Die Jobsiade . Ein komisches Heldengedicht in drei Theilen von D. C. A. K. Erster Theil . Dortmund in der Buchhandlung der Gebruͤder Mallinckrodt. O. M. 1799. Hieronimus Jobs, lutherischer Kandidat der Theologie und Nachtwaͤchter zu Schildburg in Schwaben . Leben, Meinungen und Thaten von Hieronimus Jobs dem Kandidaten , und wie Er sich weiland viel Rhum erwarb, auch endlich als Nachtwaͤchter zu Schildburg starb. Vorn, hinten und in der Mitten geziert mit schoͤnen Holzschnitten. Eine Historia lustig und fein in neumodischen Knittelverselein. Erster Theil . Zweite verbesserte und vermehrte Auflage. Kontrakt fuͤr etwaige Nachdrucker der Jobsiade. D enjenigen, welche diese Schrift durch Nach- druck vervielfaͤltigen wollen, erlauben wir dieses gegen gleich baare Verguͤtung von 2000 Rhlr. in Louisd’or à 5 Rthlr. fuͤr jeden Theil und gegen Erstattung aller gerichtlichen und ausser- gerichtlichen Kosten nebst Uebernahme aller bei uns noch vorraͤthigen Originalexemplarien im Ladenpreise, doch darf die Auflage des Nach- drucks nicht uͤber 2000 Exemplarien stark seyn. Wer uns einen geheimen Nachdrucker namhaft macht, und ihn der That gerichtlich uͤberfuͤhren kann, hat von uns eine Praͤmie von vierzig Louisd’or zu erwarten. Auf alle Faͤlle nehmen wir an, daß ein jeder, welcher dieses Buch nachdruckt, ohne sich mit uns vorher auf obige Art abgefunden zu haben, in die gemachten Bedingungen eingewil- ligt, und, uns dafuͤr gerecht zu werden, sich ver- bindlich gemacht habe. Dortmund den 1sten Maͤrz 1799. Gebruͤder Mallinckrodt . Inhalt . Erstes Kapitel . Vorrede, und der Autor hebt an, die Maͤhr von Hieronimus Jobsen seliger zu beschrei- ben, und er gibt seinem Buͤchelein den vaͤter- lichen Segen. Zweites Kapitel . Von den Eltern unsers Helden, und wie er geboren ward, und von einem nachdenklichen Traum, den seine Mutter hatte. Drittes Kapitel . Wie Frau Kindbetterin Jobsen einen Besuch von ihren Freundinnen bekam, und was Frau Gevatterin Schnepperle dem Kind ge- prophezeit hat. Viertes Kapitel . Wie das Kindlein getauft ward, und wie es Hieronimus genannt ward. Fuͤnftes Kapitel . Womit sich das kleine Kind Hieronimus be- schaͤftiget hat. Sechs- Sechstes Kapitel . Thaten und Meinungen des Hieronimus in sei- nen Knabenjahren, und wie er in die Schule ging. Siebentes Kapitel . Wie der Knabe Hieronimus in die lateinische Schule kam, und wie er da nicht viel lernte. Achtes Kapitel . Wie die Eltern des Hieronimus mit dem Rek- tor und andern Freunden zu Rathe gingen, was sie aus dem Knaben machen sollten. Neuntes Kapitel . Wie die Zigeunerin Urgalindine auch wegen des Hieronimus um Rath gefraget ward, welch die Kunst Chiromantia verstand. Zehntes Kapitel . Wie Hieronimus von seinen Eltern und Ge- schwistern Abschied nahm uud nach der Uni- versitaͤt verreiste. Eilftes Kapitel . Wie Hieronimus zu Pferde bis zur Poststation kam, und wie er im Wirthshause einen vor- nehmen Herrn fand, Herr von Hogier ge- nannt, welcher ihm heilsame Lehren gab und ein Spitzbube war. Zwoͤlf- Zwoͤlftes Kapitel . Wie Hieronimus auf dem Postwagen fuhr, und wie er daselbst eine Schoͤne fand, welche er liebgewann, und welche ihm die Sack- uhr stahl. Dreizehntes Kapitel . Wie Hieronmus auf der Universitaͤt gar fleis- sig die Theologie studiren thaͤt. Vierzehntes Kapitel . Welches die Kopei enthaͤlt von einem Briefe, welchen nebst vielen andern der Student Hieronimus an seine Eltern schreiben thaͤt. Funfzehntes Kapitel . Folget auch die Kopei der schriftlichen Antwort des alten Senator Jobs auf vorgemeldten Brief. Sechszehntes Kapitel . Wie Hieronimus ausstudirt hatte, und wie er nach seiner Heimath reisete, und wie es mit seiner Gelehrsamkeit bewandt war; fein artig im gegenwaͤrtigen Kupfer vorgestellt. Siebenzehntes Kapitel . Wie Hieronimus mit Stiefeln und Sporen bei den lieben Seinigen wieder angelanget ist. Acht- Achtzehntes Kapitel . Wie Hieronimus nun anfing geistlich zu werden und wie er ein schwarzes Kleid und eine Peruͤcke bekam, und wie er auf der Kan- zel zum erstenmal predigte, u. s. w. Neunzehntes Kapitel . Wie Hieronimus zum Kandidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei erging. Zwanzigstes Kapitel . Wie der Autor gar demuͤthiglich um Verge- bung bittet, daß das vortge Kapitel so lang gewesen und wie er verspricht, daß das gegenwaͤrtige Kapttel desto kuͤrzer seyn sollte. Ein Kapitel, wovon die Rubrik laͤnger ist, als das Kapitel selbst, und welches, unbe- schadet der Geschichte, wohl haͤtte wegblei- ben koͤnnen. Ein und zwanzigstes Kapitel . Wie Vater Jobs der Senator dem Hieroni- mo eine Strafpredigt halten thaͤt, und wie er vor Verdruß stirbt. Zwei und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus beinahe ein Informator ei- nes jungen Barons geworden waͤre. Drei Drei und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus ein Hausschreiber ward bei einem alten Herren, welcher eine Kammer- jungfer hatte, mit Namen Amalia: und wie er sich gut auffuͤhrte, bis im folgenden Kapitel. Vier und zwanzigstes Kapitel . Wie dem Sekretar Hieronimo kuriose Sachen vorkamen, und er weggejaget wurde. Fuͤnf und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus bei einer frommen Dame in Dienste kam, welche eine Betschwester war, und seiner in Unehren begehrte, und wie er von ihr weglief. Sechs und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus ein schlimmes und ein gutes Abentheuer hatte, und wie er einmal in sei- nem Leben eine kluge That verrichtet hat. Sieben und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus vergnuͤgt zu Ohnewitz ankam, und wie er da Schulmeister ward, in einer Schule von kleinen Maͤgdlein und Knaͤblein. Acht- Acht und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus ein Auktor ward, und wie er ein neues A B C-Buch heraus gab, und wie er darob von den Bauern bei dem gnaͤdi- gen Herren hart verklagt ward. Neun und zwanzigstes Kapitel . Wie die klagenden Bauern zu Ohnewitz von dem Herren Patron eine gnaͤdige Resolution beka- men, und wie sie zur Ruhe verwiesen wurden, und wie sie mit dem Loche bedrohet wurden. Alles im Kanzlei-Stil. Dreißigstes Kapitel . Wie zu Ohnewitz an einem Mittwochen ein Auf- ruhr entstand und allerlei Wunderzeichen vor- hergingen, und wie Herr Hieronimus mit Pruͤgeln u. s. w. fortgetrieben wurde. Ein und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus auf seiner Flucht nach dem Bayerland ein neues Abentheuer hatte, indem er seine geliebte Amalia in der Komoͤdie an- traf. Sehr freundlich zu lesen. Zwei und dreißigstes Kapitel . Wie die Jungfrau Amalia dem Hieronimus ihren Lebenslauf erzaͤhlen that. Ein sehr langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht. Accu- rat hundert Verse. Drei Drei und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus Lust bekam, ein Schauspie- ler zu werden, und wie er dazu von der Jungfrau Amalia uͤberredet ward. Vier und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus ein wirklicher Schauspieler ward, und wie ihm Jungfrau Amalia un- treu ward und mit einem reichen Herren da- von ging, und wie er auch in Desperation von hinnen ging. Fuͤnf und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus nach seiner Heimath gen Schildburg gereiset ist und wie er da aller- lei Veraͤnderungen fand. Sechs und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus Nachtwaͤchter ward in Schild- burg, und wie seiner Mutter Traum, und Frau Urgalindinens Weissagung erfuͤllet ward. Sieben und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus einen Besuch bekam von Freund Hein, der ihn zu Ruhe brachte. Ein Kapitel, so gut als eine Leichenrede. Erstes Kapitel . Vorrede, und der Autor hebt an, die Maͤhr von Hieronimus Jobsen seliger zu beschrei- ben, und er gibt seinem Buͤchlein den vaͤ- terlichen Segen. 1. E uch und mir die Zeit zu vertreiben, Geneigte Leser! will ich itzt schreiben, Eine extrafeine Historiam Von Hieronimus Jobs lobesam. A 2. Mit 2. Mit welchem sich in seinem Leben Viel gar wunderbares hat begeben Und welcher sowohl in Gluͤck als Gefahr Ein rechter kurioser Hieronimus war. 3. Zwaren waͤre vieles von Ihm zu sagen, Der Leser moͤchte aber nicht alles koͤnnen tragen, Und Papier und Raum waͤre fuͤr der Meng Seiner Abertheuer zu eng. 4. Zwaren weiß ich von Ihm viele Data; Ich erzaͤhl aber nur die vornehmsten Fata, Und was Er von seiner Geburt an Merkwuͤrdiges hat gethan. 5. Weil ich nun die preiswuͤrdige Gabe Zu dichten vom Sankt Apoll erhalten habe, So habe, statt daß man sonst in Prosa erzaͤhlt, Dafuͤr einen sehr schoͤnen Reim erwaͤhlt. 6. Wenn ich aber nach rechtem Maaß und Ehle, Gleich nicht alles, wies sich ziemt haͤtte, erzaͤhle, So weiß doch der geneigte Leser schon, Daß man so was nennt Volkston . 7. Von meinem Aeltervater Hans Sachsen Ist mir die Kunst zu reimen angewachsen, Drum lieb ich so sehr die Poesie Und erzaͤhl alles in Reimen hie. 8. Man 8. Man brauchet gar nicht darob zu spotten, Die Verse meines Vetters, des Wandsbecker Botten, Bleiben gewiß noch weit zuruͤck Hinter den Versen aus meiner Fabrik. 9. Ich habe mich zugleich emsig bemuͤhet, Wie der geneigte Leser mit Augen siehet, Daß das Buͤchlein, wie sichs gebuͤhrt, Mit schoͤnen Figuren wuͤrde geziert. 10. Konnte aber nicht neue Kupfer bekommen, Hab sie also anderswoher oft genommen, Doch passen selbige von ohngefaͤhr, Wie man findet, genau hieher. 11. Sind zwar nicht Chodowieckis Gemaͤchte, Koͤnnen jedoch, wie ich fast gedaͤchte, Noch immer, wie jene gut genug, Durch die arge Welt helfen das Buch. 12. Und ob die Bilder gleich nicht sind die feinsten, So sind die Verse ja auch nicht die reinsten; Und darum ists ja loͤblich und gut, Daß eins mit dem andern harmoniren thut. 13. Nun, mein Buͤchlein, ich wills nicht hindern, Geh, ohne mich, zu den Menschenkindern, Manches Buͤchel, nicht besser als du, Eilt ja jaͤhrlich den Messen zu! A 2 14. Hie- 14. Hiemit will ich foͤrmlich nun legen, Kraft meiner Finger und von Autors wegen, Als dein zaͤrtlicher Vater gar mildiglich Meinen Segen, liebes Buͤchlein! auf dich. 15. Der Himmel wolle dich fein lange bewahren Vor Kritiken, Motten und Fidibus-Gefahren Und was etwa noch sonst fuͤr Noth Denen gedruckten Buͤchelchen droht! 16. Du muͤssest in- und ausserhalb Schwaben, Deinem Vaterlande, viele Leser haben; Damit Schrift, Papier und Druckerei Nicht, Gott behuͤte mich! verlohren sey. 17. Allen und jeden, die lesen und bezahlen, Melde meinen Gruß zu tausend malen, Und jedem hochweisen Herrn Recensent Vermelde insonders mein Kompliment. 18. Sag ihnen, doch demuͤthig, wie sichs gebuͤhret, S’ haͤtten gepriesen und gerecensiret Manches geringe Buͤchlein hoch, Viel elender geschrieben als du noch. Zwei- Zweites Kapitel . Von den Eltern unsers Helden und wie er geboren ward, und von einem nachdenklichen Traum, den seine Mutter hatte. 1. E h ich weiter gehe, muß ich etwas melden Von den beiden Eltern unsers Helden, Auch noch ein oder anders Wort, Von seinem wahren Geburtsort. 2. Und zwar war es ein Staͤdtlein in Schwaben, Wo seine Eltern gewohnet haben, Alda sein Vater, Hans Jobs, ohne Gefahr Erster ehrwuͤrdiger Rathsherr war. 3. Er 3. Er war reich, hatte Schafe, Kuͤhe und Rinder, Auch ausser unserm Helden noch viele Kinder, Sowohl von maͤnnlich ‒ als weiblichem Ge- schlecht, Und lebte uͤbrigens schlecht und recht. 4. Hatte dabei einen kleinen Weinhandel, War aufrichtig im Leben und Wandel, Und sowohl im Rathhaus als daheim fromm, Dabei auch ein großer Oekonom. 5. Er war von Religion ein aͤchter Lutheraner, In der Philosophie aber nicht Kartesian- noch Wolfianer, Weil er uͤberhaupt weder Kartes, Wolf oder Kant Noch sonst eigentlich Philosophie verstand. 6. Jedoch hatte er ein wenig studiret Und ein Jahr lang das Gymnasium frequentiret, Wußte folglich in so weit viel mehr Als sonst gewoͤhnlich ein hochweiser Rathsherr. 7. Er lieh gern Duͤrftigen und Elenden Wenn sie etwas hatten zu verpfaͤnden, Nahm hoͤchstens zwoͤlf pro Cent davon Und war sehr dick und klein von Konstitution. 8. Aß uͤbrigens und trank nach Appetite Und bei seinem phlegmatischen Gebluͤte, Rauchte er manche Pfeife Tabak, Und fand an Zeitungslesen Geschmack. 9. Doch 9. Doch oft litte er von uͤberlaufender Galle An einem starken podagrischen Anfalle, Doch hinderte ihn dieses niemals nicht Zu verrichten als Rathsherr seine Pflicht. 10. Die Mutter war von ehrsamen Stande, Die beretdsamste Frau im ganzen Schwaben- lande, Groß und hager und tugendsam Und so sanftmuͤthig als ein Lamm. 11. Doch, wie es in den allermeisten Ehen Leider! nicht selten pfleget zu geschehen, Hatte sie im Hause dann und wann, Bei Gelegenheit, die Hosen an. 12. Dies gab nun zwar, wie leicht zu gedenken, Zuweilen kleine Haͤndel und Gezaͤnken; Im uͤbrigen aber liebte sich Dieses theure Paar gar zaͤrtlich. 13. Sie hatten nun seit etlichen Jahren Die Geburt mehrerer Kinder schon erfahren, Doch geschahe es abermals zur Hand, Daß sich Frau Jobs wieder schwanger be- fand. 14. Als sie nun nach etwa neun Monaten sahe, Daß die Zeit ihrer Entbindung sich nahe: So machte gedachte Frau Jobs alsbald Zur Niederkunft die gehoͤrige Anstalt. 15. Ehe 15. Ehe ich aber nun weiter hier dichte, Erzaͤhl ich erst eine besondere Geschichte, Oder einen Traum dieser Frau vielmehr, Welcher allerdings gehoͤrt hieher. 16. Die Erfahrung laͤßet manchesmal sehen, Daß die Traͤume gewiß nicht zu verschmaͤhen, Lieber Leser! das glaube mir, Du siehst davon ein Exempel hier. 17. Einst naͤmlich lag Frau Jobsen im Bette, Und es kam ihr im Traum vor, als haͤtte Sie ein gewaltiges großes Horn, Statt eines kleinen Kindleins, geborn. 18. Dieses Horn nun toͤnte und krachte So maͤchtig, daß sie darob erwachte, Und sie hat, seitdem sie erwacht, Oefters daruͤber nachgedacht. 19. Eine Frau, welche sie uͤber die Deutung ge- fraget, Hat ihr damals zu ihrem Troste gesaget: Es zeige deutlich der Traum an, Daß ihr Kind werde ein gewaltiger Mann. 20. Und daß seine Stimme ihn wuͤrde ernaͤhren, Er wuͤrde sie als Pfarrer lassen hoͤren; Denn das beweise klaͤrlich und schoͤn Das große Horn mit seinem Getoͤn. 21. Doch 11. Doch wir wollen uns hieran nicht kehren, Die Zukunft wird die Bedeutung wohl lehren, Wenn das Kind zu seinen Jahren waͤchst. Ich schreite nun wieder zum Text. 22. Die Mutter legte nun Windel und Hemder Zurechte, und am dreißigsten September Wurde dieselbe zu rechter Zeit Durch die Geburt eines Knaͤbleins erfreut. 23. Welch ein Vergnuͤgen gab dies dem Vater! Himmel! wie freute sich der Senater! Und wie sprang er nicht, als er da Das artige Buͤblein zur Welt sah. Drit- Drittes Kapitel . Wie Frau Kindbetterin Jobsen einen Besuch von ihren Freundinnen bekam, und was Frau Gevatterin Schnepperle dem Kinde geprophezeit hat. 1. F rau Jobsen war also, wie eben gesprochen, Mit dem jungen Joͤbslein in den Wochen, Er selbst lag eingewickelt neben ihr da, Schlief, und wust nicht, wie ihm geschah. 2. Wie voll Jubel alles im Hause gewesen, Daß laͤßt sich nicht alles genau lesen; Verwandten und Nachbarn nahmen am Heil Auch, wie leicht zu erachten ist, Theil. 3. Taͤglich war in der Wochenstube Laͤrmen, Als wenn im Maimonate Bienen schwaͤrmen Und es ging immer sum, sum, sum Ums Wochenbette lustig herum. 5. Es waren jetz genau drei Tage, Seitdem die Mutter im Wochenbette lage, Als zum Kaffe auf den Nachmittag, Ein ganzer Schwarm Frauen ihr zusprach. 5. Und zwaren von allen diesen Madamen, Die auf den Kaffe zu Frau Jobsen kamen, Zeichnete sich bei dem braunen Schmaus Frau Schnepperle durch Beredsamkeit aus. 6. Der Vater des Joͤbschens war ihr Vetter; Zuerst sprach die Gesellschaft vom Wetter Und von dergleichen Sachen mehr, Die wichtig sind, in das Kreuz und die Queer. 7. Darauf forschte man, wie sich Frau Kindbet- terinn befinde? Erkundigte sich auch nach dem jungen Kinde: Ob’s mit Appetit den Futterbrei Genoͤße und fein stille sey? 8. Man 8. Man that ihm hierauf nach der Reih’ die Ehre, Hob es auf, ruͤhmte seine Groͤße und Schwere, Und bewunderte einmuͤthig weit und breit Seine mehr als gemeine Artigkeit. 9. „Meine hochgeehrte Frau Base! „Schnatterte Frau Schnepperle, etwas durch die Nase, „Das Kind wird wahrlich ein gelehrter Man̅, „Ich sehs ihm an seinem Gesichte an. 10. „Habe neulich ein schoͤnes Buch gelesen, „Als ich auf der Rathsbibliothek gewesen, „Welches von der Kunst Physionomei „Handelt, und was davon zu halten sey; 11. „Darin stunden schrecklich viele Gesichter, „Gelehrte, dumme, fromme Boͤsewichter, „Silhouetten von feiner und schlimmer Ge- stalt, „Auch Koͤpfe von Thieren, jung und alt. 12. „Wenn ich etwa nicht unrecht gesehen, „So glaub ich daraus zu verstehen, „Daß ein solches verkehrtes Gesicht „Viel zukuͤnftiges Genie verspricht. 13. „Und wollte schier gewiß versichern: „Das Kind geht einst um mit Buͤchern; „Und ist wohl gar zum Pfarrer bestimmt, „Wenn es kuͤnftig zu Jahren kuͤmmt. 14. „Sei- 14. „Seine starke Stimme scheint es anzuzeigen, „Daß es einst werde die Kanzel besteigen.“ (Nota bene: Der kleine Jobs schrie hier just, Gerade als wenn er es haͤtte gewust.) 15. Die Frau Schnepperle sprach noch viel Worte, Sie gehoͤren aber nicht an diesen Orte. Alle Frauen fielen mit großem Geschrei Der Rede der klugen Frau Schnepperle bei. 16. Nachdem nun die Visite war zu Ende, Reichten sie alle der Frau Jobsen die Haͤnde, Dankten fuͤr alle genossene Ehr Und gingen hin, wo sie gekommen her. 17. Die Woͤchnerin bekam zwar vom Laͤrm Kopf- schmerzen, Nahm aber die Rede der Frau Schnepperle zu Herzen; Zumal da diese im Ruf stand, Als waͤre ihr was von der Magie bekannt. Vier- Viertes Kapitel . Wie das Kindlein getauft ward, und wie es Hieronimus genannt ward. 1. A ls noch einige Tage waren vergangen, Schien das Kind die Taufe zu verlangen, Indem es immer erbaͤrmlich schrie Und seiner Mutter machte viel Muͤh. 2. Es half davor weder Brust noch Suͤppchen Noch ein im Munde gestecktes Zuckerpuͤppchen, Sondern es rief in einem fort, Daß Niemand hoͤren konnt sein eigen Wort. 3. Man machte drum in Senator Jobsens Hause Anstalten zum Kindtaufenschmause Und schleppte der Speisen mancherlei Zum morgenden Traktamente herbei. 4. Auch wurden Torten, Kuchen und mehr Sachen Zum Nachtische bereitet und gebachen, Auch an Wein, und Tobak und Bier War gewiß gar kein Mangel hier. 5. Gevattern, Freunde und Verwandten Hebamme, Nachbarn und Bekannten Stellten sich darauf artig und fein, Zur gehoͤrigen Stunde ein. 6. Auch 6. Auch Kuͤster und Pfarrer mit dem Formulare, Wie leicht zu gedenken ist, da ware; Imgleichen ein ganzer hochweiser Senat Sich zeitig dabei eingefunden hat. 7. Es waren auch sonst noch viele Gaͤste Auf diesem großen und hohen Feste, Und ich sag es zu Jobsens Ehr: Es ging alles fein ordentlich her. 8. Jedoch that sich ein Dispuͤt erheben, Was man dem Kind fuͤr einen Namen wollt geben: Heinz, Kunz, Matz, Peter oder Hans, Diez, Jost, Hermann oder Franz. 9. Von diesen sonst schoͤnen Namen allen Wollte keiner allgemein gefallen, Und es wuͤrde gewiß noch zuletzt Haben nicht geringe Haͤndel gesetzt. 10. Der Pfarrer aber, als ein kluger Herre, That den Ausspruch, daß es rathsam waͤre, Bei diesem Zwist im Kalender zu sehen, Was am Geburtstag moͤcht fuͤr ein Name stehen. 11. Es ward also, ohne weiter zu fragen, Vom Kuͤster der Kalender aufgeschlagen, Und man fand darauf ohne Muͤh Den Namen des heiligen Hieronimus hie. 12. Sol- 12. Solcher kluger Rath hat gleich allen, Sowohl Gevattern, als den Eltern gefallen, Und man faßte also in pleno den Schluß, Das Kind sollte heißen Hieronimus. 13. Nachdem nun der wichtige Handel geschlichtet, Ward der Actus vom Herrn Pfarrer verrichtet, Und zwar nach dem gewoͤhnlichen Fuß, Und nun hieß das Kind Hieronimus . 14. Alles uͤbrige ging ruhig und schoͤne, Pfarrer und Kuͤster thaten sich recht bene, Und es wurde fast die halbe Nacht Gegessen, getrunken, geraucht und gelacht. Fuͤnf- Fuͤnftes Kapitel . Womit sich das kleine Kind Hieronimus be- schaͤftiget hat. 1. S o lang Hieronimuͤschen in Windeln geblieben. Hat er sich die Zeit damit vertrieben, Daß er schlief, aß, sog oder trank, Oder zuhoͤrte der Mutter Wiegengesang. 2. Und zwar schlief, aß, sog und trank er nicht minder, Als sonst zu thun pflegen zwei oder drei Kinder; Wurde dabei recht fleißig gewiegt, War aber bei dem allen noch nicht vergnuͤgt. 3. Sondern laͤrmte schier oft ganzer Tage Und erhub in der Wiege bittere Klage, Als wenn ihn was großes haͤtte gequaͤlt, Obgleich dem Schreier gar nichts gefehlt. 4. Einige kluge Leute wollten behaupten, Als wenn sie nicht ohne Ursache glaubten, Daß etwa eine Behexerei (Mit Respect zu melden) im Spiel sey. 5. Drob ward oft der Arzt herbeigefuͤhret Und die Hebamme konsuliret, Und manches Rhabarbartraͤnklein Auch wohl Mohnsaft gegeben ein. Jobsiade 1r Th. B 6. Er 6. Er war also seiner Mutter fast beschwerlich Indeß befand er sich dabei gar herrlich, Wuchs, und ward mit jedem Augenblick Fett, groß, maͤchtig, stark und dick. 7. Vater und Mutter hatten also beide An diesem lieben Kinde viele Freude, Und gaben manchen herzlichen Kuß Ihrem kleinen Hieronimus. 8. Mehr hab ich von den ersten drei oder vier Jahren Des kleinen Joͤbschen nicht koͤnnen erfahren. Beschließe also dies Kapitel hiemit Und thue zum folgenden den Schritt. Sechs- Sechstes Kapitel . Thaten und Meinungen des Hieronimus in seinen Knabenjahren, und wie er in die Schule ging. 1. V on den andern Kinderjahren unsers Helden Kann ich zwar ebenfalls nicht viel melden, Sintemal die Laufbahn des Lebens sein Bishero gewesen noch eng und klein. 2. Gefolglich ist von seinen Thaten und Werken Eben nichts sonderliches anzumerken; Jedoch blieb immer, so lang er noch jung, Essen und Trinken seine Hauptbeschaͤftigung. 3. Er hatte aber sonst noch viele gute Gaben, Spielte lieber mit Maͤdchen als mit Knaben, Zankte und neckte auch oft beim Spiel Und machte der losen Streiche viel. 4. Auch lernte er ohne sonderliche Muͤhe Luͤgen, Fluchen und Schwoͤren fruͤhe, Und hat dadurch in der Nachbarschaft Bei andern Kindern viel Erbauung geschafft. 5. Er schluckte und naschte ebenfalls gerne, Aß Obst, Rosinen und Mandelkerne, Und kaufte fuͤr sein bekommenes Geld Die leckersten Sachen von der Welt. B 2 6. Mit 6. Mit seinen Geschwistern konnt er sich nicht vertragen, Aber sein Vater that ihn nie schlagen, Und seine Mutter, die gute Frau, Nahm auch selten alles so genau. 7. Auch war er viel groͤßer als andre Kinder, Keiner seines gleichen sprang und lief geschwinder, Und kein einziger war so stark als er, Und wer ihn erzuͤrnte, den nahm er her. 8. Da es ihm nun nicht fehlte an Kraͤfte So verrichtete er manche Hausgeschaͤfte, Hohlte zuweilen Futter fuͤrs Vieh Und unterzog sich der Oekonomie. 9. Oder er ritte die Pferde in die Traͤnke, Oder Oder er hohlte Bier aus der Schenke, Brachte auch manches frische Ey, Aus dem Huͤner- und Gaͤnsstall herbei. 10. War auch sonst ein guter dummer Junge, Hatte dabei eine starke kraͤftige Lunge, Und predigte oft auf der Bank aus Scherz. Dies alles ging seinen Eltern ans Herz. 11. Denn sie sahen mit innigstem Vergnuͤgen Solche Talente im Hieronimus liegen, Und dachten sehr oft in ihrem Sinn Da stecket gewiß ein Pfarrer in. 12. Besonders die Mutter, wenn sie daran dachte, Was ihr vormals Frau Schnepperle sagte, Und an ehmals gehabten Traum, Wuste sich fuͤr Freude zu laßen kaum. 13. Denn alles schien sich zusammen zu schicken Und die Sache natuͤrlich auszudruͤcken; Und wenn sie dieses erwoge, so war Der kuͤnftige Pfarrer hier offenbar. 14. Er wurde also und dergestalten Fleißig zur Schule angehalten, Welches doch Hieronimo uͤbel gefiel, Denn er war viel lieber beim Spiel. 15. Und die Buͤcher waren ihm zuwider, Er warf sie oft auf die Erde nieder, Und bei dem lumpen A, B, C, D, That ihm immer der Kopf weh. 16. Zwar 16. Zwar der Praͤceptor that sich bemuͤhen Ihn zu allem Guten zu erziehen, Und Er und die Ruthe in Kompagnie Arbeiteten fleißig an seinem Genie. 17. Dieser Mann hatte vorzuͤgliche Gaben Zu erziehen muthwillige Knaben, Und auf ihre Hosen und Rock Spielte sehr oft sein maͤchtiger Stock. 17. Nach vielem Bemuͤhen und sauern Schweiße Gelang’s des Mannes Herkul’schem Fleiße, Und Hieronimus buchstabirte bald, Als er ohngefaͤhr war zehn Jahr alt. 19. Wie alt er aber eigentlich gewesen, Als er fertig das Deutsche konnte lesen, Das weiß ich eigentlich in der That Nicht so genau und akkurat. 20. Da er nun zu groͤßern Jahren gekommen, Ward er aus der deutschen Schule genommen, Und, um zu lernen das Latein, Geschickt in die lateinische Schule hinein. 21. Wie es ihm nun daselbst ergangen, Und was er gutes sonst angefangen, Dieses stell ich dem Leser hier In dem folgenden Kapitel fuͤr. Sie- Siebentes Kapitel . Wie der Knabe Hieronimus in die lateinische Schule kam, und wie er da nicht viel lernte. 1. H ieronimus, um weiter zu studiren, Fing nun an Mensa zu dekliniren, Trieb auch sonst jedes noͤthige Stuͤck Aus der lateinischen Grammatik. 2. Lernte danebst manche Vokabel auswendig, Indeß ging doch alles sehr elendig; Denn das verwuͤnschte Lauselatein Wollte nicht in seinen Kopf hinein. 3. Beim 3. Beim Konjugiren und beim Syntaxis, Und bei der lateinischen Praxis Da war vollends der Henker los, Und er bekam manchen Rippenstos. 4. Denn der Rektor, als ein Hypochondriakus, Schonte gar nicht den Hieronimus, Und pruͤgelte oft, als waͤre er toll, Dem armen Knaben das Leder voll. 5. Bei dieser peinlichen Lehrmethode Graͤmte sich der Junge fast zu Tode, Und wuͤnschte oftmal in seinem Sinn Den muͤrr’schen Rektor zum Henker hin. 6. Zwar spielte er ihm wieder heimlich viel Possen Fuͤr die Schlaͤge, welche er von ihm genossen, Und der Mann hatte manchen Verdruß Ob dem muthwilligen Hieronimus. 7. Denn seine Papiere und große Perruͤcke Riß er ihm incognito oft in Stuͤcke, Und that auch sonst noch dem braven Mann Alles gebrannte Herzeleid an. 8. Auch brachte er seine Schulkameraden Viel und manchmal in bittern Schaden, Weil er sich mit keinem vertrug Und sie oͤfters zu Boden schlug. 9. Auch weder ihre Kleider, noch ihre Buͤcher Waren vor seinem Muthwillen sicher, Und er spielte viel Schabernack, Meistens von boͤsem Nachgeschmack. 10. Wann 10. Wenn auch einer etwa sich uͤbel betragen, Thaͤt er ihn gleich beim Rektor verklagen; Dann ging’s uͤber die armen Buben her Und er freuete sich drob sehr. 11. Der Schule uͤbrigens uͤberdruͤßig Ging er zu Hause groͤßtentheils muͤßig, Und so verstrich allmaͤhlig die Zeit In unnuͤtzlicher Unthaͤtigkeit. 12. Vom Griechischen will ich gar nichts sagen, Denn das wollte ihm nimmer behagen, Und beim barbarischen Typto, Typteis, Kam Hieronimus uͤber und uͤber in Schweiß. 13. Er dachte also kluͤglich: das sey ferne, Daß ich solch kauderwelsches Zeug lerne; Und was nun noch das Hebraͤische betrifft, Dieses floh er vollends als Gift. 14. Er machte also gar wenig Progressen. Ausser im Luͤgen, Schwoͤren, Trinken und Essen, Auch etwa in Erfindung eines Fluchs Ward der Knabe fein stark und wuchs. Achtes Achtes Kapitel . Wie die Eltern des Hieronimus mit dem Rek- tor und mit andern Freunden zu Rathe gin- gen, was sie aus dem Knaben machen sollten. 1. N achdem nun der Knabe achtzehn Jahre Und noch etwas daruͤber alt ware, Auch wirklich schon eines halben Kopfs Groͤßer war, als der alte Hans Jobs; 2. Fingen die Eltern an nachzusinnen, Was nun ferner mit ihm zu beginnen, Denn es war jetzt die hoͤchste Zeit Und die Sache von aͤußerster Wichtigkeit. 3. Vor allen that man den Rektor fragen, Was derselbe vom Knaben moͤchte sagen, Und wozu er das meiste Geschick Haben moͤchte zum kuͤnftigen Gluͤck. 4. Dieser Mann nun wollte nicht heucheln Noch den Eltern mit leerer Hoffnung schmeicheln, Drum sagte er ihnen gleich rund heraus: „Aus dem Knaben wird nichts rechtes aus. 5. „Das Studlren ist wahrlich nicht seine Sache; „Drum ists am kluͤgsten gethan, man mache „Einen hiesigen Rathsherrn aus ihm, „Oder thu ihn sonst wo zum Handwerke hin. 6. „Ich 6. „Ich habe es mannichmal in den Schulstunden „Zu meinem hoͤchsten Leidwesen gefunden, „Daß in ihm nichs besonders sitzt, „Welches einem ehrsamen Publiko nuͤtzt.“ 7. Diese Rede hat den Eheleuten Jobsen, Wie leicht zu schließen ist, heftig verdrobsen; Drum hoͤrten sie solche mit Verachtung an, Und hielten den Rektor fuͤr’n dummen Mann. 8. Es wurden nun mehr Freunde zu Rathe gezogen, Und die Sache vernuͤnftiger pro et contra er- wogen, Und’s ging in der Versammlung gerade so her, Als wenn der alte Jobs zu Rathhause waͤr. 9. Nemlich, nach etwa drittehalb Stunden Ward ein Mittel zur Vereinigung sunden: Man stellte weißlich auf’n neuen Termin Die Sache zur naͤhern Erwaͤgung dahin . Neun- Neuntes Kapitel . Wie die Zigeunerinn Urgalindine auch wegen des Hieronimus um Rath gefraget ward, welche die Kunst Chiromantia verstand. 1. D ie Gesellschaft war nun kaum in Frieden Aus Rathsherrn Jobsens Hause geschieden, So fuͤhrte das Gluͤck von ohngefaͤhr Eine alte Ziegeunerinn her. 2. Sie war von einem uralten Stamme, Urgalindine war ihr Name, Und Aegypten ihr eigentliches Vaterland, Und die Mutter ehmals als Hexe verbrannt. 3. Sie konnte der Menschen Thun und Wesen Deutlich in den Strichen der Haͤnde lesen, Sagte auch manches so deutlich vorher, Als wenns wirklich schon geschehen waͤr. 4. Manches Maͤdchen hat sie recht sehr erfreuet, Wenn sie ihm nahe Hochzeit geprophezeiet, Und den Braͤutigam so klaͤrlich genannt, Als haͤtte sie ihn schon laͤngstens gekannt. 5. Manchen unmuthsvoll wartenden Erben Wahrsagte sie des reichen Onkels Sterben, Und erfreuete solche oft; Denn die Onkels starben unverhofft. 6. Man- 6. Manchen fast verzweifelten Ehegatten, Welche, leider! boͤse Weiber hatten Und den Tod derselben gerne sahn, Kuͤndigte sie nahe Erloͤsung an. 7. Manchem Stutzer, der kraͤftig gerochen Nach Jesmin und Pomade, hat sie versprochen, Trotz aller seiner Laͤcherlichkeit, Dennoch dummer Schoͤnen Gewogenheit. 8. Ihre Reden wuste sie stets also zu fuͤgen, Daß sie immer gereichten zum Vergnuͤgen; Doch half eine kluge Zweideutigkeit Ihr manchmal aus der Verlegenheit. 9. Jedem verkuͤndigte sie eine besondere gute Maͤhre, Tapfern Soldaten Pulver, Kugeln und Ehre, Armen Schluckern einen Haufen Geld Alten Matronen das Himmelszelt. 10. Sie verstund noch viel mehr andere Kuͤnste; Aber ihre große und seltene Verdienste Machten sie nicht von Haͤschern frei, Denn sie stahl ein wenig nebenbei. 11. Kurz! man fand nirgends ihres Gleichen, Endors Hexe haͤtte ihr muͤssen weichen, Wenigstens in Luͤgen und Chiromantie War keine Zigeunerin kluͤger als sie. 12. Als Frau Jobs ihre Ankunft vernommen, Ist sie zu ihr hinaus gekommen, Und hielte wohl an des Hauses Thuͤr Folgende kurze Rede an Ihr: 13. „Mei- 13. „Meine geliebte Frau Urgalinde, „Kommen Sie doch einmal zu meinem Kinde, „Um ihm zu sagen gutes Gluͤck „Von seinem zukuͤnftigen Geschick. 14. „Sie werden hoffentlich die Guͤte haben; „Und mir es sagen, was von dem Knaben „Hieronimus eigentlich zu machen ist „Ohne Trug und arge List.“ 15. Madame ! antwortete sie, das soll ge- schehen, Lasse sie mich nur seine Haͤnde sehen; Dann sag ich als eine aufrichtige Frau Ihm seinkuͤnftiges Schicksalgenau . 16. Man ließ also den Hieronimus holen, Und Frau Urgalinde hat ihm befohlen, Seine rechte Hand zu reichen dar, Welche etwas beschmutzet war. 17. Die Zigeunerin mit forschendem Blicke Erkundete nun alle und jede Stuͤcke, Maß die Flaͤchen und Linien auch, Alles nach Chiromanten Gebrauch. 18. Darauf ward sie einen Augenblick stille, Endlich gleich einer Delpdischen Sybille Murmelte sie etwas zwischen dem Zahn Und hub folgende Prophezeihung an: 19. Ich 19. Ich sehe, mein lieber Hieronimus, ich sehe, Nach der Kunst, die ich gruͤndlich verstehe, Dein ganzes kuͤnftiges Schicksal. Mein Sohn! Deines Halses gewaltiger Ton 20. Wird manchen frechen Boͤsewicht schrecken, Manchen schlafenden Suͤnder wirst du aufwecken, Dermaßen, daß die ganze Stadt An deiner Rede Erbauung hat . 21. Fromme und Boͤse wirst du bewahren Sie warnen fuͤr Leibes- und Seelen- Gefahren Und uͤber Jung und Alt, Groß und Klein Ein munterer getreuer Huͤter seyn . 22. Jeder mann wird deine weisen Lehren In dieser Stadt dereinst oͤffentlich hoͤren, Und wenn dann dein geoͤffneter Mund spricht, So antwortet dir keiner nicht . 23. Ich darfes fuͤr dieses mal nicht wagen. Dir ein mehrers von deinem Ge- schicke zu sagen, Es ist auch dieses dermalen genug, Nun gehe hin, mein Sohn, und sey klug . 24. Hier 24. Hier endigte sich Urgalindinens Rede; Sowohl Mutter als Vater waren beede, Ob dem, was jtzo geprophezeit, Sehr zufrieden und hoͤchlich erfreut. 25. Denn in ihren Gedanken war er Ganz gewiß ein kuͤnftiger Pfarrherr, Wenn anders die Weissagung traͤfe ein; Denn wie koͤnnte es deutlicher seyn? 26. Urgalindine ist drauf weggegangen, Nachdem sie einen stattlichen Lohn empfangen. Man saget, als sie links um gemacht, Habe sie uͤber Eltern und Sohn gelacht. 27. Nunmehr wurde dem Rektor zum Possen Sowohl vom Herrn Jobs als Frau Jobs be- schlossen, Daß der geliebte Hieronimus Werden sollte ein Theologus. 28. Es wird also nach Akademien Im folgenden Kapitel Hieronimus ziehen, Wenn wir vorhero haben gesehn, Was noch bei seinem Abschied geschehn. Zehn- Zehntes Kapitel . Wie Hieronimus von seinen Eltern und Ge- schwistern Abschied nahm und nach der Uni- versitaͤt verreiste. 1. E he man den Hieronimus ließ gehen, Wurde er erst in Ueberfluß versehen Mit Kleidern, Waͤsche, Buͤchern und Geld Und was man sonst zum Studiren noͤthig haͤlt. 2. Es ward gefolglich auf diese Weise Alles bereitet zur nahen Abreise; Aber beim Abschied gings bitter und schwer Auf einer und der andern Seite her. Jobsiade 1r Th. C 3. Der 3. Der gute alte Jobs, der dicke Senater, Weinte laut, wie im Mai ein Kater, Und reichte schluchsend den Abschiedskuß Seinem theuern Sohne Hieronimus. 4. Gab ihm auch den vaͤterlichen Segen: „Fahre wohl auf allen deinen Wegen „Und studire fleißig, mein Sohn, „Damit wir haben Freude davon! 5. „Wenn dir etwa kuͤnftig was fehlet „Und vielleicht ein Geldmange quaͤlet: „So schreibe nur immer kuͤhnlich mir; „Was du verlangst, das schicke ich dir. 6. Hieronimus wurde, wie sich’s gebuͤhret, Ob des Vaters Rede hoͤchlich geruͤhret, Und versprach oͤfters zu schreiben hin, Wenn ihm der Beutel wuͤrde duͤnn. 7. Mit der Mutter ging es noch schlimmer, Sie erhob ein jaͤmmerliches Gewimmer, Und durchdrungen vom herbesten Schmerz Druͤckte sie den lieben Sohn lange ans Herz. 8. Endlich trat sie auf einige Augenblicke Mit Hieronimus ein wenig beiseite zuruͤcke, Und reichte ihm noch ein Paͤcklein dar, Worinnen verschiedenes Geld war. 9. Die- 9. Dieser fromme, muͤtterliche Segen That den Hieronimus inniglich sehr bewegen, Und er steckte, unter lautem Gewein, Das erhaltene Paͤckelein ein. 10. Nun kamen seine Geschwister an die Reihe, Denen er, unter erbaͤrmlichem Geschreie, Allen nach einander die Hand gab Und nunmehr reisete Hieronimus ab. 11. Der lieben Eltern Trauern und Klage Waͤhrte noch nachher verschiedene Tage Und dem guten Vater schmeckte schier Weder Wein, Zeitung, Tabak noch Bier. 12. Bei der Mutter war die Betruͤbniß am groͤ- sten, Und man vermochte fast nicht sie zu troͤsten, Doch bei den Schwestern und Bruͤdern war, Wie ich vernommen, weniger Gefahr. C 2 Eilf- Eilftes Kapitel . Wie Hieronimus zu Pferde bis zur Poststation kam, und wie er im Wirthshause einen vor- nehmen Herrn fand, Herr von Hoaier ge- nannt, welcher ihm heilsame Lehren gab und ein Spitzbube war. 1. H ieronimus also nunmehro wegreitet, Seines Vaters Hausknecht ihn begleitet Bis zu dem naͤchsten Staͤdtelein, Da steigt er dann i’n Postwagen ein. 2. Ob 2. Ob nun gleich der Abschied nahe gegangen, So truge derselbe doch großes Verlangen Nach der geliebten Universitaͤt, Wo es taͤglich so lustig ergeht. 3. Kaum hatte er nun Schildburg verlassen Und er sich befand auf der Landstraßen, Als er Vater, Mutter, Geschwister vergaß, Und sich hoͤchlich ergoͤtzte, daß 4. Er nunmehr, als ein freier Studente, Baß sich taͤglich vergnuͤgen koͤnnte, Und des muͤrr’schen Rektors Pruͤgel und Lehr, Dem Himmel sey Dank! entloffen waͤr’. 5. Vorzuͤglich freuete er sich nicht wenig Und duͤnkte sich reicher als ein Koͤnig, Wenn ihm das Geld im Sinne kam, Das er von Hause mitte nahm. 6. Vor allem vergnuͤgte ihn besonder Das liebe Paͤcklein, welches er von der Hochbetruͤbten Frau Mutter empfing, Als es an’s bittere Scheiden ging. 7. Da es ihm nun an Zeitvertreib fehlte, Zog er’s Paͤcklein hervor und zaͤhlte Das Geld, welches drin enthalten war, Und fand mit innigster Freude baar 8. Mehr 8. Mehr als dreißig verschiedene Stuͤcke, Alle von Silber, groß, schwer und dicke, Gulden und Thaler mannichfalt Meistens von Gepraͤge rar und alt. 9. Seine Mutter hatte sie nach und nach ersparet, Und zum Nothpfennige aufbewahret, Denn sie war eine weidliche Frau Klug und sparsam, oder vielmehr genau. 10. Zuweilen muste ihm auch imgleichen Der Knecht, sein Begleiter, etwas reichen Zum Zeitvertreib von den Viktualien, Womit ihn die Eltern zur Reise versehn. 11. Als nun unter diesen Gedanken und Dingen Dem reisenden Hieronimus die Stunden vergingen: So gelangte er endlich sehr muͤde und matt Ins Wirthshaus der oben gedachten Stadt. 12. Allhte befand sich nun der Postwagen, Der ihn nach der Universitaͤt sollte tragen; Selbiger war aber zu dieser Zeit Noch nicht voͤllig zur Abfahrt bereit. 13. Hieronimus ließ nun vor allen Dingen Seinen getreuen Gaul zu Stalle bringen, Welchem sein Knecht das Futter gab, Und band den schweren Mantelsack ab. 14. Er 14. Er hat aber auch nicht vergessen, Sch zu erlaben mit Trinken und Essen, Und so ward er bald darauf am Tisch Wieder gestaͤrket, munter und frisch. 15. Es war auch da ein fremder Herr logiret, Mit einer großen Perruͤcke und reich schameriret, Welcher aus fernen Laͤndern kam, Herr Baron von Hogier war sein Nam. 16. Dieser erzeigte unserm Helden viel Ehre Und erkundete freundlich, wer er waͤre. Hieronimus antwortete drauf behend: Gnaͤdiger Herr! ich bin ein Student 17. Zu hoch dero Diensten, und ich ziehe Gleich itzo nach der Akademie Um zu studiren spaͤt und fruͤh Die Wissenschaft der Theologie. 18. So! dazu wuͤnsch ich Ihnen viel Gluͤcke! Antwortete der Herr mit der großen Perruͤcke, Aber nehmen Sie sich wohl in Acht, Daß Sie nicht werden in Schaden gebracht! 19. Ich hab auch hohe Schulen vormals gesehen, Weiß wohl, wie’s da pflegt zu ergehen, Mancher junger Bursche wird da um’s Geld, Durch das verwuͤnschte Spielen geprellt. 20. Und 20. Und viele, anstatt fleißig zu studiren, Lassen sich zu Ausschweifungen verfuͤhren, Und verbringen die kostbare Zeit In aller erdenklicher Liederlichkeit. 21. Ich selbst habe oͤfters in juͤngern Jahren Die traurige Wahrheit davon, leider! er- fahren, Nehmen Sie also sich fleißig in Acht, Und denken Sie d’ran, ich hab’ es gesagt! 22. Hieronimus versetzte: lieber Heere! Ich danke vielmal fuͤr die weise Lehre, Und werde Ihren trefflichen Unterricht In meinem Leben vergessen nicht. 23. Uebrigens muß ich Euer Gnaden sagen, Das Spielen thut mir zwar sehr behagen, Hab’ die Ehre zu versichern doch, Wenn ich spiele, spiel ich nicht hoch. 24. „Niedrige Spiele laß ich passiren, „Denn so kann man eben nicht verlieren, „Und man vertreibet sich doch die Zeit „Sehr angenehm und mit Artigkeit. 25. „Wir, zum Exempel, koͤnnten nun beide, „Bloß zum Zeitvertreib und zur Freude, „Etwa ein kleines Spielchen auch thun.“ Erwiedert der Herr mit der Perruͤcke nun. 26. Hie- 26. Hieronimus, gleich im Augenblicke, Fand den Vorschlag des Herrn mit der Per- ruͤcke, Ein Spielchen zu machen, sehr angenehm, So lange bis der Postwagen kaͤm’. 27. Sie brauchten nun gar nicht lange zu warten, Der Wirth brachte alsbald neue Karten Fuͤr seine beiden Gaͤste heran, Und nunmehr fing man zu spielen an. 28. Anfangs ward niedrig pointiret, Aber Hieronimus, durch Gewinnsucht ver- fuͤhret, Finge nun hoͤher zu setzen an, Weil er die ersten Spiele gewann. 29. Nun aber wendete sich das Gluͤcke Zum Herrn von Hogier mit der großen Perruͤcke, Als welchem itzo in jeglichem Spiel Immer die Karte guͤnstiglich fiel. 30. Das Geld, welches Hieronimus zur Reise Bestimmt hatte, ging auf diese Weise Bald hin, und da er noch weiter verlor, Zog er nun auch das Paͤcklein hervor. 31. Aber das Gluͤck warf stets noch guͤnstige Blicke Auf den Herrn mit der großen Perruͤcke, Und mit einem jeglichen neuen Satz, Entstand im Paͤcklein ein leerer Platz. 32. Und 32. Und in weniger als dreiviertel Stunden War der muͤtterliche Segen ganz verschwunden, Und der Herr mit der großen Perruͤck’ Hatte alles gewonnen, Stuͤck vor Stuͤck. 33. Denn, daß der Herr mit der großen Perruͤcke Ihn listiger Weise beim Spiele beruͤcke, Das merkte der gute Hieronimus nicht — Denn Herr von Hogier hatte ein ehrlich Gesicht. 34. Es waͤr ihm endlich gar noch eingefallen Auch seinen Mantelsack loszuschnallen, Und er haͤtte das drin erhaltene Geld Auch noch auf die ungluͤckliche Karte gestellt. 35. Doch, zu des Hieronimus groͤstem Gluͤcke Und zum Leidwesen des Herrn mit der Perruͤcke, Bließ grade itzo der Postillon Und Hieronimus fuhre davon. 36. Beim Abschied warf er viele unwillige Blicke Auf den Herrn mit der großen Perruͤcke, Und mit einigem Ungestuͤm Nahm er nunmehr Ade von ihm. Zwoͤlf- Zwoͤlftes Kapitel . Wie Hieronimus auf dem Postwagen fuhr, und wie er daselbst eine Schoͤne fand, welche er liebgewann, und welche ihm die Sack- uhr stahl. 1. W ie’s dem Hieronimus im Postwagen Ferner erging, will ich nun sagen, Denn er kam so noch nicht los, Sondern hatte wieder einigen Anstoß. 2. Er dachte hieselbsten oͤfters zuruͤcke An den Herrn mit der großen Perruͤcke, Und es fiele ihm itzo erst ein, Er muͤsse ein Spitzbube gewesen seyn. 3. Das muͤtterliche Paͤcklein ging ihm sehr zu Herzen Und er konnte dessen Verlust nicht ver- schmerzen, Seufzte, und wuͤnschte in seinem Sinn Den Herrn mit der Perruͤcke zum Henker hin. 4. Er murmelte sogar unverstaͤndliche Toͤne, Jedoch eine neben ihm sitzende Schoͤne, Welche er anfangs bemerkte kaum, Riß ihn bald aus dem schwermuͤthigen Traum. 6. Und 5. Sie schien alt zu seyn etwa zwanzig Jahre, Schoͤn von Gesicht, schwarz von Augen und Haare, Und rosenroth von Wangen und Mund, Dabei auch von schoͤnem Wuchse, und 6. Kurz zu sagen, in ihrem ganzen Wesen, Konnte man nichts als lauter Anmuth lesen; Sie erkundigte sich in Kurzweil und Scherz Alsbald nach des traurigen Hieronimi Schmerz. 7. Wobei sie denselben freundlich anlachte; Dies Laͤcheln that gute Wirkung und machte, Daß er, da er dichte neben ihr saß, Seinen Verlust des Paͤckleins vergaß. 8. Er gerieth auch wirklich fast in Entzuͤcken, Weil er in ihrer ganzen Person und Blicken So viel treffliche Reize fand, Gefaͤhrlich vor sein bischen Verstand. 9. Es hatte noch keine halbe Stunde gewaͤhret, Als er schon die Lieb’, in bester Form, ihr erklaͤret, So buͤndig, als je ein Held im Roman Die Brunst seiner Schoͤnen erklaͤren kann. 10. Sie schien nicht ungern ihn anzuhoͤren, Und that ihn gar nicht im Vortrage stoͤren, Hieronimus ward also endlich so frei Und ruͤckte naͤher zu ihr herbei. 11. Ich 11. Ich weiß nicht, ob sonst noch etwas passiret, Was, laut zu sagen, sich nicht gebuͤhret, Genug, sie vertrieben sich beide die Zeit In suͤßer, vertraulicher Zaͤrtlichkeit. 12. Als sie endlich zur Poststation gekommen, Hat sie freundlich von ihm Ade genommen, Wohin sie sich aber nachhero gewandt, Das soll uns kuͤnftig werden bekannt. 13. Da indessen nach einigen Stunden, Seitdem die Schoͤne vom Wagen ver- schwunden, Hieronimus nach der Sackuhr mal sah, War auch diese verschwunden und nicht mehr da. 14. Dieser abermalige fatale Possen, Hat den guten Hieronimus maͤchtig ver- drossen, Denn er dachte alsbald daran, Daß die Schoͤne den Diebstahl gethan. 15. Indeß war nun fuͤr den guten Knaben Weiter nichts uͤbrig, als Geduld zu haben, Es fiel ihm jedoch nun hintennach ein Hinfuͤhro etwas vorsichtiger zu seyn. 16. Er 16. Er hat sich dabei feste vorgenommen, So bald er auf die Universitaͤt gekommen, Um Geld und um eine neue Uhr Seinen Eltern zu schreiben nur. 17. Er ist endlich, ohne weitere Unfaͤlle, Angelangt gluͤcklich an Ort und Stelle, Folglich war unser Hieronimus Nunmehro ein Akademikus. Dreizehntes Kapitel . Wie Hieronimus auf der Universitaͤt gar fleis- sig die Theologie studiren thaͤt. 1. A ls nun Hieronimus arriviret, Ist er, stante Pede, immatrikuliret Und ward also sofort allhie Ein Studiosus der Theologie. 2. Sintemal sich nun auf Universitaͤten Aus mancherlei Landen, Orten und Staͤdten Viele Studenten finden ein, Junge und alte, groß und klein. 2. Glei- 3. Gleichergestalten und imgleichen fanden Sich auch hier solche aus allerlei Landen Und jaͤhrlich kamen noch viele herbei Um zu studiren mancherlei. 4. Zum Exempel: die Theologie, Jura, Medicin und Philosophie, Und was man sonst fuͤr gute Kuͤnste haͤlt, Zum Fortkommen dereinstens in der Welt. 5. Die meisten aber, anstatt zu studiren, Thaten nur ihre Gelder verschlemmiren Und lebten lustig und guter Ding, Indessen die edele Zeit verging. 6. Hieronimus, dem’s Studiren zuwider, Mengte sich bald unter die lustigen Bruͤder Und betrug sich in kurzer Zeit schon so, Als waͤre er laͤngstens gewesen do. 7. Dann so gut als der beste Akademikus Lebte er taͤglich in Floribus, Und es wurde manche liebe Nacht In Sausen und Brausen zugebracht. 8. Wein, Tabak und Bier war sein Leben, Er that dabei die Stimme hoch erheben, Wenn er mit lautem und starken Klang Das Gaudeamus igitur sang. 9. Als 9. Als ein wahres Muster fideler Studenten Verfuhr er bei allen, die ihn kennten, Und lebte immer fein burschikos: Sein drob erhaltener Ruhm war groß. 10. Jene drei verhaßte Geschwister: Haͤscher, Pedellen und Philister, Hat Hieronimus als ein Held Oeftermalen jaͤmmerlich geprellt. 11. Mehrmals hat er sie periiret, Oder sie sonst laͤsterlich vexiret, Ansonsten sich noch gezeiget auch, Alles nach Rennomistengebrauch. 12. Des Sommers ist er fleißig ausgeritten, s’ Winters beim Schnee gefahren auf Schlit- ten, Und keine Ergoͤtzlichkeit uͤberhaupt Hielte Hieronimus fuͤr unerlaubt. 13. Mehrmals ist er auch zum Vergnuͤgen Nach den benachbarten Doͤrfern gestiegen, Allwo er dann meistens auf dem Land Manche gutwillige Schoͤne fand. 14. Die Fenster hat er oft naͤchtlich eingeschlagen, Jungen Fuͤchsen angethan viele Plagen, Spielte Wuͤrfel, Karten und Billiard Und also nicht sehr gelehrt ward. 15. Im 15. Im Raufen und Schlagen fand er Vergnuͤgen, Taͤglich that er in der Schenke liegen, Ging aber auch, alle zwei Monat einmal, Zur Abwechselung in den Kollegiensaal. 16. Wenn er muthwillige Schulden gemachet, Hat er die Glaͤubiger ausgelachet, Auch ihnen gespielet manchen Betrug, Sonst auch gemachet der Streiche genug. 17. Kleider und Buͤcher that er versetzen Und sich dafuͤr mit Schmausen ergoͤtzen, Kurz zu sagen zu seiner Zeit Uebertraf ihn keiner an Lustigkeit. 18. Zwar mußte er oft in’s Karzer gehen, Ist ihm auch sonst noch wohl Strafe geschehen, Haͤtt’ auch beinahe einmal zum Lohn Fast bekommen die Relegation. 19. Drei Jahre lang hat er dies Leben getrieben Und seinen Eltern oft um Geld geschrieben, Doch waren die Briefe so eingericht’t, Daß sie seine Auffuͤhrung merkten nicht. 20. Zu unsers Hieronimus großem Lobe Kommt im folgenden Kapitel eine Probe Von dieser kuriosen Korrespondenz; Beschließe also das itz’ge eilends. Jobsiade 1r Th. D Vier- Vierzehntes Kapitel . Welches die Kopei enthaͤlt von einem Briefe, welchen nebst vielen andern der Student Hieronimus an seine Eltern schreiben thaͤt. 1. S ehr geliebteste Eltern ! Ich melde, Hiebei, daß es mir fehlet an Gelde, Habet also die Gewogenheit Und schicket mir bald eine Kleinigkeit. 2. Naͤmlich etwa 20 bis 30 Dukaten, Denn ich weiß mich kaum mehr zu rathen, Weil es alles so knapp geht hier, Drum sendet doch dieses Geld bald mir. 3. Alles 3. Alles ist hier ganz erschrecklich theuer, Tisch, Stube, Waͤsche, Licht und Feuer, Und was sonst etwa vorfaͤllt noch, Drum schicket die 30 Dukaten doch. 4. Kaum begreift ihr die starke Ausgabe, Welche ich auf der Universitaͤt habe Fuͤr so viele Buͤcher und Kollegia, Ach waͤren doch die 30 Dukaten schon da! 5. Ich studire taͤglich recht sehr fleißig. Sendet mir doch naͤchstens die dreißig Dukaten, so bald als moͤglich ist, her, Denn mein Beutel ist jaͤmmerlich leer. 6. Waͤsche, Schuhe, Struͤmpfe und Kleider, Friseur, Naͤtherin, Schuster und Schneider, Dinte, Federn, Bleistift, Papier, Kosten viel, schickt die Dukaten mir! 7. Das Geld, welches hoffentlich ihr bald sendet, Wird, ich schwoͤr es Euch, gut angewendet. Ja, liebe Eltern! ich behelfe mich Sehr genau und hoͤchst kuͤmmerlich. 8. Wenn andre Studenten saufen und schwaͤr- men, So entziehe ich mich allem wilden Lermen, Und schließe mich mit den Buͤchern allein Auf meiner Studirkammer weislich ein. D 2 9. Ausser 9. Ausser den noͤthigen Kosten und Speise Erspar ich, liebe Eltern! auf alle Weise Und trink vor’n Durst kaum einmal The, Denn Geld ausgeben thut schrecklich mir weh. 10. Andre Studenten, die liederlich prassen, Thun mich wegen meiner Eingezogenheit hassen, Und sagen: da geht der Knicker einher, Er studirt, als wenn er ein Pfarrer schon waͤr. 11. Manchen Verdruß sie drob schon mir machten, Ich thu aber ihre Spoͤtterei verachten, Und was man von meiner Froͤmmigkeit spricht. Vergeßt doch die 30 Dukaten nicht! 12. Taͤglich hab’ ich mich zehn ganze Stunden In den Kollegiis bisher eingefunden, Und wann dann diese Kollegia aus, Studir’ ich in uͤbrigen Stunden zu Haus. 13. Die Professors sind trefflich mit mir zufrie- den, Und rathen fast, mich nicht so zu ermuͤden In meinen bestaͤndigen Studiis Philosophicis und Theologicis. 14. Es 14. Es moͤchte sich zwar nicht geziemen Mich gegen Euch, liebe Eltern! selber zu ruͤhmen, Doch sage und versich’r ich Euch frei, Daß ich der fleißigste von allen sey. 15. Oft will mir von allen gelehrten Dingen Fast der Kopf, sammt dem Hirn, zerspringen, Und manchmal wird mir gar wunderlich. (A propos! die Dukaten erwarte ich.) 16. Ja, liebe Eltern! ich lese schier bestaͤndig Und strap’ziere meine Sinnen sehr elendig, Und meistentheils wird sogar die Nacht Mit tiefem Meditiren zugebracht. 17. Naͤchstens gedenk ich auf die Kanzel zu stei- gen, Und mich einmal im Predigen zu zeigen; Ich disputir’ mich auch im Kollegium Ueber gelehrte Materien tapfer herum. 18. Vergesset doch nicht die Dukaten zu schicken, Damit ich sie schier baldigst moͤge erblicken. Ihr bekommt einst dafuͤr in meiner Person Einen hochgelehrten und klugen Sohn. 19. Da ich auch ein Privatissimum gesonnen Zu halten und wirklich schon begonnen, Welches 20 Reichsthaler kosten thut: So erwart’ ich auch diese wohlgemuth. 20. Auch 20. Auch thu ich Euch, liebe Eltern! zu wissen, Daß ich juͤngst meinen Rock sehr zerrissen, Also fuͤget zu obigen Geldern doch Zwoͤlf Thaler zum neuen Rocke noch. 21. Habe auch neue Stiefel sehr noͤthig, Es ist auch kein Schlafrock mehr vorraͤthig, Imgleichen sind meine Pantoffeln und Hut Auch andre Kleidungsstuͤcke kaput. 22. Da ich nun dies alles nicht kann entbehren, Woll’t ihr mir noch a part vier Louisd’or ver- ehren, Welche alsdann zur Nothdurft mein Vielleicht moͤchten hinreichend seyn. 23. Ich bin auch kuͤrzlich todtkrank gewesen, Und kaum mit genauer Noth wieder genesen, Doch versich’re ich Euch mit Hand und Mund, Daß ich itzo sey wieder ziemlich gesund. 24. Der Medikus, welcher mich kuriret, Hat dafuͤr 18 Gulden aufgefuͤhret, Und die aus der Apotheke gebrauchte Arznei, Machet, laut Rechnung, zwanzig und drei. 25. Damit nun Arzt und Apotheker kriegen Das ihre, werdet Ihr guͤtigst fuͤgen, Diese ein und vierzig Gulden dazu. Seyd uͤbrigens wegen meiner G’sundheit in Ruh. 26. Die 26. Die Aufwaͤrterin, welche mich that laben In der Krankheit, moͤchte auch wohl was haben. Drum sendet noch sieben Gulden dafuͤr Und addressirt’s mit dem uͤbrigen an mir. 27. Fuͤr Citronen, Geleen und Konfituren, Zur Staͤrkung kranker und schwacher Na- turen, Steht auch noch, als ein kleiner Rest, Acht Gulden bei dem Konditor fest. 28. Diese bemeldte Posten allzumalen Moͤchte ich gerne naͤchstens richtig bezahlen, Denn ich liebe Ordnung, und huͤte mich Vor allen Schulden sorgfaͤltiglich. 29. Ich traue also zu Euern milden Haͤnden, Daß sie mir alles, nebst den 30 Dukaten, senden, Sobald als Euch es moͤglich wird seyn. Noch faͤllt mir eine Kleinigkeit ein: 30. Vor 15 Tagdn hatte ich’s Ungeluͤcke, Und fiel hoch von der Treppe zuruͤcke, Als ich ging ins Kollegium, Und stieß mir den rechten Arm fast krumm. 31. Der 31. Der Chirurgus verlanget derohalben Zwoͤlf Thaler fuͤr Balsam, Pflaster und Sal- ben, Spiritus und sonstige Schmiererei; Drum thut auch diese 12 Thaler noch bei! 32. Doch, damit Ihr Euch nicht alteriret, Ich bin, Gottlob! ganz wieder kuriret Und geh’ mit gesundem Arm und Bein Taͤglich in das Kollegium ein. 33. Nur habe ich einen sehr schwachen Magen, Die Aerzte, die ich konsulirt habe, sagen, Das kaͤme vom vielen Sitzen her, Und weil ich so erstaunlich fleißig waͤr. 34. Sie haben mir dieserhalben angerathen: Warmen Burgunderwein, mit Zimmt und Muskaten, Des Morgens zu trinken statt des The, Das waͤre gut fuͤr’s Magenweh. 35. Leget also noch bei zwei Pistolen, Um dafuͤr Burgunder und Wuͤrze zu holen; Gewiß, liebe Eltern! ich trinke es nur Bloß zur verordneten Magenkur. 36. Endlich habe ich noch einige Schulden Von etwa 30 bis 40 Gulden, Schicket mir also auch, ohne Fehl, Liebe Eltern! dies Bagatell. 37. Koͤnnte- 37. Koͤnnte ich, neben bei, fuͤr andre Ausgaben Auch etwa noch ein Dutzend Louisd’or haben, So kaͤme mir dieses recht bequem, Und waͤre mir wirklich auch angenehm. 38. Wenn Ihr Euch uͤbrigens gesund befindet Und naͤchstens im Briefe mir verkuͤndet, So wird mir dieses erfreulich seyn, Schließt aber auch ja das Geld mit ein. 39. Hiemit will ich also mein Schreiben beschließen, Meine Geschwister thu ich freundlich gruͤßen Und verharre hierauf zum Schluß Euer gehorsamer Sohn Hieronimus . 40. Ich setze noch eilig zum Postscripte; Meine hochgeehrte und sehr geliebte Eltern! ich bitte kindlich, Schicket doch bald das Geld fuͤr mich. Funf- Funfzehntes Kapitel . Folget auch die Kopei der schriftlichen Antwort des alten Senator Jobs auf vorgemeldten Brief. 1. W as hierauf des Vaters Antwort gewesen, Das soll man gleichermaßen nun lesen: Mein herzvielgeliebtester Sohn ! Dein Schreiben hab’ ich erhalten schon, 2. Und deine Gesundheit und Wohlergehen Mit Vergnuͤgen aus demselbigen ersehen, Jedoch vergnuͤgt es mich eben nicht, Daß dein Brief wieder von Geld spricht. 3. Es sind noch nicht drei Monate vergangen, Da du hundert und funfzig Thaler empfangen, Fast weiß ich nicht, wo in der Welt Ich hernehmen soll alle das Geld. 4. Ich hoͤre gern auch, daß du studirest Und dich fleißig und ordentlich auffuͤhrest, Aber hoͤchst ungern vernehme ich von dir, Daß du 30 Dukaten forderst von mir. 5. Fast, 5. Fast, mein Sohn! sollte ich sagen und glauben, (Du wirst mir meine Anmerkung erlauben) Daß, wenn man auf der Universitaͤt Sparsam ist, nicht so viel noͤthig haͤtt’. 6. Zwaren ist es wohl gewiß und sicher, Man hat nicht umsonst Kollegia und Buͤcher, Jedoch bekommt man fuͤr solche Summ’ Manches Buch und Kollegium. 7. Tisch, Stube, Waͤsche, Licht und Feuer Kann auch unmoͤglich seyn so theuer, Auch Federn, Bleistift, Dinte, Papier Kaufst du fuͤr wenige Groschen g’nug dir. 8. Ich vernehme es zwar auch sehr gerne, Daß du dich von boͤser Gesellschaft ferne Haͤlt’st, und auf der Studirstube sitzst Und bei den geliebten Buͤchern schwitzst; 9. Auch daneben nur The thust trinken: Indessen will’s mir wahrscheinlich duͤnken, Daß, wenn man uͤber den Buͤchern ruht Und The trinkt, nicht 30 Dukaten vorthut. 10. Wenn dich andre einen Knicker schelten, So mag dir dieses gleich viel gelten; Doch, wer so viel Geld verschwendet als du, Dem kommt der Name Knicker nicht zu. 11. Weil 11. Weil du uͤbrigens von deinem Fleiße schrei- best, So rathe ich, daß du fein dabei verbleibest, Damit das Geld und die edle Zeit Angewandt werde in Nuͤtzlichkeit. 12. Doch mußt du dich nicht so sehr angreifen Und im Kopf zu viel Gelehrsamkeit haͤufen, Denn es trifft, leider! mannichmal ein, Daß große Gelehrte meist Narren seyn. 13. Dein Vorsatz, zu predigen, thut mir gefal- len, Drum uͤbe dich fleißig darin vor allem; Aber, bei vieler Disputation Kommt eben nichts Kluges heraus, mein Sohn! 14. Wozu auch das Privatissimum nuͤtzet, Wenn man schon zehn Stunden im Kollegio sitzet, Das begreif’ ich um destoweniger wohl, Da es 20 Reichsthaler kosten soll. 15. Doch lasse ich’s vor allen andern passiren: Denn das Geld, welches du zum Studiren Gebrauchest, gebe ich gerne her, Und wenns auch noch dreimal so viel waͤr. 16. Da 16. Da auch, wie du schreibst, dein Rock zerrissen, So kannst du freilich einen neuen nicht missen; Jedoch das Tuch wuͤrde suprafein Fuͤr die verlangten zwoͤlf Thaler seyn. 17. Wer aber zum Pfarrherrn will studiren, Muß nicht mit kostbaren Kleidern stolziren; Drum waͤre ein etwas groͤberes Tuch Zum neuen Rocke dir gut genug. 18. Auch fuͤr noch sonstige Kleidungsstuͤcke Willst du, daß ich vier Louisd’or schicke Naͤmlich fuͤr Schlafrock, Pantoffel und Hut, Weil sie nicht zum Gebrauche mehr gut. 19. Wenn ich aber solches allzumalen Posten fuͤr Posten sonders soll bezahlen, Wozu sollen dann, lieber Hieronimus mein! Die verlangte dreißig Dukaten seyn? 20. Ich habe es mit Mitleiden gelesen, Daß du juͤngsthin todt krank gewesen; Aber du hast nicht wohl gethan, Daß du viele Arznei gewendet an. 21. Denn ich habe oft und viel erfahren, Daß, besonders in den juͤngeren Jahren, Die sich selbst uͤberlass’ne Natur Mehr wirkt, als die beste Mixtur. 22. Dein 22. Dein gebrauchter Arzt und Arzeneien, Sind fast theuer zum Verabscheuen, Und wie mir duͤnken sollte, so ist Weder Apotheker, noch Arzt ein Christ. 23. Da auch eine Waͤrterin, wie ich gelesen, In der Krankheit bei dir ist gewesen; So reichte fuͤr diese Aufwaͤrterin, Statt sieben, ein einziger Gulden hin; 24. Wenn sie nicht etwa sonst, vor diesen, Liebesdienste andrer Art dir erwiesen, Denn, lieber Sohn! ich schließe dies Schier aus den sieben Gulden gewiß. 25. Was auch nun den Konditor anlanget, Welcher ebenfalls acht Gulden verlanget, So waͤre gewesen ein Thaler genug, Und du warest gewißlich nicht klug. 26. Denn Citronen, Konfituren und Leckereien Geben eigentlich dem Kranken kein Gedeihen Aber ein Hafer- oder Gerstentrank Nutzet weit mehr, wenn man ist krank. 27. Es ist nicht gut, daß du bist gefallen Von der Treppe, drum sorge ja fuͤr allen, Daß du hinfuͤhro nicht wieder faͤllst, Denn die Kur betraͤget viel Gelds. 28. Dein 28. Dein Wundarzt hat dich recht hergenom- men Denn fuͤr 12 Thaler, wie ich vernommen, Heilt unser beruͤhmte Stadtbalbier Einen Arm- oder Beinbruch schier. 29. Doch freut’s mich, daß dein Arm wieder ku- riret; Denn wenn ein Pfarrer auf der Kanzel pero- riret, So muß der Arm geschmeidig und fein Beim Klopfen und Gestusmachen seyn. 30. Ich muß dich ferner auch herzlich beklagen Wegen deinem sehr schwachen Magen; Mein Magen ist, leider! auch nicht viel nuͤtz, Weil ich sehr oͤfters zu Rathe sitz. 31. Indeß thut Burgunder mit Gewuͤrzen Dich nur unnoͤthig in Kosten stuͤrzen; Schlucke lieber oft ein Pfefferkorn ein. Das soll sehr gut fuͤr den Magen seyn. 32. Du willst auch noch 30 bis 40 Gulden Haben, zur Bezahlung einiger Schulden; Ich sinne nun hin, das Kreutz und die Queer, Beim Himmel! wo kommen die Schulden doch her? 33. Du 33. Du hast ja schon alles spezificiret Und Posten fuͤr Posten zum hoͤchsten aufge- fuͤhret, Und vierzig Gulden, bei meiner Seel! Sind nicht, wie du glaubst, ein Bagatell. 34. Endlich soll ich gar noch ein Dutzend Pisto- len Zu andern Ausgaben fuͤr dich herbei holen; Es waͤre dir vielleicht zwar angenehm, Mir aber kommts hoͤchst unbequem. 35. Denn mit den verlangten 30 Dukaten Kannst du dich wegen der Ausgaben schon berathen, Dieses letztere Dutzend Louisd’or, Kommt mir also als Ueberfluß vor. 36. Doch, um deinen Geldmangel zu stillen, Will ich itzt nochmal dein Begehren erfuͤllen Und sende die Gelder mancherlei Im beikommenden Paͤcklein herbei. 37. Jedoch muß ich dir hienebst andeuten Es sind heur gar nahrlose Zeiten, Und es faͤllt mir wahrlich gar schwer, Alle Gelder zu nehmen woher. 38. Mit dem Handel giebts nur Kleinigkeiten, Denn es ist kein Geld unter den Leuten, Und die Rathsherrnschaft wirft auch nicht viel ab, Drum sind meine Einkuͤnfte so knapp. 39. Ich 39. Ich werde es also sehr gerne sehen, Wenn du von der Universitaͤt thust gehen, Zumalen da du, zu dieser Frist, Gewißlich schon ausgelernet bist. 40. Denn wenn du noch laͤnger alda bleibest Und das kostbare Studiren forttreibest, So werde ich noch zum armen Mann Und keine Gelder mehr schaffen kann. 41. Wir werden dich hier mit großem Verlangen Als einen gelehrten Sohn stattlich empfangen, Besonders freut deine Mutter sich Auf deine Zuhausekunft inniglich. 42. Ich moͤchte dir gern etwas Neues schreiben Es thut aber alles hier beim Alten bleiben; Ich bin indessen fruͤh und spat Nach Gewohnheit gewesen oft im Rath. 43. Da haben wir, in Pleno, thun dichten, Um verschiedene Aenderungen einzurichten, Damit in der hiesigen Polizei Alles fein sauber und ordentlich sey. 44. Deine Mutter hat an Zaͤhnen viel ausgestan- den; Aber ein großer Wundarzt aus fremden Landen Vor einigen Tagen hier kam Und die boͤsen Zaͤhne wegnahm. Jobsiade 1r Th. E 45. Dei- 45. Deine Schwester Gertrud hat einen Freier, Es ist der Prokurator Herr Geier, Die Sache ist schon gekommen sehr weit Und die Gertrud ist schon ziemlich breit. 46. Unser Pfarrer ist immer kraͤnklich, Man haͤlt seinen Zustand fuͤr bedenklich, Stuͤrbe einst dieser rechtschaffene Mann, So wuͤrd’st du vielleicht unser Pfarrer dann. 47. Unsers reichen Nachbars sein Ließchen Vermeldet dir ein herzliches Gruͤßchen, Das Maͤdchen wird wirklich artig und fein Und koͤnnte einst deine Frau Pfarrerin seyn. 48. Endlich gruͤßen dich allesamt wieder Deine saͤmmtlichen Schwestern und Bruͤder, Sie freuen sich uͤber dein Wohlergehen Und hoffen schier baldigst dich hier zu sehen. 49. Ich beharre uͤbrigens Dein treuer Vater Hans Jobs, pro tempore Senater. N. S. Dein Schreiben mir zwar gefaͤllt Aber verschone mich weiter mit Geld. Sechs- Sechszehntes Kapitel . Wie Hieronimus ausstudirt hatte, und wie er nach seiner Heimath reisete, und wie es mit seiner Gelehrsamkeit bewandt war; fein artig im gegenwaͤrtigen Kupfer vorgestellt. 1. S intemal man nicht ewig auf Universitaͤten Bleiben kann, so wars endlich vonnoͤ- then, Daß nach verflossener drei Jahren Zeit, Sich Hieronimus machte zur Abfahrt bereit. E 2 2. Um 2. Um seiner Eltern Verlangen und Willen, Die nun seine Heimkunft begehrten, zu erfuͤllen, That er alles zu dieser Frist, Was zum Abmarsche noͤthig ist. 3. Zwar brauchte er nicht viel einzupacken; Denn ausser Stiefeln, Degen, Weste und Jacken, Und was man an seinem Leibe sonst sah, War nicht’s mindeste Geraͤthe da. 4. Nach Buͤchern brauchte man gar nicht zu fragen, Denn diese thaten ihm niemals behagen, Und ausser einer einzigen Predigt nur Besaß er nicht die geringste Scriptur. 5. Ein Freund hatte ihm selbige verehret Und sie ihm nach und nach auswendig gelehret, Damit er doch einmal ohne Beschwer Zu Hause koͤnnt predigen, wenns noͤthig waͤr. 6. Es that also der Gedanke bei ihm aufsteigen, Wie er sich daheim den Eltern koͤnnt’ zeigen, Damit man nicht auf diese Manier Den kahlen Zustand der Sache erfuͤhr. 7. Zuletzt fiel es ihm ein zu sagen, Wenn man nach Koffer und Mantelsack wollt fragen, Daß ihm alles gestohlen waͤr Auf seiner Reise gen Hause her. 8. Auch 8. Auch thaten einige Seufzer entstehen; Armer Hieronime! wie wirds dir ergehen, Wenn man dich einmal examinirt, Denn du hast nichts gelernt noch studirt? 9. Zwar hat’s ihm herzlich gereut und verdrossen, So daß er fast Thraͤnen darob vergossen, Weil er fuͤr alle Kosten und Zeit Nicht erworben mehrere Gelehrsamkeit. 10. Aber alles sein Trachten, Dichten und Denken Wuͤnschen, Seufzen, Jammern und Kraͤnken Brachten ihm itzo keinen Gewinn, Denn die Zeit war einmal dahin. 11. Um also seine Grillen zu verlieren, Ließ er formaliter invitiren Seine Freunde auf der Universitaͤt, Und gab ihnen den Schmaus zum Valet. 12. Hier wurde dann tapfer nochmal geschmauset, Getrunken, gelaͤrmt und gesauset, Bis endlich der traurige Morgen kam Und Hieronimus Abschied nahm. 13. Dieser ging ihm recht sehr zu Herzen Und erregte ihm fast herbe Schmerzen, Ja, er hat wirklich laut geweint Und im Arm seiner Freunde gegreint. 14. Eh 14. Eh er aber sein Ade genommen, Ist er vorher zum Professor gekommen, Dieser hat ihm, fuͤr baares Geld, Ein akademisch Zeugniß zugestellt. 15. Es ist zwar nicht gar loͤblich gewesen, Doch Hieronimus, ohne es zu lesen (Denn es war gesetzt in griechsch und latein.) Steckte es in den Schubsack hinein. 16. Ich lasse ihn also nach Hause reisen, Und vorher will ich noch dem Leser weisen Im oben bevorstehenden Kupferblatt, Wie’s um seine Gelehrsamkeit gestanden hat. Sie- Siebenzehntes Kapitel . Wie Hieronimus mit Stiefeln und Sporen bei den lieben Seinigen wieder angelanget ist. 1. A ls einst nach eingenommener Mittagsspeise Der Senator Jobs (denn es war so seine Weise) Mit seinem Pfeifchen im Lehnstuhl saß Und die politische Zeitung laß; 2. Indeß Frau Jobs einiger Sachen wegen In der Kuͤche ein kleines Laͤrmen that erregen, Auch sonst einige Ordnung gemacht Und keine Seel an was Boͤses gedacht; 3. Kam 3. Kam ein stolzer Reuter mit starken Schritten Auf der Straße eilig daher geritten, Und gleich hoͤrten sie, Knall und Fall, Vor der Hausthuͤr einen Karbatschenschall. 4. Ob diesem fast fuͤrchterlichen Knallen Ließ Jobs die Zeitung aus der Hand fallen, Und die Pfeife selbst war in Gefahr; Frau Jobs aber verstummte gar. 5. Aber aus diesem recht panischen Schrecken That sie der Reuter bald aufwecken; Weil er, im voͤlligen Reisestaat, Zu ihnen in die Stube trat. 6. Die Alten schienen beide ihn nicht zu kennen, Er wollte sich auch vorerstlich nicht nennen, Bis endlich der gute Vater da In ihm seinen lieben Hieronimus sah. 7. Es fehlt mir schier an allen noͤthigen Dingen, Die gewaltig große Freude zu besingen, Welche der fromme Senator empfand, Fast entging ihm aller Verstand. 8. Auch die Mutter konnte sich nicht fassen Noch vor Freude Haͤnd’ und Fuͤsse lassen, Als sie ebenfalls itzt und nunmehr Sah, daß es Hieronimus waͤr. 9. Fast 9. Fast haͤtten im Uebermaß der Freude Klare Thraͤnen geweinet alle beide, Und das Willkomm! und dem Himmel sey Dank! Und so weiter, waͤhrete lang. 10. Es waren auch darauf nicht minder Des Senators Jobsens uͤbrige Kinder Alle zusammen bei der Hand, Und kein einziges hat ihn gekannt. 11. Es war recht spaßhaft anzusehen Wie sich die Kinder thaten begehen: Eins hielt ihn fuͤr’n großen Herrn Welcher gekommen waͤr von fern; 12. Das andere hielt ihn, wegen dem Degen Und der uͤbrigen gefaͤhrlichen Kleidung wegen, Fuͤr einen, der Kinder im Sack steckt, Besonders wurden die juͤngsten erschreckt. 13. Aber sehr lustig ging es mit der Esther, Unsers Hieronimi allerjuͤngsten Schwester, Denn sie hielt ihn noch lange hernach Fuͤr’n fremden Oheim von Gengenbach. 14. In den drei Jahren, die er dort verschlen- dert, Hatte sich seine Person sehr veraͤndert, Und er war dick geworden am Bauch, Sein Bart ziemlich gewachsen auch. 15. Es 15. Es war also eben kein Wunder zu nennen, Wenn ihn anfangs niemand mochte kennen, Besonders, da sein Studentenhabit Auch nicht, wer er eigentlich war, verrieth. 16. Ein sehr großer Hut mit einer Feder, Hosen und Weste von gelbem Bocksleder, Ein kurzes Kollet von grauem Tuch Verstellte den Hieronimus genug. 17. Dabei kam ein maͤchtig großer Degen Welcher, der mehreren Sicherheit wegen, Sowohl zum Stich, als Hiebe im Streit Eingerichtet war spitz und breit. 18. Imgleichen die martialische Miene Welche Tod und Wunden zu drohen schiene; Die Haare hingen struppicht am Kopf Und den Nacken druͤckte ein dicker Zopf. 19. Diese und mehr seltsame Kleidungsstuͤcke Zogen bald auf sich des Vaters Blicke, Denn ein sittsames schwarzes Kleid Haͤtte den Alten weit mehr erfreut. 20. Auch wollte des Hieronimus uͤbriges Betra- gen Dem alten Vater Jobs nicht zum besten behagen, Weil bei dem Hieronimus fort und fort Fluͤche erfolgten auf jedes Wort. 21. Er 21. Er gab ihm also deutlich zu verstehen, Daß er nun anders sich moͤchte begehen, Denn ein junger Theologus Muͤsse leben nach geistlichem Fuß. 22. Als er kurz drauf nach dem Koffer gefraget, Hat Hieronimus alsobald gesaget Und dabei kraͤftig geschworen: daß er Vom Postwagen juͤngst ihm gestohlen waͤr’. 23. Diese Nachricht, daß er den Koffer verlohren, Klang unangenehm in des Vaters Ohren Und er fing zu knurren drob an, Haͤtte es nicht die Mutter gethan. 24. Denn sie hielte den Alten zuruͤcke, Sprach, das ist ja ein Ungeluͤcke Woran unser lieber Sohn nicht schuld; Er ergabe sich also in Geduld. 25. Indessen verbreitete auch das Geruͤchte, Des Hieronimus Wiederkunftsgeschichte Ueberall in dem Staͤdtelein aus Und waͤlzete sich von Haus zu Haus. 26. Der ganzen Buͤrgerschaft schien dran gelegen, Und uͤberall that sich Verwunderung erregen, Und wo ein Mensch nur den andern sah, So hieß es: Hieronimus ist wieder da. 27. Es 27. Es wurde uͤbrigens angenehm und freudig In Senator Jobsens Hause allerseitig Der Rest des uͤbrigen Tages verbracht Und weiter nicht an den Koffer gedacht. 28. Hieronimus labte sich an Trank und Speise Weidlich, denn er war matt von der Reise, Rauchte dabei auch ohne Beschwer Des Vaters großen Tabaksbeutel leer. Achtzehntes Kapitel . Wie Hieronimus nun anfing geistlich zu werden und wie er ein schwarzes Kleid und eine Perruͤcke bekam, und wie er auf der Kan- zel zum erstenmal predigte, u. s. w. 1. A ls nun der andre Morgen vorhanden Und alles im Hause war aufgestanden, Und beim Fruͤhstuͤck und Kaffetisch Jeder sich befande munter und frisch. 2. Hub der Vater an zu diskuriren: Mein lieber Sohn! es will sich gebuͤhren, Daß deine bisherige Kleiderei Anders in Zukunft beschaffen sey. 3. Vor- 3. Vorab, mußt du den schrecklichen Degen Von deiner Seite, von nun an, legen, Weil ein Geistlicher niemals nicht Anders als mit der Bibel ficht; 4. Auch das graue Kollet und die lederne Weste Nebst Hosen, Stiefeln und dem uͤbrigen Reste, Wie auch den maͤchtigen Federhut; Denn alles dies steht keinem Geistlichen gut. 5. Denn wenn jemand diesen Anzug saͤhe, Moͤchte er billig denken; o wehe, Das koͤnnte eher ein Kuͤrassier Seyn, als ein kuͤnftiger Pfarrer hier! 6. Wisse auch, daß eine runde Perruͤcke Auf den geistlichen Kopf sich besser schicke; Denn diese laͤsset ehrwuͤrdig und wohl, Ein struppichtes Haar und Zopf laͤßt toll. 7. Ich habe also mir vorgenommen, Um zu lassen den Schneider kommen, Damit dir dieser ein schwarzes Kleid Und einen Mantel noch mache heut. 8. Auch ist der Perruͤckenmacher bestellet, Damit er, wenn es dir gefaͤllet, Zu deines Kopfes kuͤnftiger Zier Eine Perruͤcke bringe dir. 9. Das 9. Das wird ein ehrbares Ansehen dir geben, Es ist aber auch noͤthig daneben, Daß du hinfuͤhro nicht mehr so guchst, Sondern auch geistlich zu leben suchst. 10. Hieronimus hoͤrte zwar etwas sproͤde Seines alten Vaters vernuͤnftige Rede, Doch ließ er sich endlich ebenfalls Alles gefallen und bereden all’s. 11. Man sah ihn darauf, eh der Tag noch ver- gangen, Im schwarzen Kleide und Perruͤcke prangen, Es war auch ein weißes Kraͤgelein da, Gemacht von der Mutter manu propria. 12. Geistlich staffirt vom Kopf bis zu’n Fuͤßen, That er nun den Eltern kund und zu wissen, Daß er, zu predigen in dieser Livrei, Am kuͤnftigen Sonntag gesonnen sey. 13. Er hat sich auch treu des Versprechens ent- ledigt, Und am folgenden Sonntag gepredigt, Und ohne einen sonderlichen Anstoß Ward er gluͤcklich der Predigt los. 14. Denn, wie oben, Kapitel sechszehn, gehoͤret, Hatte ein Freund ihm eine Predigt verehret, Diese kam ihm vortrefflich zur Hand, Weil er sie ganz auswendig verstand. 15. Sie 15. Sie war gar vortrefflich komponiret, Mit vielen erbaulichen Spruͤchen gezieret, Und so voll vom gelehrten Tand, Daß sie Hieronimus selbst nicht verstand. 16. Auch sein aͤusserer Anstand war praͤchtig, Seine Arme und Haͤnde bewegte er maͤchtig Und der Stimme starker Tenor Drang den Zuhoͤrern stattlich ins Ohr. 17. Es wurde uͤbrigens von vielen hundert Zuhoͤrern seine Predigt bewundert, Viele stießen die Koͤpfe an Und sagten: „das giebt ein ganzer Mann! 18. „Wer Henker haͤtte das denken sollen, „Daß so was einst haͤtte werden wollen „Aus des Jobsens dummen Hieronimus? „Er erregt ja Verwundernuß!“ 19. Auch waren alle Verwandten gegenwaͤrtig, Gafften Hieronimus an, der so fertig, Als haͤtte er laͤngst gestanden im Amt, Sie erbauen konnte allesammt. 20. Aber, ich vermag nicht das Entzuͤcken Der beiden guten Eltern auszudruͤcken, Denn sie hielten nun beiderseits Ihn fuͤr den groͤßten Redner bereits. 21. Als 21. Als nun der Gottesdienst verrichtet, Ward ein groß Freudenmahl angerichtet, Und in Senator Jobsens Haus Kamen alle Verwandten zum Schmaus. 22. Da hat man, waͤhrend dem Mittagsessen, Nichts zu Hieronimi Lobe vergessen, Und man trank oͤfters zu dieser Zeit Aus grdßen Glaͤsern seine Gesundheit. 23. Es ward auch zu denselbigen Stunden Von der ganzen Versammlung fuͤr gut be- funden, Daß bei obwaltenden Umstaͤnden nunmehr, Zu des Hieronimus groͤßerer Ehr, 24. Er es naͤchstens muͤsse wagen Und sich zum Kandidaten lassen schlagen, Damit er in optima Forma hie Werde Kandidatus Ministeril. 25. Zwar waͤre es dieserhalb wohl vonnoͤthen Vorerst vors Examen hinzutreten, Doch bei der gezeigten Gelehrsamkeit Haͤtte dieses keine Schwierigkeit. 26. Um so mehr, da der hiesige Pfarrer schwaͤch- lich Waͤre, so koͤnnte Hieronimus gemaͤchlich Und ohne allen Zank und Geschrei Antreten die erledigte Pfarrei; 27. Wenn 27. Wenn es naͤmlich bald gluͤcklich geluͤnge, Daß der Pfarrer den Weg alles Fleisches ginge, Denn seine kraͤnkliche Konstitution Ließe dieses fest hoffen schon. 28. Hieronimus vermochte so viel Gruͤnden und Flehen Nunmehro nicht laͤnger zu widerstehen, Er gab also, obgleich aͤngstlich genung, Dazu seine Einwilligung. 29. Er leerete uͤbrigens zwar mit Vergnuͤgen Manches großes Glas in starken Zuͤgen, Doch wenn er an’s kuͤnftge Examen gedacht, So hat ihm dieses ein Grausen gemacht. 30. Endlich suchte er seine traurigen Grillen Durch einen tuͤchtigen Rausch zu stillen, Obgleich sein Mißfallen der alte Jobs Bezeigte, durch ernsthaftes Schuͤtteln des Kopfs. Jobsiade 1r Th. F Neun- Neunzehntes Kapitel . Wie Hieronimus zum Kandidaten examinirt ward, und wie es ihm dabei erging. 1. I ndeß ist es beim Entschlusse geblieben, Und nach wenigen Wochen hat man ver- schrieben Die ganze hochehrwuͤrdige Klerisey Zu Hi e ronimus Examen herbei. 2. Jedoch, wie ihm ob solcher Gefahre, Des nahen Examens zu Muthe ware, Und sein gemachtes aͤngstliches Gesicht, Dies alles begreift der Leser nicht. 3. Es waͤre also solches zu schildern vergebens. Die fuͤrchterlichste Stunde seines Lebens, Nahte nunmehro endlich herzu; Ach! du armer Hieronimus, du! 4. Nenne mir nun, Jungfer Muse, die Namen Der geistlichen Herrn, welche zum Examen Aus jeder Gegend der Schwaͤbischen Welt Am bestimmten Tage sich eingestellt. 5. Der erste war der Herr Inspektor , In der Lehre stark wie ein andrer Hektor, Ein stattlicher dickgebauchter Mann; Man sah ihm gleich den Inspektor an. 6. Seine 6. Seine Verdienste schafften ihm diese Wuͤrde; Er trug uͤbrigens seines Amtes Buͤrde Geduldig und mit gar frohem Muth Und aß und trank taͤglich gut. 7. Nach ihm kam der geistliche Assesser , Ein Mann von Person zwar etwas groͤßer, Doch an Koͤrper und Waden duͤnn Und von etwas muͤrrischem Sinn. 8. Er triebe nebst der geistlichen Sache Verschiedene Stuͤcke aus dem oͤkonomischen Fache Und trank nur Bier und schlechten Wein, Denn seine Einkuͤnste waren klein. 9. Auch Herr Krager , ein Mann von hohen Jahren, In den Kirchenvaͤtern sehr wohl erfahren, Die er, so oft die Gelegenheit kam Seinen Satz zu erweisen, hernahm. 10. Auch Herr Krisch , ein Mann von guten Sitten, Ungemein stark in Postillen beritten; Wobei er sich so gut und noch besser befand Als der beste Pfarrer im Schwabenland. F 2 11. Auch 11. Auch Herr Beff , ein weidlicher Linguiste, Und im Leben und Wandel ein ziemlicher Christe, Im Vortrag ein ewiges Einerlei, Doch niemals gegen Orthodoxei. 12. Auch Herr Schrei , stark in der Rede, Weder in Gesellschaften, noch auf der Kan- zel bloͤde, Lebte uͤbrigens munter und frisch Mit seiner Koͤchin exemplarisch. 13. Auch Herr Plotz , ein Mann wie ein Engel, Er hatte zwar in der Jugend viele Maͤngel, Nachdem er aber sein Amt trat an, Ward er ein gar frommer Mann. 14. Er hielte seine hochgeliebte Gemeine Von allen Lastern und boͤsem Wesen reine, Und strafte zur Zeit und zur Unzeit Alle und jede, doch nach Gelegenheit. 15. Auch Herr Keffer , nie muͤde in Lehr und Strafen, Er nahm sich treulich an seiner Schaafen, Doch fande sich in der Heerde sein Mancher hartnaͤckiger Bock mit ein. 16. Oft war er, um sie zurechte zu fuͤhren, Er deshalb genoͤthiget zu prozessiren, Denn er verstand die Jura, in der That, So gut als der beste Advokat. 17. Ausser 17. Ausser diesen obengenannten kamen Noch mehr geistliche Herren zum Examen, Die ich nicht alle Mann fuͤr Mann Sogar genau mehr nennen kann. 18. Als nun die ganze geistliche Schaare Der hochehrwuͤrdigen Herren beisammen ware, So setzten, praͤmissis praͤmittendis, Sich alle um einen großen Tisch. 19. Hieronimus trat mit Zittern und Zagen Vor die saͤmmtliche Gesellschaft der weissen Kragen Und scharrete ihnen demuͤthig den Gruß. O weh dir! o weh dir! Hieronimus! 20. Zuvorderst erkundigten die Examinatores Sich nach seinen bisherigen Sitten und Mores Und fragten ihn bald, ob er auch haͤtt’ Ein Zeugniß von der Universitaͤt? 21. Hieronimus, ohne sonderliche Umstaͤnde, Gab das Attest in des Inspektors Haͤnde, Welcher dasselbe alsbald dann luß; O weh dir! o weh dir! Hieronimus! 22. Es war zwar, wie oben schon angefuͤhret, In Latein und Griechisch koncipiret, Folglich zu lesen ein schweres Stuͤck; Doch verstand zu allem Ungeluͤck 23. Der 23. Der Inspektor etwas von den Sprachen, Um hier die noͤthigste Dolmetschung zu machen; Denn fuͤr jeden andern geistlichen Herr War die Uebersetzung zu schwer. 24. Damit nun hier nichts moͤge fehlen, Will ich dem geneigten Leser erzaͤhlen, Was eigentlich in dem Attestat Von Wort zu Wort gestanden hat. 25. Zuerst Name und Titel vom Professer Und in drei Buchstaben etwas groͤßer Wuͤnschte er, L. B. S. dem Lectori Benevolo Salutem! 26. Sintemal und im maßen drei Jahre Und einige Wochen hieselbst ware Herr Hieronimus Jobsius Als Theologiaͤ Studiosus; 27. Derselbe aber abzureisen nun mehro Ernstlich ist gesonnen, und dero- halben um ein schriftlich Attestat Mich geziemen der maßen bat: 28. Sohabeich nicht unterlassen koͤnnen: Ihme solches schriftliches Zeugniß zu goͤnnen: Daß derselbe alle viertel Jahr Bei mir einmal im Kollegio war. 27. Ob 29. Ob er sich sonst des Studirens pri- vat e m beflissen, Wird ihm wohl sagen sein eigen Gewissen, Dann in diesem schriftlichen Be- richt Behaupte und zeugeich solches nicht . 30. Und von seinem sonstigen Betragen Waͤre zwar nicht viel gutes zu sagen, Allein die christliche Liebe will, Daß ich davon schweige still . 31. Uebrigens wuͤnsch ich ihm auf alle Weise Hiedurch eine gluͤckliche Abreise, Und der guͤtige Himmel leite ihn Kuͤnftig zu allem Guten hin ! 32. Was man fuͤr große Augen gemachet, Und daß Herr Hieronimus nicht gelachet, Als man den Inhalt fand dergestalt, Ein solches begreifet der Leser alsbald. 33. Indeß ist es fuͤr diesmal geschehen, Daß man die Sache hat uͤbersehen, Und man redete von dem Attest Aus christlicher Erbarmung und Liebe das Best’. 34. Denn 34. Denn die Herren dachten weislich zuruͤcke, Daß sie auch wohl viele lustige Stuͤcke Auf Akademien getrieben vor dem; Man schritte also weiter ad rem. 35. Der Herr Inspektor machte den Anfang Hustete viermal mit starkem Klang, Schnaͤuzte und raͤusperte auch viermal sich Und fragte, indem er den Bauch strich: 36. Ich, als zeitlicher pro tempore Inspektor, Und der hiesigen Geistlichkeit Direk- tor, Frage Sie: Quid sit Episcopus? Alsbald antwortete Hieronimus: 37. Ein Bischof ist, wie ich denke, Ein sehr angenehmes Getraͤnke Aus rothem Wein, Zucker und Pomeran- zensaft Und waͤrmet und staͤrket mit großer Kraft. 38. Ueber diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes; Der Inspektor sprach zuerst, hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. 39. Nun hub der Assessor an zu fragen! Herr Hieronimus! thun Sie mir sagen, Wer die Apostel gewesen sind ? Hieronimus antwortete geschwind: 40. Apo- 40. Apostel nennet man große Kruͤge Darin gehet Wein und Bie zur G'nuͤge, Auf den Doͤrfern und sonst beim Schmaus Trinken die durstigen Bursche daraus. 41. Ueber diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes, Der Inspektor sprach zuerst, hem! dem! Drauf die andern secundum ordmem. 42. Nun traf die Reihe den Herrn Krager Und er sprach: Herr Kandidat! sag ’ Er, Wer war der heilige Augustin ? Hieronimus antwortete kuͤhn: 43. Ich habe nie gehoͤrt oder gelesen, Daß ein andrer Augustin gewesen, Als der Universitaͤtspedell Augustin, Er citirte mich oft zum Prorektor hin. 44. Ueber diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes, Der Inspektor sprach zuerst, hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. 45. Nun folgte Herr Krisch ohn Verweilen Und fragte: Aus wie vielen Theilen Muß eine gute Predigt bestehn, Wenn nach Regeln sie sollte ge- schehn ? 46. Hie- 46. Hieronimus, nachdem er sich eine Weile Bedacht sprach: die Predigt hat zwei Theile, Den einen Theil niemand verstehen kann, Den andern Theil aber versteher man. 47. Ueber diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes, Der Inspektor sprach zuerst, hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. 48. Nun fragte Herr Beff der Linguiste: Ob Herr Hieronimus auch wohl wuͤste, Was das hebraͤische Kuͤbbuz sey ? Und Hieronimus antwortete frei: 49. Das Buch, genannt Sophiens Reisen Von Memel nach Sachsen, thut es weisen, Daß sie den muͤrrischen Kuͤbbuz bekam Weil sie den reichen Puff fruͤher nicht nahm. 50. Ueber diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes, Der Inspektor sprach zuerst, hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. 51. Nun kam auch an den Herrn Schreier , Den Hieronimus zu fragen, die Reihe, Er fragte also: Wie mancherlei Die Gattung der Engel eigentlich sey? 52. Hie- 52. Hieronimus that die Antwort geben: Er kenne zwar nicht alle Engel eben Doch waͤr ihm ein blauer Engel bekannt Auf dem Schild an der Schenke, zum En- gel genannt. 53. Ueber diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes, Der Inspektor sprach zuerst, hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. 54. Herr Plotz hat nun fortgefahren Zu fragen: Herr Kandidate! wie viel waren Concilia oecumenica? Und Hieronimus antwortete da: 55. Als ich auf der Universitaͤt studiret, Ward ich oft vor’s Concilium citiret, Doch betraf solches Concilium nie Sachen aus der Oekonomie. 56. Ueber diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes, Der Inspektor sprach zuerst, hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. 57. Nun folgte Herr Keffer , der geistliche Herre, Seine Frage schien zu beantworten schier schwere Sie betraf der Manichaͤer Ketzerei, Und was ihr Glaube gewesen sey ? 58. Ant- 58. Antwort: Ja, diese einfaͤltigen Teufel Glaubten, ich wuͤrde sie ohne Zweifel Vor meiner Abreise bezahlen noch, Ich habe sie aber geprellet doch. 59. Ueber diese Antwort des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes, Der Inspektor sprach zuerst, hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. 60. Die uͤbrigen Fragen, welche man proponiret, Lasse ich hier aus Mangel des Raums unbe- ruͤhret, Denn sonst machte das Protokoll Wohl mehr als sieben Bogen voll. 61. Sintemal man noch vieles gefraget, Worauf Hieronimus die Antwort gesaget Auf obige Weise, Stuͤck vor Stuͤck Aus Dogmatik, Polemik und Hermenevtik. 62. Imgleichen sonst noch manche Sachen Aus der Kirchenhistoria und Sprachen, Und was man einen geistlichen Mann Sonst wo zur Pruͤfung noch fragen kann. 63. Ueber alle Antworten des Kandidaten Jobses Geschah allgemeines Schuͤtteln des Kopfes, Der Inspektor sprach zuerst, hem! hem! Drauf die andern secundum ordinem. 64. Als 64. Als nun die Pruͤfung zu Ende gekommen, Hat Hieronimus einen Abtritt genommen, Damit man die Sache nach Kirchenrecht In reife Ueberlegung nehmen moͤcht: 65. Ob es mit gutem Gewissen zu rathen, Daß man in die Klasse der Kandidaten Des heiligen Ministerii den Hieronimum aufnehmen koͤnn’. 66. Es ging also an ein Votiren, Doch ohne vieles Disputiren Ward man einig alsobald: Es koͤnne zwar dermal und solchergestalt 67. Herr Hieronimus es gar nicht verlangen Den Kandidaten-Orden zu empfangen, Jedoch aus besondrer Konsideration Wollte man stille schweigen davon. 68. Es hat auch wirklich in vielen Jahren Kein Fremder davon etwas erfahren, Sondern jedermann hielt fruͤh und spat Den Hieronimum fuͤr einen Kandidat. Zwan- Zwanzigstes Kapitel . Wie der Autor gar demuͤthiglich um Verge- bung bittet, daß das vorige Kapitel so lang gewesen und wie er verspricht, daß das gegenwaͤrtige Kapitel desto kuͤrzer seyn sollte. Ein Kapitel, wovon die Rubrik laͤnger ist, als das Kapitel selbst, und welches, unbe- schadet der Geschichte, wohl haͤtte wegblei- ben koͤnnen. 1. I ch bitte um Verzeihung alle, die mich lesen, Daß voriges Kapitel so lang gewesen, Dabei soll auch dieses Kapitelein, Liebe Leser! desto kuͤrzer seyn. Ein- Ein und zwanzigstes Kapitel . Wie Vater Jobs der Senator dem Hieroni- mo eine Straspredigt halten thaͤt, und wie er vor Verdruß stirbt. 1. N un haͤtte man sollen das Laͤrmen sehen Was da in Jobsens Hause geschehen, Weil es, wie gesagt, nicht allerding Mit dem Examen nach Wunsche ging. 2. Aber was that denn des Hieronimi Vater? Lieber Leser! du magst wohl fragen: was that er? Er gerieth drob in gar großen Grimm, Und sagte zu seinem Sohne: „du Luͤm- 3. „mel! hab’ ich drum so viel angewendet „Und ganze Haͤnde voll Geld verschwendet, „So daß fast worden zum armen Mann, „Und habe itzt nur Verdruß daran? 4. „Haͤttest du fleißiger gestudiret „Und dich rechtschaffener aufgefuͤhret, „So waͤrst du itzo nunmehro hie „Ein Kandidatus Ministerii! 5. „Und 5. „Und bekaͤmest bald eine gute Pfarre; „Aber du bist nun ein ungelehrter Narre, „Der nichts von der Theologie versteht „Und sein Leben lang brodlos geht! 6. „Deine Mutter und ich hofften beide „An dir zu erleben viele Freude, „Und nun haben wir bittern Verdruß „Ob dich boͤsen Hieronimus! 7. „Alles was du vormals mir geschrieben, „Als haͤttest du die Studia getrieben, „Und waͤrest von allen der fleißigste, „Sind lauter Luͤgen, wie ich nun seh. 8. „Auch was du vom Privatissimo „Und zehn Stunden im Kollegio, „Von der Professoren Zufriedenheit, „Vom Therrinken in der Einsamkeit; 9. „Item, von den vielen gelehrten Dingen, „Wovon dir der Kopf wollte zerspringen, „Vom Meditiren bis in die Nacht „Und sonst noch etwa hast vorgebracht; 10. „Auch daß dein Magen vom vielen Sitzen und Lesen „Geschwaͤchet und verdorben gewesen, „Das alles ist, wie’s sich nun befind’t, „Nichts gewesen, als Luͤgen und Wind. 11. „Haͤt- 11. „Haͤtte ich doch ehmals unsers frommen „Rektors guten Rath angenommen, „Der es deutlich genug sagte mir: „Es wuͤrde niemals etwas gutes aus dir! 12. „So waͤre das viele Geld ersparet „Und manches Kapital rund bewahret, „Das du, boͤser, unnuͤtzer Knecht! „Auf der Unversitaͤt verzecht. 13. So war ohngefaͤhr die Predigt beschaffen, Die der Alte hielte, den Sohn zu bestrafen, Und er haͤtte im ersten Affekt, Fast den Hieronimus mit Pruͤgeln bedeckt. 14. Weil indessen Zuͤrnen und Schelten Fuͤr die Gesundheit zutraͤglich ist selten, So fiel auch den guten alten Mann Gleich eine heftige Krankheit an. 15. Denn er litte oft in gesunden Tagen Vom schmerzlichen Podagra viel Plagen; Sein Rathsherrnstand, guter Appetit und Ruh Disponirten den Koͤrper dazu. 16. Nun aber verließen ihn ploͤtzlich die Schmerzen Und das Podagra trat ihm zum Herzen, Und nach vier und zwanzig Stunden Zeit Wanderte er aus der Zeitlichkeit. Jobsiade 1r Th. G 17. Alles 17. Alles im Hause rang nun die Haͤnde Und des Klagens und Jammerns war kein Ende, Daß Hieronimus selbst sogar Kaum daruͤber zu troͤsten war. 18. Der Leser moͤchte vielleicht gaͤhnen Wenn ich diese traurigen Scenen Naͤher beschrieb, ich lasse drum nun Den Senator Jobs in Frieden ruhn. Zwei und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus beinahe ein Informator ei- nes jungen Barons geworden waͤre. 1. O bgleich nunmehro schon vierzehn Tage Der alte Senator Jobs im Grabe lage; So dachte doch noch dann und wann Die Wittwe Jobsen an den seligen Mann. 2. Hieronimus bekam indessen sein Futter Bisher noch zu Hause von der Mutter Und haͤtte in solchem Muͤssiggang Zugebracht gerne sein Leben lang; 3. Wenn ihm nicht waͤre der Vorschlag geschehen Sich nunmehro anderswo umzusehen, Wo er in der Zukunft bequem, Seinen Unterhalt gebuͤhrlich hernaͤhm. 4. Denn 4. Denn die Hoffnung, eine Pfarre zu bekommen, War dem armen Scheim gaͤnzlich benommen, Nachdem die gelernte Predigt einmal Gehalten war auf den Doͤrfern uͤberall. 5. Sintemal nun manche große Geister Ihr Gluͤcke gemacht als Hofmeister, So fiel es auch dem Hieronimus ein, Irgendwo Hofmeister zu seyn. 6. Das Gluͤck schien ihm nicht ungeneiget, Denn es hat sich ohngefaͤhr gezeiget Nach etwa dreier Monate Zeit Fuͤr ihn eine schoͤne Gelegenheit. 7. Denn ein benachbarter Herr von Adel Suchte einen Informator ohne Tadel, Fuͤr billige Kost und acht Gulden Lohn Bei dem jungen Baron, seinem einzigen Sohn. 8. Religion, Sitten, fuͤnferlei Sprachen, Schreiben, Rechnen und dergleichen Sachen, Philosophie, Physik, Geographie, Mathematik, Historie, Poesie, 9. Zeichnen, Musik, Tanzen, Fechten, Reiten Et caetera, waren bloß die Kleinigkeiten Welche fuͤr die acht Gulden Lohn Lernen sollte der junge Baron. G 2 10. Es 10. Es ließen also Ihro Gnaden Den Kandidaten Hieronimus zu sich laden, Und fragten: ob er fuͤr die acht Gulden Lohn Uebernehmen wollte die Information? 11. Hieronimus antwortete: Gnaͤdiger Herre! Das Informatoramt ist sauer und schwere Und es waͤren acht Gulden schier Viel zu weniges Lohn dafuͤr. 12. Doch, um Eure Gnaden zu gefallen, Entschließe ich mich sofort zu allen, Und nehme den jungen Herrn Baron Gleich in meine Information. 13. Der Handel war also nun getroffen, Bis sich zuletzt wieder alles Verhoffen Noch eine kleine Schwierigkeit fand. Welche bloßerdings darin bestand: 14. Ob auch Hieronimus in den verlangten Sachen Die erforderliche Probe koͤnne machen, Welche fuͤr die acht Gulden Lohn Lernen sollte der junge Baron? 15. Da hat sich aber balde gewiesen, Daß Hieronimus von allen diesen Sachen selbst nichts gewußt, die von Ihm lernen sollte der junge Baron. 16. Er 16. Er ward also in Frieden entlassen, Und zog wieder heim seine Straßen, Und verwuͤnschte die Information Zum Henker, mit dem jungen Baron. 17. Ihro Gnaden aber suchten kreuz und queere, Ob ein andrer aufzutreiben waͤre, Welcher fuͤr die acht Gulden Lohn Uebernaͤhme die Information. 18. Ob er fuͤr die acht Gulden bis zu heutigen Stunden Einen solchen gelehrten Information gefunden, Ist etwas, das ich nicht sagen kann, Es geht mich auch in der That nichts an. Drei Drei und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus ein Hausschreiber ward bei einem alten Herren, welcher eine Kammer- jungfer hatte, mit Namen Amalia: und wie er sich gut auffuͤhrte bis im folgenden Kapitel. 1. U nter allen Staͤnden, die da werden Angetroffen auf unserer Erden, Ist, Zweifels ohne, wie bekannt, Der Wittwenstand der betruͤbteste Stand. 2. Wo der Mann, als das Haupt des Weibes, Fehlt, da steht es um die Pflege des Leibes Und um die ganze Haushaltung schlecht Und nicht das Geringste geht zurecht. 3. Die Einkuͤnfte werden nach und nach vermin- dert, Die unentbehrliche Nahrung wird verhindert, Und gleich wie in einem Jammerthal Ist Angst, Noth, Elend uͤberall. 4. Frau Jobs hat dies auch, leider! erfahren, Denn sie merkte, daß gleich in den ersten Jah- ren Alles im Hause den Krebsgang ging, Und sie arm an zu werden fing. 5. Hie- 5. Hieronimus nun hat dazu freilich Das seinige beigetragen getreulich, Denn er lebte in muͤssiger Ruh, Aß gut und trank noch besser dazu. 6. Indessen ward doch nun auf die Dauer Der guten Wittwe solche Wirthschaft zu sauer, Und ihr Hieronimus gereichte fast Der Oekonomie zur groͤßten Last. 7. Er hat es auch selbst eingesehen Daß es nicht laͤnger gut werde gehen Und erkundigte sich also weit und breit Um eine andre Gelegenheit. 8. Wie nun gewoͤhnlich die Dummen und From- men Am allerbesten in der Welt fortkommen, So bot auch bei einem Edelmann Sich abermal fuͤr ihn eine Stelle an. 9. Dieser Herr lebte auf dem Lande In einem trefflichen ruhigen Stande, Und verzehrte als ein bied’rer Kavaller Seine großen Einkuͤnfte mit Plaͤsir. 10. Er that in seiner Jugend einige Zuͤge Im damaligen siebenjaͤhrigen Kriege, Doch lag er meistens in Garnison Und schonte so viel moͤglich seine Person. 11. In- 11. Indeß ward er bald dieses Lebens muͤde, Denn er haßte Krieg und liebte Friede, Und hielt folglich als ein tapfrer Mann Unterthaͤnig um seinen Abschied an. 12. Jedoch fand er noch immer viel Vergnuͤgen, Oft zu reden von verschiedenen Siegen, Und wie er einmal von ohngefaͤhr Auf der Flucht beinahe gefangen waͤr. 13. Uebrigens war er geneigt zu spaßen, Schoß auch wohl auf der Jagd einen Hasen, Trank bei der Tafel Burgunderwein Und lebte ohne Gemahlin allein. 14. Er war also, in soweit, ein Junggeselle, Doch war bei ihm, an der Gemahlin Stelle, Eine Kammerjungfer, die fruͤh und spat Die noͤthigen Beduͤrfnisse besorgen that. 15. Er sparte als Greis den Rest seiner Kraͤfte Und bekuͤmmerte sich um keine Geschaͤfte, Sondern ein treues Bedienten-Paar Besorgte, was zu besorgen war. 16. Der eine war ein schlauer, alter, Treubefundener Hausverwalter, Und der andre Herr Bediente war Ein also genannter Sekretar. 17. Der 17. Der Verwalter war noch am Leben Und befand sich beim Dienste nicht uneben, Denn er sorgte klug und weislich Wenig fuͤr’n Herrn und viel fuͤr sich. 18. Der Sekretar war vor einigen Tagen Weil er todt war, zu Grabe getragen, Und also und dergestalt fand Sich diese wicht’ge Bedienung vakant. 19. Nun war der Verwalter ein alter Bekannter Von Hieronimi Eltern, und darum wandt er Als ein treuer dienstfertiger Mann Alle Muͤh’ fuͤr Hieronimus an, 20. Und hat ihn sehr kraͤftig rekommandiret, Ihn darauf in Persona praͤfentiret Bei der Jungfer und beim alten Herrn Als einen faͤhigen Sekretaͤrn. 21. Es hat auch seine Person fuͤr allen Der Kammerjungfer nicht uͤbel gefallen, Drum versprach sie ihm steif und fest Bei dem Herrn zu reden das Best. 22. Er schien ihr beim ersten Anblick schon besser Als der vorige Schreiber, sein Antecesser; Denn Hieronimus war stark und lang, Der vorige aber war mager und krank. 23. All- 23. Alldieweil er nun, wie gesaget, Der Kammerjungfer, als der Hauptperson, behaget, So gab auch der alte Herr sofort Dazu sein Fiat und adliches Wort. 24. Um ihm desto mehr Gnaden zu erweisen, Mußte er sogar diesmal mit ihm speisen, Und der Herr sprach mit freundlicher Stimm Nach geendigter Mahlzeit zu ihm: 25. „Seine Pflicht soll darin bestehen, „Daß er nach Vieh und Gesinde muß sehen, „Und als der geheime Sekretaͤr „Schreibe, was etwa zu schreiben waͤr. 26. „Wird er nun diese seine Amtspflichten „Als ein braver Schreiber ausrichten; „So geb ich ihm dafuͤr, alle Jahr, „Vierzig harte Reichsthaler baar. 27. „Gefaͤllt ihm diese Bedingung, so bleib er „Bei mir, sub titulo als Hausschreiber, „Und ich verspreche ihm, wenn er treu, „Noch manche Accidenzien dabei; 28. „Doch muß er es niemals probiren, „Mit der Kammerjungfer zu haseliren; „Denn wo etwa solches geschicht, „So leide ich’s, mein Seel! nicht. 29. „Der 29. „Der letztverstorbene Hausschreiber „Sah gerne Maͤdchen und junge Weiber, „Und es ward mir sogar kund, „Daß er mit meiner Jungfer gut stund. 30. „Ich haͤtte ihn prostituiret „Und ohne viele Umstaͤnde kassiret; „Weil er aber klein war und schwach, „So sah ich ihm noch den Fehler nach. 31. „Das Maͤdchen ist zwar schlau und witzig; „Aber dabei verzweifelt hitzig, „Und wie mir gar manchesmal daͤucht, „Zu allerlei schlimmen Sachen geneigt. 32. „Vor fuͤnf Jahren, unvermutheter Weise, „Traf ich sie an auf einer Reise; „Und ihr lustiges Wesen gefiel mir, „Machte also meine Jungfer aus ihr. 33. „Er wird uͤbrigens, ohne zu fragen, „Leicht schließen, was ich hiemit will sagen; „Denn einmal vor allemal sage ich nu, „Halte er mit Amalien nicht zu! 34. Hieronimus waͤre nicht klug gewesen, Wenn er nicht, ohne viel Federlesen, Auf obige Bedingung geworden waͤr Sehr gern der geheime Sekretaͤr. 35. Er trat also sein Amt an geschwinde, Und sah taͤglich nach Vieh und Gesinde, Schrieb auch auf oͤfters und viel, Was etwa zu notiren vorfiel. 36. Zum 36. Zum Exempel: eingekommene Paͤchte, Ausgegebenes Lohn fuͤr Maͤgde und Knechte, Der geschossenen Hasen und Rebhuͤhner Zahl, Oder wenn man den Herrn bestahl; 37. Oder was der Hausadvokat bekommen, Oder der Richter extra genommen, Oder was auf dem Markte indeß, Man geloͤset an Butter und Kaͤs. 38. Oder wenn etwa der Hausschneider Der frommen Amalia ihre Kleider Unten und oben weiter gemacht, Oder die Kuh ein Kalb gebracht. 39. Oder wenn die Jungfer Unpaͤßlichkeit wegen Zur Ader gelassen, oder krank gelegen, Oder ein Huhn geleget ein Ei; Ausgaben und Einkuͤnfte mancherlei. 40. Wenn auch etwa Briefe zu schreiben waren, So ließ der alte Herr, all’s Schreibens uner- fahren, Dem Herrn Sekretaͤr auch diese Muͤh, Und Hieronimus besorgte treulich sie. 41. Mit Huͤlfe von Talanders Briefsteller Ward er in Briefen fertiger und schneller, (Und dieses zwar gar in kurzer Zeit) Als je ein Schulmeister in der Christenheit. 42. In 42. In den uͤbrigen Stunden ging er muͤßig, Aß, trank und schliefe uͤberfluͤssig, So, daß er dieses Sekretariat Sich lebenslaͤnglich gewuͤnschet hat. Vier und zwanzigstes Kapitel . Wie dem Sekretar Hieronimo kuriose Sachen vorkamen, und er weggejaget wurde. 1 G eneigter Leser! unsre alten Vorfahren Waren gewiß keine dumme Narren, Sie hatten vielmehr oftermal Einen klugen und gesunden Einfall. 2. Und sie haben, in ihrem Leben Den Nachkommen viel gute Lehren gegeben, Mancher stets wahr befundener Spruch, Zeiget noch ihre Weisheit genug. 3. Es ist auch itzo fast in allen Landen, Unter andern ein altes Spruͤchwort vor- handen, Dessen Gewißheit und Wahrheit man Noch taͤglich vor Augen sehen kann. 4. Naͤm- 4. Naͤmlich: wenn einer soll koͤnnen tra- gen Eine Last von lauter guten Tagen, So muß er mit sehr starkem Gebein Von der Natur versehen seyn . 5. Dieses alten Spruͤchworts Wahrheit Zeiget sich auch, mit großer Klarheit, Im gegenwaͤrtigen Kapitel, schon fruͤh, An dem Exempel Hieronimi. 6. Dieser lebte gleich einem Fuͤrsten, Brauchte weder zu hungern, noch zu duͤrsten, Schlief fruͤh ein und erhub sich spaͤt Nach ruhigem Schlaf vom Federbett. 7. Es mangelte ihm folglich an keinem Stuͤcke. Doch es war, zu seinem Ungeluͤcke, Bewußtermaßen die Jungfer da, Welche er taͤglich verliebt ansah. 8. In ihren Minen und ganzem Wesen Schien er deutlich zu koͤnnen lesen, Daß sie in ihn den Sekretaͤr Ebenfalls sterblich verliebet waͤr. 9. Oft auch, wenn er sie ganz nahe Mit Aufmerksamkeit ins Gesicht sahe, So that der Gedanke bei ihm entstehn, Als haͤtt’ er sie vormals mehr gesehn. 10. Trotz 10. Trotz dem Verbote des alten Herren Wagt’ ers nun, ihr die Liebe zu erklaͤren, Und so wurden sie bald so vertraut, Als waͤren sie Braͤutigam und Braut. 11. Doch, in Gegenwart des alten Herren, Schien er ihrer gar nicht zu begehren, Und er nahm sich vor allem Verdacht Weislich und, so viel moͤglich, in Acht. 12. Aber, ohne desselben Willen und Wissen, Brachte in allerlei Scherzen und Kuͤssen Manches geheimes Stuͤndelein um Amalia mit dem Hieronimum. 13. Dieses des Hieronimi gutes Betragen That dem Maͤdchen trefflich behagen, Denn fuͤr die leere Schmeichelei Des Herrn hielt sie der Schreiber frei. 14. Er bekam auch dafuͤr viel schoͤne Dinge, Dosen und Hemder, Schnallen und Ringe, Tuͤcher, Manschetten, Struͤmpfe, Hand- schuh, Halsbinden, Muͤtzen und mehr dazu. 15. Einst hatte er bei ihr, von Amtswegen, Ein Schreibergeschaͤfte abzulegen, Und da reichte sie ihm sogar Eine fuͤrtreffliche Sackuhr dar. 16. Er 16. Er hat sie gar dankbarlich angenommen, Doch gleich, als er sie in die Hand bekommen, Rief er: Potz tausend Element! Diese Sackuhr habe ich gekennt. 17. Amalia ward zwar betroffen, Doch gestund sie ihm sofort offen- herzig, sie habe von einem Student Sie ehmals erhalten zum Praͤsent. 18. Wie’s doch so wunderlich pflegt zu gehen, Das kann man itzodeutlich hier sehen , Erwiederte Hieronimus; sich erlich! Dieser Studente war ich . 19. Und nunmehr haben sich beide besonnen, Daß schon vor fuͤnf Jahren ihre Bekanntschaft begonnen, Und aus der gestohlnen Sackuhr Machte die Jungfer itzt Schnack nur. 20. Und sie haben beide herzlich gelachet Und uͤber den Possen sich lustig gemachet, Daß nunmehr, in die rechte Hand, Sich die vermißte Uhr wieder fand. 21. Uebrigens war es kein sonderlich Wunder, Daß die Jungfer nicht im Hieronimus jetzun- der, Als Kandidaten und Sekretaͤr, Den vorigen Studenten kannte mehr. 22. In- 22. Indessen machte diese laͤcherliche Affaire, Daß sich beide von nun an noch desto mehre, Zum Possen des alten Edelmanns, Geliebet haben von Herzen ganz. 23. Ihr Umgang ward also auf die Dauer Taͤglich vertrauter und genauer, Und ihr Loͤffeln und Buhlerei Trieben sie fast offenbar und frei. 24. War die Jungfer im Keller und Garten, So that der Herr Schreiber ihr aufwarten, Und in Kuͤche, Kammer und Stall Folgte er nach ihr uͤberall. 25. Sogar, wenn sie etwa nicht, von Pflicht- wegen, Den alten Herrn mußte waͤrmen und pflegen: So brach sich Hieronimus den Schlaf ab, Und ihr naͤchtliche Visiten gab. 26. Auch bei dem Schreiben und Notiren That Amalia ihm treulich assistiren, Und befand sich ohne Unterlaß Bei ihm, wo er stand oder saß. 27. Sie gab ihm auch manch schoͤnen Leckerbissen Von des Herren Tafel heimlich zu geniessen, Und vom Kaͤlberbraten und Wildpret Bekam er immer die Nieren und Fett. Jobsiade 1r Th. H 28. Sie 28. Sie brachte ihm noch dabei unter- weilen manche Flasche Burgunder Heimlich aus dem Kellerhaus, Und Hieronimus trank sie aus. 29. So verstrichen in lauter Wollust die Tage Des Hausschreibers Hieronimi, und ich sage, Daß kein hochwuͤrdiger Herr Praͤlat Jemals besser gelebet hat. 30. Es konnte sich aber dergestalten Dies Leben nicht lange so verhalten, Denn der alte gnaͤdige Herr Merkte den Handel mehr und mehr. 31. Und anstatt daß er sonst gelachet, Hat er nun saure Gesichter gemachet, Und er gab deutlich genug zu verstehn, Die Sache muͤsse nicht laͤnger so gehn. 32. Zum Ueberfluß fuͤhrte er noch in aller Guͤte Dem Herrn Sekretaͤren zu Gemuͤthe, Daß, wenn er Amalien nicht kuͤnftig vermied, So ertheilte er ihm den Abschied. 33. Hieronimus versicherte auf seine Ehre! Daß nichts Schlimmes vorgegangen waͤre, Und er wollte lieber hinfort Mit Amalia reden kein einziges Wort. 34. Wenn 34. Wenn Er das thut, so kann Er bleiben, So lange Er will, und bei mir schreiben Lebenslang, als mein Sekretaͤr! Erwiederte nun der alte Herr. 35. Obgleich nun, seit diesem Augenblicke, Hieronimus die verliebten Tuͤcke Mit der Jungfer heimlicher trieb, Und desto fleißiger notirte und schrieb: 36. So hat sich dennoch, nach einigen Tagen, Ein sonderlich Abentheuer zugetragen, Als der alte Herr, Abends spaͤt, Schlaflos sich herumwaͤlzte im Bett. 37. Und deswegen, wie er wohl zu thun pflegte, Einen Besuch bei Amalien ablegte, Damit sie durch ihre Freundlichkeit Ihm vertriebe die Schlaflosigkeit. 38. Da geschah alsbald ein groß Wunder; Denn er fand daselbsten itzunder, Daß schon Hieronimus, der Sekretar, Bei der Jungfer im Bettlein war. 39. Himmel! tausend Element! potz Velten! Da ging es an ein Fluchen und Schelten, Und es wurde noch in derselbigen Nacht Hieronimus aus dem Hause gejagt. H 2 40. Es 40. Es half hier weder Bitten noch Flehen, Das Abentheuer war nun einmal geschehen, Und selbst die Kammerjungfer sogar Gerieth fast drob in große Gefahr. 41. Doch ihre listigen Schmeicheleien Thaten sie diesesmal noch befreien, Aber dem ungluͤcklichen Kandidat Zu helfen, war nun weiter kein Rath. Fuͤnf und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus bei einer frommen Dame in Dienste kam, welche eine Betschwester war, und seiner in Unehren begehrte, und wie er von ihr weglief. 1. D ie von Amalien erhaltenen Gaben, Hemder, Ringe, Schnallen et caetera haben Zwar wohl noch eine kurze Zeit Den Hieronimus aus der Noth befreit. 2. Nachdem aber alles verkauft und verzehret, Was ihm die gute Jungfer hatte verehret So mußte er wieder nolens volens, Zur Vermeidung des Hungers und Elends, 3. Und 3. Und um nicht vor Kummer zu sterben, Sich um eine neue Versorgung bewerben, Und sich desfalls irgendwo nun In eine gute Bedienung thun. 4. Nun lebte auf einem einsamen Schlosse Eine verwittibte Dame, die eine große Also genannte Betschwester war, Sie war alt und hatte schon graues Haar. 5. Brachte darum mit Beten und Singen, Und lauter andern geistlichen Dingen, Als eine sehr große Heiligin Schon einige Jahre des Lebens hin. 6. Sie litte nicht die allermindeste Suͤnde An und bei ihrem saͤmmtlichen Gesinde, Und versammelte sie taͤglich zweimal, Zum Singen und Gebet, in ihrem Saal. 7. Sie bestrafte bei ihnen auf liebreiche Weise Das kleinste Vergehn mit Entziehung der Speise, Und hielte viel vom Fasten und Kastei’n Und von einem halben Noͤsel Branntewein. 8. Da nun, ohne Zweifel, zu zweien Sich besser laͤßt trinken und kasteien, Auch uͤberhaupt in Gesellschaft Man singen kann mit groͤßerer Kraft: 9. So 9. So hatte sie schon laͤngst sich umgesehen, Einen frommen Menschen auszuspaͤhen, Welcher ihr, sowohl spaͤt als fruͤh, Moͤcht’ leisten geistliche Kompagnie. 10. Es waren nun zwar viele frommen Muͤßiggaͤnger zu ihr gekommen, Und hatten, wie sich’s ziemt und gebuͤhrt, Die geistlichen Dienste geofferirt; 11. Aber bisher hatte keiner von allen Das Gluͤcke gehabt, ihr zu gefallen, Denn bald schien ihr der eine zu alt, Bald der andre zu jung noch, und bald 12. War einer zu mager, bald einer zu schwaͤch- lich, Bald einer ein Kruͤppel, oder sonsten gebrech- lich, Bald einer stumm, taub, scheel oder blind, Oder ein haͤßliches Weltkind. 13. Hieronimus that es endlich wagen, Seine Dienste ihr anzutragen Als geistlicher Assistent, und, siehe da! Er gefiel ihr, sobald sie ihn sah. 14. Denn er war weder krank noch schwaͤchlich, Weder stumm, taub, blind oder gebrechlich, Weder zu jung und weder zu alt, Auch eben nicht von magrer Gestalt. 15. Seine 15. Seine halbgeistliche Kleidung und Perruͤcke Gefiel auch der Alten im Augenblicke, Und er versicherte derselben geschwind, Daß er waͤre kein Weltkind. 16. Er mußte also bei so gestalten Sachen Die erste Probe noch heute machen, Und er wohnte mit großem Geschrei Der frommen, singenden Versammlung bei. 17. Hat auch, mit einem ernsthaften Wesen, Aus der Hauspostill eine Predigt gelesen, Und that alles mit besonderm Anstand, Daß die Dame Vergnuͤgen drin fand. 18. Durch ihn ward ihr frommer geistlicher Eifer Tagtaͤglich dann immer fester und steifer, Und ihr ohnedem geistlicher Sinn Mehr und mehr erbauet durch ihn. 19. Sie ließ sich auch von dem frommen Kandi- daten In allen ihren Handlungen leiten und rathen, Und so ward in kurzer Zeit hier Hieronimus der Liebling von ihr. 20. Wenn er sich zuweilen auch etwa verginge, Und sich ungeistlicher Dinge unterfinge: So uͤbersah sie doch immer dies Als eine menschliche Schwachheit gewiß. 21. Er 21. Er brauchte auch, pro pœna, solchergestal- ten Das sonst eingefuͤhrte Fasten nicht zu halten, Sondern er bekam vielmehr zum Trost Lauter leckere und gesunde Kost. 22. Champagner, Kaffe und Chokolade, Liqueurs, Mandelmilch, Limonade Bekam der fromme Hieronimus, Auch taͤglich zu trinken im Ueberfluß. 23. Er lebte also, mit einem Worte, Sehr vergnuͤgt an diesem heiligen Orte, Wo er bloß nur aß und trank, Und zuweilen las und sang. 24. Das Schlimmste war, daß er der frommen Dame Fast gar nicht aus den Augen kame; Denn sie hatte zu bilden im Sinn Einen recht frommen Menschen aus ihm. 25. Wenn er bei ihr im Kanape saße Und aus einem frommen Buch was vorlase: So streichelte sie das fromme Schaaf, Und rief entzuͤckt aus: das ist brav! 26. Oft schmiegte sie sich an seine dicken Wangen, Wenn sie mit einander ein Lied sangen, Und so lagen sie Arm in Arm, Und sangen so ruͤhrend, daß Gott erbarm! 27. Bei 27. Bei einem so vertraulichen Wandel, Merkte zuletzt Hieronimus den Handel, Daß es der alten Dame nun Um etwas mehr, als Singen zu thun. 28. Ob dieser so wichtigen Entdeckung Ueberfiel ihn eine heftige Schreckung, Und ob solcher großen Gefahr Saß er da fast sprachlos und starr. 29. Als er sich von der ersten Bewegung Erholet, dachte er, mit vieler Regung, An das vormals genossene Gluͤck Mit der schoͤnen Amalie zuruͤck. 30. Diese war schoͤn, lieblich und ohne Maͤngel, Die Dame hingegen haͤßlich, wie ein schwar- zer Engel, Gelb, zahnlos, kahl, hager und grau, Kurz, eine unertraͤgliche Frau. 31. Nun haͤtte er sich sollen druͤcken Und in die Umstaͤnde einstweilen schicken, Und die Sache mit der alten Frau Nicht eben nehmen so genau; 32. Allein dieses wollte ihm nicht passen, Er hatte also freiwillig sie verlassen, Und so blieb dann hinfort die Dame allein Mit ihrem Gesangbuch und Branntewein. Sechs Sechs und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus ein schlimmes und ein gutes Abentheuer hatte, und wie er einmal in sei- nem Leben eine kluge That verrichtet hat. 1. H ieronimus, ehe und bevoren Er die Abreis von der alten Wittwe erkohren, Hat er mit einem Beutel voll Geld sich schoͤn Aus dem Kasten der Dame versehn. 2. Denn dafuͤr, daß er gesungen und gebetet, Und von frommen Dingen geredet Und die Caressen gehoͤret an, Mußte er billig ja etwas han. 3. Mit diesem Gelde that er nun wandern Von einer schoͤnen Stadt zur andern, Und indem er also herumgeirrt, Lernte er kennen manchen Wirth. 4. Traf er etwa hin und wieder Schoͤne Quartiere und lustige Bruͤder, Oder eine gute Wirthin im Haus, So ruht’ er gemeinlich einige Tage aus. 5. Es hat sich aber einsmals begeben, Daß er auf seiner Wanderschaft gar eben, Als es schon war Nachmittags spat, In einer großen Schenke abtrat. 6. Es 6. Es war das allerbeste Wirthshaus in Schwa- ben, Man konnte viel fordern und wenig haben, Und der Wirth war ein redlicher Mann, Schrieb gerne mit doppelter Kreide an. 7. Da waren ebenfalls, grade heute, Noch angekommen zwei fremde Leute, Welche Hieronimus, der Kleidung nach, Fuͤr reisende Handelsmaͤnner ansach. 8. Zwaren hat gleich einer von ihnen Ihm, von Person, etwas bekannt geschienen, Wenn nur ein großes Pflaster nicht Verstellet haͤtte das halbe Gesicht. 9. Diese Herren haben gesellschaftlich indessen Mit dem Hieronimus getrunken und gegessen, Und in kurzem richtete drauf Hieronimus mit ihnen Freundschaft auf. 10. Denn der Mann mit dem Pflaster im Ge- sichte Erzaͤhlte manche spaßhafte Geschichte, Theils geschehen, und theils erdacht, Worob sich Hieronimus fast krank gelacht. 11. Auch Hieronimus hat ihnen erzaͤhlet Seine Begebenheit, und nichts verhehlet, Wie es alles gegangen waͤr her, Als er war bei der Betschwester. 12. Sie 12. Sie haben uͤber diese wunderlichen Sachen Ebenfalls recht herzlich muͤssen lachen, Und Hieronimus, bei dieser Gelegenheit, That mit dem eroberten Gelde breit. 13. Nachdem nun lustig und guter Dinge Der Tag dermaßen zu Ende ginge; So eilte Hieronimus, Abends spaͤt, Trunken vom Wein und Lachen, nach Bett. 14. Er war kaum im tiefen Schlaf begraben, Als sich die beiden Herren zu ihm begaben, Und sie nahmen, fein saͤuberlich, Den Beutel mit dem Gelde zu sich. 15. Als Morgens spaͤt Hieronimus erwachte, Und gar nun nicht an was Boͤses gedachte, So fand er, beim Ankleiden von ohngefaͤhr, Den Geldbeutel verschwunden, die Tasche leer. 16. Zwaren sahe er hier anfaͤnglich Die Sache nicht eben fuͤr verfaͤnglich, Sondern als eine Kurzweil an, Welche die lustigen Kaufleute gethan. 17. Als er aber nach ihnen fragte, Und der Herr Wirth ihm sagte: Es waͤren schon in aller Fruͤh Diese Herren stille gereiset von hie. 18. Da 18. Da gehub er an zu lamentiren Und großen Jammer und Klagen zu fuͤhren, Und fuͤr Ungeduld blieb fuͤrwahr, In dem Kopfe kein einzig Haar. 19. Ob seinem aͤngstlichen Klagen und Harmen That sich der fromme Wirth bald erbarmen, Und hat fuͤr alles, was er verzehrt, Weiter nichts, als seinen Rock begehrt. 20. That ihm dabei den Rath ertheilen, Sich nun nicht laͤnger mehr zu verweilen, Denn ohne baares Geld haͤtte hier Niemals ein fremder Gast Quartier. 21. Dieses Exempel Hieronimi kann uns lehren, Wie sich die Sachen in der Welt verkehren, Und wie sich manchesmal unverhofft Das menschliche Gluͤck veraͤndert oft. 22. Noch gestern besaß er reiche Beute Und der Wirth hieß ihn Herr, aber heute Jug ihn fort, ohne Rock und Geld, Der fromme Wirth in die weite Welt. 23. Er konnte nun, mit Muße, unterwegen Seinen klaͤglichen Zustand uͤberlegen Und er wuͤnschte sich fast im Augenblick, Zu der Betschwester auf dem Schlosse zuruͤck. 24. Doch 24. Doch, wenn er an ihre Caressen gedachte, Und ihre Person sich vorstellig machte; So uͤberkam ihm ein Grausen schier, Und er verlangte nicht wieder zu ihr. 25. Schon einige Tage hatte er mit rohen Ruͤben Auf seiner Reise den Hunger vertrieben, Und wie ein irrender Ritter sich Beholfen elendig und kuͤmmerlich. 26. Gleichwie nun, wenn die Noth ist am groͤßten, Das nahe Gluͤck einen pflegt zu troͤsten; So war auch dem armen Hieronimus da Nunmehro bald wieder Huͤlfe nah. 27. Denn er hoͤrte, am vierten Nachmittage, In einem Waͤldchen, das am Wege lage, Ein erbaͤrmliches lautes Geschrei, Und dieses lockte ihn bald herbei. 28. Er ist schnell an die Stelle gekommen, Woher er das Jamme geschrei vernommen, Uud es entdeckte sich ihm alsbald Eine Scene von traur’ger Gestalt. 29. Eine stillstehende Kutsche mit vier Pferden, Den baͤrt’gen Kutscher ohnmaͤchtig auf der Er- den, Eine junge Dame, welche hie Ganz erbaͤrmlich heulte und schrie; 30. Auch 30. Auch einen reich gekleideten Herren Bemuͤht, sich gegen zwei Raͤuber zu wehren, Welche, wie’s schiene, waren fest Entschlossen, ihme zu geben den Rest. 31. Schon erkannte mein Held, in einiger Weite, In ihnen die sogenannten zwei Kaufleute, Er eilte also, wie eine Furie, Mit aufgehobenem Stocke auf sie. 32. Spitzbuben! wo ist mein Geldbeutel? Rief er, und zerschlug den Scheitel Des einen Raͤubers mit starker Hand, Und streckt’ ihn also todt in den Sand. 33. Mit eben solchen kraͤftigen Schlaͤgen Ging er drauf dem andern Raͤuber entgegen, Welcher aber sogleich versucht, Sich zu erretten mit der Flucht. 34. Hieronimus wollte zwar ohn’ Verweilen Auch noch dem fliehenden Buben nacheilen, Allein der Raͤuber, schnell wie der Wind, Floh aus seinen Augen geschwind. 35. Uebrigens ist kaum zu schreiben und zu sagen, Wie freudig sich der Herr und die Dame be- tragen, Als die augenscheinliche Lebensgefahr Nunmehro gluͤcklich voruͤber war. 36. Sie 36. Sie haben beide ihn gar freundlich gegruͤßet, Und die schoͤne Dame haͤtte ihn fast gekuͤsset, Wenn sie haͤtte gescheuet nicht Sein lange nicht gewasch’nes Gesicht. 37. Es war auch kein Lobspruch zu erdenken, Welchen sie ihm nicht thaten schenken, Denn als ihren Erretter sahn Sie nun den Hieronimus an. 38. Sie noͤthigten ihn mit freundlichem Muthe Mitzureisen nach ihrem adlichen Gute, Wo man mit Gaben mancherlei Wuͤrde belohnen die erwiesene Treu. 39. In seinen so kuͤmmerlichen Umstaͤnden Ergriff er die Gelegenheit mit beiden Haͤnden, Und sofort, ohne weitere Bitt’, Entschloß er sich gleich zu reisen mit. 40. Er half den verwundeten Kutscher noch tragen, Und sie legten denselben in den Wagen, Aber Hieronimus ohne Rock, Bestieg an seiner Stelle den Bock. 41. Ehe er aber noch aufgestiegen, Suchte er, und fand mit Vergnuͤgen Seinen Geldbeutel beinahe noch voll In des erschlagenen Raͤubers Kamisol. 42. Das 42. Das sonderbarste von der ganzen Geschichte Betraf des Todten sein Angesichte; Denn es war kein Pflaster mehr da, Und, als ihn Hieronimus genau besah, 43. Erkannte er in ihm, im Augenblicke, Den Herrn von Hogier mit der großen Perruͤcke, Welcher ihn einsmal um vieles Geld Beim Spiel auf seiner Reise geschnellt. 44. So nahm dann dies Abentheuer behende Fuͤr unsern Helden ein erwuͤnschtes Ende, Und gleich dem Ritter von der traur’gen Ge- stalt, Fuhr er mit der Kutsche davon alsbald. 45. Uebrigens, eh ich dies Kapitel will schließen, Thu ich dem Leser kund und zu wissen, Daß dies sey die einzige kluge That, Die jemals Hieronimus verrichtet hat. Jobsiade 1r Th. J Sieben Sieben und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus vergnuͤgt zu Ohnewitz ankam, und wie er da Schulmeister ward, in einer Schule von kleinen Knaͤblein und Maͤgdlein. 1. D erjenige Herr und die junge Dame, Zu deren Rettung Hieronimus herbei kame, Waren ein liebes artiges Paar, Welches kuͤrzlich erst getrauet war. 2. Der Herr hatte unter sein adliches Gebiete Doͤrfer und Schloͤsser von mancherlei Guͤte, Aber im Doͤrflein Ohnewitz Ware eigentlich sein Rittersitz. 3. Um 3. Um seiner Gemahlin den Gefallen zu erweisen, That er oft mit ihr kleine Reisen, Denn er hielte große Freundschaft Mit allen in seiner Nachbarschaft. 4. Damalen hatte er auch eben Einem benachbarten Edelmann den Besuch ge- geben, Und wurde bei der Ruͤckkehr im Wald Angegriffen von den Raͤubern bald. 5. Sogleich warfen sie den Kutscher zu Boden, Daß er da lag fast ohne Odem; Drauf forderten sie mit Ungestuͤm Sein Geld und sonstige Sachen von ihm. 6. Sie rissen ihn auch aus dem Wagen Und fingen an auf ihn loszuschlagen; Als auf das aͤngstlich Geschrei der Dam Hieronimus, wie gesagt, zur Rettung kam. 7. Diese Geschichte erzaͤhlten sie unter- wegens ihrem Erretter, der nun munter Daher fuhr mit gar leisem Schritt, So gut es der gehabte Schrecken litt. 8. Hiexonimus hat ihnen gleichfalls erzaͤhlet, Wie ihn das Schicksal bishero gequaͤlet, Und so gelangten sie, wie der Blitz, Endlich an zu Ohnewitz. J 2 9. Hier 9. Hier vergaß man bald alles Leiden, Lebete herrlich und in Freuden, Und fuͤr den ehrlichen Hieronimus ward Gesorget auf die liebreichste Art. 10. Neue Kleider, Essen und Trinken, Wein, Toback, Braten und Schinken Waren da, alles in Ueberfluß Zum Dienste unsers Hieronimus. 11. Nach einigen so vergnuͤgt verstrichenen Wo- chen Hat auch der Herr dem Hieronimus versprochen, Fuͤr seinen zukuͤnftigen Unterhalt Zu sorgen ferner bester Gestalt. 12. Nun ist auch grade dazumalen, Ein absonderlicher Umstand vorgefallen, Welcher fuͤr unsern Hieronimus gar Sehr erwuͤnscht und gelegen war. 13. Naͤmlich, die Ohnewitzer Bauern haben Eine Schule fuͤr kleine Maͤgdlein und Knaben, Und der Herr, als des Dorfes Patron, Hatte daruͤber die Kollation. 14. Das A, B, C, D zu studiren, Und zu lernen Lesen und Buchstabieren, Waren alleinig die Studia, Welche man hieselbst treiben sah. 15. Alle 15. Alle Gelegenheiten, mehrers zu lernen, That der Herr Patron weislich entfernen, Denn ein Bauer, welcher gelehrt Ist, wird hochmuͤthig und hoͤchst verkehrt. 16. Ja, die Erfahrung lehrt es, wenn der Bauer schon versteht seinen Kalender Und sein Katechismus-Buͤchlein, So bildet er sich schon was rechtes ein. 17. Hat er sich nun noch hoͤher verstiegen, So laͤßt er gemeiniglich die Arbeit liegen, Und dann sieht’s hoͤchst elendig und kraus Mit den Paͤchten und Abgaben aus. 18. Ausser dreißig Thaler Fixum trug dies Dienst- chen Dem Herren Schulmeister noch manches Ge- winnstchen An Eiern, Butter, Huͤnern und Gaͤns Und manchem aͤhnlichen Accidens. 19. Auch ging er, wenn die Herrschaft zu Hause, Am Neujahrstag bei ihr zu Schmause Und bekam dann fuͤr die Gratulation Noch ein Geschenk, nach Proportion. 20. Nun hat es sich damals just begegnet, Daß der Schulmeister dies Zeitliche gesegnet; Und also war man weislich bedacht, Daß ein neuer wuͤrde gemacht. 21. So- 21. Sobald dies der Herr Patron gehoͤret, Hat er dem Hieronimus den Dienst verehret; Und folglich trat Hieronimus dann Das Amt des Dorfschulmeisters an. 22. Zwar wollte nun anfangs das Schulleben Ihm kein sonderliches Vergnuͤgen geben, Denn er hielte von Muͤssiggang mehr, Als von solcher beschwerlicher Lehr. 23. Doch, da er auf dem herrschaftlichen Schlosse Manche Wohlthat und Mahlzeit genosse, Und sich nach geendigter Schule erquickt; So hat er sich in das Lehramt geschickt. 24. Und sich nunmohr ernstlich vorgenommen, Seinen Pflichten moͤglichst nachzukommen, Damit er nun lebenslang hinfort Bleiben moͤchte an diesem Ort. 25. Auch gedachte er, in verschiedenen Sachen Einige wichtige Aenderungen zu machen, Weil er im hiesigen Schulstand Viele eingerissene Fehler fand. 26. Er fing auch, nach langem Deliberiren, Wirklich an, manches zu reformiren, Jedoch bekam ihm dieses nicht wohl, Wie der geneigte Leser bald hoͤren soll. Acht Acht und zwanzigstes Kapitel . Wie Hieronimus ein Auktor ward, und wie er ein neues A B C-Buch heraus gab, und wie er darob von den Bauern bei dem gnaͤdi- gen Herren hart verklagt ward. 1. G leich bei dem Antritt der Schulregierung, Fand Hieronimus, mit aͤusserster Ruͤhrung, Daß das eingefuͤhrte a b c-Buch Nicht fuͤr Kinder sey faßlich genug. 2. Denn 2. Denn da bisher die Maͤdchen und Knaben Gebraucht hatten die Ballhornschen Ausgaben, So nahm Hieronimus hier und da Darinnen verschiedene Fehler wahr. 3. Nachdem er nun bei sich zu Rath gegangen, Hat er zu veranstalten angefangen, Unter folgendem Titel, davon Eine nagelneue Edition: 4. Neues A b c-Buch, verbessert Und mit verschiednen Zusaͤtzen ver- groͤßert Von dem Autor Hieronimus Jobs, Theologiaͤ Kandidatus . 5. Zu den schon laͤngst bekannten Buchstaben, Welche wir im Alphabete haben, Setzte er noch das fft , Imgleichen das sch , und sp . 6. Die Sporen des Hahns auf der letzten Seiten, Und mehr andre solche Kleinigkeiten, Ließ er hingegen, weislich und klug, Aus dem nagelneuen A b c-Buch. 7. Er fuͤgte aber unterdessen nicht minder, Zur Ergoͤtzung der lernenden Kinder, Ein Nestlein mit einem großen Ey Dem ungesporneten Hahne bei. 8. Kaum 8. Kaum war dies Buch zu Ohnewitz eingefuͤhret, So ward es von den Bauern recensiret, Und gab zu einem grimmigen Streit Die allererste Gelegenheit. 9. Denn es wollte keinem einzigen von allen Recensenten die Einrichtung gefallen, Und sie sahen alle, Mann fuͤr Mann, Die Aenderung als hoͤchst gefaͤhrlich an. 10. Selbst den allerkluͤgsten unter ihnen Hat’s beim neuen A b c-Buch geschienen, Als haͤtte Hieronimus dadurch gezeigt, Wie sehr er zur Autorsucht geneigt. 11. Wie wenn im Sommer von schwuͤlen Duͤften Ein Ungewitter entsteht in den Luͤften, So geht vor dem Donner ordinaͤr Erst ein gelindes Murmelen vorher. 12. Gleichermaßen entstund unter den Leuten Erst ein leises Gemurmel von allen Seiten Und es zoge sich bald darauf Ein Gewitter uͤber Hieronimus auf. 13. Er konnte nun zwar in Worten und Werken Den Unwillen der Ohnewitzer leicht merken, Doch verließ er, den Bauern zum Trutz! Sich auf des gnaͤd’gen Herrn Patron Schutz. 14. Je- 14. Jedoch die Ohnewitzer wollten nun zeigen, Daß sie laͤnger nicht gesonnen zu schweigen; Denn sie spuͤrten je laͤnger, je mehr, An dem Schulmeister neues Beschwer. 15. Sie traten also saͤmmtlich zusammen, Und der Kuͤster verfertigte in ihrem Namen Eine Klagschrift in folgendem Ton: Hochwohlgeborner, gnaͤdiger Pa- tron ! 16. Wir saͤmmtliche Bauern und Kossa- then In Hochderoselben Ohnewitzer Staaten Nehmen in aller Unterthaͤnigkeit Unsern Schulmeister zu verklagen die Freiheit. 17. Sintemal sich derselbe leider vergangen, Und verschiedene Neuerungen angefangen, Alles unter dem nichtigen Verwand, Zu verbessern den hiesigen Schulstand. 18. Sich auch dabei nicht so auffuͤhret, Wie’s einem frommen Schulmeister gebuͤhret, Sondern vielmehr, ofte und viel, Uns Bauern giebt ein boͤses Beispiel. 19. Um von den Punkten, woruͤber wir queruliren, Nur die vornehmlichsten anzufuͤhren, So hat er pro primo und erstens sich Unterfangen eigenmaͤchtiglich, 20. Ein 20. Ein neues A b c-Buch zu verfassen Und drin die Sporen des Hahnes auszulassen, Da doch der Sporen, zu jeder Frist, Ein wesentlich Stuͤck des Hahnes ist. 21. Dagegen hat er das Lernen selbst beschweret, Weil er das Alphabeth hat vermehret; Denn fft, sp und sch , Steht wider alle Gewohnheit da. 22. Auch, obgleich die Haͤhne niemals pflegen Huͤhnereier in Nester hinzulegen; So liegt doch ein Ei nun bei dem Hahn, Gleichsam als haͤtt’ es der Hahn gethan. 23. Nun koͤnnen solche Dinge beim Studiren Die Kinder leichte auf Irrthuͤmer fuͤhren, Und ein neues A b c-Buch ist uͤberhaupt Eine Neuerung und unerlaubt. 24. Pro secundo lassen wir nicht unberuͤhret, Daß von Alters her ein Eselskopf eingefuͤhret, Welchen in unsrer Schule, zur Buß, Jedes muthwillige Kind tragen muß. 25. So hart und empfindlich nun diese Strafe Sonst demjenigen war, den sie trafe, So trugen die Kinder doch gern und mit Lust Den Eselskopf an ihrem Hals und Brust. 26. Herr 26. Herr Jobs ist aber nicht damit vergnuͤget, Sondern er hat jetzt zum Kopfe gefuͤget Einen Hals, Leib, Beine und Schwanz, Und so ist es nun ein Esel ganz. 27. Wie jaͤmmerlich indeß die Kindlein klagen, Wenn sie den ganzen Esel muͤssen tragen, Und stehen da gleichsam zum Spektakel so, Ist kaum zu glauben. Pro tertio 28. Thut Herr Jobs mit maͤchtigen Ohrfeigen Sich gar zu barbarisch in der Schule bezeigen, Und einige Knaben sind wirklich schon Taub und gehoͤrlos worden davon. 29. Pro quarto: sind die Kinder der aͤrmern Bauern, Ob der vielen Pruͤgel, hoͤchlich zu bedauern; Denn, wegen Ansehen der Person, Kriegen sie meist doppelte Portion. 30. Pro quinto: sucht er in den Taschen Der Kinder nach, ob sie auch naschen, Und findet er Aepfel und Nuͤsse allhie; So nimmt er sie weg und isset selbst sie. 31. Pro sexto: ist von seinem sonstigen Betragen Noch allerlei besonderes zu sagen, Denn mit des Schulzens Einliegers Frau Lebt er, wie es heißt, gar zu genau. 32. Auch 32. Auch besucht er fast taͤglich die Dorfschenke Und genießt da allerlei hitziges Getraͤnke, Hat auch oft, bis um Mitternacht, Mit dem Schulzen beim Spiel zugebracht. 33. Wir haͤtten zwar noch mehrere Klagen Allerunterthaͤnigst vorzutragen; Denn es sind noch viele Gravamina Neben den schon erwaͤhnten da. 34. Wollen sie aber diesmal nicht beruͤhren, Sondern nur unterthaͤniglich suppliciren: Daß Sie, lieber gnaͤdiger Herr! Uns geben einen andern Schulmeister. 35. Beharren uͤbrigens Eure Hochwohlge- borne Gnaden Allerunterthaͤnigste Bauern und Kossathen Im Dorfe Ohnewitz gegeben. N. N. N. N. N. N. Neun Neun und zwanzigstes Kapitel . Wie die klagenden Bauern zu Ohnewitz von dem Herren Patron eine gnaͤdige Resolution beka- men, und wie sie zur Ruhe verwiesen wurden, und wie sie mit dem Loche bedrohet wurden. Alles im Kanzlei-Stil. 1. E s war nun durch zwei Deputaten Die Klagschrift uͤbergeben an Ihro Gnaden, Und vom hochgedachten Herrn Patron Erfolgte folgende Resolution: 2. Wir haben mißfaͤllig wahrgenom- men Aus der Vorstellung, womit ihr eingekommen, Wasmaßen ihr gar große Beschwer Fuͤhrt uͤber euern Schulmeister her. 3. Ob Wir nun gleich hoͤchst ungerne sehen, Daß solche Streitigkeiten bei euch entstehen; So haben Wir doch, nach der Breite und Laͤng, Erwogen eurer Beschwerden Meng. 4. Koͤnnen indeß bis dato nicht finden, Daß Beklagter Schuld sey großer Suͤnden, Und daß man, mit Recht, uͤber die Sach Ein solches großes Allarm mach. 5. Zwaren 5. Zwaren ist es dermalen nicht ohne, Herr Jobs hat in seiner Schule schone Ein neues A b c-Buch eingefuͤhrt Und Uns unterthaͤnigst dedicirt. 6. Auch ist von ihm, wie vor Augen lieget, Einiges drin weggelassen, einiges beigefuͤget, Jedoch leuchtet es gar nicht ein, Wie dieses so schaͤdlich koͤnne seyn. 7. Denn obgleich hier der Hahn die Sporen Aus Versehen des Kupferstechers verloren, So kann man, bei der zweiten Edition, Den Fehler leichtlich verbessern schon. 8. Auch die wenigsten Recensenten heutiger Zeiten Merken in den Buͤchern auf solche Kleinigkeiten, Sondern die guten lieben Herrn Uebersehen solche kleine Fehler gern. 9. Was betrifft die zugefuͤgten Buchstaben, So stehn selbige schon in aͤltern Ausgaben; Wenigstens fft, sp und sch Dienen als Varianten da. 10. Es scheint zwar sich weniger zu schicken, Bei dem Hahn ein Ei auszudruͤcken; Doch braucht drum das Ei vom Hahn Eben nicht zu werden weggethan. 11. Denn 11. Denn vom Ei gleich auf’s Legen zu schließen Waͤre unvernuͤnftig und gegen Gewissen; Denn es beweiset weiter nichts in der That, Als bei Menschen der Titel und’s Praͤdikat. 12. Ueberdem weiß man ja auch gar eben, Daß Haͤhne sich oft mit Eierbruͤten abgeben, In hoc casu waͤre also, traun! Der Hahn eigentlich ein Kapaun. 13. Wenn ihr pro secundo proponiret: Daß Herr Jobs einen ganzen Esel eingefuͤhret; So hat er, Unsers Beduͤnkens, dran Als ein vernuͤnftiger Mann gethan. 14. Denn er zeigt damit nichts mehr, nichts minder, Als daß, so wohl ihr selbst, als eure Kinder, Alte und junge, groß und klein, Leibhaftig vollkommene Esel seyn. 15. Pro tertio: wegen der Schlaͤge an die Ohren, Woruͤber einige Knaben ihr Gehoͤr verloren; Halten Wir es gar nicht fuͤr gut, Daß euer Schulmeister solches thut. 16. Auch was ihr pro quarto zu klagen findet, Halten Wir in so weit fuͤr gegruͤndet, Denn ein Richter und Schulmann Muß niemals sehn die Person an. 17. Son- 17. Sondern Arme sowohl als Reiche Verdienen, wenn sie boͤse sind, gleiche Streiche, Und man muß zu jeglicher Zeit Strafen mit Unpartheilichkeit. 18. Jedoch, wenn er die Kinder visitiret Und ihnen das Obst aus der Tasche entfuͤhret: So zeigt er, pro quinto, artig und wohl, Daß ein Kind in der Schule nicht naschen soll. 19. Weil auch die Kinder im zarten Magen Nicht zu viel Aepfel und Nuͤsse koͤnnen vertra- gen, So ist ja des Schulmeisters Absicht hier gut, Wenn er selbst alles verzehren thut. 20. Was ihr da noch, pro sexto, klaget, Und von des Schulzens Einliegers Frau saget, Item von der Schenke und Kartenspiel, So waͤre zwar dies von Herrn Jobs zu viel. 21. Indessen ist es Unser gnaͤdiger Wille, Daß man von solchen Dingen schweige stille, Denn wer davon etwas saget noch, Der soll, zur Strafe, zwei Tage ins Loch. 22. Uebrigens sollen saͤmmtliche Beschwerden Kuͤnftig genauer untersuchet werden, Wenn von der vorhabenden Reise Wir Gluͤcklich sind retourniret allhier. Jobsiade 1r Th. K 23. Bis 23. Bis dahin befehlen Wir , bei Hals und Kragen! Euch ruhig und stille zu betragen. Gegeben auf Unserm Rittersitz Resolution fuͤr die Bauern in Ohnewitz. Dreißigstes Kapitel . Wie zu Ohnewitz an einem Mittwochen ein Auf- ruhr entstand und allerlei Wunderzeichen vor- hergingen, und wie Herr Hieronimus mit Pruͤgeln u. s. w. fortgetrieben wurde. 1. U nd diese Resolution machte durchgehends Im ganzen Dorfe viel Aufsehens, Und es entstand uͤberall herum Unter den Bauern ein maͤchtig Gebrumm. 2. Denn sie sahen jtzo offenbare, Daß der Patron Jobsens Goͤnner ware, Und daß nichts auszurichten mit Glimpf Und sie schwuren also zu raͤchen den Schimpf. 3. Dieser wichtigen Ursache wegen kamen Sie oftmals in der Schenke zusammen, Und uͤberlegten bei Toback und Bier, Wie die Sache anzugreifen allhier. 4. Sie 4. Sie haben auch saͤmmtlich alsobalden Ihre Kindlein alle zu Hause gehalten, Und kein’s von ihnen, weder groß noch klein, Ferner geschickt in die Schule hinein. 5. Aber die Vernuͤnftigsten von den Bauern Riethen, auf gute Gelegenheit zu lauern, Da alsdenn alle mannichfalt Gebrauchen koͤnnten Ernst und Gewalt. 6. Dieser gar kluge Vorschlag hat ihnen Saͤmmtlich gut und thunlich geschienen, Und man bestimmte dazu nunmehr Die Zeit, wenn der Patron verreiset waͤr. 7. Zwar wurden alle diese Anstalten, Noch zur Zeit, hoͤchst geheim gehalten, Bis endlich der erschreckliche Tag kam, Da die Unruhe den Anfang nahm. 8. Ehe aber dieses alles geschehen, Sind zu Ohnewitz große Zeichen gesehen, Wie denn vor wicht’gen Begebenheiten sich Vorbedeutungen zeigen gemeiniglich. 9. So hat zum Exempel eine kleine Weile Vorhero eine sehr große Eule Auf dem Kirchthurm, um Mitternacht, Ein erschrecklich Geschrei gemacht. K 2 10. 10. Auch hat einer von den Ohnewitzer Leuten, Als er aus der Schenke kam, die Glocke hoͤ- ren laͤuten, Auch fiel der sehr alte Schornstein Auf der Schule mit Geprassel ein. 11. Auch hat des Kuͤsters Kuhe geboren Ein Kalb mit ungewoͤhnlich langen Ohren, Auch viel Hunde fuͤhrten zum Theil In dem Dorfe ein graͤßlich Geheul. 12. Auch 12. Auch sah man hier und da Irrlichter, Und sonst bei Nacht wunderbare Gesichter, Auch trugs sich zu, im hellen Mittag, Daß des Muͤllers Esel ein Bein brach. 13. Dieses alles schiene anzuzeigen, Daß sich bald etwas werde ereugen; Doch merkte man da erst die Gefahr, Als schon alles erfuͤllet war. 14. Nun war es gerade ein Mittwochen, Da der Aufruhr endlich ausgebrochen Und jeder Bauer, um Glocke acht, Hat sich Morgens aus dem Hause gemacht. 15. Es war recht graͤulich anzusehen, Wie sich ein jeder mit Waffen versehen, Pruͤgel und Flegel in großer Zahl Hatten die Zusammenverschwornen all. 16. Alles ward nun in dem Dorfe rege, Und man weissagte Tod und Schlaͤge, Und jeder Hund und jeder Hahn Fing zu bellen und zu kraͤhen an. 17. Auf der Heide, die beim Dorfe ware, Versammlete sich die ganze Schaare, Und nun gingen sie, in Prozession, Nach des Schulmeisters Wohnung schon. 18. Ih- 18. Ihnen folgten, zu beiden Seiten, Viele Kinder, welche sich sehr freuten, Daß sie nunmehro wuͤrden heut Vom boͤsen Schulmeister befreit. 19. Noch lag Herr Jobs ruhig in seinem Bette, Als wenn alles sicher gestanden haͤtte, Bis da ploͤtzlich der ganze Schwarm Hereinbrach mit großem Allarm. 20. Aber sobald er vom Schlaf erwecket, Hat er sich darob heftig erschrecket, Weil er nun erst den Hochverrath Wider ihn gespuͤrt und gemerket hat. 21. Ohne ihm viele Zeit zu lassen, That man ihn gleich derbe anfassen, Und zur genauen Noth erlaubte man, Daß er sich vorhero kleidete an. 22. Man that ihm nun sehr ernstlich bedeuten, Nie Ohnewitz wieder zu beschreiten, Sagte ihm auch manches Scheltwort, Und jug mit Pruͤgeln unsern Held fort. 23. Also war dieser Handel geschlichtet, Und die Expedition gluͤcklich verrichtet, Und mit einem lauten ju! hu! Eilte man nun der Schenke zu. 24. Jeder 24. Jeder behauptete itzt steif und feste, Er habe bei der Sache gethan das Beste, Und jeder wollt nun beim Branntewein Der groͤßeste Held gewesen seyn. 25. Jedoch einige, anstatt sich zu freuen, Wollte nun der Handel schier gereuen, Und es ahneten sie gleichsam von fern Bruͤchte und Loch, bei der Ruͤckkunft des Herrn. Ein und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus auf seiner Flucht nach dem Bayerland ein neues Abentheuer hatte, indem er seine geliebte Amalia in der Komoͤdie an- traf. Sehr freundlich zu lesen. 1. W ie der Fuchs, wenn er den jagenden Hunden Endlich aus dem Gesicht ist verschwunden, Froh ist, daß nur ein Maul voll Haar, Und weiter nichts, diesmal verloren war. 2. So wußte sich auch in seinem groͤßten Ungeluͤcke Hieronimus damit zu troͤsten, Und war froh, daß er eben mit hei- ler Haut den Bauern entgangen sey. 3. Zwar 3. Zwar hat, indem er sich von Ohnwitz entfernet, Er mit seinem eigenen Schaden gelernet, Wie gar sauer, elend und schwer Es im Schulamte gehet her. 4. Er nahm sich auch vor, nie in seinem Leben Wieder Buͤcher im Druck herauszugeben, Denn bloß und allein von Autorsucht Ruͤhrte sein Ungluͤck und jetzige Flucht. 5. Indeß, da der Patron nach dem Baierlande Sich jetzt mit der Gemahlin auf Reisen be- fande, So wollte auch Hieronimus dort bei ihm Schutz suchen vor der Bauern Grimm. 6. Er hat sich also nicht lange besonnen, Sondern auch seine Reise dahin begonnen, Jedoch hielte bald seinen Lauf Ein neues Abentheuer auf. 7. Denn er hat, wider alles Verhoffen, Auf der Reise ein Hinderniß angetroffen, Als er just in einer großen Stadt Einige Tage ausgeruhet hat. 8. Hier, um seine melancholischen Grillen Einigermaßen zu daͤmpfen und zu stillen, Fiel es ihm einmal des Abends ein, Zu gehen in die Komoͤdie ein. 9. Er 9. Er ward bald unter den Schauspielerinnen Einer wohlgeputzten Schoͤnen innen, Welche an Gesicht, Stimme, Wuchs und Haar Seine ehmals geliebte Amalia war. 10. Himmel! wie ward er da entzuͤcket, Als er selbige so unvermuthet erblicket! Fast waͤre das ganze Parterr davon Gerathen in schreckliche Konfusion. 11. Sie hatte kaum ihre Rolle geendet, Als er sich sofort zu ihr gewendet, Und nun gabs manchen Freudenkuß Zwischen ihr und dem Hieronimus. 12. Beide waren begierig zu vernehmen, Durch welchen Zufall sie hier zusammen kaͤmen, Hieronimus eilte drum bald mit ihr Hoͤchst vergnuͤgt ins sich’re Quartier. 13. Da hat erst Amalia alles vernommen, Was ihm wunderbares vorgekommen, Seitdem ihn damals, in der Nacht, Der alte Herr hatte fortgejagt. 14. Und wie’s ihm mit der frommen Dame ge- gangen, Und was sie gedachte mit ihm anzufangen, Und wie man ihm nachhero einmal Des Nachts sein Geld im Wirthshause stahl. 15. Und 15. Und wie er im Wald einen Raͤuber getoͤdtet Und einem Gnaͤdigen das Leben gerettet, Und wie er darauf zu Ohnewitz gar Ein Schulmeister geworden war. 16. Und das Ungluͤck, welches ihn betroffen, Und wie jetzt, wider alles Verhoffen, Sie in der Komoͤdie gefunden allhier, Dies alles erzaͤhlte er weitlaͤuftig ihr. 17. Nunmehr war auch des Hieronimi Begehren, Von ihr alle Begebenheiten zu hoͤren, Und die Schoͤne erzaͤhlte darauf Ihm folgendermaßen ihren Lebenslauf. Zwei Zwei und dreißigstes Kapitel . Wie die Jungfrau Amalia dem Hieronimus ihren Lebenslauf erzaͤhlen that. Ein sehr langes Kapitel, weil eine Frauensperson spricht. Accu- rat hundert Verse. 1. A malia Ripsraps ist eigentlich mein Name. Derjenige Ort, wo ich zur Welt kame Und das Tageslicht zuerst gesehn, Ist die beruͤhmte Stadt N. N. 2. Mein 2. Mein Vater war dort ein Advokate, Welcher viele Prozesse zu fuͤhren hatte, Sintemal er die Jura aus dem Grund Und das Chikaniren verstund. 3. Auch die allerverworrensten Rechtssachen Wußte er noch weit verworrener zu machen, Und durch manche List und Rank Zoge er kurze Prozesse lang. 4. Seine Geschicklichkeit that erretten Manchen guten Schelm von Galgen und Ketten; Und ein grade zu gehoͤriger Zeit Von ihm angerathener falscher Eid 5. Machte manchen muthwilligen Betruͤger Ueber seinen ehrlichen Gegner zum Sieger, Und half theils manchen aus harter Noth, Theils manchen armen Teufel vom Brod. 6. Er haßte herzlich Frieden und Vertraͤge, Und riethe viel lieber in alle Wege, Auch bei der geringsten Kleinigkeit, Zum Prozesse und Rechtsstreit. 7. Seine Klienten ließ er immer tanzen Durch alle moͤgliche rechtliche Instanzen, Bis dann endlich selbige zuletzt Ihren letzten Heller zugesetzt. 8. Uebri- 8. Uebrigens diente er mit moͤglichsten Treuen Seinen sich ihm anvertrauenden Partheien, Jedoch nahm er auch dann und wann Von der Gegenparthei Geschenke an. 9. So erwarb er sich ein ziemliches Vermoͤgen; Was andern ein Fluch war, war ihm ein Segen, Und wenn andre gezankt und gekriegt, Zog er den Vortheil und war vergnuͤgt. 10. Meine selige Mutter war die Tochter Von einem ehmaligen reichen Pachter, Der, weil er sehr gerne geprozessirt, Sich und sein Vermoͤgen geruinirt. 11. Mein Vater hatte ihm als Advokate Gedient mit seinem getreuen Rathe, Und er truge dafuͤr zum Lohn Die artige Tochter des Pachters davon. 12. Sie hatte schon viele ausgeschlagen, Welche sich, sie zu freien, angetragen, Als sich noch ihr Vater im Wohlstand Und bei gutem Vermoͤgen befand. 13. Jedoch als sich die Aktien verschlimmert, Haͤt sich keiner mehr um sie bekuͤmmert; Denn auch das schoͤnste Maͤdchengesicht Reizt ohne Geld zum Ehestand nicht. 14. In- 14. Indessen hat es ihr doch gegluͤcket, Daß sie endlich meinen Vater bestricket, Denn hoͤchst gruͤndlich verstand sie Alle Kuͤnste der Galanterie. 15. Mein Vater hatte sie sehr oft gesehen, Und da ist es dann, wie gesagt, geschehen, Daß er dieselbige unbeschwert Von dem Pachter zur Frau begehrt. 16. Sie schmeckten zusammen in ihrer Ehe Vieles Vergnuͤgen und weniges Wehe, Wenigstens im ersten Vierteljahr, Da ihnen die Ehe noch neu war. 17. Sie wußten von den prozessirenden Parthieen Fuͤr die Kuͤche manchen Vortheil zu ziehen, Denn die Frau Advokatin bekam, Was etwa der Herr Advokate nicht nahm. 17. Auch zog sie noch manche heimliche Gewinnste Durch ihr schoͤnes Gesicht und galante Kuͤnste, Wenn etwa eine verliebte reiche Parthie Sich besonderlich bewarbe um sie. 18. Wenn der Herr Gemahl Akten geschrieben, So ist sie selten auch muͤßig geblieben, Und sie nahm in der Schlafstube dann Gemeiniglich geheime Audienz an. 20. Ob 20. Ob ichs nun gleich eben nicht will wagen, Drauf zu schwoͤren und als gewiß zu sagen, Daß just gedachter Advokat Mein Vater gewesen in der That; 21. So habe ich doch niemals es gehoͤret, Daß sich derselbe haͤtte beschweret, Als mich, nach ohngefaͤhr einem Jahr, Meine Mutter zur Welt gebahr. 22. Von meinen ersten Kinderjahren Habe ich zwar nichts sonderliches erfahren, Doch liebten mein Vater und Mutter mich Als ihr einziges Toͤchterlein zaͤrtelich. 23. Man sparte auch gar keine Bemuͤhung An meiner Bildung, Pflege und Erziehung, Und schickte mich fruͤhe, da ich noch klein, Fleißig zu lernen, in die Schule hinein. 24. Jedoch schonte man an mir in alle Wege Vorwuͤrfe, herbe Verweise und Schlaͤge, Und richtete in jeder Kleinigkeit sich Nach meinem Willen sorgfaͤltiglich. 25. Als ich kaum zehn Jahr alt gewesen, Fing ich schon an Romane zu lesen, Und ward von der Liebe schon mehr gewahr, Als andre Maͤdchen im achtzehnten Jahr. 26. Mit 26. Mit muntern Juͤnglingen und artigen Knaben Mochte ich herzlich gerne zu schaffen haben, Und fing gar manchen prakt’schen Roman In meinem dreizehnten Jahre schon an. 27. Vielleicht war es ein Fehler der Erzeugung, Daß ich auch sehr fruͤhe eine Neigung, Die auch nachher niemals verschwand, Eine Neigung zum Stehlen empfand. 28. Meine Eltern, geschlagen mit Blindheit, Hielten dieses fuͤr Triebe der Kindheit, Und haben, wenn ich was boͤses gemacht, Nur uͤber ihr schlaues Toͤchterchen g’lacht. 29. Mein funfzehntes Jahr war kaum ver- schwunden, Als sich schon Freier bei mir einfunden, Denn bei meinem nicht haͤßlichen Gesicht Fehlte es mir an Anbetern nicht. 30. Ob nun gleichwohl mancher von ihnen Meinem Vater nicht verwerflich geschienen, So fande indessen meine Mutter jedoch Vieles an ihnen zu tadelen noch. 31. Nur einen Mann von sehr hohem Stande, Allenfalls aus den Vornehmsten im Lande, Bestimmte sie einzig und und allein Fuͤr mich, ihr artiges Toͤchterlein. 32. Es 32. Es kam aber kein Mann von hohem Stande, Der mich zur Frau zu machen rathsam befande, Mir wurde indessen dabei recht bang, Denn die Verzoͤg’rung fiel mir zu lang. 33. Ich suchte also und dergestalten Mich anderweitig schadenfrei zu halten, Und ließ zum geheimen Rendezvous Manchen jungen artigen Herrn zu. 34. Aus Furcht, etwas Schlimmes zu erleben Und daß es kuͤnftig moͤchte geben In meiner Heirath ein Hinderniß, Wenn sie mir zu viel Freiheit ließ, 35. Fing die Mutter an ernstlich drauf zu denken, Meine Liebesstreiche einzuschrenken, Und gab sowohl bei Tag, als bei Nacht, Auf meine Schritte und Tritte Acht. 36. Ward nun gleich dadurch meine Neigung ge- hindert, So ward sie doch mehr vermehrt als vermin- dert, Denn eine stark verbotene Frucht Wird nur desto emsiger gesucht, 37. Und je groͤßer Hinderniß, je mehr Verlangen. So ist es auch mit meiner Neigung gegangen, Denn ich suchte zu jeder Zeit Sie zu befriedigen Gelegenheit. Jobsiade 1r Th. L 38. Des 38. Des Nachts ließ ich oft durch mein Fenster Manche mit Fleisch und Bein versehene Ge- spenster, Die dann meistens die halbe Nacht Bis am Morgen bei mir zugebracht. 39. Auch konnte ich oft mir die Zeit vertreiben Mit manchem erhaltenen Liebesschreiben Von so herzbrechendem Inhalt, als man In jedem Romane lesen kann. 40. Ich ging grade im zwanzigsten Jahre, Als ich einstens auf einem Balle ware; Da ward ich mit einem Herren bekannt, Herr Baron von Hogier genannt — — 41. Hier fiel ihr Hieronimus ins Wort ploͤtzlich: „Herr von Hogier? — — das ist entsetzlich! „Sein Name sowohl, als sein eigentlicher Stand „Ist mir, mein Seele! nicht unbekannt; 42. „Herr von Hogier war ein Baͤrenhaͤuter!“ Ja, das war er, sprach Amalia weiter, Und Sie sollen, lieber Hieronimus! sehn, Was zwischen mir und ihm ist geschehn. 43. Herr von Hogier hat mir dazumalen Von Person und Wesen hoͤchlich gefallen, Denn sein reiches Kleid und große Perruͤck Nahm mich schon ein, im Augenblick. 44. Er 44. Er that mir hoͤchst verliebte Antraͤge Und mir gefielen seine Vorschlaͤge, Um desto mehr, da er hoch und theuer schwur: Ich sey seine einzige Goͤttin nur. 45. Auch sprach er viel von seinen Guͤtern und Vermoͤgen, Welche im Lande Sachsen waͤren gelegen, Ob er gleich bishero nur so Reisete durch die Welt inkognito. 46. Er that mir auch deutlich proponiren, Er wolle mich gerne von Hause entfuͤhren, Ich moͤchte nur mit vielen Juwelen und Geld mich versehn auf die bestimmte Stund. 47. Als mich nun Nachtes nichts verhindert, Hab ich zu Hause Kisten und Kasten gepluͤndert; Steckte, was ich da bekam, zu mir Und entfloh mit dem Herrn von Hogier. 48. Wir eilten, bis wir uns endlich befanden Fast an den aͤussersten Graͤnzen der schwaͤbi- schen Landen, Und haben in den ersten vier Tagen fast Keine zwoͤlf Stunden ausgerast’t. 49. Was wohl die Eltern gedacht, als sie gefunden Ihre Kasten leer und die Tochter verschwunden, Und wie sie geweinet, geflucht und geschmaͤhlt, Das bleibt an seinen Ort gestellt. L 2 50. Als 50. Als wir endlich in X. angekommen, So haben wir uns einmal vorgenommen, Einige Tage da auszuruhn Und uns etwas zu Gute zu thun. 51. Wir blieben da also ruhig liegen, Lebten in Wonne und Vergnuͤgen, Und der Herr Baron von Hogier Stellte sich zaͤrtlich gegen mir. 52. Ich hielte mich nun in meinem Sinne Gluͤcklicher als eine Prinzessinne, Und gedachte an nichts als Freud, Lust, Liebe und Ergoͤtzlichkeit. 53. Doch war nunmehro mein Ungluͤck nahe; Denn ehe ich es mir versahe, Hat sich einst heimlich in der Nacht Herr von Hogier, per Post, davon gemacht. 54. Auch mein Geld, lieber Hieronimus! denk Er! Nebst meinen Juwelen waren zum Henker, Auch alle Kostbarkeiten allzumal, Welche ich vorher meinen Eltern stahl. 55. Nun sah ich alsobald offenbare, Daß Herr von Hogier ein Spitzbube ware, Und daß es nicht allzurichtig stand Mit seinen Guͤtern im Sachsenland. 56. Es 56. Es ist also leichtlich zu gedenken, Wie sehr mich diese Sache mußte kraͤnken, Denn ich haͤtte von dem Herrn von Hogier Nie eingebildet den Streich mir. 57. Einsam nunmehr und von allen verlassen Konnte ich vor Betruͤbniß mich kaum fassen, Und ich wußte nicht, wohin und woher Fuͤr mich eine sichere Zuflucht waͤr. 58. Wieder nach meinen Eltern zu gehen, Das durfte unmoͤgelich geschehen; Denn es waͤre da sicherlich Gar nicht gut gegangen fuͤr mich. 59. Indessen waren zu allem Geluͤcke, Noch vier und zwanzig Dukaten zuruͤcke, Welche ich mit aller Vorsichtigkeit Geneht hatte in mein Unterkleid. 60. Diese uͤbrige vier und zwanzig Dukaten Kamen mir diesmal recht gut zu Statten, Denn sie waren nun, um und um, Mein ganzes Vermoͤgen und Reichthum. 61. Ich wollte nun nicht laͤnger verweilen Dem Herren von Hogier nachzueilen, Sondern jug gleich am selbigen Tag Ihm ebenfalls mit der Post nach. 62. Denn 62. Denn ich hatte im Posthause vernommen, Daß er da Extrapost bekommen, Und daß er also im Schwabenland Sich noch vermuthlich reisend befand. 63. Haͤtte ich ihn unterweges attrapiret, So waͤre er sogleich arretiret, Und so haͤtte ich gewiß alsdenn Meine Sachen wieder bekommen. 65. Mein Lieber! es war grade diese Reise, Als ich auf die bewußte Weise Sie auf dem Postwagen traf an, Wo unsre Bekanntschaft zuerst begann. 65. Uebrigens ist es mir niemals gegluͤcket, Daß ich Herrn von Hogier haͤtte erblicket, Und ich habe auch niemals nachher Gehoͤret, wo er geblieben waͤr — — 66. Hier ist Hieronimus abermalen Der Amalia in die Rede gefallen: „Potz tausend! ich weiß es, wo der Dieb, „Der Herr von Hogier, der Schurke, einst blieb! 67. „Kurz vor unsrer Bekanntschaft, liebe Amalie! „Hatte mich Herr von Hogier, die Kanaille, „Im Wirthshaufe um vieles Geld „Mit seinem falschen Spiele geprellt; 68. „Dies 68. „Dies war die Ursache meines Kummers „Und meines melancholischen Schlummers, „Den ich endlich bei Ihnen vergaß, „Als ich damals auf dem Postwagen saß. 69. „Auch war Herr von Hogier einer der beiden „Angetroffenen verkleideten Kaufleuten, „Welche im Wirthshause hernachmal’n, „Mir den Beutel mit dem Gelde stahl’n. 70. „Auch der Raͤuber, den ich getoͤdtet, „Als ich jenen Herrn mit der Dame gerettet, „War wahrlich, von Person und Gesicht, „Kein andrer als dieser Boͤsewicht. 71. „Sie koͤnnen sich also zufrieden geben, „Der Spitzbube ist nicht mehr am Leben, „Und ich habe uns also mit Recht „Fuͤr alle Betruͤgereien geraͤcht. 72. Amalie versetzte: diese Geschichten, Welche Sie, mein Lieber! mir da berichten, Sind wahrhaftig recht sehr kurios, Und meine Verwunderung drob ist groß! 73. Das Spruͤchwort: was auch gar klein gesponnen, Kommtdoch endelich an die Sonnen , Trifft auch gewiß hier haarklein Bei dem Schurken von Hogier ein. 74. Doch, 74. Doch, um im Erzaͤhlen fortzufahren, Als wir damalen getrennet waren, Setzte ich wegen der Sackuhr Meinen Weg fort, doch zu Fuß nur. 75. Gleich drauf mußte es sich zutragen, Daß ein alter Herr mit seinem Wagen Grade auch diese Straße kam, Und er mich, da gehend, wahrnahm. 76. Er noͤthigte mich durch sein freundlich Bezei- gen, In seinen Wagen bei ihm einzusteigen; Und weil ihm meine Person gefiel, Gab er mir der guten Worte viel: 77. Immer bei ihm als Kammerjungfer zu bleiben Und ihm die Zeit angenehm zu vertreiben; Denn er waͤre mit Leib und Seel Unbeweibt und noch Junggesell. 68. Nun ware es eines Theils gefaͤhrlich, Andern Theils, wie ich itzt dachte, auch thoͤrlich Gehandelt und gethan von mir, Ferner zu suchen den Herrn von Hogier. 79. Was mir der alte Herr angetragen, Wollte ich also nicht ausschlagen, Obgleich sein Alter und graues Haar Mir so recht nicht anstaͤndig war. 80. Ich 80. Ich bin also bei ihm geblieben, Habe ihm die Zeit gut vertrieben, Und ich betrug mich gegen ihn, Als waͤre ich seine Gemahlin. 81. Er hat mich deswegen hochgehalten, Ließ mich im Hause schalten und walten, Und uͤber Gesinde, Maͤgde und Knecht’, Hatte ich zu befehlen ein Recht. 82. Ich durchsah Stuben, Kuͤche und Keller, Scheunen, Kammern, Boden und Soͤller, Besorgte die Waͤsche, Tische und Bett Und was sonst noch vorfallen thaͤt. 83. Von allen Kasten hatte ich die Schluͤssel; Jedes Geschirre bis zur kleinsten Schuͤssel, Sogar Silbergeraͤthe und Leinewand, Stunde alles unter meiner Hand. 84. Auch von manchem Abend bis zum Morgen Trug ich fuͤr den alten Herrn alle Sorgen Und beruhigte ihn, wenn er allerhand Gewisse geheime Beduͤrfnisse empfand. 85. Denn der gute alte Herre thate Nicht das mindeste ohne meinen Rathe, Und nichts geschahe uͤberall Ohne meinen gegebenen Beifall. 86. Ich 86. Ich bekam, wie leicht zu gedenken, Von ihm viel ansehnliche Geschenken, Stahl auch uͤberdieß von Zeit zu Zeit Noch heimlich manche Kleinigkeit. 87. Obs nun gleich aͤusserlich an nichts fehlte, So war doch noch etwas, welches mich quaͤlte, Und mir fiele deswegen im Anfang Bei dem alten Herren die Zeit lang. 88. Zwar in der Folge war der Hausschreiber Zuweilen wohl mein Zeitvertreiber, Doch weil er sich meist kraͤnklich befand, So war sein Umgang nicht interessant. 89. Es gereichte mir also zum wahren Vergnuͤgen, Nach seinem Tode einen neuen Hausschreiber zu kriegen, Und Sie, mein Lieber! waren just der Damals neu angesetzte Sekretaͤr. 90. Sie gefielen mir gleich, da ich Sie gesehen, Ich muß es Ihnen offenherzig gestehen, Und dieses war dann die Ursach, Warum ich fuͤr Sie so kraͤftig sprach. 91. Uebrigens ist Ihnen von den Dingen allen, Welche damals unter uns vorgefallen, Bis er Sie Nachts einst bei mir fand, Lieber Hieronimus! nichts unbekannt. 92. Als 92 Als er sie damals dimittiret, Hat mich Ihr Abschied sehr geruͤhret, Er fuhr aber noch destomehr Ueber mich mit Verweisen her. 93. Fast haͤtte ich ebenfalls muͤssen reisen, So zornig that er sich beweisen, Und gewiß mit sehr vieler Muͤh Befriedigte ich ihn mit Karessen noch hie. 94. Indessen war doch seit diesen Stunden Seine Neigung zu mir sehr verschwunden, Weil eine junge neue Kuͤchenmagd Ihm besser als meine Person behagt. 95. Um nun meinen Kummer und Melancholeyen Wegen Ihrer Abwesenheit zu zerstreuen, Lebte ich nachhero etwas frei Mit des alten Herren Lakei. 96. Als er aber unsre Vertraulichkeit gesehen, Da half mir kein weiter Bitten noch Flehen, Sondern ich mußte alsofort, Mit Sack und Pack, wandern von dort. 97. Da ich nun mit Geld ziemlich versehen, Entschloß ich mich so lange durch die Welt zu gehen, Bis eine neue Gelegenheit sich Zeigte zum kuͤnft’gen Unterhalt fuͤr mich. 98. Auf 98. Auf meiner Reise durch diese Lande Stieß ich auf eine Schauspielerbande, Und auf meine Bitte nahm man Mich als eine neue Aktrice an. 99. Schon hab ich mich bei ihnen solchergestalten Einige Monate lang aufgehalten, Und gespielet sehr gut und wohl Jede mir aufgegebene Roll. 100. Uebrigens ist’s mir eine große Freude, Daß uns das Schicksal nunmehr beide Wieder hat so gesund und vergnuͤgt Zum drittenmale beisammengefuͤgt. Drei und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus Lust bekam, ein Schauspie- ler zu werden, und wie er dazu von der Jungfrau Amalia uͤberredet ward. 1. H ieronimus hat die in vorigen hundert Versen erzaͤhlte Geschichte sehr bewundert, Und vergaß, in seinem jetzigen Zustand, Den Herren Patron und das Bayerland. 2. Er that vielmehr von nun an den Schluß fassen, Amalien niemals wieder zu verlassen, Und nahm sich desfalls vor zur Hand, Auch zu werden ein Komoͤdiant. 3. Als 3. Als dieses Amalia gemerket, Hat sie ihn in seinem Vorsatze gestaͤrket, Und ruͤhmte drauf diesen Stand hoch In dem folgenden Apolog: 4. Ich weiß es aus sehr vielen Proben, Daß der Schauspielerstand hoͤchlich zu loben Vor einen jeglichen andern Stand Der da ist in der Welt bekannt. 5. Denn man sieht darin deutlich und eben, Wie es in dem ganzen menschlichen Leben Bald sehr boͤse und bald sehr schoͤn, Unter einander pflegt herzugehn. 6. Bald giebts gar lustige Komoͤdien, Bald aber jammervolle Tragoͤdien, Bald lachet man, tanzet und singt, Bald greint man, seufzet und hinkt. 7. Bald sieht man recht komische Possen, Bald werden Thraͤnen und Blut vergossen, Bald ist man duͤrftig, bald ist man reich, Bald jung und roth, bald todt und bleich. 8. Bald ist man Bauer, bald ist man Kaiser, Bald ist man ein Narre, bald ein Weiser, Bald ist man vornehm, bald ist man arm, Bald ist man kalt und bald wieder warm. 9. Bald 9. Bald General, bald ein Gemeiner, Bald Kapuziner, bald ein Zigeuner, Bald ein Bettler, bald ein Baron, Bald ein Buͤttel, bald ein Herr von. 10. Bald Renomist, bald ein Stutzer, Bald Kammerherr, bald Schuhputzer, Bald Passagier, bald ein Wirth, Bald ein Abbe, bald Kuͤhhirt. 11. Bald ein Pfarrer, bald ein Kuͤster, Bald Dummkopf, bald Polyhister, Bald Monarch, bald Unterthan, Bald Scharfrichter, bald Amtmann. 12. Bei dergleichen Abwechselungen Hat man immer neue Vergnuͤgungen, Und es wird der Lauf der Welt Gar artig dadurch fuͤrgestellt. 13. Wenn wir die aufgetragenen Rollen Nur klug und vernuͤnftig spielen wollen, So belohnt ein Klatschen der Haͤnd’ Unsre Aktionen am End. 14. Hingegen wenn wir irgendwo gefehlet, Dann wird die Haut uns voll geschmaͤhlet, Und alle Zuschauer im Schauspielhaus Lachen, zischen und pfeifen uns aus. 15. Der 15. Der Stand, liebe Amalia! den Sie da zeichnen, Ist angenehm, ich kann es nicht leugnen, Antwortete darauf mit einem Kuß Der neue Schauspieler Hieronimus. 16. Er ward nun dem Direktor praͤsentiret, Und ihm von Amalia rekommendiret, Der nahm denn des folgenden Tages drauf Ihn unter die spielende Gesellschaft auf. Vier und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus ein wirklicher Schauspieler ward, und wie ihm Jungfrau Amalia un- treu ward und mit einem reichen Herren da- von ging, und wie er auch in Desperation von hinnen ging. 1. G eneigter Leser! jetzt will ich dir sagen, Wie sich Hieronimus im Spielen betragen, Nachdem ihn der Direktor examinirt Und seine Faͤhigkeit probirt. 2. Tartuͤffische Schurken, verdorbene Priester, Trunkene Studenten, laͤcherliche Kuͤster, Bange Poltrons, verliebte Schreiber Und dergleichen aͤhnliche Rollen mehr 3. Spielte er alle sehr manierlich, Denn ihre Rollen waren ihm natuͤrlich, Und er bekam darin jedesmal Der Zuhoͤrer lauten Beifall. 4. Auch 4. Auch wenn er den Schulmeister hatte, Oder als Autor auf die Buͤhne trate, So sah man ihm auch dann und wann, Den Schulmeister und Autor leibhaftig an. 5. Hingegen war im ernsthaften Philosophen Fuͤr ihn nicht der mindeste Beifall zu hoffen, Auch im zaͤrtlichen Schaͤferspiel Leistete Hieronimus gar nicht viel. 6. Imgleichen spielte er sehr ungeschicklich Den vornehmen Herren und war ungluͤcklich, So oft er etwas Vernuͤnft’ges bekam, Oder eine sehr lange Rolle nahm. 7. Hieronimi jetzige Tage verflossen Indessen in Vergnuͤgen und unverdrossen Im Arm seiner schoͤnen Schauspielerin, Im Arm seiner lieben Amalie hin. 8. Er haͤtte, von der Liebe gleichsam berauschet, Mit keinem Koͤnige nunmehro getauschet, Und alle sein Truͤbsal und Elend Schien nun gekommen zu seyn zum End. 9. Aber leider! ist, wie’s Sprichwort heisset, Nicht alles Gold und Silber, was gleisset, Und das unbestaͤndige Gluͤck Zeiget oft unvermuthete Tuͤck. 10. So 10. So erfuhr auch Hieronimus in folgenden Zeiten Bald des Gluͤckes Veraͤnderlichkeiten, Denn, da er’s am wenigsten geglaubt, Ward ihm sein groͤßtes Vergnuͤgen geraubt. 11. Und es hat sich mit ihm begeben Der schmerzlichste Vorfall in seinem Leben, Denn es wurde ihm untreu Seine geliebteste Amalei. 12. Naͤmlich: es traf sich von ohngefaͤhre, Daß ein junger, vornehmer, reicher Herre Einstmals in der Komoͤdia Die schoͤne Amalia spielen sah. 13. Gleichwie es nun uͤberall Narren giebet, So hat auch er sich in sie verliebet, Und Amalia ware so klug, Daß sie seinen Antrag nicht ausschlug. 14. In ihrer Geschichte koͤnnen wir es lesen, Daß sie ohnehin sehr geneigt gewesen (Sie war ja eine Frauensperson) Zur oftmaligen Variation. 15. Der reiche Herr that sie oft besuchen, Hieronimus fing drob an zu fluchen, Und hat theils geweint, theils gedroht, Und wuͤnschte sich in der Verzweiflung den Tod. Jobsiade 1r Th. M 16. Da- 16. Dadurch ward er aber nur taͤglich Bei Amalien mehr verhaßt und unertraͤglich, Und sie sagte ihm bald darauf Ihre Liebe formaliter auf. 17. Da er nun ihren Entschluß vernahm, so hat er Abschied bald genommen vom Theater, Und er ging in aͤusserster Desperation Wenige Tage nachhero davon. 18. Was indessen Amalia thut anlangen, So ist selbige mit dem Herren davon gegangen, Und soll bei demselbigen zwei Jahre hernach Gestorben seyn, als sie im Wochenbette lag. Fuͤnf und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus nach seiner Heimath gen Schildburg gereiset ist und wie er da aller- lei Veraͤnderungen fand. 1. E s befande sich nun auf diese Weise Hieronimus abermals auf der Reise, Doch war er gereist kein einziges mal So mißvergnuͤgt als im gegenwaͤrtigen Fall. 2. Amaliens nie vermuthete Untreue Ware seinen Gedanken stuͤndlich neue, Und er haͤtte aus Verzweifelung Fast gewagt einen gefaͤhrlichen Sprung. 3. Zwar 3. Zwar waͤre in seinem betruͤbten Zustande Fuͤr ihn beim Herrn Patron im Baierlande Die beste Zuflucht gewesen wohl, Wenn ich mein Gutachten sagen soll. 4. Aber einer, der mit Betruͤbniß besessen, Pfleget oftermal sich zu vergessen, Und ist gemeinlich zu solcher Zeit Mehrmals ein Thor und nicht gescheut. 5. Also statt sich anders hin zu wenden In seinen gegenwaͤrtigen Umstaͤnden, Stellte Hieronimus seinen Sinn Nach seinem Geburtsorte Schildburg hin. 6. Weil ihm nun eben keine Hindernissen Auf der Heimreise sonderlich aufstießen, So ist er, dem Himmel sey gedankt! Wohlbehalten endlich da angelangt. 7. Hier hat er bei seiner Ankunft gesehen, Daß große Veraͤnderungen waren geschehen In manchen Sachen, waͤhrend der Zeit Seiner so langen Abwesenheit. 8. Seine Mutter war zwar noch am Leben, Aber ihre aͤusserliche Umstaͤnde stunden eben Nicht allzuwohl, sondern jaͤmmerlich Und sie ernaͤhrte sich kuͤmmerlich. M 2 9. Ei- 9. Einer seiner Bruͤder war gegangen Den Weg alles Fleisches, einer hat angefangen Einen kleinen Nuͤrnberger Kram, Wovon er seinen Unterhalt nahm. 10. Der aͤlteste Bruder lebte im Ehestande Mit dem haͤßlichsten Weibe im ganzen Lande, Doch machte das Geld, welches sie besaß, Daß er ihre Haͤßlichkeit vergaß. 11. Seine aͤlteste Schwester hatte Den Kuͤster Loci zum Ehegatte, Und dieselbige lebte ziem- lich vergnuͤget und wohl mit ihm. 12. Die Schwester Gertrud hatte ein Kind vom Prokrater Geier, welcher, als er worden war Vater, Sich davon hatte gemacht geschwind Und die Braut verlassen sammt dem Kind. 13. Sie suchte sich so gut als moͤglich zu ernaͤh- ren, Hatte vielen Umgang und Verkehren Mit jungen Leuten von reichem Stand, Bei welchen sie ihren Unterhalt fand. 14. Eine andere Schwester war bei einem alten Wittwer, ihn zu waͤrmen und hauszuhalten; Und auch diese lebte mit ihm, in so weit, In Friede und guter Einigkeit. 15. Und 15. Und seine allerjuͤngste Schwester, Ein bluͤhendes Maͤdchen, genannt Esther, War noch bisher der Mutter Trost Und bekame von ihr die Kost. 16. Ob nun gleich des Hieronimi Ankunft zware Mutter und Geschwistern angenehm ware, Weil es sehr lange hatte gewaͤhrt, Eh sie von ihm gesehn oder gehoͤrt. 17. So wollte es sich doch fuͤr ihn nicht fuͤgen, Als ein Faullenzer muͤßig da zu liegen, Man ware also darauf bedacht, Daß er irgend wuͤrde untergebracht. Sechs Sechs und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus Nachtwaͤchter ward in Schild- burg, und wie seiner Mutter Traum, und Frau Urgalindinens Weissagung erfuͤllet ward. 1. N un ware grade in diesen Tagen Der Nachtwaͤchter in Schildburg zu Gra- be getragen Und seine Bedienung ware bisher Noch unbesetzet, vakant und leer. 2. Da nun in allen gutgeordneten Staaten Man den Nachtwaͤchter nicht kann entrathen, So ward von den Buͤrgern deliberirt, Damit ein andrer wuͤrde ordinirt. 3. Nun 3. Nun fanden sich zwar faͤhige Subjekte, Denen der entledigte Dienst wohl schmeckte, Doch wegen der Stimme starkem Ton Nahm man auf Hieronimus Reflexion. 4. Zwar machten Anfangs einige Personen Dagegen Einwuͤrfe und Objektionen, Als wenn Hieronimus eben nicht sehr Zu dieser Bedienung geschicklich waͤr. 5. Denn weil man ihm die Nachrede machte, Daß er lieber schliefe als wachte; So waͤre infolglich auf diese Art Das Staͤdtlein nicht gehoͤrig bewahrt. 6. Indessen ward er doch bald einhellig Von der ganzen Buͤrgerei, foͤrmlich und voͤllig, So daß am Berufe nichts gefehlt, Zum neuen Nachtwaͤchter erwaͤhlt. 7. Jedoch mußte er sich vorhero bequemen Des vorigen Waͤchters Wittwe zur Frau zu nehmen, Denn der verstorbene selige Mann Nahm sich gar treulich des Staͤdtleins an. 8. Um also seine Treue zu vergelten An der hochbetruͤbten Wittwe, so stellten Die Buͤrger die Heirath ihrer Person Als eine Condition sine qua non. 9. Weil sie nun erst alt war dreißig Jahre Und ihre Person nicht haͤßlich ware, So nahm Hieronimus den Vorschlag an Und wurde also ihr Ehemann. 10. Es 10. Es wurden nunmehro Alten und Jungen Die Stunden der Nachts wieder vorgesungen, Denn der neue Waͤchter Hieronimus Nahme das Horn vor’s Maul und bluß. 11. Und so oft er die Glocke hoͤrte schlagen, Hub er an folgendes zu sagen: „Hoͤret ihr Herren in der Still, „Was ich euch singen und sagen will: 12. „Die Kirchglocke hat so eben „Eilf, zwoͤlf, ein, zwei, drei Schlaͤge gegeben, „Bewahret, wenn ich euch rathen soll, „Das Feuer, das Licht und eure Toͤchter wohl. 13. „Damit sich niemand etwa verbrenne, „Oder sonst Schaden entstehen koͤnne, „Und seyd sehr wohl auf eurer Hut, „Hut, Hut, Hut, Hut, Hut thut gut. 14. Er hat sich uͤbrigens stets aufgefuͤhret, Wie’s einem frommen Nachtwaͤchter gebuͤhret, Denn er schlief den Tag desto mehr, Damit er des Nachts fein wachsam waͤr. 15. In aller Zeit, da er gewacht und gesungen, Ist es keinmal einem Diebe gelungen, Daß in Schildburg eine Raͤuberei Irgendwo naͤchtlich geschehen sey. 16. Und jeder Buͤrger, wenn er noch so hart schliefe, Erwachte, wenn Hieronimus bließ oder riefe, Und seines Horns und Halses Schall Hoͤrte man im Staͤdtlein uͤberall. 17. So 17. So hat sich denn alles kurios gereimet, Mit dem, was Frau Jobs Kapitel zwei ge- traͤumet, Und alles trafe nun haarklein, Bei dem Nachtwaͤchter Hieronimus ein. 18. Auch von dem, was Urgalindine gesaget, Als man sie um das Schicksal des Knaben gefraget, Nach den Gruͤnden der Chiromantia, Ware nunmehro die Erfuͤllung da. 19. Man konnte, nach nun vollendeten Sachen, Von allem diesem die beste Deutung machen, Wie’s dann mit Prophezeihungen uͤberhaupt geht, Daß man selbige hernach erst versteht. 20. Was indessen Frau Schnepperle gesprochen, Als Frau Jobs war mit dem Kind in den Wochen, (Wie Kapitel drei zu ersehn) Das ist vor diesesmal nicht geschehn. 21. Aus demjenigen, was wir nunmehro wissen, Laͤsset sich gegen Frau Schenpperle schliessen, Daß sie in der Kunst der Physionomei Nicht genug erfahren gewesen sey. Sie- Sieben und dreißigstes Kapitel . Wie Hieronimus einen Besuch bekam von Freund Hein, der ihn zu Ruhe brachte. Ein Kapitel, so gut als eine Leichenrede. 1. E s ist gewesen schon sehr lange, Wie uns Gelehrten bewußt ist, im Gange, Ein gar kluges Sprichwort, es hat’s Der alte Kirchenvater Horaz : 2. Sowohl gegen die Pallaͤste der Großen Als gegen die Huͤtten der Armen pflegt zu stoßen Der uͤberall bekannte Freund Hein Mit seinem duͤrren Knochenbein . 3. Das 3. Das will eigentlich nach dem Grundtext sagen: Alles, was da lebt, wird zu Grabe getragen, Sowohl der Monarch, als der Unterthan, Sowohl der reiche als der arme Mann. 4. Sintemal Freund Hein pflegt unter beiden Nicht das mindeste zu unterscheiden, Sondern er nimmt alles, weit und breit, Mit der strengsten Unpartheilichkeit. 5. Und er pflegt immer schlau zu lauern Sowohl auf den Kavalier, als auf den Bauern, Auf den Bettler und Großsultan, Auf den Schneider und Tartarchan. 6. Und er geht mit der scharfen Sensen Zu Lakeien und zu Excellenzen, Zu der gnaͤdigen Frau und der Viehmagd Ohne Distinktion auf die Jagd. 7. Es gilt bei ihm gar kein Verschonen, Er achtet weder Knotenperruͤcken noch Kronen, Weder Doktorhut noch Hirschgeweih, Zierrathen der Koͤpfe mancherlei. 8. Er hat bei der Hand tausend und mehr Sachen, Welche ein End mit uns koͤnnen machen; Bald giebt ein Eisen, bald die Pest, Bald eine Weinbeere uns den Rest. 9. Bald 9. Bald eine Krankheit, bald ploͤtzlicher Schrecken, Bald Arzeneien aus den Apotheken, Bald Gift, bald Freude, bald Aergerniß, Bald Liebe, bald ein toller Hundsbiß. 10. Bald ein Prozeß, bald eine blaue Bohne, Bald eine boͤse Frau, bald eine Kanone, Bald ein Strick, bald sonstige Gefahr, Wofuͤr uns alle der Himmel bewahr. 11. Da helfen, um sich zu befreien, Nicht d’Arçons schwimmende Battereien; Denn Freund Hein, der hungrige Schelm, Fuͤrchtet weder Vestung, Schild, Degen noch Helm. 12. Der Kommandant in den sieben Thuͤrnen, Der Großvizier zwischen hundert Dirnen, So wie Diogenes in seinem Faß Waren alle fuͤr ihn ein Fraß. 13. So ist es von jeher gehoͤrt und gewesen, Wie wir in den Geschichtbuͤchern koͤnnen lesen: Jakob Boͤhme und Aristoteles, Klaus Narre und Demosthenes, 14. Der ungestalte Aesop und die schoͤne Weltberuͤhmte griechische Helene, Der arme Job und Koͤnig Salomon Mußten endlich alle davon. 15. Kaiser 15. Kaiser Max und Jobs der Senater, Virgil und Hans Sachs mein Aeltervater, Der kleine David und große Goliath Starben alle, theils fruͤh, theils spat. 16. Niklas Klimm und Markus Aurelius, Kato und Eulenspiegelius, Ritter Simson und Don Quixot, Sind leider nicht mehr, sondern todt. 17. Auch Kartouche und Koͤnig Alexander, Einer nicht ein Haar besser als der ander’, Held Bramarbas und Hannibal Sie starben alle Knall und Fall. 18. Auch August der Held Polens, Und Karl der Zwoͤlfte mußten volens nolens, So wie der Perser Schach Kulikan, Und der große Czaar Peter dran. 19. Item, Xerxes mit seinem ganzen Heere, Potiphar mit seiner Hausehre, Und der einaͤugige Polyphem, Und der alte Methusalem. 20. Alle, alle mußten in die schwarze Bahre, Kalvin und der Pater von Sankt Klare, Auch der Patriarch Abraham, Und Erasmus von Rotterdam. 21. Auch 21. Auch Muͤller Arnold und die Advokaten In den weitlaͤufigen preussischen Staaten, Tribonian und Notar April, Der zu Regensburg von der Treppe fiel, 22. Alles, alles sank vor seiner Sichel, Hippokrates Magnus und Schuppachs Michel, Galenus und Doktor Menadie Mit der Salernitanschen Akademie. 23. Keiner konnte seiner Faust entfliehen, Nicht Nostradamus und Superintend. Ziehen. Mit Doktor Faust und Traͤumer Schweden- burg Ging er ohne Umstaͤnde durch. 24, Orpheus den großen Musikanten, Molieres den Komoͤdianten, Und den beruͤhmten Mahler Apell Nahm Freund Hein saͤmmtlich beim Fell. 25. Auch den Midas mit den langen Ohren, Den Dichter Homerus blind geboren, Den lahmen Tamerlan und Taͤnzer Vestris; Kein einz’ger von allen entsprang ihm hie. 26. Ach ja, lieber Leser! dies Furchtgerippe Fraß die Penelope und Xantippe, Judith, Dido, Lukretia Und die Koͤnigin aus dem Reiche Arabia. 27. Den 27. Den lachenden Demokrit und den Murrkopf Timon, Gaukler Schroͤpfer und den Zauberer Simon, Den Sokrates und jungen Werther, fuͤrwahr Jenen als Weisen, diesen als Narr. 28. Selbst Bucephalus und Rossinanten, Und Abulabas den Elephanten, Roß Bayard und Bileams Eselin Nahm Freund Hein zum Morgenbrod hin. 29. Summa Summarum, weder vorn noch hinten Ist in den Chroniken ein Exempel zu finden, Daß Freund Hein etwa irgendwo leer Bei jemand voruͤbergegangen waͤr. 30. Und was er uͤbrigens noch nicht gefressen, Wird er doch in der Folge nicht vergessen, Sogar, leider! lieber Leser, auch dich, Und was das schlimmste ist, sogar mich. 31. So ward es nun auch gleichergestalten Mit dem Nachtwaͤchter Hieronimus gehalten, Denn auch bei ihm stellte Freund Hein Sich nach vierzig Jahr und drei Wochen ein. 32. Er bekam naͤmlich ein hitziges Fieber, Das waͤre wohl nun bald gegangen uͤber, Wenn man’s seiner guten Natur Haͤtte wollen uͤberlassen nur; 33. Je- 33. Jedoch ein beruͤhmter Doktor im Kuriren Brachte ihn durch seine Lebenselixiren, Nach der besten Methode gar schoͤn, An den Ort, dahin wir alle einst gehn. 34. Als man ihn nun zu Grabe getragen, Fuͤhrten die Schildburger große Klage, Denn seit undenklichen Zeiten her War kein so beruͤhmter Nachtwaͤchter als er.