Luise EIN LÆNDLICHES GEDICHT IN DREI IDYLLEN VON Iohann Heinrich Voss. Königsberg MDCCXCV. bei Friedrich Nicolovius. LUISE VOR GLEIMS HÜTTCHEN. M ach’ auf, edeler Greis! Wer klopfet da? Freund’ und Bekannte. Leise klopfet der Freund. Aber du höretest nicht. Still! ihr weckt mir die Mädchen! Sie lieben uns. Sollen sie aufstehn Spät in der Nacht? Aufstehn, und die Geliebten empfahn. Welche denn? Kennst du den Pfarrer von Grünau? Was! und Luise? Auch ihr Mann. Und wo bleibt Müt- terchen? Mütterchen auch. Mädchen, heraus! mit dem schönsten be- wirtet sie! Alter, nur Obdach, Und ein freundlich Gesicht. Trautesie, kommt! denn es friert! LUISE ERSTE IDYLLE DAS FEST IM WALDE LUISE ERSTE IDYLLE DAS FEST IM WALDE D raussen in dunkeler Kühle der zwo breitblättrigen Linden, Welche, die tägliche Stub’ an der Mit- tagsseite beschattend, Über das mosige Dach hinsäuselten, schmauste behaglich Im Schlafrocke der Pfarrer am steinernen Tisch auf dem Sessel, Den vor dem Winterkamin sein alter künstlicher Hausknecht LUISE Heimlich geschnizt, und mit Weiss und glänzendem Grüne bemalet. Sorglos sass nun der Greis, von Geliebten umringt, und erfreute Mit lehrreichem Gespräche sein Herz, und mancher Erzählung. Küchlein in frohem Gedräng’ und das Perlhuhn pickten der Jungfrau Brot aus der Hand; weil ferne der trozi- ge Hahn mit den Weibern Harrte des Wurfs, und die trippelnde Taub’ und der kollernde Puter. Nachbarlich dort im Schatten des blüten- doldigen Flieders Nagte des Festmahls Knochen Packan, und murrete seitwärts Gegen die laurende Kaz’, und schnappte sich sumsende Fliegen. ERSTE IDYLLE Aber Mama, sanftlächelnd der wohlbe- kannten Erzählung, Zupfte geheim Luisen, die neben ihr sass, an dem Ermel, Neigt’ ihr nahe das Haupt, und begann mit leisem Geflister: Gehen wir noch in den Wald, mein Töchterchen? Oder gefällt dirs, Weil die Sonne so brennt, in der Geis- blattlaub’ an dem Bache Deine Geburt zu feiren? Du blickst ja so scheu, und erröthest. Hold erstaunt antwortete drauf das rosige Mägdlein: Nicht in der Laube, Mama! Das Geis- blatt duftet des Abends Viel zu streng’, und zumal mit der Lilien und der Reseda LUISE Dufte vermischt; auch schwärmen die Mücken so wild an dem Bache. Lieblich scheint ja die Sonn’, und am waldigen Ufer ist Kühlung. Und zu dem Pfarrer begann die alte verständige Hausfrau: Väterchen, danken wir Gott? Luise be- gehrt den Geburtstag Lieber im Wald’, als unten am Bach in der Laube zu feiern. Lieblich scheint ja die Sonn’, und am wal- digen Ufer ist Kühlung. Jetzo mein Rath. Herr Walter, der klei- ne Graf und Luise Gehn voran, und wählen den Ort, und suchen uns Brennholz. O der Besuch auf dem Schloss! Mit Ama- lia wäre der Gang doch ERSTE IDYLLE. Lustiger! Aber wir beiden Gemächlichen fahren den Richtweg Über den See; der Verwalter, das wissen wir, leihet uns gerne Seinen Kahn. Doch wünscht’ ich, dass unser Papa noch ein wenig Schlummerte. Mittagsschlaf ist die ange- nehmste Erquickung Alter Leut’ im Sommer, zumal in der Blüte der Bohnen. Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: Hört er, mein Sohn, wie sie waltet, die Herscherin? Aber ich muss schon Folgsam sein; denn es gilt den Geburts- tag meiner Luise. Kinder, wir beten zu Gott dem unend- lichen! Betet mit Ehrfurcht. LUISE Dieses gesagt, entblösste der redliche Vater die Scheitel, Glänzend kahl, und umringt von schnee- weis prangendem Haare, Senkte den Blick demütig, und sprach, mit gefalteten Händen: Lieber Gott, der du alles, was lebt, mit Freud’ und Erquickung Sättigest, höre den Dank, den deine Kin- der dir stammeln. Wir sind Staub. O beschirme, wenns frommt, in dem Leben der Prüfung Uns vor Trübsal und Noth, wie vor üp- pigem Stolz und Leichtsinn; Bis wir bewährt aus dem Staube zu dei- ner Herrlichkeit eingehn. Meine Kinder, ich wünsch’ euch eine ge- segnete Mahlzeit. ERSTE IDYLLE Also der Greis; da nahten sie all’, und küssten den Mund ihm Dankend; es küsst’ ihn umarmend die rosenwangige Tochter; Dann an die Wang’ ihm geschmiegt, lieb- koste sie. Aber mit Inbrunst Herzte der Greis sein freundliches Kind, auf dem Schoosse sie wiegend. Beid’ an der Hand nun fassend die Fremd- linge, sagte die Mutter: Seid ihr auch satt, ihr Lieben? Nur Baurenkost war es freilich, Und kein gräflicher Schmaus; doch hoffen wir, Freunde des Hauses Werden die That mit dem Willen ent- schuldigen. Trinken wir jetzt noch Kaffe hier? Vornehme geniessen ihn gleich nach der Mahlzeit. LUISE Ihr antwortete drauf der edle beschei- dene Walter: Herzlich danken wir, liebe Mama, für die schöne Bewirtung. Machen Sie Karl nicht roth. Gut sein ist besser, denn vornehm. Sässe bei solchem Mahle der Ländlich- keit selbst auch der Kaiser, Unter dem Schatten der Bäum’, in so trau- licher lieber Gesellschaft; Und er sehnte sich ekel zur Kost der fran- zösischen Köche Und zum Gezier der Höflinge heim; so verdient’ er zu hungern! Wenn Mama es erlaubt, so gehen wir gleich nach dem Walde; Und wann der Kahn anlandet, dann ko- chen wir alle geschäftig ERSTE IDYLLE Unter dem hangenden Grün weissstämmi- ger Birken den Kaffe. Karl verbittet den Kaffe sich ganz; er macht ihm nur Wallung. Aber es schalt der Vater, und rief die eifernden Worte: Ei mit der ungereimten Entschuldigung! War denn der Reisbrei Angebrannt? und der Wein auf dem Reis- brei nüchtern und kahnig? Waren nicht jung die Erbsen und frisch, und wie Zucker die Wurzeln? Und was fehlte dem Schinken, der Gän- sebrust und dem Hering? Was dem gebratenen Lamm, und dem kühlenden röthlichgesprengten Kopfsalat? War der Essig nicht scharf, und balsamisch das Nussöl? LUISE Nicht weinsauer die Kirsche Dernat, nicht süss die Morelle? Nicht die Butter wie Kern, nicht zart die rothen Radieschen? Was? und das kräftige Brot, so locker und weiss! Es ist schändlich Wenn man Gottes Gaben aus Höflichkeit also verachtet! Lieber Sohn, da nehm’ er die Dirn’ am Arm, und dann hurtig Fort in den Wald! Komm her, mein Müt- terchen, dass ich dich küsse! Ihm antwortete drauf die alte verstän- dige Hausfrau: Schilt nicht, lieber Papa! man sagt ja wohl so ein Wörtchen. Schlummre nun kühl und ruhig im Käm- merlein. Jungfer Susanna ERSTE IDYLLE Hat mit Pfeffer und Milch die Fliegen getränkt, auch das Mäuschen Heut in die Falle gelockt, und den Alkov fleissig gelüftet. Jene sprachs, und führte den lieben Gemahl in die Kammer, Legt’ ihm die Kissen zurecht, und ver- schloss die dunkle Gardine; Während die Magd des Mahles Geräth und die festlichen Gläser Eintrug, samt dem Gedeck von schönge- webetem Drillich. Rasch nun wandelte Hans mit dem Auf- trag zu dem Verwalter, Wegen des Kahns, den er neu zum Fi- schen gebaut, und zur Lustfahrt; Und willfährig entliess der Verwalter ihn. Aber die Jungfrau B LUISE Ging, von Karl begleitet, am Arm des bescheidenen Jünglings, Fröhlich einher den Weg um die Wasser- mühl’ in das Seethal. Weiss war ihr Sommergewand mit rosen- farbenen Schleifen; Seidener Flor umwallte verrätherisch Bu- sen und Schultern, Vorn mit der knospenden Rose geschmückt; ihr freundliches Antliz Schirmte, gekränzt mit Tremsen, der fein- geflochtene Strohut. Unter ihm ringelte sanft in den Wind das bräunliche Haupthaar, Glänzend im Licht, nachlässig vom rosi- gen Bande gefesselt. Zart und rundlich und schlank, aus der Klappe des sämischen Handschuhs ERSTE IDYLLE Blickend, kühlt’ ihr die Rechte mit grü- nem Fächer das Antliz; Aber die Linke ruht’ in des Jünglinges Arm, und es spielten Ihm in der Hand die warmen und nied- lichen Finger des Mägdleins. Wonne durchströmt’ ihm das Herz, er athmete bang’, und sprachlos Drückt’ er die kleine Hand, mit bebenden Fingern durchfaltend. Also wandelten beide durch Gras und blühende Kräuter, Langsam; heisere Grillen umschwirrten sie; und wie erblödet Sannen sie, flohn den begegnenden Blick, und redeten wenig. Als sie nunmehr, oft seufzend, das schwü- lere Thal durchwandert, LUISE Unten am Zaun, wo die Quell’ aus dem Sandberg roth und morastig Zwischen binsigen Hügeln und Schafthalm träger hinabfloss; Jezt an der leitenden Hand des Jünglin- ges hüpfte die Jungfrau Furchtsam über die Steine, gelegt für die Schritte des Wandrers, Trat auf den Steg, und hob das eine Füss- chen mit Vorsicht Über den hohen Zaun; enthüllt bis zur Blume des Zwickels, Ordnete scheu das Gewand, und schwang wie ein Reh sich hinüber. Dann durch Haselgebüsch den ausgereg- neten Pfad auf Stiegen sie, welcher sich schräg’ hinbog um den alternden Ahorn. ERSTE IDYLLE Dort nun begann tiefathmend das rosen- wangige Mägdlein: Stehn wir ein wenig still? Mir klopfet das Herz! Wie erfrischend Über den See die Kühlung heraufweht! Und wie die Gegend Ringsum lacht! Da hinab langstreifige, dunkel und hellgrün Wallende Korngefilde, mit farbigen Blu- men gesprenkelt! O wie es wühlt, weitschauernd mit grünli- chem Dampf durch den Rocken! Dort das Dorf im Gebüsch, so stolz und freundlich gelagert Am herschlängelnden Bach, und der Thurm mit blinkendem Seiger! Oben das weisse Schloss in Kastanien Vorn auf der Wiese LUISE Röthliche Küh’; und der blaue gebogene See mit der Waldung! Dort die Schober des Heus, dort Mähen- de! Aber wir selbst hier, Von Buchweizen umblüht, im Gesums’ eintragender Bienen! Schaut doch umher, ihr Kinder, und freuet euch! Hören Sie, Bester: Heute bringt uns Mama grossmächtige spanische Erdbeern; Wohl so süss, wie mir deucht, sind Feld- erdbeern, und balsamisch. Kommen Sie dort in den Busch; da stehen sie, röther wie Scharlach. Also Luis’, ablenkend zum sonnigen Thal des Gebüsches, Rechts, wo die Hecke das Feld einfrie- digte. Hurtig vor ihnen ERSTE IDYLLE Hüpfte der Knab’, und verliess das grün- liche Himmelspferdchen, Das mit glänzenden Schwingen auf Far- renkraut sich gesezet. Stehn blieb jezo Luis’, und sprach mit vertraulichem Flistern, Nah’ an des Jünglinges Wange geneigt ihr blühendes Antliz: Sehn Sie, er folgt dem Geruche der Erd- beern. Lieber, die Hand mir Nicht so gedrückt! Er möchte den Herrn Hofmeister belauschen. Aber dem Jünglinge wallte das Herz vor banger Entzückung, Als ihr rosiger Mund mit ätherischem Odem die Wang’ ihm Warm anhaucht’; und er wandte sich sanft und küsste das Mägdlein. LUISE Leise bebt’ ihr die Lipp’, und wandte sich; aber ihr Antliz Lächelte, hold verschämt, wie ein Früh- lingsmorgen erröthend. Und sie entschlüpfte dem Arm, und brach ein unscheinbares Blümchen Seitwärts, stand in Gedanken, und schaut’ es an, wie bewundernd. Plözlich erscholl im Gebüsche die ru- fende Stimme des Knaben: Kommt doch, und pflückt Erdbeern! Hier stehen sie, röther wie Scharlach! Jubeln wollen wir alle vor Lust, wenn wir unseren Vorrath Auch in die Kumm’ ausschütten! Da wird der Vater sich wundern! Felderdbeern, die pflanzte der liebe Gott; und um vieles ERSTE IDYLLE Schmecken sie köstlicher noch, in Milch mit Zucker bestreuet! Jene kamen und sahn die geschwolle- nen Beeren, die ringsum Feuerroth und gedrängt am Sonnenstral aus den Kräutern Schimmerten; und ihr Gedüft durchath- mete würzig die Gegend. Freudig rief und erstaunt der edle be- scheidene Walter: Wunderbar! es erhebt sich künstlicher Gärten der Reiche, Welche die Frucht ihm zinsen aus jegli- chem Sonnenbezirke, Fröhnend in Zwang; und dem Armen be- reitete Gott in der Wildnis, Ohne sein Thun, Fruchtgärten voll heil- samer Blumen und Kräuter: LUISE Arbeitlos dann sammelt das Kind, und sammelt der Greis ein. Aber es fehlt ein Geschirr für die saftige Reife der Beeren. Pflücken wir dort Huflattig, mein Karl, und die Blätter im Tuche Tragen wir locker geknüpft? Noch dien- licher, wenn ich der Hasel Sauber die Rind’ abstreift’, und mit ästi- gem Pflocke zusammen Heftete. Oder ersinnt mein Karl noch ein anderes Mittel? Zürnend gab ihm darauf der feurige Knabe die Antwort: Ist das Ernst, Herr Walter: den Busch, der die Zweige herabhängt, Von Nusstrauben beschwert, im fröhlich- sten Wuchse zu schinden? ERSTE IDYLLE Stehn denn am Sumpf nicht Binsen genug? Wie bald ist ein kleines Körbchen gemacht, wenn einer den Grif nur tüchtig gelernt hat? Ernsthaft that, ihm erwiedernd, der edle bescheidene Walter: Das hat Schick und Gestalt! O wie gut, wenn zween sich berathen! Hurtig hinab, und das Körbchen beschleu- niget! Hier an der Hasel Ruhn wir indess friedfertig, die voll gross- traubiger Nüsse Überwölbt ihr Gezweig’; auch pflücken wir nichts von den Erdbeern, Ausser ein paar zur Erfrischung für un- sere liebe Gefährtin. Kaum gesagt, da enteilte zum binsigen Sumpfe der Knabe; LUISE Während sich jene vertraut in der Hasel umschattende Wölbung Lagerten. Stolz nun kam er herauf mit dem Körbchen gewandelt. Alle sie pflückten darein die saftigen Bee- ren auf Nusslaub, In wetteifernder Hast, und oft mit den schöneren pralend, Naschten dabei, und boten Geschenk; denn sie hatten die Auswahl. Hoch nun strozte der Korb, und hing am Arme des Knaben. Als sie nun wieder den Pfad hinwan- delten, hörten sie abwärts Durch das Thal den Gesang des siebzig- jährigen Webers, Der, zum Weben zu schwach, bei Kir- chenmusik und Gelagen ERSTE IDYLLE Kräftig den Brummbass strich, wie der Or- ganist ihn gelehret. Selbstgelehrt auch stellt’ er der gnädigen Gräfin die Schlossuhr; Auch bereitet’ er künstlich aus Spillbaum allerlei Löffel, Kellen, wacholderne Querl’, und Vogel- bauer, und Schaufeln, Zündenden Schwamm, Waschklöpfel, und hölzerne Schuhe dem Marschland. Doch war der Sommer ihm mild, dann sammelt’ er Beeren des Feldes Für die benachbarte Stadt, auch Schlehn und Nüss’ und Hambutten, Flieder, Kamillen und Kress, Maililien, Pilz’ und Morcheln. Aber zum Jünglinge sprach die rosenwan- gige Jungfrau: LUISE Lieber, da sucht auch der Alte sich Erd- beern. Wollen wir hingehn? Eilender gingen sie beid’, und fanden ihn, tragend den bunten, Mächtigen Henkeltopf, halbvoll der erle- senen Erdbeern. Grüssend nahte dem Greis der edle be- scheidene Walter: Guten Tag! So fleissig? O sezt doch, Vater, die Müz’ auf! Scheltet ihr auch? Wir haben uns selbst Erdbeeren in eurem Garten gepflückt; heut gilts den Geburts- tag unsrer Luise. Nehmt dies wenige, Vater, und trinkt der Jungfer Gesundheit. Also sprach der Jüngling, und wandte sich. Aber der Alte ERSTE IDYLLE Segnete beiden nach, und es bebte die Thrän’ an den Wimpern. Jenem drückt’ im Gehen die rosenwangige Jungfrau Schweigend die Hand; und sobald sie des dichteren Thales Umschattung Barg, begegnete willig ihr Mund dem Kusse des Jünglings. Als sie, das Linsenfeld und die bärtige Gerste durchwandelnd, Jezo dem Hügel am See sich näherten, welcher mit dunkeln Tannen und hangendem Grün weissstäm- miger Birken gekränzt war; Blickte zum buschigen Ufer Luis’ hinhor- chend, und sagte: Still! es tönte mir dumpf, wie ein Ru- derschlag, von dem Ufer! LUISE Aber der fröhliche Karl, der voranlief, wandte sich rufend: Hurtig! da seh’ ich den Kahn! Nun gleitet er hinter das Schilfrohr! Und mit geflügelten Schritten enteilten sie; kühlender Seewind Hauchte zurück das Gewand, das die trip- pelnden Füsse des Mägdleins Rauschend umwallt’, und es weht’ ihr ge- ringeltes Haar von den Schultern. Laut nun rief und winkt’ aus dem schwe- benden Kahne der Pfarrer: Ehrbar, Kinder, und sacht! Ihr lauft ja so rasch, wie die Hühnlein Über den Hof, wenn die Magd an der Hausthür Futter umherstreut! Töchterchen, geh vorsichtig, und strauchle mir nicht an den Wurzeln! ERSTE IDYLLE Athmend harrten sie nun, bis der rau- schende Kahn an dem Ufer Landete; und Willkommen erscholls, will- kommen im Grünen! Hinten hemmte der Knecht, an der Erl’ im Wasser sich haltend. Aber gestüzt von der Hand des Jünglin- ges traten die Eltern Über den wankenden Bord, auf den Sand voll Kiesel und Muscheln, Wellig geformt von der Flut, und umhüpft mit gehügeltem Seeschaum. Schmeichelnd küsste den Greis die blü- hende Tochter, und fragte: Väterchen kömmt ja so frühe vom Schlaf? Hat der hässliche Kater Wieder gemaut? ein Hühnchen beim Eier- legen gekakelt? C LUISE Oder Susanna zu laut mit dem Waffelei- sen geklappert? Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: Weder gemaut hat ein Kater, mein Kind, noch ein Hühnchen gekakelt, Oder Susanna zu laut mit dem Waffelei- sen geklappert. Unser Gespräch, und die Freude, mein Töchterchen, deines Geburtstags Machte mein Herz unruhig. Wohlauf nun, Feuer gezündet! Flink, und Kaffe gekocht! Die lieben Kinder sind durstig! Jener sprach’s; da gebot die alte ver- ständige Hausfrau: Hans, an den blühenden Genst das Ge- päck, und Feuer gezündet; ERSTE IDYLLE Dass uns nicht anwehe der Rauch. Hier, denk’ ich, am Vorland Lagern wir uns im Schatten der alten Familienbuche, Die vorlängst uns bekennt mit schon aus- wachsenden Namen. Hier ist sanft die Kühlung, und weich der Rasen wie Polster; Und im Geräusche der Well’ und des Schilf- rohrs, labt uns die Aussicht Über den See nach dem Dorf und den Krümmungen fruchtbarer Ufer. Sammelt nun Holz, ihr Kinder! Wer fischen will, scheue kein Wasser! Also die Frau; und den Hügel ereilten sie, welcher mit dunkeln Tannen und hangendem Grün weissstäm- miger Birken gekränzt war, LUISE Fanden Kien und Reiser, und sammelten; dann zu dem Buchhain Eilten sie, links im Thal, wo der Äst’ ein unendlicher Abfall Unter Laub und Gesträuch rings moderte. Aber der Hausknecht Fing die sprühenden Funken des Stals in schwammigen Zunder, Fasst’ ihn in trockenes Laub, und schwang mit Gewalt, bis dem dickern Qualm aufleuchtendes Feuer entloderte; häufte geschickt dann Reiser und Kien, dass die Flamme, des Harzes froh, durch den Holzstoss Knatterte, finsteren Rauch seitwärts auf- dampfend zum Himmel. Jezt wo der Wind in die Glut einsausete, stellt’ er den Dreifuss ERSTE IDYLLE Samt dem verschlossenen Kessel, gefüllt mit der Quelle des Gartens. Wehend umleckt’ ihn die Loh’, und es braust’ aussiedend der Kessel. Aber das Mütterchen goss in die bräun- liche Kanne den Kaffe Aus der papierenen Tute, gemengt mit klärendem Hirschhorn, Strömte die Quelle darauf, und stellt’ auf Kohlen die Kanne, Hingekniet, bis steigend die farbige Blase geplazt war. Schleunig anjezt rief jene, das Haupt um die Achsel gewendet: Seze die Tassen zurecht, mein Töch- terchen; gleich ist der Kaffe Gar. Die Gesellschaft nimt mit unserem täglichen Steinzeug LUISE Wohl im Grünen vorlieb, und ungetrich- tertem Kaffe. Vater verbot Umständ’; und dem Weibe geziemt der Gehorsam. Sprachs; und die Tochter enthüllt’ aus dem Deckelkorbe die Tassen, Auch die Flasche mit Rahm, und die ble- cherne Dose voll Zucker, Ordnend umher auf dem Rasen; und jezt, da sie alles durchwühlet, Neigte das blühende Mädchen sich hold, und lächelte schalkhaft: Nehmen Sie mirs nicht übel, Mama hat die Löffel vergessen. Sprachs; da lachten sie all’, auch lachte die gütige Mutter, Welche die dampfende Kanne dahertrug. Aber der Jüngling ERSTE IDYLLE Eilte zur nahen Birk’, und schnitt von den hangenden Zweiglein Schöngeglättete Stäb’, und vertheilte sie rings der Gesellschaft. Freundlich reichte Luise dem lieben Papa und dem Jüngling Pfeifen dar, und Toback in der fleckigen Hülle des Seehunds. Und sie lagerten sich im schattigen Gras’: an des Vaters Rechte der Knab’ und Mama, die den klaren Trank in die Tassen Rühmend goss; und zur Linken die schöne Luis’ und der Jüngling. Zwar sie kostete selten des Kaffees; aber gefällig Trank sie heut ein wenig, und russischen Thee mit dem Kleinen. LUISE Liebreich sprach der Vater, die rosige Wang’ ihr streichelnd: Kind, dir brennt ja die Wange wie Glut! Zwar ist es nicht übel Anzusehn; doch nim mir, mein Töchter- chen, wegen der Zugluft Etwas mehr um den Hals. Man erkältet sich leicht in der Hize. Jenem küsste die Hand und erwiederte freundlich die Tochter: Zugluft heisst die Kühlung, die sanft durch Erlen des Ufers Athmet, und kaum ein Band mir bewegt? Wir gingen ja langsam, Ruhten auch oft im Schatten. Ich bin nur so fröhlich, mein Vater! Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: ERSTE IDYLLE Ja, du geliebte Tochter, ich bin auch fröhlich! so fröhlich, Als die singenden Vögel im Wald hier, oder das Eichhorn, Welches die luftigen Zweige durchhüpft, um die Jungen im Lager! Achzehn Jahr sind es heute, da schenkte mir Gott mein geliebtes, Jezt mein einziges Kind, so verständig und fromm und gehorsam! Wie doch die Zeiten entfliehn! Zehn kommende Jahre, wie weithin Dehnt sich der Raum vor uns! und wie schwindet er, wenn wir zurücksehn! Gestern erst geschah es, so deucht es mir, als ich im Garten Ging, und Blätter zerpflückt’, und betete; bis nun mit Einmal LUISE Fröhlich die Botschaft kam: Ein Töch- terchen ist uns gebohren! Manches beschied seitdem der Allmäch- tige, gutes und böses. Auch das Böse war gut! denn Seine Gnad’ ist unendlich! Weisst du, Frau, wie es einst nach lan- ger Dürre geregnet, Und ich, Luis’ auf dem Arme, mit dir in der Frische des Gartens Athmend ging; wie das Kind nach dem Regenbogen emporgrif, Und mich küsste: Papa! da regnet es Blu- men vom Himmel! Streut die der liebe Gott, damit wir Kin- der sie sammeln? — Ja, vollblühende Segen und himmlische streuet der Vater, ERSTE IDYLLE Welcher den Bogen der Huld ausspanne- te: Blumen und Früchte! Dass wir mit Dank einsammeln und Fröh- lichkeit! Denk’ ich des Vaters, O dann erhebt sich mein Herz, und schwillt von regerer Inbrunst Gegen unsere Brüder, die rings die Erde bewohnen: Zwar verschieden an Kraft und Verstand; doch alle des Vaters Liebe Kindlein, wie wir! von einerlei Brüsten genähret! Und nicht lange, so geht in der Dämme- rung eins nach dem andern Müde zur Ruh, von dem Vater im küh- len Lager gesegnet, Hört süssträumend der Winde Geräusch und des tropfenden Regens, LUISE Schläft, und erwachet gestärkt und verstän- diger. Kinder, wir freun uns Alle vereint, wenn Gottes verklärterer Morgen uns aufweckt! „Dann erfahren auch wir wahrhaft, dass Gott die Person nicht „Ansieht; sondern in allerlei Volk, wer ihn fürchtet und recht thut, „Der ist ihm angenehm!“ — O Himmels- wonne! wir freun uns, Alle, die Gutes gethan nach Kraft und redlicher Einsicht, Und die zu höherer Kraft vorleuchteten: freun uns mit Petrus, Moses, Konfuz und Homer, dem lieben- den, und Zoroaster, Und, der für Wahrheit starb, mit Sokra- tes, auch mit dem edeln ERSTE IDYLLE Mendelssohn! Der hätte den Göttlichen nimmer gekreuzigt! Ihm antwortete drauf der edle beschei- dene Walter: Traurig nur, wenn ein Kind, das der bil- denden Rede des Vaters Kundiger schon aufmerkt, mit Verständ- nis, oder mit Ahndung, Sich das erwähltere dünkt, das einzige! wenn es die Brüder, Die um Sokrates einst der Menschlichkeit Höhen erstrebet, Neidisch entehrt in der Gruft; und die jüngeren, welche noch lallen, Oder des Vaters Worte sich selbst aus- deuten, voll Hochmut Schilt und martert und würgt! Man er- zählte mir neulich ein Mährlein. LUISE Einsmals kam ein Todter aus Mainz an die Pforte des Himmels, Poltert’ und rief: Macht auf! Da schaute der heilige Petrus Aus der leise geöfneten Thür’, und fragte: Wer bist du? Trozig erwiederte jener, den Ablasszettel erhebend: Ich? ein katholischer Christ, des allein heilbringenden Glaubens! Seze dich dort auf die Bank! antwortete Petrus verschliessend. Hierauf kam ein Todter aus Zürch an die Pforte des Himmels, Poltert’ und rief: Macht auf! Wer bist du? fragte der Jünger. Ich? ein kalvinischer Christ, des allein heilbringenden Glaubens! ERSTE IDYLLE . Dort auf die Bank! rief Petrus. Da kam auch ein Todter aus Hamburg, Poltert’ und rief: Macht auf! Wer bist du? fragte der Jünger. Ich? ein lutherischer Christ, des allein heilbringenden Glaubens! Dort auf die Bank! rief Petrus. Nun sassen sie, schauten bewundernd Sonnen und Mond’ und Stern’ in harmo- nischem Tanz, und vernahmen Harfentön’ und Gesäng’, und athmeten Düfte des Himmels; Und ihr Herz ward entzückt zum hellen Gesang: „Wir gläuben „All’ an Einen Gott!“ — Da mit Einmal sprangen die Flügel Rauschend auf, dass umher von des Him- mels Glanze der Äther LUISE Leuchtete. Petrus erschien, und sprach mit freundlichem Lächeln: Habt ihr euch nun besonnen, ihr thörich- ten Kinder? So kommt denn! Also redeten jen’ im vertraulichen Wechselgespräche, Unter dem heiteren Blau des allumfassen- den Himmels; Gottes lebende Wind’ umwehten sie. Aber der Alte Senkte den Blick tiefsinnig, und sass in starrer Betäubung, Wie wenn er predigen sollte, das Herz voll Worte des Himmels; Ernst nun bewegt’ er das Haupt; ihm drang die Thrän’ aus den Wimpern. Alle schwiegen zugleich, und sahn auf ihn mit Bewundrung. ERSTE IDYLLE Jezo begann der Vater, und sprach zu der rosigen Jungfrau: Singe den neuen Gesang, mein Töch- terchen, welchen im Frühling Unser Freund in Eutin hier dichtete. Heimlich entschlich er Durch das Gehölz; ihr gingt mit der freundlichen Ernestine Rufend umher, du selbst und Amalia, bis ihr ihn fandet. Jener sprachs; da begann mit steigen- der Röthe die Jungfrau Sanft den Gesang; ihn verstärkte, mit Macht einstimmend, der Vater. D LUISE Blickt auf, wie hehr das lichte Blau Hoch über uns sich wölbet! Wie fern den grünen Glanz der Au Die Butterblume gelbet! Um uns im Sonnenscheine wehn Der Buchen zarte Blätter; Aus tausend Kehlen schallt, wie schön! Vielstimmiges Geschmetter! Ringsum an Bäumen und Gebüsch Entschwellen junge Triebe! Hier schattets kühl! Hier athmet frisch, Und trinkt den Geist der Liebe! Wir beben dir, der Liebe Geist, In dieser Auferstehung, Wie wenn du einst vom Tod’ erneust Zu seliger Erhöhung! ERSTE IDYLLE Aus allen Völkern rauschen dann Verklärte Millionen, Die brüderlich gesellt fortan Den neuen Stern bewohnen! Durch Farb’ und Glauben nicht getrennt, An Sinn und Thaten höher, Sind Ihm, den selbst kein Jubel nennt, Die Brudervölker näher! Schon hier vereint in Lieb’ und Recht Sei aller Welt Gewimmel! Wir sind ja Eines Staubs Geschlecht, Bedeckt von Einem Himmel! Wir spielen all’ im Sonnenschein, Vergnügt gemeiner Gabe; Wir ruhn, und steigen, gross und klein, Gestärkt aus unserm Grabe! LUISE Aus allen Völkern schall’ empor Gesang zum Ungenannten: Wie jedes sich den Dienst erkohr, Wie seinen Gottgesandten! Gern hört der Vater Aller so Sich vielfach angelallet, Wie hier im jungen Laube froh Der Waldgesang erschallet! Also sangen sie beid’; und der Wald war Tempel der Gottheit; Edeler fühlten sich all’ und menschlicher. Aber die Jungfrau Eilte, vom Siz aufstehend, und mühte sich hustend am Feuer, Dass sie des Vaters Pfeif’ anzündete, welche dem Greise ERSTE IDYLLE Schon in der heftigen Red’ erloschen war; reichte sie jezt ihm Brennend, und spuckte viel, und macht’ ein krauses Gesichtchen. Lächelnd dankte Papa, und küsste das rosige Mägdlein; Und sie lagerte sich. Da begann die ver- ständige Hausfrau: Kinder, der Kaffe wird kalt; ihr pre- diget immer und ewig! Habt ihr auch Rahm und Zucker genug? Rührt um mit den Löffeln! Als sie nunmehr im Grünen mit Kaffe und Thee sich gelabet; Schenkte Mama auch dem Knechte, der pfeifend ging an dem Ufer. Anfangs streubt’ er sich, etwas beschämt, und nahm es doch endlich. LUISE Jezo wandelten sie, von längeren Schat- ten begleitet, Auf den duftenden Hügel: wo schlankere Birken zum Himmel Säuselten, Tannensaat sich erhob mit gelb- lichem Jahrwuchs, Und Wacholdergesträuch um die Hünen- gräber der Vorwelt Wuchernd kroch, und stechender Hulst mit glänzenden Blättern. Einzeln rauschten umher auch Mastbäum’ unter den Wolken, Ostwärts alle gebeugt von des siebenund- vierzigsten Jahres Winterorkan. Sie umschauten die weit- hin lachende Landschaft, Plauderten viel, und sangen empfundene Lieder von Stolberg, ERSTE IDYLLE Bürger und Hagedorn, von Claudius, Gleim und Jacobi; Sangen: „O wunderschön ist Gottes Er- de!“ mit Hölty, Welcher den Tod anlacht’, und beklagten dich, redlicher Jüngling! Unter den wandelnden sprach die alte verständige Hausfrau: Kinderchen, merkt, wie die Sonne hin- absinkt, fast zu den Wipfeln Jenes Walds, und vom Dorfe die Betglock’ über den See summt! Thau weissagt das Gewölk, das duftige: welcher den Kräutern Wachsthum bringt, doch leicht den gela- gerten Menschen Erkältung! Unser Papa ist alt, und das Jüngferchen kleidet sich immer LUISE Luftig und kühl; das Ei will klüger ja sein, wie die Henne! Kommt denn, und schmaust, ihr Lieben; die Feldluft reizet den Hunger. Sprachs, und führt’ in das Thal; nicht ungern folgten die andern. Als sie den blumigen Rasen des weitum- schattenden Buchbaums Jezo erreicht; da eilten Mama und die freundliche Tochter Schnell zu dem Kahn am Ufer, und brach- ten im zierlichen Tischkorb Feines Gedeck, Esslöffel und englische Messer und Gabeln; Brachten das Zuckergeschirr von violigem Glase, mit Silber Zierlich gefasst, wie ein Korb, ein Ge- schenk der gnädigen Gräfin; ERSTE IDYLLE Brachten die reinlichen Teller von Stein- gut, spanische Erdbeern Auf eiförmiger Schüssel, und fette Milch in gestülpter Porzellanener Kumme, geformt wie ein purpurner Kohlkopf, Welche mit wärmendem Punsch und Bi- schof füllte der Vater, Wann ein Freund ihn besucht’ in den sau- senden Tagen des Winters; Brachten mit Eppich umlegt die Bach- krebs’, ähnlich den Hummern, Auch zween kalte gebratne Kapaun’, um- hüllt vor den Fliegen; Brachten dann hochgehäuft vielrautige bräunliche Waffeln, Auch die duftende Frucht der grünge- streiften Melone, LUISE Gelbe gezeichnete Butter in bläulicher Dos’, auf dem Deckel Lag ein käuendes Rind zum Handgrif; lieblichen Schafkäs’ Und holländischen Käs’, und einen gewal- tigen Rettig Für Papa; auch Kirschen und roth’ und weisse Johannsbeern. Aber die Jungfrau neigte sich hold, und sprach zur Gesellschaft: Frisch heran, ihr Kinder, und lagert euch unter dem Baume, Froh wie der Schnitter im Feld’ und die Binderin! Seid auch so gütig, Unser ländliches Mahl zu entschuldigen. Schilt nicht, du alter Lieber Papa! denn heut am Geburtstag’ hab’ ich Erlaubnis, ERSTE IDYLLE Recht unartig zu sein; und du trinkst doch meine Gesundheit! Mutter, du böse Mutter, du hast den Wein ja vergessen! Ihr antwortete drauf die alte verstän- dige Hausfrau: Mädchen, du bist mutwillig! Ein Glück, dass der Dirne Geburtstag Einmal im Jahre nur kömmt; sonst wüch- sen die Bäum’ in den Himmel! Siehe, der ehrliche Hans hat Milch und Wein uns bedachtsam Abgekühlt im Schilfe des Sees; da bringt er den Korb schon. Also Mama; und es nahte der redliche Hans mit dem Weinkorb, Ehrbar, zuckte den Hut, und redete zu der Gesellschaft: LUISE Heute fürwahr ein prächtiger Tag! Gott segne die Mahlzeit! Eilig den Korb ausleerend, erwiederte jenem der Pfarrer: Hans, du bringst ja die Meng’ Herz- stärkungen! Schaue dein Antheil, Blank wie Gold an der Sonne! Doch trink auch der Tochter Gesundheit! Aber der Kleine sprang zu dem Mai- busch, wo er die Erdbeern Heimlich versteckt, und stellte den duf- tenden Korb auf den Teppich, Von dem bedeckenden Laub’ ihn entledi- gend. Vater und Mutter Freuten und wunderten sich, und lächel- ten seiner Erzählung, Lobten den Korb, und priesen die saftige Röthe der Erdbeern. ERSTE IDYLLE Also schmauseten jen’, in behaglicher Ruhe vereinigt, Auf dem blumigen Rasen des weitum- schattenden Buchbaums. Tiefer sank nun die Sonn’, und ergoss vielfarbige Schimmer Durch das hangende Laub, oft nöthi- gend, weiter zu rücken. Kaum noch wankte das Rohr, und der See ward glatt wie ein Spiegel. Rastlos tönte der Heimen Geschwirr, und Vögelein sangen; Fernher rief der Kibiz, der Kukuk nahe; vom Kornfeld Lockte die streifende Wachtel, die Rin- geltaub’ in dem Ulmbaum Gurrt’, und es krächzte der Rak mit him- melblauem Gefieder. LUISE Feierlich ösnete jezt mit dem Pfropfen- zieher der Vater Eine Flasch’, und vertheilte zum Nachtisch goldenen Steinwein: Den ihm die gnädige Gräfin zur Stärkung seiner Gesundheit Sendete, als sie im Lenz heimkehrt’ in ihr grünendes Landgut Aus der Stadt; doch lang’ unentsiegelt stand er im Keller, Aufgespart für der lieben und einzigen Tochter Geburtstag. Hiermit füllte die Gläser der Greis, und sprach zur Gesellschaft: Angeklingt! denn es gilt die Gesund- heit unsrer Luise! Sprachs; und es klangen die Gläser mit hellem Gekling’ an einander. ERSTE IDYLLE Nur des Jünglinges Glas verstimmte den Klang mit taubem Puf; da schüttelte zürnend der Vater das Haupt, und bedräut’ ihn: Tausendmal hab’ ich ihn, Sohn, an die Erzuntugend erinnert! Klappt nicht immer sein Glas wie ein spaltiger Topf, und des neuern Dichterschwarms ungeschlifner Hexame- ter, welcher daherplumpt Ohne Takt und Musik, zum Ärgernis? Kann er nicht anders, Oder gefällt es ihm nicht? Ein jegliches Ding hat doch Regeln! Kein Vernünftiger fasst an den oberen Kelch, wenn er anklingt; Nein, an den Fuss! Dann klingts, wie Har- monikaklang in den Glückwunsch! LUISE Lächelnd erwiederte drauf der edle bescheidene Walter: Nicht so gezürnt, mein Vater! Das rosen- wangige Mägdlein Blickte mit schelmischem Auge mich an; da vergass ich die Regel. Sprachs; da droht’ ihm Luise mit auf- gehobenem Finger, Feuerroth; und sie lachten des hold er- röthenden Mägdleins. Aber sie that nachlässig, und schnellt’ auf den Knaben den Kirschkern. Hans indess, dem die Mutter ein klei- neres Tuch an den Maibusch Hingedeckt, und es reichlich mit Trank und Speise belastet, Schenkte sein Glas voll Weines, und trat vergnügt zur Gesellschaft, ERSTE IDYLLE Langsam, nicht in das Gras den edelen Trank zu verschütten. Als er genaht, da neigt’ er das Haupt, und redete also: Nun mit Verlaub! ich trinke des Jüng- ferchens werthe Gesundheit! Rückwärts gebeugt dann trank er, und lächelte. Als er den lezten Tropfen geschlürft, da schwenkt’ er sein Glas, und redete wieder: Segne der liebe Gott das Jüngferchen! Hab’ ich so manchmal Doch als lallendes Kind auf meinem Arm sie geschaukelt, Dass sie im Spiegel ihr Bild anlächelte! Schmuck war sie immer, Und wie ein Engel so fromm! Ihr Bräu- tigam preise sich glücklich! E LUISE Schalkhaft sagte darauf die rosenwan- gige Jungfrau: Hänselchen, willst du mich frein? Ich hab’ in der Kiste so manchen Blanken Thaler gespart: mein Patenge- schenk, und mein Weihnacht! Auch versteh’ ich die Nadel zur Noth, und die Knütte versteh’ ich, Brot zu backen, zu braun, und ein Leib- gericht zu bereiten! Aber es redete drein die alte verstän- dige Hausfrau: Traue du nicht der Spötterin, Hans! Zwar stattlich von Gliedern Ist sie dir, aber zu faul, und die seidenen Händchen zu vornehm. Geh nur, und rüste den Kahn zu der Ab- fahrt. Denn wo mir recht ist, ERSTE IDYLLE Feuchtet der Rasen bereits. Wohl sagt’ ich es! Lasst uns denn aufstehn; Oder wir haben zum Lohn vom Geburts- tag’ Husten und Schnupfen. Schmaust die Kirschen im Kahn, ihr Kin- derchen, und die Johannsbeern. Also sprach sie, und trieb; und sie fol- geten alle gehorsam, Trugen des Mahles Geräth in den räumi- gen Kahn des Verwalters, Traten dann selber hinein; und der Knecht stiess ab von dem Ufer. Fernher glimmten wie Gold die Fenster der Kirch’ und des Schlosses, Welche die Sonn’ absinkend beleuchtete; rings an den Ufern Hingen Gebüsch’ und Saaten, von röthli- chem Scheine beduftet, LUISE Umgekehrt in der Flut, und zitterten über zerstreutem Glanzgewölk, und die Heerd’, und die singende Magd bei der Milchkuh. Langsam ruderte Hans am Gestad’ hin; jezt um ein Röhricht, Und braunkolbiges Ried; Seelilien jezo durchgleitend, Gelb von Blumen und weiss, breitblätte- rig; jezo den Vorgrund, Wo hell Muschel und Kies aufschimmer- ten. Häufig ermahnt’ er, Wann Luis’ im wankenden Kahn an den Jüngling sich anschloss. Aber es freute sich Karl der schreienden Wasservögel Über dem Holm, und des Hechts, der be- glänzt vom Abend emporsprang; ERSTE IDYLLE Auch wie des Ruders gebrochenes Bild in der sanften Umwallung Schlängelte; laut dann ruft’ er dem Wie- derhall in des Hügels Ödem Gemäur, liebkost’ ihm und schalt, und lachte der Antwort. Heiter und still war allen das Herz, wie die spiegelnde Welle; Während der Vater vergnügt sein ruhiges Abendpfeifchen Raucht’, und ein Wort einsprach, von Ge- lehrsamkeit, und von der Zeitung. Oft noch zuckte Luis’, an den Jüngling gelehnt, und drückt’ ihm Ängstlich die Hand. Da begann die alte verständige Hausfrau: Wie das närrische Mädchen sich an- stellt! Ist denn der Kahn nicht LUISE Gross und breit? Sei ruhig, mein Töch- terchen, oder ich wiege. Sonst so keck und verwegen, wenns gilt, in die Bäume zu klettern, Über die Graben zu springen, und hoch in der Luft sich zu schaukeln, Oder auch gleiten zu gehn mit Amalia, welche dir gleich ist, Auf dem gefrorenen Bach und der Gleit- bahn, recht wie die Kinder! Schlag’ ein Tuch um den Hals, dies sei- dene, das ich dir mitnahm. Kühl ists doch auf dem Wasser, und Vor- sicht reuete niemand. Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: Sei nicht bange, mein Kind, und verhülle dich. Besser ist besser, ERSTE IDYLLE Wenn auch das junge Blut noch freudi- ger hüpft in den Adern. Gott sei Dank für den herlichen Tag, und den herlichen Abend, Der uns morgende Heitre verkündiget! Eben so heiter Meld’ uns den ewigen Morgen der Abend unseres Lebens! Matt schon glüht’ im Westen die Glut; ein Stern nach dem andern Trat aus dem Glanz, mit Silber die dun- kele Bläue durchfunkelnd. Als der rauschende Kahn an der krüppli- chen Eiche des Ufers Landete. Lieblicher Duft umhauchte sie; aber sie eilten Durch die geschorene Wies’ und wellige Schwade des Heues; LUISE Und es erhob Luise den Saum des wei- ssen Gewandes, Zeigend den Unterrock und schimmernde Strümpf’ in der Dämmrung. So im Geröchel des Sumpfs und dem ein- samen Surren des Käfers, Längs dem grenzenden Walle, mit Dorn umwachsen und Haseln, Gingen sie, wo noch zirpte die Grill’, und im Kraute der bläulich Flimmernde Glühwurm lag. Nun stiegen sie über das Gatter, Kamen ins Dorf, und grüssten die stille Schaar vor den Häusern, Und des Verwalters Knecht, der die klin- gende Sens’ auf dem Ambos Hümmernd schärft’, um morgen die grasi- ge Wiese zu mähen. ERSTE IDYLLE Abendlich pickte die Uhr, und schnob die Eul’ in dem Kirchthurm; Und sie empfing an der Pforte der Hund mit freundlichem Wedeln. LUISE ZWEITE IDYLLE DER BESUCH LUISE ZWEITE IDYLLE DER BESUCH R osig stralt’ in die Fenster des Mais auf- glühender Morgen; Dass ihr scheibiges Bild mit der Pfirsiche wankendem Laube Glomm an der Wand, und hellte des Al- kovs grüne Gardinen, Wo dich, redlicher Greis, umschwebeten Träume der Ahndung. Durch den Schimmer geweckt, und den Schlag des Kanarienvogels, LUISE Rieb er froh die Augen sich wach, und faltete betend Seine Hände zu Gott, der neue Kraft und Gesundheit Ihm geschenkt zu Pflicht und Beruf, und in nächtlicher Stille Väterlich abgewandt von den Seinigen Feuer und Diebstahl. Jezo empor sich hebend am Bettquast, dreht’ er sich langsam Um, und streckte die Hand, sein Ernestin- chen zu wecken. Aber die Stätte war leer. Da riss er den rauschenden Vorhang Auf, und sah durch die gläserne Thür’ in der Stube den Theetisch Hingestellt, und geschmückt mit geriefel- ten dresdener Tassen: ZWEITE IDYLLE Welche die häusliche Frau vornehmeren Gästen nur anbot, Etwa dem Probst beim Kirchenbesuch, und der gnädigen Gräfin, Und wenn ihr Hochzeitfest sie erfreuete, und ein Geburtstag. Auch das silberne Kaffegeschirr, der gnä- digen Gräfin Patengeschenk, mit der Dos’ und den schöngewundenen Löffeln, Blinkt’ im röthlichen Glanz hochfeierlich; und in der Küche Hört’ er der knatternden Flamme Gesaus’ und des siedenden Kessels. Zweimal zog er den Ring, dass hell in der Küche das Glöcklein Klingelte. Siehe da kam, im ehrbaren Schmucke der Hausfrau, LUISE Trippelnd die alte Mama, und sprach, die Lippen ihm küssend: Väterchen, wachst du schon? Da ich aufstand, schliefst du so ruhig; Und so lies’ entschlüpft’ ich dem Bett’; in der Hand die Pantoffeln, Ging ich auf Socken hinaus, und schloss den Drücker mit Vorsicht. Siehe, die Augen wie klar! Doch warte nur! gegen den Hahnschrei Hast du schon wieder im Traum mit ge- brochener Stimme gepredigt, Auch geweint. So viel ich verstand, war die Red’ an dem Trautisch. Freundlich die Hand ihr drückend, be- gann der redliche Pfarrer: Richtig! getraut ward eben. Mein Text war: Willst du mit diesem ZWEITE IDYLLE Manne ziehn? und die Bilder des Weg- ziehns machten mich traurig. Aber so innig es kränkt, ein solches Kind zu entlassen; Wohnete nicht die Wittwe das Gnaden- jahr in dem Pfarrhaus, Allzusehr einengend die Kinderchen; oder ihr Weiber Hättet nur erst aus dem Rohen gefertiget alle die Aussteur, Linnen und Schränk’ und Betten, und anderen Trödel der Wirtschaft, Was wohl Kind und Enkel nicht auf- braucht! heute fürwahr noch Wollt’ ich sie traun, und sagen: Seid frucht- bar, Kinder, und mehrt euch! Zeuch in Frieden, o Tochter, und sei die Krone des Mannes; F LUISE Denn ein tugendsam Weib ist edler, denn köstliche Perlen! Thu ihm liebes dein Lebenlang, und nim- mer kein leides, Bis euch scheide der Tod! — Nun, Müt- terchen, nicht so ernsthaft! Sieh mich an! Wir selber verliessen ja Vater und Mutter. Hurtig den Schlafrock her, den festlichen neuen von Dammast; Auch die Müze von feinem Batist! denn ich muss ja geschmückt sein, Wann der Bräutigam kömmt von Seldorf, jenes berühmten Hochfreiherrlichen Guts hochwohlehrwür- diger Pastor! Horch! da blies ja die Post, und rasselte über den Steindamm! ZWEITE IDYLLE Lächelnd erwiederte drauf die alte verständige Hausfrau: Männchen, das war in der Küche; Su- sanna windet ihr Garn ab. Sprachs, und trat zur Kommode, der blankgebonten von Nussbaum, Welche die Priesterbeschen, die Ober- hemd’ und die Ermel Ihres Gemahls einschloss, und die steif- gefalteten Kragen, Ihm ein Gräul! auch den schönen und weitbewunderten Taufschmuck, Und die flitternden Kronen, gewünscht von den Bräuten des Dorfes. Jezo fand sie die Müz’, und reichte sie. Dann zu dem Schranke Ging sie, den Schlafrock holend von blauem wollenem Dammast; LUISE Über die Lehn’ ihn breitend des Arm- stuhls, sagte sie also: Dehne dich noch ein wenig, mein Vä- terchen; denn zur Gesundheit Dienet es, saget der Arzt. Dann zieh mir die weicheren Strümpf’ an, Welche Luise gestrickt aus Lämmerwolle des Marschlands; Dass nicht kalte der Fuss; es ist noch kühlig des Morgens. Auch dies seidene Tuch verehr’ ich dir, welches Luise Sonntags trug um den Hals, und dir schon lange bestimmte. Liesest du erst ein wenig im Bett’? ein Kapittel der Bibel, Dort auf der kleinen Riole zur Seite dir; oder ein Leibbuch ZWEITE IDYLLE Jener Zeit, da noch Menschen wie Wash- ington lebten und Franklin; Oder den alten Homer, der so natürlich und gut ist? Dass du es warm mittheilst bei dem Früh- stück? Unsere Post hat Zeit! Des Verwalters Georg, der die Pferde bewacht in der Koppel, Meldet es, wann er das Blasen des Post- horns über dem Wasser Hört; dann schwingt sich der Weg noch weit herum nach dem Dorfe. Dort am Wald’ ist ein Echo; da bläst der fröhliche Postknecht Gerne sein Morgenlied, und den Marsch des Fürsten von Dessau. So, wohlmeinendes Sinnes, ermahnte sie. Aber der Pfarrer LUISE Hörete nicht; auf stand er, und redete, rasch sich bekleidend: Mutter, wer kann nun lesen! Ich bin unruhig und lustig! Wahrlich, er muss bald kommen! Georg hat etwa geschlummert, Oder auch selber ein Stück auf der Feld- schalmei sich gedudelt. Stehet doch fest der Sand, da es regnete! Weiset die Uhr nicht Funfzig Minuten auf fünf? O wie oft dann las ich die Zeitung! Hurtig das Becken gereicht, und das Hand- tuch! Glüht mir das Antliz Nicht, als hätt’ ich in Eifer geprediget, oder mit Walter Über Europa geschwazt und Amerika, jenes im Dunkel, ZWEITE IDYLLE Dies im tagenden Lichte der Menschlich- keit! Öfne das Fenster! Frische Luft ist dem Menschen so noth, wie dem Fische das Wasser, Oder dem Geist frei denken, so weit ein Gedanke den Flug hebt, Nicht durch Bann und Gewalt zu den folgsamen Thieren entwürdigt; Ah! wie der labende Duft da hereinweht! und wie der Garten Blühet und blüht, von des Thaus vielfar- bigen Tropfen umfunkelt! Schau die Morell’, und die Pflaum’, und dort an der Planke den kleinen Apfelbaum, wie gedrängt er die röthli- chen Knöpfchen entfaltet! Und den gewaltigen Riesen, den schnee- weiss prangenden Birnbaum! LUISE Das ist Segen vom Herrn! Fürwahr, wie die Bienen und Vögel, Möchte man schwelgen im Duft: Herr Gott, dich loben wir! singend! Aber die Braut, wo bleibt sie? die sonst mit dem Hahne mir aufsteht, Und mir am Pult den Kaffe besorgt! Nichts hört’ ich noch trippeln Über mir! Ganz gewiss, sie verschläft des Bräutigams Ankunft! Ihm antwortete drauf die alte verstän- dige Hausfrau: Mann, wie du reden kannst! Sie verschläft des Bräutigams Ankunft? Unsere rasche Luise? Gewiss, sie steht vor dem Spiegel, Kleidet sich, ordnet ihr Haar in schlau erkünstelter Einfalt, ZWEITE IDYLLE Ordnet die Lillaschleifen, das seidene Tuch, und den frischen Blumensirauss, holdlächelnd, und gern noch schöner sich machend. Oder sie schlich in den Garten hinab, und beschaut die Aurikeln, Unruhvoll, und roth im Gesicht, wie die Gluten des Himmels; Blickt oft über den Zaun, und hört die Nachtigall schmettern Unten am Bach, und hört, o mit klopfen- dem Herzen! das Posthorn. Holla, wie lermt Packan! Unfehlbar wird es Georg sein. Kaum war geredet das Wort; da klin- gelt’ es rasch, und Susanna Öfnete; plözlich erschien im Reisemantel der Eidam. LUISE Aber vor Freude bestürzt und Verwunde- rung, eilten die Eltern, Und: Willkommen, mein Sohn! willkom- men uns! riefen sie herzlich, Fest an die Brust ihn gedrückt, und Wang’ und Lippen ihm küssend. Sorgsam eilt’ ihn Mama aus dem Reisege- wand zu enthüllen, Nahm ihm den Hut, und stellte den kno- tigen Stab in den Winkel, Samt dem türkischen Rohr, das er mitge- bracht für den Vater. Thränend begannst du anizt, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: Gott sei gelobt, mein Sohn, der grosse Dinge gethan hat, Und wie die Wasserbäche das Herz der Gemeine gelenket; ZWEITE IDYLLE Dass ihn all’ einmütig erwähleten, Predi- ger Gottes Ihnen zu sein, der Natur und der Mensch- lichkeit weiser Verkünder, Die Abschattungen sind uns Endlichen, endloser Gottheit! Üb’ er denn seinen Beruf mit Freudigkeit, stets wie Johannes Lehrend das grosse Gebot: „Liebt, Kin- delein, liebt euch einander!“ Nicht durch eitelen Zank um Geheimnis, oder um Sazung, Nahen wir Gott; nur Liebe, des Endlos- liebenden Ausfluss, Schaft uns Vertraun und Glauben zum Heil des gesendeten Helfers, Der sein Wort mit dem Tode versiegelte! Religion sei LUISE Uns zum Gedeihn, und nicht unthätiger Religion wir! Solches aus Schrift und Vernunft einpre- digend, selber ein Beispiel, Leucht’ er zu irdischem Wohl und himm- lischem! — Nun was ich sagen Wollte: das Pfarrhaus, schreibt er, ist hübsch, mit bequemen Gemächern; Aber das Obst nur gemein, und der Kü- chengarten voll Unkraut. Was die Menschen doch wunderlich sind! Wie leicht ist ein Fruchtbaum Hingepflanzt, der so reichlich die wenige Pflege belohnet! Glaubt er? ich löse des Jahrs an hundert Thaler aus Backobst, Und aus feinerem Obst, aus Psirsichen, Pflaumen und Äpfeln, ZWEITE IDYLLE Pflänzlingen auch, und Spargel, und Blu- menkohl und Melonen! Was? und den baaren Gewinn, wie erhöht ihn die Lust, durch Beispiel, Rath und That, zum Fleisse das willige Dorf zu ermuntern! Sohn, er ehrt mein Geschenk: als Braut- schaz nehm’ er den Lüder! Freundlich die Wang’ ihm klopfend, be- gann die verständige Hausfrau: Vater, du kommst auch sogleich mit der Wirtschaft! War es die Nacht kalt, Lieber Sohn? Wie verdriesslich sein Pre- digeramt ihn einschränkt! Nachts fünf Meilen zu fahren durch Thau und kältende Nebel, Seiner Braut zum Besuch, wie gewissen- haft! Konnte der Küster LUISE Doch zur Noth die Gemein’ aus dem red- lichen Brückner erbauen! Trinkt mein Sohn auch ein Gläschen fürs nüchterne? oder nur Kaffe? Ihr antwortete drauf der edle beschei- dene Walter: Kaffe nur, liebe Mama. Mir ist schaude- rig; war es die Nacht gleich Heiter und schwül, und lockte die Nach- tigall aus den Gebüschen, Während am Rande der Mond blutroth in Gedüst hinabglitt, Und vor dem Wetterleuchten die Pferd’ oft stuzten am Wagen. Doch als eben der Tag andämmerte, weht’ es empfindlich Über den See, bis die Sonne, mit liebli- chen Stralen sich hebend, ZWEITE IDYLLE Grünaus Dächer beschien, den spizigen Thurm, und das Pfarrhaus. Langsam karrt’ indessen der unbarmher- zige Schwager Durch den Kies; denn ein wenig zu stark aus dem Glase vernüchtert, Nickt’ er beständig das Haupt; und zu- lezt noch tränkt’ er die Pferde. Auch der sinnige Schäfer, der dort die ge- hürdeten Schafe Weidete, kroch nun erwacht aus dem bretternen Hüttchen auf Rädern; Und wie dem belfernden Fix er nachsah, über die Augen Deckend die Hand; laut rief er, und ja- gete scheltend den Hund weg: „Gott zum Gruss, Herr Walter! Wie gehts? Willkommen in Grünau!“ LUISE Riefs, da er über die Brach’ anrennete, drückte die Hand mir Kraftvoll, fragete viel, und freute sich, minder geschlank mich Wiederzusehn, und erzählte von Frau und Schafen und Kindern, Und von der neulichen Ostermusik, wo ich leider gefehlet. Kaum ging weiter der Zug; da begegnete singend der Jäger, Stuzt’, und begann auflachend: „Aha! der listige Waidmann, „Der uns das niedliche Reh wegbirscht, die behende Luise! „Ganz im Vertraun! wir sandten ein schön Rehziemer dem Pastor, „Das sich herübergewagt von der Zucht des eutinischen Landes!“ ZWEITE IDYLLE Fern dann grüsste der Fischer vom Bach, und zeigt’ aus dem Kahne Einen gewaltigen Aal, der hell an der Sonne sich umwand. Dicht am Dorfe begegneten noch auszie- hende Pflüger, Otto Rahn mit dem klugen Gesicht, und der jüngere Geldo, Gruss und Gespräch anbietend. Doch schnell auf dem rasselnden Steindamm Flog ich vorbei, und enteilt’, abspringend am Krug’, um den Kirchhof. Hier ein türkisches Rohr, und ächter Vir- giniaknaster, Lieber Papa, der wie Balsam emporwallt. Schaun Sie, das Rohr ist Rosenholz, und der Kopf aus Siegelerde von Lemnos. G LUISE Jener sprachs; und der Vater bewun- derte, freudig empfangend, Wie so lang und gerade der Schoss des Rosengebüsches, Blank von bräunlichem Lack, aufstieg mit der Mündung des Bernsteins. Laut nun erhobst du die Stimm’, ehrwür- diger Pfarrer von Grünau: Welch ein Rohr! O gewiss von dem Freund’ aus Konstantinopel Mitgebracht! Wie gewaltig! Bei Maho- med! über die Scheitel Raget es! Aber, mein Sohn, zu der Pfeif’ Anzündung bedarf es Einer Cirkasserin wohl; und er raubet mir meine Luise! Auch in dem Lehnstuhl muss ich gestreckt ausruhn, wie ein Mufti, ZWEITE IDYLLE Und ein Vezier im Kaftan auf damasceni- schem Sofa! Rasch, den Virginiaknaster geprüft! Weib, rufe Susanna, Dass sie den Trank der Levant’ einbring’, und den brennenden Wachstock. Wecke mir auch die Luise! Das wittere ja der Probst nicht, Dass ein Priester die Lippen entweiht mit dem türkischen Gräuel! Drauf mit ängstlicher Stimme begann der verlobete Jüngling: Liebe Mama, ob Luise nicht wohl ist? Frühe ja pflegt sie Aufzustehn, und Kaffe dem Väterchen einzuschenken. Lächelnd erwiederte drauf die alte ver- ständige Hausfrau: LUISE Faul, mein Sohn! Ich wette, sie steckt noch tief in den Federn. Sprachs, und eilte hinaus, und rief der treuen Susanna, Die an dem Brunnenschwengel den tröp- felnden Eimer heraufzog: Hole die silberne Kann’, und spute dich, liebe Susanna, Dass du den Kaffe geklärt einbringst, und den brennenden Wachsstock. Nicht zu schwach, wie gesagt! der levan- tische hasst die Verdünnung. Seze die Kann’ auf Kohlen mit Vorsicht, wenn du ihn trichterst. Flugs dann stich mir im Garten die neu- geschossenen Spargel, Schneid’ auch jungen Spinat; wir nöthi- gen, denk’ ich, die Herschaft. ZWEITE IDYLLE Käme nur Hedewig bald von den Milch- kühn, ohne zu plaudern; Dass sie sogleich die Karauschen und Hechtlein holte vom Fischer, Und mir die Laub’ ausharkt’ und den Gang! Leicht ordnet die Mahlzeit Heute Papa dorthin, wo der Quell von gelegeten Steinen Niederrauscht in den Bach, und vorn die Kastanie blühet, Und noch glänzet das Laub des geboge- nen Erlenganges. Siehe, wie rennend der Hahn vom gesta- pelten Holz mit den Weibern Futter ertrozt, und die Enten vom Pfuhl, und die Glucke mit Küchlein! Habt doch Geduld! gleich bring’ ich euch Haber und Klei’ in der Wanne! LUISE Aber was schimmerte da so geschwind an dem Zaune vorüber? Schon ein Besuch? Ja wahrlich! Amalia kommt mit dem Kleinen! Sprachs, und zur Pforte des Hofes ent- eilte sie; unter dem Schauer Hüpfte Packan frohknurrend hervor; und sie wehrte dem Schmeicheln. Also rief sie entgegen, die alte verständige Hausfrau: Kinder, so früh in die Luft? O den- ken Sie! meine Luise Schläft noch fest wie ein Dachs; und der Bräutigam ist in der Stube! Treten Sie ein; ich wecke. Wie wird sich das Töchterchen schämen! Also Mama; da klopft’ in die Händ’ Amalia lachend. ZWEITE IDYLLE Aber sie dämpfte die Stimm’, und redete, fröhliches Mutes: Ach unschuldiges Ding! schlaflos an den Bräutigam denkend Lagst du; da schwand der Gedank’ in des lieblichen Traumes Betäubung, Unter den Brautmelodieen der Nachtigall! Mütterchen, lass mich! Leise mit Kuss und Gelispel erweck’ ich sie; und wenn sie aufstarrt: Schmücke dich, spott’ ich, mein Kind! dein Bräutigam harret mit Inbrunst! Ihr mit drohendem Wink antwortete also die Mutter: Wo mir Amalia wagt, mein armes Kind zu verspotten! Flink in die Stube hinein, und gegrüsst das junge Pastörchen! LUISE Denn ihn gilt der Besuch doch eigentlich. Nicht zu geschäftig Liebgekost um den Walter, ich red’ im Ernste, mein Mädchen; Dass sich die Braut an der Freundin nicht ärgere! Seid ihr vernünftig, Kinder, so kommt arglos auf ein Stück Rehbraten zu Mittag, Und auf ein freundlich Gesicht; ich werd’ auch die gnädige Gräfin Nöthigen. Dann mir gelacht nach Her- zenslust, und geplaudert: Seis in der Laub’ am Bach, seis unter dem blühenden Birnbaum, Der beim leisesten Wind’ uns weiss die Schüssel beregnet. Aber, in aller Welt! was tragen Sie unter dem Mantel? ZWEITE IDYLLE Und die gepriesene Gräfin Amalia sagte dagegen: Eya, wüssten Sie das, mein Mütterchen; gerne vielleicht wohl Würde die Lust mir gegönnt, die Luis’ aus dem Bette zu holen. Einen Talar voll Würde, zur Festsamarie, bring’ ich, Aus gewässertem Taft, und zwölf ansehn- liche Befchen. Anziehn soll er es heut’, um recht amts- mässig und ehrbar Auszusehn. Nur Schad’ um die fehlende Priesterperrüke, Und das gekräuselte Rad! Gar lächerlich schreitet ein Neuling Unter dem langen Gewand’, und hebt den hindernden Saum auf. LUISE So die fröhliche Gräfin Amalia; schnell dann entflog sie Leichteres Gangs in die Stube, wo schon mit dem Greise der Jüngling War in tiefem Gespräch von Gelehrsam- keit, und von der Zeitung. Leise die Thür’ aufschliessend, wie abge- wendet sie standen, Sprang sie hinan, und grüsste den froh umschauenden Jüngling. Aber das Mütterchen stieg die Treppe hinauf nach der Kammer, Wo die rasche Luise noch schlummerte; trat dann behutsam, Auf den Zehn sich wägend, damit nicht knarrte der Boden. Und sie erblickt’ im Bette die rosenwan- gige Tochter, ZWEITE IDYLLE Welche sich über der Deck’ in völligem Schmucke gelagert, Weiss, wie den gestrigen Tag, im röthen- den Glanz der Gardine. Jezo, wie sanft ihr Kind aufathmete, stand sie betrachtend, Neigte sich, küsste die Wang’, und begann mit leisem Geflister: Was? unartiges Kind, Langschläserin! träumst du noch jezo, Dass die Wangen dir glühn? und sogar in völligem Anzug? Wahrlich allzu bequem! Hoch steht an dem Himmel die Sonne; Längst auch zirpte die Schwalb’, und der Sauhirt tutet im Dorf um; Kinderchen, glaub’ ich sogar, mit dem Frühstück gehn in die Schule. LUISE Mädchen, heraus! und mustre die frisch entfalteten Blumen; Auch ob die Ros’ in dem Topf am Mor- genstral sich geöfnet. Binde den thauigen Strauss, und leg’ ihn behend’ in den Alkov; Dass dein Vater sich freu’ und wundere, wann er erwachet, Dann nach der Thäterin frag’, und, wie artig du seist, dir erzähle. Dein geperletes Hühnchen hat schon im Stalle gekakelt; Eil’, und suche das Ei, eh dirs abhole der Iltis. Aber du schläfst mir, Dirne, mit duften- den Blumen im Zimmer! Schädlich ja sind sie dem Haupte, zumal die Muskathyacinthen! ZWEITE IDYLLE Also redete jene; da fuhr aus dem Schlafe die Jungfrau, Blickte verstört umher, und seufzete tief aus dem Herzen. Jezo die glühende Wange dem Arm auf- stüzend, begann sie: Bist du’s, liebe Mama? O wie kam das? Hat denn der böse Blumenduft mich betäubt? Ein Strauss am offenen Fenster, Meint’ ich, schadete nicht; und es sind fast lauter Aurikeln. Gestern störte die Schwül’ am Schlafe mich. Als nun der Wächter: Ein ist die Glock’! ausrief; mit Verdruss nun sprang ich vom Lager, Kleidete mich, und sahe die funkelnden Stern’ aus dem Fenster, LUISE Vom anhauchenden Winde gekühlt, und die Gegend im Mondschein: Wo der Nachtigall Lied ringsum wettei- fernd ertönte, Und der Gesang auf der Bleich’, und die einsame Flöte des Schäfers; Sahe des Thals grau ziehenden Duft, und des plätschernden Baches Helle Flut, und den Himmel von Wetter- leuchten durchschlängelt. Endlich nahte der Schlaf; und niederge- legt in den Kleidern, Schlummert’ ich ein allmählich, und hört’ im Traume noch immer Nachtigallengesang, und der wehenden Linde Gesäusel. Aber ein sehr unruhiger Schlaf! O du beste der Mütter, ZWEITE IDYLLE Sage mir, ob an dem Walde Georg schon blasen gehöret! Lag ich zu tief mit dem Haupte? Mir schlägt das Herz so gewaltig! Lächelnd erwiederte drauf die alte ver- ständige Hausfrau: Schlägt dir das liebe Herz, mein Töch- terchen? Klas hat die Zeitung Eben gebracht. Sie erzählt von Amerika, und von Gibraltar, Auch von dem Parlement, und der Reise des heiligen Vaters. Eiferig liest der Papa, und vergass, sich die Pfeife zu stopfen. Auch ist unten ein Brief an die Jungfrau Anna Luise; Walters Hand, wie ich glaube; doch geb’ ichs nicht für Gewissheit. LUISE Wieder begann liebkosend die freund- liche schöne Luise: Wirklich ein Brief? Du lächelst. O Müt- terchen, sei nicht grausam! Denke, was soll ich doch mit Amerika, oder Gibraltar, Oder dem Parlement, und der Reise des heiligen Vaters? Sage, du warst auch Braut! o sage mir, ist er schon unten? Ihr antwortete drauf die alte verstän- dige Hausfrau: Tochter, ich will dirs sagen, auf Ehrlich- keit. Eben besucht’ uns Einer im Reisegewand’, und bracht’ ein türkisches Rohr mit, Rosenholz, und den Kopf aus Siegelerde von Lemnos, ZWEITE IDYLLE Unserem Vater zur Lust: ein wohlgearte- ter Jüngling, Hoch und schön von Gestalt, der gar nicht priesterlich aussieht. Dieser erkundigte sich, wie Gebrauch ist, nach der Gesundheit Unserer lieben Mamsell; auch Amalia, welche hereintrat, Grüsst’ er, wie lange bekannt. Komm selber, mein Kind, und betracht’ ihn. Also Mama; und im Taumel entsprang dem Lager die Jungfrau, Schmiegte die Arm’ ihr fest um den Hals, und mit feurigen Küssen Unterbrach sie die Red’, in dem Laut der Begeisterung rufend: Mütterchen, freue dich doch! Du sollst auch die beste Mama sein! H LUISE Sollst auch die Braut aufpuzen, und tan- zen auf unserer Hochzeit! Sollst auch selber noch Braut, und Bräu- tigam werden der Vater! Hurtig hinab, ihn zu sehen, den wohlge- arteten Jüngling! Ihr antwortete drauf die alte verstän- dige Hausfrau: Mädchen, du bist wahnsinnig! Zum Bräu- tigam geht man ehrbar, So wars Sitte vordem, mit niedergeschla- genen Augen! Schwärmerin, willst du auf Socken hinab- gehn? Ziehe die Schuh’ an! Und wie das Halstuch hängt! Fi, schäme dich, garstige Dirne! Also schalt die Mama; und das Töch- terchen, lieblich erröthend, ZWEITE IDYLLE Hüllete schnell in die Seide den schön aufwallenden Busen; Schnallte sich dann, oft fehlend, mit zit- ternden Händen die Schuhe Fest um die zierlichen Füss’, und entei- lete. Bange vor Sehnsucht Flog sie die Stufen hinab; und die Trep- penthüre sich öfnend, Kreischte sie auf; denn begrüsst von der wartenden Freundin Gelächter, Sank sie, ach! in die Arme des überseli- gen Jünglings. LUISE DRITTE IDYLLE DER BRAUTABEND LUISE DRITTE IDYLLE DER BRAUTABEND W er den redlichen Pfarrer von Grünau neulich besucht hat, Kennt die geräumige Stube, wo sonst ein thönernes Estrich Schreckt’, und ein luftiger grosser Kamien, rundscheibige Fenster, Blind vor Alter und Rauch, voll farbiger Wapen der Vorzeit, Auch altfränkische Thüren, und mancher beschimmelte Wandschrank. LUISE Aber des frommen Greises Ermahnungen rührten das Kirchspiel Endlich: da ward sie gebaut zu edlerer Gäste Bewirtung, Rings mit Tapeten geschirmt, mit wär- menden Bohlen gepflastert, Einem zierlichen Ofen geschmückt, und englischen Fenstern, Nach dem Garten hinaus und des Sees hochwaldiger Krümmung. Wer ihn jezo besucht, dem zeiget er ger- ne die Aussicht, Jede Bequemlichkeit und Verschönerung, schäzet des Baues Kosten, und rühmt die Häupter des Kirch- spiels. Rings an den Wänden Hangen die Bilder umher der Familie, je- des nach alter DRITTE IDYLLE Sitte geschmückt: die Männer mit aufge- schlagener Bibel; Und den Fraun in der Hand ein Röselein oder ein Pfirsich. Hier, von der herbstlichen Flur voll schimmerndes Mettengewebes Heimgekehrt, verweilten in Ruh die gnä- dige Gräfin, Und die gepriesene Tochter Amalia, Karl und der Jüngling, Welcher an Walters Statt ihn lehrete. Horchend umringten Diese das helle Klavier; denn der Bräuti- gam sang in der Saiten Bebenden Ton, o Schulz, die Begeiste- rung deines Gesanges. Oft auch mischten Luis’ und Amalia fröh- lich die Stimmen LUISE In den Gesang; und den Bass, wo es nö- thig war, brummte der Vater. Jezo kam aus der Küche die alte verstän- dige Hausfrau, Nahte sich, klopfete sanft auf Amaliens Schulter, und sagte: Buch zu! Weiss nicht die Jugend, man kuckt sich blind in der Dämmrung? Und noch lange bedarf sie der Äugelein. Reiche den Fruchtkorb, Liebes Kind, und schäle mit deinem sil- bernen Messer. Gieb Amalien dort den gesprenkelten Gra- vensteiner, Welchen sie liebt; auch denk’ ich, die Bergamott’ ist nicht übel, Und die französische Birne, die weisse sowohl wie die graue. DRITTE IDYLLE Schön sind die Trauben dies Jahr und die Pfirsiche, gross und balsamisch! Aber wischen Sie, Karl, den blauen Duft von den Pflaumen; Fühlen Sie solche heraus, die vom Steine los und am Stengel Runzelich sind: frisch hat sie mein Hans von dem Baume geschüttelt. Töchterchen, schaff’ auch Licht, und den grünen Schirm für die Gräfin. Denn ich darf doch hoffen, sie gönnen uns ihre Gesellschaft Heute bei Butterbrot; wir gebens so gut wir es haben. Jene sprachs; ihr erwiederte drauf die gesellige Gräfin: Selber uns einzuladen, gedachten wir. Aber kein Aufwand! LUISE Jezo redetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: Mutter, man teuscht sich leicht mit Er- wartungen; rede die Wahrheit. Butterbrot bedeutet ein Paar Kramsvögel und Drosseln, Etwa mit Apfelmus; nach dem Sprich- wort muss es dabei sein. Ferner klatscht’ in dem Zuber ein schwärz- liches Ding wie ein Sandart, Oder auch zween, wie mir dauchte; doch das ist blosse Vermutung. Aber für Karl erscheinet ein irdener Napf mit Kartoffeln, Klar wie Kristall, in der Hüls’, an Ge- schmack den Kastanien ähnlich, Aus holländischer Saat. Auch ein Marsch- käs’ ohne Vergleichung DRITTE IDYLLE Ladet den Durst. Dann plötzlich erfreut uns der purpurne Kohlkopf, Unser Freund! zur Ehre des Priesterthu- mes mit Bischof Angefüllt. O wie kommts? mir ist heute so wohl und behaglich, Als wenn man irgend was gutes vollen- dete, oder auch vorher! Also der feurige Greis, und verschob das samtene Käppchen, Welches die Glaz’ ihm hüllt’ in des hei- ligen Amtes Verwaltung, Wann er im grauenden Haar dir glich, mildredender Spener. Zwar die Gräfin begehrt’, und Amalia, töchterlich schmeichelnd, Dass er die wärmende Müz’ aufsezt’ als Vater des Hauses, LUISE Und sich den Festschlafrock anlegete; doch er versagt’ es. Aber nachdem Luise das Obst geschält und genöthigt; Rasch enteilte sie nun zum Schrank in der täglichen Stube, Nahm die silbernen Leuchter, und fügt’ auf jeden ein Wachslicht: Welche die häusliche Frau vornehmeren Gästen nur anbot, Etwa dem Probst beim Kirchenbesuch, und der gnädigen Gräfin, Und wann ihr Hochzeitfest sie erfreuete, und ein Geburtstag. Diese nahm sie heraus, und die stälernen Schneuzen mit Federn, Eilete dann in die Küch’, und sprach zu der treuen Susanna: DRITTE IDYLLE Zünde die Lichter mir an, und trage sie, liebe Susanna, Flugs in die Stub’, auch bringe den grü- nen Schirm für die Gräfin. Ich nun steig’ in den Keller hinab, und hole zum Bischof Rothen Wein, Pomeranzen, und unseren purpurnen Kohlkopf. Zucker steht in der Kammer genug; und das übrige weisst du. Ihr antwortete drauf die gefällige treue Susanna: Gleich, mein Jüngferchen, gleich! Nur erst die reinliche Schürze Bind’ ich vor; sonst könnte mich leicht auslachen die Herschaft. Als nun Luis’ aus dem Keller empor- stieg, schwer belastet; LUISE Kam die fröhliche Gräfin Amalia hinter Susanna Schnell aus der Thür’, und begann zu der rosenwangigen Jungfrau: Komm ein wenig hinauf in das Kämmer- lein! Dir ja geziemt nicht, Uns in der Küche das Mahl zu beschleu- nigen, gute Luise! Schau, wie die Sichel des Mondes, die blank hinschwebet wie Silber, Grad’ in die Fenster dir blinkt; es plau- dert sich lieblich im Mondschein. Drinnen halten sie Rath, den verödeten Garten in Seldorf Anzubaun. Trit leise; der Bräutigam möchte dir nachgehn. Jene sprachs; da reichte die Braut der treuen Susanna, DRITTE IDYLLE Was sie trug, in die Händ’ und ermahnte sie. Jezo der Freundin Folgte sie, leis’ auftretend, und schalt die knarrenden Stufen. Als sie nunmehr eingingen zur traulichen Kammer im Mondschein, Hand in Hand, wo sie oft des gemeinsa- men Werks sich gefreuet, Oder des geistigen Buchs, und des stille- ren Mädchengespräches; Jezo begann Luise, gewandt zu der trau- ten Gespielin: Seze dich hier in den Sessel, Amalia, wo ich so manchmal Neben dir sass. Bald trennt uns die bit- tere Stunde des Abschieds! Also sprach wehmütig die Braut, und drückte die Hand ihr, I LUISE Innig. Da trat an das Fenster Amalia, blickte den Mond an, Und das Gewölk, das flüchtig mit wech- selndem Glanz ihn vorüber Wallete, jezt ihn enthüllt’, und dunkeler jezo dahinzog; Und wie der Wind auf dem Hofe das gelbe Laub von den Bäumen Wirbelte, wogt’ und zerstreute, mit schau- erlichem Gerassel: Sinnend stand sie, und schwieg; und der Mond beglänzte die Thräne, Die auf rosiger Wang’ ihr zitterte. Aber sie hielt sich, Wandt’ ihr Gesicht ins Dunkel, und sprach mit erzwungenem Leichtsinn: Rede, wie Bräuten geziemt, was fröh- liches, nicht von dem Abschied, DRITTE IDYLLE Trautes Kind! und zumal am heiligen Pol- terabend, Da schon Kammer und Bette zur Hoch- zeitfeier geschmückt ist! Schad’ um die kleine Luise, das jugend- lich hüpfende Mägdlein, Dass es so bald Hausmütterchen wird, und dem Manne gehorsam! Männer küssen nicht mehr mit Beschei- denheit, oder erröthend; Herrisch umarmt die Gattin der Herr Ge- mahl, und zerküsst ihr, Oft mit stechendem Kusse, die Wängelein, wann es ihm einfällt: Alles nach Pflicht und Gesez, und endlich muss sie noch wiegen. Sage, wie bogst du den Nacken so willig ins Joch, da du schön bist? LUISE Drohend erwiederte drauf die freund- liche schöne Luise: Spötterin, nicht so getrozt! Dir glühn die schelmischen Äuglein Nicht umsonst; und ich fühle, wie mäch- tig es hier in dem warmen Wallenden Busen dir pocht. Ein Jüng- ferchen streubet sich minder, Und ein anderes mehr; doch folgen sie alle nicht ungern. Warum hülfe man doch so ämsiglich, um der Gespielin Ihr hochzeitlich Gewand zu fertigen, oder den Brautkranz Froh, mit leisem Gesang’ und Seufzerchen, und mit Gelächter? Aber du musst doch sehen, wie unsere schöne Besezung DRITTE IDYLLE Von natürlichem Moos’ und taftenen Pur- purrosen Auf dem schimmernden Atlas sich aus- nimt. Heut in der Frühe Hab’ ich geheim vollendet, damit nicht Walter mich störte. Also Luis’, und erhob das milchweiss schimmernde Brautkleid Aus der Kommod’, und zeigt’ es am mat- teren Strale des Mondes. Lange besah es entfaltend Amalia; jezo begann sie: Kind, ich beneide die Pracht! Nun danke du meiner Erfindung! Aber wir sollten doch sehn, wie es aus- sieht, wann dich der Vater Morgen bei uns antraut, in dem stattli- chen Ehrengewande. LUISE Steht nicht dort am Fenster ein Myrten- bäumchen zum Brautkranz? Lächelnd erwiederte drauf die rosen- wangige Jungfrau: Was du für Tand aussinnst, Mutwillige! Soll ich zulezt noch Mädchenhaft mit meiner Amalia spielen und albern? Krampe die Thüre nur zu; der Bräuti- gam möchte mir nachgehn. Sprachs, und nahm von dem Haupte den schöngeformeten Filzhut, Weiss und samtener Weiche, mit bräun- lichen Zotten gerändet; Lösete dann ihr Kastanienhaar, das in glän- zenden Ringeln Über die Schulter sich goss, unentstellt vom Staube des Mehles. DRITTE IDYLLE Aber Amalia stand, und schlichtete sanft ihr die Locken Mit weitzahnigem Kamm, und freute sich ihres Geringels; Ordnete dann und flocht, nach der Sitte der attischen Jungfraun: So wie Praxiteles einst und Phidias Mäd- chen des Himmels Bildeten, oder sich selber die Mus’ An- gelika mahlet: Also schuf sie das lockre Geflecht, das, in Wellen sich blähend, Mit nachlässiger Schwingung zurück auf die Scheitel gerollt war. Aber des Nackens Weiss’ umflatterte zar- tes Gekräusel, Gleichsam entflohn; und vorn, um Hals und Schulter sich windend, LUISE Schlängelten ihr zwo Locken hinab auf den wallenden Busen. Jezo brach sie Gespross von der Myrten- staud’ an dem Fenster, Band es ründend mit Seid’, und kränzte dich, edle der Jungfraun, Selber würdig des Kranzes, dich würdige! sanft nun umschlang ihn Welliges Haar ringsum, es verbarg ihn hinten die Flechte. Und Amalia neigte sich hold, anredend die Jungfrau: Bräutchen, das Haupt ist geschmückt, wie den Grazien, und wie der Hebe, Wenn sie im Frühlingstanz sich vereini- gen um Afrodite. Jezt mit dem schönen Gewand’ umhülle dich. Aber zum Brautschmuck DRITTE IDYLLE Stünden ein feineres Hemd und seidene Strümpfe nicht unrecht. Nickend erwiederte drauf das rosen- wangige Mägdlein: Grossen Dank! ich trage mein Hemd, wie es wackeren Jungfraun Ziemt, beständig von feiner und selbstge- sponnener Leinwand! Schaue nur hier am Halse! Wozu denn das saubere Spinnrad, Welches Papa mir geschenkt, die zarte- sten Flocken zu spinnen, Während er liest im Gesurr am heimlichen Winterabend, Oder Geschichten erzählt! Dein Scherz mit den seidenen Strümpfen Ginge noch wohl, wenn dirs, Brautjüng- ferchen, also gelüstet. LUISE Sprachs, und holte die Strümpf’, und die festlichen Schuhe von Atlas, Wandte sich weg, und streifte der Baum- woll’ helles Gewirk ab, Hüllete flugs in die Seide die zartgerün- deten Füsschen, Sittsam, nahete dann; und die silbernen Schnallen im Mondschein Funkelten. Rasch nun warf sie das leichte Gewand von der Schulter, Fein und olivengrün, umglänzt von stä- lernen Knöpfen, Über die Lehne des Stuhls; und nahm aus den Händen der Freundin Ihr hochzeitlich Gewand, mit Moos um- bordet und Rosen: Welches den lieblichen Wuchs nachah- mete, sanft anschliessend; DRITTE IDYLLE Nicht mit der gaukelnden Mod’ unförm- lichem Wulste die Hüften Lastete. Eilig bedient von Amalia, schlüpf- te die Jungfrau In das Gewand; mit Geriesel hinab zu den Fersen entwallt’ es, Hell vom Monde beglänzt; und sie schnürt’ es behend’ um den Busen, Welcher, des Zwangs unwillig, sich hob voll üppiger Jugend; Und wie ein fliessender Duft umhüllt’ ihn der florene Schleier: Also schwebt in Nächten des Mais um die Scheibe des Mondes Oft ein dünnes Gewölk, den äusseren Rand nur enthüllend. Aber Amalia küsste die Braut, und sagte mit Inbrunst: LUISE Du holdseliges Mädchen! Wie schlank und erhabenes Wuchses Wandelt sie, anmutsvoll, als schwebte sie! Und o wie lieblich Dieses Engelgesicht, und die Rosenwange voll Unschuld, Und dies glänzende Blau der Äugelein! Willst du mich ansehn! Komm und schau in den Spiegel, und schä- me dich, dass du so schön bist! Trauteste, nim das Gehenk, noch warm vom Busen der Freundin, Zum Andenken von mir: mein Nam’ aus eigenem Haar ist Vorne geschränkt, und hinten die schön- geflochtene Locke: Dass du, den Schmuck anlegend, auch fern dich meiner erinnerst. DRITTE IDYLLE Sprachs, und band der Freundin das schöne Gehenk um den Nacken, Das, den goldenen Bord eirund mit Per- len umringet, Unter geschlifnem Kristalle das Haar und den Namen beschirmte. Und sie umarmten einander, die zwo gleichherzigen Jungfraun, Heftig mit langem Kuss, und gelobeten ewige Freundschaft; Heiss vordringende Zähren vermischten sich. Aber mit einmal Klopfte der Bräutigam an, und aufzu- schliessen versuchend, Rüttelt’ er. Siehe da sprang Amalia schnell nach der Thüre Lachend, und krampte sie auf; und der Bräutigam trat in die Kammer. LUISE Jene nun fasste die Braut, wie sie bebend stand und erröthend, Wild an der Hand, und stellte sie dar dem erstaunenden Jüngling. Jezo begann, sich neigend, Amalia, fröh- liches Mutes: Bräutigam, so wird morgen Luis’ aus- sehen im Brautschmuck. Macht’ ich es recht? Aufmerksam geschaut, ob das Mädchen auch schön ist! Jene sprachs; doch der Bräutigam stand sprachlos und verstummend. So wie ein ländlicher Mann, dem das Herz mit süsser Entzückung Menschlichkeit nährt’ und Natur, und der Kunst nachahmende Schönheit, Fröhlich den Apfelbaum in voller Blüte betrachtet, DRITTE IDYLLE Welchen er selber gepflanzt an der Lieb- lingsstelle des Gartens; Lange freut’ er sich schon, wie er knos- pete; plözlich entrief ihn Fern in die Stadt ein Geschäft; doch den heimgekehrten Vollender Führt sein Weib in den Garten, und zeigt ihm den blühenden Fruchtbaum, Der voll röthlicher Sträusse, beglänzt vom Golde des Abends, Dasteht, schauernd im West, und mit lieb- lichem Duft ihn umwehet; Staunend betrachtet er lang’, und umarmt die liebende Gattin: Also staunt’ auch der Jüngling dem An- blick seiner geschmückten Blühenden Braut; es empört’ ihm das Herz bangathmende Wollust. LUISE Aber die Arm’ ausbreitend mit Innigkeit, sank ihm die Jungfrau Schnell an die Brust; und die Seelen der Liebenden flossen, von Himmels- Wonne berauscht, im langen und beben- den Kuss in einander. Endlich begann die schöne Luis’, auf- schauend zum Jüngling: Aber du hast mich doch lieb, mein Bräu- tigam? Steht mir der Anzug Gut? und bin ich auch hübsch? Amalia hat mich verleitet! Also die Braut; da begann mit herzli- cher Stimme der Jüngling: Schön ist meine Luis’, und hold, wie ein Engel des Himmels! Wende den schmachtenden Blick, du Her- liche! oder ich küsse DRITTE IDYLLE Dir die Äugelein zu, die mir die Seele bezaubern! O du mein auf ewig! Nur wenige Stun- den, und ewig Sind wir vereint; und der Segen des red- lichsten unter den Vätern Folgt uns nach, und der Segen der red- lichsten unter den Müttern! Aber komm doch hinunter, du süsse Braut! Dein liebes Väterchen muss sich ja freun, und Müt- terchen, dass du so schön bist! Also sprach der Jüngling, und ahndete nicht, was bevorstand. Schnell dann am Arme gefasst entführt’ er sie, welche vergebens Schuz von Amalia flehte, mit sanfter Ge- walt aus der Kammer. K LUISE Als nun scherzend’ der fröhliche Zug die Treppe hinunter Polterte, eilt’ aus der Küche Mama zu sehn, was da wäre. Voll Verwunderung rief die alte verstän- dige Hausfrau: Seht doch in aller Welt! was mir das mutwillige Kinder Sind! Juchheien sie nicht, wie die Vöge- lein, wann sie im Frühling Nester baun? Nur Geduld! du kömmst noch früh aus dem Brautkranz Unter die Haube, mein Kind! Dann sizt man ruhig, und brütet! Geht nun verständig hinein, Unartige! dass sich der Vater Freu’, und die gnädige Gräfin, wie schmuck das Töchterchen aussieht, DRITTE IDYLLE Unter dem Ehrenkranz! Der Bräutigam führe sie ehrbar! Ihr antwortete drauf die rosenwangige Tochter: Schilt die Amalia doch, die Verführerin! Mutter, sie taugt nicht! Aber das Mütterchen drehte den Grif von blinkendem Messing, Liess vor sich die Kinder hineingehn, folgte dann selber. Plözlich entflog aus des Bräutigams Hand die blühende Jungfrau, Hüpfte hinan, und schlang sich mit bei- den Armen dem Vater Fest um den Hals, und küsste den Mund, und küsste die Wang’ ihm, Auch die Stirn’, und ruhte, mit unaus- sprechlicher Regung, LUISE Heiss die Wang’ und bethränt, an der Wange des staunenden Greises. Sprachlos drückte der Greis an das klop- fende Herz sein geliebtes Töchterchen; laut nun rief er im stam- melnden Ton der Entzückung: Gottes Segen mit dir, holdseliges, al- lerliebstes Töchterchen; Gottes Segen auf dieser Erd’ und im Himmel! Ich bin jung gewesen, und alt geworden’; und vielfach Hab’ ich Freude von Gott, und vielfach Kummer geschmecket, Im abwechselnden Leben, und Gott ge- danket für beides! Gerne will ich nunmehr mein graues Haupt zu den Vätern DRITTE IDYLLE Niederlegen ins Grab: denn meine Toch- ter ist glücklich! Glücklich, weil sie es weiss, dass unser Gott, wie ein Vater, Seiner Kindelein pflegt, durch Freud’ und Kummer uns segnet! Wunderbar regt sich mein Herz beim An- blick einer geschmückten Jungen Braut, wie sie hüpfend, in holder kindlicher Einfalt, An des Bräutigams Hand den Pfad durchs Leben beginnet: Alles zu tragen gefasst in Einigkeit, was auch begegnet, Ihm mitfühlend die Lust zu erhöhn, zu erleichtern die Unlust, Und, wills Gott, von der Stirne den lezten Schweiss ihm zu trocknen! LUISE Eben so wallete mirs von Ahndungen, als nach der Hochzeit Ich mein jugendlich Weib heimführete. Freudig und ernstvoll Zeigt’ ich ihr am Moore die Grenzstein’ unseres Feldes, Jezo den Kirchenthurm und die Wohnun- gen, jezo das Pfarrhaus, Wo uns beiden so manches bevorstand, gutes und böses! Du, mein einziges Kind! denn in Weh- muth denk’ ich der andern, Wann mein Gang zur Kirch’ an der blu- migen Gruft mich vorbeiführt! Bald, du Einzige! wirst du auf jenem We- ge dahinziehn, Welchen ich kam; bald steht mir des Töch- terchens Kammer verödet, DRITTE IDYLLE Und des Töchterchens Stelle bei Tisch; ich horche vergebens Ihrer Stimm’ in der Fern’, und ihrem kom- menden Fusstritt. Wenn du mit deinem Mann auf jenem Wege dahinziehst; Schluchzend werd’ ich und lange mit hei- ssen Thränen dir nachsehn! Denn ich bin Mensch und Vater, und habe mein Töchterchen herzlich, Herzlich lieb! und mich liebt mein Töch- terchen eben so herzlich! Aber ich werde getrost mein Haupt auf- heben zum Himmel, Trocknen mein Angesicht, und, fest die Hände gefaltet, Mich im Gebete vor Gott demütigen, der, wie ein Vater, LUISE Seiner Kindelein pflegt, durch Freud’ und Kummer uns segnet! Sein ist auch das Gebot, des Liebenden: „Vater und Mutter „Soll verlassen der Mensch, dass Mann und Weib sich vereinen.“ Geh denn in Frieden, mein Kind; vergiss dein Geschlecht, und des Vaters Wohnungen; geh an der Hand des Jüng- linges, welcher von nun an Vater und Mutter dir ist! Sei ihm ein fruchtbarer Weinstock Um sein Haus; die Kinder um euren Tisch, wie des Ölbaums Sprösslinge! So wird gesegnet ein Mann, der dem Herrn vertrauet! Lieblich und schön sein ist nichts; ein gottesfürchtiges Ehweib DRITTE IDYLLE Bringet Lob und Segen! Denn bauet der Herr das Haus nicht, Dann arbeiten umsonst die Bauenden! … Mutter, was sagst du? Soll ich sie traun? Nicht besser ja ist der morgende Tag uns! Also der Greis; laut weinte, die Händ’ auffaltend, die Mutter; Laut auch weinte Luis’, und barg an dem Vater das Antliz; Auch der Bräutigam weint’; es weint’ Ama- lia seitwärts. Selbst die alternde Gräfin bezwang nicht länger die Thräne, Eingedenk des guten Gemahls, und wie viel sie erduldet. Endlich begann aufschluchzend die alte verständige Hausfrau: LUISE Traue sie, Mann, im Namen des all- barmherzigen Vaters. Jezo erhob sich vom Size der würdige Prediger Gottes, Feierlich; hiess die Braut, wie sie bebend stand und erröthend, Ihm zur Rechten sich stellen, und links den staunenden Jüngling; Wandte sich drauf zu dem Jüngling, und sprach mit erhobener Stimme: Lieber Sohn, ich frage vor Gott und dieser Versammlung. Wählt er mit ernstem Bedacht zur ehli- chen Gattin die Jungfrau Anna Luise Blum? Verspricht er, als christlicher Ehmann, Freude mit ihr und Kummer, wie Gott es fügt, zu ertragen, DRITTE IDYLLE Und sie nicht zu verlassen, bis Gott euch väterlich scheidet, Unter den Seligen euch zu vereinigen immer und ewig? Also der Greis; und Ja antwortete freudig der Jüngling. Drauf zu der blühenden Braut, die an- noch ihr thränendes Antliz Trocknete, wandt’ er die Red’, und sprach mit erhobener Stimme: Tochter, ich frage dich auch vor Gott und dieser Versammlung. Wählst du mit ernstem Bedacht zum ehli- chen Gatten den Pfarrer Arnold Ludewig Walter? Versprichst du, als christliches Ehweib, Freude mit ihm und Kummer, wie Gott es fügt, zu ertragen, LUISE Und ihn nicht zu verlassen, bis Gott euch väterlich scheidet, Unter den Seligen euch zu vereinigen immer und ewig? Also der Greis; und Ja antwortete leise die Jungfrau. Weiter redetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: Kinder, gebt euch die Hand; die ge- wechselten Ringe der Treue Habt ihr seit der Verlobung bereits in Liebe getragen. Jener sprachs, und legt’ auf des Jüng- linges Hand und der Jungfrau Seine bebende Hand, und sprach mit er- hobener Stimme: Kinder, ich segne hiemit als Diener des göttlichen Wortes, DRITTE IDYLLE Segne mit allen Segen des allbarmherzi- gen Gottes, Euren ehlichen Bund! Euch hat der Va- ter im Himmel Beide zusammengefügt; kein Mensch ver- mag euch zu scheiden. Segn’ und behüt’ euch der Herr! der Herr erleuchte sein Antliz Gnädig euch! es erhebe der Herr sein Antliz, und geb’ euch Seinen Frieden alhier, und dort in Ewig- keit! Amen. Also rief er, und schloss die erschrok- kene Braut und den Jüngling Beide zugleich in die Arme, sein Herz voll stürmischer Wehmut, Hielt sie lange verstummt, und herzte sie. Aber die Mutter LUISE Nahete jetzt, und im Laute der innigsten Rührung begann sie: Väterchen, hast du genug? Mir her! Sie gehören mir auch zu! Sprachs, und entriss die Kinder dem Arm des liebenden Vaters; Und an die Brust sie drückend mit Hef- tigkeit, eins nach dem andern, Küsste sie Stirn’ und Wangen und Mund, ausrufend den Glückwunsch: Trauteste, kommt an mein Herz! Gott segne dich, trauteste Tochter! Trautester Sohn! Gott segn’ euch! der Stifter des heiligen Ehstands! Wachset und grünt, wie die Bäum’ an Wasserbächen, und bringet Früchte zu seiner Zeit. Der gute Geber bescher’ euch, DRITTE IDYLLE Was euch frommt: im Glücke genügsame Herzen und Demut, Trost und Geduld in der Noth, und Ei- nigkeit! Alles versüsst ja Uns einmütiger Sinn, Hausfried’ und die liebe Gesundheit! Nehm’ er sie hin, mein Sohn! Das Kind ist sanfter Gemütsart, Mein Augapfel! mein Herz! die Gefällig- keit selber, und Unschuld! Die wohl keinen gekränkt, mit Vorsaz! Gott und den Menschen Angenehm! Seid glücklich, und liebt; bis im ruhigen Alter Gott verhängt, dass einer die Augen schlie- sse dem andern! Sprachs, und bot die Tochter, im ro- sigen Lichte der Unschuld LUISE Jugendlich schön, zum Kusse dem überse- ligen Jüngling. Jezo kam auch die Gräfin des Guts, glück- wünschend dem Brautpaar, Herzlich und viel, und umarmte die hold liebkosende Patin; Fröhlich kam auch ihr Karl; es kam sein liebender Lehrer. Aber Amalia stand abwärts am Gesimse des Fensters, Trocknend das Aug’, und blickt’ in die mondumdämmerte Gegend, Starr und gedankenlos; und des Grams vordringende Schauer Zwang sie zurück, tiefathmend. Heran nun hüpfte Luise, Fasste sie wild an der Hand, und drohete, also beginnend: DRITTE IDYLLE Komm doch, Glück mir zu wünschen, Amalia! Schämst du dich jezo, Dass du mich also belistet? Geduld! wir sprechen uns weiter! Sprachs; und Amalia lacht’ ein unauf- haltsam Gelächter, Thränen im Aug’; es lachte das Mägde- lein unter dem Brautkranz; Lachend umarmten sich beid’, und ruhe- ten so an einander. Laut nun redetest du, ehrwürdiger Pfar- rer von Grünau: Werdet ihr bald auslachen, Amalia, und du Luise? Trefliche Mädchenkünste: geweint und gelacht durch einander, Recht wie die Sonn’ im April! Leichtfer- tige, schien euch die Trauung L LUISE Wunderlich? Arme Luise, das hat dir schwerlich geahndet, Als du den Schmuck anlegtest! Ein ander- mal scherzt mit dem Brautkranz! Richtig getraut, das bist du, mein Töch- terchen! Wollte nunmehr dich Selber der Herr Generalsuperintendent aus den Formeln, Die dich verstrickt, loswinden; getrost antwortet’ ich also: Würdigster Herr Generalsuperintendent, ich verharre Voll Ergebenheit stets Ihr ganz gehorsa- mer Diener; Aber ich nehme mir doch die Erlaubnis, Sie zu versichern, Dass nach meinem Erachten die Kinder- chen richtig getraut sind. DRITTE IDYLLE Jener sprachs; da begann die gnädige Gräfin des Gutes: Kurz war und bündig die Trau; kein Kun- diger möchte sie tadeln! Und aus dem Hochzeittage bei uns wird trockener Nachschmaus! Aber der Bräutigam nahm die schöne, vor Freud’ und Bestürzung Schwindelnde Braut an der Hand, und sprach, zu dem Greise sie führend: Einziger alter Papa! noch einmal kom- men die Kinder! Wir unartigen Leute vergassen den Dank für die Trauung, Die den Himmel auf Erden uns öfnete! Noch in Verwirrung Sind wir, dem Träumenden gleich, der mit Engelschwingen zum Himmel LUISE Auffliegt, oder den langen und sehnlichen Wunsch nun vollendet Schaut, voll banger Begierde, mit dunke- ler Furcht des Erwachens. Aber zu froherem Schauen erwachen wir! Sein wir so glücklich, Als der redlichste Vater es war, und die redlichste Mutter! Jener sprachs; und sie schlangen den edelen Greis in die Arme Fest; von Freude zugleich und Wehmut schwoll ihm die Seele. Aber die Jungfrau klopft’ ihm die Wang’, und schmeichelte kindlich: Vater, du böser Vater! dein Töchter- chen so zu erschrecken! War das recht? Ich komme so ganz un- schuldig und arglos, DRITTE IDYLLE Und vermut’ in der Welt nichts weniger, als die Hochzeit! Aber mit einmal geräth er in Zorn; und eh ich mich umseh, Bin ich getraut! Du solltest doch Scherz verstehen, mein Vater! Jezo ging aus der Stube die alte ver- ständige Hausfrau, Nahm aus dem Schrank ein feines Gedeck, und sah nach der Wanduhr, Eilete dann in die Küch’, und sprach zu der treuen Susanna: Decke den Tisch, Susanna; den Heerd indessen besorgt wohl Hedewig. Seht einmal, wie geschmückt ist unsre Susanna, Und mein ehrlicher Hans; auch Hedewig geht ja, wie Sonntags! LUISE Welch ein Puz wohl morgen zum Hoch- zeittanze hervorkommt! Lange den Tiegel vom Bord’, und, He- dewig, reiche die Butter; Dass zum Senf sie schmelze; der Sandart könnte wohl gar sein. Flink mir die festlichen Gläser gespült, und das grosse des Vaters, Das ins helle Gekling’ einbummt, wie die Glocke vom Kirchthurm. Fülle die Schal’ in der Kammer mit Sülz- milch, welche die Gräfin Gerne mag, und den gläsernen Korb mit gestossenem Zucker. Hast du zum Apfelmus auch Kaneel ge- stossen im Mörser? Gut, dass der Has’ im Keller noch hing! Es wäre ja schimpflich, DRITTE IDYLLE Wenn wir mit Fischen allein und Vögel- chen diesen Abend Feierten; und, ich schäme mich fast, mit gebrühten Kartoffeln! Hans, nur tüchtig den Braten gedreht; heut Abend ist Hochzeit! So wie ein Mann, der am Abend vom Feld’ heimkehrt in Gedanken, Heiter des Tagewerks, und die sinkende Sonne betrachtend, Freudig erschrickt, wenn hinter dem Ha- selgebüsch an dem Fusssteig Plözlich das freundliche Weib vorspringt mit den jauchzenden Kindern: Also erschrak auch Hans, da er plözlich das Wort von der Hochzeit Hörte der lieben Mamsell, die er oft auf den Armen geschaukelt. LUISE Hastiger dreht’ er den Wender, und re- dete, laut ausrufend: Herzensfrau, was sagt sie? Getraut ist das Jüngferchen wirklich? Jezt in der Stube getraut? Das hätt’ ich nimmer vermutet! Als sie vorher mit der Braut hinschäker- ten: Spielt nur, ihr Leutlein! Dacht ich bei mir einfältig; es kälbert sich wohl in der Jugend! Hüpft doch das Lamm auf der Weid’, und stampft das Füllen, und walzet! Aber wie steht der Jungfer das Hochzeit- kleid und der Brautkranz? Also Hans; und lächelnd zu Hedewig sagte die Mutter: Wie sie da gast, und die Augen vor gro- sser Verwunderung aufsperrt! DRITTE IDYLLE Plagt dich so sehr Neugierde; so lass die Gläser nur warten. Trage die Teller hinein, und meld’ es der guten Susanna Sacht; dann frage die Braut, ob sie nicht ein wenig herauskommt. Also gebot die Mutter; und Hedewig folgte nicht ungern, Trug die Teller hinein, und zischelte, was sich ereignet, Sacht der Genossin ins Ohr; zur Braut, dann sagte sie heimlich: Jungfer, mich sendet Mama, ob sie nicht ein wenig hinauskommt. Aber die Braut, ausgehend mit Hedewig und mit Susanna, Trat in die Küch’, und liess im flattern- den Scheine des Feuers LUISE Ihre schöne Gestalt von Haupt zu Fusse bewundern, Mit handschlagendem Lob’, und lächelte Dank bei den Wünschen. Also des ehrlichen Hans wohlmeinender kräftiger Glückwunsch: Jüngferchen, geb’ ihr Gott ein Gedeihn, als gölt’ es auf ewig! Segen die Füll’ in Boden und Fach, und die Bäume voll Obstes, Halme so dicht und so hoch, mit nieder- hangenden Ähren, Glattes Vieh in die Ställ’, und frisch an- wachsende Jungen: Dass, wer vorübergeht, es mit Lust an- sieht und Verwundrung! Aber zu allem ein Nest rothbackiger wäh- liger Kinder, DRITTE IDYLLE Wie aus dem Teige gewälzt; und immer noch eins in der Wiege! Drauf begann zu der lieben Mama das blühende Mägdlein: Mütterchen, denke daran; mein guter Hans und die Jungfern Freuen sich auch des Schmauses, und klin- gen dabei, wie natürlich, Auf der wackeren Braut und des Bräuti- gams werthe Gesundheit. Freundlich erwiederte drauf die alte verständige Hausfrau: Kümmre dich nicht um Eier, mein Töch- terchen, eh sie gelegt sind! Aber der ehrliche Hans antwortete, laut ausrufend: Ja, wir wollen uns freun, und brav an- klingen und jubeln LUISE Auf der wackeren Braut und des Bräuti- gams werthe Gesundheit! Meinen Pferden sogar will ich heut die Krippe voll Haber Schütten, und unsere Kühe mit ungedro- schenen Garben Sättigen, auch Packan mit reichlichen Bis- sen versorgen: Dass wir all’ uns freuen am Ehrentage der Jungfer! Ihm antwortete drauf die freundliche schöne Luise: Hänselchen, gieb mir die Hand; du bist mein ehrlicher Alter! Also sprach sie bewegt; da schlug den erschallenden Handschlag Hans, und umschloss treuherzig die zarte Hand, und begann so: DRITTE IDYLLE Jungfer, ich bin nur schlecht und ge- mein, und verstehe den Schick nicht; Aber ich wollt’ an das Ende der Welt durch Feuer und Wasser Laufen für sie! Gott lohn’ es dem Jüng- ferchen, dass sie so gut ist! Kaum gesagt; da erschien, sein Mägde- lein suchend, der Jüngling, Trat in die Küchenthür’, und begann mit zürnendem Lächeln: Was hat Hans mit der Jungfer zu thun? Ein tröstlicher Anblick! Ziemt es sich, Hans, liebkosend mit Hän- dedrücken und Äugeln Mir die Braut zu bethören, da wir nur eben getraut sind? Ihm antwortete drauf die alte verstän- dige Hausfrau: LUISE Hat er nimmer gehört, Herr Bräutigam, dass man die Männer, Welche dem Heerde sich nahn, mit der Küchenschürze bekleidet? Hurtig hinein mit der Dirne! Sie bringt mir den Hans so in Aufruhr, Dass der Has’ am Wender nicht immer geht, wie er sollte. Aber du ordne den Tisch, und spute dich, liebe Susanna! Also gebot die Mama; und der Bräu- tigam, gerne gehorchend, Fasste die Braut in den Arm, und küsste sie, eh er hineinging. Schnell dann folgte Susanna, des Tisches Gedeck zu vollenden, Ordnete wohl, und stellte die lieblichen Speisen und Gläser. DRITTE IDYLLE Aber nachdem sie alles beschleuniget; kam auch die Mutter, Roth im Gesicht von der Glut, und nö- thigte, also beginnend: Euer Gespräch ist wichtig, mein Vä- terchen; aber ich stör’ euch; Denn schon warten die Fisch’ und die hochzeitlichen Kartoffeln. Her aus der Ecke, Luis’ und Amalia! Im- mer geplaudert, Immer gelacht, wie die Kinder! Wohlan denn! Ist es gefällig? Jene sprachs; da betete laut der red- liche Vater, Weniges; alle nun kamen, und sezten sich, wie es die Mutter Mit nachsinnendem Geist anordnete. Unter dem Spiegel LUISE Sass der Braut zur Linken der Bräutigam; neben dem Jüngling Sass die gnädige Gräfin, und ihr zur Lin- ken der Vater; Aber der Braut zur Rechten Amalia, wel- che der Freundin Nicht von der Seite wich; denn es dro- hete nahe die Trennung! Weiter rechts an die schöne Amalia sezte die Mutter Karls treuherzigen Lehrer; und neben ihm wählte sie klüglich Ihren Plaz, wie des Mahls Vorlegerin, nahe dem Schenktisch, Welcher mit Obst anlacht’ und der pur- purnen Kumme voll Bischof. Endlich der fröhliche Karl sass feierlich neben dem Vater, DRITTE IDYLLE Als sein schmeichelndes Kind, und der wohl versorgenden Hausfrau. Also schmauseten jen’, in behaglicher Ru- he vereinigt, Um den schimmernden Tisch, und tran- ken des köstlichen Bischofs, Plauderten viel, und lachten des Bräuti- gams viel, und der Jungfrau. Dort auch sassen derweil, im Gesinde- stübchen versammelt, Hans und die treue Susanna und Hede- wig, fröhlich des Mahles, Und des Gesprächs; denn sie feirten des freundlichen Jüngferchens Hochzeit, Ach der schönen Luise: denn nur beim Namen genannt sein Wollte sie, schlecht und recht, in edler Bescheidenheit ehrvoll. M LUISE Auch des Bräutigams Tugend, des wohl ansehnlichen Pfarrers, Lobten sie, welcher so gerne Geschenk gab, und so erbaulich Predigte, dass hell tönte die Ausred’ auch in die Winkel. Ihnen hatt’ in der Eile Mama den Bra- ten vom Mittag Aufgewärmt in der Pfann’, und gewürzt mit kräftigen Zwiebeln; Auch die übrigen Speisen bewilliget, wel- che Susanna Trüge vom bräutlichen Tisch, und dabei hochschäumendes Festbier, Noch von der Ernte gespart, und die lok- kende Flasche voll Bischof. Zitternd stärkte sich Hans mit Speis’ und Getränk; denn es wallt’ ihm DRITTE IDYLLE Von unruhiger Freude das Herz; und er konnte nicht essen. Rasch nun verliess er den Stuhl, und be- deckte das Haupt mit der Müze, Warm, von streifichter Woll’, und hob aus dem Winkel die Leuchte Von durchsichtigem Horn, bei deren Schein er des Abends Drosch, und Häckerling schnitt, und den Pferden die Raufe voll Heu trug: Diese hob er vom Nagel herab; in die Tülle dann stellt’ er Einen brennenden Stumpf, und verschloss die Thüre des Hornes. Gegen ihn wandte sich jezt die gefällige treue Susanna: Hans, warum so geeilt? Du siehst ja so wild aus den Augen! LUISE Komm doch her, und trinke des Braut- paars werthe Gesundheit. Sprachs, und reichte das Glas ihm ge- füllt dar; alle nun klingend, Wünschten sie tausendmal Glück dem neu- vermähleten Brautpaar. Aber der ehrliche Hans antwortete seiner Genossin: Iss dich satt, Susanna, mit Hedewig; nehmt die gespickte Hasenkeule für euch; mich hungert nicht! Aber den Bischof Hebe doch auf; das ist ein gesundes und liebliches Tränkchen! Jezo geh’ ich zum Schmiede, dem Zaude- rer! ob er nicht endlich An die zerbrochene Lünse mir neu den Nagel geschweisst hat. DRITTE IDYLLE Aber der Weg ist weit und holperich, dass man im Dunkeln Wohl der Leuchte bedarf; denn die Pfla- sterer haben ihn garstig Aufgewühlt, von der Schenke bis gegen den Hof des Verwalters. Eben hat auch der Mond sich beurlaubt; nach dem Kalender, Glaub’ ich, haben wir heute das erste Viertel des Mondes. Also redete Hans; doch ein anderes dacht’ er im Herzen: Hinzugehn, und zu ordnen, dass schöne Musik bei der Hochzeit Tönte der lieben Mamsell, die er oft auf den Armen geschaukelt; Und er enteilt’ aus der Thüre, gestüzt von dem knotigen Dornstab. LUISE Als nun fern aus dem Hause des Organi- sten der Schimmer Leuchtete, hört’ er den mutigen Hall der Trompeten und Hörner Und hellklingender Geigen, durchtönt von dem polternden Brummbass. Jener übt’ an den Pulten die schwereren Tänz’ und Sonaten Für das morgende Fest, dem Pfarrer zu Lieb’ und der Tochter: Er, und der trefliche Sohn, der jüngst aus der Fremde gekehrt war, Nur zum Besuch, denn er dient’ in der schulzischen Kammerkapelle; Auch der sinnige Schäfer des Dorfs, den er einige Winter Selbst gelehrt, sein Gehülf bei Kirchen- musik und Gelagen; DRITTE IDYLLE Auch der Jäger mit drei tonkundigen Söh- nen, gebürtig Aus dem Thüringerlande, wo jeglicher Bauer Musik weiss; Endlich sein Jugendfreund, der siebzigjäh- rige Weber, Welcher, wenn Noth eintrat, ihm gern aushalf mit dem Brummbass, Jugendlich froh der Musik, taktfest und von kräftigem Anstrich. Hans nun klopft’ an die Thür’, und pol- terte, bis man geöfnet, Eilete dann in die Stub’, und ermahnete, deutend und nickend: Still doch, und hört, Kunstpfeifer, ihr Fiedeler, und ihr Trompeter! Packt nur ein! Die Mamsell ist getraut; und die gnädige Herschaft LUISE Speiset bei uns, zur Ehre des Brautpaars. Aber was dünkt euch, Liebe Herrn, wenn ihr ihnen ein lustiges Stück zu der Mahlzeit Dudeltet? Schmaus ohne Klang ist grade wie Glock’ ohne Klöppel! Also Hans; und bestürzt in Verwunde- rung hielten die Männer. Doch sie erwogen den Rath, und billig- ten. Rasch sich erhebend, Eilten sie, unter dem Arme die Instru- ment’ und die Noten. Und sie begleiteten Hans, der dem wan- kenden Greise den Brummbass Gern abnahm, und, ihn führend, mit trü- ber Leuchte voranging. Dort noch schmauseten jen’, in behag- licher Ruhe vereinigt, DRITTE IDYLLE Um den schimmernden Tisch, und tranken des köstlichen Bischofs, Plauderten viel, und lachten des Bräuti- gams viel, und der Jungfrau. Jezo begann in der fröhlichen Schaar die gnädige Gräfin: Wie mir da schon wieder die kleine Luis’ in Gedanken Sizt! Du scheinst mir traurig, mein Töch- terchen, dass du so plözlich Durch den bösen Papa den Kranz vom Haupte verlierest, Den, wie ein Rosenmädchen, du stets ge- tragen mit Anstand. Oder starren von Schlaf die niedergeschla- genen Äuglein? Schäme dich, Kind! Ein Bräutchen, das nachdenkt, hält sich beständig LUISE Munter und wach, wenn gleich bis zum hellen Morgen getanzt wird, Und die Musik ihr die Seel’ in sanft be- täubenden Schlummer Einwiegt! Böser Papa! dass keine Musik bei der Hochzeit Unseres Töchterchens tönt: wo zulezt im Getümmel des Tanzes Weiber die Braut wegraffen, mit lautem Gekreisch sie entführend Ins kranzlose Gemach! Doch tröste dich, arme Luise! Morgen im prunkenden Zug der Geladenen kommst du zum Nachschmaus Stattlich als junge Frau, obgleich in be- scheidener Haube; Dann soll lustig die Fiedel mit Zink’ und Trompete vorangehn! DRITTE IDYLLE Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: Freilich arg, wenn heute Gesang und Klang bei der Hochzeit Unseres Töchterchens fehlte! Musik ist die Krone des Gastmahls! Zauberisch dämpft die Musik Anfechtun- gen selber des Satans, Lange Weil’, und Geklätsch, und Läste- rung, leidigen Zwang auch; Fröhlich stimmt sie das Herz, und erhebt zu entschlossener Tugend! Auf denn! die Gläser gefüllt, und laut zum kristallenen Klingklang Angestimmt den Gesang, den unser Voss in Eutin uns Dichtete! Rasch ans Klavier, Amalia! Kommt er im Frühling; LUISE Gieb ihm, Luise, mein Kind, den bedun- genen Kuss, und noch einen. Also der feurige Greis; und das Müt- terchen füllte die Gläser Allen umher; auch die Braut und Amalia reichten ihr Glas dar, Weniges nur zu empfahn. Dann huben sie froh den Gesang an, Unter dem Schall des Klaviers; doch am jauchzenden Schlusse des Liedes Schwieg sein Getön, und es klingt’ Ama- lia mit in den Glückwunsch. Wohl, wohl dem Manne für und für, Der bald sein Liebchen findet! Er findet grosses Gut in ihr, Wie Salomon verkündet. Sie tröstet ihn mit Rath und That, Und streut ihm Rosen auf den Pfad. DRITTE IDYLLE Sie sucht des Mannes, wie sie kann, Zu pflegen und zu warten; Sie spinnt und näht für ihren Mann, Bestellt ihm Haus und Garten, Und scheuet weder Frost noch Glut, Beständig flink und wohlgemut. Sie sinnt und weiss, was Männchen liebt, Und macht es ihm noch lieber; Kommt auch einmal, was ihn betrübt, Sie schwazt es bald vorüber: Nicht lange bleibt die Stirn’ ihm kraus, Das Liebchen sieht so freundlich aus. Auch ungeschmückt ist Liebchen schön, Des Mannes Augenweide; Doch lässt sich Liebchen gerne sehn Im wohlgewählten Kleide, Und naht sich dann mit holdem Gruss, Und bringt ihm einen warmen Kuss. LUISE Er dehnt sich nach des Tages Mühn In Liebchens weichem Bette; Und Liebchen kommt, und schmiegt an ihn Sich fest wie eine Klette, Und wünscht ihm küssend gute Nacht, Und fragt oft leis’, ob Männchen wacht. Wenn noch so wild der Sturmwind saust, Vom Dach der Regen prasselt, Der Schornstein heult, die Woge braust, Und Schnee und Hagel rasselt; An Liebchens Busen ruht er warm, Und lauscht dem Sturm in Liebchens Arm. Auch stöhnt das Liebchen wohl zur Zeit, Und nichts will ihr behagen; Doch lacht sie seiner Ängstlichkeit, Und schämt sich es zu sagen: Sie wanket ach! so müd’ und schwer, Auf ihren Mann gestüzt, einher. DRITTE IDYLLE Bald legt sich Liebchen ganz vergnügt, Und lässt ihr Kindlein saugen; Der Vater ehrbar sizt und wiegt, Bekuckt ihm Nas’ und Augen, Und freut sich, dass der kleine Christ Mama und ihm so ähnlich ist. Wohl dir, o Mann! wohl, Liebchen, dir! Ihr seid euch schon begegnet! Euch segne Gott vom Himmel hier, Bis er euch droben segnet! Klingt an, ihr Freund’, und singet laut: Es lebe Bräutigam und Braut! Als nun hell im Gesange der Gläser Gekling’ an einander Klingelte; plözlich erscholl mit schmettern- dem Hall vor dem Fenster LUISE Geig’ und Horn und Trompete, durchtönt von dem polternden Brummbass, Ungestüm und betäubend: als kracht’ ein- schlagender Donner Aus dem Gewölk, als braust’ ein Orkan in zersplitterte Tannen; Gellend dröhnte die Stub’, und es summt’ im Klaviere der Nachklang. Jene vor Lust frohlockten, und klingelten alle noch einmal Jauchzend, vor allen der Vater, und sein lautbrummendes Kelchglas. Jezo riefst du entzückt, ehrwürdiger Pfar- rer von Grünau: Ja, Gott segn’ euch, Kinder, in Ewig- keit! Das war ein Glückwunsch, Kräftig und laut aus dem Herzen, der mu- tiger, als der Kanonen DRITTE IDYLLE Jubelgetön, in das Dorf zu dem äusser- sten Ende hinabschallt! Das hat Hans mir gemacht, kein anderer! Solcher Erfindung Freut er sich immer, der Schalk! Mein Töchterchen, klopf’ an das Fenster, Dass sie herein doch kommen; sie sind uns liebe Gesellschaft. Jener sprachs; da enteilte das rosen- wangige Mägdlein Fröhlich, und klopft’ an das Fenster mit Macht; und es hielten die Männer Mitten im Takt, und lauschten, wie hold und freundlich sie einlud: Dank, ihr Herrn, für die schöne Musik! Wie gerufen zum Glückwunsch Kamt ihr! Aber bedenkt die Abendluft des Oktobers! N LUISE Scharf ist draussen der Wind, und dem alten Manne nicht heilsam! Kommt doch herein, ihr Herren; ihr seid uns liebe Gesellschaft! Also Luis’ anmutig; und jenen gefiel, was sie sagte. Lobend das schöne Gesicht, den melodi- schen Laut, und den Anstand, Gingen sie, herzlich vergnügt, und priesen den Bräutigam selig. Also redete mancher der tonverständigen Männer: Wahrlich ein Engel von Weib! Wie ge- rad’ und behend’, und wie blühend Unter dem Kranz! Ihr Lächeln verjüngt wohl greisendes Alter! Wieder ein anderer sprach der tonver- ständigen Männer: DRITTE IDYLLE Sage mir einer hinfort, zur Harmonika klinge Gesang nicht! Sänge die Kehl’ in der Oper, sie trillerte alles in Aufruhr! Also redeten jen’, um das Haus sich wendend zur Thüre, Eilten hinein, und grüssten mit mancher- lei scharrendem Bückling, Segen und Heil anwünschend dem neu- vermähleten Brautpaar. Ihnen folgete Hans, und trug schwerfäl- lig den Brummbass, Schlau, mit verbissener Lache. Doch ernst- haft sagte der Vater: Hans, du giebst mir den Leuten ein Är- gernis! Voller Verwundrung Werden sie, alt und jung, aus den Wohnun- gen rennen, und fragen: LUISE Horch! was bedeutet der Lerm! Ist nun der Pfarrer so weltlich, Dass er den Abend sogar vor dem Hoch- zeittage die Tochter Fiedelt zu Bett’ und trompetet? Wie wird wohl morgen gejubelt, Wann sie im Kranze die Braut mit Musik hinführen zur Trauung! Doch gut war es gemeint; ich danke dir. Schaffe nur hurtig Gläser und Wein auf den Tisch; und Müt- terchen macht es im Winkel Dort ein wenig bequem für unsere liebe Gesellschaft. Also der Greis; nichts redete Hans, und lachte so schämig, Ging dann hinaus zu bestellen; und flugs bracht’ alles Susanna, DRITTE IDYLLE Pfefferkuchen dabei und Pfeffernüss’ auf dem Teller, Süss und sprock und gewürzt, für unver- mutete Gäste. Noch besann sich Mama des Geschenks von der neulichen Hochzeit, Eilte zur Kammer hinaus, und bracht’ ein grosses Gebacknes, Butterkringel im Dorfe genannt, von dem Thüringer Brezel; Füllete dann die Gläser umher, und nö- thigte freundlich: Nehmt heut Abend vorlieb, als gute Freund’ und Gevattern; Denn heut waltet bei uns recht eigent- lich Polterabend! Morgen wird erst hochzeitlich geschmaust bei der gnädigen Gräfin. LUISE Aber die Gräfin begann zu den ton- verständigen Männern: Brav, dass ihr wackeren Leute daran denkt, unserer Jungfrau Hochzeitfest, obgleich es unangekündiget einfiel, Durch die edle Musik zu erfreun. Un- billig ja wär’ es, Hätten wir solchen Kranz nicht einmal zu Grabe geläutet! Meine Patin, die Braut ist, wie wenige, züchtig und ehrbar; Auch, so weit ich ihn kenne, der Bräuti- gam. Kinder, ich sag’ euch, Spielt, wenn ihr morgen sie bringt, den auserwähltesten Brautmarsch! Eiferig sagte dagegen des Chors ton- kundiger Meister: DRITTE IDYLLE Gräfin, sie braucht kein Lob; wir kennen sie! Unserer Freundin Ehre zu thun nach Vermögen, das stärkt und leichtert den Athem Selbst engbrüstigen Greisen, und schmei- diget Finger und Arme! Aber der Pfarrer begann zu dem sieb- zigjährigen Weber: Vater, ihr hattet doch nicht Einwendun- gen wider die Hochzeit? Jezo kämt ihr zu spät. Ich hab’ euch ein paarmal betrachtet, Wann ich meine Luis’ abkündigte, wie ihr an eurem Pfeiler die Müz’ abnahmt, und die zit- ternden Hände mit Inbrunst Faltetet. Schien es doch fast, ihr nähmt an dem Töchterchen Antheil. LUISE Ihm antwortete drauf der Alte mit blü- hendem Haupthaar: Herr, nicht trüg’ ich mit Ehren ein graues Haar auf der Scheitel, Wäre mein Herz so verstockt, und nähm’ an der Jungfer nicht Antheil, Welche so tugendsam ist, so gottesfürch- tig und liebreich! Fragt nur jeglichen Menschen im Dorf; ihr sollt euch verwundern, Was man euch alles erzählt von dem Jüng- ferchen! wie sie gefällig Uberall mit den Frohen sich freut, mit den Traurenden trauert; Dürftige speiset und tränkt, den Nacken- den wärmt und bekleidet, Arm’ und verwaisete Kinder zur Schul’ anhält und versorget, DRITTE IDYLLE Mädchen in Handarbeit und Sittigkeit übet durch Umgang, Und das Lager der Kranken besucht mit Trost und Erquickung! Herr, und den heimlichen Armen, den kläg- lichsten! wie sie ihn ausforscht, Und Barmherzigkeit übt, dass einer nicht weiss, wo es herkommt! Kaum dass sie selber es weiss! Vollbrachte sie eben ein Stückchen, Dass die Engel sich freun; dann gehet sie, mir nichts, dir nichts! Ebenen Gang, und scheint nur ein hüb- sches und lustiges Mägdlein! Nun der alles vergilt, vergelt’ es ihr im- mer und ewig! Ihr herzlieber Gemahl ist ein christlicher Mann, der gewiss ihr LUISE Stets mit Vernunft beiwohnt, nie bitter ist, noch sie verschüchtert: Eine Seele mit ihr! Man wird euchs morgen schon kundthun, Ob wir die Heirat im Dorf misbilligen. Nehmt es nicht übel, Herr: wir lieben euch sehr, nichts weni- ger aber die Tochter! Also der Greis; und es bebte die Thrän’ an den grauenden Wimpern. Ernstvoll nahm er das Glas, und leerete. Aber die Jungfrau That, als hörte sie nicht; und gewandt ihr erröthendes Antliz, Sprach sie ein albernes Wort zu Amalia, lachte dann laut auf. Als sich der Organist mit den Seinigen jezo gelabet, DRITTE IDYLLE Theilt’ er die Stimmen umher; und mit einmal flossen harmonisch Liebliche Saitentöne, zu wollustathmen- der Flöten Süssem Gesang’, und dem Laute des sanft einhallenden Waldhorns. Wie im blumigen Mai, wann die Abende heiter und schwül sind, Spät in die Nacht auf den Bänken am Eingang Männer und Weiber Lauschen den Zwillingstönen des Wald- horns, welche vom See her, Mit dem Geröchel des Sumpfs und Nachti- gallstimmen im Mondschein, Nah und entfernt anwehn, dass leis’ ant- wortet der Buchwald: So voll Anmut klangen auch dort Wohl- laute des Waldhorns, LUISE Lieblich gedämpft von zween tonkundi- gen Söhnen des Jägers. Jezo gellt’ auch Hoboengetön, gleich Stim- men der Sänger, Samt dem ernsten Fagott, von rauschen- den Saiten umjubelt. Einzeln darauf erhub sich des Organisten berühmter Vielgewanderter Sohn; denn Manheim, Wien und Venedig Hatt’ er besucht, und dient in der schul- zischen Kammerkapelle: Dieser entlockte gemach der Kremonagei- ge melodisch- Rieselndes Silbergetön; ihm schlug des Klaviers Generalbass Karls treuherziger Lehrer; und horchen- der schwieg die Versammlung, DRITTE IDYLLE Selbst die Genossen der Kunst, wie klar ihm die Tön’ und geründet Rolleten unter dem Bogen, wie voll ein- schmeichelnder Wehmut. Alle Weisen des Klangs wetteiferten, an- dre mit andern; Vielgewandt, tiefströmend ergoss sich der lebende Wohllaut: Donnerte bald, wie, gestürmt vom Orkan am Gestade die Brandung Hoch aufbraust, wann das Krachen zer- scheiterter Kiel’, und der Männer Jammerndes Angstgeschrei in den grausen Tumult fern hinstirbt; Wallete dann, wie ein Bach, der über ge- glättete Kiesel Rinnt durch Blumen und Gras und Um- schattungen, wo sich die Hirtin LUISE Gerne legt, aufhorchend im lieblichen Traum dem Gemurmel. Aber der Pfarrer begann zu des Chors tonkundigem Meister: Bravo, mein Herr Gevatter! wir hangen noch steif an der alten Kernmusik, und glauben, Musik sei Spra- che des Herzens: So wie ein edel empfindender Geist, nicht kundig des Wortes, Etwa in hellem Gesang’ und gesangnach- ahmenden Tönen Gott anstaunt, und die schöne Natur, in Lieb’ und Entzückung Hinschmilzt, klagt und erschrickt, in Ver- zweifelung sinkt, und sich aufhebt. Auch ist jedem, der fühlt, die Herzens- sprache verständlich: DRITTE IDYLLE Stimme von Gott, wie Donner und Sturm, und Gesäusel des Frühlings, Und wie des Thiers vielredender Laut, des gebietenden Löwen Machtausruf in der Wüst’, und des hoch anschwebenden Adlers, Oder das Muttergetön der freundlichen Kuh und des Schafes, Liebender Tauben Geseufz’, und der Gluck’ anlockendes Schmeicheln. Auch wie die Stimmen von Gott, unwan- delbar tönt sie und ewig, Allen Landen und Zeiten die selbige; nicht wie des Puzes Eigensinn, den wir gestern bewunderten, morgen verabscheun; Oder die Aftermusik, die, der üppigen Laune gehorsam, LUISE Sinnlos prunkt und gaukelt, im Kälber- tanz und im Bockssprung. Aber so laut das Gefühl in Stimm’ und Tönen uns zuruft, Hallt es doch lauter ins Herz und er- schütternder, wenn des Gesanges Wort einstimmt, die eigne vertrauliche Sprache der Menschen. Spielt mir denn jezo ein Lied zur Verän- derung, etwa von Hendel, Reichardt, Gluck und Emanuel Bach, und dem treflichen Meister, Unserem Schulz, dem Luther noch selbst nachsäng’ an der Orgel. Singt mir: Ich danke Gott! und die Wald- serenat’ und das Tischlied. Also gebot der Vater; es folgeten wil- lig die andern. DRITTE IDYLLE Aber zuvor erhub sich die alte verständige Hausfrau, Ging, und neigend das Haupt an die blü- hende Wange der Tochter, Sagte sie leis’ ins Ohr, doch so dass die anderen hörten. Nicht zu heiss dich gesungen, mein Töchterchen! Alles mit Masse: Warn’ ich immer umsonst, und zumal bei den schulzischen Liedern. Brennt doch schon dein liebes Gesicht mir die Wange, wie Feuer! Allzu hiziges Mädchen! es möcht’ am Schlafe dich hindern! Dann sind morgen die Äugelein wüst; dann lachen die Spötter! Jezo schmück’ ich dir sauber das Braut- bett! Bin ich dann artig? O LUISE Drauf mit leiserer Stimme begann das rosige Mägdlein: Mütterchen! — senkte den Blick, und wandt’ ihr liebliches Antliz, Feuerroth; und sie lachten des hold errö- thenden Mägdleins, Alle, das Mütterchen auch; und der Bräu- tigam neckte sie heimlich. Lächelnd ging nun die Mutter, und rief der treuen Susanna: Lass die Teller nur stehn; auch Hede- wig wäscht sie allein wohl. Komm du, liebe Susanna, und leuchte mir. Hast du den Kater Reichlich vom Tische versorgt, und den guten Packan, der so kläglich Knurrt in dem Schauer und heult? Ihm gefällt wohl unsre Musik nicht. DRITTE IDYLLE Komm, und hilf mir bereiten das Braut- bett unserer Tochter. Also Mama; und es folgte mit eiser- nem Leuchter Susanna. Jezo nahm aus dem Schranke die alte ver- ständige Hausfrau Feinere Laken und Bühren, die glatt von der Mangel und schneeweiss Schimmerten, wählte mit ernstem Bedacht, und sprach vor sich selber; Stieg dann die Treppe hinauf zur düste- ren Kammer voll Hausrath, Die dort unter dem Namen der Polter- kammer berühmt ist; Wählt’ aus dem Schlüsselgebund, das ihr zur Seite herabhing, Öfnete dann vorschauend, und trat vor die eichene Lade, LUISE Die, von den Ahnen geerbt, mit alter- thümlichem Schnizwerk Prangete, gross und geräumig: am Schloss war Jakob gebildet, Seine Rahel umarmend, die Schäferin; neben dem Brunnen Stand ein Lamm auf dem Stein, und es drängte sich trinkend die Heerde. Diese nunmehr aufschliessend, erhob sie das köstliche Bettzeug, Lange gespart für die Braut, die leichte Deck’ und die Kissen, Welche von Eiderdunen sich bläheten; aber Susanna Gab ihr das Licht, und trug die schwel- lenden Betten geschäftig Hin zur Kammer der Braut; ihr folgete leuchtend die Mutter. DRITTE IDYLLE Als nun weich und sauber das Hochzeit- bette geschmückt war, In dem Gestell mit hohem und schönge- bogenem Himmel, Und zwei trauliche Kissen sich wohlge- paart an einander Dehneten: brachte Mama den stattlichen Bräutigamsschlafrock, Fein von Kattun, kleeröthlich, mit farbi- gen Blumen gesprenkelt; Brachte für jeden ein Paar hochzeitliche grüne Pantoffeln, Prunkend von Saffian, und stellte sie ne- ben einander; Brachte die weisse Haub’ und das Leib- chen mit rosigen Bändern; Brachte dann auch die Müze von feinem Batist, die, mit rothem, LUISE Flammig gekräuseltem Band’ und dem Quast von Kanten gezieret, Urgrossväterlich strozt’; und das Mütter- chen lachte behaglich. Als sie nunmehr vollendet, enteilten sie: Jungfer Susanna Kehrte zurück an ihr Werk, und Mama zu der lieben Gesellschaft. Lächelnd ging sie alsbald zum Bräutigam, der am Klaviere Singend stand mit der Braut und Amalia, legt’ auf die Achsel Ihm sanftklopfend die Hand, und begann mit leisem Geflister: Jezo, mein Sohn, nach Belieben; das Brautbett haben wir fertig. Sprachs; und mitnichten verdross es den Bräutigam; froh in Bestürzung DRITTE IDYLLE Drückt’ er die Hand der lieben Mama; und sie küssten sich herzhaft. Aber die Gräfin begann zu dem redlichen Pfarrer von Grünau: Vater, sie halten da Rath um das Töch- terchen. Wo du mir durchgehst, Kleine Luis’! Erst knixt man herum, und wünscht der Gesellschaft Gute Nacht! freimütig, und nicht so bang’ und erröthend. Halte sie fest am Ermel, Amalia! morgen gehört sie Uns, die Ehegemahlin des würdigen Pfar- rers von Seldorf! Dann wird weder gehüpft noch gelacht; dann wandelt man ehrbar! Dann wird die Wiege bestellt! dann singt man: Eyo Popeyo! LUISE Seht, wie das schelmische Bräutchen da hohnlacht! Trozest du, Bübin, Dass der Wächter im Dorf zwölf ruft, und der Wagen schon wartet? Drauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau: Hurtig noch eins! Vollauf bis zum ober- sten Rande die Gläser! Dass hoch lebe die Braut und der Bräu- tigam! Alle geklingt nun! Alle mit voller Musik! dass nicht in der bräutlichen Kammer Hämisch ein Nachtgespenst sie beleidige, oder Asmodi! Sprachs, und winkte zur Seite dem Bräutigam; dieser verstand ihn. Aber da rings die Gläser mit hellem Ge- kling’ an einander DRITTE IDYLLE Klingelten, rings in den Klang wie Triumf lautjauchzender Glückwunsch Tönte, da Geig’ und Trompet’ und Horn und der polternde Brummbass Wild mit betäubendem Hall einschmetter- ten: rasch in dem Aufruhr Flog mit der Braut aus der Thüre der Bräutigam; lautes Gelächter Schallte den fliehenden nach, und Hän- deklatschen und Jubeln. ANMERKUNGEN . ERSTE IDYLLE . V. 11. Puter, Truthühner, Kalekuten . V. 74. Wurzeln, auch gelbe Wurzeln, nennt man in der Haushaltung vorzugsweise die gelben Möhren oder Karotten: daucus ca- rota . V. 75. Gänsebrust, hier eine geräucherte, auch Spickgans oder Flickgans genannt . V. 78. Die Dernatkirsche, ist eine frühe Weinkirsche. Unter Morellen oder Amarellen begreift man bei uns alle edlen Frühkirschen von saftiger Süssigkeit . V. 101. Tremsen, blaue Kornblumen . V. 115. Schafthalm, Schachthalm, Schaff- rusch: equisetum . ANMERKUNGEN V. 141. Himmelspferdchen, Gottespferd, Heupferd: libellula grandis . V. 170. Huflattig, ein grossblättriges Kraut, in Gestalt eines Rosshufs: tussilago . V. 173. Das gewöhnliche Geschirr der sich selbst überlassenen Landleute für wilde Bee- ren . V. 197. Spillbaum, Spindelbaum, Pfaffen- hütlein, Zweckholz: evonymus europaeus . V. 198. Querl, um Mehlbrei und Eierspei- sen zu bereiten . Querlen stammt von werlen, umdrehen, wie quellen von wallen. Daher ist Werld oder Welt eigentlich der Erdkreis, als Scheibe gedacht . V. 202. Maililie, Maiblume , liligm con- vallium: convallaria maialis . Pilze, eine Art essbarer Erdschwämme . Morcheln, eine andere Art . V. 248. Genst, Ginster, Bram . V. 332. Worte des vormals unduldsamen Petrus, Apostelgesch. X. 34. 35 . V. 378. Ernestine, des Dichters Gattin . ANMERKUNGEN V. 438. Hünengräber, die Grabhügel der alten Deutschen vor der Einführung des Christen- thums . Hüne wird noch für Riese gebraucht . V. 439. Hulst, Stechpalme , ilex aquifo- lium . V. 467. Eppich, der edlere Geschlechtsna- me von Scleri und dem undichtrischen Petersilie . V. 505. Ulme, anderswo Ilme, Rüster ; Iper . V. 506. Rak, Racker, Roller, Mandelkrä- he: coracias garrula . V. 563. Röhricht, ein Rohrdickicht . V. 564. Kolben, Narrenkolben: typha . Seelilien, Mümmelchen: nymphaea . V. 569. Holm, kleine Insel, auch Halbin- sel, und Werder . V. 600. In Holstein sind die Felder durch bebüschte Wälle mit Graben herum in Koppeln getheilt, deren Einfahrt durch ein breites Gat- ber verschlossen wird . V. 602. Glühwurm, Feuerwurm, Gleim- chen, Johanniswurm: cantharis noctiluca . ANMERKUNGEN ZWEITE IDYLLE . V. 47. Batist, die feinste weisse Leinwand aus den Niederlanden . V. 53. Bonen, mit Wachs glänzend rei- ben . V. 54. Befchen oder Böfchen, zwei vier- eckte Streifen von feiner Leinwand, welche die Geistlichen vorn am Halse tragen; Adelung nennt sie das Läppchen. Das bremische Wörterbuch erklärt Bofken durch Amtskragen: welches für Holstein und Mecklenburg falsch ist . V. 55. Kragen oder Krause nennen wir das krausfaltige Rad um den Hals der Geistlichen und der Rathsherren in Reichsstädten . V. 64. Kühlig, etwas kühl, vom nieder- fächsischen kölig. V. 68. Riole, ein Bord oder Fach, beson- ders für Bücher . V. 93. Planke, ein Zaun von Planken oder starken Brettern . ANMERKUNGEN V. 144. Lüder vom Küchengarten . V. 150. Brückners Predigten für Unge- lehrte . V. 174. Wegbirschen, wegschiessen . V. 175. Ziemer, das Rückenstück, besonders das hintere. Wir kennen dies Wort nur ge- schlechtlos; bei Adelung ist es männlich . V. 195. Kaftan, ein langer und weiter Ober- rock der Morgenländer . V. 207. Sich sputen, eilen; vom niedersäch- sischen spoden, im Englischen speed . Geschwin- digkeit und Glück im Ausführen heisst Spood; wovon spodig, betriebsam. Das griechische σπȣδη stammt aus der selbigen Wurzel der gemeinsa- men Ursprache . V. 215. Harken, rechen . V. 240. Gelten für betreffen erfodert den vierten Fall: es gilt mein Leben, es gilt mich. Ein anderes ist: die Entschuldigung gilt mir, statt , ich lasse sie gelten. Unsere besten Schrift- steller erwogen diesen Unterschied nicht immer . V. 252. Samarie, die lange vorn geschlosse- ne Amtskleidung der Geistlichen. Ehmals war ANMERKUNGEN Summarie eine Tracht der Vornehmen; und Simarre, Cimarre, Samare, bedeutet in den be- nachbarten Sprachen ein langes, von den Per- sern, wahrscheinlich in den Kreuzzügen, entlehn- tes Weibergewand . V. 282. Iltis, Illing, Ilk, ein schwarzgelbes Raubthier von der Grösse einer Kaze: muste- la Putorius . V. 284. Muskathyacinthe, wohlriechende Traubenhyacinthe: hyacinthus muscari . DRITTE IDYLLE . V. 17. Metten, die fliegenden Spinneweben im Herbste, Marienfäden, Sommerfäden, Gras- weben, der fliegende Sommer, der Altweibersom- mer, Metkensommer, Slammetjensommer: von Meddik oder Metje, Made, und Slammeddik, Regenwurm. Der veränderliche Volksglaube hält sie für ein Gespinnst von Elfen und Zwergen, von der Mutter Maria, und von Erdwürmern . V. 30. Gravensteiner, ein edlerer Apfel in Holstein, der nach dem fürstlichen Schlosse Gra- ANMERKUNGEN venstein, wie man sagt, aus Italien gebracht wurde . V. 46. Sandart oder Sander, ein schmack- hafter Fisch aus dem Barschgeschlecht: perca lucioperca . V. 105. Polterabend oder Brautabend, die Zurüstung zur morgenden Hochzeit, oft mit einer Lustbarkeit der Jünglinge und der Mädchen . V. 144. Praxiteles und Phidias, griechische Bildner aus der schönsten Zeit . V. 145. Angelika Kaufmann, eine deutsche Mahlerin in Rom . V. 412. Zorn für Eifer und heftige Bewe- gung, wie das griechische οζγη. V. 425. Sülzmilch, dicke gesäuerte Schaf- milch. Im Herbste wird die abnehmende fettere Milch jeden Morgen dick gekocht, in das Ge- fäss zugeschüttet, und durch häufiges Umrühren zähe gemacht. Man giebt sie den Winter hin- durch auf den Tischen der Vornehmen mit Zuk- ker bestreut zum Braten . V. 464. Wählig, aus dem Niedersächsi- schen, wohlgemut, üppig; von Wähl oder Weel, P ANMERKUNGEN Wohlsein, Uppigkeit: Englisch weal, wealth , Überfluss, Reichthum . V. 465. Das Kind ist schier oder glatt, als wäre es aus dem Teige gewälzt: ein nie- dersächsisches Sprichwort . V. 471. Ein Sprichwort, womit man vorei- lige Sorge abweiset . V. 541. Raufe, eine längs über der Krippe befestigte Leiter, durch welche das aufgesteckte Futter vom Viehe gerauft wird . V. 542. Tülle, die Röhre des Leuchters und der Laterne. Adelung schreibt Dille, und erklärt jenes für die gröbere Aussprache . V. 554. Lünse, der breitköpfige Achsna- gel, das Rad zu halten . Schweissen, zwei Stücke Eisen, die in der Schweisshize fliessen, mit dem Hammer vereinigen . V. 580. Kunstpfeifer, im gemeinen Leben ein Musiker . V. 597. Das Mädchen, das am Rosenfest einiger Gegenden, als das tugendhafteste des Dorfes, mit dem Rosenkranze geschmückt wird, ANMERKUNGEN heisst das Rosenmädchen. Die Sitte ist aus Frankreich entlehnt . V. 726. Sprock, spröde, zerbrechlich . V. 831. Aus Schulzens Liedern im Volkston . V. 854. Bühre, der Überzug eines Kissens: in Obersachsen die Züge. V. 866. Eiderdunen, die zartesten Dunen oder Flaumfedern, welche der Eider, oder die Eidergans, anas mollissima , ein nordischer Kü- stenvogel zwischen Gans und Ente, sich selbst aus der Brust rupfet, und zum Schuze der Eier in den Nestern aufhäuft, woraus man sie ein- sammelt, und wegen ihrer Weiche und Leich- tigkeit theuer verkauft . V. 878. Kanten, im Niedersächsischen, die Spizen, wegen ihres eckigen gespizten Randes. Das Wort Kante, Ecke oder Seite, brachten schon die ältesten deutschen Eroberer nach Ita- lien und Frankreich . V. 895. Eyo Popeyo, oder Eya Popeya, wird häufig im Wiegengesange gehört. Hier bezieht es sich zugleich auf ein Lied von Göthe mit schulzischer Musik, das eben gesungen worden . ANMERKUNGEN V. 902. Asmodi, der Eheteufel der jüdi- schen Mythologie, der selbige, der, wie das Büchlein von Tobias III, 8 bezeuget, in der Brautkammer der schönen Sara, der Tochter Raguels, sieben junge Männer nach einander tödtete; bis ihn der junge Tobias mit Fischleber wegräucherte, und der Engel Rafael in der Wüste Egyptens band. In Grünau sind schon Jäger und Hirten so weit aus der Kindheit, dass ihr Pfarrer durch scherzhafte Erwähnung solcher Teufeleien, die Milton im verlorenen Paradies IV, 168 noch ernsthaft behandelte, nicht anstö- ssig zu werden fürchtet . Berlin, gedruckt bei J. G. Langhoff.