Propaͤdeutik zum Studium der gesammten Heilkunst. Ein Leitfaden akademischer Vorlesungen, entworfen von D. K. F. Burdach, Privatlehrer an der Universitaͤt zu Leipzig . Leipzig, bey Breitkopf und Haͤrtel 1800 . Dem Hochgebohrnen Herrn Moritz, Grafen von Fries als ein Zeichen seiner Verehrung gewidmet von dem Verfasser . Vorrede . D as Handbuch, welches dem Publikum hier mitge- theilt wird, fand seinen Ursprung auf demselben Wege, welchem wir die Bekanntmachung der meisten Handbuͤ- cher verdanken. Nirgends fand ich einen schicklichen Leit- faden meiner propaͤdeutischen Vorlesungen, welcher den Kenntnissen des Zeitalters gemaͤß, haͤtte genuͤgen koͤn- nen, den kuͤnftigen Arzt mit seinem Zwecke und den hier- zu erforderlichen Mitteln hinreichend bekannt zu machen. Ich mußte deshalb einen eigenen Plan zu jenen Vorlesun- gen entwerfen, und nach Ausfuͤhrung desselben, glaubte ich, durch seine oͤffentliche Bekanntmachung eine Luͤcke unserer Literatur auszufuͤllen. — Daß diese Luͤcke wuͤrk- lich vorhanden ist, kann nicht bezweifelt werden; — daß sie durch dieses Handbuch ausgefuͤllt werden moͤchte, war mein Wunsch bey dessen Abfassung; — daß sie aus- gefuͤllt ist, damit schmeichle ich mir in diesem Augenblicke, so wie jeder Schriftsteller, wenn er seinem Werke den )( 3 Ge- Vorrede . Geleitsbrief ertheilt; — ob ich mich aber hierinne irre, daruͤber wird mich das Urtheil der Kenner belehren. Die Kritik der Heilkunst fand ich zwar noch nirgends fuͤr angehende Aerzte, also kurz, huͤndig, leicht und auch ohne naͤhere Sachkenntnisse verstaͤndlich, bearbeitet, jedoch hatte ich hier zum Theil Maͤnner, wie Erhard, Nose ꝛc. zu Vorgaͤngern, und es kam darauf an, theils die Resultate dieser Untersuchungen, geordnet, von der Schulsprache soviel, als moͤglich, entkleidet und popu- larisirt, vorzutragen, theils dieselben zu einem Ganzen zu verknuͤpfen, in welcher Verbindung sie sich noch nicht vorfinden. In der Encyklopaͤdie mußte ich mir einen eigenen Weg bahnen, denn die meisten ihrer bisherigen Bearbei- tungen scheinen ihren Zweck nicht vollkommen zu errei- chen, da sie die Organisation der Wissenschaften, d. h. den Einfluß eines jeden Theils auf das Ganze, und des Ganzen auf das Einzelne, zu wenig erlaͤutern. Ich folgte also meinem eigenen Entwurfe, dessen Princip in den Graͤnzen unsres Erkenntnißvermoͤgens der Natur uͤberhaupt, und der menschlichen Natur insbesondere be- gruͤndet ist. Eben dadurch habe ich nun die Lehre von der Bil- dung des Arztes vorbereitet; denn das Hauptgeschaͤft aller Methodologie beruht doch nur darauf, daß sie eine zweckmaͤßige Ansicht der Wissenschaften, nach ihrem In- halte, Vorrede . halte, Zwecke, ihren Quellen und Huͤlfsmitteln liefert, vermoͤge welcher man ihren Zusammenhang, ihre Fol- ge ꝛc. zu beurtheilen vermag. Uebrigens war auch hier moͤglichste Vollstaͤndigkeit in wesentlichen Stuͤcken, Deut- lichkeit und Triftigkeit der Bestimmungsgruͤnde, mein vorzuͤglichster Zweck. Bey der Lehre von der wissenschaftlichen Bildung mache ich den angehenden Arzt mit der auserlesenen Lite- ratur einer jeden Wissenschaft bekannt; ich nenne daher zuerst ein zweckmaͤßiges Handbuch, dessen er sich bey dem ersten Studium bedienen kann; sodann das klassische Werk, welches der Wissenschaft in ihrem gegenwaͤrtigen Zustande, gleichsam als Codex dient, und fuͤge hier und da noch die Anzeige einiger andern Werke hinzu, welche eine bestimmte Nebenruͤcksicht haben, und deren Kennt- niß dem Anfaͤnger nuͤtzlich werden kann. Den Grundsaͤtzen der praktischen Bildung lasse ich eine Uebersicht der vorzuͤglichsten klinischen Institute Eu- ropens folgen, nebst einer Anzeige der Schriften, in welchen man von jeder Anstalt naͤhere Nachrichten er- haͤlt. Diese Uebersicht ist ebenfalls ein bis jetzt noch unbe- friedigtes Beduͤrfniß, und da ich hier meinem Zwecke ge- maͤß, mich sehr einschraͤnken mußte, bin ich gesonnen, in Kurzem eine eigene, weitlaͤuftigere, und mehr belehren- de Darstellung dieser Institute zu liefern, worinne mich mehrere meiner auswaͤrtigen Goͤnner und Freunde durch )( 4 die Vorrede . die befriedigendsten Nachrichten guͤtigst zu unterstuͤtzen versprochen haben. Mein einziges Bestreben bey Abfassung dieses Hand- buchs war, es zu propaͤdeutischen Vorlesungen so taug- lich als moͤglich zu machen; habe ich diesen Zweck in et- was erreicht, so bleibt mir nichts zu wuͤnichen uͤbrig, als daß es, zu diesem Behufe angewendet, auf Bildung aͤchter Aerzte, und dadurch auf Vervollkommung unsrer Kunst, den wohlrhaͤtigsten Einfluß haben moͤge. Leipzig , im November 1800. Burdach . In- Propaͤdeutik zum Studium der gesammten Heilkunst . Ein Leitfaden akademischer Vorlesungen . Inhaltsanzeige . Einleitung § 1 I. Die Heilkunst 21 1 ter Theil. Kritik der Heilkunst 22 1 tes Kapitel, Beduͤrfniß der Heilk. 23 2 — Begriff der Heilk. 34 3 — Gegenstand der Heilk. 45 4 — Quellen der Heilk. 55 5 — Gewißheit der Heilk. 83 6 — Schwierigkeiten der Heilk. 93 7 — Graͤnzen der Heilk. 103 8 — Behandlungsart der Heilk. 111 2 ter Theil. Encyklopaͤdie der Heilkunst 136 1te Klasse. Grundwissenschaften 154 1te Abtheil. Enfernte Grundwissensch. 155 1tes Kap. Naturgeschichte 157 2 — Chemie 171 3 — Physik 183 2. Naͤhere Grundwissensch. 193 1tes Hauptst. Kenntniß der Erscheinungen am Men- schen uͤberhaupt und der Gesundheit insonderheit 194 1ter Ab- Inhalt . 1ter Abschn. Form des menschl. Koͤrpers § 196 1tes Kap. Anatomie 197 2 — Naturgesch. d. Menschen 213 2 — Mischung d. menschl. Koͤrpers. 215 3 — Erschein. (im engern Sinne) 220 1tes Kap. Physiologie 221 Physiolog. Semiotik 240 2 — Psychologie 245 Anthropologie 257 Psycholog. Semiotik 261 Physiognomik 263 2tes Hauptst. Kenntniß der Krankh. des Menschen 1ter Abschn. Allgem. Krankheitslehre 265 1. Pathogenie 268 2. Symptomatologie 273 3. Aetiologie 275 2 — Besondre Krankheitslehre 279 1tes Kap. Pathol. Anatomie 280 2 — — Authropochemie 286 3 — Nosologie 291 Systematik 295 Diagnostik 301 Prognostik 302 Semiotik 303 3tes Hauptst. Kenntniß der Heilkraͤfte 307 1ter Abschn. Lehre v. d. mech. Heilkraͤften 322 2 — Chemische Heilkraͤfte 331 3 — Thierische Heilkraͤfte 340 1tes Kap. Arzneymittellehre der aͤußern Natur 346 1. Arzneykoͤrperlehre 348 Pharmacie 353 Formulare Inhalt . Formulare § 355 2. Arzneykraͤftelehre 357 2tes Kap. der innern Natur 359 4ter Abschn. Geistige Heilkraͤfte 362 2te Klasse. Hauptwissenschaften 367 1te Abtheil. Entfernte Hauptwissenschaften 368 1tes Kap. Allgem. Arzneykunft 374 2 — — Handarzneyk. 377 3 — — Entbindungsk. 381 2 — Naͤhere Hauptwissenschaften 383 1tes Kap. Besondre Arzneykunst 388 2 — — Handarzneyk. 398 3 — — Entbindungsk. 413 3 — Vervollkommungswissenschaften 417 1tes Kap. Literatur der Heilkunst 418 2 — Geschichte der Heilk. 424 3 — Medicinische Geographie 429 4 — Nebenwissenschaften 433 1te Abtheil. Volksarzneykunde 435 1tes Kap. Popul. Naturlehre des Menschen 436 2 — Diaͤtetik 439 3 — Popul. Krankheitslehre des Menschen 443 2te Abtheil. Staatsarzneykunde 446 1tes Kap. Medicin. Polizey 447 2 — Gerichtl. Medicin 450 3 — Hebammenkunst 453 II. Der Inhalt . II. Der Arzt . 1ter Theil. Der Stand des Arztes § 456 2 — Bedingungen bey der Wahl dieses Stan- des 482 3 — Bildung des Arztes 501 1te Abtheil. Geistige Bildung 502 2 — Koͤrperliche Bild. 522 3 — Menschliche Bild. 529 4 — Wissenschaftliche Bild. 555 1tes Hauptst. Allgem. Methodo- logie der Heilk. 558 2 — Besondre Methodo- logie der Heilk. 580 1ter Abschn. Vorberei- tungsstudium 580 2 — Huͤlfsstudinm 593 3 — Studium der Heilkunst 630 5 — Praktische Bildung 729 Uebersicht der vorzuͤglichsten klinischen Institute. 784 Einleitung. Einleitung . § 1. D ie Propaͤdeutik zum Studium der Heilkunst traͤgt alle die Kenntnisse vor, welche ihrem Wesen nach dazu bestimmt sind, dem Unterrichte in der Heilkunst selbst voranzuge- hen, (πϱὸ τῆς παιδιίσεως) und sie unterscheidet sich hierdurch von den Vorbereitungs- und Huͤlfswissenschaften der Heil- kunst, welche ihrem Wesen nach fuͤr sich selbst bestehen, ihren eignen, durch sie selbst bestimmten Zweck haben, und nur durch gewisse Ruͤcksichten einem hoͤhern Zwecke unter- geordnet werden *). Ludwig methodus doctrinae medicae universae. Lips. 766. 8. § 2. Sie belehrt also den kuͤnftigen Arzt uͤber den eigentlichen Zweck, dessen Erreichung er zum Gegenstande seines Stu- diums erwaͤhlt hat, und entwickelt denselben theils fuͤr sich, A und Einleitung. und im Allgemeinen (objectiv), theils in wiefern er durch Individuen realisirt wird (subjectiv). Sie zerfaͤllt demnach in zwey Abtheilungen, deren die eine die Heilkunst, die andere den Arzt darstellt. § 3. I. Sie entwickelt zuerst den Begriff der Heilkunst, und fuͤhrt dadurch, daß sie das Wesen, den Zweck, die Quellen und Mittel derselben erlaͤutert, auf den Stand- punct, von wo aus ein gehoͤrig begruͤndetes Urtheil theils uͤber ihren wissenschaftlichen Werth, ihre Gewißheit und ihren Nutzen, theils uͤber die Mittel, sie zu erlernen und auszuuͤben, gefaͤllt werden kann. Dies ist die Kritik der Heilkunst . § 4. Sodann liefert sie die Encyklopaͤdie der Heil- kunst , indem sie einen Umriß der Kenntnisse entwirft, welche dieselbe begruͤnden. Sie stellt diese Kenntnisse als ein wissenschaftliches Gebaͤude dar, und zeigt, wie die einzelnen Theile zum zweckmaͤßigen Ganzen vereinigt sind; sie entwickelt den Inhalt und die Quellen jeder hierher gehoͤ- rigen Wissenschaft, ihren Zusammenhang mit den uͤbrigen, und ihren Einfluß auf das Ganze. § 5. II. Sie ertheilt hierauf Belehrung uͤberdie Mittel, die Heilkunst durch sein Individuum zu realisiren, oder uͤber den Weg, auf welchem man Arzt wird, oder sich zu dem- selben bildet. § 6. Einleitung. § 6. Es werden also die Bedingungen vorausgeschickt, welche in demjenigen schon erfuͤllt seyn muͤssen, welcher sich zum Arzte bilden will. § 7. Sie schildert hierauf die Eigenschaften, welche der Arzt, als denkendes Wesen besitzen muß, und ertheilt ge- hoͤrigen Rath uͤber die Huͤlfsmittel, diese Eigenschaften sich zu erwerben, oder zu vervollkommnen. Hier findet also Belehrung uͤber die geistige Bildung des Arztes Statt. § 8. Ferner zeigt sie die Erfordernisse des Arztes, in wiefern derselbe in seiner Kunst es mit Gegenstaͤnden der aͤußern Sinnenwelt zu thun hat, und da wir nun weder von den aͤußern Gegenstaͤnden belehrt werden, noch eine Veraͤnde- rung in ihnen veranlassen koͤnnen, außer durch unsere koͤr- perlichen Organe, so ist hier die Rede von der koͤrper- lichen Bildung des Arztes . § 9. In wiefern der Mensch Gegenstand des Arztes und seiner Kunst ist, muß derselbe selbst einen gewissen Grad der Vollkommenheit als Mensch, d. h. als ein Wesen, in wel- chem Vernunft mit Sinnlichkeit vereinigt ist, besitzen; und die Propaͤdeutik belehrt daher auch uͤber die menschliche Bildung des Arztes . § 10. Die Erwerbung der mannichfaltigen, zur Ausuͤbung der Heilkunst noͤthigen Kenntnisse, macht hierauf den Gegen- A 2 stand Einleitung. stand ihrer Untersuchungen aus, und indem sie den Weg zeigt, auf welchem man sich diese Kenntnisse am sichersten, vollstaͤndigsten und leichtesten erwerbe, traͤgt sie die wissen- schaftliche Bildung des Arztes vor, oder die ei- gentliche Methodologie . § 11. Da nun aber die Heilkunst, als Kunst, in Anwendung der erlangten Kenntnisse bestehet, und ihre Ausuͤbung auf einer groͤßern oder mindern Fertigkeit beruhet, so lehrt end- lich die Propaͤdeutik die Art und Weise, sich diese Kunst- fertigkeit zu verschaffen, indem sie die praktische Bil- dung des Arztes entwickelt. § 12. Der Nutzen dieser Propaͤdeutik offenbart sich also schon aus bloßer Anzeige dessen, was sie leistet, und die Erfah- rung belehrt uns hinlaͤnglich von dem Nachtheile, welchen ihre Vernachlaͤssigung nach sich zieht. § 13. Die Kritik (§. 3) benimmt auf der einen Seite den blinden Koͤhlerglauben, welcher von dem Werthe der Kunst nicht uͤberzeugt ist, sondern an denselben glaubt; auf der andern Seite schuͤtzt sie vor einer trostlosen Zweifelsucht, welche die Kunst zu dem Fragmente eines Handwerks herab- wuͤrdigt, oder sie, als ein Fantom, welches nur durch sein Alterthum im Besitze eines rechtlichen Scheines ist, vernich- tet. Sie erhellt den Zweck, um ein Urtheil uͤber die Mittel zu Erreichung desselben zu begruͤnden. § 14. Einleitung. § 14. Die Encyklopaͤdie (§ 4) zeigt, warum eine jede der zur Heilkunst gehoͤrenden Wissenschaften, erlernt werde, welche Ruͤcksicht, und welche Anstrengung das Studium derselben verlange. § 15. Die Darstellung der Bedingungen (§. 6) legt einem Jeden die Puncte vor, durch deren Beantwortung er sich pruͤfen muß, ob er sich zu Erlernung der Heilkunst bestim- men duͤrfe oder nicht? § 16. Die Lehre von der geistigen Bildung (§. 7) lenkt die Aufmerksamkeit des kuͤnftigen Arztes fruͤh auf die Mittel, seinen Geist zu vervollkommnen, da diese Vervollkommnung, je laͤnger sie vernachlaͤssigt worden ist, auch desto schwieriger wird. § 17. Die Lehre von der koͤrperlichen Bildung (§. 8) lehrt den Arzt auf Erhaltung und Vervollkommnung seiner Ge- sundheit bedacht seyn, da hierauf die Vollkommenheit nicht nur seiner individuellen Existenz, sondern auch der Beob- achtung und des Handelns begruͤndet ist. § 18. Die Lehre von der menschlichen Bildung (§. 9) zeigt dem Arzte, wie er sich als Mensch betragen muͤsse, worauf es ankomme, um seine innere und wahre Wuͤrde zu behaup- ten, und dabey auf die Kranken durch Mittel, welche sich auf den Charakter ihrer Menschheit beziehen, vollstaͤndig zu wuͤrken. A 3 § 19. Einleitung. § 19. Die Methodologie (§. 10) bewahrt den Arzt vor einem seichten, uͤbel geordneten und zwecklosen Studiren, welches entweder seinen Zweck gaͤnzlich verfehlt, oder zu viel Muͤhe und Zeit kostet, und oft nach allen diesen Verschwendungen doch nicht an das eigentliche Ziel fuͤhrt. § 20. Die Lehre von der praktischen Bildung (§. 11) warnet vor den mannigfaltigen Klippen, an welchen der angehende Arzt so leicht scheitern kann; sie lehrt den Beobachtungsgeist wecken, und aͤchte Erfahrungen sammeln. I. Heilkunst . A 4 § 21. Die Heilkunst wird hier dargestellt, theils in wiefern sie uͤberhaupt ihrem Zwecke entspricht, und ihre Versprechungen erfuͤllt, theils in wiefern sie auf mannichfaltige Kenntnisse sich stuͤtzt, und die Moͤglichkeit, sie zu realisiren, in diesen Kenntnissen besteht. Sie zerfaͤllt also in zwey Theile, in die Kritik und die Encyklopaͤdie. Erster Theil. Kritik der Heilkunst . § 22. D ie Kritik der Heilkunst, als Theil der Propaͤdeutik, liefert die Resultate der Untersuchungen uͤber das Wesen der Heilkunst, also uͤber ihren Zweck, uͤber die hierzu erforder- lichen Mittel, und uͤber die Art der Anwendung dieser Mit- tel zu Erreichung eines Zwecks. Baglivi de praxi medica ad priscam observandi rationem reuocanda. Edit. 4. Lugd. Batav. 704. 8. Erhard’s Versuch eines Organons der Heilkunde. In Roͤsch- laubs Magazin II. Bd. Seite 1. f. f. und III. Band S. 1. f. f. (noch nicht vollendet.) A 5 Erstes Erster Theil. Erstes Kapitel. Beduͤrfniß einer Heilkunst . § 23. Die Nothwendigkeit der Kunst, Krankheiten zu heilen, beruht auf der unausbleiblichen Erscheinung der Krankheiten; koͤnnen naͤmlich diese, vermoͤge der ganzen Einrichtung der menschichen Natur, niemals ganz vermieden werden: so bedarf der Mensch jener Kunst. Es fließen daher die Unter- suchungen uͤber beyde Gegenstaͤnde hier zusammen. § 24. Unter Leben verstehen wir die Reihe von Erscheinun- gen an einem von seiner Entstehung an, aus mannichfalti- gen, vermoͤge ihrer Zusammensetzung harmonirenden Thei- len bestehenden, und seinen Zweck in sich selbst findenden (also organischen) Koͤrper, welche, da sie von den Erschei- nungen der uͤbrigen Natur abweichen, auch auf eigenthuͤm- lichen, ihnen zu Grunde liegenden Kraͤften beruhen muͤssen, die wir den Grund des Lebens, Lebensprincip, Lebens- kraͤfte nennen. Wir haben von dem Leben keinen andern, als durch die Erfahrung gegebenen Begriff; es ist also fuͤr uns kein innerer Zustand, sondern eine Erscheinung. § 25. Menschliches Leben ist die Reihe von Erscheinungen, welche dem Menschen, seinen saͤmmtlichen Anlagen gemaͤß, zukommen, und zwar 1) als einem Koͤrper uͤberhaupt, 2) als einem organischen, d. h. durch sich selbst bestimmten, 3) als einem thierischen, d. h. des Eindrucks der Außen- welt faͤhigen, und sich dem zufolge nach Willkuͤhr bestimmen- den, und 4) als geistigem, d. h. der innern Anschauung faͤhigen Kritik der Heilkunst. faͤhigen Wesen. Und sonach eignen wir dem Menschen physische, d. h. schlechthin koͤrperliche, organische, thierische und geistige Kraͤfte zu. § 26. Jede Erscheinung wird bestimmt, erstlich durch die ei- genthuͤmliche, ihr zu Grunde liegende Kraft, und sodann durch die Umstaͤnde und Verhaͤltnisse, unter welchen und durch welche sich dieselbe thaͤtig zeigt. § 27. Demnach ist das menschliche Leben modificirt durch die Verschiedenheit der Umstaͤnde, unter welchen und durch welche der innere Grund des Lebens sich wuͤrksam zeigt, und diese Modificationen bezeichnen wir im Allgemeinen durch Gesundheit und Krankheit. § 28. Gesundheit ist die Reihe von Erscheinungen am Men- schen, deren jede ihrem eigenthuͤmlichen, durch die Erfah- rung uns bekannten, und theils auf sie selbst, theils auf die uͤbrigen sich beziehenden Zwecke entspricht. Den Innbegriff der unnachlaßlichen Bedingungen, auf welchen diese Gesund- heit beruht, nennen wir die naͤchste Ursache der Gesundheit. § 29. Krankheit ist die Reihe von Erscheinungen am Men- schen, deren eine oder mehrere ihren, theils auf ihr eignes, theils auf die uͤbrigen Organe sich beziehenden Zweck, der Erfahrung gemaͤß nicht erfuͤllen. Den Zustand des Men- schen, oder seiner physischen, organischen, thierischen und geistigen Natur, welcher die Bedingung jener Erscheinungen ausschließlich enthaͤlt, nennen wir die naͤchste Ursache der Krankheit. §. 30. Erster Theil. § 30. Da nun wegen des ewigen Fortschreitens der Natur, und der unendlichen Mannichfaltigkeit ihrer Erscheinungen, keine Kraft immer in ganz gleichen Verhaͤltnissen sich befin- det, mithin auch nicht gleiche Erscheinungen hervorbringen kann, da sie im Gegentheile, vermoͤge des unabaͤnderlichen Laufes der Natur, oft durch die Umstaͤnde gegen ihren eig- nen Zweck zu wuͤrken bestimmt wird: so erkennen wir schon in analogischer Ruͤcksicht die unausbleibliche Folge der Krankheiten, als einer gleichen Modification der Naturkraft gegen ihren zeitigen Zweck. § 31. Wenn wir aber sodann bedenken, daß ein Wesen in demselben Verhaͤltnisse mehrere Modificationen seiner Wuͤr- kungsart zulaͤßt, je nachdem es mehr oder weniger mit man- nichfaltigen Kraͤften versehen ist; daß ferner jede Kraft in ihrer Wuͤrkung um desto mehr veraͤndert werden kann, je betraͤchtlicher der Kreis von Dingen ist, welche sie beruͤhren, und auf sie einwuͤrken; daß endlich diese Veraͤnderung einer Kraft desto leichter erfolgt, je wuͤrksamer sie selbst ist, je zarter, zusammengesetzter, feiner also auch ihre Organe sind: so begreifen wir, daß der Mensch, als Buͤrger der physischen, organischen, thierischen und geistigen Schoͤ- pfung, als ein System der mannichfaltigsten Kraͤfte, als ein Wesen von dem ausgebreitetsten Wuͤrkungskreise und der lei- sesten Empfaͤnglichkeit fuͤr die verschiedenartigsten Eindruͤcke, — daß derselbe auch unter allen Geschoͤpfen des Erdkreises den meisten Modificationen seiner Existenz, also auch den meisten Krankheiten unterworfen seyn muß *); und zwar muß die Moͤglichkeit dieser Veraͤnderung in demselben Grade wachsen, in welchem die Beruͤhrungspuncte des Menschen Kritik der Heilkunst. Menschen, und mit ihnen die aͤußern Bestimmungen seines Wesens sich mehren, oder in welchem er in der rein mensch- lichen und buͤrgerlichen Cultur fortschreitet. Es erhellt also hieraus auch in genetischer Ruͤcksicht, daß die Krank- heiten unausbleiblich sind **). Stahl Diss. de frequentia morborum in corpore humano prae brutis. Halae 705. 4. Bose Progr. de morbis necessariis. Lips. 784. 4. § 32. Ueberlegen wir endlich, daß Krankheiten und Schmerzen zu der Summe von Uebeln gehoͤren, welche theils den Genuß der entgegengesetzten Guͤter erst vollkommen wuͤrzen, und uns dieselben zweckmaͤßig benutzen lehren, theils der Einfoͤrmigkeit des Genusses und der so leicht entstehenden Uebersaͤttigung vorbeugen, theils die Entwickelung eines hoͤhern Sinnes und die Erweckung von Tugenden veranlas- sen: so ahnden wir auch die Nothwendigkeit der Krankheiten in teleologischer Ruͤcksicht. § 33. Aus diesem allen (§ 30, 31, 32) erhellt, daß, wenn es eine Kunst giebt, Krankheiten zu heilen, sie keinesweges dem Gefolge der Ueppigkeit und des Sittenverderbnisses bey- gezaͤhlt werden kann *), sondern daß sie ein Beduͤrfniß der Menschheit ist **), und zwar ein um desto dringenderes und weiter umfassendes, je weiter der Mensch in der Cultur vor- geruͤckt ist, daß also auch die Staaten derselben besonders be- duͤrfen ***). Gegen Rousseau , z. B. im Emil. Stahl Diss. de necessitate artis medicae. Halae 712. 4. De Oberkamp Diss. de medicinae necessitate in re- publica. Heidelberg 789. 4. Zweytes Erster Theil. Zweytes Kapitel. Begriff der Heilkunst . § 34. Die Heilkunst ist die Kunst, Krankheiten des Menschen zu erkennen, und nach einem, durch diese Kenntniß bestimmten Plane zu heilen, d. h. moͤglichst vollkommene Gesundhei wiederherzustellen. Gever’s Analytik des Begriffs der Heilkunst (in Roͤsch- laub’s Magazin. I. Bd. S. 257 f. f.) § 35. Sie kommt darin mit allen Kuͤnsten uͤberein, daß sie den Begriff von Etwas (von Gesundheit) im Vorans bildet, und denselben sodann realisirt, daß sie sich also einen Zweck vorsetzt, welcher durch eine bestimmte, regelmaͤßige Thaͤtig- keit mehr oder weniger vollkommen erreicht wird. § 36. Die Heilkunst hat also zwey Geschaͤfte: zuerst erkennt sie die Krankheiten des Menschen, d. h. sie faßt alle Er- scheinungen an demselben auf, welche die Vollkommenheit seiner Existenz einschraͤnken, und urtheilt uͤber ihren Zusam- menhang und ihre Ursachen. Es involvirt dieses Geschaͤft die Kenntniß saͤmmtlicher Erscheinungen am Menschen und der Gesetze, nach welchen sie erfolgen (Gesundheit und Krankheit). Sie unterscheidet sich hierdurch von dem Zu- falle, welcher zuweilen Krankheiten beseitigt, indem er unter unzaͤhlig moͤglichen Faͤllen gerade den zweckmaͤßigen herbey- fuͤhrt, ohne daß ein denkendes Wesen absichtlichen Antheil daran hat. § 37. Kritik der Heilkunst. § 37. Diese Erkenntniß der Krankheiten ist moͤglich, denn sie bezieht sich nicht auf den letzten Grund der Dinge, nicht auf das innere Wesen des Menschen, sondern auf seine Er- scheinungen im Raume und in der Zeit (§. 29). Diese Erscheinungen aber koͤnnen wir eben so, wie die der gesamm- ten aͤußern Natur, vollstaͤndig beobachten, sie in allen ihren Verhaͤltnissen auffassen, und darnach mit Gewißheit bestim- men, daß sie andern, ehemals beobachteten, mehr oder weniger aͤhnlich sind. § 38. Zweytens entwirft nun die Heilkunst hiernach einen Plan, die Krankheiten zu heilen, d. h. die krankhaften Er- scheinungen zu beseitigen, und stellt durch Verfolgung dieses Plans die Gesundheit wieder her. Dies involvirt die Kenntniß aller der Verhaͤltnisse und Bestimmungen, welche die Natur des Menschen modificiren, und ihrer Wuͤrkungs- art. Sie unterscheidet sich hierdurch von der Rontine, welche zuweilen Krankheiten heilt, indem sie unter den einzelnen wahrgenommenen Faͤllen, welche sie in dem gegenwaͤrtigen Falle nachahmen will, gerade auf den passenden verfaͤllt. § 39. Ein solcher Heilplan kann aber entworfen und ausge- fuͤhrt werden, weil die Krankheiten Erscheinungen (§. 29) und Modificationen des Lebens, als der allgemeinen Er- scheinung am Menschen sind (§. 25), welche von den innern und aͤußern Verhaͤltnissen der menschlichen Natur abhaͤngen (§. 26, 27), und weil die Heilung auf der Entfernung dieser, und der Herbeifuͤhrung neuer Verhaͤltnisse beruht. Das denkende Erster Theil. denkende Wesen im Menschen vermag naͤmlich eben sowohl diese Heilung, als eine besondere Modification der Natur- kraͤfte herbeizufuͤhren, als uͤberhaupt irgend eine Naturkraft durch Veranlassung neuer Verhaͤltnisse nach seinem Willen zu modificiren. § 40. Da also sowohl Erkenntniß (§. 37) als planmaͤßige Heilung der Krankheiten (§. 39) moͤglich ist, so ist auch die Heilkunst, als welche einzig und allen diese beyden Geschaͤf- te hat (§. 34), moͤglich *). Sie leistet naͤmlich allen Forde- rungen Genuͤge, welche man an irgend eine Kunst thut **), indem sie 1) ihren Zweck (Wiederherstellung der Gesundheit) deutlich darstellt, 2) die Mittel zu Erreichung desselben (in der aͤußern Natur und in dem Menschen selbst) besitzt, und 3) mit Sicherheit die Art erkennt, diese Mittel zum vorgesetzten Zwecke anzuwenden (Heilplan). Erhard uͤber die Moͤglichkeit der Heilkunst — (in Roͤsch- laub’s Magazin. I. Bd. S. 23 f. f.) Crausii Progr. de necessariis medici practici requisitis. Jenae 709. 4. § 41. Wenn wir die Erscheinungen einer Krankheit ihrem we- sentlichen und ursachlichen Zusammenhange nach kennen; wenn wir wissen, wie sie durch die Eigenschaften und Wuͤr- kungsgesetze der menschlichen Natur, so wie der auf sie ein- wuͤrkenden Kraͤfte, allmaͤhlig bestimmt, und auf den gegen- waͤrtigen Punct gebracht worden sind, und uns dem zufolge auch die Wuͤrkung der Heilmittel auf sie, eben so bekannt ist: so besitzen wir eine vollstaͤndige Theorie einer Krankheit . § 42. Kritik der Heilkunst. § 42. Werden nun diese Theorieen der Krankheiten, und diese aus einzelnen Erfahrungen gebildeten allgemeinen Saͤtze, durch Stetigkeit der Principien unter einander verknuͤpft, und die einzelnen Thatsachen, welche sich sowohl auf Kenntniß des Menschen, als auf Heilung seiner Krankheiten beziehen, auf allgemeine Grundsaͤtze zuruͤckgefuͤhrt, so wird eine Heilwissenschaft gebildet. Sobald wir festsetzen, daß eine Wissenschaft nur ein Innbegriff von Erkenntnissen aus Grundsaͤtzen der Vernunft, also a priori erkennbar seyn und apodyktische Wahrheiten enthalten soll, so muß freylich die Heilkunst auf diesen Charakter Verzicht thun *). Wenn wir aber unter einer Wissenschaft uͤberhaupt eine deutliche und vollstaͤndige Darstellung zusammenhaͤngender Wahrhei- ten verstehen, welche eben dadurch auch hinreichende Einsicht in ihren Zusammenhang gewaͤhrt: so ist allerdings auch eine Heilwissenschaft moͤglich. Koͤllner . Ist Heilkunde als Wissenschaft moͤglich, und wie ist sie es? — (In Roͤschlaub’s Magazin. I. Band, S. 303 f. f. 337 f. f.) § 43. Unrichtig und zu enge ist die Definition der Heilkunst als einer Kenntniß des Menschen und seiner Erscheinungen, denn diese Kenntniß giebt nur ein Huͤlfsmittel derselben ab. Sie besteht, als Kunst, nicht im Wissen, sondern im Handeln. § 44. Zu weit ist die Definition, wenn man sie die Kunst nennt, Krankheiten vorzubeugen und sie zu heilen *). Denn die Verhuͤtung von Krankheiten kann nur das Geschaͤft eines B jeden Erster Theil. jeden Individuums fuͤr sich seyn; die Heilkunst ist nur competente Richterin uͤber die deshalb zu ergreifenden Maaßregeln, vermoͤge der Kenntnisse, welche ihr voraus- gehen, und auf welchen sie begruͤndet ist **). Roͤschlaub uͤber die Definition und Eintheilung der Me- dicin. — (In seinem Magazin. I. Bd. S. 279 f. f.) Fr. Hoffmanni Diss. de necessario sanis medico. Ha- lae 733. 4. Drittes Kapitel. Gegenstand der Heilkunst . § 45. Der Gegenstand der Heilkunst ist der kranke Mensch, eine Erscheinung der aͤußern Slnnenwelt , und zwar eine solche, welche nicht durch den Menschen veraͤnderte und willkuͤhrlich zusammengesetzte Kraͤfte voraussetzt, sondern unmittelbar von den urspruͤnglichen, bestimmten Wuͤrkungsgesetzen der Natur selbst abhaͤngt. Die Heilwissenschaft ist also eine Naturwissenschaft. § 46. Es macht den Gegenstand der Heilkunst kein innerer Zustand aus, auf welchen wir nur schließen koͤnnen, sondern eine Kette sinnlich wahrnehmbarer Erscheinungen, welche fuͤr sich, einzeln genommen, Symptome genannt werden. Hat sie naͤmlich die verschiedenen Symptome an dem kran- ken Menschen, ihrem Zusammenhange, ihren Ursachen und Wuͤrkungen Kritik der Heilkunst. Wuͤrkungen nach, aufgefaßt: so vergleicht sie dieselben mit vormals beobachteten Reihen von Symptomen, oder Krank- heiten, welche durch eine bestimmte Handlungsweise geho- ben wurden; sie sucht sodann die Abweichungen unter bey- den auf, und modificirt hiernach fuͤr den gegenwaͤrtigen Fall die vormals heilsam befundene Handlungsweise. Da- durch hebt sie die verschiedenen, und besonders die we- sentlichen und urspruͤnglichen Symptome, und sind diese verschwunden, so hat die Heilkunst ihren Zweck erreicht. § 47. Die krankhaften Symptome, d. h. die Stoͤrungen eines oder mehrerer Theile des menschlichen Koͤrpers, wodurch sie unfaͤhig werden, theils fuͤr sich, theils auf den uͤbrigen Organismus gehoͤrig und ihrem Zwecke gemaͤß zu wuͤrken, koͤnnen nun verschieden seyn, und nach dieser Verschiedenheit des Gegenstandes hat auch die Heilkunst verschiedene Zweige. § 48. Es giebt zuerst Krankheiten, wo Erscheinungen im engern Sinne des Worts, d. h. Veraͤnderungen des Men- schen, welche der Zeitfolge nach von einander verschieden sind, sich uns als wesentlich und urspruͤnglich offenbaren, wo besonders die Kraͤfte krankhaft modificirt sind, ohne daß eine sinnlich wahrnehmbare Veraͤnderung in den Organen ihnen als Ursache vorangegangen ist. Wir nennen sie innere oder allgemeine Krankheiten, und da alle Kraͤfte, welche ihre Heilung bewuͤrken koͤnnen, unter dem Namen von Arz- eneymitteln begriffen werden: so wird der Zweig der Heil- B 2 kunst, Erster Theil. kunst, welcher sich mit ihnen beschaͤftigt, Arzneykunst , oder Medicin genannt *). Wenn wir eine systematische Ansicht der Heilkunst gewin- nen wollen, so beduͤrfen wir einer consequenten Termino- logie; sie muß theils deutsch seyn, theils griechisch, weil die meisten hierher gehoͤrigen Wissenschaften schon griechi- sche Benennungen haben. Die Arzeneikunst kann dann den Namen Jatrie ἰατϱεία bekommen. § 49. Die uͤbrigen Krankheiten beruhen auf einer sinnlich wahrnehmbaren Beschaffenheit der Organe, welche in ihrem physischen und chemischen Charakter begruͤndet ist; nicht auf Erscheinungen im engern Sinne, denn diese folgen nur nach, und sind von jener abhaͤngig. Man nennt sie aͤußere, auch drtliche Krankheiten, und da ihre Heilung zum Theil auf Handgriffen beruht: so heißt dieser Zweig der Heilkunst, die Handarzeneikunst, Chirurgie . § 50. Da endlich die krankhaft erschwerten Geburten unter den mancherley Krankheiten ganz besonders wichtig sind: so macht die Entfernung dieser krankhaften Erscheinungen den Gegenstand eines eigenen Zweiges der Heilkunst aus, naͤmlich der Entbindungskunst , des Accouchements *). Da nun aber die Hindernisse der Geburt theils auf den Wuͤrkungen der Lebenskraͤfte (§ 48), theils auf physischen, d. h. schlecht- hin koͤrperlichen Verhaͤltnissen (§ 49) beruhen: so muß die Entbindungskunst ihre Grundsaͤtze aus den beyden genannten Zweigen der Heilkunst schoͤpfen, und sie ist deshalb nicht wesentlich von ihnen verschieden. Måie μαιεία (s. die Anmerkung des § 48). § 51. Kritik der Heilkunst. § 51. Beyde Kuͤnste (§ 48, 49) beschaͤftigen sich also mit dem kranken Menschen, als einem schlechthin koͤrperlichen (physischen und chemischen), organischen, thierischen und geistigen Wesen: denn alle diese Kraͤfte muͤssen zusammen- kommen, um den Begriff des Menschen zu constituiren. Die Arzneikunst aber betrachtet ihn, in sofern vorzuͤglich seine thierische und geistige Natur hervorleuchtet, ohne uͤbri- gens seiner physischen Kraͤfte uneingedenk zu seyn. Die Handarzneykunst hingegen behandelt ihn vorzuͤglich in Hin- sicht auf seine physische und organische Natur, ohne jedoch die thierische und geistige Natur unbeobachtet zu lassen. § 52. Beyde Kuͤnste stuͤtzen sich im Ganzen genommen auf gleiche Kenntnisse, ihre Graͤnzen verlaufen sich oft in einan- der, und die eine bedarf immer des Beystandes der andern. Sie machen deshalb eigentlich ein unzertrennliches Ganzes aus *), und nur die Unmoͤglichkeit, beide Kuͤnste durch ein und dasselbe Individuum in gleich hohem Grade der Voll- kommenheit zu realisiren, hat eine Trennung derselben nothwendig gemacht. Diemersbroek de reducenda ad medicinam chirurgia. Ultrajecti 649. fol. Mederer von der Nothwendigkeit, beyde Medicinen zu ver- einen. Freyburg 782. 8. § 53. Da also beyde durch gleichen Zweck geadelt werden: so sieht man, wie unbesonnen die Streitigkeiten uͤber den Vorrang der Einen vor der Andern waren *). Sie stehen auf gleicher Stufe der Vollkommenheit, wenn sie auf dem B 3 einzig Erster Theil. einzig wahren Wege der Erfahrung mit gehoͤrigem Eifer bearbeitet werden, sinken zu gleicher Niedrigkeit herab, so- bald das Vorurtheil in ihnen herrscht, die Hypothese leitet und Spitzfuͤndigkeit den Zweck abgiebt; und nur ungebildete Menschen konnten ihrer Kunst wegen aͤußerer Zufaͤlligkeiten einen groͤßern Werth beylegen. Die Litteratur dieses Streites findet man in Hieron. de Vigiliis a Creuzenfeld biblioth. chirurg. T. II. p. 910 sqq. § 54. Eben so wenig Ehre bringt es dem Zeitalter, welches den Werth der Heilkunst nach der Achtung beurtheilen woll- te, welche eine die wissenschaftliche Cultur uͤberhaupt wenig beguͤnstigende Nation ihr schenkte *), oder ihn aus dem Range der Zunft **), oder den Ehrenstellen ***), oder andern aͤußern Ehrenbezeugungen der Aerzte †), beweisen wollte. Das Protokoll dieses lange Zeit gefuͤhrten Streites findet man in Schlaeger historia litis de medicorum apud veteres Romanos conditione. Helmst. 740. De Bayro de nobilitate facultatis medicae. Taurini 512. fol. Peyer de medicis honoratissimis. Halae 742. Amanrich de medico in conspectu magnatum extol- lendo. Perpinian. 702. Viertes Kapitel. Quellen der Heilkunst . § 55. Wir haben gesehen, was die Heilkunst zu leisten verspricht (§. 34), wie sie Kunst (§. 40) und Wissenschaft (§. 42) ist: Kritik der Heilkunst. ist: wir muͤssen nun untersuchen, wie sie diesem Versprechen Genuͤge leistet, und welches deshalb ihre Quellen sind. § 56. Alle Kenntnisse der Heilkunst sind Naturkenntnisse (§. 45), d. h. sie betreffen Erscheinungen, welche unabhaͤngig von der Willkuͤhr des Menschen, nur in der allgemeinen Natur- kraft begruͤndet, aber durch den Menschen in ihren Aeuße- rungen modificirt sind. Es gilt daher das Gemeinsame, welches auf alle unsere Naturkenntnisse sich bezieht, auch von der Heilkunst. § 57. Die Natur lernen wir zuerst aus ihren Werken, aus den Erscheinungen, welche uns umgeben, und welche wir vermittelst unserer Sinne wahrnehmen, kennen. Wahr- nehmung ist also der erste Schritt zur Kenntniß der Natur. § 58. Verbinden wir sodann die einzelnen Wahrnehmungen zu einem Ganzen, richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Folge der Erscheinungen, in welcher sie sich uns darbie- ten: so erhalten wir eine Beobachtung . § 59. Erweitern wir den Kreis unserer Kenntnisse durch Be- obachtung einer Erscheinung in der Natur, welche uns bis- her noch unbekannt war: so machen wir eine Entdek- kung . § 60. Die aufmerksame Beobachtung der Natur im Allge- meinen und in ihren einzelnen Wirkungen belehrt uns von B 4 einem Erster Theil. einem sichern, unabaͤnderlichen Gange derselben, und in diesem Vertrauen giebt sich ihr der Mensch in ruhiger Sorg- losigkeit hin. Wir gelangen hierdurch zu der Idee von der Stetigkeit der Natur . § 61. Diese Idee leitet uns zu Erfindungen , sie laͤßt uns naͤmlich hoffen, daß unter bestimmten Umstaͤnden, welche wir jetzt zum erstenmale (wenigstens fuͤr uns zum erstenmale) herbeyfuͤhren, bestimmte Wuͤrkungen erfolgen werden. Dadurch gewinnt es den Anschein, als haͤtten wir Kenntnisse der Natur a priori. § 62. Wahrnehmungen und Beobachtungen liefern uns die ersten Naturkenntnisse, welche, weil sie nur die schlichte Aufzaͤhlung dessen, was existirt oder existirt hat, enthalten, historische genannt werden. Sie werden also voraus- gesetzt und liegen allen hoͤhern Naturkenntnissen zu Grunde. § 63. Von ihnen erheben wir uns zu den philosophi- schen Naturkenntnissen , welche sich es zum Zweck machen, den ursachlichen Zusammenhang, der unter jenen Erscheinungen Statt findet, auszumitteln. § 64. Da es nun aber die Graͤnzen unsers Erkenntnißvermoͤ- gens nicht gestatten, die letzten Gruͤnde der Erscheinungen, und also die Dinge an sich, zu erkennen, uns auch diese Keuntniß fuͤr unsern gegenwaͤrtigen Zustand kaum heilsam seyn Kritik der Heilkunst. seyn wuͤrde, wenn sie auch moͤglich waͤre: so genuͤgt es uns, die Gesetze aufzusuchen, nach welchen die ihrem Wesen nach uns fuͤr immer unbekannten Naturkraͤfte wuͤrken, und also fuͤr uns existiren. § 67. Hierzu fuͤhrt uns nun die Inductionsmethode . Da uns nemlich die Gesetze der Vernunft gebieten, zu glei- chen Wuͤrkungen gleiche Ursachen zu denken, so schließen wir durch die Induction von dem Aufeinanderfolgen oder Beysammenseyn der Erscheinungen, auf ein gemeinschaftli- ches Caussalverhaͤltniß, welches ihnen zum Grunde liegt. § 68. Um hier nicht zu rasch zu folgern, und um allen moͤg- lichen Taͤuschungen vorzubeugen, muͤssen wir ausmitteln, ob gewisse Erscheinungen immer beysammen sind, immer auf einander folgen? — Ist dies nicht der Fall, sind sie durch das Werk des Zufalls, oder, richtiger zu sagen, durch Ur- sachen, welche ausser ihnen liegen, verbunden worden, so koͤnnen wir ihnen kein gemeinschaftliches Caussalverhaͤltniß zuschreiben. — Die in dieser Absicht unternommenen Ver- aͤnderungen der Verhaͤltnisse, wodurch die Erscheinungen selbst veraͤndert werden, nennen wir Versuche . § 69. Wenn endlich alle mit einer Erscheinung verbundenen Verhaͤltnisse hinweggenommen und geaͤndert wurden, und doch die Erscheinung sich allemal gleich blieb, sobald nur das eine Verhaͤltniß Statt fand, so haben wir den entschei- denden Versuch gewonnen, und wir sind gewiß, daß B 5 jenes Erster Theil. jenes Verhaͤltniß die Ursache jener Erscheinung, d. h. jener Modification der Naturkraft enthaͤlt. § 70. Da wir nun ferner die Erscheinungen, ihren saͤmmtli- chen Theilen und Verhaͤltnissen nach, nicht immer schon be- obachtet haben, noch sie beobachten koͤnnen, so unterstuͤtzt uns hier die Analogie . Wenn wir nemlich durch mehrere Be- obachtungen belehrt worden sind, daß gewisse Umstaͤnde in einem bestimmten Verhaͤltnisse unter einander stehn, und wir nehmen in dem gegenwaͤrtigen Falle einige dieser Umstaͤnde wahr, so schließen wir, daß dieselben zu den, uns noch unbekannten, oder noch nicht vorhandnen, in gleichem Ver- haͤltnisse stehn werden. § 71. Auf diesem Wege gelangen wir nun zu einer so voll- staͤndigen Kenntniß der Natur, als uns vermoͤge der Graͤn- zen unsres Erkenntnißvermoͤgens nur immer moͤglich ist. Sehen wir naͤmlich durch diese Huͤlfsmittel eine Erscheinung, nach ihrem Wesen, ihren Ursachen und Folgen ein, so ha- ben wir die Theorie derselben. § 72. In demselben Grade nun, in welchem Kenntniß der Natur uͤberhaupt fuͤr uns moͤglich ist, ist auch Kenntniß des kranken Menschen, und der Kraͤfte, durch welche seine Hei- lung bestimmt wird, moͤglich. § 73. Zuerst naͤmlich nimmt die Heilkunst die einzelnen Symp- tome an dem kranken Menschen wahr. Diese Wahrneh- mung Kritik der Heilkunst. mung giebt die erste Bedingung der Erfahrung ab, darf also nicht mit ihr verwechselt werden. § 74. Sodann beobachtet sie, wie diese Symptome auf ein- ander folgten, was ihnen vorherging, wie sie sich verstaͤrk- ten, wie sie unter diesen oder jenen Umstaͤnden wieder ver- mindert wurden, was ihnen endlich folgte. § 75. Auf diese Art macht sie Entdeckungen, und liefert den Stoff zu einer hoͤhern Verarbeitung. § 76. Nimmt sie einige Erscheinungen wahr, welche sie bis- her immer mit gewissen andern verbunden beobachtet hat, und sie ist verhindert, diese andern jetzt wahrzunehmen, so schließt sie der Analogie gemaͤß, auf ihre Gegenwart. § 77. Nimmt sie ferner in dem gegenwaͤrtigen Falle Erschei- nungen wahr, welche sie vormals in ihren saͤmmtlichen Ver- haͤltnissen schon beobachtet hat, so schließt sie nach der Ana- logie, daß eine bestimmte Handlungsweise auf die gegen- waͤrtige Krankheit gleichen Einfluß haben wird, als sie vor- mals auf die aͤhnliche Krankheit hatte. Sie verhuͤtet also, was vormals schadete, und wendet an, was vormals fruch- tete. § 78. Da nun die Naturgesetze an sich, zwar sich immer gleich, in ihren Wuͤrkungen aber unendlich modificirt sind, also Erster Theil. also auch die Krankheiten denselben Gesetzen unterworfen, aber nach der Verschiedenheit der einwuͤrkenden Verhaͤltnisse, niemals vollkommen mit einander uͤbereinstimmen, so kann hier die Analogie auch niemals ganz vollstaͤndig seyn, noch die Heilart in zwey Krankheitsfaͤllen sich ganz gleichen. § 79. Weil also die krankhaften Erscheinungen durch das ver- schiedene Einwuͤrken der Verhaͤltnisse auf den Menschen, im- mer verschieden modificirt sind, und deshalb ihre Heilart auch in demselben Verhaͤltnisse modificirt seyn muß: so ist es ein unentbehrliches Beduͤrfniß fuͤr die Heilkunst, mit dem Caussalverhaͤltnisse jener Erscheinungen bekannt zu seyn, um darnach die Anwendung der Heilkraͤfte abzumessen. Und hierzu verhilft die Induction. § 80. Hat naͤmlich die Heilkunst nach mehreren Versuchen den entscheidenden gewonnen, welcher sie uͤberzeugt, daß ein ge- wisser Umstand, durch Einwuͤrkung auf die menschliche Na- tur ein bestimmtes Symptom und als dessen Folge wiederum andre, dadurch aber eine ganze Krankheit hervorbringt, so ist sie auf Entfernung dieses urspruͤnglichen Symptoms, welches den uͤbrigen zum Grunde liegt, bedacht. § 81. Weiß sie ferner aus entscheidenden Versuchen, daß die- ses Symptom durch eine gewisse Handlungsweise entfernt werde, so sucht sie das gehoͤrige Verhaͤltniß zwischen beyden zu treffen, d. h. sie modificirt die in gleichen Faͤllen heilsam befundene Handlungsweise, je nachdem sie an dem gegen- waͤrtigen urspruͤnglichen Symptome eine Verschiedenheit der Ursa- Kritik der Heilkunst. Ursachen, des Sitzes, des Grades, der Dauer, der Aeus- serung und der Folgen wahrnimmt. § 82. Diese Reyhe von Actionen, naͤmlich Wahrnehmung, Beobachtung, Schluͤsse durch Induction und Analogie, ge- ben nun die Erfahrung der Heilkunst, als welche ihre einzige Quelle in sich begreift. § 83. Auf diese Art kann also die Heilkunst niemals ohne Theorie existiren, und beyde haben einen gleichzeitigen Ur- sprung gehabt, da die Eine ohne die Andere sich nicht den- ken laͤßt. Unter Theorie der Heilkunst versteht man naͤmlich die Einsicht in die krankhaften Erscheinungen, wie dieselben durch Wirkung der innern und aͤussern Verhaͤltnisse auf die Kraͤfte des Menschen von Grad zu Grad bestimmt, und durch andere Verhaͤltnisse von Grad zu Grad aufgehoben werden. § 84. Umfaßt nun eine Theorie saͤmmtliche Theile der Heil- kunst, und ist durch ein einiges, hoͤchstes Princip, Ord- nung, Vollstaͤndigkeit und der innigste Zusammenhang in die Darstellung derselben gebracht worden, so hat man ein System der Heilkunst. Fuͤnftes Kapitel. Gewißheit der Heilkunst . § 85. Es herrscht eine unwandelbare Stetigkeit in der Natur, ih- re Gesetze sind unvergaͤnglich und unnachlaßlich; und wenn wir in Erster Theil. in ihren Werken einen Widerspruch zu finden vermeynen, so liegt der Fehler entweder an unserer Beobachtung, oder an unserer Beurtheilung. § 86. Haben wir daher ein Gesetz, nach welchem die allge- meine Naturkraft wuͤrkt, entdeckt, und es nur in dem Kreisse unserer Erfahrungen als hinlaͤnglich bewaͤhrt und begruͤndet gefunden, so koͤnnen wir mit Sicherheit urtheilen, daß das- selbe in den unzaͤhligen andern Faͤllen, welche wir noch nicht beobachtet haben oder nicht beobachten koͤnnen, eben so wuͤr- ken werde. § 87. Die Beobachtung einer Erscheinung, welche einem solchen Gesetze geradezu entgegen ist, und es aufhebt, koͤn- nen wir mit Sicherheit als unrichtig verwerfen, denn die Natur ist ein Einiges und streitet nie mit sich selbst. § 88. Hierdurch wird also die Gewißheit einer jeden Natur- wissenschaft moͤglich, und da die Heilkunst sich auf die Er- kenntniß der Gesetze der in dem Menschen wuͤrkenden Natur- kraft bezieht, so ist dadurch auch die Moͤglichkeit ihrer Ge- wißheit begruͤndet *). Boerhaave de comparando certo in physicis. Lugd. Bat. 715. 4. § 89. Ueber die Krankheiten und ihre Heilart hat im Allge- meinen die Heilkunst nur eine Stimme; sie bewahrt naͤmlich die Beobachtungen auf, welche in den einzelnen Faͤllen sich immer gleich sind, und gleich seyn muͤssen, und wendet sie gehoͤ- Kritik der Heilkunst. gehoͤrig an. Deshalb bleiben die Schriften aller großen Aerzte, welche die Natur zu beobachten verstanden, fuͤr im- mer schaͤtzbar und nuͤtzlich, es moͤgen nun dieselben in irgend einem Zeitalter gelebt haben und irgend einer Secte zuge- than gewesen seyn. Und es ist der Triumph der Heilkunst, wenn Aerzte bey ganz verschiedenen Theorien, doch eine und dieselbe Heilmethode haben. § 90. Es koͤnnen nemlich dieselben krankhaften Erscheinungen auf eine verschiedene Art erklaͤrt und ausgelegt werden, je nachdem die Vorstellungsart von der Natur, und von der menschlichen Natur insonderheit, verschieden ist *). Stahl de dissensu medicorum. Halæ 703. 4. Heyland de discrepantibus medicorum potiffimum præsen- sentis seculi, sententiis theoretico-practicis. Lips. 728. 4. § 91. Vorzuͤglich wurde diese Abweichung dadurch veranlaßt, daß man von der Beobachtung einzelner Erscheinungen, so- gleich zu Aufsuchung ihres letzten Grundes uͤbergieng, uͤber welchen man vermoͤge der Grenzen unsers Erkenntnißvermoͤ- gens, nie einig werden konnte. § 92. Je mehr man bey Auslegung der Natur, sich an die Mittelglieder (zwischen den sinnlichen Erscheinungen und ih- ren letzten Gruͤnden) haͤlt, d. h. durch Induction und Ana- logie aus den beobachteten Erscheinungen die Gesetze kennen lernt, nach welchen die Naturkraͤfte wuͤrken, um desto ei- niger mit sich selbst wird die Heilkunst, um desto weniger finden sich Widerspruͤche in ihr. § 93. Erster Theil. § 93. Hat die Heilkunst diesen Zweck erreicht, und dadurch eine vollstaͤndige Theorie gebildet, so kann sie bey jeder ihrer Handlungen, bey der Heilung eines jeden Individuums sich von dieser Theorie leiten lassen. § 94. So lange aber diese Theorie noch nicht die einzig wah- re ist, so muß die Heilkunst sich noch an einzelne Beobach- tungen halten; laͤßt sie sich im Gegentheile uͤberall durch jene Theorie bestimmen, so wird sie unvollkommen, und verdient alle Vorwuͤrfe von Unsicherheit. Martini certitudinis medicæ constitutio et encomium. Ve- net. 628. 8. Stahl de certitudine artis medicæ. Halæ 698. 4. Junker de certitudine medicinæ in genere. Halæ 743. 4. ( Erhard ) Ueber die Medicin. Arkestlas an Ekdemus. (Im teutschen Merkur. 1795. August). Cabanis du degré de certitude de la médecine. à Paris. 6. — 8. Sechstes Kapitel. Schwierigkeiten der Heilkunst . § 95. Die Gewißheit der Heilkunst im Allgemeinen, d. h. die Moͤglichkeit, Krankheiten mit Gewißheit zu erkennen und mit Sicherheit zu heilen, kann also nicht bezweifelt werden. Je- doch Kritik der Heilkunst. doch kann man eben so wenig die Schwierigkeiten leugnen, mit welchen sie verbunden ist. § 94. Zuerst kann naͤmlich nur ein sehr geuͤbter Verstand, nur eine angestrengte Aufmerksamkeit die krankhaften Erscheinun- gen in dem Individuo vollstaͤndig entdecken, die Ursachen, durch welche sie bestimmt worden sind, entwickeln, und das Wesentliche von dem Zufaͤlligen unterscheiden. § 95. Da sodann manche Theile des Koͤrpers, in welchen das urspruͤngliche Symptom der Krankheit seinen Sitz hat, den aͤussern Sinnen nicht blos gestellt sind, so muß die Heil- kunst in solchen Faͤllen mit Huͤlfe der Analogie auf die ur- spruͤngliche Krankheitserscheinung schließen. Hierzu bedarf sie aber theils einer reichen Erfahrung, theils eines schar- fen Beobachtungsgeistes, und einer gebildeten Beurthei- lungskraft. § 96. Die Krankheiten sind die Producte unzaͤhliger zusam- mentreffender Kraͤfte, des Menschen sowohl, als der aͤus- seren Natur. Diese Kraͤfte nun, koͤnnen in derselben Ord- nung und denselben Verhaͤltnissen nie mehr als einmal zu- sammen treffen, denn so bald dies geschaͤhe, so muͤßte es zwey Naturen statt einer geben. Es ist baher kein Krank- heitsfall dem andern ganz aͤhnlich. § 97. Da nun die Heilung dem Krankheitsfalle ganz ange- messen seyn muß, so kann auch ein und dieselbe Heilmethode C in Erster Theil. in allen ihren Punkten nicht mehr als fuͤr einen einzigen Krankheitsfall passend seyn. § 198. Wenn also die Erfahrung lehrt, daß bey einer gewissen Krankheit eine bestimmte Methode heilsam war, so findet bey einem aͤhnlichen Krankheitsfalle keine vollstaͤndige Ana- logie Statt, weil derselbe nothwendig durch andere Ursachen bestimmt seyn muß. Die Heilkunst sucht also die Abwei- chung des gegenwaͤrtigen Falles von dem vormaligen auf, und aͤndert dem zufolge auch die Heilmethode ab. § 199. Da aber diese Unterschiede oft aͤusserst sein, die Erschei- nungen oft aͤusserst verwickelt sind, und da die Entdeckung des Caussalverhaͤltnisses in den Naturerscheinungen uͤberhaupt mit großen Schwierigkeiten verbunden ist, so wird hierzu ebenfalls ein besonders hoher Grad von Scharfsinn und Be- urtheilungskraft erfordert. § 100. Hieraus erhellet, daß die Heilkunst nicht nur (nach Hippokrates Ausspruche) von großem Umfange, sondern daß sie unermeßlich ist. So wie die Natur in allen ihren Wirkungen sich nie ganz gleich ist, ohngeachtet sie immer von denselben Gesetzen abhaͤngen, so darf auch die Heil- kunst, welche einen Theil dieser Wuͤrkungen abzuaͤndern be- zweckt, in mehrern Faͤllen sich nie ganz derselben Methode bedienen, ob sie gleich nach denselben Gesetzen wuͤrkt. § 101. Die Form aber ist uͤberhaupt mehr begraͤnzt, leidet weniger Modificationen, als die Erscheinungen im engern Sinne Kritik der Heilkunst. Sinne, und diese Modificationen sind leichter zu entdecken. Deshalb hat derjenige Zweig der Heilkunst, welcher die Form des menschlichen Koͤrpers zum Gegenstande hat, oder den Menschen in physischer und organischer Ruͤcksicht be- trachtet, weniger Schwierigkeiten. § 102. Deshalb macht die Chirurgie, subjectiv betrachtet, d. h. in so fern sie durch ein Individuum realisirt wird, An- spruch auf mehrere Gewißheit; oder der Chirurg kann im Ganzen genommen, mit einem geringern Aufwande von Be- urtheilung zu dem Grade der Gewißheit gelangen, nach wel- chem der Arzt strebt. Magati confiderationes medicæ, quibus potiores difficultates in praxi contingentes expenduntur. Bonon. 637. Th. Bartholinus de artis medicæ difficultate, Hafn. 668. 8. Haase Progr. 4. de iis, quæ artem difficilem reddunt. Lips. 798-99. 4. Siebentes Kapitel. Graͤnzen der Heilkunst . § 103. Die Heilkunst hat ihre Graͤnzen, auf welche sie, wie bey Erkenntniß, so bey Heilung der Krankheiten einge- schraͤnkt ist, und es giebt einen Punkt, welchen das Maaß ihrer Kraͤfte nicht zu uͤberschreiten gestattet, so wie uͤber- haupt der Mensch weder eine vollstaͤndige Einsicht in die gesammte Natur hat, noch die Naturkraft selbst in ihrem in- nern Wesen umzuaͤndern vermag. C 2 § 104. Erster Theil. § 104. Zuerst giebt es Krankheiten, welche man weder zu er- kennen, noch, wenn man sie auch erkannt haͤtte, zu heilen vermag. Es gehoͤren hierher die Verletzungen und Zerstoͤrun- gen der innern Organe, von deren Gegenwart wir keine deut- lichen Zeichen haben. Es ist nicht unmoͤglich, daß wir bey der hoͤchst moͤglichen Vervollkommung der Kunst, aus sinn- lich wahrnehmbaren Erscheinungen auf andere krankhafte Erscheinungen, welche unsern Sinnen entgehen, zu schlies- sen, einige dieser Krankheiten werden entdecken koͤnnen: aber die Kunst ist hier unwuͤrksam, weil die erste Bedingung der menschlichen Existenz, Integritaͤt der Structur, aufge- hoben ist. § 105. Andere Krankheiten wuͤrden geheilt werden koͤnnen, wenn man sie nur zu erkennen vermoͤchte. Aber die frucht- los angestrengte Aufmerksamkeit der erfahrensten und scharf- sinnigsten Beobachter laͤßt fuͤrchten, daß die Heilkunst hier niemals zu einer gewissen Erkenntniß gelangen wird. Dies gilt vorzuͤglich von dem Anfange der Krankheiten innerer Organe, wo noch keine auffallenden Wuͤrkungen sich aͤussern, und wo, wenn diese erscheinen, das Uebel schon unheil- bar ist. Stahl de incurabilibus adfectibus. Halae 705. § 106. Andere Krankheiten endlich, erkennt die Heilkunst zwar, aber vermag sie nicht zu heilen. Dies findet Statt, erstlich wenn Verletzungen von Organen vorausgegangen, welche entweder der Kunst unzugaͤnglich sind, oder wobey uͤber- haupt das Leben nicht mehr fortdauern kann, weil das Sub- strat der Lebenskraft verletzt ist; zweytens, wenn die Grund- kraͤfte Kritik der Heilkunst. kraͤfte des Menschen entweder mit sichtbarer Abnutzung der Organe oder ohne dieselben erschoͤpft sind, z. B. in langwie- rigen, eingewurzelten Krankheiten ꝛc. *). Eyselius de scandalis medicorum. Erford. 716. 4. Heineken de medicorum scandalis, sive de morbis curatu difficilibus et insanalibus. Halae 748. 4. § 107. Da also hier die Erreichung ihres Zwecks, Krankheiten zu erkennen und zu heilen, der Heilkunst, der Natur der Sache nach, schlechterdings unmoͤglich ist, so sind diese Faͤl- le eigentlich auch gar nicht Gegenstaͤnde der Heilkunst. Weil sie aber vermoͤge ihrer Kenntniß der Naturkraͤfte, diese Ue- bel, wenn auch nicht heben, doch erleichtern kann, so arbei- tet sie hier nur auf den allgemeinen Zweck hin, menschliches Elend zu mindern. § 108. Bey Krankheiten, deren Wesen sie nicht zu erkennen vermag, deren urspruͤngliches Symptom, welches den Grund der uͤbrigen enthaͤlt, sie also nicht heben kann, sucht sie wenigstens die einzelnen sich offenbarenden Crscheinungen durch Mittel, welche die Erfahrung bewaͤhrt hat, zu min- dern, oder dem Kranken ertraͤglicher zu machen. § 109. In den Faͤllen aber, wo ihr nur die Kraͤfte zu heilen, fehlen, steht sie als Troͤsterin dem Kranken bey, verhuͤtet al- les, was sein Leben verkuͤrzen koͤnnte, mindert seine Schmer- zen, bereitet ihn zu der bevorstehenden Umwandlung seiner Natur vor, und sucht endlich, ihm diese Metamorfose so leicht als moͤglich zu machen. C 3 § 110. Erster Theil. § 110. Auf diese Art bleibt die Heilkunst auch da, wo sie ihren eigentlichen Zweck nicht erreichen kann, ehrwuͤrdig; und die- se Beschraͤnktheit kann ihr nicht zum Vorwurfe gereichen, da sie dieselbe mit allen Aeusserungen menschlicher Kraͤfte ge- mein hat. Coschwiz de adynamia artis medicae in morbis. Halae 720. 4. Achtes Kapitel. Behandlungsart der Heilkunst . § 111. Der Begriff einer Kunst involvirt schon fuͤr sich die Moͤg- lichkeit einer groͤßern oder mindern Vollkommenheit, nach Maasgabe der Art, sie zu behandeln. Die Heilkunst kann eben so auf verschiedenen Stufen stehen, je nachdem ihre Be- arbeitung verschieden ist. § 112. Wenn Krankheit etwas, der sinnlichen Wahrnehmung Entruͤcktes waͤre, und also die Heilkunst nur den Zweck haͤt- te, einen innern Zustand des Menschen zu erkennen und zu heilen, (§. 46.) so waͤre sie zu verschiedenen Zeiten, ihrem eigentlichen Wesen nach, ganz verschieden gewesen, wir wuͤßten zuverlaͤssig, daß es Jahrtausende hindurch keine Heil- kunst gegeben haͤtte, und wir waͤren noch ungewiß, ob wir jetzt in dem Besitze einer solchen Kunst waͤren, oder jemals zu demselben gelangen koͤnnten. § 113. Kritik der Heilkunst. § 113. Nun sind aber Krankheiten lediglich Erscheinungen in der Sinnenwelt (§ 29), und wir koͤnnen sie dem zufolge erkennen (§. 37.) und heilen (§. 39). Es gab daher seit Hippokrates eine Heilkunst. § 114. Da jedoch in jedem Zeitalter die Theorie, oder die An- sicht der krankhaften Erscheinungen und ihrer Heilung ver- schieden war, (§. 88.) und man sich entweder in der Be- stimmung des ganzen Heilplans einzelner Krankheiten, oder in den naͤhern Modificationen desselben davon leiten ließ, so war die Heilkunst zwar im Allgemeinen sich immer gleich, in einzelnen Theilen aber abweichend *). Jacobi de fanaticismo medico. Erford. 713. 4. § 115. Jeder Beobachter sah nemlich dieselben Erscheinungen der Natur, und er mußte im Ganzen genommen, mit allen uͤbrigen eine und dieselbe Erfahrung machen, eine und die- selbe Heilmethode festsetzen. Aber seine Art, dieselben an- zusehen und zu erklaͤren, war verschieden: so oft er also sei- ne Handlungsweise nach dieser Vorstellungsart hestimmte, so mußte er in den meisten Faͤllen mit den uͤbrigen Aerz- ten uͤbereinstimmen, weil seine Theorie immer etwas Wahres enthielt, aber in mehrern Punkten mußte er von ihnen abweichen. Es gab daher nach Verschiedenheit der Principien, von welchen die Aerzte ausgehen, folgende Be- handlungsarten der Heilkunst, welche die verschiedenen Sec- ten abgeben. C 4 § 116. Erster Theil. § 116. 1. Der Empirismus stellt die nackten Beobach- tungsschaͤtze hin, ohne sie durch hoͤhere Principien irgend ei- ner Art unter einander zu verbinden, und sieht nur auf das, was der Beobachtung in einzelnen Faͤllen zunaͤchst liegt. Er stuͤtzt sich blos auf Analogie (§. 75), und kann also auch sein Verfahren in den einzelnen Krankheitsfaͤllen nicht voll- kommen modificiren (§. 76), weil er in denselben keine Mo- dification der Erscheinungen nach ihren Ursachen wahrnimmt. Er gehoͤrt also in das Kindesalter der Heilkunst, und kann unr als ihr Vorlaͤufer angesehen werden. § 117. 2. Der Eklekticismus geht von Beobachtun- gen aus, erhebt einzelne derselben zu allgemeinen Saͤtzen, ohne aber diese wieder durch allgemeine Principien zu einem vollstaͤndigen Ganzen zu verbinden. Weil ihn kein System hinlaͤnglich befriedigt, so waͤhlt er aus jedem derselben die- jenigen Saͤtze, welche die Naturerscheinungen am getreusten darstellen, und bedient sich also einer unvollstaͤndigen Induc- tion. Es ist dies das aufwachende Gefuͤhl des noch unbe- friedigten Beduͤrfnisses eines Systems. § 118. 3. Der Dogmatismus , oder der systematische (sich selbst nennt er den rationellen) Dogmatismus, geht von einer, an dem Menschen angestellten Beobachtung aus, wel- che entweder selbst unrichtig, oder zwar gegruͤndet ist, aber sich nur auf einen Theil seines Wesens bezieht, und leitet daraus, als aus einem obersten Principe, die Erklaͤrung aller Erscheinungen im gesunden, kranken und genesenden Men- Kritik der Heilkunst. Menschen her. Er bildet also ein System, aber durch eine unrichtige Induction, und bestrebt sich, die Natur in das- selbe zu zwaͤngen. § 119. Bezieht sich jenes Princip nur auf einen Theil der menschlichen Natur (§. 25), so werden folgende Systeme gebildet: a Fysiatrie , d. h. die Beurtheilung des Men- schen von Seiten seines Koͤrpers, in so fern demselben die allgemeinen Merkmahle der Materie zukommen (nach seinen physischen Kraͤften), und Chemiatrie , oder Beurthei- lung desselben, in wie fern er gemischt ist (nach seinen chemi- schen Kraͤften). § 120. b ) Die Jatromathematik betrachtet den Men- schen, in wiefern sein organisirter Koͤrper als ausgedehnt im Raume erscheint, (nach den Eigenschaften seiner Theile, als Flaͤchen betrachtet). § 121. c ) Die Zooiatrie beruͤcksichtigt einzig und allein die- jenigen Wuͤrkungen der Naturkraft im Menschen, wodurch sich derselbe zunaͤchst von der unbelebten Schoͤpfung aus- zeichnet, und welche er im Allgemeinsten mit jedem belebten Geschoͤpfe gemein hat (nach seinen organischen und thieri- schen Kraͤften). § 122. d ) Die Psychiatrie endlich, sieht in dem Menschen uͤberall nur Wuͤrkungen seines geistigen Princips, und leitet aus dessen Thaͤtigkeit alle Erscheinungen am Menschen her, (beurtheilt ihn nach seinen geistigen Kraͤften). C 5 § 123. Erster Theil. § 123. 4. Der letzte Zweck, nach welchem die Heilkunst strebt, ist systematischer Empirismus *). Dieser nemlich, erkennt oberste Principien an, durch deren Huͤlfe er saͤmmtli- che Erscheinungen in der menschlichen Natur, nach ihrem eige- nen Wesen dargestellt, an einander kettet, ihren Ursprung und ihre gegenseitige und hoͤchste Bestimmung erlaͤutert, ih- ren Caussalzusammenhang befriedigend entwickelt, und auf diesem Wege eine vollstaͤndige Uebersicht der Wuͤrkungsge- setze der menschlichen Natur gewaͤhrt. Stahl de empiria rationali. Halae 709. 4. Ritters Bemerkungen uͤber die Moͤglichkeit und Nothwendig- keit, die Arzneykunst zur Wissenschaft zu erheben. (Im phi- losoph. Journal IX. Bd. 3. Heft, S. 283). § 124. Dies System gruͤndet sich auf eine vollstaͤndige Er- fahrung, (§ 80) durch richtige und vollstaͤndige Induction erworben, es wird die Aussoͤhnung des Empirismus mit dem Dogmatismus, und die Vollendung der Heilkunst. Es stellt alle moͤgliche Ansichten des Menschen auf, d. h. es schildert ihn als schlechthin physisches und chemisches, als organisches, thierisches und geistiges Wesen, erklaͤrt aus dem Zusammentreffen dieser Kraͤfte seine saͤmmtlichen Er- scheinungen, und bestimmt die Graͤnzen, in welchen jede dieser Kraͤfte sich wirksam erweiset. § 125. Es bezieht sich nicht auf die letzten Gruͤnde der Erschei- nungen, weil dieselben vermoͤge der Graͤnzen unsres Er- kenntnißvermoͤgens unzugaͤnglich sind. Es entdeckt vielmehr das Gemeinsame an den Naturerscheinungen, und findet die Ge- Kritik der Heilkunst. Gesetze, welchen die Naturkraft in ihren Aeusserungen folgt, indem es zu gleichen Wuͤrkungen gleiche Ursachen denkt. § 126. Es laͤßt nicht mehr Ursachen zu, als noͤthig ist, um die Erscheinungen zu erklaͤren. Es ist also einfach in seinen Principien, unendlich in der Anwendung derselben, und es wird dadurch die Kopie der Natur. § 127. So vollkommen aber dieses System auch ist, so werden doch der Erweiterung, deren die Heilkunst faͤhig ist (§ 101) dadurch keine Graͤnzen gesetzt. Die Natur wird wegen des neuen Zusammentreffens von Ursachen, in Ewigkeit neue Erscheinungen hervorbringen, und die Heilkunst deshalb, ih- rem aͤussern Umfange nach, nie vollendet werden koͤnnen. § 128. So lange die Heilkunst ein solches System noch nicht gewonnen hat, sieht sie sich gedrungen, einen der drey uͤbri- gen Wege (§. 116 — 122) einzuschlagen. § 129. Waͤhlt sie den Empirismus, so sinkt sie unter sich selbst herab, sie sinkt in einem ungeordneten, zwecklos gemischten Chaos unter, wo kein Anfang und kein Ende abzusehn ist, und laͤhmt dadurch alle Kraͤfte des Geistes. § 130. Neigt sie sich zum Eklekticismus, so kann sie frey ein- her schreiten, und die Natur in ihren Werken mit Unbefan- gen- Erster Theil. genheit studiren; aber sie muß sich zu sehr mit dem Ein- zelnen begnuͤgen, sie steht fern von allgemeinen, hoͤhern Ansichten, und bleibt deshalb ewig nur Bruchstuͤck. § 131. Ergreift sie den systematischen Dogmatismus, so wird sie durch Beschraͤnktheit der Ansicht, einseitig; es wird durch Festhalten eines einzigen nicht allgemein guͤltigen Princips der Geist eingeengt, und alle freye Untersuchung gehemmt. § 132. Beurtheilt sie aber ein solches System nicht als das hoͤchste Ziel des menschlichen Geistes, sondern nur als tem- poraires Huͤlfsmittel, um Einheit und Ordnung in unsere Vorstellungen von der Natur zu bringen, als Leitfaden, die Erscheinungen zu beobachten und zu beurtheilen, als Huͤlfs- mittel, dessen Gebrauch dereinst bey vollkommnerer Kenntniß der Natur verschwinden wird, — so verschafft sie sich die Vortheile des Systems, ohne seinen Nachtheilen ausgesetzt zu seyn. § 133. 5. Der Skepticismus ist es, welcher auf diesem Wege sich bildet. In ihm treffen die Ansichten des Eklekticismus und des systematischen Dogmatismus zusammen, und da er durch unablaͤssiges Forschen die sinnlichen Erscheinungen mit den Gesetzen unsers Verstandes in Harmonie zu setzen sucht, und rastlos nach Entdeckung der Wahrheit strebt, so ist er der einzige Pfad, auf welchem die Heilkunst zu vervollkom- men, und jenes vollendete System zu erringen ist. § 134. Hiermit darf aber nicht der unaͤchte Skepticismus ver- wechselt werden. Dieser ist nemlich a ) gegen die Gewißheit der Kritik der Heilkunst. der medicinischen Erfahrung uͤberhaupt gerichtet, welche er entweder bezweifelt, oder gaͤnzlich leugnet. Hierdurch be- zweifelt und leugnet er also die Moͤglichkeit aller unsrer Na- turkenntnisse. § 135. b ) Oder, und dies ist der gewoͤhnlichste Fall, er leugnet die Zuverlaͤssigkeit der Heilkunst, wie sie in gewissen Zeiten und Laͤndern durch Individuen realisirt wird. Er trifft also nicht die Heilkunst, sondern ihr Schattenbild, die Routine, Charletanerie, Ignoranz und Pedanterey. Zwey- Zweyter Theil. Encyklopaͤdie der Heilkunst . § 136. U nter Encyklopaͤdie der Heilkunst versteht man eigentlich den zusammenhaͤngenden, compendiarischen Vortrag der zu ihr gehoͤrigen Wissenschaften *). Allein in diesem Sinn ist sie kein Theil von der Propaͤdeutik der Wissenschaft, sondern die Wissenschaft selbst, da sie ihren Inhalt, wenn auch nur im Auszuge, wuͤrklich liefert. Reuss primae lineae encyclopaediae et methodologiae uni- versae scientiae medicae, ac subiunctae historiae literariae. Tubing. 783. 8. Fr. Herz Grundriß aller medicinischen Wissenschaften. Ber- lin 782. 8. Theden’ s Unterricht fuͤr die Unterwundaͤrzte bey Armeen. 3te Aufl. Berlin 782. 8. Selle’ns studium physico-medicum, oder Einleitung in die Natur- und Arzneywissenschaft. 2te Aufl. Berlin 787. § 137. In einem engern Sinne aber, welcher in unsern Zeiten durch den erweiterten Umfang der Wissenschaften, gemeiner worden ist, ist die Encyklopaͤdie der Heilkunst *) eine Anga- be der zu Ausuͤbung derselben erforderlichen Kenntnisse, syste- matisch geordnet, und die Erzaͤhlung des Inhalts, des Zwecks, Encyklopaͤdie der Heilkunst. Zwecks, der Graͤnzen, der Quelle und des Zusammenhan- ges der medicinischen Wissenschaften. Und diese macht den Inhalt der folgenden Paragraphen aus **). Wardenburg uͤber den Werth der medicinischen Ency- klopaͤdie — ein Anhang zur Uebersetzung von Bichat’s Ver- such uͤber Dessault . Goͤttingen 798. 8. Delius synopsis introductionis in medicinam universam. Erlang. 779. 8. Vogels Auleitung zum gruͤndlichen Studium der Arzneywis- senschaft. Stendal 791. 8. Reyher’s Entwurf einer medicinischen Encyklopaͤdie und Me- thodologie Altona 793. 8. Schraud primae linae studii medici. Pest. 794. 8. § 138. Aus dem deutlich gedachten Zwecke der Heilkunst ergiebt sich die Einsicht in den Zusammenhang ihrer einzelnen Wis- senschaften, ihre Nothwendigkeit und ihren Einfluß auf das Ganze. § 139. Da naͤmlich die Heilkunst zuvoͤrderst das Geschaͤft hat, Krankheiten zu erkennen, (§ 34) so muß sie eine vollstaͤn- dige Uebersicht der Krankheitserscheinungen besitzen, welchen die menschliche Natur unterworfen ist, (Nosologie). § 140. Und da es ihr theils nicht immer frey steht, alle krank- hafte Erscheinungen unmittelbar wahrzunehmen, da sie theils den Grad der Krankheit erkennen, und daraus auf die vor- hergegangenen, so wie auf die zukuͤnftigen Erscheinungen einen Schluß ziehen muß, so muß sie eine vollstaͤndige Kennt- niß dieser Zeichen haben (pathologische Semiotik). § 141. Zweyter Theil. § 141. Bis hierher gehen die praktischen Wissenschaften, d. h. welche eine unmittelbare Anwendung in einzelnen vorkom- menden Krankheitsfaͤllen finden. § 142. Diese einzelnen Krankheitsfaͤlle koͤnnen aber nicht begrif- fen werden, ohne gehoͤrige Kenntniß der Krankheit im All- gemeinen nach ihrem Wesen, ihren Ursachen, Folgen und Modificationen (allgemeine Pathologie). § 143. Diese Einsicht der Krankheiten ist aber nicht moͤglich ohne Kenntniß der Erscheinungen am Menschen uͤberhaupt, und seiner Gesundheit insbesondere, und zwar der geistigen Erscheinungen sowohl, als der koͤrperlichen (Fysiologie und Psychologie). § 144. Um sich nun eine vollstaͤndige Kenntniß der koͤrperlichen und geistigen Gesundheit zu erwerben, und um dadurch eine Norm zu finden, nach welcher die Krankheiten beurtheilt werden muͤssen, bedarf man der Kenntniß der sich hierauf beziehenden Zeichen (physiologische und psychologische Se- miotik). § 145. Dies sind theoretische Wissenschaften, weil sie die prak- tischen begruͤnden, und nur mittelbaren Einfluß auf die Hei- lung haben, und zwar sind siedie philosophischen, weil sie nicht blos das Wahrgenommene darstellen, sondern auch dessen Zusammenhang und Ursachen untersuchen. §. 146. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 146. Zur Kenntniß der Erscheinungen am Menschen, wird nothwendig erfordert, eine Kenntniß der ihnen zu Grunde liegenden Materie, sowohl ihrer Form, als ihrer Mischung nach (Anatomie und Anthropochemie). § 147. Doch auch diese Kenntniß des Menschen ist unvollstaͤn- dig, so lange sie nicht verbunden ist mit der Lehre von den uͤbrigen Gliedern der Schoͤpfung, und zwar theils ihrer Form und Mischung (Naturbeschreibung und Chemie), theils ihren Erscheinungen und dem Caussalzusammenhange dersel- ben (Naturgeschichte, Physik und Naturphilosophie). § 148. Das zweyte und eigentliche Geschaͤft der Heilkunst ist, die Krankheiten zu heilen. Hierzu sind also zunaͤchst durch die Erfahrung gegebene Regeln zu Heilung der einzelnen Krankheiten noͤthig (Klinik). § 149. Die unendliche Mannichfaltigkeit der Krankheiten macht aber eine so große Abaͤnderung des Heilplans, und deshalb allgemeine Grundsaͤtze uͤber das Geschaͤft der Heilung noͤthig (Therapie). § 150. Dies erfordert eine vollstaͤndige Kenntniß der Mittel, welche der Heilkunst zu Erreichung ihres Zwecks zu Gebote stehn, und zwar derer, welche auf ihn, als auf ein physi- sches und organisches Wesen wuͤrken (Instrumentenlehre) und welche sich auf seine thierische und geistige Natur bezie- hen (Heilmittellehre). D § 151. Zweyter Theil. § 151. Diese Kenntniß der Heilmittel setzt also voraus, theils die Lehre von den Verhaͤltnissen der Naturkoͤrper ihren allge- meinsten Eigenschaften nach (Physik, Mechanik), theils die Lehre von den eigentlichen Heilmitteln, zufolge ihrer Form (Naturbeschreibung), ihrer Mischung (Chemie), und ihrer Zusammensetzung (Formulare und Farmacie), endlich die Lehre von den Seelenwuͤrkungen (Psychologie). § 152. Aus dieser Skizze ergiebt sich im Allgemeinen die Ge- nealogie der vorzuͤglichsten medicinischen Wissenschaften, so wie sie gleichsam als Wurzeln sich aus dem gemeinschaftli- chen Stamme verbreiten. Bey ihrer naͤhern Berrachtung werden sie in umgekehrter Ordnung dargestellt, so wie sie bey Erlernung der Kunst einander folgen muͤssen, also wie die verschiedenen Wurzeln sich allmaͤhlig in dem Stamme vereinen. § 153. Wir theilen deshalb saͤmmtliche medicinische Wissen- schaften in Grund-Haupt-Vervollkommungs- und Ne- benwissenschaften. Erste Klasse. Grundwissenschaften der Heilkunst . § 154. Grundwissenschaften der Heilkunst sind diejenigen, wel- che, ohne Anleitung zu Heilung der Krankheiten selbst zu ge- ben, dieselbe durch Ueberlieferung des erforderlichen Stoffes moͤglich machen. Erste Encyklopaͤdie der Heilkunst. Erste Abtheilung. Entfernte Grundwissenschaften . § 155. Diese Wissenschaften enthalten die allgemeine Kenntniß der Natur. Da naͤmlich der Mensch nur ein Glied der gros- sen Schoͤpfung ist: so muß man, um ihn gehoͤrig zu beur- theilen, und seine Kraͤfte einzusehen, die Erscheinungen der uͤbrigen Natur hinreichend kennen. § 156. Unsere Kenntnisse der aͤußern Natur zerfallen aber in drey Abtheilungen: 1) Kenntniß der Koͤrper und ihrer Er- scheinungen nach ihrer aͤußerer Form. Die Mannichfaltig- keit der Erscheinungen wird hier aus der Mannichfaltigkeit der Formen abgeleitet. — Naturgeschichte. 2) Kenntniß der Koͤrper nach ihrer Mischung, und Erklaͤrung ihrer Er- scheinungen aus der letztern. — Chemie. 3) Kenntniß der Erscheinungen, welche der Materie uͤberhaupt zukommen, deren Grund also nicht aus ihrer Form und Mischung er- klaͤrt werden koͤnnen, und einiger Koͤrper insonderheit, de- ren Wuͤrkung ebenfalls nur berechnet, nicht erklaͤrt werden kann. — Physik. — Diese Naturkenntnisse sind also kei- nesweges durch die an sich heterogene Natur ihrer Gegen- staͤnde von einander getrennt, sondern nur durch die groͤßere oder mindere Eingeschraͤnkheit unserer Erkenntniß. D 2 Erstes Zweyter Theil. Erstes Kapitel. Naturgeschichte . § 157. Der erste Schritt zur Kenntniß der Natur ist Natur- beschreibung , d. i. bloße Kenntniß der Formen der Koͤrperwelt; ein Product der bloß sinnlichen Wahrnehmung (§ 57). § 158. Um sich die Kenntniß dieser unendlichen Mannichsaltigkeit der Formen zu erleichtern, und einen Ueberblick uͤber die gesammte Schoͤpfung zu gewinnen, ordnet der Verstand diese Formen nach ihrer groͤßern oder mindern Aehnlichkeit untereinander, und indem er auf diese Art, Reiche, Klassen, Ordnungen, Geschlechter und Gattungen festsetzt, liefert er eine systematische Naturbeschreibung . § 159. Bezieht sich diese Aehnlichkeit der Form, welche den Grund der Classification in sich enthaͤlt, bey jedem einzelnen Koͤrper auf seinen allgemeinen Charakter, seinen saͤmmtlichen Theilen und Erscheinungen nach, so giebt sie ein natuͤr- liches System . § 160. Betrifft sie hingegen nur gewisse Merkmahle an den Koͤrpern, welche nur einen Theil ihrer gesammten Form ausmachen, so bildet sie ein kuͤnstliches System . § 161. Auf diese Kenntnisse gestuͤtzt, tritt nun die eigentliche Naturgeschichte auf. Sie erzaͤhlt die Erscheinungen, welche Encyklopaͤdie der Heilkunst. welche den verschiedenen Formen zukommen, die Veraͤnde- rungen, welche sie entweder fuͤr sich, oder in Verbindung mit andern Formen erleiden, und erlaͤutert neue Erscheinun- gen aus den schon bekannten, vermoͤge der Aehnlichkeit der Form, welche den Substraten von beyden zukoͤmmt. — Sie ist also ein Product der Beobachtung (§ 58). § 162. Um sicher zu fußen, um ihren Gegenstand (den Men- schen) nicht isolirt, sondern in Verbindung mit den uͤbrigen Gliedern der Schoͤpfung kennen zu lernen, und um endlich die Wesen vollkommen zu kennen, durch deren Vergleichung mit dem Menschen sie den letztern gehoͤrig beurtheilen kann, — muß die Heilkunst zuvoͤrderst sich auf diese Kenntniß der Natur stuͤtzen. § 163. Sie bedarf derselben aber ferner, weil die Krankheiten des Menschen großentheils von der Einwuͤrkung der aͤußern Natur auf seinen Koͤrper herruͤhren, und durch eben dieselbe auch wiederum geheilt werden. Da sie also in dieser Ruͤck- sicht die Kraͤfte der Naturkoͤrper, oder ihre Wuͤrkungen auf den menschlichen Organismus kennen muß: so muß sie zu- voͤrderst eine genaue Kenntniß ihrer Form haben. § 164. I. Die allgemeine Naturgeschichte stellt theils die Merkmahle auf, welche gewissen Reichen und Klassen der Naturkoͤrper gemeinschaftlich zukommen, theils die Grund- saͤtze, nach welchen diese Aehnlichkeiten entdeckt, und zur Zusammenstellung der Naturkoͤrper benutzt werden. (Die letztere Untersuchung wird die Philosophie der Na- D 3 tur- Zweyter Theil. turgeschichte genannt.) Die Heilkunst muß also die allgemeine Naturgeschichte zum Verstaͤndniß der speciellen benutzen. § 165. II. Die specielle Naturgeschichte beschreibt die Formen der einzelnen Koͤrper, und die mit dieser Ver- schiedenheit verknuͤpfte Mannichfaltigkeit der Erscheinungen. § 166. 1. Die Zoologie , oder die Naturgeschichte derje- nigen Geschoͤpfe, welche keinen hoͤhern, als einen thieri- schen Charakter haben (§ 25), ist in beyden angegebenen Ruͤcksichten (§ 162, 163) eine Grundwissenschaft der Heilkunst. § 167. Die Zootomie , ein Theil der Zoologie, ist die Be- schreibung der Form thierischer Koͤrper, in sofern sie organi- sirt sind, nach ihren saͤmmtlichen, auch unter der Oberflaͤche befindlichen Theilen; und da die Physiologie des Menschen sich dieser Kenntniß zur Vergleichung bedient, um zu unter- suchen, worin Form und Erscheinungen an Thieren und Menschen mit einander uͤbereinstimmen, und um daraus wichtige Resultate ziehen zu koͤnnen, so heißt dieselbe auch die vergleichende Anatomie ( comparata ). Sie dient also zur Einsicht der Physiologie, nicht nur der Thiere, sondern auch des Menschen. § 168. 2. Die Phytologie , Botanik oder Naturgeschichte der Pflanzen macht die Heilkunst besonders mit den Stoffen bekannt, deren sie sich zu Erreichung ihres Zwecks bedienen muß (§ 163), wird derselbe aber auch als Beschreibung eines Theils der Natur uͤberhaupt nothwendig (§ 162). § 169. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 169. Die Phytotomie , oder die Beschreibung der Form der Pflanzen, als organisirter Koͤrper, nach ihren saͤmmt- lichen, auch unter der Oberflaͤche befindlichen Theilen, dient zur Physiologie der Pflanzen, und sodann in vergleichender Ruͤcksicht auch der Thiere und des Menschen (§ 167). § 170. 3. Die Oryktologie , Mineralogie, oder die Natur- geschichte der unorganischen sichtbaren Koͤrper unsers Plane- ten, welche eine bestimmte Form haben (§ 157, 161), also starr (fest) sind, macht ebenfalls in beyden Ruͤcksich- ten (§ 162, 163) eine Grundwissenschaft der Heilkunst aus. Zweytes Kapitel. Chemie . § 171. Die Chemie ist die Lehre von den Erscheinungen der Na- turkoͤrper, in wiefern ihr Grund aus der Mischung derselben erkannt und eingesehen wird. § 172. Obschon ihr Geschaͤft darin besteht, die Koͤrper in ihre Bestandtheile aufzuloͤsen, und durch Zusammensetzung der letztern, erstere wiederum zu bilden: so ist darin doch nicht ihr vollstaͤndiger Begriff enthalten, denn dieses Geschaͤft ist nur das Huͤlfsmittel, dessen sie sich zu Erreichung ihres Zwecks (§ 171) bedient. D 4 § 173. Zweyter Theil. § 173. Sie loͤset naͤmlich die Koͤrper, deren aͤußere Kenntniß sie von der Naturgeschichte empfangen hat, durch mancher- ley Mittel in Theile auf, deren keiner dem Ganzen aͤhnlich ist (ungleichartige). und kehrt, um ihrer Kenntniß gewiß zu seyn, den Versuch um, d. h. sie bildet aus den verschiede- nen ungleichartigen Theilen das bekannte gleichartige Ganze. Hier gruͤndet sie sich also auf Beobachtung (§ 58). § 174. Sie untersucht hierauf die Erscheinungen der Koͤrper; sie findet, daß mit einer bestimmten Mischung auch be- stimmte Wuͤrkungen verbunden sind, schließt also, daß die erstere den Grund der letztern in sich enthaͤlt (§ 65); sie aͤndert hierauf die Umstaͤnde und Verhaͤltnisse der Erschei- nungen durch Versuche ab (§ 66), und findet endlich durch den entscheidenden Versuch (§ 67) den Grund einer Er- scheinung in einem bestimmten Stoffe. § 175. Sie nimmt vermoͤge der Stetigkeit der Natur (§ 83) an, daß dieser Stoff unter aͤhnlichen Umstaͤnden auch den bekannt gewordenen aͤhnliche Wuͤrkungen hervorbringen werde (§. 68), und sie entdeckt auf diesem Wege die all- gemeinen Mischungsgesetze der Natur. § 176. Ihr Gegenstand ist also die ganze Koͤrperwelt, wie sie unsern Sinnen erscheint, und einer Theilung und Zusam- mensetzung faͤhig ist. Ist sie bis zu den letzten Grundstoffen gelangt, deren Theilung fuͤr uns nicht mehr moͤglich ist, deren Encyklepaͤdie der Heilkunst. deren Wuͤrkung wir also auch nicht aus ihrer Mischung be- greifen koͤnnen: so hat sie ihre Graͤnzen erreicht. Die Un- tersuchung der Wuͤrkungsgesetze dieser Grundstoffe ist also kein Theil der Chemie mehr, sondern der Physik, obschon sie gewoͤhnlich die hoͤhere Chemie genennt wird. § 177. I. Die allgemeine Chemie traͤgt die allgemeinen Wuͤr- kungsgesetze der Materie, in sofern sie gemischt ist, vor, wie sich dieselben uͤber das ganze Universium wuͤrksam zei- gen, und die gemeinschaftlichen Erscheinungen ganzer Klas- sen von gleich gemischten Koͤrpern. § 178. II. Die specielle Chemie zeigt, wie diese allgemeinen Mischungsgesetze in einzelnen Koͤrpern realisirt werden; sie zerfaͤllt also in die Zoochemie, Phytochemie und Oryktochemie. § 179. Die Heilkunst bedarf der gesammten Chemie, da sie ohne dieselbe keine moͤglichst vollstaͤndige Kenntniß der aͤus- sern Natur (§ 156), mithin auch nicht des Menschen, als eines Gliedes derselben (§ 155) erlangen, und dadurch auch ihren Zweck (§ 36) nicht erreichen kann. § 180. Eben so dringend bedarf sie auch der einzelnen Theile der Chemie, zuerst (besonders der Zoochemie), um aus der gleichen oder ungleichen Mischung, verglichen mit den glei- chen oder ungleichen Erscheinungen an andern Naturkoͤrpern und an Menschen, den Grund der Erscheinungen an dem letztern zu entdecken. D 5 § 181. Zweyter Theil. § 181. Ferner um die Koͤrper, welche den Grund der Krank- heiten oder der Genesung abgeben, den Ursachen ihrer Wuͤr- kung nach kennen zu lernen, worunter also auch die Kennt- niß der Heilmittel gehoͤrt. § 182. Die Lehre von der Mischung des menschlichen Koͤrpers, (welche eigentlich hier ihren Platz gar nicht findet) und der Heilmittel, macht den Inhalt der sogenannten medici- nischen Chemie aus, welche also nur den dringendsten Nothbedarf der Heilkunst enthaͤlt, und weit entfernt ist, ihren Forderungen und Beduͤrfnissen Genuͤge zu leisten. Drittes Kapitel. Physik . § 183. Die Physik oder Naturlehre ist die Lehre von den Kraͤf- ten in der Natur, fuͤr deren Aeußerungen wir durch getreue Beobachtungen und Versuche, Gesetze auffinden koͤnnen, ohne jedoch einen hoͤhern Grund dazu in der Form und Mi- schung der, ihnen zum Substrat dienenden Koͤrper, entdek- ken zu koͤnnen. § 184. Sie folgt also der Naturgeschichte und Chemie, hebt da ihre Untersuchungen an, wo letztere sie einstellen mußte (§ 176), und muß auch von ihren Untersuchungen abste- hen, wo das Gebiet der metaphysischen Kosmologie beginnt. § 185. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 185. Sie stellt die Erscheinungen, welche weder aus der Form, noch aus der Mischung ihrer Koͤrper erklaͤrt werden koͤnnen, neben einander (§ 57, 58), sucht ihre gemein- schaftlichen Merkmahle auf, nimmt zu gleichen Wuͤrkungen gleiche Ursachen, als Kraͤfte an, stellt die (§ 64) nach der Verschiedenheit der Verhaͤltnisse (§ 26) abgemessene Verschiedenheit der Erscheinungen dar (§ 65), findet da- durch die Wuͤrkungsgesetze der Naturkraͤfte (§ 68), und giebt ihren Entdeckungen durch die Mathematik, d. h. durch die Wissenschaft der Koͤrper, in wiefern sie schlechthin aus- gedehnt oder im Raume erscheinen, einen hoͤhern Grad von Gewißheit. § 186. I. Die allgemeine Physik hat die Kraͤfte zum Gegen- stande, welche allen Koͤrpern, als solchen, gemeinschaftlich zukommen, und muß demnach, weil sie die Kenntniß aller Koͤrper, also auch eines Theils der menschlichen Natur be- gruͤndet, der Heilkunst nothwendig vorangehen. § 187. II. Die specielle Physik ist nach dem angegebenen Be- griffe (§. 183, 184) desto weitlaͤufiger, je eingeschraͤnkter die Chemie ist, und wird an Zahl der Gegenstaͤnde desto aͤrmer, an Gehalt aber reicher, je tiefer die Chemie in das Wesen der Koͤrper eindringt, und viele Koͤrper, welche vormals Gegenstaͤnde der Physik waren, werden jetzt das Eigenthum der Chemie. § 188. 1. Die Physik des organischen Reichs wird Physio- logie genannt; sie untersucht seine Erscheinungen, und entdeckt Zweyter Theil. entdeckt mit Huͤlfe der Analogie und Induction die Wuͤr- kungsgesetze der, jenen Erscheinungen zu Grunde liegenden Kraͤfte. § 189. Sie hat nicht denjenigen Grad mathematischer Evidenz, auf welchem die Physik der anorgischen Natur steht, weil die Erscheinungen der Organisation nicht so beharrlich sind, auf mehr zusammengesetzten Kraͤften beruhen, einen weirern Kreis von Beruͤhrungspuncten haben, und deshalb nicht so leicht mathematische Berechnungen zulassen, als die anor- gische Natur. § 190. a. Die Zoophysiologie oder die Lehre von den Erscheinungen und Kraͤften der Thiere, welche sich auf die Zoologie (§ 166), Zootomie (§ 167), und Zoochemie (§ 178) gruͤndet, dient der Heilkunst, um durch Verglei- chung der thierischen mit den menschlichen Erscheinungen, Resultate zur Kenntniß der letzteren zu erlangen, und wird deshalb auch die vergleichende Physiologie genannt. § 191. b. Die Phytophysiologie oder die Lehre von den Erscheinungen und Kraͤften der Pflanzen, bereichert die Heilkunst ebenfalls durch angestellte Vergleichungen, mit Entdeckungen uͤber die Kraͤfte des Menschen. § 192. 2. Die Physik des anorgischen Reiches dient der Heil- kunst unmittelbar zu Beurtheilung der Kraͤfte unorganischer Koͤrper, welche auf den menschlichen Koͤrper einwuͤrken und denselben Encyklopaͤdie der Heilkunst. denselben veraͤndern (Gesundheit, Krankheit, Tod hervor- bringen) *). Physisch nennt man oft Koͤrper, im Gegensatze von orga- nischen und lebenden, weil die Physik des anorgischen Rei- ches Physik im engern Sinne genannt wird; — andremal bedeutet das Physische soviel als das Koͤrperliche, im Ge- gensatze gegen das Moralische (das Geistige), weil naͤmlich Willensfreyheit (als der Grund der Moralitaͤt, des vorzuͤg- lichsten Charakters eines Geistes) von den Naturkraͤften der Koͤrperwelt ausgeschlossen ist; — und endlich bedeutet es auch, seinem Ursprunge gemaͤß, das Ratuͤrliche, was noch nicht von dem Menschen absichtlich veraͤndert ist, im Gegen- satze des Kuͤnstlichen. Zweyte Abtheilung. Naͤhere Grundwissenschaften . § 193. Die naͤhern Grundwissenschaften der Heilkunst enthalten die Kenntniß des Menschen, und seiner gesammten Erschei- nungen, als auf welche sich dieselbe unmittelbar stuͤtzt. Erstes Hauptstuͤck . Kenntniß der Erscheinungen am lebenden Menschen uͤberhaupt, und am gesunden insonderheit. § 194. Da die Heilkunst den Menschen zu ihrem alleinigen Gegenstande hat, und die uͤbrige Natur nur im Bezuge auf ihn, nur um ihn gehoͤrig kennen zu lernen, untersucht, da endlich jedes andere Geschoͤpf ihm aͤhnliche Mitgeschoͤpfe neben sich hat, der Mensch hingegen, vermoͤge seiner gei- stigen Zweyter Theil. stigen Kraͤfte, isolirt in der Schoͤofung steht: — so laͤßt die Heilkunst in den allgemeinen Naturwissenschaften da, wo von dem Menschen die Rede seyn koͤnnte (§ 166, 167, 178, 190) Luͤcken, und spart die Betrachtung desselben bis auf diese Stelle auf, wo sie ihm ungestoͤrt ihre Aufmersam- keit schenken kann. § 195. Die Erscheinungen an dem lebenden Menschen koͤnnen sich beziehen auf seinen Koͤrper oder auf seinen Geist, die erstern auf seine Form, oder seine Mischung, oder seine eigenthuͤmlichen Kraͤfte *). Diese Kenntnisse koͤnnen unter dem Namen der Biolo- gie oder Lehenslehre des Menschen begriffen werden. S. Anmerkung zu § 48. Erster Abschnitt. Kenntniß der Form des menschlichen Koͤrpers . § 196. So wie die Kenntniß der Form uͤberhaupt der erste Schritt zur Kenntniß der Natur ist (§ 157), so muß auch die Lehre von der Form des menschlichen Koͤrpers *) der Untersuchung der mannichfaltigen in ihm verwebten Kraͤfte nothwendig vorangehen. Morphologie des Menschen. S. Anmerk. zu § 48. Erstes Kapitel. Anatomie . § 197. Die Anatomie oder Zergliederungslehre liefert die Beschreibung der urspruͤnglichen aͤußern Form des menschlichen Koͤrpers, Encyklopaͤdie der Heilkunst. Koͤrpers, nach allen seinen Theilen, wie sie besonders durch die Zergliederung erkannt wird. Sie ist also bloßes Pro- duct der sinnlichen Wahrnehmung. § 198. Nach der Verschiedenheit der Theile des menschlichen Koͤrpers hat die Anatomie verschiedene Zweige, naͤmlich 1) die Osteologie oder Knochenlehre beschreibt die harten, fuͤr sich unbeweglichen Theile, welche den uͤbrigen zur Stuͤtze oder zum Schutze dienen. § 199. 2) Die Syndesmologie oder Baͤnderlehre be- schreibt die festen, elastischen und geschmeidigen Theile, welche die Knochen theils untereinander, theils mit den Muskeln vereinigen. § 200. 3) Die Myologie oder Muskellehre beschreibt die aus eigenthuͤmlichen, der Zusammenziehung und Ausdeh- nung faͤhigen Fasern, bestehenden Werkzeuge der Bewe- gung. § 201. 4) Die Angiologie oder Gefaͤßlehre liefert die Be- schreibung der haͤutigen, durch den ganzen Koͤrper verbrei- teten Kanaͤle, welche seine Fluͤssigkeiten in sich enthalten und umherfuͤhren; und sie hat nach Verschiedenhnit dieser Kanaͤle, verschiedene Zweige: § 202. a ) Die Arteriologie oder Schlagaderlehre enthaͤlt die Kenntniß derjenigen Kanaͤle, welche unmittelbar mit dem Herzen zusammenhaͤngen, und das Blut aus demselben vermoͤge Zweyter Theil. vermoͤge ihrer eigenthuͤmlichen Zusammenziehung, nach der Oberflaͤche der verschiedenen Theile fuͤhren. § 203. b ) Die Phlebologie oder Blutaderlehre enthaͤlt die Beschreibung der Kanaͤle, welche unmittelbar mit dem Her- zen zusammenhaͤngen, und, durch ihre Klappen unterstuͤtzt, das aus den Schlagadern empfangene Blut von der Ober- flaͤche der verschiedenen Theile in dasselbe zuruͤckfuͤhren. § 204. c ) Die Saugaderlehre *) giebt die Beschreibung der Kanaͤle, welche nicht mit dem Herzen, sondern mit einer Blutader unmittelbar zusammenhaͤngen, in welche sie die von der Oberflaͤche der verschiedenen Theile eingesegenen Fluͤssigkeiten uͤberfuͤhren. Myzontologie s. Anmerkung zu § 48. § 205. 5) Die Nevrologie oder Nervenlehre beschreibt die vom Hirn und Ruͤckenmark aus, uͤber den ganzen Koͤrper sich verbreitenden Faͤden, welche die Bedingung der Em- pfindung und in den Muskeln, der willkuͤhrlichen Bewegung, abgeben. § 206. 6) Die Adenologie oder Druͤsenlehre beschreibt die Werkzeuge der Absonderung verschiedener Fluͤssigkeiten aus dem Blute, welche aus den durch eigene Haͤnte mit einan- der verbundenen Werkzeugen zusammengesetzt sind. § 207. 7) Die Splanchnologie oder Eingeweidelehre be- schreibt die aus Muskelfasern, Gefaͤßen, Nerven, Druͤsen und Encyklopaͤdie der Heilkunst. und einem eigenthuͤmlichen Gewebe von Fasern mannichfal- tig zusammengesetzten Theile, welche durch mannichfaltige Erscheinungen das Leben des Koͤrpers unterhalten. § 208. 8) Die Lehre von den aͤußern Theilen beschreibt die ohne Zergliederung in die Augen fallenden Theile des mensch- lichen Koͤrpers. § 209. Die sogenannte hoͤhere Anatomie ist eine Be- schreibung der Form der Theile des menschlichen Koͤrpers, nebst Angabe ihrer Geschichte, ihrer Wuͤrkung und Bestim- mung. Sie ist also nur eine scheinbare Bereicherung der Anatomie, auf Kosten der Physiologie, und dergleichen wissenschaftliche Eingriffe sind niemals von Nutzen, denn nur bey streng abgesteckten Graͤnzen der Wissenschaften kann jede derselben am vollkommensten bearbeitet werden. § 210. Die gesammte Heilkunst bedarf der Anatomie, als der ersten Bedingung zur Kenntniß des Menschen, welche noth- wendig der Physiologie vorhergehen und dieselbe begruͤn- den muß. § 211. Die Handarzneykunst und Entbindungskunst beduͤrfen insonderheit der genauesten Kenntniß der Form, jene des ganzen Koͤrpers, diese besonders der auf die Geburt sich be- ziehenden Theile des weiblichen Koͤrpers, — da die krank- hafte Veraͤnderung der Theile nur nach ihrer urspruͤnglichen Form beurtheilt werden kann, und jene beseitigt werden muß, ohne daß dem Baue der uͤdrigen gesunden Theile da- durch Eintrag geschieht. E § 212. Zweyter Theil. § 212. Unter den Nebenwissenschaften muß besonders die ge- richtliche Arzneykunde die Anatomie benutzen, um an leben- den Menschen, so wie an Leichnamen das Urspruͤngliche von dem Krankhaften zu unterscheiden, und dadurch auf die vor- hergegangenen Ursachen, oder die daraus entspringenden Wuͤrkungen zu schließen. Zweytes Kapitel. Naturgeschichte des Menschen . § 213. Die Naturgeschichte des Menschen erzaͤhlt die Verhaͤlt- nisse seiner aͤußern Form gegen die der uͤbrigen Koͤrper uͤber- haupt, der Thiere insonderheit, und seiner verschiedenen Ra- cen gegeneinander, nebst der damit verbundenen Abaͤnderung der Erscheinungen. Sie ist also das Resultat der Beobach- tung (§ 58). § 214. Dieses Studiums bedarf die Heilkunst, als einer Ein- leitung zur Kenntniß des Menschen, um einzusehen, welche Stelle derselbe in der großen Stufenfolge der Natur ein- nimmt. Zweyter Encyklopaͤdie der Heilkunst. Zweyter Abschnitt. Kenntniß der Mischung des menschlichen Koͤrpers . § 215. Die Bestandtheile und Mischungsverhaͤltnisse des menschlichen Koͤrpers machen den Gegenstand eines eigenen Theils der speciellen Chemie aus *). Anthropochemie s. Anmerk. zu § 48. § 216. Diese Untersuchung hat also gleiche Quellen und gleiche Methode, als die uͤbrigen Theile der Chemie, setzt auch die genaueste Kenntniß derselben voraus, kann sich aber nicht auf den Grad der Gewißheit erheben, welchen die Chemie der anorgischen Natur erreicht, weil die organische Natur in ihren Wuͤrkungen weniger stetig, und vermoͤge der mannichfaltigern Zusammensetzung heterogener Kraͤfte, einer schwerer einzusehenden, ewigen Abwechselung unter- worfen ist, und weil dieser Theil der Chemie sodann die or- ganischen Koͤrper zwar aufloͤsen, aber ihres andern Huͤlfs- mittels, der Zusammensetzung der gefundenen Bestandtheile zum vorigen Ganzen (§ 173), sich nicht bedienen kann. § 217. Diese bisher außerst vernachlaͤssigte, und vermoͤge der zwecklosen Behandlungsart der gesammten Chemie, bis jetzt unvollstaͤndige Wissenschaft, ist von dem wichtigsten Ein- flusse auf die Heilkunst, indem sie eine sehr lautere Quelle zur sichern Erklaͤrung sehr vieler Erscheinungen am gesunden und kranken Menschen abgiebt, und einen Theil seiner Na- tur entwickelt. E 2 § 218. Zweyter Theil. § 218. Doch so wenig auch die Heilkunst ohne Anthropeche- mie vermag, eine so gefaͤhrliche Klippe bietet sich ihr auch in derselben dar. So bald sie naͤmlich bey den Graͤnzen der menschlichen Erkenntniß uͤberhaupt, und unserer gegenwaͤr- tigen insonderheit, alle Erscheinungen des Menschen aus der Mischung seines Koͤrpers vollstaͤndig erklaͤren will, in ihm also nur ein chemisches Product sieht: so wird sie einseitig und mangelhaft. § 219. Denn so unbezweifelt es auch ist, daß wir uns die Er- scheinungen der Koͤrperwelt nicht anders, als begruͤndet in ihrer Form und Mischung denken koͤnnen, so vermoͤgen wir doch nicht, in die innere Mischung aller Wesen so tief ein- zudringen, um daraus alle ihre Erscheinungen hinreichend zu erklaͤren. Das große Reich feinerer Stoffe liegt außer- halb der Graͤnzen unserer Sinne, und das Verfahren der Natur in Verbindung und Zusammensetzung derselben, welche die Quelle der vorzuͤglichsten Modificationen der Er- scheinungen abgiebt, liegt ebenfalls noch außer unserm Ge- sichtskreise. Koͤnnten wir hieruͤber aufgeklaͤrt werden, so brauchten wir nicht mehr von Kraͤften zu sprechen, deren Wuͤrkungsgesetze wir nur aufsuchen: es gaͤbe denn also keine Physik, keine Physiologie mehr, sondern die Chemie ver- schlaͤnge alle uͤbrigen Naturwissenschaften, welche jetzt in ihrer Unvollkommenheit neben ihr stehen. Dritter Encyklopaͤdie der Heilkunst. Dritter Abschnitt. Kenntniß der Erscheinungen am Menschen . § 220. Die Erscheinungen am Menschen im engern Sinne, (d. h. seine Zustaͤnde, welche einander in der Zeit folgen und dadurch von einander verschieden sind) sind theils koͤrperlich, theils geistig. Die Lehre von diesen Erscheinungen *) zer- faͤllt also dem zufolge in zwey Theile. Phaͤnomenologie oder Erscheinungslehre des Men- schen. Erstes Kapitel . Physiologie . § 221. Die Physiologie oder die Naturlehre des mensch- lichen Koͤrpers ist die Darstellung seiner Erscheinungen uͤber- haupt, und der Gesundheit insbesondere, verbunden mit der Untersuchung ihres Wesens, ihrer Ursachen und Wuͤr- kungen. § 222. Unter Natur verstand man ehemals den seiner Bestim- mung angemessenen Zustand eines Koͤrpers; natuͤrlich war deshalb am Menschen, soviel, als gesund, wider- natuͤrlich gleichbedeutend mit krankhaft, und Physiologie war die Lehre von der Gesundheit. Allein sie hat ein weite- res Feld; sie untersucht die gesammte koͤrperliche Natur des Menschen, d. h. den Innbegriff von den innern Bestim- mungsgruͤnden, welche seine vermittelst der aͤußern Sinne wahrnehmbaren Erscheinungen unter bestimmten Formen ver- nrsacht. E 3 § 223. Zweyter Theil. § 223. Zuerst stellt sie also die beobachteten koͤrperlichen Er- scheinungen am Menschen dar. Sie stuͤtzt sich hier auf die Anatomie, von welcher sie die Kenntniß des Substrates die- ser Erscheinungen entlehnt, und die groͤßere oder geringere Vollkommenheit dieser Lehre ist daher von betraͤchtlichem Einflusse auf sie. § 224. Sie entwickelt also hier den Nutzen dieser Theile, wel- cher theils unmittelbar wahrgenommen, und mit Huͤlfe einer zureichenden anatomischen Kenntniß durch eine leichte Be- obachtung erkannt wird, theils versteckter liegt, und mit mehreren Schwierigkeiten entdeckt wird. § 225. Im letztern Falle ruft sie außer der Anatomie, welche ihr immer zur Seite geht, auch die Anthropochemie zu Huͤlfe (deren bisherige gaͤnzliche Verweisung auf diesen Theil der Physiologie nur durch ihren bisherigen mangelhaften Zustand entschuldigt werden kann), um zu untersuchen, welche Mi- schungsveraͤnderungen durch den bestimmten Theil vor sich gehen, und welchen Einfluß er hierdurch auf den ganzen Organismus hat. § 226. Sie bedient sich ferner der Versuche, d. h. sie veraͤn- dert auf mancherley Art die Verhaͤltnisse des Organes, um die dadurch erfolgenden Modificationen seiner Erscheinungen zu beobachten, und daraus auf die wesentlichen Bedingung seiner Wuͤrkungen zu schließen. § 227. Eben so sucht sie auch durch Versuche die Wuͤrkungen des Organs aufzuheben, um durch Beobachtung des daraus entstehen- Encyklopaͤdie der Heilkunst. entstehenden Nachtheils fuͤr die uͤbrige Organisation seinen Zweck aufzuklaͤren. § 228. Sie benutzt hierzu auch die Beobachtungen der Patho- logie, indem sie sich von derselben belehren laͤßt, welche Wuͤrkungen aus dem krankhaften Zustande des untersuchten Organs erwachsen. § 229. Die vergleichende Anatomie und Physiologie dient ihr zu einem aͤhnlichen Huͤlfsmittel, um naͤmlich aus der Ueber- einkunst aͤhnlicher koͤrperlicher Theile und Erscheinungen an Thieren, auf eine ursachliche Verbindung dieser Theile und dieser Erscheinungen am Menschen zu schließen. § 230. Hat die Physiologie auf diese Art die mancherley Wuͤr- kungen des menschlichen Organismus nach ihren Bedingun- gen, Erscheinungen und Zwecken dargestellt, so sucht sie nun die eigentlichen Ursachen derselben auf. §. 231. Sie versucht also ihre Erklaͤrung 1) aus dem Baue des menschlichen Koͤrpers, und vergleicht damit die in der ge- sammten Natur beobachtete Modification der Kraͤfte durch das verschiedene Verhaͤltniß ihrer koͤrperilchen Substrate, im Raume: sie benutzt also hier die Mathematik, und zwar zunaͤchst die angewandten Theile derselben, als Mechanik, Hydrostatik, Hydraulik ꝛc. § 332. 2) Aus der Mischung des menschlichen Koͤrpers: sie vergleicht diese mit der Mischung der uͤbrigen Natur, und E 4 wo Zweyter Theil. wo sie in Beyden gleiche Erscheinungen bey gleichen Stoffen findet, schließt sie, daß die Erscheinungen des erstern auf diesen Mischungsverhaͤltnissen beruhen. § 233. Allein diese Erklaͤrungen schaffen ihr doch keine vollstaͤn- dige Befriedigung, denn obschon dadurch die Art der Wuͤr- kungen des menschlichen Organismus aufgeklaͤrt wird, so bleiben ihr doch immer noch ihre eigentlichen Ursachen ver- borgen; sie findet hier uͤberall Wuͤrkungen, welche von denen der uͤbrigen Natur abweichen, und sie sieht daher ein, daß der menschliche Koͤrper nicht nur einen allgemein koͤrperlichen Charakter habe, sondern auch einen eigenthuͤmlichen, ihm allein zukommenden, welcher also auch durch keine Verglei- chung mit der uͤbrigen Natur, sondern nur durch sorgfaͤltige Beobachtung seiner selbst ausgemittelt werden kann. § 234. Sie beobachtet also die Erscheinungen des menschlichen Koͤrpers, wie sie durch ihre mannichfaltigen Verhaͤltnisse be- stimmt werden, vergleicht sie untereinander, schließt vermit- telst Analogie und Induction auf ihre Ursachen, begiebt sich des Anspruchs auf die Kenntnisse des innern Wesens dieser Ursachen, und strebt nur nach Auffindung der Gesetze, nach welchem die dem Menschen inwohnende Kraft sich thaͤtig er- zeigt. § 235. Hierdurch wird sie also ein wuͤrklicher Theil der Physik. Allein die Physik der anorgischen Schoͤpfung hat das vor ihr voraus, daß ihr Gegenstand einfacher, nicht so vielseitig, und mehr stetig ist, also auch eine mathematische Berechnung seiner Wuͤrkungsgesetze eher zulaͤßt. § 236. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 236. Dies ist der Weg der analytischen Bearbeitung der Phy- siologie. Als schon bearbeitete Wissenschaft verfaͤhrt sie synthetisch, und traͤgt 1) in ihrem allgemeinen Thei- le die Resultate der speciellen Untersuchung vor, naͤmlich die Merkmahle, welche den saͤmmtlichen Erscheinungen des menschlichen Koͤrpers gemeinschaftlich zukommen, und die denselben zum Grunde liegenden Kraͤfte nach ihren Wuͤrkungs- gesetzen. Diese Kraͤfte sind aber theils allgemein, welche der menschliche Koͤrper mit andern gemein hat (phyfische und chemische), theils eigenthuͤmliche (Lebenskraͤfte, Le- bensprincip, Erregbarkeit). § 237. 2) Die specielle Physiologie erlaͤutert die Erscheinungen der einzelnen Organe aus ihrer eigenthuͤmlichen Natur, ver- bunden mit den allgemeinen Wuͤrkungsgesetzen des menschli- chen Koͤrpers. § 238. Uebrigens leistet die Physiologie auch in diesen Graͤnzen der Heilkunst volle Genuͤge. Da es naͤmlich dieser darauf ankommt, den Menschen in seinen verschiedenen Wuͤrkungen und Verhaͤltnissen zu kennen, um diese Verhaͤltnisse zu Be- seitigung des krankhaften Zustandes abaͤndern zu koͤnnen: so braucht die Physiologie auch nur zu zeigen, welche Erschei- nungen der menschliche Koͤrper aͤußert, und nach welchen Gesetzen sie erfolgen, wenn sie auch schon ihren letzten Grund nicht befriedigend aufzuhellen vermag. § 239. Sie entwickelt also die Wuͤrkungsgesetze der Natur des lebenden menschlichen Koͤrpers uͤberhaupt; und da die Krank- E 5 heit Zweyter Theil. heit nach eben diesen Gesetzen erfolgt, und eben so, wie die Gesundheit nur eine besondere Modification des Lebens ab- giebt, so koͤnnen wir nur durch die Physiologie eine gehoͤrige Einsicht in die Ursachen, Erscheinungen und Wuͤrkungen der Krankheiten erlangen, und die Physiologie wird dadurch der Eckstein der Heilkunst, weil sie den Grund ihrer gesamm- ten Theorie in sich faßt. Phisiologische Semiotik . § 240. Da die Physiologie nicht nur die Erscheinungen des Le- bens uͤberhaupt, sondern auch der Gesundheit, als einer ein- zelnen Modification desselben besonders darstellt: so ist ihre Kenntniß fuͤr die Heilkunst auch in der Ruͤcksicht wichtig, um den gesunden Zustand gehoͤrig zu erkennen und zu unterschei- den. § 241. Die physiologische Semiotik, oder die Zeichenlehre der Gesundheit, stellt also die durch unsere Sinne unmittelbar wahrnehmbaren Wuͤrkungen der einzelnen Organe dar, um daraus auf die, ihrem urspruͤnglichen Zwecke entsprechenden Wuͤrkungen der uͤbrigen Organe, welche unsrer sinnlichen Anschauung nicht frey stehen, schließen zu koͤnnen. § 242. Sie liefert die Resultate einer genauen Beobachtung der Erscheinungen des menschlichen Koͤrpers, wie dieselben im gesunden Zustande einander folgen und neben einander be- stehen, und sie ist also ein Theil der historischen Physiologie (§ 223), welcher erst durch die uͤbrigen Zweige dieser Wis- seuschaft, Einsicht in die ursachliche Verbindung des Bey- sam- Encyklopaͤdie der Heilkunst. sammenseyns und der Aufeinanderfolge dieser Erscheinungen erhaͤlt. § 243. Das Leben hat nur zwey Modificationen: Gesundheit und Krankheit. Um also die eine gehoͤrig zu erkennen und zu beurtheilen, muß man von der ihr gegenuͤber stehenden unterrichtet seyn. Da nun das erste Geschaͤft der Heilkunst in Erkenntniß der Krankheiten besteht, so muß sie nothwen- dig zuvoͤrderst die Zeichen der Gesundheit vollkommen inne haben. § 244. Unter den Nebenwissenschaften bedarf besonders die ge- richtliche Arzneykunst der physiologischen Semiotik, um naͤm- lich auszumitteln, ob und in welchem Grade die Gesundheit in einem Subjecte Statt finde. Zweytes Kapitel . Psychologie . § 245. Diese Kenntniß des Menschen (§ 221 — 244) ist aber immer noch unvollstaͤndig, denn sie bezieht sich noch nicht auf ihn, in sofern er auch das Glied einer hoͤhern Schoͤ- pfung ist. Diese Luͤcke wird durch die Psychologie ausge- fuͤllt, welche also der allgemeinen Kenntniß des Menschen ihre Vollendung ertheilt. § 246. Die Psychologie oder die Seelenlehre ist naͤmlich die Darstellung der geistigen Erscheinungen im Menschen uͤber- haupt Zweyter Theil. haupt, und in der Gesundheit insbesondere, verbunden mit der Untersuchung ihres Wesens, ihrer Ursachen und ihrer Wuͤrkungen. Sie ist also ganz das fuͤr die geistige Natur des Menschen, was die Physiologie fuͤr seine koͤrperliche Na- tur ist. § 247. Ihre Quelle ist urspruͤnglich das dem Menschen inwoh- nende Bewußtseyn seiner selbst. Der Mensch vermag naͤm- lich bey allen geistigen Wuͤrkungen, welche er aͤußert, seine Aufmerksamkeit auf diese Acte zu lenken, und ihre eigen- thuͤmlichen Merkmahle vermittelst seines innern Sinnes wahr- zunehmen. § 248. Er findet, daß mit jeder geistigen Wuͤrkung eine Vor- stellung verbunden ist, stellt aber ihre Modiflcationen unter den drey Klassen des Erkennens, Begehrens und Fuͤhlens auf. § 249. Diese Erscheinungen machen also den ersten und histori- schen Theil der Psychologie aus, denn sie sind blos durch die Beobachtung, durch die Anschauung seiner selbst ge- geben. § 250. Was nun aber die Untersuchung des Grundes dieser Er- scheinungen anlangt, so steht sie, von der Kritik des Erkennt- nißvermoͤgens geleitet, von der Anmaßung ab, denselben an sich, in seinem innern Wesen zu erkennen, begnuͤgt sich, (wie die Physiologie in Ruͤcksicht auf die koͤrperlichen Erschei- nungen (§ 234) einen, seinem Wesen nach unbekannten Grund der bekannten geistigen Erscheinungen zu denken, (welchen sie an sich betrachtet, Geist, in Ruͤcksicht auf seine Verbindung mit Encyklopaͤdie der Heilkunst. mit der Koͤrperwelt, Seele nennt), und sucht nur seine Wuͤrkungsgesetze und ihren Zusammenhang zu entwickeln. § 251. Diese Gesetze naͤmlich, nach welchen die geistigen Er- scheinungen erfolgen, und nach welchen sie verschiedne Wuͤr- kungen nach sich ziehen, werden dadurch entdeckt, daß der Mensch seine einzelnen Geisteswuͤrkungen im gesunden so- wohl, als im kranken Zustande, unter einander vergleicht, durch Versuche belehrt, das Wesentliche von dem Unwesent- lichen unterscheidet, die an andern Menschen hieruͤber ge- machten Beobachtungen hierzu benutzt, und die verschiede- denen Verhaͤltnisse aufsucht, welche ihre Modificationen be- stimmen. § 252. Sie ist also blos durch die Erfahrung gegeben, und wird daber auch gewoͤhnlich die empirische Psychologie ge- nennt. Man nennt sie auch Anthropologie, in sofern das eigentliche Wesen des Menschen auf dem geistigen Vermoͤ- gen beruht, und der Koͤrper nur das Substrat desselben abgiebt. § 253. Der Mensch darf nie bloß koͤrperlich betrachtet werden: denn sonst uͤbersieht man den wichtigsten Theil seines Wesens, und kann nur einseitige Urtheile uͤber ihn faͤllen. Dadurch wird die Psychologie eben so noͤthig fuͤr die Heilkunst, als die Physiologie. § 254. Einige Krankheiten des Menschen beruhen unmittelbar und ausschließlich auf einer unregelmaͤßigen Wuͤrkung seines geistigen Vermoͤgens. Uebrigens sind aber auch die verschie- denen Charakter des Menschen so innig unter einander ver- kettet, Zweyter Theil. kettet, daß keiner derselben veraͤndert werden kann, ohne sogleich eine entsprechende Veraͤnderung der andern nach sich zu ziehen; und deshalb giebt es auch keine betraͤchtliche Modification des Koͤrperlichen am Menschen, keine Krank- heit irgend einer Art, womit nicht eine angemessene Modi- ficativn seines geistigen Wesens verknuͤpft waͤre. § 255. Die Heilkunst bedarf also der Psychologie, nicht nur in Ruͤcksicht auf die Krankheiten des Geistes, sondern auch auf alle uͤbrigen, sobald sie auf irgend einen Grad der Vollstaͤn- digkeit und Vollkommenheit Anspruch machen will; und sie bedarf ebenfalls ihres Unterrichtes, um mit den Heilmitteln bekannt zu werden, welche in der geistigen Natur des Men- schen selbst liegen. § 256. Da nun alle diejenigen Naturwissenschaften, welche den Menschen nach seinen mannichfaltigen Erscheinungen und deren Wuͤrkungsgesetzen darstellen (als die naͤhern Grund- wissenschaften § 195), wegen ihrer Anwendung zum Behuf der Heilkunst, zu den medicinischen gerechnet werden, so ge- hoͤrt hierher auch die Psychologie, und es ist Usurpation und eine grundlose Anmaßung der Philosophie, dieselbe in ihr Gebiet zu ziehen. Die Philosophie entlehnt vielmehr diese Erfahrungswissenschaft eben so wie die Heilkunst, aus dem großen Gebiete der Naturwissenschaften. Anthropologie . § 257. Ein Theil der Psychologie ist die Anthropologie im en- gern Sinne, oder die Lehre von dem eigenthuͤmlichen Cha- rakter Encyklopaͤdie der Heilkunst. rakter des Menschen, welcher in der Vereinigung koͤrperli- cher und geistiger Kraͤfte zu einem harmonirenden Wesen besteht. In sofern naͤmlich die Psychologie die allgemeine Kenntniß des Menschen durch Entwickelung seines hoͤchsten Charakters vollendet, findet in ihr die Anthropologie ihre schicklichste Stelle. § 258. Die Anthropologie stellt 1) den Einfluß des Koͤrpers auf die Seele dar, und hierher gehoͤrt besonders die Tem- peramentslehre , welche die aus Erfahrung bekannten Gesetze darstellt, nach welchen der Innbegriff der Form und Mischung des menschlichen Koͤrpers die geistigen Kraͤfte in ihrem Vermoͤgen und ihren Wirkungen modificirt. § 259. 2) Den Einfluß der Seele auf den Koͤrper; hierher ge- hoͤrt vorzuͤglich die Pathematologie , welche die durch Erfahrung bekannten Gesetze entwickelt, nach welchen die mit besonderer Lebhaftigkeit verbundenen Actionen des geisti- gen Wesens im Menschen, die koͤrperlichen Kraͤfte in ihrem Vermoͤgen und ihren Wuͤrkungen bestimmen. § 260. Die Unentbehrlichkeit dieser Kenntnisse fuͤr die Heilkunst wird schon aus ihrem angegebenen Begriffe hinlaͤnglich deut- lich. Da naͤmlich der gegenseitige Einfluß des Geistigen und Koͤrperlichen im Menschen so stark ist, daß er uͤberall, sowohl bey Entstehung, als bey Heilung der Krankheiten sich wuͤrksam erzeigt: so muß die Heilkunst mit den Gesetzen bekannt seyn, nach welchen er erfolgt, um ihn auf den be- stimmten Zweck lenken zu koͤnnen, und dadurch das Gebiet ihrer Zweyter Theil. ihrer Herrschaft uͤber die Natur um ein Betraͤchtliches zu er- weitern. Psychologische Semiotik . § 261. Wenn wir immer alle Wuͤrkungen des geistigen Wesens, wie sich dieselben durch koͤrperlichen Ausdruck offenbaren, er- kennten, so wuͤrden wir weiter keiner Zeichen beduͤrfen. Denn da die Gesundheit in Erscheinungen besteht: so haͤtten wir, sobald wir die saͤmmtlichen Erscheinungen als zweckmaͤßig anerkennten, eine vollstaͤndige Beobachtung der Gesundheit. Da wir dies aber nicht im Stande sind: so wird eine psy- chologische Semiotik noͤthig. § 262. Die psychologische Semiotik, oder die Zeichenlehre der Geistesgesundheit, stellt die einzelnen geistigen Erscheinungen dar, welche wir unmittelbar (an uns durch Selbstbewußt- seyn) oder mittelbar (an Andern, durch Beobachtungen des koͤrperlichen Ausdruckes) wahrnehmen, um aus deren Beschaffenheit auf die ihrem urspruͤnglichen Zwecke angemes- senen uͤbrigen Geisteswuͤrkungen zu schließen. § 363. Der Theil der psychologischen Zeichenlehre, welcher den Einfluß der Seele auf die aͤußere Form des Koͤrpers oder das Uebereinkommende zwischen beyden, als Zeichen zu Be- urtheilung der Geisteswuͤrkungen darstellt, ist bis jetzt vor- zugsweise unter dem Namen der Physiognomik bearbei- tet worden. § 264. Die Heilkunst bedarf dieser Zeichenlehre eben so, wie der der koͤrperlichen Gesundheit (§ 243) zur Erkenntniß der Krank- Encyklopaͤdie der Heilkunst. Krankheiten, und unter den Nebenwissenschaften benutzt sie vorzuͤglich die gerichtliche Arzneywissenschaft. Zweytes Hauptstuͤck. Kenntniß der Krankheiten des Menschen . Erster Abschnitt. Allgemeine Krankheitslehre . § 265. Die Pathologie, oder allgemeine Krankheitslehre (auch allgemeine Pathologie genannt) beschaͤftigt sich mit Aufstel- lung der Merkmahle, welche entweder allen, oder einzelnen Gattungen von Krankheiten gemeinschaftlich zukommen. § 266. Sie ist also das Resultat der speciellen Krankheitslehre. Da naͤmlich diese die einzelnen Gattungen der Krankheiten in allen ihren Verhaͤltnissen beschreibt: so abstrahirt jene das Allgemeine hiervon, und sucht den Zusammenhang desselben durch die bekannten Wuͤrkungsgesetze der dem Menschen in- wohnenden Kraͤfte, aufzuklaͤren. § 267. Diese allgemeinen Merkmahle der Krankheiten beziehen sich entweder auf die obersten, fuͤr uns erkennbaren Gesetze, nach welchen dieselben erfolgen, oder auf die Wuͤrkungen, welche sie hervorbringen, oder auf die Ursachen, durch wel- F che Zweyter Theil. che sie herbeygefuͤhrt werden. Die Pathologie zerfaͤllt also in die Pathogenie, Symptomatologie und Aetiologie. § 268. 1. Die Pathogenie oder Krankheitsnaturlehre ist die Darstellung der fuͤr uns erkennbaren obersten Gesetze, nach welchen die ihrem urspruͤnglichen Zwecke nicht entsprechenden Erscheinungen der menschlichen Natur erfolgen. § 269. Die Gesundheit beruht auf zweckmaͤßiger Wuͤrkung der Kraͤfte des Menschen, und alle Untersuchungen ihres We- sens, schraͤnken sich nur auf Entdeckung der Gesetze ein, nach welchen jene Wuͤrkung erfolgt. Eben so verhaͤlt es sich auch mit den Krankheiten, als welche in einer Modification jener Kraͤfte bestehen, wodurch die Erreichung der Zwecke der menschlichen Natur gestoͤrt wird. So viel wir also von dem eigentlichen Wesen der Krankheiten wissen koͤnnen, traͤgt die Pathogenie vor. § 270. Ihren Stoff erhaͤlt sie von der speciellen Krankheitslehre (§ 266), und sie bearbeitet ihn, geleitet von der Physiolo- gie und Psychologie. Denn diese Wissenschaften beschaͤfti- gen sich nicht bloß mit Darstellung der Gesundheitserschei- nungen, sondern mit Entwickelung der Gesetze, nach wel- chen die menschliche Natur sich uͤberhaupt wuͤrksam erzeigt, (§ 234, 250), oder sie machen die Naturlehre des Menschen aus (§ 183). Da nun Krankheiten nichts Widernatuͤrli- ches, sondern einzig und allein von den Wuͤrkungsgesetzen der menschlichen Natur abhaͤngig sind (§ 222), und sich auf dieselbe beziehen, so koͤnnen die Gesetze, nach welchen sie er- scheinen, nur vermittelst jener Wissenschaften aufgehellt wer- Encyklopaͤdie der Heilkunst. werden, und diese haͤngen in ihrer Beobachtung und in ih- ren Resultaten auf das Innigste unter einander zusammen. § 271. Da die Natur im Menschen eben so, als in der Aussen- welt, stetig in ihren Wuͤrkungen, und uͤberall ihren Gesetzen getreu ist, so erfolgt die Heilung nach denselben obersten Ge- setzen, nach welchen die Krankheiten selbst entstanden waren. § 272. Die Pathogenie liefert also auch der Heilkunst eine hin- reichende Einsicht in die obersten Grundsaͤtze, nach welchen die Heilung der Krankheiten bewuͤrkt werden kann. Und in sofern man unter Philosophie uͤberhaupt im Bezug auf Sach- keuntnisse, eine moͤglichst vollstaͤndige Kenntniß der Erschei- nungen ihrem Wesen und ihrer ursachlichen Verbindung nach, versteht, wird die Pathogenie mit Recht die Funda- mentalphilosophie der gesammten Heilkunst genennt. § 273. 2. Die Symptomatologie , oder die Krankheitser- scheinungslehre, traͤgt die einzelnen Modificationen der allgemeinen, oder nur einem Theile inhaͤrirenden, auf eine einzige Erscheinung sich beziehenden Kraͤfte des Menschen vor, in sofern diese Modificationen theils unmittelbar be- wuͤrkt, theils durch andre, vorhergehende herbeygefuͤhrt sind. § 274. Es ist diese Lehre das Resultat der bloßen, an dem kranken Menschen angestellten Beobachtung, und sie wird fuͤr die Heilkunst wichtig, um die Erscheinungen jedes ein- zelnen Krankheitsfalles gehoͤrig beurtheilen zu koͤnnen. F 2 § 275. Zweyter Theil. § 275. 3. Die Aetiologie oder Krankheitsursachenlehre, stellt die verschiedenen Verhaͤltnisse der menschlichen Natur auf, welche sie so modificiren, daß aus der bisherigen Ge- sundheit eine bestimmte Gattung der Krankheit erwaͤchst. § 276. Sie ist das Resultat der an kranken Menschen gemach- ten Erfahrungen, weil sie den ursachlichen Zusammenhang untersucht, welcher zwischen den krankhaften Erscheinungen und den Kraͤften, welche vorher auf den Menschen einwuͤrk- ten, Statt findet; welchen Zweck sie vermittelst der Kennt- niß der Wuͤrkungsgesetze der menschlichen Natur erreicht. § 277. Zur gehoͤrigen Kenntniß eines jeden Krankheitsfalles, dessen saͤmmtliche Erscheinungen wir ohnedies niemals voll- staͤndig wahrnehmen, ist die Kenntniß der vorhergehenden Verhaͤltnisse des Menschen fuͤr immer noͤthig, welche die Ursache der gegenwaͤrtigen Krankheit abgegeben haben: ja oft leitet sie die Erkenntniß der Krankheit fast ganz allein. So wird also die Aetiologie eine wichtige Stuͤtze der Heil- kunst. § 278. Allein sie ist es auch in Ruͤcksicht auf die Heilung un- mittelbar, weil naͤmlich die Krankheitserscheinungen niemals gehoben werden koͤnnen, ehe ihre Veranlassungen hinweg- geraͤumt sind, und dies eine genaue Kenntniß derselben vor- aussetzt. Zwey- Encyklopaͤdie der Heilkunst. Zweyter Abschnitt. Besondere Krankheitslehre . § 279. Die Lehre von den besondern Krankheitserscheinungen bezieht sich eben so wie die Lehre von der menschlichen Na- tur uͤberhaupt, und der Gesundheit insbesondere (§ 195) entweder auf die Form, oder auf die Mischung seines Koͤr- pers, oder auf die eigentlich sogenannten Erscheinungen. Erstes Kapitel. Pathologische Anatomie . § 280. Die pathologische Anatomie, oder die Lehre von dem krankhaften Baue des menschlichen Koͤrpers, traͤgt die Ver- aͤnderungen vor, welche die Theile desselben, als ausge- dehnt im Raume treffen, und sie zu Erreichung ihres ge- meinschaftlichen, auf die gesammte Organisation sich bezie- henden Zweckes, ungeschickt machen, oder sie in ihren Ver- richtungen stoͤren. § 281. Sie ist also das Resultat von Beobachtungen, oder ei- ne Erzaͤhlung der krankhaft veraͤnderten Form, welche man theils am lebenden menschlichen Koͤrper wahrgenommen, theils an Leichnamen durch die Zergliederung entdeckt hat, nebst Angabe der Ursachen, durch welche sie veranlaßt wurde, und der Wuͤrkungen, welche sie auf die uͤbrige Organisation hatte. F 3 § 282. Zweyter Theil. § 282. Ihre Quelle ist also die Betrachtung und Zergliederung des kranken oder krank gewesenen menschlichen Koͤrpers, ver- bunden mit den Kenntnissen der Anatomie und der speciellen Krankheitslehre. § 283. Da die durch den Gesichtssinn wahrnehmbaren und bleibenden Eigenschaften des menschlichen Koͤrpers, welche sich also auf seine Form beziehen, die ersten Zeichen zu Er- kenntniß aller Krankheiten abgeben: so wird die pathologi- sche Anatomie der gesammten Heilkunst unentbehrlich. § 284. Dadurch ferner, daß sie die Veraͤnderungen der Form nicht nur beschreibt, sondern auch ihre Geschichte entwickelt, und die damit verbundenen Erscheinungen der uͤbrigen Orga- ne erklaͤrt, setzt sie die Heilkunst in den Stand, die krank- hafte Form in dem Innern des Organismus zu entdecken. Auch verbreitet sie in vielen Faͤllen Licht uͤber die Anatomie und Physiologie. § 285. Ganz besonders unentbehrlich ist sie aber fuͤr die Hand- arzneykunst (daher sie auch chirurgische Anatomie genennt wird) und fuͤr die Entbindungskunst, weil die krankhaft veraͤuderte Form des menschlichen Koͤrpers den eigentlichen Gegenstand dieser Zweige der Heilkunst ausmacht. Zwey- Encyklopaͤdie der Heilkunst. Zweytes Kapitel. Pathologische Anthropochemie . § 286. Die pathologische Antropochemie oder die Lehre der krankhaften Mischung des menschlichen Koͤrpers, stellt die Veraͤnderungen seiner Bestandtheile dar, durch welche er unfaͤhig gemacht wird, seinen urspruͤnglichen Verrichtungen zweckmaͤßig vorzustehen, nebst den Ursachen und Wuͤrkungen dieser Veraͤnderungen. § 287. Sie hat also ihre Quelle in der chemischen Analyse der Leichname, oder der aus dem noch lebenden Koͤrper ausge- sonderten Saͤfte, oder andrer von ihm zertrennter Theile; auch bedient sie sich verschiedener Versuche an dem lebenden Koͤrper. § 288. Sie bedarf ferner einer genauen Kenntniß der mit Ge- sundheit bestehenden Mischung des menschlichen Koͤrpers, um damit die vorgefundene krankhafte Mischung zu verglei- chen; und der Nosologie, welche ihr die vorhergehenden, gleichzeitigen und nachfolgenden Veraͤnderungen zur Geschich- te derselben darbietet. § 289. Es ist diese Lehre zur Erkenntniß der Ursachen mehrerer Krankheiten sowohl, als auch einzelner abhaͤngiger Symp- tome, wichtig fuͤr die Heilkunst, zumal wenn sie dieselbe belehrt, ob diese krankhafte Mischung urspruͤngliche Ursache der uͤbrigen Krankheitserscheinungen, oder ob sie spaͤtere Fol- ge derselben ist. F 4 § 290. Zweyter Theil. § 290. Sie berechnet aber auch die Heilkunst in Ruͤcksicht auf die Erkenntniß der Wuͤrkung der Heilmittel, und sie unter- stuͤtzt sie auch in Entdeckung derselben zur Beseitigung gewis- ser Krankheiten. Drittes Kapitel. Nosologie . § 291. Die Nosologie (oder specielle Pathologie) ist derjenige Theil der Naturlehre des Menschen, welcher seine verschie- denen kraukhaften Erscheinungen (im engern Sinne des Worts) als einzelne Ganze, nach ihrem Ursprunge, Ver- laufe, ihren Ursachen, Zeichen und Wuͤrkungen, erlaͤutert Sie bezieht sich also auf sein geistiges sowohl, als auf sein koͤrperliches Wesen. § 292. Sie schoͤpft also einzig und allein aus der Beobach- tung der an einzelnen Menschen vorkommenden Krankheits- faͤlle. Sie unterscheidet naͤmlich die Ursachen, Erscheinun- gen und Wuͤrkungen, welche dieser Krankheitsfall mit andern Faͤllen gemein hat. Entdeckt sie nun, daß, so oft sie Beobachtungen anstellt, gewisse Erscheinungen immer mit einander verbunden sind, oder auf einander folgen, so nimmt sie dieselben fuͤr wesentliche, beschreibt diese mit Hint- ansetzung der unwesentlichen, d. h. solcher, welche auf der uͤbrigen und in keinem unmittelbaren Bezuge damit stehen- den individuellen Lage des Kranken, nicht auf den gemeinen Eigenschaften der menschlichen Natur beruhen, und liefert durch Encyklopaͤdie der Heilkunst. durch Zusammenstellung der Krankheiten, welche in ihren wesentlichen Erscheinungen mit einander uͤbereinkommen, die verschiedenen Gattungen, und durch Zusammenstellung der mit einander uͤbereinkommenden Gattungen, die Klassen derselben. § 293. Hat sie nun die wesentlich zusammenhaͤngenden Krank- heitserscheinungen wuͤrklich gesunden, so bemuͤht sie sich, ihr Caussalverhaͤltniß aufzusuchen. Sie benutzt hierzu das Resultat der Wissenschaften, welchen sie selbst ihren Stoff erst mitgetheilt hat, naͤmlich der pathologischen Anatomie und Antropochemie, und da sie hierdurch zwar belehrt, aber nicht hinreichend aufgeklaͤrt wird: so schoͤpft sie die Gesetze, nach welchen die menschliche Natur krankhaft wuͤrkt, aus der allgemeinen Krankheitslehre, einer Wissenschaft, welche sie ebenfalls begruͤndet hat. § 294. Hierdurch wird sie nun in den Stand gesetzt, von einer jeden Krankheit die mannichfaltigen vorhergehenden Ver- haͤltnisse des Menschen, wodurch die Entstehung der Krank- heit veranlaßt wurde (Gelegenheitsursachen); die anhal- tenden Erscheinungen des noch gesunden Menschen, welche die Entstehung der Krankheit beguͤnstigten und befoͤrderten (praͤdisponiredende Ursachen); die noch unbestimmten und schwankenden, welche den Uebergang von Gesundheit in Krankheit ausmachen (Opportunitaͤt); sodann die wesent- lichen, welche von einer bestimmten Krankheit unzertrennlich sind, und nur zugleich mit ihr beseitigt werden koͤnnen (naͤchste Ursache); hierauf die uͤbrigen, welche in einem weniger nothwendigen Zusammenhange mit der Krankheit stehen, und daher einer den individuellen Verhaͤltnissen des F 5 Kran- Zweyter Theil. Kranken angemessenen groͤßern Modification faͤhig sind (Symptome), und endlich die Wuͤrkungen derselben und der ganzen Krankheit — gehoͤrig auseinander zu setzen. § 295. Einige dieser Untersuchungen machen einzelne Zweige der Nosologie aus; diese sind naͤmlich die Systematik der Nosologie, die Diagnostik, die Prognostik und die pathologi- sche Semiotik. § 296. 1. Die Zusammenstellung der Krankheiten nach ihren gemeinschaftlichen Erscheinungen, und ihrer darauf beru- henden Klassification in Klassen, Ordnungen ꝛc. macht den Gegenstand der nosologischen Systematik aus. § 297. A. Nimmt sie ihre Eintheilungsgruͤnde her von den we- niger wesentlichen Erscheinungen oder Symptome der Krank- heit, so wird sie zur symptomatischen Systematik , welche mit der systematischen Naturbeschreibung uͤberein kommt, weil beyde auf bloßer Wahrnehmung beruhen (§ 158). § 298. a) Wenn sie hier auf das Zusammentreffen der man- nichfaltigen Symptome, und also auf den gesammten Cha- rakter der Krankheiten, als bloßer Erscheinungen, Ruͤcksicht nimmt, so liefert sie ein natuͤrliches System der Krankheiten (§ 160). § 299. b) Waͤhlt sie aber eine einzelne Klasse von Sympto- men zu ihrem Eintheilungsgrunde, so bildet sie ein kuͤnst- liches System der Krankheiten (§ 161). § 300. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 300. B. Stellt sie aber die Krankheiten nach ihren wesentli- chen Erscheinungen dar, welche den Grund der uͤbrigen ent- halten, und auf deren Beseitigung die Heilkunst bedacht seyn muß, weil mit derselben auch die Entfernung der gan- zen Krankheit verbunden ist, so liefert sie ein praktisches System der Krankheiten , welches das Resultat der Erfahrung ist. § 301. 2. Werden die wesentlichen und charakteristischen Merk- mahle, wodurch jene einzelnen Gattungen der Krankheiten sich von einander auszeichnen, in der Absicht dargestellt, um in einzelnen Faͤllen die vorhandenen Krankheiten zu erkennen, und von allen uͤbrigen gehoͤrig zu unterscheiden, so erwaͤchst hieraus die Diagnostik , oder die Erkennungslehre der Krankheiten. § 302. 3. Stellt die Nosologie die Erscheinungen dar, welche nach moͤglichst vollstaͤndigen Beobachtungen, den gegenwaͤr- tigen folgen, und durch dieselben herbeygefuͤhrt werden, nebst den Merkmahlen, durch welche wir auf ihre kuͤnftige Entstehung schließen koͤnnen, so lehrt sie die Zukunft vorher- sehen, und wird als eine solche Anleitung die Prognostik , oder die Vorhererkennungskunst der Krankheiten genennt. § 303. 4. Beschreibt sie endlich die an dem kranken Menschen sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen, welche vermoͤge ih- rer, durch sorgfaͤltige Beobachtungen, entdeckter Verbin- dung mit andern, unsern Sinnen entdeckten Erscheinungen, uns von der Gegenwart dieser letztern unterrichten, um da- durch Zweyter Theil. durch die Krankheiten in ihrem ganzen Umfange, und also auch nach ihrem Sitze und ihrem Grade zu erkennen: — so liefert sie die pathologische Semiotik , oder die Zei- chenlehre der Krankheiten. § 304. Die Nosologie befriedigt also das erste und wichtigste Beduͤrfniß der Heilkunst, indem sie zunaͤchst in den Stand setzt, die Krankheitsfaͤlle zu erkennen und zu beurtheilen, und sie ist deshalb unentbehrlich fuͤr die Hauptwissenschaften oder fuͤr die specielle Therapie, Chirurgie und Entbindungs- kunst, mit welchen Wissenschaften sie auch gemeiniglich im Vortrage verbunden wird. § 305. Ferner muß sie der Lehre von den Wuͤrkungen der Heil- kraͤfte auf die menschliche Natur vorausgehen, und durch Mittheilung ihrer Beobachtungen die allgemeine Pathologie und ihre Zweige, die pathologische Anatomie und Anthro- pochemie begruͤnden, nicht weniger auch uͤber mehrere Ge- genstaͤnde der Physiologie und Psychologie, ja selbst uͤber Anthropochemie, uͤber Anatomie und Naturgeschichte des Menschen mehr Licht verbreiten. § 306. Diese Wissenschaften aber, welche sie unterstuͤtzt, be- nutzt sie hinwiederum zu ihrem eigenen Zwecke; denn sie be- darf der Kenntniß der Form und Mischung des menschlichen Koͤrpers uͤberhaupt (Anatomie, Naturgeschichte des Men- schen und Anthropochemie), so wie der Wuͤrkungsgesetze der koͤrperlichen und geistigen Natur des Menschen (Physiologie und Psychologie), um die Krankheiten, als Modificationen jener Erscheinungen und Kraͤfte gehoͤrig einzusehen, und um sie vollstaͤndig zu beurtheilen, benutzt sie auch die Lehre von der Encyklopaͤdie der Heilkunst. der krankhaften Form und Mischung (pathologische Anato- mie und Anthropochemie), und von den Wuͤrkungsgesetzen der menschlichen Natur in Bezug auf Krankheiten (Patho- logie). Drittes Hauptstuͤck. Kenntniß der Heilkräfte . § 307. Die Lehre’ von den Heilkraͤften *) lehrt die bestimmten heilsamen Wuͤrkungen kennen, welche durch die Anwendung verschiedener Kraͤfte auf den kranken Menschen hervorge- bracht werden. Sie wird, in sofern man sich dieser Kraͤfte als Mittrl der Heilung bedient, Heilmittellehre , auch, wiewohl uneigentlich Materia medica genennt. Jamatologie , s. Anmerk. zu § 48. § 308. Ihre einzige Quelle ist die Erfahrung, d. h. eine durch vielfaͤltig und genau angeftellte Beobachtungen der Erschei- nungen, welche der Einwuͤrkung verschiebener Kraͤfte auf den kranken Menschen folgten, nach den Gesetzen der Induction und Analogie erworbene Gewißheit uͤber den ursachlichen Zu- sammenhang derselben. § 309. Es kann naͤmlich die Kenntniß der bloßen Kraͤfte fuͤr sich, oder in ihren Verhaͤltnissen zu der uͤbrigen Koͤrperwelt, noch nicht die Kenntniß ihrer Wuͤrkung auf den Menschen involviren. Denn Zweyter Theil. Denn jede Wuͤrkung in der Natur hat ihren zureichenden Grund nicht allein in der Kraft, welche wir als eben hinzu- kommend, unmittelbar in ihrer Thaͤtigkeit wahrnehmen, sondern auch zugleich in der Kraft, welche afficirt wird und ihren Verhaͤltnissen zu jener; oder mit andern Worten, jede Erscheinung ist das Resultat der Einwuͤrkung und Gegen- wuͤrkung der Kraͤfte. Wir koͤnnen sie daher nicht anders vorhersehen, außer, wenn wir das gegenseitige Verhaͤltniß der Kraͤfte, welche mit einander in Beruͤhrung kommen, aus der Erfahrung kennen. § 310. Die Kraͤfte des Menschen bestimmen also die Wuͤrkung der Heilmittel, und diese koͤnnen durch die an kranken Men- schen angestellten Beobachtungen entdeckt werden, da alle Beobachtungen an todten Koͤrpern, an Thieren, ja selbst an gesunden Menscheu, unvollstaͤndig und truͤgerisch sind. § 311. Zuerst ist der Zufall die Veranlassung zu Entdeckung der Heilmittel, d. h. entweder ohne den bestimmten Willen des Menschen ein Heilmittel zu gebrauchen, oder doch ohne bestimmte Kenntniß seiner Wuͤrkungsart, also durch einen blinden Griff in den Gluͤckstopf, wird einer Kraft Gelegen- heit gegeben, auf den kranken Menschen einzuwuͤrken, und dieser geneset darauf. § 312. Jetzt bietet sich nun die Untersuchung dar, ob diese Ge- nesung in einem wuͤrklichen Caussalzusammenhange mit der Anwendung jener Kraft stand, oder ob sie durch einen an- dern, vielleicht uͤbersehenen Umstand herbeygefuͤhrt wurde. § 313. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 313. Das naͤchste Mittel, hieruͤber zur Gewißheit zu gelan- gen, ist nur die wiederholte Anwendung dieser Kraͤfte in denselben Krankheitsgattungen. Allein da kein Krankheits- fall, so wenig, als die Gesundheit, in einem Individuum, dem andern vollkommen aͤhnlich ist: so kann jenes Mittel von neuem angewendet, auch nie ganz dieselben Wirkungen, noch sie in demselben Maaße, derselben Zeit ꝛc. hervorbringen. § 314. Zu diesen Versuchen gehoͤrt also die genaueste Kenntniß der Krankheiten im Allgemeinen sowohl, als in ihren Indi- vidualitaͤten. Wenn naͤmlich bey Krankheiten, welche ihren Ursachen und wesentlichen Erscheinungen nach, einander ganz unaͤhnlich sind, nach Anwendung einer bestimmten Kraft die Genesung erfolgte; wenn ferner diese Genesung, als Erscheinung, d. h. nach der Zeit, in welcher sie erfolgt, nach ihrer Vollkommenheit ꝛc. in keinem Verhaͤltnisse steht mit der nach der Zeit und dem Maaße verschiedenen Anwen- dung jener Kraft: so kann man vermoͤge der Stetigkeit der Natur mit vollkommener Zuversicht schließen, daß man, wo nicht in allem, doch in einigen dieser Faͤlle sich geirrt hat, und daß die Genesung hier von ganz andern Umstaͤnden ab- hieng, welche unserer Beobachtung entgangen sind. § 315. Hat man hingegen mehrmals beobachtet, daß der An- wendung einer Kraft in Krankheiten, welche im Allgemeinen gleiche wesentliche Erscheinungen (naͤchste Ursache) hatten, Genesung folgte; hat man ein gewisses Verhaͤltniß zwi- schen der Modification dieser Genesung, des Krankheitsfalles und der angewendeten Kraft bemerkt; hat man endlich er- fahren, Zweyter Theil. fahren, daß bey Abaͤnderung aller uͤbrigen Umstaͤnde die Genesung erfolgte, wenn nur die bestimmte wesentliche Krankheitserscheinung und die Anwendung jener Kraft Stau fanden: so hat man eine vollstaͤndige Gewißheit, daß die bestimmte Kraft diese Krankheit gehoben hat, und daß sie vermoͤge der Stetigkeit der Natur in allen aͤhnlichen Faͤllen auch aͤhnliche Wuͤrkungen hervorbringen wird. § 316. Da also die Heilmittellehre lehrt, in welchen Krankhei- ten und unter welchen Umstaͤnden derselben, in welchem Maaße und unter welchen Verhaͤltnissen der Anwendung, die verschiedenen Kraͤfte der aͤußern Natur und der Natur des Menschen heilsam wuͤrken: so giebt sie zunaͤchst die Quelle der allgemeinen Heilkunst ab. § 317. Sodann wird sie aber auch unmittelbar die Quelle der besondern Heilkunst, indem diese nur nach ihren Vorschriften die Auswahl der Heilkraͤfte in den einzelnen Krankheiten un- ternehmen kann. § 318. Die Kenntnisse hingegen, welche sie voraussetzt, sind verschieden, je nachdem die Heilkraͤfte selbst nicht einer und derselben Natur sind, und demnach auf einen oder den an- dern Charakter der menschlichen Natur besonders wuͤrken. § 319. Wir theilen sie daher ein in die, welche auf den Men- schen, als auf einen ausgedehnten (den Verhaͤltnissen des Raumes unterworfenen), oder als einen gemischten (von Mischungsverhaͤltnissen abhaͤngigen), oder als einen thieri- schen Encyklopaͤdie der Heilkunst. schen Koͤrper, oder endlich als auf ein geistiges Wesen, wuͤrken. § 320. Nicht als ob diese verschiedenen Wuͤrkungen in der Natur ganz von einander disparat waͤren; denn jede Ver- aͤnderung des Menschen (also auch jede Einwuͤrkung auf ihn) bezieht sich immer, eben wegen jener innigen Vereinigung der verschiedenartigsten Kraͤfte in seiner Natur, auf alle zu- gleich. Aber wir sondern dieselben in unserer Idee von ein- ander, um uns ihre Ansicht zu erleichtern; wir erforschen theils die unmittelbaren, theils diejenigen mittelbaren Wuͤr- kungen der Kraͤfte, welche die auffallendsten Erscheinungen hervorbringen, und also die erheblichsten sind. Erster Abschnitt. Lehre von den mechanischen Heilkraͤften . § 321. Der Mensch hat zwar, als das oberste Glied der Schoͤ- pfung, seine eigenen, hoͤhern Kraͤfte, als die uͤbrigen Koͤr- per; aber demungeachtet ist er den allgemeinen Gesetzen der Koͤrperwelt nicht gaͤnzlich eximirt. Obschon sie mit meh- rerer Einschraͤnkung in ihn wuͤrken: so giebt ihre regelmaͤs- sige Wuͤrkung doch die Bedingung ab, zur Aeußerung sei- ner hoͤhern Kraͤfte. § 322. Sind also die aͤußern Verhaͤltnisse des menschlichen Koͤr- pers, welche wir unter dem Namen seiner Form begreifen, so beschaffen, daß derselbe nicht zweckmaͤßig wuͤrken, oder seinen urspruͤnglichen Verrichtungen nicht vorstehen kann; enthaͤlt also die unmittelbar veraͤnderte Form des mensch- G lichen Zweyter Theil. lichen Koͤrpers den Grund einer Krankheit, oder ein Hinder- niß der Aeußerung seiner vollstaͤndigen Thaͤtigkeit: so muß dieselbe durch Mittel verbessert werden, welche auf seine mechanische Natur wirken, und welche wir unter dem Na- men der Instrumente umfassen. Die Lehre von diesen Mit- teln nennen wir die mechanische Heilmittellehre *), auch Instrumenten- und Bandagenlehre. Mechanoiamatologie . S. Anmerk. zu § 48. § 323. Wenn die krankhafte Form nicht Ursache, sondern Folge anderer krankhaften Erscheinungen der chemischen, thierischen oder geistigen Natur des Menschen ist: so ist die Anwendung der mechanischen Heilmittel nur als Unterstuͤtzung der eigent- lichen Heilung anzusehen. § 324. Instrumente uͤberhaupt sind also diejenigen Koͤrper, welche auf den Menschen zunaͤchst wuͤrken, in sofern er, als ausgedehnt, im Raume existirt; und ihre Anwendung wird eine Operation genannt. Doch ist hierdurch ihre Neben- wirkung nicht geleugnet, indem ihre Anwendung auch eine Veraͤnderung der thierischen und geistigen Erscheinungen, zuweilen auch, soviel uns bekannt ist (vielleicht immer), in der Mischung, als spaͤtere Folge nach sich ziehen. § 325. Die Quelle dieser Lehre ist also die Kenntniß der Koͤr- per und ihrer Kraͤfte, in sofern sie im Raume ausgedehnt sind, also die Mathematik und zwar insonderheit die Me- chanik. § 326. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 326. Allein dies ist nicht ihre einzige Quelle, denn man kann wohl vermoͤge derselben die Wuͤrkungen eines Instrumentes mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen; doch aus der Mechanik allein kann man sie doch nie ganz zuverlaͤssig be- stimmen, da man uͤber die Nebenwuͤrkungen der Operation nur durch die Erfahrung am kranken Koͤrper selbst belehrt werden kann. Deshalb wurden seit jeher viele Operationen durch die Mathematik ausgesonnen, welche spaͤterhin durch die Erfahrung fuͤr untauglich erklaͤrt wurden. § 327. Das dringendste Beduͤrfniß der mechanischen Heilmit- tellehre ist die Kenntniß des menschlichen Koͤrpers nach sei- ner aͤußern Form im krankhaften Zustande (pathologische Anatomie), um naͤmlich zuvoͤrderst die Krankseit ihrem Ur- sprunge, ihren Erscheinungen und Wuͤrkungen nach, zu kennen. § 328. So wie nun diese Lehre einzig und allein auf die reine Anatomie gestuͤtzt seyn kann, so bedarf die mechanische Heil- mittellehre derselben auch in der Ruͤcksicht, um bey Opera- tionen die Theile, deren Form gesund ist, schonen zu koͤnnen. § 329. Wegen der Nebenwuͤrkungen muß aber die mechanische Heilmittellehre auch die Data der Pathologie, Physiologie und Psychologie benutzen. § 330. Was endlich ihren Nutzen anlangt, so ist derselbe fuͤr die Handarzneykunst und Entbindungskunst vollkommen ein- G 2 leuch- Zweyter Theil. leuchtend, da diese Zweige der Kunst die krankhafte Form des menschlichen Koͤrpers zum Gegenstande haben, welche in vielen Faͤllen nur einer unmittelbaren Veraͤnderung faͤhig und beduͤrftig ist. Zweyter Abschnitt. Lehre von den chemischen Heilkraͤften . § 331. Wiewohl es bey unsern gegenwaͤrtigen Kenntnissen ein seinen Zweck gaͤnzlich verfehlendes Unternehmen ist, den menschlichen Koͤrper allein nach den uns bekannten Mi- schungsverhaͤltnissen der gesammten Natur beurtheilen, und aus derselben die Wuͤrkung der Koͤrper auf ihn vollstaͤndig erklaͤren und vorhersagen zu wollen: so bleibt doch der menschliche Koͤrper immer ein Glied der gesammten Koͤrper- welt, welche den Gesetzen der Mischung gehorcht. § 332. Es sind naͤmlich zwar in ihm die chemischen Verhaͤlt- nisse den hoͤhern Gesetzen seiner thierischen und geistigen Na- tur untergeordnet; allein der zweckmaͤßlge Zustand der er- stern giebt doch die Bedingung der regelmaͤßigen Wuͤrkung der letztern ab, und auf der andern Seite wuͤrkt auch die Modification der thierischen und geistigen Kraͤfte auf die che- mische Zusammensetzung des Koͤrpers. § 333. Sobald also die wesentliche Erscheinung einer Krankheit urspruͤnglich auf der Mischung des Koͤrpers beruht, und diese Encyklopaͤdie der Heilkunst. diese erst die krankhafte Aeußerung der eigenthuͤmlichen Kraͤf- te veranlaßt hat, so ist dieser Zustand nur durch Anwendung solcher Mittel zu beseitigen, welche diese Mischung unmit- telbar und vorzuͤglich zu veraͤndern im Stande sind. Ihre Darstellung giebt die Lehre von den chemischen Heilkraͤf- ten *). Chemiamatalogie . S. Anmerk. zu § 48. § 334. Ist aber die krankhafte Mischung des Koͤrpers abhaͤngig von den Erscheinugen der thierischen und geistigen Kraͤfte: so macht ihre unmittelbare Beseitigung durch chemisch wuͤr- kende Mittel nur die Nebenabsicht der Heilkunst aus. § 335. Die chemischen Heilkraͤfte wuͤrken zuerst mechanisch und aͤußern sodann auch Nebenwuͤrkungen auf die thierische und geistige Natur des Menschen; allein diese Veraͤnderun- gen sind theils weniger bedeutend, theils erfolgen sie nicht so unmittelbar, als die Wuͤrkungen auf die Mischung des menschllchen Koͤrpers. § 336. Will man aber die Wuͤrkung aller Mittel auf den menschlichen Koͤrper aus der Veraͤnderung seiner Mischung erklaͤren: so muß man zuvoͤrderst seine verschiedenen Erschei- nungen, deren unbekannten Grund wir mit dem Namen von Kraͤften bezeichnen, aus seinen Mischungsverhaͤltnissen hin- reichend erklaͤren; und um dies thun zu koͤnnen, muß man vor allen Dingen die Erscheinungen der gesammten Natur, deren Wuͤrkungsgesetze wir bis jetzt nur beobachten koͤnnen, ihrem letzten chemischen Grunde nach, darstellen. Es muͤs- sen also nicht nur unsere gegenwaͤrtige Pathogenie und Phy- G 3 siologie, Zweyter Theil. siologie, sondern auch die Physik gaͤnzlich umgestoßen und von einer allgemeinen Chemie verdraͤngt werden. § 337. Die Quelle der Lehre von den chemischen Heilmitteln ist die Chemie, verbunden mit den am kranken menschlichen Koͤrper gemachten Erfahrungen; denn ohne diese kann man nicht entraͤthseln, wie weit sich die Guͤltigkeit der chemischen Gesetze in dem menschlichen Koͤrper erstreckt, oder wie sehr sie durch die hoͤhern Kraͤfte des Menschen eingeschraͤnkt ist. § 338. Die Huͤlfsmittel dieser Lehre sind zunaͤchst in der patho- logischen und allgemeinen Anthropochemie, sodann aber we- gen der Nebenwuͤrkungen, auch in der gesammten Patholo- gie und Physiologie begriffen. § 339. Ihr unmittelbarer Gebrauch bezieht sich, so wie der der gesammten Heilmittellehre, auf die allgemeine und besondere Arzneykunst und Handarzneykunst. Dritter Abschnitt. Die Lehre von den thierischen Heilmitteln . § 340. Der Mensch zeigt außer den physischen und chemischen auch noch noch hoͤhere Erscheinungen, welche er in einem gewissen Grade mit den Thieren gemein hat, und welche, weil sie den hoͤchsten Charakter der Thiere ausmachen, thie- rische Encyklopaͤdie der Heilkunst. rische Erscheinungen genannt werden. Ihren Grund nennt man das Lebensprincip, und uͤber dieses ist uns keine an- dere Erfahrung moͤglich, außer welche sich auf die Gesetze bezieht, nach denen es sich wuͤrksam zeigt. § 341. Dieses Lebensprincip wird nun oft unmittelbar krank- haft modificirt, ohne daß die vorhergegangene Veraͤnderung der Form und Mischung entweder sinnlich wahrnehmbar, oder doch wenigstens von Bedeutung und auffallend gewesen waͤre. Diese Krankheit erfordert dann zu ihrer Beseitigung die Anwendung solcher Kraͤfte, welche der Erfahrung zu- folge ebenfalls vorzuͤglich auf das Lebensprincip wuͤrken, ohne die Form und Mischung des menschlichen Koͤrpers auf- fallend veraͤndert zu haben. Wir nennen diese Kraͤfte thieri- sche Heilmittel *). Die Lehre von denselben — Zoiamatologie . S. An- merk. zu § 48. § 342. Die Heilkunst bedient sich derselben aber auch nebenbey und zur Unterstuͤtzung in den Faͤllen, wo die krankhafte Mo- dification des Lebensprincips eine Folge der veraͤnderten Form und Mischung des Koͤrpers, oder der unregelmaͤßigen Wuͤrkung der Seelenkraͤfte ist, wo also der eigentliche Heil- plan sich zunaͤchst auf diese Charaktere des Menschen bezieht. § 343. Der eigentlichen Wuͤrkung dieser Kraͤfte geht also eine Veraͤnderung der chemischen und physischen Natur des Men- schen voraus, welche aber, mehr oder weniger unbedeutend, oft ganz unmerklich ist. — Sie fuͤhren aber auch Neben- G 4 wuͤrkun- Zweyter Theil. wuͤrkungen in dem geistigen Wesen des Menschen herbey, welche ebenfalls beruͤcksichtigt werden muͤssen, obschon sie nur abgeleitete und mittelbar erfolgende Erscheinungen sind. § 344. Diese Heilkraͤfte koͤnnen einzig und allein durch die am kranken Menschen angestellten Erfahrungen ausgemittelt werden, da seine Wuͤrkungsgesetze nichts Aehnliches in der Natur haben, und nur durch ihre eigenen Erscheinungen er- kannt werden koͤnnen. § 345. Es theilt sich die Lehre von diesen Kraͤften in verschie- dene Zweige, je nachdem dieselben in der Natur des Men- schen selbst, oder außerhalb derselben liegen. Erstes Kapitel. Pharmakologie . § 346. Diejenigen Kraͤfte der aͤußern Natur, welche in den krankhaften Modificationen des Lebensprincips unmittelbar heilsame Veraͤnderungen hervorbringen, d. h. ohne daß auf- fallende Veraͤnderungen der Form und Mischung des Koͤr- pers vorhergegangen waͤren, werden Arzneyen, Arz- neymittel ( pharmaca ) genennt, und die uͤber ihre Wuͤr- kungen gemachten Erfahrungen werden in der Pharma- kologie oder Arzneymittellehre vorgetragen. § 347. Diese Arzneymittel sind nun von zweyerley Art, theils durch die Sinne unmittelbar wahrnehmbare Koͤrper, theils feinere Encyklopaͤdie der Heilkunst. feinere Stoffe, welche wir nicht unmittelbar wahrnehmen, und deren Wuͤrkung wir als die Aeußerung gewisser Kraͤfte bezeichnen. Sie sind also theils Arzneykoͤrper, theils Arz- neykraͤfte. Erste Unterabtheilung. Arzneykoͤrperlehre . § 348. Die Lehre von den Arzneykoͤrpern beschreibt die groͤbern Stoffe, oder die Koͤrper der aͤussern Natur nach den ihnen ei- genen, und von ihnen unzertrennlichen Kraͤften auf den kran- ken menschlichen Koͤrper. § 349. 1. Die Arzneykoͤrper werden zuerst nach ihrer natuͤrli- chen Beschaffenheit beschrieben, und man benutzt hierzu die Kenntnisse der speciellen Naturgeschichte und Chemie. Die- ser Theil der Pharmakologie macht die Droguenlehre aus, denn die Arzneykoͤrper, von Seiten ihrer natuͤrlichen Eigenschaften betrachtet, werden Droguen genennt. § 350. 2. Sodann werden ihre Wuͤrkungen auf den kranken menschlichen Koͤrper vorgetragen, welche durch eine gelaͤu- terte Erfahrung uns bekannt worden sind. Wir nennen diese Untersuchung die Dynamik der Pharmakologie. § 351. 3. Endlich beduͤrfen auch die Arzneykoͤrper oft der Hin- zukunft der Kunst, um mit weniger Schwierigkeiten ange- G 5 wendet Zweyter Theil. wendet werden, oder auf den kranken menschlichen Koͤrper leichter und vortheilhafter wuͤrken zu koͤnnen. § 352. Diese kuͤnstliche Veraͤnderung wird ihre Bereitung genennt, und die Vorschrift zur Bereitung eines Arzney- koͤrpers , heißt eine Formel . — Auf dem zufaͤlligen Unterschiede, daß einige Formeln fuͤr gewoͤhnlich immer, an- dere nur fuͤr einzelne Faͤlle bestimmt und fuͤr sie eigends ge- macht werden, beruht es, daß diese Bereitung den Gegen- stand zweyer Kuͤnste ausmacht, naͤmlich der Pharmacie und des Formulares. § 353. a. Die Pharmacie lehrt diejenigen Bereitungen der Arzneykoͤrper kennen, welche wegen ihrer auf sehr viele Krankheitsfaͤlle passenden Wuͤrksamkeit fuͤr gewoͤhnlich in den Officinen verfertigt, und daselbst fuͤr immer aufbewahrt werden, und verbindet hiermit die Regeln, nach welchen man bey Sammlung, Aufbewahrung und Bereitung der Arzneykoͤrper verfahren muß. Die Vorschriften, nach wel- chen diese Bereitungen vorgenommen werden, heissen Offi- cinalformeln . § 354. Wird die Pharmacie als eine eigne Kunst (Apotheker- kunst) betrachtet, welche deshalb auch ein besonderes Stu- dium erfordert, so werden in ihren Umfang auch die Huͤlfs- kenntnisse aufgenommen, welche sie mit der dynamischen Pharmakologie gemein hat, naͤmlich die Droguenlehre. § 355. b. Das Formulare oder die Receptirkunst lehrt die Regeln, nach welchen der Arzt solche Bereitungen der Encyklopaͤdie der Heilkunst. der Arzneykoͤrper fuͤr einzelne Faͤlle anordnet, von welchen er sich nach Vergleichung der Wuͤrkung jener Arzneykoͤrper, und der Umstaͤnde des gegenwaͤrtigen Krankheitsfalles, die heilsamsten Wuͤrkungen verspricht. Eine solche Vorschrift wird eine Magistralformel , oder ein Recept ge- nennt. § 356. Seine Grundsaͤtze schoͤpft das Formulare ebenfalls aus der Droguenlehre, da eine solche Bereitung sein Zweck ist, wel- che theils der aͤußern Beschaffenheit (Consistenz), theils der eignen Mischung der Arzneykoͤrper, angemessen ist. Die Gundsaͤtze bey solchen Bereitungen, welche sich auf ihre Heilkraͤfte beziehen, gehoͤren nicht in das Gebiet dieser Kunst. Zweyte Unterabtheilung. Arzneykraͤftelehre . § 357. Die Lehre von den Arzneykraͤften (im engern Sinne) unterrichtet uns von der Wuͤrkung derjenigen Kraͤfte der aͤußern Natur, auf das krankhaft modificirte Lebensprin- cip, deren in der Form und Mischung der Koͤrper enthaltener Grund uns unbekannt ist, und auf der Gegenwart feiner Stoffe beruht, welche wir aus ihren Wuͤrkungen kennen ler- nen. Es sind also dies die Kraͤfte, welche, weil sie den Gegenstand der Physik ausmachen, physische genennt wer- den (s. Anmerk. zu § 192). § 358. Zweyter Theil. § 358. Die Quelle dieser Lehre ist ebenfalls die Erfahrung am kranken Menschen angestellt; ihre Huͤlfswissenschaft ist aber die Physik. Zweytes Kapitel. Seelenmittellehre . § 359. Der Mensch kann unmittelbar auf sein Lebensprincip nicht nur mit Huͤlfe der aͤußern Natur wuͤrken, sondern dasselbe auch durch seine eigene Natur bestimmen, in sofern er naͤmlich durch die Kraft des Willens bestimmte Veraͤnde- rungen seines Koͤrpers hervorbringt, welche ohne auffallende Veraͤnderung der Form und Mischung, hauptsaͤchlich auf das Lebensprincip wuͤrken. In sofern der Geist einen sol- chen Einfluß auf den Koͤrper hat, wird er Seele genennt. § 360. So wie die Seelenwuͤrkungen (als willkuͤhrliche Bewe- gung) Ursachen der krankhaften Modification des Lebens- princips abgeben koͤnnen, so sind sie eben so als Heilmittel zu gebrauchen, welche ganz vorzuͤglich in den Faͤllen ange- wendet werden, wo die Krankheit urspruͤnglich von ihrem unrechten Gebrauche abhieng, aber als Huͤlfsmittel auch bey andern Krankheiten anwendbar sind. § 361. Die vorzuͤglichste Vorkenntniß dieser Lehre ist in dem Theile der Physiologie und Anthropologie enthalten, wel- cher Encyklopaͤdie der Heilkunst. cher die Bewegung des menschlichrn Koͤrpers durch die Be- stimmung des Willens, und ihre Wuͤrkungen aus einander setzt. Vierter Abschnitt. Lehre von den geistigen Heilmitteln . § 362. Der Mensch hat endlich, als das vollendetste Wesen, welches die Erfahrung uns kennen lehrt, auch eine geistige Natur, welche verschiedener, auch krankhafter Modificatio- nen faͤhig ist. Man kann ferner Actionen seines Geistes veranlassen, welche durch Umstimmung desselben jene krank- haften Modificationen heben, die Genesung bewuͤrken, und welche man geistige oder psychische Heilmittel nennt. Dies ist der Gegenstand der Lehre von den geistigen Heilmit- teln *). Psychiamatologie S. Anmerk. zu § 48. §. 363. So oft ein psychisches Heilmittel angewendet wird, so bringt es allemal zuerst eine Veraͤnderung der physischen, chemischen und thierischen Natur im Menschen hervor; allein diese Wuͤrkungen sind weniger betraͤchtlich, oft unsrer Wahr- nehmung fast gaͤnzlich entruͤckt, und seine vorzuͤglichste Wuͤr- kung besteht also immer in der Einwuͤrkung auf den Geist. § 364. Zunaͤchst ist eine Kenntniß dieser Mittel in den Faͤllen noͤthig, wo die krankhaften Aeusserungen des Geistes unmit- telbar hervorgebracht worden sind, und auf ihnen die we- sentliche Erscheinung der ganzen Krankheit beruht. § 365. Zweyter Theil. § 365. Allein bey jeder krankhaften Modification der physi- schen, chemischen und thierischen Natur des Menschen, nimmt mittelbar auch der Geist Antheil; und wenn dann auch die Heilkunst ihr vorzuͤglichstes Augenmerk nur auf Be- seitigung jener wesentlichen Erscheinung durch physische, chemische oder thierische Heilkraͤfte richtet, so unterstuͤtzt sie doch die Heilung immer auch durch unmittelbare Wuͤrkung auf den Geist. § 366. So wie die Erfahrung die einzige Quelle dieser Lehre ist, so sind ihre Huͤlfsmittel in der Psychologie, und beson- ders in ihrem anthropologischen Theile enthalten. Zweyte Klasse. Hauptwissenschaften . § 367. Unter Hauptwissenschaften der Heilkunst verstehen wir diejenigen, welche zu Erreichung des eigentlichen Zweckes derselben (Heilung der Krankheiten) Anleitung geben. Je nachdem diese Belehrung sich auf die einzelnen Krankheits- faͤlle mittelbar oder unmittelbar bezieht, werden sie einge- theilt in naͤhere und entferntere Hauptwissenschaften. Erste Abtheilung. Entfernte Hauptwissenschaften . § 368. Die entfernten Hauptwissenschaften sind in der allge- meinen Heilkunst enthalten; diese stellt naͤmlich die Grund- Encyklopaͤdie der Heilkunst. Grundsaͤtze auf, nach welchen man bey Heilung der Krank- heiten im Allgemeinen, und einzelner Klassen derselben ins- besondere verfahren muͤsse. Sie schildert demnach die ge- meinschaftlichen Erscheinungen der Krankheiten, so wie die Wuͤrkung der Heilmittel in ihrer allgemeinsten und hoͤchsten Ansicht, um daraus das allgemeinste Verhaͤltniß der Heil- mittel zu den Krankheiten in das gehoͤrige Licht zu setzen. § 369. Dieses entdeckte gehoͤrige Verhaͤltniß (Proportion) ei- nes bestimmten Heilmittels zu einer bestimmten Krankheits- erscheinung, wird eine Heilanzeige (Indication) ge- nennt, so wie das Mißverhaͤltniß (Disproportion) dersel- ben eine Gegenanzeige (Contraindication) heißt. Da nun die allgemeine Heilkunst sich mit Bestimmung dieser Verhaͤltnisse oder Mißverhaͤltnisse beschaͤftigt, so wird sie auch die Lehre von den allgemeinen Heilanzeigen genennt. § 370. Ihre Quelle ist die an dem kranken Menschen gemachte Erfahrung. Sie zieht naͤmlich aus der Beobachtung der Heilung einzelner Krankheiten allgemeine Resultate, welche sich auf die Heilung der Krankheiten uͤberhaupt, oder einzel- ner Klassen derselben, die ihren wesentlichen Erscheinungen nach, mit einander uͤbereinkommen, beziehen. § 371. Sie stellt also, und darinne besteht vorzuͤglich ihr Ge- schaͤft, die Resultate der Pathogenie und der Heilmittellehre zusammen, und bedarf also zunaͤchst der Huͤlfe dieser Wis- senschaften, sodann aber auch aller uͤbrigen, welche diese selbst begruͤnden oder unterstuͤtzen. § 372. Zweyter Theil. § 372. Sie muß daher der besondern Heilkunst nothwendig vorausgehen, denn diese enthaͤlt nur eine Anwendung der in der allgemeinen Heilkunst vorgetragenen Grundsaͤtze auf ein- zelne Krankheiten und ihre besondern Modificationen. § 373. Sie theilt sich auch in dieselben Zweige, welche die be- sondre Heilkunst nach der Verschiedenheit ihres Gegenstandes hat, nemlich in die allgemeine Arzneykunst, Handarzney- kunst und Entbindungskunst. Erstes Kapitel. Allgemeine Arzneykunst . § 374. Die allgemeine Arzneykunst, (allgemeine medicinische Therapie) *) traͤgt die allgemeinen Grundsaͤtze zur Heilung derjenigen Krankheiten vor, deren wesentliche Erscheinung auf einer krankhaften Aeusserung der thierischen oder geisti- gen Kraͤfte des Menschen beruht. Allgemeine Jattie s. § 48. § 375. Ihre besondrre Quelle ist, außer der Pathogenie, die Nosologie, verbunden mit der Lehre von den auf die thieri- sche und geistige Natur wuͤrkenden Heilmitteln. § 376. Ihre Anwendung findet sie in der besondern Arzney- kunst, welche ihre Resultate fuͤr jede einzelne Krankheitsgat- tung benutzt. Zwey- Encyklopaͤdie der Heilkunst. Zweytes Kapitel. Allgemeine Handarzneykunst . § 377. Die allgemeine Handarzneykunst oder allgemeine Ehi- rurgie (allg. chirurgische Therapie) stellt die allgemeinen Grundsaͤtze auf, nach welchen man bey Heilung derjenigen Krankheiten verfahren muß, welche auf einer krankhaften Aeußerung der physischen und chemischen Natur des Men- schen beruhen. § 378. Sie schoͤpft nicht nur aus der Pathogenie, als der ge- meinschaftlichen Quelle, sondern auch, als aus ihrer beson- dern, aus der pathologischen Anatomie und Anthropochemie, so wie aus der Lehre von den Heilkraͤften, welche sich auf die physische und chemische Natur des Menschen beziehn. § 379. Da aber die Aeußerungen dieser Kraͤfte auch mit Ne- benwuͤrkungen auf die thierische und geistige Natur, noth- wendig verknuͤpft sind, so gehoͤrt zu ihren wesentlichen Huͤlfs- mitteln auch die Nosologie, Physiologie und Psychologie. § 380. Sie giebt demzufolge auch die einzige Stuͤtze der be- sondern Handarzneykunst ab, deren Richtschnur sie fuͤr jede einzelne Krankheitsgattung bestimmt. Drittes Kapitel. Allgemeine Entbindungskunst . § 381. Die allgemeine Entbindungskunst setzt die Grundsaͤtze aus einander, nach welchen die Schwierigkeiten der Entbin- H dung Zweyter Theil. dung uͤberhaupt, und gewisse Klassen derselben insbesondere gehoben werden koͤnnen, und von welchen die Heilung der einzelnen Gattungen ausgehn muß. § 382. Da diese Schwierigkeiten nicht nur in der physischen, sondern auch in der thierischen und geistigen Natur der Ge- baͤhrenden enthalten sind, und uͤberall anch die Wuͤrkung mechanischer und chemischer Mittel, durch die Anwendung derer, die auf die thierische und geistige Natur wuͤrken, un- terstuͤtzt werden muß, so befestigt die allgemeine Entbin- dungskunst ihre aus der Erfahrung an Gebaͤhrenden gezoge- nen Grundsaͤtze, nicht nur durch die Theile der pathologi- schen Anatomie und Instrumentenlehre, welche sich auf die Geburt beziehen, sondern auch ans der Pathogenie, Noso- logie, und der gesammten Heilmittellehre, nebst den diese Wissenschaften begruͤndenden Kenntnissen. Zweyte Abtheilung. Naͤhere Hauptwissenschaften . § 383. Die naͤhern Hauptwissenschaften tragen die Grundsaͤtze vor, welchen zufolge man bey Heilung der einzelnen Krank- heitsarten verfahren muͤsse, und werden deshalb unter dem Namen der besondern Heilkunst begriffen. § 384. Die besondere Heilkunst stellt die Resultate der Erfah- rung uͤber die Heilmethode der besondern Krankheitsarten auf. Sie untersucht also das Gemeinsame der Heilung, was Encyklopaͤdie der Heilkunst. was den auf gemeinsamen wesentlichen Erscheinungen be- ruhenden Krankheiten zukoͤmmt, und zeigt das Verhaͤltniß oder Mißverhaͤltniß der einzelnen Heilmittel zu den einzelne Krankheitsarten. Sie kann deshalb auch die Lehre von den besondern Heilanzeigen genennt werden. § 385. Sie wendet zunaͤchst die Resultate der allgemeinen Heil- kunst auf die einzelnen Krankheiten an; und so wie diese Wissenschaft nur die allgemeinen Resultate der Lehre von den Krankheitserscheinungen und den Heilmitteln benutzt, so wendet sie die besondern Data derselben an. § 386. Ihr Nutzen bezieht sich unmittelbar auf die Praxis, oder auf die Heilung einzelner kranker Menschen. Allein deshalb ertheilt sie nicht geradezu die specielleste Belehrung uͤber jeden einzelnen Krankheitsfall. Denn wegen der immer neuen Verbindung von Ursache und Wuͤrkung in der Natur, ist kein Fall dem andern vollkommen aͤhnlich, keiner laͤßt sich in der Zukunft vorhersehn, noch die Art seiner Heilung vor- aus bestimmen; und sie traͤgt nur Saͤtze vor, welche aus der Beobachtung einzelner Saͤtze abstrahirt sind, und sich auf ihren gemeinschaftlichen Charakter beziehen. Ihre Leh- ren muͤssen also bey einem jeden Kranken mit Huͤlfe der all- gemeinen Heilkunst wieder individualisirt werden. § 387. Sie theilt sich endlich in drey verschiedene Zweige, nach Verschiedenheit der Krankheiten. Alle haben gleiche Erkennt- nißquellen, gleiche Huͤlfsmittel; allein jeder bedarf der ein- H 2 zelnen Zweyter Theil. zelnen Huͤlfsmittel mehr oder weniger, naͤher oder ent- fernter. Erstes Kapitel. Besondere Arzneykunst . § 388. Die Krankheiten des Menschen, welche auf der Modi- fication seiner, ihrem Wesen nach und also durch Verglei- chung mit der uͤbrigen Schoͤpfung, unerkennbaren und nur in ihren Erscheinungen sich offenbarenden Natur (seiner thie- rischen und geistigen Kraͤfte) beruhen, werden innere Krankheiten genennt, und machen den Gegenstand der Arzneykunst aus. Diese Kunst fuͤhrt ihren Nahmen deßhalb, weil sie zur Heilung sich besonders der Arzneykoͤrper be- dient. § 389. Die besondere Arzneykunst *) (innere Heilkunst, Medicin), als Wissenschaft betrachtet, (besondere Thera- pie, Klinik) lehrt also die einzelnen Krankheiten der thieri- schen und geistigen Natur des Menschen, nach einem durch die Erkenntniß derselben bestimmten Plane heilen. Besondere Jatrie . s. § 48. § 390. Sie lehrt also zuerst in jedem einzelnen Krankheitsfalle eine Kenntniß der gegenwaͤrtigen Erscheinungen durch eigene sinnliche Beobachtung, oder durch die Angabe des Kranken, oder endlich derer, welche ihn beobachtet haben, erlangen, und dadurch mit Huͤlfe der Diagnostik die vorwaltende Krank- heitsgattung bestimmen. § 391. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 391. Sie zieht hierauf die allgemeine Krankheitslehre zu Rathe; sie sucht naͤmlich das gegenseitige Verhaͤltniß der krankhaften Erscheinungen (Symptomatologie), den bis- herigen Zustand des Menschen, den Grad seiner Gesund- heit, und die Veranlassungen, welche dieselbe unterbrochen haben (Aetiologie) auf, und schließt hieraus auf die ur- spruͤngliche Erscheinung und das Wesen der ganzen Krank- heit (Pathogenie). § 392. Um hier so viel, als moͤglich, vollstaͤndige Kenntnisse zu erlangen, muß sie also die Lehre von der thierischen und geistigen Natur des Menschen uͤberhaupt (Physiologie und Psychologie) und also auch die von den zu ihrer Aeusserung noͤthigen Bedingungen, die Form und Mischung des Koͤr- pers (Anatomie und Anthropochemie) benutzen. § 393. Von dem, was sich aus diesen Untersuchungen ergeben hat, schließt nun die Arzneykunst mittelst der Semiotik auf den Grad und die Gefaͤhrlichkeit der Krankheit, mittelst der Prognostik auf die mit Wahrscheinlichkeit fuͤr die Zukunft zu erwartenden Erscheinungen. § 394. Hierdurch sucht sie nun ein moͤglichst vollstaͤndiges, und den individuellen Fall moͤglichst erschoͤpfendes Bild der Krank- heit zu entwerfen, und bildet einen, diesem nach, modifi- cirten Plan der Heilung. § 395. Sie erwaͤhlt also unter den Mitteln, welche auf die thie- rische und geistige Natur des Menschen wuͤrken, diejenigen H 3 aus, Zweyter Theil. aus, welche der Erfahrung zufolge, die wesentlichen Er- scheinungen der Krankheiten zu heben vermoͤgen, und modi- ficirt ihre Anwendung, je nachdem die wesentliche Erschei- nung in dem besondern Falle modificirt ist. § 396. Allein das Geschaͤft der Erkenntniß sowohl, als der Heilung innerer Krankheiten, bleibt doch unvollstaͤndig, wenn die Arzueykunst nicht auch die physischen und chemi- schen Kraͤfte des Menschen beruͤcksichtigt. § 397. Da nemlich seine thierischen und geistigen Verrichtun- gen in der innigsten Verbindung mit seiner physischen und chemischen Natur stehn, und ein gegenseitiger Einfluß der- selben ununterbrochen Statt findet, so bedarf die Arzney- kunst auch der pathologischen Anatomie und Anthropochemie, so wie die Lehre von den physischen und chemischen Heilmit- teln. Zweytes Kapitel. Besondere Handarzneykunst . § 398. Diejenigen Krankheiten, welche auf sinnlich wahrnehm- barer krankhafter Form des Koͤrpers beruhen, werden aͤus- sere (auch chirurgische) Krankheiten genennt, weil ihr Grund in der aͤussern Natur des Menschen liegt. § 399. Der Zweig der Heilkunst, welcher die Heilung dieser Krankheiten zum Zweck hat, wird deshalb die aͤussere Heil- Encyklopaͤdie der Heilkunst. kunst, oder die Handarzneykunst, Chirurgie , (Wundarzneykunst) genennt, weil zu Wiederherstellung des verletzten Mechanismus im menschlichen Koͤrper, die Anle- gung der Hand besonders noͤthig ist. § 400. Die Handarzneykunst ist also die Kunst, die krankhaft veraͤnderte Form des menschlichen Koͤrpers zu erkennen, und nach einem, durch diese Kenntniß bestimmten Plane zu heilen. § 401. Diese Kenntniß der verschiedenen moͤglichen Modifica- tionen der Form des menschlichen Koͤrpers, liefert ihr zu- naͤchst die pathologische Anatomie, und die Merkmahle, um die in jedem einzelnen Falle vorhandenen Erscheinungen zu erkennen, werden ihr von dem diagnostischen und semiotischen Theile derselben mitgetheilt. § 402. Die Richtschnur, nach welcher sie diese Veraͤnderungen beurtheilt, wird ihr in der Anatomie gegeben, welche Lehre ihre wesentlichste und vorzuͤglichste Stuͤtze ausmacht. § 403. Da die Krankheit der Form oft von einer Veraͤnderung der Mischung abhaͤngig, und nur durch Verbesserung der Letztern heilbar ist, so bedarf die Handarzneykunst eben so noͤthig der pathologischen und reinen Anthropochemie, so wie der Lehre von den chemisch wuͤrkenden Heilmitteln. § 404. In vielen Faͤllen sind aber die Krankheiten der Form nicht unmittelbar sinnlich wahrzunehmen, sondern sie aͤussern H 4 sich Zweyter Theil. sich nur durch ihre Wuͤrkungen auf die thierische und geistige Natur des Menschen, und durch die krankhaften Erscheinun- gen derselben. Die Erfahrung hat den ursachlichen Zusam- menhang derselben bestaͤtigt, so daß man von der Aeusserung der Letztern auf die verborgene Gegenwart der Erstern schlies- sen kann. § 405. Jene Veraͤnderungen der Form sind ferner, theils durch krankhafte Modification der uͤbrigen menschlichen Kraͤfte her- vorgebracht, oder veranlasset oder beguͤnstiget worden, theils haben sie Krankheiten dieser Kraftaͤusserungen zur Folge. § 406. In beyder Ruͤcksicht also, sowohl um die Gegenwart (§ 404), als um Ursachen und Wuͤrkungen (§ 405) der aͤußern Krankheiten zu erkennen, bedarf die Handarzney- kunst einer vollstaͤndigen Kenntniß der menschlichen Krank- heiten (Nosologie). § 407. Um auch hier eine Richtschnur zu haben, nach welcher sie diese Modificationen der hoͤhern Natur des Menschen be- urtheilt, muß sie die Kenntniß der Wuͤrkungsgesetze dieser Natur (Physiologie und Psychologie) benutzen. § 408. Die Handarzneykunst betrachtet also theils die unmit- telbar durch die Sinne wahrnehmbaren aͤussern Krankheiten, theils schließt sie auf ihre Gegenwart aus den krankhaften Wuͤrkungen der thierischen und geistigen Natur; sie unter- sucht den Grad ihrer Abweichung von der Gesundheit, die speciellen Ursachen, welche als veranlassend wuͤrkten, die Erscheinungen, welche der Mensch vor der Einwuͤrkung dieser Encyklopaͤdie der Heilkunst. dieser Ursachen, zeigte, die Verbindung der urspruͤnglichen Krankheit mit andern, als ihren Folgen, und schließt auf die Wuͤrkungen, welche sie nach sich ziehen wird. § 409. Ist sie durch diese Untersuchung zur moͤglichst genauen Kenntniß des einzelnen Falles, nach allen seinen Einzelnhei- ten gelangt: so kann sie nun mit Huͤlfe der allgemeinen Handarzneykunst einen Heilplan desselben festsetzen. § 410. Hierbey muß die Handarzneykunst in Ruͤcksicht auf die innige Verbindung der innern und aͤußern Natur des Men- schen, auch Vorschristen aus der allgemeinen Arzneykunst entlehnen. § 411. Den festgesetzten Heilplan sucht sie nun mit Huͤlfe der Mittel, welche die Erfahrung ihr uͤberliefert hat, zu reali- siren; und zunaͤchst bedient sie sich hierzu der mechanisch und chemisch wuͤrkenden Mittel, dern Anwendung sie nach Verschiedenheit des einzelnen Falles modificirt. § 412. Zu Unterstuͤtzung dieser Heilung nimmt sie aber auch die, auf das thierische und geistige Wesen des Menschen wuͤrkenden Mittel zu Huͤlfe, und sie bedarf daher der Heil- mittellehre in ihrem ganzen Umfange, und aller der Kennt- nisse, auf welche diese sich gruͤndet. H 5 Drit- Zweyter Theil. Drittes Kapitel. Besondere Entbindungskunst . § 413. Die besondere Entbindungskunst ist die Kunst, die Hin- dernisse der Entbindung zu erkennen, und nach einem auf dieser Kenntniß begruͤndeteu Plane zu heilen. § 414. Diese Hindernisse liegen groͤßtentheils in der physischen Natur der Gebaͤhrenden; deshalb wird die Entbindunskunst auch als ein Theil der Handarzneykunst angesehen, und hat mit ihr gleiche Behandlungsart, gleiche Huͤlfsmittel. § 415. Aber sie koͤnnen auch unmittelbar auf der Veraͤnderung der thierischen und geistigen Natur beruhen, oder doch durch dieselbe verstaͤrkt und unterstuͤtzt werden; in dieser Ruͤcksicht ist die Entbindungskunst ein Zweig der Arzneykunst, und bedient sich der innern Heilmittel. § 416. Sie beruht deshalb auch auf allen den Huͤlfskenntnissen, welcher die Chirurgie und die Medicin beduͤrfen, und benutzt besonders diejenigen, welche sich auf die Natur der Frauen, und der zur Geburt bestimmten Organe, so wie des Kindes, beziehen. Dritte Encyklopaͤdie der Heilkunst. Dritte Klasse. Vervollkommungswissenschaften . § 417. Diejenigen Wissenschaften, welche, ohne unmittelbare Belehrung uͤber Gegenstaͤnde, so sich auf Heilung der Krank- heiten beziehen, zu ertheilen, auf eine mehr mittelbare Art Erweiterung der Kenntnisse, Befestigung der Grund- saͤtze, Berichtigung des Urtheils uͤber Theorie und Praxis der Heilkunst zum Zweck haben, — sind Vervollkommungs- wissenschaften der Heilkunst. Erstes Kapitel. Literatur der Heilkunst . § 418. Die Litteratur der Heilkunst giebt eine Anzeige der Be- muͤhungen der Aerzte, ihre Kenntnisse, Beobachtungen und Erfahrungen, welche sich auf die Ausuͤbung der Heilkunst selbst, oder auf ihre verschiedenen Huͤlfs- und Grundkennt- nisse beziehen, Andern durch oͤffentlich bekannt gemachte Schriften mitzutheilen. § 419. Sie gewaͤhrt also durch diese bloß historische Kenntniß eine allgemeine Uebersicht dessen, was fuͤr die Heilkunst und ihre einzelnen Faͤcher schon geleistet worden ist, und traͤgt dadurch zu Erweiterung unserer Kenntnisse bey. § 420. Zweyter Theil. § 420. Ohne das zu wissen, was unsere Vorfahren und unsere naͤhern oder entferntern Zeitgenossen allmaͤhlig entdeckt und in ihren Werken aufgezeichnet haben, wuͤrde die Heilkunst nie- mals den Grad der Vollkommenheit haben erreichen koͤnnen, auf welchen sie, als die weitlaͤufigste und schwerste Erfah- rungswissenschaft, durch die vereinigten Kraͤfte vieler Jahr- hunderte gediehen ist. Unsere Heillunst ist also gegenwaͤr- tig das Resultat, welches aus dem Studium ihrer Littera- tur, vereinigt mit Beobachtung der Natur selbst, hervorge- gangen ist. § 421. Doch abgesehen von dem, was die Heilkunst im Allge- meinen der Litteratur zu verdanken hat, kann auch derjenige, welcher die Heilkunst in ihrem Umrisse hat kennen lernen, derselben nie entbehren, weil er mit ihrer Huͤlfe sich von dem belehren kann, was fuͤr die einzelnen Gegenstaͤnde der Kunst, auf welche seine Aufmerksamkeit gerade vorzuͤglich geheftet ist, und woruͤber er besonders genau unterrichtet seyn will, schon geleistet worden ist. § 422. Endlich macht auch die Litteratur das erste Beduͤrfniß fuͤr die Geschichte der Heilkunst aus, und sie ist schon in die- ser Ruͤcksicht wichtig, in sofern die Geschichte der Kunst selbst von Einfluß ist. § 423. Ihre Quellen sind also die Schriften der Aerzte jedes Jahrhunderts, und ihr vorzuͤglichstes Huͤlfsmittel beruht auf der Kenntniß der allgemeinen Litteratur. Zweytes Encyklopaͤdie der Heilkunst. Zweytes Kapitel. Geschichte der Heilkunst . § 424. Die Geschichte der Heilkunst enthaͤlt eine Erzaͤhlung von dem Verfahren, welches man in den verschiedenen Zeital- tern beobachtet hat, um Krankheiten zu heilen, und sie lie- fert deshalb auch die Geschichte der Veraͤnderungen und Schicksale, welche alle einzelne Wissenschaften, worauf sich die Heilkunst gruͤndet, erfahren haben. § 425. Sie stellt die verschiedenen Behandlungsarten dieser Wissenschaften in ihren Ursachen und Wuͤrkungen dar, und wird hierdurch unsere Lehrerin, indem sie uns zeigt, auf welchem Wege man dem hoͤchsten Zwecke der Kunst am naͤch- sten kam, und indem sie vor den verschiedenen Abwegen warnt, auf welche man durch unzweckmaͤßige Methoden verleitet wurde. Sie giebt daher dem Gange unserer Be- obachtungen, Erfahrungen, Theorien ꝛc. seine Richtung. § 426. Dabey erwaͤhnt sie auch die Krankheiten, welche gewis- sen Zeitaltern eigenthuͤmlich waren, oder in denselben ihren Ursprung fanden, nebst ihren Ursachen und Wuͤrkungen; und dadurch setzt sie uns in den Stand, sowohl diese, als andere, welche eine groͤßere oder geringere Aehnlichkeit mit ihnen haben, richtiger zu beobachten. § 427. Ihre Quellen sind in den Schriften der Aerzte jedes Zeitalters enthalten, zu deren Kenntniß die Literatur ver- hilft. Zweyter Theil. hilft. In Ermangelung derselben muͤssen auch Muͤnzen, oͤffentliche Denkmaͤhler, Gesetze ꝛc. ja selbst Traditionen zu- weilen ihre Stelle ersetzen. § 428. Die Huͤlfsmittel sind Sprachkunde; Kritik; Geogra- phie; politische Geschichte, in sofern die Bearbeitung der Kunst mit Staatsbegebenheiten zusammenhieng; Geschichte der menschlichen Kultur, indem die Fortschritte des mensch- lichen Geistes uͤberhaupt gleiche Veraͤnderung in den zur Heilkunst gehoͤrigen Wissenschaften veranlaßten; endlich Ge- schichte der Philosophie, in sofern der Gang des philosophi- renden menschlichen Verstandes immer auch den Untersu- chungen uͤber die Natur, und daher auch uͤber den gesunden und kranken Menschen ihre Richtung gab. Drittes Kapitel. Medicinische Geographie . § 429. Die medicinische Geographie beschreibt, was sich in verschiedenen Gegenden in Bezug auf Heilkunst, ihre ver- schiedenen Zweige, und die Kenntnisse, welche ihr zu Grun- de liegen, Merkwuͤrdiges findet; also das verschiedene Ver- halten der Nationen bey Krankheiten, die Wuͤrkungen des Klima, der Lebensweise, der Staatsverfassung, der oͤffent- lichee Anstalten ꝛc. auf ihren koͤrperlichen Zustand, das ver- schiedene Verfahren der Aerzte ꝛc. § 430. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 430. Sie liefert also der Heilkunst Kenntnisse, welche sich auf Verschiedenheit des Orts beziehen, so wie das charakte- ristische Merkmahl der Geschichte auf der Verschiedenheit der Zeit beruht. Sie gewaͤhrt also zuerst den Nutzen, daß wir uͤber manche Erscheinungen am Menschen, uͤber seine Ge- sundheit und Krankheiten belehrt werden, und einsehen, wie dieselben von aͤußern Einfluͤssen, von Gewohnheiten ꝛc. her- ruͤhren. § 431. Sodann macht sie uns aber auch auf die verschiedenen Methoden der Aerzte, oder derer, welche ihre Stelle ver- treten, aufmerksam, und stellt sie uns zur Beobachtung und Veraleichung auf. In beyden Ruͤcksichten wird sie also fuͤr die Vervollkommung unserer Kenntnisse wichtig. § 432. Ihre Quellen sind glaubwuͤrdige Laͤnder-, Orts- und Reisebeschreibungen, besonders wenn dieselben von Aerzten verfaßt sind. Unter ihre Huͤlfsmittel gehoͤrt besonders die naturhistorische und politische Geographie, so wie die Natur- geschichte des Menschen. Vierte Klasse. Nebenwissenschaften der Heilkunst . § 433. Unter Nebenwissenschaften der Heilkunst verstehen wir diejenigen systematisch geordneten Kenntnisse, welche nicht unmittel- Zweyter Theil. unmittelbar auf den einigen Zweck der Heilkunst (Heilung der Krankheiten), sondern auf das Gesundheitswohl der Menschen uͤberhaupt sich beziehen, und aus den Grundwis- senschaften der Heilkunst geschoͤpft werden. § 434. Der Arzt ist also, als solcher, weder gerichtlicher Arzt, noch medicinischer Politiker, noch Diaͤtetiker. Sein Zweck ist zunaͤchst nur Heilung der Krankheiten; aber in sofern ihn das Wohl der Menschheit uͤberhaupt interessirt, bearbeitet er jene Gegenstaͤnde, weil er vermoͤge seiner Kenntnisse, welche den Grund seiner Kunst enthalten, allein competenter Richter daruͤber seyn kann. Erste Abtheilung. Volksarzneykunde . § 435. Unter Volksarzneykunde versteht man eine allgemein verstaͤndliche Belehrung der Nichtaͤrzte uͤber das menschliche Leben und seine Modificationen (Gesundheit und Krankheit), als Erscheinungen betrachtet, und ein darauf sich beziehen- des schickliches Verhalten, um es in Gesundheit und Krank- heit seinem Zwecke gemaͤß zu erhalten. Sie zerfaͤllt dem- nach in die populaͤre Naturlehre des Menschen, Gesundheits- lehre und Krankheitslehre. Erstes Encyklopaͤdie der Heilkunst. Erstes Kapitel. Populaͤre Naturlehre des Menschen . § 436. Die populaͤre Naturlehre des Menschen liefert eine all- gemein verstaͤndliche Uebersicht der koͤrperlichen und geistigen Erscheinungen des Menschen, der Wuͤrkungsgesetze, nach welchen sie erfolgen, und der Wuͤrkungen, welche sie ge- genseitig auf einander aͤußern. § 437. Sie enthaͤlt also die Resultate der Anatomie, Anthro- pologie, Physiologie und Psychologie, allgemein faßlich vorgetragen. § 438. Sie giebt die erste Stufe zur medicinischen Aufklaͤrung ab, ist die noͤthige Vorbereitung zu der Lehre von Erhaltung der Gesundheit, und eine, jedem gebildeten Menschen noͤ- thige Belehrung uͤber sein Wesen. Zweytes Kapitel. Populaͤre Gesundheitslehre . § 439. Die Diaͤtetik oder Gesundheitslehre liefert eine gemein- faßliche Anleitung, seine geistigen und koͤrperlichen Er- scheinungen so zu bestimmen, daß dadurch Gesundheit er- halten wird. J § 440. Zweyter Theil. § 440. Von der speciellen Physiologie, dem aͤtiologischen Theile der Pathologie, und von der Heilmittellehre erhaͤlt sie ihren Stoff, welchen sie den Fassungskraͤften und Kenntnissen der Nichtaͤrzte gemaͤß bearbeitet. § 441. Ihr Zweck ist unmittelbar auf Erhaltung und Vervoll- kommung des menschlichen Wohlseyns gerichtet, in sofern dasselbe von vorhergaͤngigen Erscheinungen seines Wesens abhaͤngt, deren Beginnen oder Unterlassung in der Will- kuͤhr des Individuums steht. § 442. Je nachdem diese Begriffe von Wohlseyn des Menschen verschieden sind, ist auch die Diaͤtetik verschieden. Die Prophylaktik setzt naͤmlich zu ihrem hoͤchsten Zweck Ver- huͤtung der Krankheiten; die Makrobiotik Verlaͤngerung des Lebens, und die Eubiotik Energie des Lebens. Drittes Kapitel. Populaͤre Krankheitslehre . § 443. Die populaͤre Krankheitslehre belehrt den Nichtarzt uͤber die Krankheiten, ihre Ursachen, Erscheinungen und sein Verhalten dabey, soviel ihm ohne wissenschaftliches Studium davon zu begreifen moͤglich, und zu seinem Zwecke zu wissen noͤthig ist. § 444. Encyklopaͤdie der Heilkunst. § 444. Ihre Quelle findet sie in der Pathologie und speciellen Therapie. § 445. Sie verbreitet uͤber das Publikum die eigentlich medici- nische Aufklaͤrung, indem sie den Nichtarzt belehrt, was er von dem Arzte zu erwarten habe; was er von ihm fordern koͤnne, oder nicht; was er auf der andern Seite ihm fuͤr Pflichten schuldig sey; wie er ferner in eigenen Krankheiten sein Vethalten bestimmen, in fremden bescheidenen Rath er- theilen, ohne Eingriffe in das Amt des Arztes zu thun, und ploͤtzlich verungluͤckten Menschen zu Huͤlfe eilen koͤnne. — Ueberschreitet sie diesen Zweck, stellt sie Regeln zu wuͤrklicher Heilung der Krankheiten fest, liefert sie Kenntnisse von Arz- neymitteln und Formeln, will sie wuͤrkliche Dilettanten in der Heilkunst bilden: so wird sie verderblicher, als Gift in den Haͤnden eines Kindes. — Dies erhellet aus den Schwie- rigkeiten der Heilkunst und ihrem Umfange. Zweyte Abtheilung. Staatsarzneykunde . § 446. Die Staatsarzneykunde ist der Innbegriff der, aus den einzelnen Zweigen der Heilkunst entlehnten und zum unmit- telbaren Wohl des Staats angewendeten Kenntnisse. Sie zerfaͤllt in die medicinische Polizey und gerichtliche Arzney- kunde. J 2 Erstes Zweyter Theil. Erstes Kapitel. Medicinische Polizey . § 447. Die medicinische Polizey enthaͤlt die Grundsaͤtze, nach welchen die Stellvertreter des Staates fuͤr die Erhaltung der Gesundheit, fuͤr Abwendung und Heilung der Krankhei- ten der Mitglieder desselben zu sorgen haben. § 448. Diese Grundsaͤtze werden von denselben Wissenschaften geliefert, welche die Volksarzneykunde begruͤnden, nur daß dieselben sich auf ganze Voͤlker beziehen, da jene nur die Sorgfalt eines jeden Individuums fuͤr sich selbst betrifft, und daß sie noch mehr aus der speciellen Therapie entlehnt sind. § 449. Die neuern Zeiten bieten uns die vollguͤltigsten Beweise von dem Nutzen der medicinischen Polizey dar, da mit ihrer Huͤlfe Krankheiten, welche in gewissen Gegenden wegen schaͤdlicher Eigenschaften der Producte, der Luft ꝛc. fuͤr ge- woͤhnlich (endemisch) herrschten, hinweggeraͤumt, andere, welche sich ploͤtzlich uͤber eine Menge Menschen wegen An- steckung oder anderer gemeiner Ursachen (epidemisch) ver- breiteten, gemindert und gehoben, Anstalten zu Heilung der Kranken auf oͤffentliche Kosten, zu Pruͤfung der Aerzte ꝛc. getroffen wurden. Zweytes Encyklopaͤdie der Heilkunst. Zweytes Kapitel. Gerichtliche Arzneykunde . § 450. Die gerichtliche Arzneykunde stellt die Grundsaͤtze auf, wornach vorkommende Rechtsfaͤlle, bey welchen es auf An- erkennung der Gesundheit oder der mancherley Krankheiten und ihres Grades ankommt, zu entscheiden sind. § 451. Zur Quelle dienen ihr saͤmmtliche Grundwissenschaften der Heilkunst, welche sich sowohl auf Kenntniß des gesunden und kranken Menschen beziehen (besonders physiologische und pathologische Semiotik), als auch die Kenntniß der Heil- mittellehre betreffen. § 452. Sie erzeigt sich dadurch nuͤtzlich, daß sie durch Entdek- kung der Wahrheit das Urtheil des Richters bestimmt, und so die Sicherheit und das Wohl der einzelnen Staatsbuͤrger beschuͤtzt. Dritter Abschnitt. Hebammenkunst . § 453. Die Hebammenkunst stellt die Grundsaͤtze auf, welche die Hebammen bey Unterstuͤtzung der gesunden (natuͤrlichen) Entbindungen befolgen muͤssen. J 3 § 454. Zweyter Theil. Encyklopaͤdie d. Heilkunst. § 454. Ihre Quelle ist der Theil der Anatomie und Physiolo- gie, welcher sich auf die Entbindung bezieht. § 455. Sie rettet der Menschheit große Summen kuͤnftiger Buͤrger, welche bey schlechter Behandlung in der Geburt umkommen. Verderblich wird sie dagegen eben so, wie die Volksarzneykunde, wenn sie die Hebammen mit Regeln zur Heilung bey der Entbindung vorkommender Krankheiten be- kannt macht, welche ohne Uebersicht saͤmmtlicher Theile der Heilkunst nicht verstanden, noch nach der Verschiedenheit des gegenwaͤrtigen Falles modificirt werden koͤnnen. II. II. Der Arzt . J 4 Erster Theil. Der Stand des Arztes . § 456. B ey jedem Volke, unter jedem Himmelsstriche giebt es Krankheiten, denn sie sind vermoͤge der urspruͤnglichen Ein- richtung der menschlichen Natur unvermeidlich (§. 30 — 32), und da nun eine Kunst, Krankheiten zu heilen, moͤglich ist (§. 40), so bedarf jedes Volk solcher Kuͤnstler. § 457. Niemand kann aber sagen, daß er eine Krankheit hei- len koͤnne, so lange er sie nicht nach ihren Erscheinungen, Ursachen und Wuͤrkungen moͤglichst vollstaͤndig kennt; und hierauf gestuͤtzt, eine allgemeine Richtschnur seines Verfah- rens festsetzt. § 458. Arzt ist also derjenige, welcher die Krankheiten er- kennt, und nach einem, auf dieser Kenntniß beruhenden Plane, durch bestimmte Mittel heilt. Fr. Hoffmanni diss. de differentia medici et practici me- dicinae. Hal. 716. 4. § 459. Um also Arzt zu seyn, wird die Kenntniß der gesamm- ten Natur, und eine genaue Bekanntschaft mit dem ganzen Wesen des Menschen und seiner Krankheiten, so wie der J 5 Heil- Erster Theil. Heilmittel, nothwendig erfordert. Und da dies ein so gros- ses, ja unendliches Feld ist, so muß derjenige, welcher Krankheiten heilen will, sich dieser Kunst ausschließlich wid- men, ohne dabey irgend ein anderes Geschaͤft zu treiben. Daher machen die Aerzte einen eigenen Stand unter den Staatsbuͤrgern aus. § 460. Aus diesem Grunde errichten die Stellvertreter des Staats oͤffentliche Anstalten, in welchen man Gelegenheit findet, sich jene Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben, und ertheilen nur denjenigen, welche diese Anstalten gehoͤrig benutzt haben, und deren Geschicklichkeit unter oͤffentlicher Autoritaͤt von Aerzten gepruͤft worden ist, das Recht, ihre kranken Mitbuͤrger zu behandeln. Die Aerzte werden also oͤffentlich authorisirt oder privilegirt, und machen eine eigne Zunft aus. § 461. Diese Sorge ist der Staat dem Wohle seiner Buͤrger schuldig, weil dieses durch Alle, welche sich fuͤr Aerzte nur ausgeben, gefaͤhrdet wird. Er muß daher nothwendig me- dicinische Zwangsanstalten errichten, d. h. die einzelnen Buͤrger, welche vermoͤge ihrer Unkunde der Heilkunst, dar- uͤber nicht entscheiden koͤnnen *), zwingen, in Krankheiten ihre Huͤlfe nur bey oͤffentlich authorisirten Aerzten zu suchen, und sie verhindern an der Befragung derer, welche nicht oͤf- fentlich gepruͤft sind **). Hofmann vom Unvermoͤgen des Publikums, die Geschick- lichkeit der Aerzte aus ihren Kuren zu beurtheilen. — (in der Hessischen Medicinalordnung. S. 452.) ( Reimarus ) Untersuchung der vermeynten Rothwen- digkeit eines autorisirten medicinischen Collegii und einer medicinischen Zwangsordnung. Hamburg 787. 8. Aepli’s Der Stand des Arztes. Aepli’s Antirelmarus, oder von der Nothwendigkeit einer Verbesserung des Medicinalwesens in der Schweiz. Win- terthur 788. 8. § 462. Der Arzt ist dem Staate, theils als Buͤrger desselben uͤberhaupt, schuldig, von seiner Kunst den vollkommensten Gebrauch zu machen, theils als besonders von demselben bey Erlernung seiner Kunst unterstuͤtzter, und in seinen Ge- rechtsamen beschuͤtzter Buͤrger, alle seine Kraͤfte zu Erweite- rung seiner Kenntnisse und zu Befoͤrderung des allgemeinen Wohles aufzubieten. P. Frank de civis medici in republica conditione atque offi- ciis, ex lege praecipue erutis. Ticini 785. 8. § 463. Der Staar hingegen hat die Pflicht gegen den Arzt, welcher sich seinem Besten widmet, ihn in seinen erlangten Rechten zu schuͤtzen, und ihm gehoͤrige Belohnung zu ver- schaffen. Da naͤmlich in dem Staate alle Raͤder in einan- der greifen, und jeder Buͤrger seine Kenntnisse, Kunstsertig- keiten und Guͤter gegen die Kenntnisse Kunstfertigkeiten und Guͤter des Andern austauscht, so muß auch der Arzt fuͤr die Ausuͤbung seiner Kunst verhaͤltißmaͤßig belohnt werden. § 464. Jedem Kranken liegt es ob, dem Arzte zuerst seinen ganzen Zustand ohne Ruͤcksicht zu entdecken, in seinem vor- hergegangenen Leben die wahrscheinlichen Ursachen desselben mit ihm aufsuchen zu helfen, sodann die Vorschriften des Arztes, in Ruͤcksicht sowohl auf Arzneymittel, als auf die uͤbrige Lebensweise gewissenhaft zu beobachten, und endlich seine Bemuͤhungen nach Kraͤften zu lohnen. Henning von den Pflichten der Kraulen gegen die Aerzte. Leipzig 791. 8. §. 465. Erster Theil. § 465. Die Angehoͤrigen des Kranken muͤssen ebenfalls die Er- kenntniß und Heilung der Krankheit, soviel als von ihrer Seite moͤglich ist, zu unterstuͤtzen suchen: sie muͤssen dem Arzte genaue und sichere Berichte abstatten, auf die Befol- gung seiner Vorschriften achten, und durch ihre Gewalt uͤber den Kranken auch nach dem Rathe des Arztes auf sein Ge- muͤth zu wuͤrken suchen. Elsner uͤber die Verhaͤltnisse zwischen dem Arzte, den Kran- ken und dessen Angehoͤrigen. Koͤnigsb. 794. 8. § 466. Diejenigen, welche die Heilkunst oder einzelne Zwei- ge derselben nur wissenschaftlich bearbeiten, ohne diese Kenntnisse zu Heilung der Krankheiten anzuwenden, werden theoretische Aerzte genannt; welche aber von diesen Kennt- nissen zur Beseitigung von Krankheiten Gebrauch machen, werden ausuͤbende oder praktische Aerzte genannt. § 467. Der Stand des Arztes ist mit vielen Annehmlichkeiten verbunden, welche theils unmittelbar auf seine Beschaͤftigun- gen, theils auf der Erreichung seines Zwecks durch dieselben beruhen. § 468. Zuerst naͤmlich gewaͤhrt es jedem unverdorbenen Men- schen das reinste Vergnuͤgen, die Natur zu kennen und zu beobachten. Hierinne besteht aber das Geschaͤft des Arztes, theils bey dem Studium seiner Wissenschaft, theils bey der Ausuͤbung seiner Kunst. Er ist keinen Menschensatzungen unterworfen, an keine Norm gebunden, welche durch ihr Alter- Der Stand des Arztes. Alterthum sanctionirt ist: er spuͤrt nur dem Gange der Na- tur nach, nimmt nur sie als seine hoͤchste Richterin an, und kennt keine Autoritaͤt, als die ihrige. Bey allen seinen Beschaͤftigungen endlich, nehmen die Sinne und der Ver- fand gleichen Antheil, und alle solche Arbeiten, welche, weil sie zwischen die blos geistigen und die blos koͤrperlichen m itten inne treten, und sie unter einander verbinden, rein m enschliche genannt werden koͤnnen, sind dem Menschen am angenehmsten, seinen Kraͤften am angemessensten. § 469. Sodann bietet sich dem Arzte eine reiche Quelle von Freuden auch bey der Erreichung seines Zweckes dar. Das Bewußtseyn, sich um das Wohl der Menschheit so unmittel- bar verdient gemacht zu haben, verbunden mit dem innig- sten Danke der Geretteten und ihrer Freunde, gewaͤhrt dem Arzte ein Gluͤck, welches schwerlich ein anderer Stand in so reichem Maaße und so haͤufig ausspendet. § 470. Allein es treffen auch vielfache Beschwerden den Stand des ausuͤbenden Arztes, welche theils von dem Gegenstande seiner Kunst selbst, theils von seinen zufaͤlligen Verhaͤltnissen abhaͤngen. § 471. Zuvoͤrderst ist der geschickteste Arzt bey dem besten Wil- len oft ausser Stand gesetzt, zu helfen, theils in den Faͤllen, wo die Kunst ihre Graͤnzen erreicht hat, (§ 104 fgg.) theils wo die Ursachen der Krankheiten auf den aͤußern Verhaͤltnissen der Kranken (ihrem Stande, ihren Geschaͤften, ihrer Ar- muth ꝛc.) beruhen, welche er als Arzt nicht abaͤndern kann. § 472. Erster Theil. § 472. Sodann wird der bestaͤndige Umgang mit Kranken oft laͤstig; denn eben weil sie krank sind, koͤnnen die meisten nicht richtig urtheilen und schließen, sie erzaͤhlen weitschwei- fig, wollen Erklaͤrungen haben, welche sie nicht verstehen koͤnnen, widersetzen sich aus Grillen den besten Anordnun- gen des Arztes ꝛc. Aber auch alle unerzogene Menschen jedes Alters, ermuͤden auf aͤhnliche Art die Geduld des Arztes, ohne daß diese Unarten gerade Wuͤrkungen einer eigentlichen Krankheit sind. § 473. Ferner ist kein Stand so vielen falschen Urtheilen aus gesetzt, als der des Arztes. Niemand kann sein Verfahren beurtheilen, als nur ein Arzt: aber in der Heilkunst wil jeder Dilettant seyn, jeder glaubt Kenntnisse zu besitzen, um den Arzt beurtheilen zu koͤnnen. Aus Mangel an Aufkaͤ- rung sieht man ihn bald fuͤr einen Gott an, dem die ganze Natur zu Gebote steht, bald fuͤr einen zu reichlich bezahlten Miethling; bald nimmt man Parthey gegen ihn, aus blin- der Verehrung des Alten, und bald aus eben so grundloser Vorliebe fuͤr das Neue. Man erfuͤllt die (§ 464 f.) angege- benen Pflichten gegen den Arzt nicht, und uͤberdies sucht noch mancher leere Kopf durch Aufwaͤrmung abgenutzter Spoͤttereyen gegen ihn, sich das Ansehen des Wichtigen und Einsichtsvollen zu geben *). — Die Versuche, das Pub- likum in den Stand zu setzen, daß es den Arzt richtig beur- theilen kann, koͤnnen zwar manches Gute bewuͤrken, aber ihrem Zwecke nie vollkommen entsprechen **). Les erreurs populaires sur la médecine, par d’ Eharce . à Paris 783. 8. Garn uͤber Vorurtheile, Aberglauben, Unglanben, Leicht- glaͤubigkeit der meisten Menschen in der praktischen Arzney- wissen- Der Stand des Arztes. wissenschaft und Wundarzneykunst. Wittenberg und Zerbst 795. 8. Osterhausen uͤber medicinische Aufklaͤrung. Zuͤrich 798. 8. Frank uͤber die Wahl des Arztes. Wien 1800. 8. § 474. Aber auch Aerzte koͤnnen nie ein vollkommen gegruͤnde- tes Urtheil uͤber das Verfahren eines andern Arztes faͤllen, wenn sie nicht neben ihm den ganzen Verlauf der Krankheit in allen seinen Individualitaͤten beobachteten. Kleinliche Menschen, deren es unter den Aerzten, so wie in allen Staͤnden giebt, maasen sich solche Urtheile an, um ihre Col- legen, nach Art neidischer Handwerker, bey dem Publikum verdaͤchtig zu machen. Solisci (Clossii) carmen de invidia medicis propria. Tu- bing. 784. 8. § 475. Besonders wird der Arzt dann schief und ungerecht be- urtheilt, wenn ihn das Gluͤck nicht beguͤnstigt. Obschon naͤmlich die Heilung uͤberhaupt das Werk der Kunst ist *), so wird sie doch oft durch den Zufall herbeygefuͤhrt, d. h. es ereignen sich Umstaͤnde, welche die Krankheit zu besigen im Stande sind, ohne daß sie von dem Arzte selbst herbeyge- fuͤhrt worden waͤren **). Das Werk des Zufalls ist es fer- ner, wenn an einen Arzt sich solche Kranke wenden, deren Uebel leicht zu heben ist, oder wenn sie gerade in dem Zeit- punkte seinen Rath gebrauchen, wo die Krankheit ihrem Aus- gange schon nahe ist. Gervais non ergo in medicina fatum. Paris 629. 8. a Melle diss. de fortuitis in medicina proficuis. Argen- tor. 718. 4. Heister diss. de fortuna medica. Altorf. 722. 4. Over- Erster Theil. Overkamp diss. quis de fortuna medica verus sit sensus. Heidelberg 789. 4. § 476. Endlich muß der Arzt seine Bequemlichkeit dem Wohle der Menschheit zum Opfer bringen; er ist nie Herr seiner Zeit, und muß jeden Augenblick bereit seyn, seine Erholun- gen abzubrechen und die Befriedigung seiner dringendsten Beduͤrfnisse aufzuschieben. Pezold das Angenehme und Unangenehme bey der Ausuͤbung der Arzneywissenschaft. Nordhausen 752. 8. Plaz progr. de medicae vitae commodis et incommodis. Lips. 781. 4. § 477. Den Schein des Arztes ohne seine Kunst nimmt der Afterarzt ( medicaster ) an, er sey nun oͤffentlich auto- risirt oder nicht. Er ist entweder Charlatan oder Pfuscher. à Freudenberg de abusu et impostura medicantium. Mar- burg. 638. 8. Bitterkraut’s Klagthraͤnen der Arzneykunst. 677. 4. Buͤcking der Arzt und Afterarzt. Stendal 789. 8. § 478. Charlatan ist derjenige, welcher aͤussern Zufaͤllig- keiten und Nebendingen einen zu großen Werth beylegt, und sich besonders durch Schwaͤtzerey und Prahlerey ( ciarlare ) den Anschein tiefer Kenntnisse zu geben sucht, um durch diese Armseligkeiten dem Poͤbel zu gefallen. Harvey de vanitatibus medicorum. Amstelod. 695. 12. Laeti charlataneria medicorum. Freys. 717. § 479. Der Stand des Arztes. § 479. Jeder Arzt wird also dadurch zum Charlatan, daß er anstatt das Publikum aufzuklaͤren, politischer Verhaͤltnisse wegen, dasselbe in seinen Vorurtheilen bestaͤrkt, und aus Furcht ihm zu mißfallen, sich nach seinen Launen und seiner Unwissenheit accomodirt. § 480. Der Pfuscher (Routinier, Empiriker) besitzt keine vollstaͤndige Kenntniß der Heilkunst in ihren saͤmmtlichen Theilen, keine Erfahrung, sondern er hat nur aus mangel- hafter Beobachtung einiger Kuren, oberflaͤchliche Kenntniß einiger Krankheitsformen und Arzneyformeln, und er ver- kauft diese durch Uebung erlangte Fertigkeit, Heilmittel zu verordnen, fuͤr Kunst. § 481. Der Arzt endlich, welcher nicht sowohl aus Privatin- teresse oder aus Bestreben zu gefallen, als vielmehr aus eige- ner Ueberzeugung aussrewesentlichen Umstaͤnden zu großen Werth beylegt, und daher z. B. in den meisten Faͤllen im- mer eine bestimmte Krankheit zu sehen glaubt, oder eine ge- wisse Heilmethode immer fuͤr dienlich haͤlt, und dabey mit Hartnaͤckigkeit auf seiner Meinung besteht, ist ein Pedant . Plaz progr. 4. de pedantismo medico. Lips. 762 — 64. K Zwey- Zweyter Theil. Zweyter Theil. Wahl des Standes . § 482. D a die Bestimmung des Individuums zu irgend einer Beschaͤftigung, sowohl fuͤr dasselbe, als fuͤr die uͤbrigen Staatsbuͤrger von nicht geringer Erheblichkeit ist, so muͤssen auch besonders die Gruͤnde erwogen werden, welche den Stand des Arztes zu waͤhlen, hinreichend bestimmen koͤn- nen. § 483. Nicht ohne Nutzen wird das Ideal des Arztes in allen seinen Verhaͤltnissen und Eigenschaften dargestellt, damit man naͤmlich aus der Vergleichung desselben mit sich selbst abnehme, worauf man das Bestreben, sich zu bilden und zu vervollkommnen, besonders zu richten habe, und welches Talent einer besondern Ausbildung beduͤrfe. Allein unbrauch- bar ist jene Idee der Vollendung, um darnach seine Taug- lichkeit zum Arzte zu bestimmen: denn die Eigenschaften und Talente, welche sie aufstellt, sind theils nicht unnach- laßlich bedingt, theils von der Art, daß man sie durch festen Willen sich eigen machen kann. Morgagni nova institutionum medicarum idea, medicum perfectissimum adumbrans. Padua 712. 4. — El. Wil- denhayn . Lips. 775. 8. Gag- Wahl des Standes. Gagliardi idea del vero medico fisico e morale. Roma 718. 8. Aepli’s Abbildung des wahren Arztes. Schafhausen 773. 8. § 484. Die Bedingungen, welche in jedem kuͤnftigen Arzte nothwendig erfuͤllt seyn muͤssen, sind koͤrperliche und geistige Gesundheit, und ein fester vernuͤnftig begruͤndeter Wille, Arzt zu werden. Wer diese Eigenschaften besitzt, hat hin- laͤnglichen Beruf in sich, die Heilkunst zu erlernen. § 485. Gesundheit des Koͤrpers ist ein so unumgaͤngliches Er- forderniß fuͤr den Arzt, als sie es kaum fuͤr irgend einen an- dern Gelehrten und Kuͤnstler ist. Besitzt er nicht einen hohen Grad derselben, so kann er seinem muͤhsamen Berufe nicht vorstehen, oder er unterliegt fruͤh den taͤglichen Beschwerden und oͤftern Gefahren; auch kann er, wenn er nicht gesund ist, weder vermittelst seiner Sinne die Krankheit gehoͤrig be- obachten, noch ein gehoͤriges, nuͤchternes Urtheil uͤber sie faͤllen. § 486. Ein gesunder, freyer Geist, welcher durch keine Vor- urtheile verkruͤppelt, durch keine Pedanterey aͤlterer oder neuerer Zeiten verbildet, noch durch Mangel an Uebung er- schlafft ist, ein Geist, dessen Streben nach Wahrheit gerich- tet ist, welcher Sinn fuͤr das Edle und Große hat, — nur ein solcher bildet den aͤchten Arzt. Ohne denselben wird man bey allen Kenntnissen immer nur ein Handwerker, ein Afterarzt. § 487. Dies waren die vorlaͤufigen Bedingungen; jetzt folgt des unmittelbare Erforderniß: vernuͤnftig begruͤndeter und K 2 des- Zweyter Theil. deshalb unerschuͤtterlicher Wille, die Heilkunst zu stu- diren. § 488. Zu diesem Vorsatze wird zuerst erfordert eine vorlaͤusige Kenntniß ihres eigentlichen Wesens, ihrer einzelnen Wissen- schaften und des Standes des Arztes nach seinen Vortheilen und Beschwerden: denn der Wunsch nach dem Besitze eines Gegenstandes, von welchem man keine deutliche Idee hat, ist weder vernuͤnftig, noch auch fest. § 489. Hat man auf diese Art die Vortheile, welche die Heil- kunst ihren Juͤngern gewaͤhrt, uͤberwiegend gefunden, so faßt man ein Interesse dafuͤr, welches aber, um alle Selbsttaͤu- schung zu verhuͤten, gehoͤrig analysirt werden muß. § 490. 1. Wissenschaftliches Interesse ist das erste Erforderniß fuͤr einen Arzt, d. h. er muß bey Erlernung saͤmmtlicher Theile der Heilkunst, so wie bey Ausuͤbung derselben, das Vergnuͤgen, welches die Beobachtung der Natur uͤberhaupt gewaͤhrt, besonders lebhaft empfinden. Er muß Enthusiast fuͤr die Vervollkommung seiner Kunst seyn, die Beytraͤge andrer Aerzte hierzu mit Interesse aufnehmen, und so viel an ihm ist, selbst darauf mitzuwuͤrken suchen. § 491. Dieses Interesse fuͤr die Kunst bewuͤrkt es allein, daß der Arzt fuͤr die Muͤhe ihrer Erlernung und die Beschwerden ihrer Ausuͤbung vollkommen entschaͤdigt wird, daß er Vor- urtheile muthig bekaͤmpft, auch ohne Belohnung arbeitet, seinen Ekel uͤberwindet, erlittenen Undank vergißt, und un- gerechte Wahl des Standes. gerechte Urtheile des Poͤbels mit kalter Verachtung straft; daß er endlich keine Arbeit scheuet, wo es darauf ankommt, Wahrheiten zu entdecken, und keinen litterarischen Despotis- mus fuͤrchtet, um sie oͤffentlich anzuerkennen und zu ver- breiten. § 492. Doch vermeide man bey dieser Pruͤfung alle moͤgliche Taͤuschungen. Man kann naͤmlich bloß Interesse fuͤr die Grundwissenschaften der Heilkunst haben, und daraus kann man nicht im mindesten auf Neigung zur Heilkunst selbst schließen. Man kann viel botanische, chemische, anatomi- sche Kenntnisse in dem Gedaͤchtnisse aufbewahren, ohne des- halb zum eigentlichen Studium der Natur in der Physik und Physiologie Kraͤfte und Willen zu haben; und man kann ein scharfsinniger Naturforscher seyn, ohne gerade Neigung zu haben, sich den Beschwerden der Praxis zu unterziehen. § 493. 2) Menschliches Interesse muß ferner den Arzt adeln, denn ohne dieses wird er hart, fuͤhllos, und erfuͤllt seine Pflichten gegen den Staat und die Menschheit nur zur Haͤlfte. Auch in den Faͤllen, wo er seine Kenntnisse nicht erweitern, die Kunst nicht vervollkommen, ja selbst seinen Zweck (Hei- lung) nicht ganz erreichen kann (§ 109), muß er jedem Kranken beystehen, weil er doch die Macht hat, ihm sein Ungluͤck ertraͤglicher zu machen, und also das allgemeine Elend zu mindern. § 494. Auf einem solchen wissenschaftlichen und menschlichen In- teresse fuͤr die Kunst, muß der Wille, sie zu erlernen be- gruͤndet seyn. Dann ist er fest und unerschuͤtterlich, und K 3 kann Zweyter Theil. kann durch rastlose Anstrengung auch das unmoͤglich Schei- nende wuͤrklich machen, die Thaͤtigkeit seiner Geisteskraͤfte erhoͤhen, und dem hoͤchsten vorgesteckten Ziele nahe kommen. Denn vollendet ist der Mensch von der Natur nie, er hat aber Anlagen, Alles zu werden, von ihr erhalten, und diese kann er bis zu einem bewundernswerthen Grade ausbilden. § 495. Weil das Studium der Heilkunst kostspieliger ist, als irgend ein anderes, so macht die Gewißheit, diese Kosten bestreiten zu koͤnnen, eine aͤußere Bedingung zur Wahl die- ses Studiums aus, denn ohne die erforderlichen Huͤlfsmittel kann die Kunst nur unvollkommen erlernt werden. § 496. Dies (§ 485 — 495) sind also saͤmmtliche Bedingun- gen, welche den Beruf eines jungen Mannes zum Arzte in sich enthalten. Andere Motiven als jenes wissenschaftliche und menschliche Interesse kann er nicht haben. Ehre und Reichthuͤmer koͤnnen nicht das Ziel seyn, welches man durch Ausuͤbung der Heilkunst erreichen will. § 497. 1. Ehre ist die Achtung der groͤßt moͤglichen Menge von Menschen. Diese Menge aber ist besonders in Ruͤcksicht auf die Heilkunst unaufgeklaͤrt, d. h. sie ist nicht im Stande die Gegenstaͤnde nach ihrem wesentlichen Werthe zu schaͤtzen, sondern legt einen zu großen Werth auf außerwesentliche Dinge. Wer ihr gefallen soll, muß mit ihren Begriffen wenigstens zu harmoniren scheinen: man muß also Charlatan seyn, nicht Arzt (§ 478). Hornschuh wie muss es ein Arzt anfangen, um in kurzer Zeit berühmt zu werden? Coburg 792. 8. § 498. Wahl des Standes. § 498. Aber auch der aufgeklaͤrte Theil des Publikums kann den Arzt nicht beurtheilen (§ 461) und wenn er geachtet wird, er sey auch der groͤßte Kuͤnstler, so ist es meistens wegen aͤußerer Zufaͤlligkeiten, nicht wegen seines Verdien- stes. Kann man sich aber wohl eine solche Achtung, deren sich der Arzt in seinem Herzen schaͤmen muß, als ein wuͤn- schenswerthes Gut vorstellen? — Der Arzt befindet sich nur zu oft in der Lage des Kuͤnstlers, welcher unverdrossen fuͤr seine Kunst arbeitet, wenn er gleich von seinem Zeitalter nicht gefaßt, nicht verstanden wird. Da wo er wirklich Verdienst sich erworben, wo er etwas Großes geleistet hat, wird seine Bemuͤhung uͤbersehen, wo hingegen ein Zufall ihn unterstuͤtzte, aͤrndet er Ruhm und das Anstaunen der Men- ge. Wer also blos vom Ehrgeize geleitet wird, muß bald ermuͤden, Arzt zu seyn, er muß Charlatan werden. § 499. 2. Geldgeiz kann eben so wenig der Bestimmungs- grund zur Wahl dieses Standes seyn; denn erstlich ist es widersinnig, die Natur mit Interesse fuͤr sie zu beobachten (dies unumgaͤngliche Erforderniß des Arztes) um Geld zu verdienen; sodann kann man bey Ergreifung irgend einer andern Kunst oder eines Handwerks diesen Zweck weit ge- maͤchlicher und mit minderer Anstrengung erreichen, als durch die Heilkunst. Plaz de exiguo lucro ex medicina. Lips. 780. 4. § 500. Ganz anders ist es mit dem Charlatan. Es ist kein sicherer Weg, reich zu werden, als durch Vorspiegelung ver- uͤbter Wunderkuren, des Vermoͤgens alle Krankheiten zu K 4 heilen, Zweyter Theil. heilen, und es ist dabey auch nichts leichter, als das Ge- schaͤft des Charlatans, denn das Publikum kauft jede Sub- stanz, sie sey nun ein Heilmittel oder nicht, wenn sie nur einen geheimnißvollen Titel fuͤhrt, fuͤr unmaͤßige Preise auch dem Duͤmmsten ab, ohne daß er selbst einer gewissen Fertigkeit im Luͤgen, und also eines gewissen Grades von Verschlagenheit dazu bedarf. Geldgeiz kann also nur zum Charlatan machen. Kurella Entdeckung der Maximen ohne Zeitverlust und Mühe ein berühmter und reicher Arzt zu werden. Berlin 750. 8. Drit- Dritter Theil. Bildung des Arztes . § 501. Z um Arzte, so wie zum Gelehrten uͤberhaupt, bildet man sich nur durch sich selbst. Es kann daher nur eine allgemeine Anweisung gegeben werden, worauf man bey seiner Bildung zu sehen, und wie man sich der hierzu vorhandenen Mittel zu bedienen habe. Bohn Dissert. V. de officiis medici. Lips. 697 sqq. 4. Gregory von den Pflichten und Eigenschaften eines Arztes. Leipz. 778. Ploucqet der Arzt, oder uͤber die Ausbildung, die Studien, Pflichten, Sitten und Klugheit des Arztes. Tuͤb. 797. 8. Erste Abtheilung. Geistige Bildung . § 502. Die Geisteskraͤfte des Arztes muͤssen besonders geuͤbt und stark seyn, indem sein Geschaͤft in der Erkeuntniß der so ver- wickelten Ursachen und Wuͤrkungen in den Naturerscheinun- gen besteht, wozu das schaͤrfste Auge oft kaum hinreicht. K 5 1. Auf- Dritter Theil. 1. Aufmerksamkeit . § 503. Die stete und ununterbrochene Richtung unserer geisti- gen Selbstthaͤtigkeit auf einen bestimmten Gegenstand, welche wir mit dem Namen der Aufmerksamkeit bezeichnen, ist die erste und unentbehrlichste Eigenschaft eines Beobach- ters, und daher auch eines Arztes. § 504. Denn nur durch die schaͤrfste Aufmerksamkeit kann man die Individualitaͤten jedes einzelnen Krankheitsfalls bemer- ken, welche den Grund zu Bestimmung unsres Verfahrens bey der Heilung enthalten. Der Unaufmerksame bemerkt nur die Oberflaͤche der Erscheinungen; diese ist in den mei- sten Krankheiten dieselbe, er bemerkt also uͤberall eine voll- staͤndige Analogie, er kann nicht individualisiren, und wird deshalb leicht ein Routinier (§ 480). Dies ist eine Ursache, weshalb ein guter theoretischer Arzt zuweilen ein schlechter Praktiker ist. Es geht ihm naͤmlich noch eine nothwendige Eigenschaft des Arztes (Beobachtungsgeist) ab: dahingegen kann aber niemand ein guter Praktiker seyn, wer ein schlech- ter Theoretiker ist, denn in Jenem muß Alles und noch mehr enthalten seyn, was diesen bildet. Stahl de attentione medico-practica. Halae, 711. 4. § 505. Obschon die Aufmerksamkeit oft ein Geschenk der Natur, und Menschen verliehen ist, welche keinen hoͤhern Gebrauch davon zu machen verstehen: so kann man sich dieselbe doch selbst durch ernstlichen Willen in einem gewissen Grade zu eigen machen, indem man sich gewoͤhnt, alle Gegenstaͤnde von Bildung des Arztes. von allen ihren Seiten zu beobachten, und auch die versteck- testen Eigenschaften derselben zu bemerken. Durch Uebung wird dann eine gewisse Fertigkeit, ein Habitus daraus, und diesen muß sich der junge Arzt zu verschaffen suchen. § 506. Hierzu dient ihm unter andern auch die Naturbeschrei- bung. Es ist naͤmlich nicht nur die bloße Kenntniß gewisser Koͤrper, was sie ihm mittheilt, sondern auch die Fertigkeit, die unterscheidenden Merkmahle der Gegenstaͤnde zu einem Ganzen aufzufassen, und dadurch schnell uͤber dieselben ent- scheiden zu koͤnnen. 2. Gedaͤchtniß . § 507. Das Gedaͤchtniß, oder das Vermoͤgen, vordem em- pfangene Vorstellungen zu reproduciren, muß eben so stark an dem Arzte seyn. Denn zuerst muß er die wissenschaft- lichen Kenntnisse der Heilkunst immer in Bereitschaft haben, und diese sind außerordentlich weitlaͤuftig, da sie theils die ganze aͤußere Natur (Naturgeschichte), theils die Natur des Menschen (Anatomie ꝛc.), seine Krankheiten (Patholo- gie) und Heilkraͤfte (Materia Medica) umfassen. § 508. Sodann aber muß er auch seine eigenen Erfahrungen in dem Gedaͤchtnisse aufbewahren, um noͤthigenfalls auf der Stelle davon Gebrauch machen zu koͤnnen, er muß auch bey einer ausgebreiteten Praxis den Verlauf der Erscheinungen an jedem einzelnen Kranken, die angewendeten Mittel, und die darauf erfolgten Wirkungen in ihrem genauesten Detail immer gegenwaͤrtig haben, und endlich in Ruͤcksicht auf die Per- sonen, Dritter Theil. sonen, welche ihre Gesundheit fuͤr immer seiner Kunst an- vertrauen, aller Eigenheiten ihrer Natur, ihrer vor vielen Jahren erlittenen Krankheiten und deren Heilung ꝛc. sich so- gleich auf das lebhafteste erinnern. § 509. Der junge Arzt muß also fruͤhzeitig darauf denken, wenn ihm nicht schon von der Natur ein ausgezeichnetes Gedaͤcht- niß verliehen ist, dasselbe durch eigenen Fleiß zu verstaͤrken; und da die ganze Mnemonik oder Gedaͤchtnißkunst nur in Empfehlung der gehoͤrigen Uebung besteht: so muß er be- sonders solcher Uebungen des Gedaͤchtnisses sich bedienen. § 510. In dieser Hinsicht ist ihm auch das Studium der Na- turbeschreibung und Anatomie vortheilhaft. Das Detail dieser Lehren ist naͤmlich nicht nur an sich nuͤtzlich, sondern es verschafft ihm auch durch Uebung eine Staͤrke des Ge- daͤchtnisses, welche bey der Ausuͤbung der Heilkunst von dem groͤßten Nutzen ist. 3. Phantasie . § 511. Staͤrke der Phantasie oder des Vermoͤgens, vormals gehabte einzelne Vorstellungen zu einem neuen Ganzen zu reproduciren, enthaͤlt den Grund jeder neuen Erfindung, und das Genie beruht uͤberhaupt auf der Anlage der Phan- tasie, wodurch man geschickt wird, neue Verbindungen der Begriffe zu versuchen und Fragen aufzuwerfen, welche durch vorher erworbene Kenntnisse oder neue Erfahrungen beant- wortet werden, denn es zeigt sich eben nur durch Erfindun- gen wuͤrksam. § 512. Bildung des Arztes. § 512. Nun ist aber eine jede richtige Beurtheilung eines vor- kommenden Krankheitsfalles eine neue Erfindung. Es hat naͤmlich noch kein Fall existirt, welcher dem gegenwaͤrtigen ganz aͤhnlich gewesen waͤre, und es muß daher ein, diesen entdeckten Modificationen der Krankheit gemaͤßer Heilplan, eine neue Erfindung seyn. Der große Arzt hat daher immer auch eine lebhafte Einbildungskraft, welche ihm bey jedem Kranken, theils alle moͤgliche Faͤlle von Krankheiten darstellt, uͤber deren Gegenwart nachher die Urtheilskraft entscheidet, und welche sodann die Ideen zum Gebrauche und zur Mo- dification der bestimmten Heilmittel in ihm weckt. § 513. Ist dahingegen die Ideenassociation, worauf das Ge- schaͤft beruht, traͤge, so praͤvalirt das Gedaͤchtniß; dies er- weckt dann die vormals gehabten Vorstellungen in derselben Verbindung, und kann also, da es nur Wiederholung einer Heilmethode liefert, nicht individualisiren. Dies macht da- her den eigentlichen Unterschied zwischen dem gemeinen und dem großen Arzte. § 514. Deshalb ist Genie, oder eine von der Natur erhaltene Fer- tigkeit im Erfinden, ein besonderes Requisit des Arztes. Wem aber auch nicht eine in so hohem Grade lebhafte Phan- tasie verliehen ist, der kann dieselbe doch durch zweckmaͤßige Cultur verstaͤrken. Dies geschieht besonders durch das Stu- dium der schoͤnen Kuͤnste, und dadurch, daß man dem Ge- daͤchtnisse nicht auf Kosten der uͤbrigen Geisteskraͤfte zu viel Nahrung giebt. 4. Hoͤhe- Dritter Theil. 4. Hoͤhere Seelenkraͤfte . § 515. Der Ausbildung des Verstandes und der Vernunft be- darf der Arzt, so wie jeder Beobachter der Natur, um in jeder einzelnen Erscheinung nicht nur diese fuͤr sich, sondern in ihr auch den Theil eines Ganzen zu sehen, um nicht an den zunaͤchst liegenden Gegenstaͤnden haͤngen zu bleiben, son- dern einen hoͤhern, allgemeinen Standpunct zu erklimmen. § 516. Ganz besonders aber bedarf er einer geuͤbten Urtheils- kraft, denn sein ganzes Geschaͤft besteht eben darin, daß er die vorkommenden Krankheiten einem allgemeinen Begriffe unterordnet, und diesem Urtheile gemaͤß einen Heilplan festsetzt. § 517. Die Urtheilskraft muß in ihren Wuͤrkungen behend seyn, oder der Arzt muß eine stete Gegenwart des Geistes behaupten, denn sehr oft ist die Entscheidung uͤber das Leben eines Menschen das Werk eines Augenblicks. § 518. Sie muß ferner von dem Bewußtseyn ihrer Rich- tigkeit begleitet werden. Ist sie dies nicht: so wird der Arzt durch jeden Umstand, welcher eine Gegenanzeige (369) zu enthalten scheint, ungewiß g e macht, er schwankt von ei- nem Mittel, von einer Methode zur andern, und stiftet durch diesen Mangel an Festigkeit den groͤßten Schaden. Plaz progr. de inconstantia medica. Lips. 778. 4. § 519. Hiervon haͤngt auch ihre Deutlichkeit ab. Nichts ist gefaͤhrlicher, als wenn der Arzt die Gruͤnde, welche ihn zu Bildung des Arztes. zu einem Urtheile bestimmen, nicht deutlich bey sich entwik- kelt: er schiebt dann seine Lieblingsneigung uͤberall ein. Der Eine sieht uͤberall Vollbluͤtigkeit, der Andere Verstopfungen im Unterleibe, der Dritte Unreinigkeiten des Darmkanals, der Vierte Asthenie; und befragt man sie um den Grund dieser Urtheile, so beruft sich ein Jeder von ihnen auf den praktischen Tact oder das praktische Gefuͤhl. Dies ist also mei- stens ein leeres Wort, durch welches der Arzt sich und An- dere taͤuscht, weil er die Bestimmungsgruͤnde seines Urtheils sich nicht deutlich gedacht hat. Osterhausen , uͤber das praktische Gefuͤhl (in Roͤschlaubs Magazin 1. Bd. S. 224. f. f.). § 520. Etwas ganz anderes ist die durch Uebung erworbene Behendigkeit und Fertigkeit des Urtheils, vermoͤge deren man das richtige Resultat findet, ohne gerade die einzelnen Theile der Syllogismen und Soriten einzeln durchzuden- ken. Dies ist der wahre Daͤmon des geuͤbten denkenden Praktikers, und sein Vorzug vor dem weniger geuͤbten Arz- te: er uͤbersieht das Ganze, wie ein geuͤbter Rechner sein Exempel, und findet das Resultat aus einer bloßen Uebersicht der Theile. Doch sey man immer auf seiner Hut, sich hier nicht zu taͤuschen, und ein Urtheil ohne gehoͤrige Motiven anzunehmen. Besonders muß der anfangende Praktiker sich dieser Methode gaͤnzlich enthalten. §. 521. Zu dieser Ausbildung seiner Geisteskraͤfte gelangt der Arzt nur durch aͤchtes Studium der Philosophie, diese macht daher fuͤr ihn sowohl, als fuͤr jeden Gelehrten, die Vorbe- reitungswissenschaft aus; und als solche werden wir sie noch unten betrachten. Zweyte Dritter Theil. Zweyte Abtheilung. Koͤrperliche Bildung . § 522. Der Arzt muß ganz besonders darauf bedacht seyn, die Gesundheit seines Koͤrpers zu erhalten und zu verstaͤrken, da er fortdauernd so viele Bescherden und Muͤhseligkeiten ertra- gen muß. Denn seine hoͤhere Pflicht erlaubt es ihm nicht immer, die Regeln der Diaͤtetik fuͤr sich so streng zu beobach- ten, er muß sich selbst vergessen, wo es auf die Rettung eines Menschenlebens ankoͤmmt. § 523. Er bedarf ferner als Handarzt auch in vielen Faͤllen ei- ner gewissen Muskelkraft, einer starken Brust ꝛc. und des- halb muß er sich aller der Huͤlfsmittel bedienen, welche im Stande sind, seine koͤrperlichen Kraͤfte zu erhoͤhen. § 524. Sodann muß er auch eine gewisse koͤrperliche Staͤrke besitzen, um vor Ansteckungen sicher zu seyn, welchen er fuͤr immer ausgesetzt ist; und auch in dieser Hinsicht ist ihm die Abhaͤrtung dienlich, doch darf diese auf der andern Seite der Feinheit seiner Sinnesorgane keinen Einirag thun. § 525. Auf die Vollkommenheit seiner Sinne muß er naͤmlich ganz besonders bedacht seyn, weil ihm diese den Stoff zu allen seinen Beobachrungen liefern, und er nie seinen Zweck erreichen kann, wenn ihm seine Sinne keinen richtigen Be- griff von der Krankheit beygebracht haben. § 526. Bildung des Arztes. § 526. Er muß also saͤmmtliche Sinnesorgane gehoͤrig uͤben, und alles vermeiden, was dieselben abstumpfen und un- brauchbar machen koͤnnte; denn er bedarf Aller, um sich ge- hoͤrig uͤber die Krankheitserscheinungen zu belehren, da er von einem einzigen leicht getaͤuscht werden kann. § 527. So wie er sich aber zu huͤten hat, daß er nicht durch Abhaͤrtung die Lebhaftigkeit seiner Sinneseindruͤcke vermin- dert, so muß er auch jede Kraͤnklichkeit von sich zu entfernen suchen, welche die Lebhaftigkeit derselben so sehr vermehrt, daß ein unrichtiges Urtheil dadurch herbeygefuͤhrt wird; auf gleiche Art muß er auch jeden voruͤbergehenden Zustand ver- meiden, welcher von einer solchen uͤbermaͤßigen Thaͤtigkeit begleitet ist, und daher unrichtige Urtheile veranlaßt, die von den nachtheiligsten Folgen seyn koͤnnen. § 528. Der Handarzt bedarf noch einer gewissen mechanischen Fertigkeit der Hand, um alle Operationen mit Leichtigkeit und Sicherheit zu machen; diese Geschicklichkeit, welche ei- nen wichtigen Theil seiner Kunst ausmacht, wird durch Ue- bung, besonders in den juͤngern Jahren erlangt, und des- halb ist eine fruͤhe Beschaͤftigung mit Zergliederung, gleich- viel, ob von thierischen oder menschlichen Koͤrpern, besonders zu empfehlen. L Dritte Dritter Theil. Dritte Abtheilung. Menschliche Bildung . § 529. Unter menschlicher Bildung verstehen wir uͤberhaupt die Cultur, welche sich weder allein auf die geistigen, noch al- lein auf die koͤrperlichen Kraͤfte des Menschen, sondern auf beyde in gleichem Maaße bezieht, und in den Verhaͤltnissen mit andern Menschen, in derselben Ruͤcksicht betrachtet, ihre Anwendung findet. § 530. Der Arzt bedarf derselben, weil jeder Gegenstand seiner Kunst sich auf den Menschen bezieht. Er muß den Zustand desselben erkennen und zweckmaͤßig abaͤndern koͤnnen: da nun aber eine untergeordnete Kraft auf eine hoͤhere weder vollstaͤndig wuͤrken, noch sie zweckmaͤßig veraͤndern kann: so muß der Arzt auch als Mensch einen hohen Grad der Voll- kommenheit besitzen. Van Geuns orat. de humanitate virtute medici praestantis- sima. Harderwyck, 790. 4. § 531. Ohne aͤchte Humanitaͤt kann der Arzt nie sein ho- hes Ziel erreichen. Sie erfuͤllt ihn mit Wohlwollen fuͤr das ganze Menschengeschlecht, heißt ihn absehen von den Fehlern des Individuums, und in ihm nur den allgemeinen Charak- ter des Menschen beruͤcksichtigen, wo es darauf ankoͤmmt, ihm zu helfen; dadurch muntert sie ihn auf, die Heilung jedes einzelnen Kranken, so wie die Entdeckung allgemeiner praktischer Regeln mit desto mehr Eifer zu verfolgen. § 532. Bildung des Arztes. § 532. Durch diese Eigenschaft wird er auch in den Stand ge- setzt, die Krankheiten viel sicherer und leichter zu heilen: der wohlthaͤtige Einfluß eines humanen und gebildeten Arz- tes auf das Gemuͤth seines Kranken ist in vielen Faͤllen al- lein hinreichend, die ganze Krankheit zu heben, in andern Faͤllen unterstuͤtzt er zum wenigsten die Heilung. § 533. Auf der andern Seite erhebt die Humanitaͤt den Arzt zu dem wohlthaͤtigen Gefuͤhle eigener Selbststaͤndigkeit, wel- ches ihn bey den Vorurtheilen des großen Haufens gegen die Heilkunst und die Aerzte aufrecht erhalten muß. § 534. Ganz besonders wichtig ist dem Arzte die Menschen- kenntniß , und dadurch auch die Kenntniß seiner selbst. Nach seinen Anlagen und Kraͤften kennt er den Menschen aus den Grundwissenschaften der Heilkunst, aber es koͤmmt nun auch darauf an, ihn in den Modificationen dieser An- lagen kennen zu lernen, ihn in seinen buͤrgerlichen Verhaͤlt- nissen, in der Art, seine Neigungen, Gefuͤhle oder Gedan- ken zu offenbaren oder zu verdecken ꝛc. zu beobachten. Denn diese Kenntniß des Charakters ist ein wesentliches Erfordee- niß zur Heilung eines jeden Krankheitsfalles. § 535. Die Menschenkenntniß lehrt ihn Klugheit , d. h. die Fertigkeit in Ergreifung der schicklichsten Maaßregeln, um die Gesinnungen und den Willen der Menschen nach seinem Zwecke zu bestimmen. Man belegt sie mit dem Na- L 2 men Dritter Theil. men des sçavoir faire, und traͤgt ihre Grundsaͤtze in der me- die inischen Politik oder Klugheitslehre vor. a Castro medicus politicus. Hamb. 614. 4. Gruner de fortuna et prudentia medica. Jen. 726. 4. Udens medicinische Politik. Leipz. 783. 8. Starkens Versuch einer wahren und falschen Politik der Aerzte. Jena, 784. 8. Vogels allgemeine Bemerkungen uͤber das sçavoir faire, in der medicinischen Praxis. (In Hufelands Journal 1. Band. S. 295. § 536. So lange diese Klugheitslehre nur fuͤr sich besteht, und also sich nur auf den eigenen Zweck des Arztes, Befoͤrde- rung seines individuellen Wohlseyns, bezieht, so ist sie so verderblich und veraͤchtlich, als ihre ersten Bearbeiter, die Sophisten. Wird sie aber von der Humanitaͤt geleitet, und hat sie von dieser die Richtung auf Erreichung eines, die Menschheit interessirenden Zweckes durch Ergreifung der passendsten Mittel erhalten: so kann sie der Moralitaͤt keinen Eintrag thun, und sie macht dann ein besonderes Beduͤrfniß des Arztes aus. § 537. Sie lehrt ihn naͤmlich, wie er sich gegen jeden einzelnen Menschen betragen muͤsse, um sich in den vollkommenen Be- sitz seines Zutrauens zu setzen, wie er die Delikatesse schonen, unschaͤdliche Schwachheiten dulden, eingewurzelte Vorur- theile allmaͤlig ausrotten, Geschlecht, Alter, Stand, Ver- moͤgen, Lebensart beruͤcksichtigen muͤsse ꝛc. Hat er aber einmal das Zutrauen seines Kranken gewonnen: so ist er da- durch auch seinem Ziele schon um ein Betraͤchtliches naͤher geruͤckt, und die Heilung ist ihm erleichtert worden. § 538. Bildung des Arztes. § 538. Sie unterstuͤtzt den Arzt bey Untersuchung der verwik- keltsten Krankheitsfaͤlle, hilft ihm die verborgensten Ursachen entdecken, ja sogar dem Kranken, welcher sie absichtlich verhehlen will, sie unvermerkt ablocken: mit einem Worte, durch sie allein wird man in den Stand gesetzt, sich ein vollstaͤndiges Bild vieler Krankheitsfaͤlle zu entwerfen, wel- ches die erste Bedingung einer rationellen Heilung abgiebt. § 539. Endlich giebt sie ihm auch die schicklichsten Mittel an die Hand, welche die Heilung unmittelbar unterstuͤtzen, sie lehrt ihn, die beste Art, den schicklichsten Zeitpunct, die Heilmittel bey jeden einzelnen Menschen anzuwenden, und ihre Wuͤrkung zu unterstuͤtzen; sie zeigt ihm, wie er den Kranken Zutrauen zu diesen Arzneymitteln nicht nur einfloͤßen, sondern auch auf die Laͤnge erhalten koͤnne; wie er ihren Launen bald nachgeben, bald sich ihnen ernsthafter wider- setzen, ihre Vorurtheile bald mehr, bald weniger deutlich hekaͤmpfen muͤsse ꝛc. § 540. So gewaͤhrt also die Klugheit dem Arzte sichere Mittel, zu Heilung der Kranken, welche ihm weder Scharfsinn, noch Gelehrsamkeit, noch auch Erfahrung mittheilen koͤnnen, und man sieht daher ein, wie sehr der Arzt derauf bedacht seyn muß, sich Menschenkenntniß zu sammeln, und sich da- durch in den Besitz einer sogenannten Politik zu setzen. § 541. Dann lehrt sie den Arzt auch, die wichtige ihn adelnde Kunst, in allen Verhaͤltnissen der Gesellschaft, und in dem L 3 Nach- Dritter Theil. Nachgeben gegen alle ihre willkuͤhrlichen Einrichtungen, seine Freyheit behaupten; sie lehrt ihn die wahre Liberalitaͤt, schuͤtzt ihn vor dem poͤbelhaften Hochmuthe gegen Niedere, und vor dem Kriechen bey Hoͤhern, und ist die einzige Richtschnur seines Verhaltens, um seine Wuͤrde in jedem Falle zu behaupten. Carl , decorum medici. Budingen, 719. 8. § 542. Um aber bloß sein Gluͤck zu machen, bedarf der Arzt dieser aͤchten Bildung ganz und gar nicht. Hier unterstuͤtzt ihm nur ein gewisser Grad von Klugheit, mit deren Huͤlfe er die schwache Seite eines Jeden entdeckt, um ihr zu schmeicheln; denn er weiß, daß der, welcher das Stecken- pferd des Publikums liebkoset, allgemein beliebt ist. Diese Klugheit kann ihren Besitzer bey dem großen ungebildeten Haufen geachtet, und daher auch reich und beruͤhmt machen; allein sie scheitert bey dem gebildeten Theile des Publikums. Daher ist ein bloß kluger Arzt nur ein Localgeschoͤpf, an seinen Boden und an seines Gleichen geheftet; der Arzt aber, welcher Humanitaͤt mit Klugheit verbindet, ist der allge- meine Mensch: nicht sein unreines Ich, sondern die Stim- me der Humanitaͤt in ihm beherrscht die Welt. § 543. Klugheit laͤßt sich freylich nicht lehren und Humanitaͤt nicht gebieten; auf die Wege aber, welche dahin fuͤhren, kann man wohl aufmerksam machen. Aufmerksame Beob- achtung der Menschen, mit welchen man umgeht, ist der einzige Weg zur Klugheit zu gelangen, welchen man auch schon so fruͤh als moͤglich einschlagen muß. § 544. Bildung des Arztes. § 544. Hierzu genuͤgt eigentlich ein maͤßiger Kreis von Men- schen, weil ihre Denk- und Handlungsweise im Ganzen viel Uebereinstimmendes hat; allein theils um sich hiervon zu uͤberzeugen, theils um einen aͤußern Stoß zu bekommen, welcher zur Erforschung des Menschen antreibt, ist die Wahrnehmung einer großen Menge von Menschen vortheil- haft. Daher ist es besser, wenn der Arzt in großen Staͤd- ten studirt, wo er Menschen von allen Nationen und Klas- sen, Vermoͤgensumstaͤnden, Beschaͤftigungen ꝛc. beobachten kann, oder wenn er Reisen macht. Doch bleibt dies immer nur die aͤußere Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln, und man kann die ganze Welt durchreiset seyn, ohne halb soviel vom Menschen zu wissen, als der aufmerksame Beobachter, welcher nie das Grbiet eines kleinen Staͤdtchens uͤberschritt. § 545. Humanitaͤt ist die Frucht der Ausbildung des morali- schen Wesens im Menschen, und wahre Aufklaͤrung durch Philosophie verleiht ihr Nahrung und Kraft. § 546. Dadurch, daß der Arzt Theilnahme an dem Schick- sale des Kranken besitzt, wird er zu Anstrengung aller seiner Kraͤfte, um ihn zu heilen, ohne Ruͤcksicht auf Belohnung, aufgefordert, und durch Aeußerung dieser Theilnahme ge- winut er das Zutrauen des Kranken, welches die erste, ja oft die einzige Bedingung zum gluͤcklichen Erfolge der aͤrzt- lichen Bemuͤh n ngen ausmacht. Leidenschaftlosigkeit und Ruhe des Geistes ist eine eben so noͤthige Eigenschaft des Arztes, weil er ohne L 4 die- Dritter Theil. dieselbe kein richtiges und lauteres Urtheil faͤllen kann, da doch hiervon das Wohl seiner Kranken abhaͤngt. Er muß Stetigkeit in seinem Charalter und Festigkeit in seinen Grundsaͤtzen sich zu eigen machen, um unbefangen urtheilen und den angelegten Plan mit festem Schritte verfolgen zu koͤnnen, er muß muthig seyn, ohne in Verwegenheit auszu- arten. § 547. Erstlich muß sich diese Geistesruhe des Arztes auf sei- nen eigenen Zustand beziehen. Er muß zufrieden und ge- nuͤgsam leben und weder muͤrrisch, noch jaͤhzornig seyn. § 548. Sodann darf er gegen den Kranken, was sich von selbst versteht, weder eingenommen, und einer etwa zuge- fuͤgten Beleidigung eingedenk seyn, noch auch zu viel Mit- leiden fuͤr ihn empfinden; denn auch diese zu starke Theil- nahme stoͤrt als Leidenschaft die Unbefangenheit der Urtheils- kraft; weckt bald zu viel Furcht, bald zu viel Hoffnung in ihm, und laͤßt ihn daher immer den rechten Gesichtspunct verfehlen. Deshalb darf er auch diejenigen nicht behandeln, welche zu nahe mit ihm verbunden sind. § 549. Endlich darf er aber auch keiner Leidenschaft gegen an- dere Aerzte sich schuldig machen, noch sich soweit erniedri- gen, daß er sie verdaͤchtig macht, oder der Anwendung von Mitteln, welche sie empfohlen haben, aus Halsstarrigkeit und Mißgunst sich widersetzt, oder bey Berathschlagungen sich in persoͤnliche Streitigkeiten einlaͤßt. § 550. Bildung des Arztes. § 550. Diese Geistesruhe beruht auf einer gewissen Staͤrke der Seele, welche man sich durch ernstes Bestreben erwerben kann. Unterstuͤtzt wird sie aber besonders durch koͤrperliche und geistige Maͤßigkeit; gewoͤhnt sich der Arzt an dieselbe, so wird er weder durch den Genuß hitzig, noch durch Er- schoͤpfung muͤrrisch werden. § 551. Er muß ferner Gemeinsinn besitzen, und von allem groben Egoismus frey seyn. Denn wenn irgend jemand dem Wohle des gemeinen Wesens Aufopferung bringen, und Uneigennuͤtzigkeit zeigen muß, so ist es der Arzt, welcher seinen Namen mit Ehren tragen will. Er muß Vorurtheile bekaͤmpfen und Vorschlaͤge zur Befoͤrderung des allgemei- nen Wohls thun, und ihre Ausfuͤhrung, so viel es seine buͤrgerlichen Verhaͤltnisse gestatten, selbst unterstuͤtzen. § 552. Sanftheit und Geduld muͤssen ihn ferner cha- rakterisiren, weil jeder Leidende derselben bedarf, und man mit ihrer Huͤlfe, den Zweck diese Leiden zu mindern, viel eher und vollkommner erreicht *). Jacobi de patientia medicorum, Altorf 724. 4. Von der Geduld, besonders eines Arztes am Krankenbette. Frft. 791. § 553. Diese Geduld des Arztes darf keinesweges in eine skla- vische Unterwuͤrfigkeit ausarten, welche er aͤußert, um sich bey dem Kranken beliebt zu machen, sondern sie darf nur so weit gehen, als es die Pflicht des Arztes, Heilung zu be- wuͤrken, heischt, und darf sich daher nur auf das beziehen, L 5 was Dritter Theil. was im Stande ist, die Heilung zu befoͤrdern. Nur zu oft koͤmmt er in die Versuchung, die Kranken zu verlassen, wo ihre Launen, Vorwitz, Unfolgsamkeit, Mißtrauen, Vor- urtheile ihm beschwerlich fallen. Allein seiner Pflicht gemaͤß ist es, auch hier, selbst mit einiger Aufopferung auszuhar- ren, um vollen Gebrauch von seiner Kunst zu machen. § 554. Alle diese und aͤhnliche Eigenschaften fließen aus der Moralitaͤt des Arztes her. Ohne moralische Guͤte ist er der gefaͤhrlichste Mensch im Staate, da man ihm Leben und Gesundheit, oft sein ganzes buͤrgerliches und haͤusliches Gluͤck anvertrauen muß. Vierte Abtheilung. Wissenschaftliche Bildung . § 555. Die Lehre von der wissenschaftlichen Bildung des Arz- tes, oder die Methodologie des Studiums der Heilkunst, giebt eine Anweisung, die einzelnen hierher gehoͤrigen Wis- senschaften am zweckmaͤßigsten zu studiren. § 556. Das Lernen ist aber nur der Anfang des Studiums, man empfaͤngt dadurch nur den bloßen Stoff: das eigentli- che Studiren besteht nicht nur in diesem leidendlichen Aufneh- men, sondern auch in Uebung der hoͤhern Geisteskraͤfte, in Entwickelung eigener Ideen in und durch sich, wozu nur eine aͤußere Veranlassung noͤthig ist. § 557. Bildung des Arztes. § 557. Die Methodologie bezieht sich daher nicht auf das bloße Lernen, und uͤberlaͤßt auch die individuellen, weniger we- sentlichen Umstaͤnde bey dem Studiren, der Wahl eines Je- den. Sie liefert hingegen, wenn sie formal ist, die Gesetze, nach welchen man uͤberhaupt durch empfangenen Unterricht Ideen in sich entwickeln muͤsse. Als material aber, oder als bezogen auf einen bestimmten uͤberlieferten Stoff, kann sie nur den Gesichtspunkt aufstellen, aus welchem man die- sen Stoff empfangen muͤsse, um ihn zu seinem hoͤchsten Zwecke anzuwenden. Letzteres ist also auch das Geschaͤft der Me- thodologie der Heilkunst. Lancisi tractatus de recta medicinae studii ratione instituen- da. Romae 719. 8. de Gortre methodus dirigendi studium medicum. Harde- rovici 753. 4. Kemmens Einleitung in die Medicin uͤberhaupt. Halle 771. 8. Senfft de methodo discendi artem medicam. Wirzeburgi 780. Vogels kurze Anleitung zum gruͤndlichen Studium der Arz- neywissenschaft. Stendal 791. 8. Reyhers Entwurf einer medicinischen Encyklopaͤdie und Me- thodologie. Leipzig 793. 8. Diezii rudimenta methodologiae medicae. Tubingae 795. 8. Erstes Hauptstuͤck . Allgemeine Methodologie des Studiums der Heilkunst. § 558. Zufolge der gewoͤhnlichen Eintheilungen der Wissen- schaften in historische und philosophische, ist die gesammte Heil- Drittter Theil. Heilwissenschaft, so wie jeder einzelne Theil derselben, aus beyden Gattungen zusammengesetzt. § 559. Historisch ist naͤmlich jeder Theil, weil uͤberall Thatsa- chen mitgetheilt werden, welche bloß das Gedaͤchtniß in An- spruch nehmen; philosophisch aber, weil keine Thatsache, keine Erscheinung vorgetragen wird, wo man nicht auf den urfachlichen Zusammenhang derselben unter sich, und mit andern, Ruͤcksicht naͤhme, wo also nicht auch das hoͤhere Geistesvermoͤgen thaͤtig seyn muͤßte. § 560. Man gehe also zum Studium eines jeden Zweiges der Heilkunst mit dem Gedanken, daß man nicht nur Thatsachen zu erlernen, sandern auch durch Anstrengung seiner Geistes- kraͤfte tiefer in ihr Wesen einzudringen, und die Grundsaͤtze der- selben in sich zu entwickeln habe. Deshalb muß man fruͤh darauf bedacht seyn, dem Gange seines Geistes die gehoͤrige Rich- tung zu geben. § 561. So wie bey dem Eintritte in das Gebiet irgend einer Wissenschaft keine Methode vortheilhafter ist, als die syn- thetische, so ist sie auch bey dem ersten Studium der Heil- kunst die zweckmaͤßigste. Man erlangt naͤmlich durch Auf- stellung bewiesener und eroͤrterter Lehrsaͤtze, zuerst eine Ue- bersicht uͤber den gesammten Inhalt der Wissenschaft, und man kann hierauf mit Huͤlfe der analytischen Methode jene Begriffe einer naͤhern Zergliederung unterwerfen, und von den einzelnen, den Sinnen gegebenen Thatsachen sich zu den obersten Principien erheben. §. 562. Bildung des Arztes. § 562. Die Gesetze unsres Erkenntnißvermoͤgens muͤssen genau erforscht werden, ehe man zu irgend einer vollstaͤndigen phi- losophischen Erkenntniß gelangen will, und daher wird die Elementarphilosophie jenes Vermoͤgens mit Recht Propaͤ- deutik jedes wissenschaftlichen Studiums genennt. Um aber diese Gesetze genau zu befolgen, und sich derselben bey jedem Acte des Erkenntnißvermoͤgens hinreichend bewußt zu seyn, dazu wird eine gewisse Uebung des Geistes erfordert: denn nur durch Uebung werden alle unsere Kraͤfte theils entwickelt, theils vervollkommt. § 563. Die Methode des Studirens uͤberhaupt, wird deshalb auch am besten durch Uebung im Studiren erlernt. Wer sich daher wissenschaftliche Kenntnisse irgend einer Art, wenn sie auch nicht im geringsten Bezuge auf die Heilkunst stehen, erworben hat, ist dadurch geschickter, die Heilkunst zu erler- neu; und das Studiren auf Schulen ist die beste Vorberei- tung dazu, gesetzt auch, daß die dadurch erlangten Kennt- nisse keine unmitttelbare Anwendung mehr finden. Wer hin- gegen ein Handwerk oder eine Kunst bisher handwerksmaͤßig getrieben hat, und nun die Heilkunst studiren will, erreicht entweder nie seinen Zweck, oder wenn er noch auf den rech- ten Weg geleitet wird, so hat er doch mit unendlich mehr Schwierigkeiten zu kaͤmpfen. § 564. Den akademischen Unterricht sehe man fuͤr das an, was er wuͤrklich ist, naͤmlich fuͤr eine bloße Anleitung zum Stu- diren, fuͤr ein Mittel, um den rechten Weg zu Beobachtung der Natur und zu Entdeckung der Wahrheit zu finden. § 565. Dritter Theil. § 565. Er hat besonders den Vorzug vor dem Privatstudium 1) daß bey dem Vortrage der eigentlich historischen Theile der Heilkunst die Koͤrper selbst vorgezeigt werden, von wel- chen man durch Abbildungen oder Beschreibungen in Buͤchern, nur unvollstaͤndige Begriffe bekoͤmmt, z. B. in der Naturge- schichte, Anatomie, Chemie, Pharmacie. Bey diesen Vor- lesungen also, wo der Vortrag des Lehrers wenig Eigen- thuͤmliches haben kann, sey man besonders darauf bedacht, die Kenntniß jener Koͤrper nach der Beschreibung des Leh- rers seinem Gedaͤchtnisse vollstaͤndig einzupraͤgen. Man muß sich also auf eine jede Vorlesung gehoͤrig vorbereiten, damit die Aufmerksamkeit mehr gespannt wird, und man schon im voraus weiß, worauf man zu sehen hat; und so- dann muß man das Vorgetragene mit Huͤlfe der besten Schriftsteller, Abbildungen ꝛc. wiederholen. Nachschreiben ist hier meistentheils zwecklos, oft zweckwidrig. § 566. 2) Man empfaͤngt bey den eigentlich philosophischen Theilen der Heilkunst, die eigenthuͤmlichen Ideen des Leh- rers, welche man noch in keinen Buͤchern, oder doch nicht so deutlich entwickelt findet. Man suche hier dem Gedaͤcht- nisse dnrch Nachschreiben zu Huͤlfe zu kommen. § 567. 3) Man lernt die wissenschaftlichen Gegenstaͤnde in einer so freyen Ausfuͤhrung, und daher mir so viel Deutlichkeit kennen, wie man selten in Schriften findet. Denn diese sind meistentheils entweder so, daß sie noch einer weitlaͤufi- gern muͤndlichen Entwickelung der einzelnen Saͤtze beduͤrfen (Hand- Bildung des Arztes. (Handbuͤcher), oder sie sind fuͤr eine groͤßere Klasse des Pu- blikums, also auch fuͤr die, welche mit den Wissens ch aften schon bekannt sind, bestimmt, und daher weniger deutlich. Man vergesse daher nicht bey dem Nachschreiben den Faden des Vortrags zu behalten, man vernachlaͤssige uͤber dem Auffassen des Einzelnen nicht das Ganze in seinem Zusam- menhange. § 568. 4. Man wird mit den neusten Bereicherungen der Wis- senschaften bekannt gemacht. Man suche nachdem hierinne durch die Lektuͤre periodischer und anderer neuer Schriften uͤber die schon bekannten Gegenstaͤnde, auch fuͤr sich fortzu- schreiten. § 569. 5) Man hoͤrt die Beurtheilung fremder Ideen weitlaͤu- figer und deutlicher, als man sie in Schriften findet. Diese Urtheile benutze man, nicht, um ihre Resultate dem Gedaͤcht- nisse einzupraͤgen, sondern als Muster zu gruͤndlicher Unter- suchung vorgetragener Meynungen, als Leitfaden zur Erfor- schung der Wahrheit. Man nehme daher auch keinen Satz des Lehrers, welcher nicht unmittelbar auf einer ausge- machten Thatsache beruht, unbezweifelt an, sondern man forsche mit eigenen Kraͤften nach dessen Wahrheit, und uͤbe sich ferner in dieser Beurtheilung durch eine geordnete Lek- tuͤre anderer Schriften, an welcher die Urtheilskraft den meisten Antheil nimmt. Demungeachtet unterdruͤcke man das Mißtrauen gegen seine Kraͤfte nicht ganz, und verscherze nicht die groͤßte Zierde des Gelehrten, die Bescheidenheit. § 570. 6) Endlich besteht ein wichtiger Vortheil des oͤffentli- chen Unterrichtes darinne, daß man dabey taͤglich ein gewis- ses Dritter Theil. ses gleichfoͤrmiges Maas von Ideen empfaͤngt, und da- durch mit dem ganzen Umfange der Heilkunst ganz allmaͤh- lig bekannt wird, dahingegen man bey dem Privatstudium wegen des geschwinden Fassens die Gegenstaͤnde zu eilig verlaͤßt, und weder dem Gedaͤchtnisse, noch der Urtheilskraft die gehoͤrige Zeit laͤßt, diesen Stoff zu verarbeiten. — Man verhuͤte aus derselben Ursache alle Luͤcken im Besuchen der Vorlesungen, und halte sich daher auch in dieser Ruͤcksicht Manuscripte. § 571. Eher noch koͤnnen die Nebenwissenschaften der Heilkunst durch das Privatstudium erlernt werden, weil hier nicht so- wohl neue Ideen vorgetragen, als vielmehr die schon be- kannten neu geordnet, und auf einen anderen bestimmten Zweck bezogen werden. § 572. In jedem Fache macht man groͤßere Fortschritte, sobald man sich fuͤr dasselbe interessirt. Man suche also bey dem Studium einer jeden einzelnen Wissenschaft der Heilkunst der- selben Geschmack abzugewinnen, und da wir diesen Zweck dadurch erreichen, daß wir unsere Kraͤfte an den Gegenstaͤn- den der Wissenschaften selbst uͤben, so untersuche man selbst das was man kennen gelernt hat: man lege z. B. naturhisto- rische, anatomische, pharmaceutische Sammlungen an, man zergliedre Pflanzen und Mineralien, thierische und mensch- liche Koͤrper, man stelle chemische Untersuchungen an, man nehme Versuche uͤber physiologische Gegenstaͤnde vor, man suche bey seiner Lektuͤre und bey andern Gelegenheiten eigne Resultate zu finden, oder uͤber die bekannten Wahrheiten Gewißheit zu erlangen, man benutze fruͤhzeitig die Gelegen- heit, Kranke zu beobachten ꝛc. § 573. Bildung des Arztes. § 573. Hierbey vernachlaͤssige man aber nie seinen eigentlichen Zweck, und verwende nicht auf Kosten des Hauptstudiums zu viel Zeit und Aufmerksamkeit auf die Mittel desselben. Je naͤher daher eine Wissenschaft mit der eigentlichen Heilkunst zusammen haͤngt, um desto mehr Fleiß muß man darauf verwenden. § 574. Ist man gehoͤrig vorbereitet zum Studium einer Wis- senschaft geschritten, hat man also die Vorlesungen uͤber die- selbe in der rechten Ordnung und mit den noͤthigen Vor- kenntnissen gehoͤrt (woruͤber die Encyklopaͤdie Belehrung er- theilt), und sie uͤbrigens gehoͤrig studirt, so reicht einmali- ges Hoͤren dieser Vorlesungen hin. Hat man aber eine Wis- senschaft nicht zu gehoͤriger Zeit oder nicht in der gehoͤrigen Ordnung studirt, oder nicht die erforderlichen Vorkenntnisse gehabt, oder sonst nicht den gehoͤrigen Fleiß darauf verwen- det, so bleiben viele Gegenstaͤnde noch zu sehr im Dunkel, man kann sich wegen Mangel an deutlichen Begriffen, durch Privatstudium nicht so leicht nachhelfen, und man ist genoͤ- thigt, diese Vorlesungen noch einmal zu hoͤren. § 575. Gesellschaftliche Disputationsuͤbungen geben Gewinn fuͤr die Schnelligkeit der Beurtheilung, und fuͤr die Fertig- keit des Ausdrucks, weniger fuͤr die Vervollkommung der Kenntnisse, am wenigsten fuͤr Befoͤrderung der Bescheidenheit und der Humanitaͤt. Wissenschaftliche Unterhaltungen, wo es weniger darauf ankommt, das letzte Wort zu behalten, geben gleich reichen Gewinn in allen jenen Ruͤcksichten. M § 576. Dritter Theil. § 576. Was die Lektuͤre des studirenden Arztes anlangt, so muß er zuerst das Handbuch, uͤber welches er Vorlesungen hoͤrt, vollkommen studiren, dabey aber auch immer in einem andern weitlaͤuftigern Werke, welches die ganze Wissenschaft umfaßt, nachlesen. § 577. Monographien, oder Abhandlungen uͤber einzelne Gegen- staͤnde lieset man am vortheilhaftesten, wenn man schon das ganze Gebiet der Heilkunst uͤbersieht. Daher muß man be- sonders in den letztern Jahren des akademischen Lebens mit dieser Lektuͤre anfangen, welche man das ganze Leben hin- durch fortsetzt, weil der akademische Unterricht nur das Fach- werk abgiebt, in welches ein Jeder noch eigen erworbene Kenntnisse eintragen muß. § 578. Zu derselben Zeit wird auch die Lektuͤre der periodischen Schriften erst vollkommen nuͤtzlich, mit welcher man eben- falls fortfahren muß, um nie hinter seinem Zeitalter zuruͤck- zubleibeu, sondern alle neue Kenntnisse desselben sich auch er- werben zu koͤnnen. § 579. Kurze Excerpte aus den Monographieen, und eigne Aufsaͤtze uͤber dieselben, sind besondere Huͤlfsmittel der Auf- merksamkeit sowohl und des Gedaͤchtnisses, als der richtigen und deutlichen Beurtheilung. Zwey- Bildung des Arztes. Zweytes Hauptstuͤck . Specielle Methodologie des Studiums der Heilkunst. Erster Abschnitt. Vorbereitungswissenschaft . § 580. Dasjenige Studium, welches der Erlernung der Heil- kunst nothwendig vorhergehen muß, ohne jedoch einen Theil derselben auszumachen, und ohne Data zu uͤberliefern, Kenntnisse beyzubringen, welche mittelbar oder unmittelbar reale Huͤlfsmittel derselben werden koͤnnten, nennen wir das vorbereitende Studium der Kunst. § 581. Aus dieser Bestimmung erkennt man schon hinreichend, daß die Philosophie die Vorbereitungswissenschaft der Heil- kunst ist, so wie sie uͤberhaupt die Vorbereitung zu allen uͤbrigen Bemuͤhungen des menschlichen Geistes abgiebt. § 582. Die Philosophie ist die Wissenschaft der geistigen Natur des Menschen, in sofern Wahrheit, Schoͤnheit und morali- sche Vollkommenheit ihren Zweck ausmachen, und eine Ent- wickelung der Gesetze, durch deren Befolgung sie diesen Zweck erreicht. (Sie ist also nicht die Darstellung der geistigen Erscheinungen im Menschen, und der Gesetze, nach welchen dieselben erfolgen, denn sonst waͤre sie eine Naturwissen- schaft, eine Summe von Erfahrungen.) Dadurch ist sie M 2 nun Dritter Theil. nun einzig und allein das gemeinschaftliche Eigenthum aller Zweige der Wissenschaften, und ohne sie giebt es gar keine Wissenschaft, sondern nur Bruchstuͤcke derselben. § 583. Die Heilkunst kann in ihrem Umfange nur durch moͤg- lichst vollkommne Menschen realisirt werden, denn sie sucht durch eine verhaͤltnißmaͤßige Modification saͤmmtlicher (nicht nur der koͤrperlichen, sondern auch der geistigen) Kraͤfte des Menschen, einen bestimmten Zweck, (die Genesung) zu er- reichen: zu einer solchen zweckmaͤßigen Veraͤnderung einer Kraft reicht aber eine ihr untergeordnete Kraft nicht hin. Es wird hierzu im Gegentheile die moͤglichste Vollkommenheit erfordert, welche man dadurch erreicht, daß man von der Philosophie Belehrung uͤber seinen Zweck, Begruͤndung von Weisheit und Tugend, Harmonie aller seiner Anlagen, und durch dieß alles aͤchte Aufklaͤrung erhaͤlt. § 584. Was die Heilkunst als Wissenschaft anlangt, so be- stimmt die Philosophie die Moͤglichkeit derselben, sie pruͤft und laͤutert ihre Erkenntnißquellen, und leitet aus den all- gemeinen Gesetzen des Denkens und Erkennens Grundsaͤtze ab, welche die medicinische Erfahrung oder die Einsicht in die Erscheinungen am Menschen, welche auf Heilung Bezug haben, ihrem Caussalzusammenhange nach, begruͤnden. § 585. Sie verweiset die Heilkunst, ohne ihr Hypothesen des Uebersinnlichen zu erlauben, lediglich an die erkennbaren Erscheinungen unsers Wesens, lehrt die allgemeinen Gesetze auffinden, nach welchen dieselben erfolgen, ordnet sie, und stellt Bildung des Arztes. stellt badurch die Heilkunst in die Reihe der Wissenschaften (§ 42). § 586. Endlich gewaͤhrt ihr Studium Schaͤrfe des Urtheils, Buͤndigkeit der Folgerung, und uͤberhaupt Vollkommenheit im Denken: Eigenschaften, ohne welche die Heilkunst uͤber- haupt nie vollkommen realisirt werden kann. § 587. Auf diese Art bildet die Philosophie die Heilkunst, giebt ihr aber keinen Stoff an die Hand, denn sie betrachtet die geistige Natur des Menschen immer nur nach dem in ihr ent- haltenen Grunde fuͤr eine sich gleich bleibende nothwendige Form ihrer Thaͤtigkeit, und nach dem Zwecke dieser Thaͤ- tigkeit. § 588. Die Heilkunst hingegen untersucht zwar auch die geistige Natur des Menschen, aber nicht nach dem Grunde oder dem Zwecke ihrer Thaͤtigkeit, sondern uͤberhaupt nach ihren Aeus- serungen, wie dieselben durch die Erfahrung erkannt werden, und bedient sich dieser Beobachtung zufolge, entweder der geistigen Vermoͤgen selbst, oder der Wuͤrkung auf dieselben nach ihrem bestimmten Zwecke. § 589. Die Geschichte belehrt uns daher, daß in demselben Grade, als die Philosophie von ihrem urspruͤnglichen Zwecke abwich, sich in metaphysischen Spitzfuͤndigkeiten und blin- dem Dogmatismus verlor, auch die Heilkunst von der Stufe, welche sie erreicht hatte, herab sank. Und wenn dieselbe in unsrem Zeitalter sich ihrer moͤglichen Vollkommenheit mehr naͤhert, so hat sie dies einzig und allein dem Lichte der Phi- M 3 losophie Dritter Theil. losophie zu danken, welches jetzt reiner ist, und seine Strah- len weiter wirft, als vordem. § 590. Aber auch das edelste Geschenk, welches das Menschen- geschlecht aufweisen kann, ist eines Mißbrauches faͤhig, und die Benutzung der Philosophie in der Heilkunst kann in Af- terweisheit ausarten. § 591. Dies geschieht, wenn die Philosophie nicht nur als bloße Fuͤhrerin, sondern auch als Lehrerin der Heilkunst betrachtet wird. Man zwaͤngt dann Beobachtungen in irgend ein philosophisches System, bringt Meta- physik in eine Erfahrungswissenschaft, fuͤllt die unausbleib- lichen Luͤcken durch Kunstwoͤrter der Schule, und hoͤrt auf, die Mediciu philosophisch zu bearbeiten, sondern bearbeitet die Philosophie medicinisch. § 592. Dadurch stoͤrt man den philosophischen Gang medici- nischer Untersuchungen, welcher unsre Ideen aufhellt, und allein die Heilkunst vervollkommt; und man giebt uns dafuͤr philosophische Kenntnisse , welche seit jeher die Freyheit der Untersuchungen einschraͤnkten, ihre Maͤngel durch Wort- gepraͤnge verbargen, und durch den eitlen Wahn, die hoͤchste Vollkommenheit schon errungen zu haben, den Fortgang der Wissenschaft hinderten. Zwey- Bildung des Arztes. Zweyter Abschnitt. Huͤlfswissenschaften . § 593. Huͤlfswissenschaften der Heilkunst sind diejenigen Wis- senschaften, welche man fruͤher als diese studiren muß, und deren Inhalt die Erlernung und Ausuͤbung derselben unter- stuͤtzt, ohne jedoch mit der Heilkunst selbst in unmittelbarer Verbindung zu stehn. Joubert de praesidiis futuri excellentis medici. Genev. 580. 4. Köhler de perficienda re medica, maxime per momenta aliqua, ad medicinam elegantiorem spectantia. Tubing. 795. 4. Erstes Kapitel. Sprachkunde . § 594. Die Nothwendigkeit der Sprachkenntnisse fuͤr den Arzt, ergiebt sich am deutlichsten aus den verschiedenen Ruͤcksich- ten, in welchen er sich derselben bedient *). Weber uͤber den Werth der Sprache und antiquarischen Kenntnisse, in Hinsicht auf die Erziehung des Arztes (in Briefen an Aerzte und Weltweise II. Bd. S. 45 fgg.). § 595. I. Die Sprachkenntnisse werden benutzt, um gewisse Begriffe in den Wissenschaften durch fremde Woͤrter fuͤr die Gelehrten verstaͤndlicher, leichter und kuͤrzer auszudruͤcken; M 4 der Dritter Theil. der Arzt braucht hier nur soviel von den hierzu gebraͤuchlichen Sprachen zu kennen, um den Grund dieser Benennungen einzusehen, oder um diese Kunstausdruͤcke gehoͤrig zu verste- hen und richtig zu gebrauchen. § 596. Man erleichtert sich daher das Studium der historischen Wissenschaften der Heilkunst außerordentlich durch genaue Kenntniß der Terminologie, ihrer Bedeutung und Ableitung nach, und bey Erlernung der Anatomie, Chemie ꝛc. findet man weit weniger Schwierigkeiten, wenn man jedes Kunst- wort hinreichend versteht. Diejenigen, welche mit den Sprachen schon einigermaaßen bekannt sind, wissen sich hier leicht nachzuhelfen; die es nicht sind, muͤssen mit vieler Muͤ- he das Stuͤckwerk nachholen, wovon sie das Ganze vernach- laͤssigt haben. Hierzu dienen medicinische Woͤrterbuͤcher, z. B. Knackstaͤds Ertlaͤrung lateinischer Woͤrter, welche zur Zer- gliederungslehre, Physiologie, Wundarzneykunst und Ge- burtshuͤlfe gehoͤren. 2te Aufl. Erfurt 800. 16 gl. § 597. a ) Die Kunstwoͤrter der todten Sprachen haben das Vorzuͤgliche, daß erstlich ihre Begriffe genau bestimmt und fest, also auch keines Mißverstaͤndnisses faͤhig sind, da hin- gegen den Woͤrtern in den lebenden Sprachen durch die Will- kuͤhr einzelner Maͤnner, oder ganzer Voͤlkerstaͤmme, oder verschiedner Zeitalter, verschiedne Begriffe untergelegt wer- den; zweytens verhuͤtet ihr Gebrauch in Etwas, daß die Layen sich anmaasen, Krankheiten heilen zu wollen, da jeder Ungebildete alle Begriffe zu verstehen waͤhnt, deren Wortbe- zeichnung er aussprechen kann. § 598. Bildung des Arztes. § 598. 1. Die lateinische Sprache liefert der Heilkunst die meisten Kunstwoͤrter. Theile und Verrichtungen des mensch- lichen Koͤrpers, Krankheiten und Heilmittel erhalten ihre Benennung von ihr, und jede Verordnung des Arztes muß in derselben abgefaßt seyn. Es ist also eine unnachlaßliche Bedingung, daß man diese Kenntniß sich vor dem Studium der Heilkunst erwirbt. § 599. 2. Die griechische Sprache ist vermoͤge ihrer Bieg- samkeit ungemein geschickt, zu Kunstausdruͤcken benutzt zu werden, zumal wo zusammengesetzte Begriffe kurz ansge- gruͤckt werden sollen. Die deutsche Sprache koͤmmt ihr zwar an Biegsamkeit gleich, wird aber an Leichtigkeit und Wohl- klang von ihr uͤbertroffen, und deshalb bleibt die griechische Sprache fuͤr immer ein unentbehrliches Huͤlfsmittel der Heil- kunst. § 600. b ) Unter den lebenden Sprachen ist besonders die- jenige reich an medicinischen Koͤnstwoͤrtern, in welcher am stuͤhesten bedeutende Schriften uͤber die Heilkunst erschienen sind. Dies gilt von der franzoͤsischen , welche schon so ausgebildet war, daß alle wissenschaftliche Werke in ihr ge- schrieben werden konnten, indessen andere Nationen sich zu gleichem Zwecke noch der todten Sprachen bedienen mußten. Sodann waren auch die Franzosen unsere Lehrer in der Chi- turgie und in der Geburtshuͤlfe, und deshalb haben vorzuͤg- lich diese beyden Kuͤnste viel franzoͤsische Ausdruͤcke. — Kenntniß der uͤbrigen neuern Sprachen ist in dieser Hinsicht entbehrlicher. M 5 § 601. Dritter Theil. § 601. II. Der Arzt kann seine Kenntniß fremder Sprachen benutzen, um Werke, welche in denselben abgefaßt sind, zu lesen. Hierzu gehoͤrt schon eine genauere Sprachkenntniß. § 602. Die lateinischen und griechischen Schriften der alten Aerzte sind, zumal, da wir von den meisten brauchbare Ue- bersetzungen haben, bey dem gegenwaͤrtigen Zustande der Kunst nicht von dem reichen Inhalte, daß ein jeder gute Praktiker sie im Originale lesen, und deshalb eine lange Zeit auf das Studium dieser Sprachen verwenden muͤßte. Die Geschichtsforscher aber, und der Literator muͤssen sie inne haben; fuͤr diese ist sogar der Vollstaͤndigkeit wegen, wenn sie die Geschichte und Literatur der Kunst im Mittel- alter bearbeiten, Kenntniß der orientalischen, besonders der arabischen Sprache noͤthig. § 603. Die Gelehrten der verschiedenen Nationen mußten ehe- mals, theils wegen Unvollkommenheit ihrer Muttersprache, theils wegen Unbekanntschaft anderer Nationen mit dersel- ben, ihre Zuflucht zu der lateinischen Sprache nehmen: die- se wurde das gemeinschaftliche Huͤlfsmittel zum Austausch ihrer Ideen, das Band der Gelehrtenrepublik. Die groͤßten Aerzte des Mittelalters, und einige aus den neuesten Jahr- hunderten schrieben lateinisch. § 604. In den neuesten Zeiten wurden die Sprachen eines jeden Landes mehr ausgebildet, so daß man sich in ihnen uͤber jeden Gegen- Bildung des Arztes. Gegenstand hinreichend erklaͤren konnte, und die Scheide- wand fiel, welche die Nationen von einander getrennt hatte. Beydes bewuͤrkte, daß auch die Aerzte in ihrer Mutterspra- che schrieben, in der Ueberzeugung, von ihrer Nation so- wohl, als von andern verstanden zu werden, da jetzt nicht mehr allein die Gelehrten, sondern auch die Voͤlker selbst unter einander bekannter geworden waren. § 605. Dies macht also die Kenntniß, besonders der franzoͤsi- schen, englischen und italienischen Sprache noͤthig, zumal fuͤr den, welcher durch die gewoͤhnlichen Uebersetzungen nicht befriedigt, in den Geist eines originellen Schriftstellers ein- dringen, nicht nur seine Gedanken im Allgemeinen, sondern seinen ganzen Sinn fassen, und das eigene Vergnuͤgen, wel- ches die Lectuͤre eines Originals gewaͤhrt, genießen will. § 606. Wer diese Nebenabsichten nicht hat, bedarf dieser Sprachkenntnisse in unserm uͤbersetzenden Zeitalter nicht, zumal, da die meisten unserer Uebersetzungen aus fremden Sprachen, vollstaͤndiger und gehaltvoller sind, als die Ori- ginale. § 607. III. Der Arzt bedarf der Sprachen, um sie zu sprechen, und dieses Beduͤrfniß ist nach Maaßgabe der individuellen Verhaͤltnisse eines Jeden verschieden. Die Sprachen aber, welche man spricht, muß man sich vollkommen eigen machen, um alle moͤgliche Mißverstaͤudnisse, welche von so großem Nachtheile fuͤr den Arzt sowohl, als fuͤr den Kranken seyn koͤnnen, zu verhuͤten. § 608. Dritter Theil. § 608. a. Von den todten Sprachen ist eine solche Kenntniß der lateinischen auf Akademien noͤthig; sie ist es ferner, wenn man im Beyseyn eines ungelehrten Kranken mit einem an- dern Arzte sprechen will, ohne von dem Erstern verstanden zu werden, und um mit Gelehrten anderer Nationen, deren Sprache man nicht kennt, sich unterhalten zu koͤnnen. § 609. b. Unter den lebenden Sprachen steht die Muttersprache eines Jeden obenan. Nur die Vorurtheile eines finstern Jahrhunderts konnten ihren Gebrauch herabwuͤrdigen, und jeder Arzt hat die Pflicht, sich eine gruͤndliche Kenntniß der- selben zu erwerben, um richtig, deutlich und angenehm sich ausdruͤcken zu koͤnnen. § 610. Von den uͤbrigen lebenden Sprachen waͤhle sich ein Je- der die, welche in der Gegend seines Wohnortes am meisten gesprochen werden, oder deren er wegen seiner Verbindung mit andern Nationen am haͤufigsten bedarf. § 611. Besonders waͤhle man diejenigen Sprachen, deren Ge- brauch am allgemeinsten ist. Hierher gehoͤrt besonders die franzoͤsische, weil diese Nation den uͤbrigen an Cultur vor- eilte. Oft bedarf auch der Arzt nur einzelner franzoͤsischer Ausdruͤcke, um dadurch die Delikatesse seiner Kranken zu schonen. Sodann kann auch die Kenntniß einer slavonischen Sprache hierher gerechnet werden, weil man dadurch in den Stand gesetzt wird, Russen, Pohlen, Boͤhmen, Maͤhren, Ungarn, Illyrier, Steyermaͤrker zu verstehen. § 612. Bildung des Arztes. § 612. Nur mit diesen Kenntnissen groͤßtentheils schon ausge- ruͤstet, darf man zum Studium der Heilkunst schreiten; denn je laͤnger man das Studium der Sprachen aufschiebt, desto schwieriger wird diese Uebung des Gedaͤchtnisses, desto unangenehmer und trockener wird es, besonders bey den tod- ten Sprachen, und desto kostbarer wird endlich die Zeit. Man schiebe also dieses Studium ja nicht auf, weil seine Vernachlaͤssigung sich nur zu sehr, und fuͤr die ganze Lebens- zeit raͤcht. Zweytes Kapitel. Historische Wissenschaften . § 613. In sofern die Heilkunst nur durch einen gebildeten Mann realisirt werden kann, muß der Erlernung derselben auch das Studium der Geschichte und ihrer verschiedenen Grund- wissenschaften, besonders der Geographie und Antiquitaͤten, vora n sgehen. § 614. Denn dieses Studium befriedigt eine edle Wißbegierde, bereichert die Erfahrung, berichtigt die Urtheile uͤber die Vor- faͤlle der Gegenwart, schaͤrft die Urtheilskraft, und traͤgt ganz besonders zu einer aͤchten Aufklaͤrung bey. § 615. Eben so dringend bedarf der Arzt der allgemeinen Welt- geschichte, in wiefern er die Geschichte seiner Kunst studiren muß. Diese wird naͤmlich, da die Ereignisse im Gebiete der Politik und der Wissenschaften so nahe mit einander ver- knuͤpft Dritter Theil. knuͤpft sind, durch die Erstere immer unterstuͤtzt, und kann nie einen Schritt ohne dieselbe thun. § 616. Noch inniger haͤngt die Geschichte der Heilkunst mit der Geschichte der uͤbrigen Wissenschaften, besonders der Philo- sophie und der Naturgeschichte zusammen; ohne diese Ver- bindung bleibt sie eine bloße, unfruchtbare Erzaͤhlung, denn sie verfehlt ihren Zweck: Beobachtung der Fortschritt des menschlichen Geistes und Belehrung uͤber die deshalb kuͤnftig einzuschlagenden Wege. Drittes Kapitel. Schoͤne Kuͤnste und Wissenschaften . § 617. Da der Zauber der Dichtkunst besonders geschickt ist, die zartesten Gefuͤhle des Herzens zu wecken und zu bewah- ren, den Sinn fuͤr das Gute und Schoͤne, fuͤr Menschen- wohl und Veredlung zu beleben: so muß man auch vor Er- lernung der Heilkunst mit dem Studium unserer Dichter den Anfang machen, und es wird bey Ausuͤbung derselben oft Trost, Ruhe und Muth gewaͤhren. § 618. Es erhaͤlt dadurch auch die Einbildungskraft einen hoͤ- hern Schwung, welcher sich durch Energie der Gedanken und des Ausdrucks offenbart; und wenn diese thaͤtigere Phantasie einer scharfen Urtheilskraft die Hand reicht: so entsteht der schoͤnste Bund, durch welchen einige Meister un- serer Bildung des Arztes. serer Kunst den Leser ihrer Werke unaufhaltsam mit sich fortreißen. § 619. Auch haben mehrere Aerzte didaktische Gedichte uͤber Gegenstaͤnde ihrer Kunst abgefaßt, unter welchen einige klassisch, und des Studiums der Aerzte fuͤr immer werth sind. Wir nennen hier nur Syphilis, sive morbus gallicus, auctore Fracastorio . Verona, 530. fol. Die Gesundbrunnen. Ein Gedicht in vier Gesaͤngen, von D. Neubeck . Breslau, 795. 4. Uebrigens giebt es mehrere didaktische Gedichte uͤber Na- turgeschichte, z. B. von Cowley, de la Croix, van Royen, Hill ꝛc. uͤber die Heilkunst im Allgemeinen, z. B. von Heerken, Talpa, Clossius ꝛc. uͤber Physiologie, z. B. von Strauß, Hebenstreit ꝛc. uͤber Diaͤtetik, z. B. von Bernardinus, Fridae- vallis, Duͤrante, Habersack, Felici, Arm- strong ꝛc. uͤber Heilmittellehre, z. B. von Aemi- lius Macer, Nikander, Carnarino ꝛc. und uͤber medicinische Praxis, z. B. von Serenus Sam- monikus, Delaunay, duͤ Port ꝛc. § 620. Außer dem allgemeinen wohlthaͤtigen Einflusse der schoͤ- nen Kuͤnste auf die Bildung des Arztes gewaͤhrt die Kennt- niß der Zeichenkunst noch den besondern Vortheil, daß der Arzt zu seinem eigenen, oder zum oͤffentlichen Gebrauche, Gegenstaͤnde, welche fuͤr die Kunst wichtig sind, z. B. aus der reinen und pathologischen Anatomie, aus der Heilmittel- lehre, Chirurgie und Entbindungskunst, entweder selbst zeichnen, Dritter Theil. zeichnen, oder doch wenigstens den Zeichner gehoͤrig anstellen kann. Unter den groͤßten Aerzten zeichnen sich daher auch ei- nige als Kuͤnstler aus. Z. B. Vesal, Albin, Camper, Hunter, Rei- chel, Milan, Beer, Scarpa ꝛc. Viertes Kapitel. Mathematik . § 621. Die Mathematik, oder die Lehre von den Koͤrpern, in sofern sie ausgedehnt oder im Raume erscheinen, hat wegen ihres sichern Ganges, und ihrer Methode, zu Gewißheit zu gelangen, sehr vortheilhaften Einfluß auf die Methode des Studirens uͤberhaupt, besonders bey Entdeckung der Na- turgesetze. § 622. Deshalb ist vorzuͤglich die Algebra, als das beste Mit- tel, stetes Denken, strenges Forschen nach Wahrheit und richtigen Ideengang sich eigen zu machen, zu Aufsuchung neuer Wahrheiten in der Heilkunst besonders nuͤtzlich. § 623. Fuͤr den ausuͤbenden Arzt kann aber dieses Studium theils wegen des hierzu erforderlichen Zeitaufwandes, theils wegen der dadurch sehr leicht bewuͤrkten aͤngstlichen Vorliebe zu mathematischer Gewißheit, oft sehr nachtheilig werden. § 624. Die Aufangsgruͤnde der reinen Mathematik werden aber noͤthig zur Einsicht der Physik, welche ohne dieselbe dunkel Bildung des Arztes. dunkel und ungewiß bleibt, und zum Studium der ange- wandten Mathematik. § 625. Diese wird naͤmlich fuͤr die Heilkunst wichtig, in sofern in ihr die Berechnung und Ausmessung einzelner Klassen von Koͤrpern vorgetragen wird, und der menschliche Koͤrper auch in der Ruͤcksicht betrachtet werden muß, in sofern er bloß als ausgedehnt erscheint. Baldinger’s Uebersicht der physikalischen, mathematischen Wissenschaften und Instrumente, die ein Arzt kennen muß (im neuen Magazin fuͤr Aerzte, XIX. Bd. S. 473.). § 626. Die Mechanik ist in dieser Ruͤcksicht besonders noͤthig fuͤr den Handarzt und Geburtshelfer, indem sie die richtige Anwendung der Instrumente lehrt. Sie wird ferner benutzt, um in der Physiologie die Lehre von der Muskelbewegung, so wie die Optik, um die Lehre von der Function des Auges einzusehen; die Hydrostatik bietet in Ruͤcksicht auf den Blut- umlauf, wenn auch nicht Belehrung, doch Stoff zu einer lehrreichen Vergleichung dar. § 627. Doch kann auch diese Anwendung der Mathematik nach- theilig werden, wenn man den Menschen bloß, als im Rau- me existirend, betrachtet, darnach alle Erscheinungen an ihm beurtheilt, und daher die uͤbrigen Seiten seiner Natur zu wenig in Anschlag bringt. N Fuͤnf - Dritter Theil. Fuͤnftes Kapitel. Oekonomie und Technologie . § 628. Kenntniß der Oekonomie kann dem Arzte in vielen Faͤl- len nuͤtzlich werden, besonders wenn er die Nebenzweige seiner Kunst, als Diaͤtetik, medicinische Polizey oder Thier- heilkunst bearbeitet. § 629. Die Bekanntschaft mit den verschiedenen Kuͤnsten und Handwerken ist dem ausuͤbenden Arzte noch noͤthiger, weil die Krankheiten der Kuͤnstler und Handwerker oft durch ihre Werkzeuge, Stellung ꝛc. veranlaßt oder unterhalten werden, und der Arzt darauf bedacht seyn muß, diese Umstaͤnde un- schaͤdlich zu machen. Ramazzini de morbis artificum. Edid. Ackermann . Notimberg, 790. 8. Dritter Abschnitt. Studium der Heilkunst . § 630. Der Plan zu irgend einem wissenschaftlichen Studium kann zwar niemals fuͤr Alle gleich passend eingerichtet wer- den, da Jeder seine besondere Faͤhigkeiten, Vorkenntnisse, Huͤlfsmittel und Zwecke hat. Im Ganzen genommen kann aber folgender Plan zum akademischen Studium der Heil- kunst binnen neun Halbjahren zur allgemeinen Norm dienen, welche Bildung des Arztes. welche ein Jeder nach seiner Individualitaͤt und nach den aͤußern Umstaͤnden abaͤndern kann. Platner (progr. IX.) medicinae studium octo semestribus deseriptum. Lips. 797-99. 4. § 631. Es koͤmmt bey diesem Plane vorzuͤglich darauf an, 1) daß man alle noͤthige Wissenschaften studirt, und keine uͤber- sieht, 2) daß man einer jeden einzelnen die gehoͤrige Auf- merksamkeit schenkt, und sie nicht zu fluͤchtig durchgeht, 3) daß man sie in der gehoͤrigen, Naturgemaͤßen Ordnung, und keine studirt, ohne mit den noͤthigen Vorkenntnissen schon ausgeruͤstet zu seyn. Ludwig de non praecipitando medicinae studio. Lipsiae, 772. 4. Erstes Halbjahr . 1. Propaͤdeutik der Heilkunst (zweytaͤgig). 2. Allgemeine Natur- geschichte mit Zoologie (sechstaͤgig). § 632. Bey dem aͤußerst wichtigen Schritte zum akademischen Leben muß man alle moͤgliche Uebereilung verhuͤten. Des- halb duͤrfen anfangs auch nur wenig Vorlesungen besucht werden, damit man sich naͤmlich weniger, dafuͤr aber auch desto deutlichere Begriffe verschaffe, und der Gefahr entgehe, durch die Menge von Gegenstaͤnden uͤberhaͤuft und muthlos oder nachlaͤssig gemacht zu werden. Das erste Halbjahr ist also bestimmt, dem kuͤnftigen Arzte deutliche Begriffe von seinem eigentlichen Zwecke und den dazu erforderlichen Mit- N 2 teln Dritter Theil. teln zu verschaffen, und ihm den Anfang einer Uebersicht der gesammten Koͤrperwelt zu gewaͤhren. § 633. Uebrigens muß diese Zeit noch andern Wissenschaften und Kuͤnsten gewidmet werden, welche man entweder noch gar nicht, oder nicht hinreichend betrieben hat, oder zu deren Studium man nicht die gehoͤrige Gelegenheit gehabt hat, z. B. Philosophie, Mathematik, Philologie, Musik, Zei- chenkunst ꝛc. § 634. Im Anfauge des Studirens kann man sich der alpha- betischen Realencyklopaͤdien, oder der sogenannten medicini- schen und chirurgischen Woͤrterbuͤcher bedienen, um sich naͤm- lich von den wissenschaftlichen Gegenstaͤnden, welche man in der Verbindung mit einer Wissenschaft noch nicht kennt, ei- nen vorlaͤufigen Begriff zu verschaffen. Doch benutze man diese Huͤlfsmittel nur zum vorlaͤufigen Studium, und glaube nicht, den Gegenstand dadurch vollstaͤndig kennen zu lernen; man kennt ihn nur fragmentarisch. Blancardi lexicon medicum. Edidit Isenflamm . Lip- siae, 776-77. III tomi. gr. 8. 3 Rthlr. § 635. 1. Die Propaͤdeutik der Heilkunst setzt eigentlich schon die Kenntniß der allgemeinen Encyklopaͤdie voraus, damit man nicht nur seinen naͤchsten Umkreiß erkennt, sondern auch einen hoͤhern Standpunct gewinnt, um die gesammten Wissenschaften als ein einziges ungetheiltes Ganzes, also in Bezug auf den hoͤchsten Zweck des Menschen zu uͤbersehen. Ist dieses Studium (welches eigentlich schon einen Gegen- stand Bildung des Arztes. stand des Schulunterrichtes ausmachen sollte) noch nicht be- trieben worden; so muß es jetzt noch nachgeholt werden. § 636. 2. Die allgemeine Naturgeschichte laͤßt das ganze Ge- biet uͤbersehen, wovon die Heilkunst nur einen einzelnen Theil bearbeitet, ihr Studium muß also dem der uͤbrigen Wissenschaften nothwendig vorausgehen, und in dem halb- jaͤhrigen Vortrage derselben kann die Zoologie fuͤglich mit ihr verbunden werden. Rahn’s Handbuch der Vorbereitungswissenschaften der Arz- neykunst. Zuͤrich, 792. 8. § 637. Vollstaͤndige, instructive, gut geordnete Sammlungen natuͤrlicher Koͤrper sind zum Studium der Naturgeschichte unentbehrlich. Da jedoch der, welcher sich zum praktischen Arzte bilden will, nicht gerade deshalb eine Akademie waͤh- len kann, weil gute Naturaliensammlungen auf derselben sind: so wuͤrde eine Uebersicht der vorzuͤglichsten Sammlun- gen dieser Art hier uͤberfluͤssig seyn. Ueberdies werden auch auf Akademieen meistentheils Privatsammlungen benutzt, welche daher dem Wechsel der Zeit mehr unterworfen sind. § 638. Literatur. Einleitung in das System: Forster enchiridion historiae naturali inserviens. Hal. 788. gr. 8. 16 gr. Handbuch: Blumenbach’s Handbuch der Naturgeschichte. 6te Auflage. Goͤttingen, 799. 8. 1 Rthl. 12 gr. N 3 Haupt- Dritter Theil. Hauptwerke: Car. a. Linné systema naturae. Editio aucta et renovata a Gmelin . Tomi II, vol. IX. Lips. 8. 13 Rthlr. 8 gr. Histoire naturelle générale et particulière par Mr. le Comte de Buffon . à Strasbourg, 786- 89. XLIII vol. 12. 75 Rthlr. Journal: Voigts Magazin fuͤr den neuesten Zustand der Naturkunde. Weimar, 8. § 639. Fuͤr Zoologie: Borowsky’s gemeinnuͤtzige Naturgeschichte des Thierreichs. Mit illuminirten Kupfern. Ber- lin, 780-90. X Bde. gr. 8. 64 Rthl. 8 gr. Zweytes Halbjahr . 1. Botanik (sechstaͤgig). 2. Mineralogie (zweytaͤgig). 3. Naturgeschichte des Menschen (zweytaͤgig). 4. Oekonomie des menschlichen Koͤrpers (viertaͤgig). 5. Osteologie und Syndesmologie (viertaͤgig). § 640. In diesem Halbjahre wird die Lehre von der Form der einzelnen Naturkoͤrper vollendet, und dadurch der Uebergang zur erstern Kenntniß der Form des menschlichen Koͤrpers gemacht. § 641. 1. Botanik . Eine empirische Kenntniß der Pflan- zen hat derjenige, welcher sie nach ihrem Habitus, nach ihrem Bildung des Arztes. ihrem aͤußern Ansehen im Allgemeinen kennt (wohin auch aͤußerst zufaͤllige und betruͤgliche Merkmahle gehoͤren, z. B. die Farbe), ohne ihren eigenthuͤmlichen Charakter, oder das Merkmahl, wodurch sie sich von allen uͤbrigen unterscheiden, angeben zu koͤnnen. Diese Kenntniß bleibt immer nur un- vollstaͤndig, und man ist sich derselben nie gewiß. Dahin- gegen verlaͤßt uns die wissenschaftliche Kenntniß nie, d. h. die Fertigkeit, genau zu bestimmen, welche einzig moͤgliche Stelle eine jede Pflanze in dem Systeme einnehme. Baldinger uͤber das Studium der Botanik (in dem neuen Magazin fuͤr Aerzte. XV. Bd. S. 145). § 642. Das Erste bey dem Studium der Botanik ist also, daß man sich eine genaue Bekanntschaft des Systems, und zwar des Linneischen, als des vollkommensten, verschaffe. Da- durch allein bekoͤmmt man eine hinreichende Uebersicht des Ganzen, und setzt sich in den Stand, auch ohne fremde An- leitung, einzelne Pflanzen mit Gewißheit zu erkennen, und diese Kenntniß zu behalten. § 643. Auf einige Vegetabilien muß der Arzt seine Aufmerk- samkeit besonders richten. Er muß naͤmlich zuerst die offici- nellen Pflanzen, d. h. welche ihrer Heilkraͤfte wegen in den Officinen vorraͤthig sind, genau kennen, weil er nicht immer den Apothekern ganz trauen kann, weil er oft den Kranken selbst die ihm dienlichen Pflanzen zum Sammeln anzeigen, und sie zuweilen auch selbst muß einsammeln lassen ꝛc. Als gerichtlicher Arzt muß er ferner auch die Guͤte und Aechtheit der in den Officinen aufbewahrten Pflanzenkoͤrper beurthei- len, auch in Rechtsfaͤllen entscheiden koͤnnen, ob auch die Pflanzen angewendet worden sind, welche genannt waren ꝛc. N 4 § 644. Dritter Theil. § 644. Sodann muß er aber auch, besonders in der letztern Ruͤcksicht, alle giftige und andere Pflanzen, welche viel Aehnlichkeit mit unschaͤdlichen, zur Nahrung oder zu medi- cinischem Gebrauche dienenden Gewaͤchsen haben, vollkom- men zu unterscheiden wissen. § 645. Diese anschauliche Kenntniß erlangt er nur 1) in der Natur selbst, auf botanischen Excursionen oder in Gaͤrten, 2) durch getrocknete und kuͤnstlich aufbewahrte Pflanzen- sammlungen ( herbarlae viva ), 3) durch Abbildungen. § 646. Die frischen Pflanzen selbst auf Excursionen, oder in Gaͤrten kennen zu lernen, ist am vortheihaftesten. Wenn man sich dieser beyden Huͤlfsmittel bedient, so kann man dabey sein Augenmerk immer auf die, dem Arzte zunaͤchst liegenden Pflanzen vorzuͤglich richten. Uebrigens sind die Excursionen das beste Mittel, Interesse fuͤr die Botanik zu gewinnen. § 647. Was das Trocknen und Aufbewahren der Pflanzen an- langt, so ist der Einfluß dieser Methode auf Unterstuͤtzung des Gedaͤchtnisses einleuchtend; nur muß sich der kuͤnftige Arzt hierbey noch mehr auf die officinellen Pflanzen einschraͤn- ken, weil er , wenn er auch viel andere trocknet, sich durch diese Beschaͤftigung zu viel Zeit raubt. Hedwig’s Belehrung, Pflanzen zu trocknen, zu ordnen ꝛc. Gotha, 797. 8. 14 gr. § 648. Bildung des Arztes. § 648. Bey dem Studium der Botanik ist es auch nuͤtzlich, sich um ihre natuͤrlichen Eigenschaften, und den Gebrauch, wel- chen die Menschen in verschiedenen Laͤndern und zu verschie- denen (oͤkonomischen, technischen ꝛc.) Zwecken davon ma- chen, zu bekuͤmmern. Man studirt dann mit noch mehr Interesse, und erwirbt sich, wie im Voruͤbergehen, manche brauchbare Kenntnisse. Loͤwe’s Handbuch der theoretischen und praktischen Kraͤuter- kunde, zum Gebrauch fuͤr Jedermann. Breslau 787. 8. § 649. Uebrigeus nehme man auch eine hoͤhere Ansicht von dem Studium der Botanik: man betrachte es als ein Huͤlfs- mittel, theils sein Gedaͤchtniß zu staͤrken (§ 510), theils seinen Beobachtungsgeist auszubilden (§ 506). § 650. Literatur. Einleitung in das System: Car. a Linné philosophia botanica. Editio aucta et emendata cura Willdenow . c. tabb. aeneis. Beolini 790. gr. 8. 1 Rthlr. 8 gr. Handbuch: Willdenow’s Grundriß der Kraͤuterkunde, mit Kupf. Berlin 792. 8. 1 Rthlr. 16 gr. Hauptwerk: Car. a Linné systema vegetabilium secundum classes, ordines, genera et species. Edit. XV. curante Persoon . Gotting. 797. 8. 2 Rthlr. 12 gr. N 5 Kupfer- Dritter Theil. Kupferwerk: Schkuhr’s botanisches Handbuch. Mit illum. Kupf. Wittenb. 787 — 800. XXV Hefte. gr. 8. 50 Rthlr. Kupferwerk officineller Pflanzen Elisa Blakwall auserlesenes Kraͤuterbuch. Leipz. 749 — 59. Fol. 40 Rthlr. Journal: Schraders Journal fuͤr die Botanik. Goͤtting. 8. (Jaͤhrlich erscheinen 4 Stuͤcke, davon 2 einen Band ausmachen). § 651. 2. Mineralogie . Der Arzt treibt dieses Studium, theils um seine Kenntniß der Natur vollstaͤndiger zu machen, theils um die mineralischen Heilmittel (obschon deren nicht eine so große Anzahl ist, als der vegetabilischen) und Gifte kennen zu lernen, theils um durch die Fertigkeit, Minera- lien zu erkennen, uͤberhaupt auch einen schaͤrfern Blick, und mehr Vollkommenheit in der Wahrnehmungskunst zu gewin- nen. § 652. Oefteres Betrachten der Mineralien selbst ist ganz un- entbehrlich, und deshalb ist es auch rathsam, eigne Samm- lungen anzulegen, welches uͤbrigens nicht mehr Zeit kosten darf, als zu Erreichung jenes Zweckes hinreicht. In Freyberg erhaͤlt man durch die Besorgung von Hr. Hof- mann kleine Mineraliensammlungen, welche 200 instructive Stuͤcke enthalten und 4 Louisd’or kosten. Auch hat die Mar- tinische Buchhandlung in Leipzig dergleichen in Commission. § 653. Bildung des Arztes. § 653. Literatur. Einleitung in das System: Werner von den aͤusserlichen Kennzeichen der Fossilien. Leipzig 774. 8. 12 gr. Handbuch: Emmerlings Lehrbuch der Mineralogie. III Baͤnde Giessen 793 — 97. gr. 8. 5 Rthlr. 12 gr. Journal: Neues bergmaͤnnisches Journal. Herausgegeben von Koͤhler und Hofmann . Freyberg 8. § 654. 3. Naturgeschichte des Menschen. Nachdem man im vo- rigen Halbjahr das Thierreich in Ruͤcksicht auf aͤußere Form betrachtet hat, so kann nun die Vergleichung desselben mit dem Menschen in derselben Ruͤcksicht den Anfang zum Stu- dium des Menschen abgeben. § 655. Literatur. Handbuch: Ludwigs Grundriß der Naturgeschichte der Men- schenspecies. Mit Kupf. Leipz. 796. gr. 8. 1 Rthlr. 8 gr. § 656. 4. Oekonomie des menschlichen Koͤrpers. Diese Vorle- sungen sind ganz nuͤtzlich, um sich zuerst allgemeine Begriffe von der Structur des menschlichen Koͤrpers zu erwerben, ehe man das Detail durchgeht. Sie machen die Vorbereitung zum Studium der Anatomie und Physiologie aus. § 657. Dritter Theil. § 657. 5. Osteologie und Syndesmologie. Die Knochenlehre macht die Grundlage der gesammten Anatomie aus, und man muß sie daher in diesem Halbjahre mit moͤglichstem Fleiße und groͤßter Genauigkeit studiren, weil ohne dies keine der folgenden anatomischen Wissenschaften gehoͤrig ver- standen werden kann, und man sich durch diesen Fleiß das Studium der ganzen Anatomie um Vieles erleichtert. Noth- wendig muß man auch selbst menschliche Knochen bey dem Privatstudium zu Huͤlfe nehmen, weil die Abbildungen hier am wenigsten hinreichen. Die Baͤnderlehre muß besonders die Aufmerksamkeit des Chirurgen auf sich ziehn. § 658. Literatur der Anatomie. Handbuch: Hildebrands Lehrbuch der Anatomie des Men- schen. IV. Baͤnde. Braunsch. 789 — 92. gr. 8. 5 Rthlr. 8 gl. Tabellen: Schaarschmidts anatomische Tabellen. Frank- furt 788. 8. 1 Rthlr. 12 gl. Hauptwerk: Soͤmmering vom Bau des menschlichen Koͤr- pers. Frankfurt 791 — 97. V Th. gr. 8. 7 Rthlr. 16 gl. Hauptkupferwerk: Loders anatomische Tafeln. Weimar 794 — 1800. Bis jetzt sind 89 Tafeln erschienen, welche mit dem Texte 32 Rthlr. kosten; jetzt sollen noch 86 Tafeln folgen, so daß das ganze Werk gegen 60 Rthlr. kosten wird. Hand- Bildung des Arztes. Handkupferbuch: Kulmus anatomische Tabellen. Herausgegeben v. Kuͤhn . Leipz. 788. gr. 4. 5 Rthlr. Journal: Isenflamms und Rosenmuͤllers Beytraͤge fuͤr die Zergliederungskunst. Leipzig 8. § 659. Literatur der Osteologie. Handbuch: Blumenbachs Geschichte und Beschreibung der Knochen. Goͤttingen 786. 8. 1 Rthlr. Literatur der Syndesmologie. Hauptwerk: Weitbrecht syndesmologia, sive historia liga- mentorum corporis humani. Petropoli 760. 4. 3 Rthlr. § 660. Jetzt kann man schon anfangen, sich im Zergliedern thierischer Koͤrper (Zootomie) zu uͤben, wenn man auch gleich noch nicht ganz vollstaͤndige Begriffe von den Theilen des menschlichen Koͤrpers hat. Die Vortheile, welche man dadurch gewinnt, sind 1) daß man sich fuͤr die Anatomie lebhafter interessirt, und sie daher mit mehr Eifer erlernt (§. 572); 2) daß man die Structur mancher Theile des menschlichen Koͤrpers durch die Betrachtung thierischer Theile (z. B. des Auges) besser kennen lernt, als es durch Abbil- dungen moͤglich ist; 3) daß man eine Fertigkeit im Seci- ren erlangt, welche sowohl bey dem kuͤnftigen Studium, als in der kuͤnftigen Praxis (nicht nur bey Leichenoͤfnungen, sondern auch bey Operationen) sehr zu Statten koͤmmt; 4) daß sich der Ungewohnte an den Anblick zergliederter thieri- scher Dritter Theil. scher Koͤrper gewoͤhnt, und einen Eckel uͤberwinden lernt, welcher dem Menschen angebohren, und deshalb nichts we- niger, als schimpflich ist. Drittes Halbjahr . 1. Chemie (sechstaͤgig), 2. Physik (sechstaͤgig), 3. Myologie und Splanchnologie (viertaͤgig), 4. Angiologie und Nevrologie (viertaͤgig). § 661. Das dritte Halbjahr ist bestimmt der hoͤhern Kenntniß der Aussenwelt (d. h. nach ihrer Mischung und ihren auf eignen Kraͤften beruhenden Wirkungsgesetzen), und der Vol- lendung der niedern Kenntniß des Menschen (d. h. seiner aͤussern Form nach). § 662. 1. Chemie. Die aͤußere Form der Naturkoͤrper kennt man nun: jetzt ist es also Zeit, sich mit ihrer Mischung be- kannt zu machen. Der Arzt bedarf nun der Chemie, theils in sofern er Naturforscher ist, theils unmittelbar, um die Mischungsveraͤnderungen des menschlichen Koͤrpers zu erken- nen und zu heben, um die Heilmittel nach ihren Bestand- theilen zu beurtheilen, um verschiedene Heilmittel zu be- stimmten Zwecken zusammensetzen, um als gerichtlicher Arzt die Guͤte der officinellen Praͤparate beurtheilen, unbekannte Substanzen ihrer Mischung nach untersuchen zu koͤnnen ꝛc. § 663. Diese letztern Kenntnisse, welche sich auf die Mischung der Heilmittel beziehen, werden unter dem Nahmen der me- dici- Bildung des Arztes. dicinischen Chemie begriffen. Allein man glaube deshalb nicht, daß dieser Auszug fuͤr den Arzt hinreichend sey; er ist fuͤr sich allein nur ein duͤrftiges Bruchstuͤck, und wer nicht bloßer Receptschreiber, sondern auch wuͤrklicher Arzt, also philosophischer Forscher des Menschen und Alles dessen, was auf ihn Bezug hat, seyn will, muß mit der gesammten Che- mie vertraut seyn. § 664. Man studire also auch hier die Theorie der Chemie, und zwar die, welche bis jetzt die vollkommenste ist, die anti- phogistische. Man sehe dieses System fuͤr eine, den Kennt- nissen unsers Zeitalters angemessene Ansicht der chemischen Erscheinungen an, wodurch man einen Leitfaden gewinnt, das Ganze der Chemie zu uͤbersehen, und sich aus dem Chaos isolirter Thatsachen heraus zu finden. § 665. Bey dem Studium der Chemie ist eigne Beobachtung chemischer Erscheinungen und der Versuche, wodurch diesel- ben deutlicher werden, unentbehrlich, und hierzu wird eine gehoͤrig eingerichtete chemische Werkstaͤtte erfordert. Es ist auch vortheilhaft, wenn der studirende Arzt selbst, chemische Versuche anstellt: er erlangt dadurch Fertigkeit in diesen Be- schaͤftigungen, welche ihm einst als praktischem Arzte, zu Statten kommt, praͤgt sich die Thatsachen tiefer ein, und lernt sich mehr fuͤr dieses Studium interessiren. Um die durch chemische Versuche hervorgebrachten Koͤrper genau kennen zu lernen, kann man sich der chemischen Productensammlung bedienen, welche der Prof. Lam- padius in Freyberg fuͤr 30 Rthlr. verkauft. Um Dritter Theil. Um Versuche anzustellen, kann man sich der chemi- schen Probierkabinete bedienen, welche der Professor Tromsdorf in Erfurt fuͤr 4½ Louisd’or verkauft. Sie enthalten 44 Reagentien, aͤusserst rein bereitet, mit einigen chemischen Geraͤthschaften. (S. Hartenkeil’s med. chir. Ztg. 1799, IV. Bd. S. 205.) Zur Untersuchung der Mineralien dienen die Enge- stroͤmischen Taschenlaboratoria, dergleichen der Hof- mechanikus Klindworth in Goͤttingen fuͤr 1 Louis- dor verkauft. ( Engestroͤm’s Beschreibung eines mineralischen Taschenlaboratoriums. Greifswalde 782. 8.) § 666. Besonders fuͤr den gerichtlichen Arzt ist es sehr nuͤtzlich, wenn er ein Jahr vor seinem akademischen Studium in einer pharmaceutischen Anstalt zubringt, wo man in der speciellen Chemie und Pharmacie sich so genaue Kenntnisse verschafft, als nachher waͤhrend des akademischen Lebens nicht mehr moͤglich ist. Hierher gehoͤrt das pharmaceutische Institut des Prof. Tromsdorf in Erfurt. (S. Tromsdorfs Jour- nal der Pharmacie. I. Bd. 1. Stuͤck.) § 667. Literatur Einleitung in das System: Fourcroy’s chemische Philosophie, oder Grund- wahrheiten der neuen Chemie. A. d. Franz. Leipz. 796. 8. 12 gr. Hand- Bildung des Arztes. Handbuch der gesammten Chemie: Hildebrands Anfangsgruͤnde der Chemie. III Theile. Erlangen 794. gr. 8. 3 Rthlr. 8 gl. Handbuch des Systems: Girtanners Anfangsgruͤnde der antiphlogisti- schen Chemie. Berlin 795. 8. 1 Rthlr. 12 gl. Hauptwerk: Grens Handbuch der Chemie. IV Baͤnde. Halle 794 — 96. gr. 8. 5 Rthlr. 16 gl. Woͤrterbuch: Macquers chymisches Woͤrterbuch, oder Be- griffe der Chymie. Aus dem Franzoͤsischen uͤber- setzt und mit Zusaͤtzen von Leonhardi . VII Theile. Leipz. 788 — 91. gr. 8. 12 Rthlr. Journal: Scherers allgemeines Journal der Chemie. Leipz. 8. § 668. 2. Physik . Zu diesem Studium darf man nicht ohne gehoͤrige mathematische Kenntnisse schreiten, weil man sonst uͤber die Gesetze der hieher gehoͤrigen Erscheinungen nie mit Sicherheit und Gewißheit belehrt wird. Uebrigens betreibt man es nicht bloß, um die sogenannten physikalischen Heil- mittel auf den kranken menschlichen Koͤrper anwenden zu koͤnnen, sondern um eine moͤglichst vollstaͤndige Kenntniß der Natur zu erlangen. Experimente vermittelst eines ge- hoͤrigen Apparats sind hier ebenfalls unentbehrlich. In dem Magazine des M. Taubers in Leipzig, kann man sowohl einzelne physikalische Instrumente, als einen vollstaͤn- digen Apparat bekommen. O § 669. Dritter Theil. § 669. Literatur. Handbuch: Grens Grundriß der Naturlehre. Halle 797. gr. 8. 2 Rthlr. 8 gl. Freyer Vortrag: Hubens vollstaͤndiger und deutlicher Unterricht in der Naturlehre, fuͤr einen jungen Herrn, III Baͤnde mit Kupf. Leipz. 792 — 94. gr. 8. 5 Rthlr. 4 gl. Woͤrterbuch: Gehlers physikalisches Woͤrterbuch, oder Ver- such einer Erklaͤrung des Vornehmsten der Na- turlehre. VI Theile. Leipzig 787 — 96. gr. 8. 15 Rthlr. 16 gl. Journal: Gilberts Anualen der Physik. Halle 8. § 670. 3. Nevrologie und Angiologie . Wenn auch die Kenntniß der letzten Nerven- und Gefaͤßzweige nichts zu einer gluͤcklichen Praxis des eigentlichen Arztes beytragen kann, so muß er sich dieselbe doch verschaffen, um den menschlichen Koͤrper nach allen seinen Theilen vollstaͤndig zu kennen, zumal da in der Folge der Zeit diese Kenntniß durch den Fehler des Gedaͤchtnisses immer sehr reducirt wird. Der Chirurg dedarf dieser Lehren unmittelbarer, weil er ohne ihre Kenntniß nie mit Sicherheit Operationen vornehmen kann. § 671. Literatur der Angiologie. 1. Blutgefaͤßlehre. Hand- Bildung des Arztes. Handbuch: Mayers anatomische Beschreibung der Blutge- faͤße des menschlichen Koͤrpers. Mit Kupf. Berlin 787. gr. 8. 2 Rthlr. 12 gl. 2. Saugaderlehre: Hauptwerk: Cruykshanks und Mascagnis Beschrei- bung der einsaugenden Gefaͤße des menschlichen Koͤrpers; uͤbersetzt v. Ludwig . III Theile mit Kupf. Leipz. 788 — 94. gr. 4. 7 Rthlr. 12 gl. Zur Nevrologie. Handbuch: Haasii cerebri neruorumque corporis humani anatome. c. Fig. Lips. 781. gr. 8. 14 gl. § 672. 4. Myologie und Splanchnologie , wozu ge- woͤhnlich auch die Adenologie und die Lehre von den aͤus- sern Theilen des menschlichen Koͤrpers gerechnet wird. Die Splanchnologie ist fuͤr jeden Arzt die wichtigste Lehre, indem sie den Grund der gesammten Physiologie in sich enthaͤlt, und sie muß daher in ihrem genansten Detail mit moͤglich- stem Fleiße studirt werden. Auch muß man die uͤbrigen Zweige der Anatomie in Bezug auf sie, erlernen, weil sie ohne dieselben nicht gehoͤrig verstanden werden kann. § 673. Literatur der Myologie. Handbuch: Walthers myologisches Handbuch. Neue Aufl. Berlin 795. 8. 12 gl. O 2 Haupt- Dritter Theil. Hauptwerk: Albini historia musculorum hominis. c. Fig. Fran- cof. 784. gr. 8. 3 Rthlr. Handbuch der Splanchnologie: Vetter’s anatomische Grundbegriffe der Einge- weyde des Menschen. 788. 8. 20 gl. § 674. Diese Kenntniß von dem Baue des menschlichen Koͤr- pers erwirbt man sich vollstaͤndig nur durch eigenes Sehn. Man bedient sich hierzu 1) der Demonstration an Leichna- men, 2) an kuͤnstlich aufbewahrten Theilen des menschlichen Kuͤrpers, 3) an kuͤnstlich bereiteten und der Struktur des menschlichen Koͤrpers nachgeahmten Stuͤcken, 4) an Abbil- dungen. § 675. Die Demonstration an frischen Leichnamen ist das beste Huͤlfsmittel, weil sie die Theile des Koͤrpers unveraͤndert und in allen ihren natuͤrlichen Verbindungen zeigt, so daß vorzuͤglich der kuͤnftige Chirurg hier seine vorzuͤglichste Vor- bereitung findet. Daher ist ein gut eingerichtetes anatomi- sches Theater uneutbehrlich, welches bey einer gehoͤrigen Menge von Leichnamen, licht, geraͤumig, trocken, und dem Zugange frischer Luft fuͤr immer offen ist. § 676. Da theils nicht immer die noͤthigen Leichname vorhan- den sind, theils gewisse Theile des Koͤrpers eine besondere Zubereitung erfordern, wenn man ihre Structur genau er- kennen will, so werden sie nach den Regeln der Zergliede- rungskunst aus ihrem natuͤrlichen Zusammenhange getrennt, zube- Bildung des Arztes. zubereitet und aufbewahrt, und dies giebt denn die anato- mischen Praͤparatensammlungen, welche ebenfalls ein wesent- liches Erforderniß zum Studium der Anatomie abgeben. § 677. Da aber die Theile des menschlichen Koͤrpers durch diese Zubereitung viel von ihrer natuͤrlichen Beschaffenheit, (Groͤße, Gestalt, Farbe ꝛc.) verlieren, und oft so verstellt werden, daß man sie kaum wieder erkennt, auch mit der Laͤnge der Zeit leicht verderben, so bildet man sie durch die Kunst aus verschiedenen Massen nach. Man gewinnt dadurch den Vortheil, daß man zu jeder Zeit die Theile des menschlichen Koͤrpers in ihrer natuͤrlichen Gestalt betrachten kann; und ist der Kuͤnstler der Natur ganz getreu geblieben, so kann der Arzt sich sehr gute anatomische Kenntnisse dadurch erwer- ben, wenn er nur sodann auch die Natur in den Leichnamen selbst, mit der Kunst vergleichen kann. Am vorzuͤglichsten sind die Wachspraͤpate Florentinischer Kuͤnst- ler, deren eine kostbare Sammlung auf der Josephsakademie in Wien befindlich ist. § 678. Abbildungen sind nur dann nuͤtzlich, wenn man wenig- stens die vorzuͤglichsten Theile an den Leichnamen oder an instruetiven Praͤparaten schon gesehen hat, und nun den Verlauf der einzelnen Gefaͤße, Nerven, Muskeln, studiren will. O 3 Vier- Drittter Theil. Viertes Halbjahr . 1. Anthropochemie (viertaͤgig), 2. Physiologie (sechstaͤgig), 3. Psychologie (viertaͤgig), 4. Anthropologie (zweytaͤgig). § 679. Das vierte Halbjahr ist bestimmt, die Kenntniß des Menschen im Allgemeinen, und des Gesunden insonderheit zu vollenden, welches durch die Untersuchung seiner Kraͤfte, und der Gesetze ihrer Aeusserungen geschieht. § 680. 1. Die Anthropochemie vollendet die historische Kenntniß des menschlichen Koͤrpers; sie setzt Kenntnisse theils der Anatomie, theils der Chemie voraus. Sie untersucht be- sonders auch die Saͤfte, und da man ehedem alle Lebenser- scheinungen als abhaͤngig von dem Zustande der Saͤfte dar- stellte, so wird sie bis jetzt gewoͤhnlich in Verbindung mit der Physiologie vorgetragen, wo sie denn eigentlich ihre Stelle nicht mit Recht findet. § 681. Literatur. Handbuch: Juchs Ideen zu einer Zoochemie. I Th. Erfurt 1800. gr. 8. 1 Rthlr. § 682. 2. Physiologie . Nachdem man mit der gesammten Natur, ihrer Form (§ 636, 641, 651), ihrer Mischung (§ 662), und ihren Wuͤrkungsgesetzen (§ 668), so wie auch mit der Form (§ 654, 657, 670, 672) des menschli- chen Koͤrpers bekannt worden ist, so kann man nun zum Stu- dium Bildung des Arztes. dium des menschlichen Lebens, als einer sinnlichen Erschei- nung, seines Grundes, seiner Verhaͤltnisse ꝛc. uͤbergehen, und zwar mit der Erinnerung, daß die Physiologie die Grund- lage der ganzen Heilkunst abgiebt, und daß nur der ein gu- ter Arzt wird, welcher gruͤndliche physiologische Kenntnisse besitzt. § 683. Literatur. Handbuch: Hildebrands Lehrbuch der Physiologie. 2te verbesserte Auflage. Erlangen 799. 8. 1 Rthlr. 4 gl. Hauptwerk: Halleri elementa physiologiae corporis humani. Lausannae 757—66. VIII Tomi 4. 32 Rthlr. Journal: Reils Archiv fuͤr die Physiologie. Halle gr. 8. § 684. 3. Psychologie . Nur wenn man mit den koͤrperli- chen Erscheinungen des Menschen gehoͤrig bekannt ist, kann man die hoͤhern Kraͤfte des Menschen kennen lernen, deren Wuͤrkungen sich durch den innern Sinn offenbaren. Mit Unrecht wird diese Wissenschaft fuͤr ein Eigenthum der Phi- losophen angesehen (vergl. § 256, und 582); nutzbar ist es fuͤr den kuͤnftigen Arzt, wenn sie ihm auch von einem Arzte vorgetragen wird. § 685. Literatur. Handbuch: Abels Einleitung in die Seelenlehre. Stuttgard 786. gr. 8. 1 Rthlr. 8 gl. O 4 Jour- Dritter Theil. Journal: Maucharts allgemeines Repertorium fuͤr em- pirische Psychologie. Nuͤrnberg. 8. § 686. 4. Anthropologie . Der Vortrag dieser Wissen- schaft muß ebenfalls von einem Arzte, und ausschließlich fuͤr Aerzte bestimmt seyn, weil sonst der Gegenstand nur ober- flaͤchlich behandelt werden kann. § 687. Literatur. Handbuch: Iths Versuch einer Anthropologie, oder Philoso- phie des Menschen, nach seinen koͤrperlichen An- lagen. Bern 794—95. 2 Thle. gr. 8. 2 Rthlr. 10 gl. Fuͤnftes Halbjahr . 1. Allgemeine Pathologie (sechstaͤgig), 2. Pharmacie (zwey- taͤgig), 3. Diaͤtetik (zweytaͤgig), 4. Anatomisches Praͤ- pariren (sechstaͤgig). § 688. In diesem Halbjahr geschieht der Uebergang zu den praktischen Wissenschaften. Man lernt die Erscheinungen und Wuͤrkungsgesetze der menschlichen Natur im kranken Zu- stande kennen, und dabey, die Kunst, Arzneyen zu berei- ten, die Gesundheit zu erhalten, und den menschlichen Koͤr- per zu zergliedern. § 689. Bildung des Arztes. § 689. 1. Die allgemeine Pathologie stuͤtzt sich auf die Phy- stologie, und ist die wichtigste Wissenschaft in der Heilkunst, um welche sich die andern Alle, als um ihren Mittelpunct bewegen. Nothwendig muß man sie also in demselben Geiste studiren, als die Physiologie; am Besten ist es, beyde Wissenschaften unter Anleitung desselben Lehrers zu erlernen. § 690. Literatur. Handbuch der Pathogenie: Roͤschlaubs Untersuchung uͤber Pathogenie, oder Einleitung in die medicinische Theorie. 2te Auflage. III Theile. Frankf. 1800. gr. 8. 6 Rthlr. Hufelands Pathologie. Erster Theil. Patho- genie. Jena. 1800 1 thl. 12 gr. Handbuch der Aetiologie, Symptomatologie und Nosologie: Sprengels Handbuch der Pathologie. Leipz. 795—97. III. Th. gr. 8. 5 thl. 6 gr. § 691. 2. Pharmacie . Durch Naturgeschichte und Chemie ist man in den Stand gesetzt worden, diese Kunst zu erler- nen, und man sieht ihre Kenntnisse gegenwaͤrtig als bloßen Stoff an, welcher in der Folge (bey dem Studium der Heil- mittellehre) eine hoͤhere Bearbeitung erhaͤlt. — Da es hier auch viel auf Avtopsie ankoͤmmt: so ist es sehr nuͤtzlich, wenn man oft in Officinen ist, und daselbst die wichtigsten Bereitungen sieht. O 5 § 692. Dritter Theil. § 692. Litteratur. Handbuch: Hermbstaͤdts Grundriß der Exprrimentalphar- macie. Berlin, 792—93. II Baͤnde. gr. 8. 2 thl. 4 gr. Waarenkunde: Tromsdorfs Handbuch der Waarenkunde. II Theile. Erfurt, 798—99. 8. 4 Rthlr. Dispensatorium : Reuss dispensatorium universale, ad tempora nostra accomodatum et ad formam lexici che- mico-pharmacevtici redactum. Argentorati, 791. II tom. gr. 8. 4 thl. Journal: Tromsdorfs Journal der Pharmacie. § 693. 3. Diaͤtetik . Da man in der Physiologie mit dem Wesen und den Erscheinungen der Gesundheit bekannt ge- macht worden ist: so ist man dadurch vorbereitet zur Einsicht der Grundsaͤtze, nach welchen man die Krankheitsursachen verhuͤten, und nach Verschiedenheit des Zweckes, das Leben entweder verlaͤngern, oder vervollkommnen kann. — Der Arzt bedarf der Diaͤtetik in ihrem Detail auch, um seinem fragelustigen Publikum, wenn auch nicht Rath (denn er wird selten befolgt), doch Antwort zu ertheilen. § 694. Literatur. Handbuch: Reils diaͤtetischer Hausarzt. Aurich, 791 II Bde. gr. 8. 1 thl. 8 gr. Woͤrter- Bildung des Arztes. Woͤrterbuch: Vogels diaͤtetisches Lexikon, oder theoretischer praktischer Unterricht uͤber Nahrungsmittel ꝛc. 1ter Theil. Erfurt, 1800. 8. 1 thl. § 695. 4. Anatomisches Praͤpariren . Die eigene Uebung im Zergliedern des menschlichen Koͤrpers gewaͤhrt den Vortheil, daß man 1) die Lage der Theile uͤber und neben einander, ihre Verbindung ꝛc. so genau kennen lernt, als es durch Betrachtung von Praͤparaten oder von Kupfern nicht moͤglich ist; sie ist daher theils dem Physiologen, theils dem Chirurgen noͤthig; 2) daß man eine Fertigkeit im Zer- gliedern erhaͤlt, welche bey pathologischen und gerichtlichen Sectionen sehr zu Statten koͤmmt; 3) daß der Chirurg da- durch Leichtigkeit und Sicherheit der Hand gewinnt, welche ihn bey jeder Operation unterstuͤtzen muͤssen; 4) daß man dabey auch die krankhaft veraͤnderte Structur des menschli- chen Koͤrpers kennen lernt, Diese viererley Zwecke muß man bey diesen Beschaͤftigungen immer vor Augen haben, und sie mit einander zu verbinden suchen. § 696. Literatur. Handbuch: Fischers Anweisung zur praktischen Zergliede- rungskunst. Mit Kupfern. Leipz. 791—93. II Bde. gr. 8. 2 thl. 16 gr. Handbuch mit pathologischer Ruͤcksicht: Bells Zergliederungen des menschlichen Koͤrpers, zum Behuf der Kenntniß seiner Theile, ihrer Zergliede- Dritter Theil. Zergliederungsmethode, und ihrer krankhaften Veraͤnderung fuͤr praktische Aerzte und Wund- aͤrzte. Aus dem Englischen uͤbers. Mit Kupf. Leipz. 1800. II. Bde. gr. 8. 3 thl. 12 gr. Sechstes Halbjahr . 1. Allgemeine Therapie (vierlaͤgig). 2. Semiotik (zweytaͤgig). 3. Materia Medica (sechstaͤgig). 4. Pathologische Anatomie (viertaͤgig). § 697. Dies Halbjahr ist zum Studium der Heilkraͤfte und ih- rer Anwendung im Allgemeinen bestimmt, verbunden mit Erkenntniß der krankhaft veraͤnderten Structur des mensch- lichen Koͤrpers. § 698. 1. Die allgemeine Therapie macht jetzt das Hauptstudium aus, und sobald ihre Graͤnzen richtig bestimmt und genau beobachtet werden, sobald sie in den gehoͤrigen Zusammenhang mit den uͤbrigen Wissenschaften gesetzt wird, so ist sie sowohl weniger schwierig, als auch weniger weit- laͤufig. § 699. Literatur. Handbuch der allgemeinen medicinischen Therapie: Heckers therapia generalis, oder Handbuch der allgemeinen Heilkunde. Berlin, 789. 1 thl. 8 gr. Handbuch der allgemeinen chirurgischen Therapie: Heckers therapia generalis chirurgica, oder Handbuch der allgemeinen chirurgischen Heil- kunde. Erfurt, 791. gr. 8. 20 gr. § 700. Bildung des Arztes. § 700. 2. Semiotik . Das Studium dieser wichtigen Lehre wird besonders dadurch interessant, daß man seine Aufmerk- samkeit auf den Zusammenhang der Zeichen mit dem Bezeich- neten richtet. § 701. Literatur. Handbuch: Gruners physiologische und pathologische Zei- chenlehre. 2te Ausgabe. Jena, 794. gr. 8. 1 Rthlr. § 702. 3. Heilmittellehre . Kenntnisse der Naturge- schichte, Physik, Physiologie und Psychologie, verbunden mit allgemeinen Begriffen uͤber die Krankheiten, muͤssen dem Studium der Heilmittellehre vorangehen. Von allen Heil- mitteln muß man sich moͤglichst genaue Begriffe zu verschaf- fen suchen, und da oͤftere Ansicht der Arzneykoͤrper hierzu noͤthig ist: so ist sehr nuͤtzlich, wenn man sich eine Samm- lung derselben anlegen kann, und uͤbrigens Gelegenheit hat, chirurgische Instrumente oͤfters zu sehen. Der Prof. Tromsdorf in Erfurt verkauft Praͤparatenkabi- nete fuͤr die Heilmittellehre, aus 400 Praͤparaten bestehend, um 4 Louisd’or. Zu wuͤnschen waͤre, daß die Akademien das Anerbieten des Brucharztes Wolfsohn in Wien benutzten, welcher eine systemgtische Instrumenten- und Bandagensammlung zum Ge- brauche chirurgischer Vorlesungen, bestehend aus 307 Stuͤk- ken, verfertigt. Uebrigens sind bey demselben auch die In- strumente einzeln nach dem deshalb verfertigten Kataloge zu haben. § 703. Dritter Theil. § 703. Literatur der Instrumentenlehre. 1. Fuͤr Chirurgie. Handbuch: Koͤhlers Anleitung zum Verbande und zur Kennt- niß der noͤthigsten Instrumente in der Wundarz- neykunst. Mit Kupf. Leipz. 796. 8. 2 Rthl. Hauptwerk: Siebold . 2. Fuͤr Geburtshuͤlfe. Handbuch: Saxtorph examen armamentarii lucinae. Hafn. 795. 8. 12 gr. Erlangen, 799. gr. Fol. Hauptwerk: Schreger die Werkzeuge der aͤltern und neuern Entbindungskunst. § 704. Litteratur der Arzneymittellehre. Handbuch: Grens Handb. der Pharmakologie. 2 Rthl. 8 gr. Hauptwerk: Murray apparatus medicaminum. Ed. secunda. curante Althof . Gotting. 793 — volum. VI. gr. 8. 7 Rthl. 10 gr. — Pars II. curavit Gme- lin . Gotting. 795—96. II tomi. 8. 2 Rthl. — M. Vorrath von einfachen und gemischten Heil- mitteln. 2te Auflage. Uebersetzt und vermehrt von Althof . Goͤttingen, 792 — VI Baͤnde, 8. 7 thl. 4 gr. Journal: Bildung des Arztes. Journal: Roͤmers Annalen der Arzneymittellehre. Leip- zig. 8. § 705. 4. Pathologische Anatomie . Die Kenntniß der allgemeinen Pathologie muß ihr bey dem synthetischen Vortrage der Wissenschaften vorangehen. Die Huͤlfsmittel dieses Studiums sind dieselben, als die der reinen Anatomie, und pathologische Praͤparatensammlungen sind von beson- drem Werthe. § 706. Literatur. Handbuch: Ludwig primae lineae anatomiae pathologicae, sive de morbosa partium corporis humani fabri- ca. Lips. 785. gr. 8. 8 gr. Hauptwerk: Morgagni de sedibus et causis morborum, per anatomen indagatis. Editio aucta. Ebroduni, 779. III tomi. 4. 9 thl. 16 gr. — M. von dem Sitze und den Ursachen der Krankheiten. Altenburg, 771—76. V Baͤnde, gr. 8. 8 thl. 20 gr. Kupferwerk: Baillie’s series of engravings accompanied with explanations, which are intended to illustrate the morbid anatomy of some of the most im- portant parts of the human body. Fascic. I. Lond. 799. gr. 4. 4 thl. Journal: Heckers Magazin fuͤr pathologische Anatomie und Physiologie. Altona, 8. Sieben- Dritter Theil. Siebentes Halbjahr . 1. Specielle Therapie (sechstaͤgig). 2. specielle Chirurgie (vier- taͤgig). 3. Entbindungskunst (viertaͤgig). 4. Besuchen des Kli- nikums (siebentaͤgig). 5. Formulare (zweytaͤgig). § 707. In diesem Halbjahre wird man nun unmittelbar uͤber die Art, einzelne Krankheiten zu heilen, unterrichtet, und alle vorher erworbenen Kenntnisse finden hier ihre Anwen- dung. § 708. 1. Specielle Therapie . Fuͤr gewoͤhnlich wird die Nosologie mit ihr verbunden, und zu Ersparung der Zeit, so wie zu besserer Vergleichung der einzelnen Krankheiten mit der Heilmethode, ist dies allerdings sehr schicklich. § 709. Literatur. Handbuch: Sellens medicina clinica, oder Handbuch der medicinischen Praxis. 7te Aufl. Berlin, 798. gr. 8. 1 thl. 16 gr. Weitlaͤuftigeres Handbuch: Vogels Handbuch der praktischen Arzneywissen- schaft, zum Gebrauche fuͤr angehende Aerzte. 3te Auflage. Stendal, 789—94. IV Bde. 8. 4 thl. 20 gr. (noch nicht vollendet.) Hauptwerk: Frank de curandis hominum morbis epitome, praelectionibus academicis dicata. Manhem. 792—94. Veomi. 8. 5thl. 12 gr. — F. Grund- saͤtze Bildung des Arztes. saͤtze uͤber die Behandlung der Krankheiten des Menschen. Aus dem Lateinischen. Mannheim, 794—97. V Bde. gr. 8. 3 Rthl. 22 gr. (noch nicht vollendet). Bis zu seiner Vollendung kann man mit Nutzen gebrauchen: Cullens Anfangsgruͤnde der praktischen Arz- neykunst. Dritte Auflage. Leipzig, 1801. IV Baͤnde. gr. 8. 5 Rthlr. Journal: Hufelands neues Journal der praktischen Heil- knnde . Jena, 8. § 710. 2. Specielle Chirurgie wird ebenfalls mit der chirurgischen Nosologie, welche groͤßtentheils aus der patho- logischen Anatomie entlehnt ist, verbunden. § 711. Literatur. Handbuch: Callisens System der neuern Wundarzneykunst, zum oͤffentlichen und Privatgebrauche. Aus dem Lateinischen uͤbersetzt von Kuͤhn . Kopenhagen, 2te Aufl. 799. II Theile, gr. 8. 4 Rthlr. 12 gr. Hauptwerk: Richters Anfangsgruͤnde der Wundarzneykunst. Mit Kupfern. Goͤttingen, 788—98. V Bde. gr. 8. 7 Rthlr. 16 gr. (noch nicht vollendet. Bis zur Vollendung ersetzt seine Stelle) Bells Lehrbegriff der Wundarzneykunst. Aus dem Englischen, mit einigen Zusaͤtzen und An- P merkun- Dritter Theil. merkungen. Mit Kupfern. 790—94. V Bde. gr. 8. 8 thl. 18 gr. Journal: Loders Journal fuͤr die Chirurgie, Geburtshuͤlfe und gerichtliche Arzneykunde. Jena, gr. 8. § 712. 3. Die Entbindungskunst wird wegen ihres ge- ringern Umfanges gewoͤhnlich nicht in so viel Theile getrennt, als die Arzneykunst und Handarzneykunst, obschon sie ei- gentlich dieselben Zweige hat; es werden vielmehr die Pa- thologie, Semiotik, Instrumentenlehre und allgemeine und specielle Therapie der Entbindungen, zusammen vorgetra- gen. § 713. Literatur. Handbuch: Steins theoretische und praktische Anleitung zur Geburtshuͤlfe. 5te Aufl. Kassel, 797. II Bde. gr. 8. 2 thl. 4 gr. Journal: Starks Archiv’ fuͤr die Geburtshuͤlfe, Frauen- zimmer und neugebohrner Kinder Kranheiten. Jena, 8. § 714. 4. Die Besuche der klinischen Anstalt muͤssen jetzt ihren Anfang nehmen, obschon man nur noch den Beobachter ab- giebt. Durch Kenntniß der Pathologie, Semiotik, allge- meinen Therapie und Heilmittellehre ist man schon in den Stand gesetzt, die Hauptsache zu verstehen, und durch ei- gene Beobachtung der Kranken wird das Studium der No- sologie sowohl, als der speciellen Therapie deutlicher, ein- euchtender und interessanter. § 715. Bildung des Arztes. § 715. 5. Das Formulare wird demjenigen sehr leicht, welcher die gehoͤrigen chemischen und pharmacentischen Kennt- nisse sich erworben hat, und mit Huͤlfe eigener Uebung in Zusammensetzung von Formeln kann er sich ohne Schwierig- keiten eine gewisse Fertigkeit in dieser Kunst zu eigen machen. § 716. Literatur. Handbuch: Gruners Anleitung, Arzneyen zu verschreiben. Heidelberg, 790. 8. 10 gr. Taschenwoͤrterbuch: Tromsdorfs chemische Receptirkunst, oder Taschenbuch fuͤr praktische Aerzte, welche bey dem Verordnen der Arzneyen Fehler in chemi- scher und pharmacevtischer Hinsicht vermeiden wollen. Erfurt, 797. 8. 1 thl. Achtes Halbjahr . 1. Uebung im Kliniko (siebentaͤgig). 2. Fortsetzung der speciel- len Therapie (sechstaͤgig, und 3. der speciellen Chirurgie (vier- taͤgig). 4. Literatur der Heilkunst (viertaͤgig). 5. medicinische Polizey (zweytaͤgig). 6. chirurgische Operationen (viertaͤgig). § 717. Das achte Halbjahr ist der Vollendung des Studiums der Heilkunst, und dem Uebergange zur Ausuͤbung derselben, so wie zum Studium ihrer Neben- und Vervollkommungs- wissenschaften gewidmet. P 2 § 718. Dritter Theil. § 718. 1. Eigene Uebung in der klinischen Anstalt ist jetzt das vorzuͤglichste Geschaͤft des studirenden Arztes. Es versteht sich von selbst, daß er nur solche Patienten behandelt, deren Krankheit schon in den klinischen Vorlesungen abgehandelt worden ist. § 719. 4. Literatur der Heilkunst . Nothwendig muß zu dieser Kenntniß schon auf Universitaͤten hinlaͤnglicher Grund gelegt werden, auf welchen man sodann als Prakti- ker weiter bauen kann. Die Vernachlaͤssigung derselben raͤ- chet sich anhaltend und sicher. § 720. Literatur. Handbuch: Boerhaavc methodus studii medici. Ed. Hal- ler . Francof. 751. 4. 5 thl. Hauptwerk: Halleri bibliotheca medico-practica. Ebroduni 776—87. IV tom. gr. 4. 13 thl. — — chirurgica. Ebroduni 774—75. II tom. gr. 4. 6 thl. 8 gr. Journal: Hartenkeils medicinisch-chirurgische Zeitung. Salzburg, 8. (woͤchentlich erscheinen 2 Bogen). §. 721. 5. Die medicinische Polizey setzt Kenntnisse der Physiologie, Pathologie und speciellen Therapie voraus, und kann deshalb auch hier erst ihre Stelle finden. § 722. Bildung des Arztes. § 722. Literatur. Handbuch: Hebenstreits Lehrsaͤtze der medicinischen Poli- zeywissenschaft. Leipz. 791. gr. 8. 20 gr. Hauptwerk: Franks System einer vollstaͤndigen medicinischen Polizey. Mannheim, 784—88. IV Bde. gr. 8. 8 thl. 4 gr. Journal: Formeys medicinische Ephemeriden von Berlin. Berlin, 8. (erscheint zu unbestimmten Zeiten.) § 723. 6. Uebung in chirurgischen Operationen an Leichnamen ist jetzt die noͤthigste und nuͤtzlichste Beschaͤftigung des Chi- rurgen. Aber auch fuͤr den Arzt ist sie nicht ohne Vortheil, theils weil er bey Operationen gegenwaͤrtig seyn, und oft den Chirurgus leiten muß, theils weil er zuweilen in Abwe- senheit eines Chirurgen dringende Operationen selbst unter- nehmen muß. Neuntes Halbjahr 1. Uebung im Kliniko (siebentaͤgig). 2. Geschichte der Heilkunst (sechstaͤgig). 3. gerichtliche Arzneywissenschaft (zweytaͤgig). § 724. In dem neunten Halbjahre erwirbt man sich ferner die Kunst, Kraukheiten zu erkennen und zu heilen, und studirt noch die uͤbrigen Neben- und Vervollkommungswissenschaf- ten. P 3 § 725. Dritter Theil. § 725. 2. Geschichte der Heilkunst . Zu diesem Stu- dium ist man erst jetzt reif, da man das ganze Gebiet der Heilkunst uͤbersieht. § 726. Literatur. Handbuch: Knebels Versuch einer chronologischen Uebersicht der Literairgeschichte der Arzneywissenschaft. Breslau, 799. gr. 8. 1 Rthl. 8 gr. Hauptwerk: Sprengels Versuch einer pragmatischen Ge- schichte der Arzneykunde. 1ter und 2ter Theil, neue Aufl. Halle, 1800. 3ter und 4ter Theil. Halle, 1794—99. gr. 8. 7 Rthlr. Journal: Sprengels Beytraͤge zur Geschichte der Me- dicin. Halle, 8. § 727. 3. Die gerichtliche Arzneywissenschaft setzt ebenfalls das Studium der Anatomie, Physiologie, Patho- logie, Therapie, Chirurgie und Entbindungskunst voraus. Sehr vortheilhaft sind Uebungen in Verfertigung von Ob- ductionen ꝛc. § 728. Literatur. Handbuch: Metzgers System der gerichtlichen Arzueywissen- schaft. Koͤnigsb. 793. 8. 1 Rthl. 6 gr. Journal: Formeys medicinische Ephemeriden von Berlin. Fuͤnfte Bildung des Arztes. Fuͤnfte Abtheilung. Praktische Bildung des Arztes . § 729. Durch das Studium aller dieser Wissenschaften hat man nur einen Theil der Bedingungen erfuͤllt, welche zu Ausuͤbung der Heilkunst erfordert werden, aber die Kunst selbst hat man sich dadurch noch nicht eigen gemacht. Denn bald kann man dem Gedaͤchtnisse etwas eingepraͤgt, bald aus Vernunftbegriffen gebildet haben, ohne davon in einzeln vor- kommenden Faͤllen den gehoͤrigen Gebrauch machen zu koͤn- nen. Man kann das Abstracte inne haben, ohne es im Con- ereto wieder finden zu koͤnnen. Cappel uͤber den Werth der Theorie und der eigenen Erfah- rung in Beziehung auf die Ausuͤbung der Heilkunde. Goͤt- tiugen, 798. 8. § 730. Derjenige verdient, wie wir schon gezeigt haben, den Namen eines Arztes nicht, welcher dem Gedaͤchtnisse den ersten Rang unter seinen Seelenkraͤften einraͤumt. Sein Blick gleitet an der Oberflaͤche der Dinge dahin, und daher sieht er uͤberall eine vollkommene Analogie; er schließt von Analogie der Krankheit auf Analogie der Heilmethode, kann also nur gerade die Mittel auf dieselbe Art anwenden, wie sie ehemals angewendet worden sind, und seine Kunst schraͤnkt sich auf eine Anzahl Recepte ein, welche die Routine mit Probatum! unterzeichnet hat. Er ist eine bloße Receptir- maschine, deren Feder das Gedaͤchtniß ist. Wuͤrkliche Erfah- rung zu erwerben ist er unvermoͤgend. P 4 § 731. Dritter Theil. § 731. Der Arzt hingegen faßt das Einzelne und Eigenthuͤm- liche eines jeden Krankheitsfalles auf, setzt daraus in seiner Idee ein Ganzes zusammen, vergleicht dieses sowohl, als die einzelnen Theile mit dem, was die Erfahrung in andern Faͤllen gelehrt hat, und setzt darnach eine, den individuellen Bestimmungen des Kranken angemessene Heilmethode fest, welche er in ihrem ganzen Umfange verfolgt. § 732. Die praktische Bildung besteht also darin, daß man die Routine fliehen, und die eigentliche Kunst sich erwerben lernt. Man bezweckt hier also, 1) die Kunst zu beobachten, 2) die Kunst, Erfahrungen zu machen, 3) Fertigkeit im Handeln, 4) Erwerbung einer Theorie. Stahl de isagoge practica. Hal. 711. 4. Kannegiesser de praecipuis cautelis praxin adeunti atten- dendis. Kilon. 733. 4. § 733. I. Die Beobachtung ist die aufmerksame Anschauung einer bestimmten Reihe von durch Zeit oder Raum getrenn- ten Gegenstaͤnden, vermittelst unserer innern und aͤußern Sinne, wodurch man von denselben, als von Erscheinun- gen, vollstaͤndige und deutliche Begriffe erlangt *). Sennebier die Kunst zu beobachten. Uebersetzt von Gme- lin . Leipz. 776. 8. § 734. Die medicinische Beobachtung besteht also in der An- schauung des kranken Individuums, nach saͤmmtlichen Er- scheinungen seines koͤrperlichen und geistigen Wesens, und ihres Bildung des Arztes. ihres Zusammenhanges unter einander sowohl, als mit den vorhergegangenen und gegenwaͤrtigen Bestimmungen dessel- ben, wodurch man eine vollstaͤndige Kenntniß der Krankheit erlangt *). Die gesammte Heilkunst beruht zuvoͤrderst auf Beobachtung, und man sieht deshalb den Werth und die Nothwendigkeit der Beobachtungskunst ein. Salzmann de ratione observandi medica. Argentorati 720. 4. Sims uͤber die beste Methode, medicinische Untersuchungen anzustellen. Hamburg 775. 8. Udens Briefe uͤber Beobachtungen aus der praktischen Arz- neywissenschaft. Stendal 779. 8. Bertrand ars medendi tota in observationibus. Paris 739. 4. § 735. Einen Theil dieser Forderungen erfuͤllt man durch die muͤndliche Untersuchung des Kranken, oder durch das ei- gentlich sogenannte Krankenexamen. Im weitern Sinne umfaßt dieses Wort die ganze Beobachtung, welche die Thaͤ- tigkeit aller Sinne des Arztes zu Untersuchung des Kranken voraus setzt *). Vogels Krankenexamen. Stendal 796. 8. 21 gr. § 736. Zu dieser Beobachtungskunst gehoͤren nun folgende we- sentliche Erfordernisse: 1) vorlaͤufige Kenntniß der im gesun- den und kranken Zustande an dem Menschen sich aͤußernden Erscheinungen, zur Richtschnur der Beobachtung und zur Vergleichung des einzelnen Falles mit andern, mehr oder weniger aͤhnlichen. § 737. 2) Schaͤrfe der Sinne, um alle Erscheinungen auffas- sen, und Feinheit der Sinne, um sie nach allen ihren Merk- mahlen unterscheiden zu koͤnnen. P 5 § 738. Dritter Theil. § 738. 3) Freyheit von irgend einer Voraussetzung, oder ir- gend einem Vorurtheile, fester Wille, nicht mehr und nicht weniger zu finden, als die Natur zeigen wird. § 739. 4) Angestrengte und ungestoͤrte Aufmerksamkeit auf den Kranken, auf alle seine Aeußerungen, seine gegenwaͤrtigen und vorhergegangenen Verhaͤltnisse. § 740. 5) Man muß langsam und bedaͤchtig bey der Beobach- tung zu Werke gehen; von allen Schwierigkeiten derselben uͤberzeugt seyn, und sie zu bekaͤmpfen wissen; so lange an der Beobachtung zweifeln, bis sie von allen Seiten und auf verschiedenen Wegen zur Gewißheit erhoben ist, dabey me- thodisch verfahren, um nicht den Faden der Untersuchung zu verlieren, keinen Umstand fuͤr zu geringfuͤgig ansehen *), aber das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden, die einzelnen Umstaͤnde bis in ihr innerstes Detail verfol- gen, und sich dann erst ein allgemeines Bild von dem Ganzen entwerfen. Plaz progr. II de minutiis non semper a medico post- habendis. Lips. 773 — 74. 4. § 741. Die Beobachtungskunst erwirbt man sich nun dadurch, 1) daß man diese Erfordernisse kennt, zu erfuͤllen sucht, und mit bestaͤndiger Hinsicht auf dieselben am Krankenbette sich uͤbt. § 742. Bildung des Arztes. § 742. 2) Durch das Beyspiel großer Aerzte, welche man ent- weder selbst an Kranken Beobachtungen anstellen sieht, oder deren Werke man studirt. § 743. II. Erfahrung ist die Gewißheit, daß zwischen gleich- zeitigen oder einander folgenden Erscheinungen ein bestimm- tes Caussalverhaͤltniß Statt findet, zu welcher man durch Vergleichung und Analyse der Beobachtungen auf dem We- ge der Analogie und Induction gelangt. § 744. Die medicinische Erfahrung besteht in der Gewißheit, daß zwischen den verschiedenen Krankheitserscheinungen un- ter einander sowohl, als gegen gewisse aͤußere Bestimmun- gen, und zwischen der Genesung und der Anwendung von Heilmitteln ein bestimmtes Caussalverhaͤltniß Statt finde. Sie macht also den eigentlichen Inhalt der Heilkunst aus, und liefert die ganze Theorie derselben. Zimmermann von der Erfahrung in der Arzneykunst. Zuͤ- rich 763—64. II Bde. gr. 8. 1 Rthlr. 6 gr. § 745. Die Erfordernisse, um Erfahrungen zu machen, sind 1) vorlaͤufige Kenntniß der Krankheitserscheinungen, und der durch fremde Erfahrung ausgemittelten Kraͤfte zu Hei- lung derselben. § 746. 2) Richtige und genau angestellte Beobachtungen, nach den angegebenen Grundsaͤtzen, als Stoff der Erfahrung. § 747. Dritter Theil. § 747. 3. Ein ruhiger philosophischer Geist, welcher sich vor allen Uebereilungen huͤtet, und nach den aus seinem Wesen entwickelten Gesetzen unsers Erkenntnißvermoͤgens den rech- ten Weg zu Entdeckung der Wahrheit einschlaͤgt. Caccia medicinische Vernunftlehre. Aus dem Italienischen uͤbersetzt von Weber . Heilbronn 796. 8. § 748. Die Kunst, Erfahrungen zu machen, erwirbt man sich 1) durch eigenes Bestreben, jene Erfordernisse zu erfuͤllen, Studium der Philosophie und der medicinischen Wissenschaf- ten, und durch Uebungen am Krankenbette, mit bestaͤndi- ger Ruͤcksicht auf jene Gesetze (§ 757). § 749. 2) Durch Benutzung des Beyspiels großer Aerzte, am Krankenbette sowohl als in ihren Werken. § 750. III. Fertigkeit in Ausuͤbung der Heilkunst besteht darinne, daß man ein gehoͤrig begruͤndetes Urtheil uͤber den gegenwaͤrtigen Krankheitsfall behend zu faͤllen, und dasselbe durch zweckmaͤßige Mittel auf die schicklichste und schnellste Art zu realisiren wisse *). Vogels praktische Lehren und Regeln fuͤr angehende Aerzte. (In seinem Handbuch der praktischen Arzneywissenschaft. III. Bd. S. 457 fgg. IV. Bd. S. 453 fgg.) § 751. Die Fertigkeit in Beurtheilung der Krankheiten, be- ruht auf hinreichender Kenntniß derselben, auf Schnelligkeit und Bildung des Arztes. und Richtigkeit der Beobachtung, auf Uebung im Urtheilen uͤberhaupt, und uͤber Krankheitsfaͤlle insonderheit. § 752. Die Fertigkeit in Heilung der Krankheiten beruht auf der Geschicklichkeit in ihrer Beurtheilung, verbunden mit Be- hendigkeit des Erinnerungsvermoͤgens, welches die Erfah- rungen uͤber aͤhnliche Faͤlle liefert, und mit dem Vermoͤgen der Urtheilskraft, das richtige Verhaͤltniß der Heilmittel zu dem Krankheitsfalle schnell zu treffen. § 753. Hierzu koͤmmt noch bey Heilung innerer Krankheiten, die Uebung, die pharmaceutischen und chemischen Grund- saͤtze zu Abfassung von Formeln, und die diaͤtetischen zu An- ordnung der Lebensweise des Kranken anzuwenden. § 754. Zur Fertigkeit der Heilung aͤußerer Krankheiten gehoͤrt noch die Geschicklichkeit, chirurgische Operationen an dem menschlichen Koͤrper vorzunehmen. § 755. Diese Fertigkeit erwirbt man sich also 1) durch eigne Uebung fuͤr sich, z. B. durch Beurtheilung der Krankheits- faͤlle, welche von Aerzten aufgezeichnet (§ 751, 752) sind, durch Abfassung von Formeln zu einem bestimmt gedachten Zwecke (§ 753), durch Operationen an Leichnamen oder an Menschen aͤhnlichen Koͤrpern (Phantomen, Puppen) (§ 754); — 2) durch Uebung am Krankenbette; 3) durch Beobachtung großer Aerzte, an dem Krankenbette und in ihren Werken. § 756. Dritter Theil. § 756. IV. Theorie . Ohne Theorie kann die Heilkunst gar keine Anspruͤche auf eine gewisse Vollstaͤndigkeit machen; in dieser Ueberzeugung oder in der dunklen Ahndung hiervon, hat Jeder, auch der groͤbste Empiriker, wenigstens den Schat- ten einer Theorie. Unser Bestreben muß also darauf gerich- tet seyn, uns eine moͤglichst vollkommene Theorie zu ver- schaffen. § 757. Diesen Zweck sucht nun der Arzt 1) dadurch zu errei- chen, daß er die vorhandnen Systeme der Heilkunst nach dem Zusammenhange ihrer Grundsaͤtze unter einander, und mit den allgemein bekannten Thatsachen und Erscheinungen in der Natur, und nach der Uebereinstimmung derselben mit den Gesetzen unsers Erkenntnißvermoͤgens pruͤft. § 758. Er studirt also zuerst die Systeme, welche ihm zunaͤchst liegen (eines Reil, Darwin, Brown, Cullen) und geht dann zu denen der Vorzeit zuruͤck (eines Hofmann, Stahl, Boerhaave, Sylvius ꝛc.) Cullen uͤber die Art und Weise, die praktische Arzneykunst zu erlernen (als Anhang zum 4ten Bande seiner Anfangsgruͤnde der praktischen Arzneykunst. S. 533). § 759. 2) Sodann muß er durch Beobachtung der Natur selbst am Krankenbette untersuchen, welches von diesen Systemen die meiste Wahrheit enthaͤlt (denn in einzelnen Ruͤcksichten sind sie alle wahr), welches die Erscheinungen der Natur am leichresten, gruͤndlichsten und befriedigendsten erklaͤrt. § 760. Bildung des Arztes. § 760. Man sieht also, daß die (§ 732) angegebenen vier Zwecke durch gleiche Mittel erreicht werden, denn sie sind 1) Studium medicinischer Werke, 2) Beobachtung großer Aerz- te bey Ausuͤbung ihrer Kunst, 3) eigne Uebung. § 761. 1) Das Studium der medicinischen Werke ist ein hoͤchst nothwendiges Huͤlfsmittel, um etwas in der Heilkunst zu leisten, weil man dadurch mit den Erfahrungen bekannt gemacht wird, welche die Aerzte seit vielen Jahr- hunderten angestellt haben. Und obschon es ungereimt und von den verderblichsten Folgen fuͤr die Kunst ist, die Werke der alten Aerzte Quellen der Heilkunst zu nennen, so enthalten sie doch, so wie die der spaͤtern Schriftsteller, einen Schatz von Kenntnissen und Beobachtungen, wodurch die Bearbei- tung der Heilkunst unsrem Zeitalter um ein Betraͤchtliches erleichtert wird. § 762. Aber man huͤte sich vor der Lectuͤre der Werke, deren Verfasser aus Mangel an Genie, oder an Kenntnissen nur oberflaͤchlich beurtheilt haben. Diese Oberflaͤchlichkeit und Seichtigkeit geht leicht in den Leser selbst uͤber, und diese Lek- tuͤre stiftet dadurch den groͤßten Nachtheil, wenigstens ist sie immer Zeitverschwendung. § 763. Ferner darf der angehende Arzt die Werke derjenigen nicht lesen, welche tiefer und gruͤndlicher zu beobachten meynten, aber aus Vorurtheilen falsche Erfahrungen mach- ten, und ihrer Theorie zu vielen Einfluß (einigen Einfluß finden wir uͤberall) auf ihre Ansicht der Krankheiten gestat- ten Dritter Theil. ten. Da nun bis jetzt noch kein vollendetes System der Heilkunst erschienen ist, so gehoͤren hierher diejenigen Aerzte, welche zu irgend einem Systeme geschworen haben; und man lese also anfaͤnglich die Schriften derer nicht, welche einer Theorie unbedingt huldigen (der Sectirer). § 764. Endlich giebt es auch manche Beobachtungen, welche die Aerzte erdichtet haben, um mit ihrer Geschicklichkeit zu prahlen, oder um irgend einer Meinung Glauben zu ver- schaffen, oder um Buͤcher voll zu schreiben, oder aus andern niedrigen Absichten. § 765. Die Lectuͤre des angehenden Arztes muß daher auf das sorgfaͤltigste ausgewaͤhlt seyn, und darf nur in den Werken der Klassiker unter den Aerzten bestehen, mit welchen man so fruͤhzeitig als moͤglich, bekannt werden muß. Gruner de observationum medicorum studio rite dirigendo. Jen. 797. § 766. Uebrigens lese man Aerzte von verschiedeneu Systemen aus verschiedenen Zeitaltern, und von verschiedenen Natio- nen. Dadurch beugt man aller Einseitigung vor, gewinnt Achtung fuͤr das Neue sowohl, als fuͤr das Alte, und erhaͤlt sich die Freyheit des Geistes, ohne welche man nie die Wahr- heit findet. Plaz progr. priscam et recentiorcm medicinam commen- dans. Lips. 783. 4. § 777. Fuͤr die Arzneykunst duͤrfen folgende Beobachter vor- zuͤglich empfohlen werden: Hip - Bildung des Arztes. Hippocratis opera omnia. Ed. Haller. Lausannae 784. IV Tom. gr. 8. 4 Rthlr. 16 gl. Sprengels Apo- logie des Hippocrates und seiner Grundsaͤtze. Leipz. 789 — 92. II Bd. gr. 8. 2 Rthlr. (Noch giebt es keine brauch- bare teutsche Uebersetzung seiner ganzen Werke). Celsi de medicina libri VIII. ed. Krause . Lips. 766. 8. 2 Rthlr. Fernelii universa medicina. Cum notis Heurnii . Ultraiecti. 656. 4. Schenk de Graffenberg observationum me- dicarum lib. VII. Francof. 600. 8. Tulpii observationum lib. IV. Lugd. Bat. 672. 8. Foresti observationes et curationes medicinales. Francofurti 602. fol. Plateri observationum libri III. Basil 614. 8. Pisonis selectiores observationes et consilia de mor- bis a colluvie serosa. Lugd. Bat. 650. 8. Lommii medicinalium observationum libri III, Ant- verp. 560. 8. Sydenhami opera omnia medica. Genevae 723. II Tom. 4. 2 Rthlr. 16 gl. (Noch fehlt es an einer les- baren Uebersetzung). van Swieten constitutiones epidemicae et morbi potissimum Lugduni Batavorum observati. Ed Stoll . Vienn. 782. II Tom. gr. 8. 2 Rthlr. — van S. Epidemien und Krankengeschichten, herausg. von Weber . Leipzig 785. II Bd. gr. 8. 2 Rthlr. 16 gl. Baglivii opera omnia medico-practica et anato- mica. Norimb. 738. 4. 1 Rthlr. 8 gl. Boerhaave consultationes medicae. Gotting. 772. 8. 10 gl. Q De Dritter Theil. de Haen ratio medendi in nosocomio practico. Vienn. 758 — 73. XV Tom. gr. 8. 10 Rthlr. 5 gl. Con- tinuat. 773 — 79. III Tomi. 4 Rthlr. 8 gl. — d. H. Hei- lungsmethode, aus dessen groͤßern Werken gezogen, von Platner . Leipz. 779 — 85. IX Bde. gr. 8. 11 Rthlr. 12 gl. Wepfer observationes medico-practicae, de affecti- bus capitis internis et externis. Tiguri 745. 4. 2 Rthlr. — W. Beobachtungen von den innern und aͤußern Krankheiten des Kopfs. Mit Anmerkungen von Weiz . Leipz. 786. gr. 8. 1 Rthlr. 16 gl. Werlhofii opera medica. Collegit, auxit Wich- mann. Hannov. 775—76. III Tom. 4. 3 Rthlr. Fr. Hofmanns medicina consultatoria. Halle 721 — 37. XII Bde. 4. 6 Rthlr. Mead monita et praecepta medica. Lips. 759. 8. 4 gl. — M. medicinische Erinnerungen und Lehren. Frkft. 759. 8. 12 gl. — M. opera medica. Gotting. 748. II Tom. 4. 1 Rthlr. 10 gl. Morton opera medica. Genev. 727. II Tom. 4. 2 Rthlr. 8 gl. Quarin de curandis febribus et inflammationibus. Vienn. 781. 8. 1 Rthlr. — Q. Heilmethode der Fieber. Kopenh. 777. 8. 6 gl. Cleghorns Beobachtungen uͤber die epidemischen Krankheiten, die in den Jahren 1744 — 49 in Minorka ge- herrscht haben. A. d. Engl. Gotha 776. 8. 16 gl. Grants Beobachtungen uͤber die Natur und Hei- lung der Fieber. A. d. Englischen. Leipz. 791. II Th. gr. 8. 2 Rthlr. 12 gl. — G. Beobachtungen uͤber die chronischen Krankheiten. A. d. Engl. Leipz. 784. gr. 8. 16 gl. Medikus Sammlung von Beobachtungen aus der Arzneywissenschaft. Zuͤrich 776. 8. 1 Rthlr. 4 gl. — Ge- schich- Bildung des Arztes. schichte Periode haltender Krankheiten. Frankfurt 794. 8. 1 Rthlr. Stoll ratio medendi in nosocomio practico Vindo- bonensi. Vienn. 90 — 94. VII Tom. gr. 8. 7 Rthlr. 15 gl. — S. Heilungsmethode in dem praktischen Krankenhause zu Wien. Uebers. v. Faber . Breslau 783 — 91. IV Bde. gr. 8. 5 Rthlr. 4 gl. ( May ) Stolpertus, ein junger Arzt am Krankenbette. Manuheim 777 — 11 8. (18 gl.) Sarcone Geschichte der Krankheiten in Neapel. Zuͤ- rich 771 — 72. III Bde. gr. 8. 1 Rthlr. 12 gl. Huxhami opera physico-medica. Curante Rei- chel . Lips. 764. III Tom. gr. 8. 2 Rthlr. 4 gl. Whytts saͤmmtliche zur praktischen Arzneykunst gehoͤ- rige Schriften. A. d. Engl. Leipz. 771. gr. 8. 1 Rthlr. 12 gl. Wichmanns Ideen zur Diagnostik. Hannover 794 — 97. II Bde. gr. 8. 1 Rthlr. 10 gl. Rahn adversaria medico-practica. Tiguri 779. gr. 8. 1 Rthlr. 4 gl. Marcards medicinische Versuche. Leipz. 777. II Bde. 8. 1 Rthlr. 8 gl. Kloekhofii opuscula medica. Ed. Schlegel . Jen. 772. 8. 16 gl. — K. saͤmmtliche medicinische Schriften, uͤbersetzt von Leune . Leipz. 790. II Bde. 8. Fothergills saͤmmtliche medieinische und philoso- phische Schriften. Mit Kupf. Altenb. 785. II Bde. 8. 2 Rthlr. 6 gl. J. P. Frank delectus opusculorum medicorum. Tici- ni 788 — 91. X Tomi. gr. 8. 10 Rthlr. — F. Opuscula medici argumenti. Lips. 790. gr. 8. 16 gl. — F. kleine Q 2 Schrif- Dritter Theil. Schriften praktischen Inhalts, aus dem Latein. von Eye- rell . Leipz. 798. gr. 8. 1 Rthlr. Richters Bemerkungen uͤber die Entstehung und Be- handlung verschiedener Arten von Fiebern. Halle 785. gr. 8. 18 gl. Weikards vermischte medicinische Schriften. 2te Aufl. Frankfurt 793. II Bde. 4 Rthlr. Reil memorabilia clinica, medico-practica. c. fig. Hal. 790 — 95. II Vol. 8. 2 Rthlr. Rush medicinische Untersuchungen und Beobachtun- gen. A. d. Engl. Leipz. 792. gr. 8. 1 Rthlr. — R. Neue medicinische Untersuchungen und Beobachtungen. Nuͤrnberg 797. 18 gl. Lentins Beytraͤge zur ausuͤbenden Arzneywissen- schaft. Neue Aufl. Leipz. 797. 8. 1 Rthlr. 8 gl. § 768. Fuͤr die Handarzneykunst verdienen folgende Klassiker gelesen zu werden: Guidonis de Cauliaco opera. Par. 498. fol. Parei opera. Paris. 582. fol. Fabricii Hildani observationes chirurgicae. Fran- cof. 598. 8. Ruysh observatt. anatom. chirurgicae. Amstelod. 691. 4. Stalpart van der Wiel observatt. chirurgicae. Lngd. Bat. 687. II Vol. 8. Observations de chirurgie par Ledran . à Paris 738. 8. Le Drans Gutachten uͤber chirurgische Faͤlle. A. d. Franz. Leipz. 773. 8. 18 gl. Opuscules de chirurgie par Morand . Paris 768. 4. Hei- Bildung des Arztes. Heisters medicinisch chirurgische und anatomische Wahrnehmungen. Rostock 759 — 70. II Bde. 4. Potts saͤmmtliche chirurgische Werke. A. d. Engli- schen uͤbersetzt. Berlin 787 — 88. II Bde. gr. 8. 3 Rthlr. 8 gl. Richteri observationes chirurgicae. c. fig. Götting. 770 — 76. III fasc. 8. 17 gl. Schmuckers chirurgische Wahrnehmungen. Berlin 775 — 89. II Bde. gr. 8. 2 Rthlr. 12 gl. — S. Samm- lung vermischter chirurgischer Schriften. Berlin 783 — 87. III Bde. gr. 8. 2 Rthlr. 12 gl. Thedens neue Bemerkungen zur Bereicherung der Wundarzneykunst und Medicin. Berlin 782. gr. 8. 1 Rthlr. 6 gl. G. C. Siebolds chirurgisches Tagebuch. Mit Kupf. Nuͤrnberg 792. gr. 8. 16 gl. Mursinna medicinisch chirurgische Beobachtungen, nebst einigen Anmerkungen. Berlin 783. 8. 20 gl. Loders chirurgisch-medicinische Beobachtungen. I Bd. m. K. Weymar 794. gr. 8. 1 Rthlr. Hunczovskys medicinisch-chirurgische Beobachtun- gen, auf seinen Reisen durch England und Frankreich. Wien 783. gr. 8. 1 Rthlr. W. Hunters ausgesuchte medicinisch-chirurgische Beobachtungen und Heilmethoden. Leipz. 784—85. II Bde. gr. 8. 1 Rthlr. 16 gl. § 769. Fuͤr die Entbindungskunst kann man folgende Beobach- tungen lesen: Rödereri opuscula medica. Gotting. 763. II Tom. 4. 1 Rthlr. 8 gl. Q 3 Levrets Dritter Theil. Levrets Wahrnehmungen von Ursachen schwerer Ge- burten. mit Kupf. Altona 758 — 61. II Bde. 8. 1 Rthlr. 20 gl. Smellies Abhandlungen aus der Hebammenkunst. Altenb. 755 — 70. III Bde. 8. 2 Rthlr. Hagens Erlaͤuterung und Berichtigung des neuen Lehrgebaͤudes der praktischen Geburtshuͤlfe. Berlin 790. gr. 8. 16 gl. Campers Betrachtungen uͤber Gegenstaͤnde aus der Geburtshuͤlfe. m. Kupf. Leipz. 776. 8. 10 gl. Boers Abhandlungen geburtshuͤlflichen Inhalts. Wien 791 — 93. III Th. gr. 8. 1 Rthlr. 12 gl. § 770. Dabey darf der angehende Arzt auch die Zusaͤtze und Entdeckungen nicht uͤbersehen, mit welchen die Heilkunst in unsern Tagen bereichert wird. Es ist ihm daher bey der ge- genwaͤrtigen Lage der Sachen, unumgaͤnglich nothwendig, die vorzuͤglichsten periodischen Blaͤtter zu lesen. Außer den bey den einzelnen Wissenschaften schon ge- nannten Journalen, sind besonders noch zu lesen: Roͤschlaubs Magazin zur Vervollkommung der theoretischen und praktischen Heilkunde. Frank- furt. 8. ( Heckers ) Journal der Theorien, Erfindungen und Widerspruͤche in der Natur- und Arzneywissen- schaft. Gotha. 8. § 771. 2. Ein noch bedeutenderes Huͤlfsmittel ist das Be- suchen der Spitaͤler und klinischen Anstalten, zuerst um die daselbst Bildung des Arztes. daselbst angestellten Aerzte handeln zu sehen, sodann um un- ter ihrer Aufsicht selbst Kranke zu uͤbernehmen. Dies ist die beste und unentbehrliche Vorbereitung zur Praxis. Titius de arte clinica opportune in nosocomiis addiscenda Witeberg. 795. 4. § 772. Anfangs ist es nichts weniger, als rathsam, große Spitaͤler zu besuchen. Denn die Aerzte muͤssen hier wegen Menge der Kranken, sehr schnell beobachten und ihr Uttheil faͤllen, und ihren ganzen Zustand mit wenigen Blicken uͤber- sehen: der Anfaͤnger kann wegen Mangel an Uebung ihnen noch nicht folgen, er geraͤth in die Versuchung, dle Erkennt- niß der Krankheiten fuͤr etwas sehr Leichtes zu halten, und gewoͤhnt sich an einen Schlendrian, welcher ihn fuͤr immer abhaͤlt, Arzt zu werden. Hierzu koͤmmt noch, daß in man- chen großen Spitaͤlern die aͤrztliche Besorgung nicht die ge- wissenhafteste und nachahmungswuͤrdigste ist. § 773. Man muß also an das Krankenbette zuerst von einem Arzte gefuͤhrt werden, welcher jedem einzelnen Kranken nicht nur seine volle Aufmerksamkeit schenkt, sondern auch die Untersuchung seines Zustandes langsam, den Kraͤften und Kenntnissen des Anfaͤngers gemaͤß vornimmt, und das Ur- theil daruͤber, welches er fuͤr sich kuͤrzer zu fassen pflegt (§ 519), zum Besten desselben analysirt, alle Bestimmungs- gruͤnde entwickelt, und die Vortheile seiner bestimmten Hand- lungsweise gehoͤrig auseinander setzt. § 774. Dies geschieht nun in den sogenannten klinischen Anstal- ten, welche in stehende ( perpetua ) und wandelnde ( ambu - Q 4 antia ) Dritter Theil. antia ) eingetheilt werden. Bey den stehenden werden die Kranken in einem eignen Hause, gewoͤhnlich an einem groͤs- sern Spitale, aufgenommen, von eigens dazu bestimmten Waͤrtern gepflegt, und daselbst von den Aerzten beobachtet. Bey den wandelnden werden sie in ihren eigenen Wohnungen aufgesucht, oder sie holen sich, wenn sie nicht darnieder lie- gen, selbst Rath. § 775. Jede Gattung dieser Anstalten hat fuͤr den angehenden Arzt ihre eigenen Vortheile. Die wesentlichen Vortheile der wandelnden find, daß er sich 1) an die Privatpraxis und an alle die Schwierigkeiten gewoͤhnt, mit welchen sie zu kaͤm- pfen hat; 2) daß er die Unpaͤßlichkeiten und geringfuͤgige Krankheiten kennen lernt, welche in Hospitaͤlern gemeiniglich nicht vorkommen; 3) daß er mehr auf die Anordnung der aͤussern Umstaͤnde, welche die eigentliche Kur unterstuͤtzen muͤssen, achten lernt. § 776. Bey den stehenden hingegen hat er 1) mehr Gelegenheit, merkwuͤrdige Faͤlle zu beobachten, weil der Lehrer aus dem damit verbundenen Spitale die Kranken, welche ihm die zweckmaͤßigsten duͤnken, auswaͤhlen kann; 2) kann er sichre Beobachtungen anstellen, da er durch die Kranken nicht getaͤuscht wird, sondern sich immer des Zeugnisses der Waͤrter bedienen kann; 3) stehn ihm alle Huͤlfsmittel zur Heilung zu Gebote: Pflege, Arzneyen, Nahrung, Klei- der, Luft ꝛc. § 777. Aus Vergleichung dieser Vortheile ergiebt sich: daß man in den stehenden richtigere Erfahrungen sammeln, in den wandelnden aber mehr sein savoir faire ausbilden, und sich an die aͤußern unwesentlichen Schwierigkeiten der Praxis gewoͤhnen lernt. § 788. Bildung des Arztes. § 788. Bey klinischen Anstalten lernt man immer nur das Ver- fahren eines einzigen Arztes kennen. Es ist daher leicht moͤglich, daß man, indem man ihn zu seinem einzigen Mu- ster waͤhlt, nicht nur wesentliche, sondern auch unwesentliche Eigenschaften in Ruͤcksicht auf Heilmethode von ihm an- nimmt, und daher einseitig wird. Ein Fehler, welchem man dadurch vorbeugt, daß man auch andere Aerzte beob- achtet. Hierzu giebt besonders ein großes Spital gute Ge- legenheit, wo man spaͤterhin mit verschiedenen Aerzten Kran- ke besucht. § 789. Denselben Zweck erreicht man auch durch Reisen, auf welchen man sich nicht nur Menschenkenntniß sammlet, son- dern auch mit den verschiedenen medicinischen Anstalten be- kannt wird, und die Heilmethode der ihnen vorstehenden Aerzte selbst genauer kennen lernt. I. P. Frank oratio de medieis peregrinantibus (iu delectu opusculorum medicorum, vol. XI.). § 790. Um diese wissenschaftlichen Reisen mit Nutzen zu unter- nehmen, muß man 1) außer hinreichenden medicinischen Kenntnissen, auch schon einige Uebung in der Praxis besiz- zen, um das Eigenthuͤmliche an einem Arzte, oder an jeder Anstalt besser auffassen zu koͤnnen; 2) man muß mit den verschiedenen Systemen, Theorien, Operationsmethoden ꝛc. schon vorlaͤufig bekannt seyn, um dadurch, da man dieses Studiums an fremden Orten uͤberhoben ist, mehr Zeit zum Beobachten zu gewinnen; 3) man muß wissen, an welchen Orten man seinen individuellen Zweck gerade am vollkom- mensten erreichen kann. § 791. Dritter Theil. § 781. Bloße Beobachtung der Aerzte ist aber noch ncht hin- reichend, zum Praktiker zu bilden: man kann naͤmlich die Aerzte handeln sehen, ohne deshalb seine Beobachtungsgabe oder seine Urtheilskraft zu vervollkommnen. Wenn daher auch andere Aerzte einen Kranken behandeln, so muß man doch immer selbst beobachten und selbst beurtheilen, und diese Untersuchung sodann durch das, was die geuͤbtere Ur- theilskraft entdeckt, berichtigen. § 782. Sodann muß man auch selbst Kranke uͤbernehmen. Doch huͤte man sich, hierin zu sehr zu eileu. So lange man naͤmlich noch nicht eine Zeitlang gute Aerzte beobachtet und unter ihre Aufsicht prakricirt hat, uͤbersieht man vieles au den Kranken, und faͤllt einseitige Urtheile; geneset nun der Kranke durch andere Umstaͤnde, so ist man geneigt zu glauben, dies ausgerichtet zu haben; man faͤhrt also in der- selben Methode fort, und so wird die fruͤhzeitige Praxis eine gefaͤhrliche Klippe, an welcher der Arzt fuͤr immer scheitern kann. § 783. Man gewoͤhne sich fruͤhzeitig daran, von allen Krank- heiten, die man beobachtet, die Hauptdata in seinem Jour- nale aufzuzeichnen, und man setze dies in der Praxis fort . Dadurch beugt man dem Schaden vor, welcher aus der Un- treue des Gedaͤchtnisses erfolgt, man vergißt keinen Um- stand der gegenwaͤrtigen Krankheit, und kann daher gluͤck- licher heilen, man erinnert sich der Beschaffenheit des Kran- ken, welchen man vormals heilte, bey neuen Krankheiten, und erleichtert sich dadurch das Geschaͤft ihrer Erkenntniß, so Bildung des Arztes. so wie ihrer Heilung; endlich kann Einem auch daran lie- gen, die Geschichte eines Falles vollstaͤndig zu wissen, wel- cher in der Folge erst merkwuͤrdig und interessant wird. Ueber Anordnung dieses Journals siehe Lentius Beytraͤge zur ausuͤbenden Arzneywissenschaften. S. 19 f. f. Klinische Institute Um hier nicht zu weitlaͤuftig zu werden, fuͤge ich die An- zeige der Schriften bey, wo man uͤber die einzelnen Institu- te etwas naͤhere Auskunft findet. . I. In Deutschland . § 784. Altdorf . An der hiesigen Privatanstalt fuͤr arme Kranke ist seit 1795 ein medicinisches Clinicum ambulans er- richtet; die Studirenden behandeln die Kranken unter Lei- tung des Lehrers, des Prof. Ackermann . Jaͤhrlich wer- den gegen 150 Kranke behandelt. Ackermanns Bemerkungen uͤber die Kenntniß und Kur ei- niger Krankheiten. Altdorf, 794—800. VI Stuͤck. gr. 8. (s. die Vorreden.) § 785. Bamberg . Ein eigenes musterhaft eingerichtetes Spital, welches jaͤhrlich gegen 300 Kranke aufnimmt, dient hier zu einem medicinischen Kliniko, an welchem Professor Roͤschlaub Lehrer ist. Marons kurze Beschreibung des allgemeinen Krankenhanses zu Bamberg Mit Kupf. Weymar, 797. 8. (Auch in des- selben Pruͤfung des Brownschen Systems. 1 Stuͤck.) § 786. Dritter Theil. § 786. Berlin . An der Charite, in welcher jaͤhrlich 3000 Kranke behandelt werden, ist ein medicinisches Klinikum von 12 Betten, welches woͤchentlich zweymal besucht wird, an den uͤbrigen Tagen besuchen es nur diejenigen, welche die Kranken behandeln, und dies Geschaͤft ist nur entwe- der zu pruͤsenden Candidaten, oder koͤniglichen Pensionairs zugetheilt. Lehrer ist Geheimerrath Fritze . Baldingers neues Magazin fuͤr Aerzte. VI Bd. S. 15. Fritzens Annalen des klinischen Instituts. Formays medicinische Topographie von Berlin. § 787. Erfurt . Ein wandelndes Klinikum bey einer Kran- kenanstalt, durch welche jaͤhrlich gegen 500 Kranke in ihren Wohnungen behandelt werden. Lehrer ist Hofrath Hek- ker . Heckers Nachricht, die Krankenanstalt zu Erfurt betreffend. Erfurt, 792. 8. § 788. Erlangen . Ein medicinisches Clinicum ambulans. Lehrer ist Hofr. Wendt . Wendts Nachricht von dem Krankeninstitute zu Erlangen. 2te Aufl. Erlangen. 786. 8. § 789. Goͤttingen . 1) Ein medicinisch-chirurgisches Kli- nikum, welches jaͤhrlich gegen 500 Kranke enthaͤlt, und welchem Prof. Arnemann vorsteht; 2) ein eigenes Ge- burtshaus, in welchem jaͤhrlich gegen 80 Geburten vorfal- len. Lehrer ist Professor Osiander . Arne- Bildung des Arztes. Arnemanns Magazin fuͤr die Wundarzneykunst. 1 Stuͤck. S. 444. Osianders Denkwuͤrdigkeiten fuͤr die Heilkunde und Geburts- huͤlfe. 1 Stuͤck. § 790. Halle . 1) Auf Kosten des Koͤnigs, welcher eine be- stimmte Summe dazu ausgesetzt hat, ist hier eine Krankenan- stalt und ein medicinisches wandelndes Klinikum. Lehrer ist Prof. Reil , 2) Ein chirurgisches Clinicum ambulans, un- ter Aufsicht des Prof. Merkel . Reil memorabilia clinica. Fascic. I. praefat. § 791. Jena . 1) Ein medicinisch-chirurgisches Clinicum ambulans, in welchem jaͤhrlich gegen 400 Kranke aufgenom- men werden; die Zuhoͤrer sind Praktikanten und Ausculran- ten: Erstere besuchen die Kranken, referiren und verordnen, Letztere recipiren, bereiten die zusammengesetzten Arzneyen, und besuchen die wichtigern Kranken. Lehrer sind die Hof- raͤthe Hufeland und Loder . 2) Ein medicinisches Kli- nikum, unter Aufsicht des Hofrath Stark . 3) Ein eige- nes Geburtshaus mit 8 Betten; woͤchentlich werden 2 mal Acouchiruͤbungen angestellt; bey jeder Geburt sind einige Studirende gegenwaͤrtig, bey schweren Alle. Lehrer ist Hofr. Loder , und Unteraufseher D. Froriep . 4) Eine Entbindungsanstalt. Lehrer daran ist Hofr. Stark . Hufelands Einrichtungen und Gesetze der herzogligen me- dicinisch-chirurgischen Krankenanstalt zu Jena. Jena, 799. 8. (Und in desselben Journale der prakt. Arzneykunde.) Lodrrs medicinisch-chirurgische Beobachtungen. 1 Band. Starks Einrichtung des klinischen Instituts zu Jena. Jena, 782. 8. Desselben Dritter Theil. Desselben Anszuͤge aus dem Tagebuche des herzoglichen Jenal- schen kliuischen Instituts. Desselben Archiv fuͤr die Geburtshuͤlfe. II Bd. 1 Stuͤck. § 792. Leipzig . Am hiesigen Spitale, ist 1) ein medicini- sches Klinikum, unter Aufsicht des Professor Koch . 2) chirurgisches Klinikum, welches D. Eckold dirigirt. § 793. Marburg hat 1) ein medicinisches Klinikum, an welchem Professor Michaelis Lehrer ist. 2) ein Ent- bindungshaus, in welchem jaͤhrlich gegen 50 Geburten vor- fallen; die natuͤrlichen und zuweilen auch widernatuͤrlichen Entbindungen geschehen durch die Studirenden. Der Hofr. Stein steht ihm vor. Steins Statuten und Einrichtungen des Gebaͤrbanses zu Marburg (in Baldingers neuem Magazin fuͤr Aerzte. XIII Bd. S. 117). § 794. Prag . Um dem hiesigen buͤrgerlichen Krankenhause, in welchem jaͤhrlich gegen 1200 Kranke behandelt werden, ist 1) ein medicinisches Klinikum, Lehrer Prof. Sebald . 2) ein chirurgisches Klinikum, Lehrer Prof. Arnold . 3) ein Entbindungsinstitut, Lehrer Prof. Melitsch . Sebalds Geschichte der medicinisch-praktischen Schule an der Universitaͤt zu Prag. Prag, 796. 8. Baldinger neues Magazin fuͤr Aerzte. XII Bd. S. 530. § 795. Bildung des Arztes. § 805. Tuͤbingen . Ein Clinicum ambulans, unter Anleit. des Prof. Hopf . Hopfs Uebersicht der wichtigern Vorfaͤlle im Clinicum ambu- latorum. Tuͤbingen, 796. 8. § 806. Wien . In dem allgemeinen Krankenhause, welches fuͤr 2000 Kranke eingerichtet ist, und in welchen jaͤhrlich gegen 8000 Kranke behandelt werden, ist 1) ein oͤffentliches medicinisches Klinikum mit 24 Betten; taͤglich werden die Kranken zweymal besucht, der Zutritt ist unentgeldlich, und jeder Arzt, der sich meldet, kann die Besorgung von Kran- ken unter Anleitung des Hofrath Frank uͤbernehmen. 2) ein Privaklinikum des D. Frank , von ohngefaͤhr 50 Bet- ten mit weiblichen Kranken. 3) Ein Gebaͤrhaus, in wel- chen jaͤhrlich gegen 1500 Geburten vorfallen; die Aerzte, welche sich hier melden, haben unentgeldlichen Zutritt, fuͤh- ren der Reihe nach das Journal, verrichten die Entbindung, (koͤnnen auch auf einen Monat in dem Hause selbst wohnen, wo sie alle 4 Tage die Woche haben,) und beobachten die Behandlung der Woͤchnerinnen. Lehrer ist Prof. Boer . — Außerdem kann man den Ordinationen und chirurgischen Operationen der uͤbrigen Spitalaͤrzte beywohnen. — In der Stadt haͤlt D. Beer ein Privatklinikum fuͤr Augen- krankheiten. Beldingers nrues Magazin fuͤr Aerzte. VI Bd. S. 544. XVIII Bd. S. 80. Pyls Magazin fuͤr gerichtl. Arzneykunde und medicinische Po- lizey. II Bd. S. 757. Salzburger medicinisch-chirurgische Zeitung. 1792. I Bd. S. 209. § 807. Dritter Theil. § 807. Wuͤrzburg . An dem hiesigen Juliusspitale ist in zwey Saͤlen, deren jeder 11 Betten hat, 1) ein medicinisches Klinikum, unter Aufsicht des Prof. Thomann ; und 2) ein chirurgisches Klinikum, an welchem Prof. Siebold Lehrer ist. — Ferner ist hier ein Entbindungshaus, wel- chem Prof. Siebold vorsteht. Siebolds Nachricht von der Einrichtung des Klinikums zu Wuͤrzburg. Wuͤrzb. 795. 8. Thomann uͤber die kliuische Anstalt an dem Juliushospitale zu Wuͤrzburg. Wuͤrzb. 797. 8. II. In Frankreich . § 808. Paris . Hier ist 1) ein medicinisches Klinikum im hospice de l’unité, vorzuͤglich fuͤr Krankheiten der Armeen bestimmt; Lehrer sind Convissart und Leroux; 2) ein chirurgisches Klinikum im grand hospice de i’humanité, wo oͤffentliche Operationen vorgenommen werden, und woran Pelletan und Boyer Lehrer sind; 3) ein medicinisch- chirurgisches Klinikum fuͤr besonders merkwuͤrdige Faͤlle (elinique de perfectionnement), mit 28 Betten in dem Ge- baͤude der Ecole de santé, unter Duͤbois und Petit- Randel . — In allen diesen Anstalten haben die Studiren- den keinen Antheil an der Behandlung der Kranken, sondern es ist dieselbe ganz allein den Lehrern uͤberlassen; einige Krankheiten, fuͤr welche eigene Spitaͤler bestimmt sind, be- koͤmmt man hier gar nicht zu sehen. — Leroy und Bau- delooque tragen die Entbindungskunst am Phantom vor; bey dem Privatunterrichte werden zuweilen, jedoch selten, wuͤrkliche Entbindungen benutzt; allein dann wird aus der großen Zahl der Zuhoͤrer der Entbinder durch das Loos ge- waͤhlt, Bildung des Arztes. waͤhlt, und man sieht die Woͤchnerin weder einige Zeit vor, noch nach der Entbindung. Wardenburgs Briefe eines Arztes, geschrieben zu Paris in den Jahren 1796—97. Goͤttingen, 799—800. III Baͤn- de. 8. Behns Erinnerungen an Paris, zunaͤchst fuͤr Aerzte geschrie- ben. 1 Heft. Berlin, 799. 8. § 799. Strasburg hat 1) ein medicinisches Klinikum unter Coze ; 2) ein chirurgisches Klinikum unter Flamant ; 3) ein Entbindungshaus, in welchem jaͤhrlich gegen 100 Entbindungen vorfallen; bey gewoͤhnlichen Entbindungen sind 6 bis 7 Studirende, bey schweren Geburten alle gegen- waͤrtig; wer die Anstalt ein halbes Jahr besucht hat, ent- bindet in gewoͤhnlichen Faͤllen selbst. Woͤchentlich sind 2 mal Accouchiruͤbungen, und taͤglich wird die Visite von allen Stu- direnden gemacht. Baldingers neues Magazin fuͤr Aerzte, VI Bd. S. 452. Plan général de l’enceignement dans l’école de médicine de Strasbourg. 6. — 8. III. In England . § 800. London . In mehreren hiesigen Hospitaͤlern wird prak- tischer Unterricht ertheilt. Die groͤßten sind das St. Tho- mas- und das Guyshospital. Man wird entweder Schuͤler eines Wundarztes, verhindet die Kranken, darf beyde Ho- spitaͤler besuchen, und zahlt dafuͤr jaͤhrlich 25 Pf Sterling; oder man wird Schuͤler eines Arztes, sieht dann nur die Praxis und die Operationen in dem einen Spitale, und zahlt eben soviel. Beyde Hospitaͤler enthalten gegen 900 R Kranke. Dritter Theil. Kranke. Man sieht außerordentlich viel Operationen, be- koͤmmt aber selbst keine Kranken zu behandeln. — In dem Geburtshause (dem lying-in-hospitale zu Westmuͤnster), wo jaͤhrlich gegen 5000 Grburten vorfallen, erhaͤlt man fuͤr 40 Guineen jaͤhrlich freye Wohnung, Bekoͤstigung, und die Erlaubniß, allen Geburten beyzuwohnen. Lehrer ist D. Thynne . Fischers medicinisch-chirurgische Bemerkungen uͤber London und die englische Heilkunde uͤberhaupt. Goͤttingen, 796. 8. Desselben Bemerkungen uͤber die englische Geburtshuͤlfe. Goͤt- tingen, 797. 8. Blizards Vorschlaͤge zur Verbesserung der Hospitaͤler. Aus dem Englischen uͤbersetzt mit Zusaͤtzen von D. Albers , die Medicinalanstalten zu London, Edinburg, Bath und Wien betreffend. Jena, 799. 8. § 801. Edinburg . Hier ist das medicinisch-chirurgische Kli- nikum in einem eigenen gut eingerichteten Gebaͤude, welches fuͤr 230 Kranke bestimmt ist. Die Lehrer (die Professoren Duncan und Gregory ), untersuchen die Kranken selbst, und dictiren die Resultate davon und ihre Bemerkungen dar- uͤber. Baldingers neues Magazin fuͤr Aerzte. III Bd. S. 446. IV. In Italien . § 812. Pavia . An dem dasigen Spitale, welches 400 Bet- ten zaͤhlt, ist ein medicinisch-chirurgisches Klinikum von 26 Betten. Moscati ist Lehrer der medicinischen, und Scarpa Lehrer der chirurgischen Klinik. Außerdem geben auch noch 4 am Spitale angestellte Aerzte praktischen Un- terricht am Krankenbette. Baloin - Bildung des Arztes. Baldingers neues Magazin fuͤr Aerzte. VIII Bd. S. 364. — XVI Bd. S. 391. Heckers Archiv der allgemeinen Heilkunde. I Bd. S. 469. § 803. Modena . Hier ist ein Buͤrgerspital von 150 Betten; 84 derselben gehoͤren zu der klinischen Anstalt, an welcher Garini Lehrer ist. § 804. Padua . An dem hiesigen Kliniko ist Comparetti Lehrer. Comparetti saggio della scuola clinica nel spedale di Pa- dova. Padova, 793. 8. An praktischen Anstalten fuͤr die Entbindungskunst sehlt es in Italien gaͤnzlich. V. In Daͤnnemark . § 805. Kopenhagen hat 1) ein medicinisches Klinikum, unter Aufsicht des Prof. Bang ; 2) ein Geburtshaus mit 55 Betten, wo jaͤhrlich gegen 1000 Geburten vorfallen; 25 Betten sind fuͤr den oͤffentlichen Unterricht bestimmt. Die Schwangern werden erst aufgenommen, wenn die Geburts- arbeit schon ihren Anfang genommen hat, nach der Entbin- dung kommen sie in ein daneben stehendes Gebaͤude. Nur 5 Aerzte (vier Innlaͤnder und ein Auslaͤnder) werden als Zoͤglinge aufgenommen, und eidlich verpflichtet; sie entbin- den, halten das Journal, und machen nach 3 Monaten an- dern Aerzten Platz. Lehrer ist Prof. Saxtorph , der Sohn. Bangs Auswahl aus den Tagebuͤchern des koͤniglichen Frie- drichs Krankenhauses zu Kopenhagen. 1ter Theil. Examen critique de la doctrine du Cn. Sacombe; ouvrage terminè par une description de l’hospice et de l’école pra- tique d’accouchement de Copenhague. à Paris 7. — 8. VI Dritter Theil. VI. In Rußland . § 806. Petersburg . Das hiesige kayserliche, chirurgisch- medicinische Institut hat ein Klinikum von 30 Betten, welche theils fuͤr innere, theils fuͤr aͤußere Krankheiten bestimmt sind; jaͤhrlich werden gegen 200 Kranke hier behandelt. In dem Entbindungshause fallen jaͤhrlich gegen 60 Geburten vor. Beyde Anstalten sind fuͤr die kayserlichen Pensionnairs bestimmt. V. Kelchen Grundriß der Einrichtung der kayserlichen medi- cinisch-chirurgischen Schule, und einiger andern Hospitaͤler in Petersburg. Petersburg, 786. 8.