Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Vaterländischer Roman von W. Alexis (W. Häring). Fünfter Band . Berlin. Verlag von Carl Barthol. 1852. Erstes Kapitel. Ernste Fragen, die Mancher überschlagen wird. Den Druck der schwülen Luft fühlte ein Jeder, aber ein Höhenrauch schien die schwarzen Wolken noch zu verbergen. Es wetterleuchtete auch schon, nur wirkten die electrischen Zückungen verschieden. Aengst¬ lich vor dem Ausbruch flatternde Vögel, gewahrte man nicht. Es waren Männer im Lande und in der Hauptstadt, welche bang der nächsten Entwicke¬ lung entgegen sahen, um so banger, als das Gewit¬ ter so lange sich hingezogen. Kluge und ernste Män¬ ner, welche fürchteten, daß es in einem entsetzlichen Schlage sich entlade, ein Wolkenbruch die Saat eines Jahrhunderts fortspülend; aber sie schwiegen, sie bar¬ gen den düstern Ernst in ihrer Brust. Wäre es doch zum Verbrechen geworden, durch eine Kassandrastimme den Muth der Muthigen zu dämpfen! Seltsam, es sol¬ len gerade die Feuergeister gewesen sein, dieselben, die vorhin keinen Anlaß versäumt, zum Kriege anzuspor¬ nen, welche jetzt mit banger Ahnung dem Unvermeid¬ lichen entgegen sahen! Sahen sie rings umher nur V . 1 blutige Sümpfe, wo der Funke erstickt, oder trauten sie dem eigenen Feuerstoffe nicht? Dagegen waren es die, welche bis dahin ihren Sinn vor dem Ernst des Augenblicks verschlossen hatten, vor denen er jetzt, ein geharnischter Riese, stand. Geflattert waren sie wie der Schmetterling, in ihrem Dünkel mit dem Ueberwältigenden spielend, jetzt Bewunderung für das Meteor des Tages, jetzt kalt abwägende Richter, Gleichgültigkeit heuchelnd vor dem Ungeheuersten, was seit einem Jahrtausend ge¬ schehen, um ungestört zu bleiben in der süßen Ge¬ wohnheit, nicht mehr und weiter zu denken, als ihrer Behaglichkeit zusagte. Und nun waren sie aus ihrem Taumel der Sicherheit, aus ihrem Dünkel, ihrer Täuschung erwacht; es war anders geworden. Das Schauspiel, was ihnen auf den fernen Brettern zu ihrer Unterhaltung aufgeführt schien, ward Ernst, die Darsteller schlossen sich zu eisernen Phalangen, über die Lampen rückten sie heran, um die dupirten Zu¬ schauer zu erdrücken. Die immer zum Frieden gere¬ det, die Napoleons großen Sinn, seine Bewunderung für Preußen im Munde geführt, die da gepredigt, das geht uns nichts an, an uns wird er sich nicht vergreifen, auch ihnen waren plötzlich die Schuppen von den Augen gefallen, und nun sprudelte und tobte es. Tausende von Stimmen, eine wollte die andre überschreien, die am lautesten, heftigsten, welche am leichtsinnigsten der Zeichen gespottet. Da kam es denn wohl, daß die am ernstesten und unverdrossen um Einlaß gepocht zur unerläßlichen That, jetzt von dem Troß zurückgestoßen waren, und den Spott hinnehmen mußten, sie seien nicht zur rechten Zeit entschlossen. Noch lag ein officieller Schleier über der nächsten Zukunft, aber er war so durchlöchert, daß wer nur das Auge aufriß, durchsah. In Paris war der Rhein¬ bund gestiftet und Preußen war nicht dazu geladen, ja es hatte noch nichts davon erfahren. Die Fürsten, welche an der Leimruthe saßen, auffliegen konnten sie nicht mehr, aber frei mit ihren Flügeln flattern, und der Großmüthige hatte sie dafür entschädigt mit den Beutestücken in seinem Netze, mit den freien Städten, den Gütern der Stifter, Klöster, der Reichsritterschaft, mit der Souveränität im eignen Lande. Frei, von Niemand behindert, durften sie mit den Flügeln die schlagen, die darunter ein Recht hatten auf Schutz. Ihre Rechte, die besiegelt stan¬ den in alten Verträgen, waren durch einen Federstrich ausgelöscht. Und die duftende Zeitungsphrase des Moniteurs sagte: „Des Kaisers Absichten hätten sich hier wie immer mit den wahren Interessen Deutsch¬ lands übereinstimmend gezeigt.“ — Und wohin sollten sie schreien, wohin Hülfe flehend die Arme strecken? Der Kaiser hatte die römische Kaiserwürde niedergelegt, „da er außer Stande sei, seine beschworenen Pflichten ge¬ gen das Reich zu erfüllen.“ Wo war das Reich, wo das deutsche Volk! Oestreich, des langen, ehrenwerthen Kampfes müde, hatte sich in sein Schneckenhaus ge¬ 1* zogen, das halbe Reich hing im Netz des Eroberers, und nur Preußen stand allein im Winkel, ohne den Muth, ohne den Beruf, ohne die Mittel. Das fühlte Jeder in Preußen. Wenn eine Ueberzeugung auf dem trocknen Boden aufschießt, von dem wir reden, so haben Spötter behauptet, daß sie, wie ein Unkraut, das die Wolken säen, plötzlich die Felder überwuchert, oder wie ein Heidebrand über Berge und Thäler sich ergießt. Dann ist kein Widerstand mehr. Aber jeder Fanatismus berührt in der Regel nur gewisse Kreise, nur die an der Straße Wohnenden, die auf den Höhen Sichtbaren. Die in den tiefen Niederungen nur sich selbst leben, unbekümmert um was nicht ihre nächste Sorge angeht, berührt er nur selten. Aber der Fall war hier. Des Herzogs von Enghien Aufhebung und Füsillade hatte nur die politisch Denkenden und Fühlenden getroffen, was gehn den guten Bürger Staatsacte an! Darum haben sich die zu kümmern, die dazu geboren sind, oder dafür bezahlt werden. Aber daß er den Buch¬ händler Palm in Braunau erschießen lassen, berührte das Gefühl des Menschen, sogar den Gedanken des Bürgers. War Palm nicht ein Bürger, eingeschrieben in die Bürgerrolle, der ruhig seinem Verdienste nachgegangen und ruhig seine Abgaben gezahlt hatte? Was ging ihn die Schrift an, die er verlegt, und noch dazu starb er den Heldentod, weil er den nicht nennen wollte, dem er sein Wort gegeben zu schweigen! Das konnte Jedem „passiren!“ Ist ein guter Bürger da, um den Heldentod zu sterben! Es war ein Brand, der durch alle Glieder ging, vom Wirbel bis zur Zeh. Die Entrüstung fand keine Worte dafür, und je gebundener die Meinung in dem andern gefesselten Deutschland war, so lauter sprach sie sich in Preußen aus. Man fühlte, was Freiheit war, und fing an zu begreifen, daß sie ein Gut, ein heiliges Menschenrecht ist. Zur Unterstützung der Familie des ermordeten Mannes wurden überall im Lande reiche Samm¬ lungen veranstaltet, und die Regierung schritt nicht ein, weder aus Furcht vor dem Kaiser, noch wegen unbefugten Collectirens. Es war Leben im Lande; aber man sah es der prasselnden, ängstlichen Geschäftigkeit an, daß die Uebung fehlte. Wie jene Bürgerfrau beim großen Brande der Petrikirche die Borsdorfer Aepfel sauber in Papier wickelte, während das Silberzeug auf der Diele zerstreut lag, griff man nach dem Entfernten und ließ das Nächste liegen. Fast ein halbes Jahr¬ hundert war vergangen, seit Preußen einen Krieg um sein Alles geführt! Feinde ringsum, und der Geist verkörperte sich zur wahrhaft rettenden That. Rings¬ um sahen sie jetzt ja keine Feinde, und der Geist fehlte zur That, weil — man ihn noch nicht suchte. So sah es in den Bürgerhäusern aus. Es wird sich ja schon Alles machen, auch ohne uns, war das Trostwort. Wie es in den Pallästen der Großen, in den Hotels der Minister aussah? In dem des neuen Ministers saß in dem Zim¬ mer, das wir schon kennen, Walter van Asten am Schreibtisch. Aber die Flügelthüren waren zu dem neben anstoßenden Audienzsaal geöffnet, wo der Re¬ gierungsrath von Fuchsius auf und ab ging. Zu¬ weilen blätterte er in Schriften, zuweilen trat er zu dem neuen Secretair, um Bemerkungen mit ihm zu wechseln. Er wartete auf eine Audienz und hatte schon lange gewartet, der Minister war in den obern Zimmern mit dem jungen Bovillard. Walter war bei einer Arbeit, aber er ließ oft selbst die Feder ruhen, und das gelegentliche Gespräch mit dem Rathe schien ihm keine unangenehme Unterbrechung. „Sie haben sich da einen gefährlichen Rivalen zugeführt, sagte der Rath. Sie beschäftigt er mit Berichten über sein Papiergeld, und Herrn von Bo¬ villard schließt er in seinen Intimis das Herz auf.“ „Das war die ihm zugedachte Stellung, ent¬ gegnete Walter, die Feder weglegend, und stand auf. Wir sind Jugendfreunde, die Verhältnisse haben darin nichts geändert, und wenn sie es hätten, was kommt es jetzt darauf an, wo der der Beste ist — der han¬ deln kann!“ „Wer handeln kann! rief Fuchsius mit einem wehmüthigen Lächeln. Welche bittere Erfahrungen stehen Ihnen hier noch bevor!“ „Deren Herr von Fuchsius enthoben ist, weil er freiwillig seine Stellung aufgab.“ „Das soll eine Spitze sein, lieber Asten, aber sie verwundet mich nicht. — Ich bin dennoch frei¬ willig abgetreten und zu meiner juristischen Carriere zurückgekehrt, trotz alledem, was Sie das Gegen¬ theil zu glauben berechtigt.“ „Ich setze voraus, sagte Walter und reichte ihm die Hand, daß Sie nach dem, was zwischen uns darüber verhandelt ist, in mir keine persönliche Ran¬ cune mehr vermuthen. Sie wäre jetzt ein Ver¬ brechen.“ Der Rath drückte die gebotene Hand. „Ich bin keinen Augenblick in Zweifel über Ihre Intentionen, und eben darum thun Sie mir leid. Sie werden das Meer der Täuschungen von vorn an ausschlür¬ fen. — Zugeben will ich Ihnen übrigens, daß jener Umstand vielleicht der äußere Anlaß war, aber der Ent¬ schluß datirt von länger. Der Gedanke, daß Seine Ex¬ cellenz von jetzt ab meine Arbeiten mit einer Reserve von Mißtrauen controlliren dürfte, änderte meine bisherige Stellung zu ihm; indessen, werthester Freund, was sind Stellungen, wo Alles Schattenbilder sind in einer Laterna magica , wir Alle Tropfen in einem Meer — Sie einer, Bovillard, der Freiherr selbst, Alle, Alle, die das Bessere wollen.“ „Wer sich verloren giebt, ist verloren, entgegnete Walter. Wir sind künstlich isolirt, ja, umgürtet von Gräben, Wasser, Sandwällen, und unser Feuer droh in sich selbst sich zu verzehren. Das ist Ihre, das ist Vieler Ansicht. Aber wer berechnet die Macht des Feuers, wo ringsum trockene Stoffe lagern! Mag einmal entzündet, es nicht zu einer Lohe aufschlagen, die über Deutschland sich ergießt. Mag sie nicht Europa in Flammen setzen!“ „Und was dann! — Ich redete nicht davon. — Der Krieg liegt ein so wüstes, trostloses, verworrenes Bild vor mir wie der Friede. — Ihr wollt das Volk wecken, einen Nationalkrieg entzünden — die Idee liegt doch dunkel im Hintergrunde?“ „Und Sie theilten sie nicht?“ „Ich habe sie getheilt — aber das ist vorüber. Einen Sturm wollen Sie los lassen, und was weht er auf? — Staub. Mehr nicht. Das Ferme t, was Kreuzzüge möglich machte, ist ausgegangen. Auch die französische Revolution könnte sich nicht wiederholen. Ja, trockene Stoffe liegen die Hülle und Fülle um uns her, aber es ist Schlacke, Asche. Sie müßten es doch erfahren haben, lieber Asten. Was hat Ihre ästhetische Schule gewirkt? Es ward Vielen, die noch warmes Blut haben, etwas heißer zu Muthe als gewöhnlich. Sie hatten Visionen, phantasirten, aber über die reale Welt hinaus. Und nun — wo ist's in die Nation eingedrungen, wo in's Herzblut, wo ist neues großes Geschaffenes, das weiter zündet und weckt? — Die Völker sind ein farbloses Decoct ge¬ worden, eine träge, weiche, schwammige Masse, der der übersprudelnde Enthusiasmus, die Excesse der Furcht und Dummheit, die elastische Kra t ordentlich chemisch abgezapft haben. Wo ist etwas Ureigenes, Schaffendes zurückgeblieben von den Säulen des Her¬ kules bis zur Mongolei? Dies todte, willenlose Re¬ siduum ehemaliger Kraft, nur dann und wann auf¬ sprudelnd in einer Fuselbegeisterung, nimmt jeden Eindruck an, die Farbe, den Stempel jedes Siegers. Jetzt ist's der Corse, der ihn ihr aufdrückt. An seine Weltherrschaft glaube ich nicht, auch er wird fallen, aber noch nicht. Das Ungeheuer bläst noch mit vollem Athem. Was nun das Volk vorher electrisiren, seine Kraft vom Wirbel bis zur Zeh nervös aufregen, um es in seinen feuerschnaubenden Rachen zu treiben! Wenn es Krieg sein muß, warum nicht das alte vertrocknete, knarrende Gestell ihm entgegen halten! Kracht und bricht es, so zerschmettert er nur, was ohnedem ver¬ loren gehen muß.“ „Und an diesem Gestell, mein Herr, standen noch vorgestern Einige bewundernd!“ „Zwischen vorgestern und heut liegt gestern, und von gestern zu heut ist eine Kluft. Auch die Le¬ bendigen reiten heute schnell.“ „Drei Fürsten haben diesen Bau aufgerichtet, größere kannte ihre Zeit nicht, und ein treues Volk hat mehr als hundert Jahre in unsäglicher Auf¬ opferung, in rührendem und felsenfestem Vertrauen mit¬ gearbeitet. Wäre das Werk schon so ganz morsch, so vom Boden gelöst, so die Fundamente verfault!“ Der Rath senkte schweigend den Kopf. „Und wenn dem so ist, so laßt es fallen, fuhr Walter auf. Der Grund und Boden ist noch da, auf dem es stand, das Holz, aus dem es gezimmert, das Eisen, das ihm Klammern und Nägel gab. Die Arme sind noch kräftig, die Fäuste markig, die Schul¬ tersehnen zäh und dauerhaltig. Es ist ein dauer¬ haltiges Geschlecht, auf dessen Schultern sich die Hohenzollern zu Kriegsfürsten erbeben, und noch ver¬ spüren wir nichts davon, daß die Träger der Last überdrüssig wurden. War der Geist des großen Kö¬ nigs nur das Product einer Zeit, die nicht mehr ist so muß ein anderer Geist sich erheben. Und hören Sie nicht den Geist? Braust er nicht daher wie das Wehen der Luft, das dem Gewitter voraufgeht! Es kommt eben nur darauf an, ihm die Richtung zu ge¬ ben, daß er nicht spielend vorüber fährt, daß er in's Mark dringt.“ „Und das ist ein Prozeß, nicht schwerer und nicht leichter, als die Quadratur des Cirkels finden.“ „Weil ihn noch Niemand versucht.“ „Vergessen Sie doch nicht die Zöpfe, und vor den Zöpfen waren Perrücken, und der Puderstaub, den sie ausgestreut, liegt dem Volke auf der Lunge. Sie glauben es zu kennen, weil sie es an schönen Sommerabenden bei der Promenade vor seinen Thüren tanzen sahen. Lernen Sie es kennen, wie ich, durch die Administrationsacten. Steigen Sie mit dem Accise-Revisator, mit dem Steuer-Revisor in's Heilig¬ thum ihrer Häuslichkeit, und sehen unter der dicken Schaale hausbackener Ehrlichkeit die versessene Dumm¬ heit, den Troß und die speculirende Pfiffigkeit. Ge¬ lingt es ihnen, da ins Mark hinein die patriotischen Gefühle zu schauern, dann erkläre ich Sie für einen Zauberer. Der Corporalstock, mein Freund, ist der Zauberstock, der aus den Bauerlümmeln adrette Sol¬ daten macht. Sie können nicht dafür, sie wissen's nicht anders. Und weil es etwas besser bei uns war als draußen, halten sie es für das Vollkommenste. Der Schuh drückt auch sie, aber sie gehen von dem alten Leisten nicht ab. Väter und Großväter ließen ja danach arbeiten und sie haben auch gelebt. In dies dumpfe Dämmerleben wirft die alte Glorie einen etwas poetischen Schein. Item sie sind zufrieden, sie hoffen, daß es so bleibt, sie geben ihre Söhne her es zu vertheidigen, weil es so hergebracht ist, weil sie müssen, sie stehen auch vielleicht selbst auf, wenn es ihnen befohlen wird. Sie werden Vivat schreien und sich nach Schuldigkeit schlagen. Das ist aber auch Alles. Mehr fordern Sie nicht. Sie werden sich über die Gesichter wundern, wenn die Herren mit ihren Reorganisationsprojecten hervortreten. Ich rede gar nicht von den Berechtigten, die Zeter schreien müssen, weil es ihnen in's Fleisch schneidet, auch der große vernünftige Pöbel, der dabei profitirt! Ach, wie mächtig ist die träge Gewohnheit. Wie werden sie die Köpfe zusammenstecken: Es ging doch sonst! Es ist doch immer so gegangen! Warum soll es denn nun mit einem Mal anders werden. Man weiß, was man hat, man weiß aber nicht, was man kriegt. — Wir sind nun mal von sinnender Natur und unsre sinnenden und träumenden Speculationen schön wie der Regenbogen, aber fußen so wenig als er auf der realen Erde. — Da hören Sie nur, wie man schon in Entsetzen über Ihre Tresorscheine die Köpfe schüttelt. Papiergeld ist etwas noch nicht Dagewesenes. Da¬ mit ist für sie der ganze Credit des Staates erschüttert. Das steht freilich da nicht in Ihrem schönen Programm.“ Als der Rath eine Bewegung machte nach dem Papier, was auf dem Schreibtisch lag, hatte Walter schnell den Bogen umgedeckt. Er hatte vorhin still die Miene verzogen, als Fuchsius von den Arbeiten gesprochen, welche der Minister ihm aufgelastet, denn es war eine andre Arbeit, mit der er beschäftigt war, und er mußte Gründe haben, weshalb der Rath sie nicht sehen sollte. Fuchsius stand auf, Walter aber ging einige Schritte auf und ab, indem er ihn doch mit einer Bewegung zum Bleiben einlud. Das Lä¬ cheln auf des Rathes Lippen mochte der Betrachtung gelten, wie bald Jemand im Amte die Miene ändert. Es war allerdings nicht mehr der sinnende Gelehrte, der an die Dinge außer seinem Ideenkreise nur vor¬ sichtig tastet, ein anderes Gefühl sprach sich in einem andern Wesen, einer andern Haltung, aus, als er jetzt stehen blieb: „Sie erkennen die Krisis. Sie wissen wie wir, daß die Versäumniß damals uns jetzt eine Noth¬ wendigkeit aufdringt. Wir handeln nicht mehr frei, wir müssen handeln, wenn wir nicht wie ehrlose Feiglinge uns in den Staub werfen, den Sieger bitten wollen, tritt uns auf den Nacken, wir haben's verdient. Fordern Sie das? Selbst unter diesen blasirten, verlüderten, albernen Menschen geht ein stiller Schauer des Entsetzens. Sie ahnen, was sie ihrer Geschichte, den Namen ihrer Väter und ihrer Fürsten im Grabe schuldig sind. — Und wenn es so ist, kein Preuße ist, den es nicht durchzückt: jetzt muß es sein! wenn es sich um Sein und Nichtsein handelt, sollen wir losschlagen mit einem gebundenen Arm, wo ein Schnitt den andern frei macht! Ist das preußisch gehandelt, im Sinn des großen Kur¬ fürsten, der vom Rheine flog mit einer Handvoll Männer und die Schweden schlug gegen alle Regeln der alten Taktik! Oder im Sinne Friedrichs, der schöpfte, wo Keiner vor ihm Quellen sah! Wäre denn damit Alles erschöpft? — Sie haben nur ihren Nach¬ folgern den Weg gezeigt, wie der Geist immer neue finden muß, wenn die Natur sich verschließt. — Er¬ lahmt sind die Völker, aber sind sie schon entnervte, kraftlose Greise? — Unseres nicht. Wer hat es denn auf die Probe gestellt? Ja, es taumelt noch in einem großen Traumdasein, von einer Glorie geblendet, die nicht in sein Mark drang. Kennen wir dies Mark, wissen Sie, welches Gewicht es schwingt, wenn wir dem Blute freie Strömung geben! — Die Massen, ja, sie sind träg, verdrossen, nachhinkend. Ein Thor oder ein Verbrecher, wer den Funken hineinschleu¬ dert und brennen läßt, wie es kommt. Nein, er muß als Wächter dabei stehen. Sie taumeln zuerst denen nach, die sie führen; dann lernen sie schreiten, ihnen folgen. Endlich gehen sie auch wohl eine Strecke vorwärts ohne Führer. So ist's in der Welt seit ihrem Beginn. Aus den schlechtesten Soldaten, aus den Neapolitanern, hat Bonaparte feuerfeste Krieger gemacht. Und der gute, feste, grobkörnige Teig, der uns vorliegt, ihn sollen wir nicht zu formen versu¬ chen, wenn Gott uns Männer schickt, die Einsicht haben! Wenn wir Stahl und Feuerstein haben, sollen wir nicht Funken schlagen; wenn wir ein Volk haben, das sein Vaterland liebt, sollen wir es nicht aufrufen, nicht electrisiren, sein Alles einzusetzen, wo es sein Alles gilt.“ Der Rath seufzte mit einem wehmüthigen Blick auf den Redner, während er doch mit wachsender Theilnahme seiner Rede zugehört zu haben schien. „Leben Sie wohl, van Asten, sprach er, ihm die Hand reichend. Ich weiß auch, wie glücklich Illusionen machen.“ „Und Sie halten es für Unrecht, mich zu wecken; wer nie geträumt hat, nicht träumen kann, dem geb ich kein Recht dazu. Aber von Ihnen fordere ich es als Pflicht. Fürchten Sie nicht, daß ich wie der Nachtwandler vom Dache stürze.“ „Männer fordern Sie, Männer von Einsicht. Und Sie glauben, der Rechte ist da. Sind Männer der Einsicht auch Männer der That? Einsicht hatten Viele. Was halfen sie, wenn sie die Achseln zückten, weil sie sich zu schwach fühlten. Aber dieser, den Sie meinen, und die Wenigen mit ihm, die ihn verstehen, fühlt den Beruf! Das ist Ihre Antwort. Er fühlt sich auch stark, in's Rad zu greifen, mit eisernen Besen, Karsten, Schaufeln will er den Schlamm auskehren, und aus den Gebirgen Waldbäche in die verschlammten Kanäle leiten. Zugegeben diese Her¬ kuleskraft; ist, wo des Feindes Hammer schon am Außenthore kracht, Zeit dazu die Garnison neu zu organisiren?“ „Die Noth lehrt nicht allein beten, sie lehrt uns auch die Zeit ergreifen. Wenn sie zehn, zwanzig Jahre vergeudet, um so schwerer wiegt, um so kostbarer ist der Augenblick, und der ein Verschwender, ein Ver¬ räther, der ihn ungenutzt verstreichen läßt. Sie ken¬ nen den ersten Sturm, den er gewagt. Er blitzte ab, werden Sie entgegnen. Aber er ward nicht abgeschla¬ gen. Als der König das Memorial zurückgab, nahm man uns da etwa die Waffen? Gab man ihm die Entlassung? Er ward nur ungnädig aufgenommen, weil sie der Gedanke aus der bequemen Ruhe störte. Der Gedanke ward seitdem stärker, die Bundesgenossen wuchsen, und aus der Ruhe haben Andere den Mo¬ narchen gerissen. Es ist eine Zeit der Unruhe, und er muß dessen Hand fassen, der den Boden unter ihm fest macht.“ „So will er es wirklich noch einmal wagen! Ich sage Ihnen, die Kabinetsräthe sprengt er nicht. Er springt eher selbst.“ „Gefahr kommt nicht in Anschlag, wo es nur einen Weg giebt. Sie schätzen die Menschen ab nach den langen Jahren der Schlaffheit; warum müssen sie dieselben bleiben, wenn der Sturm sie packt! Verjüngt sich denn nicht die Natur; wenn Aecker durch lange Jahre brach lagen, ist ihre Trag¬ kraft dann nicht eine neue? Wenn die Stadt brennt, Ueberschwemmung die Deiche gebrochen hat, entwickelt sich nicht eine Kraft, eine Energie, die man nie er¬ wartet hatte! Haben wir nicht Beispiele, daß die Muthlosesten in's Feuer stürzen, über glühende Bal¬ ken klettern, um ihre Theuren zu retten. Ja, der Rettungsmuth wird zum Fieber, sie stürzen um Gleich¬ gültige in die Flammen. Das trauen Sie einem Volke nicht mehr zu, wenn es das Vaterland gilt! Aber nein, wir sind einig. Das Volk ist eine Masse, die Färbung und Form, Thätigkeit und Trieb nur von den Wenigen empfängt, die sich ihm geweiht ha¬ ben. Sie wie ich verachten das Gesindel, das so lange die Brut des Adlers in Käfigen fütterte, ihr die Flügel verschnitt, wenn sie aufflatterte, sie strei¬ chelte: überhebe dich nicht, der Weg zur Sonne ist zu weit für dich. Diese stoßen wir fort. Ihr Mi߬ trauen jetzt trifft die Wenigen, die es wagen. Nein, Herr von Fuchsius, es trifft weiter. Ihr Mißtrauen spritzt sein Gift über die Natur hinaus, die wir sehen, in die Natur, die wir nur ahnen. In ihr herrscht ein ewiges Maaß, das der mächtigste Frevler nicht über¬ schreitet. Das Glück wie das Verbrechen hat sein Ziel; so die Schmach, das Elend. Es muß eine Erhebung , eine Erlösung geben für ein gedrücktes Volk , wenn es eine sittliche Weltordnung giebt .“ „Und wie viele Völker gingen unter, um nie wieder aufzustehen.“ „Ist Deutschland schon Byzanz! Ist's Preußen? Im Volke unten sind noch Erzstufen, die im rechten Schmelzofen ein Glockenmetall geben. Die zu suchen ist unsere heilige Pflicht; und daß schlechte Verwalter dies ergiebige Bergwerk unverantwortlich verwüstet, doppelte Aufgabe für uns, das Versäumte nachzu¬ holen.“ Der Regierungsrath saß in Gedanken versunken, den Kopf im Arm: „Ist denn eine sittliche Weltordnung! — Diese Geschichte, die das Weltgericht sein soll, was ist sie denn, wenn wir sie mikroskopisch betrachten! In ihren großen Phasen ein wohl aufgezogenes Uhrwerk, aber wir zu klein für diese Messungen, Infusorien, Schaum¬ theile, die die Woge über das ungeheure Rad gießt. Auf die das Loos fiel, geboren zu werden, während das Wasser stieg, schwärmen im Morgenrothsgefühl der Titanen; die aber geboren wurden, um zu ster¬ ben, wenn es überschlägt, wurden Thränodisten oder Stoiker. Da liegt der Kern.“ Walter entgegnete: Wen die Geburt an großen Scheidestunden auf die Welt gesetzt, sei geboren, auch groß zu fühlen. „O geben Sie mir wieder die Götterfunken, die Fichte, Schiller uns in's Blut hauchten! Nur muß man nicht Specialgeschichte studiren, nicht Akten lesen. Da sinkt Ihre ideale Gerechtigkeit in's Reich der wesen¬ V . 2 losen Schatten! Ja, mein Freund, die furchtbare Nemesis ist da, die auf ihrer Mühle alles Geschaffene wieder zermalmt, und Maaß für Maaß übt, aber bilden Sie sich nicht ein, daß es Einem der Geschädigten zu Gut kommt. Bonaparte's Arm zerdrückt das Re¬ giment jener kleinen Gewaltigen, die Ludwigs Wol¬ ken-Perrücke auf den hohlen Schädel drückten, und auch ausrufend l'état c'est moi ! die Majestät des deutschen Königthums verhöhnten, mit ihren Mai¬ treffen das Mark des Landes verpraßten, und seine Söhne geknebelt nach Amerika verkauften. Der Gott der Gerechtigkeit hat die blutigen Thränen, die Schmerzenslieder der gefangenen Sänger erhört; aber die Rache trifft die Kinder der Schuldigen. Ruft sie die in's Leben, deren Gebeine im heißen Afrika blei¬ chen? Und unter den Lebendigen! Die Gewaltigen ziehen aus mit ihren Geldsäcken, die Kinder der Maitressen, vom Mark des Landes gefüttert, sind große, reiche Herren geworden, und die Unterthanen, das Volk — bekommt Einer nur einen Heller wieder? Nein, es muß von Neuem steuern und steuern, um die Nemesis zu bezahlen und die neuen Gewaltigen groß und reich zu machen. Seine Marschälle, Brü¬ der, werden Fürsten, Könige; wir bleiben, was wir waren, die Masse, aus der man den Saft preßt. Auch diese neuen, ja auch sie wird die Nemesis er¬ eilen, auch Bonaparte wird über's Rad geschleudert werden, aber erst, wenn wir längst modern, und was unsre Kinder vom Raube zurückerhalten werden, — nun, das kümmert Sie und mich nicht. Wir haben ja keine Kinder.“ „Aber einen Glauben habe ich, entgegnete Wal¬ ter, daß in dieser Fäulniß noch gesunde Stämme sind. Grade aus diesem abgestorbenen Elend im Reiche erheben sich die Größen unseres nächsten Vater¬ landes.“ „Was ist Größe! Sie werden nun in un¬ sern Archiven blättern. Ach, wenn Sie in den Correspondenzen, den wenigen Zeugnissen der Zeit¬ genossen lesen, die man klugerweise daselbst vor der Fackel der Geschichte bewahrte, ach, Sie werden so viel Perrücken und Schlafröcke sehen, daß Ihnen die großen Männer darüber verschwinden. Wie viele Wunder, wie vieler Heroismus, wie viel Unbegreif¬ liches wird Ihnen sehr begreiflich und ordinair er¬ scheinen. Die Glas Wasser, die umgestoßenen Cho¬ colatentassen, Liebster, sind es nicht allein, die über Königreiche, Dynastieen und Völkerglück entschieden haben, der ewige Faden der Gemeinheiten und Nie¬ derträchtigkeiten zieht sich durch die Weltgeschichte. Mückenstiche, eine schlaflose Nacht, eine schlechte Ver¬ dauung, haben auch über die Impulse derer entschie¬ den, die auf der Menschheit Höhen wandelten; so we¬ nigstens admiriren wir sie. Wie mögen sie in jenen Regionen über uns lächeln! — Wo unsrer Fäulniß Sitz ist, darüber sind unsere Freunde einig. Aber worauf brüsten wir uns noch, und wenn wir die Theile unter das Mikroskop bringen, auch da 2 * schillernde Verwesung! Wie stolz sind wir auf unsre unpartheiische Justiz, und der pfiffige Müller Arnold kochte noch vergnügt seine Klöße von dem abgestriche¬ nen Mehl, als die Präsidenten schon vor den Recom¬ mandationen der Lichtenau sich bückten, und zitterten, wenn Einer, den sie abgewiesen, an sie appellirte. Für welches Wunderwerk galt Friedrichs Controlle, sein großes Auge sah ja Alles, es zählte die Gro¬ schen; schlagen Sie aber die großen Baurechnungen nach, und sehen, wie grob er doch betrogen ward! Unsre stolzen Großen am Hofe, wie viele danken ihre Grafentitel, nicht dem Könige, dem Kammerdiener Rietz! Wie manche ihre Titel, Güter, Orden, der Laune des Augenblicks, einem schönen Frauenblick! Wie kamen wir denn zu Haugwitz, wie zu —, zu —, zu — Ward ihr Werth auf der Staatswage abgewogen?“ „Wie kamen wir zu dem, den Sie und ich gleich verehren, ein geharnischter Geist, der durch diese Mi¬ sere schreitet?“ „Und wie Hamlets geharnischter Vater in die Versenkung fallen wird. Und das, ehe Hamlet Muth bekommt. — Der Freiherr wird sich nicht, ich sage es Ihnen, er kann sich nicht halten. So lange er seine Pfeile nicht losschoß, fürchtete, darum schonte man ihn. Wenn er den Köcher entleert hat, wird man ihm ein Bein stellen. Er wird zu schroff drauf los¬ gehen, und unvermerkt sitzt er in der Schlinge. Da wird er haspeln, poltern, um sich schlagen, das De¬ corum verletzen, die Fäden des Gewebes sind aber zu weit gesponnen, es umstrickt ihn. — Er drückt, wie einer jener colossalen Granitblöcke, die aus einer Sündfluth auf unsrer Ebene zurückblieben, den Sand nieder, aber der Sand erhebt sich nicht zu ihm, und er befruchtet ihn nicht. Man klopft und zersprengt diese Steine. Unser Sand bleibt Sand. Und end¬ lich — er ist ein feuersprudelnder Riese, aber — warum läßt er Bovillard oben seine sturmschnauben¬ den Reformationsaufsätze niederschreiben, und Sie be¬ schäftigt er wie einen Rechenknecht? — Weil Sie bürgerlich sind, theuerster van Asten; wenn er Bo¬ villard unter den Arm faßt, mit ihm auf und ab geht, sind es immer Staatsgeschäfte, von denen sein Auge leuchtet, was die Lippe so angenehm bewegt? Ihn interessirt ebenso der reine celtische Ursprung der Familie Bovillard, die neue Fabel, mit der Bovil¬ lards Vater die Cirkel amüsirt, vom Haus oder Gau oder Clan Ceris é oder Cerison, wobei ich gar nicht in Abrede stellen will, daß ein in der Descen¬ denz so heruntergekommener Adel gut thut, seine Ascendenz bis zu den Cimbern hinaufzuführen und seine Schläfe mit Druidenkränzen zu umwinden. — Ein großer Mann muß sich auch amüsiren, und neben der Nothwendigkeit für Andre muß Jeder auch für sich leben.“ „Und wofür leben Sie jetzt?“ „Für die Verbrecherwelt. Die Wahrheit, die ich in der Psychologie des Staates nicht fand, suche ich in der der Gefängnisse. Es ist eigentlich derselbe Stempel, nur ursprünglicher, frischer. Das Schillersche Weltgericht finde ich hier viel conciser, concreter. Die Kreise eines Verbrechers, klein fangen sie an, um rasch größer zu werden, bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht; dann verengen sie sich wieder, immer rascher, bis sie zur Schlinge werden. Dort sehen wir nur Stückwerk, hier Totalitäten.“ „Aber nichts, was das Gefühl erhebt.“ „Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt, wie die erste Unter¬ lassungssünde, die Scham darüber, das Streben, es zu verbergen, eben so oft, als der Kitzel der Lust das Individuum weiter treibt, gäbe das keine An¬ schauungen, Belehrung, ja Erhebung? Da! in der großen Geschichte vertuscht man es, wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt, hier ist kein Grund dazu, die Diplomaten und Historiker fehlen, die das Schlechte schön malen, dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen. Die Natur giebt sich, wie sie ist, und versucht's ein Verbrecher, durch Lügen sich einen bessern Schein zu geben, so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen, er verstrickt sich mit jedem Worte tiefer, unlösbarer, und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume. Und wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner menschlicher Zug, wie ein Licht aus bessern Welten, vorschießt, da kann dem Criminalisten eine Thräne in's Auge treten, und er kann den Verbrecher lieben, den er verdammen muß. Ja, Theuerster, der Sprung aus der Politik in die Criminalistik ist für mich zur Rettung geworden aus einer Welt der Verwesung, über der der gleißende Schein immer mehr reißt, in eine Naturwelt, wo es noch chaotisch daliegt, unschön, meinethalben ekelhaft, aber es ist die grelle Naturwahrheit, die der Mensch bessern, veredeln sollte, gewiß, es war seine Aufgabe, aber er hat sie verpfuscht. Jetzt begreife ich die Völ¬ kerwanderung. Die Barbaren, welche die römische Culturwelt mit ihren Keulen niederschlugen, waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese, auch unter ihnen grassirten Laster, Blutsünde und Gräuel aller Art, aber sie waren der frische Abdruck des giganti¬ schen Menschengeschlechts.“ „Den finden Sie doch nicht unter Ihren Ver¬ brechern in den Voigteien? Ich konnte sie immer nur als den Abdruck unsrer Sittenverderbniß betrachten.“ „Nun, so studire ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst.“ „Aber wo unter hundert Fällen neun und neun¬ zig nur die Verwechselung des Mein und Dein zum Gegenstand haben.“ Fuchsius sah ihn lächelnd an: „Ist das nicht die große Frage, die Alles regiert! Nur daß die Groben für Andre, die Feinen für sich einen Mantel darüber hängen. Von meinen Verbrechern wollen die Wenigsten sich selbst täuschen, es ist daher viel leichter, die Bemäntelung abzureißen und der Sache auf den Grund zu kommen. Uebrigens versichere ich Sie, daß ich die interessantesten Studien vorhabe. Wir stimmen darin, wenn Sie in Verbrecherwelt nur einen andern Abklatsch der höhern Stände er¬ blicken. So zergliedere, arrangire ich sie mir; ich finde die Erklärung für Vieles, was oben im Licht geschieht, in meinem Schattenreich. Ich dringe in manchen intricaten Dingen bis in die Familien, auch in recht angesehene, und finde immer den Abdruck desselben Stempels. Die Zerlassenheit, das laxe We¬ sen, die Maximen, Principien dringen von oben nach unten durch wie eine ätzende Säure. Hier verschenkt man freilich nicht Staatsgüter, die Hunderttausende werth sind, zur Erinnerung für gute Compagnieschaft bei einer Orgie, noch schwarze Adlerorden an Rou é s für eine Galanterie, man giebt am Sterbebette eines Monarchen keinen Judaskuß seiner Maitresse um eine letzte Gnadenbezeugung und um sie desto sicherer zu machen, damit, wenn er die Augen geschlossen, man sie auf die Wache schickt. Noch trifft man auf vornehme Damen, die, wenn die Sünde sie verläßt, doch von der Sünde nicht lassen können, und unbescholtene Töchter guter Familien in ihre Zauberkreise verlocken, nicht aus Eigennutz, rein aus Vergnügen, und noch we¬ niger verstehen meine Schelme, Betrüger, Galgenvögel, darüber den Schleier von Philosophie und Humani¬ tät zu breiten, aber — Sie werden vielleicht nächstens Dinge sehen, die Sie nicht erwarten, und die Gesellschaft wird die Augen aufreißen. Leben Sie wohl — Excel¬ lenz verkehrt mir zu lange mit Herrn von Bovillard.“ „Sie scheinen wichtigen Entdeckungen auf der Spur.“ Fuchsius nickte. „Dann müßten Sie eilen. Mich dünkt, das große Ungeheuer Krieg verschlingt die kleinen.“ „Falsch geschlossen, Herr van Asten. Die Cri¬ minalistik hat die Beständigkeit vor der Politik voraus. Wer auch siegt, das Jagdrecht der Justiz und Polizei auf die gemeinen Verbrecher bleibt unangetastet. Spitzbuben, Räuber und Giftmischer liefern die Krieg¬ führenden sich mit gegenseitiger Courtoisie aus, und der Strick ist der sicherste Orden für den, der eine Expectanz darauf erwarb.“ Der Rath schien doch noch etwas sagen zu wol¬ len, als er den Thürgriff langsam aufdrückte, Walter kam ihm zu Hülfe. Wenn er aus seiner Wissenschaft ihm etwas mittheilen könne, möge er commandiren; er glaube nicht zu versichern nöthig zu haben, daß er auf seine volle Verschwiegenheit rechnen könne. „Fand in letzter Zeit eine Communication zwischen dem Minister und dem Legationsrath Wandel statt?“ „Ich glaube, es positiv verneinen zu können.“ Der Rath schien zufrieden: „Sie selbst kamen nie mit ihm in nähere Berührung?“ „In keine andere, als welche die gesellschaft¬ lichen Beziehungen im Hause der Geheimräthin Lu¬ pinus mit sich brachten.“ „Mit der schien er in Relationen zu stehen —“ „Welche das Geklätsch zu andern machte, als sie vielleicht waren. Sprach man doch auch, daß die Geheimräthin sich scheiden lassen und ihn heirathen wolle. Da, so viel mir bekannt, ihre Verbindung seit dem Tode des Geheimraths sich gelöst hat, so war auch das gewiß ein falsches Gerücht.“ „Um so mehr, als jetzt verlautet, daß Herr von Wandel auf Freiersfüßen bei der reichen Braunbiegler aus und ein geht.“ „In der That?“ Der Rath faßte freundlich Walters Hand und mit demselben Tone sagte er: „Herr van Asten, ver¬ zeihen Sie die Indiscretion, an der Börse meint man, daß Ihres Herrn Vaters Angelegenheiten schlimm stehen. Er hat sich in einer Speculation verrechnet —“ „Und wird hoffentlich, wenn sie fehlschlägt, der Mann sein, der seinen ehrlichen Namen mit dem Letzten, was er besitzt, löst.“ „Daran zweifle ich nicht, und wünsche ihm, daß er ohne dieses Opfer sich aus der Klemme zieht. Aber er steht in Geschäftsverkehr mit Wandel, er hat Wechsel von ihm, er hat Mittel gefunden, während man glaubte, daß Wandel auf Prolongation dringen werde, ihn zu bestimmen, daß er diese Wechsel in andere auf kürzere Sicht umschrieb. Schon das ist merkwürdig. Noch auffälliger, daß, während man Ursach hatte, an des Legationsraths Verlegenheit zu glauben, dieser aus Mitteln, die man nicht kennt, Ihren Vater prompt befriedigt hat.“ „Man dürfte doch auch bei den Gerichten wissen, was in der Stadt ein lautes Geheimniß ist, daß Herr von Wandel mit diplomatischen Ambassaden in vertrauten Relationen steht.“ „Pah! sagte der Rath. Spione hier werden nicht mehr theuer bezahlt, seit man die Geheimnisse wohlfeiler hat. So viel haben wir heraus, was seine politischen Mysterien anlangt, ist er ein Wind¬ beutel, nur mit der Russin steht er noch in einer Ver¬ bindung. Sie ist keine Verschwenderin und bezahlt ihn mit der Münze, die er bringt. Mit Versprechun¬ gen löst man aber nicht Wechsel von zehn und zwan¬ zig Tausend Thalern. Ich will, mein theuerster Herr, nicht hoffen, daß Ihr Vater sich näher mit ihm einließ.“ „Sie erschrecken mich —“ „Wenn Sie für Ihren Vater einstehen, gewiß ohne Grund. Aber — warnen Sie ihn, soweit ein Sohn es darf, der zugleich seine Pflichten kennt gegen den Staat und die Gerechtigkeit.“ — Er zog Walter an sich, und die Hand am Munde, sprach er ihm in's Ohr: „Ich habe den dringendsten Verdacht, daß dieser Herr von Wandel —“ In dem Augenblicke hörte man starke Fußtritte auf der Treppe. „Der Minister!“ „Und sehr ungnädig, sagte Fuchsius, die Thür öffnend. Die Audienz ist ungünstig ausgefallen. — Schade, daß Bovillard nicht Ihr Rival ist, er wird unfreundlich entlassen, und ich habe nicht Lust, den Zornerguß Seiner Excellenz auf mich zu laden. — Von dem Bewußten ein ander Mal. Bis dahin Ver¬ schwiegenheit!“ Der Rath war durch das Audienzzimmer nach der andern Ausgangsthür geeilt, ehe der Minister in jenes eingetreten war. Zweites Kapitel. Ein treuer Diener seines Herrn. Der Minister war aufgeregt. Auf und ab ge¬ hend ließ er seinen Getreuen über den Grund nicht lange im Unklaren. Ihm war es darum zu thun, dem jungen Bovillard eine officielle Stellung zu ge¬ ben, die ihm einen Zutritt bei Hofe verschaffe. Bis gestern hatte man ihm Hoffnung gemacht, heut war Bovillard durch Vertraute insinuirt worden, daß er, um der Person des Ministers einen abschläglichen Bescheid zu ersparen, lieber freiwillig zurückstehen möchte. „Excellenz Feinde also auch da geschäftig!“ „Diesmal sind sie unschuldig.“ „Hätte mein Freund selbst eine Unbesonnenheit —“ Ein „Freilich! wer denn sonst!“ sprudelte von den Lippen, und verbot dem Secretair fortzufahren. „Warum hat er nicht wie ein Karthäuser gelebt, warum hat er tolle Streiche gemacht, warum hat er im Parterre den Regenschirm aufgespannt, als die Thränen um den Jammer der Eulalia aus den Lo¬ gen flossen.“ Also der Zorn war Ironie. Walter ließ eine Bemerkung fallen, daß für Jugendsünden die Zeit das beste Heilmittel sei. Der Freiherr war noch nicht in der versöhnlichen Laune. „Jede Sünde rächt sich,“ rief er und schien seine Schritte zu verdoppeln, aber die Gedanken waren weit darüber fortgeflogen. „Warum hat er nicht Komödie gespielt wie die Andern. Warum sich nicht mit Tugend und Anstand geschminkt! War das so schwer! Brauchte nur sei¬ nen trefflichen Vater zu imitiren.“ „Geheimrath Bovillard ist mir in der That un¬ begreiflich. Wiegt ihm die Gunst, die Euer Excellenz seinem Sohne schenken, das Glück desselben auf! Ihm wäre es doch ein Leichtes, Haugwitz und die Andern umzustimmen.“ „Was kümmern mich die! Die Königin will ihn nicht.“ „Die Königin! — Sie ist doch sonst nicht so streng in ihrem Umgang.“ „Wenn sie's wäre! — Freilich, sie müßte drei Viertel des Hofes fortjagen. — Nun hat sie sich auf diesen gesetzt. Man hat ihn ihr als den Ausbund von frecher Sittenlosigkeit geschildert. Sie betrachtet es als einen Hohn, einen Cavalier von dem Rufe in ihre Antichambres zu bringen. Sie haßt auch wohl im Sohn den Vater. Kurzum, Weiberphanta¬ sieen sind einmal nicht zu berechnen.“ Eine Pause trat ein. Die Stirn des Staats¬ manns schien heller zu werden, der neue Beamte hatte seinen Vorgesetzten wenigstens so weit studirt, um zu wissen, wann es an der Zeit sei zu Einwen¬ dungen, wann zu Vorstellungen. Eine geschickt an¬ gebrachte Schmeichelei verträgt auch der gradeste Ehren¬ mann. Er hub damit an, seines Freundes gute Eigenschaften gegen seine Schattenseiten abzuwägen. Seine Kenntnisse, seine Begabung, seinen feurigen Willen für das Vaterland konnte er mit mehr Wärme und Bewußtsein an's Licht stellen. Er ging diplo¬ matisch darauf über zu dem glücklichen Blick, der diese Vorzüge erkannt, ihnen den richtigen Wirkungs¬ kreis angewiesen, Talente, die ohnedem wahrscheinlich untergegangen wären; Talente, die aber richtig ge¬ nutzt, gerade so, wie der Minister beabsichtigte, noch günstiger wirken könnten. Ein junger Mann von Stande, von der persönlichen Begabung, jetzt, wo es Alles gelte, unter die Puppen und Schranzen gestellt, könne viele üble Einflüsse am Hofe paralysiren. Wenn sein schönes Auge die verwüsteten Hofleute lange an¬ blicke, habe er oft bemerkt, daß sie den Blick nicht aushielten. Auch der Einfluß, den er auf Frauen übe, sei nicht zu gering anzuschlagen. Vielleicht, daß selbst Ihre Majestät, wenn sie sich überzeugt, daß Bo¬ villard besser als sein Ruf sei, ihm eine Stütze sein und in ihm am Hofe eine Stütze finden werde ge¬ gen die Schaalheit und Feigheit der Blasirten. End¬ lich, schloß er, daß, wenn kein anderes Hinderniß augenblicklich im Wege stehe, es dem Minister selbst ein Leichtes sein werde, die Königin, die ihn so gern höre, auf andere Gedanken zu bringen. Auch jener Minister, der ihn einst nach Karls¬ bad wies, würde es eine gute Elaboration genannt haben, um so mehr, als Walter nur die eigenen An¬ sichten des Freiherrn in seinem Vortrage verschmolz. Aber der Schluß traf nicht das Rechte. „Ich nicht. Ich grade kann, darf darin nichts thun. Ihre Majestät ist empfänglich für Ideen; mit Personalien darf ich ihr nicht kommen.“ Ein Ausruf des Secretairs protestirte dagegen. „Frauen, mein Lieber, wollen besonders behan¬ delt sein, auch die ausgezeichnetsten. In ihren Vor¬ urtheilen gegen Personen gehorchen sie dem Impulse. Sie käme mir wohl mit dem Spruche des Dichters von dem, was sich schickt: Da frage nur bei edlen Frauen nach! Und sie hätte Recht. Schöne Seelen werden nicht durch Gründe, nur durch eine schöne Regung überwunden. Wenn er nicht darauf ein¬ gehen will, was ich ihm sagte, so ist es nichts.“ „Es stände in Bovillards Willen?“ „Seine Braut ist die schöne Person, die neulich die Geschichte mit Ihrer Majestät hatte. Ich weiß es bestimmt, die Königin ist, wie hohe Personen sind, für das Mädchen enthusiasmirt; wenn er den Vortheil benutzte —“ Der Minister hielt inne; nicht weil er die Röthe auf Walters Gesicht bemerkte, sondern weil er selbst etwas von Erröthen fühlte. Ein ernster Staatsmann darf auch die Intrigue spielen lassen, weil leider keine Staatskunst ohne sie bestanden hat, aber schon der Schein ist gefährlich, daß er im Ernst sich in ihr Spiel verliert. Der Minister griff nach den Scripturen auf dem Tisch und schien von der Lectüre absorbirt, während Walter mit einem wehmüthigen Lächeln einer Erinnerung nachhing. Der Vorfall, auf den der Freiherr angespielt, war eine bekannte Stadtgeschichte, die vor einigen Tagen sich ereignet. Wir müssen mit unseren Lesern aus dem Hotel des Ministers einen Seitensprung nach einem öffentlichen Ball thun, den eine Corpo¬ ration zu Ehren der Majestäten veranstaltet hatte. Die Königin Louise hatte das schöne Mädchen be¬ merkt und ein Dienstthuender mochte aus Unkennt¬ niß eine mißverstandene Vorstellung gemacht haben, als sie im Vorübergehen die Frage an Adelheid ge¬ richtet: „Was sind Sie für eine Geborne?“ Die Baronin Eitelbach, welche neben Adelheid gestanden, wollte, erschrocken, dem jungen Mädchen zu Hülfe kommen, und hatte die historisch gewordene Antwort gegeben: „Ach, Ihre Majestät verzeihen, sie ist gar keine Geborne.“ — Nur die Gegenwart der Königin hatte ein Gelächter zurückgehalten, was wie ein Ge¬ witterschauer auf den Gesichtern der Umstehenden V . 3 drohte. Ihre ganze Huld und Majestät hatte die Fürstin zusammengenommen, um jene strafenden Worte zu sprechen, die ebenfalls in die Geschichte überge¬ gangen sind, und nach verschiedenen Berichten am wahrscheinlichsten so lauteten: „„Ei, Frau Baronin, Ihre naiv satirische Antwort sollte gewiß das junge Mädchen nicht kränken. Von Geburt wenigstens sind alle Menschen ohne Ausnahme gleich. Ist es auch ermunternd und erhebend, von Eltern und Vorfahren abzustammen, die sich durch Verdienste und Tugenden auszeichneten, und wer wollte den Werth nicht an¬ erkennen und sich nicht selbst geehrt fühlen durch die Ehre, aus einer guten Familie zu sein! Aber Gott Lob, das gilt für alle Stände gleich, und aus den untersten sind die größten Wohlthäter des Menschen¬ geschlechts hervorgegangen. Stand und Würden kann man erben, aber innere persönliche Würdigkeit, worauf am Ende doch Alles ankommt, muß Jeder sich selbst erwerben. Der Weg dahin ist die Selbst¬ beherrschung, und ich bin überzeugt, wenn ich in den Zügen des jungen Mädchens lese, daß ihre Seele diesen Weg längst gefunden hat. — Ihnen, liebe Baronin, danke ich, daß Sie mir Gelegenheit gaben, den Anwesenden meine Meinung darüber zu sagen. Es ist die Meinung, welche auch im Herzen meines Gatten, des Königs, lebt.““ Der strafende Blick der Königin, der leichthin über die Reihen flog, hatte sich in den huldvollsten verwandelt, als er Adelheid wieder traf. Sie wechselte einige Worte mit ihr, die nur die Wenigsten hörten, aber Beider Augen ver¬ riethen den Sinn. Mit dem gnädigsten Nicken war sie vorüber geschwebt. Die Scene hatte sich im Augenblick verwandelt. Die moquanten Mienen von vorhin waren zu langen Gesichtern geworden. Das junge Mädchen war noch eben als ein Eindringling in diese Kreise betrachtet und gemieden worden; fast isolirt hatte sie neben der Eitelbach gesessen, kein Tänzer sich ihr genaht. Welche Urtheile waren hinter ihrem Rücken gefällt worden! Ach, selbst ihre Jugendgeschichte hatte man hervor¬ gezogen. — Ist das die ! hatten zwei Hofdamen sich erschreckt angeblickt, mit dem Versuch, über die Er¬ innerung zu erröthen, der indeß unter dem dicken Karmin erstickt war. Einige begriffen nicht, was denn den Ruf ihrer Schönheit gemacht. Andre hat¬ ten gemeint, es komme eben nur auf den Ruf an, und in wie viel Häusern sie gewesen: und nirgend aus¬ gehalten! Da war es doch klar, daß sie selbst daran schuld sei. Einige hatten sich gewundert, Andere es schon choquant gefunden, daß man sie diesen Cirkeln aufdringe. — Man muß eine russische Fürstin sein, um sich das erlauben zu dürfen! — Aber bei der Fürstin muß sie wohl auch schon auf der Kippe stehen, sonst würde sie ihren Schützling nicht von der Eitelbach chaperon¬ niren lassen. Was läßt sich die gute Baronin nicht auf¬ binden! — Eine Zuhörerin konnte schon fragen, ob denn Adelheid schon aus dem Hause ihrer Eltern verstoßen ge¬ wesen, als sie in dem der Obristin eine Zuflucht gesucht. 3* Und nun, wie Nebel bei einem Sonnenblick, war Alles anders geworden. Woltmann berichtet von der Königin Louise, daß, wenn sie mit Häßlichen gesprochen, auch diese allmälig den Umstehenden schön gedünkt; solchen Zauber strahlte die Fülle ihrer An¬ muth aus. Eine ähnliche Magie hatte Louise hier geübt. — Nein, wie schön sie ist! hörte die Eitelbach jetzt hinter sich flüstern. Welcher Anstand! — Es ist etwas Gebornes darin! — Die Eitelbach war ohne Neid; mit Vergnügen sah sie die Lorgnetten auf ihren Schützling gerichtet. Sie lächelte die Dame an, die sich an ihren Arm hing: „Nein, liebste Ba¬ ronin, was müssen Sie für eine Freude haben, einen solchen Engel zu bemuttern! Aber sie ist auch der besten Obhut anvertraut.“ — Damen und Herren ließen sich Adelheid vorstellen. Ihre Antworten ent¬ zückten. — Da, um das Glück vollständig zu machen, hatte sich auch der König ihr genähert. Auch er sprach gnädig; freundlich sah er zum schönen Mäd¬ chen nieder, man hörte durch das Geräusch huldvolle Worte: viel von gehört haben — sehr freuen — einen braven Vater haben — Auch die jüngeren Prinzen waren herangetreten, der König scherzte mit ihnen. Ein Scherz von den gewichtigsten Folgen. Bald durch¬ flog die Sääle die Neuigkeit: die Prinzen tanzen mit der Alltag. Sie war der Stern des Abends. Sie blieb der Gegenstand des Gespräches in den Equipagen, die nach Hause rollten. Ueber ihre Schönheit war nur eine Stimme. Nur etwas zu ernst! Aber die Hold¬ seligkeit der Königin hatte ihr auch davon angehaucht. Welche naive, frappante Antworten sie gegeben! Wie hatte sie den jungen Prinzen August auf eine etwas kecke Frage anlaufen lassen! Aber wie hatte der ältere Bruder, Prinz Louis, sich benommen?— Eine solche spirituelle Schönheit mußte doch auf den galan¬ testen Ritter wirken. — Er war an ihr vorüber ge¬ gangen. — Unmöglich! hieß es; aber Viele versicherten es. Der unglückliche Prinz sieht jetzt nur Gespenster! Die Aussicht auf den Krieg schüttelt in ihm wie ein kaltes Fieber. — Aber nein, er war zurückgekehrt, er hatte mit ihr Worte gewechselt. Es klang unglaublich, was der Lauscher gehört. Er hatte sie wehmüthig angeblickt, wie Hamlet Ophelien: „Was wollen Sie in dieser Atmosphäre? Die ist nur für kranke Seelen. — Und sie, was hatte sie geantwortet? „Gnädigster Herr, ich meinte, wer gesund ist, bringe Lebenslust in jede Atmosphäre mit.“ — Unbegreiflich fanden es Viele — ein simples Bürgermädchen, die Tochter von dem alten Geheimrath Alltag! Er wird wohl nun geadelt werden, meinten Einige. Andre schüttelten schlau den Kopf: Wer weiß denn, ob er ihr Vater ist! Eine Dame fand in Adelheids Gesicht Züge, die an den vorigen König erinnerten. Als der Kammerherr von St. Real der Fürstin Gargazin in einem entfernten Zimmer die erste Nach¬ richt mit den Worten hinterbracht: „Sa fortune est faite!“ hatte sie lächelnd geantwortet: „Wissen Sie nicht von dem Schatzgräber, der niemals reich ward, weil er alles gefundene Gold als Messing verkaufte?“ Es mußte also doch eine Verstimmung, wenigstens eine Gleichgültigkeit zwischen der Prinzessin und ihrer Pflegetochter eingetreten sein. „Sie haben sich gut amüsirt? Das freut mich, sagte sie beim Einsteigen in den Wagen. Die Königin wird Sie rufen lassen. Ich weiß nicht, was Ihre Majestät mit Ihnen beab¬ sichtigt, ich empfehle Ihnen auch nicht, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß ist, denn Sie sind ein Sonntagskind, und es fügt sich Alles anders, als man es dachte. Der Hof sagt, Ihr Glück ist gemacht, die Stadt wird es nachplaudern, ich warne Sie auch nicht vor dem Neide — ich schaudre nur vor dem, was die Menschen Glück nennen. Der große Schil¬ ler hat ein schönes Gedicht geschrieben, aber sein glücklicher Polykrates war doch ein Thor. Warum warf er den Ring in's Meer, dessen Anschauen ihm täglich Freude machte? Das Verhängniß wandte er nicht ab, wer aber brachte ihm die verlornen Augen¬ blicke zurück, als der Schimmer des Diamanten ihn entzückt!“ Drei Tage lang sprach man am Hofe, sieben in der Stadt, nur von der schönen Adelheid. Dann waren andre Gegenstände gekommen. Die Königin hatte sie nicht rufen lassen, die Königin hatte an Anderes zu denken. Die Fürstin mochte auch an Anderes denken, sie sagte nichts, aber wenn sie Adel¬ heid sah, schien ihr lächelnder Blick zu sprechen: wenn eine Königin vergaß, uns rufen zu lassen, so wäre es an uns, sie anzurufen, damit sie sich unsrer wieder erinnere. Zur Diplomatin ist sie nicht geboren. Der Minister mochte das und seine letzte Be¬ merkung längst vergessen haben, indem er mit der Schrift sich auf das Canap é geworfen und mit dem Daumennagel Zeichen am Rande machte, als er auch das Papier sinken ließ. „Was wollte denn Fuchsius?“ „Sein Anliegen hat er mir nicht mitgetheilt.“ „Er ist wie ein Trüffelhund auf Maleficanten. Als ob es darauf jetzt ankäme, einen Dieb und Be¬ trüger mehr in's Zuchthaus zu liefern. Was sagte er sonst?“ „Er sieht trüb.“ Der Minister schien in dem Zustande der Er¬ schöpfung, wo man lieber hört als spricht, eine in¬ directe Aufforderung an Walter, zu sprechen. Er mochte die unausgesprochene Absicht des Staatsman¬ nes treffen, als er in Kürze die Ansichten des Re¬ gierungsrathes referirte. Ganz wider Erwarten fiel der Zuhörer mit der Bemerkung ein: „Und hat er nicht Recht?“ „Ich, Excellenz, habe mir den Glauben an eine sittliche Weltordnung bewahrt.“ „Auch nachdem Sie das Gesindel von nahe ge¬ sehen haben? Das ist viel!“ Der Freiherr mußte tief erschüttert sein. So hatte der neue Secretair ihn noch nicht gesehen. Es war aber zugleich eine weiche Stimmung, die ihm Hoffnung machte, mit Vorschlägen, die er in petto hatte, durchzudringen. „Lesen Sie also!“ sprach der Minister. Walter nahm das Papier, welches jener auf das Canap é fallen lassen. Der Minister schüttelte mit dem Kopf. „Zuvor die Hauptpassus, die wir aus dem vo¬ rigen Memorial heraushoben. Man muß sich diese erst vergegenwärtigen. Es wird nicht mehr Alles für heut passen.“ Walter griff nach einem andern Heft und las: „„Bedrohte Selbstständigkeit — Unwille der Nation über den Verlust ihres alten, wohlerworbenen Ruhmes.““ Der Minister schüttelte den Kopf: „Dies bleibt nun weg. Wüster Lärm genug.“ Walter las weiter: „„Affilirung der Cabinets¬ regierung mit Haugwitz. An den Ministern haftet die Verantwortlichkeit für das, was sie nicht beschlossen, vor dem Publikum.““ „Oeffentliche Meinung! corrigirte der Minister. Weiter.“ „„ Man schämt sich einer Stelle, deren Schatten man nur besitzt.““ „Habe ich das im April geschrieben? Seine Lippen warfen sich zu einem höhnischen Lächeln. — Illusionen! Wenn sich Einige geschämt haben, jetzt haben sie sich anders besonnen. Das bleibt weg.“ Walter fuhr fort: „„Das Ehrgefühl der Be¬ amten wird unter einer solchen Regierung unterdrückt, ihr Pflichtgefühl abgestumpft. — Subalterne ge¬ horchen nur noch halb, sie suchen ihr Heil bei den Götzen des Tages.““ „Das bleibt. Das hat gewirkt, es kann noch wirken. Für die Reputation ihres Beamtenheeres haben sie noch einiges Tendre. Weiter!“ „„Der Monarch lebt in völliger Abgeschieden¬ heit von seinen Ministern. Von Allem, was geschieht, erhält er nur einseitige Eindrücke durch das Organ seiner Cabinetsräthe.““ „Sie halten inne. Haben Sie da Bedenken?“ „Könnten wir nicht die Person des Monarchen aus der Sache lassen?“ „Wir leben nicht in England. — Wir leben in Preußen, wo der Monarch mit dem Volke iden¬ tisch ist. Es scheint eine Anomalie, aber es ist eine Wahrheit. Wehe ihm und dem Volke, wenn es nur ein Schein werden könnte. Wo ein Fürst diese ab¬ norme Stellung hat, wo der Kopf sich eins fühlt mit dem Körper, muß er auch das vertragen können, was die andern Glieder. Preußens König ist so wenig ein Kaiser Karl und König Artus, die als Pagoden dasitzen, drei Köpfe höher als ihre Tafelrunde, als er ein Fürst ist, dem die Constitution ein glänzendes Altentheil angewiesen hat. Er ist nur der er ist, indem er eine Partikel seines Volkes ist. Exceptionell, ja, ja, durch¬ aus exceptionell, aber so ist's. Wir dürfen's nie aus dem Auge lassen. Er muß empfinden wie wir — das Streicheln und die Schläge. Man muß ihn anfassen können, schütteln ein wenig, ein derbes Wort sagen. Verträgt er es nicht — doch weiter, weiter!“ „Excellenz, einen jungen Eichbaum schüttele ich, aber eine Sinnpflanze —“ „Es ist keine Zeit für Sinnpflanzen, wenn der Samum weht. Man muß ihn schütteln. Uebrigens vergessen Sie nicht, das Gefühl für das Rechte hat er von seinen Ahnen geerbt. Er steht über den Parteien. Das ist allerdings eine Eigenschaft, die jeder König haben müßte, da aber nicht jeder König sie hat, Respect vor dem, der sie und in solchem Umgange sich bewahrt hat. Eine große moralische und intellectuelle Kraft hätte Europa noch nach dem Tage von Austerlitz gerettet. Diese Kraft fehlte. Ich kann dem, dem sie die Natur versagte, so wenig Vorwürfe machen, als Sie mich anklagen können, nicht Newton zu sein. — Weiter!“ „Nun folgen die subjectiven Gründe. „„Wer hat dies unbedingte königliche Vertrauen? Beyme und Lombard, von ihnen ganz abhängig Haugwitz. Je¬ ner — guter Jurist, ward übermüthig, absprechend, corrumpirt —Verbindung mit Lombard untergrub seine Sittenreinheit — gemeine Aufgeblasenheit seiner —““ Der Minister wehte mit der Hand. „Die Frauen mögen jetzt fortbleiben.“ „Wahrscheinlich auch die folgende Charakteristik: „„Physisch und moralisch gleich gelähmt und abge¬ stumpft. Seine Kenntnisse französische Schöngeisterei. Ernsthafte Wissenschaften haben diesen frivolen Men¬ schen nie beschäftigt, frühzeitige Theilnahme an den Orgien der Rietzischen Familie sein moralisches Ge¬ fühl erstickt.““ Soll das auch bleiben?“ „Weiter!“ „„In den unreinen und schwachen Händen eines französischen Dichterlings von niederer Herkunft, eines Rou é s, der seine Zeit im Umgang mit leeren Men¬ schen, mit Spiel und Polissonnerieen vergeudet, ist die Leitung der diplomatischen Verhältnisse, und in einer Periode, die in der neuern Staatengeschichte nicht ihres Gleichen findet.““ Auch das?“ „Ist's nicht wahr?“ „Aber wozu der Vorwurf niederer Herkunft?“ „Das verstehn Sie nicht. Der Minister war aufgesprungen. Brüstet er sich nicht selbst bei jeder Gelegenheit, daß er der Sohn eines Perrückenmachers ist! Ein Scandal! eine Verworfenheit ohne Gleichen. — Ja, wenn sie den Adel nicht systematisch zu La¬ quaien depravirt hätten, es stände anders. — Ihnen geschieht recht. — Laß sie an der Frucht ihrer Schuld nagen.“ „Das folgende, persönlich gegen den Minister Ge¬ richtete ist schon so oft gesagt —“ „Kann aber nicht oft genug wiederholt werden.“ Walter las mit Zaudern: „„Sein Leben eine ununterbrochene Folge von Verschobenheiten oder Aeußerungen von Verderbtheiten. Sein Urtheil seicht und unkräftig, sein Betragen süßlich und geschmeidig. — Als Gelehrter Phantast — dann Mystiker aus Liederlichkeit — Geisterseher aus Mode — Herrn¬ huter aus Bequemlichkeit — verschwendet die dem Staat gehörige Zeit am Lhombretisch. Abgestumpfter Wollüstling, gebrandmarkt im Publikum mit dem Na¬ men eines listigen Verräthers seiner täglichen Ge¬ sellschafter und eines Mannes ohne Wahrheit und Wahrhaftigkeit.““ Walter hielt inne und blickte auf den Minister. „War's eine zu schwere Aufgabe für Ihre Feder?“ „Ich frage mich nur, ob dieser persönliche An¬ griff nothwendig ist?“ „Man muß Personen ändern, wenn man Ma߬ regeln ändern will, habe ich Ihnen dictirt. Man muß die Personen niederschlagen, daß sie das Auf¬ stehen vergessen, wenn sie zur Vordertreppe hinabge¬ worfen, auf der Hintertreppe immer wiederkommen. Man muß sie zertreten, tödten, vernichten, wenn mit ihnen die Maßregeln unmöglich sind. Schonung aus Mitleid wird Verbrechen.“ „Wenn wir auf den Erfolg rechnen können! Seine Majestät erwiederten auf das erste Memorial, worin Excellenz auf Aenderung des Cabinets dran¬ gen: Sie wünschten nur, daß man Ihnen Beweise der Verräthern dieser Leute gäbe, so würden Sie keinen Anstand nehmen sie zu entfernen. Die Be¬ weise — sagt wenigstens das Publikum — liegen seitdem zu Tage — und —“ „Es bleibt Alles, wie es gewesen. — Und das, Herr, soll uns bestimmen, nicht unsre Pflicht zu thun! Nicht zu rütteln an den faulen Aesten, so lange wir Mark in den Gliedern haben, nicht zu schreien, rufen, warnen, so lange wir Athem haben und man uns nicht den Mund verbindet. Wie?“ „Ich schweige in Ehrerbietung vor Eurer Excellenz gerechter Entrüstung.“ „Nein, Sie sollen sprechen, Ihre Meinung sa¬ gen, dazu sind Sie hier; darum ließ ich mich in das Gespräch mit Ihnen ein. — Sie meinen, auch diese Denkschrift wird ohne Wirkung bleiben?“ „Man weiß, daß auch der alte General Blücher deshalb vergebens an den König geschrieben hat.“ „Und jetzt werden diese Denkschrift die Prinzen Wilhelm, Heinrich, Louis Ferdinand, Rüchel und ich unterzeichnen. Damit keiner meiner Freunde mir vorwirft, daß sie in der Hitze und Galle auf's Pa¬ pier geworfen ist, wird Johannes Müller sie vor der Unterschrift überarbeiten. Wenn solche Namen zu¬ sammenklingen, solche Männer die Arme verschlingen, solche Gründe ihm in's Ohr donnern, über welche Zaubermacht müßten diese Wichte gebieten, wenn er widerstehen kann. — Hier ist Müllers Concept. Er schließt: „„Dieses Cabinet, welches nach und nach zwischen Eure Majestät und das Ministerium sich eingedrungen hat, daß Jedermann weiß, was bei uns geschieht, geschehe nur und allein durch die drei oder vier Männer, hat, besonders in Staatssachen, alles und jedes Vertrauen längst eingebüßt. Ja, Majestät, die öffentliche Stimme redet fürchterlich deutlich und bestimmt von Bestechung.““ „So wird er Ihnen entgegnen: Beweis't es! Excellenz, dies eine Wort kann Alles verderben. Können wir, kann irgend Einer den Beweis führen? Ja, die Hand auf's Herz, kann einer dieser Hoch¬ gestellten und Gefeierten vor Gott die Betheuerung aussprechen: ich bin fest überzeugt, daß französisches Geld in ihren Taschen klimpert! Haben wir nicht vielmehr die moralische Ueberzeugung, daß sie mehr aus Indolenz, Eitelkeit, Dünkel, aus eigener Ueber¬ hebung, aus Schlaffheit und Faulheit im Denken, sich gegen das Vaterland versündigen, als daß sie wirklich Verbrecher sind!“ Der Minister machte, die Hände auf dem Rücken, die Augen niederschlagend, wieder seine Zimmerpromenade: „Sie mögen Recht haben, Gott hat sie nicht in seinem Zorn erschaffen, nur in seinem Mißmuth: daß, zu unserer Beschämung, auch solches Gewürm herum¬ kriechen muß.“ „Vermöge ihrer zwei Beine müssen sie doch auf¬ recht gehen, und aufrecht gehend müssen sie die Augen aufschlagen, sie müssen sehen, was vor ihnen ist. In Augenblicken, wo sie aus ihrem wüsten Taumel er¬ wachen, müssen sie auch an den Richterspruch der Nachwelt denken.“ „Was kümmert dies Gesindel die Nachwelt! Den Bauch vollgeschlagen, die Taschen gefüllt, so weit es die Honettität erlaubt, das heißt die Rücksicht vor den Leuten, mit denen sie mal Lhombre spielen können, und nach ihnen die Sündfluth!“ „Das Gefühl für Schimpf und Schande —“ „Prallt von den bunten Blechschilden ab, voraus¬ gesetzt, daß sie mit Gehalt, Pensionen, Güterschen¬ kungen gefüttert sind.“ „Excellenz, Lombard sprudelt und spricht jetzt nur Krieg, Lucchesini erklärt laut und offen, es ginge nicht anders, Haugwitz läßt den Kopf hängen —“ „Weil sie sich vor'm Pöbel fürchten.“ „Kann der Strahl nicht auch in ihnen gezündet haben?“ „Noch ein Optimist! Da walte Gott. Pack sie am Kragen und schmeiß sie zur Thür hinaus, so kommen sie zur Hinterthür wieder hereingetänzelt und fragen mit einem süßen Händedruck, es sei doch wohl nicht ernst gemeint gewesen? Wirf ihnen einen Schur¬ ken in's Gesicht, so lächeln sie über den liebenswür¬ digen Scherz. Was ist ein Fußtritt in einen Plun¬ derhaufen! Sie wollen Minister bleiben, Geheim¬ räthe, weiter nichts, und sie haben Recht. Was wären sie, wenn sie es nicht sind!“ „Und wenn dann doch eine innere Röthe der Scham —“ „Wenn die einmal herauskommt, treten sie vor den Spiegel und liebäugeln mit sich wie der Pha¬ risäer. Werfen sich in die Brust, denn was sie vor sich sehen, ist ja ein treuer Diener ihres Königs. Das ist der rechte bequeme Bettelmantel für diese Menschen. Wenn sie etwas Dummes und Schlech¬ tes gemacht, was sie vor Gott und Menschen und sich selbst nicht rechtfertigen können, haben sie es nur als treue Diener ihres Herrn gethan. Alles für ihren König! Mag Land und Volk darüber untergehen, wenn sie nur hinter der Decke der treuen Dienerschaft salvirt sind. Scham in diesen Laquaienseelen! Die sich nicht schämen, ihre eigenen Fehler und Sünden dem aufzupacken, als dessen Götzendiener sie sich an¬ stellen! Der, den sie als das strahlende Abbild gött¬ licher Majestät anpreisen, als Kratzbürste zu brauchen, an der ihr Schmutz kleben bleibt! — O dies Gezücht schämt sich auch nicht, wenn es umschlägt, die Achseln zu zücken und mit den Augen zu zwin¬ kern: Er wollte ja nicht anders, wir konnten nichts thun! Wer seine eigene Menschenwürde opfert, dem ist nichts heilig, er opfert Alles, zuletzt den Götzen selbst, wenn ein mächtigerer da ist.“ Walter sagte nach einer Pause: „Sind Eure Excellenz überzeugt, daß Haugwitz auf seiner Reise ohne Instructionen gehandelt hat?“ Der Minister faßte leicht seinen Rockzipfel: „Ein König, mein Lieber, ist ein Mensch, und ein Mensch noch nicht ein Chamäleon, wenn die Meinungen in ihm schwanken. Die Friedrich und Joseph, die Lud¬ wig und Karle der Vorzeit sind Ausnahmen. Die Mehrzahl der Fürsten sind Menschen wie wir. Das Gute und das Böse, das Richtige und das Falsche rollirt in ihnen wie in einem Glücksrad. Da ist es Pflicht der gewissenhaften Räthe, den Augenblick ergreifen, wo das Gute und Richtige oben liegt. Da müssen sie das Rad stille halten, sie müssen es, sage ich, auf die Gefahr hin, daß es sie ergreift und zerdrückt. Trauen sie sich das nicht zu, sollen sie in der Schreiberstube bleiben, oder ihrem Ehrgeiz mit Kammerherrnschlüsseln genügen lassen. — Wer so dreist ist, da oben stehen zu wollen, hat vor Gott, vor dem Volke, vor seinem König selber die Pflicht, ihm dreist in's Gesicht zu sehen. Nicht seine guten Launen soll er belauschen, um Gefälliges sich und Anderen zu wirken, seine ernsten Augenblicke soll er ihm abstehlen, und wollen sie entfliehen, soll er sie festhalten, mit eisernem Händedruck, er darf die Run¬ zeln des Unmuths nicht sehen, er soll den sprudelnden Zorn nicht achten. Es ist ein anderer Zeuge dann über ihm, über beiden steht ein anderer König, vor dem der Purpur und die Staatsweisheit Plunder sind. — Und dringt er absolut nicht durch, soll er vor seinem Könige sich neigen und sprechen: „nimm das Amt zurück, das noch rein ist in meinen Händen! Wehe dem, der ein leichter Gewissen hat, es zu be¬ flecken.“ Das ist ein wahrhaft treuer Diener . Die armen Könige, die keine Männer finden, nur treue Diener wie diese hier! setzte der Minister mit gedämpfter Stimme hinzu und trat, die Arme unter¬ V . 4 schlagend, an's Fenster. — Die armen Könige! wie¬ derholte er! ich könnte sie bedauern. Solche treue Diener waren es, die die Throne unterhöhlt, Dy¬ nastieen gestürzt. Ein arglistiger, böser Staatsmann hinterläßt Flecke; die kann man auswaschen, aus¬ beizen. Ein Chamäleon, das von jedem Regenbogen¬ strahl der königlichen Laune durchschauert ist, und ihn in Rescripten und Gesetzen austräufen läßt in alle Adern des Landes und Volks, dem Flüchtigen den Stempel der Autorität aufdrückend, der verdirbt die Völker und die Monarchieen. Ich sage Ihnen Ein Geräusch in der Ferne unterbrach ihn, zu¬ gleich brachte der Diener Licht. Es war Abend geworden. Drittes Kapitel. Gewetzte Degen. Der Lärm war ein wirres Stimmenmeer, unter¬ brochen von schallendem Gelächter. Ein schärferes Ohr hätte das Klirren von Stahl herausgehört, aber die Fenster, die ringsum von Neugierigen aufgeschla¬ gen wurden, ließen es nicht zu. Auch der Minister öffnete einen Flügel: „Wahrscheinlich wieder ein Theaterfurore!“ „Die Schick spielt heut die Elisabeth und die Unzelmann die Maria Stuart, bemerkte Walter. Man sprach davon, daß es unter ihren Anhängern einen Scandal geben könne.“ Der Minister blickte hinaus: „Ich sehe Uni¬ formen, wenn ich nicht irre, Gensdarmen. — Der Lärm kommt näher.“ Das Gelächter war jetzt mit lebhaften Hussa's, Bravo's und einem schrillen Pfeifen untermischt. „Etwa noch eine Schlittenfahrt! Daß Gott er¬ barm, diese Menschen lernen nichts.“ Eine Menschenmasse wälzte sich auf die Straße 4 * zu, und die klappenden Hacken auf dem Pflaster deu¬ teten auf ein Laufen. Eine Art Verfolgung mußte sein, aber die Verfolgten, wie immer Straßenjun¬ gen voran, jauchzten zugleich wie in einem Triumph¬ gesang. „Die Sache wird ernsthafter. Sie möchten sich umsehn, Asten, was es giebt.“ Die Dienerschaft unten hatte sich schon um¬ gesehen und der Haushofmeister kam eben mit einem Rapport herauf, der von den Ausrufungen, die man jetzt deutlich von der Straße hörte, unterstützt ward. Es war allerdings ein Straßenscandal, doch ernsterer Art. Viele junge Gensdarmen und Garde du Corps waren von einem lustigen Gelage in Char¬ lottenburg spät zurückgekehrt. Der Wein sollte in Strömen geflossen sein. Gläser klangen, zerbrachen, einige waren sogar durch die Fenster geflogen. Es galt aber weder der Schick noch der Unzelmann, son¬ dern den Franzosen und Napoleon. Man hatte sich in einen Harnisch getrunken, gesungen und votirt. Beim weiten Wege durch den nächtlichen Thier¬ garten war der Rausch nicht verraucht, vielleicht hatte der Anblick der Victoria auf dem Brandenburger Thore ihn noch erhöht. Die Kühnsten vorauf waren als Sieger durchgesprengt. Wo es beschlossen wor¬ den, ob hier erst, oder schon in Charlottenburg, weiß man nicht. Plötzlich war man abgesessen und nach dem Hotel des französischen Gesandten gezogen. Der eigentliche Hergang ward verschieden erzählt, man hatte Ursache, die Sache zu vertuschen. Ob man Spottweisen angestimmt, was man schrie, welche Reden man sich gegen den Bevollmächtigten des französischen Kaisers erlaubt, blieb unausgemacht, aber junge Officiere hatten ihre Säbel gezogen, und auf den Treppenstufen zum Hotel gewetzt. Es konnte im Dunkeln geschehen. Weder die Sterne am Him¬ mel noch die spärliche Straßenbeleuchtung machten die Uebermüthigen kenntlich. Aber plötzlich, wie durch einen Zauberschlag, wurde es im Hotel hell. Die Fenster, von denen man die Läden fortriß, glänzten von so schnell angezündeten Kerzen, daß die Ver¬ muthung wenigstens da war, der Ambassadeur habe, wie von Allem, auch von diesem Impromptu Wit¬ terung gehabt. Symbol für Symbol. Wir kündi¬ gen den Frieden, rief der Klang; ich nehme die Kün¬ digung an, antwortete der Lichterschein. Uebrigens blieb es todtenstill im Haus, kein Kopf zeigte sich an den Fenstern. Die älteren und besonneneren Officiere waren bei dieser unheimlichen Manifestation zurückgesprun¬ gen, und hüllten sich in ihre Mäntel. Nur einige jüngere, in denen der Wein glühte, waren durch den Lichtschein, auch wohl durch die Acclamationen des Straßenpublikums, das sich in immer dichte¬ ren Schaaren sammelte, noch mehr entzündet. Aber während ihre geschwungenen Pallasche funkelten, vernahmen andere schon deutlich Hufschlag und in der Scheide klirrende Säbel. War auch hier ein Verrath, eine Denunciation, eine geheime Sympathie im Spiele? Die Thatsache war, im Gouvernements¬ gebäude mußte der Feldmarschall Möllendorf, oder wer ihn vertrat, wach gewesen sein, denn Husaren und Polizeidiener sprengten heran, um dem Unfug zu steuern, die Thäter zu ergreifen. Der Lärm wuchs. Die sympathisirenden Zu¬ schauer bildeten noch einen Wall gegen die andrin¬ gende Polizeimacht. Unter den besonnenen Theil¬ nehmern an dem Abenteuer war die Gewissensfrage, ob sie für ihre Personen sich in's Dunkel salviren, und die jüngern Unbesonnenen, die nichts von der Gefahr ahnten, ihrem Schicksal überlassen sollten, oder ob ihre Pflicht erheische, sie mit ihnen zu theilen? Bei einem Rittmeister, den mittleren Jahren näher als denen der Jugend, war der Entschluß schnell zum Durchbruch gekommen, denn aus dem Dunkel der Bäume, wo er sich den Mantel schon fest umge¬ knöpft, sprang er plötzlich zurück, umfaßte einen jün¬ gern Officier, der eben mit seiner Degenspitze eine Scheibe im Fenster des Erdgeschosses berührte — in welcher Absicht, wußte der junge Mensch nachher selbst nicht — und mit den Worten: „Fritz, bist Du toll?“ schleuderte oder riß der starke Mann ihn zurück. Fritz schrie Worte, die vor jedem Gericht als Landes¬ verrath gelten mußten, der Rittmeister küßte sie ihm von den Lippen: „Ja, Fritz, wenn's losgeht, schla¬ gen wir ihn mit einander todt. Du nicht allein, Fritz, Respect, ich bin Dein Onkel, Dein Chef, ich schlage mit. Aber jetzt, Ordre parirt! — Mäuschenstill!“ Damit hatte er den eigenen Mantel losgerissen und um die Schultern des Neffen geknöpft. Der Neffe parirte auch, er schulterte, ein Gliedermann, aber in der Hand den blanken Degen. — „Platz! Platz!“ riefen die Polizeimänner. — „Retten Sie sich!“ rie¬ fen viele Stimmen aus den Gruppen; die Gruppen machten diesmal Partie mit Offizieren und Junkern, deren Uebermuth so oft doch ihre lauten Aeußerun¬ gen des Unwillens hervorgerufen hatte. Der Ritt¬ meister hatte rasch den Pallasch seinem Neffen aus der Hand gerissen und ebenso rasch hatten wohl¬ meinende Bürger den jungen Officier untergefaßt und in's Gedränge geführt. Er war gerettet, aber sein Retter — in der leuchtenden Uniform, den blanken Degen in der Hand! „Da steht er!“ rief der Commandirende der Pa¬ trouille und meinte wohl damit denjenigen, den die Reiter schon von fern gesehen mit der Degenspitze an den Fenstern klirren. „Platz! Platz!“ Der Platz aber war grade das, was fehlte, und wo er noch war, trat die hülfreiche Straßenjugend ein, ihn zu versperren. Es war von je in ihrer Art, die Polizei zu necken, und wir verschwören nicht, daß sie der Patrouille falsche Weisung gab, um ihren Eifer vom gesuchten Ziele abzulenken. Aber auch der Rittmeister fühlte sich plötzlich von einem Mann unter den Arm gefaßt und fort¬ gerissen. „Eilen Sie, schnell dort um die Ecke!“ rief eine ihm nicht unbekannte Stimme. Als sie um die Ecke waren, und der Officier einen Augenblick Athem schöpfte, erkannte er wohl in dem Dienstbeflissenen den Sohn seines Freundes van Asten, der nur einen andern ihm früher erzeigten Dienst vergolten hatte; es überkamen ihn aber andre Empfindungen, als die des Dankgefühls, indem er den Schweiß von der Stirn wischte. „Ein Officier darf doch nicht Reißaus nehmen!“ „Nicht vor dem Feinde, entgegnete Walter, aber vor einem Scandal. Schnell fort, bester Herr von Dohleneck.“ Der Herr von Dohleneck, der, wenn auch nicht so viel als sein Neffe, doch auch viel des süßen Wei¬ nes getrunken hatte, erhob den blanken Degen in die Luft: „Stehen oder fallen!“ „Gegen die Franzosen, Rittmeister, nicht gegen die Polizei.“ Er zog ihn weiter. Aber der Rittmeister blieb wieder stehen. Er lehnte sich an einen Brunnen. „Das ist ja eine verfluchte Geschichte —“ „Die noch übler werden kann. Eine Verhöh¬ nung des Gesandten, eine Verletzung des Völker¬ rechtes. Um Gotteswillen kommen Sie, schnell — weiter. — Werfen Sie den Degen fort!“ „Ein Stier von Dohleneck seinen Degen fort¬ werfen! — Wer sagt das!“ „Es ist ja nicht Ihr Degen. Ein fremder Pallasch, den Sie einem Ruhestörer aus der Hand rissen. Ihr Degen steckt ruhig in der Scheide. — Ich will's bezeugen, wenn's zum Schlimmsten kommt. Sie wollten nur Ordnung herstellen, Sie haben Ihren Degen nicht gewetzt. — Aber es darf nicht zum Schlimmen kommen. Es könnte sehr schlimm werden, außerordentlich schlimm, Herr von Dohleneck.“ Der Herr von Dohleneck hatte den eisernen Schwengel des Brunnens mit dem Arm umfaßt, in dessen Hand der blanke Degen hing, während er mit der andern sich wie ein Irrer immerfort über die Stirn strich. Ein Meer von Gedanken mochte auf¬ tauchen; oder versenkte sich sein Sinn in den Kessel des Brunnens, und stieg in ihm der begreifliche Wunsch auf, daß die kühlen Quellwasser ihn und seine Gedanken überrieselten! „Hol' mich der und jener, das ist ja grade eine Geschichte wie damals bei der Schlittenfahrt — “ „Schlimmer, drängte Walter; damals profanir¬ ten Sie Luther, der es Ihnen gewiß vergeben hat, heut Bonaparte, der es nie vergiebt, nicht Ihnen, nicht uns, nicht dem Könige.“ „Der König auch nicht! rief der Rittmeister. Ach Gott, ich bin ja Katharina von Bora.“ „Besinnen Sie sich.“ „Nein — richtig — ich war nur ihr Kammer¬ mädchen. Das ist alles eins. Wenn er's erfährt, bin ich cassirt.“ „Theuerster Herr von Dohleneck, ich wünschte, die Weihe der Kraft überkäme Sie, und Sie be¬ schleunigten Ihre Schritte.“ Dabei blickte sich Walter um, ob nicht irgendwo eine Hausthür sich öffne, in die er seinen Begleiter schieben könnte. Aber es war eine ruhige Straße, man hatte mit der Bürgerglocke geschlossen. Nur an den erhellten obern Fenstern blickten Neugierige her¬ aus. Es war nicht der aufsteigende Weingeist, der schwarze Bilder vor Dohlenecks Hirn malte. Jene berüchtigte Schlittenfahrt der Gensdarmenofficiere, in der sie Luther, Katharina von Bora und deren Klosterconvictualinnen in sehr frivoler Nebenbedeu¬ tung dargestellt, ein Ereigniß, das ganz Berlin in Aufruhr gebracht, hatte den langmüthigsten König auf's Empfindlichste gereizt; sein eigner Wille war diesmal durchgedrungen, und wenn die Thäter auch nicht so gestraft wurden, wie er für angemessen hielt, wurden doch die Urheber des Unfugs gestraft, seit langer Zeit ein Ereigniß, was noch mehr überraschte, noch mehr von sich sprechen machte, als der tolle Streich selbst. Es brauchte nicht der Erklärung, die man versucht hatte, daß dieser oder jener Minister, oder ihre Frauen, eine Pique gegen einen oder den andern der Officiere gehabt, es war der religiöse Sinn des Monarchen, der die Profanation rächte. Man wußte auch schon, daß er derartige Kränkungen nicht vergaß, und die, welche damals der Strafe ent¬ gangen waren, blieben doch in seinem vortrefflichen Gedächtniß notirt. Alles das wußte der Rittmeister von Dohleneck; oder vielmehr, es trat jetzt vor seine Seele, wie ein Zauberkünstler auf schwarzem Grunde plötzlich die bunten Bilder der Erinnerung vor dem Auge auf¬ rollen läßt. Der Wein, der zur Taube, zum Tiger, zum Bären verwandelt, war der Magier. Es war in dem Rittmeister Alles klar. Aber es stand keine Thräne in seinem Auge, er sprang nicht auf zu einem wilden Satze, er brummte auch nicht mit geschlosse¬ nen Zähnen. Der Wein übt noch eine vierte Macht, er senkt die süße Schwermuth über die Seele seines Opfers, die Schwermuth, welche auch über den Glück¬ lichen wie ein feuchter Nebel sich lagert, Balsam der heißen Brust. Der Rittmeister von Dohleneck wollte einmal Philosophie studiren. Wir zweifeln, daß er den Vor¬ satz ausgeführt hat, aber in seiner Brust mußte sich etwas von dem Stoicismus regen, der in großen Katastrophen den Schwachen stark, den Gedanken¬ losen zum Denker macht. Er blieb plötzlich auf dem Damme stehen, unbekümmert um den bekümmerten Blick, den Walter nach dem andern Ende der Straße richtete. Auch von hier kam eine Patrouille ihnen entgegen. Er drückte die freie Hand an die Brust: „Wozu strampeln gegen das, was man nicht ändert! Das Fatum! Nun weiß ich's. — Ob's der Teufel ist, das weiß ich nicht, aber es ist was, worüber ein ehrlicher Kerl nicht weg kann. Man möchte nicht, aber es packt Einen — Schulden, Liebe, Scandale — der Strick sitzt fest, eh' man ihn merkt, und nun will ich hängen. — Ein Stier von Doh¬ leneck flieht nicht. Mögen sie mich fangen und bra¬ ten, hier bin ich. 'S ist nun mal so.“ „Aber wollen Sie auf die Festung, derweil Ihre Kameraden die Franzosen schlagen? — Ritt¬ meister von Dohleneck, jetzt sich gefangen geben, jetzt sich cassiren lassen, wo der Krieg vor der Thür steht — Sie haben ihn erklärt — jetzt, jetzt, bedenken Sie, Ihre Officiersehre steht auf dem Spiel — jetzt ist es Ihre Pflicht und Schuldigkeit, Sie müssen sich Ihrer Ehre, dem Staate retten — Sie müssen —“ Dohleneck schien es einzusehen — das Fatum hatte ihn wieder umgeworfen. Er mußte sich retten — aber wie? Da rollte eine Equipage vorüber, von links und rechts, von beiden Seiten der Straße zeigten sich be¬ rittene Piquets. Das Halt! welches Walter dem Kutscher zurief, hatte eine glückliche Wirkung. Das war ein Moment. Im zweiten hatte er den Kutschen¬ schlag aufgerissen. Es saß nur eine Dame darin. Walter rief hinein: „Wer Sie auch sind, es gilt, einen Verfolgten retten. Kein Widerspruch, kein Laut!“ Man wird sich nicht wundern, wenn die Dame, trotz des kategorischen Befehls, ihm nicht ganz nach¬ kam, denn welche Dame in gleicher Lage mit der Baronin Eitelbach erschräke nicht, wenn auf solche Anmeldung ein Officier mit blankem Degen ohne ein Wort, ohne einen Laut zu ihr in den Wagen springt. Sie schrie auf: „Herr Jesus, was ist das!“ — Das folgende: „Er bringt mich um!“ erstickte aber schon auf ihren Lippen, als von denen des Officiers unter einem schweren Seufzer zuerst ein Fluch hervorbrach, dann die Worte: „Ich kann nicht dafür!“ Sie mochte die Stimme früher erkannt ha¬ ben als den Mann, der auf den Rücksitz — halb sank er hin, halb warf er sich. Der Degen rollte aus seiner Hand. Die Baronin fing ihn auf; er war scharf — natürlich, er war gewetzt, und an den Sandsteinstufen des französischen Gesandten! — und sie verwundete ihre Finger. — Nach Hause — das schicken wir hier vorauf — kam sie, die Hand umwunden mit ihrem Batisttuch. Ob sie sich selbst verbunden, ob der Rittmeister den Chirurg gespielt, darüber schwei¬ gen unsre beglaubigten Nachrichten. Das war der zweite Moment gewesen. Im dritten hatte Walter den Wagenschlag zugeworfen und dem Kutscher zugerufen: „Nun zugefahren, was das Zeug hält!“ Der Kutscher gehorchte pünktlicher als seine Herrin dem kategorischen Befehl und der Wagen kam unangefochten durch das Polizeipiquet. Nicht so ganz unangefochten kam Walter selbst da¬ von. Das Husarenpiquet, welches eben um die Ecke schwenkte, als der Wagen abfuhr, schien Miene zu machen ihm nachzusetzen. Der Commandirende, welcher unsern Freund zu kennen schien, salutirte ihm schon von fern leicht mit dem Säbel, um die Frage einzuleiten: ob nicht ein Militair in die Kutsche gesprungen sei? „Der Schlag ward geöffnet, entgegnete Walter, und die darin sitzende Dame nahm, wenn ich nicht irre, einen Bekannten auf.“ „Ein Officier mit blankem Degen?“ „Der Degen, wenn ich recht verstand, war mit den Fensterscheiben des Herrn von Laforest in Berüh¬ rung gekommen.“ „Cornet Wolfskehl, rief der eine Husarenofficier. Sagt ich's nicht!“ „Ich lasse mich nicht täuschen, erwiederte der Commandirende, das war Dohlenecks Statur. Sie müssen ihn ja kennen, Herr van Asten?“ „Sollte der Rittmeister so jugendlicher Tollheit zugänglich sein! Es war zu dunkel. Aber, meine Herren, da entsinne ich mich ja, der Rittmeister war heut zu Excellenz Schulenburg auf eine Lhombrepartie eingeladen, Excellenz Blüchers wegen. War Lom¬ bard oder Herr Crelinger der Vierte, darüber bin ich nicht recht gewiß, aber — warten Sie, — es wird mir gleich einfallen —“ Der Commandirende lächelte: „Wir danken für den Avis.“ — „Cornet Wolfskehl wird wohl zu fan¬ gen sein,“ meinte der Zweite. Die Husaren sprengten ihrer voraufgeeilten Pa¬ trouille nach. Wir verschwören nicht, daß in ihrer Verhandlung mit dem Ministerialsecretair nicht die wohlmeinende Absicht mitgespielt hat, dem Verfolgten Zeit zu lassen. Der Wagen der Baronin Eitelbach entging glück¬ lich der Polizei und den Husaren, und als er vor dem Hause der Madame Braunbiegler hielt, war nichts Gefährliches passirt, als daß eine Scheibe im Kutschenschlage — wahrscheinlich durch einen zufälligen Ellenbogenstoß — entzwei gegangen war. Auch hatte sich seltsamer Weise ein Fußgänger, nach einer Ver¬ ständigung mit dem Kutscher, zu ihm auf den Bock gesetzt. Dieser war, schneller als der Kutscher herab¬ gesprungen, bereits verschwunden, als letzterer sich langsam heruntermachte, um, in Ermangelung eines Bedienten, den Wagen zu öffnen. Ehe das geschah, hatte sich aber die Wagenthür gegenüber schon von selbst geöffnet und der Rittmeister war nach einem langen, zärtlichen Kuß auf die Hand der Baronin entschlüpft. Die Eitelbach war nie so langsam als heute die Treppe zu einer Gesellschaft hinaufgestiegen. Auch im Vorzimmer hatte sie noch so viel mit ihrer Toi¬ lette zu thun. Ein Glück, daß die große Gesellschaft, welche sich noch spät bei der Braunbiegler versam¬ melt, mit andern Dingen beschäftigt war, um auf ihre Verlegenheit Acht geben zu können. Diese Ver¬ legenheit hätte sich eigentlich noch um ein Bedeuten¬ des steigern müssen, als die Wirthin ihr mit dem Bedauern entgegen kam, daß sie ihre Hand an der Fensterscheibe verwundet habe, sie hoffe, es werde doch nicht üble Folgen haben. Die Wirthin hatte nicht Zeit, ihr Erröthen zu bemerken, sie hatte über¬ haupt in dem Gewirr nicht Zeit für einen einzelnen Gast. Auch Andere, die an ihr vorüber streiften, be¬ klagten die schöne Hand. „Es wird aber gewiß nichts auf sich haben.“ Wußte denn Jeder nicht nur die Thatsache, sondern schon das Mährchen, was sie sich künstlich zurecht gelegt, um die Wahrheit verber¬ gen zu dürfen? — Von wem hatten sie's erfahren? — Gott sei Dank, daß sie wenigstens das nicht ge¬ hört, von dem nichts wußten, was — es war das erste Geheimniß, was sie unter ihrer pochenden Brust verbarg. Die Brust blutete vielleicht heftiger als die Hand. In solchen Stimmungen kann eine große Ge¬ sellschaft, wo Keiner Zeit und Raum hat auf den An¬ dern Acht zu geben, zur Wohlthat für ein geängstetes Gemüth werden. Ein Hofmann hätte es eine ge¬ mischte genannt, sie bestand mehr aus den Optimaten des Reichthums als der Geburt. Der Reichthum hing von den Decken als Kronenleuchter, Armleuch¬ ter, Festons, Seiden- und Damastgardinen; er lastete in den Aufsätzen der Nischen und Ecktische, in den Teppichen auf dem Boden, vor allem auf und an der Wirthin. Zum Schildern ist nicht mehr Zeit. Die Juwelen, Ketten, Ringe, Aufsätze‚ die Madame Braunbiegler vom Wirbel bis zum Gürtel, von den Schultern bis zu den Fingerspitzen trug, waren in Berlin sprüchwörtlich. Reichthum, überall, wohin man sah, nicht ausgebreitet, sondern aufgeschichtet, lastend, prahlerisch, ohne Geschmack. In solchen Kreisen pflegt die Unterhaltung der Lebendigen, Hauch, der über eine Gesellschaft hinfliegen soll, den Wider¬ schein und Abdruck des Apparates anzunehmen. Der Patriotismus hier war anderer Schattirung, als der, welcher den Scheiben des französischen Ge¬ sandten gedroht. Das große Ereigniß, welches die Straßen, die höheren Kreise heut Abend in Bewe¬ gung versetzt, die diplomatischen in Entsetzen, hatte weniger Wirkung hervorgebracht. Man betrachtete den Krieg als etwas Ausgemachtes, Nothwendiges, die Dehors desselben kümmerten die Anwesenden we¬ niger. Nur die jüngern Leute versuchten in einer Nebenstube am Klavier die sechs neuen eben erschie¬ nenen Kriegslieder, componirt von Helwig, zu singen. Allgemeinsten Beifall erndtete aber das Kriegslied der Preußen von Karl Müchler, componirt von Mappes: „Endlich tönt der Ruf der Lust!“ Aber es war ein anderer, näher liegender Ge¬ genstand, der die practischen Leute beschäftigte. Gestern war eine Frage entschieden, die schon Wochen lang die Gemüther beschäftigt hatte: ob die Infanteristen Mäntel haben müßten? Es war eine Frage gewe¬ sen, so wichtig, so ernst behandelt und so lebhaft als irgend eine, welche zuweilen als Riesenschlange durch alle Gesellschaften in Berlin, von den Spitzen der Thürme bis in die Winkel der Kellerwohnungen sich gewunden und dort ihre Streiter gefunden hat. Fra¬ gen wie die, ob das neue Jahrhundert um Mitter¬ nacht zu 1800 oder zu 1801 gefeiert werden müsse, ob Fleck oder Iffland ein größerer Schauspieler, V . 5 Friedrich oder Napoleon ein größerer Feldherr ge¬ wesen? Es war eine ungeheure Neuerung, das gestand sich Jeder, Vielen schien sie gefährlich, weil den Fran¬ zosen nachgebildet. Ja, ein Husar, ohne Mantel ge¬ dacht, war kein Husar mehr; aber was blieb er noch, wenn auch Musketiere, Füsiliere, Grenadiere Män¬ tel erhielten! Der Unterschied von Cavallerie und Infanterie schien über den Haufen geworfen, ein so unübersehbarer Eingriff in die bestehende Ordnung, als heute Vielen eine Gemeindeordnung bedünkt, die den Unterschied von Stadt und Land aufbebt. Frie¬ drich hatte mit einer Infanterie ohne Mäntel gesiegt, er mußte doch wissen, warum es so besser war. Ein guter Soldat muß nicht frieren, wenn sein König befiehlt, daß er warm ist. Aber die Neuerer hatten eingewandt, daß auch der Infanterist ein Mensch ist, und daß jeder Mensch friert, wenn es kalt ist, daß der Regen den einen durchnäßt wie den andern, daß der Krieg seit Friedrich eine andere Fa ç on angenommen, daß Napoleon die Wintercantonirungen nicht mehr respectire, daß er seine Feinde zu Winterfeldzügen nöthigte. Die Mäntelpartei hatte gesiegt. Gestern hatte ein Erlaß der Geheimen Ober-Finanz-, Kriegs- und Domainen-Direction das Publikum davon avertirt: wie Seine Majestät, der König, schon längst darauf Be¬ dacht genommen, daß der Soldat im Kriege nicht frieren dürfe, und wie es Seiner Majestät Wunsch sei, daß alle seine braven Krieger eine wärmere Winterbekleidung erhielten, namentlich die Infanterie Mäntel mit Aermeln, die Cavallerie wollene Unter¬ hosen. Da aber selbige aus allgemeinen Mitteln zu beschaffen in gegenwärtiger Zeit auf mannigfache Schwierigkeiten stoße, so werde die Bereitwilligkeit der Nation angerufen, das Unternehmen des gelieb¬ ten Landesvaters zu unterstützen und ihren warmen Patriotismus durch die That zu bewähren. Mäntel! war das Loosungswort durch die Stadt, im Civil, wählend das Militair nur Krieg wollte, mit oder ohne Mäntel. Zum ersten Mal war das Publikum aufgerufen, ein großes Werk des Allge¬ meinwohls zu unterstützen, ja die Initiative war ihm in die Hand gegeben. Wen darf es wundern, wenn es umher brauste und schwirrte, eine Thätig¬ keit sich entwickelte, die sich selbst hemmte und ver¬ wirrte. Der Staat hatte bisher für Alles gesorgt, nun sollte der Bürger nicht allein für sich, auch für den Staat sorgen! Commissionen und Ausschüsse zu bilden, wo sollte man gelernt haben, was sich jetzt von selbst macht! Der Magistrat, der es in die Hand genommen, fand dafür kein ander Mittel als eine Subscription, die von Stadtverordneten Haus für Haus umhergetragen werden sollte. Das war ein langer Weg. Aber nun fühlte sich Jeder berufen, auf seine Hand es in die Hand zu nehmen; die Rähte¬ rinnen und die Geheimräthinnen, auf den Kanzeln und in den Werkstuben, im Theater und in den Weinhäusern, auch in andern Häusern, es war überall 5* nur ein Wort, überall wollte man helfen, noch lie¬ ber Rathschläge geben, wie man helfen könne. In der Gesellschaft der Braunbiegler hatte die Sache noch eine andere Seite. Auf dem Conto Debet stand Patriotismus und Tuch. Was Madame Braunbiegler gezeichnet, konnte man auf ihrem strah¬ lenden Gesichte fast in Zahlen lesen. Die Dame selbst wog mit ihrem treffenden Blicke die Gäste ab; auch sie las auf jedem Gesichte, wie viel ist der Mann werth? Wie viel hätte er zeichnen müssen? Wie viel hat er zu wenig gezeichnet? Wie viel zu viel, um sich höher zu stellen? Endlich — wie tief stehen sie alle unter dir! Ihr zunächst mußte der Baron Eitelbach stehen. War er doch ihr Compagnon! — Aber er stand nicht, er ging, er flankirte mit seinem strahlenden Gesicht durch die Gruppen. „Was sagen Sie nun dazu, Kapellmeister? Ha¬ ben die Deutschen keinen Patriotismus nicht, Herr Righini?“ „C'est étonnant! erwiderte der Angeredete. Selbst meine Waschfrau präsentirte mir einen Subscriptions- Zettel.“ „Pfui! Das finde ich eigentlich abscheulich. Wenn die Populace sich erst mit etwas befaßt, dann, muß ich gestehen, faß ich's ungern noch an!“ „Der Geist der Zeit!“ sagte ein Dritter. „Was ist das?“ fragte der Baron. „Ein Buch, was eben erschienen ist, bemerkte ein Vierter, von einem gewissen Moritz Arndt. Es macht viel Aufsehen.“ „Mir unbekannt!“ sagte der Baron und ließ seine Lorgnette umherblitzen. Der Vorige bemerkte, daß der eben neu aus¬ gegebene Preußische Staatsanzeiger auf das Buch aufmerksam mache. „Was steht denn in den Zeitungen? Ich habe wirklich nicht Zeit, sie zu lesen.“ „Der Kaiser Napoleon ist in Mainz angekom¬ men. Sie schreiben, er sähe magerer und blasser aus als sonst, übrigens in vollkommener Gesundheit.“ „Gar nichts Interessantes?“ „In Neapel ist der berüchtigte Räuberhauptmann Fra Diavolo in Ketten eingebracht worden. Er ist wahrscheinlich jetzt schon erschossen.“ „Ah! Compagnon von Rinaldo Rinaldini, Abälino, Righini etcetera. Der Baron legte mit anmuthiger Schalkheit seine Hand auf die Schulter des Kapellmeisters. Der Wahrheit die Ehre, Ihr Vaterland liefert uns immer die interessantesten Räu¬ berhauptleute, stupende Kapellmeister und die schönsten Sängerinnen. A propos , wie heißt denn die, die in Paris jetzt Furore macht?“ „Catalani — man schreibt eben, daß der Kaiser ihr eine Pension von 1200 Francs ausgesetzt hat.“ „Hab's gelesen — ja, ich hab's selbst gelesen. Man muß die Künste protegiren, das ist nobel. — Die Schmalz sang auch admirabel, muß man ihr lassen — ah, eine Kunst und eine Stimme! Ist jetzt in Italien. Wenn sie nur hübscher wäre! — Es geht nichts über Kunst, sag' ich Ihnen. — Neu¬ lich: Beschämte Eifersucht! — Was geht mich das Stück an? — Aber die Mebus! Zum Küssen, sag' ich Ihnen. — Und Mattausch — ist nicht mein Mann — aber die Damen — Göttlich! göttlich! und die Tücher vor den Augen. — Iffland kam gar nicht gegen ihn auf. „„Berlin sah seinen Iffland wieder,““ steht's in der Zeitung — ja, 's steht Manches in der Zei¬ tung, was doch nicht so ist. Aber Iffland, à la bonne heure , halten Sie ihn nicht auch für einen denkenden Künstler, Herr General-Stabsarzt?“ Der Angeredete verneigte sich nur schweigend. „Sehn Sie, das hab' ich immer gesagt, wo Iffland nicht spricht, weiß man sogar, was er denkt. A propos , wissen Sie denn von der Eigensatz? — Geht nach Wien —“ Der Zusatz ward nur hinter der Hand einem der Glücklichen ins Ohr geflüstert. Der Baron be¬ glückte längst andre Gruppen mit seiner erheiternden Gegenwart, als das stille Gelächter im Kreise, den er verlassen, den Umlauf machte. „A propos, ma belle! rief der witzige Baron, als er seine Gattin zu Gesicht bekam, was ist denn das für ein Kutschenfensterscheibengestoße? Denkst Du, Glas kostet kein Geld? Werde die Thüren mit Brettern vernageln lassen, profit tout clair ! Dann sieht auch Keiner, mit wem Du drin sitzest.“ „Du weißt — ?“ Ihre weißen Perlenzähne starrten ihn an. „Ziert sich, weil er ihr den schönen Arm küssen will, und stößt darüber die Scheibe ein.“ Ihre Perlenzähne verschlossen sich, aber ihre schönen Augen wurden größer. „Mir schenkt man reinen Wein.“ Jetzt erst platzte das „Um Gotteswillen, wer?“ heraus. „Wer anders als der Legationsrath! Was war's denn nun, daß er zu Dir in die Kutsche sprang? Muß man sich darum so haben!“ „Der Legationsrath?“ „Ist ein gescheiter Mann und wird nicht plaudern.“ „Du kannst ihn ja aber nicht ausstehn.“ „Man kann Viele nicht ausstehn, ma chère , und trinkt doch mit ihnen Brüderschaft.“ In sprachlosem Erstaunen sah die Baronin ihn an. „ Ma chère , verstehe mich. Die Sache ist ganz simpel. Wandel reitet mit Achten vorgespannt in's Herz der Braunbiegler. — Wenn's zum Klappen kommt, wird sie — den Teufel — so dumm sein und einschlagen. Aber 's ist doch die Möglichkeit, wer kennt die Weiberherzen. — Und ein solcher Com¬ pagnon in's Geschäft, na, da gratulire ich! Also —“ „Was denn?“ „Um's kurz und klein zu machen, laß Dir von ihm die Cour machen, so viel er Lust hat, und wenn er zu Dir in den Wagen springt, schrei nicht auf.“ „Der Legationsrath!“ Weiter wußte die schöne Frau nichts zu sagen, denn der Legationsrath stand vor ihnen. Es ging zur Tafel. Der Baron legte den Arm seiner Frau in den des Rathes: „Sie schmachtet nach Ihrer Unterhaltung. Sein Sie lie¬ benswürdig, so viel Sie können, es wird Niemand eifersüchtig —“ In sich lachend, setzte er hinzu: — „außer wer es soll!“ Das Opfer ging neben dem, dem sie geopfert schien. So roh, widerwärtig, war ihr Gatte ihr nie vorgekommen. Wandel ging im würdigsten Ernst. Er sprach Gleichgültiges, unbefangen. So war er bei Tisch der liebenswürdigste Nachbar, aber sein Ge¬ spräch, seine Erzählungen waren für Alle, sie mu߬ ten Jeden interessiren. Der Baron hatte seine Ab¬ sicht nicht erreicht, die Braunbiegler ward nicht eifer¬ süchtig, die Baronin aber saß auf Kohlen. Nachher kam ein Moment, um mit Wandel, in eine Fensternische von den Aufbrechenden zurück¬ gedrängt, unbemerkt ein kurzes Gespräch zu pflegen. „Um Gotteswillen, was ist das?“ Wandel antwortete, mit der Quaste der Gar¬ dine spielend, als unterhalte er sich mit seiner Dame über irgend eine Trivialität: „Sein Sie unbesorgt. — Ich bin, ich bleibe der Wächter Ihrer Ehre — der Kutscher ist von mir gewonnen; es wird noch Alles gut werden, wenn Sie sich nicht selbst verrathen.“ „Mein Gott, Herr von Wandel, wie komme ich dazu!“ „Still! Ich beschwöre Sie, nur keine Emotion! Sie haben sich beherrscht, ich habe Sie bewundert. Fahren Sie so fort. In meiner Brust ruht Ihr Geheim¬ niß wie im Schooß der Erde — vertrauen Sie mir — “ „Aber, lieber Gott, wenn ich's recht bedenke, was ist es denn eigentlich —“ „Denken Sie nicht, um Gotteswillen, denken Sie jetzt nicht. Dem Reinen ist Alles rein, aber — wer ist vor diesen rein? Ein Rendezvous in der Kutsche — bei Nachtzeit — Ihre verwundete Hand! — die zerschlagene Scheibe — die Lüge! O ver¬ zeihen Sie, ich rede nur, was diese reden würden. Gräßlich, wenn Auguste morgen der Gegenstand des Stadtgesprächs — Nein, nimmermehr! Denken Sie nicht, Sie sind in Agitation — lassen Sie jetzt Andre für sich denken, die ruhiger sind, die wenigstens ruhi¬ ger scheinen,“ setzte er seufzend hinzu. Sie reichte ihm bewegt die Hand: „Sie meinen es gut.“ „Gnädige Frau, sagte er, respectvoll zurücktre¬ tend, Mancher ist doch besser, als man glaubt.“ „Charmant! sagte der hinzutretende Baron, um seine Frau fortzuführen. Continuiren Sie, Herr Le¬ gationsrath, noch bin ich nicht eifersüchtig. Aber was nicht ist, kann noch werden.“ Viertes Kapitel. Nur eine Kleinigkeit. Es war schon Nacht, als Walter mit seinen Er¬ kundigungen in das Hotel des Ministers zurückkehrte. Es waren inzwischen noch mehr Nachrichten ein¬ gegangen, geeignet die ernste Stimmung des Staats¬ mannes zu erhöhen. Seine Gereiztheit hatte aber einer klaren Ruhe Platz gemacht, gleich wie das Dunstgewölk draußen einem sternenklaren Himmel, das Geräusch des Abends einer tiefen Stille ge¬ wichen war. Nur aus entfernten Gärten und Ta¬ bagieen schallte noch eine dumpfe Musik. Depeschen wichtigen Inhalts waren dem Minister communicirt worden: Napoleon hatte endlich officiell dem Berliner Cabinet die Stiftung des Rheinbundes notificirt mit einer formellen Aufforderung, dieser Conföderation zum Wohl des gesammten Deutschlands beizutreten. Ein bittrerer diplomatischer Hohn ließ sich kaum denken. Eben als Laforest von seiner Mel¬ dung zurückgekehrt, hatte er die Serenade der Gens¬ darmen empfangen! „Das ist ein reiner Zufall!“ war Walters Meinung. „Wenn nun die ganze Weltgeschichte Zufällig¬ keiten wären, die unser grübelnder Verstand zu einer Kette von Nothwendigkeiten verschlingt!“ Walter meinte, daß Laforest zu verständig sei, eine Insulte trunkener Jünglinge anders zu be¬ trachten, als sie war. „Gewiß, hatte der Freiherr erwidert, Napoleon wird um dieser Albernheit willen keine Stunde früher losschlagen, als seine Absicht ist. Aber eben, weil wir und er noch nicht gerüstet sind, weil wir beide die Maske der Freundlichkeit noch nicht abwerfen dürfen, zu welchen Lügen zwingt uns abermals die Unbesonnenheit! Man muß die jungen Leute härter strafen, als nöthig. Hardenberg muß wieder mit süßschwellenden Lippen Betheuerungen unserer freund¬ schaftlichen Gesinnung machen. Das ist der Fluch unserer Gedankenlosigkeit, setzte er hinzu, des Alles¬ gehenlassens, daß sich Zustände, Stimmungen ent¬ wickeln, die naturgemäß heraus müssen; wir ließen sie zu, wir nährten sie sogar, und wenn es zur Ex¬ plosion kommt, erschrecken wir, stehen rathlos, und möchten mit Keulen das Kind zurückschlagen, das aus der Mutter Leibe will.“ Der Minister stand wieder am offenen Fenster. Athmete er die frische Herbstluft ein, oder verfolgte sein Auge das sternenbesäete Firmament? Zuweilen schien er auf die Blaseinstrumente zu horchen, deren Töne der Luftzug stärker herantrug. Es war immer der Dessauer Marsch. „Der alte Dessauer sang ja auch, wohl die Kirchenlieder nach der Weise! — Es ist Alles hier eine Weise. Das ist's, was den Muth dämpft.“ Walter meinte, in Ansichten sei doch eine Muster¬ karte vorhanden. „Nein, die Uniform ist in's Blut gedrungen. Das ist's! Das ist das Uebel. Ein König war ein¬ mal ein Wütherich der Sitte, da wurde das Volk puri¬ tanisch, ein anderer ein Freidenker, da wurden sie Freigeister. Dann Libertins, zur Abwechselung Träu¬ mer, magnetisch verzückt, Geisterseher. Aus Ueberdruß auch wieder tugendhaft, häuslich. Sie wären Ency¬ klopädisten, Freimaurer, bureaukratisch fischblütige Jacobiner geworden, wenn Menken länger gelebt, und Beyme nicht in die Stricke der andern gefallen wäre! — Und was das Uebelste vom Uebel, sie hal¬ ten diese Virtuosität des Nachspringens noch für Bravour und Tugend.“ „Und hat nicht diese Virtuosität oder Tugend unsern Staat zu dem gemacht, was er ist?“ „Respect vor dem Geschlecht, junger Freund! Die großen Männer waren es, die Riesengeister, von jenen Bergen stammend, auf denen auch der Hohen¬ staufen in die Wolken sah.“ Auch die Stammburg des Ministers schaute von einem Berge in die Wolken. Der Minister mußte den lächelnden Zug um seine Augen ver¬ standen haben; es lag wieder etwas wegwerfende Härte in seinem Ton: „ Sie können nicht dafür, daß Sie es nicht be¬ greifen. Ihre ganze Erziehung, die Bildung hier ist daran schuld. — Es war ein Experiment, wie es in der Weltgeschichte nicht noch einmal vorgekommen. Daß eine Dynastie, ein Fürstengeschlecht ein Volk machte ! Zusammengeleimt widerstrebende Theile mit seinem Blute. Ich sage Ihnen, ich habe den höch¬ sten Respect vor diesem Blute. Welche Eisentheile, welche Elasticität, welche Attractionskraft, Klarheit muß die Schöpferin Natur da einmal in ihrer über¬ müthigen Laune hineingegossen haben! Aber wenn ein Volk, wenn Stämme, wenn die Natur selbst dar¬ über untergingen, dann erlaube ich mir wenigstens eine Thräne an ihrem Grabe.“ — Nach einer Pause hub er wieder an: „Ich sage Ihnen, ohne Aristokratieen ist kein Leben in der Natur, kein Fortschritt in der Menschheit. Die Welt¬ geschichte wäre ein mongolisch-chinesischer Brei, ohne Halt, Erhebung, tragische Größe. Wenn man die Kirchthürme abbricht und die Schornsteine höher mauert, die Berge planirt und mit Schubkarren Hügel aufführt, ist das Ersatz? Was wäre der Erd¬ ball ohne sein Granitgerippe, das ihn zusammenhält gegen Orkane und Fluthen, Wälle gegen Sonnen¬ brand und Steppensand! Wo entspringen die Flüsse? In dem ewigen Schnee, der auf ihren Firnen lagert. Die Menschennatur ist nicht anders. Hab ich eine Stimme wie die Catalani? Sind Sie schön wie Adonis? Können wir's uns geben? Sie würden mich, ich Sie einen Thor nennen, wenn wir danach trachteten. Wohin hat die Gleichmacherei der Ja¬ cobiner geführt! Frankreich seufzt unter einem neuen Marschallsadel; so dünn plattirtes Gold es sei, das Volk muß es von seinem Schweiße hergeben, wie es die Säckel der Directoren füllen, die Guillotinen mit seinem Gelde bauen mußte! Ist der alte Adel darum todt? Er lauert nur, und läßt seine Nägel wachsen, um's wieder an sich zu scharren, wenn die Gelegen¬ heit kommt. Das die Wirkung der Impetuosen.“ „Hier liegt aber vor uns die Arbeit eines Jahr¬ hunderts, und darüber. Wir sehen nicht mehr die Arbeit, nur das fertige Werk.“ „Ist es fertig? — Er schüttelte den Kopf. — Was wäre der schönste Gliederbau werth, dem der Kopf fehlte? — Man fängt an, auf Friedrich zu schmälen. Man hat Unrecht, auch der wackere Arndt irrt. Was er als Sünde des Individuums züchtigt, war nur der Instinct des Blutes, es war die wun¬ derbare Aufgabe der Dynastie, die Naturen und ihre Summitäten zu ertödten, um aus sich heraus allein das Werk zu erschaffen. Wär's ihnen gelungen, ge¬ lingt es ihnen, dann sind sie im Recht, es war eine Mission, eine Aufgabe von Gott, aber —“ Das plötzliche Verstummen des Ministers war nicht von den Zeichen begleitet, welche den Willen, ein Gespräch abzubrechen, andeuten. Er wollte Widerspruch. Walter aber lenkte es von einer Seite ab, von der er wußte, daß sie für den Freiherrn im¬ mer empfindlich war. Er lenkte es auf die Frage hin: ob denn die großen Reorganisationspläne des Staatsmannes grade in dem kritischen Augenblicke an der Zeit seien? „Jetzt oder nie! fiel der Freiherr ein. Preußens Geschichte laß ich als eine seltene Rarität unbe¬ rührt. Wir empfingen das Werk mit dem Stempel, den seine Schöpfer darauf gedrückt. Diese Schöpfer sind todt. Und wenn sie als Geister aus ihren Grüf¬ ten um uns schwebten, sie könnten uns doch nicht zu¬ flüstern, was wir thun müssen, denn ihre Kenntniß ist aus ihrer Zeit. Wir müssen aus der schöpfen, die ist. Ein stolzes Orlogschiff schaukelt im stürmi¬ schen Meere. Seine Capitain und Steuerleute sind gestorben, ihre Papiere verloren, selbst die Traditio¬ nen, wohin es steuern müsse, sind es. Was soll man thun? Die Hände in den Schooß legen, es den Winden überlassen, wohin sie treiben? — Ja, dann verdienten sie, Mann und Maus, elendiglich auf dem Wrack umzukommen. — Nein, das Volk wird zu¬ sammentreten, berathen, die Tüchtigsten aus sich, die Erfahrensten, die Kühnsten auswählen, sie in die Masten schicken, ihnen das Steuer in die Hand geben, und, mit Gott, sie werden thun, was an ihnen ist, sich und das Fahrzeug zu retten. — Ein solches Schiff ist Preußen, ein solcher Augenblick ist dieser. — Jetzt gilt es das Volk aufrufen, jetzt oder nie. Erwacht, erwägt, was es Euch ist, dies Vaterland, ob es werth, daß Ihr Alles dran setzt, Alles, nicht nur Gut und Blut, auch die Gewöhnung, das einge¬ schrumpfte Dasein, den Stolz. Sie müssen neu ge¬ boren, sie müssen wieder Kinder werden, um der Gnade empfänglich.“ „Und wenn das Volk den Ruf nicht hörte!“ „So haben wir gerufen, und der Schall vibrirt fort durch die Luft — er weckt nach uns, Andre wer¬ den uns hören, wenn wir längst untergegangen.“ Der Freiherr ging wieder in Gedanken versun¬ ken auf und ab. Er blickte noch einmal zum Fen¬ ster hinaus, und das Sternenlicht schien wieder seine Ruhe und Klarheit auf das characterfeste Gesicht des Mannes gehaucht zu haben, als er zurückkehrend sich Walter gegenüber am Tische niedersetzte. „Wir dürfen uns nicht in Empfindungen ver¬ lieren, es drängt. Nehmen Sie wieder die Feder —“ Walter schrieb — hingeworfene Sätze, die von den Lippen des Ministers, wie ein immer lebendige¬ rer Quell, sprudelten. „Gedenken Excellenz auch dieses Memorial durch die Hand der Königin an die höchste Stelle zu be¬ fördern?“ „Ja, die Königin — wenn sie —!“ Die Ge¬ danken flogen, sie drängten und überstürzten sich, con¬ vulsivisch, wie die Bewegungen der Lippen. „Und warum es uns verhehlen, was eine nur zu sichere Ahnung uns sagt! Auch dieser Versuch wird scheitern! Zu einem Titus in Tagen des Frie¬ dens war er geboren. Die Zeit forderte einen Sulla. Dieser bürgerliche Gerechtigkeitssinn reicht nicht aus in Zeiten, wo das Recht aufhört. Daß es da ein höheres giebt, was der geweihte Priester aus den Wolken greifen muß, wer darf ihn tadeln, daß ihn Gott zu diesem Glauben nicht geweiht. Er hat eine Scheu vor außerordentlichen Schritten — es wird ad acta gelegt werden wie das andre. Sollen wir darum nicht unsre Pflicht thun? — Wir werden Napoleon unterliegen.“ „Seiner Uebermacht?“ „Nein, unsrer Unmacht! Unserm Dünkel, der den in Sturm und Donner neu schaffenden Gott nicht sieht. — Schreiben Sie weiter —“ „Und mit dieser Vorahnung —“ „Vorbewußtsein, corrigirte der Minister, will ich ihnen einen Spiegel hinhalten. Desto besser, wenn sie ihn im Zorn zerschlagen, weil sie so häßlich drin aussehn. Wenn die Zuchtruthe des Herrn über sie kommt, lernen die Völker beten. Mit Gebet allein aber, mit dem Insichgehn ist's nicht gethan, sie sollen aus sich herausgehn. An Verstand hat's nicht gefehlt, aber an Muth, ihn auszuprägen. Wir werden nicht erndten, aber säen wollen wir. Der Krieg wird die Saat zerstampfen, aber ein Körnlein geht doch auf.“ Es war lange nach Mitternacht, als Walter die Feder niederlegte. Es war nicht ungewöhnlich, daß V . 6 der Minister nach gallichten Ergüssen seiner Heftig¬ keit selbst die Gescholtenen zur Widerrede aufforderte. Zur Ruhe zurückgekehrt, hörte er sie auch ruhig an. Walter glaubte, daß er in mehreren Punkten die Wirklichkeit schwärzer gemalt, als sie sei. „Das ist nur der Fluch jeder Parteistellung. Im Eifer fliegen wir über das Maaß hinaus, in der An¬ schuldigung wie in der Vertheidigung. Es läßt sich nicht anders thun, der redlichste Wille wird unter¬ than dem Zwecke. Götter sind wir nicht, und der Allmächtige wird wissen, warum er uns nicht Engels¬ seelen gab. — Uebrigens solcher Liederlichkeit ist auch Gift ein Heilmittel. Heim braucht jetzt Arsenik, wenn das kalte Fieber absolut nicht weichen will.“ Walter legte aufstehend die Papiere zusammen. Die Sitzung war geschlossen. „Warum schaudern Sie? — Ich bin jetzt heiter.“ „Ich fragte mich nur, noch ergriffen von Ihrer Darstellung, ob denn noch schlimmere Zustände möglich sind!“ „Wenn — Gottes Zornruthe nicht drein fährt! Ja. Er allein kann helfen, das bekenne ich hier vor Ihnen in Demuth. Wenn keine Blitze niederzücken, kein Gewitter diese faule Luft reinigt, so helfen alle unsere Vorschläge nichts. Dies in liederlicher Hu¬ manität aufgepeppelte Lottergeschlecht ist zu nichts Urkräftigem mehr tüchtig. Im glücklichsten Fall wür¬ den sie unsere Pläne wie ein neues Spielzeug hin¬ nehmen, das so lange amüsirt, als es neu ist. Die Blasirtheit ist weder der Begeisterung noch der Ent¬ rüstung fähig. Das ihr Fluch. Im Drang nach Unterhaltung spielen sie mit Allem, was ihnen hin¬ geworfen wird, sie flattern aber auch in jedes Netz, das die Arglist ihnen stellt. Wissen Sie, welche Netze, wer sie ihnen einst stellt? Die Herrschaft die¬ ser frivolen Schwätzer, gedankenlosen Rou é s ist recht geeignet, den Boden zu anderer Saat weich zu machen. Ein Ekel muß doch am Ende die bessere Natur überkommen, auch die nichts Besseres weiß. Sie stürzt sich dann aus Verzweiflung in das erste Beste, was ihr vorgehalten wird. Die Versuche der Wöllner und Bischofswerder kamen nur zu früh, zu ungeschickt. Darauf ließ man die Romantiker los; junge Genies, von denen ich gern glauben will, daß sie in ihrem taumelnden Uebermuth selbst nicht wu߬ ten, an welchen Fäden sie flatterten. Diese Fäden sind abgerissen, aber der Knäuel ist noch da. Wer sieht voraus, wann er wieder neue Fäden auswirft. Friedrich, in seiner großen Schöpferkraft schwelgend, vergaß, daß es noch einen Schöpfer außer ihm, über ihm, gab. Das muß sich rächen. Den ewigen Gott haben sie zum sentimentalen Großpapa im Schlafrock gemacht. Gott läßt sein nicht spotten. Das wird , das muß einen Umschlag geben. Der kann fürch¬ terlich werden. Den Gott am Kreuze wollen diese nicht mehr anbeten, es können Andere kommen, die fordern, daß wir das Kreuz ohne den Gott anbeten. Wie nun, wenn ein langer Friede wieder die Ge¬ 6* müther in frivole Ruhe, in läppischen Dünkel auf die Thaten ihrer Väter eingewiegt hat, wenn da diese Mächte wieder ihre Netze spinnen! — Nun, junger Freund, denken Sie sich dann diese von heut, so gedankenlos wirthschaftend mit dem Gut des Va¬ terlandes, so die Traditionen vergeudend, den Staat von Ehr und Ansehen, durch Jahrhunderte von den großen Hohenzollern gesammelt, großsprecherisch und kleinkrämerisch, mit einem Fassungsvermögen, das nicht über heut hinausgeht, und denken Sie diese Verwalter noch den Mantel der Tugend und Reli¬ giosität sich umhängend, und dann fragen Sie sich selbst, ob es nicht noch schlimmer werden kann, als es ist?“ „Es ist Geisterstunde!“ „Und Sie meinen, ich sähe Gespenster. Möglich. Aber Rom vergißt nie die Fesseln, die es der Welt geschmiedet, und zweimal wurden sie von Deutschland aus gebrochen. Auf dieser Sandscholle ruht eine wunderbare Mission — Genug davon! — Wenn ich ihn weniger haßte, ich könnte ihn lieben, diesen Na¬ poleon. Ein fürchterlicher Arzt, treibt er die Krank¬ heit mit Skorpionengeißeln zur Krisis — Aber was dann kommt — die Genesung, wie sie ausschlägt —!“ „„Man muß auf die großen Beispiele der Ge¬ schichte zurückblicken, und Vertrauen auf die Vor¬ sehung haben,““ schrieben Excellenz neulich an den Freiherrn von Vincke.“ „Was hielte uns sonst aufrecht! — Aber diese Vorsehung ließ Reiche und Nationen vom Erdball verschwinden, um andern Platz zu machen — sie ließ auch einen langen byzantinischen Todeskampf zu.“ „Was Gott walte, rief Walter, daß diese Agonie von Deutschland fern sei.“ „Amen!“ sagte der Minister. Draußen klirrten Schleppsäbel auf dem Pflaster, junge Officiere, von einem verspäteten Zechgelage heimkehrend, gingen lachend und singend vorüber. Es war eine unangenehme Störung in der Feier¬ stunde des Gespräches, in der stillen Feier der Nacht. „Es sind Theilnehmer an der Bravade von heut darunter, sagte Walter, der sich dem Fenster genähert hatte. Sie sind des Erfolges sicher.“ Der Minister legte seine Hand auf Walters Schulter: „Und welchen andern, mein Freund, hätte diese Bravade gehabt, wenn ein Jahr früher! Damals hätte es zünden müssen. Damals, als das Pulver gestreut lag. Laforest hätte seine Pässe fordern müssen, es ging nicht anders. Hardenberg hätte sie ihm auf der Stelle zugesandt — der Sturm war los, die Schleusen gebrochen, und die Sonne von Austerlitz wäre anders untergegangen! Warum trieb der Champagner ihr Blut nicht durch die Adern! — Warum da nicht? Warum zu spät? Das sind die Fragen, die unsere Philosophie aus ihren Angeln heben.“ Der Ministerialsecretair war schon aus der Thür, als er ihn wieder zurückrief. „Ich wollte Sie nur um einen kleinen Dienst bitten, klein für Sie, groß für mich. Es liegt mir viel, sehr viel daran, daß Bovillard Zutritt bei Hofe erhält. Grade jetzt, wenn das Memorial eingeht. — Er wird eigensinnig bleiben. — Thun Sie mir da den Gefallen und gehn zu dem schönen Mädchen, ich meine seine Braut. Stellen Sie ihr die Sache ernstlich vor, daß ihr eigen Glück davon abhängt, seine definitive Placirung. Wenn sie um Audienz bei der Königin bittet, wenn sie das Sentiment, ihre eigne Herzenslage schildert, wird es ihr nicht schwer werden, auch Louisens Herz zu rühren. Die La¬ fontaineschen Romane spuken da noch immer. Ein Familienjammer ist außerordentlich wirksam. Sie kann ja auch einfließen lassen, daß nur auf diese Weise die Abneigung des alten Bovillard zu be¬ wältigen ist.“ Walter schwieg: „Liegt denn Euer Excellenz so — überaus viel an —“ „An Kleinigkeiten, fiel ihm der Freiherr in's Wort. „Die Kieselsteine, die in ein Räderwerk, der Staub, der in eine Taschenuhr fällt, soll der Müller und der Uhrmacher sie liegen lassen, weil er der Vor¬ trefflichkeit seiner Maschinen vertraut? Ja, Lieber, der Staatsmann, der auf die Kleinigkeiten nicht zu achten brauchte, wäre größer, als je einer in der Welt es war. Sie sind da, um unsern Scharf¬ sinn wach zu halten, und der sie nicht ergreift, wo sie ihm günstig sind, versündigt sich vor dem, der sie ihm in die Hände spielte. Also morgen schon, wo möglich.“ „Excellenz, wie komme ich dazu?“ „Sie waren ja ihr Lehrer. Einige Schmeichel¬ worte, einige Autorität. Einem so beredten Lehrer schlägt eine Schülerin nichts ab.“ „Excellenz, diese Aufgabe —“ „Kostet Sie Ueberwindung. Desto ehrenwerther. Haben Sie vielleicht selbst einmal — zu tief in die schönen Augen geblickt? — Um so schöner noch Ihre Aufgabe. Wir sind Alle zur Entsagung geboren.“ Fünftes Kapitel. Zur Königin. Es war ein seltsames Zusammentreffen. Die Fürstin Gargazin war heute mit einem Gedanken aufgestanden, der sie beim Frühstück beschäftigte. Sie wollte bei der Königin eine Audienz erbitten, um Adelheid zu präsentiren. Vielleicht die Frucht eines Traumes; auch unsre Träume sind nur die Früchte einer Saat, die wir selbst gesäet. Adelheid fing an sie zu geniren. Weshalb? — Das Gesetz ihres Zu¬ sammenlebens war ja, daß keine die andere geniren durfte! Und doch — zuweilen, wenn ihre Blicke sich begegneten, schlug die Fürstin die Augen nieder. Die Augen des Mädchens leuchteten so hell und klug. Sie erinnerte sich unwillkürlich an das, was Wan¬ del über sie gesagt. Warum blieb er kalt vor dieser Schönheit? Warum empfand er ein Unbehagen in ihrer Gegenwart? — Wandel war ein blasirter Mensch, aber — ein Menschenkenner, es war etwas, worin beide in ihren Gefühlen stimmten. — Und was sollte das Mädchen noch in ihrem Hause! — Kaiser Alexan¬ der war fern, er hatte andere Gedanken; wenn er kam, kam er im Kriegerrock, und dann — dann! Die besten Berechnungen schlagen am ehesten fehl. — Und wenn Krieg ward, was sollte Adelheid in ihrer Begleitung! — Aber was sollte sie bei der Königin? — Das würde Gott am besten fügen. Die Fürstin war heut von einem Gottvertrauen, das durch die Ereignisse bestärkt werden sollte. Denn während sie noch am Frühstückstisch saß, war die Hofdame der Königin, Fräulein von Viereck, vorgefahren und hatte unter andern Dingen von der Verwunderung der Königin gesprochen, daß Erlaucht ihre Pflegetochter Ihrer Majestät noch nicht vorge¬ stellt. Die andern Dinge waren bald bei Seite ge¬ schoben, die Viereck war nur darum gekommen. Die Königin durfte es nicht officiell wünschen, auch war die Fa ç on schwer zu finden, wie die Fürstin das junge Bürgermädchen präsentiren solle. Also sollte ein gelegentliches Zusammentreffen arrangirt werden. Die Kammerfrau der Königin, Mamsell Schadow, war eine Bekannte der Alltagschen Familie. Adelheid konnte die Kammerfrau besuchen, und so wenig dabei etwas Auffälliges war, konnte es sein, wenn Ihre Majestät bei der Gelegenheit das junge Mädchen traf. Die Fürstin war über den Vorschlag um so mehr erfreut, als sie nicht nöthig hatte Mutterrolle zu spielen. Sie fürchtete nur Widerstand von dem capriciösen Kopfe ihres Schützlings, eine Befürch¬ tung, die um so größer ward, als sie hörte, daß Herr van Asten sich schon früh am Morgen bei Adelheid melden lassen, daß er angenommen worden und noch jetzt bei ihr sei. Was wollte der abgesetzte Liebhaber bei ihr! Er konnte doch nicht beabsichtigen, seinen Nebenbuhler und Freund wieder aus dem Sattel zu heben? Das Kammermädchen hatte zwar an der Thür gehorcht, aber nichts von Thränen und Betheuerungen. Die Sprache hatte so ernst geklungen, feierlich und — doch auch zärtlich, meinte das Kammermädchen. Sie mußte die Sprache, welche drinnen gesprochen ward, nicht verstehen. Jetzt ging er. Adelheid begleitete ihn bis an die Gartentreppe. Die Fürstin sah durch die Glas¬ thür wenigstens den Abschied. Der junge Mann schien verändert, aber zu seinem Vortheil, seine Hal¬ tung war fester, entschlossener, vornehmer. Er ergriff Adelheids Hand, er schien sie an die Lippen bringen zu wollen, aber besann sich. Er hob sie nur bis ungefähr an die Brust und drückte dann seine Hand darauf. Er sah sie dabei nicht zärtlich, aber innig an. Sie mußte ihn wieder so ansehen. Sie sprachen noch einige Worte, welche die Gargazin nicht hörte. Dann war es Adelheid, welche ihm kräftig die Hand schüttelte und etwas ihm nachrief. Als er verschwun¬ den, kehrte sie um und trat durch die Glasthür. Sie war nicht betroffen, als sie der Fürstin hier begegnete. Das Betroffensein war an der Gargazin, als Adelheid ohne Umwege, bescheiden, aber kurz und entschlossen, mit der Bitte vorrückte, die Fürstin möge ihr vergönnen, die Königin heut um eine Audienz angehn zu dürfen. Der Gedanke lag nahe, daß Adelheid von dem Besuch der Viereck erfahren. „Das recherchirte Kind der allgemeinen Gunst hat nur zu commandiren. Ich kann nicht dafür, daß Sie die Hintertreppe hinauf müssen und Mamsell Schadow um Vermittelung angehen; hätten Sie mich früher Ihres Vertrauens gewürdigt, würde es, mir wohl gelungen sein, Sie zur Vordertreppe heraufzu¬ bringen.“ Adelheids klarer forschender Blick durchschaute die Sache noch nicht. „Die Gunst der Großen, meine Liebe, fuhr die Gargazin fort, ist ein Thema, was studirt sein will. Es ist nur das Schlimme, daß wer sie aus dem Grunde studirt hat, nicht weiter und nicht besser daran ist, als der Bauer und das Kind, die den König für einen Gott halten. Wir sind ihnen Spiel¬ zeug, das sie auf ihren Putztisch stellen, so lange es ihnen gefällt. Gefällt es ihnen nicht mehr, wird's in den Kehricht geworfen. Es ist Täuschung, wenn das Spielzeug glaubt, es könne etwas dazu thun, daß es sie länger fessele, als ihre Laune dauert. — Erlauben Sie mir eine Warnung. Die Königin hat sich für Sie interessirt, als Sie ihr noch fern waren, das Gerede der Leute, Ihr Ruf vermehrte die Attractionskraft; neulich auf dem Ball erregten Sie ihr Mitleid. Aber Passionen aus Mitleid halten nicht lange an, und sind immer mit einer demüthigenden Aetzung gemischt. Das zeigt Ihnen schon die Art, wie die Königin Sie rufen läßt.“ „Mich rufen?“ „Sie fühlen sich schon — ich will nicht sagen gekränkt, aber Ihr Gefühl sträubt sich. Sie werden ihr nun vielleicht nicht in der Art entgegentreten, wie sie es erwartet; Sie werden in Worten, Blicken, Haltung, Ihr Selbstbewußtsein verrathen. Liebes Kind, das dürfen wir nicht den Großen der Erde gegenüber. Weil sie ihre Größe immer fühlen wollen, wollen sie uns immer klein sehen. Je größer wir vor ihnen stehen, so mehr heben sie sich, um uns niederzudrücken; je niedriger wir uns aber bücken, je mehr wir den Schein annehmen, daß ihre Majestät uns eblouirt, so gnädiger werden sie, und heben uns Zoll um Zoll — es freut sie dann, wenn wir uns über Andere groß dünken, denn sie feiern sich selbst, weil sie uns so groß gemacht.“ „Gnädigste Frau, die Königin hat mich nicht rufen lassen, sie hat mich vielleicht schon vergessen. Es ist mein eigener Wunsch, mich ihr vorstellen zu dürfen.“ „Ihr eigener!“ Die Fürstin hielt inne und maß das junge Mädchen. Adelheid war immer wahr; es war eben die Art der Wahrheit, welche der Gargazin nicht convenirte. Nach einer Pause hub sie lächelnd wieder an: — „Sie erlauben mir doch zu zweifeln, daß es ganz Ihr eigener Wunsch ist, wenn ich be¬ merke, daß er nach einem mysteriösen Besuche zum Vorschein kommt.“ „Mein Freund und Lehrer hat mich an eine vergessene Pflicht erinnert, sagte Adelheid, ohne zu erröthen. Louis Anstellung —“ „Ah das! Sie accrochirt sich an der Abnei¬ gung Ihrer Majestät, und Sie, meine Liebe, sollen —“ „Ich soll nicht; ich fühle jetzt selbst die Pflicht — was ein schwaches Mädchen vermag, dazu zu thun, daß Louis einen Wirkungskreis erhält, der sei¬ nen Talenten angemessen ist, der ihn zu dem erhebt, wozu er berufen ist. Meine Hoffnung ist gering, aber mein Vertrauen groß. Ich verstoße vielleicht gegen die Sitte, ich bin darauf gefaßt, selbst den Unwillen der Königin werde ich zu ertragen suchen, denn ich bin von ihrem Edelsinn überzeugt, daß sie es meine Eltern nicht entgelten läßt. Mißbilligten Sie es, gnädigste Frau, so —“ „Ich! Nicht im Geringsten. Im Gegentheil, o das ist charmant, pikant von Ihnen. Vielleicht wünscht es Ihre Majestät sogar, und das ist der Grund, weshalb Sie gerufen werden. Nur Atten¬ tion! meine Theure — vergessen Sie nicht, das zu bleiben, als was Sie sich ausgeben — das schwache Mädchen ! Zeigen Sie ihr um Himmelswillen nicht das starke Mädchen . Daß allüberall mit unserer Stärke nichts gethan ist, das ist eine Lehre, für die unsre Adelheid noch zu jung ist. Aber einer Monarchin gegenüber nehmen Sie immerhin die Lection einer älteren Freundin an, daß wir uns de¬ müthigen müssen. Sie muß Alles thun, denken, wir lauschen nur und lassen im Gewande der Bitte Vorstellungen aufflattern, welche die Fürstin aufgreift und zu den ihren macht. Da geben Sie Ihr Eigen¬ thum hin; Sie wären augenblicklich verloren, wenn Sie in Freude aufblitzten: das habe ich ja gesagt! das sind ja meine Gedanken! Einer Monarchin ge¬ genüber dürfen Sie gar nicht denken. Wie eine Pythia auf dem Dreifuß athmen Sie in halber Auf¬ lösung ihre Aeußerungen ein, Sie nehmen Alles an, nun, und ich traue Ihnen doch die Klugheit zu, daß Sie, wie die Priesterin, diese Töne dann zu einem Spruche ordnen werden, der Ihren Absichten ent¬ spricht. Ach, Sie glauben nicht, wie leicht das ist, wenn man erst die Neigungen und Schwächen der Großen kennt.“ „Ich werde versuchen, zu ihrer Seele zu sprechen.“ „Das ist recht. Sie liebt bürgerliche, rührende Scenen. Malen Sie Ihren Liebesschmerz unter Schluchzen, mit von Thränen erstickten Worten. So¬ bald Sie merken, daß sie gerührt wird, stürzen Sie auf die Knie, ergreifen ihr Kleid — sie wird Ihnen aber die Hand reichen, wenn Sie die rechte Sprache trafen — dann erklären Sie, Ihr ganzes Lebensglück läge in dieser Hand, sie wird Sie huldreich auf¬ fordern aufzustehen. Sie erklären aber, Sie würden nicht aufstehen, bis — nun, das Uebrige wird ein so kluges Mädchen wissen.“ Adelheid rechtfertigte die Meinung der Fürstin. Sie fand eine Antwort, welche diese befriedigte, eine Antwort, die keine Unwahrheit war und doch verbarg, was die Schülerin über die Anweisung der Lehrerin dachte. Der Wagen war schon fortgerollt, als es der Gargazin, die ihm vom Fenster nachsah, leid zu thun schien. Wie schnell hatte sie etwas aus der Hand gegeben, was sie mit so großer Anstrengung sich ver¬ schafft! Sie hätte sie wenigstens so nicht fortlassen, einen Faden in der Hand behalten sollen. Wem die Intrigue Zweck ist, wer nur in ihr den ewigen Durst nach Thätigkeit löscht, muß Apparate jeder Art stets fertig um sich liegen haben, er darf auch das Ge¬ ringfügigste nicht verschmähen; der verlorne Faden kann zur Schlinge, die Schlinge zum Knoten wer¬ den. Nur darf man den Knoten nicht zu fest schürzen, und noch weniger mit der Scheere ein Band zer¬ schneiden. — Sie ließ den Köder an ihrer Angel fahren, weil sie des Spiels überdrüssig war, wie aber, wenn ein Andrer — wenn die Königin von Adelheids Naivetät, Klugheit, Liebreiz gefesselt ward, wenn sie ein Instrument aus der Hand gelassen, was hier ihr wichtigere Dienste leisten könnte, als dort, wohin sie es bestimmt — Ein Gedanke durchfuhr sie blitzartig — der Los¬ gelassenen nachzueilen, sie durch einen geschickten Schlingenwurf wieder an sich zu ziehen, selbst sie ein¬ zuführen, und wäre es auch durch die Vermittelung einer Kammerfrau. Schon hielt sie die Klingelschnur, um den zweiten Wagen zu befehlen, als ein andrer Gedanke dem ersten folgte: War denn Adelheid ein Instrument, das sich dem Willen seines Eigners fügte? Hatte sie selbst, die Lupinus, wer denn sie zu seinen Zwecken formen und bilden können? Wie die Stehaufmännchen von Hollunderholz, wie eine elastische Puppe schnellte sie, geknickt, gebogen, ge¬ drückt, wieder auf zu ihrer Natur. Es war eine, die den Impulsen gehorcht. Vor solchen Naturen hatte die Gargazin Scheu oder Respect. — Sie ließ die Klingelschnur aus der Hand. Solche Naturen rollen oder stürzen sich in ihr Verderben, oder der Strahl der Gnade durchzückt sie, wo wir es am we¬ nigsten erwarten. Nur dürfen wir sie nicht erziehen wollen. Plötzlich lachte die Fürstin hell auf. Aber erst, nachdem sehr ernste Gedanken ihre Stirn verfinstert hatten. Dieses Mädchen hatte sie ja ganz durchschaut. Ja — es giebt Momente, wo eine unwillkürliche Macht zwingt, ein Bekenntniß der Wahrheit vor uns selbst abzulegen, wie Niemand es vor einem Richter wagt und vermag. Sie hatte, nicht eine Schlange, aber einen Spiegel an ihre Brust gelegt, klar ge¬ schliffen, daß er jeden Hauch aufnahm. Der Spie¬ gel hatte geschwiegen — bis jetzt, aus Dankbarkeit, Klugheit. Wer bürgte der Gargazin, daß Adelheid immer schweigen werde, jetzt, im nächsten Augen¬ blicke, wenn sie das Herz der Königin gewonnen, wenn ihres von einem mächtigen Impulse schlug! Welcher Eid, welche Pflicht band sie, wenn die Ma¬ jestät der Königin von ihr Wahrheit forderte? Das waren die ernsten Gedanken. Aber plötz¬ lich lösten sich die zusammengekniffenen Lippen, die Runzeln glätteten sich, und die Augen glänzten scha¬ denfroh: „Sie kann sich ja nicht verleugnen, sie wird dort wie hier das starke Mädchen sein. Sie wird das Gefühl der Königin verletzen — und — und — und — sie wird zurückgeschickt, wie sie gekommen — Vive la vérité! — Und wenn sie zu mir zurück¬ kehrt, ist sie eine Andre als die fortging, und wir können uns besinnen, wie anders wir sie aufnehmen.“ Mit vergnügtem Gesicht trat die Fürstin an's Fenster. Ihr Auge fiel auf die kleinen Entresolfen¬ ster im Seitenflügel, wo die Kammermädchen wohn¬ ten. Ihr fiel ein, daß sie die Kammermädchen ja schon längst sich näher gewünscht, und ihr Gesicht verzog sich zu einem ganz eigenthümlichen Lächeln, als sie dachte: das wären ja allerliebste Stuben für Adelheid. Da kam der Legationsrath über den Hof. Das Lächeln ward wieder ein andres: „Eigentlich hasse ich ihn, ich müßte ihn verabscheuen, ich sollte ihn fürchten, aber es lügt Niemand so angenehm als er.“ Mamsell Schadow hatte indessen gegen das schöne Mädchen nicht die Diplomatin gespielt. Sie hatte es mit Herzlichkeit empfangen, obgleich sie wußte, daß der Besuch nicht ihr gelte, und sie sogleich in V . 7 den Garten und in den Gang geführt, wo die Kö¬ nigin ihre Morgenpromenade zu machen pflegte. „Wir gehen hier an den Gebüschen langsam auf und ab, und wenn sie kommt, thun wir, als sähen wir sie nicht. Wenn sie in Gedanken ist und uns nicht sehen will, was man gleich merkt, treten wir in's Gebüsch zurück. Will sie uns aber sehen, dann thun wir sehr überrascht und etwas erschrocken. Das lieben die hohen Herrschaften und dann encou¬ ragiren sie uns.“ Eine Mittheilung der Schadow war aber nicht geeignet, Adelheid zu encouragiren. Ihr Vater, der Geheimrath, hatte vor einigen Tagen eine kurze Un¬ terhaltung mit der Königin gehabt. Adelheids Name war dabei genannt worden. „Das ist schade, das darf nicht sein!“ hatte die Königin geäußert. Nach¬ her hatte die Schadow Ihre Majestät zur Viereck sagen gehört: „Ich muß das junge Mädchen einmal sprechen.“ Adelheids Vater hatte eine Abneigung gegen ihre Verlobung mit Louis Bovillard. Die Mutter betrachtete sie als ein Glück. Sie wußte von häuslichem Verdruß deshalb. Ueber diesen Kampf war Adelheid hinaus. Beim kindlichsten Gefühl der Dankbarkeit fühlte sie sich frei geworden. Sie hatte es keinen Hehl gegen ihren Vater gehabt: Ihr habt mich hinausgesetzt in eine andre Welt, wo andre Ge¬ setze gelten. Wenn ich mich den Pflichten unterwer¬ fen mußte, die sie fordern, so darf ich auch ihre Rechte für mich anrufen. So war ungefähr der Sinn eines Gespräches, in dem der Vater unter¬ legen war. Es war ja nicht eigentlich sein Depar¬ tement; er fühlte, daß der Geist seiner Tochter auf Fittigen flog, die im Staube des Aktenlebens nicht wachsen. Nun, und wenn er in seinem Mißmuth Seufzern und Klagen gegen die erhabene Person Luft gegeben, so fühlte Adelheid eine andere Lebenslust in sich. — Sie fühlte sich nicht decouragirt. Die Königin kam, aber nicht allein. Ein Ca¬ valier ging an ihrer Seite, mit dem sie in lebhaftem Gespräche schien. Es war ein stattlicher, schöner Mann, von einem gewinnenden Ansehen, jede Be¬ wegung weltmännische Grazie, obwohl sein rechter Arm, früh vom Schlage getroffen, gelähmt an der Seite hing. „Graf Hoym, flüsterte die Schadow, der Vice¬ könig von Schlesien. Wir müssen zurücktreten.“ Beide gingen vorüber, und die Königin bemerkte sie in ihrer Aufregung wirklich nicht. „Palm! Palm! lieber Hoym, das bleibt doch das Abscheulichste. — So unschuldig, in der Nacht fortgerissen von Frau und Kindern — um — o mein Gott, ich glaube oft seinen Schatten zu sehen, wenn ich unter diesen Bäumen gehe.“ „Die Hunderttausende, gnädige Frau, die auf den Schlachtfeldern auch die Kugel traf —“ „Nein, Hoym, das ist nicht das. Er schreitet über Leichen, das ist der Weg des Gräßlichen. Aber der Mord an einem schuldlosen Familienvater —“ 7* Das Säuseln der Bäume und die größere Ent¬ fernung nahmen die andern Worte fort. „Wie fühlen Sie sich, meine Liebe? fragte die Schadow, um ihr Muth zu machen. Nur Geduld, es wird Alles ganz gut gehen.“ „Mich dünkt, die arme Königin ist in großer Aufregung. Ist denn Graf Hoym jetzt ihr Vertrauter?“ Die Antwort bewies der Kammerfrau wenigstens, daß Adelheid keines Riechfläschchens bedürfe, um muthig zu bleiben. Adelheids Mutter hatte ihr die Tochter anempfohlen, wenn die Gegenwart der Ma¬ jestät das Kind überwältige. „Die arme Königin! Sie haben Recht, sie so zu nennen. Ach, unter uns, sie hat Niemand, dem sie ihr Herz ausschütten könnte.“ „Ihr Herz?“ Das war ein kluger Blick, welcher der Kammer¬ frau Muth machte, mehr zu sagen, als Kammerfrauen eigentlich dürfen. „Ja, wenn sie ganz ihrem Herzen leben dürfte! Dafür hat sie ihre Kinder, ihren Gemahl, sich selbst; aber die großen Staatsangelegenheiten müssen fürch¬ terlich stehen. Das, ich möchte sagen, zersprengt ihr oft das Herz. Liebe Demoiselle Alltag, ich möchte Manchen, der die Könige beneidet, einen Blick da hinein thun lassen, und sie würden Gott danken, daß sie so glücklich in ihrem Hause sind.“ Die Spaziergänger hatten sich umgewendet und gingen wieder vorüber. Die Königin schien noch immer in derselben Stimmung: „Er sieht die ganze Gefahr, klar und deutlich. Er könnte retten, und diesen einzigen Mann, der retten könnte, ihn läßt man brach liegen.“ Aus Hoyms Antwort konnte man nur die Worte hören: „Aber der Freiherr von Stein —“ Die Schadow hatte Adelheid tiefer in's Gebüsch gezogen. „Das ist ihr Hauptkummer jetzt. Unsereins darf freilich nichts davon wissen, und noch weniger sich darum kümmern, aber man müßte ja nicht Ohren und Augen haben. Je mehr es eine hohe Person schmerzt, um so heftiger bricht es unwillkürlich heraus, und uns beachten sie doch eigentlich nicht als Ge¬ schöpfe, die es angeht und die es verstehen.“ „Ihre Majestät wünscht den Freiherrn von Stein zum Rathgeber des Königs?“ Die Kammerfrau sah Adelheid verwundert an: „Das wissen Sie auch! — Man mag im Publikum freilich manches wissen, von dem die hohen Herr¬ schaften glauben, daß sie es allein besitzen. Es ist so. Der Herr hat sich aber bei Hofe nicht beliebt gemacht; er hat viel Feinde. Das geht bis zu den Lackeien hinunter. Sie wissen nicht, wie das bei uns ist. Wen sie oben von Einfluß sehen, dessen Worte sprechen sie nach.“ „Aber wenn die Königin —“ „Es ist das Schlimme, liebe Demoiselle, daß der König selbst den Herrn nicht liebt — er ist ihm un¬ bequem. Ganz unter uns, er fühlt oft, daß es besser wäre, wenn die Andern, gegen die jetzt das Ge¬ schrei ist, fort wären, er möchte sie auch zuweilen los sein, denn er ist der edelste, beste Herr von der Welt, aber sie sind ihm bequem, er hat sich an sie gewöhnt. Er entläßt ja keinen seiner alten Diener. Und die seelensgute Königin, betrüben möchte sie ihn doch auch nicht, und in Staatsangelegenheiten hatte sie sich's zum Gesetz gemacht, nicht mitzusprechen. Aber wer kann dafür, wenn das Herz voll ist und die Augen übergehen — sie sieht ja und hört — und, wie gesagt, wenn da am ganzen Hofe Niemand da ist, der mit ihr fühlt und sieht — Da ist nun der Herr Graf Hoym aus Schlesien angekommen. Ob's grade der rechte Mann ist, weiß ich nicht, aber er ist ein frisches Gesicht, er spielt ihr nicht immer die alte Melodie vor, und am Ende, wenn man kein Men¬ schenherz hat, klagt man auch gegen den Mond und gegen die Wände.“ Die Spaziergänger waren abermals zurück¬ gekehrt. „In den Provinzen theilt man Ihro Majestät Entrüstung, sagte Hoym, Allen ist es ein Räthsel: Friedrichs Staat in den Händen eines französischen Roturiers!“ Die Königin blieb stehen: „Sagen Sie lieber, eines charakterlosen Libertins, der mit den höchsten Gütern, den Tugenden, der Ehre des schönsten Reiches leichtsinnig spielt wie mit den Goldrollen, die er alle Abend am Pharotisch verliert.“ „Jammerschade, daß unser Haugwitz sich von ihm leiten läßt. Sonst ein so liebenswürdiger heller Geist.“ „Mich dünkt, es ist der höchste Grad des Un¬ verstandes, das Werkzeug der Verworfenheit Anderer zu werden.“ Auf einen solchen Ausspruch aus dem Munde einer Königin muß der Unterthan in Ehrfurcht schweigen. Hoym schwieg; auch die Königin schwieg einen Augenblick, wie im Gefühl, mehr gesagt zu haben, als die Etikette einer Königin zu sagen er¬ laubt. Die leichte Röthe war wieder von ihrem huldstrahlenden Gesicht verschwunden, als sie fortfuhr: „Ihm, ihm allein verdanken wir es, daß das Ungeheuer mit kaltem Hohn auf uns herabblickt. Er verachtet unsre Machthaber, weil wir solchen an ihn bevollmächtigten. Ich sage nichts davon, wie er in Brünn sich fortschicken, in Wien behandeln, in Schön¬ brunn dupiren ließ; ich zerdrücke meinen Schmerz, daß er es war, der Hannover uns schenken ließ, der Brocken, an dem unser Adler ersticken sollte. Daß er aber nach dieser Erfahrung, belastet von den Ver¬ wünschungen einer ganzen edlen Nation, jetzt in Paris wieder dieselbe Rolle der Insouciance spielen konnte!“ „Er war vielleicht, wie Lombard in Brüssel, von der Grandeur der neuen Majestät eblouirt. Il est un peu phantaste , Mystiker, er glaubt zuweilen an Geister¬ erscheinungen.“ „Nein, Hoym. Er glaubt nur an sich. Er schrieb damals her: „„Sobald ich ihn gesehen, ist Alles abgemacht; ich weiß ja, was er in Wien zu mir gesagt hat.““ Solcher naive Glaube wäre rührend, wenn er nicht ein Staatsminister des Königs wäre, wenn nicht Seine Majestät das Wohl seines Volkes und seiner Krone in seine Hand gelegt hätte. Da, in der schrecklichen Audienz, die er am siebenten Tage auf vieles Bitten und Drin¬ gen erhielt, mußte er sich von Bonaparte die Schmei¬ chelei in's Gesicht sagen lassen: „„Sie sind ehrlich, ich weiß es, aber Sie haben keinen Credit mehr in Berlin; Hardenberg und ein Paar andre hirn¬ kranke Narren wühlen das Volk auf und beherr¬ schen Ihren König.““ Das mußte er hören, der Ab¬ gesandte Preußens, aus dem Munde des Corsen, und —– schwieg –— mußte schweigen — und — und —“ Als sie wieder vorüber waren, meinte Adelheid, die Königin sei jetzt wohl schwerlich gestimmt, ein unbedeu¬ tendes Mädchen zu empfangen; ob es nicht schickli¬ cher wäre, wenn sie sich still zurückzöge? Die Scha¬ dow verneinte es: „Das geht bald vorüber. Sie kann nicht lange zürnen, das ist ihr himmlisches Ge¬ müth. Es ist, wie wenn ein Gewittersturm vorüber¬ zog und dann die Abendsonne scheint. Dann athmet sie auf, sie kann sich an einer Feldblume freuen, und gerade dann wird sie erst recht gütig, wenn sie auf¬ gebracht war, und möchte es an Allen, denen sie be¬ gegnet, wieder gut machen.“ Aber das Gewitter war noch nicht ganz vorüber. Es war nur auf dem Rückzuge. Die Königin wandte in kürzeren Absätzen um. Diesmal schien Hoym der Ankläger gewesen zu sein. Die Fürstin schüttelte den Kopf: „Ich hielt ihn für ehrlich. Er hat ein so ange¬ nehmes Wesen.“ „Leider ist es in Paris so bekannt wie hier, daß Lucchesini nach Berlin nur das berichtet, was uns schmeichelt. Die Hauptsachen hat er verschwiegen.“ „Er ist ein Italiener. Ich will zugeben, daß seine Lust das Intriguiren ist, aber, Graf, er sieht sehr scharf die Dinge, wie sie sind.“ „Das streitet ihm Niemand ab, Ihre Majestät, aber sein Gesandtenposten in der französischen Haupt¬ stadt gefiel ihm so außerordentlich, daß er das geschickt cachirt hat, was unser Cabinett genöthigt hätte, ihn auf der Stelle zurückzurufen. Noch weniger als er hatte seine Frau Lust Paris zu verlassen.“ „Muß auch das in unser Unglück hineinspielen!“ „Madame la Marquise haßt ihre Schwester, die Bischofswerder, auf Tod und Blut. Sie hat ihrem Gemahl erklärt, daß sie an Krämpfen verginge, wenn sie mit ihr unter dem Himmel einer Stadt leben müßte. Unser Ambassadeur ist ein so guter Ehemann! Ich kann ihn nicht entschuldigen; in milderem Lichte aber darf ich Haugwitz's Versehen betrachten. Ward er nicht immerfort durch falsche Berichte getäuscht?“ „Ich möchte so ungern auch diesen Mann auf¬ geben! Ist sein Eifer jetzt für den Krieg auch Ver¬ stellung?“ „Nein, nur aufrichtige Erbitterung gegen Napo¬ leon, der ihn nie leiden mochte und ihn endlich aus Paris fortschaffte.“ „O, lieber Hoym — fuhr die Fürstin mit der Hand an die Stirn, Menschen, wie sie sein sollten! — Sind denn die Könige verdammt, daß ihr Glanz nur die an sich zieht, die nicht sind, wie sie sein sollen!“ „Jetzt entläßt sie ihn bald, flüsterte die Schadow. Geben Sie Acht, sie wenden noch kürzer.“ Adelheids Herz schlug lebhafter. Eine ange¬ nehme Wärme durchdrang sie, sie fühlte eine Lust, dieser Königin Angesicht gegen Angesicht zu stehen. Es waren wirklich die Abschiedsworte, als sie zum letzten Mal vorüber gingen. „— Und diese Mäntelgeschichte, welche das Land in Aufruhr bringt, wird man es künftig glau¬ ben, daß man erst jetzt, im letzten Augenblick daran denkt! Eine Sottise, bedürfte es noch der Epigramme, es giebt kein schlagenderes auf die Unfähigkeit unserer Verwalter. Und statt als wirklich treue Diener ihres Herrn die Schuld auf sich zu nehmen, lassen sie Seine Majestät den König in kläglichen Lauten zum Pu¬ blikum sprechen, sie legen meinem Gemahl Worte in den Mund, über die ich mich in der Seele schäme. Sie haben nicht daran gedacht, und ihre Pflicht war es. Ist das Loyalität? — Auch im Kriegs¬ wesen sagte mir Rüchel Unbegreifliches. Für das Nöthigste nicht gesorgt! Unsre Festungen zu armi¬ ren, dazu schickt man sich jetzt erst an. Es ist uner¬ hört, man wird es künftig nicht glauben. Wozu bezogen sie die großen Besoldungen, wozu wurden ihnen Güter über Güter geschenkt! — Nein, lieber Graf, das Cabinet, was diesen gräßlichen Zustand möglich machte — es kann, darf nicht bleiben — oder —“ Die Worte verhallten. Am Ende der Allee war der Vicekönig von Schlesien entlassen. Louise stand eine Weile sinnend. Ihre schöne, anmuthige Gestalt im weißen einfachen Morgenkleide ward noch vortheil¬ hafter gehoben durch den grünen Rasenfleck, gegen den sie wie eine Marmorstatue abschnitt. Ein Sonnen¬ strahl, der durch die Baumwipfel auf ihren Scheitel fiel, setzte ihr eine goldene Krone auf, aber er goß zugleich ein wunderbares Leben auf das schöne Ge¬ sicht. Es war keine Bildsäule; die Königin schwebte die Allee wieder herab. „Sie hat uns gesehen. Sie kommt auf uns zu, sie wird uns ansprechen. Nun muthig, liebe Demoiselle. Wenn ich Ihnen winke, thun wir also wie erschrocken und treten einen halben Schritt zurück. Dann wird sie eine Bewegung machen, daß wir herantreten. Sie knixen so, die Arme kreuzweis auf der Brust, die Ellenbogen gegen den Bauch. Tritt sie näher, greifen Sie nach dem Rock, als wollten Sie ihn küssen. Sie wird's nicht zulassen und die Hand Ihnen hinhalten. Die führen Sie an die Lippen, noch immer nach tief unten, das Andre findet sich dann. Dreist geantwortet, aber ja nicht eigene Mei¬ nungen!“ Sechstes Kapitel. Die Eine gehörte schon einem Andern. Auf Louisens Gesicht schien jede Spur der Agitation verschwunden, als sie näher kam. Sie ging auf Beide zu. „Ihre Majestät entschuldigen, wollte die Schadow anfangen, es ist zufällig eine liebe junge Freundin —“ „Es ist eine alte Bekannte und ein lieber Be¬ such, unterbrach die Fürstin. Wir sind ja hier unter uns, wozu die Komödie! — Es freut mich, Sie wieder zu sehen, liebes Kind, so wie Sie sind. Ich meine, setzte sie lächelnd hinzu, wie Sie bei Gottes schönem Sonnenlicht aussehen. Das Lampenlicht täuscht immer, und es ist mir lieb, daß ich mich nicht getäuscht habe.“ Eine gebietende, aber graziöse Bewegung hatte, wie sie vorhin den Rockkuß abgewehrt, Adelheid auf¬ gefordert, an ihrer Seite weiter zu gehen. Der Schadow schien es zweifelhaft, ob sie nach diesem Empfange respectvoll unter dem Baume stehen bleiben, oder in ebenso respectvoller Entfernung fol¬ gen solle. Da wandte sich die Fürstin freundlich um: „Ach, liebe Schadow, da fällt mir ein, ich vergaß, als Hoym sich vorhin melden ließ, daß meine Lieb¬ lingsbücher auf dem Nähtisch liegen geblieben sind. Sehn Sie doch nach, damit die Kinder nicht darüber kommen.“ Der Etikettenzweifel der Kammerfrau war gelöst, sie verneigte sich und die Königin und Adelheid waren allein. Es war ein wunderschöner Herbstmorgen, kein Wölkchen am sonnedurchglühten Himmel, die laue Luft spielte durch die angegelbten Baumwipfel, Sper¬ linge zwitscherten in den Büschen, weiße Herbstfäden flogen umher. Es war kein gezwungener Anfang des Gespräches, wie von selbst kamen die Worte von den Lippen der Königin: „Sind Sie auch eine Freundin der Natur?“ „Sie streicht Balsam auf die Wunden der Lei¬ denden, und wessen Herz vor Freude jauchzt, wo fin¬ det er Laute dafür, als in ihrer stummen Sprache!“ Das war zu starke Farbe für die Stimmung, sagen wir für die Poesie der Königin, aufgetragen. Sie blieb einen Augenblick stumm. Dann sprach sie Worte, die auch Andre behorcht haben müssen, denn wir finden sie schon verzeichnet: „Ich muß den Saiten meines Gemüthes jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen, und sie dadurch gleichsam immer wieder aufziehen, damit sie den rech¬ ten Ton und Anklang behalten. Das gelingt mir am besten in der Einsamkeit, aber nicht im Zimmer, ich muß hinaus in die freie Luft, in die stillen Schatten der Bäume. Unterlasse ich es, dann tritt gewöhnlich Verstimmung bei mir ein, und je geräusch¬ voller es um mich wird, um so ärger wird sie. Ach, es liegt ein ungemeiner Segen in dem abgeschlossenen Umgange mit uns selbst.“ Das war viel von einer Fürstin gegen ein jun¬ ges Mädchen, welches keine Ansprüche an ihre Ver¬ traulichkeit hatte, welches sie zum zweiten Mal sah. Adelheid fühlte das Viele, es drückte sie indeß weder nieder, noch erhob es sie. Jene hatte wohl Recht: die auf den isolirten Höhen thronen, fühlen auch das Bedürfniß, ihre Gefühle mitzutheilen. Wenn sie keine Herzen, Seelen, Geister finden, die sie ver¬ stehen, klagen sie's der sternbesäeten Nacht. Sie schütten in der Verzweiflung ihr Herz auch aus vor den glatten Marmorwänden, lieber als vor marmor¬ kalten und glatten Menschengesichtern. Adelheid gestand sich, sie war in diesem Augen¬ blick nur eine Wand, ein Baum, an den die Fürstin ihr Herz ausschüttete. In der Art lag aber zugleich eine Correction. Die Königin hatte die Saiten auf den Ton gestimmt, der im Gespräche durchklingen sollte, es war ein elegisch-sentimentaler. Er paßte nicht zu der Stimmung, welche Adelheid mitgebracht, und die in dem belauschten Gespräche neue Nah¬ rung erhalten hatte. Weil Adelheids Saiten zu hoch gestimmt gewesen, schwieg sie, in Erwar¬ tung, daß der Einklang mit der Fürstin sich herstellen werde. „Sie sind eines von den glücklichen Wesen, hub die Königin an, an deren Wiege, wie die Dichter sagen, gütige Feen standen.“ Adelheid öffnete die Lippen, aber verschluckte das Wort. Die Fürstin hatte den fragenden Blick auf¬ gefangen und verstanden: „Wäre ich nicht die — stände ich Ihnen nicht so fern und fremd, so würden Sie mich gefragt ha¬ ben: Was ist denn Glück?“ „An Ihre Majestät erlaube ich mir nicht die Frage, aber an mich selbst: Was macht das Glück dieses Lebens aus?“ „Mich dünkt, der Stempel, den der Schöpfer seinen Geschöpfen aufgedrückt hat, ist die beste Antwort. Sie brauchen sich nicht im Spiegel zu sehen. Sehen Sie nur die Mienen der Leute, denen Sie begegnen. Die schöne Adelheid Alltag ist überall willkommen.“ „Und doch verdankte ich neulich nur der Huld einer höheren Zauberin, daß ich dem Spott und der Kränkung entging.“ „O das waren Unarten. Neidische und böse Menschen können den Frieden der Glücklichen nicht verkümmern. Dieser Friede ist ein Gut, was tiefer liegt. Ihre häßlichen Hände reichen da nicht hin.“ „Gnädigste Königin, ich preise allerdings mein Glück, weil ich früh einen Lehrer fand, der mich auf das Wahre hinwies.“ „Ich kenne Ihren Vater; er ist ein trefflicher Mann und treuer Staatsdiener, der nichts Höheres kennt, als Erfüllung seiner Pflichten.“ „Mein Lehrer lehrte mich, fuhr Adelheid rasch fort, „daß Leiden unsre besten Erzieher sind. Aus der Schule großen Unglücks entwickelt sich die Seele zur Freiheit und Selbstständigkeit.“ Die Fürstin sah Adelheid befremdet an. Es war wieder nicht das, was sie erwartet hatte; aber das Fremde war nichts fremdartig Feindliches, und statt abzustoßen, brachte es ihr das junge Mädchen näher. Der immer theilnehmender werdende Blick verrieth es. Jetzt entsann sie sich wohl, daß das vielbesprochene Mädchen wunderbare Schicksale erlebt. „Haben Sie auch diese Schule durchgemacht! — Doch das ist ja nun vorüber.“ „Wer kann sagen, daß er aus der Schule ent¬ lassen ist, so lange er lebt! Und wer sieht unter dem fröhlichsten Gesicht die Schmerzen in der Brust!“ Das war ein Ton, welcher anschlug, er vibrirte durch die Seele der Königin: „Und wer sieht heute, was morgen kommt!“ Ein Seufzer machte sich aus ihrer Brust Luft. Da flog, von einem leisen Luftzug getragen, einer jener weißen flockigen Herbstfäden, wo die Allee sich bog, von der Wiese ihnen entgegen und legte sich um Beider Brust, indem er, von ihrer Bewegung festgehalten, sie umschlang. Beide waren durch ein Spiel der Natur an einander gefesselt. Adelheid V . 8 hob den Arm, um den Faden vom Hals der Fürstin loszumachen, aber — es war die Wirkung und die That des Momentes, jene Einwirkung unsichtbarer Geister, die wir umsonst erklären, und, wenn erklärt, so wäre es nichts — die Thränen stürzten aus den Augen der Königin, und sie drückte Adelheid an ihre Brust. Niemand sah es, es war weite sonntägliche Einsamkeit im Park. Die Sonne, obgleich sie Alles sieht, ist eine schweigende Zeugin, die Käfer schwirr¬ ten, die Frösche ächzten ihr monotones Lied in den feuchten Wiesen; vom Kirchthurm läuteten die ge¬ dämpften Glocken zum Begräbniß einer alten Frau. Die Lippen der Fürstin berührten Adelheids Wangen: „Ach, liebes Mädchen, wer weiß, was mor¬ gen kommt!“ — Es war da in dem Augenblick mehr zwischen ihnen vorgegangen, als Worte aussprechen. Die Königin sprach: „Sie schickte mir der allgütige Va¬ ter im Himmel zu einer Stunde, wo ich Trostes be¬ durfte. Was man so gefunden, läßt man so leicht nicht wieder von sich.“ Die Emotionen haben ihr ewiges, unverjähr¬ bares Recht, unter den goldenen Decken der Schlös¬ ser wie unter den Schilfdächern der Hütten; aber hier dürfen sie austoben bis zur Erschöpfung, dort ist ihnen ein Maaß gesteckt. Louise war wieder die Königin geworden, als sie weiter gingen, aber von einer Huld, welche die Majestät überstrahlte. Sie zeigte nach dem Pavil¬ lon mit chinesischem Dach, auf einer kleinen Höhe vor ihnen: „Dort wollen wir einen Augenblick aus¬ ruhen.“ Ihr Gespräch, bis sie den Punkt erreicht, war lebhaft, aber es floß ruhig hin. Adelheids Aeußerun¬ gen mußten die ganze Aufmerksamkeit der Fürstin er¬ regt haben. Sie hatte sie oft forschend angeblickt. Als sie auf der ländlichen, von Birkenästen gefloch¬ tenen Bank Platz genommen, sagte Louise: „Sie sind noch so jung und schon solche Erfah¬ rungen!“ Adelheid erröthete. „Sie kamen, wie Sie mir sagten, nie aus der Residenz, Sie lebten nur in guten Häusern, unter respectabeln Familien, und zuweilen blitzt es aus Ihren Reden, als wüßten oder ahnten Sie die Ver¬ worfenheit der schlechten Menschen. Ich glaubte, das wäre uns nur aufgespart, die wir von oben so Vie¬ les sehen, was Ihnen unten verborgen bleibt. Wie die Motten nach dem Licht, so flattern uns die zu, welche für ihre ungeordneten Begierden unten keinen Platz fänden. Wir müssen sie dulden, weil — ach, aus vielen Gründen! während die stillen, sittlichen, bürgerlichen Kreise ihnen die Thür verschließen dür¬ fen. Man thut daher sehr Unrecht, uns zu beneiden, liebe Mamsell. Wir, die wir andern Pflichten zu gehorchen haben, könnten die Niederen beneiden, welche diese Rücksichten nicht kennen. Sie dürfen nach ihrem Penchant leben und ihre Freunde sich unter 8* den Rechtschaffenen und Guten nach ihrem Gefallen aussuchen.“ „Ihre Majestät, ich meine, es giebt Rücksichten und Pflichten in jedem Lebenskreise.“ „Ganz gewiß, aber es ist leichter, in den Hüt¬ ten ein stilles Glück sich zu bereiten und doch keine Pflicht zu vergessen, als wenn unsre Wiege dem Throne nahe stand.“ Die Fürstin sprach es mit dem bewegt feierlichen Tone, der keinen Widerspruch zuläßt. Ihr Auge sah dabei wie verklärt in die Ferne. Wo ihre Ge¬ danken waren, ließ sie die Zuhörerin nicht lange er¬ rathen: „Auch ich habe einen Blick in dieses Glück gethan. Es waren die schönsten, glänzendsten Stun¬ den meines Lebens. Damals, liebes Kind, hielt ich es auch für das höchste Glück, was das höchste We¬ sen unterm Sternenzelt einer Sterblichen gewähren könne, Königin zu sein über ein glückliches Volk.“ Die Gedanken der Königin verfolgten die be¬ rühmte Huldigungsreise, welche sie nach der Thron¬ besteigung Friedrich Wilhelms III . mit ihrem Gemahl gemacht. Tage waren es lichten Sonnenscheins, als vorausgeschickte Cabinetsordres allen Prunk und alle Ehrenbezeugungen verboten hatten; denn, hatte der König erklärt, die Liebe des Volkes habe untrüg¬ lichere Merkmale, als Einholungen, Gedichte, Guir¬ landen und Ehrenpforten. Der Monarch hatte er¬ klärt, daß nur die Merkmale der Liebe für sein Herz Werth hätten, welche, von keiner Gewohnheit und Herkommen abhängend, grade aus dem Herzen kä¬ men. Und so waren sie ihr, so dem glücklichen Gat¬ ten entgegengekommen. Das Volk that, wie es be¬ fohlen war, und wir haben nicht den geringsten Zwei¬ fel, daß es nicht von Herzen es gethan. Louise letzte sich an der Erinnerung. Sie malte einzelne jener schönen Züge, von denen uns die Zeitgenossen berichtet. Die Erscheinung des Königs und der Königin, einer jungen, von Liebreiz und Güte umflossenen, in Provinzen, wo auch die älte¬ sten Greise sich nicht erinnern können, je eine Köni¬ gin gesehen zu haben, glich der Erscheinung von Schutzgöttern des Vaterlandes, von erhabenen Ge¬ nien der Gerechtigkeit und Milde, die überall, wo sie sich zeigen, unüberwindliche Eroberer, jedes Herz ge¬ winnen. Eine Reise war es gewesen fortwährender Triumphe, nein, eine ununterbrochene Reihe von Familienfesten. Da brannte die Sonne herab, daß man die Augen nicht aufthun konnte, und doch wich Keiner vom Platze, bis er seine Königin mit Augen gesehen. Da waren neunzehn weiß ge¬ kleidete Mädchen an ihren Wagen gesprungen. Eines hatte der Königin zugeflüstert: Wir sind eigent¬ lich zwanzig, aber die Eine ist nach Haus geschickt. — Warum denn, liebes Kind? — Weil sie so hä߬ lich ausgesehen. Da hatte Louise nach der armen Häßlichen geschickt und sprach am längsten und freund¬ lichsten mit ihr. — Und jener alte Bauer, der sie so gern sehen wollen, und immer wieder von den An¬ dern und den Gensdarmen zurückgedrängt war, die Königin hatte ihn wohl gesehn und heranrufen las¬ sen, und noch sah sie ihn, wie der Greis sein Haupt entblößte und stumm, aber unverwandten Blickes, die Landesmutter anschaute. In dessen Herzen, wußte sie, lebte ihr Bild ewig fort! Und wie in einem andern Dorfe in Pommern die Bauernschaft den Wagen umringt hatte, und die Bauern in ihrem Plattdeutsch durchaus darauf bestanden, daß sie aus¬ steigen müsse und sich „tractiren“ lasse, damit die Städter nicht dächten, sie hätten das Vorrecht allein. Und die Königin war lächelnd ausgestiegen und in das Bauernhaus getreten, und hatte von dem gro¬ ßen ihr aufgetragenen Eierkuchen ein Stück gegessen, und versichert, daß er sehr schmackhaft sei. Und wie der König im Zelt an der Weichsel, wo er als Gast der Elbinger tafelte, zu dem Landmann, der mit einer Bittschrift sich auf die Knie geworfen, in edlem Unwillen gerufen: „Nur vor Gott knien! Ein Mensch muß nicht vor einem andern Menschen knien!“ „Da habe ich Blicke gethan auf den Heerd mei¬ nes Volkes, schloß die Königin, und weiß, wo die Zufriedenheit und Seelenruhe wohnt. — Sie frösteln, liebes Kind, Sie schaudern sogar —“ „Ach, Ihre Majestät, es waren Gedanken —“ Die Fürstin hatte sie gelesen: „Freilich weiß ich, nicht überall stehen Hütten von Philemon und Bau¬ cis, aber die Immoralität hat da keinen dauernden Wohnsitz, wo bewährte Tugenden, Patriotismus und Menschenliebe die Seelen umschlingen. Wenn wir wieder Ruhe und Frieden nach Außen haben, dann hoffe ich, soll es in den höheren — Gott gebe auch in den höchsten Kreisen besser werden. Aber Sie, liebes Mädchen, können doch nicht klagen, Ihr guter Genius führte Sie nur unter edle Menschen —“ „Erlauchte Frau! ich meine, die Menschen sind in allen Kreisen Menschen, und verzeihe mir der All¬ gütige, wenn es Sünde ist, sie kommen mir oft wie ein Knäuel von Schlangen vor. Wenn Eine mich recht liebevoll anblickt, denke ich an den Tiger, der den Kopf auf die Krallen drückt, zum Satz auf sein Opfer.“ „Was sind das für Phantasieen!“ „Ich weiß es nicht. Aber ich sehe überall Lar¬ ven und dahinter Verbrecher.“ „Calmiren Sie sich.“ „Es ist nun einmal mein Schicksal, ich ward von ihm herumgeschleudert, ich bin keine, ich will keine Clairvoyante sein, aber wie Vieles mußte ich wider Willen belauschen, und da ist mir, wenn ich einen stillen Teich sehe, den kein Lüftchen kräuselt, als werde er plötzlich gähren, sich heben, toben und Ungeheures zu Tage kommen. Wo wir's am we¬ nigsten erwartet, in den friedlichen Kreisen, die wir die glücklichen nennen, als braue unter der Ruhe Entsetzliches. Die Luft drückt mich, und zuweilen wünsche ich, daß der Sturm komme, die Elemente toben; ein Krieg erscheint mir nicht mehr so schrecken¬ voll, wenn diese brütende Stille nur aufhört.“ „Das sind Imaginationen, vielleicht aus den neuen Büchern. Diese Schlegel, Tieck, Novalis sind aber eine excentrische Lectüre, welche das Blut erhitzt; keine für ein junges Mädchen, das Herz und Geist zum Umgang mit rechtschaffenen Menschen ausbilden will.“ „Mich dünkt, Ihre Majestät, die Zeit ist auch zu ernst, und fordert von uns andre Pflichten, als in der Märchenwelt zu lustwandeln.“ „Das ist verständig von Ihnen. Man eifert zwar auch gegen das Lesen von Romanen und Schau¬ spielen, aber man thut Unrecht. Unser Iffland führt uns doch immer rührende Beispiele vor, wie wir uns glücklich finden können in beschränkten Verhält¬ nissen. Sie wollen es tadeln, daß er die bösen Men¬ schen immer aus der vornehmen Welt nimmt. Aber hat Iffland Unrecht? Ich wenigstens und der König sehen uns immer mit Befriedigung an, Sie sollen sich nur ein Exempel dran nehmen, die es trifft, sagte neulich mein Gemahl. — Den Lafontaine möchten sie uns auch verleiden, aber wie viele herz¬ liche und frohe Stunden verdanken wir ihm, wie vielen Trost, wenn wir Abends nach einem verdrie߬ lichen Tage uns mit ihm auf dem Sopha vom Ge¬ wühl zurückzogen. O es giebt solche Tage, wo Für¬ sten nichts hören als Klagen, Gegenanschuldigungen, wo uns die Welt wie ganz verderbt erscheint, ein Knäuel von Schlangen, sagten Sie, wir wollen es nur ein Durcheinander von bösen Menschen nennen. Da, wenn wir uns fürchten mußten vor Allem, was uns nahe kam, da erquickte uns Lafontaine mit der rührenden Einfalt seiner Personen, wir sahen uns an, und wenn wir es nicht aussprachen, dachten wir es: es giebt doch noch gute Menschen. Warum sind die es nicht, welche die Vorsehung uns in den Weg führt. Zuweilen erhört dann der Himmel unsern Wunsch, und wenn wir es am wenigsten erwarten.“ Der gütigste Blick ruhte auf Adelheid. „Was sind denn Ihre Lieblingscharactere in La¬ fontaine?“ fragte die Fürstin, um sie in ihrer sicht¬ baren Verlegenheit aufzumuntern. Die Gütige sah wohl die Wirkung, aber nicht die Ursache. Adelheid hatte an den Romanen nie Geschmack finden können; sie hatte die wenigsten durchgelesen. Sollte sie lügen vor einer Monarchin, die allen Schmuck der Hoheit vor ihr abgelegt, und nur in ihrem edelsten Selbst sich gab! Adelheid hätte in diesem Augenblick auf¬ stehen und ihr zu Füßen stürzen können, um die Wahr¬ heit in ihr zu verehren, die nicht in schönerer Gestalt sich verkörpern konnte, aber die Unwahrheit sprechen konnte sie nicht. Es floß von ihrem Munde, was sie dachte, mit einer kleinen Einfassung von Schmeichelei, die darum nicht Unwahrheit war: „Mich dünkt, des Dichters Aufgabe ist, die Menschen zu schildern, wie sie sind. Weil er Dichter ist, darf er das Schöne und Erhabene in seinem wunderbar geschliffenen Spiegel vergrößern und verschönern, und es mag ihm auch vielleicht erlaubt sein, das Häßliche und Schlechte noch etwas häßlicher zu machen. Doch das verstehe ich nicht und bescheide mich deshalb. Das Große und Schöne soll er jedoch nicht häßlich und niedrig malen, sonst widersteht er unserm Gefühl, denn von der Dichtung verlangen wir Frauen wenigstens, daß sie unsre Ge¬ fühle erheben und uns die ewige Schönheit ahnen lassen soll. Aber wenn er umgekehrt das Kleinliche und Häßliche ausschmückt, und dem Gemeinen den Schein der Tugend und des Edelmuthes umhängt, damit uns das gefalle, was wir meiden und verab¬ scheuen sollen, dann kommt es mir vor, als versün¬ digte er sich an seinem hohen Beruf. Wenn ich durch die Wimpern einer edlen Fürstin eine Thräne sich drängen sehe, weil sie bang einer schweren Zukunft entgegen sieht, für ihre Familie, ihr Volk, ihr Land, oder ist's eine der Freude, daß ihr Gemahl siegreich aus dem Felde zurückkehrt, ihre Kinder ihr Freude bereiten, ihr Erstgeborner einen ersten Zug entfaltet, der an den Edelmuth und die Tapferkeit seiner Ahnen erinnert — das, dünkt mich, ist eine Thräne, die der Dichter auffassen muß wie ein Juwel im Sonnen¬ schein. Aber entweiht er die schöne Thräne nicht, wenn er auch alle seine unbedeutenden Personen bei jeder Gelegenheit gerührt sein und weinen läßt, um Kleines und Geringfügiges, und wenn er die Thräne dann so schön ausmalt, daß die armen Leser mitwei¬ nen müssen! Sie wissen am Ende nicht recht, warum, aber er erhält die weinerliche Stimmung, weil er darauf rechnet, daß wir Alle schwach sind und es uns am Ende an ihn fesselt. So kommt mir Lafon¬ taine vor, erlauchte Frau, er weiß, wo wir Alle schwach sind, und da versucht er uns zu streicheln, er drückt wehmüthig die Hand, schlägt verführerische Accorde an, bis wir fortgerissen sind, und wenn wir wieder zu uns kommen, schämen wir uns darüber, denn er hat uns weich gemacht, wo wir stark sein sollten, und wo haben wir dann noch Gefühl, Stimmung, die unentweihte Thräne für das große Schicksal wirk¬ lich großer Menschen.“ Die Königin hatte mit Aufmerksamkeit zugehört. Von Spöttern waren ihr ähnliche Urtheile über ihren frühern Lieblingsdichter schon zugedrungen. Dieser Ton war anders. Sie stimmte nicht bei, sie wider¬ sprach nicht, sie schien die Sache zur weitern Ueber¬ legung zurückzulegen, als sie sich seitwärts wandte: „Dann ist wohl Jean Paul Ihr Dichter? Die¬ ser Liebling der Musen erhebt uns in die Höhen, wo unsre Adelheid sich wohl befindet. Ich liebe ihn auch, aber mir schwindelt zuweilen in seinen lichten Räumen, mitten in meiner Begeisterung und Bewun¬ derung für ihn fühle ich mich beklommen. Daß ich es grade heraussage, die Luft dieser erhabenen We¬ sen ist mir zu rein, meine Neigungen sind doch noch zu irdisch, ich fühle, daß ich unter diesen Natalien und Lianen eine schlechte Rolle spielen würde. Es ist vielleicht die Eitelkeit — setzte sie lächelnd hinzu — die Königin möchte nicht gern die Magd spielen in der überirdischen Gesellschaft des edlen Dichters.“ „Ihre Majestät verzeihen, wenn ein schlichtes Bürgermädchen diesen Stolz auch empfindet. Jean Paul's Frauen kommen mir oft vor wie aus Monden¬ schein und Sonnenstrahlen gewebt. Wenn man sich an sie hielte, zerflössen sie —“ „Das dürfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen, sonst verketzern sie uns, fiel die Fürstin noch im sel¬ ben Ton ein. — „Nein, alle Admiration dem herr¬ lichen Manne, aber Sie haben wohl Recht, unsere Zeit fordert Männer, auch Frauen, welche den Din¬ gen und Verhältnissen in's Gesicht zu sehn verstehen, und vor einer rauhen Berührung nicht zurückschrecken. Sie fordert, daß wir unsre Empfindungen beherrschen. Es ist schwer, mein liebes Kind, schwer für einen Jeden, die schlechten Menschen nicht merken zu lassen, daß man sie haßt, verachtet, was mehr für uns Fürsten! Das ist unsere gepriesene hohe Freiheit, wir müssen sogar freundlich scheinen gegen unsre Feinde, denen die Hand drücken, von denen wir wissen, daß sie in der Tasche den Dolch gegen uns versteckt hal¬ ten. Das kostet etwas — eine Resignation, die oft unsre schwache Kraft übersteigt. — Wir träumen zu¬ viel von dem Guten und Bessern. Das ist schön, aber wir dürfen nicht mehr träumen, wir Alle nicht. Jede muß ihre ganze Kraft anrufen, um gerüstet dem gegenüber zu stehen, was Gott zu unserer Prü¬ fung schickt. Wir müssen uns bezwingen, entsagen können, auch dem, was uns das Theuerste, Liebste ist!“ Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung plötzlich verwandelt. Es war auch um sie her anders geworden; die Sonne war hinter herauf¬ ziehende Wolken getreten, die Vorläufer des Windes hatten schon länger die gelben Blätter über die Füße der beiden Frauen getrieben, jetzt fing er an, in den Büschen das Gezweig zu rütteln, in raschen Stößen schüttelte er von den entfernten Baumwipfeln das Laub. Die laue Luft hatte, wie auf einen Zauber¬ hauch, einer empfindlichen, scharfen Kälte Platz ge¬ macht, daß die Damen die Tücher enger um den Hals zogen. „Wir müssen Alle entsagen, sprach die Königin feierlich, auch Sie, Adelheid, werden die Kraft haben. Ich habe das schöne Vertrauen, nachdem ich Ihre schöne Seele kennen gelernt.“ Da war auch ein schöner Vorhang plötzlich ge¬ fallen, ein Vorhang gewebt aus Sonnenstäubchen, die in anmuthigem Spiel hin- und her geschaukelt, und die bleierne, graue Wahrheit lag vor ihnen, das, warum die Fürstin Adelheid zu sich beschieden; auch das blickte schon verrätherisch hervor, warum Adelheid gekommen war. Es giebt im Seelenleben Augenblicke, wo der Klügste sich keine Rechenschaft zu geben weiß, woher ein Gedanke aufquillt, dem er plötzlich zu folgen sich gedrungen fühlt, auch wenn er entgegen der Strömung ist, der all sein Fühlen und Denken sich hinneigt. Bei großen Männern ist es ein Kitzel, mitten in Planen, welche die Welt verrücken sollen, sich starr auf einen einzelnen Punkt zu setzen, der damit nichts zu thun hat, sorglos, ob die Emsigkeit, welche sie der Bagatelle widmen, sie an ihrem größern Schaffen hindert. Cäsar, mit dem Plan die Welt zu erobern im Kopfe, beschrieb, wie ein Liebender die Augen der Geliebten, die Construction der hölzernen Rheinbrücke, die er erfunden. Es ist die ewige Mahnung an die großen Geister, daß sie auch Menschen sind, an uns, daß all unser ernstes Thun vor einem höhern Auge Spiel¬ werk ist. An Frauen es zu rügen, ist nie einem Billigen eingekommen. Wenn sie gar nicht mehr spielen sollten, was wären sie sich — uns! Auf Königin Louisens Seele lastete Ungeheures. Seit der vorjährigen Gruftscene in Potsdam schien sie Vielen ihrer Umgebung wie ausgetauscht. Sie las nicht mehr Lafontaines Romane, daß sie heute sie gerühmt, war nur pietätvolle Erinnerung gewesen, sie lebte der ernsten Sorge vor der Gefahr, die über dem Hause ihres Gatten, dem Lande ihrer Liebe und Wahl schwebte. Keine Frau, vielleicht wenig Männer fühl¬ ten so schwer, innig, zuweilen klar die Bedeutung der Zeit, und doch hatte sie ein Etwas, was ganz außer diesem Kreise lag, mit Eifer aufgefaßt. Sie hatte sich für das schöne Mädchen interessirt, von dem der Ruf so viel sprach, die erste Begegnung hatte dies Interesse erhöht. Sie wollte Adelheid, nach dem gelegentlichen Gespräch mit ihrem Vater, vor einer Verbindung bewahren, welche dieser beklagt, welche ihr als ein Unglück erschien. Wie ihre Phan¬ tasie plötzlich sich dieses Gegenstandes so bemächtigen können, bleibt uns ungesagt, aber es war so, es war nicht unnatürlich, und die Königin sprach wie eine liebende, zärtlich besorgte Mutter zu ihrem Kinde. Louisens Beredtsamkeit ward von ihren Zeitge¬ nossen als bezaubernd gerühmt. Jedes Wort aus ihrem Munde sei ein Schlag des Herzens, ein Klang der Seele gewesen, da wo eben das Wort nur die wahrhafte Aeußerung des wahrhaft im Innern Le¬ benden war. Der Zauber dieser Beredtsamkeit sei gewesen, daß sie nicht eine Kunst war, sondern eine Tugend. Wie ihre Briefe ein voller, unverkümmerter Herzenserguß waren, so folgte in ihrer Rede, wenn das Herz sie dictirt, die Sprachfertigkeit dem raschen Schwunge ihrer Gedanken. So hatte die Königin zu Adelheid gesprochen. Der dürre Inhalt der belebten Rede würde lauten: Sie sind ein gutes Mädchen, und ein gutes Mädchen ist gehorsam dem Willen ihrer Eltern, Eltern sehen am besten, was zum Wohle ihrer Kinder ist, Ihre Eltern sind gegen diese Partie, weil sie dieselbe für unpassend halten, weil sie voraussehen, daß Sie mit diesem Manne kein glückliches Leben führen können. Der Mann Ihrer Liebe ist ein Wüstling, Sie selbst können sich darüber keiner Täuschung hingeben, denn Sie wissen es aus eigner Erfahrung. Wenn auch Ihre Eltern nicht wären, müßten Sie sich fragen: Ist dieser Mann meiner würdig, bin ich, bei ruhiger Ueberlegung, noch des Vertrauens, daß er mich glück¬ lich, zufrieden machen kann? Sie müßten sich auf¬ richtig antworten: Was kann er mir bieten, als ein ganz verwüstetes Leben! Welche Bürgschaft, daß, wenn er sich scheinbar gebessert, er nicht wieder in das alte Sein zurückverfällt, sobald die erste Leiden¬ schaft, die er jetzt Liebe nennt, ausgetobt hat. Und was gebe ich ihm dafür? Den frischen, frommen Sinn einer tugendhaften Jugend, ein blühendes Da¬ sein. Ist er solchen Opfers werth? Kann, ich dies Opfer vor meinem Schöpfer verantworten, der so ausgezeichnete Gaben mir schenkte, nicht um sie weg¬ zuwerfen? Er wird dereinst Rechenschaft darüber fordern. — Endlich, zugegeben, daß Ihr Herz sich schwach fühlt, daß Sie ihn lieben. Aber Sie sind ein starkes Mädchen, das selbst es ausgesprochen, in einer so ernsten Zeit dürfe man nicht mit Mähr¬ chen tändeln, nicht dem Spiel der Phantasie sich hingeben. „Sein Sie, zeigen Sie sich jetzt stark. Drücken Sie Ihre Hand an das blutende Herz — ich weiß, daß es blutet, ich kenne auch diesen Schmerz — aber man kann ihn überwinden! Reichen Sie mir die andere, dann sehn Sie mich mit Ihren klaren Augen, die nicht lügen können, an und sprechen: Ja, ich will entsagen.“ So schloß die Königin und hatte vielleicht er¬ wartet, daß Adelheid auf die Knie sinken, ihre Hand an die Lippen pressen, das Gesicht in ihrem Schooß verbergen würde. Gerührt von so vieler Güte und Theilnahme, mußte sie das Gelöbniß stammeln, und Louise hätte sie dann in ihre Arme geschlossen und vielleicht gesprochen: „Nun sind Sie mir doppelt ge¬ wonnen!“ Aber Adelheid sank nicht auf die Knie, sie preßte nicht die königliche Hand an die Lippen und verbarg auch nicht ihr Gesicht. Sie blickte so klar und ohne Trug, wie die Fürstin es verlangt, diese an und sprach: „Erlauben mir Ihre Majestät, daß ich antworte, ganz wie ich fühle?“ „Das erwarte ich,“ sagte Louise, ohne ihr Be¬ fremden verbergen zu können. „Ihre Majestät verlangen drei Punkte von mir: Gehorsam, Einsicht und Entsagung. Man ist ein schlechter Advokat in eigner Sache, habe ich immer gehört, möchten Sie, gnädigste Frau, daher Nachsicht mit einer Armen haben, die, angeklagt vor einem so hohen Richterstuhl, sich zum ersten Mal vertheidigen soll.“ Die Vertheidigung, was den ersten Punkt be¬ traf, führte Adelheid mit einer Ruhe und klaren Aus¬ einanderlegung der Thatsachen, daß man doch glau¬ ben können, es sei nicht das erste Mal, daß sie, des Ungehorsams gegen ihre Eltern angeklagt, vor Gericht stehe: Noch gehöre ihr Herz und ihre volle Dank¬ barkeit den Theuren, aber nicht mehr ihr Schicksal, das Vater und Mutter ja längst in andere Hände gelegt. Wenn sie von denen sich frei gemacht, ge¬ höre diese Freiheit ihr, die sie errungen. Wisse ein Vater, auch der beste, liebevollste, immer am besten, V . 9 welcher Gatte das Glück seiner Tochter begründen werde, dürfe das Herz nie mitsprechen, und blicke dieses nicht oft klarer in die Seele des Geliebten und die Zukunft, als ein redlicher Vater, der im Staatsdienst, unter Aktenstaub ergraut, den Werth des Menschen nur nach seiner Stellung im bürgerlichen Leben abschätze? Und sei nicht der Wille des Men¬ schen wandelbar, es nie vorgekommen, daß Eltern ihre Ansicht geändert, daß sie endlich ihre Hand seg¬ nend über Ehebündnisse gebreitet, denen sie vorher ge¬ flucht, während so mancher Vater die Hände gerun¬ gen, manche harte Mutter die Haare gerauft über das Unglück ihrer Tochter, das sie durch ihre Hartherzig¬ keit, ihren Eigensinn herbeigerufen? Aber nein, ihre Eltern würden rein von dieser Schuld bleiben. Ihr Vater kämpfe nur mit alten Vorurtheilen, vielleicht seiner Bescheidenheit, die seiner Tochter ein stilleres, bürgerliches Loos gewünscht, und das Herz ihrer Mutter sei schon jetzt weich gestimmt. Wenn Adelheid in ihrer Advokatenrede auch nicht von der Wahrheit abgewichen war, hatte sie doch nicht die kleinen Künste der Diplomatie verschmäht. Die versteckten Anspielungen auf so manche Familienscene aus Lafontaine war verstan¬ den und hatte gewirkt. Wo die Königin über die erdichtete Situation Thränen vergossen, durfte sie da die wirkliche mit der Kälte des Verstandes ver¬ dammen? Adelheid hatte in diesem Punkte gesiegt. Die Fürstin verschluckte Vorschläge, die ihr dunkel vorgeschwebt, daß ein so reines, schönes Mädchen, ein Abdruck der jungfräulichen Natur, nicht in das verderbte Städteleben passe, daß sie an der Hand eines braven, einfachen, redlichen Mannes fern auf dem Lande, in einer Hütte, umschattet von Flieder¬ büschen, das Glück und den Frieden des Lebens fin¬ den werde. Ihre großmüthige Phantasie hatte zwar die Hütte im Innern recht hübsch austapezirt, aber — Adelheid paßte doch nicht dahin; zu dieser Ueber¬ zeugung war die kluge Königin schon in der ersten Hälfte ihres Zwiegespräches gediehen. Aber um zu entsagen, dazu war sie stark. Louise blickte noch einmal mit Wohlgefallen das schöne Mäd¬ chen an. Welch ein Moment, wenn sie, nicht aus kindlicher Pflicht, nicht aus Rührung, nein, aus vol¬ ler Ueberzeugung erklärte: ja, einer höhern Pflicht gehorchend, entsage ich. In einer neuen, kurzen An¬ sprache malte die Königin ihr die Seligkeit dieses Gefühls. Sei es nicht eine königliche Tugend, das Herz der Pflicht unterzuordnen? Grade die auf der Menschheit Höhen wandeln, die Fürstinnen, seien von Anbeginn dazu bestimmt; zum Besten des Allge¬ meinwohls träten sie an den Opferaltar. Es war eigentlich eine Dithyrambe, in der Louise sich für die kleine Niederlage erholte; leider aber war Adel¬ heid heut nicht in derselben Stimmung. Als hätte die frische Herbstluft alle Nebel und Illu¬ sionen gelichtet, ihre Gedanken geklärt und in Schich¬ ten gelegt, antwortete sie mit einer Verständig¬ 9* keit, die einen entzückten Liebhaber vielleicht er¬ schreckt hätte: „Aber, gnädigste Königin, ich bin nicht aus fürstlichem Blute, und weiß daher nicht, warum ich Opfer dem Allgemeinwohl bringen sollte. Das hat von einem unbedeutenden Mädchen nichts zu erwar¬ ten und nichts zu fürchten; ein Tropfen im Meere mehr oder weniger, das Meer merkt es nicht. — Soll ich für Andere entsagen? Wem helfe ich, wen tränke ich? Etwa den Vater meines Geliebten, weil er diese Verbindung nicht wünscht? Er hat sich nie um seinen Sohn gekümmert, er hatte ihn so gut wie verstoßen. Was Louis Bovillard ist, verdankt er sich selbst. Er steht frei gegen seinen Vater, ja, er ist noch freier von ihm, als ich gegen meine EI¬ tern. Kann dieser Vater mir etwas vorwerfen, was nicht alle Welt weiß, was selbst vor den Lästerzun¬ gen derselben rein gestempelt ist, seit Ihre Majestät mir öffentlich Ihre Huld gezeigt?“ „O nichts von dem! sprach die Königin mit abwehrender Handbewegung. Er könnte sich glücklich schätzen, eine so reine Schwiegertochter in sein be¬ flecktes Haus zu bekommen. Dazu ist er jetzt ein Narr! Dieser profligate Mensch, der sein Leben durch nichts gethan, als den Adel seiner Menschen¬ würde herabzusetzen, pikirt sich jetzt, aus vermoder¬ ten Pergamenten einen uralten Adel zu beweisen. Lächerlich und empörend!“ „Gegen wen, erlauchte Frau, wäre es dann Pflicht, dem schönsten Traume meines Lebens zu ent¬ sagen?“ „Gegen sich selbst! Können Sie keinen noch schöneren sich denken, das Bewußtsein, Ihre Tugend und Ihr besseres Sein vor Ihren Affecten gerettet zu haben?“ „Ich fühle in mir nicht den Beruf, eine Hei¬ lige zu werden, erwiederte Adelheid. Ich bin, was ich bin, und will nicht mehr sein, ein Mädchen wie andre, von nicht zu heißem und nicht zu kaltem Blute. Ich glaube mich überwinden zu können, wenn ich muß, wo ich aber die Nothwendigkeit nicht absehe, glaube ich ein Recht zu haben, wie jedes lebende Wesen, wo Gottes Sonne auf mich scheint, mich zu freuen in ihrem Strahl.“ Die Worte klangen nicht harmonisch zur Stim¬ mung der Königin, nein, es war eine kecke Disso¬ nanz, aber Louise konnte nicht zürnen; durch das Vorangehende war sie schon anders gestimmt. Das Gespräch hatte eine ganz andre Wendung genom¬ men, als sie beabsichtigt. Sie begnügte sich zu sa¬ gen: „Ach, wenn Sie die Seligkeit einmal kennten, die im Entsagen liegt!“ „Ich habe einst entsagt, fiel Adelheid ein, und kostete nur die Schmerzen der Enttäuschung, ich empfand die Folter der Unwahrheit. Ja, Majestät, da fühlte ich, es giebt auch eine Pflicht, uns selbst treu zu sein und wahr. Die hatte ich verletzt, mich versündigt gegen mich, gegen das Heiligthum meines Herzens. Es schlug für ihn von jenem ersten Augen¬ blick an, und ich hatte seine Schläge unterdrückt; es waren die Rücksichten, die meine Königin aus¬ sprach. Das waren unglückselige Monate, Jahre; die Brust blutete und keiner sah es, und kein Trost, ich half ja Keinem damit. Statt kräftig zu werden und frisch, lähmte die Halbheit meinen Geist. — Es war keine Tugend, es war eine Sünde, es blieb Sünde, bis ich sie erkannt und mir gelobte, die Wahrheit offen zu bekennen. Gott schütze und wahre mich davor, daß ich wieder zurücksinke in die Un¬ wahrheit.“ Sie hielt inne, auch die Fürstin schwieg. Das Aber, das auf ihren Lippen schwebte, ward durch einen neuen Ausbruch der Rednerin unterbrochen. Sie fühlte sich auch vor der gütigsten Königin in ihrem Recht, jetzt Alles auszusprechen. „Das war ein Selbstmord gewesen, und der Schöpfer will nicht, daß wir uns selbst vernichten. Aber es konnte mehr werden, ein Mord an einem unaussprechlich Unglücklichen, den zu retten meine schönste Lebensthat wäre.“ „O mein armes Kind, fiel die Fürstin ein, ich sehe die Gluth Ihrer Leidenschaft, aber täuschen Sie sich nicht. Ich sehe mehr, Ihre tugendhafte Seele empfindet mit dem Verlornen Mitleid, Sie wollen sich ihm opfern, um ihn glücklich zu machen, Sie fühlen den Drang schöner Seelen, eine Märtyrin zu werden. Kennen Sie ihn ganz? Fragen Sie sich, ob er es werth ist, der Mann, der — wie viele, so unschuldig als Sie, mag er auf seinem Gewissen haben! Danach fragt die Welt freilich nicht, und die vornehmen jungen Wüstlinge machen sich daraus kein Gewissen. Aber sie beobachten doch wenigstens den äußeren Anstand. Was man vom jungen Bo¬ villard erzählt, o mich schaudert, ihn an Ihrer Seite zu sehen!“ „Ist er darum schlechter, weil er keinen Schleier um seine wüste Jugend gebreitet! Mich schaudert vor denen, die die Welt lobt, weil die Welt nur das feine Kleid und die feine Miene sieht, hinter denen ihr verwüsteter Geist sich verbirgt.“ „Man spricht ihm kein langes Leben zu, die Frucht seiner Ausgelassenheit.“ „Rechnet die Liebe nach Jahren?“ „Doch soll die Ehe ein Bund der Seelen, eine Harmonie gleichgestimmter Geister sein.“ „Ist sie's denn immer?“ „Aber der Mann muß wenigstens die Gefühle einer edlen Frau zu würdigen wissen, wenn er auch dem kühneren Schwunge ihres Geistes nicht folgt.“ Adelheid lächelte: „Sein Geist, gnädigste Frau — O könnte ich Ihnen diesen edlen Geist malen, der rein blieb wie der Aether über dem aufgewühlten Schlamm, könnte ich Ihnen sein Herz öffnen, wie es mächtig pulst für die Leiden, die Ehre des Vater¬ landes, wie nur die Schmach, die er ansehen mußte, Gift in die Adern sprützte —“ „Lassen wir die Poesie, liebes Mädchen, es han¬ delt sich von ernsten Dingen. Ich will Ihnen glau¬ ben, daß ein besserer Keim in ihm ist, daß große Talente in ihm schlummerten, daß Characterstärke ihm von Gott gegeben war, ich will zu Ihrem Besten Alles zu seinen Gunsten glauben, aber warum gab er sich keiner geordneten Thätigkeit hin, warum zer¬ splitterte und vergeudete er diese Gaben. Bei seiner Geburt, dem Einfluß seines Vaters wäre ihm ein Wirkungskreis leicht geworden.“ Adelheid sah die Königin mit einem eigenthüm¬ lichen Blicke an, es lag Frage, Bitte, ein Forschen darin. „Darf ich?“ Sie hielt die Hände auf der Brust. Der Augenschlag der Königin winkte Gewährung. „Ich kenne Jemand, den die Geburt hoch ge¬ stellt, höher steht nur Einer. Sein Herz schlägt für das Vaterland, sein Blut glüht für seine Ehre. Mit dem ritterlichen Feuermuth der alten Zeit, schlägt doch dies Herz weich für das Edle, Schöne, Große, das alle Zeiten schmückte. Er möchte, er könnte ein Volk erheben, es glücklich machen, denn seine Gaben befähigten ihn zu dem Höchsten. Und klar liegt vor seinem Gesichte die Vergangenheit, sein Auge blickt in die Zukunft. Warum ist dies Auge trüb? — Weil der Horizont trüb ist. Warum sank dieser Feuergeist, dessen Flügel der Sturm durchschnitt, der der Sonne entgegenblickte, ohne zu zücken, in den Schlamm zurück? Weil die Atmosphäre zu schwer ist, sein Feuerathem sie nicht durchdringt, seine beredte Lippe umsonst redet, seine kühnen Vorstellungen an der Mattigkeit der Menschen, an der Zähheit, der Ge¬ wöhnung, an der Macht der grauen Alltäglichkeit ab¬ glitten. Da ward er muthlos, er verzweifelte. Er¬ habene Königin, wie sollte ich es wissen! Ich spreche nur, was die Stimmen der Tausende, die Lüfte mir zutragen, aber sie flüstern und rufen es laut: Das ist unser Loos. Dies Firmament erdrückt die, die zum Besseren aufwallen. Es ist einmal so in diesem Reiche. Wer daran Schuld, sagen sie nicht, aber sie zäh¬ len viele, viele edle Geister, die im fruchtlosen Kampf verkamen, untergingen. Wenn der edelste Prinz, der tapferste Held, dessen Lob in allen Zungen, den die Armee vergöttert, diesem Loose nicht entging, dürfen wir die verdammen, die dasselbe gewollt, und auch ihre Flügel verbrannten, sie sanken, tief, tief — Dür¬ fen wir sie versinken lassen.“ Louise hatte den Kopf halb abgewandt sinken lassen. „Meine Königin ist nicht die grausame Rich¬ terin, welche die Edlen büßen läßt, was Elende verbrachen. Man sagt — fuhr Adelheid mit ge¬ dämpftem Tone fort — der Prinz wäre zu retten gewesen, wenn er ein edles Weib gefunden, das seine Gedanken und seine Sorgen getheilt, wenn eine seiner würdige Gattin, seinem Geiste nahe, seiner Liebe werth, ihn aufgerichtet. Er suchte, und — fand sie nicht. Man sagt, man flüstert es wenigstens, daß er Eine gesehen, und er wäre gerettet, er wäre ge¬ worden, sie sagen ein Gott. Aber er verschloß, ent¬ sagend, die brennenden Wünsche in der Brust — denn — die Eine gehörte schon einem Andern!“ Adelheid fühlte, was sie gewagt, aber es war eine Macht über sie gekommen, der sie nicht wider¬ stand. Auf Eine Karte war Alles gesetzt — Tod und Leben hieß die Krisis, es gab kein Mittel. Fieber¬ hitze durchglühte sie, und sie schüttelte vor Frost, als sie aufgestanden. Auch die Königin stand auf. Noch wandte sie ihr Gesicht ab. Es war etwas war's ein Kampf? — was sie vor sich selbst verbarg. Wenn sie jetzt sich umwandte, ein zürnender Blick, eine Handbewe¬ gung Adelheid zurückwies, wenn sie ohne eine Sylbe den Hügel hinabschritt, Adelheid jetzt allein ließ, ver¬ stoßen, verloren — Nein, sie wandte sich um, und im nächsten Augenblick drückte sie das verlassene Mädchen an ihre Brust. Worte sprach sie nicht, nur eine Thräne fühlte Adelheid über ihre Wange rinnen. Als sie schweigend die Allee zurückgingen, hatte das Sterbegeläut vom Kirchthurm aufgehört; dafür schmetterten Trompeten, und ein kriegerischer Marsch der Garnison des Städtchens tönte über die Baumwipfel. „Gott sei Dank! sprach die Königin. Das er¬ leichtert das Herz.“ Am Schlosse beim Scheiden reichte sie Adelheid die Hand zum Kusse. Dabei flüsterte sie ihr zu: „Wir sehen uns bald wieder.“ In ihren Apartements befahl die Königin ihrem Kammerherrn, zum Minister Stein zu fahren. Sie wünsche ihn zu sprechen. Darauf hatte sie eine längere Unterhaltung mit der Viereck. Die Hofdame erklärte nachher den Hof¬ leuten, daß Ihre Majestät endlich so huldreich ge¬ wesen, in den Wunsch einzugehen, den sie schon längst gehegt, nämlich bei ihrem geschwächten Ge¬ sundheitszustande eine Gesellschafterin zu nehmen, welche in ihren Apartements wohnen dürfe. Sie denke die Tochter des Geheimraths Alltag, die sich dazu anstellig zeige, zu acquiriren. Siebentes Kapitel. Eine Maus und eine Mausefalle. Bei Madame Braunbiegler sollte Whist gespielt werden. Die Gesellschaft war nur klein, kam aber nicht zur Ruhe. Wenn man kaum die Karten ge¬ zogen, störte eine Nachricht, eine Person, die uner¬ wartet hereinstürzte. Es war nun einmal Unruhe in der Stadt, die mit dem besten Willen sich nicht bewältign ließ. Man wußte schon, daß das Heer jetzt wirklich auf den Kriegsfuß gesetzt werden solle. Wenn man nur abgewartet hätte, bis die Män¬ telgelder beisammen waren! hatte Madame Braun¬ biegler gemeint; aber es waren noch nicht siebzigtau¬ send Thaler gesammelt. — Und was hilft das Geld, wenn die Schneider fehlen! hatte der Legationsrath gesagt. Da brachte Herr von Fuchsius eine Nachricht, welche alle bisherigen in den Hintergrund drängte. Die Königin hatte endlich ihren Widerwillen gegen den jungen Bovillard aufgegeben, er war ihr vor¬ gestellt worden, sie hatte ihn gnädig aufgenommen, sich günstig über ihn geäußert, zu Andern aber spitz gesagt, er müsse wohl viele Feinde haben, da er ihr ganz anders geschildert worden. Er war Tages darauf zum Legationssecretair, Andre meinten sogar zum Legationsrath ernannt worden, beauftragt zu gewissen Vorträgen im Cabinet und in der persön¬ lichen Nähe der höchsten Herrschaften. Man war getheilter Meinung, ob dahinter eine Intrigue des neuen Ministers stecke oder des alten Bovillard. Fuchsius lächelte, als eine Dame mit einem andern: Wissen Sie schon? hereinplatzte. Die Alltag ist zur Gesellschafterin der Viereck ernannt. Sie zieht in's Palais! — In's Palais! — Was das zu bedeuten hatte, darüber war Niemand im Zwei¬ fel, als man auch von der gnädigen Audienz erfuhr, welche die Königin dem schönen Mädchen gewährt. — „Nun wird's ja Alles klipp und klar. Ja, wer nur 'ne hübsche Larve hat und Connexionen, dem fehlt's nicht.“ So hatte Madame Braunbiegler gesagt. Ma¬ dame Braunbiegler war ihrer Zeit eine berühmte Persönlichkeit in Berlin, was man heut nennen würde ein öffentlicher Character, von der sehr viele Dicta noch umgehen. Wenn der Raum unserer Erzählung, die zu Ende geht, es erlaubte, hätte sie das Recht und die Anwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin, als wir ihr angewiesen, aber der Rahmen schließt sich, und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die Grammatik, die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet, verbietet uns, ein Bild in den Vorgrund zu stellen, welches für viele Leser unver¬ ständlich bliebe, ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den Mark Brandenburgischen Unterschied zwischen Mir und Mich. So genüge denn für dieses Mal — denn es ist wohl möglich, daß wir ihr künftig wieder begegnen — ein Dictum, welches mit stereotypischer Genauigkeit aus den Akten jener Zeit entnommen ist. Ex ungue leonem . Madame Braunbiegler hatte das Gespräch über den betreffenden Gegenstand mit den Worten geschlossen: „Denn heirathet er ihr och noch! Da gratulir ich. Er hat nischt und sie hat nischt. Des wird 'ne magre Kalbfleeschsuppe. Ne sage ich doch, wenn pover Volk noch dicke thun will und vornehm sind, die können mich gestohlen werden.“ Madame Braunbiegler mußte sich dabei echauffirt haben; es kostete ihr immer eine Gemüthsbewegung, wenn sie von ordinairen Leuten sprach, die es den Reichen gleich thun wollten. Sie war den liberalen Ideen abgeneigt und hielt auf Standesunterschied. Der Shawl war ihr beim Echauffement von den leuchtenden Schultern gerutscht. Herr von Wandel legte ihn ihr sanft wieder um: „Sie könnten sich erkälten, gnädige Frau,“ flüsterte er mit der sanftesten Stimme. Der Ritter begehrte nicht den Dank der Dame. Wie zufällig, hatte er sich auf einen Stuhl am Spiel¬ tisch niedergelassen, wo Frau Geheimräthin Lupinus schon mit der Karte in der Hand saß. „Was sagt meine Freundin dazu?“ Die Freundin war noch in halber Wittwentrauer, in grauem Seidenkleide mit schwarzem Ueberwurf. Ihr Gesicht verrieth nur die Verklärung der Trauer. Man hatte bemerkt, daß sie, die bei seinen Lebzeiten nie viel von ihrem Manne gesprochen, jetzt gern, wenigstens absichtlich, das Gespräch auf ihn lenkte. Immer als Philosophin. Sie bedauerte ihn nicht, sie erklärte es als ein Glück, daß er diese unruhigen Zeiten nicht mehr erlebt. Man wisse nicht, wie diese reine, von den Weltverhältnissen unberührte Seele in diesen Berührungen, Stürmen würde gelitten ha¬ ben. Schon ein Collectensammler, ein Weinreisender, der in sein Zimmer gedrungen, habe ihn in eine fieberhafte Erschütterung versetzt und den Frieden seines Geistes auf Tage gestört. Wenn nun, wie jetzt täglich geschähe, Aufforderungen um Charpie, Beiträge zu dem und jenem in's Haus drängen, wie hätte sie ihn davor bewahren sollen! Schon das beständige Ziehen an der Klingel hätte sein Nerven¬ system angegriffen. Und nun erst gar die Mäntel¬ geschichte! Der Bürgermeister, Herr Büsching, war ja mit Herrn Gerresheim und Köls selbst zu ihr ge¬ kommen. Der selige Geheimrath habe eine so leb¬ hafte Phantasie gehabt, daß, wenn die Herren ihm die Noth der armen Soldaten, den Frost, die Schauer eines Winterlagers vorgemalt, er die Schrecken am eignen Leibe empfunden hätte. „O und er war die Liebe und Theilnahme selbst! Man glaubt es mir nur nicht, weil ich keine Worte davon machen kann!“ pflegte sie zu schließen. Zum Legationsrath sagte sie das aber nicht. Sie erwiederte ihm nur: „Was ich dazu sage? Das kommt doch nicht in Betracht. Was aber wird die Gargazin sagen?“ „Sie ist vielleicht auch froh, daß sie das Wun¬ derthier los ist, sagte Wandel leiser. Besteht nicht unser Leben eigentlich aus Knüpfen und Lösen. Mit dem Knüpfen werden die Meisten bald fertig, aber am Lösen, weil sie nicht voraus daran gedacht, schei¬ tert ihr Bischen Verstand, und an den ungelösten Knoten des Daseins ging so Mancher unter. Es ist vielleicht die Aristokratie der Erwählten, diese Kunst sich anzueignen, bei Allem, was sie schaffen und wir¬ ken, schon an die Auflösung zu denken. O wer es dahin gebracht —“ „Wenn Alles aufgelöst ist, was ist denn dann?“ unterbrach ihn die Wittwe. „Freiheit, Chaos, wie Sie es nennen wollen, allgemeine Glückseligkeit; denn ist es nicht ein Glück, wenn wir nicht mehr zu denken und sorgen brauchen um Bagatellen! — Ist das Leben mehr, meine Freun¬ din! — Pardon, ich halte Ihr Vergnügen auf, Ma¬ dame wartet —“ Er hatte der Braunbiegler Platz gemacht, die sich mit ihrer Karte dem Tische näherte. Aber mit derselben Unbefangenheit war er zur Baronin Eitel¬ bach getreten, die am Fenster stand. Er klopfte auf ihre schöne Hand, er brachte die Fingerspitzen an den Mund. „Immer pensiv?“ „Sagen Sie mal, Legationsrath, was sieht denn Fuchsius immer auf die Lupinus? Er ist doch nicht in sie verliebt?“ „Ei, meine Freundin, eine so scharfe Beobachterin; man muß sich vor Ihnen in Acht nehmen.“ „Nein, er observirt, er läßt sie nicht aus den Augen. Ich seh das schon eine halbe Stunde an.“ „Nun, wenn es ein süßes Spiel der Liebe wäre, was kümmert es uns beide.“ „Ich bitte Sie! — Die Lupinus —“ „Lassen Sie doch die arme Wittwe in Ruh. Haben Sie nicht an Anderes zu denken.“ „Sie sind ein guter Mann, ich kenne Ihr Herz, und Sie meinen es von Herzen, sagte die Baronin, aber warum müssen Sie mich immer bei Seit ziehen?“ „Um alle Gedanken abzulenken. Denn mich, sagte Wandel mit einem Seufzer, wird man doch nicht für den Glücklichen halten können. Im Uebrigen bis jetzt geht Alles gut. Wenn wir nur auf seine Verschwiegenheit rechnen könnten. Officiere plaudern gar zu gern — in der Wachtstube, bei einer Flasche Wein —“ „Wenn ich es nur begriffe —“ Mit einer wehmüthig theilnehmenden Miene schüttelte Wandel den Kopf: „Freundin, wenn Sie V . 10 es mir doch ganz überlassen wollten! — Aber — schenken Sie mir das Vertrauen nicht — dann, nun ja, das versteht sich von selbst. — Indeß ich schmeichelte mir, in der Hoffnung auf Ihr Vertrauen, grade so zu handeln, wie ich es thue, zur Schonung Ihrer Gefühle Ihnen verschweigen zu dürfen, warum.“ „Aber warum denn? Mein Mann —“ „Ist — ein Mann, den ich kenne, schätze, ich weiß zuweilen nicht, ob ich mehr seinen weltmännischen Freisinn oder seinen Scharfsinn bewundern soll.“ „Seinen Scharfsinn?“ „Merken Sie denn nicht, daß er Sie nie mehr mit dem Rittmeister neckt?“ „Ja, aber —“ „Daß der Contact dieser Verhältnisse auch einen Reflex auf Augustens Seelenfrieden werfen muß! Nicht wahr, das ist es, nicht was Sie nicht begrei¬ fen, sondern was Sie nicht begreifen möchten . Ich frage mich ja selbst oft, was ist denn die Centrifugal¬ kraft unsrer Gedanken, wenn sie bei dem Problem stehen bleibt! Was hat eine schöne junge Frau mit den Conflicten der Generalintendantur und Militair¬ controlle zu thun? Aber aus dem Cirkel kann ich nicht heraus. Verdacht ist Verdacht. — Aus Ver¬ dacht, daß er Verdacht haben könnte, muß er keinen Verdacht zeigen. Aber schon der Schatten des Ver¬ dachts, daß er mit einem einflußreichen Militair — denn der Rittmeister bleibt doch immer der Neffe des Kriegsministers — also schon die geringste Collision eines, wie man es immer nenne, doch immer eines großen Lieferanten, besonders jetzt, wo die Mäntel¬ beschaffungscommission —“ Er ward unterbrochen, wie es schien, nicht zu seiner Unlust. Wer an so viel und Wichtigeres zu denken hat, was von ihm fordern, daß er auf Alles vorbereitet sei, namentlich wo er es nicht der Mühe werth hält, sich viel Mühe zu geben. Aus der Phrase, in die er sich offenbar verwickelte, half ihm der Ein¬ tritt einer neuen Person. Eben hatte sich Madame Braunbiegler auf ihren Stuhl niedergelassen mit einem: „Na, kommt man denn endlich zur Ruhe. Das war doch heut eine Störung“ — als eine neue schon wieder da war. Der Geheimrath Lupinus, nicht der selige, sondern von der Vogtei, war ein¬ getreten, und sofort schien man zu wissen, weshalb. Die Wirthin gab dem allgemeinen Gefühl den Ausdruck: „Ach Gott, die Flanellleibbinden fehlten noch!“ Die neuste Thätigkeit des Vogtei-Lupinus mußte also eine bekannte Sache sein; was wird in Berlin nicht bald zu einer bekannten Sache. Wer etwas gelten wollte, mußte sammeln, natürlich für die armen Krieger; wer sich hervorthun wollte, für einen neuen Zweck. Von Winkelsammlern wimmelte es in den Häusern und auf den Straßen. Der Geheimrath sammelte für wollene Leibbinden. Die Mäntel wa¬ ren für die Infanterie, die wollenen Leibbinden für die Cavallerie. Weshalb grade der Vogtei-Lupinus 10* diese Sache mit Eifer ergriffen, dafür wußte der böse Leumund auch einen Grund. Das Sammeln einer Collecte damals war aber etwas anders. Wenn heut eine solche umgeht, sind Zweck und Gründe und die Dringlichkeit der Motive längst vorher erörtert, durch die Presse Ge¬ meingut geworden, und man giebt oder giebt nicht. In jener Zeit war es anders. Wenn die Deputirten des Magistrats in die Häuser traten mit der Sub¬ scriptionsliste, so fingen sie damit an, wie jetzt der Vogtei-Geheimrath, Anfang, Ursach, Gründe, Zweck, Dringlichkeit vorauszuschicken und mit einer Bitte und captatio benevolentiae , je nach der Persönlichkeit des Angegangenen, zu schließen. Ein etwas um¬ ständlicher Weg, der aber das Gute hatte, daß die Einwohnerschaft von Berlin mit weniger Collecten belästigt ward. Nachdem der Geheimrath seine Papiere und Listen aus der Mappe genommen, welche ein Beamter ihm nachtrug, hub er an von dem Nutzen der Leib¬ binden im Allgemeinen, er citirte Hufeland und Heim über die Wichtigkeit, daß der Magen eines Menschen warm gehalten werde; wenn die Functionen desselben in Ordnung, sei der ganze Mensch in Ordnung. Das gelte aber ganz in's Besondere vom Soldaten. Er ging dann auf die Cavallerie über, und beschrieb, wie, Luft und Wind ausgesetzt, ein Cavallerist leichter am Magen sich erkälte, als ein Infanterist, der durch die Bewegung des Marschirens schon den Magen sich warm mache. Wenn nun der letztere jetzt über¬ dies noch Mäntel erhalte, so erfordere die Humanität und Billigkeit, daß man für den Soldaten zu Pferde auch etwas Uebriges thue. Er ging dann auf die drohende Herbst- und Wintercampagne über, und schilderte, wie ein Cavallerist friere, wenn er auf der Erde schlafen muß, denn die Zelte schützten nicht vor der Kälte, die aus dem Boden dringt und zuerst in den Magen geht, zumal wenn er leer ist. Nun aber sorge ein guter Cavallerist allemal zuerst für den seines Pferdes, und komme es auf diese Weise oft, daß er für seinen eigenen nicht gesorgt hat. Mit einer glücklichen Wendung wieder zu den Leibbinden zurück¬ gekehrt, zeigte er, wie sie am besten zugeschnitten und gebunden würden, gab zu, daß die von Wolle ge¬ strickten allerdings zweckmäßiger, aber nicht so schnell zu beschaffen seien, daher die von Flanell dem Be¬ dürfniß und Zeitgeist entsprächen, und schloß mit einer rührenden Declamation an die Anwesenden, daß sie für König und Vaterland und die leidende Menschheit ihr Herz und ihren Beutel zu einer mil¬ den Gabe öffnen möchten. Auch die geringste sei ihm willkommen, lieber jedoch die größeren. An der Aufnahme sah man, daß auch hier schon fertige Parteien waren, Infanteristen und Cavalleristen, Mäntel und Leibbinden, Tuch und Flanell. Indessen siegte der Flanell. Wer widersteht, wenn Andre ihm vorangehn und der Controlleur dabei steht. Nur Madame Braunbiegler fand es impertinent, grade ihr damit in's Haus zu rücken. Sie gehörte natürlich zur Tuch- und Mäntelpartei, und erklärte, sie würde nicht einen Pfennig rausrücken. „Eine Kleinigkeit doch!“ flüsterte ihr der Legationsrath zu. Das brachte sie nur noch mehr auf: Wenn sie gäbe, lasse sie sich nicht lumpen, und wenn's honorig sei, greife sie in die Tasche, daß es sich sehn lassen könne, aber Bettelei könne sie nun ein für alle Mal nicht ausstehn. „Und wie kommt er denn dazu!“ Wandel zog seine „edle Freundin“ bei Seite. Er theile ganz ihre Ansichten, ob sie es ihm aber verzeihen werde, wenn er eine Kleinigkeit nach Kräf¬ ten beisteure: „Meine Stellung zum Hofe bringt es mit sich, und der Geheimrath ist wohl nicht ohne Auf¬ trag hier.“ Dies wirkte. Es konnte bei Hofe ver¬ merkt werden, daß Madame Braunbiegler nichts für die Cavallerie gethan. „Schreiben Sie mir auf mit zwanzig Thaler, Geheimderath!“ rief die Wir¬ thin, und die Blicke der stattlichen Frau überflogen die Gesellschaft, um für die Thaler das Erstaunen zu erndten. „Eine Prise, Baron!“ Sie griff mit ihren markigen Fingern tief in die Dose und schien den Spaniol mit Befriedigung einzuschlürfen, wäh¬ rend sie nicht mit gleicher die Worte ihres Compag¬ nons vernahm: „Lupinus, Sie, hören Sie — notiren Sie mich auch mit zwanzig!“ — „Na, na, Baron, nur keine Extravaganzen nicht! Seit wann haben Sie's denn so dicke sitzen?“ — Allerdings hatte der Baron es nicht so dick sitzen als sein corpulenter weiblicher Compagnon, aber er schlug mit der Hand an die Brust: „Wenn's Vaterland ruft!“ Lupinus hatte die Hand, welche eben in der Dose gewühlt, mit Entzücken ergriffen und an seine Brust gedrückt: „Ah! Madame Braunbiegler est un ange. Votre exemple glorieux rendra notre chose victorieuse!“ „Umgekuckt, Geheimderath, Ihre Schwägerin winkt, will Ihnen auch vielleicht 'nen Fuchs geben. Stecken Sie ein, was Sie kriegen.“ Der Geheimrath Lupinus prallte buchstäblich zurück, als er sein Ohr an den Mund der Geheim¬ räthin gelegt, und diese einige Worte ihm zugeflü¬ stert hatte. „Hun — hundert!“ „Ich bitte, Schwager, sein Sie kein Narr!“ sagte sie mit leisem, strafendem Ton und bitten¬ dem Blick. „Hundert Friedrichsd'or!“ „Aber ich habe Sie doch so sehr gebeten; das war ja unter uns — Sie sind wirklich ein abscheu¬ licher Mensch.“ Hundert Friedrichsd'or! lief es durch die Ver¬ sammlung. — Hundert Friedrichsd'or für Flanell! Starre Blicke, geöffnete Münder. Am weitesten hatte die Wirthin ihn auf, es kam aber kein andrer Laut heraus, als ein: „Na nu —!“ Die Geheimräthin Wittwe empfand das Unan¬ genehme der Situation. Sie erhob sich etwas vom Stuhl: „Warum mußte mein guter Schwager über Etwas an die große Glocke schlagen, was ganz un¬ ter uns abgethan werden sollte! Da es aber ein¬ mal ist, so bin ich meinen verehrten Freunden und Freundinnen Rechenschaft schuldig. Ich bin nicht so reich, um eine solche Summe zu diesem einen Zwecke beizusteuern. Ich erfülle darin nur den Wunsch und Willen meines seligen Gemahls. So wenig er sich im Frieden seiner Seele um Weltangelegenheiten kümmerte, sah er doch mit bangem Blick die schwar¬ zen Gewitterwolken nahen, und es waren seine letz¬ ten Unterhaltungen mit mir, daß für diesen Fall ein guter Patriot, was er könne, zum Wohle des Ganzen beisteuern müsse. Namentlich ging ihm die Lage unsrer armen Soldaten zu Herzen; er, den jedes kalte Lüftchen wie ein Eishauch berührte, er¬ schrak vor dem Gedanken der Winterfeldzüge, die er für eine Barbarei der neuern Kriegskunst erklärte. Er malte sich in seinen letzten Fieberphantasieen be¬ sonders lebhaft das Bild der Bivouaks, und rief mehr als einmal aus: Und sie haben nicht mal warme Kleider! Wenn ein unerforschlicher Rath¬ schluß ihn nicht plötzlich abgerufen, würde er in sei¬ nem Testamente gewiß Legate dafür ausgesetzt haben. Wollen Sie es mir daher nicht verargen, wenn ich dies Testament für geschrieben halte, und in sei¬ nem Sinne zu handeln denke, indem ich thue, wie ich gethan. Nicht ich thue es, mir darf Niemand danken, mir Niemand Verschwendung vorwerfen, es ist sein Geist, der mich in diesem Augenblick umschwebt.“ Während die Geheimräthin es sprach, waren Aller Blicke auf sie gerichtet. Es war eine Feier¬ lichkeit in ihrem Wesen, ein sonorer Ton der Sprache, der selbst der Braunbiegler imponirte. Mit ganz besondern Blicken beobachteten sie aber zwei der Anwesenden, Wandel und Herr von Fuchsius; jenes Gesicht erheiterte sich, dieser behielt denselben Ausdruck. „Nun aber, lieber Schwager, ging die Lupinus plötzlich in einen andern Ton über, thun Sie uns den Gefallen und gehn zu Andern, denn Ihre Fla¬ nellbinden dürfen unsre Heiterkeit nicht stören. Was Sie mir gethan, ist vergeben und vergessen. Sie sehen, wir haben die Karten in der Hand, und bren¬ nen, zu spielen.“ Die Liebenswürdigkeit selbst! — Nein, eine Vor¬ nehmheit doch, und diese Sanftmuth dazu! — Wenn es nicht gesagt, wurde es gedacht. Wie herzlich, zu¬ traulich, um es wieder gut zu machen, hatte sie dem Schwager, der so tief unter ihr stand, die Hand gereicht zum Abschied. Lupinus hatte die Hand an die Lippen gedrückt — etwas schauspielerhaft, sagten Einige. Wie ein Polisson — Andere. — „Er ist doch immer der Bruder meines seligen Man¬ nes, der einzig Hinterbliebene der Familie! hatte sie geseufzt. Und was man auch immer gegen ihn sagen mag, von Herzen ist er gut.“ Mit welcher Aufmerksamkeit sie spielte, sie webte leichte Scherze in's Gespräch! Eine Geschlagene war am Spieltisch. Die Braunbiegler gestand es sich selbst. Ein schweres Geständniß, aber sie wartete nur auf die Gelegenheit, sich wieder zu erheben. Große Seelen schweigen bis zum rechten Augenblick, kleine knurren und murren bei jeder Gelegenheit. „I Gott! rief sie, als die Lupinus Karten gab, es ist gar nicht darum, um die Flanellbinden. Tau¬ send Thaler sind mich ein Quark für König und Va¬ terland, Aber der — wie kommt denn der dazu! — Sag' ich doch, wenn Leute, die nichts haben, Andern an die Tasche klopfen wollen, das sollte vom König verboten werden.“ Man erwähnte, daß die Königin sich günstig über den Eifer des Geheimraths in dieser Angelegen¬ heit geäußert. Es sei schön, wenn ein alter Sünder durch gute Thaten seine schlimmen wieder gut zu machen suche. „Wenn's nur von ihm käme! sprach die von Neuem Geschlagene. Da habe ich auch nichts gegen. Er ist ja ein Mann in Amt und Brod, und der König wird wissen, warum er sich solche Geheim¬ räthe gemacht hat. Aber alle Welt weiß auch, er ist nichts im Hause. Da steckt die Charlotte hinter, seine Köchin. Ich weiß nur gar nicht, wie die Familie den Scandal zulassen kann. Wenn das in meiner wäre, ich würde mich ja schämen —“ „Madame Braunbiegler haben anzusagen, sprach mit großer Milde die Lupinus. — Mein Seliger, setzte sie hinzu, mußte doch wissen, warum er mit seiner unendlichen Güte den Schwachheiten seines Bruders nachsah. Ich bin nur seine Erbin. Sein Wille ist meiner.“ Das Spiel ging gut. Die Braunbiegler ge¬ wann. Das kühlt den Unmuth. Aber hinter dem Spieltisch ward das Gespräch etwas laut. Verschie¬ dene Personen saßen an dem großen Trümeau, der die Spielgesellschaft in seinem Glase auffing. „Sie sind ja so munter, liebe Eitelbach?“ fragte die Lupinus hinüber. „Der Regierungsrath erzählt uns allerliebste Criminalgeschichten.“ Fuchsius hatte einen dankbaren Hörerkreis. „Das ist noch gar nichts, sagte er. Dann wird Sie eine andere Geschichte, die ich in einer englischen Zeitung las, noch mehr interessiren. Auf dem Lande lebte ein Gutsbesitzer oder Friedensrichter mit seiner Frau, wahre Muster in Sittlichkeit und Wohlthun. Man stellte die beiden Leute wirklich als Exempel auf. Sie waren schon in vorgerückten Jahren und ohne Kinder und, da ihnen Alles glücklich ging, bedauerte man sie nur, wenn ein Gatte dem andern in jene Welt voraufgehen sollte. Der Mann starb zuerst. Es hieß, er hätte sich zu wenig Bewegung gemacht, der viele Staub seiner Bibliothek, den er eingeschluckt, hätte sich auf seine Lunge geworfen.“ „Die arme hinterbliebene Frau!“ sagte die Eitelbach. „Frau Geheimräthin haben vergeben,“ rief ein Spieler am Tisch. „Excus! es flimmerte mir etwas vor den Augen.“ „Sie ward auch allgemein bedauert, fuhr Fuch¬ sius fort, ertrug aber ihr Schicksal mit wunderbarer Fassung. Sie lebte nur dem Gedächtniß ihres Mannes und führte mit großen Opfern Alles aus, was er angeordnet. Man betrachtete sie als eine Art Heilige. Da fügte es der Zufall, daß durch einen Gewitter¬ regen der an einem Abhange gelegene Kirchhof von aller Erde losgespült und durch die Gewalt des Wassers mehre Särge den Abhang hinunter gestürzt wurden. Darunter war auch der, worin der selige Friedensrichter lag. Er zerbrach, und mit Erstaunen sah man die wohl conservirte Leiche, als wenn er noch lebte. Von einer besondern Luft konnte es nicht herrühren, denn die andern Leichen waren zerstört. Man fand aber bald die untrüglichen Merkmale einer Arsenikvergiftung. Werden Sie es glauben, wenn ich Ihnen sage, daß sich ermittelt hat, die eigene Frau hat ihn umgebracht.“ Einem unterdrückten Schrei folgte eine lange Stille: „Aber wie ist denn das gekommen? Warum denn? Sie hat ihn ja so geliebt!“ rief die Baronin. Fuchsius, der mit übergebeugtem Leibe auf dem Stuhle saß, wie wohl Erzähler thun, die für eine lange Erzählung den gesammelten Stoff wie einen Faden aus sich herausspinnen, und dabei nicht rechts und links blicken, Fuchsius sah dabei unverwandt vor sich auf den Spiegel. „Das Warum ist nie recht klar geworden, ant¬ wortete er auf die Frage der Eitelbach. Es ist eine sehr alte Geschichte. In unsern gebildeten und auf¬ geklärten Zeiten kommt so etwas, wie Sie denken können, nicht mehr vor.“ „Gott sei Dank, das ist nicht möglich!“ rief die Eitelbach. „Aber ungleich interessanter, fuhr der Rath fort, und vollständig ermittelt ist, wie sie ihren Mann umgebracht hat. Können Sie sich das denken, sie puderte ihn, in dem Puderstaub aber war Arsenik.“ Am Spieltisch war eine Störung. Der Ge¬ heimräthin waren die Karten aus der Hand gefallen; sie sah blaß aus, ihr Kopf senkte sich. Das hatten aber nur die Wenigsten gesehen. Im selben Moment schon war der Legationsrath aufgesprungen: „Eine Maus!“ Er zog das Taschentuch; damit fuhr und schlug er an der Wand entlang, nach dem Boden. „Eine Maus, eine Maus!“ — Vergebens schrie Madame Braunbiegler auf: „Wir haben keine Mäuse!“ Es hatten noch Andre die Maus gesehen, denn worauf hätte sonst der Legationsrath sich so lebhaft geworfen! Wie auch die Wirthin dagegen protestirte, in ihrem Hause seien nie welche gewesen, noch sollten sie sich je zeigen, sie kam in dem allgemeinen Allarm nicht auf, besonders als auch der Regierungsrath, an ihr vorüberstreifend, ihr zuflüsterte: „Sie müssen sich schon zufrieden geben, es war eine Maus, Madame Braunbiegler.“ An der Thür sagte er halb für sich: „Eine Falle wird ja auch im Hause sein.“ Die Ba¬ ronin meinte, er gehe eine zu holen, als er sich un¬ bemerkt im allgemeinen Aufstand entfernte. Es war ein verdrießlicher Aufstand, am verdrie߬ lichsten für die Geheimräthin Lupinus, welche die Ursache gewesen, denn sie konnte nun einmal keine Mäuse sehen, ohne einer Ohnmacht nahe zu kommen. Aber wie schnell hatte sie auch jetzt sich erholt, sie war die erste, welche ihre Karten wieder in der Hand hielt: „Warum mußten Sie mich verrathen! schmollte sie mit einem eignen Blick zum Legationsrath. Das Thier raschelte so ganz unerwartet zwischen Decke und Wand hervor. Was that das! Die Gesellschaft wäre doch in ihrer Assiette geblieben.“ Die Gesellschaft war wieder in ihrer Assiette, aber die Maus noch nicht fort. Man erzählte von andern bekannten Personen, die auch eine Idiosyn¬ krasie vor Mäusen hätten. Auch Herr von St. Real ward erwähnt. Er spränge trotz seines Krückenstockes, wenn er eine wittere, auf Stuhl und Tisch. „Sprang!“ rief eine Stimme von einem andern Spieltisch: „Ach, wissen Sie noch nicht, er ist todt, plötzlich am Schlag¬ fluß gestorben.“ — Ein allgemeines Bedauern, das sich indeß in ein allgemeines wohlgefälliges Lächeln auflöste. Nicht der Kammerherr, sondern sein Onkel, der reiche Johannitercomthur Graf St. Real, war gestorben und sein Neffe Erbe seines Vermögens und seiner Titel geworden. Der Tribut allgemeiner Theil¬ nahme ward dem unsichtbaren Erben gezollt. „Ach, ein so liebenswürdiger Herr, dem gönne ich's,“ sagte die Wirthin. „Charmanter Cavalier, schmunzelte ihr Com¬ pagnon, der Baron. Gefällig gegen Jedermann, hat noch die feinen alten Hofsitten. Wenn solchem Mann ein Glück zufällt, da kann man doch noch sagen, es ist Gerechtigkeit drin. Die Glückspilze sind mir zuwider.“ Die Braunbiegler meinte, er wäre todt, und nun könnte man ihn in Ruhe lassen. Die Lupinus nickte ihr beistimmend zu. Sei uns noch eine, die letzte Rede der Wirthin in ihrer Mundart vergönnt. Diese Mundart ist ja fast ausgestorben, wenigstens in den Kreisen, in die wir unsre Leser geführt, aber sie hat auch in ihnen geherrscht, und neben allen Dialecten der Philosophie und der Romantik, was der Gesell¬ schaft jener Zeit einen bunten Anstrich gab, von dem die jüngere Generation keinen Begriff hat. „Wenn mir nu noch Ener kommt, trumpfte sie auf den Tisch, ob er todtig ist oder lebendig, des weeß ich, denn schmeiß ich die Karten fort. Zu ville ist zu ville. — Aber, Frau Geheimderäthin, müssen Sie denn allemal vergeben?“ Der Bediente war eingetreten, offenbar mit einer Meldung, aber er schien zu zaudern, als er die Lu¬ pinus im Begriff sah, die wieder aufgenommenen Karten zu mischen. „Es ist draußen — es steht draußen — es will Jemand Frau Geheimräthin Lupinus sprechen.“ „Wir haben hier auch zu sprechen.“ „Der sagt aber, er muß absolut.“ „Na, wer ist es denn, Jean?“ „Ich kenne ihn nicht, Madame Braunbiegler, — aber — aber er ist sehr dringend, er hat ein Schild auf der Brust und sagt, er muß partout .“ Wandel hatte die Geheimräthin fixirt. Ein „à mer¬ veille!“ entstieg unhörbar seinen Lippen, als sie die Karten vor sich niederlegte und aufstand. Sie verzog keine Miene: „Ich kann mir denken, was es ist; wahrscheinlich wegen eines Documentes aus meines Mannes Nachlaß, auf das eine auswärtige Behörde aus archivalischen Gründen einen Anspruch geltend macht. Es thut mir unendlich leid, daß ich abermals die Gesellschaft stören muß, hoffentlich nur auf einige Augenblicke.“ Sie rückte den Stuhl zurück. Wandel reichte ihr den Arm und führte sie bis an die Thür. Ob und was er mit ihr gesprochen, weiß man nicht. Sie haben sich nicht wieder gesehen, heißt es. An der Thür blickte die Lupinus noch einmal über die Schulter, und die ihren Blick damals sahen, wollten ihn nie wieder vergessen haben. Mit einem Lächeln rief sie: „Ich bin am Geben, meine Damen, ver¬ gessen Sie es nicht und ich werde nicht wieder vergeben.“ Es war eine peinliche Stille von einigen Minu¬ ten. Im Augenblick, wo man einen Wagen abfahren hörte, trat das Stubenmädchen ein, blaß, wie ver¬ stört: „Ach Gott, wissen Sie schon —“ Die Sprache versagte ihr. „Was?“ „Sie wird abgeführt — sie ist criminalisch — die Thränen stürzten dem Mädchen aus den Augen. Ach Gott, ach Gott! daß solchen Leuten auch so was passiren muß. Die gute Frau Geheimräthin!“ „Unmöglich! — Ein Mißverständniß!“ — Die Karten fielen, die Stühle und Tische rückten. Ueberall blasse Gesichter. Mehrere Herren waren hinausgeeilt. Der Baron Eitelbach kam aber schon hereingestürzt. Es ist eine fatale Wahrnehmung für unser Huma¬ nitätsgefühl, aber es steht unbestreitbar fest, mitten aus diesem Humanitätsgefühl schießt oft eine cani¬ balische Lust, wenn wir ein ungewöhnliches Unglück, von äußerem Schrecken begleitet, hören. In das Be¬ dauern für die Leidendenden mischt sich ein wollüstiger Kitzel. Es ist nicht immer Schadenfreude, oft nur die Freude, aus dem Alltäglichen heraus in die Re¬ gionen des Ungewöhnlichen uns versetzt zu sehen. Hören wir, daß es nur blinder Lärm war, kein Feuer, eine Mystification, so werden wir still. Wir äußern vielleicht ein Gott sei Dank! Aber ganz recht ist es uns nicht, daß die wunderbare Aufregung ohne Re¬ sultat geblieben. „'S ist richtig! Wissen Sie's?“ schrie der Baron. „Um des Himmels Willen, was?“ „Sie hat ihrem Mann Rattengift gegeben. — V . 11 Die Leiche ist heut heimlich ausgegraben — secirt. O wir werden noch mehr hören.“ Die Wirkung auf die Gesellschaft zu beschreiben, unternehmen wir nicht, die aufgerissenen Augen, die bleichen Gesichter, die Taschentücher, die Eau de Co¬ logneflaschen. Die „Unmöglich! Es ist Verleumdung!“ welche zuerst von den Lippen brachen, verstummten allmälig. Es kamen immer mehr zurück, die es be¬ stätigten, neue Details angaben. Die hatten die Ge¬ richtsdiener, Andere Fuchsius, einen Criminalrath, einen Gerichtsarzt gesprochen. Die Gesellschaft war aufgelöst; die Nachrichten wuchsen mit den Ver¬ muthungen. Sie hatte nicht nur ihren Mann ver¬ giftet, auch Kinder, ihre Dienerschaft. Sie war eine Giftmischerin aus Profession, eine Brinvilliers. Sie hatte aus einer Apotheke alles Rattengift aufgekauft. „Daher kann sie keine Mäuse und Ratten sehen.“ Eine Dame entsann sich, daß sie einmal eine ganze Schule zu sich gebeten und traktirt, und die Kinder waren nachher krank geworden. Sie hatte die ganze Schule vergiften wollen, das war keine Frage. Wir wissen nicht, ob in derselben Gesellschaft, aber am selben Abend schon erzählten Einige, daß die Lupinus die Intention gehabt, ihre Nachbarschaft, ja die ganze Jägerstraße aufzuräumen. „Und in unsrer Stadt! — In dem aufgeklärten Berlin! — Man wird es auswärts nicht glauben. — Aber wir werden noch mehr hören.“ Nachdem Madame Braunbiegler sich vom ersten Schreck erholt, war sie die aufgeregteste, wenigstens die lauteste: Wenn man sie nur gefragt, sie hätte es längst gewußt — nein, das freilich nicht, aber vor¬ geschwant hätte es ihr, daß es so oder so etwa kom¬ men werde. Und der Frau hätte sie ja nicht um die Ecke getraut; so etwas Maliciöses im Gange und den Fingerspitzen, in den Locken und Lippen, und die cachirte Vornehmheit! An ihrem Gesichte konnte man ihr die Giftmischerin ansehn. Und wenn sie nur den wüßte, der sie ihr zuerst in's Haus gebracht! War dies vielleicht die arme Baronin? Sie saß über ihren Stuhl gelehnt wie ein Bild des Ent¬ setzens, blaß, mit weit aufstarrenden Augen, sprach¬ los. Es war ihr Vieles im Leben begegnet, sie hatte einmal geglaubt, noch vor Kurzem, was sie dulden müsse, das dulde Keiner außer ihr, aber das, was sie jetzt erlebt, war mehr, es war zu viel. Sie hatte dafür keine Sprache, vielleicht auch keine Ge¬ danken. Die Lupinus galt ihr, und war ihr immer vorgestellt worden als ein Muster von feiner, edler Bildung, von Herzensgüte und Verstand, das sie zwar nicht erreichen, aber auf das sie zur Nach¬ eiferung blicken, woran sie sich halten könne. Und glaubte die Eitelbach nicht, daß sie schon eine Andere, Bessere geworden! Hatte sie nicht erkannt, woran es ihr fehle, hatte sie es in einem gerührten Augenblicke nicht gradezu ausgesprochen, und die Lupinus hatte ihre Hand auf sie gelegt und mit herzgewinnender Güte gesagt: die einfältigen Herzens sind, denen ist 11 * das Himmelreich offen! — Und ja, sie war es wirk¬ lich, welche die Lupinus zuerst mit der Compagnonin ihres Mannes bekannt gemacht hatte. Da brach es heraus, Schmerz, Aerger, Wuth: „ Herr Gott , wenn die 'ne Giftmischerin ist , was sind wir dann Alle !“ Der Legationsrath Wandel schien in dieser fürch¬ terlichen Scene nicht ganz die Fassung behalten zu haben, welche er in allen Lagen des Lebens an den Tag gelegt. Das Unglück einer so theuren, lang¬ jährigen Freundin mußte auch ihn momentan er¬ schüttert haben. Er war wenigstens für die nächsten Minuten nicht ganz Herr seiner selbst. Er saß auf einem Stuhl, den Rücken der Gesellschaft zugewandt. Sein Kopf sank über. Plötzlich aber stand er auf, und trat in die Mitte des Zimmers. Sein Auge leuchtete, indem er die Anwesenden überschaute, ein hochmüthiger, fast verächtlicher Ton in seiner geho¬ benen Stimme: „Und wer sagt — ich frage, wer wagt die Frau, welche man aus unserm Kreise geführt, eines Ver¬ brechens anzuklagen! Hat Jemand von Ihnen Be¬ weise? Liest man in ihrem Herzen! Wer, ich frage, traut sich zu, auf bloßes Geschwätz, Vermuthungen hin, ein Urtheil über eine Dame zu fällen, die als ein leuchtendes Exempel von Tugend bis da in un¬ serer Mitte stand? Wer, wiederhole ich, fühlt sich so reinen Herzens, um den ersten Stein auf sie zu werfen! — Warum senken Sie die Köpfe? — Wie! Weil die Dienstleute ein Gerücht hereintrugen, un¬ gebildete Gerichtsdiener, übereifrige Beamte sie ver¬ haftet, vielleicht auf ein bloßes Mißverständniß, eine Verwechslung — Kommt das nicht vor? Giebt es nicht Justizmorde? — Wie, darum verdammen wir die, die Sie Alle durch lange Jahre mit Bewunderung, Respect betrachtet, die uns galt für ein Wesen hö¬ herer Art! Diese Bewunderung für ihre guten Ei¬ genschaften, der Eindruck, den sie unwillkürlich auf uns Alle geübt, wäre erloschen, fortgewischt durch ein einziges Wort! O mein Gott, lassen Sie mich nicht so schlecht von uns Allen denken, daß ein un¬ besonnenes, überhastetes Wort die Thaten eines gan¬ zen Lebens verlöschen könnte —“ „Aber —“ fiel ihm Jemand in's Wort. Wan¬ del ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Sie haben Recht, der Schein ist gegen sie. Ich vermesse mich auch in keiner Art hier Richter sein, noch ableugnen zu wollen, was etwa von em¬ sigen Polizeibeamten zu Protocoll gegeben ist. Nein, von solcher Anmaßung bin ich weit entfernt. Aber, meine verehrten Freunde, hüten wir uns Schlüsse zu ziehen aus dem, was scheint, was wir vermuthen. Wollte ich meinen Vermuthungen nachträumen, dem Scheine trauen, der eben wie ein Blitz vor mir auf¬ zückt, ich müßte zum Ankläger werden gegen die edelsten Männer, die lautersten Charactere Berlins. Sie traute keinem Arzte mehr, sie glaubte ihre Schwächen durchschaut zu haben, sie nannte sie ins¬ gesammt Charlatane; das wußte Heim, Selle; Mu¬ cius hat es auch gewußt. Sie präparirte sich selbst ihre Hausmittel, sie hatte sich eine kleine Apotheke von Herrn Flittner verschafft, wie ich ihr auch ab¬ rieth, und vorstellte, daß es zu Mißdeutungen eben von Seiten der Aerzte führen könne. Es hat dazu, meine Herren, geführt, man hat Urtheile über sie ausgesprochen, die ich nicht wiederholen will. Wie nun, wenn ich diesem Schein nachginge, argumen¬ tirte: sie war eine sehr kluge Frau, die tiefer sah als Andere, darum waren die, denen sie in's Hand¬ werk schaute, ihre gebornen Widersacher, die ihr auf den Dienst lauerten, jede ihrer Handlungen mi߬ deuteten; diese Aerzte sind es, die, weil sie dieselben vom Todtenbett ihres Gatten fern gehalten, weil sie dieselben beleidigt, verhöhnt, an Ruf und Praxis geschadet, sie sind es, welche den Verdacht gegen die Unglückliche ausgestreut, bis andere Elende daraus eine Denunciation gebildet. O nein, meine Freunde, ich unterdrücke diese Vermuthung, und noch Andere, ich versichere Sie, Vermuthungen, die einem an¬ dern als mir zu Schlüssen würden. Nein, sie steht mir zu hoch, als daß ich ihr helfen sollte durch das Verderben Anderer. — Sie wundern sich über mei¬ nen persönlichen Eifer. Nun wohl denn, wenn Ihnen die Entrüstung eines Edelmanns über das Unrecht, das man einer edlen Frau anthut, nicht Grund genug ist, so habe ich keinen, unter so nahen Freunden zu verschweigen, daß meine Achtung und Bewunderung für Madame Lupinus mich nach dem Tode ihres Gatten trieb, um ihre Hand zu wer¬ ben. Ich sprach es noch nicht aus, um ihre Ge¬ fühle zu schonen, aber schon bei einer bloßen An¬ näherung kam sie schonend, doch mit einer Würde mir entgegen, die alle meine Hoffnungen zurückwies. Sie gehöre dem Todten wie einem Lebenden an, und nichts dürfe sich zwischen sie und diese heilige Erinnerung drängen. Brauche ich Ihnen zu sagen, wie ich diese heilige Empfindung verstand und ehrte, da jeder von Ihnen weiß, daß ich seitdem ihr Haus nicht mehr betrat. Und diese Frau wagt man zu beschuldigen, daß sie Hand gelegt an das theure Haupt ihres Verewigten! Diese Mittheilun¬ gen bin ich dem Criminalgericht schuldig. Ich werde sie machen, und zum Richter sprechen: Untersuchen Sie streng, das ist Ihre Pflicht, aber erlauben Sie mir auch, eine moralische Ueberzeugung vor Ih¬ rem Stuhle auszusprechen. Möglich ist Alles, aber nur die, welchen die Sünde in ihrem ersten Stadium, im Argwohn und Neid gegen die Bes¬ seren und Glücklichen, genaht ist, werden die Beschuldigung aussprechen, sie werden ein Be¬ hagen daran finden sie zu glauben, eine edle, reine Seele wird die Worte ausrufen, welche mir vorhin in's Ohr klangen: Wenn sie eine Giftmischerin ist, gütiger Gott, was sind wir dann Alle!“ Der Eindruck der Rede war groß. Er hatte seinen Hut ergriffen, sich gegen die Gesellschaft ver¬ neigt, am tiefsten gegen Madame Braunbiegler. Die Gesellschaft verstand die Bedeutung. Trotz des allgemeinen Schauers, trotz der Unruhe des Auf¬ bruchs, denn die Meisten nahmen Abschied, be¬ wunderte man den ritterlichen Mann, welcher so der Ehre einer Frau sich, annahm, die ihm den Korb gegeben! Und seine hohe Gestalt, sein tief¬ glühendes Auge unter einer Stirn, die sich im edlen Zorn immer höher zu wölben schien! So hatte man ihn nur gesehen, als er im Hause der Obristin als Retter auftrat. Niemand schien vergnügter als Baron Eitel¬ bach, er hätte, als Beide im Vorzimmer sich be¬ gegneten, dem Legationsrath um den Hals fallen können. Seine Frau übernahm es statt seiner. Eine Thräne glänzte in ihrem schönen Auge, als sie, vom Arm ihres Mannes sich losmachend, ihre Hände auf seine Schultern legte und, auf den Zehen sich erhebend, einen Kuß auf seine Stirn hauchte: „Eine schöne That verdient eine Be¬ lohnung. Eigentlich, daß Sie's wissen, habe ich Sie nicht leiden können — Sie sind ein guter Mensch, das wußte ich, aber es war mir doch immer daneben, als wenn Sie ein schlechter Mensch wären — heute aber — nein, Sie sind gar kein Mensch nicht, heute waren Sie wie ein Gott.“ Schade, daß die schöne Scene durch ein krei¬ schendes Gelächter unterbrochen ward. Nicht das des Barons, der nur etwas „grinste“ und sich vor Scha¬ denfreude die Hände rieb, sondern gespornte Stiefel polterten die Treppe herauf, und der Rittmeister schrie schon von draußen sein: Tralirum la, Tralirum la, nun geht es los! Tralirum la! Krieg! Krieg! Ausmarschordre! — Laforest kriegt seine Pässe!“ Es war ein Intermezzo, das überhaupt zu dem, was hier geschehen, nicht stimmte; Trompetengeschmetter, das einen Choralgesang, die Trauermusik eines Grabes¬ zuges unterbricht. Glühte sein Gesicht nur von der Freude oder auch vom Wein? Gleich viel, es glühte und er war trunken. Er fiel um den Hals, wer ihm in den Weg trat. „Krieg! 's geht los!“ begleitete den Kuß. Er hatte den Baron Eitelbach so umarmt, er drückte auch der Baronin seinen Bart und seine Lippen an die Wangen. Nur vor der aufrechten Gestalt des Legationsraths wich er zurück, um den Ge¬ neral-Stabs-Chirurg Görecke an's Herz zu schließen. Herr von Wandel glaubte einen schmerzlichen Zug um die Augen der Baronin zu sehen. Er flüsterte ihr in's Ohr: „Nicht verzweifelt, meine Freundin. Man muß in solchen Momenten der Aufregung auch einer Rohheit nachsehen, die unter andern Umständen unverzeihlich wäre. — Er kann sich bessern, obgleich — doch es kommt eben darauf an, ob er ein Diamant ist, oder nur ein Kieselstein.“ Achtes Kapitel. Wir werden Alle Blut sehn müssen. Die bleigraue Dämmerung eines Nebelmorgens drang noch kaum durch die von der innern Wärme angeschlagenen Scheiben in das Zimmer der Fürstin, als diese im Neglig é aus ihrem Cabinet trat. Wan¬ del, der hinter ihr die Thür schloß, war schon fertig angezogen. Er sah blasser als gewöhnlich aus und schlang ein wollenes Tuch gegen die Morgenkälte um den Hals, ehe er sich anschickte, den Mantel um¬ zuwerfen. Die Fürstin wies auf die Thür zur Hinter¬ treppe: „Sie können durch den Gartensalon. Adel¬ heid schläft schon seit gestern nicht mehr hier.“ „Der Abschied von der Tugendprinzessin war wohl sehr rührend?“ Die Gargazin sagte nach einigem Besinnen: „Ja — ich habe geweint.“ Was sie noch sagen wollte, verschluckte sie. „Tant mieux, Madame, sie kann uns nun prote¬ giren. Le temps se change, mais pas les hommes.“ „Ich wünschte, Sie changirten, sagte die Für¬ stin ernst. — Hat Sie der Anblick des jungen Mäd¬ chens nie gerührt? Zuweilen — wenn ich sah, wie alle Verlockungen und Verführungskünste von ihr abglitten — ja, zuweilen überkam es mich, ob sie nicht in einem unmittelbaren Schutze steht.“ „Die Hand des Schutzengels, den der Himmel ihr gesandt, drücke ich jetzt an meine Lippen. A revoir ! Uebrigens habe ich ja auch ein wenig den Engel agirt.“ Die Gargazin riß die Hand zurück und ihr stra¬ fender Blick hätte ihn zum Schweigen auffordern sollen, aber er schwieg nicht: „So war uns die Rolle des Verführers zuge¬ wiesen. Jede Rolle ist gut, wenn man sie nur gut spielt. Sie schaudern, es ist ein frostiger October¬ morgen. Sie werden sich erkälten, Sie sollten sich wieder zur Ruhe legen.“ „Ich schaudre, doch ich friere nicht.“ Er sah verwundert, als sie nach der Klingel¬ schnur griff. „Ich will nach der Hedwigskirche. — Wenn Sie gesündigt, fühlen Sie dann nie das Bedürfniß, Ihr Herz auszuschütten? Haben Sie gar keine Empfin¬ dung, keine Ahnung davon, welche Erleichterung, Wohlthat es ist, so belastet und gedrückt sich in den Staub zu werfen, und im Bekenntniß, in der Beichte zu den Füßen eines plénipotentiaire der Allmacht alles das niederzulegen, und jeden Winkel in uns aus¬ zukehren? Glauben Sie mir, es ist nur schwer, wenn man es noch nicht versucht. Sind wir erst daran gewöhnt, o so wird es mehr als ein Bedürfniß, eine Wohlthat, wie ein Bad nach schwülem Tage. Wie da Luft und Licht allmälig die Adern unsrer Seele durchhaucht! Der Körper fühlt es mit, er wird leichter. Wir athmen auf, wenn in den hohen Hallen der Odem des Ewigen rauscht, die Orgel in¬ tonirt, die Glocken über uns anschlagen, der Zug¬ wind trägt uns den Duft des Weihrauchs zu — wenn dann der Priester die Hände auf uns legt, die leichte Buße mit ernster Stimme dictirt, und endlich, das beseligende Wort der Lösung spricht — o wie ganz anders fühlen wir uns, nein, wir sind es. Nun trägt ein Anderer, was wir getragen, die Füße, die uns kaum trugen, sind leicht; wir sanken hin und schnellen auf. Die Welt ist wieder schön, rings um uns wie neu geboren und wir wie ein Kind, das nach dem Schmetterling im Sonnenschein hascht. O Sie armer Mann, daß Sie das nicht begreifen.“ „Ich begreife es — ich begreife es vollkommen!“ „Und Sie verschmähen die Wohlthat.“ „Was dem Armen ein Schatz ist, wirft der Reiche oft aus dem Fenster.“ „O Sie reicher Mann!“ Es war ein böser, aber scheuer Blick. „Weil Sie so gewaltig stark sind. Weil Sie die Schwäche nicht kennen! — Ich hätte Sie von Anfang an hassen müssen — “ „Aber Sie wollten mich bekehren, darum erbarm¬ ten Sie sich meiner und liebten mich.“ „Nein! — Eigentlich bewunderte ich in Ihnen die Allmacht der Natur. Wie es ihr möglich war, ein Geschöpf in Menschengestalt ohne Blut und Herz zu bilden! Sie waren mir neu, interessant, ich wollte Sie studiren. Ich klopfte an, ob nicht irgend¬ wo eine schwache Seite herausklinge — aber kalter Marmor von außen und noch kälterer innen. Ich fragte mich, was bewegt denn diesen Block, den irgend ein Dämon aus dem kalten Gestein loshieb und ge¬ meißelt in's Leben setzte, mit täuschender Menschen¬ ähnlichkeit, aber er ward kein Mensch.“ „Einige wollen behaupten, der Egoismus sei es allein, der diesen — Marmorblock in Thätigkeit bringt.“ „Aber die Lichter des Himmels blitzen Sie doch an, die Töne der Natur finden in Ihnen einen Wie¬ derhall. Es rauscht und strahlt zuweilen so harmo¬ nisch heraus, daß Sie blenden, berauschen, verführen. Sagen Sie, ist das Alles nur der Reflex eines Spie¬ gels, den selbst nichts rührt? Haben Sie keine Seele, oder ist sie wie das Meer am Eispol, eingefroren seit ihrer Schöpfung?“ „Viel näher, theuerste Freundin, läge doch der Vergleich mit dem Dämon, den der große Dichter in's Leben rief. Warum so ungeheuer weit suchen im Chaos des Möglichen und Unmöglichen, statt Goethe's Mephistopheles zu citiren? Die Ehre er¬ zeigten mir Andre, sie nannten mich den Geist, der immer verneint. Höflichere hatten sogar die Freund¬ lichkeit, den Schalk in mir zu wittern, von dem es dort heißt, daß unter allen Geistern, die verneinen, er dem Herrn der Schöpfung am wenigsten verhaßt sei. Doch das laß ich auf sich beruhen, es ist Ge¬ schmackssache, wie Alles in der Welt, Antipathieen und Sympathieen. Was sich anzieht, was sich ab¬ stößt, es ist Alles ein Spiel der Laune, die wir nicht ergründen, der Kern des Kernes, die Ursach der Ursach, nach der die schöne Königin Charlotte selbst einen Leibnitz umsonst fragte und quälte. Nein, da¬ nach müssen wir nicht suchen, nicht grübeln, um Gotteswillen; wir Alle sind ja nach Ihrem Glau¬ ben — Erwählte oder Verstoßene, denen die Gnade leuchtet, oder es blieb in ihnen finster. Haben Sie doch Erbarmen mit solchem Finstergebliebenen, er kann ja nicht für seine Maulwurfsaugen, noch daß sein Blut so kalt blieb als das arctische Meer. Wenn Sie da weiter fragen wollten, hohe Frau, auf welche Fragen stießen Sie, Räthsel, die selbst Ihr Glaube, der Berge versetzt, nicht löst. Zum Exempel, warum gab der Panurg sich die Mühe, Meer da oben am Nordpol zu schaffen, wenn es sofort zu Eis erstarrte? Wir Skeptiker würden fra¬ gen, warum schuf er nicht sogleich Eis? es wäre doch einfacher, bequemer, consequenter gewesen. Was hat dies arme Salzwasser verschuldet, daß es die schmerzliche Metamorphose erduldete? Muß es, wie ein neugeboren Kind, die Sünden seiner Erzeuger büßen? Und warum büßen in alle Ewigkeit, denn bis nicht ein Komet an diese alte Erde stößt, der Weltenbrand Alles verzehrt, wird dies unglückliche, verzauberte Wasser doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erlöst.“ „So glauben Sie doch an den Weltenbrand?“ „Ich glaube an Alles, was außerhalb des Krei¬ ses meiner Thätigkeit liegt. Warum sollte ich das nicht aus Gefälligkeit für die Gläubigen! Es geht mich ja nichts an. Nur fordere ich als Gegenge¬ fälligkeit, daß sie innerhalb jenes Kreises gar keinen Glauben von mir fordern. Da glaube ich nicht ein¬ mal, was ich vor mir sehe, fühle, rieche, nur was ich hinter mir habe, den Wein, den ich geschlürft, den Kuß von süßen Lippen, den Busen, an dem ich ge¬ ruht; daran glaube ich, und schwöre auf die Selig¬ keit, außerdem aber nur an das mathematische Ein¬ maleins, und — noch an Etwas. Da coincidirt ja unser Glaube. Der Panurg streute uns aus seinem Würfelbecher auf die Erde, wie wir sind, Starke und Schwache, Erwählte und Verdammte. Jeder geht auf seine Grasung. Wenn Jener sauren Klee liebt, so wäre ich ja ein Thor, ihn fortzureißen, daß er auf mein süßes Kleefeld kommt. Er gab uns verschiedenen Geschmack, und das ist seine nicht genug zu bewundernde Weisheit, sonst fräßen wir Einer den Andern auf.“ „Der Weltenbrand!“ rief plötzlich die Fürstin auf, und ihr Gesicht glühte. Nicht die Wärme von innen, es war eine Purpurgluth, die von außen daran schlug. Die Sonne war aufgegangen, die Wolken zerrissen, eine unförmlich große Feuerkugel tanzte im Dunst¬ licht. Aber bald sah man sie nicht mehr vor der Färbung, die sie dem ganzen Dunstmeer mittheilte. Das Firmament schien in Feuer. Das Zimmer, eben noch in unheimlichem Grau, war von rothem Gefunkel übersprenkelt. Rasch hatte die Wirthin das Fenster aufgerissen, und die Dächer der Häuser, die weite Stadt, so weit man sie übersah, schwammen in einem Blutroth. Wenn sie überrascht war, schien es nicht die Ueberraschung des Schrecks, sondern einer dämoni¬ schen Freude. Sie streckte ihren entblößten Arm hinaus in die kalte Luft, während diese Kälte sie doch nö¬ thigte, die Enveloppe mit der andern Hand fester um Brust und Hals zu drücken. „Sehen Sie!“ „Die Nebel zertheilen sich. Es wird ein schöner Herbsttag werden.“ „Der Tag der Vergeltung! Er bricht an. Feuer und Blut gemischt. O ich könnte mich freuen, ein entzückendes Schauspiel, wenn die wogenden Flammen über diese Dächer sausten, das Lieb der Vergeltung heulend —“ „Die sanfteste Frau mit Nero-Phantasieen!“ „Diese Dächer, diese steinernen hohen Mauern mit ihren griechischen, ihren etrurisch römischen For¬ men, sie waren immer meinem Auge eine heidnische Decoration. O ich hätte sie abreißen, offen legen mögen, daß man hineinblicke und sehe, was sie so geschickt verschließen, diese mit heidnischer Tugend übertünchten Sünden.“ „Ich bin nicht aus Berlin — auch kein Preuße, fahren Sie fort, Priesterin des heiligen Zornes!“ „Selbst Sie müssen das fühlen, kalter Verstandes¬ mann: hier ist keine Gesundheit, selbst ihre Rechen¬ exempel sind falsch, sie wandeln auf übertünchten Gräbern und merken es nicht. Ihre Bildung, was ist sie? Eine bunte Garderobe aus allen Ländern zusammengeholt, Frack und Frisur aus Frankreich, ein Surtout darüber aus England, bunte Flitter aus Italien, Spanien, wo es her ist. Und die gerühmte Intelligenz, aus welchem Quell schöpfte denn ihr Geist? Trank er von den Silberwassern, die aus dem ewigen Schnee rieseln, die Gottes Auge befruchtet? Aus schleichenden Flüssen, künstlichen Kanälen schöpften sie ihre Begeisterung. Diese Ramler, Gleim, o es ist zum Lachen! Womit beschäftigte sich ihre Poesie, Philosophie und Kunst, als über die Wüste der All¬ täglichkeit einen glitzernden Teppich zu weben, und den Gott, den sie nicht sahen, aber doch bisweilen fürchteten, wie Kinder das Gewitter, aus seinem Aethersitz herabzureißen, um ihm ein bürgerliches Kleid anzuziehen, bis er zum guten Nachbar ward, den man zu Gevatter bittet und die Hand schüttelt. Wen verfolgten diese Nicolaiten und Jesuitenriecher, als die von seinem Geist Durchschauerten. Die blieben die ihnen unbequemen Gespenster. So im Sieges¬ wahne haben sie über dem Schutthaufen, der Gott V . 12 und Teufel, Religion und Aberglaube begräbt, den Thron der Aufklärung aufgerichtet, im Ich, jeder ein Gott mit aufgeblasenen Wangen und Kolophonium¬ blitzen gegen Andersdenkende! Der rechte neue Aber¬ glaube und Aberwitz, wo den Sündern vergeben wird, wie man irgendwo Gefangene laufen läßt, weil kein Gefängniß für sie ist. Die nach dem Trunke dürstenden Wüstenpilger speist man ab mit dem Troste, ihr Durst sei Illusion, er werde vergehen durch Ent¬ haltsamkeit. Und wie diese Religion ein Mantel von Spinnweben, so ist ihre Staatskunst einer von verschimmelter Weisheit. Weil sie ohne wahrhaften Gott sind, haben sie aus einem Menschen einen Götzen gemacht. Ich sah zufällig als Kind, man führte mich dahin, die Leiche des großen Königs. O schau¬ derhafte Erinnerung. Dieser Größte der Großen, den sie in ihrer Vermessenheit einem Stern an den Himmel versetzt, war eine kleine zusammenge¬ schrumpfte Mumie, ein Kinderbalg, ein verkrummtes Zwerglein. Man mußte mich fortreißen, denn ich lachte laut, draußen schrie ich noch auf: das ist kein großer Mann, das ist ja eine häßliche Puppe! — Und wenn wir hinsinken vor der schönen gebenedeiten Mutter, wenn sich unser thränenreicher Blick auflichtet zu den edlen Gottzügen des Gekreuzigten, und schwebt er noch höher beim Klange des gloria in excelsis , zu dem ewigen Auge des Vaters, dann bezüchtigt man uns der Idolatrie! Aber dies Pygmäengeschlecht kniet und betet vor der kleinen braunen Puppe, und das nennt es nicht Götzendienst, das ist Anbetung der Wahrheit! Und sie haben Recht. Das sind noch die Bessern. Wer nichts ist, muß sich doch am Anblick von Etwas, das mehr ist, stärken, und wer nie ein Goldstück in die Hand bekam, freut sich auch über ein Stückchen Goldpapier.“ „Erlaucht! Das sind ja Ihre Alliirten! Von diesen beredten Lippen hörte ich zwar oft den Wunsch, daß dies sündhafte Berlin von seinen Götzen ließe, seinem Friedrich und Lessing, seinem Schiller und Goethe den Rücken kehre und vor dem König der Könige niederkniete; aber woher diese Vernichtungs¬ wuth?“ „Weil sie nicht zu bekehren sind! — Dies in eignem Wissensdünkel aufgeschwollene Pilzgeschlecht, im Innern faul und hohl, nimmt keine Lehre an. Die Ermahnungen der Gesendeten strömen durch das Faß der Danaiden. Berlin hat die Strafruthe des langmüthigen Gottes an den Himmel gerufen. Nun steht sie da. Schmähen Sie mir nicht auf den Mann, den wir bekriegen müssen. Des neuen Attila Mission ist groß, und ich sehe, sie ist noch nicht zu Ende. Nur wir sind zu oft am Ende, weil wir mit unserm Ver¬ stand ihm immer dies und das Ziel abstecken wollten, und der unsichtbare Wille lächelt über unsre Thorheit. Die Leichen sollen sich noch zu Bergen thürmen und das Blut in Strömen fließen, wo wir noch kein Bett dafür sehen. — Ei, Sie schaudern, das freut mich. So blutig roth wie dieser Morgen —“ 12 * Wandel schauderte wirklich, er zog den Mantel um die Brust: „Sie wissen, ich kann kein Blut sehen. Alles — Andre — nur kein Blut —“ Die Gargazin schien sich an seiner Angst oder an seinem Schreck zu weiden: „Steigt Ihnen es auch zu Wangen! — Wir werden Alle Blut sehn müssen, mein Herr von Wandel. Ohne das keine Erlösung aus diesem Dasein. Entweder stockt es, und wir gehen in Convulsionen unter, oder es strömt in hellen Purpurquellen aus, und das ist die leich¬ tere. — Hören Sie die Trommeln wirbeln? Wie muthig und froh gehen die Tausende dahin, wo die eisernen Würfel fallen. — Ja, das Spiel ist aus, der Ernst beginnt, mein Herr. Verspüren Sie keine Lust? Hörten Sie's nicht singen: „Im Felde, da ist der Mann noch was werth!“ Regte es sich da nicht in Ihnen? Hier ist er — gar nichts mehr werth.“ Welcher Dämon war in die Frau gefahren? dachte der Legationsrath. „Um in's Feld zu ziehn, muß man —“ „Muth haben,“ unterbrach sie ihn. „Bewahre Ihr Genius oder Ihre Heiligen die Liebenswürdigste Ihres Geschlechts davor, eine Ama¬ zone zu werden!“ Sie schien ihn nicht zu hören. „So rottenweis sie fallen, Reihe um Reihe un¬ ter dem Kartätschenhagel stürzen, das Feld sich lich¬ ten zu sehen, für einen Feldherrn soll es ein Götter¬ schauspiel bieten. Da, wenn er auf der Höhe hält, den Tubus in der Hand, sein Schlachtroß unbeweg¬ lich unter seinen Lenden, da soll Napoleon ein Gott sein. Ein Bewegen mit dem kleinen Finger, ein Seitenblick, ein Zucken mit der Lippe, die Adjutan¬ ten verstehen es, neue Bataillone wälzen heran, sie füllen die Lücken, um wieder — Lücken zu werden —“ „Bis eine kleine Kartätschenkugel, matt nur noch im Sande hüpfend, auf den Hügel springt und den Gott vom Pferde reißt.“ „Qu'importe! So zu sterben, wäre auch Wol¬ lust. — Sind wir nicht Alle zu Feldherren geboren, die wir über die Masse uns erheben? Diese Massen, die nichts sind ohne den Geist, der sie regiert, Knäuel grauen Gewürmes, ein Durcheinander ohne Unter¬ scheidung, wenn nicht ein Lichtstrahl sie färbt. Wir färben sie, geben ihnen Leben, Ordnung, Zweck des Daseins — haben wir nicht dafür Recht, über sie zu schalten wie der Schachspieler? Futter für's Pulver, nicht wahr? — Ich kann die Frau da begreifen, wenn es wahr ist, was sie von ihr erzählen. Mit Menschen¬ leben spielen wie mit Schachpuppen, warum soll es nicht zum Kitzel werden, dem man nicht mehr widersteht.“ „Die Unglückliche! Sie wollte gewiß keine Ver¬ brecherin werden.“ „Wer will das! Sie wollte nur Glück um sich verbreiten, aber weil die Menschen eigensinnig sich ihres auf eigne Weise suchen, ward sie erbittert, bis — bis — Ja — weil sie nicht Muth hatte zu sündigen, darum ward sie Verbrecherin. Eine Philosophin — sie hatte ihre Götter sich selbst ge¬ knetet — weiß ich, aus welchem Koth! — Wer den Gott des Lebens nicht kennt, seine Beseligung, dür¬ stet doch nach einer anderen. Der Gott des Todes gewährt sie auch, und wem die großen Würgeengel nicht zu Commando stehen, wie Bonaparte, läßt sich mit den kleinen genügen. Die Gemeinheit sagt, sie hätte es aus Rache gethan. Nein, ich verthei¬ dige die Frau. Auch sie nur ein Werkzeug in sei¬ ner Hand.“ „Sie würde mit ihrer erlauchten Vertheidigerin schwerlich zufrieden sein.“ „Herr von Wandel wird sie allerdings besser vertheidigen, weil er sie besser kennt.“ War das ein Basiliskenblick? — Er wollte sprechen — aber er stotterte nur von Gott und reinem Bewußtsein. Wenn sie unschuldig, werde jener sie schützen, dieses sie trösten. „Reden Sie doch nur in Sprachen, die Sie verstehen, herrschte die Fürstin ihn an. Wenn Gott seine Zuchtruthe am Himmel aushängt für die Völ¬ ker, straft er auch die Einzelnen. Merken Sie sich das, Herr von Wandel. Wenn Pestilenz, Krieg, Verderben in einem Lande ausbricht, kommt es nicht angeweht vom Winde, es bricht von Innen heraus, wie ein Geschwür von den faulen Säften. Merken Sie das. — Werden Sie noch hier bleiben? Mich dünkt, hier ist nicht Ihres Weilens. Mich dünkt, Ihnen könnte Gefahr drohen. — Mich dünkt, man glaubt Sie zu kennen —“ „Wer?“ „Ich nicht, rief mit Nachdruck die Gargazin. Ich will nicht, mir graut, Sie kennen zu lernen. Die Akademie will Sie nicht, aber für Gelegenheit nach Rußland lassen Sie mich sorgen — ich könnte Ihnen eine Professur in Kasan verschaffen.“ Er sah sie groß an: „Was ist's? Wissen Sie etwas? Droht mir etwas? Ist's vorsorgende Liebe, oder ward ich Ihnen lästig?“ „Ich könnte Sie hassen.“ „Weil Sie mich nicht bekehren können.“ „Nein, ich zittre, wenn ich Sie ansehe. Jetzt begreif' ich's, wie die erhabene Katharina vor Ab¬ scheu und Wuth zittern konnte —“ „Wenn Lieblinge nicht fühlten, daß es ihre Pflicht sei, vor ihr zu verschwinden, wo ihre Gunst ausging. Allerdings ein großes Verbrechen der Un¬ dankbaren, durch ihren Anblick der Czarewna eine Er¬ innerung zu verursachen, die sie in angenehmeren Phan¬ tasieen störte. Es war eine sehr zartfühlende Fürstin. Erlaucht, unser Verhältniß steht aber doch anders.“ „Es steht nichts mehr, es fällt und bricht, wo Alles bricht und kracht. Aber ich möchte nicht, daß etwas vor meinen Augen zusammenbricht, wo ich mir selbst Mühe gab, es zu bilden, als — meine Laune so war. Wollen Sie nach Kasan?“ Der Legationsrath verneigte sich zum Abschied: „Die Luft dort ist mir zu streng.“ „Was fesselt Sie hier?“ „Erlaucht wissen —“ „Unmöglich — nein abscheulich — das traue ich Ihnen doch nicht im Ernst zu.“ „Eine mariage de raison , weiter nichts. Wenn wir mit den Leidenschaften und Phantasieen zu Rande sind, behält die Vernunft das letzte Recht.“ „Mir aus den Augen!“ „Was that Madame Braunbiegler, Euer Er¬ laucht Zorn zu erregen?“ „O mehr als abscheulich — widerwärtig — eine Versündigung gegen Geschmack, Gefühl, Aesthe¬ tik! An einen trunkenen Silen konnte die Nymphe sich hängen, da war im Epheu holder Wahnsinn — aber das Thier, das im Schlamme der Gemeinheit sich wälzt, das wagten die Griechen selbst nicht — Und mit Bewußtsein, klar sehend — Mir aus den Augen — da ist die Treppe — wenden Sie sich nicht um — Ich will Ihnen nicht wieder in's Gesicht sehen — nie, nimmermehr!“ Wandel hatte sich noch tiefer verneigt und — er stand schon auf der Treppe. Da aber wandte er sich doch um. Es mußte ein eigner Blick sein. Sie ward roth und blaß: „Erinnern Sie sich, rief sie ihm nach, daß Sie keine Zeile Schriftliches von mir in Händen haben. — Ich kenne Sie nicht. — Fort — hinunter — Scheusal — schneller!“ Neuntes Kapitel. Auch ein Satz in die Löwenhöhle. Er war symbolisch die Treppe hinunter gewor¬ fen. Er machte sich keine Illusionen darüber. Aber warum? — Weil er das ästhetische Gefühl der Fürstin verletzt? Weil grade diese Rivalität ihren Schön¬ heitssinn empörte? — Ein höhnisches Lächeln schwebte auf seinen Lippen. Er litt zum ersten Male unge¬ recht. Er hatte nie im Ernst an die Heirath gedacht; vielleicht, weil auch seine Aesthetik sich dagegen sträubte, vielleicht, weil er wußte, daß die reiche Braunbiegler eine Festung sei, die mit den Künsten und Mitteln, über welche er gebot, nicht zu erstürmen sei. Unrecht leiden, und die Wahrheit nicht aus¬ sprechen dürfen, die uns frei machte, ist eine Marter. Die Lüge, um die er verstoßen war, gehörte zu einem System oder Gewebe, das noch nicht zerrissen war. Aber er hatte zu diesem Schmerz, der edleren See¬ len vorbehalten ist, keine Zeit. Es waren ganz andere Vorstellungen, die seiner sich bemeisterten. War es nur eine Weiberlaune, welche plötzlich in ihr aufgestiegen, und hatte die Aufwallung einer Phantasie so lange, künstliche, wenn auch nie ganz feste Bande gesprengt? Oder lag etwas Bestimmtes zum Grunde? Mit jedem Schritte gewann dir letzte Vorstellung an Gewicht. Eine fürchterliche Ueberzeugung, aus Kettengliedern zu einer Kette geworden. Er war nicht mehr, oder vielmehr, er galt nicht mehr, was er gegolten. Wer giebt einem fadenscheinigen Rock seine Wolle wieder! Sein Kopf senkte sich, seine Füße wurden schwerer. Der frühe Morgen war ein Glück für ihn; er begegnete keinen Bekannten. Der große Menschenkünstler hätte seine Aufregung nicht verbergen können. Dort stand er an der Ecke, zaudernd, drei Wege vor ihm, der eine führte zur Post. Seine rechte Hand griff unter den Rock, an die Stelle, wo das Herz sitzt. Ob er dessen Pochen hörte, es unter¬ drücken wollte? Ueber dem Herzen war aber auch die Brusttasche des Rockes, in dieser sein Taschenbuch, und in demselben steckte ein von allen Gesandtschaften visirter Paß in's Ausland. Es waren auch vielleicht mehre Pässe auf mehre Namen. — Sein Sinnen in dem Augenblicke war, ob er nach der Post eilen, Extrapost nehmen, und die Stadt und das Land auf immer verlassen solle? Vielleicht ließ er damit mehr hier zurück, als den Staub seiner Füße — seinen Namen. An einem andern Orte tauchte er unter einem andern neugeboren auf; die Welt ist groß. Aber vor seinen Augen mußte sie nicht so groß erscheinen, als er, mit den Zähnen die Unterlippe kneifend, vor sich hinstarrte. Auf der Landkarte, die sein Auge in der Luft vor sich zeichnete, sah er viel¬ leicht Städte und Länder, die ihm schon verschlossen waren. Indem schallte Reitermusik die Straße herauf. Berittene Rekruten sangen das jetzt so beliebte: Frisch auf, Cameraden, auf's Pferd, auf's Pferd! In's Feld, in die Freiheit gezogen! Sie schaukelten sich dabei, noch ungeschult, in toller Lustigkeit in den Sätteln. „Was ist diesen Bauerlümmeln Freiheit — was Vaterland! rief es in ihm. Der Stock ihr Meister, und doch gehn Sie muthig dem entgegen, dem sie nicht ausweichen können; sie müßten denn desertiren. Und das Desertiren hat in diesem Lande mehr Ge¬ fahr, als — dem Feinde stehen. Ich will auch nicht desertiren.“ Er ging weiter; nicht nach der Post, aber doch schien er noch unschlüssig, wohin. War es Zufall, daß seine Schritte sich nach dem Hotel des fran¬ zösischen Gesandten lenkten? Alles war hier in Thä¬ tigkeit, Packwagen standen unter dem offenen Thor¬ weg; aber auch eine Kutsche angespannt auf der Straße. Laforest wollte Abschiedsbesuche machen. Wenn Wandel hier angeklopft, würde er bereitwillig aufgenommen sein; er ging unschlüssig bis an die Stufen, aber — er mußte Gründe haben, weshalb er nicht anklopfte. Er ging rasch vorüber, und athmete auf. „Er ist doch nur ein Meteor! sprach er für sich. Wenn er untersinkt, wo bleibt Napoleons Schweif!“ Wir glauben, daß Wandel sich hierin selbst belog. Er hatte andere Gründe, weshalb er Frankreich nicht mehr betrat. Er war auf eine Bank unter den Linden hin¬ gesunken. Zwei Morgenspaziergänger, die einen Brunnen tranken, setzten sich ebenfalls. Nachdem sie über die Wirkungen des Wassers sich des Längeren unterhalten, sprachen sie auch von der Lupinus und ihrer Verhaftung. Die Geschichte erhielt neue Wen¬ dungen. Sie war nach des Einen Conjectur eine geborne Giftmischerin aus Instinct. Er wollte ge¬ hört haben, sie hätte schon in der Schule angegiftet, dann als fünfzehnjähriges Mädchen zuerst ihren Vater und darauf ihre Mutter complet vergiftet. Die Zahl ihrer übrigen Opfer lasse sich gar nicht berechnen, und sie thue es ohne allen Zweck und Vortheil, nur weil es in ihrem Blute liege. Sie könne es nicht lassen. Der Andere wollte entgegengesetzte Nach¬ richten haben: sie sei eine wohlerzogene und sonst treffliche Frau gewesen, aber die Neigung zu einem fremden vornehmen Herrn habe sie aus Rand und Band gebracht. Sie hätte sich zuerst selbst vergiften wollen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwiedert, ihre Blicke nicht verstanden. Dann aber hätten sie sich verständigt, und der fremde Herr merken lassen, daß, wenn sie frei wäre, und nicht Manches sonst im Wege stände, er sie gern heirathen würde. Darauf hätte sie eine Pflegetochter und die Kinder ihres Schwa¬ gers vergeben. Bei der ersten sei es noch zu rechter Zeit gemerkt worden und man hätte sie aus dem Hause geschafft; die Kinder wären draufgegangen. Der fremde Herr hätte darauf zu ihr gesagt: so sei es gar nicht gemeint gewesen, und er habe auf immer von ihr Abschied genommen. Da aber hätte sie grade schon auch ihren Mann vergeben gehabt, und wäre von der Alteration außer sich gerathen. Alles war ja umsonst gethan. „Ich weiß nicht, Herr Geheimsecretair, sagte der andere Geheimsecretair, ich weiß nicht, ob ich nicht den andern vornehmen Herrn auch bei den Ohren faßte.“ „Wird auch geschehen, rief der Angeredete dem klugen Manne in's Ohr. Gestern im Casino hörte ich so etwas, unter uns gesagt, daß der Herr Re¬ gierungsrath von Fuchsius auf ihn vigiliren. Es ist da was, — man weiß nur nicht, was — Indeß man wird ja davon hören.“ Bald darauf klingelte es heftig in der Wohnung des Rath Fuchsius, auch noch in früher Morgen¬ stunde, denn der Rath saß im Schlafrock und Pan¬ toffeln beim Kaffee und Pfeife. Ein fremder Herr wünschte in einer dringenden Angelegenheit ihn zu sprechen, und ehe noch der Bescheid hinausging, war der Legationsrath schon eingetreten. Zwei fein gebildete Männer sind um den An¬ fang eines Gespräches nicht verlegen, ohne das Wetter zu Hülfe zu rufen. Aber Wandel unterbrach den schönsten Fluß der Introduction, bei der Fuchsius ihn nicht einmal gefragt, was ihm die Ehre des Be¬ suches verschafft, indem er den Hut auf die Erde fallen ließ und, mit beiden Ellenbogen auf den Tisch sich stützend, die Hände gegen die Stirn drückte: „Mein Gott, wozu das Alles! — Sie wissen, warum ich hier bin. — Die Arme, Unglückselige! — Sie sehn mich in unaussprechlicher Angst und Ver¬ wirrung — ich kann kaum meine Worte fassen — Verzeihen Sie, wenn ich Ungehöriges rede — Sie wissen aus eigner Anschauung, in wie naher Ver¬ bindung ich mit ihr stand —“ „Um so schmerzlicher, kann ich mir denken, ent¬ gegnete Fuchsius, muß die Beschuldigung, welche die Dame trifft, einen edelgesinnten Freund berühren.“ „Ich danke Ihnen für diese schonende Sprache. Eine Bitte voraus — wenn sie schuldig ist, ich meine, nach Ihrer Ansicht, gleichviel, ob es nur Ihre mo¬ ralische Ueberzeugung ist, oder eine, die sich auf Be¬ weise gründet, erlauben Sie mir wenigstens, ihrem ältesten Freunde, sie in unserm Gespräch als eine arme, unglückselige Dulderin zu bezeichnen.“ „Da der Jurist die Regel gelten läßt: Quilibet bonus praesumitur, donec contrarium probetur , ver¬ steht sich dieses Recht für einen so intimen Freund von selbst.“ In Wandels Gesicht blitzte eine Freude auf. Er reichte seine schön geformte weiße Hand über den Tisch dem Rath: „Dank, tausend Dank!“ Sie er¬ quicken mein Herz. Und wenn es nur Täuschung, ja Selbsttäuschung wäre, es ist wenigstens ein schö¬ ner Augenblick. Das erlauben Sie mir, ohne Schmei¬ chelei, hinzuzusetzen: die Geheimräthin hat den Trost, keinem gewöhnlichen Criminalisten in die Hände ge¬ fallen zu sein. Still — still — ich weiß, welchen Werth es für einen Angeschuldigten hat, einen Unter¬ suchungsrichter von Weltbildung, wahrer Humanität zu haben, der zugleich ein Psycholog ist, einen Mann, der nicht, wie die meisten rohen Empiriker, aus dem Dunstkreis der Verbrecherhöhlen und Straf¬ anstalten seine Menschenkenntniß geschöpft hat, und nicht die holde Röthe der Scham, die Blutröthe des Schreckes und der Entrüstung für ein Schuldbekennt¬ niß hält.“ Fuchsius hatte seine Pfeife gestopft, ohne für nöthig zu halten, auf das Compliment zu ant¬ worten; seine Hand hatte er nur zaudernd und wie scherzend von der des Legationsrathes erfassen las¬ sen. „Ist Ihnen das so bekannt?“ entgegnete er, scheinbar nur mit dem Luftzug der Pfeife beschäftigt. „Ja, sagte Wandel mit fester Stimme. Und nun, ohne Umschweife, wie es sich unter Männern ziemt: was haben Sie über mich disponirt?“ „Sie vergessen, daß ich mit der Diplomatie nichts mehr zu thun habe.“ „Mein Gott, wozu die Komödie! Bin ich ein fugae suspectus? Haben Sie mich nicht in Ihrem Hause? Mit einem Worte: werden Sie mich ver¬ haften lassen?“ „Ich — Sie? — Das ist eine sonderbare Frage. Sind Sie denn angeklagt?“ „Qui s'excuse s'accuse, wollen Sie damit sagen. Wohlan, ich betrachte mich als ein Angeklagter, und frage Sie offen heraus: habe ich mich als ein Sur¬ veillirter zu betrachten, oder habe ich die Captur zu gewärtigen? Um Anordnungen wegen meiner Güter zu erlassen, liegt mir viel daran, es zu wissen, und ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir gradaus Ihre Absicht mittheilten.“ „Die Criminaljustiz schreitet bei uns nur im Fall dringender Verdachtsgründe zur Captur.“ „Nun, sind das für Ihre Justiz nicht dringende Gründe, daß eines intimen Umganges mit der Ge¬ heimräthin das Gerücht mich bezüchtigt, und ich räume es ein, es war mehr als Gerücht. Ich war fast täglich in ihrem Hause, ich führte ihre Geld¬ geschäfte, ich wußte um Dinge, die Niemand sonst weiß. Sie war eine nervös-hysterische Kranke, eines jener zartgestimmten Instrumente, die eine ganz be¬ sondere Behandlung erfordern, um nicht immer Dis¬ harmonien zu hören und von sich zu geben. Sie hatte einen Widerwillen gegen die Aerzte, welche sie nicht so zu behandeln verstanden, oder es nicht wollten. Ich mußte ihr kleine sympathetische Mittel verschrei¬ ben; es war oft Betrug dabei, das gestehe ich ganz offen, denn solche Kranke, die sich stets selbst täuschen, verlangen, auch von ihren Aerzten getäuscht zu wer¬ den. Im Verlauf der Zeit war sie auch damit nicht zufrieden, sie wollte selbst operiren. Wie ich auch dagegen mich sträubte, sie bestellte sich bei Herrn Flitt¬ ner eine kleine Hausapotheke, und ich mußte den Vermittler spielen. Herr Regierungsrath, alles das sind schon Verdachtsgründe, auf die ein gewöhnlicher Richter mit beiden Fäusten zugreifen würde. Aber — ich empfand eine Achtung für die seltene Frau, die mit jedem Tage wuchs, die, weil ich sie erwie¬ dert glaubte, zu einer Seelenharmonie ward. Und eben so offen gestehe ich Ihnen, ich träumte grade nicht davon, denn dazu bin ich zu alt, aber ich malte mir das Glück, dereinst den Rest meines Lebens an ihrer Seite verleben zu können. Dabei war nichts Arges von meiner Seite, denn mein seliger Freund war um zwanzig Jahre älter als seine Frau, kränk¬ lich, sehr kränklich, die Aerzte schenkten ihm kaum noch einige Frühlinge, obgleich sie es aus Schonung der Geheimräthin verschwiegen. Ich hatte mich ge¬ täuscht, auch das ist Ihnen bekannt. Sie gab mir einen Korb, als ich nach dem Hinscheiden des Edlen auf die schöne Fernsicht hinwies. Einen entschiede¬ nen, deutlichen Korb, indem sie mich zu enttäuschen suchte, daß sie je andre Empfindungen für mich ge¬ habt, als die einer Seelenharmonie. Hierin, behaupte ich eben so offen, hat sie sich getäuscht. Aber das ist das Eigenthümliche in diesen so für höhere Ein¬ flüsse immer gestimmten Seelen, daß sie den Ein¬ V . 13 druck des Momentes übertragen auf Vergangenheit und Zukunft. Sie hatte sich an dem Sterbelager des Gatten überwunden, und diesen Sieg datirte sie weiter zurück. — Doch wohin verliere ich mich. Ich hatte daran gedacht, wenn sie frei ward, um ihre Hand zu bitten, mein Interesse war daher des Geheimraths früher Tod; er ist früher gestorben, als man erwartet, es heißt, nicht auf natürlichem Wege, ich war bis dahin, wenn nicht täglich, doch sehr oft in ihrem Hause, im nächsten Verkehr mit der, welche man der Giftmischerei bezüchtigt, sie empfing Spe¬ cereien, wobei mein Name genannt ward — ich will mich auch gar nicht darauf berufen, daß ich grade in letzter Zeit seltener ansprach — ich hielt darauf wirklich um ihre Hand an, wollte also meinen Vor¬ theil geltend machen. Nun, mein Herr, entscheiden Sie, ob das in Ihrem Lande dringende Verdachts¬ gründe sind.“ Fuchsius hatte ihn fest angesehen: „Ich kehre die Frage um: was würden Sie in meiner Lage thun? Sie haben die Rechte studirt.“ „In Amerika ließe ich den Mann auf der Stelle verhaften. Ich erinnere mich eines ähnlichen Falles, wo ich als Friedensrichter so handelte. Es ergab sich nachher, er war unschuldig. Aber Sie müssen den amerikanischen Charakter, die besondern Verhält¬ nisse beachten. Standesrücksichten giebt es nicht; die feineren Bezüge der Seelenkunde gehören dort nicht vor Gericht, nichts als die matter of fact . Ich weiß, ich stoße so oft an, indem ich mich in die europäischen Verhältnisse noch nicht wieder zurechtfinde.“ „Ich höre zum ersten Mal, daß Sie in Ame¬ rika waren, Herr Legationsrath.“ Wandel lächelte: „Ich ehre die Rücksichten, die ein Criminalrichter hat, auch schon Ermitteltes vor dem Inquisiten zu ignoriren. Ich aber habe keinen Grund, zu verleugnen, daß ich erst Anfang dieses Jahrhunderts aus der andern Welt zurückgekehrt bin.“ „Wo Sie doch nicht geboren wurden?“ „Eine Vorahnung, was die Revolution uns bringen würde, trieb mich schon bei ihrem Ausbruch dahin! sagte Wandel mit einem tiefen Seufzer. Wäre ich doch nie zurückgekehrt! Man muß gestehen, die Revolution hat mehr und Tieferes zerstört, als Königreiche und Fürstenthümer.“ „Vielleicht auch dem nur den letzten Stoß ge¬ geben, was längst in sich zerstört war,“ sagte der Rath. „Sehr wahr! Eine tiefe Wahrheit, Herr Re¬ gierungsrath. Wenn ich der schlichten Sitten, der Natureinfalt gedenke in unserm Dorfe, nicht bei den Landbewohnern allein, auch in unsrer Familie, wie sie traulich Abends unter den Lindenbäumen vor der Thür des reinlichen holländischen Hauses saßen und ihren Thee tranken bei der weißen Thonpfeife. Wer dachte bei diesen glücklichen Landbewohnern an das alte Herrengeschlecht der Vansitter. Und als ich zurückkehrte!“ 13* „Vansitter! wiederholte Fuchsius, und blickte mit einer nicht erkünstelten Verwunderung den an, von dessen Lippen dieses Wort geflossen war. Wandel, der sich nicht aus seiner Ruhe bringen ließ, lächelte fein: „Ja, wie Ihnen wohl auch schwerlich geheim blieb, gehöre ich zu dieser, leider nur zu ausgebrei¬ teten Familie.“ „Sie stammen aus Geldern?“ „Wo die Familie herstammt, darüber befragen Sie die Heraldiker. Ja, ein großer Theil von Geldern, Yssel, glaube ich doch sogar mehre der größeren friesischen Inseln, gehörten zu den Besitzthümern die¬ ser alten sassischen Dynasten. Soll ich etwa stolz darauf sein! Von der Herrlichkeit der Familie blieb nichts über als die Firma Vansitter in Kopenhagen, und dies reiche Handlungshaus, welches vermuthlich Ihre Notiznahme veranlaßt, ist schon längst durch eine Erbtochter in andere Hände übergegangen. Sic transit gloria mundi , mein Herr Regierungsrath. Die echten Abkömmlinge der Vansitter sind über die Erde zerstreut, wie Ihre Becker und Schulzen.“ „Wie aber kamen Sie zum Namen Wandel?“ „Da lauert wohl die arrière pensée , daß ich meinen aus Gründen verwandelt hätte! Allerdings, und wieder auch nicht. Der Zweig, dem ich ange¬ hörte, war schon seit einem Jahrhundert aus den Niederlanden nach Dänemark übergesiedelt, aber den Grad meiner Verwandtschaft mit der großen Firma bin ich nicht im Stande Ihnen anzugeben, denn schon mein Groß-Oheim, der Gouverneur von Surinam, äußerte lachend: wenn man alle Vansitter in einen Sack würfe, würde Gott im Himmel selbst seine Mühe haben, sie wieder zu rangiren und jeden an seinen Platz zu stellen. Ehe ich nach Amerika ging, hatte allerdings mein Vater mit seinem Bruder Mo¬ ritz Wilhelm eine unserer Stammbesitzungen in Gel¬ dern, Wandel, von entfernten Vettern wieder erstanden. Aber lassen Sie mich davon schweigen, wie ich es nach meiner Rückkehr wiederfand. Nach der Schlacht von Gemappes war es geplündert, ecrasirt, die Särge meiner Vorfahren — doch genug davon! Dennoch fand ich mich bewogen, wieder den Namen Wandel anzunehmen, mit welchem Recht, das interessirt Sie nicht — aber beruhigen Sie sich, ich hätte nöthigen¬ falls verbriefte Nachrichten über diese Berechtigung nachzuweisen — aber das Motiv können Sie sich leicht denken. Nicht wegen des Vansitter, der von den holländischen Patrioten gehängt war, angeblich als preußischer Spion — der politischen Sphäre ward ich längst fremd — aber ein anderer Vansitter hatte ja, — war's in Brüssel oder Brügge, die famose Entführungsgeschichte in der Familie Bruckerode — selbst bis in die amerikanischen Urwälder verfolgten mich die Zeitungen mit diesen saubern Familien¬ erinnerungen. A propos , weiß man gar nicht, was aus diesem, meinem unglücklichen Vetter gewor¬ den ist?“ „Wer weiß von allen Opfern, die im Strudel der Revolution untergingen!“ „Desto besser für ihn. Ich hörte einmal dunkel, er sei mit Napoleon nach Aegypten gegangen, und in Syrien wie die andern Zurückgelassenen aus dieser Welt geschieden. Wie dem sei, er hat seine Thor¬ heiten oder seine Vergehungen gebüßt, und so wenig ich auf meine altaristokratische Abkunft stolz bin, fühle ich mich verlegen durch die präsumtive Verwandtschaft mit einem Vaurien. Wir Alle, mein theuerster Re¬ gierungsrath, leben nur für die Gegenwart. Ihr und uns gehören wir an; ein Thor, wer weiter hinaus will, und nun, Excus für die Abschweifung, zu un¬ serer unglücklichen Geheimräthin zurück. — Hat sie wirklich noch nichts eingestanden?“ „So nehmen Sie an, daß sie etwas einzuge¬ stehen hat?“ Wandel war aufgestanden. Er schien ein schwe¬ res Wort aus der Brust zu pressen: „Ja, wie die Dinge stehen, kann ich einer Vermuthung mich nicht erwehren. Und — offenherzig — kann man ein no¬ torisches Factum bestreiten? Sie hat die ganze Schule an Königs Geburtstag nach den Zelten eingeladen; sie hat sie dort bewirthet mit Kaffee und Kuchen; sie selbst bereitete den Kaffee, sie hatte den Zucker mit¬ gebracht, den Kuchen zu Hause gebacken. Die Lehrer und Hunderte von Zeugen standen umher und sahen — “ „Daß drei oder vier Kinder unwohl wurden und nach Hause gefahren werden mußten, weil sie sich den Magen überladen hatten. Alle sind wieder hergestellt. Das ist ein leeres Stadtgeschwätz.“ „Gott sei Dank! Aber, unter uns, wir Beide waren im vorigen Jahre selbst Zeugen von der plötz¬ lichen, unerwarteten gefährlichen Erkrankung der Kin¬ der ihres Schwagers —“ „Die ebenfalls auf dem natürlichsten Wege von der Welt erfolgte.“ „Das konnte sein, Herr Regierungsrath. Aber in Verbindung mit jenem nachfolgenden Factum ge¬ wann die Sache für mich — ja, vor dem Richter ist es Pflicht, die innerste Ueberzeugung auszusprechen — sie gewann dadurch ein mehr als bedenkliches Ansehn.“ Fuchsius blickte ihn verwundert an. „Mein Herr Regierungsrath, Hamlets Wor von dem zwischen Himmel und Erde hat eine Be¬ deutung, die wir mit unserer Philosophie nicht lösen. Erklären Sie mir den Instinct der Kinder, der vielen jungen Mädchen, die ohne allen Grund, ohne ein denkbares Interesse, nur einem dunkeln Triebe fol¬ gend, Feuer anlegen. Wie viele ähnliche, grauenhafte Erscheinungen zeigt die Criminalgeschichte aller Völ¬ ker, von sonderbaren Gelüsten, die zum Verbrechen, zur entsetzlichsten Atrocität sonst gut geartete Seelen antreiben. — Die Lupinus hat keine Kinder, ich weiß, wie der Mangel, die Sehnsucht danach auf Saiten ihres Gemüths hämmert. Sie springt Nachts aus dem Bette, wandelt umher, den Leuchter in der Hand — so sagten mir wenigstens ihre Kammer¬ mädchen — sie sucht an den Wänden und ruft: wo sind meine Kinder! Die Magie der Natur lehrt uns die Wahlverwandtschaft der Gegensätze. War der Prozeß so undenkbar, daß sie plötzlich das tödtlich haßte, was sie liebte und entbehrte, daß sie die glück¬ lichern Eltern, die sie beneidete, verfolgte! Es ist ein schauerliches Geheimniß der Natur, eine Exception von der Regel, aber diese ganze Frau ist eine Ano¬ malie. Angenommen dies, konnte ich sie nicht ver¬ theidigen, vielleicht nicht mal entschuldigen, aber als mitfühlender Nebenmensch konnte ich an ihre That glauben und sie doch nicht verdammen.“ „Ich kann Ihnen die Beruhigung geben, sagte Fuchsius, daß so wenig als die Schulkinder in den Zelten durch Kaffee, die der Lupinus durch die Cho¬ colate vergiftet sind.“ Wandel richtete sich auf, ein tiefer Athemzug schien ihn zu erleichtern und sein Gesicht klärte sich auf. Ehe Fuchsius sich dessen versah, fühlte er sich embrassirt: „Mein theuerster — Sie edler Mann, Ihr Wort ist Leben. Es hat eine Last, eine Angst, eine unbeschreibliche Angst von seinem Herzen gewälzt. Sie war rein, ich bin der Sünder, der das für mög¬ lich hielt, der mit seinem heillosen Argwohn — o Gott, ich weiß nicht, was ich rede — Dank, tausend Mal Dank, sie ist gerettet —“ „Gemach, mein Herr!“ „Sie ist für mich gerettet. Um das Uebrige kümmere ich mich nicht.“ „Es bleibt, dünkt mich, noch viel übrig.“ „Das Andre, ich bitte Sie — nicht wahr, sie soll auch ihren Hausknecht vergiftet haben, und ihren Mann mit Bücherstaub, und ein Attentat mit Trüf¬ felwürsten, die sie ihrem Schwager Lupinus schickte. Erlauben Sie mir, daß ich darüber herzlich lache. Nach einer so ernsthaften Stunde fühlt man zuwei¬ len das Bedürfniß. Nun inquiriren Sie, Liebster, so viel Sie wollen, wenn Sie mir nur sagen, sie hat keine Kinder vergiftet — “ „Das sagte ich nicht unbedingt.“ „Bedingt oder unbedingt, mir gleich viel.“ „Man hat eine Substanz gefunden —“ „Die wie Arsenik aussieht. Liebster Fuchsius, ich will Ihnen etwas zugeben, ich will sehr viel zu¬ geben, es ist Arsenik. O es ist zum Todtlachen! In den Bücherstaub soll sie ihn gemischt haben! Nicht wahr? Da muß sie ihn vorher im Mörser stampfen, reiben, ausschütten, in ein Behältniß, eine Schachtel füllen, damit ja nichts vorbeifällt; dann muß sie es in eine Streusandbüchse thun und nun in die Stube schütten, schwenken, sprengen. Erlau¬ ben Sie mir, wenn das die Frau vermochte, ohne sich selbst zu vergiften, verdiente sie ein Prämium der Akademieen.“ „Der Staub auf seinen Lieblingsbüchern ist un¬ tersucht und Hermbstädt hat Arsenik darin gefunden.“ „Der gute Hermbstädt! Verstehen Sie mich recht, ich zweifle gar nicht daran, ich wundre mich nur, daß Hermbstädt ihn gefunden hat. Ich will ihn finden, wo Sie wollen: da hier im alten Lederrücken des Stuhls, in Ihren Pantoffeln, Arse¬ nik ist überall, selbst in Ihrem Blute. Es kommt nur darauf an, ihn zu secretiren. Verrathen Sie mich nicht den trefflichen Männern hier, sie sind alle meine guten Freunde; aber man kann ein sehr guter Mensch und Freund und doch ein sehr bornirter Che¬ miker sein. Entre nous soit dit , wie mancher Ruhm wird hier erblassen, wenn die junge Schule in Paris aufkommt. Namentlich in den Apparaten, um ver¬ borgene Substanzen zu entdecken. Hören und Sehen wird den Herren vergehen, wenn man einen Porzel¬ lanteller über den Körper hält, ein lindes Kohlen¬ feuer darunter, und auf der weißen Glasur spiegelt sich Alles ab, was im Leichnam versteckt war. Da¬ durch wird manches Geheime an den Tag kommen; aber aus des Geheimraths Stube Alles eher, als ein Verbrechen — oder fand man etwa Arsenikstücke in seinem Magen? Die müßten freilich von außen hineingekommen sein.“ „Das nicht, aber —“ „Von dem bewußten Staub auf Lunge und Gaumen. Da rufen Sie mich, Theuerster, wenn Sie die Untersuchung nicht aufgeben, und Sie sollen das Wunder sehen, aus seinen schweinsledernen Folian¬ ten will ich, vor Ihren Augen, so viel Arsenikstaub entwickeln, um das ganze Kammergericht, vom Prä¬ sidenten bis zum letzten Nuntius, damit zu verge¬ ben. Da würden manche Leute triumphiren, die immer gesagt, daß in den Büchern Gift steckt! — Au revoir!“ „Aber im Magen des Dieners stak positiv ein starker Arseniksatz. Wie erklären Sie das?“ Wandel verbeugte sich: „Gar nicht; wo das Mähr¬ chen anfängt, kriecht die Vernunft in ihr Schnecken¬ haus. Wenn der Mährchendichter ein Motiv erfin¬ det, warum die Lupinus ihren Hausknecht vergiften mußte, um ihn los zu werden, wo es ganz einfach bei ihr stand, ihn fortzujagen, wenn er ihr nicht mehr gefiel, wird sie auch ein Motiv dafür finden, warum sie dem Hausknecht bei einem Dejeuner Trüf¬ felwürste servirte. Mein Verstand steht still, ich weiß aus dem Mährchen keine andre Moral zu ziehen, als daß ein Hausknecht von einer Geheimräthin sich nicht mit Trüffelwürsten muß traktiren lassen.“ Er hatte schon vorhin Hut und Stock genom¬ men, und drückte jetzt dem Rath die Hand: „Ich spreche Ihnen nochmals meinen Dank aus für die Beruhigung, welche die Unterhaltung dieser Stunde mir verschafft hat. Moral! Moral ist das Losungs¬ wort jetzt. Ist das Moral, daß ein Publikum, wel¬ ches diese Frau bis dahin vergötterte, auf solchen Argwohn hin sie sofort für schuldig erklärt und als Scheusal verdammt? Wenn auch sonst Alles bei uns wankt, konnten sie doch auf die Unbestech¬ lichkeit, auf den Scharfsinn unsrer Justiz vertrauen. Die steht doch noch rein, unparteiisch da. Oder wäre auch dies nicht mehr? Sie konnten ihr Urtheil, bis sie gesprochen, sparen. Nein, es ist ihre Lust, ihr Kitzel, zu verurtheilen, und mit einer wahren kani¬ balischen Wollust schwelgen sie darin, das Schlechte noch schlechter zu malen, das Große in's Ungeheure. Mein theuerster Regierungsrath, es ist Vieles in diesem Staate faul, ich stehe vor einem echten Pa¬ trioten, der das mehr als Einer fühlt, aber — es ist nicht die Regierung allein, im Volke selbst — wenn die Menschen aller Stände nur erwerben wol¬ len und vergessen, daß alle Güter der Selbstständig¬ keit und der Nationalehre untergeordnet werden müs¬ sen, wenn ein Volk sein Dasein behaupten will, wenn ich dies Treiben sehe, dann ist mir oft, als müsse das Strafgericht vor der Thür stehen — Und steht es nicht vielleicht schon da?“ Sein tiefer Blick war nach oben gerichtet. Er drückte Fuchsius noch einmal die Hand und wollte hinaus. „Wohin so eilig?“ „Zu meinem alten Geschäftsfreunde, dem un¬ glücklichen van Asten.“ „Es kam ja noch nicht zum Aeußersten.“ „Das — sehn Sie — das nenne ich gegen die Moralität!“ „Daß er aus Versehen eine Quantität Waaren sich verschrieb, die seine Kräfte übersteigt? Der Wein lagert in Stettin. Bis der Concurs regulirt ist, finden sich doch vielleicht Abnehmer.“ „Wer redet davon! — Sein Sohn, sein einzi¬ ger Sohn könnte ihn retten, wenn er das Mündel des Alten heirathet. Sechszigtausend — nein, mit den Zinsen müssen es jetzt achtzigtausend Thaler sein, und Demoiselle Schlarbaum ist ein hübsches, sittsa¬ mes Mädchen, er hat nichts gegen sie einzuwenden, er bekäme eine vortreffliche Hausfrau, aber — der junge Mann denkt höher hinaus, sie ist ihm nicht ästhetisch genug, er hat dem Vater erklärt, betteln wolle er für ihn, nur könne er das Glück seines ganzen Lebens nicht tödten, das wäre Selbstmord an seiner Bestimmung, er gehöre nicht sich allein an, es gebe höhere Pflichten, und was der sentimentalen Redensarten mehr sind. Ich sah eine Thräne im Auge des Alten, als er es erzählte. Und um dieser Tiraden und Sentiments willen läßt der junge Herr, der als ein Muster von Tugend verschrieen ist, den würdigen alten Mann, seinen Vater — ruiniren. Und das loben noch Einige, er hat doch seinen Ge¬ fühlen gehorcht! — O Menschen!“ Als der Legationsrath hinaus war, sprach Herr von Fuchsius: „Sollte ich mich doch getäuscht haben?“ Aber der Legationsrath trat wieder ein, ohne an¬ zuklopfen; ja, in seiner Aufregung vergaß er, den Hut abzuziehen. „Sie fanden ein Residuum von Arsenik im Ma¬ gen des Menschen, des Bedienten oder Hausknechts?“ „Unzweifelhaftes Arsenikpräparat.“ Wandel fuhr mit beiden Händen an die Stirn, der Hut flog ab, er selbst sank auf einen Stuhl, einige Minuten sprachlos: „Dann bin ich sein Mörder — ich verschulde indirect seinen Tod — ich gab den Rathschlag.“ „Erklären Sie sich deutlicher, wenn ich bitten darf. Es ist vermuthlich nur eine Phantasie.“ „Nein, Wahrheit! Der Mensch litt an einem perennirenden kalten Fieber — Die Aerzte hatten es nicht erkannt, getäuscht durch zufällige Symptome. Heim macht jetzt Versuche, das Wechselfieber mit Ar¬ senik zu kuriren. Er wendet es bei Unbemittelten an, seit die China durch den gehemmten ostindi¬ schen Handel so enorm aufschlug. Ich erzählte in einer Gesellschaft von der ersten glücklichen Kur. — Jetzt entsinne ich mich, die Lupinus hörte mit beson¬ derer Aufmerksamkeit zu — dieser Blick, den ich damals nicht verstand! — Ihre Wißbegierde, ihre unselige Lust, alles Gewagte zu versuchen — o arme Freundin, jetzt wird mir Alles klar, und ich — dein Mörder!“ „Wollen Sie mich jetzt verhaften lassen; Sie haben ja ein vollständiges Bekenntniß!“ sprach der Legationsrath aufstehend. Fuchsius hat ihn nicht verhaften lassen; aber als er jetzt hinaus war, um nicht wiederzukehren, sagte der Regierungsrath: „So kann man sich in einem Menschen täuschen. Das ist der Fluch der vor¬ gefaßten Meinungen.“ Zehntes Kapitel. Verschlungene Hände. Ob die Fürstin in der Hedwigskirche ihr Herz ausgeschüttet, wissen wir nicht, aber einige Stunden, nachdem wir sie verlassen, finden wir sie schon in vollständiger Morgentoilette, wie sie mit einiger Ver¬ wunderung die Meldung eines Besuches anhört. Der Besuch ward angenommen und der Gesandte Herr von Laforest erschien im Zimmer, um bald darauf im Fauteuil ihr gegenüber zu sitzen. Die Fürstin hatte diese — Aufmerksamkeit, wie sie sagte, nicht erwartet. „Die Scheidestunde ist so ernst, daß man über die gewöhnlichen Höflichkeitsformeln wegsieht,“ setzte sie hinzu. „Warum ernster, Fürstin, als jede andre Tren¬ nung?“ „Weil es eine auf immer ist.“ „Das Wort immer und ewig ist, dünkt mich, aus dem Lexicon der Diplomatie gestrichen. Nämlich aus dem zum Gebrauch der Adepten. In der Aus¬ gabe, die in's Publikum kommt, ist es freilich dick unterstrichen; wir schließen immer ewige Verträge. Die Formeln aber dürfen wir nie aus dem Auge lassen, sie sind die ewigen Fäden, an denen ein zer¬ rissenes Gewebe wieder zusammengeknüpft wird. Man muß auch mit dem Teufel höflich sein, weil man nie weiß, ob man nicht seine Allianz einmal braucht.“ „Sie können unmöglich glauben, daß man auch jetzt noch einmal den Bruch kittet.“ „Mit diesen hier? Nein. Gott sei Dank, die Saat ist reif zur Erndte, und die Sicheln geschlif¬ fen; für Körbe und Scheuern werden Napoleons Receveurs gesorgt haben. Preußen hat uns viel, sehr viel Geld gekostet. Es wird mit Zins auf Zins Alles wieder zahlen müssen, auch wenn es darüber drauf geht.“ „Ihre Assurance laß ich auf sich beruhen, aber wir sind Preußens Alliirte.“ Laforest fixirte sie lächelnd: „Ist der starke Mann, der einen Knaben hinter sich auf's Pferd nimmt, weil das Kind allein durch den Wald sich fürchtet, der Alliirte desselben? Eigentlich ist's ein Zwerg, der sich an die Kruppe des Riesen klammert.“ „Durch zehn Jahre hat das große Frankreich unter allen seinen wechselnden Regimenten diesem Zwerge geschmeichelt.“ „Um so verdrießlicher sind wir gestimmt, und um so schärfer wird die Züchtigung ausfallen.“ „Wenn der Riese es zugiebt!“ „Das ist der Punkt, Prinzessin. Wir müssen uns darüber klar werden. Der Zwerg hinten auf der Kruppe wird auf die Länge dem Reiter eine lä¬ stige Zugabe, er hindert ihn in seiner freien Bewe¬ gung und will wohl gar mitsprechen und das Pferd mitlenken. Wenn man ihn vor aller Welt aufhob, und von seiner Großmuth ein Fait machte, kann man ihn nicht immer ohne Weiteres wieder in den Staub setzen.“ „Lassen wir die Gleichnisse. Sie sind merveil¬ lös in Ihrer Zuversicht auf Sieg.“ „Mein Kaiser schlägt nur los, wo er ihn schon in Händen hat.“ „Das contrastirt furchtbar gegen den Glau¬ ben hier.“ „Desto besser. Seit Friedrichs Auge erlosch, sieht man hier durch eine Brille, die ihnen immer das Gegentheil von dem zeigt, wie die Dinge sind. Eine wahre Wohlthat der Vorsehung. Was braucht ein Maulwurf in die Sonne zu sehn! Den Lauf der Gestirne berechnen Andre.“ „Sie gefallen sich heut in Paradoxieen.“ „Ohne alle Gleichnisse, Prinzessin, und aufrich¬ tig, Gedanke gegen Gedanke! Wenn große Mächte über große Fragen mit einander in Streit liegen, so ist die Einmischung der kleinen immer verdrießlich. Was haben sie in die Wagschaale zu legen, wo Kraft, Wille, Genie auf beiden Seiten stehen?“ „Wo das Zünglein der Wage hin und her schwankt, dünkt mich, giebt grade ein kleines Ge¬ wicht den Ausschlag.“ V . 14 „Das bestreite ich. In der Theorie mag es richtig sein, in der Praxis grundfalsch. Bundes¬ genossen bringen Prätensionen mit, und beschweren, hemmen die Macht, die zu entscheiden hat. Wodurch siegte Friedrich? Weil er keine Bagage von Alliir¬ ten hatte, weil er immer frei handeln konnte. Wo¬ durch ist dies deutsche Reich mit seinem König und Kaiser römischer Nation, das ehedem die Weltherr¬ schaft prätendirte, untergegangen? Weil seine Kai¬ ser nie frei handeln konnten; an den Rücksichten, die sie allen möglichen Berechtigungen in dem bun¬ ten Reiche gewähren mußten. Oestreich verblutet, England lassen wir auf seinem Brett im Meer Rule Britannia singen, die Frage steht nur noch zwischen Frankreich und Rußland. Ich bin wenigstens des Glaubens, daß Rußlands große Staatsmänner die Sache so in's Auge fassen. Es ist der Kampf um die Herrschaft auf dem Continent zwischen dem Oc¬ cident und dem Orient. Was soll, was hat da mitzusprechen in diesem Kampfe zwischen zwei Ko¬ lossen die Bagatelle Preußen?“ „Und doch ist jetzt von ihr allein die Rede. Sie ruft unsern Beistand an, wir gewähren ihn ihr. Außerdem beruft sie sich auf geheiligte Rechte, die mein Kaiser respectirt.“ „Rechte! Sagen Sie, in aller Welt, was, Prinzeß, gab diesem Pilz von gestern ein Recht, sich unter die Großmächte einzuschieben, und wenn sie über Weltfragen entscheiden, ein Wort mitzusprechen?“ „Da Herr von Laforest Geschichte studirt hat, bin ich wohl der Antwort überhoben.“ „Es ist einmal so gewesen, aber nun ist es nicht mehr. Lassen Sie uns doch darüber klar werden. Ja, ein großer Geist hat in einer mesquinen Zeit¬ epoche die Gelegenheit ergriffen und das Problem gelöst, aus Nichts Etwas zu machen. Ich leugne auch nicht, daß einige andre tüchtige Geister, die ihm vorangingen, ihm vorgearbeitet hatten. Giebt dies aber dem Product ein Recht, für immer zu bestehen? Der große Geist schläft in Potsdam. Schon jetzt, nach zwanzig Jahren, sind seine Traditionen erlo¬ schen, wie sein Schatz erschöpft ist. Nur seine Zöpfe und Kamaschen sind noch da; auch die schon durch¬ löchert seit der Kanonade von Valmy. Seit dem Basler Frieden ward die Ehre schadhaft, der Riß immer größer, seine Reputation in Europa ist aus. — Womit denn erhält man eine unnatürliche Exi¬ stenz, als durch krampfhafte Exaltation der kleinen Mittel. Sind sie erschöpft, dann fällt der sieche Leib um so schneller zusammen. Der Erbe des Empor¬ kömmlings hat das Gut des Erblassers verpraßt. Ein Friedrich selbst, wenn seine Gruft sprengte, wenn er mit der berühmten Krücke auf seinen Schimmel stiege, fände nicht mehr das Material. Er siegte über zersplit¬ terte, uneinige Kräfte, durch die Bewunderung seiner Feinde. Jetzt fände er große einige Nationen wider sich, und die Bewunderung der Völker gehört einem Andern. Lasse man doch zerfallen, was sich nicht selbst mehr hält.“ 14 * Die Gargazin war nachdenklich geworden. „Die hier sehen davon freilich nichts!“ sprach sie mehr für sich als zu ihrem Besuch. Dem Gesandten schien es angemessen ihren Ge¬ danken nicht zu Hülfe zu kommen; er fürchtete ein Zurückschnellen. Diesmal aber recollirte sich die Diplomatin selbst: „Und doch, ist es nicht wunderbar, ein Finger Gottes scheint da im Spiel, wie oft hat dieser Zwerg unter den Staaten aus ähnlichen Calamitäten sich wieder erhoben, ein Phönix aus der Asche! Es kann doch plötzlich wieder ein Geist aufschießen —“ „Sehn Sie einen? Einen, der nur begreift, was Friedrich wollte, der ahnt, was er thun müßte, um in seinem Sinn zu handeln! Er ging seiner Zeit vorauf, diese Alle sind im Nachtrabe. Sehn Sie einen Einzigen, frage ich?“ „Einen doch —“ „Der ist bei Seit geworfen, früh verfault, weil er zu üppig aufschoß. Ist das nicht wieder ein Fin¬ ger Gottes, wie sie diesen Einzigen behandelt, der klüger als sie war. Sie wollten nicht gerettet sein. Gott hat sie mit Blindheit geschlagen! Das darf freilich ein profaner Mann wie ich nicht sagen, aber Fürstin Gargazin muß es denken.“ Die Fürstin schien in einem Meer von Gedanken versenkt. Ihr Schweigen war ein zugestandener Sieg für den Gegner. Aber plötzlich öffnete sie die Lippen: „Einen Mann seh ich noch nicht, aber eine Frau —! Wer kann sagen, daß er die Königin kennt! Es ist schon jetzt eine wunderbare Umwandlung vor¬ gegangen. Wer erkennt in ihr wieder die immer tanzende Huldgöttin vom vorigen Jahre, die nur auf Blumen¬ kränzen sich zu schaukeln schien, und mit ihren Tau¬ benaugen die sentimentalen Gemüther entzückte. Wo ist diese schmärmerisch tändelnde Fee geblieben! Alexanders Besuch, die Nacht in der Gruft, hat sie wie ausgetauscht. In diesen Augen leuchtet jetzt ein Geist — es ist eine Majestät in dem Blick. Wir wissen nicht, was sie vermag — was sie wird.“ „Um des Himmelswillen nur keine Jael und Judith!“ „Warum nicht eine Jeanne d'Arc.“ „Auch dazu sind Ihre Majestät zu lieblich schön. Im Uebrigen — er verneigte sich — habe ich nie daran gezweifelt, daß die Frauen zum Herrschen und Beglücken geboren sind.“ Der Diplomat hielt inne. Hinter dem Com¬ plimente für die Dame vor ihm schien er jetzt ernste¬ ren Gedanken Raum zu geben. Die Diplomatin las etwas davon, sie nahm das Compliment nur für das, was es war: „Napoleon scheint auf den Einfluß der Königin Louise aufmerksam.“ Laforest lachte auf: „Wenn er überhaupt noch auf etwas hier aufmerksam ist.“ „Preußen ist ihm eine zurückgelegte Station. Er legt wohl schon Relais bis Petersburg?“ Laforest verfolgte den vorigen Gedanken — mo¬ mentan: „Uebrigens keine üble Idee, daß eine Dynastie, die ihre Aufgabe vergaß, durch Frauen daran erinnert wird! Miraculös, wie der Deutsche es liebt. Was würde Friedrich im Elysium dazu sagen. Napoleon wird herzlich lachen. — Doch was kümmert uns das! Ich bin hier, um Abschied zu nehmen.“ „Aber doch auch, um noch etwas mir zu sagen, was bis jetzt nicht über die Lippen wollte. — Be¬ sitzen Sie ein vollständiges Kataster aller Truppen¬ theile, die in's Feld rücken?“ setzte die Gargazin hinzu. „Napoleon kennt die Kranken und Marauden in jeder Compagnie, er weiß, wie viel Schüsse jede preußische Kanone machen kann.“ „Dann wird der Krieg nur ein Rechenexempel.“ „Das ist er auch. Die Uebermacht erdrückt die Macht. Das Vernünftige, nein, das Natürlichste wäre doch, daß Preußen den Ausbruch des Krieges hinzu¬ zögern suchte, bis die russischen Armeen sich nähern; dann allerdings wäre der Erfolg zweifelhaft. Aber man will Ihre Hülfe nicht abwarten, die Herren Officiere, selbst die Feldherrn betrachten es als eine Ehrensache, daß Preußen es allein auf sich nimmt. Wenigstens den ersten Choc wollen sie aushalten und natürlich siegen; alsdann will man Ihrer Armee das Geschäft mit dem Kehrbesen überlassen. Sehn Sie, wie Alles drängt, treibt, spornt nach Erfurt. Die Straße nach Magdeburg ist schon aufgewühlt. Die Motive, welche die alten Helden anführen, klingen auch plausibel, wenigstens ritterlich, romantisch: Preu¬ ßen müsse die Schmach des langen Zauderns dadurch auswetzen, daß es nun allein den Entscheidungsschlag führt. Die jungen Helden sagen: Was hat er denn bewiesen? Die Oestreicher konnte er schlagen und die Russen. Die haben wir auch geschlagen. Nun gilt es beweisen, wer besser schlägt. Kurz, der Chorus der Alten und Jungen ist: Drauf los, ehe die Russen kommen, damit wir die Ehre allein haben. Wenn das Rechenexempel richtig ist, ist auch nichts gegen die Motive zu sagen. Wenn ich der großmüthige Alexander wäre, gönnte ich meinen guten Alliirten diese kleine Freude.“ „Aber Alexander gehorcht höheren Pflichten, als dem Kitzel der Schadenfreude. Er läßt marschiren, Herr von Laforest. Möge Ihr Kaiser auf einen ernsteren Zusammenstoß bereit sein, als — Sie denken.“ „Wir sind bereit und — freuen uns darauf, denn endlich muß es doch entschieden werden, wem zwischen zwei gleich großen Spielern das Schachbrett gehört. Aber das ist ein Kampf, der im Jahr 1806 noch nicht ausgefochten wird. Jetzt räumen wir nur das Feld von kleinen Mitspielern, unnützen Rath¬ gebern; es könnte eigentlich beiden Großmächten gleich¬ gültig sein, welche es über sich nimmt, diese Partei¬ gänger fortzukehren, denn beide haben den Vortheil, wenn das Feld frei wird. Ihre Armeen können sich entwickeln. Und — setzte er aufstehend hinzu — sie können ihre ganze Stärke zeigen, sie kämpfen nicht für einen Vorwand, sie kämpfen für sich — wer weiß, ob es dann zum Kampfe mit den Massen kommt, ob beide Gewaltige sich nicht besser im Frie¬ den über die Theilung der Erde zu verständigen wissen.“ „Nur nicht Menschheitsbeglückungsträume, Herr von Laforest! sprach die Fürstin. Mit dem Ossian konnten Sie diese hier beschwatzen; uns in Rußland —“ „Männer wird Napoleon nicht mit Kinderspiel¬ zeug fangen wollen. Die Welt bedarf der Autori¬ tät. Ein Stempel der Kraft muß den Völkern wie¬ der aufgedrückt werden, damit sie nicht vom Winde der Meinungen wie Flugsand durcheinander treiben. In Frankreich hat sein Fuß die Jacobiner zertreten, er hat die zerrüttete Ruhe und Ordnung der Gesell¬ schaft wiedergeschenkt, er ist des Willens, sie auch den Völkern wieder aufzudrücken, wenn — wenn nicht, die seine Bundesgenossen darin sein sollten, mit dem ge¬ meinschaftlichen Feind gemeinschaftliche Sache machen.“ Die Fürstin blickte ihn scharf an. Sie war verwundert, sie wollte mehr hören. Der Mund schien, halb geöffnet, als ein Zeichen der Aufmerk¬ samkeit, aber er spitzte sich auch wohl schon zu einer satyrischen Entgegnung, während Laforest fortfuhr: „Ist dies Preußen nicht das wahrhafte Wespen¬ nest der Sectirer, Illuminaten, wo täglich Ideen und Neuerungen geheckt werden, Laiche und Brut zu neuen Revolutionen. Und das Schlimmste, sie wur¬ den von oben unterstützt, oder gingen von oben aus; die Philosophen läßt man Systeme bauen, man schmeichelt ihnen, ruft sie in den Staatsdienst, und was man niedertreten und ausrotten sollte, begießt man noch! Können wir, nach solchen Erfahrungen, uns noch täuschen, wie weit diese Systeme tragen, wie sie das Blut vergiften, den Glauben an die Autorität in Kirche und Staat untergraben, wo jeder dürftige Verstand sich anmaßt, selbst Alles von vorn an zu prüfen, bis in den Grund der Dinge hinein! Täuschen wir uns auch darüber nicht, daß die Kö¬ nige von Preußen noch die Macht hätten, wenn sie wollten, das Unkraut auszujäten. Wir sahen ja, wie der Versuch unter dem vorigen Monarchen mißlang. Es hat sich so eingefressen in den fruchtbaren Boden, daß es den Weizen nicht mehr aufkommen läßt; ja, man wird noch oft Versuche machen, aber ich besorge, immer vergebens. Was hat selbst in Oestreich das kurze Beispiel Josephs geschadet; nun bedenken Sie, was und wie tief eine sechsundvierzigjährige Regie¬ rung, und eines Friedrich, das Blut des Volkes ver¬ giften mußte! Voran dem Reigen ging, um das Maß voll zu machen, sogar eine philosophische Kö¬ nigin! Es ist in der Nation zur Tradition gewor¬ den, daß die Macht ihres Staates auf der sogenann¬ ten Intelligenz beruht, und sie hat, meines Dafür¬ haltens, darin nicht so ganz Unrecht. Darum, Prin¬ zessin, darf dieser Staat keine Macht bleiben, oder er wird der Funke zu einem Brande für alle Staa¬ ten. Und welche Verpflichtungen haben denn die alten mächtigen, in ihrer Mitte einen Emporkömmling zu dulden, der auf seine Bildung sich geckenhaft brüstet, und sich zuweilen die Miene giebt, sie zu verachten; stand er nicht jetzt eben noch, es war unerhört, wie der Minos da, und maßte sich an, zwischen den Com¬ battanten über Europas Schicksal zu richten?“ Die Gargazin war ihm mit gespannter, dann, wie es schien, gesättigter Aufmerksamkeit gefolgt: „Herr von Laforest überraschen mich. Wer hätte das vermuthet. Auch Ihr Kaiser will, als ein neuer Sanct Georg, den Drachen des Unglaubens zertre¬ ten! Seit wann ging diese remarquable Umänderung in Seiner Majestät vor?“ „Können Sie mit Spott das Einmaleins um¬ ändern, oder einen mathematischen Lehrsatz umsto¬ ßen? Der Satz heißt in diesem Falle: er folgt den Maximen, die er zu seiner Selbsterhaltung für noth¬ wendig hält. Seine Pläne gehn tiefer, als Sie glauben. Von wo entspringt alles das Unheil, an dem die Völker leiden? Aus den Beispielen, die wir unvorsichtig aus dem Alterthum holten, aus der unverständigen Anwendung der Begriffe, die damals galten, auf die Verhältnisse von heut. Schon lange geht er mit dem Project um, das Studium der Klassiker von den Schulen zu verbannen. Das, was uns nützlich ist, soll daraus übersetzt werden, eine Uebersetzung unter dem Stempel der Autorität; mit dem andern klassischen Kram fort als Zeitverderb oder Gift. Stimmte dies nicht mit den Ansichten meiner erlauchten Frau? Ihre Kirche giebt aus der Bibel dem Volke nur, was sie für gut hält, Napo¬ leon will dasselbe, das Heidenthum will er verban¬ nen. Mich dünkt, da gehen wir noch Hand in Hand. Er hat die Pariser Universität zum Instrumente sei¬ ner Macht umgeschaffen. Sind wir da nicht auch einig? Er will nicht, daß, wie in Deutschland, so viel Lehrstühle sind, so viel Irrlehren der Jugend gepredigt werden. Der Staat soll eine Lehre prü¬ fen, als gut und richtig approbiren, und diese soll dann in allen Schulen vorgetragen werden. Stim¬ men wir darin nicht? Er haßt die Ideologie, weil sie den Menschen vom Praktischen und Nothwendigen entfernt, weil sie ewig an der Autorität rüttelt, Stolz, Ueberhebung, Schwärmer hervorruft. Will Ihre Kirche die? darf der Staat des großen Czaa¬ ren sie dulden? Deutschland ging daran unter. Preußen schmeichelt ihnen, weil die ganze Nation aus Ideologen besteht. Darum nennt mein Kaiser sie die Jakobiner des Nordens. Mich dünkt, eins der tref¬ fendsten Worte, die aus seinem Kopf entsprangen.“ „Und was ist der langen Rede kurzer Sinn?“ „Das nur andeuten wollen, wäre Vermessen¬ heit, wo die Weisheit eines Alexander selbst das Beste treffen und — Fürstin Gargazin das, was einschlägt, ihm anrathen wird.“ „Was aber würden Sie an meiner Statt meinem Kaiser rathen? Versetzen Sie sich einmal in meine Stelle.“ „Für's Erste würde ich diese Don Quixoten anlaufen lassen, wie sie's verdienen. Wer den hei¬ ßen Brei angerichtet, kann ihn aufessen. Ihnen ihren Willen gelassen! — Sie lächeln, das wäre gut französisch gerathen, und so arglistig dumm, daß es eigentlich eine Beleidigung sei, einer Fürstin Garga¬ zin es in's Gesicht zu sagen. — Erlauben Sie mir die Bemerkung, es ist nicht so ganz dumm. Bur¬ hövden hat in Riga den Befehl, zu rüsten. Ver¬ gönnen Sie mir auch, zu bemerken, der Befehl ist etwas spät an ihn ergangen, viel zu spät. Ich tadle darum Ihre Staatsmänner nicht, denn konnten sie wissen, daß es hier endlich Ernst, daß man sich nicht doch noch einmal wieder anders besinnen werde? Eine Mobilmachung kostet viel Geld; man thut es doch nicht immer bloß zum Vergnügen, besonders dann nicht, wenn eine ernsthafte, große Rüstung uns bevorsteht. Für die spart ein weiser Staatsmann die vollen Kräfte. Nun rüstet Burhövden. Es ist jetzt Anfang Oktober. Bis spätestens Ende Oktober sto¬ ßen die preußischen und französischen Heere auf ein¬ ander; irgendwo im Herzen von Deutschland, geht es nach den Feuerköpfen hier, so weit wie möglich nach dem Rheine zu. Nun bitte ich Sie, wie viel Truppen kann der wackere Burhövden bis dahin dis¬ ponibel machen, bis dahin durch Kurland, Lithauen, Preußen, Pommern, Brandenburg, durch unwegsame Sandsteppen, aufgewühlte Wege, dem Gros der Preußen nachschicken? Ich will das Höchste anneh¬ men, daß dreißigtausend Mann in forcirten Märschen bis zum Entscheidungstage die Preußen erreichen, daß sie dieselben noch nicht geschlagen finden; wür¬ den diese dreißigtausend abgematteten Krieger, aus Complaisance auf die Schlachtbank geführt, das Schicksal ändern? Sie würden mit den Preußen aufgerollt, vernichtet. Und gesetzt, die Preußen sieg¬ ten, wie viel Brosamen Ehre würden die Bramar¬ basse dem russischen Succurs zukommen lassen? — Rußland wäre noch einmal moralisch geschlagen, ohne selbst geschlagen zu haben. — Nein, erlauchte Frau, ich versetze mich ganz in die Seele Ihrer klu¬ gen Staatsmänner, und spreche zugleich im Stolz eines Franzosen, wenn ich sie sagen lasse: Rußland ist es sich selbst schuldig, nicht mehr durch Echantil¬ lons seiner Macht gegen den Giganten zu kämpfen es darf nicht mehr das Schwert ziehen gelegentlich für Andre, es ist Pflicht seiner Ehre, Gehorsam gegen seine Machtstellung, seine ganze Macht zusam¬ menzuhalten, um sie für sich auf den furchtbaren Ri¬ valen loszuwälzen, wenn — die Zeit kam.“ „Nachdem die preußische Armee vernichtet ist!“ „Die wird es ohnedies. In ihrem Dünkel wol¬ len es die Herren, die den Konig zum Kriege zwin¬ gen, auf einen Schlag ankommen lassen. Durch einen Effectstreich soll wieder gut gemacht werden, was so lange Jahre durch versäumt ist. Schade nur, daß Preu¬ ßen nicht Rußland ist. Sind sie besiegt, so ist Preußen zertrümmert, das Land liegt vor uns, eine offene Beute.“ „Und Rußland, das zusieht?“ „Behält die Kraft, auf einen Feind sich zu stür¬ zen, der zwar Sieger ist, aber blutet. Denn auf einen verzweifelten Widerstand dieser zweimal hun¬ derttausend Preußen sind wir gefaßt. Was dann weiter, steht im Rath der Götter, aber ich meine, daß Kaiser Alexander, an der Spitze seines Reiches, soutenirt von seiner Grenze, ein Wort darin mitspre¬ chen wird, das nicht verhallen kann. Wo zwei Gleiche sich gegenüber stehen, ist aber Zeit zum Verhandeln.“ „Ich könnte es eine Gnade Gottes nennen, daß Preußen keine Staatsmänner hat, wie Herrn von Laforest.“ „Und ich Rußland Glück wünschen, daß sein Czaar eine Freundin hat, deren hellerem Blick er traut. Unter uns, Napoleon hat keine solche Freun¬ din, er glaubt nicht an das wunderbare den Frauen geschenkte Ahnungsvermögen. Er traut nur auf sich. Das ist — ein Unglück, denn über aller menschlichen Weisheit schwebt doch ein Etwas — was wir mit dem Verstande nicht ergründen. — Gleichviel nun, ob Sie Burhövden die Regimenter, die er zusam¬ mentreibt, marschiren lassen, oder ihn freundlich war¬ nen, daß er die Dinge sich vorher ansieht, daß er mehr an Rußlands Ansehen denke, als an die mo¬ mentane Freundschaftsaufwallung Alexanders für Frie¬ drich Wilhelm — das, theuerste Frau, sind Baga¬ tellen — so oder so, ein höherer Wille lenkt dennoch Alles, und — ich denke, unser Abschied ist nicht auf lange, wir sehen uns bald, unter andern Verhält¬ nissen wieder. — Sie sehen mich zweifelhaft an, weil Sie mich kennen. Kennen Sie mich denn ganz, wo ich mich selbst nicht kenne? Die Völker müssen re¬ giert werden; und um sie regieren zu können, darf man sie nicht zu klug werden lassen. So weit gehen unsre Wege miteinander. Nur in den Mitteln, da liegt der Unterschied. Ob Napoleons imperialistischer Wille ausreicht — wir kommen da immer wieder auf den Stock zurück. Es ist ein gutes, aber ein grobes Mittel, und wer weiß, ob der Stock nicht einmal bricht? Ihre — es ist ja natürlich auch meine Kirche — hat sanftere Mittel. Wäre der Pro¬ testantismus nicht gekommen, wir wären Alle glück¬ licher! Stände erst wieder die eine Autorität uner¬ schütterlich fest, dann kettet sich eine an die andre. Obgleich selbst nichts weniger als heilig, erkenne ich doch das stille Wirken der heiligen Gemüther, die der aufgewühlten Erde wieder ein Festes geben wol¬ len. Ich ahne Ihr schönes, großes Werk, Prinzessin. Nur vorsichtig, den Schleier darüber gelassen, die Welt ist noch zu skeptisch. Aber sie wird immer empfänglicher werden, je mehr sie verblutet, ermattet. Wo alle Kraft erschöpft ist, hat die Bekehrung leichte Arbeit, und es ist gewiß eine schöne, belohnende. Haben Sie Ihren ritterlichen Kaiser erst ganz ein¬ geweiht, dann machen sich die Alliancen von selbst, und dann ich bin kein Träumer von einem Weltfrieden, denn die Menschen sind einmal ge¬ schaffen, um sich aufzuessen — aber es ist doch eine schöne Aussicht, wenn man einmal Kehraus machte mit diesem Cultus des Geistes, dieser Ideenherr¬ schaft, wenn alle die Idole stürzten, eines nach dem andern, die der übermüthige Menschengeist aus Erz und Marmor aufrichtete. Sie streckten ihre Arme bis in die Sterne, aber sie standen auf thönernen Füßen.“ An der Thür war der Gesandte noch einmal umgekehrt, und zog ein gedrucktes Blatt aus der Brusttasche: „ A propos , Prinzessin, Sie kennen ver¬ muthlich dies noch nicht. Ein Correcturabzug, durch Zufall mir in die Hände gerathen, ein Avantcoureur des kommenden Manifestes, in die Erfurter Zeitung gestreut. Bemerken Sie den Passus!“ Die Fürstin überflog das Blatt: „„Nicht bloß „„Preußen, die deutsche Nation sollte, ihrer „„ Selbstständigkeit beraubt, aus der Reihe un¬ „„ abhängiger Völker gestoßen, einer fremden Sou¬ „„verainität untergeordnet werden. Diesem Schlage, „„dem schrecklichsten, der Deutschland noch treffen „„könnte, zu begegnen, ehe es zu spät ist, dieses ist, „„nach glaubwürdigen Nachrichten, der einzige Zweck „„ von Preußens gegenwärtiger Rüstung .““ „Qu'en dites-vous, Madame? Preußen rüstet nicht für sich, sondern für die deutsche Nation! Wenn es nicht so entsetzlich naiv wäre, könnten Andre als wir vor den Consequenzen erschrecken. Aber ich hoffe, man wird weder in der Hofburg zu Wien blaß wer¬ den, noch in Sanct Petersburg roth, noch wird mein Kaiser fragen: wer in aller Welt gab denn Preu¬ ßen die Vollmacht für die deutsche Nation? Denn in Wien, Petersburg und Paris weiß man, daß Phrasen tönender Wind sind. Nicht wahr? Aber ein wenig Achtung giebt man doch, wenn die Kinder in Phrasen zu sprechen anfangen, die sie freilich ge¬ lernt haben, aber man fragt doch: von wem?“ Der französische Gesandte, Herr von Laforest, war längst in seinem Wagen fortgerollt. „Und doch betrügt er mich nur! war das Ende eines langen Selbstgespräches, aus dem die Fürstin bei diesen Worten zu erwachen schien. Aber man läßt sich zuweilen gern betrügen.“ Sie setzte sich an ihren Secretair, und schrieb hastig. Das Billet auf Rosapapier mit der Auf¬ schrift: „An den Legationsrath, Herrn von Wandel,“ ward einem Diener übergeben, mit dem Befehl, auf der Stelle dahin zu fliegen und Antwort zu bringen. Die Antwort ließ doch eine Stunde auf sich warten, welche für die Prinzessin in sichtlicher Span¬ nung verging. Mehrmals hatte sie sich wieder zum Schreiben niedergesetzt, aber Alles, was sie angefan¬ gen, gefiel ihr nicht, sie zerriß es wieder. „Es geht nicht schriftlich, sprach sie. Solche Botschaft kann nur mündlich an Buxhövden gebracht werden.“ Endlich kam Wandels Antwort. Sie lautete: „„Die ehrenvolle Mission, welche Fürstin Gar¬ gazin mir zugedacht, wie sie auch laute, ist mir der sicherste Beweis für das, was mein Herz mir sagte, V . 15 daß es eine Selbsttäuschung war, als ich einen Mo¬ ment glaubte, daß sie im Zorn von mir scheiden wolle. Eine Heilige kann nicht zürnen. „„Um so schmerzlicher trifft es mein Herz, daß ich dem Rufe nicht folgen kann. Meine Verhält¬ nisse, meine Ehre gebieten mir, hier zu bleiben. Die Dame, um deren Hand ich mich bewerbe, wird eine Aufwallung, zu der ich mich hinreißen ließ, verges¬ sen, und die Gerüchte, die man über eine Ent¬ zweiung aussprengt, selbst widerlegen. Wenn die geringen Gaben, welche die Natur mir schenkte, die Kenntnisse, welche ich mir erwarb, in Mancher Augen mir vielleicht eine höhere Sphäre anweisen, so fühle ich doch nur zu sehr, daß der Mensch, der immer in weiteren Peripherieen sein Glück sucht, so oft das übersieht, was ihm zunächst liegt, und worauf Natur oder Geburt ihn gleichsam hinstieß. Meine physika¬ lischen und chemischen Kenntnisse berechtigen mich zum Glauben, daß ich in der Tuchfabrikation Ver¬ besserungen einführen werde, welche dem Lande, dem ich fortan gehören will, von, wenn auch nur gerin¬ gem, doch von Nutzen sein werden. Lächelt Fürstin Gargazin darüber, so denkt sie doch vielleicht milder, wenn sie den Spruch sich zuruft von dem, der sich selbst erniedrigt. „„Und doch würde ich Ihrem Rufe folgen, wenn nicht die heiligste Pflicht mich fesselte. Jene Aus¬ sichten bei Seite gesetzt, in diesem Augenblick kenne ich nur eine Pflicht, eine unschuldig verfolgte Frau, die mir einst theuer war, gegen die Barbarei der Gesetze zu schützen. Ja, ihr gehört mein Leben. „„Urtheilen Sie über mich, verdammen Sie mich, ich werde nie vergessen, was seiner Wohlthä¬ terin, der edelsten Frau des Jahrhunderts, der Für¬ stin Gargazin verdankt Ihr unterthänigster — ““ Die Fürstin zerriß mit einem verächtlichen Lächeln den Brief in kleine Stücke: „Nun muß ich selbst —“ In ihrem Hause war helle Unruhe. Um Mittag fuhr ihr Reisewagen, mit vier Courierpferden vor¬ gespannt, aus dem Thore von Berlin. Eine Relais¬ bestellung bis Riga flog ihr voraus. Von der Höhe draußen wandte sie sich noch einmal um: „Lebe wohl, Babel! Du und Dein Reich sollen vergehen!“ 15 * Elftes Kapitel. Sie sind die Puten von Excellenz. In einem öffentlichen Garten der Vorstadt war an einem schönen Octobernachmittage eine ungewöhn¬ lich große Zahl von Gästen versammelt. Jene Zeit, wo die Schichten der Gesellschaft sich weit schroffer gegenüber standen, als es später der Fall war, hatte doch den Vorzug, oder, wenn man es nicht so nennen will, sie bot für das gesellige Leben den Vortheil, daß die öffentlichen Vergnügungsorte noch nicht in der Art schroff gesondert waren, daß die Anwesenheit von im Le¬ ben niedriger Gestellten die höher Gestellten abhielt, auch ihr Vergnügen zu suchen. Wo der Handwerks¬ bursch Kegel schob, konnte auch der höhere Bürger¬ stand mit Ehren Weißbier trinken; Beider Gegenwart schreckte sogar den Königlichen Staatsbeamten und — was mehr sagen will — den Officier nicht ab, seine Pfeife zu rauchen. Wenn auch der Respect die Stände nicht an denselben Tischen vereinigte, wie es im glück¬ licheren Süden der Fall ist, so war doch Gottes freier Himmel, die bretternen Lauben und der schmucklose Saal, wenn es regnete, für Alle ein gleiches Asyl, wenn sie aus dem Staub und Geräusch der Stadt sich retten wollten. Zwar dem Staub und dem Geräusch waren diese hier nicht entflohen, denn der Garten lag an der Landstraße und auf derselben wälzten sich vom frühen Morgen an die Züge der ausmarschirenden Truppen. Der Wind trug die Staubwirbel und Wolken bis mitten in die große Stadt, und die dicke Lyciumhecke, welche den erhöhten Garten wie eine Mauer von der Straße trennte, lag in einem braun¬ grauen Puderkleide, welches nichts mehr von dem ursprünglichen Grün zum Vorschein kommen ließ Auch gaben sich die Mägde und die Gäste gar nicht mehr Mühe, den dicken Staub von den Tischen ab¬ zuwischen, und empfahlen nur, die Porzellandeckel sorgsam wieder auf die Weißbiergläser zu stülpen. Gegen Staub, meinten die Herren, sei der Tabacks¬ dampf die beste Waffe. Man war ja zu Staub und Geräusch gekommen, und von den offenen Balconen oder Estraden an der Hecke konnte man den braven Kriegern, die zum Tod für König und Vaterland auszogen, ein Lebe¬ wohl rufen, man konnte seinen Bekannten allenfalls die Hand reichen oder einen frischen Trunk auf den Weg — den schon von der Sonne Gebräunten; denn wie weit her waren die Meisten marschirt und wie lange hatten sie auf den Sammelplätzen stehen müssen, ehe die Trommel zum Abmarsch wirbelte. Wie die Lyciumhecke, Alle von Staub gepudert, vom Blau ihres Rockes, vom schönen weißen Mehl ihrer Locken war nichts mehr zu sehen. Aber die Spontons und Bajonette funkelten in der Sonne, die Federbüsche schüttelten in ihrer bunten Farbenpracht den Staub ab und — Alle sangen. Ohne Gesang kein deutscher Soldat. Die Disciplin kann Alles; das Singen wagt sie nicht zu verbieten. Lieder waren es, die kein Dichter für sie gedichtet, am wenigsten brauchten die Soldaten in Deutschland einen Tyrtäus; von den Zeiten des dreißigjährigen Krieges, der Lands¬ knechte, ja noch weiter hinauf, sie machten sich ihre Lieder selbst, oder die Luft hauchte sie ihnen zu. Einige aus alter Zeit von Scheiden und Meiden, von frühem Tod und Morgenroth, von grüner Erde und Lindenbäumen, klangen wohl noch wie das We¬ hen eines Frühlingshauches durch Blüthenwipfel, aber sie klangen selten. Der Soldat auf dem Marsche sehnt sich nach „cannibalischem Wohlsein.“ Wenn Einer die Tabacksfreude anstimmte, den Krambambuli, das von den Müllersäcken und Müllermädeln, da stimmte der ganze Chorus ein; Lieder sind es, welche der Schrift nicht angehören, aber sie leben, viele schon Jahrhunderte, und wollen auch wohl noch Jahrhun¬ derte leben. Daher mochte der Leiermann im Garten, so oft er wollte, seine Ballade anheben, die ein patriotischer Poet, um der Begeisterung aufzuhelfen, gedichtet, und die etwa anfing: Grad fünfzig Jahre sind es her, Da zog der große König aus Und hinter ihm sein muthig Heer, Den Feinden all zu Schreck und Graus. Die Militairs hörten gar nicht, die Bürger nur halb zu, trotz dem, daß jeder Vers eine Schlacht des al¬ ten Fritz illustrirte, von Mollwitz bis Torgau. Wenn aber die Füsiliere: „Ein Schifflein seh ich fahren“ anstimmten, war Alles Aug' und Ohr und die Zu¬ schauer schienen stumm die mit greller Lustigkeit ge¬ kreischten Verse mitzusingen: Wie kommen die Soldaten in den Himmel? Capitain und Lieutenant, auf einem weißen Schimmel, Da reiten die Soldaten in den Himmel. Capitain, Lieutenant, Fähnderich, Sergeant, Nimm das Mädel, nimm das Mädel bei der Hand, Soldaten, Kameraden, Soldaten, Kameraden! Wie kommen die Officiers in die Höllen? Capitain und Lieutenant, auf einem schwarzen Fohlen, Da wird sie der Teufel schon alle holen. Capitain, Lieutenant, Fähnderich, Sergeant, Nimm das Mädel u. s. w. Und wenn die Husaren, ihren Bart streichend, zu den Mädchen hinauf sangen: Geh du nur hin, ich hab mein Theil, Ich lieb dich nur aus langer — langer Weil, Ohne dich kann ich schon leben, Ohne dich kann ich schon sein. so wollten die Mädchen sich ausschütten vor Lachen, die Zuschauer unter den Militairs strichen, in eige¬ nen Erinnerungen schmunzelnd, ihren Bart. Es saßen viele Officiere, darunter sehr vornehme, auf den Estraden, den Scheidegruß ihren Kameraden zu geben, den sie morgen von den nach ihnen Schei¬ denden empfangen wollten. Aber die ernste Weh¬ muth, welche ernste Scheidestunden hervorrufen, hättest du auf wenigen Gesichtern gefunden. Plötzlich war der Gesang des Leiermanns verstummt, und eine grelle Beckenmusik schallte übertäubend aus dem Gar¬ ten herauf — wie zur Freude Aller. Der General, den wir einst in der Gesellschaft der Lupinus kennen gelernt, und der jetzt auf einen der größeren Balcone trat, hatte es im Vorübergehen so angeordnet. „Das war ja nicht mehr zum Aushalten, sprach er zu den Officieren, die sich respectvoll erhoben. Was soll das Krächzen! Wenn der Soldat in's Feld zieht, muß er fidel gestimmt sein.“ „Sie leiern solche Lieder jetzt in allen Tabagieen,“ bemerkte ein Anderer, und der Adjutant des Generals fügte hinzu: „Es geschieht auch wohl in guter Absicht, um die Soldaten zu animiren.“ „Dummes Zeug! Ich weiß, 's ist von 'nem Gelehrten, einem der Herren Genies, verfertigt, und er hat von einer Prinzessin sogar ein Bijou dafür erhalten. Der Soldat wird davon nicht animirt, daß man ihm die Geschichte des siebenjährigen Krie¬ ges vorkrächzt. Hat etwa der Papa Gleim dem gro¬ ßen König zu seinen gewonnenen Bataillen verholfen? Laßt die Kerle sich selbst ihre Lieder singen von Schnaps und drallen Mädchen. Nur nicht sie animiren wollen, was sie nicht verstehen. Das ist auch 'ne neue Mode. Wozu braucht der Soldat animirt zu werden! Ordre pariren, die Fuchtelklinge und gute Verpflegung — das macht gute Soldaten.“ „Und Generale, fiel ein Obrist ein, in denen Friedrichs Genie fortlebt.“ Der General nahm das Compliment hin, vielleicht wie etwas, was er von einem Subalternen erwar¬ tete, wofür zu danken ihm aber die Etikette verbot. „Mit dem Genie, meine Herren, ist's ein eigen Ding, sagte er nach einer Pause. Man macht zu viel Redens davon. Es sind gewisse Sätze, die fest stehen, wie die Arithmetik, im Uebrigen kommt's auf den Mann an. Wenn er sie in der Noth vergißt, dann holt ihn der Teufel. Aber zu viel gelehrte Officiers in einer Armee, und die holt auch der Teu¬ fel. Das wimmelte ja in letzter Zeit von Genies, die uns alle Rath geben wollten. Gott sei Dank, daß wir losschlagen, ehe wir ihren Rath angenommen, das, meine Herren, ist's, was mir Assurance giebt, obschon manches davon, das muß ich Ihnen gestehen, so auf dem Papier ganz plausibel klang.“ Unarticulirte Töne und ausdrucksvolle Blicke ga¬ ben zu verstehen, daß man der Assurance nicht bedürfe. „Was kann Papier und Federkiel besser machen!“ Der Obristwachtmeister Stier von Dohleneck stieß einen tiefen Seufzer aus, den die Cameraden zu ver¬ stehen glaubten. In Gegenwart eines höheren Officiers müssen die Subalternen schweigen. Wenigstens ist es nicht an ihnen, ein Gespräch anzufangen, zu len¬ ken oder andrer Meinung zu sein. So angenehm dies für die Hochgestellten ist, hat es doch auch sein Unangenehmes, weil sie nun genöthigt sind, immer das Wort zu ergreifen, wenn es um sie her ver¬ stummt, und wenn der Pfingstgeist sie nicht heimge¬ sucht hat, ereignet sich auch wohl, daß sie Alltägliches zu Tage bringen. Weil sie immer Zuhörer und immer Zustimmung finden, und, wenn sie es wollen, immer belacht werden müssen, glauben sie endlich, daß auch das Alltäglichste geistreich sei, wenn es aus ihrem Munde kommt. So hat man davon betrübende Bei¬ spiele, daß gewisse Tiraden und Banalphrasen, in welche sie sich so verstrickt oder verliebt, daß sie die¬ selben bei jeder Gelegenheit vorbringen, ob sie passen oder nicht, zu einem Zopf hinter ihrem Rücken wer¬ den, mit dem die nach Herzenslust spielen, bei denen sie erstarrende Devotion voraussetzen. Es ist mit aller Autorität ein eigen Ding. Sie geht und braucht keine Füße, sie fliegt und braucht keine Flügel, sie strahlt und braucht kein Licht, so lange man an sie glaubt ; wenn man aber nicht mehr an sie glaubt, dann sieht man sie hinken, wo sie zu fliegen meint, und sie mag mit tausend Hohlspiegeln das Sonnenlicht auffangen, man sieht doch nur ihre Schattenflecke. Der General hielt auf seine Autorität und dul¬ dete keinen Widerspruch von unten; nach oben erlaubte er sich aber Widerspruch, weil er auch dahin auf seine Autorität hielt. Er galt für streng, tyrannisch in seinen Launen, ja Einige nannten ihn barbarisch in der Strenge gegen den gemeinen Soldaten, und von brutalem Stolz gegen das Civil. Heut erschien er milder. War es der Anblick der wohlgeordneten Kriegerschaaren, war es die Assurance, mit diesem Heer zu siegen, oder der Ernst, welcher sich der Seele jedes denkenden Kriegers vor einer Schlacht bemeistert. „Weiß vielleicht Einer von den Herren, unter¬ brach er das Schweigen, was aus dem Obristwacht¬ meister von Eisenhauch geworden. Nach Oestreich kam er voriges Jahr zu spät, die Campagne war vorüber. Demnächst schrieb man, daß er aus Alte¬ ration gefährlich erkrankt sei. Es sollte mich doch wundern, ob er sich nicht wieder bei uns einfindet, wenn es Ernst wird.“ Auf die Frage wußte Niemand Bescheid; sie wußten eben so wenig, ob der General etwas zum Lobe oder zum Tadel des genannten Officiers hören wollte. Sie schwiegen. „Meine Herren, es ist ein Genieofficier von admirabeln Kenntnissen, hat auch manche vortreffliche Conceptionen. Ich gestehe Ihnen, einige waren wirk¬ lich acceptabel, und es that mir leid, als er den Abschied nahm. Verdachte es ihm freilich nicht. Wollte nicht bloß Rath geben, drauf los, in's Feuer; cheva¬ leresque und von exemplarischer Conduite. Aber, offen¬ herzig, es ist mir heute doch lieb, daß er nicht bei uns blieb. Wir wären auf manche Vorschläge eingegangen, wir hätten vieles geändert. Vielleicht zum Guten — wer weiß es, wer hat die Probe gemacht! Heute gereicht es mir nun zur Genugthuung, daß auch nichts in unserm Armeewesen geändert ist. Wenn der große König aus den Wolken blickte, sähe er seine Armee, wie er sie verließ, kein Knopf an den Kamaschen mehr oder weniger. Und so soll und wird sie Bo¬ naparte sehn. Meine Herren, Attention! Das ist etwas, was wir nicht zu gering anschlagen dürfen. Er muß bei dem Anblick gleichsam fühlen, daß er mit dem Genius des vorigen Jahrhunderts sich schla¬ gen soll. Und da er ein Mann von einem gewissen Sentiment ist, muß dies einen moralischen Eindruck auf ihn machen. In seinem Moniteur läßt er uns Don Quixoten nennen. Nun, wir wollen doch ab¬ warten, wer Mühlenflügel und wer Geister gesehen hat!“ Man konnte aber jetzt kaum mehr etwas sehen und noch weniger hören. Der Staub war unerträg¬ lich geworden, zu Wolken aufwirbelnd fiel er als trockener Regen nieder. Dazu war ein Toben, Peit¬ schengeknall, ein Gewieher der Pferde und ein Ge¬ kreisch der Troßknechte, daß die Commandoworte nicht mehr durch das Gewirr drangen. Was halfen die Flüche und Klingen der Officiere, die auf die Rücken der Säumigen fuchtelten, wo Alles stockte! Drei Batterieen hatten, nachdem die Dragonerregimenter das Ihre gethan, die Straße in Grund und Boden aufgewühlt, und jetzt, so weit das Auge vor und zurück sehen konnte, war sie mit Bagagewagen, Fourgons, mit Kaleschen und Küchenwagen bedeckt. So breit der Weg, hatten die Fuhrwerke sich doch verfahren und grad am Garten war eine totale Stockung ein¬ getreten. Auch im Fuhrwesen war die alte Ordnung, aber in jeder Ordnung giebt es Ausnahmen, und Kutscher und Fuhrknechte sind darin verstockte Aristo¬ kraten, die auf Rang und Stand im Vorfahren un¬ erbittlich halten. Wessen Generals, Obristen oder Capitains eigne Wagen vorfahren wollen, und da¬ durch die Verwirrung verursacht, war nicht mehr zu ermitteln; kurz, Räder, Deichseln, die Pferde und ihre Geschirre waren in ein so wüstes Knäul gedrängt, daß die Campagnepferde der Officiere dazwischen in Gefahr geriethen, und nicht Reiter noch Fußgänger mehr hindurch konnten, um zu sehen, wo die Stockung anfing und Abhülfe möglich war. Die commandir¬ ten Aufseher und Officiere mußten über die Wagen wegklettern und springen, und wo sich auch das nicht thun ließ, schwangen sich Einzelne über die Hecke und suchten durch den Garten den Weg zu ihrem Ziel. Die Lyciumhecke war kein schirmender Wall mehr. Tisch, Bänke und Estraden wurden, weil Alles über¬ stieg und durchbrach, verlassen, um doch gleich wieder von Neugierigen besetzt zu werden. Eine Gefahr er¬ schreckt nur im ersten Augenblick, im nächsten erregt sie schon den Kitzel, es mit ihr zu versuchen. Die rohe Wuth, die Leidenschaften waren entfesselt. Man¬ ches Gesicht glühte auch vom Branntewein, es konnte aus der Zänkerei ein Kampf werden. Die verschie¬ denen Truppentheile haben immer gegen einander Eifersucht. Da warfen sich die Feldkutscher vor, wer wider Recht den Vorrang erstreiten wollen; dort hechel¬ ten sie sich über den Inhalt und die Größe der Ba¬ gagewagen, und aus ihren versteckten Winken — wo man diese Rücksicht noch beobachtete — erfuhr das Publikum, daß mancher Officier Dinge oder Gegen¬ stände mitnähme, die eigentlich nicht in's Feld gehö¬ ren. Wer daran zweifelte, sah wohl vorn aus den Rüstwagen ein halbverhülltes Frauengesicht scheu vorblicken, das nicht füglich zu den Marketenderinnen zählen konnte. Doch waren das nur Ausnahmen. Aber zwischen dem Schreien, Fluchen und Wiehern tönten noch andre Stimmen, die weder Pferden noch Menschen angehörten, sondern eher auf das Dasein einer Menagerie schließen ließen. Diese Menagerie war indeß gar kein Geheim¬ niß, und wenn die großen Hühnerkörbe, hinten oder vorn auf den Generalswagen, bis da mit Decken verhängt gewesen, so waren diese beim Zusammenstoß, dem Klettern und den Manipulationen der Helfen¬ wollenden von den meisten abgefallen. Das geängstete Federvieh flatterte und gakkerte und schien selbst wie¬ der einen Bürgerkrieg in den Gitterkörben zu führen, als durch das Zurückstoßen eines Wagens mit Zelt¬ stangen diese an den Fourgon eines Generals stie¬ ßen. Der Wagen schwankte und fiel auf die Seite über, ohne doch ganz fallen zu können, der Hühner¬ korb aber brach, stürzte, und die gefiederten Inne¬ wohner, so weit sie nicht von den Zeltstangen getöd¬ tet waren, krochen, flatterten und flogen heraus. Da der Korb nach der Seite der Hecke übergestürzt war, entlud sich die lebendige Bescherung in den Garten. Die Hühner, in glücklichem Rettungs-Instinct, dräng¬ ten sich nicht wie die Schaafe in einen Keil, sondern über Köpfe und Tische flatternd, krochen sie hier un¬ ter die Hecke, dort zwischen die Beine der Gäste oder suchten in sympathetischem Zuge den Hühnerstall des Kafetiers. Der Aufruhr war damit in den Garten getragen. Wo war die Disciplin, wenn rohe Trainknechte über die Hecke auf den Tisch springen konnten, wenn die Gläser von Stabsofficieren unterm wuchtigen Tritt ihrer gespornten Reiterstiefel zitterten, wenn sie ohne Rücksicht auf Orden und Epauletten, nicht einmal die Honneurs machend, auf die Erde platzten, wenn entlaufenes Federvieh für diese Menschen alle Rücksichten, die der Autorität gebühren, aufwog! Wo, wenn selbst ordnungsliebende Bürger nicht davor schauderten, sondern es in der Ordnung fan¬ den, denn durch den Garten verbreitete sich ein ge¬ flügeltes Gerücht. „Es sind ja Obrist Köckeritzens Truthähne!“ — „Nein, riefen andre Stimmen, es sind Excellenz Feldmarschall Möllendorfs Puthühner!“ Verwirrung und allgemeine Verfolgung. Die Truthähne waren kein Gespenst; sie waren geflattert, geflogen und Viele hatten sie gesehen. Wohin? Links, rechts. Die Trainknechte fluchten, statt für die Wei¬ sung zu danken. Selbst die erndteten kein freundlich Wort, die es sich angelegen sein lassen, ein verirrtes Huhn aufzufangen. Hühner hin, Hühner her, aber der calecutische Truthahn, die Bestie, wo war er, und die schöne Henne, das Prachtstück! Sie waren den Knechten doch vom Mundkoch auf die Seele ge¬ bunden. Der Garten erstreckte sich weit in die Sandebene. Solche Gärten hatten auch stille Plätzchen, wohin ge¬ fühlvolle Gemüther sich aus dem Geräusch des Ke¬ gelschiebens und dem Klirren der Gläser zurückzogen. Auf einer Bank unter dem Lycium, das seine aus¬ gewachsenen und schon vertrockneten Zweige zu einer Art wilden Laube über ihre Köpfe rankte, saßen Charlotte und ihr Wachtmeister. Es war die bittere Scheidestunde. Auch wir nähern uns der von unsern Lesern und scheuen uns deshalb, ihnen eine neue Figur vorzuführen, die — sie vielleicht nicht wieder¬ sehen. Uebrigens sah ein Wachtmeister wie der an¬ dere aus. Charlotte mußte das auch denken. Sie hatte geweint und hielt das Tuch noch an die Augen. Der Wachtmeister hatte wohl nicht grade geweint, aber sein Gesicht war roth, als er die rechte Locke unter dem Hute ajustirte: „Es geht nun mal nicht anders in der Welt; aber mit Courage geht Alles.“ „Halten Sie sich nur recht warm, schluchzte sie, daß Sie sich nicht verkälten.“ „Halten Sie nur Ihren Geheimerath warm, sagte er. Darauf kommt Alles an. Denn die Civil¬ versorgungen, das ist die Schwerenoth, die sind ver¬ flucht mager.“ „Und trinken Sie nicht so viel Schnaps. — Und wenn eine Kugel kommt —“ „Dann schreib ich's Ihnen.“ „Und wenn Sie mir nicht schreiben?“ Da hub das Schluchzen von Neuem an; aber es war nur Charlotte. Der Wachtmeister hatte seine Handschuh angezogen, den Pallasch in die rechte Lage gebracht und sich grad aufgerichtet: „Demoiselle Charlotte, wozu hilft das Greinen! Sie müssen bedenken, der Soldat ist Soldat. Ist's nicht so, so ist's so. Sterben müssen wir alle, und wenn's uns noch so gefällt in einem Quartier, ein¬ mal ziehn wir raus. Drum sagt unser Obristwacht¬ meister: Kerle, Ihr müßt denken, daß Andre nach Euch kommen, die wollen auch was finden. Und warum nicht! Sie sind ja auch Menschen. Und so ist das ganze Leben, sagt er, wir ziehn aus einem Quartier in's andre. Und wem's sein letztes war, das weiß Keiner nicht, denn 's kommt auf ein Mal, auf den Plutz. Da steht der Tod vor ihm roth und blaß auf der Mauer und kräht ihn an, und eh es ausgekräht —“ Charlotte schrie auf. Es krähte ihn ja an. Auf V . 16 der Hecke stand der Calecuter, seine rothen Lappen von der Sonne beschienen, seine Augen funkelnd vor Angst oder Zorn. Und die Pute, das Prachtstück, flog auch über die Hecke und ihr gar in die Arme. Aber auch die Trainknechte flogen den Gang herauf, schreiend, fluchend, die bösen Trainknechte, mit so zornfunkeln¬ den Augen als der Hahn. Charlotte hatte sich wirk¬ lich die Pute nicht aneignen wollen, die sie unwill¬ kürlich an ihr liebebedürftiges Herz gedrückt. Charlotte war selten um eine Antwort verlegen, aber kaum, daß sie über die Lippen war, mußte sie es mit eignen Ohren hören, daß der Knecht sie anschrie: „Selbst Pute, sie!“ und mit eignen Augen mußte sie es sehen, daß der Wachtmeister, statt ihr beizuspringen, mit nach dem Calecuter haschte. „Es sind ja Excellenz Möllendorfs eigne Truthühner!“ rief ein Andrer, um sie zu Respect und Raison zu bringen. Der Puter und die Pute waren längst fort, denn als Charlotte die Arme öffnete, hatte die letztere es vorgezogen, einen Satz in die Luft zu machen, als in die Arme des Knechts zu fliegen. „Bestien ihr, wartet!“ war das letzte Wort, das sie hörte, und leider war ihr die Stimme sehr bekannt. Das wilde Heer war verschwunden, und das war der letzte Ab¬ schied von ihrem Wachtmeister. Die Frau Hoflackir, die herbeikam, fand Char¬ lotten in Thränen. Der Herr Hoflackir, der seiner Gemahlin die beiden jüngsten Kinder auf den Armen nachtrug, derweil das älteste an seinem Rockschooß ging, fragte, warum die Cousine weine. — „Das frägt er noch!“ sagte die Frau Hoflackir. — „Es frägt sich vieles, sprach Charlotte mit einem Blicke gen Himmel. Ach, lieber Cousin, die Militairs in Ehren, aber ihnen geht doch das ab, was ein empfindungsvolles Gemüth bedarf, wenn es sich über das Gemeine des irdischen Daseins erheben soll. Die Montur und die Uniform sind etwas sehr Schönes für König und Vaterland, aber mehr Gefühle für Frauenwürde fin¬ det man doch beim Civil — selbst bei meinem lieben Geheimerath.“ Und daß Puter und Pute, dieselben, noch ein zärtliches Paar aufschrecken, noch einen Abschied stören mußten! Den Obristwachtmeister Stier von Doh¬ leneck und die Baronin Eitelbach, die in der einsa¬ men Allee am Rande des Gartens promenirten. Es war die süße Verständigung nach so langen, langen Zweifeln. „Und nun grade uns trennen müssen!“ Seltsam! war es doch hier das Widerspiel der andern Abschiedsscene. Er schien der Geknickte und strich über die Augenwimpern. Thränen waren es nicht, aber ein Jucken und Drängen an den Augen, als fürchte er sich vor ihnen. „Wissen Sie, mir ist's manchmal, als wären wir alle nur da, um uns zu trennen, sprach die Ba¬ ronin und sah in den blauen Himmel. Und wir leb¬ ten nur, damit wir uns darauf vorbereiteten.“ Er blickte sie verwundert an. 16* „Die zu einander gehörten, müßten sich ihr Le¬ ben lang suchen, und wenn sie sich gefunden haben, wäre es nur, um von einander Abschied zu nehmen. Da geht Mamsell Alltag mit ihrem Vater in den Salon. Das ist doch ein kreuzbraves, schönes und gescheites Mädchen. Was hat die ausstehen und sich versuchen müssen, darüber ist doch, nun alle Welt im Klaren, und nun's ihr endlich gut geht, und die schlechten Zungen schweigen müssen, und die Königin sich ihrer angenommen hat, und sie den nun endlich heirathen soll, den sie von ganzem Herzen lieb hat, da — da muß er den Tag vor der Hochzeit sporn¬ streichs auf und davon.“ „Nur auf einer dringenden Mission vom Könige. Er wird wiederkommen.“ „Wenn sie ihn nun als Spion hängen!“ Der Obristwachtmeister sah sie noch verwunderter an. Welche Lichter zückten plötzlich durch diese Seele! „Alles kommt anders, als wir's uns gedacht, fuhr die Baronin fort, und es ist überall so. Die arme, unglückliche, schreckliche Geheimräthin! Ich mag's noch immer nicht glauben, daß sie so schlimm ist, aber wenn sie ihn liebte und heirathen wollte, und es darum gethan hat, nun ist sie auch auf immer von ihm getrennt —“ „Wem?‘ „Dem Legationsrath. A propos , der ist Ihr aufrichtiger Freund, Dohleneck, Sie mögen es nun glauben oder nicht. Ein Freund in der Noth ist er, das kann ich Ihnen sagen. Sie packen ihm Alles auf, wer was zu tragen hat und wen was ängstet, und dafür verreden sie ihn noch. Aber er trägt es und lächelt. Er weiß auch, Dohleneck, daß er Ihnen unausstehlich ist, und doch sorgt er um Sie wie ein Vater, nein, wie ein Freund, der Alles thun möchte, um mir meinen liebsten Freund zu erhalten. Was giebt er mir nicht für Rathschläge, daß Sie in der Campagne zu Ihrer Gesundheit thun und mitnehmen sollen, und bittet mich, daß ich Sie beschwören soll, Sie möchten sich nicht zu sehr exponiren.“ „Wenn er mir den Rath in's Gesicht gäbe, würde ich wissen, wie ich ihm in's Gesicht antworte; ein Soldat thut nur seine Schuldigkeit.“ Sie lächelte ihn ruhig an: „Ich weiß es schon. Grade so würden und müßten Sie sprechen, hat er zu mir gesagt. Darum hat er mir auch verboten, Ihnen von den Salben und Pulvern zu geben; Sie würden lachen und den Plunder in den Graben wer¬ fen. Der Beste und der Klügste ändert's nicht, was kommen soll, und das ist das Wunderbare in unsrer Bestimmung, sagt er, daß man das weiß, und sich doch immer wieder gedrungen fühlt, den Rath zu geben, der nicht befolgt wird. So hat er's auch mit der Lupinus gemacht. Wie er es ihr auch zu verstehen gegeben, daß es nur Achtung und Ver¬ ehrung von ihm sei, sie hat's für Liebe gehalten. Und wie er jetzt auch sich Mühe giebt, daß ihre Un¬ schuld an den Tag kommen soll, er weiß doch, sie werden nicht auf ihn hören, denn die Menschen ren¬ nen alle in ihr Verhängniß, und er preist die am glücklichsten, die nicht klug sind, und nicht Alles sehen wollen, denn ihnen wären viele Qualen gespart. Darum, sagt er, hat er uns so lieb, ob er schon weiß, daß ich ihm nicht gut bin, und Sie ihn gar nicht mögen. Da ist auch alle Mühe umsonst, setzte er hinzu, alle Beweise helfen nichts, und der Mißtrauische weiß sogar in der guten That, die man ihm erzeigt, eine heimliche böse Absicht herauszulesen.“ Dem Herrn von Dohleneck ging es dumpf durch den Kopf: „Wenn man sich doch getäuscht hätte!“ „Das sagt er ja auch. Wenn in der letzten Stunde nur die Enttäuschung käme! Wenn er da liegt auf dem Felde der Ehre, und die Lüfte trü¬ gen mir wenigstens mit Aeolsharfenklang sein Ge¬ ständniß zu: Ich habe mich in dir geirrt! Das wäre wenigstens ein Trost!“ „Donner und — Himmeldonner! Er macht mich doch nicht bei lebendigem Leibe todt!“ Der Obristwachtmeister Stier von Dohleneck hatte nicht die Veränderung gesehen, die auf dem Ge¬ sicht der Baronin vorgegangen. Die Thränen stürz¬ ten aus ihren großen, schönen Augen; sie zitterte: „Ja, mein inniger, einziger Freund, er hat eine Ahnung — er wollte schweigen — ich erpreßte ihm das Geständniß — Ihr zügelloser Muth — er sah Ihr Blut fließen — Wir ändern's nicht — ja, es ist nur zu wahr, es findet sich Alles nur, um sich zu trennen, die Herzen, um von einander gerissen zu werden, die Seelen und Geister, um sich schätzen zu lernen, wenn sie sich verloren haben, und das Glück ist nur da auf der Welt, daß es zerbricht! — Es ging ja auch nicht anders, sagte sie, sich zurückbeu¬ gend, und blickte ihn mit freudiger Wehmuth an. Wir konnten uns ja nur finden, um uns wieder zu trennen! — Freiwillig, nicht wahr, hatten wir es gethan? Und nun trennt uns eine höhere Hand.“ „Aber warum denn auf immer! sagte der Officier, ihre Hand an die Brust drückend. Ohne Hoffnung — “ „Darf der Mensch nicht leben und nicht sterben, fiel sie ein. Das hat er auch gesagt. Und sah da¬ bei in den Himmel, und das war ein Blick! — Nein, nicht auf immer! sagte er, wer unvergänglich liebte, der liebt auch in die Ewigkeit. Ist denn das Blut ein Strom, der uns vom Jenseits trennt? Da liegt er auf der Heide, purpurn strömt es aus der Brust des Redlichen. Sein letzter Hauch ist seine Freundin, sein letzter Blick für Sie. Wenn er Sie im Tode sah, warum sollen Sie ihn denn nicht im Tode sehen! Sie werden sich wiedersehen!“ „Nun, um Gottes Barmherzigkeit willen, ja, wir werden uns auch wiedersehen! rief Dohleneck in ungewöhnlicher Aufregung. Kein Krieg ohne Blut, aber warum gleich maustodt! Wozu giebt's denn Charpie und Pflasterkasten? Das Blut mag zwi¬ schen uns fließen, ja, ein tiefer Fluß, aber warum soll ich denn nicht rüberspringen und —“ „Wir werden uns wiedersehen!“ und die Ba¬ ronin öffnete die Arme und der Obristwachtmeister auch — Da mußte es um sie sausen, krächzen, und die wilde Jagd kam hinterher. „Fangt sie! — Da sind sie! — Die Brut!“ Als die Unholde heranstürmten, war die Baro¬ nin schon durch die Oeffnung der Hecke geschlüpft. Der Obristwachtmeister warf einen Zornblick auf die Störenfriede, ja, seine Linke ruhte auf dem Degen¬ griff. Ob Herr von Dohleneck ihn gezogen hätte, wir wissen es nicht; aber es war ja sein Wachtmeister, der, in Respect erstarrend, vor ihm schulterte und aus den Lippen des vorgestreckten Kopfes die Worte flüsterte: „Halten zu Gnaden, Herr Obristwacht¬ meister, sie sind die Puten von Excellenz Feldmar¬ schall Möllendorf!“ Zwölftes Kapitel. Die Scheidestunde schlug. Als die Baronin durch die Hecke geschlüpft — sie hoffte, unbemerkt von den Verfolgern, — befand sie sich in einem schmalen Gange, der eigentlich nicht zum Spazierengehen, sondern, zwischen der beschnit¬ tenen Baumhecke und einem alten Plankenzaune, mit Unkraut bewachsen und für den Kehricht des Gar¬ tens bestimmt war. Ihre Absicht war auch wohl ge¬ wesen, wenn das wilde Heer vorüber, in die Allee zu ihrem Freunde zurückzukehren. Davon wurde sie zu ihrem Schreck durch einen andern Mann, den sie nicht als ihren Freund betrachtete, abgehalten. Nein, sie fürchtete oder verabscheute den alten Herrn von Bovillard, und glaubte dazu hinlänglichen Grund zu haben, denn hatte nicht der Legationsrath in einer vertrauten Stunde ihr — wir sagen nicht Alles, aber doch Vieles vertraut, was sie nie erfahren durfte, wenn man nicht ohnedem wüßte, daß das Amtssiegel der Verschwiegenheit über die geheimen Staatsange¬ legenheiten in der Hinterstube des Geheimrath Bo¬ villard nur zu oft erbrochen war. Und diesen selben Bovillard, der mit ihr und dem Rittmeister ein so grausames Spiel gespielt, dem sie in ihrer Entrüstung geschworen, nie mehr in's Gesicht zu sehen, traf sie an dem einsamen Orte, er kam grad auf sie zu, und hob grade den Kopf, den er gesenkt trug, ehe sie ausweichen konnte. Zu an¬ drer Zeit kochte es in ihr, ihm Sottisen oder die Wahrheit zu sagen, was sollte sie ihm jetzt sagen, wenn er mit seinem medisanten Witze sie raillirte! Ach, aber der Geheimrath war ein Anderer, in kurzer Zeit schien er um Jahre älter geworden. Wo¬ hin war der elastische Schritt, die Jugendlichkeit, die er im Umgange affectirte? Er ging bedächtig und gesenkten Hauptes. Er litt an fixen Ideen, sagte man. War es sein Stammbaum, dessen Wurzeln bis zur Schöpfung der Welt zurückwuchsen, was sei¬ nen Blick auf der Erde wurzeln ließ? Man hielt es nur für eine momentane Phantasie des aufgeklärten Lebemannes; er benutze sie, um seinem Depit gegen die Verbindung seines Sohnes mit der Demoiselle Alltag einen scheinbaren Grund unterzulegen. Er litt, wer sollte es glauben, an einer andern Idee, die er zwar nicht deutlich aussprach, aber aus seinen hervorgestoßenen Reden erschien es, daß er an ge¬ wissen Tagen sich für vergiftet hielt, von wem an¬ ders, als der Lupinus! Auf vernünftige Vorstellun¬ gen gab der vernünftige Mann zu, daß dies unmög¬ lich sei, da er jede gesellige Berührung mit ihr ver¬ mieden hatte; aber er nahm doch in jenen Tagen viele und starke Laxanzen. Er, der erklärte Gegner der Romantik und alles Mysticismus, las in Büchern, die man nicht auf seinem Tisch erwarten sollen, und an Aerzte, die sich jener Richtung näherten, stellte er die verblümte Frage, was sie von dem bösen Blick hielten, an den die südlichen Nationen glauben, und ob nicht eine physische Möglichkeit sei, daß er der Gesundheit Anderer schaden könne? Der Geheim¬ rath Bovillard war bereits als malade imaginaire sprüchwörtlich. Sein Gönner, der Minister mit der aufrechten Haltung, hatte ihm seine Universalcur, Karlsbad, wiederholentlich empfohlen, der Geheim¬ rath den Rath aber von der Hand gewiesen — für jetzt. Er fürchte, es werde ihm als Furcht ausgelegt, wenn er sich aus Preußen entferne, er sei ein Pa¬ triot, darum müsse er es zeigen. Darum zeigte er sich an öffentlichen Orten; wenn auch nicht grade an dem, wo die Baronin ihm begegnete. „Ach, meine gnädige Frau, sagte er, nachdem von seiner Seite weder eine freudige noch eine andre Ueberraschung stattgefunden, er brachte die Worte vielmehr mit einer Art innerem Gähnen heraus, in¬ dem er neben ihr herging. Ach, meine gnädige Frau, die Moralisten sagen, Alles in der Welt ist eitel; aber es ist nur die Wirkung aus der Ferne. Ich sehe in der Welt nicht ab, warum das eitel sein soll, was ich genieße, und es schmeckt mir. Eitel, das heißt, es verdirbt und vergeht, wird es nur durch die Einflüsse von außerhalb. Könnte Jeder seinem Penchant nachgehen, dann gäbe es keine Eitel¬ keit und keine Sünde, nur vergnügte Menschen. Sie lieben im Frühling die Veilchen, ich die Maibutter, wie schön duften sie am Morgen, wie aromatisch und frisch schmeckt sie zum Frühstück! Da muß ein Welt¬ körper, viele Millionen Meilen von uns entfernt, so einwirken, daß das Veilchen am Abende welk ist, meine Butter ist ranzig und zerflossen. Das Uebelste ist, auch die Philosophie hilft dagegen nicht. Der böse Magnet, Dämon, was es sei in der Ferne, unsre Pfeile erreichen ihn nicht, und, was noch schlim¬ mer, wir wissen gar nicht, wo unser Feind sitzt. So ist der Klügste nicht sicher, woher's ihn einmal über¬ kommt, ob er auf dem Eis einbrechen, oder im Tanz¬ saal ein Bein brechen soll. Was ist der Krieg? Die Soldaten bilden sich ein, sie trügen ihn, und sie bluteten für uns. Aber, contrair, sie haben das Vergnügen, und der Civilist hat die Leiden; er muß zahlen und zahlen, Handel und Gewerbe stocken und wir müssen Spott, Uebermuth und Einquartierung ertragen, bis wir aus der Haut fahren. Ich will mich nicht um die Welthändel kümmern, sagt der gute Bürger. Und hat er dazu nicht ein Recht? was er nicht eingerührt hat, braucht er nicht aufzuessen. Hat der Weizenbauer in Pyritz die französische Re¬ volution gemacht, hat er consentirt zur Pillnitzer Alliance, oder hat er Napoleon zum Kaiser ausge¬ rufen? Gott bewahre, er weiß von alledem nichts, hat nie was davon wissen wollen; aber büßen muß er jetzt: seine Pferde werden ihm ausgespannt, Fou¬ rage muß er liefern, seine Söhne hergeben zum Todtschießen, und wenn die Franzosen gewinnen, frißt und prügelt ihn die Einquartierung, sie schmeißt ihn am Ende aus Haus und Bett, wenn er eine junge Frau hat, alles das die Wirkung aus der Ferne, und Niemand weiß, meine theuerste Baronin, wo das Uebel ihm sitzt und von wo es kommt.“ Die Baronin schenkte ihm einen Blick, der zu verrathen schien, daß sie wenigstens die Ferne kenne, aus welcher sie die Wirkung empfunden. Der Ge¬ heimrath hatte für solche Blicke keine Augen und kein Gefühl. „Meine Beste, sagte er, das Gesicht in eigen¬ thümlicher Weise verkneifend, und beide Hände gegen die Seiten stemmend, denken wir nicht an vergangene Thorheiten. Sie sollten nach Karlsbad. Hier, Gott weiß, was hier kommt; die schwere Luft, und Nie¬ mand weiß, was er in den Sonnenstäubchen runter¬ schluckt, die er einathmet, wenn er den Mund auf¬ thut. — Da — da können Sie ungenirt und frei leben. Ich ginge ja auch herzensgern, aber — ein Staatsmann und die Rücksichten. — Excuse!“ Mit einem raschen Sprung war er in den Gang zurück, aus dem er die Baronin unter so liebens¬ würdigem Gespräch bis in den Garten zurückgeführt hatte. Da trafen sich im Gewühl viele Bekannte, die wieder auf die Estraden stiegen. Die Stopfung auf der Straße war gelöst. Der Abendwind trieb den Staub nach einer jenseitigen Richtung. Herr von Fuchsius, der die vereinsamte Frau zuerst ge¬ wahrte, hatte ihr seinen Arm angeboten. Sie hätte wohl einen besseren Führer gewünscht, sagte er lächelnd, aber in dem Gedränge müsse man sich schon dem ersten Besten anvertrauen. „Wer in der Gefahr ver¬ einsamt steht, ist verloren.“ Ueberall Abschiedsscenen, Thränen, Tücher. „Sie waren eben Zeugin einer der tragischesten Abschiedsscenen!“ Die Baronin sah ihn verwundert an. „Herr von Bovillard scheint förmlich von seinem Verstande sich geschieden zu haben. Es ist der Ab¬ schied eines Verschwenders von seinem verschleuderten Gute. Er ist auf dem Wege, ein vollständiger Hypo¬ chonder zu werden. —– Aber beachten Sie den Ab¬ schied dort, er ist weit trauriger, zwischen Vater und Sohn.“ „Zieht der junge van Asten auch in's Feld?“ fragte die Baronin, denn dieser war es, dem sein Vater nach einem langen, wie es schien, eindringlichen Gespräch plötzlich den Rücken wandte. „Nur in die Freiheit — und der Alte vielleicht in's Schuldgefängniß.“ Das Verhältniß war stadtkundig: „Mein Gott, wer hat denn da nun Recht? Der junge Walter ist auch ein so braver Mann!“ Der Rath zuckte die Achseln: „Baroneß, das sind Fragen, auf die nur der liebe Gott Antwort weiß.“ Die Baronin drückte plötzlich die Hand ihres Be¬ gleiters und der Freudenstrahl in ihrem Auge schien zu sprechen, daß der liebe Gott wohl Antwort gege¬ ben habe. Der alte van Asten, der noch eben den Stock mit beiden Armen unmuthig auf die Erde ge¬ stampft und den Hut tief in die Stirn gedrückt hatte, um den Garten zu verlassen, war plötzlich stillgestan¬ den. Eben so rasch wandte er sich um, und fiel dem Sohn, der ihm wehmüthig nachgesehen, um den Hals. Ob sie etwas gesprochen und was, wer konnte das hören, besonders jetzt, wo wieder ein feierlicher Marsch von Blaseinstrumenten durch die einbrechende Dämmerung schmetterte. Die Baronin riß ihren Führer auf die Estrade. War erst jetzt die Ordre gekommen? Die Gensdarmen zogen aus der Stadt, um in einem benachbarten Dorfe Nachtquartier zu halten. Noch war es hell genug, um sich zu erkennen, und ein letzter rother Schimmer färbte die Feder¬ büsche und Gesichter der Reiter. Die Baronin ließ ihr Tuch wehen, er sah es und salutirte mit dem Degen. Sie sprach kein Wort, aber unverwandten Blickes starrte sie hin, bis die Gestalt sich in der Menge verlor, dann lehnte sie sich, wie erschöpft, auf die Schulter des Rathes. „Wir werden uns wieder¬ sehen!“ kam es wie aus tiefster Brust. — Unfern von ihr schrie eine andre weibliche Stimme: „Ich werde ihn nie wiedersehen! Was soll aus mir wer¬ den!“ Charlotte war auf eine Bank gesunken. Zum Glück stand jetzt neben ihr ein ältlicher Herr — denn unter den übrigen Zuschauern schien keiner sich um den andern zu kümmern, ihre Blicke und ihre Ge¬ danken gehörten den schönen, jungen ausmarschiren¬ den Reitern allein an. Der ältliche Herr klopfte ihr auf die Schultern: „Charlotte, weine Sie nur nicht, gebe Sie sich zur Ruhe, es wird sich schon Alles finden, und ich verlasse Sie nicht.“ Es war eine besondere Stimmung unter Allen, sehr verschieden von der lauten beim Vorüberziehen der frühern Regimenter. Hatte der Abend sie ge¬ macht? Waren die Gensdarmen grade die Lieb¬ linge der Zuschauer? Man hörte keine lauten Hurrah's, keinen jubelnden Zuruf, nur unterdrücktes Schluchzen. Vielleicht that's die Regimentsmusik; sie spielte die Melodie eines alten Volksliedes von Morgenroth und frühem Tod. Nachher flüsterte man sich zu: Prinz Louis sei in seinem Mantel verhüllt unter dieser Schwadron in der Stille mit ausmarschirt. In den Sälen, die als sehr bescheidene Pavillons des auch bescheidenen Restaurationsgebäudes in den Garten ausliefen, hatten einzelne Familien und Ge¬ sellschaften zum Abendbrod sich vereinigt. Die Lich¬ ter wurden schon angezündet, es sah aber wenig fest¬ lich aus, trotz der Astern und anderer Herbstblumen, die eine sorgende Hand wohl hie und da auf den Tisch gestellt. Luft und Boden, die Dielen auf dem Erdreich liegend, waren kalt und feucht, die Frauen hatten ihre Enveloppen, die Männer ihre Ueberröcke umgethan. Es war auch sonst ein Etwas, was die helle Freude nicht aufkommen ließ. In einem dieser Pavillons hatte der Geheime Kriegsrath Alltag seine Familie und einige Bekannte vereinigt. Als Fuchsius die Baronin vorüberführte, um sie nach ihrer Equipage zu geleiten, rief sie, durch die hellen Fenster blickend: „Herr Je — da geht ja Adelheid mit dem jungen van Asten.“ „Er war ihr hochverehrter Lehrer, sagte der Rath, und der alte Alltag hat zum Abschied alle nächsten Angehörigen zu sich gebeten.“ „Geht er auch mit in den Krieg?“ „Er nicht, aber seine Tochter. Die Königin folgt ihrem Gemahl in's Hauptquartier, und Mam¬ sell Alltag ist, als Gesellschafterin der Viereck, be¬ stimmt, Ihre Majestät mit zu begleiten.“ „Das ist eigen, sagte die Baronin, das schöne, junge Mädchen in den Krieg! Was man nicht er¬ lebt! Wissen Sie wohl, was ich glaube?“ „Gewiß etwas Richtiges.“ „Der Alte mochte damals nicht die Brautschaft. Jetzt, glaube ich, gäbe er etwas drum, wenn die Adel¬ heid beim jungen Asten geblieben wäre. Er ist ein solider Mensch, und die Leute meinen, er wird eine gute Carriere machen. Hübsch ist er nicht, aber es ist so etwas in ihm — man traut ihm auf’s Wort.“ Möglich, daß die Baronin das Richtige getroffen hatte. Der alte Alltag, der schweigsam in der Ge¬ sellschaft umherging, drückte bei einer Gelegenheit ganz besonders die Hand des jungen Asten, er dankte ihm mit gerührter Stimme, daß er seine Tochter zu dem V 17 gemacht, was sie sei. Rührung war weder sonst noch jetzt das Departement des Geheimen Kriegsrathes. Die Geheimräthin brachte selten das Tuch von den Augen. Sie unterhielt sich mit dem alten Rittgarten, er mußte ihr vom Krieg erzählen, wie weit man sich herangetrauen könne ohne Gefahr, ob die Franzosen auch auf Frauenzimmer schössen? Nie war sonst ihren Gedanken etwas entfernter gewesen. „Sie ist noch gar nicht gereist, das Kind, einmal nur bis Potsdam, und nun muß ihre erste Reise gleich in den Krieg sein! — Wer hätte das nur als möglich gedacht; es wird doch Alles anders, als es sonst war.“ „Alles — Alles!“ sagte der alte Major, den Kopf schüttelnd, die Pfeife mußte ihm heut nicht schmecken. „'S ist Fügung des Himmels; das muß uns wohl trösten, sagte die Geheime Kriegsräthin, aber — aber —“ „Der Himmel fügt es, daß Alles aus dem Ge¬ füge geht, und es wird noch mehr losgehen. Er weiß, warum. Es muß wohl nicht recht zusammengefügt gewesen sein.“ Eine Conversation kam nicht auf. Wer zu sprechen anfing, brach plötzlich ab, im Gefühl, daß es Wich¬ tigeres zu sprechen gab, und die Zeit war kostbar. Und dann hatte Jeder mit dem Andern etwas Beson¬ deres zu sprechen. Wenn er fortgegangen, fiel ihm ein, daß er das vergessen, was ihm besonders auf dem Herzen lag. Welch ein Strom mütterlicher Er¬ mahnungen war von den Lippen der Mutter geflossen, und immer besann sie sich, daß sie doch noch etwas Anderes, etwas Neues zu sagen hatte. Jetzt nahte die Scheidestunde. Adelheid konnte nicht zum Abendessen bleiben, der Wagen der Hof¬ dame, der sie nach dem Palais bringen sollte, war angemeldet. Der Vater hatte eigentlich am wenigsten mit ihr gesprochen. Jetzt legte er seine Arme um ihre Schultern: „Du, mein geliebtes Kind, mein Bijou! Nun ich Dich verlieren soll, begreife ich erst, was ich in Dir gehabt habe. Und was ich hätte in Dir haben können! Liebe Adelheid, ich hätte Dich mehr lieben können, dann wäre ich Dir mehr gewe¬ sen und Du mehr mir. Ich hätte Dich besser ver¬ standen, und Manches wäre besser — vielleicht! Aber es hat nicht sein sollen. Andre sagen, der Mensch gehöre zuerst sich selbst und seiner Familie, und dann erst seiner Pflicht gegen den Staat. Ich verstand es anders. Gott wird wissen, wer Recht hat. Wenn Alles in der Welt wechselt, so wechseln wohl auch die Ansichten über die Pflichten. Aber ich glaube doch, wer das thut, was er gelernt hat, daß es recht sei, der thut Recht, und der himmlische Vater wird ihm vergeben, wenn er dabei auch mal Unrecht thut. —“ Adelheid an seinem Halse wollte nichts davon wissen, daß ihr Vater gegen sie Unrecht gethan; sie habe sich anzuklagen, daß sie nicht alle Pflichten eines Kindes gegen ihn erfüllt. 17* Er schüttelte den Kopf: „Du warst ein ausge¬ zeichnetes Kind, und für die hat die Vorsehung wohl besondere Gesetze. Sie führt sie Wege, die uns nicht gut dünken, aber sie leiten zum Ziel, das wir nur nicht sehen. So ist's mit Dir gekommen, und so wird es noch weiter kommen. Es wird Vieles besser werden, als wir denken — und — wir wer¬ den uns wiedersehen und froher als heut —“ Da brachen die Kleinen in Thränen aus, jede wollte zuletzt die liebe, schöne Schwester an's Herz gedrückt haben. Dem Alten ward zu weh um's Herz. Er konnte die Tochter nicht an den Wagen führen; er drückte ihr nur die Hand mit abgewandtem Ge¬ sicht und warf sich auf einen Stuhl. Die Mutter auch, nachdem sie ihr den mütterlichen Segen gege¬ ben. Aber es fiel ihr noch etwas ein, als Adelheid die Glasthür schon geöffnet: „Und das mußt Du mir heilig versprechen, Adelheidchen, daß Du immer wollene Strümpfe trägst. Die Octobernächte werden schon so kalt. Die Köni¬ gin ist so gut, die pure Menschenfreundlichkeit! Sie wird schon ein Auge zudrücken.“ Adelheid hatte Alles versprochen, sie mußte aber immer wieder dasselbe und Neues versprechen: gleich zu schreiben, wenn ihr was passirt, kein unreifes Obst zu essen, was jetzt so viele Leute krank mache, nie zu nahe zu gehen, wo sie schießen. Endlich mußte doch die Glasthür geschlossen wer¬ den, von der Zugluft schmolzen schon die Talglichte. Die Geschwister wollten mit; anfänglich die Mutter auch, sie fühlte sich zu schwach. Die Kinder aber konnten sich im Gedränge und der Finsterniß verlie¬ ren. So machte es sich denn wie von selbst, daß van Asten seine ehemalige Braut allein nach dem Wagen begleitete. Die Sterne funkelten hell am klaren Herbsthori¬ zont, als sie aus dem Baumgang traten. An der Hinterpforte stand der Wagen. Sie reichte ihm die Hand. Mit ihrer Silber¬ stimme sprach sie: „Walter, hinter uns ist es klar; ich hoffe, es wird auch vor uns immer klar bleiben.“ Er schlug ein: „Es werden noch viele Nebel aufsteigen, bewahre Deinen hellen Blick und dann bleibt es zwischen uns klar.“ „In keinem Fältchen Deines Herzens ist ein Groll, sprach sie, nicht wahr? — Das giebt mir Muth. Aber —“ Sie zauderte. „Sprich es aus! sagte er. Es soll gar kein Fältchen zwischen uns bleiben.“ „Ich möchte Dich auch ganz zufrieden, ganz klar mit Dir selbst verlassen. Bin ich's noch, Wal¬ ter, die wie eine Nachtwolke zwischen Dir und Dei¬ nem Vater schwebt, den Wünschen des Mannes, des¬ sen Glück und Frieden Dir das Theuerste sein müßte?“ „Und wenn Du es wärest, was kannst Du dafür? Kann der Nordpol dafür, daß der Mag¬ net nach ihm zeigt? Es wäre die Arbeit eines Nar¬ ren, den Magnet zwingen zu wollen, daß er nach einer andern Himmelsgegend weist. Das sind ewige Nothwendigkeiten, vor denen die sich beugen sollen und müssen, die nicht Muth haben, sie freiwillig an¬ zuerkennen. Dieser überreichen Welt an Allem fehlt nur etwas — Charactere. Ich bilde mir nicht ein, sie bessern zu wollen, dazu fühle ich mich zu schwach, aber ich bin stark genug, mich nicht von ihr bilden, fortreißen zu lassen.“ „Lebe wohl, Walter! sprach sie mit erstickter Stimme. Ich habe den Glauben: es ist kein Lebe¬ wohl für immer. Wir sehen uns wieder.“ „Ich sehe Dich nicht wieder, denn ich sehe Dich immer. Du bleibst bei mir, wie Du bei mir warst. Was wären wir, wie hielten wir's aus unter den täg¬ lichen Hammerschlägen in dem wirren Mühlengetriebe des Egoismus und der Erbärmlichkeit, ohne den Glauben an eine vollkommene Welt, die nur den Ungeweihten unsichtbar ist, die auch wir nur in Mo¬ menten erblicken, aber dann so klar, stabil, in ein¬ ander gefügt, daß wir Trost schöpfen am Born die¬ ses ewigen Organismus, und lächeln mögen über uns, daß wir uns von den Widerwärtigkeiten, dem Schmutz, den Nebeln irren ließen und verzweifelten! — Das sollen wir nicht, es ist unsre Aufgabe, den Schmutz fortzukehren, die Dünste wegzublasen und den Spiegel in uns klar zu halten für jenen Sil¬ berblick. Arbeit kostet es, ein furchtbar Ringen, Selbstkämpfe mit unsern schönsten Illusionen, aber auch sie sind ein falscher Trost, sie müssen erst über¬ wunden sein, bis wir schauen — den unsichtbaren Staat, die unsichtbare Kirche, bis die unsichtbare Weltordnung so klar vor uns liegt, wie dort der ge¬ stirnte Himmel über uns. Es ist nur Stückwerk, Adelheid, wohin unser Auge dringt, aber athmet nicht Deine Brust froher auf? Die Sterne irren nicht, aber sie wandeln. Wir wandeln auch, aber wir sind glücklicher als jene, die, wenn der Wandellauf sich erfüllt, Wunder sehen, hier Abgründe, dort flammende Berge. Wir lassen uns nicht erschrecken, wir ver¬ gehen nicht in Jubel; wir wußten, es mußte so kommen, und stehen gerüstet für das, was darauf folgt. — Es wird noch viel Schlimmes folgen, Du wirst gerüstet sein, Du wirst ihm klar in's Auge blicken.“ „Lebe wohl, Walter!“ wiederholte sie und drückte, sich auf den Zehen hebend, einen Kuß auf seine Stirn; dann schwebte sie in den Wagen, er rollte fort. In einem andern Pavillon des Gartens war eine militairische Gesellschaft versammelt, ihr Mittel¬ punkt der General, den wir vorhin auf der Estrade sahen. Es giebt Momente, wo auch ein Feldherr genöthigt ist, ein Auge zuzudrücken. Solch ein Mo¬ ment war's, als der General es gerathen fand, das tölpelhafte Betragen der Trainknechte nicht zu sehen. Er hatte mit den Andern — des Staubes wegen, der nichts mehr zu sehen erlaubte, den Balcon verlassen. Jetzt nahm die Erzählung eines jungen Offi¬ ciers, der erst später zu diesem Kreise getreten, die Aufmerksamkeit in Anspruch. Er war aus Mittel¬ deutschland, wohin er in einem Auftrage gesandt ge¬ wesen, zurückgekehrt und berichtete über die Streit¬ kräfte des Feindes, welche sich am Main und Rhein sammelten. „Und halten Sie diese Kerle nun, wie Sie die¬ selben schildern, für stark genug, mit einer discipli¬ nirten preußischen Armee aufzunehmen?“ „Excellenz, trotz alledem sind es nicht mehr die „windigen“ Franzosen, wie wir sie ehedem nannten. Es ist wahr, sie stehen in Reih und Glied nicht wie eine Mauer, sondern ich möchte sie einem Aehrenfeld vergleichen, das bei jedem Windesspiel sich bewegt. Das ist ihre natürliche Alertität, aber sie stehen ihrem Mann, und, was gefährlicher, sie fliegen, während Oestreicher und Preußen marschiren, und vermöge der Leichtigkeit ihrer Bewegungen steht im Augenblick ihre Fronte, wo der Feind seine Flanke und seinen Rücken hat. Ich hatte oft Gelegenheit, sie auf dem Marsche zu beobachten, und wenn man dies gruppenweise Hintänzeln sieht, dies bunte Durch¬ einander, dazu das Lachen, die Geschwätzigkeit, wird man zum Glauben verführt, daß es ein Leichtes sei, mit ihnen ein neues Roßbach zu spielen, daß eine unvorhergesehene Reiterattaque sie aufrollen müßte. Aber vermöge dieser Leichtigkeit sind sie eben so schnell wieder in Ordnung und zum Angriff bereit.“ „Sie sagen uns da nichts Neues.“ „Noch vermesse ich mich, dies sagen zu wollen. Aber wenn ich heut unsre schwerfällige Bagage sah, und so traf ich es auf dem ganzen Wege nach Mag¬ deburg, und einen Marsch der Franzosen damit ver¬ gleiche, so wird mir mancher ihrer Erfolge erklärlich, der uns wunderbar bedünkte. Mit Erstaunen sah ich bei ihnen, Excellenz, daß nur der Regiments¬ commandeur oder der Bataillonschef reitet. Einige Adjutanten neben ihm, das sind die einzigen Pferde. Ihre kleinen Tornister auf dem Rücken, spazierte oder tanzte das Officiercorps in anmuthigem Ge¬ spräch bergauf, bergab.“ „Wo haben sie denn ihre Campagnepferde, Herr von Müffling?“ „Das fragte ich auch und ward ausgelacht. Sie haben keine.“ Der General musterte die Gesichter der Officiere, auf denen hie und da eine Zustimmung zu liegen schien. Er schüttelte den Kopf: „Das mag relativ seine Vortheile haben und für diese da passen, die aus dem Strudel einer Revolution geboren sind, aber ein preußischer Edelmann, Herr von Müffling, wird sich nie dazu verstehen, zu Fuß zu gehen.“ Damit war die Sache abgemacht, es verstand sich, daß keine andere Meinung erlaubt war. Aber bei der Tafel erlaubte man sich doch Bemerkungen, daß die Armee unverhältnißmäßig viel Bagage mit¬ schleppe, daß das Auge des großen Königs nicht Alles würde gut geheißen haben, was die Officiers¬ wagen enthielten. Der General fand es für gut, darauf zu bemerken, daß Friedrichs Kriege und Märsche aus einem besondern Gesichtspunkte angese¬ hen werden müßten. Hier komme es nicht darauf an, durch forcirte Märsche und Schwenkungen einen Feind zu überraschen, sondern durch die Wahrheit ihm zu imponiren. „Das geschieht, wenn wir ihm das ganze Gros der preußischen Kriegsmacht mit allem Apparat gegenüber stellen. Und da kommt es denn auf einige Bagagewagen mehr nicht an.“ „Aber das ist doch zu toll, erlaubte sich ein anderer General zu bemerken, der Lieutenant Wolfs¬ kehl hat, wie ich eben höre, ein Clavier in seinem Reisewagen mitgenommen.“ Man lachte, der erste General auch. Zu andrer Zeit würde er vielleicht nicht mitgelacht, und gegen einen Lieutenant seines Regiments in ähnlichem Falle gedonnert haben; aber er war bei guter Laune: „Sind die Ritzengnitze so musikalisch? — Im Uebri¬ gen, meine Herren, es drückt doch eine Assurance aus, die ich beim Militair liebe. Entweder — die zwei Fälle haben wir vor uns, die Schlacht ist nicht entscheidend, dann beziehen wir Winterquartiere, oder wir schlagen die Franzosen auf's Haupt, dann ist die Jahreszeit zu weit vorgerückt zur Poursuite, und wir beziehen auch Winterquartiere. Und ist denn das was Unziemliches, in den Winterquartieren Musik zu machen? Der junge Mensch will sich bei Prinz Louis insinuiren. Lassen wir's ihm.“ Der General war sogar bei froher Stimmung. Die Zahl der leeren Rheinweinflaschen hatte sich hin¬ ter den Stühlen vermehrt. Als die Aufwärter ab¬ getreten und ein Wink auch die Ordonnanz entfernt hatte, blickte die Exellenz, das Glas ergreifend, schlau um sich, und sah dann auf einen bekränzten Kupferstich vor ihnen auf der Wand. Er stellte den Prinzen Louis Ferdinand vor: „Meine Herren Kameraden, wir sind unter uns. Braunschweigs Plane plaudre ich nicht aus, denn er theilt sie Niemand mit. Aber es giebt Lineamente, die ein gutes Auge von selbst entdeckt. Unser Gros steht bei Weimar und Erfurt, wir schieben unsre T ê te bis Eisenach vor. Auf diese wirft sich Bona¬ parte mit seinem gewohnten Ungestüm; wir wollen zugeben, daß wir anfänglich etwas zurückweichen. Das können wir mit guten Ehren, verstehen Sie mich, bis wir stehen bleiben, aber dann stehen wir auch. Inzwischen hat Prinz Louis, der die Saale scheinbar occupirt, einen Flankenmarsch am Thüringer Walde effectuirt, und wenn wir ihn geschlagen haben, ist nur die Frage, wo er das Loch finden soll, um zu echappiren. Der Prinz wird's ihm verlegen, meine ich, und dann ist die zweite Frage: was mit dem Kerl anfangen, wenn wir ihn haben? Wir haben ihn, sage ich Ihnen, wie unter diesem Hut, und der Prinz, ich gönne ihm die Ehre des Tages. Ange¬ stoßen, Kameraden, Prinz Louis Ferdinand!“ Von der Erschütterung der Aufstehenden, oder vom Klang der Gläser fiel das Bild von der Wand, das Glas zerbrach. Die Trinker hatten es wohl nicht gemerkt. „Da lesen Sie!“ rief der Minister ihm entge¬ gen, als Walter spät zurückkehrte, und warf ein ge¬ drucktes Blatt auf den Tisch. „Alles verloren, Alles aufgegeben, Alles aus!“ „Unmöglich!“ Es war das Manifest aus dem Hauptquartier Erfurt, d . d . 9. October. „Verloren, Excellenz —“ „Nenne ich eine Sache, die so angefangen, auf¬ gegeben, die so vertheidigt wird. Da haben wir's, Lombards Meisterstück, coulanter, glänzender Stil, süße Suade, ein junger, schüchterner Advocat könnte nicht besser seine erste Proberede halten.“ „Aber der Inhalt!“ „Lesen Sie! Entschuldigungen, daß wir so dreist sind, Bonaparte den Krieg zu erklären, falls er nicht so höflich ist, den wirklich unangenehmen Uebelstän¬ den abzuhelfen, deren Gründe wie ein Rabulist sie aus den Winkeln zusammenklaubt, und zwischen jeder Zeile die Bitte, er möchte es ja nicht übel nehmen.“ „Hier finde ich doch eine Stelle, die mich bei Lombard in Erstaunen setzt: „„Es ist Preußen er¬ laubt, an seine hohe Bestimmung zu glauben.““ „Die ist wohl aus Versehen stehen geblieben, oder aus Complaisance gegen Müller, oder wer sonst an einem Entwurf sich versucht. Und es ist ihm „erlaubt!“ O es ist himmelschreiend, nein, diabolisch lächerlich, mit solchem Wisch von Deduction einem Napoleon entgegen zu treten. Ich getraue mir in seiner Stelle — nein, er braucht nur die Schreiber seiner Schreiber die Feder in's Tintenfaß tauchen zu lassen, und sie können Europa haarklein aus unsrer eignen Schrift beweisen, daß wir im Unrecht sind. Was handelt es sich denn hier um Recht und Unrecht! Was ist hier Recht und Unrecht? Wir streiten nicht, wer zuerst die Pfefferbüchse nehmen, wer zuerst im See fischen darf, wir streiten —“ „Um das, was sie nicht auszusprechen wagen.“ „Sie müssen's, sie mußten's. Die ganze Sprache der Entrüstung in die Wagschaale gethan, die Sym¬ pathieen, die heiligsten und heimlichsten Gefühle der Nation mußten angerufen, Deutschland, wo es ist, sitzt, wie es heißt und wie es spricht, aufgerufen werden, mit Flammen mußten sie schreiben, mit Schei¬ dewasser, das in die Nieren dringt. Auf dies diplo¬ matische Machwerk erhebt sich kein Arm, und die ehe¬ dem wollten, ziehn ihn wieder zurück, denn wo kön¬ nen sie vertrauen? Wenn er uns morgen ein Com¬ pliment schickt, müssen wir übermorgen den Degen in die Scheide stecken. Wo kann nur ein Alliirter noch auf uns bauen, wenn wir nicht jetzt wenigstens uns selbst in Aufrichtigkeit und Aufopferungsmuth überboten, die Schiffe hinter uns verbrannten, die Scheide wegwarfen. Wir thaten's nicht, wir verspielten wieder — Alles, weil wir wieder nur halb einsetzten.“ „Alles? rief Walter. Der Degen ist aus der Scheide und der Herzog von Braunschweig —“ „Ein Greis, zitternd vor den Schauern der Vergangenheit. Wenn ein Schwindel in der Schlacht ihn überkommt, wenn er ohnmächtig wird, so müssen wir die Schlacht aussetzen, denn wie ein eigensinni¬ ger Arzt hält er auf Arcana, will sein Recept Nie¬ mand mittheilen, und diesem Einen muß der unglück¬ liche Fürst sein Vertrauen, sein Reich, sein Alles übergeben, ohne ihm eigentlich zu trauen. Wär's nicht zu fürchterlich, klänge es wie eine bittere Sa¬ tyre — ein arabisches Mährchen —“ „Wenn auch Sie, gnädiger Herr, die Hoffnung aufgeben!“ „Ich gebe nichts auf, sprach der Minister mit Stolz, nicht die Hoffnung, nicht meine Plane, nicht einmal mein Vertrauen zu diesen Menschen, denn ich hatte es nie. Komme, was da will, es muß darauf wieder anders kommen, und vielleicht ist es gut, in Gottes Rathschluß, daß das Nächste schlecht ist, un¬ erträglich schlecht, daß sie in Verzweiflung sich zerbeißen, daß — daß — Aber Sie, van Asten, sprach er, und legte die Hand ihm auf die Schulter — Sie dürfen nie ver¬ zweifeln, nie den Kopf sinken lassen, mir nie den Stuhl vor die Thür setzen, auch wenn ich Sie im Unmuth ein¬ mal zur Thür hinaus würfe. — Die Augen auf! Wenn ein Unglück geschieht, haben wir alle Hände voll zu thun. Jetzt gehen Sie schlafen, damit Sie morgen wach sind.“ Dreizehntes Kapitel. Der Schüler des Schauspielers. Es war eine wunderbar bewegte Nacht vom 13. zum 14. October. Die Sterne warfen kein Licht auf das tiefe Saalethal, und die Tausende von Lich¬ tern, die auf Befehl an den Fenstern der Stadt Jena brannten, verbreiteten nur einen ungewissen Schimmer, der die Dunkelheit noch dunkler zeigte. Aber durch die Nacht rauschte und dröhnte es, wie wenn Dämonen einer Erdrevolution vorarbeiten. Durch die Krümmungen der Schlucht, so weit das Auge getragen hätte, das Ohr reichte, wogte und wallte es; es war kein Strom, der durch die Rip¬ pen der Erde bricht, keine Windsbraut, die die Wol¬ ken peitscht, keine Feuersbrunst, die über Dächerreihen prasselt, es war ein heimliches, dumpfes Wirken und Schaffen, wie eine Sprache, die keine articulirten Töne findet. Wie die Riesenschlange die Erde um¬ faßt; in lautloser Wuth und Kraft drückt sie ihre Weichen, und da steigen gepreßte Schmerzenstöne in die Luft, so durchbrach die Monotonie hier ein Schrei, dort ein Hallo, ein Zusammenstoß der Geschütze und Rüstwagen, ein Peitschenknallen, ein gräßlicher Fluch. Dann aber wieder tiefe Stille, man hörte nur den dumpfen, dröhnenden ehernen Tritt der Tausende, die Erde stampfend, das Wiehern der Rosse, das wuchtige Rasseln der Kanonen. Die Heeressäulen der Franzosen wälzten sich durch das tiefe Saalethal, wie die fabelhafte Heer¬ schlange, die im Thüringer Walde sich zeigt, eine Kette, Mann und Roß, von den Höhen der Berge bis schon hinaus viele Meilen über Jena, da, wo die Unstrut in die Saale fällt. Die Thüringer, die das Weh aller großen Kriege, welche Deutschland zerfleischten, in ihren schönen Thälern, an ihren Berg¬ geländen recht aufgesogen und eingesammelt, hatten solche Massen Krieger nie gesehen. Eine Völkerwan¬ derung schien es. Wo die Schlange sich in dem Lichtschein ringelte, blitzte es auf von den Bajonetten und Flintenläu¬ fen, den funkelnden Säbeln, von umbuschten Helmen. Da auf dem Markte preschten die Chasseure, Raum machend für den Gewaltigen, und die Glieder stan¬ den und präsentirten. Es war eine kurze, aber ernste Heeresschau. Tausende und Tausende wälzten sich durch die Thore weiter, aber Tausende und Tausende verschwanden aus der lichthellen Stadt, man wußte nicht, wohin. Keiner legte sich zur Ruhe, der Kai¬ ser wachte! Für wie viel Tausende sollte es die letzte Nacht sein, eine schlaflose Todesnacht. Steile Felsberge wipfeln sich über der Stadt; die Knaben üben sich im Spiel zu klettern, der Je¬ naer Bursch wagt in kecker Laune den gefährlichen graden Aufweg; wie wollen Mann und Roß und Kanonen zu uns herauf? scheinen die kahlen Berge höhnisch zu fragen. Aber ein siegreiches Kriegsheer hat für jede Mauer eine Leiter. Es ward eine Nacht voll Bewegung und Leben; Fackeln, brennende Kien¬ scheite erhellten die Berge, die Axtschläge krachten durch das Thal. Es giebt keine noch so nackte und steile Höhe, die nicht durch Schlingungen und Wen¬ dungen zu gewinnen ist. Einige hat hier die Natur oder Vorzeit schon gebildet, der Berg am Mühlthal heißt die Schnecke, andre kann ein geübter Blick su¬ chen, und wo die Natur vorgearbeitet, hilft die Kunst nach. Napoleon hatte in jener Nacht auch die Hülfe der deutschen Wissenschaft. Ein gelehrter Militair in seiner Suite, welcher einst in Jena studirt, wies den Ingenieuren die Stege, die er in tollem Uebermuth der Jugend erklettert. Was man in einer Wette thut um Kannen Bier, soll man's nicht, wo der Einsatz die Weltherrschaft ist! Schaufeln und Aexte halfen nach; Gerüll, in die Tiefen geschleudert, Baum¬ stämme wurden zu Brücken und das Saalufer von Jena war kein schneebedeckter Simplon. Wo die Pferde nicht konnten, zogen Menschenarme das Ge¬ schütz. Napoleon schmähte in dieser Nacht nicht auf die Ideologie der deutschen Studenten. Lange ehe der erste Hahn krähte, war es voll¬ V . 18 bracht. Die Massen der kaiserlichen Garden und Linientruppen standen, ein dicht gedrängt Quarr é , auf dem Bergufer, und auf dem Landgrafenberg, dem höchsten Punkte, von dem das Auge eine weite Aus¬ sicht hat auf die Hochebene, die sich nach Weimar er¬ streckt, erschien der Feldherr in der Mitte der Seinen. Fackeln beleuchteten den grauen Mantelrock, das schöne, prüfende Auge des Siegers, während er längs der Reihen ritt, und den Jubel, der ihn begrüßte und verdoppelt bei jeder neuen Reihe in die Luft schallte, mit dem Lüften seines Hutes erwiederte. Seine Lippen blieben verschlossen, die Augen spra¬ chen um so beredter: es ist morgen ein größerer Tag, denn je! Der Jubel verhallte, er war in das Gebüsch geritten, um — zu ruhen, bis der Tag der Ent¬ scheidung anbrach. Auch seinen Kriegern war es jetzt vergönnt. Sie sanken hin, wo sie in Reih und Glied gestanden, die neben dem Pferde, die unter der Kanone; die kalte Nacht ihr Mantel. Hier brann¬ ten wenige Feuer, auch diese halb versteckt hinter Ge¬ büsch und Erderhöhungen. Die Augen schlossen sich, ein allgemeines Schnarchen, ein Bild des Friedens wenige Stunden vor einem Gemälde des Todes, und welchem! Nicht Alle schliefen. Die dunklen Gestalten dort vorn, in ihre grauen Capotmäntel gehüllt, das Ge¬ wehr in den Arm gedrückt, gegen einen Baum ge¬ lehnt, an einen Steinhaufen gekauert, hatten scharf das Aug geöffnet. Es verfolgte jeden Rauchwirbel, der über den Wachtfeuern des Feindes sich kräuselte, jeden Windzug, der in der Zeltleinwand spielte. Seit die Rotten und Glieder sich auf die Erde gestreckt, konnte man das Schauspiel frei übersehen. So weit das Auge in die Nacht reichte, Wachtfeuer und Zelt¬ reihen. Durch sechs Stunden dehnte sich die Schlacht¬ linie der Preußen aus, hell, licht, Alles in beque¬ mer, hergebrachter Ordnung. Und hier auf engem Raum, um einen bewaldeten Berg zusammengedrängt, im Dunkel seiner Schatten und der Nacht, und am Rande eines Abgrunds hinter ihm, der Feind. Die Wachtposten standen kaum auf Schußweite von ein¬ ander entfernt; aber es fiel kein Schuß, kein Allarm¬ zeichen, kein versprengtes Pferd störte die Ruhe. Schien es doch ein stillschweigend Abkommen, sie be¬ durften beide der Ruhe, um morgen sich zu morden. Nicht Alle schliefen, auch von denen nicht, wel¬ chen es vergönnt war. Unter einer Eiche lag ein zum Tode Verurtheilter. Der Officier, der ihm zur Be¬ wachung zugeordert, hatte ihm doch höflich das Bund Heu, was für sein Pferd bestimmt, zum Kopfkissen gegeben, daß er, so bequem es ging, eines letzten Schlafes vor seinem letzten Tage sich erfreue. Aber Louis Bovillard konnte nicht schlafen, oder er hatte schon genug geschlafen; er richtete sich auf und stützte den Kopf auf seinem gesunden rechten Arm. Der linke war verwundet, ein Verband war darum ge¬ schlungen. Vorgestern war er, als er, aus dem Saalethal aufgescheucht, über die Schwarzach setzen 18* wollte, von französischen Jägern angerufen worden. Als er die Antwort schuldig blieb, hatten sie ge¬ feuert. Am Arm verwundet, war er vom Pferde ab¬ geschleudert und gefangen worden. Man hatte ihn nach Kahla gebracht und vor ein Kriegsgericht gestellt. Da er nichts sagen konnte oder wollte, als daß er in Aufträgen seiner Regierung nach Franken geschickt gewesen, und, beim Rückwege unter die Schaaren der Franzosen gerathen, den Versuch gemacht, durch den Thüringer Wald sich nach dem Hauptquartier seines Königs durchzuschlagen, hatte das Gericht ihn für einen Spion erklärt und zum Strang verurtheilt. Irgend ein Zufall, der schnelle Abmarsch, hatte die Execution verhindert; man hatte ihn mitgeschleppt bis Jena. Auch hier war dazu keine Zeit, man hatte ihn auch auf den Berg mitgeschleppt. — Betrachtete er jetzt über sich den dürren Ast der Eiche, von dem er morgen herabschweben sollte, eine kalte Leiche? Oder suchte sein Auge durch den nebelgrau belegten Him¬ mel nach einem Stern, an den er seine Hoffnung knüpfen wollte? Es war keine Hoffnung, die noch mit diesem Leben liebäugelt; das sprach sein umflorter Blick. Man hatte ihn immer menschlich, zuletzt mit chevaleresker Höflichkeit behandelt. Sein Wächter hatte ihm vorhin eine Cigarre angeboten, mit dem seltsamen Trost, wie in Spanien, woher er sie gebracht, die Sitte fordere, daß der Henker mit seinem Opfer eine Art Friedenspfeife raucht. „Der Tod ist ja der Frieden!“ hatte der Gefangene er¬ wiedert. Eine Schaar Krähen, von der momentanen Stille getäuscht, hatte sich auf den Aesten des Bau¬ mes niedergelassen; auch sie schienen wie der kluge Feldherr das große Feld zu überschauen, wo morgen Abend eine Tafel, und eine wie große, für sie ge¬ deckt sein sollte. Der Officier, der, mit verschränkten Armen auf einem Sattel sitzend, die Augen auf einen Moment geschlossen, schien durch das Gekreisch der Thiere erweckt, und sah mit Verwunderung die Stel¬ lung seines Gefangenen. Der Gedanke an einen Fluchtversuch konnte ihm nicht kommen: „Schreckten böse Träume Sie auf, oder die ge¬ flügelten Bestien da?“ „Ich bin auf mein Schicksal gefaßt.“ „Um so mehr Aufforderung, die letzten Momente in Ruhe zu genießen. Nehmen Sie eine Morgen¬ erfrischung.“ Louis lehnte mit Dank die ihm dargereichte Flasche ab: „Der Zustand meiner Wunde erlaubt es mir nicht.“ Der Capitain lächelte: „Sie sind nicht Soldat. Die Wunde ist nur leicht.“ Bovillard verstand den Sinn der verhüllten Antwort: „Meine Wunde ist tiefer, Capitain.“ „Und Ihr Auge stößt sich an dem dürren Ast über Ihnen. Hat Ihnen der Traum so bestimmt gesagt, daß Sie grade an dem die Sonne zum letzten Mal aufgehen sehen werden?“ „Ich werde eine Sonne dort untergehen sehen.“ „Wenn ich Ihnen nun meine Meinung sagte, daß Sie dieser Procedur überhoben sind! Die Re¬ miniscenzen an die Pariser Laternen sind in der Armee nicht beliebt. Daß man es bis jetzt nicht executirt, was da in Kahla im ersten Aufbrausen dictirt ward, könnte Ihnen sagen, daß man sich die Hände mit der Strickarbeit nicht beschmutzen will. Es ist wahrscheinlich schon beschlossen, wenn die Sonne aufgeht, Sie hier unter dem Baume zu fü¬ siliren. Sie gehen dann aus dieser Welt, wie viel¬ leicht eine Viertelstunde später die, welche Ihnen den letzten Dienst erwiesen, vielleicht wie der, welcher jetzt die Ehre hat, die letzte Conversation mit Ihnen zu führen, gewiß wie Hunderte, welche Zeugen sind, daß Sie muthig sterben. Denn ich traue Ihnen das zu.“ „Ich freue mich auf den Tod.“ „Wenn diese Freude Ihnen nun vergällt würde, sagte der Officier nach einer Weile. Ich spreche darin nur eine Vermuthung aus. Aber es ist son¬ derbar, daß man Sie nicht unten abthat, daß man Ihnen und uns noch die Mühe machte, Sie diesen verteufelten Weg herauf zu schleppen. In welcher Absicht konnte das sein?“ „Vielleicht um Nachrichten aus mir zu pressen, die meine Unterthanenpflicht zu geben mir verbietet. Man irrt sich.“ „Pah! rief der Officier. Aus Ihren Papieren, so weit sie von Ihnen nicht vernichtet sind, ersieht man, daß Sie auf einer Mission nach Franken wa¬ ren. Sollten Sie vielleicht eine freie Reichsstadt, einen Abt und Bischof oder gar die Bauern aufwie¬ geln? Was kommt es meinem Kaiser darauf an! Die Deutschen lassen sich nicht aufwiegeln. Oder sollten Sie belauschen, welchen Plan wir gemacht, durch den Thüringer Wald zu brechen? Unsre That kommt überall Ihren Spionen zuvor. Wir sind durchgebrochen, wir haben geschlagen.“ Der Gefangene schwieg, der Andre fuhr nach einer Pause fort: „Kamerad, aus Vorsicht möchte ich Ihnen an¬ rathen, präpariren Sie sich noch für einige Momente auf das Leben. Sahen Sie nicht, daß der Kaiser einen eigenthümlichen Blick auf Sie warf? Er wandte noch einmal sein Pferd, um Sie wieder anzusehen.“ „Wie der Tiger sein Opfer, ehe er es zerreißt. Das war sein Blick auf Leichenhaufen.“ „Die sieht er vor jeder Schlacht. Ob eine mehr oder weniger, darauf kommt es —“ „Dem Großhändler über Menschenleben freilich nicht an.“ „Sie haben den unnatürlichen Haß Ihrer Na¬ tion gegen ihn eingeimpft.“ „Nein!“ antwortete Bovillard nach einigem Be¬ sinnen. „Dann würden Sie sich selbst sagen: wenn ein Fürst einen zum Tode Verurtheilten vor sein Auge ließ, bedeutete es sonst Gnade.“ „Sonst!“ „Sie prätendiren doch nicht, daß Napoleon einen persönlichen Haß gegen Sie hat, daß er an Ihrer Angst sich weiden wollte?“ „So wenig, als ich glaube, daß er den Herzog von Enghien persönlich haßte, auch nicht den Buch¬ händler Palm.“ „Sie nähren selbst einen bittern Haß gegen den großen Mann. Das thut mir von Ihnen leid.“ „Gegen den großen Mann! Nein. Es gab Stunden, wo ich ihn bewunderte. Ja, in dieser meiner letzten, darf ich es aussprechen, Momente, wo ich in ihm den neuen Heiland dieser modernden Weltordnung erblickte. Seitdem — genug!“ „Und zweifeln Sie jetzt, daß sein Athem stark genug ist, die langen Zeltreihen da umzublasen?“ „Die sehe ich schon am Boden liegen.“ „Nun, und warum ist er Ihnen nicht mehr groß?“ „Weil er keine Größen neben sich erkennt —“ Louis verstummte. Was ein Sterbender spricht, hat für den Anspruch auf Achtung, der selbst den Tod vor Augen sieht. „Besorgen Sie nicht, mich aufzubringen, Kame¬ rad; was die Deutschen denken, fängt an, uns in Frank¬ reich mehr zu interessiren, als Sie denken. Weil wir so viel handeln, haben wir jetzt nicht Zeit zum Denken. Sie sahen in ihm den Prometheus, warum nicht mehr?“ „Diese Sucht, alle die zu verleumden, die er fürchtet, und selbst die, welche ihm dienten, in der Meinung der Welt zu stürzen, um sie in sicherer Ab¬ hängigkeit von sich zu erhalten, das ist nicht das Krite¬ rium einer großen Seele, nicht Heroendrang, kein pro¬ metheischer Funke, es ist nur der Abglanz der ewigen Gemeinheit, an der die Menschheit krank ist — todt¬ krank — und diese Krankheit grassirt — furchtbar —“ „Was thut's! warf der Franzos ein. Die Welt will er besser machen, mit den Menschen überläßt er die Prozedur den Thoren.“ „Und wie kann sie besser werden, wenn die Menschen den Bodensatz, die Schlacken nicht von sich werfen? Der edle Prinz, den ich bei Saalfeld stür¬ zen sah, war ein Bewunderer Ihres Kaisers. Einst rief er aus: „„Ich erlaube ihm ja, uns zu vernich¬ ten, aber moralisch zu meuchelmorden, das empört.““ „Eine seltsame Conversation, Kamerad! Der zum Tode Verurtheilte richtet seinen Richter. Ich hätte gewünscht, daß Sie heute wenigstens noch sein Bewunderer wären, daß man ihn drauf aufmerksam machen könnte —“ „Und daß er vor der Schlacht einen Komödien¬ akt spielen, großmüthig mit einer Tirade aus Ra¬ cine oder Corneille mich begnadigen könnte!“ „Was kümmerte Sie die Posse, wenn sie den ernsten Schluß hätte, daß Sie mit dem Leben davon kämen, vielleicht gar mit der Freiheit. Nachher könnten Sie darüber lachen, so viel Sie wollten. — Nun, im Ernst gesprochen — man weiß in seiner Suite, wer Sie sind —“ „Da weiß man sehr viel!“ „Der Sohn eines Mannes von Einfluß, der lange die französische Partei an Ihrem Hofe gehalten, viel¬ leicht noch jetzt. Das hat die Gemüther sanft gestimmt, Gott weiß, welche Conjecturen die Herren daran knüp¬ fen, genug — ich glaube, es käme nur auf Sie an —“ „Ich sterbe in der großen Tragödie, in der mein Vaterland untergeht.“ Die Augen des Verwundeten stierten mit einem Fieberglanze auf die Wachtfeuer im Thale, deren Flammen jetzt sichtlich niederbrannten. Der Officier sah ihn verwundert an: „ Wir werden siegen, denn ich glaube fest an Napoleons Stern. Aber Sie, ein Preuße! Der kleine Sieg bei Saalfeld —“ „Ward zum entscheidenden, da Ihre Feldherren ihn benutzten, die Saale in reißender Schnelligkeit zu occupiren. Sie haben das preußische Heer um¬ flügelt, von den Marken und Sachsen, woher es seine Lebenssäfte erhält, abgeschnitten, Sie haben die Hö¬ hen des Flusses, die Uebergangspunkte besetzt, Sie greifen es im Rücken an, und drängen es mit Ihrer Uebermacht in die Positionen, wo Sie Herren sind. Und hier vor meinen Augen sah ich die Nacht, das Lager von Hochkirchen wieder, sogar der verhängnißvolle Jahrestag ist's der Schlacht! Dort die weit zerstreu¬ ten Feuer der sorglos Gelagerten, ohne Schanzen, Verhau, natürliche Grenzen; hier zusammengekeilt auf der Höhe, welche das Plateau beherrscht, eine stärkere Kriegsmacht, die, beweglich und elastisch, wie ein Bergstrom hinabrauschend, die zerstreuten Feinde durchbrechen, trennen, aufrollen, vernichten muß. Und der größte Feldherr des Jahrhunderts gebietet über ein Heer, das eine Einheit ist. Ja, mein Herr, diese verdienen vernichtet zu werden, die Sie auf die steilen Wände klimmen ließen, ohne den Versuch nur, Sie daran zu hindern. Die mit Mann und Roß und vollem Geschütz müßig, zaudernd, unschlüs¬ sig zusehen konnten, wie Napoleon sich auf diesen Hö¬ hen formirte, die keinen Angriff wagten und Ihre Colonnen nicht in den Abgrund stürzten — die sind schon geschlagen, vernichtet.“ Der Sprecher sank zurück und drückte sein Ge¬ sicht in das Heu. Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte der Capitain ihm zugehört. Mit Voranschickung eines französischen Fluches schloß er: „In Ihnen ist ein Soldat verloren!“ „Verloren — verloren!“ murmelte Bovillard dumpf in sich. „Warum, Kamerad? Der Mann ist's nie, wenn er sich nicht selbst verloren giebt.“ „Oder eine höhere Hand ihn schlug! — Da wieder!“ Er athmete krampfhaft auf. Die brennenden Augen stierten in den Morgennebel. Die Hand machte eine convulsivische Bewegung; er war im Fieber: — „Morgen, morgen hinab — mit meinem Vaterland!“ „Sehn Sie Geister?“ Der Capitain fuhr mit Franzbranntwein über die eiskalte Stirn des Verwundeten. Er erholte sich, er hatte sich wieder aufgerichtet. Die Krähen flat¬ terten, durch etwas erschreckt, schreiend in die Höhe; die Morgenluft strich durch die Wipfel des Holzes. Es war ein Bedürfniß, sich selbst Luft zu machen, als Louis mit tonloser Stimme vor sich hin sprach: „In Rudolstadt, am Tage vor seinem Tode, hatte der Prinz an der fürstlichen Tafel gespeist. Die Familie nahm ihn beim Aufbruch mit sich in ihre Gemächer; er winkte mir im Abgehen, daß ich auf ihn warte. Dort warf er sich an's Klavier und überließ sich seinen Phantasieen. Er hat nie so schön gespielt. Ich stand allein in dem Saal, ein alter¬ thümlich Zimmer, es dunkelte. Ich lehnte mich an den Fensterpfeiler, und sah den Wolken zu, die über den Horizont strichen. Ich schloß wohl die Augen. Das waren Töne, die nicht die Finger den Tasten entlockten, die Seele wogte in düstern und schmerz¬ lich weichen Melodieen; er schüttete sein Innerstes aus. Die Prinzessinnen weinten. Wolken, nichts als Wolkengetreibe mit blutrothen Streifen. Da fuhr eine kalte Hand über meine Stirn, die Hand des Todes, und vom Druck öffneten sich meine Augen. Es gleitete an der Wand hin, ein Schein, ein Licht, wie ich es nie gesehen — ein Roß in den Wolken, Pulverdampf, Staub. Es bäumte sich mit seinem Reiter — ein Blitzschlag, oder ein Strahl, aus den Wolken niederzückend — der Schädel spaltete — die Brust klaffte — der Reiter sank vom Pferde — und es ward wieder Nacht — Im selben Augenblicke schloß das Spiel am Klavier mit einer grellen Dis¬ sonanz, als sprängen die Saiten. — Der Prinz, blasser als je, trat heraus und winkte mir, ihm zu folgen. Er blieb einsylbig. Als er mich entließ, sprach er dumpf: „„Ich habe meinen Tod gesehen —““ Er hatte gesehen, was ich sah.“ „Und?“ „Er fiel am nächsten Tage.“ „Und Sie?“ „Ich bin kein Fortepianospieler, der auf den Wellen der Melodieen sein Schicksal beschwört. Und doch, vorhin drückte wieder dieselbe kalte Hand auf meine Stirn, die Wolken theilten sich und ich sah — ich sah nicht mehr, als ich schon längst gesehen, und ich sehe es wieder —“ Er richtete sich plötzlich auf, er stand aufrecht: „Lachen Sie doch! — Wenn Sie ein Schüler sind von Voltaire und Diderot, so müssen Sie mich auslachen — ich sah mich selbst.“ „Der Capitain lachte nicht, ihn fröstelte. Er sah eine Patrouille mit einem Ordonanzofficier heran¬ eilen. Er reichte dem Gefangenen die Hand: „So wünsche ich Ihnen wenigstens Eines — vor Ihrer letzten Stunde einen letzten Sonnenblick.“ Bovillard schüttelte die dargereichte: „Das ist ein guter Wunsch. Das Scheiden von diesem Leben wird mir nicht schwer, ist's doch nur ein Rest, den ein Verschwender ließ — aber scheiden mit einer hellen Aussicht, von Harmonieen umrauscht — und — es ist mir gewährt, ich sah ein Bild —“ Der Ordonanzofficier war herangetreten: „Der Gefangene soll schleunigst vor Seine Majestät den Kaiser gebracht werden.“ „Glück auf! flüsterte der Capitain ihm zu. Das ist Ihr schönes Bild.“ In der kleinen Hütte eines Heidewärters stand der größte Mann des Jahrhunderts. Sie war so klein, daß der Adjutant, der die Feder führte, sich in den Winkel drücken mußte, um den Bewegungen des Kaisers Platz zu machen. Den Hut auf dem Kopfe, den Capotrock über der Uniform, schritt er auf und ab, den Tubus in der behandschuhten Hand. Er dictirte, er sprach zu den Generalen, die im Halbkreis draußen standen, durch die offene Thür. Durch die¬ sen vornehmen Wächterkreis war auch der Gefangene in die Hütte gebracht worden. Der Kaiser hatte ihn officiell nicht bemerkt; er dictirte weiter, er observirte mit dem Tubus durch das Fenster. „Wenn die Sonne aufgeht, occupiren am lin¬ ken Flügel die Tirailleure das Kiefergebüsch!“ com¬ mandirte er zur Thür hinaus. Ein Adjutant flog fort. Jetzt, als er sich umwandte, bemerkte er den Eingebrachten officiell. „Ein Spion!“ „Ein Gefangener, Sire!“ Der Spion oder der Gefangene sank auch jetzt nicht auf die Knie, er zitterte nicht, er ertrug den kaiserlichen Blick, fest, ruhig. Vier Augen, die sich begegneten, ohne zu zücken. „Ihre Generale lassen die Spione hängen, ich lasse sie laufen.“ Der Gefangene stürzte dem Großmüthigen nicht zu Füßen, er umfaßte nicht seine Knie, er küßte nicht seine Füße. Der Angriff war fehlgeschlagen. Son¬ derbar, und doch stimmten Beide in ihren Empfin¬ dungen. Als der Kaiser jetzt wieder mit dem Tubus an's Fenster trat, glaubte der Adjutant ein Lächeln über seine Lippen schweben zu sehen. Auch über Bo¬ villards Gesicht flog unwillkürlich eine Bewegung, die man so hätte deuten können. Wieder stand im Vorübergehen, wie zufällig, der Imperator vor dem Gefangenen still: „Ihr König hat Krieg gegen mich angefangen; ich weiß nicht, warum.“ „Ich gehöre nicht zu den Vertrauten Seiner Majestät, meines gnädigsten Königs, auch nicht zu seinen Räthen,“ entgegnete Bovillard. „Meine Räthe haben mir ein gedrucktes Papier aus Erfurt gezeigt. Da steht lauter Unsinn drin. Ich kann nicht glauben, daß der König von Preußen darum weiß.“ Der Gefangene schwieg. Der Kaiser winkte einigen Generalen und gab ihnen leise Befehle. Es lichtete sich vor der Hütte. „Ihr König ist ein guter Mann, fuhr der Cäsar fort, aber er hat böse Räthe. Sie sind von England bestochen. Er hört nicht die Wahrheit. Ich habe einen Brief von ihm erhalten, er schreibt, er will nicht Krieg. Ich will ihn auch nicht. Aber die Con¬ spirationen meiner Feinde zwingen mich; sie sind auch seine Feinde, aller Welt Feinde. Sie leben von In¬ triguen, sie möchten in ihrem Ehrgeiz, ihrer Rachsucht, die ganze Welt gegen mich aufwiegeln.“ Der Gefangene schwieg. „Der Brief kam zu spät. Sagen Sie das Ihrem Könige. Das Blut, was vergossen wird, komme über ihre Häupter. Ich kenne sie — Alle — Alle!“ Der Cäsar mußte noch Zeit haben zum Zorn; aber die Gelegenheit war ungünstig. Wenn ein Gegner, der uns in Zorn bringen soll, schweigt, müssen wir uns selbst in Harnisch setzen. „Sie waren bei dem Prinzen Louis, fuhr er dazwischen, — ich meine, in Saalfeld — Sie waren sein Freund.“ „Ich sah ihn fallen, den ritterlichsten Fürsten, das edelste Blut, was für eine heilige Sache ge¬ flossen ist.“ „Er war betrunken, als er ausritt.“ „Er war der größte Bewunderer des größten militairischen Genius dieser Zeit, und sprach von Eurer Majestät mit der hohen Achtung, welche jeder große Mann einer andern Größe schuldig ist.“ Die Antwort kam dem Cäsar ungelegen. In¬ dem er sein Auge nach einem Punkte draußen rich¬ tete, rief sein Blick einen Obristen heran. Er mochte etwas sehen, was dem Feldherrn nicht gefiel. Nach¬ dem er dem Unwillen gegen den Officier Luft ge¬ macht, hatte er den Ton gefunden, in dem er gegen den Gefangenen einfiel: „Diese Hitzköpfe sind es, diese Kriegspartei von hirnverbrannten Phantasten, diese Geologen und Studenten! Der Prinz hat seinen Lohn weg. Viel zu gut! Wie, ist es erhört, hier schreibt mir der König von Preußen, er wünscht Frieden, er wünscht eine Zusammenkunft, eine Vermittelung. Die hätte sich so leicht gemacht. Und während sein König das mir schreibt, verläßt der Tollkopf seinen Posten, greift in rasendem Ehrgeiz meine Truppen an. Gleich¬ viel ihm, wie viel Tausende darum ihr Leben ließen. Wollte durch die Attaque zur Schlacht zwingen. Und das nennt er Gehorsam gegen seinen Monarchen. Unerhört!“ Es war die ernsteste Stunde in Louis Bovil¬ lards Leben. Dem größten Genius des Jahrhun¬ derts stand er, der Unbedeutende, gegenüber, gewür¬ digt einer Unterhaltung, um die ihn Millionen be¬ neidet hätten, und in der brennenden Krisis welchen Momentes! Und wie kam es, daß nicht Schauer vor der Größe, nicht Haß und Bewunderung wie Fieberfrost und Hitze, in ihm wechselten? Nein, er entsann sich des spöttischen Artikels einer englischen V . 19 Zeitung, worin der angebliche Unterricht geschildert ward, den Talma dem neuen Kaiser im Ausdruck tragischer Affecte gebe. Er sah nicht den Gewaltigen vor sich, sondern den Schüler des Schauspielers. „Sire, entgegnete er, es ist die Taktik der Preu¬ ßen, einen gewissen Angriff nicht abzuwarten, sondern ihm zuvor zu kommen.“ Seine Majestät der Kaiser mußte aus irgend einem Grunde auch diese Antwort nicht gehört haben. Er fuhr im vorigen Tone, als wäre gar nicht da¬ zwischen geredet, fort: „Füsiliren ließe ich ihn, wäre ich Ihr König, wenn er noch lebte. Weiß Ihr König nicht, wie auf diesen Prinzen die Hoffnungen der preußischen Jakobiner gerichtet waren? Wer stand ihm dafür, daß sein Ehrgeiz nicht weiter ging? Von politischer Freiheit sprach er, er klagte, daß ich die liberalen Ideen ersticke — ich kann Briefe des Todten vor¬ legen — eine Krone wäre ihm nicht zu hoch gewe¬ sen, wenn seine Freunde sie ihm boten. Kennt Ihr König diese Freunde? Hab' ich umsonst die Jako¬ biner in Frankreich zertreten, damit sie in Preußen ihr Haupt erheben? Ihr König dauert mich. Er ist von Schwärmern und Jakobinern umgeben. Man will nicht sein Wohl, man will liberale Ideen. Ja, die will man!“ „Laßt die Todten ruhen!“ sprach Bovillard. „Und die Weiber auch. — Mit toll gewordenen Frauen kämpfen müssen! Und man soll nicht in Harnisch gerathen! — Ich weiß Alles. — Warum ist die Königin bei der Armee? — Was thut eine Frau, wo die Waffen entscheiden? Ihre alten Ge¬ nerale sind außer sich. Weiber im Train, Weiber im Hauptquartier und eine Armee ist verloren. Ich sollte mich freuen. Nein, ich weiß, was sie soll. — Den König warm halten. Sie ist im Dienste Eng¬ lands, von Alexander beschwatzt; sie ist die Hoffnung oder die Puppe der Schwärmer für Deutschland. Sie hat ihn angetrieben, sie das Feuer geschürt, sie ist die —“ „Sire! fuhr Bovillard auf, muß ein Gefange¬ ner auf Alles schweigen?“ Napoleons Schlachtroß war vorgeführt. „Gebt ihm die Briefe! rief der Kaiser, und das schnellste Pferd aus meinem Stall.“ Das Roß stampfte. Der Kaiser war so dicht an Bovillard getreten, daß die Gesichter sich fast be¬ rührten. „Junger Mann, die Sterne gehen ihren Lauf trotz der Weiberlaunen, und wehe, wenn in das Rad der Weltgeschicke eine Frauenhand greift. — Ich biete dem Könige von Preußen noch einmal meine Hand. Fliegen Sie mit den Schreiben in sein Hauptquartier. Keinen Moment Rast, das Leben von Hunderttausend hängt an einem Haar. Drin¬ gen Sie zu ihm durch, selbst übergeben Sie ihm die Briefe, denn er ist von Verräthern umringt. Ich will den Angriff von Saalfeld, ich will Alles ver¬ 19* geffen, aber keine Weiber zwischen uns. Die Köni¬ gin muß fort. Sie bringen ihm, Ihrem Vaterlande den Frieden, junger Mann. Rasch, ohne sich um¬ zusehen, ohne zu athmen, wie der Blitz!“ Das Schlachtroß bäumte sich unter dem Impe¬ rator. Der erste Kanonenschuß tönte dumpf aus der Tiefe, und in dem Augenblick ging die Sonne auf, eine unförmliche, blutroth dunstende Kugel, den Herbstnebel färbend, der nicht weichen wollte. Auch des Imperators Haupt war einen Augenblick von ihr angeglüht, der Jubelruf seiner Garden schwellte in die Luft. In Louis Bovillard rief eine Stimme: „Dieser Sieger bringt der Welt nicht das Heil, er bringt ihr den Sieg der Lüge.“ Kaum daß der Kaiser fortgesprengt, stand der schönste andalusische Renner vor der Thür, man hob ihn hinauf, vornehme Officiere waren dabei geschäf¬ tig, man empfahl ihm dringend Eile, die Richtung, die er zu halten habe, rechts am linken Saaleufer fort, damit er aus dem Bereich der scharmutzirenden Parteigänger komme, dann müsse er nordwestlich nach der Gegend zwischen Weimar und Auerstädt sich hal¬ ten, rasch direct nach des Königs Hauptquartier. Der Capitain geleitete ihn wieder bis zu den äußersten Vorposten. Las er die Fragen und Zwei¬ fel auf der Stirn des Entlassenen? Er flüsterte ihm zu: „Ein Emissair Napoleons, ein Herr von Mon¬ tesquieu, ist, wie ich eben hörte, von preußischen Parteigängern gefangen. Ihm könnte das Schicksal drohen, dem Sie entgingen. Die Großmuth ist viel¬ leicht das Facit einer Rechnung. Gedenken Sie daran.“ Das konnte es nicht sein! Auf einer Höhe hielt er einen Moment, um Athem zu schöpfen. Der mit Millionen Menschenleben spielte, konnte zu einem solchen Spiel in solchem Augenblick sich nicht gedrängt fühlen — um einen seiner Officiere! Da hörten die einzelnen Signalschüsse auf, das Knattern der Ti¬ railleure verstummte vor dem Krachen der Geschütz¬ salven, es donnerte an den Bergen und die Erde unter ihm zitterte. Jetzt trieb ein frischer Morgen¬ wind die Nebel aus einander. In dem Rahmen breitete sich zu seinen Füßen ein sonnenerhelltes Bild — die Schlacht von Jena. Und in ihm riß auch ein Vorhang, es ward heller und heller: dort will er den Fürsten von Hohen¬ lohe schlagen, und er wird vernichtet, wenn das Hauptheer ihm nicht zeitig zu Hülfe eilt. Den Kö¬ nig soll der Brief zweifelhaft machen, er soll, der Sirenenstimme der Friedenslockung horchend, den Mo¬ ment versäumen, er soll zaudern, um selbst vernichtet zu sein! Louis Bovillard fühlte an sein Herz. Es schlug nicht, wie es sollte, er fühlte seinen Puls, er konnte die Schläge nicht zählen, er drückte die Hand an seine kalte Stirn. Ein tiefbanger Seufzer stieg aus seiner Brust: „O du Lenker des Weltalls! — nur bis dahin — warum so groß die Mission, wenn der Athem so kurz ist. Kraft nur — dann — dann —“ Der Andalusier unter ihm scharrte und schnaufte in frischer Morgenjugendlust: „Dank für das Ge¬ schenk! rief Louis. Trage mich, mein Segler, durch die Lüfte. Du und ich, wir mögen in Staub sinken, wenn der Athem nur ausreicht zu einem Wort — ein letztes Wort!“ Vierzehntes Kapitel. In der Dorfkirche. Im letzten Dorfe, welches die Königin passirte, hatten die Relaispferde gefehlt. Der Geistliche hatte seine Ackerpferde vorgespannt; aber sie waren auch müde, eben von einer Vorspannfahrt zurückgekehrt. Die Königin glaubte dem alten Manne die Sorge um seine Thiere anzusehn; sie hatte sich anfänglich geweigert sie anzunehmen. Der Prediger hatte er¬ widert: wer weiß, was heute sein ist, ob es morgen sein bleibt! Wer es hingiebt zu einem guten Werke, hat doch das Bewußtsein hinter sich. Es war noch keine Flucht; die Monarchin hatte endlich, von den tausend Stimmen, die laut und lau¬ ter gegen ihre Anwesenheit beim Heere sich ausspra¬ chen, gedrängt, das Hauptquartier verlassen; sie wollte über Naumburg nach ihrem geliebten Magdeburg zu¬ rück. Es war ein herzzerreißender Abschied gewesen von dem Gemahl — der Schatten einer Leiche schwebte schon über die Umarmung. Ihr schwarzes Kleid galt der blutigen Erinnerung an den Prinzen Louis Ferdinand. Tausend wüste Nachrichten schwirrten durch Wei¬ mar, als sie es verließ. Alles hatte sich verändert, der Feind kam nicht von daher, wo man ihn erwar¬ tete, sondern griff vom Rücken an. So viel wußte man schon, nicht, wie weit er vorgedrungen. Die festen Positionen an der Saale mußten ihn doch auf¬ halten! Aber überall auf der Straße: ver¬ fahrnes Fuhrwerk, Maraudeure, Kranke, umgestürzte, geplünderte Bagagewagen, versprengte Flüchtlinge, die, jenseits der Saale durch die ersten Angriffe der Franzosen geworfen, jetzt ihre Corps aufsuchten. Viele suchten sie auch nicht. Bei Lobeda war die sächsische Bagage, ehe die Franzosen erschienen, von den eignen Trainknechten aufgegeben, überfallen und geplündert worden. Wer mochte unter den Hunder¬ ten, die davon auf der Straße erzählten, die Vorfallen¬ heiten vergrößerten, ausschmückten, die Beraubten immer von den Räubern unterscheiden! Wohin war schon jetzt der Zauber der Autorität, wenn man Mühe hatte, für den königlichen Wagen Platz zu machen. In jenem Dorfe mochte die Ankunft der Monar¬ chin eine Katastrophe abgewendet haben. Verwilderte Schaaren Zersprengter, die sich eingelagert, machten Miene, das Mein und Dein zu vergessen. 'S ist Krieg, da hört Alles auf! hörte die Königin mit eignen Ohren. Welche Schadenfreude auf den Ge¬ sichtern jener Soldaten, die an der Hecke nicht schul¬ terten, und sie trugen den preußischen Rock, sie wu߬ ten, daß es ihre Königin war. Es sind ausgehobene Polen! Sollte die Monarchin dies zugeflüsterte Wort beruhigen? Unter dem blauen Rock sei Herz und Verlaß, hatte man sie gelehrt. Wenn nun Tausende von Herzen darunter schlugen, auf die kein Verlaß war, und Friedrichs Disciplin fehlte! Daß diese nicht mehr sei, hatte sie in Weimar, Naumburg, selbst in Berlin von so vielen klagenden Stimmen gehört. Auf dem Kirchhofe fangen Maraudeure, die ihre Beute von Lobeda theilten, unter wildem Gekreisch das Räu¬ berlied: Ein freies Leben führen wir, ein Leben voller Wonne! — Die Königin, während der Um¬ spannung einen Augenblick abgestiegen, hatte in die offene Kirche treten wollen, der Geistliche aber bat sie, umzukehren, es seien da Verwundete, Sterbende untergebracht. Es mochte noch mancher andere An¬ blick sein, nicht geeignet für die Augen einer zarten Frau. Am Ausgang hatte sie ein hingesunkenes jun¬ ges Weib bemerkt, die Züge des Todes auf ihrem blassen, schönen Gesicht. Der Prediger wollte den Anblick mit seinem Rücken decken, aber die edleren Züge des Mädchens in der widerwärtigen Umgebung in¬ teressirten unwillkürlich die Königin. Wie kommt die Unglückliche hierher? Der Geistliche hatte die Achseln gezückt: „Eins von den Geschöpfen, welche die Sol¬ daten mitschleppen, oder sie laufen ihnen von selbst nach. So was gehört freilich nicht in ein Gottes¬ haus, aber wer kann's hindern. Sie haben sie auch wohl arg mitgenommen da bei der Plünderung in Lobeda und geschlagen. Sie blutete.“ Die Königin fühlte das Bedürfniß, der Armen etwas Wohlthätiges zu erweisen. Ach, sie hatte nichts, nicht einmal das, was jeder ihrer Diener bei sich führte, eine Börse. Sie wollte einen heranwinken, aber der Stallmeister stand schon mit der Miene banger Ungeduld am Wa¬ genschlag. Aller Mienen sagten: hier ist nicht län¬ ger zu verweilen! Es war stiller geworden auf der Straße. Der Wagen mit den müden Pferden fuhr aber nur lang¬ sam in den aufgewühlten Wegen. Zuweilen ließ der Wind den Kanonendonner von der Mittagsseite herübertönen. Es schien eine stillschweigende Ueber¬ einkunft, nicht darauf zu achten. Die Hofdamen, von Ueberanstrengung erschöpft, nickten. Auch die Königin hatte, den Kopf in die Ecke gelehnt, zu schlafen ge¬ schienen. Jetzt richtete sie sich auf, warf den Schleier zurück und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. Nach einem heftigen Athemholen löste sich ihr Schmerz in Thränen, sie glaubte ohne Zeugen; aber ihr ge¬ genüber in der Wagenecke wachten zwei Augen. Adel¬ heid Alltag, die hier in bescheidener Zurückgezogen¬ heit gesessen, wagte die Hand der Fürstin zu ergrei¬ fen und, halb auf das Knie sinkend, sie an die Lippen zu drücken. „Es ist ja noch nichts verloren.“ „Nichts!“ sagte die Königin und schüttelte weh¬ müthig den Kopf. — „Aber Ihr Anblick, liebes Kind, sollte mir eigentlich Stärke geben. Würden Sie denn den Muth gehabt haben, Alles zu ertragen, wenn Sie voraus gewußt, was Ihnen bevorstand? Die gütige Vorsehung verhüllte es mit einem Schleier. So hat der Vater im Himmel es wohl auch mit mir gefügt. Hätte ich das, was ich jetzt erlebe, noch vor zwei Jahren ahnen können, und wer sagt, was mir noch bevorsteht! Da tänzeln wir im Flügelkleide der Lust und sehen überall Sonnenschein und Wiesengrün um uns, während die Herbststürme schon heranziehen. Aber es ist in seinem unerforschlichen Rathschluß, daß wir nichts davon ahnen, um gesund zu sein und stark, wenn sie hereinbrechen.“ Adelheid versuchte von einer bessern nächsten Zu¬ kunft zu sprechen. Der Ton ihrer Stimme verrieth, daß sie nicht daran glaubte. „Nein, liebes Kind, ich täusche mich nicht mehr; es ist vieles in diesen Tagen vor meinen Augen ge¬ rissen. Es ist nicht mehr, wie es war. Wohin ist unser Ansehen, wohin die Kriegszucht, wenn so kleine Derangements schon solche Unordnung bringen! Die Officiere mußten ein Auge zudrücken. Wenn das die preußische Armee betrifft! Wie hat man uns belogen! Ich hörte Stimmen aus dem Volke —“ „Wir sind hier nicht in Preußen.“ „Auch in unserm Heere selbst. Ich hatte nicht geglaubt, daß unsre Officiere so gehaßt sind! Dieser Widerwille gegen die Junkerherrschaft! Und sah ich's nicht mit eignen Augen! Die Brutalität gegen die armen Menschen, und diese alten Generale, denen drei Mann helfen mußten, um auf's Pferd zu steigen. Die in Weimar lachten, unsre Soldaten verzogen auch den Mund. Der wackre Rüchel suchte es mir zu verbergen. Ach, er ist auch gefürchtet und ge¬ haßt —“ „Desto allgemeiner verehrt und geliebt ist Seine Majestät der König.“ „Gott sei Dank! Aber auch ich bin verredet, gehaßt, verleumdet.“ „Um Gotteswillen, Ihro Majestät, es ist nur eine Stimme der Liebe und Bewunderung —“ „Unter denen, die mir vor Gesicht treten, wie damals auf der Huldigungsreise! Jetzt, liebes Mäd¬ chen, sehe ich und höre ich schärfer. Ich glaubte meine Pflicht zu thun, als ich dem Könige in's Feld folgte; ich dachte an die erhabenen Beispiele der Vorfahrinnen unseres Hauses, der schönen Else, die Kurfürst Friedrich I ., an Louise von Oranien, die dem großen Kurfürsten gefolgt sind; damals lobte man es, man bewunderte ihren Muth, und rühmte, daß sie die Gefahren ihrer Gatten getheilt, mit Rath und That ihnen zur Hand. Heut geißelt man mich mit bittern Sarkasmen.“ „Das ist nur Lombard —“ „Nein, liebes Kind, das vergebe ich ihm und könnte ihn darum loben; es ist einmal seine aufrich¬ tige Meinung! Aber es si sagen? Das vergebe ich ihnen nicht. Vielleicht hätten sie mich aufgebracht. Lieber Gott, ich habe doch auch Gefühle. Davor fürchteten sie sich mehr, als davor, ihre Königin dem übelsten Gerede auszusetzen. Und wenn sie wirklich dachten, daß meine Anwesenheit beim Heer unsrer Sache Schaden bringt! Sind das treue Diener ihres Herrn, die sich mehr vor einem bösen Gesicht fürchteten, das ich ihnen machen konnte, als — o mein Gott, wie lernt man die Men¬ schen in solcher Zeit kennen!“ Sie schien von dem Gedanken sehr geängstigt. Nach einer Pause hub sie wieder an: „Ich wollte schon früher zurück, da beschwor mich Kalkreuth, er legte auf meine Gegenwart, wie er sagte, das größte Gewicht. — Jetzt legt ein An¬ derer Gewicht darauf; Napoleon, weiß ich, beschimpft mich und meinen Gemahl laut vor seinen Officieren, wer es will, kann seine Schmähungen hören.“ „Ihre Majestät hörten dafür den Jubelruf der braven Truppen, als sie in Weimar vor Ihnen vor¬ überzogen.“ „Auch das wird mir zum Verbrechen gemacht! Ich bin die Kriegsfurie, die wuthschnaubende Me¬ gäre, die den König fort und fort gestachelt, bis er sich zum Kriege entschloß, ich bin hier, nur damit er in seinem Entschluß nicht wankend werde. Gott weiß, daß ich nie über öffentliche Angelegenheiten zu Rath gezogen wurde und auch nie danach gestrebt hatte. Erst als Kaiser Alexander voriges Jahr mich auf die Gefahr unsrer Lage, unseres Hauses aufmerk¬ sam machte, erwachte ich. Damals konnte ich noch keinen tieferen Blick in unsre Staatsverhältnisse wer¬ fen; war ich doch wie ein junges Mädchen, das aus der Pension in die Gesellschaft eingeführt wird. Aber Alexanders Worte erschreckten, weckten mich; ich sah meinen Gemahl, meine Kinder, die Thronfolge, Alles, was mir lieb und werth war, in Gefahr, ich bot daher Alles auf, ihn, seine Freunde zu wecken. Ja, ich hielt den Krieg für nothwendig, und wenn das ein Verbrechen ist, so habe ich ihn gewünscht. Mir schien, daß alle Güter dieser Erde untergeordnet seien dem Gefühl edler Selbstständigkeit und der Nationalehre. Seit ich eine Preußin geworden, fühlte ich nur als Tochter dieses Landes. Und den Trost habe ich, alle Bessern fühlen mit mir — es ist nur —“ Der Wind mußte sich gewandt haben, wie ein fernes Gewitter dröhnten die Kanonenschläge über die Fläche. Die Tauentzien fuhr mit einem: „Ach Gott! ach Gott!“ aus dem Schlaf, aber die Sonne schien hell durch die Wagenfenster. Im Hohlweg, in den der Wagen bog, hörte man nichts mehr. Die Hof¬ dame schlief wieder ein. „Sein Tod muß schön gewesen sein! rief die Königin plötzlich aus ihrem Versunkensein auf. Der Tod für's Vaterland! Der König war tief erschüt¬ tert; im Leben standen sie sich fern. Das ist das Schöne vom Tode, daß er versöhnt. Viele Herren machten gleichgültige, unangenehme Bemerkungen, wir schlossen uns ein. — Kannten Sie den Prinzen?“ „Ich sah ihn ein oder zwei Mal, gnädigste Frau.“ „Welchen Eindruck hat er auf Sie gemacht?“ Es brach unwillkürlich von Adelheids Lippen, während sie roth ward: „Wie Einer, dem der Tod eine Wohlthat ist. Wie Einer, der nach der Sonne fliegt, und oben in der Luft, weil sie zu rein für unsre Lunge, erkennt er, daß es vergebne Mühe ist. Ihn verläßt die Kraft, er will nicht stürzen, aber er stürzt. Es ist ein trostloser Kampf, nicht um das Dasein — um das Sonnenlicht, möchte ich sagen. Er flattert und flattert, um sich zu halten, den gan¬ zen Schmerz in der Brust, wieder auf die dunkle Erde sinken zu müssen, und ihre mephitischen Dünste fallen schon auf die Brust — da, wohl ihm, ehe seine Flügel erlahmen, wenn die Kugel eines Schützen seiner Qual ein Ende macht.“ Die Königin warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu: „Sie halten es für ein Glück, Adelheid?“ „Ja,“ sagte sie mit fester Stimme. „Sie haben keine Nachricht von Ihrem Bräu¬ tigam?“ „Keine,“ entgegnete Adelheid mit derselben Stimme. „Und keine Ahnung, ich wollte sagen keine Hoff¬ nung?“ „Euer Majestät Frage könnte mich besorgt machen, daß Sie auf eine schlimme Nachricht mich vorbereiten wollen. Aber ich bin auf Alles vorberei¬ tet. Wo hat der Einzelne ein Recht auf Glück, wo das Ganze zusammenbricht — und doch — doch — ich habe noch eine Hoffnung, beinahe Zuversicht, daß ich ihn noch ein Mal sehe —“ „Sie irren sich, Liebe. Ich weiß von nichts. Ich dachte nur, des Prinzen Tod war ein schöner; so könnte ich ihn allen denen wünschen, die ich ehre und liebe und die doch nicht leben können. War die Vorsehung nicht gültig gegen ihn? Vielleicht ist sie es so gegen alle Edle. Wer im Leben über den Staub und Stoff sich erhob, der, dünkt mich, hat auch die Kraft, die Mittel, sich in der letzten Stunde zu erheben, über den Tod — die Wolken theilen sich vor ihm, und er sieht Sonnenschein und Herrlichkeit — “ Durch einen Lärm draußen wurden sie unter¬ brochen. Eine durchdringende Stimme hatte schon aus der Ferne ein wiederholtes Zurück! gerufen. Die Pferde, entweder scheu geworden oder angehalten, hatten eine Bewegung nach rückwärts gemacht, auch der Wagen war davon zurückgestoßen, als man das Fenster von innen niederließ. Ein staubbedeckter Reiter sprengte mit verhängtem Zügel ihnen entgegen. Sein Wehen mit dem Tuche hatten sie in den Staub¬ wirbeln, die um ihn aufflogen, nicht gesehen. Jetzt hielt er am Kutschenschlag — Da kam ein Schrei aus dem Wagen. Der Anblick konnte wohl ein zar¬ tes Frauenherz außer sich bringen. Er hing mehr, als er saß, auf dem Pferde, ein leichenblasses Todten¬ gesicht mit gläsernen Augen und stierem Blick. Der Hut war ihm vom Kopf geflogen, die Haare hingen in zerrissenen Streifen vom Scheitel. Wie gänzlich vom Ritt erschöpft, hielt er sich mit den Händen am Sattelknopf, während die Lippen convulsivisch bebten im Versuch, Worte hervorzubringen. Jetzt gelang es ihm, er riß zugleich Briefe aus der Brust, die Worte kamen abgebrochen vor: „Zurück — die Königin muß zurück — die Feinde in Naumburg — die Brücken genommen, Franzosen auf den Höhen von Kösen — ein An¬ griff von dort!“ „Die Franzosen!“ schrieen zehn Stimmen. „Wir sind verloren!“ die Hofdamen. „Kehrt! Kehrt! Auf der Stelle Kehrt gemacht!“ commandirten die Stall¬ meister. „Ist schon Gefahr?“ rief die Königin zum Fen¬ ster hinaus. Ihr Blick schien dem Erschöpften auf einen Augenblick Besinnung und Kraft wiederzugeben. „Noch nicht — noch um Stunden sind sie zurück — mein guter Renner — aber Majestät muß nach Weimar zurück, über den Harz nur ist noch ein sich¬ rer Rückweg. — Diese Schreiben an den König! — Schreiben der Arglist — traue Niemand.“ Die Briefe flogen aus seiner zitternden Hand grade noch in den Wagen, als dieser Kehrt machte und die Insitzenden den Reiter aus dem Gesicht ver¬ loren. Es war gut, daß die Hofdamen Riechfläsch¬ chen bei sich führten, ein Händedruck der Königin wirkte indeß vielleicht doch belebender. Louise hielt mit der Linken Adelheids Hand, während sie aus V . 20 dem Fenster mit den Stallmeistern und den beglei¬ tenden Officieren sprach. „ Die Gefahr ist vorüber!“ sagte sie, den Kopf zurückziehend. „Er stirbt!“ rief Adelheid mit einer ohnmächtigen Bewegung, sich auf¬ zurichten. Dann ward sie still und blickte ruhig vor sich hin. Wer Zeit und Sinn dafür gehabt, sie zu beobachten, würde jetzt ein Lächeln auf ihrem Gesicht erblickt haben. Wer hatte Sinn dafür, wer Zeit! Der Wa¬ gen schien sich nicht fortzubewegen: alles Peitschen und Fluchen war vergebens bei den müden Thieren. Endlich stürzten sie; es war aber am Eingang in's Dorf. Gefahr war nicht mehr, denn von der preu¬ ßischen Avantgarde war das Dorf schon besetzt. Rü¬ chel hatte einen Adjutanten der Königin nachgesandt, dessen Meldung mit der des Reiters übereinstimmte, sie müsse in Eil nach Weimar zurück, von dort seien Relais und Escorte nach Sondershausen und dem Harze für sie bereit. Aber noch fehlten die Pferde, auch am Wagen war etwas zu bessern. Die Königin ging in's Dorf zurück. Sie sprach lebhaft mit den Officieren. Sie schien in raschen, scharfen Fragen den Sinn jeder Falte auf ihrem Ge¬ sicht entdecken zu wollen. Adelheid wankte allein. Er kam noch nicht. Sie wagte nicht zu fragen; sie stand, ohne zu wissen wie und warum, auf dem Kirchhof. Ein angelehntes Hinterpförtchen führte in die Kirche; eine einfache gothische Landkirche von Steinquadern, mit einer Balkendecke. Und doch hatten Reste von bunten Scheiben in den Spitzbogenfenstern sich erhalten; spinneumwebt, verdunkelt von Staub und Wetter, und doch genug Farbe enthaltend, um dem Sonnenschein, der eindrang, eine dumpfe, gelb brennende Färbung zu geben. Sie paßte zu ihrer Stimmung. Ob der Schein sie lockte, ob eine Ahnung? Sie war eingetreten. Sie sah nichts von den Schrecken. Vielleicht waren sie schon entfernt. Auf den Stufen am Hochaltar lag der Bote, welcher der Königin die Rettungspost gebracht. Sein Pferd hatte sich losgerissen von den Vorreitern, die es auf einen Wink des Stallmeisters am Zügel führen sollten. Der Mann selbst war ja nicht mehr im Stande, es zu lenken. Im Dorf war das Thier gestürzt mit seinem Herrn — ein heftiger, tödtlicher Blutsturz. Louis Bovillard hatte sich nicht mehr aufrichten können, der Pfarrer hatte ihn in die Kirche tragen lassen. Der Sonnenschein fiel durch die gelben Schei¬ ben grade auf sein Gesicht, als Adelheid eintrat. Sie schrie nicht auf, sie rang nicht die Hände, ihre Knie zitterten nicht. Schien es doch, als sei es nur die Erfüllung von etwas, was sie längst gewußt. Die Hände faltend blieb sie noch in der Entfernung stehen und blickte auf ihn, wie man zum ersten Mal den Grabstein eines theuren Verblichenen erblickt. Nicht einmal eine Thräne stürzte aus ihrem Auge. Aber etwas hätte sie befremden mögen, — auf der Stufe drunter die jugendliche Gestalt eines Weibes; 20* sie hatte ihr Tuch über seine Füße gebreitet und ihr Gesicht in seinen Schooß gedrückt. Ein Bildhauer hätte die Figur der Trauer nicht besser dargestellt. Ihr aufgelöstes Haar wallte um ihren Nacken. Auch die Anwesenheit dieser Trauernden störte sie nicht. Sie war jetzt neben ihm niedergekniet und hatte die kalte Hand erfaßt, die sie an die Lippen drückte. Sie schien zu beten, als es hinter ihr rauschte; die Königin legte die Hände sanft auf ihren Scheitel: „Mein Kind, es trifft jeden sein Theil und Du warst darauf vorbereitet.“ „Wenn er nur noch einmal die Augen aufschlüge!“ athmete sie leise. „Um meinen Dank in den Himmel mitzuneh¬ men, denn er hat seine Königin gerettet. Ich kann ihm nicht mehr danken.“ „Doch, Königin, sprach Adelheid, sich umwendend. Gönnen Sie mir die Freiheit, lassen Sie mich hier zurück. Ich war seine Braut vor Gott und Ihnen, er darf nicht verlassen sterben. Die Pflege ist zu spät, aber den letzten Dienst kann ich ihm erzeigen. Lassen Sie mich ihm die Augen zudrücken.“ Da richtete sich das verwilderte Mädchen etwas auf und starrte die Hinzugekommenen an. Der Traum der Wahrheit schien durch ihre brechenden Augen zu dämmern. Die Gräfin Voß war an die Königin, die zwei¬ felnd dastand, getreten und flüsterte ihr zu: „Wenn Ihro Majestät das zugeben, ist es absolut unmöglich, daß die Demoiselle ferner, in welcher Stellung es sei, in Dero Nähe verweilt. Ja, wenn sie nur ge¬ traut wären —“ In dem nächsten Augenblick geschah vieles. Der alte Geistliche hatte sich über den Sterbenden gebeugt: „Er athmet noch.“ — Das Mädchen zu seinen Füßen rief wie in wahnsinniger Freude: „Louis schlägt die Augen auf.“ Der Sonnenschein hatte eine rothe Scheibe getroffen, und ein rosiger Schein brei¬ tete sich über die eng zusammengedrängte Gruppe aus. Der Todte lebte noch, er schien zu lächeln, er erkannte die Gegenstände. Die Königin aber hatte im nächsten Augenblicke mit dem Prediger heimlich ge¬ sprochen: „Ich übernehme alle Verantwortung.“ Der Geistliche erwiderte: „Auf die wage ich es selbst vor dem höchsten Richter, wo ich bald mit ihm erscheine. Aber hat er die Besinnung — und die junge Dame?“ „Sie wird ihr Ja deutlich sprechen,“ hatte die Königin geantwortet und flüsterte Adelheid etwas in's Ohr: „Bleib knieen, mein Kind!“ Da wollte es der Zufall, während der Pfarrer in Kürze die liturgischen Formeln der Trauung sprach, daß ein Knabe des Küsters auf der Orgel intonirte. Der Sterbende wollte den Kopf aufrichten, das ge¬ lang ihm nicht, aber von seinen Lippen kam es: „Da rufen sie uns!“ Der Prediger sah froh der Königin in's Gesicht, welche Adelheid schnell einen Ring an den Finger gesteckt hatte. Das fremde Mädchen aber hielt den Kopf des Sterbenden, während der Prediger die Ringe wechselte. Als er die entscheidende Frage that, antwortete ein Ja so wunderbar laut, daß es die Orgel übertönte. Es war sein letztes Wort. Kaum daß der Segen gesprochen, sank er röchelnd nieder. Der Brautkuß war der Sterbekuß. Das fremde Mädchen weinte und lachte: „Ich habe doch seinen letzten Händedruck.“ — Die Königin sagte: „Ich konnte ihm doch danken.“ Der Wagen stand fertig vor der Kirchenthür. „Frau von Bovillard! sprach feierlich die alte Voß, Ihro Majestät sind bereit.“ Die Fürstin sah fragend auf die Trauernde. Ihr Blick schien zu sprechen: „Willst Du mich jetzt verlassen!“ Der Geistliche sagte: „Für die Todten sorgt Gott und die Kirche. Wer noch Pflichten im Leben hat, fliehe von hier. Den Todten ist wohler in der Erde als den Lebendigen, wo die Verwüstung ihr Reich aufschlägt.“ Das fremde Mädchen schrie wie im Irrsinn auf: „Er wird nicht allein begraben werden.“ Funfzehntes Kapitel. Ein Frühstück bei Dallach. Es ist in der Luft eine Magie, die unsre Wissen¬ schaft noch nicht erklärt hat; eine Communication durch unerfaßbare Organe, welche die Begebenheiten ver¬ binden. Unergründlich nannten unsere Väter eine Tiefe, die sie noch nicht ergründet; unerfaßbar hätten sie das Lichtbild genannt, wir lernten es fassen und festigen auf der Platte, und an Drahtseilen fliegt der Gedanke hunderte von Meilen in Secundenschnelle, und drückt sich auf die Tafel in bunten Buchstaben, für jedes Auge lesbar. Dies Lichtbild spiegelte sich auch schon vor den Augen unserer Väter, der Gedanke flog auch da mit derselben Schnelle, nur faßten sie ihn nicht, weil ihnen die Verbindungsmittel unbekannt waren; weil sie die Platten und die Drahtseile nicht sahen, tauften sie es Wunder. Alte Leute entsinnen sich, daß man in der Stille der Nacht nach dem 14. October vor Berlin auf der Erde die Schläge des Kanonendonners von Auerstädt hören können. Von Andern sagt man, daß sie am folgenden Tage schon den Ausgang der Schlacht ge¬ wußt. Aufgeklärte meinten, das sei nur die Nach¬ dröhnung gewesen von dem unglücklichen Gefecht von Saalfeld, die als Vorahnung gespukt. Nicht Alle waren es, es waren nur Wenige, darunter zwei, die wir kennen. Der Rath Fuchsius konnte in der Nacht nicht schlafen, seine Beängstigung ward gegen Morgen immer größer. Er hörte die Kanonenschläge, sein Bett schien unter ihm zu zittern; wie fest er auch die Augen zudrückte, er sah immer wieder den hellen Schein, wie ein Nordlicht, das am äußersten Ho¬ rizont aus der Erde quillt. Er zündete das Licht an und ergriff eine Lecture, es war ein Band des Shakspeare. Die Stelle aus Macbeth, die er auf¬ schlug, war nicht geeignet, seine Träume zu be¬ schwichtigen: Die Nacht war stürmisch; wo wir schliefen, heult' es Den Schlott herab; und wie man sagt, erscholl Ein Wimmern in der Luft, ein Todesstöhnen, Ein Prophezein in fürchterlichem Laut, Von wildem Brand und gräßlichen Geschichten, Neu ausgebrütet einer Zeit des Leidens. Der dunkle Vogel schrie die ganze Nacht durch: Man sagt, die Erde bebte fieberkrank. Er sah die Schlacht, die meilenweit sich dehnende, mit ihren wankenden und wogenden Linien, den dampfenden Batterieen, den Cavallerieattaquen, und so gewiß er das Herz unter der Brust pochen hörte, so centnerschwer drückte ihn eine Gewißheit — daß er nichts Frohes sah. Um den fürchterlichen Alp los zu werden, zündete er noch ein Licht an, und begrub sich unter seinen Akten. Auch aus diesen Bergen stiegen Dünste, tiefe Schachte öffneten sich, deren Ende er nicht sah, und Sphynxe lagerten sich vor dem Eingang. „Ein Weib, das selbst eine Sphynx ist, rief er, sich im Armsessel zurücklehnend, und der Oedipus will nicht erscheinen. Die Thatsache liegt nackt da, und alle Bezüge, Fäden, die zu einem Motiv führen, plötzlich abgeschnitten! Kann ein Weib gebären ohne empfangen zu haben? Und wo wir einer Spur folg¬ ten, verschwindet sie nicht nur, sondern wir haben aktenmäßige Beweise, wie und woraus sie entstanden ist! Werden noch Ungeheuer geboren aus dem Mee¬ resschaum, wenn Götter einen Sterblichen verfluchen, oder gestalten sie sich im Laich der mephitischen Dünste dieser Zeit? Shakspeare läßt die Gräuel¬ thaten seiner Könige durch ungeheuerliche Erschei¬ nungen vorausverkünden: eine Eule verfolgt einen Falken, die Rosse Dunkans fressen sich. Solchen An¬ theil des Entsetzens nimmt die Natur am Thun der Könige! Die Zeiten sind doch nun vorüber, der Erdgeist kümmert sich nicht besorglicher um die Könige als um die Bettler; selbst wenn große Ideen geboren werden, Ideen, bestimmt die Welt zu erschüttern, was geht's die Natur an! Sie läßt keine Sterne mehr den Weisen nach der Krippe leuchten und keine mo¬ ralische Revolution bringt sie aus ihrem Alltagsrock. Das ist unser Trost. Aber wäre doch ein inniger Connex da, den wir nur nicht sehen, zwischen den Werken der großen Geschichte und den Thaten der kleinen Menschen? Spiegelte sich das Ungeheuerliche des Weltbrandes wieder im Thun der Individuen, dort die Revolution in der Desorganisation der natürlichen Gefühle, und der krankhafte Drang, der Welteroberer erzeugt, riefe hier in der schwa¬ chen Weiberbrust den Kitzel hervor zur scheußlichen That!“ Er blätterte weiter in einem Convolut. Es wa¬ ren Privatcorrespondenzen der gefangenen Geheim¬ räthin: „Welcher Verstand! welche klare Erwägung der Verhältnisse, welche ruhige, treffende Beobachtung im Urtheil über Personen! Und nirgends nur ein Wink von auswärts her! Alle ihre Verbindungen bestehen die Probe. Und vor allem dieser!“ Er überlas noch einmal die Billette, welche Wandel an die Lupinus gerichtet, und mit ihrer ganzen Corre¬ spondenz zu den Akten genommen waren. Er fuhr, wie ein Unzufriedener mit sich selbst, mit beiden Händen über das Gesicht: „Wie ein Criminalrichter sich in Acht nehmen muß, auch auf den dringendsten Verdacht hin, eine bestimmte Meinung zu fassen! Wie leicht verführt er sich, und wie schwer wird es ihm, dann wieder auf den richtigen Weg einzulenken! — War ich nicht schon innerlich überzeugt von der Identität jenes von der französischen Justiz verfolgten Aventuriers mit Herrn von Wandel! — Seine Verbindung mit meiner Giftmischerin erschien mir als ein nur zu deutlicher Fingerzeig! — Selbst die kecke Weise, wie er sich mir damals aufdrängte, konnte mich noch nicht ganz über¬ zeugen. Man hat Beispiele — und er ist klug, sehr klug! — Aber diese Briefe an die Lupinus! — Der klarste Spiegel einer unbefangenen Seele, besser als er sich selbst darstellt. Er mag anderweitig — aber in dieser Sache ist er nicht implicirt. Nichts von Ostentation, Raffinement! Er schreibt wie ein welt¬ erfahrner Mann. Seine Rathschläge, wie vernünftig! Er warnt sie vor der Exaltation, ihr aufrichtiger Freund; anfänglich zwar scheint ein andres Gefühl im Spiele, die Neigung steigert sich, aber dann dies allmälige Zurückfallen in den Ton der Achtung und des Respectes. — Schade, daß ihre Briefe fehlen! Ja, eine Ahnung von dem, was in ihr vorging, mag er gehabt haben, darum zog er sich zurück. Und soll ich es ihm als Verbrechen anrechnen, daß er sich jetzt Mühe giebt, eine von ihm hochverehrte Frau zu ver¬ theidigen? — Als Criminalist sollte ich es vielleicht, als Mensch kann ich es nicht.“ Fuchsius war an ein anderes Convolut, das auf einem Nebentisch lag, getreten. Es waren französische Akten, er nahm eine Silhouette heraus und hielt sie an's Licht: „Und was bedeutete die Aehnlichkeit eines Schattenbildes mit einem lebendigen Menschen, wenn sie zu entdecken wäre! — Und dann, wie vieler Jahre Staub hat an diesen Papieren gezehrt! — Uebrigens — sagte er mit wehmüthigem Lächeln — muß man die Gefälligkeit der französischen Behörden bewun¬ dern. Daß wir in einem Kampf auf Leben und Tod sind, in einem Kriege, der sie verpflichtet, Tausende und aber Tausende der Unsern umzubringen, hindert sie nicht, uns in unserm köstlichen Rechte beizustehen, damit wir ja nicht fehl gehen, ein uns verfallenes Justizopfer, und wäre es auch aus ihren Reihen, zum Tode zu fangen! Welche Zuvorkommenheit! Es war Laforest's letzter Akt hier unserm Kanzler die Akten aus Paris zu communiciren. Eine schöne Sache um das Band der Civilisation: Die Revolutionen, die große Verbrecher krönen, retten die kleinen nicht vorm Galgen. Die ganze Welt wird für ihn zum Netz und ein Verbrecher findet in keinem Staat und keinem Volke mehr ein Asyl!“ Er war an's Fenster getreten. Es war noch todtenstille, finstre Nacht, obgleich schon hie und da in abgelegenen Gehöften die Hähne krähten. Die Straßenlampen brannten düster, die Laternen wurden vom Morgenwinde geschaukelt. Ob er horchte — ? Er hörte nicht mehr den Kanonendonner, aber der Tritt jedes verspäteten oder verfrühten Fußgängers schallte aus der Tiefe zu ihm herauf. Fuchsius wohnte hoch; er konnte die Dächer der nächstgelegenen Straßen mit niedrigen Häusern überschauen. Als er nach den Sternen ausschaute, sah er einen fernen Lichtschein. Es kam aus einem Hoffenster in einer jenseits ge¬ legenen Straße Er kannte die Straße, das Haus, das Fenster. Hier wohnte der Legationsrath. Das Fenster gehörte zu seiner Küche, die Küche diente ihm zum Laboratorium. Was konnte Wandel so früh hier zu schaffen haben? Er war ein Nachtschwärmer; er expe¬ rimentire nie anders als bei Tageslicht, hatte er selbst zu Fuchsius gesagt. Was präparirte er jetzt? Es war zwischen drei und vier. Und das Licht verschwand nicht. Gedanken durchzückten ihn in rascher Folge. Was kann er in dieser Nachtstunde experimentiren? Warum die Heimlichkeit? Warum hat er, bei aller Offenherzigkeit in andern Dingen, Niemand klaren Wein über seine Vermögensverhältnisse eingeschenkt? Warum schweigt über ihn der alte van Asten, der einmal merken ließ, daß er etwas wisse, und jetzt be¬ hauptet, daß er nichts weiß? Er hatte Wechsel von ihm in der Hand! — Wechsel! — Fuchsius sah Wandel schrei¬ ben. Er rieb sich wieder die Stirn. Plötzlich saß er am Tisch und wühlte in den französischen Akten. In einem kleinen vergilbten Handbillet verfolgte er mit dem Auge und mit dem Finger die Buchstaben. Ebenso rasch riß er das vorige Aktenstück herbei, und verglich Wort um Wort, es schien Buchstabe um Buchstabe. Es war ein französisch geschriebenes Billet Wandels an die Lupinus: „Welche täuschende Waffe die Aehnlich¬ keit der Schriftzüge! Wie man auch da sich in Acht nehmen muß!“ Aber plötzlich vergrößerten sich seine Augen, sein Mund öffnete sich — ein, zwei — drei Worte — nicht nur die Schriftzüge der Buchstaben, die Schleifzüge, die Abbreviaturen waren dieselben, auch die ungewöhnliche Orthographie. „Florestan Vansitter!“ rief er aufstehend, und es schien, als fröstele ihn. Er warf einen Blick in den Spiegel, sein Auge glänzte ihm entgegen, ein Glanz, den man der Freude beimißt. „Pfui! ent¬ fuhr es seinen Lippen. Ist das nicht die canibalische Lust des Menschenfressers, wenn er sein Opfer auf Schußweite erblickt! — Ach, wir sind alle Canibalen, alle, uns dürstet nach Menschenblut. Bin ich der Einzige, dessen Gesicht sich röthen wird von diaboli¬ schem Entzücken, wenn es an's Tageslicht kommt! Wie wird die Gesellschaft hier von der Wollust des Entsetzens beben, wenn es ausgesprochen ist, wenn der Mann, mit dem sie Hände gedrückt, Gläser an¬ gestoßen, zu dem sie sich gedrängt, von dessen Lippen der Honig geistvoller Unterhaltung floß, arretirt, in Ketten eingebracht wird, ein gemeiner Verbrecher. Unmöglich! werden sie rufen und doch innerlich zittern, wenn es nun nicht wahr wäre! — O du Mantel der Humanität, der uns so schön sitzt, aus welchen Mondscheinspinnefäden bist du gewebt!“ Als er sich angekleidet und der graue Tag schon durch die Fensterscheiben blickte, stand ein junger Mensch in unansehnlicher Kleidung vor dem Rathe. „Nichts von Wichtigkeit, antwortete der Einge¬ tretene auf eine Frage des Rathes. Ihr Benehmen im Gefängniß bleibt dasselbe. Sie ließ den Hofrath Heim, der ihr die Wahrheit sagte, anlaufen und ver¬ bat sich seine fernere Theilnahme.“ „Sie kennen wir, entgegnete Fuchsius, aber mein Auftrag war, daß Sie auf alle Ereignisse und Be¬ wegungen in dem Kreise Acht hätten, dem sie bis jetzt angehört. Was haben Sie da beobachtet, Eckard?“ „Nicht das Geringste, was zur Sache gehört,“ erwiderte Eckard mit einiger Selbstzufriedenheit. „Ob es dazu gehört, werde ich beurtheilen. Was macht ihr Schwager?“ „Er wird sich doch nicht freuen, daß er pensionirt ist. Der Auszug aus seiner Amtswohnung in der Voigtei liegt ihm noch in den Gliedern. Er spuckt. Neulich in der Weinstube bei Sala Tarone ließ er einen Witz los. Sie haben darüber gelacht. Das passirt ihm jetzt selten.“ „Welchen?“ „Damals, als er wirklich eine B ê tise begangen, sagte er, nämlich mit den Gefangenen, sei er mit blauem Aug davongekommen, und jetzt müsse er büßen, wo er unschuldig sei wie ein neugeboren Kind. Er hätte doch seinem Bruder nie was zu trinken gegeben. Nun müsse er aus Haus und Brod, bloß weil es sich nicht schicke, daß er der Kerkermei¬ ster seiner Schwägerin würde.“ „Die Justiz ist blind, trifft aber in der Regel doch am rechten Fleck. Noch etwas von ihm?“ „Er heirathet sie. Das ist ausgemacht. Im Dom ist schon die Trauung bestellt.“ „Aus Depit, daß er die Voigtei verlor?“ „Nu ja! Er sagt aber, weil er das Heulen der Charlotte nicht länger aushalten können. Das ist wahr, ihr Wachtmeister ist bei Saalfeld niederge¬ hauen, als er den Prinzen raushauen wollte.“ „Was ist denn nicht wahr?“ „Daß der Major Stier von Dohleneck auch da geblieben wäre. Der ist nur blessirt vom Pferd ge¬ fallen. Sie haben ihn splitternackt ausgezogen, dann gefangen genommen, dann hat er ihnen sein Ehren¬ wort geben müssen, und so kommt er retour nach Berlin. Die Baroneß Eitelbach weiß es nur noch nicht; sie geht schwarz.“ Der Vigilant mußte sehr genau, auch mit den innern Familienverhältnissen, vertraut sein. Ein flüch¬ tiges Lächeln ging über die Lippen des Rathes. „Was macht Geheimrath Bovillard?“ „Sieht schon wie eine Leiche aus. Laxirt einen Tag um den andern; zur Abwechselung nimmt er auch Vomissements. Der Legationsrath Wandel sagt, wenn er so fortführe, würde es ihm an's Leben ge¬ hen. Es sei kein Spaß damit. Die Ruhr geht ohnedies bei der Witterung um, und die Werderschen bringen unreifes Obst. Man wisse aber gar nicht, was noch draus werden könne, denn die Ruhr könne noch was ganz Andres sein, woran jetzt kein Mensch denkt.“ Fuchsius hatte nur auf den einen Namen Acht gegeben: „Läßt der Legationsrath sich viel beim Kran¬ ken sehn?“ „Nicht eben. Er steckt ja fast immer bei der Braunbiegler. Auch mit dem Baron Eitelbach hat er viel zu schaffen. Der mag ihn nicht; aber er läßt ihn nicht los. Besonders wenn er in der Fa¬ brik ist, da spricht er in allen Dingen mit. Der Baron sagte: „wenn er mal in den Farbekessel fiele, dann wäre auch nichts verdorben, als die Farbe.“ „Eckard!“ Der Rath zog ihn in den Winkel, als könnte die Luft hören, was er ihm zu sagen hatte. Er schloß: „Von jetzt ab vigiliren Sie auf ihn, Schritt und Tritt. Sie lassen ihn keinen Moment aus dem Auge, wo er hingeht, an wen er Briefe abschickt, von wo er Briefe empfängt, und wo möglich sehn Sie durch seine Wände. Ist denn durch seine Diener¬ schaft nichts zu ermitteln?“ „Er wechselt oft die Bedienten und sie kommen nie weiter als in seine Wohnzimmer. Die Mädchen im Hause sagen, in der Küche müsse 's wie im Schweine¬ stall aussehen, er läßt keinen Besen rein.“ „Was lächeln Sie?“ „Die Mädchen meinen, wenn eine Hintertreppe wäre, so begriffen sie's.“ „So fährt der Spiritus familiaris wohl durch den Schlott! sprach Fuchsius für sich. Seltsam, auch er wie sie nachweislich ohne nähern Umgang, ohne einen Vertrauten, ein isolirtes Ungeheuer, das, wie der Schwamm, aus der Luft den Athem saugt.“ „Es war schon Einer mal drin, setzte Eckard im Fortgehen hinzu, der sagt aber nichts.“ V 21 „Wer?“ „Der alte van Asten.“ „Wie kam der hinein?“ „Sie sagen, er hätte die Thür aufgelassen. Seitdem läßt er die Thür nicht mehr auf.“ „Haben Sie Verdacht gegen den alten van Asten?“ Der junge Vigilant schüttelte den Kopf: „Wenn er auch die tausend Stückfässer in Stettin auf den Buckel laden könnte, wo sollte er damit hin? Er ist ein ruinirter Mann, rein in Rothwein. Durch 'nen Pfuschmakler hat er schon unter der Hand zum hal¬ ben Preis ausgeboten. Wer will's jetzt! Gewinnen die Franzosen, so trinken die's aus und zahlen nicht, gewinnen wir, so finden Unsre über'm Rhein den Wein wohlfeiler. Vielleicht, setzte er mit schlauer Miene hinzu, soll ihm der Herr von Wandel den Medoc in was Andres verwandeln, was Käufer fin¬ det. Er ist ja ein Tausendkünstler.“ „Vigiliren Sie!“ schloß der Rath die Unter¬ redung. Ja, wenn die Wände, die des Legationsraths Wohnung umschlossen, vor ihm niedergefallen wären, und er hätte einen Blick frei gehabt! Auch der Legationsrath konnte in der Nacht nicht schlafen, auch er hörte den Kanonendonner, auch unter ihm zitterte das Bette, der Himmel leuch¬ tete, er sah die Bataillelinien hin und her schwanken und war aufgesprungen, um Herr zu werden seiner Sinne. Auch er zündete Licht an und ergriff eine Lec¬ türe, es war zufällig dieselbe, die Fuchsius ergriffen. Da schlug er die Stelle auf: Auf siebzig Jahr kann ich mich gut erinnern; In diesem Zeitraum sah ich Schreckenstage Und wunderbare Ding', doch diese böse Nacht Macht alles Vor'ge klein. Der Leser hielt inne: „Ein Zeichen! Warum diese Nacht?“ Er las weiter: Der Himmel, sieh, als zürn' er Menschenthaten, Dräut dieser blut'gen Bühn'. Die Uhr zeigt Tag, Doch dunkle Nacht erstickt die Wanderlampe: Ist's Sieg der Nacht, ist es die Scham des Tages, Daß Finsterniß der Erd' Antlitz begräbt, Wenn lebend Licht es küssen sollte? Er warf den Band fort: „Albernheit! Was hat der Himmel ein Recht, auf Menschenthaten zu zürnen! Wir sind's, die die wesenlose Leere bevölkern, die Schwächlinge mit ihren Phantasiegespinnsten, die Starken mit ihren Thaten. Da ist die Frage: wel¬ cher Zauber ist stärker, die Vogelscheuchen, die sie an die Sterne binden, oder der Wille, der der Nacht und ihren Uhustimmen in's Antlitz, lacht?“ Er zündete eine chemisch präparirte Kerze an, welche einen besonders hellen Schein warf, und trat, was er wirklich selten bei Nacht that, in sein Labo¬ ratorium. Alles, wie er es am Abend verlassen, dort hingen die Bilder, da das Gerippe, die Retorten, Kolben, Tiegel auf dem Herde; einige kleine Fläsch¬ chen, auf die sein Auge zuerst fiel, standen wie zur 21* Abkühlung am Fenster. Er hielt den Athem an, wie um zu horchen. Es bewegte sich außer ihm etwas. Er biß sich in die Lippen: „Thorheit! es ist die aufgeregte Phantasie von der Lecture des Dich¬ ters, des größten, der geboren ward, aber warum ließ das Schicksal in einer dunklen Zeit den Riesen an's Licht treten, daß an seinen gigantischen Glie¬ dern noch immer ihre Moderfetzen kleben! Er hat Geister beschworen, ich kann es auch. Nur Jeder in seiner Art!“ Da bewegte sich das Gerippe sichtlich, ein schril¬ lender Ton kam aus der Mundhöhlung, es rauschte etwas heraus, es wehte durch die Luft und das Licht erlosch. Wandel sank nicht zu Boden, aber er preßte den Leuchter so fest, daß das Metall eingebogen war, der Todtenschweiß, der von seiner Stirn tropfte, hatte ihn aus seinem Starrkrampf geweckt. „Von einem Nachtvogel sich erschrecken lassen, der in seiner Angst durch den Schornstein eindrang!“ rief er, nachdem er mittelst eines chemischen Feuer¬ zeuges das Licht wieder angezündet. „Flattre nur, Unhold, Du bist kein Leben, und lügst keines mehr der schönen Hülle an. Es giebt keine Geister, nur Spuk, den, den die Schwäche unsrer Nerven gebiert. Aber ein Spuk und eine Verhöhnung unsrer Kraft, daß wir uns zumeist von denen in Angst setzen las¬ sen, die selbst vor Angst aus sich herausgehen.“ Aber weshalb war er hier? Um mit den Ge¬ spenstern, an die er nicht glaubte, eine Lanze zu brechen? — Warum hatte ihn die Dröhnung des Kanonendonners, warum das Phantasma der Schlacht aufgeschreckt? Berührte ihn der Ausgang, welcher es sei? — „Doch! rief er plötzlich. Das ist der Vortheil jener chaotischen Katastrophen, welche die kleine Menschenwelt und ihre Ameisenhaufen, Staat und Gesellschaft genannt, durcheinanderwerfen, daß wir uns da frei fühlen. Wo das Haus über ihren Köpfen zusammenbricht, merken sie nicht das Insect, das sie sticht. — Die Kerker öffnen sich — vielleicht! Die Schuldbücher werden zerrissen — vielleicht! Es wird vergessen, Alles — nein, doch Vieles — auch das? — Vielleicht.“ Er nahm die Fläschchen, hielt sie gegen das Licht und that sie dann in ein Etui. „So viele Ar¬ beit um — eine Bagatell. Ich ging doch an schwe¬ rere mit leichterm Muth, fast im elastischen Tänzer¬ schritt. Aber der alte Asten hatte Recht. Die Po¬ lypragmosyne hat mir Schaden gethan. Das erste Gesetz lautet: nicht zu Vieles im Aug! Dies Ab¬ wägen verwirrt und schwächt nusre Sehkraft. Rasch drauf los. Die Weisheit unsrer Väter: Frisch ge¬ wagt, halb gewonnen! Es ist eine ewige alte Fa¬ bel vom Hunde und dem Fleisch, und doch, wer wehrt sich vor dem Blendwerk, daß ihn das große Bild im Wasser verlockt. Und das: Morgen, mor¬ gen, nur nicht heute — wie viel kühnen Entschlüssen brach es den Hals.“ Und doch schien er selbst durch hervorgezogene Sprüchwörterphilosophie entweder sich Muth einzuspre¬ chen, oder sich immer noch einen Aufschub abzulisten. Er packte die Fläschchen aus, um zu sehen, ob sie auch eingewickelt waren. Er befühlte auch Gegenstände, die er nicht mitnehmen wollte. Es war so heiß in der Küche, ob von der eingeschlossenen Luft oder von seiner innern Hitze? Schon hatte er die Thüre in der Hand, als er zurückkehrte. Ihm fiel ein, daß er auch auf die schlimmste Eventualität sich waffnen müsse. „Sie dürfen auch nicht das finden, was sie bei der Lupinus gefunden.“ Er mußte schon vor¬ gearbeitet haben. Nur aus einem Tiegel schabte er vorsichtig den Bodensatz und warf ihn in den Ab¬ zugsgraben. Dann streute er verschiedenen Farben¬ puder verschwenderisch umher. Die Küche bekam dadurch einen Wohlgeruch: „In meinen Schmink¬ präparaten mögen sie meine Arcane entdecken.“ Dann näherte er sich dem Gerippe: „Wieder eifersüchtig? Gieb mir die Hand, Angelika.“ Sie gab sie ihm, aber schüttelte er so heftig, oder war der Wandnagel lose? Das Knochenweib stürzte herab. Wir wissen nicht, ob er geschaudert, doch schnell hatte er sich und das Gerippe gefaßt: „Das hätte ein bö¬ ser Fall werden können, wie damals, als Du vom Pferde sprangst und ich Dich auffing. Du nanntest mich Deinen Lebensretter. Ja, ein theurer ward ich Dir. Zwei Mal für das eine Bischen Rettung nahm ich Dein Leben. Ihr armen jungen Weiber! Mit Eurem warmen Blut und leichten Sinn seid Ihr nun einmal vom Fatum destinirt, in unsre Netze zu flat¬ tern. Hier lernte ich Klügere, Kältere kennen, die auch denken, sogar berechnen konnten. Das war Euch unmöglich. Und doch weiß ich nicht, ob Ihr nicht die Glücklicheren seid. Ihr nipptet und dann schlürftet Ihr die Wonne des Lebens in vollen Zü¬ gen. Dann — mit einem Mal — war es aus! Aber jetzt — jetzt — mach' mir das Leben nicht schwer. Du könntest hier an der Wand in einem unbedachten Augenblick plaudern. Dort im Kasten bist Du nicht gefährlich, Du bist ein Präparat, eine anatomische Studie. Ruhe da sanft, und was wür¬ dest Du sagen, Liebchen, wenn ich Dir über Jahr und Tag eine Gesellschafterin zulegte? Schön und groß wie Du, aber etwas dumm. Was thut das? Sie wird Dich nicht langweilen. Sie ist stumm wie Du. Und wenn Ihr Beide dann friedlich neben ein¬ ander ruht, sieh, den Trost gebe ich Dir, bei Dir wird mein Sinnen bleiben, wir werden nach wie ko¬ sen, bei Dir werde ich mir Rathes erholen, Du wirst mich verstehen. Die Andre ist eine Gliederpuppe, jetzt gelenkig, dann wie Du, aber Deine Folie. Adieu, mein Herz!“ Und wer behauptet, daß seines nicht doch schlug, daß der kalte, gräßliche Hohn auf seinen Lippen nicht nur der Mantel war, der die Natterstiche, das con¬ vulsivische Aechzen, die Qualen, die keinen Namen haben, bedecken sollte? Nicht täglich, wie er der Lu¬ pinus log, drückte er das Gerippe an seine Brust. Es waren nur die fürchterlichsten Momente, wo er Kraft bedurfte, und er konnte sie in sich nicht finden. Wer sah den Angstschweiß auf seiner Stirn, wer, wie die Knie wankten, wie er sich an das Trep¬ pengeländer hielt, als er hinunterstieg. Es war ein saurer Gang. Warum? das wußte er sich nicht zu sagen. Er hatte schon viele Gänge der Art gemacht. Aber draußen sah man ihm nichts davon an. Wie der Hahn, um die Witterung anzukrähen, schlürfte er sie ein. Die Luft war grau, regenhaltig, eine bange Stimmung, wie sie einem großen Un¬ glück vorangeht. Der Tausendkünstler hatte schnell die Physiognomie sich angeeignet. Wo fand er nicht auf der Straße Bekannte! Wo sah man sich nicht ängstlich an, hatte sich trübe Nachrichten, bange Ahnungen mitzutheilen. Schon wandelten Frauengestalten in Trauer, die frühe Nach¬ wirkung des Gefechtes von Saalfeld. Der Baron Eitelbach ging zur Börse. Er ward unterwegs von Mehren angesprochen. Man condo¬ lirte ihm. „Wie nahm sie's auf?“ — „Ich kann wohl sagen, sie deployirt eine große Seelenstärke.“ — „Ist's denn auch ganz gewiß?“ — „Na, warum denn nicht? Sein Neveu, der Wolfskehl, hat ihn selbst vom Pferde hauen sehn; er hat's hergeschrieben.“ Der Legationsrath trat in dem Augenblick an die Gruppe, und es war der vollste Ausdruck inni¬ ger Theilnahme, mit der er dem Baron die Hand drückte: „Sie sind ein Mann . Er zog ihn etwas bei Seite. Und sie ist eine Frau, die durch Leiden geadelt wird. Ich bin überzeugt, daß dies Unglück den wahren Bund Ihrer Seelen nur fester schlingen wird. Es ist schön, es ist edel — ich sage nicht groß von Ihnen, daß Sie ihre Empfindungen durch solche Theilnahme ehren.“ — „Gehn Sie doch zu ihr, Legationsrath, trösten Sie sie. Sie hört Sie so gern plaudern.“ Ein zweiter Händedruck: „Erlassen Sie mir das. Sie werden selbst den besten Trost wissen.“ Als noch Jemand an die Gruppe getreten, war der Legationsrath plötzlich fortgesprungen. Fuchsius sah ihm verwundert nach, aber noch verwunderter sah er dem zu, was Wandel begann. Er unterhan¬ delte mit einer Obsthökerin. Er zog die Börse und schien eine ansehnliche Summe ihr in die Hand zu drücken. Dann nahm er plötzlich die Körbe mit Birnen und Pflaumen, den ganzen Vorrath der Händ¬ lerin, und warf ihn in einen der tiefen Rinnsteine, die den ganzen schwimmenden Vorrath alsbald in ein Abzugsloch trieben. Die Straßenjugend jubelte, Andre jubelten nicht, sie schimpften auf den vorneh¬ men Herrn, der so mit Gottes Gabe umgehe; statt armen Leuten sie zu schenken, verderbe er sie. Es gab einen kleinen Auflauf, aus welchem Wandel sich nur mit einiger Mühe losmachte. Die Herren in der Gruppe hatten zwar mit Verwunderung zugesehen, doch ahnten sie die Auf¬ klärung. Wahrscheinlich war das Obst unreif, oder der Legationsrath hielt es dafür. Er hatte schon an mehren Orten von der unverzeihlichen Nachlässigkeit der Polizei gesprochen, daß sie solchen Verkauf zu¬ lasse, wo die Ruhr in der Stadt grassire; man wisse ja nicht, was noch daraus entstehe. „Ihre Intention in Ehren, sagte Jemand zu dem Zurückkehrenden, in dieser allgemeinen Calami¬ tät ist es aber nicht recht, Anlaß zum Scandal zu geben. Das Volk ist ohnedem aufsässig.“ „Und was helfen zwei Körbe weniger!“ „Sie haben vollkommen Recht, meine Herren, sagte Wandel, doch wer ist Herr über seine Impulse! Zudem sehe ich ein Gespenst, welches mir fürchterli¬ cher dünkt als alle Kriegscalamitäten, die uns noch drohen mögen.“ Man sah ihn verwundert an, auch auf die Sonne, die eben hell durch die Nebel brach, eine Scenerie, die gar nicht zu Gespenstererscheinungen paßte. Aber Wandels Gesicht hatte den Ausdruck: „Wissen Sie, meine Herren, welches Unglück uns droht? Noch ist es nicht hier, aber es wogt aus dem fernen Asien herüber, eine Pest, gegen die der schwarze Tod, das gelbe Fieber, und was sonst den Namen führte, unbedeutend erscheinen werden. Eine Krankheit, die ganze Ortschaften, Landstriche hinrafft, entwickelt sich in dem brittischen Indien. Die englischen Aerzte geben entsetzliche Schilderun¬ gen und behaupten, daß sie ihren Siegerzug durch die ganze Welt halten werde. Sie nennen sie Cho¬ lera morbus , und was das Schrecklichste, es ist kein ärztliches Mittel dagegen zu entdecken. Sie fängt mit Vomiren an, heftiger Dyssenterie, dies steigert sich in wenigen Stunden bis zum Tode. Der ge¬ ringste Diätfehler, namentlich der Genuß von unrei¬ fem, ja, selbst von reifem Obst ruft sie hervor. Ich kann Ihnen meine Besorgniß nicht verhehlen, ich hörte durch Selle vorhin von Fällen, die mich fürch¬ ten machen, daß sie schon in den Ringmauern von Berlin ist. — Ich bitte, lassen Sie sich nicht ängst¬ lich machen, meine Herren, aber hüten Sie sich ja vor jeder Erkältung, vor Obstgenuß. Ja, ja, meine Herren, wir wissen Alle nicht, was uns bevorsteht, und welche neue Wendung das Schicksal nimmt. Wo diese Krankheit grassirt, hört der Krieg von selbst auf. — Sie fühlen sich doch nicht unwohl, liebster Baron, Sie fassen sich an den Magen?“ Der Baron hatte Melone gegessen. Die Ge¬ sichter einiger Andern verriethen die Nachwirkung einer zu lebhaften Schilderung. Da erst erblickte Wandel den Rath Fuchsius. Er ergriff seine Hand: „Ach, mein werthester Freund! Vorsicht, Vorsicht, meine Herren, weiter nichts! A propos , was macht denn unser Freund Bovillard? Ich sah ihn seit vor¬ gestern nicht.“ Der Rath zückte die Achseln: „Durch seine Selbstcur —“ „Thut er Buße, fiel der Baron ein, für die Gänseleberpasteten und Trüffelwürste, um die er seine Nebenmenschen übervortheilt hat. Es hat Einer aus¬ gerechnet, was er in seinem Leben verschlungen hat — die Summe ist gar nicht auszusprechen.“ „Ich bin sehr um ihn besorgt, sagte Wandel, den Kopf schüttelnd. Die fixe Idee kehrt immer wie¬ der. Und sonst die Raison selbst! Bestätigt sich noch das gräßliche Gerücht, daß sein Sohn gefangen und als Spion — das Leben verloren hat — so gebe ich auch den edlen Mann verloren. Heim will es nicht Wort haben, aber — glauben Sie mir — sprach er, Fuchsius bei Seite ziehend, das sind schon die veritablen Symptome der Cholera. Ach, mein Gott, sprach er, seine Hand drückend, theuerster Freund, was macht denn unsre Freundin?“ „Sie wird mit der Rücksicht behandelt, die ihre Bildung beansprucht.“ „Davon bin ich bei solchem Inquisitor über¬ zeugt. Aber noch kein Geständniß, keine Regung des Gewissens?“ „Stolz, fest, starr wie immer.“ „Dann bin ich von ihrer Unschuld überzeugt. Jedes Weib verräth sich, wenn der rechte Inquirent zu ihrem Gefühle spricht.“ „Dieser Ausspruch des vollendetsten Weiberken¬ ners sollte auch mir Beruhigung geben.“ „Nein, nein, inquiriren Sie, scharf und schär¬ fer, nehmen Sie sie in's Gebet, wie ich jetzt meinen Baron. Er will noch nichts davon wissen, er ist ein starrer Anhänger des Alten, der gute Eitelbach, aber bei einer Flasche Burgunder hoffe ich es ihm ein¬ leuchtend zu machen, denn er ist doch auch ein guter Patriot —“ „Was?“ „Daß wir unpatriotisch, unverantwortlich han¬ deln, wenn wir nach wie vor unser Tuch mit Indigo färben. Wozu den Engländern den Gewinnst gön¬ nen, wenn wir das Blau im Lande haben?“ „Wollen Sie die Uniformen in Berliner Blau tauchen?“ „Kein Scherz. Die Mark producirt seit alter Zeit einen Färbestoff in ihrer Waidpflanze, welcher bis zur Entdeckung der Schifffahrt nach Ostindien nicht nur für das Bedürfniß ausreichte, sondern für Brandenburg zum ergiebigsten Handelsartikel ward. Da verließ man die Production, natürlich, weil der Indigo wohlfeiler, besser präparirt war. Jetzt, durch die Kriegsverhältnisse, ist er nicht mehr wohlfeil, durch Sperrung der Schifffahrt kann er uns sogar ganz abgeschnitten werden, es ist also Aufgabe der Industrie, ein Surrogat zu finden, welches in die¬ sem Falle schon vor uns liegt. Warum in der Fremde suchen, was wir zu Hause haben! Es kommt nur auf die Präparation an, und ich hoffe, den Baron heut beim Frühstück zu überzeugen, daß die, welche ich versucht, dem Zweck entspricht. Ja, damals war Waid nichts gegen Indigo, aber ist die Chemie nicht fortgeschritten? Ich wage zu behaup¬ ten, der Indigo ist jetzt nichts gegen den Waid. Im Ernst, die Sache verdient Aufmerksamkeit. Preußens Rock ist blau, und die Natur weist uns auf unsern Fluren die Pflanze, welche dies Blau in reicher Fülle enthält. Uns in jeder Beziehung unabhängig vom Auslande zu machen, ist, dünkt mich, die erste Aufgabe jedes Patrioten. Bester Rath, beehren Sie uns mit Ihrer Gegenwart bei Dallach, und helfen Sie mir unsern Baron von seinem eigenen Vortheil überzeugen.“ Fuchsius war vermuthlich der Ansicht, daß es für einen Patrioten in dem Augenblick näher liegende Aufgaben gebe, als die Blaufärberei; er lehnte die Einladung ab. Auch der Baron schien nur ungern vom Arm des Legationsraths fortgerissen zu werden. „Aßen Sie viel Melone? hörte man im Abgehen Wandel zum Baron sagen. So springen wir vor¬ her bei Selle an; er verschreibt Ihnen eine kleine Magenstärkung.“ Die Zurückbleibenden hörten nicht die Antwort, sie haben den Baron nicht wieder gesehen. „Er scheint seinem künftigen Compagnon überhaupt sehr ungern zu folgen, der es doch an Aufmerksamkeit nicht feh¬ len läßt.“ „Ist die Sache mit der Braunbiegler wirklich schon so weit?“ antwortete ein Anderer. Das stumme Lächeln der Andern war eine bejahende Antwort. Die Indigo- und Waid-Angelegenheit schien den Baron um so weniger zu interessiren, je mehr der Legationsrath in ein wahres Feuer der Begeisterung gerieth. Auf dem Frühstückstisch, in einem separaten Zimmer der Restauration gedeckt, nahmen die Pro¬ ben Tuch, mit Indigo und Waid gefärbt, und die Fläschchen mit Färbesaft fast mehr Platz ein, als die Teller und Flaschen aus Herrn Dallachs Keller. „Alles ganz schön, sagte der Baron, wenn nur —“ „In Gedanken! Was ist's?“ „Wenn wir überhaupt noch blaues Tuch brauchen!“ „Was, Sie Patriot und verzweifeln! Was wol¬ len Sie da am Fenster?“ „Ich dachte, wenn es ein Courier wäre.“ „Wir sind unter uns, Patrioten Beide. Hören Sie, liebster Baron, und wenn's denn wäre, Tuch brauchen sie, so lange die Welt steht. Ist's nicht blaues, dann grünes —“ „Und wenn wir französisch würden?“ „Changiren wir nur etwas das Blau. — Qu'im¬ porte! Der Weltbürger ist auch ein Patriot. Aber Sie trinken nicht. Schmeckt Ihnen der Burgunder nicht?“ „Das könnte ich Ihnen wiedergeben.“ „Ich bin etwas trunken, nicht vom Wein; aber ich möchte heut aller Welt um den Hals fallen. Mir ist, als stände mir etwas Erfreuliches bevor.“ Herr Dallach war eingetreten und erlaubte sich, seinen Stammgästen eine Prise zu offeriren: „Herr Baron sehn etwas angegriffen aus. Ihnen ist doch wohl?“ „Es wird vorübergehn,“ sagte Eitelbach. „Er ist ein Anglomane, will an seinem Indigo festhalten, da sehn Sie, Dallach, das ist mit Waid gefärbt, wie ich Ihnen sagte — halten Sie's gegen's Licht — Der Baron krümmt sich es einzugestehen, das passirt so obstinaten Leuten. — Aber was Teu¬ fel, Eitelbach! hätte er sich beinah vergriffen und aus der Färbeflasche eingeschenkt.“ „In der Stadt ist man sehr unruhig, sagte Dal¬ lach, Niemand weiß recht was, aber es sollen beun¬ ruhigende Nachrichten eingelaufen sein.“ „Pah! nichts von Politik. — Herzensmann, Sie essen zu viel Compott. Nach der Melone, Vor¬ sicht! Vorsicht! Das merken Sie sich auch, Herr Dallach, nicht zu viel Obst Ihren Gästen, Sie haben es zu verantworten. Schicken Sie uns Portwein, der wird dem Magen des Barons gutthun.“ Ein Zeichen für Herrn Dallach, sich zu entfer¬ nen. Auch der Baron war einen Augenblick aufge¬ standen und wiedergekommen. Der Portwein schien ihm wohlzuthun. Und doch saß er wieder in sich ver¬ sunken. Es war nicht seine Art: „Eine niederträchtige Geschichte!“ „Was kümmert meinen Freund, schütten Sie Ihr Herz aus. Mein Gott, Theuerster, ich weiß es ja, Sie wünschen mich nicht als Compagnon. Verdenk' ich es Ihnen? Wer läßt gern in seine Geheimnisse einen Andern blicken! Aber die Sache ließe sich ja anders arrangiren. Hänge ich denn so sehr an der Compagnonschaft in der Fabrik, oder ist Madame Braunbieglers Herz grade an's Tuch gewachsen? Wir machen nach der Hochzeit eine Tour durch Eu¬ ropa. Wer weiß, ob wir wiederkommen.“ „Es ist nicht das. Denken Sie sich, der Schmecke¬ danz, der Kerl auf dem Mühlendamm — ein ver¬ fluchter Jude — “ „Hat doch nicht Wechsel auf Baron Eitelbach?“ „Aber Dohlenecks Wechsel aufgekauft, Gott weiß wie. — Und nun der todt ist — “ „Bravo! kann er sich Fidibus davon machen.“ „Nein, er schickt sie meiner Frau.“ „O, das ist zum Todtlachen.“ „Nein, zum Einlösen.“ „Ist der Kerl verrückt?“ „Wenn nur nicht ein Brief dabei wäre — “ „Von wem?“ „Vom todten Rittmeister, ich meine, vom Ma¬ jor Dohleneck.“ „Schreiben die Todten wieder Briefe?“ „Nein, eh' er ausmarschirte. Solch ein Gali¬ mathias. Wenn er fiele, sollt' er sich nur an meine Frau wenden, die sei so sterblich in ihn verliebt, daß sie seine Ehre auch nach dem Tode nicht sitzen ließe. Bei Lebzeiten hätte er sie können um den Fin¬ ger wickeln, und sie hätte gehörig blechen müssen. Und wenn sie nach seinem Tode nicht zahlen wollte, so —“ „Schnell noch ein Glas Port. Ich kann mir denken, wie die Niederträchtigkeit Sie afficirt.“ V . 22 Der Baron saß zurückgelehnt auf dem Stuhl, leichenblaß. „Die Erzählung hat Sie angegriffen. Hoffent¬ lich hat der Jude nicht die Effronterie gehabt, Ihrer Frau Gemahlin den Brief zu schicken.“ „Hat's! Das ist es eben.“ „O pfui! Sind Sie auch sicher, daß der Brief wirklich von Dohleneck ist? Ich hielt ihn für sehr beschränkt, aber ehrlich.“ „Das ist's eben — darüber heult sie mehr, als daß er todt ist.“ „Gemeine Seelen! Nun hat sie ihn kennen gelernt. — Sie hat doch den Brief in gerechtem Zorn zerrissen und die Wechsel auch?“ „Nein — sie will sie auslösen — sie ist ob¬ stinat. Ich soll's aus ihrem —“ „O, das müssen wir hindern — auf der Stelle — wir wollen zu ihr — Was ist Ihnen?“ — Der Baron stürzte hinaus. Er kam nach einer Weile, von einem Kellner geführt, wieder herein. Wandel schien die Verwandlung auf seinem Gesicht nicht zu bemerken; in solcher Agitation ging er im Zimmer auf und ab: „Ich kann's mir denken — ihren Seelenzustand! Sie verachtet ihn. Und doch, sie will sich dadurch an ihm rächen, daß sie seine Manen beschämt. Das soll das letzte Opfer sein, was sie auf ewig von ihm scheidet. O, dort in jener Ewigkeit — mit welchem stol¬ zen, vernichtenden Blicke wird sie ihm entgegentreten —“ Der Baron hörte nichts davon, er konnte nichts davon hören. Der Legationsrath that einen Schrei — er riß die Thüren auf. Herr Dallach und die Kellner, die hereintraten, sahen die liebende Theil¬ nahme, mit welcher Wandel dem Erkrankten den Kopf hielt. „Ein Arzt!“ — „Ein Wagen!“ „Die verdammte Melone! Habe ich ihn nicht gewarnt?“ Herr Dallach reichte dem Kranken wieder ein Glas Portwein. Er wehrte es mit der Hand ab, Wandel schenkte ihm ein Glas Wasser. Er athmete wieder auf. „Ach, das Wasser, sagte Wandel, wenn die Aerzte erst seine wunderbare Heilkraft ganz kenn¬ ten! — Jetzt nur frische Luft!“ Es kam kein Arzt, kein Wagen. „Die Stadt ist in Verwirrung.“ „Würden Sie sich stark finden, theuerster Baron, zu Fuß nach Ihrer Wohnung — ich führe Sie.“ Der Baron war aufgestanden: „Es wird gehn, es wird schon besser werden. Ich erhole mich.“ „Die verfluchte Melone!“ knirschte Wandel und stampfte; er stülpte den Hut auf. Er zog den Wirth noch ein Mal bei Seite: „Herr Dallach, habe ich's nicht gesagt? O, es wird noch ärger kommen. Wir können uns gratuliren.“ „Was ist denn, Herr Legationsrath?“ „Die Cholera! schrie er ihm in's Ohr. Ein Anfall der asiatischen Cholera morbus ! Und der Leicht¬ 22* sinn! Aber still, liebster Dallach, erschrecken Sie nicht Ihre Gäste; wir werden bald mehr hören.“ Indem er den Kranken über die Schwelle mehr schleppte als führte, rief er zurück: „Dallach, lassen Sie ja Alles auf dem Tische stehen, wie es liegt. Man kann doch nicht wissen, ob nicht Recherchen —“ Es war ein saurer Weg für den Legationsrath. Zum Glück, daß die Straßenjungen mit andern Din¬ gen beschäftigt waren. Sechszehntes Kapitel. Das grosze Trauerhaus. Wo der Trauerhimmel über eine ganze Stadt ausgespannt ist, wer achtet da sehr auf ein einzelnes Trauerhaus! Die Aerzte, nach denen er geschickt, waren nicht zu Hause gewesen. Sei doch der Krank¬ heitsanfall einer Art, daß ein gesunder Körper sich selbst heile, hatte er geäußert, oder wenn — dann war er plötzlich aufgesprungen, und ließ doch noch einen Arzt rufen. Er hatte ihm im Vorzimmer die Symptome beschrieben, sie hatten gelacht, und als der Doctor in's Zimmer trat, hatte er lächelnd den Puls des Kranken befühlt und auch lächelnd zur Baronin gesagt: „Etwas Kamillenthee und Einrei¬ bungen — das wird den Patienten bald auf die Beine bringen, aber wenn er auf den Beinen ist, gnädige Frau, dann thun Sie mir den Gefallen und lassen ihn nicht wieder Melone essen und sich erkälten.“ Liebevoller, aufmerksamer, aufopfernder, hätte ein Bruder den Baron nicht pflegen können. Tag und Nacht saß er abwechselnd mit der Baronin an seinem Bette. Er trocknete, er rieb den Leib, er schenkte ihm den Thee, den er selbst vorher kostete. „Wenn er nur nicht so spaßhaft wäre!“ hatte die Baronin gerufen, als sie in's Nebenzimmer trat, um Luft zu schöpfen, und schauderte. Sie ging in Schwarz. Viele wollten nie eine Seele in diesen großen Augen erblickt haben. Heut wären sie an¬ derer Meinung gewesen. Dieser Blick voll tiefer Wehmuth, voll Stolz und Ergebung sprach nur von einem Seelenschmerz. Als sie die Worte ausrief, hatte sie sich an die Wand gelehnt. Die Wand ant¬ wortete nicht. Da wollte sie die Worte wiederholen, aber sie kamen anders heraus: „Wenn er mir nur nicht das gethan! Wenn er nur den Brief nicht ge¬ schrieben hätte!“ Hatte Wandel durch die Wand gehorcht! Er war ein anderer, als sie zurückkehrte. Wie wenn ein scharfer Ostwind weht, die Mücken und Insceten, die uns geneckt und geplagt, mit einem Mal ver¬ scheucht und verschwunden sind, waren die launigen Anecdoten, mit denen er ihre Sorge zu verscheuchen gesucht, auf seinen Lippen erstorben. Er saß da, ein blasses Bild, auch der Seelentrauer. Er hörte kaum ihr Kommen, kaum ihre Frage: „Wie steht es?“ „Wie sollen die Glieder gesund sein, wenn der Körper krank ist!“ Er sprang auf. „Ist eine Veränderung eingetreten?“ Der Kranke lag in dem Augenblick still nach der andern Seite gewandt. Wandel stand am Fenster. Lärm, Unruhe, Hin- und Hergelaufe, kernige Fluchworte, dazwischen ein Geschrei, das hier in Heulen überging. Ein Reiter sprengte auf der Straße vorüber: „Das ist der Rittmeister Dorville. Ich fürchte, er bringt Uebles vom Schlachtfelde.“ Eine Stimme rief zum Fenster hinauf: „Ver¬ loren! Es ist Alles verloren.“ Was eine Stimme, was Stimmen! Es war Alles in der Stadt nur eine, und das war ein entsetzlicher Wehruf. Wohl denen, die ihn laut machen konnten; der stumme Schmerz ist der tiefere. Er sprengt nicht immer die Brust, aber er stopft die Adern, er wirkt einen Nieder¬ schlag, der alle Functionen der Glieder lähmt. Das Herz, das so muthig noch eben schlug, scheint still zu stehen, die Gedanken, die gradaus schossen, zittern und verirren. Es war kein lauter Aufschrei in der Stadt; kein Todeshieb, der eine Wunde geöffnet, aus der das Herzblut mit einem Mal ausströmt; es war eine Quetschung, ein Niederschlag. Ein Uhrwerk war's, dessen Räder noch gingen, aber keines griff in's andere. Die stürzten aus den Häusern, um draußen Nachricht einzuziehen, aus dem Sprachgewirr, den Gesichtern, der Luft. Die drangen in die Häuser, um sie von denen zu erhalten, welche darum wissen mu߬ ten. Die fragten mit scheuem Entsetzen: Was ist mit uns? Die drangen: Was sollen wir thun? — Ach, es wußte Niemand, was er thun sollte, die am wenigsten, die es wissen sollten! Ein Knäuel von Hiobsposten wälzte, flog durch die Straßen. Hier schüttete es die entsetzlichsten aus, und schien sich erschöpft zu haben, aber elastisch sprang es in die Höhe, um in der nächsten einen neuen Regen zu sprühen. Wenn die Besonnensten und Klügsten es nicht faßten, den Kern nicht heraus¬ zogen, was Wunder, wenn die, welche nie gedacht, Fäden herausspannen, die in's Mährchenreich ge¬ hörten. Die Franzosen hatten gesiegt, die Armee war in die Flucht geschlagen; die Besonnenen hatten wohl Recht, wenn sie schrieen, man solle zukochen, heizen, für Stroh, Decken, Quartiere und Lazarethe der Flüchtlinge sorgen, Andere schrieen nach Waffen und Widerstand. Da schreckte beide die Nachricht zum blassen Verstummen: Nichts von Flucht und Widerstand! Unsre Armee ist aufgerieben, vernichtet, alle Generale, der König, die Prinzen gefallen! Nicht unsre Flüchtlinge, die Franzosen kommen, stürmen, brandschatzen, plündern! Das ward zwar von Unter¬ richteten dahin corrigirt: die preußische Armee sei von den Franzosen nur umgangen worden, Napoleon habe sich zuerst bei Jena auf das Corps Hohenlohe geworfen und es vernichtet, darauf oder zugleich sei die Hauptarmee, wo der König und die Prinzen, bei Auerstädt total geschlagen, der Herzog von Braun¬ schweig, der Oberfeldherr im Getümmel erschossen, und beide geworfenen Corps, auf einander gedrängt, würden von den Franzosen nach dem Rheine zu ver¬ folgt; aber für die Begriffe der Masse war das zu schwer zu entwirren. Wenn auch einige Kluge cal¬ culirten, dann entferne sich ja die Gefahr, wenn noch Klügere meinten, es sei nur eine Kriegslist, um den Krieg nach Frankreich zu wälzen, so hörten Andere dafür schon, wenn ein Piket Husaren durch eine ent¬ fernte Straße preschte, die Vorposten der Franzosen in die Stadt einreiten. Andre aber hatten besser gesehen oder gehört, es waren Russen oder gar Eng¬ länder, die gelandet oder geflogen waren, um Berlin beizustehen. Natürlich waren das nur Luftblasen der Angst und Furcht in den untersten Volksklassen, die nie um öffentliche Dinge sich gekümmert, die in dem Wahne sicher träumten, der Bürger dürfe sich darum nicht kümmern, es sei am Staate, ihn vor Gefahr zu schützen. Ach aber die Höheren waren die Allerrath¬ losesten in diesen Stunden. Die noch die Besseren, die wenigstens nach Rath verlangten. Wäre er da gewesen, der Wille zur That hätte sich auch ein¬ gestellt. Man sah Einige durch die Massen sich drängen. Aber wo Rathes sich erholen? Die Lenker des Ca¬ binettes sollten im Hauptquartier sein. Hier klopften sie umsonst an die Thür eines Großen. Er lag in einer heftigen Kolik und hatte befohlen, Niemand vorzulassen. Ein Anderer war bei einem Andern, der Andere war aber wieder anderswohin geeilt. Im Gedränge trafen sich zwei, die sich einst gesehen und seitdem nicht wieder, Walter und der alte Rittgarten. „Zum Gouverneur! rief der Invalide. Er muß die Trommel rühren lassen.“ — „Trommeln! Das fehlte noch, rief ein gutgesinnter Bürger, um den Wirrwarr voll zu machen.“ — „Es giebt nur Einen, und wenn er nicht Hülfe weiß —“ Walter ward durch einen lauten Aufschrei unter¬ brochen, der durch die Stimmen von Tausenden und aber Tausenden immer neu anwuchs. Das waren Laute des Schmerzes, aber auch der Freude — „Die Königin! die Königin!“ In der Entfernung bog ein Reisewagen um die Straßenecke. Thränen, Schluchzen, Jubelrufe! Es war in dem Gewirr nichts zu verstehen. Ein Tuch, ein Arm wehte heraus. Die Beiden, die sich eben gefunden, wurden wieder getrennt. Jeder hatte ein anderes Ziel. Aber die Stimmung schien sich geändert zu haben. Der An¬ blick der Königin hatte gewirkt. Der alte Rittgarten traf auf entschlossene Gesichter. Kernworte, Flüche! Da schüttelte einer seinen markigen Arm. Rittgarten ergriff ihn. Er sprach Worte, die zum Herzen dran¬ gen. Als sie das Hotel des Ministers erreicht, hatte sich die Zahl bedeutend verstärkt; es waren kräftige Männer, alte Soldaten darunter. Wuth und Freude strahlte auf den Gesichtern. Wo war die alte Ordnung, die heilige Ruhe, wenn man berußte Arme, Schurzfelle auf den Trep¬ pen sah, Einige sogar bis in das innere Heiligthum gedrungen. Es mußte hier schon viel vorgegangen sein, wenn wir den Minister, denselben, welcher den jungen Walter nach Karlsbad schicken wollte, zwischen diesen, selbst für die Antichambre ungeeigneten Ge¬ stalten umhergehen sehen, ohne daß sein Auge Blicke der Entrüstung warf. Nein, er trug weder Uniform noch Hofkleid, auch keinen Stern an der Brust, er ging nicht aufrecht und die Stirn leuchtete nicht vom Wiederschein seiner unantastbaren Würde. „Meine lieben Freunde!“ sprach er, zwischen den Eingedrun¬ genen sich bewegend. Seine feinen aristokratischen Hände, stets in einer Position gehalten, die sie vor jeder Berührung schützen sollten, berührten doch frei¬ willig die Arme der Bürger, er drückte dem Nagel¬ schmied die Hand, er legte sie dem patriotischen Stadt¬ wachtmeister auf die Schulter: „Mein liebster guter Freund, nur keine Uebereilung.“ „Aber, Excellenz, sie stürmen Ihnen das Haus!“ riefen drei, vier Stimmen. Der Hausflur war voll, die halbe Treppe, sie drängten von draußen, Andre standen im Hofe und gafften mit häßlichen Blicken die Reisewagen an, die in Hast bepackt wurden. Die Excellenz beugte sich über's Geländer, sie rang die Hände, es war der mildeste, freundlichste Ton: „Um Gottes Willen, meine Freunde, keine Uebereilung! Was wollen Sie?“ Da brach es los, wie, ich weiß es nicht; es war aber das Unglück, daß Keiner wußte, was er wollen sollte. Es war die Wuth, die in hundert Lauten sich Luft machte. „Wir sind verrathen!“ — „Der König und die Königin sind verkauft und ver¬ rathen!“ — „Das Vaterland ist in Gefahr“ — „Die Franzosen vor der Thür!“ „Ja, ja, meine lieben Freunde, um Gottes Willen ja, es ist wahr, wir sind Alle in Gefahr — aber was wollt Ihr, was sollen wir thun?“ Eine rebellische Stimme aus dem Haufen schrie eine Verwünschung gegen die verfluchten Junker, die das Unglück über's Land gebracht. „Wir sind Alle gleich! Wir sind Alle Brüder, uns Alle trifft es, wir müssen uns Alle im Unglück beistehen.“ Es klang schön, aber die im Hofe zeigten auf die bepackten Reisewagen: „ Er kratzt aus, uns läßt er im Stich.“ Ein höhnisches Gelächter verschlim¬ merte die Lage der Autorität, die es nicht mehr war. Da ward der Ruf laut: „Widerstand! Waffen! Ein Schuft, wer seinen König verläßt!“ „Um Gottes Willen, verehrte Mitbürger! Ich beschwöre Sie, bedenken Sie Ihre Familien, Ihre lieben Kinder, Ihre Lage, diese Stadt! Es ist ein Unglück, ja, ein großes, ein unermeßliches Unglück, unsre Armee ist geschlagen, total geschlagen, wir wissen nicht, wo sie ist. Wo eine so tapfere Armee erliegen mußte, ist es Thorheit, ich beschwöre Sie, es ist Raserei, an den geringsten Widerstand noch zu denken.“ „War's Thorheit, rief eine Stimme, es war der alte Rittgarten, als Haddick in unsre Straßen sprengte, daß die Berliner nicht zu Kreuz krochen? Raserei, daß sie Schanzen aufwarfen, daß wer eine Muskete tragen konnte, der Trommel folgte, als die Russen ihre Kugeln in die Friedrichsstadt warfen? Des Kö¬ nigs Hauptstadt ward gerettet!“ „Meine lieben, theuren Mitbürger, bedenken Sie doch die veränderten Verhältnisse. Wer war Haddick, wer die Russen! Der Kaiser Napoleon ist unüberwindlich. Sie waren selbst Militär. O erklären Sie Ihren Mitbürgern, daß aller Patriotismus und alle Bravour gegen ein disciplinirtes Heer nichts aus¬ richten. O mein Gott, stehn Sie mir doch bei, diese braven, rechtlichen, unsre Mitbürger vor einer ent¬ setzlichen Verirrung zu bewahren.“ „Excellenz, erwiderte Rittgarten, eine Schlacht können wir den Franzosen nicht liefern, noch besteht Bürger und Bauer vor denen, die den Krieg erlernt. Das weiß ein Kind. Aber hier gilt's, was keiner erlernt, was geboren ist, das Herz zeigen am rechten Fleck. Ist der König geschlagen, so gilt's, ihm auf¬ bewahren, als treue Unterthanen, unsern Muth, unsre Treue, uns selbst. Er wird wissen, ob er Berlin halten soll oder aufgeben, und an uns ist's, ihm die Entscheidung offen erhalten. Das ist unsre Schuldigkeit. Es gilt, der Obrigkeit, die er zurückließ, gehorchen, und wenn sie stumm bleibt, sie fragen, was müssen wir thun, daß dem Könige seine Hauptstadt gerettet wird? Sind Soldaten da, so sammelt sie, sind In¬ validen, ruft sie auf, sie werden dastehen. Sollen die Bürger ihnen zutragen, schanzen, Wache stehen? Sollen Wagen und Proviant hinaus, die Flüchtlinge einzuholen. Soll ihnen ein Lager abgesteckt werden? Soll junge Mannschaft geworben werden? Sollen wir Pulver holen, Kugeln gießen, abkochen für die Ankömmlinge? Alles das weiß der Bürger nicht, Excellenz, aber er hat ein Recht, von denen es zu erfahren, die der König zurückließ an seiner Statt. Die müssen es wissen, die uns vorangehen. Und die und wir Alle haben die Verpflichtung, uns so zu zeigen, daß der Feind erfährt, er hat eine Stadt von Männern vor sich, nicht von Memmen.“ Gewirkt hätte die Rede, wenn nicht zwei Um¬ stände die Wirkung paralysirten. Von draußen schrie es: „Die Königin! die Königin flieht aus Berlin!“ — „Die Königin redet zu den Bürgern!“ Darauf eilten die Entschlossensten nach dem Palais. Vielleicht war dort Rath und Hülfe. Im hintern Hofe aber hatten Andere einen Reisewagen umgestürzt. Wo mischt sich nicht schlechtes Gesindel hinein, wenn der Patriotismus aufbraust! „Sie plündern! Herr Major, hindern Sie's! Man weiß nicht, was draus wird! — Es sind Soldaten bei.“ Es bedurfte für den Officier kaum der Aufforderung. Die Excellenz ließ ihren Wagen im Stich, sie hatte eine höhere Aufgabe, das Terrain war günstiger, die Haufen gelichtet, er glaubte geneigtere Gesichter zu sehen. Er war auf die letzte Stufe in ihren Kreis getreten: „Mitbürger! Theuerste Freunde! Der Augenblick ist entsetzlich, aber lassen Sie sich von unruhigen Köpfen nicht aufreden. Hier ist nicht zu helfen. Der Himmel hat es so gefügt, wir müssen uns drin fin¬ den. Der mindeste Widerstand, irgend ein unruhiges Benehmen von Ihrer Seite könnte die schrecklichsten Folgen haben. Denken Sie an Ihre Frauen, Ihre Kinder, denken Sie an Wien! Wie ungnädig hat Seine Majestät der Kaiser Napoleon das trotzige Benehmen der Bürger aufgenommen. Er ist nun einmal der Sieger. Er wird ein großmüthiger Sie¬ ger sein, wenn Sie der Vernunft Gehör schenken. Sein Sie freundlich, sein Sie sehr freundlich gegen ihn. Ueberwinden Sie sich; wenn er einzieht, rufen Sie Vive l'Empereur ! Ich weiß, es wird Ihnen schwer werden, aber der Mensch kann sich überwinden, meine Herren, der Mensch kann viel, wenn die Noth ihn zwingt. Recht friedlich, recht besonnen. Illu¬ miniren Sie! Das wird ihn überraschen, sein Herz wird sich aufschließen. Liebe Mitbürger, hören Sie auf den Rath eines Mannes, der's mit Ihnen wohl meint, es ist nicht für mich. Bedenken, erwägen Sie, ich wiederhole es nochmals, wie schrecklich sein Zorn auf Wien fiel. Sie sind keine Wiener, Sie sind Berliner, und das Beispiel wird Sie lehren, daß eine männliche, ruhige Hingebung im Unglück es allein ist, die den Patrioten ehrt.“ In den Akten der Zeit wird man freilich diese Rede nicht aufgeschrieben finden. Aber man findet mehr — ein gedrucktes Aktenstück. An allen Straßen¬ ecken stand — an einem spätern Tage — folgendes Proclama und in den Berliner Zeitungen las man es am 21. October 1806. In dem Proclama hieß es: „„— Nur festes Anschließen an diejenigen, welche „„das mühselige Geschäft übernehmen, die von einer „„solchen Begebenheit unvermeidlichen Folgen zu min¬ „„dern, so wie die, mehr als jemals nöthig gewordene „„Ordnung zu handhaben, kann die schrecklichen „„ Folgen abwenden , welche der mindeste „„ Widerstand oder irgend ein unruhiges „„ Benehmen der Einwohner über die Haupt¬ „„ stadt verbreiten würde , und das noch neuer¬ „„liche Andenken des Betragens, welches die Ein¬ „„wohner Wiens in einer ähnlichen traurigen Lage „„beobachtet haben, muß die Einwohner Berlins be¬ „„lehren: daß der Ueberwinder nur ruhige „„ männliche Hingebung im Unglücke ehrt . „„— — — Ich ermahne Jeden (denn — hoffent¬ „„lich werde ich es nicht nöthig haben zu befehlen) „„— — ruhig bei seinem Gewerbe zu bleiben, und „„ alle Sorgen denjenigen zu überlassen, welche „„ sich rastlos mit seinem Wohl beschäftigen „„ werden . Ich verbiete durchaus alles Zusammenlau¬ „„fen, alles Schreien auf den Straßen, alles öffent¬ „„ liche Theilnehmen an denen so verschie¬ „„ dentlich einlaufenden Krieges-Gerüchten ; „„ denn ruhige Fassung ist dermalen unser „„ Loos , unsre Aussichten müssen sich nicht „„ über dasjenige entfernen , was in unsern „„Mauern vorgeht ; — dieses ist nur unser „„einziges höheres Interesse , mit welchem „„wir uns allein beschäftigen müssen . — — — Berlin, den 19. October 1806. Fürst von Hatzfeld. ““ Es mußten schon Flüchtlinge in der Stadt sein; vielleicht verbargen sie sich vor der Neugier oder dem Grimm des Volkes in den entfernteren Theilen. Aber das Volk suchte nach ihnen. Da hielt es eine staub¬ bedeckte Reisekalesche an, und zwang einen Officier herauszusteigen. Vergebens protestirte er, daß er die Schlacht nicht mitgemacht, nicht vom Schlacht¬ feld komme, vielmehr über Schlesien aus Oestreich; der Wagen kam ja vom schlesischen Thor. Zum Gou¬ verneur wollte er sich führen lassen, obgleich ihm die Escorte unangenehm war, als Herr von Fuchsius ihm begegnete und von der verdächtigenden Beglei¬ tung befreite. „Zu spät!“ — „Wieder zu spät! erwiderte Eisen¬ hauch und drückte die ihm entgegen gehaltene Hand. Das ist mehr als Austerlitz.“ „Zum Gouverneur! Kommen Sie mit? — So lange die Möglichkeit da ist —“ „Die Gewißheit!“ unterbrach der Rath. „Auch Sie ohne Trost und Hoffnung?“ „Die Gesetze der Natur sind ewig. Die Kugel rollt nur, bis sie den Abgrund erreicht, und der Ver¬ brecher bleibt nur ungestraft, bis sein Maß voll ist.“ Welche fast lüsterne Freude glänzte auf Fuch¬ V . 23 sius Gesicht, als er dem alten Bundesgenossen die Hand rasch zum Abschied gedrückt. „Wohin? Wohin?“ „Das im Kleinen thun, was Gott im Großen vollenden wird, wenn auch da das Maß voll ist. Jetzt entlarven — ein Scheusal!“ Eisenhauch begriff ihn nicht. Wer konnte einer Bagatelle jetzt nachgehn! Das Reich der Pygmäen war ja aus. Er bedachte nicht, daß um deßwillen noch nicht das von Titanen beginnt. Er traf den Minister auf dem Flur — er kannte ihn, er wußte, was er unter andern Umständen von ihm erwarten durfte, aber jetzt — Der Minister war zugleich preu¬ ßischer Krieger, ein hoher General, er hatte einst ein Armeecorps commandirt. Jetzt mußte er den Zopf fortgeworfen haben, jetzt in Stahl und Eisen auf¬ springen, und wirklich der Minister schien erfreut, wie man erfreut ist nach einer guten That. Er er¬ kannte sogleich den Freiherrn: „Gott sei Dank, mir gelang eben etwas, was von dieser Stadt eine große Gefahr abwendet.“ Da rückte Eisenhauch rasch in kurzen Worten mit seinen Anträgen vor: er bot seine Dienste an, er stellte sich zur Disposition, wohin man ihn brau¬ chen könne, er wollte noch mehr: einen unterwegs entworfenen strategischen Plan andeuten, wie man durch rasches Zusammenziehen der gebliebenen militä¬ rischen Kräfte und Benutzung der Localitäten Po¬ sitionen einnehmen könne, nicht stark genug, um einem ernsten Angriff des siegreichen Feindes zu widerstehn, doch ausreichend, um die Hauptstadt vor dem ersten Anprall zu schützen, die zersprengten und flüchtigen Truppen aufzunehmen, in Cadres zu sammeln — als der Minister mit Entsetzen ihn unterbrach: „Sind sie rasend! In ein brennend Haus sich stürzen! Wir — wir werben nicht, was neue Sol¬ daten — sollen wir noch den Kaiser reizen! Wir können Gott danken —“ „Wenn wir unser elendes Leben salviren,“ rief eine Stimme von der Hofthür her. „Machen Sie sich aus dem Staube, liebster Frei¬ herr Eisenhauch, verschwinden Sie, schnell, schnell, ehe ein Spion Sie erblickt. Gott sei Dank, mir gelang wenigstens eins: das Pulver ist aus Berlin, ehe er eintrifft. Er wittert überall Verschwörungen, Empö¬ rungen, Herr Gott, er hätte in Zorn gerathen können —“ „Ueber die Creatur, die er zum Mann schuf, und sie ward ein Wurm!“ rief die Stimme und der alte Rittgarten hob seinen Stock. Es war ein erschrecken¬ der Anblick, der Greis, der sichtlich auf den Füßen schwankte, seine Brust bebend, sein Gesicht vom Blut¬ andrang geröthet, aber weiße, verrätherische Streifen zogen sich von der Nasenwurzel bis an die Mund¬ winkel. Seine Stimme polterte, aber die Laute wa¬ ren nicht mehr articulirt. Man konnte auf einen Schlaganfall aus Gemüthserschütterung schließen. Und den Stock in der Luft schwingend, drohte er das Gleichgewicht zu verlieren. Eisenhauch hatte ihn rasch unterfaßt. Mit äußerster Anstrengung stieß der 23* alte Krieger Worte vor: „Fluch — über die Verräther! — Diese Sykophanten an Friedrichs Thron, die sein Volk nichts achteten — sie werden die ersten sein— die ihm die Füße lecken, dem neuen Herrn — Stem¬ pelt diesen, zeichnet ihn, daß man ihn wieder erkennt, — er wird die fremde Livr é e tragen. — O fort, — hinaus, die Luft hier erstickt.“ Rittgartens Stock hatte den Minister nicht ge¬ troffen, aber sein Blick und Wort. Er war ver¬ schwunden, in der nächsten Stunde auch aus Berlin. Die Prophezeiung des Sterbenden ging in Erfüllung. Der Minister — aber er nicht allein — ließ wenig Monate darauf sich ein neues bordirtes Galakleid anmessen; er antichambrirte im Ministerrock des Königs von Westphalen, so stolz und aufrecht, die Brust so reich geschmückt, und er sah so gnädig und herablassend auf Niedere, als damals, wo er nichts war und sein wollte, als ein treuer Diener seines Herrn, des Königs von Preußen. Kleider machen Leute, sagt das Sprüchwort, aber nicht auf Alle paßt es, denn in der Politik giebt es Männer, für die alle Kleider passen. Ein Sterbender war der Major Rittgarten. Er athmete draußen noch ein Mal die freie Luft, er schien Eisenhauch zu erkennen, er erschrak nicht. Der führte ihn, den er einst auf Tod und Leben gefor¬ dert. Ein Anderer hatte die Loose geworfen, eine andre Hand die Kugel abgedrückt. Aber da lief ein Mann mit Pinsel und Zettel heran und klatschte ein Plakat an die Thür. Als er das gelesen, zitterte er zusammen, Eisenhauch fühlte eine Erschütterung in den Gliedern des Greises. Auf dem Plakate standen die Worte: „Der König hat eine Bataille verloren. Seine Majestät und dessen Brüder, Königliche Hoheit, sind am Leben und nicht verwundet. Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Ich bitte darum. Schulenburg.“ „Es wird besser,“ antwortete Rittgarten auf des Majors Frage, der Hülfeleistende heranwinkte. „Ja, es wird besser, es muß besser werden,“ rief Eisenhauch. „O mein Gott, mein Vaterland!“ „Er kann nicht mehr allein stehen,“ sagte Jemand. „Preußen!“ athmete der Sterbende, an des Frei¬ herrn Brust sinkend — es war sein letztes Wort. „Kann nicht mehr allein stehen, wiederholte Eisenhauch dumpf. Es hätte nicht allein stehen dür¬ fen ohne Deutschland.“ Der Schlag hatte den Invaliden getroffen. Im Trauerhause, dem Hotel des Ministers ge¬ genüber, hatte auch ein Schlag getroffen. Die Ba¬ ronin lag auf ihren Knieen am Bette, ihr Gesicht verbergend. Gott verzeih ihrer Seele, wenn sie nicht für die des Mannes betete, der eben, nach furchtba¬ ren Convulsionen, sanft entschlummert war. Es war ja Krieg, der in seinem Zorn Tausenden — unnennbaren Jammer erregte, Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Ais Sendete, selber sie aber hinstreute zum Fraße den Hunden Und dem Gevögel der Luft. So ward Sein Wille vollendet. Warum war's eine Sünde, wenn ein edles Weib in ihrem Gebet an eine andre Seele dachte, wenn sie für diese um Vergebung flehte. Der Todte vor ihr hatte nie Jemand getäuscht, was er war, hatte immer zu Tage gelegen, der Richter überm Sternenzelt kannte ihn und würde nach seinem Werth oder Un¬ werth das Urtheil fällen. Aber die Seele des Einen war mit einem Fleck dahin gegangen. Ein einziger Fleck hatte die reinste Seele getrübt, und ehe er sich verantworten können, hatte das blitzende Schwert den Helden niedergeschmettert. Wußte sie, in welchen Aengsten, daß er keinen hatte, dem er beichten, gegen den er sich von dem einzigen Fehler, der ihn drückte, entlasten konnte! Und war es denn eine Sünde, hatte er nicht wissen können, daß sie gern Alles für ihn hingab, daß sie mit Freuden seine Schulden be¬ zahlt hätte, wenn er sich nur an sie gewandt! War das nicht edel, daß er es nicht gethan! Nur in einem schwachen Augenblick hatte er sich verführen lassen, auch nur vielleicht in Betreff des Wucherers, der ihn aus der Noth ziehen sollte. Und darum auf ewig verdammt! Nein, wenn Einer, er bedurfte des Mitleids. Und sie hatte zum Vater, von dem alle gute Gaben kommen, gebetet, daß er Dohleneck vergebe. Da war sie, fast erheitert, aufgestanden, sie hatte des Todten Hand gedrückt, auch er würde im Leben nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, und in stiller Fassung saß sie im Lehnstuhl, die Augen schlie¬ ßend, als ein heftiger Schrei sie aufschreckte. Der Legationsrath, der, um Nachricht, ob Gefahr sei, ein¬ zuziehen, sie verlassen, war zurückgekehrt, er hatte sich über das Bett geworfen, der stöhnende convulsivische Schrei kam von ihm. „Da ist ein edler Freund mir hingegangen. Er da oben nur weiß, was er mir war!“ rief er, sich erhebend, die Hände über's Gesicht deckend. — Nur auf kurze Secunden. Den nächsten Augenblick beugte er sich über die Wittwe, sie fühlte einen langen Kuß auf ihre Stirn gedrückt: „Das ist der Bruderkuß, der Schwester gegeben. Die Sterne wollen es so. Edler Todter, deine Seele blickt auf uns, aber ich sehe dich ruhig lächeln, denn du weißt, daß ich deine heiligen Pflichten gegen dein Weib erfüllen werde. Durch diesen Kuß besiegle ich mein Gelöbniß.“ Sie war vorhin überrascht worden, jetzt, als seine Lippen sich ihr näherten, stieß sie ihn zurück. Sie wollte sich auf die Leiche werfen, aber mit eben solcher Entschlossenheit riß er sie am Arme zurück: „Unglückselige! Wissen Sie, was Sie thun? Er ist an der Cholera gestorben. Sein Hauch ist Pest. Er muß noch heut unter die Erde.“ Er stand gebieterisch zwischen ihr und der Leiche. Ehe sie Zeit zu antworten hatte, führte er sie schon, halb zwang er sie an den Schreibsecretair: „Schnell, keine Minute verloren! Ihre wichtigsten Papiere, Kleinodien, was Sie an Geldeswerth fassen können — in einen Kasten, Korb, was es ist. Ich besorge mit Ihrem Kammermädchen die nöthigsten Kleider. Der Wagen rollt vor —“ „Was ist's, mein Herr!“ „Sie wissen nicht! In einer Viertelstunde spätestens müssen wir fort. Auf der Schöneberger Höhe sieht man schon die Avantgarde. Alles flieht, wer nur Pferde auftreibt. Die Königin beinahe in Lebensgefahr. Sie wird jetzt schon aus dem Thore sein. Gestreckter Galopp. Die Franzosen werden plündern, vielleicht die Stadt in Brand stecken. Napoleons Wuth ist unaussprechlich. Nur keine Frauen zurückgelassen, ruft es durch alle Straßen. Sie mißhandeln — Ihre Brutalität ist ohne Gränzen. Unglücklich Weib! keinen Augenblick verloren!“ Er hatte den Secretair aufgerissen. Mechanisch folgte sie seinem Befehl; sie hatte keine Luft, keinen Athem zum Denken, zum Erwägen. Das Räder¬ gerassel draußen, das Stimmengewirr unterstützten, was Wandel sagte. Eine Chatoulle war in lautloser Angst gepackt. „Nur nichts Unnützes!“ rief er, als sie ein Pack eröffneter Briefe hineinwerfen wollte. „Wozu sich mit Erinnerungen beschweren! Nur nichts hinter uns.“ Die Briefe fielen zerstreut auf die Tischplatte. Sie ließ Alles geschehen in sprachloser Erstarrung. Da nahm er einen: „Ah, Dohlenecks Hand! Selig sind die Todten, aber sie haben nichts zu schwatzen.“ Ehe sie es hindern konnte, hatte er den Brief in kleine Stücke zerrissen. Aber sie hatte den Blick gesehen, der auf das Papier schoß, die Freude, die aus seinen Augen blitzte — es war eine ganz eigen¬ thümliche Freude — das Weiße des Auges verzog sich, er kniff die Unterlippe mit den Zähnen ein. Da blitzte etwas auf in ihr; es war, als ob ein Vorhang riß. Einige Schritte zurückfahrend, maß sie ihn vom Kopf bis Fuß. Es war ein fürchterliches Licht, das in ihr aufschoß. Ihr Gesicht röthete sich, ein Strahl von einer Freude schoß darüber, während sie un¬ willkürlich die weißen Zähne zeigte, und die Finger der schönen Hände sich krümmten. „Warum vernichten Sie gerade den Brief?“ „Weil — weil ich im Interesse dieses heiligen Todten seiner Wittwe Erinnerungen sparen will, die den Seelenfrieden einer treuen Gattin trüben könnten.“ Der imponirende Ton verfehlte seine Wirkung. Ein krampfhaftes Lachen erleichterte ihre Brust: „Falsch! es ist Alles falsch an Ihnen — jetzt — ich ahne — Sie sind ein Mensch, dem Niemand trauen durfte — o mein Gott! — und da der todte Mann — Wer schützt mich!“ Wir zweifeln nicht, daß der Legationsrath auch jetzt noch Mittel gefunden — wenigstens würde er danach gesucht haben, das Mißtrauen der Wittwe zu beschwichtigen, wenn sein Blick nicht plötzlich durch einen Gegenstand an der Thür absorbirt worden wäre. Es lag in der Natur der Dinge, daß, nach¬ dem durch die Diener die Nachricht vom Tode des Barons bekannt geworden, eine Anzahl Freunde, Angehöriger und Theilnehmender sich in das Haus drängte. Eben so natürlich war es, wenn bei der obwaltenden Krisis einige unangemeldet in das Zimmer drangen, zur Förmlichkeit eines Trauer¬ besuches war nicht mehr Zeit. Alle trauerten, und alle Trauer mischt sich. Die Baronin ward em¬ brassirt, Dienstleute aus dem Hause drängten herein und schrieen beim Anblick der Leiche auf. Das: „Wissen Sie schon?“ — „O der ist glücklich, der nichts davon hört!“ „Ach wer weiß, was uns Allen bevorsteht!“ — „Und so jung noch!“ — Das Schluchzen, das stille Weinen, das Händeringen, es war Alles zusammen wohl geeignet, die peinliche Lage der Baronin zu vermehren und ihre Aufmerksamkeit abzuziehen, aber die Wandels war auf einen andern Gegenstand gerichtet gewesen. Er glaubte, als die Thür aufgerissen ward, den rothen Kragen eines obern Polizeibeamten entdeckt zu haben. Der war zwar noch nicht eingetreten, aber wie aus einer geöffneten Schleuse ergossen sich Nachrichten, die ihm nicht alle angenehm waren. Dem „Wissen Sie schon?“ der und jener Freundin folgte eine Reihe von Unglücksfällen und eine Todtenliste. Der ist erschossen, der gefangen, der niedergehauen! Rittmeister Dorville schien die Pandorabüchse, welche alle diese Hiobsposten ausgeschüttet hatte. „Sah er auch den Major Dohleneck fallen?“ fragte sich selbst überwindend die Baronin schüchtern. „Den hat Dorville selbst gesprochen.“ „Gesprochen! eh' er fiel?“ „Nur verwundet, aber nicht schwer. Er ist ranzionirt, oder losgegeben, er kommt direct nach Berlin, nur darf er nicht mehr dienen in dem Kriege.“ Wandel hatte nicht mehr Zeit den Blick zu sehn, den ihm Auguste Eitelbach zuwarf, ein triumphirender, durchbohrender Blick. Er sah auch nicht, wie ihre Brust sich hob, wie sie tief Athem schöpfte, um dann auf dem Stuhl zusammenzusinken, ihre Hände zu falten und ihr Gesicht zu verbergen. Der junge Mensch, den wir am Morgen bei Fuchsius sahen und den er Eckard nannte, hatte sich hinter ihn geschlichen und ihm zugeflüstert: „Es will Sie draußen Jemand sprechen.“ Wandel fixirte den Menschen, ob er ihn einer Antwort zu würdigen habe, als sein Auge auf Fuchsius fiel, der unbeweglich an der Thür stand. „Ah, ein alter Freund!“ sagte er. „Das glaube ich nicht,“ entgegnete der junge Mensch. In dem Augenblick öffnete sich die Thür und ein Polizei-Inspector schritt zum Befremden der An¬ wesenden auf Wandel zu: „Da Sie meiner Invitation nicht gefolgt sind, erlaube ich mir, Sie abzuholen, mein Herr.“ „Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.“ „Wir werden uns kennen lernen.“ „Ah, ich sah nicht den rothen Kragen! Als was soll ich Ihnen folgen?“ „Als mein Gefangener.“ Noch ein Mal warf sich Wandel in die Brust: „Noch Possen im alten Curialstyl! Auf Ihre Ge¬ fahr hin! In vier und zwanzig Stunden wird mein Kaiser Rechenschaft fordern für die mir an¬ gethane Beleidigung. Wollen Sie es noch wagen? Immerhin!“ Aller Augen starrten auf ihn. Nur der Polizei¬ mann sah ihm fest in's Gesicht und sprach mit tö¬ nender Stimme: „Auf Requisition des Tribunals der Seine zu Paris, und auf ausdrückliches Ansuchen des Kai¬ sers der Franzosen durch seine vormalige Gesandtschaft hier verhafte ich Sie.“ Todtenstille. Wandel erblaßte, doch nur auf einen Augenblick: „Dann ist's ein Mißverständniß!“ er knöpfte sich zu, verbeugte sich leicht gegen die An¬ wesenden und folgte rasch dem Inspektor. Hinter ihm schnitt ein greller Pfiff durch die Luft. Der junge Vigilant hatte sich einen Spaß gemacht. Er schien ihn fortzusetzen, indem er beim Hinausgehn zu einem Angehörigen des Hauses sagte: „Sehn Sie nur im Secretair nach, ob da nichts fehlt.“ Der Inspector brachte den Gefangenen in ein abgesondertes Zimmer zu flacher Erde, bis der be¬ stellte Wagen ankam. Fuchsius Gesicht war undurch¬ dringlich geblieben, als Wandel an ihm vorüberging. Das des Polizeimanns versprach ihm vielleicht mehr, als er mit verschlungenen Armen ihn beweglich an¬ blickte: „So will man mich wirklich ausliefern — auf Requisition des Napoleonischen Gerichts?“ „Sie hörten es.“ „Wissen Sie, was mit mir geschieht? In vier und zwanzig Stunden bin ich erschossen. Ich wußte um eine Verschwörung gegen Bonaparte's Leben, ich war vielleicht selbst dabei implicirt. Der Kaiser weiß es; mein Loos ist entschieden. Ist Ihre Regierung so verzagt, mich ihrem Feinde auszuliefern, weil er droht, so sind vielleicht doch noch Patrioten im Volke, die den Vortheil ihres Vaterlandes und ihren eigenen bedenken.“ Der fatale Pfiff des Vigilanten antwortete von draußen. Der Inspector erwiderte ruhig: „Sie sind wegen Giftmordes verhaftet.“ „Das ist eine andere Sache,“ hatte Wandel auch ruhig erwidert und sich nach dem Fenster gewandt. Nach einer kleinen Weile trat Herr von Fuchsius ein. Wandel begrüßte ihn höhnisch: „Ich gratulire, Ihr Staat macht noch in seinem Untergang Progressen zur Gesetzlichkeit. Als wäre ich in dem glücklichen England, hat man mir so eben das Verbrechen benannt, um was man Lust hatte, an mir einen Justizmord zu begehen. Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr Regierungsrath, für die Berücksich¬ tigung, da ich weiß, daß ich nach der alten Observanz sehr wohl ein halbes, auch Jahre in Ihrem freien Quartier schmachten können, ohne mit einer Sterbens¬ sylbe zu erfahren, was mir die Ehre verschafft.“ „Guido Florestan Baron Vansitter, genannt von Wandel!“ redete Fuchsius ihn an. Er irrte, wenn er auf eine Bestürzung des Ge¬ fangenen gerechnet hatte. Nur ein moquanter Zug schwebte um die Lippen desselben, als er erwiderte: „Ich bedaure die Mühe, die es Ihnen machen wird, meine Identität mit der meines genannten Vetters herzustellen. Die meisten Zeugen sind ge¬ storben; bis Sie die überlebenden auftreiben und nach Berlin schaffen, darüber können Jahre vergehen. Der Untersuchungsrichter hat ein saures Geschäft, mein Herr von Fuchsius, wenn er Inquisiten vor sich hat, welche die Gesetze, die Menschen und ihre In¬ quirenten kennen. Aus persönlicher Freundschaft und Respect vor Ihrem Character würde ich Ihnen rathen, die Untersuchung abzugeben. Sie erscheint Ihrem Ehrgeiz lockend, ich versichere Sie aber, ich ärgre Sie zu Tode.“ „Aus Respect vor Ihrer Bildung, und nur darum, habe ich zwei Worte mit Ihnen allein zu reden.“ „Allen Respect vor Ihrer Versicherung, aber ich glaube Ihnen nicht, weil die Pflicht der Selbst¬ erhaltung mir gebietet, Ihnen zu mißtrauen. Allein Ihnen, was Sie wünschen, aber vorher die Gewi߬ heit, daß hinter der Tapete kein Protokollführer lauert.“ Wandel schien sich diese Gewißheit verschafft zu haben: „Was steht zu Ihren Diensten?“ „Führen Sie Gift bei sich? Ich meine Mittel, die es Ihnen ermöglichen, sich der Schande und der weltlichen Strafe Ihres Richters zu entziehen? Es ist meine Pflicht, mich davon zu vergewissern.“ „Soll ich Ihnen mit Macbeth antworten: Weshalb sollt' ich den röm'schen Narren spielen, Sterbend durch's eigne Schwert? So lange Leben Noch vor mir sind, stehn denen Wunden besser. So lange ich athme, will ich von dieser süßen Ge¬ wohnheit des Daseins nicht lassen. Besser Kerkerluft und schimmlichte Brodrinde, als schwimmen ein Atom im grauen Nebel der wesenlosen Leere. Nein, da beruhigen Sie sich, Sie sollen mich als Epicuräer kennen lernen. Ich wollte viel, ich lasse mich aber auch genügen am Wenigen. Die Welt ist ein Kerker, warum sollte nicht der Kerker zur Welt werden für den, der noch Lust am Leben hat! Ich trank Neapels Sonnenschein, der sich im Golfe badete, aber auch wenn sie mich in einen Kerker mit Blechkasten wür¬ fen, will ich wie ein Kind mit dem Sonnenstrahl kosen, der sich durch die trüben Scheiben Mittags zu mir stiehlt. Ich kann mich auch wie jener mit der Spinne vergnügen, mit Mäusen, dem Insect im Stroh. Ich will mit ihnen spielen, mich necken wie mit vernünftigen Wesen. Sie sollen meine Könige, Staatsmänner, Volkstribunen sein und ich werde nicht zu großen Unterschied mit den wirklichen finden. Oder wollen Sie mich an die Mauer ketten, Eisenstangen mir an Hände und Füße legen, ich bleibe doch der freie Mann. Können Sie meinen Geist, meine Phantasie fesseln? Können Sie ihr verbieten, mein Gefängniß zu be¬ völkern mit Wesen, die, ohne Selbstschmeichelei, etwas geistreicher sind, als Ihre erwählten Gesellschaften. Fürchten Sie sich nicht vor dem Nagel in der Wand, gönnen Sie mir ein Strumpfband, ein Halstuch, ich schwöre es Ihnen beim höchsten Eide, bei der Achtung vor mir selbst, den Versucher, der mich auch nur um eine Spanne meines Lebens betrügen wollte, jage ich hohnlachend zum Gitterfenster hinaus.“ „Baron Vansitter, es wäre besser für Sie, wenn Sie mit ernsten Dingen sich in der Spanne Zeit be¬ schäftigten, die Ihnen noch gemessen wird.“ „Spanne Zeit! Sie täuschen sich. Es wird eine recht lange Zeit werden. Ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde mich vertheidigen — besser als Ihr Staat gegen seinen Ueberwinder. Gewissermaßen soll jetzt mein Leben erst anfangen. Sie kennen mich doch einigermaßen, und wissen, wie ich in die Schran¬ ken trat. Man meinte, ich war ein glücklicher Ad¬ vocat, ich setzte manches durch, noch mehr wandte ich ab. Alles für Andre! Nun, mein Herr, jetzt gilt es für mich selbst . Werde ich mich schlagen, wie Ihre Soldaten, für Commisbrod, aus Furcht vor dem Cor¬ poralstock? Nein, wie der Pirat, den die Fregatten eingeholt. In dem Todeskampfe siegt er wohl zu¬ weilen gegen die Uebermacht, es kommt öfter vor, daß er die Verfolger mit sich in die Luft sprengt. O, es soll ein Kampf werden, auf den ich mich freue; eine Beschäftigung für den Geist, wie ich sie wünsche. Sperren Sie mich in den engsten Kerker; je kleiner der Kessel, um so großer die Expansionskraft des Gases. Mein Compliment Ihnen, ich weiß, wen ich vor mir habe: keine plumpe Criminalspinne, die außer ihrer Aktenhöhle, blödsichtig, nicht um sich weiß, nein, einen feinen Welt- und Lebemann, der mit sei¬ nen Kenntnissen und psychologischen Erfahrungen mich umgarnen und harmlos fangen möchte. Grad, auf solchen Gegner freue ich mich. Ich schätze Sie. Wir wollen uns in Minen und Contreminen begegnen. Das wird meinen Geist frisch erhalten; das erfrischt auch das Blut; weit mehr, als die körperliche Be¬ wegung. Ich werde ein gesunder Gefangener blei¬ ben. Auch Sie sollen Ihre Freude an mir haben. Ein Inquisitor verliebt sich am Ende in seinen In¬ quisiten — er sehnt sich in der Nacht auf den näch¬ sten Morgen, wo er ihn wieder erblickt —“ „Bis er ihn an einem Morgen dem Richter ab¬ liefert, der ihn nicht zurückliefert.“ „Das bilden Sie sich ja nicht ein. Sie meinen V . 24 das Schaffot. Was wollen wir wetten? Auf's Schaffot bringen Sie mich nicht. Ich kenne Ihre Gesetze, die Ansichten Ihrer Richter. Höchstens, wenn Alles gut geht, nämlich für Sie, eine außerordent¬ liche Strafe. Zehn, funfzehn, vielleicht zwanzig Jahr Gefängniß. Die ganze Welt ist ein Gefängniß; wie angestrichen, schwarz-weiß, blau, grün, schwarz-gelb, das ist am Ende gleichgültig. Ja, wenn Sie mich nach Frankreich auslieferten, das wäre eine andre Frage, vor den Geschwornen, da hört unsre Logik auf. Aber Sie sind ein zu guter Patriot, und die Sache ist doch wohl auch für Sie zu interessant, um sie aus der Hand zu geben.“ „Der Baron Eitelbach ist nicht an der Cholera gestorben,“ sprach Fuchsius, ihn fixirend. „Dann wäre es mir doch sehr interessant, zu erfahren, was man bei ihm finden wird! — Nichts Mineralisches, darauf können Sie sich verlassen,“ — sprach Wandel mit höhnisch freundlicher Stimme, in¬ dem er die Frechheit hatte, dem Rath dabei sanft auf die Schulter zu klopfen. „Scheusal!“ rief dieser zurückweichend. „Warum das? Nur keine Affecte, sie passen nicht für Sie, nicht für mich. Ueberhaupt, sein Sie darauf gefaßt, durch Ueberraschungen, Impulse, Ge¬ fühlsaufwallungen ringen Sie mir nichts ab. Es ist für uns Beide besser, wenn wir uns auf den Standpunkt der Humanität und Courtoisie stellen, wie zwei geschickte Schachspieler, wo Jeder die In¬ tentionen des Andern durchschaut. Einer muß end¬ lich gewinnen, der, der die meiste Geduld hat und am längsten wach bleibt. Bleiben Sie wach, Herr von Fuchsius, Sie haben einen alerten Gegner. Nein, die Kränkung trau ich Ihnen nicht zu, zu glauben, ich könnte so einfältig gewesen sein, wenn ich den mir gleichgültigsten Mann auf der Welt aus ihr fortschaffen wollen, daß ich es mit Arsenik ge¬ than und nicht mit Pflanzensäften, deren Spuren schon nach ein Paar Stunden verflüchtigt sind.“ Der Wagen, der ihn nach dem Gefängniß schaf¬ fen sollte, war vorgerollt. An der Thür wandte Fuchsius sich noch einmal um: „Herr von Wandel, es ist möglich, daß Sie Recht behalten, daß die Gerichte mit ihren groben Werkzeu¬ gen nicht in alle verborgenen Winkel Ihrer Verbrechen dringen, ich aber habe die volle moralische Ueberzeu¬ gung. Um deshalb werde ich die Untersuchung viel¬ leicht einem unbefangenen, Richter abgeben. Hier aber, vor Gott, vor der Ewigkeit, oder, wenn Sie wollen, vor der wesenlosen Leere, deren Annahen Sie grauen machte, möchte ich in Ihre Seele schauen und eine Frage thun —“ „Deren Inhalt ich mir denken kann. Geben Sie sich nicht die fruchtlose Mühe. Nur ein Wort. Nicht wahr, vor dieser Ihrer moralischen Ueberzeu¬ gung bin ich ein gräßlicher Verbrecher, weil — weil ich mit Menschenleben gespielt habe, das nehmen Sie an, zu meinem Vortheil, der Wißbegier, des Ver¬ 24* gnügens wegen, was es sei. Nun blicken Sie um sich, links und rechts, in West und Ost, in Nord und Süd, auf die großen Spieler. Die haben gespielt und spielen fort, mit tausenden, mit hunderttausen¬ den von Menschenleben, und ich kleiner, bescheidener Bankhalter! — Ja, die haben Motive, antworten Sie, Menschenliebe, Allgemeinwohl, Religion, Frei¬ heit und Gleichheit, Thron und Altar, Sitte und Nationalität — Herr, wer sagt Ihnen, daß ich nicht auch Motive habe, Ideen, vor denen alle Rücksichten schwinden müssen? Kann ich sie nicht auch über¬ kleistern mit Goldschaum und Tugendfloskeln? Das wahre Motiv, Herr, das ist überall dasselbe: der Größere frißt den kleineren, wenn er Appetit hat und sein Magen es verträgt, und der Unterschied ist nur der: die großen Verbrecher kommen in die Ge¬ schichtsbücher und wir kleinen irgendwo in ein Cri¬ minalregister. Wenn der Wurm auf uns Mahlzeit hält, ist's uns Beiden gleichgültig. — Aber ich, nein, mir ist's nicht gleichgültig, ein Stein ist mir vom Herzen gewälzt, ein Quell sprudelte in der Wüste — ich habe nichts mehr mit der verfluchten Politik zu thun . Verstellung , Heuche l ei , für Andre denken , fühlen zu sollen , bin ich quitt . Mögen sie sich todtschlagen, betrügen, verre¬ den, glorificiren, wie sie Lust haben, mich kümmert's nicht mehr. Von nun an bin ich wahr, ja, mein Herr, ich fühle die ganze Seligkeit der Wahrheit, ich athme, kämpfe, lebe nur für mich.“ Die Gerichtsdiener waren eingetreten. „Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Wir sehn uns wahrscheinlich zum letzten Mal.“ „Das würde ich aufrichtig bedauern.“ „Nichts der Baronin Eitelbach, deren —“ „Deren Glück ich gemacht, wollen Sie andeuten, lachte Wandel auf. Wider Willen allerdings, wenn es wäre! Wenn ihre Wunden und seine Wunden geheilt, die Trauermonate mit honetten Thränen anständig verweint sind, wird sie ihn heirathen, und wenn ich an das Glück dieser geistreichen Ehe denke — wahrhaftig, dann wird mein Gefängniß mir noch einmal so interessant erscheinen.“ „Und keinen Wunsch mehr?“ „Nur eine Bitte. Haben Sie die Güte und empfehlen mich der Frau Geheimräthin Lupinus. Ich traue ihr zwar zu, daß, wenn sie von dem Evene¬ ment hört, eine kleine Schadenfreude in ihr aufblitzt. Warum nicht, sie bleibt doch eine charmante Frau. Wir verstanden uns, es war eine wirkliche Sympa¬ thie. Durch Mauern und Räume getrennt, werden wir noch miteinander leben, eine platonische Ehe; um so sicherer, denn unter einem Dach hätte sie mir doch vielleicht, aus Rache oder Liebe, einen ihrer Tränke gereicht, die für meinen Geschmack zu stark sind. Es hat sich so besser gefügt.“ Die Kutsche mit dem Gefangenen mußte oft anhalten. Wagen, schwer rasselnd, unter starker Mi¬ litairescorte, versperrten die Straße. Es waren die Kassen, welche der neue Minister fortschaffen ließ. „So wird doch etwas gerettet, murmelte der Trans¬ portirte. Und wenn Preußen sagen kann: Tout est perdu , sauf l'argent , ist's am Ende ein Anfang zu einer neuen Existenz.“ Walter van Asten gab aus dem Fenster des Ministers den Commandirenden beim Transport Anweisungen. Auch der Geheimrath Alltag schien unter denen, welche auf ihn hörten. Wandel, der den Zusammenhang gefaßt, lächelte: „Die Welt dreht sich um; das kann was werden! Wer Geld bringt, kann eine Carriere machen. Die beste freilich wäre es, wenn der junge Mensch damit nach Amerika liefe.“ Walter, der sich dem Auftrage des neuen Mi¬ nisters mit Eifer unterzogen, war gekommen, um sei¬ nen letzten Bericht abzustatten. Er hoffe, das Geld mit sichern Leuten an den Ort seiner Bestimmung abzuliefern, aber — sein Bericht über die Volksstim¬ mung war traurig, er hegte keine Hoffnungen, nach dem, was er gesehen, gehört. „Wie Jeder beobachtet, sagte der Bancodirector Niebuhr, der ebenfalls vom Minister Abschied nahm. Niemand kann an allen Orten zugleich sein.“ „Diese jubelnden Trainknechte, diese gepreßten Bauerbengel, die froh sind, dem Stock und der Fuch¬ telklinge einmal entlaufen zu sein, sind freilich so we¬ nig das Volk, als da die zitternden Käsekrämer und Schnittwaarenhändler,“ hatte der Minister nachden¬ kend erwidert. „Und doch, Excellenz, fiel Niebuhr ein, auch unter ihnen regt sich schon eine andere Stimmung. Ich lernte, wie Sie, dies Volk erst kennen. Aber wenn Sie es jetzt kennten, wie ich, Sie würden es Ihrer Liebe werth finden. Ich habe in diesen Tagen nirgend mehr so viel Kraft, Ernst, Treue und Gutmüthigkeit zu finden erwartet. Von einem großen Sinne ge¬ leitet, wäre dieses Volk immer der ganzen Welt un¬ bezwingbar geblieben, und wie sturmschnell auch die Fluth unser Land überschwemmt, noch jetzt drängte ein solcher Geist sie wieder zurück. Aber wo ist er, der große Geist, der es vermöchte!“ Historische Worte Niebuhrs aus jener Zeit. „Er wird erscheinen, rief der Minister und seine Stirn leuchtete, indem er Niebuhrs Hand drücke, die andere reichte er Walter. Warum sollen nur die Völker des Alterthums ihren Phönix haben! Ist das Christenthum nicht basirt auf dem Mysterium der Wiedergeburt! Sollten nur die germanischen Völker bestimmt sein, auszugehen und überzugeben in andre! Ich glaube an den Phönix, aber der Scheiterhaufen ist noch nicht hoch genug. Es muß noch vieles Morsche, Faule, Wurmstichige darin verbrennen, viel mehr, als wir wähnten, vieles, was wir gestern noch für gesund hielten, vielleicht was uns das Liebste und Theuerste war. Leben Sie wohl, meine Freunde, wir sehen uns wieder, wenn noch nicht in besserer Zeit, doch in einer, wo wir wieder hoffen dürfen.“ In den Geschichtsbüchern steht, und es ist daraus nicht wegzulöschen, daß viele der gutgesinnten Bürger Berlins die Mahnung jenes Ministers befolgten. Sie schickten sich in die Zeit, denn es war böse Zeit. Sie schwenkten die Hüte vor dem einziehenden Na¬ poleon und riefen „ Vive l'Empereur , und illuminirten ihre Häuser, daß der Kaiser selbst in jene Worte der Verwunderung und der Schmach ausbrach, die wir nicht wiederholen wollen. Sie thaten es aber nicht aus Gesinnung, sondern wie Andere nach ihnen, aus der „guten Gesinnung,“ welche der Dichter nennt: die Rücksicht, Die Elend läßt zu langen Jahren kommen; sie stimmten zu dem Uebel und streichelten es, damit das Uebel, das kommen konnte, nicht noch größer werde, als das, was war. Aber nicht Alle waren gut gesinnt. Es gab Männer, und Frauen auch, welche das Uebel beim rechten Namen nannten, und nicht erschraken, wenn es ihnen ein böses Gesicht machte. Diese Einigen waren die Kieselsteine, an denen der Stahl Funken schlagen sollte, aus denen der stille Brand ward, welcher später zum allmächtigen Feuer aufloderte. Gut Ding will Weile im deutschen Lande. Viele hat die Geschichte genannt, oder fängt jetzt an, ihre Namen zu nennen, aber wie viele sind schlummern gegangen, auf ihren Grabsteinen wächst Moos, und die Geschichte kratzt es nicht mehr ab, um von ihrem stillen Wirken Zeugniß zu geben. Da darf die Dichtung, die so viel Trauriges und Schlimmes nicht verschweigen durfte, auch an die einzelnen Muthigen erinnern, und wo wir solche Bilder muth¬ loser Zerschlagenheit aus der preußischen Hauptstadt hinstellen mußten, um wahr zu sein, wird es zur Pflicht auch einiger Züge zu gedenken, die schon wie das ferne Wetterleuchten einer besseren Zeit am Horizont erscheinen. Da stand eine Deputation vor dem Gewaltigen, und er erwartete stammelnde Unterwürfigkeit, Be¬ wunderung und demüthiges Flehen. Er konnte es erwarten nach dem, was voranging. Aber Einer im Priesterkleide trat vor und sprach: „Sire, ich wäre nicht werth des Kleides, das ich trage, des Königs, dem ich diene, des Wortes, das ich verkündige, wollte ich nicht bekennen, ich sehe — Eure Majestät nicht gern in Berlin.“ — Was Napoleon erwidert, haben die Kinder der Zeitgenossen vergessen, aber im Ver¬ lauf des lebhaften Gesprächs, worin der kühne Mann den Sieger fragte, ob er denn in der Geschichte lieber als ein Räuber dastehen wolle, denn als ein christ¬ licher Herrscher, trat der alte Erman plötzlich herz¬ haft auf den Kaiser zu, faßte seinen Arm, schüttelte ihn und sagte: „Ce bras victorieux sera bienfaisant!“ Es wird erzählt, Napoleon sei erschrocken zurückgetreten. Das hatte er aus Berlin nicht erwartet. Später habe er zu seinen Adjutanten geäußert: „quel géant que ce vieux druide! Jamais prêtre ne m'a dit cela.“ Erman, so weiß man, aber nicht aus dem Munde des bescheidenen Mannes, der selten davon sprach, wußte das Gespräch, als Napoleon eine gnädige Miene annahm, auf die Königin Louise zu lenken. Als warmer Lobredner der erhabenen Tugenden seiner Monarchin habe er versucht, die böse Meinung oder den bösen Willen des Kaisers zu beschämen. — Darüber ruht ein Schleier, den Niemand lüften wird. Nach der Rückkehr des Königspaares nach Berlin überreichte die Königin selbst Erman die Decoration, welche der König ihm verliehen, mit der Anrede: Mon chevalier! Der vor Kurzem verstorbene Sohn jenes alten Erman, der auch wieder der alte Erman genannt ward, der berühmte Professor und Chemiker, schrieb in einem Briefe an eine Verwandte zur Zeit der Mobilmachung im Herbste 1850: „Ich denke jetzt oft an die Worte, die Napoleon an meinen Vater richtete: Votre reine m'a fait une guerre de petite fille et de petit garçon. Schon sieben Jahre später waren die Kinder der Knaben zu den Männern der Katzbach und von Leipzig erwachsen! Eine andere Deputation berief später der zürnende Kaiser nach Paris. Es waren Männer des Gerichts, eines hohen Tribunals, das gewagt, ein Urtheil zu fällen, welches dem Gewaltigen nicht gefiel. Sie hatten Einen, der von Paris aus verfolgt ward, freigesprochen, und Napoleon wollte ihn verurtheilt wissen. Napoleon donnerte sie an und schloß mit der Drohung, wenn der Fall wieder vorkäme: „Je vous fusillerai!“ Der Präsident des Tribunals er¬ widerte dem Imperator: „Sire, vous fusillerez la loi .“ Napoleon leitete gegen ihn kein Disciplinar¬ verfahren ein. Der Mann des Rechtes, der die männliche Antwort gab, hieß Sethe . Ob der Fall in unsere Geschichte gehört? — Er geht über sie hinaus. Wandel ward von Paris aus verfolgt, das preußische Gericht fand aber die Beweise nicht zur Ueberzeugung geführt. Auch in Bezug auf seine Verbrechen in Berlin hatte Wandel gegen Fuchsius richtig vorausgesagt. Trotz der moralischen Ueberzeugung, welche das Gericht gewann, genügten die Beweise nicht, um gegen ihn die letzte Strafe zu dictiren. Er büßte, wie die Lupinus, für seine schweren Verbrechen nur durch eine lange Freiheits¬ strafe. Beide überlebten sogar ihre Strafzeit. Viele von den Personen, die wir hier vorgeführt, haben auch den Tag überlebt, mit dem wir unsere Geschichte beschließen, es wäre sogar möglich, daß sie noch heute leben. Wenn sie die Theilnahme unserer Leser sich erwarben, wäre es möglich, daß wir auch von ihren ferneren Schicksalen Kunde gäben, denn es ist viel vorgegangen seit fünfzig Jahren und heut. Das war der traurigste Auszug, den je Berlin gesehn. Selbst der Jubel des Volks, als die Wa¬ gen der Königin vorm Schlosse hielten, um Wäsche und das Nöthigste zu einer Reise ohne Ziel einzu¬ nehmen, war herzzerreißend für die hohe Frau. Sie hatte nicht Worte, nur Thränen. Dann die Straßen, die Tausende, die dem Wagen folgten, die zum letzten Mal die geliebte, schöne, milde, bürgerfreund¬ liche Königin sehen wollten. Auch da schrieen Viele, sie wollten ihr Gut und Blut lassen, man solle sie nur rufen. Was sollte Louise antworten! — Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn! schluchzte es aus den Fenstern. Was konnte sie darauf antworten! Die Fenster alle aufgerissen, überall Kopf an Kopf, Tücher wehten und Tücher trockneten die Augen. Sie konnte nicht mehr hinauswehen, sie lehnte sich erschöpft zurück. Und doch fielen ihr zwei stattliche Häuser auf, da war es still, die Fenster, auch hie und da die Laden, waren geschlossen. Die Blicke ihrer Begleiter sahen mißvergnügt dahin. Die milde Fürstin sagte: „Gewiß sehr Kranke!“ — „Da wohnt der Geheimrath Bovillard, sagte die Hofdame ver¬ legen, er soll in der That krank sein!“ Die Königin schütterte zusammen und fragte nicht mehr, auch nicht, wer in dem andern Hause wohne? Der Adjutant zu Sei¬ ten des Wagens flüsterte der Voß zu: „'S ist doch un¬ glaublich vom Grafen St. Real. Er hat Angst, daß Napoleon es ihm übel vermerken könnte.“ — „Aber ein sehr nobler Cavalier sonst, bemerkte die alte Gräfin. Auch ein Kranker,“ sagte sie zur Königin. Da war die Straße gesperrt in der Nähe des Doms. Ein Hochzeitszug kam aus der Kirche. Die Leute lachten, die Straßenjugend war sogar laut; sie machten ihre Glossen zum Brautpaar. Auch die Kassenwagen hatten hier Halt machen müssen, und Walter war mit dem Geheimrath Alltag aus dem Wagen gesprungen, nicht aus Theilnahme für die Hochzeitleute, sondern weil jeder den Augenblick nutzen wollte, um Abschied von einem Angehörigen zu nehmen. Walter preßte seinen Vater an die Brust: „Ich suchte Sie vergebens in — Ihrem Hause. Aber was bedeutet das, die Siegel waren abgenommen?“ „Freude, mein Sohn, es können ja nicht Alle trauern. Die Welt ist ein großes Kaufmannsspiel; wenn Viele verlieren, müssen doch Einige gewinnen, wo bliebe es sonst! Der Rothwein steigt, die Häfen werden gesperrt. Er ist schon gestiegen. Gestern bot man mir zehn Prozent über den Einkauf, heute zwanzig, wenn die Franzosen da sind, bieten sie fünfzig. Soll ich mich nicht freuen, daß die Franzosen da sind, oder soll ich weinen, daß unsre Junkerofficiere Schläge bekommen haben? Dein Vater ist ein reicher Mann, er hat Credit, Freunde überall, die ihm längst hätten helfen wollen, wenn sie nur gewußt, daß er in Noth war. Nicht wahr, die Menschen sind doch besser, als wir denken, wir merken's nur nicht! Lebewohl, mein Junge, behalt im Gedächtniß, daß der beste Rechner oft die größten Fehler macht. Wer weiß, wann der Bonaparte mal 'ne Null zu viel schreibt! Drum rechne nicht zu viel, schone Dein Leben, denn Du mußt rechnen, daß Du wieder eines reichen Mannes Sohn bist und sein Erbe; und Minchen Schlarbaum, vor der brauchst Du Dich nicht zu fürchten, wenn Du wiederkommst, sie wird wohl den Herrn von Fuch¬ sius heirathen. Drum bleibe meinethalben romantisch, hast Recht, ich muß ja jetzt auch romantisch sein, auf jeden Fall aber bleibe — ein Patriot!“ „Platz!“ rief es, der Hochzeitzug bewegte sich fort. Aber als der Geheimrath Lupinus mit der ihm eben angetrauten Frau Geheimräthin nach dem Lust¬ garten schritt, rief es wieder: „Platz! Ihre Majestät die Königin!“ Der Zug stiebte auseinander, als der Wagen sich langsam Platz machte. Charlotte hatte in der Kirche viel geweint vor Gemüthsbewegung, und sie hatte Gründe: der Tod ihres Wachtmeisters, die unverhoffte Ehre, zu der er ihr endlich verhalf, und der Verdruß, daß sie keine Kutschen und Pferde erhalten können. Die waren alle requirirt zum Trans¬ port und für die Fliehenden. Ein Brautzug zu Fuß hatte ihr eine Entwürdigung der Ehe gedünkt. Was aber war das gegen ihr Gefühl, ihre Bestürzung, nein, es war ein Donnerschlag, als man ihr auf die Schulter stieß: „Zurück! die Königin!“ Die Königin hatte halten und warten müssen um Charlotten! — Sie sah das holdselige Gesicht der Königin, das ver¬ wundert über das Unerwartete zum Kutschenschlage herausblickte. Da war's um sie geschehn; es war zu viel. In ihrem Brautanzuge, der sehr kostbar war, aber doch vielleicht aus der Garderobe der seligen Frau Geheimräthin, war sie auf die Knie gestürzt, das schwere bauschigte Damastkleid im Gemüll der Straße! „Gnade, allerdurchlauchtigste Königin, aber ich kann nicht dafür. Er hat mich geheirathet.“ Als die Königin, die vielleicht ein Bittgesuch vermuthete, den Kopf weiter vorbeugte, setzte der Geheimrath mit tiefer Verbeugung hinzu: „Ma¬ jestät, nur wegen der allgemeinen Calamität!“ Ob die Königin in ihren Schmerzen gelächelt, ob sie wirklich eine Bewegung mit der Hand gemacht, die für eine Segnung gelten konnte? Sie hatte sich schnell wieder in die Kutsche zurückgelehnt. Alles war das Werk des Augenblicks. Walter zückte plötzlich auf. Der Brautzug trennte ihn noch von jener Wagenreihe; aber er sah eine weibliche Gestalt in Trauer sich aus der dritten Kutsche hinauslehnen und dem alten Alltag einen Scheide¬ kuß geben. Es war Adelheid. Ihre Augen trafen sich. „Eine junge Wittwe, die Frau von Bovillard,“ sagte Jemand neben ihm. Der Wagen rollte den andern nach. Adelheid sah noch einmal hinaus und winkte mit dem Tuche, er wußte nicht, ob ihm, oder ihrem Vater. Durch die Pappeln schwirrte ein Luft¬ zug; ihm war es, als säusele er: Auf Wiedersehn! „Rebutant! sagte die Gräfin Voß, als die könig¬ lichen Wagen außer dem Thore waren. Daß Ihro Majestät zuletzt ein solcher ridiculer Auftritt in Dero Residenz begegnen mußte. Man sieht, es ist mit aller Ordnung und Dehors dort aus.“ Man mußte Zeit gehabt haben, vielleicht um sie zu zerstreuen, die Fürstin von den Verhältnissen zu unterrichten. Auch hatte man sie aufmerksam gemacht, daß der alte wohlbekannte Kaufmann van Asten lächelnd an der Straße gestanden: „Er hätte doch wenigstens in solchem Augenblick seine Freude verbergen müssen.“ Die Königin hatte schweigend dagesessen. Jetzt öffnete sie die Lippen: „Weshalb, meine Freunde, weil wir traurig sind und Millionen mit uns, sollen Alle trauern! Hat die Vorsehung es nicht so gefügt, daß, während es hier Nacht ist, jenseits der Erde die Sonne scheint, und wir wissen, daß, wenn es dort dunkelt, hier der Tag anbricht. Wenn wir Alle in Finsterniß und Trauer vergingen, wie sollte der Hoff¬ nungsstrahl uns erleuchten! Freuen wir uns doch, daß nicht alle Herzen brechen, daß sie sogar noch lachen können, während wir blutige Thränen weinen. Die heute ausruhen, sind morgen wach. — Ich will es als eine gute Vorbedeutung nehmen, daß wir eine Hochzeit, Lachende und Frohe sahen beim Abschied aus Berlin. Wir werden es wiedersehn.“ Als sie, um von der Höhe einen letzten Scheide¬ blick auf die Königsstadt zu werfen, den Kopf aus dem Fenster steckte, theilte sich der Herbstnebel am Horizont und die Sonne strahlte aus dem blauen Firmament. Sie horchte auf die Lerchen in der Luft. Ob sie das Lied verstand? Es war kein letzter Seufzer des Mohrenkönigs, als er sein Wehe mir, Alhama! auf dem Berge sang, von dem er zum letzten Mal sein geliebtes Granada sah. Druck von Eduard Krause in Berlin. Von demselben Verfasser sind ferner erschienen: Cabanis. Roman in sechs Büchern. 6 Bde. broch. Preis 6 Thlr. Der falsche Woldemar. Historischer Roman in drei Bänden. Preis 6 Thlr. „Weil ich Euch Brandenburgische Geschichten erzähle, was kümmert mich, rufen wohl Einige, der deutsche Adler, den solle ich fliegen lassen und im Lande bleiben. — Ich kanns nicht. — Denn Brandenburg war nur ein Glied, ein theures Glied, meine ich, und will's Gott, soll es bleiben, des deutschen Körpers. Und was den zerreißt, zerreißt es mit. Ich erzähle Euch Branden¬ burgische Geschichten aus alter Zeit; aber ich meine: es sind deutsche Geschichten. Denn was Brandenburg litt, litt das deutsche Reich auch. Es griff sein Herz an und zehrte das in¬ nerste Blut. Die Untreue und die Falschheit, die schlaue Kunst doppelzüngiger Rede und schöner Worte um schlimme Dinge, daß die Völker getäuscht wurden, hub damals an, und was die Großen thaten wirkte auf die Kleinen zurück.“ Der falsche Woldemar Bd. III Urban Grandier oder Die Besessenen von Loudun. Eine Geschichte aus den Zeiten Richelieu's in zwei Bänden. Preis 3 Thlr. 15 Sgr. Ein Nachtstück aus den Zeiten Richelieu's. „Aus dem gro¬ ßen Buche vom Wahnsinn, das in immer neuen, vermehrten Auflagen gedruckt wird, das in jeder Nation, in jedem Zeitalter Zusätze erhält, eine schwarze Pagina. Verwandtes ist freilich oft. Gleiches vielleicht nie vorgekommen. Der Wärwolf. Vaterländischer Roman in drei Bänden. Preis 4 Thlr. 15 Sgr. Dieses Werk gehört zu den sehr wenigen, welche dem gebil¬ deten Denker würdige Unterhaltung und Anregung in Fülle geben und zugleich dem denkenden Mittelstande Preußens und ganz Deutschlands als ein köstliches Volksbuch empfohlen werden darf. Diefenbach. Der Zauberer Virgilius. Ein Mährchen aus der Gegenwart. Preis eleg. geb. 1 Thlr. „Ein Mährchen und keins. Dichtung un Aldles Wahrheit. „Unter den Orangenwäldern von Sorrent entstand es, es ward „geschrieben während es geschah.“ Ein getreues Spiegelbild der Wunderwelt Neapels, welches durch seine lebendige Darstellung aller Merkwürdigkeiten und Ei¬ genthümlichkeiten des Volkes, der Natur und der historischen Erinne¬ rungen, auch für den Reisenden als der lebendigste Wegweiser dient, welcher den Mährchenspiegel nicht liebt, denn was er auf¬ faßt ist eben nur die Wirklichkeit, die selbst nichts dafür kann, daß sie dem Fremden überall wie ein Mährchen erscheint. In demselben Verlage ist erschienen. Fichte, I. G., Die Bestimmung des Menschen. Neue Aufl. gr. 8. geh. ⅔ Thlr. Heinse, W., Hildegard von Hohenthal. 3 Theile. 8. geh. ½ Thlr. Kleist, E. C. v., sämmtliche Werke. 2 Theile, gr. 8. 1⅓ Thlr. Louisens und Friederikens, geb. Prinzessinnen von Mecklenburg-Strelitz Ankunft und Vermählung in Berlin, im Dezember 1793. Mit Kupfern. gr. 8. ⅚ Thlr. Merkel, G. D., Die Vorzeit Lieflands. Ein Denkmal des Pfaffen- und Rittergeistes. 2 Bde. M. Kupf. Neue Aufl. 3 Thlr. Ramlers, K. W., geistliche Kantaten . 8. geh. ¼ Thlr. Ramlers, K. W., Oden . 8. geh. ¼ Thlr. Richter, Jean Paul Friedrich, grönländische Prozesse, oder satyrische Skizzen. (Jean Pauls erstes Werk.) 2 Theile. 2. Auflage. ⅓ Thlr. Quinctius Heymeran von Flamming. Von August Lafontaine. Neue Ausgabe in 4 Theilen. 8. geh. 1 Thlr. Quinctius Heymeran von Flamming ist anerkannt einer der besseren, wenn nicht der beste Lafontaine'sche Roman. Der ten¬ dentiöse Witz hebt den Verfasser über seine zum Sprüchwort ge¬ wordene Sentimentalität, und auch in der Ausführung ist eine Körnigkeit, welche den übrigen Lafontaine'schen Romanen fremd ist und diesen, bei dem Reichthum der Handlung, zu einer in¬ teressanten Lectüre macht. Es dürfte aber auch daran erinnert werden, daß Heymeran von Flamming ein historisch-vaterlän¬ discher und vielleicht der erste märkische Familien-Roman ist, in¬ dem in seinem ersten Theil eine lebhafte Schilderung der Zu¬ stände in den adligen Familien auf dem Lande nach dem Sieben¬ jährigen Kriege sich giebt, die, von einem Schriftsteller, der fast noch Zeitgenosse war, von doppeltem Werth ist. Weiterhin durch¬ fliegt der Held, der alle Extreme der Zeitrichtungen durchmacht, unsere Cultur- und politische Geschichte ungefähr bis zu dem Zeit¬ punkte, wo unsre modernen historischen und socialen Romane anzufangen pflegen.