Das Nationalfest der Deutschen zu Hambach. Unter Mitwirkung eines Redaktions-Ausschusses beschrieben von J. G. A. Wirth. Erstes Heft . Neustadt a/H. 1832. In Commission bei Philipp Christmann . Preis 30 kr. zur Gründung eines Fonds für deutsche politische National-Journalistik. D eutschland, wo die Wissenschaft und die Kunst am tiefsten ergründet wurden, das große Reich, wo die Treue wohnt und die Kraft, der Fleiß, die Mäßigung und die Rechtschaffenheit, dieses unser gesegnetes Vaterland, ist gleichwohl unbeschreiblich elend, weil ihm durch innere Feinde die Elemente der politischen Hoheit und der Staatswohlfahrt geraubt sind: die Freiheit und die Nationaleinheit . Herrschsüch- tige Thoren, deren mattes Herz für das erhebende Gefühl der Vater- landsliebe keinen Raum hat, kleine Menschen, die den armseligen Flit- terstaat einer Krone höher schätzen, als die Majestät einer großen Na- tion, verdorbene Gemüther endlich, welche ein eingebildetes persönliches Glück mit ewigen Leiden einer Bevölkerung von 36 Millionen Menschen zu erkaufen im Stande sind, haben durch grausame Unterdrückung die Ordnung der Natur umgekehrt, die öffentliche Vernunft von der Lei- tung der Staatsangelegenheiten verdrängt, die Nationalkraft gebrochen, und den Ruhm, ja sogar das Dasein der deutschen Nation unbarmherzig getödtet. Ihre Staatsweisheit brachte es dahin, daß das deutsche Reich endlich auch nach Außen seine Selbstständigkeit verlor und unter das Scepter eines fremden Eroberers gebeugt wurde. Nur dann, als die stolzen Herrscher die Trübsale der Unterjochung selbst fühlen mußten, erst dann, als man sie selbst an den Triumpfwagen eines übermüthigen Despoten gespannt und den bittern Kelch der Sclaverei zu leeren sie ge- zwungen hatte, erst dann wollten sie das Reich und das Volk der Deut- schen wieder kennen, wie reuige Sünder erhoben sie ihre Arme flehend zu dem Volke und baten um Rettung und Hülfe. Jezt auf einmal war nicht von Preußen und Oesterreich, sondern nur von Deutschland die Rede. Nicht Preußen und Oesterreich, sondern Deutschland sollte befreit und wiederhergestellt werden. Großmüthig, wie immer, ver gab unser Volk alle erlittene Drangsale, gedachte nur der Leiden und der Demüthigung des Vaterlandes, und trat daher dem äußern National- feind stark und kühn entgegen. Wo Deutschland in die Schranken tritt — kann der Sieg nicht zweifelhaft seyn — der äußere Feind ward nieder geworfen, das Vaterland war frei. Und erstand es nun wirklich, das 1 vereinte freie und glückliche Dentschland , das die Fürsten uns verheißen hatten? Die Censur, der Gewissenszwang, die Mauthen, die Feudalherrschaft, das Mainzer Inquisitionsgericht, das Register der deutschen Steuern, die 38 Fetzen des Landes, die Gesetze, wodurch man alle diese Lappen gegenseitig für ausländisch erklärt, und dem deutschen Bürger das Recht benimmt, in jedem Theile seines großen Vaterlandes zu wohnen, die Verweigerung constitutioneller Verfassungen, das Gerichtsverfahren, die Kabinetsjustizen, die Kabinetsregierungen, die Congregationen, die Lotterien, das enorme Steigen der Staats- schulden, die Heimlichkeit, die Camarilla’s, der furchtbarste Gesetzesdruck, die krebsähnlich um sich greifende Verarmung der Bürger, das zahllose Heer von Armen und Bettlern, endlich die Quelle, der Stützpunkt und der Inbegriff aller dieser Herrlichkeiten, der Bundestag geben die Antwort. In der That, es giebt kein Volk das bitterer getäuscht worden wäre, als das deutsche Volk. Neuer unerträglicher Druck inne- rer Tyrannei, abermalige Zerrissenheit und neue Ohnmacht nach Außen war der Lohn seiner Anstrengungen, die Frucht seiner Siege. Doch man trug die Leiden des Landes und Volkes nicht mehr gefühllos: man wußte, daß man betrogen war, und der Schmerz der Täuschung rief eine patriotische Opposition im Volke hervor, die durch Gewalt mehrere Jahre zwar niedergehalten wurde, doch im Stillen sich fortpflanzte und blos einer schicklichen Gelegenheit bedurfte, um mit neuer Kraft und gesteigertem Nachdrucke hervorzutreten. — Einige kleinere Mächte Deutsch- lands waren theils durch drückende Finanznoth, theils durch den Drang anderer Umstände gezwungen worden, eine Art von Repräsentativ-Verfas- sungen zu bewilligen. So armselig und krüppelhaft diese Constitutionen nun auch waren, so gaben sie doch durch öffentliche Verhandlungen von Wahlkammern einen Impuls zur Weckung des öffentlichen Lebens. Die erste Frucht zeigte sich in dem Aufstreben der Presse. Sie gewann in Franken und Rheinbaiern den ersten Aufschwung, ermuthigte und stärkte die öffentliche Meinung und ließ bald gewahr werden, welche Kraft in den Deutschen liegt und wie reif unser Volk schon ist für eine Ver- fassung mit der umfassendsten Freiheit. Da trat denn vollends die große Katastrophe des Julius ein und weckte neue herrliche Kräfte auch im deutschen Volke. Einem baierschen Minister war der Impuls, den die Jnlirevolution für Erweckung des Volksgeistes in Deutschland gegeben hatte, noch nicht kräftig genug; er ahmte daher das Beispiel der Räthe Carl X. nach, griff mit kecker Hand in die Verfassung des Landes ein und schuf augenblicklich eine so allgemeine und so nachdrückliche Opposi- tion, wie sie vorher in diesem Lande noch nie gesehen worden war. Dazu kam der günstige Umstand, daß einige Monate nach der letzten Staatsumwälzung in Frankreich zwei deutsche Volkskammern gleichzeitig versammelt waren, gleichzeitig auf Emancipation des Volkes zu wirken strebten und durch Entwicklung einer vorher nicht erkannten Kraft unter einem großen Theile der deutschen Völker auf einmal den regsten Sinn für das öffentliche Leben und die bürgerliche Freiheit hervorriefen. Nun trat auch die Presse entschiedener auf. Neue Organe derselben entstan- den. Nicht blos einzelnen Stämmen, sondern dem gesammten deut- schen Vaterlande galt ihr Wirken. Bald war ein treues Bündniß ver- schiedener Journale stillschweigend geschlossen, das Ziel des vereinigten Strebens ward nun kühn und frei ausgesprochen — die Befreiung und Wiedervereinigung Deutschlands . Wie ein electrischer Funke wirkte das Zauberwort der Einheit Deutschlands auf alle Gauen unseres Landes. Das Volk war in kurzer Zeit wie umgewandelt. Nur eine Idee, nur eine Sympathie bewegte alles: die Wiederge- burt des Vaterlandes . Immer zahlreicher, immer dichter wurde die Phalanx der deutschen Patrioten, in jedem Bruderstamme stiegen glän- zende Talente auf und traten in die Reihen der Kämpfer für die große Sache ein. Es waren nicht mehr die Litteraten und gelehrten Autori- täten allein, welche die Opposition bildeten; die Bürger, die Geschäfts- und Gewerbsmänner, dieser Kern der Nationalkraft, erklärten sich feu- rig für die Reform des Vaterlandes und gaben der Sache noch mehr Gewicht und Bedeutung. Die Unterhaltung mit Tagesneuigkeiten ver- schwand aus den Gesellschafts- und Erholungsörtern; Besprechung über die Bedürfnisse des Landes und Berathung über die Mittel zur Wie- dergeburt Deutschlands war an die Stelle getreten. Bald gieng man einen Schritt weiter und veranstaltete politische Feste, die durch reine Begeisterung für die Sache der Völker und die Reform des Landes ei- nen tiefen Eindruck in den Anwesenden zurückließen und allgemeinen Enthusiasmus weithin über alle deutsche Gauen verbreiteten. Da zogen endlich die Trümmer des polnischen Heldenheeres durch das südliche und westliche Deutschland und bezauberten alle Herzen durch ritterliche Hal- tung, hohe Geistesbildung, reine Sitten und vor allem durch die un- schätzbare Tugend der Bescheidenheit. Die Anschauung solcher Eigen- schaften steigerte die Theilnahme an dem Unglücke der edlen Nation zur äußersten Enträstung über den russischen Despoten und dessen deutsche Helfershelfer, und mit Windeseile durchdrang alle süddeutschen Patrio- ten der Gedanke, daß Polen durch Deutschland wieder hergestellt werden müße, daß dieß durch die Befreiung und Wiedervereinigung Deutsch- lands auch wirklich geschehen werde und daß daher die Sache Polens von jener Deutschlands fortan unzertrennlich sey. Ein treues Bündniß umschlingt seitdem die polnischen und die deutschen Patrioten. — Der riesenmäßige Aufschwung, den das öffentliche Leben in Deutschland durch das vereinigte Wirken der versammelten Volkskammern und der Presse im Jahre 1831 gewonnen hat, erweckte auch die Idee, den ausgezeichnetsten Volksvertretern Feste zu bereiten, um die Uebereinstimmung des Volkes mit den Grundsätzen der entschiedenen Opposition öffentlich an den Tag zu legen. Unter diesen Volksvertretern ragte durch Charakter, Geist und reinen Willen vorzüglich Schüler hervor. Ihm bereiteten daher die Bürger Rheinbaierns am 29. Januar 1832 ein Fest des Dankes und der Anerkennung, ein Fest, das nur von entschiedenen Patrioten veranstal- tet auch nur entschiedene Männer verewigen sollte, in diesem Sinne auch wirklich begangen wurde und in der Geschichte der deutschen Re- form die erste Epoche bezeichnen wird. Denn am 29. Januar 1832 wurde in Deutschland zum ersten Male öffentlich ausgesprochen, daß eine Vermittlung mit dem Princip der Legitimität und dem Königthume des göttlichen Rechts unmöglich sey und daß die Reform Deutschlands auf das Princip der unbedingten Volks-Souverainität gebaut werden müße. Die rheinbairische Presse eröffnete nun den entschiedenen Kampf; er wurde mit Kraft und Nachdruck geführt. Da entschloß sich die bai- rische Regierung zu Gewaltschritten. Man ließ sie gewähren, um dem Volke über seinen rechtlichen Zustand die Augen zu öffnen. Die Wirkung blieb nicht aus: ungleich entschiedener und kraftvoller zeigte sich der Volksgeist während des momentanen Stillschweigens der periodischen Presse, als während deren Wirkens. Ein Ersatz für diese blos für die Reform Deutschlands wirkende Presse war bald gefunden; er besteht in großen öffentlichen Volksversammlungen. Jener deutsche Patriot, der nicht nur den Volksgeist in Rheinbaiern zuerst erweckt, sondern auch in Deutschland zur entschiedenen Opposition den ersten Impuls gegeben hat, Siebenpfeiffer , ergriff die Idee zu einem deutschen National- feste und theilte solche den charactervollen deutschen Bürgern in Neustadt an der Haardt mit. Sogleich kam man überein, den bedeutungsvollen Mai zu benützen, um in einer großen Volksversammlung auf der Schloß- ruine Hambach, ohnweit des Rheines, den Grundstein zur Wiederge- burt Deutschlands zu legen. Vier und dreißig würdige Bürger aus Neustadt a.d. Haardt und der Umgegend erwarben sich das Verdienst, die Einladung zu dem Feste, und die Anordnung und Leitung desselben zu über- nehmen. Wir übergeben hier ihre Namen den dankbaren Andenken der Nachwelt. Es waren die Herren: „Ph. Abresch, Oekonom. S. Baader, Oekonom. S. Baader, Weinhändler. Blaufus, Geschäftsmann. Ph. Christmann, Buchhändler. F. Deidesheimer, Kaufmann. P. Ferckel, Müller, Fix, Kaufmann. H. Fritzweiler, Kaufmann. G. Frey, Oeko- nom. F. Gies, Oekonom. Göttheim, Kaufmann. Ch. Heckel, Oekonom. Dr. Hepp, Arzt. G. Helfferich, Kaufmann. C. Hornig, Weinhändler. J. Hornig, Oekonom. Kästler, Geschäftsmann. F. Klein, Gerber. G. Klein, Gutsbesitzer. H. Klein, Oeko- nom. K. Klein, Oekonom. J. J. Lederle, Kaufmann. Lembert, Notär. Ch. Mattil, Oekonom. W. Michel, Oekonom. Müller, Notär. J. Rassiga, Kaufmann. Ries, Schneider. Schimpf, Bürgermeister. J. Schopmann, Landstand. J. Umbstätter, Oekonom. F. Brod, Kaufmann. Walther, Kaufmann.“ Die Einlandung zu dem Feste, verabfaßt von Siebenpfeiffer lautete allso: „ Neustadt an der Haardt im baierischen Rheinkreis, 20. April 1832. „In öffentlichen Blättern, namentlich der Speierer Zeitung, ist eine Einladung zu einem Constitutionsfeste auf dem Hambacher Schlosse er- schienen. Solche ist ohne Auftrag ergangen; mit Beziehung auf nach- stehenden Aufruf, bitten wir, jene Einladung als nicht geschehen zu be- trachten. „ Der Deutschen Mai . „Völker bereiten Feste des Dankes und der Freude beim Eintritte heilvoller großer Ereignisse. Darauf mußte das deutsche Volk seit Jahrhunderten verzichten. Zu solcher Feier ist auch jetzt kein Anlaß vor- handen, für den Deutschen liegen die großen Ereignisse noch im Keim; will er ein Fest begehen, so ist es ein Fest der Hoffnung; nicht gilt es dem Errungenen, sondern dem zu Erringenden, nicht dem ruhmvollen Sieg, sondern dem mannhaften Kampf, dem Kampfe für Abschüttelung innerer und äußerer Gewalt, für Erstrebung gesetzlicher Freiheit und deutscher Nationalwürde.“ „Alle deutschen Stämme sehen wir an diesem heiligen Kampfe Theil nehmen; alle seyen darum geladen zu dem großen Bürgerverein, der am Sonntag 27. Mai, auf dem Schlosse zu Hambach bei Neustadt am Haardtgebirge statt finden wird.“ „Im Mai hielten, nach germanischer Sitte, die Franken, unsre ruhmbekränzten Väter, ihre National-Versammlungen; im Mal em- pfing das heldenmüthige Polen seine Verfassung; im Mai regt sich die ganze physische und geistige Natur: wie sollte, wo die Erde mit Blü- then sich schmückt, wo alle keimenden Kräfte zur Entwicklung streben, wie sollte die Empfindung des freien Daseyns, der Menschenwürde, starren unter der Decke kalter Selbstsucht, verächtlicher Furcht, straf- barer Gleichgültigkeit?“ „Auf, ihr deutschen Männer und Jünglinge jedes Standes, welchen der heilige Funke des Vaterlands und der Freiheit die Brust durchglüht, strömet herbei! Deutsche Frauen und Jungfrauen, deren politische Mißachtung in der europäischen Ordnung ein Flecken ist, schmücket und belebet die Versammlung durch eure Gegenwart! Kommet Alle herbei zu friedlicher Besprechung, inniger Erkennung, entschlossener Verbrüde- rung für die großen Interessen, denen ihr eure Liebe, denen ihr eure Kraft geweiht.“ Eine solche Einladung mußte in der Brust eines jeden deutschen Patrioten Wiederhall finden, — und sie fand ihn. Unaussprechlich war der Eindruck, den die große Idee einer deutschen Volksversammlung allenthalben hervorbrachte; Hoffnung und Vertrauen belebte alles; kaum konnte man den schoͤnen Tag erwarten, an dem unter so andeutungsvollen Umstaͤnden der Deutschen Mai wieder als Nationalversammlung auf die Buͤhne der Welt treten sollte. Was indessen die Hoffnung und die freudige Begeisterung des deutschen Volkes erweckte, das mußte na- tuͤrlicherweise das boͤse Gewissen der volksfeindlichen Machthaber mit scheuer Angst und zitternder Gespensterfurcht erfuͤllen. Die baierische Regierung suchte daher das große Fest zu vereitlen. Sie glaubte ihren lichtscheuen Zweck wie gewoͤhnlich durch Willkuͤhr und rohe Gewalt zu erreichen; sie erkuͤhnte sich daher nicht nur die Versammlung freier Buͤrger, zu einem friedlichen patriotischen Zwecke, foͤrmlich zu verbieten, sondern auch die Einwohner der Stadt Neustadt und einiger umliegen- den Gemeinden auf die Dauer von 3 Tagen von allem Verkehr mit Frem- den abzuschneiden, denselben waͤhrend dieser Zeit jede Zusammenkunft zu verbieten und ihnen jede freie Bewegung zu untersagen. Dieser Akt gesetzloser Gewalt, der die Institutionen des Rheinkreises in ihren Grund- pfeilern erschuͤttert und fuͤr immer vernichtet haͤtte, bestand in folgendem Befehle: Art. 1. „An den Tagen des 26., 27. und 28. des Monats Mai 1832 ist allen Fremden, d. h. allen in Neustadt nicht domicilirten oder in Diensten stehenden Personen, ein Zutritt und Aufenthalt in der Stadt Neustadt nicht gestattet. Gleiches Verbot erstreckt sich fuͤr eben diese Tage auch auf die Gemeinden Winzingen, Ober-, Mittel- und Unterhambach.“ Art. 2. „An den genannten Tagen ist die Polizeistunde auf 8 Uhr Abends fest- gesetzt. Mit dieser Stunde sind alle Wirthshaͤuser zu schließen; zugleich werden die Polizeibehoͤrden ermaͤchtiget, jedes Wirthshaus zu jeder Stunde des Tages zu schließen, wenn in einem derselben Excessen vor- fallen oder zu befuͤrchten stehen sollten.“ Art. 3. „Ebenso werden alle Versammlungen an den Tagen des 26., 27. und 28 des Monats Mai auf den oͤffentlichen Straßen und Plaͤtzen untersagt. Als Versammlung ist anzusehen, wenn mehr als fuͤnf Personen beisam- men sind.“ Art. 4. „Ingleichen werden Reden an die versammelte Volksmenge an allen oͤffentlichen Orten an eben diesen Tagen verboten.“ Doch die Feinde der Nation hatten sich dießmal getaͤuscht. Sie hatten dem Volk den Handschuh hingeworfen, in der Hoffnung, er werde nicht angenommen werden. Allein er ward es. Nur ein Entschluß durchdrang die Brust der Bewohner Rheinbaierns: der unerschuͤtterliche Entschluß, die Regierung in die Schranken der Gesetze zuruͤckzuweisen, die In- stitutionen des Landes durch Thatkraft aufrecht zu erhalten und daher aller Verbote und aller allenfallsigen Gewaltmaßregeln der Regierung ungeachtet am 27. Mai auf der Schloßruine Hambach in Masse zu erschei- nen. Der Stadtrath zu Neustadt an der Haardt war es, welcher zuerst wider das gesetzwidrige Verbot der Regierung foͤrmliche Protestation einlegte. Wir uͤbergeben die Namen der Mitglieder einer solchen ehr- wuͤrdigen Corporation dem dankbaren Andenken der Nachwelt: „L. Dacqu é. J. Schopmann. J. Goͤttheim. F. K. Exter. G. Frey J. Boͤckler. J. F. Schopmann. Hassieur. Ch. Mattil. H. Cla us G. F. Grohe-Henrich. Zinckgraf. L. Bub. A. Pancera. J. Foͤster., C. L. Braun. W. Sauter. A. Penner. E. J. Rasor. Ph. Hel- fenstein. J. Brod. F. J Frey. J. Abresch. . Knochel. G. Exter.“ Der Schluß der Protestation Sowohl diese Protestation, als alle uͤbrigen das Hambacher National- fest betreffenden Aktenstuͤcke, werden in dem zweiten Hefte dieser Festbeschreibung abgedruckt werden. lautet also: „In Erwägung, daß es der Regierung selbst nach den Gesetzen, auf die sie sich zur Rechtfertigung solcher unerhörten Maßregeln stützt, nicht freisteht, eine Gegend willkührlich in Belagerungsstand zu setzen, sogar sie von allem Verkehr abzuschneiden, und die zu ihrer Approvisio- nirung zu haltenden Märkte zu untersagen; daß es vielmehr ihre Pflicht wäre, alle Hindernisse der freien Bewegung der Bürger und Fremden aus dem Weg zu räumen — und die persönliche Freiheit der Bürger zu schützen.“ „Daß es ihr zwar mit Recht zusteht, alle polizeilichen Vorsichts- maßregeln zu ergreifen, um bei öffentlichen Versammlungen im Freien etwaige Unordnungen zu verhüten und die Störer der öffentlichen Ruhe zu ergreifen; daß es ihr aber nicht zukommt, öffentliche Belustigungen und Versammlungen selbst zu stören, wenn diese sich in den Schranken der Ordnung und des Gesetzes halten.“ „In Erwägung, daß es nicht von der Willkühr der Regierung ab- hängt, eine Versammlung zum Voraus als seditioͤs zu erklären, ehe wirk- liche Thatsachen dieses beweisen, und daß es für alle rechtliche und an- gesessene Bürger der Gegend äußerst verletzend seyn muß, von der Lan- desregierung öffentlich des Geistes des Aufruhrs beschuldigt zu werden, da es doch im höchsten Interesse Aller liegt, jeder Unordnung zu be- gegnen, welche die Freude des Festes stören würde.“ „Daß diese Beschuldigung um so auffallender ist, wenn die Regie- rung in allen seitherigen Aufrufen, selbst noch in der gerügten Verord- nung, volles Vertrauen in die Gerechtigkeits- und Ordnungsliebe der Bewohner des Rheinkreises zu setzen vorgibt, und durch ihre Maßre- geln und Beschlüsse gerade das gehässigste und ungegründetste Mißtrauen an den Tag legt, daß sie sogar gegen die ganze Gegend ein solches Interdict verhängt, wie die französische Regierung nicht gegen die wirk- lich aufrührerischen Städte Lyon, Grenoble ꝛc. ꝛc. ꝛc. that.“ „In Erwägung, daß die städtische Verwaltung hierin von allen guten Bürgern unterstützt, hinreichend im Stande ist, die Ordnung zu handhaben, auch selbst wenn sie dabei nicht von der Regierung unter- stützt würde, daß der Stadtmagistrat in corpore diese Ordnung ver- bürgt und jede Störung sogleich selbst unterdrücken wird.“ „Daß also, indem durch die Wachsamkeit der Polizei allen Un- ordnungen vorgebeugt, oder im Entstehen sie sogleich erstickt werden kön- nen, alle weitere Maßregeln, welche die Einwohner ihrer persönlichen und bürgerlichen Freiheit und Rechte berauben, nur als vexatorisch be- trachtet werden können.“ „In Erwägung, daß es die Ehre und das Interesse aller Bewoh- ner der mit dem Interdict belegten Gemeinden erfordert, solchen die natürliche Freiheit beraubenden ungesetzlichen Maßregeln sich zu wider- setzen.“ „Aus diesen Gründen „protestirt der Stadtrath hierdurch feierlichst gegen die angeführte Ver- „ordnung vom 8. Mai, und verwahrt sich gegen alle Folgen, welche „die beabsichtigt werden könnende Vollziehung derselben herbeiführen „wuͤrde, und weiset alle Verantwortlichkeit deßhalb auf die Regierung „zurück.“ Rasch auf einander folgten nun die Protestationen anderer Staͤdte, nament- lich protestirten Frankenthal Speier, Kaiserslautern, Landau und Zwei, bruͤcken. Eine besondere ehrenvolle Erwaͤhnung muß hier dem Benehmen der Stadt Landau zu Theil werden. Der Wahnsinn der Regierung war naͤmlich bis zu dem faden Vorsatze gesteigert worden, das Schloß Ham- bach mit einer Militaͤrmacht von 2500 Mann zu besetzen, um die Buͤrger mit Gewalt von dem Besuche des Festes abzuhalten. Um diese Militaͤr- macht zu verpflegen, wollte man die Lieferung der noͤthigen Lebensmittel an den Wenigstnehmenden versteigern. Allein auch nicht ein einziger Buͤrger konnte zur Uebernahme eines solchen Geschaͤfts bewogen werden, obgleich bei dem Mangel an Concurrenten, ein großer Gewinn ganz sicher war- Der Stadtrath von Landau machte vielmehr die Regierung auf die furcht- baren Folgen ihres wahnwitzigen Verfahrens aufmerksam und sandte eine besondere Deputation nach Speier, dem Sitze des Regierungs-Collegiums ab, um dem Regierungs-Praͤsidenten die Größe der ihm drobenden Ver- antwortlichkeit mit maͤnnlichem Nachdruck vor die Augen zu halten. Ehre den bravem Deutschen Landau’s! Gestuͤtzt auf ein aͤußerst gruͤndliches Rechtsgutachten der ausgezeichne- ten Advokaten Schüler, Savoye und Geib , protestirten ferner die Festordner selbst, und erklaͤrten mannhaft, daß sie trotz des ungesetz- lichen Verbotes unerschuͤttert fortfahren wuͤrden, alle Vorbereitungen fuͤr das Fest zu vollenden, weshalb deren Einladung dazu erneuert wurde. Endlich erhob sich auch der eben versammelte Landrath der Provinz Rheinbaiern wider die empoͤrenden Gewaltschritte der Regierung, und drang darauf, daß das gesetzwidrige Verbot des Nationalfestes zuruͤck genommen werde. Es gereicht uns zum großen Vergnuͤgen, auch die Namen der Mitglieder dieser ehrenwerthen Volks-Repraͤsentation dem dankbaren Andenken der Nachwelt zu uͤbergeben. Diese Mitglieder waren: „Notär Köster, Advokat Mahla, Notär Rencker, Rentmeister Stöhr, Tabaksfabrikant Kienlein, Consistorialrath Müller, Ein- nehmer Mühlhäuser, Bezirksingenieur Denis, Doctor Thomas, Advokat Haas, Bürgermeister Brunk, Pfarrer Hahn, Gutsbe- sitzer Giesen, Gutsbesitzer Jakob, Gutsbesitzer Frank, Pfarrer Schnetter, Posthalter Ritter, Gutsbesitzer Spitz, Bürgermeister Ladenberger, Einnehmer Rauch, Gutsbesitzer Kern, Gutsbesitzer Schneider, Weinhändler Giesen.“ Sobald ein Volk der gesetzwidrigen Willkuͤhr seiner Regierung einen festen Willen entgegen setzt, ist der Sieg ihm gewiß, und die Niederlage der Regierung un- vermeidlich . Diese Wahrheit bewaͤhrt sich auch in dem unterstell- ten Falle. Die baierische Regierung suchte aͤngstlich nach einer Hinterthuͤre, und einem schicklichen Vorwand, das Verbot des Festes zu- ruͤckzunehmen. Sie machte dann zuerst mit einer halben Zuruͤcknahme einen Versuch und mußte sich endlich zu dem sauern Schritte entschließen, ihre gesetzwidrige Willkuͤhr zu bekennen, naͤmlich ihr monstroͤses Verbot unbedingt zuruͤck zu nehmen. Moͤge das deutsche Volk durch dieses Er- eigniß seine Kraft kennen lernen und niemals mehr vergessen, daß dem festen Volkswillen keine Macht der Regierung zu widerstehen vermag. Den Namen des Mannes, der in dem Kampfe des Absolutismus gegen die Natio- nalsache der Deutschen ein so thaͤtiges Werkzeug der Volksfeinde abgiebt- jenes Mannes, der den Versuch wagte, die Institutionen Rheinbaierns durch taͤglich wiederholte Angriffe allmaͤhlich zu erschuͤttern und dadurch eine große Hoffnung des deutschen Vaterlandes zu vernichten, auch den Namen dieses Mannes uͤbergeben wir der Nachwelt, doch nur darum, damit sie ihn richten moͤge. Das Werkzeug der gesetzwidrigen Gewalt heißt: Andrian-Werburg und fuͤhrt den Titel „Freiherr, General-Commissaͤr und Regierungs-Praͤsident.“ Die baierische Regierung hatte zwar die Intrigue begangen, durch heimliche Correspondenzen mit den andern Gouvernements die Zurück- nahme des Festverbotes nur auf baierische Deutsche zu beschränken und so das Verbot gegen unsere Brüder aus andern Stämmen hinterlistig aufrecht zu erhalten; allein deßungeachtet strömten die Patrioten aus allen Gauen unseres gemeinsamen Vaterlandes zusammen. Die meisten trafen schon am 26. Mai in Neustadt ein. Von Mittags bis Abends bot diese Stadt an jenem Tage das erhebenste Schauspiel dar. Von Viertelstunde zu Viertelstunde langten neue Züge von Patrioten an, die meisten auf offenen mit Eichenlaub bekränzten Wagen, auf denen die deutsche Fahne wehte. Sei gesegnet glücklicher Tag, wo nach lan- gen Leiden und Drangsalen das Emblem der Kraft und d er Hoheit, die Standarte unseres mächtigen Deutschlands, von den Re präsentanten fast aller deutschen Stämme an dem prächtigen Rheine wieder entfal- tet war! Am 26. Mai Abends versammelte sich ein großer Theil der ange- kommenen Gäste auf dem Schießhause bei Neustadt, um wechselseitig Bekanntschaft zu machen. Man bemerkte hier die Repräsentanten fast aller deutschen Stämme, und unter ihnen die in Deutschland am höch- sten stehenden Namen. Es war ein großer, schöner Moment, wo alte Freunde einander wiedersahen, wo neue Freundschaften geschlossen wur- den, und wo vor allem die Brüderstämme der Deutschen mit boffen- dem und freudigem Vertrauen sich näherten, mit Begeisterung sich umschlangen und die großen Interessen des gemeinsamen Vaterlan- des mit tiefer Sachkenntniß und durchdringendem Scharfsinn lebhaft ver- handelten. Später am Abend sammelten sich in Neustadt an allen öffentlichen Orten kleinere Gesellschaften, in welchen überall die An- gelegenheiten unseres Volkes klar, ernst und würdig berathen wurden. Die Festlichkeiten selbst gingen in folgender Ordnung vor sich: 1) Am 26. Mai Abends wurde die Eröffnung des Festes durch das Geläute aller Glocken und durch mehrstündiges Abfeuern von Ge- schütz angekündiget; auch waren auf den hoͤchsten Punkten des Haardt- gebirges Freudenfeuer angezuͤndet. 2) Dieselbe Feierlichkeit ging am 27. Mai, als dem eigentlichen Festtage, früh nach Tagesanbruch vor sich. 3) Um 8 Uhr Morgens versammelten sich die Theilnehmer an dem Feste auf dem Marktplatze zu Neustadt. Der Zug wurde nun geordnet und begab sich in folgender Weise auf die Schloßruine Hambach: a) Eine Abtheilung Bürgergarde mit Musik; b) Frauen und Jungfrauen mit der poln. Fahne, letztere getragen von einem Fähndrich, der mit einer weiß rothen Schärpe geschmückt war; c) eine zweite Abtheilung Bürgergarde; d) eine Abtheilung der Festordner, von welchen jeder eine Schärpe aus schwarz, roth und gold trug, in der Mitte die deutsche Fahne, mit der Inschrift „ Deutschlands Wiedergeburt “; e) der ganze Landrath Rheinbaierns; f) eine zweite Abtheilung Festordner. (Beide Abtheilungen der Festordner bildeten die Ehrenbegleitung des würdigen Land- rathes); g) die verschiedenen Deputationen aus den deutschen Gauen, na- mentlich Rheinpreußen, Baden, den beiden Hessen, Würtem- berg, Franken, Altbaiern, Sachsen, Hannover, Westphalen, Nassau, Lichtenberg, Coburg, Frankfurt u. s. w. u. s. w.; h) die andern Festbesucher aus allen Ländern deutscher Zunge, nach Stämmen geordnet, jeder mit einer oder mehreren deut- schen Fahnen; i) eine Abtheilung Bürgergarde. Nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, wurde mit feier- lichem Ernst das bedeutungsvolle Lied angestimmt: „Was ist des Deut- schen Vaterland.“ — Welche Feder vermöchte den ergreifenden Anblick zu schildern, den dieser Theil der Festlichkeit darbot. Die Deutschen waren zum ersten Male wieder brüderlich vereiniget und zogen unter der Fahne ihres Vaterlandes ernst und feierlich dahin. Da war kein Auge thränenleer; da hob sich der Busen, voll von seliger Wollust, und von Mund zu Mund tönte der Ausruf: „Heil, Heil dem Tage, wo Deutsch- lands Fahne Maͤnner aus allen Gauen des Landes zur brüderlichen Eintracht vereinigte!“ Mit stürmischem Enthusiasmus wurde hierauf folgendes, von Siebenpfeiffer für 300 Handwerksbursche gedichtetes Lied abgesungen. ( Melodie nach Schillers Reiterlied .) Hinauf, Patrioten! zum Schloß, zum Schloß! Hoch flattern die deutschen Farben: Es keimet die Saat und die Hoffnung ist groß, Schon binden im Geiste wir Garben: Es reifet die Aehre mit goldnem Rand, Und die goldne Erndt’ ist das — Vaterland. Wir sahen die Polen, sie zogen aus, Als des Schicksals Würfel gefallen; Sie ließen die Heimath, das Vaterhaus, In der Barbaren Räuberkrallen: Vor des Czaren finsterem Angesicht Beugt der Freiheit liebende Pole sich nicht. Auch wir, Patrioten, wir ziehen aus In festgeschlossenen Reihen; Wir wollen uns gründen ein Vaterhaus, Und wollen der Freiheit es weihen: Denn vor der Tyrannen Angesicht Beugt länger der freie Deutsche sich nicht. Die Männer strömen aus jeglichem Gau, — Nur Brüder umfassen die Gauen — Zu legen die Hand an den Wunderbau: Ein Deutschland gilt es zu bauen; Wo deutsche Männer, da sind wir dabei, Wir erheben ein Deutschland, stolz und frei. Was tändelt der Badner mit Gelb und Roth, Mit Weiß, Blau, Roth Baier und Hesse? Die vielen Farben sind Deutschlands Noth, Vereinigte Kraft nur zeugt Größe: Drum weg mit der Farben buntem Tand! Nur eine Farb’ und ein Vaterland! Wenn Einer im Kampfe für Alle steht, Und Alle fuͤr Einen, dann blühet Des Volkes Kraft und Majestät, Und jegliches Herz erglühet Für ein einiges Ziel, für ein einziges Glut: Es brennet der Freiheit, des Vaterlands Gut. Drum auf, Patrioteu ! der Welt sei kund, Daß eng, wie wir stehen gegliedert, Und dauernd wie Fels der ewige Bund, Wozu wir uns heute verbrüdert. Frisch auf, Patrioten, den Berg hinauf! Wir pflanzen die Freiheit, das Vaterland auf. Mit feierlichem Ernst folgte nach einer Pause die Absingung des folgenden von Christian Scharpff aus Homburg gedichteten Liedes: (Nach der Melodie: „ Ahndungsgrauend “ von Körner. Vaterland, im Schwerdterglanze Strahlte Hoffnung jugendlich; Als besiegt der stolze Franze Fern aus deinen Gauen wich; Seine Adler stürzten nieder, In der Freiheit Sonnenblick Sproßte deutsche Ehre wieder, Deutsche Kunst und Bürgerglück. Ha, nur ein Traum war’s, nur fürstliche Lüge, Daß sich der Sclave so williger füge Seiner Despoten fluchwürdigem Bund. Auf des Sieges heil’ger Stätte Knieten heuchelnd sie vor Gott, Ihre Eide, ihr Gebete Waren Trug nur, frevler Spott; Tyrannei, auf Gold gebettet, Lachte Deiner Hoffnung Hohn, Hat Dich schimpflicher gekettet An des Nordens blut’gen Thron. Aber schon zuckten des Rachekampfs Pfeile, Weit durch die Länder mit schrecklicher Eile Stürmt noch das strafende Gottesgericht. Donnernd hallt des Schicksals Stimme: Völker wacht, die Zeit ist nah’! Euer Gott in seinem Grimme Auf der Throne Thaten sah’, Blutig, rechtlos waren alle Vom Indus bis Tajo’s Strand, Zürnend sprach Er: ja, es falle Ihre Macht von Land zu Land! Gott der Gerechtigkeit, laß es gelingen, Vater, Du segne das muthige Ringen! Muthigen hilft ja der schützende Gott! Schimpflich ist’s in alter Weise Noch zu fleh’n um Fürstenhuld, Mit der Schande schnödem Preise Mehrt ihr so die große Schuld; Männern ziemt ein ernstes Mahnen Mit der Wahrheit Donnerwort, Selber sich den Weg zu bahnen Zu der Freiheit stolzem Port. Aber der Flehende ärndtet nur Schande, Wahrlich ihm ziemen die schimpflichen Bande, Er ist der Ehre der Freiheit nicht werth! Freudig für die Freiheit leben, Für sie sterben sei der Schwur! Nicht wie Könige sie geben, Volle Freiheit rettet nur. Daß kein Fürstenwort bethöre, Folgt des Vaterlands Gebot: Jeder deutsche Mann er schwöre, Schwöre: Freiheit oder Tod! Tod für die Freiheit sey freudig willkommen, Männer Ihr alle, für Freiheit entglommen, Bleibet dem heiligen Schwure getreu! Als der Anfang des Zuges am Orte des Festes angekommen war, wurde auf einem erhöhten Punkte die polnische, und oben auf den höch- sten Zinnen der Ruine die deutsche Fahne aufgepflanzt. Weithin über die gesegneten Auen wehte nun das stolze Panner unseres Vaterlandes, ein Anblick, der die Freude aller Anwesenden zu Begeisterung steigerte. — Nach der Ankunft auf dem Berge gewahrte man erst, wie groß die Menge der angekommenen Gäste sei. Es waren mindestens Dreißig- tausend Personen versammelt. Man bemerkte insbesondere Bürger aus Straßburg, Collmar, Paris, Metz, Weisenburg, Manchester, Con- stanz, Heidelberg, Carlsruhe, Freiburg, Mannheim, Marburg, Tü- bingen, Würzburg, Jena, Göttingen, Stralsund, Coburg, München, Frankfurt, Nürnberg, Mainz, Worms, Wiesbaden, Kölln, Trier, Giesen, Stuttgart, Darmstadt, Kassel, Magdeburg, Hof, Erlangen, Kiel, Leipzig, Augsburg, Pyrmont, Braunschweig, Nordhaufen u. s. w. Die Patrioten in Rheinpreußen, die Deutschen am Niederrhein, die Bürger in Constanz, das polnische National-Comite in Paris und die Gesellschaft der Volksfreunde in Straßburg hatten Adressen einge- sendet. Wir theilen diese Aktenstücke wörtlich mit: I. Adresse der Rheinpreußen : An die Volksversammlung in Hambach und die edlen Vertreter der Volksfreiheit in Rheinbaiern. So weit ein freies Herz in deutschem Busen schlaͤgt, so weit drang auch das Wort der Freiheit, wie es in dem ganzen Rheinbaiern frei und kraͤftig ausgesprochen wurde. — Wir unter Preußens Herrschaft stehenden Rheinländer hoͤrten nur selten Euren Ruf der Freiheit erschallen. Unsere Blaͤtter — nicht Organe der oͤffentlichen Meinung, sondern Organe der legitimen, in den geheimen Cabineten der Ministern, ja in den dunklen Stuben eines untern Polizeibeamten gehegten Ansichten — zeigten nur den Kampf gegen Euer Wort, aber wir lernten doch auch so die Kaͤmpfer kennen. Wir sahen hier im Preußen trostlose Censoren und ihre besoldeten Schreiber, dort im freiern Deutschland ruͤstige Ver- treter der Wahrheit, tapfere Kaͤmpfer der Freiheit. Ob aber auch nur selten das Wort der Freiheit wie es im freiern Deutschland erklang, zu uns drang: ob es auch von dem Geraͤusche preußischer Waffen, von den Schmeicheleien eines Soldaten- und Beamtenheeres uͤbertoͤnt werden sollte , es fand noch Herzen die hoͤher schlugen, Augen die feuriger gluͤhten, wenn von Einem Deutschland , von Freiheit, Recht und Ehre die Rede war. Sind deren auch nur wenige, die sich erkannt und die es gewagt, — denn im Preußischen ist dies ein Wagestuͤck — sich gegen einander auszusprechen; so hoffen wir doch auch hier einst der Wahrheit Sieg, den Triumpf der Freiheit feiern zu koͤnnen. — Auf Euch aber sind vorerst unsere Blicke gerichtet, und Freiheit, Recht und Wahrheit moͤgen Euch zur That anfeuern, auf daß ganz Deutschland, und insbesondere auch unser Rheinpreußen, das wie Euer Rheinbaiern durch eine freie Gesetzgebung emancipirt ist, am Beispiele erstarke. — Der Himmel segne Euer Werk! Aus den preußischen Rheinlanden. Wenn wir nicht unterschreiben, so geschieht dieß nur deßwegen, weil wir dadurch der guten Sache mehr schaden als nuͤtzen wuͤrden. Wer Preußen nur halbwegen kennt, wird uns deßwegen keinen Vorwurf machen. — II. Adresse der Deutschen des Niederrheins . An die Herren Unterzeichner des Aufrufes in Nro. 310 der allgemeinen Zeitung, uͤberschrieben: Der Deutschen Mai . Sie haben, meine Herren, einen Aufruf an deutsche Maͤnner und Juͤnglinge erlassen zur Feier des deutschen Maifestes, welche am 27. d. M. auf dem Hambacher Schlosse begangen werden soll. Diesen Ruf, meine Herren, — doch fort mit dem steifen, kalten, ceremoniellen Tone! Lasset uns als Deutsche mit deutscher Zunge zu deutschen Herzen sprechen. Diesen Ruf, ihr rheinisch-deutschen Bruͤder, haben auch wir am untern Rheine vernommen, und auch wir glauben uns dadurch getroffen; denn obgleich wir, als brave koͤniglich preußische Unterthanen mit dem deutschen Volke nichts gemein haben duͤrfen, und uns des Ruhmes, Preußen zu seyn, ex officio koͤniglich freuen muͤssen, so koͤnnen wir doch nicht umhin, instinktmaͤßig aufzuhorchen, wenn wir den Namen nennen hoͤren, auf den wir unsere politische Tauf empfangen haben, der uns von Jugend auf der theuerste war. Ja, Deutsche sind auch wir noch, und als Deutsche hoͤren wir auf euren Ruf, zum deutschen Maifeste zu kommen, das ihr zu feiern beschlossen habt. Wohl moͤget ihr ein Maifest begehen, ihr Gluͤcklichen! Euch leuchtete und erwaͤrmte schon laͤnger die Sonne; schon hat sie die harte Eisdecke geloͤset und den starren Winter verscheucht; schon treibt das freundliche Gruͤn der Hoffnung bei Euch uͤberall hervor, der Hoffnung, daß bald die Sonne der Freiheit voͤllig siegen und die Saat zur Reife bringen werde. Aber ach! bei uns armen Soͤhnen des Nordens ist die Sonne noch fern vom Wendekreise, und der Krebs, der uns den Sommer verheißen sollte, ist uns vielmehr ein ominoͤses Zeichen, — denn krebsartig sehen wir uns taͤglich ruͤckwaͤrtsgezogen, und wie ein boͤser Krebs nagt es an unserm Herzen. Unser Boden starrt noch unter dem eisigen Kleide des Winters, unser Himmel ist noch bedeckt, unsere Sonne noch getruͤbt von den finstern Wolken des Absolutismus, unsere Atmosphaͤre gehuͤllt in die dichtesten Ne- bel politischen Aberglaubens und Wahns, unsere Schritte sind gehemmt durch das schluͤpfrige Glatteis der Censur, welche Schrift, Wort, Gedanken und Handlungen fesselt, und nur mit den Schlittschuhen der aͤngstlichsten Vorsicht duͤrfen wir es wagen, ohne Lebensgefahr uͤber das truͤgerische Eis hinwegzugleiten. Ihr aber lebet im gruͤnenden Mai, und feiert das Fest der Hoffnung. Wie gluͤcklich seid ihr, die ihr Hoffnung hegen duͤrfet! Uns sind ihre gold- nen Thore noch verschlossen. Ihr ladet uns ein, Theil zu nehmen an eurem Feste, auf daß wir uns wenigstens mit euch der Hoffnung freuen moͤchten. O wie gerne wollten wir diesem Rufe folgen, wenn nicht die Macht der Verhaͤltnisse hindernd dazwischen traͤte! Denn warlich ist es nicht kalte Selbstsucht, ver- aͤchtliche Furcht, strafbare Gleichgiltigkeit, die uns davon zuruͤck haͤlt. Ihr riefet das Volk der Deutschen auf, Theil an eurem Feste zu neh- men, und dachtet dabei vielleicht am wenigsten an eure Bruͤder am untern Rheine, die in todaͤhnlicher Ruhe vegetiren, und schier kein Zeichen politischen Lebens von sich geben. Vielleicht spottet ihr dieser Ruhe, dieser Geduld, und dachtet nicht daran, daß es die Geduld des Sklaven ist, der blos deßhalb sich ruhig verhaͤlt, weil er, an die Ruderbank gefesselt, sich nicht zu regen vermag. Ach! warum mußte das muntere Voͤglein des Rheins eingesperrt werden in den schmalen engen Kaͤfig zu dem alten finstern Uhu? Da soll er sitzen, der muntere Saͤnger, der gewohnt war, sich uͤber die Wolken zu erheben und der reinsten Luft, des hellsten Lichtes zu ge- nießen, da soll er sitzen bei dem alten Raubvogel, und ganz gehorsamst sich des Gluͤckes freuen und der Gunst die er genießt: allerhoͤchsten Orts nicht — aufgefressen zu werden! O des hohen Gluͤcks, o der unschaͤtzbaren Gnade! — Aber rings um den Kaͤfig flattern die freiern Voͤglein des deutschen Hai- nes und spotten der Ruhe des Gefangenen. Spottet nicht, ihr Gluͤcklichern, aber weinet mit den Trauernden, so wollen wir mit euch uns eurer Hoffnungen freuen! Doch weil ihr uns riefet, so wollen wir wenigstens aus dem Innern unsers Kaͤfigs Antwort geben und euch sagen: Wir leben noch. Waͤhnet nicht, wir laͤgen in letbargischem Schlummer befangen oder in sorgloser Gleichgiltigkeit, weil ihr nichts von uns hoͤret. Nein, still und aufmerksam schauen und horchen wir auf die Zeichen der Zeit, und harren der Brautnacht, wo auch wir unser Ehrenkleid anzuziehen und die hoch- zeitliche Fackel anzuzuͤnden gedenken. Aber von außen her muß unsere Rettung, unser Heil kommen, und ihr, rheinische Brüder, seid dazu bestellt und berufen, jetzt, da eure beschnittene Fittige etwas gewachsen sind, auch uns aus dem Kerker be- freien zu helfen. An Euch ist es, mit Kraft und Ausdauer dahin zu wirken, daß das Licht der Wahrheit immer heller um sich leuchte, und ihr Reich sich täglich erweitere. Euer Beispiel muß den Schüchternen Muth, den Schwachen Kraft und Selbstvertrauen einflößen. Euer Bei- spiel möge die Verblendeten enttäuschen, den Blinden den Staar von den Augen nehmen. Durch euer Beispiel mögen die auf der Stufe der Erkenntniß noch tiefer stehenden deutschen Stämme über die Rechte der 2 Völker und der Fürsten aufgeklärt und belehrt werden. Und wenn der aufgeklärte, den Druck seines Joches fühlende Deutsche irgend Grund zur Hoffnung auf bessere Zeiten hat, so kann sie nirgends anders beru- hen als bei euch. Nicht von dem großen Jerusalem mit seinen Heuchlern, seinen Pha- risäern und Schriftgelehrten, nicht von da ging das Licht der Welt aus, sondern von dem unbedeutenden Bethlehem. Also wird auch nicht in Berlin, wo schlimmere Heuchler als Pharisäer hausen, der neue Hei- land erstehen, sondern am Rhein ist das kleine Bethlehem zu suchen. Darum bereitet ihr dem, der da kommen soll, die Bahn, und ebnet seine Wege, auf daß, wenn er kommt, er rasch und ungehindert dahin schreiten könne. Darum, wenn ihr wollt, daß auch wir uns der Hoff- nung hingeben, so seid unermüdet im Handeln und bestätigt durch euer Thun die Meinung, die Deutschland von euch hegt. Wirket mit Kraft dahin, daß unter den Großen der Geist der Machthaberei, unter den Geringern der Geist der sklavischen Demuth vertilgt, und ein Geist, ein Sinn der Eintracht und Brüderlichkeit herrschend, daß die Hab- sucht und Herrschsucht der Aristokraten und Priester unschädlich gemacht oder unterdrückt werde. Denn sie sind die feindlichen Dämone, die der Freiheit entgegenstehen, sie sind die kräftigsten Stützen der Tyrannei, des Absolutismus. Auf euch sind unsere, und aller Gleichgesinnten Hoffnungen gestützt, und wir hegen zu euch das Vertrauen, daß ihr euch nicht von den Dro- hungen der Machthaber werdet schrecken lassen, die, wie wir vernehmen, euer Vorhaben zu hindern gedenken. Ihr werdet euch nicht stören lassen durch die Maasregeln derjenigen Korporation, die sich euere Landes-Re- gierung nennt, und in ihren landesväterlichen Gesinnungen so weit geht, eine Gesellschaft rechtlicher Staatsbürger mit entehrenden Namen zu belegen und ihren auf Verbesserung der allgemeinen Laudeswohlfahrt zielenden Absichten eine schädliche, verbrecherische Tendenz unterzulegen. Eintracht giebt Stärke! Also werdet auch ihr, fest zusammen haltend, in euch selbst Hülfe und Beistand finden, wenn ihr sie zur Abwehrung von Gewaltthätigkeiten bedürft. War es euch Ernst mit euerm Vor- haben, habt ihr nicht unbedacht euch deutsche Männer genannt, dann werdet ihr auch nicht feig zurück treten, ihr werdet dem Namen Ehre machen, den ihr bekannt, ihr werdet eher euch für das allgemeine Beste aufopfern, als euch von dem Vorwurfe verächtlicher Furcht, kalter Selbstsucht treffen lassen. War euer Vorsatz, dem mann- haften Kampf für Erstrebung gesetzlicher Freiheit und deutscher Nationalwürde ein Fest zu weihen, euch zu fried- licher Besprechung, inniger Erkennung, entschlossener Verbrüderung für die großen Interessen, denen ihr euere Liebe, euere Kraft geweiht , zu versammeln, war er fest und wohlbedacht, dann werdet ihr euch, wir sind davon überzeugt, durch keinerlei Hinderniß abhalten lassen, ihn auszuführen, dann wird euch vielmehr der Widerstand willkommen seyn, weil an ihm ihr eure . Kraft messen, euere Vaterlandsliebe erproben könnt. Ja, deutsche Män- ner, seid unerschütterlich in Vorsatz und Muth. Scheuet kein Opfer, wie es auch heiße, und bedenket, daß nie etwas Großes ohne Opfer erreicht worden. O des beneidenswerthen Looses, sich für sein Vater- land aufopfern zu dürfen. Im Namen aller Deutschen am Nieder-Rhein. III. Adresse von Konstanz am Bodensee . Ehrenwerthe teutsche Maͤnner des baierischen Rheinkreises! Liebe Vaterlands-Genossen! Die unterzeichneten Buͤrger zu Constanz haben in den oͤffentlichen Blaͤttern mit wahrer und inniger Freude Euren Aufruf zum teutschen Maifeste auf dem Schlosse Hambach bei Neustadt an der Haardt, ver- nommen, als dessen Zweck uns „friedliche Besprechung, innige Erkennung und entschlossene Verbruͤderung fuͤr die großen Interessen, denen wir unsere Liebe und unsere Kraft geweiht“ bezeichnet wird. Zum Beweise daß wir auch hier an Suͤdteutschlands aͤußerster Grenze durchdrungen sind von warmer Liebe fuͤr die heilige Sache des theuern teutschen Vaterlandes, zum Beweise daß auch wir regen Antheil nehmen an dem Maͤnnerwort, das fuͤr die Sache des Rechtes und der Civilisation gesprochen wird, senden wir aus unserer Mitte zwei durch unsere Wahl ernannten Buͤrger die Herren Handelsmann Karl Delisle und Rechts- praktikant und Schriftverfasser Karl Huͤetlin . Diese moͤgen Ihnen, sie moͤgen dem gesammten Vaterlande sagen, daß auch wir freudig bereit sind fuͤr Freiheit, Recht und Ordnung, fuͤr Volkes-Ehre und Tugend mit Allem was unsere Kraͤfte vermoͤgen redlich und maͤnnlich einzustehen. Des Himmels Segen komme uͤber unser Vaterland, — uͤber das theure teutsche Land! Gruß und Bruderkuß den teutschen Bruͤdern und Vaterlands- Genossen! Constanz , am Bodensee den 21. Mai 1832. Folgen viele Unterschriften. VI. Gefühle und Wünsche eines Greises am Bodensee, hervorgerufen durch die hohe Idee des am 27. Mai abzuhaltenden Volksfestes zu Hambach in Rhein- baiern . Durch ein halbes Jahrhundert habe ich die hochwichtigen Weltereig- nisse mit Interesse beobachtet. Ich sah das große Weltereigniß der französischen Revolution vom Jahre 1789 erstehen, beobachtete dessen Folgen und lebte in der tröstlichen Hoffnung, Europa werde dadurch emanzipirt und die schönen, freien, volksbeglückenden Grundsätze, die sich in dieser welterschütternden Revolution entwickelten, werden geläu- tert die von ganz Europa werden. Das Mißglücken ist leider allzube- kannt. Im Anfang glaubte ich die erste und größte Ursache dieses Miß- lingens in der Unwissenheit und dem Sclavensinn der übrigen europäischen Völker gesehen zu haben und fand im Verfolg diese meine Meinung immer mehr bestätiget. Ich sah die Wunder, die die Tapferkeit des französischen Volkes bewirkte, mußte aber leider auch sehen, daß diese Tapferkeit durch Unkenntniß des Volkes mit seiner eigenen kritischen Lage und Mangel an Gleichheit und Zusammenhang seiner Gesinnungen, dem Treiben der Despoten aller Art unterlag, und daß die vereinigte Despotie sich wieder zum Herrn der Welt und zum Unterdrücker der Völker mehr als früher aufwarf, so daß ich jede Hoffnung aufgab, noch vor meinem Tode, je unser liebes Teutschland frei und glücklicher als bisher zu sehen, bis endlich die Julirevolution von 1830 diese nieder- schlagenden Gedanken einigermaßen verscheuchte, und die Hoffnung in mir nährte, noch in meinem Alter Schritte zur Befreiung meines lieben teutschen Vaterlandes zu erleben. Diese meine Hoffnung wird durch die Ent- wickelung des teutschen Volksgeistes für Freiheit und Recht, des Ent- gegenstrebens der Despotie ohngeachtet, in dem gegenwärtigen höchst wichtigen Zeitpunkt gesteigert, und es läßt sich hoffen, daß die Be- mühungen so vieler biedern, gelehrten, deutschen Männer, die sich un- bedingt der Wahrheit, dem Recht, dem Vaterland opfern, in allen Gauen Teutschlands vorzüglich aber in dem wackern Rbeinbaiern häufig und conzentrirt sich vorfinden, und diesen Sieg früher, als das zwei- felhafte und bedenkliche Alter vermuthete, erringen möchten. Doch diese Hoffnung trübt die immer mehr herannahende Gewiß- heit, daß der bisher von der vereinten europäisch-asiatischen Despotie durch Ränke, Lug und Trug geführte Kampf gegen Menschen- und Volksrechte, und vorzüglich gegen die in dem freieren Westen von Eu- ropa sich befindenden südteutschen constitutionellen Staaten, Frankreich ꝛc. seitdem die Scheidewand (Polen) geworfen, und der Barbarei Thür und Thor zur Unterstützung unserer Despoten geöffnet ist, daß dieser Kampf auf blutigem Wege beginnen wird. Daher kann der Menschenfreund noch einzig in dem Anschließen und vereinten Wirken der Völker Hoffnung schöpfen, daß dieser Kampf zur Ehre und zum Wohl der Menschheit, mit Erstehung eines deutschen Vaterlandes beendigt werden möchte. Halten die Völker Teutschlands, Frankreichs und aller Staaten, welche Volsbefreiung von der verächt- lichsten Tyrannei verlangen, nicht zusammen, lassen sie getheilt den Despoten Zeit, eine Nation nach der andern zu schlachten, zu unter- jochen, wie Polen, wie Italien, wie Spanien und Portugal, und wenn ihnen das Spiel gelingt, auch Belgien und Holland, so ist Eu- ropa für immer in die Nacht der ewigen Sclaverei geworfen. Unter solchen traurigen Voraussichten müssen Unternehmungen wie das bevorstehende Volksfest, neues Leben, neuen Trost der gekränkten Menschheit geben. Wird das Volk klüger und besser als in der ersten französischen Revolution seine eigenen Rechte, sein eigenes Glück bewa- chen, und statt sich zur Unterjochung der Völker als Mordknechte von der Despotie gebrauchen zu lassen, für sein eigenes Recht, fur sein eigenes Wohl Blut und Leben ins Spiel setzen, so ist der Sieg für Recht und Wahrheit gewiß, so darf der Teutsche in der sichern Hoff- nung leben, wieder ein Vaterland, ein vereintes Teutschland mit Kraft und Macht erstehen zu sehen. Von dieser Seite aus betrachtet, sollte das Maifest zu Hambach in der Geschichte Teutschlands und seiner politischen Wiedergeburt eine noch höhere Wichtigkeit erlangen, als die Wartburg in der kirchlichen Refor- mationszeit. Da sollen sich die Völker aller Gauen Teutschlands das heilige Wort in echt deutschem Sinn geben, vereint und fest zusammen zu hal- ten, und für Recht und Wahrheit zu kämpfen, wo es der Augenblick erfordert. Dank daher den edeln Männern Rheinbaierns, die diesen hohen Gedanken in Anregung brachten, er goß Balsam in die gekränkte Brust des Greises, belebte den rüstigen Mann mit Muth, feuerte das Herz des Jünglings zum muthigen Kampfe an und schafft, so zu sagen, schon zum voraus in geistigem Sinne ein neues verbrüdertes Teutschland. Der Himmel segne mit einem günstigen Erfolg dieses große Wahr- zeichen der Volksbefreiung, er stärke und erleuchte die teutschen Heroen, die diesen Kampf, der Verfolgungen durch Kerker und Interdikte ohn- geachtet, bisher so unerschrocken fortsetzten, und den Muth hatten, den großen Schritt zu einem Verbrüderungsfeste des teutschen Volkes, un- ter Verboten und Bajonetten zu wagen. Ich weiß zum Voraus, daß alles was der gegenwärtige gefahrdrohende Zeitpunkt erfordert, von den bei dem Feste vereinten Vaterlands-Freunden umfassend berathen wird, erlaube mir aber doch einige Gegenstaͤnde zu beruͤhren, die ich fuͤr dringend halte. 1. Welche Gesinnung herrscht in den teutschen Gauen in Hinsicht des bisher von den Feinden der Volksrechte so sehr benutzten Franzosen- hasses? Wird dieser wieder wie in den 1790r Jahren ꝛc. der Despotie die Hand reichen? Wollen wir unsere Freiheit, wollen wir ein einziges Teutschland errin- gen, so ist es nur dauerhaft moͤglich, wenn wir und das franzoͤsische Volk fuͤr einerlei Zweck zum Kampf geruͤstet da stehen, und wenn es die Noth er- fordert vereint fuͤr einerlei Zweck kaͤmpfen. Die Idee von Eroberungs- und Unterjochungskrieg durch die Franzosen, wenn der Kampf vom Volk ausgeht, im Volkssinn gefuͤhrt wird, soll uns nicht mehr als Schreckbild die- nen. Voͤlker, die fuͤr Freiheit kaͤmpfen, die vereint fuͤr die gleiche Sache streiten, können sich nicht gegenseitig der Freiheit berauben ꝛc. Daher laßt uns wenigstens in unserm Suͤdteutschland dieses Schreck- bild, womit die Aristokraten die teutschen Voͤlker zu taͤuschen suchen, ver- scheuchen, und unsere teutschen Bruͤder uͤber das wahre Verhaͤltniß dieses Gegenstandes belehren. 2. Wie wird sich das suͤdteutsche Volk verhalten, wenn Oestreich und Preußen unter dem Vorwand die Regierungen gegen vorgeschuͤtzte Eingriffe des Volkes, gegen Volks-Aufstaͤnde ꝛc. zu schuͤtzen, und den Bundestags- Beschluͤssen, wenn sie auch noch so volksfeindlich sein sollten, Kraft und Vollzug zu verschaffen, die suͤdteutschen Staaten bis an die Grenzen Frankreichs mit ihren Truppen uͤberschwemmen, uns unter diesem Deck- mantel wie ein schon occupirtes Land behandeln, uns auf diese Art mit in den Kampf gegen Frankreich, gegen Freiheit und Volksrechte fuͤh- ren, unser schoͤnes Land zum graͤßlichsten Kriegsschauplatz umwandeln, und dadurch unser Ungluͤck auf den hoͤchsten Grad steigern wollten. Die Beantwortung dieser Frage mag allerdings sehr schwierig sein, aber man sollte hieruͤber vor der That gefaßt, entschlossen und uͤber das allgemeine Benehmen verstaͤndiget sein, indem alle suͤdteutschen Staaten allgemein und vorzuͤglich aber einzeln ganz besonders bei solchen Vorfaͤllen in die hoͤchste Verlegenheit versetzt und durch ungeregeltes getheiltes Ver- fahren Einzelne zweklos ihre Kraͤfte opfern wuͤrden. Moͤge die Weisheit der Stimmfuͤhrer des teutschen Volkes, die vertraut sind mit der gegenseitigen Stellung der Voͤlker, hierin Rath geben. 3. Wie hat sich das teutsche Bundesvolk zu benehmen, wenn einzelne Bundesstaaten z. B. Baden, in seinen constitutionell errungenen Rechten durch Truppengewalt beeintraͤchtiget werden? 4. Aus der Tagesgeschichte geht unwiderleglich hervor, daß Rußlands Autokrat sich selbst unberufen zum europaͤischen Diktator aufgeworfen hat, daß er absolut sich sowohl in die inneren als aͤußeren Angelegenheiten aller europaͤischen Staaten und vorzuͤglich der Teutschen mischt, daß er unsere errungenen Verbesserungen und gesetzlichen Institutionen anfeindet und nur im Hinterhalt den Zeitpunkt ablauert, um mit seinen Barbaren- Horden Preußens und Oestreichs freiheitsmoͤrderische Bestrebungen durch Waffengewalt zu unterstuͤtzen und jeden Funken von Licht, Wahrheit und Recht aus dem bedraͤngten Continent von Europa zu verbannen, und daß die uͤbrigen europaͤischen Regierungen stillschweigend diese usurpirte Diktatur anerkennen, waͤhrend der russische Autokrat willkuͤhrlich und Einreden der uͤbrigen europaͤischen Maͤchte verachtend, in der polnischen Angelegenheit Eid- und Vertraͤgebruͤchig handelt, da doch Polens Sache keine blos russische, sondern eine hochwichtige allgemeine europaͤische Ange- legenheit ist, bleiben muß und bleiben wird. Nun fragt sichs, was wird das teutsche Volk thun, wenn die russischen Kriegsschaaren Teutschlands Grenzen uͤberschreiten? Werden dann diese Voͤlker unthaͤtig warten bis die russischen Schlaͤchter ihnen auf eigenem Heerd das Beil auf den Schaͤdel schlagen? Wird es nicht rathsamer sein, wenn Frankreich durch seine unter die russische Knute herab gewuͤrdigte Juste milieu Regierung sich dann noch unthaͤtig verhalten und nicht all seine Kraͤfte entwickeln, wenn unsere Fuͤrsten sich selbst und ihr Volk diesen graͤßlichen entehrenden Schicksalen preisgeben wollten, daß das vereinte franoͤsische und teutsche Volk in Masse sich erheben, und man das schaͤndliche Ansinnen dieser anruͤk- kenden Feinde an den noͤrdlichen und oͤstlichen Grenzen Teutschlandes zu vereiteln suchen wuͤrde? 5. Werden sich jetzt noch teutsche Maͤnner vorfinden, die sich durch Preußens Lokspeise des Zoll- und Handelsverbandes mit dem absoluten Netz der Willkuͤhr-Herrschaft umstriken lassen wollen? Die die Falle die dem constitutionellen Teutschland dadurch gelegt ist, nicht wittern sollten? Wir wollen alle eine allgemeine teutsche Handels- und Gewerbe-Frei- heit, wir wollen aber zuvor ein freies, von dem Absolutismus unabhaͤngiges Teutschland, denn nur Staaten, die solchen gesetzlichen Gemeinsinn, auf Freiheit und Gleichheit der Rechte gebaute Institutionen haben, koͤnnen ungefaͤhrdet ein gemeinsames Interesse betreiben. IV. Adresse des polnischen National-Comite in Paris . Das polnische National-Comite an seine deutschen Brüder bei dem Volksfeste auf dem Schlosse Hambach. Versammelte an diesem Orte, welchen die Geschichte verewigen wird, des großen, erhabenen und edlen Zieles wegen, zu welchem er nach dem Aufrufe Eurer Wortführer leiten soll, empfanget hie- mit unsern brüderlichen Gruß von uns, als den dermaligen Vertheidi- gern der Sache einer unglücklichen Nation. Ja, groß, erhaben und edel ist das Ziel, zu dessen Erringung Ihr bei diesem der Hoffnung gewidmeten Feste die Mittel besprechen wollet. Nur in der politischen Einheit Eures Vaterlandes, durch eine Ver- bindung der einzelnen Brüderstämme, können die gemeinsamen In- teressen, das Gesammtwohl also Eurer Nation, befördert, die innere Willkühr und äußere Gewalt abgeschafft, und gesetzliche Freiheit und deutsche Nationalwürde erstrebt werden. Aber das Fortbestehen des Errungenen kann nur die Einführung der Volks-Souveränität verbürgen, welche der politischen Reform zur Grundlage dienen muß. Alle annoch von Despoten beherrschten europäischen Völker werden ihr inbrünstiges Gebet mit dem Eurigen verbinden, daß der Ewige, der Gott der Gerechten, Euch bei Eurem Vorhaben beistehen und des- sen Erringung gewähren, Eure Hoffnungen und ihre Wünsche mit einem günstigen Erfolge krönen möge — denn durch die bürgerliche Emanzi- pation eines so großen Volkes wird der Grundstein zur Befreiung aller anderen Völker vom Sklaven-Joche gelegt. Und wenn Ihr nach Erringung der beabsichtigten Reform dem Ewigen für seinen göttlichen Beistand den Dank zollend, und auf den Gräbern Eurer Väter, welche der Wahrheit und Frei- heit ihre Ruhe, Sicherheit, ja sogar ihr Leben gewidmet haben, opfern werdet, dann gedenket auch unserer Gesetzgeber, welche schon vor 40 Jahren das von ihren Vorfahren ererbte große Prinzip der Volks- Souveränität, als das erste Bedürfniß für Ruhe und Sicherheit der Völker — als die erste Bedingung des Fortbestehens der Volksfreiheit in ihrem ganzen Umfange mit der Oberaufsicht über die Werkzeuge der vollstreckenden Gewalt, in der von ihnen unserm Vaterlande gegebenen Verfassung vom Jahre 1791 verkündeten, welche aber Märtyrer der Volkssache wurden, und die weitere Entwicklung ihres großen Werkes nicht erlebten, weil der auswärtige Einfluß — die unter einander ver- bundenen Despoten es gleich zu untergraben suchten und das große Prin- zip im Keime erdrückten, da dasselbe, außer bei uns, Nirgends einen Ver- theidiger gefunden hat. Die Erringung dieses Prinzips und unser Vorhaben, die Wohltha- ten der bürgerlichen Emanzipation allen Volksklassen zuzugestehen, ist und soll unser größtes Bemühen seyn, beide seyen die erste Bedingung der Unabhängigkeit, nach welcher wir streben. Es leben unsere deut- schen Brüder. Paris , den 16. Mai 1832. Lelewel. Rykaczewski. Zaliwski. Przeciszewski. Hluszniewicz. Chodzko. Hube. Pietkiewicz, Sekr. V. Adresse der Volksfreunde ( amis du peuple ) zu Straßburg . Die Gesellschaft der Volksfreunde dem patriotischen Bundesvereine in Hambach. »Völker schließt den heil’gen Bund, „Und reichet euch die Bruderhand.« Berenger . Deutsche Männer ! Der Cultus der Freiheit ist allen gebildeten Völkern gemein. Es ist die Religion der Männer, deren Herz für Vaterland und für die Menschheit schlägt, Aller derer, die mit Kraft und Biedersinn nach der Wohlfahrt ihrer Brüder streben. Diese Religion, dieser Glaube einet alle Sekten, alle Stämme, alle Nationen. Diese Wahrheit habt Ihr empfunden als Ihr das hohe Fest be- schlossen, das Euch heute vereint. Auch unser Herz, das Herz von Frankreichs Patrioten, schlug dem Eurigen entgegen, und zu neuem Leben ist die Sympathie erwacht beim Anblick der heiligen Flamme, die Euch durchglüht. Beharret treu und bieder, deutsche Männer, in Eurem edlen Ent- schluß. Schließet den Bund der Völker-Einheit unter Euren getrennten Fürstenstaaten. Zernichtet die Fesseln, die der Absolutismus zu Eurer Trennung geschmiedet. Mög’ unter Euch ein hochherziger und heiliger Bruderbund erste- hen. Das Frankenvolk jauchzt Eurem muthvollen Streben Beifall zu, es theilt Eure Wünsche, Eure Sache ist auch die seinige. Obgleich es in den Juliustagen diesem Geiste der Freiheit den ersten Aufschwung gegeben, der die Welt jetzt in Bewegung setzt, so seufzt es nichts desto- weniger unter den Folgen der bittersten Täuschungen, als Opfer seines Vertrauens in gewisse Menschen, die ihm keine andere Bürgschaft dar- boten, als ihre falschen und prahlerischen Versprechungen. Möchte sein Beispiel Euch zur zweifachen Lehre dienen. Empfanget nun besonders die Versicherung des biedern Bruder- Sinnes, den Euch Straßburgs Patrioten auf alle Zeiten weihen. Rechnet bei jeder Gelegenheit auf ihren Beistand und ihre Sym- pathie. Auch sie sind bereit, gleich Euch und mit Euch, mit Blut und Leben das Interesse Aller, das Interesse der Freiheit zu befördern und zu wahren. Bundesgruß den Brüdern . Außer der mitgetheilten Adresse hatten unsere Brüder in Rhein- preußen noch folgendes Lied gedruckt eingesendet und unter die anwesen- den Patrioten vertheilen lassen. Den Gleichgesinnten im freiern Deutschland . Freudenklang hat unser Ohr vernommen, Frische Lüfte trugen ihn uns zu; Lichte Gluten sehn wir rings erglommen; Nur bei uns noch waltet Grabesruh. Geister, die der Gruft erstiegen, Eure Gauen frei durchfliegen, Müssen hier im Sarg sich schmiegen, Von des Schicksals bösem Fluch gebannt. Schürt mit Eifer heller stets die Gluten, Lauter jauchzt der Freiheit stolzes Lied: Ob erwachen, die bis jetzt noch ruhten, Ob vielleicht der Nebelduft entflieht Lebenskräftig hat begonnen Euer Lenztag, tausend Sonnen Strahlen warme Frühlingswonne, Uns allein durchschauert Winterfrost, Fraget nicht, warum denn noch die Scheide Feig das Schwert, das letzte Heil, verhüllt, Nicht warum der Männermuth es leide, Daß des Edlern Blick die Thräne füllt. Sollen selbst den Stab wir brechen Ueber unsres Volkes Schwächen? Höhnend wird die Schande sprechen Und zerreißen seinen Ehrenkranz. Doch, o nein! ihr wacht ob seiner Ehren, Schlingt als Kinder ihm den frischen Kranz, Und dem Volk, daß wir so fromm verehren, Löschet nie die Schmach den alten Glanz. Mag der Sturm im Norden wüthen Und verwehn der Freiheit Blüthen: Wird der Süd die Keime hüten, Bis herangereift die edle Frucht. Muth, ja Muth! nicht wird uns Gott verlassen, Folgen wir in Treue seinem Wort. Feurig laßt uns lieben, feurig hassen Und bereiten uns zum Drachenmord. Wie der Lindwurm stolz sich brüstet, Ihm nach unserm Blut gelüstet, Wir sind alle wohl gerüstet, Tragen kühnen Muth und Kraft von Gott. Wenn der Sturm auch seine Flügel schwinget, Und die Bosheit hemmt die große That; Zaget nicht, weiß Gott, noch mancher ringet, Mancher streut noch still des Guten Saat. Ob die Schergen nächtlich schleichen, Andre ruhn wie kalte Leichen: Wir voll Gottvertrauen reichen Uns die Hand und fördern wohl das Werk. Nicht die Ferne trennt die Bruderherzen, Hier die Hand, Gott zeugt uns, schlaget ein! Ja, wir sehn uns, wenn sich, auszumerzen Sklavenschmach, die Heldenschaaren reih’n. Schafft nur weiter unverdrossen, Wird auch noch, so’s Gott beschlossen, Mancher Leidenskelch genossen, — Gottes Sache wird nicht untergehn! Der würdige deutsche Veteran, Benzel-Sternau , welcher durch unüberwindliche Hindernisse vom Feste leider abgehalten war, drückte in einem Brief seinen Schmerz und in nachfolgenden Liedern seine patrio- tischen Empfindungen aus: Losungswort dem Mai der Teutschen . Dein Blick so streng, o Mutter Zeit? Kommt doch aus Mutteraugen! — „Wie lange noch das Kinderkleid, „Wollt nie zu Männern taugen?“ — Der Väter Schuld hat uns geweiht, Aus Schmerz die Kraft zu saugen! Chor . Aus Schmerz die Kraft zu saugen Mit Gluten in den Augen! „Reißt muthig euch von Trümmern los, „Entsagt den Ahnenlappen! „Hervor aus reicher Blühte Schoos, „Dem Geist vertraute Knappen! „Des Golds genug schürft’ Geninsstoß, „Ein Volk ersteh’, kein Wappen! Chor . Ein Volk ersteh’, kein Wappen, Auf Meister! nieder Knappen! Dich grüße Phönix! Sonnenduft Im Bett der Lorberreißer! Erstehend aus der Hermannsgruft Ein Volk! Begeist’rung Kaiser! Zersegle, frecher Aar! die Luft; Das Sonnenkind glüht heißer! Chor . Das Sonnenkind glüht heißer, Sei, teutscher Muth uns Kaiser! Historisch Lied dem Dezember der Teutschen . Was siehst du, guter Alter Trüb nach der Ferne aus? — »Es stellt’ mich mein Verwalter „Als Wache vor mein Haus.« Chor . Ei! ei! gedult’ger Greis, Ei! ei! so grau als weiß! Dich schnaubt herb an der Winter, Wo blieb dein warmer Flauß? — »Verwalt’rin für die Kinder „Macht’ Ueberröckchen d’raus.“ Chor . Wol! wol! wer sah noch Pelz Am ächten Marmorfels! Nag’st da ’nen magern Knochen, Wo blieb dein fetter Schmauß? — „Ach meine Köche kochen Sich erst das Mark heraus. Chor . So! so! dem Koch den Topf, Der Herr speißt mit dem Kopf? Kein Tröpflein hast im Becher, Verrammelt Bachusklauß’! — „Der Kellner zog als Zecher „Hinein mit Sang und Brauß? — Chor . Weh! weh! schenk’ Zähren ein, Da braucht es keinen Wein! Hohl’ aus dem Beutel Bazen, Bist so ein reicher Dauß! — »Mein Aff’ that ihn zerkrazen, „Dukaten rollten ’raus.« Chor . Brav! brav! Finanzgehirn Bei strupp’ger Affenstirn»! Ich meinte dich zu kennen, Doch bist der Rechte nicht. — »Soll ich mich auch noch nennen, „Da alles von mir spricht?« Chor . Hoch! hoch! bescheiden groß, Legt die Bewund’rung los! King Lear’s Anverwandter. Und Pathchen Shakespear? — „Ach! Publikum Genannter Und gar geplagtes Thier! — Chor . Hm! hm! nichts mehr davon, Da kommen Gensdarmes schon! Die Stadt Frankfurt hatte unter den Anwesenden folgende Karte vertheilen lassen: »An die auf dem Hambacher Fest anwesenden Deut- schen einen Brudergruß von allen Gleichgesinnten in Frankfurt a. M., welche dem Fest nicht beiwohnen können. Wir kehren nunmehr zur Chronologie des festlichen Tages zurück. Als auch das Ende des majestätischen Zuges die Höhe der Schloß- ruine Hambach erstiegen hatte, eröffnete im Namen der Festordner eines ihrer würdigsten Mitglieder, Dr . Hepp aus Neustadt an der Haardt die Feierlichkeit mit folgender Rede von der Tribüne: Deutsche Männer und Brüder ! Seid uns herzlich gegrüßt, an dem bedeutungsvollen Tage, der uns heute erschienen — seid uns willkommen ihr Alle, die ihr von nahe und ferne aus allen Gauen des deutschen Vaterlandes euch hier versammelt habt — empfanget unseren innigen Dank, daß ihr unseres Aufrufs Sinn und Bedeutung so schnell erkannt und euch vereint habt zu dieser, für unser deutsches Vaterland so wichtigen Versammlung. Im Angesicht der Trümmer einer traurigen Vorzeit, in der unser Volk, niedergetreten von übermüthigen Zwingherrn, das Bild innerer Zerrüt- tung und eines unwürdigen sclavischen Zustandes darbot, stehen wir jetzt, um uns als Freunde und Brüder zu erkennen, um die Hoffnung einer besseren Zukunft in uns zu beleben und uns zur kräftigen in dem Entschlusse, fest und unerschütterlich die Bahn zu wandeln, die zum Ziele unseres Strebens, zur Wiedergeburt unseres geliebten Vaterlandes führt. Was, meine Freunde, liegt uns dabey aber näher als die Frage, was zu diesem großen Ziele uns führe, das der Blick in die Zukunft uns vorhält — was die Schmach zu tilgen vermöge, die auf Deutschlands schönen Gauen lastet, und auf dem Volke, das so bieder, so kräftig, so tapfer unter den Völkern Europas dasteht? — Worin das Mittel liege, das unserem theueren Vaterlande Ehre, Ruhm, Glück und Wohlstand, mit einem Worte die Größe und Bedeutung erringen und sichern könne, die es verloren. Nur Bekanntes, aber dennoch ewig Wahres und nie genug zu Wiederholendes spreche ich aus, wenn ich behaupte, daß die ganze Schmach, der namenlose Jammer, der auf Deutschland lastet, nur aus der Vereinzelung und Getrenntheit der deutschen Stämme, aus Mangel an Volksthum, aus der Unentschlossenheit herrühre, für die heilige Sache des Vaterlandes alles Andere zu opfern. Nur Einheit giebt einem Volke Kraft und Sicherheit, mögen ein- zelne Theile in sich noch so schwach seyn, sie werden in einem gemein- samen Mittelpunkt stark und mächtig. Nur Einheit des Willens und des Handelns bei allen deutschen Stämmen, Erstarkung und Kräftigung des Volksgeistes und bei jedem Einzelnen der Entschluß für die heilige Sache des Vaterlandes jedes Opfer zu bringen, sind darum die Mittel — die Schmach zu tilgen, die auf unserem Vaterlande lastet. Dieses Ziel aber liegt uns ferne, so lange wir hin- und herschwan- ken in leidiger Halbheit, hoffend und fürchtend, schwatzend aber nicht handelnd, begierig nach Sieg und Entscheidung, aber zitternd vor Kampf und Gefahr — so lange kalt berechnender Eigennutz alle Handlungen, selbst die im Interesse des Vaterlandes unternommenen, auf die Goldwage legt — so lange jener falsche Liberalismus uns blendet, der sich nur kund giebt durch schöne Phrasen und rhetorische Figuren und in Wirklichkeit nur strebt nach nichtigem Glanze und nach Beförderung persönlicher Interessen — so lange todtes Wissen und spitzfindige, gelehrte Grübelei höher steht, als ein frischer, gesunder Sinn, als ein klarer, tüchtiger Verstand, und eine heilige Begeisterung für Recht und Wahr- heit — so lange endlich die Sprache des Gefühls und des Mitleids mehr über uns vermag, als feste Grundsätze und ein unbeugsamer Wille. So lange unser Volk an diesen Fehlern wie an einer Cholera des Gei- stes und des Herzens leidet, wird Deutschlands Einheit, Deutschlands Freiheit, Deutschlands Wiedergeburt nicht erblühen. Auf darum, ihr deutschen Männer und Brüder, vereinigt euch Alle, die ihr wahre Freunde des Vaterlandes seyd, vereinigt euch! nicht im Geheimen und Verborgenen, sondern wie heute im Angesicht des Vater- landes, und wirkt, daß die Schlechten Widerstand und die Schwachen eine Stütze haben — wirket, daß die Unentschiedenen zum Entschlusse kommen — die Zaghaften Muth gewinnen und die öffentliche Meinung in Wahrheit sich ausspreche. Nur auf diese Weise kann dem theueren Vaterlande Hilfe und Rettung kommen, nur auf diesem Wege werden in ihm Ruhm und Glück, Ehre und Wohlstand auferstehen. Gelingt es uns zu handeln, wie es Pflicht, Zeit und Lage gebieten — gelingt es uns, die vereinzelten Kräfte zu vereinigen und die vereinigten klug zu ge- brachen — welche Macht dürfte es dann wagen, unserem festen und ernsten Willen entgegen zu treten? Darum allen deutschen Männern, welche für die Wiedergeburt des Vaterlandes, entschlossen sind jedes Opfer zu bringen, ein dreimaliges Lebehoch! Es lebe Deutschlands Einheit! Deutschlands Freiheit — und durch sie, Deutschlands Wiedergeburt! Hierauf folgten ohne Unterbrechung die Reden des Redakteurs des Westboten und der Zeitschrift „Deutschland“ Siebenpfeiffer und des Redakteurs der deutschen Tribüne J. G. A. Wirth : Nede von Siebenpfeiffer . „Der Gedanke des heutigen Festes und der Aufruf (vom 20. April) zur Feier desselben haben so mancherlei und seltsame Auslegungen erfah- ren, daß es Pflicht scheint für denjenigen, von welchem die Idee und der Aufruf ausgegangen, sich über die Bedeutung zu erklären, die er damit verknüpft, wobei indeß Jedermann frei bleibt, sie nach seiner Weise zu deuten und auszubilden. Die Schmähungen des Amtseifers muß man der zärtlichen Besorgniß für bestehende Institutionen verzei- hen; die einzige Antwort sei: unsere würdevolle Haltung. Aber indem ich mich anschicke, von der Idee dieses Festes zu reden, such’ ich, von deren Unermeßlichkeit durchdrungen, vergebens den rechten Ausdruck für die Bilder, die schon bei einer andern Feier (am 29. Januar S. Westbote 1832 Nr. 34, wo die Beschreibung des Schüler’schen Festes also schließt: „Dies der vorläufige Bericht, den der Westbote ab- stattet. Er selbst war Augenzeuge, er erzählt wahr und treu. Noch (am Morgen nach dem Feste) ist er des gewaltigen Eindrucks kaum Herr; aber er gewahrt in naher Ferne die immer grö- ßere Entfaltung des Bürgerlebens ; er sah in der gestri- gen Feier, in der Mitte der ausgezeichneteren Männer des Kreises, ein Bürger- oder Volksfest, das, wie schon bemerkt, bald in ein wahres Nationalfest übergehen wird. Jeder der Anwesenden wird den em- pfangenen oder erweckten heiligen Funken der Freiheit und deutscher Nationalität in die Herzen Aller übertragen und so eine Flamme entzünden, in welcher das schmachvoll niedergetretene deutsche Vaterland sich zu läutern und wie der Phönix jugendlich zu erstehen hoffen darf .“ vor meiner Seele standen, und die in stets lichterer Klarheit hervordringen aus den Tiefen der Zukunft. Ich werde kurz seyn, am Tage, wo Aller Herzen voll sind; ich werde schlicht seyn, denn ich rede zu Allen; ich werde wahr seyn, nur für die Wahrheit ist dieser Redestuhl errichtet. Wer reden will in die- ser kreisenden Zeit der Völkergeburt, der rede frei und offen wie des Himmels Sonne frisch hineinleuchtet in die sündenvolle Nacht. Diener der Gewalt mögen im Finstern schleichen oder am hellen Tage die viel- farbige Larve der Heuchelei und Lüge vornehmen; der Patriot, wer sein Vaterland liebt und die Freiheit liebt, wer die Menschenwürde trägt im Busen, der tritt in seiner eigensten Gestalt auf: er kann irren, aber nimmermehr sich und Andere belügen; nicht jene Selbstsucht wird ihn beherrschen, die in verschleierter Halbheit sich für jeden Ausgang des großen Kampfes das Löse- und Bindemittel retten will, nicht jene Selbstsucht, die die bessere Ueberzeugung an die Furcht verräth oder um schnöden Gewinn tauscht, nicht jene Selbstsucht, die, wie das Gift der Cholera, die Lippen in stotternden Krampf setzt und den Pulsschlag des Herzens tödtend erstarrt; sondern der Gottesfunke der Menschheit möge sein Gemüth bewegen, seine Zunge begeistern, der Gottesfunke der Liebe zum Vaterland, zur Freiheit. Vaterland — Freiheit — ja! ein freies deutsches Va- terland — dies der Sinn des heutigen Festes, dies die Worte, deren Donnerschall durch alle deutschen Gemarken drang, den Verraͤthern der deutschen Nationalsache die Knochen erschuͤtternd, die Patrioten aber an- feuernd und staͤhlend zur Ausdauer im heiligen Kampfe, „im Kampf zur Abschuͤttelung innerer und aͤußerer Gewalt.“ Der Deutschen Mai — Wonnemonat nannten unsere Vaͤter den Mai, wonniglich schmeichelt er den Sinnen, mit Wonne kirrt er das Herz, mit Wonnebildern umgaukelt er die Phantasie. Mit Bluͤten sahn wir Baum und Strauch geschmuͤckt, ein Duͤftemeer wird bald umfluthen die zahllose Weingelaͤnde: reiche Fruchtbarkeit wird der Erndtemonat bringen, wenn kein Spaͤtfrost toͤdtet, kein Hagel zerschlaͤgt, kein Sturm zerknickt. Auch der Voͤlker Leben hat seine Maitage, die wiederzukehren pflegen in jedem politischen Umschwung, der mit frischer Jugendlichkeit alle Nerven und Adern uns durchzuckt: wohl den Voͤlkern, wenn die belebende Sonne der Vaterlandsliebe die edleren Bluͤten befruchtet, wenn nicht der Winterfrost der Selbstsucht sie toͤdtet, nicht der Sturm despotischer Gewalt sie vernichtet! Auch die Voͤlker haben ihre Maitage, wo die bluͤtenum- kraͤnzte Hoffnung erwacht, wo die patriotische Phantasie mit rosenfarbenen Gesichten spielt. Auch die Voͤlker haben ihren Erndtemonat, und der Baum ihres Lebens umhaͤngt sich mit koͤstlichen Fruͤchten, dem Segen des Wohlstandes und dem Ruhme der Geschichte, wenn er wurzelt in der Liebe zum Vaterland, wenn er von treuen Buͤrgerhaͤnden gepflegt und gehegt wird. Fuͤr unser Deutschland war ein solcher Mai aufgegangen, mit brau- sender Jugendkraft stuͤrzte das deutsche Volk in den Kampf, zu erringen die Freiheit, zu erringen ein Vaterland; aber die edelste Bluͤte des Siegs ward zernagt vom Wurm fuͤrstlich-aristokratischer Selbstsucht, die heilige Saat, von edlem Buͤrgerblute geduͤngt, ward zertreten vom eisernen Fuß der Despoten. Nun ist er wiedergekehrt der herrliche Voͤlker-Mai, er steht vor Aller Augen, das Haupt umkraͤnzt mit den Kraͤnzen der Hoffnung: frisch will der Voͤlkerbaum gruͤnen und bluͤhen, und mit reicher Frucht sich beladen. Aber noch stehen wir sinnend und zaudernd; noch ist ihm nicht Aller Liebe geweiht, Aller pflegende Sorgfalt; noch schmach- ten die Wurzeln auf duͤrrem Gestein, duͤrftig benetzt von den Thraͤnen der Maͤrtyrer, die in Verbannung leben, in Kerkern seufzen, oder dem Vaterlande den letzen Gruß zuwinkten von dem Schaffot. — So weit von diesem erhabenen Punkte der Blick reicht, dehnt sich aus das herrliche Rheinthal, jener beneidete Garten, auf den die Natur alle 3 Fülle des Segens ansgeschüttet ; aber das deutsche Vaterland liegt ver- ödet. Gärten für Obst, für Wein, für Brodfrüchte, grünende Wiesen und Anlagen prangender Lust haben deutsche Hände geschaffen; aber brach liegt der Boden des Vaterlandes. Sinnreich raffinirt der Erwerb, wie er den Baum, wie er den Weinstock veredle, wie er den Waizenhalm schießen und gewichtig laden mache, wie er den Wasserfluten den Raub entziehe, wie er den wildesten Berg umschaffe zu fruchtbarem Ertrag — aber die Fluren des Vaterlandes stehen verlassen, Dörner und Disteln wuchern, Uhus herrschen als Adler, Büffel spielen die Löwen, und kriechendes Gewürm, Volk genannt, schleicht und windet sich auf der Erde, zahllos sich vervielfältigend und jenen Raubthieren zum üppigen Fraß dienend. Geschäftig forscht und brütet der Geist der Erfindung, der Entdeckung, des Betriebs, wie er aus dem Leib der Erde die Metalle herauf hole zu Werkzeugen der Arbeit, des Gewinns und ach! unsrer Bedrückung; aber das edlere Metall der Vaterlandsliebe ruht verschüttet. Der sinnende Geist errichtet Eisenbahnen und baut Dampfschiffe, das enge Comptoir zum Weltmarkt erweiternd, Land mit Land und Volk mit Volk zu gegenseitigem Wucher verknüpfend: aber der Bürger bleibt fremde dem Bürger, und engherzig verkrüppelt er am Rechentisch, im spießbürgerlichen Puppenspiel, oder am kühnen Wagestück eines — Schleichhandels. Wir widmen unser Leben der Wissenschaft und der Kunst, wir messen die Sterne, prüfen Mond und Sonne, wir stellen Gott und Mensch, Höll’ und Himmel in poetischen Bildern dar, wir durchwühlen die Körper- und Geisterwelt: aber die Regungen der Va- terlandsliebe sind uns unbekannt, die Erforschung dessen, was dem Vater- lande Noth thut, ist Hochverrath, selbst der leise Wunsch, nur erst wieder ein Vaterland, eine frei-menschliche Heimath zu erstreben, ist Verbrechen. Wir helfen Griechenland befreien vom türkischen Joche, wir trinken auf Polens Wiedererstehung, wir zürnen wenn der Despotism der Könige den Schwung der Völker in Spanien, in Italien, in Frankreich lähmt, wir blicken ängstlich nach der Reformbill Englands, wir preisen die Kraft und die Weisheit des Sultans, der sich mit der Wiedergeburt seiner Völker beschäftigt, wir beneiden den Nordamerikaner um sein glückliches Loos, das er sich muthvoll selbst erschaffen: aber knechtisch beugen wir den Nacken unter das Joch der eigenen Dränger; wenn der Despotism auszieht zu fremder Unterdrückung, bieten wir noch unsern Arm und un- sere Habe; die eigene Reformbill entsinkt unsern ohnmächtigen Händen, die der Sturz Warschau’s in’s Zittern gebracht, die Wiedergeburt Deutsch- lands gilt uns als ein nichtiger Traum, und o! wie möchten wir fähig sein jener sittlichen Kraft, jenes heldenmüthigen Entschlusses, auf dessen Wink ein freies, ein glückliches, ein ruhmvolles Vaterland sich erhöbe? — Herrliche Werke der sinnigen Andacht unserer bessern Väter prangten dereinst in diesen reichen Gauen, noch streken ihre Wipfel oder Trümmer empor die Dome von Freiburg und Straßburg und Speier und Oppen- heim und Mainz und Frankfurt. Andere Tempel erbauten wir daneben, klein und armselig wie unser Sinn und unsre Kraft. Noch steht die Kirche dort, wo ein Luther gepredigt, noch zeigt sie das Bild des Reichs- tags, vor welchem er, der muthige Glaubensheld, den Herrscherstab des Pfaffenthums, der Unwissenheit und geistigen Bedrückung zerbrach und die Freiheit des Gewissens und der Forschung für immer errang: aber noch steht der römische Despot mit deutschen Fürsten in Vertrag und Bund, und noch ist kein politischer Luther auferstanden, der das Scepter zerbreche der absoluten Könige, der die Völker erlöse von der Schmach der politischen Knechtschaft. Wir bauen mit dem Schweiße zinspflichtiger Armen dem Ueber- muthe Palläste, der Ueppigkeit Schauspielhäuser und Tanzsäle, der Un- terdrückung Kasernen und Zwingburgen, der Lust Landhäuser und Bäder, dem Stolz errichten wir Prunkschlösser, der Eitelkeit Museen und Kunst- gallerieen, den Völkerschlächtern Säulen des Ruhms: aber für irgend ein deutsches Nationaldenkmal hat die weite deutsche Erde keinen Raum, haben seine 34 souveräne Fürsten keinen Sinn; eine Nationalhalle suchst du umsonst, wo die Majestät des deutschen Volks wiederstrahle, das freie Gesetz im Innern gründend, die Würde nach Aussen bewahrend. Tausend Dörfer und Städte sehn wir schimmernd sich ausbreiten, von Bewohnern wimmelnd, wie rührige Ameisen und erdumwühlende Maulwürfe; aber ein höheres Band, sie zu sittlicher Einheit verknüpfend, einen Gedanken, sie emporrichtend zum himmlischen Vater, der sie erschaf- fen zur Freiheit, zur Menschenwürde: jenes heilige Feuer, das in unserm Haupte den Lichtstrahl entzündet, und unsere Brust zum rettenden Ent schlusse der Aufopferung für die Gesammtheit erwärmt, die Kraft des schwankenden Willens stählt und den flüchtigen Muth des Augen- blicks in Flammen setzt — das suchst du vergebens. Dort Carlsruhe — Carlsruhe; was kannst du weiter von der volkreichen, glänzenden Stadt rühmen, die sich glücklich schätzt, der Schemel üppiger Höflinge zu seyn, und von den Brocken ihrer Tafel sich zu nähren? Hier Speier , einst von tapfern Nemetern bewohnt, einst der prangende Sitz deutscher Reichsversammlungen und des Reichs- gerichts, jetzt von etlichen Jesuiten und Aristokraten beherrscht. Dort das reinliche Mannheim , welches, zwischen Hof- und Bürgerthum schwebend, des Lebens Ziel und Preis in der Oper zu finden scheint. Heidelberg , ein altehrwürdiger Musensitz; aber manche der Fackel- träger stellen das Licht unter den Scheffel, und mehr als den Musen opfert man dem Mammon nnd der Eitelkeit, die sich mit Orden bläht und Hoftiteln. Darmstadt , nur auf ein Preßgesetzlein für eine Spanne Landes bedacht, das neben der Censur und unterm Schwert des Bundestags kränkle, jenes deutschen Bundestags, der einen deut- schen Stamm zum andern als Fremdling, eine Scholle zur andern als Ausland erklärt. Worms , um dessen Gunst dereinst das deutsche Reichsoberhaupt gebuhlt, dessen tapfere Bürger Kaiser befreiten, wo Luther im Angesichte des Reichstags dem verketzernden Priesterthum Trotz bot, Worms, von den Römern erbaut, hat den Maulkorb um. Mainz , wo das Genie eines Guttenberg das pochende Gefühl in der engen Brust entfesselte und den Gedanken zum geflügelten Wort umprägte, Mainz mußte die Schmach erleben, daß dort ein Spezialgericht zwölf Jahre lang auf Jünglingen lastete, die von einem Deutschland träumten, weil es in den Proklamationen der Mächtigen verheißen war; Mainz, Deutschlands Bollwerk, seufzt unter der Waffengewalt zweier Könige, deren Kabinetspolitik kein Deutschland anerkennt, und das Bollwerk sammt Deutschland schon mehrmals an den Erzfeind verrieth. Frank- furt , rührig mit Fässern und Ballen und Geldsäcken; Frankfurt das im Namen noch den Ruhm eines der muthigsten deutschen Stämme be- wahrt; Frankfurt, wo jeder Pflasterstein für eine geschichtliche Erinnerung Deutschlands zeugt; Frankfurt ist — o daß ich Alles mit einem Wort sage! — ist der Sitz des Bundestags, der Sitz des politischen Vati- kans, aus welchem der Bannstrahl herabzuckt, wo irgend ein freier, ein deutscher Gedanke sich hervorwagt. Sollen die Blicke noch weiter schweifen, den Schleier durchdringend, der die Schmach deutscher Gauen deckt? Wollen wir in den Norden hinabsteigen, wo die Nacht des Absolutismus schwer lastet auf einem Volksstamm, der sich der hellesten Erleuchtung mit Recht rühmte, der zu Deutschlands Befreiung von fremdem Joche sich zuerst und am kräf- tigsten erhob, jetzt aber ob der schmählichen Knechtschaft im Innern und von Außen sich glücklich preißt? Oder wollen wir die östlichen Brüder besuchen, welche die mit Sammet überzogene Eisenhand des schlauesten Despotismus von den übrigen Deutschen gewaltsam trennt, ja sie mit dem Henkerbeile gegen dieselben bewaffnet? Ha! ihr zürnet, deutsche Männer und Frauen, über die dunkeln Schlagschatten im Gemälde der Zeitbewegung: wohl euch, wohl dem Vaterlande, daß ihr zürnet! In diesem edlen Zorn ist die Bürgschaft gegeben, daß einst ein Deutschland wieder erstehe aus den Trümmern, worunter die Gewalt der Zeit und der Verrath der Fürsten es begra- ben. Leuchtende Strahlen der Hoffnung zucken auf, die Strahlen der Morgenröthe deutscher Freiheit, und bald, bald wir ein Deutschland sich erheben, herrlicher als es jemals gewesen. Noch ist’s dasselbe Volk, um welches, als den natürlichen und politi- schen Mittelpunkt, einst alle Völker Europa’s sich reiheten; noch ist’s dasselbe Volk, das in der Zeit tiefster Erniedrigung mit heiliger Be- geisterung die Ketten des Fremdlings zerbrach und auf blutigen Sieges- feldern den Altar des Vaterlandes erhob; wie zersplittert und verein- zelt auch die Bestrebungen der Stämme für die Erringung gesetzlicher Frei- heit, es sind Steine zum großen Nationalbau für Alle; die Hände, welche Opernhäuser und Zwingburgen errichteten, werden auch Hallen erbauen, worin die Repräsentanten deutscher Nation über das Wohl des gemeinsamen Vaterlandes berathschlagen; mitten aus den Schwärmen der Elenden, die um wankende Throne sich lagern, oder sonst im Schlamm abscheidender Selbstsucht sich wälzen, richten sich Tausende männlich empor, glühend für deutsche Freiheit und Volksthum; wenn wir im Gewühl jener Städte viel nichtiges Treiben für Befriedigung des Bauchs und kränkelnder Sinnenlust sehn, so bemerken wir auch mit Freude die muthigen Vaterlandsvereine, den erwachenden Bürgerstolz, die stets re- gere Theilnahme an allem Oeffentlichen; in jenem herrlichen Frankfurt zumal, wo die finstere Gewalt aristokratischer Häuptlinge lauert, flim- mert schon der Funke der Freiheit, der im deutschen Volkssaal zur hell- leuchtenden Flamme sich entzünden wird; ja auch in den gelähmten Nor- den und Osten dringt, erwärmend und belebend, immer tiefer der Strahl politischer Aufklärung, auch unsere dortigen Brüder haben vom Baum des Erkenntnisses gekostet, und darum steht auch vor ihrem Blick unser deutsches Vaterland in seiner traurigen Nacktheit, in seiner unwürdigen Blöse; auch für sie wird ein froher Maitag anbrechen, und wenn wir fie noch vermissen beim heutigen Feste der Hoffnung, sie feiern es doch mit im Geist, und sie werden nicht ausbleiben, wann wir das Erndte- fest begehn, wann die Hoffnung zur Wirklichkeit gediehen, wann das Vaterland, das wir jetzt noch im Herzen tragen, einig und frei und stark, ein deutscher Riese, lebendig vor unsere Augen treten wird. Und es wird kommen der Tag, der Tag des edelsten Siegstolzes, wo der Deutsche vom Alpengebirg und der Nordsee, vom Rhein, der Donan und Elbe den Bruder im Bruder umarmt, wo die Zollstöcke und die Schlagbäume, wo alle Hoheitszeichen der Trennung und Hemmung und Bedrückung verschwinden, sammt den Constitutiönchen, die man et- lichen mürrischen Kindern der großen Familie als Spielzeug verlieh; wo freie Straßen und freie Ströme den freien Umschwung aller National- kräfte nnd Säfte bezeugen; wo die Fürsten die bunten Hermeline feuda- listischer Gottstatthalterschaft mit der männlichen Toga deutscher Natio- nalwürde vertauschen, und der Beamte, der Krieger, statt mit der Be- dientenjacke des Herrn und Meisters, mit der Volksbinde sich schmückt; wo nicht 34 Städte und Städtlein, von 34 Höfen das Almosen empfangend, um den Preis hündischer Unterwerfung, sondern wo alle Städte, frei emporblühend aus eigenem Saft, um den Preis patriotischer Gesinnung, patriotischer That ringen; wo jeder Stamm, im Innern frei und selbst- ständig, zu bürgerlicher Freiheit sich entwickelt, und ein starkes, selbstgewo- benes Bruderband alle umschließt zu politischer Einheit und Kraft; wo die deutsche Flagge, statt Trihut an Barbaren zu bringen, die Erzeugnisse unseres Gewerbfleißes in fremde Welttheile geleitet, und nicht mehr unschuldige Patrioten für das Henkerbeil auffängt, sondern allen freien Völkern den Bruderkuß bringt. Es wird kommen der Tag, wo deutsche Knaben, statt durch todte Spielereien mit todten Sprachen sich abzu- stumpfen, und die Jünglinge, statt auf mittelalterlichen Hochschulen durch Gelage, schnöde Tändelei und Klopffechterei zu verkrüppeln, durch leben- digen Nationalunterricht und würdige Leibesübung sich zu deutschen Män- nern heranbilden und zu jenem Vaterlandssinn sich stählen, von dem alle politische Tugend, alle Großthat ausströmt; wo das deutsche Weib, nicht mehr die dienstpflichtige Magd des herrschenden Mannes, sondern die freie Genossin des freien Bürgers , unsern Söhnen und Töchtern schon als stammelnden Säuglingen die Freiheit einflößt, und im Samen des erziehenden Wortes den Sinn ächten Bürgerthums nährt; und wo die deutsche Jungfrau den Jüngling als den würdigsten erkennt, der am reinsten für das Vaterland erglüht; wo, abschüttelnd das Joch des Gewissens, der Priester Trug und den eigenen Irrwahn, der Deut- sche zu seinem Schöpfer die unverfälschte Sprache des Kindes zum Vater redet; wo der Bürger nicht in höriger Unterthänigkeit den Launen des Herrschers und seiner knechtischen Diener, sondern dem Gesetze ge- horcht, und auf den Tafeln des Gesetzes den eigenen Willen liest, und im Richter den freierwählten Mann seines Vertrauens erblickt; wo die Wissenschaft das Nationalleben befruchtet und die würdige Kunst als dessen Blüte glänzt. Ja, er wird kommen der Tag, wo ein gemeinsames deutsches Va- terland sich erhebt, das alle Söhne als Bürger begrüßt, und alle Bür- ger mit gleicher Liebe, mit gleichem Schutz umfaßt; wo die erhabene Germania dasteht, auf dem erzenen Piedestal der Freiheit und des Rechts, in der einen Hand die Fackel der Aufklärung, welche civilisirend hinausleuchtet in die fernsten Winkel der Erde, in der andern die Wage des Schiedsrichteramts, streitenden Völkern das selbsterbetene Gesetz des Friedens spendend, jenen Völkern, von welchen wir jetzt das Ge- setz der Gewalt und den Fußtritt höhnender Verachtung empfangen. — Seit das Joch abgeschüttelt des fremden Eroberers, erwartete das deutsche Volk, lammfromm, von seinen Fürsten die verheißene Wieder- geburt; es sieht sich getäuscht, darum schüttelt es zürnend die Locken und drohet dem Meineid. Die Natur der Herrschenden ist Unterdrü- ckung, der Völker Streben ist Freiheit. Das deutsche Volk, wenn die Fürsten nicht ühren Wolkenthron verlassen und Bürger werden, wird in einem Moment erhabener Begeisterung allein vollenden das Werk, wo- vor der siechkranke Dünkel erschrickt, wovor die auszehrende Selbst- sucht erbebt, und wogegen die hinsterbende Gewalt vergebens die Strei- che des Wahnsinns in die Luft führt; das deutsche Volk wird vollbrin- gen das heilige Werk durch einen jener allmächtigen Entschlüsse, wo- durch die Völker, wenn die Fürsten sie an den Abgrund geführt, sich einzig zu retten vermögen. Dies der Gedanke des heutigen Festes, des herrlichsten, beden- tungsvollsten, das seit Jahrhunderten in Deutschland gefeiert ward, — der Gedanke, der Tausende von ausgezeichneten deutschen Bürgern auf dieser Höhe versammelt und den Millionen andere Deutsche mitempfin- den, der Gedanke der Wiedergeburt des Vaterlandes . Und solcher Gedanke schallt von dieser Bergruine, an deren starren Felswän- den so mancher Schädel verzweifelnder Bauern sich verblutete, von die- sem bischöflich-adeligen Raubnest, an welchem deutsche Volkskraft sich übte, die heiße Rache durch Zerstörung kühlend, schallt die Forderung deutscher Freiheit, deutscher Wiedergeburt, bedeutungsvoll mahnend, in alle Gauen des zerrissenen, des zertretenen Gesammtvaterlan des hinüber! Darum noch einmal! Leuchten wird der große Tag, wozu in jeder flüchtigen Stunde neue Herzen sich bereiten, und wär’ es uns nicht ver- gönnt, ihn zu schauen, so würden unsre bessern Söhne desto gewisser ihn heraufführen, sie, in deren unbefleckten Gemüthern jener Freiheits- stolz und jener Männersinn glüht, der einst Herrmann nnd seine Ta- pfern gegen die Dränger des Volkes geführt; unsre Söhne haben es gelobt und geloben es täglich; was dort auf benachbarter Hochschule von etlichen deutschen Jünglingen aus Preußen voll edlen Entschlusses gespro- chen ward, es wiederhallet als Morgen- und Abendgedanke in allen reinen Jugendherzen; derselbe glühende Drang für das Vaterland kocht und siedet und sprudelt in der Brust aller Knaben und Jünglinge, die noch nicht vergiftet sind von den Lehren der Selbstsucht, des aristokratischen Hochmuths; sie wollen den stolzen Tag heraufführen, wo das morsche go- thische Gebäude des politischen Europa zusammensinkt, wobei man sich über nichts wundern wird, als über das geringe Getöse des Sturzes. Doch nimmermehr wollen wir unsern Söhnen und Enkeln das hei- lige Werk überlassen, ein deutsches Vaterland zu gründen, nimmermehr wollen wir ihnen den Ruhm und den Stolz gönnen, dieses Vaterland erst vor ihren Blicken sich erheben zu sehn; nimmermehr wollen wir unsrer eignen Halbheit und Schwäche die Schminke leihen, indem wir, anscheinend arglos, versichern, die Gegenwart, die übrige Mitwelt sey nicht reif für Ideale, die wir im Geiste nähren. Wir selbst wollen, wir selbst müssen vollenden das Werk, und, ich ahne, bald, bald muß es geschehen, soll die deutsche, soll die europäische Freiheit nicht er- drosselt werden von den Mörderhänden der Aristokra- ten . Die Jugend empfängt von den Männern den Rath der Weisheit; mögen die Männer am flammenden Muthe der Jugend sich entzünden. Die Jünglinge werfen von sich den Tand, womit sie früher gespielt; sie verwischen alle Unterschiede, sie vertilgen alle Landsmannschaften und Trennungen: ihr deutsche Männer! o lasset auch uns aller Spaltungen vergessen, alle Marken und Abscheidungen beseitigen; lasset uns nur eine Farbe tragen, damit sie uns stündlich erinnere, was wir sollen und wollen, die Farbe des deutschen Vaterlands; auf ein Gesetz nur lasset im Geist uns schwören, auf das heilige Gesetz deutscher Freiheit; auf ein Ziel nur lasset uns blicken, auf das leuchtende Ziel deutscher Nationaleinheit, deutscher Größe, deutscher Macht: und wenn einst alle deutschen Männer dieser eine Gedanke voll und lebendig durchdringt, dann, ich schwör’ es bei Thuisko, dem Gott der freien Deutschen, dann wird in strahlendster Gestalt sich erheben, wonach wir Alle ringen und wozu wir heute den Grundstein legen — ein freies deutsches Va- terland . Es lebe das freie, das einige Deutschland! Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete! Hoch leben die Franken, der Deutschen Vrüder, die unsere Nationali- tät und Selbstständigkeit achten! Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland — Volkshoheit — Völkerbund hoch! Rede von Wirth . Das Land, das unsere Sprache spricht, das Land, wo unsere Hoff- nung wohnt, wo unsere Liebe schwelgt, wo unsere Freuden blühen, das Land, wo das Geheimniß aller unserer Sympathien und all’ unserer Sehnsucht ruht, dieses schöne Land wird verwüstet und geplündert, zer- rissen und entnervt, geknebelt und entehrt. Reich an allen Hülfsquellen der Natur sollte es für alle seine Kinder die Wohnung der Freude und der Zufriedenheit seyn, allein ausgesogen von 34 Königen, ist es für die Mehrzahl seiner Bewohner der Aufenthalt des Hungers, des Jammers und des Elendes. Deutschland, das große, reiche, mächtige Deutsch- land, sollte die erste Stelle einnehmen in der Gesellschaft der europäi- schen Staaten, allein beraubt durch verrätherische Aristokratenfamilien, ist es aus der Liste der europäischen Reiche gestrichen und der Verspottung des Auslandes Preiß gegeben. Berufen von der Natur, um in Europa der Wächter des Lichts, der Freiheit und der völkerrechtlichen Ordnung zu seyn, wird die deutsche Kraft gerade umgekehrt zur Unterdrückung der Freiheit aller Völker und zur Gründung eines ewigen Reiches der Finsterniß, der Sclaverei und der rohen Gewalt verwendet. So ist denn das Elend unseres Vaterlandes zugleich der Fluch für ganz Europa. Spanien, Italien, Ungarn und Polen sind Zeuge davon. Spanien ist durch die heilige Allianz, welche ihre Stütze ausschließend in Deutsch- land hatte, einer auf Aufklärung, Menschlichkeit und Vernunft gebauten Staatsverfassung, sowie seiner patriotischen Cortes beraubt und unter das Messer fanatischer Priester und Aristokraten, sowie des Regime des Unsinnes und der Grausamkeit überhaupt zurückgeführt worden. Ungarn und Italien werden von Oesterreich mit Hülfe deutscher Kräfte ihrer Nationalität beraubt und in Knechtschaft und Finsterniß gehalten. Polen ist zu wiederholtenmalen von deutschen Mächten ver- rathen worden, und hat den Verlust der Freiheit und des Vaterlandes auch in neuerer Zeit einem deutschen Könige zu verdanken. Die Ursache der namenlosen Leiden der europäischen Völker liegt einzig und allein darin, daß die Herzoge von Oesterreich und die Kurfürsten von Bran- denburg den größten Theil von Deutschland an sich gerissen haben, und unter dem Titel der Kaiser von Oesterreich und der Könige von Preu- ßen nicht nur ihre eigenen, durch methodische Plünderung Deutschlands erworbenen Länder, nach orientalischen Formen beherrschen und deren Kräfte zur Unterdrückung der Freiheit und Volkshoheit der europäischen Nationen verwenden, sondern auch ihr Uebergewicht über die kleineren Länder Deutschlands benützen, um auch die Kräfte dieser dem Systeme fürstlicher Alleinherrschaft und despotischer Gewalt dienstbar zu machen. Bei jeder Bewegung eines Volkes, welche die Erringung der Freiheit und einer vernünftigen Staatsverfassung zum Ziele hat, sind die Kö- nige von Preußen und Oesterreich durch Gleichheit der Zwecke, Ge- sinnungen und Interessen an Rußland geknüpft, und so entsteht jener furchtbare Bund, der die Freiheit der Völker bisher immer noch zu tödten vermochte. Die Hauptmacht dieses finstern Bundes besteht im- mer aus deutschen Kräften, da Rußland ohne die Allianz mit Preußen und Oesterreich ohnmächtig wäre und durch innere Stürme in Zerrüt- tung fallen würde. So riesenhaft daher die Macht des absoluten Bun- des auch seyn mag, so ist ihr Ende doch in dem Augenblicke gekommen, wo in Deutschland die Vernunft auch in politischer Beziehung den Sieg erlangt, d. h. in dem Augenblicke, wo die öffentlichen Angelegenheiten nicht mehr nach dem despotischen Willen eines Einzigen, nicht mehr nach den Interessen einer über ganz Europa verzweigten Aristokraten- Familie, sondern nach dem Willen der Gesellschaft selbst und nach den Bedürfnissen des Volkes geleitet werden. In dem Augenblicke, wo die deutsche Volkshoheit in ihr gutes Recht eingesetzt seyn wird, in dem Augenblicke ist der innigste Völkerbund geschlossen, denn das Volk liebt , wo die Könige hassen , das Volk vertheidigt , wo die Könige verfolgen , das Volk gönnt das, was es selbst mit seinem Herzblut zu erringen trachtet, und, was ihm das Theuerste ist, die Freiheit, Aufklärung, Nationalität und Volks- hoheit , auch dem Brudervolke: das deutsche Volk gönnt da- her diese hohen, unschätzbaren Güter auch seinen Brüdern in Polen, Ungarn, Italien und Spanien. Wenn also das deutsche Geld und das deutsche Blut nicht mehr den Befehlen der Herzoge von Oesterreich und der Kurfürsten von Brandenburg, sondern der Verfügung des Volkes unterworfen sind, so wird Polen, Ungarn und Italien frei, weil Ruß- land dann der Ohnmacht verfallen ist und sonst keine Macht mehr be- steht, welche zu einem Kreuzzuge gegen die Freiheit der Völker verwen- det werden könnte. Der Wiederherstellung des alten, mächtigen Polens, des reichen Ungarns und des blühenden Italiens folgt von selbst die Be- freiung Spaniens und Portugals und der Sturz des unnatürlichen englischen Uebergewichts. Europa ist wiedergeboren und auf breiten natürlichen Grundlagen dauerhaft organisirt. Freiheit des Welthandels ist die köstliche materielle Frucht und unaufhaltsames Fortschreiten der Civilisation der außer jeder Berechnung liegende geistige Gewinn eines solchen Weltereignisses. Die reichen Länder der europäischen Türkei werden dann nicht länger den Feinden aller Kultur überlassen bleiben, weil die Eifersucht einer schwachköpfigen und engherzigen Politik diese herrlichen Provinzen einem civilisirten Volke nicht gönnt. Man wird sie vielmehr der Civilisation wiedergeben, Constantinopel durch Umschaffung in eine freie Stadt und einen freien Hafen in einen allmächtigen Hebel des europäischen Handels verwandeln, die Hülfsquellen Afrika’s für Europa eröffnen, und dann den großen Menschenfreund, den Handel gewähren lassen, daß er seine unendlichen Gaben und unerschöpflichen Schätze über die Völker Europa’s ausschütte und zugleich alle Nationen zu ewig neuen Fortschritten in der Civilisation ansporne. Unermeßlich sind die Folgen der Befreiung Europa’s, unermeßlich schon in Ansehung der Emporhebung und gleichmäßigen Verbreitung des Wohlstandes und unermeßlich vollends in Ansehung der geistigen Fortschritte. Und alle diese unendlichen Triumphe des menschlichen Geschlechts, all’ diese uner- meßlichen Segnungen sollten den Völkern Europa’s blos darum vorent- halten werden, damit ein paar unverständige Knaben fortwährend die Königsrolle erben können? Wahrlich, ich sage euch, giebt es irgend Ver- räther an den Völkern und an dem gesammten Menschengeschlechte, giebt es irgend Hochverräther, so wären es die Könige, welche der Eitelkeit, der Herrschsucht und der Wollust willen die Bevölkerung eines ganzen Welttheils elend machen und dieselbe durch empörende Unterdrückung Jahrhunderte hindurch hindern, zu dem ihr von Natur bestimm- ten Zustande von materieller Wohlfart und geistiger Vollendung sich aufzuschwingen. Fluch, ewigen Fluch darum allen solchen Verräthern! Es ist einleuchtend, daß unter den bemerkten Umständen die Reform Deutschlands, als die Basis der Reorganisation Europa’s, eine große gemeinschaftliche Angelegenheit aller Völker unseres Welttheils sey. Von ihr hängt die Wohlfart der großen Mehrheit aller Nationen Europa’s, von ihr die Ruhe und das Glück des ganzen Welttheils selbst ab. Auch Frankreich kann vor der Befreiung und Wiedererstehung Deutschlands Freiheit, Glück und Frieden in dauerhafter Weise nie erlangen, weil die unvereinbarlichen Principien von Volkshoheit und dem Königthume des göttlichen Rechts zwischen Frankreich und den deutschen Königen ewige Reibung erzeugen und einen Kampf entzünden müssen, dem nur mit dem entscheidenden Siege des vernünftigen Princips, also dem Triumphe der Volkshoheit in Deutschland, definitiv ein Ziel gesetzt werden kann. Wenn demnach die Reform Deutschlands so sehr im Interesse Frank- reichs liegt, so scheint es natürlich, daß die deutschen Patrioten in ih- rem schweren und ungleichen Kampfe gegen die Verräther ihres Vater- landes ihre Hoffnung vorzüglich auf Frankreich setzen sollten. Man sollte meinen, unsere französischen Nachbarn müßten dem großen Werk der deutschen Reform wegen der davon abhängenden Reorganisation Euro- pa’s frei von allem Eigennutze und insbesondere frei von Vergrößerungs- sucht, aufrichtig und uneigennützig ihre volle Unterstützung widmen. Leider dürfen wir aber dieser Hoffnung uns noch nicht ergeben. Die gegenwär- tig in Frankreich herrschende Parthei, gestützt auf die ganze Masse der Reichen und Wohlhabenden, will um jeden Preiß den Frieden erhalten. Ihr ist es nur um kleinliche materielle Interessen zu thun, sie begreift das wahre Bedürfniß Europa’s so wenig, als die Aufgabe des Jahr- hunderts. Sie ist insbesondere völlig unfähig, sich zu der Idee zu er- heben, daß Frankreich die Reform Deutschlands aus höheren politischen Rücksichten völlig eigennützig unterstützen müsse. Könnte daher diese Parthei auch zu einer Unterstützung der Bewegung in Deutschland sich entschließen, so würde sie das linke Rheinufer als den Preiß ihrer Hülfe fordern. Außer den Carlisten, welche hier in keine Erwägung gezogen werden können, kämpft gegen die herrschende Parthei in Frankreich eine zweifache Opposition, nämlich die Propaganda und die Republicaner. Letztere sind aber größtentheils mittellos, daher von den Wahlen und von dem Antheile an der Repräsentation völlig ausgeschlossen. Auf fried- lichem Wege kann deßhalb diese Parthei niemals an die Spitze der Ge- schäfte treten. Würde demnach eine Veränderung des Regierungssystems in Frankreich von der Opposition auch durchgesetzt, so geschähe dieß höch- stens im Sinne der Propaganda. Diese Parthei will die Freunde der Freiheit in andern Ländern allerdings thätig unterstützen, allein sie fordert als Preiß der Hülfe ebenfalls das linke Rheinufer. Nur die Republikaner, insbesondere die Gesellschaft der Volksfreunde ( Société des amis du peuple ) haben reinere patriotische Grundsätze und legen auf die Eroberung der Rhein- grenze einen geringen Werth oder verlangen sie gar nicht. Allein ohne eine Staatsumwälzung, wozu noch lange keine Aussicht gegeben ist, kann diese Partei nicht zur Herrschaft gelangen und wenn dieß auch der Fall wäre, so ist die Begierde nach dem linken Rheinufer der großen Mehrheit des französischen Volkes doch so sehr zur andern Natur gewor- den, daß das kleine Häuflein hellsehender Kosmopoliten dem allgemei- nen Nationalwunsche nicht wiederstehen könnte, wenn bei einem Kriege, einer gewaltsamen Umwälzung oder irgend einer Katastrophe in Deutsch- land zur Eroberung der Rheingrenze Gelegenheit gegeben wäre, oder wenn Frankreich dadurch wohl gar in den Besitz des linken Rheinufers zufällig kommen sollte. Von Frankreich haben wir daher im dem Kampfe um unser Vaterland wenig oder keine Hülfe zu erwarten. Denn, daß wir um den Preiß einer neuen Entehrung, nämlich der Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich, selbst die Freiheit nicht erkaufen wol- len, daß vielmehr bei jedem Versuche Frankreichs, nur einen Schollen deutschen Bodens zu erobern, auf der Stelle alle Opposition im Innern schweigen und ganz Deutschland gegen Frankreich sich erheben müßte und werde, daß die Befreiung unseres Vaterlandes vielmehr um- gekehrt die Wiedervereinigung von Elsaß und Lothringen mit Deutsch- land wahrscheinlicherweise zur Folge haben werde, über alles dieß kann unter Deutschen nur eine Stimme herrschen. Hoffe man daher nichts von einer Unterstützung Frankreichs. Fürchte man solche vielmehr, wenn sie eine Maßregel des Gouvernements werden sollte. Denn in diesem Falle hat eine Bewegung Frankreichs zu Gunsten der deutschen Patrioten einen Krieg gegen Oesterreich und Preußen zur Folge, in welchem die kleinen deutschen Mächte augenblicklich auf die Seite Frankreichs treten würden, wenn das günstige Kriegsglück ge- gründete Hoffnung zur Eroberung darbietet. Baiern, das in einem sol- chen Falle auf die andern kleinen Fürsten einen großen Einfluß erlangt, verwünscht seine Besitzung am Rheine und trachtet sehnsuchtsvoll nach Wiedererlangung von Salzburg, Tyrol und dem Innviertel. Sachsen ist über die Grausamkeit, mit der man das Land zerrissen und verkauft hat, immer noch erbittert, und wird jede Gelegenheit seiner Wieder- vereinigung mit Eifer ergreifen. Sobald daher in einem Kriege gegen Oesterreich und Preußen für Frankreich nur irgend eine Wahrscheinlich- keit des Sieges vorhanden ist, treten Baiern, Sachsen, Würtemberg, Baden u. s. w. der Vergrößerungssucht wegen auf die Seite Frankreichs, und es wiederholt sich die alte Geschichte des Rheinbundes. Dann ist aher nicht blos Deutschland unglücklicher als je, sondern auch das große Werk der europäischen Reorganisation auf lange Zeit wieder hinausge- schoben. Aus allen diesen Gründen dürfen denn die deutschen Patrioten auf die Hülfe Frankreichs nicht allein keine Hoffnung setzen, sondern sie müßen auch die Pläne Frankreichs aufmerksam beobachten, vor allem aber in ihr pölitisches Glaubensbekenntniß den Satz aufnehmen: »Selbst die Freiheit darf auf Kosten der Integrität unseres Ge- bietes nicht erkauft werden; der Kampf um unser Vaterland und unsere Freiheit muß ohne fremde Einmischung durch unsere eigene Kraft von innen heraus geführt werden, und die Patrioten müßen in dem Augenblicke, wo fremde Einmischung statt findet, die Oppo- sition gegen die inneren Verräther suspendiren und das Gesammt- volk gegen den äußern Feind zu den Waffen rufen.« Diejenigen, welche ihre Hoffnung lediglich auf die Hülfe Frankreichs setzen, werden bei solchen Grundsätzen an jedem Erfolge der deutschen Op- position zweifeln. Deßungeachtet wird das große Werk auch auf diesem, nnsere Nationalehre rettenden Wege zu Stande kommen. Das Mittel liegt in einem Bündnisse der Patrioten zum Zwecke der Belehrung des gesammten deutschen Volkes über die Art und Weise der nothwendigen Reform Deutschlands. Der Vaterlandsverein war bei seiner Gründung für diesen Zweck bestimmt. Wie aber derselbe inzwischen sich gestaltet hat, kann er den großen Zweck der Wiedergeburt des Vaterlandes nicht mehr erreichen, weil die Mitglieder desselben, und namentlich die Vorsteher den Zweck einer klar erkannten, bis in die Details genau bestimmten und consequent zu verfolgenden Reform Deutschlands ent- schieden abläugnen und dem Vereine dafür den vagen und unbestimmten Zweck unterschieben, für die freieste Entwicklung patriotischer Gedanken über die Mittel zur Förderung des Wohls der deutschen Völker, die Unterstützung der ganzen Nation in Anspruch zu nehmen. Der Verein kann in einer solchen Weise zwar auch nützlich seyn, allein den Zweck der deutschen Reform vermag er nie zu erreichen. Die Sehnsucht nach einem bessern politischen Zustande ist nämlich bei uns fast überall laut geworden. Allein gerade über die Hauptsache, d. h. worin das Bessere bestehe, darüber ist noch Niemand einig, nicht einmal die Häupter der Opposition. So lange ein solcher Zustand besteht, ist die Opposition selbst planlos, und muß nothwendig zur Verwirrung Anlaß geben. Aus diesen Gründen sind alle gegenwärtigen Bestrebungen und Aufopferun - gen der Opposition wirkungslos, und werden es so lange seyn, bis de- ren Häupter über die Art und Weise der nothwendigen Reform Deutschlands bis in die Details sich verständiget haben, und nun nach einem festen Plane und unter sicherer Leitung gemeinsam dahin wirken, für diese Reform die öffentliche Meinung aller deutschen Volksstämme zu gewinnen. So lange dieß nicht geschieht, fehlt es der Opposition an einem Anhaltspunkte; man streitet sich planlos herum, erbittert und entzweiet, und reißt ein, ohne zu wissen, was an die Stelle des Alten treten soll. Plan- und zwecklos, ist eine solche Opposition unfähig, die Ereignisse zu leiten, wird vielmehr völlig von den Umständen beherrscht, und kann leicht das Schicksal erfahren, gerade das befördert zu haben, was sie vermeiden und abstellen will, nämlich die Zerstückelung und da- durch das Unglück Deutschlands. Wenn dagegen die reinsten, fähigsten und muthigsten Patrioten über die zweckmäßigste Reform unseres Landes sich verständiget und zugleich sich verbunden haben, um durch eigene Journale die öffentliche Meinung des Gesammtvolkes für diese Reform zu gewinnen, wenn auch nur 20 an Geist, Feuereifer und Charakter ausgezeichnete Männer einen solchen Bund geschlossen und nun dem gu- ten Volke die unabweisliche Nothwendigkeit seiner politischen Veredlung, sowie das dringende Bedürfniß der durchgreifenden Reform des Vater- landes täglich mit Flammenzügen in das Herz schreiben, wenn solche Männer den Nationalstolz, das Gefühl der Bürgerwürde und die Flam- me der Freiheitsliebe durch die Gluth begeisternder Rede in allen deut- schen Gauen erwecken, wenn nur 20 solcher Männer, zu einem geregel- ten Zusammenwirken verbunden und von einem Manne ihres Ver- trauens geleitet, der Nation das schöne Schauspiel eines gottbegeister- ten Kampfes für das Vaterland, für unser angebetetes, dreimal herr- liches Deutschland täglich vor Augen stellen, wenn sie in ihrer Sen- dung nie müde werden, nie erzittern, nie erbleichen, wenn sie alle Verfolgungen von Seite der Vaterlandsverräther mit Freudigkeit ertragen, wenn sie der Gewalt kein haarbreit weichen und lieber 1000mal sich zermalmen lassen, als von ihrem heiligen Kampfe abzustehen, wenn endlich die guten Bürger in den lichtern Gegenden unseres Landes das Wirken solcher Männer durch Verbreitung deren Schriften öffentlich oder im Stillen unterstützen; ja fürwahr, dann wird, dann muß das große Werk gelingen, die verrätherische Gewalt wird vor der Weihe der Vaterlandsliebe und der Allmacht der öffentlichen Meinung in, den Staub sinken, Deutschland wird die Freiheit und den Frieden sehen, es wird zur herrlichsten Macht und Größe emporblühen. Niemand kann hieran zweifeln, der die Macht der Presse kennt, und der erwägt welche ungeheure Wirkung dieselbe schon binnen wenigen Monaten her vorzubringen im Stande war. Darum deutsche Patrioten wollen wir die Männer wählen, die durch Geist, Feuereifer und Charakter berufen sind, das große Werk der deutschen Reform zu beginnen und zu leiten; wir werden sie leicht finden und dann auch durch unsere Bitten bewegen, den heiligen Bund sofort zu schließen und ihre bedeutungsvolle Wirksamkeit sofort zu eröff- nen. Dieser schöne Bund möge dann das Schicksal unseres Volkes lei- ten; er möge unter dem Schirme der Gesetze den Kampf für unsere höchsten Güter beginnen, er möge unser Volk erwecken, um von innen heraus, ohne äußere Einmischung, die Kraft zu Deutschlands Wiederge- burt zu erzeugen; er möge auch zu gleicher Zeit mit den reinen Patrioten der Nachbarländer sich verständigen, und wenn ihm Garantien für die Integrität unseres Gebietes gegeben sind, dann möge er immerhin auch die brüderliche Vereinigung suchen, mit den Patrioten aller Nationen, die für Freiheit, Volkshoheit und Völkerglück das Leben einzusetzen entschlossen sind. Hoch! dreimal hoch leben die vereinigten Freistaa- ten Deutschlands! Hoch! dreimal hoch das conföderirte republikanische Europa! Wir lassen jede Rede als Ansicht des Redners unverändert stehen; die begeisterte Vaterlandsliebe unsers feurigen Wirth hat jedoch, bei allem sonstigen Anklang, nach zwei Seiten hin, verletzt, nemlich unsere Nachbarn, die Franzosen, und das Centralcomite des Preß- vereins, worüber sich der Redaktions-Ausschuß eine Anmerkung er- laubt. Den vermeintlichen Angriff auf Frankreich bedauern wir um so mehr, da das französische Volk in neuerer Zeit das Verlangen der Rheingrenze als ein verderbliches Vorurtheil einzusehen beginnt, und sich täglich mehr überzeugt, daß alle aufgeklärten Völker nur einen Zweck, ein Ziel im Auge haben, die Freiheit, im innigsten gemeinsa- men Bündniß gegen die Könige, ihre Unterdrücker. Der Südwesten Deutschlands und der Nordosten Frankreichs besonders haben für jetzt einerlei und ein sehr dringendes Interesse, fest und enge verbrüdert zu ste- hen im Kampfe gegen innere und äußere Ueberwältigung. Dieß erkennt Wirth vollkommen, wie wir hingegen völlig in seine Entrüstung ein- stimmen, wenn wir sehen, daß nicht ein einziges französisches Journal die anmaßende, Freiheit und Nationalität mißachtende Forderung der Rheingrenze zu bekämpfen wagt. Mögen die französischen Patrioten, die mit uns gleich denken, und deren Zahl nicht klein ist, das Vorurtheil Nach dem Schlusse dieser Rede wurde dem Redner von dem Privat- gelehrten Funke aus Frankfurt, im Namen mehrerer Patrioten dort- selbst, ein deutsches Schwerdt, als Ehrengeschenk feierlich überreicht. Discours prononcé par Lucíen Rey de Strasbourg, an cien rédacteur du Journal universel. Obenstehende Rede wurde in französischer Sprache gehalten; für diejenigen, welche dieser Sprache nicht kundig sind, folgt hier die Ueber- setzung: Rede, gehalten von Luzian Rey aus Straßburg, vor- maligem Redacteur des Journal universel . Meine Herren! Es ist ohne Zweifel Kühnheit, ich möchte selbst sagen Verwegenheit Messieurs! Il y a sans doute de ma part de la hardîesse, je dirais même de la témérité à venir prendre devant vous la parole après les éloquens discours que vous venez d’entendre; mais lorsque l’Allemagne se réveille, ihres Volkes austilgen, mögen sie öffentlich den reinen Grundsatz der Völker- und Länder-Unabhängigkeit aussprechen, dann werden die Deut- schen, dann wird auch unser patriotischer Redner sie innig als Brüder umarmen, und mit ihnen den großen Bund schließen, den Bund der Völkerfreiheit. Also umarmen wir schon jetzt die edlen französischen Bürger, welche das deutsche Nationalfest mit ihrer Gegenwart verherr- lichten, und also begrüßen wir alle Franzosen, in deren Namen sie ge- genwärtig waren, oder deren Gesinnungen sie aussprachen! Wir lassen auch hier sofort die obwohl später gehaltene Rede folgen, welche von einem der französischem Volksfreunde mit eben so erleuchtetem Geist als warmen Herzen gesprochen ward. Was sodann den Vaterlandsverein betrifft, so darf man nicht über- seben, daß die erweiterte Wirksamkeit, welche Wirth , gewiß mit der Mehrheit der Vereinsglieder gewünscht hatte, ursprünglich übersehen ward, und später somit als Anmaßung hätte ausgelegt werden können, die, ehe das gerichtliche Urtheil erfolgt war, doppelt vermieden werden mußte. Auch darf man die unermeßlichen Schwierigkeiten nicht ver- gessen, mit denen das Vereincomite zu kämpfen hatte, zumal da ihm kein sicherer Weg der Mittheilung und Verständigung mit den Lokalaus- schüssen offen geblieben war. Erst seit das erleuchtete Obergericht Rhein- baierns den Verein als gesetzlich erklärt hat, bilden sich Ortscomites, und gewinnt das Ganze frisches Leben. Inzwischen stimmen wir der Ansicht vollkommen bei, daß nicht blos der Presse, sondern dem deut- schen Vaterland und der Freiheit überhaupt große und nahe Gefahren drohen. Die Könige und Aristokraten rüsten im Stillen, alle Zeichen eines nahen Sturmes sind sichtbar. Auch wir rufen daher die deutschen Völker zur Wachsamkeit auf: mögen sie bereit stehen zum Kampf auf Leben und Tod, wenn die verbündeten Aristokraten und Könige ihn wagen! Anmerk. des Redaktions-Ausschusses . 4 lorsque vous saluez par des transports unanimes d’acclamation l’aurore de sa liberté naissante; j’éprouve le besoin de vous dire quelques mots au nom de la France. Ces besoin est d’autant plus vivement senti que ma patrie a été méconnue sur cette tribune, et que je dois à cette France à la quelle je me sens fier d’appartenir, de venir ex- poser ici les sentimens qui l’animent. Et ne les a-t-elle pas exprimés elle mêmé ces sentimens lorsqu’un si grand nombre de ses enfans se trouvent ici rassemblés pour célébrer cette journée solennelle d’où datera votre liberté et la sainte-alliance des peuples? N’a-t-elle pas montré combien est grande pour vous sa sympathie lorsque plusieurs de ses citoyens sont venus, malgré les entraves que leur a opposé votre gouvernement, pour vous voir arborer le drapeau qui proclame votre indépendance, le drapeau qui proclame votre éternelle liberté? Et vous osez sur cette tribune, d’où ne devraient descendre que des paroles de paix et d’alliance, vous osez, dis-je, lui reprocher que ces manifestations généreuses ont des motifs cachés d’ambition et d’intéret, que ces manifestations ne sont qu’un honteux calcul, et que nous sommes venus parmi vous avec des projets de conquêtes, avec la pensée de profiter du premier moment favorable pour vous imposer par les armes un pouvoir que vous ne voulez pas reconnaître, un pouvoir que vous ne voulez pas accepter. Non, Messieurs, telle n’est von mir, nach den ausgezeichneten Reden, die Sie angehört, vor Ihnen das Wort zu nehmen; allein während Deutschland wieder erwacht, wäh- rend Sie mit begeistertem einstimmigem Freudenruf die Morgenröthe der aufkeimenden Freiheit begrüßen, fühle ich das Bedürfniß, einige Worte im Namen Frankreichs zu Ihnen zu sprechen. Dies Bedürfniß fühle ich um so lebhafter, da mein Vaterland auf dieser Tribüne ver- kannt wurde, und ich es Frankreich, welchem anzugehören mein Stolz ist, schuldig bin, die Gefühle, die dasselbe beleben, hier auszusprechen. Und hat es nicht selbst diese Gefühle ausgesprochen, durch die große Zahl seiner Kinder, die sich hier zur Feier des festlichen Tages versammelt finden, der die Wiege Eurer Freiheit und der heiligen Verbrüderung der Völker seyn wird? Hat es nicht gezeigt, wie groß seine Sympathie für Euch ist, da trotz der Hindernisse, die Eure Regierung ihnen entgegen- setzte, mehrere seiner Bürger gekommen sind, Euch die Fahne aufpflan- zen zu sehen, welche Eure Unabhängigkeit, die Fahne, welche Eure wiege Freiheit proklamirt. Und Ihr wagt es, auf dieser Tribüne, von der herab man nur Worte des Friedens und der Einigung vernehmen sollte, Ihr wagt es, sage ich, Frankreich den Vorwurf zu machen, daß dieses edle Entgegen- pas la pensée de la France, de la France de juillet et par cette dé- nomination je désigne tout ce qui parmi nous porte un cocur de ci- toyen, tout ce qui palpite au nom de patrie, tout ce qui courrait aux armes ponr défendre la terre sacrée qui lui a donné le jour. Ces hommes sont nombreux en France; il n’est point encore arrivé au honteux pouvoir sous lequel ma patrie gemit en ce moment, mais dont elle parviendra sous peu à s’affranchir, d’étouffer en nous ces sentimens généreux qui furent ceux de nos pères, qui en 1791 les ont rendus vainqueurs de dix-sept armées, et au nom desquels ils ont campé tour à tour sur les rives de l’Arno, du Rhin et du Nil. Hélas! Messieurs, ce n’est malheureusement qu’avec douleur que nous reportons nos regards vers ces glorieuses journées qui devaient à jamais établir en Europc le règne des lois et de la liberté et que nos pères saluèrent comme les premièrs jours de l’ère des nations et comme les dernièrs de celle des rois. Mais si tant de bonheur ne devait pas nous être reservé, si les nations ont été de nouveau placées sous le joug, si la révolution de 1789 a été exploitée par un despote am- bitieux, si les patriotes se sont laissés éblouir par la gloire, ils mé- ritent néanmoins encore l’admiration et la sympathie des patriotes de l’Allemagne et de tous les hommes pour qui les noms de liberté et kommen geheime Motive des Ehrgeizes und des Interesse’s verhülle, daß es nichts sey als eine schimpfliche Berechnung, und daß wir zu Euch gekommen seyen mit Plänen der Eroberung, mit dem Gedan- ken, den ersten günstigen Moment zu benützen, um Euch durch die Waffen eine Gewalt aufzudringen, die Ihr nicht anerkennen, eine Gewalt, die Ihr nicht aufnehmen wollt. Nein, meine Herren, dies ist nicht die Gesinnung Frankreichs, des Juli-Frankreichs, nnd mit dieser Benennung bezeichne ich Alles, was bei uns im Herzen die Gesinnung des Bürgers regt, Alles, was entzückt ist bei dem Namen Vaterland, Alle, die zu den Waffen eilen würden, um den heiligen Boden zu ver- theidigen, den ihnen der Tag gegeben. Diese Männer sind zahlreich in Frankreich; es ist der schimpflichen Gewalt, unter der mein Vaterland in diesem Augenblicke seufzet, und von der es sich in kurzer Zeit befreien wird, es ist ihr noch nicht gelungen, diese edle Gefühle zu ersticken, die Gefühle unserer Väter, die 1791 dieselben zu Sieger über siebenzehn Armeen gemacht, und in deren Namen sie ein um’s andre mal an den Ufern des Arno, des Rheins und des Nil gelagert waren. Ah, meine Herren! leider nur mit Schmerz wenden wir unsere Blicke zurück auf jene glorreichen Tage, welche die Herrschaft des Ge- setzes und der Freiheit auf immer in Europa begründen sollten, und die unsere Väter als den Anfang der Völker-Aera und als das Ende der de patrie ne sont pss de vains mots, des hommes enfin qui sont ie rassemblés. Devant ce monument de la féodalité, devant ce spectre d’une épo que qui n’est plus, mais dont celle où nous vivons porte malheu- reusement encore trop de traces, évoquons devant nous les ombres de tous les hommes dont le sang a coulé pour l’afiranchissement des na- tions! jurons de les imiter, jurons de vivre librès ou de mourir! Mais avant ce serment solennel, unissons nos drapeaux et devant nous viendront se briser les machinations des despotes, devant nous deviendront impuissantes les fureurs de nos oppresseurs! Mais la révolution de 1789 rappèle une époque plus nouvelle, une époque riche en glorieux souvenirs et féconde en leçons. Ce sont ces trois journées de 1830 où la France se leva de nouveau comme un seul homme pour secouer le joug de trente années d’oppression, pour faire revivre le soleil de la liberté, qui dans ce jour solennel éclaire pour la première fois depuis des siècles l’étendard qui flotte sur ces ruines. Nous saluâmes aussi avec transport en ces journées nos couleurs, elle rappelaient tant de gloire, tant de malheurs, tant de courage ...... Elles brillent encore dans ma patrie, mais elles ont presque pâlies du rôle que leur a fait jouer un gouvernement que les nations ont flétri du stigmâte de l’infâmie. Jours glorieux ne reviendrez vous jamais? et Königsherrschaft begrüßten. Aber wenn uns auch ein solches Glück nicht beschieden war, wenn auch die Nation von Neuem unter das Joch ge- beugt worden, wenn auch die Revolution von 1789 die Beute eines ehr- geizigen Despoten wurde, wenn die Patrioten sich blenden ließen durch den Ruhm, so verdienen doch letztere die Bewunderung und Sympathie der Patrioten Deutschlands und aller Derer, denen der Name Freiheit und Vaterland nicht leere Worte sind, endlich aller Derer, die hier ver- sammelt sind. Vor diesem Monumente der Feudalherrschaft, vor diesem Gespenste einer verschollenen Zeit, aus der aber die unsrige leider noch zu viele Spuren trägt, laßt uns zu uns aufrufen die Schatten aller Männer, de- ren Blut für die Befreiung der Nationen geflossen ist! Schwören wir, sie nachzuahmen, schwören wir, frei zu leben oder zu sterben! Aber vor diesem feierlichen Schwure laßt uns unsere Fahnen vereinigen, und die Umtriebe der Despoten werden an uns scheitern, die Wuth unserer Un- terdrücker wird nichts gegen uns vermögen! Die Revolution von 1789 ruft eine neuere Epoche zurück, eine Epoche, reich an ruhmvollen Erinnerungen, fruchtbar an Lehren. Es sind die drei Tage von 1830, wo Frankreich von Neuem sich erhob wie ein einziger Mann, das Joch dreißigjähriger Unterdrückung abzuschütteln und die Sonne der Freiheit von Neuem in’s Leben zu rufen, die an diesem festlichen Tage zum erstenmale wieder seit Jahrhunderten die Fahne nos illusions n’ont elles été que des rêves? ....... Varsovie, noble sœur restera tu toujours un tombeau et le cosaque veillera t il éternellement sur des murs arrosés du sang de tant de braves? Les bourreaux de l’Italie et de l’Espagne pourront ils encore longtemps brise r les cœurs des patriotes et les peuples n’auront-ils jamais le courage de mettre un terme à leur fureur, à leurs crimes? Telles sont Messieurs les questions que s’adresse journellement la France de Juillet, devant elles tombent d’eux mêmes tous les projets de calcul ou de conquête que prête à ma patrie l’illustre orateur qui ce matin se trouvait à cette tribune et dont les nobles efforts pour la conquête de la liberté ont trouvé tant de sympathie en France. Non Mes- sieurs, la France ne vous demande pas la Bavière rhénane, elle n’a pas le projet de vous la ravir, elle demande l’alliance de l’Allemagne mais une alliance franche et sincère avec laquelle doivent tomber à jamais toutes les barrières que les rois ont jetées entre nous pour notre malheur et le votre. Sans cette alliance la liberté est impassible en Europe. Liberté! Union! Persevérance! — que ce soint donc là nos mots d’ordre et notre devise! et avec l’aîde de Dieu les nations revivront beleuchtet, die auch auf diesen Ruinen wehet. Auch wir begrüßten in jenen Tagen mit Begeisterung unsere Farben, sie erinnerten an so vielen Ruhm, an so viel Unglück, so vielen Muth ..... sie wehen noch in meinem Vaterlande, aber sie sind fast erbleicht von dem unwürdigen Spiele, das eine Regierung mit ihnen trieb, welche von den Nationen mit dem Brandmal der Infamie bezeichnet ist! Glorreiche Tage, werdet ihr nimmer wiederkehren; unsere Erwar- tungen, waren es nichts als Träume? ..... Warschau, edle Schwe- ster, wirst du auf immer ein Grab seyn, wird der Kosake ewig auf dei- nen Mauern wachen, vom Blute so vieler Braven bethauet? Die Henker Italiens und Spaniens, werden sie noch lange die Herzen der Patrioten zermalmen, und die Völker werden sie nie den Muth haben, der Wuth und dem Verbrechen ihrer Unterdrücker ein Ziel zu setzen? Dies, meine Herren, sind die Fragen, die das Juli-Frankreich täglich an sich stellt, vor dieser Frage fallen von selbst alle Pläne der Berechnung oder der Eroberung, die der berühmte Redner meinem Vaterlande leihet, der die- sen Morgen auf dieser Tribüne sprach, und dessen edle Bemühungen für den Sieg der Freiheit in Frankreich so viel Anerkennung fanden. Nein, meine Herren, Frankreich will nicht Rheinbaiern, es hat nicht die Ab- sicht, euch dasselbe wegzunehmen; es will eine Verbindung mit Deutsch- land, eine offene redliche Verbindung, mit welcher auf immer fallen, müssen alle Schranken, welche die Könige zwischen uns aufgerichtet ha- ben, zu unserm Unglück und dem eurigen. Ohne diese Vereinigung ist die Freiheit in Europa unmöglich. Freiheit, Einigkeit, Beharrlichkeit! dies seyen die Losengswortee de nouveau libres, grandes et indépendantes! Vive la sainte Alliance des peuples! — Während der Mittagstafel, woran wegen Mangel an Raum nur unge- fähr 1400 Personen Theil nehmen konnten, brachte Dr. Hepp dem Land- rathe Rheinbaierns, welcher der rohen Gewalt der Regierung männlich sich entgegengestellt und freimüthig für die Sache des Volkes sich erklärt hatte, folgenden Toast aus: Freunde des Vaterlandes ! Auf welche abentheuerliche Weise der Aufruf zu diesem schönen Feste von dem Präsidium unserer Landesregierung mißdeutet, und wie dieses Fest zum Hohne unserer Rechte und Gesetze untersagt wurde, weiß Jeder der hier Anwesenden, weiß ganz Deutschland. Die allgemeine Indigna- tion, die sich überall sogleich aussprach — das Zusammenströmen der un- zählbaren Theilnehmer an dem Feste, die Gegenwart so vieler hochver- d ienter und verehrter Volksfreunde aus allen Gauen des dentschen Va- dterlandes, ist die schönste und kräftigste Rechtfertigung der Männer, welche die Aufforderung zur Feier dieses Tages erließen, und jin deren Namen ich zu Euch spreche. Im Angesicht des deutschen Volkes haben wir den Schimpf abge- wiesen, den jener so schnell zur Celebrität gelangte Beamte sowohl auf uns, als auf die Bewohner Rheinbaierns wälzen wollte, als er in seiner Bekanntmachung sich nicht scheute, uns als eine im Finstern schleichende Partei Uebelgesinnter, nach Auflößung der bestehenden Ordnung Strebender zu verdächtigen . Ein großer Triumph der Volkssache war es aber, daß zu gleicher Zeit eine Versammlung erleuchteter Männer, vom Volke gewählt, um das Organ des Kreises zu seyn, es für ihre Pflicht erkannte, gegen die schreiende Verletzung unserer Justitutionen aufzutreten, und dem Staats- Oberhaupt die verkehrten Maßregeln der Kreisregierung, und die na- mentlich durch die ungerechte Beschränkung der freien Presse, die Verfol- gungen der Journalisten und der Mitglieder des Preßvereins und durch das gesetzwidrige Verbot dieses Festes, hervorgerufene Aufreizung der Bewohner des Rheinkreises zu schildern und die schleunige Abstel - lung eines alles Vertrauen der Regierung bei dem Volke zerstörenden Systems zu verlangen. dies der Wahlspruch, und mit der Hülfe Gottes werden die Völker von Neuem erstehen frei, groß und unabhängig! Es lebe der heilige Bund der Völker! Und diese braven, für Ehre und Recht glühenden Männer sehen wir heute unter uns; sie sind eine der grösten Zierden unseres Festes; — es ist der Landrath des Rheinkreises auf den sich unser Auge mit dankbarer Anerkennung und Verehrung richtet, O hätten doch immer Alle, die das Volk zum Schutz und zur Wah- rung seiner Rechte mit seinem Vertrauen ehrte, mit gleicher Einig keit, Kraft und Würde , des Volkes Ehre, Recht und Wohl ge schützt — herrliche Früchte wären heute schon dem deutschen Vaterlande erwachsen. Darum Freunde der deutschen Völker, diesen Ehrenmännern, dem Landrathe des Rheinkreises ein dreimaliges Lebehoch! — Nach der Ausbringung des Toastes wurden in angemessenen Pausen folgende Lieder abgesungen: 1. Melodie : Vom hoh’n Olymp herab ꝛc. Wo Männersinn, so froh wie heute Bei schöner Tafelrunde wohnt, Wo Sinn für’s Gute, im Geleite Von festem Muth im Herzen thront, Himmlisch und hehr regt im Busen sich Lust :,: Freude hebet die männliche Brust :,: Des Bergeszinne wird zum Göttersaale, Und jedes Mannes Sitz ein Thron, Es spiegelt sich im Festpocale Der Mann, als Mann, als Göttersohn. Spiegelt Euch, Männer, in hellem Pocal, :,: Freut Euch wie Götter beim fröhlichen Mahl. :,: Uns ist der Freude reine Quelle, Die Freiheit, Ehre, Vaterland, Begeistert strahlt das Auge helle; Dem Freunde drückt der Freund die Hand. Blitzet, ihr Augen, begeisterungshell, :,: Fließe, du reiner, du göttlicher Quell! :,: Hier engen nicht der Männer Herzen Des Lebens kleine Sorgen ein. Gerechte Trauer, herbe Schmerzen, Verscheuchet jetzt der goldne Wein. Glänze, du herrlicher, heimischer Wein, :,: Würdig, nur Freien ein Nektar zu seyn. ;,: Den Männern, die des Volkes Rechte Vertheidigen mit Gut und Blut, Und kämpfen wider feile Knechte Durch Wort und That mit festem Muth! Freiheit ist mehr, als das Gut und das Blut, :, Bürgersinn ehret, ist köstliches Gut. :,: Pflückt Blätter ab der dentschen Eiche, Die nie des Sturmes Macht noch bog, Brecht im geweihten Haine Zweige, Bekränzt sie, donnert: Lebet hoch! Du sprichst als Sinnbild, hochragende Eich’, :,: „Keiner, ihr Söhne, den Nacken je beug’. :,: Ein Lebehoch den edeln Polen! Es schlägt für sie das deutsche Herz. Laßt auch für sie uns Kränze holen, Verstumme jetzt, du Heimwehschmerz! Hoffet, daß Nacht sich in Helle verklärt, :,: Daß Euer Heimweh nicht lange mehr währt. :,; Es gilt den edeln deutschen Frauen, In deren Brust die Liebe glüht Zur Heimath, die in ihren Gauen So hehre, treue Töchter zieht. Strahlet, ihr Frauen, in rosigem Glanz, :,: Windet der Freiheit und Ehre den Kranz. :,: Heil! dreifach Heil dem Vaterlande! Hier unter Gottes Himmelszelt; Das Männerwort zum Unterpfande! — Der Bruderkuß als Zeichen gelt’, Daß wir, als tapfere Männer vereint, :,: Muthig bekämpfen Germaniens Feind. :,: … s. 2. Melodie : Es blinken drei freundliche Sterne ꝛc. Es leuchten drei strahlende Sterne Weit aus dem Hambacher Schloß, Sie leuchten hin über ganz Deutschland Erweckend, ermärmend und groß. Sie leuchten hinwieder in Deutschland Aus jeglichen Biedermanns Blick, Und leuchten und strahlen vom Feste Kraft kündend, Kraft zündend zurück. Die Sterne sind: Vaterland, Freiheit, Echt deutsche, hochherrliche Ehr ’: Die tragen noch Männer im Herzen! Sonst — leuchten die Sterne nicht mehr. — Bei Leipzig da liegen begraben Die Rächer der Vaterlands-Schmach — Ihr Kinder! jubeltet: Freiheit , Ihr Väter! den Frieden nach. Bei Leipzig da lagen im Staube Sieg dankend die Fürsten vor Gott! Gelobten den Völkern die Freiheit : Ihr Schwur war Hohn nur und Spott . Wem habt Ihr die Schlachten geschlagen? Wem alles geopfert im Krieg? Wem habt Ihr die Throne gebauet? Wem , sagt es! errungen den Sieg?! — Und Ihr, die Ihr lieget begraben, Wem habt Ihr das Herz-Blut versprützt? Dem armen geretteten Deutschland? — — Ihm hat es noch heut nichts genützt! — Die Fürsten, die haben’s zerstückelt; Umzingelt mit Mauth und mit Zoll : Die Länder, die Völker verarmen; Die Kammern der Großen — sind voll. Sind das noch die einzigen Bande, In welchen wir kommen und geh’n? Ist das der Vereinigung Segen , In der mit den Fürsten wir steh’n?! Sie haben deutschthümliche Ehre Gebrandmarkt durch Trug und Verrath; Das zeugen die siebenzeh ’n Jahre — An Polen — die neuste Fluch-That . Ach, Polen! wo bist du?! — Gott! Polen ! Hört Völker! Ihr Völker, o hört! Wie Euch der Geist der Erschlag’nen, Der lebenden Helden beschwört! Sie haben die Freiheit versprochen Der Schrift und des Wortes , bei Gott — Und schlagen sie Beide in Fesseln, Und sinnen auf gänzlichen Tod. Bei Leizig da liegen begraben Die Rächer der Vaterlands-Schmach: Auf sind die Todten gestanden, Und führen hochzürnende Klag; Und klagen die Fürsten — die Völker — Die Fürsten: verräthrischer Schuld — Die harrenden Völker: der Langmuth , Der sträflichen Sclaven-Geduld . — Wir hörten, und hören, ihr Geister, Die große, die zürnende Klag’; Sie hallt in den Gauen von Deutschland Wie donnernder Siegeston nach. Wir wollen! — wir werden! — wir schwörens! Euch schwören wir’s und unserm Gott: Das Vaterland, Ehre und Freiheit Vertheidigen bis in den Tod!!! 3. Wenn dicht die Blüthenknospen, Und süßer Duft die Lüfte füllt; Wenn lichter sich die Wolken hellen, Umleuchtend schön der Landschaft Bild, Und Lust und Glück der Brust entquellen: — Dann naht des Frühlings Mai! Wenn süßes, mächtiges Erbeben Die junge, volle Brust durchdringt, Und sie in nie gefühltem Streben An den gefund’nen Busen sinkt, Um nur in Glück und Liebe hinzuleben: — Da naht des Lebens Mai! Wenn Völker sich mit Macht erheben, Die schwer gedrückt der Herrscher Hand, Und selber sich Gesetze geben; Wenn vor dem Volk, das sich erkannt, Die Allgewaltigen erbeben: — Dann naht der Freiheit Mai! Und wo die Besseren verbunden Sich zu des Volkes wahrem Hort, Wo Ordnung und Gesetz bekunden, Daß sie erkannt der Freiheit Wort; Da wird das kranke Volk gesunden, Dann naht sein schönster Mai! Drum! laßt uns All’ zusammenhalten, In einen festen Bund verwebt, Laßt Ordnung und Gesetze walten, — Und wo sich so ein Volk erhebt, Da splittern alle Machtgewalten: — Das ist der Deutschen Mai ! Von Herrn Schlink in Bensheim. Nach diesen Gesängen sprach, als Deputirter des Fürstenthums Lich- tenberg, Advokat Hallauer aus St. Wendel, das in der neuesten Zeit, wegen des patriotischen Geistes seiner Bewohner, die Achtung Deutsch- lands in hohem Grade sich erworben hat. Große Aufmerksamkeit widmete man deßhalb der nachstehenden Rede dieses ausgezeichneten Patrioten: Deutschland, das Vaterland der meisten hier anwesenden biedern Männer, auch mein Vaterland, das Vaterland derer, die mich zu die- sem großen Tage sandten, dessen Erwachen aus dem erkünstelten und erzwungenen Schlummer, dessen Begeisterung für Recht, Freiheit, Na- tionalität, ist ein Gegenstand, der die neueste Zeit, mächtig ergreift. Nicht allein die Bewohner der Stadt begeistert das herrliche Ziel nicht allein sie verwünschen in gerechter Entrüstung das knechtische Vegetiren, ver- abscheuen die entwürdigende Gebote heilloser Tyrannen und leidenschaftli- cher selbstsüchtiger Willkühr. Nein! auch in die dunkele Hütte des Land- manns ist der lichte Ruf der Freiheit gedrungen, jener Freiheit, die dem Menschen seine angeborene Würde, seinen Wohlstand, sein Menschen- glück sichert. Zu allen Zeiten gab es zwar in diesem Lande Männer, welche für Freiheit, für Menschenwürde lebten und wirkten, zu allen Zeiten gab es Brave, welche die göttliche ganz erkannten und leider oft als Opfer ihretwegen fallen mußten; doch niemals noch ist der Gott die- ser Wahrheit in seiner ganzen von gerechtem Zorne glühenden Allmacht auf dieser Erde, die Völker mahnend, so sichtbar einhergegangen, als in unsern Tagen. Die beglückten Nationen seiner neugeschaffenen Welt mit freudigem Auge betrachtend, ist er über das weite Meer zu seinen verwaisten Kin- dern Europa’s zurück geeilt, und schaut mit Schmerz erfülltem Blicke seinen Liebling, sein Ebenbild, den Menschen, wie er durch Furcht, Eigennutz, Gleichgültigkeit, Lauheit, sich selbst sein Elend bereitet hat, sieht mit Zorn erglühtem Antlitze, wie Unentschlossenheit, Zwiespalt sein Volk, sein geliebtes Geschöpf, dem Unglück zuführen. Von den Ufern der Seine eilt er über Italiens blumenreiche Gärten, drohend jenen lügneri- schen Heuchlern, die, seine geweihten Diener sich nennend, die Allmacht seiner Liebe mißbrauchen. In Deutschlands starken Eichen, im schauer- lichen Rauschen, die göttliche Nähe verkündend, mahnt er mächtig zur Thatkraft, er deutet auf Warschau’s rauchende Thürme, auf die Wunden des unglücklichen Polens, deutet auf das russische Unthier, das den blu- tigen Blick auf Deutschland richtet. „Du, Volk Germaniens, ruft er, du warst es, das kalt und hülflos diese Frevel an der Unschuld duldete. Bist du es nicht mehr, deutsches Land, das einst der Römer schmach- voll Joch in blut’gem Kampfe kühn zerbrach? Bist du es nicht mehr deut- sches Volk, das für der Freiheit Siegeskrone glorreich focht? Du bist es noch, doch wehe deinem allzusträflichen Schlummer! Mahnend spricht zu dir mein Mund: Du sollst die Frevel an dem verworfenen Schänder meiner Schöpfung endlich rächen oder untergehen.“ — Schon sind dem Vaterlande furchtbare Wetter an dem Horizonte aufgestiegen; schon sind jene Vorboten der göttlichen Drohung sichtbar. Schauen wir um uns her, von allen Seiten droht dem zerrissenen Vaterlande Ge- fahr; von Preußen, dem die Vergrößerung als Staat ein Bedürfniß geworden, von Oesterreich, das sich im ungestörten Besitze seiner despo- tischen Herrschaft für die Dauer sichern möchte. Hinter beiden der würgende Czar, der, noch bluttriefend vom Morde des heldenmüthigen Polens, aller Freiheit und Civilisation den Herzstoß versetzen will; von diesem dreifachen Feinde sehen wir das Vaterland bedroht. Selbst Frankreichs hochherzige Nation möchte nach erfochtenem Siege der Frei- heit im deutschen Rheine das Blut der Barbaren von seinen Waffen abspülen und an dem blühenden Gestade sein Panier aufpflanzen. Für- wahr, die Gefahr ist groß, unter der das zerrissene Vaterland seufzet, die Gefahr nahe, die seinen theilweisen oder ganzen Untergang herbei- führen könnte. Kräftig erstehen muß es darum zu glorreicher That, will es nicht schmachvoll untergehen. Es ist Zeit, daß die zerstreuten Kinder des getrennten Vaterlandes sich vereinigen, sich enger an einan- derschließen, sich verbrüdern zu einem starken Ganzen, dessen schöne, muthige Haltung Schrecken dem nordischen Tiger, Furcht den innern Feinden und Achtung seiner Nationalität den civilisirten Nationen ein- flößen soll. Es ist Zeit, daß alle Furcht, Lauheit, Gleichgültigkeit, Unentschlossenheit, Eigennutz und Zwiespalt reinem Patriotismus und warmem Erglühen für Freiheit und selbstständige Nationalität weichen. Es ist Zeit, hohe Zeit, daß jeder Einzelne nicht mehr für sich, für seine Familie, für seine Stadt, seine Gemeinde, sein Fürstenthum, sein Herzogthum, sein Königreich lebe und wirke, sondern sich mit all’ dem Seinen dem leidenden Vaterlande widme, für Freiheit und Einheit schaffe und ringe, diese hohen Güter mit seinem Herzblute, mit dem Blute seiner Kinder, sollt’ es noth thun, erkaufe. Damals, als die Donner der Juli-Kanonen Deutschland aus seinem Schlummer erweckten, damals, als die heiligen Schaaren der verbann- ten Polen durch Deutschland zogen und die fremde Erde sich beeiferte, den blutigen Staub von den Edlen zu küssen, deren Unglück unser Vater- land als mitschuldig schwer anklagte, damals schon hat die Gottheit laut zur That und Einheit uns gemahnt, doch wir blieben träge, konn- ten nicht zur Thatkraft, nicht zur Einheit uns entschließen. Uns genügte, den gepreßten Busen durch Verwünschungen, durch Worte des Abscheues gegen den Henker so vieler edlen Männer, Frauen und Kinder erleichtert zu haben, ohne die Mittel zu suchen, dieser Mordlust des Tyrannen ein Ziel zu setzen, ohne die erforderlichen Kräfte zu sammeln, gleiches Unglück von dem Vaterlande abzuwehren. Es genügte uns, unthätig, mit trügerischen Hoffnungen uns zu wie- gen, während der günstige Augenblick zur That vorüberging, nicht ahnend, die Gefahr, das Unglück, das Elend, das über uns her im Anzuge ist. Während Tyrannei und Despotismus mit ihrer treuen Verwandtin, der Aristokratie, alle Triebfedern rastlos und unverdrossen in Bewegung setzen, bleiben wir gemüthlich am heimathlichen Heerde, und berechnen die Hilfe, welche beim Einbruch des Unglücks von einer fremden Macht uns werden könnte. Du weinst Vaterland! weinst blutige Thränen über die traurige Wahrheit, aber deine Thränen trocknen wieder, ohne zu muthiger Ent- schlossenheit, Einheit und kühner Manneskraft dich zu ermuthigen, gilt es dem Kampf gegen Tyrannei und Despotismus, gilt es dem herr- lichen Sieg der Freiheit und der Menschenwürde. So weit ist es gekommen, daß die meisten deiner Kinder es nicht einmal wagen, ihre Noth zu klagen, ihr Unglück zu schildern, die Mit- tel und Wege vorzuschlagen, wie vielleicht noch zu helfen wäre. So weit ist es gekommen, daß sich deine Söhne durch ein elendes Wört- chen (ein Gespenst für Kinder) von dem Wege für Tugend, Freiheit und Recht feig zurückschrecken lassen, ohne zu bedenken, daß der Popanz „von Gottes Gnaden“ kühn erfaßt und an das Licht gehalten in sein Nichts versinken muß. Es kann, es darf dies nicht so bleiben; es kann, es darf des Menschen angeborne Würde, sein höchstes Gut, nicht ferner ein Spott der Großen seyn; es soll nicht ferner der friedliche Bürger seine ge- rechte Klage an dem Throne tauber Fürsten erfolglos wimmern. Statt um das zerrissene Vaterland zu würfeln, sollen und müssen die Despo- ten, die es zu entweihen sich erkühnen, die ganze Macht seiner Größe erkennen, und vor seiner strafenden Rechte erzittern; ein zweiter Varus soll der fremde Despote durch den tapfern Arm eines Herr- mann dahin gestreckt werden! Damit aber jene schönere Tage der Manneskraft im Innern und nach Außen, die Tage der Freiheit, des Rechts, des Wohlstands, in unserm Vaterland heimisch werden, müssen wir uns fest verbinden; jeder Einzelne muß für sich und Alle gegen Despotismus und Willkühr kühn in die Schranken treten, muß Blut und Habe in den Kampf für Menschenwürde gegen die Finsterniß freudig tragen, und lieber ehren- voll auf dem Kampfplatze untergehen, als feig in schmählicher Knecht- schaft leben wollen! Eine große, vielleicht die letzte Warnung, läßt Gott an uns erge- hen, um uns aus dem allzu langen Schlummer zur Entschlossenheit, zu treuem Zusammenhalten, zur Einheit, zu erwecken. Eine ernste Mahnung zur Thatkraft ergeht an dich, Vaterland! und du stehst wehr- los da, ohne Führer, ohne Waffen, eine Beute jedem Fremden, dem es nach deinem Besitze gelüstet. Du selbst bist getheilt, gewaltsam aus- einander gerissen, und verstümmelt, und Aristokratie und Despotismus suchen in den verstümmelten Theilchen die Freunde der Freiheit dem Pa- nier der guten Sache, der Liebe zum Vaterlande zu entziehen. Wahr- lich baldige Hülfe, baldige Rettung aus diesem nichtigen Zustande thut Noth; Zeit, hohe Zeit ist es, daß wir kühn uns zusammenstellen, zum Schutze der gemeinschaftlichen Mutter. Wie aber, fragen wir, wie soll das hohe Ziel mit Glück erstrebt werden, wie sollen wir es anfangen, bei dem so unnatürlich getheilten Vaterlande, bei so widersprechenden Verhältnissen und Umständen, Ein- heit und Nationalität dauernd zu begründen? — Wie anders als auf dem Wege gesetzlicher Reform? Statt dafür Sorge zu tragen, daß in allen Gauen Deutschlands konstitutionelle Verfassung herrsche, suchen die Fürsten, sucht der Bund zu Frankfurt das Heil des Vaterlandes auf absolute Gewalt zu bauen. Soll das wirklich Gute, was so viele Millionen für gut erkannt haben, eine Wahrheit werden, so müßen die Hindernisse, die dieser Wahr- heit entgegenstehen, vor allem beseitigt seyn. Weg daher mit diesen Hindernissen! Weg mit dem willigen Werk- zeuge des Despotismus! Weg mit der schmausenden Repräsentation fürst- licher Gevatter- und Schwägerschaften! Weg damit auf dem Wege der Reform, der gesetzlichen durch die öffentliche Meinung des Volkes her- beigeführten, Reform. An die Stelle trete eine Versammlung nicht aus fürstlichen knechtischen Schranzen, sondern aus freien Männern des Vol- kes gewählt, die auch im Stande, ein freies Volk zu vertreten. — Sollte diese Idee der Reform bei den deutschen Männern An- klang gefunden haben, so fordere ich die Anwesenden auf, eine Kor- poration zu ernennen, welche über die Art der Ausführung auf gesetzlichem Wege berathe; ich fordere sie auf im Namen des bedrängten Vater- landes, Blut und Habe an die Einheit und Freiheit Deutschlands zu setzen. Ich fordere sie auf im Namen Gottes muthig zu ringen, damit dereinst der freudige Ruf erschalle: es lebe die freie deutsche Nation, der Schrecken des nordischen Siegers, die Furcht jedes fremden Des- poten, geachtet aber von allen civilisirten Nationen. — Nach der Beendigung vorstehender Rede wurde noch folgende, von Marburg eingelaufene Adresse vorgetragen: » Verehrte Freunde und Brüder ! Mit einer eben so gerechten, als lebhaften Freude haben wir in wei- ter Ferne die Kunde von dem Feste brüderlicher Eintracht, das Sie den 27ten dieses Monats feiern wollen, vernommen, und bedauern nichts mehr, als daß die nun zu kurz anberaumte Zeit, uns die persönliche Theilnahme — wodurch wir uns, auch unaufgefordert, an den dortigen Verein deutscher Brüder freudig angeschlossen haben würden — unmög- lich macht. Rechnen Sie aber darauf, daß wir in Gedanken in Ihrer frohen Mitte seyn, und in ächt constitutionellem Geiste diesen festlichen Tag mit Ihnen hier feiern werden; denn unsere Interessen sind ja die Ihrigen, und Ihre Bestrebungen, Wünsche und Hoffnungen die unsri- gen. — So mächtig hat — Dank sey es der Vorsehung! — der Geist der Zeit gewirkt, so herrlich sich entwickelt, daß das wahrhaft Bessere überall gleichen Anklang findet, und daß hiermit endlich die gehässige Scheidewand fallen muß, welche Jahrhunderte hindurch deutsche Brü- dervölker in schmachvoller Absonderung hielt, sie sich gegenseitig entfrem- dete, ihre gemeinschaftlichen heiligsten Interessen theilte und ihre einst im Rathe der Völker so hohe Stellung zu einer so niedrigen und ihrer ehemaligen Größe so völlig unwürdigen Stufe herabwürdigte. Darum muß die Gegenwart tilgen, was die nächst verflossenen Jahrhunderte über uns gebracht und sich die eben so schöne, als wahre und große Auf- gabe stellen: daß fortan das Band der Liebe und Eintracht deutsche Völ- ker enger umschlinge und dem despotischen Einfluß endlich ein sicherer Damm gesetzt werde, und so die deutschen Völker die so lang entbehrte Selbstständigkeit wieder erringen und im erneuten so erhebenden Selbst- gefühle ihrer Kraft das sicherste Palladium ihrer Unabhängigkeit auf- stellen! — Deutsche Brüder! streben wir, von einem ächt constitutionellen Geiste beseelt und geleitet, mit vereinten Kräften nach diesem schönen Ziele, so werden wir es auch erreichen — denn keine Macht der Erde wird sich mit Erfolg erdreisten, die Erreichung desselben uns streitig zu machen — und alsdann in dem so erhebenden Selbstbewußtseyn — ein constitutionelles Deuschland begründet zu haben — die würdigste Ent- schädigung für jedes auch noch so schwere Opfer, finden. — — — Darum seyen uns heilig die wahren Interessen unsers gemeinschaft- lichen Vaterlandes, und es werden nicht fehlen die besseren Tage des deutschen Volkes. — Da Sie, Verehrte Freunde! nach diesen Versicherungen uns im Geiste in Ihrer Versammlung finden werden; so dürfen wir uns auch der gerechten Hoffnung hingeben, daß Sie uns jede Berathung von all- gemeinerem Interesse bald thunlichst mit deutschem Zutrauen mitthei- len und dabei auf Hessische Treue, Biederkeit und Theilnahme unbedingt rechnen werden. — In ihrem und im Namen der zahlreichen constitutionellen Bürger Marburgs und der Provinz Oberhessen senden Ihnen: Deutschen Gruß und Handschlag — zu.« Marburg am 25ten May 1832. (Folgen die Unterschriften.) (Die Fortsetzung der Festbeschreibung folgt im zweiten Hefte.)