefangen, Wird Frühling aus dem Herbst alsbald, Herrscht über uns kein Winter kalt. Ach! ihr findet sie nicht, ihr findet sie nicht, Habt kein Auge, die Schönste zu suchen, Euch mangelt der Liebe Augenlicht, Ihr ermüdet über dem Suchen. Treibt wie Blumen die Sache als fröhlichen Scherz, Ach! nehmet mein Herz, Damit nach dem holden Engelskinde Der Frühling den Weg gewißlich finde. Und habt Ihr Kinder entdeckt die Spur, O, so hört, o, so hört mein ängstlich Flehn, Müßt nicht zu tief in die Augen ihr sehn, Ihre Blicke bezaubern, verblenden Euch nur. Kein Wesen vor ihr besteht, All's in Liebe vergeht, Mag nichts anders mehr seyn Als ihre Lieb' allein. Bedenkt, daß Frühling und Blumenglanz Wo ihr Fuß wandelt, immer schon ist, Kommt zu mir zurück mit leichtem Tanz, Daß Frühling und Nacht'gall doch um mich ist; Muß dann spät und früh Mich behelfen ohne sie, Mit bittersüßen Liebesthränen Mich einsam nach der Schönsten sehnen. Aber bleibt, aber bleibt nur wo ihr seyd, Mag euch auch ohne sie nicht wiedersehn, Blumen und Frühlingston wird Herzeleid, Will indeß hier im bittersten Tode vergehn. Mich selber zu strafen, Im Grabe tief schlafen, Fern von Lied, fern von Sonnenschein Lieber gar ein Todter seyn. Ach! es bricht in der Sehnsucht schon Heimlich mein Herz in der treusten Brust, Hat die Treu' so schwer bittern Lohn? Bin keiner Sünde mir innig bewußt. Muß die Liebste alles erfreun, Mir nur die quälendste Pein? Treulose Hoffnung, Du lächelst mich an: Nein, ich bin ein verlorner Mann! Es war lieblich, wie die Gebüsche um¬ her von diesen Tönen gleichsam erregt wur¬ den, einige verspäteten Vögel erinnerten sich ihrer Frühlingslieder, und wiederholten sie jetzt wie in einer schönen Schläfrigkeit. Ro¬ derigo war durch seinen Freund beherzt ge¬ worden, er erzählte nun auch sein Aben¬ theuer mit der schönen Gräfin, und seine Freunde hörten ihn die Geschichte gern noch einmal erzählen. Und nun, was soll ich Euch sagen? so schloß Roderigo, ich habe sie verlassen, und denke jetzt nichts, als sie; immer sehe ich sie vor meinen Augen schwe¬ ben, und ich weiß mich in mancher Stunde vor peinigender Angst nicht zu lassen. Ihr edler Anstand, ihr munteres Auge, ihr brau¬ nes Haar, alles, alle ihre Züge sah ich in meiner Einbildung. So oft bin ich in den Nächten unter dem hellgestirnten Himmel ge¬ wandelt, von meinem Glücke voll, zauberte ich mir dann ihre Gestalt vor meine Augen, und es war mir dann, als wenn die Sterne noch heller funkelten, als wenn das Dach des Himmels nur mit Freude ausgelegt sey. Ich sage Dir, Freund Ludoviko, alle Sinne werden ihr wie dienstbare Sklaven nachge¬ zogen, wenn das Auge sie nur erblickt hat: jede ihrer sanften, reizenden Bewegungen be¬ schreibt in Linien eine schöne Musik, wenn sie durch den Wald geht, und das leichte Ge¬ wand sich dem Fuße, der Lende geschmeidig anlegt, wenn sie zu Pferde steigt und im Gallopp die Kleider auf- und niederwo¬ gen, oder wenn sie im Tanz wie eine Göt¬ tin schwebt, alles ist Wohllaut in ihr, wie man sie sieht, mag man sie nie anders sehn, und doch vergißt man in jeder neuen Bewe¬ gung die vorige. Es ist mehr Wollust, sie mit den Augen zu verfolgen, als in den Ar¬ men einer andern zu ruhn. Nur Wein fehlt uns, rief Florestan aus, die Liebe ist wenigstens im Bilde zugegen. Wenn ich mir denke, sprach Roderigo er¬ hitzt weiter, daß sich ein andrer jetzt um ihre Liebe bewirbt, daß sie ihn mit freundlichen Augen anblickt, ich könnte unsinnig werden. Ich bin auf jedermann böse, der ihr nur vorübergeht: ich beneide das Gewand, das ihren zarten Körper berührt und umschließt. Ich bin lauter Eifersucht, und dennoch habe ich sie verlassen können. Ludoviko sagte: Du darfst Dich darüber nicht verwundern. Ich bin nicht nur bei je¬ dem Mädchen, das ich liebte, eifersüchtig gewesen, sondern auch bei jeder andern. wenn sie nur hübsch war. Hatte ich ein ar¬ tiges Mädchen bemerkt, das ich weiter gar nicht kannte, das von mir gar nichts wußte, so stand meine Begier vor ihrem Bilde gleich¬ sam Wache, ich war auf jedermann neidisch und böse, der nur durch den Zufall zu ihr in's Haus ging, der sie grüßte und dem sie höflich dankte. — Sprach einer freundlich mit ihr, so konnte ich mir diesen Unbekann¬ ten auf mehrere Tage auszeichnen und mer¬ ken, um ihn zu hassen. O, diese Eifersucht ist noch viel unbegreiflicher als unsre Liebe, denn wir können doch nicht alle Weiber und Mädchen zu unserm Eigenthum machen; aber das lüsterne Auge läßt sich keine Schranken setzen, unsre Phantasie ist wie das Faß der Danaiden, unser Sehnen umfängt und um¬ armt jeglichen Busen. Indem war es ganz finster geworden, der müde Pilgrim war eingeschlafen, einige Hörner¬ Hörnertöne erschallten, aber fast ganz nahe an den Sprechenden, dann sang eine ange¬ nehme Stimme: Treulieb' ist nimmer weit, Nach Kummer und nach Leid Kehrt wieder Lieb' und Freud', Dann kehrt der holde Gruß, Händedrücken, Zärtlich Blicken, Liebeskuß. Nun werden die Obstdiebe ertappt wer¬ den, rief Ludoviko aus. Ich kenne diese Melodie, ich kenne diese Worte, sagte Sternbald, und wenn ich mich recht erinnere — — Wieder einige Töne, dann fuhr die Stimme fort zu singen: Treulieb' ist nimmer weit, Ihr Gang durch Einsamkeit Ist Dir, nur Dir geweiht. (2r Th.) S Bald kömmt der Morgen schön, Ihn begrüßet Wie er küsset Freudenthrän'. Jetzt kamen durch's Gebüsch Gestalten, zwei Damen gingen voran, mehrere Diener folgten. Die fremde Gesellschaft war indeß aufgestanden, Roderigo trat vor, und mit einem Ausruf des Entzückens lag er in den Armen der Unbekannten. Die Gräfin war es, die vor Freude erst nicht die Sprache wiederfinden konnte. Ich habe Dich wieder! rief sie dann aus, o gütiges Schicksal, sey gedankt! Man konnte sich anfangs wenig erzäh¬ len. Sie hatte, um sich zu zerstreuen, eine Freundin ihrer Jugend besucht, dieser gehörte Schloß und Garten. Von dem Unerlaubten des Übersteigens war gar die Rede nicht. Die Abendmahlzeit stand bereit, der Pilgrim ließ sich nach seiner mühseligen Wan¬ derschaft sehr wohl seyn, Franz ward von der Freundin Adelheid's (dies war der Na¬ me der Gräfin) sehr vorgezogen, da sie die Kunst vorzüglich liebte. Auch ihr Gemahl sprach viel über Mahlerei, und lobte den Albert Dürer vorzüglich, von dem er selbst einige schöne Stücke besaß. Alle waren wie berauscht, sie legten sich früh schlafen, nur Roderigo und die Gräfin blieben länger munter. Franz konnte nicht bemerken, ob Rode¬ rigo und die Gräfin sich so völlig ausge¬ söhnt hatten, um sich zu vermählen, er wollte nicht länger als noch einen Tag zö¬ gern, um seine Reise fortzusetzen, er machte sich Vorwürfe, daß er schon zu lange ge¬ säumt habe. Er hätte gern von Roderigo sich die Erzählung fortsetzen lassen, die beim Eremiten in ihrem Anfange abgebrochen S 2 wurde, aber es fand sich keine Gelegenheit dazu. Der Herr des Schlosses nöthigte ihn zu bleiben, aber Franz fürchtete, daß das Jahr zu Ende laufen, und er noch immer nicht in Italien seyn möchte. Nach zweien Tagen nahm er von allen Abschied, Ludoviko wollte bei seinem Freunde bleiben, auch Florestan blieb bei den beiden zurück. Jetzt fühlte Sternbald erst, wie lieb ihm Rudolf sey, auch ergriff ihn eine un¬ erklärliche Wehmuth, als er dem Ludoviko die Hand zum Abschiede reichte. Florestan war auf seine Weise recht gerührt, er ver¬ sprach unserm Freunde, ihm bald nach Ita¬ lien zu folgen, ihn binnen kurzem gewiß in Rom anzutreffen. Sternbald konnte seine Thränen nicht zurückhalten, als er zur Thür hinausging, den Garten noch einmal mit einem flüchtigen Blicke durchirrte. Der Pil¬ grim war sein Gefährte. Draußen in der freien Landschaft, als er nach und nach das Schloß verschwinden sah, fühlte er sich erst recht einsam. Der Morgen war frisch, er ging stumm neben dem Pilger hin, erinnerte sich aller Gesprä¬ che, die sie mit einander geführt, aller klei¬ nen Begebenheiten, die er in Rudolfs Ge¬ sellschaft erlebt hatte. Sein Kopf wurde wüst, ihm war, als habe er die Freude sei¬ nes Lebens verloren. Der Pilgrim verrich¬ tete seine Gebete, ohne sich sonderlich um Sternbald zu kümmern. Nachher geriethen sie in ein Gespräch, worin der Pilger ihm den genauen Zustand seiner Haushaltung erzählte. Sternbald er¬ fuhr alle die Armseligkeiten des gewöhnli¬ chen Lebens, wie jener ein Kaufmann von mittelmäßigen Glücksumständen sey, wie er darnach trachte, mehr zu gewinnen und seine Lage zu verbessern. Franz, dem die Empfin¬ dung drückend war, aus seinem leichten poe¬ tischen Leben so in das wirkliche zurückge¬ führt zu werden, antwortete nicht, und gab sich Mühe, gar nicht darnach hinzuhören. Jeder Schritt seines Weges ward ihm sauer, er kam sich ganz einsam vor, es war ihm wieder, als wenn ihn seine Freunde verlas¬ sen hätten und sich nicht um ihn kümmerten. Sie kamen in eine Stadt, wo Franz einen Brief von seinem Sebastian zu finden hoffte, von dem er seit lange nichts gehört hatte. Er trennte sich hier von dem Pil¬ grim und eilte nach dem bezeichneten Mann. Es war wirklich ein Brief für ihn da, er erbrach ihn begierig, und las: Liebster Franz! Wie Du glücklich bist, daß Du in freier, schöner Welt herumwanderst, daß Dir nun das alles in Erfüllung geht, was Du sonst nur in Entfernung dachtest, dieses Dein großes Glück sehe ich nun erst vollkommen ein. Ach, lieber Bruder, es will mir manch¬ mal vorkommen, als sey mein Lebenslauf durchaus verloren: aller Muth entgeht mir, so in der Kunst, als im Leben fortzufahren. Jetzt ist es dahin gekommen, daß Du mich trösten könntest, wie ich Dir sonst wohl oft gethan habe. Unser Meister fängt an, oft zu krän¬ keln, er kam damals so gesund von seiner Reise zurück, aber diese schöne Zeit hat sich nun schon verloren. Er ist in manchen Stun¬ den recht melancholisch: dann wird er es nicht müde, von Dir zu sprechen, und Dir das beste Schicksal zu wünschen. Ich bin fleißig, aber meine Arbeit will nicht auf die wahre Art aus der Stelle rük¬ ken, mir fehlt der Muth, der die Hand be¬ leben muß, ein wehmüthiges Gefühl zieht mich von der Staffelei zurück. — Du schreibst mir von Deiner seltsamen Liebe, von Deiner fröhligen Gesellschaft: ach, Franz, ich bin hier verlassen, arm, vergessen oder verach¬ tet, ich habe die Kühnheit nicht, Liebe in mein trauriges Leben hineinzuwünschen. Ich spreche zur Freude: was machst Du? und zum Lachen: Du bist toll! — Ich kann es mir nicht vorstellen, daß mich einst ein We¬ sen liebte, daß ich es lieben dürfte. Ich gehe oft im trüben Wetter durch die Stadt, und betrachte Gebäude und Thürme, die mühselige Arbeit, das künstliche Schnitzwerk, die gemahlten Wände, und frage dann: Wo¬ zu soll es? Der Anblick eines Armen kann mich so betrübt machen, daß ich die Augen nicht wieder aufheben mag. Meine Mutter ist gestorben, mein Va¬ ter liegt in der Vorstadt krank. Sein Hand¬ werk kann ihn jetzt nicht nähren, ich kann nur wenig für ihn thun. Meister Dürer ist gut, er hilft ihm und auf die beste Art, so daß er mich nichts davon fühlen läßt, ich werde es ihm zeitlebens nicht vergessen. Aber warum kann ich nicht mehr für ihn thun? Warum fiel es mir noch im sechs¬ zehnten Jahre ein, ein Mahler zu werden? Wenn ich ein ordentliches Handwerk ergrif¬ fen hätte, so könnte ich vielleicht jetzt selber meinen Vater ernähren. Es dünkt mir thö¬ richt, daß ich an der Ausarbeitung einer Ge¬ schichte arbeite, und indessen alles wirkliche Leben um mich her vergesse. Lebe wohl, bleibe gesund. Sey in allen Dingen glücklich. Liebe immer noch Deinen Sebastian. Franz ließ das Blatt sinken und sah den Himmel an. Sein Freund, Dürer, Nürnberg und alle ehemaligen bekannten Gegenstände kamen mit frischer Kraft in sein Gedächtniß. Ja, ich bin glücklich, rief er aus, ich fühle es jetzt, wie glücklich ich bin! Mein Leben spinnt sich wie ein golde¬ ner Faden aus einander: ich bin auf der Reise, ich finde Freunde, die sich meiner an¬ nehmen, die mich lieben, meine Kunst hat mich wider Erwarten fortgeholfen, was will ich denn mehr? Und vielleicht lebt sie doch noch, vielleicht hat sich die Gräfin geirrt, — und wenn sie todt ist, — bin ich nicht von Emma geliebt? Habe ich in ihren Armen nicht mein schönstes Glück genossen? Leben nicht Rudolf und Sebastian noch? Wer weiß, wo ich meine Eltern finde. O Seba¬ stian, wärst Du zugegen, daß ich Dir die Hälfte meines Muthes geben könnte! Zweites Kapitel. A ls Sternbald durch die Stadt streifte, glaubte er einmal in der Ferne den Bild¬ hauer Bolz zu bemerken, aber die Person, die er dafür hielt, verlor sich wieder aus den Augen. Franz ergötzte sich, wieder in einem Gewühl von unbekannten Menschen herumirren. Es war Jahrmarkt, und aus den benachbarten kleinen Städten und Dör¬ fern hatten sich Menschen aller Art versam¬ melt, um hier zu verkaufen und einzukau¬ fen. Sternbald freute sich an der allgemei¬ nen Fröhlichkeit, die alle Gesichter beherrsch¬ te, die so viele verworrene Töne laut durch einander erregte. Er stellte sich etwas abseits, und sah nun die Ankommenden, oder die schon mit ihren eingekauften Waaren zurückgingen. Alle Fenster am Markte waren mit Men¬ schen angefüllt, die auf das verworrene Ge¬ tümmel heruntersahen. Franz sagte zu sich selbst: Welch' ein schönes Gemählde! und wie wäre es möglich, es darzustellen? Wel¬ che angenehme Unordnung, die sich aber auf keinem Bilde nachahmen läßt! Dieser ewige Wechsel der Gestalten, dies mannichfaltige, sich durchkreuzende Interesse, daß diese Fi¬ guren nie auch nur auf einen Augenblick in Stillstand gerathen, ist es gerade, was es so wunderbar schön macht. Alle Arten von Kleidungen und Farben verirren sich durch einander, alle Geschlechter und Alter, Men¬ schen, dicht zusammengedrängt, von denen keiner am nächststehenden Theil nimmt, son¬ dern nur für sich selber sorgt. Jeder sucht und holt das Gut, das er sich wünscht, mit lachendem Muthe, als wenn die Götter plötz¬ lich ein großes Füllhorn aus den Boden ausgeschüttet hätten, und ämsig nun diese Tausende herausraffen, was ein jeder be¬ darf. Leute zogen mit Bildern umher, die sie erklärten, und zu denen sich eine Menge Volks versammelte. Es waren schlechte, grobe Figuren auf Leinwand gemahlt. Das eine war die Geschichte eines Handwerkers, der auf seiner Wanderschaft den Seeräubern in die Hände gerathen war, und in Algier schmähliche Sklavendienste hatte thun müs¬ sen. Er war dargestellt, wie er mit andern Christen im Garten den Pflug ziehen mußte, und sein Aufseher ihn mit einer fürchterli¬ Geißel dazu antrieb. Eine zweite Vorstel¬ lung war das Bild eines seltsamlichen Un¬ geheuers, von dem der Erklärer behauptete, daß es jüngst in der mittelländischen See gefangen sey. Es hatte einen Menschenkopf und einen Panzer auf der Brust, seine Füße waren wie Hände gebildet und große Flo߬ federn hingen herunter, hinten war es Pferd. Alles Volk war erstaunt. Dies ist es, sagte Franz zu sich, was die Menge will, was einem jeden gefällt. Ein wunderbares Schicksal, wovon ein jeder glaubt, es hätte auch ihn ergreifen können, weil es einen Menschen trifft, dessen Stand der seinige ist. Oder eine lächerliche Unmöglichkeit. Seht, dies muß der Künstler erfüllen, diese abge¬ schmackten Neigungen muß er befriedigen, wenn er gefallen will. Ein Arzt hatte auf der andern Seite des Marktes sein Gerüst aufgeschlagen, und bot mit kreischender Stimme seine Arzneien aus. Er erzählte die ungeheuersten Wunder, die er vermittelst seiner Medikamente verrichtet hatte. Auch er hatte großen Zulauf, die Leute verwunderten sich und kauften. Er verließ das Gewühl, und ging vor's Thor, um recht lebhaft die ruhige Einsam¬ keit gegen das lärmende Geräusch zu empfin¬ den. Als er unter den Bäumen auf- und abging, begegnete ihm wirklich Bolz, der Bildhauer. Jener erkannte ihn sogleich, sie gingen mit einander und erzählten sich ihre Begebenheiten. Franz sagte: ich hätte nie¬ mals geglaubt, daß Ihr im Stande wäret, einen Mann zu verletzen, der Euch für sei¬ nen Freund hielt. Wie könnt Ihr die That entschuldigen? O, junger Mann, rief Augustin aus, Ihr seyd entweder noch niemals beleidigt, oder habt sehr wenig Galle in Euch. Ro¬ derigo ruhte mit seinen Schmähworten nicht eher, bis ich ihm den Stoß versetzt hatte, es war seine eigne Schuld. Er reizte mich so lange, bis ich mich nicht mehr zurück¬ halten konnte. Franz, der keinen Streit anfangen wollte, ließ die Entschuldigung gelten, und Bolz fragte ihn: wie lange er sich in der Stadt aufzuhalten gedächte? Ich will morgen ab¬ reisen, antwortete Sternbald. Ich rathe Euch, etwas zu bleiben, sagte der Bild¬ hauer, und wenn Ihr denn geneigt seyd, kann ich Euch eine einträgliche Arbeit nach¬ weisen. Hier vor der Stadt liegt ein Non¬ nenkloster, in dem Ihr, wenn Ihr wollt, ein Gemählde mit Öl auf der Wand er¬ neuern könnt. Man hat schon nach einem ungeschickten Mahler senden wollen, ich will Euch lieber dazu vorschlagen. Franz nahm den Antrag an, er hatte schon lange gewünscht, seinen Pinsel einmal an größern Figuren zu üben. Bolz verließ ihn mit dem Versprechen, ihn noch am Abend wiederzusehn. Bolz kam zurück, als die Sonne schon untergegangen war. Er hatte den Vertrag mit mit der Äbtissin des Klosters gemacht, Stern¬ bald war damit zufrieden. Sie gingen wie¬ der vor die Stadt hinaus, Bolz schien un¬ ruhig, und etwas zu haben, das er dem jungen Mahler gern mittheilen möchte; er brach aber immer wieder ab, und Stern¬ bald, der im Geiste schon mit seiner Mah¬ lerei beschäftigt war, achtete nicht darauf. Es wurde finster. Sie hatten sich in die benachbarten Berge hineingewendet, ihr Gespräch fiel auf die Kunst. Ihr habt mich, sagte Sternbald, auf die unsterblichen Werke des großen Michael Angelo sehr begierig ge¬ macht, Ihr haltet sie für das Höchste, was die Kunst bisher hervorgebracht hat. Und hervorbringen kann! rief Bolz aus, es ist bei ihnen nicht von der oder der Vor¬ trefflichkeit, von dieser oder jener Schönheit die Rede, sondern sie sind durchaus schön, durchaus vortrefflich. Alle übrigen Künstler (2r Th.) T sind gleichsam als die Vorbereitung, als die Ahndung zu diesem einzig großen Manne anzusehn: vor ihm hat noch keiner die Kunst verstanden, noch gewußt, was er mit ihr ausrichten soll. Aber wie kömmt es denn, sagte Stern¬ bald, daß auch noch andre außer ihm ver¬ ehrt werden, und daß noch niemand nach dieser Vollkommenheit gestrebt hat? Das ist leicht einzusehn, sagte der Bild¬ hauer. Die Menge will nicht die Kunst, sie will nicht das Ideal, sie will unterhalten und gereizt seyn, und es versteht sich, daß die niedrigern Geister dies weit besser in's Werk zu richten wissen, weil sie selber mit den Geistesbedürfnissen der Menge, der Lieb¬ haber und Unkenner vertraut sind. Sie er¬ blicken wohl gar beim ächten Künstler Man¬ gel, und glauben über seine Fehler und Schwächen urtheilen zu können, weil er vorsätzlich das verschmäht hat, was ihnen an ihren Lieblingen gefällt. Warum kein Künstler noch diese Größe erstrebt hat? Wer hat denn richtigen Begriff von seiner Kunst, um das Beste zu wollen? Ja, wer von den Künstlern will denn überhaupt irgend was? Sie können sich ja nie von ihrem Talente Rechenschaft geben, das sie blind¬ lings ausüben, sie sind ja zufrieden, wenn sie den leichtesten Wohlgefallen erregen, auf welchem Wege es auch sey. Sie wissen ja gar nicht, daß es eine Kunst giebt, woher sollen sie denn erfahren, daß diese Kunst eine höchste, letzte Spitze habe. Mit Mi¬ chael Angelo ist die Kunst erst gebohren wor¬ den, und von ihm wird eine Schule aus¬ gehn, die die erste ist und bald die einzige seyn wird. Und wie meint Ihr, fragte Franz, daß dann die Kunst beschaffen seyn wird? T 2 Man wird, sagte Bolz, die unnützen Bestrebungen, die schlechten Manieren ganz niederlegen, und nur dem allmächtigen Buo¬ narotti folgen. Es ist in jeder ausgeübten Kunst natürlich, daß sie sich vollendet, wenn nur ein erhabener Geist aufgestanden ist, der den Irrenden hat zurufen können: dort¬ hin, meine Freunde, geht der Weg! Das hat Buonarotti gethan, und man wird nach¬ her nicht mehr zweifeln und fragen, was Kunst sey. In jeglicher Darstellung wird dann ein großer Sinn liegen, und man wird die gewöhnlichen Mittel verschmähen, um zu gefallen. Jetzt nehmen fast alle Künstler die Sinnen in Anspruch, um nur ein In¬ teresse zu erregen, dann wird das Ideal verstanden werden. Indem war es ganz dunkel geworden. Der Mond stieg eben unten am Horizont herauf, sie hatten schon fernher Hammer¬ s chläge gehört, jetzt standen sie vor einer Eisenhütte, in der gearbeitet wurde. Der An¬ blick war schön; die Felsen standen schwarz umher, Schlacken lagen aufgehäuft, dazwi¬ schen einzelne grüne Gesträuche, fast un¬ kenntlich in der Finsterniß. Vom Feuer und dem funkenden Eisen war die offene Hütte erhellt, die hämmernden Arbeiter, ihre Be¬ wegungen, alles glich bewegten Schatten, die von dem hellglühenden Erzklumpen an¬ geschienen wurden. Hinten war der wildbe¬ wachsene Berg so eben sichtbar, auf dem alte Ruinen auf der Spitze vom aufgehen¬ den Monde schon beschimmert waren: gegen¬ über waren noch einige leichte Streifen des Abendroths am Himmel. Bolz rief aus: Seht den schönen, be¬ zaubernden Anblick! Auch Sternbald war überrascht, er stand eine Weile in Gedanken und schwieg, dann rief er aus: Nun, mein Freund, was könn¬ tet Ihr sagen, wenn Euch ein Künstler auf einem Gemählde diese wunderbare Scene darstellte? Hier ist keine Handlung, kein Ideal, nur Schimmer und verworrene Gestalten, die sich wie fast unkenntliche Schatten bewegen. Aber wenn Ihr dies Gemählde sähet, würdet Ihr Euch nicht mit mächtiger Empfindung in den Gegenstand hineinsehnen? Würde er die übrige Kunst und Natur nicht auf eine Zeitlang aus Eu¬ rem Gedächtnisse hinwegrücken, und was wollt Ihr mehr? Diese Stimmung würde dann so wie jetzt Euer ganzes Inneres durch¬ aus ausfüllen, Euch bliebe nichts zu wün¬ schen übrig, und doch wäre es nichts wei¬ ter, als ein künstliches, fast tändelndes Spiel der Farben. Und doch ist es Hand¬ lung, Ideal, Vollendung, weil es das im höchsten Sinne ist, was es seyn kann, und so kann jeder Künstler an sich der Trefflichste seyn, wenn er sich kennt und nichts Fremd¬ artiges in sich hineinnimmt. Wahrlich! es ist, als hätte die alte Welt sich mit ihren Wundern aufgethan, als ständen dort die fabelhaften Cyklopen vor uns, die für Mars oder Achilles die Waffen schmieden. Die ganze Götterwelt kömmt dabei in mein Ge¬ dächtniß zurück: ich sehe nicht nur, was vor mir ist, sondern die schönsten Erinnerungen entwickeln sich im Innern meiner Seele, al¬ les wird lebendig und wach, was seit lange schlief. Nein, mein Freund, ich bin innigst überzeugt, die Kunst ist wie die Natur, sie hat mehr als Eine Schönheit. Bolz war still, beide Künstler ergötzten sich lange an dem Anblick, dann suchten sie den Rückweg nach der Stadt. Der Mond war indeß heraufgekommen und glänzte ih¬ nen im vollen Lichte entgegen, durch die Hohlwege, die sie durchkreuzten, über die feuchte Wiese herüber, von den Bergen in zauberischen Widerscheinen. Die ganze Ge¬ gend war in Eine Masse verschmolzen, und doch waren die verschiedenen Gründe leicht gesondert, mehr angedeutet, als ausgezeich¬ net; keine Wolke war am Himmel, es war, als wenn sich ein Meer mit unendlichen gol¬ denen Glanzwogen sanft über Wiese und Wald ausströmte und herüber nach den Fel¬ sen bewegte. Könnten wir nur die Natur genau nach¬ ahmen, sagte Sternbald, oder begleitete uns diese Stimmung nur so lange, als wir an einem Werke arbeiten, um in frischer Kraft, in voller Neuheit das hinzustellen, was wir jetzt empfinden, damit auch andre so davon ergriffen würden, wahrlich, wir könnten oft Handlung und Composition ent¬ behren, und doch eine große, herrliche Wir¬ kung hervorbringen! Bolz wußte nicht recht, was er antwor¬ ten sollte, er mochte nicht gern nachgeben, und doch konnte er Franz jetzt nicht wider¬ legen, sie stritten hin und her, und verwun¬ derten sich endlich, daß sie die Stadt nicht erscheinen sahen. Bolz suchte nach dem We¬ ge, und ward endlich inne, daß er sich ver¬ irrt habe. Beide Wanderer wurden verdrü߬ lich, denn sie waren müde und sehnten sich nach dem Abendessen, aber es schoben sich immer mehr Gebüsche zwischen sie, immer neue Hügel, und der blendende Schimmer des Mondes erlaubte ihnen keine Aussicht. Der Streit über die Kunst hörte auf, sie dachten nur darauf, wie sie sich wieder zu¬ recht finden wollten. Bolz sagte: Seht, mein Freund, über die Kunst haben wir die Natur vernachlässigt; wollt Ihr Euch noch so in eine Gegend hineinsehnen, aus der wir uns so gern wieder herauswickeln möch¬ ten? Jetzt gäbt Ihr alle Ideale und Kunst¬ wörter für eine gute Ruhestelle hin. Wie Ihr auch sprecht! sagte Sternbald, davon kann ja gar nicht die Rede seyn. Wir haben uns durch Eure Schuld verirrt, und es steht Euch nicht zu, nun noch zu spotten. Sie setzten sich ermüdet auf den Stumpf eines abgehauenen Baumes nieder. Franz sagte: Wir werden hier wohl übernachten müssen, denn ich sehe noch keinen möglichen Ausweg. Gut denn! rief Bolz aus, wenn es die Noth so haben will, so wollen wir uns auch in die Noth finden. Wir wollen sprechen, Lieder singen, und schlafen, so gut es sich thun läßt. Mit dem Aufgange der Sonne sind wir dann wieder munter, und kehren zur Stadt zurück. Fangt Ihr an zu singen. Sternbald sagte: Da wir nichts Bes¬ sers zu thun wissen, will ich Euch ein Lied von der Einsamkeit singen, schickt sich gut zu unserm Zustande. Über mir das hellgestirnte Himmelsdach, Alle Menschen dem Schlaf ergeben, Ruhend von dem mühevollen Leben, Ich allein, allein im Hause wach. Trübe brennt das Licht herunter; Soll ich aus dem Fenster schauen, 'nüber nach den fernen Auen? Meine Augen bleiben munter. Soll ich mich im Strahl ergehen Und des Mondes Aufgang suchen? Sieh', er flimmert durch die Buchen, Weiden am Bach im Walde stehen. Ist es nicht, als käme aus den Weiden Ach ein Freund, den ich lange nicht gesehn, Ach, wie viel ist schon seither geschehn, Seit dem quaalenvollen, bittern Scheiden! An den Busen will ich ihn mächtig drücken, Sagen, was so ofte mir gebangt, Wie mich inniglich nach ihn verlangt, Und ihm in die süßen Augen blicken. Aber der Schatten bleibt dort unter den Zweigen, Ist nur Mondenschein, Kömmt nicht zu mir herein, Sich als Freund zu zeigen. Ist anch schon gestorben und begraben, Und vergess' es jeden Tag, Weil ich's so übergerne vergessen mag; Wie kann ich ihn denn in den Armen haben? Geht der Fluß murmelnd durch die Klüfte, Sucht die Ferne nach eigner Melodie, Unermüdet sprechend spat und früh: Wehn vom Berge schon Septemberlüfte. Töne fallen von oben in die Welt, Lust'ge Pfeifen, fröhliche Schallmey'n, Ach! sollten es Bekannte seyn? Sie wandern zu mir über's Feld. Fernab ertönen sie, keiner weiß von mir, Alle meine Freunde mich verlassen, Die mich liebten, jetzt mich hassen, Kümmert sich keiner, daß ich wohne hier. Ziehn mit Netzen oft lustig am See, Höre oft das ferne Gelach; Seufze mein kümmerlich Ach! Thut mir der Busen so weh. Ach! wo bist du Bild geblieben, Engelsbild vom schönsten Kind? Keine Freuden übrig sind, Unterstund mich, Dich zu lieben. Hast den Gatten längst gefunden, Wie der fernste Schimmerschein, Fällt mein Name Dir wohl ein, Nie in Deinen guten Stunden. Und das Licht ist ausgegangen, Sitze in der Dunkelheit, Denke, was mich sonst gefreut, Als noch Nachtigallen sangen. Ach! und warst nicht einsam immer? Keiner, der Dein Herz verstand, Keiner sich zu Dir verband. Geh auch unter Mondesschimmer! Lösche, lösche letztes Licht! Auch wenn Freunde mich umgeben, Führ ich doch einsames Leben: Lösche, lösche letztes Licht, Der Unglückliche braucht Dich nicht! Indem hörten sie nicht weit von sich eine Stimm e singen: Wer lust'gen Muth zur Arbeit trägt Und rasch die Arme stets bewegt, Sich durch die Welt noch immer schlägt. Der Träge sitzt, weiß nicht wo aus Und über ihm stürzt ein das Haus, Mit vollen Seegeln munter Fährt der Frohe das Leben hinunter. Der Singende war ein Kohlenbrenner, der jetzt näher kam. Bolz und Sternbald gingen auf ihn zu, sie standen seiner Hütte ganz nahe, ohne daß sie es bemerkt hatten. Er war freundlich, und bot ihnen von freien Stücken sein kleines Haus zum Nachtlager an. Die beiden Ermüdeten folgten ihm gern. Drinnen war ein kleines Abendessen zu¬ recht gemacht, kein Licht brannte, aber ei¬ nige Späne, die auf dem Heerde unterhal¬ ten wurden, erleuchteten die Hütte. Eine junge Frau war geschäftig, den Fremden ei¬ nen Sitz auf einer Bank zu bereiten, die sie an den Tisch schob. Alle setzten sich nieder, und aßen aus derselben Schüssel; Franz saß neben der Frau des Köhlers, die ihn mit lustigen Augen zum Essen nöthigte. Er fand sie artig, und bewunderte die Wirkung des Lichtes auf die Figuren. Der Köhler erzählte viel vom nahen Eisenhammer, für den er die meisten Kohlen lieferte, er hatte noch so spät einen Weiler besucht. Ein kleiner Hund gesellte sich zu ihnen und war äußerst freundlich, die Frau, die lebhaft war, spielte und sprach mit ihm, wie mit einem Kinde. Sternbald fühlte in der Hütte wieder die ruhigen, frommen Em¬ pfindungen, die ihn schon so oft beglückt hat¬ ten: er prägte sich die Figuren und Erleuch¬ tung seinem Gedächtnisse ein, um einmal ein solches Gemählde darzustellen. Als sie mit dem Essen beinahe fertig waren, klopfte noch jemand an die Thür, und eine klägliche Stimme flehte um nächt¬ liche Herberge. Alle verwunderten sich, der Köhler öffnete die Hütte, und Sternbald er¬ staunte, als er den Pilgrim hereintreten sah. Der Köhler war gegen den Wallfahrter sehr ehrerbietig, es wurde Speise herbeigeschafft, die Stube heller gemacht. Der Pilgrim er¬ schrack, als er hörte, daß er der Stadt so nahe sey, er hatte sie schon seit zwei Tagen verlassen, sich auf eine unbegreifliche Art verirrt, und bei allen Zurechtweisungen im¬ mer den unrechten Weg ergriffen, so daß er jetzt kaum eine halbe Meile von dem Orte entfernt war, von dem er ausging. Der Wirth erzählte noch allerhand, die junge Frau war geschäftig, der Hund war gegen Sternbald sehr zuthunlich. Nach der Mahlzeit wurde für die Fremden eine Streu zubereitet, auf der sich der Wallfahrter und Bolz sogleich ausstreckten. Franz war gegen sein Erwarten munter. Der Köhler und seine Frau Frau gingen nun auch zu Bette, der Hund ward nach seiner Behausung auf den kleinen Hof gebracht, Sternbald blieb bei den Schla¬ fenden allein. Der Mond sah durch das Fenster, in der Einsamkeit fiel des Bildhauers Gesicht dem Wachenden auf, es war eine Physio¬ gnomie, die Heftigkeit und Ungestüm aus¬ drückte. Franz begriff es nicht, wie er sei¬ nen anfänglichen Widerwillen gegen diesen Menschen so habe überwinden können, daß er jetzt mit ihm umgehe, daß er sich ihm so¬ gar vertraue. Bolz schien unruhig zu schlafen, er warf sich oft umher, ein Traum ängstigte ihn. Franz vergaß beinahe, wo er war, denn alles umher erhielt eine sonderbare Be¬ deutung. Seine Phantasie ward erhitzt, und es währte nicht lange, so glaubte er sich un¬ ter Räubern zu befinden, die es auf sein (2r Th.) U Leben angesehn hätten, jedes Wort des Koh¬ lenbrenners, dessen er sich nur erinnerte, war ihm verdächtig, er erwartete es ängstlich, wie er mit seinen Spiesgesellen wieder aus der Thür herauskommen würde, um sie im Schlafe umzubringen und zu plündern. Über diese Betrachtungen schlief er ein, aber ein fürchterlicher Traum ängstigte ihn noch mehr, er sah die entsetzlichsten Gestalten, die selt¬ samsten Wunder, er erwachte unter drücken¬ den Beklemmungen. Am Himmel sammelten sich Wolken, auf die die Strahlen des Mondes fielen, die Bäume vor der Hütte bewegten sich. Um sich zu zerstreuen, schrieb er folgendes in seiner Schreibtafel nieder: Die Phantasie. Wer ist dort der alte Mann, In einer Ecke fest gebunden, Daß er sich nicht rührt und regt? Vernunft hält über ihn Wache, Sieht und erkundet jene Miene. Der Alte ist verdrüßlich, Um ihn in tausend Falten Ein weiter Mantel geschlagen. Es ist der launige Phantasus, Ein wunderlicher Alter, Folgt stets seiner närrischen Laune, Sie haben ihn jetzt festgebunden, Daß er nur seine Possen läßt, Vernunft im Denken nicht stört, Den armen Menschen nicht irrt, Daß er sein Tagesgeschäft In Ruhe vollbringe, Mit dem Nachbar verständig spreche Und nicht wie ein Thor erscheine. Denn der Alte hat nie was Kluges im Sinn, Immer tändelt er mit dem Spielzeug Und kramt es aus, und lärmt damit So wie nur nicht nach ihm gesehn wird. Der alte Mann schweigt und runzelt die Stirn, Als wenn er die Rede ungern vernähme, Schilt gern alles langweilig, U 2 Was in seinen Kram nicht taugt. Der Mensch handelt, denkt, die Pflicht Wird indeß stets von ihm gethan; Fällt in die Augen das Abendroth hinein, Stehn Schlummer und Schlaf aus ihrem Winkel auf Da sie den Schimmer merken. Vernunft muß ruhn und wird zu Bett gebracht, Schlummer singt ihr ein Wiegenlied: Schlaf ruhig, mein Kind, morgen ist auch noch ein Tag. Mußt nicht alles auf einmal denken, Bist unermüdet und das ist schön, Wirst auch immer weiter kommen, Wirst Deinem lieben Menschen Ehre bringen, Er schätzt Dich auch über alles, Schlaf ruhig, schlaf ein. — Wo ist meine Vernunft geblieben? sagt der Mensch, Geh' Erinnrung, und such' sie auf. Erinnrung geht und trifft sie schlafend, Gefällt ihr die Ruhe auch, Nickt über der Gefährtin ein. »Nun werden sie gewiß dem Alten die Hände frei machen, Denkt der Mensch, und fürchtet sich schon. Da kömmt der Schlaf zum Alten geschlichen, Und sagt: mein Bester, Du mußt erlahmen, Wenn Dir die Glieder nicht frei gemacht werden, Pflicht, Vernunft und Verstand bringen Dich ganz herunter, Und Du bist gutwillig, wie ein Kind. — Indem macht der Schlaf ihm schon die Hände los, Und der Alte schmunzelt: sie haben mir viel zu danken, Mühsam hab' ich sie erzogen, Aber nun verachten sie mich alten Mann, Meinen ich würde kindisch, Sey zu gar nichts zu gebrauchen. Du, mein Liebster, nimmst Dich mein noch an, Wir beiden bleiben immer gute Kameraden. Der Alte sieht auf und ist der Banden frei, Er schüttelt sich vor Freude: Er breitet den weiten Mantel aus, Und aus allen Falten stürzen wunderbare Sachen Die er mit Wohlgefallen ansieht. Er kehrt den Mantel um und spreitet ihn weit umher, Eine bunte Tapete ist die untre Seite. Nun handthiert Phantasus in seinem Zelte Und weiß sich vor Freuden nicht zu lassen. Aus Glas und Krystallen baut er Schlösser, Läßt oben aus den Zinnen Zwerge kucken, Die mit dem großen Kopfe wackeln. Unten gehn Fontainen im Garten spazieren, Aus Röhren sprudeln Blumen in die Luft, Dazu singt der Alte ein seltsam Lied Und klimpert mit aller Gewalt auf der Harfe. Der Mensch sieht seinen Spielen zu Und freut sich, vergißt, daß Vernunft Ihn vor allen Wesen herrlich macht. Spricht: fahre fort, mein lieber Alter. Und der Alte läßt sich nicht lange bitten, Schreiten Geistergestalten heran, Zieht die kleinen Marionetten an Fäden Und läßt sie aus der Ferne größer scheinen. Tummeln sich Reuter und Fußvolk, Hängen Engel in Wolken oben, Abendröthen und Mondschein gehn durch einander. Verschämte Schönen sitzen in Lauben, Die Wangen roth, der Busen weiß, Das Gewand aus blinkenden Strahlen gewebt. Ein Heer von Kobolden lärmt und tanzt, Alte Helden kommen von Troja wieder, Achilles, der greise Nestor, versammeln sich zum Spiel Und entzweien sich wie die Knaben. — Ja, der Alte hat daran noch nicht genug, Er spricht und singt: Laß Deine Thaten fahren, Dein Streben, Mensch, Deine Grübelei'n, Sieh, ich will Dir goldne Kegel schenken, Ein ganzes Spiel, und silberne Kugeln dazu, Männerchen, die von selbst immer auf den Bei¬ nen stehn, Warum willst Du Dich des Lebens nicht freun? Dann bleiben wir beisammen, Vertreiben mit Gespräch die Zeit, Ich lehre Dich tausend Dinge, Von denen Du noch nichts weißt. — Das blinkende Spielwerk sticht dem Menschen in die Augen, Er reckt die Hände gierig aus, Indem erwacht mit dem Morgen die Vernunft. Reibt die Augen und gähnt und dehnt sich: Wo ist mein lieber Mensch? Ist er zu neuen Thaten gestärkt? so ruft sie Der Alte hört die Stimme und fängt an zu zittern, Der Mensch schämt sich, läßt Kegel und Kugel fallen, Vernunft tritt in's Gemach. Ist der alte Wirrwarr schon wieder los geworden Ruft Vernunft aus, läßt Du Dich immer wieder locken Von dem kind'schen Geise , der selber nicht weiß Was er beginnt? — Der Alte fängt an zu weinen, Der Mantel wieder umgekehrt Ihm um die Schultern gehängt, Arm' und Beine festgebunden. Sitzt wieder grämlich da. Sein Spielzeug eingepackt, Ihm alles wieder in's Kleid gesteckt Und Vernunft macht 'ne drohende Miene. Der Mensch muß an die Geschäfte gehn, Sieht den Alten nur von der Seite an Und zuckt die Schultern über ihn. Warum verführt ihr mir den lieben Menschen! Grämelt der alte Phantasus, Ihr werdet ihn matt und todt noch machen, Wird vor der Zeit kindisch werden, Sein Leben nicht genießen. Sein bester Freund sitzt hier gebunden, Der es gut mit ihm meint. Er verzehrt sich und möcht' es gern mit mir halten, Aber ihr Überklugen Hat ihm meinen Umgang verleidet Und wißt nicht, was ihr mit ihm wollt. Schlaf ist weg und keiner steht mir bei. Der Morgen brach indessen an, die übri¬ gen im Hause wurden munter, und Franz las dem Bildhauer seine Verse vor, der dar¬ über lachte und sagte: Auch dies Gedicht, mein Freund, rührt vom Phantasus her, man sieht es ihm wohl an, daß es in der Nacht geschrieben ist; dieser Mann hat, wie es scheint, Spott und Ernst gleich lieb. Das dunkle Gemach wurde erhellt, der Köhler trat mit seiner Frau herein. Franz lächelte über seine nächtliche Einbildung, er sah nun die Thür, die er immer gefürchtet hatte, deutlich vor sich stehn, nichts Furcht¬ bares war an ihr sichtbar. Die Gesellschaft frühstückte, wobei der muntere Köhler noch allerhand erzählte. Er sagte, daß in eini¬ gen Tagen eine Nonne im benachbarten Klo¬ ster ihr Gelübde ablegen würde, und daß sich dann zu dieser Feierlichkeit alle Leute aus der umliegenden Gegend versammelten. Er beschrieb die Zeremonien, die dabei vor¬ fielen, er freute sich auf das Fest, Stern¬ bald schied von ihm und dem Pilgrim, und ging mit dem Bildhauer zur Stadt zurück. Sternbald ließ sich im Kloster melden, er ward der Äbtissin vorgestellt, er betrach¬ tete das alte Gemählde, das er auffrischen sollte. Es war die Geschichte der heiligen Genovefa, wie sie mit ihrem Sohne unter einsamen Felsen in der Wildniß sitzt, und von freundlichen, liebkosenden Thieren um¬ geben ist. Das Bild schien alt, er konnte nicht das Zeichen eines ihm bekannten Künst¬ lers entdecken. Denksprüche gingen aus dem Munde der Heiligen, ihres Sohnes und der Thiere, die Composition war einfach und ohne Künstlichkeit, das Gemählde sollte nichts als den Gegenstand auf die einfältigste Weise ausdrücken. Sternbald war Willens, die Buchstaben zu verlöschen und den Ausdruck der Figur zu erhöhen, aber die Äbtissin sag¬ te: Nein, Herr Mahler, Ihr müßt das Bild im Ganzen so lassen, wie es ist, und um alles ja die Worte stehen lassen. Ich mag es durchaus nicht, wenn ein Gemählde zu zierlich ist. F r anz machte ihr deutlich, wie diese weißen Zettul alle Täuschung aufhöben und unnatürlich wären, ja wie sie gewissermaßen das ganze Gemählde vernichteten, aber die Äbtissin antwortete: Dies alles ist mir sehr gleich, aber eine geistliche, bewegliche Hi¬ storie muß durchaus nicht auf eine ganz weltliche Art ausgedrückt werden, Reiz, und was Ihr Mahler Schönheit nennt, ge¬ hört gar nicht in ein Bild, das zur Er¬ bauung dienen und heilige Gedanken erwek¬ ken soll. Mir ist hier das Steife, Altfrän¬ kische viel erwünschter, dies schon trägt zu einer gewissen Erhebung bei. Die Worte sind aber eigentlich die Erklärung des Ge¬ mähldes, und diese gottseligen Betrachtun¬ gen könnt Ihr nimmermehr durch den Aus¬ druck der Mienen ersetzen. An der soge¬ nannten Wahrheit und Täuschung liegt mir sehr wenig: wenn ich mich einmal davon überzeugen kann, daß ich hier in der Kirche diese Wildniß mit Thieren und Felsen an¬ treffe, so ist es mir ein kleines, auch anzu¬ nehmen, daß diese Thiere sprechen, und daß ihre Worte hingeschrieben sind, wie sie selbst nur gemahlt sind. Es entsteht dadurch et¬ was Geheimnißvolles, wovon ich nicht gut sa¬ gen kann, worin es liegt. Die übertriebenen Mienen und Gebehrden aber sind mir zuwi¬ der. Wenn die Mahler immer bei dieser alten Methode bleiben, so werden sie sich auch stets in den Schranken der guten Sit¬ ten halten, denn dieser Ausdruck mit Wor¬ ten führt gleichsam eine Aufsicht über ihr Werk. Ein Gemählde ist und bleibt eine gutgemeinte Spielerei, und darum muß man sie auch niemals zu ernsthaft treiben. Franz ging betrübt hinweg, er wollte am folgenden Morgen anfangen. Das Ge¬ rüst wurde eingerichtet, die Farben waren zubereitet; als er in der Kirche oben allein stand, und in die trüben Gitter hineinsah, fühlte er sich unbeschreiblich einsam, er lä¬ chelte über sich selber, daß er den Pinsel in der Hand führe. Er fühlte, daß er nur als Handwerker gedungen sey, etwas zu machen, wobei ihm seine Kunstliebe, ja sein Talent völlig überflüssig war. Was ist bis jetzt von mir geschehen? sagte er zu sich selber, in Antwerpen habe ich einige Conterfeye ohne sonderliche Liebe gemacht, die Gräfin und Roderigo nachher gemahlt, weil sie in ihn verliebt war, und nun stehe ich hier, um Denksprüche, schlecht geworfene Gewänder, Hirsche und Wölfe neu anzustreichen. Indem hatten sich die Nonnen zur Hora versammelt, und ihr feiner, wohlklingender Gesang schwung sich wundersam hinüber, die erloschene Genovefa schien darnach hin¬ zuhören, die gemahlten Kirchenfenster ertön¬ ten. Eine neue Lust erwachte in Franz, er nahm Pallette und Pinsel mit frischen Muth und färbte Genovefens dunkles Gewand. Warum sollte ein Mahler, sagte er zu sich, nicht allenthalben, auch am unwürdigen Orte, Spuren seines Daseyns lassen? Er kann allenthalben ein Monument seiner schönen Existenz schaffen, vielleicht daß doch ein sel¬ tener zarter Geist ergriffen und gerührt wird, ihm dankt, und aus den Trübseligkeiten sich eine schöne Stunde hervorsucht. Er nahm sich nehmlich vor, in dem Gesichte der Ge¬ novefa das Bildniß seiner theuren Unbekann¬ ten abzuschildern, so viel es ihm möglich war. Die Figuren wurden ihm durch die¬ sen Gedanken theurer, die Arbeit lieber. Er suchte in seiner Wohnung das Bild¬ niß hervor, das ihm der alte Mahler gege¬ ben hatte, er sah es an, und Emma stand unwillkührlich vor seinen Augen. Sein Ge¬ müth war wunderbar beängstigt, er wußte nicht, wofür er sich entscheiden solle. Dieser Liebreiz, diese Heiterkeit seiner Phantasie bei Emma's Angedenken, die lüsternen Bil¬ der und Erinnerungen, die sich ihn offen¬ barten, und dann das Zauberlicht, das ihm aus dem Bildnisse des theuren Angesichts aus herrlicher Ferne entgegenleuchtete, die Gesänge von Engeln, die ihn dorthin rie¬ fen, die schuldlose Kindheit, die wehmüthige Sehnsucht, das Goldenste, Fernste und Schönste, was er erwünschen und erlan¬ gen konnte, daneben Sebastian's Freude und Erstaunen, dazwischen das Grab. Die Verworrenheit aller dieser Vorstel¬ lungen bemächtigte sich seiner so sehr, daß er zu weinen anfing, und keinen Gedanken erhaschte, der ihn trösten konnte. Ihm war, als wenn seine innerste Seele in den bren¬ nenden Thränen sich aus seinen Augen hin¬ ausweinte, als wenn er nachher nichts wün¬ schen und hoffen dürfte, und nur ungewisse, irrende irrende Reue ihn verfolgen könne. Seine Kunst, sein Streben, ein edler Künstler zu werden, sein Wirken und Werden auf der Erde erschien ihm als etwas Armseliges, Kaltes und jämmerlich Dürftiges. In Däm¬ merung gingen die Gestalten der großen Meister an ihm vorüber, er mochte nach keinem mehr die Arme ausstrecken; alles war schon vorüber und geendigt, wovon er noch erst den Anfang erwartete. Er schweifte durch die Stadt, und die bunten Häuser, die Brücken, die Kirchen mit ihrer künstlichen Steinarbeit, nichts reizte ihn, es genau zu betrachten, es sich einzu¬ prägen, wie er sonst so gern that, in jedem Werke schaute ihn Vergänglichkeit und zweck¬ loses Spiel mit trüben Augen, mit spötti¬ scher Miene an. Die Mühseligkeit des Hand¬ werkers, die Ämsigkeit des Kaufmanns, das trostlose Leben des Bettlers daneben schien (2r Th.) X ihm nun nicht mehr, wie immer, durch große Klüfte getrennt: sie waren Figuren und Ver¬ zierungen von einem großen Gemählde, Wald, Bergstrom, Gebirge, Sonnenauf¬ gang waren Anhang zur trüben, dunkeln Historie, die Dichtkunst, die Musik machten die Worte und Denksprüche, die mit unge¬ schickter Hand hineingeschrieben wurden. Jetzt weiß ich, rief er im Unmuthe aus, wie Dir zu Muthe ist, mein vielgeliebter Sebastian, erst jetzt lese ich aus mir selber Deinen Brief, erst jetzt entsetze ich mich darüber, daß Du Recht hast. So kann keiner dem andern sa¬ gen und sprechen, was er denkt; wenn wir selbst wie todte Instrumente, die sich nicht beherrschen können, so angeschlagen werden, daß wir dieselben Töne angeben, dann glau¬ ben wir den andern zu vernehmen. Die Melodie des Liedes von der Ein¬ samkeit kam ihm in's Gedächtniß, er konnte es nicht unterlassen, das Gedicht leise vor sich hinzusingen, wobei er immer durch die Straßen lief, und sich endlich in das Ge¬ tümmel des Marktes verlor. Er stand im Gedränge still, und ihm fiel bei, daß vielleicht keiner von den hier bewegten unzähligen Menschen seine Gedan¬ ken und seine Empfindungen kenne, daß er schon oft selbst ohne Arg herumgewandert sey, daß er auch vielleicht in wenigen Ta¬ gen alles vergessen habe, was ihn jetzt er¬ schüttre, und er sich dann wohl wieder klü¬ ger und besser als jetzt vorkomme. Wenn er so in sein bewegtes Gemüth sah, so war es, als wenn er in einen unergründlichen Strudel hinabschaute, wo Woge Woge drängt und schäumt, und man doch keine Welle son¬ dern kann, wo alle Fluthen sich verwirren und trennen, und immer wieder durch ein¬ ander wirbeln, ohne Stillstand, ohne Ruhe, X 2 wo dieselbe Melodie sich immer wiederholt, und doch immer neue Abwechselung ertönt: kein Stillstand, keine Bewegung, ein rau¬ schendes, tosendes Räthsel, eine endlose, end¬ lose Wuth des erzürnten, stürzenden Elements. Kaufer und Verkäufer schrien und lärm¬ ten durch einander, Fremde, die sich zurecht¬ fragten, Wagen, die sich gewaltsam Platz machten. Alle Arten von Eßwaaren umher gelagert, Kinder und Greise im Gewühl, alle Stimmen und Zungen zum verwirrten Unisono vereinigt. Nach der andern Seite drängte sich das Volk voll Neugier, und Franz ward von dem ungestümen Strome mit ergriffen und fortgezogen, er bemerkte es kaum, daß er von der Stelle kam. Als er näher stand, hörte er durch das Geräusch der Stimmen, durch die öftere Un¬ terbrechung, Fragen, Antworten und Ver¬ wunderung folgendes Lied singen: Wie über Matten Die Wolke zieht, So auch der Schatten Vom Leben flieht. Die Jahre eilen Kein Stillestand, Und kein Verweilen, Sie hält kein Band. Nur Freude kettet Das Leben hier, Der Frohe rettet Die Zeiten schier. Ihm sind die Stunden Was Jahre sind, Sind nicht verschwunden Wer so gesinnt. Ihm sind die Küsse Der goldne Wein Noch 'mal so süße Im Sonnenschein. Ihm naht kein Schatten Vergänglichkeit, Für ihn begatten Sich Freud' und Zeit. Drum nehmt die Freude Und sperrt sie ein. Dann müßt ihr beide Unsterblich seyn. Es war ein Mädchen, die dieses Lied absang, indem kam Franz durch eine unver¬ muthete Wendung dicht an die Sängerin zu stehn, das Gedränge preßte ihn an sie, und indem er sie genau betrachtete, glaubte er Ludoviko zu erkennen. Jetzt hatte ihn der Strom von Menschen wieder entfernt, und er konnte daher seiner Sache nicht gewiß seyn, ein Leyerkasten fiel ihm mit seinen schwerfälligen Tönen in die Ohren, und eine andre Stimme sang: Aus Wolken kommt die frohe Stunde, O Mensch gesunde, Laß Leiden seyn und Bangigkeit Wenn Liebchens Kuß Dein Herz erfreut. In Küssen webt ein Zaubersegen, Drum sey verwegen, Was schadet's, wenn der Donner rollt, Wenn nur der rothe Mund nicht schmollt. Franz war erstaunt, denn er glaubte in diesem begleitenden Sänger Florestan zu er¬ kennen. Er war wie ein alter Mann ge¬ staltet, und verstellte, wie Sternbald glaub¬ te, auch seine Stimme; doch war er noch zweifelhaft. — In kurzer Zeit hatte er beide aus den Augen verloren, so sehr er sich auch bemühte, sich durch die Menschen hindurchzudrängen. Die beiden Gestalten lagen ihm immer im Sinne, er ging zum Kloster zurück, aber er konnte sie nicht vergessen, er wollte sie wieder aufsuchen, aber es war vergebens. Indem er mahlte, kam die Äbtissin mit ei¬ nigen Nonnen hinzu, um ihm bei der Arbeit zuzusehn, die größte von ihnen schlug den Schleier zurück, und Franz erschrack über die Schönheit, über die Majestät eines An¬ gesichts, die ihm plötzlich in die Augen fie¬ len. Diese reine Stirn, diese großen dun¬ keln Augen, das schwermüthige, unaussprech¬ lich süße Lächeln der Lippen nahm sein Auge gleichsam mit Gewalt gefangen, sein Ge¬ mählde, jede andre Gestalt kam ihm gegen diese Herrlichkeit trübe und unscheinbar vor. Er glaubte auch noch nie einen so schlanken Wuchs gesehen zu haben, ihm fielen ein paar Stellen aus alten Gedichten ein, wo der Dichter von der siegenden Gewalt der Allerholdseligsten sprach, von der unüber¬ windlichen Waffenrüstung ihrer Schöne. — Ein altes Lied sagte: Laß mich los, um Gotteswillen Gieb mich armen Sklaven frei, Laß die Augen Dir verhüllen, Daß ihr Glanz nicht tödtlich sey. Mußt Du mich in Ketten schleifen Stärker als von Demantstein? Muß das Schicksal mich ergreifen, Ich ihr Kriegsgefangner seyn? — Wie, dachte Sternbild, muß dem Man¬ ne seyn, dem sich diese Arme freundlich öff¬ nen? dem dieser heilige Mund den Kuß ent¬ gegenbringt? Die Grazie dieser übermensch¬ lichen Engelsgestalt ganz sein Eigenthum! Die Nonne betrachtete das Gemählde und den Mahler in einer nachdenklichen Stellung, keine ihrer Bewegungen war leb¬ haft, aber wider Willen ward das Auge nachgerufen, wenn sie ging, wenn sie die Hand erhob, das Auge war entzückt, in den Linien mitzugehn, die sie beschrieb. Franz gedachte an Roderigo's Worte, der von der Gräfin gesagt hatte, daß sie in Bewegun¬ gen Musik schriebe, daß jede Biegung der Gelenke ein Wohllaut sey. Sie gingen fort, der Gesang der Non¬ nen erklang wieder. Franz fühlte sich ver¬ lassen, daß er nicht neben der schönen Heili¬ gen knien konnte, ganz in Andacht hinge¬ gossen, die Augen dahin gerichtet, wohin die ihrigen blickten, er glaubte, daß das al¬ lein schon ein höchst seliges Gefühl seyn müsse, nur mit ihr dieselben Worte zu singen, zu denken. Wie widerlich waren ihm die Far¬ ben, die er auftragen, die Figuren, die er neu beleben sollte! Auf den Abend sprach er den Bildhauer. Er schilderte ihm die Schönheit, die er ge¬ sehn hatte, Augustin schien beinahe eifersüch¬ tig. Er erzählte, wie es dasselbe Mädchen sey, das in Kurzem das Gelübde ablegen werde, von der der Köhler gesprochen habe, sie sey mit ihrem Stande unzufrieden, müsse sich aber dem Willen der Eltern fügen. Ihr habt Recht, fuhr er gegen Franz fort, wenn Ihr sie eine Heilige nennt, ich habe noch nie eine Gestalt gesehn, die etwas so Hohes, so Überirrdisches ausgedrückt hätte. Und nun denkt Euch diesen züchtigen Busen entfesselt, diese Wangen mit Schaam und Liebe käm¬ pfend, diese Lippen in Küssen entbrannt, das große Auge der Trunkenheit dahin gegeben, dies Himmlische des Weibes im Widerspruch mit sich selbst und doch ihre schönste Bestim¬ mung erfüllend, — o, wer auf weiter Erde ist denn glückseliger und gebenedeiter, als dieser ihr Geliebter? Höhere Wonne wird auf dieser magern Erde nicht reif, und wem diese bescheret ist, vergißt die Erde und sich, und alles! Er schien noch weiter sprechen zu wol¬ len, aber plötzlich brach er ab, und verließ Sternbald im unnützen Nachsinnen verloren. Franz hatte noch keine seiner Arbeiten mit dieser Unentschlossenheit und Beklem¬ mung gemacht, er schämte sich eigentlich sei¬ nes Mahlens an diesem Orte, besonders in Gegenwart der majestätischen Gestalt. Sie besuchte ihn regelmäßig und betrachtete ihn genau. Ihre Gestalt prägte sich jedesmal tiefer in seine Phantasie, er schied immer ungerner. Die Mahlerei ging rascher fort, als er sich gedacht hatte. Die Genovefa machte er seiner theuren Unbekannten ähnlich, er such¬ te den Ausdruck ihrer Physiognomie zu er¬ höhen, und den geistreichen Schmerz gut ge¬ gen die unschuldigen Gesichter der Thierge¬ stalten abstechen zu lassen. Wenn die Orgel zuweilen ertönte, fühlte er sich wohl selbst in schauerliche Einsamkeit entrückt, dann fühlte er Mitleid mit der Geschichte, die er darstellte, ihn erschreckte dann der wehmü¬ thige Blick, den die Unbekannte von der Wand herab auf ihn warf, die Thiere mit ihren Denksprüchen rührten ihn innerlich. Aber fast immer sehnte er sich zu einer an¬ dern Arbeit hin. Manchmal glaubte er, daß die schöne Nonne ihn mit Theilnahme und Rührung betrachte, denn es schien zuweilen, als wenn sie jeden seiner Blicke aufzuhaschen suchte, so oft er die Augen auf sie wandte, begeg¬ nete er ihrem bedeutenden Blicke. Er wurde roth, der Glanz ihrer Augen traf ihn wie ein Blitz. Die Äbtissin hatte sich an einem Morgen auf eine Weile entfernt, die übri¬ gen Nonnen waren nicht zugegen, und Stern¬ bald war gerade unten am Gemählde be¬ schäftigt, als das schöne Mädchen ihm plötz¬ l ich ein Papier in die Hand drückte. Er wußte nicht, wie ihm geschah, er verbarg es schnell. Die wunderbarste Zeit des Alter¬ thums mit allen ihren ungeheuren Mähr¬ chen, dünkte ihm, wäre ihm nahe getreten, hätte ihn berührt, und sein gewöhnliches Le¬ ben sey auf ewig völlig entschwunden. Seine Hand zitterte, sein Gesicht glühte, seine Au¬ gen irrten umher, und scheuten sich, den ih¬ rigen zu begegnen. Er schwur ihr im Her¬ zen Treue und feste Kühnheit, er unternahm jegliche Gefahr, ihm schien es Kleinigkeit, das Gräßlichste um ihrentwillen zu unter¬ nehmen. Er sah im Geiste Entführung und Verfolgung vor sich, er flüchtete sich schon in Gedanken zu seiner Genovefa in die un¬ zugängliche Wüste. Wer hätte das gedacht, sagte er zu sich, als ich zuerst den steinernen Fußboden dieses Klosters betrat, daß hier mein Leben einen neuen Anfang nehmen würde? daß mir das gelingen könne, was ich für das Unmöglichste hielt? Indem versammelten sich die Nonnen auf dem Chor, die Glocke schlug ihre Töne, die ihm in's Herz redeten, man ließ ihn al¬ lein, und der herzdurchdringende, einfache Gesang hob wieder an. Er konnte kaum athmen, so schienen ihn die Töne wie mit mächtigen Armen zu umfassen und sich dicht an seine entzückte Brust zu drücken. Als alles wieder ruhig war, als er sich allein befand, nahm er den Brief wieder hervor, seine Hand zitterte, als er ihn er¬ brechen wollte, aber wie erstaunte er, als er die Aufschrift: An Ludoviko , las! — Er schämte sich vor sich selber, er stand eine Weile tief nachsinnend, dann arbeitete er mit neuer Inbrunst am Antlitz seiner Heili¬ gen weiter, er konnte den Zusammenhang nicht begreifen, alle seine Sinne verwirrten sich. Das Gemählde schien ihn mit seinen alten Versen anzureden, Genovefa ihm seine Untreue, seinen Wankelmuth vorzuwerfen. Es war Abend geworden, als er das Kloster verließ. Er ging über den Kirchhof nach dem Felde zu, als ihm wieder die dumpfen Leyertöne auffielen. Der Alte kam auf ihn zu und nannte ihn bei Namen. Es war niemand anders als Florestan. Sternbald konnte sich vor Erstaunen nicht finden, aber jener sagte: Sieh, mein Freund, dies ist das menschliche Leben, wir nahmen vor kurzem so wehmüthig Abschied von einander, und nun triffst Du mich so unerwartet und bald wieder, und zwar als alten Mann, Sey künftig niemals traurig, wenn Du einen Freund verlässest. Aber hast Du nichts an Ludoviko abzugeben? Sternbald ahndete nun den Zusammen¬ hang, mit zitternder Hand gab er ihm den Brief, Brief, den er von der Nonne empfangen hatte. Florestan empfing ihn freudig. Als Franz ihn weiter befragte, antwortete er lustig: Sieh, mein Freund, wir sind jetzt auf Abentheuer, Ludoviko liebt sie, sie ihn, in wenigen Tagen will er sie entführen, alle Anstalten dazu sind getroffen, ich führe bei ihm ein Leben wie im Himmel, alle Tage neue Ge¬ fahren, die wir glücklich überstehn, neue Ge¬ genden, neue Lieder und neue Gesinnungen. Franz wurde empfindlich. Wie? sagte er im Eifer, soll auch sie ein Schlachtopfer seiner Verführungskunst, seiner Treulosigkeit werden? Nimmermehr! Rudolf hörte darauf nicht, sondern bat ihn, nur einen Augenblick zu verweilen, er müsse Ludoviko sprechen, würde aber sogleich zurückkommen. Vor allen Dingen aber solle er dem Bildhauer Bolz nicht ein Wort da¬ von entdecken. (2r Th.) Y Franz blieb allein und konnte sich über sich selbst nicht zufrieden geben, er wußte nicht, was er zu allem sagen solle. Er setz¬ te sich unter einem Baume nieder, und Ru¬ dolf kam nach kurzer Zeit zurück. Hier, mein liebster Freund, sagte dieser, diesen Zet¬ tul mußt Du morgen Deiner schönen Heili¬ gen übergeben, er entscheidet ihr Schicksal. Wie? rief Franz bewegt aus, soll ich mich dazu erniedrigen, das herrlichste Ge¬ schöpf vernichten zu helfen? Und Du Ru¬ dolf kannst mit diesem Gleichmuthe ein sol¬ ches Unternehmen beginnen? Nein, mein Freund, ich werde sie vor dem Verführer warnen, ich werde ihr rathen, ihn zu ver¬ gessen wenn sie ihn liebt, ich werde ihr er¬ zählen, wie er gesinnt ist. Sey nicht unbesonnen, sagte Florestan, denn Du schadest dadurch Dir und allen. Sie liebt ihn, sie zittert vor dem Tage ih¬ rer Einkleidung, die Flucht ist ihr freier Ent¬ schluß, was geht Dich das übrige an? Und Ludoviko wird und kann ihr nicht niedrig be¬ gegnen. — Seit er sie kennt, ist er, möch¬ te ich sagen, durchaus verändert. Er betet sie an, wie ein himmlisches, überirrdisches Wesen, er will sie zu seiner Gattin machen, und ihr die Treue seines Lebens widmen. Aber lebe wohl, ich habe keine Zeit zu ver¬ lieren, sprich zum Bildhauer kein Wort, ich lasse Dir den Brief, denn Du bist mein und Ludoviko's Freund, und wir trauen Dir beide keine Schändlichkeit zu. Mit diesen Worten eilte Florestan fort, und Sternbald ging zur Stadt zurück. Er wich dem Bildhauer aus, um sich nicht zu verrathen. Am folgenden Morgen erwartete er mit Herzklopfen die Gelegenheit, mit der er der schönen Nonne das Billet zustecken könne. Sie nahm es mit Erröthen, und D 2 verbarg es im Busen. Über ihr lilienweißes Gesicht legte sich ein so holdes Schaamroth, ihre gesenkten Augen glänzten so hell, daß Franz ein vom Himmel verklärtes Wesen vor sich zu sehn glaubte. Sie schien nun ein Vertrauen zu Franz zu haben und doch seine Augen zu fürchten, ihre Majestät war sanfter und um so lieblicher. Franz war im innersten Herzen bewegt. Die Zeit verging, die Arbeit am Ge¬ mählde nahte sich ihrer Vollendung. Bolz schien mit einem großen Unternehmen schwan¬ ger zu gehen, seinem Freunde Sternbald sich aber nicht ganz vertrauen zu wollen. An einem Morgen, als er wieder zum Mahlen ging, es war der letzte Tag seiner Arbeit, fand er das ganze Kloster in der größten Bewegung. Alle liefen unruhig durch ein¬ ander, man suchte, man fragte, man erkun¬ digte sich, die schöne Novize ward vermißt, der Tag ihrer Einkleidung war ganz nahe. Sternbald ging schnell an seine Arbeit, sein Herz war unruhig er war ungewiß, ob er sich etwas vorzuwerfen habe. Wie freute er sich, als er nun das Ge¬ mählde vollendet hatte, als er wußte, daß er das Kloster nicht mehr zu besuchen brau¬ che, in welchem die Schönheit nicht mehr war, die seine Augen nur zu gern aufge¬ sucht hatten. Er erhielt von der Äbtissin seine Bezahlung, betrachtete das Gemählde noch einmal, und ging dann über's Feld nach der Stadt zurück. Er zitterte für seine Freunde, für die schöne Nonne; er suchte den Bildhauer auf, der aber nirgends anzutreffen war. Er ver¬ ließ schon am folgenden Morgen die Stadt, um sich endlich Italien zu nähern, und Rom den erwünschten Ort zu sehn. Gegen Mittag fand er am Wege den Bildhauer Bolz liegen, der ganz entkräftet war. Franz erstaunte nicht wenig, ihn dort zu finden. Mit Hülfe einiger Vorüberwan¬ dernden brachte er ihn in's nahe Städtchen, er war verwundet, entkräftet und verblutet, aber ohne Gefahr. Franz sorgte für ihn, und als sie allein waren, sagte Augustin: Ihr trefft mich hier, mein Freund, gewiß gegen Eure Erwartung an, ich hätte Euch mehr vertrauen, und mich früher Eurer Hülfe bedienen sollen, so wäre mir dies Unglück nicht begegnet. Ich wollte die Nonne, die man in wenigen Ta¬ gen einkleiden wollte, entführen, ich beredete Euch deshalb, Euch im Kloster dort zu ver¬ dingen. Aber man ist mir zuvorgekommen. In der verwichenen Nacht traf ich sie in Ge¬ sellschaft von zwei unbekannten Männern, ich fiel sie an und ward überwältigt. Ich zweifle nicht, daß es ein Streich von Rode¬ rigo ist, der sie kannte, und sie schon vor einiger Zeit rauben wollte. Franz blieb einige Tage bei ihm, bis er sich gebessert hatte, dann nahm er Ab¬ schied, und ließ ihm einen Theil seines Gel¬ des zur Pflege des Bildhauers zurück. Drittes Kapitel. A us Florenz antwortete Franz seinem Freun¬ de Sebastian folgendermaßen: Liebster Sebastian! Ich möchte zu Dir sagen: sey gutes Muths! wenn Du jetzt im Stande wärest, auf meine Worte zu hören. Aber leider ist es so beschaffen, daß wenn der andre uns zu trösten vermöchte, wir uns auch selber ohne weiteres trösten könnten. Darum will ich lieber schweigen, liebster Freund, weil über¬ dies wohl bei Dir die trüben Tage vorüber¬ gegangen seyn mögen. In jedem Falle, lieber Bruder, verliere nicht den Muth zum Leben, bedenke, daß die traurigen Tage eben so gewiß als die fröhlichen vorübergehen, daß auf dieser ver¬ änderlichen Welt nichts eine dauernde Stelle hat. Das sollte uns im Unglück trösten und unsre übermüthige Fröhlichkeit dämpfen. Wenn ich Dich doch, mein Liebster, auf meiner Reise bei mir hätte! Wie ich da al¬ les mehr und inniger genießen würde! Wenn ich Dir nur alles sagen könnte, was ich lerne und erfahre, und wie viel Neues ich sehe und schon gesehn habe! Es überschüttet und überwältigt mich oft so, daß ich mich äng¬ stige, wie ich alles im Gedächtniß, in mei¬ nen Sinnen aufbewahren will. Die Welt und die Kunst ist viel reicher, als ich vor¬ her glauben konnte. Fahre nur eifrig fort zu mahlen, Sebastian, damit Dein Name auch einmal unter den würdigen Künstlern genannt werde, Dir gelingt es gewiß eher und besser, als mir. Mein Geist ist zu un¬ stät, zu wankelmüthig, zu schnell von jeder Neuheit ergriffen; ich möchte gern alles lei¬ sten, und darüber werde ich am Ende gar nichts thun können. So ist mein Gemüth auf's heftigste von zwei neuen großen Meistern bewegt, vom venetianischen Titian , und von dem aller¬ lieblichsten Antonio Allegri von Cor¬ reggio . Ich habe, möcht' ich sagen, alle übrige Kunst vergessen, indem diese edlen Künstler mein Gemüth erfüllen, doch hat der letztere auch beinahe den erstern ver¬ drängt. Ich weiß mir in meinen Gedanken nichts Holdseligers vorzustellen, als er uns vor die Augen bringt, die Welt hat keine so liebliche, so vollreizende Gestalten, als er zu mahlen versteht. Es ist, als hätte der Gott der Liebe selber in seiner Behausung gearbeitet und ihm die Hand geführt. We¬ nigstens sollte sich nach ihm keiner unterfan¬ gen, Liebe und Wollust darzustellen, denn keinem andern Geiste hat sich so das Glor¬ reiche der Sinnenwelt offenbart. Es ist etwas Köstliches, Unbezahlbares, Göttliches, daß ein Mahler, was er in der Natur nur Reizendes findet, was seine Ima¬ gination nur veredeln und vollenden kann, uns nicht in Gleichnissen, in Tönen, in Er¬ innerungen oder Nachahmungen aufbewahrt, sondern es auf die kräftigste und fertigste Weise selber hinstellt und giebt. Darum ist auch in dieser Hinsicht die Mahlerei die erste und vollendeteste Kunst, das Geheimniß der Farben ist anbetungswürdig. Der Reiche, der Correggio's Gemählde, seine Leda, seine badenden schönsten Nymphen besitzt hat sie wirklich, sie blühen in seinem Pallast in ewi¬ ger Jugend, der allerhöchste Reiz ist bei ihm einheimisch, wonach andre mit glühender Phantasie suchen, was stumpfere mit ihren Sinnen sich nicht vorstellen können, lebt und webt bei ihm wirklich, ist seine Göttin, seine Geliebte, sie lächelt ihn an, sie ist gern in seiner Gegenwart. Wie ist es möglich, wenn man diese Bilder gesehn hat, daß man noch vom Co¬ lorit geringschätzend sprechen kann? Wer würde nicht von der Allmacht der Schön¬ heit besiegt werden, wenn sie sich ihm nackt und unverhüllt, ganz in Liebe hingegeben, zu zeigen wagte? — Das Studium dieser himmlischen Jugendgeister hat die große Zau¬ berei erfunden, dies und noch mehr unsern Augen möglich zu machen. Was die Gesänge des liebenden Petrarka wie aus der Ferne herüberwehen, Schatten¬ bilder im Wasser, die mit den Wogen wie¬ der wegfließen, was Ariost's feuriger Ge¬ nius nur lüstern und in der Ferne zeigen kann, wonach wir sehen und es doch nicht entdecken können, im Walde fernab die un¬ gewissesten Spuren, die dunkeln Gebüsche verhüllen es, so sehr wir darnach irren und suchen; alles das steht in der allerholdselig¬ sten Gegenwart dicht vor uns. Es ist mehr, als wenn Venus uns mit ihrem Knaben sel¬ ber besuchte, der Genuß an diesen Bildern ist die hohe Schule der Liebe, die Einwei¬ hung in die höchsten Mysterien, wer diese Gemählde nicht verehrt, versteht und sich an ihnen ergötzt, der kann auch nicht lieben, der muß nur gleich sein Leben an irgend eine unnütze, mühselige Beschäftigung weg¬ werfen, denn ihm ist es verborgen, was er damit anfangen kann. Eine Zeichnung mag noch so edel seyn, die Farbe bringt erst die Lebenswärme, und ist mehr und inniger, als der körperliche Umfang der Bildsäule. Ich hätte mich glücklich geschätzt, wenn ich diesen Allegri noch im Leben angetroffen hätte, aber er ist gestorben. Er soll ein dürftiges, unbekanntes Leben geführt haben. Seine Phantasie, die immer in Liebe ent¬ brannt war, hat ihn gewiß dafür entschä¬ digt. Auch in seinen geistlichen Compositio¬ nen spiegelt sich eine liebende Seele, der Gürtel der Venus ist auch hier verborgen, und man weiß immer nicht, welche seiner Figuren ihn heimlich trägt. Auge und Herz bleiben gern verweilend zurückgezogen; der Mensch fühlt sich bei ihm in der Heimath der glücklichsten Poesie, er denkt: ja, das war es, was ich suchte, was ich wollte und es immer zu finden verzweifelte. Vulkan's künstliches Netz zieht sich unzerreißbar um uns her, und schließt uns eng und enger an Venus, die vollendete Schönheit an. Es herrscht in seinen Bildern nicht halbe Lüsternheit, die sich verstohlen und ungern zu erkennen giebt, die der Mahler errathen läßt, der sich gleich darauf gern wieder zu¬ rückzöge, um viel zu verantworten zu ha¬ ben, sich aber auch wirklich zu verantwor¬ ten; es ist auch nicht gemeine Sinnlichkeit, die sich gegen den edlern Geist empört, um sich nur bloßzustellen, um in frecher Schande zu triumphiren, sondern die reinste und hellste Menschheit, die sich nicht schämt, weil sie sich nicht zu schämen braucht, die in sich selbst durchaus glückselig ist. Es ist, so möcht' ich sagen, der Frühling, die Blüthe der Menschheit: alles im vollen, schwelgen¬ den Genuß, alle Schönheit emporgehoben in vollster Herrlichkeit, alle Kräfte spielend und sich übend im neuen Leben, im frischen Daseyn. Herbst ist weit ab, Winter ist ver¬ gessen, und unter den Blumen, unter den Düften und grünglänzenden Blättern wie ein Mährchen, von Kindern erfunden. Es ist, als wenn ich mit der weichen, ermattenden und doch erfrischenden Luft Ita¬ liens eine andre Seele einzöge, als wenn mein inneres Gemüth auch einen ewigen Frühling hervortriebe, wie er von außen um mich glänzt und schwillt und sich trei¬ bend blüht. Der Himmel hier ist fast im¬ mer heiter, alle Wolken ziehn nach Norden, so auch die Sorgen, die Unzufriedenheit. O, liebster Bruder, Du solltest hier seyn, die Harfenstimmen der Geister, die Blumen¬ hände der unsichtbaren Engel würden auch Dich berühren und heilen. In wenigen Tagen reise ich nach Rom. Ein verständiger Mann, der die Kunst über alles liebt, ist mein Begleiter, er und seine junge schöne Frau reisen ebenfalls nach Rom. Er heißt Castellani . Ich habe mancherlei unterdessen gear¬ beitet, womit ich aber nicht sonderlich zu¬ frieden bin: doch erleichtert mir mein Ver¬ dienst die Reise. Laß es mir doch niemals an Nachrichten von Dir mangeln. Lebe wohl, liebe immer wie sonst Deinen Franz Sternbald. Als Franz diesen Brief geendigt hatte, nahm er seine Zitter und spielte darauf, wodurch er bewegt ward, folgende Verse niederzuschreiben: Der Frühling. Die liebe Erde hat ihr Winterkleid abgelegt, Die Hügel ihrer Brust sind schon durch Liebe bewegt, Die Finsterniß, die Wolken sind dahin, Sie hat nun einer Braut, oder jungen Witwen Sinn. Ihr schöner Leib ist um und um geschmückt, Mit tausend Blumen schön auf ihrem Gewande gestickt, Ihr bunter Rock ist vom kunstreichen April gewebt, Der durch und durch mit hellen, glänzenden Farben lebt. Hier Lilien weiß, dort Rosen röthlich seyn, Und goldne Blumen machen blanken Schein, Und flimmern unter silberne hinein, Als sollt' die Erd' ein Sternenhimmel seyn. Wie Augen sehen blaue Blumen her, Wie Lippen rufen rothe Blüthen dort, (2r Th.) Z Ich wandle durch ein duftend, farbend Meer, Die Herrlichkeit winkt mir von Ort zu Ort. Ich höre Voglein um mich singen, Die mit dem Stimmlein klar der Liebsten Grüße bringen. So schwingt Gesang sich durch den süßen Duft, Im Wohllaut zittert warme Frühlingsluft, Vom Berge her die Winde leutselig spielen Und scherzend in den Blumenbeeten wühlen. O süße Frühlingszeit! Der Blumen Bringerin, Der Liebe Führerin, Der Erde Schmückerin, Wie herrlich Deine Hallen weit und breit! Dn pflegst das Blumenkind, Hast Liebe an der Hand, Geschmückt mit Rosenband, Sie wird von uns erkannt Und jeder liebend nur auf Küsse sinnt. Viertes Kapitel. F ranz blieb länger in Florenz, als er sich vorgenommen hatte, sein neuer Freund Ca¬ stellani ward krank, und Sternbald war gut¬ herzig genug, ihm Gesellschaft zu leisten, da jener zu Florenz fast ganz fremde war. Er konnte den Bitten seiner jungen Frau, der freundlichen Lenore, sich nicht widersetzen, und da er in Florenz für seine Kunst noch genug zu lernen fand, so gereute ihn auch dieser Abschub nicht. Es ereignete sich außerdem noch ein sonderbarer Vorfall. Es fügte sich oft, daß er bei seinen Besuchen seinen Freund nicht sprechen konnte, Lenore war dann allein, und noch ehe er es bemerken konnte, war er an sie gefesselt. Er kam bald nur, um sie zu sehn. Lenore schien gegen Franz sehr gefällig, ihre schalkhaften Augen sahen ihn Z 2 immer lustig an, ihr muthwilliges Gespräch war immer belebt. An einem Morgen ent¬ deckte sie ihm unverholen, daß Castellani nicht mit ihr verheirathet sey, sie reise, sie lebe nur mit ihm, in Turin habe sie ihn kennen gelernt, und er sey ihr damals lie¬ benswürdig vorgekommen. Franz war sehr verlegen, was er antworten solle; ihn ent¬ zückte der leichte, flatterhafte Sinn dieses Weibes, obgleich er ihn verdammen mußte, ihre Gestalt, ihre Freundlichkeit gegen ihn. Sie sahen sich öfter und waren bald einver¬ standen; Franz machte sich Vorwürfe, aber er war zu schwach, dies Band wieder zu zerreißen. Es gelang ihm, mit einem Mahler in Florenz in Bekanntschaft zu gerathen, der niemand anders war, als Franz Rustici , der damals in dieser Stadt und Italien in großem Ansehn stand. Dieser verschaffte ihm ein Bild zu mahlen, und schien an Stern¬ bald Antheil zu nehmen. Sie sahen sich öf¬ ter, und Franz ward in Rustici's Freund¬ schaft aufgenommen. Dieser Mahler war ein lustiger, offener Mann, der ernst seyn konnte, wenn er woll¬ te, aber immer für leichten Scherz Zeit ge¬ nug übrig behielt. Franz besuchte ihn oft, um von ihm zu lernen und sich an seinen sinnreichen Gesprächen zu ergötzen. Rustici war ein angesehener Mann in Florenz, aus einer guten Familie, der bei Andrea Verocchio und dem berühmten Leonard da Vinci seine Kunst erlernt hatte. Franz bewunderte den großen Ausdruck an seinen Bildern, die wohl überdachte Composition. Nachdem sich beide oft gesehn hatten, sagte Rustici an einem Tage zu Stern¬ bald: Mein lieber deutscher Freund, be¬ sucht mich am künftigen Sonnabend in mei¬ nem Garten vor dem Thore, wir wollen dort lustig mit einander seyn, wie es sich für Künstler ziemt. Wir machen oft eine fröh¬ liche Gesellschaft zusammen, zu der der Mahler Andrea gehört, den Ihr kennt, und den man immer del Sarto von sei¬ nem Vater her zu nennen pflegt; dieser wird auch dort seyn. Die Reihe, einen Schmaus zu geben, ist nun an mich gekom¬ men, Ihr mögt auch Eure Geliebte mitbrin¬ gen, denn wir wollen tanzen, lachen und scherzen. Wenn ich nun keine habe, die ich mit¬ bringen kann, antwortete Franz. O, mein Freund, sagte der Florentiner, ich würde Euch für keinen guten Künstler halten, wenn es Euch daran fehlen sollte. Die Liebe ist die halbe Mahlerei, sie gehört mit zu den Lehrmeistern in der Kunst. Ver¬ geßt mich nicht, und seyd in meiner Gesell¬ schaft recht fröhlich. Franz verließ ihn. Castellani war nach Genua gereist, um dort einen Arzt, seinen Freund, zu sehn, seine Geliebte war in Flo¬ renz zurückgeblieben. Franz bat um ihre Gesellschaft auf den kommenden Schmaus, die sie ihm auch zusagte, da sie sich wenig um die Reden der Leute kümmerte. Der Tag des Festes war gekommen. Lenore hatte ihren schönsten Putz angelegt, und war liebenswürdiger, als gewöhnlich. Franz war zufrieden, daß sie Aufmerksam¬ keit und Flüstern erregte, als er sie durch die Straßen der Stadt führte. Sie schien sich auch an seiner Seite zu gefallen, denn Franz war jetzt in der blühendsten Periode seines Lebens, sein Ansehn war munter, sein Auge feurig, seine Wangen roth, sein Schritt und Gang edel, beinahe stolz. Er hatte die Demuth und Schüchternheit fast ganz abge¬ legt, die ihn bis dahin immer noch als einen Fremden kennbar machte. Er gerieth nun nicht mehr so, wie sonst, in Verlegenheit, wenn ein Mahler seine Arbeiten lobte, weil er sich auch daran mehr gewöhnt hatte. Sternbald fand schon einen Theil der Gesellschaft versammelt, die ganz aus jun¬ gen Männern und Mädchen oder schönen Weibern bestand. Er grüßte den Meister Andrea freundlich, der ihn schon kannte, und der ihm mit seiner gewöhnlichen leicht¬ sinnigen und doch blöden Art dankte. Man erwartete den Wirth, von dem sein Schüler Bandinelli erzählte, daß er nur noch ein fertiges Gemählde in der Stadt nach dem Eigenthümer gebracht habe, und eine an¬ sehnliche Summe dafür empfangen werde. Der Garten war annmuthig mit Blu¬ mengängen geschmückt, mit schönen grünen Rasenplätzen dazwischen und dunkeln, schat¬ tigen Gängen. Das Wetter war schön, ein erfrischender Wind spielte durch die laue Luft, und erregte ein stetes Flüstern in den bewegten Bäumen. Die großen Blumen dufteten, alle Gesichter waren fröhlich. Francesko Rustici kam endlich, nach¬ dem man ihn lange erwartet hatte, er nä¬ herte sich der Gesellschaft freundlich, und hatte das kleine Körbchen in der Hand, in dem er immer seine Baarschaft zu tragen pflegte. Er grüßte alle höflich, und bewill¬ kommte Franz vorzüglich freundschaftlich. Andrea ging aufgeräumt auf ihn zu, und sagte: Nun, Freund, Du hast noch vorher ein ansehnliches Geschäft abgemacht, lege Deinen Schatz ab, der Dir zur Last fällt, vergiß Deine Mahlereien, und sey nun ganz mit uns fröhlich. Francesko warf lachend den leeren Korb in's Gebüsch, und rief aus: O, mein Freund, heute fallen mir keine Geldsummen zur Last, ich habe nichts mehr. Du bist nicht bezahlt worden? rief An¬ drea aus, ja, ich kenne die vornehmen und reichen Leute, die es gar nicht wissen und nicht zu begreifen scheinen, in welche Noth ein armer Künstler gerathen kann, der ihnen nun endlich seine fertige Arbeit bringt, und doch mit leeren Händen wieder zurückgehn muß. Ich bin manchmal schon so böse ge¬ worden, daß ich Pinsel uud Pallette nach¬ her in den Winkel warf und die ganze Mah¬ lereikunst verfluchte. Sey nicht böse dar¬ über, Francesko, Du mußt Dich ein Paar unnütze Gänge nicht verdrießen lassen. Er ist bezahlt, sagte ein junger Mann, der mit dem Mahler gekommen war. Und wo hat er denn sein Geld gelas¬ sen? fragte Andrea verwundert. Ihr kennt ja seine Art, fuhr jener fort, wie er keinen Armen vor sich sehn kann, ohne ihn zu beschenken, wenn er Geld bei sich hat. Kaum sahen sie ihn daher heute aus dem Pallast kommen und seinen bekann¬ ten Korb an seinem Arm, als ihm auch alle Bettler folgen, die mit seiner Gutherzigkeit bekannt sind. Er gab jedem reichlich, und nahm es nicht übel, daß einige darunter waren, denen er erst gestern gegeben hatte; als ich es ihm heimlich sagte, antwortete er lachend: mein Freund, sie wollen aber heute wieder essen. Ein alter Mann stand von der Seite und sah dem Austheilen zu, er heftete die Augen aufmerksam auf den Korb, und seufzte für sich: Ach Gott, wenn ich doch nur das Geld hätte, das in diesem Korbe ist! Francesko hatte es unvermuthe¬ terweise gehört. Er geht auf den Alten zu, und frägt, ob es ihn glücklich machen würde? O, mich und meine Familie, ruft jener, aber seyd nicht böse, ich dachte nicht, das Ihr es hören würdet. — Sogleich kehrt mein lau¬ niger Francesko den ganzen Korb um, und schüttet ihm dem alten Bettler in seine le¬ derne Mütze, geht davon, ohne auch nur den Dank abzuwarten. Ihr seyd ein edler Mann! rief Stern¬ bald aus. O, Ihr irrt, sagte der Mahler, es ist gar nichts Besondres, ich kann den Armen nicht sehn, er jammert mich, und so gebe ich ihm wenigstens, da ich nicht mehr thun kann. Bei diesem Alten fiel mir ein, wie manche unnütze Ausgaben ich in meinem Leben schon gemacht hätte, wie wenig ich aufopfre, wenn ich mir eine Tapete oder ein kostbares Haus¬ geräth versage. Ich dachte: wenn Du nun kein Geld bekommen, wenn Du das Ge¬ mählde gar nicht gemahlt hättest? Ich sah Kinder und seine alte zerlumpte Gattin in Gedanken vor mir, die mit so heißer Sehn¬ sucht seine Rückkehr erwarteten. Aber wenn Du so handeln willst, sagte Andrea, so kannst Du Deinem Geben gar keinen Einhalt thun. Das ist es eben, was mich betrübt, fuhr Rustici fort, daß ich meine Gutherzigkeit einschränken muß, daß alles, was wir an Wohlthaten thun können, nichts ist, weil wir nicht immer, weil wir nicht alles geben können. Es ist eine sonderbare Fügung des Schicksals, daß Überfluß und Pracht und drückender Mangel dicht neben einander be¬ stehn müssen, die Armuth auf Erden kann niemals aufgehoben werden, und wenn alle Menschen gleich wären, müßten sie alle bet¬ teln, und keiner könnte geben. Das allein tröstet mich auch oft darüber, wenn mir ein¬ fällt, daß ich mich bei meiner Kunst wohl befinde, indessen andre, die weit härtere Ar¬ beiten thun, die weit fleißiger sind, Mangel leiden müssen. Hier ist auf Erden See und Weltmeer, hier strömen große Flüsse, dort leiden die heißen Ebenen, die wenigen Pflan¬ zen ersterben aus Mangel am nöthigen Was¬ ser. Einer soll gar nicht dem andern nützen, jedes Wesen in der Natur ist um sein selbst willen da. — Doch, wir müssen über das Gespräch nicht unsers Gastmahls vergessen. Er versammelte hierauf die Gesellschaft. Ein schöner Knabe ging mit einem Korbe voll großer Blumenkränze herum, jeder mußte einen davon nehmen und ihn sich auf die Stirn drücken. Nun setzte man sich um einen runden Tisch, der auf einem schat¬ tigen kühlen Platze im Garten gedeckt war, an allen Orten standen schöne Blumen, die Speisen wurden aufgetragen. Die Gesell¬ schaft nahm sich sehr mahlerisch aus, mit den großen, vollen, bunten Kränzen, jeder saß bei seiner Geliebten, Wein ward herumgegeben, aus den Gebüschen erschall¬ ten Instrumente von unsichtbaren Mu¬ sikanten. Rustici stand auf, und nahm ein vol¬ les Glas: Nun zuerst, rief er aus, dem Stolze von Toskana, dem größten Manne, den das florentinische Vaterland hervorge¬ bracht hat, dem großen Michael Agnolo Buonarotti ! — Alle stießen an, alle lie¬ ßen ihr »Er lebe!« ertönen. Schade, sagte Andrea, daß unser wahn¬ sinnige Camillo uns verlassen hat, und jetzt in Rom herumwandert, er würde uns eine Rede halten, die sich gut zu dieser Ge¬ legenheit schickt. Muntre Trompeten ertönten zu den Ge¬ sundheiten, und Flöten mit Waldhörnern gemischt klangen, wenn sie schwiegen, vom entfernten Ende des Gartens. Die Schönen wurden erheitert, sie legten nun auch den Schleier ab, sie lös'ten die Locken aus ihren Fesseln, der Busen war bloß. Franz sagte: Nur ein Künstler kann die Welt und ihre Freuden auf die wahre und edelste Art ge¬ nießen, er hat das große Geheimniß erfun¬ den, alles in Gold zu verwandeln. In Ita¬ lien ist es, wo die Wollust die Vögel zum Singen antreibt, wo jeder kühle Baumschat¬ ten Liebe duftet, wo es dem Bache in den Mund gelegt ist, von Wonne zu rieseln und zu scherzen. In der Fremde, im Norden ist die Freude selbst eine Klage, man wagt dort nicht, den vorüberschwebenden Engel bei sei¬ nen großen goldenen Flügel herunterzuziehn. Ein Mädchen gegenüber nahm den Blu¬ menstraus von der weißen Brust, und warf ihn Franzen nach den Augen, indem sie aus¬ rief: Ihr solltet ein Dichter seyn, Freund, und kein Mahler, dann solltet Ihr lieben, und Euch täglich in einem neuen Sonnette hören lassen. Nehmt Nehmt mich zu Eurem Geliebten an, rief Sternbald aus, so mögt Ihr mich viel¬ leicht begeistern. Diese Blumen will ich als ein Andenken an Eure Schönheit aufbe¬ wahren. Sie welken, sagte jene, der liebliche Brunnquell, aus dem ihr Duft emporsteigt, versiegt, sie fallen zusammen, sie lassen die Häupter sinken, und freilich vergeht alles so, was schön genannt wird. Franz war von der wundervollen Ver¬ sammlung, von den Blumen, den schönen Mädchen, Musik und Wein begeistert, er stand auf und sang: Warum Klagen, daß die Blume sinkt Und in Asche bald zerfällt: Daß mir heut ein lüstern Auge winkt Und das Alter diesen Glanz entstellt. Ihm mit allen Kräften nachzuringen, Fest zu halten unsrer Schönen Hand, — 2r Th.) A a Ja, die Liebe leiht die mächt'gen Schwingen Von Vergänglichkeit, sie knüpft das Band. Sagt, was wäre Glück, was Liebe? Keiner betete zu ihr Wenn sie ewig bei uns bliebe, Schönheit angefesselt hier. Aber wenn auch keine Trennung droht, Eifersucht und Ungetreue schweigen, Alle sich der Liebe neigen, Fürchten gleich Geliebte keinen Tod — Ach! Vergänglichkeit knüpft schon die Ketten, Denen kein Entrinnen möglich bleibt, Lieb' und Treue können hier nicht retten, Wenn die harte Zeit Gesetze schreibt. Darum geizen wir nach Küssen, Beugen Schönen unser Knie, Winke, Lippen, Lächeln grüßen Allzuoft zur Freude nie. Als er geendigt hatte, schämte er sich seines Rausches, und Rustici rief aus: Seht, meine Landsleute, da einen Deut¬ schen, der uns Italiener beschämt! Er wird uns alle unsre Schönen abtrünnig machen. Andrea sagte: Ein Glück, daß ich noch Bräutigam bin, für meine Frau würd' ich sehr besorgt seyn. Aber seht ihn nur an, jetzt sitzt er so ernsthaft da, als wenn er auf eine Leichenrede dächte. Mir fällt dabei mein Lehrer Piero di Cosimo ein, der immer von so vielen recht trübseligen Gedanken beun¬ ruhigt wurde, der sich vor dem Tode über alle Maaßen fürchtete, der sich unter son¬ derbaren Phantomen abängstigte, und sich doch wieder an recht reizenden, ja ich möch¬ te beinahe sagen, leichtfertigen Phantasieen ergötzte. Rustici sagte: Er war gewiß eins der seltsamsten Gemüther, die noch auf Erden gelebt haben, seine Bilder sind zart und vom Geiste der Wollust und Lieblichkeit be¬ seelt, und er saß, gleich einem Gefan¬ A a 2 genen, in sich selber eingeschlossen, seine Hand nur ragte aus dem Kerker hervor, und hatte keinen Theil an seinem übrigen Menschen. Seine Kunst lustwandelte auf grüner Wiese, indem seine Phantasie den Tod herbeirief, nnd tolle, schwermüthige Maskeraden erfand. Das Gespräch der Mahler ward hier unterbrochen, denn die Mädchen und jungen Leute sprachen von allerhand lustigen Neuig¬ keiten aus der Stadt, wodurch die Sprechen¬ den überstimmt wurden. Das lebhafte Mäd¬ chen, das Laura hieß, erzählte von einigen Nachbarinnen aus der Stadt überaus fröh¬ liche Geschichten, die keiner als Franz an¬ stößig fand. Er saß ihren schwarzen Augen gegenüber, die ihn unablässig verfolgten, bei jeder lebhaften Bewegung, wenn sie sich vorüberbog, machte sie den schönsten Busen sichtbarer, ihre Arme wurden ganz frei, und zeigten die weißeste Rundung. — Le¬ nore ward etwas eifersüchtig, und entblößte ihre Arme, um sie mit denen ihrer Gegne¬ rin zu vergleichen, die übrigen Mädchen lachten. Mit jeder Minute ward das Gespräch munterer. Man schlug einen Gesang vor, die sanftern Instrumente sollten ihn beglei¬ ten, und Lenore und Laura recitirten ein damals bekanntes Wechselliedche n. Lenore. Von mir will der Geliebte ziehen, Deine süßen Augen haben die Treu gefangen, Die treuste Treu und sein Verlangen Will Deiner Schönheit nur entglühen. Was blühen Mir Blumen nun, ein läst'ger Schwarm, Ich bin im innersten Herzen arm. Laura. Sein Blick schweift durch die leere Weite, Von Sehnsucht wird er fortgeführet, Er will gewinnen und verlieret, Ich Arme bin zu geringe Beute, Ach leite Die treuste Treu, den holden Blick In Dein holdselig's Reich zurück. Lenore . Wenn erst der Fuß zum Tanz sich hebet, Wenn schöne Knie mit Bändern prangen, Sich leicht die vollen Hüften schwangen, Das Mädchen leicht wie Welle schwebet, Dann lebet Die treuste Treu für Dich allein, Zieht fort und läßt mir meine Pein. Laura . Er sieht nach Deines Busens Glänzen, Der lockend ihm entgegen reget, Sein innerstes Gemüth beweget, Vergisset mich mit allen Tänzen, Mit Kränzen Aus meiner Lieb' kommt er zurück, Die treuste Treu zu Deinem Glück. Beide. Was neiden Wir beiden Die Freuden Der andern? Es wandern Die Triebe Bald ferne, Die Sterne Der Liebe Bald nahe. Wer sahe Der Liebe Kronen Bei Treue wohnen? Wir wollen uns beide des Glückes freun, In Zwietracht nimmer uns entzwei'n, Durch Neid die Wonne nicht entweihn. Die Küsse So süße Umarmen, Erwarmen Am Herzen, Das Scherzen Die Eide, die Grüße, Das Winken, die Küsse, Ich gönne sie Dir, Wir lieben ihn beide, Es brennt die Freude Nur heller allhier, Damit er nicht scheide Und beide Mit Zürnen vermeide Beglücken mit Eintracht den Lieblichsten wir. Die Mädchen sangen diesen lebhaften Wettgesang mit einer unaussprechlichen An¬ muth, jede Bewegung ihrer Mienen, jedes Winken ihrer Augen war lüstern und ver¬ führerisch: die ganze Tafel klatschte, als sie geendigt hatten, der junge Mann, der Laura zum Feste geführt hatte, wurde verdrüßlich und einsilbig. Der Strom der Freude nahm ihn aber bald wieder mit. Andrea und Francesko hatten sich ab¬ seits unter einen Baum gesetzt, und führten ein ernsthaftes Gespräch; beide waren von Wein begeistert. Du verstehst mich nicht, sagte Rustici mit vielem Eifer, der Sinn dafür ist Dir verschlossen, ich gebe aber dar¬ um doch meine Bemühungen nicht auf. Glaube nur, mein Bester, daß zu allen großen Dingen eine Offenbarung gehört, wenn sie sich unsern Sinnen mittheilen sollen, ein Geist muß plötzlich herabsteigen, der un¬ sern Geist mit seinem fremden Einfluß durch¬ dringt. So ist es auch mit der erhabenen Kunst der Alchymie beschaffen. Es ist und bleibt immer unbegreiflich, sagte der langsamere Andrea, daß Du durch Zeichen und wunderbare, unverständliche Ver¬ bindungen so viel ausrichten willst. Laß mich nur erst zum Ende kommen, eiferte Francesko, so sind diese Verbindun¬ gen nicht mehr wunderbar, so erscheint alles einfach und klar vor unsern Augen. Die anscheinende Verwirrung muß uns nur nicht abschrecken, es ist die Ordnung selbst, die in diesen Buchstaben, in diesen unverständlichen Hieroglyphen uns gleichsam stammelnd oder wie aus der Ferne anredet. Treten wir nur dreist näher hinzu, so wird jede Sylbe deut¬ licher, und wir verwundern uns denn nur darüber, daß wir uns vorher verwundern konnten. Ein guter Geist hat dem Stern¬ bald eingegeben, zu sagen, daß sich alles unter der Hand des Künstlers in Gold ver¬ wandle. Wie schwierig ist der Anfang zu jeglicher Kunst! Und wird nicht alles in die¬ ser Welt verwandelt und aus unkenntlichen Massen zu fremdartigen Massen erzogen? Warum soll es mit den Metallen anders seyn? Schweben nicht über die ganze Na¬ tur wohlthätige Geister, die nur Seltsam¬ keiten aushauchen, nur in einer Atmossphäre von Unbegreiflichkeiten leben, und so wie der Mensch alles sich gleich oder ähnlich macht, sie eben so alle Elemente umher, wenn sie noch so feindselig sind, noch so träge in der Alltäglichkeit sich herumbewegen, anrüh¬ ren und in Wunder umschaffen. An diese Geister müssen wir glauben, um auf sie zu wirken; Du mußt der Begeisterung beim Mahlen vertrauen, und Du weißt nicht, was sie ist, woher sie kömmt, die Geister¬ atmossphäre umweht Dich und es geschieht: — mit unserm innerlichen Seelenothem müs¬ sen wir jene Geisterwelt herbeisaugen, unser Herz muß sie magnetisch an sich reißen, und siehe, sie muß ihrer Natur nach, durch ihre bloße Gegenwart das unbegreifliche Wunder wirken. Andrea wollte etwas antworten, als die Trompeten laut ertönten, und ihr son¬ derbares Gespräch unterbrachen. Ihr seyd, sagte die schalkhafte Laura, nach unserm Gesange sehr ernsthaft geworden, das war nicht unsre Absicht. Verzeiht, antwortete der freundliche Rustici, ich kann meine Natur nicht im¬ mer ganz beherrschen, und alle süßen Töne der Instrumente und der Sängerin ziehen sie zur Melancholie. Ich habe mich oft gefragt: woher? warum? aber ich kann mir selber keine Rechenschaft geben. Ihr werdet vielleicht dadurch an trübse¬ lige Gegenstände erinnert, sagte Laura. Nein, das ist es nicht, fuhr der Mah¬ ler fort, sondern mir ist im Gegentheil in¬ nerlich dann sehr wohl, meine Freude, die wie ein gefangener Adler in Ketten gesessen hat, schlägt nun mit einemmale die muntern, tapfern Schwingen aus einander. Ich fühle, wie die Kette zerreißt, die mich noch an der Erde hielt, über die Wolken hinaus, über die Bergspitzen hinüber, der Sonne entgegen mein Flug gewendet. Aber nun verlieren sich unter mir die Farben, und die Abwech¬ selungen und Absonderungen der bunten Welt. Ich bin frei, aber die Freiheit ge¬ nügt mir nicht, ich kehre zurück und reiße mich von neuem empor. Es ist, als wenn Stimmen mich erinnerten, daß ich schon einst viel glücklicher gewesen sey, und daß ich aus dieses Glück von neuem hoffen müsse. Die Musik ist es nicht selbst, die so zu mir spricht, aber ich höre sie wie abgebrochene Laute aus einer ehemaligen verlornen Welt, die ganz und durchaus nur Musik war, die nicht Theile, Abgesonderheit hatte, sondern wie ein einziger Wohllaut, lauter Biegsamkeit und Glück dahinschwebte, und meinen Geist auf ihren weichen Schwanen¬ federn trug, statt daß er auch jetzt noch auf den süßesten Tönen wie auf Steinen liegt, und sein Unglück fühlt und beklagt. So ist Euch nicht zu helfen, phantasti¬ scher lieber Mahler und Freund, sagte Laura lachend, indem sie ihm die weiße Hand reichte, die er ehrerbietig küßte. Dann drehte sie sich von ihm, und sprach im Getümmel der übrigen Mädchen umher, sie hatten beschlos¬ sen, daß sie nun, da es kühl geworden war, einen muntern Tanz aufführen wollten, wie ihn die fröhlichen Landleute in Italien zu tanzen pflegen. Der Tanz ging vor sich, aber Stern¬ bald und Lenore blieben zurück, weil er es nicht wagen mochte, diese leichten, schnellen und ihm ungewöhnlichen Bewegungen mit¬ zumachen, um die übrigen nicht durch seine Ungeschicklichkeit zu verwirren. Laura tanzte von allen am zierlichsten, ohne alle Bemü¬ hung gelangen ihr die schwierigsten Stellun¬ gen und die schnellsten Veränderungen. Franz ergötzte sich an den leichten, flatternden Ge¬ wändern, an den schön verschlungenen Figu¬ ren. Die zierlichsten Füße schwebten, trip¬ pelten und sprangen auf und ab, im Schwunge des Rocks ward das leichte, wohl¬ geformte Bein sichtbar, weiße Arme und Bu¬ sen, üppige Hüften, die das Gewand deckte und verrieth, zogen das Auge nach sich, und ver¬ wirrten es in dem fröhlichen Tumult. Laura und einige andre junge Mädchen waren aus¬ gelassen, wenn sie im Sprunge in den Arm ihres Tänzers flogen, hob dieser sie im Schwunge hoch, und in der Luft schwebend sangen sie Stellen aus Liebesliedern in die Musik hinein. Der wilde bacchantische Taumel war be¬ schlossen, ein andrer Tanz, der Zärtlichkeit ausdrückte, wurde angeordnet, auch Lenore und Sternbald schlossen sich dem Reihen an. — Eine sanfte Musik erklang, die Paare umschlangen sich und schwebten hin¬ auf und hinab, die Hände und Arme be¬ gegneten sich wieder, und Busen an Busen an Busen geschmiegt, begonn eine neue Wen¬ dung. Da sah man die verführerischsten Stel¬ lungen knüpfen, alle Gelenke wurden bieg¬ samer, Franz war wie in Trunkenheit ver¬ loren. Die Luft duftete ihnen Wonne und Freude entgegen, wie auf den Wellen der Musik schwebte er an Laura's oder Leno¬ rens Arm einher, in jedem tanzenden Ge¬ sicht kam ihm ein schalkhafter Engel ent¬ gegen, der ihm Entzücken predigte. Er drückte Laura's Hand, die seine Zärtlichkeit erwiederte. Man ruhte im Schatten der Bäume aus. Knaben gaben gaben kühlende, wohl¬ schmeckende Früchte herum, die Schönen la¬ gerten sich im Grase. Andrea war vom Tanz erhitzt und sagte: Seht, mein Freund Sternbald, so müßt Ihr Deutsche erst nach Italien kommen, um zu lernen, was schön sey, hier erst offenbart sich Euch Natur und Kunst. Kunst. In Eurem trüben Norden ist es der Imagination unmöglich, ihre Flügel auszu¬ dehnen und das Edle zu empfinden. Mein Lehrmeister, Albrecht Dürer, sagte Franz, den Ihr doch für einen großen Mann erkennen müßt, ist nicht hier gewesen. Andrea sagte: Wie sehr wünschen aber auch alle Kunstfreunde, daß er sich möchte hierher bemüht haben, um erst einzusehn, wie viel er ist, und dann zu lernen, was er mit seinem großen Talente ausrichten könne. So aber, wie er ist, ist er merkwürdig ge¬ nug, doch ohne Bedeutung für die Kunst, der Italiener mit weit geringerem Talente wird doch immer den Sieg über ihn davon tragen. Ihr seyd unbillig, fuhr Sternbald auf, ja undankbar, denn ohne ihn, ohne seine Erfindungen würden sich manche Eurer Ge¬ mählde ohne Figuren behelfen müssen. (2r Th.) B 6 Ihr müßt nicht heftig werden, sagte der lindernde Fransesko, wahr ist es, Dürer ist Andrea's hülfreicher Freund, und vielleicht verlästert er ihn eben darum, weil er sich der Dienste zu gut bewußt ist, die jener ihm geleistet hat. Aber wir wollen lieber ein Gespräch abbrechen, das Euch nur erhitzt. Die Musik lärmte dazwischen, Andrea, der wenig streitsüchtig war, gab seine Mei¬ nung auf, die Tänze fingen von neuem an. Es wurde Abend: manche von der Gesell¬ schaft gingen nach Hause, einigen wurden von ihren Dienern Pferde gebracht. Rustici ließ eins der schönsten Pferde in den Garten kommen, und setzte sich hinauf, indem er durch die Baumgänge ritt, die muthwillige Laura ließ sich zu ihm hinaufheben, und in einem leichten Gallopp ritt sie hin und her, indem sie vor dem Mahler saß, der sie mit seinen Armen festhielt. Franz bewunderte das schöne Gemählde, er glaubte den Raub der Dejanire vor sich zu sehn, der Kranz in ihren Haaren schwankte und drohte herab¬ zufallen, leicht saß sie oben, und doch von einer kleinen Ängstlichkeit beunruhigt, die sie noch schöner machte: das Pferd hob sich majestätisch, auf seine Beute stolz. Zwei Trompeten bliesen einen muthigen Marsch, die prächtigen Töne begleiteten die Bewe¬ gungen des Rosses und der gewandte und starke Rustici saß wie ein Gott oben. Die zurückgebliebenen Freunde führte Francesko nun nach einem andern Theile seines Gartens. Hier war ein runder Zirkel von Bäumen, und Festons und Guirlanden von allerhand Blumen hingen in den Zwei¬ gen und schaukelten im Abendwinde, farbige Lampen brannten dazwischen, dämmernde Lau¬ ben waren in den Baumnischen angelegt. Wein und Früchte wurden genossen: die zärtlichen B b 2 Paare saßen neben einander, Musik ermun¬ terte sie, ihr Liebesgespräch zu führen, Lau¬ ra's Tänzer hatte Abschied genommen, Franz umschlang das Mädchen und Lenore mit sei¬ nen Armen. Spät trennte man sich, Laura und Le¬ nore gingen mit einander, die Dirne blieb in der Nacht bei ihr, und Franz gab freu¬ dig der Einladung nach, auch dort zu ver¬ weilen. Fünftes Kapitel. C astellani war zurückgekommen, Franz hatte in seiner und Lenorens Gesellschaft Florenz verlassen. Jetzt waren sie vor Rom, die Sonne ging unter, alle stiegen aus dem Wagen, um den erhabenen Anblick zu ge¬ nießen. Eine mächtige Gluth hing über der Stadt, das Riesengebäude, die Peterskirche, ragte über allen Häusern hervor, alle Ge¬ bäude sahen dagegen nur wie Hütten aus. — Sternbald's Herz klopfte, er hat¬ te nun das, was er von Jugend auf im¬ mer mit so vieler Inbrunst gewünscht hat¬ te, er stand nun an der Stelle, die ihm so oft ahndungsvoll vorgeschwebt war, die er schon in seinen Träumen gesehn hatte. Sie fuhren durch's Thor, sie stiegen in ihrem Quartiere ab. Sternbald fühlte sich immer begeistert, die Straßen, die Häuser, alles redete ihn an. Noch spät sah er dem Mondschein nach, er verwunderte sich über sich selbst, als er nach Lenorens Gemach ging, die ihn erwartete. Castellani war ein großer Freund der Kunst, er studirte sie unablässig, und schrieb darüber, sprach auch viel mit seinen Freun¬ den. Sternbald war sein Liebling, dem er gern alle seine Gedanken mittheilte, dem er nichts verbarg. Er hatte in Rom viele Be¬ kannte, meistens junge Leute, die sich an ihn schlossen, ihn oft besuchten und gewisser¬ maßen eine Schule oder Akademie um ihn bildeten. Auch ein gewisser Camillo, dessen Andrea del Sarto schon erwähnt hatte, be¬ suchte ihn. Dieser Camillo war ein Greis, lang und stark, der Ausdruck seiner Mienen hatte etwas Seltsames, seine großen feuri¬ gen Augen konnten erschrecken, wenn er sie plötzlich herumrollte. Seine Art zu sprechen war eben so auffallend, er galt bei allen seinen Bekannten für wahnsinnig, sie behan¬ delten ihn als einen Unverständigen, den man schonen müsse, weil er der Schwächere sey. Er sprach wenig, und hörte nur zu, Castellani war freundlich gegen ihn, nahm aber sonst mit ihm wenige Rücksicht. Sternbald besuchte die Kirchen, die Ge¬ mähldesammlungen, die Mahler. Er konnte nicht zur Ruhe kommen, er sah und erfuhr so viel, daß er nicht Zeit hatte, seine Vor¬ stellungen zu ordnen. Dabei gab er sich Mühe, mit jedem Tage in seinen Begriffen weiter zu kommen, und in das eigentliche Wesen und die Natur der Kunst einzudrin¬ gen. Er fühlte sich zu Castellani freund¬ schaftlich hingezogen, weil er durch diesen am meisten in seiner Ausbildung, in der Er¬ kenntniß gewann; er besuchte die Gesellschaf¬ ten fleißig, und bestrebte sich, kein Wort, nichts, was er dort lernte, wieder zu ver¬ lieren Castellani's Begriffe von der Kunst wa¬ ren so erhaben, daß er keinen der lebenden oder gestorbenen Künstler für ein Musterbild, für vollendet wollte gelten lassen. Er belä¬ chelte oft Sternbald's Heftigkeit, der ihm Rafael, Buonarotti, oder gar Albrecht Dü¬ rer nannte, der sich ungern in Vergleichun¬ gen einließ, und meinte, jeder sey für sich der Höchste und Trefflichste. Ihr seyd noch jung, sagte dann sein älterer Freund, wenn Ihr weiter kommt, werdet Ihr statt der Künstler die Kunst verehren, und ein¬ sehn, wie viel noch einem jeden gebricht. Sternbald gewöhnte sich mit einiger Über¬ windung an seine Art zu denken, er zwang sich, nicht heftig zu seyn, nicht seine Ge¬ fühle sprechen zu lassen, wenn sein Verstand und Urtheil in Anspruch genommen wurden. Er sah jetzt mehr als jemals ein, wie weit er in der Kunst zurück sey, ja wie wenig die Künstler selbst von ihrer Beschäftigung Rechenschaft geben könnten. Es ward so eingerichtet, daß sich die Gesellschaft zweimal in der Woche versam¬ melte, und jedesmal wurde über die Kunst disputirt, wobei sich Castellani besonders mit seinen Reden hervorthat. Sie waren an ei¬ nem Nachmittage wieder versammelt, auch Camillo war zugegen, der abseits in einer Ecke stand und kaum hinzuhören schien. Ihr weicht, sagte Sternbald zu seinem Freunde Castellani, darin von den meisten Eurer Zeitgenossen ab, daß Ihr Buonarot¬ ti's jüngstes Gericht nicht für den Triumph der Kunst haltet. Die Nachwelt, sagte Castellani, wird gewiß meiner Meinung seyn, wenn erst mehr Menschen die Frage untersuchen werden: Was soll Kunst seyn? was kann sie seyn? Ich bin gar nicht in Abrede, und es wäre thöricht von mir, dergleichen zu läugnen, daß Michael Angelo ein ausgezeichneter Geist ist, nur ist es wohl Übereilung des Zeitalters, ihn und Rafael über alle übri¬ gen Sterblichen hinüberzuheben, und zu sa¬ gen: seht, sie haben die Kunst erfüllt! Jegliche Kunst hat ihr eigenthümliches Gebiet, ihre Gränzen, über die sie nicht hinausschreiten darf, ohne sich zu versündi¬ gen. So die Poesie, Musik, Sculptur und Mahlerei. Keiner muß in das Gebiet des andern streifen, jeder Künstler muß seine Heimath kennen. Dann muß jeglicher die Frage genau untersuchen: was er mit sei¬ nen Mitteln für vernünftige Menschen zu leisten im Stande ist. Er wird seine Histo¬ rie wählen, er wird den Gegenstand über¬ denken, um sich keine Unwahrscheinlichkeiten zu Schulden kommen zu lassen, um nicht durch Einwürfe des kalten, richtenden Ver¬ standes seinen Zauber der Composition wie¬ der zu zerstören. Den Gegenstand gut zu wählen ist aber nicht genug, auch den Au¬ genblick seiner Handlung muß er fleißig über¬ denken, damit er den größten, interessante¬ sten heraushebe, und nicht am Ende mahle, was sich nicht darstellen läßt. Dazu muß er die Menschen kennen, er muß sein Ge¬ müth und fremde Gesinnungen beobachtet haben, um den Eindruck hervorzubringen, dann wird er mit gereinigtem Geschmacke das Bizarre vermeiden, er wird nur täu¬ schen und hinreißen, rühren aber nicht er¬ staunen wollen. Nach meinem wohlüber¬ dachten Urtheil hat noch keiner unsrer Mah¬ ler alle diese Forderungen erfüllt, und wie könnte es irgend einer, da sich noch keiner der erst genannten Studien beflissen hat? Diese müssen erst in einem hohen Grade ausgebil¬ det seyn, ehe die Künstler nur diese Forde¬ rungen anerkennen werden. Um namentlich von Buonarotti zu spre¬ chen, so glaube ich, daß er durch sein Bei¬ spiel die Kunst um viele wichtige Schritte wieder zurückgebracht hat, statt ihr weiter zu helfen, denn er hat gegen alle Erforder¬ nisse eines guten Kunstwerks gesündigt. Was will die richtige Zeichnung seiner einzelnen Figuren, seine Gelehrsamkeit im Bau des menschlichen Körpers, wenn seine Gemählde selbst so gar nichts sind? Sein jüngstes Ge¬ richt ist eine ungeheure Wand voller Figu¬ ren in mannichfaltigen Stellungen, aber ohne alle Verbindung, ohne Wirkung. Der Zweck seiner Darstellung ist ohne Schönheit, eine Handlung, die keine ist, die sich nicht an¬ schauen, nicht darstellen läßt, die sich selbst nicht in der Erzählung vortragen läßt: es sind tausend Begebenheiten, die sich durch¬ aus nicht zu einer einzigen verbinden lassen. Schwebende Gestalten, ruhende Selige und Verdammte, Engel und die Madonna. Das Auge findet keinen Ruhepunkt, es frägt: was soll ich hier sehn? Mythologie der Al¬ ten mit christlicher Idee vermischt, Verzer¬ rung der Verzweiflung. Der Augenblick im Gemählde selbst ist unentschieden, die Engel oben mit Zubereitungen beschäftigt, ein all¬ gemeiner Moment des Entsetzens, und unten schon die Verdammung Vieler entschieden. Es scheint, das jüngste Gericht ist noch nicht fertig, und darin hat der Mahler besonders seine wenige Überlegung bewiesen. Was soll ich aber genießen und fühlen, wenn die Aus¬ führung auch gar keinen Tadel verdiente? Nichts! rief Camillo aus, indem er mit dem höchsten Unwillen hervortrat. Glaubt Ihr, daß der große, der übergroße Buona¬ rotti daran gedacht hat, Euch zu entzücken, als er sein mächtiges Werk entwarf? O, Ihr Kurzsichtigen, die Ihr das Meer in Bechern erschöpfen wollt, die Ihr dem Stro¬ me der Herrlichkeit seine Ufer macht, welcher unselige Geist ist über Euch gekommen, daß Ihr also verwegen seyn dürft? Ihr glaubt die Kunst zu ergründen, und ergründet nur Eure Engherzigkeit, nach dieser soll sich der Geist Gottes richten, der jene erhabene Ebenbilder des Schöpfers beseelt. Ihr lä¬ stert die Kunst, wenn Ihr sie erhebt, sie ist nur ein Spiel Eurer nichtigen Eitelkeit. Wie der Allmächtige den Sünder duldet, so er¬ laubt auch Angelo's Größe, seine unsterbli¬ chen Werke, seine Riesengestalten dulden es, daß Ihr so von ihnen sprechen dürft, und beides ist wunderbar. Er verließ im Zorne den Saal, und alle erhuben ein lautes Lachen. Was er nicht versteht, sagte Sternbald's Nachbar, hält er für Unsinn. Sternbald aber war von den Worten und den Gebehrden des Greises tief ergriffen, dieser enthusiastische Unwille hatte ihn mit angefaßt, er verließ schnell die Gesellschaft, ohne sich zu entschul¬ digen, ohne Abschied zu nehmen. Er ging dem Alten durch die Straßen nach, und traf ihn in der Nähe des Vati¬ kans. Verzeiht, sagte Sternbald, daß ich Euch anrede, ich gehöre nicht zu jenen, meine Meinung ist nicht die ihrige, immer hat sich mein Herz dagegen empört, so mit dem Ehrwürdigsten der Welt umzugehn. Ich war ein Thor, sagte der Greis, daß ich mich wieder, wie mir oft geschieht, von meiner Hitze übereilen ließ. Wozu Worte? Wer versteht die Rede des andern? Er nahm Franz bei der Hand, sie gin¬ gen durch das große Vatikan, der Alte eilte nach der Capelle des Sixtus. Schon fiel der Abend und seine Dämmerung herein, die großen Säle waren nur ungewiß er¬ leuchtet. Er stellte ihn vor das jüngste Ge¬ richt, und ging schweigend wieder fort. In der ruhigen Einsamkeit schaute Stern¬ bald das erhabene Gedicht mit demüthigen Augen an. Die großen Gestalten schienen sich von oben herab zu bewegen, das ge¬ waltige Entsetzen des Augenblick's bemächtigte sich auch seiner. Er stand da, und bat den Figuren, dem Geiste Michael Angelo's seine Verirrung ab. Die großen Apostel an der Decke sahen ihn ernst mit ihren ewigen Zügen und Mie¬ nen an, die Schöpfungsgeschichte lag wun¬ derbar da, der Allmächtige auf dem Sturm¬ winde herfahrend. Aber wie ein donnerndes Gewitter stand vorzüglich das jüngste Ge¬ richt vor seinen Augen; er fühlte sich inner¬ lich lich neu verändert, neu geschaffen, noch nie war die Kunst so mit Heeresmacht auf ihn zugekommen. Hier hast Du Dich verklärt, Buona¬ rotti, großer Eingeweihter, sagte Franz, hier schweben Deine furchtbaren Räthsel, Du kümmerst Dich nicht darum, wer sie versteht. (2r Th.) C c Sechstes Kapitel. F ranz fand den bisherigen Leichtsinn seiner Lebensweise nüchtern und ungenügend, er bereute manche Stunde, er nahm sich vor, sich inniger der Kunst zu widmen. Er brach den Umgang mit der schönen Lenore ab, er fühlte es innig, daß er sie nicht liebe. Sein Freund Castellani verspottete ihn, und be¬ dauerte seine Anlagen, die nun nothwendig verderben müßten, aber Franz empfand die Leerheit dieses Menschen, und achtete jetzt nicht darauf. Eine neue Liebe zur Kunst erwachte in ihm, sein Jugendleben in Nürnberg, sein Freund Sebastian traten mit frischer Lieb¬ lichkeit vor seine Seele. Er machte sich Vor¬ würfe, daß er bisher so oft Dürer und Se¬ bastian aus seinem Gedächtnisse verloren. Er nahm seine geliebte Schreibtafel hervor, und küßte sie, die verwelkten Blumen rühr¬ ten ihn zu Thränen: ach, Du bist nun auch verwelkt und dahin! seufzte er. Auch das Bildniß, das er vom Berge mitgenommen hatte, stellte er vor sich. — Ihm fiel der Brief der Gräfin in die Hände, den er bis dahin ganz vergessen hatte. Er beschloß, die Familie noch an die¬ sem Tage aufzusuchen, er fühlte ein Bedürf¬ niß nach neuen Freunden. Franz nahm den Brief und erkundigte sich nach der Woh¬ nung, sie ward ihm bezeichnet. Die Leute, die er suchte, lebten vor der Stadt in einem Garten. Ein Diener empfing ihn, und lei¬ tete ihn durch angenehme Baumgänge, der Garten war nicht groß, aber voller Obst und Gemüse. In einem kleinem niedlichen Gartenhause, sagte der Diener, würde er die Tochter finden, die Mutter sey ausge¬ gangen, der Vater schon seit sechszehn Jah¬ ren todt. Franz bemerkte durch das Fenster einen weißen runden Arm, eine schöne Hand, die auf einer Zitter spielte. Indem begeg¬ nete ihm ein alter Mann, der fast achtzig Jahre alt zu seyn schien, er verließ das Gartenhaus, und ging durch den Garten nach dem Wohnhause zurück. Franz trat in das Zimmer. Das Mädchen legte die Zitter weg, als sie ihn bemerkte, sie ging ihm entgegen. Beide standen sich gegenüber und erstaun¬ ten, beide erkannten sich im Augenblicke. Franz zitterte, er konnte die Sprache nicht wiederfinden, die Stunde, die er so oft als die seligste seines Lebens herbeigewünscht hatte, überraschte ihn zu unerwartet. Es war das Wesen, dem er nachgeeilt war, die er in seinem Geburtsdorfe gesprochen, die er mit aller Seele liebte, die er verlo¬ ren glaubte. Sie schien fast eben so be¬ wegt, er gab ihr den Brief der Gräfin, sie durchflog ihn schnell, sie sprach nur von dem Orte, wo sie ihn vor anderthalb Jahren ge¬ sehn und gesprochen. Er nahm die theure Brieftasche, er reichte sie ihr hin, und in¬ dem hörte man durch den Garten ein Wald¬ horn spielen. Nun konnte sich Franz nicht länger aufrecht halten, er sank vor der schö¬ nen bewegten Gestalt in die Knie, weinend küßte er ihre Hände. Die wunderbare Stim¬ mung hatte auch sie ergriffen, sie hielt die vertrockneten Blumen schweigend und stau¬ nend in Händen, sie beugte sich zu ihm hin¬ ab. — O, daß ich Euch wiedersehe! sagte sie stammelnd; allenthalben ist mir Euer Bild gefolgt.— Und diese Blumen, rief Sternbald aus, erinnert Ihr Euch des Knaben, der sie Euch gab? Ich war es; ich weiß mich nicht zu fassen. — Er sank mit dem Kopfe in ihren Schooß, ihr holdes Gesicht war auf ihn herabgebeugt, das Waldhorn phanta¬ sirte mit herzdurchdringenden Tönen, er drückte sie an sich und küßte sie, sie schloß sich fester an ihn, beide verloren sich im staunenden Entzücken. Franz wußte immer noch nicht, ob er träume, ob alles nicht Einbildung sey. Das Waldhorn verstummte, er sammelte sich wie¬ der. Ohne daß sie es gewollt hatten, fast oh¬ ne daß sie es wußten, hatten beide sich ihre Liebe gestanden. — Was denkt Ihr von mir? sagte Marie mit einem holdseligen Erröthen. Ich begreife es ewig nicht, aber Ihr seyd mir wie ein längstgekannter Freund, Ihr seyd mir nicht fremde. Ist unsre eigne Seele, ist unser Herz uns fremd? rief Sternbald aus. Nein, von diesem Augenblicke an erst beginnt mein Le¬ ben, o, es ist so wunderbar und doch so wahr. Warum wollen wir's begreifen? — Seyd Ihr glücklich? — Bist Du meine süße Geliebte? Bin ich der, den Du such¬ test? Findest Du mich gern wieder? Sie gab ihm beschämt die Hand und drückte sie. Der alte Mann kam zurück, und meldete, daß er ausgehn müsse, Franz betrachtete ihn mit Erstaunen, er errieth, daß es derselbe seyn müsse, der musicirt habe, den er schon in der Kindheit auf dem grünen Rasenplatze gesehn. Die Bäume rauschten draußen so wunderbar, er hörte aus der Ferne das Geräusch auf der Land¬ straße, jedes andre Leben erschien ihm trau¬ rig, nur sein Daseyn war das freudigste und glorreichste. Er ging, weil er die Rückkehr der Mut¬ ter nicht erwarten wollte, er versprach, seine Geliebte am folgenden Tage zu besuchen. Durch's Feld schweifte er umher, er sah noch immer sie, den Garten, ihr Zim¬ mer vor sich. Er war in der Stadt, und konnte sich nicht besinnen, welchen Weg er gekommen war. In seiner Stube nahm er seine Zitter und küßte sie, er griff in die Töne hinein, und Liebe und Entzücken ant¬ wortete ihm in der Sprache der Musik. In der ganzen Natur vernahm er Gruß und Glückwunsch. Er wollte seinem Se¬ bastian schreiben, aber er konnte nicht zur Ruhe kommen. Er fing an, aber seine Ge¬ danken verließen ihn, er schrieb folgendes nieder: Sanft umfangen Vom Verlangen, Abendwolken ziehn, O, gegrüßt sey holdes Glücke, Endlich, endlich meinem Blicke, Längst gepflanzte Blumen blühn. Abendröthe winkt herunter: Hoffe auf den Morgen munter; Winde eilen, verkünden's der Ferne, Blicken auf mich nieder die freundlichen Sterne. Keiner, der nicht grüßend niederschaute: Ist es, singen sie, Dir gelungen? Welche Töne rühren sich in der Laute, Von unsichtbarer Geisterhand durchklungen? Von selbst erregt sie sich zum Spiele, Will ihre Worte gern verkünden, Kennst Du, Vertraute, die Gefühle, Die quälend, beglückend mein Herz entzünden? O töne, ich kann das Lied nicht finden, Das Leid, das Glück, das mich bewegt, Und Klang und Lust in mir erregt. Will ich von Glück, von Freude singen, Von alten, wonnevollen Stunden? Es ist nicht da und fern verschwunden, Mein Geist von Entzücken festgebunden, Beengt, beschränkt die goldnen Schwingen. Geht die Liebe wohl auf Deinem Klange Ist sie's, die Deine Töne rührt? Und dieses Herz mit strebendem Drange Auf Deinen Melodien entführt? Mit Zitterklang kam sie mir entgegen, Mein Geist in Netzen von Tönen gefangen, Ich fühlte schon dies Beben, dies Bangen, Entzücken überströmte, ein goldner Regen. Sie saß im Zimmer, wartete mein, Die Liebe führte mich hinein, Erklang das alte Waldhorn drein. Dein voller Klang Mein Herz schon oft durchdrang, Meiner Liebe vertraut, Von Deinem Ton mein Herz durchschaut. Nun verstummen nie die Töne, Lautenklang mein ganzes Leben, Herz verklärt in schönster Schöne, Wundervollem Glanz und Weben Hingegeben. Ende des zweiten Theils.