Johann Sievers Russischkayserl. Apothekers, der St. Petersburgischen Aka- demie der Wissenschaften und der freyen oͤkonomischen Ge- sellschaft Mitgliedes, Briefe aus Sibirien an seine Lehrer den Koͤnigl. Grosbritannischen Hofapotheker Herrn Brande, den Koͤnigl. Grosbritannischen Botaniker Herrn Ehrhart, und den Bergcommissarius und Rathsapotheker Herrn Westrumb. St. Petersburg , bey Zacharias Logan , 1796 . Vorbericht . N icht sowohl weil ein jedes Buch eine Vor- rede haben muß, als weil ich als ein ganz neuer Schriftsteller auftrete, glaube ich meinen Lesern einige Rechenschaft von der Veranlassung dieser Briefe und dem was sie von mir zu erwar- ten haben, schuldig zu seyn. Seit vier Jahren durchreise ich Laͤnder, die ungeachtet der in diesem Jahrhundert herausge- gebnen Schriften und Reisenachrichten der St. Petersburgischen Akademiker, noch nicht so ganz genau beschrieben sind, wie manche Provinz in Europa. Waͤhrend dieser Reisen habe ich man- ches aufgezeichnet, was mir wissenswerth und nuͤtzlich schien, um so fleißiger, da bey meinem A Abschie- Vorbericht . Abschiede, von meinen wuͤrdigen Lehrern, selbige den Wunsch aͤußerten, alles, was mir Merkwuͤr- diges aufstoßen moͤchte, ihnen in Briefen mitzu- theilen. Diesen Wunsch haͤtte ich auch leicht er- fuͤllen koͤnnen; allein bald, und sonderlich da ich meine Reise nach Sibirien antrat, erhielt ich von vielen Andern aͤhnliche Auftraͤge, denen ich, in Ruͤcksicht meiner Lage, Geschaͤfte, und Entfer- nung, nicht im Stande war Genuͤge zu leisten. Aus dieser Verlegenheit nun glaube ich mich nicht besser helfen zu koͤnnen, als durch die oͤffentliche Bekanntmachung meiner Bemerkungen, wovon ich in dieser ersten Sammlung von Briefen eine Probe geben will. Finden diese einigen Beyfall, und werde ich nicht durch Critiken abgeschreckt, so sollen dergleichen mehrere kuͤnstig folgen, wozu ich itzt, auf meiner zweyten Reise nach Sibirien, hinlaͤnglichen Stoff zu sammlen hoffen kann. Offenherzigkeit und die strengste Wahrheits- liebe hat stets meine Feder geleitet. Vielleicht habe ich hin und wieder etwas als neu ausgege- ben, welches schon von Andern bekannt gemacht ist. Man wird mir aber dieses gewiß verzeihen, wenn ich bezeuge, daß die neusten Buͤcher, welche ich auf meiner. Reise bey mir fuͤhrte, wenigstens vor acht Jahren gedruckt sind; daß ich deren aͤus- serst wenig besitze, und bey meinem kurzen Aufent- halt in St. Petersburg Bibliotheken zu Rathe zu ziehen und die neuern Schriften durchzublaͤttern keine Zeit uͤbrig hatte. Giebt es denn nicht ge- nug Vorbericht . nug Buͤcher in der Welt, die, neben dem Neuen und Nuͤtzlichen, Vieles enthalten, was unter die laͤngst bekannten Sachen gehoͤrt? Besonders bitte ich fuͤr die ersten dieser Briefe um einige Nach- sicht. Noch einen andern Zweck hatte ich bey Be- kanntmachung dieser Briefe; — dieser ist, das boͤse Vorurtheil auszurotten, was noch Viele, be- sonders im Auslande, von Sibirien haben Si- birien ist ein so vortrefliches Land, als irgend ei- nes in der Welt unter gleicher Breite seyn kann. Durch die unermuͤdete Sorgfalt, und durch die beyspiellose, weißheitsvolleste Regierung unsrer maͤchtigsten Monarchin Catharina der Zweyten, sind hier, auf eine fast unglaubliche Art, große undurchdringliche Waͤlder und Wild- nisse zu bewohnten Heerstraßen und wuͤste Ebnen in die fruchtbarsten Felder umgeschaffen worden What cannot active Government perform? New moulding Man? Thompson. . Man reiset in diesem ungeheuer großen Lande nun- mehr mit einer Sicherheit, Schnelligkeit und Be- quemlichkeit, wovon kein andres Reich in der Welt, auf so großen Abstand Beyspiele geben kann. Die Landstraßen sind gut und sicher, die Bruͤcken, wo es noͤthig ist, unterhalten, der Post- vorspann schnell und wohlfeil und Nahrungsmit- tel uͤberall zu haben. Zerbrochne Haͤfen giebt es A 2 uͤberall; Vorbericht . uͤberall; es wuͤrde also unbillig seyn zu verlangen, daß alles in Sibirien vollkommen seyn sollte. So gehoͤren z B. Gastwirthe und Wirthshaͤuser in Sibirien unter die seltensten Dinge: Dahingegen ist man gewiß in keinem Lande der Welt gastfrey- er. Jeder Reisende von guter Auffuͤhrung ist uͤberall, besonders bey dem guten Landvolk der herzlichsten Aufnahme gewiß. Mit einem Worte, Sibirien naͤhert sich, mit Riesenschritten, den auf- geklaͤrtesten Laͤndern Europens. St. Petersburg im Maͤrz 1795. Sie- Sievers Briefe aus Sibirien. Erster Brief . Jrkuzk den 4. Jun. 1790. Mein Herr, W as seit dem Jahr 1785 bis 89 mit mir vorgegan- gen ist, werden Sie aus einigen wenig bedeu- tenden Briefen, die ich nach Deutschland schrieb, schon hinlaͤnglich wissen. Jch will also von dem Zeitpunkt anfangen, da ich Petersburg verließ und nach Sibirien abreißte. Meine eigne Wahl und eine große Begierde, dieses merkwuͤrdige Land zu sehn, brachten mich zu dem Entschluß, Mitglied einer Expedition zu werden, welche, auf allerhoͤchsten namentlichen Befehl Jhro Kaiserl. Ma- jestaͤt, veranstaltet wurde, um mit Anpflanzung und Verbesserung des groͤßern Sibirischen Rhapontik (Rhe- um sibiricum) und andrer Geschlechtsverwandten Gat- tungen, Versuche zu machen. Man wollte nehmlich A 3 versu- Sievers Briefe. versuchen ob nicht durch Veraͤnderung des Bodens, Ver- setzen, Behacken, Beschneiden, und andre Huͤlfsmittel, aus den uns bekannten Gattungen dieses Pflanzenge- schlechts, guter, dem Chinesischen oder Bucharischen an Schoͤnheit und Kraͤsten gleicher Rhabarber erzielet wer- den koͤnnte. Ohngeachtet des damals noch fortdauern- den, so kostspieligen Krieges, wurden wir alle aufs Beste mit allem Noͤthigen ausgeruͤstet; zu einem neuen Be- weiß, wie aͤußerst aufmerksam unsre Große Monar- chin auf jeden Gegenstand ist, der nur einigermaßen et- was zum Besten des Reichs oder der Wissenschaften bey- tragen kann. — Nachdem wir alle uns zu unsrer gros- sen Reise voͤllig ausgeruͤstet hatten, fuhren wir den 13ten Februar aus dem großen und ehrwuͤrdigen Moskau ab und erreichten Jrkuzk den 26sten April. Die wegen des aufthauenden Schnees hin und wieder verschlimmerten Wege hinderten uns schneller zu reisen. Es ist sonst nichts Unerhoͤrtes, daß Kuriere diesen Weg der 5823 Werste oder mehr als 830 deutsche Meilen betraͤgt, in weniger als einem Monat zuruͤcklegen. Gewiß, theuer- ster Freund, Jhre Kuriere sind nicht so geschwind. — Jrkuzk ist, naͤchst Tobolsk, die groͤßte und wich- tigste Stadt in Sibirien. Sie hat itzt viele schoͤne Ge- baͤude, worunter sich besonders das große, aus zwey Ab- theilungen bestehende, steinerne Kaufhaus auszeichnet. Man zaͤhlt in der Stadt 2800 Haͤuser und bis 20,000 Einwohner Die Straßen sind groͤßtentheils regulaͤr und einige von nicht gemeiner Laͤnge. Besonders ist der Anblick aus Sibirien. Anblick praͤchtig, wenn man, aus Rußland kommend, sich gegen die schnell und maͤchtig stroͤmende Angara, dicht unter der Stadt herablaͤßt, den alsdenn die zwoͤlf schoͤn gebauten steinernen Kirchen beym Sonnenschein geben. Ein Seminarium fuͤr junge Leute, die sich dem geistlichen Stande widmen wollen, eine Volksschule, ei- ne kleine Bibliothek und Naturaliensammlung, und ein Theater, sind hier zur Bildung der Jugend angelegt und alles hat sich, seit dem Jahr 1772 da Georgi seine Nachricht von dieser Stadt aufschrieb, hier sehr verbes- sert. Besonders traͤgt die Schaubuͤhne zu einem anstaͤn- digen und dreisten Betragen der Jugend viel bey. „Ei- ne Schaubuͤhne?“ hoͤre ich Sie fragen, „in einem so entfernten Lande?“ — Ja, ganz gewiß! — und noch mehr werden Sie sich wundern; wenn ich Jhnen sage, daß die Schauspieler hiesige Eingebohrne sind, die nie zuvor in ihrem Leben ein Theater gesehen hatten; und doch sind ihre Vorstellungen ganz artig und die Musik nicht unangenehm. Denn alle Regimentsbefehlshaber in Sibirien lassen ihre Regimentsmusik keinen Tag ohne Uebung und verschaffen ihnen aus Rußland von Zeit zu Zeit die neuesten Musikalien. Das vormals hier eingerichtete Blatternhaus ist gegenwaͤrtig eingegangen, weil in allen Staͤdten Sibi- riens medicinische Bediente angestellt sind, die, ein jeder in seinem Kreise, die Einimpfung mit dem besten Er- folg verrichten. A 4 Was Sievers Briefe Was mir meinen Aufenthalt hier in Jrkuzk am angenehmsten machte, sind die gluͤcklichen Stunden ge- wesen, die ich bey dem gelehrten Herrn Hofrath Lax- mann zugebracht habe. Jch habe nicht noͤthig etwas zum Nuhm dieses wuͤrdigen Mannes zu sagen: die Er- waͤhnung seines Namens muß der gelehrten Welt schon genug seyn. Verschiedne botanische Excursionen, die ich bis zum Tage meiner Abreise von hier nach Kiachta, welche auf heute festgesezt ist, laͤngst den Fluͤssen Anga- ra, und dem in diesen einfallenden Jrkut, wie auch laͤngst den Fluͤßchen Kaja und Uschakowka, auf de- nen gegen die Stadt auslaufenden Wercholenischen und Angarischen, groͤßtentheils mit Fichten bewachsenen Koh- lenfloͤzgebirgen unternommen habe, waren noch ein andres Mittel zu gaͤnzlicher Verscheuchung der langen Weile. Die vorzuͤglichsten schoͤnen Fruͤhlingspflanzen, welche die erste Anlage meiner Sibirischen Kraͤutersammlung hier ausmachten, sind: Pulmonaria angustisolia. Androsace lactiflora und villosa. Gortusa Gmelini. Thesium linophyllum. Swertia dichotoma. Gentiana aquatica. Rhododendron dauricum. Pyrus baccata. Potentilla fragarioides und bifurca. Atragene alpina. Anemone aus Sibirien. Anemone patens, vernalis, sibirica, pratensis, nar- cissiflora, und minuta Laxman. Adonis apennina. Isopyrum fumarioides. Aquilegia grandiflora. Trollius asiaticus. Dracocephalum nutans. Polygala amara. Tussilago anandria. Scorzonera humilis. Viola pinnata, palmata, biflora und primuli- folia. Cypripedium guttatum. Betula Alnus viscosa. Unter allen Gartenfruͤchten wachsen hier die Kar- toffeln so schoͤn und wohlschmeckend, wie sie nur immer in Holland und England gefunden werden. Sie sind seit etwan 25 Jahren bekannt. Aber der viele hier ge- baute Hopfen hat wenig Gewuͤrzhaftes. Man brennt auch hier, wie in ganz Sibirien und dem suͤdlichen Rußland, waͤhrend der ersten Fruͤhlings- monate, das vom vorigen Herbst uͤbrig gebliebene Gras ab, um den Boden zu reinigen, zu erwaͤrmen, und fruchtbar zu machen. Dergleichen Steppenbraͤnde sol- len besonders im Jahr 1783 sehr stark und allgemein in Sibirien gewesen seyn. Waͤre es wohl so ganz unwahr- scheinlich, daß durch diese Steppenbraͤnde, der in gedach- tem Jahr uͤber ganz Europa so allgemeine, und die Lust verdunkelnde Heerrauch, den einige aus Jßland, andre K 5 aus Sievers Briefe aus Rußland herleiteten, verursacht worden sey? — Wenigstens wird in Gegenden, wo maͤchtige Wald. und Steppenbraͤnde herrschen, die Luft weit umher mit einem ganz aͤhnlichen trocknen Dampf so angefuͤllt, daß man oft bis in den Junius die Luft kaum wie durch einen Nebel sieht. Zum Beschluß dieses Briefes fuͤhre ich noch an, daß nach den vieljaͤhrigen Bemerkungen des Herrn Hof- rath Laxmann, die hoͤchste Barometerhoͤhe in Jrkuzk 28.″ 10.‴ die groͤßte beobachtete Kaͤlte 34° bis 36° ge- wesen ist. Zweyter Brief. Aus Werchnei-Udinsk den 16 Jun 1790. Nun bin ich in der Gegend uͤber dem Baikalsee oder in der Rußischen Mongoley. Der hiesige guͤtige Herr Commendant und Ritter Appelgreen hat mir sein, etwan 5 Werste von der Stadt entlegnes Landhaus, waͤhrend meines kurzen Aufenthalts zur Wohnung ein- geraͤumt, aus welchem ich Jhnen, theuerster Goͤnner, nun von meiner Reise uͤber den Baikal Rechenschast ge- ben will. Jch verließ Jrkuzk den 5ten Juny Abends. Der Weg geht laͤngst der untern Angara groͤßtentheils durch angenehme Waͤlder; hin und wieder ist der Fluß auf beyden Seiten durch hohe, bewaldete Gebirge beglei- tet. Man kommt bey verschiedenen volkreichen Doͤrfern und Winterwohnungen, oder Simowjen vorbey. Um Mit- aus Sibirien. Mitternacht wechselte ich in der Station Paschkowa, die von dem ehemaligen Woewoden Paschkof ihren Na- men behalten hat, Pferde, und erreichte Morgens fruͤh die am Baikalsee gelegne Station Listwenischnoe. — Hier wo die Angara, als der einzige Ausfluß aus dem See, hervorkoͤmmt, oͤfnet sich das ihn umgebende Gebirge wie mit einer ungeheuren großen Pforte, und man erblickt auf einmal den vier bis fuͤnf Meilen breiten See, mit denen ihn an der Suͤdlichen und Suͤdwestli- chen Seite umgebenden, theils mit ewigem Schnee be- deckten Granitgebirgen, welche bey hellem Wetter einen majestaͤtischen Anblick gewaͤhren. Die Angara soll auf jede Werste einen Faden Fall haben, so daß also die Stadt Jrkuzk an die sechzig Faden niedriger, als der Baikal, liegen wuͤrde. Der Baikal see, den die Russen auch Swaͤto More (das heilige Meer) nennen, heist auf Mongolisch Baiguͤll, welches die Chineser in Pe-chai verderbt haben. Seine Laͤnge, welche nach einigen Sagen jaͤhr- lich zunehmen soll, wird auf 800, und die groͤßte Breite zwischen 80 und 90 Werste geschaͤzt. Es sollen in denselben 177 große und kleine Gewaͤsser ihren Ausfluß haben. Es ist aͤußerst wahrscheinlich, daß das tiefe Bette desselben, durch ein Erdbeben und Einsturz des Gebirges entstanden ist; aber zu welcher Zeit dieses ge- schehen sey, daruͤber sind auch nicht einmal Traditionen uͤbrig. Vielleicht stammen von einer gleichzeitigen Ueber- schwemmung auch wohl die großen Baumstaͤmme, Kno- chen und ungeheuren Buͤffelkoͤpfe her, die man um den Baikal, Sievers Briefe Baikal, in einer Entfernung von 100 bis 500 Wersten findet, und noch neuerdings in einer Tiefe von 18 Fa- den gefunden hat. Die benachbarten Steinkohlenfloͤtze, das Bergtheer welches aus dem Grunde des Sees quil- let, die an verschiednen Stellen befindliche heisse, hepa- tische Badequellen, die grosse Tiefe des Sees, dessen Grund man mit 400 Faden Leine in der Mitte, zwischen Listwenischnoe und Possolskoi Monastyr, nicht hat finden koͤnnen, und die Schluͤnde, welche man bey stil- lem Wetter aus der unruhigen Bewegung der Ober- flaͤche, an verschiednen Stellen des Sees bemerkt, pas- sen auf den obgedachten Ursprung des Sees sehr wohl. Es ist auch immer zu befuͤrchten, daß noch einmal aͤhn- liche Zerruͤttungen in dieser Gegend vorgehen koͤnnten, da hieherum, in Jrkuzk, Kjachta, an der Lena, am Fluß Amga und bis nach Kamtschatka hin, fast jedes Jahr Erdbeben verspuͤrt worden; die jedoch seit 15 Jahren nur sehr gelinde sind. Gleichwohl sind hier keine feuerspey- ende Berge naͤher, als in Kamtschatka und auf den Ku- rilischen und Aleutischen Jnseln. Denn der brennende Berg an der Lena, fuͤnf und vierzig Werste unterhalb Ja- kuzk, im sogenannten Angalaska- oder Kongalaska- Gebirge, den die Russen Surgujef Kamen nennen, und der an zwey Stellen bestaͤndig raucht, ist nicht als ein Vulkan zu rechnen. Dieser aus Thon und Sand- lagen bestehende Berg, unter welchem vermuthlich bitu- minoͤse Schichten brennen und gebrannt haben, enthaͤlt in Eisenstein verwandelte Holzbrocken, die bis 70 Pro- cent geben, nebst andern figurirten Eisensteinen, Jaspo- nyxen, aus Sibirien. nyxen, Gagat und Chalcedon, und soll auf 80 Faden senkrechte Hoͤhe haben. Ein aͤhnlicher rauchender Berg soll sich gegen Nischnei-Udinsk befinden. Es war mir aͤußerst lieb, daß die beyden, zur Ueber- fuͤhrung der Reisenden bestimmte Galliotten, eben jezt auf der andern Seite des Sees waren, und mir acht Tage Zeit liessen, die ich, wie Sie leicht denken koͤnnen, zu botanischen Wanderungen bestimmte. — Hinter der Station Listwenischnoe erhebt sich ein kraͤuterreicher ho- her Berg, der mit dem sich auf dieser Seite des Baikals ostlich hinziehenden Gebirge zusammenhaͤngt. Auf die- sem Berge brachte ich manche vergnuͤgte Stunde hin. Außer einigen Donnerwettern, waren die Tage meines siesigen Aufenthalts sehr heiter; der Anblick, den man von diesem Berg uͤber den See und zu den jenseitigen Schneegebirgen hat, ist entzuͤckend. Hier saß ich oͤf- ters mit Zimmermanns Werke uͤber die Einsamkeit in der Hand, las dieses grossen Mannes unuͤbertreflich schoͤne Beschreibungen im 4ten Theil S. 50. 53. 54. 55. 62. 63. 68-79. 80. und 108. Wie heiter und ver- gnuͤgt ich dann meinen Platz verließ, laͤßt sich besser den- ken als beschreiben. Das Wasser des Baikals ist eins der reinsten in der Welt, und so klar, daß man in vier Faden Tiefe die kleinsten Steine am Boden sehen kann. Es enthaͤlt, außer aͤußerst wenig Kalkerde, nichts fremdartiges, und kocht alle Gemuͤse und das Fleisch sehr geschwind gar und weich. Die Temperatur des Wassers ist, zu ver- schiedenen Zeiten gemessen, drey bis fuͤnf Grad nach dem Reau- Sievers Briefe Reaumurschen Waͤrmemaß. Jch badete alle Tage dar- inn, konnte aber niemals lange aushalten. Die groͤßte Waͤrme der Atmosphaͤre war im Schatten 17°, die nie- drigste 6°, im Sonnenschein aber stieg das Thermometer bis 26°. Jn der Angara muß das Wasser, wegen der vielen Quellen, noch kaͤlter seyn. Der Baikal sowohl, als die aus demselben flies- sende Angara, haben, wie andre sibirische Fluͤsse, deren Boden felsigt und steinigt ist, das Besondre, daß sie zu- erst im Grunde Eiß erzeugen, welches sich in großen Feldern durch seine Leichtigkeit loßreißt und zu Treibeiß wird. Alle Fluͤsse in Sibirien frieren schon in den lez- ten Tagen des Oktobers, oder in den ersten des Novem- bers zu; aber der Baikal und die Angara, gemeiniglich und seit vielen Jahren, erst im Januar. Man urtheilt gemeiniglich, daß die heftigen Herbststuͤrme auf dem Baikal, und die sehr schnelle Stroͤmung der Angara, hieran Schuld sind. Endlich kamen beyde Galliotten von der andern Seite des Sees heruͤber. Die eine, schon vor laͤngst erbaute, war sehr beschaͤdigt, mußte also ausgebessert werden, welches aber, aus Mangel an erfahrnen Schiffs- zimmerleuten, sehr langsam von statten gieng. Jndes- sen durften wir darauf nicht warten: die neue sehr gut gebaute Galliotte erhielt ihre Ladung den 14. Jun. und wir giengen denselben Abend noch am Bord, und segel- ten mit einem frischen NW Winde davon. Es war ein aͤußerst angenehmer Anblick, den die in SW liegen- de Schneegebirge, und alle uͤbrige, groͤßtentheils mit Nadel- aus Sibirien. Nadelholz bewaldete Berge, die den Baikal begraͤnzen, bey hellem Mondschein darboten. Da bey unsrer Ueber- fahrt nach Possolskoi der Abstand von einem Ufer zum andern nur ohngefaͤhr 80 Werste betraͤgt, so wurde, in- dem wir fortruͤckten, die Scene oft veraͤndert. Bald tiefe Thaͤler, bald beinahe in senkrechter Linie abgeschnit- ne ungeheure hohe Felsenwaͤnde, die sich auch so steil, wie der Fuß des Gebirges uͤber dem Wasser, in die Tiefe des Sees hinabsenken; bald maͤchtige Geruͤlle ( Rossypi ) von Granit oder auch Schiefer, bald sehr angenehm ge- staltete, gruͤnbelaubte und abgetheilte Gebirgkoppen; uͤber uns den hell gestirnten Himmel, und um uns her eine sanftwallende See. Jch stand am vordern Ende des Galliots in tiefe Betrachtungen versenkt, und dachte an meine Freunde in Europa, zu denen ich meine best- gemeinten Wuͤnsche hinuͤber sandte. Ein naher Wasser- fall des Ufers stoͤrte meine Gedanken endlich, und ich legte mich nieder. ‒‒ Als ich des Morgens erwachte, war unser einmastiges Schiff in den kleinen, sandigen Hafen ( Prorwa ) vor Anker gegangen. Von diesem Ankerplatz geht eine, aus Sand und Rollsteinen beste- hende, und auf 3 Werste sich erstreckende Landzunge bis an das Gesandschaftskloster ( Possolskoi Monastyr ) wo aus dem dabey gelegnen Dorfe die Postpferde, zur weitern Fortbringung der Reisenden, herbeygeschaft wer- den. Der Name des Klosters ruͤhrt von einem, von den Buraͤten vormals hier erschlagnen, rußischen Ge- sandten, der nach China bestimmt war, her. Die sonst nach China gehenden Kaufmanns-Caravanen pflegten hier Sievers Briefe hier ihre Andachtsuͤbungen zu verrichten, und sodann ihre weitere Reise anzutreten. Jezt sind alle dergleichen Gesandschafts- und Handlungs-Caravanen aufgehoben; zwar nicht durch einen foͤrmlichen Vertrag, sondern weil die Krone keinen Vortheil dabey fand. Dahingegen wird, fuͤr die in Peking bestehende rußische Kirche, alle sieben Jahr zur Abwechslung ein Geistlicher, der den Rang als Archimandrit hat, mit zwey Kuͤstern, vier aus den Seminarien genommenen Zoͤglingen, und zwey klei- nen Knaben, nach Peking abgefertigt, welche leztere nachmals, als Translateurs angestellt und gebraucht wer- den. Zur Fortsetzung des Handels aber ist, seit dem Jahre 1727 durch die Unterhandlungen des Jllyrischen Grafen Sawa Wladislawitsch Ragusinskoi, der Ort Kjachta festgesezt worden, wo von Chinesischer Seite, nur 60 Faden von der rußischen Festung, der sogenannte Flecken Mai-matschin erbaut ist. Auf obgedachter sandigen Landzunge, und weiter- hin gegen Nordosten, an den verschiednen Muͤndungen des aus der chinesischen Mongoley herstroͤmenden Se- lenga, findet man Rollsteine von Porphyr, andre von blossem Quarz, andre von Varioliten, deren Kuͤtt thon- artig, zuweilen auch quarzig ist, noch andre von rothem schlechten Jaspis mit weissen Quarzadern, und endlich von Granit. Ferner ist der beinahe ganz reine schwarze Eisensand merkwuͤrdig, der begierig vom Magnet ange- zogen wird, und sich hin und wieder strichweise im Sand- ufer findet. Unter aus Sibirien. Unter den Gewaͤchsen fiel mir fuͤr dasmal nur, jenseits des Dorfs Possolskoi, eine aͤußerst schoͤne, auf den sumpfigen Wiesengruͤnden Fuß hoch und druͤber wach- sende, dunkelblaue große Jris auf, die zur Saftfarbe vortreflich seyn muͤßte. Die Beschreibung in Gmelins Flora Sibirica er ster Theil, S. 30. n. 28. paßt ziem- lich vollkommen dazu. Zum Gruͤnfaͤrben der Bratski- schen Corduane wuͤrde sie bessere Dienste leisten, als die dazu gewoͤhnlich angewendete Scutellaria, wovon Jaͤh- rig in den Schriften der oͤkonomischen Gesellschaft Nach- richt ertheilt hat. Je weiter ich in den Gegenden uͤber den Baikal hinaus fortruͤckte, desto verschiedner kamen mir alle na- tuͤrliche Gegenstaͤnde vor. Eine aͤußerst heitre Luft; gar kein stechendes Ungeziefer, das in andern Laͤndern den Reisenden so beschwerlich faͤllt; die Einwohner ein Gemisch aus Russen und Mongolen oder Karym, und wahre Mongolen; daher auch Verschiedenheit in Spra- che und Sitten. Das mir zur Wohnung dienende Land- haus liegt auf einer großen, mit Bergen umgebnen, kraͤuterreichen, laͤnglichtrunden Steppe, welche nach dem darinn fließenden Bach Jwolga ihren Namen hat. Hier sahe ich mich mit Mongolischen Wohnungen um- geben, theils beweglichen Filzjurten, theils festen, aus Holz gebauten, die gemeiniglich von Mongolen, welche sich bey rußischen Besitzern als Viehhirten vermiethen, bewohnt werden. Jch widmete hier einen ganzen Tag dazu. um die Lebensart meiner nomadischen Nachbarn beobachten zu koͤnnen. Jch begab mich in eine der be- B sten Sievers Briefe sten Jurten, ließ ein Schaaf schlachten, ließ Milchbran- tewein destilliren und nach ihrer Art Thee kochen. Diese Voͤlker schlachten das Vieh nicht wie wir, sondern indem einer das Thier auf einen Filz zur Erde wirft, und dar- auf kniet, so macht er ihm mit einem langen Messer in der Herzgrube, durch Haut und Zwerchfell einen Ein- schnitt, faͤhrt mit der Hand hinein, und reißt mit dem Finger die große Hohlader durch, worauf die aͤußere Wunde, um das Blut nicht auszulassen, mit dem Stiel des Messers zugehalten wird. Alles Blut sammlet sich nun in der Brusthoͤhle, und das Fleisch soll, nach dem Vor- geben der Mongolen, dadurch weit schmackhafter werden, welches ich auch selbst erfahren habe. Nachdem das Thier todt ist, welches sehr bald erfolgt, wird das Fell abgezo- gen, und darauf das Eingeweide ausgenommen, und dann das Gebluͤt mit den Haͤnden ausgeschoͤpft, in ei- nem besondern Geschirr gesammelt, mit etwas kalten Wassers zum rinnen gebracht, und als eine Ehrenspeise fuͤr Gaͤste, in dem Zwoͤlffingerdarm zur Wurst gemacht. Wenn nun das Fell abgezogen ist, so werden sogleich das Herz, die Nieren, Stuͤcken von Leber und Lungen, der Brustknochen mit der aufsitzenden fetten Haut, die Milch- druͤse, und dergleichen Kleinigkeiten mehr, an reinen, zugespitzten, duͤnnen und Ellenlangen Stoͤckerchen, so warm, wie sie vom geschlachteten Thier kommen, am Feuer gebraten, welches kaum zehn Minuten erfordert. Dieses macht die besten Leckerbissen aus, und wird nur unter die Vornehmern ausgetheilt. Auch mir schmeckten diese, aus dem Stegreif gebratnen Sachen außerordent- lich aus Sibirien. lich wohl. Alles uͤbrige Fleisch wird zerschnitten, und das ganze Schaaf in mehreren großen eisernen Grapen mit Wasser, ohne Salz abgekocht, und so, ohne Brod, mit groͤßtem Appetit verzehrt. Die Zerlegung des Schaafes wissen sie in der groͤßten Geschwindigkeit, und mit recht anatomischer Kunst zu bewerkstelligen. — Die Schaafe dieser Mongolen haben nicht die beste Wolle, haͤngende Ohren, rundlichglatte Fettschwaͤnze, von zwey bis zehn Pfund schwer, und ein voͤllig ausgewachsenes moͤchte wohl 80 Pfund wiegen. Umstaͤndliche Erwaͤhnung verdient der mongolische Thee, wovon auch die hier wohnende Russen außeror- dentliche Liebhaber sind. — Man verfertigt in China fabrikmaͤßig, aus den ganz zulezt abgenommenen Blaͤt- tern des Theebaums, die man welk werden laͤßt, durch Besprengen mit Blutwasser, und durchs Pressen, Ta- feln, die ohngefaͤhr die Laͤnge und Breite eines halben Bogens Schreibpapier haben, einen Zoll dick sind, und drey bis vier Pfund wiegen. Die Russen nennen es Ziegelthee. Von diesen sehr dichten und harten Tafeln werden ohngefaͤhr 10 bis 14 Quentchen abgekrazt, in einem hoͤlzernen Moͤrsel zerstampft, und nun etwan eine halbe Stunde, unter bestaͤndigem Schoͤpfen und Giessen (Samarchò) mit einer großen eisernen Kelle, in einem eisernen Grapen, mit etwan einem Eimer Wasser ge- kocht; waͤhrend des Siedens werden ohngefaͤhr zwey Quentchen, sogenanntes Gudschir, oder mineralisches Alkali von den Salzpfuͤtzen, welches zuweilen mit etwas Vitriolsaͤure geschwaͤngert ist, und oft auf großen Plaͤtzen B 2 finger- Sievers Briefe singerdick auswittert, darin aufgeloͤßt. Wenn diese Auf- loͤsung geschehen ist, so gießt die Wirthin, deren Ge- schaͤft das Theekochen jederzeit ist, das Koͤchsel durch ein Tuch in ein andres Gefaͤß, reinigt den Grapen, thut ohn- gefaͤhr ein Viertelpfund Butter, und Milch mit dem Rohm, nach Belieben hinein, und wenn die Butter zer- gangen ist, gießt sie das Theeextract wieder hinzu, und laͤßt es noch einige Minuten, unter bestaͤndigem Umruͤh- ren kochen, da es denn zum Trinken fertig ist, und das Ansehen einer mit Milch gekochten duͤnnen Chokolade hat. Alsdenn theilt die Wirthin dieses nahrhafte Ge- traͤnk, an welches sich auch die Russen durchgaͤngig ge- woͤhnt haben, in hoͤlzernen, lakirten, chinesischen Scha- len an die Anwesenden aus. Vornehme Kalmuͤcken und Mongolen haben einen eigentlichen Zai-tschi, oder Theekoch, und geben demselben noch wohl Gehuͤlfen zu, um diese langwierige Zubereitung fuͤr ihr Haus bestrei- ten zu koͤnnen. Denn je laͤnger dieser Thee gekocht und geruͤhrt wird, desto besser und wohlschmeckender soll er werden. Seitdem die Kinderblattern in diesen Gegenden mehr einheimisch geworden sind, gehoͤrt das hier be- schriebne Theegetraͤnke unter die schaͤdlichen Nahrungs- mittel; hauptsaͤchlich wegen des alkalischen Zusatzes. — Aus dieser Arsache hat der gelehrte Herr D. Friedrich Roͤslein, der die schaͤdlichen Folgen davon bey den Bu- raͤten hinlaͤnglich beobachtet hat, einen Befehl von der Regierung ausgewirkt, Kraft dessen der Gebrauch des mineralischen Alkali im Thee, so viel moͤglich abgerathen, und aus Sibirien. und dessen Schaͤdlichkeit eingeschaͤrft wird. Gedachter Herr D. Roͤslein ist bey dieser Vorsicht im Jnoculiren der Blattern so gluͤcklich gewesen, daß er von 400 Kin- dern nur zwey verlohr; da hingegen bey den Wund- aͤrzten Muͤlenburg und Schilling die Mortalitaͤt et- was groͤßer gewesen ist. Der Ueberfluß des mineralischen Laugensalzes ist auf allen Salzplaͤtzen der uͤber den Baikal gelegnen Ge- genden so groß, daß man die reinste Soda in groͤßter Menge und auf das wohlfeilste bereiten koͤnnte, wenn man, um das beygemischte Bittersalz vollkommen zu alcalisiren, und das fluͤchtige Alkali davon zu jagen, die- ses Erdsalz mit Kohlenstaub ausgluͤhte, und darnach das reine mineralische Laugensalz durch Krystallisation absonderte, wenn es vorher erst einigermaßen wieder mit fixer Luft gesaͤttigt wuͤrde; oder auch, da die Menge so groß ist, wenn man gleich, ohne vorhergohende Calcina- tion den eigentlichen alkalischen Theil anschießen liesse- So wie es izt ist, wird dieses Erdsalz, in der von Herrn Hofrath Laxmann an der Angara oberhalb Jrkuzk an- gelegten Talzinskischen Glashuͤtte mit gutem Erfolg zum Glasmachen gebraucht. Siehe die in diesem Theile eingeruͤckte, aus dem Rußischen uͤbersezte Schrift des Eigenthuͤmers, uͤber diesen Gegenstand. P. Nur hat man bemerken wollen, daß die daraus verfertigten Glasgeschirre, wenn sie einige Zeit an der Luft gestanden haben, gern zer- springen. B 3 Der Sievers Briefe Der bey den Mongolen und Buraͤten uͤbliche Milch- brantwein gehoͤrt, nach meiner und Andrer Meynung, vielmehr unter die gesunden Getraͤnke, obgleich er wohl nicht unter die wohlschmeckenden gerechnet werden kann. Dank sey es indessen meinem Freunde Lowitz, der die Dephlogistikation der angebrannten spirituoͤsen, uͤbel- schmeckenden Getraͤnke durch Kohlen erfand; denn durch dieses Mittel, wenn man auf eine Quantitaͤt Kohlen et- wan einen Eimer Milchbrantwein giesset, dieses Ge- misch, mit Zusatz von Kuͤmmelsaamen, Zitronen, Zim- met oder Pomeranzen einige Wochen unter oͤfterm Um- ruͤhren stehen laͤßt und hernach rectificirt, so erhaͤlt man ein Getraͤnk, dessen Ursprung auch der beste Brantwein- trinker nicht errathen wuͤrde. Wird aber der gemeine einmal abgezogne Milchbrantwein an einen warmen Ort zum Fortsaͤuern hingestellt, so wird ein starker Essig dar- aus; so wie dessen Erzeugung aus Molken in Pallas Reise III. Theil S. 618 erwaͤhnet worden ist. Die Mongolen, Kalmuͤcken, Buraͤten, Jakuten, Tungusen und Kirgisen, machen diesen Milchbrantwein theils aus Kuh- und Stutenmilch zugleich, da die Kuhmilch fuͤr sich allein zur geistigen Gaͤhrung ungeschickt ist, oder aber aus bloæer Stutenmilch. Der Geschmack ist in beiden Faͤllen fast gleich. Wenn sie eine Quantitaͤt dieser Milch in ledernen oder hoͤlzernen hohen Gesaͤßen gesammlet ha- ben, so lassen sie selbige, unter bestaͤndigem Schlagen mit einer an einem langen Stiel befestigten Scheibe, wie die in teutschen Butterfaͤssern, oder mit einem keulensoͤr- migen Stock, entweder fuͤr sich selbst in die saure Gaͤh- rung aus Sibirien. rung uͤbergehn, oder weil dieses zu lange waͤhrt, mit ei- nem Zusatz von schon vorraͤthigem sauern Laab oder sau- rer Milch geschwinder saͤuern. Jndessen ist auch dieses uͤberfluͤssig, da die zur Gaͤhrung bestimmte Gesaͤsse, nie- mals gereinigt werden und man die taͤglich 2 bis 5 mal gemolkene Milch immer wieder auf den alten sauren Satz aufgießt und also die Gaͤhrung ununterbrochen ihren Fortgang hat, so daß alle Morgen die Milch zur Brant- weinsdestillation fertig ist. Die Vorbereitung dazu hat der Ritter Pallas im ersten Theil seiner Reise auf der neunten Tafel, ingleichen seine mongolischen Nachrichten Pl. — — vollkommen richtig vorgestellt und beschrieben. Da mir alle dergleichen Sachen ganz neu waren, so koͤnnen Sie sich leicht vorstellen, daß mir der heutige Tag ungemein vergnuͤgt verstrich. Waͤhrend man mit Zubereitung der Mahlzeit be- schaͤftigt war, lief ich denn auch etwas in der Gegend herum, um mich nach den Schaͤtzen der Flora umzusehn. Hypecoum erectum, Glaux maritima und ein besondrer Leonurus, nebst der haͤufigen Agrostis arundinacea, machten sich besonders merkwuͤrdig. Die erste dieser Pflanzen wird itzt von den Landleuten haͤufig, auch zum Verkauf, gesammlet, seitdem man es in hiesigen Gegen- den als ein trefliches Bitter- und Arzneymittel wider Fieber und andre Krankheiten hat kennen gelernt. Letz- tere, welche die Mongolen Deressu, und die hiesigen Russen, mit dem sonst eigentlich fuͤr das Federgraß (Sti- pa peunata) gehoͤrigen Namen Kowuͤll, belegen, waͤchst in allen hiesigen Steppen in ungeheurer Menge und B 4 Groͤße. Sievers Briefe Groͤße. Wenn es bluͤht, so werden dessen schoͤne Aeh- ren zuweilen von Kameelen, Pferden, Ziegen, Kuͤhen und Schaafen gefressen, die auch dessen Wurzeln an ab- gestuͤrzten Ufern suchen. Das Graß selbst taugt zum Futter nicht, aber destomehr zum Festmachen des Trieb- sandes. Die Chineser machen ihre feingeflochtnen Som- merhuͤte daraus, die sie mit rothgefaͤrbten Quasten, aus Haaren der Tangutischen Buͤffel zieren. Jch bin u. s. w. Dritter Brief. Kiachta den 23. April 1791. Von der Chinesischen Graͤnze bekommen Sie nun die Fortsetzung meiner Reiseberichte, die nun wohl kuͤnf- tig etwas reicher an Bemerkungen seyn werden. Jch nahm Abschied von meinen Udinskischen Freunden und da ich nun einmal den Kopf mit Mongolischen Bemer- kungen angefuͤllt hatte, so wollte ich, um noch mehrere Bekanntschaft zu machen, nicht ganz den gewoͤhnlichen Postweg fahren, sondern gieng von Jwolginskoi Staniz nach dem nur 50 Werste entfernten Gaͤnsesee ( Gussino osero, mongolisch Kuͤlleng-Norr ) rechter Hand ab und nahm meine Wohnung so nahe, als moͤglich, bey mongolischen Tempeln. Robinia ferox, pygmaea et Charagana, Cymbaria daurica, Peganum daurica, Rubia cordifolia, sehr hoch wachsendes Linum perenne, Onos- ma simplicissimum und dergleichen schoͤne Arten mehr, waren die Zierde dieses Weges. Der Kuͤllengnorr hat sein aus Sibirien. sein Daseyn, weder einem Erdbeben, noch feuerspeien- den Bergen zu danken. Er ist erst vor etwan 40 Jah- ren, aus einer kleinen, unbedeutenden Pfuͤtze, durch ei- nen Einbruch des Kemnikflusses zu der itzigen Groͤße an- gewachsen, wodurch denn die hier herumwohnenden, rus- sischen Mongolen viel Weyde verlohren haben. Seine Gestalt ist laͤnglicht rund und sein itziger Umkreiß betraͤgt uͤber vierzig Werste. Zu dieser Groͤße aber ist er nur seit etwan drey Jahren angewachsen. An schoͤnen Fischen, besonders Hechten, Rappen (Salmo thymallus, Chari- us ) Sigi (Lavaretus) , Saͤlblingen (Salvelinus) , Bars- sen, Rothfedern (Cypr. Idus) und aͤhnlichen kleinen Ar- ten hat er einen Ueberfluß. Volkane oder von selbigen nachgebliebne Cratere, Laven, und dergl. findet man so wenig hier, wie in der ganzen bisher von mir durchreißten Gegend. Die den See umgebenden zum Theil mit Nadelholz bedeckte Ber- ge sind zu niedrig, dabey uralt. Granite mit und ohne Glimmer, Porphyre, Breccien, Quarz, sandartiger fe- ster Hornfels, Thonschieferschichten, Ocher und andre Anzeigen von Eisenerzt, so wie auch, wie man mir ver- sicherte von silberhaltigen Erzten, die sich aber bisher noch viel zu arm gezeigt haben, sind die vornehmsten Mineralien dieser Gegend. Besonders aber ist der stark phosphorescirende Flußspat merkwuͤrdig, der sich in einer Entfernung von etwan 15 bis 30 Wersten, am kleinen Fluß Ubukun, im Granit haͤufig findet, und wovon man oft die herrlichsten Krystallen von Ametystgruͤner und weisser Farbe antrifft; die zuweilen noch mit ihrer B 5 Mutter, Sievers Briefe Mutter, der Flußspaterde, bedeckt sind. Chalcedonar- tige Kiesel und eine Art Schmirgel werden naͤher am Selenga gefunden. Jch machte bald Bekanntschaft mit dem hiesigen vornehmsten Bandida-Lama, einem Greise von 88 Jahren, der mir seine Tempel zu besehen erlaubte. Es sind deren itzt neun, worunter der mittelste der groͤßte und schoͤnste, von zwey Stockwerk war. Sie sind in tybeti- schem Geschmack gebaut und der Goͤtzendienst den die La- men darin verrichten, ist eben so wenig der europaͤischen Andacht angemessen. Stellen Sie sich gegen hundert Priester vor, die in verschiednen Reihen gegen einander uͤber, alle roth gekleidet, mit untergeschlagnen Beinen sitzen, und theils mit monotonischen, tangutischen Lita- neygesaͤngen, theils mit dem Schlagen platter haͤngen- der Pauken oder Trommeln, theils mit schreienden Schal- meyen, theils mit donnernden, wenigstens acht Fuß lan- gen Posaunen, theils mit Janitscharen - Tellern und Gloͤckchen, theils endlich mit quaͤkenden Seetrompeten (Buccinum) ein fuͤrchterliches Concert machen. Zuwei- len singt nur ein Priester; dann loͤßt ihn ein andrer mit einem hergebrummten Gebet ab, und auf einmal faͤngt das vorige laͤrmende Concert wieder an. Fuͤr den Ober- priester ist oben an, wo der Altar steht, ein schoͤner ho- her Thron gemacht, worauf er sich nur bey besondern Fe- sten niederlaͤßt. Hinter diesem Thron ist der Altar, oder wenn ich so reden darf, das Allerheiligste, wo das Bild- niß des vornehmsten Goͤtzen, und neben demselben ge- mahlte Bilder und Vorstellungen andrer Goͤtzen stehen, die aus Sibirien. die auch rund herum, an allen Waͤnden des Tempels die Verzierung ausmachen; so wie zwey Reihen Saͤulen zwischen den Sitzen der Priesterreihen, dessen Mitte schmuͤcken. Auf dem Altar sind, vor dem Hauptgoͤtzen, als Opfer, messingene Schalen mit Roggen, Waizen, Reiß, Milchbrantwein und dergleichen, nebst Raͤucher- werk, aufgestellt. Zuweilen setzt man auch, in groͤßern Schalen, ein abgebruͤhtes Huhn, ein abgezognes Schaaf, oder ein gebratnes Stuͤck Fleisch vor den Goͤtzen. Die obere Etage dieses Tempels ist kleiner und einfacher, und enthaͤlt, außer gemahlten Bildern weiter keine Verzie- rung. Weibsleute duͤrfen in diese Tempel nicht kom- men. Sie verrichten ihre Andachten draussen auf einer umgebenden Gallerie; und diese Andacht besteht vorzuͤg- lich nur darin, daß sie beide Haͤnde vor der Stirn zu- sammenlegen, sich dann auf die Haͤnde zur Erde werfen, und mit der Stirn den Boden beruͤhren. Sie gehen dann auf dieser Gallerie rings um den Tempel, wieder- holen die Anbetung jedesmal bey der Thuͤr, und fahren damit so lange fort, als die Andacht nur aushalten will, oft bis auf den Abend; so lange nehmlich als die sechs großen Litaneyen waͤhren, deren Jnhalt uͤberhaupt eine Fuͤrbitte fuͤr das Wohl des ganzen Menschengeschlechts und fuͤr alle Ungluͤckliche, ohne Unterschied der Religion, seyn soll. Oben beschriebner Gottesdienst geschahe in dem mittelsten und vornehmsten Tempel. Als ich von selbigem zu der Wohnung des Lama zuruͤckkehren wollte, gieng er mir und meinen Begleitern, in einem langen, rothseidnen Talar, mit einem leichten runden, in Gold- firniß Sievers Briefe sirniß lakirten Hut auf dem Kopf, entgegen. Manche von den gemeinen Mongolen naͤherten sich ihm in einer gebuͤckten Stellung, die zusammengelegten Haͤnde vor der Stirn haltend, und empfiengen so seinen Segen, indem er sie mit einem zusammengebundnen, aus losen Blaͤttern bestehenden Buch auf den Kopf schlug. Alle Priester sind auf dem Kopfe rein abgeschoren: dieses und die rothe oder gelbe Kleidung unterscheidet sie von den weltlichen Mongolen welche zwar auch den Kopf scheeren, aber auf dem Wirbel einen Haarschopf ste- hen lassen, der, als eine lange Haarflechte auf dem Ruͤ- cken herunterhaͤngt. Auch Weibsleute widmen sich dem geistlichen Stand, die sich aber nur dadurch, in ihrer Kleidung, von andern unterscheiden, daß sie ein rothes Band schraͤg uͤber die linke Schulter tragen. — Wol- len Sie uͤbrigens einen genauen Begriff von der Lamai- schen Geistlichkeit, ihrer Goͤtzenlehre und Goͤtzendienst haben, so muͤssen Sie daruͤber die ausfuͤhrlichen Nach- richten des Hrn. Staatsrath Pallas, im zweyten Theil seiner Mongolischen Sammlungen lesen. Bey unserm alten Lama wurde ich, nach mongoli- scher Art, mit einem schoͤnen Mittagsmahl bewirthet. Zuerst wurde uns ein wohlbereiteter Trank von Ziegel- thee vorgesetzt; dann folgten einige Schalen doppelt ab- gezognen Milchbrantwein; und endlich wurde ein frisch geschlachtetes und an einem hoͤlzernen Spieß gebratnes Lamm aufgetragen. Nach der Mahlzeit wurde, statt des Coffees, saure Kuhmilch und darauf nochmals Zie- gelthee ausgetheilt. Dieser Lama, so wie noch mehrere der aus Sibirien. der Reicheren, wohnen in ordentlichen, nach russischer Art gebauten hoͤlzernen Haͤusern. Dennoch hat er dar- neben mehrere schoͤne Filzjurten, die er von einem Ort zum andern bringen laͤßt, wenn er seine zahlreiche Heer- den besuchen, ein Wettrennen ansehn, oder sich auf an- dre Art ergoͤtzen will. Beym Abschiede begleitete er mich in einer Europaͤischen Cariole, die vielleicht schon vor 60 Jahren verfertigt seyn mochte, doch aber auf den Leisten vergoldet war. Fuͤr alle mir erwiesene Hoͤflichkeiten machte ich ihm einige wenig bedeutenden Geschenke, um mich der asiatischen Gewohnheit zu fuͤgen. Am 23sten Junius erreichte ich die 25 Werste vom Gaͤnsesee entfernte Stadt Selenginsk, welche kleiner und schlechter bebaut ist, wie Udinsk, und oͤftere Feuer- schaͤden erlitten hat. Dennoch hat sie eine schoͤne stei- nerne und zwey hoͤlzerne Kirchen, und ein steinernes, ge- raͤumiges Kaufhaus. — Ehemals war hier die Graͤnz- kanzley, wo alle zwischen Rußland und China vorfallende Graͤnzgeschaͤfte betrieben wurden. Jtzt geschieht dieses in dem 88 Werste weiter Suͤdostwaͤrts gelegnen Ki- achta. So ist auch itzt der neun Werste von Selen- ginsk, beym Einfall des Tschikoi in den Selenga gelegne Handelsflecken, von wo sonst die Carawanen nach Pe- king abgefertigt wurden, und große Waarenlager, nebst Zollhaus und andern Kronsgebaͤuden sich befanden, voͤl- lig in Verfall gerathen. Die Carawanen sind, wie ge- sagt, aufgehoben, und alles Uebrige, den Chinesischen Handel und die Graͤnzangelegenheiten betreffend, befin- det Sievers Briefe det sich nun in Kiachta, wo ein Generalmajor das Ober- kommando hat. Die Gegend um Selenginsk und bis nach Kiachta ist reich an seltnen Pflanzen. Unter die gemeinsten ge- hoͤren: Polygonum frutescens, Glycyrrhiza hirsuta, Ephedra polygonoides, Statice speciosa und flexuosa, Lycopodium sanguinolentum, Rhamnus Erythroxy- lon, Ulmus pumila; Astragalus melilotoides, verticil- laris; Phaca sibirica, lanata, oxyphylla; Hedysarum sruticosum, Potentilla nivea, Valeriana sibirica und ru- pestris; Veronica incana, Arabis pendula, Amygdalus pedunculata, Peganum daurica u. dergl. Die Ein- wohner beschaͤftigen sich mit dem Anbau der Nicotiana rustica, welcher hier eintraͤglich ist. Endlich langte ich, den 26. Junius, in Troizka- ja oder Troizko-Sawskaja Krepost, als dem Ort meiner Bestimmung, gesund an, und endigte hier fuͤrs erste meine Reise. Da ich vor der Hand noch eigentlich keine Geschaͤfte hatte, weil einige Personen unsrer Expe- dition Krankheits halber noch unterwegs waren, so wen- dete ich meine Musse zu botanischen Excursionen an, die sich freylich nicht viel uͤber 50 Werste vom Ort erstreck- ten, aber doch alle sehr reichlich belohnt wurden. Be- sonders war der drey Werste lange Weg, von unsrer Fe- stung bis nach Kiachta und laͤngst dem Fluͤßchen des Na- mens, sehr ergiebig. Der laimigt sandige Boden da- selbst bringt Rheum undulatum, Ballote lanata, Ribes diacantha, Thalictrum stamineum, Cannabis erratica, Oroban- aus Sibirien. Orobanche major, Sibbaldia erecta, Myosotis rupestris, eine schoͤne wilde Rose, und verschiedne merkwuͤrdige Astragalos, Crataegus sanguinea, Sophora lupinoides, Nepeta lavandulacea, und die meisten der vorhin ge- nannten Pflanzen hervor. — Der Bach Kjachta, ei- gentlich auf mongolisch Kjaͤktu, hat seinen Namen von den vielen daherum wachsenden Quecken (Triticum re- pens) dessen Mongolischer Name Kjaͤk ist. Das Bette dieses Bachs wird im Winter allmaͤhlig mit dickem Eiß belegt, weil oͤfters in diesem Bette ploͤtzlich Quellen durchbrechen, Ueberschwemmungen im Mittag veranlas- sen, und durch das uͤbernachts wieder gefrierende Was- ser die Eißmasse sehr vermehren. Dadurch entsteht im Winter auf diesem Bach eine treffliche Schlittenbahn, von Troizkaja Krepost bis Kjachta. Der Bach entspringt uͤbrigens drey Werste nordwestlich von ersterer Festung, aus einem engen, angenehmen Thal, das durch gelbli- che Granitsandhuͤgel, die von Suͤden gegen NW. zu N. laufen, begraͤnzt wird und solcher Huͤgel giebt es zwi- schen gedachter Festung und Kjachta mehrere. Das Thal erweitert sich gegen Suͤden mehr und mehr, und wird etwan 50 Werste von der Graͤnze, durch das aus SW. nach Osten streichende Gebuͤrge Dullan-Charà abgeschnitten. Die Merkwuͤrdigkeiten aus dem Mineralreiche, welche man aus dem bis hieher durchreißten und beson- ders aus dem hohen Gebirge am Baikal kennt, sind ohn- gefaͤhr folgende: Schoͤne Sievers Briefe Schoͤne Bergkristallen in glimmrigtem Granit. Ungeheuer große Rauchtopasen oder schwaͤrzliche Bergkristallen, wovon ich vier Stuͤck gesehen habe, deren eines 20 Pud, die andern 16, 14 und 8 Pud wogen. Rothe unreine Granaten in Granit, mit Quarz, Feldspat, und gefiederten Feldspat. Granatsand am Baikal. Weisse Granit -Bloͤcke mit Eisenblende, die zu Tage ausstreichen. Granit aus Feldspat und Hornblende, oder mit lan- gen Schoͤrlflecken statt des Glimmers. Blaͤttrige Molybdena in Quarz. Flußspat von grauer, gruͤnlicher, violetter und roͤth- licher Farbe untereinander geflossen; am Ubukun. Schlechte Porphyre. Strahliger Zeolit. Kubisch, wie Schweinszaͤhne krystallisirter Kalkspat, von Botai. Allerley Jaspisarten. Rosenrother Quarz. Rosenrother Spat mit Schoͤrl truͤmmern. Blendend weisser Spat. Eine Art Schmirgel unterhalb Selenginsk. Glimmer oder Frauenglaß in großen Tafeln. Lapis Lazuli, beide vom Kultuk des Baikals; von letzterm aber sind bisher nur Geschiebe, und selten recht blaue, gefunden worden. Glimmer in einer Talkmutter. Reiner aus Sibirien. Reiner weisser Talk. Blauer Kalkspat. Prismatischer Schoͤrls pat. Eine Art Jade die gruͤnlich, halb durchsichtig ist, in Rollsteinen. Hin und wieder Thon gruben, die oͤfters talkoͤs sind. Blendend weisser Marmor und verschiedne Brec- cien. An schrecklichen Donnerwettern und heftigen Re- genguͤssen fehlt es hier auch nicht. Der 28ste Junius gab Morgens zwischen vier und fuͤnf Uhr einen Beweiß davon, dergleichen ich selten gehoͤrt habe. Der Blitz schlug in den hoͤlzernen Kirchthurm und warf einige Bretter herunter, wobey es diesmal blieb. Da Kiach- ta und Troizkaja Krepost in einem langen Thale liegen, welches nur vier Winde, N. NO. NW. und SO. be- streichen, so macht der sonst ganz unbedeutende Kjachta- bach, durch das von vielen Seiten, bey starken Regen- guͤssen von den Bergen herabstuͤrzende Wasser ange- schwellt, oͤfters viel Laͤrm und unterwuͤhlt ganze Huͤgel, um desto leichter, da der Boden groͤßtentheils aus Sand mit eisenhaltigem Thon besteht. Jm ganzen Sibirien, vorzuͤglich aber hier, will es mit der Obstzucht nicht fort, und alle Versuche sind bisher noch mißgelungen, ich muͤßte denn einige kleine bluͤhende Kirschen-, Pfirsichen- und Aepfelbaͤumchen ausnehmen, die ich zu Jrkuzk in dem Treibhause des Herrn Hofrath Laxmann sah und welche hoffentlich mit der Zeit auch Fruͤchte bringen werden. Man koͤnnte C sich Sievers Briefe sich um desto mehr uͤber die mißlungene Versuche der Baumzucht wundern, da eines Theils die Natur schon durch die hier haͤufig am Gebirge wild wachsende Pyrus baccata, Prunus sibirica und Padus, Amygdalus nana und pedunculata, den Weg zu bahnen scheint. Auch in Absicht der Polhoͤhe waͤre wohl so wenig, wie von Kaͤlte die doch oft bis 320 steigt, oder Schnee Hinderniß zu be- fuͤrchten. Aber die außerordentlich hohe Lage des hiesi- gen Landes, der mit haͤufigem Alcali minerali vitriolato geschwaͤngerte Boden und die unvermutheten starken Nachtfroͤste im Maymonat, die sich eben beym Aufgang der Sonne um zwey bis drey Grad gemeiniglich verstaͤr- ken, wenn die Tageshitze schon ziemlich groß ist, werden wohl auf immer den Sibirischen Gaͤrten jene goͤttliche Fruͤchte versagen, womit so viele europaͤische geschmuͤckt sind. Selbst die Luft scheint der Goͤttin Pomona hier nicht zu behagen: Sie ist vielleicht zu duͤnn und zu rein Wenn die hohe Lage in Betrachtung gezogen wird, so moͤchte die Luft hier vielmehr zu phlogistisch zu nenuen seyn. P. ; und sollte man hier Eudiometrische Versuche an- stellen, so moͤchte sich in der hiesigen Atmosphaͤre viel- leicht ein großer Antheil dephlogistisirter Luft entdecken lassen; um so mehr, da die ungeheure Menge Nadelhoͤl- zer, wie man weiß, eben diese Luftart haͤufig aushau- chen. Die hohe Lage des Landes wird wohl nicht voͤllig so zu schaͤtzen seyn, wie sie in der Vorrede zu Gmelins Flora sibirica angenommen ist, wo bey Kiachta statt 2400 aus Sibirien. 2400 Faden, wohl nur Fuß verstanden werden muͤssen; dennoch erhellet aus dem hoͤchsten (26′ 3″ 9‴) und nie- drigsten (25′ 7″ 2‴) Barometerstande, daß sie nicht unbetraͤchtlich sey. Hiezu kommt noch, daß der Schnee nur in den Thaͤlern und Flußbetten zusammengewehet wird, die Hoͤhen und schreffen Berge aber uͤber Winters so kahl und ungeschuͤtzt laͤßt, daß das Vieh die trocknen Kraͤuter ungehindert abweiden kann. Gartengewaͤchse von mancherley Gattung, beson- ders weisser Kopfkohl, hin und wieder Kartoffeln, weisse runde Ruͤben, Senf, Meerrettig, verschiedne Zwiebel- arten, auch wohl Buchwaizen, gedeihen hier gut genug, erreichen aber nicht denjenigen Grad der Schoͤnheit, den diese Gemuͤse in England und Teutschland haben. Viel Melonen und Arbusen werden im Dorf U st- Kjachta, 18 Werste von Kjachta gebaut, werden zwar selten uͤber fuͤnf Pfund schwer, sind aber von ziemlich gutem Ge- schmack. Eben so gedeihen auch gelbe Wurzeln, kleine tuͤrkische Bohnen, Gurken und Kuͤrbiß. Linsen und Flachs haben die Polnischen Colonisten versucht; aber erstere sind gar nicht, letzterer aber nur kurz gewachsen. Dahingegen kommt dieser am Chilok bey dem Dorf Akinskaja, recht gut fort. Mit dem Mays habe ich hier einen Versuch gemacht, wobey ich die keimenden Samen nur im Anfang begoß, nachher aber ganz der Natur uͤberließ, und dennoch, der Duͤrre ohngeachtet, im Augustmonat eine zweyhundertfaͤltige Erndte hatte. C 2 Jn Sievers Briefe Jn Kjachta ist beym Gartenbau noch diese Unbe- quemlichkeit, daß der, durch die heftigen Fruͤhlingswin- de, bestaͤndig in der Luft herumgefuͤhrte Sand die jungen. Pflanzen fast erstickt. Der Kornbau und Heuschlag sind um desto ergie- biger Nur selten trift es sich, daß einmal zur Zeit der Bluͤthe des Korns ein unzeitiger Nachtfrost einigen merk- lichen Mißwachs verursacht. Die Bauern sind hier auch groͤßtentheils wohlhabend, um so mehr, da sie alle zu- gleich Wildschuͤtzen sind und sich durch die Jagd viel ver- dienen koͤnnen. Auch ihre Viehzucht ist eintraͤglich, und die Weide giebt in der ganzen Gegend jenseit des Bai- kals sehr wohlschmeckendes Fleisch und Milch; nur ge- ben die Kuͤhe hier kaum den dritten Theil so viel, als in europaͤischen Laͤndern. Die Wolle der hiesigen Schaafe, ingleichen Kameel- und Ziegenwolle, wird in der bey Jrkuzk befindlichen Tuchfabrik zu Soldatentuch verar- beitet. Ein sehr gluͤckliches Leben fuͤhren hier in der Ein- samkeit, hin und wieder, abgedankte Officiere, einzelne Kaufleute oder auch beguͤterte Bauern, welche sogenannte Saimky bewohnen. Ein solcher waͤhlt sich einen be- quemen Ort aus, wo sich angenehme Gefilde, schoͤne Aussichten, reizende Gebirge, die besten Weyden und Heuschlaͤge, auch wohl Bequemlichkeit zur Fischerer, oder ein Fluͤßchen zum Muͤhlenbau beysammen befinden. Hier baut er sich einige Haͤuser, Magazine, Staͤlle, u. s. w. lebt fuͤr sich, wird reich, oder wenigstens wohlhabend und der Ort wird nach seinem Namen genannt und oft die aus Sibirien. die Grundlage zu nachmaligen großen Doͤrfern. Den umherwohnenden aͤrmern Bauern und Jaͤgern schießen solche Leute auch wohl auf ihre Erndte oder das kuͤnftig zu erjagende Rauchwerk Geld vor, und gewinnen dabey oft 30 pro Cent. Ein Hausvater der hier so eingerich- tet ist und dabey von 500 bis 3000 Rubel baar Geld hat, heißt hier schon sehr reich. Da itzt oͤftere Couriere zwischen Peking und Jrkuzk gehen, so ist Hoffnung, daß der Handel mit den Chine- sern, der itzt (1791) schon seit sechs Jahren geschlossen war, bald wieder in Gang kommen wird. Die Mon- golischen Staatsboten sind gemeiniglich aus der 805 Werste von Jrkuzk, in der Mongoley gelegnen Oergoͤ, oder dem Hoflager des Kutuchta (Mongolischen Pab- stes) wo die Mongolischen Fuͤrsten, bey dem Chinesischen Oberbefehlshaber sich aufhalten, abgefertigt und gehn dahin auch zuruͤck. Die aus Petersburg einzuholende Antworten werden dagegen durch Russische Boten nach der Oergoͤ abgefertigt. — Vierter Brief . d. 8. Jun. 1791. Warme Quellen im hohen Scheidegebirge Jablonnoi Chrebet. Sehr oft mache ich große Spruͤnge: hier haben Sie einen Beweiß davon. Von Kiachta erhielten Sie den 3ten Brief und diesen 450 Werst weiter aus einer C 3 unge- Sievers Briefe ungeheuren Wildniß. Sie werden sich vielleicht wun- dern daß ich zur Verfertigung des vorigen Briefes gan- zer zehn Monathe noͤthig hatte; ein schoͤner Schreiber! hoͤre ich Sie rufen; in diesem verflossenen Zeitraum tra- fen indessen Umstaͤnde zusammen die wohl nicht verhin- dern konnten an meine Freunde zu denken, aber nicht er- laubten an sie zu schreiben. Jndessen hat jene große Ruhe von 10 Monaten mich in den Stand gesetzt, je- nen großen Sprung zu wagen. Da nun gegenwaͤrtiger Brief und vielleicht noch 2 folgende eine muͤhsame Reise zum Grunde hat, so sehe ich keinen andern Ausweg als Jhnen fuͤr diesmal mit meinem Tageregister aufzuwar- ten; und damit es Jhnen nicht zu trocken zu lesen sey, so werde ich, um dasselbe abzukuͤrzen, oft die Begebenhei- ten verschiedener Tage zusammenziehn. Jn jenen hohen Gebirgen waͤchst eine große Menge vom Rheum sibiri- cum Pall dessen Wurzeln wir untersuchen, hernach da- von Saamen sammlen und selbe in Plantagen an beque- mern Oertern zu veredeln suchen sollten, wie ich von die- sem Vorsatz schon etwas im ersten Briefe erwaͤhnt habe. Zu diesem Endzweck nun wurden von denen zu unsrer Expedition gehoͤrigen Kasaken und Soldaten mir 20 Mann nebst den noͤthigen Pferden zugetheilt, die ich un- ter gehoͤriger Aufsicht vorausschickte, um mit mehrerer Freyheit Materialien zu gegenwaͤrtigen Aussaͤtzen samm- len zu koͤnnen. Jch verließ demnach die Troitzki sche Festung den 26sten April 1791 und setzte meinen Weg laͤngst der chinesischen Graͤnze bald naͤher bald entfernter davon gegen NO. zu O. fort. Acht Werste von Kiachta jenseit aus Sibirien. jenseit des ziemlich hohen Adlergebirges ( Burgultei ) fand ich den seltenen Amygdalus pedunculata Pall. sein Holz nimmt die Politur vortreflich an, der Stamm ist aber zu duͤnn und gewunden. Bey der ersten Graͤnz- wacht Kirau (20 Werst) waren mir zwey Salzseen merkwuͤrdig, die zwar einen großen Ueberschuß vom mi- neralischem Laugensalz haben, aber doch zur Anlegung einer Kuͤchensalzsiederey nicht untauglich waͤren, wenn nemlich das Schoͤpfen und Sieden im Winter unternom- men wuͤrde Jch fand 3 Jahre nachhero im Aprilmonate keine Spur mehr von irgend einem Mittelsalz, mehr wie 600 Pud mineralischen Alcali haͤtte ich hier zusam- menschaufeln koͤnneu. , und vielleicht waͤre es auch nicht schwer bey derselben Arbeit, durch die bey der Kaͤlte leichtere Scheidung, sogleich ansehnliche Vorraͤthe vom reinen Alcali minerale zu schaffen. Denn nach dem Geschmack zu urtheilen so war die Quantitaͤt vom Glaubersalz aͤus- serst wenig, nirgends bemerkte ich Kristallen; desto haͤu- figer aber war der weißgraue oͤfters zolldicke Salzaus- schlag um den See herum und der See ist in trocknen Sommern davon ganz weiß. Von diesem sammelte ich zwoͤlf Unzen, nahm es mit mir nach der 25 Werst wei- ter entfernten Festung Kudara, wo ich den 27. April an- langte, und loͤßte selbes in meinem Quartier in 3 Pfund Wasser auf, filtrirte es, rauchte es ab und erhielt drey Unzen ganz reine weisse Kristallen. Bey der zweyten Kristallisation vier Unzen unreinere und zuletzt noch an- C 4 dert- Sievers Briefe derthalb Unzen kleine schmutzige Kristallen; der Rest (vierthalb Unzen) war mit feinem Flußsand vermischte Thonerde. Die Gestalt der Kristallen, Geschmack, star- kes Aufbrausen mit Eßig und baldiges Zerfallen an der Luft zu einem weissen Staub verriethen hier, daß der groͤß- te Theil meines Salzes Alcali minerale sey. Das darin seyende wenige Mittelsalz war Glaubersalz und et- was Kuͤchensalz, beydes zusammengenommen etwa zwey Drachmen in der ganzen Menge. Bey der Saͤt- tigung mit Eßig im Aufbrausen stieg ganz merklich ein fluͤchtiges Alcali auf. Siehe uͤbrigens Pall. Reise III. S. 267. Die Anlagen zu einer Kuͤchensalzsiederey sind hier schon lange aus Mangel an Salz verlassen. Jch vermuthe aber beynahe daß dieser Reichthum von mine- ralischem Alcali hier nicht immer derselbe ist; denn Herr Staatsrath Pallas sah im J. 73 hier viele Glaubersalz- kristallen, die ich hingegen gar nirgends bemerkte. Hier- an kann vielleicht die jetzt durch Regen- und Schneewas- ser verduͤnntere Lauge Schuld seyn. Von der Festung Kudara, die mit 2 hoͤlzernen Kirchen und einer Vorstadt versehen ist und in einer aͤus- serst angenehmen Gegend, eine Werst vom Tschikoi ent- fernt, am Fuß des Mogoi, eines hohen grauen gemei- nen Granitfelsen, liegt, setzte ich meinen Weg uͤber das aus 4 Bauerwohnungen bestehende Dorf Grudinina (45 Werst), dann durch das groͤßere Dorf Klein- Ku- dara (5 Werst), sodann uͤber ein ansehnliches Gebirge Urluz- aus Sibirien. ( Urluzkoi Chrebet Der Name Chrebet bedeutet in der rußischen Spra- che einen hohen Gebirgruͤcken von der ersten Art, aber noch keine kahle Alpen oder Gletscher die Golzy heissen. nach dem in einer fruchtbaren großen Ebene großen und sehr angenehm situirten Kirch- dorf Urluck (25 Werst) fort, welches von polnischen und kleinrußischen Bauern seit 30 Jahren bewohnt wird, von denen man sagen kann, daß durch sie Ackerbau und Gartenfruͤchte hieher gekommen sind. Denn vor jhrer Ankunft lebten sogar die hier gebohrnen Russen fast no- madisch, nur mit dem Unterschied, daß sie in Doͤrfern und feststehenden Haͤusern wohnten. Da ihnen aber durch der Pohlen Fleiß der große Nutzen des Kornbaues in die Augen leuchtete, so fiengen nicht allein sie an den- selben zu treiben, sondern sogar auch die wirklichen No- maden, ich meyne die Mongolen, unter denen sie wohnen, wurden zum Theil dazu ermuntert. Bey alle dem aber sind die hier gebohrnen Russen und die getauften Mon- golen dennoch ein aͤußerst traͤges, nachlaͤßiges, hinterli- stiges Volk. Die Pohlen aber grade das Gegentheil, vielleicht arten aber auch diese mit der Zeit aus. Da sie keine Schulen in ihren Doͤrfern haben, so waͤhlen sie ei- nen alten Mann aus ihrem Mittel der zu harter Arbeit nicht mehr Kraͤfte hat. Dieser unterrichtet die Dorfju- gend im Lesen, Schreiben und Religion. — Ein Beweiß der Faulheit der alten Einwohner sind die elenden Pferde und die waͤhrend dem Winter ohne C 5 Milch Sievers Briefe Milch seyende Kuͤhe. Denn gewoͤhnlich muͤssen diese Thiere ihr Futter auf der Steppe unter dem Schnee her- vorkratzen; und obschon der Schnee in den hiesigen Steppen niemals hoch liegt und vom vorigen Jahr tro- ckenes unabgemaͤhetes Graß genug uͤbrig bleibt, so kann doch hierin wenig oder gar keine Nahrung seyn. Ueber- dem haben die hiesigen Kuͤhe gewoͤhnlich mit den Hun- den ihr Nachtlager auf der Straße, welches aber jetzt schon fast allenthalben hier zur Gewohnheit geworden ist. Das Kirchdorf hat seinen Namen von dem 2 Muͤh- len treibenden Fluͤßchen Urluck. Eine botanische Excur- sion brachte, der noch fruͤhen Jahrszeit wegen, nur we- nig ein. Androsace villosa und ein Astragalus — wa- ren meine ganze Beute. Freylich scheint der \nicefrac {8}{19} te May nicht fruͤh mehr, aber, wie schon vorhin erwaͤhnt wor- den ist, die Lage des Landes und der alcalisch salzige Bo- den, verbieten den Pflanzen das fruͤhere Hervorkom- men, es seyen denn etwa fruͤhzeitige Landeskinder. Ue- berdem so sind die engen Thaͤler noch in dieser Zeit voll Schnee, der, wenn der Wind uͤber sie hinstreicht, die Luft sehr kalt macht. Jch verließ Urluck den 9ten May und gelangte uͤber die Doͤrfer Kljutschefskaja (19 Werst) im hohen Ge- birge Sawitschi (7 Werst) am Tschikoi beyde mit klein- rußischen Einwohnern besetzt Karuͤm (12 Werst) uͤber einen andern Gebirgruͤcken, Ossinoi genannt, nach dem kleinen Dorfe Jtitei 15 Werst in dem Kirchdorf Slo- boda) Baichar (7 Werst), am Tschikoi, den 12. May an. Hier wohnen Sibiriaken oder sibirische Nussen. — Stellen aus Sibirien. Stellen Sie sich vor, noch trieb der Tschikoi mit Eiß, (Schuga) viele Bergspitzen sind noch mit Schnee bedeckt und sumpfige Wiesen sind noch nicht tiefer, als etwa 6 Zoll, aufgethauet, dies ruͤhrt aber von der je hoͤher je mehr zunehmenden Enge des Thales, in dem der Tschikoi fließt, und der zunehmenden Hoͤhe der zu beyden Seiten hinlaufenden Bergkette her. Von Urluck bis hieher zeigte sich schon viele Rha- barber und Stellera Chama ejasme. Am 14. May gieng ich weiter uͤber das Gebirge Baichara, nach dem pol- nischen Dorfe Kotschona oder Archangelskoi Selo (17 Werst). Jch botanisirte auf den am Tschikoi liegenden Schiefer- und Porphyrgebirgen, und machte eine reiche Beute von Cryptogamisten. Jn einer Felsenritze traf ich noch im Winterschlaf eine Fledermauß so fest an den Felsen angeklammert, daß ich sie mit einiger Muͤhe her- abnehmen konnte, nur hieng sie nicht sondern saß mit dem Kopf aufwaͤrts, und lebte in der warmen Hand bald auf. Vor meiner Abreise nach dem mit Sibiriaͤken besetzten Dorfe Korotkowskoi ( Werst) fiel etwas Schnee. Jch paßirte unterweges noch die Doͤrfer Krasnojarskoi und Podsosninskoi Jn Korotkofskoi erwartete ich mein Comman- do; denn nun naͤherte ich mich den eigentlichen Alpen, wo kein Fuhrwerk mehr gebraucht werden kann und da dieses das letzte große Dorf war, so ließ ich auf einige Monate die noͤthigen Zwiebacke aus Rockenmehl backen, welches einige Zeit wegnahm, die ich dann zum Kraͤu- tersuchen anwandte. Jch besuchte die hiesigen Wiesen und Sievers Briefe und die hohen Gebirge die alle dick mit Nadelhoͤlzern besetzt sind und zuͤrnte wieder mit dem Schnee in den Thaͤlern Hier fand ich nun freylich außer Cryptogami- sten, worunter besonders das schoͤne Polypodium fra- grans, das mir oͤfters meinen Thee, der nicht der beßte war, verbessern mußte, nichts Merkwuͤrdigers, wie Gentiana aquatica, Lycopodium rupestre, einige vorig- jaͤhrige Stengel von der Monotropa Hypopitys, wel- ches seinen schoͤnen Geruch noch bis jetzt erhalten hatte, Berberis sibirica, und eine ungeheure Menge von dem in voller Bluͤthe stehenden Rhododendro daurico; ver- weilte jedoch hiebey uͤber eine halbe Stunde, und ergoͤtzte mich an dem unbeschreiblich schoͤnen Anblick, den hier Quadrillionenweise auf ein bis drey Ellen hohen Baͤum- chens, unter hohen Fichten (Pinus Sylvestris) geoͤffnete Purpurrothe Blumen gewaͤhrten. Auch fuͤr die Nase war gesorgt, denn die Atmosphaͤre duftete wie von Tube- rosen oder Narcissen. Auf den schoͤnen Wiesen bluͤhten Viola pinnata und primulaefolia, Ornithogalum mini- mum, Androsace septemtrionalis, Primula farinosa, Anemone patens, Pulsatilla und pratensis, Iris verna Die Kuͤhe fressen zur Blutreinigung die A. patens, die Schaafe hingegen die Pulsatilla. . Gegen Abend kam ich nach meinem Standquartier, wor- auf es dann auch ganz lustig zu schneyen anfieng und die halbe Nacht anhielt. Ehe ich dieses Dorf verlasse, in welchem ich an den Beinen von drey Bauren recht schlimm aussehende inflammirte eiternde Wunden sah, die der Gordius filiformis oder aquaticus gemacht hatte, wider welchen aus Sibirien. welchen die Einwohuer kein Mittel kenuen, muß ich noch einer besonderen Brannteweins Destillirerey erwaͤhnen, die bey den hiesigen Bauern gaͤnge und gebe ist und wo- durch sie Gelegenheit erhalten sich an hohen Festtagen eben so lustig zu machen, wie die Rheinbewohner an ih- rem schoͤnen Wein. Ein Weib gießet auf ein Pud Ro- ckenmehl die gehoͤrige Menge heiß Wasser, setzet diesem zum Gaͤhren das dicke Nachbleibsel vom Bierkochen und etwas Hopfen zu und laͤßt das Ganze nun gaͤhren, wel- ches binnen 24 Stunden beendiget ist. Nun wird hie- von ein großer eiserner Grapen angefuͤllt, ein hoͤlzerner, weiter 2 Fuß hoher oben engerer Cylinder mit Teig dar- auf gekleistert, auf diesen ein mit kaltem Wasser angefuͤlle- ter Kessel, anstatt Refrigeratorium, gleichfalls verschmiert und angefeuert. Ueber den Rand des eisernen Grapens ist in dem hoͤlzernen Cylinder eine offne Roͤhre angebracht, wodurch nun der Geist in eine untergesetzte Schale ab- laͤuft. Das Wasser im Refrigeratorio wird oft mit kal- tem verwechselt. Hieraus erhaͤlt der Bauer nun einige Quartiere Getraͤnk, welches frisch verzehrt wird, wobey es dann an weisen Gespraͤchen nicht fehlt. Den 30. May konnte ich dann meinen Weg wei- ter fortsetzen. Vier Werste weiter von Korotkofskoi uͤbernachtete ich in einem Doͤrfchen, Bolschakowa, und kehrte bey dem Erbauer desselben gleiches Namens, ei- nem Mann von 100 Jahren ein. Dieser war einer von vorhin erwaͤhnten reichen Einsiedlern. Ohnerachtet sei- nes hohen Alters war er doch noch voller Kraͤfte, rasch und munter. Einen Ritt von 30 bis 40 Werst verrichtete er Sievers Briefe er ohne alle Beschwerden. Der so eben erwaͤhnte selbst gemachte Bauernbranntewein gab mir hier auch einen Beweiß seiner Wunderkraͤfte. Meines Wirths Frau, nicht viel juͤnger wie der Mann, hatte anhaltendes Bauchgrimmen seit einigen Stunden; der Alte, um ihr zu helfen, reichte ihr einen großen zinnernen Pokal mit seinem Hausbranntewein, dessen sie sich lange weigerte. Jndessen durch das zuckersuͤße Zureden des Mannes am Ende uͤberfuͤhrt, nahm und leerete sie ihn aus, bekam noch heftigeres Grimmen, und wurde in einer halben Stunde gesund. Der edle Branntewein, entweder fuͤr sich selbst, oder mit irgend einer Artemisia, Pyrola uni- flora, oder Gentiana campestris angesezt, ist in diesen Gegenden eine Universalarzney. Mit Schnee, Schlos- sen, Schlackwetter und Sturm waren nach dem Ab- schiede von meinem guten Wirth Bolschakof, meine Begleiter bis nach dem 26 Werste weiter hin gelegenen nicht großen Dorfe Sacharewsky gekommen. Hier ließ ich alle Bagage und den Proviant auf Packpferde bin- den, und so paßirten wir in einem schoͤnen Wege von 8 Wersten noch 2 Einsiedlerdoͤrfchen Tschuwaschewa und Borochoi, floͤßten bey Obidaewa Simowie uͤber den Tschikoifluß unsre Sachen, und nahmen beym Ein- zuge in die Bergwuͤste bey einigen mongolischen Jurten auf einige Monate Abschied von allen menschlichen Woh- nungen. Allenthalben hat der Schoͤpfer fuͤr die Men- schen gesorgt, durch die hier haͤufig wachsenden Laͤrichen (Pin. Larix.) wurden wir in den Stand gesezt in einer halben Stunde 4 Huͤtten ( Ballagani ) zu bauen. Jn- dem aus Sibirien. dem einige von meinen Leuten den Baͤumen die Rinde abzogen, schlugen andre duͤnne Pfaͤhle in die Erde, wel- che sie mit den Laͤrichen-Rinden bedeckten, und so hat- ten wir Schutz vor Wind und Regen. Ein solcher Bal- lagan, dem man eine beliebige Figur giebt, kann 3—4 Jahre ausdauern. Groͤßtentheils sind auch die Haͤuser hie- siger Gegenden mit der Rinde von Pin. Larix bedeckt, die dazu im Fruͤhjahr, bey aufsteigendem Safte, mit groͤß- ter Leichtigkeit von den Baͤumen abgezogen werden. ‒‒ Jch muß noch nachholen, daß von vorgenannter Slobode Urluk bis hieher, sich die Bauern schon mehr mit Wild- fang abgeben. Die hohen Gebirge sind nahe, und sind immer noch an Rauchwerk reich genug, um den Jaͤgern ihre Muͤhe zu bezahlen. Eben dieser nahen hohen Ge- birge wegen trift es, obwohl nicht sehr oft, daß Mis- wachs im Korn einfaͤllt. Feine Gartenfruͤchte gedeihen hier gar nicht; zur Viehzucht aber ist allenthalben die beste Weide genug. Aber diese Ballagans sind eine große Verwuͤstung des Holzes! hoͤre ich Sie sagen. Ach theuerster Freund, Sie werden schweigen, wenn ich Jhnen betheure, daß das einzige Jablonnoi Chrebet, in dessen Vorhofe so zu sagen ich nun bin, reicher an Baͤumen ist wie ganz Deutschland. Denn dieses maͤchtige Alpenriff nimmt seinen Anfang vom Baical, und endigt sich mit dem Swaͤtoi Nos in das noͤrdliche Eismeer. Kein Fluß durchschneidet die Hauptkette, sondern die in diesen Al- pen entspringenden Fluͤße fallen entweder in die Eißsee oder in den ostlichen stillen Ocean. Sie macht den hoͤch- sten Sievers Briefe sten Ruͤcken in dem noͤrdlichen Asien, so wie im mittlern die Gebirge unterm 130 — 135° der Laͤnge, und 40° der noͤrdlichen Breite; sobald man die chinesische Mauer nach Pe-king (Chines. Pe-dsching) paßirt ist, so soll die Abfahrt nach Osten auf einmal so merklich werden, wie wenn man von einem Berge hinabstiege. Ein nicht großer dem Tschikoi zustroͤmender Fluß Ossa, (Mongol. Aze gobil ), an dessen Ufer wir unser erstes Nachtlager hatten, lieferte uns in einer Stunde uͤber 30 Pfund Fische, die auf folgende leichte Art ge- fangen wurden. Drey Leute entkleiden sich, und bege- ben sich in solche Oerter des Flusses, wo gegen das Ufer zu tiefe Loͤcher oder Buchten keine merkliche Stroͤmung haben. Hier stehen die Fische waͤhrend der Nacht bey- nahe stille, und indem einer mit angezuͤndeten Birken- rinden, die ein helles Feuer geben, seinen Cameraden zur Seite gehet, so sticht dieser die Fische mit einem an ei- nen Stock befestigten Dreyzack (Ostroga), und uͤberreicht sie dem dritten Mann. Dieses nennt man Lutschit Ryby. Die gewoͤhnlichen Fische in den hiesigen Gebirgfluͤssen sind: Lenki (Salmo Salvellinus vel Lenock. Pall.), Chairussi (Salmo Thymallus), Taimeni (Salmo Hucho Pall.), Nalüm (Gadus Lota, Quappe.), Perca fluviatilis ( Okun, Bars), Cyprinus Carassus. (Karausche) — — Idbarus ( Tschebak ) Salmo autumnalis (Omul, der selten aus dem Baikal bis hierauf kommt, eben so wenig wie der Acci- penser aus Sibirien. penser Sturio. Die 2 leztern werden von den Bauern schon weiter unten weggefangen. Morgens darauf, den 4. Juny, sattelten und be- pakten wir die Pferde, und setzten unsern Weg weiter fort, der aber nun von einer ganz andern Beschaffenheit war, wie alle andre die ich je gesehen habe. Vom Sturme und Alter unzaͤhlbare Menge umgestuͤrzte Baͤume, Ellenho- hes Mooß, besonders das Polytrichum commune auf morastigem Grunde, Steine, Betula fruticans und nana u. s. w. schienen sich zum Wettstreit vereinigt zu haben, um uns den Weg beschwerlich zu machen. Aus solchen Hoͤllenloͤchern, worin wir oͤfters die armen Pferde aus dem Koth graben mußten, stiegen wir dann jaͤhe Gebirge hinan, deren oberste Gipfel, wenn eben keine Waldung im Wege war, mir eine majestaͤtisch-fuͤrchterliche Aus- sicht gewaͤhrten. Mit Sehnen befand ich mich heute auf einem solchen Standpunkte, als wir die Ossa verließen, und nun an dem in diese hineinfallenden schnellfließen- den Kunalei hinzogen. Fuͤrchterlich hohe Granit-Bloͤ- cke, die theils an den Seiten der Berge uͤber die Baͤu- me hervorragten, theils die Zierde der kahlen Berggi- pfel waren, mit Schnee bedeckte Gletscher, die weit uͤber alle andre Gebirge hinaus ragten, unter meinen Fuͤßen eine jaͤhe tiefe Kluft, in der der Kunalei stroͤmte, waren Gegenstaͤnde genug, um mich in Verwunderung und Er- staunen zu setzen. An dieser jaͤhen Abfahrt, wo der Weg nur aͤußerst schmal war, stuͤrzte ein Packpferd: ein Gluͤck fuͤr das arme Thier war’s, daß einige umgefallene Baͤu- me im Wege lagen, und den Herabsturz verhinderten, D durch Sievers Briefe durch welchen das Pferd haͤtte muͤssen zu Stuͤcken zet- schmettert werden. Nichts ist fuͤrchterlicher in der Na- tur, als wenn in solchen Wuͤsteneyen Donnerwetter, Re- gen und Nacht die Reisenden uͤberfallen; dann erscheint die Natur im entsetzlich schaudervollen Gewande. Far from the Track and blest abode of man; while round him night resistleß closes fast, and every tempest, howling o’er his head, renders the savage wilderneß more wild. Then through the only shapes into his mind, of cover’d pits unfathomably deep — A dire descent! — Thomson. Aber, werden Sie sagen, welcher Reisende macht denn hier Wege und Stege? — Die wilden Thiere, die an den Bergen hinaus, wo sie anstatt mit Baͤumen, voll von schoͤner Weide sind, solche Wege treten, daß ein Unerfahrner dadurch, indem er glaubt auf von Menschen gemachten Fußstegen zu irgend einer Wildschuͤtzenhuͤtte ( Simowja ) zu wandern, oͤfters in ein wildes Chaos geraͤth. Trift sich ein solcher, obschon seltener Fall, so koͤnnen nur Fluͤße zum Leitfaden dienen, um ge- rettet zu werden. Gluͤcklich ist ein solcher, wenn er ein Beil, seine Buͤchse, Pulver und Bley bey sich hat; hie- mit verschaft er sich Wohnung und Nahrung. Ohne dieses wird er entweder von den Baͤren zerrissen, oder muß verhungern. — Wohin treibt doch der Trieb zum Gewinnst nicht oͤfters die Menschen? dacht ich zuweilen. Ein alter, ehrlicher, guter Mongolischer Wildschuͤtz, der alle aus Sibirien. alle Stege, Fluͤsse und Wege seit seinen 40 jaͤhrigen Rei- sen in diesen Gebirgen auf das genaueste inne hatte, diente mir zum Wegweiser. Von ihm lernte ich groͤß- tentheils alle Arten, wie das sibirische Wild gefangen wird, wovon ich weiter unten reden werde. Ob schon die Thaͤler noch voller Eiß waren, so bluͤhete doch schon an erhabnen Orten Rheum undu- latum Pall. das hin und wieder anfing sich zu zeigen. Ein Fluͤßchen Gornokowa, bey welchem wir auf einer angenehmen Wiese mittagten, hat seinen Namen von einem der ersten Russen, die in diesen Wildnissen gejagt haben. Da er schon uͤber 80 Jahre todt ist, so ist nur bloß sein Name noch uͤbrig. Er begab sich freywillig hieher, und lebte von dem, was er an Wildpret erlegte, und zu gewissen Zeiten Felle und Rauchwerk verkaufte. Solche Liebhaber giebt es noch jetzt sehr viele, nur mit dem Unterschiede, daß sie nur in der besten und ergie- bigsten Jagdzeit die Gebirge bewohnen, und die uͤbrige Zeit in ihren Doͤrfen zubringen. Daher traf ich waͤh- rend meinem Zuge auf Jagdhuͤtten, allerley Arten von Fallen und Anstalten, um das Wild zu fangen. Je weiter wir den mehrerwaͤhnten Fluß Kunalei aufwaͤrts zogen, je gefaͤhrlicher wurde das Durchreiten; seine schnelle Stroͤmung und die vielen schluͤpfrigen mit Con- ferven uͤberzogenen abgerundeten Granitbloͤcke machten, daß man bey jedesmaligem Uebersetzen, und dies geschah wenigstens 4 bis 5 mal im Tage, wo nicht Abschied von dieser Welt, aber doch von Armen und Beinen nehmen mußte. Jndessen die hiesigen Pferde sind der- D 2 gleichen Sievers Briefe gleichen Passagen gewohnt, und so ist es selten, daß sie stuͤrzen. Nachdem wir noch einige abscheuliche Suͤm- pfe, und ein ganz hohes, bloß felsigtes Gebirge paßirt waren, so kamen wir den 7ten Jun. gluͤcklich zu den warmen Quellen, wo wir wenigstens eine ziemlich gute Simowia oder Huͤtte vorfanden. Diese, nebst gu- ter Weide, kam Mann und Pferd, die aͤußerst ermuͤdet waren, sehr zu statten, noch mehr da es seit gestern ange- fangen hatte zu regnen, und heute scharf zu donnern. Jch entschloß mich also einen Tag auszuruhen, um Jh- nen ein Bischen von dem Mineral-Wasser und Florens Schaͤtzen vorschwatzen zu koͤnnen. Es sind hier zwey warme Quellen die von ein- ander etwa 36 Faden entfernt sind, und in einem nicht sehr unangenehmen großen Alpenthal, worin der Kuna- lei stroͤmt, und welches mit Bergen, Gletschern, auf wel- chen fuͤrchterliche Felsen, oͤfters in Ruinenaͤhnlichen Figu- ren stehen, umgeben ist, ihren Ursprung unter einigen großen weißlichen Granitbloͤcken nehmen. Sie fließen dem etwa 10 Faden niedrigern Kunalei zu. Jhr Wasser ist so klar, wie irgend eins in der Welt, und hat durchaus weder Geschmack noch Geruch. Der Thermo- meter eine Stunde hineingehangen, zeigte 16° Waͤrme Reaumur; die Atmosphaͤre uͤber denselben am Mittag zur selben Zeit im Schatten 14°, und in der freyen Luft 20°, die Lage dieser Quelle war so, daß die Sonnen- stralen nicht darauf wirken konnten. Das Wasser des Kunalei hatte 5° Waͤrme. Die andre Quelle war mit einem Gelaͤnder eingefaßet, quoll aus einen schlam- migern aus Sibirien. migern mit Granit-Grand, der aus Quarz, Glimmer und Feldspat bestand, angefuͤllten Boden, und war der Sonne ganz ausgesezt, daher dann auch seine Tempera- tur 17° Reaumur war. Fast bestaͤndig stiegen haͤufige große Luftblasen aus dem hin und wieder mit conferva bullosa bedeckten Boden auf, die nichts anders wie at- mosphaͤrische Luft zu seyn schienen. Jm Schlamm la- gen einige rußische Kupfermuͤnzen, die gruͤn angelaufen waren, welches ich aber von der phlogistischen Sumpf- luft herleite, die nun aus dem Schlamm ausstieg, als meine Geldbegierige Casaken anfiengen alles durch- einander zu wuͤhlen. Zwey Stunden brauchte das Was- ser, ehe es sich wieder abhellte. Silber legte ich 4 Stun- den lang hinein, es blieb aber rein wie vor. Bey erst- erwaͤhnter Quelle war ein langer hoͤlzerner Badetrog an- gebracht, auf dessen Rande, an einem Ellenhohen Sto- cke eine solche kleine Windmuͤhle sich drehete, wie bey uns die Kinder oͤfters aus duͤnnen Breterchen zum Spie- len zu machen pflegen; auf die Brettchen war in tan- gutischer Sprache das Gebet: Om-ma-ni-bad-me- chum geschrieben, hieraus und aus der Kupfermuͤnze, die dem Wassergott, als ein Opfer gebracht worden, sah ich gleich daß alle diese erwaͤhnte Anstalten und Einfas- sung von unsern Mongolen, die hierher zum Baden kommen, gemacht waren. So oft die kleine Windmuͤhle vom Winde umgedrehet wird, bedeutet jede Umdrehung die Hersagung des Gebets. Jn einem Umfange von 10 bis 15 Faden fand ich hier folgende Pflanzen: Ru- bus chamaemorus, Holcus odoratus; Viola uniflora, D 3 biflora, Sievers Briefe biflora, und canina; Marchantia polymorpha, Caltha palustris, Trollius asiaticus, Rosa pimpinellifolia, Po- lytrichum commune, juniperif. \& pilosum; Carex acuta, nigra; Ranunculus hederaceus, Lichen cornu- copioides, pyxidatus und cocciferus; Agaricus campa- nulatus auf altem Pferdemist; Polypodium fragile und Phegopteris, Mnium purpureum, fontanum und hy- grometricum, Bryum murale und ein Hypnum; ferner Oxalis Acetosella, Trientalis europaea, Polygonum vi- viparum, Anthoxanthum odoratum, Fragaria vesca, Lichen aphtosus und caninus; Pinus Cembra, Abies und sylvestris; Juniperus communis, Myosotis Scorpi- oides latifolia, Convallaria bifolia, Vaccinium uligino- sum und Vitis Idaea; Leontodon Taraxacum, Gnapha- lium dioicum, Ribes nigrum, Potentilla fruticosa lato- pinnata, Chrysosplenium alternifolium, Saxifraga crassifolia und sibirica, Carex loliacea, Sphagnum pa- lustre, Lichen atrovirens und saxatilis, Ledum palustre, Stellaria dichotoma, Lonicera dauurica Pall. Alle diese Pflanzen beweisen zur naͤhern Bestim- mung der Eigenschaft des Wassers nichts weiters, als daß es rein Wasser sey. Aber moͤchte ich nun fragen woher ruͤhrt seine Waͤrme? Vielleicht sind Schwefel- kiese tief im Gebirge verborgen. Das Gebirge woraus es quoll war ein uraltes, die Gegend eine der hoͤchsten im noͤrdlichen Asien. Nicht gar weit von den Quellen war die entbloͤßte Erde mit mineralischem Laugensalz ausgeschlagen, wovon bey haͤufigen Regen der Quell zu- weilen einen sehr geringen Geschmack annimmt. Hier- von aus Sibirien. von kann kein warmes Wasser entstehen. — Vorstehen- de Experimente machte ich um 3 Uhr Nachmutag, als die Sonne 4 Stunden geschienen hatte. Jch wieder- holte selbe den naͤchsten Morgen fruͤh, als bey kalter reg- nigter Luft ein Dampf aus den warmen Quellen stieg. Die Temperatur der Atmosphaͤre war 9° Waͤrme, und die Quellen waren nur einen halben Grad kaͤlter als ge- stern, aber das Wasser des Kunalei brachte das Queck- silber nur auf zwey Grad Waͤrme. Obschon bis 9 Uhr an dem heutigen Tage ein Staubregen fiel, so ließ ich doch die nunmehro munte- rern Pferde bepacken, und ritt davon. Bald darauf klaͤrte es ganz auf mit einigen Donnerschlaͤgen, und wir stie- gen, indem wir den Kunalei verließen, der nicht fern von hier aus 4 kleinern Fluͤßen, durch deren Vereinigung sei- nen Ursprung nimmt, sechshundert Faden bestaͤnoig ei- nen kahlen Felsenberg oder Goletz hinauf. Jch sah bey dieser fuͤr die Pferde sehr beschwerlichen Arbeit zum er- stenmale das vortrefliche Rhodod. Chrysanthum in Bluͤ- the, gewiß eine der schoͤnsten Alpenpflanzen. Wie wir die kahle Spitze des Berges erreicht hatten, so mußten wir den Pferden wiederum Ruhe geben, waͤhrend dem ich die fuͤrchterlichsten Seenen in der Natur mit Er- staunen betrachtete, mein hoher Standpunkt gewaͤhrte mir auf allen Seiten freye Aussicht. Mit Schnee be- deckte Gletscher, die sich in den Wolken verlohren, noch weit hoͤhere Felsen, wie vorhin gemeldet, kroͤnten, wie ganze Festungswerke und Ruinen die Berge (Chrebti); andre rauchten, wie Vulkane, von Nebel. Ueber diese D 4 bruͤllte, Sievers Briefe bruͤllte, bey hellem Sonnenschein, der Donner fuͤrchter- lich und — — ich wollte fortschreiben aber mein Blut erstarret bey dem Gemaͤlde; lesen Sie unterdessen, bis ich mich erhole, Thomson’s Summer, Seite 88 — 90. Jch schließe also und werde die Ehre haben bald mit Mehrerm aufzuwarten der Jhrige. Fuͤnfter Brief. Jul. d. 6ten 91. Simowie am Tschikokanfluß. Jch that sehr wohl, daß ich den vorigen Brief auf dem Berge endigte: denn waͤhrend der neuntaͤgigen Reise hieher sah ich alles Schaudervolle vielleicht vom ganzen Erdboden vereinigt. Erstaunen haͤufte sich mit Erstaunen, besonders da ich dergleichen nie vorher gese- hen hatte und solche Scenen nur aus Buͤchern kannte. Nachdem die Pferde sich ausgeruhet hatten und wiede- rum bepackt waren, stiegen wir den Berg hinunter und kamen in ein wenigstens 8 Werst langes Thal, worin der Fluß Uwalista langsam stroͤmte. Zu den vorherer- waͤhnten Gestraͤuchen gesellte sich hier, am Fuß des Go- letz, noch die Potentilla fruticosa und Lonicera dauurica, die sich mit ihren Geschwistern so in einander verwebt hatten, daß wir uns mit dem Saͤbel in der Faust den Weg bahnen mußten. Aus diesem Labyrinth geriethen wir auf 2 Werst in einen Morast, und wenn dieser tie- fer aus Sibirien. fer als eine halbe Elle aufgethauet gewesen waͤre, so haͤt- ten wir Pferde und Bagage selbst tragen muͤssen; aber zu unserem Gluͤck war dieses Thal noch voller Eiß und der Grund gefroren. Hier bedauerte ich innigst, daß ich nicht zeichnen konnte oder daß keiner bey mir war, der das aͤußerst romantisch-pittoresque Thal haͤtte abma- len koͤnnen. Die sonderbaren Felsenfiguren erschienen unten weit merkwuͤrdiger noch, wie so zu sagen vom Him- mel herab. Viele einzelne Verge endigen sich damit, daß ihre Gipfel in eine Pyramide von ungeheuren Felsen- bloͤcken aufgethuͤrmt ausgehn. Dies hat ohngefaͤhr das Ansehen wie wenn Aepfel in einer Schuͤssel zum Nach- tisch aufgesetzt werden. Dergleichen Pyramiden finden sich in diesen Alpen viele, und daher soll der rußische Name Jablonnoi Chrebet oder Apfelgebirge, ent- standen seyn. Denn uͤbrigens existiren wirkliche Aepfel nirgends. Der Uwalista, den wir durchritten, machte dem Moraste ein Ende und nun folgte bis an das Nacht- lager am breiten Tschikokan ein trockener guter Weg groͤßtentheils uͤber Arbutus Uva Ursi, Licher niveus ma- jor \& minor, islandicus major \& minor, und coralli- nus. Ein am Tschikokan von den Wildschuͤtzen gebau- ter Balagan, gewaͤhrte uns Schutz vor dem Staubre- gen, der sich um 6 Uhr Abends wieder einstellte. Um diesen Balagan wuchs Ranunculus geoides, Dracoce- phal. nutaus, Potentilla nivea u. m. Den Morgen fruͤh als den 9ten Jun. ließ ich, ohn- erachtet des fortdauernden Regens, satteln, in der Hoff- nung es wuͤrde aufklaͤren; indem das Ziel der Reise nur D 5 noch Sievers Briefe noch 20 Werst entfernt war. Wir setzten durch den Tschikokan und laͤngst demselben unsern Weg fort. Wir bereueten aber bald daß wir den Balagan verlassen hat- ten, denn nicht allein hoͤrte der Regen nicht auf, sondern fuhr fort in dicken Tropfen auf uns herabzufallen; dies war die kleinste Widerwaͤrtigkeit: Wir geriethen auch in einen Weg, dergleichen die Welt nicht abscheulicher haben kann. Von allen unsern vorigen Muͤhseligkeiten erfuhren wir hier die Wiederhohlung im groͤßten Maaße. Spielwerk war’s was wir vorher gelitten hatten: ver- schiedene Male mußten einige versunkene Pferde, deren jedes 5 Pud trug aus tiefem Moraste mit unendlicher Muͤhe hervorgezogen werden. Zehnmal setzten wir durch den Tschikokan, der zum Gluͤck nicht so schnell und voller Steine war wie der Kunalei; aber seine Ufer wa- ren noch mit anderthalb Ellen hohen Eißfeldern bedeckt. Kurz wir erreichten Abends unsere elende Wohnung in einem Zustande, der sich besser denken wie beschreiben laͤßt. Das elende Gebaͤude deuchte uns der Himmel zu seyn, um so mehr als man das Essen auftrug, und wir unsern heißhungrigen Magen befriedigen, die nassen Kleidungen abziehen und wenigstens unter Dach schla- fen konnten. Ach! in solcher Lage schmeckt ein Stuͤck Brod wie Ananas und ein Brett scheint das weichste Bett zu seyn. — Da es den naͤchsten Tag das schoͤnste Wetter von der Welt geworden war, so sah ich nun die umliegende Gegend, die darin bestand, daß unsere Simowie, unter der der Tschikokan floß, rund umher mit sehr hohen dick- bewal- aus Sibirien. bewaldeten Gebirgen umgeben war, so daß man, wie in einem Thurme, nur wenig vom Firmament sehen konnte. Die Bagage befand sich in ledernen Saͤcken (Tuluni), dergestalt daß sie nur wenig vom gestrigen abscheulichen Wetter gelitten hatte. Alles was naß war wurde ge- trocknet, die Jnstrumente in Stand gesetzt und den 11. Jun. ließ ich den Anfang mit dem Rhabarbergraben ma- chen, bey welcher Arbeit ich dann manchmal Muße hatte botanische Wanderungen zu machen, wovon ich Jhnen in diesem Briefe Rechenschaft geben will. Der Anfang sey die Rhabarber selbst. Diese waͤchst in hiesigen Gebirgen an den Ufern der Fluͤsse, im Schiefergeruͤlle oder im Sande: hat große oͤfters anderthalb Faden lan- ge, von der Hauptwurzel ausgehende Nebenaͤste, und durchaus saure Blattstiele, die einen kristallisirbaren Saft haben, und ein wohlschmeckendes gesundes Gemuͤse ab- geben. Da ich weitlaͤufiger von der Rhabarber in ei- nem Briefe an Hrn. Staatsrath und Ritter Pallas, der im 6ten Theile der nordischen Beytraͤge gedruckt ist, ge- sagt habe, so verweise ich meine Leser dahin, und fuͤge nur hier noch hinzu, daß diejenige Rhabarber, welche in so hohen, kalten und nassen Gebirgen waͤchst, in Ruͤcksicht ihrer mehrentheils sehr schwammigen Wurzeln durchaus zum Arzeneygebrauch nichts taugt; desto besser aber die Blattstiele zu einem Versuch, dem Sauerkleesalze ein aͤhnliches Salz an die Seite zu setzen. Denn da diese Rhabarber bey der Versetzung in trocknere Plantagen ihre Saͤure nicht verliert, so waͤre die Ausfuͤhrung dieser Sache nicht so unmoͤglich. Da Sievers Briefe Da der Saft wenn er etwas verdickt wird so gallert- haft wird, so wollte ich, um der Eindickung auszuwei- chen, versuchen, wie sich mein Saft mit dem minerali- schen Alcali aus dem Chudshir verhielt, ich gedachte nem- lich nur etwas zuzusetzen, um das groͤßere Uebergewicht von Saͤure an das Alcali zu binden, so wie etwa im Kre- mor Tartari; allein in 3 Wochen Zeit gerieth nicht al- lein dieses nicht zu Kristallen, sondern auch eine voͤllige Saͤttigung wollte nicht einmal anschießen. Bey der Saͤttigung braußte die Mixtur stark und eine Unze brauchte vier und zwanzig Unzen Rhabarberstielsaft. Starkes Kochen zerstoͤrt die Saͤure des Rhabarbers an sich nicht. Aus einem Verzeichniß der in diesen Wildnissen gesammleten Pflanzen werden Sie ersehen wie freygebig die Natur hier gewesen. Aber ich bin uͤberzeugt, wenn verschiedene Botanisten auf einmal sich in verschiedene Partheien abtheilten und so beynahe moͤgte ich sagen in Front gegen Osten zu uͤber Nertschinsk, Jakutzk und am Eißmeer hinzoͤgen und sich dann wieder alle in Ochotzk oder auf Kamtschatka vereinigten, so wuͤrden wir noch viel wichtigere Entdeckungen erhalten; besonders, ich bin es uͤberzeugt, stecken die Gebirge hinter Nertschinsk, bey den Tungusen bis nach dem oͤstlichen Ocean hin, und von Udskoi ostrog bis an den Amur, voller Seltenheiten. Der erste Anfang einer solchen wilden Lebensart ist schwer, aber man gewoͤhnt sich bald dergestalt daran, daß man sie hernach nicht verlassen will. Man darf sich nur mit kundi- aus Sibirien. kundigen Schuͤtzen versehen, so fehlt es an dem herrlich- sten Wildpret niemals. — Was die Gegenstaͤnde aus der Mineralogie anbe- trift so kann ich mit deren Beschreibung bald fertig wer- den, ich darf Jhnen nur sagen: daß alle die von mir hier gesehenen Gebirge uralte sind. Merkwuͤrdig sind die ungeheuren Schiefergeruͤlle, die gewiß Jahrtausende zu ihrer Entstehung gebrauchten. Geschuͤtte solcher Schie- fertafeln sah ich hier zwischen bewaldeten festen Gebir- gen, deren Koͤrper ein feinkoͤrniger grauer Granit ist; faͤngt man an die etwa ½ bis 1 Zoll dicken Tafeln aus- einander zu werfen, so geraͤth man, in einer Tiefe von 1 bis 2 Fuß, auf fruchtbare Dammerde, in der ich oͤfters die schoͤnsten Pflanzen gewurzelt fand, die durch den Schiefer durchwuchsen. Unter der Dammerde ist wie- der fester Granit. Diese Geruͤlle sind der Wohnort we- niger kleinen Schlangen und Eidechsen und des niedli- chen gestreiften Eichhoͤrnchens ( Sciurus striatus, Bu- runduk ) das hier ganze Magazine von Zapfen des Pi- nus Cembra unterhaͤlt. Abgerissene Bloͤcke, aus groͤß- tentheils Quarz, mit Glimmer und wenigem Feldspath, traf ich auf den hoͤchsten Alpen; wenige Rauchtopase, rothe Jaspisstuͤcke und gemeine Kiesel, ingleichen Alaba- stergeschiebe, in den Fluͤssen; aber von edelen Sachen nichts. Der Fang der wilden Thiere ist aber wohl das Merkwuͤrdigste warum diese Gebirge von Russen, Mon- golen, Buraͤten und Tungusen besucht werden. Alles was Sievers Briefe was sich hierauf beziehet, will ich bey jedem Thiere er- waͤhnen. Den Anfang mache 1) Der Baͤr ( Ursus Arctos, Chara görössa oder Ajoh ) mit allen seinen 4 Varietaͤten, dieser wird haͤufig in seinen Winterlagern erlegt. Ferner erbauet man ihm Fallen, wo durch 1 ½ Faden hohe eingerammte Baum- staͤmme ihm ein kleines Zimmer bereitet wird. Hier wird ein Stuͤck Aas hineingehaͤngt; wenn nun der Baͤr zu diesem will, so muß er sich uͤber eine drey Fuß hohe Thuͤrschwelle neigen; indem er aber dieses thut mit dem Bemuͤhen die Lockspeise zu erwischen, so springen die Stell- hoͤlzer loß und eine ungeheure Last von glatt gemachten in die Queer gelegten Rollbaͤumen, die auf zwey langen durch die Stellhoͤlzer aufgehobenen Baͤumen laufen, er- druͤckt das Thier, ohne das Fell zu verderben. Diese Maschine nennt man Past, auch Kulon, oder Lo- wuschka, so wie auch eine andere Fallbruͤcke die mit dieser, einige Abaͤnderungen ausgenommen, beynahe eins ist. Viele Baͤren werden erschossen, welches aber im- mer gefaͤhrlich ist, wenn etwa die Kugel nicht gleich toͤd- tet, oder wenn nicht mehrere Schuͤtzen bey einander sind; oͤfters ist es dabey zwischen den Baͤren und Schuͤtzen zum Handgemenge gekommen, wo denn nicht selten letz- terer unterliegen muß und nie ohne jaͤmmerliche Wun- den davon kommt. Viele Baͤren werden hier erlegt, wenn sie des Morgens fruͤh an den Baͤchen herumschlei- chen und auf das junge Wild Jagd machen. 2) Ursus Gulo (Rossomack); dieser ist selten' und noch schwerer zu fangen. Wenn der Schnee faͤllt so sucht man aus Sibirien. man seinen Hoͤlen durch Spuren nach, wo er dann theils mit eisernen Schnellfallen, Hunden oder Geschoß erlegt wird. 3) Cervus Alces ( Sochati mongol. Chàndagà ), ist haͤufig, liefert wohlschmeckendes Fleisch und dickes starkes Leder. Besonders sind die Nase und die großen Lippen eine der groͤßten Delicatessen, die auf den vor- nehmsten Tafeln prangen koͤnnten, die aber in diesen Ge- birgen von den gemeinsten Leuten gegessen werden. Man faͤngt sie am gewoͤhnlichsten, indem man eine Gegend im Walde, wo besonders ihre haͤufigen Maͤrsche sind, auf eine Werst lang in der Form einer spitzzulaufenden Allee mit gefaͤllten Baͤumen begraͤnzt und in der Spitze dieser Einfassung ein großes tiefes Loch graͤbt und selbes mit duͤnnem Gestraͤuche und Moos zudeckt. Das Thier fin- det nirgends Ausweg als durch dies offne spitze Ende der Allee und hier findet es seinen Untergang im Loch. Man laͤßt aber groͤßtentheils solche Einfassungen in mehrere Loͤcher auslaufen und graͤbt folglich auch mehrere Loͤcher, wo die Ausbeute reicher ist. Der Wildjaͤger besucht alle Tage seine Gruben und ersticht die lebendigen Thiere mit auf Stangen gebundenen langen Messern. Manch- mal habe ich geholfen ein Elenn herauswinden, welches eine schwere Arbeit fuͤr 6 Menschen ist, denn ein Pferd ist um ein weniges kleiner. Die zweyte Art sie zu erlegen sind die sogenannten Solonzi oder salzige Auswitterungen (Chudshir) auf von Kraͤutern entbloͤßten, mehr oder weniger großen Salz- plaͤtzen. Hier kommt das Wildpret gewoͤhniglich des Nachts Sievers Briefe Nachts zusammen, um das Salz zu lecken; der Wild- schuͤtz liegt neben bey mit Straͤuchern bedeckt und erschießt das sichere Thier. Eine dritte Art ist, daß man mit Hun den auf Schneeschuhen das Elenn verfolgt und es auf hohe Felsen oder uͤber jaͤhe Kluͤfte (Otstoi) treibt, hier ist fuͤr das Thier der gewisse Tod; entweder es wird er- schossen oder es muß sich vom Felsen herabstuͤrzen. Noch eine Art ist, die Thiere im Fruͤhjahr, wenn die Oberflaͤ- che des Schnees scharf gefroren ist, zu jagen. Das Thier faͤllt bey jedem Schritt durch, und die scharse Eißrinde der Oberflaͤche zerschneidet oder schindet am Ende ihm die fleischigten Theile von den Beinen herab, die Hunde hingegen laufen uͤber den Schneerinden weg und erha- schen das Wild. Manche liefert der Zufall auch in die Haͤnde der Schuͤtzen. 4) Cervus Elaphus ( Jsubr u. Maral. mong. Bùgo. ) Dieser Hirsch ist von den deutschen durch seine Groͤße und braunere Farbe verschieden; sollte er nicht die zweyte Varietaͤt β. Hippelaphus seyn? Die Art ihm zu fangen ist mit der vorigen einer- ley, nur daß dieser auch noch mit Selbstgeschoß entweder durch Feuerroͤhre oder mit Pfeilen sich das Leben zu neh- men gezwungen wird, welches beym Elenn zwar auch, aber seltener geschiehet. Gleichfalls wird er durch ein blasendes, hoͤlzernes, trichterfoͤrmiges Jagdhorn in der Brunstzeit haͤufig betrogen und erlegt, indem man auf diesem Jnstrument beynahe eben die bloͤckende Stimme nachahmen kann, die der Hirsch gebraucht um die Hin- din zu locken. Hiebey setzt der Jaͤger, besonders die Tungu- aus Sibirien. Tungusen, das Fell von einem Rehkopf mit den Hoͤr- nern auf den Kopf, um zwischen dem Gebuͤsch eine Hirsch- maske darzustellen. 5) Cervus Capreolus. ( Dikaju Kosa. mongol. Goͤroͤß. ) Wird auch mit Selbstgeschoß von Pfeilen, in solchen verengten eingezaͤunten Gaͤngen wie beym Elenn erlegt. Auf den Salzlecken werden ihrer gleichfalls viel erschossen. 6) Moschus moschiferus. (Russ. Chab à rga, mong. Kuͤdduͤr. ) Das Fleisch schmeckt sehr angenehm wenn die Thiere nicht in der Brunstzeit sind. Diese werden mehrentheils auf Spuren im Schnee erjaget und erschossen. Da die Gebirge jederzeit voll mit Jaͤgern sind, so werden sie auch zufaͤlligerweise haͤufig erlegt. Das Fell wird haͤufig zu warmen Stiefeln (Unti) und zu weissem saͤmischen Leder, auch zu Jergacki oder Ueberpel- zen, gebraucht Die Moschusbeutel kosten jetzt 60 — 80 Rubel. 7) Antelope gutturosa Pall. ( Ser é n. ) sind auf den Steppen bey Kirau mit dem Erinaceus auritus ge- mein: nicht in diesen hohen Gebirgen; sind aͤußerst schuͤch- tern und fluͤchtig, sie fuͤrchten aber die auf den Steppen weidenden Pferde nicht; hinter diese also versteckt sich der Jaͤger und erlegt sie, da aber ihr Fleisch nicht sonder- lich gut schmeckt und dabey zaͤhe ist, so werden sie mehr des Felles wegen gejagt, die mit oder ohne Haar zu Klei- dungen der gemeinen Leute dienen. 8) Sus E Sievers Briefe 8) Sus Scrofa a ) fera . ( Kab à n, mong. Botton gachai. ) wird gejagt und erschossen. Die wilden Schweine naͤhren sich groͤßtentheils von den Zedernuͤssen ( Cembra ) und allerley Beeren und Wurzelwerk. Jhr Fleisch ist daher außerordentlich wohlschmeckend. 9) Felis Onca. Bars und 10) Felis Lynx. (Russ. Riß. mong. Schuͤlluͤß. ) werden mit Hunden auf Baͤume gejagt, besonders im Winter, und da erschossen, oder durch Selbstgeschoß mit Pfeilen erlegt. Beyde sind wilde reissende Thiere und schwer zu fangen. 11) Canis Lupus. ( Wolk, mongol. Tschonno. ) Dieser ist der gemeine, und streift einzeln herum. Eine andere Art aber die kleiner und reißender ist heißt bey den Mongolen Zoiber-Tschonn ò, und haͤlt sich gern Heerdenweiß zusammen. Sie werden beyde mit einem sehr niedrig gelegten Selbstgeschoß, oder mit Hunden und zu Pferde gejagt oder aber mit Kraͤhenaugen getoͤd- tet, auch in Wolfsgruben (mongolisch Tamma ) gefan- gen. 12) Canis Vulpes. ( Lißitza mongol. Uennoͤgaͤ ) wird durch Kraͤhenaugen oder Selbstgeschoß erlegt und auch mit Pferd, Hunden und Gewehr verfolgt. 13) Lepus timidus. ( Saaͤtz mongol. To ò laͤh. ) dieses ist der graue; der weisse heißt bey den Russen Uschkaan und bey den Mongolen Tsch à ndaga. Wie dieser mit Schlingen von Pferdehaar die in Waͤldern haͤufig herumgelegt sind, gefangen wird, brauche ich hier wohl weiter nicht zu wiederholen; der weisse dient beson- ders aus Sibirien. ders zu leichtem und doch warmen Unterfutter unter Deck- betten und Frauenzimmerpelz. 14) Mustella Zibellina. ( Soboll. mong. Bul- log à ). Die beßten Zobel kommen von den Jakutzkischen und Bargusinischen Gebirgen; auch die Kamtschatkischen sind nicht uͤbel: und da dessen Felle besonders jetzt sehr theuer sind, so wird ihm aufs haͤufigste nachgestellt. Ehedem thaten sich gewisse Gesellschaften von rußi- schen Wildschuͤtzen zusammen, aus ihren eigenen Mitteln waͤhlten sie den aͤltesten und erfahrensten zum Befehls- haber, und gaben ihm das Recht seine untergebenen Ka- meraden zu strasen oder zu belohnen. Alle Morgen beym Fruͤhstuͤck mußten sie ihm ihre Traͤume erzaͤhlen und zu- folge diesen theilte er seine Leute entweder zur Jagd oder zur Wache in der Simowie ab. Wer wider seine Be- sehle handelte, wurde bestraft mit Stockpruͤgeln, diejeni- gen die das Gegentheil thaten, belohnt. Jetzt existiren dergleichen Gesellschaften nicht mehr, sondern ein jeder jagt wie er will und wenn Gesellschaften zusammentre- ten, so machen sie einen Vergleich unter sich, wo ein je- des Mitglied Gewinnst und Verlust theilt. Jch zwei- fele uͤbrigens sehr ob jemals von der rußischen Regie- rung Leute auf den Zobelfang hieher zur Strafe sind ver- schickt worden, wie das auslaͤndische Maͤhrchen lautet; dieses wuͤrde nicht Strafe sondern Belohnung seyn. — Jndessen, um die Art den Zobel zu fangen zu be- schreiben so wird er heutiges Tages groͤßtentheils durch Jacuten, Tungusen, Mongolen und Buraͤten betrieben, die im Winter mit dazu abgerichteten Hunden der Spur E 2 des Sievers Briefe des Thiers nachfolgen bis sie auf seine unterirrdische Wohnung gerathen. Vor diese legen sie Fallen und Schlingen, und suchen den Zobel durch Dampf oder durch Warten heraus und ins Fallstrick zu bringen. 15) Sciurus vulgaris. ( Bjelka mongol. Kerm à ) mit allen seinen 3 Varietaͤten, doch ist das weisse Eich- horn selten, die andern beyden Arten in ungeheurer Menge. Die Hauptweise felbige zu fangen sind die so- genannten Plaschki. Man hauet nemlich, etwa 3 Ellen hoch von der Erde, in eine Zirbelfichte einen großen Kerb, in diesen paßt man die Enden von 2 einer Ellen langen Brettern ein, stellt ein Fußgestell darunter und setzt Stellhoͤlzerchen zwischen die aufgesperrten Bretter, die man mit einen Stuͤckchen gesalzenen und getrockneten Omul ankoͤdert, hinein, beschwert aber vorher das obere Deckbrett mit dem Ende eines etwa 3 Faden langen jun- gen Fichtenbaums. Sobald das Eichhoͤrnchen, welche große Liebhaber von den gesalzenen Fischen sind, und die gewoͤhnlich der Fruͤchte wegen sich immer Haufenweise auf den Zirbelfichten aufhalten, zu dem Koͤder will, so beruͤhrt es die Stellhoͤlzer, das obere Brett faͤllt auf das- selbe nieder und erdruͤckt es. Man siehet in diesen Ge- birgen Werste lange Reihen von solchen aufgestellten Fallklappen, so wie im Braunschweigischen die Donen- stiege zum Aufhaͤngen der Droßeln. Ferner werden diese Thierchen noch mit stumpfen hoͤlzernen Pfeilen aus Bo- gen von den Baͤumen, oder durch kleine Kugeln aus ge- zogenen Buͤchsen erlegt. 16) Mu- aus Sibirien. 16) Mustella Erminea hyberna. (Russ. Gorno- stai mongol. Ujaͤ ) werden gewoͤhnlich mit stumpfen Pfei- len oder mit Kugeln erlegt. 17) Mustella nivalis. (Russ. Laska ) gewoͤhnlich werden die Wieselarten in hoͤlzernen Schießfallen, Ga- ringi oder Selbstschuß gefangen. 18) Mustella sibirica. (russ. Kulonnok mongol. Kulonn ) von diesen gilt eben dies. 19) Arctomys Citillus. Erdzeisel (russ. Suslic. ) 20) Arctomys Marmota. ( Surok, Tarbogam Murmelthier.) Die Rhabarber-Bucharen vom Fluß Chong-Choa und der Stadt Sinin laͤugnen daß dies Thier die Rhabarber graben soll; in Sibirien wenig- stens hat dies auch noch keiner bemerkt, vielleicht schme- cken ihnen die sibirischen Gattungen nicht; man faͤngt sie in Springfallen. Die Mongolen haben noch ein beson- dres Selbstgeschoß, welches sie vor die Hoͤlen der klei- nern Thierchen legen, damit wenn diese herausgehen sich selbst erschießen moͤgen. Man nennt es Garinga z. E. fuͤr Mus Iaculus. mong. Jalma und Allackdaga. Den Erdbaͤr des Laxmanns ( Mus Myospalax ) Ssom- bra. Den Mus Cricetus oder Hamster. Die wilde Bergkatze Felis Manul. Stennaga Koschka u. dergl. Die Bieber sind nun gaͤnzlich ausgerottet und Fluß- ottern ( Mustella Lutra ) schon selten. Noch giebt es eine Art großer fliegender Eichhoͤrner ( Lelaͤja, — Sciurus volaes, Ollwa auf mongolisch) deren Felle denen Chinesen verkauft werden, die damit Kleider verbraͤmen und verzieren. E 3 21) Der Sievers Briefe 21) Der mongolische Esel. (Dshiggetei. Equus Hemionus ) an der mandshurischen Grenze. Wird durch List von den Tungusen groͤßtentheils gefangen, oder er- schossen, oder auf dem Eise gejagt. Den ich zu sehen Gelegenheit hatte, war ganz jung, bey der Festung Dshindan-Turuk gefangen worden und seit 5 Jahren so zahm geworden, daß er sich wie andere Pferde, mit denen er auf die Weide gieng, fangen und satteln ließ. Man konnte ihn reiten und fuͤr eine Weile gieng er ge- ruhig; aber oͤfters kommts ihm in den Kopf stille zu ste- hen und dann mag der Reuter nur absteigen, denn we- der Ribbenstoͤße noch Peitschenhiebe bringen ihn von der Stelle oder aber er faͤngt an zu springen und hinten und vornen auszuschlagen und wenn dieses ein Weilchen ge- waͤhrt hat, so mag sich der Reuter wieder aufsetzen und seinen Weg ruhig fortsetzen. Er laͤßt sich auch in die Deichsel spannen, aber wenn ihm seine Grillen einfallen, so ist man in Gefahr den Wagen zu verlieren. Fuͤr die Ornithologen ist hier wenig zu hohlen, wenn es nicht etwa der große Bartgeier ist, den die Mongolen J ó llo nennen. Jch zweifele nicht daß er mit dem Schweizer Laͤmmergeyer einerley sey, der in dem neuen Systemate Naturae, Vultur barbatus genannt wird. Aber da die hiesige Gegend von der Schweiz sehr verschieden ist, so moͤchte dieser Adler auch wohl in etwas abweichen. Jch halte also eine kleine Beschreibung von ihm nicht fuͤr uͤberfluͤßig, wenigstens dient sie zur Vergleichung. Mein Vogel den ich hier beschreibe war ein Maͤnn- chen und ein Jahr alt; seine Hoͤhe laͤngst den Beinen hinauf aus Sibirien. hinauf 16 englische Zoll, die Laͤnge vom Schnabel bis an das Ende des Schwanzes 3 englische Fuß, und von einem Ende der ausgebreiteten Fluͤgel bis zum andern 8 solcher Fuß. Die natuͤrliche Lage der Fluͤgel war so, daß die Enden der dritten, vierten und fuͤnften Schwungfe- der ( Remiges ) mit den Enden der Schwanzfedern ( Re- ctrices ) in einem Abschnitt sich endigten. An dem bley- farbenen Schnabel ist die obere Kinnlade Hakenfoͤrmig gebogen, und die untere mit einem nicht großen, aus zarten Federchen bestehenden Barte geziert. Die Au- genbraunen ( Supercilia ) sind schwarz. Die Regenbogen- haut ( Iris ) ist 3 Linien breit und roͤthlichgelb. Der Stern ( Pupilla ) schwarz. An der Stirn formiren angedruͤckte schwaͤrzliche, vom Mittelpunkt aus gehende Federn ( cen- trifugae ) einen Stern der in der Mitte aus weissen Fe- derchen bestehet. Der Nacken ( Cervix ) ist mit schma- len, schwarzen, zugespitzten langen Federn umgeben, die der Bogel emporstraͤuben kann; der groͤßte Theil seines Kopfes uͤberhaupt ist mit sehr duͤnngesaͤeten, dicht anlie- genden, schwarzen und einigen weissen Federn bedeckt, zwischen welchen ich noch zarte Pflaumfedern ( Plumulae ) bemerkte. Hinter dem Nacken laͤngst dem Ruͤcken hin- aus zwischen den Fluͤgeln stellen die weißlichen mit eini- gen schwarzen vermischten Federn einen Keil vor, dessen Spitze sich unter den kuͤrzern Schwungfedern verliert. Die Farbe des Vogels ist oberwaͤrts schwaͤrzlich-braun, unten weißlich ins Graue fallend, und hier sind die Fe- dern weicher, dichter, und bekleiden die Lenden und die Schenkel ( Tibiae ) so dick daß sie das Ansehen bekommen E 4 als Sievers Briefe als truͤge der Vogel große, weite Schifferhosen. Von den bleyfarbenen Zaͤhen stehen 3 vorwaͤrts und der 4te kuͤrzere hinten hinaus. Will man ihn greifen, so faͤngt er ein sehr durchdringendes, zitterndes, lautes, zwit- scherndes Geschrey an und holt dabey sehr stark Othem. Er trinkt niemals, verschlingt mit ungemeiner Begierde Knochen und große Stuͤcke Fleisch. Haare, Federn u. dgl. m. speyet er den naͤchsten Tag in Gestalt von Ku- geln wieder aus, seine Excremente sind duͤnn, weiß und fliegen spruͤtzend von ihm. Der zweyte merkwuͤrdige Vogel ist der Berkut ( Falco Fulvus mong. Buͤrgut) den ich hier weiter nicht beschreibe, weil er bekannt genug ist. Dieser und der Falco Palumbarius ( Jastreb oder Sperber ) werden hier zur Jagd abgerichtet. Uebrigens laͤßt sich hin und wieder in diesen Wildnissen zuweilen ein Singvogel hoͤ- ren, die mir aber, weil ich sie nicht zu sehen bekam, un- bekannt sind: wenigstens halfen sie mir meinen Aufent- halt angenehm zu machen. Die Mongolen erzaͤhlen viel von einem besondern auf den hoͤchsten Felsen woh- nenden Thier, Sarrick-tekkaͤ, welches die Groͤße einer Wiesel und keinen Schwanz haben soll. Die Mongo- len verehren es, und schießen es daher nicht. Sie be- dienen sich seiner Excremente, die man Klumpenweise, einem schwarzen Harz aͤhnlich findet als eines allgemei- nen Medicaments, welches in der thibetischen Sprache Barruckschen heißt. Die Thierchen werfen ihren Un- rath gewoͤhnlich auf unzugaͤnglichen hohen Felsen, auf einen aus Sibirien. einen Haufen wo man zuweilen Pude davon beysammen findet. Aller angewandten Muͤhe ungeachtet, habe ich dieses Thier nicht erhalten koͤnnen. Sechster Brief. Vom Ursprung des Tschikoiflusses 17 \nicefrac {6} {IX} 92. Jn diesem Briefe, welcher der letzte aus dem Ja- blonnoi Chrebet seyn wird, werden Sie nur einige Frag- mente zur Beschreibung der mir aufgestoßenen Begeben- heiten, waͤhrend meinen Excursionen, lesen; und als Fragmente betrachtet, nehmen Sie’s nicht uͤbel, wenn ich, um nicht unnuͤtze Worte zu verlieren sie ohne Zusam- menhang liefere. „Die Naͤchte, sagte der brave Fon- „tenelle: laden unter andern den Menschen und alle „uͤbrige Geschoͤpfe, mit ihrer Dunkelheit und Stille zu „der benoͤthigten Erhohlung durch den Schlaf ein — „Verschoͤnern und vervielfaͤltigen den Anblick der Schoͤ- „pfung bey ihrem Wechsel mit dem Tage, am Abend „und Morgen; befoͤrdern die Fruchtbarkeit des Erdbo- „dens, enthuͤllen unsern Augen den unermeßlichen Schau- „platz der großen Werke der Natur am Himmelsgewoͤl- „be, und bieten dem forschenden Geist des wachsamen „Weisen reichen Stoff zu den erhabensten Betrachtun- „gen dar:“ Ganz vortrefflich! dachte ich, aber ich muß- te heftig lachen, als ich auf einem der hoͤchsten hiesigen Gletscher unterm gestirnten Himmel eine Nacht hinbrin- gen mußte, die mir nicht so angenehm duͤnkte, als dem E 5 Fonte- Sievers Briefe Fontenelle jene in Gesellschaft einer liebenswuͤrdigen Marquise in einem der schoͤnsten Parks! — Hoͤren Sie was mir geschah. Den 12. July gieng ich mit einem Kasacken, der ein guter Jaͤger war, den Tschikokan bis an seinen Ur- sprung hinauf, um dort Kraͤuter zu sammlen. Unter andern erstieg ich Mittags einen Glaͤtzer ( Golez ) und als ich so weit hinauf war wo die Baͤume aufhoͤrten, und Pinus Cembra nur als Buschwerk erschien, gab ich mein Pferd an den Kasaken, mit dem Befehl, er sollte sie weiden und meiner warten. Jch gieng nun fort, und brachte mit Botanisiren auf dem ohne Schnee seyenden sich weit erstreckenden ziemlich graßreichen Gi- pfel bis nach Sonnenuntergang zu, fand aber fuͤr meine Muͤhe nur Polygonum Bistorta alpinum, Empetrum nigrum, Gentiana algida, eine Campanula die ich mit keiner andern vergleichen kann; ich nenne sie daurica; und Ribes pneobalsamum, eine neue, der schwarzen Jo- hannisbeerstaude nahe kommende, sehr wohlriechende Gattung. — Als ich zu dem Platz kam, wo ich glaubte Kosack, Pferde und ein Abendessen zu finden, sah ich mich getaͤuscht; vielleicht, dacht ich, bin ich unrecht ge- kommen? Jch fieng also an rechts und links zu wandern, und rief zuweilen den Namen des Begleiters, der ober, wie ich nachher erfuhr, einen Hirsch erblickt hatte, und verfolgte. Zur Vorsicht indessen, damit ich nicht irren moͤchte, hatte er, freylich nicht am bestimmen Orte, ein großes Feuer angemacht, das ich aber nicht sah, indem das Holz schon niedergebrannt war. Nach einigem ver- geblichen aus Sibirien. geblichen Suchen kamen mir die Baͤren in den Kopf; diese, dachte ich, haben sich ein Abendbrod von Mann und Pferden gemacht. Ein ganz natuͤrlicher Gedanke; denn ich war schon mehrere mahle Zeuge, daß die hiesi- gen Gebirge voll davon stecken. Mir wurde dabey, wie Sie leicht denken koͤnnen, gar uͤbel zu Muthe; das Schlimmste war daß ich Pelz, Mantel, Pulver, Bley und Saͤbel beym Kosaken gelassen, und nichts weiter als nur einen Kugel-Schuß im Gewehr hatte, und ganz leicht gekleidet war. Lange sich zu bedenken war keine Zeit; es fieng an sehr kalt und Nacht zu werden, und von NO. kam ein heftiges Donnerwetter langsam daher. Jch grif also kurz und gut zu, und baute mir, aus den umgefal- lenen vertrockneten Baͤumen, eine Art von Festung, in welche ich mich begab, und das Weitere erwartete. Freund Robinson Crusoe, sammt den Baͤren, waren abwechselnd der Gegenstand meiner Gedanken. Um Mit- ternacht aber wurde die Scene immer fuͤrchterlicher, denn nun war das Gewitter mein naͤchster Nachbar; Blitz und Donnerschlag war eins, denn ich befand mich mit den Wolken in derselben Hoͤhe; Legionen Muͤcken, ohn- erachtet ich, so dicht als moͤglich, auf dem Gewehre lag, um das Naßwerden des Pulvers zu verhuͤten, sogen mir das Blut allenthalben aus. Schloßen wie große Erb- sen, und der heftigste Sturm machten, nebst dem von den naͤchsten Gebirgen tausendfaͤltigen wiederhallenden Donner zusammengenommen ein Laͤrmen und ein Concert das schrecklicher war wie jenes, wo der beruͤhmte Don Quixote mit seinem Sancho Pansa in der Sierra Mo- rena Sievers Briefe rena sich zu dem Abentheuer gegen die Walkmuͤhlen be- reitete. Ein anderes ist ein Donnerwetter in einem Hause zu hoͤren, und ein anders ists in den Gewitterwol- ken selbst zu wohnen, wo man vom Blitze wie umgeben ist. Wenn ich auch bis an den juͤngsten Tag fortschriebe, so wuͤrde ich Jhnen doch keine treffende Vorstellung von meiner Lage, und dem damaligen Aussehen der Natur geben koͤnnen; solche Auftritte lassen sich nur empfinden. Gegen zwey Uhr nach Mitternacht wurde alles wieder ruhig; das gestirnte reinste Firmament, das lezte Mon- desviertel, und bald darauf Aurora machten, daß ich mein sonderbares Bette verließ, und triefend naß den Berg herunter durch Busch und tiefes Gras auf eine schoͤne Wiese kam, wo ich mit denselben Augen nun den Gletscher ansah, als Sancho Pansa das Wirthshaus, worin er, durch die vier lustigen Segovier und Compagnie gezwungen, die luftigen Capriolen hatte machen muͤssen. — Nach meiner naͤchtlichen Avantuͤre folgte der schoͤnste Tag von der Welt, ich hieng meine nassen Kleider an die Baͤume und lief herum um Kraͤuter zu suchen, Car- duus heterophyllus und einige andre Gattungen ver- mehrten noch meine Erndte. Der Kosak mußte indes- sen mein Ruffen, das ich waͤhrend des Botanisirens fort- sezte, gehoͤrt haben, denn bald darauf erschien auch er. Wir machten ein herrliches Gericht ( Tatasche ) von sri- schem Wildpret, und ritten vergnuͤgt weiter. Dies eben erwaͤhnte Tatasche ist ein mongolisches Gericht und be- steht aus klein zerschnittenem Fleisch, gleichviel was fuͤr welches, das so ohne sonstige Zuthat gekocht wird; thut man aus Sibirien. man hierzu aber etwas Brod, nebst dem vortreflich schme- ckenden und hier haͤufig wachsenden Allio saxatili P. nebst Salz und etwas Pfeffer, so hat man ein Gericht, wel- ches, beinahe moͤchte ich sagen, alle andre in der Welt uͤbertrift; freylich kommen hierbey zwey Dinge zusam- men: ein bestaͤndig scharfer Appetit, und das schoͤnste wohlschmeckendste Wildpret. Da ich nun einmal bei den Glaͤtzern oder kahlen Bergkoppen ( Golzi ) bin, so will ich Jhnen die Bege- benheiten einer andern Nacht erzaͤhlen, die aber ein Ge- gentheil der so eben beschriebenen ist, und wobei gewiß auch Fontenelle, ohne seine Marquise, haͤtte in Extase gerathen muͤssen. Um so mehr muß ich noch etwas von meinen Glaͤtzern melden, da ich Sie fragen hoͤre, wie es koͤmmt daß die Zirbelfichte in Gestalt von Buschwerk auf ihnen waͤchst, die noch bis uͤber die Haͤlfte des Ber- ges die groͤßten und dicksten Baͤume ausmacht. Gewiß, denken Sie dabey, sind die Gipfel der Alpen mit ewi- gem Eise belegt! — Nein grade das Gegentheil; Sie treffen statt dessen die schoͤnste Weide, besonders fuͤr die Botanisten. Es war der 21. Juli als ich meine Woh- nung vom Tschikokan nach dem Ursprung des Tschikol, der 60 Werste entfernt war, verlegte. Jch gieng laͤngst dem in den Tschikokan fallenden kleinern Flusse Glubo- ka hinauf bis zu seinem Ursprung, welcher 30 Werste von meiner Simowia aus einem Glaͤtzer kommt, uͤber welchen man passiren muß, wenn man zum Tschikoi will. Eben dieser Glaͤtzer nun ist es, von dem ich Jhnen et- was erzaͤhlen will, besonders weil er hier herum der hoͤch- ste Sievers Briefe ste und reichste an Pflanzen ist, und die herrlichste Aus- sicht von der Welt gewaͤhrt; manchen vergnuͤgten Tag habe ich auf ihm zugebracht, und vielmals in der Huͤtte geschlafen, die unter den schoͤnsten Zirbeln oder Zedern ( Cembra ), nur wenig unterhalb des kahlen Gipfels, von unsern Rhabarbergraͤbern mit Fleiß gebauet worden ist. Hier brachte ich meine Pflanzen in Ordnung, die ich des Tages auf diesem schoͤnen Berge sammelte. Da wo die Zirbelfichte aufhoͤrt Baum zu seyn, steigt man etwa 800 Schritte an der sanft sich erhebenden Koppe auf- waͤrts, durch die schoͤne gelbe Schneerose, das Busch- werk von liegenden Zirbelsichten und anderm Alpenge- straͤuch. Oben auf der Ebne des Berggipfels, die wohl drey bis vier Werst in die Laͤnge, und anderthalb in die Breite haben mag, die sich aber hernach wieder in an- dere Gebirge verliert, steht beinahe in der Mitte, auf dem hoͤchsten Punkte, ein Aggregat von verschiedenen ungeheuren Granitbloͤcken, die etwa sechs bis sieben Klaf- tern hoch seyn moͤgen. Hier oben eben ist es, wo man die majestaͤtische Aussicht hat. Eine beinahe zahllose Anzahl von Gebirgen, worunter nur einige wenige im Juli noch mit Schnee bedeckt sind, liegen gleichsam zu den Fuͤßen des Anschauers. Unter allen diesen Gebirgen bemerkt ich nur einen der hoͤher noch zu seyn schien wie der meinige; denn seine Koppe ragte nicht allein uͤber alle hervor, sondern war auch ganz dick mit Schnee be- deckt, welcher den ganzen Sommer nicht schmolz. Ohn- erachtet er uͤber 80 Werst von mir entfernt war, so schien er mir doch ganz nahe. Eben genannte Glaͤtzer ragen nie aus Sibirien. nie uͤber die Wolken hinaus, wie die am Baikal, sondern dienen ihnen, wenn ich mich so ausdruͤcken darf, als Stuͤtzen, indem ihre Haͤupter bey truͤber Atmosphaͤre ge- woͤhnlich in Wolken verhuͤllt sind. Jch bin zu allen Zei- ten und in allen moͤglichen Witterungen hier gewesen, manchmal erstarrte ich in den heißesten Sommertagen vor Kaͤlte, und zuweilen war auch die Hitze so groß, daß das Quecksilber im Sonnenschein bis auf 30° Reaumur stieg. Gern moͤchte ich Jhnen nun auch den Stand des Barometers sagen, aber leider hatte ich keinen bey mir. Bey meinem jedesmaligen hiesigen Aufenthalt, wenn es helles Wetter war, athmete ich aͤußerst leicht, befand mich munter und vergnuͤgt, und schlief des Nachts vor- treflich. Hier wars, wo ich die Art sah, wie die Natur die groͤßten Fluͤsse schaft. Diese Glatzberge nehmlich ziehen beynahe unaufhoͤrlich die Feuchtigkeiten aus der Atmosphaͤre an, und sobald man nur den Gipfel um einige Klaftern tief herunter steigt, so hoͤrt man schon ganz kleine Quellchen unter denen mit Rasen bedeckten Granitplatten rauschen, die sich hernach zu groͤßern Quel- len vereinigen. So sah ich vor meinen Augen auf der noͤrdlichen Seite meines Glaͤtzers die Gluboka entste- hen, und auf der suͤdlichen Seite die Solonzowa die in den Tschikoi faͤllt. Unterhalb der eigentlichen kahlen Koppe des Glaͤtzers findet man gewoͤhnlich einen mehr oder weniger großen Morast, der gleichsam zum Ver- sammlungsplatze aller Quellchen dient, von wo heraus sie dann schon wie Baͤche den Berg herunter stuͤrzen, und oͤfters die schoͤnsten Cascaden machen; wie hier die So- lonzowe, Sievers Briefe lonzowe, die so schoͤne Wasserfaͤlle hat, daß sie die in Kassel auf dem Winterkasten uͤbertreffen. Denn dort ist durch Kunst manche Unregelmaͤßigkeit aus dem Wege geraͤumt, hier aber regiert die roheste Natur. Auf vorher erwaͤhnten hohen Granitaggregaten war es, wo ich am 14. August Morgens mit Sonnenaufgang eine der goͤttlichsten Aussichten genoß, die sich denken lassen, eine Aussicht, die eine beredtere Feder als die meinige fordert, um sie nur einigermaßen wuͤrdig zu beschreiben. Den Tag vorher hatte es unten sehr fein geregnet, und auf den Alpen geschneyet. Dieses endigte sich aber gegen Mitternacht, und es wurde vollkommen helle. Bey dieser Gelegenheit nun war sehr viel Feuchtigkeit in den Thaͤlern, die alles mit dickem Nebel uͤberzog. Jch aber stand bey weitem hoͤher wie aller Nebel. Nun gieng die Sonne auf, das lezte Mondesviertel und ein reines Firmament uͤber mich. Alle Nebelsaͤulen, die gegen Ost und Suͤd hinstanden und die sonderbar- sten beinahe durchsichtigen Figuren bildeten, erhielten von der Sonne die herrlichsten Farben; zwischen diesen ragten hin und wieder die Gebirgruͤcken mit ihren be- waldeten Koppen hervor. Da sah man einen wunder- lichen großen Granitblock im Nebel schwimmen; denn seinen Berg worauf er ruhte sah man nicht. Hier sah man ein weites Meer, das sanft mit silberfarbenen Wel- len wallte. Gegen Norden waren alle diese Nebel pech- schwarz und schaudervoll; denn die Hoͤhe der Berge und Wolken hinderte, daß die Sonne so fruͤh dort nicht hin- scheinen konnte. Jch stand 2 Stunden wie eine Statue da aus Sibirien. da und betete an! — Nun zog sich der Nebel in die Hoͤhe, und auf einmal fiengen alle Bergspitzen an zu dampfen wie die schrecklichsten Oefen, und die Thaͤler waren rein: bald darauf verließ ich den Berg, und drun- ten in den angenehmen Wiesen, worin der Tschikoi fließet, genoß ich das schoͤnste Wetter. Wie ein Nadelholzwald geschwind in Brand ge- raͤth, sah ich bey meinem Hierseyn auch einmal. Meine Kosacken hatten in einem Thale den Feuerheerd unter einer großen schoͤn gruͤnenden Zeder angelegt, und waren nach der Mittagsmahlzeit, von der Arbeit ermuͤdet, auf eine Stunde lang eingeschlafen; waͤhrend dieser Zeit ergrif das Feuer die harzige Rinde der Zeder, diese fieng Feuer, von dieser wurden die Nachbarn, welche in Weiß- und Rothtannen, Fichten und Laͤrichen bestanden, wie- der angezuͤndet, dermaßen daß in einer halben Stunde ein ganzer Bergruͤcken im Brande stand, von welchem ein ungeheurer Dampf aufstieg, der die Luft verdunkelte, in 2 Tagen in welchem der Brand fortdauerte, waren solcher Bergruͤcken wohl sechs ausgebrannt, und haͤtten nicht Fluͤße und Baͤche und tiefe breite Thaͤler dem Feuer Graͤnzen gesezt, so waͤre der Schade noch groͤßer gewe- sen. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit laͤust das Feuer an einem solchen Harzbaum hinauf, wobey es ei- nen donneraͤhnlichen Laͤrm macht. Solche Lauffeuer se- hen des Nachts schoͤn aus. Aus dem aufsteigenden Dampfe regnete es zuweilen, aber nicht lange, anhaltend, bey hellem Wetter. F So Sievers Briefe So sind auch die heftigen Stuͤrme merkwuͤrdig, die oͤfters urploͤtzlich, und wenn es eben vorher noch stille war, aus den tiefen und sehr langen Gebirgthaͤlern mit dem groͤßten Ungestuͤm hervorbrechen. Dann gehts uͤber die Laͤrichenbaͤume, die sehr hoch und auf schwachen Fuͤs- sen stehen, erschrecklich her. Solche Stuͤrme sind im ganzen Sibirien sehr haͤufig, nur im Jablonnoi Chre- bet nicht lange anhaltend. Auf der andern Seite wie- derum sind sie, so wie alle etwas starke Winde, wohlthaͤ- tig; denn so lange sie wehen hat man etwas Ruhe vor den sehr beschwerlichen stechenden Jnsekten, deren es hier besonders dreye vorzuͤglich giebt, nehmlich: 1) Vieh- bremen ( Pauti ), welche die Groͤße einer Biene haben, aber sehr zaͤrtlich sind, indem sie die geringste Kaͤlte schon verscheuchet. Wehe dem, der blaue Kleidung hat; diese scheinen sie besonders zu lieben, denn sie fallen im Augenblick wie rasend darauf. Die Pferde leiden am meisten von ihnen, welches besonders an den weißen zu sehen ist, indem sie sehr bald mit Blut wie uͤbergossen zu seyn scheinen. Das zweyte Ungeziefer sind die Muͤ- cken, (Kamary), diese halten laͤnger aus und sind bey weitem beschwerlicher. Die dritten sind die kleinen Stechfliegen ( Moschki ) ein verdammtes kleines Ge- schmeiß, was aber nur den Tag aushaͤlt, bey Nacht aber im Morast liegt. Lampyris noctiluca die sich hier hin und wieder unter dem Gestraͤuch aufhaͤlt, ist desto unschaͤdlicher. — Wie man hier auf eine wohlfeile Art und in großer Menge Harz gewinnen kann, muß ich Jhnen doch auch erzaͤhlen. aus Sibirien. erzaͤhlen. Man nimmt die sehr harzige Rinde von nicht gar zu jungen Laͤrichen ( Larix ), zerschlaͤgt sie in klei- nere Stuͤcken, und schuͤttet selbe auf ein aus Birkenzwei- gen geflochtenes Sieb, welches auf einen Kasten, von Birkenrinde gemacht, gesezt wird, waͤhrend dem hat man am Abhange eines Berges ein ofenaͤhnliches Loch gemacht, das scharf angefeuert worden. Wenn das Holz niedergebrannt ist, fegt man Asche und Kohlen heraus, sezt obigen Kasten mit dem Siebe, worauf die Rinde liegt, in diesen Ofen hinein, deckt ihn gut zu, und laͤßt es so etwa 12 Stunden stehen. Nach Eroͤfnung des Lo- ches wird man das Harz ganz rein in dem untergesezten Kasten (Tschumak) finden. — Jch schließe damit, daß ich Jhnen noch sage, daß alles Eis, welches laͤngst den hiesigen Fluͤssen lange aus- dauert, um die Haͤlfte des July geschmolzen, und daß die Temperatur aller hiesigen Fluͤsse, und beynahe moͤch- te ich sagen aller Fluͤsse in Sibirien von ein bis 80 Reaumur Waͤrme ist. Den 4. August werden die Ze- dernuͤsse, ein beliebtes sibirisches Confekt, die ein vor- treflich schmeckendes gepreßtes Oel geben, reif, und die Blaͤtter von Birken, Ellern u. s. w. werden gelb. Den 24. August sezt der Winter schon ein. Jch habe die Ehre zu seyn ꝛc. F 2 Sieben- Sievers Briefe Siebenter Brief. Kiachta den 12. December 1791. Von hier aus beschreibe ich Jhnen nun eine Reise, die ich unternahm, um die ganze Kette von Gebirgen des Jablonnoi Chrebet queer zu uͤberreisen, und wenig- stens Dauurien zu sehen. Den 6ten September verließ ich meine Simowie am Tschikoi, sezte durch den Tschi- koifluß, und hielt bey einem andern warmen Mineral- quell, 25 Werste entfernt, einige Tage stille, um auch hier mich ein bischen umzusehen. Dieses warme Was- ser verdient den Namen in der That, und ist von dem vorhererwaͤhnten am Kunalei sehr verschieden. Als ich des Abends hier anlangte, und mich dem Quell, der so wie der vorige, aber noch hoͤher, aus einem Granitge- birge in einem melancholischen hohen Bergthal ent- springt, auf 6 Klaftern naͤherte, spuͤrte ich schon den Aër hepaticus. Jch hieng mein Thermometer hinein, das nach Verlauf gehoͤriger Zeit 29° Waͤrme zeigte; die Atmosphaͤre hatte 17°, und ein kleiner Bach, der etwa 3 Ellen weiter davon entsprang 6° Waͤrme. Als ich mich im Becken des Quells badete, mußte ich Anfangs viel niesen; ein anderer Beweiß der Gegenwart von Schwefelleberluft: Silber, Messing und Kupfer wurden sogleich schwarzbraun wenn sie ein Weilchen in’s Was- ser getaucht wurden, welches stark aus dem Grunde her- vorbrudelt. Auf denen hier haͤufig liegenden Rollstei- nen war ein weißer erdiger Satz, der aber nur reine Kalkerde zu seyn schien. Er brannte durchaus nicht, gab aus Sibirien. gab auch auf keinerleyweise einen Schwefelgeruch von sich, uͤberhaupt waren so wenig auf den Pflanzen, wie irgend anderswo, Schwefelincrustate zu bemerken. Jm Quell selbst war viel Conferva bullosa die von dem be- staͤndigen Aufbrudeln der Quelle gar sonderbare Figuren angenommen hatte, und das schoͤnste Gruͤn zeigte. Uebri- gens ist das Wasser sehr helle, und kocht Fleisch und Gruͤtze bald gar und weich. Außer einer von Mongolen erbauten kleinen Simowie fand ich hier uͤbrigens nichts. Die Pflanzen die in einem Bezirk von etwa 8 Faden wuchsen, waren folgende: Trollius asiaticus, Potentilla fruticosa latifolia, Dianthus plumarius, Epilobium pa- lustre, Scutellaria galericulata, Parnassia palustris, Loni- cera caerulea, Triticum, Rubus saxatilis, Swertia cor- niculata; Pinus Cembra, Larix, Abies et sylvestris; Arenaria divaricata, Alopecurus geniculatus, Ranun- culus hederaceus, Aconitum unciuatum, Polygonum viviparum, Aconitum pyrenaicum? Carum inodorum, Senecio saracenicus, Spiraea palmata Pall. Achillaea Millefolium, Aira aquatica, Polemonium caeruleum, Geranium phaeum, Agrostis capillaris, Geum rivale, Rumex obtusifolius, Euphrasia officinalis, Sedum Te- lephium purpureum, Spiraea salicifolia, Mnium fon- tanum, fragaria vesca, Artemisia vulgaris transbaica- lensis, Lilium Pomponium, Sanguisorba officinalis, Lamium album, Silene mutabilis und einige Hypna die aber ziemlich unkenntlich waren, so daß ich sie mit Ge- wißheit hier nicht nennen kann. F 3 Den Sievers Briefe Den naͤchsten Morgen fruͤh wiederholte ich meine Thermometerbeobachtungen, und fand die Atmosphaͤre 7° Waͤrme, den warmen Quell 28½° und das uͤbrige wie gestern. Da hier nun fuͤr mich weiter nichts zu thun war, so ließ ich aufsatteln, und paßirte 6 Werste von hier den etwa 25 Faden breiten, in den Onon fallenden Fluß Kirkun. Dann giengs durch Sumpf, Busch und Bra- ken, uͤber einen Golez, der mir wieder eine aͤußerst wil- de Aussicht gewaͤhrte, und uͤber andere Gebirgruͤcken, wo allenthalten schon Schnee genug lag. Wir paßirten den Kirkun wieder, wo er schon mehr wie 30 Faden breit war, und gelangten in der Grenzwacht Baltschikan in Dauurien an, die 80 Werste von meiner Tschikoi Simowie entfernt geschaͤzt wird, und sehr angenehm situirt ist. Nun war ich jenseits des Jablonnoi Chre- bet in einem anders aussehenden Lande. Hier waren die Berge niedriger und fanftstreichend, und ein guter trockner Boden. Aber Korn will der nahen Schneege- birge wegen nicht fortkommen. Pinus Larix war hier beinahe das einzige Holz. Auch Chamaejafme zeigte sich hier wieder haͤufig, und ist ein aͤußerst scharfes und heftiges Mittel. Jch kauete etwa 5 Minuten et- was von der Wurzel, welche im Anfange suͤß und muci- laginoͤs schmeckte, hernach empfand ich aber ein so hefti- ges Brennen im Munde und Halse, daß, ohnerachtet ich viel von der hiesigen schoͤnen fetten Milch genoß, ich doch unter 12 Stunden nicht davon befreyet wurde. Sie ist ein Drasticum und ein unvorsichtiger Gebrauch davon bey den Bauren, die sie Mushik Koren (Manns Wur- aus Sibirien. Wurzel) nennen, hat manchmal einen Patienten in die andere Welt geschickt. Obengedachte Grenzwacht besteht aus 10 Rußen und 10 Tungusen, die hier wohlbeguͤtert und in guter Eintracht mit einander leben. Von den Tungusen sage ich hier weiter nichts, denn die hat Georgi hinlaͤnglich genug beschrieben. Jch war sehr gern unter ihnen, denn sie sind freundlich, gastfrey und sehr hoͤflich und brav. Die besten Subjekte zur Reiterey gewiß. Von dieser Grenzwacht geht man uͤber Akschinskoi Festung und Dshindan nach Nertschinsk, etwa 400 Werst Abstand. Den 13. September gelangte ich beym warmen Wasser wieder an, wo ich aber alles sehr veraͤndert fand. Ein mongolischer Fuͤrst ( Taischa ) mit einem Gefolge von 100 Pferden, 6 Priestern, 4 Weibern und mehr wie 30 Menschen an Wildschuͤtzen und Aufwaͤrtern. Auf Be- fehl des Taischa waren die Quellen aufgeraͤumt und zwey Lauben von den Zweigen der Zedersichte daruͤber gebauet, wovon die eine zum Baden fuͤr die Maͤnner, die andre fuͤr die Weiber eingerichtet waren. Uebrigens war noch eine große Simowie fuͤr den Taischa besonders errichtet. Da eine besondre Einsegnung des Wassers vor sich ge- hen sollte, so verweilte ich den ganzen Tag bey dem Fuͤr- sten, der nach asiatischer Art seine Wohnung mit vielen Teppichen ausgeziert hatte. Neben ihm lag ein Lama, der viel bey ihm zu gelten schien, und so zu sagen den Fuͤrsten ganz regierte. Zuweilen waͤlzte oder streckte sich dieser, ohne weitere Umstaͤnde, auf den Decken herum. Er schien mir der Minister, der Beichtvater und der F 4 Rath- Sievers Briefe Rathgeber zu seyn. Rousseau hat Unrecht wenn er sagt daß ein Unterschied zwischen den Menschen sey, wenig- stens was Meynung, Vorurtheil, Jnteresse, Bestreben, Hoffnung und Wunsch betrifft, so sehe ich beynahe allent- halben die groͤßte Gleichheit. Allenthalben finde ich die- selben Spinnrocken-Maͤhrchen, allenthalben denselben Poͤbel, nur daß Sprache und Kleidung die Menschen in Haufen abtheilt. Man erzaͤhlt sich allenthalben von Riesen, von Ziegenboͤcken, von Hexenmeistern, von Abentheurern, von vergrabenen Schaͤtzen, vom Teufel und von seinem Anhange. — Doch wieder auf die mongolische Wasserweihe zu kommen: — Gegen Abend, kurz vor Sonnenunter- gang, wurden einige aus Messing gegossene Goͤtzenbil- der und Opfergefaͤße, auf einen aus Steinen aufgebaue- ten Altar am Quell, gesetzt. Hier formirten der Tai- scha, seine Priester und uͤbrigen Begleiter einen halben Zirkel sitzend mit untergeschlagenen Beinen; und nun begann der Gottesdienst der eine halbe Stunde dauerte und in Singen, Brummen, und Gebeten bestand. Dann gieng jeder nach seinem Range zum Baden. Diese Ze- remonie geschiehet alle Tage. Jch ritt indeß wieder da- von und schließe meinen Brief mit der Beschreibung der sogenannten Simowien oder Winterwohnungen und mei- ner Abreise aus dem Jablonnoi Chrebet. Es giebt zweyerley Arten von Winterwohnungen: die eine dient denen Wildschuͤtzen zur Wohnung und zur Aufbewahrung ihres Proviants und Rauchwerks in den Wildnissen und Gebirgen; die andern sind deswegen an- gelegt aus Sibirien. gelegt damit Reisende im Fall der Noth Dach und Fach fuͤr Unwetter haben moͤgen. Jn diesem Fall sind sie an großen Fluͤssen, Moraͤsten oder unwegsamen Oertern er- baut, damit wenn der Wandersmann zu der Zeit reiset, da entweder der Winter einsetzt oder Abschied nimmt, wo in beyden Faͤllen an verschiedenen Orten in Sibirien durchaus nicht weiter zu kommen ist, ohnerachtet ein Dorf oder Stadt im Angesicht ist; so kann er in einer solchen Simowie doch wenigstens bessere Herberge finden, wie auf dem freyen Felde. Doch, da jetzt Sibirien reich an Staͤdten und Doͤrfern ist, so treibt die Noth, in Winterwohnungen einige Zeit zuzubringen, die Rei- senden nur dazu etwa am Eißmeer, in den Gegenden der Muͤndungen des Jenisei, Lena, Kowyma, Jana, Jndigirska-Fluͤsse u. s. w. oder in den unwegsamen Ge- birgen wo bis jetzt noch lauter nomadische Voͤlker woh- nen. Eine Simowie ist uͤbrigens bald gebauet indem sie nur aus uͤber einander gelegten Baͤumen aufgefuͤhrt und mit Cortex Laricis bedeckt wird. Den 21sten September konnte ich endlich diese Ge- birge verlassen, bey welcher Gelegenheit ich aber den Weg laͤngst dem Tschikoi-Fluß waͤhlte, als welcher weit bequemer war, wie ich dieses von den Wildschuͤtzen ge- lernt hatte. Funfzehn Werste von meiner Wohnung paßirte ich eine große Alpenwiese, in welcher sich sieben kleine Landseen befanden, die deswegen beruͤhmt sind, weil, wegen des haͤufigen Wildes, hier viele Jaͤger sich zu allen Zeiten aufhalten. Der Weg, den ich zur Heim- reise waͤhlte war bey weitem angenehmer, wie der vor- F 5 her Sievers Briefe her beschriebne. Der Tschikoi hat sich die angenehmsten Gegenden ausgewaͤhlt, worin er seinen Lauf fortsetzt; bald befindet man sich auf den herrlichsten Wiesen, bald in einem schoͤnen Gebuͤsch, bald hat man mit Schnee (besonders im September) bedeckte Gebirge zu beyden Seiten, bald befindet man sich in einem angenehmen Fichtenwalde, bald passirt man mit Felsenstuͤcken von der Natur gepflasterte Wege, die fuͤr die Pferde allein be- schwerlich sind und zuweilen passirt man einen Fluß, de- ren außer dem immer breiter werdenden Tschikoi (mong. Zuk ù ) noch folgende waren: Werchnaja Solonzo- wa, Ub ù r Jassutai, Arui Jassutai aus deren Ver- einigung ein Fluß entsteht der bey den Russen Pute- schinkina und bey den Mongolen schlechtweg Jassutei heißt; noch den Delun, Graͤsnowka und Sossotui. So gelangten wir denn endlich wieder im Dorse Sa- charewsky an, wo wir die Bauern alle im Felde fanden, die ihr abgemaͤhetes Korn in Haufen brachten und theils zu Hause fuͤhrten um es auszudreschen. Nun kam ich, so zu sagen, wieder in die Welt zuruͤck, wo es das Schick- sal so ordnete, daß ich die hiesigen Gegenden ganz ver- lassen und eine Reise nach dem Jenisei und den um Aba- kansk und Atschinsk wohnenden Tataren machen mußte. Zum Beschluß will ich Jhnen nur noch melden, daß der von seinem Ursprung bis zu seiner Muͤndung zur Selen- ga bey Selenginsk an 500 Werst stroͤmende Tschikoi seinen Namen einer verdorbenen Aussprache des Tungu- sischen Worts Zochondo zu danken hat. Dieses Wort Zochondo aber kommt von einem hohen Goletz, der sich aus Sibirien. sich um den Ursprung des Tschikoiflußes befindet. Auf der nordoͤstlichen Seite dieses Berges fließet der Kirkun und weiter in Osten der Jngoda. Aus Zochondo haben die Mongolen Zucko und die Russen Tschikoi ge- macht. Jch habe die Ehre zu seyn. Achter Brief. Varnaul d. 3ten Octobr. 1792. Jch erhielt Befehl am Jenisei und Jrtisch beque- me Stellen zu Rhabarberpflanzungen auszusuchen. So- bald die Reise uͤber das Eiß des Baikals sicher war, trat ich meine Reise nach Jrkuzk an. Auf dieser Reise war mir diesesmal nicht viel Merkwuͤrdiges aufgestoßen. Jn der Station Goloustnoi, wo ich 24 Stunden aus Mangel an Pferden bleiben mußte, hoͤrte ich diese ganze Zeit hindurch das bestaͤndige Donnern des Eises auf dem Baikal. Es entsteht von dem Zerbersten der ungeheu- ren Eißdecke. Es war itzt das heiterste Winterwetter; und nicht zu allen Zeiten soll diese Kanonade zu hoͤren seyn. — Am Ausfluß der Angara aus dem Baikal wa- ren auch itzt (im Januar) haͤufige Klipp-Maͤrz- und Kriekenten, und andre Wasservoͤgel, auf den offnen Stellen, welche die schnelle Stroͤmung unterhaͤlt, zu se- hen. Man schießt sie auch den ganzen Winter, indem sich der Jaͤger hinter eine 3 bis 4 hohe, durchloͤcherte Eißscholle legt, aus gezognen Buͤchsen. Den Sievers Briefe Den 28. Februar verließ ich Jrkutzk und hielt mich in Krasnojarsk so lange auf als meine Geschaͤfte erfor- derten. Diese Stadt erlitt bald nach der Abreise der Herrn academischen gelehrten Reisenden Anno 1772 ei- nen großen Brand, der die ganze Stadt in einen Aschen- haufen verwandelte. Seitdem ist sie aber wieder aufge- baut und eine der schoͤnsten Staͤdte in Sibirien, mit zwey steinernen Kirchen. Die Gegend umher ist außer- ordentlich schoͤn und fruchtbar. Die Euphorbia drastica, die hier in den Thaͤlern am Jenisei waͤchst, eine Sand- stein-Breccia mit roͤthlichem Eisenocher, gegen Krasno- jarsk uͤber, beym Dorfe Twarogowoi und die traurigen Wirkungen vom Genuß der Wurzeln des Hyosciamus niger (Belena) sind alles was ich Jhnen von hieraus schreibe. Letztere werden im Fruͤhjahr, von den in den Gaͤrten spielenden Kindern ihrer Suͤßigkeit wegen zuwei- len genossen. Ein solcher Fall ereignete sich waͤhrend meines Hierseyns an zwey Knaben. Weil hiesige Stadt noch gaͤnzlich ohne Arzt ist, so wurde ich zu Huͤlfe geru- sen und half den, sehr laͤcherliche Possen treibenden, Kin- dern mit den gehoͤrigen Mitteln innerhalb 24 Stunden zurecht. Alles Uebrige hier herum finden Sie ganz vor- trefflich in Pallas Reise. Den 11ten Juni verließ ich Krasnojarsk und setzte meinen Weg, der bis zur Dorf- aͤhnlichen Stadt Atschinsk 165 Werst entsetzlich kothig war, zu den Katscher-Tataren fort. Des wohlfeilen Kornpreises wegen sind ohnweit Atschinsk zwey Brann- teweinsbrennereyen angelegt. Eine, Krasnoretschins- koi liegt an der großen Tobolskischen Heerstraße und die andere aus Sibirien. andere Bogatoll 10 Werst fuͤdlich abwaͤrts. Diese hat 65, vierzig Eimer haltende kupferne Destillirblasen, die aber bloß im Winter nur angefeuert werden, indem we- gen der Kaͤlte alsdenn weniger Verlust an Geist ist. Von hieraus fuhr ich nach dem Dorfe Tscherbakoll am Fluͤß- chen Katik nachdem ich nicht weit davon den schnellen Tschuluͤm passirt hatte. Von hier giengs weiter uͤber die Doͤrfer Altat am Fluͤßchen gleiches Namens, La- sarowa an den Fluͤssen Altaduͤm und Tschuluͤm, Ust- seretskoi am Toilok und Tschuluͤm, das Kirchdorf Podsosninskoi wo der Tschuluͤm seinen Namen ver- liert und nun schwarzer Yjus genannt wird. Weiter uͤber Skorobogatowa am Fluͤßchen Borzuk; dann zum Kirchdorfe Udshur am Fluͤßchen gleiches Namens. Vierzig Werst von hier am Fluͤßchen Solgon standen kusnetzkische Tataren wo ich frischen Vorspann nahm, bis zum Dorfe Kopjewa am Yjus der hier nun der weiße genannt wird, aber immer mit vorhererwaͤhnten nur ein Fluß ist. Hier ist er besonders schnell stroͤmend, so daß das Uebersetzen, welches in großen Boͤten geschieht die zu 2, 3 oder 4 an einander gebunden und oben wiederum mit Brettern bedeckt sind, nicht ganz ohne Gefahr ist. Und nun gieng der Weg bis an die Festung Abakansk bestaͤndig durch die Sagaische Steppe, wo gewiß die angenehmsten Gefilde in Sibirien zu sehen, die durchaus ohne stechende Jnsekten sind. Jn einer der angenehm- sten Gegenden am See Jlkuͤl der mit dem Biloͤ durch einen schmalen Canal zusammenhaͤngt, nahm ich auf ei- nige Tage bey den Tataren mein Quartier, um in die- sem Sievers Briefe sem Briefe alles auf einmal zu sagen, was ich zu bemer- ken Gelegenheit hatte. Die hier wohnenden Katschinzi sind meistentheils wohl gebauet, sprechen eine Sprache die groͤßtentheils auf dem alten kasanisch-tatarischen Fundamente stehet sich aber in der Aussprache mehr der Jacutischen naͤhert. Gleichfalls hat sie viele kalmuͤckische Woͤrter in sich. Und so kann man die Stufenfolge machen wie sich diese alte Sprache immer mehr und mehr von ihrem Ursprunge entfernt. Jn Kasan wird sie sehr rein gesprochen; dann folgen die Bucharen, die von ihren Persianischen Nach- barn viel angenommen haben, dann die Kirgisen, als- dann die Tataren welche laͤngst dem Jenisei oberhalb Krasnojarsk wohnen und so weiter die entferntesten Ja- cuten. Jch war in Ruͤcksicht der Gastfreyheit und Ar- tigkeit mit meinen Tataren wohl zufrieden. Sie sind die sorgenlosesten Leute von der Welt, die von ihren aͤus- serst zahlreichen Heerden alles im Ueberfluß besitzen was ihnen noͤthig ist und so weit ich sie habe kennen lernen ohne Falsch. Man kann daher sehr sicher unter ihnen reisen. Sie haben weder Schrift noch Buͤcher; einige haben russisch schreiben und lesen gelernt. Sie sind aber die groͤßten Trunkenbolde die vielleicht außer den Kam- tschadalen in Sibirien existiren. Jhre Weiber sind be- staͤndig mit Milchbrannteweins-Destillationen beschaͤfti- get; und sobald in einer Jurte eine Quantitaͤt vorraͤthig ist, so kommen die Nachbaren herzu und dann trinkt Mann und Weib. Man sieht daher, wenigstens im Sommer, selten einen nuͤchternen Menschen; aber diese Voͤlle- aus Sibirien. Voͤllerey thut Niemand Schaden. Sie sitzen vor sich weg, machen lustige Possen, und erzaͤhlen sich allerley Fratzen und Maͤhrchen. Sie haben die schoͤnsten Pferde in Sibirien, und vortreffliches Rindvieh, welches itzt sehr haͤufig von denen hieherkommenden Kaufleuten auf- gekauft und nach allen Orten, bis auf 6000 Werst in die Ferne besonders haͤufig nach Moskau jaͤhrlich ausge- fuͤhrt wird. Bey den Tataren steckt daher eine große Menge Geldes, welches so gut wie aus der Circulation verlohren ist. Denn obschon sie sich ganz artig und rein- lich kleiden, so zahlen sie doch hievor niemals Geld, son- dern der naͤher wohnende Kaufmann bringt die noͤthigen Waaren mit sich, wofuͤr er Vieh eintauscht. Brannte- wein vergißt er niemals mit sich zu bringen, denn mit dem besoffenen Tataren laͤßt sich’s besser handeln, wie mit dem nuͤchternen. Von einer Religion sah ich nicht die geringsten Merkmale. Jch versuchte verschiedene Male mit ihnen uͤber dergleichen zu sprechen, aber, entweder wollten sie nichts davon wissen, oder wußten auch wohl in der That nichts. Denn ich erhielt niemals daruͤber die geringste Erklaͤrung. So viel weiß ich indeß daß sie ein gutes und boͤses allmaͤchtiges Wesen glauben. Ue- brigens ist ein großer Theil davon dem Schein nach schon zur rußischen Religion uͤbergegangen. Jhre Jur- ten sind reinlich, geraͤumig, und alle von Birkenrinde gebauet, die bey Sonnenschein eine blendende Weisse in der Ferne von sich geben und aufs Angenehmste mit dem Gruͤn der Wiesen und Berge contrastiren. Die Klei- dung der Weiber besteht in langen Roͤcken die von den Schul- Sievers Briefe Schultern bis auf die Fuͤße reichen; sie sind blau, gruͤn, oder verschiedenfarbig, von chinesischen, baumwollenen, oder rußischen Linnenzeuge, Camelot, Seide oder Halb- seide, je nachdem der Reichthum groß oder klein ist. Wie die Tuͤrkinnen so tragen auch sie lange Beinkleider. Jhre glaͤnzend schwarzen schoͤnen Haare zertheilen sie nach kal- muͤckisch-mongolischer Art die Weiber in zwey, die Maͤd- gen in vier bis sechs oder mehr Flechten, die sie mit Sil- berblechen, Perlmuttertafeln, Baͤndern, kupfernen, mes- singenen, oder zinnernen Blechen auszieren. Oefters bemerkte ich noch einige aus verschiedenen mit allerley aus- geschnittenen Zierrathen Perlmutterblechen u. dergl. zu- sammengesetzte viereckigte Figuren, die auf den Rock, etwa zwischen die Schultern, aufgenaͤhet waren. Den Kopfputz macht oͤfters eine mit Zobel, Fuchsbalg, Eich- hoͤrnchen, u. s. w. verbraͤmte platte Muͤtze oder Huͤtchen aus, wie die Weiber der Kalmuͤcken und Mongolen auch zu tragen pflegen. Auf diesen Muͤtzen ist ein aus rother Seide gemachter Quast, der in den Nacken herunter- haͤngt und am Ende wiederum mit allerley Blechwerk behaͤngt ist. Manchmal bemerkte ich auch auf jeder Schulter einen viereckigen Flicken eingesetzt, der eine an- dere Farbe wie der Rock hatte. Die Maͤnner kleiden sich in lange Pelze, oder lange Schlafrock aͤhnliche Roͤcke ohne Pelze, von verschiedenen Zeugen. Gewoͤhnlich aber sieht man sie in langen Hosen und im Hemde. Jn Huͤten und Muͤtzen haben sie nichts Eigenes, sondern tra- gen selbe wie die Russen. Eigentliche Schoͤnheiten habe ich wenig gesehen, aber durchaus gesunde, handfeste Frau- aus Sibirien. Frauenzimmer, die sich zu Liebesaffairen mit einem Fremden sehr schwer und beynahe niemals uͤberreden las- sen. Wenn ich meine Pflanzen in andere Papiere um- legte, so war ich bestaͤndig von einer Menge Menschen beyderley Geschlechts, besonders Kindern umringt, die oͤfters sich lustig uͤber mich machten und nicht begreifen konnten, daß ein Mensch so weit hergereiset kaͤme, um ihre Unkraͤuter zu sammlen und mit so vieler Muͤhe zu trocknen. Den 22sten Juni hatte ich Gelegenheit einem Trauerfest mit beyzuwohnen, welches zum Gedaͤchtniß eines im vorigen Jahre verstorbenen Tataren angestellt wurde. Eine Menge wohlgekleideter Maͤnner und Wei- ber giengen zu Pferde nach dem Grabe, mit einer jun- gen Stute die zum Schlachten und Essen bestimmt war. Waͤhrend daß diese Stute mit Baͤndern und Schnuͤren von allerley Farben ausgeziert wurde, setzte sich die Toch- ter des Verstorbenen, ein bejahrtes Frauenzimmer, außen vor der Jurte nieder und begleitet von mehreren Weibs- leuten, fieng sie ein jaͤmmerliches fast monotonisches Klag- geheule an, das etwa eine halbe Stunde waͤhrte, wobey zwischen durch eine Schale Milchbranntewein ausgeleert und Tobak geraucht wurde. Nun war die Stute im Putz, ein jeder setzte sich, schon halbtrunken, zu Pferde und so giengs nach dem Grabe zu. Hier wurden die guten Leute aber in Erstaunen gesetzt; denn da die Ta- taren noch die Gewohnheit haben, allerley kostbare Sa- chen mit in die Gruft zu verscharren, so sind zuweilen christliche Geldsucher oder Schatzgraͤber, die dergleichen G Saͤchel- Sievers Briefe Saͤchelchen lieber auf der Erde zu behalten wuͤnschen, darnach aus. Und so wars auch hier: Man fand die Grube geoͤffnet und die Knochen mit einer Peitsche und Handschuh des Verstorbenen lagen herum. Ein entsetz- liches Geheule und Klaggeschrey war die Folge davon; man scharrte alles wieder zusammen und da nun vor der Hand nichts weiter zu thun war, so gieng der Zug zu einer nahe gelegenen Ulusse, wo Verwandte des Verstor- benen wohnten. Da wurde nun die Geschichte von der Verwuͤstung des Grabes mit schrecklichen Geberden, heu- lenden Gesaͤngen, wahnsinnigen Toben, erzaͤhlt; die Zahl der heulenden Weiber vermehrte sich um ein Ansehnli- ches; indessen wurde denn doch die Maͤhre mit allerley Zeremonien ihres Zierraths bald beraubt, geschlachtet, gekocht und verzehrt, wobey der Brannteweinsbecher und die Tobackspfeife weidlich herumgiengen, ohne daß das Geheule ein Ende nahm. Gegen Abend zog man wie- der heim und nun gieng das Laͤrmen, Sausen und Fres- sen, Heulen, Schelten auf die Schatzgraͤber und so wei- ter, von neuem wieder los. Viele Maͤnner philosophir- ten unter einander fuͤr sich und so wie einer ganz vom Brandtewein uͤberwaͤltigt wurde, blieb er auch grade auf der Stelle liegen, und schnarchte, so daß die heulende Gesellschaft bey Wenigem sich verminderte und nach Mit- ternacht in eine schnarchende verwandelt wurde. Die hiesigen Tobackspfeifen sind die simpelsten und elendesten die ich je gesehen habe; in einem laͤnglichen, viereckigem oder rundlichen Bloͤckchen sind zwey Loͤcher- chen die sich in der Mitte vereinigen; das eine ist fuͤr den eben- aus Sibirien. ebenfalls hoͤlzernen sehr kurzen Pfeifenstiel und das an- dere etwas groͤßere fuͤr den Toback. Es faßte etwa ein halbes Quentchen Toback, der noch dazu mit geschabten Birkenspaͤnen zur Haͤlfte vermischt ist und so raucht diese Nation beynahe unaufhoͤrlich. Freylich hat auch man- cher reiche Tatar europaͤische oder chinesische weiße ku- pferne Pfeifen. — Der Jllkuͤll und sein Nachbar Biloͤkul sind reich an Fischen und besonders schoͤnen Hechten. Die Tata- ren sind hievon keine Liebhaber, also leben diese Wasser- bewohner in der gluͤcklichsten Freyheit. Das Wasser in diesen beyden Seen gehoͤrt unter die allerreinsten; beyde zusammengenommen moͤchte ihre Laͤnge wohl 20 bis 25 Werst ausmachen und die Breite halb so viel. Sie sind mit den reizendsten Gebirgen umgeben, die aus verschie- denen Granitarten und Schiefern bestehen. Ein großer Theil aller hiesigen Berge ist ohne Waldung. Die be- waldeten tragen Laͤrichen und Fichten. Die angenehm- sten botanischen Spatziergaͤnge gewaͤhrten sie mir. Da die Tataren gern ihre Todte auf Berge begraben, so traf ich oͤfters auf ihre Begraͤbnisse. Sie legen die Leichen, so wie wir in Saͤrge. Der Grabhuͤgel bestehet aus ro- hen Felsenstuͤcken. Den 24. Jun. brachte ich den Abend auf solchen Huͤgeln bey hellem Himmel und vollem Mon- de zu. Gluͤcklich prieß ich die Tataren: Wenn sie essen, trinken, schlafen und Toback rauchen koͤnnen, so sind sie mit der ganzen Natur zufrieden. Sorgen, Melankolie, Misanthropie, fehlgeschlagene Projekte, Luftschloͤsser, die in civilisirten Laͤndern so viel gebauet werden, u. s. w. G 2 beun- Sievers Briefe beunruhigen diese Nomaden nie. — Jch hoͤrte bey de- nen am Fuße meines Berges liegenden Jurten Musik; um hieran Theil zu nehmen stieg ich zu diesen guten Leu- ten herunter und fand die froͤhlichste Gesellschaft von der Welt. Ein Blinder spielte auf dem Ch ó mus, einem Jnstrument welches nur 2 — 3 Sayten hat und wie ei- ne Zitter aussiehet; ein anderer Nichtblinder accom- pagnirte ihn auf dem Tsch é tagan, welches ein Faden lan- ger und vier Zoll breiter, viereckiger Trog ist, wenn ich es so nennen darf. Die offene Seite dieses Troges ist unterwaͤrts gekehrt und auf den Ruͤcken sind 6 Pferde- haarne Sayten, welche mit den Fingern geruͤhrt werden. Zwey Saͤnger sangen ein beynahe monotonisches Hir- tenlied im tiefen brummenden Baß dazu. Dieses Con- cert, Trinken, Tobackrauchen und nach ihrer Art philo- sophiren dauerte bis 3 Uhr nach Mitternacht, wo Mor- pheus dem Spiel ein Ende machte. Den naͤchsten Tag sah ich wiederum eine traurige Scene: Eine ganze Familie war angelangt, denen in sehr kurzer Zeit der Tod suͤnf Bruͤder, und eine Feuers- brunst ihre Jurten geraubt hatte. Hier gieng das Heu- len, Lamentiren, Singen, Trinken, Tobackrauchen und Philosophiren von Neuem wieder an. — Ohnweit dem Fluͤßchen Tuuͤm ist ein Salzreicher großer See (Samosadno Osero), den ich zu sehen wuͤnsch- te. Jch nahm also von meinen Tataren hier Abschied und fuhr dorthin. Ein von dem nicht laͤngst verstorbe- nen krasnojarskischen Woewoden Fuͤrsten Pelymsky vor etwa 15 Jahren erbauetes steinernes Magazin stehet noch aus Sibirien. noch da. Zu jenen Zeiten war das Salz noch so haͤufig, daß es nur vom Boden des Sees losgebrochen und so ins Magazin aufgeschuͤttet wurde; nunmehro aber sind einige suͤße Wasserquellen im Grunde entstanden, die die Salzlauge so verduͤnnen, daß sie nicht mehr kristallisirt. Und daher hat der Salzgewinn aufgehoͤrt. Die Sohle ist aber noch so reich, daß wenn man sie versieden wuͤrde, man ohne Verlust das reinste Salz gewinnen koͤnnte. Am Rande des Sees lagen große bis 3 Zoll dicke blen- dend weisse Kuchen vom schoͤnsten Sale mirabili Glauberi. Zur Bewachung des Ganzen werden hier 6 Kasaken ge- halten. ‒‒ Von hieraus zog ich weiter durch die Step- pe bis zum kleinen russischen Dorfe Jerba, sodann 15 Werst ferner zum Dorfe Toͤs. Dann setzte ich 22 Werst von hier in kleinen Boͤten uͤber den fuͤnf Werste breiten Jenisei, welche Breite durch einige Jnseln ver- ursacht wird, und gelangte in der Festung, oder Ostrog Abakansk an. Auf der ganzen tatarischen Steppe und hier herum ist alles voll von uralten Grabmaͤlern von einer bis jetzt unbekannten Nation, die nur schlechthin in Sibirien Tschudi genannt werden. An den vielen aufgerichteten Steinen sah ich nirgends Jnschriften. Der groͤßte Theil der Einwohner vorhergenannter Doͤrfer sind von der Stadt Jeniseisk etwa vor 30 bis 60 Jahren hergenommen. Abakansk liegt sehr angenehm situirt, hart am Je- nisei. Man hat diesen Ort zu einer Stadt machen wol- len, welches aber, wegen verschiedener Unbequemlichkei- ten, nicht in Erfuͤllung gekommen ist. Er wurde im G 3 vorigen Sievers Briefe vorigen Jahrhundert angelegt, mit Pallisaden umgeben und mit 5 metallenen kleinen Kanonen versehen, um de- nen Einfaͤllen der Tataren und der damals hier noch woh- nenden Kirgisen Einhalt zu thun. Nahe am Ostrog sind etwa sechs und funfzig Haͤuser gebauet, wobey eine hoͤlzerne Kirche ist. Die Einwohner, worunter viele abgedankte Kasaken sind, gehoͤren nicht unter die armen Leute. Meine Geschaͤfte konnten hier bald geendiget wer- den, ich kaufte mir also ein großes Boot und schwamm mit meiner ganzen Equipage den Jenisei bis Krasno- jarsk in 2 Tagen herunter, welches 300 Werst ausmacht. Dieser große Fluß hat seinen Lauf hin und wieder durch die groͤßten Granitfelsen mitten durch gebahnt, die zu beyden Seiten in hohen senkrecht abgeschnittenen Waͤn- den stehen und hin und wieder allerley Hoͤhlen haben. Die Ufer des schnellstroͤmenden Jenisei sind mit vielen Doͤrfern geschmuͤckt, die wohlhabende Einwohner haben. Den 9ten Jul. verließ ich Krasnojarsk und eilte zu den altaischen Gebirgen am Jrtisch, Buchtorma und so weiter, um die dort haͤufig wachsende Rhabarber un- tersuchen zu koͤnnen. Am 14. Juli erreichte ich Tomsk, wo ich an dem Commendanten, Obristen und Ritter de Villeneuve, ei- nen Greiß von 88 Jahren fand, der noch sehr munter und gesund war, und mich freundlich aufnahm. Die Stadt Tomsk hat 9 Kirchen, ein großes steinernes Kauf- haus, eine tatarische Metschet, großen Vorrath an bey- nahe allen sibirischen Fischen, worunter der Mucksun der gewoͤhn- aus Sibirien. gewoͤhnlichste ist, liegt in einer zum Handel vortheilhaf- ten und fruchtbaren Gegend und gehoͤrt mit unter die groͤßten und reichsten Staͤdte von Sibirien. Das hier ehedem geherrscht habende schreckliche Saufen hat nun- mehro nachgelassen. Schade, daß die Gassen so kothig sind wenn regnige Zeiten einfallen. Die Stadt ist noch nach altem Geschmack gebauet. Jch muß denn doch hier bemerken daß je groͤßer die Volksmenge in Sibirien wird, je seltener werden die Fische, denn schon jetzt sind sie dreymal so theuer wie vor 20 Jahren. Sterlede kostete sonst das Pfund 2 itzt 15 Cop. Ossetrina oder Stoͤr ‒ ½ — 20 — Mucksun ‒ ‒ 1 — 4 — Hechte ‒ ‒ ‒ 1 — 3 — Omuli ‒ ‒ ½ — 1 — Chairusi ‒ ‒ ½ — 2 — Sigi ‒ ‒ ‒ 2 — 4 — Taimeni ‒ ‒ 5 — 8 — Lenki ‒ ‒ ‒ ½ — 2 — Rother Jkra, oder Caviar ‒ 2 — 4 — Schwarzer Jkra ‒ ‒ 2 — 30 — Tschebak ‒ ‒ 1 — 3 — Karaussen ‒ ‒ — 2 — Den 19ten langte ich in Barnaul an, nachdem ich von Tomsk aus bis hieher eine der vortreflichsten Land- straßen paßirt hatte. Die ganze Reise nun von Kiachta bis hieher macht uͤberhaupt 2475 Werst, nemlich aus der großen Heerstraße gerechnet. Hiezu fuͤgen Sie nun G 4 noch Sievers Briefe noch 865 von der Reise die ich von Krasnojarsk zu den Tataren unternahm, so haben Sie die Summe von 3340 Werst. Jch habe die Ehre zu seyn ꝛc. ꝛc. ꝛc. Neunter Brief. Barnaul d. 3. Oct. 1792. Jn diesem Briefe gebe ich Jhnen Rechenschaft von einer Reise von 1809 Wersten, womit ich diesen Som- mer im Altaischen Gebirge zugebracht habe. Hier war ich in einem viel waͤrmern Clima, denn im Juniusmo- nath oder in den ersten Tagen des Julius isset man schon die schoͤnsten Erdbeeren, Gurken, Melonen und Arbu- sen, (Cucurbita Citrullus) welches im oͤstlichen Sibirien erst um 3 — 4 Wochen spaͤter geschieht, und nie sind sie dort von der Guͤte. Jch verließ Barnaul den 28. Julius und langte in der sehr nett gebauten und ange- nehm situirten Festung Buͤsk den 29sten an, die beson- ders beruͤhmt ist, weil hier viel von dem rundblaͤttrigen Tabak (Nicotiana rustica) und auch schon hin und wie- der Nic. Tabacum gebaut wird. Dann fuhr ich wei- ter und setzte grade da uͤber den Ob, wo er aus der Ver- einigung der beyden ansehnlichen Fluͤsse Bija und Ka- tunja (Chattun-gol) entstehet, welches auch der Name andeutet, denn Ob, ob è , obi heißt auf rußisch beyde. Nun gieng ich, immer auf der Kusnetzkischen Linie, uͤber Tscharysch, Tigereck, ( Tögerök heißt im Kalmuͤk. rund) nach Ustkamenogorsk fort. Der Weg ist um die beyden erstgenannten Vorposten aͤußerst bergig, wo zuwei- aus Sibirien. zuweilen die allerheftigsten und lange anhaltenden Stuͤr- me zwischen den Gebirgen hervorbrechen. Gedachte Li- nie ist wider die Einfaͤlle einer kalmuͤckischen Horde an- gelegt, die Toͤlengot, oder wie man sie faͤlschlich nennt, Teleuten, Telenguten heißt. Bey Tigerek bricht ein schoͤner rosenfarbener Quarz auf dem hohen Granitgebir- ge, der die vortreflichste Arbeit liefern wuͤrde, wenn er nicht so voller Ritzen waͤre. Ueberhaupt sind die Gebirge an den Fluͤssen Kortogan, Tscharisch, Tigereck, Bija, Katunja, und um den Teletzkou Osero voll von den schoͤn- sten Jaspisarten, Breccien, Porphyre, Alabaster, weiße Jaspis mit Dendriten u. s. w. Man hohlt daher alle Jahre große Bloͤcke, daraus in Locktewka Sawod die schoͤnsten Tafeln, Schalen, Vasen, Saͤulen, Aufsaͤtze, u. s. w. geschliffen werden. Die ganze Gegend ist noch we- nig besucht worden, aber fuͤr die Naturforscher eine der wichtigsten in der Welt. Die Kalmuͤcken sind gezaͤhmt, also ist von der Seite nichts zu fuͤrchten. Gleichfalls ist das ganze Altaische Gebirge von allen sibirischen Thieren voll, nur sind sie, ausgenommen die Baͤren, um ein Merkliches schlechter, wie die aus dem oͤstlichen Sibiri- en. Die mit ewigem Schnee und Eiß bedeckten Alpen heißen hier Bjelki (Weißkoppen), deren eine große Menge im Altai sind. Jn der Festung Ustkamenogorsk bereitete ich mich zur Reise, den Jrtisch aufwaͤrts, und trat meinen Weg mit 4 Pferden und 2 Kasaken den 1. Aug. an. Etwa 18 Werst von der Festung kam ich in hohes Gebirge, davon ich zwey der hoͤchsten und jaͤhesten uͤbersteigen G 5 mußte, Sievers Briefe mußte, nemlich Korowoi und Pichtowoi Chrebet. Von deren Gipfeln sahe ich eine ungeheure Menge ande- rer Berge, welche grade das Ansehen hatten, als wenn der Ocean im heftigsten Sturm begriffen waͤre und nun auf einmal mit den hohen Wellen verdichtet stehen blie- be, allenthalben umher, die aber außer Graͤsern und an- dern schoͤnen Pflanzen nichts weiter tragen. Der Jrtisch blieb mir etwa von 6 bis 12 Werst rechter Hand. Laͤngst den Ufern dieses Flußes, des etwa 20 Faden breiten Buchtorma, der aus der Vereinigung der beyden Fluͤsse Bel ò und Burull entsteht, und den ich den 4. Aug. durchritt und anderer kleinerer Fluͤsse wachsen Pinus syl- vestris, Abies, Picea, Betula alba, Populus balsamifera und tremula, Prunus Padus, Salix frangula, viminalis, Alba, Capraea u. s. w. Zwey Gruben ohnweit des Buchtorma, eine auf Kupfer, die andere, Siraͤnofskoi genannt, am Bach Berosowka, auf Gold und Silber, lassen sich sehr hoffnungsvoll an, und sind seit 3 Jahren mit funfzig Arbeitern belegt. Schon jene alte verlohrne Nation, die Tschuden, haben hier geschuͤrfet, wovon noch, besonders bey den Kupfergruben, die großen Hal- den zu sehen sind. Die Kupfergrube liefert bis neun Pfund im Pude und die Siranofskoi giebt im Durch- schnitt bis 2 Solotnik guͤldisches Silber vom Pud. Hier herum wohnten noch vor etwa 30 Jahren die Ssongaren eine oͤloͤtische oder kalmuͤckische zahlreiche Horde, die aber wegen ihrer vielen Unruhen gaͤnzlich von rußischen Grund und Boden vertrieben, und nun- mehro durch die Chineser unterjocht sind. Statt dessen hat aus Sibirien. hat sich seit etwa 40 Jahren eine andere Gattung von Leuten in dem hohen Gebirge eingenistelt, welche aus ver- laufenen Soldaten, Dragonern, Berghauern, Bauern, Bedienten, u. s. w. bestehen. Sie wohnen nur 28 Werst von Siraͤnofskoi Rudnik, ich war also neugierig auch diese Leute zu sehen. Vor noch 3 Jahren war es ge- faͤhrlich zu diesen Leuten zu reisen, denn sie sind alle Scharfschuͤtzen und da sie, als Verlaufene, jedes Jahr durch ausgeschickte Commandos wie das Wild gejagt wurden, so erschossen sie auch aus ihren Schlupfwinkeln so viele, als ihnen nur zu nahe kamen. Jndessen sie konnten am Ende doch der Macht nicht widerstehen, es vergieng kein Jahr daß nicht eine Menge theils getoͤdtet, theils gefangen wurden: bey so bewandten Umstaͤnden und da sie bis auf etwa 300 Seelen schon geschmolzen waren, baten sie endlich um gut Wetter, indem sie einige der Beherztesten ans kolywanische Gouvernement schick- ten, mit der Bitte, man moͤchte sie wiederum in Schutz nehmen und auf Tribut setzen. Besonders wuͤnschten sie fuͤr immer Bergbewohner zu verbleiben. Dieses letztere war eigentlich die Hauptursache warum sie Verzeihung erhielten. Denn nun sind in jenen fruchtbaren Gebir- gen, die sonst nie bewohnt wurden, die Anlagen zu den besten Colonien, die bis hart an die chinesische Grenze reichen. Jch hielt mich in dem ersten Dorfe Byko- wa einen Tag auf, wo ich selbst Augenzeuge hievon war. Der eintraͤgliche Kornbau, die Viehzucht, der Handel mit den Kirgisen, Russen und Chinesen, der Wildfang und Fischfang machen sie zu wohl- haben- Sievers Briefe habenden Leuten. Ueberhaupt werden sie mit der Zeit fuͤrs Reich sehr nutzbar werden. Bis auf ihre Verzeihung reubten sie die Weibsleute aus den Doͤrfern, die dann gemeinschaftlich waren; aber nunmehro sind durch gehoͤrige Gesetze und gute Einrich- tungen alle Unordnungen gehoben. Von Taufen und an- dern Christlichen Ceremonien war damals nicht die Rede. Schade daß hier eine so ungeheure Menge Moschki und Muͤcken ist. Gleichfalls fehlt es an den sogenann- ten Ohrwuͤrmern nicht, die besonders des Abends und Nachts sich haͤufig bey der Tafel und im Bette einfinden. So auch sind die Floͤhe hier ein einheimisches Jnsekt, welche sich im Sande sehr haͤufig generiren. Ein aͤhnli- ches habe ich auf einer Sandreichen Jnsel in der balti- schen See, mit Namen Seskar, waͤhrend eines 10 woͤ- chentlichen Aufenthalts, zu bemerken Gelegenheit gehabt. An gutem Bier wird es mit der Zeit diesen Bergbewoh- nern nicht fehlen, denn Hopfen waͤchst am Buchtorma haͤufig wild. Jch nahm den 6. August Abschied von meinen freundlichen Wirthen, und kehrte auf demselben Wege wieder nach der Festung Ustkamenogorsk, ohne weitere Unbequemlichkeiten auf der Reise gehabt zu haben, als von den Muͤcken weidlich geplagt zu werden, und daß eins von meinen Pferden von den sogenannten Nokket befallen wurde (einer Krankheit, die einer Epi- lepsie aͤhnlich ist, und die wahrscheinlich von Jnsekten herruͤhrt, welche sich etwa, wann das Thier seine Excre- mente von sich giebt, in den Mastdarm hineinschleichen.) Dergleichen Zufaͤlle sind hier haͤufig und oͤfters toͤdtlich, welches aus Sibirien. welches aber bei mir gluͤcklicherweise der Fall nicht war. Die Kasaken blasen dem kranken Thiere kleinzerschnit- tene Pferdehaare in die Nasenloͤcher, um es zum Niesen zu bringen, welches eine ohnfehlbare Cur seyn soll; ich war Zeuge daß sie half, denn in 12 Stunden war mein Pferd wieder gesund. Um noch alle Rhabarber zu untersuchen, die laͤngst dem Jrtisch in den Gebirgen waͤchst, so fuhr ich den 9. August von hier gegen Westen. Die Rhabarber ver- liert sich bald, so daß man nach etwa 60 Werst selbe schon vermisset. Jndessen da ich so nahe bey der Fe- stung Semipalatinsk war, so wollte ich dahin, theils der schoͤnen Pflanzen wegen, die am Wege dahin wachsen, theils um mich mit den Taschkinern, die ehedem haͤufig mit der bucharischen Rhabarber Handel getrieben haben, bekannt zu machen, damit ich soviel wie moͤglich alles er- fahren moͤchte, was unsre medicinische Wurzel nur ir- gend angehet. Semipalatinsk ist neu ausgebauet, hat eine schoͤne steinerne Kirche, und sehr angenehme Lage. Die Luft ist hier weit gesunder, wie in der 14 Werst weiter gelegenen alten Vestung, wo man es den Einwohnern an ihren blaßen Gesichtern schon ansiehet, daß sie unge- sunde Sumpfluft einathmen. Von den uralten soge- nannten Sieben Palaten, ohnweit der nunmehrigen neuen Festung, ist kaum noch eine Spur uͤbrig. Eine Werst von gedachter Festung ist der Tauschhof am Jr- tisch, wo, so wie in Ustkamenogorsk, ein nicht vielbe- deutender Handel mit den Taschkinern und Kirgisen ge- trieben Sievers Briefe trieben wird, wovon ich unten ein weiteres zu erwaͤhnen Gelegenheit haben werde. Hier holen die Taschkiner viel Sassaparille, Zinnober, Quecksilber, Sublimat u. d. g. weg, welches sie in ihrem Vaterlande gegen die venerische Seuche gebrauchen. Ohnerachtet die Kirgisen weit mehr eingeschraͤnkt sind, wie in vorigen Zeiten, so gelingts ihnen doch zu- weilen, ihre Raͤubereyen zu zeigen. Bey meinem Hier- seyn trieben sie 18 Bauerpferde weg, indessen man sezte ihnen nach und nahm die Pferde wieder heim, wobey aber ein baschkirischer junger Bursche, der Entdecker die- ser Raͤuberey, in Jrtisch sein Leben verlohr. Die Basch- kiren thun hier Kasakendienste, und werden dazu alle 6 Jahre aus dem ufimischen Gouvernement, durch andre wieder abgeloͤset. Gleichfalls sind auf der hiesigen Linie viel von den ehemaligen Saporoger Kasaken vertheilt, die, haͤufiger Unruhen wegen, aus ihren alten Wohn- plaͤtzen hieher verschickt sind, wo sie nunmehr recht sehr nuͤtzliche Leute bleiben. Den 14. August verließ ich Semipalatinsk, gieng uͤber Loktefskoi Sawod, wo eine sehr wohleingerich- tete Steinschleiferey ist, die vorher erwaͤhnte Agate, Jas- pisse, Porphyre u. s. w. verarbeitet. Ein einziges gros- ses Wasserrad treibt alle uͤbrigen Maschinen in 2 Stock- werken, wobey selbst Kinder verschiedene Arbeiten ver- richten, wie z. B. Schmirgel auftragen, Wasser zugies- sen u. s. w. — Die drey Werste von hier entfernten Kupfergruben liefern etwa 10000 Pud reines Kupfer im Jahr. Arme Silbererze werden hier angereichert, und aus Sibirien. und so weiter nach der Haupt-Sawode nach Barnaul abgeliefert. Fuͤnf und siebzig Werst von hier sind die beruͤhmten Schlangenberger Silbergruben, von denen ich weiter nichts erwaͤhnen will, indem nicht allein diese, sondern auch alle kolywanische Gruben vor mir schon aufs beste beschrieben sind. Jch erreichte Bar- naul wiederum im September, nachdem ich noch ein- mal eine Reise ins hoͤhere Altaische Gebirge, der Rha- ber-Saamen wegen, gemacht hatte. Jch habe die Ehre ꝛc. Zehnter Brief. C hasyltasch auf der Kirgisischen Steppe 17 \nicefrac {2}{VI} 93. Die Lage unsrer Expedition erforderte es, daß ich im Winter eine Reise nach Kiachta machen mußte, von woher ich wiederum nach dem Jrtisch zuruͤck kehrte, und den 19. Jun. Ustkamenogorsk verließ, um eine Excursion gegen Suͤden zu machen. Da diese Reise von allen meinen vorigen sehr verschieden ist, und bei- nahe moͤchte ich sagen in unbekannte Gegenden geschah, so werden Sie es mir nicht verargen, wenn ich Jhnen mit einem formellen Tagregister aufwarte, so ungern ich auch daran gehe. Uebrigens war ein Geruͤcht, als wenn die wahre bucharische Rhabarber jenseits des Gebirges Tarabagatai am Fluß Uldschar wuͤchse, die Veranlas- sung dieser Reise. Den 19. Jun. Jn Boͤten schwammen wir heute, mit allem Noͤthigen uͤber den Jrtisch, und legten unsers Waaren Sievers Briefe Waaren in dem Tauschhofe jenseits des Flusses nieder. Zur Zeit des Fruͤhlingshandels, wo eben die meisten rußischen, und kasanischtatarischen Kaufleute nach der Kirgisischen Steppe, nicht allein aus der Festung Ust- kamenogorsk, sondern aus allen uͤbrigen dieser Linie, bis Orenburg mit ihren Waaren abreisen, und gewoͤhn- lich im Herbst wieder zuruͤckkehren. Eben erwaͤhnter Tauschhof, der mit einem Erdwall umgeben, und von einigen Kriegsknechten bewacht ist, dient zur nochmali- gen Revision der Waaren, damit sich die Zollbedienten von der Gewißheit der vorherigen schriftlichen Angabe in der Festung besser uͤberzeugen moͤgen. Hierzu werden 4 bis 6 geraͤumige Jurten errichtet, die aber, sobald die Kaufleute abgereiset sind, wieder abgetakelt werden, so daß nur die ins Viereck aufgeworfene Erdwaͤlle allein stehen bleiben. Waͤhrend diesem werden Vergleiche mit denen sich hier haͤufig einfindenden Kirgisen getroffen, um von ihnen die noͤthigen Kameele, Pferde, Wegwei- ser und auch Arbeiter zu miethen. Da ich nicht anders wie als Kaufmannsdiener einer solchen Reise beywohnen konnte, und diesem gemaͤß auch einen Reisepaß von dem commandirenden General aus Omsk, in rußischer und tatarischer Sprache erhalten hatte, so mußte ich mich auch, zum Schein des Rechten, allen dabey vorkommen- den Ceremonien unterwerfen. Allein sobald das Haupt- geschaͤft geendigt war, so uͤberließ ich alles meinem eigent- lich zur Reise bestimmten Kaufmann, und, waͤhrend daß die Kameele herbeygeschaft wurden, lief ich davon, um die nahe liegenden kahlen Thon-Schiefer- und Grau- fels- aus Sibirien. felsgebirge, nebst den kraͤuterreichen Wiesen zu besuchen. Meine Muͤhe belohnten: die schoͤne Dodartia orientalis, Cachrys odontalgica, Nepeta violacea, Asphodelus sibiricus Pall. Cunila capitata, Antirrhinum junceum, Spiraea Filipendula und andere schoͤne Gewaͤchse. Wie schon gesagt, es ist nicht ungewoͤhnlich, auf den Bergen Grabhuͤgel zu finden: so traf ich denn auch bey dieser Excursion ein Grab an, dessen Leichnam nur oberflaͤchlich eingescharret war, (ein Beweiß daß es einem gemeinen Kirgisen gehoͤrte.) Auf demselben lagen eine Menge Stein, welche mit geflochtenen duͤnnen Binsen zum Theil bedeckt waren. Eine lederne Flasche in Form eines Theekessels ( Tursuk ), vielleicht sein ganzer Reich- thum, war oben zur Zierde aufgesetzt. Dieses war mir auffallend, denn gewoͤhnlich kommen die Sachen, die der Verstorbene besaß, und vorzuͤglich fuͤr ihn brauchbar waren, mit ins Grab. Auf allen meinen Reisen habe ich hier diesen Fall auch nur zum erstenmal gesehen. — Die Hitze war im Mittage auf denen der Sonne ausge- sezten Bergen so groß, daß ich einen Stein kaum in der Hand erhalten konnte, ohne ihn nicht in die andere Hand abwechseln zu muͤssen, wenn ich ihn etwa naͤher betrachten wollte. Bey meiner Heimkunft war die ganze Equipage beinahe aufgeladen, und zum Abmarsch fertig; der große Kirgisische Stamm oder Wolost, (Aul) J likiret an dem in den Jrtisch fallenden Ulambalack (Fischfluß) wo der Sultan Tschurga stehet, war nur 15 Werst entfernt: wir machten also heute noch diese Reise in der H kuͤhlern Sievers Briefe kuͤhlern Nacht, indem wir die beyden Fluͤßchen Sara- uͤsuͤk (gelb) und Chara-uͤsuͤk (Schwarz-Wasser) pas- sirten. Der Weg war angenehm und wenig bergig. Den 20sten Jun. Da es vortheilhafter ist, sich eigene Pferde und Kameele zu kaufen, so blieb ich den ganzen Tag hier liegen, um dieses Geschaͤft zu beendi- gen. Fuͤr ein Kameel zahlte ich fuͤr 20 Rbl. Waaren, und fuͤr ein Pferd, zu 10 - bis 24 Rbl. je nachdem es mehr oder weniger schoͤn und brauchbar war. Der Kirgise bey dem ich logirte, ein freundlicher, gutherziger, reicher und angesehener Mann, Namens Chaial, trat bey mir als Wegweiser, fuͤr 12 Rubel monatlich, in Dienste; dieses ist eine unumgaͤnglich nothwendige. Sa- che, man erwirbt sich dadurch bei den uͤbrigen Kirgisen Hochachtung und Ansehen, und dieses um so mehr, je vornehmer der Wegweiser ist. Mit diesem also, und 11 Bauern, 4 Kosacken, dem chirurgischen Lehrling Salessoff, einem Kaufmann, einem Dollmetscher, einem kirgisischen Arbeiter und einem tobolskischen Tataren, war ich 22 Mann stark; eine Anzahl, die, gehoͤrig bewaff- net, hinlaͤnglich ist, im Fall eines Ueberfalls bis 200 Kirgifen zu widerstehen. Denn das Feuergewehr ist ihnen besonders fuͤrchterlich: Sie sind wohl Raͤuber aber keine Krieger. Den 21. Jun. Da nun alles zum Weiterreisen fertig war, so verließ ich Morgens fruͤh die Wollost, und sezte meinen Weg laͤngst dem Ulanbalack aufwaͤrts fort. Wir giengen an zwey kirgisischen Kirchhoͤfen, die ohne Umzaͤunung waren, vorbey. Die Grabhuͤgel wa- ren aus Sibirien. ren von ungebrannten Lehmsteinen ganz artig aufgefuͤhrt: nachdem der Verstorbene arm oder reich, vornehm oder niedrig war, so hatte man auch die Huͤgel hoͤher oder niedriger gemacht. Die Koͤrper der ganz Armen hatten nur einen gemeinen Steinhaufen zur Bedeckung. Wie aͤhn- lich sind sich doch die Menschen in der ganzen Welt! Der Arme ist allenthalben ein Gegenstand der Verach- tung. — Laͤngst dem Wege traf ich oͤfters ganze Stre- cken von Schiefer in scharfen Ruͤcken zu 2, 3 bis 5 Rei- hen parallel nebeneinander, durch die Steppe hinlaufend an; sie hatten in einiger Entfernung das Ansehen von ei- nem 4 bis 6 Zoll hohen ruinirten Mauer-Fundament. Dann giengen wir hart den sogenannten Klosterfelsen Monastirki, kirgis. Dullugala-Tschoͤckoͤt) vorbey, der deswegen so genannt wird, weil er sich in der Ferne wie ein mit 3 Thuͤrmen versehenes Kloster zeigt. Es ist uͤbrigens nichts weiter, als ein isolirter, schroffer, maͤch- tig hoher, derber, grobkoͤrniger, uranfaͤnglicher Granit- fels. Heute zeigte mir die Natur, wie sie ihre uner- meßlich großen Steingeruͤlle verfertiget, wovon ich schon vorher in den Briefen aus dem Jablonnoi Chrebet ge- dacht habe. Jndem ich neben einem festen Graufelsge- birge vorbeyritt, so broͤckelten, durch die große Sonnen- hitze verwittert und losgetrennt, nicht sehr große Stuͤcke und Tafeln herab; auf diese Art war hier schon ein Hau- fen von einigen Millionen Steinbrocken entstanden. Der haͤrteste Felsen muß dem eisernen scharfen Zahn der Zeit weichen! — Wir trafen auf eine Kirgisische Aul, wo wir Mittag anhielten. Gegen Abend giengen wir wei- H 2 ter, Sievers Briefe ter, und nachteten in einem angenehmen graßreichen Thale. Vor Schlafengehen lief ich noch ein wenig bo- tanisiren, und fand in der Daͤmmerung Scorzonera to- mentosa, — Spiraea triloba und Tragopogon croci- folium. Den 22. Jun. Unser Weg gieng allmaͤlig bergan, bis zum Ursprung des Ulan- balaka, wo es allenthaben schoͤne Weide gab: eine Menge Allii altaiei foliis planis nahmen wir mit, um das Mittagsessen dadurch schmack- hafter zu machen. Dann verließ ich die Quellen des Ulan, und uͤberstieg ein ziemlich hohes Schiefergebirge, das oben einige sehr große, graßreiche Ebenen macht, weswegen sich auch im Sommer hier oͤfters Kirgisen auf- halten. Das Herabsteigen wurde beschwerlich genug, indem der Weg durch ein enges und steiles Thal gieng, welches mit Schieferbrocken angefuͤllt war. Zu beiden Seiten war die schoͤne Robinia tragacanthoides, (eine neue Gattung) Ferula resinosa, welche die Russen Pich- townik nennen, Hyssopus officinarum, u. s. w. in gros- ser Menge. Am Fluͤßchen Kysyl, der in die Schulba, ohn- weit Semipalatna faͤllt, und den wir sogleich erreichten, hielten wir Mittagsruhe. Der Kysyl ist sehr fischreich; ich ließ das mitgenommene Netz auswerfen, und man fieng in etwa einer halben Stunde bis 15 Pfund Hechte und Tschebakken, welche mit unserm Allio gekocht, ein recht wohlschmeckendes Gericht gaben. Nachmittages wurde die Hitze durch 2 starke Donnerwetter abgekuͤhlet, worauf wir dann um 4 Uhr weiter zogen. Das Nacht- lager aus Sibirien. lager war am Fluͤßchen Dschanama aus dem wir viel Grimpen fiengen. Eine kirgisische Wollost war in der Naͤhe, indessen wunderte es mich doch daß ich bisher so wenige Jurten von dieser Nation antraf, ohnerachtet der vielen graßreichen Thaͤler. Sollte die mittlere Horde wohl auf 200000 Seelen haben? wie doch einige be- haupten wollen. — Die Nacht wurde uns von einer ungeheuren Menge Muͤcken sehr beschwerlich gemacht. Den 23. Jun. Mit Sonnenaufgang sezten wir unsre Reise dem Dschar- Gurban (Gurban Zarr bedeutet auf Kalmuͤkisch drey Stiere) zu fort, welcher noch 20 Werst entfernt war; wir paßirten grasreiche und wirklich romantischschoͤne Gesilde, wo sich die Robi- nia frutescens und pygmaea, Lonicera tatarica und Spi- raea crenatae affinis, als das einzige Gestraͤuch zeigte. Dictamnus albus mit seiner schoͤnen Jnflorescenz verherr- lichte die Fluren noch mehr. Um 12 Uhr erreichten wir den Dschar- oder Zarr-Gurban, der jezt nicht breit war; aber ich fand Merkmahle genug, daraus ich schließen konnte, daß er im Fruͤhjahr, wenn der Schnee schmilzt, wohl eine Breite von 15 bis 30 Faden haben kann. Er kommt mit dem Bekun und dem Ablaket aus einem Gebir- ge, in welchem auch der Jrtisch fließt. Von unserm Mittagsplatze bis an die drey urspruͤnglichen Quellen des Dschargurban rechnet man etwa 100 Werst noͤrdlich. Unser Lager war auf tschudischen Graͤbern auf dem diessei- tigen hohen steinigen Ufer des Flusses: der Grabmaͤler waren drey große und 5 kleinere. Neben diesen hatten H 3 auch Sievers Briefe auch die Kirgisen einen Ruheplatz fuͤr ihre Todten ge- waͤhlet: ich zaͤhlte hier sieben mit Steinen beworfene, hohe, lange Grabhuͤgel, und ein 1½ Faden hohes, von thoniger Erde mit kleinen Steinen vermischtes Mauso- leum. Es ist der Gebrauch bey den Kirgisen, von dem Kopf-Ende der Leiche eine lange Stange aufzupflanzen, die aus dem Mausoleo in die offene Luft hinaus gehet; welche Ehre aber nur den vornehmen Mannspersonen, und besonders Helden (nach ihrer Art) wiederfaͤhrt. Die drey tschudischen großen Graͤber waren nicht sehr erha- bene zirkelrunde Huͤgel, die im Durchmesser 16 ge- woͤhnliche Mannsschritte maßen, mit einer Einfassung von großen rundlichen weißen Granitbloͤcken. Eins da- von fand ich aufgebrochen, welches wahrscheinlich von denen alle Sommer hier des Handels wegen herumrei- senden Kaufleuten geschehen war, in der Absicht um Schaͤtze zu suchen. Den Kirgisen erlauben ihre Gesetze dergleichen nicht, die da befehlen fuͤr Graͤber eine strenge Ehrfurcht zu haben, und dieses befolgen sie heilig. Der vortreflichste Schmuck des groͤßten Grabmahls war die schoͤne Scutellaria orientalis, Convolvulus cantabricae affinis, und Hedysarum prostratum Pallasii. Nie habe ich ein Grab von der Natur schoͤner geziert gesehen. Auch auf der ganzen Reise sahe ich die Scutellaria nirgends wieder; hier nur war sie haͤufig. Die Gegend umher ist vortreflich, und zur Anlegung einer Stadt bequem. Der Dscharr Gurban ist reich an Hechten, Barschen und Tschebaken. Jn einer Stunde nach meiner Ankunft waren die Kessel mit diesen wohlschmeckenden Fischen schon aus Sibirien. schon gefuͤllt und auf dem Feuer. Laͤngst den Ufern fin- den sich reichlich verschiedene gemeine Weiden, Prunus Padus, Betula alba, Populus tremula und balsamifera; weswegen wir hier nicht noͤthig hatten Pferde- und Kuh- mist zur Feuerung zu sammeln, welches doch gemeini- glich der Fall zu seyn pflegte; aber auch hieran ist im Sommer hier kein Mangel, denn die zahlreichen her- umziehenden Heerden der Kirgisen versorgen hinlaͤnglich die Reisenden damit. An Steinarten bemerkte ich im Ufer und im Flusse selbst folgende: roͤthliche Jaspisstuͤcke mit Quarzadern, zelloͤse Geschiebe mit Strahlgips und Selenit, die vielleicht aus mergelartigen Erdschichten hergespuͤhlt seyn koͤnnen; Jaspis-Geschiebe mit durch- sezten weißen Quarzadern und mehrere gemeine Fluß- Kiesel. Ein kleiner Regen und heftiger Wind kamen mir bey meinen botanischen Beschaͤftigungen sehr zu Statten; denn nun war ich frey von unwillkommnen Gaͤsten, ich meyne die Muͤcken und Moschki. Um 4 Uhr Nachmittags verließen wir unsere Kirchhoͤfe und giengen durch den nicht tiefen Dscharr-gurban, wo wir an der entgegengesezten Seite auf einer Hoͤhe wiederum 24 große und kleine kirgisische Grabhuͤgel paßirten. Der Fluß scheint mir beynahe bey den hiesigen Nomaden hei- lig zu seyn, weil sie so gern ihre Todten und besonders Vornehme auf seine Ufer einscharren. Wie ich denn unter den so eben genannten Grabmaͤhlern einige recht große fand, uͤber welche man sogar nach rußischer Bauart Haͤuser- chen gebauet, und selbige mit thoniger Erde uͤberschmiert hatte. Jn dem groͤßten fand ich drey Graͤber, wovon H 4 beson- Sievers Briefe besonders das mittlere sehr lang und hoch war. Der Thon war auf dem Koͤrper so aufgetragen, daß es das Ansehen einer liegenden Mumie hatte. Die Gestalt des uͤber diesen drey Todten aufgebauten Hauses war einem Wuͤrfel mit einem niedrigen Gewoͤlbe aͤhnlich, auf des- sen Mitte ein kugelfoͤrmiger Knopf stand. Mein Fuͤh- rer versicherte mir, daß rußische Laͤuflinge, die sich bey ihnen seit etwa 20 Jahren aufhielten, diese Haͤuser baue- ten. Wir sezten unsern Weg durch graßreiche Ebenen fort, wo das angenehme Allium caeruleum Pall. oͤfters haͤufig bluͤhete; bald darauf kamen wir auf grandige, Kraͤuterarme, salzige Steppen mit Alcali minerale vi- triolatum. Zu beiden Seiten hatten wir kahles urspruͤng- liches Thon-Schiefergebirge. Diese Thongebirge halten Feldspath und Quarz in ihrer Mischung, welches nebst Jaspis, Quarz und Porphyr, die Hauptgebirgsar- ten der ganzen kirgisischen Steppe sind. Auf der ganzen Steppe scheint das urspruͤngliche Thongebirge unmittel- bar auf uraltem Granit aufzusitzen. Uraltes Kalkgebirge ist dagegen sehr selten. Da hier allenthalben Tschudische Graͤber sind, so vergieng auch kein Tag, daß wir nicht mehrere derselben vorbeyritten. Heute bemerkte ich ei- nige, die mit roͤthlichen Jaspisbloͤcken eingefaßt waren. Eine botanische Neuigkeit aber erfreute mich besonders, es war ein neues Rheum, welches ich nanum taufen will: Planta florescens spithamaea et pedalis; semini- fera paulo altior, spicis ramoso- divaricatis, pedunculis fere lignosis. Folia caulina rarissima vel nulla, radi- calia communiter tria, Diametri 4 ad 6. pollicaria, ad terram aus Sibirien. terram appressa, valde nervosa, glabra, coriacea, ro- tundato-orbicularia, in margine denticulis albis cartila- gineis, densissimis, rigidisque notata. Petioli brevissi- mi, compressi, solidi, succum acidum crystallisabilem, Saporis valde amoeni continentes. Semina maxima, rubra. Radix alba, communiter tribus subdivisioni- bus, non raro articulatis in terram fere perpendiculari- ter descendens: gustu insipido, minime rhabarbarino, submucilaginoso. Illam si mandes, Linguam, vi eorum texturae setosae pungens. Habitat prope fluvium Dschar- gurban appellatum, et ad Kurtschum in Imperio chi- nensi in montibus quarzoso schistosis denudatis. Non- nulli Rutheni incolae, ita et Kirgisi insignis hujus plan- tae radicem universale contra morbum caducum sive Epilepsiam esse remedium, mihi asseverarunt. Id quod etiam ex illius pungenti, setosaque textura poterit ex- plicari. Bald darauf passirten wir ein Fluͤßchen Dauwà, das in den Dschar faͤllt. Hedysarum prostratum, Astra- galus hedysaroides Pall. und einige andre Gattungen, zierten unsre Berge, wovon wir einem ziemlich hohen uͤberstiegen und uns dann in ein angenehmes futterrei- ches Thal zum Nachtlager niederließen. Eine Gruppe von Birkbaͤumen, die uns gegenuͤber am Fuß eines Ber- ges stand, rechne ich mit unter die Seltenheiten auf der kirgisischen Steppe. Robinia frutescens, Lonicera ta- tarica, Spiraea crenatae affinis, Salix fragilis und amyg- dalina bemerkte ich hin und wieder. H 5 Den Sievers Briefe Den 24sten Juni. Wie gewoͤhnlich mit Sonnen- aufgang zogen wir weiter uͤber das Gebirge Chalwà, wel- ches uns noͤthigte Suͤdwestlich zu gehen, um den bessern Weg zu verfolgen, der von den wandernden Kirgisen so fahrbar gemacht worden, wie eine große Heerstraße. Zweymal passirten wir das Fluͤßchen Kuͤrmuͤltoͤ, an welchem Rosa pimpinellifolia nebst den vorhin erwaͤhn- ten Straͤuchern wuchs. Nachmittages ließen wir uns in ein offenes, schoͤnes Thal nieder, giengen queer durch dasselbe und weil unsere Lastthiere ermuͤdet schienen, so wurde beschlossen hier zu uͤbernachten. Der ansehnliche Koͤpkuktuͤ, ein sehr fischreicher Fluß, schien uns beson- ders dazu einzuladen. Ohnweit unserm Lager fiel der vorher erwaͤhnte Kuͤrmuͤltoͤ hinein. Meine Leute fien- gen mit Netzen und Angeln innerhalb anderthalb Stun- den beynahe 3 Pud verschiedener Fische. Hechte, Je- sen, Tschebaken, und Barsche, die dann ein herrliches Abendessen abgaben. Eine Sache, die mich erfreuete waren einige Mor- gen Acker-Land, worauf der schoͤnste Waizen stand; um so mehr, da man sich uͤberhaupt einen Begriff von den Kirgisen macht, der eben nicht zu ihrer Empfehlung ge- reicht: Es entstand daher auch ein Wortstreit unter mei- nen Leuten, die groͤßtentheils behaupteten, diese Aecker gehoͤreten den sich hier auf haltenden, vorhin schon er- waͤhnten rußischen Laͤuflingen. Jndessen machten einige Kirgisen, die aus nahe gelegenen Jurten uns zu besu- chen kamen, dem Streit bald ein Ende, indem sie sagten daß sie selbst das Land ackerten und nicht allein hier, son- dern aus Sibirien. dern durch die ganze Steppe, dergleichen noch haͤufiger vorkommen wuͤrde. Der Ackerbau, der gewoͤhnlich an Fluͤßchen betrieben wird, bringt vortrefliches Korn, be- sonders Waizen! Gewoͤhnlich ist der Regen selten, da kommen dann die Kirgisen der Saat durch Waͤsserung, vermittelst uͤber die Felder geleiteter Kanaͤle zu Huͤlfe. Es sind nur Dienstboten oder Sklaven, die die Feldar- beit besorgen muͤssen; denn der reichere Kirgise will sich noch durchaus zu keiner Arbeit bequemen. Jndessen je mehr ich diese Leute sehe und naͤher kennen lerne, je mehr werde ich uͤberzeugt, daß sie gar nicht die gefaͤhrlichen, wilden Menschen sind, wofuͤr man sie gewoͤhnlich haͤlt. — Unser Thal mag fuͤnf Werste in der Breite haben und in der Laͤnge von Westen nach Osten, wohin es sich mit dem vorhergedachten Chalw à bis ohngefaͤhr an die Mitte des Gebirges Tarabagatai, zu dessen Anfang ohnweit des Sees Allaguͤl unsere Reise gieng, auf 50 bis 80 Werst erstreckt. Am Jrtisch hoͤrte ich die Nach- tigallen zum letztenmale; aber vom Dschar-gurban an und nachher an allen Fluͤssen weiter hin, wo nur Ge- straͤuche war, wiederum auf kirgisischem Grund und Bo- den. So fehlte es auch nicht an Wachteln, Lerchen und andern mir unbekannten theils schoͤn gezeichneten Sing- voͤgeln. Zweyhundert Werst war ich nun schon von der ruf- sischen Grenzlinie entfernt. Auf dem stillfließenden Koͤp- kuck-toͤ, der unterhalb dem Noor-Saissan in den Jr- tisch faͤllt, schwammen Nymphaea lutea, Potamogeton natans, Sievers Briefe natans, lucens \& perfoliatum. Merkwuͤrdig ist’s, daß je weiter vom Jrtisch man sich entfernt, je weniger Schlangen trift man an. Die Ursache davon kann ich nicht wohl angeben, da ich in der Steppe am Jrtisch, sowohl wie in der kirgisischen bis auf den 45 Grad Nor- der Breite, keinen Unterschied in Ruͤcksicht der Pflanzen, (einige ausgenommen), des Bodens, der Jnsekten u. s. w. finden kann. Auf einem tschudischen Grabe toͤdteten meine Leute eine von 1½ Ellen Laͤnge, die gruͤngelb war: Es ist außerordentlich wie wuͤthend und emsig der ge- meine Mann in Sibirien sich bemuͤhet diese unschuldi- gen oder vielmehr nuͤtzlichen Thierchen zu toͤdten, so daß es bey ihnen sogar als ein verdienstliches Werk betrach- tet wird eine Schlange, die ihnen etwa am Wege auf- stoͤßt, aus dem Wege zu raͤumen. Eben so erpicht sind darauf die tatarischen Voͤlker; dahingegen kein Kalmuͤk oder Mongol eine Schlange zu verletzen wagt. Den 25sten Juni. Der heutige Vormittagsmarsch war nur von 5 Werst, bis zu einem kleinen Quellbach. Hier mußten wir waͤhrend der groͤßten Hitze Halte ma- chen, weil weiter hin auf 40 Werst kein Wasser zu haben war. Unterdessen kamen viele Kirgisen um mit uns zu handeln. Da ich hier eben Gelegenheit habe des kirgi- sischen Handels zu gedenken so will ich davon etwas weit- laͤuftiger reden und die Waaren erwaͤhnen, welche hiebey von beyden Seiten vorkommen, um so mehr da bey den Kirgisen kein gemuͤnztes Geld gilt. Allenthalben also, wo ich Geld nenne, das ich zum Einkauf von Lebensmit- teln, aus Sibirien. teln, Geschenken oder Bezahlung fuͤr andere Sachen an- wenden mußte, so verstehe ich immer, daß ich fuͤr so viel Geld an Waaren gab. Fuͤr die Kirgisen sind die folgenden sehr angenehm: Rothgefaͤrbte Kuͤhhaͤute oder Jufte zu 350 Kop. ( Bulgar è. ) Rothe kleine rundliche Ko- rallen eine Schnur zu — ( Marschan. ) Schlechte Barbiermesser zu 15 Kop. ( Ustor à. ) Grobe gezwirnte Seide al- lerley Farbe das Pfund zu 7 Rbl. ( Dschiwek. ) Unaͤchtes gesponnenes Gold und Silber, 10 Kop. ein Buͤndchen. ( Serr ) Messingene Fingerhuͤte zu 3 Kop. ( Oimack. ) Nehnadeln zu 25 Kop. ein Papier. ( Jnaͤ. ) Glaßkorallen von verschiede- ner Farbe, ein Buͤndchen auf Faden zu 85 Kop. ( Tscheganack. ) Von ihnen erhandelt man wieder: Kleine krause Laͤmmerfelle zu 10 bis 20 Kop. ( Elter. ) Wolfsbaͤlge zu 1 bis 3 Rbl. ( Buͤroͤ. ) Fuchsbaͤlge zu 1 bis 4 Rbl. ( Tuͤlkoͤ. ) Murmelthierfelle zu 10 Kop. ( Sugur. ) Kuͤhe zu 4 bis 8 Rbl. ( Ssuͤr. ) Ochsen zu 4 bis 15 Rbl. ( Oeguͤß. ) Pferde zu 8 bis 60 Rbl. ( Att. ) Schaafe zu 30 Kop. bis 1 Rbl. 60 Kop. ( Choi. ) Ziegen zu 30 Kop. bis 1 Rbl. ( Jschki. ) Pferdezaͤume zu 40 Kop. bis 1. Rbl. ( Dshugun. ) Riemen um den Pferden 3 Beine zu spannen, wenn sie auf Sievers Briefe Spiegel zu 30 Kop. ( Ainaͤ. ) Alaun Pf. à 20 Kop. ( Arschudaß. ) Entalia das 100 zu 25 Kop. auf ruß. Jalambasch, kir- gisisch Tschelumbasch. Schwarzer Sammt à 1 Rbl. 10 Kop. eine Arschin. ( Mackpal. ) Kasten von verschiedener Groͤße mit Eisenblech be- schlagen. à 5 — 15 Rubl. ( Ssanduck. ) Soldatentuch à 1 Rbl. Ar schin. ( Dshuwen-tscheck- pen. ) Haarkaͤmme zu 10 Kop. ( Tarack. ) Toback à 15 Kop. das Pf. ( Se meke. ) Karmoisin Tuch zu 4 Rbl. die Arschin. ( Manat. ) Messingene Fingerringe zu 2 Kop. ( Dshusuͤck. ) Weißer Baͤß, ein baumwoll ner Zeug ein Stuͤck zu 1 Rbl. 40 Kop. ( Ack-boͤß. ) auf der Weide gehen ( Tre- ogi ) zu 15 bis 30 Kop. ( Tscheder. ) Pferdehaarstricke zu 20 Kop. ( Archan. ) Schaaffelle 5 bis 15 Kop. ( Choi-tere. ) Ziegenfelle dito. ( Jschi-tere. ) Ziegelthee zu 50 Kop. ( Tachta Tschai oder Kiachta-Thee.) Rother Baͤß, ein baum- wollner Zeug zu 1 Rbl. ( Chasil-mat à. ) Schaafpelze zu 2 bis 4 Rbl. ( Tun. ) Baͤrenfelle zu 2 bis 6 Rbl. ( Ai-ju. ) Kameelhaarene Zeuge, die sehr schmal sind und entwe- der zu Schlafrock aͤhnlichen Kleidungen schon genaͤhet ( Armaͤki ) zu 2 bis 3 Rbl. oder aber in Stuͤcken zu 20 bis 30 Arschinen fuͤr 10 Kop. verkauft werden. ( Tscheckpen. ) Kunitzi aus Sibirien. Daba, blaues baumwolle- nes Zeug 1 Rbl. 40 Kop. ein Stuͤck. ( Kuckmata. ) Salmiak das Pfund 1 Rbl. ( Musatr. ) Bley das Pfund 10 Kop. ( Chorgossen. ) Pulver das Psund 70 Kop ( Dare. ) Fischotterfelle 5 bis 12 Rbl. ( Wydry, Chunduß. ) Perlen 18 Rbl. ein Quint lein. ( Maͤ wet. ) Jngwer. ( Bosbog à .) Gewuͤrznelken. ( Chalemper. ) Pfeffer. ( Bursch. ) Eisenblech. ( Dsheß. ) Zinn. ( Challai. ) Borax. ( Denecker. ) Meßing. ( Dshiß. ) Kupfer. ( Moͤß. ) Eisen. ( Tuͤmmer. ) Beile zu 50 bis 80 Kop. ( Bali à .) Eiserne Dreyfuͤße. ( Oschack. ) Große Kessel von Gußeisen. ( Chasan. ) Kunitzi oder Marder zu 50 bis 80 Kop. ( Sussar. ) Silber zu 20 bis 25 Kop. ein Quintlein, dieses erhan- deln sie von den Chinesen u. Taschkinern. ( Kumuͤß. ) Chinesisches seidenes Zeug oder Kanfa. (Torogon.) Korßaki eine Art kleiner grau- er Fuͤchse Canis Corsac. ( Charßack. ) Zobel zu 1 Rbl. 20 Kop. bis 3 Rbl. ( Kuͤß. ) Luchse zu 8 bis 10 Rbl. ( Sileißen. ) Tieger zu 4 bis 6 Rbl. ( Jlbiß. ) Panther zu 10 Rbl. ( Dshoͤl-Barß. ) Hirschfelle zu 1 bis 2 Rbl. ( Marall. ) Elennsfelle zu 2 bis 3 Rbl. ( Bulan. ) Rehfelle zu 20 bis 50 Kop. ( Ell è ck. ) Dachsfelle Ursus Meles. ( Borsuck. ) Eiserne Sievers Briefe Eiserne Hakken. ( Tschot. ) Kleine eiserne Kessel. ( Bach à r. ) Eiserne Schoͤpfloͤffel. ( Choll. Bach à r. ) Feuerstahle. ( Tschackmack. ) Feuersteine zu 1 Kop. ( Tschack-mack-taß. ) Chara Sawra schwarzer Schagrin; so nennen die Kirgisen die Stiefel so sie von den Taschkinern und Bucharen sehr theuer erkaufen: der Preiß ist gewoͤhn- lich ein Pferd, welches man auf 12 Rubel setzen kann; aber sie sind auch so stark, daß sie oͤfters 8 Jahre aus- dauern; sie werden von Pferdeleder verfertiget und sind auf der Oberflaͤche koͤrnig. Außer den erwaͤhnten Waa- ren tauschen sie von ihren asiatischen Nachbaren beynahe alle uͤbrige Kleidung ein, die groͤßtentheils in baumwol- lenen Zeugen und seidenen Tuͤchern zum Kopfputz der Frauenzimmer besteht. Um 3 Uhr Nachmittages giengen wir weiter und hatten bis zum Nachtlager, bey einer Wollost Chara- girei, einen schoͤnen ebenen Weg; das Fluͤßchen, woran dieses Dorf stand, hieß gleichfalls Chara-Ssu ohnweit dem nicht sehr hohen kahlen Berge Chuß-Murren (Vogel-Schnabel). Waͤhrend diesem Marsche bemerkte ich große Flecke eisenschuͤßigen rothen Thon, Salzpfuͤtzen und Salzausschlag auf der Steppe. Der groͤßte Salz- antheil hier herum ist Alcali minerale, hat aber auch zum Theil Vitriol. oder Salzsaͤure beygemischt. Hier traf ich denn auch manche schoͤne Salzpflanze als Atri- plex sibirica \& laciniata, Serratula salsa, Salsolae von verschiednen Gattungen. Mein Fuͤhrer Chaial zeigte mir aus Sibirien. mir von einem hohen Schiefer-Huͤgel schon eine mit Schnee bedeckte Bergspitze des noch sehr entfernten Ta- rabagatai. Den 27sten Juni. Mein Tatar hatte sich von der Carawane verirrt; ich mußte also 2 Kirgisen aussenden um ihn suchen zu lassen, welches mir 16 Stunden weg- nahm. Unterdessen vertrieb ich mir die Zeit mit Bota- nisiren und mein Kaufmann mit Handeln. Diese Ge- gend empfahl sich uns um desto mehr, weil uns keine Muͤcken und Moschki quaͤlten, deren es in der Steppe sonst uͤberfluͤßig genug giebt. Eben deswegen war hier auch alles voller Kirgisen, die dieses Teufelsgeschmeis mehr fuͤrchten, wie den Satan selbst. So ist gleichfalls Ueberfluß an schoͤnem Graßwuchs. Nichts fehlt hier als Waldung. Nachmittags packten wir auf und zogen weiter, lies- sen den Chuß-Murren linker Hand und passirten eine Strecke uͤber große, in maͤchtige Tafeln abgetheilte, der- be Granitbloͤcke die denen bey Kolywan voͤllig aͤhnlich sind. Hin und wieder lagen solcher Tafeln bis zu sechs uͤber einander; einige pyramidenfoͤrmig aufgethuͤrmt. Gegen Mitternacht fanden wir gutes Wasser und uͤber- nachteten. Den 28sten Juni. Vor Sonnenaufgang giengs weiter und immer noch uͤber und zwischen durch die vor- hererwaͤhnten Granittafeln, die weiter hin ansehnliche Berge ausmachten. Sie moͤgen wohl seit Jahrtausen- den mit keiner Dammerde bedeckt gewesen seyn, daher sie dann auch durch Frost, Sonnenhitze, Regen, Luft und J Wet- Sievers Briefe Wetter so zertruͤmmert worden, ohne jedoch im Gering- sten eine erdhafte oder broͤckliche Oberflaͤche zu haben. Sie liefern den Botanisten wenige aber gute Sachen, die meisten Pflanzen sammelte ich jederzeit in graßreichen Thaͤlern, an den Fluͤssen und hin und wieder auf der Steppe. — Nach vollendetem Marsch von 10 Wersten kamen wir wieder in ebenes Land, welches freylich im- mer viel waldlose Huͤgel hatte, indessen zum Ackerbau und Viehzucht außerordentlich tauglich waͤre. Rechter Hand blieben uns 2 kleine Bittersalzseen. Das Mit- tagsmahl hielten wir ohnfern vom Ursprung des Fluͤß- chens Baltagara, welches suͤdlich in den See Bal- kasch faͤllt und viele Grimpen naͤhret. Mein Fuͤhrer zeigte mir auf einem hohen Berge abermal die in Nebel eingehuͤllten Bergspitzen des Tarabagatai. Der gedachte Berg sowohl, wie die umliegenden kleinern, bestand aus eisenschuͤßigen, zu Tage ausgehenden hornartigen, ban- dirten Jaspisschiefer, mit schoͤnen schwarzen Dendriten. Zwischen dem Broͤckelwerk wuchs hin und wieder die sel- tene Clypeola Schangini eine neue Gattung. Uebrigens war hier allenthalben botanische Armuth. Jn der Wo- lost Bur à -Naimenße am obgedachten Fluͤßchen Bal- tagara hatten wir unser Nachtlager. Was ich heute an Pflanzen bemerkte waren: Salix glauca, Populus tre- mula, Ribes grossulariae affine, Hyosciamus physaloi- des, Lonicera alpigena, Senecio, Cineraria, einige Ar- temisiae, Astragalus vesicarius und physodes. Vor dem Schlafengehen hatten wir noch einen nicht betraͤchtlichen Handel mit den Kirgisen. Es gehoͤret viel Geduld dazu mit aus Sibirien. mit diesen Leuten zu handeln. Sie besehen, beriechen, befuͤhlen die Waaren eine so lange Zeit, berathschlagen sich dann unter einander, nehmen wieder die Waare zur Hand u. s. w. daß mir wenigstens die Geduld zehnmal dabey vergieng: Jch war sehr froh daß ein Kaufmann, der hiezu schon gewohnt war, dieses Geschaͤft uͤber sich nahm: der wenige Profit wuͤrde mich auf keinerley Weise zu einem solchen schlaͤfrigen Handel aufmuntern koͤnnen. Den 28. Juni. Als Phoͤbus anfieng sich am Hori- zont zu zeigen, waren unsere Pferde und Kameele schon wiederum im Marsch und zwar groͤßtentheils uͤber san- digthonige duͤrre Steppe und Thaͤler deren botanische Reichthuͤmer nur in Artemisia bestand. Je mehr wir uns dem Tarabagatai naͤhern, je felsiger werden dann auch unsere benachbarten Berge; einige zeigen sich in maͤchtigen uͤber einander liegenden Platten, andere in scharfen Ruͤcken und einige schicken ungeheure stumpfe Seitenkeile zu Tage aus. Eine sich hier findende neue sehr schoͤne Moluccella die ich quadrangula nenne machte mir die Hitze und schweren Maͤrsche an den Felsen ver- gessen. Hier sind die Ebenen allenthalben voller tschu- dischen Graͤber, die die Goldsucht noch nicht heimgesucht hatte, das heißt, sie waren noch in ihrem urspruͤnglichen ganzen Zustande: Einige darunter hatten große zwey Ellen hohe Granitpfeiler, die schon abblaͤtterten. Jn- schriften konnte ich daran nicht bemerken. Ein anderes war mit nicht großen Granitbloͤcken eingefaßt, in wel- chem aͤußern Kreise sich noch ein kleinerer befand; als- denn machte das Centrum ein Steinhaufen, worunter J 2 der Sievers Briefe der Koͤrper ruhete, der wahrscheinlich in seinem Leben kein gemeiner Mann gewesen seyn mußte. Nicht weit von diesen passirte ich 2 kirgisische Kirchhoͤfe, davon je- der 2 Mausolea, wie vorhin gedacht, in russischer Bau- art hatten. Es scheint als wenn die Kirgisen sich gern in der Naͤhe von tschudischen Graͤbern ihre Grabstaͤtte waͤhlen. Als wir um 3 Uhr Nachmittags unterhalb dem Ursprunge des Fluͤßchen Bugaß in der Wollost Chara- girei Chodshinbet ankamen, so gefiel es meinem Fuͤh- rer Chaial mich um Erlaubniß zu bitten, hier uͤbernach- ten zu duͤrfen, um seine Freunde zu besuchen; dieses war mir nun freylich nicht sehr lieb, indessen durfte ich’s nicht absagen, um mich keinen Verdruͤßlichkeiten aus- zusetzen. Denn nun war ich weit von der russischen Graͤn- ze und ganz in den Haͤnden der windigen Kirgisen. Diesem zufolge also ließ ich mein Zelt aufschlagen und das Mittagsessen zurichten. Nicht weit von unse- rer Wollost stehet der Sultan Buͤkoͤ, der, als er vor drey Jahren in Petersburg war, von Jhro Kayserli- chen Majestaͤt das Patent als Russischer Kapitaͤn be- kam. Unser Fluͤßchen ernaͤhrt kleine Hechte und Grim- pen. Achtzig Werst weiter unten, ohnweit seines Ein- falls in den Noorsaissan, in einer Ebene, stehet die Chi- nesische Graͤnzwacht, Boͤrroͤ-Taßtagan. Vor mir habe ich einen merkwuͤrdigen ungeheuern Granitfels, den Chasil-Taß (rother Stein). Jemehr ich mit den Kirgisen bekannt werde, jemehr uͤberzeuge ich mich, daß sie keine Trunkenbolde sind; sie unterscheiden sich also dadurch von allen uͤbrigen asiati- schen aus Sibirien. schen Nomaden. Ohnerachtet ich denen zu mir kommen- den oͤfters Branntewein darbiete, so will doch Niemand mehr davon, als sich etwa nur die Lippen zu benetzen, und dann giebt er das Glas wieder zuruͤck. Mein Fuͤhrer, der bestaͤndig sich nahe an der Graͤnzlinie aufhaͤlt, ist mit den russischen Kaufleuten schon mehr bekannt, also auch schon besser zum Branntewein gewoͤhnt, denn er trinkt taͤglich zweymal seine Portion, und gaͤbe ich ihm mehr, so wuͤrde ers auch nicht uͤbel nehmen. Vorher habe ich schon gesagt, daß die meisten Nomaden ihre schoͤne Milch gewoͤhnlich zur spirituoͤsen Destillation verder- ben: auch in diesem unterscheiden sich die Kirgisen; nur bey besondern Gelegenheiten oder Festen geschiehet es zuweilen, daß sie einem geschaͤtzten Gaste eine Schale Milchbranntewein vorsetzen. Aber desto mehr ist der beruͤhmte Kuͤmuͤß oder gesaͤuerte Stutenmilch bey ihnen gaͤng und gaͤbe: sie ist nicht sehr berauschend, besonders fuͤr einen europaͤischen Kopf; aber uͤbrigens ein sehr heil- sames, wohlschmeckendes, kuͤhlendes und saͤttigendes Ge- traͤnk. Beynahe moͤchte ich behaupten, daß kein anti- venerisches Mittel sich diesem an die Seite stellen koͤn- ne; wie ich denn weitlaͤuftiger zwey Beyspiele anfuͤhren koͤnnte, wo ich seine Wunderkraͤfte sah. Ein sechswoͤ- chentlicher Gebrauch davon heilte im ersten Fall einen durchaus inficirten Koͤrper gaͤnzlich, und im zweyten Fall eine venerische Kraͤtze, die, ohnerachtet aller ange- wandten Mittel, zwey Jahre ausgedauert und sich bey- nahe uͤber den ganzen Koͤrper ausgebreitet hatte. Bey- nahe bin ich auch uͤberzeugt, dieses gehoͤre mit unter die J 3 Mit- Sievers Briefe Mittel, welche die Schwindsucht heilen. Daher fand ich auch nirgends bey den Kirgisen venerische Krankhei- ten, nirgends Blattern, nirgends Ausschlaͤge auf der Haut, am allerwenigsten Schwindsuͤchtige: daß ich auf meiner ganzen Reise nur fuͤnf Personen sah, die einen geringen Ausschlag hatten, verdient unter der großen Menge nicht gerechnet zu werden. Die Bereitung die- ses vortrefflichen Getraͤnks ist folgende: Frische Stuten- milch z. B. vier Eymer werden in einen ledernen oder hoͤlzernen hohen Kuͤbel (Butterfaß) unter oft wiederhol- tem Durcheinanderschlagen und Mischen mit einem, wie in den deutschen Butterfaͤssern gewoͤhnlichen hoͤlzernen Stoͤßel zur sauern Fermentation ohne weitere Zuthat ge- bracht. Dieses geschiehet innerhalb zwey Tagen, oder wenn es sehr warm ist, in noch weniger Zeit. Jst ein- mal dieser Anfang gemacht, so darf man nur alle Tage das Abgehende durch frische Stutenmilch ersetzen, und man wird so eine ewige Kuͤmuͤß-Quelle haben. Was daher in Grens Journal der Physik uͤber die Bereitung des Kuͤmuͤß von einem gewissen John Grieve gesagt wird, ist wohl nicht so ganz tauglich; Kuhmilch gehoͤrt so wenig dazu, wie Schweinefett unter Butter; obschon die Baschkiren und Mongolen selbige dazu mit gebrau- chen. Dieses geschiehet aber aus Noth, wenn der Stu- tenmilch zu wenig ist. Beym Untergange der Sonne hatte ich Gelegenheit einen Kirgisen sein Abendgebet verrichten zu sehen. Er stellte sich mit dem Gesicht gegen die untergehende Son- ne, und fieng das Gebet singend an, indem er dabey beyde aus Sibirien. beyde Haͤnde an die Ohren hielt und sie gleichsam zudruͤck- te; dieses waͤhrte etwa fuͤnf Minuten, dann murmelte er fuͤr sich abermals ein Gebet her, warf sich dabey oͤf- ters auf die Knie und mit der Stirn auf die Erde, saß oft lange auf den Knien und streichelte sich Backen und Bart, faltete auch zuweilen die Haͤnde, stand wieder auf, kniete abermals nieder, und so abwechselnd waͤhr- te seine Andacht etwa eine halbe Stunde Es ist die gewoͤhnliche Gebetsceremonie muhammeda- nischer Tatarn, die unser Reisender vielleicht zum er- stenmal sah. P. . Sein Haupt war mit der spitzen Untermuͤtze ( Arracktschin ) bedeckt; die andere weiße groͤßere Filzmuͤtze ( Tumack ) hatte er vor sich liegen. Da die Kirgisen das ganze Haupt abscheeren, so nehmen sie erstere niemals ab. Uebrigens versteht kein Kirgise weder zu lesen, noch zu schreiben. Den 29sten Junii. Wir lagen hier noch bis Nach- mittag stille; ich hatte also dadurch Gelegenheit, den vor mir liegenden, nur eine Werst entfernten Ch l-Taß (Rothen-Fels) zu besuchen. Die Fronte dieses isolir- ten hohen Felsen, der gewiß gerades Weges aus dem Herzen unsers Planeten heraufsteigt, bestehet aus zwey Bergen, die durch ein etwas sumpfiges, mit einem Fluͤß- chen versehenes, grasreiches Thal abgeschieden sind; hin- terwaͤrts aber gegen Suͤdwest erstreckt sich der Fels auf mehrere Werste weiter hin. Er besteht ganz aus derbem roͤthlichen Granit, der durch die Zeit schon in entsetzlich große Platten und ungeheuer maͤchtige Bloͤcke zum Theil J 4 abge- Sievers Briefe abgetrennt ist. Jn den noch fest stehenden Felswaͤnden hatten diese ausgefallenen Bloͤcke so regulaͤr runde Loͤcher nachgelassen, als wenn sie eigentlich von Steinmetzen ausgehauen gewesen waͤren. Hier nisten die bey den Kirgisen so sehr geschaͤtzten Jagdadler ( Berkut ), welcher, wenn er zur Jagd abgerichtet ist, zuweilen mit 2 — 3 Pferden (80 Rubl.) bezahlt wird. Steinboͤcke (Capra Ibex) sind gleichfalls hier nicht selten, welches mir ein sehr großes abgeworfenes Horn bewies, das mir beym Botanisiren aufstieß. Goͤttin Flora belohnte meine Muͤ- he diesmal sehr reichlich. Jch hatte hier Gelegenheit die in Sibirien noch nie gesehene Lonicera Alpigena recht genau zu beobachten. Jch fand davon mehrere bis anderthalb Faden hohe Baͤumchen. Aus den Felsenriz- zen im Schatten wuchs die schoͤne weißbluͤhende Aquile- gia viscosa; das uͤbrige war Acrostichum septentriona- le, Juniperus lycia, Hyssopus officinalis, Ziziphora capitata, Dictamnus albus, Ephedra polygonoides, Pall. welche Staͤmme von einem Zoll im Durchmesser hatte, dergleichen ich an keinem Orte vorher nie gesehen habe. Das Holz von der Lonicera Alpigena ist Politur- faͤhig, hat schoͤne braͤunliche Schattirung, und riecht wie frisch abgeschaͤumter Honig; die Beeren sind gelb und ein heftiges Brechmittel. Aber eine Menge Bremsen, Moschki und Muͤcken, so wie eine unertraͤgliche Hitze erschwerten mir auch sehr meinen schoͤnen Spaziergang. Bey meiner Zuruͤckkunft machte ich Anstalt zur Abreise, welche um 4 Uhr auch geschah. Ehe aus Sibirien. Ehe ich diesen Brief schließe, will ich noch des Obern oder Aeltesten in der Wollost, wo wir eben jetzt waren, gedenken. Er war ein Mann von 87 Jahren, Namens Sarembet, seine Frau von 81 Jahren, und alle beyde frisch und munter. Mit zwey Weibern hatte er funfzehn Kinder gezeugt, von welchen wiederum eine Menge Kindeskinder entsprossen waren; so daß diese einzige nicht kleine Wollost aus einer Familie bestand. Man konnte den Alten nicht unrecht einen zweyten Patriarchen Abraham nennen, er war reich an Kindern, Kindeskin- dern, großen Heerden von Kameelen, Pferden, Schaa- fen, Ziegen, Kuͤhen und Ochsen. Es fehlte dem Sa- rembet weiter nichts, als bessere Augen, die anfiengen schwach zu werden. Dies ist indeß eine Schwaͤche, die allen alten Kirgisen eigen ist; im Winter, wo ihre Jur- ten genauer verschlossen sind, leiden die Augen vom Rauch, und im Sommer vom Sonnenschein auf der of- fenen heißen Steppe. Wir passirten, nachdem wir von unsern alten Wir- then Abschied genommen hatten, zwey neue hoͤlzerne Grabhaͤuschen, und setzten dann unsern Weg weiter uͤber duͤrre, meist Schieferberge und Steppe fort. Der Chasil-Taß blieb uns zur Rechten, und der Tuͤoͤ- Moinock (Kameelhals), ein langer kahler Berg, zur Linken. Das Nachtlager nahmen wir ohnfern des Ur- sprungs des Fluͤßchen Bugaß, wo ich noch vor Schla- fengehen das Vergnuͤgen genoß, ein neues Cynoglossum ( viridiflorum ) zu entdecken. Jch habe die Ehre zu seyn ꝛc. J 5 Eilfter Sievers Briefe Eilfter Brief. Vom Gipfel des Tarabagatai den 30. Jun. Sehr fruͤh giengs weiter uͤber Huͤgel und Steppe, welche hin und wieder in großen Stellen mit Alcali mi- nerale ausbluͤhete. Die Hitze war entsetzlich, nirgends ein Baͤumchen, wo man haͤtte zu Schatten kriechen koͤn- nen. Vor uns hatten wir das hohe Felsgebirge Bor- Oepkoͤtoͤ. Am Fluͤßchen Dshingiskoͤ, das zwar al- lezeit lehmiges, truͤbes, aber doch kuͤhles, wohlschmek- kendes Wasser hat, hielten wir Mittagsruhe. Unsere Lastthiere fanden hier vortreffliches Futter; unser Fluͤß- chen faͤllt suͤdwestlich in den See Balkasch. Waͤhrend das Essen gekocht wurde und Mann und Thiere ausru- heten, machte ich, ohnerachtet der Hitze, eine botani- sche Excursion zu einigen nicht sehr entfernten Talk- Schiefer Huͤgeln. Auf dem Wege dahin uͤber Salz- steppe fand ich die seltene Statice argentea Pall. und Sta- tice reticulata? Die Huͤgel prangten mit Anabasis cre- tacea und aphylla. Der blaͤuliche Talkschiefer gieng zu Tage aus, so wie ebenfalls hin und wieder weißer Gra- nit, der deswegen aus vielem Feldspath und ganz wenig Glimmer bestand. Zwey gemeine kirgisische Grabhuͤ- gel waren hier, Jurten aber nirgends zu sehen. Jch kehrte darauf vergnuͤgt zu meinen Begleitern zuruͤck, und wir verließen, nach verzehrter Mahlzeit, um 4 Uhr unser fischloses Fluͤßchen. Wir passirten immerfort viele Huͤ- gel, die mit Schiefer und Felswacke zu Tage auskeil- ten. Am Fluß Ajoguͤß, in einem angenehmen, nicht großen, aus Sibirien. großen, grasreichen, kuͤhlen Thale fanden wir ein erquik- kendes Nachtlager. Der Ajoguͤß ist zwey bis drey Fa- den breit, schnellfließend, hat schoͤnes helles Wasser, und naͤhrt viel Taimeni, Hechte und Schmerlen, die uns ein wohlschmeckendes Abendessen lieferten. Der Fluß selbst fließt dem Tarabagatai vorbey, und faͤllt westlich in den Balkaschsee; seine Ufer sind mit einigen gemeinen Fluß- weiden geziert. Den 1sten Julii. Jch verließ noch vor Sonnenauf- gang mein schoͤnes Thal; wir erhoben uns allmaͤhlig uͤber Huͤgel und schoͤne Wiesen ins hohe Gebirge laͤngst dem Ajoguͤß hinauf, bis an einen seiner Ursprungs- quellen, wo wir ihn alsdann verließen; den Bor-Oep- koͤtoͤ zur Linken habend. Jn einem anmuthigen Thale stand die Wollost Charagirei-Baidshiget-tau-koͤ. Wenn Sie einmal in diesen Gegenden reisen werden, so nehmen Sie ja niemals die hier angefuͤhrten Wollosten als Wegweiser an; denn die Kirgisen stehen selten lan- ge an einem und demselben Orte. Jn der hier stehen- den Aul sind zwey Gebruͤder Sultane Dshaideck und Ssuͤck die Oberbefehtshaber. Charagirei ist der Haupt- mann von mehr wie acht Wollosten, die davon so viele Unterabtheilungen machen; sie haben mehrere Sultane in sich. Man versicherte mir hier, daß wahre Rhabar- ber in der Naͤhe wachse; ich schickte sogleich dahin, aber man brachte mir das gewoͤhnliche Rheum Sibiricum Pall. Hiermit und einigem Tauschhandel gieng die Zeit verloren, so daß ich erst um 6 Uhr Abends weiter rei- sen konnte. Jch erreichte wenigstens doch meinen Zweck, nahe Sievers Briefe nahe am Fuß des Tarabagatai uͤbernachten zu koͤnnen, und zwar an einem zweyten Ursprungsquell des Ajoguͤß. Der guten Weide wegen waren hier viele Jurten, aus welchen man mir ein dreyjaͤhriges Kind mit einem bis oben an gelaͤhmten Beine zur Kur brachte. Da ich die zu einer solchen Kur gehoͤrigen Arzeneyen nicht bey mir hatte, so konnte ich auch hierbey sehr wenig helfen, in- deß, um die Leute doch nicht trostlos von mir zu lassen, so hieß ich der Mutter die frischen Blaͤtter der Achil- laeae Millefolii und der Artemisiae rupestris maximae zu Brey stoßen, und das Bein taͤglich einmal frisch da- mit zu bewinden, anbey verordnete ich den Saft der Schaafgarbe zu trinken. Ob mein Rath von guten Fol- gen seyn wird, vermag ich nicht zu bestimmen, denn wahrscheinlich sehe ich diese Leute nicht wieder. — Wer sich mit allerley Medicamenten versorgt, und diese her- nach, bey dem Gebrauch, mit etwas Scharlatanerie be- gleitet, der kann sich nicht allein bey den Kirgisen sehr in Ansehen bringen, sondern auch noch ein artiges ver- dienen. Uebrigens gieng hier ein gruͤnlicher Porphyr mit weißlichem Feldspath zu Tage hin und wieder aus. Den 2ten Julii. Kaum brach der Tag an, so ließ ich schon wieder aufpacken. Noch hatten wir 4 Werste Steppe, Huͤgel und Wiesen zu passiren, ehe wir wirk- lich anfiengen den Tarabagatai zu besteigen; welches aber fuͤr unsere Kameele keine geringe Arbeit war. Mehr wie sechsmal mußten wir Halte machen, um die ermuͤdeten Thiere ausruhen zu lassen. Waͤhrend diesem Aufent- halte lief ich in den reichen Bergwiesen umher, wo ich meine aus Sibirien. meine Muͤhe sehr wohl bezahlt erhielt. Es prangten hier verschiedene Arten Astragalus, Hedysarum, Trollius asiaticus. Papaver alpinum oder nudi- caule, Veronica, Dracocephalum grandiflorum und pinnatum in außerordentlich kleiner Gestalt, Viola grandiflora, Campanula, Aster, Erigeron gramineum, Cerastium, Lamium album, Leontodon Taraxacum, Ranun- culus nivalis, Scrophularia, Dianthus plumarius, Tragopogon, u. m. andre. Uebrigens faͤngt dieses hohe Gebirge ohne Wal- dung beym See Allaguͤll in Suͤden unter dem 45sten Grad Norderbreite an, und erstreckt sich nordostlich ge- gen den obern Jrtisch, wo es sich mit dem Altaischen Ge- birge vereinigt. Alle Bergruͤcken desselben hier sind Granit von feiner Textur, wie Sandstein, andere von grobem Gewebe, grauer, uralter Schiefer in sehr dicken Tafeln, Porphyr zuweilen mit Kupferanflug, gewiß et- was seltenes in einer solchen Hoͤhe, und grauer Jaspis- aͤhnlicher Hornschiefer, die insgesammt oben und an den Seiten in verschiedenen, theils wunderlichen Figuren, als Saͤulen, Troͤge, blaͤttrigen Geschiebe, theils einzeln in un- geheuern Aggregaten zu Tage ausgehen. Hin und wie- der Sievers Briefe der zerstreute mit wellenfoͤrmigen Figuren ungeheure graue Jaspisbloͤcke, die ein Serpentinsteinartiges Anse- hen hatten. Der großen Menge Schnee wegen, die allenthalben oben unter den Felsenwaͤnden und in den Vertiefungen herum lag, waren hier, bey so heiterm Himmel und stillem Wetter, keine Bremsen, Muͤcken und Moschki zu spuͤren. Es ist der herrlichste Sommer- aufenthalt von der Welt und eine majestaͤtische Aussicht; was ich unten in der Steppe fuͤr große Berge ansah, lag nun in liliputischer Gestalt zu meinen Fuͤßen, die groͤßte Ferne verlor sich in blaulichem Nebel. Vor mir, mit dem Tarabagatai an Hoͤhe gleichsam um die Wette streitend, erhob sich der roͤthliche, maͤchtige Bor-Oep- koͤtoͤ, ein aus lauter derbem Granit bestehender nackter Fels, wie der Chasil-Taß, der aber doch an Hoͤhe er- sterm nachgeben mußte, freylich nur um ein Weniges. Jndessen ein sonderbarer Kontrast zwischen dem mit vor- trefflichem Gruͤn bedeckten Tarabagatai und dem nahe gegenuͤber gelegenen traurigen Boroͤpkoͤtoͤ. Jch wurde beynahe unwillig, als mir der Kosak mein Pferd brach- te und eilen hieß, indem die Carawane schon weit vor- geruͤckt war; ungern verließ ich meinen hohen Stand- punkt. Unser Weg gieng nun wiederum etwas abwaͤrts, durch hohe Thaͤler, Wiesen und uͤber Huͤgel, bis an das in den Noor-Saißan fallende Fluͤßchen Basar, an des- sen Ursprung in einer Bergwiese mit schoͤner Weide wir unser Lager nahmen. Waͤhrend diesem Marsche begeg- neten uns ganze Zuͤge von Bergkirgisen der großen Horde, die dahin zogen wo wir herkamen. Hier muß ich aus Sibirien. ich indeß um Verzeihung bitten, wenn ich zu schwach bin, um das Gemaͤhlde zu schildern, was sich mir dar- bot. Stellen Sie sich ein so hohes Gebirge vor, allent- halben umher die sonderbaren Gegenstaͤnde, die Felsen, Schnee, Wiesen, von den Spitzen herabrieselnde Baͤ- che; dann große Heerden zweybucklichter Kameele, an- dere mit der Equipage der Kirgisen beladen; Heerden von Ochsen, Kuͤhen, Schaafen, Pferden; Maͤnner, Weiber, Maͤdchen, Kinder, alle in sonderbarer, ganz von europaͤischer abweichender Kleidung, und so haben Sie eine dunkle Vorstellung davon. Die Maͤdchen und Weiber sangen Lieder, einige der letztern kamen zu uns und forderten Toback. Jch gab gern alles, was ich hat- te, diesen wild aussehenden, aber freundlichen Kirgisen. Jch kann in keiner Sprache den damaligen Zustand mei- ner Seele schildern: ein gewisses Etwas, mir ganz un- erklaͤrbares, ruͤhrte mich dermaßen, daß ich wie verstei- nert auf meinem Pferde saß! — Verdammt, rief ich mit Extase aus, verdammt und verflucht seyen alle christ- lich-europaͤische Moden, Bon ton, Etiquette, Tanz- meister, Friseurs und Narren, und ritt weiter. — Rund um unser Lager her war’s erst Fruͤhling: Pflanzen, die um Barnaul, Ustkammenogorsk, und in aͤhnlicher Lage schon laͤngst verbluͤht hatten, fiengen hier nur an ihre Blumen zu entwickeln. Nachmittags, indem ich sitze und meine botanischen Reichthuͤmer in Ordnung bringe, fliegen große Habichte ( Falco Milvus, Kirg. Keß- Guirock ) herzu und holen mir die von der Mittags- mahlzeit uͤbrig gebliebenen Knochen von der Seite weg. Sie Sievers Briefe Sie werden von den Kirgisen zur Jagd auf kleineres Wildpret abgerichtet. Ohnerachtet der Hoͤhe ist die Sonne im Mittag doch fuͤhlbar genug. Nach einiger Ruhe gieng ich mit sechs Begleitern, etwa 2 Werst suͤd- lich, auf den hoͤchsten Gipfel des Tarabagatai, um eini- germaßen das jenseitige Land zu uͤbersehen, wo beson- ders am Flusse Uldshar eine von den neuen Rhabar- berarten waͤchst. Wie ich droben war, hatte ich eine aͤhnliche herrliche Aussicht, wie vorher erwaͤhnt, nur we- niger bergig. Es zeigte sich nehmlich in einer fast un- absehlichen Ebene der See Allaguͤll, der Fluß Uld- shar, welcher seinen Ursprung zu unsern Fuͤßen nahm; in Suͤden das hohe sich nicht sehr ausbreitende Gebirge Allatau, und in Osten die chinesische Graͤnzfestung Tschigatscheck, hinter welcher eine lange, bewaldete, gegen Norden laufende Bergkette, Tochta, sich weg- streckt. Uebrigens bemerkte ich in dieser großen Ebene, außer laͤngst dem Uldshar, weder Waldung noch Jur- ten. Nachdem ich nun meine gehoͤrigen Maaßregeln ge- nommen hatte, beschloß ich den kommenden Tag in diese neue Welt hinab zu steigen: einstweilen aber examinirte ich Florens hiesige Schaͤtze. Viola grandiflora caeru- lea et ochroleuca, Gymnandra borealis Pall. Draco- cephalum grandiflorum et altaicum, Potentilla nivea, und andere schoͤne Alpengewaͤchse, zierten die mit schwar- zer fruchtbarer Erde bedeckten Koppen. Iuniperus lycia war hier kriechend und von einer so ungeheuren Dicke, dergleichen ich nie vorher gesehen hatte: ich ließ einen Stamm aus Siberien. Stamm aushauen, der mir Bretter von sieben englischen Zollen im Durchmesser lieferte. Eine Menge Kirgisen wohnen hier allenthalben her- um, welche die Sommermonate, theils der Kuͤhle we- gen, theils des gaͤnzlichen Mangels an allerley stechen- den Jnsekten, der vortrefflichen Weide und des schoͤnen Wassers wegen, hier vergnuͤgt zubringen. Waͤhrend die- ser Zeit werden die Futterkraͤuter in den Steppen eini- germaßen zum Winter geschont; denn vom Heumaͤhen und uͤbrigen in Europa gebraͤuchlichen Vorraͤthen fuͤrs Vieh weiß der Kirgise nichts. — An der gegen Suͤden gekehrten Seite dieses hohen Gebirges war durchaus kein Schnee zu sehen. Nach meiner Ruͤckkunft bey mei- nem Troß fand ich ein wohlschmeckendes Abendmahl, legte mich zur Ruhe, und gieng den 3ten Jul. fruͤh mit Sonnenaufgang in Begleitung meines Fuͤhrers Chaial, noch eines andern Kirgisen und drey bewafneter Arbeiter uͤber einige Huͤgel hinauf, sodann ließen wir uns, in- dem wir einige Quellbaͤche des Uldshars passirten, den Berg hinunter, welches aber, besonders bey der Hitze, eine abscheuliche Arbeit war. Etwa anderthalb Werst mußten wir zu Fuß die Pferde zur Seite fuͤhrend, steil wie eine Wand im Granit und Schiefergeruͤlle hinab steigen, nachher folgte noch ein jaͤher Weg von mehr als 6 Werst. Jch begreife nicht, wie die wandernden Kir- gisen mit ihren beladenen Kameelen hinauf kommen, und doch geschiehts! Dieses muͤhsame Herabsteigen wur- de durch einige schoͤne Pflanzen, einen dem Cicer arie- tinum aͤhnlichen Lathyrus, Polygonum humifusum, K Scro- Sievers Briefe Scrophularia, die hier hin und wieder wuchsen, ver- suͤßet. — Etwa in der Mitte dieses Weges stießen wir in einer engen Kluft auf 10 kirgisische Raͤuber, welche mit langen Piken und Saͤbeln versehen waren; sie be- schaueten uns aufmerksam, sobald sie aber unsere in gu- tem Stande seyenden Waffen sahen, wurden sie sehr freundlich; wir geriethen ins Gespraͤch, rauchten Toback mit einander, und nahmen ganz friedlich von einander Abschied. Diese Kirgisen kommen hinter dem etwa 50 Werst entfernten Allatau her; die Russen nennen sie die wilden, sie gehoͤren eigentlich zu der großen Horde, und ziehen oͤfters gegen die mittlere oder Kasatschia Horda aus, um Pferde, Kameele, Ochsen, Kuͤhe u. s. w. zu rauben. Letztere, um sich zu raͤchen, machen es denn eben so wieder gegen jene. Jch moͤchte mir gern die Frage beantworten lassen, warum doch unter allen Ge- schoͤpfen in dieser Welt bestaͤndige Uneinigkeit und Krieg herrschet? — Die Kirgisen gehoͤren mit unter die freye- sten natuͤrlichsten Nationen auf dem Erdboden, sind warlich im Grunde gutmuͤthige Leute, und haben viele ganz gesunde, vernuͤnstige Gesetze unter sich. Warum ziehen diese Geschoͤpfe denn nun gegen ihre Sprach-, Glaubens- und Blutsverwandte aus, nicht um todtzu- schlagen, denn fuͤrs sterben fuͤrchten sie sich außerordent- lich, sondern um sich nur einander so geheim als moͤg- lich das Vieh wegzutreiben? Beynahe diese Diebereyen allein beschaͤftigen die kirgisischen Rechtsgelehrten. Kommt eine Streitsache vor, so richtet gewoͤhnlich der Aelteste oder mehrere derselben aus der Aul: sind die Kla- genden aus Sibirien. genden mit dem richterlichen Ausspruch nicht zufrieden, so gehen sie zum naͤchsten Sultan, der denn gewiß das Finale gar bald und oͤfters gebieterisch genug ausspricht. Vorerwaͤhnter Sarembet war im allgemeinen Ruf sei- ner vernuͤnftigen Richtspruͤche wegen. Fast niemals ge- hen die streitenden Partheyen unzufrieden von ihm weg. Furchtsamkeit ist der Kirgisen Hauptkarakter; so wild und unbaͤndig sie gegen unbewehrte, besonders Fremde sind, wenn sie es sich nehmlich einfallen lassen, Beleidi- gungen auszutheilen, so feig sind sie gegen herzhafte, mit Gewehr ausgeruͤstete Leute. Die geringste Furcht hat boͤse Folgen. Der Kirgise ist kein Moͤrder oder determi- nirter Straßenraͤuber, deswegen sieht er sich wohl vor, mit wem er zu thun hat. Schießgewehr findet sich bis jetzt noch sehr wenig bey ihnen. Als ich an den Fuß des Berges kam, erfreute mich Goͤttin Flora mit einem Wald der schoͤnsten Zwerg- aͤpfelbaͤume, die hier am Uldshar zu beyden Seiten wild wuchsen; ich vergaß Muͤdigkeit, Hitze, Steinge- ruͤlle und alles, fuhr wie ein Wahnsinniger unter die annoch unreifen Aepfel und ließ mirs gut schmecken. Verzeihen Sie mir diese Ausgelassenheit, Sie wissen ja, daß ich in einem Aepfellande gebohren bin; seit mei- nem vierjaͤhrigen Aufenthalte in Sibirien habe ich keine andern Baumsruͤchte gekostet, als die des jenseit dem Baikal wachsenden Pyrus baccata, welche man dort als Confekt zum Nachtisch mit gestoßenem Zucker aufsetzt und so mit Theeloͤffeln ißt. Meine jetzt gefundenen Ae- pfel aber waren gutes weinsaͤuerliches Tischobst, die hier K 2 in Sievers Briefe in ihrem wilden Zustande schon die Groͤße eines Huͤh- nereyes erlangen, und haben rothe und gelbe Backen. Jhr kirgisischer Name ist Almà. Beynahe moͤchte ich diesen Pyrus fuͤr neu ausgeben. — Arbor orgyalis saepeque biorgyalis, plures trunci ex eadem radice. Foliis subtus tomentosiusculis ovatis, floribus umbel- latis. — Drey sibirische Bauern, die bey mir waren, wunderten sich um desto mehr, sie hatten von ihren Vaͤ- tern, die aus Kleinrußland und Pohlen kamen; oͤfters der daselbst haͤufig wachsenden Aepfel erwaͤhnen hoͤren, aber nie selbst welche gesehen. Dem sey nun wie ihm wolle, so zweifele ich gar nicht an dem guten Fortkom- men meiner tarabagataischen Aepfel in Sibirien, beson- ders um Ustkammenogorsk, wo der Boden und das Cli- ma dem hiesigen am aͤhnlichsten ist; wenn es hoͤhern Orts der Aufmerksamkeit gewuͤrdigt wuͤrde, so koͤnnten die si- birischen Einwohner bald Fruchtgaͤrten haben und ihre elgen erzogene Aepfel essen, welches bisher noch keinem gelungen ist. Wir giengen, von einigen Donnerwettern uͤber un- sern Haͤuptern begleitet, nun immer laͤngst dem allmaͤh- lig breiter werdenden Uldshar fort, indem wir ihn etli- che male durchritten. Er fließt schnell genug uͤber ge- woͤhnliche abgerundete Flußkiesel. Seine Ufer sind mit Populus balsamifera und Salix alba von ungeheurer Hoͤ- he und Dicke (besonders letztere) geziert, hin und wie- der bemerkte ich noch Rhamnus catharticus, Crataegus foliis incisis, pinnatis vel lobatis, Spiraea. Jemehr aus Sibirien. Jemehr ich mich vom Tarabagatai entfernte, desto mehr wird das Land reicher an geilwachsenden Pflanzen und verschieden vom sibirischen. Alles schien mir ein ganz anderes Ansehen zu haben. Jch sah hier seit mei- ner Abreise aus Moscau zum erstenmate wieder Conium maculatum und Cichorium Intybus. Eine sehr schoͤne dem Astragalus christianus, und eine andere dem Astra- galus alopecuroides aͤhnliche Gattung, und der Linnéi- sche pilosus prangten in ihren besten Festtagskleidern. Waͤhrend wir uns zum Mittagsplatze naͤherten, stießen wir auf Ackerland, wo ein einziger Kirgise ein mit Wei- zen und gelber Hirse (Panicum miliaceum) angesaͤetes Stuͤck Land vermittelst Kanaͤle waͤsserte. Der Acker war wie gewoͤhnlich an einem kleinen Fluͤßchen mit fettem und schwarzem Erdboden, nur war das Korn mit andern nicht dazu gehoͤrigen, besonders der Gypsophila pani- culata gleichsam uͤberschwemmt. Wenn das hiesige Erd- reich davon fleißig gereinigt und gehoͤrig bearbeitet wuͤr- de, so koͤnnte man hier mit dem besten Nutzen Reiß, Baumwolle, Mays, Lein, Kartoffeln, Melonen, Ar- busen u. s. w. erzielen, vielleicht wuͤrde auch der Wein- bau gedeihen. Bis jetzo finde ich den Ackerbau noch in seiner Kindheit, aber da den Kirgisen doch das nach her gewonnene Korn sehr angenehm ist, so zweifele ich gar nicht, daß sie mit der Zeit nicht eben so gute Feldbebauer werden sollten, wie meine Landsleute. Unter dem Schat- ten von 6 hohen weissen Weiden und in dem nicht sehr angenehmen Duft von Mannshohem dicht gesaͤetem Conium maculatum am Uldshar, gaben wir Pferd und K 3 Mann Sievers Briefe Mann Ruhe, und kochten das Mittagsessen. Jch glaub- te dieses mit frischen Fischen zu vermehren, aber die Leu- te kamen mit leeren Netzen vom Uldshar wieder zuruͤck. Es scheint als wenn dieser Fluß arm an Fischen ist. Jn dieser großen Ebene wohnen die Kirgisen waͤhrend der Sommermonate, wegen der haͤufigen Bremsen, Muͤcken und Moschki, nicht; sobald aber der Herbst eintritt und das erwaͤhnte Ungeziefer sich anfaͤngt zu verlieren, so wird auch diese kraͤuterreiche Steppe wiederum bewohnt. Mein erstes Nachtlager im Schilf am Uldshar machte, daß ich alle Geduld verlohr; kein Auge konnte ich zu- thun, so muͤde und schlaͤfrig ich auch war; die in der Hoͤlle erschaffenen und vom Teufel auf unsere Welt her- abgesandten Muͤcken und ihre Genossen schienen unter sich zu wetteifern, welche uns am besten plagen koͤnnten. Den 4ten Jul. Heute, nach elend hingebrachter Nacht, giengen wir, wie leicht zu denken, sehr fruͤh wei- ter, und passirten 6 Werste von dem durch die Muͤcken verursachten blutigen Lager das Fluͤßchen Jgenbalack, welches in den Uldshar faͤllt. Nachdem wir etwa 5 Werste weiter suͤdlich geritten waren, so zeigte sich dann die so sehnlich gewuͤnschte Rhabarber, weswegen ich diese Reise eigentlich unternommen hatte. Ob es die vom Ritter Pallas bey Astrachan gefundene Steppen- Rhabarber ist oder nicht, will ich dahin gestellt seyn las- sen, wenigstens stehet sie nicht in der neuesten Ausgabe des Linnéischen Pflanzensystems von Reichard und von Murray herausgegeben. Jch nenne es indessen Rheum cruentum . Was den Wuchs und das Ansehen anbetrift, so aus Sibirien. so kommt sie mit dem vorher erwaͤhnten Rheo nano fast ganz uͤberein. Allein die Wurzel ist viel dicker, Ruͤben- foͤrmig, fest, inwendig braun und wie der wahre Rhabar- ber gemarmelt, und von einem zusammenziehenden Ge- schmack. Die Saamen sind groͤßer und mehr gefluͤgelt. Das Erdreich, worin sie waͤchst, ist Thonerde mit feinem Sande vermischt, und hin und wieder bemerkte ich alka- lisch-salzigen Beschlag. Waͤhrend dem, daß ich einige Wurzeln ausheben und die schon uͤberreifen Saamen sammeln ließ, gieng ich mit einem Schuͤtzen weiter her- um, um nun noch die uͤbrigen Pflanzen zu untersuchen, welche folgende waren: Rosa berberifolia Ein treflicher Strauch mit dornigten duͤnnen Ruthen, an welchen einzelne, den Berberissen ganz aͤhnliche Blaͤtter sitzen; am Ende der Zweige die feuergelbe Blume einzeln, deren Blaͤtter am Grunde der Blume einen dunkelrothen Fleck haben. Vielleicht mit Rosa persica bey Jussieu einerley. P. , Stellera Passerina, Phlomis lanigera, Ferula grandis et arenaria, alles neue Gattungen. Der trockene Boden und die große Hitze hatten aber schon den meisten Pflanzen ihre Schoͤnheit benommen, ja einige davon hatten schon rei- fe Saamen. Jch waͤre nun gern noch zu dem nur etwa 20 Werst entlegenen See Allaguͤll gezogen, haͤtte gern, trotz aller stechenden Jnsekten und Hitze, noch einige Tage hier zu- gebracht; aber meine kirgisischen Fuͤhrer, denen Florens Schaͤtze nicht so angenehm waren, wie mir, wollten sich durchaus nicht weiter uͤberreden lassen, oder ich haͤtte dann K 4 muͤssen Sievers Briefe muͤssen mehr bezahlen, als meine dermalige Lage es er- laubte. Jch war also genoͤthigt wieder umzukehren, und diese hoͤchst merkwuͤrdige Gegend zu verlassen; bey wel- cher Gelegenheit es jedoch nicht an den abscheulichsten Verfluchungen aller Muͤcken, Moschki und Bremsen fehlte, denn dieses infernalische Geschmeiß war allein die Ursache unserer Ruͤckkehr. Unsere Pferde trieften von Blut; meine Begleiter schwammen im Schweiß, in- dem sie sich vermittelst Gestraͤuch der Jnsekten erwehr- ten. Jch kam noch am besten dabey weg, indem ich ei- nen flornen Schleyer vor dem Gesicht trug. Sollte ich diese Reise noch einmal unternehmen, wozu ich ganz und gar nicht abgeneigt bin, so habe ich nun erfahren, daß fuͤr jeden mitzunehmenden Menschen solche Bedeckungen unumgaͤnglich noͤthig sind. So war ich dann bis auf dem 45sten Grad noͤrdli- cher Breite gekommen; die Festung Tschigatscheck lag mir etwa 40 Werst nordostlich, also schon ruͤckwaͤrts; sechs Tagereisen weiter suͤdoͤstlich ist die chinesische Gou- vernementsstadt Jlaͤn, Kirgisisch Guldsha-Chaineck, auf Russisch Bai-inda, am Flusse Jlaͤn; Taschkiner, Bucharen, Kirgisen und Kalmuͤcken handeln hier. Mei- ne eigentliche Absicht war, noch vorwaͤrts uͤber dem Al- latau zu der großen kirgisischen Horde oder den soge- nannten wilden Kirgisen zu reisen; aber es fehlte an ge- nugsamen Waaren. Denn in dieser Horde kosten die Fuͤhrer viel Geld, indem keiner weiter als aus einer Wol- lost in die andere mitgehet, und da man immer die vor- nehmsten zu Fuͤhrern waͤhlen muß, so sind ihre Forde- rungen aus Sibirien. rungen auch desto hoͤher gespannt. Um aber doch meine noch bey mir habenden Waaren nicht wiederum unnuͤtzer Weise nach Ustkammenogorsk zuruͤck zu schleppen, so wur- de beym Mittagsessen, um 4 Uhr Nachmittags, am Uld- shar großer Rath gehalten, wobey das Finale da hin- aus fiel, daß wir eine Expedition zum Noor-Saissan, sodann zum obern Jrtisch so weit ins chinesische Reich unternehmen wollten, wie sichs thun ließ. Gesagt, ge- than! wir wischten uns den Schweiß vom Gesicht, bade- ten uns im Uldshar, und zogen sodann wiederum dem Tarabagatai zu. Waͤhrend dessen wurden einige Saigi angeschossen, aber nicht gefangen. Des guten Grases wegen mußten wir abermals das Nachtlager an eben ge- dachtem Flusse nehmen, wo aber die Muͤcken den guͤld- nen Schlaf, den Troͤster in Beschwerden, weit von uns jagten. Dieses, die Hitze des Tages, das Reiten und das Botanisiren erschoͤpften meine Kraͤfte dermaßen, daß auch nicht einmal der Schlag einiger spaͤter Nachtigal- len und das Girren der wilden Tauben viel Eindruck auf mich machten. Den 5ten Jul. Jndessen geschlafen oder nicht; wir verließen unser verdammtes Lager noch vor Sonnenauf- gang. Es stand ein nicht hoher, einzelner, kahler Huͤgel etwa 40 Werste NO. vor uns, diesen, den die Kirgisen Dshaj-Tuwaͤ nennen, wollte ich sehen. Wir ritten also durch den Uldshar darauf zu. Waͤhrend dem Marsche passirten wir viele und einige wahrscheinlich recht vor- nehme tschudische Graͤber, und eine mit Erdwaͤllen um- gebene verlassene Festung, bey welcher zwischen den K 5 Chi- Sievers Briefe Chinesen und denen Anno 1770 oder 71 von Astrachan entflohenen Kalmuͤcken eine Schlacht vorgefallen seyn soll. Jetzt wohnen noch zahlreiche Reste dieses Volks in guter Ruhe theils um den Ursprung der Fluͤsse, aus de- ren Vereinigung der obere Jrtisch entstehet, theils an den Fluͤssen Boro-tall und Gandshag à. Sie stehen, nebst denen am See Sarenkuͤll, hinter dem Allatau, alle unter chinesischer Bothmaͤßigkeit. — Vey vorge- dachtem Huͤgel, von welchem nicht weit das Fluͤßchen Chattun. Ssu vorbey und dem Allaguͤll zufließt, fand ich noch eine große Menge vom obgemeldeten Rheo cru- ento , aber, außer vorher erwaͤhnten Pflanzen, alle uͤbrige schon verdorret. Einen Korssak (Canis Corsac) ver- folgten wir lange, er rettete sich aber durch seine Ge- schwindigkeit. Ehe wir zum Tarabagatai kamen, be- merkte ich ganz besondere Huͤgel und Graͤben, die mir vermuthen ließen, als waͤren hier ehemals befestigte Wohnungen gewesen. Meine Kirgisen konnten mir wei- ter keine Auskunft daruͤber geben. Vielleicht sind sie von den Tschuden. Den 7ten Jul. Endlich heute Nachmittag kamen wir denn gluͤcklich, aber sehr ermuͤdet, wieder zu unserer nachgelassenen Equipage auf dem hohen Tarabagatai an. O! wie aͤußerst angenehm war es hier, kuͤhle, erfrischen- de Luft, keine stechenden Jnsekten, und keine verdorrte Pflanzen! Hier fand ich einige Bekannte meines Doll- metschers, die vorsetzlich fuͤr mich Milchbranntewein ( Arracki ) destillirt hatten. Es wurde also ein freund- schaftlicher Kreiß gemacht, in dessen Mitte gar bald ein gebra- aus Sibirien. gebratenes Lamm, ein großer lederner Schlauch ( Turs- suck ) mit Kuͤmuͤß, und der Branntewein paradirte; man kann sich leicht gedenken, daß es uns an Appetit nicht fehlte, denn gar bald verschwand alle Zierde des Krei- ses, und nun, noch mit der Tobackspfeife im Munde, suchte ein jeder einen Schlafplatz, wo ich wenigstens sehr geschwind alles in der Welt vergaß, und den 8ten Jul. wie frisch gebohren und erquickt die aufgehende Sonne gruͤßte. Nach eingenommenem Fruͤhstuͤck, waͤhrend dem ich meine vortrefflichen Uldsharischen Pflanzen in Ord- nung brachte, kam mein gestriger freundlicher Kirgise, mit Namen Aldshigit, und invitirte mich in seine nahe gelegene Jurte. Bey dieser Gelegenheit nahm ich denn fuͤr seine Weiber und Toͤchter einige kleine Geschenke mit, worunter befonders Naͤhnadeln, Fingerhuͤte und messin- gene Ringe willkommen waren. Erstere gebrauchen die fleißigen Kirgisinnen mit vieler Geschicksichkeit, und naͤ- hen nach ihrer Art gar vortreffliche Muster. Fingerrin- ge tragen sie gewoͤhnlich drey an jeder Hand, am Dau- men, Zeige- und Goldfinger. Sie sind im eigentlichen Verstande Sclavinnen ihrer Maͤnner, alle haͤusliche Ar- beit liegt auf ihnen, sie muͤssen das Vieh melken, But- ter, Kaͤse, Kuͤmuͤß besorgen, dem Mann das Pferd sat- teln, die Jurten aufbauen und abtakeln; sie machen alle Kleidungen, sogar die Stieseln. Da hingegen der Mann ißt, trinkt, schlaͤft, raucht Toback, reitet auf die Jagd, treibt die Heerden zusammen, oder geht in Gesellschaft mit andern aufs Rauben aus. Jn einer der besten Jur- ten, worinn schon eine Menge Nachbaren versammelt waren, Sievers Briefe waren, wurde ich dann stattlich bewirthet; wir tranken Kuͤmuͤß und aßen gekochtes Hammelfleisch ohne Brod, Salz, Gabel und Loͤffel, nach der Landesgewohnheit, mit den Haͤnden. Das Schlachten der Thiere geschiehet im- mer durch Maͤnner, und oͤfters unter Hersagen eines Ge- bets, nach mahometanischer Art, so wie auch das Ko- chen, Zerschneiden, Auftragen u. s. w. das Geschaͤft der Maͤnner ist. Nachdem wir abgegessen hatten, wurde der Rest dem in ihrem Winkel vom Eingange zur Rechten sitzenden Frauensvolke gegeben; denn diese essen nie mit den Maͤnnern zusammen, sondern sind unterdessen, so wie fast zu allen Zeiten, mit irgend einer Handarbeit beschaͤftiget. Einige davon z. B. brachten ihre vielen Haarflechten auf dem Kopfe in Ordnung, andere span- nen mit der Spindel durch Drehen in der Hand Zwirn aus Kameelswolle u. s. w. Die Weiber haben mit ih- ren Haaren jederzeit viel Arbeit, weil darinn eine große Zierde besteht. Denen Maͤnnern ists damit desto leich- ter, die Baarthaare zupfen sie sich zum Theil mit Zan- gen aus. Zwey Maͤnner machten eine wie gewoͤhnlich beynahe monotonische Tafelmusik; einer davon spielte auf einer Ellen langen, mit Bindfaden zusammengebun- denen, aus zwey Haͤlften bestehenden, weißen, hoͤlzernen, etwa Daumens dicken Schallmey. Jndem er hinein bließ, gab er seine singende Baßstimme mit dazu, und gab dann mit den Fingern auf den Loͤchern einige Toͤne an bis ein Athemzug ausgeblasen war, womit er es lange genug aushielt. Jn der Ferne klingt diese Musik wie ein Dudelsack; die Leute, die viel und oͤfters dieses bla- aus Sibirien. blasende Jnstrument gebrauchen, haben gewoͤhnlich ein blasses Ansehen. Der andere Musikant accompagnirte ihn auf einer sonderbar gemachten Geige eben so sonder- bar: er spielte sie auf die Art, wie man eine Baßgeige streicht. Der Resonanzboden war ohne Bedeckung; dies zweysaytige Ding mit einem Beine hat das Ansehen ei- nes großen hoͤlzernen Schleifes, ist etwa eine Elle lang, und wird Chuwuß genannt, die Schallmey hingegen Suwusagà. Nach kirgisischer Art war der heutige Nachmittag schon ein herrliches Fest. Den 9ten Jul. Heute war in den benachbarten Jur- ten ein Aß beremeß oder Gedaͤchtnißfeyer eines Verstor- benen. Hierbey giengs beynahe eben so her, wie oben bey den katschinischen Tataren: die Weibsleute heulten und die Maͤnner soffen Kuͤmuͤß, fraßen, rauchten To- back und philosophirten. Den 10. Jul. Jch hatte vor einigen Tagen meinen kir- gisischen Fuͤhrer Chaial, der Rhabarber wegen, uͤber 100 Werste ausgeschickt. Dieser kam heute mit einem wohl- habenden, nahe an der chinesischen Festung Tschigatscheck wohnenden Kirgisen zuruͤck, mit welchem ich mich so- gleich in ein Gespraͤch einließ. Jch erfuhr durch ihn, daß die Chinesen ohnweit der gedachten Festung ihre verkaͤuf- liche Rhabarber in Plantagen ordentlich kultivirten; die Saamen dazu erhielten sie oͤstlich, tiefer aus dem Rei- che. Es waͤre ein Vorrath von getrockneter Rhabarber in der Festung, die aber schon ein Kommissionaͤr des in Semipalatinsk wohnenden taschkinischen Kaufmanns Bedel. Bab à zu 1 Schaaf das Pfund behandelt habe, welches Sievers Briefe welches ohngefaͤhr 20 Rbl. à Pud ausmachen wuͤrde. Da aber dem Commendanten von Tschigatscheck noch neuerlich bey Lebensstrafe verboten waͤre, keine Rhabar- ber von dieser Seite des Chinesischen Reichs ausfuͤhren zu lassen, so haͤtte der Handel auch nicht zur Wirklich- keit kommen koͤnnen. Die Geschichte mit dem Handel des Bedel-Bab à ist richtig, denn hieruͤber hatte ich selbst schon im vergangenen April nach Semipalatinsk correspondirt; ob aber die Rhabarberplantagen dort wirk- lich existiren, daran will ich noch vorerst etwas zweifeln, relata refero. Freylich — Non est de nihilo quod pu- blica fama susurrat — et semper habet partem veri fa- bula. Vielleicht haͤlt sich Jemand in Tschigatscheck ei- nige Rhabarberpflanzen zur eigenen Liebhaberey. Jch versprach indessen meinem Kirgisen 200 Ar- schinen schwarzen Sammet zum Geschenk, wenn er mir koͤnnte einige frische Wurzeln, nebst Saamen, aus der Plantage jenes Liebhabers stehlen. Er versprachs, ich gab ihm meine Addresse und verließ dann endlich den 11ten Jul. den Tarabagatai wo mir manches schoͤne Pflaͤnzchen, die freundliche Aufnahme bey den Kirgisen viele angenehme Stunden und die reine kuͤhle Luft ganz neue Kraͤfte zur fernern Reise gegeben hatten. Der Reaumurische Thermometer zeigte waͤhrend meines hiesigen Aufenthalts nie mehr als 100 W und nie weni- ger als 60 W. im Schatten. Ein paar Donnerwetter nebst etwas Regen trugen noch mehr zur Kuͤhle bey. Jch habe die Ehre zu seyn ꝛc. ꝛc. ꝛc. Zwoͤlf- aus Sibirien. Zwoͤlfter Brief. Vom Fluͤßchen Bugaß d. 22. Jul. 94. Der Herabmarsch vom Tarabagatai war leichter wie vorher der Aufmarsch. Wir passirten denselben Weg wiederum, welchen wir gekommen waren, uͤber die Ur- sprungsquellen des Basars, kamen bald zum Anfange des Ajoguͤß -Flusses, an welchem wir herunter wieder in die offene Steppe gelangten: Den nackten, schroffen an Kraͤutern sehr arm seyenden Borr-opkoͤptoͤ zur Rechten lassend. Alle Kirgisen die auf unserer Hinreise in diesen graßreichen Gefilden campirten, waren itzt fort. Das Nachtlager hatten wir am Ajoguͤß, 40 Werst von sei- nem Ursprung, in einem mit kahlen Granit und Schie- fergebirgen umgebenen, ganz angenehmen Thale Schon spaͤt in der Nacht, beym hellen Mondschein, kamen zwey Kirgisen, vielleicht Pferdediebe, zu uns; sie zogen aber, als sie ihre Neugierde durch einige Fragen an die auf der Wache stehenden Leute gestillet hatten, sogleich wie- der fort. Jul. d. 12. Sehr fruͤh bey bewoͤlktem Himmel setz- ten wir unsern Stab weiter, und giengen mehr rechts, nordoͤstlich, uͤber ein ansehnliches Porphyrgebirge, wo- von verschiedene artig marmorirte Stuͤcke am Tage her- um lagen; z. B. 1) schwarzer Porphyr mit feinen weis- sen Feldspathkoͤrnern. 2) Geschiebe eines roͤthlichen Ja- spis mit weissen Quarzadern. 3) Schwarzgrauer Porph. mit einliegenden großentheils laͤnglichen, theils runden Feld- Sievers Briefe Feldspath-Kristallen oder sogenannter Serpentino an- tico-nero. 4) Gruͤnlich grauer Hornstein. Jenseits fand ich Cuscuta flava die mir neu schien Epithymum, Anabasis ramosa, Allium cespitosum und schoͤne Um- bella ten. Das Mittagsmahl hatten wir wieder am vor- hin erwaͤhnten leimigen Fluͤßchen Dshingiskoͤ , wo un- ter andern nun ein schoͤner Lotus bluͤhete und Kameelen und Pferden ein angenehmes Futter lieferte. Jn der vorhin gedachten Familie des Sarembets, am Bugaß, uͤbernachteten wir. Der Alte selbst war zum Capitain Sultan geritten, um eine Streitsache beylegen zu helfen. Jndessen genossen wir alle von seinen Anverwandten die freundlichste Aufnahme. Jn der Herreise vom Dshin- giskoͤ zum Bugaß traf ich zu meiner großen Verwunde- rung in einem aus dem Fuß eines Huͤgels und in einer sumpfigen Wiese fließenden Quelle, als ich eben trinken wollte, schwarzgraue Schiefertafeln mit in Kalkstein ver- steinerten Bohrmuscheln; nirgends habe ich in allen die- sen Gegenden dergleichen gesehen, wohl aber solche Quellen. Den 13. Jul. Unter Begleitung eines Kasaken schickte ich heute alle Bauern, den Fuͤhrer Chaial auf sein eigen Begehr, die Kameele und alles uͤberfluͤßige Schwere wiederum fort, nach Ustkamenogorsk, um desto leichter meine noch vorzunehmende Expedition ins chine- sische Reich bewerkstelligen zu koͤnnen. Mein Zelt ließ ich sodann zwischen die Jurten des Sarembet aufschla- gen, worin sogleich der Boden mit den besten kirgisischen Woilocken (Filzen) von meinen freundlichen Wirthen aus- aus Sibirien. ausgelegr wurde; darauf ließ ich Thee bereiten und noͤ- thigte die alte Stammmutter des ganzen Auls, mit vie- len von ihren Kindern und Kindes-Kindern. Die Alte saß mir zur Linken, der Dollmetscher zur Rechten, und alle Uebrigen im Kreiß herum. Beym Theetrinken sang einer von den Maͤnnern ein beynahe monotonisches Lied, betreffend den Zustand unsers Lebens in jener Welt; den Tugendhaften wurde darin ewige Gluͤckseligkeit so wie den Boͤsen ewige Verdammniß zugesagt. Dergleichen Lieder, davon einige sehr lang sind, lernen die Kirgisen bloß durch muͤndlichen Unterricht, denn von Lesen und Schreiben wissen sie nichts. Haben sie Schriftgelehrte noͤthig, so wenden sie sich an taschkinische Mulahs, die zu gewissen Zeiten in der Steppe zu diesem Endzweck herumziehen; diese verrichten das Beschneiden der Kin- der, und andere Gottesdienstliche Handlungen; sie sind ihre Aerzte, und von ihnen erhalten sie auch gewisse Amulete, die sodann in schwarzen Sammt, in runder, dreyeckiger oder viereckiger Form, auf den Ruͤcken oder auf die Brust an die Kleidung festgenaͤhet werden. — Nach geendigtem Theetrinken theilte ich 2 Pfund Taback unter die Maͤnner, und Naͤhnadeln, Fingerrin- ge, Fingerhuͤte, Schlangenkoͤpfe u. s. w. an die Weiber, der alten Frau des Sarembet aber etwas weissen Zucker aus. Fuͤr diese Kleinigkeiten, die noch nicht einen Ru- bel kosteten, hatte ich alle Liebe und Zuneigung, die nur je ein Kirgise zu geben faͤhig ist. Jch genoß hier alle laͤndliche Gluͤckseligkeit im vollesten Maaße. Meine gut- muͤthigen Gaͤste schieden davon, ein jeder in seine Jurte. L Jch Sievers Briefe Jch blieb nun allein ausgestreckt, wie ein Sultan auf seinem Sopha, und uͤberdachte das aͤußerst begluͤckte Le- ben der Nomaden. Jndem sie die sorgenlosesten, frohe- sten Stunden verleben, quaͤlt sich der Europaͤer, wie er Ruhm, Ehre, Reichthuͤmer, hohe Ehrenstellen u. s. w. fuͤr ein spannenlanges Leben erwerben will. Hundertmal kam mir der Gedanke in den Kopf, meine Stelle nieder- zulegen und hieher wieder zuruͤckzukehren, zu Voͤlkern wo, beynahe moͤchte ich sagen, ein suͤndloses Leben und das wahre delicioso far niente der Jtaliaͤner herrscht. Aber leider, fand ich, daß ich noch zu wenig Philosoph war; der Hang zu den Europaͤern behielt fuͤr dasmal noch die Oberhand. Was doch die Erziehung nicht macht? — Jch fieng beinahe an ganz unwillig zu werden, als die reichsten, nach Hause kommenden Heerden von Zie- gen, Schaafen, Pferden, Ochsen, Kuͤhen und beson- ders mehr wie 500 Kameele meinem Philosophiren ein Ende machten. Jch gieng zum Zelt hinaus und sah nun mit Vergnuͤgen den Dirnen zu, die denen sich wil- lig darbietenden Ziegen und Schaafen ihre Milch abza- pften, indem sie sie erstlich, wie die Dragonerpferde, an ein langes Seil in 2 Reihen Kopf neben Kopf festge- knuͤpft hatten. Mir waͤsserte der Mund nach der schoͤ- nen Milch, ich lief geschwind nach einer Schaale, und nun melkte mir ein ganz artiges Maͤdchen die Schaale voll. Nicht fuͤr die Milch, sondern fuͤr die Schoͤnheit und Willfaͤhrigkeit des Maͤdchens, brachte ich ihr ein kleines Geschenk, dadurch verdarb ich’s aber ganz bey den aus Sibirien. den andern; denn nun kamen ihrer vier angelaufen und wollten ihre Milch auf eine aͤhnliche Art anbringen. Diesen guten Kindern ihr Begehren abzuschlagen, waͤre unverzeihlich gewesen. Sie erhielten daher alle etwas, mit dem Beding, mich Morgens und Abends mit fri- scher Milch zu versorgen. Beynahe gegen Mitternacht rief mich einer von den Soͤhnen des Sarembets zum Abendessen. Wie ich in die Jurte trat, fand ich beyna- he die ganze Wollost versammelt, mit dreyen heute an- gelangten Fremden zaͤhlte ich 36 Gaͤste. Es ist die Sitte bey den Kirgisen daß wenn ein bekannter fremder Gast kommt, so muß die Familie heraus und sollte es Mitternacht seyn, und ein Schaaf oder Ziege schlachten. Pferde werden nur bey großen Feyerlichkeiten gegessen, Kuͤhe und Ochsen hoͤchst selten oder vielleicht niemals, diese dienen mehr zum Handel. So wie heute, gieng auch der 14. Jul. noch immer mit froͤlichem Schmausen hin. Aber den 15. Jul. dachte ich denn auch einmal wieder ans Botanisiren; etwa 10 Werst gegen uͤber den vorhin erwaͤhnten Chasill-Taß , in Nordost, lag eine Kette kahler, Eisenhaltiger, nicht hoher Schieferberge: diese bestimmte ich dann heute zum Gegenstande meiner Ex- cursion, waͤhrend welcher ich ein Mittagsessen fuͤr die ganze Sarembetsche Familie zurichten ließ. Jch genoß das Vergnuͤgen drey neue Rekruten zu meiner Kraͤuter- sammlung aufzutreiben. Die Artemisiam abrotanifoli- am, Tanacetum tomentosum und das wohlschmeckende Allium, welches die Kirgisen Saramßack nennen. Er- L 2 muͤdet Sievers Briefe muͤdet vom Marsch erreichte ich eben mein Zelt, als die Speisen zum Genießen fertig waren. Jch habe dabey weiter nichts zu erinnern, als daß wir saͤmmtlich ver- gnuͤgt waren und ich mir die Liebe der ganzen Familie erwarb. Nachmittages ließ ich einige Pud rohes Zie- gen- und Schaaffleisch in schmale lange Riemen zer- schneiden, salzen, und an der Sonne, aufgehaͤngt, zur weitern Reise nach dem Noorsaissan, austrocknen. Unterdessen langten einige Fremde an, die etwas entfernt von der Aul ein von rothem Soldatentuch ge- machtes nicht großes Zelt aufschlugen. Der Zweck ihrer Herreise war den Brautschatz ( Kaluͤm ) Der Zweck ihrer Maͤdchen zu hohlen, die an einen Knaben von 12 Jah- ren, ein Großkind des alten Sarembet, verheyrathet werden sollte. Es ist die Gewohnheit der Kirgisen ihre Kinder sehr fruͤh mit einander zu versprechen, sie fragen nicht die Neigung der letztern, denn die sind oͤfters noch bey dergleichen Versprechungen in der Wiege; sondern die Eltern sehen nur auf die gegenseitigen Reichthuͤmer. Sind diese annehmlich, so ist die Hochzeit so gut wie ge- schehen und es fehlt dann nur an Braut und Braͤutigam. Erstere muß ihre Jungferschaft unversehrt mit ins Braut- bette bringen, widrigenfalls ist sie in Gefahr auf eine jaͤmmerliche Art ihr Leben zu verlieren, wenn etwa ihr Vater sich zu einer schweren Strafe nicht verstehen will, d. i. den Kaluͤm doppelt oder vierfach zu bezahlen. Wenn bis zum voͤlligen Auswuchs etwa einer von den schon Ver- sprochenen stirbt, so wird der Nachgebliebene an den naͤchsten Anverwandten der oder des Verstorbenen ver- heyra- aus Sibirien. heyrathet. Jst gar kein heyrathungsfaͤhiger Anverwand- ter vorhanden, so geht der Kaluͤm wieder zuruͤck; ein solcher Vorfall trift sich indessen aͤußerst selten, der Braut- schatz belaͤuft sich, ganz Arme ausgeschlossen, gewoͤhnlich von 150 bis auf 1000 Nbl. und wird maͤnnlicher Seits groͤßtentheils mit Stuten bezahlt. Diesen werden noch andere Thiere beygefuͤgt, je nachdem die Parthey reich ist. Sind etwa in die Gefangenschaft gerathene Scla- ven da, so gehen auch hievon einige mit. Die Braut bringt eine ganz neue Filzjurte, nebst Bette, Kasten, und allen kirgisischen Mobilien mit; sie muß uͤberdem mit Kleidern, Perlen, rothen Korallen aͤcht oder unaͤcht, goldenen und silbernen Tressen, wohl versehen seyn, je nachdem es ihr Stand und Reichthum erlaubt. Man sieht hieraus also, daß die Geschenke von beyden Seiten so ziemlich gleich sind. Bey der allerersten Verlobung wird gewoͤhnlich nur beym Schmauß ein muͤndlicher Ver- gleich in Gegenwart der Aeltesten getroffen; waͤchst das versprochene Paar alsdenn bis zum sechsten, achten, bis funfzehnten Jahre auf und giebt Hoffnung zur Fortdauer ihrer Gesundheit, so wird dann schon der Anfang mit Bezahlung des Kaluͤm’s zum Theil gemacht, und bey der Hochzeit hernach foͤrmlich geendiget. Ein solcher Fall traf sich nun hier. Die 8 jaͤhrige Braut wohnte etwa 80 Werst von unserer Aul entfernt, die eben gedach- ten Ankoͤmmlinge waren die Bevollmaͤchtigten ihrer Seits, oder die Freywerber. Waͤhrend ihrer Gegen- wart darf sich der Braͤutigam durchaus nicht zeigen, noch viel weniger vor der Hochzeit zu seiner Braut reisen, um L 3 sich Sievers Briefe sich mit ihr bekannt zu machen. Jst sie schoͤn oder haͤß- lich, klug oder dumm, u. s. w. dies muß ihm gleichviel seyn: sein kuͤnftiges Gluͤck dependirt lediglich vom Schick- sal. Da diese Leute keine Siegwarte und keine Wer- ther, keine Friederiken, Theresen u. s. w. sind, so befin- den sie sich bey ihrer natuͤrlichen Einrichtung recht sehr gluͤcklich. Hoͤchst selten ist Streit zwischen Mann und Frau, oder besser gesagt, dies gehoͤrt unter die unbekann- ten Dinge. Da die Vielweiberey bey den Kirgisen herrscht, so trift sich wohl zuweilen eine Uneinigkeit un- ter den Weibern, denn diese sind ja allenthalben Weiber. Nachmittag z. B. begleiteten einige Maͤnner ein Paar Abreisende: kaum waren die Maͤnner aus dem Gesicht, so hatte ich mein Zelt schon voller Weiber. Diese Vi- site kostete mir nun freylich einige Geschenke, aber dafuͤr hatte ich dann auch das Vergnuͤgen die Kirgisinnen naͤ- her kennen zu lernen; ich merkte bald, daß sie keine der strengsten Vestalinnen waren. Eine davon zu einer ge- heimen Unterredung zu bekommen, ist vielleicht so gar schwer nicht. Schade nur daß im Ganzen genommen, so wenig Schoͤnheiten unter ihnen sind: Jch glaube das Verhaͤltniß ist etwa wie 1 zu 30. — Jul. d. 16. Heute fruͤh zog der ganze Aul und ich mit meinem Zelt und Gepaͤcke etwan 6 Werst weiter, das Fluͤßchen Bugaß herunter, in ein sehr graßreiches Thal. Der Zug von 40 beladenen Kameelen, einige 1000 Pferde, Ochsen, Kuͤhe, Schaafe, Ziegen, so viel Maͤnner, Weiber, Maͤdchen, Kinder die wie gewoͤhn- lich nur bey solchen Gelegenheiten, alle mit den besten Kleidern aus Sibirien. Kleidern geputzt sind, gewaͤhreten wirklich fuͤr einen Eu- ropaͤer einen sehr schoͤnen und merkwuͤrdigen Anblick. Die beladenen Kameele waren zum Theil mit artigen bucha- rischen Teppichen oder kirgisischen bunten Filzdecken be- haͤngt. Auf dem Ruͤcken verschiedener derselben klingel- ten, in einem besondern kleinen Geruͤste, kleine Gloͤck- chen. — Was mich besonders ruͤhrte, war der Zug ei- ner reichen Wittwe, deren Mann vor etwa vier Mona- ten gestorben war. Es ist Sitte unter diesen Nomaden, daß die Wittwen ein ganzes Jahr ihre abgeschiedenen Maͤnner betrauern muͤssen. Eben genannte Wittwe war gleichfalls aufs Beste geputzt, aber den ganzen Koͤrper bedeckte ein langes, schwarzes, sammetenes Trauerlaken. Neben ihr ritt ein Knabe, der ein schwarzes dreyeckiges Faͤhnlein trug. Jn der Mitte von noch andern dreyen Weibern hielt sie, waͤhrend der Zug vor sich gieng, eine beynahe singende Trauerrede wobey ihr die Weiber be- huͤlflich waren. Als wir auf dem bestimmten Platz an- langten, theilte sich sogleich jede Familie besonders ab und in weniger als anderthalb Stunden standen 10 Jur- ten im halben Zirkel da. Sarembets und mein Ge- zelt standen in der Mitte, ich war hier gewiß — rara avis in terris nigroque simillima Cygno. — Die Er- richtung der Jurten liegt saͤmmtlich den Weibsleuten ob, indeß die Maͤnner die Heerden besorgen, abtheilen und die Fuͤllen an lange Seile in Reihen anbinden. Die Er- bauung einer Jurte geschiehet folgendermaaßen. Zuerst wird der Kreiß von Flechtwerk ( Keregaͤ ) aus duͤnnen Staͤben, die aus 4 — 5 Stuͤcken die sich wie ein Faͤcher L 4 zusam- Sievers Briefe zusammenlegen lassen, besteht, und etwa 6 Fuß hoch ist, als das Fundament der Jurte aufgerichtet; außen her- um wird dieses denn noch mit einem eben so hohen, aber ganz dichten Flechtwerk ( Tschi ) aus Schilf bekleidet. Dann wird mittelst einer langen hoͤlzernen Gabel der Kranz ( Tschagarack ) aufgehoben, und indem dieser von einer Person schwebend gehalten wird, sind die uͤbri- gen Weiber beschaͤftiget, die beynahe wie ein S geboge- nen Staͤbe in die an den Buͤgel des Kranzes befindli- chen Loͤcher und auf das Flechtwerk zu stecken. Darauf wird dies ganze Gerippe mit Woilocken (Filz) wovon die untern Turluck und die obern Uesuck heißen bedeckt, mit langen Leinen umwunden und das Gebaͤude ist fer- tig. Fuͤr die Thuͤr ist keine bestimmte Richtung nach irgend einer Weltgegend; wo sie eben hin zu stehen kommt, da bleibt sie. Jnwendig aber, grade der Thuͤre gegenuͤber, werden jederzeit die Reichthuͤmer in Kasten und Packen aufgelegt. Zur Rechten ist der eigentliche Platz fuͤr die Weiber und Kinder und zur Linken fuͤr die Maͤnner, auch wohl zuweilen fuͤr neulich gebornes Vieh, Jagdadler und Falken, Gewehr, Saͤbel und Picken. Die Bettstelle hat keinen bestimmten Ort. Jedes kir- gisische Frauenzimmer ist also ihr eigener Architekt, oh- ne die Ordnung der Saͤulen in Rom oder Florenz studirt zu haben; aber freylich ist denn auch zwischen ihren und den italiaͤnischen Pallaͤsten ein maͤchtiger Unterschied. Eine große Menge von Robinia Halodendron die noch mit einigen spaͤten Blumen prangte und viele tschu- dische Graͤber waren die einzigen Merkwuͤrdigkeiten am Wege. aus Sibirien. Wege. Bey Erwaͤhnung dieser Graͤber fuͤhre ich hier an, was mir heute mein kalmuͤckischer Fuͤhrer der ein Torgut von Astrachan war und seine Jugendjahre unter den Lamas verlebt hatte, erzaͤhlte. Jn ihren Buͤchern sey die Geschichte der verlohrnen Nation, welcher diese Graͤber gehoͤrten, also aufgezeichnet: Ein Hirte, der die Pferde huͤthete, zuͤndete ein Feuer an, band sein Pferd nahe dabey fest, und schlief ein, das Feuer verbreitete sich aber, indem es das trockene Graß und Gestraͤuche ergriff, bis zum Pferde, brannte Sattel und Zaum an und verursachte daß das Pferd wie toll und rasend da- von, unter die Heerde lief. Diese von dem herzuge- rannten brennenden Pferde erschreckt, sprengten eben so toll und rasend unter die Wohnungen der Menschen, wel- che von den unsinnigen Thieren zertreten wurden. Durch ein Zorngericht Gottes (vielleicht ein Erdbeben) stuͤrzten die Haͤuser und Jurten ein und die Menschen wurden darunter begraben. Dieses Ungluͤck traf die ganze Na- tion, der kleine Ueberrest davon aber, floh zu den Tuͤr- ken und Chinesen, mit welchen sie sich vermischten und so verschwand die Nation, dermaßen, daß man weder von ihrem Namen, noch von ihrer Sprache, die geringste Nachricht nachbehalten hat. Jenes Ungluͤck soll sich schon vor 2000 Jahren zugetragen haben. (Waren denn da schon Tuͤrken?) Die damals regierende Chane nannte mein Torgut Dshanabek und Toktamuͤß , deren ge- heimster Minister und Rathgeber Edege-Bi gewesen seyn soll! Si fabula vera est. — L 5 Kaum Sievers Briefe Kaum hatte meine Nachbarin, die Frau des zwey- ten Sohnes des Sarembet ihre Jurte ferrig, so kamen ihr die Wehen an. Jch war mit dem Dollmetscher eben in der Jurte, um etwas auszuruhen und hatte bereits ei- ne halbe Stunde geschlafen als man uns weckte und bat herauszugehen. Es waͤhrte darauf nicht lange, so war ein Soͤhnlein da. Die Weiber aus den benachbarten Jurten waren zur Huͤlfe dabey und alles gieng in der Kuͤrze und der groͤßten Ordnung zu. Zwey Tage darauf arbeitete die Kirgisin schon wieder und befand sich wohl. Mein mehreremale erwaͤhnter Kalmuͤck, als ein sehr be- kannter und angesehener Mann in dieser Wollost, schenkte der Woͤchnerin drey Ellen Sammet, welchem ich noch einige Pfunde Taback fuͤr den Mann beyfuͤgte. Dieser brachte uns nun dafuͤr in mein Zelt frische Ziegenbutter und eine Art suͤßen Broͤckelkaͤse ( Eremtschick ). Die- ses ist aber eine Zeremonie welche bey jeden Geburten beobachtet wird: denn es waren noch mehrere Gaͤste ge- genwaͤrtig, welchen dieselbe Ehre wiederfuhr. Es wurde ihnen so wie uns in hoͤlzernen Schaalen vorgesetzt und beydes vermischt, und so ohne weitere Zuthat mit den bloßen Haͤnden zum Munde gefuͤhrt. Gleich drauf kam denn auch der alte Sarembet zu Hause; ermuͤdet von der Reise, legte er sich schlafen, hernach trank er Thee mit mir. Das neugebohrne Kind wird den Namen von ihm empfangen, welchen denn gewoͤhnlich immer der aͤlteste Anverwandte aus der Familie, unter Hersagen einiger Gebete zu geben pflegt. Jch habe die Ehre u. s. w. Drey- aus Sibirien. Dreyzehnter Brief. Vom Jrtisch d. 24. Jul. Den 17. Jul. Jch erwaͤhnte im letzten Briefe des suͤßen Broͤckelkaͤses ( Eremtschick ). Mit der Beschrei- bung desselben und des Churt (sauren Kaͤses) will ich diesen Brief anfangen. Die Bereitungsart des erstern ist folgendermaaßen: Man nimmt etwa 2 Eimer Schaaf- milch, (Kuhmilch taugt zwar auch, jene ist aber besser), setzet selbige so warm wie sie von den Schaafen koͤmmt, in einem eisernen Kessel auf ganz gelindes Kohlenfeuer, so daß sie nicht koche, ist sie nun warm genug, so hat man unterdessen gedoͤrrte Magen von solchen Laͤmmern bey der Hand, die außer Muttermilch noch weiter nichts genossen haben. Diese laͤßt man in einer besondern hoͤl- zernen Schaale mit etwa 2 Pf. warmer Milch aufwei- chen, indem man sie einige Zeit mit den Haͤnden in der Milch zerdruͤckt. Diese Mixtur wird, nachdem sie eine Weile ruhig gestanden hat, wie eine dicke Gallerte. Sel- be verruͤhrt man nun in der auf dem Kohlenfeuer stehen- den Milch; wenn dieses des Abends geschiehet, so bleibt der Kessel auf dem gelindesten Feuer die Nacht uͤber ste- hen, wobey sie aber doch dann und wann umgeruͤhrt wer- den muß und man erhaͤlt des Morgens fruͤh eine in wei- che gelbliche Broͤckelchen eingetrocknete Milch, die sodann herausgenommen wird, um sie auf Flechtwerk von Bin- sen an der Sonne vollends zu trocknen. Der Erem- tschick ist das Confekt der Kirgisen, welches nur bey be- sondern Gelegenheiten vorgesetzt wird. Es hat einen suͤßen Sievers Briefe suͤßen nicht unangenehmen Geschmack, kann sich vielleicht aber wohl nicht lange ohne zu verderben halten. Der Churt oder saure Kaͤse, ist ein Nahrungsmittel, wel- ches von den reisenden Kirgisen auf lange Reisen mitge- nommen wird, wo sie keine andere Eßwaaren vermuthen koͤnnen. Sie legen alsdenn 10 bis 20 derselben in ihre geraͤucherten ledernen halb durchsichtigen großen Flaschen, gießen Wasser drauf, haͤngen es an die Saͤttel der Pfer- de und, indem die kleinen Kaͤse durch das Schuͤtteln er- weicht werden, haben sie ein saͤuerliches Getraͤnk, wel- ches den Durst und den Hunger zugleich stillet. Die Weiber verfertigen diese Materie, indem sie saure dicke Kuhmilch, die mit allen fettigen Theilen durch bestaͤndi- ges Schlagen in ihren sehr großen Schlaͤuchen sauer ge- worden ist ( Airaͤn ), in eisernen Grapen auf dem Feuer kochen; scheidet sich etwa zu viel Wadecke ab so wird die- se abgegossen welches sich aber doch selten ereignet; ist das Gemisch nun dick genug, so wird es mit den Haͤn- den zu Eyfoͤrmigen Koͤsen ausgeknaͤtet und vollends ge- trocknet. Diese mit Wasser aufgeweichten Kaͤse und der Kuͤmuͤß sind die vortreflichsten Getraͤnke bey heißen Steppenreisen, sie werden von der Sonne nie warm, welches bey letztern die haͤufige fixe Luft und bey erstern die Milchzuckersaͤure zu verhuͤthen scheint. — Nach eingenommenem Fruͤhstuͤck besuchte ich einige Berge in Suͤden. Zwey Pflanzen auf die ich stieß hat- ten auch zwey verschiedene Wirkungen bey mir. Das niedliche Lythrum Hyssopifolia, welches ich in einem falzigen und graßreichen Thale zum erstenmale und recht haͤufig aus Sibirien. haͤufig wild antraf, verursachte mir große Freude; nach- hero in der Mittagshitze, wobey ich vergeblich den Durst mit der wohlschmeckenden Saramsakzwiebel zu stillen suchte traf ich hoch am Gebirge die Lonicera alpigena mit vielen reifen gelben Beeren an, ich kannte ihre boͤse Wirkungen damals nicht, aß also ohnbekuͤmmert etwa 20 — 30 von den Beeren, die mir aber nicht schmecken wollten. Kaum aber hatte ich sie eine Viertelstunde im Leibe gehabt, als mir zu Muthe ward wie wenn ich Jpe- cacuanna genommen haͤtte, und nun urploͤtzlich drauf giengs Erbrechen an. Sechsmal waͤhrend einer halben Stunde mußte ich ihre Wirkungen aushalten und nun wurde mir so wohl, daß ich mit der groͤßten Leichtigkeit einen sehr steilen und hohen Berg hinankletterte, wo ich, auf dessen Gipfel, bey einem einzigen kirgisischen Grabe mit einem hohen steinernen Pfeiler, mich ausruhete. Die kuͤhle Luft hier und eine schoͤne Aussicht machten mir den Mund wiederum ganz waͤssericht. Bey Sonnenun- tergang erreichte ich mein Zelt wieder, setzte mich nieder und schrieb, wobey ich dreyerley Gaͤste hatte: Schaafe, Ziegen und deren Laͤmmer, die mir ins Schreibbuch kuck- ten, und die Muͤcken, die mir das Blut aussogen. Hier am Bugaß findet sich dieses verwuͤnschte Geschmeiß nur des Abends und Nachts ein. Zum Gluͤcke aber nicht in großer Menge. Den 18. Jul. Der heutige Sonntag war mir des- wegen merkwuͤrdig, weil ich bey einer recht großen kirgi- sischen Gasterey zugegen war. Die Veranlassung dazu gaben die drey nach dem Kalym hergekommenen Frem- den. Sievers Briefe den. (Siehe Jul. d. 15. im vorigen Briefe). Es wurde Vormittages ein junges Fuͤllen, nebst 2 Hammeln ge- schlachtet; waͤhrend derselben Zubereitung wurde in der geraͤumigen Jurte des Sarembet von 60 Anwesenden Taback geraucht, geschwatzt und Kuͤmuͤß getrunken. Die- ser paradirte in der Mitte der Jurte, in einem hoͤlzernen, viereckigen, etwa 5 Eymer haltenden, oben am Rande mit artig ausgearbeiteten Platten vom Geweyh des Elenn-Hirsches und mit gelben messingenen Naͤgeln ge- zierten Gefaͤß, dessen Figur im Durchmesser ohngefaͤhr einem Blumenkuͤbel gleicht. Zwey der juͤngsten Anver- wandten trugen, in hoͤlzernen Schaalen, denen im Kreise sitzenden Gaͤsten das Getraͤnk herum. Ein anderer An- verwandter verrichtete das Einschoͤpfen und eine Anver- wandtin, in der Thuͤr stehend, warf Haͤnde voll vom Eremtschick denen Gaͤsten nach allen Seiten zu mit so viel Geschicklichkeit, daß wenig davon verlohren gieng. Diese Geschichte waͤhrete so etwa anderthalb Stunden, alsdann wurde das Essen in drey Gaͤngen so aufgetra- gen, daß das zweyte nicht folgte, ehe das erste nicht auf- gezehrt war. Zuerst erschien der Pferdekopf, gespalten, auf einer hoͤlzernen Schuͤssel. Da dies das ehrwuͤrdigste Gericht bey den asiatischen Nomaden uͤberhaupt ist, so verzehren es auch nur die Aeltesten und Vornehmsten, vor denen es daher auch niedergesetzt wird. Die Be- gleiter des Kopfes waren, allerley uͤbrige Theile des Pfer- des. Jch hatte die Ehre, mit dem Dollmetscher, bey dem alten Sarembet am obersten Ende zu sitzen, d. i. der Thuͤre grade gegenuͤber. Der Alte freuete sich daß ich so aus Sibirien. so frisch mit speisete; nichts fand ich so wohlschmeckend, als das celluloͤse, mit kernigem Fett durchwachsene wei- che Fleisch, oben vom Halse, wo die Haare der Maͤhne ihren Ursprung nehmen. Eben dieser Delikatesse we- gen bekamen vom selben aber auch nur die Vornehmsten. Nach diesem machte ich mich uͤber die Rippen her, die ich mit eben dem Appetit verzehrte, wie ehemals einen Kaͤlberbraten. Der zweyte Gang waren hoͤlzerne Schuͤs- seln, je auf 2 Mann eine, mit kleinzerschnittenem Pferde- und Hammelfleisch. Drittens wurde vor den Haupt- freywerber eine maͤchtige große, etwa 3 Eimer haltende, hoͤlzerne Schaale gesetzt, die ein Gemenge von kleinge- schnittenem Pferde- und Hammelfleisch, mit sehr viel Fett und gekochten dicken sauren Schmant, enthielt. Jn dieses Gemengsel nun fuhr der Freywerber hinein, mit den Armen bis an die Ellenbogen entbloͤßt, und mischte selbiges durch einander; dann fuͤllte er mit den Haͤnden die ihm dargebrachten Schuͤsseln voll, wovon uns allen vorgesetzt wurde. Jch hatte mich schon satt gegessen, kostete also das Gericht nur und gab meine Schuͤssel wei- ter; denn ohne Brod und Salz dieses fette Zeug zu es- sen, war meine Sache eben nicht. Da nicht so viele Teller vorraͤthig waren, um jedem davon vorzusetzen, so rief der Freywerber einen nach dem andern auf, und schob jedem nun eine Hand voll ins Maul, indem der Essende seinen Bart uͤber die Schaale hielt. Eine sol- che feine Fuͤtterey war nun wohl nicht fuͤr einen Euro- paͤer sehr appetitlich anzusehen; allein dies ist die Mode so bey den Kirgisen und gehoͤret mit unter die ehrerbie- tigsten. Sievers Briefe tigsten. Ein kirgisischer Wirth zeigt dadurch seine Hoch- achtung, wenn er Jemand beym Essen zu sich ruft und ihm eine Hand voll Speise ins Maul schiebt: Loffel und Gabeln kennen diese Leute nicht. Unser Fuͤtterer, der uͤbrigens ein wohlaussehender Mann und wohlgekleidet war, nahm dann zuweilen auch eine Hand voll zu sich. Denen außen vor der Jurte sitzenden Weibern wurde von allen Speisen hinausgeschickt; denn nach Landessitte duͤr- fen diese nicht mit den Maͤnnern zugleich in einer Gesell- schaft essen. Nur des Sarembets Frau mit einer al- ten Anverwandtin genossen das Gluͤck in einem Winkel hinter dem alten Stammvater mitzuspeisen. Bey sol- chen Gastereyen ist uͤbrigens Niemand ausgeschlossen, er sey arm oder reich, Sklave oder Herr. Nur der Braͤu- tigam darf sich nicht sehen lassen. — Als das große Ge- faͤß ausgeleert war, wurde Wasser zum Haͤndewaschen herumgetragen und dem Essen hiemit ein Ende gemacht; dann sagte einer von den Aeltesten ein langes Gebet her, wobey er sich, so wie alle Anwesende auch thaten, mit beyden Haͤnden zuweilen uͤber den Bart fuhr und alle ausriefen: Jsmila Rachma Rachuͤm. Waͤhrend dem stillen Zuhoͤren aber hielten alle in einiger Entfer- nung von der Brust beyde Haͤnde empor, so daß sich die beyden Spitzen der laͤngsten Finger beruͤhrten. Eben diese gottesdienstliche Handlung geschah auch vor dem Essen. Nach diesem wurden die Pfeifen wieder hervor- gelangt, geraucht, gesprochen, gespaßt und so giengen die Gaͤste mit vollen Baͤuchen aus einander. Abends aus Sibirien. Abends hatte ich abermals eine andere Neuigkeit: ich war eben ins Bette gestiegen als eine Menge Dirnen und Weiber, mein Zelt vorbey, in eine benachbarte Jurte marschirten und bald darauf ein Lied anstimmten. Jch wollte wissen was dies sey, stand also auf und gieng mit dem Dollmetscher in die Jurte in deren Mirte ein Feuer brannte und neben diesen die singenden Frauenzim- mer in einem Haufen versammelt saßen; ihr Gesang wurde von 15 Mannspersonen, außen vor der Jurte, be- antwortet. Der Gegenstand desselben war, von Seiten der Weiber eine vortheilhafte Beschreibung des Braͤuti- gams und anderer dahin gehoͤrigen Dinge, und die Maͤn- ner lobten dann ihrer Seits hinwiederum die Braut und das eheliche Leben. Einer unter ihnen predigte singend, waͤhrend des Gesangs unaufhoͤrlich vom kuͤnftigen Leben. Unter den Weibsleuten war eine besonders schoͤn geklei- det, diese stellte die Braut vor, so wie von der andern Seite sich auch einer unter den Mannspersonen befand der wohlgekleidet den Braͤutigam vorstellte. Jn der Jurte selbst wollten sie keine Mannspersonen leiden, ich mußte mich also bald mit meinem Gefolge entfernen, nicht ohne Ursache; denn die Dirnen, waͤhrend meines Daseyns sahen nur auf uns, lachten, schaͤkerten, ver- gaßen so ihre Andacht und verwirrten die Zeremonie; man wieß uns also einen Platz außen bey der maͤnnli- chen Versammlung an. Das Gesaͤnge dauerte bis ge- gen Morgen und war eigentlich der Beschluß der heuti- gen Tagesfeyerlichkeit. M Den Sievers Briefe Den 19ten Jul. Heute wurde in Ruͤcksicht des Ka- lyms mit Tracraten hingebracht. Es entstand unter den Partheyen mancher Streit; bald waren den Freyern die Maͤhren nicht jung genug, bald nicht schoͤn genug, bald ihre Anzahl zu geringe, u. s. w. so daß endlich der Vater des Braͤutigams voller Unwillen sagte: geht zum Henker mit sammt eurer Braut, mein Sohn ist noch jung genug, ich finde schon ein Maͤdchen fuͤr ihn. Bey diesen Worten wurde denn die Gegenparthey gelinder, und man verglich sich so, daß der Braͤutigams-Vater seiner kuͤnftigen Schwiegertochter 70 Koͤpfe Pferde, mehren- theils Stuten, 4 Kameele, 9 Ellen Soldatentuch und einige andere Kleinigkeiten, zusammen ohngefaͤhr fuͤr 600 Rubl. Werths, bewilligte. Den 20sten Jul. Heute fruͤh dann endlich zogen die Freywerber mit dem Kalym ohne die geringsten Zere- monien ab. Dreyßig Stuten blieben bis zur voͤlligen Hochzeit einstweilen noch zuruͤck. Jch meiner Seits machte denn auch Zubereitungen zur Abreise. Zum Be- gleiter bekam ich einen sehr freundlichen, braven, alten Kirgisen, der mit einigen Mann nach seiner Heymath, auf chinesischem Grund und Boden, zuruͤck reisete: er hieß Saͤnduͤck. Den 21sten Jul. Sehr fruͤh verließ ich und der ganze Aul unsern bisher gehabten Aufenthalt, und zo- gen den Bugaß etwa 15 Werste weiter hinunter. Jch bemerkte bey diesem Zuge bald ein praͤchtig gekleidetes junges Weib, die nur erst vor drey Tagen in der Nacht angelangt war, indem sie mit einem Mann aus der Sa- aus Sibirien. Sarembetschen Familie sich verheyrathet hatte. Sie fuͤhrte nicht, wie viele andere Weiber, die bepackten Kameele, sondern ritt, von zweyen andern ihres Ge- schlechts begleitet, auf einem schoͤnen, mit einer großen carmoisinfarbnen Schabracke, mit großen braunrothen Quasten an den Enden, bedeckten Wallachen. Jhr Sat- tel und Decken waren nicht minder schoͤn. Sie selbst hatte ein schwarzes, mit Gold gesticktes sammetnes Kleid an, vor der Brust viel Perlen, Korallen, Schlangen- koͤpfe und Stickerey. Den Kopfputz bedeckte ein feiner weißer baumwollener Schleyer, der uͤbers Gesicht bis auf die Knie herunter hieng. Jn den ersten Tagen nach der Hochzeit befiehlt es die Sitte der Kirgisen, daß die jungen verheyratheten Weiber sich jederzeit wohl geklei- det zeigen, besonders bey Veraͤnderung ihrer Wohn- plaͤtze, welches, wie ich merke, immer ein großes Fest ist. Außer eben erwaͤhnter Frau machte noch eine Toch- ter des aͤltern Sohnes des Sarembet, in rosenrother Seide gekleidet, eine besonders schoͤne Figur. Ein großer Theil der Maͤdchen trug lange Piken, womit sie oͤfters einen Nebenausreißer im staͤrksten Gallop machten. Nachdem wir an Ort und Stelle waren und ein Bischen gefruͤhstuͤckt hatten, unternahm ich einen bota- nischen Spaziergang. Am Bugaß wuchsen Centaurea glastifolia und pectinata, Atriplex tatarica, Echinops Ritro, maximus, Rosa pimpinellifolia und canina, und verschiedene gemeine Flußweiden, deren Bluͤthe einen herrlichen Geruch verbreitete Was fuͤr eine Weide, die hier so spaͤt bluͤhte? Etwa die . Nachher bestieg ich M 2 ein Sievers Briefe ein nahes in NO. gelegenes hohes Jaspisgebirge, das eine Fortsetzung des Chuß-Murrin ist. Hier war al- lenthalben botanische Armuth, doch fand ich Cachrys Li- banotis und Seseli pyrenaicum. Der schoͤne Band- jaspis, der oͤfters Dendriten zeigte, keilt zu Tage in maͤchtigen Bloͤcken aus, ist aber ziemlich muͤrbe und verwittert. Jm Jnnern des Berges moͤchten sich wohl vortreffliche Exemplare davon zu Tafeln, Saͤulen, Ge- faͤßen u. s. w. finden lassen. Jch will indeß nicht gewiß behaupten, daß dieser Berg ein Jaspisfels sey. Nur aͤußerst feine Textur des Gesteins, die ganz durchgehen- den vielfarbigen Streifen, die offenbare Politur eines sehr verhaͤrteten Thons bestaͤrkten mich in obiger Mei- nung. Hin und wieder auf dem Gipfel keilte neben dem Jaspis eine Steinart von ebenfalls feiner Textur und thonartigem Gehalt aus, die aber gerade das An- sehen hatte, wie eben zu rosten aufangendes scharfeckig geschmiedetes Eisen. Der Berg mag auch wohl unter die Hornfelsarten gehoͤren, worinn der Thon die Ober- hand haͤtte. Bey meiner Zuruͤckkunft hatte ich das Ver- gnuͤgen den Hunden einen Dipus Jaculus Pall. ( Chos- sojack der Kirgisen) abzujagen, den sie so eben erwuͤr- gen wollten. Meine Freude waͤhrte aber auch nicht lan- ge, denn indem ich eine Pflanze recht besehen wollte, ent- wischte mir ganz ohnvermerkt der Freund aus dem Schnupftuche. — Abends ganz spaͤt machten mich mehr wie 50 Schaafe und Ziegen aufmerksam, die sich uͤber ein die im dritten Theil meiner Reise beschriebene Salix sero- tina? P. aus Sibirien. ein kriechendes Gestraͤuch recht lustig hermachten und mit außerordentlicher Begierde verzehrten. Um es naͤ- her zu sehen, rannte ich zu, jagte die Thiere aus einander, und erhielt noch mit genauer Noth einige Zweige der von mir hieselbst zum erstenmale gesehenen Nitraria Schobe- ri. Es ist doch sonderbar, ohnweit davon waren meh- rere Salzpflanzen im besten Wachsthum, wie z. B. A- triplex sibirica et pedunculata und verschiedene Salsola; aber nie habe ich, so wenig hier, als anderswo, ge- merkt, daß sie vom Viehe gefressen wuͤrden; um so auf- fallender, da letztere meiner Empfindung gemaͤß ange- nehmer vom Geschmack sind, als die Nitraria. Den 22sten Jul. Endlich dann heute fruͤh nahm ich mit meinen Begleitern von unsern braven Wirthen Ab- schied, wobey denn freylich keine franzoͤsische Complimen- te und Capriolen geschnitten wurden; ein bloßer Haͤnde- druck und Großerdank war alles, was nach kirgisischer Gewohnheit dabey noͤthig war. Begleitet von einer zwey junge Kameele fuͤhrenden Frau, einigen Soͤhnen des Sarembet, dem alten Saͤnduͤck, nebst seinen Rei- segefaͤhrten, giengen wir uͤber dasselbe Jaspisgebirge, worauf ich gestern botanisirt hatte. Der Weg gieng in einem grasreichen, allmaͤhlig sich erhebenden Thale, ohne uns beschwerlich zu seyn, uͤber und zwischen den hoͤch- sten Koppen hindurch, bis wir, etwa 8 Werst heruͤber, uns in eine außerordentlich duͤrre salzige Steppe herun- terließen. Hier verließen uns die Soͤhne des Sarem- bet, und wir setzten nun unsern Weg nordostlich fort. Rechts blieben fuͤnf sich einander sehr aͤhnliche, isolirte, M 3 hoͤcke- Sievers Briefe hoͤckerige, kahle Berge, denen die Kirgisen den Namen Beß-Tschocho (fuͤnf Berge) gegeben haben. Linker Hand wurde die Steppe von dem ziemlich hohen Gebir- ge Lawa begraͤnzt. Die erste chinesische Graͤnzwache Boͤroͤ Taßtagan blieb uns etwa 25 Werste rechter Hand; sie ist am Fuß eines kleinen isolirten Huͤgels am Bugaß ins runde wie ein Staͤdtchen gebauet. Nicht weit davon ist an dem vorbey fließenden Fluͤßchen Ba- sar Ackerbau. Auf unserer duͤrren Steppe, deren Bo- den bald ein rother eisenschuͤssiger, mit vielen Scherben von eisenhaltigem Schiefer vermischter, bald ein gelbli- cher oder schmutzig weißer, vom Regen und Hitze ganz fest gewordener und voller Risse seyender Lehm, mit gro- bem Granitgrieß hin und wieder uͤberstreut war, bemerk- te ich, außer einer ungeheuren Menge Artemisia Santoni- cum, Nitraria Schoberi, einigen Salsolis, Agrostis arun- dinacea und Robinia argentea, einem schoͤnen neuen Strauch, der sehr hoch und aͤstig wuchs, der Spiraea mit dem Spatelfoͤrmigen Blatte, noch die Atripiex pe- dunculata, und einen neuen kriechenden Straͤuchlein, wel- ches ich fuͤr einen neuen Tamarix halte. Die ganze Steppe scheint wohl so wenig zum Ackerbau, als zur Viehzucht zu taugen. Sie muß auch zuweilen Ueber- schwemmungen ausgesetzt seyn, welches ein haͤufiges, fi t - ziges, duͤnn aufgeschwemmtes Gewebe bewieß. Durch diese Steppe streichen hin und wieder Schiefer in nie- drigen scharfen Kaͤmmen oder Ruͤcken. Tschudische Graͤ- ber fiengen sich auch an wieder zu zeigen. Jn der Naͤ- he von einem sehr großen derselben, dessen Gewoͤlbe ein- gefal- aus Sibirien. gefallen seyn mußte, welches man wohl oben an der ein- gesenkten Mitte sehen konnte, gerieth ich auf einen nicht hohen Huͤgel, der Steine zu Tage schickte, die wie der sogenannte Sienit, ganz schwarzglaͤnzend und nicht uͤbel aussahen. Es war eigentlich ein gemeiner Granit, der von dem groͤßern Antheil Schoͤrl ein schwaͤrzeres Anse- hen hatte; den naͤchsten Antheil macht Quarz, dann Feldspath, und Glimmer das Wenigste. Wir mittag- ten an einigen kleinen Quellen, die einen ganz geringen Gehalt von Kuͤchensalz zu haben schienen, und einen Morast bilden, um welchen herum Senecio paludosus, Scirpus lacustris, Chenopodium glaucum, Arenaria me- dia, Glaux maritima, Atriplex salina? und ein Iuncus merkwuͤrdig waren. Vor uns erhob sich nun eine Kette nicht hoher, oͤfters durch Steppe unterbrochener Gebirge, Ssarachol. Viele Huͤgel bestanden aus abgetheilten, uͤber einander liegenden, großen Granittafeln. Kaum hatten wir abgegessen und angefangen aufzupacken, als wir von einem starken Donnerwetter mit graͤßlichem Re- gen uͤberfallen wurden; dieser Zufall haͤtte beynahe alle meine bloß liegenden Papiere mit den Pflanzen verdor- ben, eine ungluͤckliche Minute haͤtte beynahe eine vier- woͤchentliche hoͤchst muͤhsame Arbeit verdorben. Bota- nische Exkursionen in einem mit allen Bequemlichkeiten versehenen schoͤnen Kraͤutergarten, in Lauben und Haͤu- sern, mit Limonaden und Kaffee, Schokolade und Thee u. s. w. und Exkursionen auf einer offenen heißen Step- pe ohne alle Bequemlichkeit und unter tausend Unbe- quemlichkeiten, oft nicht ohne Sorge und Gefahr, sind M 4 him- Sievers Briefe himmelweit von einander unterschieden. Hier braucht man beynahe mehr wie menschliche Geduld. — Jndeß rettete ich fuͤr dasmal noch alles, bekam aber die ganze Taufe selbst auf den Leib, indem ich in einen großen Mantel gehuͤllt uͤber den Papieren stand. Der heutige Tag schien aber zum Durchnaͤssen bestimmt zu seyn: denn etwa um 5 Uhr stieg abermals von Westen nach Osten, also uͤber den halben Compaß, ein schrecklich anzusehen- des Gewoͤlke herauf, das durch die untergehende Son- ne beynahe kohlschwarz erschien; unaufhoͤrliche Blitze schlaͤngelten sich in demselben herum, mit dem fuͤrchter- lichsten Donner begleitet. Bald darauf floß das Wasser wie in Stroͤmen auf uns herab; diese schoͤne Musik waͤhr- te zwar nicht uͤber eine halbe Stunde, aber ein feiner Re- gen hielt bis um 3 Uhr Morgens an, wobey uns nichts trockenes blieb, als meine Pflanzen und der Proviant, welcher in ledernen großen Tornistern sich befand. Den 23sten Jul. Dem allen ohngeachtet hatten wir unter dem nassen Zelt und auf den nassen Decken sanft geschlafen. Mit Sonnenaufgang glengen wir weiter, freylich mit hungrigem Magen; erreichten aber bald ei- nen grasreichen Bach, wo unsere Thiere und wir uns saͤmmtlich etwas wieder labten. Rechter Hand erblickten wir einige Jurten, welche wir aber vorbey zogen. Auf den letzten Huͤgeln des Ssaracholl zeigten mir meine Fuͤhrer in NW. einen hohen, abgerundeten Berg Oertoͤng-Tau, der ein vor Alters ausgebrannter Vul- kan seyn soll. Weiter hinter in derselben Richtung er- schien der hohe, ebenfalls abgerundete, bekannte Berg Kall- aus Sibirien. Kallmuͤck-Tologoi (Kallmuͤcken Koppe) mit seinen sich nordwaͤrts, diesseits des Jrtisches, hinstreckenden an- gehaͤngten Gebirgen. Eine ungeheure Menge von ei- nem Allio, das neu scheint, war hier, wovon zum Mit- tagsessen gesammelt wurde. Nun ließen wir uns in eine, besonders nach Osten zu, ganz offene glatte Steppe nie- der, worinn, noch 2 Tagereisen von uns entfernt, der beruͤhmte Noor-Saissan liegt, wovon weiter unten ein Mehreres. Asclepias rubra sah ich hier an den sandigen Raͤn- dern von kleinen salzigen, mit Arundo Calamagrostis bewachsenen Seen. Wir mittagten an einem Fluͤßchen ohne Wasser, das Choß-Agatsch hieß. Choß heißt, wenn 2 Baumstaͤmme aus einer Wurzel hervorwachsen: eine solche Birke stand etwa eine Werst niedriger, und davon hatte das Fluͤßchen seinen Namen. Es muß zu- weilen groß genug werden, denn an vielen Plaͤtzen sah ich Merkmale von Ueberschwemmungen. Hin und wie- der war vom gestrigen Regen Wasser uͤbrig geblieben, welches zum Kochen dienen mußte. Am ufer herum wuchsen Salix — — Ephedra monostachya mit schoͤ- nen rothen Beeren uͤbersaͤet, Cuscuta Epithymum und europaea, Astragalus caulibus prostratis dissusis, Son- chus tataricus, und mehr andere. Rechter Hand, et- wa 10 Werste vor uns, lag die chinesische Graͤnzwache Dschuͤs-Agatsch (hundert Baͤume) am stillfließenden Fluͤßchen Tschegedeck. Diese ist von Boͤroͤ-Taßtagan 55 Werste entfernt, und zwar deswegen so weit, weil in dem ganzen Abstand kein Ort ist, wo sich Menschen M 5 halten Sievers Briefe halten koͤnnen, aus Mangel an Wasser, Holz, Futter u. s. w. Von Dschuͤs-Agatsch folgt weiter unten zum Jrtisch, am Fluß Bekoͤ oder Bekun die Wache Chat- tun-Karragai, und dann am Jrtisch eine andere, Koßtuͤboͤ, welche noch, nebst einigen andern darauf folgenden, unter die Hauptfestung Sagistan, oder ei- gentlich Tschangasta, gehoͤren. Bis hieher sind diese Graͤnzwachen, von Suͤden her gerechnet, groͤßtentheils mit Kallmuͤcken besetzt, unter den Befehlen eines chine- sischen Offiziers; aber von dem jenseitigen, am Jrtisch liegenden Graͤnzposten, bis zum Amur u. s. w. bestehet die gemeine Besatzung aus Mongolen oder Mandschu- ren. Zu nahe darf kein Fremder diesen Wachen kommen, oder er laͤuft Gefahr in Ketten geschlossen nach Pe-king gefuͤhrt zu werden. Durch diese strenge Vorsicht sichern die Chinesen ihre westliche, nordliche und nordostliche aͤußerst schwach besetzte Graͤnzen. Nach etwa drey Stunden Ruhe setzten wir unsern Weg weiter fort, und ließen Dschuͤs-Agatsch nur 4 Werste von uns rechter Hand liegen. Rund herum war dieser Posten mit Baͤumen umgeben, so daß uns in der Entfernung die Wachthabenden wohl nicht sehen konn- ten; indessen setzte uns doch ein von dorther auf uns zu reitender Kirgise in Furcht; wir fanden aber, als er zu uns kam, daß diese vergeblich gewesen. Er ritt zu sei- ner Jurte in der Jtile-Kiretzkischen Wollost, welche 8 Werste weiter hin stand. Wir eilten also, so viel wie moͤglich, weiter, und passirten den sehr traͤgen Tschege- deck, wo wir, weil bis auf 50 Werst weiter hin kein Wasser aus Sibirien. Wasser zu bekommen war, uns recht satt tranken und un- sere Turßucki vollfuͤllten, in denen von vorhin gedachten sauren Kaͤsen ( Churt ) sich befanden. Fuͤnf Werste wei- ter hatten wir die herrlichsten Wiesen zu passiren, die aber hin und wieder uͤberschwemmt waren. Jch fand Carduus cyanoides polyclonos und Arundo Calama- grostis. Aber bald darauf fieng die duͤrre Salzsteppe wieder an, auf welcher wir in Gesellschaft von Muͤcken uͤbernachten mußten. Den 24sten Jul. Morgens vor Sonnenaufgang giengs mit hungrigen Pferden weiter, dem in den Jr- tisch fallenden Bekunfluß zu, welchen wir um Mittag passirten. Hier ist die ganze Gegend voll von blendend weissen, der Laͤnge nach von Suͤden nach Norden hin laufenden, maͤchtigen Sandhuͤgeln, die groͤßtentheils aus zermalmtem Quarz zu bestehen scheinen, und bey hel- lem Sonnenschein in der Ferne ein schoͤnes Ansehn gewaͤhr- ten. Man vergleiche hier uͤbrigens den dritten Brief von Kiachta. Hier am Bekun, in dem salzigen Sande, fand ich Pallasia Pterococos, Robinia Halodendron, Robinia argentea mihi, Althaea officinalis, ein Arundo Calamagrostis, und Clematis songarica; ferner Moluc- cella tuberosa P. Asclepias sibirica mit großen Schoten, die praͤchtigsten Baͤume von Populus alba in der groͤßten Menge, nebst Populus nigra, tremula und Be- tula alba. Zehn Werste hatten wir nun noch bis zum Jrtisch, uͤber den wir heute noch schwimmen wollten. Der ganze Weg dahin gieng laͤngst gedachten Sandhuͤ- geln, theils uͤber dieselben, und theils durch recht frucht- bare Sievers Briefe bare Wiesen. Kaum hatten wir unser Zelt aufgeschla- gen, als uns ein Donnerwetter mit einem heftigen Re- gen wiederum auf drey viertel Stunden heimsuchte. Als dieses voruͤber war und wir unsern hungrigen Magen be- friedigt hatten, machten wir Anstalt zur Ueberfahrt, wel- che ohnweit des Noor-Saissans zwischen den Muͤn- dungen der beyden Fluͤsse Kurtschum und Bekun ge- schah. Die Kirgisen halten sich hier bestaͤndig zu ihrem haͤufigen Hin- und Herfahren einige Kaͤhne, die jeder aus einem einzigen ausgehoͤhlten Schwarzpappelstamm bestehen. Meine Begleiter wußten den Ort, wo selbi- ge gewoͤhnlich in dem hier haͤufig wachsenden sehr hohen Schilf (Calamagrostis) versteckt lagen, zwey derselben schwammen also mit 2 Pferden uͤber den sehr breiten und schnell stroͤmenden Jrtisch, und schleppten die Boͤte her- uͤber. Diese banden wir nun zusammen, legten die Ba- gage darauf, spannten 2 andere Pferde vermittelst der Schweife davor, und so setzten wir uͤber den Strom, oh- ne weiter Schaden zu nehmen, bey dem schoͤnsten Wet- ter. Kameele und Pferde, Ziegen und Schaafe, Kuͤhe und Ochsen der Kirgisen sind zu dergleichen Schwimmen gewoͤhnt. Es kostet diesen Leuten daher mit ihren Heer- den wenig Muͤhe, uͤber einen Fluß zu setzen. Nun also sind wir eigentlich im chinesischen Reiche. Jch war wie ein Dieb hinein geschlichen; denn waͤren die zwischen den Graͤnzwachen gehenden chinesischen Patrouillen auf uns gestoßen, so haͤtte meine kirgisische Tracht mich nicht sichuͤtzen koͤnnen; das europaͤische Gesicht wuͤrde mich ver- rathen haben. Jst man aber nur uͤber die Graͤnzlinie hin- aus Sibirien. hinaus, so hats dann weiter auf einige 100 Werste im Jnnern nichts zu sagen, so weit die Kirgisen nehmlich wohnen. Jch habe die Ehre zu seyn u. s. w. Vierzehnter Brief. Vom See Ballack-Tschileck den 28. Jul. 93. Wir glaubten uns am Jrtisch noch nicht sicher ge- nug, unsere ermuͤdeten Lastthiere mußten sich also noch zu einem Marsch von 10 Wersten verstehen. Jenseit des Kurtschumflusses, laͤngst welchem wir bald dar- auf fortzogen, erhob sich ein kahler Berg, der Kur- tschum-Acktuͤboͤ; dieser wechselte in der Mitte mit rothen und weissen Schichten ab. Der Kurtschum ist ziemlich reissend, voller großer Flußkiesel, und bey weitem breiter wie der Bekun; an seinen Ufern ist ein Ueberfluß von Populus nigra, t mula und Betula alba. Sein Wasser ist, so wie das aus dem Bekun, vortreff- lich. Hin und wieder ritten wir uͤbr Strecken der schon- sten Weide, wo besonders eine ganz unbeschreibliche Menge Trifolium Melilothus a b a, mit der Trigonella ruthenica, den Vorzug behaupteten. Diese beyden Pflanzen waren von einer Hohe und fettem Ansehen, der- gleichen ich nie gesehen habe. Den 25sten Jul. Heute, wie gestern, abwechselnd duͤrre Steppe mit Artemisia Santonicum, hin und wie- der Ruta divaricata, Artemisia crithmifolia, Atriplex pedunculata, und zuweilen schoͤne Weide. Von denen im Sievers Briefe im Jahre 1771 heruͤbergezogenen Astrachanischen Kall- muͤcken, denen Toͤrgut, fanden wir noch Spuren ihres damals hier gehabten Ackerbaues, die in schon beynahe wieder eingeebneten vielen aus dem Kurtschum abgelei- teten Kanaͤlen bestanden. Diese Horde, die mit den im Buͤskischen Kreise wohnenden Telenten ( Toͤloͤt ) nahe verwandt sind, wohnen nun am obern Jrtisch, unter chi- nesischer Bothmaͤßigkeit in dem besten Wohlseyn, wie man sagt. Sie haben unter sich mehrere Befehlshaber aus ihrer eigenen Nation, die aber alle dem in der Stadt Jrumdschi wohnenden chinesischen Gouverneur gehor- chen muͤssen. Allmaͤhlig erhob sich nun das Altaische Gebirge uns zur Linken, aus welchem der Kurtschum seinen Ur- sprung nimmt. Jn unserer Steppe sind nun wieder Saigi (Antelope Saiga), wilde Schaafe (Ovis Am- mon), wilde Schweine und tschudische Graͤber nicht selten. Die Ebene oͤnderte sich nun wieder in kahle sanf- te Berge, wir passirten einen laͤnglichen gesalzenen See, wo ich eine große Menge der fetten dickstenglichen Sali- cornia caspica und Atriplex tatarica antraf. Dann er- blickten wir Schaafe und Kameele, und gelangten um 4 Uhr Nachmittags in einem Aul an, wo wir, in einer recht netten Jurte eines Bruders des Saͤnduͤcks, uns bey dicker saurer Kuhmilch ( Airoͤn ) in etwas erholten, dann fertigte ich die ganze Equipage den geraden Weg zu Saͤnduͤcks Jurte 10 Werste fort, ich selbst aber gieng mit 2 Begleitern uͤbers Gebirge, in der Hoffnung, die- sen Abend noch etwas fuͤr mich zu finden. Jch betrog mich aus Sibirien. mich eben nicht, denn als ich den ersten Berg uͤberstie- gen hatte, ließ ich mich in ein merkwuͤrdiges Thal her- nieder, es bestand aus einer großen Menge isolirter Huͤ- gel, die allenthalben weissen Granit, dessen Hauptbe- standtheil Feldspath war, zu Tage ausschickten. Zwi- schen diesen bemerkte ich schoͤne Quarzkristallen, und die mit denselben aus einerley Materie bestehenden, mit Ei- senocher bedeckten Quarzdruͤsen, deren einige ganz schwarz; ferner Quarzgeschiebe mit Eisenglanz und Ei- senglimmer, und Quarz-Breccien hin und wieder. Hier sollte ich beynahe edle Gaͤnge vermuthen, konnte aber doch, aller Muͤhe ohnerachtet, am Tage nicht eine Spur davon entdecken. Tamarix gallica war alles, was ich von Gestraͤuchen oder Baͤumen sah, und die nicht schlech- te Weide bestand aus bekannten Graͤsern. Uebrigens sollte ich mich beynahe uͤberzeugen, daß diese Huͤgel nicht ohne edle Gaͤnge seyen. Die einbrechende Nacht hieß uns eilen: rechter Hand sahen wir noch einen kleinen See, und linker Hand wurden die Altaischen Gebirge immer maͤchtiger, einige davon waren mit Schnee be- deckt. Allmaͤhlig waren hier nun die Thaͤler wiederum mit Jurten und Heerden voll, und daher fuͤr mich um desto angenehmer. Spaͤt langten wir bey dem freundlichen Saͤnduͤck an, wo ich mein Zelt und Leute schon in Ord- nung fand, und was das Beste war, ein Schaaf in 2 Kesseln uͤber dem Feuer, woruͤber wir uns mit 20 an- dern Gaͤsten um Mitternacht hermachten und uns er- quickten. Hier war eine so ansehnliche Familie wie die des Sarembets. Sieben Gebruͤder des Saͤnduͤck stan- Sievers Briefe standen mit ihren Jurten um einen etwa eine Werst lang seyenden See mit suͤßem Wasser, dem Ballack-Tschi- leck. Die Eltern dieser Familie waren bereits vor et- wa 6 Jahren in einem hohen Alter gestorben. Jch fand hier alle moͤgliche gute Aufnahme. Den 26sten Jul. Geschlafen hatte ich, wie ein Je- der leicht gedenken kann, ganz vortrefflich. Beym Er- wachen schaute ich umher und sah, daß ich in einem ganz sonderbaren Thale mich befand. Um es naͤher zu un- tersuchen, endigte ich das Fruͤhstuͤck sehr bald und lief davon. Das sehr hohe Thal mag etwa 5 Werst in der Laͤnge und 3 in der Breite haben, es ist in NWesten und Norden von einer Mauer gleichsam begraͤnzt, die aus ungeheuren roͤthlichen Granitbloͤcken hin und wieder ganz senkrecht abgeschnitten, an andern Orten wiederum aus aufgethuͤrmten runden Bloͤcken besteht. Der groͤßte Theil des Bodens des Thales ist gleichsam mit 2, 4 bis 10 Faden langen Tafeln von eben der Steinart ausge- pflastert, zwischen welchen sich hin und wieder noch ein- zelne Aggregate von Granitbloͤcken oder Tafeln erheben. Gegen Norden ist von der abhaͤngigen Seite her ein 15 Faden langer, von der Natur gemachter 5 Faden brei- ter Gang, dessen Waͤnde steil auf gehen, und etwa 4 Faden hoch sind; in diesem Gange fließt ein kleiner kla- rer Quell. Der Theil des Thales, wo der vorgenannte See ist und die Jurten stehen, hat etwas Weide, und besteht gaͤnzlich aus zerriebenem Granitgrieß. Zur Fuͤtterung des Viehes muͤssen die Kirgisen das- selbe 5 Werst weiter treiben, wo es an Weide nicht fehlt. aus Sibirien. fehlt. — Die Pferde haben sie aber 80 Werste weiter, in dem Altaischen Gebirge, daher mußten wir auch den Kuͤmuͤß hier entbehren. Statt dessen trank man Airaͤn. Zwischen den eben genannten Granittafeln wuchs eine Robinia hervor, die ich dreist neu nennen kann, und der der Name tragacantoides am angemessensten ist. Außer dieser, der Spiraea alpina, Poa tenella, Sophora alope- curoides, Rosa canina, Spiraea Chamaedryfolia, Ar- temisia rupestris minor et crithmifolia, Potentilla sub- acaulis, fand ich in dem getafelten Thale weiter nichts Merkwuͤrdiges. Die in Osten gelegenen kahlen Schie- fergebirge waren voll von Moluccella quadrangula und Rheum nanum. Jch glaube immer, die Entstehung die- ses auffallenden Thales, mit denen am Jrtisch gesehenen Sandhuͤgeln, ist einer ehemaligen maͤchtigen Wasser- fluth zuzumessen; vor dieser Fluth mag das Thal wohl ein hoͤherer Berg gewesen seyn. Jn jene Ueberschwem- mung glaube ich auch den Ursprung des Noor-Sais- sans setzen zu duͤrfen. Jndessen, sonderbar genug, daß ich nirgends die geringste Spur von versteinerten Mee- resprodukten fand. Wenn die Fluth von Suͤden kam, so sind selbige vielleicht schon vor dem Tibetischen hohen Gebirge nachgeblieben. Bey meiner Zuhausekunft sah ich viele Kinder die großen, weißen, roͤhrigen, suͤßen Wurzeln der hier und besonders am Saissan sehr haͤufig wachsenden Arun- do Calamagrostis als einen Leckerbissen verzehren. Jhr kirgisischer Name ist Kogà. N Den Sievers Briefe Den 27sten Jul. Man erzaͤhlte mir heute, daß sich gegen Suͤden, etwa 10 Werste von hier, kostbare Stei- ne finden sollten, deren Verkauf ehemals denen hier her- umziehenden Taschkinern manchen Gewinnst verschafft haͤtte. Um mich hiervon zu uͤberzeugen, gieng ich zu Pferde sogleich dahin mit einigen Begleitern ab. Beym Vorbeyreiten einer von unsern Jurten hoͤrte ich ein Ge- klopfe, wie wenn man in Deutschland den Flachs tritt. Der Wirth war mir schon bekannt, ich stieg also herab, gieng in die Jurte, und sah 6 Dirnen mit langen duͤn- nen weißen Stoͤcken einen in der Mitte liegenden Hau- fen feiner weißer Schaafwolle ganz taktmaͤßig schlagen. Diese Wolle wird zu den feinern Filzen verwalkt, und wuͤrde auch wohl zu mittelmaͤßigem Tuche getaugt ha- ben. — Jch setzte darauf meinen Weg neben einigen alkalischen Salzseen, die bey großer Hitze oͤfters ganz austrocknen, vorbey, nach einem Ort, wo eben derglei- chen Granit- und Quarzhuͤgel waren, wie vorhin er- waͤhnt; ich wußte also auch vorher, was fuͤr Schaͤtze hier vergraben lagen. Jch fand wirklich auf einer iso- lirten Koppe geschuͤrft, und brachte selbst noch einige schoͤ- ne sechseckige Quarzkristallen zu Tage. Jndessen, der schoͤne vorhin schon erwaͤhnte neue Tamarix machte mir mehr Vergnuͤgen, als die Steine. Sonst traf ich fuͤr dasmal nichts, kehrte also durch einen andern Weg wie- der heim, und zwar um eine Tochter meines gewesenen Wegweisers Chaial, die hieher verheyrathet war, zu be- suchen. Hierbey hatte ich abermals Gelegenheit zu se- hen, daß die Kirgisen gefuͤhlvolle Menschen sind. Wir kamen aus Sibirien. kamen in eine nette, reiche Jurte, wo wir von einer jun- gen, wohlgewachsenen Person empfangen wurden. Mein Kalmuͤck brachte ihr einen Gruß von Vater und Mutter. Augenblicklich erkannte sie den Kalmuͤcken und fieng fuͤr Freuden und vielleicht aus Heimweh bitterlich an zu wei- nen. Sie that unter bestaͤndigem Schluchsen viel Fra- gen, ließ sich dabey, von einigen herbeygekommenen Frauenzimmern, sogleich den besten Kopfputz anlegen, und warf ein besseres Kleid uͤber. Mittlerweile kam ihr junger Mann dazu und nun verbrachten wir einige Zeit mit Vergnuͤgen. Beym Abschiede gieng das Weinen der Frau von neuem an. — Meine Edelgestein-Promenade war also fuͤr das- mal nicht gelungen, aber eine andere gerieth besser. Et- wa 10 Werst von hier ist ein kleiner Salzsee, der nur erst neulich selbst von den Kirgisen entdeckt worden ist, die Berge Dolloncharà und Arrachulun umgeben ihn. Bey meiner Zuhausekunft waren die dahingeschick- ten Kirgisen und 2 Kameele wieder zuruͤckgekommen, und hatten sehr bald etwa 12 Pud des schoͤnsten, durch- sichtigsten in der groͤßten Vollkommenheit kristallisirten Kuͤchensalzes zusammen geschaufelt. Nie habe ich in ei- nem chemischen Laboratorio so schoͤnes Salz gesehen als was hier die Natur lieferte, um noch so viel weniger in anderen Salzseen oder Salzsiedereyen. Abends schwaͤrm- ten hier eine Menge fliegender Ameisen herum, die aber weiter nicht beschwerlich waren. Den 28. Jul. Bisher habe ich Sie mit den le- bendigen Menschen unterhalten. Es ist also Zeit daß N 2 ich Sievers Briefe ich auch einmal etwas uͤber todte rede. Jn diesen Ge- genden ist es voller an den sogenannten Tschudischen Graͤ- bern, wie an irgend einem andern von mir gesehenen Orte. Einige derselben zeichnen sich besonders durch ihre Hoͤhe und starken Pfeiler aus. Jch hatte große Lust den Jnhalt dieser Graͤber zu sehen, fragte daher die Kirgisen um ihre Erlaubniß dazu. Sie antworteten mir, daß zwar nach ihren Gesetzen dergleichen nicht er- laubt waͤre, indessen, da diese Graͤber von ganz verlo- schenen Voͤlkern herruͤhrten und nicht von ihrer Nation seyen, so wollten sie dann auch mir keine Hindernisse in den Weg legen. Ja sie bezeigten selbst Neugler zu se- hen was wohl diese Graͤber enthalten moͤchten. Also ohne weitern Zeitverlust machten wir uns, acht an der Zahl, an ein nahe gelegenes, ansehnliches Grab. Zwey Tage kostete uns diese Arbeit: Erstlich hatten wir eine große Menge Steine aus einander zu werfen; dann folgte eine Fuß hohe Lage schwarzer Dammerde, unter dieser war bis auf den Boden des Grabes nichts wie klarer Granit und Quarzgrieß, mit vieler Mica foliacea, wo- von die hiesige ganze Gegend voll ist. Das Gewoͤlbe des Grabes war aus großen unbehauenen Granitplatten zusammengesetzt, aber zusammengefallen. Nachdem diese und eine Menge Sandes weggeraͤumt war, gerie- then wir dann endlich auf das morsche Gerippe eines 6 jaͤhrigen Pferdes. Dieses Alter bestimmten die Kirgi- sen aus den noch gut erhaltenen Zaͤhnen. Seine Lage war von Suͤden gegen Norden; weder Sattel noch sonst einiges Lederzeug war zu finden. Endlich, nach sorgfaͤl- tig aus Sibirien. kig fortgesetztem Aufraͤumen, erhielt ich einen menschli- chen Kopf, außer diesem, einige Ueberbleibsel vom Arm- knochen und einem Schienbein konnten wir durchaus nichts entdecken. So fehlte auch am Kopfe der Unter- kinnbacken. Um alle uͤberfluͤßige Beschreibung zu ver- meiden verweise ich Sie auf die sehr genau gerathene dem Herrn Professor Blumenbach mitgetheilte Zeich- nung in natuͤrlicher Groͤße. Die Physionomie mag der Kalmuͤckischen ziemlich aͤhnlich gewesen seyn, nur fiel mir das sehr flach zuruͤckfallende Stirnbein und die bey- nahe viereckige Gestalt der Augenhoͤhlen (Orbitae) auf. Die Sutura srontalis war ziemlich verwachsen. Das Occiput fehlte ganz so wie ein Theil des Dissepimenti narium. Die Lage des Geripps war ohngefaͤhr von Osten nach Westen; da wo die Fontanelle gewesen war fand ich die Platten sehr hart und dick, wir schlossen alle auf ein Alter von etwa 50 Jahren. Zwischen dem Men- schen und dem Pferde sah ich die Figur eines etwa 1½ El- len langen zweyschneidigen, zollbreiten geraden Schwerd- tes, welches aber so vermodert war daß ich das Eisen mit den Fingern zerreiben konnte. Neben diesem Schwerdte fand ich 10 eiserne Pfeilspitzen gleichsam an einander festgesintert, die Enden welche zum Schießen und zum Eindringen ins Fleisch dienten, bestanden aus 3 Blaͤt- tern und alle 3 machten dann ein Dreyeck. Jn der Ge- gend auf der Brust scharrten wir viele Goldblaͤttchen her- vor, so wie sie natuͤrlich oͤfters in den kolywanischen Er- zen vorkommen. Jn der Gegend der rechten Hand ent- deckte man 2 geschmiedete goldene Ringe, jeder etwa N 3 zwey Sievers Briefe zwey Quentlein am Gewicht; zwischen den Knochen des Pferdes fanden sich viele mit Geschicklichkeit verarbeitete Spangen und Beschlaͤge vom Pferdegefchirr; sie waren von Kupfer und duͤnn versilbert. Eine eben so verarbei- tete, 2 Zoll im Durchmesser habende Platte, die wahr- scheinlich vor der Brust des Pferdes gesessen haben mußte alles aber sehr verrostet. Unter dieser Platte war noch etwas Leder, welches dem aͤhnlich sah, das man aus Elennsfellen zu ledernen Beinkleidern zubereitet. Uebri- gens fand ich geringe Spuren von Holz, Baumwolle und Zeug und einen kupfernen schlechtweg bearbeiteten Steigbuͤgel. Das Grab war anderthalb Faden tief. Ohngefaͤhr in der Mitte der Vertiefung setzte eine 3 Zoll maͤchtige graue Erdlage durch, die das Ansehen von Asche hatte: hin und wieder bemerkte ich auch Nester einer schwarzen Erde, die mir wie gebrannte vorkamen. Nach diesem machten wir uns an ein anderes, des- sen Gewoͤlbe aber fuͤr uns zu stark war, indem wir keine Brecheisen bey uns hatten. Wir zogen denn doch einen auf das Gewoͤlbe aufgestuͤlpten, etwa 38 Psund schwe- ren, aus Kupfer gegossenen Kessel hervor, unter wel- chem ein Streithammer von eben dem Metalle lag. Die Hoͤhe des Kessels war 28 englische Zoll und der weiteste Durchmesser oben 16, aber auch nicht eine Spur weiter von Holz. Diese Leute waren also schon ziemlich erfahrne Me- tallarbeiter und nicht ungeschickte Bergleute, welches viele Spuren beweisen, die noch heutiges Tages in ver- schiedenen kolywanischen Gruben entdeckt werden. Das Erdreich aus Sibirien. Erdreich worin viele von dieser verschwundenen Nation hier herum begraben liegen, ist trockener Sand, auf Granitfelsen. Man wundere sich also nicht daß ich noch Ueberbleibsel von Knochen fand. Ueber die Frage, wer diese Leute waren? werde ich mir den Kopf nicht zerbre- chen. Keiner von den asiatischen Nomaden hat mir je Auskunst daruͤber geben koͤnnen. Jst die hieroglyphische Schrift die ihrige, welche vom Ritter Pallas am Jeni- sei und ohnweit der Festung Ackscha in der Gegend des Jngoda-Flusses gesehen und gezeichnet worden, so ist ihr Daseyn mit den alten Egyptern zu gleicher Zeit ge- wesen. Sie muͤssen aber eine maͤchtige Nation gewesen seyn, indem sich ihre Graͤber auf dem 60. Grad der Laͤn- ge anfangen und sich auf dem 140. Grad endigen. Der Anfang in der Breite ist ohngefaͤhr auf den 58. Grad nordlich zu setzen; wie weit sie sich nach Suͤden erstreck- ten, mag ich nicht bestimmen. Bis auf den 45sten habe ich sie selbst gesehen. Hr. Professor Fischer gedenkt in seiner Geschichte von Sibirien großer Begebenheiten un- ter mancherley asiatischen Voͤlkern z. B. die Kara-Ki- taier; eine barbarische Nation, die Kitan, Einwohner von Leao-tong; die Heerzuͤge des Tschingis-Chan; die des Kaisers Tschu u. dgl. Vielleicht ruͤhren sie von ei- ner jener Begebenheiten her. Der Schluß dieses Briefes mag die Beschreibung einer kirgisischen Weberey seyn: die einfacheste die viel- leicht existirt. Die Kameelgarnfaden, welche die Wei- ber nach sibirischer Art vermittelst der Spindel in den Haͤnden drehen, waren an zwey in die Erde gesteckte N 4 Pfaͤhle Sievers Briefe Pfaͤhle befestiget, die ohngefaͤhr 4 Faden von einander entfernt standen. Jn der Mitte dieser Entfernung befan- den sich drey oben zusammengebundene Pruͤgel an welchen das Weberblatt oder Kamm angebunden herabhieng, durch welches die Faden durchliefen: Uebrigens war der Weberstuhl die ganze Welt, ohne einen Webertritt zu haben. Auf dem schon gewebten Zeuge saß die Frau, indem sie mit der Spuhle arbeitete, und um diese durch- werfen zu koͤnnen hatte sie zwey Brettchen vor und hinter den Kamm durch die Faden gesteckt um sie so von einan- der zu theilen. Das Zeug ist ohngefaͤhr einer Spannen breit. Ueberhaupt sind die Kirgisinnen sehr geschickt in allerley Flechtwerk. So verfertigen sie, von wollenem Garn Baͤnder, Zaͤume, Gurten, Leitstraͤnge, Binden u. s. w. auch verstehen sie sich auf Stickerey in ihrer Art ganz vortreflich. Funfzehnter Brief. Am Fuß des hohen Berges Sarratan den 1. August. Um die Fluͤsse zu sehen aus deren Vereinigung der Jrtisch entsteht und die in jenen Gebirgen wachsende Rhabarber zu untersuchen, machte ich mich heute den 29sten Jul. mit dem Lehrling, dem Dollmet- scher, dem Kaufmann und einem Anverwandten des Sanduͤck auf die Reise nach NO. zu. Wir verfolgten einige Zeit den Weg, den die Chinesen passiren, wenn sie im Herbst von den vorhin erwaͤhnten sogenannten Som- aus Sibirien. Sommerwachen abziehen und sich zum Ueberwintern tie- fer ins Land begeben. Ganz der Laͤnge nach ritten wir uͤber unser natuͤrlich gepflastertes Thal und ließen uns sodann hinunter, wo wir nun wiederum in recht frucht- bares, recht romantisch aussehendes, mit waldlosen Ber- gen besetztes Land und uͤber viele kleine, in den Kur- tschum fallende, mit einigen Birken, Weiden, Vibur- num Opulus, Crataegus sanguinea und Rosen gezierte Baͤche kamen, in welchen kleine Seebusen nicht selten waren. Vor uns, etwa 80 Werst, praͤsentirte sich der mit ewigem Schnee bedeckte, hoͤchste, von Westen nach Nordost streichende Ruͤcken des Altai, von welchem eben gedachte kahle Berge so zu sagen der Fuß waren. Je weiter ich mich von meinem Thale entfernte, je mehr zeigte es sich, wie wenn es von der Seite des Kurtschums von Menschenhaͤnden aufgemauert worden waͤre, es ist aber doch das Werk der Natur. — Auf einer hohen Bergwiese erquickte uns Goͤttin Flora mit einem ihrer besten Gerichte, den schoͤnsten Erdbeeren, in vollem Maaße. Andrer Orten herum wuchs Gentiana adscendens, Ve- ratrum album, Spiraea Ulmaria und verschiedene andere schon erwaͤhnte Spiraͤen, Clematis integrifolia, Tha- lictrum aquilegifol und alpinum, Typha angustifolia, Allium senescens und tataricum, Trifol. Melil. alba, Rosa pimpinellifolia, Rheum Sibiricum, Potentillae variae, Ribes alpinum, Serratula coronaria u. dergl. Fuͤr den Entomologen ist auf der ganzen kirgisischen Steppe wenig zu thun. N 5 Gegen Sievers Briefe Gegen Abend gelangten wir in ein angenehmes, enges, tiefes Thal und zu einer Wollost, wo wir Anver- wandte des Sanduͤcks, eine sehr freundschaftliche Auf- nahme und ein nach kirgisischer Art herrliches Abendes- sen fanden. Hiebey lernte ich abermals ein neues Ge- richt kennen, welches nur bey besondern Gelegenheiten hergegeben wird. Es waren die muskuloͤsen Theile mit der Tibia von jungen Pferden geraͤuchert. Allenfalls die wohlschmeckenden westphaͤlischen Schinken koͤnnte man in Ruͤcksicht des Geschmacks diesen an die Seite stellen. Sie werden in Gedaͤrmen dem Rauche ausge- setzt und Kallbaßi genannt, eine Benennung, die auch von den Russen fuͤr die Wuͤrste gebraucht wird. Den 30. Jul. Da wir eine sehr gebuͤrgige Reise noch vor uns hatten, so gaben wir den Pferden-heute noch Ruhe. Jch konnte daher den Tag zum Botanisi- ren gebrauchen. Die hiesigen hohen Berge, welche groͤßtentheils mit recht schwarzer Dammerde bedeckt wa- ren, in welcher die schoͤnste Weide fortkam, lieferten mir folgendes: Spiraea laevigata, Artemisia borealis Pall. Veratrum nigrum, Paeonia laciniata, die sich bloß durch die einfachen Blumen unterschied, sonst aber mit der fet- testen weitausgebreitesten, hoͤchsten Garten- Paeonia gaͤnzlich uͤbereinkam, folglich mich uͤberzeugte daß Jch muthmaße, daß die hier gemeynte Poͤonie eine ganz andre Gattung gewesen sey. Denn P. laciniata ist von der Gartenpoͤonie zu sehr und standhaft un- terschieden. P. diese und die laciniata ein und eben dieselbe Pflanze ist; Cni- cus aus Siberien. cus uniflorus, Rheum Sibiricum, Heracleum alpinum, Salix alnoides Schangini, Ribes Uva crispa, ganz mit annoch unreifen Fruͤchten besaͤet; so auch wiederum Erd- beeren, Aconitum pyrenaicum, Veronica paniculata, spicata, und alpina, Hieracium amplexicaule, Cunila ca- pitata. Noch zeigte sich hier ein besonderes Mißgewaͤchs, nemlich eine ganz verunstaltete Potentilla bifurca die zu- weilen mit natuͤrlichen Stengeln aus einer Wurzel ent- sproß und wie die Weidenrosen denen gesunden Aestchen die Saͤfte aussog. Die vorige Nacht und die nun fol- gende regnete es, wurde aber wieder helle den 31. Jul. an welchem wir fruͤh sattelten und uns nun ins hohe Gebirge begaben. Ehe ich diese wei- ter beschreibe, muß ich noch eines jungen Maͤdchens Er- macka gedenken, als eines Beweises daß Empsindsam- keit auch hier zuweilen herrscht. Diese junge Person, die Tochter eines wohlhabenden Kirgisen, war außeror- dentlich sanft und munter in ihrem Wesen, und dabey wirklich schoͤn. Jhr Anzug war reinlich, und nie sah ich sie ohne irgend eine Beschaͤftigung. Jch wurde die- sem Maͤdchen außerordentlich gewogen; dies schien sie zu merken, sie war oͤfters um mich, nicht etwa wie ein Freudenmaͤdchen, denn fuͤr diese, glaube ich, empfindet man wohl keine Liebe. Beym Abschiede schenkte ich ihr verschiedene Sachen, wovon ich wußte daß sie willkom- men waren. Jhre ohnedem rothen Backen wurden nun ploͤtzlich noch roͤther, sie lief davon und brachte mir bald drauf eine ganze Schaale voll des besten Eremtschicks, welches grade dasselbe bedeutete, als wenn ein europaͤi- sches Sievers Briefe sches Maͤdchen ihrem Liebhaber einen Blumenstrauß, ein Band oder sonst so etwas aͤhnliches verehret. Jch druͤckte ihr nun die Haͤnde und ritt ganz geruͤhrt davon. So lange sie mich sehen konnte, und dies waͤhrte uͤber eine Viertelstunde, blieb sie unbeweglich auf derselben Stelle stehen und sah mir nach: daß ich mich oͤfters nach ihr umschaute versteht sich von selbst. — Ueberhaupt schien ich in der hiesigen Wollost zum Umgang mit Wei- bern bestimmt zu seyn; alle glaubten krank zu seyn. Jch hatte sogleich mit Pulsfuͤhlen und mit medizinischen Rath- geben zu thun, sobald ich mich nur sehen ließ. Wider Willen mußte ich auch einige Aderlaͤsse vornehmen. (Ue- brigens mag der Kenner der Weiber-Naturen hieruͤber seine Anmerkungen machen.) — Wie vorher schon ge- sagt, sind Schwachheiten der Augen bey alten Kirgisen nicht selten: auch hier traf sich der Fall. Jch verordnete dabey die Wurzeln der hier wachsenden Valeriana offici- nalis zu trocknen, zu zerreiben und selbe mit Tabak ein- zuschnauben: und die Cunila capitata ließ ich als trock- nen Umschlag gebrauchen. — Etwa 10 Werst ritten wir bestaͤndig uͤber gewaͤchsreiche Gebirge und Fluren; dann erreichten wir das Gehoͤlze, wo lauter Pinus La- rix mit seinen schoͤnen graden hohen Staͤmmen prangte. Sison crinitum, Pall. und Cineraria alpina waren nicht selten. Je naͤher wir dem hohen Ruͤcken des Altai ka- men, je hoͤher erhuben wir uns dann auch bergan, bis wir eine von den Ursprungsquellen des Galdschirwasch erreichten, laͤngst welcher wir bergab uns herunter ließen. Der Berg war so steil, das Kraut so hoch, daß man die Pferde aus Sibirien. Pferde beym Zaum leiten mußte, wobey es nicht selten geschah daß das Pferd auf den Fuͤhrer stuͤrzte. Eine große Menge Angelica Archangelica, etwas Rheum si- biricum, Pinus Abies, Lathyrus, Ribes nigrum, Salix alnoides, Serratula coronaria, Veratrum album, Aco- nitum pyrenaicum fanden sich hier herum haͤufig. — Endlich trafen wir denn auch in einem langen bewalde- ten Thale die großen Pferdeheerden der weiter weg woh- nenden Kirgisen, wo wir denn den lang entbehrten Kuͤ- muͤß wieder mit langen Zuͤgen einschluͤrften. Das Nacht- lager nahmen wir am Fuß des Saratan, des hoͤchsten Berges dieser Gegend, welcher sein stolzes, mit Schnee fleckweise bedecktes Haupt uͤber alle andere emporstreckte. War es vielleicht daß ich seit 2 Monathen keinen Wald gesehen hatte, oder fand sichs in der That so, mir duͤnkte die hiesige Gegend goͤttlich schoͤn. August den 1 sten. Nach vortreflich hingebrachter Nacht fertigte ich 2 Kirgisen nach einem im Gebirge lie- genden See Marcha-Kuͤll, wo eine besondere Art Rhabarber wachsen sollte. Jch durfte mich dort schon nicht zeigen, weil schon die Jaͤger der Oronchoi dort herum ihre Herbstjagd angefangen hatten. Jch hatte dermalen noch keine Lust mich in chinesische Gefangen- schaft zu begeben. Jndessen saß ich nicht muͤßig: auf der Spitze unsers Saratau hofte ich die entzuͤckendste Aussicht. Mit zweyen Begleitern ritt ich also hinauf; dreymal mußten wir den Pferden Ruhe geben. Etwa in der Mitte des Berges endigte sich aller Wald, wel- cher hier allenthalben nur aus Laͤrichen bestand, wenige Fichten Sievers Briefe Fichten und Tannen ausgenommen. Auf und an diesem schoͤnen Berge prangten besonders und machten ein herr- liches Colorit Aquilegia (alpina) grandiflora, Viola al- taica, Trollius asiaticus, Cnicus asiaticus, Sophora lu- pinoidi affinis, Bupleurum ranunculoides, ein ganz blaurothes Allium Schoenoprasum? Bartsia gymnandra, die wohl ein eigenes Geschlecht auszumachen verdient, und in den Felsritzen waͤchst; Lepidium alpinum, Saxi- fraga petraea, Cucubalus. Oben auf dem Gipfel, wo hin und wieder der Granit in verwitternden Aggregaten wie Ruinen aussehend, zu Tage auskeilte, hatte ich eine uͤber alle Beschreibung gehende, vortrefliche Uebersicht der ganzen Gegend. Nur in Nord und Nord Osten be- graͤnzte sie der vorher gedachte hoͤchste, ganz nackte Berg- ruͤcken des eigentlichen Altai. Dieser war hoͤher noch wie mein stolzer abgerundeter Saratau. Jene hohe, mit Schnee bedeckte Felsenmauer, dampfte an vielen Stellen und gebahr, bey dem hellesten Wetter, vor mei- nen Augen hellscheinendes Gewoͤlke. Der Altai geht oͤstlich fort, indem er dem von Suͤden herkommenden Tarabagatai ein Ende macht. Der Kurtschum entsprang zu meinen Fuͤßen und rann schnellfließend vor- bey. Jn Osten sahe ich den nicht großen Marchakuͤll, aus welchem der Hauptquell des Galdschirwasch koͤmmt. Wandte ich von diesem See mein Gesicht wei- ter Suͤdoͤstlich, so sch ich die fuͤnf Fluͤsse aus welchen der obere Jrtisch entsteht, nemlich der Kurtisch, Kar- tisch, Buurtshun, Chawa, und Galdschirwasch. Noch einer, der Jsultshuck, faͤllt schon unterhalb jener Vevei- aus Sibirien. Vereinigung ein, so wie der Allchaweck, und der Bill- Jsick. Am Chawa, Buurtschun u. s. w. hin oͤstlich und noͤrdlich wohnen die Oronchoi; hinter diesen folgen die Doͤrwoͤt, und Soongar. Sie bezahlen der Mann einen Zobel oder 2 Fuchsbaͤlge, dafuͤr sind sie von allen uͤbrigen Diensten frey. Ein Theil dieser Leute bauen den Acker und entrichten die Zinsen mit Korn. Auf bey- den Seiten des obern Jrtisches sah ich wiederum lange Huͤgel weißen Sandes. Das schoͤne Thal, worin der Jrtisch und vorher genannte Fluͤsse sich schlaͤngelten wur- de in Osten durch den Fortsatz des Tarabagatai be- graͤnzt; dessen letztes Ende, zunaͤchst dem Altai, heißt Sawra; dann folgt der Saechon-Chamuͤr, darauf der Mangarack, und nun der eigentliche Tarabaga- tai, der nach Suͤden hinunter sich streckte, alle diese Al- pen waren mit Eis bedeckt, welches von den Sonnen- stralen blendend weiß erschien. Dem Mangarack gegen- uͤber in Suͤdwest lag der Noor-Saißan in einer un- absehbaren Ebene, ohnerachtet ich von dem See uͤber 100 Werst entfernt stand, sehr sichtbar da; ich sah deut- lich, wie der obere Jrtisch hineinstroͤmte und westlich un- ter dem Namen des untern Jrtisches seinen Lauf weiter fortsetzt. Der Saißan- See ist von rußischen Biber- und Otterjaͤgern, die noch nicht vor langen Zeiten hier geheimer Weise reiche Beute machten, in 14 Tagen ganz umschifft worden. Seinen ganzen Umfang schaͤtze ich auͤf 300 Werst. Er ist mehr lang als breit, und er- scheint beynahe wie ein halber Mond. Acht Tagereisen nur war ich hier vom Teletzkischen See entfernt, und eben Sievers Briefe eben so weit von der davon noͤrdlich nicht weit entlegenen chinesischen Stadt Chobda. Die Gouvernementsstadt Jrumdschi liegt mehr oͤstlich, in derselben Entfernung. Die Hauptjagd in allen hiesigen Gebirgen bestehet in Hirschen, Elenn, Tiger, Fuͤchsen, Biber, die aber sel- tener werden; Zobel, Baͤren, Woͤlfen u. s. w. Am Noor-Saißan maͤsten sich von den suͤßen Wurzeln der aͤußerst haͤufigen Arund. Calamagrostis ( Kogà ) die wil- den Schweine, die, weil sie Niemand jagt, hier unge- stoͤrt sich ungemein vermehren. Aber uͤber alle Vorstel- lung gehet die Menge von Sterladen, Ossetrinen, Hech- ten, Taimen, und andern Fischen die dieser See ernaͤhrt. Denn hier wird nie gefischt. Daher sind denn auch die Fischereyen im Jrtisch rußischen Antheils so ergiebig. Man zieht nehmlich gewoͤhnlich nur Seile queer uͤber den ganzen Jrtisch, an welchen eine große Menge eiserner Haken ohne allen Koͤder haͤngen, an irgend einem bleibt ein Fisch haͤngen. Hinter dem Sawra oͤstlich soll ein Volcan befindlich seyn, der bestaͤndig raucht und zuwei- len Feuer auswirft. Hier sindet sich natuͤrlicher Sal- miak und Schwefel, auch ist der Boden daherum reich an Salpeter, den die Kirgisen auslaugen und sich so ei- nen Theil ihres Schießpulvers selbst verfertigen, wel- ches sie aber nicht zu koͤrnen verstehen. — Nachdem ich mit dem Anschauen aller mir sich rund umher darbie- tenden, mahlerisch schoͤnen Gegenstaͤnde mit dem innigst- lebhaftesten Gesuͤhl 2 Stunden hingebracht und mich nun abermals voͤllig uͤberzeugt hatte daß solches Anschau- en der goͤttlichen Natur hinreichend alle Muͤhseligkeiten belohnt, aus Sibirien. belohnt, die man auf solchen Reisen ausstehen muß, ver- ließ ich meine Felsen und richtete meine Ruͤckkehr so ein, daß ich zwischen den Schneefeldern noch die Pflanzen untersuchen konnte. Hiebey fand ich denn noch ein schoͤ- nes Ornithogalum das ich altaicum nenne weil es zu kei- nen der uͤbrigen paßt. Zwey tschudische Graͤber auf dem Gipfel dieses hohen Berges setzten mich wirklich iñ Er- staunen, wenn ich bedachte, mit welcher Muͤhe jene gute Leute eine ungeheure Menge abgerissener Felsentruͤmmer zusammengehaͤuft hatten. Gern haͤtte ich diesen hoͤchst wahrscheinlich tschudischen Schamanen, oder Priestern ihr Bett ein wenig umgeruͤhrt, wenn Gehuͤlfe und Ar- beitszeug genug gegenwaͤrtig gewesen waͤren. Es ist eine Gewohnheit bey den asiatischen Nomaden ihre Schama- nen auf die hoͤchsten Berge zu begraben: daher kam ich auch auf die Vermuthung daß hier solche Zauberpriester ruhen muͤßten. Das Thermometer zeigte uͤbrigens 5° W. oben und am Fuß des Berges im schattigen Thal 15° zu Mittage. Jch habe die Ehre u. s. w. Sechszehnter Brief. Vom Ballack-Tschilleck den 6. Aug. Den 2, 3, 4, 5 und 6ten Aug. Ohne uns nun wei- ter aufzuhalten, ritten wir auf einem andern ebenern We- ge wieder nach unserm Zelt zuruͤck. Die vorhin nach Rhabarber ausgesandten Kirgisen waren zuruͤck gekom- men, und brachten mir zwar schoͤne Wurzeln, aber leider O nur Sievers Briefe nur von dem schon mehrmals erwaͤhnten Rheo sibirico. Hiermit war also meine ganze Rhabarber-Reise geen- diget, und nichts mehr uͤbrig, als ins russische Reich wie- der zuruͤck zu kehren. Meine geliebte Ermaka sah ich diesmal nicht, aus was fuͤr Ursachen sie sich verbarg, weiß ich nicht. Vielleicht wollte sie mich dadurch zwin- gen laͤnger zu verweilen; das erlaubten aber dermalen die Umstaͤnde nicht. Auf gegenwaͤrtiger Ruͤckreise hatte ich nochmals Ge- legenheit den Charakter der Kirgisen kennen zu lernen, dessen Erwaͤhnung fuͤr kuͤnftige Reisende noͤthig ist. Un- ter Gottes freyem Himmel uͤbernachteten wir, als es dem Toguͤß, Sohn des Sanduͤcks, meines Begleiters, ei- nem sonst freundlichen, wohlhabenden, verheyratheten Manne, einfiel, aus dem Packe meines Kaufmanns ein Stuͤck Sammet zu stehlen, indem er sich einbildete, wir schliefen recht fest. Dieses war der Fall bey mir, aber nicht bey dem Lehrling: er hoͤrte das Losschnuͤren des Packes und ertappte also den Dieb. Jch erwachte ob dem Laͤrm, und da ich die Ursache erfuhr, sagte ich blos ganz ruhig und gelassen: Freund, dies ist nicht artig! „Ach Herr, antwortete er geschwind, zweifeln Sie nicht an meiner Ehrlichkeit. Sie kennen den leichten Schlaf der Kirgisen ( Chasack ), es kam ein fremder Mann in der Absicht zu stehlen, ich verjagte ihn, und um die Eh- re meiner Landsleute zu retten, wollte ich das herausge- zogene Gut so leise wie moͤglich wieder hinein schieben.“ — Man erinnere sich doch gefaͤlligst hierbey, wie durch eine unrecht angebrachte Hitze der beruͤhmte Seefahrer Cook aus Sibirien. Cook auf der Jnsel O-whyhee sein Leben verlohr. Jch blieb vor wie nach freundlich, und beschenkte den Toguͤß beym Abschiede noch oben drein. Eine Sache, die de- nen bey mir seyenden christlichen Automaten sehr sonder- bar schien, die mich auch deswegen tadelten. Zum Gluͤck hatte ich mehr Menschenkenntniß wie diese. Auch die Kirgisen sind aberglaͤubisch: ich saß am Feuer und briet mir die Zwiebeln vom Allio Saramsak; der alte Sanduͤck, der dieses sah, bat mich instaͤndigst, ich moͤchte das Braten unterlassen; ich fragte, warum? Er antwortete, den Kuͤhen vergienge die Milch davon! Aber folgende Geschichte wird noch mehr beweisen. Am letzten Abend meines hiesigen Aufenthalts hatte ich in der Jurte des Toguͤß das Vergnuͤgen, die Heilmethode ei- nes kirgisischen Doktors zu sehen. Keiner von Aescu- laps Soͤhnen hat wohl eine einfachere und wohlfeilere, wie eben genannter Herr Doktor. Er saß auf einem schoͤnen Woilocke am obersten Platz, das heißt: gerade der Thuͤr gegen uͤber, mit dem Ruͤcken an die Meublen des Wirths gelehnt. Jn der Mitte der Jurte brannte ein hellflammendes Feuer. Er und ein Gehuͤlfe spielten nun zum Anfang auf dem Chowuß oder Fiedel: der Kranken waren drey. Zu der Violinmusik sang der Quacksalber allein, auf eine sonderbare Art, ein Lied, verzog dabey oͤfters das Maul, roͤchelte wie ein sterben- der Ochse, brummte, legte das Ohr zuweilen an den Chowuß, und schrie indem er spielte. Hierbey machte er dann eine so wichtige Amtsmiene, dergleichen ich in mei- nem Leben nie sah. Es ist doch sonderbar, daß auch die O 2 Natur Sievers Briefe Natur dergleichen Leuten eine ihrem Handwerk wahr- haftig angemessene betruͤgerische Physionomie giebt; so oft ich solche Marktschreyer gesehen habe: Englaͤnder, Deutsche, Russen, Franzosen, Jtaliaͤner, Ungarn, Mon- golen, Chinesen, Zigeuner, u. s. w. so fand ich alle ihre Geberden, ihre Redensarten, und die Art ihre Gelehr- samkeit anzupreisen, durchaus so gleichfoͤrmig, wie wenn sie saͤmmtlich bey einem und demselben Lehrmeister Un- terricht genossen haͤtten. Doch wieder auf meinen Mu- sik. Doktor zu kommen: Nachdem er nun etwa eine Viertelstunde mit mancherley Fratzen und Umherschauen sortgespielt und gesungen hatte, so mußte der erste Kranke, ein junger, ziemlich gesund aussehender Bur- sche, vor ihm niederknien. Nun verzerrte er aber, un- ter bestaͤndiger Musik, das Gesicht noch weit aͤrger, grunzte, schrie, spie dem Kranken ins Gesicht, lauschte mit abscheulichen Blicken umher, ob er den Teufel et- wa nicht ankommen saͤhe, beobachtete dann zuweilen auch die Richtung der Feuerflammen, drehte sich auf den Knien herum, mit dem Ruͤcken gegen den Patienten. Endlich nahm er seine erste Stellung wieder, gab dem Kranken ein Zeichen, worauf sich dieser gegen ihn neig- te, und nun schlug er ihn, unter Hersagung von Teu- felsbannerworten, viermal mit der Faust zwischen die Schulterblaͤtter. Hiermit stand der Bursche auf, mach- te dem Doktor einen Buͤckling, und so war er geheilet. Nachdem dieser expedirt war, erholte sich der Feuer- Doktor ein wenig, dann gieng dasselbe Spiel, wie schon erzaͤhlt, von neuem wieder an. Und nun kam die Reihe aus Sibirien. Reihe an des Wirths junge wohl aussehende Frau, die uͤber Kopf- und Knochenschmerzen klagte. Mit dieser giengs eben so, wie mit dem jungen Menschen, sie be- kam von des Doktors schwerer Dreschfaust vier recht herzhafte Schlaͤge; eine europaͤische Dame waͤre wenig- stens dabey in Ohnmacht gefallen. Nach diesem standen sie beyde auf, kehrten dem Feuer den Ruͤcken zu, und indem der Quacksalber seine Violine in beyde Haͤnde nahm und aufhob, sagte er ein langes Gebet her, um den Teusel zu beschwoͤren. Die Wirthin, mit aufgeho- benen, gefaltenen Haͤnden, hoͤrte dem Dinge andaͤchtig zu, und hiermit war ihre Kur geendigt. Den Beschluß machte eine auf der Thuͤrschwelle sitzende schoͤne, wohl- gekleidete, junge Frau, die gleichfalls uͤber fliegende Schmerzen in Fuͤßen und Armen klagte, und welcher schon auf eifriges Begehren des Mannes von dem Lehr- ling vor fuͤnf Tagen zur Ader gelassen war, der dafuͤr eine Ziege pro Sostro erhielt. Diese Kirgisin kam bes- ser weg, wie die vorhergehenden. Dem Feuer-Doktor, der sich die Geschichte der Krankheit erzaͤhlen-ließ, und dann auch das Aderlassen und das Sostrum erfuhr, kam sogleich der Handwerksneid in den Kopf. Er zog also erstlich gegen das Aderlassen und die unnoͤthig weggege- bene Ziege gar heftig los. Das Blutlassen, sagte er, waͤre ganz zur unrechten Zeit angewandt, der Frau sehle ganz etwas anders. Er erklaͤrte sich aber doch weiter nicht, sondern, nachdem er nun seine Galle ausgeschuͤttet hatte, nahm er seine Violine wieder zur Hand, und be- gann seine Zeremonien. Die schoͤne Patientin mußte O 3 nun Sievers Briefe nun aufstehen — aber sie kam nicht, wie die andern, zum Doktor, sondern blieb da stehen, wo sie gesessen hatte. Der musikalische Aesculap sah ihr eine Weile scharf ins Gesicht, wobey das Weib außerordentlich erroͤthete, dann zaͤhlte er stillschweigend etwas an den Fingern her, sah ins Feuer, hieß die Frau wieder niedersitzen, sann ein wenig nach, fieng abermals an zu geigen, ließ die Frau von neuem aufstehen, wiederholte seine Feuer-, Finger-, Singe- und Brumm-Zeremonien, worauf sich die Frau niedersetzte, und nun wußte der weise Mann genau was ihr fehlte, ohnerachtet er wenigstens 14 Fuß von ihr entfernt stand. Der Ehemann dieser Kranken, der ein reicher Kautz war, sollte bey dieser Gelegenheit gezwickt werden; deswegen verheelte der Arzt wohl weißlich die Ursache der Krankheit, um den Mann zu reichen Ge- schenken zu bewegen. Aber ich weiß nicht wie es kam, dieser wollte von alle dem nichts wissen, und es blieb der- malen wie es war. Um Mitternacht gieng die Gesell- schaft aus einander. Am darauf folgenden Morgen er- hob sich zwischen dem Steppen-Doktor und dem Toguͤß ein schrecklicher Streit; ersterer, der bey seinen mangeln- den Vorderzaͤhnen, in der heftigsten Wuth die sonder- barste Figur schnitt, forderte die Bezahlung fuͤr eine wichtige Kur, die er vor 2 Jahren an der jetzt noch le- benden Frau des Toguͤß verrichtet hatte. Sie lag da- mals ein ganzes Jahr wie wahnsinnig, und war dem Tode nahe; man rief also diesen Gesundmacher. Er kam, der Wundermann blieb 2 Tage, und die Frau wurde gesund!!! seine Forderungen beliefen sich an ver- schie- aus Sibirien. schiedenen Sachen etwa auf 40 Rubel. Der Toguͤß wollte sich nur zur Haͤlfte verstehen, und dies war die Ursache des Streits. Mein Kallmuͤck endigte ihn zu beyderseitiger Zufriedenheit. Siebzehnter Brief. Festung Ustkammenogorsk den 20. Aug. 93. Den siebenten Aug. nahmen wir dann endlich von unsern braven Wirthen Abschied, ein anderer Sohn des Sanduͤcks, Namens Konguͤß, der eine außerordentli- che Liebe zu mir gefaßt hatte, begleitete mich beynahe 6 Werste. Ueberdem hatte sich meine Gesellschaft um vier Mann vermehrt, die mit Pelzwerk vom Galdschir- wasch hergekommen waren, und ebenfalls nach Ustkam- menogorsk giengen. Einer davon, Chonoi Tschu- waschkina genannt, gewann mein ganzes Zutrauen beynahe in der ersten Stunde. Waͤhrend der ganzen Ruͤckreise gab er mir viele Beweise seines redlichen, bie- dern Charakters. Nach einem Ritt von 10 Wersten pas- sirten wir mit einiger Gefahr den breiten, schnellfließen- den, steinigen Kurtschum, und nun blieb uns dieser Fluß bestaͤndig zur Linken. Jn seinem dichten Walde von Populus nigra, womit seine beyden Ufer reichlich ver- sehen sind, war eine Menge der schoͤnsten Hindbeeren, Brombeeren, und die Fruͤchte von Prunus Padus. — Waͤhrend meiner Reise zum Sarratau hatte ich den Feh- ler begangen, daß ich bey großer Hitze viel von den sau- ren Kaͤsen ( Churt ) genoß, und dann kalt Wasser darauf O 4 trank; Sievers Briefe trank; die Folge hiervon war eine Verstopfung, welche schon drey Tage angehalten hatte, die ich aber sogleich nicht achtete, bis da ich wieder reiten mußte. Nunmehr begannen die heftigsten Koliken, wovon mir oͤfters so zu- gesetzt wurde, daß ich einer Ohnmacht nahe war; oft mußte ich vom Pferde herunter und im Grase ausruhen. Froh war ich, wenn wir das Mittags- und Nachtlager erreichten. Diese Schmerzen hielten noch drey Tage mit der groͤßten Wuth an, wobey ich keine Minute schlafen konnte, bis wir schon den Jrtisch uͤbergeschwommen hat- ten, wo ich auf der andern Seite die Wollost Achne- men traf, in der ich mir mit dem heilsamen Kuͤmuͤß und einer vierzehnstuͤndigen Ruhe voͤllig wieder half. Der ploͤtzliche Uebergang von Todesangst zur schleunig- sten Besserung verursachte, daß ich meinen Empfindun- gen nicht glaubte, aber auch den Kuͤmuͤß beynahe anbe- tete, wie etwas goͤttliches. Die fuͤrchterliche Menge waͤh- rend drey Stunden abgehender Blaͤhungen ist unglaub- lich, und ich mußte mich uͤber die ungeheure Staͤrke mei- ner Gedaͤrme wundern. Um wieder auf russischen Bo- den zu kommen, mußten wir die vorhin erwaͤhnte chine- sische Graͤnzwache Kostuͤboͤ ganz dicht vorbey passiren. Damit dieses nun desto sicherer geschaͤhe, waͤhlten wir die Nacht dazu, die des hellen Mondscheins wegen außer- ordentlich angenehm war. Als wir nahe an den fisch- reichen See Ballack-Kuͤll ins hohe Schilf kamen, wurden wir von einer unsaͤglichen Menge Muͤcken ange- fallen. Ein voller Gallop rettete uns von dieser Plage, mit welchem wir denn auch gluͤcklich die Wache vorbey wisch- aus Sibirien. wischten. Den zweystuͤndigen Rest der Nacht brachten wir in einer Huͤtte zu, und fanden uns beym Erwachen mit den schoͤnsten Waitzen- und Hirsenfeldern umgeben, zu deren Bewachung die Kirgisen die Huͤtte erbauet hat- ten, sahen aber uͤbrigens weder Jurten noch Menschen. Jndem wir uns von diesen entfernten und uns dem in den Jrtisch fallenden Fluͤßchen Chainda naͤherten, sah ich eine so große Menge tschudischer Graͤber, worunter viele so hoch wie Berge aufgethuͤrmt und mit maͤchtigen Pfeilern geziert waren, daß ich beynahe glaube, hier habe eine der Hauptstaͤdte der unbekannten Nation ge- standen, um so mehr, da ich noch ohnweit davon eine Reihe etwa 100 Ellen von einander stehender steinerner Pfeiler, die auf der Steppe eingegraben waren, sah, uͤber deren Ursprung mir meine Kirgisen keine weitere Nachricht geben konnten. Alle Kirgisen auf chinesischem Grund und Boden bezahlen ein Pferd vom 100 Tribut. Aber dieser Tri- but kommt dem chinesischen Kayser theuer zu stehen; denn die Tributeinnehmer muͤssen allemal viel Geschen- ke mitbringen. Hierdurch werden die Kirgisen angelockt zu bleiben, und der chinesische Kayser kann sich dann ruͤhmen, er beherrsche auch die Kirgisen. Den 11ten Aug. Bis jetzt hatten wir beynahe ebe- nen Weg gehabt. Aber nun befanden wir uns ohnge- faͤhr in der Gegend, wo der Narymfluß auf der entge- gengesetzten Seite in den Jrtisch faͤllt, wo ein kahles hohes Schiefergebirge, fuͤr etwa 80 Werste, unsern Pferden mehr zu schaffen machte. Wir uͤberstiegen diese O 5 Berge Sievers Briefe Berge in den Gegenden, wo der Dschar-Gurban, der Bekun, der Aktaß, der Bellkudack und der Ablaket ihre Urspruͤnge haben, davon wir die drey letz- ten verschiedenemale durchreiten mußten. Der Aktaß hat seinen Namen von einer ungeheuren weissen steilen Felsenwand, die aus lauter grauem Kalkstein mit hin und wieder aufgesintertem Tuff, zelligem Quarzgeschiebe und Eisenglimmer besteht. Denn Ak heißt weiß, und Taß ein Stein. Jn Ruͤcksicht der Pflanzen, so wie der ganzen Gegend uͤberhaupt, war hier allenthalben die vollkommenste Uebereinstimmung mit denen von Ustkam- menogorsk nach dem Buchtorma zu wachsenden Arten. Den 12ten Aug. Am Fluͤßchen Ssuͤn-Taß, 40 Werste von den nunmehro bis auf den Grund ruinirten Ablaketischen Gebaͤuden (Siehe Pall. Reise II. Th. Pl. XII. ), nahe bey einem vornehmen, aus den mit vieler Muͤhe von jenen Gebaͤuden herbey geschlepp- ten, ungemein großen, sehr harten, klingenden, blaͤuli- chen Ziegeln aufgefuͤhrten kirgisischen Mausoleo, hatten wir das letzte Mittagsessen, wobey ich noch Gelegen- heit hatte die Stengel des hier herum haͤufig wachsenden Cnicus esculentus (mongolisch Goͤgoͤßoͤ ) gekocht und in Asche gebraten zu versuchen und mich zu versichern, daß wenn dies Gewaͤchs gehoͤrig cultivirt wuͤrde, es am Ge- schmack denen Artischocken an die Seite gesetzt werden koͤnnte. Eben genannte Stengel werden haͤufig von den Kirgisen roh genossen und Tuͤe-Tawan (Kameelfuß) genannt. Noch hatten wir eine regnige Nacht am Fluͤß- chen Beschokoͤ auszuhalten, worauf des Morgens am 13. aus Sibirien. 13. August ein dicker Nebel und dann das vortreflichste Wetter folgte. Ein mit Felderbsen besaͤetes großes Feld, worauf die schoͤne Saponaria Vaccaria prangte, verur- sachte uns durch die wohlschmeckenden Schoten noch ei- nen halbstuͤndigen Aufenthalt. Bey diesem Schmause hatten uns vielleicht einige auf den Hoͤhen stehende wach- habende Kirgisen wahrgenommen, und uns vielleicht fuͤr Raͤuber angesehen. Denn kaum waren wir wieder zu Pferde, als eine ganze Armee mit Keulen, und Piken, Beilen und Saͤbeln auf uns loßsprengte; aber auch kaum erkannten sie mich und meine Fuͤhrer, als sie in ein Ge- laͤchter ausbrachen und uns nun als Freunde im Tri- umph in die Jtilekiretzki sche Wollost einfuͤhrten, wo uns der gute, brave ehemalige Wegweiser Chaial eine Strecke entgegenritt und mich in seiner Jurte mit Essen, Trinken, Betten und allen moͤglichen Bequemlichkeiten versorgte. Nur 20 Werst war ich noch von Ustkameno- gorsk entfernt, aber ich blieb einen ganzen Tag hier stille liegen, um zum Beschluß noch einige allgemeine Bemer- kungen uͤber die Kirgisen niederschreiben zu koͤnnen. Der Kirgis ( Chosack ) uͤberlaͤßt sich so, wie das wilde Thier, was mit ihm auf einer Steppe lebt, sei- nem natuͤrlichen Jnstinkt. Rousseau, duͤnkt mich, ta- delt den Hobbes mit Recht, wo er sagt, der Mensch sey von Natur unerschrocken und sein Dichten und Trachten gienge nur dahinaus um anzugreifen, zu streiten und zu pruͤgeln. Dies faͤllt wenigstens bey den Kirgisen weg. Wie alle Wilden, so ist der Kirgise auch zu Diebereyen geneigt; wie ein Kind will er alles besitzen was er sieht. Reiche Sievers Briefe Reiche Heerden besonders haͤlt er fuͤr seine groͤßte Gluͤck- seeligkeit, und sie sind es. Diese zu erwerben, geht er auf Raͤubereyen aus, diese zu beschuͤtzen, versammlet er sie jeden Abend um seine Jurte her und sobald es sinster wird nimmt er seine Pike und reitet, abwechselnd mit Andern, die ganze Nacht um dieselbe herum, seine Hun- de begleiten ihn im Schreyen und Rufen, um die Woͤlfe zu verjagen, denen es dem allen ohngeachtet zuweilen ge- lingt ein Schaaf wegzuschleppen. Der Kirgise will durchaus, so wie das Steppenthier, im vollen Sinn des Worts frey seyn, mit seinen Sultanen ( Toͤrroͤ ) macht er wenig Komplimente, er setzt sich neben sie und raucht seine Pfeife Toback. Bekommt jener ein Geschenk, so begehrt er sein Theil davon und reißt es ihm auch wohl aus der Hand, wenn er zaudert mit ihm zu theilen. Der Kirgise gleicht dem alten Squeir Western in Fiel- dings Tom Jones. Die Leidenschaft, die eben die Oberhand hat, regiert mit voller Wuth. Er ist in der einen Stunde wild wie ein Vieh und in der andern guͤ- tig und der beste Freund. Grade nun mit solchen Leu- ten ists, deucht mir am besten umzugehen. Einen Kir- gisen so zu gewinnen, daß er sogar in den groͤßten Ge- fahren uns nicht verlasse, ist die leichteste Sache von der Welt. Man mache ihm kleine Geschenke, begegne ihm mit Freundlichkeit und Menschlichkeit und er wird einen treuern Diener abgeben, wie die mehrsten Christen. Jch kenne alle Nomaden in Asien, aber nur erst bey den Kir- gisen konnte ich Rousseau’s Discours sur l’origine et le s fondemens de l’inegalité parmi les Hommes verstehen und aus Sibirien. und mußte gestehen daß Rousseau Recht hat. Wenn ich als ein Fremder in eine kirgisische Jurte komme, so kann ich sie ansehen, als die Meinige. Jch nehme ohne wei- tere Umstaͤnde den Platz ein, der mir gefaͤllt. Nun ziehe ich meine Tobackspfeife heraus, fange an zu rauchen, gebe dem Wirthe fuͤr weniger als eines Pfennigs werth des schlechtesten Tobacks, rauche mit ihm und sogleich bin ich in den Augen des Kirgisen der beste Mensch in der Welt. Er wird es nicht zugeben daß mir das ge- ringste Leid geschehe. Sein Kuͤmuͤß ist auch der meinige. Seiner Frau schenke ich ein Paar Naͤhnadeln und einen elenden Fingerhut; und nun kann ich von meiner Mut- ter nicht mehr Liebe fordern, als mir diese Frau giebt. Will ich ein Schaaf schlachten, so gebe ich einen Spie- gel, der mir 40 Kopeek kostet, oder ein Paar Barbier- messer, wovon das Stuͤck 15 Kop. kostet. Fuͤr das Fell giebt mir der rußische Kaufmann wiederum 20 Kop. Jst das Fleisch gekocht, so setze ich mich mit dem Kirgi- sen nieder und esse nach Landes Gewohnheit ohne Loͤffel und Gabel. Nun bin ich gewiß daß mein Ruhm auf 100 Werst vor mich her geht, allenthalben nennt man mich Sultan ( Toͤrroͤ ) oder Befehlshaber ( Baschlick ) und faßt mich unter die Arme, wenn ich zu Pferde stei- gen will. Alles dieses thut der Kirgise, der unter die allerwildesten Raͤuber in der Welt gehoͤrt. Jn den Laͤn- dern wo unaufhoͤrlich das Evangelium gepredigt wird, findet man weniger Menschlichkeit wie in den Laͤndern wo dies Evangelium unter die unbekannten Dinge ge- hoͤrt. Wer in großen volkreichen Staͤdten gewohnt hat wird Sievers Briefe wird mir Recht geben. Manche edle Zuͤge sah ich waͤh- rend meines kurzen Aufenthalts unter den Kirgisen. Oef- ters sah ich, daß sie, wenn sie bey dem Grabe eines Freundes oder Anverwandten vorbeyritten, abstiegen und am Grabe niederkniend, lange mit Beten zubringen. Man nehme sich vor den Kirgisen in Acht, rief man mir vor der Abreise bestaͤndig zu! ich wußte aber damals die Ursachen schon, woher es koͤmmt daß sich diese Steppenbewohner oͤfters in einem nicht vortheilhaften Lichte zeigen muͤssen, diese Ursachen konnte ich aus dem Wege raͤumen und jeder kanns der nur ein Menschen- freund ist, und so fiel auch alle Furcht bey mir weg. Eine Vorstellung der Filzhuͤtten meiner Kirgisen von der mittlern Horde, der Kleidertracht, wodurch sich die Maͤdchen von den Weibern unterscheiden, so wie auch der maͤnnlichen, und ihres Gesichtskarakters, wird die beygefuͤgte, wohlgerathne Zeichnung geben: auf welcher zugleich ihre Weise, die groͤßten Raͤuber und Moͤrder mit der Todesstrafe zu belegen, wenn ihnen solche, von einem Gericht ihrer Aeltesten zuerkannt wird, vorgestellt ist. Ehebrecher und Verfuͤhrer werden, mit der ver- fuͤhrten Person, theils gesteiniget, theils von Felsen ge- stuͤrzt, theils gebunden ins Wasser geworfen ꝛc. Achtzehnter Brief. Kiachta d. 1. May 1794. Da bin ich auf einmal wieder an der chinesischen Graͤnze! Wird Jhnen nicht schwindlich solche Zuͤge mit mir zu machen? — Ein Gluͤck fuͤr Sie, daß Sie da im aus Sibirien. im Schlafrock zu Hause bey einer Tasse Kaffee vielleicht und im Lehnstuhle sitzen. — Jndessen halten Sie sich fest, kommen Sie geschwind noch einmal wieder nach Ust-Kammenogorsk zuruͤck, denn ich bin noch nicht uͤber den Jrtisch, und hiebey moͤchte ich mir wohl Jhre Ge- sellschaft ausbitten. Den 14. Aug. 93. Heute bey recht schoͤnem Wet- ter setzte ich mich mit meinem Chaial und uͤbrigen Be- gleitern zu Pferde und eilten dem Jrtisch zu. Mit wel- chem Vergnuͤgen sah ich auf dem letzten Huͤgel nun die Festung Ustkammenogorsk vor mir liegen. Fluͤgel wuͤnschte ich mir, um in die Umarmungen meiner dasigen hoͤchst verehrungswuͤrdigen Wohlthaͤter fliegen zu koͤnnen. Aber leider wurde ich noch zur Erfuͤllung des Sprich- worts gezwungen — Festina lente! Ehe die Boote her- beygeschaft wurden, und ehe alle Equipage uͤbergeschifft werden konnte, giengen 4 Stunden vorbey, und es war Nacht als ich mich in dem Zirkel der besten Freunde be- fand. Eine ganze Woche genoß ich mein Leben aufs beste, auch wiederum einmal nach europaͤischer Art. Aber hiermit hatte mein Gluͤck noch kein Ende. Jn Barnaul harrete meiner alles was das menschliche Leben nur freu- diges genießen kann. Jch stieg hier den 28. August aus meinem Wagen. Vergeblich unternehme ichs die gnaͤ- dige, herablassende, aͤußerst freundschaftliche Aufnahme mit gebuͤhrendem Lobe zu beschreiben, die ich bey Sr. Excellenz dem Hrn. Artillerie-General-Lieutenant, Gouverneur des Kolywanischen Gouvernements und Rit- ters von Meller, bey Sr. Excell. dem Hrn. wirklichen P Staats- Sievers Briefe Staatsrath und Befehlshabers der kolywanischen Berg- werke und Ritter Katschka, bey dem Hrn, Vice-Gou- verneur und Ritter Aschwerdoff, einem Maune der seiner ausgebreiteten Kenntniß aller gelehrten europaͤi- schen Sprachen, der großen Laͤnderkunde und uͤbrigen vielen Wissenschaften wegen, die groͤßte Ehrfurcht ver- dient, und vieler anderen hiesigen vortrefflichen Maͤnner zu genießen das Gluͤck hatte. Gestehen mußte ich doch am Ende daß es fuͤr einen Europaͤer unter Europaͤern noch immer am behaglichsten ist. Koͤmmt ihm einmal die Langeweile an: Ey nun so laͤust er eine Zeit lang zu den Nomaden und alle Langeweile entflieht! — Variatio delectat. Aus Kiachta also wuͤnsche ich Jhnen allen, liebe Lehrer und Freunde! viel Gluͤck zum 1794. Jahr. Hier will ich Jhnen den Prodromum Florae sibiricae ausar- beiten und jetzt diese Briefe mit einigen Nachrichten von der wahren Rhabarber schließen. Jch empfange nunmehro von den Rhabarberbucharen ebengenannte me- dizinische Wurzel zu 1000 Pudweise. Meine Reisen sowohl, wie die Bekanntschaft mit jenen Bucharen, ha- ben mich uͤberzeugt, daß bis jetzt noch Niemand, außer trocknen Wurzeln, das wahre Gewaͤchs der Rhabarber gesehen hat. Alles, was in den Nachrichten der Jesuiten daruͤber steht, ist jaͤmmerliches verworrenes Zeug; alle Saamen, die jemals unter dem Namen aͤchter Rhabar- ber erhalten worden, sind salsch; alle Plantagen, von der des Ritters Murray an gerechnet, bis auf den letzten Topf, den sich vielleicht ein Privatmann mit einer Pflan- ze aus Sibirien. ze halten mag, werden niemals den aͤchten Rhabarber her- vorbringen. Bis auf weitere Entscheidung erklaͤre ich hie- mit alle Beschreibungen in allen materiis medicis fuͤr un- richtig. Was den Geburtsort anbetrifft, so ist dieser so ziem- lich richtig angemerkt. Alle kaͤufliche Rhabarber kommt vermittelst der etwa vor 80 Jahren in die chinesische Ge- fangenschaft gerathenen Bucharen aus der chinesischen Stadt Sinin oder Selin, die mit den beyden ihr nahe gelegenen Staͤdten Kantscheu und Sotscheu, im Gouvernement Schensi zwischen dem 35 und 40° N. Breite, liegen. Die Rhabarber selbst wird in den da her- um gelegenen Gebirgen an Koko-Noor und gegen den Ursprung des großen Flusses Chon-cho oder Chong-Choang durch Bauern, arme Leute, oder wer dazu Lust hat, gegraben, und, nachdem sie von der Erde gereiniget, in Stuͤcken geschnitten und mit der Rinde un- ter Schoppen auf Bindfaden gezogen, und so, ohne daß selbige die Sonne treffen kann, ausgetrocknet, wobey bis zur hernachmaligen gaͤnzlichen Reinigung ein ganzes Jahr hingeht. Alsdann erst kann sie verfuͤhrt werden. Es hat seine Richtigkeit, wenn die Jesuiten sagen, daß sich auch die nunmehro armseligen Sifan oder Tu-fan mit dem Einsammeln der Rhabarber beschaͤftigen. Die- se holen selbige auch aus der Provinz Se-tschuen von den Gebirgen, wo der Fluß Ya-long und Yantse- kiang entspringt und fließt. Uebrigens sind alle diese Leute keine Narren und theilen den Europaͤern Saamen von einer Pflanze mit, wodurch sie sich Reichthuͤmer er- werben. Jn der chinesischen Sprache wird selbige. Tai- P 2 chong, Sievers Briefe aus Sibirien. chong, in der tangutischen Dschumsa, in der bucha- schen Sarra jagasch, in der kirgisischen Scharra- gasch, in der mongolischen aber Scharra moddon genannt; die letztern drey Namen wollen so viel sagen als Gelbholz. Sie soll nicht hoch wachsen und runde Blaͤtter haben, die am Rande mit beynahe stechenden Spitzchen gezaͤhnt sind. Thibet ist gleichfalls reich an dieser medicinischen Wurzel; es scheint mir aber wahr- scheinlich, daß eben genanntes Land nur das Rheum pal- matum hervorbringt; so viel erhellet wenigstens aus der letztern kurzen Reisebeschreibung eines gewissen Wund- arztes, Saunders, welche meine Leser in den Philo- sophical Transactions fuͤr 1789. Vol. 79. nachschlagen koͤnnen; wann nicht vielleicht H. Saunders, ohne ein Augenzeuge gewesen zu seyn, dieses R. palmatum als die wahre Rhabarber nennt. Was uͤbrigens die Rhabarber-Brakerey in Kiachta, mit der ich mich beschaͤfftige, anbetrifft, so ist dieselbe hinlaͤnglich in des seligen Ritter Murray’s Apparatu Medicaminum beschrieben. Jch halte es also fuͤr uͤber- fluͤßig, hier ein mehreres daruͤber zu erwaͤhnen. Jch setze nur dieses hinzu, daß ich die Reinigung der angefuͤhr- ten Rhabarber mit geringerem Abfall und Verlust, als sonst geschah, habe besorgen koͤnnen. Vielleicht ruͤhrte dies daher, weil die Bucharen jetzt bessere Waare zu bringen pflegen. Kuͤnftig das Weitere. Jch habe die Ehre zu seyn ꝛc.