Daniel Georg Morhofen U nterricht Von Der Teutschen Spra- che und Poesie/ deren Uhr- sprung/ Fortgang und Lehrsaͤtzen. Wobey auch von der reimenden Poe- terey der Außlaͤnder mit mehren ge- handelt wird. KIEL/ Gedruckt und verlegt durch Joachim Reumann/ Acad. Buchdr. im Jahr 1682 . Zu finden bey Johann Sebastian Riecheln. Dem Wolgebohrnen Herrn/ Hn. Jaspar von Buchwald/ Auff Muggesfelde ꝛc. Erbherren/ Dero zu Schleßwig Holstein Regierenden HochFuͤrstl. Durchl. hochbetrauten Land-Raht und Ampt- mann zu Gottorp. Meinem hochgeneigten Herꝛn und Patron. Sonnet. N Im diß mein schlechtes Werck/ o grosser Goͤnner/ an Mein Goͤnner/ dem ich bin von lan- ger Zeit verpflichtet. Nim hin diß Werck/ das Dir die schwache Feder richtet/ Und diese Faust/ die nichts als diß erbauen kan. Doch sey es/ wie es ist. Lobt dieses nicht den Mann/ So bleibt der Wille doch/ den keine Zeit vernichtet/ Und meine Tichtkunst selbst hat nichts hierin getichtet. Die Sprachkunst spricht vor ihn. So bleibt dir dieser dann. Ein starcker Wille gibt den Preiß dem schwachen Wercke. Durch Muht und deine Gunst bekomt es dople Staͤrcke/ Und seine Finsterniß durch deine Strah- len Schein. So So nim nun was diß ist/ von deines Die- ners Haͤnden. Ist nichts zu loben dann an seinen Reim- gebaͤnden/ So soll ein teutsches Hertz beyteut- scher Zungen sein. E. Exc. gehorsamster Diener D. G. Morhoff. An den geneigten Leser. W As ich allhie von der Teutschen Sprache und Poesie geschrieben/ ist mir so unter den Haͤnden gewachsen/ daß/ da ich erst- lich nur etliche Bogen hievon meinen Gedichten anzuhaͤngen vermeinet/ dieses groͤsser als die Getichte selbst geworden. Daher dan kom- men/ daß wie dieselbe von der Feder so fort un- ter die Presse gebracht/ an einem Ohrte was außgelassen/ das am andern Ohrt/ da es seine rechte Stelle nicht eben findet/ beylaͤuffig ein- geschoben; damit es gleichwoll nicht vergessen wuͤrde. Dessen ist ein Exempel in dem sech- sten Capittel des andern Theils/ woselbst von dem Wort Barritus gedacht wird/ ob es Teutsch sey/ welches der Hr. Rudbeck leugnet; nachge- hends habe ich aber bey einem alten Meister- saͤnger Hans Sachsen solches gefunden/ und dasselbe im folgenden siebenden Capittel ange- fuͤhret. Ich habe auch in dem andern Capit- tel des ersten Theils am 30. Blade/ meines ge- ehrten Freundes Herrn Caspar Vogten / vor- nehmen Buͤrgermeistern der Stadt Wißmarn gedacht/ und eine grosse Hoffnung von seiner Italiâ gemacht. Es hat aber derselbe unter die- ser Arbeit unvermuthlich die Welt gesegnen )( 3 muͤs- An den geneigten Leser. muͤssen/ da er nicht mehr als acht Capita von seinem Wercke außgearbeitet/ welchen Ver- lust ich sehr bedaure. Dann es ist mir zum Theil derselben Einhalt bekant/ und hat er viele Unterredungen mit mir deßhalben ge- pflogen/ welchen ich zu erst auff diese Gedan- cken gebracht. Ich habe von erster Jugend an auff die Teutsche und andere Nordische Sprachen ein absonderlich Auge geworffen/ und ein hoͤhers und ehrwuͤrdigers Alterthum in ihnen vermerckt/ als man sonst ins gemein davor haͤlt. Ich habe in Griechischer und Lateinischer Sprache so viele Fußstapffen der- selben ersehen/ daß ich mir auch einmahl ein gantzes weitlaͤufftiges Buch Originum Germanicarum zu schreiben vorgenommen. Dazu ich zwar schon viele Dinge in Bereit- schafft habe. Aber zu Außarbeitung eines so vollstaͤndigen Werckes/ da ein Tag den an- dern lehret/ dessen man sich auch in der Ge- schwindigkeit nicht abhelffen kan/ wuͤrde bey andern noͤthigern Dingen meine Lebens Zeit vielleicht zu kurtz fallen. Was ich in dem er- sten Theil hier erwehne/ ist nur ein Schat- tenwerck deßjenigen was noch uͤbrig ist. Ich zweiffle nicht/ es werden viele dasselbe als ein Paradoxon halten: Ich bitte aber dieselben/ ein An den geneigten Leser. ein uͤbermuͤthiges Vorurtheil so lange bey sei- te zu setzen/ und zu keinem Endurthel zu schrei- ten/ ehe sie alles gelesen und wol betrachtet haben. Ferner muß ich auch noch einige von mir gefuͤhrte Umschweiffe entschuͤldigen/ die wie ich vermuthe/ dem Leser nicht unan- genehm sein werden. Die Schreibart/ deren ich mich allhie gebraucht/ ist also beschaffen/ daß ich mich lieber einen Lehrer als Redner er- weisen wollen/ zu welchem Ende ich auch die uͤblichen Kunstwoͤrter behalten. Dann ob es zwar mir nicht an Faͤhigkeit gefehlet/ ein Teutsches Wort nach anleitung des Griechi- schen und Lateinischen zu erdencken/ so dauchte es mir eine ungereimte Sache zu sein/ also zu schreiben/ daß man uͤber seine eigene Woͤrter Anmerckungen zu machen von noͤ- then habe. Ich habe mich auch einiger Fran- tzosischen und Lateinischen Woͤrter/ da es der Nachdruck erfodert/ nicht enthaltē/ der erleuch- teten Criticorum Urtheil nicht scheuend/ die das Laster der beleidigten Majestaͤt/ und den Gebrauch eines Außlaͤndischen Wortes gleiche straffbar halten. Die Ohrter aus den fremb- den Autoribus habe ich offtmahlen gantz her- gesetzet/ weil sie in ihren Sprachen besser lau- ten/ als wann sie uͤbersetzet sein/ und ich auch die An den geneigten Leser. die Ubersetzung fuͤr eine unnoͤthige weitlaͤuff- tigkeit gehalten. Dann ich glaͤube es sey die Meinung der Woͤrter/ einem der nur der Latei- nischen Sprache maͤchtig ist/ unschwer zu fas- sen. In dem letzten Theile habe ich bißweilen abbrechen muͤssen/ theils weil der Verleger bey einfallender Messen damit zum Ende ge- eilet/ thels weil ich in einem Lateinischen Bu- che solches vollstaͤndiger/ ob GOtt will vortragen werde. Gehabe dich woll. Da- Daniel Georg Morhofen Unterricht Von Der Teutschen Poesie/ I. Theil. Von der Teutschen Sprache/ Das I. Cap. Von der Vortrefflichkeit und dem Alterthum der Teutschen Sprache. Einhalt. U Hrsachen/ warum wir von der Teutschen Sprach ins gemein handeln. Wird von eignen Landsleu- ten geringschaͤtzig gehalten. Die Griechische und Lateinische neue und durch Kunst außgeuͤbte Sprachen. Ob die Hebraͤische die aͤlteste/ und all- gemeine Sprache? ist zweiffelhafftig und schwer zu erweisen. Becanus zieht die Cimbrische und Georg. a Stiern- Das I. Cap. von Vortreflichkeit Stiernhelm die Schwedische der Hebraͤischen vor. Gleichheit der Teutschen/ Daͤnischen un̄ Britanischē/ mit der Hebraͤischen. Ob die Teutsche Sprache naͤhern Grund in der Natur habe. Meinung daß die Figur der Hebraͤischen Buchstaben den Menschen angebohren; und am Himmel zu lesen. Der Analogismus der Woͤrter und Dinge ist nicht einer- ley. Borrichii Lob. Goropii Becani seltzame Einfaͤlle. Seine fast enthusiasti sche Critica uͤber das Hebraͤi- sche und Lateim̃sche Alphabet. Caramuels gleiche Gedancken uͤber das Lateinische. Jacobi Hugonis laͤcherliche Meinung/ von der Lateinischen Sprache. Besnier will alle Sprachen unter die Lateinische zie- hen. Georgii Stiernhelm Meinung von der Sey- thischen oder Schwedischen Sprache. Dessen Synopsis Capitum Runæ Sueticæ wird angefuͤhret. Hat das Werck nicht vollfuͤhren koͤnnen. Seine ande- re verheissene Schrifften. Olaus Rudbeck hat ei- nige Capita dieser Synopsis mit grossen Fleiß auß- gefuͤhrt. Johan Webbe ein Engellaͤnder haͤlt die Chinesische Sprache vor die aͤlteste. I. W Eiln wir den Uhrsprung und Fortgang der Teutschen Poe- terey vorzustellen entschlos- sen; so wird vielleicht nicht uͤbel der Teutschen Sprache. uͤbel gethan seyn/ wenn wir erstlich von der Teutschen Sprache ins gemein handeln/ und deren Vortreflichkeit erweisen. Wel- ches auch deßhalben noͤthig ist/ weilen sich auch unter gelehrten Leuten/ und die von Teutscher Herkunfft seyn/ einige finden/ die ihre Mutter-Sprache laͤstern/ und de- ren Grobheit und Ungeschicklichkeit zu gu- ten Erfindungē und zierlicher Außbildung der Gedancken vorzugeben sich nicht scheu- en. Damit nun hievon ordentlich ge- redet werde/ so wollen wir erstlich von derselben Alterthum/ als worinnen nicht der geringste Theil ihrer Vor- treflichkeit bestehet/ handeln/ unddann folgends von derselben Geschicklichkeit zur Poeterey mit mehren erwehnen. Es siind fast die meisten so geartet/ daß sie vor einheimischen Dingen einen Eckel haben/ sich uͤber alle frembde Sachen verwundern/ und dieselbe hoch- halten/ welches die Teutsche Sprache auch erfahren/ die von ihren eigenen Landsleuten geringschaͤtzig gehalten/ und a 2 der Das I. Cap. von Vortreflichkeit der Hebrœischen/ Griechischen und La- teinischen unterwuͤrffig gemachet: Da sie doch/ wenn ich ja die Hebrœische außnehme/ der Griechischen und La- teinischen am Alter nicht allein nichts nachgiebt/ sondern weit bevor thut; hin- gegen aber jene in Ansehung der Teutschen neue/ und etwas ehe durch Kunst außge- uͤbet seyn/ als diese/ die hingegen viel gruͤndlicher/ und jenen zum Theil den Uhrsprung gegeben; Welches ob es jemand gleich frembd und ungereimet scheinen solte/ dennoch der Wahrheit gemaͤß/ und so gruͤndlich erwiesen werden kan/ daß niemand daran zu zweiffeln fug hat/ er habe ihm dann vorgenommen unbesonnener Weise auff seinem Wahn zu verharren/ und keiner Vernunfft zu fol- gen. Wovon vielleicht von mir mit mehren in einer Dissertatione de Novi- tate Græcæ \& Latinæ linguæ kuͤnfftig ge- handelt werden kan. Ich will zwar itzo den Vorzug der Hebrœischen Sprache nicht in Zweif- fel der Teutschen Sprache. fel ziehen/ wie Goropius Becanus gethan/ welcher nach aller verstaͤndigen Leute Meinung/ mehr Sinnlichkeit als Urtheils gehabt: Und Georgius Stiernhelm ein gelahrter Schwedischer Edelmann/ welcher die Scythische Sprache der Hebrœischen vorgesetzet. Es ist a- ber dennoch nicht außgemacht/ ob sie e- ben die erste und allgemeine Sprache ge- wesen/ davon die andern herstammen: Dan̄ der Grund von den Nahmen der al- ten Vaͤter/ die in der selben vorkommen/ ist nicht so unwidertreiblich/ daß des Grotij und Cluverii Gegeneinwendungē demselbē nichts an haben solten/ ob zwar Heidegger in seiner Exercit. XVI. de Linguâ \& Literis Pa- triarcharum sich dieselbe zu beantworten sehr bemuͤhet. Es ist am glaͤublichsten/ daß keine von den itzo bekandten Sprachen/ als die das meiste von der Kunst entleh- net/ die ersten gewesen/ sondern eine von diesen unterschiedene; von welchen alle Sprachen in ihren Woͤrtern/ eine aber a 3 mehr Das I. Cap. Von Vortreflichkeit mehr als die ander/ etwas mit einge- mischt haben. Auß diesem Grunde scheue ich mich nicht die Teutsche Sprache mehr fuͤr eine Schwester der andern/ als fuͤr ih- re Tochter anzugeben/ und zwar also/ daß die Hebrœische und uhralte Scythi- sche oder Celtische Sprache/ als aͤltere vor den andern den Vorzug haben. Wie dann nicht allein Rodornus Schri- ckius an vielen Oehrtern seiner weitlaͤuff- tigen Schrifften/ und insonderheit lib. 3. Originum Celticarum behaupten wil/ daß die Hebrœische und Teutsche Sprache nur als dialecti unterschiedē sein. Siehe hievon auch Harßtoͤrffer in Specimme Philolog. German Disquisit. VII Mit der Daͤnischen und Brittanischen/ welche ebenfals dialecti der alten Teutschen Sprache sein/ wollen Lyscander und Daviesius die Gleichheit er- weisen. Wann wir die Natur hieruͤber fragen; denn es sein etzliche/ die auff den analogismum nominum \& rerum das Alter- thum un̄ den Vorzug der Sprachen gruͤn- den der Teutschen Sprache. den: so haben sich zwar einige tiefsehende Leute gefundē/ welche die Hebrœische Spra- che gar der Natur gemāß halten; daß sie auch meinen/ es werden die Buchstaben derselben/ wann man sie außspricht/ mit eben solcher Figur von der Zungen im Halse gebildet/ davon sie schon einen ana- tomi schen Abriß gegeben. Der juͤngere Helmontius hat hievon ein eigen Buch ge- schrieben/ dessen Titul: Delineatio Alpha- beti verè naturalis Hebraici, wor in man die- se mehr als Cabalisti sche Heimlichkeitē wei- ter nachsehen kan Die Rabbinen haben ih- nen eingebildet/ sie koͤnten am Himmel die Hebrœische Buchstaben in den Ster- nen abgebildet lesen/ davon mit mehren Claude Duret in seiner Histoire des Langues, und insonderheit Gaffarel in seinen curieusi- tez inouyies, handelt. Wir mißgoͤnnen nie- mand seine Einfaͤlle: So aber auf die- sen Grund etwas zu trauen/ so ist unter allen Sprachen keine eintzige/ die der Teutschen hierin vorgehet/ welches der Herr Schottel in seinē Lobreden von der a 4 Teut- Das I. Cap. von Vortreflichkeit Teutschen Sprache zur gnuͤge erwiesen/ dem ein weit mehrers hinzugethan wer- den koͤnte/ wann es an diesem Orte nicht zu weitlaͤufftig were. Es ist aber diß auch hiebey zu bedencken/ daß dieser ana- logismus nicht einerley ist/ und nach ver- schiedener Betrachtung der Dinge/ viel- faͤltig in den Worten kan außgebildet wer- den/ wie solches Herr Olaus Borrichius in seiner gelehrten Dissertatione de causis di- visitatis linguarum mit mehren erwiesen. Es kan die Griechische/ Lateinische und Teutsche Sprache ein einiges Ding mit verschiedenen Worten abbilden/ da doch ein jedes derselben sich auff einen analogis- mum naturæ gruͤndet/ und wuͤrde dann die Frage sein/ welches unter diesen allen am naͤhesten zum Ziel treffe. Ich will mich hie nicht auffhalten mit weitlaͤufftiger Erzehlung der Mei- nungen/ welche gelahrte Leute von dem Vorzug der Sprachen fuͤhren/ und mit der Untersuchung ihrer Gruͤnde. Die- ses ist doch zu mercken/ daß ein grosser Un- ter- der Teutschen Sprache. terscheid unter ihnen sey; weßhalben ei- nige den andern vorzuziehen. Goropius Becanus wird von vielen verlachet/ und zwar nicht ohn Uhrsach/ weil er sich in gar seltzame abstractive speculationes und analogismos vertieffet/ die doch we- nig zur Sachen thun und im Grunde nich- tes beweisen. Eine sonderliche Probe hierinnen ist in seinen Hieroglyphicis, wo- selbst er auß dem Hebrœischen Alphabet, welches er auß Cimbrischen Woͤrtern zu- sammensetzet/ ein Gebet eines Schulmei- sters/ vor seine Lehrjuͤnger/ seltzamer laͤcherlicher Weise zusammen brin- get/ wovon er so viel Wercks machet/ als wan̄ er ein Koͤnigreich gewon̄en. Eben der- gleichen Einfaͤlle hat er von dem Lateini- schen I. 9. Hermathenæ, davon man wol sagen moͤchte/ was Propertius von den Lieb- habern: Maxima de nihilo nascitur historia. Caramuel, daß er auch alhie seine Weiß- heit sehen liesse/ hat in seinem Apparatu Philosophic. lib. 2. c. 176. wieder den Be- canum beweisen wollen/ daß man nicht a 5 noͤthig Das I. Cap. Von Vortreflichkeit noͤthig haͤtte zu der Cimbrischen Spra- chen zu gehen/ sondern auß der Lateini- schen ein gleiches Gebet machen koͤnne/ welches also lautet: Abæ cede; efigia (ha: i) Elem. en ope quære te vix. Die Außle- gung mag jemand daselbst lesen/ dann es der Muͤhe nicht wehrt/ daß man mit sol- cher Grillen faͤngerey sich auffhalte. Nur ist diß gleichwol von dem Becano nicht zu leugnen/ daß er zum ersten und vor an- dern etwas hierin gesehen/ ob ers gleich nicht tuͤchtig außfuͤhret: und gefaͤlt mir in verschiedenen Dingen sein Urtheil bes- ser als des Rodorni Schrieckii, welcher in- dem er die Gleichheit der Hebrœischen und Niederteutschen Sprache darthun will/ in den Nominibus propriis seltzame weitgesuchte alliterationes heꝛbei holet/ und die primitiva und composita nach seinem eigenen gefallen machet und zusammen setzet/ das man mit allen Sprachen ohne grosse Muͤhe also anstellen koͤnte. Jacobus Hugo hat ein rechtes Gauckel- werck mit der Lateinischen Sprache ange- fangen der Teutschen Sprache. fangen/ in dem er fast ein Lexicon von ei- genen nach seinem gefallen erdichteten Japheti schen Woͤrtern machet/ die doch ei- nerley bedeuten sollen/ davon er die Woͤr- ter der Lateinischen Sprache herfuͤhret; zugeschweigen vieler anderer Thorheiten und Deuteleyen/ die in seinem Buch ge- nant/ Origo Italiæ \& Romæ ante hanc di- em ignota, zu finden. Besnier in seinem Buͤchlein/ la Reunion des langues, dar in er von einem Mittel handelt/ wie man alle Sprachen unter einer lernen koͤnne/ haͤlt die Lateinische als eine Mitlerin unter al- len/ worunter auf eine sonderliche Art alle Sprachen koͤnten gelernet werden. Geor- gius Stiernhelm/ dessen Boxhornius in sei- ner Historiâ Universali ruͤhmlich gedenckt/ hat von dem Alterthum der Scythi schen Sprache zwar etwas zu schreiben vor- gehabt/ aber er hat es nicht vollfuͤhrt/ sondern es ist nur eine Synopsis Capitum des gantzen Wercks/ dessen Titul: RUNA SVETICA sein sollen/ zu meinen Haͤnden gekommen. Worinnen er die Hebrœische und Das I. Cap. von Vortreflichkeit und fast alle andere Sprachen zu dialectos der Scythischen gemacht/ und endlich ein Systema verheisset/ von einer gewisser Anzahl Radicum Universa- lium, darauß so viel andere Woͤrter in allen Sprachen folgen. Ichwill/ diesen Synopsin, weilen er sonsten nicht leicht zu finden/ allhie gantz her- setzen; die Capita des ersten Systematis sein diese. 1. V Ideri omnes Linguas, que in Orbe cognito extiterunt, \& hodiè extant, ortas ex una, \& ad unam posse reduci. 2. Naturæ conveniens, imò omninò neces- sarium fuisse, ex una Lingua multas oriri. 3. Ex confusione Babylonica nullam novam Linguam exortam: \& si qua exorta est, momentaneam, \& ad breve tempus ex- titisse. 4. Hebræam, Phœniciam, Chaldæam, Sy- ram, Arabicam, Ægyptiam, Æthiopi- cam, Phrygiam, Persicam, Dialectorum, non linguarum esse vocamina. 5. Temporum \& Locorum intervallis, Dia- lectos der Teutschen Sprache. lectos abire in Linguas. 6. Ex Scythica ortas Linguas Primas, non minùs Orientales, quàm Septentriona- les, \& Occidentales. 7. Thraces \& Getas, fuisseScythas. 8. Ex his profectos primos Populos, Pri- mamque Linguam Græciæ, quam aliàs di- ctam Barbaram cultu novo politam, mi- nimè vero extirpatam, posterioribus tem- poribus demùm Hellenicam, \& Græcam nuncupaverunt. 9. Græcos cultum, elegantias, poēsin, Mu- sas, sacra, Deosque ex Thracia habuisse. 10. Scytharum propaginem prætereà esse Europæos; Germanos, Gallos, Iberos, Britannos, Aborigines, sive Umbros, pri- mos Italiæ Incolas. Hisce omnibus u- nam Linguam fuisse Scythicam, in varias Dialectos postmodum scissam. 11. Germaniæ Caput \& Principium, olim fu- isse Scythiam Europæam Minorem, Pe- ninsulam nimirùm Scandiam; quam \& Scanziam \& Scandinaviam, antiquissimi verò Scriptores Balthiam, Basiliam, Aba- lum, Das I. Cap. von Vortreflichkeit lum, Bannomannam, \&c. Hyperboreo- rum Insulam indigitarunt. 12. Ex hac Insula (reverà Peninsula) deriva- tos in Germaniam, \& diversas Orbis Ter- rarum Regiones, non solum multos Po- pulos; sed etiam Sacra, Ritus, \& Deos. 13. Peninsulæ ejusdem, \& Hyperboreorum Gentem Principem fuisse Sueonas, sive Suezios, quos hodie Suethos, Suecos, \& Suedos vocitant. 14. Græcis cum Hyperboreis ab antiquissi- mis usque temporibus communionem fuisse Sacrorum, Amicitiæ, \& mutuæ Necessitudinis; \& quod magis est, Græ- cos Deos, coluisse inter Maximos, apud Hyperboreos natos. 15. Suethis cum Thracibus \& Byzantinis com- munes fuisse Deos; adeoque ipsos De- os Phrygios ad Hyperboreos migrasse. 16. Linguam Latinam ex tribus ortam po- ti ssimùm; Aboriginum, sive Thusca, Græca, \& Phrygia. 17. Ciceronem \& Varronem, qui propter peculiarem linguæ Latinæ peritiam, ha- bitas der Teutschen Sprache. bitus fuit Romanorum omnium sapien- tissimus ; linguam Latinam non intelle- xisse; nec Demosthenem, ipsumque Pla- tonem linguæ Græcæ fundamentalem sci- entiam habuisse. 18. Linguam Hebræam, non minùs quàm Chaldæam, Chananæam, \& Arabicam, Dialectum esse linguæ Primæ; minimè verò ipsam linguam Primam. 19. Indolem, \& Proprietates vocum linguæ Hebrææ veras impossibile esse, dari pos- se, nisi ex radicibus linguæ Scythicæ. 20. Voces Adamæas, cujus generis sunt A- dam, Eva, Cæin, Seth, Noah, \&c. quas pro antiquitate linguæ Hebrææ, vulgò, ejus Assertores adducunt ; non minùs Scythi- cas, imò Svethicas essemagis, quàm He- bræas. 21. Ex vocabulis priscæ linguæ, Gallicæ, \& Ibericæ, reliquiis ; eas probari Scythicas fuisse. 22. Antiquas voces Thuscas, quæ supersunt ex linguâ Aboriginum Scythicas esse. 23. Linguam Cambricam, que vetus est Cim- brica Das I. Cap. Von Vortreflichkeit brica, Dialectum esse linguæ Scythicæ. 24. Voces quæ supersunt linguæ veteris Phry- giæ, Scythicas esse. 25. Linguam Persicam hodiernam, ut \& Ar- menam, maximam partem constare ex lingua Scythica. 26. Deorum Nomina, pleraque omnium Gentium, origine esse Scythica, \& in illis Sanctum Dei Nomen Tetragammaton Origine esse Scythicum; nec ul- lum hactenus Hebræum aut Cabalistam, veras nominis istius proprietates, multo minus mysteria aperire potuisse. Quæ Deo dante, reddet author. 27. Ultimo, Sermonem, Primo homini con- creatum, aut cum ipsa Ratione, cujus cha- racter est, \& index in sensum incurrens, infusum. Hier auff solte das Systema secundum folgen/ dessen Inhalt also lautet. Exhibet 1. Connubium \& Nuptias Panos \& Echus, hoc est, Harmoniam \& Annalo- giam Rerum, \& Verborum. 2. Tra- der Teutschen Sprachen. 2. Tradit Observationes \& Axiomata, quæ propriè spectant ad Scientiam hanc no- vam Etymologicam. 3. Eruitur \& aperitur certus numerus Ra- dicum Universalium. 4. Ponuntur sigillatim singulæ Radices, ex quibus, certo ordine \& methodo, in i- psa rerum genesi fundata, Rivi \& Flumi- na vocum, in præcipuas \& ex his ortas linguas educuntur. \& hoc est, LE XICON, seu CLAVIS LINGUARUM PRIMA- RUM UNIV ERSALIS . Es sein in diesem Synopsi viel Dinge/ die in dem Grunde der Warheit sich so ver- halten/ worvon insonderheit zu han- deln nicht dieses Orths ist: das andere laß ich andere verantworten. Ist nur zu be- klagēdaß er uͤber diesem seinem Wercke ge- storben/ und auch seine andere nicht her- auß gegeben/ deren Titul hinter einem von ihm in Schwedischer Sprach geschriebenē Buͤchlein Archimedes reformatus genant/ in einem des Loccenii angefuͤgten Carmine erwehnet werden: als Antiquarius : Magog b Ara- Das I. Cap. von Vortreflichkeit. Aramæo-Gothicus : Virgula Divina: Cla- vis Linguarum Generalis: Anti Clûverius, seu Origines Sueo Gothicæ. Nach seinem To- de hat man viele verworffene Schedas ge- funden/ wie der Herr Scheffer / welcher ein gutes Urtheil von ihm faͤllet/ in sei- nem Schreiben an mich berichtet/ die man nicht hat in Ordnung bringen koͤnnen. Nun gar neulich hat der gelahrte Olaus Rudbeckius in seiner Atlantica, unterschied- liche Capita das Alterthum der Schwedi- schen Nation betreffend/ so in dieser Syno- psi enthalten/ mit groͤsserm Fleiß/ als er vielleicht selbst wuͤrde gethan haben/ auß- gefuͤhret/ und wird noch ferner in dessen Auctario hievon handeln. Von der Chi- nesischen Sprache hat ein Engellaͤnder Johannes Webbe behaupten wollen/ daß sie die erste sey: weil die Chineser ein uhral- tes Volck/ und ihr Land so fort nach der Suͤndfluht vor Erbauung des Babilo- nischen Thurms/ bey welchem sie vermuth- lich nicht gewesē/ bewohnet: weil sie mit kei- nē fremden Voͤlckern vermischet: die Spra- che der Teutschen Sprache. che mehrentheils in einsylbigen Woͤr- tern bestehe. Und muß ich gestehen/ daß es mit derselben eine sonderliche Bewand- nis habe/ weil sie mit keiner andern was gemein hat/ und nach einem Musicali schen Ton die Bedeutung der Woͤrter aͤndert: daß es fast scheinet/ sie sey mehr mit Fleiß außgedacht und erfunden/ als von einigen andern algemaͤhlich abgeleitet. Wie denn Andreas Mullerus dieser Sprache Be- schaffenheit und zusam̃ensetzung in seinen Observationibus Sinicis uñ Propositione su- per Clave Sinica darzuthun sich erbietet. Es kan aber auch bey einigen Voͤlckern die na- tuͤrliche Neigung zu einem gewissen Laut eine abgefuͤhrte Sprache so veraͤndern/ daß sie gantz frembd scheine/ wie wir dessen satsame Exempel in den Dialectis der Teut- schen Sprache haben. b 2 Das Das II. Cap. Vom Alterthum Das II. Cap. Daß die Teutsche Sprache aͤlter als die Griechische und Lateinische. Einhalt. W Ie die Philosophie/ so ist auch die Spra- che von den Barbaris auff die Grichen kom- men. Zeugniß der Griechen selbst. Pelasgi haben eine Barbarische Sprache geredet. Τέκμαρ, ein Wort auß der alten Griechischen Sprache/ da- von Aristoteles erwehnet/ ist Celtischer oder Sey- thischer abkunfft. Platonis Zeugnuß. Die aͤltestē Ein- wohner Griechenlandes/ die Pelasgi, und andere sein selbst Barbari gewesen. Die Buchstaben der Grie- chen von den Barbaris. Olai Rudbeckii Meinung. Ein Ertzbischoff von Toledo haͤlt die Gothischen Buchstaben vor die aͤltesten. Zeugnuß der Grie- chen und Lateiner/ von Abkunfft der Buchstaben. Olai Rudbeck eintheilung der Europaͤischen Voͤl- cker und Sprachen. Menge der Teutschen Woͤrter in der Griechischen und Lateinischen Sprache. Wer- den durch die frembde terminationes und andere veraͤnderungen unkentlich. Exempel der Teut- schen und Frantzoͤsischen Sprache. Lateinische Sprache ist auß der Griechischen und Barbarischen gemischet. Zeugniß Dionysii Halicarnassæi. Mel- chior Inchofer widerleget. Buchstaben der Latei- ner der Teutschen Sprache. ner von den Celtis. Die Nahmen der Voͤlcker und Staͤdte Celtischer und Teutscher Abkunfft. Herrn Caspari Vogten hieruͤber verfaßte Arbeit. Peirescii Meinung/ daß in der alten Gallischen Sprache die Stammwoͤrter vieler Lateinischen sein. Gallische und Teutsche Sprache wenig unterschieden. Skinnerns hat hievon andere Meinung. Seine Gruͤnde werden widerleget. Ein Ohrt auß dem Cæsare wird von jhm uͤbel angefuͤhret. Dialecti einer Sprache sein bißwei- len so muͤhsam zu lernen/ als neue Sprachen selbst. Cluverus wird von jhm unbillig angegriffē. Die Nah- men der Voͤlcker/ Leute/ Staͤdte und Fluͤsse/ geben gute Nachricht von den Sprachen. Lutherus und Cambdenus haben etwas hievon geschrieben. Skin- nerus fehlt sehr in den Etymologiis der Gallischen alten Nahmen. In der alten Britañischen sein einige Stammwoͤrter der Lateinischen Sprache: Die auch Teutsche. Deren Exempla. Teutsche Sprache hat sich biß in Asia erstrecket. Exempel von den Voͤl- ckern die in Taurica Chersonelo wohnen beym Bus- bequio. Skinnerus verachtet diesen Beweißthumb ohn Ursach. Die Persische Sprache bestehet von vie- len Teutschen Woͤrtern. Exempel von den alten Persischen Woͤrtern auß den Historicis. Salmasii Zeugniß. Elichmannus hat hievon ein gantzes Buch schreiben wollen. Piccarti Oratio : daß die Teut- schen der Perser Bruͤder seyn. Welchem Rupertus zwar widersprechen will. Wird aber von Georgio Richtern zuruͤck gehalten. Bochartus muß es fast b 3 wider Das II. Cap. Vom Alterthum wider seinen willen bekennen. Grafii Zeugnis. Ein Buchmit Gothischer Schrifft/ hat sich in China ge- funden. Einige Teutsche Woͤrter in andern Orien- talischen Sprachen/ auch in der Americani schen. W Ir lassen den Streit von der er- sten Sprache an seinen Ohrt ge- stellet sein/ und bleiben bey der Teutschen/ welche dennoch zum wenig- sten der Griechischen nnd Lateinischen in ihrem Alterthum vorzuziehen. Denn gleich wie der Uhrsprung der Philosophie von denen den Griechen so genan- ten Barbaris genommen/ so sind auch die Sprachen als vehicula scientiarum, wie sie Verulamius nennet/ von ihnen fortgepflan- tzet. Was die Wissenschafften anlanget/ so bekennet Aristoteles außdruͤcklich/ daß die Philosophia von den Semnotheis der Celten ihren Uhrsprung habe/ und daß Gallia die Lehrmeister in des Griechenlandes sey. Von welchē sehr weitlaͤuftig Piccard in seiner Cel- topædia handelt. Von der Sprachen sagē e- benfals die Griechē/ uñ unter jhnē der aͤlteste Historicus Herodotus lib. 1. cap. 57. also: ἦσαν ὁι πελασγοὶ βάρβαρον γλ αν ἱέντες, und bekraͤf- tigt der Teutschen Sprache tigt es Plato in seinem Cratylo mit unter- schiedlichen Exempeln/ welche wann sie recht untersuchet werden/ alte Scythi- sche/ daß ist/ Teutsche Woͤrter sein : Es gedencket Aristoteles Rhetor. l. 1. c. 2. von dem Worte τέκμαρ, davon hernach das Wort τεκμήριον gekommen/ daß es in der alten Griechischen Sprache so viel als fi- nem oder limitem bedeutet/ welches ja nichts anders als das Wort tecken marck/ zusammen teeckmarck/ das in der neuen Teutschen Sprach Merckzei- chen genant wird/ sein kan; Deñ man die Grentzen mit dergleichen Zeichen zu un- terscheiden pflag/ und es ist ja bekant/ daß das Wort Mar oder Marck in der al- ten Teutschen Sprach/ so viel als eine Grentze bedeute. Das Griechische Wort ΔΕΙΚνυμι ich zeige/ ist dem vorigen auch verwandt. Plato saget ja selbst in seinem Cratylo unter dem Nahmen des Socratis: ἐννοῶ γὰρ ὅτι πολλὰ οἱ Ἕλληνες ὀνόματα ἂλλως π καὶ οἱ πὸ τοῖς βα άραις οἰκοῦν ες, παρὰ τῶν βαρ- βὰρων εἰλήφασι; das ist: Ich halte davor b 4 daß Das II. Cap. Vom Alterthum daß die Griechen viel Woͤrter von den Barbaris, insonderheit die jenigen die unter ihnen wohnen/ empfan- gen haben. Wie dieser von den Grie- chen/ so schreibt Varro von den Lateinern/ daß ihrer Woͤrter Ursprung von den Bar- baren kommen und durch die langwierige Zeit fast gantz verdunckelt sey. Wie solte auch die Griechische Sprache nicht von den linguis barbaris ihren Uhrsprung haben: weil ja die Voͤlcker selbst von den benacht- barten Phrygibus und Scythis in Griechen- Land zusammen gekommen/ und bezeugt diß Strabo in seinem siebenden Buch auß- drucklich und mit vielen Umstãnden. Daß die Pelasgi die aͤltesten in Griechenland/ ein herumschweiffendes Volck/ wie die Scythæ gewesen/ von rauher harter Art/ ist im Herodot : l. 1. c. 56. und Halicarnassèo lib. 1. zusehen/ und hat Palmerius à Grentemes- nil in seiner Græciâ Antiquâ lib. 1. c. 9. und von allen Griechen in gemein es Guli- elmus Burtonus in Historiâ Linguæ Græc. pag. 13. weitlãufftiger außgefuͤhret. Nun sind der Teutschen Sprache sind die von den Pelasgis entstandene ande- re Voͤlcker nicht nach Sprachen/ sondern nur nach dialectis unterschieden gewe- sen. Ja es hat der gelahrte Olaus Rud- beck in seinem Buch Atlantica genant c. 38. neulich mit guten Gruͤnden behaup- ten wollen/ daß die Griechen auch die Buchstaben von den Hyperboreis und alten Scythis erstlich empfangen ha- ben. Und ist mercklich was Claude Duret, Histoire de l’ origine des langues p. m. 860. saget von einem Ertzbischoff zu Toledo, welcher davor gehalten que l’ Alphabet des lettres Gothes a esté le premier Alphabet des premiers \& plus anciennes letrres, les quel- les furent données de Dieu à commence- ment du monde a nostre premiere Pere Adã. Ja es bekennen die Griechen selbst beym Varrone lib. 7. de linguâ latinâ, daß sie ihr Alphabet von den Barbaris empfangen ha- ben/ und Cæsar lib. 1. de bello Gallico. meldet : Man habe bey den Helvetiis ei- nige Register gefunden mit Griechischen Buchstaben geschrieben. Die Gleichheit b 5 der Das II. Cap. Vom Alterthum der alten Cimbrischen und Runischen Buchstaben/ mit der Griechischen stellet Olaus Wormius in seiner Literaturâ Runi- ca c. 2 1. 22. vor. Der Herr Rudbeckius, des- sen wir zuvor gedacht/ theilet zwar die Europœische Voͤlcker in Scythen, Celten, und Griechen/ und haͤlt auch davor daß sie von Sprachen unterschieden. Ich glau- be aber wann dieser vortrefliche Mann die Teutsche und deren vielerley Dia- lectos gruͤndlich begriffen/ er so gar grossen Unterscheid unter diesen Spra- chen nicht finden/ und in vielen Din- gen eine andere Meinung fuͤhren wuͤr- de. Es kommen dieselben in ihrem Grunde uͤberein/ wie dann Bibliander in seinem Buch de ratione communi omni- um linguarum angemerckt/ daß von 2000 Teutschen Stammwoͤrtern mehr als 800 der Griechischen und Lateini- schen Sprache gemein sein: welcher aber eine weit groͤssere Zahl haͤtte außrechnen koͤnnen. Denn ich mich verpflichten wil/ in einer jeden von den beiden Sprachen uͤber die der Teutschen Sprache die helffte Teutscher und Gothischer Woͤr- ter zu zeigen. Sie klingen aber so frembd in unsern Ohren/ weil die kuͤnstliche Auß- arbeitung derselben durch so viele permu- tationes literarum des wollauts halber/ terminationes, flexiones, compositiones, translationes und fremde deutungen sie fast in eine andere form gegossen; sie hiedurch als durch eine außlaͤndische Tracht/ die ge- stalt der eingebohrnen verlohren/ und einē außheimlschen Schein gewoñen. Wie jetzo die Frantzoͤsische einē so grossen Unterscheid von der Lateinischen und Teutschen hat/ da- von sie doch entsprossen: das nicht leichtlich einer glauben wuͤrde/ der nicht beyder Sprachen genaue wissenschafft hat: auch die Frantzosen selber nicht/ welche viel Woͤrter von der Griechischen und Lateini- schen herziehen/ die doch warhafftig Teutsch sein. Solches ist von Wolff- gango Hungero wider Bovillum zur gnuͤ- ge erwiesen/ und koͤnte wider des Menagii Origines Gallicas und Italicas klaͤrlich von uns dargethan werden. Was Das II. Cap Vom Alterthum Was die Lateinische Sprache anlan- get/ so haben wir ein schoͤnes Zeugnis bey dem Dionysio Halicarnass: am Ende des ersten Buchs/ welcher klaͤrlich schreibt: daß Rom von den Griechen zwar er- bauet/ es sey aber Wunder daß ihre Sprache durch die Vermischung der O- picorum, Marsorum, Sabinorum, Etrusco- rum, Brutiorum, Umbrorum, Ligurum, Hispanorum, und Gallorum, (welche eben aus den Celtis und Scythis hergekommen) nicht gantz in eine Barbarische Sprache verkehret: Er schliesset endlich darauff/ daß die Roͤmer eine Sprache angenom- men/ die nicht gantz Griechisch oder gantz Barbarisch/ sondern auß beyden gemischt gewesen. Ist also gantz falsch/ was Mel- chior Inchofer in Historia sacræ latinita- tis lib. 1. c. 6. behauptē wollē/ daß niemah l s einige ãltere Sprache in Italien gewe- sen als die Lateinische: Denn es ist glaub- lich/ daß lange vorher/ ehe Rom auffge- bauet uñ einige Historia hat koͤñen geschrie- ben werden/ auß Norden viel frembde Voͤl- der Teutschen Sprache Voͤlcker nach Italien sich gewandt. Gu- lielmus Postellus will in seinen Originibus Etruriæ erweisen/ daß sie ihre Buchsta- ben von den Celtis haben. Scrieckius brin- get auch in seinen libris originum Celti- carum viel monumenta bey/ worauß er die Abkunfft der Lateinischen von der Cel- ti schen Sprache schliesset. Aber er ge- braucht hier in eine gar zu grosse Freyheit. Wann nun die Griechische ihren Uhr- sprung meistentheils von der Scythi schen und Barbari schen Sprache genom̃en: wie viel mehr wird denn die Lateinische davon empfangen haben/ die auß der Griechischen und Barbarischen zusammen gesetzet? Die Nahmen der Voͤlcker/ Laͤnder/ Staͤdte/ in Welschland fuͤhrē noch die Keñzeichen ih- rer Herkunfft bey sich/ wie solches mit Ver- wunderung kan angemerckt werden/ weñ man die alten Nahmen der Cimbrischen/ Gallischen/ Teutschen/ Gothischen Voͤlcker und Lãnder dagegē haͤlt. Welches alles mit grossen Fleiß untersuchet hat/ mein sehr grosser Goͤnner und Freund/ Herr Cas- par Das II. Cap. Vom Alterthum par Voigt/ hochverdienter Buͤrgermei- ster der Stad Wißmar/ von welchem die ge- lehrte Welt dermahleins/ so ihm Gott/ wie ich von Hertzē wuͤnsche/ das Leben fristet/ ei- ne außfuͤhrliche Arbeit hieruͤber zu sehen ha- ben wird. Dar auß deñ abzunehmen/ wie so weit sich von den ersten Zeiten her die Voͤl- cker dieser Lãnder/ und ihre Sprache auß- gebreitet. Hier zukan auch zum Zeugnis dienen/ was Gassendus von dem unver- gleichlichem Mañe dem Peirescio in der Be- schreibung seines Lebens p. 195. auffge- zeichnet: Ad Anastasium Nannetensem Capuccinum plurima perscripsit de lingua Aremorica, in quâ consensit plurimas anti- quarum vocum latinarum esse radices. Nun ist die alte Galli sche Sprache mit der Teut- schen einerley/ und wo ja ein Unterscheid darin ist/ so ist er nicht hauptsachlich/ als et- wa unter dialectos, wovon Lambecius l. 2. Comm. bibloth. Vindobonensis p. 427. mit mehrem handelt. Skinnerus haͤlt zwar das Gegentheil in der præfatione seines Etymo- logici Lexici, und vermeint wider Cluverum und der Teutschen Sprache und fast alle dieser Sachen erfahrne/ es sey die Sprache der Gallier und Teutschē gantz unter schieden gewesen: aber seine Gruͤn- de dar auff er bauet sein uͤber auß schlecht. Denn was Cæsarem, der in Franckreich dreyerley Sprachen setzt; Tacitum/ der die Teutschen von den Frantzosen der Spra- che halber unterschieden/ anlanget: so kan man auß beyder Zusammenhaltung leicht sehen/ daß sie nicht Sprachen/ sondern Dialectos verstanden/ deren aber etzliche vielleicht ziemlich weit entfernet/ wie et- wa heute Schwedisch und Teutsch/ Hollaͤn- disch und Schwaͤbisch. Welche ein Auß- lãnder leichtlich vor gantz unterschiedene Sprachen halten koͤnnen. Die Galli sein vor Alters in dreyerley Voͤlcker getheilet/ Belgas, Celtas, und Aquitanos: die beiden er- sten sein unstreitig Teutscher Abkunft und werden die Celtæ, wie Cæsar selbst bezeugt/ κατ᾽ ἐξοχὴν Galli genant. Wer den Unter- scheid dieser Voͤlcker und ihrer Sprachen genauer zu wissen verlanget/ sehe nur Merulam an/ welcher Cosmogr. part. 2. lib. 1. cap. Das II. Cap. Vom Alterthum 1. cap. 15. es also außgefuͤhret/ daß ich nicht sehe/ was dawider sonderliches koͤnne ge- sagt werden. Er bringet ferner zum Beweißthum an: Cæsar sage in seinem 1. Buch de Bello Gallico, daß Ariovistus der Teutsche Koͤnig/ durch lange Gewohnheit von 14. Jahren er stlich die Galli sche Spra- che erlernet/ welche er ja wann der Unter- scheid so gering gewesen in etlichen Mona- then lernen koͤnnen. Wann man aber den Cæsarẽ recht ansiehet/ so stehet nicht alda/ daß Ariovistus sich 14. Jahr in Galllien auffgehalten um die Sprache zu erlernen/ sondern Cæsar haͤtte C. Valerium Procil- lum an Ariovistum gesandt/ propter fidem \& propter linguæ Gallicæ scientiam, quâ multâ jam Ariovistus longinqua consue- tudine utebatur. Die Meinung dieser Worte/ wie ein jeglicher sieht/ ist diese: Weil Ariovistus nun eine geraume Zeit einē Theil von Galliam besessen/ und der Galli- sche Sprache auß langē gebrauch gewoh- net/ hãtte man diesen dahin gesandt/ der in dieser Sprache sich mit ihm unterre- den der Teutschen Sprache. den koͤnte. Es were ja auch endlich nicht zu verwundern gewesen/ wenn Ariovistus um die Fertigkeit dieser Sprache zu ha- ben/ einer langen Zeit beduͤrfftig gewesen: deñ auch in Dialectis so grosser Unterscheid sein kan/ daß man vieler Zeit Muͤhe von noͤthen hat/ dieselbe recht fertig zu erler- nen/ insonderheit wenn keine Grammati- sche Lehr-Satze verhanden; Ja in Franck- reich und Teutschland sein heutiges Tages die einerley Sprache reden/ und sich doch nicht verstehen. Wuͤrde man einen Schwa- ben in Niederland bringen/ es wuͤrde gros- se Muͤhe kosten/ daß er des Landes Sprach ohne Anstoß in langer Zeit reden lernete. Er greifft endlich auch den Cluverum an/ welcher auß den Endigungen in den Nah- men der Koͤnige/ Voͤlcker/ Lãnder/ Fluͤs- se etc. dero Teutschen Uhrsprung behaup- ten will. Welches ob es gleich ihm geringe daucht/ dennoch ein Grund von grosser Wichtigkeit ist. Es were der Muͤhe wol wehrt die barbara nomina, die man bey den alten Autoribus findet mit Fleiß zu unter- c suchen Das II. Cap. vom Alterthum suchen. Lutherus hat zwar ein Buͤchlein von den Nominibus propriis der alten Teutschen/ und Gotfried Wegener Anmerckungen daruͤber geschrieben. Auch findet man bey dem Cambdeno in seinen Remaines concerning Britain, etwas von dergleichen Woͤrtern; Es ist aber alles Un- vollkommen. Skinnerus meint er habe ein grosses gewonnen/ wann er am Ende seines Buchs erweisen will/ daß die im Cæsare und andern Autoribus vorkom̃ende Galli sche Nahmen/ von andern Woͤrtern der alten Brittanischen Sprache herstam- men. Aber er hat vielmehr seine Unwis- senheit in der Teutschen zu Tage geleget. Welches weitlãutfig koͤnte dargethan wer- den: wann man sich damit auffhalten wolte. Was sonst Peirescius von den Stamwoͤrtern der Lateinischen Spra- che/ die in der alten Galli schen noch uͤbrig/ erwehnet/ solches kan auch auß dem alten Britannischen (welche Cæsar vor dieselbe haͤlt) erwiesen werden: denn es hat Ro- bertus Sheringham in seinē Buch de Origine Gen- der Teutschen Sprache. Gentis Anglorum cap. 6. p. 109. (da er auch der Armorica nischē Woͤrter gleichheit mit den Lateinischen behauptet/ und anweiset/ daß die Sprache selbst von den Britan- niern da hinein gebracht) verschiedene al- te Woͤrter angemerckt/ die mit den Latei- nischen uͤberein kommen: Wiewol er davor haͤlt das jene von diesen entsprungen seyn. Daß solche aber mit den Teutschen uͤber- einkommen und selbst Teutsche sein/ will ich beweisen. Latini veteres, (sagt er p. III. ) inve- nustas \& difformes personas vocabant Miri- ones; Cambro-Brittanni feminas in face- tas \& rusticas Mairiones. (Es ist ein altes Runisches Wort Mær sive Môr Virgo. Worm in Lexic. Runico. und ist hernach ein Mutter-Pferd so genandt/ und wird noch heutiges Tages per translationem ge- sagt: Es ist eine lose Maͤhr ) Vete- ribus falla deceptio est: Cambro-Britannis faell (diß ist ein teutsches Wort fehl/ fall/ fault/ uñ fast in allen andern Nebē-Spra- chen. Bey den Griechen hat man auch σφάλλομαι) Veteribus Gulosus gluton \& glu- c 2 via Das II. Cap. Vom Alterthum via dictus, Cambro-Britannis glvvth (Es ist ein altes Wort Gul/ welches in Dã- nischer Sprache so viel heisset/ als ein- schlucken/ davon noch bey den Hollaͤn- dern das Wort Guͤlsich komt/ und ist per μετάϑεσιν literarum entstanden) Vete- ribus Ruma mamma est, Cambro-Britan- nis Rhumen. (Es heißt aber bey ihnen auch abdomen. Vid. Boxhorn, Lexic. Britann. Latin. wie es bey den Lateinern auch das cavum colli bedeutet/ worin bey dem Vie- he die Speise gesamlet wird/ daher noch ruminare: ist es also das teutsche Wort Rum oder Raum/ das ist der Orth/ da etwas gesamiet wird.) Veteribus summus Oscorum Magistratus Meddix vocabatur. Ca- mbro-Britannis Meddu significat potentem esse. (Boxhorn. hat nicht dieses Meddu, son- dern Mechdeyra. Ist das Teutsche Macht/ Mogen/ Angl. Sax Mighty. ) Veteribus Dalivus stultus. Cambro-Britannis Delff Barbarus. (Diß Wort kennen auch di e Bauren in Mecklenburg/ wann sie einen dum̃men Menschen Delff nennen.) His mul- der Teutschen Sprache. multa (sagt er weiter) adjici possent nomina propria veterum Romanorum, quæ omnino nullum cum latina lingua, magnam cum Britannicâ cognitionem habent. (Ja solte er die Frisische/ Dãnische/ Schwedische Sprache durchsehn/ so wird er noch viel mehr derselben Nahmen finden: denn die jenigen/ die er anfuͤhret/ hat er mei- nes erachtens nicht recht untersuchet. Von den Friesen schreibt sehr mercklich Boxhorn: in einem Briefe an Pibonem a Boma. p. 217. Lingua, mores, instituta antiqua Fri- siorum ea esse hactenus deprehendo, quibus sua \& Græci \& Romani ferre debeant acce- pta. Nihil jacto. sed de veteribus \& Rep. \& moribus \& legibus, etiam origine Fri- siorum multa, eaque amplissima obser vavi, aliis hactenus omnibus indicta.) Sheringham fuͤhrt frner in den Roͤmischen Nahmen/ einige Britañische Woͤrter an/ als/ sylla vi- dere: Da ist bey den Teutschen das Wort Zillen/ davon Besoldus de Nat. Po- pul. und das alte Lateinische cilleo, wie auch das Frantzoͤsische Wort Ciller, welches so c 3 viel Das II. Cap. vom Alterthum viel ist als nictare. Er setzt das Wort celu bey den Lateinern celare: diß ist bey den Teutschen Helen/ Gehelen und mit auß- gestossenem (e) G’helen : oder das (c) wird in (h) verwandelt/ wie in den Woͤrtern ca- lam us halm ΚΑΡΔία hart/ und wie in dem folgenden Britañischen Worte cornel an- gulus, eene hoͤrn in der gemeinen Spra- che: so ist in Gothreks Historia von dem Ve- relio herauß gegeben das Gothische Wort Pallshorn scamni angulus. Das Latei- nische Cornu und das Teutsche Horn wer- den auch auff solche Ahrt verwechselt. Das Wort occulere aber bey dē Lateinern/ wird zwar bey Vossio von colere hergefuͤhret/ da ist aber das Nieder teutsche Wort Kuͤl/ welches so viel ist als ein Loch darin man was vergraͤbet. Silyn soboles bey den Cam- brobritannis, ist bey den Teutschen auch zu- finden: Zielen/ teelen heist/ wann man eine junge Zucht zulegt. Cynne sive cyn- nevv incendere \& incendium: ist aber das Teutsche Wort Zünden/ anzünden. Dieses sein die wenige Wort/ die er anfuͤhrt/ deren der Teutschen Sprache. deren noch eine grosse Menge uͤber ist/ davon viel koͤnte gesagt werden/ wenn es dieser Ohrt erleiden wolte. Ferner ist die Teutsche Sprache in Europa nicht bestehen blieben/ sondern hat sich auch in Asia selbst verbreitet/ ist vielleicht auch von dañen erst heraus gekom̃en/ welches noch von wenigen recht nach geforschet ist. Es ist bekant was Busbequius nur obenhin aufgezeichnet hat von der Sprache einiger in Tauricâ Chersoneso wohnendē Voͤlcker/ welche er entwedeꝛ vor Saxë haͤlt/ die zu Ca- roli M. Zeiten da hinein getrieben/ oder auch vor Gothen/ dievon langer zeit hero da ge- wohnet/ welches letzte viel glaubwuͤrdiger ist. Skinnerus, der die Etymologias recht im grunde anzugreiffē nicht gnug Erfahrung hat/ uñ viel falsche hypotheses setzet/ eine nuͤtz- liche Arbeit aber hierin gethan/ daß er den parallelismũ Occidentaliũ \& Septentrionaliũ linguarum zusammen getragen/ haͤlt dieses fuͤr eine geringe Sache/ und vermeinet auch es sey ein Teutsches Volck/ welches von den alten Scythis in diesen Winckel c 4 hinein Das II. Cap. Vom Alterthum hinein getrieben/ wie die alten Britanni von den Saxen innerhalb Walliam und Cornubiam beschlossen. Er hat aber nicht in acht genommen/ daß die Gleichheit mit der Teutschen Sprache nicht allein bey die- sem Ohrte bleibt/ sondern durch grosse Laͤn- der in Asia sich erstrecket: Denn es sind nicht ungefehr so sehr viel Teutsche Woͤrter in die Persische Sprache kommen; da deñ insonderheit zu mercken/ daß die alten Persischen Woͤrter/ die von Curtio und andern Historicis beylaͤuffig eingefuͤhret und von Burtono unter dem Titul : Veteris Linguæ Persicæ λείψανα zusammen ge- samlet/ fast alle Teutsche sein/ welches zwar Burtonus nicht in Acht genommen/ sondern zum Theil Boxhornius in einem Brieff an Blancardum, und Blancardus selbst in den Anmerckungen uͤber den Cur- tium angezeiget. Es bezeugt Sal- masius in seinem Buch de Lingua Hel- lenistica mit diesen außdruͤcklichen Wor- ten : Persica seu Parthica, quæ \& ipsa au- tores originis habet Scythas infinitas præ- fert der Teutschen Sprache. fert voces, quæ eædem reperiuntur in Græ- ciâ pariter \& Teutonicâ dialecto. Der sel- be hat in der Vorrede uͤber Tabulæ Cebe- lis versionem Arabicam von dem Elich- manno, der sie in Lateinisch uͤbersetzet/ und die Persische Sprache gruͤndlich verstan- den/ dieses berichtet: Quod ad hoc ævi la- tuit plerosque eruditorum, ex eâdem origine compererat fluxisse Germanicam \& Persi- cam linguam, ad hanc illum conjectur am du- cente infinitâ vocum copiâ utrique lingua communium: sed \& verbis similiter termi- natis, eodem modo compositis, aliisque argumentis. Wie koͤnte ein glaubwuͤrdiger Zeugnuß hievon abgestattet werden? Es hatte schon zuvor der gelahrte Mann Mi- chael Piccartus eine Oration geschrieben: Daß die Teutschen der Perser Bruͤ- der seyn/ welche Meinung Rupertus hat widerlegen wollen/ aber es schreibt Ge- orgius Richter in seinen Brieffen p. 416. an jhn/ daß diese Meinung nicht so gar zu verwerffen/ des Scaligeri urthel jhm vor- haltend/ welcher sagte: cum ratione illos c 5 in- Das II. Cap. vom Alterthum insanire qui ita sentiunt, wie dessen Worte hievon lauten: und hat Rupertus nach- gehends meines wissens nichts dawi- der geredet. Bochartus der sonst der Teut- schen Sprache nicht sonderlich gewogen/ uñ alles auff seine Carthaginenser ziehet/ muß dennoch dieses bekennen in seinem Phaleg l. 1. c. 25. Persicam linguam quod quidam Viri docti scribunt accedere ad Germanicam, in tantâ locorum intercape- dine nemo facile sibi persuadere sinat: Ta- men rei probandæ tot exempla congerunt, ut ab invitis pene fidem extorqueant. Uber diese von uns angefuͤhrte Zeugniße gelehr- ter Leute und Exempel der Woͤrter/ an- gemerckt beim Lipsio Cent. 3. ad Belgas Epist. 44. und Abrahamo Mylio de antiq. ling. Belg. cap. 11. koͤnnen wir auch beybringē den Joannem Gravium, der selbst in den Mor- genlaͤndern sich lange auffgehalten/ und E- lementa linguæ Persicæ herauß gegebē. Die- ser da er von der Syntaxi der Persi- schen Sprache handelt/ erkennet er/ daß sie mit der Englischen/ (als welche gleichfals Teut- der Teutschen Sprache. Teutscher Eigenschafft ist) hierin uͤberein komme. Deñ so spricht er pag. 89. In reli- quis partibus Orationis nulla Syntaxeos dif- ficultas est, neque ullam puto esse linguam inter Orientales, quæ paucioribus indigeat regulis, aut cum Europæis magis consen- tiat. Plurima vocabula reperio exacte cum Anglicis eodem sensu \& numero fere litera- rum congruentia. E pleniori messe spicile- gium cape. Setzet hier auff einige Engli- sche den Persischen gleiche Woͤrter/ die ebenfals Teutsch sein. Uber diesen brin- get er etzliche herbey/ welche von den La- teinischen ihren Uhrsprung haben sollen. A- ber es sind die meisten davon Teutsche/ wie imgleichen auch die jenige/ welche der Herꝛ Olearius in seiner Persianischen Reise lib. 5. c. 26. anfuͤhret/ der wegen der Gleichheit mit den Teutschen auch einerley Meinung hat. Man hat auch wie Martinus Martinius in seinē Atlanto Sinico meldet/ ein Buch mit Gothische Buchstaben geschrieben in China gefundē/ dem etwas von der H. Schrifft in Lateinischer Sprache beygefuͤgt gewesen : Vidi Das II. Cap. vom Alterthum Vidi, sagt er/ unà cum Sociis hîc apud li- teratum quendam volumem vetus, Gothi- cis characteribus diligentissimè fexaratum. Adhibita fuit papyriloco tenuissima mem- brana. Maxima Scripturæ Sacræ pars Lati- nè erat conscripta. Tentavi librum ut con- sequerer: at ejus Dominus tametsi gentilis, nec prece nec precio ullo adduci potuit, ut traderet, in sua familia per multas jam ne- potum progenies tanquam rarissimum quod- dam antiquitatis cimelium ad servatum illud adserens, Es scheinet aber daß dieses Buch nichts andeꝛs gewesen/ als die Evangelia Go- thica, die auß dē Codice argenteo von Fran- cisco Junio mit seinen Anmerckungen/ und vor etlichē Jahren in Schweden heraußge- geben. Diese sein vielleicht vor Alteꝛs von je- mand in China gebracht/ und von einē Lieb- haber biß auff diese Zeit verwahret wordē: der selber dieses Buchs Einhalt nicht ver- standē. Man hat auch noch in andern Ori- entali schen Sprachen/ in der Ægypti schen/ Arabi schē einige Woͤrter die Celtischer Her- kunfft zu seyn scheinen. Das Wort Bara bey der Teutschen Sprache. bey den Ægyp tern, ist/ was bey uns ei- ne Bahr/ Siehe Kircherum in Obelisc. Pamphil. lib. 5. p. 472. dessen Prodromus Copt : viel solche gleichlautende Woͤrter hat. Gesnerus hat in seinem Mithridate auch dieses Worts Bar gedacht. Man kan auch bey dem Diodoro Sicul. lib. 2. \& Hero- doto lib. 2. Petro Victorio variar. lect. lib. 10. c. 9. von einer cymba funerali dieses Nah- mens etwas lesen. Bey den Arabern ist das Wort Hamel, welches arietem bedeu- tet/ und das selbst Teutsch ist. Daher mei- net Kircherus in Oedip. Ægypt: Synt. 3. c. 6. komme des Jovis Ammonis Beynahme. Ja so gar in America finden sich viel den Celtischen gleichlautende und bedeutende Woͤrter/ wovon mit grossem Fleiß gehan- delt hat Myliusde antiquitate Linguæ Belgicæ cap. 25. und in Additionibus ejus capitis; Welcher gaͤntzlich der Meinung ist/ daß vor Alters einige Colonien von den Cim- bris oder Scythis hineingekommen/ weiset auch an/ auf was Weise solches habe gesche- hen koͤnnen. Das Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch Das III. Cap. Daß viel Griechische und La- teinische Woͤrter von den alten Teut- schen oder Scythischen herkom̃en Einhalt. D Ie Scythische eine Stam̃sprache der Euro- paͤischen. Wird von Salmasio und Box- hornio davor gehalten. Welche aber den rechten Grund wegen Unkunde der Teutschen Spra- che nicht entdecken koͤnnen. Boxhornii Origines Gal- licæ. Abraham Mylius hat von dem Alterthum der Hollaͤndischen Sprache geschrieben. Die Glossaria der Barbarischen Woͤrter und andere Schrifften in den Nordischen Sprachen koͤnnen hiezu nuͤtzen. Kircheri falscher Wahn von der Teutschen Spra- che. In dem Mecklenburgischen/ Pom̃erschen/ West- phaͤlischen sein viel Stammwoͤrter verborgen. In der Tentschen Sprache sein keine frembde Woͤrter/ als die mit Fortpflantzung der Religion und auß dem oͤffentlichen Gebrauch in Politischen Sa- chen hinein kommen seyn. Je aͤlter die Lateinischen Worter/ je mehr sein sie den Teutschen aͤhnlich. Bacrio, Becher/ Spectile, Speck/ Stega, Steg/ Stritare, Striden/ Plancæ, Plancken/ Throcum Trog/ von dem Teutschen Trog/ Caulis, Kohl/ Matta, Matte/ Rumpus, Rump/ ꝛc. Woͤrter die allerhand Geraͤhtschafft bedeu- ten sein aus der Celtischen in die Lateinische Sprach gekommen. Auß diesen kan insonderheit der Uhr- sprung der Sprachen dargethan werden. Honos Hohn/ Duo Zwo/ Æs Eisen/ Equs, Eik. (vox Gothica) Kaf, (Gothica vox) profundum: Cavare Cavea, Scapha. \&c. ςείρα steur/ τέυχω Zeuch/ Tuͤch. Varro, Festus und alle andere Etymologi fehlen sehr in ihren Etymologiis. Auch die Fran- tzosen in ihrer Sprache. Die ihre uhrspruͤng- lich Teutsche Woͤrter/ von den Griechischen oder Lateinischen herbringen wollen. Mericus Casau- bonus wil die Englischen Woͤrter von dem Grie- chischen leiten. Worinn fast alle fehlen: Skinnerus; Franc. Junius, Rigaltus, Meursius, Vossius, \&c. Die Ursachen dieses Fehlers/ Aquilonius hat eini- ge Griechische und Lateinische Woͤrter von den Daͤnischen hergefuͤhret. Meinet daß die Daͤni- sche Sprache der Lateinischen mehr Woͤrter ge- geben als die Deutsche. Worinn er irret. Seine angefuͤhrte Exempel werden widerlegt. Grunni- re, Gruntzen/ Hinnus, Hind/ Rapere, raffen/ Tolerare, dulden/ Torrere, duͤrren/ Irritare, anreitzen/ komt nicht von ira, irrire oder ritus wie Vossius meinet/ sondern von dem alten teut- schen Wort Ratu, Riote, Rit, irritatio, Er- na , ein altes teutsches Wort/ davon das Lateini- sche Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch sche ira, bedeutet eben dasselbe. Olai Wormii Buch de literatura Runicâ. Edda Islandorum Re- senii. eine aͤltere Edda in Schweden vorhanden. Die alten Gothischen Schrifften/ die in Schweden herauß gegeben worden. Collegium Antiquitatum und Professio linguarum Septentrionalium auff der Upsalischen Academia angestellt/ gereicht der Schwedischen Nation zu grossem Ruhm. Codex argenteus der Gothischen Evangelien. D Urch diese so augēscheinliche Gruͤn- de sind die Vortreflichen Leute/ Sal- masius uñ Boxhornius endlich auf die Gedancken gekom̃en/ daß sie die alte Scythi- sche vor eine Stammsprache der Europæi- schen gehalten. Es hat ihnen aber hieran gefehlet daß sie keine vollkommene Wissen- schafft der alten Teutschen/ und deren Dia- lectorum, der Gothischen/ Schwedischen/ Daͤnischen und anderer gehabt ; ohn wel- chem nichts fruchtbarlichs hierin kan ver- richtet werden. Boxhornius hat zwar ei- nen guten Versuch gethan in seinen Origi- nibus linguæ Gallicæ: woselbst in der Vor- rede einige nuͤtzliche und ungemeine Dinge deß von dem Teutschen. deßhalben verhandelt werden: und vor- hin in einem Hollāndischen Buͤchlein von der Abgoͤttin Nehalennia. Aber es ist zu be- klagen/ daß er uͤber diesem Werck gestor- ben/ und es nicht vollfuͤhren koͤnnen. Es hat auch schon vor Boxhornio, Abrahamus Mylius in seinem Buch de Linguæ Belgicæ Antiquitate eine gute Arbeit seiner Mut- ter Sprache zum besten verrichtet. Es be- stehet nur das meiste in Vergleichung der Teutschen und frembden Woͤrter/ womit Boxhornitis sich gleichfals bemuͤhet/ und ist noch zur Zeit niemand/ der was haupt- sachlichs darin gethan. Wer nun solches thun wolte/ muͤste theils die alte Griechische und Lateinische Woͤrter/ die man in den Fragmentis noch uͤ- brig hat/ auß den Glossariis hervor suchen/ und darnebenst gar genau die Uhralten Teutschen Woͤrter/ auß den alten Schrif- ten zusammen lesen/ die alte Gothische/ Runische/ Angelsaͤchsche/ Cimbrische/ Frantzoͤsische/ Spanische/ die heutige Teut- d sche Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch sche/ und alle deren Dialectos, woran am meisten gelegen; Hollaͤndische/ Dānische/ Schwedische/ Norwegische/ etc. zum we- nigsten/ so weit verstehen/ daß ihm die Woͤrter derselben nicht unbekant. Kirche- rus in seinem Buch de Turri Babel. lib. 3. sect. 3. c. 4. macht die Hollaͤndische/ Englische und Westpfaͤlische zu Toͤchter der Teut- schen/ und meint daß die Teutsche Sprache desto mehr verdorben sey/ je weiter sie gen Norden sich erstrecket/ worin er sehr ir- ret. Denn es ist das Gegenspiel wahr/ und seind die Stam̄woͤrter reiner und un- vermischter da zu finden. Es würde einer mit Verwunderung sehen/ wie eine Spra- che/ ein Dialectus dem andern zu huͤlffe koͤmt/ und wie viel Stammwoͤrter in dem alten Saͤchsischen/ Cimbrischen/ Pom- merschen/ Westphaͤlischen/ Mecklenbur- gischen etc. und insonderheit in der alten Gothischen stecken; davon nicht allein viel Woͤrter in der Hochteutschen unstrei- tig hergeleitet/ welches die Hochteutschen selbst nicht wissen; sondern eine so grosse Men- von dem Teutschen. Menge in der Griechischen und Latei- nischen herstammet. Denn daß die unsrige solche von den Griechen und Roͤ- mern geholet/ kan nicht mit dem gering- sten Schein der Warheit gesaget werden; und laufft wider des Dionysii Halicarnaßæi, oben angefuͤhrtes Zeugnis. Es weren denn solche Woͤrter mit Einfuͤhrung der Christlichen Religion, oder auß den ver- dorbenen Lateinschen terminis, deren sich die ersten teutschen Keiser in ihren oͤffent- lichen Schrifften gebrauchet/ auff uns geleitet/ davon so gar viel nicht zu finden seyn werden. Zu dem kan man solches an den Lateinischen Woͤrtern/ die in Osca, Volsca, Tusca Lingua zu finden ge- wesen/ selber sehen: welche je aͤlter sie seyn/ je naͤher sie dem Teutschen kommen. Das Wort bacrio oder bacar, welches Festus nen- net genus vasis longioris manubrii, quod alii trullam vocant (Trua oder Trulla ist eben so wol das Teutsche Truhe) ist unser Teutsches Wort Becher/ Bacher/ oder Beker: und gleichwolleitet Vossius das Lateinische d 2 von Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch von Bacho, aber οὑ πρὸς διώνυσυν, und das Hol- laͤndische beker von diesem bacrio. Was ist das Wort spectile bey dem Plauto, wel- ches Festus suillum obsonium nennet/ an- ders als unser Teutsches Speck ? nur daß sie eine sonderliche termination hinan ge- haͤnget/ und dennoch wollen einige erleuch- tete Critici lieber von dem Lateinischen Wort specio und specto: quasi scilicet spe- ctabile aliquid iit in illo obsonio, es her- fuͤhren/ als von dem Teutschen Speck: da doch specio und specto eben so wol von alter Teutscher und Scythi scher herkunfft sein/ davon aber jetzo nicht zu sagen. Das Wort Stega bey dem Plauto ist tabula- tum navis, in quo nautæ ambulant; Ist nicht dis daß rechte Teutsche Wort Steg? Stritare wird bey den alten Lateinern von denselben gesaget/ qui æquali passu ire non possunt, sed vel pede summo vel talo terram stringebant. Was ist dis anders/ als unser Niederteutsches Wort Strie- den? Welches doch Laurenberg in seinem Antiquario von stringere, und Vossius von von dem Teutschen. von tero und dessen supino tritum abzie- het. Sind nicht Plancæ, quæ Festo vocan- tur tabulæ planæ, was wir noch heutiges Tages Plancken heissen? Von welchen Chimentellus in seinem Buch de Honore Besellii cap. 21. das Italiānische Panche oder Banche, eine Banck/ abziehen wil/ das doch eben so wol ein Teutsch Wort ist. Was ist das Wort Caulis so bey den Scriptori- bus rei rusticæ gebraucht wird/ anders als unser Teutsches Wort Kohl? denn die Roͤmer haben das au als ein o auß- geredet. Es ist auch das Griechi- sche καυλὸς, welches eine gemeine Bedeu- tung hat/ und pro virgâ cujuscunque plan- tæ genommen wird. Mit dem Worte Throcum dessen Festus gedencket/ quaͤlet sich Chimentellus im vorerwehnten Bu- che cap. 27. sehr. Es ist aber eine Art von Stuͤhlen gewesen/ die man getragen/ und haben wir in Teutscher Sprach diesem ein gleich lautend Wort Trog. Welches mit diesem wol kan verglichen werden. Das Wort Matta, Storea oder teges, d 3 welches Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch welches Ovid. l. 6. Fastor. gebraucht/ wird beym Martino vergeblich vom Hebrāischen abgefuͤhret/ weil es ein rechtes Teutsches Wort/ und in eben demselben Verstande genommen wird. Bey den sequioribus Scriptoribus ist es viel haͤuffiger zufinden/ welche Savaro in Sid. Apol. lib. 1. Epist. 24. an- fuͤhret: nicht bey andern als nur bey Ovi- dio einmahl: dar auß man sehen kan/ daß solche Woͤrter ehe gewesen/ aber als ge- meine und Plebeia nicht gebrauchet worden. Es seyn aber solche den andern im Alterthumb vorzuziehen. Das Wort Sicilices ist unser Teutsches Si- chel/ davon das Griechische ζάγκλη: auch nicht gar sehr entfernet. Man fin- det unter den Woͤrtern die allerley Ge- raͤthe bedeuten/ uͤberauß viele/ die Celti- scher Abkunfft sein. Worauß man einen festen Schluß machen kan/ daß die Latei- nische von diesen hergekommen. Denn solche Woͤrter sein ins gemein die aͤltesten/ und bleiben am laͤngsten unveraͤndert/ weil keine Uhrsach ist eine Neuerung dabey vor- von dem Teutschen. vorzunehmen: wie bey denen/ die in oͤf- fentlichen Reden gebrauchet werden. A- ber hievon kan allhie nicht geredet wer- den. Wenn ich auch die uͤblichen Woͤrter in der Lateinische Sprache ansehe/ wie viel seyn derer die ohne Veraͤnderung Teutsch seyn? Ist nicht honos und hohn gleich? Denn das Wort ist bey den La- teinern mediæ significationis, wie das Wort dolus. Honos malus ist so viel als inju- ria. Siehe Gell lib. 12. c. 9. und Lauren- berg. in Antiquario. Duo und bey den Teut- schen two oder zwo/ ist ein Wort/ und wie Gifanius in seinem Indice Lucretiano p. 333. bezeuget/ hat mans vor diesem im Lateinischen einsilbig außgesprochen. Von den andern Zahlen kan dergleichen be- wiesen werden: In der alten Runischen Sprache ist das Wort Eik; in der Lateini- schen Equus: welches dasselbe bedeutet. In der Gothischen hat man ein Wort Kæf , be- deutet profundum. Wovon in dē Lateinischē viel Woͤrter abspringen/ Cavare, Cavea, das Teutsche Kafen/ und das Griechi- d 4 sche Das III. Cap Griechisch und Lateinisch sche σκάπτω excavo, das Lateinische Scapha. Das Teutsche Scap hat hiemit auch einige Gleichheit. Was ist das Lateinische æs, vor diesem æsis anders als das Teut- sche Eisen? Das Griechische τεύχω, Fa- bricor hat im Teutschen das Wort Tuͤch/ oder Zeug/ σμύχω, incendo das Wort Schmock/ schmoͤcken/ schmaͤuchen. Στιίρα carina navis, wird von ςέῤῥος solidus hergefuͤhret/ und wir haben im Teutschen das Wort Steur/ welches viel eigentlicher den Ursprung fuͤrbildet Rumpus, ein abge- risseneꝛ Zweig/ Rump ein gestuͤm̄elteꝛ Coͤr- per komt uͤbereins. Ichkoͤnte hie ein gantz Lexicon solcher Woͤrter schreiben/ wenn es dieses Ohrts were. Die jenigen die von dem Varrone und Festo der selben Uhrsprung erlernen wollen/ betriegen sich sehr/ denn es hat niemand die Origines der Lateini- schen Sprache weniger verstanden als eben sie: wie solches fast in allen Sprachen so zu- gehet/ in welchen die Eingeborne die groͤbe- ste Fehler begehen: dann es folget nie- mand hierin der Natur und der Ver- nunfft von dem Teutschen. nunfft nach/ sondern seinem eigenen Wahn. Die die Hebreische oder Griechi- sche Sprache vor andern lieben/ wollen hievon alles herholen/ wie Bochartus alles von der Puni schen. Die der frembden keine sonderliche Kundschafft haben/ erdencken einige sonderliche allusiones und allite- rationes, und da ist denn alles gut. So muß Venus von veniendo herkommen/ Vesta wird deßhalben so genant quod vi suâ stet : welche derivationes eben so gut sein/ als wenn das Wort Bischoff davon gemacht sein soll/ weil er bey den Schaffen ist: Denn es ist der Nahme und die Verehrung dieser Goͤttin von den Barbaris zu den Roͤmern kommen/ da- von allhie weiter nicht kan geredet werden; Ist derohalben eine Thorheit das ἔτυμον der Woͤrter bey den Roͤmern zu suchen. Die Frantzosen und Italiaͤner die heuti- ges Tages Etymologias schreiben/ sind mit dergleichen Irrthuͤmern angefuͤllet. Bovillus hat in seinem Buch de differentiæ vulgarium linguarum gar kindische Ein- d 5 faͤl- Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch faͤlle von den Frantzoͤsischen Woͤrtern/ den aber Wolffgangus Hungerus gruͤndlich widerlegt hat. Menagius, sonst ein vorneh- mer Philologus und Criticus, welchem Skin- nerus gemeinlich folgt/ ein Blinder dem an- dern/ holt ins gemein auß Griechenland oder auß Rom die Stammwoͤrter her/ die er in Teutschland suchen solte. Beza, Peri- onius, welche von der Gleichheit der Grie- chischen und Frantzoͤsischen Sprachen ge- schrieben/ fehlen auch sehr hierin. Joh. Henricus Ottius in seiner Franco-Gallia hat viel bessere Nachricht geben. So hat auch Monosinus in seinem Buch genant Flos Linguæ Italicæ, viel Italiaͤnische Woͤrter von den Griechischen abgeleitet/ die doch Teutschland vor jhre Mutter erkennen. Mericus Casaubonus in seiner Commenta- tione de Græcâ Linguâ, worin er die Gleich- heit der Englischen und Griechischen Sprache zeiget/ ist dennoch auch der Mei- nung/ als wann diese Woͤrter von dem Griechischen herstammen; und kan end- lich wolseyn/ wie vor diesem die Griechen ihre von dem Teutschen. ihre Colonias und Schiffe hin und wie- der geschickt/ (denn Jacobus Eyndius in seinem Chronico Zelandiæ cap. 9. auch erweisen wil/ daß die Griechen die See- laͤndische Kusten besegelt) daß einige von ihren Woͤrtern bekleben geblieben: Aber es ist eine groͤssere und viel gruͤnd- lichere uͤbereinstimmung dieser Spra- chen/ als daß von ungefehr solches solte geschehen seyn. Es ist diß præjudicium so sehr bey gelahrten Leuten eingewurtzelt/ daß sie fast pro paradoxo halten/ wann man der Teutschen und der verwandten Sprachen Alterthumb uͤber die Griechi- sche und Lateinische erhebet/ und diese von jener ableitet. Skinnerus der ein Etymologicum der alten Englischen Woͤr- ter geschrieben/ und eine Vergleichung mit den andern verwandten Sprachen angestellet/ hat zwar eine nuͤtzliche Ar- beit verrichtet/ wie imgleichen Franciscus Junius in seinem Glossario Gothico, wel- ches er den Gothischen Evangeliis zugefuͤ- get/ und jetzo vermehrter in seinem ho- hen Das III. Cap. Griechisch und Lateinsch hen Alter herauß geben wil. Aber sie lie- gen gleichfals an dieser Seuche kranck/ da sie doch dessen so klarscheinende Zeugnuͤße vor Augen liegenhaben. Sehen wir den Nico- laum Rigaltium Johannem Meursium in sei- nen Vocibus Mixo Barbaris, den Vossium de Vitiis sermonis Latini, Ludovicum de la Cer- da in seinen adversariis, Lindenbrogium, Gothofredum Wendelinum, Henricum Spelmannum, und endlich du Fresne in ih- ren Glossariis an: Man koͤnte viel hun- dert/ ja tausend solche Fehler mercken/ und ein grosses Buch davon zusam̃en tragen/ welches aus keiner andern Uhrsachen kom̄t/ als daß sie dieser Sprachen Grund nicht recht begreiffen. Und ist zu verwundern/ daß da der Augenschein selbst sie vor Barbarische Woͤrter angibt/ sie dennoch lieber den Uhrsprung in der Ferne bey den Griechen/ als bey den Teut- schen suchen. Bey so grosser Menge der irrenden hat dennoch einer in Denne- marck der sich Aquilonium nennet/ in ei- nigen kleinen Buͤchlein die er de mistione Græ- von dem Teutschen. Græcæ \& Latinæ cum Danicâ Linguâ geschrie- ben/ das Gegentheil darthun wollen/ und die Woͤrter hervor gesuchet/ die auß der Dānischen Sprache in die Lateini- sche und Griechische gekommen seyn. Da- von er seine Gedancken daselbst eroͤffnet. Er haͤtte aber/ wann er die andere Spra- chen zu Huͤlffe gezogen/ seine Meinung viel gruͤndlicher und besser außfuͤhren koͤn- nen : ob er zwar meinet/ daß die Dā- nische Sprache einen sonderlichen Vor- zug vor der Teutschen habe/ was die Gleichheit mit der Lateinischen betrifft. Die Woͤrter die er p. 46. einfuͤhret/ zeugen vielmehr/ daß er selber der Teutschen Spra- che nicht recht kuͤndig gewesen/ denn ich beweisen wil/ daß die meisten Teutsche an- gemerckte Woͤrter/ eine bessere Gleichheit mit der Lateinischen haben/ als die Daͤni- schen; Und muß hierinnen nicht die Hoch- teutsche/ sondern vielmehr die Nieder- teutsche Sprache zur Richtschnur gese- tzet werden. Jedoch haben wir in der Hochteutschen Sprache so wol das Wort Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch Wort Gruntzen ( Gruunire ) als die Daͤ- nen das Wort grynte/ davor er den Teutschen das Wort Rucheln/ (Roͤ- cheln wolt er sagen) zuschreibet. Das Wort Hind ( Hinnus ) ist gleichfals bey uns/ wie bey ihnen/ nicht Rechhochs/ solte vielleicht Rehbock seyn. Wir haben so wol das Wort raffen ( rapere ) als sie ihr Rape: Denn hinnehmen ist ein an- ders. Tole ( Tolero ) koͤnnen wir so wol durch dulden/ als ertragen geben/ wie imgleichen Toͤrre ( Torreo ) durch dür- ren: den Drogen/ daß er davor setzet/ ist nicht Hochteutsch/ sondern truckenen auch wol trengen. Das Lateinische Wort irrito ziehet er von dem Daͤnischen Wort Irre/ davor die Teutschen an- reitzen. Aber es trifft diß Teutsche viel bes- ser zum Ziel/ weil es das Stamm-Wort in sich hat/ davon das Lateinische herkom- met. Denn ob wol Vossius sich sehr mit diesem Worte quālt / in dem ers bald von Ira, bald von irrire, quod de Canibus di- citur, bald von dem Griechischen ἐρέϑω, das doch von dem Teutschen doch gleichfals von dem Teutschen entspros- sen/ und nicht von dem Griechischen ρις, wie er wil: bald von rite und ritus herfuͤh- ret: so fehlt er dochsehr weit. Daß das Wort ritare gebrāuchlich gewesen/ erscheinet auß dem Worte poritare welches er aus proiri- tare meinet zusam̄en gezogen zu seyn/ darin er doch irret: Denn man lieset in den alten MStis-inritare, welches eine Anzeigung ist/ daß das Wort von in und rito zusam̄en ge- setzet: wiedann auch Daumius in seinem Buch de Causis amissarum radicum linguæ latinæ. c. 2. p. 14. unter die ungebraͤuchli- chen simplicia es setzet. Ist es also das rechte Teutsche Wort anreitzen/ wie wir es nach dem hochteutschen Dialecto auß- sprechen. Das simplex hievon findet sich in den alten Teutschen Wortern/ welche Lipsius Cent. 3. ad Belgas epist. 44. zusam- men gelesen hat. Ratodon. Irritaverunt: \& Ratuot , Irritat \& Garatot , concita- tus est \& Ratunussi. Irritatione Wobey. Somnerus in den von Merico Casau- bono heraus gegebenen Anmerckungen setzet Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch setzet. Huic affine est nostrum Wrath iram iracundiam signans: Nussi autem est ter- minatio nominum substantivorum. Ist nun also das rechte Stammwort Ra- tu , Irritatio: mit diesem koͤmpt uͤberein das alte Fraͤnckische Wort Riote, Rit welches in einer alten Versione Franco-Gallicâ der Bi- bel gelesen wird/ wie Skinnerus bezeu- get. Es heißt aber diß Wort so viel als jurgium altercatio, Rioter, Riottare , Jur- gari, altercari; und ist laͤcherlich daß Skin- nerus solches von dem Lateinischen Arietare herziehen wil. Sonst haben wir auch das Teutsche Wort terren/ tarren/ targen/ welches der Bedeut- ung nach einerley ist. Wil hie nicht sa- gen von dem alten Wort erre , welches in den Niederlaͤndischen Gesetzen gefunden wird: in erre moede wat doen , animo ira- to aliquid facere; Wovon das Lateinische Ira herzu kommen scheinet. Wir haben jetzo in dergleichen Dingen viel Huͤlffmit- tel/ von den alten abgestorbenen Spra- che die jetzo wieder hervor gesuchet wer- den. von dem Teutschen den. Wormius hat die alte Runische Sprache in seiner literatura Runica, Fastis und Monumentis Danicis wieder auß dem Grabe erwecket. Die Edda Islandorum, darinnen der alten Nordischen Voͤlcker ihre Theologia und Mythologia bestanden/ ist von Petro Resenio herauß gegeben. Es sol aber eine vollstaͤndiger Edda noch in Schweden vorhanden seyn/ welche zu seiner Zeit auch ans Licht wird gebracht werden: in welcher grosse Nachricht ist von der Asiatischen Voͤlcker Ankunfft in die Nordische Laͤnder/ wovon auch Schef- ferus in Upsalia antiqua c. 7. kan nachgese- hen werden. Es kan auch trefflich zustat- ten kommen/ daß man die alte Gothische Sprache und antiqui taͤten mit solchem grossen Fleiß jetzo in Schweden her- vorsuchet: Zu welchem Ende dann zu grossem Ruhm dieser Nation ein ab- sonderliches Collegium Antiquitatum und Professio Linguarum Septentrionalium auff der Upsaltschen Academiâ angestellet/ und bereits eine zimbliche Anzahl solcher al- e ter Das III. Cap. Griechisch und Lateinisch ter Schrifften mit gelahrten Anmerckun- gen/ von Olao Verelio, wie auch andere hiezu dienende Buͤcher von Loccenio, Schef- fero, Rudbeckio hervor gegeben. Wor- unter vor allen andern zu setzen ist der so genandte Codex argenteus Evangeliorum Gothicorum, welcher nach dem er einmahl auß der Koͤniglichen Schwedischen Biblio- thec verlohren gewesen/ vor eine grosse Summa Geldes/ von dem Herrn Reichs Cantzler de la Garde wieder herbey ge- schaffet/ und erstlich von Francisco Junio, hernach in Schweden außgegeben wor- den ist. Darinnen man bißweilen un- terschiedliche Wurtzeln merckt/ davon Griechische und Lateinische Woͤrter her- stammen: welches auch von denen Auto- ribus selbsten/ die sie herauß gegeben/ nicht beobachtet worden. Das von dem Teutschen Das IV. Cap. Von den Gruͤnden der Ab- leitung in Woͤrtern/ und zwar von dem ersten: daß eine einfaͤltige grobe Spra- che der kuͤnstlichen den Anfang gegeben. Einhalt. G Riechische und Lateinische Stammwoͤrter auß dem alten Scythischen. Es koͤnnen in der Etymologia richtige principia gegeben wer- den. Je einfaͤltiger die Sprache/ je lauterer und aͤl- ter ist sie. Die alte Lingua Pelasga, hat der neuen Griechischen/ und die alte Osca, Tusca, \&c. der neuen Lateinischen den Ursprung gegeben. Thusci dem Nahmen und der Außrede nach Teutscher Art und Abkunfft. Josephi Scaligeri Urtheil hievon. In Toscanien sein die aͤltesten Staͤdte. Die plebeia Lingua Latina ist von der zierlichen allezeit unter- schieden gewesen: wie in allen Sprachen der Unterscheid ist. Exempel auß dem Instrumen- to plenariæ securitatis, so zu Justiniani Zeiten ge- schrieben. Fragmentum Petronianum. Skinnerus verwirfft die Meinung/ daß Griechische Woͤrter von Teutschen und Scythischen herkommen. Hat einen falschen Grund. Die Griechen seyn selbst wider jhn/ e 2 welche Das IV. Cap. Von den Gruͤnden welche gestehen/ daß jhre Sprache von den Barbaris herruͤhre. Treffliche Zeugnisse auß den Jamblicho, Clemente Alexandrino, daß die Griechen durch jhre Leichtsinnigkeit und Kuͤnsteley mehr verdorben als verbessert. Anacharsis ein Scythischer Philosophus wirfft den Griechen selbst jhren Scythismum vor. Skinnerus hat keinen Unterscheid gemacht un- ter die wachsende und vollkommene Sprache. Seine angefuͤhrte Gleichnussen koͤnnen wider jhn selbst ge- braucht werden. S O ist dann nun dieses meine gaͤntz- liche Meinung/ die nicht ohne guten gruͤnden von den trefflichen Leuten Salmasio und Boxhornio aufgebracht/ wie- wol sie dieselbe nicht außgefuͤhrt/ daß die alte Scythi sche die rechte Hauptquelle der Europei schē Sprachen sey/ auß welcher die alte Teutsche und Gothische zu erst ent- sprungen: wo sie nicht fast eben diesel- be gewesen/ und der Griechischen und La- teinischen zum Theil ihre Stammwoͤrter gegeben/ welches zu beweisen keine so grosse Muͤhe erfordern wuͤrde. Wundert mich nur das gelehrte Leute nicht ehe auf diese Gedancken gerahten/ und so viel sel- tzam in Ableitung der Woͤrter tzame thoͤrichte allusiones an statt gruͤndli- cher Etymologi en angenommen/ deren nichtigkeit sich selbst zu Tage leget/ und Anlaß gegeben/ daß viel gelehrte Leute alle Etymologias, als ein ungewisses Ding/ und die auff keinen Vernunfftschluͤssen ge- gruͤndet zu verwerffen. Da doch so rich- tige principia darin koͤnnen gesetzet wer- den/ auß welchen die Ableitung der Woͤrter folget: wie etwa è corporibus simplicibus \& elementis die mista entste- hen/ und findet fast eine demonstratio auch allhie staat/ jedoch so viel die Natur und Beschaffenheit der Dinge zugiebt. Erst- lich ist dieses fuͤr einen festen Grund zu- setzen/ daß je einfaͤltiger und groͤber eine Sprache/ desto aͤlter und unge- mischter sie sey/ und denen andern vorgehe. Will man nun die Stamm- woͤrter einer jetzo außgearbeiteten Spra- che suchen/ so muß man nicht zu einer gehen/ die in gleicher Vollkommen- heit ist/ sondern man muß auf dem Lander unter den Bauren/ an Oertern/ da e 3 nie- Das IV. Cap. Von den Gruͤnden niemahls Frembde hingekommen/ diesel- be suchen. Denn es ist mit den Sprachen wie mit den Voͤlckern bewandt/ welche erst roh und wilde/ hernach mit der Zeit gebaͤndigt und außgeuͤbet werden. Wolte man nun die Stammwoͤrter der Griechi- schen Sprache haben/ so muste man was von der alten Linguâ Pelasgâ noch uͤbrig hervorziehen. Die Lateinischen werden am besten erforschet in den alten fragmen- tis linguæ Oscæ, Thuscæ, insonderheit dieser/ denn diese Voͤlcker auch fast dem Nahmen nach ihren Uhrsprung aus Teut- schland zu haben scheinen : Wie dañ auch fast der accent, den sie in der Außrede fuͤh- ren/ solches außweiset/ I. C. Scaliger auch in seiner Oratione de verbo ineptus angemerckt/ wenn er spricht: Lenissime pronunciat magna Italiæ pars, crassissimè pene Universa Germania. At Thusci qui Ar- num circumcolunt pene Germanicos illos spiritus superant. Zu dem sein daselbst Staͤd- te die aͤlter als Rom sein/ wie Ioseph. Scaliger in den Excerpt. die die Fratres Pu- teani in Ableitung der Woͤrter. teani herauß gegeben/ bezeuget: In Italiâ sunt multæ urbes antiquiores Româ: in To- scaniâ antiquissimæ. Es bilde ihm auch nie- mand ein/ daß man in Italien auch zu Cice- ronis zeiten durchgehends auff dem Lande und bey Bauren/ solche Sprache/ wie er in Rom/ gefuͤhret. Es eroͤrtert diese Frage: an vulgus \& literati eodem modo \& idio- mate Romæ locuti sint Leonardus Aretinus libr. 6. Epist. p. m. 273. wieder den Flavium Foroliviensen, der anderer Meinung war/ und beweiset mit etlichen Exempeln: quod Latina lingua à vulgari differat terminatione, inflexione, significatione, constructione, \& accentu. Von des gemeinen Poͤbels art zu reden uhrtheilet er also. Non ad pi- stores tantum \& lanistas, sed multò magis ad eos, qui in Reip. gubernatione versaban- tur, \& quorum intererat, quid populus decerneret, Orator loquebatur. Præstan- tes igitur homines Oratorem latinè lite- ratèque concionantem, præclarè intellige- bant, pistores verò \& lanistæ \& hujus- modi turba sic intelligebant Oratoris verba, e 4 ut Das IV. Cap. Von den Gruͤnden ut nunc intelligunt mißarum solennia. Und wie solte die Lateinische Sprache hierin ei- nen Vorzug vor andernhaben? Denn fast keine Sprache ist/ die nicht solchen unter- scheid hātte. In der Italiānischen/ Fran- tzoͤsischen hat man eben so wol die so ge- nandte Rusticam, und Romanam/ da- von der Name der Romances herkom̃t/ vor- mahls gehabt: und ist ja bekant/ wie heuti- ges Tages fast in allen Oehrtern und Laͤndern eine doppele Sprache/ eine wil- de und rohe/ und eine zierliche und hoͤf- liche geredet werde. Es zeigt zum Theil das Instrumentum plenariæ securitatis wel- ches zu Justiniani Zeiten geschrieben/ und Anno 1641. von Gabriele Naudeo auß der Bi- bliothec des Cardinalis â Balneo (der die Abschrifft aus der Koͤniglichen Bibliothec in Franckreich bekommen) herauß ge- geben. Worinnen so viel frembde und seltzame arten zu reden/ confusiones casuum wider die Regeln der Grammatic, so viel Teutsche Woͤrter von allerhand Hauß- geraht als Butta, Butticella, Sarica, ran- cilio in Ableitung der Woͤrter. cilio, scotella, zu finden ; daß man gnug darauß sehen kan/ wie bey dem ge- meinen Mann damahls eine gantz ande- re Art zu reden gewesen: weßwegen ich auch das vielen so verdaͤchtige Fragmen- tum Petronianum nicht gāntzlich verwerf- fen will. Je mehr man nun die ālteste monumenta, und die von der Kunst nicht außgearbeitet sein/ durchsuchet; je mehr wird man die Gleichheit der Teutschen und Lateinischen Sprache finden. Hiebey kan ich mich nicht gnug verwundern/ wie Skin- nerus in der mehrmahls erwehnten Vor- rede seines Lexici Etymologici, so gar wie- der alle Vernunfft diese Meinung tadele/ daß von dem Teutschen einige Griechi- sche Woͤrter herstam̃en/ und sie so gar hoͤ- nisch und mit schāndlichen Schmaͤhwor- ten auff die Teutsche Nation, durchziehe. Quid enim, sagt er/ à communi humani generis usu \& ratione ipsâ luculentius ab- horret, quam gentem omnium cultissi- mam eoque nomine superbientem, popu- lorum cœterorum etiam mitiorum \& hu- e 5 manio- Das IV. Cap. Von den Gruͤnden. maniorum, Persarum sc. Syrorum \& Æ- gyptiorum contemptorem, è gentibus totius terrarum orbis immanissimis sordi- dissimis \& plus quam barbaris (ein schoͤ- ner Lobspruch vor die Teutschen!) voca- bula \& idiotismos avidè haurire, \& tan- quam gemmas è sterquilinio suo sermoni insuere. Wol getroffen! ein trefli- cher Schluß! Eben diß ist die Uhrsach warum die alten Teutschen nicht von den Griechen/ sondern diese vielmehr von jenen ihrer Woͤrter Uhrsprung haben: Weiln eine außgeputzte Sprache juͤnger ist/ als eine rauhe und unbeschnittene. Will dann Skinnerus mehr wissen als die Griechen selbst? welche auffrichtig beken- nen/ daß die āltesten Einwohner ihres Landes eine barbarische Sprache gere- det/ die Buchstaben von den Barbaris bekommen/ wie im vorigen erwehnet. Haben sie nicht ihre Weißheit von den Barbaris erst geholet? Es lese einer nur den Josephum contra Appionem, da wird er weitlaͤufftig sehen/ daß die Griechen nichts in Ableitung der Woͤrter. nichts von ihnen selber haben/ und daß alles ihrige/ Stādte/ Kuͤnste und Schrif- ten/ nur von gestern her/ und sie alle- zeit Kinder und Juͤnglinge gewesen. Was sie von Scythis, Thracibus uñ andern erler- net/ haben sie vor ihre eigene Erfindung außgegeben. Die was sonderliches haben lernen wollen/ sind bey den Barbaris in die Schul gegangen/ wie beim Diodoro lib. 3. c. 6. zu lesen. Clemens Alexandrinus lib. 1. Stromatum saget/ daß die āltesten Philosophi in Griechenland entweder selbst Barbari gewesen/ oder von den Barbaris unterwiesen. Pythagoras selbst ist bey den Gallis, oder Celtis in die Schule gegan- gen. Von diesen Barbaris haben die Grie- chen das ihrige erlernet/ und nur uͤber- hin gefasset. Denn so redet von ihnen Jamblichus, der sie von aussen und innen beschreibet: Græci naturâ rerum novarum studiosi sunt \& præcipites usquequaque fe- runtur, instar navis saburrâ carentis nullam habentis stabilitatem. Neque conservant, quod ab aliis acceperunt, \& hoc cito Das IV. Cap. Von den Gruͤnden cito dimittunt, \& omnia propter instabi- litatem, novæque inventionis elocutionem transformare solent. Er sagt ferner/ wie die Barbari ernsthafftig und bestāndig in ihrem Wesen und Reden seyn/ und wie die Barbari sche Woͤrter sehr kuͤrtz seyn/ und einen grossen Nachdruck haben/ und de- rohalben bequem zu Goͤttlichen Dingen zu gebrauchen: Die Griechen haͤtten sie aber verdorben/ die sie mit ihrer Spra- che gemischet/ oder mit frembden Woͤr- tern außdruͤcken wollen. Man kan auch hiebey nachlesen des Cœl. Rhodigin. Lect. Antiquar: lib. 16. c. 14. Der von uns oben angefuͤhrte Clemens Alexandrinus zeiget viel andere Griechische Autores, als Scamonem Mitylenæum, Theophrastum Eresium, Cydippum Mantinæum, Anti- phanem, Aristodemum, Aristotelem, Phi- lostephanum, \& Stratonem, die hier in- nen mit ihm uͤbereinstimmen/ und die Barbaros zu Lehrmeister der Griechen ma- chen/ setzt auch folgende Worte darauff: Παρεϑήμην δἐ α᾿υτῶν ὀλίγα ε᾿ις σύςασιν τὴς παρὰ βαρ- in Ableitung der Woͤrter. βαρ άροις ἑυρετικῆς καὰ βιωφελοῦς φύσεως, παῤ ὧν ἕλληνες τὰ ἐπιτηδεύματα ὠφέληνται. Ex his pauca adjeci ad confirmandam inventricem \& vitæ utilem naturam, quæ fuit apud Bar- baros, à quibus in studiis \& rebus exercen- dis Græci acceperunt magnam utilitatem. Nach diesem redet er sehr merckwuͤrdig von der Sprache: Ει δέ τις την φωνὴν Δ αβάλλει τὴν βαρβάρον, ἐμοὶ δέ, φησιν ὁ Ανά- καρσις, ΠΑΝΤΕΣ ΑΛΗΝΕΣ ΣΚΥΘ ΖΟΥ- ΣΙΝ. Si quis autem vocem reprehendit Bar- baram: Mihi, autem, inquit, Anachar- sis : OMNES GRÆCI SCYTHÆ SUNT. Was koͤnte herꝛlichers und ruͤhmlichers gesagt werden zu dem Lobe der so genand- ten Barbari schen Sprache und Philosophie, und zur Behauptung des Alterthumbs derselben. Und diese seyn die Voͤlcker/ welche uns Skinnerus so heß- lich abgemahlet. Es wird ferner weder vom Mylio (mit welchen er zu thun hat) noch von jemand anders gesaget/ daß die Griechen dazumahl/ wie sie durch Wissenschafft oder Tapfferkeit sich und ihre Das VI. Cap. Von den Gruͤnden ihre Sprache so vollkommen gemacht/ ihre Woͤrter und idiotismos, erstlich von den Teutschen genommen. Der Zeug ihrer Sprache ist vor vielen Jahren erst- lich von den ihnen so genandten Barbaris, die doch Witzes und Verstandes gnug ge- gehabt/ entstanden/ welchem sie von Jah- zu Jahren ihre eigene Form und Außbil- dung gegeben/ und da sie die Sprache zu der grosten Stuffe ihrer Vollkommen- heit gebracht/ nicht mehr noͤthig gehabt von andern was zu entlehnen. Die Gleichnuͤssen die Skinnerus hiebey fuͤget/ seyn gleichfals laͤcherlich und ungereimt. Perinde hoc est, sagt er/ ac si Galli Brasi- liæ, aut nostrates Virginiæ coloni agrestium subditorum dialectum tanquam suavem \& fœcundum affectantes, vocabula inde in sermonis ornatum cooptarent. Imò quid absurdius quam Aulicum, egregiè expoli- tum Rusticum ineptum loquendi magistrum adsciscere? Es ist ein grosser Unterscheid wenn eine wol cultivirte Nation eine Bar- barische uͤbermeistert/ die sie darnach an statt in Ableitung der Woͤrter statt der Knechte gebrauchet/ von denen sie ihr nichts vorschreiben laͤst; Und wañ ein rauhes Kriegesvolck ein anders gleich oder minder Barbari sches uͤberwindet; oder mit ihm viel zu handeln hat. Der Baur ist ehe gewesen/ ehe der wolbered- te Hoffmann/ und wuͤrde dieser keine Be- redsamkeit haben/ wenn nicht die Bau- ren vor ihm geredet hātten/ und die Spra- che machen helffen. Aber wir muͤssen endlich von diesem Umbschweiff wieder auff den rechten Weg kommen/ und zu unserm Wercke schreiten. Das V. Cap. Von dem andern Grunde der Ableitung: daß vielsylbige Woͤrter von Einsylbigen muͤssen gezo- gen werden. Einhalt. V Ielsylbige Woͤrter von Einsylbigen; dessen Grund in der Natur/ und in Methodo disci- pli- Das V. Cap. Einsylbige plinarum. Die Teutsche Sprache bestehet von vie- len Monosyllabis. Deren anzahl. Viel alte Lateini- sche einsylbige Woͤrter. Diese sind durch die termi- nationes mehr außgedehnet. Worauff die Zusam̃ense- tzung der Lateinischen Sprache/ jhre pronuntiatio, und modulatio in Poësi beruhet. Viel Teutsche Woͤrter in der Griechischen und Lateinischen/ die Mylius angemercket. Deren eine weit groͤssere An- zahl. Puteanus wird widerlegt. Der Etymolo- gorum seltzame Einfaͤlle: kommen auß dieser Unwis- senheit. Varro hat etwas dennochgeschen/ Caroli du Fresne Zeugnuß. Ein grosses ist an den termi- nationibus gelegen. Worin die idea der gantzen Sprache verborgen. Man kan unter ihnen als Locis Communibus eine gantze Sprache ordnen. Meinung von dem Dictionaire General eines Frantzoͤsischen Autoris, und Hr. Bechers Compendio Lexico in La- teinischer Sprache. Francisci Guieti sonderlicher Anschlag von der Ableitung der Griechischen Woͤr- ter è monosyllabis. D Er ander Grund in Ableitung der Woͤrter kan hierin gesetzt wer- den/ daß man die Einsilbi- ge und von Consonantibus gleichsahm zu- sammen gepreßte Woͤrter aͤlter halte als andere/ von welchen die vielsylbigen und Woll- von Vielsylbigen. wollklingende herkommen/ ob zwar in ge- wissen Fāllen diese Regul einige Exception leidet. Es ist der Natur gemāß/ daß von den leichtern und einfāltigen Din- gen/ man zu den schwerern und unbe- kanten schreite/ wie auch in den Wissen- schafften selbst der Aristot. 5. Metaph. c. 1. diesen Weg vorschreibet. Nun ist wol keine Sprache zufinden die mehr einsyl- bige Woͤrter hat als eben die Teutsche/ so gar daß auch die Buchstaben selbst nichts als ihren einfāltigen natuͤrlichen Laut haben/ welche derohalben Scrieckius von den Celten oder Teutschen auff die Roͤ- mer meint gekommen zu sein. Simon Stevinus rechnet 2170. Monosyllaba in der Teutschen Sprache/ und hat hievon gar sinnreich und vernunfftig Goropius Beca- bus l. 2. Hermathenæ philosophi ret/ der billig hieruͤber nach zu lesen ist. Bernardus à Malincrot in seiner Dissertatione Philolo- gicâ de naturâ \& usu literarum c. 27 er- strecket die Zahl uͤber dreytausend. Man findet auch daß die Osci viel monosyllaba f gebraucht Das V. Cap. Einsylbige gebraucht/ als Gau pro gaudio cœl pro cœ- lo ; do pro domo : dann die terminatio- nes sind/ wie die Sprachen besser außge- arbeitet/ hinzu gekommen/ und haben die Lateiner und Griechen mit zwischen schie- bung einiger Vocalium und hinwegneh- mung einiger Consonantium den har ten Klang der Woͤrter etwas gemiltert/ da- mit in der Außsprach und hernach in dem metro sle gleichsam einen Abfall beke- men/ und die lange und kurtze Sylben eine richtige Masse gegen einander hātten. Daher sieht man/ daß in den flexionibus, declinationibus und conjugationibus, die Arten der Endigungen so vielfaͤltig meh- rentheils zwey- und wol gar dreysylbig/ und mit mehr kurtzen als langen vocali- bus außgemessen sein. Welches der gan- tzen Sprache einen sonderlichen rythmum und numerum in der pronunciation und in dem Metro Poëtico veruhrsachet: Wor- nach zum theil die alte jetzo verlohrne Music und modulation der Oden sich ge- richtet/ da hingegen in der Teutschen und von Vielsylbigen. und fast den meisten Sprachen wegen der kurtzen ein- und zweisylbigen Woͤrter/ eine durchgehende gleichfoͤrmige Maaß/ die aber mehr der Natur gemāß/ in Acht genom̃en wird. Ich kōnte hie einige hun- dert Teutscher und Niederteuttscher Woͤr- ter hersetzen ; welche eben dieselbige sein/ die im Lateinischen und Griechischen sich sinden/ nur daß ihre terminationes hin- angehānget. Abraham Mylius in seinem Buch de Antiquitate Linguæ Belgicæ hat allein 200. Hollaͤndische Woͤrter gezehlet die in der Lateinischen/ und noch so viel die in der Griechischen sich finden: er hat a- ber nur die jenigen genommen die ihm im ersten Anblick vorgekommen/ und ge- stehet daß er noch eine viel groͤssere An- zahl derselben liefern koͤnne. Common- strare tantum viam volui, sagt er/ eamque aliquatenus præire ad hanc jucundam ob- servationem, tantum quæ sponte ocur- runt, non quæ quæsita sunt, recensui. Si vis ipse te oblectare his floribus, transi le- xica, inprimis Græca, ab Alpha usq; Omega f 2 pro- Das V. Cap. Einsylbige promitto plenos calathos rerum bellarum. Auch hat Kilianus in seinem Etymologico Belgico beylāuffig einige Vergleichunge der Woͤrter angestellet/ wie imgleichen Sigismundus Gelenius in seinem Lexico Symphoniaco, Andreas Helvvigius in ei- nem sonderlichen Buch/ Hadrianus Junius Animad: l. 5. c. 6. solches von Teutscher und Hochteutscher Sprache dargethan. Es seyn aber beym Mylio nur die ken̄lichen und nur auß der Hollaͤndischen Spra- che allein angemerckt. Was koͤnte man nicht eine Menge von alten Teutschen/ Sāchsischen/ Gothischen/ Dānischen Woͤr- tern hinzuthun/ darauff noch keiner je- mahls gedacht hat? Diß erforderte aber ein gantz vollstāndiges Buch. Puteanus in seiner Oratione 6. die er de facilitate Græ- cæ linguæ geschrieben/ hat weitlāufftig von den Griechischscheinenden Woͤrtern in der Teutschen und andern Sprachen gehan- delt/ wodurch er der Griechischen Spra- che weiten Begriff und Außstreckung dar- thun wil. Er ist aber gāntzlich auff Irr- wegen von Vielsylbigen. wegen/ weñ er meinet durch diesen Grund zu erweisen/ daß jemahls Griechen die Oerter bewohnet/ oder sie vor diesem Griechisch geredet hātten. In Germania, sagt er/ non vocabula tantum, sed loca quamplurima nomenclaturam Græcam reddunt. Nos verò Belgæ qui vicini \& affi- nes, utita dicam, Germanis sumus, annon habuimus olim hanc linguam \& reliquias hodiè retinemus? Dieses sagt Puteanus und zwar als ein Orator, welcher bißwei- len zu Behauptung seines Satzes/ alles hervorsucht/ was die Sache warschein- lich machen kan. Es beweiset aber die- ses im Gegentheil vielmehr/ daß die Grie- chen von unserer Sprache den Grund ihrer Woͤrter empfangen/ weil ja auch nicht durch einen Schein kan wahr ge- macht werden/ daß wir von ihnen unse- re Sprache haben/ auch jemahls die ihrige geredet. Was die vorangeregte bekante Woͤrter anlanget/ so muß man sich ver- wundeꝛn/ wann man die Etymologias Gram- maticorum hierüber ansiehet/ daß sie bißhe- f 3 ro Das V. Cap. Einsylbige ro so blind gewesen/ und so viel thoͤrichte al- lusiones auff die Bahn gebracht/ da sie dem Wege gefolget/ darauff sie Varro, Festus und Isidorus, die doch selbst blind gewe- sen/ geleitet. Varro hat zwar etwas hier- in gesehen/ aber nicht außfuͤhren koͤnnen/ welches seine Worte anzeigen l. 4. de L. L. Non omnis impositio verborum extat, quod vetustas quædam delevit, nec quæ extat sine mendo omnis imposita, nec quæ re- ctè est imposita, certamanet. Multa enim verba literis commutatis sunt interpolata. OMNIS ORIGO EST NOSTRÆ LIN- GUÆ E VERNACULIS VERBIS, \& mul- ta verba aliud nunc ostendunt, aliud autem significabant. Ich erfreue mich auch/ daß ich eben solche Gedancken bey dem Caro- lo du Fresne in der Vorrede seines Glos- sarii gefunden/ da er von den Lateinischen Etymologis dieses Urtheil faͤllet : Qui apud Græcos \& Latinos, ετυμολογικὴν tractarunt, ab ipsamet Græcâ vel Latinâ linguâ origina- tiones suas fere semper formarunt : tamet- si non von Vielsylbigen. si non inficias ierim eas interdum ab ex- teris repetendas. Auch hat derselbige Autor gerahten wider alle andere/ daß man die Origines ihrer Woͤrter in der Teut- schen und Hollāndischen Sprache suchen solte. Aber er thut es selbsten nicht wegen der Unkunde in dieser Sprache. Wann die Endungen hinweg genommen werden/ so stehen die nackten Teutschen Woͤrter da/ zum oͤfftern ohne die geringste Ende- rung/ bißweilen/ daß ein Vocalis in den andern verwechselt/ welches auch wol in derselben Sprache geschicht. Solche terminationes muͤssen wol in acht genom- men werden/ denn es hālt eine jegliche Sprache hierin ihre Richtschnur/ daß nach gewissen Bedeutungen/ und nach dem modo conceptuum de rebus sie eingerichtet werden: Wie ich dann davor halte/ daß der Frantzoͤsische Autor von der Grammaire General \& Raisonnée, welcher ein Dictio- naire General außzugeben verheissen/ und Herr Joachim Becher/ welcher in sei- nem Methodo Didactica sich ruͤhmet/ daß f 4 er Das V. Cap. Einsylbige er alle Woͤrter der Lateinischen Sprache auff einen Bogen Papier gebracht/ nach der Eintheilung dieser Endigungen/ die Gedancken gerichtet. Denn sie seyn gleich- sam die Characteres, dadurch die Beschaf- fenheit der Woͤrter außgedruͤcket wird. In Lateinischer Sprache hat sonsten ei- ner Jacobus Engelbrecht/ nach Anlei- tung dieser terminationum ein kleines Lexi- con geschrieben. Daß nun auf diese richtige natuͤrliche Art die Woͤrter abzuleiten nie- mand bißhero gekommen/ da so viel ver- stāndige Leute hievon geschrieben/ ist bil- lig verwunderns wehrt. Es scheinet aber daß Franciscus Guyetus ein vornehmer ge- lahrter Frantzose und Criticus, dessen An- merckungen ūber des Terentii Comœdien der Herr Bœclerus heraußgegeben/ in dieser Sache auff dem rechten Wege gewe- sen: Denn so schreibet Antonius Periander in Vitâ Fr. Guyeti : Origines potissimum scrutabatur, ac Latinam novo \& ignoto an- teà consilio à Græcâ derivabat: in quâ etiam primitiva omnia, unde cœtera deduceren- tur von Vielsylbigen tur vocabula, esse monosyllaba contendebat. Hoc profundum studii genus, cujus ante ipsum nemini in mentem venerat totam vi- tæ ejus ætatem occupavit. Sed cum in con- sortium hujus inventi neminem alium ad- mitteret \& illius gloriam sibi retinere, quam pluribus communem facere mallet, nulli copiam ejus fecit. Unde accidit ut post ex- cessum ipsius nihil aliud ex tanto labore, quam collectio vocabularum græcorum in- digesta planè ac informis reperta fuerit: quæ viginti quinque cartaceis voluminibus comprehensa, quamvis eleganti charactere scripta sint, nullo tamen ordine disposita, vix in unum colligi potuerunt : cum præsertim Autor nihil sit præfatus, unde de instituti sui ratione, usu \& arcanis, quæ tantopere premebat, constare posset. Es ist zu be- klagen/ daß dieses Mannes Arbeit verloh- ren gegangen/ welche aber dennoch ohne Beyhuͤlffe der Teutschen Sprache unvoll- kommen gewesen were. Es ist aber diß an ihm zu loben/ daß er den falschen Weg ge- sehen/ und einen richtigern erwehlen wol- f 5 len. Das V. Einsylbige len. Von der Griechischen Sprache hat dieses gleichfals angemercket Isacus Vossius in seinem gelahrten Buche de Poëmatum cantu \& viribus rythm. pag. 44. daß sie anfangs lauter monosyllaba gehabt: Aspe- ram (sagt er) scabram \& omnis dignitatis \& elegantiæ expertem fuisse vel inde satis in- telligas, quod vix alia quam monosyllaba priscis temporibus habuit vocabula, ceu il- la nomina essent, ceu verba. Nesciebant insuper ea in modos, tempora, personas, \& casus inflectere, denique quod in bar- baris postmodum risere, idem hoc in suis agnovere majoribus. In nachfolgenden sagt er ferner. Hinc factum, ut verba quæ prius erant monosyllaba, fierent polysyl- laba, eademque vox ab una ad sex vel se- ptem nonnunquam excresceret syllabas, manente quidem priori significatione, sed quasi longi syrmatis appositione aliquam sibiacquirens majestatem. Und dieses ist e- ben gewesen/ was Franciscus Guyetus gese- hen/ und ist solches das warhafftige Kenn- zeichen/ daß sie eine neue/ und von der alten Bar- von vielsylbigen. Barbarischen oder Celtischen abgeleitete Sprache sey. Das VI. Cap. Von dem dritten Grunde der Ableitung/ der Veraͤnderung der Buchstaben. Einhalt. V Eraͤnderung der Buchstabẽ. Gleichheit der Be- deutung. Einige Exempel. Gleichheit der Woͤr- ter ist keine gewisse Anzeige der Ableitung. Die sind in einer Sprache offtmal vo verschiedener Bedeu- tungen. Exempel an dem Teutschen Worte Mat. Bedeutet (1) Speise. mats, matsa, matibalg, mæt, mets, Matte/ Wiese/ macta, matta, Matte/ Matten/ Mettwurst/ mattia, mattiarii, Maͤtzcher/ mactare, mattar, maitan, ματτύα, μάζα, μάδδα, mactea, mattici, mactra. Mathmas/ maithms, παξαμάδιον, Backmatt/ Maiz, matha, maddik Mat bedeutet (2.) einen der muͤd und schwach ist. Mattare, mattus, madidus, via matta, mattus, tristis, matt/ natt/ Schachmatt. Critici handhaben die loca Autorum uͤbel. Schach, Rex, latro bey den Teu t - Das VI. Cap. Von Veraͤndrung Teutschen. Skinnerus tadelt hieruͤber unbillig den Spelmannum. Scacchum rapina, Sca hero, Schaͤcher. Mat bedeutet (3.) Socium, Collegam. Maca, gamaca, Maker/ metan, Moͤten: Mat/ bedeutet (4.) mensuram ein Masse/ Meten/ meti- ri, meet, mes, mesa, mensa. Die Gleichheit und Veraͤnderung der Woͤrter nach den Buchsta- ben. Skinnerus wird gelobet. Lexica Harmonica verschiedener Autorum. Die Veraͤnderung ist in Teutscher/ Italiaͤnischer/ Frantzoͤsischer Sprach klaͤr- lich zu sehen. Exempel Frantzoͤsischer und Teutscher Woͤrter. Petri Casanovæ Origines Gallicæ. Die Hoff- sprach in Franckreich ist am meistẽ verdorben. Vocales werden am meisten geaͤndert/ nach der Gleichheit und nach der natuͤrlichen Neigung des Landes. Die Thiere selbst haben einen angebohrnen Vocalem. Die Consonantes werden auch auff die Art veraͤndert. Diese Veraͤnderung muß in eine Richtigket gebracht werden. Exempel auß der Frantzoͤsischen/ Italiaͤ- nischen/ Spanischen Sprache. In dieser letzten hat Bernardus Aldrete seinen Fleiß erwiesen. Gemeine Haupsaͤtze der Veraͤnderung in Buchstaben. Des- sen Exempel werden angefuͤhret. W Ir schreiten zum dritten Haupt- grunde/ und ist derselbe daß man gar genau die Verānderung der Vocalium und Consonantium in acht neh- me/ der Buchstaben. me/ woran ein grosses in den Derivationi- bus der Woͤrter gelegen. Die allzu gros- se Gleichheit ist viel verdāchtiger/ als wenn einiger Unterscheid in den Woͤrtern ist: Es were denn/ daß eine Gleichheit der Be- deutung da sey/ welches die erste und beste Art der Etymologie ist. So kan ein jeglicher sehen/ daß Pu t eus von Puͤt/ vermis von Worm/ vallum von Wall/ discus von Disch/ murus von Muͤr/ habeo von habe/ Θϒ´Ρα von Thuͤr (da- her das Lateinische obturare ) ΜΕΤὰ von Met oder Mit/ scævus von Scheff/ Α᾽ΙΣΧρὸς von Aisch/ Locus von Lock/ hochteutsch Loch. (Denn das Griechi- sche ΛόΧος, davon Vossius es herleitet/ ist dasselbe/ und bedeutet einen Orth/ von dem man jemand auff dem Wege auffpas- set/ welches in der Teutschen Sprache ein Loch/ eine Hoͤle genandt wird: was Loci muliebres heissen ist auch bekant.) ΠϒΡ- ϒος von Burg/ porcus von Borg/ im- buo von Buͤe/ ( Lixivium Procella ) axis von Art/ Sen sus von Sinn/ (welches letzte Das VI. Cap. Von Veraͤnderung letzte Skinnerus meint von den Lateinern auff die Teutsche gekommen zu seyn/ als wañ dieselbe nicht ehe ihre Sinne zu nen- nen gewust/ oder dieselbe gar gehabt hāt- ten/ ehe die Roͤmer sie es gelehret) und viel andere von dergleichen Woͤrtern herkommen. Die Gleichheit aber der Woͤrter/ die im blossen Laut bestehet/ machet keine Verwandschafft unter sie/ wodurch sich doch bißweilen gelehrte Leute verfuͤhren lassen. So finden sich in einer eintzigen Sprache Woͤrter/ die glei- ches Lautes/ aber verschieden von Be- deutung und Uhrsprung seyn. In der Teutschen haben wir liegen/ jacere, und mentiri, arm/ pauper \& brachium, wa- gen/ currus \& audere, küssen/ pulvinar \& osculari, Thor/ stultus \& porta Wand/ paries \& pannus, welche keine Gemein- schafft zusammen haben. Man kan dessen ein klārliches Exempel vor Augen stellen in dem Teutschen oder vielmehr Nieder- teutschen Worte Mat/ welches so viel Bedeutnngen hat/ die doch unter- nicht der Buchstaben. einander keine Gemeinschafft haben/ und nicht von einander herkommen. Erstlich heisset Mat eine Speise/ davon noch in dem Niederteutschen viel Woͤrter zusam- men gesetzet werden: Mattfatt/ Mattkorff: in dem Dānischen ist auch dis Wort/ daher noch Gammelmad. In dem alten Gothischen ist Mats, davon Matza vesci, und das Compositum Mati- balg, Pera, ein Speisesack/ das bey den Daͤnen Madpose/ welches vorkomt in den Gothischen Evangelien Marc. 6, 8 Luc. 9, 3. wie auch Nathamat, Abendmahl- zeit/ Undauknimat, Mittagsmahl: In dem Engelsaͤchsischen ist das Wort Mæt. In dem Engelschen Meat, in dem Cambro- Britanni schen Maeth, Nutrimentum. Indem alten Fraͤnckischen ist Mets Ferculin. Hie- von ist auch/ daß das Graß Matt genen- net wird von den Bauren/ weil es dem Vieh zur Speise dienet/ und nennet man auch in dem Hochteutschen/ die Wiesen Matten/ wovon endlich der Nahme der Decken kan entstanden seyn/ die man Das VI. Cap. Von Veraͤnderung man in Latein uñ Teutscher Sprache also neñet/ weil sie von Schilff und dergleichen dingẽ/ die auf den Wiesen wachsen/ gemacht. Cato hat auch herbam adultam mactam ge- nennet. In Niederlaͤndischer und Fran- tzoͤsischer Sprache wird auch matte ge- nauvu was in der Milch kāsich ist/ weil es zur Speise gebraucht wird. Hievon komt auch das Wort Mettwurst/ in unser Sprache. Es seyn auch die Intestina Matia genandt worden/ davon Papias die- ses: Mætia dicuntur intestina, quæ sordes emittunt, unde Matiarii dicuntur, qui ea tractant ac vendunt. Sein unsere heutige Maͤtscher die hievon den Nahmen koͤn- nen bekommen haben. Matia aber wer- den die Intestina genant/ von der Speise die darinnen verdeuet ist. Das Wort Maͤtscher/ kan auch von dem Wort Mat herkommen/ als ab objecto, weil es eine Speise ist: davon es hernach auch bey den Opffern/ und von allem hin- richten gebrauchet. Und komt mir sehr glāublich vor/ daß das Wort Mactare, und bey der Buchstaben. bey den Italiaͤnern und Spaniern mattare, pro occidere hievon entsprossen. Ob ich sonst wol weiß/ daß die alten Grammatici andere Gedancken hievon haben/ davon bey anderer Gelegenheit weitlaͤufftiger kan geredet werden: es were dann/ daß man dasselbe von dem Gothischen Worte maitan, conscindere, præsecare herfuͤhren wolle. Bey den Griechen hat man auch diese Woͤrter ματτύα und μάζα, auch bey den Hebreern selbst mazon und matsah, davon Athenæus Deipnos: lib. 4. \& 15. Casaubonus Animadvers. in Athen. lib. 4. c. 13. zu sehen ist. Suidas bezeuget auch/ daß die Megarenser μάδδα vor μάζα gesagt. Bey den Lateinern ist das Wort mattea, ma- ctea eben so wol gebrāuchlich. Sueton. in Ca- ligula c. 38. Multis venenatas Macteas misit. Martialis gebraucht es auch libr. 10. Epigr. 59. und in dem 92. Epigr. libr. 13. lesen etliche In- ter quadrupedes mattya prima lepus. Besie- he Turneb: advers. 22. c. 6. Mattici wer- den auch genandt die Vielfrāßige. Beym Aristophane heist μάττειν so viel als g fres- Das VI. Cap. Von Veraͤnderung fressen. Das Wort mactra, ein Gefaͤß/ darin das Meel geknetet wird/ ist auchhievon buͤr- tig. Man hat auch das Græco-barbarum παξαμάδιον, bedeutet so viel als panem re- coctum, buccellatum, δίπυρον ἄρτον, Zwie- back/ und daß es recht nach dem Wort gegeben werde Backmat/ geba- cken Brodt. Denn daß Suidas es von ei- nem Paxamo, der von diesem Brodt ge- schrieben/ abfuͤhret/ komt mir fast eben so vor/ als weñ die jenigen/ die eines Volckes Uhrsprung erforschen/ einen Koͤnig desselben Nahmens ertichten: oder wenn die Naturkuͤndiger um eine natuͤrliche Beschaffenheit zu erweisen/ ad qualitatem occultam ihre Zuflucht nehmen. Es ist diß Wort so gemein fast in allen Spra- chen/ wie das Wort Mann/ daß ich da- vor halte/ es sey eines von den Stam- woͤrtern der ersten Grundsprache: Und scheinet das Indische Maiz auch hievon ge- holet zu seyn. Ein altes Teutsches Wort mathmas/ bedeutet die Geschencke/ die man Gāstē und Freunden pflag zu schenken. Xenia der Buchstaben Xenia nanten sie die Lateiner/ ohn Zweiffel darum/ weil es aller hand Speisen anfangs gewesen. Die Gothi nenneten es Maithms davon Junius in Glossario Gothico p. 24 2. kan gesehen werden. Das Gothische Wort Matha, das Teutsche Maddick/ Made ist auchhievon/ bedeutet einen Wurm der vom fressen den Nahmen hat/ oder in der Speise gezeuget wird. Dieses sey von der ersten Bedeutung gesaget. Die ander ist diese/ wenn das Wort Matt so viel ist. als muͤ- de/ schwach/ weich/ muͤrbe. Daß solches in dieser Bedeutung ein altes Lateinisches Wort sey/ bezeuget Salmasius in Flavii Vop. vitâ Proculi Tyranni davon auch das Wort mattare, welches so viel ist/ als do- mare, subigere \& macerare; auff Teutsch abmatten/ daher matto hernach bey den Italiaͤnern per Metaphoram einen Melan- colischen oder Narꝛen bedeutet. Isidorus in Glossis: mattum est, humectum est, emol- litum, infectum. Es fuͤhret Salmasius ei- nen Ort auß dem Cicerone ad Atticum lib. 16. epist. 12. an/ woselbst in allen MStis g 2 be- Das VI. Cap. Von Veraͤnderung bestaͤndig gelesen wird/ longulum sanè iter, \& via matta i. e. lutosa andere lesen hie in- epta: auß welchem Exempel/ und dem obi- gen des Martialis von dem Worte Mat- tya zu sehen/ wie bißweilen von den Criticis die loca autorum gehandhabet/ und die guten alten den Teutschen gleichlautende Woͤrter/ als verdāchtige außgemustert werden/ denen man Glauben geben wuͤrde; wann nicht die alten Glossaria diese Woͤrter erhalten hātten Es heist auch mattus so viel als tristis bey den Lateinern/ welches Turne- bus in seinen adversariis auß einigen alten Glossis beweiset/ und wil Salmasius von dem Griechischen μάττω pinso, subigo, μακτὸς suba- ctus, emollitus herfuͤhren; Da es denn auff die erste Bedeutung wieder verfallen wuͤr- de. Ichduͤrffte schier sagen daß das Lateini- sche madere und madidus hievon sey/ denn Mattus und madidus ist wenig unterschie- den: Es koͤnte auch einer das Teutsche Wort natt und dieses matt vor eines halten/ wie Salmasius in Flavii Vopisci Vitâ Divi Aureliani das Lateinische matta, wel- der Buchstaben. welches eine Decke bedeutet/ und das Frantzoͤsische Natte vor eines haͤlt. Das Wort Schachmatt in dem Schach- spiel/ koͤmt von eben diesem Ursprung/ wiewol es Menagius in seinen Originibus Gallicis von dem Persischen Wort Scach, Rex und Mata, mortuus est herfuͤhret. Es ist aber das Persische Mata eben auch un- ser Teutsches/ und das alte Frantzoͤsi- sche Matter, Emmattir, das alte Englische Amate, wovon Skinnerus zu sehen/ wie imgleichen das Wort Schach; welches her- nach bey den Teutschen latronem bedeu- tet/ weiln vor Alters die Rāuberey eine Handthierung grosser Herrn gewesen/ als wie das Wort Tyrannus in uͤblen Beruff gekommen. Ich muß hier beylāuffig er- wehnen/ daß Skinnerus in voce Check-ma- te den Spelmannum uͤber diese Worte un- billig tadele: Vocem Schach (sagt er) in hoc sensu ( Latrocinii sc. ) nec audisse nec legisse memini, nec hucusque in ullo Di- ctionario occurrit: Worauß man sehen kan/ was von seinen Etymologiis zu hof- g 3 sen/ Das VI. Cap. Von Veraͤnderung fen/ da er in so bekanten Dingen fehlet: Er haͤtte nur die leges Longobardorum lib. 2. tit. 55. l. 37. ansehen sollen woselbst de furto \& scacho gehandelt wird/ welches letztere rapinam, latrocinium bedeutet. Bey den Otfrido lib. 2. Evangel. cap. 11. wird die Moͤrder-Grube genant icahero luage, und lib. 4. c. 27. 31. die mit Christo gecreu- tzigte Moͤrder Scahero. Lutherus nennet sie gleichfals Schaͤcher. Hievon koͤmt auch noch das Niederlāndische Wort Ont- schaecken, entfuͤhren; von welchen Wor- ten kan gelesen werden Antonius Matthæi de Criminibus ad lib. 48. Dig. Tit. 4. cap. 4. §. 7. Zum drittē bedeutet das Wortes Mat in Niederteutscher und Englischer Sprache so viel als socium, Collegam, es wird aber der Vocalis (a) etwas länger außgesprochen. Franc. Junius fuͤhret es her von dem Grie- chischen με : aber dieses ist das Teutsche met oder mit . In der Engelsaͤchsischen ist das Wort Maca, Gemaca Æqualis, Socius auch in dem Niederlaͤndischen das Wort Maecker/ welches aber vor ein besonders Wort halte/, und von die- sem der Buchstaben. sem Mat unterschieden. Skinnerus fuͤh- ret es von dem Engelsaͤchsischen Worte Metan, occurrere, convenire. Wovon noch das Niederlāndische gemoet: te gemoet komen/ und in dem Nieder- saͤchsischen moͤten/ bemoͤten/ das ist begegnen: welches ich dahin gestellet seyn lasse. Zum vierdten bedeutet das Wort Mat/ mensuram. Von Meten/ komt metior, und viel andere in der Lateini- schen Sprache/ welches kuͤrtze halben je- tzo vorbey gehe. Es ist auch das Wort Meet, aptus, idoneus, decorus (gleich als abgemessen) bey den Engellāndern die- sem verwandt/ auch das Gothische Wort Mes/ das Engelsāchsische Mesa, patina, discus. Wovon das Lateinische Wort Mesa, und hernach Mensa gemacht/ dañ es bezeugt Varro, daß das ( N ) zwi- schen geschoben. Die Ursache dieser Ab- leitung ist leicht zu sehen/ weil nemlich eine gewisse Maaß/ so wol an den Gefaͤs- sen/ als an dem Tische in acht genommen. Aus diesem eintzigen Wort ist nun zu er- g 4 sehen Das VI. Cap. Von Veraͤnderung ehen/ wie nicht die Gleichheit der Woͤrter allein muͤsse angesehen werden. Denn allhie viererley Hauptbedeutungen dieses eintzigen Wortes seyn: Welche mit einander keine Gemeinschafft haben. Und ob zwar durch einige Umbschweif- fe dieselben kōnten vereiniget werden/ so ist doch glaublicher/ daß diese gleichlau- tende/ doch verschiedene Stammwoͤrter seyn Es kan auch kommen daß in fremb- den Sprachen bißweilen Woͤrter vorkom- men gleiches Lautes und Bedeutung bloß von ungefehr/ darauß so fort nicht zu schliessen/ es komme dieses Volck oder diese Sprache von dem andern her. Wie dann dieses ein sehr schwacher Grund ist/ dar- auff Hornius zum Theil den Ursprung der Americaner bauet/ in dem er von Phœni- cieꝛn/ Scythen/ Tuͤrcken/ Tartern und an- dern Voͤlckern einige Woͤrter bey den A- mer icanern angemerckt/ und darauß die Ankunfft von ihnen schliessen will. Ist al- so auff Gleichheit nicht so sehr zu sehen/ als auff die Verānderung die in den Woͤr- tern der Buchstaben. tern vorfāllt. Hier kan nun gar wol ei- ne gewisse Richtigkeit getroffen nnd feste Regulen auß instaͤndiger Observation ge- zogen werden. Wie denn in der Lateini- schē Sprache die alten Grammatici, und am vollkom̃ensten Vossius in seinem Tractat de permutatione literarum gethan/ unddavon etwas zu schreiben verheissen hat Scheffe- rus in Upsalia antiqua c. 1. welches aber nicht ans Tages Licht gekommen. In den andern Sprachen hat eine nuͤtzliche Ar- beit in diesem Stuͤcke verrichtet Skinnerus in Prolegominis Lexici sui Etymologici: Worin er auß dem Parallelismo so vie- ler Dialectorum gar eigentlich und genau die Verānderungen auffgezeichnet. Die- se Gleichheit und Verānderung in den Woͤrtern recht zu erforschen giebt Tho- mas Hayme in seinem Buch de cognatiane linguarum posit. 9. den raht/ daß man Lexi- ca Harmonica auß allen Sprachen machen solle/ und haben auch solches Cruciger, Gelenius, Nirmutanus gethan. Aber es g 5 klagen Das VI. Cap. Von Veraͤnderung klagen die Autores selber uͤber deren Un- vollkommenheit/ und ihrem Unvermoͤ- gen. Welches nicht zu verwundern/ weil sie keinen gewissen Reguln und Grūnden folgen/ und mit vielen falschen præjudici- is beladen. Es hat auch ein Engelānder Gulielmus Lamplugh eine solche Arbeit verfertiget/ welche noch geschrieben in Bibliothecâ Oxoniensi verwahret wird/ und Thomas Hayne in vorerwehn- tem Buche p. 46. sehr ruͤhmet. Wir haben in der eintzigen Teutschen Spra- che dieselbe von Zeiten zu Zeiten und in den Dialectis vor Augen/ wie solte denn die- ses nicht geschehen/ wañ von einem Volck auff das andere die Woͤrter versetzet wer- den? Der vortrefliche Peirescius (wie Gassendus in seinem Vitâ p. 196. erzeh- let.) hat uͤber die so sehr verānderte Nahmen der Fluͤsse seine Gedancken/ die doch ohnstreitig von einander her- kommen/ und wuͤnschet daß Schrieckius und Becanus ihren Fleiß hierin ange- wandt hātten. Man sehe nur die Nah- men/ der Buchstaben. men Petrus, Joanns, Jacobus, \&c. an/ wie sie in allen Sprachen umbgekehret und verwandelt werden. In der jetzigen Frantzoͤsischen Sprache haben wir so wol an denen Einheimischen/ als von den Teut- schen entlehneten Woͤrtern vielfaͤltige Ex- empel. Daß ich von diesen letzten etwas sage/ wer solte meinen/ daß Escreviße (lorica) Krebs/ Esquif, Schiff/ Alesne Ale (subula) Boulevert, Bollwerck/ ( creiche, Krippe/ Eschevin, Schoͤpffe/ (Genus Magistratus,) Feu, Feur/ Gaule, Gabel/ Lagette, Lade/ Esprevier, Sperber/ Essieu, Ax/ an dem Wagen/ Eltrieu, Stegreiff/ Guise, Wise/ Wei- se/ Houseaux, Hosen/ Querquois, Koͤ- cher/ Quille, Kegel/ Resne, Rieme/ Roseau, Rohr/ Sergeant, Scherge/ chagrigner, grimmen/ einerley Woͤrter weren? welches ein Teutscher zwar sehen kan/ aber keine Frantzosen/ die viel thoͤ- richte Einfaͤlle von dem Uhrsprung der- selben haben/ die deßhalben mit rech- te von Barth. Adversarior, lib. 13. cap. 4. ge- Das VI. Cap. Von Veraͤnderung getadelt werden/ welcher mehr derselben an dem Ohrte anfuͤhret. Es ist auch fast nicht muͤglich daß ein Frantzose/ der anderer Sprachen unkuͤndig ist/ hierin et- was gruͤndliches verrichten koͤnne/ wie- wol Bernardus Medonius in Vita Petri Ca- sanovæ, so er an den Nicolaum Heinsium geschrieben/ uns versichern wil/ daß dieser gelehrte Mann ein vollstāndiges Werck Originum Linguæ Gallicæ unterhanden gehabt/ darin dieselbe gruͤndlich außge- fuͤhret: auch Menagius in der Vorrede seiner Orginum es bezeuget/ daß ihm sol- ches nicht bekant gewesen/ wolte sonsten von seiner Arbeit abgestanden seyn/ und diesem den Vorzug gelassen haben. Ich glaͤube aber daß er/ ob wol sonst ein ver- staͤndiger Mann; auch hierinnen nicht gluͤcklicher als Menagius wuͤrde gewesen seyn. Es bezeuget Besnier in dem vor- hin erwehntem Buche/ von der Frantzoͤ- sischen Sprache/ daß das alte Frantzoͤ- sische/ welches noch geredet wird in der Provence, Languedoc und Picardie viel- weniger der Buchstaben. weniger veꝛdoꝛben/ uñ von dem Ursprung entfernet/ dann die Hoffsprache/ weiche je mehr sie außgeputzet/ desto mehr sie von ih- rem Anfang abweichet/ und durch die Ver- aͤnderung der Vocaliũ, harten consonanten, pronunciation, uñ durch so viele Ableitunge der Bedeutunge ihr selber gantz unehnlich wird. Dieses ist nicht allein von dieser Sprache/ sondeꝛn von allen wahr. Von der Lateinischen sagt Quintilianus l. 9. Inst. Orat. Si antiquum nostro sermonem compare- mus, pene quicquid jam loquimur figura est . Es folget aber dieses hierauß/ daß in den derivationibus man diesen Weg wieder zu ruͤcke gehen muͤsse/ und die Veraͤn- derung von Zeiten zu Zeiten mercken. Welche nicht auff einmahl sondern Stupffenweise geschehen. In den Woͤr- tern ist nichts veraͤnderlicher/ als die Vo- cales, welche ob sie zwar die Seele der- selben seyn/ und ohne sie nicht koͤnnen außgesprochen werden/ so bleiben sie doch bey den Orientalibus als ein prin- cipium ideale, und worauff die Ver- nunfft Das IV. Cap. Von Veraͤnderung nunfft ihre meiste Wirckung hat/ schier in den Gedancken beschlossen/ und wer- den unter den Consonantibus verstan- den/ weßhalben bey ihnen auch ohne sonderliche Muͤhe/ von Jugend auff die Woͤrter auff solche ahrt fast fertiger gelesen werden/ als wann bey uns die Vocales dazwischen gesetzet seyn. Nach dem nun ein Vocalis dem andern an dem laut nāher komt/ oder einem jeglichen Volck nach seiner Landes arth/ ein na- tuͤrlicher Ton/ der aus der conforma- tione organorum, oder auß einem gehei- men principio impressionum mentalium herfliesset/ eingepflantzet ist: So wer- den die Woͤrter nothwendig nicht allein in frembden Sprachen/ sondern auch in den Dialectis von einer Sprachen verāndert. Zumahlen/ da die Vocales unter sich keinen groͤssern Unterscheid ha- ben/ als nachdem einer den Mund en- ger oder weiter auffthut. Ja es schei- net fast/ daß auch die Natur etwas deß- gleichen in die Unvernuͤnfftige Thiere gele- der Buchstaben. geleget/ und auff einen gewissen Voca- lem oder Diphthongum ihre Stimme gleichsam gegruͤndet sey/ welcher zum theil auch in den Woͤrtern zu finden/ womit man ihre Stimme zu bezeichnen pflegt/ auch in einem jeglichem Thiere dieselbige auff einen Vocalem sich gruͤn- dende Stim̃e nach gewisser außdruͤckung ihres Verlangẽs in verwandte Vocales ge- āndert werde. Ein Schwabe und Spani- er veraͤndern alles in ein a oder o, ein Hol- lander und Frantzose lieben die gelinde Vo- cales. Die Consonantes werden auch in ein- ander verwandelt/ nachdem sie ihnen un- tereinander verwandt/ oder von einem or- gano gebildet werden/ und den Voͤlckern sie angebohren seyn/ wie denn eine jegliche Sprache ihre eigene Consonan- tes hat/ welche sie vor allen andern be- liebet. Bey etlichen Voͤlckern/ die auff den Wollaut viel geben/ oder præcipi- tant in reden seyn/ wird man eine grosse irregulari taͤt in den Veraͤnderungen finden. Wie bey den Frantzosen/ wel- che Das VI. Cap. Von Veraͤnderung che gantze Consonantes wegwerffen/ ver- setzen/ von einander trennen/ neue hinein schieben. Diese Verānderun- gen muͤssen so viel moͤglich in eine Rich- tigkeit gebracht werden/ welches end- lich wol geschehen kan. Die Stuffen dieser Verānderung koͤnnen nicht bes- ser in acht genommen werden/ als in der heutigen Italiānischen/ Spanischen und Frantzoͤsischen Sprache. Denn weil dieselbe/ zum theil aus dem Latei- nischen entsprossen/ so siehet man wie die Vocales und Consonantes sich ver- wechselt haben. In der Frantzoͤsi- schen und Italiānischen hat diß Mena- gius gewiesen. In Spanischer hat es mit sonderlichem Fleiß außgefuͤhret Bernardus Aldrete Canonicus Cordubensis, ein gelahrter Mann/ von welchem Nicolaus Antonius in seiner Bibliotheca Hispanica diß sonderliche angemercket/ daß er seinem Bruder Josepho so āhnlich gewe- sen/ daß sie nicht als durch den Geruch haben koͤnnen von einander geschieden wer- der Buchstaben. den. Dieser hat in seinem Buch dell ori- gen della Lengua Castellana lib . 2. fast durch die 12. Capita weitlāufftig und mit Exem- peln die Verānderung in allen Buchsta- ben vorgestellet: Und dabey auch einige Register von heutigen und alten Woͤrtern gegeben/ welche auß dem Griechischen/ La- teinischen und Arabischen ꝛc. in die Spa- nische Sprache gekommen. Dabey aber viel zu erinnern/ weil er die Celtischen Woͤr- ter von den rechten frembden/ als der Teutschen Sprach unerfahren nicht zu unterscheiden gewust Es hat auch Chri- stianus Nirmutanus in seinem Dictionario Harmonico viel Reguln gegeben von Ver- ānderung der Woͤrter auß dem Griechi- schen in der Lateinischen/ und auß dieser in der Frantzoͤsischen und Italiānischen Sprache/ und mehrentheils auß ihm Tho- mas Hayme in seinem Buch de cognation e Linguarum posit 8. Es bestehet diese Ver- ānderung der Buchstaben in vier Stuͤcken: im Zusatz/ Abzug/ Versetzung/ und Ver- wechselung derselben. Der Zusatz ist ent- h werde Das VI. Cap. Von Veraͤnderung weder im Anfang des Worts/ wird von den Grammaticis genant Prosthesis, in der Mitten desselben/ ist Epenthesis, am Ende/ ist Paragoge. Der Abzug im Anfang des Worts ist Aphæresis, in der Mitten ist Ec- thlipsis, am Ende ist Apocope. Es kommen auch in etlichen Woͤrtern viele derselben zusammen. Von jeglichen koͤnten viel Exempel beygebracht werden/ wen es die- ses Orths were. Nur etliche wenige anzufuͤhren/ so seyn Exempla prostheseos diese. Than in der Gothischen Sprache cum, bey den Griechen ὅΤΑΝ. Got/ gut/ ἀΓΑΘὸς: kost/ ἀΚΟΣΤὴ. Sterr bey den Nie- derlāndern (Stella) ἀΣΤΗ`Ρ. Roͤthe/ ΡΕϒΘος Nahm/ ὄΝΟΜα Riven/ reiben τΡΙΒΕΙΝ. Kant (ein Niederlāndisch Wort) bedeutet eine Spitze/ ἄΚΑΝΘος spina. Raicken/ reichen/ reichan, (Goth.) ὀΡΕΓΕΙΝ die Hand außrecken: wie/ (Belg.) qVI. \&c. Exempla Epentheseos sein: Art/ ΑΡεΤὴ. Gems/ ΚΕΜἀΣ oder wie es He- sychius außspricht ΚΕΜΜὰΣ (welches etli- che gar laͤcherlich von κειμάω hersuͤhren/ da der Buchstaben. da es dasselbe Teutsche Wort ist) Hembd/ ΙΜάΤιον. Kron/ CoRONa. Kouten (Bel- gica vox) ΚΩΤΤίλλΕιΝ. Salben ΑΛειφΕΙΝ. Zur Paragoge gehoͤren fast alle Griechische und Lateinische Woͤrter/ so von den Cel- tischen gebildet/ deren fast kein eintziges ist/ dem sie nicht eine sonderliche termination angehenget. Zum Exempel sind diese. das alte Scythische Wort A/ Aa/ wel- ches auch unter den von Lipsio angefuͤhr- tẽ Teutschen ist/ bedeutet Wasser/ auch noch heutiges Tages bey den Schweden. Da- von ist das Teutsche Wort Au/ das Frantzoͤsische Eau, das Lateinische Acua, und hernach Aqua gemacht. Von diesen kommen viel andere Woͤrter so wol im Teutschen als Lateinischen her/ Sal, al, Al- bis, Æl, Sau, (Fluvius Pannoniæ) Salm ahl, \&c. wovon weitlaͤufftig Schefferus kan nachgesehen werden/ libr. de Upsaliâ antiq. cap. 1. So ist das Scythische und Runi- sche Wort Ay, Æf, davon ἀιὼν, Ævum, ewig. Da ist bey den Teutschen das Wort Beyl/ bey den Griechen ΠΕΛεκὸς: Aar ARista , h 2 UN Das VI. Cap Von Veraͤnderung Unn (Goth. Aqua) UNda bey den Latei- nern/ auch bey den Teutschen ist Unde ge- braͤuchlich. Welches im Lobwasser. Ps. 51. noch gefunden wird/ Loͤsch die auß mit deiner Gnaden Unden. Aphæresis ist in diesen Woͤrtern Schwelle ΒΗΛὸς Saltz ἍΛΣ. Gans ( Ganza beym Plinio) ANSer. Stiur/ (Gothis Vitulus) Stier/ Germanis, Tiur, Danis, TAURus. Gruß/ RUdUS, Schnur/ NURus, Schliem/ Leem/ LIMus, Schwerẽ/ Gothicè, Svva- ran, Schwur/ JURare. Haat/ ἌΤη, Grau/ RAVus color. (vide Laurenberg in Antiquario) Saman (Goth.) tsamen/ ἍΜΑ \&c . Von der Ecthlipsi und Apocope sein we- nig Exempel : weil den Celtischen Woͤrtern/ die ohn dem kurtz und mebrentheils ein- sylbig nicht viel kan abgenommen werden. Von der Versetzung sein mehr/ uñ von der Verwechselung die meisten zu finden. Das Griechische Wort ἄνταρ, weches Hesychi- us hat/ und einen Adler bedeutet/ ist das versetzte Wort Arendt . Das Wort Terra, ist das versetzte Teutsche Wort Erd . Es sein der Buchstaben. sein lauter thoͤrichte Einfālle/ daß etliche das Wort von Terendo herfuͤhren: und ist die Versetzung keiner andern Ursach/ als des Wollauts halber geschehen: denn vor dem ist das rechte Teutsche Wort erda bey den Lateinern im Gebrauch gewesen/ wel- ches Scaliger noch in denen so genan- ten Primis Scaligeranis, die der Tanaquil Faber herauß gegeben p. 80. angezeichnet. Es hat aber so viel als Stercus bedeutet/ da- von homerda, bucerda, mucerda, hominis, bovis, muris stercus genant werden. Die- ses Wort istfast in allen Sprachen: earth, hertha, airta, aerde , Græcis ἔρα, He- bræis arez. In der alten Runischen Sprache ist das Wort Ar , bedeutet an- nuum terræ proventum, daher das Lateini- sche/ arare, aratrum. Die Lateiner nen- nen einen Jagt-Hund Vertagum, welches Wort auß dem Niederlāndischen Veltrag- ge gemacht, per abjectionem τοῦ (l) \& με- τάϑεσιν τοῦ (r) wie solches Vlitius in seinem Commentario ad Gratiani Cyneget: vers. 203. weitlaͤufftig und mit vielen angefuͤhr- h 3 ten Das VI. Cap. Von Veraͤnderung ten Zeugnissen beweiset. Denn Ragge , bedeutet einen Hund/ und ist das Wort Veltraus noch in Legibus Burgundionum zu findē So ist auch das Wort sTER Cus das Teutsche Dreck per μέταϑεσιν. ΦΙΛὸς, Lief/ DORMire Dromen uñ andere mehr. Die Verwechselung der Buchstaben ist man- nigfaltig/ in vocalibus, diphthongis, und consonantibus, wovon einige absonder- liche Reguln muͤssen in Acht genommen werden/ von welchen zu handeln hie viel zu weitlaͤufftig fallen wuͤrde. Zum Exem- pelsein diese: HORTus, Gart/ Jord/ HE- STERNus, Gestern/ HOSTis, Gast/ HOEDus, Geit/ Hoͤcken/ denn die ad- spirationes werden leicht also verwandelt/ wie Aagardus in seinem Buch de diagam- ma vielfaͤltig erwiesen. GRANum, Korn/ Karn/ Kern/ FLOS, bloͤssen/ FLAre, blasen/ CURRus, Karn. mitzdo (Gothi- cè) μισϑὸς, merces. APER, Eber/ PORCus, Borg/ ϓΣ, Sus, Su/ Sau/ MA- CER, mager/ ΚίΧΛΗ, (Turdus) Kuͤch- lein. PISCis, Fisch/ Fisk (thoͤricht ist wann der Buchstaben. wann die Grammatici das Wort von pa- scere, oder πἰειν herführen) NATRix, Na- dr/ Natter/ Adder. MEL, Melith (Gothic.) ΒΡΑΣΚω, Brasse/ ΒΡΩΤὸν, Brot/ ΣΑΤΤω, saͤtrige/ ΒΟΡὰ Foder Voer/ JUS, Jüch/ PIRus, Birn/ Belgis pir , (Vossius wil es von dem Grichi- schen πῦρ herfuͤhren) RAPa, Kuͤbe/ Belg, rape. POMus Boom/ (dann wie das Wort Pomum allerley Fruͤchte bedeutet/ so kan auch Pomus allerley Baͤume be- deutet haben/ wie bey den Griechen ΔΡϒΣ eine Eiche/ bey den Gothis Trui , bey den Engellaͤndern Tree einen jeglichen Baum bedeutet.) NUX, Nutt Nuß (von welchem Woꝛt Varro seltzame Traͤume hat) GRAmen, Graß/ Groͤen to grew/ (An- glis) ist eines mit dem Lateinischen crescere. ΛΕΓω λεγομαι, (cubare facio, cubo.) ick leg- ge/ ligge . Wovon viel andere Woͤrter λαγρὸς, λαγρὸν, lager/ λέκτρον, lectus, λο- γεῖον, Logies, Loggi. λήγειν, (cessare) sich legen . λέγαι γυναῖκες Archilocho, mulieres libidinosæ, ( een leeg Wyf ) ΛΕΓω (dico) h 4 ick Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen ick leege/ λόγοι, luͤgen loͤgens (Belg.) SCUTum, een Skuͤtt/ beskuͤtten/ ORIri, ORigo, Ur/ Ursprunck/ Lux, lys (Suec,) Licht/ Cambro-Britanni, Llug. An- gli Luk videre, FRIgus, Friest/ (Dan.) frieren/ ΝΤΞ, ΝΤΧΘη. Nox, Nacht/ neight/ (Angl.) und viel andere in grosser Menge/ davon alhie weitlaͤufftiger nicht kan geredet werden. Esseyn viel absonder- liche Reguln/ wegen dieser Veraͤnderung: aber wir wollen die vollstaͤndige und gruͤndliche Außfuͤhrung dieser Sachen auff eine bequemere Gelegenheit versparẽ. Das VII. Cap. Gleichheit der Griechischen uñ Lateinischen Woͤrter mit den Teutschen/ wird mit dem Exempel der Benennungen erwiesen/ die von dem Menschen und dessen Thei- len genommen. Einhalt. D Ie Gleichheit der Griechischen und Lateini- schen mit den Teutschen Woͤrtern wird als zum und Lateinischen mit den Teutschen. zum Exempel an dem Menschen und den Be n ennun- gen seiner Glieder gezeigt. Homo ist nicht von ὁμοῦ, humus, oder sondern von dem teutschen Man. Mon. Hemon, Hemoni s Lucumon, lugemon, præfe- ctus. Mani bey dẽ Einwohnern des Reichs Congi. Go- ropii Becani sonderliche cabala des Worts Man. Mannus ein Koͤnig der Teutschen. Rudbeckii mei- nung hievon. I. C. Scaligeri sonderliche Betrach- tung uͤber daß teutsche Wort Man. Das Griechi- sche Μάνης, mannus, μάννος, monile. Man Mon eine Jungfer/ Wyfman, Wimman, Wom a n, fe- mina. Mensch. Mas. Vir, Wer, Ver, Wayr, Fir- than, Wirth. Weerd/ Vaer, Var, Ber, Baro, Baur, Bur, Por, Puer, Πορ. γυνὴ, cwen, quena, quind, Kun/ Kone. Cynne (Genus) Cennan, Acennan generare Kind. geno, gigno, γείνομα γεννά . Wino, Win, Wen, Venus, Wina, Winia, Volcwin , Amicus populi, nicht victor populi, wie Vos- fius wil/ lebwin. Venus ist eine fremde Goͤttin bey den Roͤmern gewesen/ wie auch der Nahme. Var- ronis und Macrobii Zeugnuͤß. Venus ist bey den Nor- dischen Voͤlckern als eine Goͤttin geachtet. Von ih- nen ist viel des Goͤtzenwesens nach Orient gekommen. Vinulus βήνα, βάνα, βινέω bini . Μαγα Maja Moye/ Maid, Magd/ Senex, Sineigs (Gothic.) Volgus Volck/ ϑ λυ thoͤle. Κεφάλη, Kop/ Kopf/ Haupt/ hapt/ head, Oculus, Og/ Specera, Spi h 5 aus Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen ausspaͤhen/ spock/ species, auris Ohr. ῖν, rinn nasus, νῆσος bedeutet in translato sensu bey den Grie- chen promontorium, Kimmernaͤß. Promontorium wird bey den Griechen γλῶσσα genant. skiaͤren χ - ρὸς (littus) Σχέρα Insul bey den Griechen. Scheer χεῖρ. Hand/ hendo, hande/ prehendo. Hentan. Maugon Maxilla, Mandibula, Mando, Mentum, Mund Mant, Munch. ἒϑειρα, het hair (Belgicè) capillus. ὄυλα Wulle. Ὀυλοκέφαλος, Wull- kopf. Es werden viel dergleichen Woͤrter mehr er- zehlet. Lacryma, dacruma. δάκρυον. Cambro- brittannis Daigr , Gothis Tagr , Anglo-Saxonibus Tear , Zaher/ Zaͤhr. Traen/ Thraͤn/ ϑρῆνος. Mens, von Meenen , ein alt lateinisch Wort Meno, Mind. \&c. Schluß des ersten Theils. N Achdem wir der Teutschen Spra- che Alterthum hierauß erwiesen/ baß die Griechische und Lateinische zum theil ihren Uhrsprung von ihr genom- men/ so solte uns nun obliegen/ solches mit mehren Exempeln darzuthun und zube- kraͤfftigen. Weiln aber diese Arbeit viel weitlaͤufftiger/ als sie hier kan außgefuͤh- ret werden/ so wollen wir sie vorbehal- ten/ und in diesem Capittel nur die Woͤr- ter und Lateinischen mit den Teutschen. ter/ die von dem Menschen und dessen Thei- len und Gliedern genommen sein/ vor die Hand nehmen/ und deren Gleich- heit mit den Griechischen und Lateinischen zeigen. Dann diese sein die erste die uns die Natur zu benennen unter- richtet/ welchen hernach folgen die Dinge und Kuͤnste/ damit man taͤglich umgeht/ Speise/ Viehzucht/ Acker bau/ Bauwerck/ Kleidung/ und dergleichen. Welcher dinge Nahmen bey einem Volcke so nicht von andern verpflantzet/ gebohren sein muͤssen/ und nicht von andern erstlich her- geholet. Wir wollen aber nur vor diß- mahl bey den ersten verbleiben. Hie find ich erstlich bey den Lateinern das Wort HOMO. Was hat man nicht vor wun- derliche einfaͤlle hievon? Da ist Varro der es von dem lateinischen humus ableitet. Scaliger fuͤhret es von dem Griechischen Wort ὁμοῦ her/ weil der Mensch ein ζῶον πολιτικὸν und gesellig ist: Vossius von dem Ebreischen welches die Syrer außgesprochen ODOM, davon per con- tra- Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen tractionem oom, hoom und endlich das La- teinische HOMO. Wer stehet aber nicht/ daß dieses nur ungegruͤndete Kuͤnstelein und allusiones sein/ deren keine wahrschein- liche Ursach zu geben. Es ist das teutsche Wort Man in den meisten Sprachen ge- braͤuchlich/ und ohnzweiffel eins von den ersten Grundwoͤrtern/ welches auch Clu- verus lib. 1. Germ. Antiq. c. 9. p. 83. schon ge- sehen. Von diesem halt ich komme das Wort Homo her. Dieses wird einer fuͤr einen mehr als Becani schen einfall halten: aber es wird die Wahrscheinlichkeit bald hervor blicken/ wenn man diß Wort ein wenig genauer beleuchtet. Diß Wort Man ist bey den Angel-Saxen Mon außgesprochen/ wie bey dem Skinnero und Junio in ihren Lexicis zusehen. Nun war bey den Lateinern das alte Wort nicht Ho- mo, Hominis, sondern Hemon, Hemonis, wie in des Ennii und andrer alter Poëten Versen zu lesen. Ist also das Wort Mon so wol in recto als obliquis casibus zu fin- den. Die Syllabe He , scheinet als aus dem Ar- und Latninischen mit den Teutschen. Articul geblieben und ein blosser Vorsatz zu sein: Welche auch bey den Teutschen und Sachsen pronomen demonstrativum masculini sexus ist. Ich duͤrffte schier auff die Gedancken kommen/ als wenn das al- Wort Lucumon bey den Thuscis von dem Wort Mon oder Hemon und dem alten teutschen Wort Luͤgen Videre observar e zusammen gesetzt/ daß es so viel sey als ἐπίσκοπος Lugemon. Denn ob zwar ei- nigen Gramaticis und andern Autoribus diß Wort einen Unsinnigen bedeutet/ so ist doch zu wissen/ daß das Wort insanus, in kei- ner andern Bedeutung hie gebraucht wer- de/ als wenn Horatius den Labeonem in- sanum nennet/ ist so viel als wunderlich/ streng/ eigensinnig/ mit dem man nicht um- gehen kan. Eigentlich sein die præfect i Thusciæ Lucumones genennet worden/ wie Servius bezeuget comm: in VIII. Æneid: Tus- cia duodecim Lucumones habuit id est reges, quibus unus præerat. Sein etwa solche ge- wesen/ als bey uns Amptmaͤnner/ Ge- walthaber. Diesen der uͤber die Zwoͤlffe zu Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen zu gebieten hatte/ nenten sie Lartem/ wel- ches gleichfals ein Wort ist/ das noch heute bey den Engellaͤndern gebraͤuchlich/ woselbst die vornehmen Herrn des Lands Lords genant werden/ welches Godelevæ- us in notis super Livium und nach ihm andre schon angemerckt/ und in den Nordischen Sprachen als ein Vornahme der Māñer gebraucht wird. So einem nicht gefallen wuͤrde von dem Worte Luͤgen Videre, (davon doch gantze Voͤlcker und Stātte benahmet) das Wort Lucumon heꝛzufuͤhrẽ/ so ist das alte Wort Log, welches noch heute einẽ Ohrt oder district eines Landes bey den Scotten und Irrlaͤndernbedeutet/ und das Lateinische Locus, davon Lucumon seinen nahmen haben koͤñe/ alsder eines gewissen Landes uñ Ohrtes beherscher ist. Daß aber das Wort Man so viel als Ducem, præfe- ctum bedeute koͤnte mit gar vielen Exempeln durch alle Sprachen erwiesen werden/ so gar daß auch bey den Einwohnern des Koͤ- nigreichs Congi solches zu findẽ/ davon Bar- læus in seinẽ Buch derebꝰ gestis sub Mauritio in und Lateinischen mit den Teutschen. in Brasilia p. 245. woselbst er das Koͤnigreich Congi beschreibet: Bamba littora lis (pro- vincia regni) regitur à variis præfectis, quos Mani vocant, ut Mani Bamba, Mani Loanda Mani Coanza. Rex ipse vocatur Mania Congo, \& Regia Conjux Mannimom banda. Bey den Ægyptiern ist das Wort Meine auch ein Nahm der Koͤnige gewesen. Goropius Becanus in lib. 1. Gallicorum. und andern Orthen mehr hat uͤber dieses Wort Man seine sonderliche schier cabali stische einfaͤlle/ welche ich an seinen Ohrt gestellet sein lasse. Denn weil das Wort Man umgekehrt Nam macht/ so meinet er/ es sey hie- durch als durch eine Prophetische Figur/ die andere Person der Dreyeinigkeit abge- bildet/ welche wahrer Mensch und zugleich auch das Wort des Vaters ist. Es ist nicht unangenehin zu lesen/ was er fuͤr viel- faͤltige Betrachtungen hat/ wegen der verkehrung der Woͤrter in der Teutschen Sprachen/ welche so sonderlich ist/ als im- mermehr die cabala der Juden und Ara- ber sein kan. Cluverus in dem vorher an- Ders VII. Cap. Gleichheit des Griechischen angefuͤ h rtem Ohrte/ meinet daß der bey den Teutschen gepriesene Mannus niemand anders als Adam sey/ womit Vossius in sei- nem B u ch de Idololatria und Bocler. Exerc. in Jose p h. lib. 1. c. 2. Antiq. Judaic uͤber ein- stimmen. Welchen aber Rudbeck in seiner Atlanti c a zu einem uhralten Koͤnige der Schweden macht/ nach welchen Schweden selbst Manheim/ und noch gantze Lān- der dar innen genennet werden. I. C. Sca- liger hat uͤber diesem Wort Man eine son- derliche Betrachtung/ in der treflichen Rede/ die er zum Ruhm der ienigen gehal- ten/ die in dem Tuͤrcken Kriege vor Wien ge- blieben/ welche nebst seinen Briefen her- auß g egeben. Wie er nun die Teutsche Nation vor allen andern erhebt/ und besser Urtheil von ihr faͤllet/ als sein Sohn Jose- phus gethan: So hat er auß dem Nahmen MAN, der durch alle Voͤlcker gegangen/ die vortreflichkeit des Teutschen Volcks erwiesen. Der Ohrt ist wuͤrdig allhie herge setzet zu werden: Hoc numen Terræ silium, sicuti Etrusci Tagem, ita hunc pu- und Lateinischen mit den Teutschen. putarent Majores nostri: cujus proles fuerit MAN. Unde etiam nuncapud nos, quem- admodum apud Hebræos, primi Parentis no- men hominem significat. Erigite nunc animos vestros Germani Viri! Romanis ipsis vos hac in parte vel loquendi leges vel sal- tem principia atque elementa tradidi- stis . Nam cum illi novos homines atque avorum obscuritate ignotos Terræ filios appellarent, eosdem quoque MANIOS dixerunt. Hæc vestra vox est vestrique conditoris: quæ si per universam Asiam per- vagata est, si ex Parthia atque Scythia in for- tissimas nationes dimanavit, nullam vi- deo causam, quin Principis illius vestri au- spiciis in eas omnes regiones colonias vestras misisse aut deduxisse videamini. Exstant adhuc vocabula vestimentorum, officiorum, Principum, Nationum. Est enim vestis Asiati- ca Doloman, quasi Stolam Viri dixeris. Sto- la profecto est. Audimus functiones atque operas Turcimanorum \& Dragomanorum, qui sunt interpretes \& Talasimanorum, qui dicuntur obnunciatores. Habemus Varto- i ma- Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen manos, Othomannos, \& Solimannos, Re- gum atque Imperatorum appellationes. Er fuͤhret dieses ferner auß/ und weiset wie die- ser Nahme durch alle Voͤlcker gewandert. Das Wort Μάνης ein Knechts Nahme/ ist eben dieses teutsche Man/ wie auch das Lateinische Mannus, welches einen jungen Hengst bedeutet. Das Griechische μάν- νος, das Lateinische mannus, eine Kette/ leitet Schefferus in seinem Syntagmate de Antiquorum torquibus §. 1. von dem Worte Man. quia manis h. e. viris qui se fortiter gessissent in bello, proprium ge- stamen fuit. Das Wort Monile ist ihm von gleicher herkunfft. Das Wort Man Mon/ Moen/ hat auch bey den Teut- schen so viel als eine Jungser geheissen/ wo- von Schefferus in Upsalia antiqu. p. 113. Ist also diß Wort beyderley Geschlechts. Die alten Anglo Saxones haben eine Frau Wyfman, Wimman und hernach Woman geneñt/ ist so viel als ein Mensch Weibliches Ge- schlechts. Mit welchen das Lateinische Wort femina uͤberein komt. Das teut- sche und Lateinischen mit den Teutschen. sche Wort Mensch ist auch von diesem Wort/ nicht von den Lateinischen Mens o- der von dem Hebraͤischen wie Vossius meinet/ davon Junius in seinem Glossario Gothico und weitlaͤufftig Vorstius in seinem Specimine Observationum in Linguam Ver- naculam cap. 2. Das Lateinische Mas ist auch von derselben abkunfft. Aber von die- sen allen wil ich mit mehren handeln in ei- ner absonderlichen Disser t atione de Mannis Germanorum. Auß diesem wenigen aber was ich angefuͤhret/ kan man leichtlich schliessen/ daß das Wort Homo auß kei- nen andern als aus dem alten Wort Man entstanden. Ferner ist das Latei- nische Wort Vir, welches gleichfals von frembder herkunfft ist. In den Gothischen Evangeliis hat man das Wort VVair Luc. 8, 27. VVairos twai , Viri duo. Zween Maͤn- ner. Luc. 9, 30. In der Angelsaͤchsischen Sprache ist das Wort Wer, welches einen Man bedeutet. So findet man in der Angelsaͤchsischen uͤbersetzung des ersten Psalms: Eath Ver Beatus Vir . In der Runi- i 2 schen Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen schen Sprache/ nennt man ihn Firthar, ein Armee Firth. Siehe Worm. in Epice- dium Regneri Lodbrog. Mit diesen komt das teutsche Wirth/ Werd uͤberein/ wel- ches so viel ist als das Wort Man. Das Niederlaͤndische Vaer, und das teutsche Bar, wovon das Wort Baro gemacht/ ist dasselbe. In dem teutschen Helden Buch wird das Wort Bar offtmahls pro Viro gebraucht. Die Glossæ veteres Gallico-La- tinæ. Ber, Baro , \& Vir. Melchior Goldast. in den Anmerckungen uͤber Winsbekiæ pa- rænesin. p. 417. haͤlt das Wort Ber vor teutsch/ Ver vor das Lateinische. Ber ajo priscos dixisse, qui latinis Vir , aliis βαρβαρί- ζουσι. Ver. Er fuͤhret eine alte Inscriptionem Curiensem an/ VECTOR, VER, INLU- STER, PRESES. das ist: Victor, Vir \&c. Aber es ist nichts anders als das rechte teutsche Wort/ und ist in der Engelsaͤch- schen Sprache das Wort Ver auch ge- braͤuchlich gewesen/ wie wir ietzo gesehen. Da von ist hernach Baur, Bur, und das bey Teutschen Griechen und Lateinern ge- braͤuch- und Lateinischen mit den Teutschen. braͤuchliche Por Πορ, Puer ein Knecht Bey den Lateinern hat man den Nahmen Mar- cipor, Lucipor, Quinctipor. Virgilius braucht das Lateinische Fur davor. Bey den Teutschen hat man das Wort Schild- por welches sonst Schildknap. Wo- von Gryphiander de Weichbildis c. 67. n. 11. Die Griechen und insonderheit die Dorcs haben das Wort Πὸρ fuͤr Παῖς gebraucht. Das Griechische Wort Γυνὴ ist bey uns auch zu finden. Die Engelsaxen sagen Cvven. Die alten Teutschen Quena. Im Runischen ist Quind , die Dani und Cimbri haben Kun/ Die Ungarn Kone/ wel- che Woͤrter eine Frau bedeuten. Bey den Engellāndeꝛn wiꝛd dieseꝛ Nahme κατ̓ ἐξοχὴν der Koͤningin gegeben. So nanten auch die Angelsachsen eine Kuhe mit diesem Nah- men/ welcher noch heute in Holstein ge- bråuchlich ist. Die Niederlånder nennen ein loses oder gemeines Weib also. Sonst ist auch bey den Angelsaxen Cynne, weiches ein Geschlecht Genus, Generationem bedeu- tet/ Connan, Acennan parere, generare. i 3 In Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen In Teutscher Sprache Kind/ welches mit den Griechischen und Lateinischen geno, gigno, γείνομαι, γεννάω uͤbereinkomt. Das Gothische Wino Wen und Angelsaͤchsche Win , uxor ist das Lateinische Venus, so von diesen herkomt. Die alten Teutschen Woͤrter Wine und Winia bedeuten so viel als dilectus und dilecta. Willeramus in Paraphrasi Cantici Canticorum min Wino dilectus meus. Daher sein so viel compo- sita bey den Teutschen truotwin fidelitatis amicus Sigewin Victoriæ amicus Winirad a- micorum consilium und viel andere mehr/ welche Junius anfuͤhret commentario in Pa- raphrasin Willerami p. 20. 21. Hieher gehoͤret das teutsche Wort Volckwin , Amicus popu- li, welches Vossius in seinem Lexico Etymo- logio sub voce Vinco, von dem Wort Win- nen herleitet/ davor haltend es sey so viel als das Griechische Wort Nicolaus, wor- innen er doch fehlet. Es ist das Wort Lebvin bey den Teutschen gewesen/ welches so viel als ein lieber Freund. Hucbaldus Monachus Elromensis in vitâ S. Lebvini Pres- by- und Lateinischen mit den Teutschen. byteri cap. 1 . Lebvinum carum sibi amicum juxta idioma nominis sui optime congruen- tis. Fertur enim â suæ peritis linguæ, quod Liefuuyn patrioticè sit vocatus, quod Roma- nis sonat carus amicus, sed ecce quam digni- cosum illius vocabuli præsagiũ, dum quod fu- turus erat opere, jam eius præsignatum est no- mine. Melchior Goldastus der dieses an fuͤhret in seiner Anmerckung uͤber den Pa- rænet. vet. p. 454. hat diese Zusammen- setzung nicht recht begriffen/ und von dem Worte Win nichts gedacht. Daß nun Venus, hievon oder von dem Gothi- schen Wen , amicus herkomt ist darauß zu sehen/ daß kein Wort weder in der Grie- chischen und Lateinischen Sprache sey/ davon es koͤnne hergeleitet werden. Denn daß Cicero und Ovidius es von Venio her- fuͤhren/ geschicht nur per allusionem, wel- ches ob es zwar Vossius billiget/ und daher schliesset/ esse vocem origine Latinam non à Græcis, non ab Oriente, so irret er doch sehr/ denn es widerspricht ihm Varro selbst/ welcher außdruͤcklich saget/ nomen Ve- i 4 ne- Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen neris ne sub Regibus quidem apud Romanos vel Latinum vel Græcum fuisse, welches auß ihm anfuͤhret Marcob. lib. 1. Saturn. cap. 12. zu beweisen/ daß der Monaht Aprilis nicht habe koͤnnen von der Venere oder Α᾽φορδίτη genennet werden/ die da- mahls nicht bekandt gewesen. Scaliger ad Festum in voce aperta saget/ man koͤn- ne auch auß dem Nahmen sehen/ daß sie keine einheimische Goͤttin sey/ denn sie wuͤrde deßhalben à veniendo so genandt/ quod sit προσήλυτ ος ϑεὸς. Welches mehr sinreich als der Warheit gemaͤß: Denn da bekant Venus sey einer frembden An- kunfft/ worum wollen wir sie nicht auß der Sprache herleiten/ da sie mit eben denselben Buchstaben das jenige außdeutet/ worum sie so genandt wird. Da noch dieses hinzu koͤmt/ daß bey den Nordischen Voͤlckern/ dieselbe von alters unter dem Nahmen Frigga von frigan , amare auch Wenna-des Dea Amoris genant/ verehret worden. Und wird sich niemand verwundern daß auß dem Norden dieser Goͤtzendienst auff die Roͤ- und Lateinischen mit den Teutschen. Roͤmer verpflantzet/ wenn er beym Dio- doro Siculo lib. 2. c. 47. lesen wird/ wie die alten Heidnischen bey den Griechen ge- woͤhnliche Goͤtzendienste bey den Hyperbo- reis uhrspruͤnglich gewesen/ und von dan- nen dahin gekommen. Von demselbigen Wort Wen oder Win, ist das Lateinische Vinulus, lieblich/ nicht von Vinum. Und hievon meine ich sey das Griechische Wort βήνα, auff Dorisch βάνα Mulier, Filia, wie auch des Wort βινέω, welches den actum a- moris bedeutet/ und das bey dem Cicerone lib. 9. ad Fam. Epist. 22. verdaͤchtige Wort bini. Aber wir muͤssen wieder zu unser Hauptsache kommen/ und zu den uͤbri- gen Woͤrtern. Bey den Griechen ist Μ ῖ Obstetrix, Maja bey den Lateinern. Bey den Cimbris ist noch heute Moye. In der Gothischen Sprache Mayi puella. Maid, bey den Engellaͤndern/ Magd bey den Teutschen. Das Wort Senex ist ein alt Gothisch Wort/ wird fast mit der- gleichen Buchstaben in den Gothischen Evangeliis gefunden Sineigs Senex Luc. 1, 18. i 5 Si- Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen Sinistans Seniores Marc. 11, 27. Die Ety- mologi haben viel seltzamer einfaͤlle hie- bey. Das Wort Volgus ist nichts an- ders als das teutsche Volck/ das Grie- chische ϑῆλυ, femininum, und das teutsche thoͤle bedeutend canem sexus feminini komt auch uͤbeꝛein Gehet man nun die Glie- der des Menschlichen Leibes durch/ so wird man die Gleichheit uͤberallfindẽ. Das Wort κεφάλη, caput, Kop Kopff Haupt hapt Angl. head. ist was die Stambuchstaben be- trifft einerley. Den c und h werden un- ter sich verwandelt/ als cornu, horn/ καρδία hart/ cutis, hut/ calamus, halm/ κύων hund. Oculus ist als ein diminuti- vum von Og/ quasi Ogulus, Auge/ und das Griechische ἀυγὴ splendor, komt uͤber- ein. Das alte Wort Specere sehen/ komt von den alten Scythi schen Spi, sehe/ daher noch Arimaspi genant werden/ die mit ei- nem Auge sehen/ und die Woͤrter auß- spaͤhen/ verspaͤhen/ spok/ die La- teinischen Speculum, Species, wovon Boxhornius in Præfatione Originum Galli- ca- und Lateinischen mit den Teutschen. carum weitlaͤufftiger handelt: Das Latei- nische Wort Auris und das teutsche Ohr ist eines: denn es ist bekand daß das au bey den Lateinern als ein o außgesprochen/ und bezeugt es Laurenbergius in seinem An- tiquar. daß die Bauren oris an stat auris gebraucht. Das Griechische ῥῖν nasus ist das teutsche rinn/ denn die Nase nicht anders als canalis cerebri ist/ und das La- teinische nasus ist eben das teutsche. Das Griechische νῆσος welches in dem eigentli- chen verstande nicht mehr/ sondern in sen- su translato gebraucht wird/ und insulam bedeutet/ ist ohn zweiffel von dem Teut- schen naͤse oder nasa/ und komt nicht von dem Worte νεῖν natare, wie man will. Es ist bekant daß das Wort νῆσος auch offt eine halbe Insul bedeutet/ da denn an- geregtes ἔτυμον kein staat finden kan. Das Wort naͤß heist aber in der Gothischen Sprach metaphoricè ein promontorium, welches fast einer peninsulæ kan verglichen werden/ als Kimmernaͤß promontori- um Cimmeriæ, welcher nahm noch heuti- ges Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen ges Tages in Schweden uͤbrig ist/ wie Rud- bekius bezeugt/ und andre mehr. Es wird aber das promontorium einer Nasen der Figur halben verglichen/ und also ge- nannt/ wie ein Promontorium bey der Insul Sasena γλῶσσα lingua genant wird. Anna Comnena Alexiados lib. 3. p. 98. Καὶ δὴ τὴν κορυφὼ διελϑὼν, καὶ πρὸς τὸ Δυῤῥάχιον ἀποκλίνας, καὶ τὸ ἀκροτήριον Γλῶσσαν καλού- μενον μεγίςῳ κλωδώνι ἄιφνης περιπεπτώκ . Et quidem prætergressa classe Corcyræo- rum in ipso versus Dyrrhachium flexu, cir- ca promontorium quod Lingua dicitur, ma- xima in eam subito procella ingruit. Und eben dieses Promontorium ist/ was noch heutiges Tages Lenguette, Lenguetta das ist eine kleine Zunge genant wiꝛd/ weil es hie- mit kan verglichen werden. In dem zwoͤlf- ten Buch Alexiados wird der Eingang des Meers also genant/ und bezeugt Possinus in Glossario Annæo gar gebraͤuchlich bey den Frantzosen zu sein/ daß die promon- toria langues de terre genant werden. Zu dem sind dergleichen vielmehr translata no- und Lateinischen mit den Teutschen. nomina, als Umbilici, capita, cornua, daß es nicht ungereimt/ es sey das Wort νῆσος von eben solchen Worte genommen/ in- sonderheit da es in demselben verstande noch verhanden/ und darff sich niemand verwundern/ daß aus Norden solches dahin verpflantzet/ dann viel mehr der selben in der Griechischen Sprache ge- funden werden/ als unter andern/ das Wort s kiaͤren wodurch die litora Sveciæ verstanden werden/ von den außschnitten also genand/ da hat man in der Griechi- schen Sprache/ wie Hesychius bezeuget/ das Wort χερὸς, littus und ist die Insul Corcyra Σχέρια vor alters genannt/ wel- ches Wort Jac. Palmerius à Grentemesnil in seiner Græciâ antiqua lib. 2. c. 10. von dem Griechischen χερὸς lieber herfuͤhren will/ als von der Fabul des Eustathii. Wie ich es auch fuͤr war halte/ auß diesem grun- de. Denn es ist diese Insul auch Δρεπά η genant welches eine Sichel bedeutet/ um dieser Ursachen willen/ weil die eine Seite der Insul so krum außgeschnitten/ daß sie eine Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen eine Sichel abbildet. Nun werden die skiaͤren in Schweden von skiaͤra das ist außschneiden so genant/ und in der Teut- schen Sprache ist das Wort Scheer ein Werckzeug damit man Außschnitte macht/ welches da es von einander gethan wird selbst einen Außschnitt und gleichsam eine Sichel vorstellet. Dem Boxhornio traun ist in seiner Symphonia Linguarum. p. 8. nicht ungereimt vorgekommen/ das Griechische Wort Χε̃ῖρ eine Hand/ und das teutsch Scheer vor eines zu halten. Nullus ambigo, spricht er/ quin idem hoc vocabulum sit cum isto, quo arte factam manum, hoc est, forcipes Belgæ significant. Scheer χείρ Poëtice χερὸς item χίῤῥος \& χηρὸς appellatur. Welches ich an seinen Ohrt gestellet sein lasse. Zu ferner Bekrāff- tigung kont auch dieses angefuͤhret werdē/ weil die Finger der Scheren gleich an ge- stalt sein. Das teutsche Wort Hand ist nicht mehr zu finden als in dem Wort præhendo, und haben die Dānen noch heu- tiges tages ein Wort henda, heist so viel als ma- und Lateinischen mit den Teutschen. manu capere welches das Lateinische pre- hendo, auch bedeutet/ dieses hat Aquilius in seinem Dictionario Danico-Latino an- gemerckt p. 19. Es ist auch ein Angelsāch- sisches Wort Hentan perquirere, persequi. Die Wangen werden in den alten teut- schen Woͤrtern/ die der Lipsius herauß gege- ben Mangon genant/ wir haben in der Lateinischen Sprache Mandibula, Ma- xilla, und solt ich schier davor halten/ daß das Lateinische Mandere, Mentum von un- sern Wort Mund herkomme. Unter den alten Britannischen Woͤrtern/ deren Lexicon Boxhornius herauß gegeben/ und in welcher viel Lateinische Origines stecken/ wie der Hr. Peirescius angemerckt/ ist das Wort Mant, Maxilla. In der Engelschen Munch, masticare, manger, mangeare. Isido- rus selbst leitet das Lateinische mentum von mandibula welches Vossio unglaublich ist/ aber er schiest nāher zum Ziel als er selber/ der es bald von μηνύω indico, bald von movimentum, bald von meno, me- mini abziehet. Das Haar wird bey den Grie- Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen Griechen ἔϑειρα genant/ ist das rechte Nie- derlaͤndische Wort mit dem Articulo het bayr. Die Athenienser nennen die krause Haare Ὄυλας und einen krausekopf Ὀυλο- κόμον, Ὀυλοκέφαλαν. Pollux hat dieses an- gemerckt in seinem Onomastico lib. 2. c. 3. Dieses ist das teutsche Wull/ lana, den die krausen Haare der Wolle gleich: daß aber eine solche krāuse wie die Wolle hat/ damit gemeint werde/ kan man aus dem loco Herodoti, den Pollux anfuͤhret/ erse- hen/ den er saget von den Colchern μελαγ- χροές εισι καὶ ὐλότριχες, nigri coloris sunt \& crisporum capillorum. Denn es pflegen die Schwartzen solche Wollkrausigte Haar zu haben. Die Griechen koͤnnen aber das W, welches als ein Digamma Æo- licum ist/ nicht außsprechen/ wie sie keinen Buchstaben dazu haben. (vid. Agardus de Digamma cap. 3. sect. 3. ) deßhalben lassen sie es auß/ denn die literæ subsidiariæ β, ου, φ, hatten hie auch keine staat. Man hat der- gleichen mehr Woͤrter als ἔργον Werck/ ινος Wein, Win/ ἄειν Waeyen. Flare bla- und Lateinischen mit den Teutschen. ἒσεσϑαι esse Wesen/ ἒικειν Wiecken/ cede- re. \&c. Folgende sein so gleich unter ein- ander/ als jemahls welche sein koͤnnen: Bucca eine Backe/ armus ein Arm (da- her armillæ Armbānde) χωλὴ Galle: οδοὺς, Dens, Tant, Zahn: Pes, Ποῦς, Fuß/ Voet/ pedden/ calcare: Genu, γόνυ, Knie: Saliva, Salve/ Sabbel/ Sagul Danice: Barba Bart: Α᾽ρχὸς, Arßh (s. h.) podex: Lumbus Lend: κανϑὶς (oculi angulus) Kan- te: Κήλη, (tumor oris quicunque) kehl/ col- lium: calvus kahl: Τὰ κύλα cavitates ocu- lorum, Kuhl: vellus, pellis, villus φέλ- λος, Fell/ fillen: Pantex Panße/ Wanst: δερμὸς (cutis) Darm/ Gedārme : (nihil enim intestina nisimenbrana \& cutis) Mar- cus (mollis) Marck/ medulla: Strundus, excrementum Laurenb. in Antiq. Strund ὅνϑος: Mucus Mug Danicè: Κάκκη (bey dem Hesychio, ) merda: Lingo λείχω, licken/ unde lingua: Edo, eten/ esse essen: gustare kosten: Spuo πτύω, σπεῖσαι, speien: dor- mire, dromen/ dormen: ἀγοςὸς (cavitas manus) gospe: mingo, migo, ὀμίγειν, migen/ k Meio Cas VII. Cap. Gleichheit des Griechischen Meio, Meia, Danicum, wie Aquil: in sei- nem Dictionario Danico-Latino p. 24. er- wehnet: Titte, Τιθτη: Sof (Gothicum) dor- mire, Sopor, Sopire, Dani Soffn: ἀυτμὴ ἄτμος, ἀνεμος Athem/ Othem/ aem Belgicè, animus anima. Labium. Danice Lceve. Glosi. Lips. Lepira Belgæ Leppe/ Germanicè Lippe. Νεφρὸς Ner/ ren per metathesin. Von diesen Woͤrtern allen koͤnte viel merckwuͤrdiges angefuͤhret werden/ aber es liegt ihre gleichheit so zu tage/ daß es unnoͤthig ein Wort mehr druͤber zu verliehren/ und muß es zu anderer Gelegenheit versparet werden. Das Lateinische Wort Lacryma, davor die Alten dacryma gebraucht/ wie Festus bezeugt/ und zwar nach dem Griechischen δάκρυμα ist weder bey den Griechen noch bey den Roͤmern gebohren. Bey den al- ten Gothen war Tagr Lacryma, Marc. 10, 24. afropgands mith tagran. Exclamans cum Lacrymis. Bey den Cambrobritannis Daigr, diß ist das rechte Griechische und Lateini- sche Wort: den (υον) oder (υμα) ist nur die und Lateinischen mit dem Teutschen. die endigung. Die Anglo-Saxones stossē das (g) berauß und sprechen tear die Dānen taar welches einen Wasserstropff bedeutet: die Alamanni haben Zaher darauß ge- macht/ davon noch das heutige Zaͤhr/ so eines Uhrsprungs mit δακρυον und Lacryma ist/ welches niemand glāuben solte/ wenn er nicht die Ableitung vor Augen sehe Das Niederlāndische Traen/ das teutsche Thraͤn scheint auch hievon durch versetzung zu sein: mit welchen denn das Griechische Wort ϑρῆνος uͤberein kompt. Das Lateinische Wort Mens hat gleichfals seinen Uhrsprung nicht bey den Lateinern oder Griechen. Isidorus fuͤh- ret es her von memini oder eminere/ wel- ches letztere Perotto besser gefāllt/ als daß es von μέμνημαι hergefuͤhret werde. Et- liche von metiendo. Scaliger von dem Griechischen μηνύω, indico, Vossius will es von den alten Wort Meno, dessen præteri- tum memini ist/ oder auch von dem Grie- chischen Wort μένος, impetus animi her- leiten. Welcher am nechsten trifft. Aber k 2 so Das VII. Cap. Gleichheit des Griechischen so woll die Lateinischen als die Griechischen Woͤrter sein außheimischer Abkunfft. Da ist das teutsche Wort Meenen/ das An- gelsāchsische Mænen, welches so viel ist/ als gedencken/ cogitare, opinari, daher das alte Lateinische Wort menere, in quo consistit ipsa animi essentia: Wie denn in der Englischen Sprache das von diesen entspringenden Wort Mind Mentem bedeutet. In der Gothischen Sprache ist Gamunen Meminisse. Aber wir schreiten in diesem Wercke zu weit/ und koͤnnen uns begnuͤgen/ daß wir dargethan/ wie die Woͤrter/ welche von dem Menschen und seinen Theilen und Gliedern allein genommen/ als die ja die ersten in allen Sprachen sein muͤssen/ die Gleichheit des Griechischen und Lateini- schen mit der Teutschen vor Augen stellen: Daran aber noch mehr fehlē/ als wir ange- fuͤhret haben/ welche um weitlaͤufftigkeit zu veꝛmeidē/ hie muͤssen vorbey gegangen wer- den Solten wir nun die andēre Classes re- rum durchgehen/ als/ die Thiere/ Baume und und Lateinischen mit den Teutschen. und Krāuter/ Speisen/ Kleidungen/ Acker- bau/ Bauwerck/ Schiffart/ Fischfang/ allerley Haußgeraht/ Maaß/ Gewicht und Zahl/ die Nahmen der Oehrter/ Staͤdter/ Lānder/ Berge und Fluͤsse/ die Nahmen der Weiber und Maͤnner/ die Nahmen der Aempte/ Verwandschaff- ten/ die Pronomina, Conjunctiones, In- terjectiones und andere Particulas, Acti- ones Facultatis vegetativæ, locomotivæ Intellectus, Voluntatis und viele andere din- ge mehr: es konte ein grosses Buch da- von zusammen getragen werden/ und werde ich ob GOtt will hievon absonder- lich und außfuͤhrlich handeln. Aventinus schreibt Annal. Bojorum lib. 1. p. 10. von Joanne Camerario à Dalburgio, daß er etli- che tausend Griechische Worter zusam- men gelesen/ die in der Teutschen Sprache eben dasselbe bedeuten. Was wir hie er- wehnen/ ist nur oben hin beruͤhret/ und aus einem grossen Vorraht gleichsam zum Vorschmack vorgetragen worden. Wer nun auß so vielen Exempeln gleichwol nicht k 3 schlies- Das VII. C. Gleichh. des Gr. und Lat. ꝛc. schliessen wolte/ daß die Griechische und Lateinische von dem Teutschen und den verwandten Sprachen zum theil ihren Uhrsprung genomen/ und vermeinte daß diese Gleichheit so von ungefehr kom- me/ der hat gar keine Fāhichkeit von die- sen Dingen zu urtheilen. Wir lassen nun dieses biß zu einer vollstāndigen Eroͤrte- rung außgesetzt sein/ und kom̄en zum andern Theil. An- II. Theil. Von der Teutschen Poeterey Uhrsprung und Fortgang. Das I. Cap. Von dem auffnehmen der rei- menden Poeterey bey frembden Voͤl- ckern/ und zwar erstlich von der Poete- rey der Frantzosen. Einhalt. W Orum wir von der Außlaͤndischen Poesey zu erst handeln. Die Frantzosen haben jederzeit das Lob der Beredsamkeit gehabt. Die Poe- terey ist mit sonderlichem Fleiß von ihnen außgeuͤbet. Die Provincial Poeten bey ihnen. Claude Fauchet, Jean Nostredame handeln von ihnen. Aquitanien und die Stadt Tolosa ist ihr vornehmster Sitz ge- wesen. Sie sind Romains und die Sprache die Roͤm- sche Sprache genant worden. Franckreich in Frantzen und Provinciales getheilet. Die grossen Herren haben die Poetischen Spiele angestellet. Wodurch die Po- eterey in grossen Ruff gekommen/ und die Provincial Sprach bey alleu Außlaͤndern wehrt gehalten. Die k 4 Itali Das I. Cap. Von der Frantzosen Itali haben den Provincialibus viel Erfindungen abge- sehen. Die Frantzen haben es den Provincialibus nachgemacht: Cour d’ amour, arrest d’ amour Die alten Spiele zu Tolosa Jeux-fleureaux genandt. Beschreibung derselben. Gesetze der Spiele. Lob des Hn. de Caseneuve. Troubadours, Trouver- res, Chanterres, Jongleurs. Preißwuͤrdigkeit der Frantzoͤsischen Nation. Ihre sonderlich. Zunei- gung zu der Poeterey Clement Marott, ein guter Epigrammatist. Sanmarthani Zeugniß von ihm. Ronsard ist zu seiner Zeit in grossen Beruff gewesen. was an ihm zu loben und zu tadeln. Malherbe hat zum ersten die beste Richtigkeit in die Poesey gebracht. Godeau legt ihm ein grosses Lob bey. Balzacs Urtheil von ihm. Die Vergleichung mit ihm und Ronsard. Theophile ahmt ihm nach; aber er folgt doch seinen ei- genen Phantaseyen. Voiture ist in festivo genere besser als in serio. Moliere ein beruͤhmter Comedi- enschreiber Corneille. Regnier. Rablais Re- nati Rapini Uhrtheil von der Frantzosen/ seiner Lan- desleute/ Poeterey. Chapellaine. Menage. Colletet von dem Leben der Frantzoͤsischen Poeten. Sorelli Bibliotheque Francoise. Academie Fran- coise zu außuͤbung der Frantzoͤsischen Sprache auffge- richtet. Dieselbe wird von dem Sorbier der Lateini- schen vorgezogen: aber ohne Grund. Isaacii Vossii Meinung hievon. Wir Poeterey. W Ir haben in dem vorigen Theile von der Teutschen Sprache Alter- thum geredet: nun kommen wir auff die Poeterey selber/ davon ich nicht also handeln will/ wie man ins gemein zu thun pfleget. Es haben einige grosse Buͤ- cher angefuͤllet/ von den Regeln der Teut- schen Ticht- und Sprach-Kunst/ welcher Leute Schrifften ich allhie unberuͤhret las- se: als der ich nicht gesonnen bin/ frembde/ und gantz uͤberfluͤssig außgefuͤhrte Arbeit/ von neuen vorzustellen. Wir haben an diesen Buͤchern gar keinen Mangel/ und were eine thoͤrichte Sache von einem Papier auffs andere zu schreiben. Allhie wollen wir von dem Uhrsprung und Fort- gang der Teutschen Poeterey handeln: damit aber solches desto gruͤndlicher gesche- hen koͤnne/ wollen wir vorher/ der Auß- laͤndischen Voͤlcker/ als der Frantzosen/ Italiaͤner/ Hispanier/ und deñ auch der Engellaͤnder und Niederlaͤnder reimen- de Poeterey anfuͤhren/ um zu sehen/ ob ettwa bey denen dieselbe ehe als bey den k 5 Teut- Das I. Cap. Von der Frantzosen Teutschen entsprungen: Zumahlen/ da fast unter allen denselben/ einige sich fin- den/ welche den Vorzug ihnen anmassen. Wir fangen von den Frantzosen an/ welche Nation an Sinnlichkeit/ und nei- gung zu der Poeterey den andern billig vorzuziehen ist. Es ist bekant/ wie bereits die alten Gallier sich in der Beredsamkeit hervor gethan. Tacitus gibt ihnen das Lob der Tapfferkeit und Beredsamkeit. Marcus Cato thut deßgleichen/ welcher an ihnen ruͤhmet/ argutè loqui. Es war zu Ciceronis zeiten schon der Stylus Gallicus im Beruff/ und ward Cicero selber von dem Rufo vor einen Allobroger geschol- ten/ wie beym Juvenali zu sehen. Sido- nius Apollinaris lib. 3. Epist. 3. von dem Arvernis redend bezeuget: quod în Arver- niam undique gentium confluxerint studia li- terarum, ubi sermonis Celtici squamam de- positura nobilitas, nunc oratorio stylo, nunc etiam camœnalibus modis imbuebatur. Hieronymus lobet auch an einem Ohrte ubertatem nitoremq; Gallici sermonis, von wel- Poeterey. welchen ferner nachzulesen Savaro ad Si- donii Apollinaris loc: citatum, und Cresol- lius Vacat. autumnal. lib. 1. cap. 4. wie auch Piccartus in einem absonderlichen Buch genant Celtopædia. Damit wir aber auff die naͤhere Zeiten kommen/ und auff die Landsprache an sich selbsten: So ist zu wissen/ daß vor den Italiaͤnern und Spa- niern/ ja auch zum Theil den Teutschen/ so die gemeine reimende Poesey außgeuͤbet/ nicht leicht eine Nation gewesen/ dar- innen mehr Poeten sich befunden/ auch mehr wercks von der Poeterey gemacht/ als eben bey den Frantzosen. Claude Fau- chet ein beruͤhmter Frantzose/ hat in einem Buch dessen titul: Recueil de l’ origine de la Langue \& Poësie Francoise, Ryme \& Ro- mans weitlāufftig von dem ersten Uhr- sprung der Frantzoͤsischen Poeterey ge- handelt/ und ein Register der Autorum und der von 127. Tichtern vor dem 1300 den Jahr geschriebenen Poetischen Wer- cke/ gesetzet/ welches alles der Verdier in seine Bibliotheque uͤbersetzet. Der erste Das I. Cap. Von der Frantzosen erste den er herbey bringet ist Mr. Eustace welcher zu Friderici Barbarossæ Zeiten im Jahr 1155. gelebet. Sie sein aber fast alle Provinciales, welche vor allē andeꝛn in Franckreich jeder zeit den groͤsten Ruhm gehabt/ welcher Leben in einem absonder- lichen Buch Johannes Nostredamus be- schrieben. Diese Poëtæ Provinciales wur- den die jenigen genant/ welche in Aquitanien wohnten/ und zu Tolosa ihre Versamlung hatten. Denn seit dem Aquitanien den titul eines Koͤnigreichs gehabt/ ist Tolosa die Hauptstadt gewesen/ und hat man daselbst alle Zierlichkeit des gantzen Landes gehabt. Sie war gleichsam eine Quel- le/ worauß das gantze Land geschoͤpfet. Es ist bekant/ was schon Ausonius ihr vor Lobspruͤche geschriebē. Strabo lib. 4. schreibt von den Aquitani ern/ dz sie vor keine barba- ren zu halten/ sondeꝛn fast alle die Roͤmische geschicklichkeit/ Sprache und Lebens art an sich haͤttē. Der Sulpicius Severꝰ in vitâ S. Mar- tini macht gar einen Unterscheid unter einē Gallier und Aquitanier, und eignet diesem die Poeterey. die Hoffsprache/ jenen aber die Baurspra- che zu. Diese Zierlichkeit ist durch alle Zeiten geblieben/ wiewoll sie von Jahren zu Jahren sich in etwas geaͤndert. Und diß war ebē die Ursache/ warum sie Romani, Romains und ihre Sprache Roman ist ge- nant worden/ und daß die Koͤnige sich an- fangs Roys des François \& des Romains geschrieben. Nachgehends wie die Go- then und andre Nordische Voͤlcker alles uͤberstroͤmten/ haben sie die Sprache in so weit geaͤndert/ daß man dennoch die Fußstapffen der alten Lateinischen sehn koͤnnen/ die aber mit der Fremb- den sehr gemischt war/ da sie lingua Ro- mana Rustica genant worden. Welche Sprache hernach geblieben; darin noch das formular des Eides zwischē Carolo Cal- vo, und Ludovico Germanico verfasset/ das Nitardus lib. 3. erwehnet und Marqurdus Freherus mit Anmerckungen herauß ge- geben. Diese Roͤmische Sprach ist die Provençal Sprache auch genennet wor- den/ und die Voͤlcker/ die sich deren ge- braucht Das I. Cap. Von der Frantzosen braucht nante man Provinciales. Es waren aber die Voͤlcker Franckreichs da- mahls durchgehends in Francken/ und Provinciales getheilet ; unter den Provinci- alibus begriff man die von Languedoc, die Burgunder/ die Allemannos und Gascones welche die Gothischen Provinciales genañt wurden. Bey diesen ist das Poëtisi ren sehr gemein gewesen/ davon auch der Nahme der Romainen und Romancen ge- kommen; weiln sie sich der gleichē Fabeln zu erfinden sehr angelegen sein liessen. Es mei- nen auch etzliche daß die gantze Art zu rei- men von ihnen hergekommen/ welches ich nicht fuͤr glaͤublich halte/ davon aber in folgenden mit mehren soll gehandelt wer- den. Es hat so viel sinnreiche Geister die æmulation der unterschiedlichen Herrn auffgeweckt. Dann da ein jeglicher sei- nen eigenen Hoff angestellet/ um dieselben beruͤhmt zu machen/ hat man alle lustige und Kunstreiche Koͤpffe an sich gezogen; welche sich dann in grosser Zahl eingefun- den/ da sie gemerckt daß die Herren ihr Lob Poeterey. Lob gern außgebreitet gesehen/ und sie selbst Ehre uñ belohnung davon zu gewar- ten. Dadurch ist die Poeterey in so grossen Ruff und Auffnehmen gekommen/ daß auch der Adel/ ja selbst Koͤnige/ Fuͤrsten und Grafen/ dieses Lob begierlich suchten/ auch die vornehmsten Frauen und Jung- frauen/ theil daran zu haben verlangten. Die Provincial Sprache ward so hoch ge- halten/ daß auch die Außlaͤnder/ als Spa- nier und Italiāner hierinnen zu schreiben anfingen: hernach wie die Italiaͤner ihre ei- gene Sprache auch etwas außzuuͤben an- gefangen/ so haben sie doch die meisten Zier- lichkeiten von der Provincial Poeten Erfin- dungen genommen/ wie diß Bembus lib. 1. Pros. bezeuget/ worauß die Oehrter Bo- rellus in der Vorrede seines Buchs Tre- sor de Recherches \& Antiquités Gauloises angefuͤhret. Es ist unter den Provin- cial Poeten Arnaud Daniel gewesen im Jahr 1189; welchem Petrarcha viel gute Er- findungen abgesehen: wie beym Verdiero angemerckt ist/ und gedenckt Petrarcha sei- ner Das I. Cap. Von der Frantzosen ner selbst in Triumph. Amoris. c. 4. Her- nach haben auch die Frantzosen nach dem unter ihnen die Hoffstatt auffgerichtet es den Provincialibus nachmachen wollen/ aber es ist gegen der Provincialium Poesey die ihre nichts zu schaͤtzen/ welche mehren- theils das beste auß den Provincialibus her- außgenommen. Man hat eigene zusam- menkuͤnffte/ Comitia Poëtica angestellet/ worinnen man die Verse hergesagt/ und um den Sieg gestritten. Der Ohrt ist genannt worden Cour d’ amour, und der Außspruch arrest d’ amour, weil die Verse von Liebessachen gemeiniglich gehandelt. Es sein aber keine leichtfertige grobe Zoten vorgebracht worden/ sondern ehrliche Schertze. Woruͤber die geehrteste Ma- tronen den Außspruch gegeben: denn die- se hatten in solchen ergetzungen ihren Zeit- vertreib/ wenn die Maͤnner des Krieges warteten. Welche aber zu Hause ihren Turnierspielen uñ deꝛgleichen Ubungen ob- lagen/ und ihre in Versen beschriebene Zū- ge und Siege ihrem Uhrtel uͤbergaben. Diese Poeterey. Dieser Cour d’ Amour wird hin und wie- der bey den Poeten selbst/ auch bey einigen Historicis gedacht. Vor diesem hat man zu Tolosa dergleichen Versamlungen auch gehabt/ welche genannt worden College de la science de Rhetorique oder dela gaye science. Die Spiele an sich selbsten sein Jeux fleur eaux, oder Floralia genant/ wur- den alle Jahr den 1 und 30 Maji gehalten. Auß solchen Zusammenkuͤnfften wurden reimweiß geschriebene Briefe durch die gantze province außgefertiget/ uñ alle vor- trefliche ingenia eingeladen/ ihre Carmina oͤffentlich herzusagen. Es wurden sieben Maͤnner hierzu erwehlet/ welche Main- tenedors del gay saber genannt worden. Am ersten Meytage/ wurden die Carmina vorgelesen/ des tages hernach/ hielte man der Belohnung halber Rath/ und am letzten des Maji, wurden die Pre ise zu erkant/ als ein Violette d’ or und der titu- lus le Docteur en gaye science. Hernach hat man zu den vorigen Preisen noch zwey andere silberne Blumen gethan. I Die Das I. Cap. Von der Frantzosen Die Gesetze in diesen Spielē waren folgen- de: Kein Ketzer ward dieser Blume fāhig erkant/ auch keine Frauensperson/ wo sie nicht von sonderlicher Gelartheit/ auch schweren koͤnte/ daß sie ihre Verse selber verfertiget. Welche eine Blume erhalten/ koͤnten nicht eher als nach drey Jahren um die andre anhalten. Es konte keiner ein Baccalaureus werden/ er haͤtte denn ei- ne Bluhme uͤberkommen: Keiner ein Doctor, es hetten ihn deñ erst die Mainte- nedores und der Cantzler examiniret in allen den stuͤcken der gayæ scientiæ, wie sie es nennten. Nachdem muste er in gebun- dener Rede anhalten um den Stul/ oder Catheder, um das Buch/ und den Hut: Worauff dann in Versen geantwortet wurde/ und ihm alles zuerkant. Denen die die vornehmste Blume la Violette ge- nañt uͤberkamen/ wurd der titul de fin aymant, eines treuen Liebhabers gege- ben. Dieses alles hat sehr weitlaͤufftig und mit allen umstaͤnden/ auß den alten Schrifften hervor gesucht der gelahrte Mr. Poeterey. Mr. de Caseneune in seinem Buch/ dessen titul: l’ Origine des Jeux-fleureaux de Tou- louse welches zu Toulousa selbst im Jahr 1639 heꝛauß gegeben. Von dessen gelahrten Hand wir noch viel schoͤnere Schrifften von Franckreichs antiqui taͤten zu erwar- ten gehabt/ wenn ihn nicht der Tod zu fruͤhezeitig hinweggerafft. Es scheinet daß her nach erstlich hervorgekommen die- jenige die sie Troubadours, Trouverres, Chanterres, Jougleurs, Conteours genañt. Die Troubadours oder Trouverres waren die Erfinder der Reime und der Lieder/ die andern spielten sie auff allerhand In- strumenten, oder sangen sie auch. Harstoͤrf- fer in seinem Specimin. Philolog. Germ. disquis. 9. §. 6. wirfft diese Troubadours und Poëtes Provencales untereinander/ und stellet ein Bildniß vor so er auß den Chastueil genommen. Von diesen kan Claude Fauchet in vorerwehntem Buch chap. 8. nachgesehen werden. Wir ersehen hierauß die Preißwuͤrdigkeit die- ser vortreflichen Nation, welche zu jeder- l 2 zeit Das I. Cap. Von der Frantzosen zeit den Verstand außzuuͤben/ und die Sinnreichen Kuͤnste zur Vollkommenheit zu bringen sich bemuͤhet. Wir sehen/ wie sie auch schon zu der Zeit den alten nichts bevor geben wollen/ welche ihre Ludos und Agones Poëticos zu erweckung mun- terer Gemuͤther angestellet. Man kan noch auß den fragmentis, welche bey Clau- de Fauchet, Nostredame, Verdiere, und in absonderlichen Wercken vorhanden/ sehen/ was fuͤr ein Geist aus den Schriff- ten hervor leuchte deren sich auch die Ita- liāner und der siñreiche Petrarcha selbst an verschiedenen Ohrten bedienet/ und welche noch itzo unsre so zarte Ohren wol ver- gnuͤgen koͤnten/ wenn nur die Erfindung in ein zierlicher Kleid verhuͤllet. Wie die Spiele endlich in Abgang geriethen/ so ist dennoch die Lust zu diesen Wissenschaff- ten beygeblieben/ und hat sich von Jah- ren zu Jahren vermehret/ auch die Wis- senschafft selbst sich gebessert. Es ist nicht dieses Ohrts alle und jede Frantzoͤsische Poeten so nach und nach entstanden auff den Poeterey. den Fingern herzuzehlen. Wenn man des Verdiere Bibliothec nur durchlaͤufft/ so wird die Zahl der Poeten die groͤste sein/ da- von er bißweilen einige sehr annehmliche Proben herbey bringet. Und ist nicht zu leugnen/ daß sie an der Zahl andren Na- tio nen weit uͤberlegen sein/ insonderheit weñ wir die alten/ die Verd it re auffgezeich- net/ den neuen hinzu thun/ die theils von dem Sorel, erwehnet/ theils noch taͤglich neu gebohren werden. Es ist auch der Fleiß zu loben/ daß sie nicht leicht etwas arti- ges und zierliches/ es sey eine Satyra, ein Epigramma, oder sonsten was/ uͤberge- hen/ sondern in gewisse Buͤcher Oeuures meslées, Pieces nouvelles, Mercures ga- lantes und dergleichen verfassen. Sorell in seiner Bibl. François. c. 10. zehlet bey sechs oder sieben Buͤcher von solchen außerle- senen Poëmatibus, und ruͤhmet sie sehr hoch. Ja er sagt/ daß einige von Frauen darin gemacht/ die alle der Maͤnner Wercke uͤbertreffen. Nur etzlicher der Vornehm- sten zu gedencken/ so ist wol einer mit l 3 von Das I. Cap. Von der Frantzosen von den ersten/ die nach der alten Pro- vincialischen Poesie/ die heutige auff die Bahn gebracht/ Clement Marott, welcher/ da er kein Gelahrter/ dennoch ein Frantzoͤ- sisches Carmen von sonderlicher artlichkeit geschrieben. Insonderheit sein seine Epi- grammata so woll gemacht/ daß sie vor andern allen den Preiß haben/ und wis- sen/ die nach ihm dergleichen geschrieben/ ihnen seine Erfindungen wol zu nutze zu machen. Scævola Sanmarthanus, so selbst ein guter Lateinischer und Frantzoͤsischer Poet gewesen/ gibt ihm in seinen Elogiis dieses Zeugniß. Si literæ ipsi adfuissent, vix ullus erat futurus Poëta melior. Hoc certè Galliæ præstitit, quod, cum illius tem- poris scriptores sermone uterentur tam im- puro, ut non intelligi possent, primus in meliorem aptè \& dilucidè loquendi viam ingressus sit. Nechst diesem kan ich den Ronsard darstellen/ welcher zu seiner Zeit das groͤste Lob der Frantzoͤsischen Poesey erhalten. Sanmarthanus nennt ihn Poë- tarum ab omnibus seculis secundum Maro- nem Poeterey. nem facile principem, und hat ihn mit ei- nem herlichen lateinischen Epitaphio ver- ehret. Der Koͤnig Carolus IX. hat ihn gewuͤrdiget mit unterschiedlichen Frantzoͤ- sischen Carminibus, welche Ronsard beant- wortet. Er ist von den vornehmsten Ge- lahrten Leuten einem Foͤnix gleich gehal- ten worden. Muretus hat nebst andern seine Verse mit commentariis außgezieret. Neben ihm sein verschiedene andere gewe- sen/ als Jean Antoine de Baif, Joachim du Bellay, Pontus de Tyard, Estienne Jodelle, Remus Belleau, Estienne Pasquier, Olivier de Maigny, I. de la Peruse, Robert Garnier, Jean Passerat, Perron \&c. Aber sein Stern hat alle verdunckelt/ und haben sie ihm alle gern den Vorzug gelassen. Es ist traun eine sonderliche artlichkeit in seinen Sonneten und Oden/ in welchen er/ nach Scaligers Urtheil etwas sonder- liches hat. Er ist von hohen Einfaͤllen/ die er aber selbst bißweilen verstellet/ in dem er gar zu viel Gelehrtheit eꝛweisen wil. In seiner Franciade aber fāllt dieser Geist l 4 zim- Das I. Cap. Von der Frantzosen zimlich weg/ deñ ein Heroicum Carmen mu- ste mit einem groͤssern nachdencken und Ur- theil geschrieben werden. Du Bartas der das Werck der Schoͤpffung in Frantzoͤsi- schem Carmine beschrieben/ ist mehr einem Historico als Poeten aͤhnlich/ selbst nach Sc. Sanmarthani Urtheil. Er affectiret sehr die zusammensetzung der Woͤrter/ nach art der Griechischen beym Homero und Pindaro. Welches aber in der Frantzoͤ- sischen Sprach gar eine unfoͤrmliche und frembde Redensart machet. Malherbe der die groͤste Lieblichkeit und Kunst zu- sammen verbunden/ ward bey seinem Le- ben von wenigen hochgehalten. Denn er hatte viel Neider/ und die an ihm was zu loben funden/ wolten ihn vor keinen Poeten/ sondern vor einen außbuͤndigen Verßmacher halten/ weiln er sich mehr mit Ubersetzungen als mit eigenen Erfin- dungen hervor gethan. Es meldet da- von Balzac an einem Ohrt seiner Schriff- ten: daß/ wie eines seiner Sonneten in ei- ner vornehmen Gesellschafft vorgelesen wur- Poeterey. wurde/ habe man alles daran verwun- dert/ ehe man seinen Nahmen gehoͤret: So bald aber dieser kund worden/ habe man alles getadelt/ und waͤre nichts gu- tes daran gewesen. So seltzam faͤllt bißweilen das Uhrtheil der Leute! Nach seinem Tode aber hat man mehr Wercks vom ihm gemacht/ und auch die gering- sten Zeilen von ihm in dem groͤsten Wehrt gehalten. Der gelahrte Bischoff Godeau, welcher selbst die Psalmen Davids in die sauberste und zierlichste Frantzoͤsische Ver- se gebracht/ hat zu seinem Lobe eine eige- ne Schrifft auffgesetzet/ worin er ihn nen- net l’ honeur de son siecle, les delices des Rois, l’ amour des Muses, \& l’un de leurs plus accomplis chef-d’ oeuvres. Der be- ruͤhmte Menage, welcher selbst die zierlich- sten Frantzoͤsischen Verse geschrieben/ hat des Malherbe Verse mit einem ansehn- lichen Commentario beehret/ welcher in der Vorrede eines Mr. Chevreau gedencket/ der gleichfals uͤber diese Poemata Anmer- ckungen geschrieben. Der Herr Menage l 5 scheuet Das I. Cap. Von der Frantzosen scheuet sich nicht ihn allen seinen Lands- leuten vor zuziehen. Balzac in seiner Lateinischen Briefe einem an den Sil- hon p. m. 196. gibt ihm den groͤsten Lob- spruch: Primus Franciscus Malherba, inprimis viam vidit, qua iretur ad carmen atq; hanc inter erroris \& inscitiæ caliginem ad veram lucem respexit primus, superbis- simoque aurium judicio satisfecit. Non tulit nostros homines inventis fugibus am- plius βαλανηφαγ ν. Docuit quid esset pu- rè \& cum religione scribere. Docuit in vo- cibus \& sententiis delectum eloquentiæ esse originem atque adeo rerum verborumque collocationem aptam ipsis rebus \& verbis plerumque potiorem esse. Ferner sagt er: Perspicaci maximè \& castigato judicio plurima in se, in aliis nimium pene multa inquirens, finxit \& emendavit civium suorũ ingenia, tam felici successu, ut elegantiorum autorum turbam, qua nunc Gallia cele- bratur, una ipsius disciplina Galliæ dede- rit. Man kan ein mehres daselbst lesen. So urtheilte dieser trefliche Mann von Mal- Poeterey. Malherbe, unter welchen und Ronsard er eine Vergleichung angestellet Entretien XXXI, darin er die jenigen ansticht/ die denn Ronsard jenem vorziehen wollen. In- sonderheit hat Richelet ein Commenta- tor des Ronsards einige Verse wieder Mal- herbe gemacht. Es ist aber nicht zu leug- nen daß Malherbe an unterschiedlichen Ohrten sich des Ronsards gebraucht. Von diesen und andern dingen kan nachgese- hen werden Mr. de Racan in seinen Memoi- res pour la vie de Malherbe. Diesem Malherbe folgte Theophile, welcher in dem er die weiche und leichte arth zu schreiben nachahmen will/ auff eine niedrige Kin- dische verfaͤllt. Er folgt mehr seiner Phantasey als dem guten Urtheil/ und ist bey seiner Verwegenheit offtmahlen gluͤcklich. Voiture hat lustige Einfālle in seinen Oden: aber da er die Rede erhe- ben soll/ faͤllt er zu niedrig/ und ist nicht bequem durch hohe Außbildungen/ die dem Lyrico Characteri zu stehen/ eine gros- se Sache vorzustellen. Sonst hat er in Scher- Das I. Cap. Von der Frantzosen Schertzen/ Auffzugen und andern festi- vis den Preiß vor andern. In den Co- mœdien haben die Frantzosen sich sehr hervor gethan/ und hat es niemand hoͤ- her gebracht als Moliere, wiewol er die Regeln der Kunst/ so der Aristoteles vor- geschrieben/ uñ derer andre sich gebraucht/ weit ūberschritten. Er ist aber dennoch gluͤcklich gewesen/ und hat seine verwe- gene Sinnigkeit sich allen beliebt gemacht/ ob er gleich wieder der Comoedie gese- tze/ die vornehmsten Leute des Hofes und des Landes auff den Schauplatz ge- bracht/ und mit ihnen seinen Schertz ge- trieben. Sein Misantrope ist wol eins der besten Spiele/ die er je gemacht. In Tragœdien hat man den Corneille und an- dere gehabt/ welche ihr Werck woll ge- than : aber es ist nicht die Krafft der Woͤrter und der Außbildungen/ welche bey den Griechen ist. Corneille ist durch die Cid erstlich empor kommen/ welche mit unglaͤublichem Vergnuͤgen des Hofes und des Volcks so offt ist auff den Schau- platz Poeterey. platz gekommen/ daß man sich nicht daran ersāttigen koͤnnen. Es wurdē auff des Car- dinal Richelieu angeben einige Zusammen- kuͤnffte gehalten/ daꝛin von allē dieses Werck gar genau geurtheilet ward/ welche Ur- theile hervor gegeben/ und ist das jenige was sie getadelt/ wieder von Corneille ver- thediget worden. Der Herr de Scudery hiedurch auffgemuntert hat eine Tragœ- die erfunden/ dessen titul l’ Amour Tyran- nique, welche dem Cardinal gleichfals ein grosses Vergnuͤgen gegeben. Es hat der Corneille einen Bruder gehabt/ der ihm hierin nichts nachgegeben: Er aber hat endlich diese weltliche Sachen fahren las- sen und sich auff den Kempis de Imitatione Christi in Frantzoͤsische Verse zu uͤberse- tzen begeben. Von andern Comœdien und Tragœdien schreibern/ wie auch von den Schauspielen selbst kan Sorell gelesen werden in seiner Bibliotheque Françoise chap. 10. p. 208. Regnier in seinen Saty ren ist zwar sinnreich/ aber etwas grob. Dem Rablais fehlet die Zierlichkeit dieser Zeit. Uber- Das I. Cap. Von der Frantzosen Uberhaupt von der Frantzosen Poeterey zu urtheilen/ so findet man ins gemein Lebhafftigkeit/ und Sinnlichkeit in Wor- ten und Gedancken/ sie sein geschwinde und weitschweiffend/ ungedultig zu lan- gem nachsinnen/ uͤberfluͤssig in der Rede/ welche natuͤrliche Eygenschafft sie zu ho- hen tieffsinnigen Werckē ungeschickt macht. Ich wuͤrde mich scheuen solches zu schrei- ben/ wenn nicht ihr eigener Landsmann Renatus Rapinus, der Lateinische Verse geschrieben/ die des Virgilii seinen so ehn- lich sein als ein Ey dem andern/ in seinen in Frantzoͤsischer Sprach geschriebenen Reflexionibus uͤber des Aristotelis Poētic. part. 1. refl. 25. dieses bekraͤfftigte/ welches wir auß der Englischen Ubersetzung auff Teutsch hieher setzen, Wir moͤgen uns selbst mit unserm Verstand und mit dem Genio unser Nation schmei- cheln; aber unser Geist ist nicht gnug erhoͤhet/ um grosse Außbil- dungen ( ideas ) zu machen. Wir bemuͤhen uns mir kleinen Dingen/ sein Poeterey. sein in grossen Dingen kalt/ und erscheint in unserm Werck kaum ein Schatten der hohen Poesie, deren Form uns die alten Poeten als Virgi- lius und Homerus hinterlassen. Am an- dern Orthe Reflex 30. sagt er: daß in der Frantzosen Tichterey die Lo- gica oder Vernunfftkunst nicht ge- braucht werde/ sondern es sey ins gemein lauter Pedanterei oder Non- sense. (Denn dieser Worte gebraucht er sich.) dessen er unzehlige Exempel aus dem du Bartas und Ronsard bey- bringen wolle. Ob nun zwar dieser vortrefliche Mann auffrichtig in seinem Urtheil ist/ so scheinet es doch/ wo ers von den heutigen verstanden haben will/ etwas zu streng zu sein: Es ist kein Haupt- werck geschrieben/ seiner Meinung nach/ das dem Virgilio nachahme: So wun- dert mich doch daß er des Chapellaine nicht gedacht/ der ein Heroicum Po- ëma von der Puella Aurelianensi geschrie- ben/ welches dennoch in einigem Werth Das I. Cap. Von der Frantzosen werth gehalten wird: Auch mag des Herrn de Scudery sein Alaric woll gepriesen werden. Sorell gedencket noch des Pere le Moine le Saint Louys, le S. Paul de M. Godeau, le Moyse sauvé de M. de S. Aymant, le Clouis de M. Desmarests, le David de M. de Lesfargue. So hat auch der Herr Sorbier eines von dem Carolo M. oder sein restablissement de l’ empire Ro- main versprochen/ wovon er den anfang in seinem Buch von der Frantzoͤsischen Sprache sehen lassen. Aber hie von als unbekanten Dingen ist nicht zu urtheilen. Rapinus schreibet von den Eclogis, daß ih- rer Landsleute keiner einige tuͤchtige ge- schrieben/ da doch Menage unter seinen Frantzoͤsischen Poematibus etliche hat/ an welchen der scharffsichtigste nichts zu ta- deln finden solte. Die heute schreiben/ befleissigen sich solcher Rennlichkeit und Zierlichkeit/ als immer erdacht werden kan; Da es fast unmuͤglich ist die Scharff- sinnigkeit so vieler gelahrten Leute zu ver- gnuͤgen/ wann man nicht ein vollkomme- nes Poeterey. nes Meisterstuͤck hervor zu bringen ihm getrauet. Es wird nicht alles zu uns herauß gebracht/ wuͤrde also sehr gut seyn/ wenn das Werck von Mr. Colletet ans Tages Licht kommen solte/ welcher von dem Leben der Frantzoͤsischen Poëten ein Werck geschrieben/ das Menage in sei- nen Observat. uͤber Malherbe p. 429. sehr ruͤhmet. Es ist noch einige kleine Nach- richt zu finden in des Sorelle Bibliotheque Françoise chap. 67. Welcher aber mehr ein Panegyristes und Nomenclator als Censor ist. Man ist auch bemuͤhet die Sprache selbst in die richtigste Verfassung zu brin- gen/ wie denn von dem Cardinal Richelieu ein eigenes Collegium dazu angestellet/ und von vielen vornehmen Leuten darin gearbeitet ist. Es ward genant Acade- mie Françoise, davon eine Historische Re- lation an den Tag gegeben ist/ worin von dieses Collegii auffrichtung/ Ordnungen/ Orth und Tage der Versamlungen/ und andern denckwuͤrdt- gen Dingen/ die darin vorgegangen/ von m m de- Das I. Cap. Von der Frantzosen denen Academicis und Gliedern desselben gehandelt wird. Es ist hierauß zu sehen/ wie weit man in diesem Wercke gekom- men/ und geben es die heutigen Schriff- ten zum theil zu erkennen. Ob gleich der vornehmste Zweg nemlich die Verfer- tigung eines Dictionarii seinen Fortgang nicht gehabt. Sorell hat in seiner Bibl. François. p. 12. du progrez de la langue Francois. eine vollenkommene Erzehlung/ wie die Sprache durch jede secula gestie- gen/ und in seinem ersten capit: de la pure- tè de la langue Françoise handelt er von den Autoribus, die hier in bemuͤht gewesen. Wie hoch nun gleich die besserung der Spra- che sich erhoben/ so kan ich doch nicht des Herꝛn Sorbier Meinung billigen/ der unter dem Nahmen Laboureur ein Buch herauß gegeben mit dieser Uberschrifft: Avantages de la langue Francoise sur la langue latine. Worinnen er erweisen will/ daß die Fran- tzoͤsische Sprache vollenkommener sey/ als die Lateinische/ ob gleich Renatus Franci- scus Slusius in einigen Lateinischen Brie- fen Poeterey. fen das Gegentheil wieder ihn behauptet. Sein vornehmster Grund ist/ weil die Frantzoͤsische Sprache die Gedancken viel richtiger und ordentlicher außdruͤcke/ als die Lateinische/ die die Woͤrter und Mei- nungen verwerffe/ und nicht secundum concipiendi modum alles außspreche. Nun ist zwar dieses nicht nur der Fran- tzoͤsischen sondern vielmehr der Teutschen eigen: und beruhet hierin die natuͤrli- che Ubereinstimmung. Die Griechische und Lateinische Sprache aber sind auff eine kunstreiche Maaß der Sylben gerich- tet/ wornach die gantze Zusammenfuͤ- gung des Periodi sich schicken muß. Er Sorbier hat zu behauptung seiner Mei- nung die 30. Ode des 4. Buchs auß dem Horatio in Frantzoͤsisch uͤbersetzet/ mit eben so viel Strophen und Versen/ zu er- weisen/ daß die Frantzoͤsische Sprache mit eben so viel Worten eine gleiche Rede auß- bilden koͤnne. Aber es hat Isaacus Vossius in seinem Buch de Poëmatum Cantu p. 39. diese seine Meinung mit sehr guten Gruͤn- m 2 den Das II. Cap. Von der Italiaͤner den widerleget: und wird in folgenden noch ein mehres hievon geredet werden. Der Herr Godeau in seiner Vorrede uͤ- ber deß Malherbe Poëmata ist fast einer gleichen Meinung: daß er der Frantzo- sen ahrt zu schreiben der Lateinischen vor- ziehet. Das II. Cap. Von der Italiaͤner Poeterey. Einhalt. D Ie Italiaͤnische Sprache eine Mißgebuhrt der Lateinischen. Wird von den Landsleuten hoͤher als die Italiaͤnische geschaͤtzet/ und in oͤffentlichen Schrifften ihr vorgezogen. Andere hingegen tadeln solches. Die Italiaͤnische Spra- che unterschiedlicher ahrt. Toscani sche ist die beste/ und doch mit vielen Provenca lischen Woͤrtern angefuͤllet. Dantes, Petrarcha und Boccacius die ersten Poëten welche die Sprache außgeuͤbt. Urtheil von Dantes Schrifften. Franciscus Petrarcha, der groͤste Poët seiner Zeit. Ihm wird grosse Ehre erwiesen. Hat durchauß zu der Rechts-Gelahrtheit sich nicht be- quemen wollen. Alexander Tassonus hat seine Poë- Poeterey. Poëmata angegriffen. Wird von andern verthaͤdi- get. Nicolaus Villanus verachtete ihn gleichfals. Welche dennoch Beide gute Poeten gewesen. Cl. Verdier zieht den Ronsardum dem Petrarchæ unbillig vor. Commentatores uͤber Petrarcham. Seine ungereimte Carmina. Unterschiedlicher ge- lehrten Leute Urtheil von Boccacio. Lexicon auß dieser dreyen Schrifften. Die alten Toscani schen Woͤrter werden von etlichen sonderlich außgesucht. Die doch beym Petrarcha mit grossen Bedacht gesetzt. Nach diesem ist P. Bembus und I. Casa gekommen. Bembus hat die barbariem auß dem Lateinischen und Italiaͤnischen erstlich verwiesen. Lob des Casæ. Seine Commentatores. Victoria Columna und Margareta Sarrochia vortrefliche Poetinnen. Ariostus hat Bojardo was abgesehen. Torquatus Tassus der beste Heroische Poet bey den Italiaͤnern. Sein grosses Lob. Hat den Trißinum zum Vor- gaͤnger gehabt. Sein Vater ein vortreflicher Poet. Hat bißweilen geraset/ und alsdann die besten Ver- se geschrieben. Sein Gjerusalemme liberata ist von Didrich von dem Werder ins teutsche uͤber- setzt. Herrn Buchners Urthel davon. Seine andere Carmina. Die Academia della Crusca hat sein erloͤstes Jerusalem in vielen getadelt. Paulus Benius hat ihn verthaͤdiget und dem Homero und Virgilio vorgezogen. Belmontes Cagnolus, Paulus Gui- dottus Burghesius haben durchdergleichen Poëmata m 3 sei- Das II. Cap. Von der Italiaͤner seinen Ruhm verkleinern wollen. Mambrunus, Sangenesius urtheilen auch nicht zum besten von ihm. Welche aber nicht in allen zu billigen sein. Guarini Hirtenspiel Pastor Fido. Christian Hoff- mans teutsche Ubersetzung. Ist auch von Unter- schiedlichen bestritten und verthaͤdiget worden. Marini grosses Lob auß dem Lor. Crasso. Sein Adonis von etzlichen gelobet/ von andern getadelt. Ist all zu frey und ungebunden in seiner Poësi. Gaudentii Verthaͤdigung komt ihm hierin wenig zu staat. Ur- theil von den Oden des Chiabrera : von Girolamo Preti und Fulvio Testi. Augustini Mascardi Urtheil von den Italiaͤnischen Poeten. Italiaͤner sein nach- laͤßig in auffzeichnung ihrer Poeten. Gregorio Leti. Die Italiaͤnische Sprache ist woll außgeuͤbet. Vo- cabularium della Crusca wird geruͤhmt. W Ir kommen von den Frantzosen zu den Italiaͤnern/ als welche von jenen das Muster ihrer Ticht- Kunst genommen/ wie sie selbst gestehen muͤssen/ und wir schon in vorigen Cap. angefuͤhret. Es ist die Italiaͤnische Spra- che eine unechte Gebuhrt der Lateini- schen/ durch Vermischung mit der Gothi- schen gezeuget. Welche wie ungestallt sie Poeterey. sie gleich ist/ und ihrer Mutter an Zier- lichkeit nicht zu vergleichen/ so haben doch die Italiaͤner/ diese ihre neue bastard- Rede/ durch einen wunderlichen Trieb der Natur immer hoͤher gehalten/ als die auffrichtige alte Lateinische Sprache/ die sie doch in die Welt gebracht/ und diesel- be andre Voͤlcker gelehret. Denn da sie dieselbe billig zu ihrem alten Stande zu bringen sich hātten bemuͤhen sollen/ so haben sie noch mehr frembde Redensar- ten von andern Voͤlckern dazu gebettelt/ und durch diese Vermischung zierlicher zu machen gemeinet. Francisc. Floridus Sabinus lib. 1. succisiu: klaget sehr uͤber diese Thorheit seiner Landsleute/ und fuͤhret dessen Ursach an/ wie auch Melchior In- chofer in Historia Sacræ Latinitatis lib. 3. cap. 10. welche hieruͤber koͤnnen nachgele- sen werden. Es sein auch etliche auff die- se Gedancken kommen/ daß sie die gemeine Italiaͤnische Sprache in oͤffentlichen Schrifften erhoben und der Lateinischen vorgezogen/ als Joannes Baptista Evan- m 4 ge- Das II. Cap. Von der Italiaͤner gelista Picenus in einer absonderlichen O- ration, und Alexander Tasson Pensieri di- versi lib. 9. qu. 15 . Wieder welche billig zu lesen ist des Johannis Nicolai Saulii Carregæ, eines gelahrten Italiaͤners/ Brieff an Jo- hannem Franciicum Gropallum, welcher unter seinen andern Briefen lib. 2. p. 129. zu finden. Worinnen er weitlaͤufftig den Unfug derselben darthut/ und wie schādlich solche Meinung sey erweiset. Was nun die Sprache anlanget/ so ist sie nicht einerley Gattung von Anfang ge- wesen. Dann gleich wie in Griechenland viel Dialecti waren/ wegen der vielen Voͤl- cker Herrschafften und Nachbarschafften/ also ist es auch in Italien gewesen. An welcher Seiten es Griechenland nahet haben die Calabrier die Griechische Spra- che mit der ihrigen vermischet: Wo es an Franckreich stost/ da haben die Cisalpi- ni viel von der Frantzoͤsischen Sprache angenommen. Die Roͤmer und Tosca- nier, welche mitten in Italien wohnten/ waren am wenigsten diesen Verānderun- gen Poeterey. gen unterworffen. Die Toscaner haben doch mehr Zierlichkeit als die Roͤmer be- halten/ welche jederzeit von frembden Gaͤsten sind verunruhiget worden. Aber der Toscaner Sprache ist gleichwoll mit den Frantzoͤsischen Woͤrtern der Provincia- lium erfuͤllet gewesen/ wie Al. Tasson an vorehrwehntem Ohrte saget: Firenze in particulare era piena allora di Francesi e di Provenzali, da’ quali la lingua nostra prese una infinità di vocaboli. Ihr erstes auffkommen/ und gleichsam ihre Jugend ist gewesen um das Jahr Christi 1300/ da Dantes, Petrarcha und Boccacius gelebt haben/ als die ersten Triumvîri, unter den Italiānischen Poeten. Diese drey haben nach Melchioris Inchoveri Meinung angefangen die gemeine Sprache außzu- uͤben/ so woll in loser als gebundener Rede/ weil sie sich nicht getrauet in der Lateinischen Sprache etwas tuͤchtiges außzurichten/ da alles damahls in voller barbarie war: Wiewoll Petrarcha noch am meisten darin gethan und als ein un- m 5 ver- Das II. Cap. Von der Italiaͤner vermutheter Stern durch die tunckle Nacht hervor geleuchtet. Dantes ist voll von alten Woͤrtern/ unter welchen doch ein tieffsinniges Wesen stecket. Seine Poëmata haben viel Widersacher und ver- thaͤdiger gehabt. Castravilla hatte zwey Buͤcher wieder den Dantem geschrieben/ welche Jacobus Mazonius widerleget/ er- weisend daß des Dantes (divini hominis, wie er sagt) Comœdia unbillig getadelt werde. Diesen Streit haben nachge- hends Belisarius Bulgarinus, und Hierony- mus Zobbius wieder erneuret/ dessen Auß- gang Ianus Nicius Erythræus Pinacoth. I. imag. 38. Pinacoth. II. imag. 21. außfuͤhrlich beschrieben. Jacobus Gaddius libro de scriptoribus tom. 1. p. 206. urtheilt von dem Dante, daß wo sein Werck eine Comœdie sey/ so uͤbertreffe sie viel der Griechen und Lateiner/ wo es aber ein Heroicum Poëma zu nennen/ wāre es allein dem La- teinischen des Virgilii nicht zu vergleichen/ des Homeri seinen Schrifften aber vor- zuziehen. Franciscus Petrarcha die Zierde sei- Poeterey. seiner Nation, ist vor ein Wunder seiner Zeit gehalten worden/ und hat von den vornehmsten Koͤnigen und Fuͤrsten Eu- ropæ die groͤste Ehr bey seinem Leben ge- nossen. Von welchen allen weitlāufftig handelt Thomasinus in seinem Patrarcha redivivo : worinnen er die Historia seines Lebens außfuͤhrlich und mit allen um- staͤnden beschreibet/ so gar/ daß er auch seiner so gepriesenen Katzen nicht verges- sen/ und ihr Bildniß vorgestellet. Der vornehme Rechtsgelahrter Cinus, wel- cher selbst gute Italiaͤnische Carmina ge- schrieben/ wie Gaddius in seinem Buch de Scriptoribus bezeuget/ hat ihn zu der Rechtsgelahrtheit noͤthigen wollen/ aber er hat sich gantz nicht hiezu bequemen wollen/ dann er schreibet an ihn: Stu- dium ad quod me hortaris, servile officium reputo, \& mancipium omnibus se præstant qui illo utuntur. Quis est qui non dicat hæc jura venalia esse \& ad bene rectéq; vi- vendum longè aliis studiis esse inferiora? Quid ad faciendum virum bonum ista con- ve- Das II. Cap. Von der Italiaͤner veniunt? sed quis non videt ad virtutem consequendam nihil pertinere? sed cupi- dum magis mendacem iracundumque ho- minem reddunt. Hat er sich derohalben gantz auff die Philosophie und Poeterey geleget/ und dadurch eine unvergleichliche Ehrerlanget. Diesen Ruhm des Petrarchæ hat nachgehends bestritten Alexander Tasson in seinem Buch Considerationi sopra le rime del Petrarca, col confronto de luoghi de’ Poëti antichi di varie lingue. Wieder denselben hat ihn verthaͤdiget Josephus de Aromatariis, dem der Tasso- nus wieder unter dem Nahmen Crescen- tis Pepe è Susa geantwortet. Dieser Jo- sephus hat wieder zum andern mahl un- ter den Nahmen Falcidii Melampodii in vier Dialogis, den Tassonum angegriffen/ und hat endlich Tassonus dem nicht leicht was ab zu gewinnen war/ mit einem an- dern Buch/ dessen titul Tenta rossa, ihm wieder begegnet. Es ist aber auff des Tassoni sein Vrtheil so groß nicht zu ach- ten. Er war zwar ein gelahrter lustiger/ aber Poeterey. aber verwegener und zancksuͤchtiger Geist/ und ward dieses seines verfahrens halber von allen angefeindet. Und was ist es von Petrarcha zu verwundern/ da er des Homeri selbst nicht schonet/ wie I. N. Erythræ. Pinac. 1. im. 110. erwehnet/ welcher ihn an dem Ohrt nach seinen Far- ben ahmahlet. Von seinen Animadver- sionibus in Petrarcham spricht er: Etrusca Fr. Petrarchæ Poëmataad reprehendendum arripuit, quem unum non modo lyricorum nostrorum, sed Græcorum etiam Latinorum- que omnium principem ponimus; in quem quasdam edidit animadversiones, in qui- bus nihil fere ab eo dictum reliquit, quod non vel tanquam vitiosum reprehēderit, vel ut absurdum neglexerit, vel ut ineptum irriserit, nullam ejus laudem prætermise- rit, quam non sit conatus convellere, labe- factare, evertere. Eben dergleichen Ge- muͤths art hat der Nicolaus Villanus an sich gehabt/ welcher Petrarcham, Ario- stum, Tassum; die vortreflichsten Leute/ vor sich verachtet/ war aber dennoch selbst Das II. Cap. Von der Italiaͤner selbst ein vortreflicher Poet/ insonderheit in ludicro genere: Dann wie Erythræus bezeugt/ edidit eruditissimos de Poësi jo- cosa \& ridiculâ sermones unâ cum facetis- simis suis rhythmis. In Heroico genere hat er Florentiam liberatam geschrieben/ daß nach seinen Tod hervorgekommen/ worinnen nach Erythræi Urthel digni Homero versus. Alexander Tassonus hat gleichfalls ein artig Poëma jocosum geschrieben/ la Secchia rapita, welches Ery- thræus sehr lobet/ darinnen er einen Krieg zwischen den Bononiensern und Mutinen- sern, der um eines Eimers willen entstan- den sein soll/ beschreibet. Theodotus Osius Nov. Opin-Sylvâ. c. 20. macht viel Wercks von diesem Poëmate, und nennt ihn Poë- tam super omnes tum nostrorum tum an- tiquorum seculorum celebrandum. Es bringet auch Jacobus Gaddius in seinem Buch de Scriptoribus tom. 2. p. 245. 246. unterschiedliche Dinge vor/ worin er den Petrarcham tadelt ; Aber es ist von keiner Erheblichkeit/ und ist dieses Mannes Ur- Poeterey. Urtheil nicht hoch zu schaͤtzen; wie im- gleichen des Claudii Verdieri, welcher in seiner ungehoͤbelten Censione Autorum veterum \& recentium, den Ronsardum dem Petrarchæ vorziehet/ worin er dem Mureto wiedersprochen/ welcher das Ge- gentheil behaupten wollen. Selbiger hat auch Petrarcham beschuldigen wollen/ als haͤtte er die erfindung seiner Trium- phorũ auß einem alten Poëten genom̃en/ dessen Lactantius lib. 1. Instit. divin gedencket. Uber den Petrarcham sind viel Anmerckun- gen von vielen geschrieben. Menage in der Vorrede seiner Anmerckungen uͤber des Malherbe Poëmata haͤlt davor/ daß die Zahl der Commentatorum nicht gerin- ger sey/ als derer die uͤber den Virgilium geschrieben. Er hat in der Sprache sich grosser Freyheiten gebraucht/ hat viel gewaltsamer Reyme/ und alte Idio- tismos. Nicolo Franco hat nachgehends in seinem Buch Il Petrarchista genannt/ unterschiedliche Carmina des Petrarchæ hervor gegeben/ die bey seinen Lebzeiten nicht Das II. Cap. Von der Italiaͤner nicht hervor gekommen/ worin er der Reime sich nicht gebraucht. Labbæus in seiner Bibliotheca MStorum p. 67. geden- cket noch unterschiedlicher Carminum des Petrarchæ, die noch nicht hervor gegeben. Boccacius ist den vorigen nicht zu verglei- chen/ die ihn weit an Erfindung und tieffsinnigen Gedancken uͤbertreffen: aber er hat dennoch eine groͤssere renlichkeit in der Sprache beliebet/ und dieselbe zu mehrer Zierlichkeit gebracht. Tassonus schreibt ihm zu daß er der erste sey/ der die Italiaͤnsche Sprache außgezieret. Hieron. Bossius hat ein Buch geschrie- ben des Inhalts: Che la volgar lingua habbia havuto del Petrarcae del Boccacio il compimento suo. Melch. Inchofer Hist. S. Latinit. lib. 3. c. 9. urtheilet also : Bocca- cius naturâ quodamodo factus ad el oquen- tiam, cum probè nosset se cum antiquis la- tinis facile certare posse: maluit tamen in- genium à medio cursu convertere, ut cum summus inter latinos esse diffideret Tulli- um in vulgari eloquentia affectaret. Ne- Poeterey. Neque tamen postea hanc laudem illi con- cesserunt, frigidum appellantes in nugis, qui in seriis, si latinus esse voluisset, magno calore effervebat. Ita qui primus esse ma- luit inter vulgares, quam secundus inter nobiliores, vix gradum inter utrosque ob- tinuit. Franciscus Alumnus Ferrariensis hat auß Dante, Petrarcha und Boccacio ein Lexicon jhrer Woͤrter zusammen ge- schrieben/ unter dem Titul, Fabrica del Mondo; und ein anders/ Richezze della lingua vulgare. Wodurch denen Anlaß gegeben/ die jhre Zierlichkeit suchten in alten verlegenen Florentini schen Woͤr- tern/ welcher viel bey diesen Autoribus zu finden. Deñ solcher ahrt Poeten wurden damahls gefunden/ die nichts anders ge- brauchen wolten/ als die alten Florentini- schen Woͤrter/ welche Jacobus Michalori- us in einer artigen Satyrâ durchgezogen/ dessen Erythæus erwehnung thut Pina- coth. I. im. 157. Von den Triumviris, Dan- te, Petrarcha, und Boccacio hat offter- wehnter Erythræus Pinacoth. III. p. 220. n ein Das II. Cap. Von der Italiaͤner ein sonderlich Lob/ und weiß wegen der alten Woͤrter nichts an jhnen zu tadeln. Inferunt se quidem, sagt er/ in ipsorum ser- monem verba aliqua paulò antiquiora: sed ea miram habent venustatem, \& quia loco sunt posita adeò omnium in telligentiæ sunt obvia atque aperta, ut nulla ferè interpre- tis cujusquam ope auxilioque indigeant. Campanella lobt in seinem Buch de ratio- ne studendi artic. 2. den Dantem vor allen/ ob ideationem Exemplorum, mirificenti- am narrationis, imitationem rationis. Die Zeit von 1400 biß 1500 hat nicht viel son- derliches hervorgebracht/ weiln Krieg/ Pest und allerhand Unruhe die guten Gei- ster schier ersticket. Da ist endlich Petrus Bembus heran gewachsen/ welcher der erste/ der so wol in der Lateinischen als I- taliaͤnischen Sprache die alte Zierlichkeit wieder hervor gesuchet. Johannes Casa in seinem des Bembi Leben gibt dessen ein sattsames Zeugnuß: Par erat atque i- dem eorum error, (Er hatte vorhin von der Lateinischen Sprache geredet) qui Ita- licè scribebant: qui cum duos haberent scri- pto- Poeterey. ptores meâ quidem sententiâ vel cum Lati- nis vel cum Græcis conferendos (Dantem \& Petrarcham ) nam alterius versus \& sua vita- tis plurimum habent \& dignitatis, \& variis ingenii aut etiam artis luminibus referti sunt, \& animum sæpè permovent, atque im- pellunt, ut de amore ne Græcus quidem quisquam melius; alterius oratio dulcis, copiosa, polita, ornata, mollis, faceta, rem ante oculos ponens, ut geri ea quæ legas, non narrari videantur. Hos cum haberent autores duos, utrumque in suo genere ma- ximè excellentem, scribebant ipsi ineptè, abjectissimis verbis, nullus erat ornatus, nullo homine erudito dignæ sententiæ, nulla compositionis aut numerorum ratio. Licet in manus sumere, quæ tunc multi scri- ptitarunt, præter unum Politianum, illum- que ipsum minus dulcem, minus omnino elegantem, quam ut legisse Petrarchæ le- ctissimos versus videatur, cæteros ad unum indignos dico, qui in scriptorum numero habeantur. Unum scurrile vigebat dicendi genus; in eo sanè ridiculi nonnulli; sed n 2 ipsi Das II. Cap. Von der Italiaͤner ipsi quoq; multis in locis inertes \& languidi. Des Bembi seine Italiaͤnische Carmina sein sehr gut/ und nach des Petrarchæ ahrt ein- gerichtet: welchem er insonderheit gefol- get. Gaddius vergleicht jhn dem Bocca- cio, ich halt jhn hoͤher/ ziehe jhm aber den Casam vor/ welcher wie er das zier- lichste Latein zu seiner Zeit geschrieben/ weßwegen er billig von seinen Landsleu- ten hochgehalten wird; so hat er auch im Italiaͤnischen seine annehmligkeit gehabt/ wiewol er in beyden nur wenig geschrie- ben. Gaddius hālt seine Italiaͤnische hō- her als die Lateinische/ nnd zwar nicht unbillig: denn die Lateinischen sind etwas trucken und mager/ und haben nicht sol- chen Geist und Trieb wie jene. Die Flo- rentiner schaͤtzen diesen jhren Calam uͤber alles/ als den zierlichsten Autorem, und der am saubersten schreibet/ wie Erythræus be- zeuget Pinacoth. III. p. 220. Menagius hat einen Commentarium uͤber seine Italiāni- sche Poëmata geschrieben/ dessen er ge- denckt in seinen Observationibus uͤber den Mal- Poeterey. Malherbe p. 503. Ja der trefliche Poet Tassus hat sie selbst mit seinen Anmerckun- gen gewuͤrdiget/ worauß Herr Menage etwas anfuͤhret an gedachtem Ohrt/ pag. 536, wie auch Querengus. Giraldus hālt die Victoriam Columnam vor eine unvor- gleichliche Poetin/ und sein einige/ die sie dem Petrarchæ gleich schaͤtzen. Derglei- chen eine nemlich die Margaretam Sarrochi- am lobt Erythræus Pinacoth. I. imag. 145. welche des Scanderbegs Leben und Thaten/ Etrusco Carmine weitlaͤufftig und zierlich beschrieben. Sannazarius der so trefliche Lateinische Verse gemacht/ hat auch seinen Ruhm in der Muttersprache einlegen wollen mit seiner Arcadia. End- lich folgen Ariostus und Tassus, die in aller Welt bekandte Heroische Poeten/ von deren Trefligkeit und Vorzug gantze Buͤ- cher geschrieben. Es ist nicht zu leugnen daß Ariostus an der Heroischen ahrt die vorgehende uͤbergehe. Er ist groß und hoch von Geist/ seine außbildung ist ver- wunderlich/ seine Beschreibungen sein n 3 Mei- Das II. Cap. Von der Italiaͤner Meisterstuͤcke/ aber das Systema des Wercks an ihm selbsten hat nicht die Voll- kommenheit/ die es haben soll. Vor ihm hat Matthæus Boyardus, Comes Scan- dianus ein Poëma von dem Lobe des Orlan- do geschrieben/ aus welchem/ wie Jacobus Gaddius. de Scriptoribus tom. 1. p. 70. will/ er viel soll außgeschrieben haben/ und hat er unterschiedliche Proben dessen zum Vorschein gebracht: auch hat Thomasius in seinem Buch de plagio §. 362. etliche Oer- ter auß dem la Cerda und Baronio ange- merckt/ woruͤber er eines plagii beschuldi- get wird. Aber dieses auß Boyardo ist von groͤsser Erheblichkeit/ weil sie einer- ley materie unter haͤnden gehabt. Tor- quatus Tassus uͤbertrifft den Ariosto weit/ in seinem erloͤsten Jerusalem/ einem rech- ten Meisterstuͤck/ womit die Italiaͤner allen andern Nationen Trotz bieten koͤn- nen/ welches so viel gelehrte Leute als Scipio Gentilis, Julius Gastavinus, Lau- rentius Pignorius \&c. mit ihren Anmer- ckungen beehret. Es sein dennoch etzliche wel- Poeterey. welche behaupten wollen/ er habe von Georgio Trissino, der vor ihm ein Poëma von dem von den Gothen befreiten Ita- lien geschrieben/ die Form seines Wercks genommen/ wie der des Homeri Ilias ihm zur Nachfolge vorgesetzet. Es ist traun eine weit bessere Einrichtung des Wercks/ und richtiger in allen stuͤcken eines Poë- matis wie der andern Italiāner. Der scharffe Censor Rapinus weiß nichts an ihm zu tadeln/ als daß er bißweilen mehr Zier- lichkeit gebraucht als die Ernsthafftigkeit der Sachen erfodert. Er hat zum Vater gehabt Bernhardum Tassum, von welchem Erythræus Pinac. II. p. 50. saget/ quod omnes concinnitates sententiarum, omnes lepores omnes véneres Græcorum Latinorumque poetarũ Etruscam in poêsin transferre cona- tus fuerit. Seiner gedencket auch Lilius Giraldus in seinem Dialogo II. de Poëtis no- stri temporis; woselbst viele andere son- sten unbekante erwehnet werden/ die in Italiànscher Sprach etwas geschrieben/ und deren viel nicht ans Licht gekom- m 4 men. Das I. Cap. Von der Frantzosen men. Ist also kein Wunder/ daß un- ter solches Vaters Auffziehung/ ein so vollkommenes Muster gebildet ist. Joh. Baptista Manso Marchio Villensis, welchem Torquatus Tassus sein Gespraͤch von der Freundschafft zugeschrieben/ den Johan- nes Miltonus in seinen Poêmatibus Juve- nilibus p. 74. mit einem feinen Lateinischen Carmine beehret/ hat des Torquati Tassi Leben weitlāufftig beschrieben/ worinnen viel sonderliche dinge sein: Unter andern ist nicht vorbey zu gehen/ welches auch Thuanus in dem 113 Buch seiner Historia erzehlet/ daß in seiner Jugend ihn eine Raserey befallen/ welche hernach zu ge- wissen Zeiten wiederkommen; dadurch ihm nicht das Gemuͤth verruͤcket/ son- dern vielmehr so gesaubert worden/ daß er nach solchen Uberfall die herr- lichsten/ tieffsinnigsten unvergleich- lichsten Carmina geschrieben. Gleich als wann er durch eine Goͤttliche Regung were geruͤhret worden. Von derglei- chen Exempeln werde ich einmahl mit meh- Poeterey. mehren in meiner Disser tatione de Enthu- siasmo Poëtico handeln. Sein Gluͤck ist seinem Geiste nicht gleich gewesen/ dann er ein hoͤhers verdient. Aber diß ist ins gemein grossen Maͤnnern eigen/ daß sie bey ihrem Leben nicht nach ihren Ver- dienste gehandelt werden. Erythræus Pina- coth II, p. 74. will nichts von seinem Lobe sagen/ weil er nicht gnug sagen kan. Sein herrlicher Verstand leuchtet hierauß her- vor/ daß er in dem siebenzehenden Jahr seines Alters Theologiæ, Jurispru- dentiæ und Philosophiæ Doctor geworden/ welche Dinge er aber alle hernach ver- lassen hat/ und sich auff die Poeterey allein begeben. Es ist keine Sprache/ darin nicht sein Werck uͤbersetzet. Didrich von dem Werder hat es Teutsch gemacht/ aber es ist alles gezwungen und hat keine son- derliche art. Es hat dennoch dem Hn. Buchnero seine Arbeit einige Vergnuͤ- gung gegeben/ wie auß seinem andern Briefe/ den er an den Opitz geschrieben/ er- hellet: De Poësi spricht er/ ita ego sentio illu- Das II. Cap. Von der Italiaͤner illustrem prorsus atq; eximiam esse \& paria posse facere cum Epica Græcorum Latino- rumque, quorum vineta insigniter cædit. Translationem vero multô \& operosiorem Huberianâ Bartasii \& meliorẽ judico, quan- quam Italica nondum licuit cum nostris con- ferre. Er setzet aber nachgehends auch fer- ner/ was er an ihm tadelt. Des Tassi Gjeru- salemme Conquistata, ein ander Werck/ hat nicht die Vollkommenheit des ersten. Dessen Amynta ist von Menagio mit ei- nem Commentario außgeschmuͤckt. Sei- ne Oden sein voller Leben und Feuer. Dieser so trefliche Mann hat dennoch bey seinem Leben seine Neider gehabt. Die Academia della Crusca hat in seinen Poë- matibꝰ viel zu tadeln gefundē; Aber Paulus Benius hat es mit den Academicis auffge- nommen/ und in einem absonderlichen Buch den Taßum verthaͤdiget. Ja er ist so weit gegangen/ daß er des Taßi Poëma des Homeri und Virgilii ihren vorgezo- gen/ und viel Oehrter auß ihm angefuͤh- ret/ dadurch er solches behaupten wol- len. Poeterey. len. Worin er nach seiner Weise ver- fahren/ dann er ohn dem den alten Auto- ribus auffsetziger als billig ist/ und sein Ur- theil begreifft. Wie er dann des Livii Histori en sehr veraͤchtlich gehandelt/ und ihn/ der doch der vornehmste nach aller gelahrter Leute Urtheil ist/ auß der Zahl der guten Historienschreiber außschliessen wollen. Belmontes Cagnolus hat durch sein Poëma, das verstoͤrte Aquileia, des Taßi seinen Ruhm verkleinern wol- len/ seinen aber dadurch vernichtet/ ob zwar das Poëma an sich nicht zu verach- ten. Paulus Guidottus Burghesius hat des Torquati Tußi erloͤstem Jerusalem ein an- ders/ nemlich das verstoͤrte Jerusalem/ entgegen gesetzet/ in eben so viel Gesaͤngen und Versen. Von welchen beyden Ery- thræus in seiner ersten Pinacotheca zu le- sen. Es hat auch Cardanus von den La- teinischen und Italiaͤnischen Poëten sein Urtheil gefāllet/ welches in tom. X. Para- lipom. lib. 17. c. 4. zu finden. Mambrunus in seiner Dissertatione Peripateticade Epico car- mi- Das II. Cap. Von der Italiaͤner mine hat an dem Tasso und Ariosto zu ta- deln/ daß sie die Unitatem Actionis, welche in solchem Poëmate insonderheit erfodert wird/ nicht in acht nehmen. Beym Tor- quato sein zu viel Episodia, worinnen er sich zu weitlaͤufftig auffhalte. Die auß- theilung und einrichtung des erloͤseten Jerusalems/ wie sie an sich selbst ist und sein soll/ wird ohne Nahmen und Episodiis nebst Homeri und Virgilii ihren vorgestellet in seinen Buch part. 2. quæst. 1. Aber es ist in allen Dingen leichter zu richten/ als selbst etwas ins Werck zu setzen. Sol- che kleine Fehler/ welche die Academie della Crusca auch groß gemacht/ werden leicht durch die andre Vortreflichkeiten uͤberwogen: und faͤllt mir allhie des Ho- ratii Spruch bey: Ubi plura nitent in carmine, non ego paucis Offendor maculis. Beim Ariosto aber sein vielmehr Maͤngel zu finden; welcher sich allzusehr in seinen Episodiis vertiefft/ und mit weitschweif- fenden Romain- Einfaͤllen alles erfuͤllet. Ist also Sangenesius ein unbilliger Richter wann Poeterey. wann er in seinen Satyren de Parnasso lib. 2. cap. 2. schreibet/ daß ietzo auff den Ita- liaͤnischen Parnasso der Torquatus Tassus regire numero magis, quam virtute se- quentium superior. Guarinus hat in den Hirtenspielen ein vollkommenes Muster hervor gebracht. Darin meinen die Italiaͤner/ daß sie allen Griechen und Lateinern zuvor thun. Dessen Pastor Fido ist so beruͤhmt/ und in so viel Spra- chen uͤbersetzt/ daß er niemand unbekant sein kan. Auch neulicher Zeit ist er von dem vortreflichen Christian Hoffmann/ in teutsche Verse uͤbersetzt/ fast mit groͤsser Zierlichkeit als er geschrieben: dann er die Reime hinzu gethan/ und also viel mehr Wercks in der Ubersetzung gefun- den/ als der Autor in der Erfindung/ der sich an keine Reime gebunden. Die- ses Hirtenspiel/ oder wie es der Autor selbst nennet Tragi-Comœdia, ist von un- terschiedlichen angegriffen worden/ und sein deßhalben Buͤcher auff beyden seiten geschrieben worden/ wovon die Nach- Das II Cap. Von der Italiaͤner Nachricht zu finden in des Herrn Vin- centii Placii Buch de Anonymis detectis cap. 15. §. 528. Sonsten scheinet woll/ daß seine Hirten die er einfuͤhret/ mehr Zier- lichkeit haben/ als ihnen Standes halber zu kommen kan/ und der Anstand erfo- dert. Seine Sonneten und andere Car- mina verdienen gleichfalls ihren Lob/ ob gleich einige sie gering halten. I. B. Ma- rinus ein Neapolitaner, der viel seiner Lan- desleute die in der Poèsie beruͤhmt ge- wesen/ gehabt/ wird in dieser sanff- ten Poeterey gleichfalls hochgehalten. Lor. Crass. Elog. d’ huomini litterati part. 1. p. 212. legt ihm diesen Lobspruch bey: Il Neapolitano Ovidio, digno solamente dell’ aurea penna dell’ immortal fenice. Non fu ingegno nelle fecondità de’ versi più di lui dotato della Natura, dolce nel- lo stile, chiaro nell’ espressiva, acuto ne’ pensieri, e mirabile nella varieta de’ com- ponimenti \&c. Er vergleicht ihn mit Martiali, Petronio, und der Griechen Anacreonte, insonderheit aber dem Ovidio, des- Poeterey. dessen Seele gleichsam durch eine Pytha- gori sche Verhausung in ihn gefahren. Sein Vater hat ihn in seiner Jugend den Rechten gewidmet/ dazu er sich/ eben wie der Ovidius, durchauß nicht bequemen wollen. Ob er gleich viel in Lyrico genere geschrieben/ so hat er doch sein meistes Lob durch seine Adonis verdienet. Weil er aber bißweilen etwas unsauber und geil in seinen Reden/ so ist es zu lesen verboten worden. Diß Buch haben F. Thomaso Stigliani und Angelicus Aprosius du Ventiniglia angegriffen. Nicolaus Vil- lanus und Hieronymus Aleander ein ge- lehrter treflicher Mann/ haben es verthaͤ- diget. Besiehe Erythræum Pinac. I. p. 46. und p. 189. Leonem Allatium in Apibus ur- banis, und Vincentium Placcium in Pseu- donymis. p. 193. Caspar Murtula, wie er am Savoischen Hofe/ da er vorhin sei- ner Poesie halber angenehm gewesen/ durch den Marinum herunter gesetzt/ hat denselben erschiessen wollen wie Erythr. Pi- nac. I. p. 33. bezeugt. Es ist sonst dieser Mari- nus Das II. Cap. Von der Italiaͤner nus von denen/ welche ihrem Geiste und Erfindungen die Zuͤgel gar zu frey schies- sen lassen/ und in einem Dinge zu zieren unauffhoͤrlich und unendlich sein/ worin doch gewisse maaß muß gehalten werden/ wenn den Lehrsaͤtzen dieser Kunst ein gnuͤgen geschehen soll. Es vermeinet zwar Paganinus Gaudentius in seiner Ora- tione Apologetica pro Marinianä Poësi, welche in seinem Instar. Academic. p. 95. zu finden: man hātte nicht von noͤthen so gar sich an des Aristoteles Lehrsaͤtze zu halten/ und koͤnne keiner etwas sonder- liches uͤnd ruͤhmliches schreiben/ wann er sich so knechtisch hieran binden wolle. Aber es ist sein Urthel nicht groß zu ach- ten/ als welcher in seiner Schreibahrt wenig Kunst und Fleiß erweiset/ und von seinen Landesleuten deßhalben verach- tet wird. Ist derowegen dem Marino mit seiner Verthaͤdigung nicht sonderlich gedienet. Gabriel Chiabrera, hat in Ita- liaͤnischer Sprach Oden geschrieben/ welcher die Pindari sche hohe ahrt nach zu Poeterey. zu machen jhm vorgenommen/ und sein etliche welche meinen/ er habe seinen Zweg voͤllig erhalten; andere hingegen seyn in dieser Meinung/ es stehe diese Schreib- ahrt der Italiānischen Sprache gar nicht an/ als welche solche schwuͤlstige Composita nicht wol vertragen koͤnne. Girolamo Preti, Fulvio Testi und viel an- dere/ die nicht allhie zu nennen/ verdie- nen ein gutes Lob/ welche kurtze/ sinnrei- che Sonnetten/ Oden und Carmina ge- schrieben/ aber sie schmincken sich allzusehr und verlieren offt den guten Anstand/ in dem sie scharffsinnig und zierlich schrei- ben wollen. Augustinus Mascardus selbst ein treflicher Poet/ ist mit den meisten I- taliaͤnischen Poeten nicht zu frieden/ und istsein Urtheil von diesen zu lesen in seinen Prose Vulgari Discors. 9. worinn er uͤber ein Poëma vom Cometen urtheilet: Sono alicuni poëti Toscani (sagt er) si temerari, che su l’ ali de lor capriccio, tanto intrepi- damente trascorrono l’ aria d’ una proson- tuosa licenza, che tutto il rimanente del o mon- Das II. Cap. Von der Italiaͤner mondo dispreggiano, e non curano punto il maturo giudicio de’ savi; e poi si leggo- no ne’ cartocci infelici di que’ barbari ci- urmatori, figure \& hiperboli si gelate, che apunto hiperboree posson nomarsi, e nate sotto il fiero clima dell’ orse. Es we- re eine gute Arbeit/ wenn jemand aller Italiānischen Poeten Leben und Wercke außfuͤhrlich beschreiben wolte/ denn es seyn jhrer sehr viel/ und uͤbertreffen sie an Geist die Frantzosen/ als welche jhnen gern in jhren Lastern nachfolgen: solche kommen uns selten zum vorschein/ und sein die Italiāner nicht so fleissig die Sa- chen jhrer Landsleute auffzuzeichnen/ wie die Frantzosen. Von denen jetzo lebenden Italiānischen Poeten/ giebt uns die naͤ- heste Nachricht der Gregorio Leti in seiner Italia regnante part. 3. \& 4. worin viel merckwuͤrdiges von denselben enthalten. Ihre Sprache haben sie dennoch besser außgeuͤbt als die Frantzosen/ und viel Fleiß an deren Grammati sche Richtigkeit gewandt. Das Vocabularium della Crusca kan Poeterey. kan dessen Zeuge seyn/ welches Chimen- tellus in seinē Buch de Honore Bisellii cap. 29. ingentem Etruscarum literarum thesau- rum nicht unbillig nennet/ dergleichen Franckreich nicht vorzuweisen hat: zu- geschweigen anderer Buͤcher die der Tosca- ni schen Sprache Sprichwoͤrter und der- gleichen schoͤne Anmerckungen vorstel- len. Das III. Cap. Von der Spanier Poeterey. Einhalt. W Aru mb die Spanier nicht so gluͤcklich in der Poeterey seyn/ als andere Nationen. Sie haben eine gute Faͤhigkeit hierzu. Sie wollen die Romanen erfunden haben. Die sie doch von den Frantzosen erlernet. Barthius meinet die Frantzo- sen haben alle jhre zierlichste Sachen von den Spa- niern. Thomas Spraat ein Engelaͤnder wirfft sol- ches auch den Frantzosen vor. Man thut jhnen a- ber unrecht. Die Spanischen Poëmata seyn mit Romainischen Schwermereyen angefūllet. Diego Ximenes, Quevedo, Gongora. Diesen letzten o 2 lobt Das III. Cap. Von der Spanier lobt Nicolaus Antonius sehr. Camœns ein Por- tugisischer Poët. Michaël de Silveira ein Portu- giese hat ein Heroicum Poëma El Macabeo ge- schrieben. Von welchem Torquatus Tassus ein Mu- ster nehmen wollen. Cervantes Satyri sche Romain Don Quixot. Barthol. Leonard. Argensolæ Oden. Lope de Vega hat 1800. Comoͤdien geschrieben. Sei- ne sonderliche Fertigkeit. Was an jhm zu tadeln. Juan Velasquez de Azevedo hat von den Tragœ- dien geschrieben. Garsias Laso de la Vega. Al- phonsus de Ledesma hat in geistlichen Sachen viel geschrieben. Ist mit dem Beynahmen Divinus geehret. Nicolai Antonii und Campanellæ auff- richtige Bekaͤntnnß von der Spanier Poeterey. Der Spanischen Sprache Uhrsprung von Bernar- do Aldrete beschrieben. Barthii Meinung/ daß die Spanische Sprache der Lateinischen die gleichste sey. Wird widerlegt. I Ch wende mich zu den Spaniern/ einem Volcke/ dessen Ernsthafftig- keit kaum der Poetischen Zierlig- keit faͤhig zu seyn scheinen solte. Aber wir finden doch gleichwol bey jhnen einen Trieb/ der sie hoch genug fuͤhren kan/ so sie nur folgen wollen: dadurch sie auch an- Poeterey. andere uͤbersteigen koͤnnen/ wenn sie sol- ches mit Ernst jhnen vorsetzen. Weiln die allgemeine Landsahrt von der Natur nicht dahin gefuͤhret wird/ als wird nicht gar viel fleiß darauff gewandt/ und die bey den ingeniis sich findende Zuneigung in dem ersten Beginnen gehemmet/ als welche durch die vielheit der Exempeln/ und hochachtung solcher Wissenschafft nicht gereitzet und geleitet wird/ wie bey andern Voͤlckern. Nur wann sich die Na- tur von selbsten hervor thut/ so hat man die herrlichsten Poeten auch bey jhnen gesehen. Man kan diesen Trieb in den alten Lateinischen auß Spanien buͤrtigen Poeten/ als dem Seneca Tragico, Lucano und Martiali sehen. Dann ob man sie gleich beschuldiget/ daß sie ein frembdes Wesen in die Lateinische Sprache ge- bracht: So ist doch ein grosser Tichteri- scher Geist in jhren Schrifften verborgen/ der den Roͤmern selbst zuvor thut/ als des Seneca in Tragœdi en/ welchekein Roͤ- mer so hochgebracht/ des Martialis in Epi- o 3 gram- Das III. Cap. Von der Spanier grammatibus, deren Scharffsinnigkeit un- vergleichlich/ und welche alle andere in die- sem Stuͤcke nachgeben muͤssen. Sie sein et- was spāt zu der heutigē Poeterey gekom- men. Nur haben sie sich vorhin mit ihren Romainen und einigen gemeinen Moren- Liedern sich vergnuͤget. Denn die Ro- mainen wollē sie gar erfunden haben/ wel- ches Nicolaus Antonius in der Vorrede sei- ner Bibliothecæ Hispanicæ behaupten will/ dabey erwenend/ daß dem Ferdinando Haulo einem Marggrafen von Pissarien, durch das lesen dieser Buͤcher ein solcher Muth gewachsen/ daß er dadurch in den Schlachten unglāubliche Thaten verrich- tet. Aber es ist ausser streit/ daß diese art zu Romanciren von dē Provencal Poë- ten in Franckreich nach Spanien und Italien gekommen sey/ welche sie vor an- dern Voͤlckern nachgemacht. Petr. Da- niel Huet in seiner gelehrten dissertation de l’ origine des Romans sagt. l’ Espagne \& l’ Italie receurent de nous un art, qui estoit le fruit de nostre ignorance, \& qui avoit esté Poeterey. esté le fruit des Perses, des Joniens, \& des Grecs. Woselbst viel schoͤnere Dinge hievõ koͤnnen nachgelesen werden. Da nun die Spanier spatt und noch unter zweyhun- dert Jahren die Poeterey und deren Zierlichkeit angenommen/ und sie den Frantzosen und Italiānern abgeler- net/ sowundert mich sehr/ daß Barthius in der Vorrede seiner Lateinischen Uber- setzung der Celestina sagen mag: Si quæ in cæteris Gallica præcipuè delectantia simul \& utilia talia scripta prodeant pleraque vel inventionibus Hispanorum vel illustratio- nibus deberi. Es hat auch ein Engellaͤn- der Thomas Spraat, welcher Anmerckun- gen uͤber des Sorbiers Englische Reise ge- schrieben p. 212. den Frantzosen beyge- messen/ daß ihre beste Comœdien und Tragœdien sie auß den Spanischen ge- nommen. Welches doch dieser sinn- reichen Nation nicht mit Fug kan nach- geredet werden/ als die dessen Proben gnug zu Tage geleget hat. Aber man muß dem Thomas Spraat etwas zu gute n 4 hal- Das II. Cap. Von der Spanier halten/ dessen Nation von dem Sorbier in seiner Englischen Reisebeschreibung etwas zu nahe getreten war/ und deren Ehre er allhie verfechten wollen. Zu den Spaniern wider zu kommen/ so ist gewiß/ daß ihre Gemuͤthsregung alles was sie vornehmen zur hoͤchsten vollkom- menheit bringen laͤst/ auß Uhrsachen wel- che Erythræus Pinacoth. III. p. 163. gar wol und weitlaͤufftig angefuͤhret. Es ist a- ber ihr Trieb zu der Tichterey mit vielen außspuͤrigen Romain schen Gedancken/ als wie mit einer Kranckheit eingenommen/ welche sie in allen ihren Vornehmen be- gleitet. Ihre Ritter die sie einfuͤhren/ muͤssen nothwendig Liebhaber sein. Ih- re Heroische Poëmata, ihre Tragœdien sein mehrentheils mit solchen Thorhei- ten verdorben. Sie ergiessen sich in weit- laͤufftige Digressiones wie Diego Xime- nes in der erobernng von Valencia. Sie ergoͤtzen sich in ihren Einfaͤllen und han- gen ihnen nach/ wollen dinge mit weit geholten Zierrathen mehr und mehr auß- putzen. Poeterey. putzen. Wie solches Quevedo in seinem Werck von den neun Musen/ und Gon- gora in seinen Romancen gethan. Die- sen hālt Nicolaus Antonius sehr hoch/ dessen Werck er nennet posteris admiran- dum potius quam imitandum. Er sagt ferner: Illum si genius accinxisset ad epi- cum fabricandum poêma, hodie nec Helladi Homerum, nec Romæ Virgilium, nec Italiæ Torquatum invideremus. Camoens ein Heroischer Poet auß Portugal/ ge- braucht sich einer schwuͤlstigen auffgebla- senen ahrt zu schreiben in seinen Poemate von Indiens eroberung. Nicolaus An- tonius gedencket eines Portugiesen Mi- chaëlis de Silveira, welcher in seinem zwey und zwantzigsten Jahr ein Poëma He- roicum El Macabæo geschrieben/ von auffbauung des Juͤdischen Tempels welches er saget dem Torquato Tasso so gefallen habe/ daß er solches zur materia eines Poematis erwehlen wol- len; hat aber hernach die Historiam vom Gothofredo demselbigen vorgezogen. d 5 Die- Das II. Cap. Von der Spanier Von diesem/ weil es wenigen bekant ist/ kan man nicht urtheilen. In ihren Hirten- liedern ist nicht sonderliches zartes zu fin- den. Die artigste Satyre die jemahls ge- macht werden kan/ ist des Cervantes ei- nes Secretarii bey dem Duc d’ Alba, welche Don Quixot genannt wird. Die Uhrsa- che die ihn solche zu schreiben veranlasset erzehlet Rapin. Reflexion. poët. 28. part. 2. Er war bey dem Duc de Lerma ersten Staatsbedienten des Philippi III. welcher keine gelehrte Leute geachtet/ in Ungna- den gekommen. Als hat er um sich zu raͤchen/ diese Satyri sche Romain verferti- get/ wodurch er den Romain schen Geist der Spanischen Landahrt/ so durchge- zogen/ daß nichts zierlichers kan erdacht werden. In Odis gibt Nic. Antonius den Preiß einein Bartolomæo Leonardo Ar- gensolæ, den er den Spanischen Horati- um nennet/ welchen die Koͤnigin Christi- na insonderheit hochgehalten. In dem laͤcherlichen zu unterscheiden haben die Spanier eine sonderliche ahrt/ und sein ihre Poeterey. ihre Comœdien voll von sonderlicher Erfindung. Hier in hat bey ihnē den Preiß gehabt Lope de Vega von welchem Rapi- nus sagt/ daß er 300 Comœdien geschrie- ben. Aber er irret weit/ denn es hat Nicolaus Antonius angemerckt/ daß er tausend achthundert geschrieben. Es sein XXV. Tomi davon gedruͤckt: aber es ist eine groͤssere Anzahl geschrieben/ wel- che Nicolaus Antonius mit grossem Fleiß erzehlet hat. Es ist aber kein wunder daß er so viel geschrieben. Dann weil er keiner Reime sich gebraucht/ so hat er viel ehe damit fertig werden koͤnnen. Zu dem ist sein Trieb von Jugend auff un- glaͤublich gewesen. Er hat in seiner Kind- heit andern Knaben Verse in die Feder gesagt/ da er die Buchstaben noch nicht recht bilden koͤnnen. Er schreibt selbst von sich/ daß er die gantze Zeit seines Le- bens durch/ jeden Tag fuͤnff Bogen Pa- pier voll geschrieben: welches wann es zusammen gerechnet wird/ viel mehr außtrāgt. Bey so vielfāltiger Ar- beit Das III. Cap. Von der Spanier beit war es nicht muͤglich alles nach der Richtschnur zu stellen. Denn es ja nicht anders sein kan nach dem gemeinē Sprich- wort: Canis sestinans cœcos parit catulos. Er hat sich an keine Reguln der Kunst gebunden/ sondern seine Feder lauffen lassen/ wohin sie die Gedancken gefuͤhret. Bey ihm machte die Unitas Acti- onis, probalitas und andere Dinge keine grosse Sorge. Diß fand sich von selbsten/ und die Gabe seiner sinnreichen Einfālle machte alles angenehm. Es ist aber billig zu verwundern/ daß den- noch bey solcher Mānge und tāglicher be- muͤhung sie nicht ermattet/ und ihren Preiß behalten/ welchen bloß des Autoris Nahm ihr geben konte. Gleichwol sein bey den Spaniern einige gewesen/ die die Kunst der Dramati schen Poësie und der Tragœdie auß dem Aristotele vor- gestellet. In Spanischer Sprache hat solches gethan Johannes Valesque de Aze- vedo in seiner Idea de la Tragœdie. Es wird von dem Nicolao Antonio auch Gar- sias Poeterey. sias Laso de la Vega des Koͤnigs Ferdi- nandi Raht und Legatus an den Pabst gelobet/ welcher auß den Lateinischen und Italiānischen Carminibus, die er fleis- sig gelesen/ die beste ahrt zu poetisiren angenommen/ auch einige Form der I- taliaͤnischen Reimgebaͤnde der Spani- schen Sprache einverleibet. Dessen Wercke sein mit des vornehmen Philologi Francisci Sancti Anmerckungen zu Sal- mantica im 1574ten Jahr heraußgegeben/ welcher nachgewiesen/ wo der Autor die al- ten Poeten in seinem Wercke gefolget/ und ihnen die Zierlichkeiten abgeliehen. In Geistlichen Sachen lobt er den Alphonsum de Ledesma welcher in kurtzen Spanischen Versen und Epigrammatibus dieselbe vorgestellet/ und den Zunahmen des Di- vini bey ihnen erworben. Metaphoricis inventionibus sagt er/ genio quodam sin- gularique felicitate mancipavit animum, docilis ubique \& accinctus quodcunq; argu- mentum per verba non unius significatio- nis, quo genere Hispanus sermo plurimum viget Das III. Cap. Von der Spanier viget (Homonyma Græca dicunt) acutè ac suaviter describere. Seine Schrifften sein: Conceptos Espirituales, Epigramas y Geroglyficos al Vida de Christo \&c. Es sein viel andere uns zum theil unbe- kante/ die schwerlich ausserhalb Landes kommen. Der offt gemeldete Nicolaus Antonius hat in seiner mit unvergleichli- chem Fleisse geschriebenen Bibliothecâ Hispanicâ viele gesetzet und gelobet/ bey welchem sie koͤnnen nachgesehen werden. Dieser gestehet gerne/ daß es seinen Lan- desleuten an die rechte Kunstrichtigkeit gefehlet. Dann so sagt er in der Vor- rede: Poëtica facultas singularis est nostræ genti, \& si junxissent vulgò nostri artem eruditionemque (ut exteri consuevere) lo- cupletissimæ inventionum naturæ, indu- striamque non in pangendo adhibuissent ac dedolando tantum carmine, sed in eo ad veterum imitationem tam Græci quam latini sermonis vatum confirmando, do- ctrinaque multiplici, ut doctum non minus sit quam elegans, imbuendo, possi- dere Poeterey. deremus planè antè alias omnes gentes Mu- sarum principatum. Dieses auffrichtige Bekāntniß ist zu loben: Dann es pfle- gen ins gemein solche Autores an der Πατριδομανία kranck sein. Aber dieser hat nicht zuviel gesagt/ und wurde diese Na- tion gewiß andere uͤbertressen/ wenn sie mit Fleiß das Werck triebe/ und groͤsse- re anreitzung fuͤnde. Dergleichen Urtheil faͤllet auch Campanella lib. de recta ratio- ne studior. artic. 2. Da er seiner Lands- leute Fehler nicht verhelet: Hispani Poë- tæ, quales Erzilla, \& qui Columbeidem scripsit ad historiam magis accedunt, sed minus benè fictiones inserunt, quas etiam plerumque ab Italis mutuantur: Sane Gar- cilassus Petrarchæ lyram feliciter æmula- tur. Lopes verò Comœdias fingit in ma- teriâ non Comica, sed moribus Hispanicis satis convenientes. Die Spanische Sprache ist meines wissens mit solcher Sorgfaͤltigkeit nicht außgeuͤbt/ wie die an- dern. Ihre Origines hat Aldrete in einem gelahrten Buch del Origen y principio de la Das III. Cap. Von der Spanier la lengua Castellana beschrieben/ welches Ferdinandus de Cordua in Didascalia mul- tiplici cap. 44. nicht ohn ursach lobet. Was sonst Barthius schreibet Adversar. lib. 47. cap. 13. nullum idiotismum Romano pro- piorem esse, und daß sie deßhalben nicht unbillig ihre Sprache die Roͤmische nen- nen/ daß er auch lib. 41. cap. 17. die gleich- heit erweisen wil/ ist nur bloß von sei- ner sonderlichen Zuneigung zu dieser Natio n hergeflossen/ welche er anderen weit vorziehet: Dann die Ursach/ daß bey der noch stehenden Lateinischen Sprache/ Spanien von frembden Voͤlckern einge- nommen/ bey/ deren abgang in Welsch- land und Franckreich erst die frembden Voͤlcker gekommen/ soll ehe das gegen- theil darthun. Dann je eher eine Spra- che durch frembder Voͤlcker vermischung verfaͤlschet wird/ je laͤnger ist sie ja der Veraͤnderung unterworffen. Man hat ja in der Spanischen Sprache so viel Moh- rische/ Arabische/ Gothische/ Vandali sche Woͤrter/ dadurch das Lateinische gar ver- dun- Poeterey. Zu dem zeugen die Exempel/ die Barthius lib. 41. c. 17. anfuͤhret/ gar das Widerspiel. Die Spanier sagen Hermoso, hazer, ha- blar, havo \&c. Die Lateiner formosus, facere, fabulari, favus. Die Italiāner haben ja dieselben Woͤrter behalten; So ist ja jhre Sprache auch auß diesen Exem- peln/ und durchgehends der Lateinischen viel nāher. Das IV. Cap. Von der Engelländer Poeterey. Einhalt. E Ngellaͤnder kommen den Teutschen naͤher. Alte Britannische Poeten. Angelsachsche eine Teutsche Sprache. Jetzige Englische Sprache wird von jhren Landsleuten hochgehalten. Der Grund ist Teutsch. Im uͤbrigen ist sie sehr dermischt. Grosse Freyheit der Engellaͤnder in er- findung der Woͤrter. Der Ubersetzer des Rapini, verachtet alle Sprachen/ und alle jhre Poeten vor p die Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder die Englische. Sein ungeschliffenes Urtheil von der Teutschen. Camdeni Remains, darin von der Eng- lischen Sprache. Ihre Poeterey ist zimlich dun- ckel und verkrochen/ voll von weitgeholten Meta- phoris. Der Koͤnig Ælfredus und Aldhelmus die er- sten Angelsachsische Poeten. Aldhelmus bringt die Britten durch seine Lieder zur Gottesfurcht und Tugend. Ælfredi uͤbergebliebene fragmenta. Ro- main von der Rose ist eine Frantzoͤsische und keine Englische Erfindung. Guillaume de Lorris hat sie erst angefangen: Jean Clopinel de Meun vollfuͤh- ret. Alte Chymische Poeten bey den Engellaͤndern/ die Elias Ashmol versamlet. Unter diesen ist auch Geoffry Chaucer, welcher der erste unter jetzigen Poeten ist. Spencer wird dem Ariosto gleich ge- schaͤtzt. William d’ Avenant. Abraham Covv- ley hat schoͤne Lateinische und Englische Car- mina geschrieben. Wird von seinen Landsleuten dem Virgilio und Horatio gleich geschaͤtzt/ andern vorgezogen. Deren Meinung wird widerlegt. Sei- ne in Englischer Sprache geschriebene Davideis wird des T. Tassi Wercke vorgezogen. Seine Pin- darische Oden. Fehler in den Metaphoris. John Donne ein trefflicher Poet. Jacob Catz, Barlæus haben jhm einige Erfindung abgesehen. Constantin Huigens hat einige Carmina in Niederlaͤudisch uͤ- bergesetzt. Cleveland. Waller. Georg Herbert geistliche Oden. Baconis Verulamii in Verse uͤber- setzte Poeterey. setzte Psalmen Davids. Engellaͤnder wollen in Dramatica Poesi allein den Preißhaben. John Dry- den of the Dramatick Poesie. Teutsche und Nie- derlaͤnder werden von den Engellaͤndern verachtet. Der Autor verheißt eine Dissertation de meritis Germanorum in Literas. Des Rapini Beschei- denheit in seiner Critiq. Shekespeare, Fletcher, Beaumont, Ben: Johnson. Dessen Lob. Johannis Miltoni Poemata. Sein Poema Heroicnm: The Paradis lost. Allgemeines Urtheil von den Engel- laͤndern. V On den Spaniern komme ich auff die Engellaͤnder/ welche allge- mach den Teutschen etwas nāher kommen. Dann welche heutiges Tages von alten Versen noch uͤbrig seyn/ kommen von den Anglo-Saxonibus her die Teutsches Ursprungs sein/ und in Engelland so woll die alten Britanni- schen/ als die Lateinischen gaͤntzlich unter- druͤcket. Von den alten Brittannischen hat Boxhornius in seinen Originibus Gal- licis gehandelt/ in welcher die alten Druides und hernach die Bardi ohn zweiffel einige Carmina oder Lieder gemacht/ aber sie p 2 sein Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder sein untergangen. Chaucer ein alter Eng- lischer Poetbezeugt diß in diesen Versen: The old gentle Brittons in her dayes of divers aventurs maden layes Rymed First in her Mother tongue Whych layes, vvith her Instruments they songe. Die Angelsaͤchsche ist mehr der Teutschen Sprache gleich/ als die heutige/ welche sehr vermischt ist. Was nun die tetzige Engli- sche Sprache anlāget/ so sein einige Lands- leute fleissig gnug das Lob ihrer Sprache hervor zu streichen/ welche sie allen mitt einander vorziehen. Worin man ihrer Liebe zu dem Vaterlande was zu gut hal- ten muß. Sonsten ist nicht zu leugnen/ weil sie den Wōrtern und der Constructi- on nach Teutsch/ sie billig an dem Lob dieser Sprache mit einen Theil habe/ jedennoch daß sie sich nicht unternehme der Mutter vorzugreiffen. Denn es ist beyweiten die rennlichkeit nicht in der Engelschen Sprach die in der Teutschen/ die auß sich selbst bestehet. Dann die En- Poeterey. Engellaͤnder nehmen ungescheut aus an- dern Sprachen was sie wollen und ihnē dienet/ und ist nach ihrem belieben alles gut Englisch. Wodurch sie bißweilen diesen Vorthel haben/ daß sie etwas kuͤrtzer und nachdencklicher geben koͤnnen/ insonderheit in Carmine: Aber dieses ist eine selbst angemaste Freyheit/ oder viel- mehr Verwegenheit/ welche nicht zu bil- ligen/ und von ihren eignen Landsleuten/ welche etwas verstāndiger seyn/ nicht ge- lobet wird. Derjenige der des Rapini reflexions in die Englische Sprache uͤber- setzet/ verachtet die Spanische Sprache/ als die bloß nur zu Rodomontades sich schicke/ und wie eine Paucke in der Music sey. Die Italiānische ist ihm nur bequem zu Burlesque und laͤcherliche Dinge/ und ist wegen der endungen Kindisch: Die Frantzoͤsische ist ihm eine Ruhmspra- che: Die Teutsche grob und ungeschickt/ und noch nicht gnug außgeuͤbt und zur vollkommenheit der Englischen gebracht. Die Englische habe diese Gluͤckseeligkeit p 3 vor Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder vor allen daß sie zur heroi schen Poësie be- quem sey. Ist gar ein Kindisch und naͤr- risch Urtheil. Dann nicht allein die Spa- nische Italiaͤnische und Frantzoͤsische Sprache nicht so veraͤchtlich zu haltẽ seyn/ sondern was den laut anlanget/ bessere Eygenschafft haben/ als die Englische. Daß er von der Teutschen/ darin so viel herrliche Poēmata geschrieben so liederlich urtheilet/ ist eine unverschaͤmte Ver- wegenheit: Deñ ich schier versichert bin/ daß er weder die Sprache verstehe/ noch einige unser Poë ten gelesen. Alles was an der Teutschen Sprache ist/ ist einem Heroico Poëmati bequemer/ als irgend eine andere/ geschweige noch die Engelsche/ die eine bastard-teutsche ist/ und durch die vermischung/ und die Weibische pro- nuntiation gar verdorben/ daß sie schier nichts maͤnnliches an sich hat/ was a- ber gutes an ihr ist/ eintzig und allein der Teutschen/ die ihre Mutter ist/ zuschrei- ben muß. Guilielmus Cambdenus, wel- cher das herrliche Buch Antiquitatum An- gli- Poeterey. glicarum, heraußgegeben/ hat in Eng- lischer Sprach nachgehends einige Re- mains geschrieben/ worin er handelt von denen Dingen die er in vorigem Buche außgelassen. Dieser hat so fort im An- fang dieses Buchs eine Betrachtung von der Votreflichkeit der Englischen Spra- che/ die aber ein ander geschrieben/ und er seinem Wercke einverleibet/ worin er alle Theile derselben durchgehet und behaupten will/ daß sie besser sey als die ander. Ja die Vermischung selber legt er zu ihrem Vortheil aus/ und schliesset endlich: daß in der Englischen Sprache die Seltenheiten und Zierlichkeiten aller Sprachen als ein Schatz verborgen/ und in die divisos orbe Britannos gleich- sam vertheilet sein. Welchen Rhetori- schen oder Poëti schen Strich wir ihm bil- lig zu gut halten/ der sonst alle alte Philosophos und Poeten in derselben zu finden meinet. Er spricht: Will you haue Platoes vein? read Sir Tho. Smith. the Jonick? Sir Thomas Moore. Ciceroes? p 4 Aschan. Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder Ascham. Varro? Chaucer. Demosthenes ? Sir John Cheek (vvho in his treatise to the Re- bells hath composed all te figures of Rhe- torik) Will you read Virgill ? Tak the Earl of Surrey. Catullus? Shakespeare and Bar- rows fragment. Ovid ? Daniel. Lucan? Spen- cer. Martial? Sir John Davies aud others. Will you have all in all for prose and ver- se? take the miracle of our age Sir Philipp Sidney . Daß wir nun zu ihrer Poeterey kommen/ so haben sie dieses eigen/ daß ih- rer viel zimlich verkrochen und tunckel/ so woll in der zusammensetzung der Woͤr- ter/ als in dem Verstande selbst sein. Denn/ gleichwie/ als John Milton in seiner Dissertation of Education angemerckt/ sie mehr mit verschlossenen Munde sprechen als andere Voͤlcker/ so ist ihre Rede auch geartet. Sie belieben die Tieffsinnigkeit/ und in jhren Versen haben sie fast allezeit Metaphysi sche und weit umbschweiffende Conceptus, worauff keine andere Nation leicht dencken solte/ und welche der Sa- che selbst allzu weit entlegen: da man doch sich Poeterey. sich mehr nach dem durchgehenden Ver- stande/ als nach der Schule richten muß/ die solchen dingen eine ungestalte Farbe anstreichet. Hierin uͤbergehen sie die Italiāner selbst/ welche doch in diesen schlipffrigen Wegen offt straucheln und fallen. Daß also billig solche jhre Redens Ahrt nicht unter die ὑψηλὰ, sondern viel- mehr unter die μετέωρα zu setzen. Wovon im dritten Theile ein mehres soll gehan- delt werden. Die āltesten Carmina, da- von wir Nachricht finden bey den Engel- lāndern/ sein wol dieselbe gewesen/ welche der Koͤnig Ælfredus; der Engelland von dē Daͤnen erloͤset/ und in einen neuen woll- eingerichteten Stand gesetzet/ selbst sei- nem Volcke zum besten gemacht/ und es dadurch zur Gottesfurcht und Tugend auffgemuntert. Joann. Speelmannus in vi- tâ Ælfredi Magni lib. 2. n. 38. \& seqq. hat viel von des Kōnigs Poesey: Maximus il- le fuit, sagt er/ post assertum à Danis re- gnum, ejus instaurator \& velut novus fun- dator: nam legibus omnia circumscripsit, p 5 Scho- Das IV. Cap. Vpn der Eugellaͤnder Scholas, Academias instituit, artes \& disci- plinas reduxit: ipse multa carmina rhythmos scripsit, apologos, fabulas, ænigmata ad eru- diendum populum, quibus barbarus po- pulus deliniebatur, inter maximos poëtas sui temporis numerandus. Derselbe Spelmannus erwehnet/ in den notis ad §. 43. daß der Ælfredus in diesen Gesaͤngen zu machen dem heiligen Aldhelmo der fast in die 200 Jahr vor ihm gelebet/ nachgefolgt. von welchen Malmesburiensis lib. 5. de ge- stis Pontificum diejes erzehlet: Nativæ linguæ Aldhelmus non negligebat carmina, adeò ut teste libro Ælfredi nulla unquam ætate ei par fuerit quisquam, poesin An- glicam posse facere, cantum componere eadem appositè vel canere vel dicere. De- nique commemorat Ælfredus carmen triviale, quod adhuc vulgo cantillatur, Ald- helmum fecisse; adjiciens causam, quâ probat rationabiliter tantum virum his quæ videntur frivola institisse. Populum co tempore semibarbarum parum divinis sermonibus intentum cantatis missis do- mos Poeterey. mos cursitare solitum. Ideo sanctum vi- rum super pontem, qui urbem \& rura continet abeuntibus se opposuisse obicem quasi artem contandi professum. Eò plus quam semel facto plebis favorem \& con- cursum emeritum, sensimque inter lu- dicra verbis scripturarum insertis cives ad sanctitatem reduxisse, qui si severe \& cum excommunicatione agendum pu- tasset, profectò profecisset nihil. Die- se sein trefliche Exempel/ wie durch huͤlffe der Poesi die Leute zur GOttes- furcht und Tugend zu bringen. Dieser Koͤnig Ælfredus ist ein rechter Vater sei- ner Unterthanen gewesen/ von dessen Sorgfalt vor die Oxfordische Academia, die er zum Stande gebracht/ Antonius Wood in seiner Historia \& Antiquitatibus Oxoniensibus kan nachgelesen werden. Der Spelmanus fuͤhret an selbigem Ohrte auß einem MSt Bibliothecæ Cottonianæ ei- nige Lehren an/ die Ælfredus zusammen gelesen/ berichtet auch daß in der Ox- fordischen Bibliotheca ein Buch verhan- den/ Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder den mit dem Titul Parabola Ælfredi Regis. Er haͤlt sie aber nicht vor auffrichtig/ in- sonderheit der Uhrsachen halber/ weiln zu der Zeit man nicht so gute Reimen gehabt oder gar keine/ worinnen er doch irret. Dann es sein schon damahls die Reime gebråuchlich gewesen/ wovon in folgenden ein mehres. Der Ubersetzer der Poetischen Reflexio nē des Rapini haͤlt die Romain von der Rose vor das erste Englische Gedichte/ und ruͤcket den Frantzosen auff/ daß sie sich damit groß gemacht. Er nennet deffelben Autorem Richard Baker, bringet aber nichts bey dadurch er solches behaupte. Denn es ja sonst auß der Frantzosen Anmer- ckungen bekant/ und auch auß der Ro- maine selbst/ daß einer Nahmens Guil- laume de Lorris diese Romaine angefangē/ Jean Cloppinell de Meun genant hernach vollfuͤhret. Dieser Lorris hat gelebet zu Zeiten Ludovici uud ist gestorben im Jahr 1263. Der Jean de Meun hat vier- zig Jahr hernach diß Buch vollfũhret. Er Poeterey. Er ist genant worden premier inventeur de Rhetorique Franzoise. Von jhm ist weitlāufftige Nachricht bey dem Claude Fauchet in vormahls erwehntem Buche/ und bey dem Antoine Verdier in sei- ner Bibliotheque. Kommt mir derhal- ben gar nicht warscheinlich vor/ daß es eine Englische Erfindung sey. Der Autor der diese Romaine geschrieben/ ist ein Chymicus, und hat zu dem Ende/ daß er die Heimligkeiten der Kunst verbuͤrge/ diß Werck geschrieben. Denn es sind viel merckwuͤrdige Dinge von dieser Wissen- schafft darin enthalten. Es ist nicht zu leugnen/ daß gar alte Poetische Schriff- ten von dieser Kunst in Engeland vorhan- den seyn. Denn es hat in dieser Nation schon vor alters Leute gehabt/ die in die- sen Geheimnussen grosse Meisterstuͤck er- wiesen/ davon ich an einem andern Ohrt mit mehren erwehnung gethan. Ein Englischer Edelman Elias Ashmol hat ei- nige derselben in einem Buche/ so er Thea- trum Britannicum nennet/ versamlet. A- ber Das IV. Cap. Von der Engellaͤnger ber er gedencket des Richards Bakers mit keinem eintzigem Worte. Welches er doch billig hātte thun sollen. Denn er hat die aͤltesten Poëtas Chymicos darinn/ welche mit recht ποιηταὶ genennet werden/ dann Salmasius Exercit. in Solin: erwiesen/ daß die Chimici mit diesem Nahmen genennet. Der Aelteste Englische Poet wird von dem Ubersetzer des Rapini gesetzet Geoffry Chau- cer, der im Jahr 1400 gelebet. Selbiger ist mit unter den Chymi schen Poeten/ und findet sich in deß Ashmols seinen Tractat ein Getichte/ dessen Uberschrifft The Tale of the Chanons Yeoman; woriñen er von dieser Kunst handelt. Sein Bildnuß und sein Epitaphium welches in der Kirchen zu Westmuͤnster zu finden/ hat er dabey ab- mahlen lassen. Dieser gebraucht sich vie- ler alten Woͤrter und Redensarten/ die nicht mehr gebraͤuchlich seyn. Spencer wird von jhm vor den ersten Heroischen Poeten/ und dem Italiaͤner Ariosto- gleich gehalten. Er wil jhn fast allen vor- ziehen/ die nach dem Vitgilio geschrieben. Er Poeterey. Er muß aber gestehen/ daß er sehr hin- faͤlt und von weitlaͤufftigen unfoͤrmlichen Einfaͤllen ist. Welches diesem seinē Urtheil entgegen steht. Der Torquatus Tassus muß bey jhm auch verkleinert werden/ damit dieser desto groͤsser werde: Nechst diesem setzet er den William d’ Avenant welcher ein Poëma Gondibert genant/ ge- schrieben/ den er zwar lobet/ aber er erzehlet gleichfals seine Fehler. End- lich setzet er den Abraham Covvley, wel- chen er den andern in der Heroischen Poeterey vorziehet. Dieser hat traun den groͤsten Preiß unter den Englischen Poeten verdienet/ weiln er in der Grie- chischen und Lateinischen Sprache keine gemeine Gelahrtheit gehabt/ und nach de- ren Anleitung die gemeine Poeterey ver- bessert. Er hat auch Lateinische Carmi- na geschrieben welche voll von Scharff- sinnigkeit sein/ so wol in Heroico als Ly- rico genere. Daher einige seiner Lan- desleute ihn dem Virgilio und Horatio gleich machen: Darin sie doch viel zu weit gehen Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder gehen. Denn ob gleich er sinnreich gnug ist/ so ist doch bey jhm die rechte sauber- keit/ uñ die ungeschminckte Zierlichkeit der Roͤmischen Sprache nicht zu finden/ und haben alle andere Voͤlcker/ ja auch die Schotten/ die sie ihm weit vorziehen koͤn- nen. Aber unter seinen Landsleuten ist keiner der ihm gleich gehalten werden kan. Thomas Spraat der sein Leben La- teinisch bey den Lateinischen/ und weit- lāufftiger in Englischer Sprache/ bey den Engellaͤndischen Gedichten beschrieben/ setzet diese Worte: In verbis nec curiosus admodum nec nimium negligens. Com- munibus \& usitatis contentus paucissima aut immutavit aut innovavit. Rem præ- cipuè spectabat in eaque immorabatur. Nun betrachte ein Verstaͤndiger/ wie so gar nicht dieses mit dem Urthel uͤberein komme; wann er in folgenden spricht. In duobus postremis pede Heroico usus est, \& absit verboinvidia, si non Virgilium, cæ- teros certe omnes superavit: als wenn es von dem Virgilio noch in zweiffel zu ziehen were. Poeterey. were. Da doch alle andere/ so wol der materia, und einrichtung/ als der Rede halber jhm weit vorzuziehen. Wo irgend in einem dinge/ so ist in der Tichterey de- lectus verborum, qui origo est eloquentiæ, noͤthig/ daß also gar wider alle Vernunfft ist/ wenn man jhn/ als nach jhrem Ur- theil den besten Poeten/ davon ruͤhmet; quod in verbis non curiosus admodum fue- rit. Der uͤbersetzer des Rapini geht etwas bescheidener/ und da er lobt die grossen Gaben dieses Mannes/ die in warheit zu loben sind/ so beklagt er doch/ daß er seine Davideis vor seinem Ende nicht wieder uͤ- bersehen habe/ welches er in seiner Ju- gend gemacht/ uud worin wider die Ge- setze eines Heroi schen Poematis offtmahls gefehlet wiꝛd. Aber des Tassi seinem Weꝛcke ziehet er dasselbe weit vor/ Jn the Davideis (spꝛicht er) there shines something of a mo- re fine, more free, more nevv, and more no- ble air than appeares in the Hierusalem of Tasso, vvhich for alle his care is scar- ce perfectly purged from Pedantry. Die q Wel- Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder Welschen moͤgen diesen Hohn verfechten/ daß man jhren so hochgepriesenen Poeten noch der Pedante rey beschuͤldiget. Ich wuͤrde traun noch vor Tasso sprechen. In den Lyrischen und Pindarischen Getich- ten/ weiß so wol Thomas Spraat als der uͤ- bersetzer des Rapini keinen unter allen I- taliaͤnern zu finden der jhm gleich sey/ da doch diese den Ruhm hierin suchen und vieleicht gefunden haben. Mich daucht es sey vor Covvley Ehre gnug jhnen gleich geschaͤtzt zu werden. Welches Lob er bil- lig verdienet. Die Pindari sche ahrt zu schreiben hat er zum ersten unter seinen Landsleuten angefangen/ wiewol er in den Metaphoris zimlich weit außgehet. Als wann er unter den Pindarischen O- den in der uͤbersetzung der 2 Oden des 4. Buchs Horatii von Pindaro schreibet: The Phœnix Pindar is a vast Species alone. Da streicht das Wort Species als ein Schulwort den Versen eine pedanterey- farbe an/ welche sich nicht wol bey der hohen Redens-Art schicket. Aber es ist schier Poeterey. schier kein eintziger Englischer Poet der sich nicht hierin verstoͤsset/ wovon wir in unserm dritten Theil weiter handlen wol- len. Ferner sagt er in der ersten Stroph. Pindars unnavigable song Like a svvoln Flood from some steep Mountain pours along. Da ist zwar gut daß er des Pindars Carmi- na mit einem lauffenden Fluß vergleichet/ daß Horatius auch gethan/ aber dessen epitheton unnavigable , findet bey dem Worte Song Gesang/ gantz keinen Platz. Dergleichen wuͤrde man viel fin- den/ wenn man alles genau unter suchen wolte. Der Ubersetzer Rapini bringet unterschiedliche Beschreibungen auß La- teinischen/ Italiaͤnischen/ Frantzoͤsischen Poeten hervor/ welche er mit Eng- lischen Poeten vergleichet/ davor hal- tend/ daß jene weit von diesen uͤberwun- den worden; Aber es lāst sich allhie fer- ner nicht davon reden. Es wundert mich/ daß er andere seiner Nation außge- lassen/ als den John Donne, welcher im q 2 acht- Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder achtzehnden Jahr seines Alters tieffsinni- ge Verse geschrieben/ welchem unter den Niederlaͤndern Jacob Catz die Erfindung von der Floͤhe/ die zweyer Liebhaber Bluth gesogen/ abgesehen/ und hernach Barlæus in einer absonderlichen Elegia: Pulex duorum amantium sanguine pastus, besser außgezieret. Der Vortrefliche Constantin Huigens Herr von Zuli- chem und des Fuͤrsten von Orange vor- nehmster Raht hat einige von seinen Getichten in Niederlaͤndisch uͤbergese- tzet/ ob zwar der Koͤnig von Engelland Carolus I. solches vor unmoͤglich gehal- ten. Er hat aber dennoch unter diesen schwierigkeiten solches Werckstellig ge- macht/ ob er gleich mit so vielen frembden Woͤrtern als Ecstasis, Atomi, Influentiæ \&c. sich hat plagen muͤssen/ und solche in gut Niederlaͤndisch versetzen/ welches die Engellaͤnder nicht achten; Denn wie Herr Huigens sagt: haer taele is alle taelen, en als’t haer belieft, Grieesch en Latyn syn plat Engelsch: deñoch hat er voꝛ keine gerin- ge Poeterey. ge Sache gehalten/ diese in Niederlaͤn- disch uͤbersetzt zu haben. Tis my veel eers (spricht er) soo grooten Man nagestamert te hebben, ende vel genoegens sal’t my geven, soo mijn stout vordoen betere pen- nen aengemoedigt moge hebben om ons Land vvijder deelachtigh te maecken van so veel overzeesche Kostelikheden, als ick met schrick ende eerbiedigkeit ongeroert gelaten hebbe. Sehet hier ein trefliches Zeugniß/ von einem so grossen Mann/ der dieses John Donne seine Poetische Wercke/ die er in seiner Jugend geschrie- ben/ (denn in seinem Maͤnnlichen Alter hat er als Decanus der S. Paulus Kirchen viel geistreicher Predigten hervorgege- ben) so hoch gehalten/ daß er sie des U- bersetzens wuͤrdig geachtet/ der in seiner Sprache nicht allein/ sondern auch in der Lateinischen so viel herrlicher sinnreicher Verse geschrieben/ die diese selbst uͤber- gehen. Wir findenaber auch allhie den Mangel allzu grosser Kunst und Wissen- schafft/ der nicht an bequemen Ohrt an- ge- Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder gebracht wird. Man hat ferner des Clevelands, Edmond Wallers, John Den- hams Englische Poëmata, welchen nichts an gutem Geist und Einfaͤllen gebricht/ und andre mehr/ daran unser Censor nicht gedacht. George Herbert hat sehr gute Geistliche Oden geschrieben/ auff welchen Abrah. Covvley eine trefliche Lobschrifft gemacht/ und dem der Cantzler Baco Ve- rulamius seine in Verse uͤbersetzte Psal- men Davids zu geschrieben hat/ welche selber von keinen gemeinen Geiste seyn; und in den Englischen Schrifften die nach seinem Tode hervor gekommen zu finden. Was ihre Tragœdien anlanget/ so urtheilet Rapinus, daß sie vor allen an- dern Voͤlckern hiezu eine sonderliche nei- gung haben/ weil daß Gemuͤth dieser Nation an Grausamkeit eine sonderliche Ergoͤtzung habe. Wodurch sie zugleich gelobet und gescholten worden. Der U- bersetzer leugnet dieses nicht/ aber die Uhrsache will ihm nicht anstehen/ uͤber- laͤst solches den Tragœdi enschreibern zu un- Poeterey. untersuchen/ ob der gemeine Trieb der Nation, oder ihre Eigensinnigkeit veran- lassen/ daß ein solch Urtheil von der best- gesinnten Nation unter der Sonnen (es beliebt sie solchen Lobspruch ihnen selbst bey zu legen) von Frembden gefaͤllet wer- de. In der Dramati schen Poësie, sagt er/ hat die Welt nichts/ daß mit den Engel- lāndern zu vergleichen. John Dryden ein gelehrter Edelmann/ der ein Eßay of Dramatick Poësie geschrieben/ hat ihm vorgenommen/ von den Englischen Comœdien und Tragœdien schreibern sein Bedencken zu geben. Es laͤst sich aber so bald im Añfang mercken/ daß die- jenigen die ietzo in Engelland schreiben/ alle Italiaͤnische/ Frantzoͤsische/ und Spanische Comœdien schreibers uͤber- treffen. The Drama is vvholly ours spricht er: Wir eignen uns die Dramaticam Poësin allein zu. Hi sapiunt soli: reliqui volitant velut umbræ. Der Teutschen wird nicht gedacht/ als q 4 wann Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder wann die kein Theil hieran haͤtten/ oder solches Wercks unfaͤhig weren. Denn wie der ungeschliffne Ubersetzer des Rapi- ni urtheilt The German still continues rude and unpolisht, not yet filed and civilized by the commerce and intermixture vvith strangers, to that smoothneß and huma- nity, vvhich the Engels may boast of. Ge- rade als wann alle Welt die Engellānder vor Lehrmeister erkennen muͤsse/ deren erleuchteter Verstand allhie den unwissen- den unverstaͤndigen groben Teutschen als eine Idea vorgestellet wird/ nach wel- cher sie sich zu richten. Ich hoffe ob Gott will noch einmahl die Gelegenheit zu ha- ben/ nicht allein ihnen sondeꝛn auch andeꝛn Nationen, die dergleichen Schnarcherey- en ūber die Teutsche machen/ in einem ab- sonderlichem Werck zu zeigen: daß die Verdienste derselben in allen Wissen- schafften groͤsser sein/ als daß sie von ih- nen koͤnnen erkant und vergolten wer- den: ja daß wir in vielen Kuͤnsten ihre Lehrmeister gewesen. Der Niederlaͤn- der Poeterey. der wird gleichfalls mit keinem eintzigen Worte gedacht/ da doch bekant/ was bey ihnen nicht allein von gemeinen Ge- tichten/ sondern auch von Comœdien, Tragœdien, von Jost van Vondeln, und andern verfertiget hervor gekommen/ welche weder Frantzosen und Italiaͤnern/ geschweige Engellaͤndern was nach zuge- ben haben. Thomas Spraat, dessen wir dro- ben gedacht/ von Sorbiere in seiner Rei- sebeschreibung von Engelland gereitzet/ hat in den Anmerckungen uͤber dieselbe gleichfalls behauptet/ daß die Englischen Comœdien und Tragœdien schreiber bes- ser als die Frantzosen. Es hat mir vor andern die grosse Bescheidenheit des Ra- pini gefallen/ daß/ da er sich als einen Censorem und Criticum angibt/ welches Amt er in dieser Kunst mit guten Fug verwalten kan/ (denn er ohne Streit einer von den groͤsten Poeten in Franck- reich ist) so hat er doch mehr an seinen eigenen Landsleuten zu tadeln/ als an al- len andern/ worauß seine Auffrichtigkeit q 5 zu Das IV. Cap. Vpn der Engellaͤnder zu spuͤren/ und daß er niemand zu schmei- cheln gemeinet. Von welchem solcher entfernet sein muß/ der sich einer so grossen Sache unternimt. Die Unpartheiligkeit muß bey einem Richter sein/ sonst ver- liehrt er den Nahmen. Es waͤre besser daß diese/ die von den Engellaͤndern ge- schrieben/ sich nicht vor ihre Censores, sondern Panegyristas außgegeben haͤtten/ wie sie in Warheit solche sein/ und diß Ampt mit aller ersinnlicher artlichkeit und Kunst verrichten. Der John Dryden hat gar woll und gelahrt von der Dramaticâ Poesi geschrieben. Die Engellānder die er hierin anfuͤhrt sein Shakespeare, Fletcher, Beaumont von welchen ich nichts gesehen habe. Ben. Johnson hat gar viel geschrieben/ welcher meines erachtens kein geringes Lob ver- dienet. Er ist in Griechischen und La- teinischen Autoribus woll beschlagen ge- wesen. Die Außbildungen sein kraͤfftig und lebhafft. John Dryden urtheilet/ daß in ihm die Englische Sprache zur hoͤch- Poeterey. hoͤchsten Vollkommenheit gebracht/ und was nach ihm darin gethan ist mehr uͤber- fluͤßig als nothwendig gewesen sey: welcheꝛ ihn nach allen umstaͤnden besser beschꝛeibt/ auch einige seiner Comœdien genauer un- tersuchet. I. Seldenus hat ihm in einē Latei- nischen Carmine, so seinen Wercken vorge- setzt/ ein sonderlich Lob gegeben. Er hat alles woll untersucht/ ehe ers hervor ge- bracht/ und bezeugt Dryden, daß er dem Beaumont alles unter die Haͤnde gestel- let und seine Censur daruͤber gehen las- sen. Antonius Wood in seinen Antiqui- tatibus Oxoniensibus lib. 2. p. 145 meldet daß er dem Johanni Hoskyns einem vor- treflichen Mann/ der von seinen Lands- leuten uͤberauß hochgehalten/ und von dem Ovveno mit vielen Epigrammatibus beehret/ was er gemacht erstlich vorge- wiesen. Ille Johnsoni stylum (spricht er) expolivit tersumque reddidit. Er hat a- ber ohne Reime mehrentheils geschrie- ben/ welches Dryden an ihm lobet/ der darauß anlaß nimt wieder der Rei- me Das IV. Cap. Von der Engellaͤnder me Gebrauch viel zu reden. Dieser Dryden hat auch einẽ andern Theil verheis- sen/ darin er von den Tugenden und Fehlern aller Englischen Poeten han- deln will/ worunter jene den groͤsten Platz vielleicht bestreitten werden. Von einigen/ die wir bereits angefuͤhret/ ur- theilet er also: Nothing so curtly as Sir John Suckling; nothing so even svveet and flovving, as Mr. Waller ; nothing so maje- stique, so correct as Sir John Denham ; nothing so elevated, so copious, and full of Spirit as Mr. Cowley . Es sein noch viele andere/ deren weder der Ubersetzer/ noch dieser Dryden erwehnet/ die woll ver- dienet haben/ daß ihrer gedacht werde. Worunter wir billig des John Miltons Poemata begreiffen. Diese ob sie zwar in der ersten Jugend gemacht/ so blickt doch der gute Geist hervor/ und sein sie den besten gleich geschaͤtzt: Von seinem Poëmate Heroico The Paradis lost, davon sie gleichfalls Beyde schweigen/ wollen wir im nachfolgenden handeln. Wir ehren Poeterey. ehren diese sinnreiche Nation und halten sie hoch und wehrt: Wuͤnschen aber daß allen ihren Vollkommenheiten noch diese hinzu komme: Die Bescheidenheit von ihnen selbst und von andern Voͤlckern zu urtheilen. Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder Poeterey. Einhalt. N Iederlaͤndisch ist Teutsch. Hochteutsch ein neuer Dialectus. Becanus und Antonius Riccardi halten dïe Niederlaͤndische Sprache aͤlter als die Hebreische. Abraham Mylius hat von dem Alter der Sprache geschrieben. Sie hat sich von vielen seculis her wenig geaͤndert. Wel- ches Mylius mit Exempeln wieder Lipsium bewei- set. Hochteutsche Sprache wird von Merwede als eine Baͤurische verachtet. Seine Grobheit wird mit des Herrn Constantini Huigens Beschei- denheit wiederlegt. Dessen Lobspruch von den Hochteuteutschen. Alte Niederlaͤndische Lieder. Vondels Urthel davon. Reden-riikers. Ein alt Das III. Cap. Von der Niederlaͤnder alt in Reimen geschriebenes Niederlaͤndisch Chro- nicon. Dousa und Heinsius haben die erste Zier- lichkeit in die Niederlaͤndische Poeterey gebracht. Heinsii Niederlaͤndische Gedichte von P. Scriverio heraußgegeben. Sein Lobspruch hieruͤber. Jacob Catz hat eine liebliche Art/ so woll im Niederlaͤndi- schen als im Lateinischen. Constantin Huigens Korenblomen. Seine Scharffsinnigkeit. Schau- spiele von Amsterdam. Jost van Vondels Lob. Jan de Voß ein Glaͤser/ hat das trefliche Traur- spiel von Aran und Titus geschrieben. Constantin Huigens und Caspar Barlæus erheben ihn sehr. Einige haben diß Trauerspiel Barlæo selbst zu schrei- ben wollen. Ist aber nicht glaͤublich. Barlæus hat die Niederlaͤndische Poeterey verachtet: Selbst aber die schoͤneste Verse geschrieben. P. C. Hoofts Gedichte seyn hochtrabend. Einige schwuͤlstige Art zu schreiben bey den Niederlaͤndern. Vondels Urtheil davon. Westerbaan wird gelobet. Wie auch Henrichs Brunoos Mengelmoes. Johan van Dans Liebesgedichte. Matth. van Merwede. Jan van der Veen Adams Appel. Decker. Bodecher Banning. Daniel Jonctys. Anna Schurmans. Anna Tesselscha. Unterschiedlicher Autorum zu- sammen gesuchte Carmina. Zeeusche Nachtegael Klioos Kraam. Apollos Harp. Einige Auctores werden erzehlt. Die Teutschen solten dergleichen Arbeit ihnen angelegen sein lassen. Der Außlaͤn- der Poeterey. der Parteische Urtheil von ihren und andern Poeten. Verdiers Urtheil von Ronsard. Des Cardinals Perrons gleiches Urthel. Alexander Tasson haͤlt die Italiaͤnische neue Poeten hoͤher als die alten. Deßgleichen thun auch andere. D Ie Poeterey der Niederlānder/ von welcher wir itzo reden wollen/ ist von der Teutschen nicht unter- schieden/ ja sie ist selbst Teutsch/ und die Woͤrter dieser Sprache/ haben mehr von demalten Teutschen/ als irgend eine andere. Die Hochteutsche ist gegen sie ein gar neuer Dialectus. Das Uhralte Teutsche hat mit dem Niederlāndischen in vielen Stuͤcken eine zimliche Gleich- heit. Wir haben schon vorhin erweh- net/ daß der Goropius Becanus und nach ihm Schrieckius sie zur aͤltesten Sprache machen/ und andern allen vorziehen wollen. So meldet auch Ghilini in sei- nen Theatro d’ huomini litterati von ei- nem Antonio Riccardi, der in Welscher Sprache ein Buch geschrieben/ della pre- cedenza delle lingue, worinnen er be- haup- Das IV. Cap. Von der Niederlaͤnder behauptet/ daß die Cimbri sche Sprache (wodurch Becanus die Niederlāndische verstehet) ihres Alters und Vortreflich- keit halber der Hebreischen weit vor zu- ziehen. Dieses Buch habe ich nie gese- hen/ nimt mich aber wunder/ daß ein Italiāner eine ihm frembde Sprache als die Niederlāndische so genau durchsuchet haben solte/ daß er solchen weit außse- henden Satz zu behaupten sich unterstan- den haͤtte. Es wāre denn daß er von dem Becano seine meiste Gruͤnde entliehen/ welches ich schier glauben solte. Dieses ist sonst gewiß/ daß sie und andere Dia- lecti der Teutschen/ der Griechischen und Lateinischen billig vorzuziehen/ und aͤlter als dieselben seyn. Abrahamus My- lius hat in seinem Buch de Antiquitate linguæ Belgicæ insonderheit cap. 28. dieses klar genug dargethan: erweisend/ daß die Cimbri und Celtæ schon zu ihren mān- lichen Jahren gekommen/ wie Griechen- land noch in der Wiegen gelegen: und daß/ da die anderen Sprachen so grosse Ver- Poeterey. Veraͤnderungen erlitten/ die ihrige fast ungeāndert geblieben. Er saget: Est mi- hi libellus Orationum in membranis ma- nuscriptus, qui ex charactere \& aliis indi- ciis apparet, esse antiquissimæ notæ. Sed sermo in illis tam similis hodierno nostro Belgico, quam aqua, qua tunc Scaldis fluxit, ei, qua nunc fluit. Er fuͤhret auch etwas daraus an/ imgleichen auch aus etzlichen Uhralten Diplomatibus die er in den Archivis gefunden. Er behauptet wieder den Lipsium daß das alte Nieder- lāndische/ so derselbe aus einem alten Psalterio von Caroli M. Zeiten her in ei- nem Briefe an den Schottum herbey ge- bracht hat/ dasselbe sey was heutiges Tages geredet wird. Er setzet auch den 19. Psalm nebenst der Lateinischen und neuen Niederlāndischen Ubersetzung da- hin/ damit ein jeder die Gleichheit sehen koͤnne. Nur ist in einigen Endungen ein Unterscheid/ und sind die alten Woͤrter gaͤntzlich nach der Construction der Latei- nischen version gesetzt. Ist die Nieder- laͤndische Sprache nun zu Caroli M. Zei- r ten Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder ten so beschaffen gewesen/ so kan sie etzli- che hundert Jahr vorher so gewesen seyn: weil sie ja nicht zu der Zeit gebohren. Itzo ist sie zu der groͤsten Zierlichkeit gebracht/ und je mehr und mehr in der Kunst maͤs- sigen Richtigkeit außgeuͤbet/ wie imglei- chen auch die Hochteutsche. Welche her- rischer und ansehnlicher ist/ da jene lieb- licher und weicher. Ist also eine schānd- liche Schmachrede/ wann Matth. van der Meervvede, Heer van Clotvvik in der Vorrede seines so genandten Uyt-heem- sen Oorlogs-ofte Roomsen Min-triomfen in diese liederliche Worte heraußbricht: De Franskens sullen noch veel er d’ Hoogh- als de Nederduytse Tael leeren, meenen- de dat in haer plompigheyd eenige aen- sienlykheyd is gelegen. Hoevvel dat tus- schen ons Duyts ende het ander by na so grooten onderscheyd is, als tusschen ’t Frans dat te Parys vverd gesproken, en dat de Boeren in Bretagne spreken. Diß Bāu- rische Urthel von einem Edelmann gruͤn- det sich nur bloß auff die Unwissenheit. Denn Poeterey. Denn wenn er die Eygenschafft der Hochteutschen Sprache recht verstan- den/ wuͤrde ihm vielleicht dergleichen un- bedachtsame Rede nicht entfallen seyn/ der sonst im uͤbrigen einen guten Trieb zur Niederlaͤndischen Poeterey hat. Er solte ihm lieber vorstellen/ was der tref- liche Herr von Zulichem Constantin Hui- gens zu lobe der Hochteutschen Nation an seine Niederlaͤnder geschrieben/ in der Vorrede der aus dem Hochteutschen ins Niederlaͤndische von ihm uͤbersetzten Epigrammatum: Heeftu des Hemels gunst verheven tot den top Van des Hooghmogentheit; vvest niet hooghmoedigh op Een hoog dat daelen kan: daer is land hoogh geboren ’t Welck hooge Titulen van ouds heer toebehooren En dar de reden vvil dat ghy voer vviecken moet, Gelyckhet laege dal voor hooge Bergen doet. Auff ihre Poeterey zu kommen/ so ist wol ausser Zweiffel/ daß sie viel alter Lieder gehabt/ wie die Teutschen. Joost van Vondeln in seiner Aenleidinge ter Neder- duitsche Dichtkunste erwehnet noch der- selben. In oude Hollantsche liedern hoort r 2 men Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder men noch een natuurlyke vrypostigheyt, vloeientheit, en bevallycken zvvier; maer het gebrak den eenvoudigen Hollander aen opmercking en oefening, om zyn geestig- heit, uit een natuurlyke ader vloeiende, krachtigh op te zetten, en te voltojen. Sie haben auch ihre Reymers und Re- denryckers gehabt/ welche allerhand Schauspiel dem Volck vorgestellet/ wie noch heutiges Tages unter den Bauren auff ihren Kirchmessen oͤffentlich gehal- ten werden. Der erste den ich zu nen- nen weiß ist der Anonymus, welcher vor etwa vierthalb hundert Jahren ein Nie- deꝛlāndisch Chronicon in Reymen geschrie- ben/ wor aus Jacobus Eyndius in seinem Chronico Zeelandico unterweilen etwas anfuͤhret. Jan van der D o es, oder wie er sich sonsten nennet Johannes Doula, hat diese Hollandische Rymkronyke her- außgegeben/ im Jahr 1670 mit seiner Poetischen Vorrede in Alexandrini schen Versen versasset. Welche art zu Poe- tisieren er am ersten in Niederland sich ge - Poeterey. gebraucht. Aber sie waren damahls noch etwas unvollkommen. Der An- fang des Hollāndischen Chronici lautet also: Ouden Boeken hoor ie gevvagen, Dat alt’ land beneden Nyemagen Wilen Nedersassen hiet, Also als die stroom verschiet Van der Masen en van den Rine. Die Shelt vvas dat West ende Sine Also als si valt in de Zee Oest strekende min no mee. Es ist wenig Kunst hier in zu finden: die Sprache aber ist von der j etzigen nicht gar viel unterschieden. Die rechte zier- liche Tichterey hat sich in diesem Seculo erst angefangen/ und haben die Nieder- lānder den Italiaͤnern und Frantzosen hierin gefolget. Dousa wird von H. Gro- tio in einem Carmine auff den Opitium, als von den ersten einer gesetzet: Aber ihn uͤbertrifft sehr weit Daniel Heinsius, dessen von P. Scriverio herauß gegebene Niederlaͤndische Getichte so lieblich/ suͤß und fliessend sein/ daß kan r 3 ve r- Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder verglichen werden : Welche ich den hoch- trabenden Wercken der folgenden weit vorziehe. Er verdienet billig den gros- sen Ruhm/ den ihm P. Scriverius in ei- ner absonderlichen Lobrede beylegt/ da er ihn als den ersten Urheber der kuͤnst- lichen Niederlāndischen Poeterey auß- rufft. Er spricht von demselben also: Dees heeft hy uyt het slyck gebeurt en opgenomen Zyn vverck daer van gemaeckt niet slachtende delomen, Daer Nederland van vvaecht, en die nu (maer t’ on- recht) DeReden-ryckers bend en Rymers syn gesecht, Een Volck dat veeltydt is entbloot van alle reden, Onmatich, onbesuyst, vvanschapen, onbesneden : In rreur spels bly van sin, en vveer onbillich gram. Er vergleicht ferner daselbst ihre Spra- che mit der Frantzoͤsischen/ jedoch daß er die seinige derselben weit vorziehet/ straffet auch seine Landsleute/ daß sie nicht ehe darauff bedacht gewesen/ wie sie die Vollkommenheit der Poeterey in der ihrigen suchten/ die andere Voͤlcker so zeitig in den ihrigen gefunden. Nechst dem Heins ist woll Jacob Catz zu- setzen/ Poeterey. setzen/ der grosse weitlaͤufftige Poetische Wercke geschrieben/ und in der Sitten- leere/ durch allerhand Sinnenbilder/ (die aber nicht die vollenkommensten sein) vorzustellen sich bemuͤhet: Seine Tich- terey ist zwar von der niedrigen Art/ und mit Worten mehr als von noͤthen angefuͤllet. Sie ist aber dennoch suͤß/ lieblich und sauber/ ohne die geringste Haͤrtigkeit/ darunter bißweilen ein sinn- reicher Einfall hervor leuchtet. Sein Zweg ist der gemine Nutz in unterrich- tung des Volcks/ dadurch er sich also be- liebt gemacht/ daß er von allen durchge- hend gelesen/ und auch bey den Außlaͤn- dern sehr beliebt geworden. Wenn er sich in der all zu grossen weitlaͤufftigkeit etwas gemāßiget/ wuͤrde man daß mei- ste an ihm zu loben haben. Seine Lateini- sche die er hin und wieder mit untermen- get sein den Niederlāndischen vorzuzie- hen/ von uͤberaus grosser Lieblichkeit/ ungezwungen/ sauber/ und fast nach des Lotichii art/ daruͤber ich mich offt- r 4 mahln Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder mahln sehr ergetzet. Constantin Huigens der Herr von Zulichem, dessen wir schon droben gedacht/ hat hingegen in seinen Poetischen Wercken/ welche unter dem Titul der Korenblomen neulich wieder hervor gegeben/ fast in allen Zeilen seine sinnreiche Einfaͤlle. Man kan nicht ohne verwunderung die so reiche Fruchtbarkeit dieses so hohen Verstandes betrachten. Seine Zede-printen wie er sie nennet/ Characteres, sein lauter Geist/ und hat fast ein jeglicher Verß etwas/ daruͤber man nachzusinnen hat. Seine Snelldicht oder Epigrammata sein sonderlich spitz/ und hat er unter allen Landsleuten niemand/ der jhm in der scharffsinnigen Redensart es nachgethan. Diß ist aber zu verwun- dern/ daß er dergleichen Verse unter der Last der Staats-Geschāffte/ damit er uͤ- berhāufft gewesen/ hat hervor bringen koͤnnen. Und ist noch jetzund nicht bey so hohem Alter fast von 90. Jahren/ seine Feder stumpff geworden. Die Schau- spiele sind bey jhnen zur Vollkommenheit ge- Poeterey. gebracht. Insonderheit hat die Stadt Amsterdam ein grosses daran gewandt. Da haben sich in grosser Menge ge- funden/ welche umb den Preiß hierin gestritten. Vor andern hat Jost van Vondel sich hierin hervor gethan/ von dessen Comœdien und Tragœdien gantze grosse Tomi her auß gekommen/ welcher auch des Virgilii Buͤcher in Veꝛse uͤbeꝛsetzet. Es ist unter andern ein Glaͤser gewesen Nahmens Jan de Voss, der das beruͤhmte Trauerspiel von Aran und Titus gemacht. Gantz Holland hat sich hieruͤber ver- wundert/ denn es ist eine ungemeine Er- findung und Außzierung die man von einem Handwercks-Mann nicht vermu- then gewesen. Constantin Huigens und Caspar Barlæus haben es mit ihren Lobspꝛuͤ- chen beehr et und schreibet dieser sehr aꝛtig. Ik stae gelik bedvvelmt en overstolpt van geest. De Schoubourgh vvort verzet, en schoeyt op hooge t leest. Ryst Sophocles vveer op? stampt Æschylus vveer hier? Of maakt Euripides dit ongevvoon getier? Neen; t’ is een Ambachts man, een ongelettert gast; De nu de gantsche rey van Helicon verrast. r 5 De Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder De noyt gezeten heeft aen Grieks of Roomsche Disch. Wyst nu de vveerelt aen, vvat dat een Treurspel is. Athenen las het Spel, en sprack: ik schryf niet meer, Die ons door glas verlicht, verduystert al ons eer. Was koͤnte herrlichers zu dieses Man- nes Lob gesaget werden? Es haben eini- ge gemuthmasset ob were Barlæus selber der Autor dieser Tragœdien gewesen/ und diesem Jan de Voss die Freyheit gege- ben/ sie als die seinige vorzustellen/ damit er denen eins anmachte welche zu seiner Zeit die Niederlaͤndische Tichterey schier hoͤher hielten als die Lateinische/ und sie dadurch veranlasset wuͤrden/ die Niederlaͤndische zu verachten/ welche auch so gemein wuͤrde/ daß nunmehr die Handwercker ihnen ihr Lob streitig mach- ten. Ich kan hierin nicht woll urtheilen. Es ist diese Tragœdie sehr woll nach allen ihren Stuͤcken geschrieben/ und scheinet ein hoͤher Geist hierin zu seyn als in den andern Versen dieses Mannes/ wie denn auch ohn dem die Eigenschafft der Tragœdien etwas sonderliches erfo- dert. Wenn ich aber seine andere Verse be- Poeterey. betrachte und neben diese halte/ so sind sie doch auch nach ihrer arth sehr wol ge- schrieben/ daß ich nicht sehe wie man die- ses ihm auffbuͤrden koͤnne/ es were denn daß Barlæus sie allesampt gemacht hātte/ welches nicht glāublich. Sonsten hat er die Niederlāndische Poeterey verach- tet/ wiewoll er selbst zierlicher darin ge- schrieben/ als fast alle andere. Man findet im andern Buch seiner Elegien eine an Jacob van der Burch und Johann Bro- sterhuysen, worin er sie von der Nieder- laͤndischen Poeterey abmahnet und zur Lateinischen anfrischet: Diese ist sehr woll geschrieben/ worin unter andern diese Verse zu finden: Non decet indoctam vatum sapientia turbam, Et nimium vestro vulgus ab ore sapit. Cernitis ut viles scandant Helicona Puellæ, Fœmineumque riget Castalis unda chorum? Scribite fœmineis ali quid sublimius ausis : Pangite quod virgo non queat ulla, melos. P. C. Hooft, Ritter von S. Michaelis, Drost von Muyden und Baljovv von Goeiland hat nicht allein Trauer spiele/ sondern auch an- Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder andere Getichte geschrieben/ welche eine hochtrabende arth haben/ viele sonderli- che gesuchte und zusammen gesetzte Woͤr- ter. Wie denn in seinen Hollandischen Geschichten/ die er deschrieben/ derglei- chen ungewoͤhnliche und fast nach Taciti art eingerichtete Rede sich findet. Weß- halben seine eigene Landsleute etwas an ihm zu tadeln finden. Und hat er einige Nachfolger gehabt/ welche/ da sie an Urtheil und Verstande ihm nicht gleich thaten/ viel unzulāßige Neuerun- gen in der Rede angefangen. Auff die- se/ wie es scheinet/ hat Vondel gezieh- let/ wann er in seiner Aenleidinge spricht: d’ Alleroutste en beste Poëten zyn de na- tuurlyckste en eenvoudighste. De nako- melingen, om hem voorby te rennen, vielen uit eerzucht of aen het snorcken en poffen of vernissen en blanketten. Dat behaeghde in het eerst, gelyck vvat nieuvvs, den min verstandingen, en klonk den ni- eusgierigen, gelyck een donderslagh, in d ' ooren ; doch het vervvonderen duurde een Poeterey. een korte vvyl, en de vvackerste oogen zagen hier door; en d’ outsten tegens de jonger vvercken in de Schale van een be- zadight oordel opgevvogen, vielen de leesten te licht, en d’ outsten behielden den verdienden prys. Es muß des Herrn Henric. Westerbaens Herrn von Brandevvyck eines gelehrten Edelmanns nicht vergessen werden ; dessen Hollan- dische Getichte sonderlich zu loben/ we- gen ihrer rennlichkeit und nicht gemei- nen Erfindung.: insonderheit sein Ockenburg und seine Nootzakelik mall, welche voller artigen Einfālle seyn/ und von seinen vornehmsten Landsleuten hochgepriesen werden/ auch seine Lateini- sche/ die er untermischt/ sein woll geschrie- ben. Henric Brunoos so genanntes Men- gelmoess ist voller lustigen Einfaͤlle/ so woll in Niederlaͤndischer als Lateinischer Poesey: denn er hat beydes zusammen gemischet. Ich habe niemand gesehen/ der in festivo genere es ihm gleich gethan. Johan Adolph Dans hat Liebesgedichte ge Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder geschrieben von unglāublicher Suͤßlg- keit. Der Herr von Meervvede, dessen wir droben gedacht/ gehet hierin etwas zu weit; und ob er zwar durch die Italiaͤ- nische Uberschrifften seine allzufreye Ein- faͤlle vertunckeln will/ so stehn sie doch gnug zu Tage. Was er hierin versehen/ hat er nachgehends mit seinen Geestely- ken Minne-vlammen verbessern wollen. Jann van der Veen in seinem so genand- ten Adams Appel ist voll von Schertzen und Lustigkeiten/ die nicht unangenehm seyn/ ob sie gleich etwas gemeines bey sich fuͤhren. Denn es ist alles unge- zwungen aus seiner Feder geflossen. Decker der von dem Lobe der Geldsucht und andere Gedichte geschrieben/ ver- dienet auch billig sein Lob. Bodicher Banning in jeinen Leydischen Oorloffsda- gen hat allerhand Gedichte welche die Mittelbahn halten. Daniel Jonctys hat nur wenig geschrieben/ mehrentheils Lie- besgedichte; Sie seyn aber angenehm und von zarten wesen. Seine Roselins Oogi- Poeterey. Oogies seyn mit allen erdencklichen Far- ben angestrichen. Seine hedensdaeghse Venus en Minerva, ein Gesprāch zwischen denselben/ stellet die Lustigkeiten und Verdrießlichkeiten der liebenden und stu- dirende vor/ und ist woll außgezieret. Man hat auch bey ihnen einige Jung- frauen gehabt/ die ein schoͤnes so woll Lateinisches als Niederlaͤndisches Gedicht geschrieben: als die Anna Schurmans, auff welche noch der Herr Huigens ein Lateinisches trefliches Carmen geschrie- ben; darin er sie ermahnet von dem La- badie abzustehen: und die Anna Tessel- scha, deren verlohrnes Auge mit einem weitlāufftigen Niederlaͤndischen Gedichte Oogentroost genandt/ derselbe Herr Huigens beehret/ welcher auch Barlæus viel zu ehren geschrieben. Es seind auch bey ihnen viel außerlesene Carmina von den besten Auctoribus und deren inson- derheit/ die sonst wenig geschrieben/ in absonderlichen Buͤchern versamlet/ wor- unter meinem Beduͤncken nach das beste ist Das V. Cap. Von der Niederlaͤnder ist/ de zeeusche Nachtegael., worin der Seelaͤndischen Poeten Carmina enthal- ten. Es seyn hier Geistliche/ Weltliche/ Ernsthafftige/ Lustige untereinander vermischet/ auch viele Bauren-kurtzweil/ als die Eyerklacht eines Bauren Klag uͤber einen zerbrochenen Eyer-Korb und andere mehr/ welche alle mit Lust zu lesen. Ferner ist Klioos Kraam in zwey- en Theilen herauß gegeben/ Apollos Haarp, und andre mehr. Die darin enthaltene Gedichte seyn theils von Ano- nymis und unbekandten/ theils von den bekandten und die gantze Wercke her auß- gegeben/ gemacht. Man findet darinnen Gedichte von Anslo, van der Burgh, Brandt, Bremer, Camphuysen, P. de Groot, Pas- schier de Foine, I. Rivius, M. van de Heu- vel, F. Martinius, J. Schryver, F. Schnel- linx, Traudenius, R. Tel, Wittenoom, Abbes Gabbema, Assellyn, Caspar von Baerle, Boogard, Brunsveld, Dullaart, Galama, Geestdorp, van Griethuysen, Hu- go de Groot, Jacobs, Jonctys, Klinge, Ni- Poeterey. Nicolaus Oudan, Reael, Rintius, Sanderꝰ, Six, Victorin, Wibinga, J. de Brune, Alida Bruno, J. van Daale, P. Dubbels, J. van Duisberg, Maria van Haestrecht, W. van Heemskerck, Sibylla van Jongstal., J. Leschaille, J. Opper- veld, Paffenrode, (der eine ungemeine Ey- genschafft hat/ die Liebes-Schertze mit dop- peldeutigẽ Worten zufassen/) Carl Prince, Catharina Zvestiers, D. Zvestiers, W. Schel- lincks, Vollenhofe, Waterloes, Jan Zoet, H. Zvveerds. Diese Veꝛsamlungen seind zu loben/ denn es werden die besten Carmina außgesucht uñ insonderheit die wenige/ die kein vollstaͤndig Werck an sich selbst ma- chen koͤnnen/ oder sonsten verlohren gin- gen. Dieses moͤchte man mit den Teutschen auch also machen: denn es werden offt- mahls von feinen Ingeniis dergleichen ge- schrieben/ die woll werth daß sie bey be- halten wuͤrden. Ich wolte deren allein aus meiner wenigen Bibliothec ein gros- ses volstaͤndiges Buch liefern. Wir haben bißhero von den Außlaͤndi- schen Poeten geredet/ die nicht allein S un- Das V. Cap. Vonder Niederlaͤnder unter sich/ sondern auch mit andern Voͤl- ckern des Vorzugs halber streiten. Die meisten sprechen ihren Landsleuten zu ge- fallen/ und urtheilen nach ihrer Zunei- gung. Unter den Frantzosen wird Ron- sardus von dem Verdiero in seiner Censio- ne Autorum allen andern vorgezogen ; denn er sagt: Ronsardus eorum, qui qua- vis ætate aut linguâ scripserunt, omnium laudes unus promeruit. Er zuͤrnet mit dem Muteto, daß er in den Anmerckungen uͤber ihn einige Oerther angezeichnet/ die er aus den Italiaͤnischen Poeten genom- men haben soll/ da sie doch beyde aus den Griechischen und Lateinischen als gemei- nen Brunquellen geschoͤpffet. Es wāre des Verdiers Urthel nicht groß zu achten; aber der gelehrte Cardinal Perronius ist selbst in der Meinung/ denn in den Ex- cerptis, die die fratres Puteani von ihm auff- gezeichnet/ seyn diese Worte außdruͤcklich zu finden p. 284. Ronsard estoit l’ homme, qui avoit le plus beau genie, que Poete ait iamais eu, ie dis de Virgile \& d’ Ho- me- Poeterey. mere. Er zeucht ihn allen andern Poe- ten vor/ und hālt ihn vor ein Wunder- werck seiner Zeiten/ wie weiters daselbst kan nachgelesen werden. Was die Ita- liaͤner aulanget/ so stellet Alexander Tas- son in seinen Pensieri diversi lib. X. c. 14. eine Vergleichung zwischen den Griechi- schen/ Lateinischen und den neuen Po- eten an/ und scheuet sich nicht diese jenen vorzuziehen. Ariostus und Tassus sein ihm due sourani lumi della lingua e dell’ età nostra, illustri e gloriosi sopra tutti gli antichi. In den Hirten-Getich- ten/ poësi Lyrica, haͤlt er seine Landsleute vor unvergleichlich/ denen alle andere weichen muͤssen. Unter den Spaniern/ Engellaͤndern und Niederlaͤndern fin- den sich gleichfalls/ die die Ihrige den an- dern vorziehen/ davon wir droben mit mehren gehandelt. Es gehet hierin nach dem gemeinen Sprichwort/ daß man seinen eignen Rauch hoͤher halte/ als ein frembdes Feur. Und muß man sich verwundern/ wie offtmahls nicht S 2 nur Das VI. Cap. Von der Teutschen nur verschiedener sondern derselben Leute Urtheil wieder einander lauffen. Das VI. Cap. Von der Teutschen Poete- rey/ und zwar von der ersten Zeit. Einhalt. D Rey Zeiten der Tentschen Poeterey. Carolus Ortlob setzet fuͤnff. Die Uhralte Zeit beste- het in den Carminibus, deren Tacitus ge- dacht. Diese alten Carmina machet Olaus Rudbeck den Teutschen streitig/ und schreibet sie den Schwe- den zu. Aber ohne Grund. Beantwortung sei- ner angefuͤhrten Uhrsachen. Die Poësis ist die aͤl- teste bey allen Voͤlckern/ und dienet an staat der Historien. Castelvetro und Tassi Meinung hie- von. Wird mit Exempeln erwiesen. Ist also auch bey den Teutschen gewesen. Weil diese Carmina nicht koͤnnen vorgezeigt werden/ folget nicht daß sie nicht gewesen. Die vielfaͤltigen Kriege und der Teutschen Nachlaͤßigkeit ist Uhrsach an den Unter- gang der alten Lieder. Man hat uͤber des Taciti Zeugniß noch einige alte Nachrichte davon. Jo- annis Aventini und Christian Hoffmans Zeugnissen. Hunibaldus. Albertus Krantzius haben sich sol- cher Poeterey erste Zeit. cher Verse bedienet. Einige art Schranckverse/ so vor alters bey den Schweden gebraͤuchlich gewesen/ welche Olaus Rudbeck vor die alte dem Tacito er- wehnte Carmina haͤlt. Dieses wird in zweiffel ge- zogen. Dann es scheinen diese Carmina nicht so gar alt zu sein. Versetzung der Woͤrter eine anzeige der Kunst und Neuerung vielmehr/ als des Alter- thums. Auß dem Wort Barditu welches Tacitus von der Teutschen Kriegesliedern gebraucht/ und Herr Rudbeck aus dem Schwedischen ableitet/ will er behaupten/ daß es Schwedische Lieder gewesen. Ist kein richtiger Schluß. Kiempe Wysar bey den Dānen. Bardi bey den Teutschen. Barritus Baren gebaeren. Die Heldenlieder der Teutschen scheinen vor Taciti Zeiten geschrieben zu sein. Melchioris Goldasti Meinung davon. Meistergesaͤnge und Meistersaͤnger ob sie hievon den Ursprung haben. Al- te Carmina eine gute Nachricht in den Historien. I. Palmerius de Grentemesnil hat die alten Frantzoͤ- sischen und andrer Nationen Lieder hoch gehalten. Y Un kommen wir endlich zu den Teutschen/ von deren Poeterey wir ietzo handeln wollen. Es muͤssen aber hierin die Zeiten unterschie- den werden/ nemblich die Uhralte/ deren Tacitus gedencket/ die Mittele/ die von S 3 Ca- Das VI. Cap. Von der Teutschen Carolo den Grossem her zufuͤhꝛen/ und die neueste/ die in diesem seculo erstlich ange- gangen. Carolus Ortlob/ welcher de variis Germanicæ Poëseos ætatibus eine Disser- tation geschrieben/ setzet fuͤnff Zeiten. Die erste nennet er die Kindheit/ dahin er die alten Carmina bringet/ deren Ta- citus gedencket. Die andere die Jugend/ welche er von Caroli M. Zeit herfuͤhret. Die dritte/ als das mānnliche Alter setzet er unter des Barbarossæ und Henrici VI. Regierung. Die vierdte das Alter der- selben/ wird nach des Friderici II. Zeit von ihm gesetzet. Die fuͤnffte als die Wiedergebuhrt derselben nennet er die/ welche in diesem seculo von Herrn Opi- tio angefangen. Wir wollen aber in den dreyen Zeiten alles fassen. Was nun die Uhralte Zeit anlan- get/ so haben wir deren keine Nachricht als welche wir beym Tacito finden. Des- selben Worte lauten also: Celebrant carminibus antiquis (quod unum apud illos memoriæ \& annalium genus est (Tui- sto- Poeterey ersten Zeit. stonem Deum terrâ editum, \& filium Man- num, originem gentis conditoresque. Die- ses hat niemand in zweiffel gezogen/ und stehet es ja so klar alhie/ daß man deß- halben nicht noͤthig hat die geringste Grubeley zu machen. Aber es hat den- noch neulich den Teutschen der Herr Olaus Rudbeckius diß streitig gemacht in seiner Atlantica cap. 24. l. 4. und darthun wollen/ daß solches von keiner andern als der Schwedischen Nation verstanden werden koͤnne. Ich ehre dieses vorneh- men Mannes hohen Verstand: Aber hierin kan ich ihm keinen Beyfall geben. Dann bey seite gesetzet/ was er von der Teutschen herstammung aus Schwe- den weitlaͤufftig darthun wollen/ (da- von auff eine andere Zeit kan geredet werden) so ist dieses doch handgreiflich wieder des Taciti und aller/ die den Ta- citum lesen und verstehen konnen/ Mei- nung: daß es also von keinen andeꝛn Teut- schen als mit welchen die Roͤmer damahls zu thun hatten kan verstanden werden. S 4 Denn Das VI. Cap. Von der Tentschen Denn daß er dieselbe verstehe/ erhellet ja auß seinem andern Buch der Annalium, da er von dem Arminio saget: Canitur adhuc apud barbaras gentes Græcorum annalibus ignotus, qui sua tantùm miran- tur. Nun ist ja bekandt daß die Cherusci und die benachbahrte warhafftig Teutsche Voͤlcker seyn/ davon Tacitus dieses saget. Denn wer solte solche Lieder anders ge- macht haben als diese uͤber die der Armi- nius geherrschet/ und denen seine Tugend bekant. Haben sie nun diese von Armi- nio gemacht/ warumb solten ihre Vor- fahren nicht dergleichen gethan haben? Seine Gruͤnde sein diese/ daß bey den Schweden dergleichen viele Carmi- na zu finden/ da doch in Teutschland man nichts zum Vorschein bringen koͤnne. Hierauff zu antworten/ so ist zu wissen/ daß nicht nur bey den Schweden/ son- dern bey allen andern Voͤlckern/ die noch so weit nicht gekommen/ daß sie ih- res Landes Historien beschreiben/ dieser Gebrauch sey/ den sie fast die Natur leh- Poeterey erste Zeit. lehret/ daß sie ihrer alten Helden Lob mit Liedern preisen und ihr Andencken dadurch erhalten. Man hat solches bey den wilden America nern selbst gefunden/ wie solches in den Reisebeschreibungen angezeichnet ist/ und einer aus ihrer Na- tion Ynca Garçillasso de la Vega in seiner Peruviani schen Historien selbst bezeuget. Der gelehrte Castelvetro erwehnet in sei- nen Anmerckungen uͤber des Aristotelis Poëtica diese Frage: Ob die Poeterey den Historien vorgehe/ und spricht vor die Historia das Wort. Torquatus Tas- sus hingegen am ende des ersten Buchs de poëmate Heroico schlichtet diesen Streit also: daß zwar die Historia der Poete- rey der natuͤrlichen Ordnung nach vor- gehe: diese aber ālter sey als jene: wel- chem auch Augustinus Mascardus in seinem Buch dell’ arte Historica trattat. 5. cap. 4. particell. 1. und aller Voͤlcker Exempel beypflichten. So hat man bey den Grie- chen von alters her keine andere Histori- enschreiber als ihre Poeten und Saͤnger S 5 ge- Das VI. Cap. Von der Teutschen gehabt. Bey den Roͤmern ist vor des Appii Cæei seiner Zeit nichts in ungebun- dener Rede geschrieben. Von den Chi- nensen schreibt es auch Trigautius und Martinus Martinii: denn wann noch keine Schrifft ist/ dadurch man dem Gedaͤcht- niß zu huͤlffe komt/ so erheischt die Noht- wendigkeit/ daß man solches in Versen verfasse. Wie mans auch mit den Ge- setzen also gehalten/ von welchen noch der Nahme Νόμο in der Poësie geblie- ben. Wie solten dann nun die Teutschen nicht faͤhig gewesen seyn solche Lieder zu machen? Daß er ferner vorgibt es koͤn- nen die Teutschen solche nicht vorzei- gen/ so beweiset dieses nichts; und ist das Gegentheil war. Es beweiset dieses nichts: denn da so viel tausend andere Buͤcher zu grunde gegangen/ da Teutschland durch so viele Kriege verheeret worden/ da die Nachlaͤßigkeit letzter Zeiten diese alte Lieder geringschaͤtzig gehalten/ da sie anfānglich nicht auffgeschrieben. Wie solte es nicht moͤglich sein/ daß sie verge- hen Poeterey ersten Zeit. hen koͤnten? Daß sie da gewesen/ bezeuget Tacitus ein glaubwuͤꝛdiger Histoꝛienschꝛei- ber. Das Gegentheil erhellet hier auß: dann es schreibet Eginhartus in vitâ Ca- roli Magni von ihm: Barbara \& antiquis- sima carmina, quibus veterum Regum a- ctus \& bella cantantur scripsit memoriæ- que mandavit. Dieses sein ohn zweiffel derjenigen etliche gewesen/ deren Tacitus gedencket. Wo sein diese aber nun zu finden? Joannes Aventinus der sonst al- le Bibliothecas, und Archiva durch ge- krochen/ hat in dem ersten Buch sei- ner Germaniæ illustratæ die er verheissen/ und deren Einhalt Gesnerus erzehlet/ handeln wollen de carminibus antiquis quibus Cornelius Tacitus usus est, \& quæ Carolus M. auxit, recentiores corrupere. Aber es ist von ihm nicht anders als seine annales Bojorum hervor gekommen/ und versichert Gesnerus daß nichts mehr von ihm verhanden. In dem Lateinischen findet sich von ihnen nichts hauptsaͤch- lichs/ nur daß er von dem Tuiscone die- ses Das VI. Cap. Von der Teutschen ses erwehnet/ daß er die Buchstaben er- funden/ quod jura dederit, leges tulerit, carminibusque complexus fuerit, quæ pu- blice \& privatim cantarent. Er meldet a- ber nicht/ woher er diese Nachricht ha- be/ er zeuget auch/ daß von den alten Carminibus noch einige in den Bibliothe- cis verhanden. Denn so spricht er lib. 1. p. 15. n. 40. Ingeramum \& Adalogerionem more majorum antiquis proavi celebra- runt Carminibus, quæ in Bibliothecis ex- stant. In der Teutschen Historie/ die nach der Lateinischen herauß gegeben/ und insonderheit dessen erstem Buch wel- ches er selbst sehr vermehret/ meldet er/ daß er zu Regensburg in S. Hay- merans Kloster/ gute alte Lateini- sche Verse gefunden/ darinnen et- licher alter Koͤnige und Helden Thaten beschrieben worden/ die aus Befehl Rayser Carol des Gros- sen von den alten Teutschen Tich- tern ins Latein gebracht. Aus den- selben fuͤhret er einige merckwuͤrdige dinge an/ Poeterey erst e Zeit. an/ und ist vermuthlich/ daß solche aus den alten Teutschen Liedern zusammen getragen worden. In derselben teut- schen Historie meldet er auch/ daß wie der Koͤnig Tuisco zu anreitzung der Nachkommen die Gutthaten der Frommen mit Liedern zu eh- ren befohlen/ haͤtte Koͤnig Laber ge- boten/ daß man auch von denen die Ubels thaͤten/ damit sie sich schaͤme- ten und besserten/ Lieder machete/ dieselbige bey Nachte offentlich auff den Gassen für den Haͤusern suͤnge/ wenn man das Licht ange- zuͤndet hatte/ darum man auch sol- che Gesanglichter genennet. Sein also diese gleichsahm Satyren und zu ver- besserung der Sitten angesehen gewesen. Ist schier eine solche Gewohnheit/ wie bey den alten Aegyptern/ bey welchen jemand tāglich des Koͤnigs Tugenden heraußstreichen/ und seyn Versehen ent- schuͤldigen muͤssen. Damit er zu den Tu- genden angefrischt/ und von Lastern ab- ge- Das VI. Cap. Von der Teutschen gehalten wuͤrde. In der Teutschen Hi- storia des Aventini sein noch verschiede- ne Oerter/ woselbst er der alten Teut- schen Lieder gedencket/ die in der Latei- nischen nicht zu finden. Als da er von dem Hercules handelt lib. 1. p. 27. a. spricht er: Solches ist viel in unsern al- ten Teutschen Reymen/ so der al- ten Teutschen Chronica sein/ ange- zeiget. und p. 33. b. spricht er von dem alten Danheuser. Von dem alten Danheuser und seiner Reise/ singen und sagen noch viel unsere Teut- schen/ man heist noch die alten Meistergesaͤng von ihm Sprich- wortsweiß/ der alte Danhaͤuser. Er gedencket ferner daselbst einige/ die aus diesen Historien Romainen gemacht/ und Liebessachen mit darunter ge- menget/ dadurch die Historien ver- faͤlschet worden. Ferner p. 64. a. be- rufft er sich auff die alte Teutsche Lieder von den Landhelden gemacht. P. 67. a. imgleichen P. 69. a. gedencketer einigeꝛ altẽ Reime Poeterey ersten Zeit. Reime die von dem alten Teutschen War- sager Meister Alber lang vor Christi gebuhrt gemacht/ von welchen noch thoͤ- richte Leute albern genant werden. P. 93. a. findet sich dieses: zu Regensburg in des Thumstiffts Buchkammer/ ist gar ein alt Buch auff Pergamen in Lateinischer Sprache woll be- schrieben/ von dem alten loͤblichen herkommen der Bayern/ das sagt daß die Bayern allein Alexander un- ter allen im Niedergang der Son- nen Nationen abgesagt haben. Man hat solches bey den Alten gesagt und gesungen. Sehen wir also hier- auß daß auch dieses alte Buch sich auff die alte Carmina beruffe. P. 110. b. da er von dem Teutschen und Bayrischen Koͤ- nig Dieth handelt/ berufft er sich auff die alten Teutschen Bayrische Reymen und Chronicken. Es moͤgen noch wol einige andere Oehrter mehr daselbst verhanden sein/ die ich nicht angemerckt. In dem 4. Buche seiner Teutschen Historia p. 289. Das VI. Cap. Von der Teutschen p. 289. b. redet er von den Carminibus die Carolus M. zusammen tragen lassen; aber er bedauret daß der meiste Theil davon verlohren und hernach durch etliche ge- fālschet worden : Denn es ist den Alten nicht anders ergangen/ als den Neuen/ die von frembder Feder sehr verdorben und unzeitlich verneuert sein. Es geste- het auch Albertus Crantizus, daß er zu behuff seiner Historia die alten Carmina gebraucht habe. Hunibaldus der von den Francken eine Historia geschrieben/ hat aus den alten Carminibus auch das meiste zusammen getragen wie Trithemius von ihm bezeuget/ der gar viel auff ihn hālt/ und aus einigen seinen Buͤchern einen Außzug gemacht. Er spricht: Ex Car- minibus \& scriptis Flaminum suæ gentis con- tinuavit Wasthali historiam Ich weiß wol daß Vossius und viele andere diesen Autorem verwerffen/ aber es kan doch wol wahr sein/ daß er aus den Carminibus, worinnen viel ertichtes we- sens mit unterlaͤufft/ seine Historien zu- sam- Poeterey ersten Zeit. sammen getragen. Dazu ist man noch nicht so gar aus den Roͤmern und an- dern Historicis, was uns Teutsche ange- het/ der Warheit versichert. Es kan dennoch unter diesem Fabelhafftem We- sen woll etwas wahres mit unterspielen/ das nun so leicht nicht von einander ge- schieden werden kan. Christian Hoff- mann von Hoffmanns-Waldau/ da er in der Vorrede seiner Gedichte von die- sen alten Gesāngen redet/ schreibet er hievon mercklich also: solche Gesaͤn- ge sein nachmahls je mehr und mehr im Lauft kommen/ und ha- ben viele bey der damahls zimlich harten und rauhen Sprache nicht uͤble Gedancken gefuͤhret/ wie noch in vielen Kloͤster Bibliothe ken/ als zu S. Gall/ zu Eichstatt/ zu S. Eme- ran in Regensburg/ und vielen an- deren Orten mehr dergleichen auff Pergament zu finden ist. Es ist traun unverantwortlich/ daß man dergleichen Alterthuͤme so gar t im Das VI. Cap. Von der Teutschen im finstern stecken laͤst/ und sie nicht zur Ehre der Teutschen Nation hervor gege- ben werden/ dahero es denn kommt/ daß die Außlaͤnder unsere Nachlāßigkeit zu ihrem Vortheil gebrauchen/ und auch die allerdeutlichsten Beweißthuͤmer streitig machen wollen. Waͤre bey uns ein solcher Fleiß/ solche dinge hervor zu suchen/ der itzo bey den Schwe- den ist/ welches an ihnen zu loben/ die fast alle Winckel ihres Landes durchsu- chen/ um etwas von ihren antiqui taͤten zu finden/ wir wuͤrden auch das unsri- ge zeigen koͤnnen. Man findet hergegen bey den unsrigen wol so unartige Leute/ die die alten Schrifften lieber die Mot- ten und Maͤuse verzehren lassen/ als daß sie jemand ihre Archiven und Bibliotheken durchsehe n lassen/ wie denn Aventinus sehr daruͤber kla- get. Hingegen in Schweden ist ein ei- gen Collegium antiquitatum von den ge- lehrtesten Leuten angestellet/ die hier in- n en allen muͤglichsten Fleiß anwenden. Es Poeterey ersten Zeit. Es setzet der Herr Rudbeck aus des Taub- manni Vorrede in Culicem Virgilianum, was er daselbst von etlichen Gedichten/ die zu Friderici Barbarossæ Zeiten geschrie- ben/ herbey bringet/ ad levandam Germa- norum (wie er saget) summam in his rebus inopiam, die er doch als neue verwirfft/ und welche mit den Schwedischen nicht zu vergleichen. Setzet so fort darauff: Verum enim vero nostra ipsorum sponte largiemur eis poëma multo antiquius secu- lorum nempe octo ex Ottfridi Evangeliis. Als wenn den Teutschen dieses so unbe- kandt/ und niemand solches vorhin ge- sehen/ nun aber erstlich von einem Auß- laͤnder desthalben Bericht empfangen muͤsten. Auß diesem angefuͤhrten er- scheinet/ daß dennoch so gar nicht das Gedaͤchtniß der alten Teutschen Gesaͤn- ge verloschen/ wie Herr Rudbeck sol- ches behaupten will/ als wann ihm al- le und jede heimlichkeiten der Teutschen Archiven klar vor Augen legen Denn er spricht: Germanis Carmina, Tacito me t 2 mo- Das VI. Cap. Von der Teutscheu morata, prorsus desunt, quorum aliquot centurias ex monumentis nostris, si ita usus exiget, eruemus; talium vero carminum, qualia in lucem protulerunt Ottofredus, \& Taubmannus, daturi erimus myriadas. Wir lassen dahin gestellet sein/ was von dergleichen antiqui taͤten in Schweden verhanden/ wir meinen aber/ es solte gleichfalls keine geringer anzahl bey uns hervorkommen/ wenn man alles auffs genauste suchen wolte. Zu dem wuͤrde es wegen des eigentlichen alters noch viel zu eroͤrtern geben. Er ziehet an offt er- wehntem Orthe aus des Herrn Verelii Anmerckung in Hervara Saga ein Carmen an/ welches er sehr alt haͤlt aus dieser Uhrsachen/ weilen die Woͤrter so sehr verworffen/ und der Verstand verstecket/ und dergleichen saget er sein die Carmina gewesen/ deꝛen Tacitus gedencket/ in quibus inter vetustatis signa, wie er spricht/ non postremum locum obtinuit ænigmatica illa vocum trajectio, qua vetustissimorum poë- tarum Græcorum \& Latinorum scripta lon- Poeterey ersten Zeit. longissime superant. Nun moͤchte ich woll dessen den geringsten Beweiß sehen/ worum die Versetzung ein Kenn- zeichen des Alters sein solte. Die Grie- chische und Lateinische Sprache kan hier nicht zum Exempel gebrauchet werden: denn die gantze Zusammensetzung der Sprache ist anders/ wie die Teutsche und Schwedische/ die der Natur folgen. In Griechischer und Lateinischer Spra- che hat die Kunst eine andere Masse ge- setzet/ und einen numerum gegeben/ wor- nach sie sich richten muͤssen. Diese auß- messung der Griechischen und Lateini- schen Verse/ und die Versetzung der Woͤr- ter halte ich vor eine neuere Erfindung/ als die Trochai sche und Jambi sche metra, derer sich die Teutschen und andere Voͤl- cker gebrauchen/ denn diese sind in jener Sprache auch eher gewesen als die an- dere metra, und werden sie mit derglei- chen kurtzsylbigen Sprachen gebohren. Aber hievon in folgenden ein mehres. Es laͤst sich dieses eben so leicht ver- werf- Das VI. Cap. Von der Teutschen werffen/ als bejahen. Das Exempelwol- len wir hieher setzen 6 2 3 4 5 Latur sa er hakon heitir 14 15 16 7 Han rakir lid bannat 13 11 12 20 Jord kan frelsa findum 8 1 9 Frid-rosz kongar osza 22 18 23 17 25 Sialfur raͤdr alt och Elfar 19 21 24 Eira stillir a-milli 29 30 26 31 Gramur ofgifft ad fremri 27 10 28 Gandwitz Jofur landi In Lateinischer Sprache hat ers auch so außgeleget und die rechte Construction durch die Zahlen angedeutet: 6 2 3 4 5 Facit ille qui Haquinus vocatur 14 15 16 7 ille populum regit , prohibere 13 11 12 20 patriam potest defendere provincias pa- Poeterey ersten Zeit. 8 1 9 pacis-rupturæ Rex insolentiam 22 18 23 17 25 ipsemet administrat omnia \& Goth-Albim 19 21 24 Solus repit inter 29 30 26 31 Rex valde-virtuosus \& præaliis 27 10 28 Gandwicum Terræ Dominus provinciam Es finden sich dergleichen mehr in den An- merckungen des Herrn Verelii uͤber Got- recks und Rolfs Historiam p. 56. 57. 72. 73. woselbst er berichtet/ daß diese art des Carminis Refrun genannt worden. Daß einige derselben so gar alt nicht sein/ ist daraus abzunehmen/ weil sie geschrieben/ da der Christliche Glaube in Schweden schon auffgekommen. Es scheinet viel- inehr/ daß da die Nordische Poeten gar viel metra erfunden/ sie ein solches metrum außgedacht/ daß in solchen verschren- ckungen der Woͤrter bestehet/ das auch deßhalben Refrun ist genannt worden. Wie man auch die Runen in den Uber- t 4 schriff- Das VI. Cap. Von der Teutschen schrifften der Graͤber verworffen/ und darinnen sonderliche Maaß gesetzet/ solche wurden Villurunen genant/ und saget Verelius in Runog. c. 12. davon, quod antiquis ignoratum fuerit hoc artificium. Olaus Wornius hat in seiner appendice li- teraturæ Runicæ unterschiedliche arten sol- cher logogriphorum vorgestellet/ und auff was weise solche gemacht werden an- gewiesen. Ist also meines erachtens dieses kein gruͤndlicher Beweiß ihres Alter- thums/ und wolte ich es vor eine neue Erfindung halten/ die zu der Zeit auff- gekommen/ wie man in der Lateinischen Sprache mit den versibus quadratis, cu- bicis, palindromis beschāfftig gewesen. Doch stelle ich solches zu weiterer unter- suchung/ und will ich das Alterthum der Schwedischen Poesie nicht streiten. Aber man muß hierauß nicht fort den Schluß machen: Bey den Schweden hat man solche Lieder gemachet/ darum sein sie bey den Teutschen nicht gewesen. Denn es kan beides wahr sein/ und sein die Schwe- Poeterey ersten Zeit. Schweden den Teutschen hier in nicht ent- gegen zu setzen/ die einerley Ursprung/ und in dem Grund einerley Sprache ha- ben. Von den alten Gothen bezeuget Jornandes eben dasselbe/ was Tacitus von den Teutschen/ daß sie solche Lieder zum Lobe ihrer Helden gesungen. Es ist gar ein schlechter Grund/ wenn Herr Rud- beck aus dem Wort Barditus, welches er von dem Schwedischen Barda , vulnerare herfuͤhret/ beweisen will : es muͤsse bloß von den Schweden verstanden werden/ was Tacitus saget. Sunt illis hæc quo- que carmina, quorum relatu, quem Bar- ditum vocant, accendunt animos, futuræ- que pugnæ fortunam ipso cantu auguran- tur. Denn warum solte eben von dem Worte Barda vulnerare solches herkom- men/ dann von Wunden und Todtschla- gen pflegt man nicht leicht solche Lieder zu nennen/ sondern von Fechten oder Streiten. Die Daͤnen nennen sie viel eigentlicher Kiempe-Wysar/ bey wel- chen solche Krieges Lieder auch gebraͤuch- t 4 lich Das VI. Cap. Von der Teutschen lich/ derer auch noch einige verhanden/ und in einem Buch versamlet hervorge- gegeben sein/ worauß noch Thom. Bar- tholinus der Juͤngere/ in seinem Buch de Holgero Dano. p. 61. eines anfuͤhret. Ich will hier nicht anfuͤhren/ was einige von den alten Bardis die sich zu solchen Liedern zu machen gebrauchen lassen/ nicht so gar unwahrscheinlich anfuͤhren/ als Elias Schedius de Diis Germanis Syngram 2. cap. 41. und Cyriacus Spangenberg in einem absonderlichen Buch von denselben/ welche davor halten/ daß der Orth Bar- dewick von ihnen so benahmet sey/ wo- selbst sie ihren Sitz gehabt haben: Der Barden Creich. Es hat Henri- cus Meibomius in seiner Historiâ Bardovici hiervon eine andere Meinung/ und las- sen wirs an seinen Orth gestellet seyn: Denn es ist die lectio des Wortes Bar- ditus noch zweiffelhafftig. Einige MSta haben nicht Barditus, sondern Barritus und finden wir dasselbe Wort bey dem Ve- getio und Ammiano Marcellino etliche mahl Poeterey ersten Zeit. mahl auff die art geschrieben. Und hat dieser insonderheit den Barritum so be- schrieben/ daß man eigentlich sehen kan/ daß es mehr auff den Schall als auff die Lieder gehet. Er saget/ es sey clamor ipso fervore certaminis identidem exori- ens, qui paulatim adolescens ritu extolli- tur fluctuum cautibus illisorum. Wel- ches so eigentlich beschrieben ist/ daß man auch den Ursprung des Wortes hieraus abnehmen kan. Kilianus in sei- nem Dictionario erklaͤret das alte Teut- sche Wort also: Baren/ Beren/ ge- baeren. Barritum edere, sublatè \& fero- citer clamare more ursorum. Lipsius schliesset daher/ daß die Wellen den Nah- men Baren bey den Niederlaͤndern ha- ben/ und ist mercklich daß der Ammia- nus Marcellinus den Schall mit den Wel- len vergleichet. Es bezeuget auch die Endigung des Wortes/ die Lateinisch ist/ das es muß von dem Schall verstan- den werden: welches aus den Worten hinnitus tinnitus. \&c. zu sehen. Es fuͤhren auch Das VI. Cap. Von der Teutschen auch einige aus den Aventino an/ daß solcher Thon der lermenden und stuͤr- menden Barrit geheissen/ davon noch ein Spiel das Baarlauffen verhan- den. Es sey dem nun wie es wolle/ so ist endlich unsere Meinung so gewiß/ wo nicht gewisser/ als der jenigen/ die es vom Schwedischen Barda herfuͤhren. Inson- derheit da Vegetius und Ammianus Marcellinus mercklich unser Meinung zu huͤlffe kommen. Uber dem koͤnte jemand noch zweiffeln/ ob es nothwendig sey aus des Taciti Worten diese Meinung zu fas- sen/ daß die Teutschen es Barritum ge- nennet/ denn die Worte quem Barritum vocant, koͤnnen wol auff die Roͤmer ge- deutet werden/ daß die Roͤmer den Schall also genennet von den Barris oder Elephanten/ qui barrire dicuntur. Aber es sein die außdruckliche Worte bey dem Ammiano Marcellino, daß die Barbari den Schall barritum nennen. Daß ich auff die alten Heldengesānge wieder komme: so ist kein Zweiffel/ daß sie viele schoͤ- ne Poeterey ersten Zeit. ne Lehren in sich gehabt haben; und ist auch darauß zu schliessen/ daß die Teut- schen nicht solche Barbari gewesen/ als die Hoffārtigen Griechen und Roͤmer sie außgeschrieen. Es ist nicht glāublich/ daß die Teutschen gar von keinen schrei- ben gewust zu Zeiten Taciti, denn es schei- net/ er habesich so gar viel nicht dar- umb bekuͤmmert: er fuͤhret doch selbsten an/ daß man in Teutschland Griechische Buchstaben gefunden/ wel- ches auch Cæsar bezeuge t. Es koͤnnen auch wol des Taciti Worte literarum se- creta pariter Viri fæminæque ignorant, de literaturâ secretiore verstanden werden/ wie sie Heigius quæst. illustr. 7. lib. 1. n. 60. verstehet/ nicht aber von den Buchstaben. Viel weniger ists zu glaͤuben/ daß von Carolo M. erstlich die Teutsche Schrifft solle erfunden sein/ wie einige wollen/ die Melchior Goldastus in der Vorrede seiner Anmerckungen auff die Paræneles deß- wegen außlachet. Dieser schreibet von den alten Carminibus also: imperiti imo ridi- Das VI. Cap. Von der Teutschen ridiculi, quicunque existimant, brevicu- las fuisse cantandi formas ad instar nunc vulgi cantilenarum; hercle non magis quam vel Homeri poemata ac Virgilii. Cu- jusmodi sunt quæ ex media antiquitate cir- cum feruntur carmina de Ottnite Longobar- do, de Wolftheodoricho Græco, de Gibicho Vangione, de Laurino, de Theodorico Vero- nensi, de Hiltibrando Gottho, de Sigfrido A- grippinensi cognomento corneo, de Eckio, de Eekardo Alsato, de Ernesto Austrio, an Ba- varo, alia quæ nec dum in manus nostras pervenere. Diß schreibet er zwar/ aber es sein doch nichts als muthmassungen denn weil sie gesungen worden/ ists nicht glaͤublich/ daß sie so gar weitlāuff- tig gewesen. Von diesen vermeinet Bernegger quæst. 6. in Taciti Germaniam sein die so genante Meistergesaͤnge und Meistersaͤnger hergekommen/ welche Geistliche und Weltliche Historien in Reimen gebracht/ und dieselbe in Zu- sammenkuͤnfften offentlich gesungen/ den Trithenium vot sich anfuͤhrend/ der in sei- Poeterey ersten Zeit. seiner Historia Francorum solcher Mei- nung zu sein scheinet. Mos erat (saget er) majoribus nostris Francis \& Germa- nis, ut Heroum facta, vel dicta memoratu digna per Sacerdotes templorum patriis commendarentur carminibus, in quibus discendis memorandis \& decantandis juve- num excitarentur ingenia quæ consuetudo multis duravit annis, nec hodie defecit. Ich solte aber meinen daß zu der Mei- stersaͤnger Zeiten der meiste Theil der alten Carminum schon verlohren und diese vielmehr ihrem eigenem Trieb/ als dem Exempel gefolget: denn diese nicht uͤber 500 Jahr alt sein. Es nennet zwar der Aventinus in seiner Teutschen Historien 1. Buch p. 21. b. die alten Lieder Meister- Gesaͤnge aber nach der Gewohnheit sei- ner und der nachgehenden Zeit. Denn er spricht: Von anfang lange„ Zeit hernach haben die Alten/was sie„ geschrieben haben wollen/ und außgehen„ lassen nur in Reime und Verse verfasset/„ sind gut zu singen/ zu mercken und auß-„ wen- Das VI. Cap. Von der Teutschen wendig zu lernen/ begreiffen mit kurtzen„ Woꝛten viel: heissen wir Meister gesaͤnge/„ welche aus Befehl unserer alten Koͤnige/„ und Keyser von den Helden Teutsches„ Landes beschriebē worden auff Poetische„ art. Man moͤchte woll Muͤhe nehmen alles das jenige was hiervon ist/ wie ge- ringe es auch sein mag/ auffzusuchen/ und bey zu behalten/ den solches bißwei- len einen unvermuthlichen Nutzen in der Historie geben kan. Von den Palmerio de Grentemesnil einem gelehrten Frantzoͤ- sischen Edelmann/ der vor kurtzer Zeit gelebt/ und in Schrifften sich beruͤhmt ge- macht wird in Beschreibung seines Le- bens/ die seiner Græciæ antiquæ vorgese- tzet/ dieses sonderlich gepriesen. Non sprevit proprias cujusque provinciæ linguas, rudes licet \& inamænas, quin plurimarum pro- verbia, \& selectiores cantiunculas discere non est dedignatus. Von demselbigen wird auch daselbst gesaget/ Germanorum \& Anglorum linguas familiares habuit, ut multa ex iis arcana erueret. Dieses haben in Poeterey ersten Zeit. in allen Voͤlckern die beste bewaͤhrtsie Leute gethan/ und bey den Teutschen ist dieses so gar hindan gesetzet/ daß wenn wir nicht den eintzigen Goldastum gehabt/ wir nichts haͤtten vorzeigen koͤnnen. Das VII. Cap. Von der andern Zeit der Teutschen Poeterey. Einhalt. A ndere Zeit wird von dem Carolo M. angerechnet. Carolus M. hat selbst Lateinische und Teutsche Carmina geschrieben. Seine Teutsche Gram- matica. Ob er die Teutschen Buchstaben zu erst erfunden. Vor Chilperici Zeiten haben die Fran- cken schon Buchstaben gehabt. Strikers teutsche s Buch von den Thaten des Caroli M. Die Hei- lige Schrifft in Teutsche Reymen uͤbersetzt auff Ludovici I. Befehl. Das Neue Testament auff Caroli M. Geheiß in Teutsch uͤbersetzet. Etzliche alte Teutsche Monumenta, Das Gebeht des HErꝛn/ u Sym- Das VII. Cap. Von der Teutschen Symbolum Apostolorum, der Psalter Davids. Eine neue Teutsche Paraphrasis rhythmica des Neuen Testaments; eine andere des Alten Testa- ments auß dem Theodoro Biblandro. Melchior Goldastus gedencket auch einer/ davon es zweiffel- hafft/ ob es dieselbe. Hottingerus erwehnet noch eine andere. Ottfridi Evangelia in teutschen Versen. Zu welcher Zeit er gelebet. Sein von Mat- thia Flacio heraußgegeben. Lambecius tadelt diese Edition. Die Vorrede dieses Buchs. Verse sein zwar rauh/ aber doch voller Geist. Seine andere Schrifften. Willerami Teutsche und La- teinische Paraphrasis uͤber das Hohelied Salomonis. Von Paul. Merula heraußgeben. Kompt mit dem Wienischen MSto nicht uͤberein. Fr. Junii An- merckungen daruͤber. Die teutsche Poeterey un- ter dem Friderico Barbarossa in das hoͤchste Anse- hen gebracht. Poetische Spiele/ von Kaysern und Koͤnigen angestellt. Ob die Teutschen die Frantzosen darin zu Vorgaͤnger gehabt. Solches wird geleugnet/ und das Gegenspiel wieder den Herꝛn Casaneuve behauptet. In Teutschland sind ehe Carmina geschrieben/ ehe die Proveneal Poëten auffgekommen. Die in der Provence und Languedoc haben Lieder auff ihre tapffre Helden gemacht. Welches sie ohn Zweiffel den Teutschen nachge- macht. Ihre Calender wurden auff Staͤbe ge- schnitten. Welches bey den Gothen auch gebraͤuch- lich gewesen. Des Winßbecken Carmina werden ge- Poeterey andern Zeit. gelobet/ und den Griechischen und Lateinischen gleich geschaͤtzet. Waͤre zu wuͤnschen/ daß noch alle dieselben Carmina verhanden waͤren. Es werden ihrer viele aus dem Melchiore Goldasto erzehlet/ Koͤnige/ Fuͤrsten/ Grafen/ Freyherrn/ Edele. Hel- denbuch. Die gelehrte Poëtria Hroswita. Des Heiligen Annonis Reime mit des Opitzen Anmer- ckungen heraußgegeben. Catonis Disticha uͤber- setzet. Wunsch des Autoris, daß von den gꝛossen Herꝛn diese Teutsche Antiqui taͤten besser hervor gesucht moͤgen werden. J. F. Gn. des Herrn Bischoffs von Muͤnster Monumenta Paderbornensia, ein trefliches Exempel vor andere Fuͤrsten und Herrn/ um die Alterthuͤme ihrer Laͤnder zum Vorschein zu bringen. Die Poeterey ist durch einfallende Krie- ge/ auß den Haͤnden der Grossen/ Fuͤrsten/ und Edelen unter den Poͤbel gekommen. Meister-Saͤnger. Ihre Privilegi en/ Freyheiten/ Ceremoni en/ Meister- Saͤnger Krantz. Pritschen Meister. Benedickt Edlbeck Siber Pritschmeister. Ein altes Lied von dem Anthyrio. Verschiedene fragmenta alter Verse auff Pergament geschrieben. Eine alte Saͤchsche Reim-Chronicke. Hugo von Trimberg hat ein Buch geschrieben der Renner genandt. Ist sehr verschieden von dem MSto des Herrn Marq. Gudii. Dessen wird eine Probe gegeben. Agricola in der Vorrede seiner Sprichwoͤrter er- wehnet einige alte Teutsche Schrifften. Eck von Repkovv Poetische Vorrede des Sachsenspiegels. u 2 ge- Das VII. Cap. Von der Teutschen Gemengete Teutsche Reime mit den Lateinischen- Exempel solcher Carminum. Petri Dresdensis Ge- saͤnge. David Freidanck. Sebastian Brand. Fe- lix Hemmerlin. Melchior Pfintzingen Ritter Theurdanck. Reincke Voß. Dessen Autor. Wird sehr geruͤhmet. Ist keine Frantzoͤsische son- dern Teutsche Erfindung. Eselkoͤnig. Rollen- hagens Froschmaͤuseler. Hans Sachsen Poe terey. Bar ein Lied. Johan Domans Lied von der alten Teutschen Hanse. D Ie Andere und Mittlere Zeit muß von Carolo dem Grossen angerech- net werden/ so gar daß von ihm sel- ber der Anfang gemacht werde. Er hat die alte unbeschriebene Gesetze seiner Voͤlcker zusam̄en schreiben lassen. Er hat eine Teut- sche Grammaticam zu schreibē angefangen/ um zu er weisen/ daß er zugleich ein Koͤ- nig und Lehrmeister seines Volcks were. Er hat die alte Teutsche Gedichte/ wie droben gedacht auffzeichnen lassen. Er hat alle Wissenschafften außgeuͤbt/ hohe und niedrige Schulen vor dieselben ge- stifftet Er hat auch selbst die Feder ange- setzt Poeterey andern Zeit. setzt und so woll in Lateinischer als Teut- scher Sprache Carmina geschrieben/ wel- ches daß Chronicon Mindense von ihm be- zeuget p. 101. Es wird demselbē/ ein Epitaphi- um zugeschꝛiebē welches er auf den Ruland gemacht haben soll. Aber dem fabel- hafften Turpino kan man nicht sicher glaͤu- ben. Borell in der Vorrede seiner Recherches d’Antiquites Gauloises \& Fran- coises berichtet/ daß Carolus M. Histo- rische Verse von Franckreich gemacht/ und zwar in Teutscher Sprache/ aber er bringet dessen kein gewisses Zeugniß/ sondern er beruffet sich nur auff ein gemei- nes Geruͤchte. Es ist aber durchaus nicht glaͤublich/ daß Carolus M. zum ersten die Teutschen Buchstaben solte erfunden ha- ben/ wie einige wollen. Denn Grego- us Turonensis schreibet von dem Chilperi- co einem Koͤnige der Francken l. 5. c. 45. Addidit \& literas literis nostris, id est ω , sicut græci habent, ae, the, vuui, quarum characteres subscripsimus, hi sunt o. ψ. z . 11. Et misit epistolas in universas civitates regni u 3 sui, Das VII. Cap. Von der Teutschen sui ut sic pueri docerentur, ac libri antiqui- tus scripti, planati pumice rescriber entur. Weil nun dieses von der Teutschen Spra- che muß verstanden werden/ und allhie der Buͤcher die von alten Zeiten her ge- schrieben gedacht wird/ so muß Teutsch- land lang zuvor seine Buchstaben gehabt haben: welches allerdings auch der Warheit gemaͤß zu sein scheinet. Sonst hat man ins gemein die Lateinische Buch- staben gebrauchet. Es ist noch ein altes Teutsches Werck verhanden dessen Gol- dastus offt gedencket/ und Lambecius Er- wehnung thut in lib. 2. comment. de Bib- lioth. Vindobonensi von den Thaten des Caroli M. und des Rulands/ dessen Ver- fertiger sich Striker nennet/ und ist diß druͤber geschrieben : diz Puech ist von Chu- nich Karl und von Ruland gemacht, vvie sie diu heidenschafft uberchomen. Es ist aber diß Buch nicht uͤber sechsthalb hundert Jahr alt/ wie aus Goldasti An- merckung uͤber die paræneses p. 361. zu se- hen. Caroli des Grossen Sohn Ludovicus, hat Poeterey andern Zeit. hat sich zum ersten bemuͤhet die gantze Heilige Schrifft in teutsche Verse zu brin- gen/ damit auch das gemeine Volck den Verstand haben/ und sie zugleich dem Gedaͤchtniß einverleiben koͤnte. Diß er- wehnet Andr. du Chesne tom. 2. p. 326. welcher aus der Vorrede eines alten in Saͤchsischer Sprache geschriebenen Buchs dieses zum Zeugniß anfuͤhret: Cum divinorum librorum solummodo literati atque eruditi prius notitiam habe- rent ejus studio atque imperii tempore, sed Dei omnipotentia at que inchoantia mi- rabiliter actum est nuper, ut cunctus po- pulus suæ ditioni subditus Theudisca loquens lingua, ejusdem divinæ lectionis nihilomi- nus notitiam acceperit. Præcepit namque cuidam uni de gente Saxonum, qui apud suos non ignobilis vates habebatur, ut ve- tus ac Novum Testamentum in germani- cam linguam poëticè transferre studeret: quatenus non solum literatis verum etiam illiteratis sacra divinorum præceptorum lectio panderetur. Es wird diß Werck u 4 fer- Das VII. Cap. Von der Teutschen ferner gelobet und dieses hinzu gesetzet. Juxta morem vero illius poëmatis omne opus per vitteas distinxit, quas lectiones nos vel sententias possumus appellare. Die- se ist ohn zweiffel die ālteste Ubersetzung die in den Historien zu finden; nur daß von Carolo M. einige melden/ ob haͤtte er das Neue Testament in Teutsch uͤberse- tzen lassen/ und Gesnerus in seinem Mi- thridate p. 46. gedencket/ es weren die Psal- men Davids zu der Zeit verteutscht noch in dem Kloster S. Galli verhanden. Rhe- nanus schreibet dem Valdoni Episcopo Fri- singensi die Ubersetzungen der Evangelien zu/ so im Jahr 800 geschehen. Man hat auch noch daß Gebeht des HErrn/ das Symbolum Apostolicum zu der Zeit oder noch vor derselben geschrieben/ so aus der Bibliotheca Vaticana hervor ge- kommen/ welche Marquardus Freherus mit Anmerckungen her außgegeben/ und wel- che auch bey dem Winckelmann in seiner Notitia Westphaliæ l. 3. c. 7. zu finden. Man hat auch noch einige Anglo-Saxoni- sche Poeterey andern Zeit. sche Psalmen/ welche Johannes Seldenus mit seinen gelahrten Anmerckungen ge- zieret. Auch ist eine Saxoni sche und Hochteutsche formul deß Symboli vom Boxhornio heraußgegeben. Lambecius hat in lib. 2. comm. de Bibl. Vindobonensi c. 5. p. 38, noch eine Teutsche Beicht for- mul, die Carolus M. gebraucht haben soll/ und p. 388. die Erzehlung deß was zwischē Christo und dem Samaritanischen Wei- be vorgegangen in alter teutscher Spra- che. Es wundert mich daß Hottinge- rus, da er Bibl. Theolog. l. 1. c. 3. so fleis- sig ist in den vielfaͤltigen Ubersetzungen der Biebel hervor zu suchen/ dieser/ die von dem Ludovico I. angestellet/ nichts gedencket. Es ist aberivermuthlich daß sie verlohren gegangen. Ich habe zwar ei- nige Saͤchsche Ubersetzung des Neuen Te- staments/ oder vielmehr eine paraphrasin rhythmicam gesehen/ die aber viel neuer gewesen/ und mit vielen andern Erzeh- lungen vom Leben Christi/ die in der Bibel nicht enthalten/ vermischt. The- odo- Das VII. Cap. Von der Teutschen odorus Bibliander in seinem Buch de rati- one communi omnium linguarum p. 49. hat auch einer Poetischen Ubersetzung des Alten Testaments gedacht. Legi vetus instrumentum versibus germanicis redditum â Rodolfo quodam oriundo ex familia quæ nomen habet ab eminente arce in Rhætia, quam vulgus nominat hohen Ems, idque rogatu \& jussu Regis Chon- radi, fil: Friderichi secundi Cæsaris Augu- sti: qui versus orthographiâ, verbis, in- flexione, structura modoque carminis di- screpant â præsente consuetudine. Id quod uno exemplo perstringam: nam de fide Ga- beonitis â losua \& cæteris Israëlitis data sic canit Swel man den Ban GOtts breche Daß man es an ihm raͤche pro illo quod sermo nunc usitatus diceret Welcher Mann den GOttes Ban braͤch Daß man es an ihm billig raͤch. Diese ist aber/ wie er schreibt/ viel juͤn- ger und in Hochteutsch geschrieben. Mel- chior Goldastus Tom. 1. Rer. Alemanicar, p. 198. Poeterey andern Zeit. p. 198. thut auch hievon einige Erweh- nung/ und berichtet/ daß sie in der Schobin gerschen Bibliothec verhanden. In seinen Anmerckungen uͤber die Teut- sche Paræneses fuͤhret er viel aus einer Paraphrasi veteris Testamenti an: aber er nennet den Autorem Anonymum an- tiquissimum, denn er selbst doch in seinen Alemannicis Rudolphum ab Ems genant/ daß ich also im Zweiffel stehen muß/ ob es dieselbe oder ein ander paraphrasis sey. Doch scheinet jenes glaubwuͤrdiger/ und kan es vielleicht nur ein Gedāchtnißfeh- ler sein: wiewol dieses bedāchtlich/ daß er ihn antiquissimum nennet/ da doch die andern beinebenst angefuͤhrten Zeugnis- sen gleiches Alters sein. Hottingerus er- wehnet am vorigem Ohrte einer andern die er vor sehr alt hālt/ auß welcher ihm einige fragmenta zu handen kommen/ deren eins wir hieher setzen wollen aus der Historia von Joseph. Do der hunger sere/ i e m ere und aber meere. Begunde hertin ober duͤ lant. und niemand nicht korniß van t . Daz livt in hungers not began. den Kunte seere ruͤfien an. Daz er in hieze geben da, die noidurfte die hietz et sa. Daz Das VII. Cap. Von der Teutschen Daz si zu Josebe giengin. und von im da enpfingin. Korn und spise daz geschach. die schiure man ofslietzin sach. Da si us verkoften korns vil. Naht uñ tac uñ alliv zil. Watz umbe in vil groz gedranc. daz livt vil grozirhunger twane. Daz si gultin durch hungers not. daz korn durch not swie man s in bot. Joseph gewan in kurtzim zil. goldis und filbers vil. Bz wendic rehtir maze zil. daz ez was meer danne vil. Bn der Kunic so richite. daz sih im niht gelichete. Wann er mit dem rainen Mann. so sere uchin began Daz sin guͤt wuͤchs un sin gewalt. un wart mit richait manicvall. Zu des Lotharii I. Zeiten hat gelebet Ott- friedus ein Munch des Klosters Weissen- burg/ hat aber unter Ludovici II. Zeit erstlich die Evangelia in alten Teutschen Versen heraußgegeben/ und dem Luith- berto Meintzischen Ertzbischoff zu ge- schrieben. Er war des Rabani Mauri Lehrjuͤnger. Ist also vielleicht ein Feh- ler der fluͤchtigen Feder/ daß der Herr Hoffmann in der Vorrede seiner Ge- tichte ihn unter die Zeit des Lotharii und Friedrichs setzt/ wodurch niemand an- ders als Lotharius II. und Fridericus Bar- barossa koͤnte verstanden werden. Aber er hat vielleicht an stat Fridrichs den Nahmen Ludewig schꝛeiben wollen. Beatus Rhenanus hat zu erst diß Buch gefunden. wie Poeterey andern Zeit. wie er selbst in seinen rebus Germanicis erzehlet. Hernach hat es Matthias Fla- cius Illyricus zu Basel heraußgegeben unter dieser Uberschrifft Ottfridi Evange- lium, liber veterum Germanorum Gram- maticæ, poëseos, theologiæ præclarum mo- numentum. Mit dieser Edition ist der Herr Lambecius lib. 2. comm. de Bibl. Vin- dobonensi c. 5. nicht zu frieden/ weil er sie vor gantz unvollkommen haͤlt/ und sehr viel Fehler darin angemercket. Er hat eine dreyfache Vorrede: die eine lautet an Salomon einen Bischoff zu Costnitz: die andere an Koͤnig Ludewig beide in Teut- schen Versen/ deren erste Buchstaben wenn sie zusammen gelesen werden einen absonderlichen Verstand machen: welche Carmina bey den Gꝛiechen Ακρόςιχα genant worden: die dritte an den Ertzbischoff zu Meintz Luitbert in Lateinischer Sprache. Worinnen er zu verstehen gibt/ daß er auff Bitte seiner Bruͤder und der Kay- serin Judithæ, der vor andern Weltli- chen und unflātigen Gedichten geeckelt die Das VII. Cap. Von der Teutschen die Muͤhe auff sich genommen/ und ein Theil der Evangelien in Teutsche Verse uͤbersetzet. Woraus denn erhaͤlt/ daß doch vorhin einige Lieder und Getichte in Liebessachen muͤssen gewesen sein. Die Verse sind des Maasses und der rauhen Sprache wegen sehr unlieblich/ uͤber welche er sehr klaget in der Vorre- de seiner Evangelien. Die wenigen Verse die der Herr Hoffmann in seiner Vorrede aus ihm anfuͤhret und in Verse uͤbersetzet zeigen daß dennoch unter die- sem so grobem Kittel der Sprache ein gu- ter Geist verborgen gewesen. Er hat noch andere dinge in Teutscher Sprache geschrieben/ als Predigten uͤber die E- vangelia/ Paraphrases in Canticum Esaiæ, Ezechiæ, Hannæ, Moisis, Zachariæ, Ma- riæ uͤber das Vater Unser/ uͤber des Athanasii Symbolum, uͤber die Psalmen Davids/ und noch drey grosse Bucher uͤber dieselbe. Lambecius hat l. 2. c. 5. p. 46. als zur Probe den ersten Psalm an- gefuͤhret/ hālt es vor ein sonderliches sel- tenes Poeterey andern Zeit. tenes Gedenckmahl der alten Sprache/ wuͤnschend deß es dermahleins ans Licht gebracht wuͤrde: Trithemius in seinem Buch de Scriptoribꝰ Ecclesiasticis neñet die- sen Ottfridum, Virum in divinis scripturis eruditissimum, \& in secularibus Virum egregiè doctum, Philosophum, Rhetorem, Poêtam insignum ingenio excellenti \& disertum eloquio. Zu Henrici des III. und IV. Zeiten lebte Willeramus, ein gelehr- ter Abt zu Merßburg/ welcher uͤber das Hohelied Salomonis eine Lateinische Pa- raphrasin metro-rythmicam geschrieben/ und auch eine Teutsche in ungebundener Rede. Selber gehoͤret woll nicht unter die Teutsche Poeten/ aber er ist werth/ daß wir ihn hier beruͤhren. Es ist ein schoͤ- nes Denckmahl der alten Sprache/ und kan man einen sonderlichen Verstand darin mercken. Die Lateinische Verse sind auch nicht so gar zu verachten/ nur daß sie mit der damahls uͤblichen Rei- merey auch angefuͤllet sein. Der Paulus Merula hat diesen Autorem zu erst her- auß- Das VII. Cap. Von der Teutschen außgegeben mit seinen Anmerckungen. Aber Lambecius urtheilet davon also: Tanta \& tam multiplex Batavam illam edi- tionem impressam inter \& vetustissimum Codicem MS. (welchen er in der Keyser- lichen Bibliothec gefunden) est differentia, ut ad eam demonstrandam integrâ novâ e- ditione sit opus. Es hat der Franciscus Junius hernach seine Anmerckungen ab- sonderlich daruͤber außgegeben/ worin- nen viel sonderliche Dinge enthalten. Unter Friderico Barbarossa ist die damah- lige Poeterey zum hoͤchsten Ansehen er- hoben/ und nicht allein eine Ritterliche sondern Koͤnigliche und Fuͤrstliche Ubung worden. Man stritte damahls an dieses Keysers Hofe umb den Preiß dieser Kunst/ und wurden eigne Spiele ange- stellet/ in welchen von den vornehmsten Matronen die Krāntze den Singern auß- getheilet wurden. Wie dieses Ampt die Winßbeckin gefuͤhret/ deren trefliche Vermahnung an ihre Tochter in Teut- schen Versen geschrieben von dem Gol- dasto Poeterey andern Zeit. dasto nebst des Herrn Winßbecken sei- nen an den Sohn und andern Versen heraußgegeben. Der Herr de Casaneu- ve in seinem Buch de l’ Origine des Jeux- fleureaux meinet/ die Teutschen haͤtten den Frantzosen hierin nachgeahmet/ und ihre Reime und die Poetische Spiele von ihnen gelernet/ worin ich ihm doch nicht allerdings Beyfall geben kan. Das eintzige Exempel des Ottfridi, welches er anfuͤhret/ widerlegt ihn/ welcher Rei- me geschrieben/ ehe noch von einigen Frantzosen etwas vorgewiesen worden. Es ist bekandt/ daß die Provinciales Po- tæ etwa vor fuͤnffhundert Jahren erstlich angefangen. Man kan keine Aeltere bringen/ und hat der erste den Claude Fauchet setzet/ im Jahr 1155 geschrieben/ welches eben in die Regierung des Fri- derici Barbarossæ fāllt/ da die Teutsche Poesey in vollem schwange war/ und nach ihrer Art/ ja so gut und besser als der Provençalen ihre außgeuͤbt. Ottfridus aber hat lange zuvor seine Verse geschrieben/ x und Das VII. Cap. Von der Teutschen und ist er nicht der erste gewesen/ der Rey- men geschrieben/ wie de Casaneuve meint: denn Ottfridus gedenckt selbst in seiner Vorrede der Liebeslieder/ die damahls im schwange gewesen/ ob gleich die Spra- che grob und ungeschickt/ dar- uͤber Ottfridus klagt. Denn es folget nicht: Ottfridus klagt uͤber die Muͤhe/ die er der rauen Sprache halber gehabt/ dar- um ist er der erste gewesen/ der die Rei- me gemacht. Carolus M. hat die Gram- matic zu seiner Zeit erstlich zu schreiben angefangen/ und waren doch vor ihm von Taciti Zeiten her und druͤber Lieder gewesen/ die er in ein Buch versamlen lassen. Wir haben droben erwiesen/ daß auff Ludovici I. Befehl eine Paraphra- sis des Alten und Neuen Testaments in alten Sāchschen Versen verfertiget/ die noch aͤlter als des Ottfridi seine. Ist also falsch/ daß diese des Ottfridi die er- sten Reime gewesen. Wir haben ein klares Zeugniß aus dem Papirio Massonio der außdruͤcklich schreibt lib. 3. Annal. daß un- Poeterey andern Zeit. unter dem Ludovico VIII. Koͤnige in Franckreich (war etwa im Jahr 1216. zu Keysers Friderici II. Zeiten) die Provin- çal Poësie erstlich in auffnehmen gekom- men/ welche Meinung auch Grabriel Naudæus in seiner Addition a l’ Historie de Louys XI. pag. 349. beypflichtet/ da doch zu Friderici I. Zeiten in Teutschland die Poeterey in vollen Flor gewesen. Wor- auß ich schier schließen durffte/ daß die Frantzosen solche von den Teutschen ge- lernet. Was sonst der Herr de Casa- neuve in erwehntem Buch/ p. 22. 23. davon anfuͤhret/ bekraͤfftiget abermahl unsere Meinung. Daß die Frantzosen von den Teutschen ihre Poeterey erler- net/ kan auch hieraus dargethan wer- den/ daß sie eben auff die art/ wie Taci- tus von den Teutschen schreibet/ das Ge- daͤchtniß der verstorbenen Helden mit Liedern beehret. Wie denn von denen in der Provence und Languedoc Borellus in der Vorrede seiner Frantzoͤfischen antiqui taͤten außdruͤcklich bezeuget: x 2 On Das VII. Cap. Von der Teutschen On avoit anciennement accoustumé d’ instituer des ieux à l’ honneur des Hommes illustres, \& de reciter des Vers à leur loü- ange à certain jour de chaque anneé, afin de perpetuer leur memoire: on prati- que encore cela en quelques ville de Lan- guedoc. Ces Coustumes sont fort ancien- nes. Es erzehlet der Herr Borell weiter als ein sonderliches Zeichen ihres Alter- thums/ daß sie ihre Calender und All- manach von Holtz machen. Les paisans (sagt er) se servent encore d’ une espece des hieroglyphiques en sorte, qu’ ils font ces Almanachs sur un morceau de bois qui n’ est pas si grand qu’ une carte à jouer, où sont marquez tous les mois \& jours de l’ anneé auec les Festes \& autres choses no- tables par un artifice singulier. Ce qui marque que ce pais a eu des connoisances, des sciences, \& autres belles choses de puis un temps immemorial, retenant cela des Egyptiens ou autres qu’ ils avoient imitez. Und eben dieses ist eine Erfindung/ die von der ersten Zeit bey den alten Gothen und Poeterey andern Zeit. und Schweden gebraͤuchlich gewesen: darauß zu sehen/ daß wie sie in einem also also auch in dem andern von ihnen ihre Sitten gefasset: dann die poësie ist bey den Nordischen Voͤlckern/ worun- ter auch die Teutsche gehoͤren/ eine uhr- alte Kunst gewesen. Wie wir nun uns billig den Vorzug in der Poësie, die zu Frid. Barbarossæ Zeit im Schwange ge- gangen/ zumassen; so koͤnnen wir keine geringere Anzahl von Tichtern zum Vorschein bꝛingen/ und zwar nicht von ge- ringen und gemeinen Leuten/ sondern Koͤnigen/ Fuͤrsten und Grafen/ die in dieser Zeit ihre Verse geschrieben/ davon noch einige fragmenta vorhanden/ deren Goldastus einen Theil in seinen Paræneticis hervor gegeben. Worunter des Winß- becken und der Winßbeckin ihre so herr- lich seyn/ daß auch die ietzige Zeit nichts daran zu verbessern findet. Ich rede aber nicht von der reinen Sprache und deren Reim-gebānden/ wiewoll solches zierlicher und besser ist/ als der proven- x 3 cal Das VII. Cap. Von der Teutschen çal Poëten die damahls geschrieben. Gol- dastus sagt in der Vorrede seiner An- merckungen nicht unbillig von ihnen: Dicite sodes, si latino carmine cecinisset, putatisne pauciores interpretes, quàm Guntherum, Petrum Blesensem, aliosque ejusdem ævi reperturum fuisse. Ich muß gestehen/ daß es mir eine grosse Erge- tzung sey/ diese alte Schrifften und in- sonderheit des Winßbecks/ zu lesen/ darinnen warlich eine grosse Weißheit steckt/ und fast kein Wort vergebens ge- setzet ist. Ich gedencke hiebey allezeit an das Urtheil des Josephi Scaligeri, so er von des Ennii Schrifften gefāllet/ wann er dieselbe mit den neuen Poeten ver- gleichet. In den Primis Scaligerianis, so der Tanaquil Faber heraußgegeben/ sagt er also von ihm: Utinam hunc ha- beremus integrum, \& amisissemus Luca- num, Statium, Silium Italicum, \& tous ces garçons-la. Dieses moͤchte man auch woll zum Theil von diesen alten Poeten sagen. Es waͤre zu wuͤnschen/ daß Poeterey andern Zeit. daß wir sie alle gantz haͤtten/ und an de- ren statt einige von unsern Neulingen verlohren/ die der gelehrten Welt mit ihren ungeschickten Getichten sehr be- schwerlich fallen. Es ist ihrer keine ge- ringe Anzahl. Wir wollen nur die all- hie setzen/ deren der Goldastus eine bey- laͤuͤffige Erwehnung thut. Des Koͤnigs Tyrol aus Schottland/ und des Winßbecks Getichte sein von dem Gol- dasto gantz gesetzt. Wer dieser Koͤnig Tyrol gewesen sey/ kan er nicht sagen; denn man findet seinen Nahmen nicht in Schottischen Historien. Er hat aber gantze Buͤcher von Koͤniglicher Auffer- ziehung geschrieben/ worauß dieses nur ein Außzug ist. Es bezeuget Boppo, der zu der Zeit gelebet/ daß er 2. Buͤcher geschrieben an seinen Sohn Fridebrand: eines/ dar in er handelt von der Unter- weisung in Goͤttlichen dingen; das an- dere/ von einem guten Leben und Wandel. wovon Goldastus mit mehren handelt in der Vorrede der Anmerckungen uͤber di Das VII. Cap. Von der Teutschen die Paræneses. Winßbeck ist bey dem Friderico Barbarossa und seinem Sohn in grossen Ansehen gewesen/ hat auch dem Zug in Syrien mit beygewohnet. In den Anmerckungen fuͤhret er nur bey Gelegenheit einige Stuͤcke aus den andeꝛn an: darunter seyn Wolffram Eschel- bach/ (der eben zu der Zeit gelebet/ und im andern Theil des Helden Buchs ei- nige Carmina gemacht. Welches Helden- Buch nichts anders ist/ als eine Collectio vieler Getichte von den Helden der vo- rigen Zeit/ dessen erster Collector den- noch unbekant ist.) Marggraff Hen- rich von Meissen/ Graff Con- rad von Kilchberg/ Koͤnig Wen- tzel von Boͤhmen/ Graff Friedrich von Liningen/ Marckgraff Otto von Brandenburg/ Graff Krafft von Toggenburg/ Graff Rudolff von Neuenburg/ Burggraff von Luͤntze/ Graff Albrecht von Hei- gerlou/ Hertzog Hinrich von Preß- la/ Hertzog Johann von Bra- band/ Poeterey andern Zeit. band/ Hertzog von Anhalt/ Graff Otto von Bobenlube/ Herr Gott- fried von Niffen/ Herr Hinrich von Morunge/ Herr Dithmer von Ast/ Herr Walter von Klin- gen/ Herr Ulrich von Gutenburg/ Herr Jacob von Wart/ Herr Werner von Tuͤfen/ (der Keyser Frie- drichs Zug wieder den Saraceni schen Koͤ- nig Saladin in Syrien in Versen beschrie- ben haben soll/ auch selbst demselben mit beygewohnet.) Herr Hinrich und Herr Eberhard von Sax/ Herr Rudolff von Rotenburg/ Herr N. von Glirs/ Herr Hinrich von Veldig/ Noster von Wengen/ Walter von der Vogelweide/ (wel- cher an den Kayser Philippum umb das 1200. Jahr ein Buch geschrieben hat) Noster von Singenberge/ Truch- ses zu St. Gallen/ Noster von Gra- fenberge/ M. Wigulais/ Ulrich von Lichtenstein/ Henrich von Off- terthinge/ Hans von Ringenberg/ x 4 Otto Das VII. Cap. Von der Teutschen Otto vom Turne/ Ulrich Schenck von Winterstaͤten/ Reimer von Zweter/ Konrad Schenck von Landegge/ Tanhuͤser/ Marner/ Tu- ning von Ringoltingen/ Friderich von Husen/ Bruder Werner/ Bie- teroltz/ der die Historie des Dieterichs von Bern beschrieben/ Albert ab Ei- be/ Meister Singebar/ Hinrich von Frauenberg/ Friederich von Suͤnnenburg/ Hartmann von Owe/ Meister Kunrad von Wüꝛtz- burg/ Friederich der Knecht/ Kunrad von Helmstorff/ welcher eine Vergleichung des Alten nud Neueu Testaments in Versen gemacht/ Hin- rich von Frauenlob/ welch er den Nahmen davon bekommen/ daß er den Frauen viel Getichte zu Ehren gemacht/ welche ihn in seinem Tode wieder damit geehret/ daß sie seine Leiche biß an seine Grabstatt getragen/ uñ dieselbe mit Wein begossen/ davon Wolff. Tom. 1. Rer. Mem. Cent. 14. p. 604. zu lesen. Hinꝛ. von Effer- lin- Poeterey andern Zeit. lingen/ der dem Heꝛtzogē Leopold von Oe- sterreich viel Liebes-Getichte zu Ehren geschrieben/ Reinhard von Zwechin/ Hermann von Sachsen/ ein Ritter/ der ein Romain von der Moͤhrin ge- schrieben. Man findet auch von einem Kantzler des Keysers/ der sich nicht nennet/ einige Verse; einen andern/ der sich den Tugendhafften Schrei- nennet. Dieses seyn nur etliche wenige/ deren Getichte uns uͤber blieben/ und von ihnen nur etliche wenige Stuͤckwercke/ die hie und da in den Bibliotheken ste- cken/ auch mehrentheiis von den unwis- senden Leuten zerrissen und verdorben seyn. Die Nahmen sein uns nur bloß bekant auß den Anmerckungen des Gol- dasti, der sie in der Schobingerschen Bib- liothec gesehen und gelesen. Wer weiß wo sie itzo stecken? und ob nicht schon der meiste Theil von ihnen umkommen. Taubmannus in der Vorrede seines Com- mentarii in Culicem Virgilii, hālt sie so wehrt/ daß er gantze Oerter darauß ge- zogen Das VII. Cap. Von der Teutschen zogen und hingesetzet. Sein Urtheil davon ist dieses: Hæc profectò talia sunt, præ quibus genuinus aliquis Germanus Græcos Latinosque Poëtas fastidiat. Verweiset hernach seinen Landsleuten/ daß sie nicht bey solcher art zu poetisiren geblieben/ sondern sich je mehr und mehr verschlim- mert Es sind einige derselben und an- dere Lieder in dem so genanten Helden- Buch zusammen gesamlet/ welches un- terschiedliche mahl in Teutschland her- außkommen. Die letzte Edition ist/ mei- nes wissens/ zu Franckfurt Anno 1560. gedrucket: es ist in vier Buͤcher getheilet. Es wird darin gehandelt von den alten Helden und Riesen/ von Keyser Ottnit und dem kleinen Elberich/ von Hug Diederich und Wolff Diedrichen/ von dem beruͤhmten Garten zu Wormbs/ von dem Koͤnig Laur in uñ seinem Rosen-Gar- ten ꝛc. Ist allenthalben mit Fabeln gemi- schet. Es ist aber von der Lieder eygenem Alterthum alles ungewiß und deßhalben keine Nachricht. Die Sprache gibt es/ daß sie Poeterey andern Zeit. sie so so gar alt nicht sein; glāube aber/ sie seyn von etlichen Kluͤgelingen in eine andere Form gegossen/ wie andern Wercken auch geschehen ist. Es geden- cket der Taubmann ferner einiger ande- rer Carminum: Habui ego in Bibliotheca illustris puçllæ Germanæ, cui nomen HROSVITA, comœdias sex in æmulario- nem (uti præscripsit) Tereotii factas. Item Panegyricum Hexametro \& Elegiaco car- mine Ottoni Magno dictum, annis abhinc septingentis \& amplius. Diesen hat H. Meibomius heraußgegeben. Ihrer ge- dencket auch Malincrotius de Archicancel- lariis Imp. p. 29. Hie mussen auch noch hergebracht werden eines unbekanten Teutschen Poeten Reime/ der des Cato- nis Disticha uͤbersetzet/ dessen Goldastus offt gedencket/ auch des St. Annonis, eines Coͤlnischen Ertz Bischoffen/ Teutsche Ver- se/ vor etwa 600. Jahren geschrieben/ die Herr Opitz noch kurtz vor seinem To- de mit Anmerckungen heraußgegeben. Es sollen in der Wienischen Bibliothec noch Das VII. Cap. Von der Teutschen noch einige der alten Teutschen Schriff- ten verborgen seyn/ wie Lambecius eini- ge neñet/ worunter aber wenig poetische seyn. Diese hat er versprochen in einem absonderlichē Syntagmate rerum Germani- carum heraußzugeben/ welche Hoffnung nun mit ihm verloschen. Wir ermahnen aber alle und jede/ die solcher alten Schaͤtze Besitzer seyn/ daß sie solche nicht vergra- ben/ sondern dem Vaterland zu Ehre und Liebe ans Tages-Licht bringen: wuͤnschen auch danebst/ daß Ihrer Key- serl. Mayt./ den Fuͤrsten des Reichs und allen Großmaͤchtigen Beforderern der Gelehrtheit und Wissenschafft/ diese loͤb- liche Begierde auffsteigen moͤge/ unsers wehrten Vaterlandes Alterthuͤme durch Gelehrte und darzu bequeme Leute un- tersuchen zulassen/ damit sie endlich aus der Finsterniß ans Licht gezogen/ und den Außlaͤndern/ der gantzen Welt/ und den Nachkommen vor Augen gestellet werden moͤgen. Wir haben dessen ein unvergleichliches Exempel an dem Hoch- wuͤr- Poeterey andern Zeit. wuͤrdigsten Fuͤrsten und Herrn/ Herrn Ferdinand/ Bischoffen zu Muͤnster/ dessen Hochfuͤrstl. Gnade selbst die Feder zur Hand genommen und die unsterbli- che Arbeit Monumentorum Paderbor- nensium zu aller Gelehrten verwunde- rung der Welt als einen kostbahꝛen Schatz geschencket. Worunter die schoͤnsten Lateinischen Epigrammata, die aller Roͤ- mischen Kunst und Zierlichkeit Trotz bie- ten koͤnnen/ wie die herrlichsten Edel- gesteine in dem feinsten Golde hervor leuchten. Nach dieser so gluͤcklichen Zeit/ da Koͤnige/ Fuͤrsten/ Grafen und Edele die Poeterey fuͤr ihre Zierd und Ergetzung hielten/ fiel dieselbe auff einmahl/ und ge- riht unter die Hānde des gemeinen Poͤ- bels. Dann wie in Teutschland die Kriege und Zerruͤttunge des Reichs an- giengen/ und bey 23. Jahren kein Haupt war/ sondern bald dieser/ bald jener das Reich mit Gewalt zu sich zu reissen ge- dachte/ da ist unter so viel Kriegen und Drang- Das VII. Cap. Von der Teutschen Drangsahlen/ wie die Ritter und Edele immer in den Waffen lagen/ diese Edle Kunst gar verlassen und viel ungeschick- tes Dinges von nichtswuͤrdigen Leuten geschrieben worden. Wie nun deren Verstand sich nicht weit erstrecket/ al- so ist ihre Kunst demselben gleich gewesen. Zu dieser Zeit wurden die so genante Meistersaͤnger hochgehalten/ deren Lieder Reineccius Orat. de Historiæ digni- tate nach den alten Heldenliedern stellet: Welche aber immer an Guͤte abgenom- men. Es haben dennoch einige auff die- selbe etwas gehalten: und haben die Keyser selbst ihnen Privilegia sampt einem son- derlichen Meistersaͤnger-Krantz erthei- let. Harstoͤffer gedencket in seiner Vor- rede uͤber sein Specimen Philologiæ Teu- tonicæ, daß Keyser Otto der andere ihnen sonderliche Freyheiten ertheilet ha- be/ Maximilianus I. hat eine sonderliche Constitution de honore \& Privilegiis Poë- tarum gegeben welche beym Goldasto zu finden: Worunter einige diese Meister- saͤnger Poeterey andern Zeit. saͤnger begreiffen. Von Carolo V. und Rudolpho II. werden sie in den Po- licey Ordnungen de Anno 1548. zu Aug- spurg und de Ao. 1577. zu Franckfuhrt/ von andern gemeinen Saͤngern und Reimern abgesondert/ als die nicht sol- len geduldet werden. Ihnen ist allein vergoͤnnet gewesen/ im Roͤmischen Rei- che allerhand Getichte nnd Reimen zu schreiben. Bey den Turnier und Rit- terspielen/ haben sie ihre Lobspruͤche auff die Wollverdienten verfertiget/ und nebst den Herolden das ihrige verrichtet. Wie auch alle Ritterschafft des Roͤmschen Reichs in vier Ordnungen nrch den vier Landen als Rhein/ Francken/ Bayern und Schwaben eingetheilet/ so sind auch solche Meister-Saͤngeꝛeiē in den vornehm- sten Staͤdten der vier Landen/ als Nuͤrn- berg/ Straßburg/ Augspurg/ Ulm/ Regensprug/ Heilbrun/ Wimpffen ꝛc. auffgekommen. Sie haben ihre gewis- se Collegia und Zusammenkuͤnffte ge- habt/ worinen sie ihre Reime oͤffentlich y in Das VII. Cap. Von der Teutschen in Gegenwahrt Ritterlicher und anderer vornehmen Personen hergesagt/ und ist daselbst von ihnen der Meister-Saͤn- ger-Krantz denselben auffgesetzet worden/ welchen sie in ihre Gesellschafft auffzuneh- men gewuͤrdiget/ den sie mit gewissen Ceremonien mit Gang Klang und Ge- sang/ zu einen Meistersaͤnger gemacht: wodurch er dann Freyheit erhalten/ daß er sich offentlich hat moͤgen hoͤren lassen/ auch dabey mit den Degen sich schmuͤcken/ Wie von diesen und andern Ceremonien weitlaͤufftiger handelt Christian von Ge- he in seiner Beschreibung des Herolds Memb. 3, de Laurea decantatoria.. Es wundert mich aber daß in dem Turnier- Buch dieser Meistersaͤnger so gar mit keinem eitzigen Worte gedacht wird. Harstoͤrffer der uns die beste Nachricht geben kan/ weil er an solchem Ohrte gelebet/ da sie ihre meiste Exercitia ge- habt/ beschreibt im iv. Theile der Ge- spraͤch Spiele im 151. Sp. §. 8. der Meister- saͤnger ihr Wesen etwas außfuͤhrlicher als sonst Poeterey andren Zeit. sonst iemand ayders/ aus welchem wir die Worte anher setzen wollen. Sie be- obachten allein die Anzahl der Sylben„ und der Reimen; daß aber eine Sylbe„ lang/ die ander kurtzlautend sey/ daß„ gilt ihnen gleichviel. Ob nun ihre Ge-„ dichte schlecht sind/ und das Gesang der„ Choral oder der Ebreer Musick nicht„ ungleich zu hoͤren/ so haben sie doch fei-„ ne Regul/ und ihre Wissenschafft in sol-„ cher Verfassung/ daß sie ungezweiffelt„ sagen koͤnnen/ was gut oder boͤß ist.„ Sie halten fuͤr einen Fehler/ wann„ zween oder mehr Reime/ sie sein gleich„ siumpff (einsylbig) oder klingend (zwey-„ sylbig in einem Gesetze erfunden werden/„ die mit einerley Buchstaben geschrieben„ sind/ als leben und erleben/ in han-„ den und verhanden u. d. g. und wer-„ den von ihnen ruͤhrende Reimen ge-„ nannt. Oder wenn abgeleitete Worter„ nicht ferne von den Stammwoͤrtern„ gesetzet werden/ als Herr und herr-„ lich/ Ehr und ehrlich: Oder wenn„ y 2 zwey Das VII. Cap. Von der Teutschen zwey gleiche Woͤrter oder Sylben ein-„ ander folgen/ als daß/ das/ ewig-„ lich/ ich. u. d. g. Oder eine blinde Mei-„ nung oder Wort fuͤhren daß keinen rich-„ tigen Verstand hat: oder ein halbes„ Wort und die Stimmen zusammen zie-„ hen/ als wie soll wir fuͤr sollen wir„ gborn fuͤr geboren u. d. g. werden„ schnurrende Reimen genannt. Ferners„ achten sie fuͤr einen Fehler/ wann Reim„ woͤrter mit ungleichen Stimmen gebun-„ den werden/ als Gluͤck nnd Strick„ gehoͤrt und gelehrt/ oder wann die„ Schreibung gleich/ aber die Außꝛede in ei-„ nem Lied weich/ in dem andern hart ist/„ als eine neue Maͤhre/ und eine feine„ Lehre. Die Gebānde ziehen sie nach„ belieben und haben derselben uͤber 500.„ unterschiedliche Arten. Ist also darauß„ zu schliessen daß die Urheber dieser Kunst„ das Reimwesen woll verstanden/ und„ die Teutsche Sprache bereit vor sechs-„ hundert und mehr Jahren darin geuͤbet„ worden: nemlich zu Kayser Otto des„ Gros- Poeterey andern Zeit. Grossen und des Pabsts Leonis des VII.„ Zeiten/ welche die vier gekroͤnte Toͤne/ wie„ es die Meister noch anheut zu Tagesingē/„ selbst angehoͤrt/ uñ mit gewissen Freyhei-„ ten begabt haben/ weil es zu selbiger Zeit„ etzliche fuͤr eine Ketzerey außgeschrieen„ hatten. Ist also vermuthlich/ daß die„ Uhralten Heidnischen Helden Gesaͤnge„ mit Einfuͤhrung des Christenthums„ von Keyser Carl den Grossen ab/ und„ hingegen diese in den Kirchen eingefuͤhrt„ Es fuͤhret der Herr Zeiler in seinem 321. Briefe auß einer Limpurgischen Chronic an/ wie die Teutschen um das Jahr 1350. nicht allein ihre Kleidungen/ sondern auch ihre Gesaͤng und ihre Music veraͤn- dert haben/ wie er dann ein Lied/ wel- ches man damahls durch gantz Teutsch- land/ wie er sagt/ sange/ hiebey fuͤgt: Ach reines Weib von guter Art Gedenck an alle Stetigkeit Daß man auch nie von dir sait Das reinen Weiben uͤbel steit Daran soltu nu gedencken Und solt von mir nit wencken Dieweil daß ich das Leben han. y 3 Noch Das VII. Cap. Von der Teutschen Noch ist mir eine clage noht Von der liebsten Frauen mein/ Das ihr zartes Muͤndlein roht Will mir ungenedig sein Sie will mich zu grund verderben/ Untrost will sie an mich erben/ Dazu en weiß ich keinen Rath. Es findet sich in dieser Chronic auch ein Gesang einer die man wieder ihren Willē zur Nonnen gemacht. Dasselbe meldet/ daß ums Jahr 1370. auff dem Mayn ein Außsaͤtziger Barfuͤsser Moͤnch die besten Lieder und Reihen in der Welt von Ge- dicht und Melodeyen gemacht/ daß ihm niemand auff Reinesstroom/ oder in sel- bigen Landen woll gleichen moͤchte: und was er sang das sungen die Leut alle gern/ und alle Meister pfiffen/ und andere Spielleute fuͤhrten den Gesang und diß Gedicht. Er sang diß Lied Ich bin außgezehlt Man weiset mich armen vor die Thuͤr Untreu ich spuͤr Nun zu allen Zeiten. Ich will hie zu ergoͤtzung des Lesers ein Schlacht-Lied/ so ein solcher Meisterge- saͤnger Poeterey andern Zeit. saͤnger/ der die Historia des Henrici Au- cupis beschrieben und wie eine Comœdia in gewisse Actus eingetheilet/ derselben mit einverleibt: Dann er fuͤhret einen Poeten ein/ der fuͤr Anfang der Schlacht ein Lied/ nach dem alten Gebrauch der Teutschen absinget/ ist nicht gar alt/ und auß einem gestuͤmleten Buche von meinem hochgeehrten Collega Herr D. Reihern mir mitgetheilet. V Iel Krieg hat sich in dieser Welt/ Mancher Vrsach erhaben: Denselben hat Gott zugesellt/ Die Music als sein Gaben: Ihr erstr Erflnder war Jubal/ Des Lamechs Sohn mit Namen: Erfand Drommetn und Pfeiffen Schall/ Kondt sie stimmen zusammen. Die Music gut/ Erweckt den Muth/ Frisch unverzagt/ Die Feind verjagt/ Rufft starck/ dran/ dran/ An Feind hinan/ Brecht gwaltig durch/ Schlacht Gassn und Furch/ Schiest/ stecht/ und haui alls nider Das keiner auͤffsteht wider. 2. Als dort Elisa weissagn solt/ Da Israel Durst lidte: Sprach er: Mir bald ein Spiel- man holt/ Der spielt nach Davids Sitte: Bald kam auff ihn des HErren Hand/ Troͤstlich thet er weissagen: Ohn Regē floß groß Wassr durch s Land Der Feind wurd auch geschlagen/ Drom Drart/ Drom/ Pom/ Pom/ Pom/ Pom/ Dromml und Pfeiffn gut/ Macht Heldenmuth/ Erweckt Prophetn/ Reitzt die Poetn/ In Frted und Streit/ Hoͤrt mans allzeit/ Musicam soll man ehren/ Man kan ihr nicht entbehren/ 3. Man schreibt/ daß wenn Timo- theus/ Nach dr Dorier weise thet singen: y 4 Als Das VII. Cap. Von der Teutschen Als ein beruͤhmter Musicus/ Kondt er in Harnisch bringen: Alexandrum Magnum/ den Held Streits satt kondt er nicht weꝛdeu/ Biß eꝛ zwang fast die gantze Welt/ Bekriegt den Kreyß der Erden. T i motheus/ Milesius/ Kondt gwaltig singn/ That mit auffbringn/ Alexandrum/ Regem Magnum/ Das er im Wuth/ Vnd Heldenmuth/ (waffen/ Fast Schild/ Schwert/ uñ Kriegs- Im Grim die Feind zu straffen. 4. Denn was Gott treibt/ daß muß fortgehn/ Indith/ die Heldin thut singen: Niemand kan solchem widerstehn/ Alles muß ihm gelingen: Welchem Gott gibt ein streitbarn Muth/ Gwaltig kan er durchbrechen/ Sicht m an an starcken Helden gut Thut sich an Feinden raͤchen. Pidi/ Pom/ Pom/ Pom/ Steh fest mein Comp/ Laß Pfeil/ Saͤbl/ saussn/ Vnd umb uns praussn/ Solchs gar nicht acht/ Sondern betracht/ Was flichen brecht fuͤr Ehre/ Drumb dich nur Hertzhafft were. 5. Ob theils gleich wolten weichen ab/ Wie offtmahls ist geschehen: Jedoch ein Loͤwenmuth ich hab/ Thut Keyser Heinrich sehen: Der Kern springt vor/ die Spreu bleibt hindn/ Last uns Hertzhafft drein schlagen/ Sie werden sich wol widrumb wendn/ Ihr Bruͤdr thut nicht verz a gn. Kyrieleison/ Pidi/ Pom/ Pom/ Pom/ Lerm/ Lerm/ Lerm/ Lerm/ Sich keiner herm/ Wirst gleich gepfetzt/ Vom Feind verletzt/ Solchs thu jetzt gar nicht achten/ Hilff nur die Feind abschlachten. 6. Wir haben viel Feldtscheerer gut/ Die uns woll wider heilen: Mit Gottes Huͤlff/ drumb fast ein Muth/ Die Vngrer sich zurtheilen: Sich nit auff die erschlagne Feind/ Laß ja dein Muth nicht fincken/ Der unsern wenig drunter seynd/ Wollns jhm mit Rach eintrenckē . Drom/ Drari/ Drom/ Kyrieleison/ Schlagt/ stecht/ schiest dr e in Vnser muß seyn/ Der Sieg und Preiß/ Keiner außreiß/ Bruder weich nicht/ Dich nach mir richt/ GOtt helffs mit Gnaden walten/ Daß wir nurs Feld behalten. 7. Gott ist selbs t foꝛnen mit uns dꝛan/ Thut selber fuͤr uns streiten: Der Feind nicht laͤnger stehen kan/ Weicht ab auff allen Seiten: Ihr Bꝛuͤdeꝛ setzt nuꝛ muhtig dꝛein/ Die Poeterey andern Zeit. Die Feinde thun verzagen/ (seyn/ Der Sieg und Preiß soll unser Gott Lob sie sind geschlagen. Drom/ Trari Trom/ Kom/ Bruder/ kom/ Pomp/ Pomp/ Pomp/ Pomp/ Freu dich mein Comp/ Hilff frisch nach j ag u / Thu wackr drein schlagn/ Acht nicht der Beut/ Sie hat ihr Zeit/ Wir wollens noch wol finden/ Bleib kelner nicht dahinden 8. Gott Lob/ ihr wehrten Kriges leut/ Vnd streitbahrn Helden gute/ Den Sieg habn wir erhalten heut/ Habt nun ein guten Muhte/ Raubt/ uñ beutet was jeder find/ Doch theilts fein friedlich ausse/ Damit ihr Eltern/ Freund/ Weib und Kind/ Was schickt odr bringt zu Hause/ Pidi/ Pom/ Pom/ Pom/ Feldtscherer kom/ Vnd mich verbind/ Bin halber Blind/ Hie steckt ein Pfeil/ Ziecht aus in Eil/ Verbind mich vor/ Sonst kosts mein Ohr/ Verbind mich auch/ Bech/ Feur/ und Rauch/ Laß mich vorgehn/ Kan nicht laͤngr stehn/ Lieber gebt her zu trincken/ Mein Hertz wil mir versincken. 9. (gut/ Ihr Hertzliebsten Kriegsbr uͤ der Kein Fleiß wil ich nicht spahren: Weil euch fuͤrm Feind im Helden- muth/ Solches ist widerfahren : Gehabt euch wol/ fasst ein frisch Hertz/ Gotts Huͤlff wird sich bald finden/ Ob gleich itzt ebē gꝛoß deꝛ Schmeꝛtz/ Verleurt sich im verbinden. Wisch ab das Blut/ Halt Bruder gut/ Reich her die Scheer/ Gibs Pflaster her/ Halt hie den Arm/ Bind zu fein warm/ Gebt jenem zu trinckn/ Laß ihn hinhinckn/ Gott Lob sie seiud verbunden/ Mit ihren Stichn/ Schuͤssn/ und 10. (Wunden. Ein Wundartz hat drey Angesicht/ Wird z' erst fuͤr GOtt gehalten: So offis in Schaͤden wuͤetet und sticht/ Koͤmpt er in Engels Gstalten Wenn man ihn aber zahlen solt/ Vndanck thut sich bald finden/ Wolt daß ihn diesr und jener holt/ Oder muͤst gar verblinden. Vndanck/ Vndanck/ Macht Gutthat tranck/ Ist ein groß Lastr/ Fuͤr heilsame Pflastr/ Halt den Artzt werth/ Der Verstaͤndig ihn eh rt / Des Artztes Kunst/ Soll bringen Gunst/ In grosser Roth/ Schafft dir jhn GOtt/ Kein Artztg e lt soll man sparen/ GOtt woͤlt uns all bewahren. y 4 11. Kein Das VII. Cap. Von der Teutschen 11. Kein seeligr Tod ist in der Welt/ Als wer fuͤrm Feind erschlagen: Auff gruͤner Heid/ im freyeu Feld/ Darff nicht hoͤrn groß Wehkla- gen: Im engen Bett/ da einr allein/ Muß an den Todesreyhen/ Hie aber find er Gsellschafft fein/ Falln mit/ wie Kraͤutr im Meyen/ Ich sag ohn Spot/ Kein seeligr Tod/ Ist in der Welt/ Als so man fellt/ Auff gruͤner Heid/ Ohu Klag und Leid/ Mit Trommeln Klang/ Vnd Pfeiffen Gsang/ Wird man begrabn/ Davon man thut haben/ Vnsterblichen Ruhm/ Mancher Held fromm/ Hat zugesetzt Leib und Blute/ Dem Vaterland zu gute. Es ist nichts laͤcherliches in diesem gan- tzen ungeschmackten Liede/ als wann er das Kyrieleison unter Pom bidi Pom mischet/ lautet fast eben so/ als wann man Schertz oder Sprichworts- weise sagt: Fein lustig/ daß GOtt erbarm. Es scheinet aber/ daß dieses ein Gebrauch bey den Schlachten gewe- sen/ daß sie das Wort Kyrieeleison geruffen: Daß die alten Norweger solches gethan/ bezeuget Janß Dolmer in seiner Anmerckung uͤber die Norske Hirdskraa/ (ist ein Buch von der Hoff- haltung) welches in uhralter Daͤni- scher Sprache beschrieben/ er heraußge- geben und erklāret. Denn er fuͤhret in der Poeterey andern Zeit. der Anmerckung uͤber das 5. Cap. auß einer Norwegischen alten Chronic. p. 483. an. Gamle Norbagger hafve icke alleniste brugt desse Ord/ deres Kongers Kroning/ men end ocsaa udi Striid. Erling Skak befa- lede sit Folck/ udi Strüden mod Grafve Signrd/ at de skulle paa- kalde Gnd/ siunge Kyrie eleison/ oc slaa paa deres Skiolde. Es haben auch die alten Gothen wenn sie mit den Roͤmern gestritten die Wort Herre dig forbarme ist so viel als Kyrie eleison gebraucht/ und haben die Roͤmer solches von ihnen gelernet/ wie ein Ohrt bey dem Augustino Epistolâ 178. solches anzeigt. Si enim licet dicere non solum barbaris lingua sua sed etiam Romanis Si hora armen, quod interpreta- tur: Domine miserere, cur non liceret in conciliis patrum in ipsa terrâ Græcorum, lingua propria homousion confiteri. Es ist aber diß Si hora armen auß dem vori- gen Herre dig forbarme verfaͤlschet. Es Das VII. Cap. Von der Teutschen Es ist noch eine andere dieser gleiche art Reimenmacher die man die Pritschmei- ster nennet/ welche bey offentlichen Auff- zugen/ Vogelschiessen und dergleichen/ ihre naͤrrische und ungereimte Reime hervor gebracht. Man findet derglei- chen noch etliche/ und ist mir einer Bene- dickt Edlbeck Siber bekant/ der in einem weitlaͤufftigen Buch das Ritterli- che Schiessen zu Zwickau Anno 1574. in Reimen gefasset/ welche voll laͤcherlicher Einfaͤlle sein. Er nennet sich des Ertz- hertzogen Ferdinanden zu Ostereich Britschmeistern. Aber es ist der Muͤhe nicht wehrt mit diesen sich ferner auff- zuhalten. Nur ist gleichwol diß zu mer- cken/ daß zuweilen von etlichen feinen Leuten einige artige dinge zu der Zeit ge- schrieben/ welche wo nicht des Reimge- baͤnds wegen/ dennoch der Erfindung halber zu loben sein. Ich habe offtmahln alte Tentsche auff Pergamen geschrie- bene Verse gesehen/ darinnen von Hi- siorien gehandelt worden/ oder auch etli- che Poeterey andern Zeit. che Oerter auß der Biebel uͤbersetzet/ worinnen andere Buͤcher eingebunden gewesen: und ist zu beklagen/ daß der- gleichen dinge als unnuͤtze Wercke ver- brauchet werden. Der so genante un- verdrossene Carl Gustav von Hille hat in seinem Teutschen Palmbaum/ darin er von der Fruchtbringendẽ Gesellschafft Anfang und Auffnehmen geschrieben/ ein Teutsches Lied angefuͤhret/ welches in dem Meckelburgischen Kloster Dobran von etlichen Kayserlichen Soldaten in einem gemauerten Schrancke gefunden worden/ von 28. dem Reimgebānde nach woll gesetztē Steophen bestehend/ zu Lobe des Wendischen Koͤnigs Anthyrii gemacht: Davon ich 2. Strophen hersetzen will: 1. Duͤ Tugend hat ken Rast/ sy schlaͤffet nicht in Betten/ Besonder sy trinckt Blut/ Das kan man wager seen/ wy sy vor Taten teten. Der Recken Riesen hoher Muht. Set suͤ gekommen in duͤ Schlachten Und manchen wilden Biderman Mit ihrem Sturm gewand umbrachten/ Wy man noch hete seen kan. 2. Ein Das VII. Cap. Von der Teutschen 2. Ein Edler Konig ricke in diesem Lande ware/ Das Wendenland genant/ Duͤ mer behalten ist/ so lange viele Jahre Gar manchen Drud bekant Sein Nahme heiset sonst Anthyre Er war gar ein getreuer Mann/ Er fuͤhrt mit Ruhm sein Ritter Ziere Als ihm solt wol anstahn. Die Worte geben es daß es so gar alt nicht sey/ aber es ist der Zeit nach nicht uͤbel gemacht. Beim Henrico Meibomio wird in seinen Schrifften offtmahls et- was auß einem alten Chronico Rhythmico Saxonico welches vor 400. Jahren ge- schrieben/ angefuͤhret/ dem er grossen Glauben beyleget. Dieses gedencket unter andern von dem Henrico Leo- ne, daß er nach dem Exempel des Ca- roli M. die alten Chronicken habe zu- sammen tragen lassen. Denn diß sein die Worte: Alleim dho groz Kranckheit Zoghinge her was doch gemeyt Gemuter natuͤrlicher Tugent/ Darnach her an der jugent/ Vnz an alder kunde ringhen Her leyz zo samene bringhen De Poeterey andern Zeit. De alten Kronicken und scriben/ Deß began her so verne treiben/ Vnd war dha vff verdacht Mengen Tach und Nacht. Ich muß hie auch eines nicht gar viel be- kanten Hugo von Trimberg geden- cken/ welcher vor etwa 380. Jahren ge- lebet/ und ein weitlāufftig Buch in Rei- men geschrieben/ so er den Renner neñet: worin die Mißbrāuche die damahls in allen Stānden gewesen vorgestellet/ viel Maͤngel der Geistlichen endeckt/ und alle zur Tugend und Wollstand angewie- sen werden. Solch Buch ist von Cyria- aco Jacob zum Bock/ Buchdrucker Anno 1549. unter den Titul der Renner her- außgegeben. Es sind viel artiger Ein- faͤlle/ viel schoͤner wollgesetzte Lehren darin: und ist nicht ohne Lust zu lesen. Es ist aber gar sehr durch unzeitige Zu- sātze/ und Verānderung der Woͤrter verdorben. Denn weil der Stylus we- gen alters bißweilen etwas unverstānd- lich hat der Editor die alten Woͤrter in neue verkehret/ wodurch der Verstand wie- Das VII. Cap. Von der Teutschen wieder des Autoris intention verfālschet. Er hat bißweilen gantze Verse nach der Reihe/ auß grosser Nachlaͤßigkeit/ auß- gelassen. Dessen wir eine Probe dar- stellen wollen. Ich habe ein MStum E- xemplar von diesen Buche/ bey meinem Hochgeneigten Goͤnner/ dem Herrn Hoff R. Marquardo Gudio, gesehen/ wel- cher auch dieses in seine so herrliche Schatzkammer/ der außerlesenen MSto- rum auffzunehmen gewuͤrdiget hat. Wir wollen ein Stuͤck des Capittels von den Meyden vornehmen/ und das gedruckte Exemplar mit dem geschriebenen zusam- men halten/ da man den grossen Unter- scheid mercken wird. Das Gedruckte. K Brtzen muͤht und langes haar Haben die Meyd/ daß ist war/ Die zu ihren tagen kommen sindt/ Die wahle jn machet das hertze blind/ Die angen zeygen ihn den weg/ Von ihren augen geht ein stegk Zuͤ dem hertzen nit gar lang Auff dem steiget mancher gedangk. Wen sie woͤln nemen oder nicht/ Q wehe wie offt dasselbe geschicht. Das Geschriebene. Haben die Meyd sonderbar/ O wehe wie dickh das geschicht/ Das Poeterey andern Zeit. Das sie gar zweiffeln von der wahle/ Die sie haben darinn/ ohne zahl. Diß ist zum ersten ihr gedangt: Dieser ist kurtz/ yener ist lang/ Dieser ist hoͤfferig und alt/ Der ander jung/ und uͤbel gestalt Dieser ist mager/ und ist kahl, Der ist feyst/ der ist schmal. Dieser ist Edel/ yener ist schwach/ Der nuͤm̃er nie kein spchr zuͤbrach. Eyner ist weiß/ der ander ist schwartz/ So heysset einer meyster hartz/ Dieser ist bleich/ yener ist roht/ Yener isset selten froͤlich brodt. Dieser ist eygen/ der ist frey/ Woͤlte er/ dem lege ich gern bey. Dieser ist reich/ yener ist arm/ Der kompt nit in meinen arm. Dener ist des leibs gar verzagt/ Der ander ist ein boͤser krage. Eyner ist nicht gar wol gezogen/ Dieser hat meyde viel bedrogen. Der ist mir lieb dem bin ich leyt/ Das machet seine unstedigkeyt. Eyner geht greynen als ein hundt. (fundt. Der siebende kan manchen boͤsen Deꝛ achte hat gaꝛ manches pfundt Boͤßlich ver zehrt bev seinen tagen/ Das horte ich seine freunde klagẽ. Dieser ist ein drester korb/ Das juͤnglin sitzen bey der wahle/ Die sie haben libratz ohne zal. Eyner ist parthot und ist alt/ Yener selten spehr zubrach Yener ist des Leibes gar ein za g / Der ander ist ein loser trage. Eyner geht grimmẽ als ein hundt, Dem andern ni kein Zucht ward kund/ Der dritt ist Edel und gar ein Schlund/ Der vierth ein S alck biß an den Grund. Des fuͤnssten Oden ist ungesund/ Der sechste hat ein weiten Mund. Der achte hat viel manches pfund z Die- Das VII. Cap. Von der Teutschen Dieses nase ist als ein senssē worb. Der ist knorrechtig als ein stock/ Der dritte eine leine hose und ein sock. Der vierdte hat einen boͤsen rock/ Der fuͤnffte ist gar ein narr/ Der sechste ist ein schlauch und ein Farr. Der kan sich maussẽ als ein hab ich/ Yeme hangen die Wangen als ein taͤppich. Eim siehet man die schulderen stor- ren/ Als bockes ohrẽ/ und rindes knor- ren. Der ist gehler dann ein Quitten/ Der ander von huͤbschen sitten Yener schnauffet als ein Dachs. Gleich wie ein neu gebrochẽ flachß Die nase yener auffrimpffet/ Gar selten yener schimpfet. Eyner spielt/ der ander stilt/ Diesem kein Boßheyt nit gefellt. Drr vierdte heimlich unsaͤnffte haͤlt. Nach dem mein hertze selten quaͤlt. Der ist schier ein lem̃elein aussen/ Doch mag ein Wolff wol in jhm laußen/ Yener were wol ein seiner knecht/ Er springt daher gleich wie ein hecht/ Diesee ist gur ein seiden schwantz/ Yener ist der meyde rosen krantz. Seine stimme zieꝛet wol den dantz/ An ihm leyt gar meins hertzen glantz/ Dan er hat gehl und rohtes haar/ Eyner ist wannicht als ein trog Der andeꝛ knoꝛꝛachtig als ein stock Der dritte ein linhos und ein sock. r vierdte hat einen blossen rock/ Der fuͤnfft ist gar ein narren pock/ Der sechst ist ein schlauch und ein gedrock. Yem hangen die Wangen als ein Wabich. Als bockes horen und rindes knoꝛ- ren. Dirr (i. e. dieser) ist gelber dann ein Wachs/ Yener schnaudet als ein Dachs/ Diesem gestrichen leit sein Vachs/ Als ein neu gebuͤrster Blachs. Die nase dirr auffrimpffet/ Viel selten yener schimpfet. Dem dritten boßheit nit bewillt/ Der vierte unsanfft heimlich schilt. Nach den meia Hertz selten quillt. Doch mag ein Woͤlfflin in jhm laußen Yener wer gar ein Edling Den der zitter Howling/ Dieser ist gar ein sidenschwantz/ An jhm leit meines Hertzen glantz/ Denn er hat gehl und reides haaꝛ/ Mit Poeterey andern Zeit. Mit dem ich leider nit wol dar Mich gnug bereden nach meinem Muthe/ Die leut habens vielleicht in huͤte Mit dem ich leider nicht getar Mich erkosen nach meinen muthe/ Vor der leiden mercker hute. Aus diesem Exempel ist zu ersehen/ wie man mit den alten Versen gehandelt/ nach belieben außgelassen/ und hinein ge- setzt was man gewolt/ und ist es mit den aͤltern auch also ergangen. Wer dieser Autor gewesen und wann er geschrieben/ kan man auß dem Beschluß des Buches abnehmen: denn er spricht: Der diß Buͤch gedichtet hat Der pflag der schulen zuͤ Thuͤrstat/ Viertzig Jahr vor Babenberg/ Und hieß Huͤgo von Trymberg. Es wardt follenbracht das ist war/ Da tausend und dreyhundert jar Rach Christus geburt vergangen waren. Ferner setzet er die Uhrsach/ warum diß Buch der Renner genannt werde/ denn er vor diesen eines geschrieben welches er denn Samler genennet/ worauß er viel genommen und in dieses versetzt : Ich hatte vor vier und dreissig jaren/ Meinen gesellen/ die da bey mir waren Gemacht ein kleynes Buͤchelein/ Daß sie da bey gedaͤchten mein. z 2 Das Das VII. Cap. Von der Teutschen Das war der Sameler genant/ Ehe das kam von memer handt/ Da wart sem eyne Quintern verlorn/ Die selbe Verlust/ die thaͤt mir zorn/ Das ichs da nit follenbrachte/ Mit dem sume/ als ich gedachte. Wie viel sein aber ist geschrieben/ Das ist hin und her beklieben Viel daß/ dann ich mich versach/ Yens leuffet vor/ dis rennet nach/ Wer yenes lieset der mercke dabey/ Das diß von yeme genommen sey/ Das jr beyder siñ sei gleich/ Wiewol jhr liebe doch sey ungleich. Seine Reime entschuͤldiget er in vorher- gehenden/ weil er deren ungewohnet: Vnd wisset/ daß ich wol dreissig jar/ Meinen sinn hatte auff Latein so gar Geleit/ das mir die Teutschen Reimen/ Schnuͤr/ hafften/ pynsel und leym/ So gar waren unbekant/ Als ob ich fuͤhre in frembde landt Und woͤlte eyne sprache lernen da/ Die ich doch vor vielleicht anderswo Gehoͤrt hette/ und sie nit foͤrderlich Follbrengen kuͤndte/ und endelich. Drumb solt jr mir vergeben/ Wann etliche Reimen nit stehn gar eben. Wer dichten kan/ der schmide sie baß/ Mit meinem Dienste/ ohn allen haß. Agri- Poekerey andern Zeit. Agricola der teutsche Sprichwoͤrter geschrieben/ gedencket dieses Renners/ und fuͤhret bißweilen auß ihm etwas an. In der Vorrede derselben erwehnet er etliche alte teutsche Schrifften von Creck Ivan/ Tristrand/ Koͤnig Ruͤcker/ Par- tzival/ und Wiglois/ von dem alten Hildebrand/ Ditrich von Bern/ Herrn Ecken/ Koͤnig Fasolt/ Risen Signot/ dem edlen Moringer/ Ritter Pontus/ von der Taffelrunde/ von dem Ritter vom Thurn/ Siebenmeistern. ꝛc. Es werden etliche von diesen beym Goldasto gedacht/ und sein einige davon nur in Prolâ geschrieben/ die sich unter den alten Teutschen Romainen befinden/ welche in dem so genanten Buch der Liebe/ zu Franckfurth Anno 1585. gedruckt/ zusam- men getragen. Noch vor des Trim- bergs seiner Zeit etwa um das Jahr 1200. hat Ecko von Repkovv, der das Saͤchsische Recht unter dem Titul des Sachsenspie- gels in Ordnung gebracht/ eine Vorrede in Reimen davor gemacht. Es z 3 schei- Das VII. Cap. Von der Teutschen scheinet aber/ daß die alten Teutschen Worte nach der damahls uͤblichen Rede etwas geaͤndert/ wie solches auch der Un- terscheid der MStorum weiset/ die in der Oldenburgischen Bibliotheca noch ver- handen/ und deren Gryphiander in sei- nem Buch de Weichbildis Saxonicis cap. 53. gedencket. Der Schluß von der Vor- rede lautet also: Nun dancket all gem ein Dem von Falckenstein Der daist Graf Hoyer genant/ Das an Deudsch ist gewant/ Dis Buch durch sein bete. Eck von Repkow es thete/ Ungern er es ankam/ Da er aber vernam/ So groß des herrn gere/ Da hat er kelme wehre/ Des herrn liebe in gar uͤberwan/ Das er des Buches began/ Das im war viel unbedacht/ Da er es in Latein hatte bracht/ On huͤlff und onlere. Da daucht ihm das zu schwere Das er es in Deudsch wante/ Zu letzt er es doch geandte Die arbeit/ und thete Graff Hoyers Bete. Es Poeterey andern Zeit. Es ist kein richtiges Reimgebānde und maaß der Sylben/ nur daß die Reime in acht genommen werden; mit welcher Reimsucht damahls alle behafftet waren/ daß man auch in den Lateinischen die- selben gebrauchte/ ja wolgar Lateinische unter die Teutsche mischte/ dessen wir unterschiedliche Exempla in alten Grab- schrifften haben/ dergleichen eins in dem Dobberanischen Kloster in Mecklenburg auff einen Peter Wisen zu lesen; dessen anfang also lautet: Hier Peter Wiese tumba requiescit in istâ, God geef em Spise cælestem, quiq; legis sta. \&c. Es ist aber diese art zu reimen so gar alt nicht. Denn es ist Anno 1380. in Fri- dericum Strenuum Landgrafen von Thuͤ- ringen/ dergleichen Gꝛabschrifft gemacht/ welches Fridericus Hortleder in einigen La- teinischen auff einen Saͤchsischen Hertzog gemachten Grabschrifften mit anfuͤhret/ Selbiges lautet also: Hye lyt ein Fuͤrste loͤbelich Quem vulgus flebile plangit, z 4 Von Das VII. Cap. Von der Teutschen Von Misne Marcgrav Friderich Cujus insignia pangit Clerus, claustralis, laicus. Den Fuͤrsten leidlichen klagen Dives, inops, altus, infimus. Fuͤrstliche Weꝛck von ihm sagen Warhafft/ Wise/ Tugentlich/ Affabilis atque benignus In Gottes Fuͤrchte staͤtiglich Fuit hic laudarier dignus Da veniam Christe Laß uns Gnaden erfinden. Annue quod iste Loß werd von sinen Suͤnden. Es wird auch noch heute unter den Kir- chengesaͤngen/ das Lied In dulci jubilo gebraucht/ so auff diese art von dem Pe- tro Dresdensi etwa Anno 1410. oder noch wol ehe gemacht. Es meinen etzliche/ daß er vor gehabt die Teutsche Gesānge in der Kirchen auffzubringen/ und were es vom Pabste also vermittelt/ daß ihm diese Vermischung mit dem Lateinischen vergoͤnnet/ oder er haͤtte es deßhalben gethan/ daß allgemach der Weg zu den Teutschen Liedern gebahnet wuͤrde : Wel- ches Poeterey andern Zeit. ches ich nicht fuͤr glaubwuͤrdig halte. Sondern er hat sich vielmehr nach dem Trieb seiner Zeit gerichtet/ da man sol- che art zu Poetisiren vor eine sonderli- che Zierlichkeit gehalten. Von diesem Petro Dresdensi und seinen Liedern kan ein mehres bey dem Herrn Thomasio in einer absonderlichen Dissertation de Petro Dresdensi gelesen werden. Matthias Fla- cius gedencket in seinem Catalogo Test. Veritatis lib. 19. auch dieser art Verse/ als welche zu der Zeit gemein gewesen/ davon er spricht: Sunt etiam rhythmi qui- dam semigermanicè \& semilatinè jam olim editi. Es sind dergleichen Carmina ietziger Zeit von einigen lustigen ingeniis nach gemacht/ und findet man etliche beym Henrico Brunone in seinem Mengel- moess. p. 177. und 202. wie Baudius und an- dere solche auß Griechisch und Lateinisch gemischte Verse gemacht/ darauß dieses zur Probe: Erant \& duæ bellulæ Bly-geestig, soet van aert z 5 Et Das VII. Cap. Von der Teutschen Et non minus tenellulæ, En t’ soenen beyde waert. Libens tulißem hasia. Maer ick en sagh gheen kans. Want elck was daer amasia Van een veel groter Hans. Ich habe selbst wol einige dieser art in meiner Jugend gemacht. Zu derselben Zeit des Hugo von Trimbergs lebte Freydanck/ der von jenem offt angefuͤh- ret wird/ hat ein Buch in teutschen Rei- men geschrieben/ so er die Laien Bibel nennet/ darinnen er die fuͤrnehmste Hi- storien altes und neues Testaments in teutsche Verse verfaßt/ und allerhand feine Lehren mit untermischt. Er hat auch einen Außzug der siebenden Zahl aus der Bibel und den Chronicken her- vorgegeben/ dessen doch Leonhard Wurffbain in seinem Buch de Septenario keine Erwehnung gethan. Sie sein zu Franckfurth Anno 1569. gedruckt. Es hat Anno 1494. Sebastian Brand ein vor- nehmer Rechtsgelahrter und Keyserli- cher Poeterey andern Zeit. cher Raht ein recht artiges Buch ge- schrieben/ so er neñet: Das Niv Schiff von Narragonia/ worinnen er die Laster und Eitelkeiten durchziehet/ und die damit behafftet sind als Narren in einem Narren-Schiffe in 104. Capitteln und Gemaͤhlden vorbildet. Diß Buch hat Nicolaus Honiger mit Anmerckungen gezieret/ und hat ein Straßburger The- ologus Johan Geiler Këisersberg Predig- ten daruͤber gehalten wie Moscherosch in der Vorrede des Buchs/ das Gumpel- zhaimer de Exercitiis Academicorum ge- schrieben; bezeuget. Ist auch in Lateini- sche Verse uͤbersetzet. Es ist ein gelehr- ter sinnreicher Mann gewesen/ und hat noch ein zimlich Lateinisches Carmen ge- schrieben/ wie er dann vor des Felicis Hemmerlin oder Malleoli opusculis/ die er heraußgegeben/ ein Elegiam gemacht. Selbiger Hemmerlin hat noch vor ihm gelebet/ war ein Rechtsgelahrter und Canonicus, und hat unter andern seinen Sachen ein sehr aꝛtiges scriptum gemacht/ des- Das VII. Cap. Von der Teutschen dessen titul: Doctoratus in Stultitia, wor- innen er/ nach der damahlen gebraͤuchli- chen Schreibart/ viel sonderliche Einfāl- le hat/ und ein recht vollkommenes Di- ploma Doctoratus in stultitia hinangehaͤn- get. Es ist auch im Jahr 1 4 97. von ei- nem Ritter das Hoffleben Reimenweiß beschrieben/ und Anno 1535. von Johann Morßheim her außgegeben/ welches auch wol wuͤrdig daß es hier erwehnet werde. Es ist die Poetische Historia von dem Ritter Theurdanck in teutsche Verse be- schrieben: worinnen das Leben des Keysers Maximiliani enthalten ist. Es werden Fuͤrwitz/ Neid/ und Verwe- genheit/ unter gewissen Persohnen/ als Fuͤrwittig/ Neydelhart/ Unfalo/ vorgestellt/ welche den Ritter Theurdanck zu allen boͤsen dingen gerathen/ die aber endlich ihren Lohn davor bekom- men. Die Erfindung ist nicht unge- schickt/ wiewol an den Versen nichts kuͤnst- liches. Es haben einige dem Maximilia- no selbst diß Buch zugeschrieben/ welches auch Poeterey andern Zeit. auch Vossius lib. 3. c. 10, de Historicis Lati- nis gethan; der es selber nicht gesehen/ setzet es unter die Lateinische Historicos, woruͤber er von Sandio in seinen Animad- versionibus und von andeꝛn getadelt wird. Der ware Autor aber ist Melchior Pfin- tzing/ der solches dem Carolo V. zuge- schrieben im Jahr 1517. Er nennet sich J. Majestaͤt Capellanen zu St. Alban bey Meintz und St. Seebald zu Nuͤrnberg Probsten. Das Buch ist in ansehnlicher Form gedruͤcket/ mit einer art Buch- staben/ welche noch heutiges Tages den Nahmen Theuerdanck davon behaltẽ Hꝛ. von Bircken hat in seinem Spiegel der Ehren des Hauses Oesterreichs lib. 6. c. 20. dieses Buchs gedacht/ und des Maximiliani Tugenden so hoch erhaben/ daß sie viel groͤssere Ehre verdienen als diese. Nachgehends hat einer Burcar- dus Waldis daßelbe zu Franckfurt nachdrucken lassen/ und gar viel Verse darin geaͤndert/ und wie er selbst be- kennet etzliche tausend paar dazu gesetzet; der Das VII. Cap. Von der Teutschen der aber diese Aꝛbeit wol haͤtte moͤgen blei- ben lassen. In Niedersaͤchsischẽ Versen hat man den so genanten und jederman wol bekanten Reincken Voß/ ein uͤber- auß sinnreiches Buch/ worinnen unter einer Fabul/ der Lauff der Welt/ und alle Hoͤfische Sitten und Streiche so artig abgebildet werden/ daß von keinem alten Poeten solches besser haͤtte vorgestellet werden koͤnnen. Es moͤgen billig alle Niedersachsen diß Buch als eine Frucht eines wollgeschliffenen Verstandes werth und in Ehren halten. Denn ob zwar in der Vorrede desselben gedacht wird/ ob sey es auß der Frantzoͤsischen Sprache uͤbersetzet/ so ist solches von dem Autore vorgegeben/ damit er desto sicherer unter diesem Vorwand sich ver- stecken koͤnne. Wer die Niedersaͤchsche Sprache verstehet/ und davon urthei- len kan/ siehet wol auß der Fuͤgung der gantzen Rede/ daß es einheimischer und nicht frembder Abkunfft sey. Die es in Lateinische und Hochteutsche Sprache uͤber- Poeterey andern Zeit. uͤbersetzt/ haben es vielmehr verdorben/ Janus Guilielmus Laurenbergius der die sinnreichen Schertzgedichte in Nieder- saͤchscher Sprache geschrieben/ hālt da- vor es sey kein besser Buch nechst der Bibel als dieses. Der Autor soll sein Nicolaus Bauman, beym ursprung des Waͤserstroms buͤrtig: andere haben mich versichern wollen/ er sey aus Wiß- mar/ meiner Gebuhrtstadt/ entsprossen/ woselbst des Nahmens von alters her unterschiedliche gewesen/ wie ich mich auch selbst wol erinnere. Dieser ist/ nach dem er am Juͤlischen Hofe durch Verlaͤumbdung auß des Hertzogs Gna- de gesetzet worden bey Hertzog Magnus in Mecklenburg Secretarius geworden. Da er dann das Buch aus eigener Er- fahrung geschrieben/ und es also im Jahr 1522. als wans zuvor ein altes Frantzoͤ- sisch Werck were gewesen/ in den Druck gegeben. Welche Nachricht in der Vor- rede des Froschmaͤuselers zu finden/ nebst dem Epitaphio auff den Autorem. Gry- Das VII. Cap. Von der Teutschen Gryphiander l. 1. Oecom. Legal. c. 1. n. 51. nennet den Autorem Ludovicum Roma- num, davon mir gar nicht wissend/ dann ich nie einige edition unter diesem Nah- men gesehen. Ist sie aber/ so ist der Nah- me ohn zweiffel ertichtet/ oder einem an- dern des Nahmes beygemessen. Man findet zwar bey dem Gesnero und Israele Spachio den Nahmen Ludovici Romani, der Navigationes in Æthiopiam, Ægyptum, Arabiam uñ von verschiedenen daselbst be- findlichen Sachen Buͤcher geschrieben. Aber von diesem Buch wird nichts ge- dacht. Schopperus der den Reincken Fuchs in Lateinisch uͤbersetzet/ saget in der Vorrede/ daß er den Autorem des Buchs nicht kenne/ welchen er ja kennen muste/ weil er sich um denselben zu wissen ohn zweiffel bemuͤhet hat. Es ist auch diß Buch in Schwedisch und Dānisch uͤbersetzet/ wie zu sehen aus des Herrn Schefferi Buch de Scriptis \& Scriptoribus Gentis Svecicæ p. 117. Aber er irret sehr/ wann er meinet/ daß es zu erst in Lateini- scher Poeterey andern Zeit. scher Sprache hervorgegeben/ dann ja Schopperus in der Vorrede außdruͤcklich der Ubersetzung auß den Teutschen ge- dencket. Man findet zwar in der Bibli- otheque des Verdiers ein Buch: Reynier, le Renard, davon Verdier saget: Histoire tresioyeuse \& recreativ contenant 70. chapitres. impr. en deux languages, Franco- is \& bas Aleman en Anvers 8. par Christo- ple Plantin 1566. Dieses scheinet dassel- be zu sein/ und hat es un Niedersaͤchschen 75. Capittel: in dem Frantzoͤsischen 70. Da dann etwas außgelassen sein kan/ vielleicht was von den Paͤbstischen Kir- chensachen bißweilen eingemischet. Muß es also eine Ubersetzung seyn weil es so lange hernach gedrucket worden/ und haͤtte Verdier es nicht geschwiegen/ wann er von dem Autore was gewust haͤtte/ oder eine aͤltere edition ihm bekant gewesen Zu dem setzet er/ daß es im Fran- tzoͤsischen und Niedersaͤchsischen zugleich gedꝛuckt: Worauß abzumehmen daß es ei- ne Ubeꝛsetzung sein muß. Die Vorrede des a a Frosch- Das VII. Cap. Von der Teutschen Froschmaͤuselers meldet außdruͤcklich/ daß es ins Frantzoͤsische uͤbersetzet sey. Auch wuͤrde es Huetus nicht verheelt ha- ben in seiner Dissertation de l’ origine des Romains, der p. 61. des Eulenspiegels ge- dencket/ so ins Fꝛantzoͤfische uñ von Ægidio Periandro in Lateinische Verse uͤberse- tzet/ dieses Buchs aber mit keinen eintzi- gen Worte erwehnet: Im uͤbrigen noch zweiffelnd ob die Historia von dem Eulen- spiegel eine Frantzoͤfische oder Teutsche Erfind n ng sey/ da doch bekant/ daß so wol der so genandte Til Eulenspiegel/ als daß Buch von ihm in Niedersachsen gebohren. In den Anmerckungen des Reincken Fuchsen werden aus unter- schiedlichen Teutschen Poeten viel schoͤ- ner Lehren angefuͤhret/ die mir noch nicht zu handen kommen/ als: auß Jo- hann Morßheim Rittern/ der von Frau Untreu geschrieben/ auß Hans von Schwartzenberg Rittern Memorial der Tugend und Kummertrost/ auß dem Schweitzer/ auß dem Henselin. Es ist auch im Poeterey andern Zeit. im Hebraͤischen ein Buch Mischle Schualim , Fabulæ Vulpium, wel- ches ein Rabbi Berachias Ben- Natronai gemacht/ daß dem Titul nach/ dem Rein- cken Fuchs gleich zu sein scheinet. Aber es sind in diesem Buche nicht allein Fa- beln von den Fuͤchsen/ sondern auch von andern Thieren/ und nach art der Fa- beln Æsopi geschrieben. Es ist zu Man- tua Anno 1557. gedruckt/ und wird von Plantavicio in seiner Bibliotheca Rabbini- câ num. 425. sehr hoch gehalten/ denn wie er saget: eloquentiam \& puritatem linguæ ubique ostendit, multiplici dicendi ratione abundans \& flumen quoddam insigne in prosâ, rhythmicâ \& carmine profundens. Buxtorffius nennet es in seiner Bibliothecâ Librum rarissimum ad virtutem \& pruden- tiam comparandam directum. Der Fa- buln sind 107. an der Zahl/ welcher Uber- schrifften Plantavicius samt einigen Pro- ben derselben auffgezeichnet. Melchior Hânel ein Jesuit hat dasselbe nebst der La- teinischen Ubersetzung zu Prag Ao. 1661. a a 2 in Das VII. Cap. Von der Teutschen in 8 vo. heraußgegeben. Man hat auch ein altes Teutsches Buch von den lo- sen Fuͤchsen dieser Welt/ welches zu Dreßden Anno 1585. gedruckt/ worinnem die Laster aller Stānde unter Fabeln/ Bildern und Gesichtern von Fuͤchsen vor- gestellet woꝛdẽ: solches ist aͤlter als der Rei- nicke Fuchs/ wozu dieses Autoris Buch vielleichtanlaß kan gegeben haben. Dann wie im Titul desselben stehet/ und der Edi- tor in der Vorrede gedencket/ ist es in Brabandischer Sprache Anno 1495. auß- gegangen. Worauß dann zu sehen/ daß es dem Herrn D. Luthero nicht kan zu ge- schrieben werden/ wie einige wollen. Se- bastian Brand hat eine Lateinische Ele- giam davor gemacht/ worauß man schier schliessen solt/ als wann er dessen Autor were: Denn er spricht Hæc sibi quid pictura velit, velinane poëma Qui legis hæc, aures arrige quæso pias Plus tibi nam pictura feret, quam Carmina nostra Rauca, improvisus me lupus ecce videt. Man konte es auch schier darauß abmer- cken/ Poeterey andern Zeit. cken/ weil in der gantzen Elegia deß Au- toris mit keinem eintzigen Worte gedacht wird. Diß lassen wir aber dahin ge- stellet sein. Es hat der Editor, viele alte Woͤrter veraͤndert/ und andere hinein- geschoben/ wie fast mit allen solchen Schrifften verfahren ist. Welches an ihm nicht zu loben. In Hochteutscher Sprache ist ein Getichte von einem sinn- reichen Mann Rollenhagen/ einem Re- ctore der Schulen zu Magdeburg unter dem Nahmen des Froschmaͤuselers geschrieben: worin er handelt von der Froschen und Maͤuse wunderlichen Hoff- haltung. Alle Weltliche Haͤndel sein hier- unter vorgestellet/ und stecket es voll Klugheit und allerhand Lehren/ davon nicht noͤthig mehr zu erwehnen/ weil es jederman samt seinen andern Buch von den warhafftigen Luͤgen und wnnderli- chen Reisen bekant ist. Fast dergleichen Buch ist in Prosa geschrieben unter dem titul des Eselkoͤnigs/ deß inhalts; wie nemblich der Leue des Regiments unter a a 3 den Das VII. Cap. Von der Teutschen den Thieren entsetzet/ und die Krone auff einen Esel gerathen/ welcher gestallt der- selbe regiret/ und wieder um das Koͤnig- reich kommen. Der Autor nennet sich Adolph Rosen von Creutzheun/ welches ohnzweiffel ein ertichteter Nahme ist. Er meldet in der Vorrede/ wie er durch das Getichte von Reinicken Fuchs/ und ein Buͤchlein der Gānse Koͤnig genant/ fast gleichen einhalts/ so Anno 1607. gedruckt hiezu angereitzet. Dessen Autor in der Voꝛ- rede des Gānse-Koͤnigs eines Poetischen Wercks vom Eselkoͤnig andeutung ge- than/ und die anßfuͤhrliche entwerffung des Wercks Anno 1608. hinterlassen/ worauß er dann diese Beschreibung oh- ne Abbruch oder Zusatz verfertiget. Es ist sehr artig lustig und nuͤtzlich zu lesen/ und verdienet unter andern Teutschen Erfindungen kein geringes Lob. Um diese Zeit lebte Hans Sachse der erstlich ein Schuster seines Handwercks und hernach ein Buͤrger und Schulmeister zu Nuͤrnberg gewesen. Er hat von Anno Poeterey andern Zeit. Anno 1514. biß 1567. in die sechstausend acht und viertzig Stuͤcke geschrieben/ wie er selbst die Rechnung machet/ in dem letzten Theil seiner Gedichte. Die sein unterschiedliche mahl heraußgegeben/ in etzlichen Theilen in quarto und in folio, nnd muß man sich verwundern/ daß ein Handwercksmann der Lateinischen und Griechischen Sprach unkuͤndig/ so man- cherley Sachen hat schreiben koͤnnen/ die nicht ohne Geist sein/ von welchem Hoff- mann urtheilet/ daß wann er bessere Wissenschafft von gelehrten Sachen/ und genauere Anweisung gehabt haͤtte/ es vielen die nach seiner Zeit geschrieben/ und manche ungereimte Dinge uns sehen und hoͤren lassen/ weit vorgethan haben wuͤrde. Er selbst gestehet solches in den Schluß seines Wercks wann er spricht. GOtt sey Lob/ der nur sant herab So mildiglich die GOttes gab Als einem ungelehrten Mann/ Der weder Latein noch Griechisch kan/ Daß mein Gedicht gruͤn/ bluͤh und wachs Und viel Frucht bring/ das wuͤnscht Hans Sachs. a a 4 Schop- Das VII. Cap. Von der Teutschen Shopperus machet in seiner Teutschlands Beschreibung so viel Wercks von ihm daß er ihn den Teutschen Virgilium nen- net/ welchen titul er zu seiner Zeit nicht unbillig fuͤhren konte: dann es ging seine Poeterey auch ultra crepidam, und unter den Blinden kan auch ein Einaͤugiger Koͤnig sein/ im Finstern anch ein faules Holtz glaͤntzen. Er ist einer von den Meister saͤngern gewesen/ wie er selbst in seinem Lebenslanff schreibet/ worinnen ich das Wort Bar in dem Verstande ge- braucht finde/ daß es der Meister sānger Lieder bedeutet/ worauß dann zu schlies- sen/ daß diß Wort muß von alten Zeiten davor gebraucht sein/ und daß bey dem Tacito verhandene Wort Barritus da- von den Uhrsprung haben: Dann so spricht er: Ich hatt von Lienhard Nunnenbecken Erstlich der Kunst einen Anfang/ Wo ich im Land hoͤrt Meistergsang Da lernet ich in schneller Eil Der BAR unnd Thoͤn ein grossen Theil Und als ich meines Alters war Fast Poeterey andern Zeit. Fast eben im zwantzigsten Jahr That ich mich erstlich unterstahn Mit GOttes Huͤlff zu dichten an Mein erst BAR im langen Marner Gloria Patri Lob und Ehr. Was er durch das Bar im langen Mar- ner verstehe/ kan ich nicht sagen. So viel kan man darauß schliessen/ daß es ei- ne gewisse art von Toͤne gewesen/ die etwa einer Marner genant vor diesen erfunden. Dieses Marners haben wir droben gedacht/ und gedencket auch sei- ner Harstoͤrffer in des ersten Theils der Gesprāchspiel Anhang p. 45. wo- selbst er die Nahmen der Sānger erzeh- let/ die die Lieder gesungen und abgelesen die zu Friderici Barbarossæ und der fol- genden Keyser Zeiten von Fuͤrsten und Herren gemacht. Er spricht: Es ha-„ ben damahls auch hohe Standsperso-„ nen ihre Gedichte zwar selbst zu Papier gebracht/ im Beywesen des Frauen-„ zimmers aber andere singen oder auch„ lesen lassen/ die Urtheil von allem An-„ sehen ihrer Wuͤrde zu befreyen. Sol-„ a a 5 che Das VII. Cap. Von der Teutschen che Singer und zugleich auch Dichter„ sein gewesen Wilde/ Bieterolff/„ Boppo/ Saffer/ Ehinheim/ Fol-„ cuin ein Abt/ Gast Herdegger/ Ga-„ mart/ Ticlinger/ Kero/ MAR-„ NER/ Nithart/ Notker/ Ott-„ fried/ Rabken/ Sigeher/ Scher-„ vogel/ Stricker/ Tanhuͤser/ Wa-„ lefried/ Werner/ Willeram/ der„ Tugendsame Schreiber/ und viel„ andre unbenante. Er gebraucht fer- ner diß Wort Bar/ da er von seinen Buͤchern redet: Darin viel schrifflicher BAR warn. Und da er seine Gesānge ruͤhmet/ wie sie von der Sittenlehre handeln/ und allen angenehm gewesen/ In einer summa dieser BAR Der Meistergesang aller war. Ist also auß dem so offt wiederholten Gebrauch dieses Wortes fast zu schlies- sen/ daß dasselbige vor alteꝛs schon von sol- chen Liedern gebraͤuchlich gewesen/ und sey davon derselbe Ton bey dem Tacito Bar- Poeterey andern Zeit. Barritus genennet worden. Daß sie son- derliche art von Toͤnen gehabt/ so wol alte/ als neue die die Nachfolger erfun- den/ ist aus diesen Worten des Sachsen an angeregtem Orthe zu sehen/ da er spricht: Auch fand ich in meinen Buͤchern geschrieben Artlicher Dialogos sieben ꝛc. Auch Lieder von Kriegsgeschrey/ Auch etliche Bullieder dabey/ Der allersammen ich vernumm Drey und siebentzig in der summ. In Thoͤnen schlecht und gar gemein Der Thoͤn sechttzehn mein eigen sein. Nach Hans Sachsen weiß ich niemand zu nennen/ der einige des Andenckens wuͤrdige Verse geschrieben: es were dann/ daß man der Kurtzweil und Ergetzung halber ihr Gedāchtniß beybehielte/ wie die Epithaphia sein/ welche Taubmannus in præfatione Culicis Virgiliani anfuͤhret. Die Meistersaͤnger haben dennoch ihre Singe- und Reime-Werck jederzeit ge- trieben/ und haben einige solche Fertig- keit darin gehabt/ daß sie auff jeden vor- gegebenen Satz auß dem Stegereiff oder wie Das VII. Cap. Von der Teutschen wie Horatius sagt stantes pede in uno etz- liche Dutzent Reime daher schneiden koͤn- nen. Dann ihre Erfindungen beruhe- ten bloß auff den Reimen/ und nach dem ein Reim dem andern den Weg gebah- net/ so musten die Wort mit dem Ver- stande nachfolgen. Eine lācherliche Hi- storia ist mir erzehlet/ daß da eineꝛ aus die- ser Zunfft von dreyen unbekandten Bu- ben uͤberfallen/ und in den Koth gestos- sen/ er auß dem Koth sich erhebend also fort seine Reimen daher gemacht: deren Anfang dieser gewesen: O GOtt du gerechter Richter/ Der du kennst die Menschlichen Gesichter/ Ich bitte dich/ thue mir diß zu Lieb/ Und entdecke diese drey Dieb ꝛc. Aber wir lassen diß Gauckelweꝛck fahrẽ/ uñ muͤssen ehe wir ferner schreiten/ noch eines artlichen Carminis gedencken/ daß ein be- ruͤhmter Mañ Johannes Doman, der Hanse Stādte Syndicus, der sein Vaterland West- phalen/ wider des Lipsii Schimpff-Briefe in einem absonderlichen Buͤchlein verthā- diget/ und dannenhero bey gelahrten Leu- ten Poeterey andern Zeit. ten wol bekant/ von der alten Teutschen Hanse gemacht. Ich weiß mich nicht zu erinnern/ daß ich dasselbe bey jemand angefuͤhrt gesehen/ will es deßhalben als etwas ungemeines/ daß mir von einem guten Freunde als eine rari taͤt geschen- cket/ und voll von klugen reden ist/ (wiewoll er etwas zu frey geschrieben) zum Beschluß dieses Capittels hiehersetzẽ/ Es ist Anno 1618. eben da die Morgenroͤth der Teutschen Poeterey unter Hr. Opi- tzen hervor brach heraußgegeben/ unter dem Titul eines Liedes/ im Thon des Rolands/ oder wie es einen jeden besser gefāllt zu singen/ und lautet a ls o : 1. W Olan last uns eins singen/ ein Lied und neu Gedicht Obs so wolt baß gelingen/ dañ so mans sagt und spricht/ Was schads einmahl gesungen/ wann sagen nicht viel gilt/ Es ist wol eh gelungen/ was man im schertz gespielt. 2. Die Welt ist zwar geneiget/ nach ihrem stoltzen Kropff/ Das sie/ wer Warheit geiget/ die Geigen schlegt an Kopff/ Noch dennoch soll man wissen/ was Warheit und gut ist/ Drumb seyd hieher geflissen/ und merckt was euch gebrist. 3. Euch Hanse Staͤdt ich meyne/ wo jr gelegen seyd/ Dann Das VII. Cap. Von der Teutschen Dann euch ist es alleine/ zun Ehren zubereit/ Drumb thut es nicht verachten/ halt an der Warheit fest/ Darnach thu ich auch trachten/ such nichts dann euer best. 4. Vorzeiten wahrt ihr Haͤnse benahmet mit der That/ Jetzt sagt man seyt ihr Gaͤnse/ von schlechter That und Rath/ Ein Ganß fleugt uͤber Meere/ nach jrem Kopff und Sinn/ Endert sich doch nicht sehre// ist Gagag her und hin. 5. So sagt man von euch Haͤnsen (wolt Gott es wer nit war) Daß ihr euch solt den Gaͤnsen verglichen haben gar/ Bnd wann jr kompt zusammen/ und scheint es sey was werth/ So habs doch nur den Namen/ bleibt sonsten heur wie ferth. 6. Nu seyd ihr dennoch Haͤnse/ wann ihr nur selber wolt/ Doͤrfft nit des Nahmens Gaͤnse/ habt noch wol was jhr solt/ Weißheit/ Verstand und Sinne/ Reichthum/ Vermoͤgenheit/ Vnd daß euch nichts entrinne/ die schoͤn Gelegenheit. 9. Gott hat euc h außgetheilet/ zu Wasser und zu Landt/ So ihrs zu mercken eylet/ habt jhrs schon in der Hand/ Ein Gluͤck euch selbst zuschmieden/ daß ohne Fluͤgel sey/ Dabey ihr koͤnt im Frieden/ vorm Garauß bleiben frey. 8. So last nu diß ob allen/ euch erst befohlen seyn/ Daß es thu Gott gefallen/ daß niemand sey allein/ Ja das er euch gezeiget/ durch die Gelegenheit/ Wie daß er sey geneiget/ zu euer Einigkeit. 9. Wolt Gott ich koͤndt erbitten euch allen diß groß Gut/ Das jhr die Zweyuug mitten/ mit gleichem Sinn und Muth/ Vnd hieltet euch bey sammen/ und stuͤndet all vor ein/ Hilff Gott was Nutz nnd Nahmen solt bald erworben sein. Nu Poeterey andern Zeit. 10. Nu Hettich ist ein Vogel/ Habich zwar besser ist/ Doch stehts als auff der Kugel/ drum traut zu aller frist/ Ob Gott einst wolt bescheren/ die liebe Einigkeit/ Vnd euch dadurch gewehren/ der alten Herrlichkeit. 11. In Gottes Hand verschlossen steht alle Ding allein/ Darumb seyd nnverdrosseu/ rufft an den Nahmen sein/ Auff das ihr einst genesen von der Zweyhelligkeit/ Vnd kriegt ein friedsam Wesen/ in Lieb und Einigkeit. 12. Doch thut allein nit nuͤtzen/ daß man viel ruff und schrey/ Wann die Karr steckt im Pfuͤtzen/ die Hand muß seyn dabey/ Arbeit die hat den Segen/ macht was hart helt doch loß. Drumb solt jr Arbeit pflegen/ legn nit die Haͤnd in Schoß. 13. Was wolt ihr aber machen/ in dieser argen Zeit/ Da sich bey bunten Sachen/ so Welt verschrauffte Leut/ An allen oͤrten finden/ die vorne lecken suͤß/ Vnd kratzen doch von hinden/ nach dem alt Katzen kuß. 14. Ihr Mund redt auß der Lungen/ daß Hertz ligt weit davon/ Wans nur hat wol geklungen/ so ist das Mundwerck schon/ Vnd wann mans hoͤren muͤssen/ ein Stund zwo oder drey/ So kan man doch nicht wissen/ obs Fuchs oder Hase sey. 15. Nun ists mit solchn Gesellen einig zu bleiben schwer/ Doch wil ich euch erzehlen/ der Alten gute Lehr/ Wie man sich solle schicken/ recht und gescheidentlich/ Damit solch falsche Tuͤcken/ gehn moͤgen hindersich. 16. Vor allem muß man haben/ doch wenig fromme Leut/ Die auffrecht einher traben/ uͤnd mein ens hertzlich gut/ Vnd Das VII. Cap. Von der Teutschen Vnd gehn mit threm Wandel/ andern zur folg voran/ Daß sie sich auch zum handel/ gleich schicken auff die bahn. 17. Was man in andern preiset/ das soll man selber thun/ Vnd was man jhn verweiset/ gleich ihn verbleiben lahn/ Falsch muß doch endlich schwinden/ wie man zusagen pfiegt/ Wer recht thut sols auch finden/ Untreu sein Herrn schlågt. 18. Wanns dann von etlichn Staͤdten/ nur so gemeinet ist/ Die doch gantz gerne hetten/ vielmehr bey sich ohn List/ Die sollen ferner wissen/ was hiezu dienlich sey/ Vnd seyn darauff beflissen/ wie sies auch bringen bey. 19. Niemand soll man verachten/ wie klein er immer sey/ Allein man soll betrachten/ ob Treu auch sey dabey/ Ist er auffrecht und treue/ er thut auch seinen Strauß/ Das hat wol eh der Leue/ erfahren an der Mauß. 20. Es ist nichts so geringe/ es hat sein nutz und brauch/ Solchs zeigen alle Dinge/ klein Gloͤcklein klingen auch/ Vom Donner und Platzregen waͤchst nicht alleine Graß/ Dann auch durch GOttes Segen/ klein Reglin machen naß. 21. Doch weils nit tauren wuͤrde/ und lange stehen an/ So man wolt gleiche Buͤrde auff laden jederman/ Muß man Geleichheit halten/ sehn das Vermoͤgen an/ Sonst muß sich doch abspalten/ wer nicht mehr tragen kan. 22. So libt nun tren und reine/ wie ihr von andern wahrt Niemand sey euch zu kleine/ beschwert niemand zu hart/ So wird auch Lieb und Treue/ hergegen finden sich/ Vnd ohne Leid und Reue/ bleiben bestaͤndiglich. Wann Poeterey andern Zeit. 23. Wann aber nit wil gelten/ treu/ lieb und treglich Last/ Wie man dann sindet selten/ ein Holtz gerad ohn Ast/ Vnd selten Companeyen/ darin nicht Meister seyn/ So lernt euch ferner freyen/ von solchen Hemmerlein. 24. Vorzeiten war ein Probe/ so man ein reden hoͤrt/ Jetzt ist es nur ein Klobe/ damit man Leut bethoͤrt/ Wer trauet dem Gesange/ das alls soll Amen seyn/ Der ist gar bald gesangen/ weils Hertz spricht lauter Nein. 25. Drumb muß man tieffer streichen/ die abgevierdte Leut/ Damit man moͤge reichen/ durch die viel Zwibeln Haͤut/ Zur lincken Zitzengrunde/ so kan man pruͤfen gantz/ Ob zwischen Hertz und Munde/ auch sey ein Concordautz/ 26. Die That thu ich euch nennen/ That ist der rechte Test/ Darob ihr koͤnt erkennen/ welch Leut sein dicht und fest/ Drumb lasset euch nicht aͤffen/ die Wort sein heur wolfeil/ Wanns aber kompt zum treffen/ so find sichs erst weit fehl. 27. Welch Leute viel parliren/ wissen vom Schluͤssel nicht/ Vnd immer dilatiren, biß besser Zeit anbricht/ Erbieten sich doch milde/ sie wollens Morgen thun/ Fuͤhren nichts guts im Schilde/ wers thun wil/ thu es nun. 28. Wann ihr nun diese kennet/ halt sie zum Werck und that/ Wer sich dann davon trennet/ muß leiden andern Rath/ Daß man die Thuͤr ihm weise/ und schließ ihn gentzlich auß/ Dann all zu sanfft und leise/ endlich auffhoͤren muß. 29. Man sagt es sey im Leben/ wie mit dem Wuͤrffelspiel/ Wann nicht thut fallen eben/ was man woll haben wil/ b b So Das VII. Cap. Von der Teutschen So muß man was gefallen/ gedultig nehmen an/ T oi cinq́; vor quater allen/ oder ses duis anschlan. 30. So thut ihr nu dergleichen/ spielt was gefallen ist/ Man muß der zeit doch weichen/ biß auff ein ander frist/ Wie man kan muß mans treiben/ halten alls vor Gewum/ Drumb was nicht treu wil bleiben/ laß immer fahreu hin. 31. Eins man kein Zahl nit nennet/ was fragt ihr dañ darnach/ Wann einer von ench rennet/ habt dannoch gute Sach/ Seyd auff ihr nicht gebauet/ auff einig zahl und Schar. Darumb mir auch nicht grauet/ ob ihr schon lieff ein par. 32. Vnd wann ihr dann seyd worden/ des uͤbels etwas loß/ So mercket auff den Orden/ er sey klein oder groß/ Vnd haltet ihn in Ehren/ ihr wißt es warlich nicht/ Was ihr koͤndt sein fuͤr Herren/ stuͤnd ihr euch nicht im Licht. 33. Vor allem thut euch fleissen/ das ihr Gott habt zum freund/ Das koͤnt ihr dann geniessen/ daß ihr mehr haben kuͤndt/ An GOtt ist es gelegen/ solt ihr recht werden froh/ Dann ohne seinen Segen/ all Haͤnde dreschen Stroh. 34. Darnach wie gring und wenig/ daß euer immer sind/ Bleib mit einander emig/ wie jener lehrt sein Kind/ Da er viel Besemreiser/ verfasset in ein Bund/ Das doch kein starck noch weiser mit macht zerbrechen kund. 35. Da er sie aber theilet/ und eintzel leget dar/ Da wars nicht mehr geseihlet/ man brach sie alle gar/ Also vermehrt und stercket/ all Ding die Einigkeit/ Wie man nichts guts vermercket/ auß der Zweyhelligkeit. Wann Poeterey andern Zeit. 36. Wann ihr die Augen wendet/ ein wenig hin und her/ So muͤst ihr sein verblendet/ solt ihr nicht mercken sehr/ Wie daß die nechsten Jahren/ da mans vermuthet nicht/ Durch so gar wenig Scharen/ groß Dinge sind verricht. 37. So seyd nu auch eintraͤchlig/ halt an einander fest/ So seyd ihr leicht so maͤchtig/ auch bey den treuen Rest/ Daß ihr wol koͤnt abtreiben/ die ohne fug und recht/ An euch sich wollen reiben/ doͤrfft nicht sein andrer Knecht/ 38. Von Frembden thu ich sagen/ deß muͤst ihr sein bericht/ Die euch ohn sug nachjagen/ denn wem ihr seyd verpflicht Zu Zollen/ Schoß und Ehren/ und was des dings mehr ist/ Dem thut es auch gewehren/ treulich ohn Gfahr und list. 39. Es kan wol stehn beysammen/ hat unter sich kein Streit/ Daß man in GOttes Nahmen/ treu bleib der Oberkeit/ Geb andern auch die Ehre/ behalt sein Freyheit doch/ Sich nehre/ schuͤtz und wehre/ zieh nicht an frembden Joch. 40. Davon nicht noth zu sagen/ mit mehren/ weil man weiß/ Allein muß ich beklagen/ den gar geringen Fleiß/ Den Leute thun ankehren/ damit sie wuͤsten recht/ Was sie vermoͤgens weren/ das ist doch gar zu schlecht/ 41. Jetzt wil ichs aber stellen/ an den gemeinen Ort/ Dahm mau solche fellen/ zusetzen pfleget fort/ Vnd wil das numehr treiben/ das Lieb und Einigkeit/ Nicht koͤnnen wol bekleiben/ wor Geitz im wege leidt. 42. Wor unter Menschenkin dern/ Hans Eigen Man regirt/ Daselbst bleibt weit dahinden/ was gmeinen Nutz fovirt/ b b 2 Das Das VII. Cap. Von der Teutschen Das leugnet niemand sehre/ darff auch gar keiner Lehr/ Wie man ihm aber wehre/ das ist zumahlen schwer. 43. Wol ist es zwar nicht ohne/ das Nutz und Nießlichkeit Anmuhtig ist und schone/ gewesen allezeit/ Ist auch der Menschen Hertzen/ gleichsamb naturet ein/ Daß sie mit Muͤh und Schmertzen/ darauff beflissen seyn/ 44. Drumb laß ich auch passiren/ der Narung rechten Brauch Sonst muß man warlich feyren/ bey gsunden Zaͤhnen auch/ Wers aber recht bedencket/ dem gibt hiebey ein stutz Wanns gmeine beste krencket/ der heilloß Eigennutz. 45. Derwegen last euch lehren/ daß gar kein Nutz nicht sey/ Was man mit GOit und Ehren/ nicht hat gebracht herbey/ Vnd daß bey Arm und Reichen/ Privat gesuch und Geld/ Dem gmeinen Nutz muß weichen/ wanns soll sein recht bestellt 46. Es ist auch nicht bestaͤndig/ auch nicht so groß und fein/ Was man also unbaͤndig/ an sich erzwackt allein/ Wann man dem gantzen Leibe/ sein Speiß und Narung leßt So sicht man daß auch bleibe/ ein jedes Gliedmaß fest. 47. Wann aber eins der Glieder/ dem andern goͤnnet nicht/ So sicht man das herwieder/ dem Neidhard selbst entbricht/ Leufft doch wiedr durch die Finger/ der Finger faule sach/ Davon sing ich was ringer/ ihr denckt ihm doch wol nach. 48. Vnd zwar wans moͤchte werden/ auff solche weiß bedach So wuͤrd man hie auff Erden/ nicht sein so hoch veracht/ Vnd wuͤrd doch nicht alleine/ ins gmeine besser stahn/ Sondern beyd groß und kleine/ jeder sein Fuͤlle han. W- Poeterey andern Zeit. 49. Was aber allzeit eben/ nuͤtzlich und Erbar sey/ Darnach man solle streben/ muß man hie wissen bey/ Vnd ist doch aus dermassen/ eim Menschen viel zu schwer/ Daß ers solt koͤnnen fassen in gwisse kurtze Lehr. 50. Darumb bey allen Sachen/ man erst rathschlagen muß/ Damit man moͤge machen/ darauff gewissen Schluß/ All Ding hat sein Vmstaͤnde/ die man erwegen soll/ So kan man dann behende/ zum Ziel gelangen wol. 51. So kompt nun auch zusammen und rathet in gemein/ Was in gesamten Nahmen/ will zu verrichten seyn/ Die alten Deutschen Helde/ dens gbrach an gmeinem Rath/ Erschlagen sind im Felde/ wie mans auffschrieben hat. 52. Wer sorg und furcht kan tragen/ und dencken recht herum̃/ Der kans auch gluͤcklich wagen/ Sorg felt nicht leichtlich um/ Was aber ist gewaget/ auffs gluͤck und wolgeraht/ Schaden zum Spott eintraget/ nach reu folgt solcher that. 53. Doch kan niemand rath geben/ wer selber nicht viel weiß/ Drumb muß man darnach streben/ mit sonderlichem fleiß/ Daß man mag leute haben/ die fromm seyn und gelehrt/ Vnd redlich einher traben/ und darob seyn bewehrt. 54. Wer sein Sach hat studiret, hat auch das Hertz dabey/ Daß er niemand bosiret/ bekent die Warheit frey/ Vnd weiß was nah und ferne/ nuͤtzen und gehen kan/ Vnd thut es dann auch gerne/ das ist der rechte Mann. 55. Doch weil man diese Ruͤben/ gar duͤnn gesaͤet sind/ Sols uns nicht gar betruͤben/ weil man noch Menschenkind/ b b 3 Auch Das VII. Cap. Von der Teutschen Auch sindet unter Leyen/ die nicht sind so gelahrt/ Doch auch so krum nicht dreyen/ wie nunmehr ist die art. 56. Die furcht und lieb des HErren/ ein Hertz das offen steh/ Vnd sich wil lassen lehren/ wuͤnscht das es recht zugeh/ Thut auch kein Fleiß nit spahrẽ/ denckt ihm selbst treulich nach/ Solch stuͤck hab ich erfahren/ verrichten alle Sach. 57. Man muß ihm aber nehmen/ zum Rathschlag rechte well/ Vnd sich mit nichte schemen/ so man nicht inder eyl/ Kan alle Sachen schlichten/ Morgen kompt auch ein Tag/ Da man kan weiter richten/ was Heut nicht langen mag. 58. So thut auch mit sich bringen/ ein jeder Tag sein Raht/ Vnd pflegt dem langsam glingen/ daß er Feyrabend hat/ Wann nach dem fall die Strasse/ die Eil noch hinckend tritt/ Drumb soll man halten masse lauffen und fallen nicht. 69. Doch ist auch nicht zu rathen/ daß man sitzt stets zu Hauß/ Gleich man auß Eyern gbraten/ wolt Huͤnlein bruͤten auß/ Wie die Procrastinirer, nunmehr im Brauche han/ Welch nur sind Worte schmierer/ greiffen das Werck nit an. 60. Wer auff eim Schenckel hincket/ der kom̃t nicht hin so drat/ Vnd wem zu fruͤh stets duͤncket/ der kompt gewiß zu spat/ Hab acht/ heists/ auff die schantze/ eh man vor dich zugreifft/ Vnd wiltu mit zum Tantze/ so zieh auff weil man pfleifft/ 61. Zu rechter Zeit nnd massen/ wil alles seyn verricht/ Darumb man auch sol lassen/ an Fleiß ermangeln nicht/ Das tapffer werd erwogen/ was man vorhanden hat/ Sonst sind man sich betrogen/ wann ist verricht die That. Wie Poeterey andern Zeit. 62. Wie man sich nun sol huͤten/ daß nichts zu wenig sey/ So kan man uͤberguͤten/ gleichfals ein ding hiebey/ Drumb muß man rechnung machen/ verruͤcken nicht das ziel/ Das man nicht thu den Sachen/ zu luͤtzel noch zu viel. 63. Wer die Floͤh husten hoͤret/ und daß Graß wachsen sicht/ Vnd leicht den Fried zerstoͤret/ lest von der Geißwoll nicht/ Vnd fuͤhrt in seiner Kreiden/ kurtz Wuͤrst und lang Serinon/ Der steht nicht wol zu leiden/ daß ist gewiß nicht ohn. 64. Also durch disputiren/ geschwind und gar subtil Thut man offt gar verlieren/ die Warheit in der eil/ Vnd ist ohn daß nicht artig/ wie ihr vorhin wol wißt/ Dann allzu scharff macht schartig/ schlecht bald geschliffen ist. 65. Drumb seyd nicht allzu weise/ solch Leut hasset das Gluͤck/ Vnd fuͤhrt nicht groß beweise/ uͤber eim schlechten Siuͤck/ Thut nicht im Katzbalg liegen/ schleifft nicht viel glatte wort/ Vnd was nicht schad geschwiegen/ spart an ein andern Ort. 66. Doch muß man gar nicht schweigen/ wans ist zu reden zeit/ Wer heimlich frißt die Feigen/ und legts doch von sich weit/ Dem muß man soust abtreiben/ damit es komm herfuͤr/ Vnd da nicht moͤge bleiben/ die Schuld fuͤrs Nachbars Thuͤr. 67. So thut man aber sparen/ die Warheit allerbest/ Wo nicht zun Jubeljahren/ doch gwiß ans hohe Fest/ Vnd schlāgt derweil den Ballen/ wann man recht stim̃en sol/ Damit man moͤg gefallen/ sein lieben Nachbar wol. 68. Daher so thuts auch gehen/ wie Krebse kriechen fort/ Vnd bleibt leyder bestehen/ am alten boͤsen Ort/ bb 4 Dañ Das VII. Cap. Von der Teutschen Dañ was man nicht darff sagen/ das thut man nimmermehr/ Derhalb man auch erjagen/ kan nimmer Ruhm nnd Ehr. 69. Drum last euch ungekrauet/ und streicht den Kautzen nicht/ Dann solches gar nicht bauet/ sondern viel mehr zerbricht/ All Regiment auff Erden/ den hohen theuren Schatz/ Vnd solls einst besser werden/ muß han die Warheit platz. 70. Warheit du bist es einig/ die lang auff Erden wehrt/ Weil man dich brauchet wenig/ drum wirstu nicht verzehrt/ Doch hab ich dich erkohren/ vor Silber und roth Goldt/ Dir hab ich einst geschworen/ dir bleib ich ewig hold. 71. Wil mich von deinent wegen/ jemand saur sehen an/ Machs wie es ihm gelegen/ waͤchst mir kein Bart davon/ Es hilfft doch nicht saur sehen/ die Milch saurt davon nicht/ Muß endlich doch recht gehen/ wanns soll sein außgericht. 72. So thut nu dergeleichen/ wann ihr zu Rathe geht/ Vnd thut der Warheit weichen/ wanns euch auch widersteht/ Ein Schiff thut also lauffen/ ein Gurren nennt ein Gaul/ Das ihut so uͤbern hauffen/ und nehmt kein Blat vors Maul. 73. Wol ist die Warheit ressig/ hat gar ein scharffes Saltz/ Doch uͤbertrifft ihr Essig/ der Dreyer tummes Schmaltz/ Viel besser Freunde Wunden/ wie hart sie kommen an/ Dann aller falscher Hunden/ suͤß Wort und Paselman. 74. Wann man dann hat gehalten/ zeitig und weißlich Raht/ Wie nach der Lehr der Alten/ man thun soll vor der That/ So ist auch hoch von noͤhten/ das man koͤnn schweigen wol/ Vnd doͤrff nicht erschamroͤthen/ wann mans verlegen soll. Viel Poeterey andren Zeit. 75. Viel koͤnnen weidlich schwetzen/ und kuͤtzeln sich damit/ Thun sich darob ergetzen/ gleich ist des Storchen Sitt/ Der bald die Fluͤgel schwinget/ wenn ihm der Schnabel geht/ Meynt daß er lieblich singet/ weil er so hohe steht. 76. Aber die Kunst zu schweigen/ wird nimmer prositirt/ So gibt sich ihr zu eigen/ niemand der sie studirt/ Noch ist wol schweigen koͤnnen/ ein treflich edel Kunst/ Dargegen nichts zu nennen/ das brecht so grosse Gunst/ 77. Darum dann auch zwey Ohren/ und nur ein zung uñ mund/ Der Mensch hat/ daß er hoͤren/ sol mehr zu aller stund/ Als reden und auch schweigen/ ist ein natuͤrlich Bild/ Darob soll niemand setzen/ sonst ist er gar zu wild. 78. Aber vor allen dingen/ wil Raht verschwiegen seyn/ Sonst mag er nicht gelingen/ wer er auch noch so fein/ Wann man lest andre wissen/ was unser Anschlaͤg sein/ So sind uns bald gerissen/ der Bossen zwey vor ein/ 79. Das darff man nicht bewehren/ ist hell und klar am Tag/ Doch thut man hievon hoͤren/ noch hin und wider Klag/ Das bald der Nachbar frage/ was fuͤr gewesen ist/ Vnd daß mans ihm auch sage/ ob ers zubessern wißt. 80. Der kans dann bald verfuͤgen/ dz lauff durch Stad uñ Land/ Lest sich noch nicht dran gnuͤgen/ schickt uͤber See und Sand/ Vnd wann man dann zu schaffen/ wil einmahl heben an/ So weiß davon zu klaffen/ niemand dann jedermann/ 81. Derhalb wie mit eim Schilde/ ein Wirt zeigt an sein Hauß/ So solt man Schweigersbilde/ zum Rathhauß hengen auß/ b b 5 Dar- Das VII. Cap. Von der Teutschen Darmit des Fingers schlosse/ sein Maul verriegelt fest/ Vnd seines Bauches groͤsse/ noch nicht zertrennen lest. 82. Damit uns anzuzeigen/ wie nuͤtz und noth es sey/ Vnd daß von vielem schweigen/ der Bauch nicht reiß entzwey/ Darumb stets solt gedencken/ der Schwetzer an das Bild/ Sonst seh man besser hencken/ den Schwetzer selbst zum schild. 83. Damit ich aber wende/ weil ich noch heiser bin/ Vnd komme schier zum Ende/ so schließ ich nu dahin/ Daß mans auch muͤsse wagen/ wann mans erwogen hat/ Vnd ohne schreck und zagen/ greiffen zum Werck und That. 84. Das Gluͤck hat oben Fluͤgel/ und fleugt gesch wind daher/ Vnd weils steht auff der Kugel/ wancken sein Fuͤsse sehr/ Darumb es in der mitten/ wil angegriffen sein/ Gemeistert und geritten/ und nicht gefoͤrchtet sein. 85. Wer hat ein Schwert in handen/ dem thut kein Degen leid/ Damit pflegts mans zu anden/ helts ander in der Scheid/ So muß man eim begegnen/ allzeit in breitschafft stehn/ Meynt jener er koͤnn regnen/ kan der auff Steltzen gehn. 86. So hab ichs vor bewogen/ und frey gesagt herauß/ Zwar auß keim Finger gsogen/ und sags euch noch zu hauß/ Daß jhr seyd leicht so maͤchtig/ zu treiben euer Sach/ Wañ jhr nun bleibt eintråchtig/ dem denckt doch weiter nach. 87. Jetzt wolt ich gar beschliessen/ so sorg ich noch hiebey/ Daß jemand moͤcht verdriessen/ was ich gesungen frey/ Moͤchts moͤglich besser wollen/ und laͤngsthin han gewißt/ Darumb ich nur hett sollen/ schweigen zu dieser frist. Dem Poeterey andern Zeit. 88. Dem thu ich kuͤrtzlich sagen/ daß ichs ihm glaͤube zwar/ Daß ers im Kopff umbtragen/ hab mannich zeit und Jahr/ Hab auch davon parliret, mit beyden Backen voll/ Hett er nur mit studiret/ daß mans auch thuen soll. 89. Es hilfft doch gar nit Wissen/ wans nur beim Wissen bleibt/ Nuͤtzt auch nicht viel gebissen mit Worten/ wie mans treibt/ Die Tugend steht im Wercke/ die That muß seyn damit/ Da wird erkand ihr stercke/ Wort schlan die Leute nicht. 90. Drum loßt nu diß zuletzte die macht des Werbens sein/ Das mans ins Werck eins setze/ wenn man weiß also fein: Am Werck ist alls gelegen/ Werck bringt viel Nutz und Ehr/ Damit euch GOtt gesegen. Dißmahl sing ich nicht mehr. Das VIII. Cap. Von der Nordischen Poetererey. Einhalt. D Je Nordische Poeterey ist alt. Ist aber ungewiß ob sie an Alterthum der Teutschen vorzuziehen. Die Schweden koͤnnen so gar alte Lieder nicht beybringen. Der Hr. Schefferus meldet von diesen nichts in seiner Sveciâ literata. Es ist alles davon ungewiß. Die art die Historien in Das VIII. Cap. Von der Nordischen in Lieder zu fassen ist bey den Teutschen noch vor kurtzer Zeit gebraͤuchlich gewesen. Die Heldenlie- der bey den Schweden auff Gaͤstereyen gesungen. Die alten Daͤnischen Heldengesaͤnge. Das aͤlteste Daͤnische Lied bey dem Olao Wormio. Schran- nen der Teutschen Schulen. Die Chinesische Poeterey. Zweyerley Eddæ der Ißlaͤnder. Noch eine andere in Schweden. Scalda. Die Prosodia der Nordschen Sprache. Scaldri die Poeten/ sein in grossen Ehren gewesen. Die vielerley Metra Verelii Meinung von der Poeterey der Scaldrorum. Sie ist ohne Reimen. Skalviingl. Unterschied- liche Schwedische Reim-Chronicken und andere Carmina. Daͤnische Poeterey. Der Finnen al- te und neue art zu Poetisiren. Exempel eines Baͤrenlieds/ so sie bey der Baͤren-Jagt gebraucht. Die Lappen haben auch dergleichen Lieder. Der- selben Liebeslieder. Eines von denen wird in Teut- scher Sprache angefuͤhret. Ist sonderlich sinnreich geschrieben. Die Poeterey der Peruvianer. De- ren wird ein Exempel angefuͤhret. E He wir zu der Dritten Zeit der Teutschen Poeterey kommen/ und von der andern abgehen/ muͤssen wir noch von der Nordschen Poeterey reden/ die an Alterthum der Teutschen nicht Poeterey. nicht nachgibt/ und wie etliche wollen viel aͤlter ist. Welches ich an seinen Ort gestellet sein lasse. Denn es sein die Be- weißthuͤmer die deßhalben gefuͤhret wer- den nicht so richtig/ daß man hierauff so feste Schluͤsse machen koͤnne. Noch zur Zeit habe ich nichts gesehen/ daß zum bestaͤndigen Grunde angenommen wer- den koͤnne. Ob zwar Olaus Wormius in seiner Literaturâ Runicâ, und Olaus Rudbeck in seiner Atlantic. dieses Alter- thum warscheinlich zu machen suchen. Wormius behauptet daß sie vor Christi Gebuhrt schon in vollem Schwange ge- wesen/ und fuͤhret zum Beweißthum an/ daß kurtz nach Christi Gebuhrt der Hi- arnus dadurch das Koͤnigreich an sich ge- bracht. Die Teutschen haben des Taciti klares Zeugniß/ der zu seiner Zeit ihre Lieder Carmina antiqua nennt/ muͤssen sie also lange vor Christi Gebuhrt gewe- sen sein/ da dañ niemand wird Schieds- mann sein koͤnnen/ welchen der Vorzug zu geben. Bevorab da dieser Gebrauch die Das VIII. Cap. Von der Nordischen die Helden mit Liedern zu ehren bey allen Voͤlckern/ ja auch bey den wilden Ame- ricanern selbst gebraͤuchlich/ wie solches Jnannes Lerius von den Menschenfressen bezeugt/ und ihren Gesang vorstellet part. 3. p. 221. Der Herr Rudbeck will zwar des Taciti Zeugniß auff die Schwe- den ziehen. Aber daß dieses ohne Grund gesaget werde/ haben wir im VI. Cap. klaͤrlich dargethan. Er gibt zwar vor daß er bundert derer Carminum vorzei- gen wolle/ deren Tacitus gedenckt/ da die Teutschen solches nicht thun koͤnten. Wie weit dieser Schluß zureiche/ ist dro- ben angefuͤhret/ wann gleich ia das ei- gentliche Alter der Schwedischen Car- minum solte dargethan werden koͤnnen/ woran ich noch einen grossen Zweiffel ha- be. Der Herr Scheffer/ der die Alter- thūme der Schweden sorgfaͤltig gnug durchgesuchet/ und alles was ihm muͤg- lich gewesen herbeygebracht/ hat in sei- ner Svecia literata, da er de Scriptoribus Svecis handelt/ und insonderheit so merck- wuͤr- Poeterey. wuͤrdige dinge hātte beybringen sollen/ nur von Anno Christi MCL. den An- fang gemacht. Er gedencket einiger Scaldrorum oder Poëten, als des Halbi- orn Hale und Torstein die Anno 1168. des Sumerlide, und Torgelr Danaskald, die Anno 1192. des Grane Hialbianarson, und Jonas Sverkers die Anno 1202. des Olai Tordeson, der Anno 1223. gelebt/ aus dem Register der Schwedischen Scal- drorum, so bey dem Wormio zu finden. Aber diese Carmina sein alle verlohren/ da doch bey den Teutschen noch einige die vor der Zeit geschrieben/ verhanden sein. Er saget außdruͤcklich in der Vorrede: licet haud sit dubium quin \& diu ante illa tempora gens Svetica habuerit, qui vale- rent ingenio ejusque rei ad posteritatem- darent documenta, ut vel ex Scaldris priscis certum fit, clarissimèque docet exemplum Starkoteri, quem ex Svecis ortum \& pro Svecis militantem res suorum temporum bellaque carmine complexum Saxo auctor est: tamen cum \& ætas plerorumque sit in- Das VIII. Cap. Von der Nordischen incerta, opera etiam atque tituli eorun- dem non sat noti, ratio est manifesta, cur à supra memorato demum tempore inci- piendum. Wann nun diesem so ist/ mit was vor Gruͤnden will man beweisen/ daß einige Lieder vor Taciti Zeiten ge- schrieben? Es wird zwar in seinem Bu- che unter dem Nahmen des Johannis Messenii gedacht/ daß er verheissen habe herauß zu geben: Antiquissimas ac po- tissimas heroum cantilenas, ex quibus Hi- storia Sveticæ gentis primum cosignari cœ- pta est: Ich solte aber kaum glaͤuben/ daß darauß das eigentliche Alter werde abzunehmen sein. Es wird vermuthlich mit den Schwẽdischen Liedern nicht an- ders/ als mit dem Teutschen ergangen sein/ daß die Nachkommen ihrer Vor- fahren Heldenlieder verfālschet/ oder endlich gar vergessen/ wann die neuen/ deren man allezeit begieriger ist/ an de- ren Stelle kommen. Dañ diese art die Geschichten in Lieder zu verfassen hat zimlich lang gewehret/ so woll bey den Nor- Poeterey. Nordischen Voͤlckern/ als bey den Teut- schen. Von diesen sagt Schmid in sei- nen Zwickauischen Annalibus im Jahr 1450. außdruͤcklich: Apel Vitzthum hat„ einen boͤsen Nahmen hinter ihm gelas-„ sen/ daß man in allen Bier und Wein-„ hāusern von ihm gesungen: Dann es„ damahls noch sehr im Gebrauch gewe-„ sen/ daß man was sich begeben nicht„ in Chronicken und Geschichtbuͤcher em̃-„ geschrieben/ sondern in solche Lieder„ darinnen sie ihre Haͤndel und Thaten„ kuͤrtzlich verfasset/ gebracht/ und auff„ die Nachkommen fortgepflantzet. Da„ nun eine so grosse Menge solcher Lieder gewesen/ wie kont es muͤglich sein/ daß derselben Gedaͤchniß so unveraͤndert bey- behalten worden. Johannes Magnus ge- dencket in der Vorrede seiner Historia daß die alten Gothen die Thaten ihrer Helden in Versen verfaßt auff ihren Gaͤ- stereyen bey den Angedencks Bechern/ die sie ihren Helden zu Ehren getruncken zugleich gesungen, damit die Jugend da- c c durch Das VIII. Cap. Von der Nordischen durch auffgemuntert wuͤrde. Schefferus in seiner Upsaliâ antiqua. c. 10. p. 46. mei- net es sey solches Lied Bragerbott genant worden/ davon Sephanius in seinen An- merckungen uͤber den Saxonem Erweh- nung thut/ ist so viel als im Lateinischen Nuncius Virorum fortium, wie der Be- cher damit sie ihrer Helden Angedencken beehret Bragebægere genant. Bey den Dānen hat Andreas Welleius auch heꝛauß- gegeben Centuriam Cantilenarum Dani- carum de priscis Danorum Regibus \& rebus gestis, wie Albertus Bartholinus in seinem Buch de Scriptis Danorum bezeuget. Ich kan aber hievon nicht urtheilen/ weil ich sie nicht gesehen habe. Olaus Wormius der de literaturâ Runicâ geschrieben/ und in dessen Anhang von der alten Tichte- rey der Dānen gar außfuͤhrlich gehan- delt hat/ bringet kein ālters vor/ als das der Regner Lodbrog, vor seinem Tode gesungen/ welcher Anno 857. zu Ludovici II. Zeiten gelebet. Daß wir in Teutsch- land āltere gehabt haben/ ist droben er- wie- Poeterey. wiesen/ und schrieb um Ludovici II. Zeit der Ottfridus seine Evangelia. Von dem Tuiscone meldet Aventinus, von welchen Boxhornius urtheilet/ daß er die glaub- wuͤrdigsten Nachrichten gehabt/ daß schon zu seiner Zeit Lob und Schelt- lieder gemacht sein/ wie wir droben er- wehnet/ auch die Schulen oder wie sie es damahls auff recht Teutsch genannt haben/ die Schrannen von ihm ange- stellet/ worinnen dergleichen dinge gelehrt worden. Dergleichen art der Poeterey ist bey den Sinensern vor diesen auch ge- brāuchlich gewesen: Denn es bezeuget Martinus Martinii in seiner Historiâ Sinensi. Ars Poëtica apud Sinos antiquissima est \& varia vario metro carmina complectitur. Inter quinque Carminum libros è quibus doctrinam eorum qui dignitates ambiunt in Republ. periclitantur, unus in explican- dis antiquorum Principum rectè secusque factis ita versatur, ut malis terrorem addat, bonis calcar ad virtutem, In diesem sein aber die Nordischen Voͤlcker etwas gluͤck- c c 2 licher Das VIII. Cap. Von der Nordischen licher/ daß sie mehr von ihren monumen- tis beybehalten haben/ als die Teutschen/ dessen Uhrsachen wir droben angefuͤh- ret. Bey den Ißlaͤndern hat man ein sonderlich Buch die Edda gehabt/ wel- ches war die Mythologia Poetica der al- ten Nordischen Voͤlcker/ oder vielmehr ihre Theologia, Physica und Ethica. Es sind zweyerley Eddæ gewesen/ die eine als die aͤlteste/ ist in alte unverstaͤndliche Ver- se verfasset von Saͤmund Sigfuson/ der mit dem Zunahmen Froda/ daß ist/ der Weise genant worden/ und An. 1077. zu Odde in Ißland Prediger ge- wesen. Die neue Edda hat gemacht Snorrre Sturlaͤson/ ein Vorneh- mer kluger Mann/ und Ober-Richter uͤber Ißland im Jahr 1222. und auß der āltern des Saͤmunden zusammen ge- zogen/ welche Petrus Resenius mit sehr nuͤtzlichen Anmerckungen/ und einer weit- laͤufftigen Vorrede her außgegeben/ dar- innen er mit mehren von diesen beyden ddis handelt. In der Koͤniglich en Schwe- di- Poeterey. dischen Bibliothec soll noch eine andere und besser verhanden sein/ wie Herr Rudbeck meldet. Dieser Snorre Sturleson hat die alte Eddam etwas verāndert/ und auff ihre Poeterey ge- richtet. Wie nun die Edda ihre Mytho- logia, so ist die Scalda ihre Metrica und Prosodia gewesen. Arngrimus sagt von dieser also: Scalda est liber de arte Poë- ticâ Islandorum, qui est quasi praxis Eddæ ut Edda inventionem, Scalda usum vel ar- tem adiuvet, Von welchem Wort Scalda die Poeten hernach Scaldrer genant/ welche bey den Koͤnigen in solchen Anse- hen gewesen/ wie heutiges Tages Cantz- ler und Raͤhte. Ja es haben die Koͤni- ge selbst es fuͤr ihre groͤste Ehre geschaͤ- tzet/ wann sie mit in ihren Orden haben kōnnen auffgenommen werden/ und mit vielen Liedern ihre Faͤhigkeit dazu vor- gestellet. Der Autor dieser Scaldæ soll wie Arngrimus Crymog. lib. 1. bezeugt/ Anno Chr. 1216. gelebet haben/ und wird von den Wormio in seiner Literaturâ Ru- nicâ Das VIII. Cap. Von der Nordischen nicâ auß diesem Buche offt was ange- fuͤhret. Es ist auch sehr glaͤublich daß die Alten gewisse Reguln dieser Kunst ge- habt; dann wie Olaus Wormius saget in Appendice Literat. Runic. Rhythmorum veterum insinita sunt genera, vulgo tamen usitatorum centum triginta sex esse putan- tur. Er setzet daselbst unterschiedliche arten und die Nahmen derselbe/ als Sextanmælli Vysa. Worinnen ein gewis- ser Schall der Woͤrter sechzehnmahl wiederholt wird/ die sie auch Drottquætt nennen. Imgleichen gedenckt er vieler Logogryphorum, welche ohne gewisse Kunstreguln nicht wol haben verfertiget werden koͤnnen. Auch haben sie bißwei- len gewisse Versus intercalares gebraucht/ wie Thomas Bartholinus der Juͤngere in seiner Dissertation de Holgero Dano cap. 15. erweiset. Aber Verelius behauptet in seiner Runographia cap. 6. das Gegen- theil/ daß nemblich die alten Scaldri kei- ne gewisse Reguln gehabt. Er sagt: Scaldrorum poësis naturâ magis quam arte/ con- Poeterey. constabat. Et licet in eorum poëmatibus omnia schemata Grammatica \& Rhetorica inveniantur, recte tamen dixeris ipsos Grammaticæ \& Rhetoricæ artis rudes sola ingenii felicitate \& abundantiâ ea peperisse, quæ \& ipsorum ævo \& nobis admirationi fuere \& hodiè admiramur. Ex illis sua con- gessit Snorro \& in formam artis redegit ipse Scaldrus ingeniosus. Wañ diesem also were/ so wuͤrde auch des Hn. Rud- becks Grund von keiner Erheblichkeit sein/ da er die art der Carminum, die sie Resrun nennen/ vor die aͤltesten haͤlt/ und von denen/ deren Tacitus gedencket/ dañ die hierunter gebrauchte Kunst an den Tag geben wurde/ daß sie so gar alt nicht sein. Worinnen die Kunst der Verse bestanden/ solches wird weitlāuff- tig von Wormio außgefuͤhret/ und ist merckwuͤrdig/ daß sie keine bey uns uͤbli- che Reime gehabt haben/ sondern die Verse sind bestanden in gewisser Zahl der Sylben/ und gleichstimmung dersel- ben/ aber nicht am Ende. Sie haben c c 4 die- Das VIII. Cap. Von der Nordischen dieser Poesey grosse geheime fast zaͤubri- sche Krafft zugeschrieben wie sie dann auch ihre Runas magicas gehabt. Eini- ge haben einen gewissen Trieb der Na- tur dazu gehabt/ den sie Scallviingl, daß ist einen Poetischen Schwindel nennen/ wel- cher sich gemeinlich mit dem neuen Mohn eingefunden/ da diese auff solche art Lu- natici oder Monsuͤchtige Poeten ihre Verse mit unglāublicher Fertigkeit auß- geschuͤttet. In Schwedischer Sprache wird bey dem Herrn Scheffer in seiner Sveciâ literatâ zum ersten angefuͤhret ein Chronicon rhythmicum majus von einem Anonymo Anno 1319. geschrieben/ und Anno 1674. von Johanne Hadotph her- außgegeben Diesem ist hernach das Chronicon Rhythmicum minus hinzu ge- kommen/ so Anno 1448 gleichfals von einem Anonymo geschrieben/ nebst eini- gen in verschiedenen Zeiten verfertigten continuationibus. Man hat auch Ale- xandri M. Historiam eines Anonymi An- no 1363, ein Chronicon Episcoporum Sca- ren- Poeterey. rensium Anno 1397. von Brynolpho in Schwedische Reimen verfasset. Der Koͤnig Carolus IX. hat Anno 1600 seine eigene Geschichte in Schwedischen Versen beschrieben. Es sein viel andere Chro- nica auch auff diese art verfertiget/ und eine zimliche Menge theils geistlicher theils weltlicher Getichte/ die bey dem Herrn Scheffer koͤnnen nachgelesen wer- den. Worunter insonderheit des Hn. Stiernhelins seine Balletten/ Sonneten und andere Carmina zu loben. Es hat auch einer Zacharias Brokenius eine An- leitung zur Schwedischen Poeterey ge- schrieben Es fehlet auch in der Daͤni- schen Sprache nicht an guten Poeten/ und wird ietziger Zeit eine Frauensper- son Dorothea Engelberts Datter sehr geruͤhmet/ welche geistliche Carmina von ungemeiner Zierlichkeit geschrieben. Erasmus Bartholinus hat in einer abson- derlichen Dissertation de studio Linguæ Danicæ seine Landsleute zur Außuͤbung ihrer Sprache angefrischet. Es hat ei- c c 5 ner Das VIII. Cap. Von der Nordischen ner Aquilonius, dessen wir schon vormah- len gedacht in Lateinischer Sprache eine Manuductionem ad Poesin Danicam her- außgegeben: worin er die Griechische und Lateinische metra, in Daͤnischer Spꝛa- che einzufuͤhren gedencket/ wovon in fol- genden ein mehres soll geredet werden. Man spuͤhret auch bey den Finnen eine neigung zur Poeterey. Aber wie Mich. O. Wexionius in Epitome Descriptionis Sveciæ lib. 3. c. 14. schreibet/ Fenni præter Rhythmum \& Lamdacismum, ubi cædem literæ initiales continuantur ut. Poiat parat/ panhakam Neitzet nuoret ilotcam Wanhut wahwaß weisatkam neque ullum carmen agnoscunt. In quibus omnibus una antiquitus melodia fuit. Di- cebantur \& olim Runoi ad imitationem Runarum Sveco-Gothicarum. Ich solte aber meinen daß dieses von den gemei- nen Versen zu verstehen sey; Dann die geistliche Lieder und Psalmen/ die bey ihnen in Verse gesetzt/ und das Finni- sche Poeterey. sche Chronicon in Finnischen R eim en/ so zu Abo 1658. heraußgegangen/ sein wie ich vermeine/ uach art der Schwedischen eingerichtet. Petrus Baͤng Professor The- ologiæ auff der Finlaͤndischen Academia zu Abo hat in seiner Historiâ Ecclesiasticâ Sveo-Gothorum lib. 6. cap. 6. auß des A- gricolæ, eines Wiburgischen Bischoffs Poetischen Vorrede uͤber die Psalmen Davids/ einige Finnische Verse angefuͤh- ret/ worinnen die Nahmen der alten Finnischen Goͤtter erzehlet werden/ diese sein aber nach art der Teutschen gemacht. Ferner hat er ein so genantes Baͤren- lied in Finnischer Sprache cap. 7. ejusd. libri hingesetzt/ welches die Finnen bey ihrer Baͤrenjagt haben pflegen zu singen/ dieses ist nach der ersten art geschrieben und lautet also: Medzaͤn dyris woitettu Tuo meil taͤyttaͤ terweyttaͤ/ A i tta wastan saalihita. Tuo tuhatta tullesaßa Saata sata saalihixi. Julli tulin Jumalista Cansa Das VIII. Cap. Von der Nordischen Cansa saalin iloisesta/ Jokailmam ihmet/ waiwat Annon andoi/ rahan radei. Cosca tulen kotihijn Colme yoͤtaͤilon pidaͤn. Ilos tulin/ ilos laͤhdin Laͤpi laxo/ wuoret/ waarat/ Aja paha edellaͤnsaͤ. Pertos tuli Paͤiwaͤn tulo. Paiwaͤ tule wielaͤ pertos Cunnioitan sua jaͤlistaͤnsaͤ Wuosi wuodel saalihixi Etten unhoidz Ochton wirren. Sitaͤ wast wiel toisti tulen. Dieses kan auff Teutsch ungefehr also ge- geben werden: O schoͤnes Wild von unsern Pfeilen Durch so viel Wunden hie beruͤckt/ Das sich getraut bey uns zu heilen/ Will sein von unsrer Speiß erquickt/ Durch dich wird uns numehr gelingen Noch hundertmahl dergleichen Beut/ Und du kanst tausend Nutzen dringen/ Bistu zu kommen nur bereit. Ich konte hie vielleicht woll kommen Selbst von den Goͤttern hergesant/ Die mir zu meinem Nutz und frommen Viel guter Beute bracht zur Hand. Wird Poeterey. Wird dieser Tag dann nun sich enden So geh ich in mein Hauß hinein: So will ich zwischen meinen Waͤnden/ Drey Naͤchte durch voll Freuden sein. Ich habe mich mit Lust und Gluͤcke Hieher durch Berg und Thal gebracht/ Nun komm ich froͤlicher zuruͤcke. All Unlust habe gute Nacht. Der Tag ist froͤlich angefangen/ Mit denen die noch uͤbrig sein/ Bald komt er wieder hergegangen In voller Lust und Freudenschein. Ich ehre dich allzeit in dessen Von dir erwartend Beut und Danck/ Daß ich nicht moͤge dich vergessen Und meinen guten Baͤrensang. Die Lapplaͤnder haben auch bey ihnen der gleichen Baͤrengesaͤnge/ davon Schef- ferus in seiner Lapponiâ cap. 19. handelt. Sie haben sonderliche Ceremonien. Weñ sie einen Baͤren erschossen/ so heben sie ihren Gesang als ein Triumph-Lied an. Der Vorsaͤnger unter ihnen ist ihr Fuͤh- rer/ der einen Stab mit einen Meßin- gen Ringe in der Hand fuͤhret. In dem ersten Lied dancken sie dem Baͤren/ daß er ihnen keinen Schaden an Leib und Ge- Das VIII. Cap. Von der Nordischen Gewehr zugefuͤget. Hernach haben sie einen andern Gesang/ darin sie den Baͤh- ren bitten/ er wolle ihnen kein uͤbel zu fuͤgen/ noch Ungewitter zu schicken/ weil sie ihn umgebracht haͤtten: dann sie ha- ben einen Aberglauben/ als wann sie biß- weilen einige Thiere halben/ die sie um- gebracht Schaden haben koͤnten. Sie haben auch noch einen andern Gesang darin sie GOtt dancken/ daß er das Wild zu ihren Nutzen erschaffen/ und die Krafft verliehen/ daß sie ein so grausames Thier haben uͤberwinden koͤnnen. Wann sie nun den Baͤren zu Hause gebracht/ so fangen sie einen andern Gesang an dar- in sie ihre Frauen bitten/ daß sie die Rinde von den Ellerbaum zerkauen/ und ihren Maͤnnern ins Gesicht speyen moͤ- gen/ welches sie dann thun/ daß sie als blutruͤstig erscheinen/ und man meinen moͤge/ es sey die Jagt nicht ohn Gefahr und Blut abgangen. Sie haben viel andere Gebraͤuche die dabey vorfallen/ von welchen der Herr Schefferus kan nach- ge- Poeterey. gelesen werden. Wer solte meinen daß unter den Lappen sich auch ein Poetisch Feur bey Liebessachen regen solte? Es hat der Herr Scheffer in seiner Lapponia cap. 25. einige ihre Liebeslieder angefuͤh- ret/ die sie Morse faurog nennen. Es ist aber kein gewisses Gebaͤnde/ noch abge- meßne Zahl der Sylben. Ein Verß ist lang der ander ist kurtz haben bißweilen gleichsylbige Reime/ bißweilen gar kei- ne. Sie richten ihnen selbst nach ihrem belieben den Gesang ein. Wann ich die Einfaͤlle derselben betrachte/ so sein sie warlich nicht ohne Geist/ wie dann das eine/ so der Herr Scheffer daselbst bey- bringet recht sinnreich ist. Es ist ein Ge- sang eines der von seiner Liebsten weit entfernet und nicht zu ihr kommen kan. Wir wollen es verteutschet hieher setzen/ Laß/ Soñe/ deinen Schein vorhin nach Orra gehen/ O koͤnt ich diesen Ort von ferne nur ersehen; Ich klim̃te Huͤgel an und deren hoͤchsten Baum/ Und machte miꝛ dazu duꝛch Laub uñ Zweige Raum/ Zu sehen/ wo mein Lieb in Blumen geht spatziren/ Ich liesse mich dahin von Wind uñ Wolcken fuͤhꝛẽ/ Ich Das VIII. Cap. Von der Nordischen Ich floͤge hin/ haͤtt ich der Kraͤhen Fluͤgen nur/ Nun ist kein Fluͤgel da/ kein Fuß zu deiner Spur. Kein fester Gaͤnse Fuß/ der mich hin zu dir trage. Und dich verlangt nach mir so manche liebe Tage. Du lenckst dein liebes Aug und inneꝛs Heꝛtz zu mir. Doch lieffst du uͤber Meer ich folget endlich dir. Wie Stricke/ Baͤnde/ Stahl uñ Eisen uns bespiñẽ/ So lenckt die Liebe mich/ so zeꝛꝛt sie Hertz un Siñen. Der Kinder Wille zwar steht/ faͤllt zur selben Zeit. Ein junges Blut das libt das dencket lang uñ weit. Solt ich sie allezeit und ihre Meinung hoͤren: So wuͤꝛd ich leichtlich mich vom ꝛechtẽ wege kehꝛẽ. Nur ein Raht ist noch da/ den ich ergreiffen kan. So find ich/ wie mich daucht/ die ꝛechte Liebes Bahn Ich habe so viel muͤglich gewesen es an Worten und Meinungen ungeaͤndert gelassen. Nun sehe mir einer diesen Lap- laͤnder/ wie artig er der Bewegungs Fi- guren zu gebrauchen weiß/ sein Verlan- gen darzustellen/ was er fuͤr zierliche Gleichnisse und Bildunge in diesem Liede habe. Dieses alles klinget in der Mutter Sprache noch besser weil darin Figuræ dictionis, Appositiones, Anadiploses vor- kommen/ die sich in Teutschen nicht wol schicken/ welche aber den Hirtenliedern/ sehe Poeterey. sehr wol anstehen/ und eine zierliche Ein- falt vorstellen. Als wann beyin Virgilio am Ende der zehenden Eclogæ steht: gra- vis esse solet cantantibus umbra, Iuniperi gravis umbra: so ist in diesem Carmine nach der Lateinischen Ubersetzung des Herrn Scheffers: omnes ramos præse- carem, virentes ramos; si ad te volare possem alis, cornicum alis; per tot dies, tot dies tuos optimos \&c. Welches zugleich ein Lieb- kosen und eine Außdruͤckung des Ver- langens vorstẽllet. Diß Lied kan sicher- lich der Meistersaͤnger Kunst beschaͤmen. Ich muß hier beylaͤuffig der Peruvianer auch erwehnen/ welche eine art der Po- eterey unter ihnen gehabt/ die nach ih- rer art recht vollkommen gewesen/ wie hievon der Yncas Gateillaßo de la Vega, in seiner Historia Peruvianâ cap. 27. weit- laͤufftig handelt. Sie haben gehabt die sie Amautas daß ist Philosophos genannt/ die Tragœdien vor den Koͤnigen und vor- nehmen Herren von ihren Kriegen/ Sie- gen/ der Vorfahren Heldenthaten/ und d d Co- Das VIII. Cap. Von der Nordischen Comœdien von allen in dem gemeinen Leben vorfallenden Dingen gespielet. Man hat auch allerhand Encomia- stica und Moralia Carmina unter ihnen/ die vorgemeldter Autor uͤberauß lobet. Sie lieben mehrentheils kurtze Verse in vier Sylben bestehend/ aber ohne Rei- me/ damit sie dieselbe desto besser im Ge- daͤchtniß behalten/ und desto bequemer singen/ und auff der Floͤten spielen koͤn- nen/ insonderheit in Liebessachen/ da- von sie verschiedene Thoͤne haben. Der Autor vergleichet sie der Spanischen Re- dondilla, welche eine art der Rondeaux ist. Man hat auch welche bey ihnen/ die man Haravec nennet/ ist so viel als Erfinder/ welche eben den Nahmen ge- habt/ wie bey den alten Frantzosen die Troubadours. Selbige haben von na- tuͤrlichen dingen Verse geschrieben/ und einige Fabeln mit untermischt/ nemlich wie der Schoͤpffer der Welt/ eine Jung- frau vom Himmel gesandt/ in der Hand einen Krug Wasser haltend/ welcher wann Poeterey. wann er von ihrem Bruder zerbrochen wird/ Donner und Regen erreget/ und andere dergleichen/ welche er aus P. Blas Valera geschriebenem Buche ange- fuͤhret/ sampt einem Carmine, daß er bey den Zeitknoten und Baͤnder/ deren sie sich in der Jahr Rechnung gebrauchen/ gefunden. Die Verse die er spondiacos nennt lauten also/ welche wir samt der Lateinischen Ubersetzung hieher setzen wollen: Cumac Nusta, Torallayquin, Puynnuy quita Paguir Cayan Hina mantaræ Cununnunun Tllapantac Canri Nusta Unuy quita Paramunqui May nimpiri Chici munqui Pulchra Nympha Frater tuus Vrnam tuam Nunc infringit: Cujus ictus Tonat, fulget, Fulminatque: Sed tu Nympha Tuam Limpham. Fundes pluis Interdumque Grandinem seu d d 2 Piti Das IX. Cap. Von der Teutschen Piti munqui Pacha rurac Pachacamac Viracocha Cayhmapac Churas unqui Camas unqui Niuem mittis; Mundi factor Pachacamac Viracocha Ad hoc munus Te suffecit Ac præfecit. Herr Hoffmann hat in der Vorrede sei- ner Getichte auch ein Indianisch Liebes- geticht von einer Schlangen in Teutsch versetzet angefuͤhret/ welches traun recht sinnreich ist/ und bey ihm kan nachgelesen werden. Das IX. Cap. Von der dritten Zeit der Teutschen Poetery. Einhalt. D Ie dritte Zeit faͤngt an vom Herrn Opitzen. Vor ihm hat Petrus Denaisius Assessor Ca- meræ Spirensis teutsche Carmina geschrieben. Wird Poeterey dritten Zeit. Wird sehr gelobet von Melch. Adami. Hubners verdeutschung des Bartas. Opitzen erste Verse. Er hat dem Ronsard, Dousæ und Heinsio gefol- get. Dem Dulæ wird vom Vossio die Reim-Chro- nicke zugeschrieben. Opitzen sonderliche Gelehrt heit. Seine Dacia ist verlohren. Des Herrn- von dem Werder Teutsche Carmina. Buchnees Urthel von Opitzen. Flemming ist hoͤher gestiegen. Wird vor allen andern geruͤhmet. Von seinen eige- nen Landsleuten werden seine Tugenden nicht recht erkant. Der Herr Olearius hat seine Carmina herauß- gegeben. Seine Lateinische Epigrammata. Des Herrn Tschernings Teutsche Carmina. Werden gleich- fals sehr gelobet. Matthaͤus Appellis geistliche Oden. Colerus. Czepko. Hr. Gryphius. Daniel Caspar von Lohenstein. Haben die Traurspiele in Teutsch- land zur Vollkommenheit gebracht. Verdienen ein grosses Lob. Herr Christian Hoffmann von Hoff- mans-Waldau ein vortreflicher Poet. Schreibt fast nach der Italiaͤnischen art. Herrn Risten sei- ne Oden. Seine Musa Teutonica. Simon Dach. Johan Roͤlings Geistliche Getichte. Johan Fran- cken Geistliches Sion und irrdischer Helicon. Sei- ne vielfaͤltige veraͤnderung des Vater Unsers. Des Herrn Harstoͤrffers/ Betuli, von Bircken/ Johan Klai Teutsche Poemata. Die Bayern/ Tyroler und Oesterreicher haben in Teutscher Poeterey schlechte Proben gegeben. Scioppii Urtheil von ihnen. Jacobi Balde teut sche Carmina de vanitate Mundi. d d 3 Herr Das IX Cap. Von der Teutschen Herrn Christian Weisen Teutsche Gedichte wer- den gelobet. Es werden unterschiedliche andre er- zehlet. Die heutige Zeit hat viel naͤrrische Tichter gegeben. Eines der sich Hartmann Reinhold neñet/ Satyrische Schrifft wieder dieselbe. Ungelehrte Leute fuͤhlen bißweilen einen sonderlichen Trieb zur Tichterey. Benedicti eines Italiaͤnischen Bauren Carmina. Gabriel Voigtlaͤnders eines Trompeters Lieder. Zachariæ Lundii, Joh. Freinshemii Teutsche Carmina. Getichte Teutscher Frauens- personen. Sibylla Schwartzin wird sehr geruͤh- met. Eine Probe ihrer Carminum. Der Frey- herrin Henrietta Catharina Gerstoͤffin gebohrnen Friesin trefliche Carmina. Der Frau D. Moͤlle- rin gebohnen Eiflerin heraußgegebene Lieder. Con- stantia Sirenbergin. Fruchtbringende Gesellschafft. Schluß des andern Theils. W Ir muͤssen endlich auff die dritte Zeit der Teutschen Poeterey kom- men/ da dieselbe gleichsam aus dem Grabe wider erwecket worden/ und viel herrlicher als jemahls hervorkom- men/ unter des Herrn Opitzen an- fuͤhrung. Es haben zwar einige vor ihm sich etwas darin angenommen/ aber es macht doch nichts gegen seine Vollkom- men- Poeterey dritten Zeit. menheit. Petrus Denaisius, ein vornehmer JCtus und Assessor Cameræ Spirensis, soll vor Herrn Opitio im Anfang dieses Se- culi sehr gute Teutsche Verse geschrieben haben. Dann diß bezeugt Melchior Adami in seinem Vitâ. In vernaculâ ele- gantissimæ venæ poëta fuit, docuitq; ipse suo exemplo; linguam Germanicam nullam omnino cultus elegantiam respuere, mo- dò excolatur. Nos hunc unum, si nullus alius esset, omnibus Italis Gallisque oppo- nere non dubitamus, tantâ facilitate, tan- tâ felicitate, tantâ sermonis puritate ac le- poribus usus est in vernaculis carminibus concinnandis Dieses ist ein grosses Zeug- niß vom ihm/ das der Autor Anno 1620. da Herr Opitz schon einige Carmina her- außgegeben/ geschrieben. Daß also ver- muthlich/ er habe der Warheit gemaͤß geurtheilet. Weil ich aber nichs davon gesehen laß ichs dahin gestellet sein. Huͤbner der des Bartas Schrifften fast um dieselbe Zeit uͤbersetzet/ schrei- bet nichts/ das mit Opitzen kan vergli- d d 4 chen Das IX. Cap. Von der Teutschen chen werden. Er selbst hat in seinen er- sten Versen die er geschrieben/ viel arten zu reden und reimen von der alten Zeit/ wie man in der Vorrede der verteutsch- ten Arriana sehen kan/ da dergleichen et- liche von seinen Erstlingen herbey ge- bracht werden/ wie dann auch in seiner uͤbersetzten Argenis die Verse nicht alle- mahl gleich zierlich sein. Doch hat er nach dem Muster des Herrn Ronsards in Frantzoͤsischer/ und des Herren Dousæ und Heinsii in Niederlaͤndischer Sprache seine Poeterey und Schreibart viel ver- bessert. Von Heinsii Poematibus ist dro- ben geredet. Dousa hat meines wissens nichts sonderlichs geschrieben/ nur daß er die alte Hollandische Reim Chronica/ deren wir droben gedacht/ her außgege- ben/ welche Gerh. Vossius de Historicis Græcis lib. 2. cap. 27. dem Dusæ selbst/ weiß nicht durch was Irthum/ zu schreibet/ dann er spricht: Janus Dousa in præfatione historiæ suæ metricæ, und wiederum: in præfatione quam præmi- sit Poeterey dritten Zeit. sit annalibus Batavis carmine à se composi- tis: da doch in dem titul selbst enthal- ten/ daß sie nicht von ihm geschrieben/ sondern nur heraußgegeben sey. Der Herr Opitz war ein gelehrter Mann/ und in Historien/ Griechischer und La- teinischer Sprache wol erfahren/ wie sei- ne Variæ lectiones, Commentaria in Ca- tonis Disticha, und andere Sachen zur Gnuͤge anzeigen. Seine Dacia anti- qua welche sehr geruͤhmet wird/ und wel- che der Herr Christian Hoffmann von Hoffmans Waldau selbst in seinen Haͤn- den gehabt/ wie er in der Vorrede sei- ner Poematum bezeuget/ ist verlohren ge- gangen/ und wird von vielen sehr bedau- ret. Er war sehr gluͤcklich im Uber setzen/ wie er dann viele Verse auß dem Nie- derlaͤndischen und Frantzoͤsischen ins Teutsche gebracht. Des Hcrrn von dem Werder Teutsche Ubersetzungen und Getichte sein auch um dieselbe Zeit hervor gegeben/ von welchen wir dro- ben schon gedacht/ und kan man des d d 5 Herrn Das IX. Cap. Von der Teutscheu Herrn Buchners Urtheil davon lesen in seiner andern Epistol, woselbst er seine Fehler angemerckt. Von des Opitii Ge- tichten urtheilet er Epist. 51. Non potest ascendere altius Musa Patria, \& necesle est ut acquiescat eo fastigio, quo tu collocasti. Interim te sequemur longè \& tua vestigia adorabimus: sic tamen non obscuri pror- sus morituri. Ich gebe ihm Beyfall/ daß zu seiner Zeit er der vortreflichste Poet gewesen/ vermeine aber daß die Teutsche Tichtkunst in dem Herrn Flemmingen noch hoͤher gestiegen. Dann in War- heit es steckt ein unvergleichlicher Geist in ihm/ der mehr auff sich selbst/ als fremb- der Nachahmung beruhet. Wir haben an ihm/ den wir den Italiaͤnern und Frantzosen entgegen setzen koͤnnen/ und wo einer bequem gewesen ein vollstaͤndi- ges Epicum Poëma, wie Tassus, und Ari- ostus hervor zu geben/ so haͤtte es dieser vor allen andern seinen Landsleuten voll- fuͤhren koͤnnen. Die Elocutio ist an ge- buͤhrenden Ohrt herrlich und Helden- maͤßig Poeterey dritten Zeit. maͤßig/ in Oden lieblich und sinnreich/ Die Außbildung kraͤfftig/ die Erfindung angenehm und sonderlich/ und ist diesen allen eine sonderliche/ auß der Sachen selbst fliessende/ nicht weit geholete/ und mit harten Metaphoris verbluͤmte Schaꝛff- sinnigkeit vermischt. Ja es mag mit Ehren vom ihm gesaget werden/ was er selbst in seiner Grabschrifft setzet/ daß ihm kein Landsman gleich gesungen. Ich kan mich aber nicht gnug verwundern/ daß man so wenig Wercks von ihm ge- macht/ und seine Tugenden nicht im hoͤ- hern Werth gehalten. Der Hr. Schot- tel hat ihn sehr kaltsinnig gelobet/ wann er ihm keinen andern Lobspruch/ als ei- nes guten lustigen Poetens beyleget Der Herr Hoffmann lobt nichts anders an ihm/ als daß er ein feines Sonnet ge- schrieben. Welches ob es zwar wahr ist; dann er hierin unvergleichlich gewe- sen; so war doch ein weit mehr es an ihm zu loben. Man siehet nur hier auß/ wie die Urtheil von vornehmen Leuten so Das IX. Cap. Von der Teutschen so ungleich und parteiisch fallen. Wir sein dem Sehl. Herrn Oleario sehr ver- pflichtet/ der uns die herrlichen Schriff- ten dieses Mannes erhalten/ und der ge- lehrten Welt mit getheilet/ wuͤnsche daß die verlohrne/ so sie noch irgend wo ver- borgen sein/ wieder zum Vorschein ge- bracht werden moͤgen. Es hat unser wehrtes Holstein billig auch ein Theil daran/ welches durch die Persische Ge- sandschafft zu den meisten Getichten an- laß gegeben. In Lateinischer Sprache hat er zwar einige Epigrammata geschrie- ben/ aber sie reichen nicht an die vollkom- menheit der Teutschen. Nach ihm ist der Herr Tscherning zu setzen/ dessen Fruͤhling und Vortrab des Sommers viel schoͤner Getichte hat/ welche des Hn. Opitzen seinen auff alle weise und wege koͤnnen gleich geschaͤtzet werden. Es ist eine sonderliche Rennlichkeit/ und unge- schminckte Zierlichkeit bey ihm/ weßhal- ben man ihn billig unter Teutschlands Hauptpoeten zu setzen hat. Es war ei- ne Poeterey dritten Zeit. ne sondeꝛliche Gelahꝛtheit in Wissenschafftẽ und Sprachen bey ihm/ wie solches seine Lateinische Carmina und die verteutsch- ten auch mit Anmerckungen heraußge- gebene Arabische Sprichwoͤrter bezeu- gen/ hat auff der Rostockischen Academia die Professionem Poëseos betreten/ welche vor ihm Lubinus, Chytræus, Kirchman- nus, Laurenbergius, und ich nach ihm/ als meinem Lehrmeister und Vorgaͤnger ver- waltet. Es sind noch viel seiner Getichte uͤbrig/ welche verdienen/ daß sie auch ans Licht gebracht/ und mit den uͤbrigen in ein vollstaͤndig Werck versamlet werden. Er hat viel andre seiner Landsleute/ (denn er war ein Schlesier) gehabt/ die zur sel- ben Zeit und nach ihm geschrieben: wie dann Schlesien allemahl sehr fruchtbar von Poeten gewesen. Aber es sein von ihnen nicht eben rechte vollstaͤndige Wer- cke hervorkommen. Matthaͤus A- pelles/ von Leuenstein/ auff Lan/ genhoff Keyserlicher und Fuͤrstlicher Muͤnsterberg-Oelßnischer Rath/ dem Heren Das IX. Cap. Von der Teutschen Herr Tscherning seinen Fruͤhling zu geschrieben/ hat einige Geistliche Lieder unter dem Titul des Fruͤhlings-Mayen hervorgegeben/ mehrentheils auff Wahl- spruͤche Fuͤrstlicher Personen/ und zu sonderlicher Erweckung ihrer Andacht gerichtet/ welche mein Hochgeehrter Col- lega Herr D. Major, seinem vor nehmen Landsman zu ehren/ allhie im Kiel wie- derum zum Druck befordert. Auß dessen gelahrter Feder selbst/ so viel schoͤner Ge- tichte geflossen/ womit er/ unter andern vielfaͤltigen Schrifften den Ruhm seines Vaterlandes vermehret. Es haben auch aus derselben Nation Colerus und Czepko Teutsche Verse geschrieben/ und sein end- lich der Herr Gryphius, der Herr Da- niel Caspar von Lohenstein/ und Christian Hoffmann von Hoff- mans Waldau auß derselben hervor- kommen. Die beiden ersten haben die Trauerspiel in Teutscher Sprache zur hoͤchsten Vollkommenheit gebracht/ daß wir den Außlaͤndern nichts darin nach- zu- Poeterey dritten Zeit. zugeben haben/ wie dann ihre Wercke einem jeden vor Augen liegen. Anderer art Getichte zu geschweigen/ darin sie gleichfalls sehr gluͤcklich gewesen. Herr Daniel Caspar ist sehr Spruch-reich in seiner Schreibart/ und hat eine son- derliche art sehr kurtz diefelbe zu fassen/ so woll in Trauerspielen/ als in Oden. Es ist ihnen diese Poeterey so woll auß- geschlagen/ weil sie die alten Griechen und Lateiner zum Zweg ihrer Nachah- mung gehabt/ ohn welchen nichts bestaͤn- diges und vollkommenes außgefuͤhret werden kan. Dann wo keine gruͤndliche Gelartheit bey einem Tichter ist/ so wird nie was gutes und vollenkommenes von seinen Haͤnden kommen. Der Herr Thristian Hoffmann von Hoff- mans Waldan hat eine Sinn- und Spruchreiche Schreibart nach art der Italiaͤnischen im Teutschen gefuͤhret/ sei- ne Helden Briefe nach art des Ovidii ge- schrieben/ sein sehr zierlich/ und mit Me- taphorischen Redensarten/ nach der Ita- liaͤ- Das XI. Cap. Von der Teutschen liaͤnischen weise durch und durch gewuͤr- tzet. Es muß des Herrn Risten auch nicht vergessen werden/ welcher eine fluͤs- sige art Lieder zu schreiben gehabt/ dessen letzte Schrifften sehr von den eꝛstẽ verschie- den sein. Dann seine Musa Teutonica, die er Anno 1640. heraußgegeben hat/ lauffen sehr wieder die Reguln der Kunst. Simon Dach hat auch sehr gute Oden geschrieben/ dessen Nachfolger in der Pro- fessione Poëseos zu Koͤnigsberg der Hr. Roͤling mein lieber Freund/ gewesen/ der gar zu fruͤhe uns durch den Tod ent- rissen ist. Seine Geistliche Lieder/ deren ein Theil heraußgegangen/ sein voll tieff- sinniger Einfaͤlle/ und fuͤhren eine Flem- mingische art bey sich/ als die er jederzeit beliebet hat. Es ist zu beklagen/ daß nicht alle seine Verse in ein vollstaͤndig Werck versamlet werden sollen/ die faͤhig sein unter die treflichsten Geister dieser Zeit ihn zu setzen/ und der Nachwelt vorzustellen. Johann Franck/ ein Raͤthsherr der Stadt Guben/ hat ein renn- Poeterey dritten Zeit. rennliches und wollgesetztes Teutsches Carmen geschrieben/ dessen Geistlicher Sion und irrdischer Helicon hervorge- geben/ worinnen viel schoͤner Geistlicher und Weltlicher Lieder sich befinden. Der Herr Buchner/ als der verstaͤndigste Richter in diesen Dingen/ hat ihm ein grosses Lob beygelegt: Poêmatibus tuis spricht er/ nec ipsæ Musæ Musicæ ma- gis. Ita \& dictionis venustate \& inventio- num præstantiâ se approbabant, ut de se jure possint jactare, quod Flaccus olim de se: Odi profanum vulgus \& arceo. Es ist in- sonderheit die vielfaͤltige Veraͤnderung des Vater Unsers/ die er in seiner Va- ter-Unsers-Harffe darstellet/ verwun- derns wuͤrdig. Dann er hat dreyhun- dert drey und dreißig mahl dasselbe um- gesetzet. Harstoͤrffer/ Betulius von Bircken/ Klai/ haben viele Dinge so wol in gebundener als loser Rede ge- schrieben/ denen es nicht an Geist/ Er- findung/ sinnreicher Außbildung fehlet. Aber es ist doch etwas frembdes dabey/ e e daß Das IX. Cap. Von der Teutschen daß in den Ohren der Schlesier und Meißner nicht wol klinget. Sie ge- brauchen gewisse Freybeiten in verse- tzungen und beschneidungen der Woͤrter/ fuͤgung der Rede/ und in dem numero, daß den etwas unlieblich lautet. Die Bayern/ Tyroler und Oesterreicher ha- ben keine sonderliche art im Poetisiren/ und weiß ich deren keine zu nennen. Dann ihre Sprache und Mundart ist unfreundlich/ deßhalben die Tichterey frembd und unlieblich. Scioppius hat in seinen Consultationibus p. 29. die Grob- heit ihrer Sprache weitlaͤufftig beschrie- ben/ und insonderheit den Wienischen Bi- schoff Melchiorem Cleseliũ, der doch inson- derheit der Teutschen Sprache Zierlichkeit sich angelegen sein lassen/ heßlich durch ge- zogen/ und seine Idiotismos Bavaricos ihm vorgehalten. Auß dieser Ursache/ halte ich/ sein des Jacobi Balde eines Bayern Carmina, die er seinen Lateinischen de Vanitate Mundi mit eingemischt/ so un- foͤrmlich und hart/ ob gleich die Sachen gut Poeterey andern Zeit. gut sein. Des Herrn Christian Wei- sen Teutsche Gedichte/ die vor etlichen Jahren hervor gekommen moͤgen billig unter die besten Gebuhrten dieser Zeit gerechnet werden. In der Schertzhaff- ten art ist er unvergleichlich/ wie soͤlches seine uͤber fluͤßige Gedancken/ und andere Satyrische Schrifften darthun Wir koͤnten hier eine gantze Menge teutscher Poeten herbey bringen/ als Zesens/ Caldenbachs/ Neumarckeu/ Flei- schers/ Schirmers/ Sibers/ Hel- den/ Schochs und anderer/ und koͤn- te viel von ihnen/ wie auch von den obi- gen gesagt werden. Aber ich werde mich nicht unter nehmen allhie den Richterstab zufuͤhren/ und wird es im folgenden offters Gelegenheit geben/ eines und an- dern an gehoͤrigem Ohrte zu gedencken/ daß es also nicht noͤthig uns hiemit auff- zuhalten. Wir haben der er so wol bekan- ten als unbekanten Tichter gar keinen Mangel/ und fehle t wenig daß die Tich- terey nicht gar den Handwerckern unter e e 4 die Das IX. Cap. Von der Teutschen die Faͤuste geraͤht. Wer einen Reim zusammen setzen kan/ der schreibet schon unmer drauff loß/ und weiß doch im grunde nicht/ worin die rechte zierlich- keit eines Verses bestehet. Wieder der- gleichen unzeitige Reimer ist eine gar finnreiche Satyrische Schrifft geschrie- ben von jemand der sich Hartmann Reinhold nennet. Dieser sey wer er wolle/ so hat er traun dieselbe so artig abgemahlet/ daß nichts druͤber ist: Dañ es ist eine perpetua μίμησις, und Unterrich- tung eines naͤrrischen Versemachers. Es ist ohne Zweiffel derselbe Autor der den kurtzweiligen Redner neulich geschrie- ben/ worinnen viel auß diesem Buche wieder holet/ wird/ der sonst auß andren Schrifften wol bekant. Die Uberschrifft dieses Buchs ist Reime dich oder ich fresse dich Antipericatametaparnabeuge damphirribificationes Poëticæ, oder Schel- len und Scheltens wuͤrdige Thorheit Bœotischer Poeten in Teutschland Hans Wursten zu sonderbahren Nutzen und Ehren Poeterey dritten Zeit. Ehren vorgestellet. Wer eine Ergetzung bey muͤßigen Stunden suchet/ wird seine Muͤhe bey durchlesung dieses Buches nicht uͤbel anlegen. Ich muß zwar be- kennen/ daß bißweilen auch bey den ge- meinen ungelehrten Leuten ein Tichter- Geist sich erreget/ sich uͤber deren Ver- stand erhebet/ und was ungemeines bey sich fuͤhret/ wie dann der jenige Baur Benedictus gewesen/ dessen Jan. Nic. Ery- thræus gedencket/ welcher nach verrichte- ter Baurarbeit Verse geschrieben/ und unter andern IIlustre poëma, (wie ers nennet) quod cum omnibus ab aliis editis eruditione elegantiaque æquari conferriq; posse videatur, de Ignatio Lojolâ Soc. Jesu fundatore. Aber es ist dieses mehr dem Trieb der Natur als der Kunst zuzuschrei- ben. Des Gabriel Voigtlaͤndern eines Trompeters Lieder haben viel artiger Einfaͤlle/ ob sie gleich nicht nachder kunst gemacht. Hingegen sein gelehrte Leute die in Lateinischer Sprache die groͤsten Poeten sein/ und in Teutscher gantz e e 3 auß- Das IX. Cap. Von der Teutschen außaꝛtẽ/ nach des Ennii aꝛt/ i ngenio maximi, arterudes, wie Jacob Balde in seinen Teut- schen Carminibus de vanitate Mundi und Zacharias Lundius in seinen Teutschen Po- ematibus, die doch beyde schoͤne Latei- nische Carmina geschrieben. So haben auch des Herrn Johannis Freinshemii, der doch ein grundgelehrter Philologus gewesen/ Teutsche Carmina, nicht diesel- art/ die wir an andern sehen. Man findet selten die Vollkommenheit in bey- den Sprachen beysammen. Vor allen dingen muß allhie nicht vorbey gegangen werden/ daß wir in Teutschland Frau- enspersonen gehabt/ und auch noch zur Zeit haben/ die die Maͤnner selbst in der Tichtkunst beschaͤmen koͤnnen. Um das Jahr 1638. lebte Sibylla Schwar- tzin/ Herrn Cbristian Schwartzen Fuͤrstlichen Pommerischen geheimen Landraths uñ Burge\&rrNneistern der Stadt Greiffswald Tochter. Diese war traun ein Wunder ihrer Zeit/ dann sie hat von dem dreyzehenden Jahr ihres Alters biß Poeterey dritten Zeit. biß zum siebenzehnden/ worin sie seel gen Todes verblichen/ Verse geschrieben/ die vor solche zarte Jugend und zwar einer Frauenperson/ unvergleichlich sein. Da zu derselben Zeit Maͤnner/ die in ihrem vollstaͤndigen Alter/ und nachgehends keinen geringen Ruhm in der Poesie er- worben/ ihr beyweiten nicht gleich ge- than. Nach ihrem Tod sein ihre Verse von M. Samuel Gerlach zu Dantzig Anno 1650. in 4 to heraußgegeben/ und mit des Herrn Pastorii und Herrn Tini auffrichtigen Lobspruͤchen beehret Dañ es ist der Warheit aller dings gemaͤß/ was Herr Titius von ihr schreibet: Hæc fuerat, si quà potuissent rumpere sata Teutonici Virgo gloria prima Chori. Quos olim cantus annis provecta dedisset, Tam docto tangens ungue puella chelyn! Weiln nun ihre Getichte in weniger Haͤn- de sein/ so will ich einige wenige Vers e hieher setzen/ Ut quemadmodum ex an- gue Leo, ita vel ex uno folio hæc Sibylla æsti- metur. Es lese einer das Schimpfflied/ e e 4 wel- Das IX. Cap. Von der Teutschen welches sie auff den unadelichen Adel ge- schrieben; es ist warlich so sinnr eich und stachlicht/ als etwas koͤnte von dem besten Geiste erdacht werden. Zur Probe sein etzliche Strophen aus diesem Liede: Wer den Weg der Demuth kennet/ Der ist edel nur allein. Wer sich selbst unedel nennet/ Der mag zweymahl edel sein. Der ist edel von Gemuͤth/ Und nicht schlecht nur von Gebluͤht. Marius will nicht viel preisen Seiner Ahnen Ruhm und Schild/ Sondern will viel lieber weisen An ihm selbst der Eltern Bild. Denn es sind nur bleiche Wangen/ Die mit frembder Roͤthe prangen. Die andern Strophen die wir kuͤrtze hal- ber nicht hieher setzen sein gleiches Schla- ges. Die Sonneten/ die sie geschrieben/ sein alle so gut als sie sein koͤnnen. Zur Probe sey dieses: Ist Lieb ein Feur und kan das Eisen schmiegen/ Bin ich voll Feur und voller Liebes Pein/ Wovon mag doch der liebsten Hertze sein? Waus Eisern waͤr/ so wuͤrd es mir erliegen/ Wanns Poeterey dritten Zeit. Wanns Guͤlden waͤr/ so wuͤrd ichs koͤnnen biegen Durch meine Gluht/ solls aber fleischern sein/ So schließ ich fort: Es ist ein fleischern Stein. Doch kan mich nicht ein Stein/ wie sie betriegen. Ists dann wie Frost/ wie kalter Schnee und Eiß; Wie preßt sie dann aͤus mir den Liebes-Schweiß? Mich daucht: Ihr Hertz ist wie die Loorberblaͤtter/ Die nicht beruͤhrt ein starcker Donnerkeil. Sie/ sie verlaeht/ Cupido/ deine Pfeil. Und ist befreit fuͤr deinem Donnerwetter. Die andern uͤbertreffen schier dieses an- gefuͤhrte Exempel. Worauß dann zuse- hen/ was in ihr fuͤr ein grosser Geist ge- stecket/ der in so zartem Alter schon sol- chen hellen Schein von sich gegeben. Dieses nimt mich aber Wunder/ daß man sie nicht in groͤsser Hochachtung gehalten/ sondern noch dazu dieser gros- sen Gaben halber verleumbdet/ woruͤber sie hin und wieder klaget/ welches ein un- fehlbahres Kennzeichen der ungeschliffen- sten Grobheit ist. Die alten Griechen und Roͤmer/ ja auch noch heute die Auß- laͤnder haͤtten vielmehr unter solchen E- xempeln die Ehre ihrer Nation gesucht; e e 5 wie Das IX. Cap. Von der Teutschen wie sie dann dergleichen nicht verschwei- gen/ kaum aber eins daß diesem gleich in solchem Alter werden hervor bringen koͤnnen. Wir haben zu unser Zeit noch ein groͤssers Exempel an J. Exc. des Hn. Baron Caroli von Friesen Fraͤulein Tochter/ Henrietta Catharina/ ietzo J. Exc. des Herrn Baron von Gerstoͤrffen Gemahl gehabt/ die nicht allein unter- schiedliche vortrefliche Teutsche und Lateinische auff J. Chur-Fuͤrstl. Durchl. von Sachsen in erster Jugend geschriebene Getichte/ welche von dero hohen Hand zu empfangen ich gewuͤrdi- get worden/ heraußgegeben ; sondern in andern Sprachen und Wissenschafften eine ungemeine Vollkommenheit erlan- get; deꝛo voꝛtꝛefliches Lob ob ich zwar nicht satsam erheben kan/ und sie vielmehr selbst solches zu verhelen suchet/ so hat doch die Ehre unsers Vaterlandes nicht zugeben wollen/ daß ich solches mit still- schweigen vorbeygehen/ und diese unver- gleichliche Zierde unser Zeit/ ungeruͤb- met Poeterey dritten Zeit. met lassen solte Wie ich dann bereits ei- ne Lateinische Elegiam druͤber verfertiget. Wir muͤssen auch allhier der Frauen Gertrud Muͤllerin des Sehl. Hn. Pe- tri Muͤllern gewesenen Med. D. und Pro- fessoris auff der Koͤnigsbergischen Acade- mie, Eheliebsten/ gebohrnen Eifflerin/ nicht vergessen/ welche ein Buch Teut- scher Oden/ die so woll gesetzet sein/ als sie der beste Poet setzen mag/ an das Licht gegeben. Es fehlet hie nicht allein nichts an Erfindung/ an Eygenschafft und zierlich- keit der Rede/ an gehoͤriger Kunstrich- tigkeit/ sondern ich darff kuͤhnlich sagen/ daß sie einigen Tichtern unserer Zeit/ die dennoch einen Nahmen gesucht und erlanget haben weit vorzuziehen sey: Hat sie also billig das Lob verdienet/ welches der Herr Titius in seinem sinn- reichen Epigraͤmmate auff dero Ehelieb- sten Tod/ ihr mit recht beyleget/ da er spricht: Gertrudis decimum pridem jubar addim Musis Pallados \& Phæbi gloria quanta tui. und Das IX. Cap. Von der Teutschen und ferner: Quæ manus inscribet doctis Eifleria cedris Per maria \& terras sedula fama vehet schliesset endlich: Pristina commemorent veteres miracula chartæ: Audebunt etiam secula nostra loqui. Der Carolus Ogerius gedencket in seinem Itinere Polonico der Constantiæ, des Hn. Sirenbergs vornehmen Burgerineisters in Dantzig Jungfern Tochter/ auff wel- che er eine Lateinische Elegiam geschrie- ben/ und in derselben ein unvergleichli- ches Lob ihr beygelegt/ nennet sie Sire- nem Balthicam. Es sein noch andere Exempel bey uns verhanden/ deren der Herr Thomasius in seiner Dissertation de Eruditione Feminarum gedencket/ und die mir theils sonsten bekant/ von denen mir aber nichts sonderliches zu handen kommen: deren Ruhm ich ietzo mit ver- schweigung ihres Nahmens nichts entzo- gen haben will. Ich halte traun den Ruhm der Frauen/ den sie aus der Po- eterey erlanget/ viel hoͤher als den Ruhm der Poeterey dritten Zeit. der Maͤnner- Denn es ist gar ein un- billiges Urtheil des vornehmen Arabi- schen Poeten Pharezdaki, welcher/ da er ein sehr schoͤnes Carmen einer Araberin gelesen/ gesagt: (wie Pocokius in der Vor- rede seiner Anmerckungen uͤber das Ara- bische Carmen Tograi erzehlet) Galli can- tum cum Gallina imitatur iuguletur: Wann die Henne wie der Hahn singet/ muß man ihr den Halß ab- schneiden. Sonsten hat man in dieser Zeit mit a ll em Ernst die Verbesserung der Teutschen Sprache fortgesetzet/ und nach dem Exempel der Frantzosen und Italiaͤ- ner/ sonderliche zu diesen Zweg zielende Gesellsch a fften angestellet. Worunter insonder h eit die so genante Fruchtbrin- gende/ d a runter auch Fuͤrstliche Perso- nen sich b efinden/ den Vorzug hat/ durch deren Stifftung viel gutes erfolget/ und viel tre ffl icher Buͤcher hervor gekommen. Von i hr em Ursprung/ Satzung/ Vorha- hen/ G l iedern/ hat der so genandte unver- drosse n Carl Christoph von Hille ein eige- Das IX. Cap. Von der Teutschen eigenes Buch unter dem Nahmen des Teutschens Palmbaums heraußgegeben. Nachgehends haben auch andere diesem Exempel gefolget/ und andere Gesellschaff- ten angestellet. Aber es ist dadurch zu vielen thoͤrichten Wesen anlaß gegeben/ davon allhie nichts weiters zu erwehnen. Wir lassen diese als ietzo bekandte dinge fahren/ und schreiten zum dritten Theil. Drit- III. Theil. Von der Teutschen Poeterey an ihr selbsten. Das I. Cap. Von der Kunstrichtigkeit der Teutschen Sprache/ und deren faͤhigkeit zur Poeterey. Einhalt. D Er Teutschen Sprache Zierlichkeit. Die Teutschen haben sie selbst verkleinert. Sie wird bey den Autoribus barba r a lingua genannt. Is. Vossius verachtet die heutige Teut- sche Sprache ohne Fug. Die harten dialecti koͤnnen dieselbe an sich nicht verunzie- ren. Der Bayern und Desterreicher Außrede wiꝛd von Scioppio nicht unbillig getadelt. Des Herrn Conringii und Herrn Praschen Urtheil von der treflichkeit der Teutschen Sprache. Caroli M. teutsche Grammatica. Teutsche Sprache hat sich weit erstrecket. Ott f ridus und Trithemius haben die Teutsche Sprache auch zu verbessern gesuchat. Des Keysers Maximiliani loͤblicher Vorsatz. Ur- theil Das I. Cap. Von der Kunstrichtigkeit theil von der Teutschen Grammatica auß dem Bibliandro. Adami Bohorizi Arcticæ horulæ succisivæ. Joannis Grachi Pierii, Ladislai Sunt- heim, Johann Bruͤcken/ Alstedii, Laurentii Al- berti Ostro Franck/ Valentin Ickelsammer/ Johan- nis Claii, Teutsche Grammatiken. Herrn Schottels Teutsche Sprach-Arbeit. Claubergius hat de Causis linguæ Germanicæ schreiben wollen. Teutsche Sprache ist vor andern sonderlich zu er- heben. Allgemeine Sprach-Arbeit. Cartesii Urtheil von eineꝛ Eꝛfindung eineꝛ Linguæ Universalis. Dessen Vorschlag von einer lingua Philosophica Georgii Dalgarne, John Wilkins, und Joachimi Frisichii hierauff zielende Erfindungen. E He wir zu der Teutschen Poeterey selbst kommen/ muͤssen wir etwas stille stehen/ und von der Kunst- richtigkeit der Teutschen Sprache/ und deren Grammatica etwas reden. Dann es sein etliche die die Teutsche fuͤr eine barbarische/ und zur Poetischen Lieblich- keit unbequeme Sprache halten Ja es haben sich die Teutschen selbst Barbaros und ihre Sprache Barbaram genannt/ Eginhartus in vitâ Caroli M. in præfatione nen- der Teutschen Sprache. nennet sich hominem barbarum. Der Wal- lefridus Strabo de Vitâ Galli cap. 6. nennet linguam Alemannicam barbaricam locuti- onem. Derselbe hat de reb. Ecclesiast. c. 7. diese Worte. Dicam secundum nostram barbariem, quæ est Theodisca. Kero ein Muͤnch von S. Gallen hat geschrieben Interpretationem Vocabulorum Barbarico- rum, meinet dadurch die Teutsche. Ein mehres hat Savaro in notis ad Sidonium. Apollinar. lib. 4. epist. 16. angefuͤhret. Welches alles aus der grossen Ehrerbie- tung gegen die Lateinische Sprache her- geflossen/ dadurch andere sich der Teut- schen Bescheidenheit mißbrauchet/ und die Sprache noch mehr verkleinert/ die einige Landsleute selbst verachtet. Ja es ist dahin gekommen/ daß diejenigen die selbst Teutscher Abkunfft sein/ nicht die alte nur sondern auch die jetzige/ die doch nach allen ihren stuͤcken außgezieret ist/ noch vor Barbarisch außschelten. Ist derowegen unleidlich was Is. Vossius de Poëmatum Cantu p. 56. von derselben sa- f f get: Das I. Cap. Von der Kunstrichtigkeit get: Germanorum ut vasta sunt corpora, ta quoque vastus est sermo. Plus ille pon- deris quam majestatis habet, quâ tamen non destitueretur, nisi illam infringeret syllaba- rum ipsas quoq; fauces abradentiũ asperitas \& frequens nimis consonantium concur- sus. Und ferner: Germanorum sermo li- cet nullum non admittat pedum genus, dif- ficulter tamen hic se insinuat delicatioribus auribus, non tantum propter crebrum si- bilum literæ S. \& concursum nimium con- sonarum, \& præterea rusticum \& obscurum A \& O longi sonum, sed \& quod maximâ sui parte constat spondeis \& molossis. Diß Urtheil ist viel zu hart und unfreundlich/ auch der Warheit nicht gemaͤß. Dann es werden ja endlich die Consonantes so gar sehr nicht uͤberhāufft/ wie er vorgiebt/ und kan auch hier in eine Maasse gegeben werden: sehe auch nicht/ wie die Vocales A und O eine Sprache bāurisch machen solten/ dann ja die majestas linguæ inson- derheit von solchen Vocalibus herkommen muß. Wie man solches beym Virgilio sehen der Teutschen Sprache. sehen kan/ der insonderheit dieser Vocalium sich gebrouchet/ wann er die Worte klin- gend und ansehnlich in einer wichtigen Sache machen will. Was wolte er dann von der Spanischen und Italiaͤnischen Sprache sagen/ da diese Vocales gar haͤuf- fig sich finden? Sind also nur nichtige kluͤgeletẽ/ damit man der Teutschen Spꝛa- che Wuͤrde und Ansehen zu schmaͤhlern ge- dencket. Es kan auch einer oder andern Nation harte und raue Außrede/ der gantzen Sprache nicht beygemessen werden. Die Bayern und Oesterreicher koͤnnen aus einem Vocali bißweilen 3. oder 4. machen/ wie Scioppius in seinen Con- sultationibus p. 29 von ihnen anfuͤhret/ in dem sie Aaa an statt auch/ Waarle vor Warlich/ Gooold/ Taaeler vor Gold/ teller sagen. Talis, sagt er/ facile Galus \& altis suspicionem movet, ut eum vervecum in patriâ crassoꝙ sub aëre na- tum putent. In quâ suspicione saltem de plebeiis hominibus non multum eos falli vel opificum, quiea dialecto magis utuntur. f f 2 exem- Das I. Cap. Von der Kunstrichtigkeit exempla fidem faciunt, quas magnam partẽ obtusi ingenii, ignavos \& laboris fugitantes esse constat. Aber man muß aus diesen E- xempeln nicht uͤberhaupt von der gantzen Sprache urtheilen: wie man bey den Griechen/ ja bey allen Nationen solche ver- schieden gehabt/ und noch heutiges Tages hat. Ich wolte ein gantzes Woͤrterbuch durchgehen und nach der Reihe erwei- sen/ daß unsre Woͤrter nicht hārter sein als die Griechische und Lateinische/ ja woll weicher als jene/ und wo sie haͤrter sein/ der Natur mehr nachahmen als jene. Welches vielmehr unter die Tu- genden als Laster einer Sprache zu- setzen. Ich ziehe alhie des Herrn Conringii Urtheil in der Epistola auff des Herrn Schottelii Werck von der Teut- schen Sprach/ diesem des Vossiii vor/ dessen Worte diese sein. Habet Germa- nica lingua, quâ se præ Græca pariter \& Latinâ commendat, simul incredibilem at- que infinitam vocum componendarum vim \& felicitatem, habet primitiva pluri- ma der Teutschen Sprache. ma, modo probè eruantur. Nec est ali- quid temere elegantiæ, quo cuiquam lin- guarum sit secunda: nisi quod dum verbis auxiliaribus cogitur aliis suppetias nimis frequentes ferre, justo possit videri prolixi- or \& Græcanicam Latinamque brevitatem haud assequatur. Quas dotes \& quam fe- licitatem non agnoscere, ideo autem dun- taxat vilius illa æstimare, quoniam exo- tica non sunt hæc bona, indignum profecto facinus est, nec tolerandum prudentibus. Der Herr Prasch hat in seinem Buch von fuͤrtreflichkeit und verbesserung Teut. scher Poesie/ die Teutsche Sprache nicht allein an ihrer Heldenmaͤßigen Eygen- schafft/ sondern auch an Lieblichkeit der Griechischen Lateinischen und anderer Voͤlcker Sprachen vorgezogen/ da- durch sie zur Poeterey geschickter als an- dere/ dessen seines Satzes Uhrsachen er da selbst weitlaͤufftig anfuͤhret. Ob nun zwar diese Eigenschafften der Teutschen Sprache von verstaͤndigen Leuten woll gemerckt worden/ so ist man doch spāte f f 3 dazu Das I. Cap. Von der Kunstrichkigkeit dazu kommen/ daß man sie in richtige Reguln gebracht. Hierin ist Carolus M. zu loben/ welcher zum ersten seine Mut- ter Sprache in eine Grammati sche Rich- tigkeit verfaßt/ durch Beyhuͤlffe des Nannonis Theobaldi, Albim und Beren- geri. Dann ob zwar die Theodisca und Francica lingua unterschieden gewesen/ wie Lambecius lib. 2. de Biblioth. Vindo- bon. p. 427. erweiset/ so ist doch kein we- sentlicher Unterscheid darinnen gewesen. Diese des Caroli M. Grammâtica ist wie Gesnerus in seiner Bibliothecâ erwehnet noch zu seiner Zeit verhanden gewesen. Sie ist aber dennoch nicht zur Voll- kommenheit gebracht: denn es kla- get nachgehends der Ottfridus in der Vorrede seiner Evangelien sehr uͤber die haͤrtigkeit und unfreundlichkeit der Spꝛa- che. Es hat auch Trithemius nicht we- nig sich bemuͤhet dieselbe in Richtigkeit zu bringen. Der Kayser Maximilianus hat auch die Besserung der Teutschen Sprache vorgehabt. Bibliander de ratio- ne der Teutschen Sprache. ne communi omnium linguarum sagt p. 27. Ferunt \& Maximilianum Imperatorem in animo versavisse emendationem sermo- nis Teutonici. Non prætermittere hic etiam sententiam gravem \& sapientem; ut judico Fabiani Francki civis Bolislaviensis, debeo. Cujus hæc sunt verba: Es waͤr on Schaden ja meines Beduͤn- ckens hoch von noͤthen/ daß eine gantze Grammatica hierin beschrieben wuͤrde/ recht regulirtes Teutschen: Die Sprache ist so lustig/ nuͤtzlich und dapfer in ihrer redmaß; als indert eine andere befunden wird. Lambecius gedencket lib. 1. Biblioth. Vindo- bon. eines Adami Bohorizi, wel- cher ein Buch genant/ Arcticas horulas succisivas geschrieben de Latino Carnio- lanâ literaturâ ad Latinæ linguæ Analogi- am accommodatâ, so zu Wittenberg An. 1584. in 8 vo heraußkommen/ quo libello wie er sagt/ Slavonicæ linguæ Gramma- tica \& Moscoviticæ Rutenicæ, Polonicæ Bohemicæ \& Lusaticæ linguæ cum Dalma- f f 4 ticâ Das I. Cap. Von der Kunstrichtigkeit tieâ \& Croateâ cognatio indicatur, dessen Lazius und Gesnerus in seinen Mithridate sich viel gebraucht. Koͤnte also auch die- ses zur Teutschen Grammatic einen gros- sen Vorschub thun. Lambecius hat hievon in seinen Prolegomenis Annalium Austri- acorum weitlaͤufftiger handeln wollen/ und des Taciti und anderer Autorum lo- ca erklaͤren wollen. Welche Arbeit aber nun mit ihm verloschen. Es soll einer Johannes Gracchus Pierius auch uͤber einer Grammatica gearbeitet/ aber nicht vollfuͤhret haben/ und hat Ladislaus Suntheim, deren Gesnerus und Simlerus gedencken/ einige heraußgegeben. Drau- dius gedencket eines Johann Bruͤcken/ dessen Teutsche Grammatica zu Franck- furth A. 1620 hervorkommen. Aber ich habe deren keine gesehen/ auch nicht wo mir recht/ bey dem Herrn Schottel eini- ge erwehnung von ihnen gefunden. Man wird auch in des Altstedii Encyclopædia eine finden. Laurentius Albertus Ostro- Franck hat eine Teutsche Grammaticam zu der Teutscheu Sprache. zu Auspurg Anno 1573 druckenlassen/ wel- ches der Herr Schottel vor ein unvoll- kommen Werck haͤlt/ wie auch Valentin Ickelsammer eine andre/ die Hr. Schot- tel ruͤhmet/ ob es zwar ein kleines Buͤch- lein ist. Johannes Claius hat auch seinen Fleiß hierin angewandt/ dessen Teutsche Grammatica uͤber achtmahl gedrucket. Das vollstāndigste Werck das in der Teutschen Sprache und Tichtereykunst hervorgekommen/ ist des Herrn Schot- tels seines/ weches billig allen andern vorzuziehen/ dann er sich beflissen/ alle Stuͤcke der Teutschen Sprachkunst vol- lenkoͤmlich außzufuͤhren/ und da ers nicht gethan/ solchen Entwurff vorzustellen/ wornach es weiter außgeuͤbet werden koͤnne. Es were zu wuͤnschen/ daß des gelahrten und tieffsinnigen Cartesiani des Claubergii Buch de Causis linguæ Germa- nicæ, dessen er in seinen Arte Etymologi- câ Teutonum gedencket/ hervorkommen were. Es wurde gewißlich eine gute Arbeit gewesen sein. Dann er allent- f f 5 hal- Das I. Cap. Von der Kunstrichtigkeit halben nach philosophicis principiis uñ der Analogiâ gehet/ und eine sonderliche Scharfsiñigkeit in erforschung der Woͤꝛteꝛ gebraucht/ welche ich nicht bey andern finde/ ob er zwar bißweilen mehr sinnreich als gruͤndlich zu sein scheinet. Von die- sem wird nachgehends ein mehres gesa- get werden. Wir sehen aber drauß/ daß keine Sprache bequemer sey nach der Vernunfft und den Conceptibus re- rum gerichtet zu werden/ als die Teut- sche. Es saget Laurentius Albertus O- strofranck recht/ Sub sole vix brevior \& facilior lingua est, quæ ἀυτοφυὴς est, ex se nata ex se constans. Der Nachdruck/ die sonderliche Faͤhigkeit in Zusammen- setzung der Woͤrter/ und andere Be- schaffenheiten derselben/ werden gar weitlāufftig von dem Herrn Schottel in seinen Lobreden vorgestellet/ daß es eine uͤberfluͤßige Sache were hievon ein meh- res zu erwehnen. Man hat einige ge- habt welche sich bemuͤhet eine Sprache zu erfinden/ die der Natur/ und der Phi- loso- der Teutschen Sprache. losophie gemaͤß/ und gantz keine Unrich- tigkeiten habe. Ich halte aber davor daß man die Teutsche/ was diß betrifft allen andern vorziehen koͤñe. Es were gar leicht zu erweisen/ daß diejenigen Gruͤnde/ welche der gelahrte Frantzoͤsische Autor in seiner Grammaire Generale \& raisonneé ge- setzet vor allen andern der Teutschen Sprachen zukommen koͤnnen. Ich kan nicht unterlassen bey dieser Gelegenheit/ einen Außschweiff zu machen und von de- nen/ die solche allgemeine Sprach-Ar- beiten vorgehabt eine Erwehnung zu thun. Es urtheilet Cartesius part. 1. Epist. 111. ad Mersennum, der ihn wegen Erfin- dung einer linguæ Universalis, die jemand vorgegeben/ um Raht gefraget/ daß es eine vergebliche und unnuͤtzliche Arbeit sey/ wann es auff die Art/ wie der Autor vorgeschrieben/ angefangen wuͤrde. Der Autor ruͤhmet von seiner neuen Sprache/ daß man durch deren erlernung alle andere Sprachen als ihre dialectos erlernen koͤnne/ und daß er der Alten Ge- Das I. Cap Von der Kunstrichtigkeit Gedancken/ durch ihre Woͤrter erfor- schen wolle. Solches wird aber von Cartesio vor eine Grillenfaͤngerey gehal- ten. Derselbe hat auch vor gehabt ei- ne neue allgemeine Grammatica zu ma- chen/ nach welcher eine Sprache in fuͤnff oder sechs Stunden koͤnne gelernet wer- den. Welches Cartesius nicht eben ta- delt. Kan nicht wissen/ ob es nicht etwa demienigen gleich sein solte/ welches der Autor der Grammaire Generale ersonnen. Er setzet aber zweene Fehler/ welche die Arbeit unangenehm machen wuͤrden: als erstlich die zusammenstossung vieler Buch- staben/ die den Ohren zu wider ist: dañ um dieser Uhrsachen willen hat man die vielen flexiones der Woͤrter eingefuͤhret: zum andern/ die beschwerlichkeit die Woͤrter der Sprache außwendig zu ler- nen; dann es muste ein jede Nation ent- weder die Stammwoͤrter ihrer Syrache gebrauchen: so wer es zwar leicht/ aber man wuͤrde mit andern keine Gemein- schafft haben koͤnnen/ oder auch fremb- de der Teutschen Sprache. de Sprachen ihm mit hinzu setzen/ und so wuͤrde man schwerlich jemand finden der diese Muͤhe auff sich nehmen wolte. Dennoch wuͤrde es im schreiben den Nu- tzen haben/ daß wann vieler Spra- chen gleichdeutige Woͤrter mit einem Zei- chen in einem Lexico vorgebildet wurden/ durch dieselbe sich alle Nationes verstehen koͤnten. Welches vom Herrn Becchero in seinem Charactere Universali, und nach- gehends von Kirchero in seiner Polygra- phia, vorgestellet worden: worinnen et- licher massen der Weg gewiesen. Es thut aber Cartesius einen andern Vor- schlag/ daß man durch Huͤlffe eines rich- tigen Methodi Philosophicæ eine Sprache erdencken koͤnne die allen gemein sey. Er sagt: Adverto posse adhoc addi inven- tionem aliam tum ad primitiva linguæ hu- jus vocabula, tum ad characteres inveni- endos, ita ut brevissimo tempore doce r i possit, idque ope ordinis, h. e. ordinem stabiliendo inter omnes cogita n ones, quæ animum humanum subire possunt, quem- da- Das I. Cap. Von der Kunstrichtigkeit admodum inter numeros ordo est natura- liter constitutus: \& sicut uno die quilibet do- ceri potest numeros omnes in infinitum nominare linguâ incognitâ \& scribere, quæ tamen innumeris diversis vocabulis desig- nantur: idem quoque fieri possit de aliis omnibus vocabulis ad cætera quæ in men- tem hominis cadunt exprimenda necessa- rius. Es scheinet daß einige Engellaͤn- der diesen Vorschlag ergrieffen. Dann es hat Georgius Dalgarne ein Buch ge- schrieben/ dessen titul: Ars signorum vulgo Character universalis \& Lingua Phtloso- phica. Worinnen er nach den Classi- bus Prædicamentorum, und den einthei- lungen der dinge in allen Wissenschaff- ten mehrentheils Einsylbige Woͤr- ter ertichtet/ die nach den Vocalibus und ihren posicu und der Consonantium ver- setzung eine richtige Veraͤnderung der Bedeutungen bekommen. Also bedeu- tet ihm Av, Ens, res, Ar Substantia, Er Accidens, Fr Ens completum vel concre- tum, Or Corpus, Rr Spiritus, Vr compositum id der Teutschen Sprache. id est: Homo, Meis concretum mathema- ticum. Diesen folgen nun alle species nach der reihe/ und ein jegliches was unter ihnen gehoͤret/ worinnen einer ich- tige Ordnung der Consonantium und Vo- calium gehalten wird; Wie er dann ein Lexicon Grammatico-Philosophicum auff einen Bogen verfasset. Eben diese Ar- beit hat D. John Wilkins vorgenommen; der ein grosses Buch von dem Reali Cha- ractere und Lingua Philosophica geschrie- ben/ und der Koͤniglichen Gesellschafft zur eroͤrterung auffgetragen. Er hat grosse Muͤhe angewand alle Dinge unter 40. Generibus einzutheilen; hat auch gleich- fals nach dem Unterscheid der Vocalium und Consonantium die dinge mit seinen Woͤrtern benennet/ und mit gewissen Zieffern gezeichnet. So hat auch gar neulich ein Professor Gymnasii Rigensis Joachimus Frisichius dergleichen allgemei- nes Sprach-Werck und eine Linguam Ludoviceam dem Koͤnige in Franckreich zu Ehren vorgenommen/ davon er den Ab- Das I. Cap. Von der Kunstrichtigkeit Abriß und Einhalt/ auff etlichen Bo- gen hervorgegeben/ die mir von mei- nem hochwehrten Freunde Hr. Heñing Witten/ desselben Gymnasii beruͤhmten Professore zugesaudt worden. Es wer- den hierin viel grosse dinge verheissen. Das meiste wird daran gelegen sein/ daß man andere Nationes auch zu der- gleichen Einfaͤlle bringen koͤnne. Car- tesius urtheilet an angefuͤhrtem Ohr- te von solcher Sprache also: Existimo pos- sibilem esse hanc linguam \& reperiri posse scientiam illam, ex quâ illa pendet: cujus certè beneficio rusticus quispiam de rerum veritate posset melius judicare, quam jam Philosophus aliquis. Sed ne spera te un- quam visurum illam in usu: id magnas in orbe mutationes supponit, essetque ne- cesse totum Orbem in Paradisum terrestrem converti; quod sanè in fabulis tantum lo- cum habeat. Was die Lieblichkeit anlan- get/ kan dieselbe in diesen ertichteten Sprachen keine statt finden. Vermei- ne also daß eine Sprache die durch die Na- der Teutschen Sprache. Natur und Kunst zugleich zur Vollen- kommenheit gebracht/ wie unsre Teut- sche ist/ billig vor allen andern wehrt zu halten sey. Das II. Cap. Von der Orthographia der Teutschen Sprache. Einhalt. D Ie Orthographia muß mit gewisser Maasse außgeuͤbet werden. Die Hollaͤnder sein die ersten hierin. Cornel. Gisbert. Plempius hat von der Orthographia geschrieben. Ob die Etymologia ein richtiger Grund der Orthographia sey. Maͤnsch wird von etlichen vor Mensch geschrieben. Des Worts Uhrsprung und Ablei- tung. Die Veraͤnderung der Buchstaben kan nicht vermieden werden. Ob man so schreiben solle/ wie man redet. Ist keine richtige Regul. Die Vocales claræ und obscuræ koͤnnen an Schrifft nicht wol unterschieden werden. Doͤmuͤthig wird vor Demuͤthig von Butschkj geschrieben. tleo, theo, deomutah. Das (h) und die Ver d op- g g lung Das II. Cap. Von der Orthographia lung der Vocalium wird von etlichen zur außdeh- nung des Vocalis gebraucht. Menschschen vor Menschen/ Lachchen vor Lachen ꝛc. ist unge- reimt. Die endigung der Woͤrter ist auff ein en/ ohne Zusatz eines Consonantis. Plempius behauptet dieses auch in der Hollaͤndischen und Griechischen Spꝛache. Tadelt die Tentschen unbillig wegen verdoppelung der Consonantium. Baco- nis Verulamii urtheil von der Regul/ daß man so schreiben solle/ wie man redet. Dergleichen Neue- rung in Frantzoͤsischer Sprache. Herrn Titii Urthel von der neuerung in der Teutschen Ortho- graphia. Die hinzusetzung und hinwegwerffung des (e) im Teutschen. Das (e) mutum bey den Engellaͤn- dern. Der Zusatz des (e) in Nominativo Plurali der Woͤrter die auff er und el außgehen/ wird geta- delt/ wie auch die hinwerffung von dem Dativo singulari und Imperativo. Exempel der Zusam- menfuͤgung in den alten Teutschen Versen. Vie- lerley Dialecti der Teutschen Sprache. Scioppius setzet deren sechs. 1. Den Meißnischen. Dessen Fehler. 2. Den Reinischen. 3. Den Schwaͤbi- schen. 4. Den Schweitzischen. 5. den Saͤchschen. Ist den andern vorzuziehen. Micrælii Urtheil. 6. Den Bayerischen. Solche Dialecti sein vor alters auch gewesen. Ob die Dialecti untereinander zu mischen. Ronsard und Mambrunus geben es zu. Aber ohne Fug. Des Hugo von Trimberg Reime hie- von. Sam. Buts ki accentus in der Teutschẽ Spꝛache. Da- der Teutschen Sprache. D Amit wir auch die Theile der Grammatica kurtz beruͤhren/ so wollen wir etwas weniges hie- von anfuͤhren: Dann weiln von andern grosse Buͤcher davon geschrieben/ so ist es nicht noͤthig/ daß wir uns hierin auff- halten. Was nun erstlich die Orthogra- phiam anlanget/ so hat man in dieser Zeit Leute gehabt/ die alle ihre Kunst in dieser Gruͤbeley gesuchet/ und fuͤr grosse Meister haben wollen gehalten sein/ wann sie nur etwas neues ihren thoͤ- richten Einfaͤllen nach hierin haben her- vor gebracht. Ich tadele nicht/ daß man die Orthographiam außuͤbe; aber es muß eine Maaß darin sein/ und allezeit ein Auge auff den gemeinen Gebrauch ge- richtet werden. Die Teutschen haben spaͤter die Orthographiam außgeuͤbt/ als die Hollaͤnder/ welches der Herr Conring. angemerckt in dem Briefe uͤber des Hn. Schottels Sprach-Arbeit. Cornelius Gisebertus Plempius hat ein Buch de Orthographiâ Belgicâ geschrieben: worin- g g 2 nen Das II. Cap. Von der Orthographia nen er viel sonderlicher Einfaͤlle hat/ de- nen ich durchgehends nicht beyfall geben kan. Ins gemein setzet man die Etymo- logiam zu einem grunde der Orthogra- phie. Es ist aber solche Regul nicht so unfehlbar/ daß man nicht davon ab- schreiten muͤsse. Dann man fehlet zum oͤfftern selbst in den Etymologiis, und lei- det die uͤbliche Außrede solche Schrifft nicht. Dann es ist ein ungereimter Schluß: Dieses Wort kan mit solchen Buchstaben fuͤglicher geschrieben wer- den: darum muß es auch also sein. Man muß hier der gemeinen Beliebung/ da- von vornehmlich eine Sprache/ und nicht von dieses oder jenes unzeitiger Critica hanget/ fuͤr die Richtschnur hal- ten. Was erhebliche Uhrsachen sein/ daß ich Maͤnsch/ nicht Mensch schreiben solle? Man sagt weil es von Mann herkomt. Es ist dieses wol war/ dann das Wort Mensch vor Alters kein sub- stantivum sondern ein Adjectivum gewe- sen/ biß es endlich durch den Gebrauch zum der Teutschen Sprache. zum Substantivo geworden/ wie solches Vorstius in seinem Specimine observatio- num in linguam Vernaculam cap. 2. weit- laͤufftig außfuͤhret: Es ist aber allezeit Mennisch, nicht Mannisch geschrieben worden/ da das Hauptwort in singulari Mann/ in Plurali Menn gehabt/ und gantz irrig ist daß die Derivata eben die Buchstaben behalten muͤssen/ die in pri- mitivo sein. Ist auch unmuͤglich wegen der nothwendigen Verānderung der Buchstabēn/ wie solches aus der Grie- chischen und Lateinischen Sprache satt- sam erhellet/ (deren vielfaͤltige Exempel bey dem Vossio in seinem Buch de permu- tatione literarum, ja auch in der formati- one temporum und casuum bey allen Voͤlckern zu sehen) und nicht anders mit der Teutschen Sprache kan gehalten wer- den. Es haben diese neue Critici auch diese Haupt-Regul: daß man so schreiben solle wie man rede. Ist wiederum ein unrichtiger Schluß: dann da sind fuͤrs erste unterschiedliche Dialecti und Mund- g g 3 arten Das II. Cap. Von der Orthographia arten/ und were was nach dieser geschrie- ben nach der andern verwerflich. Bleibt man also lieber/ weil die Teutschen in ei- ner art zu schreiben uͤbereinkommen/ bey der einstimmung ihrer Feder/ als daß man dem ungleichen Mundlaute fol- ge. Thoͤricht ist deßhalben/ daß ich soll schreiben haͤben fruͤr heben/ waͤrffen fuͤr werffen/ laͤben fuͤr leben/ saͤnden fuͤr senden: dann man kan keinen unter- scheid machen unter das e clarum und obscurum, wo es nicht von allen vocali- bus gelten soll/ welche per remissionem vel elationem soni nicht koͤnnen so fort in literas specie diversas oder diphthongos verwandelt werden. Also ist bey den La- teinern (e) obscurũ in dem Worte Severus (e) clarum in dem Worte merces, welches aber deßhalben nicht anders darff ge- schrieben werden. I obscurum ist in dem Worte inimici, clarum in dem Worte piscis. Auch ist gar laͤcherlich wann Samuel Butschki doͤmuͤthig vor de- muͤthig zum theil aus diesen grunde schreibet der Teutschen Sprache. schreibet. Dann ob zwar das Wort deomuat bey den alten Teutschen geschrie- ben/ dann man hat das Wort deo, theo, welches humilem oder servum bedeutet/ bey ihnen gehabt/ davon Vorstius in ob- erwehnten Buch c. 3. zu lesen. Aber deß- halben muß man nicht eben die gemeine schreibart endern. Es sein auch etliche die die erhebung und außdehnung der voca- lium mit Zusatz eines (h) oder mit Ver- doppelung des vocalis außdruͤcken/ wel- ches auch unnoͤthig ist. Wieder diese/ die solches gleichfalls in der Schwedischen Sprache thun/ hat Martinus Brunnerus einige dissertationes geschrieben/ wie der Herr Schefferus in Sveciâ literatâ p. 216. bezeuget. Auß dieser ungegruͤndeten Einbildung komt auch/ daß man Menschschen vor Menschen/ lach- chen vor lachen/ Sachchen vor Sachen/ schreibt: Weil man meinet man rede also/ welches doch falsch ist; dann es ist in Teutscher Sprache die fle- xio in plurali nicht auff ein schen son- g g 4 dern Das II. Cap. Von der Orthographia dern en oder er: als heid/ heid, en/ licht/ licht er. Man kan hieruͤber den Herrn Tscherning in seinem unvorgreiff- lichen Bedencken uͤber etliche Mißbrāu- che in der Teutschen Schreib und Spꝛach- Kunst cap. 1. obser v. 2. nachsehen/ woselbst er des Buchners Urtheil/ und viel andre merckwuͤrdige und die Teut- sche Orthographiam betreffende dinge an- fuͤhret/ dessen Mannes Urtheil ich viel hoͤher halte/ als dieser Neulinge unzeiti- ge Critic. Plempius, dessen wir droben gedacht/ hat in seiner Orthographia Belgi- câ mit vielen gruͤnden erweisen wollen: daß die duplicatio Consonantium inson- derheit in den Infinitivis falsch und unrich- tig und nur von einer unfoͤrmlichen Auß- rede herkomme. Die jenigen die die en- digung des Infinitivi auff ben/ den/ fen/ gen/ ken/ len/ men/ nen/ pen/ ren/ sen/ ren/ jen/ wen machen/ irren alle nach seiner Meinung/ denn die endigung ist bloß auff en/ als in diesen worten/ hebben/ wedden/ suffen/ leggen/ bak- der Teutschen Sprache. bakken/ willen/ temmen/ ꝛc. und ist er hierin auff rechter Meinung. Er meinet aber daß die Consonantes in dem Hauptwort nicht zu verdoppeln sondern nur einfach zu setzen sein/ wie ich bey den Lateinern nicht sage spuvvere, sondern spuere, nicht ruvvere, sondern ruere. Si quis objiciat, spricht er/ krabben fieri ex krabb \& en/ ex eo quæsiverim quis homo tam auritus sit ut in krabb duo (bb) audire possit. Ja er komt so weit daß er meinet man soll auch im Griechischen die Con- sonantes nicht verdoppeln sondern vor ϛέλλειν ϛέλ-ειν vor ἀγγέλλειν ἀγγέλ-ειν vor πραττειν πρατ-ειν schreiben. Worinn ich mit ihm nicht uͤbereinstimmen kan/ wie- wol er einige gruͤnde beybringet die nicht allerdings zu verwerffen sein. Daß er aber von den Teutschen die duplicationem Consonantium herholen will/ als wenn durch Grobheit unser Sprache die Zier- lichkeit der Hollāndischen verdorben/ dar- in irret er sehr und urtheilet von dersel- ben sehr grob und ungeschliffen nach art g g 5 eini- Das II. Cap. Von der Orthographia einiger seiner andern Landsleute. De Germanis spricht er p. 25. nihil dicam Mann Sonn scribentibus secundum plumbeas suas linguas atque crassas, und p. 32. Auriculis asini profecto carere non poterit, si cum Germanis auscultet, qui in Sonn Mann duo (nn) clarè audiri vo- lunt. Daß in dem Worte Sonn und Mann von etlichen die Consonantes ver- doppelt werden/ hat diese Uhrsache: Dañ jenes ist mehr ein zwey-als einsylbig Wort: Das gantze Wort heißt die Sonne/ bleibt also wenn es einsylbig ge- braucht wird die Sonn; aber so wird in dem Verß vor einem folgenden Vocali das (e) per Apostrophum weggeworffen. Dann es gar unlieblich klingen wuͤrde/ wann ich es einsylbig vor einen folgen- den Consonantem setzen wolte. Das Woꝛt Mann wird darum so geschrieben/ weil es in obliquis casibus ein doppeltes (n) hat. Hātt also der gute Plempius mit seinem so groben Urtheil von der Teutschen Sprache woll zu Hause bleiben koͤnnen. Hin- der Teutschen Sprache. Hingegen hat Claubergius in seinẽ 5. Buch de Caus. L. Germ. eꝛweisen wollẽ/ dz aus der verdoplung der Consonantiũ die euphonia, volubilitas, vehementia in teutscher Spra- che bestehe/ wie er in seiner arte Etymol. p. 34. bezeuget. Daß nun diese Regul falsch/ und man nach der Außrede die Schreibart nit einrichtenkoͤñe/ eꝛhellet sattsam hier auß/ uñ stim̃et mit uns uͤber ein der vortrefliche Ba- co Verulamius in seinem Buche de augmen- tis scientiarum lib. 6. c. 1. woselbst diese Worte sich befinden. Illa scriptio, quæ formata videri possit, ut pronuntiationi con- sona sit. est ex genere inutilium subtilita- tum. Nam \& ipsa pronuntiatio quotidie gliscit, nec constans est, \& derivationes verborum, præsertim ex linguis extraneis prorsus obscurantur. Denique cum ex more recepto scripta morem pronunciandi nullo modo impediant, sed liberum relin- quant; quorsum attinet ista novatio? Man hat auch in der Frantzoͤsischen Sprache solche neuerung einfuͤhren wollen/ welches noch viel naͤrrischer ist/ davon der Hr. So- rel in seiner Bibliotheque Françoise kan nach- Das II. Cap. Von der Orthographia nachgelesen werden./ und eben derselbe Autor (dann daß er derselbe sey/ bezeuget Mr. Denys in seinen Memoires des Artes \& sciences p. 74.) in seinem Buche de la connoissance des bons livres traité 4. chap. 4. du nouveau langage françois. Durch diese und dergleichen unrechte Rechtschrei- bung/ ist die ehrliche Teutsche Sprache so verketzert geworden/ daß sie fast ihr nicht mehr ehnlich gesehen: Und ist des Hn. Titii sein verstāndiges Urtheil in Manu- ductione ad excerpendum p. 137. hievon dieses: Quod si ratione solâ nitendum es- set, bona linguæ pars faciem longè aliam \& sæpe variam haberet. Id quod in Ger- manicâ nostrâ fieri videmus, quibusdam ratiunculas nescio quas tantâ indulgentiâ amplectentibus, ut quæ scribant exalio or- be advecta videantur. Ich konte hier viel absonderliche Lehr- sātze von der Teutschen Orthographia beybringen; aber es sein von vielen der- gleichen dinge geschrieben/ unter welchen insonderheit des Herrn Tschernings Be- den- der Teutschen Sprache. dencken zu loben. Zugeschweigen derer/ die gantze Buͤcher allein davon geschrie- ben; als Gueinzius und andere. Man muß aber die Novatores meiden/ worun- ter Bellin in seiner Rechtschreibung der vornehmste ist. Eines muß ich noch von dem (e) gedencken/ welches offt zur un- zeit weggeworffen und hinzugesetzet wird. Der Opitz selber setzet es bißweilen eini- gen Woͤrtern zu/ dahin es nicht gehoͤret/ als Bande/ Helde/ Hande/ Din- ge/ Munde. So wird es auch in die Dactyli sche Verse bißweilen hinein ge- schoben: Aber es ist ein grosser Unstand der Sprache/ und klinget sehr Außlaͤn- disch. In der Englischen Sprache wird daß (e) auch sehr haͤuffig hinter die verba und nomina gehenget/ wird aber nim- mermehr in der Außrede/ oder in dem Carmine angesehen/ deßhalben es auch (e) mutum genannt wird/ davon der Wal- lis in seiner Englischen Grammatica c. 1. §. 2. p. 56. \& seqq. Dergleichen findet sich auch in der Teutschen Sprache: Aber die Das II. Cap. Von der Orthographia die Engellaͤnder gebꝛauchen sich einer gꝛoͤs- seren Freyheit in Zusammenziehung der Woͤrter/ und heraußstossungdes (e) Jo- annes Bellin hat in seiner Syntaxi Præpo- sitionum Teutonicarum von p. 44. biß 58. auß der Bibel und andern Poeten die Exempel der Woͤrter zusammen getra- gen/ denen das (e) am Ende angehangen oder entzogen wird. Es wollen auch einige Grammatici, unter denen Hꝛ. Schot- tel denen/ Woͤrtern/ die in singulari auff ein er oder el außgehen in plurali ein (e) zuse- tzen/ als der Vater/ die Vaͤtere/ oder da es sich im Verß nicht schicke/ das erste (e) wegwerffen/ und dafuͤr setzen/ die Ubel- thaͤt’re/ die Buͤrg’re. Hergegen in den Woͤrtern/ so einen vocalem oder li- quidam vor dem er haben/ lassen sie es nicht gelten ; als Mahlre/ Beschwe- r’re/ Zuhoͤr’re. Ob nun zwar dieses von der analogia in declinãdo kan abgefuͤh- ret werden/ und Herr Schottel den O- pitz deßhalben bestrafft/ daß er dieses nicht in acht genom̃en/ so ist doch die Ge- wohn- der Teutschen Sprache. wohnheit/ die den pluralem dem singulari gleich machet/ vorzuziehen. Des Herrn Buchners Urtheil/ das Herr Tscher- ning in seinem Bedencken c. 2. obs. 2. an- fuͤhret/ gibt den besten Außschlag Pro- nunciatio hæc, sagt er/ soni difficilis est \& ingrati, quod fugiendum, quicquid etiam Grammatici præcipiant, quorum vita \& spiritus in regulis vertitur. Es gebrau- chen auch einige grosse Freyheit in weg- werffung des (e) von den Imperativis in den letzten Sylben/ sequente vocali ; wor- auff die Niederlānder nicht groß achten: von den Dativis und Ablativis singulari- bus: womit Harstoͤrffer und andre Ober- laͤnder es so genau nicht nehmen. Aber es machet die Rede sehr hart und unlieb- lich. Die Zusammenziehung der Woͤr- ter/ durch außstossung des (e) und andrer Vocalium ist bey den alten Teutschen noch heutiges Tages in unser Niedersaͤchscher Sprache sehr gebraͤuchlich: So findet man unter den alten Teutschen Poeten beym Goldasto sost vor so ist/ dast vor das Das II. Cap. Von der Orthographia das ist/ erst vor er ist/ mirst vor mir ist/ sist vor sie ist/ derst vor der ist/ sus vor so es/ est vor es ist. Aber heutige Oh- ren sein viel zu zart/ daß sie dergleichen Laut dulden solten. Es ist auch ein gros- ser Unterscheid unter den Dialectis und Mundarten/ nach welchen die Rede und Schreibart solte eingerichtet werden/ wie schon droben gedacht. Dann es sein einige gar zu rau/ und muͤssen durch- auß nicht zum Muster gesetzet werden. Der Meißner Außrede ist die zierlichste/ aber sie haben auch einige sonderlichkei- ten/ die nicht nachzuahmen sein. An den Meißnern tadelt Scioppius in seinen Con- sultationibus p. 28. dieses: Misnenses o- ptimis ac probatissimis vocabulis ac phra- sibus utuntur: quamvis in pronunciandis diphthongis ac consonantibus nonnullis, risum ceteris Germanis meritò debeant verbi gratia cum dicunt: Heebt pro Haubt/ Zeeberer pro Zauberer/ Jod pro Gott/ Gar pro Jahr. Jott jeb euch een jutes naues Gar pro Gott der Teutschen Sprache. Gott geb euch ein gutes neues Jahr. Dem Meißnischen setzet Sciop- pius zur Seiten Turingicam, Francicam, Hassicam Dialectum. Den andern Haupt- Dialectum nennet er den Rheinischen/ dessen sich die Voͤlcker bey dem Rheine biß an Niederland gebrauchen. Der dritte ist ihm der Schwaͤbische/ welcher doch auch an unterschiedlichen Orthen sich aͤndert. Der vierdte ist der Schweitzersche/ der vorhin allen Ale- mannis eigen gewesen. Diesen Dialectum nennet Scioppius copiosissimam omnium- que minimè depravatam, weiln die alte Schweitzer von andern abgesondert und nicht durch frembdeꝛ Voͤlcker vermischung ihre Sprache verdorben. Der fuͤnffte ist ihm der Saͤchsche Dialectus, welchen die alten Sachsen/ Westphaͤlinger/ Hol- steiner/ Mecklenburger/ Pom̃erer/ Bran- denburger gebraucht/ und der mit den Schweitzerschen des Alterthums/ der unveranderlichkeit/ ja mit allen andern auch der Zierlichkeit halber wol streiten h h kan. Das II. Cap. Von der Orthographia kan. Dann es ist der Warheit gemaͤß/ was der beruͤhmte Herr Micrælius, mein vormahliger Lehrmeister/ in seiner Pom- merschen Chronica/ in der Vorrede des dritten Buchs schreibet: Die alten Svevi„ haben auch die rechte Sāchsche Wurtzel„ ihrer alten Niederteutschen Sprache mit„ in Helvetiam gebracht/ und daselbst den„ Swyzern oder Sweyzern/ das ist Sve-„ vitzern ihren Nahmen und ein groß theil„ ihres Idiomatis mitgetheilet. Dagegen„ hat die sibilirende und mit vielen harten„ diphthongis erfuͤllete Hochteutsche Spra-„ che der Francken auch sich hin und her„ außgebreitet/ und die Svevi oder Suobeni„ (Schwaben) die sich in Schwaben setz-„ ten haben sie gar gelernet. Die Ober-„ saͤchsche auch in Meissen und Thuͤringen„ haben sie sich belieben lassen. Wir an-„ dern Sachsenleute haben nun auch an„ unsere Muttersprache einen solchen Eckel„ gehabt/ das unsre Kinder nicht ein Va-„ ter unser/ wo nicht in Hochteutscher„ Sprache/ beten/ und wir keine Pom-„ mer- der Teutschen Sprache. mersche Predigt fast mehr in gantz Pom-„ mern hoͤren moͤgen. Unser maͤnnliches„ Atticißirendes Tau (T) müß allenthal-„ ben der Sigmatisirenden (S) Sprache„ weichen. Unter dessen kan gnugsam„ dargethan werden/ daß die Saͤchsische/„ Schvevische/ oder Gothische Sprache„ die rechte alte Teutsche Sprache ist. Der sechste ist der Bayersche/ welchen die Leute in Bayern/ Tyrol/ Steirmarckt/ Kaͤrnten/ Oesterreich reden/ ei- ne von den rauesten Redarten/ mit welcher Scioppius an demselben Orthe viel Spottes treibet. Solche unterschiedli- che Red- und Schreib-arten sein schon vor alters in den Sprachen gewesen/ wie solches auß den verschiedenen Exem- peln der alten Teutschen Sprache zu er- sehen/ die Zeiler in der 381. Epistel anfuͤh- ret. Wer nun ein rennliches Teutsches Carmen schreiben will/ der muß den lieb- lichsten Dialectum, wie der Meißnische ist ihm vorsetzen: Unter welchen aber die andern Oberlaͤnder schwerlich zu bringen h h 2 sein. Das II. Cap. Von der Orthographia sein. Dann ihre Idiotismi lauffen allezeit mit unter. Meines erachtens soll ein Niedkrsachse die beste art im schreiben an sich nehmen/ wann er in den Hoch- teutschen Idiotismis etwas geuͤbet ist. Daß man aber alle Dialectos unter einander vermischen koͤnne/ ist eine viel zu grosse Freyheit/ welche Ronsard seinen Frantzo- sen gibt/ jedoch daß die Hoffsprache den Fuͤrzug vor ihnen habe. Dann er spricht in seinem discurs von der Frantzoͤsischen Poeterey: Je te conseille d’ user indiffe- remment de tous dialectes, entre lesquels le courtisant est tousiours le plus beau, a cause de la majestè du Prince; mais il ne peut estre parfait sans l’ aide des autres. Car chacun jardin a sa particuliere fleur \& toutes nations ont affaire les unes des au- tres. Ich wundre mich/ daß der gelehrte Mambrunus in seinem Buch de Carmine Epico part. 2. quæst. 10. num. 12. dieser Mei- nung Beyfall gibt/ und seine Landsleu- te die heutigen Frantzosen straffet/ daß sie all zu strenge hierin seyn. Er wirfft ihnen der der Teutschen Sprache. der Griechen und Lateiner Exempel vor/ da zwar war/ daß die Griechen etwas frey er gewesen/ wiewoll sie auch die Vermi- schung ohn Unteꝛscheidnicht gebꝛaucht Die Lateiner hergegen sein so sorgfaͤltig ge- wesen/ als jemahls eine Nation sein moͤ- gen/ in der sauberkeit ihrer Sprache zu beobachten/ daß sie auch den Spaniern deßhalben auffsetzig sein/ weil sie eine frembde art in die Lateinische Sprache der so genandten guͤldnen Zeit gebracht. Hugo von Trimberg/ dessen wir droben gedacht/ hat in seinem Renner eine gleiche Meinung/ dessen Urtheil/ ob es zwar zu unsern Zeiten kein Ansehen hat/ so will ich doch seine Verse hieher setzen/ welche doch ihres Alters halber uns ergetzen koͤn- nen: Dann er spricht unter dem Titul von allerley Sprache: p 112. Wer Teutsch will eben dichten/ Der muß sein hertze richten Auff mancherleye sprache/ Wer meynet/ daß die von Ache Reden/ als die von Francken/ Dem sollen die Meuse dancken. h h 3 Ein Das II. Cap. Von der Orthographia Ein yegklich landt hat seine rede und sitte/ Der seinem Landtvolck wonet mit/ An sprache/ an masse/ und an gewande/ Ist unterscheyden landt von lande. Der welte ding steht uͤber all/ An sprache/ an masse/ an wage/ an zal. Ist aber nit tugend an diesen dreyen/ Straffet man sie dann/ das laß ich sein. Die Schwaben ihr Woͤrter spalten/ Die Francken ein theil sie falten. Die Beyern sie zu zerren/ Die Doͤringen sie auff sperren. Die Sachsen/ sie underzuͤcken/ Die Reinlender sie underdruͤcken. Die Wederauwer sie wuͤrgen/ Die Meissener sie wol aus schuͤrgen. Egerlandt die Woͤrter schwencken/ Steyerland sie baß lencken/ Osterlandt sie schrencken/ Kernthen ein theil sie sencken. Boͤhem/ Ungern/ Pohlen/ Lamparten Die hauen nit mit Teutscher Barten. Franckreich/ Wahlen/ und Engelandt/ Norwegen/ Ybernia sind unbekandt/ An ihren Sprachen Teutschen leuten Niemandt kan euch wol gedeuten Kriegisch/ Juͤdisch/ Heydenisch/ Syrisch/ Windisch/ Kaldeisch/ Wer das mischet in Teutsch gedichte/ Sein meysterschafft wuͤrd gar zu nichte. Die landt sprachen davor genant/ In der Teutschen Sprache. In Teutschen landen sind bekandt/ Wer aus denen was gutes nimet/ Das wol in se nem dichte zimet/ Mich dunckt der habe nit missethan/ Thut ers mit kunste/ und nit durch wahn. Westphalen/ Hessen/ und manch landt In Teutschen landen sindt bekandt/ Wiewol sie wuͤrgen/ zwicken/ und binden Die sprach/ vorn/ mitten/ und hinden. Dann T/ und N/ und R. Sind von den Francken ferꝛ An manches wortes enden/ Wil yemand sie darumb pfenden? Das Schwanfelder ihr woͤrter lengen/ Und Bamberger ihr sprache brengen Von den huͤlsen auff den kern/ Eyn yegklich mensch sprichet gern Die sprache/ bey der er ist erzogen. Sint meine wort ein theil gebogen Auff francken/ niemandt sei das zorn/ Dann ich von Francken bin geborn. Was sonst in der Orthographiâ noch zu erinnern ist/ kan bey andern Autoribus weitlaͤufftig gelesen werden: Diß eine muß ich noch erwehnen/ daß Samuel Burski in seiner Hochteutschen Cantze- ley durchgehend s nach art der Griechen einen accent uͤber die Woͤrter setzet/ dar- h h 4 nach Das II. Cap. Von der Orthographia nach sie sollen außgesprochen werden : ich sehe aber nicht wozu diß dienen solt e in einer bekandten Sprache: man moͤcht e es dann einem Außlaͤnder zu gefalle n thun. Das III. Cap. Von der Etymologiâ der Teutschen Sprache. Einhalt. E Tymologia zweyerley art. Die Ableitung der Woͤrter geschieht durch veraͤnderung der Buchstaben. Dessen Exempel im Frantzoͤsi- schen und Lateinischen. Bey den Teutschen sind dergleichen Woͤrter viel/ deren Wurtzel unbekant/ aber in abgestorbenen Sprachen lieget. Exempel auß des Vorstii Specimine observationum. Clau- bergii Ars Etymologica Teutonum Seine son- derliche Scharffsinnigkeit hierin. Seine Reguln werden angefuͤhret. Sein Buch de Causislinguæ Germanicæ wird sehr verlanget. Teutsche Lexica. Rabani Mauri und Keronis Glossaria Latino-Theodisca. Jenes ist von Lambecio ver- der Teutschen Sprache. verheissen. Goldastus und Freherus haben einige alte Woͤrter auffgezeichnet/ und hat dieser ein voll- staͤndiges Lexicon versprochen. Sein Buch de No- minibus propriis. Lutheri Buch hievon. Teutonista, der Teutschlaͤnder. Der Autor des Buchs. Ano- nymi Glossæ Latino-Germanicæ MStæ in der Kilischen Academi schen Bibliothec. Kiliani Di- ctionarium Etymologicum. Ist sehr gestuͤmlet. Georgii Henischii Thesaurus Linguæ \& Sapientiæ Germanicæ. Lindenbrogii vorhaben ein Lexicon Germanicũ zu schreiben. Glossarium Latino The- odiscum. Viel Teutsche Woͤrter beim Isidoro. Joh. Bernhard Zinzerlings vorhabẽ wegen eines Teutschen Lexici. Frembde Woͤrter bey den Teut- schen. Articuli, verba auxiliaria, und pronomina bey den Gothen und Teutschen außgelassen. Der Articulus muß nicht vor die Nomina Propria ge- setzt werden. Kan bißweilen aber geschehen. Etzliche endigungen der Woͤrter von andern Gram- maticis vorbeygegangen. Die Præpositiones in- separabiles Wan und Ver. Harstoͤrffers fuͤnff- facher Gedenck-Ring. Das alte verbum auxilia- re Ich thue noch heute bey den Engellaͤndern ge- braͤuchlich. D Er ander Theil der Sprachkunst bestehet in der Etymologiâ oder Woͤrterforschung. Diese ist nun h h 5 in Das III. Cap. Von der Etymologiâ in der Teutschen Sprache von grosser Erheblichkeit. Sie kan aber auff zwey- erley art betrachtet werden/ erstlich/ wann man der Stammwoͤrter Ursprung selbst untersuchet/ und auch aus andern Sprachen herbey holet. Zum andern/ wann man die Eygenschafft jeglicher Woͤꝛ- ter in Betrachtung ziehet/ und ihre Be- deutunge nach den neun Haupttheilun- gen der Rede und deren Abtheilung und Verwandschafft eroͤrtert. Von der er- sten art der Etymologie haben wir in dem ersten Theil weitlaͤufftig gehandelt/ und were der Muͤhe werth/ daß man alles am genauesten unter suchte: welches keine gemeine Scharffsinnigkeit erfodert. Ei- ne Hauptregul ist/ wie ich schon vorhin erwiesen/ daß man nicht so sehr auff die Gleichheit/ als auff die Veraͤnderung der Woͤrter sehe. Dann es kommen bißweilen Woͤrter von andern her/ die fast keinen Buchstaben gleich haben/ und kan doch gar klārlich dargethan werden. Wer solte meinen daß in der Frantzoͤsi- schen der Teutschen Sprache. schen Sprache das Wort dechoir von dem Lateinischen cadere komme/ und ist doch in Warheit nichts anders. Erstlich hat man das e finale weggeworffen und cader vor cadere gesaget wie die Italiā- ner noch heutiges Tages. Hernach hat man das d heraußgestossen und caer dar- auß gemacht/ das noch die Spanier ge- brauchen. Einige haben gar câr oder kêr darauß gebildet/ wie die in der Picar- die es außsprechen. Die ein wenig lieb- licher in der Rede sein wollen/ haben es in cher verāndert/ wie es noch in alten Frantzōsischen Romainen gebraucht wird. Endlich hat man den Vocalem in einen diphthongum verwandelt und choir da- von gemacht/ davon das Compositum dechoir noch im Gebrauch ist. Wann einem das Stammwort nicht bekant were/ und die Mittel-Woͤrter noch ver- handen/ wer solte sagen/ daß dechoir von cadere komme. Eben auff diese art hat man viel Woͤrter in der Lateinischen Sprache/ die durch viele Veraͤnderung erst- Das III. Cap. Von der Etymologiâ erstlich auff den rechten Uhrsprung ge- bracht worden. Diß hat Salmasius in dem Worte Pollinctor vorgestellet: wer solte meinen daß solches von Per und li- gare herkom̃e? und ist doch so augenschein- lich/ daß es kein verstaͤndiger leugnen kan. Da hingegen andere Grammatici viel naͤr- rischer Einfaͤlle davon haben. In Teut- scher Sprache hat man eine grosse Men- ge solcher Woͤrter/ deren Uhrsprung nie- mand errathen kan: wer aber die mo- numenta der alten Teutschen Sprachen nachsiehet/ und auff die Veraͤnderung der Buchstaben acht hat/ der wird sich bald darin finden. Dergleichen Arbeit ist von keinem Teutschen noch zur Zeit vorgenommen/ nur daß Vorstius in sei- nem Specimine observationum in linguam vernaculam folgende Woͤrter zur Probe vor gebracht: Wer will sagen/ woher daß Wort ruchloß komme/ wann er nicht weiß daß das Wort ruch oder ruach so viel als Sorge bey den alten Teutschen bedeutet? Des Wortes Beicht Uhr- sprung der Teutschen Sprache. sprung wird schwerlich einer geben/ wel- cher nicht weiß/ daß es in dem al- ten Teutschen Psalter begiht, oder begicht geschrieben wird/ und also zusammen gesetzet ist aus der præpositione insepara- bili be und dem Wort giht oder gicht. Worauß hernach per Syncopen bicht und im Hochteutschen beicht geworden. Die Woͤrter freund und feind werden vor primitiva gehalten. Wer aber die alten Woͤrter fien odisse frigan amare kennet/ siehet leicht daß es die particicipia fiant , und frigond sein/ die nachgehends in ein- sylbige Woͤrter zusammen gezogen. Er handelt ferner von den Ursprung der Woͤrter erquicken/ barmhertzig/ er- eugen/ Beyspihl/ Wucher/ die von alten abgestorbenen Woͤrtern herkom- men. Es konte aber ein grosses vollstaͤn- diges Buch von Exempeln zusammen getragen werden. Ist derowegen dieses der naͤheste Weg/ daß man aus den al- ten Woͤrtern derselben Sprache/ die Ab- leitung suche/ nicht aber aus den fremb- den. Das III. Cap. Von der Etymologiâ den. Claubergius, dessen wir im vor- gehenden capite gedacht/ weiset auch eben denselbigen weg in seiner Arte Etymolo- gicâ Teutonum e Philosophiæ fontibus de- rivatam wie man Teutsch vom Teutschen herleiten soll. Es ist eine kurtze aber sinn- reiche Schrifft/ die ich insonderheit deß- halben hoch halte/ weil er auch gesehen/ daß man das Teutsche nicht von dem Griechischen und Lateinischen/ sondern dieses von jenem herleiten muͤsse/ und ist sehr zu beklagen/ daß sein Buch de Cau- sis linguæ Germanicæ nicht hervorgegeben/ worinnen er außfuͤhrlicher von allen han- deln wollen. In dieser kleinen disserta- tion hat er nur die drey Woͤrter Ver- nunfft/ Suchen/ Sprechen eroͤr- tert/ und durch diese Gelegenheit schoͤne Reguln/ und viel andre Exempel mit eingemischet. Seine Reguln sind diese: 1. Germanica vocabula prius \& potius e Germanicis, quam è peregrinis derivanda. 2. Argumenta ab analogia petita sunt eò validiora, quò major vocum quæ inter se con- der Teutschen Sprache. conferuntur similitudo elucet. 3. Cum ad materialem vocum similitudinem accedit formalis, (i. e. significatio) tum demum e- tymologia certa est. 4. Dialectorum \& an- tiquitatis consideratio multum facit ad lin- guæ Germanicæ origines inveniendas. 5. Quoties in aliis eruditis linguis similem quoad materiam aut formam, maxime quo- ad utramque conspicimus derivandi ratio- nem, nova inde Germanicis originibus lux accedit. 6. A sensilibus ad intelligibilia quam plurima vocabula sunt traducta. 7. Vocabulorum Teutonicorum major est quandoque bonitas quam Græcorum Lati- norum aliorumque peregrinorum. 8. Vo- ces quæ à rei perfectione petitæ sunt me- lius eam exprimunt, quam quæ ab ejus de- fectu vel corruptione. 9. Veritas \& ele- gantia originationis Germanicæ \& propriæ ex oppositione originationis falsæ \& alienæ clarius elucet. 10. Vocales omnes inter se permutari possunt. 11. Nulla vocalis tam est Germanis familiaris quam E. 12. Ma- jores nominum vocales (O \& V) sunt è mi- Das III. Cap. Von der Etymologiâ minoribus (A, E, I) verborum, unde de- rivantur. 13. In aliarum vocum ab aliis de- ductione sæpius magnæ vocales abeunt vi- cissim in parvas. 14. Non omnes consonæ æquè facile jungi possunt, sed aliæ magis aliis sociari gaudent. 15. Germani mul- tas amant consonas una syllaba comprehen- dere. 16. Consonæ lenes tantum cum le- nibus, asperæ cum asperis conjungi possunt in pronunciando. 17. Germani ad fortem potius quam ad mollem pronunciationem inclinant. 18. Sæpius S consona fortis est \& fortibus jungitur. 19. Nulla est magis ami- ca consonantium societas, quam si planè similes jungantur. 20, Sonus longus vo- calium compensat geminationem conso- nantium \& contra. 21. Germani certas vo- cales certis rebus per vocabula denotandis eleganter accommodant. 22. Germani sæ- pe diphthongos amant, ubi Græci \& Latini vocalibus utuntur simplicibus. Diese sein die Reguln/ die ich aus ihm habe auß- zeichnen wollen/ weiln daß Buch nicht uͤberall bekant. Worauß er zu erkeñen gibt der Teutschen Sprache. gibt daß keine Sprache der Natur selbst und unsern conceptibus naͤher komt als die Teutsche. Wann das vollstāndige Werck de Causis linguæ Germanicæ her- vorgekommen/ wuͤrde es ohn Zweiffel das vollenkommenste gewesen sein/ so biß auff diese Zeit davon geschrieben. Er ist ietzo gestorben/ und zweiffle ich/ ob das Buch noch vorhanden sey. Es ist aber zu mercken/ daß er die Analogiam bißweilen allzuweit außdehnet/ und mehr tieffsinnigkeit/ als etwa grūndlich ist/ er- weiset. Als wann er Suchen/ von Sehen/ Zechen von Ziehen/ Fluchen/ von Flehen herfuͤhret. Wiewoll er es so warscheinlich machet/ als es immer- mehr sein kan. Seine hier in gebrauch- te Critica ist so spitz und fein/ als jemahls Scaliger, Sanctius, Vossius oder Scioppius von der Lateinischen Sprache etwas moͤ- gen erdacht haben. Deßhalben wir die- ses Mannes sonderliche Geschicklichkeit und Faͤhigkeit in diesem Wercke sehr er- heben und allen andern vorziehen i i Daß Das III. Cap. Von der Etymologiâ Daß die Woͤrterforschung recht von statten gehe/ so solte billig ein vollstaͤndi- ges Woͤrterbuch oder Lexicon in Teut- scher Sprache geschrieben werden/ wel- ches Harstoͤrffer in seinem Specimine Phi- lologiæ Teutonicæ disq. 8. §. 13. mit unter seine zu Verbesserung der Teutschen Sprache zielende Vorschlaͤge setzet/ des- sen entwurff Herr Schottel in seiner Sprach-Arbeit vorgestellet. Aber noch zur Zeit ist nichts vollkommenes zum Vorschein gekommen/ da man hingegen in Welscher und Frantzoͤsischer Sprache so viel Muͤhe der Sprache halben an- gewandt. Man hat einige alte Glossa- ria, so billig in hohem werthe zu halten sein/ weil in diesen der ietzigen Sprache Stammwoͤrter zum theil stecken; Da ist des Rabani Mauri Glossarium Latino-The- odiscum, in tota Biblia Veteris \& Novi Testamenti, so noch nimmmer hervorge- geben. Dieses Buch hat Lambecius auff seiner Tyrolischen Reise irgend in einem Schloß unter alten Buͤchern gefunden/ und der Teutschen Sprache. und der Keyserlichen Wienischen Biblio- theck einverleibet/ hat auch versprochen in seinem Syntagmate rerum Germanica- rum es hervorzugeben/ welche Hoffnung nun verloschen. Er setzet den Anfang dieses Glossarii lib. 2. com. de Biblioth. Vin- dob. c. 5. p. 416. welcher also lautet Pikin- nant Samenunga Uuorto fona dero nivum anti deru altun Euu. Inchoant congrega- tiones verborum ex novo \& vetere testa- mento. Dieses ist warlich eine schoͤne antiqui tāt; dann es ist etwa Anno Chr. 847. geschrieben. Desselben Autoris Glos- sæ Latino-Theotilcæ de partibus humani corporis/ wie auch de inventione lingua- rum ab Hebraico ad Theotiscam \& notis antiquis, welche der Walefridus Strabo, auß seinem Munde in die Feder verfaßt/ hat Melchior Goldastus dem andern tomo seiner Rerum Alemannicarum part. 1. p. 65. \& 66. einverleibet/ welche auch unter den Wercken des Rabam, die zu Coͤln Anno 1607. heraußgegeben/ sich mit befinden. Es hat auch ferner ein Munch zu S. ii 2 Galle Das III. Cap. Von der Etymologiâ Gallen Kero genant/ Interpretationem vo- cabulorum barbaricorum, wie er die Teut- sche Woͤrter nennet/ geschrieben/ so an eben demselben Ohrt bey Goldasto à p. 69. usq; 92. befindlich. Derselbige Melchior Goldastus hat in seinem Tom. I. Rerum A- lemannicarum ein Glossarium hinzugesetzt/ wie auch Marq. Freherus in dem seinigen/ welcher auch ein vollstaͤndiges Lexicon Etymologium der Teutschen Sprache versprochen/ wie Melchior Adami in sei- ner Lebensbeschreibung bezeuget. Er hat auch vorgehabt ονομαϑέτην s. de no- minibus propriis Alemannorum tractatum. Wovon der Herr Lutherus ein absonder- lich Buͤchlein auch geschrieben/ das von Gottfried Wegener mit Anmerckungen neulich wieder heraußgegeben. Aber des Freheri Arbeit ist ohn Zweiffel verlohren gegangen/ welcher Verlust traun nicht wenig zu bedauren. Man hat auch ein altes Lexicon Germanico-Latinum, wel- ches unter dem titul Teuthonista oder der Teutschlānder zu Coͤln Anno 1477. ge- druckt der Teutschen Sprache. druckt. Der Autor nennet sich am Ende desselben/ woselbst diese Worte sich befin- den. Explicit præsens vocabulorum ma- teria à perdocto eloquentissimoque viro Dno. Gerhardo de Schuren, Cancellario illustrissimi Ducis Clivensis ex diversorum terministarum voluminibus contexta. In der Vorrede setzet der Autor Huguico- nem vetustissimum \& amplissimum termi- nistam huic operi penè totum inserui ali- osque etiam totos immiscui. Worauß zu sehen/ daß noch einige andre uns un- bekante Lexicographi damahls gewesen. In diesem Buche finden sich unterschied- liche ietzo ungebrāuchliche alte Teutsche Woͤrter. Es findet sich auff unser Aca- demi schen Bibliothec eines Anonymi ge- schriebenes Latino-Germanicũ Glossarium, welches aber nach dem so genanten Ca- tholico erstlich herauß gekommen/ und mit den obigen eines Alters zu sein schei- net. In der Niederlāndischen Sprache hat Cornelius Kilianus eine gute Arbeit gethan/ dessen Etymologicum Teutonicæ ii 3 lin- Das III. Cap Von der Etymologià linguæ sehr offt heraußgegeben. Wird von Lipsio und andern gelehrten Leuten billig hoch gehalten/ dann es finden sich offtmahls sehr gute Anmerckungen dar- innen. Es ist aber nachgehends unter dem Titul Kiliani aucti sch aͤndlich gestuͤm- melt hervorgekommen/ woruͤber der Franciscus Junius in seiner Vorrede uͤber des Willerami Paraphrasin sehr klaget/ und die Obrigkeit ermahnet/ daß sie solche stuͤmmelung/ die zum Nachtheil des Va- terlandes gereichen/ straffen und nicht zugeben soll. Er nennet das vollstān- dige Werck billig eximium Belgarum o- mnium Thesaurum. Es hat im Jahr 1616. Georgius Henischius ein gelehrter Mann unter dem Titul Thesauri Linguæ \& Sapientiæ Germanicæ den ersten Theil eines Lexici heraußgegeben. Er aber ist nicht weiter als biß zu dem Buchstaben H gekommen. Er hat alle Teutsche sy- nonyma, derivata, phrases, composita, epi- theta, proverbia, anthiteta bey jegliche Woͤrter gesetzet/ und were eine sehr nuͤtz- liche der Teutschen Sprache. liche Arbeit gewesen/ so er sie zu Ende gebracht. Aber von den Uhralten Woͤr- tern findet man so gar viel nicht darin. Es ist auch der gelehrte Lindenbrogius mit solcher Arbeit schwanger gegangen dann es schreibet Grotius Epist. ad Gailos 144. ad Cordesium: Laborat nunc Linden- brogius in concinnando Lexico veteris ser- monis Germanici \& multa habet adjumen- ta, quæ nec Spelmannus, nec alii habuerunt. Erit id opus eruditis nec ingratum nec in- utile. Dieses ist aber niemahls hervor- gekommen/ nur daß mir berichtet/ ob were noch in Bibliotheca Hambuigensi ein Glossarium MStum von ihm verhanden: halte aber es sey nur das Glossarium La- tino-Theodiscum, daß er offtmahls in seinen Schrifften anfūhret. Das jenige so er uͤber den Codicem Legum geschrie- ben/ ist Anno 1613 heraußkommen Hat also dieses eine andere vollstaͤndige Ar- beit sein sollen. Es were dieser Mann sehr bequem zu diesem Wercke gewesen/ weiln er eine grosse Kunde in den alten ii 4 Glos- Das III. Cap. Von der Etymologiâ Glossariis gehabt/ wormnen sich meistens Teutsche Woͤrter befinden/ wie auch bey dem Isidoro viel derselbigen mit Lateini- schen terminationibus sein/ welche Bar- thius Adversar. lib. 7. c. 13. angemercket. Noch ist von meinem vormahls lieben Freunde/ dem Sehl. Herrn D. Johann Bernhard Zinzerling/ des Justi Zmzerlingii Sohne/ eine vollstaͤndige Arbeit eines Teutschen Lexici vorgenom- men gewesen/ das er mit grossen Fleiß in schoͤner Ordnung zusammen getragen/ welches ich gesehen und gelesen. Es ist aber durch seinen fruͤhzeitigen Tod diß Werck unvollkommen geblieben. Ist also bißhero nichts hauptsaͤchliches bey den Teutschen hier in geschehen/ und blei- bet diese Muͤhe noch einem getreuen Lieb- haber des Vaterlandes/ und gelehrten Mann vorbehalten. Hiezu gehoͤret auch/ daß man frembde Woͤrter auß der Sprache außmustere; Diese sein entwe- der Kunst oder Rechtswoͤrter oder sonst auß frembden Sprachen der Teutschen mit der Teutschen Sprache. mit eingemischt. Der Kunstwoͤrter hat Zeiler Cent. 3. Ep. 35. einen Theil verdeut- schet. Es ist auch ein gantzes Buch da- von neulich geschrieben. Dieses hat auch Harstoͤrffer unter andern mit zur ver- besserung der Teutschen Sprache vorge- schlagen; auch sind unterschiedliche Sa- tyrische Schrifften uͤber solche mischung der Woͤrter verhanden. Es sein aber ei- nige gar zu aberglaubisch hierin/ die auch die schon laͤngst bey den Teutschen auff- genommene Woͤrter nicht dulden wollen/ deren Thorheit billig zu verlachen ist. Nun solten wir auch die Theile der Etymologiæ als den Articulum, nomen, pronomen, verbum, participium, præpo- sitionem, Adverbium, Conjunctionem, interjectionem betrachten. Aber es sind hievon alle Buͤcher voll/ und hat Herr Schottel solches zur genuͤge außgefuͤh- ret. Will nur diese wenige Anmerckun- gen hinzu thun. Die Artirulos prono- mina und verba Auxiliaria findet man in der āltesten Gothischen und Teutschen ii 5 Spra- Das III. Cap. Von der Etymologiâ Sprache offtmahls außgelassen/ und an staat derer gewisse endigungen der Woͤr- ter/ dadurch der Unterscheid der Casuum temporum und personarum außgebildet wird/ wie in dem Anfang des Glossarii Rabaniani so wir droben angefuͤhret/ zu sehen/ und in dem was der Herr Zeiler in der 381. Epistel aus dem Micrælio her- bey gebracht. Ich solte aber den Ge- brauch der articulorum und verborum auxiliarium aͤlter halten/ und scheinet/ daß man hierin den Lateinern nachgeah- met habe. Von den Articulis hat der Menage in seinen Anmerckungen uͤber des Malherbe poëmata p. 325. dieses in Fran- tzoͤsischeꝛ Spꝛache eriñeꝛt/ daß dieselben vor die nomina propria gesetzt nicht woll klin- gen. Man saget also nicht recht le Ju- piter le Bachus, l’ Amour sondern Jupiter Bacchus, Amour. Er tadelt auch die I- taliaͤner/ die sich hierin verstossen. Die- ses muß gleichfalls in der Teutschen Sprache in acht genommen werden/ Aber wann ihnen epitheta beygesetzt sein/ so der Teutschen Sprache. so muͤssen die Articuli nothwendig gesetzt werden. Es kan auch bißweilen/ wann andere Nomina propria unter sich vergli- chen oder entgegen gesetzet werden/ der Articulus woll bestehen bleiben. Die En- digungen der Woͤrter werden fleissiggnug von den Grammaticis angezeichnet/ jeden- noch hat Vorstius in seinen observationibus cap. 5. angemerckt/ dz die endigung de von ihnen außgelassen/ welche sich findet in den woͤrtern/ freude/ begierde/ ziehr- de/ geluͤbde. Die endigungen auff (ft) und (st)/ sind gleichfalls vom Hn. Schot- tel außgelassen/ da doch viel Nominä, die von verois herkommen/ sich also endigen/ als brennen/ brunst/ ankommen/ ankunfft/ goͤnnen/ gunst/ verneh- men/ vernunfft ꝛc. Man findet auch beim Vorstio einige Anmerckung von der præpositione inseparabili wan cap. 11. Clau- bergius hat in seiner arte Etymologica Teutonum von der præpositione insepa- rabili Ver sehr weitlāufftig und gruͤnd- lich gehandelt/ und ihre vielfāltige Be- deu- Das III. Cap. Von der Etymologiâ deutungen mit den Bedeutungen des La- teinischen PER verglichen/ welche Woͤr- ter auch den Buchstaben nach gaͤntzlich uͤbereinkommen. Wer die richtige Ord- nung der Theile darauß die Wōrter zu- sammen gesetzet gleichsam als in einer Taf- fel und Spiegel sehen will/ sehe nur den fuͤnfffachen Gedenckring des hn. Har- stoͤrffers an/ welcher durch eine sinnrei- che Erfindung/ in dessen Rādern und Ringen die Woͤrter vor Augen gestellet/ daß nach dem dieselben geschoben werden/ bald dieses bald jenes Wort heraußkomt. Worauß dann die Kunstrichtigkeit gleich- sam als durch eine Mathematische demon- stration dargethan wird. Diese ist in seinem Poetischen Trichter zu finden. Un- ter die alten verba auxiliaria muß auch das Wort thun gesetzet werden/ welches sie zu den verbis activis hinzugesetzet/ und geschiehet solches noch heute bey vie- len Oberlāndern/ in taͤglichen Gebrauch der Rede. Daher der Herr Opitz es an etlichen Orthen zugelassen/ als wann er der Teutschen Sprache. er spricht: Ein fettes Haselhun/ wornach die Buͤrger sonst die Fin- ger lecken thun. So hat es Herr Rist in seiner Musâ Teutonica fast in al- len Carminibus. Solches ist nun zwar nicht zu loben. Aber es ist doch keine neuerung wie etliche meinen; Man hat auch dergleichen Verbum auxiliare noch heutiges Tages in der Englischen Spra- che. Dann sie conjugiren also I doe love ich thue lieben und so ferner. Wer aber recht sauber reden will/ der lasse die- se unnoͤthige periphrases fahren. Und so viel von der Etymologiâ. Das IV. Cap. Von der Syntaxi der Teutschen Sprache. Einhalt. S Yntaxis der Teutschen Sprache komt mit der Griechischen insonderheit uͤberein. Sie ist der na- Das IV Cap. Von der Syntaxi natuͤrlichen Ordnung gemaͤß. Syntaxis Poëtica ist sehr verschieden von der Prosaica. Elocutio Po- etica muß nicht allzu prosaisch sein. Ob man die Syntaxin Poeticam nach der Prosaica richten muͤsse. Diß meinen viele. Andere gebrauchen groͤssere Freyheit. Es findet einige Versetzung der Woͤrter in den Versen staat. Es werden Exempel ange- fuͤhret. Die Ordnung der Woͤrter ist in einem Reimgebaͤnde anders/ als ungebundener Rede. War- um die Lateinische Sprache die Versetzungen besser vertragen kan/ als die Teutsche. An der zusam̃en- setzung der Woͤrter ist sehr viel gelegen. Aristotelis Urtheil von den Poetischen Versetzungen. Exem- pel der Versetzung in einer Teutschen Rede. Ver- setzungen in Lateinischer Poesi. Wird unbillig von Sorbier getadelt. Exempel einiger Lateinischen Verse/ die durch gewisse Woͤrter/ nach dem sie ge- setzt/ gezieret/ oder verunzieret werden. Desmarests Urthel von den Versetzungen in der Frantzoͤsischen Sprache. Joh. Bellini Syntaxis Præpositionum Germanicarum. Dergleichen Arbeit solte mau in andern particulis in epithetis, antithetis, synony- mis vornehmen. W Ir kommen zu der Woͤrterfuͤ- gung in der Teutschen Sprache/ welche nicht weitlaͤufftig und ver- worren ist/ und zum Theil mit der La- tei der Teutschen Sprache. teinischen/ vielmehr mit der Griechischen uͤbereinkomt/ welches letzte Bernegger. quæst. 11. in German. Tac. mit einigen E- xempeln erwiesen. Ja sie folgt der na- tuͤrlichen Ordnung genauͤer nach/ als ir- gend eine andre Sprache/ worin ihr die Frantzoͤsische nachahmet/ welche der Herr Sorbier dieser Uhrsachen halber der Lateinischen in einem absonderlichem Bu- che/ wie wir droben gesehen/ vorgezo- gen. So hātte die Teutsche vielmehr Recht ihr den Vorzug anzumessen/ wañ man auff diesen Grund gehen wolte. Ich will hier nicht weitlaͤufftig die Reguln der Woͤrterfuͤgung anfuͤhren/ dann dieses ist zur gnuͤge von andern geschehen. Diß muß insonderheit in acht genommen wer- den/ daß in allen Sprachen die Syntaxis in Carmine von der Syntaxi in Prosa ver- schieden sey/ wie dieses in Griechischer und Lateinischer Sprache bekant ist/ und solches in dieser Masenius Palæstr. Eloq- ligatæ lib 2. c. 12. gar artig außgefuͤhret. So hat man auch im Teutschen Carmine biß- Das IV. Cap. Von der Syntaxi bißweilen eine Construction die in Prolâ nicht eben gebraͤuchlich ist. Daher es vor ein vitium gehalten wird/ wann die Außrede im Carmine allzu prosa isch ist/ welches nicht in dem Syntaxi allein/ son- dern auch in den Woͤrtern/ und der Re- de selbst bestehet. Dieses tadelt auch Menage in seinen Observat. uͤber den Mal- herbe liv. 5. da er diese Verse des Autoris erklaͤret: Ou trouves-tu qu’ il faille avoir semè son bien, \& ne recueillir rien. Dann er sagt hievon: Ces vers son trop prosai- ques, qui est le plus grand defaut des vers, comme celui de la prose, d estre trop po- ëtique. Wann wir nun vieler Teutscher Poeten Verse besehen/ so finden wir/ daß diß Laster bey vielen sehr gemein: Wiewoll bey der Teutschen Sprache es weniger getadelt wird/ als bey den an- dern. Ja es kommen einige so weit/ daß sie gar nicht zugeben wollen/ daß man im geringsten die Construction endere/ die in Prosâ gebraͤuchlich ist/ vermeinen/ daß man alsdann die hoͤchste Zierlichkeit im der Teutschen Sprache. im Teutschen Carmine erhalten. Einige gehen gar zu weit/ und gebrauchen sich einiger Versetzungen/ die den Teutschen Ohren gar unlieblich klingen; welche Freyheit bey den Oberlaͤndern sehr ge- mein ist/ Und findet man deren sehr viel Exempel bey Harstoͤrffer/ Klai und andern. Also klinget es der gebrāuchli- chen Außrede zu wider. Die Geigen nicht schweigen/ versuͤssen den Laut. wie auch dieses: Die schoͤne Reuterey in schoͤner Ordnung steht Ein jeder ruͤstet sich/ auff seinen Platz hingeht. Herr Christian Weise/ der einen Un- terricht von verfertigung der Teutschen Getichte seinen Getichten angehaͤnget/ ist gar zu sorgfaͤltig in diesem stuͤcke/ wann er die Constructionem Prosaicam zu einer vollkommenẽ Richtschnur setzet; Vermei- ne derohalben nicht/ daß die von ihm angefuͤhrte Verse Der Himmel mag stuͤrmen/ mag hitzen und blitzen: Wann unter den Schirmen der Liebe wir sitzen so gar zu tadeln/ ja ich vermeine vielmehr/ daß es besser klinge/ wann in kk dem Das IV. Cap. Von der Syntaxi dem Verß an solchem Ohrte dz Woꝛt wir gesetzet werde. Ich hielte davor man solte auch in Prosa bißweilen solche Ord- nung der Woͤrter belieben koͤñen. So sind auch diese arten zu reden: Ich werde gehen ein/ und andere dergleichen in Poẽsi nicht allein zu dulden/ sondern die Nothwendigkeit selbst gibt uns die Thei- lung dieser Woͤrter an die Hand. Dann solche Woͤrter als eingehen/ außge- hen/ abnehmen/ auffkommen/ und viele andere/ gar schwerlich einen Ohrt im Teutschen Metro finden/ wann man sie nicht vonander trennet/ welche tren- nung dañ auch in Prosa bißweilen geduldet wird. Zugeschweigen daß der Reim offt- mahl von der Prosai schen Construction ableitet/ welches nicht woll zu vermeiden ist. Es ist die gebundene Rede einer ge- wissen art der Versetzung fāhig/ die in der ungebundenen Rede keinen staat fin- det: insonderheit/ wann der Nachdruck der Woͤrter selbst solche an die Hand gibt/ weiches das Urtheil der Ohren bey einem ver- der Teutschen Sprache. verstaͤndigen Maun nur allein begreiffen kan. Man versuche es nur/ und nehme eine Ode aus dem Flemming oder jemand anders/ und setze an statt der Reimwoͤr- ter/ andere gleichdeutige/ die sich nicht reimen/ so wird man klaͤrlich sehen/ wie so gar nicht die Ordnung der Rede/ mit derselben/ die man in Prosa gebraucht/ uͤbereinkomme. Dann daß Maaß der Fuͤsse/ das Reimgebānde/ gibt der Re- de eine eigene Gestallt/ die woll klinget/ wann man sie mit den Reimen und in demselben maaß lieset; uͤbel aber/ wann man sie davon absondert. In der La- teinischen Sprache kan man dieses klār- lich sehen/ in welcher die vielsylbigen Woͤrter und derselben Maaß eine sonder- liche art von Versetzung erfodern/ die in Prosa durchauß nicht klinget. In der Teutschen/ weil sie verba auxiliaria, articu- los, und pronomina gebraucht/ laͤßt sich diese art der Versetzung nicht anbrin- gen. Dann weiln diese bey allen nomi- nibus und verbis stehen/ so lāst sich dieser kk 2 Band Das IV. Cap. Von der Syntaxi Band nicht trennen/ und muͤssen die adverbia und andere Particulæ ihren ge- wissen Platz behalten/ der in Lateini- scher Sprache sich vielfaͤltig āndern kan. Diß ist eben der so genante Numerus in der Rede/ der noch viel geheimes in sich hat/ und von niemand noch zur Zeit recht untersuchet ist. In Lateinischer Spra- che hat es viel auff sich/ so gar/ daß ich den vor den besten Meister derselben halten will/ der von dem rechten positu der Woͤrter wird urtheilen koͤnnen/ wel- che Kunst dem Ciceroni und Virgilio in- sonderheit mit tieffsinnigen Nachden- cken abzuiernen ist. Es glaͤubt niemand/ was doch warhafftig ist/ quod voces \& phrases per se bonæ solâ juncturâ fieri pos- sint ineptæ \& degeneres. Aber hievon kan an einem andern Ohrt weitlaͤuffti- ger geredet werden. Die Griechen und Lateiner haben jederzeit das genus Orati- onis πεφυκός und πεπλαςμένον unterschie- den. Dist letzte ist/ was in Orationibus und Carminibus gebraucht wird/ da ge- wisse der Teutschen Sprache. wisse Inversiones und Versetzungen staat finden. Aristoteles hat in seinem Buch de Poëtica c. 12. vom Ariphrade angefuͤh- ret/ daß er die Tragœdos außgelachet/ welche δωμάτων ἀπὸ vor ἀπὸ δωμάτων: Α᾽χιλλέως περὶ vor περὶ Α᾽χιλλέως gesagt: A- ber Aristoteles urtheilet gantz anders/ dann er beschuldiget den Ariphradem der Unwissenheit/ daß er nicht unter eine ge- meine und poetische oder vielmehr tra- gische Rede zu unterscheiden gewust. Bey dem Homero und andern findet man sol- cher Exempel eine grosse Menge. Ist also auch nicht ungereimt/ wann ich sa- ge/ daß in der Teutschen Poesi einige Versetzung/ jedoch nach art der Spra- chen/ zugelassen sey. Wir wollen dessen ein Exempel nehmen. Es ist eine Enun- ciatio die in richtiger Ordnung steht/ wañ ich in gemeiner Rede spreche: Ich wil Gaben bringen. Da stehet das Prono- men vor/ das verbum auxiliare folget. Das verbum schliesset/ und hat seinen Accusativum vor sich: aͤndert man diese kk 3 Ord- Das IV. Cap. Von der Syntaxi Ordnung; so hat es so fort einen fremb- den Laut. Wann es aber in einen andern contextum gesetzt wird/ als wann ein membrum vorhergehet/ drauff das andere eine ἀπόδοσιν hat/ so veraͤndert sich der numerus also fort. Zum Exem- pel: Wann nun das Neu Jahr komt/ so will ich Gaben bringen. Da wird das pronomen hinter dem ver- bo auxiliari gesetzet. Der Accusativus kan hinter dem verbo gesetzt werden/ wann etwas auff den Accusativum folget/ das sich auff denselben referiret als: Wann andre bringen Gold/ so will ich bringen Gaben/ Die keine Zeit verzehrt. Dann die Antithesis unter Gold und Gaben macht diese uͤbereinstimmung/ die in den Ohren nicht unlieblieblich klin- get; Man koͤnte zwar auch den Accusati- vum vorsetzen/ aber es hat einen viel groͤssern Nachdruck/ wann er hinten hergesetzet wird. Dergleichen Verß ist bey dem Flemming Diß/ was uns ist Verlust/ ist Mutter/ dein Gewinn. Hie der Teutschen Sprache. Hie stehn die Wort Verlust und Gewinn gleichsam in Antithesi, eines in der Cæsur, das andere am Ende/ dadurch es die Harmonia lieblich macht. So kan ich auch in vorigẽ Exempel den Dativum Dir hintenan setzen/ der sonst vorher geben muß/ wann etwas anders drauff folget/ als: Wuͤnsche wil ich bringen Dir/ Dir/ dn mein ander Hertz. Hie steht der Accusativus vor und der Dativus hinter/ gantz wieder die ordent- liche fuͤgung der Rede. Weil die Empha- sis und der Gegensatz offtmahls eine un- ordnung der Woͤrter veranlasset/ die sonst ungebraͤuchlich ist. Ich habe in ei- nem Carmine diese Verse gesetzet Rom ist hie und Athen Als wie im Schauplatz noch der Nachwelt anzusehn. Diese Versetzung der Woͤrter wuͤrde viel- leicht jemand tadeln/ dann ich haͤtte sa- gen sollen hie ist Rom und Athen. Aber es ist der Klang der Woͤrter viel besser/ wann ich das Wort Rom vor- kk 4 setze. Das IV. Cap. Von der Syntaxi setze. In Lateinischer Poësi findet man Versetzungen beym Virgilio, da fast al- les untereinander verworffen zu sein schei- net. Es ist gar eine figur σύγχυσις ge- nannt. Solche wird vom Virgilio mit grossem Verstande gebraucht. Dann was der Laboureur oder Sorbier in seinem Buch Avantages de la langue Francoise sur la langue Latine wieder diese Versetzun- ge p. 66. anfuͤhret/ ist von keiner Er- heblichkeit. Daß uns die Versetzung in der Lateinischen Sprache dunckel vorkom- inet/ komt nicht nur daher/ daß wir die alte pronuntiation nicht wissen/ wie Slu- sius in der Antwort auff des Sorbieri Buch meinet/ sondern vielmehr aus die- sem Grunde/ weil wir des Rhythmi und numeri gantz unerfahren sein. Was der positus der Woͤrter in Lateinischen Ver- sen vermag/ kan man aus diesen Exem- peln sehen. Der bekandte Verß des Virgilii: Tityre, tu patulæ recubans sub teg- mine fagi, wuͤrde gar uͤbel lauten/ wann ichs also ānderte: Tu patulæ recubans sub tog- der Teutschen Sprache. tegmine, Tityre, fagi. Tibullus schrei- het gar zierlich. Me retinent vinctum for- mosæ vincla puellæ, \& sedeo duras ianitor ante fores. Kehrt man die Woͤrter um auf diese art. Formosæ retinent vinctum me vincla puellæ, duras \& sedeo ianitorante fo- rës, klingt es uͤbel. Propertius saget: Cynthia prima suis miserum me cepit ocellis, lautet viel besser/ als wann man also schriebe. Prima suis miserum me Cynthia cœpit o- cellis. Wuͤrde mann den so lieblichen Verß des Virgilii: Molli paulatim flavescet campus arista, anders umsetzen/ wie es dann wol dreymahl geschehen kan/ man wūrde ihn so fort veꝛderben/ theils daß der positus verborum sich nicht so woll schicket/ theils daß die consecutio pedum, nicht die erste Lieblichkeit hat. Is. Vossius hat in seinem Buch de Poëmatum Cantu p. 42. angemerckt/ daß in prosa an dem positu verborum gleichfals sehr viel gelegen. Quis non perinde esse putet, sagt er/ si quis dicat: vir est optimus, aut vir optimus est? Auribus tamen minimè satisfacere cre- kk 5 de- Das IV. Cap. Von der Syntaxi debatur, si quis vel in communi sermone posterius usurpasset. Der Herr Desma- rests, der das Poëma Clouis oder la France Chrestienne in Frantzoͤsischer Sprache ge- schrieben/ hat in seinem Advis, das er hin- ten angehaͤnget/ erwiesen/ daß in einem Frantzoͤsischen Poëmate gleichfalls die Versetzungen die beste Zierlichkeit ma- chen. Denn er saget: La Poësie Fran- çoise n’ a rien de plus beau, que ces nobles inversions, que Malherbe a si bien faites; ou l’ on reserve au dernier vers â designer la personne de qui l’ on parle; parce que l’ esprit attend avec grand plaisir, ce nom que sembloit devoir estre au commence- ment. Er fuͤhrt dessen unterschiedliche Exempeln an/ und straffet seine Lands- leute einige/ die gar keine Inversiones dul- den wollen/ nennet es une pauvre \& mi- serable politesse deren sie sich hierin zu ge- brauchen vermeinen. Sein Urtheil lau- tet also: Ce seroit une pure foiblesse que d’ abandonner la force en ces rencontres pour de tels scrupules; pourveu que l’ on n’y der Teutschen Sprache. n’y retombe pas souvent. Et l’ on recon- noist bien, si le Poëte n’ a pas voulu per- dre la force de son expression, pour une consideration moins forte. Dieses alles wird sich in der Italiaͤnischen Sprache gleichfalls also finden/ und sehen wir hierauß/ daß nicht alle Inversiones zu ver- werffen/ und nicht allein koͤnnen gedul- det werden/ sondern bißweilen/ insonder- heit in Heroico Carmine, nothwendig sein. Was sonst noch ferner von dem Syntaxi in Teutscher Sprache konte gesaget wer- den/ solches ist vom Herrn Schotteln weitlaͤufftig außgefuͤhret. Die Constru- ctio der Præpositionum muß in- sonderheit im Teutschen woll in acht ge- nommen werden. Hievon hat Johannes Bellin ein nuͤtzliches Buch geschrieben/ welches ausserhalb der uͤblen Schreibart/ die dar in enthalten/ sehr woll zu gebrau- chen/ were aber besser/ daß er die Latei- nische uͤbliche terminos behalten hātte/ weil er durch die neue von ihm ertichtete Teutsche Kunstwoͤrter die Reguln sehr dun- Das IV. Cap. Von der Syntaxi a dunckel macht. Es were eine feine Ar- beit/ wann man andre particulas mit gleichen Fleiß behandelte/ und sie inson- derheit betrachtete/ wie sie mit andern Woͤrtern und Gliedern der Rede zu fuͤ- gen. Man solte auch die synonyma, e- pitheta, antitheta, phrases in Teutscher Sprache zusammen lesen/ wie man dergleichen in der Lateinischen hat. Worinnen Rudolff Sattler einen klei- nen Anfang gemacht/ und Henischius in seinem unvollkommenen Thesauro lin- guæ Germanicæ. Aber noch zur Zeit hat niemand sonderlich hierauff gedacht/ und ist doch gewiß/ daß in diesen Stuͤ- cken am allermeisten die Fuͤgung einer foͤrmlichen Rede bestehe. Das der Teutschen Sprache. Das V. Cap. Von der Prosodia der Teutschen Sprache. Einhalt. E S sein viele/ die die Teutsche Prosodiã beschrei- ben. Hr. Opitius. Und vor ihm Johann Engard/ und noch ein ander Anonymus. Nach ihm Herr Buchner. Titius. Schottel. Tscherning. Georg Neumarck. Caldenbach. Harstoͤrffer. Sigismundus Betulius von Bircken. Johann Ludewig Prasch. Die quantitas im Teut- schen ist anders/ wie im Lateinischen und Griechi- schen. Diese art die Sylben zu messen ist neuer als jene. Ob die Lateinischen metra im Teutschen nachgemacht koͤnnen werden. Plempius hat im Niederlaͤndischen solches thun wollen. Exempel eines Sapphi schen/ Jambi schen/ und Hexametri Car- minis. Constantini Hugenii Elegia im Niederlaͤn- dischen. Teutsche latinisirende Carmina von etli- chen gemacht. Burchardi Berlichii Teutsche He- xametri Leonini. Dergleichen Verß im Spani- nischen Italiaͤnischen und Frantzoͤsischen. Sorbieri und Casauboni Urthel hievon. Aquilonius hat in Daͤnischer Sprache die Lateinischen metra einfuͤhren wollen. Exempel des Vater Un- sers Das V. Cap. Von der Prosodia sers in einem Daͤnischẽ Phaleuco. Baconis Verulamii Urthel von dergleichen metris. Einiger Autorum sonderlicher Handgriff im Verse machen. Kir- cheri Artificium Poeticum. Webbe eines Engel- laͤnders vermeintes Kunststuͤck/ wie einer der Lateini- schen Sprache unwissend Verse machen koͤnne. Stanislai Minck von Weißheun Teutscher Proteus. Quirini Kuhlmans vorgegebenes Kunststuͤck. Ur- thel von diesen Erfindungen. Ein Vorschlag die Woͤrter unter die Pedes zusammen zu lesen. Nu- tzen solcher Arbeit. Die Reime geben bißweilen Erfindungen an die Hand. Von der quantitate der dreysylbigen zusam̃engesetzten Woͤrter im Teu- schen. Von den Monosyllabis. Die vervielfaͤl- tigung derselben kan im Teutschen nicht vermieden werden. Menagii Urthel von den Einsylbigen Woͤrtern im Frantzoͤsischen. Einsylbige Endigun- gen der Verse. W Ir kommen endlich auff die Pro- sodiam selbst/ welche von der Quantitate Syllabarum, Pedibus, Met ri , und was zu diesem gehoͤrig ist/ handelt. Hierin ist von vielen weitlāuff- tig geschrieben/ daß man auch alles was zu der Kunst gehoͤret/ herbey gebracht. Weß- der Teutschen Sprache. Weßhalben unnoͤthig ist/ daß wir uns darin auffhalten. Herr Opitz/ der zum ersten die Teutsche Poesie in Richtigkeit gebracht/ hat auch eine Anleitung dazu geschrieben/ welche offtmahls und auch mit Hannemans Anmerckungen herauß- gegeben. Vor ihm sind zwar einige ge- wesen/ die hier in etwas geschrieben/ die mir nie zu Gesichte gekommen. Es ge- dencket Draudius eines Johann En- gard/ der ein Buch mit diesem titul zu Ingolstad Anno 1583. in 8. heraußgege- ben: Teutsche Prosodia, das ist: Nothwendiger Unterricht/ auf wel- cherley weise und art in teutscher Sprache Verß und Reimen nach rechter poetischer Kunst zu ma- chen/ und noch eines andern Anonymi von dem zu Magdeburg Anno 1605. ein Buch heraußgekommen/ genannt: Epa- tologica Hieroglyphica Rhythmica. Neu Formular zierliche Reime vorzu- bringen. Es ist aber leich t zu erach- ten/ daß dieser Leute ihre Arbeit dem Trieb Das V. Cap. Von der Prosodia Trieb dieser Zeit gleich gewesen. Nach Herrn Opitz hat Herr Buchner eine Teutsche Prosodiam geschrieben/ worin dieser trefliche Mann eine richtige Maaß gesetzet/ welcher man hier in zu folgen ha- be. Ich muß auch allhie meines sehr wehrten Freundes des Herrn Titii nicht vergessen/ welcher zwey Buͤcher von der Kunst Hochteutsche Verse und Lieder zu machen/ her außgegeben. Worinnen alles viel vollstaͤndiger vorgetragen/ und eine ungemeine Gelahrtheit gezeiget wird/ der auch selbst eine saubere art zu schreiben nicht allein in Teutscher son- dern auch in Lateinischer Sprache ge- wiesen. Nachgehends haben auch un- terschiedliche in Prosodicis was ans Licht gebracht. Des Hn Tschernings Teut- sche Anmerckungen haben wir schon viel- mahls angefuͤhret. Hn. Schottels Arbeit ist allen bekant. Georg Neu- marcken Poetische Taffeln/ mit den ge- lehrten Anmerckungen/ verdienen billig ihr Lob/ Caldenbach hat eine Poëticam. Ger- der Teutschen Sprache. Germanicam in Lateinischer Sprache ge- schrieben/ und zugleich einge zu verfer- tigung unteꝛschiedlicher Carminum dienen- de Ideas mit hinangesetzet. Des Herrn Harstoͤrffers Poetischer Trichter ist gleichfalls niemand unbekant/ und mit vielen gelehrten Discoursen, und nuͤtzli- chen Huͤlffsmitteln angefuͤllet. Herr Weise hat auch einige gute Lehrsaͤtze hervorgegeben. Sigißmund Betu- lius von Bircken hat vor etli- chen Jahren eine Anweisung zur Teut- schen Poesie geschrieben/ worinnen eini- ge sonderliche dinge vorkommen. Der aus vielen schoͤnen Schrifften wollbekan- te Johann Ludewig Prasch hat auch neulich von fuͤrtreflichkeit und verbesse- rung Teutscher Poesie seine gelahrte Ge- dancken der Welt mit getheilet: Wor- in er insonderheit weiset/ wie der Laut der Sylben/ quantitas Syllabarum, in Carmine besser’ in acht zu nehmen sey. Diese sein die vornehmsten die sich in diesem Stuͤcke hervor gethan: vieler andern zu geschwei- l l gen Das V. Cap. Von der Prosodia gen/ die sich ohne Noht bemuͤhet. Ist also nicht noͤthig hierin sich weitlaͤufftig auffzuhalten. Das erste damit die Prosodia um- gehet/ ist/ daß die quantitas Syllabarum woll in acht genommen werde. Sel- bige ist nun in der Griechischen und La- teinischen Sprache mehr auff die Eygen- schafft der Buchstaben gerichtet/ als in der Teutschen/ Frantzoͤsischen und Itali- ānischen/ welche nur bloß auff den Accent gehen. Nachdem derselbe die Woͤrter erhebet oder niederdrucket/ nach dem muß auch die quantitas Syllabarum sich richten. Wie nun bey den Griechen und Latei- nern ihre quantitas Syllabarum mehꝛ Kunst hat/ so folgt bey uns die quantitas Sylla- barum der Natur und Außsprach. Deñ auch der Griecheñ und Lateiner Woͤr- ter vor alters nicht anders als die unsri- ge gewesen/ nachgehends aber sein durch die verschiedene endigungen/ Zertrei- bung der Consonantium, diese Sprachen in eine gantz andere Form gegossen/ und hat der Teutschen Sprache. hat nach dem die quantitas Syllabarum sich geaͤndert/ das metrum und selbst die Music sich auff diesen Grund fast gese- tzet. Nach der Griechischen und Latei- nischen Sprache aber zu urtheilen/ so hat die Teutsche Sprache mehr Molossos und Spondæos als eine eintzige/ deßhal- ben wurde das in dem Lateinischen und Griechischen uͤbliche metrum sich zu dersel- ben nicht schicken. Die andern Spra- chen als Italiaͤnische/ Spanische uñ Fran- tzoͤsische/ weiln sie der Lateinischen etwas naͤher kommen/ haben eine groͤssere Ver- ānderung der Pedum, als bey uns. Sie sind aber dennoch gleichwoll des Lateini- schen metri nicht faͤhig. Es haben sich zwar einige bemuͤhet dergleichen metrum in dem Teutschen auffzubringen: Aber es will sich durchauß bey unsern Ohren nicht schicken. Plempius hat in seiner Orthographia Belgica eine solche art zu Poetisiren in der Niederlaͤndi- schen gesucht. Zu dem Ende er die Ver- doplung der Consonantium in den infini- l l 2 tivis Das V. Cap. Von der Prosodia tivis und andern Woͤrtern auffhebet/ wel- che er fuͤr unnoͤthig hālt. Daher dann solche Sylben ihm lang oder kurtz gesetzt werden/ nachdem die Natur des vocalis es erfodert. Er hat die 10. Ode des 2. Buchs aus dem Horatio in ein gleiches Sapphisches Niederlåndisches versetzet/ dessen Anfang also lautet: Leeft vvel, en dringd, als schip-er hooge baren Niet te seer, niet al te bedeest in onvveer Siinde, feild ontrent rif-en, of gevaer van Sandige banken. \&c. Er hat allhie aus dem Wort Schipper das eine p aus dem Wort riffen, das ei- ne f weggeworffen. Er hat noch ande- re als Phaleucos, Jambos im Niederlān- disch gesetzet/ aber die Reimen am Ende behalten. So klingen diese Jambi nicht so gar ungereimt Het kleine hert, dan’t groote veel is moediger, De lichte voet, dan svvaere veel is spoediger \&c. Das Vater Unser hat er in Niederlaͤn- dische/ aber auch am Ende reimende He- oxametrs versetzet: On- der Teutschen Sprache. Onser al-er Vader tot in Heemelen hoochste ver heeven (ven \&c. U diin heilige naem moet vverden, en eere gege- Constantinus Hugenius hat in seinen Nie- derlaͤndischen Getichten ein Elegiacum nach art des Lateinischen gemacht/ aber die uͤbliche quantitatem Syllabarum behalten/ jedoch ohne Reimen. Es faͤnget also an. Muyden ik legg te bedde gevelt veel platter als yemant, (kust. Die mette vallende sucht d’ aerde van achtere Koortsige kolen in helderen brand verlange ver- andert (nochtans \&c. Doen my den andeen dagh vreesen en vieren In Teutscher Sprache haben auch eini- ge die Latinisi rende Carmina gemacht: Gleich wie dieses/ das jemand auff Herꝛn Opitium geschrieben. (ehret/ Unser/ Opitz/ Teutschland/ dir jungst die Sprache ver- Welche mit hoͤchstem Fleiß suchte der edle Poet. Ei so danck demselben fuͤr die trefliche Muͤhe Daß auch den Teutschen sind die Getichte bekant. Der in der Teutschen Bibel ungefehr vorfallende Hexameter ist auch von unter- schiedlichen angemerckt: Und Isaac schertzet mit seinem Weibe Rebecca. Burchardus Berlichius der ein Buch de Ju- l l 3 re Das V. Cap. Von der Prosodia re Novercarum geschrieben Anno 1628. hat die versus Leoninos im Teutschen nach- ahmen wollen/ indem er die Pflicht der Stieffmuͤtter in solche art Verse begrif- ffen/ welche aus dessen Buch part. 1. art. 5. sect. 8. der kurtzweil halber ich hieher se- tzen will: Ein fromm Stieffmutter thut die verstorbene Mutter Fast wieder erwecken; Sie thut gleichfoͤrmige Wercke Liebt ihren Ehgatten/ dem sie nach Wunsche gerathen/ Macht ihm viel Freuden/ die macht sie lang ohne Leiden. In Zorn deßgleichen/ sie thut ihm mit Gnade weichen. Hilfft ihrn Stiefftindern/ und mag sie nichts daran hin- dern Dieselb sie liebet; Sie nie kein Schande veruͤbet/ Hilfft ihnn zu freyen: Hilfft sonst zu dem/ so gedeyen Denselben bringet: Sie fleissig nach deme ringet/ Was Gott/ was G'wissen/ was der Nechst koͤnne geniessen. Ist nicht ein Starbock/ odr sonst ein garstiger Harbock: Ist auch nicht untreu/ was recht ist/ sie thuet ohn schen Ist keusch/ ist nehrlich/ ist freundlich/ wandelet ehrlich/ Ist nicht den Kindern haͤssig; nicht sauerer Essig: Will nicht verletzen/ da sie doch koͤnte verhetzen Den Mañ gegn Kindern: Sondern will gerne verhindern Daß der boͤse Vater mit ihn nicht anfaͤhet Hader. Das gut sie mehret/ das Hauß sie glinde regieret. Hilfft Ungluͤck wenden/ hilfft aus den armen Elenden. Die Toͤchtr imgleichen sie zieht/ als weren ihr eigen In Zucht und Tugend. So gibts daher artige Jugend. In der Teutschen Sprache. In Summ was billig/ das thut dieselbige willig Und trifft das Mittel. Dergleichen Versus Leoninos, wie auch an- dere nach Lateinischer art/ hat auch Cam- panella im Italiaͤnischen und Spanischen geschrieben/ und meinet daß solche gar wol und leicht in denselben zu machen. Dann er saget Poetic. cap 10. art. 2. Hanc mensu- rā nec in Italica vulgari, nec in Hispanica, nec in Gallica habemus: sed potest facile inve- niri, \& eleganter, uti in versificatoria Ita- lica ostendi, \& in nostris canticis plurima sunt vulgaria metro latino composita. Sorbier hat in dem Buch/ daß er von der Frantzoͤsischen Sprache geschrie- ben/ dessen wir droben erwehnet p. 227. von derselben eben solches be- hauptet: daß es nicht unmoͤglich die La- teinischen metra darin nach zu machen/ gedencket auch des Rapini der dessen eine Probe gegeben/ welche der gelehrte Ca- saubonus in seinem commentario uͤber den Persium lobet. Bey dem Gesnero in seinē Mithridate findet man ein Exempel eines Teutschen Hexametri und Frantzoͤsi- schen Das V. Cap. Von der Prosodia schen Phaleuci. Joh. Gerh. Vossiꝰ meldet Inst. Orat. lib. 5. c. 5. p. 329. daß er im Niederlaͤndi- schen auch dergleichē gemacht. Es hat auch Aquilonius in seiner Manuductione ad Poe- sin Danicam insonderheit sich bemuͤhet die Lateinische art zu Poetisiren seinen Landsleuten beliebt zu machen/ wie er dann viel genera Metrorum Latinorum in Daͤnischer Sprache angefuͤhret/ uñ unter andern ein Heroicū auff die Stad Malmoͤ/ so zimlich weitlaͤufftig ist. Das Vater Unser hat er in einem Phaleuco Carmine verfasset welches also lautet: Fader milde der Himmelen besid der/ Nafnit være dit immer ærit hos os/ Os dit Rige bekomme lad oc infa/ Oc din Ville begas her oc forholdis/ Som den skeride Land her ofven erre. Vort Brod daglige gif met al behsring. Vor Skyld bortleg oc ey betale/ som vi Oc strax Skyldener alle vil benade/ Fra Fristelse bevare lengo/ fra alt o nt Rigit thi dit er/ ævig Ære/ Loff/ Prijs/ Mact oc Herlighed/ immer nden ende. Wir lassen zwar einem jedem in diesem Wercke seine uͤberfluͤssige Gedancken. Ich halte aber/ daß es eine vergebliche Ar- beit der Teutschen Sprache. beit sey/ eine Sprache wieder ihre Ey- genschafft in solches Gebaͤnde zu zwingen. Dieses urtheilet auch Baco Verulamius lib. 6. de augmentis scientiarum cap. 1. Il- lud reprehendendum, sagt er/ quod quidam antiquitatis nimium studiosi linguas mo- dernas ad mensuras antiquas heroicas, ele- giacas, sapphicas traducere conati sunt, quas ipsa linguarum fabrica respuit: nec minus aures abhorrent: in hujusmodi re- bus sensus judicium artis præceptis præpo- nendum. Ist also das beste/ daß man bey der uͤblichen Poesie im Teutschen bleibe/ und diese Kunst so viel als immer muͤglich ist/ außuͤbe. Von den Lehrsaͤ- tzen selbst wird bey andern weitlaͤufftig gehandelt/ worinnen man eben sich nicht so viel auffzuhalten. Dann es lernet sich die Poesis viel gluͤcklicher durch die Ubung an sich selbst/ als durch viele Reguln. Es haben sich auch einige gefunden wel- che sonderliche Handgriffe in dieser Kunst verheissen/ wodurch man ohne grosse Bemūhung also fort ein Carmen schrei- ben kōnne/ ob man gleich keine Prosodiam l l 5 ge- Das V. Cap. Von der Prosodia gelesen. Dergleichen artificium eignet ihm Kircherus im Lateinischen zu/ gleich wie er auch einige Erfindungen hat einen der Music unwissenden dahin zu bringen/ daß er etwas richtig in die Music setzen solle. Und geschicht eben auff solche art/ als wañ man durch die Virgulas Nepperi- anas rechnet ohne sondeꝛliche Wissenschafft der Rechenkunst. Dergleichen Arbeit hat lange vor Kirchero ein Engellaͤnder Webbe in einem absonderlichen Buch/ dessen titul: Usus \& autoritas loquens vor- gestellet/ worinnen einige Verse aus dem Ovidio in ihre pedes auffgeloͤset/ und nach Ordnung derselben die Woͤrter hinge- gesetzt. Wann nun einer Verse machen will/ der lieset die Woͤrter aus den pedi- bus zusammen/ daß ein Hexameter oder sonst was drauß wird. Aber es kan ein jeglicher leicht gedencken/ daß dieses eine armseelige Erfindung sey/ dadurch zwar Worte koͤnnen zusammengebracht wer- deu/ aber ohne Verstande und Geist. Im Teutschen hat Stanislaus Minck von Weinß- der Teutschen Sprache. Weinßheun/ oder der unter diesem Nah- men verborgen ist/ Johannes Justus Win- kelmann ein Buch genant Proteus geschrieben/ worinnen er nach der Lullia- nischen Kunst anweisen will/ wie ein jed- weder ohne Muͤhe alsobald etliche tau- send Verß machen und zu Papier brin- gen koͤnne. Er setzet des Lullii neun Faͤ- cher als Guͤte/ Groͤsse/ Bestaͤndig- keit/ Gewalt/ Weißheit/ Begier- de/ Tugend/ Warheit/ Ruhm. Diesen seyn so viel andre Contraria entge- gen gesetzt. Ein jedes Fach muß nach dem Alphabet in sich begreiffen 1. Substantiva. 2. Adjectiva. 3. Verba. Ein jegliches von den ersten Fāchern ist mit einem auff- gerichteten/ die contraria mit ei- nem umgekehrten Buchstaben gezeich- net. Wie offt nun die Buchstaben unter einander verwechselt werden koͤnnen/ so koͤnnen auch die Faͤcher durch einander gefuͤhret werden/ und was darunter enthalten zu einer Rede oder Carmine gebraucht werden. So hat auch Quiri- nus Das V. Cap. Von der Prosodia nus Kuhlman in seinem Prod r omo Quin- quennii mirabilis ein Buch verheissen/ dessen Titul sehr weit hinauß siehet: Ars magna Poëtica, Versificatoria, Rhythmi- ca in quâ porta ad Germanicam triplicem Poesin cum Deo aperienda, multa millia carminum genera docenda, Epitheta plus- quam 100000 Poëtica virtute inventorum novorum artis Alphabetorum eruenda: verbo: in paucis quibusdam methodus de- monstranda tantæ perfectitudinis, ut Teu- tonica lingua cum aliis non de copiâ solum, sed de ipso principatu elaborationis possit contendere facillime. In seiner Epistel de mirabilibus quibusdam inventis, geden- cket er auch dieser Erfindung/ und gibt zu verstehen/ daß solches in einer Ro t â Naturæ bestehe. Worauß zu sehen/ daß es dem Artificio Lulliano gleich sein muͤsse. Ich lasse diese Kuͤnste an seinen Ohrt ge- stellet sein/ und weiß ich woll/ was man ins gemein von der Lullianâ arte urthei- let. Halte aber davor daß man eini- gen Nutzen davon haben koͤnne: wann man der Teutschen Sprache. man zuvor die rechten Gruͤnde der wa- ren Rede und Tichtkunst geleget hat. Dañ es gibt auch die Natur in den Er fin- dungen an die Hand/ daß wann man die gewisse Ordnung der Dinge in rich- tiger Bereitschafft hat/ man seine Ge- dancken sehr woll darnach einrichten koͤn- ne/ die in dem Analogismo Naturæ ihren Grund haben muͤssen. Es ist aber gleich viel/ ob ich die Artem Lullianam oder die zehn Prædicamenta dazu gebrauche. Wo- von ich ob ob GOtt will in einem Buche de arguta dictione mit mehren handeln will. Wer aber die rechte Gruͤnde der Wissenschafften an sich selbst nicht voll- staͤndig erlernet/ als die von Aristotele gewiesene locos und Enthymemata in Rhe- toricis, die aus den Hertzen der Sachen fliessen/ alle diese Kuͤnste und circulatoria inventa, die nur an statt eines Jndicis und Directorii dienen koͤnnen/ wenig nuͤtzen; Dañ er wird/ weil er keinē delectum dar- unter zu machen weiß/ an stat einer foͤrm- lichen Rede und Carminis ein unnuͤtzes Pa- Das V. Cap. Von der Prosodia Papegeien-Geschwaͤtze hervorbringen. Es solte auch nicht wenig zu erleich- terung der Teutschen Verse helffen/ wañ man/ wie in dem Griechischen von Georg. Koͤnig/ im Lateinischen von Bucellino und Balbino die Woͤrter nach den pedi- bus geordnet hātte: dann ich habe die- ses eine gute Beyhuͤlffe befunden/ wann man bißweilen auff ein epitheton, verbum oder substantivum nicht kommen kan; ja es gibt offtmahlen zu einigen Einfaͤllen und Erfindungen anlaß/ in dem man auff ein Wort geraͤht/ das eine Metapho- ram (welche ein Grund aller solchen Ein- faͤlle ist) an die Hand gibt/ daß man offt 2, 3. oder mehr Verse darauß ableiten kan. Wie solches im Teutschen auch die blosse Reime thun koͤnnen/ deßhalben die Reim- Lexica einen grossen Nutzen haben. Es geschieht solches bißweilen in der Teut- schen Poesi/ daß ein Wort gesetzet wird/ so eben nicht ansteht/ oder welches durch eine Metaphoram koͤnte erhoͤhet werden. Weiln man aber an den pedem gebun- den der Teutschen Sprache. den ist/ so wird man lange herum den- cken muͤsseu/ ehe man ein bequemes und anstaͤndliches Wort außfindet. Wann man nun solchen Abacum von denen unter ihren pedibus gesetzen substantivis, ver- bis, adjectivis, particulis hat/ so darff man nur den pedem ansehen/ und wird so fort sich aͤussern/ ob ein bequemes Wort zu finden oder nicht. Wir solten nun zwar auch von der quantitate Syllabarum ins besondere han- deln. Aber es sein grosse Buͤcher hievon geschrieben. Nur wollen wir dieses we- nige allhie anfuͤhren. Wann ein adjecti- vum zu dem substantivo gesetzet wird/ o- der sonst ein zweysylbig substantivum zu einen andern einsylbigen Worte/ oder ei- nem zweysylbigen Verbo infinitivo eine præpositio vorgesetzet wird/ so gibt solches einen dactylum: Wiewoll dem Accent nach zu gehen/ die Mittelsylben gleichsam halb lang sein/ oder die beyden ersten Sylben gar einen spondæum machen. Dergleichen Woͤrter sein Ehrsuͤchtig/ Groß- Das V. Cap. Von der Prosodia Großmuͤthig/ Wahnwitzig/ Anlie- gen/ Antreffen/ Großvater ꝛc. So findet man bey dem Flemming/ daß er lieber die letzte Sylbe in diesen Woͤrtern lang setzen wolle/ als das Mittel/ weil die Nothwendigkeit in den Dactylis solches erheischet. Dann er saget/ Großva- ter/ -υ- Großmutter. -υ- Es klinget aber sehr unlieblich. Plempius hat in seiner Orthograghia p. 30. von den Infinitivis cum particulâ junctis dieselbe Meinung. In illis, sagt er/ etsi penultima syllaba vi- deatur esse longa; non est tamen, sed ac- cèntu eminet, quod in eâ vis ipsa verbi sit, nequaquam in syllabam apposititiam trans- ferenda. Ich wolte doch liber im Tro- chaico und Jambico genere, wann so ein Wort unvermeidlich muͤste gebraucht werden/ die mittle Sylbe lang setzen. Es ist aber viel besser dergleichen Woͤrter zu fliehen/ weil sie fast bey den Teutschen keines metri recht faͤhig sein: Dieses muß auch von denen Woͤrtern in acht genommen werdeu/ die in plurali einen Da- der Teutschen Sprache. Dactylum machen/ und in singulari eine zweysylbige Composition haben/ als Wirthshaͤuser/ Zehrgelder. Es hat auch fast eine gleiche Bewandniß mit den Woͤrtern/ die in singulari zweysylbig in plurali dreysylbig sein/ als: Kleidung/ Kleidunge/ Irrthum/ Irrthuͤmer/ und dergleichen. Besser ist solche gantz und gar zu vermeiden. Ferner muß auch noch etwas von den Einsyl- bigen Woͤrtern erinnert werden. Diese weil sie sehr haͤuffig in der Teutschen Sprache sein/ und dannenhero bißwei- len gantze Verse davon bestehen/ so hat man die Regul gemacht; daß die Mono- syllaba lang und kurtz sein/ welche Herr Prasch nicht will gelten lassen. Dann nach seiner Meinung sein etliche von Natur lang/ etliche kurtz/ etliche frey/ etliche zufālliger weise lang oder kurtz/ nachdem fie stehen/ oder mit andern ver- einiget werden. Er fuͤhret dennoch viel Monosyllaba an/ die nach der Veraͤnde- rung des Verstandes bald lang bald kurtz m m sein. Das III. Cap. Von der Prosodia sein. Welches zwar an sich selbst rich- tig gnug ist/ aber es ist etwas zu genau gesuchet. Dañ wan alle die Exempeln die er selbst anfuͤhret/ solten verworffen werden/ so wuͤrde der helffte theil von den besten Getichten der vornehmsten Poeten Gefahr lauffen. Es werden in allen Sprachen einige Freyheiten von den vornehmsten Poeten gebrauchet/ die man nicht eben nach der Gramma- tischen Richtschnur abmessen muß. Dañ es erfodert bißweilen der Numerus, die Nothwendigkeit und der Wollaut et- was/ das man sonst nicht billigen wuͤr- de. Wie wir dann aus diesen Uhr sa- chen beym Homero und Virgilio grosse Freyheiten sehen: Worinn ein gemei- ner Verstand/ der uͤber die Grammatic und die Prosodia nicht schreitet/ sich nicht zu finden weiß. Und ist uͤber dem zu be- trachten/ was der Herr Menage ur- theilet/ daß man kleine Fehler von grossen Poeten uͤbersehen muß. Im uͤbrigen ist von den Einsylbigen Woͤrtern zu mer- cken der Teutschen Sprache. cken/ daß es eine uͤberfluͤssige Sorgfalt sey/ derselbē vielfāltigkeit zu meiden. Die- ses kan in dergleichen Sprachen nicht ge- schehen. Wie es dann auch im Fran- tzoͤsischen Herr Menage vor unmoͤglich hālt/ in seinen Anmerckungen uͤber den Malherbe lib. 5. p. 452. So sind auch die ein sylbigen Endigungen nicht zuverwerffen/ es were dann/ daß diese Woͤrter einen sensum abruptum haͤtten/ und ein comma machen/ wenn andre vielsylbige vorher gehen. Im Griechischen und Lateini- schen wird es bißweilen vor eine Zierraht des Verses gehalten/ wie Hermogenes selbst davon urtheilet. Ob zwar Servi- us von des Virgilii einsylbigen Endigun- gen der Verse/ das Gegentheil behaup- ten will. Dessen/ als eines Grammatici Urthel/ nicht groß zu achten ist. m m 2 Das Das VI. Cap. Von dem Numero Das VI. Cap. Von dem Numero Poëtico. Einhalt. D Er Numerus muß insonderheit in Carmine in acht genommen werden. Bringt ihm ein Leben bey. Drey Theil eines Carminis λόγος, ἁρμονία, ῥυϑμὸς. Was rhythmus sey. ein ander ist im Lateinischen/ einander im Teutschen. Pedes simplices und Compositi im Lateinischen und Teutschen. Teutsche Spondæi. Ein jegliches metrum hat seinen sondeꝛlichen Rhythmum. Wie auch die Odē die gesungen werden. Der rhythmus an sich selbst ist faͤhig das Gemuͤth zu bewegen. Rhythmus in dem Trommelschlag/ und in andern Bewegungen. Rhythmus in dem Kaͤmmen der Hare/ auß Isaaco Vossio. Collocatio \& harmonia verborum. Marii Bettini Mathemati sche Betꝛachtungē hieruͤber. Exempel der Harmonischen Zusam̃ensetzung in den Versen. Der Autor des Buchs de la connoissance des bons livres urtheilet nicht woll/ wañ er die Lateini- sche Poesie leichter haͤlt/ als die Frantzoͤsische. Derglei- chen Harmonische Collocation findet man auch im Teutschen. Die Zusam̃enstimmung der Strophen. Marii Bettini Commentarius uͤber Aristotelis Po- eti- Poetico. eticam. Homeri und Virgilii Vortreflichkeit be- ruhet vornehmlich auff dem Numero Poetico. Clau- diani ταυτομετρία. Man muß auff die Lieblichkeit im Carmine nicht allein sehen. Torquatus Tassus ist bißweilen mit Fleiß unlieblich. Rapini Lateinische Poesis. Frantzoͤsische Sprache ist solches numeri nicht faͤhig/ zum theil auch nicht die Teutsche. Hievon wird ein mehres am andern Ohrte gehan- delt werden. D Ie Betrachtung der kurtzen und langen Sylben/ und deren darauß entstehenden Fuͤsse/ und Reimgebānde/ fuͤhret uns allhie auff die Betrachtung des Numeri Poëtici oder Rhythmi. Von welchem auch die vor- nehmsten Poeten so gar wenig zu sagen wissen/ da dennoch dieses gleichsam das Leben eines Carminis ist/ und andere Geister/ die es hoͤren oder lesen/ gleich- sam lebendig macht und ausser sich fuͤh- ret. Dann gleich wie die Kuͤnstler/ Bild- schnitzer und Mahler es fuͤr die groͤste Kunst halten/ ihren Wercken die Leben- dige Bewegunge/ so weit es sich thun m m 3 laͤst Das VI. Cap. Von dem Numero laͤst/ mit zu theilen: So muß auch die Poësis, deren gantzes Wesen in imitatione bestehet/ den Woͤrtern eine sonderliche Krafft und Regung/ theils durch das Gebaͤnde/ Wollaut und gebuͤhrliche Zu- sammensetzung und Versetzung/ theils durch die Metaphoras, die Aristoteles κατ' ἐνέργειαν neñet/ geben. Dañ es wird ein jeglich Carmen, oder vielmehr alle Rede von dem Platone Dial. 2. de legibꝰ in 3. Theil λόγον, ἁρμονἰαν, ῥυϑμὸν getheilet/ worunter dieses alles begriffen wird. Ohne diesem ist alles todt/ und bestehet nur aus ei- nem leeren Schall. Der Rhythmus (dann so nennen die Alten die gewisse proporti- on der Fuͤsse unter sich/ die aus ihrer kuͤrtze und laͤnge entstehet) muß wie im Griechischen und Lateinischen insonder- heit/ so auch im Teutschen woll in acht genommen werden. Jene haben eine viel genauere Eintheilung der Fuͤsse/ als die Teutsche/ die nur bloß nach dem Ac- cent gehen. Nach dem nun die Be- schaffenheit der Sache es erfodert/ in den Poetico. den Gemuͤhtsbewegungen zu erregen/ dar- nach richtet sich auch der Gebrauch der pe- dum, und der darauß zusammen gesetzten metrorum. Uber die pedes simplices hat man auch compositos, welche nicht glei- cher art mit den einfachen seyn/ sondern eine gantz andre Natur an sich nehmen. Dann sie bewegen viel hefftiger/ und ist ihr Schall in der Music viel durchdrin- gender/ wee dergleichen viel in den Odis und Dithyrambis sein. Im Teutschen hat man zwar wenig pedes, als Trochæum, Jambum, Anapæstum, Dactylum. Wel- chen Herr Prasch auch den Spondæum hinzusetzet/ wie er dann in diesem Pan liebt/ Gott lebt/ und in den beyden ersten Sylben der im vorigen Capitel angefuͤhrten Wōrter Blutruͤnstig/ Mannsliebe/ Andaͤchtig/ Gold- bergwerck denselben zu finden meinet. Man kan auch nach art der Lateinischen einige pedes compositos machen/ wie wir im folgenden sehen werden. Wie nun ein jedes Reimgebaͤnde aus einem ge- m m 4 wissen Das VI. Cap. Von dem Numero wissen Maaß der Fuͤsse bestehet/ so folget auch darauß/ daß ein jedes metrum sei- nen sonderlichen rhythmum habe/ wel- cher/ da er nicht in acht genommen wird/ das gantze Wesen deßhalben in unꝛichtig- keit kommet/ und durchauß kein Geschicke hat/ ob gleich die quantitas Syllabarum und das metrum im uͤbrigen woll in acht genommen. Es verhaͤlt sich auch dieses mit der Teutschen Poësi nicht anders/ wie wir nachgehends/ wann wir von den O- den handeln/ darthun wollen/ daß der Rhythmus derselben/ die zur Music ge- macht werden/ gantz anders sein muͤsse/ als der gemeine. Vondem rhythmo in loser und gebundener Rede ist beym Aristotele in Rhetoricis, Cicerone in Oratore, auch bey den altē Musicis, Claude Fauchet de la langue \& poësie francoise l. 1. c. 6. Patricio in seinem schoͤnen Buch della Poëtica part. 1. libr. 6. part. 2. lib. 9. und endlich dem Vossio in ei- nem absonderlichen Buch ein mehres zu lesen. Zu geschweigen des Dionisii Hali- carnassensis, der 24. Buͤcher von der Rhyth- mi- Poetico. mica veterum geschrieben/ welche aber verlohren sein. Es haben auch die Medici in dem Pulß der Hand ihren Rhythmum. Ja alles was auff gewisse art und Maasse bewegt wird/ hat denselben/ im- gleichen auch das Tantzen. Man kan solchen Rhythmum, auch ohne den Woͤr- tern und dem metro ihm einbilden: Wie solches aus den Woͤrtern des Vir- gilii in Bucolicis erhellet: numeros memi- ni, si verba tenerem. Man kan die- ses am besten auff einer Trommel vor- stellen/ worauff durch die Ordnung der Schlāge/ und deren gewisse Zeiten nicht allein sonderliche und mit den Kriegs Auffzugen sehr woll uͤbereinkommende Zeichen koͤnnen gegeben werden/ sondern alle Lieder/ auff was weise und art sie auch gemacht/ sich spielen lassen/ ob gleich keine Worte/ keine andre Melodey dabey ist. Man hat bey den alten Mu- sicos gehabt/ die auch ohne eintzige Re- de bloß durch den Rhythmum die Gemuͤ- ther der Menschen kraͤfftiger bewegen koͤn- m m 5 nen/ Das VI Cap. Von dem Numero nen/ als die Oratores jemahls mit der gelehrtsten Rede gethan/ wie sol- ches aus dem Hermogene περὶ ἰδεῶν zu se- hen. Es ist ja auch bekant/ was von den Pantomimis erzehlet wird/ wie dieselbe bloß allein durch ihre gestus und einen gewissen rhythmum alles haben nachma- chen koͤnnen. Es ist laͤcherlich und merck- wuͤrdig was Vossius in offterwehntem Buch p. 63 anfuͤhret. Non semel recor- dor, sagt er me in ejusmodi incidisse ma- nus, qui quorumvis etiam canticorum mo tus suis imitarentur pectinibus, ita ut non- nunquam, jambos vel trochæos, alias da- ctylos vel anapæstos, nonnunquā amphibra- ches aut pæonas quam scitissime exprime- rent, unde haud modica oriebatur dele- ctatio. Wann nun zu diesem Rhythmo die Woͤrter hinzu gekommen/ und diesel- ben ihre gute harmoniam nach ihrem po- situ gehabt/ so hat solches bey verstaͤndi- gen Leuten eine groͤssere Bewegung erre- gen muͤssen. Was an der Collocatione verborum nach dem Maaß und der har- monia gelegen/ solches hat eine viel tieff- sin- Poetico. sinniger Betrachtung von noͤthen/ als hie kan vorgestellet werden. Dieser Verß aus dem Horatio (cus, rem Indignum coges: adimam bona: mempe pe- hat mit diesem des Claudiani Hæc largo matura die saturataque vernis \&c. eine gleiche dimensionem. Aber dieser klingt viel lieblicher und hat einen bessern Poetischen numerum, als jener. Dann die vielen kleinen inembra und incisa, die ohn einiger harmoni scher Verwechselung der Substantivorum und Epithetorum auff einander folgen/ geben dem Verß eine frembde art/ die einer losen als gebund- nen Rede āhnlicher ist Weßhalbē die in O- ratione soluta ungefehr einfallende Ver- se/ bey ermanglung des numeri keine rech- te Verse zu nennen. Der Marius Bet- tinus ein gelehrter Mathematicus philoso- phirt uͤber diese Woͤrter Ordnung/ auß Mathematischen und Musicalischen gruͤn- den/ in seinen so genandten Apiariis, A- piar. 10. progym. 1. prop. 7. woriñ er von der Harmonia metrica in den Lateinischen Carminibus handelt. Er hat alle genera der Con- Das VI. Cap. Von dem Numero Consonantiarum Musicarum in Elegiaco Carmine untersucht/ als diapason, dia- pente, diatessaron. Zum Exempel von die- sen Versen. Et Phaetontæas solitæ deflere querelas Roscida frondosæ revocant electra sorores. urtheilet er also: Solitæ \& frondosæ quinto inter se loco consonant, per consonantiam diapente. Solitæ \& sororos octavo loco per diapason . Præterea Phaëtontæas \& querelas item roscida \& electra quartis inter se locis resonant diatessaron. Dergleichen mehr exempla fuͤhret er aus seinem Sylviludio und Satyro-pastorali an. In diesem di- sticho: Fertilis assiduo si non renovetur aratro, Nil nisi cum spinis gramen habebit, ager findet er Diapason diatessaron. Dann die Woͤrter Fertilis und ager klingen gleich- sam in einem Circul zusammen/ und gibt traun dieses die schoͤnste Harmoniā in Ele- giaco Carmine, ob gleich keine Consonantia in den Endigungen der Woͤrter ist/ wie in assiduo und aratro. Dann diese ist/ Poetico. ist/ wie er saget/ Consonantia intelle- ctualis è correlationibus verborum. Die- se Harmonia meinet er sey dem Lateini- schen so eigen/ daß sie durchauß in an- dern Sprachen keine staat habe. Wel- ches auch der Warheit gemaͤß. Es ist durchauß nicht zu billigen/ was der Autor des Buchs de la connoißance des bons livres traité 3. urtheilet: daß die- ser so vielfaͤltigen Versetzungen halber ein Lateinisches Carmen leichter zu ma- chen sey/ als ein Frantzoͤsisches/ worin man gar keine Freyheiten haͤtte/ und sich gar genau an die Regeln der natuͤr- lichen Rede binden muͤsse. Dañ es ist eben dieser Uhrsachē halber vielmehr um zu keh- rē: weiln in der Lateinischen und Griechi- schen Sprache viel Versetzungen sein/ die aber nicht/ wie er meinet/ nach belie- ben koͤnnen gesetzet werden: dañ es hoͤret eine groͤssere Ubung und Sorgfalt zu den- selben/ als zu dem Frantzoͤsischen. Man hat auch gleichfals im Teutschen eine U- bereinstim̃ung der commatum und mem- bro- Das VI. Cap. Von dem Numero brorum, welche einen grossen Unterscheid in der Elocutione Poëtica macht. Man le- se Herrn Opitzen und Herrn Flemmings Carmina, und halte sie gegen einander/ man wird eine grosse ungleichheit dieses Rhythmi halber finden: Dann bey dem Flemming ein concitatior numerus sich findet/ als bey dem Opitz. Eben diese Con- sonantiæ, die ex collocatione verborum metricâ in einem Verse kommen/ koͤn- nen auch in den Stophis der Oden dar- gethan werden. Dann es ist auch allhie so woll eine generalis consonantia Stro- pharum, als eine particularis versuum. Bet- tinus findet auch hierin strophas tetrachor- das, pentachordas, hexachordas, octochor- das \&c. deren Exempel er in seinen Eutra- peliis und in seinem Viridario vorbringet/ verweiset auch den Leser auff seinen Com- mentariū in Aristotelis Poticam, davon ich nicht weiß/ ob er hervorgegeben sey. Er saget sonst selbst von diesem Wercke: Ad hoc opus exornandum congessimus pene omnes opes poeticas è præcipuis Poetarum ac Poetico. ac è fabularum Scriptoribus Græcis, Lati- nis, Italis. Wodurch mir keine geringe Begierde erwachsen/ dieses Buches hab- hafft zu werden/ dann er eine ungemei- ne Scharffsinnigkeit in erforschung des Rhythmi in Carmine zeiget/ welches nie- mand vor ihm in den Sinn gekommen. Die alten Griechischen und Lateinischen Poeten haben durch diesen Numerũ ihre Carmina unvergleichlich gemacht/ und je mehr er von ihnen in acht genommen wordẽ/ je vortreflicher ist ihre dictio und Elocutio gewesen. Dieses macht des Homeri Poesie so herrlich: daher auch Athenæus davor hālt/ daß keine Carmina besser zu singen sein/ als die seinige. Vir- gilius ist im Lateinischen der Meister/ des- sen unvergleichliches Urthel alle Worte und Verse so abmißt/ daß man die Sa- chen selbst vor Augen zu haben meinet. Wer dieses begreiffen kan/ und den Vor- zug/ den Virgilius in diesem Stuͤcke vor andern hat/ der hat einen vollkommenen Verstand von der Lateinischen Poesi zu ur- Das VI. Cap Von dem Numero urtheilen. Alle die andern wie sie heissen kommen ihm beyweiten hierin nicht gleich. Der Claudianus wird zwar vom Barthio Aduers. lib. 57. c. 11. pro numerosissimo Po- eta gehalten. Aber es ist eine Ταυτομε- τρία, daß ichs also nenne/ darin/ und ei- ne durchgehende gleichsam tantzhafftige Woͤrtermaaß. Welches vor ein Hel- dengeticht nicht ernsthafftig gnug ist/ und in der vielfāltigkeit der Dinge die vor- gestellet werden sich nicht außnimt. Dañ man muß nicht auff die Lieblichkeit allein seyen/ sondern sie muß nach Beschaffen- heit unterbrochen werden. Gleich wie auch der Mißlaut selbst/ die Harmoniam bißweilen lieblich macht. Darum hat der unvergleichliche Taslo die Lieblichkeit der Italiaͤnischen Sprache mit harten Consonantibus versetzet/ wie auß dem Anfang des vierten Buchs sei- ner Gjerusalemme liberata zu sehen. Nachgehends hat man diese springende Woͤrtermaaß noch vielmehr beliebt/ wie der Sidonius Apollinaris gethan/ biß man gar Poetico. gar auff die ὁμοιοτέλευτα zu Teutsch genan- te Reime gekommen. Die Afri Scriptores haben insonderheit diese Reimerey auch in Prolâ beliebt. Die in dem Virgilio diesen numerum der Verse etwas genauer gemerckt/ und solches nachahmen koͤn- nen/ sein ohnzweiffel die besten: Worun- ter zu unser Zeit billig der Rapinus zu rechnen/ welcher in seinen Reflexionibus num. 36. die Frantzoͤsische Sprache dieser Zierde unfāhig zu sein schaͤtzt; weil kein Unterscheid der Abfaͤlle darin ist. Wel- ches auff gewisse Art auch von der Teut- schen war ist. Wir wollen hievon nicht mehr handeln/ damit nicht/ was zu ei- ner andern Arbeit von uns außersehen/ allhie vergriffen werde. Das VII. Cap. Von den Reimen/ ob sie nothwendig sein in der gemei- nen Poesi. Einhalt. E S verwerffen einige die Reime/ als Isaacus n n Vossi- Das VII. Cap. Von der Reime Vossius, Rolandus Maresius. Sie sind aͤlter als die versus Leonini. Des Slusii und Sorbiers wiederwertige Meinungen hierin. Die Reimende poesis erregt durch den Gleichlaut keinen Eckel oder Einschlaͤffrung. Sorbier sagt diß vielmehr von der Griechischen und Lateinischen. Italiaͤner und Spanier belieben die ungereimte Verse. Nicht a- ber die Frantzosen. Dessen Uhrsach wird vom Sorbier angefuͤhret. Es wird gezweiffelt/ ob man in Comoedien Reime gebrauchen solle. Dessen Ursachẽ. Vossii Urtheil von des Ariosti ungereimtẽ Comœ- dien. de Messiriac hat Ovidii Epistolas in Fran- tzoͤsische ungereimte Verse versetzet. Sorbiers Urthel. John Milton hat ein Poemata The Pa- radis lost ohn Reime geschrieben. Ein Exempel in dem Niederlaͤndischen/ auß dem Abrahamo Mylio. D Ie Reimen machen einen grossen Theil der Teutschen Poesie, und ist deren Betrachtung an diesem Ohrte etwas gruͤndlicher anzustellen; dann bey andern werden nur bloß die Lehrsaͤtze von den Reimen gefunden/ mit welchen wir uns nicht auffhalten wollen. Es haben die Außlānder diese Frage auff die Bahn gebracht/ ob es nicht besser sey Nothwendigkeit. sey daß man die Verß ohne Reimen schreibe? Ja es sind gelehrte Leute die diese Reimerey als ein barbarisches und Außlaͤndisches Wesen verwerffen wollen. Isaacus Vossius hat in dem so offt erwehn- ten Buch de Poematum Cantu p. 25. gar weitlāufftig davon gehandelt/ und aus den alten erwiesen/ wie sehr sie den gleich- laut in den Sylben getadelt. Er neñet solches Reimgebānde/ barbarum \& in- conditum metri genus. Rolandus Mare- sius ein gelehrter Mañ hat lib. 2. Epistol. Philologic. 4. wieder desselben Gebrauch geredet/ und vermeinet/ daß diese art der gemeinen Verse von den ver- sibus Leoninis hergekommen/ woriñen er irret: dañ ich davor halte/ daß die versus Leonini von der Reimerey in den gemeinen Sprachen ihren Ursprung ge- nommen/ wie wir nachgehends mit meh- ren darthun werden. Dieser Streit von der Nothwendigkeit und Nuͤtzlichkeit der Reimen in den gemeinen Versen ist zwischen dem Slusio und Sorbier in dem n n 2 offt Das VII. Cap. Von der Reime offt erwehntem Buche auch abgehandelt. Jener wirfft diesein vor daß die Reimen- de Poesie durch den gleichlaut mehr den Schlaff als die Auffmunterung veruhr- sache. Welches aber Sorbier leugnet/ und zwar nicht ohn Ursach: Dann ob schon die Gleichheit sich findet/ so ist doch dieselbe verschieden/ und ist die Vielfaͤl- tigkeit und Abwechselung der dinge auch da/ die einen Zuhoͤrer oder Leser in der Auffmercksamkeit erhalten kan. Ja er behauptet das Gegentheil/ daß bey An- hoͤrung eines noch so herrlichen ungereim- ten Getichtes ihm der Schlaff und Eckel eher ankommen wuͤrde; als wañ der Reim die Ohꝛen/ die ihre Vergnuͤgung da- von haben/ allezeit gleichsam als durch eine harmonie eroͤffnet. Welche har- monia dañ durch die Abwechselung der Reime sehr unterhalten wird. Dero- halben die Italiaͤner in ihrem Poëmate Heroico insonderheit diese Wechsel- Rei- me beliebet/ die dann nicht weniger ein- schläffern koͤnnen/ als eine wollgesetzte Mu- Nothwendigkeit. Music denjenigen/ der mit Fleiß darauff mercket. Dann wer solche nicht begreif- fet/ oder keinen auffmercksamen Sinn hat/ den wird auch die allerzierlichste und kuͤnstlichste Rede leicht in den Schlaff bringen. Er will vielmehr durch viele angefuͤhrte philosophische Gruͤnde a p. 235. ad 243. darthun/ es koͤnnen die Grie- chischen und Lateinischen metra einen eher einschlaͤffern/ als die reimende Frantzoͤsi- sche Verß/ wovon weiter bey ihm kan nachgelesen werden. Es ist zwar war/ daß die Italiaͤner und Spanier solche ungereimte Tichterey belieben/ wie dann Vossius diejenige lobet. Aber Sorbier hālt davor es komm von ihrer Faulheit her/ daß sie nicht so viel Muͤhe anwen- den wollen. Wie er dann seine Fran- tzosen deßhalben lobet/ daß sie lieber eini- ge metra, als Sonnet, Rondeau, Balade, Virelais erfinden wollen/ darinnen einer- ley art Reime offtmahls widerholet wer- den/ als dieselbe vermeiden: welches/ wie es muͤhsamer/ so auch ergetzlicher ist. n n 3 Haͤtte Das VII. Cap. Von der Reime Haͤtte Lope de Vega seine Comoedien al- le in Reimen schreiben sollen/ er wuͤrde eine so grosse Anzahl nicht hervor ge- bracht haben. Doch wuͤrde der Dra- matischen Poesis halber noch einiger zweif- fel entstehen koͤnnẽ. Dann man moͤchte hie einwenden/ die Schauspiele bestuͤn- den auß Gespraͤchen/ die Gesprāche auß geschwinden Einfaͤllen/ wozu kein Reim sich schicke/ als welcher erst mit Muͤhe und nicht ohne Kunst/ die doch billig ver- heelet werden soll/ muͤsse gesuchet wer- den. Es were dann daß man die Per- sonen eines Schauspiels vor gebohrne Poeten halten koͤnte. Weßhalben auch die Lateiner hiezu eine art Verse erwehlt/ die der ungebundnen Rede am nechsten komt. Es geben auch einige vor/ es sey ein Reim unfaͤhig grosse Gedancken außzudruͤcken/ und sey vor kleine dinge laͤ- cherlich. Dann es koͤnne ja nichts un- geschickter sein/ als wann man einem Diener ein gemeines Gewerbe/ die Pforte zu schliessen/ die Taffel zudecken ꝛc. reim- Nothwendigkeit. reimweiß anbefehlen/ und hingegen da man etwas grosses vorzustellen/ sich an die Nothwendigkeit eines so unnoͤthi- gen Wortes so fest verbinden wolte/ daß man offt seine Gedancken dem Reim zu gefallen āndern muͤste. Ob nun zwar dieses nicht ohn einigen Schein der War- heit eingewandt wird/ so fehlt es doch nicht an sattsamer Beantwortung/ wie wir dann im folgenden Cap. mit mehren davon handeln wollen. Diese und an- dere Uhrsachen haben einige be- wogen/ daß sie lieber ungereimte/ als reimende Verse schreiben wollen. Bey dem Ariosto sein Comœdien, wel- che aus ungereimten Jambis bestehen. Vossius urtheilet von ihnen: Multis illæ placuere, \& certè dignæ sunt, quæ ab omni- bus laudentur, propter ingenium, sed eti- am quod eo carminis genere expressæ sunt, quod cantum admittat. Torquatus Tas- sus hat in seinem Amynta und Guarinus in seinem Pastor Fido sich derselben Frey- heit auch gebraucht. Petrarcha hat eini- n n 4 ge Das VII. Cap. Von der Reime ge solche Carmina hinterlassen/ davon Nicolaus Franco in seinem Buche Il Petrar- chista einige heraußgegeben. Es hat auch im Frantzoͤsischen der Herr de Mes- siriac des Ovidii Epistolas Heroidum in un- gereimte Frantzoͤsische Verse uͤbersetzet/ welche einigẽ nicht uͤbel gefallen. Aber der Herr Sorbier urtheilet von den Fran- tzoͤsischen ungereimten Versen: Si quel- que un de nous se hazardoit auiour d’huy de faire des vers sans rimes, tout le monde s’ en moqueroit au lieu de luy en savoir gré en faveur de nostre langue. In der Englischen Sprache hat man nicht allein Comoedienschreiber/ wie den John- ston und andre gehabt/ sondern auch ei- nige/ die in Heroico poëmate die unge- reimte art beliebet. Der bekante Johan- nes Miltou hat ein vollstāndig Poëma: ge- nannt The Paradis lost, ohne Reimen ge- schrieben/ woselbst er in der Vorrede die- ser Schreibart das Wort redet/ inson- der heit dieser Uhrsachen halber/ daß des Reims wegen man offtmahlen wider wil- len Nothwendigkeit. len Woͤrter ja gantze Reden setzen muß/ die man viel eigentlicher und besser ohne diesen Zwang haͤtte geben koͤnnen. In der Niederlaͤndischen Sprache ist Abra- hamus Mylius ein Feind der Reimen/ welcher in seinem Buch de Lingua Belgi- ca c. 29. eine gantze Ode de officio \& side- litate veræ Amicitiæ, in Hollāndischer Sprache gleichsam zur Probe gegeben/ dessen Anfang also lautet: Coomt hier mien Luidt geluydeloos Noch stomm vvilt so niet hangen Coomt, doet my nu den besten dienst, Die immer ghy soudt moegen: Coomt, helpt nu myne sinnen: Wilt nu te vverke legghen Al d’ angenaem heid die ghy hebt Al uvve lieflickheid. \&c. In Teutscher Sprach hat noch niemand es zu versuchen begehret/ ist auch eine un- noͤtige Aꝛbeit. Meines erachtens/ wañ eineꝛ die ungereimte Verse hoͤher als die an- dern halten wolte/ were es eben/ als wañ einer einer Stroh fidel vor einer wollge- stimten Geige den Vorzug gebe. n n 5 Das Das VIII. Cap. Von der Reime Das VIII. Cap. Verthedigung der Reime. Einhalt. D Ie Verse in den gemeinen Sprachen haben ihre meiste Zierlichkeit von den Reimen. Godeau Meinung hievon wird gelobet. Bey den alten Griechen und Lateinern hat man einige Reime auch vor alters gehabt. Anacreontis und Varronis reimende Verse. Barthii Urthel. Rei- me fliessen aus der Natur. Sein derowegen nicht zu verwerffen. Dieser Grund wird vergeblich von Isaaco Vossio umgestossen. Seine Einwuͤrffe werden wiederlegt. Der auß den Reimen entste- hende Woͤrterzwang ist gleichfals nichtig. Dele- ctus verborum kan besser in einem gereimten als unngereimten Carmine in acht genommen werden. Der Reim umschrencket die weitaußschweiffende Gedancken. Ist im Teutschen nothwendig. Gibt bißweilen Erfindungen an die Hand. Man muß auch in den Schauspielen die reimende Verse zuge- ben. Antwort auff die im vorigen Capitel gesche- hene Einwuͤrffe. Die Reime sein in den Lateini- schen Hymnis beliebet worden/ vor den gewoͤhnlichen Lateinischen metris. Des Muͤnchs Ehrenfrieds Lateinischer Rhythmus. Buchneri Urtheil. Lateini- sche Verthedigung. sche Reimen aus dem Cambdeno. Plcmpii, Cæ- sii, Caldenbachii, Masenii Lateinische Reimen. Petermanns Lateinische Oden auß des Risten Lie- dern. Gemengete Lateinische und Teutsche Rei- men. Eine Probe aus des Barthii Adversariis, und aus des Plempii Musio. Constantini Huge- nii Olla podrida. Æquivoca Carmina. Eins das zugleich Teutsch und Hebraͤisch ist. Einan- ders/ das zugleich Italiaͤnisch und Hebraͤisch. Derglei- chen Carmina sindet man auch im Italiaͤnischen und Frantzoͤsischen. Macaronica Carmina. O B nun zwar von vielen gelehrten Leuten/ wie wir bereits angefuͤh- ret/ die Reimen als eine Kindi- sche Zierlichkeit verworffen werden/ so kan und muß dennoch behauptet wer- den/ daß dieselben in den gemeinen Spꝛa- chen/ und auch also in der Teutschen nicht allein zu dulden/ sondern auch nothwendig sein/ und nicht koͤnnen auß- gelassen werden. Weßhalben der Herꝛ Godeau in seinem Discours uͤber des Mal- herbe Poëmata solche art Verse als un- taugliche verwirfft/ und den Malherbe lobt/ daß er eine genauere Richtigkeit in die Das VIII. Cap. Von der Reime die Frāntzoͤsische Reime gebracht. Dañ diese neue Ketten/ wie er sagt/ sein viel- mehr eine Zierde derselben/ als Keñzei- chen der Dienstbarkeit. Es sein die Reime nicht so barbarisch wie die Roͤ- mer und Griechen sie davor gehalten/ dann man findet auch einige figuren der Rede; deren Zierlichkeit bloß in Reimen bestehet/ welche auch zu rechter Zeit ei- nen guten Platz in der Rede finden. Der Griechische Poet Anacreon hat sie auch bißweilen in den Versen/ die nach seinen Nahmen genannt werden/ beliebet. Wel- chen bey den Lateinern viele gefolget sein/ wie Barthius Adversar. lib. 31. c. 7. ange- merckt/ deren Schrifften ob sie zwar un- tergangen/ so haben dennoch eini- ge Grammatici etliche fragmenta uns er- halten/ zu dem Ende fuͤhret er diese verse des Varronis an: Orthophallica attulit psalteria Quibus sonant in Græcia dicteria, Qui fabularum collocant exordia. Es Verthedigung. Es setzet Barthius hinzu: In eam rem alii priscorum loci adduci possent, si Analecta nostra poëtica exscribere vellemus. Sufficit Terentiani autoritas, qui rhythmos à me- tris distinguit, ut utrumque genus in usu fu- isse confiteatur. Et eam distinctionem novit ultimum ævum, studio non igno- rantiâ peccans. Es werden aber allhie an- dere rhythmi verstanden/ wie im folgen- den cap. zu sehen. Ob nun zwar die Grie- chen und Lateiner solche Reime nicht durchgehends gebraucht/ dann die Fuͤ- gung und Abmessung der Rede laͤst es nicht zu./ so sehen wir dennoch darauß/ daß solche Reime mit der Sprache selbst gebohren werden/ und der Natur ge- māß seind. Von welcher die Griechen und Roͤmer sich/ durch gesuchte Kunstre- guln/ zu weit entfernet. Jsaacus Vossius kan nicht leugnen/ daß die Reimen na- turlich sein/ und das Ohr belustigen. Aber er tadelt diß/ daß man der Natur lieber als der Kunst folgen wolle. Er sagt: p. 29. Frustra argumenta petuntur à na- Das VIII. Cap. Von der Reime natura, quæ non imperfecta tantum sed \& vitiosa est in multis. Multa homines na- turæ faciunt instinctu, quæ insigniter inepta sunt. Dieser Grund ist nicht der Er- heblichkeit/ daß er den Gebrauch der Reimen umstossen solte: Ja es ist vielmehr dieser Schluß gantz unrichtig. Dann was ist die Kunst anders als eine Nach- ahmung der Natur? welche zu einē Grun- de aller Wissenschafften nothwendig ge- setzet werden muß. Eben diese hat in der Griechischen und Lateinischen Spra- che die kurtze und lange Sylben veran- lasset/ wie sie uns den Reim gegeben: und wer will hierin urtheilen/ welches unter diesen beyden ihr wuͤrdigstes Ge- schencke sey. Es ist eine grosse Verwegen- heit den allgemeinen Trieb/ den wir bey Italiānern/ Spaniern/ Frantzosen/ Teutschen/ Morgenlāndern und allen Voͤlckern mercken/ als eine nichtswuͤr- dige thōrichte Sache zu verlachen. Man pflegt es vor eine Richtschnur des Rech- ten zu halten/ wann alle Voͤlcker darin uͤber- Verthedigung. uͤbereinstimmen/ deßhalben das so be- kante Jus Gentium allen Buͤrgerlichen Rechten vorgezogen wird. Warum sol- len wir in dingen die zur Kunst und Wis- senfchafft gehoͤren/ nicht ein gleiches be- haupten koͤnnen. Es hat uͤber dem ein jegliches seculum seinen sonderlichen Ge- nium, der sich wie in allen dingen/ so auch in Wissenschafften und Kuͤnsten her- vorthut/ welchem niemand mit seinem ei- gnen Witz zu wiederstreben vermag. Es geben einige vor/ der Reim zwinge den Tichter offtmahlen die besten Gedancken seinent halben fahren zu lassen/ oder etwas uͤberfluͤssiges beyzubringen/ daß zur Sachen nicht gehoͤre. Als wann sich dieser Zwang nicht vielmehr bey den Griechen und Lateinern fuͤnde/ da es viel schwerer die metra und pedes recht zu setzen/ als bey uns die Reime zu erfinden. Die diese Einwuͤrffe machen/ die schliessen aus dem Mißbrauch der Reime wieder den rechten Gebrauch derselben. Es ist ja bekant/ daß in der Poeterey in- son- Das VIII. Cap. Von der Reime sonderheit ein delectus verborum und deren richtige Ordnung sein muͤsse. Ist diese da/ wie kan der Reim hierin eine aͤnderung machen. Man sagt der eine Verß werde des andern halber gemacht. So antwort ich: Es ist entweder eine natuͤrliche dependence zwischen dem erstē und andern Verß/ oder nicht: Ist diese Connexion da/ so muß der andre Verß nothwendig aus dem ersten fliessen. Ist sie nicht; so muß doch die Ordnung der Woͤrter geāndert werden/ daß also der Reim keine Nothwendigkeit bringt/ auff solche art und nicht anders zu schreiben. Ein guter Poet schliesset keine Meinung in dem ersten Verse/ biß er seinen Reim außgesucht habe/ der bequem sey dieselbe außzudruͤcken. Deßhalben auch bey den Hebraͤeꝛn und Arabern die beyden Reime die vor- und hinter-Tuͤhrē des Hauses das ist des distichi genant werdē. So faͤllt auch offtmahls der Schluß der Meinung in die haͤlffte des nechstfolgendē Verses und wei- ter hinauß: wozu die Vermischung der Maͤnnlichen und Weiblichen Reime vor- schub- Verthedigung. schub thut. Wodurch man die vorge- gebene Nothwendigkeit der Reimen leichtlich umgehen kan. Es veruhrsa- chet auch dieser Reimzwang nicht/ daß man weitlaͤufftiger sein muͤsse/ als die Sa- che erfodert: Dann dieses ist viel ehe bey den ungereimten Versen zu befuͤrchten; worinn die Phantasie die Woͤrter und sententias weiter ziehen kan/ als wan die Reime denselben Maaß und Ziel setzen. Wer ein guter Poet ist/ wird die Woͤr- ter und Reime so fuͤgen koͤnnen/ daß es scheine/ als wann sie dazu gebohren we- ren. Ja es kan ein Reim bißweilen zu solchen guten und bequemen Ge- dancken anlaß geben/ die niemand in den Sinn gekommen weren/ wann man nicht den Reim zum Fuͤhrer gehabt. Ist al- so der Vortheil so groß/ als der Nach- theil. Was solte auch endlich bey uns vor ein unterscheid unter die gebundene und ungebundene Rede sein? wann die Reime die grosse Freyheit/ die wir in quantitate Syllabarum haben/ nicht ein- schrenckete? Was die Comœdien anlan- o o get Das VIII. Cap. Von der Reime get/ so sein die im vorigen Capittel an- gefuͤhrte Einwuͤrffe keines weges so be- schaffen/ daß man sie dieser halben des Reimes entledigen solte. Waꝛum solten die Dialogi, wie bey den Lateinern uñ Griechen in ihꝛen Eclogis, so nicht auch in Reimen bey uns koͤnnen vorgestellet werden? Dann ob schon die Natur die geschwinden Einfālle uñ extemporales cogitationes nicht in Ver- sen hervor bꝛinget; so hindert doch dieses nicht/ dz man dergleichen Dialogos in Ver- sen begreiffe. Sie sein keine extemporales conceptus wedeꝛ bey dem Poeten/ oder bey dem Actore, sondern werden in einem gantzen Systemate auff gewisse art und weise geordnet/ wie die membra eines an- dern vollstāndigen Carminis. Deßhal- ben auch hierin nicht die Kunst außzu- schliessen: die dennoch so kan verhelet werden/ daß sie nicht so sehr in die Au- gen leuchte: dann man hat nicht noͤthig alle und jede Reden in voͤllige dople Versen zu fassen/ sondern man kan sie in den halben Versen/ und noch wol kuͤr- tzer enden. Wodurch dann die Reime so Verthedigung. so unterbrochen werden/ daß sie kaum in die Ohren fallen. Bleibt es also da- bey/ daß die Suͤssigkeit der ins gemein uͤb- lichen Reime ja so gut/ wo nicht besser sey/ als die in den Lateinischen und Grie- chischen Carminibus sich befindende Ab- faͤlle und Erhebunge der Woͤrter. Es seind hiedurch etliche bewogen worden/ daß weiln die Reime viel sanffter und nachdencklicher in den Ohren klingen/ sie viel lieber die Geistlichen Hymnos in Lateinische reimende Verse/ als in die sonst uͤblichen Oden und Lyrica Carmina verfassen wollen; wie des Heiligen Tho- mæ Hymni von dieser art und noch aͤlte- re verhanden. Barthius hat in seinen Adversariis lib. 32. c. 12. eines Muͤnchen Erinfredi, der Anno 806. gelebet Carmen Rhythmicum, so er in der Mertzpurgi- schen Bibliothec gefunden/ vorgebracht/ dessen Anfang also lautet: Felicitatis Regula Hac fine semper constitit, Ad puncta cum venit sua. In se voluta corruit \&c. o o 2 Der Das VIII. Cap. Von der Reime Der Herr Buchner urtheilet in semer 99. Epistel des ersten Theils von diesen Lateinischen Reim-Oden also: Hoc ge- nus poëseos etsi aut ignorarunt veteres, aut non probarunt magnoperè, ut minus grave; non aspernandum tamen penitus est: præcipuè cum pietati inservit. Quare su- perioribus quoque seculis nonnulli pii \& sancti viri eò inprimis se delectarunt. Dieses schreibt er an den Tobiam Haus- conium, welcher ein Buch von solchen La- teinischen Odis geschrieben. Der gelehr- te Cambdenus hat in seinen Remaines con- cerning Britain p. 327. gar viel dergleichen reimende Verse und Oden/ aus ihren alten monumentis hervorgezogen/ wel- che aber kein Lateinisches metrum haben/ sondern nach dem jetzigen accent in der pronuntiation gerichtet sein. Etzliche sein gar ohne metro, wie dieses des Waiter de Mapes so gar laͤcherlich ist: dessen Anfang also lautet: Mihi est propositum in taberna mori, Vinum sit appositum morientis ori: Ut Verthedigung. Ut dicant, cum venerint Angelorum Chori, Deus sit propitius huic potatori. Poculis accenditur animi lucerna, Cor imbutum nectare volat ad superna. Mihi sapit dulcius vinum in taberna, Quã quod aqua miscuit Præsulis Pincerna \&c. Nach der ietzo uͤblichen pronuntiaton sein von unterschiedlichen reimende Carmina geschrieben. Cornelius Gisbertus Plem- pius hat in seinem Musio dergleichen etli- che gemacht/ dessen Vorrede so anfaͤnget: Si vis Lector, quis sim scire, Possum paucis expedire, Nec est opus fusius, Ex sutore Delphi natus Sum Cornelius vocatus Cognomento Musius. \&c. Cæsius hat in der Vorrede seiner Rose- mund zu bezeugung seines kuͤnstlichen ingenii dergleichen zum Exempel vorzei- gen wollen/ meinend er der erste sey von dem diese herrliche Erfindung entstanden. Caldenbach hat in seinen Lyricis ein abson- derlich Buch von Lateinischen Reimen/ uñ in den Sylvis Tubingens. lib. 1. eines auff des Thomæ Lansii Tod/ jedoch mit behaltung o o 3 der Das VIII. Cap. Von der Reime der quanti taͤt geschrieben/ welches nicht uͤbel gemacht. So hat auch Masenius ein Lateinisches Saufflied in seiner Co- mœdia, Bacchi Schola eversa, und einer Pe- termann des Risten Himmlische Lie- der in Lateinische Reimen gebracht. Christianus Daumius der den Palponistam heraußgegeben/ gedencket in der Vor- rede unterschiedlicher alter Lateinischer Reimenschreiber. Man hat einige gehabt/ die Teutsche uñ Lateinische Verß unterein- ander gemischt/ und gereimet/ davon wir droben gedacht. Es hat Barthius Advers. lib. 34. cap. 17. solchen Rhythmum Iatino Germanicum von Anno 1259. der in einem Kloster bey Straßburg gefunden/ hervorgesuchet/ der also anfānget: Gens sine capite mag keinen Rath geschaffen Imperium vacat capite. So hant kein hopt die Pfaffen Propter quod schisma vertitur in deꝛ Christenheit Chrisma per hoc destruitur. Jederman lugt zu wemehr bret ꝛc. Dergleichen haben einige zu un- srer Verthedigung. srer Zeit nachgemacht/ als Plempius in seiner Strenula: Gaude amus, laet ons blye Wesen, heden, hoc in die Filius nam, vvant den sone Des goe moeders matris bonæ Toont der aerden, monstrat terræ Stellam suam zynen sterre. \&c. In welchen daß Lateinische und Nieder- laͤndische einerley bedeutet. Constantinus Hugenius hat unter seinen Niederlaͤndi- schen Getichten ein Carmen, so er Olla podrida nennet/ welches aus Niederlaͤn- dischen/ Frantzoͤsischen/ Italiānischen/ Spanischen/ Lateinischen/ Griechischen unter sich reimenden Versen bestehet. Solche art Verse aber sein nur der kurtz- weil halber von sinnreichen Leuten/ nicht aber zur Nachfolge geschrieben. Eine fast gleiche ostentatio ingenii ist diese/ da einige Carmina gemacht/ die in zweyen Sprachen zugleich ihre Bedeutung und Reimgebānde haben. Es fuͤhret der Herr Wagenseil in seiner Sota, de Uxore A- dulterii suspectâ cap. 1. p. 49. an/ daß einer o o 4 R. Das VIII. Cap. Von der Reime R Juda. Med. D. ein Epithalamium geschrie- ben/ welches zugleich Teutsch und Hebrā- isch gewesen/ dessen Anfang also gelautet: Jaacob is jo so vvol im eben heraus auf eina. Das uͤbrige von dem Carmine hat der Autor vergessen gehabt. Er erzehlet ferner/ wie er auff seiner Reise ein Buch angetroffen genant worinn der R. Leo Mutinensis ein solches Epicedi- um ἀμφοτε γλωο σν, von 8. Versen ge- setzt; das zugleich Hebraͤisch und Italiaͤ- nisch ist/ welches er auff seinen Præcpto- rem Mosem gemacht. Welches wir hie- her setzen wollen. Chi nasce muor, Oime, che pass’ acerbo. Colto vien l’ huom, cosi ordin’ il Cielo. Mose mori Mose gia car de verbo. Verthedigung. Santo sia ogn’ huom, con pure zelo. Ch’ alla metà, gia mai senza riserbo. Arriu huom, ma vedran in cangiar pelo, Se fin habiam, ch’al Cielo vero ameno, Va l’huomo và se viva aslai, se meno. Die Lateinische Außlegung der Italiaͤni- schen Wōrter ist diese: Qui nascitur, moritur, Væ mihi ! quam passus a- cerbus! Colligitur (i. e. θερ ζεται ) homo, sic ista ordinavit Cœlum. Moses mortuus est, Moses, olim carus eloquio. Sanctus sit omnis homo, cum puro Zelo. Nam, ad medietatem aliquando, haud quicquam reservans, Pertingit homo. Sed, cum pili mutantur, apparet, Quem finem habeamus. Quippe ad cœlum verum amœnum Vadit homo, sive multum, sive parum vivat. o o 5 Der Das VIII. Cap. Von der Reime Der Hr. Wagenseil haͤlt dieses fuͤr eine sonderliche und verwunderungswuͤrdige Sache: dann er saget Non habeo satis exploratum, an quisquam usquam genti- um tale quid præter Judæos ausus sit, scio tamen Junilium Episcopum Africanum I. 1. de part. Div. Leg. c. 9. pro re impossibili id habuisse, cum scriberet: Nulla dictio me- trum in alia lingua conservat, si vim verbo- rum ordinemque non mutat. Ich verwun- dere mich aber/ daß diesem gelehrten Mann nicht eingefallen/ wie daß in der Frantzoͤsischen Sprache der Seigneur des Accords unter dem titul les Bigarrures, dergleichen Æquivoca Latino-Gallica viel zusammen gelesen/ worunter dieses epita- phium auff ein Pferd. En pré morelicy est, sellé, bridé, mort \& coy gist, Fuyant eust en dos, coup y a long aspre au cul. En premor eliciet celebri de morte coêgit Fiant utendos copia longa procul. Es Verthedigung. Es gedencket der Verdier auch eines Blaise d’ Auriol, welcher ein Buch/ les ioyes \& douleurs de nostre Dame avec une oraison par Equivoques latins \& francois geschrie- ben/ so eben dieses Schlages ist. Der Nicolaus Antonius lobet in seiner Biblio- thecâ Hispanica den Alphonsum de Ledes- ma, der in Spanischer Sprache sonderlich in diesen Æquivocis gluͤcklich gewesen. Es sieht aber ein jeder/ daß die vorgehende Exempla mehr affectation als Verstandes haben/ und vielmehr eine bemuͤhung muͤs- siger als rechtschaffener gelehrtē Leute sein. Die von den Italiānern beliebte Carmina Macaronica sind aus den gemeinen nach der Lateinischen art eingerichteten Itali- aͤnischen Woͤrtern/ und den Lateinischen gemischet/ deren ein gantzes Buch unter dem Nahmen Merlini Cocaji hervorge- kommen. Haben aber ein gemeines lie- derliches Wesen/ und ist zu verwundern daß auch gelehrte Leute als Bernhardinus Stephonius mit diesen Thorheiten sich be- muͤhet: Dann es bezeuget Erythræus von ihm Das VIII. Cap. Von der Reime ihm in Beschreibung seines Lebens: Cir- cumfertur Macheronicum ejus Carmen, quod Macharonis Forza inscribitur; quo nihil fieri potest in eo genere venustius. A- ber es heisset auch bey gelehrten/ quod monstra etiam delectent, und daß die Heß- lichkeit selbst bißweilen angenehm ge- macht werden koͤnne. Das VIII. Cap. Von dem Ursprung der Reime. Einhalt. D Ie Reime sein nicht so gar neu. Ob sie von den Arabern/ Siciliern/ Provincial Poeten in Franckreich gekommen? Die He- braͤer haben sie spaͤte angenommen. Ihre alte Poesis ist verlohren. Gomari Lyra Davidica. Ob die Gothen sie in Italien auffgebracht? Kan nicht gruͤndlich erwiesen werden. Jocistæ wurden die Gothischen Poeten genannt. Jocticos facere ein Spiel am Neuen Jahrs Tage. Was Rhyth- mi- der Reime. ca Carmina bey den Griechen und Roͤmern erstlich gewesen? Sie waren ohne Reime/ und hatten nur bloß die mensuram temporum. Exempel solcher Lateinischen Verse. Versus Politici bey den Grie- chen. Worauß dieselbe entstanden. Auff was art sie geschrieben. Griechische Reim-Verse. Tzetzæ und Constantini Manassis versus politici. Warum jener lieber versus politicos schreiben wol- len. Die Reimen werden von der Natur gelehrt. Versus Leonini. Autores die dergleichen/ und die von ihnen geschrieben. Eine genauere Eintheilung und Exempel derselben. Diese Reimerey ist auch in Predigten und Disputationibus beliebt worden. I N den vorigen Capitteln haben wir eroͤrtert/ was wieder die Rei- me vorgebracht wird/ und diesel- ben gegen die Einwuͤrffe verthediget. Die diese machen halten die Reime vor eine Ersindung der neuen Zeit/ und ver- werffen sie mehꝛentheils aus diesem Grun- de. Wir haben in dem vorgehenden Capittel erwiesen/ daß man sie auch bey den Griechen und Roͤmern gehabt/ ob man sie gleich durchgehends nicht ge- braucht. Welcher Meinung zum theil auch Das IX. Cap. Von dem Ursprung auch der gelehrte Huet beypflichtet; dann ob er zwar in seiner Dislertation de l’o- rigine des Romaines p. 13. davor haͤlt/ daß diese Reimkunst erstlich von den Arabern in Europam gebracht nach des Taric und des Muza ankunfft in Spanien/ welches war Anno Chr. 713. so setzt er doch hinzu/ daß er gar leicht beweisen wolle/ wie auch den alten Roͤmern die reimende Verse nicht unbekant gewesen. Campa- nella gibt in seinen Poëticis die Araber auch vor die Erfinder der Reimen an/ uñ ist auff seine Landsleute schellig/ daß sie dieselbe so begierig angenommen. Ich lasse dieses dahin gestellet sein. Wann ich aber die art der Reime bey den Ara- bern/ die Clerice in seiner Prosodia Arabi- ca beschrieben ansehe/ so sein sie doch von unser art etwas unterschieden/ dann sie eine viel groͤssere Freyheit ihnen neh- men. Linus Gyraldus will in seinen Dia- logis de poetis sui temporis den Ursprung derselben auff die Sicilier, einige aber wol- len sie auff die Provincial Poëten in Franck- reich der Reime. reich bringen/ von denen auch die Sicilier die ihrigen uͤberkommen. Dieses bemuͤ- het sich Claude Fauchet in seinem Buch de l’origine de Poësie Francoise liv. 4. chap. 7. zu behauptē: abeꝛ ohne gꝛund. Es sein auch einige die von den Hebraͤern die Reime herziehen wollen/ welche aber hierin ir- ren ; dann die Juden hierin den Chri- sten gefolget/ und haben ettwa vor 500. Jahren seit des R. David Kimchi seiner Zeit dergleichen Verse wie die unsern ge- schrieben. Dann ihre alte Poësis ist gar verlohren/ welche zu erforschen sich viele vergeblich bemuͤhet und die Koͤpffe druͤ- ber zerbrochen haben. Scaliger vermei- net/ daß man niemahls einig metrum in Hebraicis gehabt: Andere/ es sey eine gewisse Zahl der Silben gewesen/ ohne eintziger quanti tāt zusammen gesetzet/ und nun in solchen Periodum gebracht/ daß man sie desto fuͤglicher singen koͤnnen. Gomerus in seiner Lyrâ Davidica meinet was sonderliches gefunden zu haben/ in dem er alle art der Pedum und metro- rum Das IX. Cap. Von dem Ursprung rum in den Psalmen Davids so zerstreu- et/ auffgesuchet. Aber Capellus wendet dagegen ein/ und zwar nicht ohne Fug/ daß wann man auff solche art die metra in den Reden suchen wolte/ nie keine Pro- sa sein wuͤrde/ darin sich nicht viele fin- den wuͤrde. Bleibt also bey ihnen alles ungewiß. Die die Araber zu den ersten Urheber der Reime machen/ bringen dennoch ihrer Meinung keinen so gruͤnd- lichen Beweiß. Dann ich schwerlich glaͤube/ daß man von der Zeit an einige Carmina werde herbey bringen koͤnnen. Jsaacus Vossius setzet den Ursprung die- ser Reimen auff die Zeiten/ wie die Go- then erstlich in Italien gekommen/ die die Lateinischen Verse nach den Reimen ihrer Landsart eingerichtet. Aber er bringet doch nichts hauptsāchliches zum Beweiß: Dann wann man die Poesin der alten Gothen ansieht/ so findet man/ so viel man nachricht haben kan/ keine Rei- me an dem Ende der Verse/ in den Lie- dern/ welche nach Caroli M. Zeiten geschrie- ben der Reime. ben. Wie solches aus des Wormii Poësi Runica zu sehen. So solte ich auch mei- nen/ daß es schwer zu erweisen/ ob bey den uhralten Gothischen Versen auch die Reime sich befunden. Daß sie aber ihre Verse und Poeten gehabt/ ist ausser zweiffel/ und wurden ihre Lateinisirende Poeten Jocistæ genant/ wie auß des Isi- dori Glossario zu sehen. Von diesen sagt auch Barthius Advers. lib. 3. c. 4. Apud Re- ges Gothicos, Romanis dilaceratis, rhythmi vice carminum in pretio erant, \& adeò perti- nax fuit Rhythmicorum istorum Jocistarum natio, ut hodie etiam in nullis non magna- tum Aulis reperiantur, qui versiculis rhyth- micis linguâ vernaculâ pronunciandis ad miraculum usque expediti sunt. Isidorus sagt: Jocista est, qui verbum iocatur. Bar- thius setzet vor verbum versum , und am andern Orthe lib. 12. c. 29. lieset er verum. Der du Fresne aber āndert es aus den Glossis MStis Regiis, Jocista, qui verbis io- catur. Sie werden auch Joculatores, Jo- culares genant/ wovon das Teutsche p p Wort Das IX. Cap Von dem Ursprung Wort Goͤchel Goͤcheler noch herkomt. Hievon muß auch das Spiel so man auff den Calendis Januariis gebraucht/ genant worden sein/ welches in den con- ciliis verboten/ Jocticos facere. Das Strau- chius in seinen Calendis Januariis c. 5. von dem Wort Juchten herfuͤhret: dann er meinet es sey gewesen corium pilis a- brasis præparatum. Ich halte aber diese Meinung vor irrig: Dann ob zwar das zu der Zeit uͤbliche Spiel: Vecula vel Cer- volo facere einige meinen mit abgezognen Hāuten geschehen zu sein/ so ist von dem Wort Jocticos doch solches nicht zu er- weisen. Ja auch das Wort Cervolo fa- cere, wird vor conviciari, Geckerey trei- ben gebraucht/ davon Barth. lib. 43. Ad- vers. c. 15. zu lesen. Von den Reimen find ich hie nichts. Dann ob zwar bißweilen auch Rhythmici versus genant werden/ so meint man nicht diejenigen/ die am Ende gleich lauten/ sondern die mit hinansetzung der rechten Lateinischen quanti tāt/ nur bloß den rhythmum nach dem der Reime. dem Zahl der Fuͤsse und dem accent in acht nehmen. Welches klaͤrlich auß des Bedæ seinem Buch de metris zu sehen/ der diese Verse zum Exempel bringet: Apparebit repentina dies magna Domini dessen metrum trochaicum ist/ ob gleich die quantitas Syllabarum nicht in acht ge- nommen. Solcher art versus, die bey den Griechen politici genant worden/ sind auch schon vor alters bey den Rō- mern gewesen/ und nicht von den Gothen auffgebracht: Dann das gemeine Volck hat solche Gesaͤnge bißweilen erdacht/ un̄ gebraucht/ welche zwar den rhythmum des Carminis hatten/ aber nicht die ge- buͤhrende und von den verstaͤndigern ein- gefuͤhrte quantitatem pedum. Wuͤrden al- so ad distinctionem metricorum Carmi- num, rhythmica genant/ weil sie nichts als nur die blossen tempora behielten. Solcher art war auch dieses der Solda- ten auff den Cæsarem. Urbani servate u- xores, mœchum calvum adducimus. Die metra bey den Comicis koͤnnen auch dessen p p 2 ein Das IX. Cap. Von dem Ursprung ein Exempel geben. Dergleichen art waren die Verse/ so die Kinder und das gemeine Volck auff den Aurelianum ge- sungen/ und nach ihrem rhythmo getan- tzet/ welche beym Flavio Vopisco in seiner Lebensbeschreibung zu lesen: Mille, mille, mille, mille, mille, mille, mille, de- collavimus Unus homo, mille, mille, mille, mille, decolla- vimus Mille, mille, mille vivat, qui mille mille occidit Tantum vini habet nemo, quantum fudit san- guinis. Hieruͤber sein die gelehrte Anmer- ckungen des Salmasiii zu lesen/ welcher von dergleichen art Versen/ und ih- rem rhythmo viel gelehrte Dinge zusam- men getragen. Es er hellet doch hier auß/ daß unter Griechen und Roͤmern je- derzeit bey dem gemeinen Mann so eine art Verse gewesen/ wie hernach auffge- kommen/ und durch die oͤffentliche ein- fuͤhrunge der Reime eine groͤssere an- nehmlichkeit bekommen. Dergleichen Ver- der Reime. Verse wurden wegen des gemeinen Ge- brauchs bey den Griechen politici versus genannt/ oder wie andre meinen/ weil sie der ungebundnen Rede naͤher war: dann die Prosa ist bey den Griechen λό- γος πολιτικὸς genant/ davon Jsaacus Vossi- us meinet/ daß sie in den Gebrauch ge- kommen/ wie die Griechische Sprache durch die barbaros verdorben/ und die alte Music, pronuntiatio, und Abmessung der Woͤrter verlohren gegangen. Wann jemand des Homeri Carmina nach dem Accent außspricht/ so sein dergleichen art Verse viele darin zu finden. Wie auch die hexametri nicht gleich/ und bald 12, bald 13 auch wol 17. Sylben haben/ sosein die versus Politici auch ungleich. Die dreyzehn Sylben haben/ kommen mit dem Ale- xandrinischen Genere bey den Frantzosen und Teutschen uͤberein. Ins gemein aber gehen sie nicht uͤber 15 Sylben. Leo Al- latius hat in seinem Buch de Simeonum scriptis, von ihnen außfuͤhrlich geschrie- ben. Solcher politicorum versuum, die p p 3 noch Das IX. Cap. Von dem Ursprung noch zur Zeit nicht hervorgegeben/ sein viele verhanden in der Koͤnigl Frantzoͤ- sischen Bibliothec. wie bey dem Labbeo in seiner Nova Bibliotheca MStor. p. 132. 133. 134. und 135. zu sehen. Man hat auch ei- nige Griechische Reim-Verse/ worin die Historia Apollonii Tyrii verfaßt/ die zu Ve- nedig hervorgegeben/ und des Demetri Zeni Βατραχομυομαχίαν, davon Crusius in seiner Turco-Græciâ. Sonst sein des Tzetzæ und Constantini Manassis versus politici allen bekant. Und hat Tzezes in der Vorrede seiner Verse/ die Uhrsachen gesetzet/ worum er die politicos versus lieber brauchen wollen/ welche Joachi- mus Cammer Epist. 19. lib. 5. in gute La- teinische Jambos uͤbersetzet; Er spricht: Et cur enim aliquis artifici scribat modo Leges ubiq; temporum \& servans pedum? Et cuncta poliens ut decet subtiliter? Artificiosa cum pari atque barbara Majore sint adeo inque honore barbara Et ineruditi plausum uti docti ferant Auß der Reime. Auß diesem/ was wir weitlāufftig ange- fuͤhret/ ist zu sehen/ daß dennoch der na- tuͤrliche Trieb allgemaͤhlich zu solchem me- tro disponi ret/ und die Reime endlich von sich selbst darauff gefolget. Es kan aber keine Gewißheit dargethan wer- den/ welche den ersten Anfang der Reime gemacht. Meinem Beduͤncken nach so ist die Natur die Lehrmeisterin gewesen/ und ist nach und nach diese Reimerey auffgekommen/ und kan vielleicht bey den Teutschen so woll/ als bey jemand anders am ersten gewesen sein. Wir wuͤrden solches desto gewisser sagen koͤnnen/ wann die Uhralten Carmina noch verhanden weren. Daß wir in Teutsch- land sie ehe als die Frantzoͤsischen Poeten gehabt/ ist ausser Streit/ und droben an- gefuͤhret. Die so genandte Versus Leo- nini haben sonst in der Lateinischen Spra- che zeitig den Anfang genommen/ und erweiset Naudæus Addition. à l’ Histoire de Louys XI. p. 146, daß schon Anno Chr. 480, man dergleichen art Verse gehabt. o o 4 Nach- Das IX. Cap. Von dem Ursprung Nachgehends sind dieselben so in den Ge- brauch gekommen/ daß man keine ande- re als diese beliebet/ insonderheit ln dem zwoͤlfften seculo. Worunter des Bern- hardi Morlanensis, die er de contemptu mundi geschrieben/ die allerartigsten sein. Ja man findet die alten Bibliothecas superiorum seculorum mit dergleichen Scriptoribus angefuͤllet/ deren Nahmen und historien allhie zuerzehlen viel zu weit- laͤufftig ist. Man hat die bekandte Scho- lam Salernitanam in solchen Versen etwa um das Jahr 1100 von einem Joanne de Mediolano geschrieben/ woruͤber der ge- lehrte Moreau Anmerckungen außgege- ben/ und in den Prolegomenis viele ge- lehrte Dinge hievon zusammen getra- gen. Man findet bißweilen einige gute Einfaͤlle und sententias proverbiales in diesen Schrifften/ deren eine zimliche Anzahl Michael Neander seiner Ethicæ Ve- terum Latinorum hinzugesetzt. Die Form der Verse ist nicht einerley/ und wie Mo- reau der Reime. reau angemerckt/ so koͤnnen sie getheilet werden in Aritificiosos und vulgares, die Aritificiosi wiederum in Adsonantes oder Consonantes \& Concordantes. Jene be- stehen bloß in dem Reim/ diese haben ent- weder Woͤꝛter oder Reime/ die zweien oder mehr Versen gemein sein. Der Adso- nantium sein zweyerley arten/ eine/ worin das Mittel dem Ende gleich lau- tet. Diese hat wieder 3. Gattungen un- ter sich 1. wann der Reim in einem Verse ist/ wie in diesem: Hic jacet Henricus semper pietatis amicus , 2. Wann Anfang/ Mittel und Ende zusam- men reimen/ als in diesem Verß: Vos estis , Deus est testis , teterrima pestis. 3. Wañ der Anfang/ mit dem Mittel rei- met/ und das Ende des ersten Ver- ses mit dem Ende des andern Zum Exempel: Janua mortis , passio fortis, crimen eorum Attulit orbi, semina morbi, totq; malorum. Die andere art ist: Wann das Ende p p 5 des Das IX. Cap. Von dem Ursprung des ersten Verses mit dem Ende der andern Versen reimet. Diese sein eigentlich diejenigen die Leonini genannt werden von dem Leonio Canonico, wel- cher 43 Verse geschrieben/ die einen Reim haben. Solches geschiehet 1. in zweien Versen/ Dessen ist ein Exem- pel in diesen Versen eines Raimundi, Ut mens se videat posita caligine fumi , Quis vetat apposito lumẽ de lumine sumi ? Quod si perfectè nequeo res edere cunctas , Ut desint vires tamen est laudãda voluntas Worinn keine schlechte Zierlichkeit ist/ daß allezeit nach dem dritten Verß der vierdte auß einem bekandten Poeten genommen. Dergleichen art ist der Jambus, welcher bey dem Academischen Depositionis ritu an etlichen Ohrten ge- braucht wird. Nos dum iocamur crassius, Bonis studemus moribus, Lignum fricamus horridum, Crassum dolamus rusticum Cur- der Reime. Curvum quod est, hoc flectimus, Crassum quod est deponimus, \&cc. Zum andern geschieht solches in vielen wie in diesen Versen des Floreti Qui peccat nimium præsumens de pietate Vel qui desperat de divinâ bonitate , Aut induratus non cessat ab impietate Et qui fratris odit virtutes improbitate und wie sie ferner nach einander lauten. Die dritte art ist aus beyden vorigen gemischt/ welche viel schwerer/ als die andern ist. Dessen Exempel sein unter- schiedliche als wann 1. Mittel und En- de in unterschiedlichen Versen rei- men. z. e. Stat foris ante fores Michael, dicens, quod honores Immutent mores rarò tamen in meliores. Dergleichen Carmen de bello Trojano, welches warlich nicht so gar ungeschickt ist/ wird von Barthio lib. 31. Advers. c. 5. heraußgegeben/ so ihm von Casp. Gevar- tio geschencket und in jedem disticho glei- Das IX. Cap. Von dem Ursprung gleiche Reime hat ; dessen Anfang also lautet: Pergama flere volo fato Danais data solo Solo rapta dolo capta redacta solo 2. Wann Anfang Mittel und En- de/ auch das Ende verschiedener Verse zugleich sich reimen. z. e. Æneꝰ hic coluber , cruce luguber , ipse saluber , Atq; cruore ruber , vitæ faber , omnibus uber Omne fugans tuber \& culpæ vexile suber. Hunc puer hunc puber nunc fugat canus \& uber Concordantes sein/ wann der Anfang ei- nes Verses in allen ist/ und das Ende aller Verse auff einen Reim außgehet/ der dem Mittel gleichet z. e. In re terrenâ nihil est aliud nisi poe labor eminet atq; cate nec lex nec juris habe na. Diesen sein entgegen gesetzt/ da der Anfang unterschieden/ das Mittel aber und Ende in vielen Versen einerley Wort oder Reim ist. Das allerschwerste in dieser art ist wann der Reime. wann alle Sylben und Reimen beyder Verse gemein sein z. e. Quos anguis dirus Christi mulcedine pavit, Hos sanguis mirus tristi dulcedine lavit. Die inartificiales sein solche/ als wir im vorigen Capittel beygebracht haben/ wel- che ohn metro sein und nur bloß die Rei- me haben. Es haben aber auch einige die artificiales unter die inartificiales gemi- schet/ in dem sie nach 4. reimenden unge- meßnen Versen/ allezeit einen Verß aus einem bekandten Poeten hinanhengen. Solcher art sein die Verse die ein Carme- lite Gualterus Disse heraußgegeben/ deren Anfang also lautet: Heliconis rivulo modicè conspersus Vereor ne pondere sim verborum mersus. Sed quia jam labitur mundus universus Incipe Mænalios mecum mea tibia versus Rhythmis dũ lascivio, versus dum propino , Rodet forsan aliquis dente me canino , Quia nec afflatus sum spiritu divino , Nec labra fonte prolui caballino \&c. Es Das IX. Cap. Von dem Ursprung Es ist kein Zweiffel daß dergleichen arten vielmehr koͤnnen erfunden werden/ und wer weiß was in dem MSto Cantabrigiensi, welches de metris resonantibus geschrie- ben sein soll/ davon Moreau gedencket/ noch vor verholene Kuͤnste stecken? Die Epitaphia dieser art sein unzehlig/ deren etliche Labbeus in seinem Thesauro Epita- phiorum zusammen gelesen. An dieser Reimsucht haben damahls fast alle kranck gelegen. Dann man hat ihrer auch nicht auff den Cantzeln und Cathedern entbehꝛen koͤñen. Die Pꝛediger haben ihre Predigten Reimweiß disponi ret/ welches bey einigẽ noch zur Zeit gebraͤuch- lich. Wann man hat disputiren wollen so hat man die theses und quæstiones in Reimen gefasset/ wie A. Wood in seiner Historiâ Academ. Oxon. lib. 1. p. 23. diese folgende zur Probe gibt. Utrum futura contingentia Comparans ad præsentia Prudentia Cardinalis Pra- der Reime. Praxin regat intellectus, Cui concors est effectus Appetitus rationalis? Die andre quæstion, die er setzet/ ist diese: Utrum potentiarum imperatrix, Celsa morum gubernatrix Vis libera rationalis Sit laureatâ dignitate, Electionis consiliatæ Ut domina principalis? Die art und weise hieruͤber zu disputiren wird an angeregten Orthe weitlāuffti- ger beschrieben. Wir lassen diese Rei- merey fahren/ welche wir desto umstaͤnd- licher allhie vortragen wollen/ je weni- ger man sonst bey andern davon findet. Denen die mir diese weitlaͤufftigkeit ver- dencken/ antwort ich mit diesem ungefehr einfallenden Epigrammate: Spernis difficiles, Amice, nugas? Ars, ut sint faciles, facit canoras. Das Das X. Cap. Von Beschaffenheit Das X. Cap. Von einigen Beschaffenheiten der Reimen. Einhalt. D Ie Maͤnnliche und Weibliche Reime machen in Teutscher Sprachen eine angenehme Ab- wechselung. Die Italiaͤnische und Spani- sche hat mehrentheils Weibliche Woͤrter und Rei- me. Weßhalben ihre Poesis einige Beschwerlich- keit hat. Ihre Heroica werden in gewisse Stan- ces deßhalben getheilet. Die Frantzosen enden ihre Stances und Sonneten gern mit Maͤnnlichen Rei- men. Rapini Oden von lauter Maͤnlichen Reimen. Catmina Ταυτόρυϑμα des Monconisiii, Angeli Ra- parii, Constantini Hugenii. Tengnagels, Brunonis. Niederlaͤndische Carmina von lauter Ein- und Zweysylbigen eintzelen Reimen. Rhythmus Identicus. Widerholunge der Reime ob sie zu dul- den. Die Italiaͤner lassen sie nicht zu. Die Fran- tzosen sein nicht so streng hierin. Die Reime muͤssen zum wenigsten eine halbe Meinung schliessen. Les enjambements. Solche billigen die Italiaͤ- ner. Nicht die Teutschen. Reime von Nomi- bus propriis und frembden Woͤrtern. Laͤcherliche Historia von Antonio Maraffa. Die mit der Cæsur gleich- der Reime. gleichstimmende Reime. Die vielfaͤltige Reime in Dactylico genere werden getadelt. Das Dactyli- sche genus ist zu ernsthafften Dingen nicht geschickt. Allgemeine Eigenschafften des Reimes/ aus dem Vondel. W Ir wollen zu den Reimen der Teutschen Verse uns wiederum wenden. Von welchen diejeni- gen/ die Teutsche Prosodien geschrieben viel Lehrsaͤtze haben/ die hier unnoͤthig zu wiederholen. Die Teutsche Sprache hat vor der Italiaͤnischen und Spani- schen den Vorzug/ daß sie eine Abwech- selung unter den Reimen hat: Da hin- gegen diese mehrentheils Weibliche Rei- ine gebrauchen muͤssen/ welches ein Poë- ma schwach und krafftloß macht/ weil die Worte alle abfallen/ und dadurch den Poetischen Trieb hemmen/ der durch die Mānnliche Reime immerfort un- terhalten und angefrischet wird. Die Italiāner werden deßhalben genoͤthiget ihre Poësin in gewisse Stances einzuthei- q q len/ Das X. Cap. Von Beschaffenheit len/ weßhalben sie die Einfaͤlle mitten in ihrem Lauff zu unterbrechen gezwungen werden. Welches viel Verhinderung macht. Die Frantzosen insonderheit a- ber der Malherbe, endigen ihre Stances und Sonnetten viel lieber mit Mānnli- chen als Weiblichen Reimen/ weil sie besser schliessen als die Weiblichen/ inson- derheit in Sachen/ da eine Haͤrtigkeit und Hefftigkeit außzudruͤcken. Hingegen in traurigen Dtngen schliessen die Weibli- chen besser. Die Vermischung der beyden ist am allerlieblichsten. Dann wie die Weiblichen zu schwach/ so sein die Mānn- lichen zu hefftig. Die μονοτονία ist allezeit verdrießlich. Deßhalben ist es nicht so gar angenehin/ wann die Verse auff lauter Mānnliche Reimen außgehen/ wie dergleichen unterschiedliche Frantzoͤsische Oden der Rapinus gemacht. Welche der I. Guillot in einem Brieff an Ios. Scalige- rum (welcher der 41te unter den Frantzoͤ- sischen Briefen ist/ die der Revius herauß- gegeben) sehr ruͤhinet/ so aber andern nicht der Reime. nicht gefallen. Vielweniger ist es ange- nehm/ wann ein Reim durch das gantze Carmen beybehalten wird/ welches den- noch einige mehr ad ostentationem ingenii gethan/ als daß sie solche art zum Exem- pel vorstellen wollen. Wir finden ein Frantzoͤsisches Ταυτόρυϑμον unter des Monconisii seinen Carminibus, die seiner Voyage angehaͤnget. Von dergleichen Italiaͤnischen Carmine, so einer Angelus Raparius gemacht/ schreibt Erythræus Pinac. II. imag. 28. Longum rhythmicum Car- men ex minutulis strophis confectum, in illius laudem edulii composuit, quod vulgo raviolos appellant: ac singulis Stro- phis intercalaris versus erat insertus; \& quo- niam carminis ea lex erat, ut ultima Stro- phæ uniuscujusque syllaba, eodem quo ex- trema intercalaris modo, desineret, tre- centa fere verba, similiter eodemque mo- do cadentia, repererat, Dergleichen Carmina sein in lächerlichen kurtzweiligen Dingen woll/ aber nicht in ernsthafften Sachen zu gebrauchen. Constantinus qq 2 Hu- Das X. Cap. Von Beschaffenheit Hugenius, welcher alle solche ingenii lu- sus im Niederlaͤndischen nachgemacht/ hat auch dergleichen in seinen Poematibus; wie auch ein Exempel eines Carminis, so von lauter Ein und Zweysylbigen Reimwoͤrtern durch und durch bestehet/ dessen Anfang also lautet: Siet Niet Na den Quaden Sang- Gang Leser Deser Sucht- Klucht Dergleichen wird man auch in Tengna- gels seinen Amsterdamschen Lindenbladen finden/ und beym H. Bruno in seinem Mengelmoes. p. 165. 166. Im uͤbrigen sein noch viele nuͤtzliche Anmerckungen von den Reimen/ die wir nicht koͤnnen vor- bey der Reime. bey gehen. Im Teutschen wird kein Rhythmus Identicus zugelassen/ ob gleich die Woͤrter der Bedeutung nach unterschieden. Welches dennoch die Frantzosen und Niederlaͤnder nicht ach- ten. Die Italiaͤner sein auch sehr be- hutsam in Wiederholung eines Reimes. Dann sie halten es vor einen Fehler/ wañ in einer Ode ein Reim unterschiedliche mahl wiederholet wird/ ob gleich in ver- schiednen Worten. Menage fuͤhret deß- halben unterschiedliche Oerter auß Ita- liānischen Autoribus an. Es ist aber zu genau gesuchet. Malherbe Urtheil ist die- ses gewesen/ man muͤsse nur dasselbe Wort nicht zum Reime wieder gebrau- chen/ den Reim aber koͤnne man in einer Ode woll wieder anbringen. Menage aber sagt/ daß man dieses in der Frantzoͤsi- schen Sprach so gar genau nicht in acht nehmen duͤrffe/ insonderheit wann das Wort so weit von dem ersten Orthe da es gesetzet entfernet/ daß mans sich nicht mehr erinnere. Wobey mans in Teut- q q 3 scher Das X. Cap. Von Beschaffenheit scher Sprache auch woll bewenden lassen kan. Dann in den Oden die ihre ge- wisse Strophen haben/ macht fast eine jegliche Strophe als ein absonderlich Car- men. Es ist auch diß zu mercken/ wel- ches viele nicht in acht nehmen/ daß ein jeglicher Reim gleichsam eine pausam ha- ben muß/ und es sehr hart klinget/ wann zum wenigsten mit dem Reim keine halbe Meinung schliesset ; oder wann der Reim auff ein epitheton oder præposition auß- gehet/ und das Substantivum im andern Verse nachfolget. Welches die Italiā- ner sehr haͤuffig thun/ ja gar vor eine Zierlichkeit halten. Die Frantzosen nen- nen es eniambemens, gebrauchen sie a- ber gar wenig/ als nur an Oertern/ da mans nicht uͤberhoben sein kan/ wie es Des Marests auff solchen Fall zugibt. Ronsard tadelt sie nicht/ Menage aber ver- wirfft sie gantz und gar in seinen Anmer- ckungen uͤber den Melherbe p. 536. In Teutscher Sprache haben sie gar keine art/ wiewoll ich einen sonst beruͤhmten Poe- der Reime. Poeten kenne/ der sie in dem Alexandri- nischen genere sehr haͤuffig gebraucht. Menage tadelt auch in demselben Buche p. 368. daß man Nomina propria oder sonsi andere neue sonderliche Woͤrter zu den Reimen gebraucht. Welches Mal- herbe sehr offte thut/ woruͤber der Theophile mit denen/ die ihm hierin nach- affen wollen/ den Spott treibet. Der- gleichen sonderlichkeit hat sich auch einer Antonius Maraffa gebraucht/ von welchen Erythræus Pinacoth. II. im. 45. diese lācher- liche Historia erzehlet. Erat inusitato- rum monstrosorumque verborum inven- tor, quæ partim à se inventa \& excogitata afferebat, partim ab Istris, Gallis, Hispanis, Illyriis, Teutonicis, Sarmatis atque etiam si Dis placet, Indis paululum mutata mu- tuitabat, iisque tum præsertim utebatur, cum versus rhythmo esset terminandus. Quamobrem multorum ad illum concur- sus fiebant, simulantium se rhythmorum inopiâ laborare, ac rogantibus ut verbis si- militer cadentibus, quibus egerent, sibi q q 4 sub- Das X. Cap. Von Beschaffenheit subvenirent: quibus ille ea suppeditabat, quæ deinde riderent. Es wird auch fuͤr einen Fehler gehalten/ wann die Cæsur in demselben oder folgenden Verse sich mit der Rede gleich reimet. Aber es muß ein Unterscheid gemacht werden: wann ein Reim die Strophen schließt/ und die Cæsur in dem ersten Verß der folgenden Strophen sich mit dem Ende des ersten reimet/ ist solches von keiner Erheblich- keit/ welches Menage an vorerwehnten Ohrte p. 511. p. 538. auch angemercket. Es ist auch ein sehr grosser Unstand/ wañ man in dem Dactyli schen genere die Reime so sehr vervielfāltiget. Dann es halten einige fuͤr die grōste Zierlichkeit/ deren sich andere auch in den uͤbrigen generibus gebrauchen/ daß sie fast alle Woͤrter des Verses unter einander rei- men. So schreiben etliche: Im Lentzen/ da glaͤntzen die bluͤmigen Auen Die Auen/ die bauen die Perlenen Tauen Die Nympfen in Suͤmpfen ihr Antzlitz beschauen. Es klinget dieses aber gar kindisch/ und ist der Reime. ist einem unangenehmen Klapperwerck āhnlicher/ als einer Harmonischen Lieb- lichkeit. Zugeschweigen daß das dactyli- sche genus an sich selbsten etwas gemei- nes und liederliches mit sich fuͤhret. Wie man dann auch bey den Lateinern solche geschwinde huͤpffende Reime in ernsthaff- tigen Dingen nicht gebilliget. Dann es klinget nicht maͤnnlich/ sondern weibisch und gauckelhafftig. Der beruͤhmte Ros- cius hat pflegen zu sagen: Se quò plus sibi ætatis accederet, eò tardiores tibicinis modos \& cantus remissiores esse facturum. So muß man auch dieses in den generi- bus Carminum in acht nehmen/ und er- fodert solches die Sache an ihr selbst. Die allgemeine Eigenschafften des Rei- mes werden von Vondel in seiner Aen- leiding ter Nedderduitsche Dichtkunst gar artig beschrieben: Het Riimvvort schient niet gevonden om het rijm te vin- den, maer zy zo gestellt of het geen riim- term vvaer. Het vars schine ookk geen rymelooze rede, maer trecke den aert van q q 5 een Das XI. Cap. Von dem Generibus een vaers an, en sta vvacker op zijne voe- ten. Heeft het geene zenuvven, zoo hangt het slap en vadzich: is het te gedrongen, zoo staet het stijf gelijck een lantsknecht in zijn harnas. Was weiter von den Rei- men in acht zu nehmen/ kan bey andern nachgelesen werden. Das XI. Cap. Von den Generibus Car- minum. Einhalt. D Ie Genera Carminum werden allhie gar kurtz abgehandelt. H. Schævii Exempel derselben generum, so aus des Horatii O- den uͤbersetzet. Die allgemeine Eintheilung der Carminum. Jambi sche. Trochai sche. Trochaici mit Abschnitten. Dactylische und Anapaͤstische. Ob sie Herr Buchner erfunden. Sie sein schon bey den alten Teutschen gewesen. Dactylische Reimen. Dactylische Verse klingen besser/ wann sie mit andern pedibus und metris unterbrochen. Pedes compositi wie bey den Lateinern/ so bey den Teut- Carminum. Teutschen. Es koͤnnen bey den Teutschen viel metra nach den Lateinischen gemacht werden. Gly- con-Ithyphall- und Phalæci sche Ode bey Herrn Tscherning. Alcaicum, Elegiacum, Asclepiade- um, Anacreonticum Carmen bey den Teutschen. Andre arten der Lateiner koͤnnen fuͤglich nach ge- macht werden. D Ie genera Carminum die bey den Teutschen vorkommen/ und theils aus der Natur der Fuͤsse/ und dem Gebaͤnde fliessen/ theils von frembden Sprachen abgesehen werden/ sein von vielen Autoribus so außgefuͤhret/ daß we- nig hinzu zusetzen. Daß wir aber die- ses Stuͤck nicht umhin gehen/ so wollen wir die weitlaͤufftigen Lehrsaͤtze und E- xempel andern uͤberlassen/ und nur all- hie/ was etwa sonderliches vorfůllt er- wehnen. Daß es auch nicht an Exem- peln fehle/ so sollen zu ende dieses Wercks 17. aus des Horatii 1. Buche uͤbersetzte/ und noch nie heraußgegebene Oden/ in deren jeglicher ein sonderlich genus vorgestellet wird/ hinangehaͤnget werden. Diese hat Das XI. Cap. Von den Generibus hat D. Henricus Schævius Sehl. ein Mañ von grossem Geist und vielen Wissenschaff- ten/ vormahliger Professor des Stetini- schen Gymnasii, und mein Lehrmeister/ gemacht: der ihm selbst das beste Denck- inahl seines Ruhmes haͤtte stifften koͤn- nen/ wann ihn nicht der Tod zu fruͤh- zeitig hinweg gerissen. Die genera Car- minum werden 1. nach den Fuͤssen/ 2. nach den Strophen und Reimschluͤssen/ 3. nach der Materia eingetheilet. Die letzte art beruhet nicht auff die Prosodia, sondern auff der Erfindung. Nach den Fuͤssen sein erstlich die Jambi sche. Die metra die von ihnen gemacht werden/ koͤnnen biß auff 16. Sylben außgedehnet werden. Hieruͤber kan man nicht wol schreiten. wie man auch unter vier Sylben nicht gehen kan. Die Abwechselung der Mān- lichen und Weiblichen kan auff vielerley arten geschehen/ und hat Herr Weise zwoͤlff derselben vorgestellet. Eines aus allen Gattungen der Jamborum gemisch- tes wird man finden in der Ubersetzung Od. Carminum. Od. 1. lib. 1. Horat. Eben diese Bewand- niß hat es mit dem Trochai schen genere dessen ein gemischtes Exempel auß der 2. Ode vorgestellet wird. Man macht in Trochaicis in gewissen regionibus Cæsuras oder Abschnitte/ welche die sonst matte Trocha ische Verse etwas lebhafft machen: deren Exempel wird aus der 3. Ode ge- geben. Dergleichen Cæluræ koͤnnen auch in andern metris nachgemacht werden/ entweder mit oder ohne Reime/ davon Harstoͤrffer in seinem Poetischen Trich- ter in der fuͤnfften Stunde handelt. Wie- woll die gereimten Cæsuræ hieher nicht eigentlich gehoͤren/ dann sie machen eine andre art von metro, daß nach Stro- phen eingetheilet wird. Die Dactyli sche und Anapæsti sche Carmina gehen nicht uͤber die vierzehn und funffzehn Sylben deren Exempel aus der 4. und 5. Ode des Horatii darunten zu sehen. Selbige soll Herr Buchner im Teutschen erfunden haben/ welches ihm viel auffbuͤrden/ und hat ihm Caldenbach lib. 1. Lyric. Od. 12. ein Das XI. Cap. Von den Generibus ein Lobgetichte deßhalben zugeschrieben/ da er doch selbst der Ehren gern entbeh- ren will. Dann man findet schon unter den alten Teutschen Carminibus, die Gol- dastus heraußgegeben p. 399. dergleichen Verse; Er fuͤhret aus dem Ulrich von Lichtenstein einige an/ die also lauten: Swer folget dem schilde/ der soll es enblanden Dem liebe/ dem gute/ dem Hertze/ den Handen Das lonet vil hohe mit hohem gewinne Duͤ vil werdu minne. ꝛc. Man koͤnte auch wol Dactyli scher Rei- men sich gebrauchen/ wie die Hollānder thun: Aber bißher hat bey den Teut- schen niemand solches gethan/ nur daß Der Hr. von Bircken in seiner Anwei- sung zur Teutschen Poesie cap. 5. n. 33. etliche solche Carmina zur Probe gesetzet/ wie dises Wird mich der Himmel noch immer begnaͤdigen/ sol mir kein Eiferer/ Neidischer Geiferer Meine zufriedenheit koͤnnen beschaͤdigen Sonst lautet es fast besser/ wann die Da- ctyli schen entweder mit Trochæis unter- bro- Carminum. brochen/ wie Harstoͤrffer davon einige Exempel beybringt; als dieses: Lieblicher JEsu/ hertzliche Wonn Heiliger Heiland/ guͤldne Sonn/ Oder wann Dactyli sche und Trochai sche Anapæsti sche und Jambi sche Wechselweise gesetzet werden: Dann die huͤpffende art dieses metri hat etwas Kindisches an sich/ welches sehr dadurch gemehret wird/ wann man so viel alliterationes und paro- nomasias mit hinein bringt/ das etli- che fuͤr eine Zierlichkeit halten/ ja wol gar unter die Lehrsaͤtze dieses generis brin- gen/ denen ich durchauß keinen Beyfall geben kan. Wie man nun im Lateini- schen pedes compositos hat/ so kan man sie auch im Teutschen haben/ und kan man viel aus denselben zusammen gese- tze metra nach der Lateinischen art ersin- nen/ die nicht so uͤbel klingen/ wann nur die in den Teutschen uͤbliche quantitas in acht genommen wird. Ja ich halte dafuͤr/ dz man auch allerhand genera erfindē koͤn- ne/ wann man die pedes und versus auff ge- Das XI. Cap. Von den Generibus gewisse art, in ihren Strophis verwechselt/ die auch bey den Latemern nicht im ge- brauch sein. Solcher generum sein unter- schiedliche schon zur Probe gegeben. Die Glycon-Ithyphall- und Phalæci sche Ode bey Herrn Tscherning in seinem Vor- trab des Sommers an Johann Heer- mann/ gibt eine so liebliche Vermischung/ daß es das Ohr und Gemuͤth ergetzet. deren Anfang lautet also: O daß Castalis mir nicht fleust! Wie er andermahl sich ergeust/ O daß Erato von mir setzt! Die sonst meine Gedancken wetzt Ein Getichte zu singen/ Als ich meinte zu bringen/ Wo sich Himmel und Feuer in mir ruͤhrte Als mein eifriger Geist Apellisirte. Er sagt Appellisirte: weil Herr Apel- les zu erst dergleichen Art geschrieben. Dem Alcaico, welches der Herr Tscher- ning in seinem Fruͤhling p. 394. hat/ fehlet nichts an Zierlichkeit und Wollaut. In meinen Getichten wird sich auch eins dergleichen art finden. Betulius hat in seiner Anweisung cap. 3. gar ein Elegiacum, dessen Anfang dieser: Laß Carminum. Lasse ja/ laß dich nicht den Wein und die Weiber be- thoͤren: Dann die Weiber und Wein schaden auff einerley weiß. Weiber und Wein die koͤnnen Leib und Kraͤffte ver- sehren: Weiber und der Wein stellen die Fuͤsse auff Eiß. ꝛc. Diß klinget aber nicht so woll/ weiln die Verse allzu lang und die pedes sich allzu offt āndern. Die vielbāndige Oden schicken sich besser hiezu ; und will ich mich verpflichten daß ich die meisten da- von im Teutschen so nachmachen will/ daß sie nicht unlieblich sein sollen. Das Asclepiadeũ mit dem Glyconico vermischt ist bey Betulio l. c. Anacreontica hat man haͤuffig. Von dem Sapphico ist im folgenden ein mehres. Warum solte man nicht den Jonicum à Majore \& Mino- re, Dactylicum, Alcmanicum, Archilochi- um Dicolon, Hipponactium und die andre unter sich vermischte metra nachmachen koͤnnen ? Wer es nur versuchen will/ und die Worte und Reime zu seinen Wil- len hat/ dem wird es nicht fehlen/ und r r wun- Das XII. Cap. Von den Arten. wundert mich sehr/ daß da man so viele Neuerungen gemacht/ auch hierauff nicht mehr beflissen gewesen ist. Aber wir schreiten zu den uͤblichen arten der Ge- tichte/ die bey den Teutschen nach den Strophen eingetheilet. Das XII Cap. Von den verschiedenen Arten der Reimschluͤsse. Einhalt. W Oher das Alexandrinische genus den Nah- men habe: Komt vermuthlich von den Fran- tzosen her. Ob es zu Heroischen Getichten bequem. Joannes Boscanus und Garcilasso de la Vega haben lieber ein kurtzes genus in der Spani- nischen Poesi erwehlen wollen. Teutsche Elegien. Vers communs. Sonnetten. Der Nahme ist bey den Provincial Poeten schon gewesen. Es ist ungewiß ob sie von den Italiaͤnern oder Frantzo- sen herkommen. Claude Fauchet und Menage Meinung. Wer sie in Spanischer Sprach zu erst auffgebracht. Josepho Baptista hat die zierlichsten Son- der Reimschluͤsse. Sonnetten in Italiaͤnischer Sprache geschrieben. Flemming im Teutschen. Ist keine geringe Kunst. Der Frantzosen Freiheiten in den Sonnetten Quadrains Hexains, Huictains. \&c. Das Sapphi- cum genus. Echo- Ringel-Reimen. Rondeaus. Wiederholung der Reime bey den Meistersaͤngern. Barrit eine gewisse art der Reime aus Herꝛn Schot- tel. Widerkehr. Gegentritte. Ketten-Reime. Pindarische Oden: sein einem Syllogismo Oratorio gleich. Sechstinne. Deren erster Erfinder. Teut- sche Centones. Bilder-Reime. Griechische/ die unter des Theocriti Carminibus gefunden wer- den. Joachimi Camerarii Urthel von ihnen. Ra- bani Mauri Carmina cruciformia. Madrigalen. Woher sie kommen. Covarruviæ, Cotins Mei- nung. Mandrial. Ob die Frantzosen oder Ita- liaͤner zu erst sie gebraucht. Cotin beschreibt ein Madrigal nicht recht durch ein Epigramma. Herr Ziegler haͤlt die Magdrigalen fuͤr die schwerste art. Die Teutsche Epigrammata koͤnnen auch in anderm metro bißweilen besser als in Madrigaln verfasset werden. Madrigalen sein zur Music bequem. Madrigalonen, Madrigaletti. Stances inegales. ὲπίμικτα. Teutsche Inscriptiones haben nicht die beste art. Die Italiaͤnischen schicken sich unter den gemeinen Sprachen am dazu besten. r r 2 Un- Das XII. Cap. Von den Arten V Nter denen nach den Strophen eingetheilten Carminibus ist das Alexandrini sche das bekanteste. Woher dieses den Nahmen habe/ kan man nicht eigentlich wissen. Claude Fau- chet handelt hievon in seinem Buche de Poësie Françoise liv. 2. p. 85. meinet/ daß es entweder von den Buͤchern und Ro- mainen also genannt/ darin die Thaten des Koͤnigs Alexandri in dergleichen Ver- se beschrieben/ wovon er einige Exempel in gemeldten Buche beybringet/ oder auch von einem Frantzoͤsischen Poeten Alexandro. Andre meinen/ es werde von einer Stadt Alexandriâ in Welsch- land/ woselbst es erst erfunden sein sol- le/ also genant. Zeiler wolte es gern aus Teutschland herfuͤhren/ deßhalben er in seiner 569. Epistel an jemand schrei- bet/ und von ihm zu wissen begehret/ ob man nicht unter den uhralten Carminibus eine solche art finden solte. Ich halte a- ber/ daß man sich deßhalben vergeblich bemuͤhen werde/ und vermeine man muͤs- se der Reimschluͤsse. se dessen Erfindung den Frantzosen lassen. Welches wie herrlich es etzlichen auch vor- kom̄et/ so urtheilet deñoch der scharfsiñi- ge Censor Rapinus in seinen Reflexioni- bus part. 2. n. 10. davon/ daß es eine monotoniam habe/ und den unterscheid des numeri nicht vorstellen koͤnne/ ja gar in einem langen poëmate endlich ver- drießlich falle. Joannes Boscanus und Gar- cilasso de la Vega haben es lieber in Spa- nischer Sprache fahren lassen wollen/ und an statt dessen/ die bey den Italiā- nern gebraͤuchliche eilffsilbige Verse ange- nom̄en/ wie Nicolaus Antonius in seiner Bibliotheca Hispanica bezeuget/ in qui- bus, wie er sagt/ majestatem explicarent styli atque uberiores venæ latices abun- dantius effunderent. Man solte in den Teutschen Sprache die Heldenart gleich- falls hierin fast besser außdruͤcken koͤnnen. Worin die Eygenschafft dieser Verse be- stehe/ ist allen bekant. Darunten wird ein Exempel aus der 6. Ode des Horatii vorgestellet. Man hat auch einige art r r 3 Ver- Das XII. Cap. Von den Arten Verse/ die man nach art der Lateinischen Elegias nennet/ bloß deßhalben/ weil Weibliche und Mānnliche unter einan- der verwechselt werden. Dergleichen hat man nicht allein im Alexandrinischen genere sondern auch in andern. Man vermischt auch wol zweyerley arten/ also daß ein Verß Alexandrinisch/ der an- der Anapæ stisch ist/ welches eine sehr gu- te harmoniam macht. Dessen ein Exem- pel aus der 7. Ode des Horatii gegeben wird. Im Alexandrinischen Genere hat Herr Ziegler ein Buch solcher Elegien geschrieben/ von der Gebuhrt/ Leiden und Aufferstehung Christi. Eine ande- re art Elegien hat Herr Weise in seinen Getichten N. 37. und 38. Man hat fer- ner eine Art/ die man gemeine Verß vers communs nennet/ aus zehn und eilffsilbigen Jambis bestehend. Diese fuͤ- gen sich sehr woll/ und koͤnnen zu vielen dingen gebraucht werden. Wir wollen deren ein Exempel aus der 8. Ode des Horatii beybringen. Die Sonnetten/ wie der Reimschluͤsse. wie und auff wie vielerley Art sie zu ma- chen/ kan man bey andern uͤberfluͤssig finden. Es ist zweiffelhafftig welche Na- tion sie erfunden. Die Italiaͤner und Frantzosen streiten hierum. Gewiß ist es/ daß bey den Frantzosen der Nahme Sonneten schon in der Roman de la Ro- se, die ums Jahr 1260. geschrieben/ sich findet/ und auch in andern Autoribus die zur selben Zeit gelebet. Aber wie Mena- ge in seinen observationibus uͤber den Malherbe p. 570. angemerckt/ so kan man noch nicht hierauß beweisen/ ob dieselbe eben diese Maaß von 14. Versen und der- gleichen Reimen gehabt wie die heutige. Verdier tadelt auch diejenige in seiner Censione autorum, welche den Petrar- cham vor den ersten Erfinder halten/ sich auff den Fauchet beruffend/ der ein Son- net anß einem alten Frantzoͤsischen Auto- re hervorgebracht. Welches ich aber bey ihm nicht finden koͤnnen/ und solte mich wunder nehmen/ daß Menage diß vorbey gegangen were/ welcher außdruͤck- r r 4 lich Das XII. Cap. Von den Arten lich bekennet/ daß es den Frantzosen an glaubwuͤrdigen Beweiß noch zur Zeit mangele/ wiewoll es nicht so gar unglāu ich ist/ daß wie die Italiaͤner von den Provincial Poëten ihre Poeterey/ so auch die Sonnetten uͤberkommen haben/ in- sonderheit da der Nahme bey ihnen ver- handen. Dann es koͤnnen solche kleine Carmina woll verlohren gegangen sein. Wer es unter den Frantzosen zu unser Zeit am ersten auffgebracht/ das unter- sucht Menage weitlaͤufftig am vorgedach- ten Ohrt/ daran uns aber nicht sonder- lich gelegen. In Spanischer Sprache hat Joan Boscan es zum ersten geschrie- ben/ wie Nicolaus Antonius in seiner Bibliotheca Hispanica bezeuget. Bey den Italiānern ist Petrarcha von den er- sten/ dessen Sonnette/ wie alle seine andere Carmina gar woll gemacht. Es schreibt aber Lorenz. Craslo. in seinen Elog: d’ huomini litterat. part. 1. p. 336. von dem Jo- sepho Baptista, daß er diese art der Car- minum zur hoͤchsten Vollkommenheit ge- bracht/ der Reimschluͤsse. bracht/ dann er sagt: egli è stati il pri- mo in questo secolo, che in un Sonnetto hà saputo unire tutte le bellezze imagina- bili, Eruditioni riposti, ma feli cissamente applicate: forme de dire magnifiche, ma non iscompagnate della chiarezza: Con- cetti nobilissimi, ma genitori nel mede- simo punta della maraviglia e del diletto. Was dieser von dem Josepho Baptista sa- get/ daß koͤnnen wir billig von Flem- ming sagen/ dann es hat niemand in Teutscher Sprache ein so schoͤnes Son- net geschrieben/ als er. Welches traun keine geringe Kunst ist. Dann es ist von diesem war/ was Martialis von den Epigrammatibus sagt; librum scribere dif- ficile est. Balzac saget in seinen Entre- tiens Entr. 32. daß er zwar viel Elegias ge- sehen/ die ihm sehr woll gfallen/ aber gar wenig Sonnetten/ die ihn recht vergnuͤ- get haͤttē. Die Frantzosen brauchen sonst viel Freyheiten/ die dem Sonnet seine klingende art benehmen. Als wann Mal- herbe, die andre quatrain der ersten an r r 5 den Das XII. Cap. Von den Arten. Reimen nicht gleich macht/ welches doch etwas nothwendiges bey einem Sonnet ist. Dieses ist nicht nachzumachen. Seine eigene Landsleute tadeln ihn deßhalben. Es verwerffen auch einige unter ihnen die Reime und setzen sie nicht an gebuͤh- rendem Ohrte/ verwechseln auch nicht die Maͤnnljche mit den Weiblichen/ wie es sich gebuͤhret/ so daß drey/ vier maͤnliche nach einander folgen. Es werden auch von ihm die sechs letzte Rei- men/ drey Maͤnliche drey Weibliche/ wechselweise widerholet. Es hat im Teut- schen der Herr Harstoͤrffer sieben Māñ- liche und sieben Weibliche wechselweise widerholet/ welches sehr schwer ist/ und keine sonderliche art hat. Deꝛgleichē Wech- selreime findē sich auch in dem Italiānischē bey Girolamo Preti. Ein Exempel eines Sonnets/ wird auß der Od. 9. Horatii vorgestellet. Man hat bey den Frantzo- sen/ auch vier/ sechs/ achtzeilige Verse/ Quadrains, Hexains Huictains, auff un- ter- der Reimschluͤsse. terschiedliche art unter sich verwechselt und gemischet/ welchen etliche drey-fuͤnff- sieben-neun-zehn- und zwoͤlffzeilige hinzu thun/ deren Exempel bey dem Betulio cap. 8. seiner Anweisung zu lesen Hier- in kan ein jedweder feinen eigenē Einfaͤllē zum Theil folgen. Darunten wird ein E- xempel der Sechszeiligen/ welche die Vier- zeilige in sich begreiffen auß der 10. Ode/ und ein anders von den achtzeiligen/ aus der 11. Ode herbey gebracht werden. Das Sapphicum genus ist bey den Teutschē auff unterschiedliche art auffgebracht/ so daß es numehr bey ihnen fast das Buͤrger- recht gewonnen. Dann verschiedene Gattungen von den Autoribus vorgezei- get werden. Darunten wird eins aus der 12. Ode des Horatii angefuͤhret/ wel- ches zugleich ein Echo fuͤrbildet/ so kein genus carminis vor sich ist/ sondern nur eine affectio desselben. Von diesem ha- ben auch andere außfuͤhrlich gehandelt/ insonderheit Herr Schottel und Betu- lius cap. 9. seiner Anweisung. Ringel- Rei- Das XII. Cap. Von den Arten Reime sein diejenigen/ welche mit den- selben Woͤrtern damit sie anheben auch den Schluß machen. Wovon aber zu mercken/ daß der Anfang und Ende/ muß etwas sententiosum odeꝛ patheticum in sich haben/ dann sonst diese art ohn alle Zierlichkeit sein wuͤrde. Dergleichen hat einer Almesius, oder wie er mit rech- ten Nahmen heist/ Zamelius, ein gantzes Buch geschrieben unter dem titul Musæ Cyclades. Darunten wird ein Exempel aus der 13. Ode des Horatii gegeben. Die Frantzosen haben ihre Rondeaus, Herr Schottel hat auch eine andre art Rin- gelreimen/ in Oden/ da 2. Verse in ei- ner jeden Strophe den Verß anfangen und schliessen/ davon in den Anmerckun- gen uͤber Neumarcks Taffeln p. 249. zu lesen/ und viele andere/ davon in seiner Reimkunst lib. 3. c. 10. gedacht wird. Beym Betulio findet man in seiner Anweisung cap. 9. deren auch unterschiedliche Gat- tungen/ und unter andern eine/ da das gewoͤhnliche Tischgebet Aller Augen war- der Reimschluͤsse warten auff dich: stuͤckweiß eine jegli- che Strophe/ jedoch ohne Reim schlies- set. Solche Wiederholunge der Reime sind auch bey den alten Meistersaͤngern gewesen ; die ihre Klapperreime/ anhan- gende Reime/ Reim-Wetzler/ oder Reim- Schleiffer/ Schlag-Reime gehabt/ davon Schottel in seiner Reimkunst lib. 3. c. 21. Die offte Wiederholung eines klingenden Maͤñlichen Reimes/ wie beim Schottel in dem Carmine, so eꝛ von deꝛ Teutschē Haupt- sprache/ im Anfange seines fuͤnfften Bu- ches hat/ in dem 18. 19. 20. 21. 22. 23ten Reim- schluß/ nennet er in den Anmerckungen Barrit oder Bardit/ und kan es sein/ daß sie solcher art sein/ die Hans Sachs seine Thoͤne oder Bare neñt/ davon wir part. 2. c. 7. erwehnet. Aber er brin- get dessen keinen Beweiß bey. Die wider- kehrende Reime bestehen hierin/ daß in dem gantzen carmine nur eine Reimung sey/ es sein so viel Strophen als sie wol- len/ und von dem Mitteltheile des Car- minis die Reime ruͤckgaͤngig wieder an- fan- Das XII. Cap. Von den Arten fangen/ also daß der erste in der Wider- holung dem letzten des ersten Theils gleich werde/ und also biß auff den letzten in gleicher Zahl uñ Reimwoͤrtern fortgehe/ der dem ersten gantz gleich ist. Der erste Theil ist gleichsam der Vorsatz/ der an- der der Nachsatz/ oder Beantwortung und Gegen-Rede. Die Wieder oder Gegentritte haben in den vierversichten Strophē nur zwey Reimwoͤrter/ die so fort wiederkehren/ und kan die Zahl der Strophen nach belieben gesetzet werden. Beyder Arten Exempel sind darunten zu finden/ der erstē/ aus der 14, der an- dern auß der 15. Ode deß Horatii. Man hat auch eine art die man Kettenreime neñt/ die sich vorn/ in der mitten und am Ende reimen. Von diesen und der- gleichen Reimgebānden sein bey dem Hn. Schottel in seiner Reimkunst sehr viel absonderliche Arten zu finden/ davon man bey ihm weiter nachlesen kan. Wir kommen auff die Pindarische Oden/ wel- che art die unsrigen nacht Art der Grie- chi- der Reimschluͤsse. chischen und Lateinischen gemacht. Mit diesen ist es fast/ wie mit einem Epiche- remate oder Syllogismo Oratorio beschaf- fen/ darinnen die Strophe gleichsam eine Propositio ist/ welche dañ mit ihren rati- onibus amplificirt wird. Antistrophe ist dem Minori zu vergleichen/ welche wider- um amplificiret, und mit allerhand Po- etischen figuris außgezieret werden kan. Die Epodos macht gleichsam die Conclu- sionem. Diese Ordnung kan auch woll geāndert werden/ daß Strophe den Mi- norem, Antistrophe den Majorem ma- chet/ wie solches auch in den Syllogismis oratoriis geschieht. Im Lateinischen haben Heinsius, Sanmarthanus und an- dere dergleichen Oden geschrieben. Die vielen Gattungen im Teutschen/ wer- den von andern weitlāufftiger angefuͤh- ret. Wir setzen deren ein Exempel aus der 16. Ode des Horatii. Die Sechstinen sein von den Spaniern am ersten erfun- den/ und wird von dem Nicolao Antonio D. Petrus Vanegas de Saavedra der erste be- Das XII. Cap. Von den Arten benennet/ der sie gebraucht. Es ist be- kant/ worin ihre Eygenschafft bestehe. Harstoͤrffer hat auch an statt der sechs Verse/ drey und vierzeilige. Sie klingen aber unlieblich. Drunten ist ein Exem- pel aus der 17. Ode des Horatii, und in meinen Getichten findet sich auch eins part. 1. n. 32. Diese sein also die vornehmsten nach den strophis eingetheilte Genera, deren viele Veraͤnderungen bey andern sich be- sinden/ und noch mehr koͤnnen erdacht werden. Betulius hat auch Centones, so er Stuͤckelgebaͤnde neñet/ deren Exempel er eines auß dem Opitio zusam- men gesetzet. Es hat aber in Teutscher Sprache nicht die art/ wie im Griechi- schen oder Lateinischen. So hat man Parodias, Acrosticha, Chronosticha, wel- che hieher nicht gehoͤren/ und den Nah- men eines rechtschaffenen Carminis nicht verdienen. An Bilderreimen/ da die Verse eine gewisse Figur darstellen/ be- lustigen sich einige sehr/ indem sie bald ein der Reimschluͤsse einen Pocal/ bald einen Baum und deꝛglei- chen außbilden. Die Griechen haben solche dinge vor diesen gemacht/ wie wir einige des Theocriti seinen Carminibus hinange- haͤnget finden Von diesen urtheilt Came- rarius Epistol. 2. lib. 5. an den Eobanum Heslum. In his Carminibus nihil est do- ctorum admiratione dignum. Quid e- nim elegans \& Atticum vel in argumento vel elocutione, vel sententiâ? An tu ve- rò istos ςαυροποιητὰς \& γωνιοκάμπτας pro- basti? Minimè probasti aut probas, qui augustiam istam ingenii \& tormenta com- positionis per lusum aliqua in parte bella videri posse, in totâ poësi laudem scis prorsus non habere. Tribuuntur \& alia hujusmodi poëmata Theocrito Bipennis Alæ, Ara. Quæ quidem facilè vitabunt industriam nostram, \& non adeò digna res videtur, ubi tu nervos intendas. E- ben solches Urthel kan man auch von den Bilderreimen faͤllen/ wie auch von den versibus quadratis, cubicis, die einige nach- ahmen wollen. Unter allen diesen Arten s s sein Das XII. Cap. Von den Arten sein des Rabani Mauri Lateinische Carmi- na, darin so vielerley art Kreutze ge- bildet werden verwunderns wuͤrdig: dann es muß dieser Mann eine unglaub- liche Muͤhe gehabt haben/ deren so gar verschiedene Formen/ in so vielerley art Verse zu verfassen. Wer aber ein recht tuͤchtiges Gedichte schreiben kan/ wird sich nie mit dergleichen armseeligen Er- findungen behelffen. Der Madrigalen haͤtte ich beynahe vergessen/ welches eine sehr feine art von Reimgebānden ist/ die von den Italiā- nern und Frantzosen etwas spāte auff die Teutschen gekommen. Woher solche Art Verse und das Wort an sich selbst den Ursprung habe/ ist ungewiß. Covarru- vias hat in seinem Thesauro Linguæ Hi- spanicæ viel mit diesem Worte zu thun/ imgleichen auch Cotin in einer absonder- lichen Dissertation von den Madrigalien. Das Vocabularium della Crusca fuͤhret es her von Mandra, welches eine Schāf- ferey bedeutet/ und Gallo: welches letzte Co- der Reimschluͤsse. Cotin nicht gefaͤllt. Einige leiten es von dem Spanischen Wort Madragan summo mane expergisci her/ wie die Liebhaber zu thun pflegen/ wann sie ihre Liebeslie- der bringen wollen. Das glāublichste ist/ daß es von Mandra komme/ und vor alters ein Schāfferlied bedeutet/ welches auch hiedurch bekraͤfftiget wird/ wie Menagius in seinen Originibus Italicis angemerckt/ daß es bey den alten Itali- aͤnern Mandriagale genañt worden Das Wort ἀγέλη bedeutet auch bey den alten Atticis, eine Heerde/ koͤnte es also von μάνδρα und ἀγέλη zusam̄en gesetzet werden. Des Herrn Cotins Meinung ist diese/ daß wie vor diesen bey den Siculis zu erst die Hirtenlieder auffgekommen/ sie viel- leicht diese art von Versen und Nahmen gehabt haͤtten/ ehe noch die foͤrmlichen E- clogæ abgefasset worden. Ja er meinet gar/ daß bey den Morgenlāndern der- gleichen Art vor langer Zeit im gebrauch gewesen. Weiln nun die Gallier mit den Griechen vor diesen viel Gemein- s s 2 schafft Das XII. Cap. Von den Arten schafft gehabt/ so koͤnte solches entweder von ihnen auff die Massilier gebracht/ oder auch von Sicilien dahin gekommen sein. Die Italiaͤner aber hatten dieses Wort/ und die art der Verse von den Provinci- al Poeten empfangen. Womit auch Speron Speroni in seinen gelehrten Dia- logis einig ist. Seine Einfaͤlle sein artig und woll außgefuͤhrt/ aber wie mich be- duͤncket/ was zu weit her geholet. Es kan endlich gleich viel sein woher das Wort komme. Die Sache an sich selbst ist bekant gnug. Cotin gibt diese, Be- schreibung: Le Madrigal est d’ ordinaire une Epigramme galante composée de vers inegaux pour la mesure, \& irreguliers pour la rime. Le tendre est son chara- ctere. Er nennet es ein Epigramma, wo- durch es aber nicht recht beschrieben wird. dann ob zwar die Epigrammata hierin woll abgefaßt werden koͤnnen/ so seind doch nicht so fort alle Madrigalen Epi- grammata. Der beruͤhmte Herr Zieg- ler hat sie am ersten in die Teutsche Spꝛa- che der Reimschluͤsse. che gebracht/ und eine gelehrte Disserta- tion davon geschrieben/ welcher er unter- schiedliche Exempel anhaͤnget. Worin- nen er von ihren Eygenschafften handelt. Er haͤlt sie vor die schwerste art eines Teutschen Carminis. Sie ist aber wie Herr Weise recht urtheilet sehr leicht und sehr schwer. Leicht/ weil das Madrigal ungebunden ist. Schwer/ weil diese un- gebundene Freyheit mit nachdenckli- chen und scharffsinnigen Reden ersetzet werden muß. Weßhalben auch Hꝛ. Ziegler es fuͤr das eintzige genus haͤlt/ so zu den Epigrammatibus. bequem ist/ dann er meinet es sey sehr schwer/ in einer andern Art ein Fpigramma zu verfassen. Wor- in ich gantz andrer Meinung bin Dann ob man zwar ein Epigramma circumscri- ptum, wie ichs nenne/ in einem Madri- gal verfassen kan/ so ist man doch durch die ungleichheit bißweilen mehr gebun- den/ daß man umschweiffe gebrauchen muß/ da man vielleicht in einem andern genere kuͤrtzer zum Ziel treffen koͤnte. s s 3 Es Das XII. Cap. Von den Arten Es ist so gar schwer und unmuͤg- lich nicht/ wie er davor haͤlt/ daß man gute Epigrammata im Teutschen/ auch ausserhalb der Madrigalen schreiben kan. Daß meiste hierin komt auff den Wollaut und das Urtheil der Ohren an. Auß diesem muß man schliessen/ ob man kurtze oder lange/ gereimte oder ungereimte Verse setzen soll. Weiln auch diese art zur Music erfunden/ angesehen in den Singespielen/ die fast durchgehende Ma- drigalen sein/ sie von den Musicis mit dem stylo reci ativo exprimirt wird/ so muß in allen Zeilen zum wenigsten ein halber/ oder auch gantzer sensus sein/ nachdem es die Music erfodert/ sonst wuͤrde es gar uͤbel klingen. Wie man dieses auch noth- wendig in den Oden die gesungen wer- den in acht nehmen muß/ worinnen sich doch viele verstossen. Kempe und Stock- man haben gantze Buͤcher von Madriga- len geschrieben. Diese art des Carmi- nis kan nach belieben außgedehnet/ und in gewisse Sātze eingetheilet werden. Herr der Reimschluͤsse. Hr. Weise neñet solche Madrigalische O- den. Mein hochgeehrter Collega Herr D. Major nennet sie Madrigalonen/ weil dergleichen Endigung in der Italiaͤnischen Sprache etwas vergroͤssert/ und zwar mit guten Fug/ weil im gegentheil bey den Italiaͤnern in significatione diminu- tivâ, die kleinen Madrigale Madrigaletti genant werden. Der Frantzosen ihre Stances inegales sein derselben art. Bey den Lateinern haben etzliche/ als Heinsius und Hugenius fast dergleichen Carmina geschrieben/ die sie πίμικτα nennen. Aber hierin sind allerhand metra gemischet/ die Dithyrambi koͤñen auch zum Theil mit ihnen verglichen werden. Es sein deren einige Exempeln auch in meinen Getich- ten zu finden. Einige haben die bey den Lateinern gebrāuchliche Inscriptiones auch nachahmen wollen/ welches sich bißweilen thun laͤsset/ und hat man des- sen Proben bey dem Autore des Mau- solei Regum \& Ducum Hungariæ, Betu- lio und andern. Aber die Teutsche s s 4 Spra- Das XIII. Cap. Von den Sprache ist wegen der weitlaͤufftigen Zu- sammenfuͤgung nicht woll bequem hiezu. Dann die Periodi lassen sich wegen der Huͤlffwoͤrter/ Articuln, und Pronomi- num so enge nicht einschrencken: oder man mußder Rede einige Gewalt anthun/ und sie wieder ihre natuͤrliche Eygen- schafft zwingen/ und in kleine Theile zer- stuͤcken. Die Italiaͤnische Sprache weil sie so viel unnoͤthige Woͤrter nicht hat/ laͤßt sich unter den gemeinen Sprachen am besten hiezu gebrauchen/ wovon un- terschiedliche Exempel in des Boldoni E- pigraphice sich befinden. Das XIII. Cap. Von den Erfindungen/ Einhalt. Z U den Erfindungen koͤnnen die Excerpta dienen. Excerpta Phrasium, Descriptionum, Com- parationum, Iconismorum. Iconologia Cæ- saris Ripæ. Zu einem Gedichte gehoͤret ein voll- kom- Erfindungen. kommener Verstand. Cardinal Perrons Urthel. Poeterey hindert keine andre Wissenschafft: Der Poetische ἐνϑουσι μὸς Die rennlichkeit und deut- lichkeit der Rede. Die schwuͤlstigen Composita, Epitheta und periphrases werden getadelt/ wie auch die ertichtete Woͤrter. Neue frembde Woͤrter ob und wann sie zu gebrauchen. Unterschiedliche Exempla die getadelt werden. Metaphoræ Poeticæ, muͤssen von den gemeinen Woͤrtern unterschieden werden. Exempel der gemeinen Woͤrter. Lexi- con Metaphorarum Poeticarum muß gemacht wer- den. Die Griech schen und Lateinischen Metaphoræ koͤnnen in Teutscher Poesi nachgemacht werden/ doch mit gewisser Maaß. Exempel derselben. Vondels Urtheil. Latinismi von Joh Baptista einem Italiaͤnischen Poetengluͤcklich gebraucht. Die Metaphori sche Epitheta finden keine gute stelle in Teutscher Sprache. Die Italiaͤner gehen den Teutschen hierin vor. Aus was Uhrsachen? Inscri. ptiones haben in der Frantzoͤsischen und Teutschen Sprache die art nicht/ wie in dem Italiaͤnischen. Von den Metaphoris des Cardinal Perrons Urtheil. Metaphoræ Poeticæ sein in gewisse Maaß einge- schrenckt. Augustini Mascardi Urthel. Meta- phoræ frigidæ. Deren Exempel. Metaphori- sche Kunstwoͤrter werden verworffen. Die Kunst- woͤrter sein an sich verboten in Carmine. In ge- wissen Faͤllen zugelassen. Die Engellaͤnder belu- stigen sich hierin. Burlesque. Wird gaͤntzlich s s 5 ver- Das XIII. Cap. Von den verworffen. Vavassoris Buch wieder dieselbe. Die Beschaffenheit der Descriptionum. Der Trans- lator Rapini urtheilet von der Beschreibung der Nacht. Sein Urtel wird untersucht und wider- legt. Virgilius wider ihn verthediget. Hugenii Zedeprinten. Caraffæ Dicerie Poetique. Dispositio Außarbeitung eines grossen und kleinen Carminis. Die Ordnung der Stuͤcke eines kleinen Carminis durch gewisse Lemmata. Spilimbergii Commen- tarius in Horatium wird gelobet. Reim Exercitium. N Achdem wir die Reimgebānde be- trachtet/ solten wir von den Er- findungen reden/ davon vielmehr als von dem obigen zu handeln fiele/ in- sonderheit da von andern dieses Theil nur obenhin beruͤhret. Diese Erfin- dungen koͤnten erstlich in gemein/ hernach absonderlich nach Anleitung der Materie untersucht werden. Weiln wir aber der- maleins ein absonderlich Buch von den Erfindungen in Latina Poesi hervor zu geben gesonnen/ so wollen wir allhie de- sto kuͤrtzer verfahren. Erstlich ehe einer erfinden kan/ muß er zuvor gelesen und ge- Erfindungen. gesamlet haben/ sonsten wird er ein lee- res Stroh dreschen. Er muß nicht al- lein die vornehmsten Teutschen Poeten/ sondern auch die Lateinischen und Grie- chischen/ von welchen doch alles herflies- set/ woll durchkrochen/ und ihre Kuͤnste ihnen abgelernet haben. Will er diesen die Außlaͤnder/ als Spanier/ Frantzo- sen Italiaͤner/ hinzusetzen/ wird er sei- nen Schatz desto groͤsser machen. Der delectus verborum muß insonderheit all- hie woll in acht genommen werden/ denn wie derselbe origo eloquentiæ genannt wird/ so ist derselbe in Carmine vor al- len andern das vornehmste. Zu sol- chem Ende kan man in der Teutschen Tichterey eben solche Excerpta machen/ wie in der Lateinischen/ davon ich/ ob GOtt will/ in einem andern Buche mit meh- rem handeln will. Die excerpta phrasi- um, descriptionum haben beꝛeits einige zu- sam̃en getragē. Tscherning in dem Abriß seiner Poetischen Schatzkam̃er/ Treu in seinen Dædalo, Bergman/ Harstoͤrffer in Das XIII. Cap Von den in dem Anhang seines Poetischen Trich- ters/ woselbst er die Außbildungen mit anfuͤhret/ welche von den vornehmsten Stuͤcken der Poetischen Zierrahten sein/ davon Julius Cæsar Ripa ein absonderlich Buch in Portugiesischer Spꝛache geschꝛie- ben/ welches ietzo verteutschet. Mase- nius hat einen kurtzen Außzug aus ihm und andern gemacht in seinem Speculo i- maginum veritatis occultæ. Die Com- parationes muͤssen auch angemerckt wer- den/ wie solches in Lateinischer Poesi von Trognæsio geschehen Im uͤbrigen ist ein grosser Unterscheid unter der gebundenen und ungebundenen Redensart/ und wer- den die Poeten durch einen sonderlichen Geist getrieben. Es meinen etliche/ als wann ein Carmen nur so von ungefehr gemacht werde/ bestuͤnde nur von auß- spuͤrigen Einfāllen/ die keine sonderliche Schlußreden von noͤthen hātten. Die- se aber die so urtheilen/ legen ihren gros- sen Unverstand zu tage/ und haben nie- mals was rechtschaffenes in Wissenschaff- ten Erfindungen. ten gethan. Dann es ist gewißlich also/ wie J. C. Scaliger urtheilet/ es fallen die Poetische Zuneigunge auff keinen gemei- nen Verstand. Ein vollenkommenes Carmen, wie die Æneis Virgilii, Comœ- dien, Tragœdien, und auch andere Ge- tichte erfodern ein wollgelaͤutertes Urthel/ so woll in richtigen aus den locis Rhetori- cis genommenen Schlußreden/ als an- dern Zierlichkeiten/ die ihre gewisse art und proportion haben muͤssen. Es sagt der Cardinal Perronius in seinen Excerptis gar artig. L’Excellence de vers consisto comme en un point indivisible de perfe- ction, de sorte, que s’ il s’ y peu mettre un seul mot plus propre, ou plus signifi- catif, ou mesme plus agreable a l’ oreil- le, il ne peut estre dict parfait. Es ist die hoͤchste Staffel eines Verstandes zu der Vollkommenheit dieser Kunst zu ge- langen/ wie wir an den vortreflichsten Geistern dieser Zeit/ als Hugone Grotio, Heinsio, Alexandro Moro und vielen an- dern gesehen/ die in allen Stuͤcken der Wis- Das XIII. Cap. Vou den Wissenschafften zu Hause gewesen/ ob sie gleich die besten Poeten waren. Dann was einige halbgelehrten hievon kluͤgeln/ ob hindere die Poeterey die andern Wis- senschafften/ ist ein thoͤrichter Schluß der- jenigen/ die nicht wissen unter den rech- ten Gebrauch und Mißbrauch einen Un- terscheid zu machen. Es heißt/ wie der Griechische Verß saget. Γράμματα μαϑε̃ιν δε̃ι, καὺ μαϑοῦντα νοῦν ἔχειν, Wer ein gutes Urthel hat/ weiß woll/ wie weit er gehen/ und wie weit er zuruͤcke halten soll. Denen Uberklugen aber die es vor eine Thorheit halten in diesen Studiis sich zu uͤben/ will ich mit dem Verse des Horatii antworten: O major tandem, parcas insane minori, Wie weit die Erhoͤhung des Verstandes in Carmine gehe/ kan man hierauß sehen/ daß die Alten hiezu einen sonderlichen ἐν- ϑουσιασμὸν erfodert/ der die Gedancken offtmahls ausser sich fuͤhret. Wie von den Erfindungen. dem Marino gesaget wird/ daß da er bey dem Camin-Feur sitzend/ einige Stances in seiner Adonis gemacht/ in den Ge- dancken sich so vertieffet/ daß ers nicht inne geworden/ wie ihm das Feuer den Schenckel verbrant. Dieser ἐνϑουσιαςμὸς weiset sich in allen Stuͤcken ei- nes Gedichtes; ja in den Worten selbst. Daher man von den Poeten saget/ daß sie eine andre Sprache haben/ und mehr als Menschlich reden. Harstoͤrffer ma- chet unter die gemeine und Poetische Re- de einen Unterscheid/ wie unter tantzen und gehen. Es muͤssen die Woͤrter und Phrases in gebundener/ wie in unge- bundener Rede auch ihre Rennlichkeit und Deutlichkeit haben/ welche Herr Tscher- ning in der Vorrede seines Fruͤhlings insonderheit erfodert/ und ist alles was dieser zu wiederlaͤufft den Ohren unan- genehm. Dannenhero die viele gemach- te Dithyrambi schē Composita welche einige sehr hāuffen/ und in ihnen eine sonderli- che Zierlichkeit suchen/ schwuͤlstige Epi- the- Das XIII. Cap. Von den theta und Periphrases gāntzlich zu mei- den. Worunter auch die alten Woͤrter gehoͤren/ welche einige in der Italiaͤni- schen Poesi außgesuchet/ von denen I. Nic. Erythræus Pinacoth. I. num. 157. zu lesen: imgleichen auch die neuen/ inson- derheit die ertichteten: Es sein etliche die es vor eine sonderliche Zierlichkeit halten/ ja wol gar unter die Lehrsātze bringen/ daß man die Stim̄en der Thiere mit gleichlautenden ertichteten Woͤrtern außdruͤcken soll/ welches in allen Carmi- nibus nicht zu billigen. Des Hn. Buch- ners Urthel in seinem Buch de comm- dic. ratione. c. 9. sect. 1. gefaͤllt mir sehr woll. Ut in Comœdia \& in ludicro opere talia aliquando deceant, in Epico carmi- ne, quod totum inprimis gravitate cense- tur, \& ad splendorem ac majestatem com- paratum esse debet, locum non habet. Er tadelt deßhalber nicht unbillig den Gabriel Lermæum, der des Bartas Wercke in Lateinische Verse uͤbersetzet/ wañ er den Leꝛchen Gesang mit diesen Versen vor- stellet Ipsa Ersindungen. Ipsa suum tireli tireli tire tirlire tractim Ingemimans secat astra levis. Virgilius der doch offt der Trompeten ge- dacht/ hat niemahls das Enniani sche Taratantara gebraucht. Lautet also nicht eben so zierlich wann Betulius von den Bienen schreibet. Brummet/ Immen um und um. summet brummet seid nicht stum. und an einem andren Ohrte: Wie offte wird das Summen/ Hier von dem Nachbar Zaun auß dem Gehaͤge brummen/ (ein/ Das Bienlein das vom Busch sein Honig samlet Sein suͤsses Surgesauͤß wird deine Wiege sein. Virgilius hat niemahls/ da er doch ein gantz Buch von den Bienen geschrieben/ das Wort bombus, welches von den Bienen sonst gebraucht wird/ setzen wol- len. Desselben Schlages ist/ was Klajus in seinem Friedens Einzuge schreibt Bumb bidi bumb bumb halt Der Trompten lauter Laut auff den Pasteien schallt. Bey denselben Autoribus findet man vie- le schwuͤlstige und Dithyrambi sche Compo- t t sita Das XIII. Cap. Von den sita, als von den Wellen der See: die gischgesaltzen lauschen und eilen uferwerts: Der Wellen Wallen- wuͤten. So auch ferner: das Schiff- gepfluͤgte Meer: Das Flammge- spaͤnn. d. i. die Sonnenpferde. Die bunte Wuͤrmermuͤh/ opus vermicu- latum, und hundert andre mehr/ wel- che von einigen als sonderliche Zierlich- keiten geachtet werden/ mir aber nicht lieblicher in den Ohren klingen als die vom Plauto erdachte Woͤrter: Sycolatro- nidæ, Argentiextenebronidæ Fustitudi- næferrierepinæ insulæ, und des Pacuvii: Repandirostrum incurvicervicum pecus. welche Woͤrter kein verstaͤndiger ausser- halb der Comœdie oder einem Schertz- Gedichte gebrauchen wird. Die fremb- den Woͤrter muͤssen auch gemieden wer- den. Worunter doch nicht zu verstehen die schon lāngst in Teutscher Sprache das Buͤrgerrecht gewonnen; als Fen- ster/ Kloster/ ꝛc. welche einige Kluͤg- linge außmustern wollen/ die deßhalben bil- Erfindungen. billig von Buchnero de comm. dicend. rat. lib. 1. c. 8 p. 141. außgelacht werden. La- teinische und Frantzoͤsische Woͤrter haben in einem ernsthafften Carmine und in ei- ner abgemeßnen Rede keinen Platz. In Discoursen (welches Wort auch durch kein Teutsches recht außgedruckt werden kan/) in Briefen/ in politischen Schriff- ten/ wird man gezwungen dieselbe zu gebrauchen: dann es kan bißweilen viel nachdencklicher dadurch gegeben werden. Man hat in der Frantzoͤsischen Sprache/ welche reich ist von Woͤrtern/ die einen ab- stractivum und genericum conceptum importi ren einige Woͤrter/ als z. e. pe- dant, (von dessen Bedeutung der Autor artis cogitandi in Diss. 1. handelt/) conduit , und hundert andere/ die man im Teut- schen nicht außdruͤcken kan/ wie J. C. Sca- liger in seiner Oration von dem Wort ineptus, dieses und andre Woͤrter an- fuͤhret/ die man nicht im Griechschen geben kan. Warum solte man nicht derselben sich bißweilen/ da es die t t 2 noht- Das XIII. Cap. Von den Nohtturfft erfodert im Teutschen auch ge- brauchen? Es ist keine Sprache so rein/ daß nicht frembde Woͤrter darin zu fin- den. Die Frantzoͤsische hat sehr viel von der Italiaͤnischen angenommen/ dann es hat Henricus Stephani schon zu seiner Zeit ein gantzes Buch du nouveau Lan- gage Francois Italianizé, ou autrement déguisé entre les courtisans du temps; hervorgegeben. Warum solte dann die Teutsche Sprache hierin vor andern einē Vorzug haben? Conringius hat diesen Mißbrauch der Teutschen Poesie in seinem Brieff an den Herrn Schottel getadelt: Scilicet, spricht er/ dum ditiorem \& ele- gantiorem solito linguam reddere conan- tur, condunt nova vocabula, nunc ineptis compositionibus, nunc cothurnatis meta- phoris. Er nennet diese die solches thun grallatoria ingenia. Aber diese rennlich- keit und deutlichkeit muß nicht dahin ge- leitet werden/ daß man alle Metapho- ras meiden solle/ wie einige Frautzosen in solchem wahn sein/ und der halben von Erfindungen. von Rapino getadelt werden. Dann diese muͤssen in einer Poetischen Rede sein/ sonsten kriecht sie bey der Erden/ und hat nichts wodurch sie sich erheben kan. Es muͤssen auch diese keine gemeine Metapho- ræ sein/ denn die gemeinen Metaphoræ sein weniger zu gebrauchen/ als die sonst gebraͤuchliche propriæ voces, wie Menage recht urtheilet in seinen observationibus uͤber den Malherbe p. 522. weil sie durch den Gebrauch des Poͤbels verkleinert werden/ und dadurch unter außerlese- nen Woͤrtern keinē Platz verdienen. Weß- halben man auch die Alltagswoͤrter/ wie Betulius im 6. Capittel anmercket/ als Semmel und dergleichen meiden soll. Man hat angemerckt/ daß in dem gan- tzen Werck des Virgilii das Wort Panis sich nicht findet/ weil es so gemein ist/ sondern er gibt es durch periphrases, als dona labotatæ Cereris, und andere Woͤr- ter. Es sein auch einige Particulæ Periodicæ in Prosa gebraͤuchlich/ die sich durchauß in die Verse nicht schicken/ als unangesehn/ t t 3 wel- Das XIII. Cap. Von den welchermassen/ dannenhero/ de- rentwegen/ wie solche auch im Lateini- schen sich befinden. Man hat auch gewisse Metaphoras Poeticas, solche muß man mit grossem Verstande gar genau unter- scheiden. Diese sein in allen Sprachen bey Griechen/ Lateinern/ Italiaͤnern/ Frantzosen ꝛc. woll in acht zu nehmen und zusammen zu lesen. Welches eines von den vornehmsten Mitteln ist zur vollenkommenheit in der Tichterkunst zu gelangen. Da muß man nun von die- sen Metaphoris gantze Lexica zusammen tragen/ die mehr nutzen als alle Æraria Poetica geben werden. Weiln auch eine jede Sprache ihre sonderliche Eygen- schafft in den translatis hat/ aber auch bißweilen etwas mit andern gemein/ so muß man insonderheit hierauff mercken/ da man deren etwas pcr analogiam auß einer frembden Sprache in die Teutsche uͤbernehmen kan/ welches aber mit gros- ser Bescheidenheit geschehen muß. Wir koͤnnen dieses bey den Lateinischen Poe- ten Erfindungen. ten sehen/ welche dergleichen Redensar- ten den Griechen so artlich abstehlen koͤn- nen/ daß mans kaum gewar wird/ wañ mans nicht recht genau betrachtet. Hie- von wird an einem andern Ohrte ein mehres geredet werden. Ich will nur von denen in der Lateinischen Sprache vorkommenden Metaphoris und Redens- arten diß erwehnen/ daß selbige biß- weilen gar zierlich in Teutscher Poesi koͤn- nen angebracht werden. Horatius nen- net fundum mendacem, der nicht die ver- hoffte Frucht bringet: warum solte ich im Teutschen solches nicht nachmachen/ und aus dem Gegentheil sagen? Wann ihm sein treues Land auff guten Glauben zahlt die Fruͤchte die er hofft. Oder: Sein Acker will nicht Glauben halten. Claudianus saget: Tempestas pretiosa Tagi: dieses habe ich nachgemacht in dem Carmine von der Mertensgans/ da ich des Jupiters guͤl- dnen Regen nenne/ ein kostbahres Gold und Liebsgewitter. Harstoͤrffer hat ohne t t 4 Fug Das XIII. Cap. Von den Fug in seinem Poetischen Trichter p. 101. getadelt/ wann man nach der Lateini- schen art/ intonsum caput Libani das unbeschorne Haupt des Berges Libanus sagen wolte. Dann warum solte ich nicht von einem Waldreichen Ber- ge sagen koͤnnen? Er hebt sein unbe- schornes Haupt empor. Ich kan zwar nicht sagen/ vescitur aurâ er frißt die Lufft/ sondern gar woll: Weil er mit frischer Lufft die Lebensgei- ster speißt. Virgilius saget: Mane sa- lutantum totis vomit ædibus undam, da laͤst sich das Wort vomere im Teutschen nicht nachmachen. Longinus hat in sei- nem Buch περὶ ὕφους einen Griechischen Poeten getadelt/ der da schrieb: πρὸς οὐρανὸν ἐξεμει̃ν, in cœlum vomere, und se- tzet Tanaquil Faber in den Anmerckun- gen/ Turpis \& sordida est locutio; ge- dencket aber nicht des Virgilii der von dem Berge Ætna diß Wort gebraucht: ja daß gar die Thuͤren in den Theatris Vomitoria genant worden. Dieses macht Erfindungen. macht der unterschiedliche Gebrauch der Sprachen/ wiewoll man von dem Feu- erspeienden Berge Ætnâ im Teutschen dasselbe sagen kan. Es hat Josephus Baptista, dessen wir droben gedacht/ die latinismos sehr gluͤcklich in der Italiāni- schen Poesie gebraucht wie Nicol. Crasl. in Elogi d’ huomini litterati part. 1. p. 337. be- zeuget: Parue, sagt er/ ad alcuni che i suoi latinismi gli porgessero qualche nota di reprensione. Ma egli di cotesti si ri- de, que nulla conoscono la vaghezza di quelle idee, delle quali come opulentissi- ma matrona pomposamente allan da la lingua latina, e senza le quali povera me- schina rimarebbe l’ Italica. In allen Din- gen muß Maasse gehalten werden. Man muß allezeit auff den Gebrauch und die Eigenschafft der Sprachen sehen. Wo dieses nicht geschieht/ kan man mit dem- selben es verderben/ damit mans gut zu zu machen vermeinet. Die Frantzosen haben auch in ihrer Sprache die Italicis- mos bißweilen nicht zum besten ange- t t 5 bracht: Das XIII. Cap. Von den bracht: deßhalben Joachim du Bellay wieder seine Petrarchisi rende Landsleute ein absonderliches Buch geschrieben. So haben auch Ronsard, Jodell, Bartas viel Græcismos in die Frantzoͤsische Sprache gebracht/ welche deßwegen von andern getadelt werden/ insonder- heit von dem I. F. Grandis in seinem Dis- cours Encomiastique sur la Rhetoriq; Fran- cois. de Mons. de Bary p. 25. Vondel hat in seiner Aenleidinge hievon auch nuͤtzliche Lehren gegeben: Wy moeten dese tongen matigen, en mengen, en met kennisse besnoeien, oock niet alte latinachtig, noch te nau gezet en nieu- vvelyck Duitsch spreken, maer zulcks dat de tong haer eigenschap niet verlieze, vvaer van de hervormers onzer spraecke niet geheel vry zijn. Men vermide ge- lijck een pest, de vvoorden tegens den aert onzer tale te verstellen: een evel da doorluchtige Italianen Spanjarden en Franschen oock van ziek zijn. Was die Teutsche Sprache anlanget/ so ist sie zwar Erfindungen. zwar bequem genug alle Metaphoras auß- zudruͤcken/ nur in diesem reichet sie nicht zu/ daß sie die Metaphorischen Epithe- ta so nicht geben kan/ wie die Griechen/ Lateiner und die heutigen Italiāner Die Teutschen Adjectiva sein so gar unbaͤn- dig/ daß sie nicht woll in den uͤblichen Reimgebānden staat finden. Dero- halben wann die Italiaͤner ein mtaphori- sches epitheton setzen/ so muß man im Teutschen das Adjectivum in ein Substan- tivum verwandeln/ und solches gleichsam in Abstracto setzen/ welches dann eine weitläufftigkeit der Rede/ und ein fremb- des Wesen veruhrsachet: Da man biß- weilen zwey oder dreymahl einige Zei- len lesen muß/ ehe man den Verstand erreichen kan. Zum Exempel wann man sagen wolte/ die Eiserne Zeit/ so schickt sich dieses nicht in den Verß/ sondern ich muß hievor setzen/ das Eisen dieser Zeit. Die Italiaͤner aber koͤnnen bey jeglichem substantivo ein epithcton meta- phoricum setzen/ wodurch sie eine Rede sehr Das XIII. Cap. Von den sehr scharffsinnig machen/ ja bißweilen mehr als noͤthig ist/ nnd die Gebuͤhr er- fodert. Sie haben auch ihre Gerundia, wodurch sie die sentcntias so zusammen ziehen koͤnnen/ als keine andre nation thun kan. Was sie in einem eintzigen com- mate begreiffen/ davon muß ein Teut- scher woll drey machen. Dessen konten hundert Exempel angefuͤhret werden. Wird also besser sein man suche in Teut- scher Sprache die Scharffsinnigkeiten/ nicht so sehr in Metaphori schen Beschrei- bungen/ als in neben und gegen saͤtzen gantzer Enuntiationum, wie Flem̃ing und andꝛe thun. Daheꝛ komt es auch dz die Ita- liaͤner viel fuͤglicher die Inscrptiones fassen koͤñen/ als die Teutschen uñ Fꝛantzosen/ von welchen letztern man doch einige Exempel so auff den ietzigen Koͤnig geschrieben/ in dem Mercure Galant de l’ Anno 1678. fin- det. Es ist traun ein grosses an dem rech- ten Gebrauch der Metaphorarum gelegen/ weßhalben auch Aristoteles in Rhetoricis saget: Man koͤñe hieran ein vollkom̃enes Ur- Erfindungen. Urthel kennen/ wer sie recht zu gebrauchen weiß. Der Cardinal Perron hat gar weiß- lich geurtheilet/ wie in den Excerptis p. 193. zu sehen/ daß die Sprachen den Ursprung von der Nothwendigkeit habē/ aber durch die affectation verdorben werden/ welche mehrentheils in den metaphoris bestehet. Dann wie der luxus ein Zeichen ist/ daß das Regiment zu Grunde geht/ so ist auch der luxus in den Sprachen ein Zei- chen ihres verderbens. Er sagt ferner/ es sey mit den Sprachen beschaffen wie mit den Fruͤchten/ welche/ wann sie reiff werden/ allerhand Wuͤrmer bey sich zeu- gen. Welches man zu dieser Zeit von der Teutschen Sprache mit gutem grun- de der Warheit sagen kan. In der Po- ësi werden zwar hārtere Metaphoræ, als in Prosa nicht allein zu gelassen/ sondern gar erfodert/ jedoch mit gewisser Maasse. Dann weil man von einem Poeten viel- mehr etwas außgesonnens erwartet/ als von einem Oratore, bey welchem etwas neues alsofort verdāchtig ist/ so mūssen auch Das XIII. Cap. Von den auch einige hoͤhere Metaphoræ zugestan- den werden. So sieht man auch/ daß die Prosa immer ehe verdorben wird/ als die gebundene art zu reden. Weiln man hierin sich mehr um die Wahl der Woͤrter bekuͤmmern muß. Es ist aber auch den Poeticis metaphoris ein Ziel geschrieben/ daruͤber sie nicht gehen muͤssen. Dann es wird so woll in excessu als defectu hierin gefehlet. Ob zwar die Poetica translata weiter als die Oratoria gehen/ so kan man doch auch allzu weit gehen. Der gelehr- te und sinnreiche August. Mascard. saget gar artig in seinen Prose vulgari p. 1. diss. 9. La metafora è figlivola della necessita, ma poscia adottata dal diletto: ritien però sempre l’ occhio fiso alla madre, e di con- sentimento di lei accarezza il diletto: non é de dimenticarsi la favella commune, per contrar l’ habito nel parlar metafori- co. Die Italiaͤner und Spanier setzen offt aus der Mittelbahn/ weßhalben sie von vielen getadelt worden. Die alten selbst haben hierin keine Maaß gehalten. Wann Erfindungen. Wann man den Pindarum ansiehet/ wie erhebt er sich durch Woͤrter! was ist bey ihm fuͤr eine ungezāhmte Phantasie/ die nicht allemahl gleich lobwuͤrdig ist/ aber dennoch in Lyrico genere vor andern kan geduldet werden. Plautus geht auch hier- in weiter/ als Terentius, welcher die Vernunfft und das Urthel mehr zu Ra- the gezogen. Die Metaphoræ werden alsdann frigidæ, von welchen Aristoles lib. 3. Rhetoric. und Longinus περὶ ὕφους weitlāufftig handeln/ davon wir in un- sern Buch de arguta dictione ein mehres beybringen werden. Ein Exempel der- gleichen naͤrrischen hochtrabenden meta- phorarum, hat ein Frantzose schertzweise geschrieben/ und unter dem titul: Lettres Methodiques heraußgegeben. Es muß auch hieher gebracht werden/ wann die Engellānder die Kunstwoͤrter als meta- phoras in ihren Poematibus einbringen/ wie man bey dem Donne siehet/ da fin- det man/ Atomos, Influentias, Ecstases, und so viel außspuͤrige Conceptus, daß man Das XIII. Cap. Von den man daruͤber einen Eckel bekommen moͤch- te. Castelvetro hat in seiner Poetica ein artiges Urthel von denen gefaͤllet/ die diese Kunstwoͤrter in Getichten gebrauchen/ dann er spricht: Weiln die Wissenschaff- ten und die Kuͤnste von dem Volcke nicht verstanden werden/ so solte man derglei- chen Woͤrter nicht gebrauchen: Was wuͤrde er von diesen sagen/ die die Meta- physi schen und Logicali schen terminos nicht propriè sondern gar metaphoricè gebrauchen. Es ist eine verdrießliche Sache/ wann man die Gelehrtheit will sehen lassen an Oertern/ da es sich nicht schicket/ welches Rapinus insonderheit an dem du Bartas und Ronsard tadelt. Es hat eine andre Bewandniß/ wann man einen lusum ingenii darin sucht/ wie Christian Hoffmann ein Teutsches Car- men: Die Bergprobe oder Reichsteini- scher Goͤldner Esel genannt/ in Bergmaͤn- nischer Redensart geschrieben. Es ist auch der groͤste Mißbrauch in den Me- taphotis, wann man dieselben von gemei- nen Erfindungen. nen nichtswuͤrdigen und schāndlichen din- gen holet/ und auff die hohen und vor- treflichen dinge bringet. Man hat gar eine Schreibart erdacht/ die man Bur- lesque nennet/ die von den Italiaͤnern und Frantzosen auffgebracht. Es ist zu verwundern/ daß in so klugen Nationen dergleichen nārrisch Ding einen Beyfall hat finden koͤnnen. Der gelehrte Va- vaslor hat in seinem Buch de ludicra di- ctione diese Schreibart billig durchgezo- gen/ und seinen Landsleuten solche ver- wiesen. Worinnen er darthut/ daß man bey keinem alten Autore dergleichen Schreibart finde: da dennoch Cuperus in seinen observationibus lib. 1. c. 10 das Gegentheil zu behaupten vermeinet/ den Rhinton bey den Griechen zum Urheber derselben vorgebend. Die Italiaͤner haben uns diese Zierlichkeit/ die die Heß- lichkeit zur Mutter hat/ zu ihrer ewigen Schande erstlich auff die Bahn gebracht/ und haben hernach einige in Franckreich an dieser Mißgebuhrt einen gefallen ge- u u habt/ Das XIII. Cap. Von den habt. Ein gelehrter Mann nennet der- gleichen Carmina nicht unbillig excremen- ta Pegasi. Der Autor de la connoissan- ce des bons livres handelt in seinem Trait. 3. mit mēhren hievon. Wir wollen uns hie mit dergleichen unflātigen Wesen nicht auffhalten. Erfreue mich druͤber daß kein Teutscher solches bißhero nach gemacht. Ein Niederlānder hat den- noch auch seinen Geist hierin wollen se- hen lassen/ welcher in seiner Thalia oder Geurigen Sanggodin, das erste Buch des Virgilii mit so herrlichem Zierrath beklei- det/ wie es im Frantzoͤsischen der Scar- ron gethan. Nechst den Metaphoris ist das vornem- ste/ die Descriptiones in einem Getichte wol zu ordnen: dann hierin ist ein gros- ser Mißbrauch/ daß man die Gedan- cken und die Phantasie weiter lauffen laͤst/ als die Gebuͤhr erfodert. Die alten La- teinischen Poeten selbst thun hierin zu viel. Der eintzige Virgilius weiß die Maaß zu halten. Der Englische Trans- Erfindungen. Translator der Reflexionum des Rapini hat in der Vorrede hievon gehandelt/ und weiß an allen Nationen was in die- sem stuͤcke zu tadeln. Nur bey seinen Landesleuten hat er eine groͤssere Vollen- kommenheit gefunden. Zu welchem En- de er dann eine Beschreibung der Nacht auß einem Englischen Poeten anfuͤhret/ die er den Beschreibungen des Virgilii Apollo n ii, Tassi, Marini, Chapellains, le Moyne entgegen gesetzt: dann er meinet/ daß in den vier Versen seines Lands- mans mehr Verstand stecke/ als in den andern. Die Verse lauten also: All things are hush’d, as Nature’s selflay dead. The Mountains seem to nod their drovvsie head. The little Birds in dreams their Songs repeat, And sleeping flovvers beneath the Night-devv svveat. Wann ich alle diese Worte zergliedern wolte/ so konte ich leicht darthun/ daß sie mehr Phantasie als Urtheils haben/ und denen andern/ insonderheit des Vir- u u 2 gilii Das XIII. Cap. Von den gilii seiner Beschreibung/ die er Æn. 4. hat im geꝛingsten nicht zu veꝛgleichen. Virgilius bleibt in den Schrancken der Natuͤrlich- keit/ Jener aber hat ein wildes wesen an sich: Virgilius saget placidum carpebant fessa soporcm corpora per terras, Jener sagt/ die Natur sey erstorben. Vitgilius bleibt bey den Thieren/ die des Schlaf- fes faͤhig sein/ Jener eignet den Schlaff auch den Bergen und Bluhmen zu. Vir- gilius saget/ daß die Voͤgel schweigen/ Je- ner/ daß sie ihren Gesang im Traume wiederholen. Welches so es recht gegen einander gehalten wird/ so leuchten die außspuͤrigen Einfālle des Englischen Poeten klårlich unter Augen. Ich mag allhie nicht anfūhren was er uͤber den Versen des Virgilii fūr eine unzeitige und nuͤchterne Critic gebraucht. Nur diß ei- ne kan ich nicht unberuͤhrt lassen/ daß er den Verß des Virgilii der mit so grosser Vernunfft geschrieben/ tadelt/ cum me- dio volvuntur sidera lapsu. Er saget/ er koͤnne den Verß nicht loben/ weil diese Wor- Erfindungen. Worte von lauter Bewegung handelen und were auch der numerus der Worte selbst der allgemeinen Ruhe/ die der Poet beschreibt/ zu wieder: Er wolte lieber da- vor setzen/ cum medio librantur si- dera cursu, dann wan die Sterne an die Mittagslinie/ bey Mitternacht kommen/ so schienen sie als zu ruhen/ dadurch wuͤrde der Poetische Con- cept mehr erhoͤhet. Man muß sich bil- lig verwundern uͤber diese elende Spitz- findigkeit: Dann was haben die Ster- ne mit der Ruhe der Menschen und Thie- re zu thun? Die Nacht bedecket nur die Erde/ darum sagt Virgilius: carpebant fessa soporem corpora per terras/ der Sternen Lauff wird am meisten des Nachts gemerckt/ darum muß der vor- nehmlich beschrieben werden/ und sagt Virgilius am andern Ohrte gar artig suadentque cadentia sidera somnos. Es hātte dieser mit seiner so sinnreichen Cen- sur woll zu Hause bleiben moͤgen/ und ist der Muͤhe nicht wehrt/ ob man gleich u u 3 noch Das XIII. Cap. Von den noch eins und anders genauer untersu- chen koͤnte. Es ist nicht gnug sinnreiche Beschreibungen zu machen/ sondern man muß nach anleitung eines guten Urthels und der Sachen selbst hierin verfahren. Sonst kan man weit genug gehen/ wann man der Phantasie und dēn Worten den Zuͤgel schiessen lassen will. Ein anders ist/ wann man absonderliche Carmina dieser Art macht/ wie Const. Hugenius in seinen Zedeprinten gethan/ und Ca- raffa in einem Buche/ dessen titul: Dicerie Poetiche. Diese sein lusus ingenii, und kan man darin nach belieben verfahren; Aber in einem vollstaͤndigen Poemate, muß man allezeit auff das gantze Syste- ma sehen. Von der Außarbeitung eines Carminis oder von dessen Zusammenfuͤgung/ were noch woll etwas zu sagē: dañ ob zwar von der Erfindung noch daß meiste zu eroͤꝛteꝛn uͤbrig/ so spahren wir diß in ein davon handelndes Latein isches Buch. Ein gan- tzes Poema als die Æneis Virgilii hat eine an- Ersindungen. andre Ordnung als ein kleines Carmen- Mambrunus hat in seinem Buch de Epico Carmine, und Masenius in seiner Palæstra Eloquentiæ Ligatæ die Außtheilung eines grossen Wercks artig vorgestellet/ dahin ich den Leser verweisen will. Die klei- nen Carmina koͤnnen am besten durch ge- wisse Lemmata und Ornamenta gefasset werden/ welche art mir jederzeit belie- bet/ dann die Dispositiones Rhetoricas so genau hierin zu suchen/ scheinet zu haarklāubersch zu sein. Man setzt etliche sententias, die auff einander schlußrichtig folgen/ diese schmuͤcket man auß mit Metaphoris, Descriptioni- bus, Iconismis, Fabulis und dergleichen/ wie es sich am besten schicket. Dieseꝛ aꝛt ha- be ich mich jederzeit bedienet/ und hernach gesehen/ daß Bernhardinus Parthenius Spilimbergius in seinem schoͤnen Commen- tario uͤber des Horatii Odas das artifici- um Rhetorico-Poeticum eben auff solche art vorgestellet. Auch habe ich dieselbe bey Herrn Weisen angetroffen. Der sei- u u 4 nen Das XIII. Cap. Von den nen nothwendigen Gedancken/ die Pra- xin in Verfertigung solcher Getichte hin- angehānget. Es hat auch Caldenbach in seiner Poetice Germanica einige Dispo- sitiones von allerhand arten der Carmi- num gegeben/ worinnen doch keine rich- tige Idea sich findet/ sondern nur ein ar- gumentum und vielmehr paraphrasis la- tina der schon gemachten Teutschen Car- minum. Es finden die enthymemata Rhetorica eben so woll hierin ihren Platz/ insonderheit wann die Carmi- na aus einem gewissen genere bestehen/ in weitlaͤufftigen Elegiis, als wie die Epi- stolæ Heroidum sein/ davon laͤst sich aber allhie nicht weitlāufftiger handeln. Biß- weilen koͤnnen auch die Reime etwas an die Hand geben/ zu welchem Ende Herr Weise ein Reim Exercitium angibt/ da er einen Satz nunt/ und aus dem Reim- register alle Reimen auff den ersten fuͤgt/ dessen er unterschiedliche feine Exempel vorstellet. Das Helden-Getichten. Das XIV. Cap. Von den Helden-Getichten. Einhalt. D Das Heldengetichte ist das schwerste/ und erfodert den reiffsten Verstand. Man muß schier eine gantze Lebenszeit hierauff wenden. Vir- gilius ist hierin der beste Meister. Wird deßhal- ben unbillig getadelt/ daß er die Erfindungen nicht von ihm selbst/ sondern von andern habe. Torqua- tus Tassus hat unter den neuen den Preiß. Die Frantzosen haben zwar offt einen Versuch gethan/ aber nie die Vollkommenheit erlangen koͤn- nen. Grosse Freygebigkeit gegen den Cha- pellaine. Cardinal Perrons Urthel von den Fran- tzoͤsischen Helden-Getichten. Versus Heroici der alten Baxden. Diese waren eben den Parasitis und Scurris nicht zu vergleichen/ wie Valesius mei- net. Eine alte Gewohuheit bey den Gaͤstereien die Helden zu loben. Das bey den Frantzosen und Teutschen gebraͤuchliche Ihrtzen schickt sich nicht in einem Helden-Getichte. Des-marests Urthel hievon. Romainen. Woher sie so genant und erstlich ent- sprungen. Huet schreibt ihre Erfindung den Mor- genlaͤndern zu. Die Frantzosen haben sie ehe ge- habt als die Spanien und Italiaͤner. Die besten Frantzoͤsischen Romainen. Des Herrn Caseneu. u u 5 ve Das XIV. Cap. Von den re Charithea: Worauß der Continuator Barclaii gantze Seiten außgeschrieben. Teutsche Romainen. Ob die Romainen zu lesen. Hugo Grotius. P. Fortin billigen solche. Jacobus Palmerius à Gren- temesnil verwirfft sie gaͤntzlich. Die Mittelstrasse muß gehalten werden. Flemming wird in der Heldenart sehr gelobet. Es koͤnnen auch lustige kurtzweilige Sachen in dem Alexandrino genere verfaßt werden. W Ir schreiten ietzo zu den vor- nehmsten arten der Getichte/ wel- che von der materia oder objecto ihren Nahmen empfangen. Unter die- sen hat das Helden-Getichte/ Epi- cum Carmen den Vorzug/ welches das groͤste Meisterstuͤck in der Tichtkunst ist. In diesem kommen alle Zierlichkeiten zu- sammen/ und will derohalben mit son- derlichem Verstande gemacht sein ; ist auch nicht eines jeden Werck. Dann diejenigen die hierzu bequem sein/ muͤssen von der Natur recht dazu gemacht sein. Und ob schon einige dessen faͤhig wāren/ so werden sie durch andere Verhinderun- gen Helden-Getichten. gen davon abgehalten/ daß sie kein Werck zur Vollenkommenheit bringen koͤnnen. Dann wem ist eben gelegen seine gantze Lebens Zeit an solche Bemuͤ- hung zu verwenden/ dessen keine Beloh- nung zu hoffen/ davon auch wenige recht urtheilen koͤnnen. Wāre Augustus kein Liebhaber solcher Wercke gewesen/ es haͤtte Virgilius vielleicht niemahlen was geschrieben/ und uns so unvergleichliches Werck hinterlassen. Es ist eine Sache von langem Nachsinnen/ welches man nicht so vor die lange Weile schreiben kan: sondern da muß das gantze Systema woll außgedacht/ die Erfindung sonderlich/ die Außbildung nachdruͤcklich und ver- stāndig/ die Rede gebuͤhrlich erhoͤhet sein/ jedoch daß sie nicht frech/ wild und wind brechrisch werde. Worin wenige sich zu maͤssigen wissen. Es ist zwischen einem kleinen Carmine, und einem grossen Helden-Getichte/ ein unterscheid/ wie zwischen einem Kōniglichen Pallast/ und kleinen Hause. Der in den kleinen biß- wei- Das XIV. Cap. Von den weilen ein Meister ist/ wird sich nicht so fort unterstehen/ in einem grossen Wer- cke die Meisterschafft zu fuͤhren. Es kan offtmahls ein Meister ein kleines Bild be- reiten/ der eben den Colossum Rhodium nicht auffrichten kan. Der vornehmste Meister/ den wir in alten Zeiten gehabt ist Virgilius gewesen/ ein Mann von un- vergleichlichem Urthel und hohem Geiste. Dann ob zwar einige ihn deßhalben verkleinern wollen/ daß er seine Erfin- dung andern abgesehen/ so urtheilen die- selben eben so/ als wann sie einen vortrefli- chen Mahler deßhalben geringsch aͤtzig und ohne Erfindung halten wolte/ wann er bekante Historien in einem kuͤnstlichen Ge- maͤhlde vorgestellet. Virgilius hat viel besser gethan/ daß er ein bekantes Hel- denmaͤssiges und zur Roͤmschen Herr- lichkeit zielendes Getichte außzuarbeiten vorgenommen/ als wann er etwas frembdes und neues auff die Bahn ge- bracht/ davon er noch die allgemeine Be- liebung erwarten muͤssen. Zudem stecket die Helden-Getichten. die Erfindung nicht so sehr in dem argu- mento, als in der Außtheilung/ und Auß- fuͤhrung des Wercks/ oder vielmehr in Imitatione, da dieselbe in allen Stuͤcken zu spuͤhren/ und am allermeisten in die Augen leuchtet. Wer wolte deßhalben einen Baumeister geringer halten/ daß er ein altes unfoͤrmliches Gebāude uͤber einen Hauffen wirfft/ und auß denselben materialien einen neuen viel herrlichern Pallast aufffuͤhret? Die Italiaͤner koͤn- nen sich ihres Torquati Tassi ruͤhmen/ der gleichfalls eine bekante Helden Histo- rie zu seinem Getichte genommen/ und so herrlich außgefuͤhret/ daß es billig fuͤr ein Meisterstuͤcke zu halten. Es kan hier- uͤber Francisc. Patrit. della Poëtica part. 3. lib. 8. nachgelesen werden/ wo er die Fra- ge eroͤrtert; ob man aus einer Historia ein Poema machen koͤnne. Bey den Frantzosen/ ob zwar viele dergleichen vorgehabt/ auch dessen Proben gethan/ so ist man doch noch nicht zu einer Vol- lenkommenheit gekommen/ da doch vor- neh- Das XIV. Cap. Von den nehme Herren grosse Belohnung dar- auff gesetzet/ Jaͤhrliche Besoldungen deß- wegen gegeben. Dann es ist bekant/ daß der Herr Chapellaine, weil er die Hoff- nung zu seinem Helden-Getichte von der Virgine Aurelianensi gemacht/ eine gute Zeit voꝛhero 600 Rthal. jāhꝛlich genossen. Welche Fꝛeygebigkeit schweꝛlich bey andeꝛn Voͤlckern zu hoffen. Es will zwar der Cardinal Perron behaupten/ daß die Frantzoͤsische Sprache sich besser zu ei- nen Epico Carmine schicke/ als die Italiaͤ- nische/ aus Uhrsachen/ daß bey den Ita- liānern lauter Weibliche Reime sein. A- ber dieses will es allein nicht außmachen. Dann es sein andre Dinge/ darin die Italiaͤner den Frantzosen uͤberlegen sein/ welches er selber gestehen muß/ dann er spricht: Les Esprits Italiens sont plus propres pour en faire l’ oeuvre la matiere pour se l’ imaginer, l’ inventer. Er ta- delt auch an seinen Landsleuten/ daß sie nicht die Gedult haben ein weitlāuffti- ges Helden-Getichten. ges Werck außzuarbeiten/ das eines Menschen Leben erfodere. Er selbst/ spricht er/ haͤtte in seiner Jugend ihm vor- genommen ein Poema epicum von der Kinder Israel Außzug aus Aegypten unter dem titul la Mosaide zu schreiben. Aber er habe es der weitlāufftigkeit hal- ber bleiben lassen/ weil er seine Lebens- zeit hieruͤber hātte zu bringen muͤssen. Der Herr Scudery, der ein Poema Epi- cum von dem Alarico unter dem titul. Ro- me vaincu geschrieben/ hat in dessen Vor- rede hievon auch mit mehrem gehandelt/ imgleichen Mambrunus in seinem Buche de Epico Carmine, und Bussiers in der Vorrede seines Poematis von dem Scan- derbeck, welche alle ihrer Landsleuͤte un- gluͤckseeligkeit in den Helden-Getichten beklagen. Bey den alten Celtis und Teut- schen hat man auch Helden-Tichter ge- habt/ die Bardos, aber dieselbe haben nur Lieder auff die alten Koͤnige und Fuͤrsten gemacht/ die der Ammianus Marcellinus lib. 15. c. 9. heroicos versus nennt. Bardi qui- Das XIV. Cap. Von den quidam fortia virorum illustrium facta he- roicis composita versibus cum duleibus lyræ modulis cantitarunt. Durch diese versus Heroicos werden nicht hexametri verstanden/ sondern der Marcellinus nen- net sie deßhalben so/ weil sie zum Lob der Helden gemacht/ wie der Valesius in sei- nen Anmerckungen diese Worte auch er- klaͤret. Von diesen Bardis ist mit meh- ren zu lesen bey dem Athenæo in seinem 4. und 6. Buch/ Appiano in seinem Cel- tico, und Diodoro Siculo im 5. Buch. Dieser letze schreibt also: Ε᾽ισὶ παρ᾽ ἀυτοῖς καὶ ποηταὶ μελῶν, ς βάρδους ὀνομά ομσιν. τοι δὲ μετ᾽ ὀργάνων ταῖς λύραις ὁμόιων, ς μέν ὑμνῆσιν, ς δε βλασφημ σι. Sunt apud eos Melici Poetæ, quos Bardos nominent: hi ad in- strumenta quædam lyris similia, horum laudes, illorum vituperationes decantant. Valesius vergleicht sie den Scurris und Pa- rasitis, welches aber etwas zu hart ist. Dann daß dergleichen Poetæ sich bey der alten ihren Conviviis gefunden/ und bey denselben ihre Heldengesaͤnge gespielet und Helden-Getichten. und abgesungen ist zwar war. Aber dieses ist den Poeten nicht schimpflicher gewesen/ als ihnen selbst/ wann sie bey den Gāstereyen ihre wichtigste Anschlaͤ- ge gemacht. Wir haben schon droben erwehnet/ daß bey den alten Gothen die- ser Gebrauch auch gewesen/ daß sie ihren alten Helden und Goͤttern zu ehren ge- wisse Becher getruncken/ und dabey zu ihrem Lobe gesungen. Daß dieser Ge- brauch sehr alt sey/ kan man auch auß dem Virgilio sehen/ welcher in der Be- schreibung der Gāsterey die von der Di- done angestellet lib. 1. Æneidos, den Jopam einfuͤhret/ als einen Poeten und Musicum, citharâ crinitus Jopas Personat auratâ, docuit quæ maximus Atlas. \&c. Von der alten Teutschen Heldenliedern ist im vorigen/ nemlich im 6. Theil des an- dern Theils mit mehren gedacht/ wor- unter auch die Heldenlieder auff den Atti- lam zu setzen/ deren Aventinus in seinen Annalibus Bojorum lib. 2. p. 130. gedencket. Dann er spricht: Complura apud nos ex- x x tant Das XIV. Cap Von den tant de virtutibus Attilæ carmina patrio sermone more majorum scripta. Nam \& adhuc vulgò cantatur, \& est popularibus nostris etiam literarum rudibus notissimus. Die Helden-Getichte muͤssen insonder- heit mit allerhand Erfindungen/ Tichte- reyen/ Außbildungen/ Beschreibun- gen/ Vergleichungen außgezieret/ die Rede mit metaphoris erhoͤhet wer- den/ Maͤnnlich und Heldenmaͤssig sein. Die in Teutscher wie auch in der Fran- tzoͤsischen Sprache gebrāuchliche art in plurali anzureden/ muß hierin gantz ver- mieden werden. Diese ist erstlich durch Schmeicheley auffkommen/ wie davon Celsus Cittadinus ein sonderlich Buͤchlein von dieses Gebrauchs Ursprung geschrie- ben. Des Marests in seinem Advis bey sei- nem Clovis oder France Chrestienne ur- theilt hievon also: Le mot de vous en parlant a une seule personne n’ a esté in- troduit, que par la basse flatterie des der- nier siecles. En Poesie Heroique ne peut souffri cette foiblesse, principalement lors Helden-Getichten. lors, qu’ il faut faire agir les fortes passi- ons, dans lesquelles les mots de vous \& de votre n’ auroient nulle force \& nulle grace. Ist also eine Thorheit wann ei- nige aus unzeitiger Hoͤflichkeit/ das Wort Ihr/ oder gar in der dritten Persohn Er gebrauchen/ welches die Rede noch vielmehr verstellet/ und in keinem Car- mine sich schicket. Es ist eine andre art Getichte/ aber in ungebundner Rede/ welche dennoch mit guten Fug Helden-Getichte genannt werden koͤnnen. Dann sie sein von den andern nicht unterschieden/ als nur bloß an dem metro. Es hat aber Aristoteles zugegeben/ daß auch ein Poema ohne Me- tro sein kōnne. Solche sein die so ge- nanten Romainen, von welcher Ursprung nicht einerley Meinung ist. Einige schrei- ben sie den Arabern zu/ einige den Spa- niern/ einige den Frantzosen. Huetus hat eine gelehrte Dissertation von ihrem Ursprung in Frantzoͤsischer Sprache ge- schrieben. Dieser bringt ihre Erfindung x x 2 auff Das XIV. Cap. Von den auff die Morgenlānder/ Aegyptier/ Sy- rer/ Araber/ Perser/ von wel- chen sie auff die Griechen und Roͤmer gekommen/ bey denen man unterschied- liche solche Poetische Schrifften hat. Daß bey den alten Nordlaͤndern/ dergleichen Getichte gewesen/ geben die Fabeln an den Tag/ die man in der Edda noch vor- findet. Ja wann man des Herrn Rud- becks Meinungen annehmen solte/ duͤrff- te woll die gantze Mythologia der Grie- chen davon entstanden sein/ daß also die- selben nicht von Caroli M. Zeiten nur her- zu holen/ wie Huetus meinet. Der Nahme der Romainen ist sonder zweiffel bey den Frantzosen entstanden/ bey wel- chen diese Getichte/ weil sie in verdorbe- ner Roͤmscher Sprach/ die Romance genant worden/ geschrieben/ Romancen heissen. Von welchem Wort Borellus in seinē thresor des antiquitées Gauloises wei- teꝛ zu sehen. Ist also die Meinung des Clau- dii Verdieri falsch/ der in seiner Censione Autorum p. 43. meinet/ es sey der Nahme Ro- Helden-Getichten. Roman per metathesin von dem Wort Norman entstanden/ weil sie in der Spra- chen erst geschrieben. In Spanien ist auch die alte Spꝛache Romance genant woꝛden/ von welcher Bernard. Aldrete ein gantzes Buch heraußgegebē. Huetus saget. L’ Espa- gne \& l’Italie receurent de nous un art, qui estoit le fruit de nostre ignorance, \& de nostre grossierité, \& qui avoit esté le fruit de la politesle des Perses, des Ioni- ens, \& des Grecs. Diese Romancen sein aber in Verse mehrentheils/ und zwar in grosser Menge von den Provincial Po- eten beschrieben/ von welchen Claude Fau- chet ein sonderlich Buch hervorgegeben. Von diesen Provincial Poeten sein sie erst auff die Spanier/ hernach auff die Itali- āner kommen/ und ist Salmasi i Meinung falsch/ daß die Araber zum ersten dieselbe auff die Spanier gebracht/ und von de- nen auff die andern Voͤlcker in Europa. Dann die Spanischen Romainen, wor- unter der Amadis wol der vornehmste ist/ sein ohn streitig junger als die Frantzoͤsi- x x 3 schen Das XIV. Cap. Von den schen. Unter diesen lobt der Huetus vor allen andern des Herrn d’Urfé Astrée, wel- cher erst eine Kunstrichtigkeit in diese Schreibart gebracht/ und dann der Frau- en de Scudery Romainen, wie auch des Hn. de Segrais la Zaide. Der Herr Ca- saneuve hat auch ein Romaine Charithea geschrieben/ von welcher der Medonius in seiner Lebensbeschreibung dieses erweh- net. Casanovæ Charithea arrisit usque a- deò Autori ignoto, alioquin ingenioso, qui Barclaji Argenidos Historiam continua- vit, ut eum non puduerit plurimas ejus pa- gellas totidem ferè verbis in se transmove- re. Es ist bey ihnen eine grosse Men- ge solcher Schrifften/ deren Erzehlung wir bey dem Sorell in seiner Bibliotheque Francoise finden. Dieser hat auch in sei- nem Buche de la connoislance des bons li- vres, weitlaͤuffrig von deren Einrichtung gehandelt/ auch von einigen sein Urtheil gefaͤllet/ womit wir uns nicht auffzuhal- ten haben. In Teutschland hat man sich erstlich nur mit den Ubersetzungen der fremb- Helden-Getichten. frembden Romainen vergnuͤget. Jetzo aber hat man auch einige gute sinnreiche Wercke aus eigener Erfindung hervorge- bracht/ als den Teutschen Hercules, und Herculiscus, die Aramena, die Octavia, welche den Außlaͤndern nichts nachgeben. deren Autores, wiewoll man sie sonsten woll kennet/ noch zur Zeit sich selbst nicht haben nennen wollen. Man koͤnte auch allhie die Frage eroͤrtern/ ob solche Buͤ- cher einen Nutzen haben/ und lesens wuͤr- dig sein. Worin die Urthel verschieden sein. Ich wolte sie so gar sehr nicht tadeln/ wann nur Maasse darin gehalten wird. Gleich wie eine Comœdia nicht allein erge- tzet/ sondern auch viel nuͤtzliches und lehr- reiches in sich hat/ so koͤnnen auch diese Romainen ein gleiches thun. Man sagt das Hugo Grotius ein sonderlicher Liebha- ber derselben gewesen/ und deren keine un- gelesen gelassen. Der Herr de la Hoguette, P. Fortin hat in seinem Buch genañt Te- stament ou conseils fideles d’ un bon pere a ses enfans. part. 2. ch. 10. die lesung dersel- x x 4 ben Das XIV. Cap. Von den ben Buͤcher nicht widerrathen/ und viele Uhrsachen beygebracht/ daß dieselben auch in vielen dingen nuͤtzlich sein koͤnnen. Wie aber nichtes mehr dem Mißbrauch unterworffen/ als die ergetzlichen dinge; so geht es auch mit diesen Romainen, wor- in einige zu viel Zeit verwenden/ die sie sonst nuͤtzlicher gebrauchen koͤnten. So ist es dem gelehrten Jacobo Palmerio â Grentemesnil ergangen/ von welchem in seiner Lebensbeschreibung diß erzehlet wird. Quidam nobilis Brittogallus has Palmerio incauto perniciosas nugas ob- trusit, quibus utpote ad nativum homi- num ingenium artificiosè compositis, ita captus est, ut per integrum ferè anni cur- riculum sui compos esse non valuerit: sed eo tandem elaplo, ad suam mentem rever- sus ingemuit, acerboque dolore perculsus animadvertit, se pro veris historiis, quibus admiranda Dei providentia agnoscitur, figmentis libidinum incentivis memori- am suam onerasle, \& pro heroibus egre- giisq ; eorum sacinoribus veritatem histo- ricam Helden-Getichten. ricam illustrantibꝰ ineptos thrasones \& va- næ imaginationis otio suo abutentis ludi- bria coluisse: Similis itaq ; factus iis qui con- vivia lauta somniant; excitati autem con- ficiuntur inedia, indignatus est \& impla- cabile contra illas furaces temporis affani- as concepit odium. Er hat auch des Herrn de la Hoguette, der sein guter Freund war/ und ihm sein Buch zu ge- sandt/ Meinung/ so er von den Romai- en gehabt/ gar nicht loben wollen/ und ihn endlich dahin gebracht/ daß in den letz- ten editionibus er ein Corollarium hin- angehaͤnget/ worin er diese Schreibart nostri seculi morbum nennet/ und bereuet/ daß er mit dergleichen Eitelkeit behafftet gewesen. Aber wie in allen Dingen eine gewisse Maaß ist/ so ist sie auch hierin/ und muß man nicht von einem extremo auff das andre fallen. Solche Sachen sein mehr zur Ergetzung/ als zum taͤgli- chen Gebrach gewidmet. Morisottus hat in seinen Briefen Cent. 1. Ep. 58. auch wider dieselben geschrieben. Von diesen x x 5 wer- Das XIV. Cap. Von den werde am andern Ohrt ein mehres zu reden haben. Die Heldengetichte/ pflegen in dem Ale- xandrini schen genere bey den Teutschen und Frantzoͤsischen verfast werden/ deren Gebrauch/ wie wir droben gesehen/ der Herr Rapinus nicht fuͤr bequem haͤlt. Aber man muß hier dem gemeinen Trieb fol- gen. Im Teutschen haͤtte Herr Flem- ming ein Poema Epicum am besten auß- fuͤhren konnen. Dann er bey der ho- hen Redensart auch den Numerum dieses Carminis sonderlich zu mischen weiß/ des- sen eine schoͤne Probe in dem Lobe des Sol- daten zu Roß und Fusse bey ihm zu sehen ist. Es kan auch dieses genus zu kurtzwei- ligen dingen gebraucht werden/ dessen ein Exempel bey dem Flemming in seiner Schnee-Graͤffschafft/ und bey dem Betu- lio in seinem Niedersāchschen Loorber- hain p. 66. woselbst er ein Epicedium hat auff einen Hoff-leu-hund/ und bey vielen andern zu finden. Das Oden. Das XV. Cap. Von den Oden. Einhalt. D Ie Verbindung der Music und der Verse ist sehr alt. Wird von der Natur gelehrt/ und ist bey allen Voͤlckern gebraͤuchlich. Ode ist ein Sing-Getichte. Ronsard hat diß Wort zu erst in Frantzoͤsischer Sprache gebraucht/ und will diese art Carminum in derselben auffgebracht ha- ben. Die alte art der Music ist verlohren. Arias Barbosa. Isaacus Vossius, Franciscus Patricius. Die Music der heutigen Oden ist sehr unterschieden von der alten. Odæ des Horatii in die Music ge- setzet. Die Oden sein nach verschiedenen Instrumen- tis Musicis abgesungen. Die eintheilung der Oden in Strophas. Die Italiaͤner haben in Lyrico Carmine sich sonderlich hervor gethan. Stances. Die heu- tigen Oden sein nach Vossiii Meinung nicht zur Music bequem. Die Oden die gesungen werden muͤssen anders eingerichtet werden. Solche sein schwerer zu machen als andere. Zieglers Urtheil. Die Redensart in den Oden komt der Heldenart am naͤhesten. Oden werden zu allerhand Sachen gebraucht. Geistliche Oden. Hymni der alten. Des Sehl. Herrn. Lutheri Geistliche Lieder. Wer- den Das XV. Cap. Von den den vor allen andern geruͤhmet. Gesaͤnge vor Lutheri Zeit. Psalmi ὶδιωτικοὶ, plebeii. Was dieselbe gewesen. Solche sein verboten worden in Concilio Laodiceno. Was durch die psalmos po- eticos verstanden werde. Noëls. Die alten Kir- chengesaͤnge sollen ohne grosse Uhrsachen nicht geaͤn- dert werden. Campanellæ Hymni. Die Vollenkom- menheit der Psalmen Davids. Odæ morales, Heroicæ, amatoriæ. Schertz-Oden. Diræ Scheltlieder. Gewisse Schlußverse in Odis Wiederholunge der Woͤrter und Verse in Car- mine. Figuræ Dictionis \& affectuum sein inson- derheit in Odis in acht zunehmen. Exempel aus dem Flemming. Metra darin die Oden zu verfas- sen. Der Trieb der Natur thut das meiste. Der ὲνϑουσιαςμὸς muß bey den Erfindungen sein. Die ersten Einfaͤlle sein die besten. Exempel derer/ die ihre erste Einfaͤlle durch Verbesserung verschlim̃ert. Es koͤnnen bißweilen verschiedenen Poeten gleiche Gedancken/ ja dieselben Verse einfallen. Dessen Exempel. E S hat nichts eine groͤssere Macht uͤber den Menschlichen Geist/ als wann ein schoͤnes wollgesetztes Car- men mit der Music verbunden wird/ dann die Music gibt den Versen gleichsam ein Oden. ein Leben/ dadurch die Gemuͤther auffge- muntert/ und zu allerhand Bewegungen gereitzet werden. Daher ist gekommen/ daß wann man etwas auff die Nachkom- men fortbringen wollen/ man sol- ches in Gesānge verfasset/ da man noch die Schreibkunst nicht gehabt. Wann unter dem Poͤbel etwas seltzames sich be- gibt/ so pflegen sie reimende Sprichwoͤr- ter davon zu machen. Dann sie bilden ihm viel ehe die Woͤrter ein/ die eine har- moniam bey sich fuͤhren. Weiln n un das metrum nicht allein belustiget/ sondern auch die Rede gleichsam befestiget und verewiget/ so hat man zu dem Gottesdienst und der Helden Lob solche Gesānge er- wehlet. Es ist nicht unglāublich/ daß auch vor der Suͤndfluth dergleichen ge- wesen. Nach derselben sind keine aͤltere als des Mosis seine/ welchen hernach die Heidnischen gefolget/ die Campanella gar artig degeneres Prophetas neñet. Solche Carmina sind bey den Griechen Oden/ bey den Teutschen Lieder genant. Das Wort Ode Das XV. Cap. Von den Ode ist eiu Griechisch Wort/ so nun auch bey den Teutschen fast das Buͤrgerrecht gewonnen. Ronsard hat es zu erst in Frantzoͤsischer Sprache gebraucht/ will auch die Lyrica metra in derselben zu erst erfunden haben ; dem aber einige den Clement Marott vorwerf- fen/ der die Psalmen Davids schon vor- hin in gewisse Lieder gebracht. Hievon kan mit mehren beym Menagio in seinen Anmerckungen uͤber Malherbe Poemata p. 563, 564, 565. gelesen werden. Auff was Weise die alte Lyrica Carmina gesungen/ davon ist wenig Nachricht uͤber/ nur daß einige so etwas oben hin davon ge- schrieben; es were dann das Arias Barbo- sa ein Lusitanus, dessen Nicolaus Antonius in seiner Bibliotheca Hispanicâ gedencket/ etwas sonderliches hervor gebracht. Dañ er saget von ihm: Scriplerat ille Rele- ctionem magnificam doctam uberemque, in qua multa questus est, quod non modo Musice temporum vitio indignam passa est jacturam duorum generum enarmo- nici Oden. nici \& chromatici, cum tempestate no- stra vix diatonico cantetur; sed etiam quod pcriere vocum syllabarumque tum poeticæ tum communes pronunciationes. Dieses Buch aber ist mir nie zu Gesichte kommen. Eben dieses hat Isaacus Vossi- us in seinem gelehrten Buch de Poematum Cantu \& viribus Rhythmi weitlāufftig dargethan. Aber die art und Weise zu Singen ist von niemand recht entdecket/ und ist noch woll das beste und vollstaͤn- digste hierin/ was Francisc. Patricius in sei- nen Buͤchern della Poetica insonderheit lib. 5, 6, 7. part. 2. nach Anleitung der al- ten Musicorum geschrieben/ dessen sich einige sehr fleissig in ihren grossen Buͤ- chern gebraucht/ und ihn kaum zu nen- nen gewuͤrdiget. Dieses ist gewiß/ daß die Music an der quantitate pedum und dem metro gebunden gewesen/ und ver- meinet Voss. der p. 37. und 38. eine Odam aus dem Horatio und die Frantzoͤsische Ubeꝛse- tzung des Sorbiers derselbē entgegen setzet/ daß da man im Lateinischē durch alle Stro- phas Das XV. Cap. Von den phas richtige numeros hat/ im Frantzoͤ- sischen und also auch im Teutschen in jeg- lichen Strophis eine neue Melodiam haben muͤsse. Und dieses kan auch nicht anders sein/ wann die Music auff der quantitate pedum gegruͤndet wird. Jedennoch be- zeuget der Autor de la connoissance des bons livres trait 3 p. 214. daß jemand die Odas Horatianas in die Music gesetzet. Nous avons veu de nostre temps qu’ un scavant \& curieux Musicien avoit mis en Air les Odes d’ Horace, \& les faisoit chan- ter dans des Concertes pour nous donner des épreuves de la Musique ancienne. Ich bilde mir aber gaͤntzlich ein/ es sey diese Music/ nicht anders als die heuti- ges Tages uͤbliche gewesen. Die alten metra haben ihre Music bey sich gehabt/ und haben durch die Krafft der pedum, wann sie auff gewisse arten gesungen wor- den/ die Gemuͤther bewegen koͤnnen/ da die heutigen nicht anders als durch die Krafft der Woͤrter bewegen. Die alten Musici haben uͤber jegliche Sylben der Ver- Oden. Verse ihre notas gesetzt/ wodurch man wissen koͤnnen/ was vor einen Thon man darzu singen oder spielen muͤssen/ von den sieben tropis oder modis, Dorio, Æolio, Phrygio \&c. Derer Carminum die ge- sungen worden/ sein vielerley arten gewe- sen. Man hat auch nicht einerley Spiel- werck dazu gebraucht/ von deren aller richtigen Außtheilung Fr. Patricius in dem andern Theil seiner Poetica weitlaͤufftig zu lesen ist. Man hat auch singende Tra- gœdien und Comœdien gehabt/ davon im folgen Cap. ein mehres. Ja es sein alle arten der Getichte gesungen worden/ es sey bey den Goͤtzendiensten/ bey Gaͤste- retzen/ bey oͤffentlichen Spielen oder son- sten gewesen. Die Heroici und Elegiaci haben gleichfalls eine art von singen ge- habt. Die Oden aber sein insonderheit zu der Music bequem gewesen/ wegen der Eintheilung in gewisse membra oder strophas. Diese hat ihre Richtigkeit mehrentheils gehabt/ aber Pindarus hat groͤssere von vielen Versen bestehende y y pe- Das XV. Cap. Von den periodos gemacht/ und sie in drey Theile getheilet/ Stropham, Antistropham, und Epodon. Man hat auch auff den Thea- tris eigene Oehrter gehabt/ so Odea ge- nant worden/ darauff man diese Carmina gesungen. Wie die Eintheilung der al- ten Oden gewesen/ und was fuͤr Thoͤne zu denselbigen gebräuchlich/ davon finden wir zwar einige Nachricht bey den alten Musicis: Aber wir koͤnnen doch dieselbe nicht in gewisse Reguln setzen; Franc. Patricius hat dieses sehr fleissig zu- sammen gelesen della Poetic. part. 2. lib. 6. p. 284. \& seqq. woselbst die beste Nachricht kan gefunden werden/ und nach ihm oder vielmehr aus ihm hat Kircherus in seiner Musurgia auch davon gehandelt/ der a- ber in vielen geirret/ wie Marcus Méibo- mius in den Anmerckungen uͤber die alten Musicos erweiset. Die Italiāner haben wie Tasson davor haͤlt die allerbesten Odas geschrieben/ so gar daß sie auch/ wie er meinet/ den Alten hierin zuvor thun. Es ist dieses zum Theil war; dann sie wis- Oden. wissen die Redensart treflich zu erhoͤhen/ wobey doch auch bißweilen viel Mißbrāu- che vorfallen. Wir haben auch in der Teutschen Sprache/ einige von Flem- ming/ Hoffmanswaldau und ande rng e- schrieben/ die wir den Italiānern wolent- gegen setzen koͤnnen. Diese der Italiaͤ- ner Oden/ wie auch die Teutschen haben ihre gewisse Stanccs, welche deßhal- ben so genant werden/ daß man am En- de der Strophen etwas verziehen muß/ dann wie Dantes sagt/ in esse stà e si rin- chinde tutto l’ artificio della Canzone. Darum werden auch in den achtzeili- gen Stancen, darin ihr genus Epicum be- steht/ die beiden letzten Verse/ der Schluͤs- sel genant. Aber es will sich die Music so nicht dazu schicken/ wie zu den alten La- teinischen Oden. Vossius sagt p. 35. Si quis ad Odas se conferat, quales Fuluius Testi- us \& innumeri alii scripserunt, illæ, elegan- tissimæ licet, cantari tamen nequeunt pro- pter diversitatem numerorum. Eadem est ratio eorum Carminum, quæ ipsi vo- y y 2 cant Das XV. Cap. Von den cant rimas octavas, quæ nec ipsa uno eo- demq; cantus genere animari possunt Neq; tamen me fugit \& illa quoq; vulgo cantari verum hâc conditione quælibet etiam pro- sa cantari possit. Deßhalben spricht Vos- sius, daß bey den Italiānern nur die poe- mata zur Music bequem gehalten werden/ darin keine strophen sich finden. Wir suchens mit den Teutschen Odis so genau nicht. Dann wann die erste Strophe einer Ode in die Music gese- tzet/ so muͤssen die folgenden denselben Ge- sang annehmen/ er schicke sich dazu oder nicht/ da bißweilen die sensus versuum zer- rissen werden/ die Music auff die Worte sich nicht reimet. Man nehme nur eine Ode auß dem Flemming Tscherning und andern/ und setze die erste Strophe in die Music/ selten wird man finden/ daß die uͤbrigen recht dazu bequem sein wer- den. So muß nun dero wegen einer/ der eine Ode die gesungen werden soll/ ma- chet/ nothwendig die Music verstehen/ und wann die erste Strophe in die Music ge- Oden. gesetzet/ alle andere darnach richten/ und wo muͤglich mit jeden Verß den sensum zum wenigsten auff die helffte schliessen. Ja er kan gar eine schon erfundene Melo- dey nehmen/ und darnach das metrum einrichten/ welches ich vielfaͤltig gethan. Solches komt Jsaaco Vossio am vorer- wehnten Ohrte woll laͤcherlich vor. Aber die zu unser Zeit uͤbliche Music legt uns die- se Nothwendigkeit auff. Wiedrigen falls wuͤrde man gar uͤbelklingende Lieder ma- chen. Herr Ziegler urtheilet gar woll hievon: Gewiß/ es will unter den gene-„ ribus carminum nicht alleine vor sich/„ sondern auch/ und zwar um so viel de-„ sto mehr wenn sie in die Musik gesetzet„ werden sollen/ ein jedwedes seine sonder-„ liche qualitet und Eigenschafft haben/ da„ man denn dem componisten die Worte„ so treuge nicht vorlegen darff/ sondern„ man muß denselben einen feinen Nach-„ druck und nach gelegenheit der materie „ eine gebuͤhrende staͤrcke oder schwaͤche„ geben/ auch die commata zu rechter Zeit„ y y 3 schnei- Das XV. Cap. Von den schneiden und den Verß nicht wie eine„ Saue von der Weide lauffen lassen. Ich„ bekenne es/ wenn Ich eine Ode zur Mu-„ sik machen sol/ so wird sie mir allezeit„ duppelt sauer/ als wann ich sie vor mich„ und nach meinem gefallen machen darff„ Ich wolte auch davor halten/ daß man zwar außerlesene Woͤrter in den Liedern die gesungen werden/ aber keine gar hohe und Metaphorische Redensarten ge- brauchen solle: Dann wann die Woͤrter nicht verstaͤndlich sein/ daß man zugleich mit den Thon den vollenkommenen Ver- stand der Woͤrter haben kan/ so hat sol- ches keine Krafft in Bewegung der Ge- muͤther. Sonsten ist eine Ode/ inson- derheit wann sie nicht gesungen wird/ der hoͤhesten Redensart faͤhig. J. C. Sca- liger saget: proximè ad Heroici Carminis majestatem accedit. Ja sie uͤbersteigt selbst die Heldenart; dann es sein audaci- ores Metaphoræ und andere Redensar- ten zu gelassen/ die man in Heroico ge- nere nicht gebrauchen kan. Wann die alte Oden. alte Prosodia der Music auch im Teutschen were/ so koͤnte man Thoͤne und Woͤrter ohne grossem Nachdencken verstehen. A- ber ietzo muß die deutlichkeit des Carmi- nis, der undeutlichen Musick zu Huͤlffe kommen. Es koͤnnen alle Sachen sich zu den Oden schicken/ Geistliche/ Sitt- liche/ Liebreitzende/ Kriegrische und der- gleichen mehr: da dann zum Theil auch die Redensart sich nach der materie schi- cken muß. Was die Geistlichen anlan- get/ so sein bey den Griechen und Latei- nern des vielfaͤltigen Goͤtzendienstes hal- ber unterschiedliche Arten derselben gewe- sen/ welche Franc. Patricius in seinem an- dern Theil della poetica nach der laͤnge erzehlt. Das gemeine Wort/ damit sie genennet worden ist Hymnus ein Lobge- sang. Bey den alten ward die hoͤheste Redensart in denselben gebraucht/ im Teutschen aber wird der Music und des gemeinen Gebrauchs halber eine Maasse hierin zu halten sein. Es sein aber die Geistlichen Lieder nicht alle Hymni, son- y y 4 dern Das XV. Cap. Von den dern haben auch andere verschiedene Arten unter sich. Wir muͤssen hie von den Liedern gedencken/ die der Sehl. Herr Lutherus gemacht/ welche voll Geistes und nachdruͤcklicher Woͤrter sein/ dar in ein richtiges metrum ist: dann er hat gar genau auff die Sylben ge- sehen/ welches von den Frantzosen und Italiānern nur am meisten in acht genommen wird. Die quantitas ist zwar nicht allezeit beobachtet; Es muͤssen aber solche kleine Fehler in so wichtigen Dingen/ da die Woͤrter und der Ver- stand vollenkommen/ uͤber sehen werden. Dann man wuͤrde der Vollenkommen- heit eine Gewalt anthun/ wann man hierin etwas āndern wolte. Vor Lu- theri Zeiten sein auch verschiedene Hymni und Geistliche Lieder auch im Pabstthum schon geschrieben/ darin etliche nicht so gar uͤbel gemacht/ und des Alters halben in Ehren zu halten/ und hat mir einer berichtet/ daß ein absonderlich Gesang- Buch von denselben zusam̄en gelesen und jemand Oden. jemand heraußgegeben/ das ich aber nicht gesehen. Man hat im uͤbrigen Hr. Risten/ Hn. von Stoͤcken/ und vieler an- derer Geistliche Lieder/ welche ihren Fleiß hierin ruͤhmlich angewandt/ und niemand unbekant sein. Hr. Roͤlings seine Geist- liche Oden sein voll Tieffsinnigkeit und an Erfindung reich. In der alten Kirchen hat man keine andre Psalmen zugeben wollen/ als die aus den Buͤchern der Heil. Schrifft genommen/ nemblich die Psal- men Davids und andre Lobgesaͤnge. Die sonsten gemacht wurden/ wuͤrden ψαλ- μοὶ ἰδιω ικοὶ Psalmi Plebei genant/ und wa- ren verboten in oͤffentlichen Versamlun- gen zu singen. Davon sagt der LIX. Ca- non des Concilii Laodiceni also: ὅτι οὐ δε̃ι ἰδιωτικοὺς ψαλμοὺς λέγεσϑαι ν τῆ ἐκκλησία, οὐδὲ ἀκανόνιστα βιβλία. Quod non oportet plebeios Psalmos in Ecclesiá legere; aut libros non canonicos. Balsamon und Zo- naras erwehnen allhie in ihren Anmer- ckungen/ daß unter den Psalmis Plebeis die Psalmi Salomonis verstanden werden/ y y 5 die Das XV. Cap. Von den die man damahls gehabt/ und nicht fuͤr auffrichtig gehalten. Es erhel- let aber aus unterschiedlichen Oehrtern der Historiæ Ecclesiasticæ des Eusebii, das viele Psalmi von privatis gemacht/ die m an in den Kirchen gesungen/ wie dergleichen einer bey dem Clemente Ale- xandrino am Ende seines dritten Buchs sich findet auff den Herrn Christum/ und auch Plinius lib. 10. Ep. 97. von den Chri- sten solches erwehnet. Von den Thera- peutis (davon doch noch zweiffelhafftig ob sie Christen gewesen) schreibt Euse- bius lib. 2. c. 17. ποιοῦσιν ἄσματα καὶ ὕμνους ἐις τ ν ϑεὸν, διὰ παντ ίων μέτρων καὶ μελῶν ῥυϑ- μοῖς σεμνοτέροις χαράσσοντες. Cantica \& hymnos omni metrorum genere rhyth- mis gravioribus conficiunt. Widerum lib. 5. c. 28. sagt er/ daß viel Psalmen von den glaͤubigen Bruͤdern geschrieben/ die Christum als einen wahren GOtt loben und erkennen/ und lib. 7. c. 30. von dem Paulo Samosateno, daß er die zu Christi Ehren gemachte Psalme/ unter diesem Vor- Oden. Vorwand abgethan/ daß sie neulich er st- lich/ und nicht von den alten gemacht/ welches dann der Synodus so wieder ihn außgeschrieben getadelt/ weil er dadurch die Ehre Christi angefochten. Ist also glaͤublich daß solcher Psalmen viel in der Kirchen gewesen/ welche aber in dem angefuͤhrten Canone deßhalben verbotten worden/ weiln man zur Eh- ren GOttes lieber die von dem Geist GOttes selbst gesetzte/ als die von Men- schen erdachte Hymnos gebrauchen wol- len. Valesius hat dieses angemerckt in seinem Commentario uͤber den Euseb. lib. 7. c. 24. Disertè prohibetur ne Psalmi ἰδιω- τικοὶ id est à privatis hominibus composi- ti in Ecclesiâ recitentur. Invaluerat enim hæc consuetudo, ut multi Psalmos in ho- norem Christi componerent, eosque in Ecclesiâ cantari facerent. Deßhalben wurden auch κανονικοὶ ψάλται in den Kir- chen bestellet/ welche gewisse Psalmen auff gewisse art und Weise singen muͤsten/ wie Bevereggius in den Anmerckungen uͤ- ber Das XV. Cap. Von den ber den XV. Canon. Conc. Laodiceni weit- laͤufftiger außfuͤhret/ und insonderheir der Cardinal Bona in seiner Psalmodia. S. Agobardus, der im Jahr 840. gestor- ben/ dessen Wercke der Stephanus Balu- zius heraußgegeben/ handelt hievon auch in einem absonderlichen Buch de divinâ Psalmodia. Dann er spricht: Reveren- da concilia Patrum decernunt nequaquam plebeios psalmos in Ecclesia decantan- dos, \& nihil poëtice compositum in divi- nis laudibus usurpandum. Durch wel- che letzten Verse der Baluzius verstehet levia carmina \& faciles versus, cujusmodi sunt, quæ moteta hodie dicimus. Zu dessen Beweiß fuͤhrt er einen Ohrt an aus den Gulielmo Durandi, Episcopo Mimatensi, in seinem andern Buche de modo generalis concilii celebrandi cap. 19. Vi- deretur valde honestum esse, quod cantus indevoti \& inordinati motetorum \& si- milium non fierent in Ecclesia. Die- se haben sie aber nur bloß einmahl im Jahr bey dem Weynachtfest gebrauchet/ wel- Oden. welche Gesaͤnge Noels das ist Natalitia Car- mina genant woꝛden. Pasquier des Recher- ches de la France l. 4. ch. 14. beschreibt diese Nouels daß sie gewesen/ Chansons spiri- tuelles faites en l’ honneur de la Nativite de nostre Seigneur. Es ist aber auch diß Wort gebraucht worden/ wann das Volck Koͤnigen und Fuͤrsten ein Freuden Geschrey gemacht/ da sie dasselbe ih- nen zu geruffen/ wie Pasquier weitlaͤuffti- ger an selben Ohrte anfuͤhret. Dieses ha- be ich bey dieser Gelegenheit von den Geistlichen Gesangen beybringen wollen/ in welchen man es gerne bey dem alten bleiben laͤsset. Der Heilige Agobardus ist sehr sorgfaͤltig hierin gewesen; daß er nichts hat zugeben wollen/ als was auß den Buͤchern der Heil. Schrifft genom- men/ wie aus seinem Buche de cortecti- one Antiphonarii zu sehen. Der Balu- zius thut denckwuͤrdig hinzu. Constat res semel receptas in Ecclesia non facile mutari, cautioresque in his rebus debere esse Pontifices, ne ministerium eorum vi- tupe- Das XV. Cap. Von den tuperetur. Sic Urbanus VIII. hymnos correxit, \& tamen semper hymni antiqui canuntur in Ecclesiâ. Deßhalben erin- nert auch Campanella Poeticor. c. 8. art. 2. daß man auff einige kleine Fehler des metri nicht so gar genau in den Geistli- chen Gesaͤngen sehen soll. Non tam me- tri curanda est regula, quam sonus auribus gratus \& doctrina recondita bene restricta \& destillata. Si S. Thomas mensuras in- spexisset, non sic altè locutus esset, mira- bili lepore doctrinam profundissimam ex- primendo. Derselbe Autor, der ein Mann von seltzamer und wunderlicher Wissen- schafft gewesen/ hat selbst einige Hymnos geschrieben/ wie er art. 4. an dem vori- gen Ohrte schreibet: Nos triplicem Psal- modiam scripsimus de rerum naturâ: in primâ cælestia \& incolas, in secunda ter- restria, in tertia hominem cecinimus \& Dei laudes ex his \& gratiarum actiones expressimus. Fecimus \& poemata meta- physica, unum de summa potentia, unum in tribus cantilenis de summâ sapientiâ: unum Oden. unum de primo Amore: duo de summo bono. Er hat auch an denselben Ohrte art. 1. gar artig dargethan/ wie in den- Psalmen Davids alle arten der Carmi- num, so viel ihr sein moͤgen enthalten; Drum man billig demselben als einem Goͤttlichen Wercke seiner Vollenkommen- heit halber den Vorzug geben muß. Nechst den Geistlichen Oden folgen die/ welche ein argumentum morale ha- ben/ welches sich zu den Oden sehr wol schicket. Wir finden deren unterschiedli- che bey Flemming und andern. Die Chi- nenser halten auff die Poemata moralia am meisten/ wie dann ihr Confutius vier Buͤcher von alten Carminibus, wozu er das fuͤnffte gemacht/ nachgelassen. In welchen die gantze Sittenlehre/ die art und Weise das Regiment zu fuͤhren/ und die Exempel der Tugenden begriffen sein. Welche von ihnen in dem groͤsten wehrt gehalten werden. Die Lobgedichte auff die Helden und ihre Thaten koͤnnen auch in Oden vorgestellet werden. Dann bey den Das XV. Cap. Von den den alten Teutschen und Gothen hat man dergleichen auff dieselben gemacht. Es muß aber alsdann die Redensart ja so hoch sein/ als in einem rechten Epico Po- emate, und muß mans machen wie Ste- sichorus, davon Quintilianus lib. 10. c. 1. urtheilet/ quod epici carminis onera lyrâ sustinuerit. In Liebessachen ist dieselbe ungleich/ nach dem die affectus sollen außgedruͤcket werden. Klagende oder verlangende Oden/ koͤnnen bißweilen abruptos sensus, tieffsinnige acumina ha- ben/ wie die unvergleichliche erste Ode im fuͤnfften Buch des Flemmings. Scher- tzet man aber/ so muß ein gleicher sty- lus sem/ und sind die acumina von sol- chen fontibus genommen/ die mehr ein lachen/ als verwundern erwecken. Wir haben verschiedene in Teutscher Sprache; die man zum Exempel vorstellen kan. Der gruͤnen Jugend uͤberfluͤssige Gedan- cken verdienen hierin billig ihr Lob. Just Georg Schochs Lust und Blumengar- ten von hundert Schaͤffer-Hirten-Liebes- und Oden. und Tugendlieder/ Filidors geharnisch- te Venus gehoͤren auch hieher. Die Preußsische Lieder insonderheit des Si- mon Dachen sein sehr gut und insonder- heit auff die Music gerichtet. Man kan auch Diras und Sechltlieder schreiben wel- che dergleichen Redensart haben/ wie fast andre Satyræ. Man hat auch in den O- dis moralibus und amatoriis etzliche Schlußverse/ welche allezeit zu Ende einer Strophen widerholet weꝛden. Diese wol- len auch ihre sonderliche Zierlichkeit ha- ben/ und zwar also/ daß sie gleichsam wie eine Conclusion in einem Syllogismo auff die vorhergehende Veꝛse folgen. Sie schi- cken sich insonderheit woll zur Music. Sonsten muß man nicht leicht ohn Uhr- sach gantze Verse in einem Carmine wi- derholen. In verschiedenen Carminibus kan es bißweilen wol geschehen/ wie wir beym Homero und Virgilio sehen/ die offt- mahlen einerley Verse an unterschiedli- chen Oehrtern gesetzet haben. Der Eu- ripides hat mit einer sentence fuͤnff Tra- z z gœ- Das XV. Cap. Von den gœdien geschlossen. Malherbe hat dieses in seinen Frantzoͤsischen Carm i nibus auch gethan/ deßhalben der Cavallier Marin von ihm in Schertze gesaget/ Malherbe waͤr ein Mann von vielen Feuchtigkeiten/ (dann er war den Fluͤssen sehr unter worf- fen) aber ein sehr truckner Poet. Alle Figuræ Dictionis \& Affectuum uͤber haupt zieren die Oden treflich/ dar in der Herr Flemming ein unvergleichlicher Meister ist. Wir koͤnten hie ein gantzes Buch allein mit dergleichen Anmerckungen fuͤl- len/ wann wir alle sonderliche Umstaͤnde eines jeden Carminis, und dessen Theile gar genau erwegen wolten. Die Repeti- tiones, Anadiploses, Epizeuxes, Anapho- ræ, Antitheses, Contentiones \&c. sein in grosser Menge bey dem Flemming/ welche insonderheit in acht zu nehmen/ und von einem Liebhaber der Poesie unter gewisse titul zusammen koͤnnen gelesen werden. Dann sie haben ein zartes Wesen bey sich/ und koͤnnen die Gemuͤthsbewegungen kraͤfftig vorstellen. Der gleichen wider- ho- Oden. holungs Figuren sein beym Flemming in in der 9. Ode des 5. Buchs O du schoͤne Salibene Salibene o du schoͤne Gleichen Schlags ist dieses in der 26. Ode desselben Buchs. Die getreue Basilene Basilene die getreue thut staͤts/ was ich mich staͤts freue. Eine andre art von den Wiederholungen ist in der 22. Ode/ in der andern Strophe/ auch in der ersten Strophe/ der 19. Ode/ in demselben Buche. Macrobius nennet solche amœnas repetitiones Saturn. lib. 5. c. 14. da er von Virgilio redet/ und unter andern dieses anfuͤhret. Pan etiam Arcadia mecum si judice certet, Pan etiam Arcadiâ dicet se judice victum. Campanella Poetic. cap. 8. art. 8. sagt von den Repetitionibus in Hymnis, quod gau- dium præstent. Antitheses, Contentio- nes, Conversiones sein sehr viele bey ihm/ z. e. in der 30. Od. des 5. Buchs. Die Sonne scheint fuͤr mich nicht helle/ Mich kuͤhlt die Gluth/ mich brennt das Eiß/ z z 2 Ich Das XV. Cap. Von den Ich weiß und weiß nicht was ich weiß. Die Nacht tritt an des Tages Stelle. Jetzt bin ich dort/ itzt da/ itzt hier Ich folg’ und fliehe selbst fuͤr mir. In der 11. Ode desselben Buchs ist dieses sehr zierlich: Der freie Wind faͤhrt ohne Zuͤgel/ Ein leichter Pfeil eilt auff Gewinn. Der starcke Plitz hat schnelle Fluͤgel Ein schneller Fall schiest ploͤtzlich hin. Fuͤr ihren Sinnen sind nicht schnelle/ Lufft/ Pfeile/ Plitz und Wasserfaͤlle. Ich koͤnte dieses mit allerhand Exempeln und Gegenhaltungen der Grichschen und Lateinischen Poeten klārer machen/ wan̄ es nicht allhie zu weitlāufftig were. Die Metra koͤnnen in den Oden vielfaͤltig sein; Trochai sche schicken sich am besten/ da man ein Verlangen vorstellet/ in Sittlichen und Liebessachen/ Jambische in Schertz- und Schelt-Gedichten/ Anapæsti sche und Dactyli sche/ wann man etwas lustiges vorstellet. Dann es wuͤrde sehr uͤbel klingen/ wann man sie in traurigen Sa- chen gebrauchen wolte. Die vielerley arten Oden. arten der Reimgebānde sind drobenschon beruͤhret. Woselbst ich auch von denen nach den Lateinischen eingerichteten met ris erwehnung gethan/ deren unterschiedliche auch im Frantzoͤsischen von dem Pasquier des Recherches de la France liv. 7. ch. 12. als ein Elcgiacum, Phaleucus, Oda Sap- phica, Jonicum à Minore angefuͤhret werden. Der Trieb der Natur/ oder wie ihn die Poeten nennen/ der ἐνϑουσιασ- μὸς ist das vornehmste in dieser Sachen. Derselbige gibt den Erfindungen ein le- ben/ und wird in den Oden durch die Musick erwecket/ und gereitz e t. Es laͤs- set sich auch eine Ode viel b e sser machen/ wann man die Melodey ih m vorhero vor- stellet/ und die Verse na ch derselben ein- richtet. Dieser ἐνϑουσιοσμὸς ist etwas/ das von einer sonderlichen Gluͤckseeligkeit der Natur komt/ und durch die Kunst und und Nachsinnen bißweilen nur gehindert wird. Es ist zu mercken daß insgemein die ersten Einfaͤlle als welche aus diesem Trieb entstehen die besten sein/ welches z z 3 ich Das XV. Cap. Von den ich offt an mir selbst wargenommen. Dan̄ ich pflege in verfertigung eines Carminis alles was mir uͤber einer Sachen einfāllt so fort zu Papier bringen/ ohne Ord- nung/ ohne Connexion, halbe/ gantze Verß/ damit mir die ersten Gedancken nicht aus dem Sinn fallen. Unter diesen sein allezeit die mir ohne sonderlichen Nachdencken beykommen die besten/ die ich aber so fort oder nachgehends durch weiters Nachsinnen hinzusetze/ und aus einigen fontibus, die die Kunst eroͤffnet/ her- hole/ en t fernen sich was mehr von den Sachen/ und haben den Nachdruck nicht Wan n diese erst angemerckt/ die gleichsam wie ein Chaos sein dessen was darauß gemacht soll werden/ so findet sich die Außa rb eitung leicht. Worin man endlich nicht zu eilen hat/ sondern je mehr man druͤb e r nachsinnet/ je besser wird die Arbeit sein. Da man dann zum ersten auff des gantzen Carminis und als dann der andern Strophen Schluß wie zu einem Ziel/ darauff alles abdruͤcket/ sehen Oden. sehen muß. Solte man diese Vorarbeit vorbey streichen lassen/ und nur so fort den Auffsatz beschleunigen/ so wuͤrde man den Trieb hemmen/ und mitten in dem Wercke bestecken bleiben. Gilt also im Carmine nicht allezeit das Sprichwort der Griechen δευτέραι φροντίδες σοφωτερα . sondern man verdirbt/ an der Erfin- dung insonderheit/ leicht etwas wann man zu viel druͤber nachsinnet/ und durch all zu grosse Kunst/ die natuͤrlichkeit ei- ner Sachen verdunckelt/ wie jener Mah- ler/ qui manum tollere de tabula nesciebat Claude Binet hat in dem Leben des Ron- sards, von seinen Poematibus solches an- gemerckt: Aucuns, spricht er/ ont trouvé la correction, qu’ il a faite en ses œuvres en quelques endroits moins agreable, que ce qu’ il avoit premierement conceu: comme il peut avenir principalement en la Poesie, que la premiere fureur est plus naive, \& que la lime trop des fois mise, en lieu d’ éclaircir \& polir, ne fait qu’ user \& corrompre la trempe. Les doctes qui z z 4 ver- Das XV. Cap. Von den verront fans passion ses derniers concep- tions en jugeront. Es hat Pasquier in seinen Recherches liv. 6. ch. 7. daßelbe von ihm auffgeschrieben und sich uͤber ihn beklaget/ daß er drey Jahr vor seinem Tode/ da er von dem Podagra und andern Schwachheiten uͤbernommen/ die besten und artigsten Carmina auß seinen Wer- cken hinweg gethan/ und viele Verse al- so geaͤndert/ daß die scharffsinnigsten Re- den verlohren gegangen. Er berichtet ferner/ daß ein ander das verworffene wieder den Autorem selbst zu behaupten gesonnen/ und dem andern Druck seiner Wercke hinbey fuͤgen wollen. Mit dem To quato Taslo ist es gleichfalls so ergan- gen/ daß er durch veꝛmeinte Verbesserung an seinem so herrlichen Poemate viel ver- dorben. Durch diesen Tichterschen Trieb koint es bißweilen/ daß verschiedene Po- eten nicht allein einerley Einfaͤlle son- dern gar einerley Verse und Worte haben/ da doch niemand des andern seine Carmina gesehen oder gelesen. Dessen ist ein Oden. merckwuͤrdiges Exempel bey dem Menage in seinen observationibus uͤber Malherbe p. 255. 256. 257. von M. de Racan, welcher gantzer vier Verse gemacht/ die hernach in des de Matthieu Tablettes de la vie \& de la mort ihm von einem andern gezeiget worden/ da er doch mit hohen Eiden be- theuret/ daß er das Buch nicht gekant noch gesehen. So hat auch Leonard. Salviat. in seinem ersten Buch seiner Aver- tissemens de la langue Italienne berichtet/ das ein Poet seiner Zeit/ der des Cardi- nalen Bembo seine Sonnetten niemahls gesehen/ eines gemacht daß des Bembe sei- nem durchauß gleich gewesen. Es kan auch offt geschehen/ daß jemand Woͤrter und Verse im Gedaͤchtniß hat/ da er vergessen wo un̄ ob er sie gelesen/ welche bey Gelegen- heit sich unteꝛ seinen eignen Gedan k en veꝛ- stecken/ wo zu die Reime bißweilē den Weg bahnen. Der Herr Menage verheißt in einer sonderlichen Dissertation de furtis \& imitatione Poetarum hievon zu han- deln. z z 5 Das Das XVI. Cap. Von den Das XIV. Cap. Von den Schauspielen/ Hir- ten- und Straff-Gedichten. Einhalt. D Ie Schauspiele sein nicht gaͤntzlich zu verwerf- fen. Albericus Gentilis hat sie in einer ab- sonderlichen Schrifft verthaͤdiget. Cardi- nal de Richelieu hat in Franckreich sie von den Un- reinigkeiten gesaubert. Koͤnnen in den Schulen ihren Nutzen haben. Comenii Vorschlag. Hr. Weisen Comoedien. Vorschlag eines vornehmen Frantzoͤsischen Herrn von Auffrichtung einer fon- derlichen Schauspielschule. Der alten ihre Schau- spiele sein vollenkommener als die heutigen. Ihre Singespiele. Der Rhythmus ihrer Verse und Music wird durch den Trommelschlag vorgestellet. Wie die neuen Singespiele in Italien erstlich auff- gekom̄en. Der Teutschen Schauspiele. Comedien in Prosa. Possenspiele/ Kluchten/ Balletten Masquera- den/ wie weit beyde unterschieden. Worauff sie koͤn- nen gemacht werden. Außbild-Bau-und Perspectiv- Kunst ist beyhuͤlfflich hiezu. Des Herrn Cartesii Ballet, so Joh. Freinsheim verteutscht. Andre werden erzehlt. Benjamin Jonsons eines Englischen Poeten Balletten und Masqueraden. Johannis Miltons Mas- Schauspielen. Masquerade. Schwedische Balletten des Herrn Stirnhelms. Exempel Teutscher Balletten. Da- vid Schirmers. Ballet von der Vortreflichkeit des Weiblichen Geschlechts von Herrn Vito Bering in Lateinische Verse gesetzet. Verschiedene andre. Repræsentation, so dem Carolo V. geschehen. Hir- teugespraͤche. Die Italiaͤner wollen hierin auch vor den Alten den Vorzug haben. Wie sie im Teut- scheu zu machen. Satyre oder Straff-Gedichte. Vondel nennet sie Hekeldichte. Wie sie zu machen. Janus Gulielmus Laurenbergius hat in dem Nieder- saͤchsischen solche geschrieben. Joachimus Rachel im Hochtentschen. Der Frantzosen Satyrische Schriff- ten/ Satyræ in Prosa bey den Teutschen. Herrn Weisen unterschiedliche Schrifften dieses Schlags. D Ie Schauspiele/ die an sich selbst loͤblich und gut sein/ haben durch die eingeschlichene Mißbraͤuche bey einigen ihren guten Glauben so ver- lohren/ daß man sie gar fuͤr suͤndlich und ārgerlich gehalten. Diese gehen aber zu weit/ und werden ihre dawieder einge- brachte Gruͤnde/ von dem vortreflichen JCto Alberico Gentili in seiner Gelehr- ten Dissertatione de Actoribus Fabula- rum Das XVI. Cap. Von den rum non notandis sattsam wiederleget. Sie sein bey den sin̄reichsten und verstān- digsten Voͤlckern durchgehends beliebet/ und die Theatra fuͤr eine Schule des Volcks gehalten worden. Dann was ist fuͤr ein Unterscheid/ ob ich eine Histo- rie geschrieben lese/ oder in einem Ge- maͤhlde betrachte/ oder auch in einer a- ction mir vorstelle. Die Mimi der alten sein auch nicht zu tadeln/ die die sinnreich- sten Spruͤche/ die koͤnnen erdacht wer- den/ unter die Actiones eingemischet/ und die Zuseher entweder erlustiget oder unter- richtet. Wann alles in diesen Schran- cken bleibt/ und sonst keine unflātereyen/ und grobe Narrenpossen/ daran keine verstaͤndige ehrbahre Leute einen gefal- len haben/ hinzukommen/ sein sie nicht allein zu dulden/ sondern in einer Volck- reichen Gemeine bißweilen anzuordnen. Der Cardinal de Richelieu hat es seinem Geistlichen Stande nicht unanstaͤndig ge- halten/ daß er der Schauspiel halber gewisse Ordnunge gemacht/ und nachdem er Schauspielen. er sie von den Unsauberkeiten gereiniget/ selbst Anlaß gegeben/ daß solche gespielet/ und vorgestellet worden. Wie er dann die vortreflichsten Geister seiner Zeit durch die groͤste Belohnungen dazu auff- gemuntert. Ja ich komme so weit/ daß ich vermeine/ es muͤssen bißweilen gute Schulen angestellet werden/ um die Ju- gend auch in der action zu uͤben/ wozu sie sonst keine Gelegenheit hat. Es war kein uͤbler Vorschlag des Comenii, daß die vornehmsten Historien in Comœdien ge- faßt/ und durch die Action der Jugend eingebildet wuͤrden; wie er dann zur Pro- be eine Comœdie von dem Diogene Cyni- co selbst auffgesetzet/ worinn alle Thaten und Spruͤche deßelben angebracht wer- den. Der Herr Weise hat auch unter- schiedliche zu solchem Zweg zielende Comœ- dien geschrieben/ worunter mir die so genante Complementir-Comœdie, so er seinem Politichen Redner beygefuͤgt/ sehr wollgefaͤllt. Worin er alle Actus Conversationis Civilis in ein Schauspiel ge- Das XVI. Cap. Von den gebracht. Der Autor des Buchs de la connoislance des bons livres, welcher von dem Nutzen der Schauspiele gar weitlaͤuff- tig gehandelt/ erwehnet p. 273. daß ein vornehmer Herr in Franckreich gewesen/ der auff seinen Kosten einen Professorem Poeseos Theatricæ anstifften wollen/ wel- cher oͤffentliche Lehrsaͤtze geben solle/ wie die Schauspiele anzustellen/ und das un- gebuͤhrliche davon zu thun. Er hat vor- geschlagen eine so genante Academie an- zurichten/ worin nur vornehmer Leute wolerzogne Kinder in solchen Actionibus sich uͤben solten/ damit hinfuͤhro die Schauspiele von den Schandflecken/ die ihnen nichtswuͤrdige und gewinsuͤchtige Leute anhingen/ gesaubert wuͤrde. So sol- ten auch aus dem Magistratu gewisse Cen- sores verordnet werden/ die die Comœ- dien untersuchten/ ob in ihnen etwas der Kunst und dem Wollstand zu wieder lauffend anzutreffen, daß also keine ohn derselben Bewilligung gehalten wuͤrde. Es sein gewißlich diese Vorschlaͤge nicht zu Schauspielen. zu verachten/ und wuͤrde nicht undien- lich sein/ wann so etwas ins Werck gerich- tet wuͤrde. Absonderliche Gesellschafften und Lehrmeister hierin zu bestellen wuͤrde nur uͤberfluͤssig sein/ wann nur auff den sonst gewoͤhnlichen Schulen eine zulaͤng- liche Ordnung deßfals gemacht wuͤrde. Es sein gantze Buͤcher von den Comœ- dien und Tragœdien geschrieben/ darin- nen die Lehrsaͤtze dieses Poematis auß- fuͤhrlich und grundlich dargethan wer- den/ womit/ als bekanten Dingen/ wir uns nicht auffzuhalten haben. Dieses ist zu mercken/ daß die alten Griechen und Roͤmer es so weit hierin gebracht haben/ daß wir noch bey ihnen in die Schul gehen muͤssen. Was wir darin gethan/ haben wir alles aus ihrer Nach- ahmung. Man hat bey ihnen die Sin- gespiele/ Tāntze und Toͤne viel vollen- kommener gehabt/ als wir jetzo ihnen nachkuͤnstlen/ davon niemand vollstaͤn- diger als Fr. Patric. della poetica part. 2. gehandelt. Die nach ihren pedibus ab- ge- Das XVI. Cap. Von den gemeßne Verse/ die drauff sich gruͤnden- de Mufic/ und mit derselben verknuͤpffte Taͤntze/ und Bewegungen der Glieder koͤnnen von uns nicht begriffen werden. Man hat die Pantomimos gehabt/ welche durch ihre stumme Leibsbewegung auch alle Reden haben vorstellen koͤnnen/ wel- ches allein durch den Rhythmum, den man in der pronuntiation der Sylben und in der Music gebraucht/ hat geschehen koͤnnen. Droben haben wir ein mehres davon geꝛedet/ woselbst wir an dem Tꝛom- melschlag ein geringes und noch zimlich weit entlegenes Beyspiel gegeben/ das a- ber das wesen des Rhythmi gleichsam als in einem Schatten vorzeiget; weil es nur ein blosser Schall ohn einiger harmonia ist. Isaacus Vossius gibt den̄och ein gros- ses hier auff. Dann er sagt p. 132. Vidi qui adeò scitè tympana tractarent, ut qui- busvis etiam adstantibus modò bellicos, modo languidos \& meticulosos incuterent motus, alias verò versá vice ad saltandum instigarent, idque solâ mtuatione rhyth- mi Schauspielen. mi \& tranferendo pulsum fortiorem â fine in principium cujusque mensuræ, mutando nempe jambos in trochæos, a- napæstos in dactylos, \& pæonas quartos in pæonas primos. Si Musici nostri id ip- sum præstare jubeantur etiamsi cum o- mnibus suis accurrant instrumentis, e- runt tanquam asini ad lyram, \& nisi ipsos imitentur tympanotribas, nihil omnino, si sapiant, audebunt. Illi ipsi tamen in- dignantur si musicis accenseantur tympa- notribæ, in quo tantum abest, ut cum il- lis sentiam, ut potius existimen meminem esse bonum Musicum, nisi idem quoque bonus sit tympanotriba. Ob nun diese alte art der Music zwar verlohren/ so haben dennoch sich einige bemuͤhet/ die Schauspiele wieder mit der Music zu ver- binden. Von dem Octavio Rinuccino einem Florentini schen Poeten meldet J. N. Erythr. Pinacoth. I. n. 34. daß er der erste gewesen/ der die alte art der sin- genden Schauspiele wieder auff die Bahn gebracht/ wiewoll vor ihm Æmilius Ca- a a a val- Das XVI. Cap. Von den vellerius schon einen Versuch gethan. Mit ihm haben zugleich sich hervor ge- gegeben / Jacobus Perius, Horatius Vecchi- ns, Dominicus Mazochius, und dessen Bruder Virgilius, P. Augustinus Mannus, Octavius Tronsarellus, Anareas Salvado- rus, Jacobus Cicogninus. Von welchen Erythræus Pinac. III. n. 35. weitere Nach- richt gibt. Diese haben auff grosser Her- ren Zuschub die treflichsten Theatra ge- bauet/ und diese Wercke zu spielen ange- fangen/ durch der alten ihre Exempel auff- gemuntert. Welchen ob sie zwar nicht gleich gethan/ so haben sie doch in der heutigen art der Music es auffs hoͤchste gebracht. Der droben gemeldete Joseph. Baptista hat von dieser art Music ein Buch la Poesie Auletiche nachgelassen/ wie Crass. Elog. d’huom. litt. part. 1. p. 341. bezeuget/ so aber noch zur Zeit nicht her- vorgegeben. Numehr haben den Itali- aͤnern die Frantzosen und andre Nationes nachgefolget/ und koͤn̄en wir sie in Teutsch- land auch sehen. Die Schauspiele haben einen Schauspielen. einen grossen Unterscheid in der Redens- art: Die Lustspiele haben einen niedrigen/ die Traurspiele einen hōhern stylum. In diesen sein Andreas Gryphus und Daniel Caspar vortreflich/ von welchen in Teut- scher Sprache das Muster zu nehmen. Dann an den alten Schauspielen/ die in grossen Buͤchern zusammen getragen/ wie dann der bekandte Jurist Jacob Ayrer ein grosses Buch derselben verfertiget/ ist wenig nutze: ob gleich bißweilen einige Einfālle nicht zu verachten. Welche in Prosa gesetzt sein/ gehoͤren eben hieher nicht/ weil sie mehr actus Oratorii als Poetici sein : dergleichen sein viel von Herrn Risten/ Filidor und andern ge- schrieben. Unter die Comœdien koͤnnen mit gerechnet werden die also genanten Possenspiele/ die bey den Niederlaͤndern Kluchten/ wegen der siñreichen Erfin- dung heissen. Diese bestehen nicht in gro- ben Narrenpossen/ wie dergleichen ge- meine Comœdianten viel haben/ sondern in einer artigen und zierlichen außschmuͤ- a a a 2 ckung Das XVI. Cap. Von den ckung einer lācherlichen Action. Die mei- sten Comœdien bey den Frantzosen sein dieses Schlages. Dergleichen haben in Niederland auch vornehme Leute als Constantinus Hugenius und andere ge- schrieben. Bey den Teutschen kan man des Daniel Schwenters sein Possen- spiel Peter Squnetz genant/ wie auch des Gryphii Horriblicribrifax ruͤhmen. Hieher gehoͤren auch die Balletten und Malqueraden, worin man durch Gebehr- de agiret/ so etwas nach des alten Roscii art ist. Dann es bestehet allhie bloß in Außzierung der Person/ und in kunst- fertiger application des Tantzes auff die Person. Der Tichter hat sonst hiebey nichts zu thun/ als daß er die Erfindung zu Papier setze/ und etzliche kurtze sinn- reiche Verse vor jede Person dabey/ wel- che von den Zusehern gelesen werden/ da- mit sie den Einhalt des Ballets besser verstehen. Unter den Balletten und Mas- queraden ist ein geringer Unterscheid. Jene sind weitlāufftiger/ und haben gar vie- Schauspielen. viele Abtheilungen und Eintritte/ sein fast einer vollstaͤndigen Comœdien gleich/ Die Masquerade hat etliche wenige Auff- zuͤge. Die Personen werden vorgestel- let gleichsam als viva emblemata, und kan deren Einhalt bestehen aus Histoticis, fa- bulosis, moralibus. Sie koͤnnen auch auff gewisse Faͤlle als Hochzeiten/ Gebuhrts-Feste/ Kroͤnunge der Koͤni- ge/ und der gleichen gerichtet werden. In- sonderheit muß hier die Außbildkunst woll verstanden werden/ weil das meiste schier darin bestehet/ dazu dann die Ico- nologia des Cæsaris Ripæ, Masenii Spe- culum imaginum veritatis occultæ gute Anleitung geben kan. Auch sind die Ver- āndrungen des Theatri, die aus der Bau- uñ Perspectiv Kunst fliessen noͤthig zu wis- sen. Im Italiānischen hat man deꝛgleichen gar viel Exempel. Der beruͤhmte Fran- tzoͤsische Philosophus Renatus Cartesius hat/ da er in Schweden war/ eines auff der Koͤnigin Christinen Gebuhrts-Tag gemacht/ eben um die Zeit/ wie in Teutsch- a a a 3 land Das XIV. Cap. Von den land der Friede geschlossen ward/ dessen Uberschrifft ist la Naissance de la Paix. Solches ist von Johanne Freinshemio in Teutsche Verse uͤbersetzet. Die Erfin- dung ist sehr gut/ und ist diß Ballet des beruͤhmten Autoris und Ubersetzers hal- ben wuͤrdig/ daß es auffgehoben werde. Man hat auch ein Frantzoͤsisches Ballet de la naissance de Venus, welches viel schoͤ- ne Veraͤnderungen des Theatri hat/ und vor den Koͤnig offt gespielet worden. Des Ange sein Ballet d’ Eloquence, wel- ches unter den Pieces curieuses so zu Pa- ris 1664 gedrucket/ sich findet/ ist gleich- falls sehr woll und artig erfunden. Ben- jamin Johnson ein vornehmer Englischer Poet/ hat unter seinen Wercken gar vie- le/ die auff allerhand Begebenheiten/ Fuͤrstliche Einzuͤge/ Gebuhrtsfeste und dergleichen gemacht/ und vor dem Koͤnige getantzet; worin viel schoͤner Einfaͤlle und Außzierungen sein. In des beruͤhmten Johannis Miltoni seinen Englischē Poema- tibus wird man auch deren finden/ die sehr Schauspielen. sehr woll gemacht. Bey den Teutschen hat man auch unterschiedliche. David Schirmer hat in seinem Rautengepuͤsche einige/ die auff unterschiedliche Vorfaͤlle von ihm verfertiget. Der Hr. Stiern- helm hat in Schwedischer Sprache einige hervorgegeben. Das Bal- let von der Eitelkeit welches zu Zelle gehalten/ von verlohrner Zeit und Arbeit so in Copenhagen gespie let / von des Weib- lichen Geschlechtes vortr ef lichkeit/ wel- ches an demselben Ohrt/ bey der Gebuhrt der Durchlaͤuchtigsten Friederica Ama- lia/ unsꝛeꝛ ietzigen gnaͤdigsten Pꝛinceßin uñ Landes-Mutter vorgestellet/ und von dem vortreflichen Poeten Hn. Vito Beringio in Lateinischen Versen beschrieben wor- den/ und viele andre koͤnten hie erzehlet werden/ wann es nicht zu weitlaͤufftig fiele. Man pflegt auch aus den natuͤrli- chen Dingen Ersindungen zu nehmen/ wie das Roßballet so ihrer Kayserl Maj. prælenti ret worden. Es ist einem Ballette nicht unāhnlich die aꝛtige Vorstellung/ die a a a 4 dem Das XVI. Cap. Von den dem Kaiser Carolo V. geschehen/ davon Masenius in seinem Speculo Imaginum l. 6. c. 3. §. 2 gedencket/ darinnen dem Kayser alles was in Religions-Sachen theils von ihm theils von andern vorgenom- men und versehen gewesen/ vorgehalten. Es were nicht undienlich/ wann solche stuͤckweise außgearbeitete Balletten in ein Buch zusammen getragen wur- den. Zu der Dramatischen Poesie gehoͤ- ren auch die Hirtengesprāche/ weil selbi- ge auch gleichsam einen Auffzug haben/ wiewoll sie nur einfaͤltig/ und nicht nach art der Schauspiele eingerichtet. Die Italiaͤner haben hierin einen grossen Fleiß angewandt/ ja gantze Comœdien dar- auß gemacht/ und vermeinet Tasson daß seine Landsleute den Griechen und La- teinern hierin viel zuvor gethan. Dañ er saget in seinen Pensieri diversi lib. 10. c. 14. I nostri hanno inventata una terza spe- zie, ne comica, ne tragica, chiama a Pa- storale ; si che possiamo sicuramente dire, che Schauspielen. che oggi ella si divida in tre, cioè, Co- mica, Tragica, e Boscherreccia. Aber wann man die Sache recht untersuchen wolt/ so sind die Italiaͤner hierin etwas zu weit gegangen/ dann sie machen ihre Hirten kluͤger/ als sie billig sein sollen/ und schreiben denselben so viel sinnreicher Spruͤche zu/ daß es gar uͤber die Eigen- schafft des Characteris gehet. Der Ra- pinus der ein trefliches Buch de Carmine Pastorali geschrieben/ und selbst die be- sten Meist erstuͤcke desselben gegeben/ ur- theilet dieses von den Italiaͤnern/ und sei- nen eignen Landleuten: In eo peccatum est ab hominibus nostris, qui patrio sermo- ne eclogas scripserunt; sed multò magis ab Italis, qui ut abundant ingenio, in re- bus acutè copiosè que excogitandis, no n possunt tenere se, quia quicquid venit in mentem effundant, nihilque habent ægri- us, quam ut sibi temperent, quod per- spicuum est in Marini Idylliis, cæterisque ab illâ gente bene multis qui hoc carmi- ne scripserunt. Von des Guarini Pastor a a a 5 Fido, Das XVI. Cap. Von den Fido, Torquati Tassi Amynta, und Bo- narelli Phyllide, urtheilet er zwar/ daß sie sehr woll geschrieben. Aber er setzet hin- zu: Peccant in eo Itali fere omnes, quod quæ afferunt, quamvis ut plurimum conje- cta belle sint \& acutè largamque habeant \& felicem copiam sermonis atque rerum: tamen ad personarum indolem \& ad id quod in una quaquere maximè decens est, in iis præsertim quæ ad pastores pertinent, non satis accommodant. Eò accidit quod nimis fusè \& abundanter dicant, quæ di- cenda sibi proponunt, quod Italis sermo per sese bene locuples sit \& copiosus eam- que proferat ex se verborum vim \& abun- dantiam, in quâ modum tenere dissicile sit. Quod tamen vitium est in poetâ præsertim pastorali non modiocre. Den Ronsard lobt er zwar/ daß er die Einfallt der Hir- ten auch in der Redensart außgedruͤckt/ aber er tadelt an ihm die weitlaͤufftigkeit. In demselbigen Buche wird von den Ei- genschafften eines Bucolici Carminis so herrlich und außfuͤhrlich gehandelt/ daß nichts Schauspielen. nichts hinzu zu setzen/ darauß man den Unterricht auch von einem Teutschen Hiꝛ- ten-Gedichte nehmen kan. Man hat bey uns wenige in diesem genere geschrieben. Nur daß der Hr. Neumarck seinem Lust- wald von denselben hinangehānget. In prosâ hat man dergleichen mehr/ und ge- hoͤren die so genante Schaͤffereien zum Theilauch hieher. Wir haben aber we- nige/ die man sonderlich ruͤhmen kan. Das genus Carminis kan sein Trochaicum wel- ches sich zur Unterredung am besten schi- cket/ auch wol ein Alexandrinisches. Es ist auch nicht noͤthig/ daß alle Verse gleich lang sein/ sie koͤnnen wol nach einer Di- thyrambi schen art gemacht werden/ der- gleichen auch bey dem Neumarck zu fin- den. Man kan sie auch in Oden vorstel- len/ wie bey dem Opitz die sonst bekante Ode ist: Coridon der ging betruͤbet: Da dann bißweilen der Dialogismus auß- gelassen wird/ und bloß der Tichter un- ter einer Erzehlung dieselbe vortraͤgt. Die Das XVI. Cap. Von den Die Satyræ, welche auch vor diesem ein Anhang der Schauspiele gewesen/ sein in Teutscher Sprache noch von wenigen geschrieben. Vondel hat einige in seinen Niederlaͤndischen Gedichten: nennet sie Heckeldichte, weiln man darin die Laster durchhechlet. Man kan sie im Teutschen Schimpff- oder Straff-Gedichte nennen. Eine Satyre ist ein Gedichte/ darin die heimlichen Laster die bey etlichen Per- sonen im Schwange gehen gestraffet und hōnisch auffgezogen worden/ und hat zur Enduhrsach die Verbesserung der Sit- ten. Ist derohalben von den Pasquillen unterschieden/ welche ehrliche Leute an- ruͤchtig machen/ und also billig nicht ge- litten werden. Das Alexandrinische ge- nus schicket sich am besten hiezu/ wiewoll auch bißweilen die Oden hierzu koͤnnen gebraucht werden. Theophile, Regnier und andre haben in Frantzoͤsischer Spra- che das Alexandrinische genus, andre auch woll Oden gebraucht/ deren gantze Buͤcher voll sein/ als le Cabinet Satyrique und Schauspielen. und le Parnasse Satyrique, worinnen sol- che Satyrica zusammen gelesen/ die aber zum theil viel Schandpossen und lieder- lichkeiten bey sich fuͤhren. Des de Boilau seine sein von den juͤngsten/ und sehr sinn- reich und picquant/ die zu Pariß im Jahr 1675. heraußgegeben/ nebst der Ubersetzung des Longini. In der Redensart werden weithergeholete/ verwegene metaphoræ sinnreiche laͤcherliche Reden und Sprich- woͤrter/ seltzame Beschreibungen zugelas- sen/ die in andern Carminibus eines ernst- hafften argumenti nicht gebilliget wer- den. Die Lehrsaͤtze dieses Carminis wer- den von Scaligero, Casaubono, Heinsio in absonderlichen Buͤchern vorgetragen. Ja- nus Guilielmus Laurenbergius hat vier solcher Straffgedichte/ die er Schertzge- dichte neñet/ in Niedersāchscher Sprache geschrieben/ deren artlichkeit nicht zu be- schreiben ist. Ich schaͤtze sie was den Cha- racterem und die Erfindung anlanget den alten gleich/ und wird derjenige der die Eigenschafft dieser Sprache versteht/ mit grosser Das XVI. Cap. Von den grosser Lust und Ergetzlichkeit sie lesen. Ei- nige haben sie in Hochteutsche Sprache uͤbersetzen wollen/ aber die Zierlichkeit der- selben gantz verdorben. In der Hoch- teutschen Sprache hat zum ersten Satyten geschrieben der Hr. Joachim Rachel/ ein gelehrter Mann und sehr guter Poet/ der den Characterem dieser Schreibart insonderheit wol im Teutschen aus der Nachahmung des Juvenalis außgedruͤckt/ welches an ihm billig zu loben. Dann wer die alten Autores zur Richtschnur hat/ der gehet einen richtigen Weg/ und thut es andern zuvor. Unser Teutschland ist ihm billig verpflichtet/ daß wir auch in diesem Stuͤcke nicht noͤthig haben/ den Außlaͤndern den Vorzug zu goͤñen. Man kan auch in der ungebundnen Rede einige Satyras schreiben/ welche auff vielerley arten koͤnnen eingerichtet werden. Und haben wir in Teutscher Sprache viel aus dem Italiaͤnischen/ Spanischen und Fran- tzoͤsischen uͤber setzet/ auch unterschiedliche aus eigener Erfindung. Da kommen in- Schauspielen. insonderheit die Fictiones, Trāume/ Ge- sichter/ Fabeln wol zu staat. Es koͤn- nen hundert Wege und Arten erdacht werden/ wodurch man solche vorstellet/ und mag ich mich nicht auffhalten in er- zehlung derjenigen Buͤcher/ die bey uns von dieser art geschrieben. Man fasset sie bald in Gespraͤchen ab/ wie die Pasquilli sein/ die in etlichen tomis schon im vorigen seculo hervorgegeben: bald in Briefen/ wie in der Frantzoͤsischen Sprache der Secretaire Critique neulich eingerichtet/ bald in einer Romaine, wie die Argenis Bar- claji, bald in einer Reisebeschreibung wir Greiffensohns Satyrischer Pilgram/ Mundusalter \& idem, und viele andre. Und wer kan die arten alle erzehlen? Diese Schreibart erstrecket sich durch alle Din- ge/ politica, moralia, oeconomica, Scho- lastica, von welchen allen ich viele Exem- pel beybringen koͤnte/ aber an einem andern Ohrte mit mehrem handeln werde. Der Herr Weise hat hierin eine sonderliche Fāhigkeit gewiesen/ von dem viel Das XVI. Cap. Von den viel artiger Schrifften dieses Schlages hervorgekommen. Er hat auch ein Buch von dem Politischen Nāscher geschrieben/ worin er eine Anleitung gibt/ wie der- gleichen Buͤcher zu schreiben. Solche Arbeiten ergetzen und erbauen zugleich/ und koͤnnen nicht als von tieffsinnigen oder weitsehenden ingeniis ersonnen werden. Das XVII. Cap. Von den Epigrammatibus. Einhalt. K Urtze und Scharffsiñigkeit die Tugenden eines Fpigrammatis. Wie die kuͤrtze zu verstehen. Scharffsinnigkeit kan mißbraucht werden. Findet in Geistlichen Reden und Predigten vor an- dern ihren Platz. Vortrefliche Geistliche Redner bey verschiednen Voͤlckern. Simeon Polocensis ein vortreflicher Geistlicher Redner und Poet bey den Russen. Die Brunquellen darauß die Erfindun- gen in Epigrammatibus fliessen. Die Sprichwoͤr- ter dienen insonderheit hiezu. Welche Teutsche Sprich- Epigrammatibus. Sprichwoͤrter geschrieben. Selbige sind mit Fleiß zusammen zu lesen. Velschius und Kuhlmann ha- ben solches vorgehabt. Exempel einiger Erfindun- gen so von den Sprichwoͤrtern genommen/ auß dem Kurandor. Opitz/ Flemming/ Gryphii, Salomo- nis von Golow/ Hugenii, Brunonis, A Steyn. Epigrammata. Epigramma simplex \& circumscri- ptum. Exempel aus dem Niederlaͤndischen. Ein gutes Lemma verkuͤrtzert das Epigramma. Gno- mica. H. Schævii Leberreime. Grabschriffte des Herrn Hoffmans. Svvertii Epitaphia jocoseria. Lydii vrolicke uyren des Doods. Das Metrum der Epigrammatum Der letzte Verß des Epigrammatis. Loͤbers versio Epigrammatum Ovveni. Fictio in Epigrammate. Kleine Liebs- Carmina. Basia Westerbans, I. Dans Kushes, Anagrammata Des Chek-Bouni Buch hievon. Man findet bißwei- len wie etwas fatales in ihnen. Exempel einiger Anagrammatum, und andrer Spiel-Verse. Sin- nenebilder. Wie viel arten derselben. Ihre Beschaffenheit. Die Italiaͤner haben sie insonderheit außgeuͤbt. Einige Autores werden geruͤhmet. Hieroglyphi sche Buchstaben/ die zu gleich Symbola darstellen. Deren Exempel. Re- bus de Picardie. Catz, Heins. Andr. Poirtier, Schoonhove, Zevecot, Franc Quarles werden ange- fuͤhrt. Raͤtzel. Barlæus, Harstoͤrffer/ Schoch/ van der Veen, Cotin, haben solche geschrieben. Schluß des Buchs. bbb Die Das XVII. Cap. Von den D Ie Epigrammata haben in der Teutschen Sprache eben so woll ihre Zierlichkeit/ wie in den an- dern/ wann nur die richtigen Lehrsaͤtze dabey in acht genommen werden. Die Kuͤrtze/ und die Scharffsinnigkeit/ sind die vornehmsten Tugenden derselben. Die Kuͤrtze bestehet nicht eben darin/ daß man nothwendig innerhalb zween oder vier Verse dieselben einschliessen muͤsse/ son- dern wann man in Woͤrtern und senten- tiis nicht unnoͤthige Umschweiffe macht. Dann es kan bißweilen in einem Epigram- mate (welches aus zweien theilen Narra- tione \& Acumine bestehet) die Narratio einige noͤthige Umstaͤnde haben/ die in der Kuͤrtze nicht woll koͤñen begriffen werden; Wann nur das acumen fein kurtz und un- vermuthet darauff komt/ wie in den Epi- grammatibus geschieht/ die ich circumscri- pta neñe. Sonst kan man auch woll in zwo- en oder vier Zeilen zu weitlaͤufftig sein. Es ist eine grosse Kunst die Rede nicht wei- ter zu ziehen/ als die Sache erfodert/ deß- hal- Epigrammatibus. halben auch der Antonius bey dem Cicero- ne copiosum oratorem prudenti entgegen setzt/ welches auch in den Carminibus staat findet. Die Scharffsiñigkeit wird auch hierin mißbrauchet/ wann sie gar zu hāuffig und zu viel gesucht ist. Die Ita- liaͤner gehen offtmahls zu weit/ und besetzen fast alle Zeilen der Rede mit acu- minibus, welchen andere unbedachtsamer Weise folgen. In Geistlichen Reden hat das sententiosum dicendi genus noch vor andern Platz. Dann die hohe Re- densart/ die Longinus ὕφος nennet/ be- stehet zum Theil hierin/ welche zu Goͤtt- lichen Sachen insonder heit wol gebraucht wird. Spanier/ Italiaͤner/ Engellaͤn- der/ und numehro auch die Teutschen haben dessen die herrlichsten Proben gezeiget. Zu diesen kommen auch ietzo die Russen/ von denen ich allhie einen klei- nen Umschweiff machen muß. Es hat mein sehr wehrter Freund Hr. von Horn/ bey seiner neulichen Zuruͤckkunft aus Muscow/ b b b 2 mir Das XVII. Cap Von den mir Simeonis Polocensis, eines Rußsi- schen Muͤnchen Predigten vorgezeiget/ und erklāret/ die in Warheit den sinn- reichsten Meditationibus der Itali- aͤner und Engellaͤnder/ nicht allein nicht nachgeben/ sondern fast zuvor thun. Der- selbe hat auch die Rußische Poesie erst- lich angefangen/ und zur Vollkommen- heit gebracht/ wie er dann die Psaline Da- vids in allerhand bey uns uͤblichen arten der Reimgebaͤnde uͤbersetzet/ deren tref- lichkeit er nicht gnug ruͤhmen koͤnnen. Ich koͤnte hie dessen eine schoͤne Probe/ nem- lich eine Poetische Rede eines in die Einoͤ- de sich begebenden Indianischen Koͤnigs/ aus dieses meines guten Freundes Dolmetschung/ beybringen; wann es uns nicht zu weit aus den Schrancken setzte. Daß ich auff die Epigrammata wieder komme/ so werden dieselbe von dem Gry- phio Beyschrifften/ von andern Siñge- tichte/ von den Niederlāndern Snell-dicht, Puntdicht genant. Von der Beschaffen- heit Epigrammatibus. heit derselben wie sie muͤssen gemacht wer- den/ koͤnt ich viel allhie schreiben. Weiln ich aber dasselbe zu einer absonderlichen Arbeit de argutâ dictione verspare/ so will ich solches allhie uͤbergehen. Merce- rius, Carolus à S. Antonio, Masenius und andre haben einige gewisse fontes ange- wiesen/ worauß die Erfindungen zu zie- hen. Die Lateinischen Exempla werden haͤuffig bey ihnen angefuͤhret. Diese koͤnnen auff selbige art im Teutschen auch leicht gewiesen werden. Auß dem fonte allusionum, welcher in allusionibus auff die Woͤrter und Sprichwoͤrter bestehet/ ist zum Exempel dieses/ auff einen thoͤ- richten Barbierer. Die Schererey geht gut/ wir scheren uns zugleich Ihr schert an mir den Bart/ ich scher den Gech an euch. Es finden sich andre mehr in dem dritten Theil meiner Getichte/ als n. 19. 29. 34. 64. Aus dem fonte comparatorum, wann ungleiche Dinge unter sich verglichen; o- b b b 3 der Das XVII. Cap. Von den der gleiche Dinge artlich vorgestellet wer- den/ ist dieses/ so n. 15. daselbst zu finden. Auß dem fonte alienatorum, wann man von einem Ding etwas bejahet/ das ihm nicht zukommen kan/ oder ihm nicht zu- gibt was man billig von ihm sagen soll/ sein diese. n. 40. 43. Aus dem fonte Re- pugnantium \& oppositorum, wann nem- lich wiederwertige Dinge von einem zu- gleich gesagt werden/ oder ein Ding zu gleich bejahet oder beneinet wird/ sein die- se n. 41. n. 62. Es kommen viel andre E- xempel daselbst vor/ die theils aus jedem fonte vor sich/ theils aus vielen gemisch- ten abgefuͤhret/ die wir der weitlāufftig- keit halber ietzo vorbeygehē. Man hat auch noch einige andere Beyhuͤlffe in Erfin- dung der Epigrammatum davon am an- dern Ohrte ein mehres. Die Sprich- woͤrter die wir bey allen Voͤlckern finden/ koͤnnen uns sehr nuͤtzen/ weßhalben ich je- derzeit zu rathen pflege/ daß man die Adagia und Adagialia, aus aller art Auto- ribus und Sprachen unter gewisse tituln zu- Epigrammatibus. zusammen lesen solle/ wie der Gulio Var- rini mit den Italiānischen Sprichwoͤrtern in seineꝛ Scuola del Volgo es gemacht. Es ist nicht zu glauben/ was dieses zu Erfindun- gen nuͤtze. In Teutscher Sprache ha- ben wir des Agricolæ, Sebastian Fran- cken Sprichwoͤrter/ auch die Janus Gute- rus nebst andern in seinem grossen opere beygebracht. Frideric. Petri hat unter dem Titul der Teutschen Weißheit/ derer vorigen Autorum Sprichwoͤrter alle zusammen getragen. Endlich hat Lehman in seinem Florilegio Politico unter gewisse tituln, allē Sprichwoͤrter und scharffsinnige Reden zusammen ge- sucht/ welches der Schuppius so hoch haͤlt/ daß ers nach der Bibel setzet. Ob nun zwar hieran zu viel geredet ist/ so ist es doch sicherlich ein nuͤtzlich Buch/ und moͤch- te woll ein Universal corpus Adagiorum von allen Sprachen auff solche art ge- macht werden. Der gelehrte Medicus G. Hieronymus Velschius, hat unter sei- nen vorhabenden Arbeiten/ auch eine b b b 4 Ideam Das XVII. Cap. Von den Ideam operis Adagiorum Panglotti ge- habt. Aber es ist dieses mit ihm zugleich verstorben. Es hat auch Quirinus Kuhl- man in seinem Prodromo Quinquennii mirabilis artem magnam s. Harmoniam adagiorum omnium populorum verheis- sen. Von den Adagiographis in andern Sprachen erwehne ich am andern Ohrte ein mehres. Nur dieses will ich hie in einem und andern Exempel zeigen/ wie nuͤtzlich man dergleichen Sprichwoͤr- ter gebrauchen koͤnne. Der Herr Kin- dermann/ oder wie er sich sonst nennet/ Kurandor/ hat auff eine Zittauische Hoch- zeit/ einige Madrigalen geschrieben/ de- ren Schluͤsse bestehen mehrentheils aus sinnreicheu Spruͤchen und Sprichwoͤr- tern/ die der Lehman in seinem Florilegio unter dem titul des Ehestandes zusammen gelesen. Bey ihm findet man an dem vorgedachtem Ohrte/ n. 58. dieses: Jeder- man zeucht lieber neue Hosen an/ als die einander verschlissen. Ku- randor macht hievon dieses Madrigal: Ich Epigrammatis. I Ch frage nichts darnach/ Sie mag sein/ wie sie wil/ Auff Geld und Gutt acht ich nicht allzu viel Ihr schlechter Stand soll ihr durchauß nicht scha- den. Ist sie nur reich von Tugend/ Und in der besten Jugend/ So hab ich schon/ was mich vergnuͤgen kan Mein Kopff will nichts/ als nur von Jungfern/ wissen. Denn lieber zeucht man neue Hosen an/ Als die vorlaͤngst ein ander hat zerrissen. Bey demselben Lehman findet man n. 70. dieses. Wer ein alt Weib um Reich- thum willen nimt/ der bekomt den Sackgewiß/ wie es ums Geld steht/ wird er erfahren. Kurandors Madrigal lautet also: H An faͤngt den Fuchs nur uͤm des Balges wegen: Allein/ uͤms Geld/ wolt ich mich nimmermher zu einer alten legen. Ich/ Bruder/ ich verdencke dirs gar sehr/ Daß du den Wahn dich so betruͤgen laͤsst. Du hast den Sack gewiß genug in Haͤnden/ Den wird so bald dir keiner nicht entwenden: b b b 5 Wies Das XVII. Cap. Von den Wies aber mag uͤms Geldgen sein bewandt/ Das wirst du nach der Hand/ Mit grossem Gram/ erfahren. Wil jemand sich mit einer Alten paaren/ Der lasse sich zuvor das Geld außzaͤhln/ Der Sack wird ihm hernachmahls doch nicht fehln. Beym Lehman ist n. 86. dieses. Ein sung Weib ist dem Alten ein Post- pferd zum Grabe. Kurandors Ma- drigal ist dieses: J Ehoͤher man das Leben hat gebracht/ Je mehr man sich auch fuͤr den Tod entsetzet. Wie bebt der Greiß/ Dafern Er weiß/ Das itzt der Todauff Ihn die Sichel wetzet. Wie wolt er doch so gerne lange leben? Der nuß ihm bald ein glattes Maͤdchen geben. Gar recht! Nu darff Er nicht/ zu seiner Gruft/ so gar beschwerlich schreiten; Er kan in vollem Trabe dahin noch eins so bald uud zeitlich reiten. So muß alsdann Ein junges Weib auch ihrem alten Mann Ein Post Pferd sein zum Grabe. Man wird noch unterschiedliche daselbst finden/ die gleichfalls aus des Lehmans Flo- Epigrammatibus. Florilegio genommen/ welches ich nicht tadele/ sondern vielmehr lobe. Dann auff diese art koͤnnen viel Erfindungen/ ja bißweilen aus einem Metaphori schen Woꝛ- te zu einem gantzen Carmine an die Hand gegeben werden. Davon am andern Ohrte weitlaͤufftiger. John Heydon hat 300. Epigrammata auff 300. Proverbia in Englischer Sprache geschrieben. Derer die gantze Buͤcher Epigramma- tum heraußgegeben sein wenig: dann wie Martialis sagt/ ist es schwer gantze Buͤcher derselben zu schreiben. Der Herr Opitz hat nicht viele gemacht/ und die meisten aus dem Griechischen/ Lateinischen/ Fꝛan- tzoͤsischen/ Niederlaͤndischen uͤbergesetzet. Beym Flemming sein auch etzliche zu fin- den/ der sonst in der Scharffsinnigkeit den Preißhat. Bey Gryphio und andern lauffen allemahl einige unter andern Poe- matibus. Salomon von Golow/ ein Schle- sier hat 3000. Teutsche Epigrammata ge- schrieben/ welchen an Scharffsinnigkeit nichts fehlet: nur ist der Numerus bißwei- len Das XVII. Cap. Von den len etwas hart. Bey den Niederlaͤndeꝛn hat Constantin. Huigens eine gantze Men- ge Epigrammatum die er Snelldicht nen- net/ unter seinen Gedichten/ davor er dieses artige Epigramma gesetzet: Veracht miin Snel-dicht niet, ’t is Alchimistery; ‘Tis mergh van langen sin, ’k segh niet hoe veel het vveerdt is En of’t uyt goede stof of quae gedisteleert is. Maer soeckt ghy sot of vvijs in ’t korte, so leest my. Man hat auch einige Niederlaͤndische Epi- grammata in des Henrici Brunonis seinem Mengelmoes. A. Steyn hat auch einige Punt d ichte heraußgegeben/ sein aber nicht sonderlich. Bey den Italiaͤnern und Frantzosen findet man auch eine zim- liche Anzahl/ aber nicht viel derer/ die gan- tze Buͤcher davon geschrieben. Ein Epigramma ist/ wie droben ge- dacht einfach oder Circumscriptum. Je- nes ist/ weñ nur ein acumen in einem oder zweien distichis ist. Dieses ist wie ein Enthymema auß 2. Saͤtzen. Der Vorsatz wird durch allerhand Figuren/ Distribu- tio- Epigrammatibu. tiones, Enarrationes \&c. außgedehnet/ daß der Leser begierig wird zu vernehmen was endlich kom̃en werde. Der Schluß bestehet nur in einem oder zween Versen/ kont er mit dꝛeyē Woͤrteꝛn gegeben werdē/ were es noch besser. Dann je kuͤrtzer das acumen drauff faͤllt/ je kraͤfftiger und spitzer ist es. Exempel sind in dem dritten Theil unser Gedichte n. 17. n. 24. In den Niederlāndischen Getichten/ die in der Zeevvschen Nachtegal versamlet/ findet man derselben die sehr artig sein/ wiewoll von freien metro, deren ich etliche hieher setzen will. Iorden reysde naer Amsterdam te mart Met een stijve beurs, en een moedich hart, Omalle costelickheit tecoopen: Daer ging hy alle vvinckels deur-loopen, Hy dede langen silvere Lampetten, Vergulde Schroeven, goude Brasseletten, Groote Diamanten van veel caraten, Dikeurde hy nauvv voor duerop de straten, Hy proefde Ringen, of s’ hem ook pasten, Hy sach Fluvvelen, Satijnen, Damasten, Turcksche Tapijten, Milaensche neer-basen, Schoone Porceleynen, Veneetsche glasen, Spie- Das XVII. Cap. Von den Spiegels van Ebben-hout, Brand-ysers vvichtich, Copere croonen groot en opsichtich, Hy taelde naer vermaerde Schilderyen, Van de beste meesters van de oude tyen, Van Lucas van Leyen, of van Mabuysen. Naer lang geloop door veelderley huysen, Naer dat hy’t al deur-pluyst en beknoeyt had, En twintich winckel-knechts vermoyt had, Raet wat hy cocht, die sinnelike Iorden ? Vier houte lepels, en ses tafelborden. Het schijnt dat Signoor seer sterck moet handelen, Naer dat hy noest over straet gaet wandelen: Hy treet de Kay heele dagen plat, Nu staet hy en siet by een droogh vat, Dan by een block wijnen, en ’tlossen van schepen, Het graen siet hy storten, de balen slepen, De Schippers vraegt hy watter comt uyt zee, Of de West-vaerders noch zijn op de ree. Hoe dattet staet met de vindemi: Maeckelaer vragt hy naer wissel en premi: Op de beurs treckt hy uyt sijnen sak Veel brieven, die leest hy met ghemak: Dan gaet hy dringen deuralle hoecken, Quansuys om coop luy of boden te soecken: En als Signoor so een ront jaer gegaen heeft, Weet niemant dat hy oyt party gedaen heft. Eenich Epigrammatibus. Eenich goet van vvesten of oosten gecregen, Geladen, of in de vvaegh doen vvegen. Wel vvar toe dient dan al sijn getrantel? Signoor draegt te pronck sijnen mojen mantel, Ghy zijt vvelproper in alu dinghen, Proper in’t spreken, proper in’t singhen, Proper van aensicht, voeten, en handen, Proper van oogen, neus, en tanden. Proper van cleeren, koussens, en cragen, Proper van riem en ommeslagen, Proper van schoenen, linten, en canten, Proper van mantel, hoet, en vvanten, Proper van hayr, van baert, en knevels, Proper van sporen, en van stevels, Proper te peerd’, en proper op schaetsen, Proper in’t kolven, proper in’t kaetsen, Proper in al u doen en laten, Proper int vvandelen over straten, De handen in sy als een coper-potjen, Voorvvaer, ghy zijt een proper sotjen. Diese sein nun Epigrammata circumscri- pta: Will ich diese kuͤrtzer machen/ so ma- che ich ein weitlāufftiger Lemma oder Uberschrifft/ so kan ich die Narrationes ent- Das XVII. Cap. Von den entweder kuͤrtzer machen oder wol gar bißweilen außlassen/ weil das Lemma die- selbe ersetzet. Man kan in den Epigrammatibus aller- hand materien verfassen/ als Gnomica, wie dergleichen Opitz auß dem Pibrac uͤ- bersetzet hat. Wohin man auch die bey den Teutschen gebrāuchliche Leber-Reime bringen kan/ von welchen Henricus Schæ- vius ein Buͤchlein/ unter dem Nahmen der Euphrosinen von Sittenbach her auß- gegeben/ deren Autor sonst niemand leicht bekant ist. Constantin Huigens hat die Apophoreta des Martialis in seiner Spra- che nachgemacht/ und von allem Haußge- raht Epigrammata geschrieben. Die E- pitaphia koͤnnen ja sollen billig als Epi- grammata abgefaßt werden. Der Herꝛ Hoffmann hat einige Epitaphia sudicra geschrieben/ die unvergleichlich sein. Fran- ciscus Svvertius hat in seinen Epitaphiis Iocoseriis aus allen Sprachen solche zu- sammen gelesen. Hieher gehoͤren auch des Lydii Vroliicke Uyren des Doods. Das me- Epigrammatibus. metrum kan nach belieben gemacht wer- den/ von kurtzen/ langen und gemischten Versen: dann hierin muß man einige Freyheit haben. Man muß sich allezeit nach dem letzten Verse richten/ und nach- dem das acumen sich dazu bequemet/ das genus Carminis darnach neh- men. Insonderheit muß der letzte Verß deutlich/ wollklingend und scharffsinnig sein/ so gar auch/ daß das letzte Wort das treflichste sey. Die Ubersetzungen der frembden Epigrammatum ins Teutsche sein schwer/ insonderheit/ wann sie ihre acumina ex fonte allusionum nehmen. Ist also des Loͤbers Arbeit nicht son- derlich zu ruͤhmen/ da er des Ovveni Epi- grammata zu verteutschen vorgenom̃en/ das aber bißweilen gar uͤbel klinget/ in dem er alle Epigrammata, die aus Lateini- schen allusionibus kommen ohn Unter- scheid verteutscht. Es kan auch eine fi- ctio in den Epigrammatibus staat ha- ben/ sie muß aber nur kurtz und nicht weitlaͤufftig sein/ wie dergleichen Exempel c c c in Das XVI. Cap. Von den in des Claudiani Epigrammate in Sphæ- ram Archimedis/ und des Sannaza- rii, auff die Stad Venedig. Die kur- tzen amatoria Carmina haben auch kei- ne Art/ wo sie nicht einen guten Epigram- mari schen Schluß haben/ oder sonst mit einer guten Figur schliessen. Derglei- chen sein im Lateinischen des Johannis Se- cundi Basia, deren etliche Westerban ins Niederlāndische versetzet/ auch des Bonefoni seine. Des Johan van Dans Kusies sein desgleichen Schlages/ und im Niederlāndischen sehr artig geschrie- ben. Ich haͤtte schier der Anagrammatum vergessen/ welche wann sie woll gemacht/ unter die Epigrammata, die ex fonte allu- sionum fliessen/ mit koͤnnen gebracht wer- den. Sonsten ist es eine armselige Er- findung/ und nicht wehrt/ daß man mit solcher sich bemuͤhe. Der Hebrœer ihre Cabala bestehet zum Theil in Anagramma- tismo. Jacob Spon gedencket in sei- ner Reisebeschreibung lib. 2. p. 53. daß ei- ner Epigrammatibus. ner Chek-Bouni ein Aegyptier von der Krafft des Goͤttlichen und Menschlichen Wortes ein Buch geschrieben/ nebst einer grossen Anzahl Linien und Figuren/ in welchen er tausenderley curieuse Sachen durch Anagrammata heraußzubringen versprochen. Der Erythræus meldet an einem Ohrte seiner Pinacothecæ, von den Aurato, quod vaticinatus sæpe fuerit anagrammatibus. Ich habe dergleichen unteꝛschiedliche Exempel angemercket: daß in Anagrammatibus etwas von deꝛ Natur/ Eigenschafft und Gluͤck eines Menschen/ der den Nahmen gefuͤhret/ so außdruͤcklich vorgebildet/ daß es schier unglāublich ist. Koͤnte ich dieselbe hieher setzen/ solte man sich billig verwundern. Ich weiß daß aus dem Nahmen eines der jemand entleibet/ durch reinen letterwechsel her- außgekommen; daß er ein Todschlāger desselben sey. Dergleichen Dinge habe ich zur Kurtzweil offtmahlen versuchet/ und bin sehr gluͤcklich darin gewesen. Es kommet aber dieses vielmehr von ohnge- c c c 2 fehr/ Das XVII. Cap. Von den fehr/ als daß hierin etwas geheines ste- cken solle. Wann sie in wenig Worten beste- hen/ so sein sie die besten/ als wie die jenige sein/ die man in F. David Stendern Anagrammatibus findet. Z. E. der heili- ge Geist: der sie geheiliget. General: erlange. Wagen: gewan. Mahl- zeit: zahle mit. Rechenkunst: unser Knecht. Stockfisch: Schiffkost. Teutscher: Recht fest. Vernunfft: unter fuͤnff sc. Sinnen. Buͤgermei- ster: Er reist Berge um. Geilheit: heiliget. Armuth: hat Ruhm. Diener: Neider. Friederich: ich red frey ꝛc. Man pflegt auch aus den Nomini- bus propriis Anagrammata zu machen daß man unter denselben die rechte Nahmen verheele/ wovon Menage in observ. uͤber Malherbe p. 454. und 548. kan gelesen wer- den. Es haben einige sonderliche Griffe da zu erfunden/ daß sie die Buchstaben eines Nahmens auff Wuͤrffel schreiben/ und dann was etwa durch die Wuͤrffe her auß- komt/ mercken. Aber es heist auch hie- mit Epigrammetibus. mit: Sultum est difficiles habere nugas. Einige Exempel von solchen Anagramma- tibus oder lusibus ingenii sind zu finden in des Pasquier seinen Recherches liv. 6. ch. 13. 14. Die Acrosticha, die schon zimlich alt sein/ wie Naudæus in seiner Addit. ad Hist. Ludov. XI. p. 73. 74. erweiset/ und andere lusus ingenii, Carmina deren jedes Wort von einem Buchstab anfaͤnget/ wel- che Sandius in seinen Animadv. uͤber den Vossium de Hist. Latin. p. 234. vor unmoͤg- lich haͤlt/ die abeꝛ deñoch von vielē gemacht/ und andere Muͤnchgalantereyen/ sein Sachen die man vor die lange weile biß- weilen lieset/ darin aber eine schlechte Kunst stecket. Die Sinnbilder und Rātzel sein nicht anders als eine Ableitung oder Species von den Sinngetichten/ und ist ein Siñ- bild gleichsam ein gemahltes Epigramma. Die Bilder koͤnnen von allen Dingen ge- nommen werden/ nur daß man in den Emblematibus dieselbe à re intelligenti nimt. Ein Symbolum, Impresa, bey den c c c 3 Ita- Das XVII Cap. Von den Italiānern genant/ ist ein Bild welches durch Gleichheit eines unvernuͤnfftigen Dinges das Leben uñ die Sitten eines ver- nuͤnfftigen in einem Conceptu vorstellet. Die Erfindung der selben koͤñen von eben denselben fontibus der Epigrammatum ge- nommen werden/ wovon Masenius in Speculo Imaginum veritatis occultæ mit mehrem handelt. Die Uberschrifft deß- selben muß woll gemacht sein/ diese ist als ein scharffsinniger Schluß eines Epigram- matis, und die Seele des Bildes/ welches gleichsam den Leib vorstellet. Hemistichia auß Virgilio und andren classicis Poetis schicken sich am allerbesten dazu. Im Teutschen pflegt man reimende Verse zu gebrauchen/ die nicht so nachdruͤcklich wie die Lateinischen Woͤrter sein. Alcia- tus, Sambucus, Beza, verstossen sich sehr hierin/ in dem sie nicht den heimlichen Verstand des Bildes/ sondern das Bild selber vorstellen. Man kan Henr. Ste- phani in seinem Frantzoͤsischen Buch l’art de faire les de vises hieruͤber auch nachle- sen. Epigrammatibus. sen. Die Italiāner sind hierin die sinn- reichsten/ deren Symbola in einem Buche zusammen getragen/ unter dem Titul: Theatro d’ Imprese di Giovanni Ferro. Es sein sehr gute Indices hierin/ welche ein- getheilet sein nach den Inscriptionibus, wie auch nach den Bildern/ darauß man man- che schoͤne Erfindung ziehen kan. Des Picinelli Mundus Symbolicus ist noch vollstāndiger. Bey dem Masenio sein etzliche artige Exempla Symbolorum, als da er aus dem Wapen des Fabii Chisii ei- nen Adler nimt/ worauß er 50. Symbola macht/ und auß der Pamphiliorum Wa- pen/ eine Taube und Oelbaum/ von wel- chen er gleichfalls 50. Symbola erfunden. Der Index Masenii, darin er alle Ordnun- gen der Dinge durchgeht/ und von jeden kuͤrtzlich die Eygenschafft setzt/ am Rande aber den sensum moralem, nuͤtzt treflich zu den Erfindungen. Die von Gleich- nissen geschrieben haben als Erasmus, Ly- costhenes koͤnnen auch hiezu dienen. Die Emblementa werden zu allen Dingen ge- c c c 4 braucht/ Das XVII. Cap. Von den braucht/ zu außzierung der Haͤuser/ zu Triumphbogen/ und Fuͤrstlichen Festivi- taͤten/ deren Exempel bey dem Thesauro, Joanne Bocchio und andern zu finden. Hieroglyphica sein von den Sinnbildern unterschieden/ die nur ein Ding bedeu- ten/ sine aliquâ morali applicatione, wie die Hieroglyphica der Ægyptier gewesen. Es haben auch einige Hieroglyphi sche Buchstaben erfunden/ welche unterschied- licher Gattung sein/ dann etliche nichtes anders in sich haben/ als daß sie nur die Figur des Buchstaben darstellen/ etzliche aber uͤber dem Symbola sein/ und auch ihre lemmata haben koͤnnen. Von jenen ist ein Exempel bey dem Harstoͤrffer in sei- nem Specimine Philologico disquisitione 6. p. 113. Von diesen habe ich ein Exempel aus dem Nahmen J. Hoch F. Durchl. weines guaͤdigsten Fuͤrsten und Herrn CHRISTIANI ALBER TI erfunden: dann ob zwar von etzlichen andern als Crame- ro, Herm. Glasero, Sithmanno derglei- chen dinge gemacht/ so haben sie doch kei- ne Epigrammatibus. ne Emblemati sche Richtigkeit. Hieher gehoͤret auch was die Frantzosen Rebus de Piccardie nennen/ von welchen Seigneur des Accords viel geschrieben/ davon eini- ge Exempel Harstoͤrffer in seinen deliciis Mathematicis tom. 1. p. 14. publ. 6. anfuͤh- ret. Derer die Emblemata in Teutscher Sprache hervorgegeben/ haben wir we- nige. In Niederland sein mehr der selben. Catzen und Heinsens seine sind nicht al- lemahl richtige Emblemata, sondern nur blosse Bilder/ darauff einige Betrachtun- gen gemacht sein. Adrian Poirtier hat in seinem Masker der Wereld auch deꝛgleichen Betrachtungen vorgestellet. Schoonho- ven seine Lateinische Emblemata hat Zeve- cot behalten/ und andre Niederlaͤndische Verse unter andern Lemmatibus drauff gemacht. Im Englischen hat Francis- cus Quarles Geistliche Emblemata ge- schrieben/ wie auch Epigrammata, die er divine fancies, nennet. Aber die Em- blemata sein mehr entheils aus des Her- mani Hugonis piis desideriis genommen/ c c c 5 da Das XVII. Cap. Von den da er doch der selben mit keinem Worte ge- dencket. Die Raͤtzel gehoͤren auch zu den Sinn- bildern/ welche gleichfalls ihre fontes in- ventionum in den vorigen locis haben und bestehen theils in Bildern/ theils in Schrifften. Von jenen handelt Masenius weitlaͤufftig in Speculo Imaginum. Die in Schrifften bestehen/ werden durch tun- ckle und weitentlegene Metaphoras be- schrieben. Im Lateinischen hat Barlæus einige gemacht/ von denen Tscher- ning etzliche ins Teutsche uͤbersetzet. Har- stoͤrffer hat deren in seinem Nathan und Jonathan. Justus Georg. Schoch in seinem Liebes-Blumen Garten. Im Nieder- lāndischen hat Johan van der Veen ein gantzes Buch derselben geschrieben/ die aber nicht sonderlich sinnreich sein. Im Frantzoͤsischen sein des Herrn Cotin seine recht artig/ der auch einen Discours von denselben hinbey gefuͤget. Von den uͤbrigen/ als Grab-Gebuhrt- Hochzeit- und Ehren-Gdichten/ wie diesel- be Epigrammatibus. be zu machen und was dazu gehoͤrig/ kon- te noch gar viel gesaget werden. Aber die- ses werde zur andern Gelegenheit verspa- ren. Wir wollen hiemit in GOttes Nahmen diese unsre Betrachtungen von der Teutschen Sprache und Poesie schliessen. ENDE . Zusatz. P. 596. Nach diesen Worten: Die metra bey den Comicis koͤnnen auch dessen ein E- xempel geben/ kan folgends hinzu gesetzet werden: Diß ist eben das metrum welches Saturnium genant wurde/ von welchem Servius in seinem Commentario uͤber diese Verse des Virgilii Ge- org. l. 2. v. 385. Nec non Ausonii Troja gens missa coloni Versibus incomptis ludunt, risuque soluto. mit mehren handelt/ dann er erklaͤret diese Versus incomptos also: Versibus incomptis i. e. carminibus Saturnio metro compositis: quos ad rhythmum solùm vulgares componere consueve- runt. Solcher art sein auch die bey den Roͤ- mern Zusatz. mern alte gebraͤuchliche Fescennini, und die vom Aristotele so genante Α᾽υτ χ διασματα gewesen. In den uhralten Schauspielen hat man auch solche art Verse gehabt von welchen Livius lib. 7. c. 2. Cæterum, parua hæc quoque, (ut ferme principia omnia,) \& ea ipsa peregrina res fuit. sine carmine ullo, sine imitandorum car- minum actu, ludiones ex Hetruria acciti, ac tibi- cinis modos saltantes, haud indecoros motus mo- re Thusco dabant. imitari deinde eos iuuentus si- mul, inconditis inter se iocularia fundentes versi- bus, cœpere: nec absoni à voce motus erant. Ac- cepta res, sæpiusque usurpando excitata verna- culis artificibus, quia Hister Tusco verbo ludio vo- cabatur, nomen histrionibus inditum: qui non sicut ante Fescennino versui similem, compositum temere ac rudem alternis iaciebant: sed impletas modis satiras descripto jam ad tibicinem can- tu, motuq. congruenti peragebant. Exem- Exempel Der verschiedenen Reimgebaͤnde/ vorgestellet in uͤbersetzung einiger Oden des Horatii Derer droben pag. 619. ge- dacht worden. Exempel der Reimgebaͤnde. ODE I. Horat. Carm . Lib. 1. Darinnen die 17. Genera Der Jambischen Verse einge- fuͤhret werden. 13. M æcenas, deß Geschlecht von solchen sich vermehret/ Die Rom mit Purpurtracht/ mit Kron uñ Scepter eh- ret 2. Mein Schutz/ Mein Trutz/ Mein alles was ich kan/ 6. Nim diese Reimen an. 17. Natura aller Goͤtter Preiß hat ihre Kinder so bereitet/ Daß sie bald den zu dieser Lust/ den andern zu was anders leitet. 15. Der freut sich weñ ein Ritterspiel bey Elis außgeschriebẽ/ Da er fuͤr andern Helden hat den Wagen woll getriebẽ. 12. Ist denn ein Kleinoht ihm vom Gluͤcke zugekehrt/ So meint er daß kein Gott so sehr denn er geehrt; 8. Den treibt der Muht zum Ehrenstand’ Und herschet uͤber Leut und Land. 10. Wenn Thyrsis nur hat seines Vatern Feld/ Das so viel Korns als eins in Lydien haͤlt/ 7. Und wol zu Hause bringet/ So singet er und springet. Er singet: laß die Reichen Nur andre Leut erweichen/ 14. Zu trauen einem duͤnnen Holtz/ da Regen Sturm und Wind Auff ihre Noth und Ungemach verbruͤdert gleichsam sind/ 4. Der Wellen Heer Greifft auch zur Wehr. 16. Sie Exempel der Reimgebaͤnde 16. Sie schnauben/ schnarchen toben so/ als wen die groͤste Krie- ges Macht Dem Feinde mit gantz tollem Wuht numehr den garauß zugedacht. 3. Da schuͤttert Und zittert 11. Der Kauffman; sprechend: Ach der Himmel liebet Dem außer Meers das Land die Nahrung giebet. 5. Bald spuͤrt man wieder/ Wie er die Glieder 9. An seinem wuͤsten Schiff erbauet/ Und wiederum nach Vortheil schauet. 13. Den laͤsset sich auch wol ein feuchter Bruder finden/ Der mit dem Alicanth sich hertzlich will verbinden/ 2. Und spricht: Mein Licht. 6. Entfleucht mir gleich ein Tag So komt einander nach 17. Dann legt er sein bewolcktes Haupt beschirmt von einer gruͤnen Linden/ Und lauschet/ wie die Steinchen da im klaren Bach sich artlich winden 15. Der jauchtzet wan des Spiel geregt und wann Trom- peten klingen/ Weint Tethys gleich/ so muß dennoch Achilles froͤlich singen. 12. Das Hertz geht ienem auff wann je ein Waldge- schrey Von Hunden wird erweckt/ da findet er sich bey. 8. Was er zu Hause lieben pflegt/ Bleibt auff ein andre Zeit verhaͤgt. 10 Ein Hindin ist sein Weib/ ein junges Thier Das Exempel der Reimgebaͤnde. Daß ziehet er fast seinen Kindern fuͤr. 7. Nun diß und daß Beginnen/ Bald diß bald daß Ersinnen 6. Ist diß was den beliebt/ Ist diß was den betruͤbt. 14. Wenn mir auch nun der Wuͤnsche-GOtt zu wehlen was erlaubt/ So wuͤnsch ich/ daß ein Epheuschnur umkraͤntze mir mein Haupt. 4. Ein Goͤtter Mann Bin ich alsdann 16. Wenn ich in meine Laute so als kein gemeiner Tichter kan Mag spielen wie das Satyr-Volck geht mit den suͤssen Nymphen an 3. In Waͤldern Und Feldern. 11. Reicht den Euterpe mir selbst selbst die Pfeiffe/ Schuͤtzt Clio selbst um die Pandor die Reiffe. 4. So wie sie pflegt Wenn Sappho schlaͤgt. 9. Zaͤhlst du mich zum Poéten Orden/ Bin ich ein Gott und mehr geworden. Od. II. Trochaico-Mixta. STROPHE . S olten gleich die Flocken Trifften/ Die uns so viel Ungluͤcks stifften/ Solte gleich der Halmen Tod Die betruͤbte Hagels-Noht/ 12. Solt Exempel der Reimgebaͤnde. Solt O Blitzens GOtt! das wuͤste wilde toben Deiner Donnerkeilen nunmehr seyn gehoben; Waͤr uns dessen Gnug gemessen Moͤchte doch wol alles Wesen/ was zu deinem Dienst sich buͤcket Wann von Ganimeden giessen allesalles wird beruͤcket Zittern Schuͤttern/ Und befuͤrchten/ die betruͤbten Jahren Kaͤmen wieder auff sie zugefahren. Die/ da Pyrrha so erschrocken stand/ Wie sie nirgends wo kein Land mehr fand Helfft ihr Goͤtter sprach sie helfft! Ach wann ist das wol vorhin gespuͤhret/ Was ist daß? das Proteus all sein Vieh auff unsre Ber- ge fuͤhret? Wer hat je gesehn Fisch auff Ruͤstern stehn? Ruͤstern/ die den Venus Voͤgeln sonst bekant: Ja den Kletter-Thieren schmeltzt das feiste Land. Alles schwim̃t Was fonst klim̃t. Unser sonst gelinde Tyber gehet westwerts ein Daß es mit den schoͤnsten Baͤumen scheinet auß zu seyn. Wilt du Reen Kinder wuͤrgen/ O du ungetreues Rom/ Spiel ichs mit dir wieder so/ spricht der treue Weiber- strohm. Denn zu hause kriegen Macht die Perser siegen. d d d 13. Ach Exempel der Reimgebaͤnde. Ach zerscheiter ihre Mauren/ nicht dem eigen Hauß/ Sonsten hoͤhnen kuͤnfftig dich noch deine Kinder auß. ANTISTROPHA . Weil es nun dahin gerathen/ Wegen unsrer frechen Thaten/ Daß kein Gott mit uns mehr haͤlt/ Daß sich Vesta grausam stellt/ Ey so wolst du/ du Apollo unsrer Zeiten/ Deine Gnaden Wolcken uͤber uns außbreiten. Uns versuͤhnen Dir zu dienen. Oder Erycina komm und zeig uns lachend deine Wangen/ Die des kleinen Liebesbuben Amor Lust und Schertz anhan- gen. Lindre Mindre. Oder such uns Vater Mavors wieder Uns dein Fleisch und Blut uns deine Glieder/ Laß dir unser langes uͤbelstehn Einmahl endlich doch zu Hertzen gehn. Gnug des Balgens/ gnug des Spiels/ da lauter Tod und Blut zu spuͤren ist/ Kan es dir wol Kurtzweil heissen/ weñn das Schwerd bald den bald ienen frist/ Wenn ein Mohr ergrimmt/ Und vom Zornfeur glimmt. Oder nim des leichten Majen Sohns Gestalt/ Du an Jahren jung/ und grossen Thaten alt Raͤche fort Cœsars Mord. 14. Eyle Exempel der Reimgebaͤnde. Eyle langsam Himmelwehrts/ wo von du bist entsprossen/ Eyle nicht bevor dein Volck recht voͤllig dein genossen. Laß dir unser wuͤstes Leben nicht ein Sporn und Antrieb seyn/ Daß du vor den grauen Jahren ziehst bey deinen Sternen ein. Laß der Meder Schaaren Erst noch recht erfahren Warum man dich Landes Vater und Augustus nennt/ Wie man deine Lorbeer-reiser hin und wieder kennt. Od. III. Exemplum Trochaicorum remanentium. 11. S chiff/ o wehrtes Schiff/ dencke was du fuͤhrest/ Schuͤtze deinen Schatz/ daß du nicht verlierest 10. Meiner Seelen Seel/ den begehrten Mann Maro/ der es so/ wie mein Foͤbus kan. 15. Schaff Ihn schadloß aus der Noth/ der Ihn nur ein Brett entziehet/ Biß die kluge Pallasburg ihn das Land betretten siehet. 12. Venus Kertze wird dir selbst auffgestecket stehn/ Castor und das andre Kind wirstu gleichfals sehn. 13. Alles beut sich deinem Dienst/ auch der Winde Meister/ Ausser dem/ der dich bedient/ hemt er alle Geister. 14. Dessen Hertz muß staͤhlern seyn/ und von Marmor zuge- richt Welcher auff ein schlechtes Holtz erstmahl setzte Zuversicht 8. Zwischen Nord und dem stoltzen West/ d d d 2 Da Exempel der Reimgebānde. Da Neptun gantz sich auff verlaͤst/ 9. Wenn er eins seines Scepters koͤnnen Palinur will zu sehn vergoͤnnen. 11. Was fuͤr Todes Ahrt koͤnte solchen steuren Dem gut lachen daucht bey den Ungeheuren/ 10. Wenn der Winde Gott gantze Felsen raͤumt/ Und der Donnerberg von den Wellen schaͤumt. 14. Unraht muß es gleichsam seyn/ daß des allerkluͤgsten Raht Land und Acker von dem Merr wolbedacht gestellet hat. 12. Nun wir Menschen wagens drauff/ geht es gleich ver- spielt/ Seht nur was der Feuerdieb Japhets Sohn erhielt. 13. Fieber/ Pest/ und sterbens Noth ruffen uns mit Schaaren Morta koͤmt noch eins so schnell als vorhin gefahren 14. Dædalus der wuste woll/ daß der Mensch kein Fittig Thier; Gleichwol wie man fliegen soll/ that er seinem Kinde fuͤr. 8. Plutons Reich must Alcides sehn. Nichtes kan unser Brunst entgehn. 9. Unser Zwang will es ja nicht goͤnnen/ Daß die Blitz iemahls feiren koͤnnen. Od. 4. Dactyl. gen. 11. W eichet Ihr graͤulich behgreten Felder/ 10. Raͤumet mir Floren die uͤberhand ein 11. Eilig entscep t ert den Æol ihr Waͤlder/ 10. Zephyr erbeut sich Regente zu seyn/ 14. Kan man doch wieder den fliessenden Stroͤmen vertrauen/ 4. Laufft doch das Vieh 14. Hur- Exempel der Reimgebaͤnde. 14. Hurtig die graulich bethaueten Felder zu schauen/ 4. Dorten und hie. 13. Tityrn geluͤstet nicht laͤnger im Hause zu seyn. 5. Seht wie gelinde Buhlen die Winde 13. Treiben mit ihrem Besausen das Reiffwetter ein/ 7. Venus tritt selbst jetzt mit auff/ Locket die Nymphen zu hauff. 8. Ehe noch Cynthia blicket/ Gehen sie tantzend verstricket. 11. Venus mag lieber mit Charis spatzieren/ 10. Lieber als ihren beraͤucherten Mann 11. Hoͤren in Æthna den Hammertackt fuͤhren. 10. Was gehet Venus sein Schmiedewerck an? 14. Kinderchen/ spricht sie/ brecht ab meine schoͤneste Myrten/ 4. Kraͤntzet euch fein. 14. Kommet und opfert Ihr Faunus Gesellen/ ihr Hirten/ 4. Lam oder Schwein. 14. Dencket wie schleunig/ wie schleunig euch Clotho bestricket/ 5. Nichtes verschonet/ Ob man gleich wohnet/ 14. Da man nur lauter Rubinen und Purpur erblicket. 7. Ist dieses Kurtze den auß/ Geht ihr mit Pluto zu Hauß 8. Da ist es uͤbel zu spielen/ Ubel auf Lycida ziehlen. Od. 5. Gen. Anapæst. : 12. A ch junger Geselle/ du zahrtes Gemuͤthe/ 11. Du Rosengemaͤldte/ du waͤchsernes Bild/ d d d 3 12. Er- Exempel der Reimgebaͤnde. 12. Erlerne doch/ wie man vor Pyrrha sich huͤte/ 11. Bedencke wie theur dieses Lieben dir gilt. 15. O meide den schaͤdlichen Balsam/ die kostbaren Salben/ 5. Die Saba uns schickt. 15. Weñ Pyrrha sich einsaͤltig zieret und schmuͤcket deßhalben/ 5. Daß du seyst bestrickt. 14. So traue nicht solcher vergifften betrieglichen Zier. 6. Du wirst es beschmertzen/ 6. Verfluchen die Kertzen/ 14. Da Pyrrha die Gluthen und Flammen mit schaffet in dir/ 8. Recht wie es dem Schiffenden geht/ 8. Der mitten im Ungemach steht. 9. Dem etwa der Himmel vor diesen 9. Sich goͤnstig und freundlich erwiesen. 12. Jetzt haͤlst du/ du Schaͤlckin/ ietzt haͤlst du auch einen/ 11 Der deiner so listigen Trieglichkeit traut/ 12. Den nichtes als Einfalt dein Wesen kan meinen/ 11. Der trauet/ und welcher er trauet/ nicht schaut. 15. Der alles vor guͤlden erkennet/ was blincket und scheinet 5. Und liebet den Klang/ 5. Sirenen Gefang. 15. Der alles was lieblich nur schallet/ auch nuͤtzlich vermeinet. 14. O uͤbel betrogen und tausendmal uͤbel verfuͤhrt! 6. Den solcherley Pfeilen/ 6. So tuͤckisch ereilen. 14. Ich selber bin weiland von solchem Geschosse geruͤhrt/ 8. Nun borg ich es keinem nicht mehr/ 8. (Den Gottern sey Opfer und Ehr!) 9. Daß mich dieses ungeluͤcks Wellen 9. Den Parcen nicht koͤnten gesellen. Od. Exempel der Reimgebaͤnde. Od. 6. Exempel der Hel- denart. A grippa/ dessen Schwerd noch niemal außgezuͤcket/ Daß nicht der Feinde Volck bey hauffen zugeschicket Dem/ der zu Pluto suͤhrt/ laß Varius den Mann Der wie Homerus selbst so trefflich schreiben kan/ Laß Varius/ der gleich wie Pegasus kan fliegen Den uͤbermachten Ruhm/ das Land- und Wasser siegen Und was sonst deine Faust/ und was dein Arm vermag Erheben biß zum Mond und an der Sternen Dach. Mir ist ein solches Werck ja viel zu hoch gelegen/ Kein so beregter Geist/ kein so begeistert Regen Fuͤhrt meineu Griffel an: drum wag ichs nicht zuweit/ Zu schreiben/ wie der Held Achilles kam in Streit. Eins mit Atreen Sohn/ da er wie Æthna brante/ Und in dem Zornefeur sich gleichsam selbst nicht kante: Zu schreiben/ wie Ulyß dem Hertz und Zunge nicht Die gleiche Wage haͤlt/ die Wasserwogen bricht Mit einem leichten Kahn: wie Pelops Haußgenossen Den Mord und Wuͤrgegifft auff ihr Geschlecht gegossen. Ich bin mir woll bewust/ was meine Leier kan/ Drum stimm ich nicht zu hoch auff ihren Seiten an/ Daß sie auff Cœsars Lob/ und dich Agrippa/ kommen/ So hat die Schreibesucht mich noch nicht eingenommen. Ich nehm es mir nicht vor zu sehen wie ein Held Auff den die gantze Macht der Pfeile niederfaͤlt Sich schuͤtzet in dem Stahl das ieden Streich versetzet/ Daß nicht kein Diamant/ wie hart er auch/ verletzet. Laß leben wer da kan/ wie Merion sich hielt d d d 4 Als Exempel der Reimgebaͤnde. Als jeder auff ihn zu bey Troja tapfer spielt Und redlich um sich steubt/ und wie Tydides Waffen So Pallas selbst geschnitzt den Feind ein schlechtes schlaffen Und wenig Ruh gegoͤnt/ hat jemand aber Lust Zu lesen was man schreibt von einer schoͤnen Brust/ Und was zur Tafel dient/ und was ein Spiel ergetzet/ Und wie das Nympfen Volck im Zorn die Naͤgel wetzet/ Imfall es Kriegens gilt um etwa einen Kuß/ Und wie es sich alsden so ungern wehren muß. Das lehrt mich meine Ruh und meine stille Tage Und meine liebe Lust/ das ist davon ich sage/ Wovon ich sing’ und ticht’. Ist lieben mir gemein So darff mir alles doch noch nicht gefreiet seyn. Od. 7. Exempl. Elegiæ. E in ander will Rhodis und Mitylene loben/ Der ziehet Corinthus und Ephesus vor. Macht Bacchus Theben groß/ sind Delphi hoch erhoben/ Theßalien fuͤhret die Tempe empor. Ist jemand drauff bedacht der keuschen Pallas Huͤtten Zu leiten biß uͤber der Sternen Gezelt/ Nimt einen Oelbaum-Krantz an Blaͤttern wol beschnitten/ Ist jemand der Juno zu Diensten sich stellt/ Und nent ihr Argos reich/ das leuter Pferde zeuget Und schaͤtzet Mycenen das Beste zu seyn/ So nimt mir Sparta nicht/ das woll den Bogen beuget/ So nimt mir Larißa die Sinnen nicht ein/ Als wie Albunen Wald der allerschoͤnsten Nymphen Da Exempel der Reimgebaͤnde. Da Anio fleußt bey der Tybur hinab/ Da kan das Obstgewaͤchs die Tempe selbst beschimpfen/ Da rauschen die Baͤche mit sittigem Trab. Der Suͤdwind der sonst feucht/ heist hie die Wolcken weichen/ Da lachet der Himmel mit freundlichen Blick. Da muß der Regen Naß nicht stets das Land durchstreichen. Ach Plancus dis zielet auff menschliches Gluͤck. Die Klugheit die bey dir sich hat zum Steur gesetzet/ Die ladet dich selber zur Lustigkeit ein/ Wenn man beym Traubensafft sich recht und wol ergetzet/ Und laͤsset die Voͤgel bemuͤhet nur seyn. Du must den gleich darauff zum blutgen Treffen gehen Es sey noch daß Tiburs sein Schatten dich haͤlt. So macht es Teucer auch der ruͤcklings muste sehen Sein Vaͤterlich Ertheil und Salamins Feld. Er nam den Poͤppelkrantz in Regen-Thau genetzet/ Sprach: werthe Gesellen/ was trauren wir viel? Hat uns das leichte Gluͤck auß unserm Raum versetzet/ So gehet auch wieder das guͤnstige Spiel. Wir tratten ihm nur nach/ wohin es immer leitet/ Gedencket wie freudig geht Teucer vorn an. Uns hat ein Salamin schon wieder zubereitet Apollo/ der liegen und triegen nicht kan. So seit nur was ihr seyt/ seyt Maͤnner an dem Hertzen Uns hat wol vor diesem ein haͤrters gedruͤckt Daß suͤsse Kelterbluht das steuret allem Schmertzen. Auff Morgen seit wieder zu schiffen geschickt. Ex- Exempel der Reimgebaͤnde. Exemplum der gemeinen Art ex Od. 8. O Lydia/ der Jugend Fall und Stricke/ Ich bitte dich sag an/ was sinds fuͤr Tuͤcke/ Was ist fuͤr Gifft das Sybaris so liebt/ Und sich um dich der eitlen Lust ergiebt? Wie komt es doch daß er den Platz so meidet/ Der manchem sonst den Lorbeerkrantz bescheidet? Er fliehet/ wo die Sonn den Staub erweckt. Wie komt es/ daß er sich davor versteckt? Was haͤlt ihn ab/ daß er sich nicht begiebet In Mavors Pflicht/ den unsre Jugend liebet? Gibt Franckreich sonst im Reiten unterricht; Das schlaͤgt er hin/ das kuͤmmert ihn gantz nicht. Der sanfften Fluht/ die unsre Tibur fuͤhret/ Verguͤldten Sand den hat er nie beruͤhret/ Er meidet ihn als Phlegetons gestad/ Da Charons Faͤhr allein zu laden hat. Wenn andre sich mit glattem Oel beschmieren/ Die Ringekunst viel besser so zu fuͤhren/ Das meidet er/ als sey es solch ein Gifft/ Das Hydra selbst auß ihren Adern triefft/ Man hoͤret ihn auch nicht wie andre klagen/ Daß er sich wund am Kuͤriß hat getragen/ Wo Exempel der Reimgebaͤnde. Wo bleibet ietzt die vielberuͤhmte Krafft/ Die ihm den Sieg so oͤffters hat verschafft? Da steckt er nun veraͤndert und verlohren/ So wie der Held von Tethys selbst gebohren/ Da manches Bluht vor Troja eingesenckt/ Da bleibt er nur den Damen eingeschrenkt. Ein Weiberkleid bedeckte seine Thaten/ Er mochte sonst in Ungluͤck sein gerathen/ Der Phryger Volck befand sich woll dabey/ Und blieb in deß vom Tod und Wuͤrgen frey. Exemplum eines Sonnets ex Od. 9. I m dem du jetzt das Feld/ o Thaliarchus, siehest Beschleyret von dem Reiff/ so daß der Wald sich lenckt/ Und nirgends eine Fluth fuͤr dicken Frost sich schraͤnckt: So ist mein rathen das/ daß du dich nur bemuͤhest Wie du das Holtz zum Feur und lichten Flammen ziehest/ Zapf an ein altes Faß! die Sorg auff Gott gesenckt. Das Laub wird ja nicht stets vom leichten Sturm ge- kraͤnckt Laß heute heute sein/ damit du kluͤglich fliehest Was Morgen schaden kan. Nim deiner Zeit gewin Und schicke traurig sein zum krummen Alter hin/ Treib deine Ritterspiel und dein verliebtes Singen/ Dein Schertzen mit dem Volck/ das gerne sich versteckt/ Und mit dem Lachen bald sich wiederum entdeckt/ Das darum widerstrebt/ daß man es soll bezwingen. Ex- Exempel der Reimgebaͤnde. Exemplum ex Od. 10. der Sechsversichten/ darinnen gleichsahm die Quadrains oder Vierverse begriffen. 1. M ercur du Majen Sohn/ durch deß Behuff vor diesen Die unbelebte Welt/ so gleichsam thierisch war Auff einen feinern Schlag und auff ein besser Haar/ Nach dem du ihr die Kunst beredt zu seyn gewiesen/ Gerathen und gewandt/ als waͤre sie gestellt Auff einen Tummelplatz und wo man Schul-recht haͤlt. 2. Dich Donner-Vaters-Kind nehm ich mich jetzt zu singen/ Dich schneller Goͤtter-Post/ von dessen schlauer Hand Die Leyr und was sie klingt den Tichtern ist bekant/ Und wie man ahrtig soll von seiner Stelle bringen/ Was andre hingelegt/ daß kanstu mehr den woll/ Du weist es meisterlich wie man es treiben soll. 3. Apollo lachte dein/ wie du sein Vieh gestohlen Verstellet in ein Kind/ als er dich so erschreckt. Durch dich blieb Piramus fuͤr seinen Feind versteckt. Du kanst durch deinen Stab die nackten Seelen holen/ Ins schwartze Minos Reich: du dienest beyder Macht/ Drum nimt der Himmel dich und Pluto selbst in acht. Exemplum ex Od. 11. der Achtzeiligen. L euconoe enthebe doch zu fragen (Der Himmel selbst entsiehet sich dafuͤr) Wie Exempel der Reimgebaͤnde. Wie Clotho dir die Heimfahrt anzusagen/ Nun klopfen wird an deine Hertzens Thuͤr. Du meinst die Noth sey leichter zu ertragen Die vorgewust: Ach nein! Ach lebe dir. Weil noch die Zeit zu leben dir wil goͤnnen. Sie laufft und weicht eh wir es mercken koͤnnen. Exemplum Echus ex Od. 12. C lio du Seele der gelahrten Seelen/ Was soll mein Spiel fuͤr einen Held erwehlen Wem sol zu Ehren Echo auch erschallen/ Wem sols gefallen? E. Allen. Soll ichs den Pindus oder Hemus lehren? Soll es der Schatten in den Waͤldern hoͤren? Da gleichsam Orpheus die verliebten Rinden Pflag zu verbinden. E. in den. Da Orpheus spielte/ daß die Stroͤme stunden/ Die Winde schlieffen gleichsam fest gebunden Baͤum/ derer Locken biß zun Wolcken reichen Muͤsten da weichen. E. Eichen. Soll ich dich Vater aller Goͤtter singen/ Und deine Thaten uͤber alle bringen Du Vater/ kanst ja auch die Welt verkehren Dein Lob vermehren. E. ehren. Du Exempel der Reimgebaͤnde. Du bist der Groͤste/ wirst es auch wol bleiben. Kan deinen Willen einer hintertreiben? Ist jemand nechst dir/ ist wie ich vermeine/ Pallas alleine. E Eine Bachus hoͤrt gerne von Scharmuͤtzeln sagen/ Diana freut sich kan sie Wild erjagen/ Ph œ bus sein Bogen pflegt auch nicht verweilen. Seht seine Pfeilen. E. eilen. Seht auff Alciden und der Leden Kinder/ Wie Castor reitet/ Pollux auch nicht minder. Laͤst seinen Feinden von den tapffern Keulen Schreckliche Beulen/ E. heulen. Wen sie wie Sterne durch das Blaue blincken/ Den Schiffen freundlich von dem Himmel wincken/ Starren die Winde/ und der Fluhten prangen Bleibet gefangen. E. hangen. Romulus soll ich auch von dir was schreiben? Tarquin und Numa zu den Sternen treiben? Wodurch wil Cato sich dem Pluto weisen? (Soll ich es preisen.) E. Eisen. Regulus/ Scaurus/ ihr beruͤhmten Seelen Kan iemand billig euren Ruhm verhelen. Paulus und Faber wie man euch soll loben. Stehet erhoben. E. oben. Curius kan zwar nicht von Reichthum sagen/ Auch hat Camillus diese Last getragen/ Waren zu fechten jedoch woll gerathen/ Brave Soldaten. E. Aten. i. e. noxii hostibus ab Ate Dea Noxæ. Mar- Exempel der Reimgebaͤnde. Marcellus gruͤnet gleich den Palmen-Zweigen/ Ihn kan kein Unfall zu der Erden beugen. Cæsars sein Funcken/ wie der Sterne Ballen/ Muß ja gefallen. E. Allen. Vater der Goͤtter von Saturn gebohren/ Du bist vom Himmel ja darzu erkohren/ Daß du dem Cæsar sein Gebieth vermehrest/ Boͤses verkehrest/ E. ehrest. Hat er die Parther nicht also bezwungen/ Wieder die Serer ists ihm auch gelungen Indien wo bleits mit dem uͤberwinden/ Wo soll mans finden? E. hinden. Jupiter goͤnn ihm neben dir zu sitzen. Er kan wie du auch auß den Wolcken blitzen. Er weiß den Suͤndern ihre Lust zu brechen/ straffen die Frechen. E. raͤchen. Exempel der Vierzeiligen Ringelreimen. auß der 13. Od. 1. O Lydia mein Licht/ ich weiß mich kaum zu halten/ Die Galle stoͤßt mir auff/ die Zierde will veralten/ Die Waͤrme die mir sonst fast niemals nicht gebricht/ Die weichet gantz von mir/ o Lydia mein Licht. 2. Ich bin nicht mehr bey mir/ sieh wie die Thraͤnen fliessen/ Die wieder meinen Sinn sich durch die Wangen giessen/ Mein Exempel der Reimgebaͤnde Mein Feur/ mein Lebensfeur ist nirgens als bey dir/ Vor Liebe brenn ich gar/ und bin nicht mehr bey mir. 3. Ach dieses druͤcket mich/ daß Telephus muß heissen Dein allerschoͤnstes Kind. Er muß dich zu sich reißen. Sein Mund ist Rosenroht (so daucht es Lydia dich) Sein’ Arme wie der Schnee. Ach dieses druͤcket mich. 4. Fuͤrwahr es laufft wol auß/ es wird nicht immer gelten/ Wenn er vom Wein erhitzt dich hebet an zu schelten. So mancher tieffer Kuß! So mancher Liebes Strauß Und was sonst mehr dabey/ fuͤrwahr es laufft woll auß. 5. Ich lob’ und liebe diß/ was auff Bestande gruͤndet/ Wann sich ein suͤsses Paar recht hertzlich so verbindet/ Daß nie kein Mißverstand/ daß nie kein Scheiden-Riß Bey Leben sie zertrent/ ich lob und liebe diß. Exempel der Wiederkehr auß der 14. Od. 1. O du sonst kluges Schiff/ wie laͤst du dich ietzt dringen Und durch der Flutheu Macht so weit vom Ufer bringen/ Ach sieh auff deine Schantz/ ob nicht vor allen Dingen Den Hafen einzugehn dir moͤge noch gelingen. 2. Die Ruder koͤnnen ja dich numehr nicht bezwingen/ In dem bald Nord bald Ost um deinen Mastbaum singen/ Ja Exempel der Reimgebaͤnde. Ja alle Plancken auch von ihren Stuͤrmen klingen/ Und da die Segel fast in tausend Stuͤcke springen. 3. Ach ja es ist also/ dir Armen beyzuspringen/ Ist fast kein Gott daheim/ es will ja gar nicht klingen/ Daß du von deinem Stand wilst pralen/ ruͤhmen/ singen/ Wie du o Dannenbaum die Wellen koͤnst bezwingen. 4. O Schiff du merckst es wol/ es koͤnne nicht gelingen/ Imfall du fechten so lst mit außgemahlten Dingen. Es muß da Manschafft seyn/ drum laß dich ja nicht bringen Auffs hohe Meer noch auff die Klippen dringen. Exempel der Wiedertritte auß der 15. Od. 1. D er Wasser-GOtt sah eins den Paris eilen/ Durch seine Fluht/ sich mit der Beut zu heilen. Sprach bey sich selbst/ der meinet sich zu heilen/ Er schlaͤgt sich wund mit seinem Raub und Eilen. 2. Halt ein du Nord/ damit er eben hoͤre/ Wie sehr er sich mit dieser Fahrt bethoͤre/ Was nuͤtzt es den/ daß man sich so bethoͤre/ Und keinen GOtt und keinen Menschen hoͤre? 3. Du fuͤhrest zwar die Braut mit dir zu Hause: Doch huͤte dich/ daß nicht mit grossem Brause Ihr Menelaus/ daß nicht mit grossen Brause Der Griechen Macht sie fuͤhr anheim zu Hause. e e e 4. Die Exempel der Reimgebaͤnde. 4. Die werden dir die Hochzeit so verstoͤren/ Daß man nachdem wird Troja krachen hoͤren. Wie wird es gehn? wenn man wird rauschen hoͤren Der Feinde Heer die dich zu Grund verstoͤren? 5. Da wird es den recht an ein Wuͤrgen gehen/ Wen Pallas laͤst den Schlangen Schild nur sehen. Wenn sie den Pusch auff ihren Helm laͤßt sehen/ Und schon die Haͤngst in vollem Trabe gehen. 6. Du wirst vieleicht auff Venus dich verlassen Und uͤben nur die Zoͤpfe recht zu fassen. Ach laß dem Volck der Nymphen solches fassen. Dein Seitenspiel bleibt auch den woll verlassen. 7. Das Venuswerck/ bey frembden Weibern schlaffen/ Kan dir alsden kein sichers Wesen schaffen. Was Ajax fuͤhrt/ wird dir ein anders schaffen/ Er wird gewiß zu deiner Noht nicht schlaffen. 8. Das krause Haar wird er dir so bestrauben/ Ulyßes Blitzen kanstu nimmer glauben/ Doch wirstu sehn/ und must es den wol glauben: Wenn Nestor wird mit seinem Haͤngste strauben. 9. Wenn Stenalus nicht wird zu Hause bleiben/ Der artig weiß den Wagen fort zu treiben. Der Nereon wird dich auff Hoffrecht treiben Tydides laͤst dich auch nicht ruhig bleiben. 10. So Exempel der Reimgebaͤnde. 10. So wirstu denn so wie die schoͤne Hinden An kemem Ohrt dich maͤnlich lassen finden/ Denn wenn der Wolff sich blickend laͤsset finden/ Wo bleiben denn die fast-erstarte Hinden. 11. Achilles zwar wird was zu ruͤcke bleiben/ Dakanst du den die Lust ein Weilchen treiben: Doch wird die Zeit den Kitzel dir vertreiben/ Wenn Troja raucht/ das wird nicht aussenbleiben. Exempel einer Pindarischen Ode auß der 16. Od. Satz oder Strophe. P hyllis die von schoͤner Art/ Schoͤner als sonst alle Schoͤnen/ Die so hoch gehalten ward/ Daß sie kan die Mutter hoͤnen/ Die doch so woll gestalt/ Daß der gantze Wald Mehr auff sie als die gesehen/ Die mit Phoͤbe jagen gehen Ich bin schwartz bey dir geschrieben Weil ich vormals Schimpf getrieben/ Dich in Versen auffgezogen Und dich so zum Zorn bewogen. Liebste thu sie ab Laß sie zu Pulver brennen. Senck sie in ein Grab/ Das wir Hellesponten nennen. e e e 2 Mich Exempel der Reimgebaͤnde. Mich hat der blinde Zorn zu solchem Thun verleitet/ Der machet/ daß der Witz auß seinen Schrancken schreitet. Nie kein Gott hat so entzuͤndet/ Auch die Dindymene nicht. Ob man zwar sich blind befindet/ Weñ uns Phoebus selbst zuspricht/ Ob uns Bacchus schon bethoͤret/ Ob wan/ wan man trum̃eln hoͤret Von der Corybanten Hand/ Wird von allem Witz entwand/ Kan doch Zorn ein mehres stifften/ Und uns durch und durch vergifften. Gegensatz Antistrophe. Zorn der schadet mannigmahl/ Mannigmahl hat Zorn verletzet. Kein mit Fleiß geschliffen Stahl/ Hat es Mars auch selbst gewetzet/ Bricht uns so viel ab/ Stuͤrtzet in das Grab/ Als das leichte Feuer der Sinnen Unserm Thun kan abgewinnen. Nicht die wiederholten Wellen/ Die um Scylla grausam bellen: Nicht die schwefelblauen Flammen Die Vulcanus scharrt zusammen. Auch der Donner-Gott Wird mit seinen Riesen-Keulen. Gleichsahm nur zu spott Zorn kan uns viel eh ereilen. Promethens wie er uns aus seinem Thon geschaffen Hat fast von iedem Thier/ von Woͤlffen/ Hunden/ Affen. Ja Exempel der Reimgebaͤnde. Ja auch von dem Leuen Magen Unsern etwas zugesetzt. Duͤrffen also minder fragen/ Was uns Menschen so verhetzt. Auch Thyestes ward verblendet/ Wie er seinen Bruder schaͤndet/ Ach wie manche Stad und Land Ist durch Rachgier umgewandt/ Da die hohen Mauren stunden/ Hat man Pflug und Mist gefunden. Nachsatz Epodos. Drum Schoͤnste still dich jetzt/ Weil die Jugend mich erhitzt/ Jugend die nicht weiß/ Was der Tugend Preiß. Hab ich was zu viel geschrieben. Und das Spiel zu hoch getrieben/ Ey so bin ich ietzt bereit meine boͤse Sitten Zu verfluchen/ und mein Licht/ gern dir abzubitten/ Stell dich nur nicht wieder mich/ der dir so bekennt/ Seelig bin ich wen mein Schatz ihren Freund mich nennt. Exempel einer Sechstinne auß der 17. Od. 1. F aunus laͤsset seinen Wald Und vergisset seiner Hirten Die ihm doch so manchen Tag Liebes Lieder vorgebracht/ e e e 3 Laß Exempel der Reimgebaͤnde. Laͤst sich meines Hoͤfchen Zier Mehr als ienes kostbar sein. 2. Ich will selbst der Huͤter seyn Meiner Ziegen/ wen der Wald Brennet/ und die andre Hirten Wunschen einen kuͤhlen Tag/ Keines hat er mir verbracht Faunus meiner Heerde Zier. 3. Er gibt selbst den Blumen Zier Macht mein Viehchen sicher seyn/ Boͤck’ und alles geht im Wald Sonder auffsicht/ sonder Hirten/ Keine Schlange hat bey Tag Roch kein Wolff was umgebracht. 4. Diß hat mir die Kunst gebracht Und der suͤssen seiten Zier. Solt ich den nicht gastfrey seyn! Goͤtter schuͤtzen meinen Wald. Kommet meine lieben Hirten/ Spielt bey mir den gantzen Tag. 5. Komm auch meiner Seelen Tag/ Tyndaris/ dir sey gebracht Jetzt der schoͤnsten Trauben Zier. Um uns soll kein Streitten seyn. Stoͤrt Exempel der Reimgebaͤnde. Stoͤrt dein Cyrus gieich den Wald Und sonst alle Lust der Hirten. 6. Nimm die Krohno Licht der Hirten. Sey nur froͤlich diesen Tag. Trauren sey gantz umgebracht. Cyrus soll des Krantzes Zier Heute traun nicht Meister seyn. Kost es gleich den halben Wald. Fehler/ die in diesem Unterricht zu verbessern. Pag. 12. lin. 11. fuͤr que liß quæ. p. 69. l. ultim. fuͤr lander liß lande. p. 124. l. 3. fuͤr kuͤn- stelein liß kuͤnsteleien. p. 163. l. 1. fuͤr Caseneune liß Caseneuve. p. 180. l. 13. fuͤr Italiaͤnische liß La- teinische. p. 220. l. 9. fuͤr probalitas liß probabili- tas. p. 214. l. 7. loͤsche aus das Wort sich. l. 2. fuͤr welche liß welcher. p. 247. l. 14. fuͤr Es liß Er. p. 283. l. 21. fuͤr Gesnerus liß Cisnerus. p. 296. l. 6. fuͤr Wornius liß Wormius. p. 302. l. ult. fuͤr Trithenium liß Trithemium. p. 307. l. 6. 7. fuͤr: des H. Annonis Reime/ liß Reime von den Heil. Annone. p. 308. l. 3. fuͤr David liß Jacob. p. 318. l. 3. fuͤr erhaͤlt liß erhellt. 333. l. 9. fuͤr Tereotii liß Terentii. l. 19. fuͤr: auch des S. Annonis, liß: auch die von dem S. Annone einem. p. 398. l. 4. fuͤr Men- schenfressen liß Menschenfressern. p. 419. l. 6. fuͤr Baͤnder liß Baͤndern. p. 526. l. 6. fuͤr Sprache liß Paesie. p. 541. l. 19 nach dem Worte fliessen setze hinzu: dem werden. p. 544. l. 10. fuͤr Ortogra- ghia liß Ortographia. p. 562. l. 14. fuͤr Poemata liß Poema. p. 579. l. 10. fuͤr nachdencklicher liß nachdruͤcklicher. p. 662. l. 17. fuͤr aber liß oder. p. 671. l. 10. fuͤr Aristoles liß Aristoteles. p. 688. l. 17. fuͤr nominent liß nominant.