Der G elehrte N arr, Oder Gantz natuͤrliche Abbildung S olcher G elehrten, Die da vermeynen alle Gelehrsamkeit und Wissenschafften verschlucket zu haben, auch in dem Wahn stehen, daß ihres glei- chen nicht auf Erden zu finden, wannenhero sie alle andere Menschen gegen sich verachten, einen unertraͤglichen Stoltz und Hochmuth von sich spuͤren lassen; in der That aber doch selber so, wie sie in ihrer Haut stecken, Jgnorant en, Pe- dant en, ja Ertz-Fantasten und tumme Gympel sind, die von der wahren Gelehrsamkeit, womit die Weisheit verknuͤpffet seyn muß, weit entfernet. Nebst einer lustigen DEDICATION und sonderbaren V orrede. Dergleichen verkehrten Gelehrten zur guten Lehre, und ver- hoffentlich daraus fliessenden Besserung; andern aber, so sich denen Studiis widmen, und noch Anfaͤnger sind, zur getreuen Warnung, auch sonst jederman zum Vergnuͤgen geschrieben. Gedruckt zu FREYBURG Anno 1729 . auf deß Autoris eigene Kosten. DEDICATION. Dem Großgebohrnen, Großgelahrten und Großweisen Herrn, HERRN P eter Baron von S quentz, Erb-Herrn auf Naͤrrsch- und Tollhausen, POLYHISTORI, Groß- Cancellario in dem Platoni schen Utopia, Groß- Schatzmeistern aller Philosophi schen Weisheiten, Groß- Reveren tz- Meistern auf dem Parnasso, Groß- Jnspectorn uͤber den Nord- und Suͤder-Pol, Groß- Observatorn des Lauffes aller Planeten, aller Sternen und ihrer Jnfluen tz, ingleichen aller andern sogenannten Himmlischen Zeichen, wie sie in dem Calender beschrieben und ab- gemahlet, Groß- Judicir ern uͤber die Constellationes, uͤber die Son- nen- und Monden-Finsternisse, sie moͤgen sichtbar oder unsichtbar seyn, uͤber die Comet en und andere Lufft-Zeichen, auch uͤber ihre Wirckungen und Bedeutungen; ja Groß-Beguckern des gantzen Firmaments, und General-Visitatorn des Horizonts \&c. \&c. \&c. Meinem Großgeehrten auch Großgeneigten Herrn, und vortrefflichen Patron. Großgebohrner, Großgelahrter und Großweiser, Insonders Großgeehrter und Großgeneigter Herr, und vortrefflicher Patron. D U N arr! du Pavians-Physionomie! Visage à faire rire, oder du laͤcher- liches Gesichte! Du Affe! Du Haase! Du Pedant! Du Jgnorant! Du Limmel! Du Toͤlpel! Du Pantoffel- Holtz ꝛc. Wie klingen diese Worte? Großgeehrter, auch Großgeneigter Herr und vortrefflicher Pa- tron! Ich frage, wie sie in Dero Ohren klingen? A 3 und und bin versichert, Sie werden mir antworten und sagen: Ey pfuy! das sind lauter haͤß- liche Schand- und Schimpf-Worte, die man niemals einem Menschen, geschwei- ge einem Gelehrten, auf den Buckel werffen muß. O sehr wohl geurtheilet! und ich bin voll- kommen Ihrer Meynung. Nichts destoweni- ger wuͤrde ich mich solcher Worte bedienen, und mir nicht das geringste Bedencken dabey machen, wann ich mir ein gelehrtes Monstrum ausgese- hen, und beschlossen haͤtte, demselben dieses Buch, welches der Gelehrte Narr betitelt ist, zu dedici- ren. Denn gelehrte Monstra nenne ich solche Leute, die alle Class en auf Schulen und Universi- taͤten durchgegangen, auch daher prætendir en, alles zu wissen, alles einzusehen, alles zu begreiffen, und uͤber alles ein excellent es Urtheil, das die Quintessence des Verstandes in sich fuͤhre, zu faͤllen, wobey sie alle andere Menschen verachten, auch auch solche aus einem gelehrten Stoltz und einer falschen Einbildung, gegen sich nur vor Staub halten; in der That aber, und bey allem dem, was sie auf Schulen und Universi taͤten oder sonst je- mals gehoͤret, Matzen und Lappen, Narren und tumme Schoͤpfe geblieben, von denen die wahre Weisheit weit entfernet, weil der Saame der Gelehrsamkeit auf ein duͤrres Land und ungesun- des Gehirn gefallen; an statt daß andere, in de- ren Koͤpffen ein gesundes nicht mit Heckerling und Pferde-Mist vermischtes Gehirn lieget, die vortrefflichsten Maͤnner zu werden pflegen, wann sie von denen Schüler- Gymnasiast en- und Studenten-Jahren behoͤrig profitir en. Aber, nachdem ich meine Augen auf Ew. Groszgebohrn, Groszgelahr- und Grosz- weisheit gerichtet, u. mir die Freyheit nehme, Ih- nen dieses Buch zu dedicir en; so bekenne ich hertz- lich gerne, daß ich fast nicht weiß, wo ich Honig- süsse und Respects- volle, Dero grossen gelehrten Merit en gemaͤsse Worte genug hernehmen solle, B meine meine Dedication damit auszuschmuͤcken u. aus- zuspicken; allermassen mir gar wohl bekannt, daß Ew. Groszgebohrn, Groszgelahr- und Groszweisheit eben so sehr mit ungemeinen Merit en beladen, als wie bisweilen ein Esel (je- doch sans Comparaison ) mit Saͤcken beschwe- ret ist, wann er aus oder in die Muͤhle gehet. Mein guldener Peter! Mein silberner Peter! Mein Perl- und Diamantener Pe- ter! sage ich demnach zu Ew. Großgebohrn, Großgelahr- und Großweisheit, Sie, Sie, Sie sind ein gelehrtes Wunder unserer Zeiten, und geben, so offt dieselben nur Dero Mund er- oͤffnen, oder die Feder ansetzen, der Welt etwas schriftlich zu communici ren, einen lieblichen balsami schen Geruch der Gelehrsamkeit und Weisheit von sich, der alles charmir et und be- zaubert. Alle Dero Worte sind admirabl e, und an allen Buchstaben, die aus Dero Feder fliessen, klebet Klugheit, wie Pech an denen Faͤßern, worin- nen nen man an vielen Orten das starcke braune Bier zu verwahren pfleget. Die vornehmsten Gelehrten haben sich gluͤck- selig zu schaͤtzen, wann sie von Ew. Großge- bohrn, Großgelahr- und Großweisheit fein weit entfernet sind, weil anderer gestalt ih- re Ehre und Reputation nicht bestehen koͤnte, sondern dieselben neben Ew. Großgebohrn, Großgelahr- und Großweisheit zu Nar- ren werden muͤsten. Denn es mag ein vor alle mal keine Gelehrsamkeit noch Weisheit von der Welt uͤber derjenigen seyn, so in Ew. Groß- gebohrn, Großgelahr- und Großweisheit Gehirne ihre Residen tz genommen, noch etwas, obwohl sonst gelehrtes, gegen dieselbe bestehen, sondern muß davor zerschmeltzen, wie Butter in der Sonnen. Plato mit seiner Klugheit stecket in Ew. G roßgebohrn, Großgelahr- und Groß- B 2 weis- weisheit Daumen rechter Hand. Aristoteles mit seiner hohen Gelehrsamkeit, Scharffsinnig- keit und Scharffsichtigkeit, womit er das dickste Gewoͤlcke, und die unermeßliche Weite der Lufft, wie auch die tiefsten Kluͤffte und Abgründe des Erdbodens durchdrungen, wohnet in Dero rech- ten Zeiger-Finger. Cicero mit seiner Bered- samkeit in Dero rechten Mittel-Finger. Seneca mit seinen scharffsinnigen Sententiis in den fol- genden Finger, und in den kleinen Finger Ihrer rechten Hand sind alle übrigen kleinern Bernhaͤu- ter von Philosophis, wie da seynd gewesen De- mocritus, Heraclitus, Diogenes \&c. mit aller ihrer Gelehrsamkeit, Wissenschaften und Gril- lenfaͤngereyen eingeschlossen. Die lincke Hand Ew. G roßgebohrn, G roßgelahr- und G roßweisheit betreffen- de, so stecket in den Daumen Homerus; in den Zeiger-Finger Ovidius; im Mittel-Finger Ho- ratius; in den folgenden Finger Virgilius; und in den kleinen alle andere kleine Fabelhansen von Poë- Poët en des Alterthums, mit ihren Einfaͤllen und Operibus. Die Staats-Klugheit stecket Ew. Groß- gebohrn, Großgelahr- u. Großweisheit, Faͤust-dicke hinter denen Ohren, und die Rechts- Gelehrsamkeit sitzet Ihnen im Nacken; auch Dero uͤbrigen Gliedmassen des Leibes fast durch die Banck, ja so gar die Zaͤhen an denen Fuͤssen, sind mit Gelehrsamkeit angefuͤllet, wie in denen wohl- bestellten Apothecken die Buͤchsen und Schach- teln mit koͤstlichen Specereyen, dergestalt, daß Sie von denen Fußsohlen bis an den Kopf, von hohen Wissenschaften strotzen, wie ein Sack, wann er mit Quirlln und Ruͤhrloͤffeln angefuͤllet ist. Was Wunder ist es demnach, wann man von Ew. Großgebohrn, Großgelahr- und Groszweisheit ruͤhmen und preisen hoͤret, wie Sie so grosse gelehrte Wunderthaten verrichten, welche darinnen bestehen, daß dieselben erstlich so B 3 viele viele mit hohen Wissenschaften angefuͤllete Buͤ- cher ausgehen lassen, daß auch einig und allein das, was nur davon zu Maculatur wird, hinlaͤng- lich ist, denen Materialist en in etlichen grossen Staͤdten alles benoͤthigte Papier zu Pfeffer- und andern Tuͤthen zu fournir en. Hernach so ist das erstaunens-wuͤrdige Ge- ruͤchte in der Welt erschollen, welchermassen eini- ge Affen, die aus Africa heraus in unser Clima ge- kom̃en, und so gluͤcklich gewesen, von Ew. G roß- gebohrn, G roszgelahr- u. G roszweisheit Unterricht zu profitir en, nebst einigen Haasen zu Philosophis worden; an statt daß verkehrte Ge- lehrte, durch ihre ungereimte und ungeschickte Discurs e, vielmals aus Menschen Affen und Haa- sen zu machen pflegen. Billig ist es derohalben, daß die gantze Gelehr- te Welt mit mir aus vollem Halse ruffe und schreye: Miracul! Miracul! Lange lebe noch unser G roszgebohrner, G roszgelahrter und und G roszweiser Herr P eter Baron von S quentz, mit seinen unerhoͤrten Wissen- schaften und Schriften! worinnen die Ge- lehrsamkeit und Weisheit in einen so hohen Grad zu finden, dasz sie auch von andern wahren Gelehr- ten nicht einmal mag begriffen und verstanden werden, sondern diese erst allemal um eine weitere Erklaͤhrung bitten und supplicir en muͤssen. O Schlaraffenland wie gluͤckselig waͤrest du, wañ der groͤste unter denen Philosophis, welches unstreitig unser Groszgebohrner, Grosz- gelahrter und Groszweiser Herr P eter Baron von S quentz ist, nur einige Tritte und Schritte innerhalb deinen Graͤntzen thaͤte! Al- le deine Einwohner wuͤrden sogleich mit Gelehr- samkeit und Wissenschaften prangen. O du Narren-Insel! von welcher vor wenig Wochen, in der Quintessence des Nouvelles, so woͤchentlich zweymal in Amsterdam heraus kom- kom̃et, meldung geschehen. Wie gluͤckselig wuͤr- dest du nicht ebenfals seyn, wañ unser Groszge- bohrner Groszgelahrter und Groszwei- ser Herr P eter Baron von S quentz, nur ei- ne kleine Zeit in deinen Gegenden sich aufhielte. Denn es wuͤrde eine dermassen gelehrte Ausduͤn- stung von seinen Fuͤssen heraus gehen, die capable waͤre, aller deiner Einwohner Kranckheiten zu curir en. Ja du Ratten-Insel! von der man in der nur-angefuͤhrten Essence des Nouvelles glei- cher gestalt einige sonderbare Nachrichten gelesen. Wer weisz, was aus deinen Einwohnern werden wuͤrde, wann sie des groszgelehrten Unterrichts unsers Groszgebohrnen, Groszgelahrten und Groszweisen Herrn P eters Baron von S quentzens geniessen koͤnten. Denn sind sie schon so polit, dasz sie dem Schiff, welches aus der Narren-Insel abgesegelt, neue Entdeckungen zu machen, Deputirt e entgegen geschicket, und die, wel- welche ans Land gestiegen, wohl empfangen und wohl bewirthet, warum solten sie nicht durch die Klugheit unsers theuren, Groszgebohrnen, Groszgelahrten und Groszweisen Herrn P eters, Baron von S quentzens, zu noch artigern etlichen uralten heydnischen Philoso- phis und Stoicis gleichen Creaturen koͤnnen ge- machet werden. Dabey waͤre kein Zweiffel, daß die Ratten hernach nicht so raisonnabl e seyn, und ihn davor zu ihren Herrn erwehlen solten. O da wartete ich gantz gewisz mit einem Carmine auf, meine Gratulation darinnen abzustatten, und meine Freude zu bezeugen, dasz Sie mein vortreff- licher Patron, nachdem Dieselben, durch Dero Merit en bishero, so viele Titel erworben, endlich gar zum Ratten-Koͤnig worden waͤren. Aber siehe da! Was faͤllet mir doch hierbey ein? Ich gedencke bey mir selber, wie es doch moͤg- lich gewesen, daß ein so gar gelehrtes Wunder, als Ew. Groszgebohrn, Groszgelahr- und C Groß- Groszweisheit sind, jemals in der Welt hat moͤgen zum Vorschein kommen? und finde viel- leicht die Raison. Man spricht nemlich, und haͤlt dafuͤr, es thue das Gestirne, bey der Zeugung und Geburt des Menschen, vermittelst seiner Influ- en tz, eine maͤchtige Wirckung. Daferne nun dieses wahr und richtig ist, so glaube ich gaͤntzlich, daß sich, nebst dem uͤbrigen wirckenden Gestirne, der gantze Zodiacus oder Thier-Creyß, bey der Zeugung und Geburt Ew. Großgebohrn, Großgelahrheit und Großweisheit, gar sehr interessir et, und ein jedweder Theil, derer Zwoͤlfe sind, ins besondere sich bemuͤhet, Ihnen et- was von seiner Natur und Eigenschaft einzufloͤs- sen. Solches wird vornemlich der Widder, der Stier, der Krebs, der Loͤwe, der Scorpion, der Steinbock, und der Stockfisch gethan ha- ben; woraus dann allerdings etwas Extraordi- nair es erfolgen muͤssen, welches in seinem Metier excellir et, und ein grosses Aufsehen in der Welt machet. Die- Dieses sind meine zufaͤllige Gedancken, und meine Hochachtung gegen Ew. Großge- bohrn, Großgelahr- und Großweisheit ist eben darum desto groͤsser, weil ich davor halte, daß Sie in einer sehr genauen Verwandtschafft mit dem Zodiaco stehen; hoffe anbey, Dieselben werden geruhen, meine gegenwaͤrtige Dedicati- on, die aus sehr guter Meynung geschiehet, guͤtigst auf- und anzunehmen. Jedoch noch eines: Weil ich vor alles besorget bin, wobey die Ehre und Wohlfahrt Ew. Großgebohrn, Grosz- gelahr- und Groszweisheit interessir et, so kan ich mich nicht entbrechen, Sie zu bitten und zu ermahnen, Ihnen auch zu rathen, ins kuͤnftige das Gesicht nicht immer so aufwaͤrts gen Him̃el zu kehren, noch das Maul stets so offen zu halten. Denn es kommet jetzo der Sommer bald wieder herbey, und die Schwalben werden sich einfinden; da dann Ew. Großgebohrn, Großgelahr- und Großweisheit, einmal gar leichtlich einen C 2 unan- unangenehmen Zufall, entweder in denen Au- gen, oder in dem Maul haben koͤnten, welches mir überaus leid zu hoͤren seyn wuͤrde. Hiermit empfehle ich mich zu Dero bestaͤndi- gen unschaͤtzbaren Gewogenheit, und verharre mit aller aufrichtigen Ergebenheit, Ew. Groszgebohrn, Groszgelahr- und Groszweisheit, Meines Großgeehrtesten auch Großgeneigten Herrn und vortrefflichen Patrons Freyburg im Mertzen, da mir einfiel mit Peter Squentzen zu schertzen, und im Jahre der Welt 5678. nach der be- sten Rechnung. gehorsamer Diener Der Autor, Jetzt ungenannt; Sonst wohl bekannt. P. S. P. S. Nachdem Ew. G roßgebohrn, G roß- gelahr- und G roßweisheit in der hohen Re- putation stehen, daß Sie Fragen, die sonst unauf- loͤßlich sind, und von andern nicht beantwortet werden koͤnnen, sonder Mühe entscheiden; ich aber von einigen vorwitzigen Leuten geplaget werde, allerhand schwere Fragen zu beantworten, so bitte ich, Dieselben wollen geruhen, mir in geheim zu melden: 1) Wie des Æsopi Buckel ausgesehen, ob er nem- lich wie ein Comma, oder wie ein Semicolon ; oder wie ein Punctum. gestaltet gewesen? Ingleichen was die Syren en vor Lieder gesun- gen? auch ob sich der Baß, der Tenor, der Alt, der erste u. andere Discant dabey hoͤren lassen? Solche Bitte thue ich darum, damit ich auf diese Weise den Vorwitz derer, die mich mit der- gleichen Fragen vexir en, stillen koͤnne. Ihnen Ihres Orts werde ich vor deren Aufloͤsung gar sehr verbunden seyn. C 3 Er- Erklaͤhrung des Kupffers: Der Gelehrte Narr sitzet in seinem Museo, mit einem Schlaff-Peltz bekleidet, und eine grosse Peruque auf- habende. Etliche Affen und Haasen geniessen seines Unterrichts, und suchen von seinen gelehrten Discours en zu profitir en. Ein Affe ist besorget, die Peruque des Gelehrten Narrn auszukaͤmmen. Der Satyr Silenus, von dem man lieset, daß er des Bacchi Pfleg-Vater gewesen, ihn auch auf seinen Zug nach In- dien begleitet, haͤlt dem Gelehrten Narrn ein grosses Buch vor, aus welchem ein unartiger Affe ein Blat reis- set, und seinen Hintersten damit wischet. Von diesem Sileno ist hierbey noch dieses zu mercken, daß er sonst auf einem Esel reitende, und stets truncken, pfleget vorge- stellet zu werden. Der Gelehrte Narr will dem unartigen Affen, seiner Boß- heit wegen, mit einem Stecken auf den Kopf schlagen. Ein anderer Satyr aber præsentir et dem Gelehrten Narrn eine angesteckte Pfeiffe Toback, seinen Zorn dadurch zu besaͤnfftigen. Unten beym Gelehrten Narrn stehet eine Bouteille mit Bier und ein Glaß, weil er immer durstig ist, und sehr gerne zu trincken pfleget. Vor- V orrede. An den Nach Standes-Gebuͤhr angesehenen und geehrten Leser. I Ch habe eben jetzo, in meiner Dedication an Petern Baron von Squentzen geschertzet; aber mit dem nach Standes-Gebuͤhr ange- sehenen und geehrten Leser muß ich in dieser Vorrede ernstlich reden. Vor allen Dingen bitte ich, man wolle uͤberhaupt nicht, weder von dem Titel, noch von der Dedication, noch von dem gantzen Inhalt des Tractats uͤbel, sondern viel lieber gelinde urtheilen, weil es eine gantz sonderbare Beschaffenheit da- mit hat, ohne welche das Buch nimmermehr zum Vorschein gekommen seyn wuͤrde. Hiernechst ersuche ich auch den nach Standes-Ge- buͤhr angesehenen und geehrten Leser, daß er nicht et- wa auf die Gedancken gerathen wolle, ob trachtete ich, mich uͤber die Gelehrsamkeit, und die, so Profession davon machen, oder Vorrede. oder uͤber gute Academi sche Gewohnheiten zu moquir en, und mein Gespoͤtte damit zu treiben. Man thue mir hier- innen ja nicht unrecht. Denn ich versichere auf mein Ge- wissen, daß mir nie ein dahin zielender Gedancke in den Sinn gekommen, und ich habe in solcher Intention die Feder gar nicht angesetzet. Au contrair e, der Werth wahrer und vernuͤnftigen Ge- lehrten ist mir nicht unbekannt, und ich verehre einen jedwe- den, nach seiner Ordnung und der Classe, worzu er gehoͤret, gebuͤhrender massen. Ich weiß, wie hoch ein Theologus zu halten, der eine gruͤndliche Theologi sche Gelehrsamkeit, und eine Apostoli- sche Gabe zu predigen, zu lehren und zu unterrichten besitzet, sein Amt wohl besorget, dessen eigenes Leben und Wandel auch mit seiner Lehre fein richtig harmonir et und uͤberein- stimmet. Ach ein solcher Mann ist werth, daß man ihn ze- henfaͤltig ehre und liebe. Einem Jurist en, der das seinige recht gelernet, und recht verstehet, gebuͤhret ebenfalls alles Lob, wann er keine andern als solche Sachen zu defendir en auf sich nimmet, so die Ge- rechtigkeit wircklich zur Seite haben, oder die er doch zum wenigsten, seiner Meynung nach, vor gerecht haͤlt, solte er sich auch irren; hernach aber seiner Parthey mit aller Treue und Aufrichtigkeit dienet. Und wer wolte einen Medicum nicht æstimir en und hoch halten, da wir in der Schrifft selber lesen, daß man den Artzt ehren solle. Es muß aber der Medicus seine Profession ex fun- Vorrede. fundamento verstehen, die Gabe haben causam Morbi ein- zusehen und zu erforschen, auch seine Patient en mit gebuͤh- render Treue und Sorgfalt bedienen und abwarten. Alle andere Gelehrte, wie sie Namen haben, und in was vor Aemtern dieselben stehen, wann sie eine wahre, von der Pedanterey und falschen Vorurtheilen befreyete Gelehr- samkeit, nebst einem gesunden Judicio besitzen, sind lauter theure und venerabl e Maͤnner in meinen Augen, absonder- lich wann sie auf Schulen und Universi taͤten lehren und un- terrichten. Wackerer und fleißiger Schulmaͤnner ihre Muͤ- he wird auf Erden selten gebuͤhrend belohnet. Es sind Maͤrtyrer, welche erst ihre rechte Belohnung, und die Crone vor ihre Arbeit, in dem Himmel erwarten muͤssen. Aber wie viele Maͤnner haben wir nicht, die gantz anders beschaffen seynd, ob sie gleich gelehrte heissen, und unter die Zahl derer Gelehrten gerechnet werden, weil sie auf Schu- len und Universi taͤten gewesen, daselbst inscribir et, auch wohl zu solchen Aemtern und Bedienungen gelanget sind, die anders nicht, als mit wahren und Weisheits-vollen Ge- lehrten, so mit dem gesundesten Verstande begabet, solten be- setzet seyn. Was desfalls oͤffters die Ursache ist, daß sich nemlich der- gleichen verkehrte Leute unter denen Gelehrten befinden, solches wird der nach Standes-Gebühr angesehene und geehrte Leser zwar in diesem Tractat zur Gnuͤge an- gefuͤhret finden; allein es kan nicht schaden, wann ich auch, D gleich Vorrede gleich allhier in der Vorrede, etwas davon gedencke, weil oh- ne diß allemal die Vorrede eine Emphasis von dem gantzen Wercke seyn solle, dem sie vorgesetzet ist. Elende Stuͤmper und verkehrte Gelehrte kommen erst- lich daher, wann man Gemuͤther gleichsam bey denen Haaren zum Studieren ziehet, die entweder keine Lust, oder keine Ga- ben, oder wohl von beyden nichts darzu haben. Was koͤnte oder wolte doch wohl aus dergleichen Leuten werden? nichts, sondern sie bleiben geschnitzte Hoͤltzer und stumme Goͤtzen, denen der benoͤthigte Geist und das Leben fehlet. Einen Knaben und Schuͤler, welchen man denen Studiis widmet, solle man vorhero wohl erforschen, ob er Lust und Liebe darzu hat? ingleichen ob er mit einer gluͤcklichen Me- moria, einem herrlichen Ingenio und guten Judicio verse- hen ist. Findet man ihn damit begabet, so ziehe er voller Hoffnung auf Gymnasia und Universi taͤten, und die Hoff- nung wird erfuͤllet, wann er nur nicht das Ungluͤck hat, daß er in boͤse Gesellschaften verfaͤllet, mit denen er die edle Zeit verschwendet, und dabey, aller schoͤnen Gaben ungeachtet, dennoch ein Jgnorant bleibet. Findet man bey Knaben und Schuͤlern die vorbesagten Dinge nicht, als unumgaͤngliche Requisita, die bey denen Studiis erfordert werden, so lasse man sie ja eine andere Profession erwehlen; oder es wird gantz gewiß nichts aus ihnen. Ferner gereichet es der Gelehrsamkeit zu einem grossen tort, wann man auf sich nimmet, und sich vorsetzet, allzuviele Wissenschaften, und allzuviele Sprachen, auf einmal zu er- ler- Vorrede. lernen. Ein jedweder muß allerdings dahin trachten, in demjenigen Studio, wovon er eigentlich Profession machen will zu excellir en, und ein vollkommener Meister darinnen zu werden. Besitzet er nun auch, nebst der Mutter-Spra- che, noch zwey, drey, vier biß fuͤnf andere Sprachen, wovon einige vielleicht ohne diß von dem Studio, das man zu seiner Profession erwehlet hat, inseparable sind, so ist es desto bes- ser, nuͤtzlicher und ruͤhmlicher. Man mag auch wohl in zwey oder drey, bis vier, Gattungen von Studiis suchen ein Mei- ster zu werden; wie es dann z. E. weder einem Theologo, noch einem Jurist en, noch einem Medico, etwas schweres ist, zu gleicher Zeit ein guter Historicus und vernuͤnftiger Phi- losophus zu seyn; und es klinget von einem Jurist en gar schoͤn, wann man von ihm saget: Er ist auch ein trefflicher Publicist. Allein wir wissen ja, daß es nicht wenig Ge- lehrte giebet, welche sich auf zwantzig bis zwey und dreysig und noch mehr Sprachen legen, Verse darinnen machen, und prætendir en vollkommene Meister solcher Sprachen, inglei- chen von zwantzig andern Wissenschaften zu seyn; obwohl eine von der andern gar sehr unterschieden, und so beschaffen, daß fast zu einer jedweden ein eigener Mann erfordert wird. Ich meines Orts zweiffele demnach, daß es rathsam und thunlich, wann einer der Jura studir et, mit der Hebraͤischen, Chaldaͤischen, Syrischen, Arabischen, Malabarischen- und Hottentot en-Sprache sich den Kopf verwirret; oder sich allzusehr mit der Physica und Chymie vermenget; oder aber D 2 sich Vorrede. sich bestrebet, es denen alten Egyptiern in ihrer Hierogly- phi schen Schreib-Art gleich zu thun; geschweige wann man sich etwa gar bemuͤhet, ein Meister in der Steganogra- phia Sympathetica zu werden. Von so unzehligen Jdéen nun wird der Kopf confundi- r et; woraus nachgehends erschreckliche Lapsus Judicii di- scretivi entstehen. Endlich kommet eine starcke Distracti- on bey noch sehr guten Jahren darzu, und hiermit ist der Narr da. Er seines Orts bildet sich zwar wohl ein, weit mehr als sonst alle Gelehrte zu wissen, meynet auch, daß an- dere Menschen, die keine Studia haben, gegen ihn ein blosses nichts, ja wohl gar Bestien seyen. Allein er ist und bleibet ein Narr und purer Pedant, der wie ein Papagey herschwa- tzet, was er von andern gehoͤret, oder in ihren Schriften auf- geklaubet; keinesweges aber capable ist, uͤber eine vorkom- mende Materie selber ein gesundes Urtheil zu faͤllen. Academi sche Titel, wann sie tumme einfaͤltige Schoͤpfe an sich bringen, die nichts gelernet haben, thun ebenfalls eine gantz greuliche Wirckung. Denn der tumme und einfaͤltige Schoͤps, so bald er damit pranget, vermeynet, er muͤsse nun- mehro groß thun, stoltz und hoffaͤrtig seyn, mithin andere Menschen nur uͤber die Schultern ansehen, weshalb er sich solche Airs und Minen giebet, die nicht affectir ter seyn koͤn- nen. Er spricht wenig, damit er seine Jgnorantz nicht ver- rathe; es waͤre dann, daß bißweilen eine lateinische Passage, oder etliche Phrases, ihm entfahren, die er in dem Seneca, in dem Cicerone, in dem Aristotele, oder in andern alten Au- toribus Vorrede. toribus gelesen, und sie nunmehro mit grosser Autori taͤt da- her saget. Der Doctor-Licentiaten-Magister - und andere Acade- mi sche Titel, jedweder nach seiner Art und Proportion, sind, wie alle vernuͤnftige Menschen solches erkennen und beken- nen, etwas vortreffliches, und aller Ehren wuͤrdiges. Aber es muß mit der Person, die einen dergleichen Titel fuͤhret, so beschaffen seyn, daß der Titel durch ihre Geschicklichkeit, Ge- lehrsamkeit und Tugenden eben so sehr, ja fast noch mehr, als die Person durch den Titel, geehret und ansehnlich gemachet werde. Wo dieses nicht ist, sondern der Herr Doctor, der Herr Licentiat, der Herr Magister \&c. ist etwa ein Pedant, ein Toͤlpel und Esel in der Haut, der weder wahre Gelehrsam- keit und Geschicklichkeit, noch Tugenden und Meriten besi- tzet, so bedeutet sein gantzer Academi scher Titel nichts. Wer das Contrarium behaupten wolte, muͤste billigen, daß auch unvernuͤnfftigen Creaturen, vors Geld, Academi- sche Titel beygeleget wuͤrden, als wie die Universi taͤt zu Pa- dua, in Italien, bereits in dem Ruff stehet, als ob daselbst E- sel zu Doctoren gemachet wuͤrden; und daß man hernach dergleichen graduir te Creaturen vor das erkennen muͤste, worzu sie von dieser oder jener Universi taͤt gemachet worden. Aber ferne seye von uns dieses. Universi taͤten haben zwar das Privilegium von Kaͤysern, Koͤnigen u. maͤchtigen Fürsten, auch in Roͤmisch-Catholischen Landen von D 3 Paͤb- Vorrede. Paͤbsten, daß sie Doctores, Licentiatos, Magistros, Bac- calaureos \&c. creir en koͤnnen. Allein sie sollen lauter ge- lehrte, tuͤchtige, geschickte, mit Tugenden und guten Quali- taͤten geschmuͤckte Subjecta darzu nehmen; Jgnorant en, Pe- dant en, grobe und unvernuͤnfftige Leute hingegen abgewie- sen werden. Handelt man darwider, so gereichet es der ge- lehrten Welt zur Schande, und dem Publico zum Schaden. Denn man vertrauet bißweilen einer graduirt en Person ein Amt an, und vermeynet mit ihr wohl versorget zu seyn, weil sie einen Academi schen Titel fuͤhret. In kurtzer Zeit aber aͤussert sich das Widerspiel, und da leiden gantze Gemeinden daruͤber Noth. Ein sehr grosses Elend, bey dem gantzen gelehrten Wesen, ist bißhero auch wohl dieses mit gewesen, daß man sich so gar genau u. streng an die Meynungen alter Philosophorum, u. anderer laͤngst verstorbenen Gelehrten gebunden, und kein ei- genes gesundes Urtheil dargegen auf kommen noch guͤltig seyn lassen wollen. Daruͤber haben die wackersten gelehrten Maͤnner vielfaͤltig geklaget, wie auch noch gantz neulich ge- schehen, da man den hohen Geist des vor sechs Monaten er- blasseten, und zu seiner ewigen Ruhe gegangenen weltbe- ruͤhmten Thomasii in einer gewissen, uͤber seinen Todt gehal- tenen vortrefflichen Rede, auf das loͤblichste und gerechte- ste bewundert hat. Der Freyheit-liebende Thomasius heisset es in derselben Rede unter andern, trat zu einer solchen Zeit auf Vorrede. auf den Schau-Platz der gelehrten Welt, da die Welt-Weisheit, und mit derselben fast die gantze Gelehrsamkeit, durch tausend haͤßliche Larven de- rer schaͤdlichsten Vorurtheile, insonderheit des Ehransehens und Alterthums, auf das abscheu- lichste verunstaltet war. Aristoteles, Thomas, Scotus, Occam, Lombardus, Porcianus, Car- tesius, wurden, wo nicht als Philosophi sche Goͤt- ter, doch zum wenigsten als allgewaltige Monar- chen des Reichs der Welt-Weisheit angebetet. Man hatte ihren Meynungen, unverdient, die Verbindlichkeit gestrenger Gesetze beygeleget, und hielte es gleichsam vor ein Verbrechen der be- leidigten Majestaͤt, von denenselben nur eine Haar-breit abzuweichen. Vernunfft-Natur- und Sitten-Lehre waren durch die ungereimte Ver- mischung der Scholasti schen Metaphysic, nichts als ein reicher Vorrath von leeren und duncklen Woͤrtern. Der hohe Geist des Thomasius kun- te sich unmoͤglich zu einer so niedertraͤchtigen Sclaverey bequemen, und die noch so Centner- schwe- Vorrede. schweren Ketten der Pedanterey, waren nicht vermoͤgend ihn in dem tieffen Kercker der dunck- len Unwissenheit gefangen zu halten. Er risse diese Bande ruͤhmlichst entzwey; er zerbrach die Thuͤren eines unertraͤglichen Gefaͤngnisses; er er- hube sich, als ein munterer Adler, zu dem hellstrah- lenden Licht der Sonnen-klaren Wahrheit: ja, sein Lobens-wuͤrdiges Beyspiel ermunterte viele zu einer glücklichen Nachfolge. Nunmehro be- stritte er, mit fast unuͤberwindlichen Waffen, die in der Vernunfft-Lehre eingerissenen Irrthuͤmer. Nunmehro zeigte er einen gebaͤhntern Weg in scharfsinniger Erkaͤnntniß der Wahrheit gluͤckli- cher fortzukom̃en. Nunmehro widerlegte er die irrigen Lehr-Saͤtze derer Cartesianer vom Wesen des Geistes. Nunmehro entdeckte er die Maͤngel der Aristoteli schen Ethic, und that zulaͤnglichere Vorschlaͤge, die Sitten-Lehre, benebst einen ver- nuͤnfftigen Begriff von denen Leidenschafften des Gemuͤthes sich bekannt zu machen. Nunmehro continuir te er, auf den von Grotius und Puffen- dorf- Vorrede. dorffen im Rechte der Natur gelegten Grund fortzubauen suchte, insonderheit des letztern Grund-Saͤtze auf das gruͤndlichste zu erlaͤutern, und gab sich alle ersinnliche Muͤhe, diesen so unent- behrlichen Theil der Gelehrsamkeit von allen Scholasti schen Verwirrungen, vollkommen zu befreyen. Sind dieses noch nicht Zeugnisse ge- nug, welche die edlen Verrichtungen seines hohen Geistes, in Verbesserung der Welt-Weisheit un- widertreiblich bekraͤfftigen, so wird mir vergoͤn- net seyn, dieses alles mit denen sinnreichen Wor- ten des gelehrten Heumanns auszudrücken, wel- cher in der Abhandlung von der natürlichen Ge- schicklichkeit zu Philosophir en, nicht nur diejenige, welche die gütige Natur dem vortrefflichen Tho- masius mitgetheilet, mit denen Sternen erster Groͤsse vergleichet, sondern auch mit recht nach- druͤcklichen Redens-Arten von demselben folgen- de merckwürdige Abbildung machet: Was Lu- ther in der Reformation der Theologie gelei- stet; fast eben so viel hat der Herr Thomasius E gethan Vorrede. gethan in der Reformation der Philosophie. Denn wer kan wohl laͤugnen, daß er mit groͤster Hertzhaftigkeit die eingerissenen Irrthuͤmer und Pedanterey en angegriffen, die Vorurtheile so wohl derer Aristotelicker, als Cartesianer mit star- cken Waffen bestritten, die Vernunfft- und Sitten- Lehre, wie auch das Recht der Natur in eine gantz neue aber auch recht schoͤne Verfassung gebracht hat? Waͤre Thomasius nicht gekommen, so seuff- tzeten wir vielleicht noch unter dem Joch der alten Philosophie, und muͤsten uns mit leeren Schaa- len abspeisen lassen. Aber nachdem dieser den Durchbruch gemachet, so sind durch seine Schriff- ten vielen die Augen aufgegangen ꝛc. Alsdenn faͤhret der Redner noch ferner fort, zum Ruhm des Thoma- sius zu sagen: Er sahe mehr als zu wohl, daß die damals uͤbli- che Schulfuͤchsische Rhetorica die wahrhafte Ur- sache des Verderbs der nuͤtzlichen Beredsamkeit war, und daß die unrechtmaͤßige Verachtung der teutschen Sprache hierzu nicht wenig beytrug. Daher ermangelte er nicht, seines Orts alles moͤgli- Vorrede. moͤgliche beyzutragen, was zur Wiederherstellung der fast verlohren gegangenen wahren Bered- samkeit gereichen kunte. Er gab selbst zur Deut- lichkeit und Artigkeit der Rede, in denen Stun- den, so zum Unterricht der teutschen Schreib-Art aus gesetzet waren, geschickte Anleitung. Er leh- rete selbst die teutsche Redner-Kunst, und machte dabey solche Erinnerungen, welche aus dem We- sen der Beredsamkeit ihren Ursprung hatten, und mit denen Umstaͤnden gegenwaͤrtiger Zeit voll- kommen uͤberein kommen. Da wo dieser alles Lobes-wuͤrdiger Redner etwas von dem Lebens-Wandel des Welt-beruͤhmten Thomasii mit einfliessen laͤsset, spricht er: Einen hohen Geist zu besi- tzen, und die Klugheit zu leben verstehen, klüglich zu handeln und tugendhafft zu leben, sind von ein- ander so wenig abzusondern, als das Licht von der Sonnen, als der Glantz vom gediegenen Golde. Nunmehro, nach Standes-Gebuͤhr angesehe- ner und geehrter Leser! wird es auch nicht undienlich seyn, wann ich allhier mit anfuͤhre, was der zu seiner ewi- gen Ruhe gegangene weltberuͤhmte Thomasius in seinen E 2 klei- Vorrede. kleinen teutschen Schrifften No. 7. pag. 366. von der edlen Freyheit selber etwas vernunftiges zu dencken und zu lehren, ohne sich an die Meynungen anderer zu kehren, schreibet. Daselbst heisset es nemlich: „Wir sind in unserer kleinen Gesellschaft zufrieden, wann „wir unsere edle und der Vernunfft gemaͤsse Freyheit und „Ruhe erwegen, deren wir, durch den gnaͤdigsten Willen und „Befehl unsers Großmaͤchtigsten Landes-Vaters geniessen. „Denn eines Theils sind wir Lehrende vergnuͤgt, daß hoͤchst- „gedachte Se. Churfl. Durchl. allen und jeden, die sich an- „ders vor capable halten was rechtschaffenes zu lehren, oh- „ne Ansehen des Standes, und ohne Einschraͤnckung derer „Lehren gnaͤdigst erlaubet, dasjenige der studierenden Ju- „gend beyzubringen, was wir mit unserer gesunden Ver- „nunfft begreiffen, und was folglich dem gemeinen Wesen „und der Ruhe des Staats nicht zuwider ist, auch nicht zu- „wider seyn kan. Wir sind weder an Aristotelem noch Car- „tesium, weder an Galenum noch Hippocratem, weder an „ Bartolum noch Baldum, weder an Carpzovium noch Me- „vium, noch an einige andere Autori taͤt derer Philosopho- „rum, Medicorum und Rechts-Gelehrten gebunden. Wir „duͤrffen uns nicht befahren in die Haͤnde der heiligen Inqui- „sition zu fallen, wann wir uns gleich weder an den Tho- „mam noch Scotum, noch an Albertum halten; wann wir „gleich um die guͤldenen Spruͤche des Magistri Sententia- „rum des Ehrwuͤrdigsten Lombardi, uns gar nichts bekuͤm- mern, Vorrede. „mern, und wann wir uns gleich weigern, uns unter das „Faͤhnlein des Heil. Porciani einschreiben zu lassen. Wir „duͤrffen uns nicht fuͤrchten, daß man uns werde eines Cri- „minis Læsæ Majestatis beschuldigen, wann wir schon den „ Regem Philosophorum und Philosophum Regum, den „grossen Stagyriten ein bißgen auslachen, und wann wir sa- „gen, daß wir von denen Subtilitatibus Metaphysicis, denen „ Syllogismis in Darapti und Felapton, denen vier Elemen- „ten, denen qualitatibus occultis, denen Streitigkeiten de „summo bono \& de Præstantia Regni electivi und suc- „cessivi nicht gar zu sonderlich viel halten. Aus denen vorher angezogenen Passagen derjenigen Re- de, wodurch man den hohen Geist des erblasseten Thomasi- us bewundert hat, erhellet, daß dieser gelehrte Redner, eben so, wie Thomasius und andere vernuͤnftige Leute gethan und thun, es vor unbillig achten, wann man in Teutschland sich gleichsam schaͤmen wollen, in teutscher Sprache auf Universi taͤten zu lehren, oder ein Buch in solcher Sprache heraus zu geben. Ach gewißlich! Auch dieser thoͤrichte Wahn, der noch in dem vorigen Seculo gewaltig geherr- schet, hat schon manchen ehrlichen Teutschen verhin- dert, ein recht gelehrter Mann zu werden, und ein eigenes gesundes Urtheil zu faͤllen. Denn er hat keine andern als lateinische und griechische Buͤcher, die gemeiniglich schwer und dunckel sind, zu Gesichte bekommen, worinnen er wohl einen Hauffen praͤchtige Worte gesehen; den Sinn E 3 und Vorrede. und Verstand derer Autorum aber, nicht begreiffen noch dar- aus ziehen, folglich aber auch nicht davon profitir en koͤnnen. Gleichwie aber Grotius und Puffendorff, Thomasius und andere vortreffliche gelehrte Maͤnner, welche die Pe- danterey angepfuyet und angespeyet, ja sie gar mit Fuͤssen getreten, vielen Gelehrten anders nicht als nur den Namen nach bekannt sind, welche folglich ihre Schrifften nicht gele- sen, noch davon profiti ret, ja von einigen wohl gar behauptet werden wollen, es waͤren ketzerische und gottlose Dinge in Thomasius Schrifften enthalten, wannenhero sie auf keine Weise gelesen werden muͤsten, ob sie dieselben gleich selber niemals examini ret; also ist gar kein Zweiffel, daß sich auch heutiges Tages nicht noch gar viele Pedant en von der alten Art unter unsern Ge- lehrten befinden solten, und es wird vielleicht das Pedanti- sche Unkraut und verwirrte Wesen in der gelehrten Welt, noch lange nicht koͤnnen ausgerottet werden. Mit Namen will ich meines Orts keinen Pedant en noch andere Gelehrte nennen, die aus einem gelehrten Stoltz und Hoffart zu Narren worden sind. Indessen will ich doch probir en, ob ich sie characterisir en, oder denenselben solche Merckmahle beylegen kan, daran man sie gar leichtlich erken- nen mag. Ich halte nemlich vor einen Pedant en und Nar- ren diejenigen: „Der Verachtung, Stoltz und Hochmuth, wegen eingebildeter „Gelehrsamkeit, gegen andere Menschen blicken, und sich duͤncken laͤs- set, Vorrede. „set, es gebe in der Welt nicht seines gleiche, daher auch alles vor kost- „bar ja unschaͤtzbar achtet, was er redet, thut oder schreibet. Item: „Denjenigen, der aus einem gelehrten Stoltz, und aus Hoffart, „nichts anders vorbringet, als lauter Sententi en und solche Dinge, „die von andern Autoribus schon vorlaͤngst gesaget und geschrieben „worden. Ferner: „Denjenigen, der sich, um seiner Academi schen Titel willen, stoltz „und hoffaͤrtig, ja gantz und gar unertraͤglich anstellet; da man doch „weiß, daß er eintzig und allein seine Bloͤße damit bedecket, in der „Haut aber anders nichts als ein purer Ignorant ist. Desgleichen: „Denjenigen, welcher denen absurd en Meynungen derer alten „ Philosophorum, Stoicorum und Scholasticorum mit der aͤussersten „Hartnaͤckigkeit anhanget, und nicht ein Haar breit davon abwei- „chen will, ob gleich andere, zu unseren Zeiten lebende, wackere Maͤn- „ner, ja die gesunde Vernunfft selber, und die taͤgliche Erfahrung „das Contrarium lehren. Nichtweniger: „Denjenigen, der uͤber Dinge, die uns nirgendswo dentlich of- „fenbaret sind, die niemand jemals mit Augen gesehen, niemals „mit Ohren gehoͤret, niemals mit Haͤnden begriffen, niemals mit „der Nase berochen, niemals mit der Zunge belecket oder gekostet, „die folglich unmoͤglich so zu demonstri ren, daß sie der Mensch mit „seinen Sinnen, als etwas unfehlbares und vollkommen gewisses „begreiffen mag, ebenfalls mit der groͤsten Hartnaͤckigkeit disputi- „ret, und sie als etwas ausgemachtes behaupten will, auch Buͤ- „cher, ja wohl einen und noch mehr Foliant en davon schreibet. „Weiter: „Denjenigen, welcher zu wissen prætendi ret, was die vor vielen „hundert, ja ein, zwey biß drey tausend Jahren verstorbene Gelehr- „te gedacht haben, wann sie sich gleich nirgendswo uͤber ihre Ge- „dancken recht deutlich explici ret; und dann endlich: „Denjenigen, der ein verdecktes Essen und eine Pastete von Pos- „sibili taͤten hinter der andern auf den Tisch fetzet; niemals aber „etwas reell es vorbringet, das zur wircklichen Nahrung und Spei- „se, d. i. zu einem wahren Nutzen dienen koͤnte.„ Von Vorrede. Von dergleichen verkehrten Gelehrten, Pedant en, Jgno- rant en und gelehrten Narren nun, wird der nach Stan- des-Gebuͤhr angesehene und geehrte Leser eine gute Anzahl lustige Histoͤrgen, Satyri sche Einfaͤlle und merckwur- dige Discurs e in diesem Tractat aufgezeichnet finden, derge- stalt, daß ich hoffe, es werde einem die Zeit nicht lange wer- den, der sich die Muͤhe nimmet, das Buch zu durchlesen. Kein wahrer Gelehrter aber, dessen Wissenschaften mit Weisheit vergesellschafftet, der folglich eine gute und kluge Conduite blicken laͤsset, mithin ein ruͤhmliches Leben u. loͤbl. Wandel fuͤhret, hat sich nicht des geringsten anzunehmen, noch etwas auf sich zu ziehen. Solches bezeuge ich hiermit nochmals, und bin versichert, daß alle vernuͤnfftige und be- scheidene Gelehrte, von denen ich ein aufrichtiger Freund und ergebener Diener bin, die menschliche Unvollkommenheit er- kennen, auch dabey glauben, daß wir die rechte Vollkommen- heit in allen Wissenschafften nicht hier in diesem, sondern erst in jenem Leben erlangen werden. Der nach Standes-Gebuͤhr angesehene und geehrte Le- ser schencke mir seine Gewogenheit, die ich jederzeit sehr hoch halten werde. Solches bittet und versichert Der Autor, dieses zwar geringen doch lustigen Tractats. Erste Abhandlung. D Er Hochmuth ist an allen Menschen uͤberhaubt, lasterhafft und bla- mable. Aber nichts ist laͤcherlicher als ein stoltzer und hochmuͤthiger Gelehrter, welcher vermeynet, daß er einen rechten Geruch der Ge- lehrsamkeit von sich gaͤbe, der die Nasen nicht nur dererjenigen, die sich in der Naͤhe bey ihm befinden, sondern auch derer die ihn von weitem sehen oder hoͤren, mit einem balsamischen Geist an- fuͤlle; ja der durch seine hochgelahrte Gegenwart, alles parfumi re, und wohl- riechend mache. Niemand darffzweiffeln, daß nicht dergleichen abgeschmackte, von Stoltz, Hochmuth und eitlen Einbildungen stinckende, Thiere unter denen Gelehrten anzutreffen, welche sich vor Hoffart selber nicht kennen. Die Gelehrsamkeit solte zwar allemal von der Weisheit begleitet seyn, und sie zu einer treuen Ge- sellin und Gespielin haben. Allein diese ist, leider! von jener, oͤffters weit entfernet; worgegen die Narrheit und Thorheit ihre Stelle bey der Gelehrsam- keit vertritt. Denn wo der Hochmuth wohnet, da mag die Weißheit nicht residi ren, und viele Gelehrte seynd dergestalt mit hohen Einbildungen angefuͤl- let, daß sie auch wohl in dem Wahn stehen, sie seyn nicht nur vor ihre Person weit vortefflicher als andere Menschen, sondern es muͤssen auch ihre Excre- menta viel besser als eines sogenannten Ungelehrten seyn, oder auch eines andern Gelehrten, der ihnen an vermeynter Gelehrsamkeit, nicht gleich, noch mit einem Doctor-Licentiaten-Professor- und Magister oder einem andern geistlichen Titel pranget, als wie sie. Ein Exempel von einem solchen Gelehrten Narren ist einer gewissen gantzen Stadt, mir aber insonderheit bekannt, da ein sicherer, viel- leicht noch jetzo lebender, hochgelahrter Herr seine Magd, deswegen, weil sie bey hinwegtragung und ausraͤumung seines Nacht-Stuhls gesaget: Pfuy! wie stinckt das, im Zorn, und mit grosser Ernsthafftigkeit angefahren, auch A in in die laͤcherlichen Worte ausgebrochen: Mensch! was redet ihr? Das kan nicht stincken. Es gehet ja niemand darauf als ich, und ihr muͤsset wissen daß ich Doctor bin. Wie viele von Stoltz und Hochmuth gantz auf- geblasene, mit ihren Academi schen Titeln, eben wie ein Pfau mit seinem praͤchtigen Schwantze, stoltzierende Gelehrte findet man auch sonst nicht, wel- che sich nicht scheuen in oͤffentlichen Compagni en herauszuplatzen und zu sagen: Ich bin Doctor, ich bin Licentiat, ich bin Magister; Ergo, daß muß ich bes- ser wissen, wann sie gleich hoͤchst unrecht haben, und solches alle andere ge- genwaͤrtige vernuͤnfftige Leute begreiffen. Allein sie stehen in dem Wahn es gereiche einem Doctori, Licentiato und Magistro, item einem Geistlichen Herrn, zur grossen Schande, wann er der gesunden Vernunfft etwas nach- geben solte, falls er von dieser uͤberzeuget wird, und siehet, daß er sich in einer oder der andern Sache geirret. Der Name und der Titel, den sie fuͤhren, und die nach ihrer Meynung, damit verknuͤpffte Autoritæt , wollen allenthal- ben den Meister spielen, dergestalt, daß dergleichen Gelehrte Narren geden- cken, ein jeder muͤsse das Maul halten, und nur sie reden lassen. Ja, sie præ- tendi ren, man solle nichts vor gut und recht erkennen, welches sie nicht ap- probi ren; da sie doch gemeiniglich kein Judicium haben, und nichts wissen, als was andere, und zwar laͤngst vermoderte, und verfaulte, Gelehrte gesaget und geschrieben, oder nach ihrer Einbildung gedacht. Sollen sie aber selber etwas dencken reden und schreiben, was sich auf die gegenwaͤrtige Zeiten und Umstaͤnde schicket, da ist niemand zu Hause, oder es klinget alles, was sie sa- gen und schreiben, so erbaͤrmlich und elend, daß man billig daruͤber seufftzen muß. Eben daher hat der ungelehrte Koͤnig von Franckreich, Ludovicus XI. Anlaß genommen, sich uͤber die Gelehrten zu moqui ren, und zu sagen: Gluͤck- selig ist derjenige, dem unbekannt ist, was die Alten, und schon laͤngst vermoderten, gethan, geredet, geschrieben und gedacht; dem es aber doch dabey nicht an Vermoͤgen und Verstande gebricht, selber zu thun, zu reden, zu schreiben und zu dencken, was er solle. Darzu gab ihm hauptsaͤchlich der Cardinal Bessarion Anlaß, der sich an dem Koͤniglichen Frantzoͤsischen Hofe als Paͤbsticher Legat einfande, aber al- lerhand grobe Schnitzer wider das Hof- Ceremoniel begieng. Den Hertzog von Burgund, der doch, gewisser Massen ein Vasall des Koͤnigs von Franck- reich gewesen, besuchte er eher als den Koͤniglichen Frantzoͤsischen Hof, und war gleichwohl wegen derer Zwistigkeiten, welche unter diesen beyden Hoͤfen herrscheten, vornemlich von dem Pabst abgeschicket, um sie zu schlichten. Wann Wann der Koͤnig mit ihm discurir te, und die Vorstellungen des Paͤbstlichen Hofes nicht statt finden lassen wolte, citir te der Cardinal viele Passagen aus einem Griechischen Tragœdien -Schreiber Sophocle, aus dem Pindaro einem Griechischen Pœten, und aus dem Lycophron, der ebenfalls ein Griechi- scher Pœt und Grammaticus gewesen. Zwischen dem Koͤnig von Franckreich Ludvico XI. und dem Hertzog von Burgund, Carl dem Kuͤhnen, schwebete ein Streit wegen verschiedener an der Somme gelegenen Plaͤtze, welche der Koͤnig von Franckreich, Carolus VII. als der Vater Ludovici XI. dem Hertzog von Burgund, Philippo Bono, der ein Vater Carls des Kuͤhnen gewesen, ein- geraͤumet gehabt, auf daß er ihn dadurch von seiner Allian tz mit denen Enge- laͤndern abziehen moͤchte; worinnen auch Carolus VII. reussi ret hatte Sol- che Plaͤtze wolte nunmehro Ludovicus XI. eben wie heutiges Tages die Spa- nier Gibraltar, und die Insel Minorca, in dem Mittelaͤndischen Meer, wie- der haben. Weil aber der Paͤbstliche Legat, Cardinal Bessarion, die Partey des Hertzogs von Burgund hielte, citir te er, en faveur dessen vor denen Ohren des Koͤnigs, einige Verse aus dem Menander und Calimacho. Nachdem auch der Koͤnig von Franckreich declarir te, daß er mit denen Schweitzern und dem Hertzog von Lothringen, wider den Hertzog von Burgund, vereiniget bleiben wolte, so bemuͤhete sich der Cardinal-Legat, dem Koͤnig aus dem Gorgias, einem beruͤhmten Sicilianischen Advoca ten, ingleichen aus dem Platone, zu beweisen, daß solches dem wahren Interesse des Frantzoͤsi- schen Hofes nicht gemaͤß seye. Letzlich hielte Bessarion eine so lange und ver- drießliche, auch mit vielen Lateinischen und Griechischen Terminis angefuͤllete, Rede gegen den Koͤnig, daß dieser in den groͤsten Zorn daruͤber geriethe, dem Cardinal in seinen venerablen, biß auf den Nabel herab hangenden, Bart fiele, und ihm eine Hand voll Haare aus demselben rauffte; womit sich die Nego- ciationes dieses Cardinal-Legaten endigten. Wann nun Gelehrte, von der Art, grossen Potentaten vor die Augen kom- men, so, daß diese dergleichen Pedantereyen selber hoͤren und sehen, so muß man sich nicht wundern, im Fall Koͤnige und Fuͤrsten, bißweilen, eine sehr schlech- te Meynung von Gelehrten hegen. Denn, was dem Koͤnig von Franckreich, Ludovico XI. mit dem Cardinal Bessarion begegnet ist, das wiederfaͤhret noch heut zu Tage manchem Koͤnig und Fuͤrsten, daß ihm nehmlich gelehrte Leute zu Handen stossen, welche der Gnade geniessen, vor ihm zu discuri ren und zu raiso- ni ren. Ja es laͤsset sich dann und wann, ein Potentat selber mit ihnen in einen Discurs ein Allein an statt, daß dergleichen Gelehrte, zu solchen Zeiten, nur A 2 nach nach der gesunden Vernunfft raisoni ren, und sich huͤten solten nichts was dieser zu wider vorzubringen; au contrai re, durch deren Staͤrcke, einen Koͤnig, oder Fuͤrsten, von der Wahrheit dessen, was sie behaupten und reden wollen uͤber- zeugen solten, machen sie es wie der naͤrrische, mehr-erwehnte, Cardinal Bessa- rion. Discuri ren sie uͤber etwas, das doch die natuͤrliche Billigkeit betrifft, beruf- fen sie sich auf das Corpus Juris, auf die darinnen enthaltenen Institutiones und Pandect en, auf den Codicem \&c. item auf das Jus Canonicum. Faͤllet der Discurs auf andere Dinge unterlaͤsset man nicht, vor denen Ohren grosser Potentaten viele sich auf die Materie nicht reimende Paslagen aus solchen Scri- ben ten anzufuͤhren, und deren Namen dabey zu nennen, die vor ein, zwey und mehr tausend Jahren gestorben sind. Rouli ren aber die Raisonnements auf die Historie so ermangelt man ebenfalls nicht, ein halbes Dutzent und noch mehr Autores. die von dieser oder jener Sache geschrieben, zu allegi ren. O Eitel- keit! O Thorheit! O gelehrte Narrheit! Gleichwohl meynet ein solcher Ge- lehrter, der dieses thut, es bestehe sein groͤster Ruhm darinnen, und er weiß sich deswegen nicht wenig zu bruͤsten. Weil ich mir vorgenommen hauptfaͤchlich derer Gelehrten uͤbermaͤßigen Stoltz, und ihren auf eine wahre Narrheit hinaus lauffenden Hochmuth anzu- fechten ingleichen die Tummheit und Einfalt, in welche viele andere Gelehrte durch die Studia verfallen, zu zeigen wolte ich wuͤnschen, daß die Herren Geist- lichen nicht mitgetroffen, sondern gaͤntzlich verschonet bleiben moͤchten. Allein es ist bekannt, daß der Stoltz und Hochmuth auch uͤber diesen Stand seine Herrschafft gewaltig exerci ret; bey dem doch nichts als die Demuth statt fin- den und regieren solte. viele zwar wandeln in der Demuth, und es ist von ihnen aller gelehrter Stoltz und Hochmuth verbannet, weil sie mit Paulo wissen und bekennen, daß alle Gelehrsamkeit und Wissenschafften Stuͤckwerck ist. Ja, sie ruͤhmen sich weiter nichts, als dessen, was sich Paulus geruͤhmet, da er spricht: Ich ruͤhme mich nicht, daß ich etwas wuͤste, ohne allein ꝛc. Derglei- chen Geistliche nun sind hundertfacher Ehren werth. Indessen finden sich wiederum andere Geistliche, welche vor gelehrten Stoltz und Hochmuth stincken, mithin allen andern Menschen gantz unertraͤg- lich fallen. Davon wissen gewisse Staͤdte Flecken und Doͤrffer, die der Him- mel mit hochmuͤthigen Geistlichen gestraffet, ein Lied zu singen; und ich will gleich allhier nur ein einziges Exempel anfuͤhren. Es giebt viele Dorff- und andere Pfarrer, die mehr als eine Kirche und Ge- Gemeinde zu besorgen haben. Dieselbe Kirche nun, wo der Herr Pastor woh- net, heisset Mater. Die andere ist Filia, wird insgemein nur das Filial genannt- und die Herren Pastores sind oͤffters obligi rt, sich dahin zu begeben, um den Gottesdienst, und was sonst ihres Amtes ist, allda abzuwarten. Auf einem gewissen, in einem Teutschen Fuͤrstenthum liegenden, Dorffe nun, starb vor ungefaͤhr eilff Jahren der alte Pfarrer, und seine Stelle ward mit einer Person besetzet, die sich zehen Jahre auf Universitæ ten aufgehalten, auch bereits den Academi schen-Titel eines Magistri angenommen hatte. Weil er nun, gleich- wie sein Antecessor, sich nicht Dispensi ren koͤnnen, zu behoͤrigen Zeiten, auf das Filial zu gehen, und der Schulmeister, der zugleich Kuͤster gewesen ihm, wie er es bey dem verstorbenen Pfarrer gemachet, den Mantel durch seinen Sohn nachtragen laͤsset, will der neue Herr Pfarrer keinesweges damit zu- frieden seyn, sondern prætendi ret absolument, daß ihm der Schulmeister sel- ber nachtreten und den Priesterlichen Mantel in eigener Person nachtragen sol- le. Dessen weigert sich der Schulmeister, und saget es seye genug, wann er dem Herrn Pfarrer den Mantel durch seinen Sohn, oder jemanden an- ders, tragen liesse. Ihr Zanck gehet auch soweit, daß er vor das Hochfuͤrstl. Consistorium kommet, und der Herr Pfarrer wird gefraget, warum er ver- lange, daß sein Mantel durch den Schulmeister selber solle getragen werden, da doch sein Vorfahrer so lange Jahre zufrieden gewesen, daß ihm der Schulmeister den Mantel tragen lassen, es moͤchte gesche- hen seyn, durch wen es wolle? Da kommet der neue Herr Pfarrer mit seiner grossen Raison angestochen, und spricht: Mein Vorfahrer war wohl Pfar- rer; aber nicht Magister. Ich hingegen bin es, und habe noch darzu diesen Gradum auf der weltberuͤhmten Universitæt Wittenberg erlanget, wo unser seliger Vater Lutherus gelebet, gelehret, gestorben und begraben, welche Magistri, sonder Widersprechen, Zweyfacher Ehren werth seynd. Allein das Hochfuͤrstl. Consiftorium gab dem stoltzen Pastori einen derben Ver- weiß, und legte ihm auf, zu frieden zuseyn, wann ihm nur sein Mantel getra- gen wuͤrde, der Schulmeister moͤchte es in eigener Person verrichten, oder ver- richten lassen. Wiewohl der Magister -Titel hat diesen Pfarrer nicht etwa nur allein (sein Amt aus genommen) zu einem stoltzen Narren gemachet sondern es sind meh- rere in der Welt, die, ehe sie Magister worden, sehr leidliche und ertraͤgliche Leu- te gewesen; von dem Tage an aber, da sie Magister geheissen, einen gantz un- ertraͤglichen Stoltz und Hochmuth blicken lassen, dergestalt, daß es scheinet A 3 es es fahre, als wie dorten, mit dem Bissen, in Judam den Ertz-Schelm, der Teuffel mit dem Magister -Titel in einige Leute, die ihn annehmen. Ich ken- ne alte Magistros, die viertzig, funffzig, sechtzig und mehr Jahre alt sind. Die- selben wuͤnschen, daß sie diesen Academi schen Gradum und Titel nimmermehr angenommen haben moͤchten, wann sie achzehen- und zwantzig jaͤhrige Juͤng- linge damit prangen sehen, die sich vor Hochmuth selber nicht kennen. Der ge- neigte Leser verstehe mich wohl, und sehe mich nicht davor an, als wolte ich es blami ren, daß man auch junge Leute zu der Magister -Wuͤrde gelangen laͤsset. Nein, daß ist meine Meynung keinesweges. Allein dieses solten lauter sol- che Subjecta seyn, die den herrlichen Titel in Ansehung ihrer Gelehrsamkeit, wie auch wegen ihrer guten Sitten, klugen und vernuͤnfftigen Auffuͤhrung, wircklich meritir ten. Darauf siehet man, leider! am allerwenigsten, sondern pfle- get gemeiniglich alle und jede Studenten, ohne Unterscheid, welche nur, die zwantzig, dreyßig, viertzig biß funfftzig Thaler Unkosten daran wenden wol- len, zu admitti ren, dergestalt, daß oͤffters zwantzig, dreyßig, viertzig, und noch mehr Magistri auf einmal und auf einen Schuß gebacken werden, wie der Becker das Brod becket. Daß ich wahr rede, solches wissen alle und jede, die den Statum einer und der andern derer heutigen Universitæ ten kennen, und es koͤnnen, es abson- derlich diejenigen Staͤdte bezeugen, wo sich so viele Magistri befinden, daß man, im Fall der Noth, ein gantzes Corps davon formi ren, und es die Ma- gister-Esquadron nennen koͤnte. Unter solcher nun sind allerdings, gemeini- glich, nicht wenig Narren, Matzen und Lappen anzutreffen, und es ist nur noch die Frage, ob nicht die Zahl dieser die uͤbrigen, an deren Klugheit, Gelehrsamkeit und vernuͤnfftigen Conduite nichts auszusetzen, bißweilen weit uͤbertrifft. Der Unterschied zwischen einem solchen Matzen und Lappen, und einem andern Ge- lehrten Narren aber bestehet darinnen, daß dieser von wircklicher hohen Gelehr- samkeit, und vielem Wissen, zu einem stoltzen und aufgeblasenen Narren wor- den; der Herr Magister Matz und Lappe hingegen ein junges Naͤrrgen ist, das sich nur einbildet, es muͤsse etwas wissen, weil es Herr Magister heisset; da doch in der That nichts dahinter stecket, sondern lauter Wind in der Lade ist. Ich meines Orts bleibe demnach dabey, daß Eltern unrecht handeln, wann sie ihre Kinder so gar zeitig Magister werden lassen. Denn der vermeynte Meister der Weißheit schaͤmet sich hernach etwas mehr zu lernen. Gedencket, es hange die gantze Gelehrsamkeit, und alle Wissenschafften an dem Magister -Titel, und bleibet folglich, Zeit seines Lebens, ein armer Stuͤmper. Ein Ein recht fataler Gebrauch hat sich mit der Magister -Baͤckerey meli ret; und zwar dieser, daß man fast lauter laͤcherliche Carmina dabey zu machen pfle- get, so daß es scheinet, als ob man sich nur uͤber diejenigen moqui re, welche die- sen Gradum und Titel annehmen, an statt, daß man ihnen darzu gratuli ren solte. Das zeiget, wie weit diese herrllche Wuͤrde in Verfall gerathen; die aber doch allemal in ihrem hohen Werth bleibet, wann der rechte Mann damit bekleidet ist. Unter diesen laͤcherlichen Carminibus, welche auf die Magister-Promotion gemachet werden, finden sich indessen oͤffters solche, die warhafftig etwas scharff- sinniges, und ein vortreffliches Saltz in sich fuͤhren, wie seltsam sie auch lauten. Ich koͤnte deren allhier viele mit einfliessen lassen, und es waͤre nicht mal à pro- pos. Es mag aber bey einem einigen sein bewenden haben, welches ich mei- nes Orts vor vielen andern hoch halte und admiri re. Dieses kam Anno 1721. bey einer Magister-Promotion, zu Leipzig zum Vor- schein, und war in Form eines Briefes, an einen unter denen zumachenden neuen Magistris begriffenen Candidatum Philosophiæ \& Medicinæ addressi ret. Den Namen desselben will ich menagi ren, und er befindet sich nunmehro unter der Zahl derer Verstorbenen. Jedoch muß ich noch dieses zu seinem ruͤhm- lichen Gedaͤchtniß sagen, daß er warhafftig wuͤrdig gewesen Magister zu werden, zu seyn und zu heissen. Ja er war capable ehestens weiter, und hoͤher zu schrei- ten, als ihn der Tod, in der Bluͤte seiner Jahre, von der Welt risse. Der Ti- tel lautet also: a Monsieur, Monsieur N. N. ‒ ‒ ‒ Candidat en Philosophie \& Medicine, Nebst einem Kober Saal-Eyern. Franco. a Leipzic. Wohl-Edler, Wohlachtbarer, Wohlgelahrter Wohlerfahrner, wohlweiser, Viel-Ehr- und Tugend-begabter, Sittreicher, Mann und Hand-fester Hr. Magister, Nahm- Nahmhaffter, Erbarer und zuͤchtiger Jung-Geselle. S O tumm und kauderwelsch faͤngt sich mein Schreiben an, Verzeihe, wenn mir ja ein Titul ist entsprungen, Fuͤrwahr ich habe dir nichts zur Bravour gethan, Ist ja etwas versehn so straffe meinen Jungen, Der boͤse Bube hat gar vieles ausgelassen, Daß dieser Brief in sich mit Rechte koͤnte fassen. doch a propos, Monsieur, warum schreibt Er kein Wort, Daß Ihm das grosse M. ist zugeworffen worden? Mein Halle ist ja nicht ein so entlegner Ort, Der an dem Eiß-Meer liegt, zu weit hinein nach Norden Er haͤtte mir davon wohl etwas koͤnnen schreiben; Nun laß ich in der That das Versemachen bleiben. Er mag mir wohl gewiß der rechte Vogel seyn, Ja, ja, wer ihn zu erst hat von sich lassen fliegen, Der riß den Kefich selbst von freyen Stuͤcken ein. Drauf kam er unverletzt aus selbem raus gestiegen; Gewiß, ich wolte mich vor allen Leuten schaͤmen, Kein eintzig Briefgen nicht, und doch den gradum nehmen. Als ich Magister ward, da gieng es anders her; Ich habe dazumahl ein Rieß Papier verschrieben, Die Briefe flogen aus die Creutze und die Qveer, Und dadurch hatt’ ich mir manch Carmen auf getrieben, Das Porto riß mir zwar ein grosses Loch in Beutel, Allein, was schadets wohl? es ist doch alles eitel. Ach haͤtt’ Er doch das Ding auch eben so gemacht! Bey meinem Hosen-Knopff, ich wolte sicher wetten, Es wuͤrd Ihm noch vielmehr von Versibus gebracht, Die seinen Ehren-Crantz recht schoͤn besungen haͤtten; Da sitzt Matz Tasche nun in seinem blauen Hute, Und thut ihm niemand nichts auffs grosse M zu gute. Vor dieses mahl will ich Ihm diesen Streich verzeihn, Wird Er ins kuͤnfftige den Doctor -Titel holen, So soll und muß alsdenn an mich geschrieben seyn, Sonst mahlet man Ihn an mit einer schwartzen Kohlen; Durch- Durchaus Er muß mir nicht die alte Mode aͤndern, Ich mag sonst nimmermehr mit Ihm zu Coffée schlaͤndern. Doch weiter in den Text: Ich moͤcht Ihn gerne sehn In seiner reinlichen und Nagel neuen Krause; Ich weiß, das neue Kleid muß Ihm vortrefflich stehn, Und er ist gantz gewiß der schoͤnste bey dem Schmause, Die wohl gemachte Schuh, der Strumpff von klarer Seiten, Die schicken sich wohl recht zu den Magister -Freuden. Ein Amsterdammer Tuch, das laͤst vortrefflich flinck: Wie viel bezahlte Er vor die Damast ne Weste? Eine wahre Begebenheit, daß vor 6. Jahren einer in eben derselben schwartzen Damaste- nen Weste Magister worden, in der sich sein Vater trauen lassen; ingleichen, daß er sich sonst sehr laͤcherlich aufgefuͤhret. Ach mein! Er hoͤre doch, wie mirs mit meiner gieng, Sie war, so viel ich weiß, wohl nicht die allerbeste; Mein Vater hatte sich darinne lassen trauen, In dieser ließ ich mich, als Herr Magister schauen. Der Schneider machte sie zwar gut und ziemlich gleich, Nur um den Busen rum war sie zu weit gerathen Mich aͤrgerts immer noch auf den vertrackten Streich, Es gieng ein Gast hinein mit einem Kaͤlber-Braten. Mein Vater will ihn auch biß dato nicht bezahlen, Und wird ihm vor das Geld was auf die Nase mahlen. Was meinen andern Staat zur selben Zeit betraff, So schafft’ ich mir darzu auch eine Staats- Peruque, Die sahe fast so weiß, als ein geschwemmtes Schaaf, Sie war auch uͤber diß von Haaren ziemlich dicke, Und der Magister -Ring, mon Frere, der ließ recht nette, Es ist, als wenn ich ihn noch an den Finger haͤtte. Ich faste meinen Hut mit einer Espagne ein, Die war, und ist mir recht, vom allerfeinsten Golde; Was sonsten an mir hieng, das muste Silber seyn, Ich wuste, daß mir da der Vater reichlich zollte. Bey der Gelegenheit, und andern Ehren-Tagen Muß niemand nichts nach Gold und kahlen Silber fragen. B Das Das Frauenzimmer war mir auch nicht ungeneigt, Und ich erbettelte mir bald ein Dutzend Craͤntze, Davor hab ich mich auch recht genereus bezeigt, Und kauffte ieglicher ein Dutzend Zobel-Schwaͤntze, Die Jungfern geben nichts, sie wollen wieder haben, Und zwar etwas, daran sie ihre Hertzen laben. Die eine machte mir selbst manu propria Ein recht vortrefflich Paar von saubern Hand- Manchetten, Davon das Muster man auch auf der Krause sah, Moncher, du weißt es wohl, sie kamen von Brunotten, Mit dieser kont ich mich, alswie ein Ochse, putzen; Und in dem vollen Staat, trotz Hochzeit-Bittern, stutzen. Mich kannte niemand nicht in der Vortrefflichkeit, Da ich mich selber nicht in meinen Ehren kannte, Wie war mir doch sowol zu dieser lieben Zeit, Wann man mich ohngefehr, mein Herr Magister, nannte; Magister, ist das Wort, das kan mich noch erwecken, Und solt ich auch so gar schon in der Grube stecken. Wir giengen ebenfalls, wie Ihr, Gregorius, In der Procession, zu dem Magister -Schmause, Allein mir gab der Gang, gewißlich, viel Verdruß: Ich trat in vollem Putz aus dem Magister -Hause, Und sahe in die Hoͤh, wo die Posaunen blasen, Da fiel mein Narr in Dreck mit seiner weisen Nasen. Bey Tische sah ich auch so ehrerbietig aus, Als wie ein halbes Schock entzuͤckter Pietisten, Den ersten Tag gieng man von Tische gleich nach Hauß, Den andern lebten wir in allen Fleisches-Luͤsten, Moncher, Du glaubst es kaum, das war die rechte Hetze, Ich soff mich selbst so rund, wie eine Closter-Betze. Ein Viertel Jahr vorher gieng ich, zu grossem Gluͤck, Zwoͤlff Stunden woͤchentlich auf einen Taͤntzer-Boden Da lernte ich vorher manch schoͤnes neues Stuͤck, Ich tantzte Arien, Guavotten, Solo, Oden, Aimable, Menuet, d’ Alcide Czarienne, So keck und leise weg, wie eine lahme Haͤnne. In In Summa, jedermann erstaunte uͤber mich; Nichts kam mir saurer an, als nur --- ich sags nicht gerne, Die erste Musterung, da setzt es manchen Stich, Da hieß es: Knacke mir doch einmahl diese Kerne. Sub rosa, ich bestund wie Butter an der Hitze, Und kam nicht unbefleckt durch diese Marter-Pfitze. Da solt ich, dencke nur, und zwar ex tempore, Ein Quart -Blatt voll Latein und ohne Buͤcher schreiben, Gleich als wenn alle Kunst in dem Latein besteh, Da doch dergleichen Qvarck muß vor die Fuͤchse bleiben; Ist schon die Chrie nicht recht nach dem Donat gerathen, Quid tum? der Stilus bringt uns keine Wildpret-Braten. Rach diesem fragte man aus der Philosophie, Und zwar, wie Du schon weiß’t, fein nach der alten mode; Allein, was scheren mich die grauen Termini? Der Aristoteles ist lange schon marode: Die Neuen lernen uns viel besser raisoni ren, Daß man die Wahrheit kan recht aus dem Kothe fuͤhren. Dergleichen hab ich auch mein Tage nicht gehoͤrt, Wie man uus dazumahl so scharff herum genommen. Ja haͤtte man die Uhr nicht zeitig umgekehrt, Ich waͤre gantz gewiß um den Magister kommen; Wir wurden ausgehuntzt, als wie die Bettel-Jungen, Die um das liebe Brodt beym Buͤrger-Meister sungen. Der, so mir dazumahl nechst in den Ruͤcken stand, Gab gleich wie Nachbar Hanß bey guten Zeiten Feuer, Ja, dieser Weißheits-Bach floß in mein duͤrres Land, Sonst war der gute Rath auf allen Seiten theuer; Der Himmel wird dafuͤr ihm eine Pfarre geben, Darauf er, als ein Fuͤrst, nebst Weib und Kind kan leben. Man fragte auf die letzt: Was ein Sophisma sey, Und die Figur, in der man solches muͤste machen? Die Fuͤnffte sagte ich, die ist des Zweiffels frey, Darein gehoͤren ja dergleichen sieben Sachen; Und kurtz: man qvaͤlte uns, als wie die armen Hunde; Ach GOtt bewahre mich doch fuͤr dergleichen Stunde; B 2 Je- Jedoch dem Himmel sey zu tausendmahlen Danck, Es wurde diese Noth auch endlich uͤberstanden, Man schrieb uns noch dazu den schoͤnsten Lob-Gesang, Nunmehro stoͤsset mir kein Kummer mehr zu handen. Da sitz ich hoͤchst begluͤckt in meinen grossen Ehren, Und jederman will mich, als ein Orackel, hoͤren, Dis, das, und dergestalt, und eins und andre mehr, Wirst Du, mein Hertzens-Freund, auch wohl erfahren haben, Wenn man was werden will, so haͤlt es freylich schwer, Gennng, wir haben nun, was unser Hertz kan laben: Wer was bedeuten will auf dieser grossen Erden, Der muß, wie ich, und Du, auch ein Magister werden. Nunmehro fuͤhre Dich, als ein Magister, auf, Es darff durchaus nicht mehr schlecht weg, Herr Vetter heissen. Wenn Du mit andern gehst, so dencke fleißig drauff, Daß Du Dir ja nicht laͤßt die Unter-Stelle weisen: Will jemand seinen Hut nicht erst herunter ziehen, So darffst Du Dich auch nicht ums Compliment bemuͤhen. Du giengst zuweilen sonst noch auf das Biliard, Nunmehro mußt Du auch dergleichen Oerter hassen, Denn dieses schickt sich nicht, man kan auf andere Art Sich, als ein bon Esprit, bey Leuten sehen lassen; Die Coffée Haͤuser sind vor die gemeine Sorte, Und unser eins fragt nichts nach einem solchen Orte. Ich weiß, Du hast bißher Collegia besucht, Auch dieses wird sich nicht in Zukunfft vor dich schicken. Herr Bruder, glaube mir, es laͤsset gar verflucht, Wenn ein Magister soll die Lerne-Bencke druͤcken. Dein Intellectus ist durch den Magister -Orden Wie meiner, eben so, auch infinitus worden. Wem Gluͤck und die Natur auf gleiche Art versehen, Ach wuͤrcklich, da hat es gar nichts nicht zu bedeuten, Der muß schon in der Zunfft gelehrter Maͤnner stehn, Und man bewundert ihn vor allen andern Leuten; Wer die Espadille hat, und andre schoͤne Sachen, Nebst einem Trumpff dabey, der muß schon Solo machen. Wohl- Wohlan, weil Du nun mehr Magister worden bist, So will ich Dir darzu von Hertzen gratuli ren, Und wenn mein Wunsch vielleicht zu kurtz gerathen ist, So wirst Du hochgeneigt, Herr Bruder, pardoni ren, Das Gluͤcke goͤnne dir so vieles Wohlergehn, So viel als vitia in mancher Chrie stehen. Halle d. 29. Febr. 1721. M. POMPONIVS MELA, Nachbar und Einwohner zu Glaucha bey Halle P. S. J E daß dich! haͤtt ich doch das beste bald versehn Da ich die Uberschrifft will auf das Brieffgen schreiben, So seh ich eben da den grossen Kober stehn, Der darff bey leibe nicht allhier in Halle bleiben, Mon Cher, daß Du an mich fein fleißig kanst gedencken, So will ich Dir hiemit was angenehmes schencken. Ich weiß, Du wunderst Dich, was doch darinnen sey, Du haͤlst es gantz gewiß vor Enten, Wuͤrste, Schincken, Nein, dencke dieses nicht, sonst irrst Du meiner Treu, Es kommt nicht von Lion, drum darff es auch nicht stincken, Du weißt schon, was ich will mit diesen Worten sagen, Und wer es nicht versteht, mag den Herr Vetter fragen. Brich nur das Siegel auf, so wirst Du ohngefehr, Ein Schoͤckgen oder zwey gesottner Eyer finden, Du lachest uͤber mich, ach lache nicht zu sehr, Wenn Du sie besser findst, will ich mich lassen schinden, Wenn Du erfahren wirst, was sie bedeuten sollen, So kanst Du nimmermehr mit Deinem Diener schmollen. Vors erste zeigen sie von der Promotion, Daß Du, krafft dieser, seyst ein Sohn der weissen Hennen, Nunmehro wird es wohl in deinem Hause stohn, Und Dich wird jedermann ein Kind des Gluͤckes nennen, Du kanst den Trismegist Dich an die Seite setzen, Und bist ihm wie ein Ey dem andern gleich zuschaͤtzen. B 3 Be- Betrachte die Figur, nicht wahr, es faͤllt Dir ein, Daß sonst die gantze Welt sey laͤnglich rund gewesen, Allein vor dieses mahl muß sie wohl spitzig seyn. Wer zweiffelt, der kan nur Magister -Verse lesen, Wenn Eyter und Scorbut nicht einen Krancken schwaͤchen, Darff ein Chirurgus nicht mit der Lancetten stechen Du bist ein Medicus, und weißt schon, was man soll, Nechst dem, was ich gesagt, mit denen Eyern machen; Drum schließ ich meinen Brief, du aber lebe wohl! Und defendi re mich, wenn andere druͤber lachen. Es ist mir ohne dem gar vieles mißgerathen, Das, deucht mich, gar nicht taugt zu sieden und zu braten. Was soll gleich in der erst die dumme Uberschrifft, Und daß ich uͤber dieß so viel von mir erzehle, Ich bin es werth, wenn mich nur Schimpff und Schande trifft, Denn meine Feder macht, daß ich mich selber qvaͤle; Laͤßt Du den Lob-Gesang die andern Pursche lesen, So sehen sie daß ich ein Idiot gewesen. Allein, ich traue Dir dergleichen Ding nicht zu, Du wirst, was ich erzehlt, nicht allen Leuten sagen, Sonst zuͤrne nicht mit mir, daß ich dergleichen thu Wenn man mich wird um Dich, und Deinen Zustand fragen. Ein Freund haͤlt reinen Mund von seinem guten Freunde, Sonst wird der beste Freund zum allerschlimmsten Feinde. Vielleicht dencket schon mancher, der mit Lesung gegenwaͤrtigen Tractats biß hieher gekommen, daß ich zu viel schreibe, und behutsamer gehen solte. Je- doch ich bin bey mir selber uͤberzeuget, daß mich die wahren, und mit Weisheit geschmuͤckten Gelehrten, sie moͤgen Graduir te Personen, Doctores, Licentiati und Magistri seyn oder nicht, die den Statum der heutigen Welt recht einsehen und erkennen, entschuldigen und mir Beyfall geben werden. Nach denen uͤbri- gen, und absonderlich denenjenigen Murmelthieren, welche zur gelehrten Narrn-Matzen- und Lappen- Classe, wircklich gehoͤren, frage ich nichts, lache uͤber ihren Zorn, und will ihnen hiermit die Apologie eines gewissen weissen Ge- lehrten, der von der gelehrten Narrheit ebenfalls geschrieben, und vornemlich die vermeynten Gelehrten, und daher stoltzierenden, in der That aber mit we- nig nig wahrer Gelehrsamkeit und gar keiner Weißheit geschmuͤckten, sondern mit lauter Ungeschicklichkeit, Grobheit und Toͤlpeley angefuͤlleten Schul-Tuͤran- nen durchhechelt hat, entgegen setzen, welche also laulet: Es ist ein altes Teutsches Spruͤchwort: Wann man un- ter die Hunde wirfft, welchen man trifft, der schreyet. Also ist es auch dem Collectori dieses Buͤchleins ergangen. Er hat vermeynet, wann er niemand nenne, nur insgemein von dem Ubelstand rede, und die boͤsen Mores etlicher Bachan ten taxi re, so seye es genug. Aber er befindet das Widerspiel, indem sich etliche Petanten und Schul-Fuͤchse selbst nicht verhelen koͤnnen, sondern sagen: Damit stichelt er auf mich; jenes ist auf dich ge- machet. Ist es auf dich, so seye es auf dich, du wirst es am be- sten wissen. Ich meyne dich nicht. Wilst du dich selber nennen wird man dich desto besser kennen, und jedermann sagen, ich habe nichts als die Wahrheit geschrieben. Kayser Sigismundus ist ein anderer Potentat gewesen, als ihr Schul-Potentaten. Da ihm gesaget wurde: Die Leute reden Ew. Kayserl. Majestaͤt uͤbels nach, antwortete er: Was Wunder hoͤre ich? Wa- rum sollen sie nichts uͤbels reden; da wir doch uͤbels thun? Dieses sagte ein grosser Kayser. Aber unsere Scholastici, unsere Stoici, und unsere Stockheiligen, seynd mit ihrem grossen Philoso- phi schen Witz zu dieser Kaͤyserlichen Gestalt und Bescheidenheit noch nicht gelanget. Eine Hure, wann man sie schilt, was sie ist, kan es am we- nigsten leiden, sondern will sich weit schoͤner und sauberer stellen, als sie an sich selber ist. Ja sagen sie, aber er verachtet die bonas literas. Nein, meine liebe Herren! ich verachte nicht die bonas li- teras, sondern eure malos mores. Querels mea in bonos non con- venit, gaudeant hæc dici, qui non sunt tales. Vos maculas \& vibices literarum insequor. Die ihr meynet, ihr habt das Latein allein ge- fres- fressen, und wann es zum Treffen und Certament kaͤme, soltet ihr euch doch wohl wundern, daß ich auch etwas weiß, Vos, vos, vestræ Dominationes, ihr, ihr selbst seyd Ursache daran, daß bey dem ge- meinen Mann fast nichts mehr auf die Gelehrten gehalten wird, weil jederman nur allzudeutlich siehet, daß bonæ literæ, und mali mores gemeiniglich beysammen seynd. Wer weiß das Sprichwort nicht: Qui proficit in literis, \& deficit in moribus, plus deficit quam groficit. Ja, sagen sie, aber er schaͤndet den gantzen Schul- Orden, und das gantze Schul-Amt darunter doch so vie- le herrliche Leute gewesen, als Philippus Melanchton, Joachim Camerarius \&c. Ey mein lieber Schul-Fuchs! und laͤcherliches Herrlein! meinest du etwa du seyest auch ein Melanchton, oder Camerarius? Weit gefehlet. Es mangeln dir noch ein paar gute grosse Bauren-Schritte zu dieser herrlichen Lob-wuͤrdigen Maͤnner Geschicklichkeit sowohl, als zu ihren edlen Sitten und Tu- genden. Es ist wahr, wann ich sage, die Schulmeister, oder Pe- dan ten, thun dieses oder jenes, so verstehe ich freylich keine Bau- ren und keine Handwercksleute. Ich rede auch von keinen Edel- leuten und Buͤrgern, sondern ich meyne Schulmeister und Pedan- ten. Es folget aber darum nicht, daß sie eben alle gemeynet seynd, sondern nur die seynd gemeynet, die das was getadelt wird, thun. Ich werffe unter den Hauffen, wen ich treffe, der fuͤhlet es wohl. Ich nenne niemanden. Wer aber derselbe Esel ist, dem wird es sein Gewissen, und die langen Ohren, damit er so leise hoͤret, was auf ihn zielet, wohl sagen. Aber daran siehet man, daß dieser hier, und der dorten, eben die rechten Pedan ten seynd, welche ich meyne, die ihr nehmlich euer Lebtag mit eurer Dialectic zugebracht, und solche doch noch nicht, in communi vita zu practici ren wisset. Sonst wuͤrdet ihr wohl dencken koͤnnen, quod differat in definita, \& universalis locutio, \& quod indefinita non semper, \& ubique æquipol- leat universali. Also wann man sagt: Doctores Basilea facit Witte- berg berga Magistros, spricht man darum nicht, weil etwa eine saure Birne mit durchgehet, daß sie derowegen alle nichts taugen, oder, daß man nicht etwa auch auf andern Universitæten pecuniam naͤh- me, und schicke den Asinum hernach wieder in patriam. Daß es aber dich so hart verdreust, und zwar dich und den dorten allein, gleich als ob ihr die Schul-Fuͤrsten alleine waͤret, und die bonæ literæ auf euch beyden allein bestuͤnden (da doch noch wohl andere wackere Kerls unter dem Orden seynd, die ich ihrer beywohnen- den Geschicklichkeit, und guten, hoͤflichen Sitten halber billig vereh- re und hoch halte, die sich dessen aber, weil sie nicht dadurch gemey- net, auch nichts annehmen) ist ein Merckmahl, daß ihr fast hier- durch allein getroffen seyd, Ego vos non cogitavi, non tetigi, vos ta- men tangimini. Quæ ratio? aut quæ causa? vestra nempe vitia. Si taceretis, omnes vos pro optimis haberent; jam autem vestro ipso- rum indicio sicuti, sorices proditi estis, dum vestra hæc vitia, vosque tangi ostenditis. Nun sehet ihr ja, daß ich auch ein bißgen Latein kan. Hæc talia inquit Tacitus, spreta exolerescunt, si irascere, agnita videntur. Sed omnes (instas) indefinite infamas. Domine Præceptor respondeo per distinctionem inter præceptorum vitia \& officia. Si dico de tuis \& quorundam tuorum sociorum vitiis, non infamo vestrum or- dinem, nec vestra officia; sed vos illi ipsi estis, qui ordinem vestrum, qui officia vestra, per vestra vitia contemtui \& risui omnium propi- natis. Omni Musarum licuit cultoribus ævo Parcere personis dicere de vitiis. Dessen haben wir in specie Exempel genug, und zwar von solchen Leuten, die du, und jener dort, zu widerlegen viel zu ge- ring bist. Reibe dich derohalben an sie, wann du Lust hast, und nicht an mich. Denn ihre Autoritæt, als die weit uͤber die meini- ge ist, zeiget dir vielmehr als ich, daß du ein absurder Kerl bist. Und damit ich dich geschwinde abfertige, so sage mir doch, lieber! C wa- warum nennet Junius, in seinem Namen-Anzeiger, einen Philo- sophum einen gelehrten Fantasten? Lieber! sage mir doch, warum hat Rudolph Gualther, der gelehrte Schweitzer, seinen Lands- mann Glareanum einen gelehrten Narren geheissen? Warum nen- net Epictetus; beym Arriano in libris dissertationum, Scholasticum animal, quod ab omnibus deridetur, ein Scholasticus, oder vielmehr Scholhasius seye ein Thier, dessen jederman lache? wie Duarenus lib. 1. disput. annivers. cap. 3. Qui studiis literarum se dediderint, eos ad res gerendas fere ineptiores cæteris esse, quotidie experimur, Die sich auf das Studiren begeben, die sehen wie fast taͤglich daß sie zn denen Welt-Geschaͤfften viel ungeschickter seynd, als die, so nichts gelernet. Wie saget Medenemus Cretuen- sis, cum videret multos in doctrina nec modum nec modestiam te- nere? Sagt er nicht, plurimos navigare Athenas Studiorum gratia, qui primum essent sapientes, deinde fierent Philosophi, tunc progressu temporis evaderent idiotæ, Ihrer viele, die nach Athen ziehen Studierens halber, die waͤren Anfangs gar witzig. Uber eine Weile wuͤrden sie Philosophi, und endlich gar tumme Teufel, oder alberne Narren. Mit denen allen stimmet uͤberein Mich. Montigni in seinen periculis, da er schreibet: Ich habe meiner Zeit hundert und hundert Bauers- leute gesehen, die witziger und kluger waren als mancher Doctor, so daß ich lieber jenem als diesen aͤhnlich seyn wolte. Siehest du nun, mein lieber Schul-Fuchs! daß dieses eine alte Klage ist, und nicht erst von mir herkoͤmmet. Derohal- ben liebes Maͤnlein! werde nicht zornig uͤber mich, oder uͤber die braven Leute, die ich jetzt angezogen, Romsurdus, derer Frantzo- Frantzosen Virgilius, hat de vulgo pædagogorum also geurtheilet: Bey dem einmahl die Schul-Ungeschicklichkeit und Thor- heit heit ein gewurtzelt ist, hat sich eine Maladie auf den Halse gezogen, daran er schwerlich curi ret werden mag, son- dern er bleibet darinnen ersoffen. Dieses siehet man an etlichen, die von der Schulmeisterey und Pedanterey zu weltlichen diensten und Aemtern gezogen werden, daß ihnen nemlich die Schul-Paßirlichkeit noch immer an- haͤnget, und meynen, sie haͤtten annoch unter denen Leu- ten, wie Weyland unter ihren Schul-Buben, zu gou- verni ren und zu taxi ren, wollen einem jedem seine Fehler zeigen, und in anderer Leute Haͤuser scharff sehende Fuͤch- se seyn; Da sie doch in der That anders nichts sind als blinde Maulwuͤrffe. Wer koͤnte auch denen Albern alles so stillschweigend hingehen lassen, und bey ihrem Duͤnckel stille schweigen, da sie sich einbilden, es muͤsse alles, was sie thun, recht seyn, und solten sie auch die aller- lahmsten Fratzen auf die Bahne bringen, daruͤber und de lanna ca- prina sie sich doch wohl selber unter einader zu todte zancken und schreiben. Es wurtzelt dannenhero freylich die teuffelische Schul- Zaͤnckerey, und gottlose Schul- Devise; Semper contrarius esto, oder daß man allezeit wiedersprechen solle, von der Schule an, in man- chen dergestalt ein, daß sie auch hernach in andern hoͤhern Faculta- tibus, und in dem politi schen Wesen, ja im Regiment, und bey der Landes-Verwaltung, oͤffters grosses Unheil, Zerruͤttungen und Verderben verursachen, indem kein Narr dem andern nachgeben will, sondern ehe er die in der Schul- præconcipir te, o d er vorgefaste Meynungen fahren ließ, und sie nicht mordicus, wie ein flaͤmischer Hund seinen erschnappten Knochen, defendir te folglich seine ver- meynte Reputation schmaͤlerte, und von ihm gesaget werden ließ, daß es ein anderer besser als er verstuͤnde, muͤsten lieber Land und C 2 Leute Leute, ja die gantze unschuldige Christenheit, durch ihre zanck- sichtige Hartnaͤckigkeit verwirret und zerstoͤhret werden; ja gantz und gar daruͤber zu truͤmmern, zu Grunde und zu Boden gehen. Sonderlich haͤnget diese Thorheit, nechst denen Schulmei- stern, denen geistlichen Herren gar sehr an, und das um keiner andern Ursache willen, als weil diese Leute, die eine groͤssere Facul- tæt vor sich haben, am laͤngsten in der Schule bleiben muͤssen, da- her sie gemeiniglich gantz unertraͤgliche Koͤpffe bekommen, und meynen, ob haͤtten sie allen Witz laͤngst aus disputi rt, ausgegruͤbelt, und wie man sagt, in denen Kinder-Schuhen vertreten. Jener alte Heyde spricht in seiner heydnischen Theologie, wann er den einen Fuß schon im Grabe haͤtte, wolle er doch noch lernen, weil er lebe. Aber der meiste Theil unserer heutigen Theo- logorum meynen, daß, sobald sie nur die Cantzel einmahl bestie- gen, sich weiter niemand unterstehen doͤrffte, auch die Obrigkeit sel- ber nicht ihnen Lection zu geben, gleich als ob GOttes Wort, und dessen Geheimnisse, eine Sache waͤren, die man bloß und allein in denen Auditoriis Academicis begriffe. Man besehe die Historie der ersten Kirche, so wird man klaͤrlich finden, was ich sage. Denn so lange GOtt die damaligen Lehrer unter der Ruthe und in der Creutz-Schule, in dem Maͤrtyrer- Stande unter der Tyranney, Verfolgung, und dem Blut-Ver- giessen gehalten, ey da seynd sie einig in heiliger Einfalt, inbruͤn- stig in der Liebe, ja gleichsam im Stande der Unschuld verblieben, und haben GOtt in Einigkeit des Geistes, in gesamter Christli- chen Vertraulichkeit angeruffen und gedienet. Sobald sie aber von Gefahr und Verfolgung befreyet gewesen hat sie gleich der Ehr- Kuͤtzel gestochen, der Eigenduͤnckel eingenommen, also, daß sie wie andere GOttes- und der Kirche-vergessene Leute sich unter sich selbst, und zugleich die Christliche Kirche verwirret, beneidet und getrennet. Ja um eines jeden dunckeln, oder streitigen Puncts willen hat hat ein jeder gleich eine besondere Kirche, Lehre, Secte, Anhang und Benahmung haben wollen. GOtt verleyte, daß an diesem Exempel, absonderlich aber an dem Constantinopolitanischen Kir- chen-Gezaͤncke, so gleichsam ein Vorbote gewesen desselben herrli- chen gantzen Reichs Untergangs, und der Tuͤrckischen Sclaverey worein es gerathen, auch wir heutiges Tages uns spiegeln, und bey Zeiten dem, vor der Thiere bißhero gelauerten, nunmehro aber gantz augenscheinlich herein dringenden allgemeinen Unheil und Verderben, mit wahrer Christlicher Busse, Demuth, Einig- keit, Liebe und Vertraͤglichkeit zuvor kommen! Es ist ein vor allemal gewiß, daß man ausser denen Trivial Schulen, allwo man mehr als den Unterricht im Christenthum geniesset; item Lesen, Schreiben, Rechnen; und dann ferner einen Casum und Terminum verstehen lernet, nicht allemal nach Wunsch reussi ret. Diese nun seynd die hoͤhern Schulen, Gymna- sia und Universitæ ten; vornehmlich aber diese Letztern. Wer ein excellentes Naturel hat, starck am Geiste ist, ein herrliches Judicium, und eine gluͤckselige Memoriam besitzet, dessen Hertze zu keinem Stoltz und Hochmuth inclini ret, in dem auch eine bescheidene vernuͤnfftige Auffuͤhrung, und im uͤbrigen Lust, nebst ei- nem starcken Trieb zum Studieren stecket, der mag sich gratuli ren, wann ihn seyn Leit-Stern auf Universitæ ten fuͤhret. Er wird gewißlich ein gelehrter, weisser, kluger und geehrter, ja recht admirabler Mann. Mit dem es aber anders be- schaffen ist, der bleibe davon. Denn einer, welcher eine herrliche Memoriam, und kein gutes Judicium besitzet anbey aber zum Stoltz und Hochmuth inclini- ret, der wird ein gantz greulicher und unertraͤglicher gelehrter Narr. Eben so ge- het es denenjenigen, bey welchen Judicium und Memoria zugleich gut, die aber sonst schwach am Geiste, folglich incapable sind, die mit denen Studiis verknuͤpffte Fatiguen zu ertragen. Gantz erbaͤrmliche und elende Leute, hingegen werden vollends aus denenjenigen, welchen sowohl das Judicium als die Memoria ge- bricht, und die noch darzu keine Lust zu dem Studieren haben, sondern bey denen Haaren darzu muͤssen gezogen werden. Aus diesen werden Stock-Narren, Ertz- Matzen und Lappen, ja rechte Schand-Flecken derer Gelehrten, die theils in Ansehung ihrer stoltzen Einbildungen, theils in Betrachtung der grossen Einfalt und Tummheit, die sich, statt der Weisheit und wahren Gelehrsamkeit, ihrer Sinnen bemaͤchtigen, der gantzen Welt zum Spott und Gelaͤchter dienen. Was am meisten, dieser Leute halber, zubejammern und zu beklagen, ist die- C 3 ses ses das die tummen und einfaͤltigen Gelehrten, die gar keine Gaben zum Studie- ren gehabt, als man sie darzu bestimmet, oder bey denen Haaren darzu gezo- gen, hernach gemeiniglich mit Schul-Aemtern versehen werden. Aber O Him- mel! wie ungluͤckselich ist nicht eine Gemeinde, es seye in Staͤdten, oder in Fle- cken, oder auf denen Doͤrffern, deren Schulen mit solchen Narren bestellet sind. Was formi ren und machen diese anders als wiederum andere Narren, aus allen Zuͤchtlingen und Lehrlingen, die in ihre Haͤnde gerathen? dergestalt, daß man sich nicht wundern muß, warum so viele Narren in der Welt verhan- den. Roctores und andere Schul-Bediente solten indessen die Quintessence von gelehrten, weissen und klugen Maͤnnern seyn. Dann das, was nicht nur El- tern sondern gantze Commun en, Staͤdte Republiqu en, Staaten und Lande vor das kostbarste, vor das hoͤheste und wertheste, ja vor unschaͤtzbar halten, nem- lich die Kinder, werden ja ihren Haͤnden anvertrauet. Auf die getreue und ge- schickte Information aber, so sie von ihren Præceptoribus und Lehrern geniessen, kommet ja, gemeiniglich, nicht nur ihr zeitliches Gluͤcke und Wohlfarth, son- dern auch vielmals daß Heyl der Seelen und die ewige Seligkeit an. Der Methodus, oder die Lehr- und Unterrichtungs-Art, auf vielen sol- chen Schulen, wo man die denen Studiis gewidmete Jugend præpari ret, auf Universitæ ten zu ziehen, ist ohne diß so beschaffen, daß schon viele rechtschaffe- ne Leute daruͤber geseufftzet und noch jetzo seufftzen. Sind nun vollends die Stellen derer Lehrer mit Narren und Pedan ten besetzet, was vor ein groͤsseres Ungluͤck koͤnte sich wohl vor die studierende Jugend ereignen. Wer aber keine Gelehrsamkeit, keine Weißheit, keine Klugheit, keine loͤbliche Auffuͤhrung und keine guten Sitten mit auf Universitæ ten bringet, der kan versichert seyn, daß er auch von allem dem nichts mit sich hinweg nehmen wird. Bringet hin- gegen ein junger Mensch einen solchen weichen Schatz mit sich, wann er auf Universitæ ten anlanget, und hat nicht das Ungluͤck unter die Raͤuber und Moͤr- der, das ist unter boͤse und liederliche Gesellschafften zu gerathen, der kan ver- sichert seyn, daß er mit seinem Pfund wuchern, und weit reicher von dannen ziehen wird, als er angelanget ist. Der geneigte Leser erlaube doch, daß ich allhier mit einfließen lasse, was verschiedene brave Maͤnner schon lange vor mir, von uͤbel eingerichteten Schu- len, und denen darinnen seyenden verkehrten Lehrern oder Pedan ten, geschrie- ben haben; wiewohl ich auch meine eigene Gedancken damit vermischen, und allenthalben, wo ich es vor gut befinde einen Zusatz machen werde. Ich pro- te- testi re aber nochmahls, das brave, loͤbliche und ruͤhmliche Maͤnner oder wahr- hafftige gelehrte, und dabey weise Rectores, Schulmeister und andern Schul- Bediente, keinesweges damit gemeynet sind, sondern diese bleiben einmal wie das andere in ihrem inæstimabl en Werth. Atyenaus stellet die alten Schul-Fratzen und Pedanterey en aus dem Co- mœdi en-Dichter Epicrute vor, da zwey Personen, also mit einander reden- de aufgefuͤhret sind: A. Lieber! Was machet Plato, Spensippus, und Menedemus? wo hal-„ ten sie sich auf? Was dichten sie gutes? Wann du etwas neues von ihnen aus„ Athen mitbringest, so seye hiermit gebethen, und erzehle es uns auch.„ B. Das thue ich gerne. Ich sehe in dem Panatheo, auf der Academie, „ eine ziemliche Heerde Studenten bey einander, da meynete ich, wunderseltsame„ Dinge und unaufloͤßliche Dunckel-Reden, zu hoͤren. Sie urtheileten und rede-„ ten von aller Dinge Natur, von dem Leben derer Thiere, von derer Baͤume„ Art, vom Unterschied derer Kraͤuter und Pflantzen. Insonderheit forscheten„ sie unter einander, unter welches Geschlecht die Kuͤrbsen gehoͤrten?„ A. Und was beschlossen sie dann endlich daruͤber?„ B. Anfangs erstummeten sie alle uͤber diese Frage, und gedachten ihr eine„ gute Zeit mitniedergeschlagenen, oder gebogenen Haupte nach. Hernach trat„ einer unter ihnen auf und sprach, der Kuͤrbis seye eine Art von einem Kappes-„ Kraut, weil er rund waͤre. Ein anderer zehlete ihn vollkommen unter die„ Kraͤuter; bald aber wieder ein anderer unter die Baͤume. Dabey war eben„ ein Siciliani scher Medicus gegenwaͤrtig, der diesen aberwitzigen Grillen zuhoͤ-„ rete, und vor lauter Lachen einen lauten starcken Bauch-Wind fahren ließ.„ Hieruͤber erzuͤrnete sich das gantze Auditorium, und ein jeder schrie man spot-„ te ihrer. Plato hingegen ließ sich nichts anfechten, hieß seine Schuͤler fort-„ fahren, und machte, daß sie wieder auf ihr voriges Gezaͤncke fielen, gleichwie„ eine Katze auf ihre Fuͤsse. Endlich wurde doch nichts beschlossen, sondern es„ gieng ein jeder mit seiner Meynung davon.„ Die Beschreibung Petronii Arbitri, von einem Schul-Schwaͤtzer, lau-„ tet wie folget: Dieses waͤre noch leidlich, wann sein Geschwaͤtze einen auf„ den rechten Weg zur Wohlredenheit fuͤhrte. Nun bringet aber dieses Wort-„ Gepraͤnge und Wort-Geraͤusche, ihnen keinen andern Nutzen als diesen, daß,„ wann sie ausserhalb denen Schulen, vor denen Leuten, und vor der Gemein-„ de- „de, redeu sollen, sie erschrecken, gleich als ob sie unversehens in eine fremde und „neue Welt entzuͤcket waͤren. Derohalben halte ich davor, daß die Jugend in „Schulen gantz naͤrrisch und laͤppisch werde, weil sie gar nichts siehet, noch „hoͤret, wie es in der Welt zugehet, oder was der gemeine Lauff mit sich brin- „get, sondern allein laͤcherliche Themata und vortraͤge, darinnen von Meer- „Raͤubern gehandelt wird, wie sie mit Ketten an dem Ufer stehen, und von „Tyrannen, welche denen Kindern gebieten, ihre eigene Eltern umzubringen. „Weiter anders nichts, als Honig-suͤsse Wort-Kugeln, uͤberzimmete und „uͤberzuckerte Reden. Alle diejenigen, die bey solchen Dingen auferzogen „werden, koͤnnen eben so wenig witzig seyn, als einer, der die heimlichen Gemaͤ- „cher ausraͤumet, wohl riechen kan. Jacobus Sadoletus spricht vom Schul-Leben: „ Mit dieser Manier zu „unterweisen wird alle Gutartigkeit, und Tugendhafftigkeit, aus dem Ge- „muͤthe verschlagen und verderbet, und koͤmmt nichts anders heraus als mur- „rische, unleutselige und schwehrmuͤthige Leute, die nicht allein andern, son- „dern auch ihnen selber beschwerlich, an allen Sachen verzagen, kleinmuͤthig, „Licht-scheu, einsame Winckel-Schlupffer, und bey der Gesellschafft laͤcherlich „seynd, die da kein freyes und freudiges Gemuͤthe tragen, sondern, den Kopff „stets voller Unlust, und grosser Gedancken, von kleinen unnuͤtzen Dingen ha- „ben. Was kan aber der Tugend, Erbarkeit und Großmuͤthigkeit nachtheili- „ger seyn als eben dieses. Man hoͤre was Johannes Sturmius saget: „ Es ist ein laͤcherlich Ding um „einen gelehrten, wann er stoltz, aufgeblasen und murrisch ist, im Fall man „anders einen solchen Menschen einen Gelehrten nennen darff, welcher mit der- „gleichen Gebrechen behafftet. Wiewohl es ist nicht ohne, daß nicht schier „unter allen hohen vornehmen Leuten dergleichen zu finden, als unter denen „Rednern Erutius, Curtius, Mamerius, unter denen Pœ ten Marsus, Zoylus, „Chæilus; unter denen Senato ren Valgula, Asellus, Mencius. Indessen kan „niemand stoltze Schulzaͤncker, und murrische ungeschickte Duͤnckel ansehen, „der nicht lache wegen ihres laͤcherlichen Wesens, oder traurig werde derer „herrlichen Studi en halber, die an ihnen verlohren seynd. Thomas Overburius mahlet einen unartigen Schul-Monarchen auf diese Weise ab: „Er tritt nach der Tabulatur einher. Mit der einen Hand scandi rt „er Verse, und mit der andern haͤlt er seinen Schul-Scepter. Es duͤrffen ihm „keine Gedancken in den Sinn kommen, da nicht der Nominativus Casus das Ver- Verbum regiert. Er hat Zeit seines Lebens keinen Sinn oder Meynung:„ denn er gehet allein mit Worten um. Alle seine Ehre suchet er im Criticismo „ und seine Exempel im Nizolio. Seine Phrases elegi rt er nach dem Thon„ und Wohllaut derer Sylben. Die acht Partes Orationes sind seine Famuli. „ Kurtz: Er ist ein Heteroclytus. Denn er hat keinen Pluralem numerum, son-„ dern nur die singularem qualitatem derer Worte. Macht er in diesem keinen„ Solæcismum; so ist doch sein gantzes Leben anders nichts als ein continuus„ Solæcismus „ Ein gewisser vornehmer Mann, und grosser Gelehrter schreibet: “Schul-„ Fuͤchse sind die allergroͤssesten Symplicia unter allen Kraͤutern, gantz unge-„ saltzene, und ungeschmaltzene, Stock-Fische und Blaͤche zu allen Sachen ver-„ drossen und unwillig. Sie lernen lange Jahre und Tage, und begreiffen„ doch nichts. Gleichwohl duͤncken sie sich grosse Meister der Klugheit, ob sie„ schon auf der Welt nichts koͤnnen als Worte machen. Wann man ihnen„ begegnet, moͤchte man allemal eine Hand voll Wermuth in das Maul neh-„ men, damit man derer tiefsinnigen Herren nicht lache. Gruͤsset man sie, sobe-„ dencken sie sich, ob es ex rei literaria utilitate seye, daß sie antworten, die Hand„ bieten, oder beyde zugleich bieten sollen? Alsdann ergreiffen dieselben das Huͤt-„ lein mit voller Hand wo es am hoͤchsten ist, drehen es eine Weile vor dem Maul„ in den Haͤnden herum, und machen andere tolle Geberden mehr. Sitzen sie„ bey einem uͤber Tische, so koͤnnen sie vor tieffen Gedancken nicht zu reden„ kommen. Fragt man sie etwas, so schweigen sie eine Weile stille. Hernach„ bringen sie wenig vor, und das sich noch darzu eben so auf die Frage reimet,„ wie eine Faust auf das Auge; oder sie sagen auch wohl gar nichts. Mercken sie,„ daß man ihrer nicht wahrnimmet, so stehlen sie sich geschwinde von der Gesell-„ schafft hinweg, und wischen zum Loche hinaus, das der Maurer, oder Zim-„ mermann offen gelassen hat.„ Ein anderer spricht von denen Pedanten: “ Sie haben es mit ihrem„ ungeschlachten Wesen, und unzierlichen Sitten, dahin gebracht, daß das„ gemeine Volck mit Fingern auf sie deutet, darum nennet sie Epictetus ein„ Thier, dessen jedermann lachet. Ihres Gebrauchs wegen, den sie haben,„ auch denen geringsten Dingen, sehr tief, und gleichsam mit Verwunderung,„ nachzusinnen, anbey in dieser ihrer Stockfischerey sich bereden, ob seyen sie al-„ leine witzig, heisset man sie Fantasten, und es ist der Name eines Philosophi „ dermassen verachtet, daß man auch, im Schertz und Ernst, denselben ei-„ D nem „nem jeden Narren anhanget. Schul-Fuͤchse, welche die alten Scholasticos „genennet, sind nichts anders als diejenigen, welche sich taͤglich in Schul- „Staube herum weltzen, wie ein Fuchs in seiner Hoͤle. Calmaͤusser werden „sie daher genennet, weil sie in der Schule die Federn zerbeissen, eben so, wie „die Maͤusse alles zu zernagen pflegen. Noch weit laͤcherlicher, als alles bißherige, klinget eine andere Beschrei- bung von einem Schul-Fuͤrsten, die ich an einem gewissen Orte gefunden. „Er „ist, heisset es, das Haupt seiner Laͤuse, ein ernstlicher Regent, und lachet nicht, „wann er schon saͤhe einen auf einen Butterweck, oder Butter-Strietzel, da- „her reiten. Er ist ein Fuͤrst aller Fuͤrsten. Denn ohne ihn haͤtten die an- „dern Fuͤrsten keine Menschen zu Unterthanen, sondern nur Bestien. Also „machet er denen Buͤrgern Obrigkeiten, und denen Obrigkeiten Buͤrger. Er „ist der vornehmste und erste Stand des Regiments und gemeinen Nutzens. „Denn jedermann muß zum ersten unter seinen Stab kommen, und er ur- „theilet uͤber einen jeden ohne Appellation oder Widersprechen. Sein An- „sehen weiß er meisterlich zu erhalten. Wann er unter seine Soldaten tritt. „muß es gleich vor seiner Majestaͤt ein Erdbeben geben, und alles erzittern. „Kommen etwa fremde Leute zu ihm, so muͤssen geschwinde die Ubelthaͤter, so „das gantze Jahr durch etwas begangen, zu einem Exempel seiner ritterlichen „ Justi tz geschmicket seyn. Seine Discipuli seynd, gegen ihm zu rechnen, was „die uͤbrigen Pœten gegen ihrem Ur-Altvater Homero seynd, die man zu seinen „Fuͤssen abmahlet, dergestalt daß sie alles auflecken, was dieser kotzet. Er ist „oͤffters nicht so gluͤckselig, daß er Kinder habe, weil er mit anderer Leute Kin- „dern so umgehet als ob sie von denen Baͤumen fielen, wie die Gaͤnse auf ei- „ner gewissen Schottlaͤndischen Insel. Zu einem Schuster ist er verdorben. „Denn er hat nicht mehr als einen Leisten, uͤber den er alle seine Buben span- „net. Aber zu einem Feld-Obristen ist er eine erwuͤnschte Person, weil er derer „Schuͤtzen gewohnt, und die Schuͤsse wohl erleiden kan. Auch hat er taͤg- „lich das Paucken-schlagen zum Besten, wann er seinen Schuͤlern den Hinter- „sten auspaucket. Er ist der aller kunstreicheste. Denn er hat alle Kunst-Loͤ- „cher durchgucket, und weiß aller hintersten Beschaffenheit; nur seinen hat er „nie gesehen. In jedermans Augen kan er einen Balcken erstechen, so lange er „selbst dafuͤr stehet. Es ist ihm wie einem Haus-Hund, der niemanden unan- „gebellet voruͤber gehen lassen kan; nicht daß er Ursache haͤtte zu bellen, sondern „nur, weil er von Natur und aus Gewohnheit bellen muß. kommt man ihm „auf seinen Mist, so suchet er alles herfuͤr, einen zu versuchen und zu exami- ni- ni ren, ob man auch so geschickt seye als er? Fehlet einer nun an dem gering-„ sten Woͤrtlein im Donat, so hat er schon die Reputation bey ihm verlohren.„ Warlich! warlich! saget er, es ist nichts mit ihm. Er zerschmeltzet„ vor mir wie Schnee und Butter in der Sonnen. Er schwuͤhre einem„ theuren Eyd darauf, man muͤsse nur darum studiren, daß man den Donat „ und die Grammatica vollkommen, ja wie ein Vater Unser, auswendig herzu-„ sagen wisse, und im uͤbrigen viele speculiren de Theorie besitze. Mit dem es„ anders bewandr, der ist in seinem Augen ein veraͤchtlicher tummer Esel. Da-„ hero kommet es, daß er jedermann auslachet, und wieder von jedermann aus-„ gelachet wird. Allein er ist denen andern darinnen uͤberlegen und reicher als„ sie, weil die andern nur einen Narren an ihm alleine haben, er aber alle an-„ dere, ausser seinem Stande vor Narren haͤlt; wiewohl das Gewicht seiner„ Narrheit die Menge derer andern wohl uͤberwiegen koͤnte, dergestalt, daß es„ ein grosses Wunder ist, wann ein witziger Mann aus seiner Schule koͤmmt,„ weil er unter allen seinen zuhoͤrern, der groͤste Narr ist, nur ein gemeiner Narr„ aber sonst schon zehen Narren machet. Die Lateinische Sprache haͤlt er so„ hoch, daß er bloß darum nicht bey Hofe seyn mag, weil man nicht Lateinisch„ daselbst redet. Ja ich zweiffele nicht, er solte sich des ewigen Lebens verzey-„ hen, wann er wuͤste, daß daselbst kein Latein geredet werden wuͤrde. So„ offt er des Aristotelis Opera in die Haͤnde bekoͤmmet, faͤnget er selbst an zu„ zweiffeln, ob er biß hieher eine vernuͤnfftige Creatur gewesen. Er beweinet„ anbey das grosse Elend des menschlichen Geschlechts, und daß nicht alle sol-„ cher hohen Geheimnisse der Vernunfft theilhafftig werden koͤnnen, sondern,„ wie er zu reden pfleget, als das unvernuͤnfftige Vieh ohne Verstand dahin„ lebten.„ Es ist wahr, geneigter Leser! daß Hertze moͤchte einem Weinen, wann man bißweilen zuhoͤret, woruͤber auch Schulen und Univeisitæten disputi ret nnd gestritten wird. Ja ein vernuͤnfftiger Bauer begreiffet es, daß es oͤffters lauter nichts-wuͤrdige Grillen seynd, womit man nur die edle Zeit verder- bet. Daher hat Thomas Gartzion in seinem Buch, genannt der Schau- Platz aller Kuͤnste, nachdem er erstlich denen rechtschaffenen Schul-Maͤn- nern ihr gebuͤhrendes Lob beygeleget, Anlaß genommen, im vierdten Discurs von denen unartigen, und eingebildeten Gramaticis also zu reden: Dargegen finden sich auch etliche, von denen ich nicht viel gutes zu sa-„ gen weiß, stehe auch an, ob ich sie unter die Grammaticos, oder unter die pu-„ D 2 ren „ren Pedan ten rechne; ungeachtet es lauter reine Grammatici seyn wollen. Die- „ses sind die, welche einen gantzen Tag auf dem Marckt, oder in einem La- „den, oder sonst bey einer Gesellschafft gelehrter Leute stehen und disputi ren, „ja sich um geringer und nichtiger grammaticali schen Sachen willen zancken, „mit vollem Geschrey und Eyfer, als wann Leib und Leben daran gelegen waͤre, „wodurch sie jedermann die Ohren so voll fuͤllen, daß sie auch einen Schmidt „bey seinem Amboß uͤberdruͤßig und beschwerlich seyn moͤchten. Da schweret „man bey dem Polluce und Hercule, ja bey allen Goͤttern; da doch manchmal „nur darum zu thun, ob man die Buchstaben Y. und Z. nur allein im Grie- „chischen, oder auch bey dem Latein gebrauchen solle? Ob man die animam Ari- „stotelis, die er Entelciam nennet, mit einem d. oder t. schreiben solle? Ob „ H. auch ein Buchstabe seye, oder nur eine nota aspirationis? Ob man des „Buchstabens X. beduͤrffe oder nicht? allermassen man vorzeiten an statt des- „selben c s gebrauchet, und pacs, lecs, geschrieben, da man jetzo pax und lex „daraus gemachet. Item, ob der Name Ulysses mit einem X. oder mit zweyen „ fl. solle geschrieben werden? Ferner ob nur drey partes orationes sind, nem- „lich Nomen, Verbum und Conjunctio, wie Aristoteles und Theodorus wol- „len? oder ob deren viere, wie die Stoici vorgeben, welche die Articulos von „denen Conjunctionibus unterscheiden? Item ob man die andern, welche lan- „ge hernach darzu seynd gesetzet worden, auch vor partes orationes halten „solle? wie Aristarchus und Palæmon solches haben wollen. Ingleichen, „ob derer Pronominum funffzehen? wie Priscianus will, oder deren noch mehr „seynd? wie Diomedes und Phocas prætendi ren. Weiter, ob man auch „doppelte Buchstaben doͤrffte gebrauchen, als in denen Worten, causa, reli- „gio, \&c. da etliche Schreiben caussa, relligio? oder, ob es genug an einem s. „und l ? und was dergleichen Sachen mehr seynd, als Accentus, Puncta, Or- „tographia, Pronunciatio, die Form, und Figur derer Buchstaben, Ftymolo- „gia, Analogia, Præcepta, Regulæ, Declinationes, Modi significandi, Mu- „tationes Casuum, Varietates temporum \&c. daruͤber sie mit grossen Ernst „und Eiffer halten, und billig von Luciano Samolatensi, in einem sonderlichen „Buͤchlein, welches er vom Streit derer zwey Buchstaben S. und T. geschrie- „ben, ausgelachet werden. Desgleichen von Andre Salernitano, welcher das „ Bellum Grammaticale, oder den Feder-Krieg derer Gramaticorum, gar ar- „tig, solchen naͤrrischen Grammatieis zum Spott geschrieben. Nebst diesen „seynd auch andere, die wollen gar gute und reine Grammatici seyn. Messala „hat von jeden Buchstaben ein besonderes Buch geschrieben. Beroaldus will „den Servium, geringer Sachen halber, in die Schulen verweisen oder schi- cken cken. Lucinius schilt den Vettium, daß er sich mit Sabinischen Prænestini „ schen und Tusci schen Woͤrtern beholffen habe. Asinius Bollio will dem Tito„ Livio Schuld geben, er nehme den Landsmann zu sehr mit, und wolle auch„ in denen Worten gar zu Paduani sch seyn. Palæmon will gar an den Marcum„ Vatronem, um geringer Grammaticali schen Sache willen. Quindilianus will„ dem Seneca einen Kuͤchen-Schilling geben, dieweil er, in geringen und kur-„ tzen Sententiis, die Krafft und den Nachdruck etlicher Woͤrter vernichtet.„ Valla zeucht allen Grammaticos, die vor ihm gewesen, uͤber die Banck, und„ wird vom Muncinello, und Poggio, wieder heruͤber gezogen. Uber diese fin-„ den sich noch etliche andere Pedanten und Schul-Fuͤchse welche, um ihrer qua-„ litæ ten willen, billig bey jederman verhast seyn sollen. Daß siehet man an„ dem eigensinnigen und Hirnschelligen Domitiano (NB. Domitianus à Domi-„ tor \& anus) so die Buben nur bey dem hintersten aufzaͤumet, der zu Rom ein„ Schulmeister gewesen, und an dem unbescheidenen Orbilio (Orbilius quasi„ orbis bilis, die Galle, die Geissel, die Ruthe, oder der Zorn der Welt) der„ zur Zeit Ciceronis zu Benevento ein Schulmeister gewesen. Item an Rhen-„ nio Palamone, welcher ihm duͤncken ließ, es waͤren die freyen Kuͤnste mit ihm„ aufgekommen, und wuͤrden auch wiederum mit ihm absterben. Ferner an„ Lionide, der ein Pædagogus Alexandri gewesen, und wie Diognes Babyloni-„ cus schreibet, dessen Gemuͤthe in der Jugend zu allerhand Untugenden ange-„ fuͤhret; und an einem Andern, welchen Crates, der Philosophus, mit Faͤu-„ sten geschlagen, weil er einen ihm anvertrauten Knaben, in seiner Jugend ver-„ derbet hatte. Was solle ich sagen von etlichen boͤsen Laͤster-Maͤulern, wel-„ che alles wollen tadeln, reformi ren und critisi ren. Einer schilt den Plato-„ nem, daß er keine Ordnung haͤlt in seinen Schrifften. Der andere sagt„ vom Virgilio, er habe den Theocritum und Homerum beraubt, ausgeschmier-„ ret, ja wohl gar geschunden. Ein anderer sagt vom Cicerone, daß er auch„ nicht die beste Ordnung uͤberall gehalten habe. Ein anderer will an den Sa-„ lustium, daß er zu sehr gezwungen sey. Ein anderer schnurret den Terentium „ an, daß er seine Comœdien von Labeone und Scipione gebetelt. Macrobius „ muß auch ein undanckbarer und unverschaͤmter Geselle seyn, Plinius ein Luͤg-„ ner, und Ovidius von Eigen-Ruhm stincken. In Summa, es gehet keiner„ voruͤber, der ihnen nicht muß herhalten, und sich von ihnen lassen meistern.„ Was soll ich sagen von dem naͤrrischen Hochmuth etlicher, welche, damit sie„ Aufsehens maͤchen moͤgen, mit einem Spruch, welchen sie aus dem Cice-„ rone, oder aus einem Pœten auswendig gelernet, aufgezogen kommen. Die-„ D 3 sen „sen reciti ren exponi ren und glossi ren sie mit magistrali scher Kunst, daß denen „Zuhoͤrern die Ohren schwitzen moͤchten. Solte man ihnen nicht billig entge- „gen ruffen. O Coridon! Coridon! quæ te dementia cepit! O Coridon! Coridon! Wie sticht dich doch der Narr und Geck so gar sehr! „Bißweilen kommen sie auch, wann sie die Andacht sticht, mit einem „Spruch aus heiliger Schrifft einher getreten, und machen seltsame Glossen „daruͤber, daß man auch Kroͤten damit vergeben moͤchte. Was solle ich sagen von „wunderseltsamen Prosopo pœiis, mit welchen sie herrein gepranget kommen, „als haͤtten sie alle Kuͤnste gefressen. Da koͤmmt bißweilen ein Perottus, ein „ Catolicius, ein Despaucerius, ein Mancinellus, ein Priscianus ein David Bri- „tannus, ein Augustinus Pathus, ein Adamus Trajectensis, ein Magister Telbe- „ne, ein Terentius, ein Scopus, und andere dergleichen gelehrte Leute mehr „von welchen sie hier ein wenig und dort ein wenig heraus geklaubet. Wann „man ihnen das Ausgeklaubte abkauffete, wuͤrden sie hernach stumme Hunde „seyn. Cantalicius der spottet eines solchen Pedanten, welcher Branchidus ge- „heissen, gar artig, mit nachfolgenden Versen: Dum legit in Cathedra sapiens Branchidas Poëtas Allegat semper pro Cicerone Phocam. Branchitas ein sehr weiser Mann, Die Pœten schoͤn lesen kan. Soll er aber Tullium nennen, So thut er nichts als Phocam kennen. „Wie viel besser und zutraͤglicher waͤre es, daß an solchen Gesellen der „Wunsch des Quintiliani erfuͤllet wuͤrde, da er saget: An denen Fædagogis „ und Schulmeistern moͤchte man dieses am hoͤchsten wuͤnschen, daß „sie entweder recht gelehrt waͤren, welches sie ihnen auch am meisten „sollen lassen angelegen seyn, oder daß sie zum wenigsten wuͤsten, daß sie sie nicht gelehrt seynd. O wie wohl redet Quintilianus! Denn es ist kein„ schaͤndlicher Ding in einer Schul, als wann der Præceptor sich nicht kennet,„ und sich duͤncken laͤsset er seye gelehrter als er ist, koͤnne auch seine Knaben gar„ bald klug und gelehrt wachen. Von einem solchem Duͤnckel sagt obgemeld-„ ter Candaticius, welcher auch ein Præceptor auf Schulen gewesen:„ Ille tribus brumis vix Alpha \& beata docebat, In tribus ast pueros mensibus astra doces. Jener (er redet vom Quintiliano ) lehret A. B. C. kaum recht in dreyen Jahren, und du lehrest in dreyen Monaten deine Kna- ben auch die Sterne und den Himmel kennen. Was soll ich sagen von der naͤrrischen pedanti schen Gravitæt etlicher, die„ mit ihrem Baculo Magistrali, mit ihrem kahlen Rock, der nicht weniger als„ fuͤnff Jubel-Jahre gesehen, mit ihrem Meister-Gesang beydes in Prosa und in„ Versen, mit ihrem hauffen Nachfolgern von Knaben, die sie zum Pracht auf- und„ anfuͤhren, mit ihrem Lateinischen Gruß: Salus, Salvete, Avete Domini \&c. „ mit ihrer praͤchtigen Reveren tz, mit ihrer aufgeblasenen Stellung und Gang,„ als wann sie lauter Tullii waͤren, mit ihrem praͤchtigen Lesen, mit ihrem„ schnarchenden Reden, wann sie ihre Knaben examini ren, mit ihrem ansehn-„ lichen Auf- und Abtreten in der Schulen, als wann sie Pfauen oder welsche„ Hahnen waͤren; in Summa sich mit allerhand ansehnlichen ja recht majestaͤ-„ tischen Geberden, Worten und Wesen, sehen und hoͤren lassen? Item von„ ihren ernstlichen Erinnerungen, die sie stets an ihre Knaben thun, daß sie des„ Prisciani Fußstapffen fleißig sollen nachfolgen; daß sie von dem Diomede nicht„ sollen abweichen, daß sie allezeit ein gutes Buch als ein Cornu copiæ sollen„ unter dem Arm oder in denen Hosen tragen, daß sie ihr Catholicon, ihren„ Papiam, benebst dem Momotracto bey Leibe nicht dahinten lassen sollen, und„ was dergleichen mehr damit man sie fein uͤberall, wo sie sind, gehen oder ste-„ hen, vor fleißige, sorgfaͤltige und gelehrte Schuͤler ansehen moͤge, da sie doch„ nichts als Esel ziehen, die zwar Buͤcher tragen, aber nicht wissen, noch ver-„ stehen, was drinnen ist. Was solle ich sagen von ihren stoltzen und uͤbermuͤ-„ thigen Reden, in welchen sie alle Sprachen unter einander hacken, damit„ man ihre pedant sche und grobianische Gelehrsamkeit uͤberall spuͤre. Sollen„ sie etwas parli ren, so muß es alles latinisi ret, oder auch wohl mit dem Griechi-„ schen gespickt seyn. Anderergestalt taugt es nichts, und moͤchte vielleicht von„ denen gemeinen und ungelehrten Leuten verstanden werden.„ Die- „Dieses seynd diejenigen Witz-Besteller, von denen Marcus Spelta in sei- „ner klugen Narrheit sagt, daß sie sich einig und allein verderben in der Sophi- „sterey, und solchen philosophi schen, fluͤchtigen, wetterwendischen und Kin- „dischen Quæstion en und Fragen, die nichts gelten und nichts bedeuten. Es „gehen demnach die Sachen leider uͤbel von statten, wann die Republic von „solchen Philosophastern gouvernirt und verwaltet wird, die anders nichts „haben als ihre Sophisterey en, Fantastereyen, Mucken und Windmache- „reyen. „Mit denen kommen fast uͤberein diejenigen Philosophi des ersten Ge- „schlechts, welche Laurentius Grimalius de opt. Senat. lib. 1. p. 76. oder Liberius „à Bodenstein in Jurisprud. Polit. lib. 1. c. 23. (indem sie nur der Titel unter- „scheidet) vor untuͤchtig zum Regiment haͤlt, als die den rechten Grund der „ Philosophie noch nicht geschmeckt, noch durch derselben Gesetz und Lehr-Re- „geln die boͤsen Begierden, und den Laster-Durst in ihnen selbst geloͤschet, wes- „wegen sie auch der Tugend und Philosophie gantz ungemaͤß leben, als welche „noch nicht in ihnen eingewurtzelt ist, anderergestalt sie nicht allein gelehrte son- „dern auch fromme Leute aus ihnen gemachet haͤtte. „Dahero ist Johann Gebhard, in seinen Fuͤrstlichen Tisch-Reden oͤffters „mit etlichen vornehmen Fuͤrsten nicht wohl zu frieden, daß sie ihre Kinder schlim- „men Pedanten und Schul-Hasen, welche ausserhalb der Schul-Fuchserey, „an Sitten, Geberden uud allem ihrem Thun und Lassen die groͤbsten Bengel „seynd, anvertrauen, die davor halten, wann ihre Discipel in sieben oder acht „Jahren die Lateinische und Griechische Grammatic, perfectè, ad unguem, an „einem Schnuͤrlein, mit allen Regeln, und Anomalis Figuris, von Wort zu „Wort daher sprechen und plaudern koͤnnen, auch etwas aus dem Cicerone „und Virgilio zu sagen wissen, daß sie es gewaltig wohl getroffen haben, eben „als wann Lateinisch oder Griechisch reden das Beste an einem Fuͤrsten waͤre. „Das seynd die Haus-Katzen, Hummeln, Stuben-Huͤter und Narren, „von denen vorbesagter Marcus Spelta ein besonders Capitel schreibet, und „zwar lib. 2. c. 4. der kugen Warheit, die sich vor Correctores auswerffen, „und doch Corruptores seynd, auch meistentheils schnatternde Gaͤnse, und „wollen mit denen Schwanen in einer Reyhe lauffen. Zu gewissen Zeiten kauf- „fen sie ihren Discipuln Kuͤchlein, Flaͤdlein und Pastetlein, schmaussen auch „wohl mit ihnen, und lassen GOtt einen guten Mann seyn. Die- Diesen allen pfleget es gemeiniglich zu gehen, und zwar mit Recht, wie„ jenem Pædagogo, welcher in eine gewisse Stadt kam, der Meynung, et-„ liche seiner alten Discipel zu besuchen, die daselbst studierten. Er brachte„ die gaͤntzliche Hoffnung mit sich, daß, weil sie vor Jahren unter seiner Di-„ sciplin gestanden, und von ihm gekommen waren, er auch mit ihnen viele„ Muͤhe gehabt, dieselben ihm viele Hoͤflichkeit und Freundschafft erweisen, ja„ den Willkommen auf das herrlichste sprechen wuͤrden. Aber was geschiehet?„ Der unwerthe Gast wolte einen dererselben emendi ren, der gesagt Domini„ Scholares, deswegen er ihn warnete, er solte forthin solches Vocabulum nicht„ mehr gebrauchen, vorgebende es seye Barbarisch geredet. Hierauf gab ihm„ sein gewesener Discipul zur Antwort: Nein es ist nicht Barbarisch, son-„ dern Africani sch. Hierauf geriethen sie in einen gewaltigen Zanck, und die„ Discipel ergriffen letzlich ihren miserum hospitem, buckten ihn heruͤber, und„ hieben mit Peitschen auf sein blosses Gesaͤsse gantz unbarmhertzig loß. Einer„ von ihnen fragte bey einem jedweden Streich: Ist das Barbarisch oder „ Africani sch? Und als er mit der Sprache nicht heraus wolte, haben sie so„ lange zugeschmissen, biß er Ja oder Nein gesaget. Jedoch ist seine Hartnaͤ-„ ckigkeit dermassen groß gewesen, daß, ehe er zugeben wollen es seye Africani sch,„ derselbe uͤber hundert Streiche ausgehalten. Ich glaube es solt ein Confor-„ tativ auf dieses Schwitz-Bad wohl bekommen seyn.„ Als nun der arme Geselle die Undanckbarkeit seine Discipel gesehen, die„ sie ihm bewiesen, ist er so zornig worden, daß er alle Lectiones, die er ihnen„ ehemahls gegeben, explici ret und erklaͤret, verfluchet hat. Auch alles andere mit„ einander, so viele Verse er ihnen exponi ret, so viele Examina er mit ihnen ange-„ stellet, so viele Fabeln er ihnenerzehlet, so viele Declamationes er gehalten, so viele„ Historien und Geschichte er ihnen gesagt, so viele Episteln und so viele The-„ mata er ihnen proponi ret, so viele Cujus er sie gefraget, so viele Præcepta er„ ihnen gewiesen, so viele Figu ren er sie gelernet, so viele Regeln aus der Gram-„ matic und Syntaxi er sie uͤberhoͤret, so viele Autores er ihnen gelesen, auch so„ viele Streiche, so viele Bastonaden, so viele Possen, so viele Schlappen, so viele„ Ohrtappen, so viele Maultaschen, Harrauffen, Aufblasen, so viel Stehens ad for-„ nacem sine ponere, so viel auf einem Fuß ich da stehen muß; kurtz alles, alles,„ was er nur mit ihnen, oder ihrenthalben, gethan execratus est, hat er verfluchet„ und vermaledeyet. Aber heut zu Tage will man eben solche Narren haben.„ Einen Schul-Tyrannen habe ich auch sonst folgendergestalt beschrieben gesehen: “Er ist eine Gewalt ohne Vernunfft. Denn gleichwie die Jaͤger,„ E Be- „Bereuter und dergleichen Leute ihre Hunde und Pferde durch Grausamkeit „Schrecken, Streiche und Hunger abrichten, also dringt auch dieser bey sei- „nen Buben mit Gewalt durch, und nicht mit Bescheidenheit. Was er heist, „oder dicti rt, muß ohne Frage und Wiederrede geschehen, recht und wahr „seyn. Er giebet niemand Rede und Antwort, solte solche auch der gewal- „tige Koͤnig Cyrus, oder der weise Cato von ihnen fordern. Daß so viele boͤse „Buͤrger in der Stadt seynd, daran ist er Schuld, weil er sie gleich in ihrer „besten Bluͤte verderbet, und zu Fantasten oder Halsstarrigen Bloͤchern ma- „chet. Denn er weiß keinen Unterscheid zu halten, noch zu untersuchen, ob „nemlich manche Tugend oder Natur derer Sporen oder des Zaums bedarff? „manche getrieben seyn will, oder sich selbst treibet? Ja er movirt auch manch- „mal Acheronta oder die gantze Hoͤlle und will die Buben mit allen Teuffeln „meistern, bevorab wann er entweder zu viel Wein, oder zu viel Bier und „Brandewein geschoͤpffet und genippet; da er dann absonderlich seine ritterli- „che Autoritæt sehen zu lassen pfleget. „Seine Hosen seynd wie zwey alte Teutsche Puffer-Hulfftern. Die „Schnupff- oder Nasen-Tuͤcher haͤlt er vor ein uͤbrig kostbar Werck, weil er „sich in den Mantel schneutzet, oder seine Nase auf den Ermel wischet. Wo „jederman lustig ist, da sitzet er gantz stille, haͤlt sich so gravitæti sch als gien- „gen ihm die Geschaͤffte des gantzen heiligen Roͤmischen Reichs im Kopffe her- „um, und begehret nicht zu reden, ausser nur, wann man ihm gantz alleine zu- „hoͤret. Er ist keinen Menschen unterworffen ausser nur seinem Weibe, und „das nur zu dem Ende, damit sie sich ihm hinwiederum unterwerffe. „Er meynet es seye kein anderer als Buͤcher-Witz, und der Mensch lebe „nur darum, auf daß er lese und studire, gestalt er selbst immer lieset, eben als „ob man nichts aus der taͤglichen Erfahrung und dem grossen Natur-Buch „lernen koͤnne. „Alle seine Gedancken schlaͤgt er in Buͤchern nach. Sobald er sie „nicht darinnen findet, verwirfft er sie, und meynet, daß er sich geirret. Viel „weniger glaubet er, daß er etwas reden doͤrffte, welches er nicht zuvor bey „einem andern gelesen. Er kan ihm nicht einbilden, daß der Mensch etwas „von Natur habe, sondern muͤsse alles lernen, gestalt er sich selbst zu einer im- „merwaͤhrenden Unwissenheit verdammet, und sich als ein lastbares Thier nur „zum Mutation gewoͤhnet, nichts selber inventi rt, sondern nur dahin sich befleis- siget, siget, wie er zum allerzierlichsten dasjenige auf klauben und auflecken koͤnnne ,„ was andere gespeyet haben.„ Er kan nicht glauben, daß jemand ohne Buͤcher seyn gelehrt worden, oder„ daß diejenigen, so vor Aufkommung derer Buͤcher und des Buͤcherschreibens„ gelebet, etwas haben wissen koͤnnen, gleich als ob der Mensch nichts von Ge-„ schicklichkeit in der Natur, in der Vernunfft und in dem Verstand haͤtte, son-„ dern alles in denen grossen, und manchmal wiederwaͤrtigen, Buͤchern suchen„ muͤsse. Er hat kein natuͤrlich sondern ein artificial Judicium, dannenhero man-„ cher Bauer, der Verstand hat, und nur natuͤrliche Reden fuͤhret, weit bes-„ ser urtheilet als er. Er giebet niemanden Rationem; will aber doch jeder-„ mans Worte und Wercke an seine Rationes und Regulas binden, gleich als„ ob es sowohl um uns Menschen stuͤnde, daß alles nach denen Regeln koͤnte ge-„ richtet werden, und jederman nach der Grammatic reden und thun koͤnte.„ Endlich wann er zu weit koͤmmt, daß er die Consuetudinem und den Usum, „ nicht mehr vertheidigen kan, so nennet er es eine Anomaliam, einen Gracil-„ lum, eine Exceptionem, und so fortan. In Summa ein dergleichen Schul-„ Tyrann ist ein pur lauterer ausgekuͤnstelter Esel.„ Was der geneigte Leser biß hieher von unartigen Schul-Tyrannen, un- ter welche auch verwirrte, eigensinnige oder sonst boͤse Professores auf Uni- versitæ ten, zu zehlen sind, gelesen hat, das ist von vielen andern Gelehrten eben- falls zu verstehen. Denn es stecken nicht alle gelehrte Narren in denen Schu- len, oder auf Universitæ ten, sondern es befinden sich deren auch da und dor- ten in ihrem besondern Loͤchern. Diese sind also abgemahlet und beschrie- ben: Die Pedan ten, welche nur halbe Menschen seynd, und ihnen nimmer-„ mehr die Hoffnung machen duͤrffen rechte gantze Menschen zu werden, die„ nur mit denen Motten und Buͤcherschaben zu thun haben, welche sie aus ih-„ rem erblichen Besitz vertreiben, werden gar fein bey denen Lateinern Umbra-„ tici, bey denen Teutschen Stubensitzer, Calmaͤusser, Dinten-Fresser genen-„ net, dieweil sie gleichsam, wie die Geister derer Verstorbenen, ihr Leben an„ schattichten duncklen Orten, in unaufhoͤrlicher Muͤhseligkeit und freywilliger„ Marter, mit greinen und gramen zubringen. Wann sie andern rechten Men-„ schen von Ungefaͤhr oͤffentlich unter die Augen kommen, scheinen sie nichts an-„ ders zu seyn als ein Gespenst, oder unselige Geister mit scheußlichen Gesich-„ tern, die da um die Todten-Begraͤbnisse wohnen. Gruͤsset sie einer, oder„ E 2 reder „redet dieselben an, werden sie geschwinde in ihnen selbst entzuͤcket, ruffen alle „ihre Gedancken zu Rathe, und befragen sich bey ihnen selber, was dieses be- „deuten mag? ob es ihnen zum Spott geschehen? oder ob es etwa aus einer son- „derbaren himmlischen Einfliessung oder Influxion des Gestirns herruͤhre? Von „guten hoͤflichen Sitten wissen sie nichts, koͤnnen mit niemanden conversi ren, „seynd in der That keine Menschen, sondern nur Schatten von Menschen, „die da einen Leib ohne Seele und Gemuͤthe, und nur allein mit kalten Gedan- „cken uͤberschwemmet, herum tragen. Man kan sie erkennen an ihren tuͤcki- „schen Gesichte, grober unartiger Gestalt, runtzlichter Stirn, an ihren im „Maul abgezirckelten Worten, dunckeln und nur untersichtigen Blintzel-Au- „gen, langen Sau-borstigen Baͤrten, vermoderten und verschimmelten Haa- „ren, wie auch oͤffters an einem Mantel, welcher auf der einen Seite weiter „herab haͤnget als auf der andern. Wer sie reden hoͤret mag wohl sagen, daß „sie nicht wissen, wie es in der Welt zugehe, noch was die Welt seye. Sie „pflegen keinen Fuß fortzusetzen, noch die Nase zu schneutzen ohne Bedacht. „Sollen sie etwas der Zeit und Gelegenheit nach verrichten, so werden sie bey- „des mit ihren langen Rathschlaͤgen versaͤumen. Sie prætendi ren lauter „Weisheit zu lehren; und ihr gantzes Leben ist doch anders nichts als eitel Un- „ordnung. Faͤllet etwa des Rangs und der Ober-Stelle wegen ein Streit „vor, so wissen sie denselben ohne allem Aufschub zu schlichten, indem sie sich „selber uͤber jederman setzen und erheben, aus einem gantz naͤrrischen Ehr- „Geitz. Sie halten es vor eine grosse Schmach, und es verdreust sie sehr, „wann man sie anspricht, und nicht zuvor einen Eingang oder Vorrede machet „von ihrer grossen Gelehrsamkeit, ihrem herrlichen Ansehen und weit-beruͤhm- „ten Namen, der ihrer Meynung nach aller Welt bekannt seyn muß. So haben sich viel gelehrte Narren und gelehrte Stock-Fische, in der Welt aufgefuͤhret, und dadurch anlaß gegeben, daß die Leute sich fast uͤber das gesamte lehrte Wesen en general moqui ret, ja bey nahe einen jeden Gelehrten vor einen Narren und Fantasten gehalten und angesehen. Man solte meynen es muͤste doch endlich die Klugheit und Weißheit einmal anfangen bey denen Gelehrten uͤber die Narrheit zu triumphi ren; allein es kommen leider immerfort wie- derum neue gelehrte Monstra und Mißgeburten zum Vorschein. Die Con- duite und Auffuͤhrung vieler jetzt-lebenden abgeschmackten Gelehrten, die doch rechte Lumina Mundi zu seyn prætendi ren, lieset und ersiehet man, von einer Zeit zur andern, in denen gelehrten Zeitungen, und andern Nachrichten von gelehrten Sachen. Regieret gleich sonst der Friede in der gantzen Welt, so ist ist er doch aus der Region derer Gelehrten gaͤntzlich verbannet, indem unter ih- nen sich immerfort Leute befinden, die mit einander in der groͤsten Feindschafft leben und unaufhoͤrlich zancken. Eines von denen allerfrischesten Exempel des laͤcherlichen Krieges derer Gelehrten ist derjenige Streit, den ein gewisser be- ruͤhmter Hollaͤndischer Schulmann, mit andern vornehmen Europæi schen Ge- lehrten, in Franckreich und Engelland des Quintiliani wegen hat. Ihre des- falls gewechselten Schrifften sind mit sehr vielen unhoͤflichen und stachlichten Worten angefuͤllet. Ja man kan sagen, daß sie einander so unhoͤflich begeg- nen, als es von groben Bauren kaum aͤrger zu vermuthen, und ich zweiffele nicht, daß, Falls diese Zaͤncker in Person einander rencontri ren solten, sie es eben so machen wuͤrden, wie es die ungehobelten und ungeschlachten Bauer- Luͤmmel in denen Schencken, wann sie zu viel gezechet nicht selten zu machen pflegen, da sie nemlich einander bey denen Haaren erwischen, und sich schlagen, daß die Hunde das Blut lecken moͤchten. Absonderlich hat sich der Hollaͤnder recht excessiv grob wider seine Gegner aufgefuͤhret, und Quintilianus, daferne er solches wissen und erfahren solte, wuͤrde sich sonder allen Zweiffel nicht we- nig uͤber ihn aͤrgern. Dieser nemlich M. Fabius Quintilianus, war ein vortrefflicher Redner, welcher zu Neronis und Domitiani Zeiten in Rom lebete. Von Geburt aber ist er ein Spanier, und, wie einige Vorgeben, von Calahorra gebuͤrtig gewe- sen. Galba brachte ihn nach Rom, allwo er mit grossen Ruhm, als Professor Eloquentiæ, oder der Rede-Kunst, gantzer zwantzig Jahre gelebet. Man sagt, daß er der erste gewesen seye, welcher vor seine Lehren eine oͤffentliche Besoldung bekommen habe. Der Kayser Domitianus hielte ihn sehr werth, und ließ seines Bruders Kinder von ihm unterrichten. Man hat von ihm sei- ne Institutiones Oratorias, welche in Zwoͤlff Buͤchern bestehen, und von dem be- ruͤhmten Poggio zu unglaublicher Freude derer Gelehrten, zu erst seynd heraus gegeben worden; desgleichen Dialogum de oratoribus s. de caufis corruptæ eloquentiæ. Die hundert und fuͤnff und viertzig Declamationes aber, welche noch biß dato verhanden sind, und zu erst von Uguleto Petro Aerodio in den Druck gekommen, werden nicht ohne Wahrscheinlichkeit des Quintiliani Groß- Vater beygeleget. Die XIX Declamatienes longiores aber werden dem ersten Quintiliano faͤlschlich zugeschrieben, und wollen einige sie dem Marco Floro, und Posthumio Juniori, einem von denen dreyßig Tyrannen zueignen. Die gesamten Schrifften sind zu Leyden, Anno 1665. in zwey 8 tav Baͤnden, durch Petrum Galandium, mit des Turnebi, Camerarii, Paræi, Gronovii, und Va- E rio- riorum, Pithœi, Aerodii, Schelii und Schultingii Anmerckungen heraus ge- geben worden. Nach diesem hat Ulricus Obrechtus Anno 1698. davon eine gar accurate Edition an das Licht gestellet. Gleichwohl solle dieses alles jetzo nichts heissen, nichts bedeuten, nichts gelten, sondern man zancket sich aufs neue uͤber den wahren Verstand, uͤber den Sinn, uͤber die Meynung, und uͤber die Gedancken des Quintiliani, und zwar mit solcher Hefftigkeit, als wann das Heyl von gantz Europa darauf beruhete. Auf diese hochgelahrten Herren nun schicket sich nicht unrecht eine Passage aus Trajani Bocalini Relation ex Parnasso cap. 21. welche also lautet: Gestern um zwey Uhr ist allhier, in derer Grammatist en Quartier, un- versehens Allarm geschlagen worden. Als die Gelehrten meistentheils zu- gelauffen, fanden sie, daß die Schulmeister, Epistel- und Comment- schreiber dermassen hart an einander gewachsen waren, daß sie schwehr- lich aus einander zu setzen gewesen. Der Streit hat sich allein daher er- hoben, weil sie sich nicht vergleichen koͤnnen, ob das Woͤrtlein Consumptum mit oder ohne p. zu schreiben? Uber diese Unruhe ward Ihro Majestaͤt, der Apollo, sehr zornig, nicht allein, da die Ursache dieses Schul-Krieges gar geringe, sondern auch weil Paulus Manutius, welcher dieser Unruhe Urheber gewesen seyn solle, Dion. Lambinum, der ihm zum Wiederpart ge- standen, mit einem Stein von Rom, darinnen besagtes Wort mit dem p. geschrieben gestanden, sehr beschaͤdiget, und die Nase gantz zer- knirschet hatte. Weil nun Apollo diesem Gesindel, wegen seiner Grob- heit und Ungeschicklichkeit, ohne diß nicht wohl geneigt, befahlen Ih- ro Majestaͤt dem Stadt-Voigt sie allerdings aus denen Herrschafften des Parnassi zu verweisen. Nachdem aber Cicero, Quintilianus, und an- dere vornehme Gelehrte, vor sie auf das unterthaͤnigste intercedi ret, und anbey vorgestellet, es seye dieses heyllose Gesindel nicht faͤhig hoͤ- here Sachen zu begreiffen, und muͤsten sich also bißweilen um derglei- chen Bagatelle zancken, seynd sie endlich erbeten, und in ihrem Stande gelassen worden; jedoch mit der express en Bedingung, daß sie nicht kluge, sondern naͤrrische Gelehrte fuͤhrohin heissen solten. Gantz entsetzlich ist dieses, daß dergleichen Staͤncker, Zaͤncker und ge- lehrte Narren gemeiniglich prætendi ren grosse Philosophi zu seyn. Was koͤn- te aber einem wohl laͤcherlicher in die Augen fallen als ein Philosophus, der die gantze Zeit von der Kunst, die Affect en zu bemeistern, zu zaͤumen und zu zwin- gen, Lehren und Regeln giebet, und gleichwohl sich selber, durch den gering- sten sten Affect, der sich nur in ihm reget, uͤber den Toͤlpel werffen laͤsset, mithin zei- get, daß er ein viel aͤrgerer Sclave derer Affect en als andere Menschen, die nicht einmal wissen was die Philosophie ist und bedeutet? Eben darum ist ge- schehen, daß sich nicht nur Comœdien Dichter uͤber den Platonem, den Ari- storelem, und andere grosse Philosophos moqui ret, sondern es ist von meh- rern, gantz andern Leuten als Comœdien -Dichtern, ebenfalls geschehen. Quin- tilianus redet von denen Philosophis also: Sie haben ihnen selber, vermessener und hoffaͤrtiger Weise, den Na- men der Weisheit-Kuͤndiger, und Lehrer der Weisheit zugeleget, dessen sich weder Vornehme in wichtigen Rathschlaͤgen, in Regie- rungs-Sachen uͤber Lande und Leute, stattlich geuͤbte Maͤnner, ja die hoͤchsten Kaͤyserlichen Personen selber nicht unterstanden; allermas- sen diese lieber grosse und weise Sachen verrichten, als mit dem Titel der Weisheit prangen wollen. Zwar die alten Philosophi haben viele gute Lehren gegeben, und auch denselben gemaͤß, ihr eigen Leben an- gestellet. Aber zu unsern Zeiten muß ihnen der herrliche Name nur zum Schand-Deckel dienen. Denn sie begehren nicht, durch Tugend oder Geschicklichkeit, von denen andern sich zu unterscheiden, sondern machen ihren argen Sitten nur einen Schein, mit ihrer angenomme- nen melancholi schen Weise, verstelleten Gesichte und absonderlicher Tracht. Auch dasjenige, was sie sich gantz eigenthuͤmlich zuschreiben, und einig und allein darinnen zu brechen haben wollen, wird sonst ebenfalls von jederman, ja allenthalben gehandelt und tracti ret. Denn wer redet nicht von Recht und Gerechtigkeit, von Billigkeit, von gu- ten Sitten, von Daͤmpffung derer Begierden ꝛc. wo es anders nicht gar ein ruchloser Mensch ist? Welcher Mahler, Baumeister und Schreiner weiß nicht mit dem Circkel, Quadran ten und Winckel Maaß umzugehen? Ist auch je einer unter denen Bauern, der nicht denen natuͤrlichen Ursachen nachgruͤnde, und von der Veraͤnderung des Ge- witters zu sagen wisse. Denn was die Gedancken, das Nachsinnen, und die Rede betrifft, so sind diese Sachen allen Menschen gemein, die der gesunden Vernunfft nicht beraubet oder stumm sind. Ulrich von Hutten beschreibet einen zur Pedanterey inclini renden Philoso- phum auf diese Weise: Alle diejenigen, welche hinter dem Ofen philosophi ren, und sich der- dermaleins auf weltliche Sachen begeben, wissen nicht, was sie wollen oder sollen. Denn gleichwie bey gutem Wetter ein Schiff leicht zu re- gieren ist; also koͤnnen die Muͤßiggaͤnger ein Ding mit Worten tapffer herraus streichen und loben, auch verachten, bald aber zugleich loben und verachten. Sie haben gewaltige Anschlaͤge im Kopffe stecken, und koͤnnen sehr subtil auch von denen schwehresten Regiments-Haͤndeln di- sputi ren, weil sie einen grossen Vorrath von Worten haben und besi- tzen. Aber im Wercke taugen sie gantz und gar nichts, und seynd unge- schickt zu allen Sachen, wo sie nicht zuvor wohl darinnen unterrich- tet, geuͤbet und angefuͤhret werden. Was hilfft es indessen einem, daß er sich lange auf dem Kopff kratzet, und seine Naͤgel zerbeisset, her- nach aber, wann er zur Verwaltung einigen Welt-Handels solle gezo- gen werden, dabey mit lauter Unverstand agi ret, und ungereimte An- schlaͤge, die gar nicht zur Sache dienen, angiebet? Moͤgen die Leute als- dann nicht billig von einem solchem Philosopho sagen: O ihr Buͤrger, was sollen wir mit diesem Ochsen anfangen? Dieses begegnet ge- meiniglich denenjenigen, die da aus denen Buͤchern haben zancken und kriegen gelernet, als welches gemeiniglich naͤrrische Zaͤncker und un- gluͤckselige Kriegs Leute giebt. Also ist es ein grosser Unterschied et- was mit Verstande verrichten, und wohl discuri ren koͤnnen. Was ist das aber vor ein Leben, wann man die Nase allezeit in denen Buͤchern, und den Kopff voller verwirrter Gedancken stecken hat? oder sonst viel schreibet, waͤschet und plaudert? wann man sonst weiter nichts nuͤtzli- ches thut oder vornimmet? Mir meines Orts duͤncket, es sey dieses Le- ben keinem wahren Leben aͤhnlich. Hierzu kommt, daß diejenigen, welche sich lange bey und in dem Studieren auf halten, nicht allein unterdessen die Experien tz und Er- fahrung an ihnen selbst versaͤumen, sondern auch insgemein zu allen Ver- richtungen ungeschickt und unartig werden. Dannenhero geschiehet es auch daß sie sich sonderlich durch ihre Sitten und Geberden vor an- dern Leuten characterisi ren, und sich aller menschlichen Gemeinschafft entschlagen. Gerathen sie aber ungefaͤhr einmal in Gesellschafft da sie- het man erst recht, was vor unlustige, unfreundliche und eigensinnige ja recht wilde Leute es seynd, die doch gleichwohl einem jedweden sei- nen Fehler aufmutzen, ja auch Fuͤrsten und Herren antasten duͤrffen, die sie gegen ihren vermeynten Stand hoher Welt-Weisen vor nichts hal- ten, ten; wie wir dann wissen, daß ein gewisser Philosophus sich oͤffentlich ver- lauten lassen, er wolle keine Koͤnigliche Crone aufheben, und wann er sie auch mitten im Wege finden sollte. Viele zwar ha- ben diese Worte dem, der sie gesprochen, vor eine hohe Tugend und Weisheit zugerechnet; ich aber spreche, daß sie von einem puren pedan- ti schen Eigensinn, Stoltz und Hochmuth, hergekommen. Den Krieg unter allen Voͤlckern in der Welt verwerffen und miß- billigen die naͤrrischen Philosophi uͤberhaupt und seynd doch selbst die aͤrg- sten Zaͤncker und Feder-Krieger. De Haus-Sorge verdammen sie als ein unnoͤthig Dieng und der Kummer naget und frißet sie gleichwohl selber Tag und Nacht, dergestalt, daß sie immerfort schreyen; Woher nehmen wir Brod? Nach ihrer Lehre solle man die Schaͤtze und Reich- thuͤmer verlachen; und ist doch gleichwohl niemand begieriger dar- nach, als viele von ihnen es sind. Die aber, welche sie wircklich verach- ten, thun es aus einem philosophi schen Hochmuth und Eigensinn, wo- bey sie auch alle Freude und Lust, alle Ergoͤtzlichkeiten alle weltliche Ge- setze und Gerichte, ja den gemeinen Nutzen uͤberhaupt verwerffen. Wann es bey ihnen stuͤnde, doͤrffte man vor denenselben nirgends schiffen, fah- ren oder reiten, ja wie ich glaube auch nicht einmal kacken, oder auf das geheime Caͤmmergen gehen. Das aͤrgste ist, das viele von ihnen so gar den Ehestand vermaledeyen, und die Fortpflantzung des mensch- lichen Geschlechts mißbilligen, folglich gerne die Welt wuͤste und oͤde machten, muͤsten sie auch gleich selber daruͤber zu Grunde ge- hen. Was anders aber als dieses wollen und sagen sie dadurch, es seye das Beste niemals geboren werden, oder das hoͤchste Gluͤcke nach der Geburt bald wieder sterben und mit der Welt gar keinen Um- gang haben. O Grillen! o abgeschmackte Fantasey! Der geneigte Leser beliebe sich zu erinnern, welchergestalt er eben jetzo gelo- sen, daß sich diejenigen, welche sich lange bey dem Studieren aufhalten, ge- meiniglich Schaden thun, weil sie die Zeit daruͤber versaͤumen, binnen welcher sie selber zu einer schoͤnen Experien tz gelangen koͤnten. Das aber, was allhier geschrieben stehet, sehen wir an nicht wenig Leuten welche taͤglich vor unsern Augen herum gehen, daß sie nemlich lange Jahre auf Schulen und Univer- site ten gelebet, und doch nichts gelernet haben und nichts bedeuten; au contraire F recht recht tumme Esel und einfaͤltige Narrren in ihrer Haut sind. Einige brin- gen es wohl gar, mit allem ihrem Schul- und Universitæ ten-Leben, nicht ein- mal dahin, daß sie die Lateinische Sprache gebuͤhrend verstehen, reden oder schreiben koͤnnen, sondern elend Latein und schlecht Teutsch, wie Maͤuße-Dreck und schwartzen Pfeffer, gantz tumm und ungeschickt, unter einander mengen. Nachstehender Brief, den ein gelehrter Dorff-Schulmeister, und respective Kuͤster welcher funffzehen Jahre auf Schulen, und zehen Jahre auf Univer- sitæ ten gewesen, an einem andern Dorff-Schulmeister geschrieben haben solle, giebet dessen ein klares Exempel: Laus DEO perennis Gloria! Meine willige Officia zuvor, Clarissime Dn. Frater! Es ist euer Dominus Pastor bey mir gewesen, und hat mich um einen bonum Consilium gefraget, ob er noster Schultzens Filia solte sumere oder non? Ich habe ihm einen bonum Einschlag gegeben, wie er es sol- le facere. Ich habe auch mit dem Domino Pastore brav discuri ret, und er hat gar pulcher gestudiret, ist auch ein feiner Græcismus, wie ich mercke. Da er solus getruncken tres cantores Cerevisia, er- fuhr ich recht, wie es ihm in neulichster Spolium ergangen. Ich habe es nicht wollen Credere, daß dich mein lieber Domine Frater! das Bellum so valde verderbet; aber jetzo habe ich es erst recht er- fahren. Wo ist nun dein Pecuniam? in bellum. Haͤttest du deiner Uxor gefolget, und einen schoͤnen Ager davor gekaufft, koͤntest du dein Pecuniam in Marsupio behalten haben. Wo sind nun deine andern pulchros res? auch in Bellum. Mit mir ist es eben also. Meine Res haben einen Namen, und heissen Nihil. Ich hin ein rechter pauper Nebulo, habe nichts mehr, als wie ich co und sto. Meine neuen Vestii, mein Dies Dominicæ Pallium, alle meine Indu- sia, meine neue Calcei, darinnen ich fein nach dem Lignum passi ren kunte, mein Pilius mit dem geflochtenen Hut- Inculum, der mich quindecim grossos gekostet, alle meine Superbia und Schmuck, mei- ner Frauen ihre Vestii, meiner Kinder ihre Vestii sind alle mit port. Unserer Magnus Magd, der Magdalenen, der pauper Maͤhren, sind sind auch alle ihre Res weg. Die Vacca mit dem Kalbe, der Caper mit denen kleinen Ziegen, Porcus magnus \& parvus ist omnes allo. Es waren auch noch kleine Rusticis Huͤnerchen, die haben die Bel- lum servi zu Fasan-Huͤnerchen gemachet. Noch reuet mich nichts so sehr als mein ruffum Gallum, der allezeit krehete, wann es Hora secunda war, da ich dann wuste wann ich zu Morgen solte lauten. Meine Buͤcher kraͤncken mich auch, darinnen alle meine besten Au- tor sind ausgelesen, als der Calepinus, der Marcus in Quartum der Tullius in Octavum, der Cicero in Folium. Alle meine Grammaticæ, græce \& latinos, das grosse Phrasibus Buch, meine schoͤne Postilla, darinnen ich vor meine Domine Pastores so manche schoͤne Predigt gethan, der Catechismus in allen vier Linguas, das grosse Vocabu- lum oder Nomenclatur Buch, auch die Philosophans -Buͤcher, die ich nicht omnes nennen kan, sind alle via. Ach meine Partes de trium reuen mich doch zu sehr! Denn wie du weist koͤnnen dieselben longe \& late nicht gefunden werden. Was schoͤne Muteten stun- den darinnen, als: Exultate Justii (ss) Juch Holla (8) Congrega- sti: st: inimice Est: Last uns unsere Tage geniessen, und derglei- chen schoͤne Muteten stunden darinnen. Vox prima haben sie mit- genommen, Vox secunda haben sie gelaceraceri ret. Vox tertia oder Bassus habe ich noch in unserer Ecclesia. Dieselbe siehet auch male aus. Die Stuͤhle sind zerrissen, \& omnis, alles darinnen zer- schmissen. In meiner Schola ist nichts mehr totus. Die Fenestras sind ex, der Ofen hat wohl ein Schock Oculi. Der Ofen- Forca ha- ben die Regio Servii ein Cornu abgerissen. Die Vesica ist fort. Der Studier- Mensa ist grambosuit. Die Magna schwartze Tabula, darauf ich meine Adjuvan ten das Core informalia aufgeschrieben, haben, sie be caculare, und Federn darein gestecket, siehet aus als der lebendige Diabolus. Mein Atramentum Dolium, alle meine Penna mit dem Pennal, und anderthalb Bogen Papier, haben sie mir ge- furraverunt. Es muß certissime ein Gelehrter darunter gewesen seyn. Mein Cupite ist auch dehonesti ret. Ein Corporal hat zur F 2 Dies Dies Mercurius Nox des langen Maͤrtens Filia sechsmal darinnen getummelt. Hoc dicit noster Schultze, der hat solches ge vidit, und muͤssen leiden. Mein pecuniam numeratam ist auch allo. Ach es war solch schoͤn Geld. Es waren lauter Bohemios grossos, die hatte ich in meinem Vecca Stabulum, unter dem grossen Lapis ver- stecket. Dennoch habens die Bello Servi gefunden. Mea perso- na anbelangende, so gieng es mir auch wunderlich. Denn als un- ser Pagus all voll Equus und Mußquetierer war, erwartete ich kein Spolium, sondern gieng statim davon. Da kriegte mich einer und dicit: Du Bauer, wo sind Pferde? Ich wiese ihn nach noster Schultzens Domus, und ich lieff in unser Domus kroch unter Sca- mnum, in dem finstern Angulus, vermeynte der Diabolus solte mich nicht finden. Aber tria Silopotarius fanden mich, kriegten mich bey dem rechten Pes, zogen mich herfuͤr wie eine Sus, und schrien Geld Geld her! Da war ich erst in grosser Necessitas. Ich hiesse sie Ihr her! Herren Monsieurs, und warens doch nicht dignus. Sie frag- ten wer ich waͤre, und ich sagte ein Rusticus. Da wolten sie von mir haben Caro, Farcimen, Schincken, unum Schock Oves, viel Buty- rum und Caseus genug. Ich suchte und langte herfuͤr was in meam potestatem war. Doch waren sie damit nicht contentus, sondern begehrten Decem cantoros Cerevisiæ, und Rheinischen Vinum Ich sagte, das wir in unserm Papus solchen Salus nicht haͤtten. Da schlug der eine Nebulo mir den lincken Brachium in Duo, daß ich halb mortuus zur erden fiele, blieb auch so lange ja- cere, biß ich ipsis wieder zu mir kam. Unserm Dominus Pastor ist es auch nicht viel melius ergangen. Denn alle seine Res seynd port. Sie haben ihm seinen schoͤnen longam barbam ausgeraufft, und seine formosa spons, des Schultzens Filia sehr turbi ret. Es ist non alles zu describendi, wie sie mit uns Domus gehalten haben, welches ich dem Dominus Frater zu avisi ren nicht vorbey gekunt, und befehle ihn hiernechst goͤttlicher Protection, verbleibe auch, Sein lieber treuer Frater in æternum \&c. Nun Nun weiß ich gantz gewiß, daß viele diesen Brief vor eine thoͤrichte Luͤgen und erdichtete Sache halten werden. Ich will mich auch nicht unterstehen, je- manden zuzumuthen, daß er ihn vor eine Wahrheit annehmen solle. Indes- sen kan ich doch versichern, wie ich vor ungefaͤhr vier Jahren ein Leichen- Car- men gelesen, das ein, etliche Meilen von einer beruͤhmten Stadt noch jetzo le- bender, Dorff-Priester auf den Todt seiner gnaͤdigen Edel-Frau gemachet, und welches bey nahe eben so laͤcherlich wo nicht gar toller klinget als dieser Brief. Wie dann insonderheit die ungereimte Redens-Art: Du grosser Pan eheu! O Pan du grosser GOtt! vielfaͤltig darinnen anzutreffen. Von einem, ebenfalls noch jetzo lebenden, Doctore und Professore, mag ich nicht weniger die Versicherung geben, daß er fast nichts schreibet oder re- det, in Teutscher Sprache, das er nicht mit eben so viel Lateinischen und Fran- tzoͤsischen Worten, nach Proportion der Schrifft, spicken und auszieren solle, wie der angefuͤhrte gelehrte Dorff-Schulmeister und Kuͤster seinen Brief. Der Unterscheid bestehet nur darinnen, daß der Herr Doctor und Professor zierlich Latein redet und schreibet, und kein so entsetzliches Barbarisches, wie der Schulmeister, dem man diesen Brief zu eignet. Aber man hoͤre diesen Herrn Doctorem und Professorem Frantzoͤsisch reden, oder erwege sein Fran- tzoͤsisch, das er mit in seine Schrifften einfliessen laͤsset, so wird man sich des Lachens nicht enthalten koͤnnen. Vielleicht dencket jetzo, bey dieser meiner Er- zehlung, mancher bey sich selber: Wer fordert dann von einem Professore auf teutschen Universitæ ten daß er eben die Frantzoͤsische Sprache ver- stehe, und ich meines Orts sage gleichergestalt, daß dieses keine absolu te Nothwendigkeit seye. Allein so muß auch keiner, schon bey hohen Jahren seyen- der, Doctor und Professor, welcher der Frantzoͤsischen Sprache nicht maͤchtig ist, immerfort halb Teutsch und halb Frantzoͤsisch reden und schreiben. Ich zweiffele auch, das es sich schicket, wann einer, wie dieser thut, auf solche Weise betet und singet. Zum wenigsten bin ich meines Orts incapable der- gleichen Possen ohne Lachen anzuhoͤren. Jedoch was sagt der geneigte Leser darzu? Es hat ein gewisser Hochgelehr- ter, der sich vor einiger Zeit hier, wo dieser Tractat an das Licht kommen, etliche Monathe aufgehalten, ein Avertissement drucken lassen, das warhafftig noch weit laͤcherlicher ist, als der angezogene Brief des Dorff-Schulmeisters. Die- ses Avertissement lautet also: F 3 Cu- Curieuser Leser! Weil Unterschriebener entschlossen seine, zu der Welt Diensten genugsam suffisante, und à l’epreuve de tous les envieux, ohne die sogenannte Passauische Kunst, von einer aͤcht-vesten Trempe be- findliche Talenta, allen Staaten der Welt, denen darinnen begrif- fenen dreyen Staͤnden, denen Lehr-Wehr- und Nehr Professionen zugleich also auch ihren Regenten und Haͤuptern, Lebenslang zu widmen, und mit Rath und That, nach denen bereits geschehe- nen Notificationen, auf gar neue und verschiedene Arten an die Hand zu gehen, hat er noͤthig erachtet, die Lobwuͤrdige Intention mit ihren faisablen Modis, durch gegenwaͤrtiges Manifest, die pun- ctatim zu eroͤffnen, sich auf galan te Art uͤber alle thoͤrichte Raison- neurs und Capita mania sola philavtia super aures ipsorum leporinas- asininas gravida \& fructifera jederzeit moqui rend. Wer also, oder welche, von der studierenden, und nach der wahren Ehre trach- tenden Jugend die Inclination heget bey ihm 1) Collegia explicatoria, examinatoria \& disputatoria, in Jure und darzu gehoͤrigen Præliminar-Scientien zu hoͤren, auch entweder ei- gene oder von ihm elaborir te Disputationes ex Cathedra zu halten; wer oder welche 2) Von Fuͤrstlichen, Adelichen Buͤrger- oder Bauer-Stande beliebig, ihre Printzen und Soͤhne privatissime von ihm, in gleich erwehnten Wissenschafften, nachseiner dreyfachen Methode infor- mi ren zu lassen; 3) Consilia und Bedencken, in Staats-als andern Civil- item in Finan tzen- Policey -Cammer- Commercien-Manufactu ren- Steuer- und Militair Sachen zu erfordern. 4) Einen redlichen Tutorem, Curatorem, Oeconomum, \& Ad- Administratorem Bonorum, Consulenten vor Wittwen und Way- sen, Staͤdte, Lande und andere Geschaͤffte, auch Commission en zu Friedens- und Kriegs- Affaires; 5) Einen Gesandten auf Reichs und Creyß-Taͤgen Residen- ten, Carrespondenten, Bibliothecarium, Archivarium, Directorem ritterlicher Academi en, Staats- Criticum und so weiter verlangen, zu derer Vocation und Capitulation offeri ret sich Unterschriebener. Solten ferner, 6) Passagiers, Kauffleute, Kuͤnstler und Handwercker, item die Land-Leute, zu ihren Privat- als Zunfft- und Gewercks-An- gelegenheiten, und Beobachtung ihrer Interessen, einen disinteres- sir ten Patron en, Rathgeber und Vorsprach vonnoͤthen haben, koͤnnen sie sich an ihn addressir en. Der Juden-Genossenschafft offeri ret er gleichfalls seine aufrichtige Patronance und Beystand in vorkommenden mercantili schen Streitigkeiten und so weiter. 7) Curieuse Gelehrte, auch Buchhaͤndler, welche entwe- der seine Selbst-Arbeiten in Verlag zu nehmen, oder von ihm aus der Lateinischen, Hollaͤndischen, Frantzoͤsischen, Italiaͤni- schen, Englischen auch Spanischen Sprache, gebundene oder un- gebundene Translationes, sie moͤgen noch so schwehr seyn als sie wol- len, das genereuse und gutwillige Verlangen haben, werden ih- re Satisfaction bey ihm zu finden. 8) Hof- Commœdian ten und Theatralist en, Medaillenrs, Mah- ler, Kupfferstecher, Architecteurs, auch galant gelehrte Stay ren beliebende Virtuosi koͤnnen sich frey bey ihm angeben, wo sie nach ihren Desseins, auf Lustige- und Trauer-Faͤlle, und so weiter, In- vensiones, Erfindungen und Auszierungen de bon gusto, in ge- bundenen und ungebundenen Versen Stylo Lapidari, oder Inscri- ptionen, Symbolis, Emblematibus u. s. w. zu haben begierig. Die Die Conditiones und Bedingungen seynd: a) Ihre Propositio- nes, Species Facti, Desideria, Absichten und Vorhaben ihm muͤndlich oder schrifftlich, nach allen, auch denen gerinsten Um- staͤnden zu communici ren, oder zu uͤberschicken; b) nach Propor- tion und Wichtigkeit der Arbeit und der Impetrantz , Rang und Stand, ihn mit guͤldenen und silbernen Species, lautè, liberaliter, nobiliter, magnificè, das ist, wohl und gebuͤhrend, zu ihrem ei- genen Vergnuͤgen und Glorie zu regali ren. Er versichert alle auf seine Honneur und thaͤtiges Licht, auch liebes Christenthum, es werde niemanden gereuen, ihn in oben rubricir ten Thematibus con- suli ret und sich seiner Connoissance bedient zu haben. Die Tha- ten werden die Zusagen redlich verifici ren, und seinen oͤffentlichen und heimlichen Verfolgern meritir te Dementien austheilen. Erfurt den 24sten Septembr. 1725. N. J. U. D. Hochfuͤrstl. C---Staats- Rath und Cabinets- Director, Vielleicht, geneigter Leser! spricht schon wiederum jemand entweder bey ihm selber, oder auch wohl zu andern Abermal eine Luͤgen . Ich hingegen bit- te, daß niemand dencke als ob dieses Avertissements (oder Manifest, wie es der Autor nennet) erdichtet und erlogen seye. Ich kan auf mein Gewissen ver- sichern, daß der gelehrte Mann das Avertissement, mit seiner Eigenen Hand, und in Person sehr vielen communici ret. Er fuͤhret wie die Unterschrifft zeiget, grosse Titul, und nennet sich einen Juris Utriusque Doctorem, solle auch zu Erfurth wircklich promovi ret haben. Ist aber eine so hoch-betittelte, und gra- duir te Person capable, eine dergleichen Schrifft oͤffentlich bekannt zu machen, was Wunder, wann sich ein auf Universitæ ten gewesener elender Dorff- Schulmeister gefunden, der einen so naͤrrischen und laͤppischen Brief geschrie- ben? Er kan ja leichtlich weder Gaben noch Lust zu denen Studiis gehaht ha- ben, ben, gleichwohl aber mit Gewalt und bey denen Haaren darzu gezogen wor- den seyn. Hernach, als derselbe den elenden Schulmeister-Dienst bekommen, haben ihn etwa die Sorgen der Nahrung geplaget, und er hat sich sonder zweiffel gezwungen gesehen, den groͤsten Theil seiner Gedancken auf den Acker- und Feld-Bau, auf die Vieh-Huͤner und Tauben-Zucht zu wenden, welche Dinge, wann sie so fein zusammen kommen, warlich! capable sind, einen ver- wirrten und einfaͤltigen Narren aus einem Schulmeister zu machen. Aber à propòs ! Was haͤlt dann der geneigte Leser von dem, was jetz e folget: EXTRACT Einiger Passag en eines beruͤhmten Scriben ten unserer Zeit. E S ist ja wohl an dem, daß ich laͤngst meine Feder haͤtte ruhen las- sen, wo nicht eine Menge dererjenigen! die da die Wahrheit lie- ben, und nach derselben Lehren, von allen Seiten auf mich loßge- stuͤrmet, und von mir, daß ich mit gleichem Eyffer, wie bis daher noch fernere Weisheits-Stroͤhme durch meine Schrifften ausflies- sen lassen sollte, erfordert haͤtten. Item. So ist auch hier durchaus meine Schreib-Art so be- schaffen, daß ich mir wohl flatti ren darff, daß, so lange das Evan- gelische Zion stehet, noch keine Schrifft jemahls ans Tages Licht ge- kommen, da mit mehrerer Bescheidenheit die Warheits-Gruͤn- de waͤren vertheioiget worden, ja daß gar wenig Streit-Schriff- ten sind, welche dieser hierrinnen (doch es sey ferne, daß ich mich selbst ruͤhme; Ich will es dem Urtheil des Lesers uͤberlassen) gleich kommen. Denn ob ich gleich die Wahrheit derb und tro- cken ohne Wort-Blum, mit welcher ich sonst meine Schrifften zu schmuͤcken pflege, vortrage \&c. \&c. G Doch Noch schreibet eben dieser Autor anderswo. Si qua est virtus, quam arrogare tantis per mihi audeo, si qua est laus, qua me haud indignum esse forsan non absque ratione existima- verim, est sane modestia, qua me vel mea adeo aliis præponere ve- reor, ut potius nauseem. Item. Es ist meinem Geiste ein solcher Adel eingepraͤget, daß ich mein Gemuͤth bis dahero vom Ehestande abgezogen, und in die hoͤhere Schrancken der Verleugnung und Heiligung (ich rede dieses nur in Absicht auf mich) eingetreten bin. Es waͤhre- te aber kaum 2 Jahre, so hatte der gute Mann ein Weib. Als eben Demselben von einem Studioso eine Materi e gegeben wurde, uͤber welche dieser gerne eine Disputation wolte machen las- sen: so ward hernach als die Disputation gedrucket wurde, ein Brieff an denselben Studiosum mit angedrucket, der sich ohngefehr also anhebet: Kaum sind 2 Stunden verflossen, nachdem du mir das Thema gebracht hast, da schon die Disputation fertig ist. Denn, was ist es noͤthig, daß man sich mit Aufschlagung vieler Buͤcher aufhaͤlt, wenn man im Stande ist, aus dem Schatz seines Hertzens selbst etwas gelehrtes, gruͤndliches und verwunderungs-wuͤrdiges herfuͤrzubringen. Eben dieser, als er ein neues Ehren-Amt uͤberkam, setzte sich mit einem andern, der von vielen Jahren dieses Amt bekleidet hat- te, in Vergleichung; und da hieß es: N. ist schon in seinen juͤngern Jahren sehr beruͤhmt worden; von mir weiß auch alle Welt zu reden. Er ist sehr jung Doctor wor- den; ich auch. Er hat viele Buͤcher geschrieben; ich habe deren noch mehr verfertiget. Er ist nicht N. worden! das bin ich \&c. Die Die mich gehoͤret haben, wissen, daß ich diese Rede ohne alle Hitze als welche mein edeles Gemuͤth nicht beweget, mit fertigen Lippen und freudigem Munde vorgebracht habe \&c. Item. Die Sorgfalt des grossen GOttes fuͤr unsere Schule ist ungemein; ungemein ist auch die Wachsamkeit unserer Patronen fuͤr derselben Wohlfarth. Kaum hat derjenige, so bisher das Amt eines Rectoris verwaltet, dieses zeitliche gesegnet, als die- se verledigte Stelle mir wieder ist aufgetragen worden. Meine Zunge und Feder ist muthig, daß aus denselben ein grosser Strohm der Weisheit herfuͤrquillet, der die Gemuͤther der Menschen befeuchtet. Weil ich nunmehro en bon train bin, und den, in einem Gaͤnsse-Fluͤgel ge- wachsenen, Degen gegen alle gelehrte Narren en general, sie moͤgen nun entwe- der, an statt, daß sie auf Universitæ ten haͤtten klug werden sollen, vor Hoch- muth und Stoltz, od er aus Einfalt naͤrrisch seyn, gezogen habe, kan ich mich nicht entbrechen, annoch verschiedene Histoͤrchen, die ich sowohl von stol- tzen Gelehrten, als einfaͤltigen gelehrten Matzen und Lappen, theils da und dor- ten aufgezeichnet gefunden, theils erzehlen hoͤren, theils aber mit Augen gese- hen, allhier mit einzuruͤcken, in der Hoffnung, daß sie den geneigten und un- passionir ten Leser contenti ren werden. Einstmals kam ein gelehrter Vagant zu einem gelehrten Dorff-Schulmei- ster, und begehrte vermittelst einer langen Lateinischen Oration, von ihm ein Viaticum oder Zehr-Pfennig. Nachdem er etwas bekommen, und wider hin- weg gegangen war, sprach des Schulmeisters Frau zu ihrem Mann: Dieser Toͤlpel hat euch so lange mit seinem Latein aufgehalten, daß das Essen unterdessen gantz kalt geworden. Da antwortete der Schulmeister: Warlich Frau! ihr habt unrecht gethan, daß ihr mir nicht eher gesa- get, daß der Kerl Latein geredet. Ich wolte wacker mit ihme dispu- ti ret haben . Magister N. Pfarrer in dem Staͤdtlein N. als ihm gesaget ward, Pro- G 2 fessor fessor N. zu N. seye gestorben, sagte, er glaube es nicht. Denn , fuͤgte er gantz verwirrter Weise hinzu, wann dem also waͤre, haͤrte er mir es ohne zweiffel geschrieben, indem er mir von allem Nachricht zu geben pfleget . Ein Doctor Medicinæ wolte Handschuh kauffen. Als er dieselben anver- suchte, hieß er ihm einen Spiegel bringen, damit er sich desto besser besehen koͤn- te, ob sie ihm wohl passeten. Ein anderer Medicus, als ihn die Floͤhe so sehr in seinem Bette bissen, loͤ- schete das Licht aus, vermeynende die Floͤhe wuͤrden ihn hernach nicht mehr sehen koͤnnen. Ein Studiosus Juris zog nach Straßburg auf der dasigen Universitæt Do- ctor zu werden. Als er uͤber die Bruͤcke passir te, kam der Wind, und warff ihm seinen Hut in den Rhein, weswegen er gantz entruͤstet sprach: Die Straß- burger muͤssen grobe Bestien seyn, weil sie nicht so viel Verstand haben, feine Glaß-Fenster auf beyden Seiten zu machen, damit man sicher vor dem Winde sey . Ein anderer Doctorandus, als er nach Gießen auf die Universitæt kam, und das schoͤne neu-gebauete Collegium sahe, sprach er zu seinem Gefehrten, es waͤre ein schoͤnes Gehaͤuß . Der antwortete ihm, es seye auf Italiaͤni- sche Manier gebauet . Da fragte ihn der gute Laͤmpel: Ist es dann nicht in dieser Stadt gemachet worden? Nein sagte der andere, welcher des tummen Teuffels spottete, es haben es ihrer Zwey auf Reiffen, von Flo- rentz gebracht . Da wendete sich der Alberne zu dem Klugen herum und sprach: Hab ich es nicht gedacht? Wie ist es doch so ein stattlich Ding: wann einer viele Laͤnder gesehen hat . Einer, welcher Magister werden wolte, kunte die Nacht, so vor diesem sei- nem Ehren-Tag her gieng, nicht schlaffen, und verlangte immer nach dem Tag, bat auch seinen Stuben-Gesellen, der naͤher bey dem Fensten in einem andern Bette lag, er sollte zusehen, ob es nicht bald helle wuͤrde ? Als die- ser antwortete, es seye noch kein Anzeichen darzu verhanden , hieß ihn der andere ein Licht schlagen sagende, er solte es vor das Fenster halten, so wuͤrde er den Anbruch des Tages desto besser sehen koͤnnen . Einer Einer fande einen Mathematicum, nach dem Mittags-Essen, in einem Sessel schlaffende, weckte solchen auf und sprach zu ihm, es waͤre der Ge- sundheit nichts schaͤdlicher , allegir te auch den halben Vers der Scholæ Sa- lernitanæ: Somnum fuge meridianum. Darauf antwortete der Mathemati- cus: Ich habe nur geschlaffen den Muͤßiggang zu vertreiben. Denn ich muß allezeit was zu thun haben . Einem krancken Astronomo wolte der Medicus Gersten-Wasser zu trincken verordnen, da dann der Patient sprach, es gelte ihm gleich, er moͤchte ihm verordnen was er wolle, wann es nur nach Wein schmecke . Ein alter vor sich lebender Pedant wolte ein Hauß bauen, und ließ ein Visier von Holtz machen. Als es ihm nun der Baumeister nach einander er- klaͤrete, und sagte: Sehet hier den Eingang, den Saal, die Kammern, die Stube die Kuͤche, das Schreib-Stůblein ꝛc. repetir te der tumme Teuffel alle Worte! Sehet hier den Eingang, den Saal, die Cammern, ꝛc. Letzlich, als er ein kleines schwartzes Loch sahe, in einer Ecke des Visiers, fragte er! Was ist daß ? Der Baumeister antwortete, es waͤre das heimliche Gemach . Da fuhr der Pedant heraus und sprach: Das habe ich wohl gedacht. Denn es ist schon laͤnger als eine viertel Stunde, daß ich es gerochen habe . Ein Studiosus Juris, der nicht viel gelernet, am allerwenigsten aber die Nase in die Bibel gestecket hatte, sahe Moysen mit einem langen grauen Bart abgemahlet, in seiner Hand die Tafeln derer Zehen Gebote haltend, mit der Uberschrifft Exod. XX. da meynete der Bachant, Exodus waͤre der Name und die XX. seye die Zahl seiner Jahre, weswegen er sich wunderte und sprach, er haͤt- te nie einen Juͤngling von zwantzig Jahren gesehen, der einen so gros- sen Bart gehabt. wie dieser Exodus. Ein, von der Universitæt gekommener Student gab seinem Vater, wel- chem die Maul-Wuͤrffe eine schoͤne Wiese gar sehr verderbeten, den Rath, er solte sie, zu Verhuͤtung eines weit groͤssern Schadens, pflastern lassen. Ein anderer junger Student klagte, er haͤtte die Nacht nicht schlaffen koͤnnen sondern weil er keinen Umhang um das Bette habe, den Tag die gantze Nacht gesehen. G 3 Einem Einem Philosopho erzehlete einer etwas von einem schoͤnen Lust-Garten, wie es nemlich ein grosser weiter Ort, und eine grosse Menge Baͤume darinnen zu finden waͤren. Auf daß der, welcher die Erzehlung that, dem Philoso- pho solches desto besser zeigen und demonstri ren koͤnte, streckete er seine Hand weit aus, und wiese damit rings herum. Da stunde der Philosophus auf sahe ihm starr auf die Hand, und sagte endlich: Herr! Thut eure Hand hin- weg. Denn sie verhindert mich, das ich davor die Baͤume nicht se- hen kan . Ein Studiosus, als er gefraget ward, was er in der Kirche gethan haͤtte ? antwortete; Ich habe das Teutsche Kyrieleison helffen singen . Ein anderer Studiosus lag bey einer Hure, und schaͤtzte sich gar gluͤcklich deswegen, da sie accurat mit denen Frantzosen behafftet gewesen. Bey dem Abschied sprach die Hure zu ihm: Nun mein Herr! Wann ihr daheime seyd, werdet ihr meiner auch gedencken, Ja , sagte er, das will ich thun . Nach fuͤnff oder sechs Wochen, als er zwo boͤse Blattern bekam, die er von der Hure gefangen, erinnerte er sich ihrer, und sagte: Das ist der Sůnden Schuld. Ich glaube es muß eine sonderliche Straffe GOttes seyn, weil ich nicht mehr an sie gedacht habe, wie ich ihr verheissen . Ein gelehrter Raths-Herr disputir te, wie weit es von Speyer biß nach Heydelberg waͤre? als einer behauptete, daß nicht mehr dann dritthalb Meil-Wegs dahin seye , antwortete er und sagte: Ich wolte funfftzig Thaler wetten, daß schon von zehen Jahren her drey volle Meilen biß dahin gewesen . Ein Bachant, als er des Nachts, seiner Nothdurfft halber aufstunde, aber den heimlichen Ort im Hause, in welchem er noch fremde gewesen, nicht zu finden wuste, erreichte seines Reise-Geselle Stieffeln, hoffierte ihn voll, und gab des Morgens vor, die Maͤusse muͤsten es gethan haben . Einer hatte den Hals gebrochen. Da man ihn aufhub, sahe man, daß er ein Messer in der Hand gehabt. Da sagte ein Geistlicher, der dabey stun- de, es waͤre noch ein grosses Gluͤcke, daß der gute Geselle nicht in das Messer gefallen seye . Ein Schulmeister in einem Flecken war zu einer Mittags-Mahlzeit einge- la- laden. Als es Zehen schlug, sagte er zu seinem Sohn: Es ist Zeit, daß ich hingehe zum Mittags-Essen . Der Sohn widerrieth es ihm, und sagte, er solte seine Reputation zu erhalten, warten, biß man ihn noch ein- mal ruffe . Der Schulmeister aber, nachdem er noch eine Weile gewartet hatte, wurde uͤber den langen Verzug ungeduldig, ruffte seinen Jungen wie- der und sprach, er solte hingehen und sagen, daß man ihn noch einmahl bitten moͤchte, weil es bey nahe eilff Uhr wåre . Ein Doctor Medicinæ ward zu einem krancken Edelmann geruffen, und dieser schickte jenem, zu dem Ende seine Kutsche. Unter Weges giengen denen Pferden die Eisen ab, und der Kutscher hielte vor einer Schmiede stille, solche wieder feste machen zu lassen. Als aber dem Doctor die Zeit zu lange fiel, ruffete er dem Kutscher zu: Auf! auf! Lasset uns eilen . Der Kutscher sprach: Herr! Ihr muͤsset verziehen biß die Pferde beschlagen seynd . Hierauf platzete der Doctor mit diesen laͤcherlichen Worten heraus: Nichts! nichts. Fahret ihr nur fort mit der Kutsche, die Pferde werden schon nachkommen . Ein Doctor derer Rechten reisete nach Franckfurth am Mayn , und es zerbrach ihm auf dem Wege seine Kutsche. Derohalben schriebe er an seinen Vetter, der ein Fuͤrstlicher Bedienter gewesen, und etwa eine Meile davon wohnete, ihn Freundlich bittende, er moͤchte demselben doch auf etliche Tage seine Kutsche leyhen. Nachdem der Brief fertig, wolte er ihn alsbald uͤber- schicken. Unterdessen aber koͤmmt der Kutscher, und sagt, die Kutsche waͤre wieder zu rechte gebracht folglich nunmehro nicht von Noͤthen, eine andere zu lehnen . Da zerrisse der Herr Doctor seinen Brief, ließ Feder und Dinte holen, schrieb seinem Vetter einen andern, bedanckte sich darinnen freundlich vor die Freundschafft, welche er ihm mit Lehnung seiner Kutsche ha- be erzeigen wollen, und daß er derselben nunmehro nicht beduͤrffte, weil seine eigene schon wieder gemachet waͤre, Mit diesem Schreiben hat er einen ab- gefertiget, der es seinem Vetter uͤberbringen muͤssen. Ein Studiosus, als er nach Amsterdam kam, und die grossen Schiffe auf der See daher gehen sahe, fragte, ob sie Fůsse håtten . Als er auch die kleinen Boote und Chaloup en sahe, fragte derselbe, ob das derer grossen ih- re Kinder waͤren . Ein anderer, als er vor dem Rectore verklaget ward, und hoͤrete, daß seines Wiedersachers Advocat den Bartholum und Baldum anzog fiel er diesem in in die Rede und sprach: Bartholus und Baldus seynd falsche Zeugen, koͤnnen auch nicht sagen daß sie bey unserm Zanck gegenwaͤrtig gewesen . Ein Student zu Wittenberg gab seinen Landsleuten einen Schmauß. Als sie nun fein lustig und froͤlich waren mit einer Music von Lauten, Geigen und andern Instrumen ten bringet einer unter ihnen eine Jungfer, bey der er Freyerey angegeben, auf die Stube. Nachdem er etliche Reyhen mit derselben herum gesprungen, und erst recht anfangen wolte zu loͤffeln, mercken es die uͤbrigen, und einer spricht nach dem andern diese Loͤffel-Schwester um ein ehrliches Taͤntzlein an, worinnen ihr Galan auch mit Freuden gewilliget; jedoch mit dem Beding , sagte er daß ihr Herren mir die Jungfrau Ja auch wiederbringet . Nach gehaltenem Tantz bringen sie die Jungfrau, durch vieles Bitten, hinter den Tisch treiben auch mancherley Gespraͤche und Kurtzweil mit ihr. Das kunte der junge Dominus nicht laͤnger ansehen, sondern trat vor den Tisch und sprach: Ey ihr Herren. Lasset doch Jungfer Rebe- cken wieder herfuͤr, sie moͤchte etwa auf den Hof gehen und pissen wollen . Ein gelehrter Dorff-Schulmeister, als man es ihm verwiese das die Uhr nicht recht gieng, uͤber die er doch die Aufsicht hatte sagte: Die Uhr gehet recht; aber die Sonne gebet nicht recht . Als ehemahls ein gewisser Magister, in einer der Untersuchung der Gelehr- ten auf der hohen Schule fuͤrgelegten Schrifft, so zu denen Kirchen Geschichten gehorte, verschiedene Stellen aus Platone und andern anfuͤhrete, wolte bewei- sen, daß es Tag werde wenn die Sonne aufgehet. Ein Philosophus, als er sahe eine Post voruͤber reiten, und daß des Po- stillions Pferd sehr mit Packen beschweret war, sagte zu einem Nebenstehenden: Dieser Geselle hat kein Mittleiden mit seinem armen Pferd. Er koͤnte wohl etwas von der Ladung auf seine eigene Schultern nehmen damit das arme Thier nicht so sehr beschwehret wuͤrde . Ein reisender Studiosus, als er sahe daß man in Italien Eiß unter den Wein that, steckte er ein Stuͤck in den Schubsack, nachdem er es fein sauber in sein Schnupfftuch gewickelt hatte, und machte sich die Rechnung, er wolte bey der Abend-Mahlzeit seinen Truncks kuͤhl damit machen. Allein er fande es endlich wie leicht zu erachten, gantz zerschmoltzen, und das Schnupfftuch war, als ob er es in das Wasser getunck et haͤtte. Da druckete er es mit seiner Hand aus, aus, tropffete das Wasser in sein Glaß, und meynete, das zerschmoltzene Eiß haͤtte eben solche Krafft wie die gantzen Stuͤcke. Ein Superintendent fragte einen Studiosum Theologiæ, ob er, oder sein erstgebohrner Bruder der aͤlteste Sohn seines Vaters seye . Als ein gelehrter Burgermeister, aus einem kleinen Staͤdtgen ein gemahl- tes Licht sahe, dessen Flamme oben schoͤn lebhafft gemachet war, fragte er, ob es des Nachts auch so leuchtete wie beym Tag . Ein geheimer Rath an einem vornehmen Hofe, als er die Belagerung der Stadt Ostende abgemahlet sahe, und auf der Land-Seite, sowohl in dem La- ger, als auf denen Waͤllen der Stadt, viel Volck erblickete, auf der See-Sei- te hingegen nichts, sagte er: Was haben doch die Spanier gedacht, daß sie nicht auf dieser Seite wo die Waͤlle gantz bloß sind, die Stadt an- gegriffen haben? Sie haͤtten sie warlich gleich Anfangs erobert . Ein Jurist kam in eine Stadt, durch welche ein Fluß gieng. Als er nun den andern Tag ausgehen wolte, sagte man ihm, das Wasser im Fluß waͤ- re sehr angelauffen . Da rieff er, man solte ihm den Mantel bringen, damit er nicht naß wuͤrde . Ein junger Doctor Juris waͤrmete sich vor dem Camin, neben einer Jung- frau, die gerne schwatzete, woruͤber sie sich dergestalt vergaß, daß der Saum, oder unterste Reiff, ihres Rockes anfieng Feuer zu fangen, und zu glimmen. Der junge Herr Doctor sahe es wohl, sagte aber nichts, biß es endlich die Jungfrau selber merckte, dem Feuer wiche, und den glimmenden Rock aus- loͤschete. Da sprach der Doctor : Ich habe es schon vor einer halben viertel Stunde gesehen; aber darum nichts sagen wollen, weil ich G. L. so viel auf Universitæ ten gelernet, daß man einem andern nicht in die Rede fallen muͤsse . Einem Stadt- Commissario ward gesagt, es wuͤrde regnen, weil der Hahn auf einer gewissen Capelle sich gegen den boͤsen Wind kehrte . Der Secretarius fragte, was es dann vor Wetter waͤre wann der Hahn auf die andere Seite stuͤnde ? und man antwortete ihm, es bedeute gut Wetter . Nach zweyen Tagen, als er sich dessen erinnerte, stieg er hinauf auf die Capelle, und wandte den Hahn gegen die Seite, von der man schoͤnes H Wet- Wetter vermuthete. Als man ihn fragte warum er solches thaͤte ? ant- wortete derselbe, er můste fuͤnff oder sechs Tage zu einer bevorstehenden Keise gut Wetter haben . Ein gelehrter Edelmann, als er gelesen, daß es gar keine Woͤlffe in En- geland gaͤbe, sagte: Warlich! daran ist viel Geld zu verdienen. Ich will ein Dutzent hinein fuͤhren, damit der Fasel auch in das Land komme . Als ihm aber einer anzeigte, wie es ein so grosser Weg, und daß er uͤber das Meer muͤste, auf dem er noch niemals gefahren, ließ er ihm eine Frantzoͤsische Land-Karte weisen. Nachdem er dieselbe gantz scharff uͤbersehen, sagte er: Was schwaͤtzet ihr mir von einem Meer? Ich sehe nichts allhier als ein kleines Wåsserlein, kaum, so groß als der Rhein. Ich wundere mich, daß der Koͤnig von Engeland nicht eine schoͤnen Bruͤcke daruͤber machen låsset, damit man also von einem Land zum andern mit solchen Thieren wandeln koͤnne . Als ein Dorff-Priester hoͤrete, daß sein Edelmann erzehlete, wie sein Pferd im posti ren ein Bein zerbrochen, also daß er es auch haͤtte muͤssen dahinten lassen, sagte er: Warum haben Ew. Gnaden dem Pferd nicht ein hoͤltzernes Bein machen lassen. Ich habe einen Capitain gekannt, der auch ein hoͤl- tzernes Bein gehabt, nachdem er das rechte durch einen Stůck-Schuß verlohren. Dem ungeachtet kunte er die Post so wohl reiten, als ir- gend einer in diesem gantzen Lande . Ein Student von Braunschweig wolte zu Fuß auf die Universitæt Ro- stock ziehen. Als er nun zwey Tage gereiset, und auf der Luͤneburger Heyde sich verirret, den Weg aber nicht finden kunte, gieng er wieder Heim und sprach: Ich bin bald einen gantzen Tag auf der Heyde herum gegan- gen, und kan die Stadt Rostock doch nicht finden . Ein Pedant, welcher ihm viel einbildete, ward vor das Concilium Aca- demicum gefodert. Als er zur Thuͤre hinein gieng, stunde eben der Rector Ma- gnificus und die Professores auf, nach Hause zu gehen, weil es schon sehr spaͤte war. Da rieff der stoltze Pedant ihnen zu und sprach: Die Herren bleiben nur sitzen, und machen mit mir nicht so viel Façon. Ein anderer Pedant als ihn einer die Stiegen hinunter warff, sagte: Es ist mir eben eins, ich habe doch ohne diß herab gehen wollen . Ein Ein junger Magister besuchte seinen Vetter, gruͤssete aber keinen Men- schen, als er in das Gemach trat. Indessen lieff des Vetters Hund zu ihm, und wedelte den ungehobelten Gesellen mit dem Schwantze an. Daher nahm der Vetter Anlaß ihm eine Reprimende zu geben, und sprach: er solte sich schaͤ- men, daß der Hund besser gezogen seye als er. Denn der Hund gruͤsse- te ihn mit seinem Schwantz, er hingegen traͤte herein, wie ein anderer Bauer, ohne jemanden zu gruͤssen . Da antwortete der junge Magister gantz beschaͤmt: Ich habe ja aber auch keinen Schwantz wie der Hund . Ein Professor Medicinæ unterrichtete einen Studenten, der sich diesem Stu- dio ebenfalls widmete. Unter andern sagte diesem der Professor, wann er zu einem Krancken kaͤme, muͤsse er sich allezeit umsehen, ob er etwas erblicke in dem Gemach, darauf er fussen und stehen koͤnte. Als zum Exempel wann er et- wa Birn- oder Apffel-Schaͤler, Pflaumen-Kern und dergleichen zu Gesichte be- kaͤme. Hanns-Latz behielte es wohl, und wolte es ihm hernach, da er anfieng seine Kunst zu practici ren, zu Nutzen machen. Als er nun einstmals einen Krancken besuchte, sahe er nichts in der Cammer als einen Esels-Sattel un- ter dem Bette, vermeynte er haͤtte es wohl getroffen, und sagte zu dem Kran- cken, es naͤhme ihn nicht Wunder, daß er sich so uͤbel befaͤnde, angesehen des grossen Excesses, den er begangen, indem er einen Esel gegessen haͤtte . Zu Leipzig auf der Universitæt erlangte einer eine extraordinai re Ver- goͤnstigung Publicè zu lesen, und schlug deswegen ein solch naͤrrisch Programma an, daß Doct. Joachimus Camerarius, als er es lase, sagte: Ich verstehe nicht was er will . Als solches dem Nasen weisen Herrn gesaget wurde, freue- te er sich daruͤber und sprach: Da muͤsset ihr ja sehen, daß ich ein gelehr- ter Mann bin, weil auch dieser hochgelehrte Doctor meinen hohen Sty- lum nicht begreiffen kan . Ein alter Pedant, der viele Buͤcher geschrieben hatte, kam in das Hollaͤn- dische Lager, und sahe, bey der Artillerie, die grossen Stuͤcke, gantze und hal- be Carthaunen, wie auch die darzugehoͤrigen Kugeln, weshalb er sprach: Dar- zu gehoͤret gewiß recht groß Pulver . Zwey Pfaͤltzische Studenten giengen, zu Heydelberg, um die Herbst-Zeit, mit einander in einen Wein-Garten. Als nun der eine einen gantzen Trau- H 2 ben ben abrisse, schalte ihn der andere und sagte, er solte nur die Beere abessen, und den Kamm oder Rappen am Stocke stehen lassen, damit sie uͤber ein Jahr wieder andere Beere tragen koͤnten . Etliche Studenten hatten einen Professorem die Treppe oder Stiegen hinunter geworffen. Als ihn nun einer fragte, und sagte; Ihr můsset guten Genuß von diesen jungen Kerls haben, daß ihr dieses also von ihnen vertragen koͤnnet . Antwortete er: Ich habe nichts von ihnen als die bloße Ehre . Ein Bierlaͤndischer Pedant kam an den Rheinstrom. Als man nun dem- selben zweyerley Wein vortruge und ihn der Wirth fragte, wie sie ihm schmeckten ? antwortete er: Dieser ist besser am Hopffen; der andere am Maltz . Ein anderer Pedant schriebe Briefe, und setzte kein Datum oder Tag dar- ein. Als er gefraget ward warum ? antwortet er; der Tag stehet ja im Calender . Ein Philosophus war bey dem Jano Dusa zu Gaste, nebst einem Edelmann: Als nun der Philosophus den Dusam fragte, wer dieser (nemlich der Edel- mann) der gegen ihn uͤber saß, waͤre ? und zugleich mit einem Finger auf ihn zeigete, wolte Dusa diese Verungluͤmpffung, welche der Edelmann gesehen und gehoͤret hatte, wieder gut machen, und stellete sich, als ob er verstanden haͤtte, der Philosophus habe die Pastete gemeynet, die auf dem Tische stunde. Dusa deutete derohalben wiederum mit seinem Finger auf die Pastete, und sprach: Est Artocreas, es ist eine Pastete , meynende, er wolte dem Narren das Maul damit stopffen, daß er nicht so unverschaͤmt fragen solte. Aber was ge- schahe? Das Wort war kaum gesaget, siehe! da ist mein guter Laͤmpel ge- schwinde her, nimmt einen Becher, und bringet dem Edelmann eines mit diesen Worten: Domine Artocreas propino vestræ Dominationi unum, d. i. Herr Pastete! Ich bringe eure Herrlichkeiten eines zu . Ein Schul-Fuchs wolte die Lateinische Bibel nicht lesen. Als er gefraget ward warum ? antwortete er: Darum, weil keine Ciceroniani schen Phrases darinnen stehen . Ei- Einer fragte einen jungen Pennal, wo er wolle hingehen ? der antworte- te: Ich will zum Spaß , und vorlanger Weile in die Kirche gehen . Als Anno 1680. der grosse Comet erschiene, wolte ihn ein Studiosus auch besehen, bekam aber den Rauch aus einem Schorstein in das Gesichte, ruffte geschwinde seinen Stuben-Gesellen und gesagt: Stehe auf und komme herfuͤr, ich sehe den Schwantz schon davon . Ein Dorff-Priester hat die ersten Tage, als dieser Comet-Stern erschie- nen, den Monden durch ein Wappen-Glaß scheinen sehen, und gesagt: Sehet doch den erschrecklichtn Comet-Stern an . Als auch ein Studiosus zu Straßburg von der Groͤsse des Cometen discuri- ren hoͤrte, sagte er: Man koͤnne seine Groͤsse zu Straßburg nicht recht se- hen, sondern man muͤsse naͤher dabey seyn . Ein anderer, als er von der Stelle des Cometen astronomicè reden hoͤrte, sagte, er sitze zu Heidelberg auf dem Schloße . Einer der erst neulich war Magister worden, und nach Hause reisete, seinen Vater zu besuchen, schlieff den andern Tag biß um zwoͤlff Uhr des Mittags. Als der Vater ihn aufweckte, auch denselben einen Verweiß gab, warum er so lange schlieffe, sprach der Magister: Botz tausend! Ich haͤtte es schier ver- gessen, daß ich aufstehen solte . Ein Pfarrer unweit Dreßden wolte es auf eine praͤchtige Art erzehlen wie stattlich der Churfuͤrst zu Sachsen den Kayser Matthiam empfangen und bewir- thet hatte. Dannenhero sagte er, es seye der Kayser recht Hochfůrstlich tracti ret worden . Als auf einer Universitæt, in einem Monat, zwey Promotiones Docto- rum gehalten wurden, fragte ein Pennal, ob man dann diejenigen Doctores, die man neulich erst gemachet, schon verbraucht haͤtte, daß man jetzo an- dere mache . Ein Schiffmann fuͤhrete, zu Basel, einen aufgeblasenen Studenten in ei- nem Nachen uͤber den Rhein. Als sie nun grosse Gefahr auf dem Wasser ausge- standen, aber doch endlich gluͤcklich auf der andern Seite angelanget, sagte der H 3 Stu- Student gantz zornig zu dem Schiffmann: Warlich! ich wolte dich ersto- chen haben, daferne du mich ersaͤuffet haͤttest . Ein Schul-Regent hatte ein kranckes Toͤchterlein, so erst zwoͤlff Tage alt war. Als nun eben selbige Woche das Evangelium einfiel von des Schul- Obersten zwoͤlff-jaͤhrigen Toͤchterlein; ließ dieser seine Buben in denen Preci- bus, vor sein Toͤchterlein, ad imitationem also beten: Wollest dich auch lieber HErr! erbarmen uͤber unsers Schul-Obersten kranckes zwoͤlff-jaͤhriges Toͤchterlein; einen Tag vor ein Jahr gerechnet . Ein anderer Schul-Regent war auf einer Rolle uͤber Feld gefahren. Da man nun das Fuhrlohn foderte, und es dem Herrn zu viel dauchte, sagte, er zu dem Roller, Er solte ihn nicht so hart halten, er waͤre der und der, wel- cher so viel Bůcher geschrieben, ob er ihn nicht kenne ? Aber der Roller ant- wortet ihm: Ihr moͤgt seyn wer ihr wollet, ich kan niemand vergebens fůhren . In einem Collegio war ein Pennal, der wolte auch gerne gesehen seyn, daß er gute Verse machen koͤnte. Derohalben stellete er seiner Mit-Schuͤler einen, der einen ziemlichen Poë ten abgab an, daß er ihm solte, die Oration, so ihnen aufgegeben ward, gantz carminice machen worgegen er ihm seinen Becher Wein uͤber Tischelassen wolte. Dieser machte es ihm, und schriebe es ab. Unten aber hienge er die Worte an: Pro hoc mihi debetur cyathus, hier- vor gebůhret mir ein Becher Wein . Jener gute Schlucker hatte dieses nicht wahrgenommen, mochte es auch nicht wieder abschreiben, fondern uͤber- gab das Carmen, und ward deshalb, als der Possen dadurch an den Tag kam, weidlich ausgelachet. Einem alten Pedan ten gefiel das Ciceroniani sche Latein so wohl, daß er sagte: Wie, daß mich doch GOtt in dem groben Teutschland, und nicht unter denen Lateinern hat lassen geboren werden? damit ich die Ehre haͤtte, daß diese schoͤne Sprache auch meine Mutter-Sprache waͤre . Ein anderer sagte, die gantze Divinitas steckte in dem Plauto, und wol- te die Ubiquitæt daraus widerlegen. Von dem sagte ein gelehrter Mann, es nehme ihn Wunder, daß der Kerl nicht auch eine plautini sche Postill uͤber alle Sonntags Evangelia schriebe . Wie- Wieder ein anderer Pedant wolte seinen Teutschen Namen (wie sie ge- meiniglich zu thun pflegen) auch Lateinisch machen, und nennet sich, an statt Schuster, Sutorius. Als er gefraget ward, warum er seinen Namen ver- aͤndere ? sagte er, das Woͤrtlein Sutorius wåre viel ansehnlicher , signifi- cantius und magis em phaticum, als der Teutsche Schuster . Ein Professor bekam einen jungen Pennal zum Famulo. Diesem gab er ei- nen Waxstock in Verwahrung, mit dem Befehl, ihn wohl aufzuheben, und nicht eher zu gebrauchen, als wann er es selber verlangen wuͤrde. Der albere Fabian hatte allerley Hausrath, als Papier, Federn, Beutel, Schreibe-Zeug, Brod, Kaͤß und andere Dinge in seinem Schubsack. Den Waxstock steckte er auch hinein, und setzte sich also hinter den warmen Offen, allwo er entschlieff und der Waxstock fieng an weich zu werden, dergestalt, daß alles zusammen klebete. Als nun der Professor des Abends wolte zu Bette gehen, rieff er: Pe- ter! Wo hast du das Wax-Licht: zůnde es an . Peter sprach: Herr Pro- fessor hier habe ich es in der Ficken . Der Professor sprach: Warum in der Ficken . Peter antwortete: Die Katzen und Maͤuße haben mir mit dem Licht-Fressen, zu Hause und auf Schulen, viel Schlåge gemachet. Darum steckte ich es nun in die Ficken, daß mir es die Katzen und Maͤuße nicht mehr fressen sollen ; und damit zog er den geschmoltzenen Waxstock heraus. Hieruͤber ward der Professor zornig; sein Pennal aber sprach ferner: Es muß wahr seyn wie man sagt: Art laͤsset nicht von Art. Ich habe le- derne Ficken. Mich deucht es werden Katzen-Haͤute seyn, daß sie mir so am Licht gefressen . Ein Professor supremus Alphabeti sagte zu seinem Weibe: O Weiblein Wann du wissen thaͤtest, was du vor einen Mann haͤttest, du wuͤrdest mir andere Ehre anthun. Ich habe jetzo lassen ein Buch ausgehen, das wird waͤhren so lange die Welt stehet . Ein tummer Student gieng vor eines Geigenmachers Hause voruͤber und wurde gewahr, daß er oben aus seinem Giebel eine lange Stange mit lauter Geigen behangen, ausgestecket hatte, die etwa in der Sonne trocken werden solten. Derohalben sprach der tumme Student gar andaͤchtig zu seinem Ge- fehrten: Schaue ůber dich und zeuch den Hut ab. Hier oben wohnet ge- wiß St. Petrus, weil der Himmel so voller Geigen haͤnget . Ein Ein junger Student fragte einstens einen Moͤnch in denen Niederlanden, warum er doch mit so unfoͤrmlicher Gestalt in einer Moͤnchs Kutte herum zoͤ- ge? dem antwortete der Moͤnch: daß ich meine Esels-Ohren in etwas ver- bergen moͤge, die ihr einem jedweden so oͤffentlich sehen lasset . Ein ziemlich betagter Pedant wolte mit einer Jungfrau in Meissen galani- fi ren. Weil sie aber keine Neigung zu ihm hatte, sondern des Narren gerne loß ge- wesen, fragte sie ihn verbluͤmter Weise, ob er auch wuͤste welches das groͤste und groͤbste unter allen unvernuͤnfftigen Thieren wåre ? der Pedant ant- wortete ihr gar bedencklich, der Elephant seye so groß und ungeheuer, daß wann die Jungfrau einen saͤhe sie aus Furcht in eine Ohnmacht sincken wuͤrde . O sagte sie, mein Herr Elephant! Gehet flugs weg, ich fůrchte eure Rede moͤchte wahr werden . Ein Student von Adel bemuͤhete sich um die Affection einer Jungfrau; jedoch nur in der Absicht, daß er mit ihr Buhlen und Kurtzweile haben moͤch- te. Zuweilen offerir te er ihr einen kostbaren Ring zu Bekraͤfftigung seiner Lie- be, den aber die Jungfrau, ohne Wissen und Willen ihrer Mutter nicht an- nehmen, viel weniger ihm sonst in etwas zu Willen seyn wolte. Endlich frag- te sie hieruͤber ihre Mutter, welche sie wohl unterrichtete, mit was Worten und Gebaͤren sie den Ring annehmen solte. Als nun der Stutzer wiederkom- met, und nach vorigen Anbringen ihr abermal den Ring præsenti ret, sie sich auch mit beweglichen Worten vernehmen laͤsset, daß sie ihn annehmen und verwahren wolle , auch darnach, als ein Liebes-Pfand ihrer kuͤnfftigen Hey- rath greiffet, zeucht der Juncker den Ring zu ruͤcke, und spricht: Pfuy Jung- fer hat euch eure Mutter das Weigern noch nicht gelernet ? Sie wartete nicht lange, giebt ihm eine gute Maulschelle und saget: Pfuy Juncker! hat euch euer Vater das Weichen auch noch nicht gelehret ? Ein alter Pedant versoffe fast alles, was er hatte. Und als er kein Geld mehr wuste gienge er etliche Tage gar traurig und melancholi sch herum. In- dem koͤmmet eines, und begehret vor einen Pfennig Petersilien Kraut aus sei- nem Garten. Da ward er lustig und sprach: Ich habe es wohl gedacht, es muͤste einmal wiederkommen . Ein Pedant, der sich eine sonderbare Art wie die Narren jetzo pflegen, zu schrei- schreiben angewoͤhnet, nannte unter andern einen dicken aufsteigenden Rauch Ingens fumorum flumen, einen grossen Rauch Fluß . Daruͤber hatten etli- che ihr Gespoͤtte. Aber einer unter ihnen defendir te den Pedan ten, daß er recht und wohl geredet haͤtte, und sprach: Quemadmodum flumen descendit absque pedibus, ita fumus adscendit sine scalis; Gleichwie ein fliessendes Wasser hinunter in das Meer laͤufft ohne Fuͤsse; also steigt auch der Rauch in die Hoͤhe ohne Leiter . Ein junger Student setzte sich in einem Garten auf einen grossen abge- hauenen Stumpff eines Baumes mit uͤbergeschlagenen Beinen, gleich als ob er ritte. Dessen lachte eine Jungfrau. Der Student wolte wissen, ob sie ihn auslache? und fuͤgte hinzu: Mir důncket ich sitze hier so cavalieri sch, wie auf dem schoͤnsten Pferde. Nein sagte die Jungfer, ich spotte eurer gar nicht, sondern lache nur, daß ich einen Klotz auf dem andern sitzen sehe . Ein anderer Student erzehlete im Spatzieren-gehen, bey einem Teiche, seine Thaten einer Jungfrau, und sagte: Ich wolte einstmals in diesem Teiche Krebse fangen, und als ich nach einem Krebs in ein Loch griffe, zog ich eine Menschen-Hand heraus . Die Jungfrau stellete sich, als merck- te sie die Finte nicht, und sprach gar furchtsam: Ey! Das muß ein loser Schelm gewesen seyn, der die Hand in das Loch gestecket hat . Einstmals wolten etliche Studenten von einer Universitæt auf die andere sich begeben, wobey sich auch ein junger Pennal befunde. Sie waren alle zu Pferde und mit Sporen versehen, biß auf den Pennal, welcher deren keine hatte. Als sie nun auf einer feinen Ebene ritten, sprachen sie unter einander: Lasset uns die Pferde anstechen, damit wir desto eher in das Wirths-Haus kommen . Auf diese Weise ritten sie wacker fort; der arme Pennal aber bliebe dahinten, wannen- hero er schrie und sprach: Ihr lieben Herren! Wartet doch, und gebet meiner Maͤhren auch einen Stich, daß ich kan nachkommen . Ein Magister und Candidatus des heiligen Ministerii wolte predigen: Als er auf die Cantzel kam, den Eingang gemachet, und den Text abgelesen hatte, ward ihm etwas anders Noth ꝛc. daß er nicht weiter fortfahren kunte. Gleich in dem schlaͤgt die Uhr. Da fieng er an: Die Zeit ist nunmehro verflossen, und der Seiger hat geschlagen. Derowegen will ich eure Liebe nicht laͤnger J auf- aufhalten, sondern meine Predigt mit diesem wenigen beschliessen , und lieff zur Kirchen hinaus. Ein Pedant schrieb einen Brief gen Padua, welcher auf den Wein- Marckt in die Apothecke zum Monden solte geliefert werden. Derohalben stellete er seine Uberschifft also; In der Anteroni schen Stadt, auf den Ba- ohus - Marckt, in dem Aromatario der dreyfoͤrmigen Goͤttin . Ein anderer Pedant wolte eine Hure schelten und sprach: Diese Roͤmische Lupa hat allezeit ihre Oculos auf die Loculos gerichtet, und siehet man keine Courtai sche Freudigkeit an ihr; es seye dann ihre schaͤndliche inglu- vies genugsam satii rt . Ein andrer wolte seinen Wirth auf das hoͤflichste gruͤßen, und hatte die- sen Einfall: Ave Pincerna Delphico, Salve, derer stattlichen Zucker-suͤs- sen Gerichte ein Meister . Dii te adjuvent, ein heiliger der koͤstlichen Speise . Wieder ein Pedant in einem geistlichen Kleide erkundigte sich bey einem Bauer um den Weg nach Rom, als er sich noch einige Meilen davon befande. Der Bauer moͤchte sich vielleicht vor gluͤckselig gehalten haben, daß ein solcher gelehrter Mann aus seinem heiligen Munde mit ihm geredet. Allein er sprach: Hoͤre Bauer, welches ist die Germana via nach des Romuli Stadt ? und also bleibe er von dem Bauer unberichtet. Zwey alte Studenten von Ingolstadt wusten von vieler Weisheit zu schwatzen. Da ward der eine gefraget, wie hoch es von dem Himmel auf die Erde seye ? und er antwortete, es waͤre eine solche Hoͤhe, daß in funffzehen Jahren ein Můhlstein kaum herunter fallen moͤchte . Diesem wider- sprach der andere sagende, es waͤre nicht wahr. Denn am Tage der Him- melfarth håtte ja der Pater Quirin geprediget, daß der HErr Christus seye des Morgens um neun Uhr gen Himmel gefahren und håtte um Ve- sper Zeit wollen droben seyn . Einer, der lange Jahre auf Universitæ ten gewesen, ruͤhmete sich wegen seines Fechtens und Raufens, wie er diesen und jenen gehauen, gestochen, und also gewonnen haͤtte Das hoͤrete ein Pennal und sprach: Ich habe mich, zu Tůbingen, auch einmal mit einem Studenten Jungen gebalget, und ge- gewonnen, also daß ich drey Wunden, und er kaum einen blauen Fleck bekam . Ein Pedant klagte es seinem Freunde, wie er unversehens in die Elbe ge- fallen und bey nahe ersoffen waͤre , hinzufuͤgende: O! Wann ich haͤtte muͤssen ersauffen, so glaube ich nicht, daß ich jemals waͤre wieder froͤ- lich worden . Ein Closter- Pennal spielte im Sommer mit andern. Als aber die Sonne ihm sehr heiß auf die Platte stach, sprach er: O Sonne! daß dich GOtt schaͤn- de. Wie machst du einem so heiß? Behalte mir nur diese Waͤrme biß auf den Winter, wann ich fruͤhe um drey Uhr muß zur Metten lauten . Ein grober Bachant unterstunde sich einstens, den Kaͤyser, im Namen des Raths in einer gewissen Stadt, mit einer Lateinischen Oration zu empfangen. Als er nun vor der Buͤrgerschafft her zu des Kaysers Kutsche trat, hoffete je- dermann bey dem Kayser grosse Ehre einzulegen. Der Redner aber fieng an: Bene veneritis Domine Rex. Uber diesen Gruß lachte der Kayser, und die guten Leute meyneten, es waͤre alles recht wohl ausgerichtet. Ein Student zu Tuͤbingen befliesse sich Verse zu machen, kunte aber schlecht Latein. Als er nun etliche fertig hatte, lase er die her und sprach: Wo- ferne Sybilla diese Verse nicht verstehet, so glaube ich nicht, daß ein Mensch solche verstehen und auslegen kan; denn sie haben viel in sich . Darauf zeiget ihm einer viele grobe Vitia, sagende: Man muß euch etwas zu gute halten, ich sehe gar wohl, ihr fanget an zu græcisi ren. Ja recht sagte der Pfuct, das ist meine Heymath. Ich bin von Graͤtzing gebuͤrtig. Darum ist mir das Latein dergestalt zuwider, daß ich nur will Græcè schreiben . Ein unverstaͤndiger Pedant begegnete einem von seinen Bekandten, der zu ihm sagte, es waͤre ihm im Traum vorgekommen, als ob er mit ihm rede- te . Da bat der Pedant um Verzeyhung, daß er nicht gebuͤhrend zugehoͤ- ret haͤtte . Ein anderer Pedant von grossen Einbildungen besuchte einen Krancken, und fragte denselben, wie es um ihn stůnde ? Da aber der Patient Schwach- heit halber nicht antwortete, ward der stoltze Limmel zornig und sagte: Ich J 2 hoffe hoffe auch einmal kranck zu werden. Alsdann will ich dir ebenfals nicht antworten, wann du zu mir kommest . Ein Mathematicus begegnete seinem Medico, und bat ihn um Verzei- hung, daß er so lange nicht kranck gewesen waͤre . Ein Doctor Medicinæ wolte seine Pferde verkauffen. Als ihnen nun der Kaͤuffer das Gebiß besahe, sagte der Medicus, was er denen Pferden doch die Zaͤhne viel begucke, er solte lieber davor sehen wie sie gehen koͤnten . Ein Philosophus, welcher sein Hauß verkauffen wolte, trug einen Stein von desselben Gemaͤure mit sich herum, und zeigte ihn denen Kaͤuffern, vor eine Probe und ein Muster. Ein alter eigensinniger Pedant wolte sein Pferd lernen fasten, und gab ihnen nichts, oder doch sehr wenig zu essen. Als es nun entlich daruͤber starb, sagte er, es waͤre Schade, daß das Pferd eben jetzt stuͤrbe, da es die Kunst schier begriffen haͤtte . Ein Student wolte sehen wie ihm der Schlaff anstuͤnde, und sahe mit zu- gethanen Augen in den Spiegel. Ein Stadt- Secretarius, der sich viel Geld erworben, kauffte ein Haus, guckte aus solchem heraus, und fragte die Leute, wie ihm das Haus an- stuͤnde . Einem einfaͤltigen Magister traͤumete, er haͤtte in einen Nagel getreten. Derohalben gieng er des Morgens und hatte seinen Fuß verbunden. Als ein anderer Magister, der ihn besuchete, dieses verstanden, sagte er zu dem Pa- tien ten, warum er dann auch barfuͤßig schlaffe ? Ein stoltzer Philosophus hatte ein ihm zugehoͤriges Faß Wein verpit- schieret. Als aber sein Famulus das Faß unten angebohret, und den Wein ausgezapffet hatte, wunderte er sich, daß das Pitschafft unversehrt seye, und der Wein gleichwohl taͤglich abnehme. Da ihm einer sagte, er solte se- hen ob nicht etwa unten herum ein Betrug am Fasse gespielet waͤre ? antwortete ihm der Philosophus, er waͤre ein Narr, der Wein mangele nicht unten, sondern oben . Ein Ein Cantor sahe Spatzen auf einem Baum sitzen, lieff hinzu, hielte seinen Mantel unter, und schuͤttelte den Baum, als wolte er sie im Fallen, gleich wie die Aepffel oder Birne, fangen. Ein Philosophus war auf seinen Meyer-Hof vor die Stadt hinnaus gezo- gen. Da fragte er den uͤber den Hof bestelleten Mann, ob das Wasser im Zieh-Brunnen gut zu trincken wåre ? Als dieser antwortete, es wåre sehr gut, und seine Vor-Eltern haͤtten alle daraus getruncken , sagte er dar- auf: So muͤssen sie denn lange Haͤlse gehabt haben, daß sie so tief haben koͤnnen hinab reichen . Ebenfalls ein Philosophus begegnete einem Studioso Jur. und sprach zu ihm: Siehe da! Ich habe doch gehoͤret als ob ihr gestorben seyd . Dieser antwortete: Hier sehet ihr aber daß ich noch lebe . Darauf ver- setzte der Philosophus, er glaube dem, der es ihm gesaget habe, mehr als ihm . Noch ein anderer Philosophus, als er hoͤrete eine Kraͤhe koͤnte zweyhun- gert Jahre leben, wolte es selbst versuchen, kauffte eine, und hielte sie daheim in einem Kaͤfig. Ein Legations-Secretarius befande sich auf der See, und es ereignete sich ein so entsetzlicher Sturm, daß ein jeder von denen, die mit auf dem Schiffe waren etwas ergriffe, um darauf im Fall der Noth, wann es etwa einen Schiffbruch gaͤbe, an das Land zu fahren. Da fassete der Legations-Secreta- rius den Ancker, und hielte sich feste daran. Es war einer aus Zwilling-Bruͤdern gestorben. Da kam zu dem an- noch lebenden ein Professor, und fragte ihn, ob er oder sein Bruder gestor- ben waͤre ? Einer ließ sich uͤber den Rhein schiffen, und blieb doch in der Fehre auf sei- nem Pferde halten. Als man ihn fragte, warum er nicht abstiege , ant- wortete er: Damit ich desto geschwinder hinuͤber komme . Es hatte ein Magister seiner Bekandten einem, der auf dem Lande wohnete geschrieben er solte ihm doch etliche Buͤcher kauffen, legte auch zu dem Ende J 3 das das benoͤthigte Geld bey. Als er aber weder Buͤcher noch Antwort erhielte, reisete er selber in die Stadt, und sprach den Magister muͤndlich. Allein die- ser, sobald er jenen ersahe, entschuldigte sich sche, ehe der andere noch geredet hatte, und sprach, er habe keinen Brief von ihm empfangen, darinnen er etliche Buͤcher begehret haͤtte Einstmals reiseten ein Student, ein Bartscherer, und ein Kahl-Kopff mit einander. Als sie nun des Nachts im Wirths-Hause nicht allzuviel traue- ten, und einer um den andern wachen solte, traff das Looß den Bartscherer am ersten. Indem dieser also wachete, nahm er sein Scheer-Messer, und schore dem Studenten gantz glatt auf der Haut alle Haare, hinweg. Hernach als die Zeit zu wachen an den Studenten gekommen war, weckte er denselben auf. Der Student, welcher also vom Schlaf aufwachte, kratzte sich auf dem Haupte, fand keine Haare, fieng an und sagte: Der arge Hudler der Bar- bier hat sich geirret, und den Kahl-Kopff statt meiner aufgewecket . Ein Pennal fragte. Wie offt man das Neu-Jahr in einem Jahr haͤtte . Ein anderer, als seine Tisch-Gesellen in der Karte spieleten, und einer schrie: Stich zu , lieff geschwinde und that alle Messer auf die Seite. Ein gelehrter Gerichtsschreiber, als ihm einer Roßfeigen in die Schuhe ge- leget hatte, verwunderte sich nur daruͤber, wie doch das Pferd muͤsse in die Schuhe gekommen seyn ? Ein gelehrter Raths-Herr, aus einer namhafften Stadt, gieng an ei- nem Wasser spatzieren. Nicht ferne davon weydeten Schaafe, deren Schat- ten er in dem Wasser erblickete. Da ruffete er geschwinde denen Fischern, welche accurat daselbst fischeten, zu, und sagte: Hier, hier, an diesem Ort werdet ihr viel fangen . Ein Stadtschreiber, der erst neulich von der Universitæt gekommen, und zu diesem Posten gelanget war, hatte einem von dem Medico ihm verordneten Tranck eingenommen, und fragte hernach erst den Medicum, was er wuͤr- cken wůrde ? Dieser sagte, er wuͤrde ihm den Bauch oͤffnen . Da finge der Staͤdtschreiber an jaͤmmerlich zu schreyen, biß er hoͤrte, daß solches so viel hieß als purgi ren. Ein Ein reisender Studiosus von Adel schriebe den vierten Tag nach seiner An- kunfft in Franckreich! an seinen Vater, und beklagte sich, die Frantzoͤsische Sprache seye dermassen schwer, daß sie ihm gar nicht in den Kopff wolle . Zwey Studiosi zanckten sich mit einander. Der eine hieß den andern ei- nen Bachan ten, und dieser jener ein Pennal, welcher deswegen zu ihm sprach: Ich bin so gut als du bist . Ein von der Universitæt gekommener Studiosus sang bey seiner Mutter Lei- che mit heller Stimme, deswegen sein Vater auf ihn schalte. Er aber sagte: Ich thue recht, und ihr unrecht. Ihr bestellet Leute ums Geld, wel- che singen muͤssen; ich hingegen singe umsonst . Ein alter Pedant hatte sich bey einem Weinschencken, der ihn als einen Gast tractir te, einen gewaltigen Rausch getruncken, gieng noch ehe es Nacht war, vor das Hauß heraus an eine Ecke sein Wasser abzuschlagen. Weil er aber zu gleicherzeit den Hut in seiner Hand trug, pissete er ihn unvermerckt gantz voll. Hernach, als er solchen, aufsetzen wolte, schuͤttete er ihm seine eige- ne Lauge selbst uͤber den Kopff. Jedoch er glaubte festiglich, das Bad kaͤme von oben aus einem Fenster, sahe derohalben uͤber sich, und fieng an zu schrey- en: O Schelm schuͤtte! Wann ich Obrigkeit hier waͤre ich wolte dich zu- vor lernen Kopffweg schreyen, ehe du schůrten soltest . Ein feiner junger Pennal hatte eine Jungfrau eine Hure gescholten, und gesaget, daß sie bey einem gelegen wåre . Als er deswegen vorgefodert ward, und nichts beweisen kunte, bate er um Verzeihung, mit diesen Wor- ten: Ich habe gemeinet, was ich sehe, das waͤre wahr . Ein hochgelehrter Narr wolte sich grosser Reisen ruͤhmen, und sagte, er seye in einem Lande gewesen, wo es so grosse Bienen gaͤbe wie unsere Schaafe . Als man ihn fragte, wie groß dann die Bienen-Koͤrbe darzu waͤren ? antwortete er, wie hier zu Lande . Da sagte einer; Wie koͤnnen dann die Bienen hinein kommen, und darinnen seyn ? worauf der Luͤgner versetzte: davor lasse ich die Bienen Sorgen . Ein junger Pennal, als er das erstemal des Rheins ansichtig ward, fieng er er vor Freuden an zu schreyen: GOtt seye gelobet, daß ich das Wasser ein- mal sehe, aus welchem der gute Rheinische Wein gebrauet wird . Jener Studiosus, als er Magister werden wolte, war so verstockt und tumm, daß er die vier Elemente nicht zu nennen wuste. Denn ob er gleich dreye nannte nemlich: Das Feuer, die Lufft und das Wasser , blieb er doch bey dem vierten stecken. Ein gegenuͤberstehender Professor suchte ihm zu helf- fen, und wiese mit dem Fuß auf die Erde. Allein der Candidatus Philosophiæ begreiffe es gleichwohl nicht, sondern fuhr heraus und sagte: Und der Schuh . Jener Magister solte aus etlichen Versibus Virgilii Disticha machen, brach- te sie aber voͤllig aus dem Virgilio abgeschrieben. Als er deswegen zur Rede gestellet wurde, war seine Antwort, er koͤnne sie doch nicht besser machen, als sie an sich selber wåren . Jener Pennal, als er in einer Kutsche das erstemahl auf Universitæ ten reiset, und es anfieng sehr zu regnen, steckte den Kopff heraus, und ruffete den Kutscher zu: Kutscher Es regnet mir ins Maul . Der Kutscher gab ihm zum Bescheid: Narr mache es zu . Ein anderer Bachant ward einer gewissen Sache bezuͤchtiget, die er laͤug- nete: Man wolte ihm nicht glauben, er betheure es dann mit einem Eyde, den zu schwehren er sich weigerte, es seye dann, daß er zuvor etwas davor bekaͤme, weil die Schrifft verbiete, vergebens zu schwehren . Ein neuer Magister, als er bey dem Magister- Schmauß gewaltig gezechet hatte, verlieffe sich, eilig, und bliebe bey einer Haus-Thuͤre liegen, das Gesichte uͤber sich kehrende, und das Maul weit aufsperrende. Weil es aber regnete, lieff ihm die Trauffe von dem Dache in das offene Maul, weswegen er heff- tig sprudelte und sprach: Ich mag, und kan, warlich! nicht mehr Be- scheid thun, wann ihr mir es auch schon einschuͤttet . Ein junger Pennal, welcher noch die Windeln im Hintern hatte; wolte gleich wohl schon loͤffeln, und seine Sache gar hoͤflich vorbringen, wannenhero er zu seinem Hertzen sprach: Ich moͤchte euch gerne kůssen; aber meine Na- se stoͤsset allezeit auf die eurige, also daß ich nicht recht kan darzu kom- men men . Hierauf gab ihm die Jungfer den Bescheid: Ich habe noch ein an- der Gesichte, das hat keine Nase. Will etwa der Herr dasselbe kuͤssen ? Ein junger Matz wurde Magister, und gleich darauf wolte ihm sein Va- ter kein Geld mehr schicken, weil er in der festen Meynung stunde, ein Mei- ster der Weißheit, wie nunmehro sein Herr Sohn seye, můsse selber viel Geld verdienen koͤnnen Der neue Magister schriebe wohl zwantzig Briefe an seinen Vater, einen nach dem andern; aber alles umsonst, weil der Vater auf seinem harten Sinn stehen bliebe. Bey sogestalten Sachen sahe sich der Herr Magister genoͤthiget, seine Buͤcher und Kleider groͤsten Theils zu ver- stossen, auch endlich mit dem Rest nach Hause zu ziehen, und die Universitæt gar zu verlassen. Dieser Rest seiner Sachen bestunde in einem grossen Buͤn- del, wie ihn die wandernden Handwercks-Pursche zu fuͤhren pflegen, und der Magister ließ sich denselben, durch einen Tageloͤhner zum Thore hinaus tra- gen, hernachaber, als er der Stadt aus dem Gesichte kam, fassete er ihn auf seinen eigenen Buckel. Indessen begegnete ihm ein Fuhrmann mit seinem Karrn, und er machte ein Geding mit ihm, daß er denselben biß auf den nechsten Fle- cken mitnehmen solte. Nachdem er aber aufgesessen war, kunte er sich mit dem Buͤndel auf den Buckel nicht recht behelffen, und hatte gleichwohl auch nicht die Courage, daß er solchen herunter nahm und vor sich legte, in der Meynung, der Karrn wuͤrde dadurch desto mehr beschwehret, folglich er auch seinen Beu- tel desto besser angreiffen muͤssen. Jedoch endlich, da ihme der Fuhrmann den Buͤndel selber ablegen hieß, that es der neue Herr Magister und sprach: Ey! wolt ihr dann auch so gut seyn, und mir meinen Buͤndel mit fuͤhren ? Jener einfaͤltige Tropff solte seinem Vater eine kleine Hand-Bibel an dem Ort, wo er studierte, binden lassen. Er schrieb aber erst wieder nach Hause, und fragte an, ob er sie solte in Folio, in Quarto, oder in Octavo, binden lassen ? Wie ist doch so gar nichts an dem Morgen , sprach ein fauler Student, welcher allemal biß um zehen Uhr im Bette zu liegen pflegte. Jener Studiosus Theologiæ, als er im Baden auf dem Rhein schier er- soffen waͤre, und man ihn heraus gezogen, auch das Wasser von ihm hatte lauf- K fen fen lassen, sagte, es wåre ihm vor nichts aͤngster gewesen, ausser nur, daß er so nackend vor unserm HErre GOtt haͤtte erscheinen sollen . Ein Dorff-Pfarrer beklagte sich hefftig, daß er einem andern Geistli- chen schon vor einem Monat geschrieben, dieser aber ihm noch nicht ge- antwortet habe . Allein da man sich umsahe, fande es sich, daß der Brief noch an dem Fenster stack. Ein einfaͤltiger Student zu N. wurde von etlichen seiner Cameraden auf dem Felde in den Hanff gefuͤhret, welcher desselben Orts sehr hoch waͤchset. darinnen liessen sie ihn, lieffen aber vor ihre Person wieder heraus, schrien und spotteten seiner mit diesen Worten: Ha, ha , Monsieur ! Ihr seyd gefangen und koͤnnet nicht wieder heraus kommen . Da ward dem guten Tropffen angst und bange, und er sprach: Ach ihr Herren! Um GOttes willen! ma- chet mir auf, und lasset mich doch wieder heraus ; wobey er mit denen Fingern an die Stengel klopffete. Ein anderer tummer Studiosus, als er fallen wolte, hielte sich an einen grossen Wein-Roͤmer. Jener alte Pedant, als er vor etlichen Courtisans und Hof-Junckern, von seinem Aristotele und Thoma Aquino, ingleichen von ihren Subtilitæ ten einen stoltzen Discurs anhub, ließ dabey, vor lauter grossem Witz! einen ent- setzlichen Bauchwind streichen. Da fieng einer unter denen Beystehenden an: Da siehet man was vor aufgeblasene Leute die allzugrosse Gelehrsam- keit und Geschicklichkeit machet . Ich bitte um Verzeihung, daß ich im Hause ein so grosses Gerum- pel gemachet habe , sprach ein anderer, als er die Stiege hinab gefallen war. Jener Frantzoͤsische Pennal sagte zu Paris , Allemagne oder Teutsch- land muͤste eine grosse Stadt seyn, weil immerfort so viele Allemans oder Teutschen nach Paris kaͤmen . Ein Pohlack befand sich zu Heydelberg auf der Universitæt. Als er von dan- dannen reisete, regnete es. Jedoch es fuͤgte sich, daß er nach einem halben Jahre wieder dahin kommen, und da regnete es abermals. Hierauf ver- wunderte sich der gelehrte Pohlack, und bildete sich ein, es haͤtte seit seiner Ab- reise nicht aufgehoͤret, in Heidelberg zu regnen. Zu Wittenberg hatten etliche von Adel einen jungen Studiosum zum Fa- mulo. Weil er sich aber sehr nachlaͤßig in der Kleidung hielte, wie gemeini- glich die Pennæle zu thun pflegen, sagten sie ihm, er solte sich ein wenig mun- ter halten, damit er ihnen keine Schande, sondern eine Ehre waͤre . Des andern Tages, als er solte ein Fuder-Holtz hauen, gieng der gute Lem- mel hin, thaͤt seinen Mantel und Degen an, und hieb also das Holtz. Es hatten etliche Studenten einen jungen Pennal mit einem Ohr, an ei- nem Pfosten bey naͤchtlicher Weile angenagelt. Es bliebe auch der arme Ge- selle in der Positur so da stehen, sagte kein Wort, sondern meynte er gehoͤre da- hin, und es muͤsse so seyn. Des Morgens giengen der Rector Magnificus, nebst einigen Professo ren, voruͤber, liessen dem Pennal den Nagel herausziehen, und fragten ihn, wer denselben so tracti ret håtte? ob es Studiosi waͤren? und ob er sie wohl kennen wolte, wann sie ihm vorgestellet wuͤrden ? welche drey Fragen der Pennal mit Ja beantwortete. Hierauf ließ der Rector die verdaͤchtigsten Nacht-Voͤgel von der gantzen Universitæt vor sich kommen, und examinir te einen nach dem andern vermittelst der Frage: Seyd ihr es ge- wesen . Der erste antwortete: Nein ich war es nicht . Fuͤnffe sprachen, und zwar ein jeder ins besondere: Ich auch nicht . Endlich sagte der Letzte: Ich bin ebenfalls nicht dabey gewesen . Der Pennal hatte sein Ohr bereits ver- gessen, trat derohalben als er die Verantwortung derer andern hoͤrete, ge- schwinde auf die Seite unter die uͤbrigen, und schrie: Ich war auch nicht dabey . Denn er vermeynte, weil er nur noch alleine uͤbrig, koͤnte man leicht- lich sagen, er muͤsse es selber gethan haben . Etliche Studiosi ritten mit einander spatzieren. Unter diesen befande sich einer der noch nie ein Pferd zuvor beschritten hatte, und der stach den Gaul, welchen er ritte starck mit denen Sporen, wannenhero es anfieng hefftig zu rennen. Die andern rieffen ihm zu, er solte nicht so eilen. Da schrie der arme Tropff zuruͤcke: Ich glaube der Teuffel ist in dem Pferd. Ich steche es so sehr als ich immer kan, und es will dennoch nicht stille halten . K 2 Einem Einem stoltzen und eingebildeten Studioso, hinter dem doch nichts steckte, ward vorgeworffen, er studiere nichts . Der antwortete: Diejenigen stu- dieren nur, welche nichts koͤnnen. Wer aber schon alles weiß, wie ich, darff es nicht erst lernen . Ein alter Pedant der vor Hochmuth stanck, gieng mit etlichen Studiosis spa- tzieren. Da begegnete ihnen einer, der vor der gantzen Gesellschafft den Hut abzog, weswegen er von allen und jeden den Gegen-Gruß empfieng. Weil aber der stoltze Pedant sahe, daß es sein Bekanter war, sprach er: Ey! die Herren lassen nur sitzen, die Ehre geschiehet mir alleine . Einer der binnen wenig Wochen Doctor werden wolte, erhielte Brieffe, worinnen ein guter Freund verlangete, er solte ihm einige von der Architectur handelnde Buͤcher kauffen. Derohalben gieng er in den Buchladen, und es fiel ihm ein kleines Buͤchlein, Fundamentum Logices genannt in die Augen. Da sagte er zu dem Buchhaͤndler: Dieses ist sonder zweiffel eines von de- nen Buͤchern, die ich suche, weil das vornehmste Stuͤcke eines Gebaͤu- des in dem Fundament bestehet . Ein Cantor, der auf allen musicali schen Instrumen ten geuͤbt seyn wolte, solte eine Orgel probi ren. Da er aber nicht recht schlug, sagte er; derjenige ist Schuld daran, welcher die Blaßbaͤlge ziehet . Ein besoffener Magister! fiel die Stiegen hinunter. Da ihm die andern zuruffeten. Holla! Was macht ihr da ? Domine Magister! sprach er: Wann ich vollends hinunter bin, wird man es sehen . Ungefehr acht Tage hernach, da einer Magister worden war, bekam er eine Visite von einem seiner Verwandten, der in einer Chaise mit zweyen Pfer- den anlangete. Als nun dieser zu dem neuen Magister sagte, seine Pferde waͤren gar muͤde , sprach er: Wie kommet das? Sie sind ja in der Chaise gefahren und nicht zu Fusse gegangen . Ein Jurist hatte grosse wehetagen im Haupte. Der Medicus verordnete ihm derowegen ein Clystier, und der Apothecker fande sich damit ein, es ihm beyzubringen. Zu dem Ende begehrte er, der Patient solte sich in behoͤrige Po- situr legen. Allein dieser fuhr auf und sagte, der Medicus můsse ein unver- nuͤnfftiger Esel seyn, daß er dem Hintern die Artzney verordne, da doch die die Kranckheit im Kopffe staͤcke. Er rieß auch das Clystier zu sich, und soffe es aus. Ein Philosophus, als ihm uͤber Tische Pfeffer-Fleisch vorgeleget ward, schabete den Pfeffer davon. Da man ihn fragte, warum er nicht esse? ant- wortete er: Ich wolte gerne essen, wann das fleisch nur nicht so beschis- sen waͤre. Ein von hohen Einbildungen gantz aufgeblasener Studiosus, der sich nicht weniger als ein Doctor duͤnckte, war von der Universitæt heimgekommen, lag des Morgens im Bette, und sahe oben an der Decke einen Kuͤhdreck hangen. Da disputir te er lange mit sich selber, wie es doch muͤste zu gegangen seyn, daß die Kuh da hinauf geschissen haͤtte. Ein Philosophus zer disputir te sich sehr daruͤber, ob Quantitas koͤnne von der Substan tz separi ret werden? Als zum Exempel sagte er: Mein Kopff koͤn- te wohl durch das Loch gehen; aber die Groͤsse meines Kopffs kan es nicht. Ein, aus einem Dorffe gebuͤrtiger Pennal hatte niemals einen Spiegel gesehen. Als es das erstemahl geschahe, und er seine Person darinnen erblick- te, schrie er uͤberlaut, und ruffte denen Leuten zu, man solte ihm doch aus dem Dinge helffen, er wuͤste nicht, wie er da hinein gekommen waͤre. Ein anderer Pennal, auf einem Doctorat- Schmauß, als ihn die Pur- sche agir ten und vexir ten mit ruffen und zupffen, Hut-drehen und andern Dingen mehr, meynete er koͤnne es wieder so machen, gieng hinter einem her, und drehete ihm auch den Hut auf dem Kopffe herum. Es war aber dieses der Rector selber, welcher da herum schliche. Weil er nun nicht ermangelte dem Pennal eine derbe Reprimande zu geben, war das seine Entschuldigung: Ma- gnifice Domine Rector! Man thut mir es auch. Ein Dorff-Schulmeister, als man ihn bey dem Examine fragte, ob er auch seinen Decalogum koͤnte? antwortete, Nein, er habe seiner keine Kundschafft. Ein Studiosus von Adel besuchte, von der Universitæt aus, einen seiner in K 3 der der Naͤhe wohnenden Befreundten. Bey diesem sahe er auf einer offenen Gal- lerie, sein Portrait hangen. Weil es nun accurat zu einer rauhen Winters- Zeit gewesen, verdrosse es ihn sehr und sagte: Wann ich wieder heim kom- men werde, wird man mich nicht mehr kennen, also bin ich verwuͤstet vom Schnee, Wind und Regen. Als ein Stutzer heimlich von einer Gasterey hinweg schliche, stieß er sich an eine Saͤule, und zwar so starck, daß er bey nahe gar zu Boden gefallen waͤ- re. Er rief denen andern, und diese kamen alsobald herbey gelauffen. Zuletzt als es heraus kam, daß die Saͤule und er selber an dem gantzen Possen Schuld war, sprach er: Das laͤsset sie GOtt reden, daß es eine Saͤule ist. Ich wolte ihr sonst den Kopff zerspalten haben. Ein tummer Teuffel, welcher doch gleichwohl Doctor war, ritte mit ei- nem andern uͤber Feld. Als nun sein Reise-Geferte den guten Weg nachrit- te, und auf einen Erbsen-Acker kam, fieng der Doctor an zu schreyen: Wol- let ihr euch und euer Pferd verbrennen? Wisset das ich vor wenig Wochen dieser Fruͤchte gegessen, und sie so heiß befunden, daß sie mir mein Maul verbrannten. Ein Pedant, nachdem er eine starcke halbe Meile in Pantoffeln spatzieret hatte, und man ihn weiter zu gehen vermoͤgen wolte, sagte: Warrlich ich kan nicht mehr, meine Pantoffeln seyn zu muͤde. Da ein eingebildeter und stoltzer Student erzehlen hoͤrte, daß der Schweiß Alexandri Magni einen so guten Geruch von sich gegeben, ruͤhmete er sich, und sprach: Ich bin ihm gleich. Denn ich habe an mir gemercket, daß wann ich meine Ohren fege mit der Federspitze, und sie von ungefehr in das Maul stecke es wie Bisam schmecket. Ich habe auch, sagte er ferner, diese Ei- genschafft an mir, das wann ich mein Wasser abschlage, so riechet es wie Mertz-Violen. Als daruͤber eine ansehnliche Jungfrau laͤchelte, ward er zornig, sahe sie an und sagte: Meynet nicht, daß ich schertze? Wann ihr es nicht wollet glauben, so kommet und versucht es selber. Als ein junger Student einen Philosophum von dem Tode reden hoͤrete, daß die Todten keine Pein und Quaal mehr haͤtten, fragte er, ob sie dann auch auch keine Floͤhe mehr fůhleten? Der Philosophus sagte Nein. Warlich! sagte der Pennal, ich glaube es seye bißweilen gut todt seyn. Als ein Licentiat um zehen Guͤlden wettete, wegen einer gewissen Frage, muste ihm der andere, mit welchem er gewettet, schwehren, Falls er verloͤhre, zu bezahlen, und der Licentiat schwuhr selber auch. Als er aber zu letzt selber die Wette verlohren, wolte er dennoch nicht bezahlen, sondern sagte, er ha- be nicht in der Meynung geschwohren zu verliehren, sondern zu ge- winnen. Eines Bauern, als ein Studiosus, auf der Universitæt seyender Sohn, als er hoͤrte, wie die Soldaten das Land-Volck so hefftig plagten, und ihnen so viel Drangsaal zufuͤgten, sagte: Die Bauren sind grosse Narren, daß sie nicht einmal einen lebendig schinden, wie unser Nachbar, welcher da- mit er die Ratten aus seinem Hause vertreiben moͤchte, deren eine leben- dig geschunden hat, und sie also lauffen lassen. Ein Doctor Theologiæ hatte einen falschen Diamant gekaufft, in einen Ring, und machte damit grosse Parade an seinem Finger. Endlich ward es ein Goldschmidt bey einer Hochzeit gewahr, und sagte: Was gehet Ew. Hoch- wuͤrden vor Noth an, daß Sie einen so falschen Stein am Finger tragen. Hierauf erzuͤrnete sich der Doctor nicht wenig und wolte lange nicht zugeben, daß der Deamant falsch waͤre, weil er ihn nicht nur selber gekaufft, sondern auch funfftzig Thaler baares Geld davor gegeben haͤtte. Ein Studiosus, als er den Virgilium loben hoͤrte, sagte, er wolle nun auch hinfuͤhro Virgilius heissen, damit man eben so von ihm zu reden habe. Als ein Pednat uͤber die massen sehr, in einem grossen Gedraͤnge, gedruͤ- cket ward, sagte er gleichwohl hernach, er habe gantz nichts gefuͤhlet, weil er den Schnupffen habe. Als einer im Hinwegreisen, und im Wiederkehren in dem rechten Schlag der Kutsche gesessen, und gesehen, daß die Haͤuser, die ihm bey der Abreise in die Augen gefallen, bey der Wiederkehr, nun auf der andern Seite, die hinter ihm ihm gewesen, stunden, kunte er das gantz und gar nicht in seinen Kopff bringen, sondern vermeynte, die Haͤuser muͤsten nicht mehr an ihrem vorigen Orte stehen. Ein verwirrter Pedant, als er gefraget ward, was dem Verstorbenen gemangelt haͤtte, von dessen Leiche er kaͤme? antwortete, er wisse es nicht, weil der Sarg schon zugenagelt gewesen waͤre, als er dahin ge- kommen, und er also nicht mehr haͤtte mit ihm sprechen koͤnnen. Ein anderer Pedant, als er einen weit gereiseten Mann agi ren wolte, sag- te, daß zu Florentz die Kinder von fuͤnff biß sechs Jahren die Italiaͤni- sche Sprache schon gantz fertig reden koͤnten. Als ein Pastor aus einem rauhen Ort in eine ansehnliche Stadt kam, und Spinat zu essen bekam, welcher wohl zugerichtet gewesen, fragte er, aus was vor Kraͤutern dieser Spinat gemachet seye? Ein Doctor klagte dem andern, wie daß sein Diener schon zwey. Tage an vier Meilen gegangen, und noch nicht wiedergekommen waͤre. Wie sagte der andere, das befremdet euch? Es ist schon laͤnger als funffze- hen Tage, daß ich einen meiner Freunde entboten, und er ist biß diese Stunde noch nicht gekommen, da es doch eben derselbe Weg ist. Es buhlete ein Student lange an einer Magd, daß sie ihm seinen geilen Willen erfuͤllen moͤchte. Endlich willfahrte sie demselben, und bestellete ihn in einem Pferde-Stall, allwo sie auch zusammen kamen. Nachdem sie sich be- reits in Positur gesetzet hatten, bedachte sich der Student geschwinde und sprach: Stehet auf meine Freundin! Lasset uns anders wohin gehen! Denn ich besorge, wir machen junge Pferde-Fuͤllen, deswegen man uns hernach peinlich anklagen moͤchte. Ein Frantzoͤsischer Rechts-Gelehrter sagte von einem, so auf das Leben angeklaget aber echappi ret war, man solte ihn auf die Galée ren verdam- men, dem Koͤnig vor einem Sclaven in effigie, oder im Bildniß, zu dienen. Ein Syndicus, als er zu dem Begraͤbniß eines gewissen Buchhaͤndlers ein- gela- geladen wurde, fragte: Ist er dann gestorben? Man autwortete ihm Ja. Warlich! sagte der Syndicus ferner, in der groͤsten Verwirrung, es ist mir leyd. Unser HErr GOtt verleihe ihm ein langes Leben. Ein Pfaffe gieng zu Coͤlln am Rhein in denen Hunds-Tagen spatzieren. Weil er nun viel Kuͤhe auf der Weyde, und darunter den Brumm-Ochsen lie- gen sahe, sprach er, wer doch auch ein Ochse bey so vielem Frauenzimmer waͤre. Ein Præceptor bey einem Edelmann, als er hoͤrte, daß man an einem Ort die Vorstadt vermittelst Auffuͤhrung eines neuen Walls mit in die Stadt einschliessen wolte, lobete dieses Vornehmen gewaltig, und solches darum, weil die von Adel, welche lieber in der Vorstadt, als an einem lufftigen fri- schen Orte wohneten, auf diese Weise naͤher als zuvor allen ihren Bequemlichkeiten waͤren, nemlich naͤher bey dem Schloß, naͤher bey dem grossen Marckt, naͤher bey der Cantzley, naͤher bey der Keit- Schule ꝛc. Er meynet also die Vorstadt wuͤrde naͤher an die Stadt fort ge- ruͤcket werden. Ein Stutzer hatte einen andern adelichen Studiosum Luͤgen gestrafft. Als dieser hernach dem Stutzer von ungefehr begegnete, fragte er denselben, wa- rum er ihn haͤtte heissen Luͤgen? Der Stutzer antwortete, er haͤtte ihn nicht Luͤgen heissen, sondern seye viel zu honnette, solche Worte zu ge- brauchen. Wie sagte der andere, ich habe es doch von etlichen gehoͤret. Zuletzt sagte der Stutzer, wann ihr saget, daß ich euch Luͤgen gestraffet, so sage ich euch, und will es auch sagen, daß ihr luͤget. Darauf sagte der adeliche Studiosus. Warlich! das hieß euch GOtt reden. Denn sonsten soltet ihr entweder mein Leben gehabt haben, oder ich das eurige. Ein Philosophus, als er hoͤrte, daß einer von seinen Schuldleuten ge- storben, sagte, ich wolte etwas wetten, daß er darum gestorben, weil er besorget, er muͤste mich bezahlen. Ein junger Doctor, als er in einen Brunnen, nach einer Flasche mit Wein, die man in das kalte Wasser hinein gehencket hatte, sehen wolte, er- blickte, in dem klaren Wasser, seinen eigenen Schatten. Hieruͤber erschrack L er, er, ruffete seine Gesellschafft, und sagte zu ihnen: Kommet geschwinde, ihr Herren! und helffet mir unsern Wein heraus ziehen. Denn es seynd Antipodes in dem Brunnen, die werden ihn aussauffen, wann wir es nicht verhuͤten. Ein Professor, der seines Freundes Bildniß recht sehr loben wolte, sagte zu etlichen: Ich bitte euch, gehet und sehet meinen Herrn Collegen N. Denn er ist so schoͤn getroffen, daß, wann ihr ihn schon nie gesehen haͤt- tet, ihr denselben dennoch kennen wůrdet. Ein Studiosus, der immerfort viel Ruͤhmens von seinen Helden Thaten machte, geriethe des Nachts mit einem der ihm begegnete, in einen Streit, und dieser zog vom Leder. Ob nun wohl der Prahler seinen Stuben-Cammera- den bey sich hatte; hielte er dennoch nicht Standt, sondern trollete fort biß zu seinem Quartier. Als er sich vor der Hausthuͤre befande, und den Feind nicht mehr hinter ihm sahe, sagte er zu seinem Spieß-Gesellen: Warlich! Wann ich deiner nicht geschonet haͤtte, wolte ich dem Kerl den Kopff zerspal- tet haben. Ein anderer Studiosus, der von Gelehrsamkeit gantz aufgeblasen einher gienge; ward gefraget, wo die prima concoctio, oder die erste Daͤuung ge- schaͤhe? Da antwortete er: Zwischen denen Zaͤhnen. Zwey Studenten hatten Haͤndel mit einander, und wurden wieder verei- niget, mit beyderseits Verheissung, daß sie hinfuͤhro gute Freunde bleiben wol- ten. Als aber der eine ungefehr dem andern begegnete, schlug er ihn mit der Faust an die Brust, in Beyseyn vieler Personen. Der andere regte sich nicht, sondern sagte nur zu denen Umstehenden: Ihr Herren solt meine Zeugen seyn, wie mich dieser geschlagen, ohne daß ich mich im geringsten geweh- ret, bloß damit ich nicht wieder mein Versprechen handelte. Ein alter Pedant, als er den Thurm eines Schlosses sahe, welcher im Wasser lage, nach einiger Zeit aber, da das Wasser wegen des trockenen Wet- ters sehr abgenommen hatte, wieder dahin kam, sagte: Ich glaube das die- ser Thurm taͤglich waͤchset. Zum wenigsten zeiget er sich hoͤher, als er unlaͤngst gewesen, und ich halte davor, daß er darum wachse, weil er an einem sehr feuchten Orte lieget. Je- Jener Doctor Medicinæ, als er ein furchsames Pferd sahe, welches sich vor dem Buͤchsen-Knall entsetzete, sagte: Das Pferd wůrde keinen guten Soldaten abgeben. Ein Pedant, der selten unter die Leute kam, sondern immer zu Hause in seiner Studier-Stube stack, befande sich einstmals in einer Compagnie. Da draͤngete ihn seine Nothdurfft, und er begehrte einen Brief, sich damit zu wi- schen. Weil ihm nun ein Blat weisses Papier gereichet wurde, schrieb er stracks solches gantz voll, vorgebende, es waͤre Schade den Hintern an das schoͤne weisse Papier zu wischen. Ein anderer, als ihm, bey Sommers-Zeit, die Sonne auf dem Felde sehr heiß auf den Ruͤcken stach, sagte: Die Sonne irret sehr. Sie moͤchte wohl ihre ůberfluͤßige Hitze biß auf den Winter versparen, wann es kalt ist, und sie nicht jetzo, mitten im Sommer so reichlich ausspenden. Ein Philosophus hatte einen jungen Pennal in seiner besondern Disciplin und Aufsicht. Als dieser sahe, daß sein Vorgesetzter viele Brieffe in das Feuer warff, bat er denselben, ihm deren etliche zu geben, daß er sie seiner Mut- ter schicken koͤnte, welche ihm befohlen, als er von ihr gezogen, er solte ihr bißweilen Brieffe schicken. Weil nun der Philosophus eben so tumm, als der ihm untergebene junge Pennal selber gewesen, gab er ihm ein halbes Dutzent von seinen Briefen, mit der Condition, daß wann er sie seiner Mutter schickte, sie ihm solche wieder zuruͤcke senden solte, damit er sie verbren- nen koͤnne. Denn er wolle nicht haben, daß jemand saͤhe, was darin- nen stuͤnde. Etliche Jungfrauen giengen aus, einen Bekannten zu besuchen, der vor einigen Tagen, mit dem Magister- Titel, von der Universitæt nach Hause ge- kommen war. Da er sie vor seiner Thuͤre vernahm, schlug er geschwinde den Aristotelem auf, und als er hernach die Stube geoͤffnet hatte, sagte er: Warlich! ihr Jungfrauen! Ihr findet mich eben uͤber dem stattlich- sten und vornehmsten Autore, welcher jemals geschrieben. Alsdann recitir te er ihnen daraus einen guten Partickel Griechisch. Als aber die Jungfrauen sagten, sie verstuͤnden es nicht, legte er es ihnen Lateinisch aus, L 2 und und sprach hernach auf Teutsch. Lieben Jungfrauen! habt ihr auch jemals einen hoͤren besser aus dem Griechischen verteutschen alsmich. Ein gelehrter Buͤrgermeister, als er einen Schielenden sahe, welcher bey dem Lesen die Augen also im Kopff verwandte, daß man meynte, er saͤhe zwey unterschiedene Blaͤtter auf einmal im Buche an, sagte: Dieser solte zwey- mal mehr koͤnnen als ein anderer. Denn er liesset doppelt so viel als sonst einer. Ein Doctor, der ausser denen hohen Einbildungen wenig Wissenschafften besaß, kam in eine gewisse Stadt und sahe ein Epita phium uͤber seines ehemali- gen Bekandten Begraͤbniß. Da sagte er: Fuͤrwahr ich meynte er waͤre todt, So sehe ich aber wohl, daß sein Name hier noch angeschrieben stehet: Ein Professor, welcher einer grossen Printzeßin Einzug mit ansahe, wo- bey ein Regiment Infanterie, aus Musqueten, nach der alten Art, Salve gab, sprach: Pfuy! Was dencken doch die Leute, daß sie das Pulver und die Lunten nicht gebiesamet, oder sonst etwas wohlriechendes darun- ter gethan haben, damit sie keinen solchen Gestanck machten. Ein stoltzer Gelehrter, als er die fuͤnff Sinnen nach einander erzehlen wolte, nennte das Gesicht, das Gehoͤr, die Ohren, den Geschmack, und als ihm der Fuͤnffte Sinn noch nicht einfallen wolte, sprach er nach tieffen Nachsinnen, Ha, ha! Ich habe es wohl gedacht, daß ich vergessen Zwey Augen zu nennen. Ein anderer hatte bey seiner Freude einem etliche Buͤcher entlehnet. Nun truge es sich zu, daß derselbe zwey Jahre hernach an der Pest starb. Jener, als er dieses vernahm, sagte zu seinem Stuben Gesellen, ob er wohl in einer an- dern Stadt wohnete: Lasset uns geschwinde von hinnen ziehen. Denn ich besorge, diese Buͤcher moͤchten uns die Pest anhaͤngen, weil sie von einem inficir ten Orte kommen. Ein Jurist, der, wie sehr viele Jurist en zu thun pflegen, sich um nichts als um sein Jus jemals bekuͤmmert, bekam einen Schwaben das erstemal zu sehen, wan- wannenhero er sprach: Ich habe nie ein Thier gesehen, daß einem Men- schen aͤhnlicher siehet als die Schwaben. Ein abgeschmackter Pedant war bey einem zu Gaste, wolte sich gar hoͤflich stellen, und sagte zu dem, der ihn tractir te; Ich wolte dem Herrn gerne etwas Gutes vorlegen; aber es ist nichts Gutes da. Wieder ein Pedant, als ihm der Schneider ein Wammes gemachet, und er ihn nicht bezahlen kunte, bate der Pedant, es solte ihm der Schneider das Macher-Lohn borgen. Hieruͤber verlangte der Schneider eine Handschrifft, weswegen sich der Pedant setzete und schriebe: Ich, Jobst Schuͤtze bekenne daß das Wamms meine ist, welches mir Meister Ehrhart gemachet. Was das Macher-Lohn anbelanget, hat es seine gute Wege, und wird sich wohl schicken. Ein Philosophus war einstmals bey einem Fuͤrsten an die Tafel geladen. Als er sich einfande, wetzte er unter dem Gebet sein Messer auf denen Schuh- Sohlen. Der Fuͤrst fragte, wo er das gelernet haͤtte? und der Philosophus antwortete, sein Messer schnitte nichts, also haͤtte er es nothwendig muͤs- sen wetzen, schnitte auch alsobald damit seine Naͤgel ab, und sagte zu dem Fuͤr- sten: Siehe da! gnaͤdigster Herr: wie es jetzo sowohl schneidet. Da ihn aber der Fuͤrst einen unhoͤflichen Grobian darauf schalte, auch sprach, ob er nicht wisse und saͤhe, daß seine Fuͤrstliche Tafel bereits zur Gnuͤge mit Messern und Gabeln versehen seye? versetzte der Philosophus: Gnaͤdigster Herr! Ich habe mich auf die Philosophie und nicht auf Dero Hof-Possen geleget. Hierauf sagte der Fuͤrst: Qui proficit in literis \& deficit in mori- bus, plus de ficit quam proficit, Wer zunimmt im Studieren, und ab- nimmt an guten Sitten, der lernet mehr hinter als vor sich. Als ein Pastor einstmals im Sommer discuri ren hoͤrete, von einem Saal, der eine feine durchgehende Lufft hatte, von wegen zweyer Thuͤren, die gegen einander stunden, wolt er auch Philosophi ren, wie die andern, und sagte, es waͤre kein Wunder, daß es im Winter so kalt waͤre. Denn ein jeder be- flisse sich die Waͤrme in seinem Hause zu behalten, vor der Kaͤlte aber verriegele man Thuͤr und Thor, dergestalt, daß sie muͤsse auf der Gasse bleiben. L 3 Ein Ein Studiosus, als er sich mit einem gehauen, und einen Streich mit der flachen Klinge auf ein Bein bekommen, meynte er waͤre sehr verwundet. Er lieff auch alsobald zu dem Chirurgo. Nachdem aber dieser das Bein hin und wieder besehen, und gesagt, er finde nichts daran, sprach der Studiosus: So wird es dann an dem andern Fuß seyn. Denn ein vor allemal ist es ge- wiß, daß ich einen Streich bekommen habe. Ein anderer als er hoͤrte erzehlen, daß eines gekoͤpfften Haupt etlichemal gejaͤhnet und gezittert habe, sagte, das waͤre kein Wunder. Er haͤtte wohl oͤffters gesehen, daß wann man ein Stuͤcke gebraten Fleisch auf den Tisch getragen, es gezittert habe. Ein Medicus, als er auf einem Dorffe ein Uhrwerck sahe, dessen Zeiger immer auf zwoͤlffe stunde, sagte aus Ernst und Einfalt, es waͤre das aller- richtigste Uhrwerck im gantzen Lande, wann es Mittag seye. Ein Philosophus zu N. wurde zu dem Fuͤrsten zu N. zum Mittags-Mahl beruffen. Als er nun in seinem Talar, oder langen Rock, hinauf in das Schloß gestiegen kam, und wegen des warmen Wetters sehr schwitzete, sagte der Fuͤrst zu ihm, warum er den schweren Rock angethan, er haͤtte wohl einen leichten Mantel nehmen koͤnnen. Hierauf besahe der Fuͤrst den Rock recht genau, und befande ihn vorne mit Sammet gefuͤttert. Daher nahm der Fuͤrst Anlaß zu sagen: Ihr muͤsset wohl schwitzen, wegen des schweren Futters. Da wandte der Philosophus dem Fuͤrsten den Ruͤcken zu, hub den Rock hinden bey dem Gesaͤße auf, um den Fuͤrsten zu zeigen, daß er nicht allenthalben so schwer, noch mit Sammet gefuͤttert waͤre. Allein er bediente sich darbey einer sehr unhoͤfflichen Redens-Art, indem er sprach: Gnaͤdigster Herr! Dahinten stecket der Beschiß, (Betrug.) Ein Magistrandus, als er bey dem Examine gefraget wurde, warum die Hunde das eine Bein auf huͤben, wann sie pisseten? antwortete derselbe: Damit sie die Schuhe nicht bebruntzen. Ein voller Gerichts- Actuarius, als er des Nachts neben einem kleinen Baͤchlein, welches daher rauschte, sein Wasser abschlug, blieb die halbe Nacht aufrecht stehen, vermeynete er pisse so lange, weil er das Baͤchlein rauschen hoͤrte. Ein Ein Doctor, als ihn seiner Bekannten einer, um den Mittag, noch im Bette ertappete, und denselben wegen seines langen Schlaffens schalte, wen- dete diese Entschuldigung vor, er waͤre vor acht Tagen im Bade gewesen, weshalben ihm dieses wohl zu verzeyhen waͤre; angesehen das Bad schlaffende Leute machte. Ein gelehrter Aufschneider beruͤhmte sich, er waͤre zu Venedig gewesen. Als ihn einer fragte, was er da Gutes gesehen, gab der Aufschneider vor, er seye nur auf der Post durchgeritten, und habe sich nicht arreti ret. Als darauf einer sagte, das waͤre nicht moͤglich, weil Venedig in dem Meer laͤge, antwortete der Luͤgner, es waͤre im Winter, und das Wasser allent- halben zugefroren gewesen. Ein Schulmeister trug sein Wasser zu dem Medico, der solches besehen solte. Als der Medicus fragte, wo er her waͤre, sprach der Schulmeister, er wuͤrde es wohl im Glaß finden. Man beruffete sich auf einen Philosophum, daß er in einer Sache ein Zeugniß ablegen solte, der es dann auf folgende Weise verrichtete: Ich lag und schlieff, sprach er, und hoͤrte gleichwohl, daß der Beklagte den Klaͤger auf den Kopff schmisse; kan aber nicht wissen, ob er ihn mag recht getroffen haben oder nicht. Ein Studiosus, als er auf den Todt kranck war, und der Priester ihn des Hinzugs erinnerte, sagende, er solte sich vorbereiten zu dem Eingang in die Seligkeit; allermassen er vielleicht noch heute in das Paradieß kom- men wuͤrde, gab zur Antwort, es waͤre ihm lieb, wann er so bald koͤnte dahin kommen. Daferne es ein weiter Weg waͤre, koͤnte er ihn war- lich nicht gehen, weil er viel zu muͤde, und zu matt, darzu seye. Ein Philosophus, der im Bade saß, und gefraget wurde, ob er waͤre ge- zwaget worden? sagte, er wisse es nicht, haͤtte jetzo andere Gedancken in dem Kopffe. Als ein Jurist das erstemahl einen Muͤller-Esel sahe, sagte er: Fuͤrwahr! Wann er nach der Proportion seiner Ohren so waͤchset und fortfaͤhret, wird er mit der Zeit ein tapffer Pferd abgeben. Ein Ein gelehrter Raths-Herr wolte einem das Leid mit gar zierlichen Worten klagen, weswegen er zu ihm sagte: Es ist mir Leid, daß euer Herr Vater so jaͤhling gehimmelt hat. Ein Roͤmisch-Catholischer Mathematicus, als derselbe ermahnet ward, er solte in die Kirche gehen, und das hohe Fest, (nemlich Mariaͤ Geburts-Tag) gebuͤhrend feyern, fragte aus Tummheit und Einfalt, ob es Festum circumci- sionis beatæ Virginis, das Fest der Beschneidung der Heil. Jungfrauen waͤre. Ein Student von Ingolstadt kam nach Altorff, auch diese Universitæt zu besehen. Wann es nun donnerte, machte derselbe vier Creutze vor sich, und sagte bey dem ersten: S. Matthæus; bey dem andern: S. Lucas bey dem dritten: S. Herodes; und bey dem vierdten: S. Pilatus. Als man ihm fragte, was die- ses bedeute? sprach er: Diese vier Evangelist en helffen gewiß wider alle Wetter. Zu Agrigent in Sicilien befanden sich etliche junge gelehrte Saͤuffer bey- sammen in einem Wirths-Hause, welche vom Wein also eingenommen, und taumelnd worden waren, daß sie vermeynten, ob fuͤhren sie auf dem Meer, in einer sehr grossen Gefahr. Derohalben warffen sie allen Hausrath, den sie fanden zum Fenster Hinaus, und vermeynten also ihr Schiff zu erleichtern, um dadurch Schiffbruch und ihren Untergang zu verhuͤten. Als nun jedermann herzu lieff, und sich vor dem Hause versammlete, kam endlich auch die Obrig- keit des Orts, giengen hinein, und fragten, was das waͤre? da dann die be- soffenen Herren sagten, das Ungewitter tobe so gewaltig, und sie wůrden zu Grunde gehen, daferne sie nichts auswuͤrffen. Als die Obrigkeit hier- uͤber erstaunte, fieng der aͤlteste unter denen Besoffenen, weil er, und seine Ca- meraten, die hinein getretenen Obrigkeitlichen Personen vor Meer-Maͤnner ansahe, davon in denen Pœten zu lesen an: O ihr lieben Tritones; Der Sturm hat mich so erschrecket, daß ich mich in das unterste Tabulat des Schiffes verkrochen habe. Da sahen die Obrigkeitlichen Personen, daß die gelehrten Herren so sehr von dem Wein bethoͤret waren, ermahnten sie, stille zu seyn, und in sich zu gehen, sagten auch zu ihnen, wann sie sich gelas- sen und bescheiden auffuͤhren wuͤrden, man es ihnen vor diesesmal so wol- te hingehen lassen, hierauf sagten die Besossenengrossen Danck, und verspra- chen, chen, daß wann sie zu Lande kaͤmen, sie ihnen, und denen uͤbrigen Meer- Goͤttern zu Ehren, eine steinerne Statuam oder Bildniß am Gestade aufrichten lassen wolten, weil sie ihnen in dieser grossen Gefahr, so gnaͤ- dig erschienen waͤren, und denenselben ausgeholffen haͤtten. Wegen dieser Historie ist hernach dasselbige Haus, wie ein gewisser Autor berichtet, von dem gemeinen Mann, Triremis, oder ein Schiff daß drey Ordnungen Ruder hat, wie die Galleéren, genennet worden. Die Erzehlung dieser Histoͤrgen und Begebenheiten hat mich unvermerckt weiter gefuͤhret, als ich darinnen gehen wollen. Jedoch ich irre sehr in meinen Gedancken, wann sie dem geneigten Leser, welcher diesem Buch nicht uͤber- haupt von dessen Titel an biß zu seinem Ende feind ist, etwa beschwerlich fallen. Nach meinem Sinn seynd sie Lustig und ergoͤtzlich zu lesen, und ich habe sie mit Vergnuͤgen colligi ret, in Ansehung des Styli verbessert, oder nach meiner eige- nen Wissenschafft, so ich davon habe, hieher gesetzet. Sie zeigen auch in der That recht natuͤrlich an, was der Stoltz, die Einfalt, und die Grobheit, in manchem Gelehrten vor eine Wirckung thun. Nur dieses habe ich dabey noch zu erinnern, daß man sie ja nicht alle vor erdichtet halten wolle. Denn es er- eignen sich noch taͤglich unter denen Gelehrten Dinge, die eben so toll, ja noch toller, als diese jetzt angefuͤhrten sind, heraus kommen. Zu dessen Bestaͤr- ckung will ich noch einen Streich anfuͤhren, den ein sehr gelehrter Mann began- gen hat. Dieses ist ein noch jetzt-lebender grosser Theologus in einer nahmhafften an Teutschlands Ende gelegenen Stadt, und laͤsset einen so gewaltigen Eyffer, wider alle diejenigen, so nicht Lutherisch sind, blicken, daß man ihnvor eine Geissel aller andern Religion en und sect en; zu gleicher Zeit aber vor einen starcken Pfeiler der Lutherischen Kirche haͤlt. Absonderlich ist er entbrannt wider die Roͤmisch- Catholischen und Reformirten, die er nicht besser als Juden, Tuͤrcken und Heyden, in seinen Predigten, und oͤffentlich gedruckten Schrifften tracti ret, indem er sie insgesamt, ohne alle Gnade und Barmhertzigkeit, zu dem Teuffel in die Hoͤlle weiset. Vor einigen Jahren fuͤgte es sich, daß er an einen Ort kam, wo ein gewis- ser Saͤchsischer Hertzog residi ret. Der Hertzog, welcher viel von demselben ge- hoͤret hatte, ließ ihn einladen, daß er mit ihm an seiner Tafel speisen solte, und der Theologus nahm die Invitation willig an. Bey der Tafel aber fieng das M grosse grosse Licht der Lutherischen Kirche, so bald ihn der Wein nur ein wenig erhi- tzet hatte, an, allerhand seltsame Discurse zu fuͤhren. Vornemlich redete er starck wieder die Roͤmisch-Catholischen, fragte auch endlich den Hertzog, ob er wohl wisse, wann die Rosen-Craͤntze derer Roͤmisch-Catholischen am wohlfeilsten waͤren? Der Hertzog sagte nein, das wisse er nicht. Dar- auf ließ sich der grosse Theologus also heraus: Ew. Durchl. geruhen zu ver- nehmen, daß die Rosen-Craͤntze derer Catholicken in der Kirchen-Zeit am wohlfeilsten, weil sie alsdann am haͤuffigsten verhanden. Denn es laͤsset zu der Zeit ein jeder Bauer, welcher nur die Hosen aufmachet, und seinen Bauch ausleeret, deren einen hinter sich liegen. Der Her- tzog laͤchelte zwar hieruͤber ein wenig, erroͤthete aber zu gleicher Zeit in seinem Angesichte, und sprach weiter kein Wort bey der Tafel. Nachdem er aber auf gestanden war, und sich in seinem Cabinet befande, sagte er zu denen Umstehen- den: War das nicht ein grober und haͤßlicher Streich, den dieser geist- liche Herr begieng? Bewahre mich doch GOtt vor solchen Leuten! Der geneigte Leser urtheile nunmehro aus diesem und dem uͤbrigen, was er bißhieher gelesen, ob es nicht stoltze und aufgeblasene, tumme und einfaͤltige, grobe und ungehobelte, Narren unter denen Gelehrten geben muͤsse, sie moͤgen seyn wes Standes sie wollen, geistlich oder weltlich? Und hiermit mag sich die erste Abhandlung dieses Tractats endigen. Andere Abhandlung. E In sehr gelehrter Italiaͤner, Trajanus Bocalinus genannt, hat ein Buch heraus gegeben, betitelt: Relationes aus dem Parnasso, wor- aus ich, bereits in der ersten Abhandlung, eine Passage mit angezogen. Dieses Buch ist in Italiaͤnischer Sprache geschrieben, auch nachhero in die Hochteutsche uͤbersetzet worden, und man findet darinnen die Thorheit, welche sich mit der Gelehrsamkeit vermischet, mit sehr lebendigen und natuͤrlichen Farben abgemahlet; wie dann auch herrliche Lehren dabey gegeben werden. Weil nun nicht zu glauben stehet, daß dieses Buch in so gar vielen Haͤnden sich sich befinden werde, will ich noch verschiedene Relationes daraus allhier mit einfliessen lassen. Jedoch werde ich mich weder allemal an die Worte der Teut- schen Ubersetzung, noch stets an den Sinn des Bocalini binden sondern alles nach meinem eigenen Gutachten, und meinen besondern Absichten einrichten, so daß es mehr eine Imitation als die selbst-eigene Arbeit des Boccalini zu nennen seyn wird. Eine sehr curieuse, die Politicos angehende Relation aus dem Parnasso. D Emnach die saͤmtlichen Herren, in den Parnassum aufgenommenen Politici, von vielen Monaten her, mit denen dasigen Herren Cammer-Raͤthen deli- beri ret und berathschlaget, wie in dem Parnasso ein oͤffentliches Kauff-Haus vor ihre Nation aufgerichtet werden moͤchte? ist endlich die vergangene Woche solches beschlossen und vor gut befunden worden. Alsdann haben die Herren Politici, auf einem grossen Marckt, alle diejenigen Waaren, deren das menschli- che Geschlecht am meisten vonnoͤthen, zu oͤffentlicher Schau- und Besichti- gung, gantz herrlich und praͤchtig, auslegen und zeigen lassen. 1) Findet man in diesem politi schen Kauff-Haus eine grosse Quantitæt von der kurtzen Wolle so von dem neu-gepresseten Tuch abgeschoren wird. Die- se Wolle achtet zwar der gemeine Mann nicht; aber von denen verstaͤndigen Hofleuten wird sie theuer bezahlet, dieweil sie in Erfahrung gebracht, daß solche Wolle von dem allerfeinesten und besten Tuch der wahren Weißheit herkomme, welches die klugen und verstaͤndigen Menschen von der allerzartesten Wolle der Gedult gemachet haben. Sie dienet vornemlich die Sattel der Dienstbarkeit damit auszufuͤllen, damit sie sich desto besser auf den Ruͤcken derer armen und muͤhseligen Hofschrantzen schicken, wohl aufliegen, und sie nicht etwa schwel- len und drucken moͤchten, welches dann denenjenigen schaͤndlicher Weise be- gegnet, die, ob sie gleich aller Muͤhe und Arbeit Spinnen-feind seynd, sich nichts destoweniger, des Hof-Lebens unterfangen, der gaͤntzlichen Hoffnung und Zuversicht allda gute Tage zu haben, und in ihrer selbst-eigenen Dienstbar- keit uͤber andere zu herrschen. 2) Befindet sich in diesem politi schen Kauff-Haus eine grosse Anzahl M 2 uͤber- uͤberaus herrlicher Pinsel, denenjenigen Fuͤrsten und grossen Herren fast dien- lich, so in ihren aͤussersten Noͤthen gezwungen werden, denen Unterthanen weiß fuͤr schwartz vorzumahlen. Und ob zwar diese Waare eintzig und allein vor ho- he Potentaten gehoͤret, ihnen auch in gewissen Faͤllen, erlaubt ist, sich derselben zu bedienen; so versehen sich dennoch damit auch diejenigen falschen und zweyzungi- gen Leute, so alles auf den aͤusserlichen Schein richten, und sich auf nichts an- ders befleißigen als zu laͤcheln, zu betruͤgen, den gemeinen Mann mit der Nase herum zu fuͤhren, und das Sprichwort an sich wahr zu machen, daß sie seyn die boͤsen Katzen, die forne lecken und hinten kratzen. 3) Haben diese Politici in ihrem Kauff-Haus zu verkauffen allerley seltsame Brillen, von wunderbarer und unterschiedener Operation, indem etliche sehr nutz- und dienlich denenjenigen die Augen aufzuthun, welche die boͤse Lust und unkeusche Begierden dermassen verblendet, daß sie weder Ehre noch Schande achten, unter Freunden oder Feinden, Fremden oder nahen Bluts-Verwand- ten keinen Unterscheid halten, ja unter der Sonnen nichts bedencken, noch zu Hertzen ziehen. Der Vertrieb, oder Débit dieser Brillen ist bey denen hiesi- gen, in dem Parnasso etablir ten, Handelsleuten dermassen groß, daß man augenscheinlich siehet und spuͤhret, ja mit Haͤnden greiffet, wie wenig unter de- nen Menschen gefunden werden, welche in ihren fleischlichen Luͤsten ein gutes Gesichte haben. 4) Noch eine andere Art von Brillen befindet sich allhier, so denen Vori- gen gantz zuwider, und die Augen dunckel machen. Von diesen berichten gedachte politi sche Handelsleute, daß ob sie zwarallen Menschen insgemein, doch aber de- nenjenigen, welche bey Hofe leben, sehr nothwendig ja viel noͤthiger seyn als die an- dern, dadurch man weit und in die Ferne siehet; und solches um folgender Ur- sache willen, weil zu Hofe manchem ehrlichen Mann sehr verdrießliche und wie- derwaͤrtige Sachen vor Augen kommen. Solchen nun den Ruͤcken zu kehren, verursachet oͤffters Grosser Herren Zorn und Ungnade. Dieselbe aber scharff anzusehen, und zu beschauen, bringet nichts als innerliches Hertzfressen und Be- truͤbniß. Bey dergleichen Occasion nun sind gemeldte Brillen sehr dienlich, weil sie einen selbst von denen Beschwerlichkeiten und Unlust der argen und ver- kehrten Welt befreyen, dem gemeinen Mann aber einbilden, daß man sie ge- dachte Sachen desto eigentlicher zu beschauen, aufsetze. 5) Die 5) Die dritte Art von Brillen, so allhier feil, sind gut das Gesicht zu erhal- ten, sonderlich denenjenigen unhoͤflichen und unfreundlichen Leuten, welchen, nachdem sie zu neuen Ehren und Dignitæ ten erhoben worden, das Gefichte der- massen verdunckelt und verfinstert wird, daß sie auch in die hoͤchste Undanckbarkeit verfallen. Die Politici des Kauff-Hauses vermelden, daß ermeldete Brillen von der koͤstlichen Materie des immerwaͤhrenden Gedaͤchtnisses wegen empfangener Gutthaten, wie auch aus der Erinnerung der vorgeflogenen Freundschafft, ge- machet seyen. 6) Aber viel wunderbarer ist die vierte Art von Brillen, mit solcher Kunst und Geschicklichkeit verfertiget, daß sie aus einem Floh einen Elephanten, aus einem Zwerg einen grossen ungeheuren Riesen machen. Diese Art Brillen werden von etlichen grossen Herren mit sonderbarer Begierde gekauffet, und hernach ihren ungluͤckseligen Hof dienern auf die Nase gesetzet, welchen sie dann die Augen dermassen alteri ren, verfaͤlschen und verblenden, daß sie die geringe und schlechte Gunst, wann sich der Fuͤrst etwa auf sie steuret und lehnet, oder sie uͤber eine Achsel freundlich, wiewohl faͤlschlich und gezwungener Weise an- siehet, hoͤher achten als wann sie jaͤhrlich tausend Species-Ducaten Intraden von ihm bekaͤmen. 7) Noch eine Art von Brillen, neulicher Zeit in Flandern erfunden, seynd allhier zu bekommen, und werden, gleichermassen, von hohen Standes-Perso- nen mit vielem Gelde bezahlet, hernach aber ihren Hofleuten verehret, welche von ihnen aufgesetzet und gebrauchen, verursachen, daß sie die eingebildete Beloh- nungen und hohe Ehren-Stellen, allbereits mit denen Haͤnden ergriffen zu ha- ben vermeynen, die sie doch mit keinem Auge gesehen, auch in Ewigkeit nicht zu sehen bekommen werden. 8) Uber das werden auch allhier, aber in sehr hohem Preiß, Menschen- Augen feil gefunden, die eine wunderbare Wirckung und Tugend haben. Denn es ist unglaublich, welchergestalt einer seine eigene Sachen taͤglich erken- net und verbessert, wann er sie wohl mit anderer Leute Augen anschauet und ein- siehet. Und bezeugen die gesamten Politici in dem Parnasso bey ihrem Gewissen, daß kein ander Mittel zu der wahren Gluͤckseligkeit, zu der vortrefflichen Tugend des Nosce te ipsum, und zu seiner Selbst-Erkaͤntniß, darnach so viele grosse Maͤnner gestrebet haben, zu gelangen seye, als eben dieses. M 3 9) Wer- 9) Werden allhier verkaufft Zirckel, nicht von Silber, Meßing oder Stahl, sondern von der eigen nutzigen Reputation, die sich in allen Ehren-Staͤn- den befindet, verfertiget und zugerichtet seynd uͤber alle Massen dienlich, seine eigenen Actiones taͤglich damit abzumessen. Denn die Erfahrung giebet ei- nem jedem genugsam zu erkennen, daß diejenigen Zirckel, so aus eigenem Ge- hirn, und Privat-Interesse geschmiedet werden, denenjenigen gar uͤbel gerathen, welche in ihren taͤglichen Geschaͤfften alle Linien in einen Punct zusammen brin- gen wollen zu geschweigen, daß dergleichen Zirckel denenjenigen, so sie recht zu gebrauchen wissen, sehr nutz und dienlich seye welche sich um Re- putation willen, hoher Geschaͤffte unterfangen, dieselben recht abzumessen, damit sie nicht in der Mitte stecken bleiben, und hernach wie Butter in der Sonnen bestehen. So haben auch alle Verthuer und Schlecker- oder Lecker- Maͤuler, welche mehr wollen verzehren als ihr Pflug erwerben kan, kein besser Instrument, die nothwendige, Tugend zu erlernen, nicht hoͤher zu steigen, als ihnen die Federn gewachsen. 10) Verkauffen die Politici in dem Parnasso eine Art von Meßruthen, so die Acker-Leute zu gebrauchen pflegen, denen sehr noͤthig, welche mit andern Leuten wichtige und hohe Geschaͤffte zu tracti ren, oder ihnen heimliche Sachen zu vertrauen haben, damit sie dieselben in allen Ecken und Winckeln wohl aus- messen und erforschen koͤnnen. 11) Ist allhier grosser Vertrieb von einer Art eiserner Instrumenten, de- nen, so die Wund-Artzte und Zahnbrecher zu gebrauchen pflegen, nicht gar un- gleich. Sie seynd sehr nuͤtzlich und gut denen ungluͤckseligen Hofleuten den Schlund und die Gurgel damit zu erweitern, welche zu Zeiten aus der Noth eine Tugend machen, und an statt derer kleinen Pillen, grosse Kuͤrbiße einschlu- cken muͤssen. 12) Findet sich allhier eine grosse Menge von Besen, so von lauter Vorsich- tigkeit geflochten, und zusammen gebunden seynd. Diese werden sehr von klugen und verschlagenen Hofleuten eingekaufft, des Morgens und Abends die Stiegen sauber und wohl zukehren, damit sie nicht uͤber die gefaͤhrliche Erbsen fallen, welche etliche mißgoͤnstige darauf zu streuen pflegen, so sich mehr delecti ren und belu- stigen anderer Leute Actiones zu vernichten und zu verkleinern, als ihre eigenen wohl anzustellen, und sich allein befleißigen andere ehrliche Leute um ihren guten Namen, Ehre und Reputation zu bringen. 13) Be- 13) Befindet sich allhier in dem politi schen Kauff-Haus die vortreffliche Dinte so dem Golde gleich geachtet wird, viel koͤstlicher als das Lasur- Blau, welche Dinte von beruͤhmten Scriben ten verschrieben wird, und ist gleichsam ein koͤstlicher Balsam ihre verstorbenen Coͤrper damit zu balsamiren, und ihnen, auch nach dem Tode, einen ewigen und guten Geruch zu machen; dahingegen die Ignoranten und ungelehrte, oder auch gelehrte Narren und Fantasten, einen unertraͤglichen Gestanck von sich geben, und bald nach ihrem Tod zu Staub und Asche werden. Weise und gelehrte Leute machen ihnen mit dieser Dinte allein einen ewigen und unsterblichen Namen, welcher mit denenjenigen, so nichts gewust haben, sobald ihnen der Athem ausgehet, zu gleich verloͤschet. Dieser Balsam hat in Wahrheit eine uͤbernatuͤrliche Krafft und Wirckung, dieweil diejenigen, so sich damit salben, leben, ob sie schon sterben, und allein so viel den Leib belanget, und aus dieser Welt scheiden, wegen ihrer vortrefflichen Buͤcher aber in Ewigkeit darinnen bleiben. 14) Loͤsen offt-gemeldte politi sche Handels-Leute viel Geld aus einem Oele, welches vielmals sehr dienlich befunden worden, denen, so zu Hofe le- ben, den Magen damit zu staͤrcken, auf daß sie ohne Verletzung der Complexion ihrer Gedult, den grossen Wiederwillen, und die hefftigen Verdrießlichkeiten, so sie zu Hofe einschlucken muͤssen, desto besser verdauen moͤgen. 15) Verkauffen sie in einen kleinen Glaͤßlein, den wohl-riechenden Men- schen-Schweiß, sehr dienlich, diejenigen damit zu bestreichen, welche durch den lieblichen Geruch ihrer sauren Muͤh und Arbeit, mit der Feder in der Hand, unter denen Gelehrten sich gerne wollen finden lassen. 16) Werden sehr herrliche Morsellen allhier verkaufft, so sehr dienlich sind etlichen eigensinnigen und wiederspaͤnstigen Stoicis einen Appetit zu machen, damit sie vor denen Wiederwaͤrtigkeiten dieser Welt nicht so leichtlich einen Eckel und Grauen bekommen, sondern selbigen mit groͤsserer Begierde zu sich nehmen und einschlucken moͤchten. Denn ob zwar dieselbe vielen einen Grauen verursachen, und manchen ehrlichen Mann gantz und gar zuwider sind, so muß man doch vielmals grosser Herren Ungunst nicht auf sich zu laden, auch seine ei- gene Sachen nicht in Gefahr zu setzen, sich stellen, als ob man einen sonderli- chen Gefallen daran haͤtte, und dieselbe mit grosser Begierde und hungerigen Ma- gen, so warm man es leiden kan, zu sich nehmen. 17) Ver- 17) Verkauffet man in diesem Cram grosse Schachteln mit dem allerbesten Biesem-Zucker, denenjenigen geheimen Raͤthen, Secretariis und Raths-Her- ren einen lieblichen und wohl-riechenden Athem zu machen, welche die Ver- trauten geheimen Sachen bey sich behalten, und in ihrem Leibe verfaulen las- sen muͤssen. 18) In einem besondern Laden, à part, werden auch gefunden die Ei- sen, so man denen Pferden auf der Weide anzuthun pfleget, von dem Eisen der Weisheit und der Bedachtsamkeit geschmiedet. Und obschon etliche Unver- staͤndige vor solchen, als Instrumente vor die unvernuͤnfftige Thiere gehoͤrig einen grossen Abscheu tragen; so haben doch andere Verstaͤndigere solche in gros- sen Estim, dannenhero sie auch von denen unbedachtsamen und unvorsichtigen Koͤpffen mit grossem Gelde bezahlet werden, um sich dadurch im Zaum zu hal- ten, welche anderergestalt viel lieber ihre geschaͤffte uͤber Hals und Kopff auf der Post, als mit einem gemeinen Bothen, der mit Bedachtsamkeit daher gehet, verrichten wollen. 19) Unter allen Waren aber, so in diesem reichen Kauff-Hause feil, ist keine die besser abgehet, als eine Art von Fliegen-Wedeln, so zwar nicht von koͤstli- chen Straussen, noch von Pfauen oder anderer schoͤnen Vogel-Federn, son- dern von Kraͤutern und Blumen gemachet sind. Und weil Andreas Matthiolus, Parnaßischer Botanicus, unter diesen Kraͤutern und Blumen den gifftigen Na- pellum gefunden hat, haben dahero die saͤmtlichen Raͤthe in dem Parnasso abge- nommen, daß diese Fliegen-Wedel nicht erfunden seyen in dem Sommer, Wind damit zu machen, sondern vielmehr die verdrießlichen Fliegen von der Nase da- mit zu vertreiben, welche etliche Unverstaͤndige mit denen Dolch en zu verjagen vermeynet, ihnen aber daruͤber die Nasen selbst abgehauen. Poë ten und andere stoltze Gelehrte haben folgende Relation aus dem Parnasso in reiffe Erwegung zu ziehen: D Amit die Ungelehrten, und Ignoran ten, mit ihren unsaubern Gemuͤthern, den Parnassum nicht entheiligten und verunreinigten, hat Apollo schon vor etlichen Jahren zwo Compagni en Poë ten aus Sicilien kommen lassen, so in dem Reymenreissen uͤber die Massen gut, und in ihren Inventionibus sehr excel- li ren. li ren. Deren Amt ist, daß sie taͤglich die Strassen batti ren und bereiten selbi- ge sauber zu halten. Diese bekamen vor acht Tagen einen Poë ten gefangen, welcher bey Verlust Leibes und Lebens, aus dem Parnasso relegi ret und verwiesen war. Dieser ob ihm schon Buͤcher, wie nicht weniger sonst etwas zu schreiben verboten gewesen, hat er doch dem ungeachtet, Apollini zum Trutz, und denen saͤmtlichen Musis zu besonderer Verungluͤmpffung, nicht unterlassen, taͤglich viel Papier mit sei- nen Lumpen-Versen zu besudeln und zu verderben. Ja was noch mehr, so hat er sich vor einen recht excellen ten Poë ten ausgeben duͤrffen. Indem nun die Haͤscher ihn besuchten, fanden sie ein Karten-Spiel bey ihm, welches dann sein Verbrechen, und seine Missethat, nicht wenig vermehrt, weil ohne diß die Karten Spiele vor Lasterhafftig gehalten, und bey Lebens-Straffe verboten sind. Sie uͤberlieferten dannenhero daß, bey dem Poë ten gefundene, Karten- Spiel so gleich dem Apollini; welcher sich zum hoͤchsten uͤber eine solche schaͤndli- che Erfindung verwunderte, und daß die lasterhafften Menschen die Zeit da- durch zubringen, auch Ehre, Guth und Reputation, Leib und Leben, ja biß- weilen gar die Seele, damit verspielen moͤgen. Noch mehr aber entsetzte sich Apollo, als er vernahm, daß die Thorheit derer Menschen, so hoch gestiegen waͤre, daß sie dasjenige ein Spiel und Kurtzweil nenneten, welches sie doch mit so grossem Eiffer und Ernst trieben, ja daß sie vor eine Freude Lust und Kurtz- weile hielten, das Geld so leichtfertiger Weise zu wagen, daß mit so saurem Schweiß erworben wird, und zu soviel unzehlichen Sachen nuͤtzlich und gut ist, absonderlich zu Buͤchern, ohne welche die heutige Welt Aristotelem vor einen Narren, und Alexandrum Magnum vor einen gemeinen Mann, halten wuͤr- de. Appollo fragte diesen Poë ten, welches Spiel er vor allen andern am meisten ůbete und brauchte? worauf er antwortete das Trumpff- Spiel gefalle ihm am allerbesten. Derohalben befahl Apollo demsel- ben, solchen zu spielen, welches er thaͤte. Sobald nun Apollo derer Mei- ster-Griffe dieses Spiels innen ward, rieff er uͤberlaut, dieses Spiel seye die rechte Philosophie derer Hofleute, und die nothwendigste Wissen- schafft, so alle Menschen lernen solten, welche nicht vor grobe und unge- schickte Toͤlpel wolten gehalten werden. Es liessen sich auch Ihro Par- nassi sche Majestaͤt zugleich vermercken, daß der Schimpff, so diesem guten Poë- ten wiederfahren, ihnen zum hoͤchsten mißfiele wuͤrdigten ihn derowegen vor das erste des Titels eines Tugendhafften, befahlen auch alsobald ihn loß zu lassen, und geboten dem Pedell en der Universitæt, den folgenden Tag ein absonderli- N ches ches Logement vor ihn aufzuthun, und zuzurichten, in welchem dieser vortreff- liche Mann, dem gemeinen Nutzen zum Besten, das herrliche Trumpff-Spiel oͤffentlich lehren, und jederman darinnen unterweisen solte. Apollo machte ihm darneben eine herrliche Bestallung aus, von 500. Ducaten, befahl auch bey ho- her Straffe denen Platonicis, Peripateticis, und denen saͤmtlichen Philosophis moralibus, wie auch insgemein allen Gelehrten in dem Parnasso, daß sie diese hoͤchst-noͤthige Wissenschafft mit Fleiß erlernen solten. Und damit sie dieses Spiel nicht so leichtlich wieder vergessen moͤchten, erlaubte er ihnen, sich taͤglich eine Stunde darinnen zu uͤben. Ob nun zwar dieses denen saͤmtlichen Gelehrten in dem Parnasso sehr Spa- nisch vorkam, daß aus einem solchen, vermeynten, gemeinen Bernhaͤuter- Spiel, etwas zum menschlichen Leben nuͤtz- und dienliches solte koͤnnen gefasset werden; so wusten sie dennoch vor gewiß, daß Appollo nicht leichtlich etwas befoͤh- le, daraus seine ( Virtuosi ) Tugendhaffte nicht sonderlichen und grossen Nutzen zu erwarten haͤtten. Sie leisteten demnach Ihrer Parnassi schen Majestaͤt unterthaͤ- nigsten Gehorsam, dergestalt, daß gedachte Schule in ein grosses Aufnehmen geriethe. Nachdem nun denen Gelehrten die verborgenen Griffe, und Heimlichkei- ten, dieses Spiels begunten offenbar zu werden, erhuben sie Se. Parnassi sche Majestaͤt, Dero trefflichen und hohen Verstandes wegen, biß in den achten Himmel hinauf, ruͤhmeten und preiseten uͤberall, daß weder die Philosophie, noch auch die Poëterey, Mathematic, Sternguckerey, oder einige andere Scient tz, sondern eintzig und allein dieses wunterseltsame Trumpff-Spiel, das hohe Ge- heimniß, sonderlich diejenigen, so ihr Leben bey Hofe zubringen muͤssen, lehrte, daß eine jede schlimme, und die Geringste Trumpff-Karte die aller- hoͤchsten und besten Bilder in der Karte, wann sie nicht Trumpff sind, hinweg nimmt und dieselben sticht. Denen Gelehrten, derer gantze Wissenschafft in einem eit- len Wort-Gepraͤnge und Geschwaͤtze bestehet, wird die- se Relation aus dem Parnasso bestens recommandi ret. E In Gelehrter Laconier hatte seine Meynung mit allzuvielen Worten vor- gebracht; ward aber von dem Magistrat daselbst uͤberzeuget, daß er es mit zweyen zweyen haͤtte verrichten koͤnnen. Weil nun die Laconier sparsamer mit Wor- ten als die Geitzigen mit denen Ducaten umzugehen pflegen, ward dem Schwaͤtzer und Plauder-Matz, um seines Fehlers willen, der in seinem Va- terland mehr als Capital ist, nachdem er bereits acht Monate in beschwerlichem Gefaͤngniße gelegen, vor fuͤnff Tagen auferleget, daß er zur Straffe, den Pisa- ni schen Krieg von Francisco Guiccardino beschrieben, nur einmal durchlesen sol- te. Mit grosser Muͤhe und Arbeit lase dieser Laconier nur das erste Blat durch. Alsdann empfande er einen solchen Eckel, ja eine rechte-Todes Angst, wegen des langen Gewaͤsches, daß er hinlieff, denen Richtern welche das Ur- theil gefaͤllet, einen Fuͤß-Fall that, und sie instaͤndigst bat, ihn Zeit seines Le bens auf die Galleren zu verdammen, oder einzumauren, ja aus Barmhertzig- keit lieber lebendig zu schinden, als ihn ferner aufzuhalten, die weitlaͤufftigen Er- zehlungen, so kein Ende naͤhmen, die schlaͤffrigen Anschlaͤge, und verdrießli- chen Orationes, welche bey Einnehmung auch eines jeglichen alten Tauben- Hauses gehalten worden, zu lesen. Denn es breche im das Hertz, uͤbertreffe auch alle Marter, alle Schmertzen derer gebaͤrenden Weiber, und alle Todes- Angst, so, auf Anhalten derer allergreulichsten Tyrannen, der gottlose Pe- rillus jemals haͤtte erdencken koͤnnen. Auf Gelehrte, in welchen eine uͤbermaͤßige, und ihnen nicht anstaͤndige Curiosité herrschet, kan nachste- hende Relation gezogen werden. G Estriges-Tages wurde von dem Obristen derer Schergen, so von denen Zuchtmeistern uͤber die Studia bestellet ist, gefaͤnglich eingebracht ein vor- nehmer Gelehrter, welcher auf frischer That ergriffen worden, daß er, mit der Brille auf der Nasen, etliche Italiaͤnische verliebte Poëti sche Gedichte gelesen, deswegen er, auf Befehl Apollinis, diesen Morgen dreymahl ziemlich statck mit Ruthen gestrichen, und ihm darneben angezeiget worden, er solte in diesem seinem Alter, so sich auf 55. Jahre erstreckete, die Zeit besser anwenden, und sich auf nuͤtzlichere und ernsthafftere Studia legen. Denn die Zeit mit Lesung dieser Italiaͤnischen Gesaͤnge und Reimen zuzubringen und zu verlieren, stuͤnde denen jungen Leckern und Loͤffel-Maͤulern viel besser an, denen es auch, wegen ihres Alters, zu gut gehalten wuͤrde; denen Alten aber koͤnte man solches nicht ungestrafft hingehen lassen. N 2 Die- Diejenigen Gelehrten, welche ihr, Gesinde, ingleichen ihr Vieh, uͤber die Gebuͤhr hart tracti ren, moͤgen sich die jetzt-kommende Relation aus dem Parnasso an die Nase reiben. D En 1ten April erschienen vor dem Apolline der weitberuͤhmte guͤldene Esol Apulei, wie auch die beruͤhmte Asinaria Plauti. Diese brachten im Na- men derer saͤmmtlichen Esel an und vor, daß, wann diejenigen Thiere von dem menschlichen Geschlechte wohl gehalten zu werden meritir ten, welche wenig ko- steten, und doch grossen Nutzen schaffeten, so haͤtten sie vor allen andern Thieren Ursache genug sich uͤber ihre Herren zu beklagen. Denn ob sie schon wegen der schweren Arbeit, weder Tag noch Nacht Ruhe haͤtten, behuͤlffen sie sich doch mit Wasser und Haber-Stroh, und hielten Ostern bey einer Handvoll Kleyen, wuͤrden aber, dem allen ungeachtet, von ihrer Herrschafft mit solcher Unbeschei- denheit tracti ret, daß sie gleichsam ein erbaͤrmliches Spectacul vor der gantzen Welt worden. Ja wann sie sich schon mit denen allerschaͤndlichsten und verachtesten diensten gegen ihre Herren demuͤthigten, koͤnten sie dennoch ihre harten und Stei- nern Hertzen nicht erweichen. Sie baͤten derohalben auf das demuͤthigste Ihro Parnassi sche Majestaͤt wolten Ihnen belieben lassen, bey ihrer Esels-Ar- beit, wo nicht ein gantzes Punctum, doch zum wenigsten ein Strichlein oder Comma zu machen, und ihren Herren zu befehlen, gegen Creaturen, die sich so hoch verdient gemacht, wo nicht Danckbarkeit, doch auf das wenigste Be- scheidenheit, zu gebrauchen. Die Klage und das Verlangen derer gesamten Esel, befande Apollo dermassen billig, daß er ihnen ihre Bitte gewaͤhrete. Hiernechst entbrannte er gantz vor Zorn wider viele Philosophos, und andere Gelehrte, welche præten- di ren, unendlich mehr Weißheit als andere Menschen zu besitzen, und doch nicht einmal wissen, wie sie ihr Vieh tracti ren sollen. Diese verwandelte Apol- lo, zur Straffe, in Esel, Ochsen, Pferde ꝛc. in welcher Gestalt sie sechs Mo- nate verbleiben, und eben so tracti ret werden sollen, wie sie ihr Vieh zu tracti- ren pflegen. Rela- Relation von denen ausgesaͤeten Kuͤnsten derer Gelehrten, und wie sie dieselben gebauet haben. D Ie Erndte in dem Parnasso ist nunmehro voruͤber, auch alle Fruͤchte bereits von denen Herren Gelehrten in die Scheuren eingefuͤhret. Allein man muß bekennen, daß die allermeisten eine schlechte Erndte gehabt; woran zum Theil das Abnehmen des menschlichen Verstandes, und den Saamen, den man ausgesaͤet: zum Theil aber das Erdreich, dann auch Lufft und Wasser Schuld ist. Die, so auf Poëterey gebauet, haben in dem Fruͤhling ihres Alters gese- hen, daß die Felder sich sehr schoͤn zeigten, hoffeten derowegen nicht unbillig auf eine reiche Erndte. Als aber der Junius, in welchem das Korn zu schossen pfle- get, herbey ruͤckte, wurden die armseligen Leute gewahr, daß aus ihrer Arbeit nichts als tolle Gewaͤchse und unbrauchbare Blumen wurden, so daß sie ver- gebens gearbeitet hatten, und dabey Hunger und Kummer leiden muͤssen, des- wegen dann selbiger Ackerbau, weil er sehr schlechten Gewinn bringet, fuͤhro- hin gewaltig in das Abnehmen kommen wird. Die, so Latein gesaͤet, und eine stoltze Einbildung geheget, daß die Saat gerathen muͤste, haben anders nichts als Schulfuͤchsereyen und Grammaticali- sche Staͤnckerey geerndtet. Von der Griechischen Sprache ist wenig gesaͤet worden, weil jetziger Zeit schlechter Vertrieb dabey ist, welches vielleicht daher ruͤhret, daß das Brod, so aus diesem Korn gebacken wird, ob es zwar vor langen Jahren einer volckrei- chen Nation taͤgliche Speise gewesen, denen bloͤden Maͤgen, derer jetzigen schwa- chen Naturen, schwer zu verdauen faͤllet. Derowegen haben etliche verschlage- ne Koͤpffe in ihren Gaͤrten nur allein so viel gesaͤet, als sie in ihrem eigenen Hauswesen vor noͤthig gehabt, vielmehr damit sie nicht vor Ignoranten und vor unverstaͤndig gehalten wuͤrden, als daß sie sich vor gelehrte Leute ausgeben sol- ten ingleichen nur den Saamen davon zu erhalten, und keinesweges als ob sie Kauffmanschafft damit treiben wolten. Der Saame der Hebraͤischen Sprache hat sich fast gar verlohren. Denn weil er nicht mehr im Gebrauch, wird gar wenig gesaͤet, welches dann denen N 3 Men- Menschen nicht zu geringer Schande und Schmach gereichet, daß sie eine solche Sprache nicht hoͤher achten, in welcher vor Zeiten GOtt der HErr selbsten ge- redet, welches ihr auch kein geringes Ansehen machet. Die Philosophie haben Wurm-Saamen gesaͤet, deswegen auch wunder- seltsame Gewaͤchse daraus hervor gekommen sind, als zum Exempel Grillen, Schwaben, Ratten, Maͤuse, und ander Ungeziefer mehr. Aus dem Saamen, welchen die Astrologi gesaͤet, sind Narren-Kappen worden. Diejenigen aber, welche eine reiche und gute Endte gehabt, sind die Astro- nomi, die boͤsen Advoca ten und unverstaͤndigen Medici. Denn der Saame, den die Astronomi ausgestreuet, hat Luͤgen getragen, deren sie sehr benoͤthiget sind, die Calender damit anzufuͤllen und voll zu machen. Daß aber die boͤsen Advoca ten und unverstaͤndigen Medici eine so reiche Ernd- te gehabt, daran ist dieses Ursache, weil die boͤsen Advoca ten, in Ermange- lung eines gnaͤdigen Regens von dem Himmel, ihren Acker mit dem Speck de- rer Zancksuchtigen und Process -liebenden Narren gespicket; mit denen Thraͤnen derer an der Gerechtigkeit Noth-leidenden, auch daher Weinenden und Seuff- tzenden gewaͤssert; und die unverstaͤndigen Medici den ihrigen mit denen Lei- chen dererjenigen ungluͤckseligen Patien ten, die in ihre Haͤnde gerathen sind, ge- duͤnget haben, wie man sonst die Aecker und Felder mit Mist zu duͤngen pfleget. Das schlimmste bey der gantzen Sache ist nur dieses, daß sich zu gleicher-Zeit, der Fluch, und ein schweres Gewissen mit in die Scheuren derer boͤsen Advo- ca ten, und unverstaͤndigen Medicorum, einquartieret haben, welche sonder Zweiffel alles eingeerndete wieder verzehren und auffressen werden. Die, so Gutthaten gesaͤet, haben wider Verhoffen ebenfalls eine gute Erndte gehabt. Denn so herrlich dieser Saame, so wunberbar ist er auch, indem von vielen Achteln, welche man in das Erdreich wirfft, obschon bey nahe alles zu Schanden gienge, dennoch ein einiges Koͤrnlein, so davon aufgehet, den Ackers- und Saͤemann zu grosser Gluͤckseligkeit bringet. Zu diesem herrlichen Acker-Bau aber gehoͤren allein großmuͤthige und freygebige Leute. Denn die Geitz-Haͤlse, denen die Geldgierigkeit angebohren, dergestalt, daß sie eher ernd- ten ten als saͤen wollen, haben das Hertze nicht, diesen edlen Saamen auszustreuen, weil sie vermeynen er sey verlohren. Gleichergestalt haben diejenigen, welche Draͤuungen, und Schmaͤh- Worte ausgesaͤet, eine reiche Erndte gehabt, allermassen sie in der That, Feind- schafft, Verletzungen und Schaden genug bekommen. Die, so boͤse Wuͤnsche gesaͤet, haben den Fluch eingeerndtet. Etliche ande- re, so Disteln der Verleumdung gesaͤet, haben eine solche reiche Erndte von Dornen gehabt, daß sie alle Scheuren damit angefuͤllet, und biß in das dritte Glied genug daran haben. Eine sehr nachdenckliche Relation aus dem Parnasso ist auch diese. E Ines Menschen Sinn und Humeur recht zu erkennen ist noͤthig oͤffters an die- jenigen Orte zu gehen, wo ehrliche Handthierung getrieben wird: wie nicht weniger in solche Craͤme und Laden, wo lasterhaffte und boͤse Sachen verkauf- fet werden. Wer sich nun darinnen finden laͤsset, den muß man genau mer- cken und noti ren. Also geben die Buchlaͤden zu erkennen, welche Liebhaber derer freyen Kuͤnste seynd. Also zeugen Spiel-Haͤuser, und Spiel-Plaͤtze, mit Fingern auf die, so Lust zu dem Spielen haben. Die Pasteten-Haͤuser, und beruͤhmten Tracteurs, verrathen die Schlecker-Maͤuler; die Wirths-Haͤuser die Zech-Bruͤder. An keinem bessern und bequemern Orte aber kan man die eitlen leichtfertigen Leute erkennen lernen, als in denen Barbier-Stuben, in welchen man siehet, welches die Ganimedes und Narcissi seynd, so da mit gros- ser Gedult dem Barbierer zwo Stunden stille halten koͤnnen, die so puͤnctlich und eben muͤssen geputzet seyn, daß sie mehr Zeit zubringen, den Bart recht auf- setzen zu lassen, als die allerzierlichste Braut ihren gantzen Kopff zu zieren und zu schmuͤcken. Wann ein eintziges Haͤrlein vor dem andern hervor gucket, oder krumm stehet, meynen sie gleich, sie seyn die allerversteltesten Leute in der gantzen Stadt. Daher koͤmmet es, daß der Zeitungs-Schreiber, dem dergleichen Stuͤcklein wohl bekannt, sich zum oͤfftern in dem politi schen Kauf-Haus finden laͤsset, und solches allein darum, auf daß er aus denen Waaren, so andere kauf- fen, in Erfahrung bringen moͤge, wie ihrer viele an dem Hofe des Appollinis ge- sinner sinnet seyn, damit er hernachmals, seinen guten Freunden und Bekannten ei- gentlichen Bericht deswegen thun koͤnne. Es kam demnach in dieses politi sche Kauff-Haus, vor dreyen Tagen, Jo- hannes Baptista Sanga, ein beruͤhmter Secretarius an dem Roͤmischen Hofe. Die- ser fragte einen von denen Cram-Dienern, ob er Kohlen zu verkauffen haͤtte? Ihm wurde mit Ja geantwortet, auch die Kohlen zugleich gezeiget, und weil sie ihm wohl anstunden, wurde man des Kauffes eins. Er kauffte aber deren vier- tzig Last. Solches kam den Zeitungs-Schreibern Spanisch vor, was doch dieser Secretarius mit so vielen Kohlen anheben wolte, als der nur einen Diener haͤtte. Weil er nun des Sangæ gar vertrauter Freund war, begehrte er dessen Ursache von ihm zu wissen, ob er es vielleicht darum thaͤte weil die Kohlen wohlfeiler als das Holtz waͤren? diesem gab der Sanga zur Antwort, Er, als der zu Hofe lebte, muͤste mehr auf Reputation als auf Gewinn sehen, hielte nichts von dem Feuer, so von Holtz gemachet wuͤrde, weil es viel Rauch und wenig Kohlen gaͤbe. Es waͤren auch die Kohlen denenjenigen sehr dienlich, die da nicht gerne haben, daß ihre Suppen und Speisen nach Rauch schmecken. So gaͤbe es hier- nechst Spuͤr-Hunde, die nur anderer Leute Thun auszuforschen sich befliessen, und nach Proportion des Rauchs der aus der Kuͤche gienge, urtheileten, wie stattlich dieser oder jener zu Hause lebe. An diesem Rauch seye ihm dannenhero nichts gelegen, sondern er contentir e sich, wann nur sein Tisch in geheim wohl versehen waͤre. Nach dem Sanga kam der Philosophus Epictetus, seines guten Namens und aufrichtigen Gemuͤths wegen in dem Parnasso hoch gehalten, und dem Zei- tungs-Schreiber wohlbekannt. Dieser begehrte allerley Beltzwerck zu sehen, und es wurden ihm alsobald Zobel und andere koͤstliche Arten von Thieren gezei- get. Weil sie ihm aber nicht gefielen, sagte er zu dem Vorsteher des Kauff-Hauses, Es waͤren ihm diese Beltze viel zu stattlich, und deswegen vor ihn nicht dienlich, wolte lieber einen von der Art haben, so diejenigen truͤgen welche prætendir ten vor gute ehrliche Leute angesehen, und gehalten zu wer- den. Dieser merckte bald, wo der Philosophus hinaus wolte, nahm ihn derohal- ben bey der Hand, und suͤhret ihn in ein absonderliches Logement ausserhalb des Kauff-Hauses, von dannen er kurtz hernach wieder heraus kam, einen Wolffs-Beltz, so mit Lamms-Fellen gefuttert, umhabende. Weil er aber den Wolff der sehr schoͤn und koͤstlich war, inwendig, die Lamms-Felle hin- hingegen auswendig gewendet hatte, lieff ihm der Zeitungs-Schreiber nach, mit Vermelden, er habe seinen Beltz unrecht umgehangen. Allein er bekam eine lange Nase, indem ihm dieser Philosophus, nachdem er denselben wacker ausgelachet, diese Antwort gab: Es scheinet lieber Freund! du seyest wohlerfahren, wie man die halben Spanischen Stiefel anziehen solle; aber diese Art von Beltzen recht umzuhangen, beduͤnckest du mich noch ein grosser Ignorant zu seyn. An diesem Beltz, wie du siehest, ist der Wolff hineinwarts gewendet. Denn wann von demselben auch nur ein eintziges Haͤrlein hervor guͤckete, wuͤrde ich nimmermehr zu meinem Zweck und Intent gelangen koͤnnen. Damit gieng der Zeitungs Schreiber wieder hinein, und fande einen an- dern Philosophum. Der begehrte Maͤntel zu sehen, die biß auf die Erde reich- ten, und es wurden ihm deren unterschiedene dargeleget die der Farbe, wie auch des Tuches halber, dem Philosopho nicht uͤbel anstunden. Nur allein hatten sie diesen Mangel, daß sie zu kurtz waren, und es beduͤnckte dem Zeitungs- Schreiber ein seltsames Ding zu seyn, daß diese Maͤntel dem Philosopho, der doch mehr kleiner als mittelmaͤßiger Statur war zu kurtz seyn solten, da sie doch wohl denen allergroͤssesten Personen biß auf die Schuhe gereichet haͤtten. Er machte sich derowegen zu ihm, und fragte wer, auch von was Profession er waͤre? Der Philosophus antwortete, er seye ein Sicilianischer Philoso- phus, der sich jederzeit gestellet ob verachte er Reichthuͤmer, habe aber durch sein Philosophi sches Geschwaͤtze, und vollkommene Heucheley manchem den Beutel gefeget, und dadurch ansehnliche Summen Geldes zusammen gescharret: Davor habe er zwey Galle ren ausgeruͤstet, mit welchen er sich auf das Meer begeben, und noch fernere gute Beute machen wolle. Weil ihm aber nicht unbewust wie dergleichen Handwerck sehr verhaßt, auch wenig Ehre dabey zu erlangen, habe er sich mit einem guten langen Mantel versehen wollen, seine Intention und Vornehmen, so ihn darzu bewegte, desto besser zu bemaͤnteln, und dargegen denen Leuten weiß zu machen, als ob er die Ignoran ten, und Feinde de- rer Freyen Kuͤnste betriegen wolle. Diesem Sicilianischen Philoso- pho antwortete der Zeitungs-Schreiber, daß er sich vergebens bemuͤhete. O Denn, Denn, wann schon alle Tuͤcher aus Engeland und Holland bey- sammen waͤren, wuͤrden sie doch nicht reichen einem Meer-Raͤu- ber einen Mantel daraus zu machen, daß ihm nicht zum wenigsten die Fuͤsse allemal hervor gucketen. Bald darauf kam ein sehr weiser Gelehrter in den Laden und begehrte etli- che Ellen zu sehen. Als er nun eine fand, so ihm gefiel, und dieselbe eben be- zahlen wolte, erinnerte ihn sein Diener, dieses Geld zu sparen, weil noch eine zu Hause, die gar just und gut waͤre. Diesem Diener gab sein Herr zur Ant- wort: Die Elle, so ich daheim habe ist bloß und allein gut vor mich selbst. Aber andere Leute zu messen habe ich befunden, daß man fremde Ellen haben muͤsse. Denn als ich, in etlichen wichti- gen Geschaͤfften, so mir zu Handen gestossen mit der Elle meines aufrichtigen Gemuͤthes andere Leute messen wollen, habe ich mich gewaltig betrogen gefunden. Darauf kam hinein Laurentius Gambara ein vornehmer Poët aus der Stadt Brescia gebuͤrtig. Dieser, nachdem er einen uͤberaus schoͤnen Indiani- schen Pappegay sehr wohl beschauet, auch sich hatte vermercken lassen, daß ihm sein Geschwaͤtze uͤber die massen wohl gefiele, begehrte dessen Preiß zu wis- sen. Man forderte dannenhero hundert und funfftzig Thaler dafuͤr. Der Poët, welcher ihn um ein viel geringeres haͤtte haben koͤnnen, wann er seine Sa- chen recht anzustellen gewust, gab zur Antwort, daß er des Preißes hal- ber wohl zufrieden; es mangele ihm aber daran, daß er die gan- tze Summa an baarem Gelde nicht gleich beysammen haͤtte, wol- le derohalben sein Bette, darauf er schlieffe, die Tapezerey, und andere Mobili en, so in seiner Schlaff-Cammer befindlich, an statt der uͤbrigen Bezahlung, wie zwey Verstaͤndige solches schaͤtzen und angeben wuͤrden, dargeben. Die in den Kauff-Hauß acceptir ten solches, und der Poët wolte sich mit dem Pappegay nach Hause verfuͤgen. Der Zei- tungs-Schreiber aͤrgerte sich sehr uͤber das Beginnen des Poë ten, und hielte ihn vor einen Stockfisch. Jedoch ward er, durch seine Einfalt zum Mitleyden bewegt, fragte ihn derowegen, was ihm wohl bewege, eines Lumpen-Vogels hal- halber, leichtsinniger Weise, nicht allein alles, so er in seinem Hause haͤtte hinzuschleudern, sondern sich auch seines eigenen Bettes, das doch zu der Ruhe seines Leibes und Gemuͤthes hoͤchst noͤthig seye, sich zu berauben und zu begeben? Hierauf antwortete Gambara und sagte: Lieber Freund! du solt wissen, daß ich, diesen Pappegay zu uͤberkommen nicht allein gutwillig alles, was ich in der Welt lieb habe, zu veraͤussern begehre, sondern wolte auch das, was ich an meinem Leibe habe, biß auf das Hemd, ja mich selbsten zu einem leibeigenen Sclaven auf die Galéeren verkauffen, damit ich dessen maͤchtig werden moͤchte. Ich bin ein Brescianer, und habe die allgemeinen Gebrechen meiner Lands-Leute mit auf die Welt ge- bracht, daß ich mit der Zunge zu frey und mit dem Hertzen zu aufrichtig bin, welches zwar bey denen Alten zwo herrliche Tu- genden gewesen; aber heutiges Tages vor zwey grosse Laster ge- halten werden, dieweil sie mir bey grosser Herren Hoͤfe, wie nicht weniger anderswo grosse Ungelegenheit verursachet haben, der ich verhoffentlich durch Erkauffung dieses koͤstlichen Vogels ein Ende machen will. Denn derselbe soll mich die nothwendige Tugend, so denen Brescianern gantz unbekannt, aber von andern Nationen allzusehr practici ret wird, unterweisen und lehren, wie man seines Hertzens Gedancken verschweigen, und andern zu Gefallen nur dasjenige mit dem Munde reden solle, was sie einem selbst vor- kauen und darein legen. Relation von der aus dem Parnasso heimlich entwichenen Tugend der Treue, woran sich die falschen Politici zu spiegeln haben, indem ihnen die Hunde vor- gezogen werden. D Er Koͤnigliche Pallast der vortrefflichen Tugend der Treue, so vor Zeiten von denen allervornehmsten Fuͤrstlichen Dienern, wie nicht weniger von denen vornehmsten Raths-Herren derer beruͤhmtesten Republiqu en, sehr fleißig O 2 fre- frequenti ret und besuchet worden, ist eine Zeit her in solches Abnehmen ge- kommen, daß er einem zerstoͤrten und verwuͤsteten Hause nicht ungleich siehet; dahero auch die Residen tz dieser beruͤhmten Tugend endlich gantz verschlossen. Apollo, nachdem er von einer so hochwichtigen Sache Nachricht bekommen, befahl die Thuͤren dieses Pallastes mit Gewalt zu oͤffnen, und von dieser Durch- lauchtigsten Tugend der Treue selbsten die Ursachen solcher Neuerungen zu ver- nehmen. Der Befehl Ihrer Parnassi schen Majestaͤt wurde alsobald exequi ret, und diese Koͤnigliche Behausung gantz ohne Einwohner befunden. Die saͤmtli- chen Tugendhafften, so bald sie solches verstanden, legten ihre Trauer-Kleider an, bestreueten ihre Haͤupter mit Asche, gaben auch andere Zeichen einer wah- ren und hertzlichen Traurigkeit von sich. Absonderlich war Apollo dermas- sen betruͤbet, daß man Augenscheinlich die innerliche Schwermuͤthigkeit an ihm verspuͤhren kunte. Und weil Ihro Parnassi sche Majestaͤt leichtlich abnehmen kunte, es wuͤrde alle gute Policey unter dem menschlichen Geschlechte zu Grun- de gehen, wann dieses feste und unbewegliche Fundament der Treue und des Glaubens, auf dem dieses Gebaͤude bißhers geruhet, sich verlieren solte, lies- sen sie an allen Orten durch ein oͤffentliches Gebot publici ren, daß derjenige, welcher offenbaren wuͤrde, wo sich die vortreffliche Tugend der Treue hin ver- krochen habe, einen unsterblichen Namen zur Belohnung erlangen solte. Da- mit auch keiner der Zahlung halber zu zweiffeln haͤtte, ertheilte der Koͤnigliche Fiscus Wechsel-Brieffe an Homerum, Virgilium und Livium, wie auch an den uͤberaus reichen Tacitum, als welche die vornehmsten Kauff-Leute in dem Parnasso unter denenjenigen sind, so mit ihren Schrifften andern Leuten einen unsterblichen Namen zu machen begehren. Die grosse Belohnung gab vielen Ursache zu suchen, wo doch die Treue hingekommen waͤre. Endlich ward sie in einem Stall unter denen Hunden des weit beruͤhmten Jaͤgers Acteo- nis und Adonidis gefunden. Diese gewuͤnschte neue Zeitung wurde dem Apollini unverzuͤglich zu wissen gethan. Der spedir te in aller Eil die zwo Musen Telpome- nem und Taliam dahin, eine so Durchlauchtige Printzeßin aus einem solchen schaͤndlichen Orte abzuholen, und wieder in ihr gewoͤhnliches Logement einzu- fuͤhren. Aber es war alles vergebens. Die Durchlauchtige Printzeßin be- weinte zum hoͤchsten ihren ungluͤckseligen Zustand und sagte zu denen zwo Musis: Vermeldet dem Apollini, meinem gnaͤdigen Herren wieder, es haͤtte der Betrug und die Falschheit, meine ewigen und unsterbli- chen Todt-Feinde, endlich in dem Streit, den sie jederzeit mit mir gehabt, den voͤlligen Sieg wieder mich erhalten, der gestalt, daß sie sie, mit Beystimmung des schaͤndlichen Eigennutzes, welcher zu dieser boͤsen Zeit uͤber die Hertzen derer meisten und besten Nationen tyrannisiret und herrschet, mich aus dem Gemuͤthe und der Seele derer Menschen, die ich zuvor gantz innen gehabt und bewohnet, vertrieben. Weiter wollet ihr dem Apollini zu wissen thun, es seye die heutige Welt in allen Bubenstuͤcken dermassen ersoffen, daß der gute und steiffe Vorsatz, treu zu seyn, und seinem Fuͤrsten ehr- lich, auch biß auf den letzten Bluts-Tropffen zu dienen, wornach man vor Alters so sehr zu streben, und sich darob zu verwundern pflegte, heutiges Tages vor die groͤste Thorheit, ja vor eine leicht- fertige Halßstarrigkeit gehalten wird. Sagt ihm auch noch fer- ner, daß diejenigen so jetziger Zeit voller argen List und Boßheit, und die da bereit sind allerley Untreue auszuuͤben, heutiges Ta- ges vor die allerkluͤgsten und geschwindesten Koͤpffe, die sich in alle Haͤndel zu schicken wissen, gehalten werden, und dieses heisset bey der heutigen verkehrten Welt politi sch seyn. Um dieser und an- derer Ursachen wegen bin ich Ungluͤckselige, weil ich solche unerhoͤr- te, unmenschliche Falschheit nicht laͤnger erdulden koͤnnen, end- lich genoͤthiget worden die Resolution zu fassen, und mich, wie ihr vor Augen sehet, unter diese Hunde zu begeben, bey denen ich die rechte wahre Treue gegen ihre Herren in bester Form finde, welche ich mit so bitterem sauerem Schweiß in die eigennuͤtzige und treulose Hertzen derer Menschen einzupflantzen mich jederzeit hoͤch- lich, aber, GOtt erbarme es! vergeblich befliessen habe. Eine sehr Lehr-reiche Relation, woraus alle und jede hochgelahrte Herren erkennen koͤnnen, daß andere Kuͤnst- ler, wann sie in ihrer Profession excelli ren und tugendhafft sind, eben so hoch zu schaͤtzen als wie sie. N Achdem Apollo, vor vier Monaten eine allgemeine Zusammenkunfft derer O 3 Ge- Gelehrten in Elicona auf den 8ten Hujus ausgeschrieben, seynd allda auf be- stimmte Zeit, den 8ten Augusti, die Fuͤrsten derer Poë ten, der Adel und die De- putir ten derer Universitæ ten, in dem grossen Saal zusammen kommen, daselbst Ihro Parnassi sche Majestaͤt, unter dem Himmel der Ewigkeit, auf seinem hell- glaͤntzenden Thron, mitten unter denen Mus en saße. Weil auch Apollo, in seinem Ausschreiben gemeldet, wie er diese Versammlung darum angestel- let, einem Tugendhafften die Unsterblichkeit seines Namens wieder- fahren zu lassen, welchen er alsdann namhafft machen wolte, hegeten die Gelehrten vielerley Meynungen, wer doch derselbe seyn moͤchte? Die mei- sten schlossen auf Justum Lipsium, dessen auserlesene Schrifften einen solchen lieblichen Geruch in dem Parnasso von sich gaben, daß sie bey allen Gelehrten mehr eine Begierde dieselben gar zu verschlingen, als zu versuchen, verursach- ten. Andere gaben vor, es solte der oͤffentliche Einritt, nachmahlen die Au- dien tz in dem Koͤniglichen Saal, und letzlich die Unsterblichkeit des Cardinals Seraphini Olivarii auf dieser Versammlung beschlossen werden. Dieser, als er kurtz-verwichener Zeit, auf denen Graͤntzen dieses Staats angelanget, wur- de mit ungewoͤhnlich-herrlichen Ceremoni en von denen meisten aus dem Par- nasso empfangen und eingeholet. Man verwunderte sich zum hoͤchsten, wie ein Mensch, der sich die gantze Zeit seines Lebens in der muͤhseligen Rota Romana aufgehalten, ihm eine solche Wissenschafft in der Theologie und Philosophie habe moͤgen zu wege bringen, wie nicht weniger in der Juristerey, Mathematique und Astrologie excelli ren koͤnnen. Ja, dem die Griechische Sprache so ge- mein gewesen, als die Lateinische, und, welches das Wunder noch groͤsser machet, daß ein Prælat mit solchen Wissenschafften, und Tugenden begabet und gezieret, dennoch als ein Schuͤler gestorben seye. Denn es duͤnckte ihm ob wis- se er sehr wenig, und fieng derowegen in seinem achtzigsten Jahre an die Arabi- se Sprache zu erlernen. Dieses weitberuͤhmten Namens Reputation wurde nochmehr durch seine herrliche Bibliothec vermehret, die er mit sich gebracht hatte, und darum von je- dermann um so viel hoͤher geachtet worden, weil ihr Herr und Besitzer gelehrter war als die Buͤcher, welche er dermassen durchlesen und durchstudiret, daß sie von denen Augen dieses hochgelehrten Mannes gantz durchsichtig worden. Indem nun das Ehrwuͤrdige Collegium derer Gelehrten mit Verlangen wartete, welcher unter denen zweyen hochberuͤhmten Maͤnnern, deren jetzt-gedacht, die Ehre der Un- sterblichkeit erlangen wuͤrde, proponir ten Ihro Parnassi sche Majestaͤt Vincentium pin- Pinti wegen seiner Vortrefflichkeit in dem Lautenschlagen, deshalb er auch zu Rom der Lauten Ritter genennet worden. In Betrachtung des schlechten und gerin- gen Herkommens dieses Namens, und der Profession, wurden die saͤmtlichen Ge- lehrten so hefftig bestuͤrtzet, daß sie Se. Parnassi schen Majestaͤt allerunterthaͤnigst zu erkennen gaben, sie waͤren so willig als bereit ihnen in allem, was sie be- fehlen wuͤrden, zu gehorsamen und nachzukom̃en; wolten aber ihrer Par- nassi schen Majestaͤt nur allein zu Gemuͤthe fuͤhren, daß sie ungerne einen Musican ten unter ihnen haͤtten . Hierauf gab Apollo zur Antwort, wie er die gegenwaͤrtige Verwunderung des Collegii schon lange zuvor gese- hen, sie solten aber nichts destoweniger gedachten Lauten-Ritter ad- mitti ren, ob es ihnen schon fremd vorkaͤme, weil er es vor ein sehr noth- wendiges Werck erachte. Also wurde, durch einen heimlichen Rathschlag der Streit beygeleget, und dem Lauten-Ritter die Unsterblichkeit seines Na- mens bewilliget, welcher auch alsobald durch die Magistros Ceremoniarum in das Collegium derer Tugendhafften iutroduci ret wurde. Diesen neuen dem Namen nach Unsterblichen, redete Apollo hernach also an: Vincenti! Ihr seyd der erste von eurer Kunst, welchem in dem Collegio derer Gelehrten Session gestattet ist; allermassen sonsten die Ehre allein denenjenigen vorbehalten wird, welche mit ihrer sauren Muͤhe und Arbeit die freyen Kuͤnste studieret haben. Aber eure Person, de- ren man heut zu Tage sehr benoͤthiget, hat uns gleichsam gezwun- gen diese Resolution zu fassen. Unterweiset derohalben die Fuͤr- sten und die Privat- Personen wohl in dieser sehr nothwendigen Kunst, die Lauten recht stimmen zu lernen, in welcher ihrer viele solche Ignoran ten sind, daß sie die Sayten, indem sie solche zu hart spannen, wollen gar zersprengen. Vornemlich aber lasset euch be- fohlen seyn etliche wunderliche gelehrte Koͤpffe von denen ich gewiß weiß, daß sie euch unter die Haͤnde kommen werden, welche mit Gewalt wollen, daß der Bass der Quinte gleich klingen sollen, und so lange ziehen biß dieselbe, ob es zwar sehr dicke Sayten, mit samt der Laute in Stuͤcken reissen. Den Den Verfall und das Abnehmen derer Universitæ ten gie- bet diese Relation aus dem Parnasso zu erkennen. N Achdem die Italiaͤnischen Universitæ ten Deputir te an Se. Parnassi sche Ma- jestaͤt gesandt, haben solche einige Monate warten muͤssen, biß sie zur Au- dien z gelassen worden. Als es aber geschehen, haben die weltberuͤhmten In- tronati (welches eine Gesellschafft gelehrter Leute zu Siena in dem Florentini- schen ist, die zu ihrem Sinn-Bild einen ausgehoͤleten Kuͤrbiß fuͤhret, darin- nen Saltz ist, und statt eines Saltzfasses dienet, mit der Beyschrifft: Meliora latent. Als die Vornehmsten dieser Legation zu verstehen gegeben, wie sich un- ter denen Gelehrten auf Universitæ ten gantz entsetzliche Irrthuͤmer ein- schlichen, so, daß ihre gantze Wissenschafft in lauter alberen Meynun- gen und unnuͤtzen Grillen zu bestehen schiene, welche folglich auch der studirenden Jugend inspiri ret, so daß nicht selten an statt kluger Leu- te, entweder von Vornrtheilen aufgeblasene und stoltze Hasen, oder einfaͤltige Toͤlpel von denen Universitæ ten zuruͤcke kaͤmen. Weil nun un- ter allen Mitteln, die man, solchem Ubel zu steuren , adhibi ret, keines den gewůnschten Effect erreichet; also waͤren die Italiaͤnischen Univer- sitæ ten genoͤthiget worden, ihre Zuflucht zu Sr. Parnassi schen Majestaͤt zu nehmen, und dieselben allerunterthaͤnigst zu bitten, ihnen ein Reme- dium Præservativum gegen diese Corruptel en zu ertheilen. Apollo uͤbergab das Suchen und Anbringen dieser Abgeordneten denen Herren Reformatori- bus bonarum literarum, welche aber mit so vielen andern Geschaͤfften beladen gewesen, daß sie sich entschuldigten, die Sache vor diesesmal auf sich zu nehmen. Es verfuͤgten sich derohalben die Herren Deputir te zum andernmal zu Sr. Par- nassi sche Majestaͤt, welche dann eine besondere Commission anordneten, die Sache zu untersuchen und zu entscheiden. Nachdem solche auf das beste ventili ret und erwogen worden war, bekamen die Abgeordnete den Bescheid, es haͤtte die Koͤniglich - Parnassi sche Commission nach langem Ermessen befunden, daß, weil gewiß und unlaͤugbar , quod omnia orta occidunt, \& aucta senescunt, ingleichen unmoͤglich waͤre, daß aus einem paar Schuh, wie schoͤn und zierlich auch solche waͤren, mit der Zeit nicht ein paar alte Schlapp- Solen wuͤrden, die Universitæ ten sich ihren Verderb und Verfall nicht befremden lassen můsten. Es růhre von einem unvermeidlichen Ver- haͤng- haͤngniß her, und eine jedwede Universitæt solte in dessen zu frieden seyn, wann sich nur allemal einige rechtschaffene kluge, und weise Gelehrte bey derselben befaͤnden. Die Narren waͤren eben so schwer auszurotten wie das Unkraut aus einem Acker, der mit Weitzen besaͤet ist. Nachfolgende Relation moͤgen die unartigen und falschen Herren Philosophi zu Hertzen nehmen. D Ieser Tage wurden die saͤmtlichen Gelehrten in dem Parnasso sehr bestuͤrtzt, als sie vernommen, daß bey naͤchtlicher Weile Annæus Seneca in Verhafft allhier genommen worden, welcher der Vornehmste unter denen Philosophis Moralibus, und bey Se. Parnassi schen Majestaͤt bißhero sehr beliebt gewesen. Man fuͤhrte derohalben vielerley Discurse uͤber dessen Ursache. Etliche muth- masseten, es waͤre darum geschehen, weil ihm Apollo auferlegt haͤtte vor der gantzen Welt darzuthun, durch was vor Philosophi sche Raͤncke er in so kurtzer Zeit die er bey dem Nerone gewesen den uͤberschwenglichen Reichthum von sie- ben und einer halben Million Goldes erworben und zu wege gebracht, weil er damit der Armuth und der Maͤßigkeit, deren er sich in seinen Schrifften so viel- faͤltig ruͤhmet, einen grossen Schand-Flecken angehangen, als woran sich die Menschen um so viel destomehr aͤrgerten, da aus der Historie bekannt, daß er derer rechten Gesellen einer gewesen seye, so bey denen reichen und wohlhaben- den Leuten die Testamenta durch allerhand Raͤncke habe wissen heraus zu pres- sen. Andere gaben vor, es waͤre der Ehebruch, den er mit der Agrippina be- gangen, davon man murmelte, die Ursache dieser Verhafftung. Viele glaub- ten es solte die Pisonianische Conspiration wider Neronem von neuem vorge- nommen und untersuchet werden, deren sich, wie man glaubhafftig berichtet hat- te, Seneca nicht allein theilhafftig gemachet, sondern sich auch von dem leidigen Ehr-Geitz so weit einnehmen lassen, daß er, nach verrichteter Mordthat selber Kayser zu werden verhoffet habe. Andere fprengeten vor gewiß aus, wie Apollo sehr gegen diesen Philosophum erbittert waͤre, weil der Kayser Nero selbst solte bekandt haben, daß Seneca nicht allein um die erschreckliche Mordthat, so er an seiner Mutter begangen, gute Wissenschafft gehabt, sondern er habe auch ihn Neronem darzu persuadi ret und instigi ret, nicht zwar aus Liebe zu seinem Herrn, sondern ihm Anlaß zu einem solchem Bubenstuͤck zu geben, in der Hoff- nung, daß er sich dadurch in das aͤusserste Verderben stuͤrtzen wuͤrde, und dieses P seye seye Senecæ einiges Intent und Zweck gewesen, damit er des unerschoͤpflichen Reichthums, so er mit seiner selbst-eigenen Schande und Schmach, und sei- nes Fuͤrsten grossen Schaden zusammen gesammlet, versichert seyn moͤchte. Nachdem nun Seneca kurtz nach seiner Arreti rung examini ret wurde, hat sich in dem Process befunden, daß nicht allein er, sondern auch viele andere Philosophi Morales zweyer schaͤndlichen Laster, mit welchem sie dem menschlichen Ge- schlecht grosse Aergerniß geben, bezuͤchtiget wuͤrden, daß sie nemlich mehr als alle andere Menschen rachgierig und zornig waͤren, welche Laster sie doch in andern Menschen blamir ten und bestrafften. Seneca hat auch solches gar nicht negi ret und widersprochen. Weil er aber zu gleicher Zeit vorgegeben ein Phi- losophus Moralis regardi re andere Leute nicht als Menschen, achte sich auch gegen sie vor keine Gutthat verbunden, sondern schreibe alles, was ihm gutes wiederfahre, dem Himmel zu , erkannte Apollo dieses vor eine unbescheidene Antwort, sagende man muͤsse allerdings vornemlich gegen den hoͤchsten GOtt hernach aber auch gegen diejenigen Leute, aus de- ren Hand man Gutthaten empfangen, danckbar seyn; und uͤbrigens kei- nen Menschen neben sich, aus einem gelehrten Hochmuth verachten. Apollo faͤllete hiernechst ein Urtheil, Krafft dessen Seneca des Namens eines wahren Weysen verlustig seyn, und fuͤhrohin die heimlichen Ge- maͤcher in dem Parnasso fegen solte . Eine lustige Relation von denen Deliberation en und denen laͤcherlichen Ausspruͤchen derer Gelehr- ten, ist diese. W Eil das gemeine Sprichwort, daß man keinen Menschen recht erken- nen koͤnne, man habe dann einen Scheffel Saltz mit ihm gegessen, von etlichen Gelehrten in zweiffel gezogen worden, als hat Apollo, welcher nicht will, daß die herrlichen Spruͤche seiner Gelehrten, so vor allgemeine Regeln und unwandelbare Gesetze gehalten werden, darnach die Tugendhafften ihr gantzes Leben anstellen, in etwas zweiffelhafft oder ungewiß befunden wuͤrden, schon vor etlichen Tagen in einer allgemeinen Versammlung denen Gelehrten auferleget, diese Wahrheit und deren eigentlichen Verstand recht zu ergruͤnden. Es hat sich auch bemeldtes Sprichwort so gar wahr befunden, daß das saͤmmt- liche Collegium derjenigen Meynung beygepflichtet, so davor gehalten, man muͤsse muͤsse diesem Scheffel noch einen halben zusetzen, und zwar um dieser Ursachen willen, weil bey denen jetzigen Menschen, von Tag zu Tag das verfluchte La- ster der Falschheit und Heucheley wuͤchse und zunaͤhme. Derohalben erforder- ten auch die nohtwendigen Regeln der Rechen-Kunst, daß mit dem verderbten Wesen derer boßhafften Menschen, von denen Gelehrten auch die Nothwendi- gen Mittel derer Tugenden multiplici ret wuͤrden, damit denen neuen annoch feyenden Lastern desto besser Wiederstand geschehen moͤge. Damit aber den heutigen Welt nicht der ewige Schandfleck angehangen, und jedermann vor Augen gestellet werde, das die Laster in der Welt zu, die Mittel aber gegen sel- bige abnehmen, haben die saͤmtlichen Gelehrte in der Versammlung dahin ge- schlossen, es seye nicht ratysam die alte Maaß zu aͤndern. Auch haben sie ein- muͤthiglich decreti ret, das Sprichwort seye wahr, in soweit es die Manns- Personen anbelange. Auf Seiten derer Weiber aber waͤre es gantz falsch, als welche, ob sie schon mit ihren Maͤnnern noch keinen Scheffel Saltz gegessen haͤtten, doch schon die erste Nacht, wann sie bey ihnen geschlaffen, wuͤsten, was sie von ihnen halten solten. Noch weit nachdencklicher aber ist diese jetzt-folgen- de Relation. M Erckwuͤrdig zu schreiben ist, das, was diese Woche in dem Parnasso vorge- gangen, mit denen fuͤnff und zwantzig Maul-Eseln mit Duca ten beladen, so der Kayser Nero dem Cornelio Tacito uͤbersendet hat. Die saͤmtlichen Ge- lehrten, durch solch herrliches Geschencke bewogen, lieffen eilends zu des Taciti Logement, etliche um die eigentliche Summa dieses Geldes zu erfahren, an- dere aber die Ursachen einer solchen stattlichen Verehrung zu wissen. Die Summa des Geschenckes, wie sie berichtet wurden, belieff sich auch auf eine Million und zweymahl hundert tausend Duca ten, mit welchen er Tacito das herrliche Lob, so er ihm gegeben, belohnete, indem er sagte, daß Nero nicht gehabt habe infra servos ingenium. Die Vornehmsten unter denen Gelehr- ten schlossen dahin, ob zwar dieses ein ůberaus herrliches Præsent waͤre, so haͤtte Tacitus doch viel ein mehrers verdienet, durch daß stattliche Lob, welches er dem Neroni gegeben, daß er nicht geartet gewesen seye, schaͤndlicher Weise von einem Diener sich gouverni ren zu lassen, und sich selbigem zu unterwerffen. Dieses Lob waͤre einer so viel groͤssern P 2 Be- Belohnung werth, weil durch eine sonderliche Schickung GOttes man es sehr wenig Fůrsten geben koͤnte. Hingegen gab es auch andere, obschon geringere Gelehrten, welche davor hielten, es uͤbertreffe diese herrliche Ver- ehrung des Taciti Verdienst weit. Ja sie scheueten sich nicht oͤffentlich recht schimpfflich von einer solchen heroischen Action zu reden, und daß dieses eine Verschwendung seye, die dem Neroni nicht ungewoͤhnlich, ja ein solch unbesonnenes Beginnen, das von dergleichen unbedachtsamen Fůrsten herzukommen pflege, die mit ihren ůbermaͤßigen Geschencken vielmehr den Namen eines unnůtzen Verschwenders, als eines freygebigen und mildreichen Herrn erlangen. Dannenhero eben diese mehr aus Mißgunst gegen den Tacitum, als aus Liebe, die sie zu dem Neroni getragen, ihm selbst in das Angesicht sagten, es waͤre in dem Parnasso von dem groͤsten Theil derer Gelehrten uͤbel aufgenommen worden, daß er vier Worte, wel- che ihm zu Ehren von Tacito geschrieben worden, mit einer so grossen Summa Geldes belohnet haͤtte, da doch eben selbiger Historicus an an- dern Orten, zu seiner ewigen Schande und Schmach, solche schimpff- liche und unzuͤchtige Sachen von ihm vermeldet, welche das Lob, wel- ches er so hoch beschencket, gantz und gar umstiessen und verdunckelten. Allein Nero hat diesen geantwortet, daß gleichwie die vortrefflichen Mah- ler, mit denen Schattirungen, denen Bildnissen, welche sie mahleten, desto mehr Ansehens machten also verursachen auch die wahrhafften Historici, indem sie derer Laster, will geschweigen derer kleinen und ge- ringen Fehler dererjenigen Fuͤrsten, welcher Leben sie beschreiben, mit gedencken, daß man ihnen in dem Lob, das sie ihnen geben, desto mehr Glauben zu stelle. Es waͤren ihm derowegen die Schandflecken und Laster, welche Tacitus von ihm meldet, um so viel desto lieber, weil das grosse Lob so er ihm gegeben, dieselben weit uͤbertraͤffe, und eben durch sie um so viel glaubhaffter gemachetwůrde. Denn gleichwie die allerkoͤstlichsten Tugenden, mit welcher ein Fuͤrst koͤnte gezieret seyn, gantz und gar verdunckelt werden, wann er mit dem schaͤndlichen La- ster behafftet, daß er sich von seinen Dienern meistern und regieren laͤs- set; also bedecket auch die herrliche Qualitæt, uͤber seine Diner wissen al- lezeit Herr und Gebieter zu bleiben, die allergroͤsten Laster und Ge- brechen eines Fuͤrsten. Solches ist auch nicht ohne. Denn gleich wie man nicht widersprechen kan, daß die Alchimis ten, so daß ihrige durch den Rauch gen Himmel schicken und ver distilli ren, grosse Narren und Thoren seynd, also muß man auch bekennen, daß diejenigen Fuͤrsten, welche aus ihren Die- nern nern guͤldene Kaͤlber machen, und dieselbe wie Goͤtzen anbeten, sehr thoͤricht handeln. Ob es recht seye, und was davon zu halten, wann sich Frauenzimmer unter die Societæt derer Gelehrten menget? entscheidet diese Relation. D Ie weitberuͤhmten Intronati haben vor etlichen Monaten, wieder das alte Herkommen, in ihre Gesellschafft etliche tugendhaffte gelehrte Weibs- Personen als die Victoriam Columnam, Veronicam Gamberam, Laurentiam Terracinam, samt andern nahmhafften Poëtinnen auf- und angenommen, und zwar mit solchem Wohlgefallen derer gesamten Gelehrten zu Siena, daß die Herren Academici durch die Schoͤnheit dieses Frauenzimmers stimuli ret, nicht allein in ihren loͤblichen Exercitiis hauffenweise zusammen gekommen, sondern auch taͤglich solche herrliche Poëti sche Gedichte ausgehen lassen, daß die Mus en selbst sich darob entsetzen. Es begabe sich auch kurtz darnach, daß vor denen Ohren Apollinis ein boͤses Geschrey deswegen erschollen, derowegen er den Vorsteher selbiger gelehrten Societæt beschickte, und ihm andeutete, solcher Sachen sich fuͤhrohin zu enthalten, dieweil man wahr zu seyn be- funden, daß die rechte und wahre Poëterey derer Weiber in der Nadel und dem Spinn-Rocken bestehe, und wann die Weiber zu viel mit de- nen Maͤnnern umgehen es gemeiniglich ein Ende nimmt, wie das Schertzen und Spielen derer Hunde, welches dahinaus laufft, daß zu- letzt einer auf den andern springet. In der Relation, welche jetzo kommet, stecket eine sehr ar- tige Moquerie uͤber das Gepraͤnge und Gezaͤncke derer Gelehrten. I N der Mitte des Aprilis ist der Justus Lipsius auf denen Graͤntzen des Parnassi angelanget. Ob nun zwar seine Schrifften alsobald vor tuͤchtig erkennet wurden, die von allen Tugendhafften billig gelesen werden solten, auch meri- tir ten, nebst andern beruͤhmten Autoribus, in die Bibliothec Sr. Parnassi schen Majestaͤt gesetzet zu werden; wie dann um dieser Ursachen willen, in vollem P 3 Rath Rath die Unsterblichkeit seinem Namen zugesprochen und zuerkanndt worden, mit denen besten Prærogativ en, so jemals einem wiederfahren; so ist dennoch sein oͤffentlicher Einzug laͤnger als acht Tage aufgeschoben worden, weil die edle Nation derer Brabanter, bey solcher Gelegenheit, mit extraordinai rer Ehrer- bietung gegen diesen ihren Landsmann ihr einen sonderlichen Namen machen wollen; wie sie dann auf denen vornehmsten Plaͤtzen in dem Parnasso herrliche Triumpff-Bogen mit einer recht Koͤniglichen Magnificen tz aufgerichtet. Der Einritt war wohl zu sehen, indem die Gelehrten aus allen Facultæ ten, in gros- ser Anzahl, diesem vortrefflichen Mann aufzuwarten begehrten, welcher we- gen des Titels, daß er in allen Scientiis erfahren, bey jederman den Namen hatte, als ob er alles wuͤste. Hoͤchlich muste man bewunder n daß Lipsius, in der ersten Zusammenkunfft die vornehmsten Roͤmer, so ihm entgegen gekommen waren, bey ihrem Nahmen zu nennen wuste womit er zu verstehen gab, daß er von allen sonderlich gute Kaͤnntniß haͤtte. Dieses hochgelehrten Mannes Schrifften trug Vellejus Paterculus auf seinen Achseln, welcher unangesehen er hohen Alters halber krumm und lahm war, wegen empfangener Gutthaten, gegen Lipsium sich danckbar zu erzeigen, diese Prærogativ von Sr. Parnassi schen Majestaͤt aus lauter Gnaden erhalten hatte. Auf Befehl des Apollinis ritte Lipsius in der Mitte, zwischen dem nunmehr pardonnir ten, auch in alle seine vorige Wuͤrden restituir ten Seneca und dem Tacito. Aus dieser Sache aber haͤtte gar leichtlich Streit entstehen koͤnnen. Denn, nachdem bißhero Ta- citus alters, wie auch Reputation und Geschicklichkeit halber, dem Seneca sonst allezeit die Ober-Stelle gegeben; hat er ihm doch solche, bey dieser Occa- sion, freventlicher Weise disputi ret, also daß, als solches lautbar wor- den, und die saͤmtlichen Philosopi Morales dem Seneca, die Politici aber dem Tacito zu Huͤlffe gekommen, man sich eines grossen Auflauffes besorgte. Aber die Philosophi Morales zogen die Schnautze bald ein, indem sie be- dachten, wann es zum Ernst kommen solte, sie denen hochmuͤthigen Politicis nicht laͤnger Wiederstand zu thun vermoͤgen wuͤrden, weil es Leute, die weder auf Recht noch auf Billigkeit sehen, sondern nur vor die groͤste Tugend hal- ten, den Feind zu uͤberwinden, solte es gleich tuͤckischer Weise geschehen. Aber es ward dieser Tumult bald gestillet, nachdem die Ceremoni en-Meister darzu kamen, welche aus Befehl derer Censorum Morum dem Seneca anzeigten, es haͤtten auch die freyen Kuͤnste gleichwie das Obst zu Rom, und zu Ve- nedig die Fische, ihre gewisse Zeit. Er solte derowegen, vor dieses- mal, dem Tacito die Ober-Hand gestatten. Und ob ihm zwar hierin- nen unrecht geschaͤhe, solte er sich doch derer Ehren, so ihm in denen vo- rigen rigen Zeiten wiederfahren, erinnern, in welcher die Philosophi Morales, so zu diesen ungluͤckseligen Zeiten vor lauter Pedan ten und Schul-Fuͤch- se gehalten werden, in so hohem Werth gewesen sind, daß sie vor das beste Kleinod unter allen freyen Kuͤnsten geachtet worden, und solches um so viel desto mehr, weil die jetzige Zeit darinnen wir leben, das Stu- dium Politicum biß in den Himmel hinauf erhebet, und gantz unverant- wortlicher Weise zulaͤsset, daß von solchem auch die Philosophia Peri- patetica unter die Fuͤsse getreten wird, die doch vor die hoͤchste unter al- len menschlichen Wissenschafften gehalten zu werden prætendi ret. Se- neca gehorchte zwar dem Befehl derer Censorum Morum; allein es geschahe ungerne. Denn es ist denen Philosophis Moralibus, ob sie sich zwar aͤusser- lich sehr demuͤthig zu stellen wissen, der Ehr-Geitz doch gemeiniglich sehr tieff in die Glieder eingewurtzelt. Als nun Justus Lipsius auf dem grossen Platz in dem Parnasso angelanget war, wurde ihm nicht gestattet den Apollinem in seiner hoͤchsten Majestaͤt und Herrlichkeit bey hellem Sonnenschein anzuschauen. So giengen ihm auch die Mus en nicht biß an die Stiegen des Koͤniglichen Pallastes entgegen. Denn solche hohe Ehre wiederfaͤhret allein denenjenigen, welche Buͤcher aus eigener Invention geschrieben. Des hochgelehrten Lipsii Schrifften aber bestehen nur in grosser Muͤhe und Arbeit, woraus eine wundersame Belesenheit hervor leuch- tet. Denn neue Sachen zu erfinden, und etwas mit grosser Muͤhe und Ar- beit aus seinem eigenen Gehirn zu erdencken, nicht aber von andern Scriben ten entlehnet, bringt die wahre Ehre und den rechten Ruhm; derjenige wird demnach vor einen armseligen Schneider und vor einen schlechten Criticum gehalten, der die zerrissenen oder veralterten Kleider derer Gelehrten wieder zusammen flicket. Den aber laͤsset man vor einen beruͤhmten und erfahrnen Meister passi ren, der neue Kleider zuschneiden, nehen, und auf Fremde Manie ren so noch nicht ge- sehen worden, zuzurichten weiß. Etliche haben davor gehalten, es seye Lipsio von Sr. Parnassi sen Majestaͤt und denen Mus en, aus Unwillen, den sie gegen ihn gefasset, so schlechte Ehre wiederfahren. Denn ob sie ihm wohl solche herr- liche Gaben mitgetheilet, daß er gar wohl, auf Taciti Weise, die Niederlaͤndi- schen Kriege haͤtte beschreiben koͤnnen, das von maͤnniglich so hoch gewuͤnschet worden; habe er dennoch, um gewisser Ursachen willen, welche aber Ihro Par- nassi sche Majestaͤt nicht vor hinnlaͤnglich erkandt, solch ihr heimliches Einge- ben verachtet und in den Wind geschlagen. Jedoch ist dieses letztere nur eine Mey- Meynung, so der Wahrheit etwas gemaͤß; jenes aber, daß er uͤber den Leisten anderer Leute gearbeitet, in der Wahrheit selber gegruͤndet. Indessen stunde Apollo, diesen Einritt zuzusehen, in feinem, neben der Morgenroͤthe gelegenen Caͤmmerlein, welches die Italiaͤnischen Poë ten das himmlische Theatrum nennen, war mit einer Schnee-weissen Wolcke bedecket, welche wie bey dergleichen Actibus gebraͤuchlich, eben als Lipsius mitten auf dem grossen Marckt ankam, durch einen lieblichen sanfften Wind in etwas zertheilet wurde, da durch Ihro P arnassi sche Maͤjestaͤt mit einem eintzigen Blick, den sie diesem Tugendhafften gaben, ihn von aller Unwissenheit, so noch bey ihm haͤtte moͤgen uͤbrig seyn, erledigte und befreyete, auch ihn damit zu einem vollkommenen Gelehrten machte. Als nun Lipsius in dem grossen Saal zur Audien tz angelanget, ward er gleich Anfangs in seiner Oration, so er angefangen gegen Se. P arnassi sche Majestaͤt wegen empfangener grossen Gutthaten sich zu bedancken, einzuhal- ten genoͤthiget wegen eines schwehren Zufalles, der dem beruͤhmten Grie- chischen Scriben ten P ausaniæ, so auf der Banck derer Chronologorum saß, begegnete. Dieser fiele gantz ploͤtzlich in eine so starcke Ohnmacht, daß er vor Todt gehalten wurde, deswegen die saͤmtlichen Cosmographi, ihm huͤlff- liche Hand zu bieren, zusammen lieffen. Seine Hausgenossen vermeynten, der Zufall kaͤme aus Mattigkeit her, wie es ziemlich spat worden, und derselbe, ehe er des Morgens ausgegangen, in seiner Bibliothec, seiner Gewohnheit nach, nicht ein paar Loͤffel voll Conservativ- Ladwerg aus des P indari Versen zugerichtet, zu sich genommen. Aber die Durchlauchtige Muse Euterpe spruͤ- tzete ihm mit zwey kraͤfftigen Sententiis aus dem Thucidide in das Angesicht, dadurch er gar bald wieder zu sich selber kam. Da fieng P ausanias (der die Unhoͤflichkeit, daß er Lipsium in seiner angefangenen Oration fort zufahren ver- hinderte, nicht bedachte) aus grosser Schwermuͤthigkeit uͤber wunden, an, zu ruffen und zu schreyen: O du verzehrende Zeit! O mißgoͤnstiges und neidisches Alter! die ihr mit euren scharffen und beißigen Zaͤh- nen auch diejenigen Sachen zernaget, so von denen Menschen, daß sie ewig waͤhren sollen, gemachet worden. Wie ist es doch moͤglich, daß die Verwechselung derer Zeiten mit der Veraͤnde- rung aller Sachen so fest verknuͤpffet, daß mein vielgeliebtes Grie- Griechenland, welches vor Zeiten eine Mutter aller Geschicklichkeit, eine Koͤnigin aller Wissenschafften, eine sichere beruͤhmte Woh- nung derer freyen Kuͤnste, ein Lust-Garten der gantzen Welt, ein Vaterland aller Gelehrten, so jemals gefunden worden, nun- mehro zu einer gaͤntzlichen Unwissenheit und Wildniß worden, gantz unbewohnt, auch dermassen aller derer herrlichen Pallaͤste, die sowohl das gemeine Wesen, als Privat- Personen in so grosser Menge gehabt, beraubet, daß heut zu Tage an denen meisten Orten nur geringe Bauers-Huͤtten und zwar in kleiner Anzahl allda zu sehen? ja, daß die beruͤhmtesten alten Philosophi, Oratores und Historici von Athen, zu diesen truͤbseligen Zeiten arme Gaͤrt- ner zu Constantinopel worden? daß aber hingegen die Nieder- lande, so zu meiner Zeit eine lautere Einsamkeit, mit Waͤldern und Teichen allenthalben umgeben, voller wilden Thiere, und ei- ner Behausung rauher und grober Leute, wilder als die Thiere selbsten, zugeschweigen, daß sie um gute Kuͤnste sich solten bekuͤm- mert haben, nunmehro zu einer schoͤnen fruchtbaren und lusti- gen Landschafft worden, voll hoͤfflicher, reicher und arbeitsamer Einwohner, und vortrefflicher Staͤdte, auch mit uͤberaus schoͤnen Pallaͤsten gezieret, und was mich am allermeisten Wunder nimmet, eine gluͤckselige Landschafft, in welcher scheinet, als ob die Griechische und Lateinische Sprache ihre Wohnung aufge- schlagen habe, ewiglich allda zu bleiben. Diese des Pausaniæ Rede gieng allen Gelehrten aus Griechenland dermassen zu Hertzen, daß Aristote- les, Plato, Demosthenes, Pindarus, und andere mehr des Weinens sich laͤn- ger nicht enthalten kunten, sondern, ehe die Ceremoni en mit Lipsio ihre End- schafft erreichten, ein solches Geheul anflengen, daß Lipsius, weil alle Ge- lehrte denen weinenden Griechen nachfolgten, und er also sahe daß seine Ora- tion wegen des grossen Geraͤusches, Weinens und Klagens nicht kunte ver- nommen werden, von der Cathedra herunter stieg, die Ungelegenheit und den Mißfallen, so ihm Pausanias mit dieser Verhinderung verursachet hatte, mit dem herrlichen Ruhm und Lob, so er dargegen seinem Vaterland, und der gan- tzen Niederlaͤndischen Nation gegeben gegen einander hielt, und also eines gegen das andere aufhub. Q In- Indessen hielten die saͤmtlichen Gelehrte des Parnassi schen Reichs davor, es wuͤrde zwischen Cornelio Tacito, und J. Lipsio, eine grosse Vertraulich- keit und sonderliche Freundschafft sich erzeigen. Allein man hat mit hoͤchster Verwunderung das Gegentheil erfahren. Denn vor zweyen Tagen verklag- te Lipsius den Tacitum vor dem Apolline, mit Vermelden, daß er in seinem ersten Buch derer Historien etliche Worte geschrieben, die da gantz gottloß und nicht zu gedulden waͤren. Ihro Parnassi sche Majestaͤt wurden wegen solcher har- ten Auflage sehr bestuͤrtzt, befahlen, auch dem Tacito, den andern Morgen zu erscheinen, und sich zu verantworten, welcher gantz unerschrockenen Gemuͤths diesem Befehl nachkam, und damit seinen guten Vertrauten Freunden, die sei- netwegen sehr kleinmuͤthig waren, wieder ein Hertze machte. Beatus Rhena- nus, und Fulvius Ursinus, Zogen den Lipsium auf die Seite und baten ihn sehr von dieser Klage abzustehen, indem es ihm sehr schimpflich fallen wuͤrde, wofer- ne er sie nicht erwiese, ungluͤcklich und schaͤdlich aber, falls er sie wahr machen solte. Denn weil Tacitus einer von denen vornehmsten Politischen Freyherren, so in dem Parnasso, und dannenhero einen grossen Anhang bey denenjenigen, so lange Haͤnde und ein weites Gewissen haben, haͤtte, wuͤrden selbige gewißlich mit der Zeit sich zu raͤchen nicht unterlassen. Diesen gab Lipsius zur Antwort, es moͤchte gehen wie es wolle, so seye er einmahl entschlossen sein Gewissen zu befriedigen , und trat damit vor den Apollo. Allda waren die vornehmsten von denen Gelehrten, so es mit Tacito hielten, zusammen gekom- men. Da fieng Lipsius an und sagte, wie er Platonem und Socratem, vor allen Dingen aber die Wahrheit auf seiner Seite haͤtte. Darauf fiel ihm Taci- tus in die Rede, und sagte, er solte diesen Eingang unterwegens lassen, indem er sich hieher gar nicht schicke. Er moͤchte lieber seine Klage kůrtzlich vorbringen. Die Politici wie er, Tacitus waͤren nicht gewoh- net dererjenigen vorbedachte suͤsse und glatte Worte mit Gedult anzu- hoͤren, von welchen sie nichts als Boͤses zu gewarten haͤtten. Alsdann sprach Lipsius zu dem Tacito: Ihr habt in dem ersten Buch eurer Histo- rien frey heraus gesaget, GOtt frage nichts nach dem Heyl und Wohl- farth derer Menschen trachte nur dieselben zu straffen. Dieses klinget abscheulich genug wann es nur von einem weltlichen Fuͤrsten gesaget wird, geschweige dann von GOtt, dessen natůrliche Eigenschafft ist, Barmhertzigkeit und vaͤterliche Liebe gegen das gantze menschliche Geschlecht zu erweisen. Es waͤre demnach der hoͤchsten Straffe wohl werth, wann man sich solcher schrecklichen und unerhoͤrten Sachen ver- vernehmen laͤsset. Eure eigentlichen Worte aber lauten also: Nec enim unquam atrocioribus Populi Romani cladibus magis ve justis judiciis appro- batum est, non esse curæ Diis securitatem nostram esse ultionem, es sey aus keiner Niederlag derer Roͤmer so eigentlich gespuͤret worden, daß GOtt nicht unsere Wohlfarth sondern nur sich an uns zu raͤchen suche. Und kan euch in diesem eurem Irrthum nichts als das einige entschul- digen, daß ihr dem unverstaͤndigen Poë ten Lucano nachgefolget seyd, welcher vor euch eben solcher Meynung gewesen, indem er diese Verse geschrieben: Felix Roma quidem civesque habitura superbos, Si libertatis Superis tam cura placeret, Quam vindicta placet. Rom waͤre vor gluͤckselig zu halten, wann denen Goͤttern ihre Freyheit so sehr, als dieselbige zu straffen angelegen waͤre. Als Tacitus dieses vernommen sagte er: Es jammert mich, mein lieber Lipsie! daß ihr euch oͤffentlich vor denjenigen habt ausge- geben, der allein den verborgenen Verstand meiner Schrifften habe wissen auszulegen, und habt hernach, in einer so hochwichti- gen Sache, und da meiner Reputation viel angelegen, so groͤblich geirret. Denn meine Worte, wie ihr sie jetzund verlesen habt, seynd nicht allein, wie ihr vorgebet, keinesweges gottloß sondern, ich halte sie auch vor gut und Heilig. Euch aber dessen, was ich vvrgebe, desto besser zu unterrichten, will ich diese meine Mey- nung mit weitlaͤufftigen und vielen Worten auslegen, welche ihr, weil ich sie, meinem Gebrauch nach kurtz gefasset, nicht habt be- greiffen koͤnnen. Nachdem ich im Anfang meiner Historien dem Leser zu wissen gethan, wovon ich in diesem gantzen Tractat zu handeln willens waͤre, habe ich gesagt, daß ich mich einer Arbeit unterfange, in welcher mancherley Faͤlle vorkommen wuͤrden, Q 2 atrox atrox proeliis, discors seditionibus ipsa etiam pace sævum, quatuor princi- pes ferro interemti, tria bella civilia \&c. Nachdem ich die Truͤbsalen, und das grosse Elend, so die Roͤmer nach Neronis Todt ausge- standen erzehlet, habe ich gesaget, es seyn selbige so groß und so viel gewesen, daß in denen vorigen Zeiten niemals, weder durch harte Straffe derer Roͤmer, noch durch das gerechte Gerichte GOttes sich wahr zu seyn befunden habe, daß der GOtt, welcher in denen vergangenen Zeiten denen Roͤmern sich so gnaͤdig erzei- get, und selbige beschuͤtzet hat, daß es sich gleichsam ansehen ließ, ob laͤge ihm nichts so hoͤchlich an, als die Roͤmer mit ewig waͤh- renden Siegen und Triumphen herrlich, ja zu Herren uͤber die gantze Welt zu machen, sich nach dem Tode Neronis derge- stalt veraͤndert, daß man Augenscheinlich gesehen, Non esse curæ Deis securitatem nostram, esse ultionem daß er der Wohlfahrt derer Roͤmer gantz und gar nicht mehr achte, esse ultionem, sondern nur sich an ihnen, wegen derer vielen Beleidigungen, so sie ihm ange- than, zu raͤchen suche. Ist dann nun dieses eine gottlose Rede, wann ich sage, daß um derer schwehren Suͤnden willen, so die Roͤ- mer sowohl vor, als nach Neronis Tode begangen, die vaͤterliche Sorge GOttes, sie vor allem Ubel zu beschuͤtzen, sich in eine stren- ge Gerechtigkeit, sie mit allerhand Plagen heimzusuchen, ver- verwandelt habe. Lipsius antwortete: Dasjenige, so ihr saget, ist nicht uͤbel geredet: Aber es reimet sich nicht bey denenjenigen Wor- ten, die ich vor gottloß halte, welche die Auslegung und den Ver- stand, so ihr ihnen gebt, alsdann haben koͤnten, wann die Wor- te Securitatem nostram allein von denen Roͤmern gesaget werden moͤchten, weil sie aber allgemein, siehet man, daß sie das gantze menschliche Geschlecht begreiffen. Tacitus replicir te hierauf: Daß ich das Wort nostram, in welches ihr, Lipsi! euer einiges Fundament gesetzet habt, allein das Roͤmische Volck verstanden, erhellet aus dem Lucano, welcher eurem Beduͤncken nach, mir zu dieser gottlosen Meynung Ursache und Anlaß gegeben. Derselbe sagt in seinen obangezogenen Versen eben das, was ich euch gesagt; ge- den- dencket aber nur derer Roͤmer, daß dieselben sich ewig bey ihrer Hoheit und Gluͤckseligkeit haͤtten erhalten koͤnnen, wann denen Goͤttern so hoch daran gelegen gewesen waͤre, sie bey ihrer alten Freyheit zu mainteni ren, als sich an ihnen zu raͤchen. Beduͤncket euch dann nicht, Lipsi! wahr zu seyn, daß die Roͤmer, so ihrer un- ersaͤttlichen Regiersucht niemalen weder Ziel noch Maaß zu setzen gewust, weil sie so viele herrliche Koͤnigreiche, Fuͤrstenthuͤmer und Regimenter zerstoͤret und verwuͤstet, die Welt uͤberall bestohlen, auch dieselbe, ihren unerloͤschlichen Gelb-Durst zu saͤttigen, mit Feuer und Blut uͤberschwemmet, endlich den Zorn des Aller hoͤch- sten gegen sich erwecket, welcher nach dem er sie denen allergrau- samsten Tyrannen zum Raub uͤbergeben, die ihnen das groͤste Hertzeleyd und Drangsaal zu gefuͤget, letzlich uͤber sie verhaͤnget hat, daß sie zur sonderlichen Schmach, Spott und Hohn, von de- nen allerbarbarischesten Voͤlckern in Europa haben muͤssen unter- druͤcket und zu Boden gerichtet werden; welches dann in der That ein erschreckliches Ende, dessen aber doch derer Roͤmer Ehrsucht, Grausamkeit und Geitz wohl werth gewesen. Und dieses seynd die Steine des Anstoßes, an welche GOtt der Allmaͤchtige alle die- jenigen kommen und gerathen laͤsset, so des Herrschens und Re- gierens nicht koͤnnen satt werden. Damit ich aber, euch eures Irrthums zu uͤberweisen, ein Ende mache, so frage ich, ob ihr nicht euch zu entsinnen wisset, daß ich auch an Andern Orten dieses Woͤrtlein nostram, oder nostri, gebrauchet habe? Lipsius antwortete: Da ihr des Koͤnigs derer Armenier, Tiridatis, Meldung thut, wel- cher von dem Corbulone nach Rom verschicket ward, etlicher Sa- chen wegen, deren er beschuldiget wurde, sich bey dem Kayser Ne- rone zu excusi ren Dieser, ehe er sich auf den Weg begab, vergli- che sich mit dem Corbulone, daß er nicht als ein Gefangener gehal- ten werden, auch an keinem Ort sein Gewehr abzulegen schuldig seyn solte, und daß er die fremden Abgesandten besuchen, auch sich in Rom denen Burgermeistern gleich halten doͤrffte. Solch des Q 3 Tiri- Tiridatis Begehren verlachete Corbulo, und hielte es vor eine Bar- barische Eitelkeit. Dieses habt ihr mit folgenden Worten beschrie- ben, scilicet externæ superbiæ sueto, non erat notitia nostri: apud quos jus Imperii valet, inania transmittantur. Und an einem andern Ort, da ihr vermeldet, wie denen Roͤmern zu ihrer Hoheit die Uneinigkeit ihrer Feinde nicht wenig geholffen habe, gebrauchet ihr diese Worte: Maneat quæso duretque gentibus, si non amor nostri, at certe odium sui quan- do vergentibus Imperii fatis, nihil jam præstare fortuna majus potest, quam hostium Discordiam. Darauf antwortete Tacitus: Mit denen Worten, non erat notitia nostri, \& si non amor nostri, meynet ihr Lipsi! daß ich das gantze menschliche Geschlecht, oder die Roͤmer allein verstanden habe? Lipsius entsetzte sich hieruͤber, und sagte: Nunmehro werde ich, lieber Tacite! meines Fehlers gewahr. Bitte euch deswegen dienstlichst um Verzeihung, und bekenne frey oͤffentlich, daß, je mehr man eure Schrifften lieset, je weniger man sie verstehet, und daß eu- re Annales und Historien nicht vor einen schlechten Grammaticum gehoͤren wie ich bin. Folgende Relation bildet den Philosophi schen Stoltz- und Hochmuth ab: D Er freygebige Koͤnig in Franckreich Tranciscus I. begegnete gestrigen Ta- ges der Philosophie, welche in dem Parnasso spatzieren gieng, sich zu erlusti- gen. Sie hatte sich auf den Aristotelem und Platonem gesteuret, und weil sie gantz nackend gieng, ward dieser Koͤnig zu grossem Mittleiden bewogen, indem er sahe, daß die Koͤnigin aller menschlichen Wissenschafften, welche werth waͤ- re aller Lust und Kurtzweile einen Uberfluß zu haben, so armselig waͤre, daß sie auch nicht einen Lumpen haͤtte sich zu bedecken. Franciscus I. thaͤte derowe- gen alsobald seinen Koͤniglichen Mantel, voller Lilien von koͤstlichen Diaman- ten und Edelgesteinen ab, diese edle Dame damit zu bedecken. Sie bedanckte sich aber gegen den Koͤnig vor diese grosse Gnade, vorgebende, sie koͤnte oh- ne eintziges Nachtheil und Verlust ihrer Reputation in dem Parnasso na- ckent auf und abgehen; allermassen sie weder Schande noch Unehre an sich, so zu bedecken oder zu verbergen, von noͤthen waͤren. Fol- Folgende Relation zeiget, wie man sich nicht allemal an die vorgeschriebenen Regeln derer Gelehrten binden duͤrffe, welches doch ihrer viele mit grosser Hart- naͤckigkeit prætendi ren. Z Wey Tage hernach, als der beruͤhmte Poët Torquatus Tassus, in den Par- nassum aufgenommen worden, uͤbergab er Ihrer Parnassi schen Majestaͤt sein uͤberaus schoͤnes und herrliches Gedicht, wie Jerusalem, von dem von Bouillon, liberi ret und befreyet worden hielte darneben an, Ihro Parnassi sche Majestaͤt moͤchten ihnen belieben lassen, solches, woferne es tuͤchtig befunden wuͤrde, mit der Unsterblichkeit zu begnadigen. Ihro Parnassi sche Majestaͤt nahmen es mit froͤlichem Hertzen an, liessen es, altem loͤblichen Gebrauch nach, dem Bibliothecario, Castelvetro zu uͤbersehen, zustellen. Nach einigen Wo- chen verfuͤgte sich Torquatus Tassus zu gedachtem Castelvetro, der ihm anzeig- te, wie er sein uͤbergebenes Werck mit allem Fleiß durchsehen, befaͤnde aber so viel darinnen, daß er die Regeln, welche Aristoteles denen Poë ten vorgeschrie- ben, nicht observi ret und in Obacht genommen haͤtte, hielte es derowegen vor untuͤchtig unter die beruͤhmten Autores dieser Bibliothec gestellet zu werden. Er solte die noch uͤbrigen Fehler darinnen corrigi ren und verbessern, und sich alsdann bey ihm wieder anmelden. Uber diesen unverhofften Bescheid wurde Tassus nicht wenig bestuͤrtzt, erhube sich derowegen, in Unwillen zu dem Apollo, und sagte, wie er dieses Werck mit saurem Schweiß zusammen getragen, auch seinen Kopff und Schlaff mehrmahlen daruͤber zer- und unterbrochen, habe darinnen auf nichts als auf die Gabe, so ihm die Natur mitgetheilet, und auf die guten Einfaͤlle, so ihm die Mus en inspiri ret, gesehen, hielte demnach davor denen Re- geln, so Aristoteles vorgeschrieben, in allem genug gethan zu haben. Denn weil Ihro Parnassi sche Majestaͤt wegen selbiger kein Gesetz publici- ret oder ausgehen lassen, so koͤnne er auch nicht sehen aus was Macht Aristoteles sich unterfangen doͤrffte, Ziel und Maaß darinnen vorzu- schreiben. Hiernechst habe er niemalen von einem andern Ober-Herrn in dem Parnasso, als von dem Apolline und denen Muse n gehoͤret. Sein Verbrechen, daß er dem Befehl Aristotelis nicht nachgekommen, ruͤhre vielmehr aus Unwissenheit als aus Boßheit her. Uber dieser des Tassi Rede wurde Apollo dermassen gegen den Aristotelem erzuͤrnet (wie derer gros- grosser Herren Gebrauch, daß sie der Jurisdiction halber sich leichtlich entruͤsten) daß er der Poët en-Wache unverzuͤglich anbefehlen liesse, den verwegenen Philo- sophum gebunden vor ihn zu bringen, wie auch geschahe. Apollo fuhr ihn mit grimmigen und erblassetem Angesicht, wie nicht weniger mit harten Worten an und sagte, ob er der vermessene und hochtrabende Geselle waͤre, der sich haͤtte doͤrffen geluͤsten lassen, seinen Tugendhafften, Gesetze und Ord- nungen vorzuschreiben, denen er allezeit die voͤllige Freyheit, zu schrei- ben, und etwas zu erdencken, gestattet und vergoͤnnet haͤtte. Denn die vortrefflichen Jngenia seiner Gelehrten, so von allen vorgeschriebe- nen Regeln und Præceptis exemt und frey, vermehrten von Tag zu Tag, mit seiner nicht geringen Belustigung die Bibliothequen mit allerhand neuen Sachen. Absonderlich aber die Poë ten an gewisse Regeln und Gesetze zu binden, waͤre nichts anders, als ihren Schrifften alle Lieb- lichkeit und Anmuth benehmen, auch ihre vorttefflichen Ingenia ver- droßen zu machen, welche, wann sie mit ihrer gewoͤhnlichen Freyheit der Feder ihren Lauff lassen, solche Sachen an den Tag geben, mit denen sich Apollo selbsten, wie auch die vielgeliebten Mus en nicht allein belusti- gen, sondern zum hoͤchsten daruͤber verwundern. Und weil des Tassi Poë tisches Gedicht von der gantzen Welt mit grossen Frohlocken ange- nommen worden waͤre, so saͤhe man augenscheinlich, daß in demselben alle Regeln so denen Poë ten jemahls vorgeschrieben werden koͤnten, auf das allergenaueste in Acht genommen waͤren. Der arme Aristoteles erzitterte ob diesen Worten, bate Ihro Parnassi sche Majestaͤt gantz unterthaͤ- nig, sein hohes Alter anzusehen, und einen solchen Philosophum, wie er waͤre, wegen eines andern Unwissenheit nicht in Gefahr zu setzen. Er habe selbige Regeln nicht in der Meynung geschrieben, wie ihm von denen Ungelehrten beygemessen wuͤrde, als ob ohne dieselbe kein Poëti- sches Gedichte seine vollkommenheit haben koͤnte; sondern er habe al- lein den Weg gezeiget desto leichter zu dieser Kunst zu gelangen, auf welchem auch die beruͤhmtesten Poë ten nicht ohne sonderbaren Ruhm gewandelt haͤtten. Der Ehrgeitz seye der eintzige Fehler, den er began- gen habe, deswegen er auch Ihro P arnassi sche Majestaͤt gantz unter- thaͤnig um Verzeihung baͤte. Denn weil er sich lange zuvor leichtlich einbilden koͤnnen, es wuͤrden viele Ungelehrte diese seine Observationes vor nothwendige Regeln und P ræcepta ausgeben, habe er sich mit der Hoffnung Flatti ret, sein Name werde dadurch zu einer desto groͤsseren Ehre und Reutation gelangen; der Ehrgeitz aber seye eine Sache, wel- welcher jederman das Gesicht verblende. Im uͤbrigen gestuͤnde er willig und gerne, daß auch ohne diese seine Regeln, die er vorgeschrie- ben, Poëti sche Gedichte in der hoͤchsten Vollkommenheit geschrieben und verfertiget werden, und solche auch hernach wiederum andern an statt dieser Regeln, dienlich und befoͤrderlich seyn koͤnten. In Anse- hung dieses freyen Gestaͤndnisses und der gethanen unterthaͤnigen Bitte ward Aristoteles von dem Apolline pardoni ret, und wieder auf freyen Fuß gestellet. In der jetzt-kommenden Relation koͤnnen sich die fal- schen und aufgeblasenen gelehrten Politici bespiegeln. V Or zweyen Monaten verschiede der Fuͤrst in Lesbo, wannenhero die Land- staͤnde selbigen Fuͤrstenthums, weil es nicht Erblich, sondern in der Wahl bestehet, an Apollinem ihre Gesandten, abfertigten, mit unterthaͤnigster Bitte, Ihro Parnassi sche Majestaͤt moͤchten geruhen ihnen eine tuͤchtige Person vorzuschlagen, welche sie wieder vor ihren rechtmaͤßigen Herrn erwehlen und aunehmen sollten. Ihro Parnassi sche Majestaͤt benenne- ten ihnen unterschiedene gelehrte und qualificir te Maͤnner. Aber es liessen sich die Abgesandten beduͤncken, daß gleichwie Cornelius Tacitus der vornehmste unter denen Politicis; also waͤre er auch billig allen andern vorzuziehen. Ehe sie aber in dieser wichtigen Sache weiter verfuͤhren, wurden sie Raths sich zu ihm selbst zu verfuͤgen, um zu vernehmen, im Fall sie ihn zu ihrem Fuͤrsten auf- und annehmen wuͤrden, auf was Art und Weise er sie zu gouverni ren und zu regieren gedaͤchte? Tacitus, nachdem er sich selber wacker heraus gestrichen gab denen Gesandten zur Antwort, was er in der Wissenschafft, Landen und Leuten wohl vorzustehen, vor ein Mann seye, das waͤre Welt-kuͤndig. Denn weil jedermann seine Schrifften so hoch hiel- te, beduͤnckte ihn, er koͤnne sich mit Wahrheit ruͤhmen, es werde die gantze Welt von denen heutigen Potentaten eintzig und allein durch seine Politic regieret. Da er nun andere Leute in der aller- spitzfindigsten und subtilsten Ratio Status so wohl informi ret und un- terwiesen, so koͤnten sie leichtlich gedencken und abnehmen, daß er R sich sich selbiger viel besser in seinem eigenen Lande wuͤrde wissen zu ge- brauchen und zu Nutzen zu machen. Und ob er wohl allhier, in ihrer Gegenwart ex tempore, ihnen einen ausfuͤhrlichen Discurs zu halten getrauete, was ein Fuͤrst in dergleichen Wahl-Reichen zu beobachten und zu bedencken habe; so wolte er doch zum Beweiß- thum, daß er mit Wahrheit von denen besten Politicis vor einen Meister in dieser Kunst gehalten wuͤrde, solches mit wenig Wor- ten bemercken, wie er sich in seinem Regiment gegen sie zu erzeigen gedaͤchte, nemlich, daß er dem verstorbenen Fuͤrsten in allen Actio- nibus, daran die Unterthanen Lust und Gefallen getragen, fleißig nachfolgen, von denen aber, so ihnen zuwider gewesen, sich aller- aͤusserst vorsehen und huͤten wolle. Und dieses, sagte er, ist der rechte Kern der wahren Politic, und die Quintessence von mir distil- li ret, und in meinem eigenen Gehirn gesponnen. Er wolle ihnen aber dieses hohe Geheimniß in dem hoͤchsten Vertrauen communici- ret haben. Denn, wann es uͤberall solte aus gebreitet und offen- bar werden, so wuͤrden endlich auch die Cram- und Becker-Buben lernen, wie man die Koͤnigreiche und Fuͤrstenthuͤmer administri ren solte. Diese, des Taciti Rede gefiele denen Herren Abgesandten uͤber die massen wohl, gaben auch zu verstehen, es doͤrffte die Wahl auf ihn fallen. Jedoch erinnerten sie ihm darneben, wann sie ihn nun vor ihren Fuͤr- sten erwaͤhlet hatten, wuͤrde von noͤthen seyn, in seinen Reden ge- woͤhnlichere und gemeinere modos loquendi zu gebrauchen, damit die Voͤlcker in Lesbo ihn besser verstehen koͤnten weil sie nicht al- le, wie die Leute in dem Parnasso, studiret haͤtten. Hierauf antwor- tete Tacitus, daß ein Mann seines gleichen, als welcher sich befliesse mehr Spruͤche als Woͤrter aus seinem Munde gehen, und aus seiner Feder fliessen zu lassen, sich nothwendiger Weise dunckler Reden gebrauchen muͤsse, weil die sinnreichen Spruͤche, und Præ- cepta Politica gantz keine Mani er haͤtten, wann sie in gemeinem Kuͤchen-Latein vorgebracht wuͤrden. So habe er auch diese Art zu reden vor andern erwehlet, damit die Politic, als welche gros- sen sen Herrn allein zu wissen gebuͤhret, nicht zu gemein wuͤrde. Es verstuͤnden demnach seine Schrifften allein die klugen und subtil en Ingenia, so den Schnupffen nicht haͤtten. Jedoch wolle er auch de- nen, die nicht gar hohen Verstandes, zum besten, seine Dollmet- scher, als Meroerum, Lipsium, Fulvium Ursinum \&c. mitbringen. Ja er wolte gar aus Italien den hochberuͤhmten Curtium Piche- nam kommen lassen, welchen ihm der Groß-Hertzog von Florentz, Ferdinandus II. so des Taciti vornehmster und bester Schuͤler gewe- sen, so offte er seiner beduͤrfftig, zukommen zu lassen, verheissen. Mit diesem Versprechen waren die Herren Abgesandten sehr wohl zu frieden, be- gaben sich also wieder nach Hause, und statteten von dieses Mannes hohem Verstand und Weisheit eine solche Relation ab, daß er alsobald durch eine all- gemeine Bewilligung des gantzen Volckes zu ihrem Fuͤrsten erwehlet und be- staͤtiget ward. Aber die Hoffnung, so man von ihm geschoͤpffet hatte, fiele gar bald in den Brunnen, weil er schon bey dem Antritt seiner Regierung viel ein anderer Mann befunden wurde als man vermeynet hatte. Denn sobald er Possession von dem Lande genommen, fieng er allgemach an zwischen dem Adel und dem gemeinen Volck Uneinigkeit und Mißtrauen zu erwecken. Weil auch der Adel dem gemeinen Volck an Klugheit und Macht uͤberlegen, und sol- ches deswegen unterdruͤckte, schlug sich Tacitus arglistiger Weise zu dem schwaͤ- chern Theil, wannenhero die vornehmsten unter dem Volcke, wegen der an- sehnlichen Huͤlffe und starcken Beystandes, so ihnen der Fuͤrst leistete, ein Her- tze bekamen, und viel Muthwillen gegen den Adel veruͤbten, woraus denn, in- nerhalb Monats-Frist, ein schwerer innerlicher Krieg entstunde. Indessen stellte sich Tacitus an, als ein Liebhaber des gemeinen Friedens, offerirte sich auch diesen Streit als ein Schiedsmann beyzulegen; da er doch in seinem Hertzen wuͤnschete, daß selbiger ewig waͤhren moͤchte. Gleichwol wuste er sich mit solcher List und Verschlagenheit bey beyden Theilen zu insinui ren, daß sie ihn als einen gemeinen Mittler und Schiedsmann erwehleten. Damit er nun, mit anderer Leute Schaden, seine eigene Autorit aͤt befestigen moͤchte, jagte er erstlich dem gemeinen Mann eine grosse Furcht ein, indem er ihnen die Gedancken beybringen ließ, daß sie in kurtzem vor dem Adel, ihres Lebens nicht sicher seyn, sondern alle mit denen Koͤpffen wuͤrden bezahlen muͤssen, wo sie nicht bald auff Mittel und Wege gedaͤchten, diesem Ungluͤck zu entgehen. Durch diesen Griff erhielte er leichtlich, sie vor der Gewalt des Adels zu be- R 2 schuͤ- schuͤtzen, eine Armée von auslaͤndischen Voͤlckern in seinem Staat auffzurich- ten, welche er, den Schalck desto besser zu verbergen, Friedens-Soldaten nannte. Diese Voͤlcker wurden unter dem Schein den gemeinen Poͤbel, als welcher schon allzufrech worden, in dem Zaum zu halten, mit des Adels gutem Belieben bewehrt. Ihrer waren sieben tausend, und das Commando daruͤber hatte Tacitus einem von seinen Favori ten anvertrauet. Damit er sie, in allen Occasion en, zu seinem Willen haben moͤchte verbande er sich dieselben nicht al- lein mit dem gewoͤhnlichen Eyd, mit Geschencken und allerhand gutthaͤtigkei- ten, sondern verstattete ihnen auch allen Muthwillen und Grausamkeiten, so- wohl gegen den Adel als gemeinen Mann. Wie beliebt sie sich aber hiemit bey dem Fuͤrsten machten, so grossen Haß und Feindschafft luden sie sich bey denen andern auf den Hals. Als sich nun Tacitus, auf diese Weise in seiner Herrschafft fest gesetzet hatte, fuͤllete er den Rath, die Stadt Lesbum, und das gantze Land mit falschen Anklaͤgern und Spionen an, welche er hernach gegen die vornehmsten vom Adel verhetzete, um sie unter allerhand Schein begange- ner Excesse und Ubelthaten ihrer Ehren-Aemter zu entsetzen, und ihrer Guͤther zu berauben, welche er nachmahls denen Anklaͤgern conferir te, und sie dadurch groß machte. Indem nun die Vornehmsten aus dem Rath theils aus Geitz, theils aus Ehrsucht, die meisten aber ihr eigen Leben zu salvi ren, mit falschen Anklagen und Verleumdungen die Maͤchtigsten in dem Lande verfolgten, ga- ben sie dem Fuͤrsten je langer je mehr Mittel an die Hand, sich in seinem Domi- nat zu staͤrcken. Uber das schickte Tacitus die Vornehmsten Raths-Herrn, de- nen, er durch die falschen Auflagen noch nicht beykommen kunte, aus dem Lan- de, wo sie ihm keinen Schaden thun kunten, trug ihnen grosse und hohe Aem- ter auf, welche sie mit schwehren Kosten bedienen musten, und fieng hernach allgemach an, die alten Diener, so uͤber die Soldaten bestellet waren, zu disar- mi ren, deren Waffen er andern von seinen Creaturen gab. Nachdem er nun durch solche Griffe, die Maͤchtigen im Lande unterdruͤcket hatte, ordnete er an- dere Raths-Herren, und befoͤrderte zu denen hoͤchsten Ehren-Aemtern neu-ge- backene aus dem gemeinen Poͤbel, so von ihm alleine dependir ten. Damit er aber das Land vor fremder Potentaten Einfaͤlle in Sicherheit setzen moͤchte, fieng er an unuͤberwindliche Castelle und Festungen zu erbauen, welche er mit fremden Garnison en, die ihm treu waren, besetzte. Weil er auch nicht leyden kunte, daß das Volck und der Adel bewehrt waͤren, gleichwol aber wuste, daß, sie wehrloß zu machen, sehr gefaͤhrlich seye, bedachte er, durch ein anders und sicheres Stuͤcklein solches zu wege zubringen, nemlich durch einen langwierigen Frie- Frieden, Muͤßiggang, Wollust und scharffe Procedu ren gegen diejenigen, wel- che Ehre und Reputation wegen, einander zu einem Zwey-Kampff ausforder- ten. Solches geschahe zu dem Ende, damit er alle Tapfferkeit aus dem Her- tzen seiner Uuterthanen vertilgen moͤchte. Um sie auch desto geschwinder weich und weibisch zu machen, liesse er, mit grossen Unkosten Gebaͤude anrichten, all- wo alle Tage fiele, Commœdi en, Jagden und allerhand Kurtzweile angestellet wurden. Indem sie nun solchen Sachen allzusehr nachhiengen, vergassen sie daruͤber des Regiments und des Kriegswesens. Weil ihm im uͤbrigen nicht un- bekannt war, daß er zum Zweck seiner Tyranney, uͤber ein Volck, so in der Freyheit gebohren, auch darinnen lange Zeit gelebet hatte, zu gelangen, ihnen an nichts einigen Mangel erscheinen lassen muͤste, sonne er auf Mittel und Wege, in seinem Lande allenthalben die Huͤlle und die Fuͤlle, ja einen sehr grossen Uber- fluß in allen Sachen, zu verschaffen. Biß dato nun giengen Tacito alle seine Anschlaͤge gluͤcklich von statten. Indem er aber das vornehmste Stuͤcklein, seine Tyranney zu bestaͤtigen, allzu- starck zu practici ren vermeynte, nemlich die vornehmsten Haͤupter, so ihm in die Augen stachen, aus dem Wege zu raͤumen, erweckte er einen solchen allge- meinen Wiederwillen gegen sich, das er vor sechs Tagen genoͤthiget wurde wolte er anders nicht durch eine starcke Verraͤtherey, die sich wieder ihn ange- sponnen, selber um das Leben kommen, unbekannter Weise aus Lesbo zu ent- fliehen, und sich wieder in den Parnassum zu begeben, allwo er hernach ein Pri- vat- Leben, wie zuvor gefuͤhret. Plinius der Juͤngere, welcher, wie bewust, Taciti allergroͤster Freund ge- wesen, war der erste, so ihn besuchte. Dieser verwiese ihm hoͤchlich, daß er, den andern solche herrliche Præcepta, Land und Leute wohl zu regieren, vorge- schrieben haͤtte, solche in seiner Herrschafft in Lesbo so gar uͤbel practici ret haͤt- te. Seit dem hat Plinius referi ret, Tacitus habe ihm folgenden Bescheid ge- geben: Der Himmel, mein lieber Plini! ist nicht so weit von der Er- den, und der Schnee denen Kohlen an Farbe, nicht so ungleich, als weit und ungleich, die Praxis zn regieren, und die blosse Wis- senschafft gute politi sche Regeln von der Ratione Status vorzuschrei- ben, von einander sind. Denn die Senten tz, welche ich unter R 3 dem dem Namen Galbæ, dem Pisoni gegeben, die mir solchen grossen Ruhm bey denen Leuten gemachet, daß sie dieselbe fast vor einen goͤttlichen Ausspruch gehalten, welche die Unverstaͤndigen so leicht zu practici ren zu seyn vermeynen, ist mir in das Werck zu richten sehr schwehr vorgekommen, weil es eine allzugrosse Metamorpho- sis oder Veraͤnderung ist, aus dem Privat in dem Fuͤrsten-Stand erhaben worden. So sollet ihr auch wissen, daß viele Sachen sind, vor denen, als vor grossen Gebrechen und oͤffentlichen La- stern die Privat- Personen einen Abscheu haben, und solche an Fuͤr- sten und Herren auf das hoͤchste hassen, die doch treffliche Tugen- den sind. Dieses sage ich darum: Sobald ich zum Fuͤrsten uͤber Lesbum erwehlet worden, nahm ich mir gewiß vor, mich in mei- ner Regierung dieser Regel, so ich dir angezeiget, gemaͤß zu ver- halten, in der Absicht ich mich auch derer Action en meines Vor- fahrens auf das allerbeste informir te, mit diesem Steiffen Vorsatz, ihm in denenjenigen, so an ihm gelobet wurden, nachzufolgen, die andern aber, derentwegen man ihn gescholten, zu vermeiden. Nun brachte ich in Erfahrung, daß er den Rath durch die grosse Gewalt, so er sich zugeeignet, zum hoͤchsten offendi ret hatte, in- dem er alle wichtige Geschaͤffte an sich gezogen, so daß dem Rath und der uͤbrigen Obrigkeit fast nichts als der blosse Name mehr uͤbrig geblieben. So nahm ich auch in acht, daß er sich sehr ver- hast gemachet, weil er den Adel so wenig geachtet, und selbigen der Gebuͤhr nach nicht consideri ret hatte, indem er gewolt, daß alle Staats-Sachen von ihm alleine dependi ren solten. So war hiernechst seine strenge Regierung keine geringe Ursache des Has- ses. Denn dadurch gab er an den Tag, daß er vielmehr das Land absolu te, gleich einem Erb-Herrn, als mit umschraͤnckter Gewalt, wie ein erwehlter Fuͤrst zu regieren gedaͤchte. Diese Weise nun zu herrschen beduͤnckte mich, da ich noch eine Privat- Person war, und noch zu der Stunde, wie ich den Privat- Stand von mir legte, sehr schaͤndlich, ja gantz tyrannisch, nahm mir auch auch derohalben vor, solche zu verbessern. Aber ihr muͤsset wis- sen, daß gleich in denen ersten Stunden, da ich mich mit der Fuͤrst- lichen Wuͤrde bekleidet sahe, ich gleichsam fuͤhlete, wie mir die Be- gierde nach der Gewalt zu herrschen, diesen meinen guten Vorsatz gaͤntzlich aus dem Sinn und Hertzen gerissen, dergestalt, daß ich, solches euch mit deutlichen Worten zu sagen, vi dominationis convul- sus \& mutatus, die Actiones meines Vorfahren, welche ich, in mei- nem Privat Leben, als tyrannisch und gottloß verfluchet und ver- maledeyet hatte, vor tugendhaffte, gute, und ad rationem Status sehr nothwendige Præcepta zu halten anfieng. Ich kunte also der Regiersucht, die mir in das Gehirn kam, nicht allein im ge- ringsten keinen Wiederstand thun, sondern ich hielte sogar davor, es wuͤrde meiner Reputation gantz zuwider seyn, wann ich mich nicht der hoͤchsten und absolu ten Gewalt unterziehen, und selbige, an mich zu bringen trachten solte. Diese meine unersaͤttliche Re- giersucht nun, hat den Haß und Unwillen des Raths, des Adels, und des gemeinen Mannes wieder mich verursachet, und mich endlich in dieses Labyrinth, wie ihr sehet, gestuͤrtzet. Meine Un- wissenheit hat mich keinesweges in diese Ungelegenheit gebracht, sondern daß ich zu viel gewust, und gar zu gelehrt gewesen bin. Denn, wer in Lesbo, als einem Wahl-Fuͤrstenthum, wo die Un- terthanen zwischen der Freyheit und Sclaverey schweben, nec to- tam libertatem nec totam servitutem, pati possunt, die sich weder der voͤlligen Freyheit zu gebrauchen noch in die Dienstbarkeit zu schicken wissen lange und friedlich zu regieren begehret, der muß sich resolvi- ren, die Sachen in dem Stande zu lassen, wie er sie findet. Ja er muß eines Fried-liebenden Gemuͤths, und von aller Ehr- und Re- giersucht entlediget seyn, mithin dieses schwere Præceptum Po- liticum wohl zu practici ren wissen, daß er auch andere neben sich leben lasse. Es sind demnach alle diejenigen, welche gar zu ver- staͤndige Politici, wie ich gewesen bin, so von Natur zu der ab- solu ten Herrschafft geneigt und angereitzet werden, und die da al- alles nach ihrer Ratione Status zirckeln und drehen wollen, zu de- nen Fuͤrstenthuͤmern, welche in der Wahl bestehen, gantz untuͤch- tig und ungeschickt. Eine sehr curieuse Relation ist auch diese. D Emnach in dem Parnasso die Fastnacht angegangen, binnen welcher Zeit die Gelehrten sich mit mancherley Freudenspielen zu ergoͤtzen pflegen: als ha- ben Ihro Parnassi sche Majestaͤt durch oͤffentlichen Trompeten-Schall ausbla- sen lassen, daß maͤnniglich, des Macrobii Saturnalia, Auli Gellii welcher, bey denen heutigen Schulfuͤchsen und Criticis mit Gewalt Agellius heissen muß) Noctes Atticas, Alexandri ad Alexandro seine Dies Geniales, und endlich derer Roͤmer; als Herren uͤber die gantze Welt und Obristen inspectores derer freyen Kuͤnste, ihre Bachanalia hoch-feyerlich begehen, und sich dabey lustig erzei- gen solten. Es befahle Apollo aber auch insonderheit allen Nation en, so sich in dem Parnasso befinden, daß eine jedwede solche Feste und Feyertage, nach ih- res Landes Sitten und Gebrauch celebri ren solte. Sobald diese froͤliche Zei- tungen mit maͤnnigliches grossen Frolocken publici ret waren, wurden die koͤstlich- sten Bibliothequen eroͤffnet, in welche einem jedweden, so lange diese Feyerta- ge waͤhren, zu gehen, seines Gefallens darinnen zu verharren, und sich an de- nen koͤstlichen Scriptis derer beruͤhmtesten Autorum zu ersaͤttigen erlaubet wur- de. Es ist derohalben nicht zu sagen, mit was grosser Lust und Freude man in allen Gassen und Haͤusern die stattlichsten und herrlichsten offenen Mahlzeiten, so allda von Platone und andern angestellet worden, gehalten habe, bey welcher die Gelehrten alle mit einander von dem koͤstlichen Wein derer freyen Kuͤnste sehr truncken wurden. Die Rechts-Gelehrten allein, nachdem sie sahen, daß man keine Gerichte hielte, und die Zanck-Laͤden alle verschlossen waren, erzeig- ten sich sehr traurig, hingen die Koͤpffe, und wolten gar Hungers sterben, da doch, bey dieser froͤlichen Zeit, sonst jederman genug und voll auf hatte. Sol- ches kommet eintzig und allein daher, weil Ihro Parnassi fche Majestaͤt schon vor etlich hundert Jahren die blossen Jurist en, so sonsten in andern Sachen nichts studieret haben, vor pur lautere grobe Esel und Ignoran ten declari ret, und ih- nen zugleich die liebliche Speise der Theologie, der reinen Philosophie, der an- genehmen Historie, der Poësie und anderer Wissenschafften verboten hat, wel- che nur vor treffliche und großmuͤthige Leute gehoͤren. Es giengen dannenhe- r o die armen Tropffen nur in denen Kuͤchen umher, allwo sie Schuͤsseln und Teller Teller leckten, da mittlerweile alle andere Gelehrte die Tische voller herrlicher Speise hatten, so von denen besten Scientiis zugerichtet waren. Damals be- kamen die hohen und vortrefflichen Ingenia einen Eckol und Abscheu vor denen Digestis und dem Codice, als welche zu nichts dienen, dann nur den Leib zu erfuͤllen, und grossen Reichthum zusammen zu scharren, daran sie doch endlich, wie an einem auszehrenden Fieber sterben und ver schmachten muͤssen. Vor allen andern herrlichen Banqueten aber, war Caji Plinii seines sehr merck- wuͤrdig und wohl anzusehen. Denn ungeachtet die vornehmsten unter denen Gelehrten aus allen Facult aͤten, so in dem Parnasso residir en, sich dabey befan- den, hat er doch einen jeglichen auff das allerbeste, mit ihrer hoͤchsten Satisfa- ction, herrlich und stattlich tracti ret Ob aber gleich der meiste Theil derer Speisen oder Gerichte, von lauter rothen Ruͤben waren, so hatte doch dieser weise und hochverstaͤndige Mann, dieselben auff mancherley Art und Weise zugerichtet, dergestalt, daß die saͤmtlichen Gelehrten, sie vor so viele unterschie- dene Speisen hielten, auch solche mit sonderlicher Lust und Begierde assen und zu sich nahmen. Indem Apollo umher spatzierte, die vielfaͤltigen Gastereyen in Augenschein zu nehmen, wurde ihm von einem Ferraresischen Bauer, Pa- stor Fido genannt, eine herrliche wohlriechende Torte verehret, welche ihm so wohl gefiele, daß er sich nicht enthalten, noch der ordinair en Mahlzeit er- warten kunte, sondern mitten auff der Strasse selbige zu versuchen anfieng, welche ihm auch so delicat schmeckte, daß er auff gut Baͤurisch das Maul und zehen Finger darnach leckte. Dieweil er sie nun so ausserordentlich gut be- fande, achtete er es vor eine grosse Unhoͤfflichkeit, wenn er dieselbe allein auf- zehren solte, hielte derowegen vor rathsam, denen saͤmtlichen Musen auch et- was davon zukommen zu lassen, damit dieselben, als welche entweder mit schoͤnen Versen und andern loͤblichen Sachen schwanger gehen, daferne sie vielleicht luͤstern darnach waͤren, nicht etwa zur Unzeit gebaͤren, oder ihre Poësie ein Mahlzeichen und Flecken mit auff die Welt braͤchte. Indem nun Apollo und die Musen mit trefflichem Appetit von dieser Torte assen, wur- den sie gewahr, daß die Gelehrten, so um Ihro Parnaßische Majestaͤt wa- ren, ein sehr grosses Verlangen hatten, die Torte auch zu versuchen, wan- nenhero Ihro Parnaßische Majestaͤt einem jeden aus denenselbigen etwas da- von zukommen liessen, welche Ihnen en general so herrlich gut schmeckte, daß sie bekannten, ihr lebetag dergleichen nicht versucht zu haben. Ein eintziger unter denen Gelehrten ward gefunden, der vorgeben durffte: Ihm haͤtte davor gegrauet, dieweil sie gar zu suͤß gewesen waͤre. Dem gab aber S Apollo Apollo mit grosser Unmuth zur Antwort: Das Suͤsse waͤre der Natur an- genehm, und wer an selbigem nicht eine sonderliche Lust empfaͤnde, der haͤtte seinen Geschmack verlohren. Er muͤste demnach ein boͤser Mensch seyn, wann er nicht gestehen wolte, daß diese Torte, (in wel- cher mehr schoͤne Spruͤche und Sententiæ als Woͤrter zu finden) von denen allerbesten und niedlichsten Bißlein gemachet waͤre. Ja er muͤsse zu erkennen geben, daß er einer von den Verlaͤumdern seye, wel- che von der Mißgunst dermassen verblendet, daß sie dasjenige, was sie nicht imiti ren und nachtuhn koͤnnen, nur schaͤndeu und ůbels davon reden. Endlich aber wurde der grosse Zorn Ihro Parnaßischen Majestaͤt, und der Schrecken derer saͤmtlichen Gelehrten, so sie angekommen war, in ein grosses Gelaͤchter verwandelt. Denn, nachdem diese Torte gantz auff- gezehret, kam Johannes della Casa, nahm die Schuͤssel, in welcher sie Ihrer Parnaßischen Majestaͤt war offeriret worden, und leckte dieselbe so schoͤn aus, als ob sie ausgespielet worden waͤre, sagte zugleich zu Ihrer Parnaßischen Majestaͤt und denen Musis, daß man sich in denen Sachen, welche einem wohl anstuͤnden und gut schmeckten, nicht allezeit zwingen noch derer Regeln des Galatei erinnern koͤnnte; Indem so waͤre in der Fastnacht alles erlaubt. Die- semnach giengen Ihro Parnassische Majestaͤt in der Stadt auf allen vorneh- men Plaͤtzen herum spatzieren, und sahen, mit sonderbarer Lust und Wohlgefal- len, wie alle Winckel in der Stadt voller gelehrter Leute waren, welche von aller- hand Scientiis, in allen Facultæ ten, mit einander conferir ten und disputir ten, wie nicht weniger die allerberuͤhmtesten Redner so stattliche Orationes hielten, da- rinnen sie die Geschicklich keit samtdenen Studiis insgemein wacker heraus stri- chen, im Gegentheil aber die Jgnorant en stattlich durchhechelten. Noch viel ein groͤsseres Vergnuͤgen aber empfunden Ihro Parnassi sche Ma- jestaͤt ob denen Italiaͤnischen Poet en, welche in grosser Anzahl oͤffentlich auftraten und ex tempore eine unzehlige Menge Reymen aus denen Ermeln schuͤttelten, welches ihnen die Lateinischen Poët en nicht nachthun kunten. Denn weil sel- bige an die Fuͤsse gebunden sind, muͤssen sie, nothwendiger Weise etwas lang- sam gehen. Als nun Ihro Parnassi sche Maiestaͤt diese obgemeldten Sachen gesehen, und angehoͤret nahmen sie von denen Musis ihren Abschied, welche hernach noch eine gute Weile mit denen Poë ten, als ihren Liebsten, in der Stadt herum giengen; da sie dann mit sonderlicher Lust, und Ergoͤtzlichkeit des beruͤhmten Poë ten Mauri seinen Laden, und die Waare, so er darinnen feil hatte, be- schau- schaueten. Unter andern Sachen aber funden sie eine grosse quantitæt kleine und grosse Bohnen, von welchen etliche dieser Damen sich so satt assen, daß sie haͤtten bersten moͤgen; wobey etliche vorwitzige Gesellen observir ten, daß ih- nen diejenigen viel besser anstunden, welche aus der Schaalen waren, als die, so noch darinnen steckten. Als endlich Apollo in seinem Koͤniglichen Pallast wieder angelanget war, hielten etliche Courtisans von seinem Hoffe bey ihm an, daß er ihnen, erlauben moͤchte, sich zu verkleiden und Muinmen zu lauffen, welchen Apollo zur Antwort gab, wie sie gar keiner Larven vonnoͤthen haͤt- ten, ihre Angesichter zu bedecken, dieweil ihre Gemuͤther allbereits so haͤßlich verstellt waͤren, daß er sie gewiß versichern wolte, sie koͤnten uͤberall ungehin- dert umher lauffen, und wuͤrden von keinem Menschen, wie klug er immer seyn moͤchte, erkannt werden. Den folgenden Tag wurden, alten loͤblichen Ge- brauch nach, viele Sachen zum besten gegeben, welcherwegen man um die Wette lieffe, entweder mit Pferden, Wagen oder zu Fuß. Bey denen Wa- gen fiele das allerdenckwuͤrdigste vor, welches wohl zu sehen und zu noti ren war. Denn als an dem Ort, wo die Losung zum lauffen gegeben wurde, sehr viele Wagen erschienen, welche alle neue Naͤder hatten, darzu wohl geschmie- ret, auch von denen schoͤnsten und schnellesten Nossen gezogen wurden, sahe man unter denenselbigen auch Cornelium Tacitum, welcher einen sehr alten zerbrochenen Wagen hatte, so an allen Orten mit Seilen zusammen gebunden war, und vor demselben elende lahme Schind-Maͤhren welche er entlehnet hatte. Es gab aber Tacitus bey diesem Actu maͤnniglichen seine Tapfferkeit und ho- hen Verstand zu erkennen. Denn als das Zeichen zum Lauffen gegeben ward, alle Kutscher mit ihren Peitschen, wie nicht weniger mit ihrem starcken Zu- schreyen, ihre Pferde wacker antrieben, saß Tacitus gantz stille bewegte sich nicht viel, wuste doch unter dessen die Pferde so wohl in Acht zu nehmen, und seinen alten geflickten Karrn mit solcher Behendigkeit dermassen herum zu dre- hen, zu wenden und deuen andern vorzubiegen, daß er bey dem aufgesteckten Ziel anlangte, da die andern mit ihren neuen Wagen noch nicht die Helffte er- reichet hatten, wobey dann die Tugendhafften insgesammt bekennen muͤssen, daß in allen Sachen, mit der Behendigkeit und dem Verstand mehr, als mir der Staͤrcke und Gewalt auszurichten waͤre, und daß diejenigen, so ihre Sa- chen und Geschaͤffte mit guter Manier, rechtem Verstande und Schlauigkeit angriffen, auch die allerverworrnsten und schlimmsten Haͤndel zu einem er- wuͤnschten Ende bringen und ausfuͤhren koͤnnen. Als dieses vollzogen, lieffen etliche Gelehrte zu Fuß mit einander um die Wette; woran aber die Tugend S 2 haff- haffte nicht so grosse Kurtzweile, als bey dem vorigen Rennen empfanden, die- weil die Unbilligkeit, so dabey vorlieffe, allzugroß und nicht zu erdulden war, indem man diesen armen Schluckern und Gelehrten, das Ziel zu weit gestecket hatte; dahingegen den grossen reichen Hannsen dasselbige so nahe gesetzet wur- de, daß sie es ohne eintzige Muͤhe, und sonder Lauffen, wann sie nur eine Hand ausstrecken und darnach griffen, erreichen mochten. Dannenhero waren ih- rer viele, wegen dieser grossen Ungleichheit der Meinung, es seye vielmehr dem blossen Gluͤcke, als dem sauren Schweiß und denen Meri ten zuzuschreiben, wann ein armer Gelehrter bey Hoffe zu denen hoͤchsten Ehren-Aemtern erha- ben wuͤrde. Nichts destoweniger ist bey diesem letzten Lauffen observi ret wor- den, daß viele vom Adel, und andere Neiche bey Hofe sehr zuruͤcke blieben, und dargegen andere arme, unansehnliche Tropffen ihnen weit vorgelauffen, an- bey das Ehren-Craͤntzlein davon getragen haben. Und obzwar etliche sich ge- funden, so vorgeben doͤrffen, daß sie solches durch Gunst von dem Fuͤrsten er- langet haͤtten; so haben doch andere Verstaͤndigere davor gehalten, es haͤtten sich diejenigen billig zu ruͤhmen, und vor gluͤck selig zu schaͤtzen, welche sich bey grossen Herren, denen sie dienen, so beliebt zu machen wuͤsten, daß sie zu hohen Ehren befoͤrdert wuͤrden; ja sie moͤchten wohl sagen, daß sie in ihrem ausge- standenen Lauff gute Fuͤße gehabt haͤtten. Unterdessen trug sich ein anderer Fall zu welcher bey dem Volck grosses Lachen verursachte, von wegen zweyer vornehmen Personen bey Hoffe, welche wie offtermalen zu geschehen pfleget, indem einer den andern zuruͤcke zu halten, und in seinem Lauff zu verhindern sich unterstunde, wider einander lieffen; woruͤber sie dergestalt gegen einander verbittert wurden, daß sie des Hauptwercks ihres Lauffens, den Preiß da- von zu bringen vergassen, und einander, schaͤndlicher Weise, mitten auf der Gassen, mit Faͤusten zu schlagen anfiengen. Nachdem sie sich nun eine gute Weile in dem Koth mit allerhand Beschuldigungen und Injuri en, so sie gegen einander ausstiessen, wacker herum geweltzet, und ihre Reputation ziemlicher- massen besudelt hatten, wurden sie endlich von jederman verhoͤhnet und verla- chet, dergestalt, daß sie mit Spott und Schimpff nach Hause ziehen musten. Ob nun zwar dieses dem gemeinen Poͤbel laͤcherlich vorkam; so haben dennoch Ihro Parnassi sche Majestaͤt solches vor ein so hochwichtiges Werck gehal- ten, daß sie dem weitberuͤhmten Bildhauer Praxiteli auferlegen und anbefeh- ken lassen, solches in eine marmorsteinerne Tafel einzuhauen, damit sich in kuͤnfftigen Zeiten die Hof- Courtisanen , so uͤber einander eyffern, daran zu spie- geln haͤtten. u In denen verwichenen Jahren wurden die Præmia , und was ein jedweder gewonnen hatte, durch den Stadthalter auf dem Parnasso, und den Stadt- Schultheissen, ohne einige Ceremonien und Gepraͤnge ausgetheilet. Die- ses Jahr aber hat Apollo soches selbst persoͤnlich verrichten wollen, dero- wegen er allen Potentaten, so sich in dem Parnasso befinden, ansagen lassen, sich in dem grossen Koͤniglichen Saal einzustellen, und diesen Ceremoni en beyzuwohnen. Dieses kam denen Fuͤrsten etwas Spanisch vor, daß sie sich bey diesem Actu, so hiebevor sehr gering geschaͤtzet worden waͤre, einstellen solten, da sie doch nur allein zu denen allerwichtigsten erfordert wuͤrden. Die- weil es aber Sr. Parnassi schen Majestaͤt allergnaͤdigster und ernster Befehl war, stelleten sie sich gehorsamst ein, und wurden vom Apolline auf folgende Weise an- geredet: Ich vernehme, daß ihr euch sehr verwundert, warum ich dieses Werck, so bißhero, durch meine Diener verrichtet worden, an- jetzo in Person volziehen will. Denn weil an diesem gegenwaͤrtigen eintzigen Handel, so anjetzo solte vollzogen werden, nicht allein die ewi- ge gantze Wohlfahrt und Gluͤckseeligkeit, sondern auch das Heyl aller eurer Unterthanen, uͤber welche ihr gesetzet seyd, dependi ret, so habe ich euch, um eures selbst-eigenen Besten willen anhero erfordern las- sen. Lernet demnach heute von mir, die ihr ůber Land, und Leute gesetzet seyd, daß ihr keine Affect en noch Partialitæt in eurem Hertzen herrschen lasset, und wann ihr diejenigen, so euch treulich gedienet be- lohnen wollet, so sehet auf ihre Merit en, und machet es nicht nach eu- rem eigenen Schwindelhirn, sondern thut wie ich, der anjetzo einen ieglichen, wie ihr sehet, nachdem er es mit seinem langen und sauern Lauffen verdienet hat, belohnet, so werdet ihr und eure Nachkom- men biß an der Welt Ende das Regiment behalten, und den Namen bekommen, daß ihr, als kluge und verstaͤndige Regenten, Land und Leuten wohl vorgestanden habt. Wo ihr aber darwiederhandelt, und diesem nicht also nachkommet, so werdet ihr euch selbst zu Spott und Schanden machen, um alles kommen, und aus vornehmen Fuͤ r sten, wie ihr jetzund seyd, zu Bettlern werden, dieweil ihr euch in todte stinckende Aeser habt verlieben wollen. Zu desto besserer Erlaͤuterung dieser Relation, des Boccalini aus dem Parnasso, ist noͤthig zu wissen, welchermassen einem rothe Ruͤben auftragen oder vorsetzen, im Italiaͤnischen so viel heisset, als einem etwas aufbinden, S 3 et- etwas vorbringen oder uͤberreden, das in der Wahrheit sich nicht also verhaͤlt, und stichelt der Autor allhier, verbluͤmter Weise, auf Plinium, dieweil ihm Schuld gegeben wird, er habe in seinen Schrifften viele falsche und unwahr- haffte Sachen vorgebracht, welche er aber doch also zuzurichten gewust, daß ihrer viele selbige vor wahrhafft gehalten haben. Durch die Torte verstehet der Herr Autor die Italiaͤnischen Commœ- die, so Pastor Fido genannt wird, von einem aus Ferrara gebuͤrtig beschrieben, und in gantz Italien hoch gehalten. Johannes della Casa ist der Autor so den Galateum hat lassen ausgehen, und will man hier damit andeuten, daß diejenigen, so gute Regeln und Præ- cepta vorschreiben, selbige selbst nicht allezeit so genau observi ren. Fava heisset in dem Italiaͤnischen erstlich eine Bohne, und darnach wird solches Wort auch vor das vordere Theil des maͤnnlichen Gliedes genommen, und diese Signification hat es allhier. Denn weil der Italiaͤnische Poët Mau- rus verschledene Sachen della Fava, wie es in der andern Signification aus- geleget wird, geschrieben hat, also schertzet der Autor allhier, und spricht, daß die Weiber: oder Musæ sich ziemlichermassen an denenselben erlustieretz haben. Diejenigen Gelehrten, welche ihre groͤste Kunst darinnen bestehen lassen, daß sie stille schweigen und nichts, oder doch sehr wenig reden, moͤgen ihre Gedancken uͤber nachstehende Relation aus dem Parnasso machen: E S ließ Apollo diesen Morgen, wieder maͤnnigliches Versehen, Harpo- cratem, der die Kunst stille zu schweigen sehr wohl studieret hatte, vor sich kommen, und sagte ihm, wie er sich bißhero uͤber seine Verschwiegenheit sehr verwundert haͤtte; nunmehro aber habe er ein grosses Verlangen bekommen, ihn einmahl reden zu hoͤren. Denn die Gabe des Stillschweigens waͤre an einem Mann am allermeisten zu loben, welcher auch, bey sich ereignender Occasion, mit sei- seinem anmuthigen Gespraͤche vornehmen und gelehrten Leuten die Zeit zu pas- si ren wuͤste. Als Harpocrates dieses vernahm, zog er die Schultern ein, und gab damit zu verstehen, daß er nicht reden koͤnne. Apollo deutete ihm noch- malen an, das Stillschweigen bey Seite zu setzen, und mit einem guten Dis- curs sich heraus zu lassen. Harpocrates aber kehrte sich nicht daran, schwiege vor wie nach, und logte einen Finger auf den Mund; woruͤber sich dann Apol- lo etwas alterir te und ihm mit Ernst anbefahl kurtz um zu reden. Da naͤherte sich Harpocrates dem Apollini, und sagte ihm heimlich in das Ohr; Es waͤ- re die heutige Welt so verdorben und verkehret, daß diejenigen billig vor die Kluͤgsten und Verstaͤndigsten zu halten, die da mit denen Au- gen alles sehen, mit ihrem Verstande alles b e urtheilen; mit dem Mun- de aber daruͤber stille schweigen koͤnten. Diese Antwort verdrosse den Apollinem noch hefftiger, dergestalt, daß er sich gegen die Umstehende wandte, mit Vermelden, er saͤhe nunmehro wohl, daß andem Harpocrate nicht viel besonders seye. Apollo befahl ihm derohalben auch sich zu trollen, oder fortzupacken, weil er nicht in den Parnassum gehoͤre, sondern einer von denen Puͤffeln waͤre, deren sich heutiges Tages eine grosse Menge befaͤnde, welche unter dem Schein des Stillschweigens ihre grosse Unwissenheit verbergen und zudecken wolten. In folgender Relation stecket eine grosse Staats Lehre vor alle diejenigen Raͤthe, welche ihrem Fuͤrsten rathen, auf weitlaͤufftige Conqueten zu gedencken, und wann er sich auch die gantze Welt unterthaͤnig machen koͤnte. D Ie Durchlauchtige Monarchie derer Roͤmer, so hiebevor, ehe sie von de- nen Barbarischen mitternaͤchtigen Voͤlckern unterdruͤcket worden, am Hofe des Apollinis eine solche Autoritæt und Ansehen gehabt, zu dergleichen kein anderer Stand jemalen hat gelangen koͤnnen, verfuͤgte sich vor etlichen Ta- gen, unterm Schein als ob sie auf die Jagd ziehen wolte, zum Cornelio Taci- to, welcher, sich zu erlustieren, auf sein Land-Guth verreiset war. Demsel- ben zeigte sie an, wie sie zu ihm kaͤme, sich Naths bey ihm zu erholen, wegen einer politi schen Frage, uͤber welcher sie allbereit unterschiedene vornehme Po- liti- liticos consulti ret; von welchen sie aber biß dato nicht zur Gnuͤge berichtet worden waͤre, verhoffte derowegen von ihmals dembesten Statist en, und Ober-Haupt unter denen heutigen Politicis, bessere Satisfaction zu haben. Die Frage aber, so ihr biß anhero viel zu schaffen gemacht, bestuͤnde darinnen, wie es doch kaͤme daß das Koͤnigreich Franckreich, Spanien, Egypten, Palestina, die Stadt Carthago, samt vielen andern Laͤndern, die sie in Asia, Africa und Europa be- sessen, welche, ehe sie solches unter ihre Herrschafft gebracht, vor sich selbst so maͤchtig gewesen waͤren, daß sich jederman vor ihnen habe fuͤrchten und entsetzen muͤssen, nunmehro aber, da sie saͤmtlich unter ihrer Gewalt, und an statt, daß obgemeldte Laͤnder Sie zu einer maͤchtigen Monarchie haͤtten machen sol- len, welche in einem Augenblick alle die geringern verschlingen koͤnte, haͤtten sie dieselbe an Kraͤfften vielmehr geschwaͤchet, als daß sie durch selbige solte seyn gestaͤrcket worden, und solches naͤhme sie so viel desto mehr Wunder, weil man sonsten augenscheinlich saͤhe, daß viele Faden zusam̃en gedrehet, ein starckes Seil, und viele Reiser zusammen gebunden einen festen Balcken machten; so viele maͤch- tige Fuͤrstenthuͤmer aber mit einander vereiniget, haͤtten nicht zuwege bringen koͤn- nen, eine solche Monarchie, wie man vermeynet, ewigwaͤhrend zu machen. Hier- auf gabe Tacitus zur Antwort, die Frage waͤre schwer, und derowegen noͤthig, sich wohl darauf zu bedencken; wolte sich aber Morgen im Parnasso wieder ein- stellen, und nachdem er sich ein wenig in seinen Annalibus und Historien umge- sehen, verhoffe er aus denenselben einen solchen Bescheid zu geben, womit man zufrieden seyn solte. Die Noͤmische Monarchie begnuͤgte sich an dieser Ant- wort. Indem sie aber vom Tacito Abschied nahm, und sich wieder nacher Haus verfuͤgen wolte, fande sich allda Melibeus der beruͤhmte Schaͤffer ein, so Tacito diesen Morgen etliche frische Kaͤse verehret hatte. Dieser wurde von der Frage verstaͤndiget, welche die Noͤmische Monarchie an Tacitum gethan, und begehrte derowegen an sie, noch in etwas allda zu verharren, mit vermel- den, er habe ihr Begehren vernommen, wolte ihr auch alsobald, ohne zu me- diti ren, auf die vorgehrachte Frage antworten, daß sie damit solte zu frieden seyn. Die Roͤmische Monarchie und Tacitus lachten des Melibei, und sag- ten ihm, daß er stille schweigen, und sich zu seinen Schaafen verfuͤgen solte, weil er sich auf sein Handwerck am besten verstuͤnde. Melibeus aber scheuete sich nicht, vorzugeben, daß Niemand von Staats-Sachen besser raisoni ren oder discuri ren koͤnte, als eben die Schaͤfer, und solten sich Fuͤrsten und Herren gluͤckselig achten, wann sie solche Liebe gegen ihre Unterthanen truͤgen, wie die Schaͤfer gegen ihre Schaafe thun; noch gluͤckseliger aber wuͤrden die Unter- tha- thanen seyn, wann sie mit ihrem Gehorsam gegen ihre Obern denen Schaafen imitir ten. Ob nun zwar Tacitus, und die Roͤmische Monarchie, uͤber solche des Hirten hertzhaffte Antwort sich nicht wenig verwunderten, wolten sie den- noch, er solte nicht weiter von Staats-Sachen raisoni ren. Der Hirte aber kehrte sich an nichts, sondern sprach zu der Roͤmischen Monarchie: Groß- maͤchtigste Koͤnigin! Ich bin, wie meinem Virgilio gar wohl bewust, ein Mantuanischer Hirte, und wolte es denen grauen Haaren, so ihr auf meinem Haupte, und an meinem Bart sehet, vor eine grosse Schan- de halten, wann ich mein Handwerck nicht recht ausgelernet haͤtte; sage demnach, daß in denen vielen Jahren, so ich die Schaafe huͤte, ich gar eben erfahren, wie die Macht und der Reichthum eines Schaͤ- fers nicht, wie mancher sich einbildet, darinnen bestehe, wann er viele Millionen Schaafe hat, sondern vielmehr darinnen, daß er deren nur so viele habe, als er mit seinen Augen uͤbersehen, und mit seinem Hir- ten-Stabe regieren kan, und die seine Pfeiffe hoͤren, und derselben folgen koͤnnen. Die Ursache dessen ist offenbar. Denn bey gar zu we- nig Schaafen bleiben die Hirten allezeit arme Bettler und treibet sie die Armuth dahin, die Schaafe allzuhart zu melcken, und ihnen die Wolle gar aus der Haut abzuscheren. Bey der mittelmaͤßigen Zahl, darinnen die hoͤchste vollkommenheit bestehet, befinden sich die Schaͤ- fer am allerbesten; dahingegen bey der allzugrossen Menge diese Un- gelegenheit entstehet, daß ein eintziger Schaͤfer derselben nicht wohl abwarten, noch sie der Gebuͤhr nach versehen kan. Dannenhero wer- den die armen Schaafe, wegen ihrer grossen Anzahl, und der Un- achtsamkeit des Schaͤffers, vors erste mager; nachhero aber muͤssen sie vor Hunger und Kummer gar verschmachten und verderben. Dieser Schade ruͤhret daher, weil die Berge allzuvoll, und an statt, daß in denenselben gute Ordnung solte gehalten werden, alles uͤber und druͤber gehet; auf welche Weise das unter uns Schaͤffern gebraͤuchliche Sprich- wort wahr zu seyn scheinet, daß nemlich wenig Schaafe einem Schaͤfer zur Haushaltung nicht viel nutzen; eine mittelmaͤßige Heerde aber besser seye; gar zu viel hingegen lauter unordnung, ja mehr Schaden als Nu- tzen verursachen. Also solten sich alle Potentaten, Fuͤrsten und Re- giments-Personen gluͤckseelig achten, wann sie von dem unsterblichen GOtt die Natur und Eigenschafft derer Cameele empfangen haͤt- ten, daß sie sich in rechter Demuth zur Erden beugen, und mit der T schwe- schweren Regiments-Last beladen lassen koͤnten, daß sie auch ihrem Hochmuth und Ehrgeitz Maaß und Ziel zu setzen wuͤsten, und nicht mehr aufgeladen haben wolten, als sie sehen, daß ihre Schultern er- tragen koͤnnen. Aber es wird aus gerechtem Gerichte GOttes denen Menschen die unersaͤttliche Gierigkeit von Natur angebohren, daß sie sich die gantze Zeit ihres Lebens aͤngstigen und bemuͤhen, und in- dem sie alles zu sich raffen und an sich ziehen wollen, endlich mit ihrem Schaden gewahr werden, daß sie alle Muͤhe und Arbeit verlohren, und umsonst sich bemuͤhet haben. Daher nun kommet es, daß in de- nen 1600. Jahren, waͤhrender welcher Zeit ich in der Landschafft Arcadia ein Schaͤffer gewesen bin, meine Heerde niemalen sich uͤber 600. erstrecket, und weil mir dieselbe alle Jahre richtig und gewiß, eben so viele Thaler eingetragen, bin ich jederzeit vor den allergluͤckseligsten Schaͤfer dieses Landes gehalten worden. Um dieser Ursachen willen habe ich niemahln viel von denen Hirten gehalten, so aus blossem Geitz viele Heerden Schaafe haben wollen, und auf einen Tag da- mit reich zu werden vermeynen, dieweil das Auge des rechten Herrn welches die Schaafe fett machet, nicht auf alle Achtung geben kan, da- her er sich oͤffters genoͤthiget siehet, solche liederlichen und unachtsamen Miedlingen zu vertrauen, oder wohl gar anderen zu verleyhen, welche dann die Schaafe uͤber ihr Vermoͤgen zu pressen, ja das Marck aus de- nen Beinen zu saugen pflegen, und sich wenig bekuͤmmern, wann sie nur ihren N u tzen und Gewinn haben, es gehe denen Schaafen wie es wolle. Es haben aber unter uns Hirten sich auch des grossen Alexanders gleich enbefunden, welcher sich nicht gescheuet von dem Allmaͤchtigen GOtt zu begehren, mehr Welten zu erschaffen, damit er seinen Ehr- geitz durch deren Eroberung sattigen koͤnne. Sonderlich aber ist in die- ser Landschafft Arcadia einer, Namens Menalcas, mein ewiger Todt- feind gewesen, welcher jederzeit dahin getrachtet, wie er eine groͤssere quantitæt Schaafe, als ich, zu wege bringen moͤge. Er ließ sich dero- halben an 600. die er hatte, nicht begnuͤgen, sondern, damit er uͤber al- le andere Schaͤfer herrschen moͤchte, entlehnte er das Geld, verkauffte darzu den groͤsten Theil seiner Guͤther, und nachdem er eine ansehnli- che Summa zusammen gebracht, ließ er aus Spanien, Engeland und Franckreich, an welchen Orten er wuste, daß die beste Wolle ist, mit schweren Unkosten drey Heerden Schaafe kommen, jede von 500. Stuͤ- Stuͤcken. Diese nun, weil sie fremde waren, und den Hirten nicht kannten, auch seine Sprache und Pfeiffe nicht verstunden, wurden des Morgens schlecht geweydet, und kamen des Abends hungerig wie- der heim, wannenhero Menalcas dieselbe, als welche jederzeit hin und her lieffen, zum Gehorsam zu bringen, die Hunde an sie hetzte, die dann als Fremde von denen Schaafen zum hoͤchsten angefeindet wurden, und wuchse der Wiederwill von Tag zu Tag destomehr, weil zu dem natuͤrlichen Haß noch die Verletzungen kamen, welche Stuͤcke dann mit einander bey denen Schaafen eine solche Halsstarrigkeit, Verzweif- felung und Ungehorsam verursachten, daß sie vor denen Hirten und Hunden einen greulichen Abscheu hatten. Dahero wann sie ver- merckten, daß man sie melcken, saubern, oder ihnen die Wolle abneh- men wolte, sie sich hin und wieder in denen Gebuͤschen versteckten, wo- durch die saͤmtlichen Hirten in Erfahrung kamen, daß die Verzweif- felung auch die armseligsten Caninichen in grausame Loͤwen verwandeln kan. Denn es wuͤrden unter der Spanischen Heerde viel gefunden, so sich die Hirten zu beissen, unterstehen durfften. Die Frantzoͤsischen stiessen und schlugen die Eymer, darein man ihre Milch gemolcken hatte, mit denen Fuͤssen um. Die Engellaͤndischen aber, damit sie de- nen fremden Hirten nicht gehorchen muͤsten, und von denen Hun- den nicht zerrissen wuͤrden, enthielten sich des Weydens, und wol- ten viel lieber Hungers sterben, als in solcher Dienstbarkeit leben. Vielmehr aber war sich daruͤber zu verwundern, daß eben dieje- nigen Schaafe ihre Fruͤchte und Nutzungen, als Kaͤsse, Wolle und Laͤmmer, die sie ihren natuͤrlichen Hirten so gerne goͤnneten, diesen Fremdlingen mit so grossen Widerwillen folgen liessen, daß sie auch be- dauchte, es wuͤrde tyrannischer Weise mit ihnen verfahren, und deß- wegen uͤber ihr eigen Ungluͤck lachten, indem sie sahen, daß ihr Herr, der Menalcas, bey ihnen ins Verderben geriethe, sich auch freueten, daß sie waren unfruchtbar worden. Als nun Menalcas uͤber diesen Zu- stand nicht wenig betruͤbet und beaͤngstiget war, ließ er diese Schaafe zum Gehorsam zu bringen, eine neue Anzahl Hunde aus dem Schweitzer- Lande bringen, welches ihm dann vollends zum hoͤchsten Schaden und Nachtheil gereichte, weil die Hnnde mit solcher Grausemkeit gegen die Schaafe verfuhren, daß sie dieselben endlich auch gar zu fressen an fiengen, wodurch die Schaafe je laͤnger je mehr Anlaß bekamen sich zu T 2 wie- widersetzen, welches dem armseligen und betruͤbten Menalcas Ursache zur endlichen Verzweiffelung gab. In solcher Verzweiffelung erho- let er sich Raths bey dem allerschaͤdlichsten Politico, einem Florenti ner von Geburt, und stellete ihm auch Glauben zu. Dieser sagte ihm, wie daß kein besser Mittel waͤre, diese fremde Schaafe unter seinen Gehor- sam zu bringen, dessen sich auch die verstaͤndigsten und kluͤgsten Hirten je- derzeit bedienet haͤtten, als die Schafe lassen recht Mager werden. Dieses Mittel aber, sobald es in das Werck gesetzet war, gereichte nicht allein dem Herrn, sondern auch der Heerde selbsten, zum aͤusser- sten Schaden und Ruin. Denn nachdem der Hirte von denen verhun- gerten Schaafen weder Kaͤß noch Wolle mehr zu hoffen hatte, musten sie endlich selbsten nach einander dahin fallen und verschmachten. Also ward der unglůckselige Menalcas, binnen einer Zeit von dreyen Mona- ten seines Capitals und des Interesse mit einander quitt, durffte auch, dem alten Sprichwort nach, weil er den Schaden hatte, vor den Spott nicht sorgen, als welcher unlaͤngst ein reicher Schaͤfer dieses Lan- des gewesen; nunmehro aber mit denen Fellen derer umgefallenen Schaafe zu handeln anfienge; wozu ihn aber nichts als der eitle Ehr- und Geld-Geitz gebracht, dabey er sich jedoch seiner getriebenen Kauff- mannschafft wiewohl nicht ohne Schmertzen, stets erinnernkunte. Die- ser Schade aber, der da nicht geringe, hatte keinen andern Ursprung, als das Menalcas, in der Schaffhirtischen Kunst nicht allerdings wohl erfahren war; allermassen diese von derjenigen so in andern Kauff- manns-Haͤndeln gebraͤuchlich gantz diffe rent und unterschieden, daß auch dannenhero dem Menalca, so mit 600 Schaafen jaͤhrlich 600. Tha- ler zu gewinnen gewohnet war, seine Rechnung weit fehlete, indem er mit 2000. Schaafen auch 2000. Thaler zu gewinnen vermeynte. Es ist zwar gewiß und wahr, daß in der ordinairen Rechen-Kunst zwey- mal 5. zehen, dreymal 5. funffzehen machet und so fortan. Aber in der Schaͤfer-Rechnung machet zweymal 5. nur 3. dreymal 5. macht eins, und viermal 5. bringet gar heraus die Nulle, welche diejenigen in das Verderben stuͤrtzet, die gar zu viel haben wollen, dergestalt, daß sie zu letzt, wie Æsopi Hund, der vor ein Stuͤcke Fleisch zwey zu erlangen vermeynte, gar keines bekommen. Die- Diejenigen Poë ten, so sich auf den vor sie eingefuͤhrten Lorbeer-Crantz allzuviel einbilden, moͤgen die jetzt-kom- mende Relation in reiffe Uberle- gung ziehen. E S wurde gestriges Tages das hohe Fest, dem beruͤhmten Lorbeer-Baum zu Ehren, von denen saͤmtlichen Gelehrten in dem Parnasso hochfeyerlich begangen, welches Fest an dem Tage, da sich der denckwuͤrdige Fall mit der Daphne zugetragen, angeordnet worden, damit Ihro Parnassi sche Majestaͤt, so biß dato, wegen dieser traurigen und betruͤbten Verwandelung sehr be- kuͤmmert gewesen, Ihr Gemuͤthe in etwas wieder ergoͤtzen moͤchten. An die- sem hohen Fest ist niemand als denen Poë ten, denen Kaysern und andern Hel- den erlaubet, mit Lorbeer-Craͤntzen gecroͤnet, in das Collegium derer Gelehr- ten einzutreten. Denenjenigen aber, so diese Ehre und Prærogativ nicht ha- ben, ist anbefohlen worden, damit sie dieses Fest mit ihren blossen Haͤuptern nicht verunehreten, sich unterdessen zu Hause zu halten. Franciscus Petrarcha, welchem von Alters her dieses Amt vom Apolline aufgetragen ist, hielte eine sehr schoͤne Oration, dem Lorbeer-Baum zu Ehren. Da er aber perorir te, begegnete ihm ein denckwuͤrdiger Zufall. Er striche erstlich gedachten Baum auf das allerbeste heraus, so gar daß er auch vom Donner nnd Blitz verscho- net und nicht beruͤhret wuͤrde, ja daß er allein das Privilegium und die Gnade habe derer Poë ten, derer Kaͤyser und anderer tapfferer Helden Haͤupter zu croͤnen und zu zieren, und mit hoͤchsten Eyffer sich wieder die Vermessenheit der heutigen ungluͤckseligen Welt heraus liesse, und selbige auf das aller un- barmhertzigste durchhechelte, wie nemlich die freyen Kuͤnste so gar in Verach- tung kommen waͤren, daß auch dieser herrliche Baum, so in vorigen Zeiten so hoch gehalten worden, nunmehro so verachtet waͤre, daß auch die Wirthe und Weinschencken, zum Zeichen ihrer Wirthschafft sich seiner gebrauchten, ja man schaͤme sich so gar nicht, denselben zu allerhand Speisen zu nehmen, und be- diene sich seiner Blaͤtter zu denen gebratenen Aalen, Lebern und andern Le- cker-Bißlein. Solche nahmhaffte Mißbraͤuche und schaͤndliche Gewohnhei- ten nun erzehlte Petrarcha mit solcher Vehemen tz und Eyffer, daß er daruͤber in eine Ohnmacht geriethe, und gantz Krafftloß darnieder fiele, also daß er nicht vermochte seine Oration zu Ende zu bringen. Er kunte auch nicht ehe T 3 wie- wieder zu rechte und zu seinen Kraͤfften kommen, biß die schoͤne Laura selbigen auf ihren Schooß nahm und ihn wieder erquickete. Dieser Fall gereichte Pe- trarchæ zu sonderlichem Lob und Ehren, dieweil maͤnniglich daraus verspuͤr- te, was vor grosse Liebe und Affection er zu diesem Lorbeer-Baum truge, den er in seinen Versen mit so trefflicher Zierde und Wohlredenheit gelobet und herausgestrichen. Zu mercken ist hierbey, daß der Autor unter dem Wort Lorbeer-Baum in dieser gantzen Relation schertzet, und dadurch die Lauram verstehet, welche eine uͤberaus schoͤne Dame, Petrarcha aber in dieselbe sehr verliebt gewesen, und ihrer in seinen Schrifften oͤffters Meldung gethan. Doctores Juris, und andere Advoca ten, auch Procurato- res, koͤnnen ihre Reflexiones uͤber nachstehende Relation aus dem Parnasso machen. E S wird der Parnassus nicht allein darum vor eine gluͤckselige Wohnung ge- halten, dieweil die Majestaͤt des Apollinis darinnen herrschet, und das Regiment fuͤhret, noch auch, daß die allervortrefflichsten und beruͤhmtesten Leute sich allda auffhalten sondern von wegen des tugendhafften Wandels hoͤfli- cher Sitten und Geberden, wie nicht weniger derer heilsamen Gesetze und Ordnungen halber, so allda observi ret werden, welches daher ruͤhret, dieweil alle diejenigen, so sich allda niederlassen, schuldig sind, die besten und herr- lichsten Gebraͤuche ihres Landes mit sich dahin zu bringen, welcheloͤbliche Ge- wohnheit sowohl dem Privat- als gemeinen Wesen grossen Nutzen und Anse- hen verschaffet hat, dahero leichtlich abzunehmen, daß dieses ein recht gluͤck- seliges Land koͤnne genennet werden, welches nicht nur bey seinen eigenen Gese- tzen verbleibet, sondern, wo man sich derer auserlesensten Ordnungen und Sta- tu ten vieler Voͤlcker gebrauchet. Dieweil dann Apollo berichtet worden, wie die Großmaͤchtigen Koͤnige in Spanien erstlich verboten haͤtten, daß ins kuͤnfftige keine Doctores Juris, noch andere Advoca ten oder Procuratores, nach Indien schiffen solten, hat er solches ein heiliges Verboth genennet, und selbiger Koͤnige Gottseligkeit hoͤchlich geruͤhmet, daß sie solche Liebe und Treue gegen die neue Welt erwiesen haͤtten, indem sie dieselbige vor dem gros- sen Jammer und Elend, dadurch die alte Welt in so viele Streitigkeiten und unnuͤ- unnuͤtzes Gezaͤncke gerathen, behuͤten wollen. Ihro Parnassi sche Majestaͤt befahlen auch zugleich, solch vortreffliches Edict in eine metallene Tafel zu gies- sen, und selbiges hernach bey die uralten Leges 12. tab. auf dem grossen Marckt aufzuhencken. Die Herren Jurist en waren damit uͤbel zufrieden, und baten Ihro Parnassi sche Majestaͤt instaͤndigst, daß dieselben mit ihnen nicht also ver- fahren wolten. Denn im Fall solches Edict solte publici ret werden, wuͤrden Ihrer viele daher Ursache nehmen, denen von Ancona, Norcia, Recanati und andern nachzufolgen, welche, mit nicht geringer Beschimpffung derer freyen Kuͤnste die Doctores Juris aus ihrem Rath abgeschaffet haͤtten, denen doch von andern Voͤlckern, so grosse Ehre erzeiget wuͤrde, daß sie gaͤntzlich dafuͤr hiel- ten, es koͤnte ohne derer Jurist en Beyfall und Gutheissen nichts loͤbliches ge- schlossen werden. Sie verhofften aber es wuͤrden Ihro Parnassi sche Majestaͤt um so viel destomehr sich ihrer Sache annehmen, dieweil es zugleich Freyen Kuͤnsten mitguͤlte, welche sich alle diejenigen, so Jura studieren, so hoch liessen angelegen seyn, auch keine Muͤhe und Unkosten sparten, dieselbe zu erlernen. Es haͤtte Niemand vermeynet, daß Ihro Parnassi sche Majestaͤt sich so sehr uͤber diese derer Rechts-Gelehrten Bitte, die sie thaten, erzuͤrnen solte. Allein er antworte- te diesen Jurist en mit der groͤsten Ungedult, wie er sich nicht genugsam verwun- dern koͤnte, daß sie in seiner Gegenwart vorgeben doͤrfften, als ob sie so grosse Muͤhe und Unkosten auf die Freyen Kůnste wendeten, da doch das Delphi sche Edict maͤnniglichen bekannt waͤre, in welchem das Stu- dium Juris nicht vor eine Freye Kunst sondern vor ein Handwerck waͤre erkannt worden, dadurch die Menschen, als mit einer sonderlichen Straffe, zu martern und zu plagen, dabey weder Freude noch Er- goͤtzlichkeit zu gewarten, Auch kein sonderlicher Verstand erfordert wuͤrde, und daß diejenigen guten Theils, so sich darauf legten, sol- ches aus Geitz und schnoͤden Gewinnstes wegen thaͤten, den Bauch mit Thalern, wie die Schweine den ihrigen mit Eicheln zu fuͤllen. Denn obschon solche Leute nicht gar hohen Verstandes waͤren wie zu andern Studiis erfordert wird, so koͤnten sie doch gar leichtlich grosse Advoca ten werden, wann sie nur gute Ochsen-oͤpffe und starcke Esels Ruͤcken haͤtten, damit sie alle Arbeit ausstehen, und den Karrn wacker in den Koth schieben koͤnten. Drit- Dritte Ahandlung. A Lle diejenigen, welche sich eine Zeitlang in Roͤmisch-Catholischen Landen aufhalten, auch Kaͤnntniß von der Sache, und Einsicht in dieselbe haben, werden finden, daß die Pedanterey, gelehrte Grillenfaͤngerey, und gelehrter Hochmuth, daselbst ebenfalls gantz ent- setzlich herrschet, absonderlich in solchen Roͤmisch-Catholischen Landen welche innerhalb denen Graͤntzen des Roͤmischen Reichs gelegen. Denn da hoͤret man in Gesellschafften, in Wein- und Bier-Haͤusern, fast allenthalben Lateinisch reden, und uͤber unnuͤtze Dinge aufs hefftigste disputi ren, derge- stalt, daß in dergleichen Gesellschafften einem die Worte: Concedo Majorem, nego Minorem; oder Concedo Minorem nego Majorem, taͤglich mehr als Zwantzigmal ja dreißig und nochmehrmahlen in die Ohren fallen. Vornem- lich stecket die Geistlichkeit in Roͤmisch-Catholischen Reichs-Landen, wo die Teutsche Sprache geredet wird, biß uͤber die Ohren in der Pedanterey, und Tummheit, und ich meines Orts, der Autor dieses Tractats, kan mit gu- tem Gewissen sagen, welchermassen ich in solchen Landen sehr wenig gute nuͤtz- liche und erbauliche Predigten gehoͤret, ob ich deren schon mehr als tausend besu- chet; gleichwie ich es denen Frantzoͤsischen und Italiaͤnischen Predigern zu ihrem Ruhm nachsagen muß, daß ich, waͤhrenden meinem Aufenthalt in Franck- reich und Italien, unter vierhundert Predigten nicht eine gehoͤret, an der ich etwas auszusetzen gehabt haͤtte, sondern alle so gefunden, daß man darinnen auf ein thaͤtiges Christenthum starck angedrungen. Absonderlich hat mich einstmals ein Fasten-Prediger bey denen Augustinern à la Rue Boucherie zu Paris, au Fauxbourg St. Germain, durch seine Passions- Predigten dermas- sen beweget, daß ich die Passion fast niemals erbaulicher und andaͤchtiger be- trachtet. Hernach habe ich zu Nom, à la Chiesa nuova, den beruͤhmten Pater Bussi, einen Bruder des verstorbenen Cardinals dieses Namens vier Wochen lang, und alle Tage eine halbe Stunde, so predigen hoͤren, daß es auch kein Wunder gewesen waͤre, wann er die Hertzen derer verhaͤrtesten Suͤnder er- weichet haͤtte. Er stellete die grosse Gluͤckseligkeit derer Buͤrger des Himmlischen Jerusalems vor, und das unaussprechliche Elend derer Babylonischen Einwohner; uͤber welches Thema er die gantzen vier Wo- chen hindurch predigte. Von Von einigen Teutschen Roͤmisch-Catholischen Geistlichen aber noch etwas mehreres zu reden, welche sich entweder in ihren Predigten, oder in ihren Schrifften, etwas laͤcherlich aufgefuͤhret, so bitte ich, mir zu glauben, wie ich Anno 1704. zu Amberg in der Ober-Pfaltz den zweyten Tag des Wey- nachts-Festes, in der Vesper-Predigt, einen Franciscaner gehoͤret, welcher das gantze Auditorium mehr als einmal zu einem lauten Gelaͤchter bewogen. Er tracti rte die Materie von der Jungferschafft auf der Cantzel und beschriebe eine Jungfer, wie sie von innen und aussen, ja oben und unten, beschaffen seyn solle. Als er seine Beschreibung gemachet hatte, fragte er, wie viel wohl solche reine und rechtschaffene Jungfern in Amberg moͤchten zu finden seyn? und sprach anbey: Ich will nicht mit einem gewissen Geistlichen es gesaget haben, der unlaͤngstens an einem Orte geprediget, er ge- traue sich alle reine Jungfern in der Stadt auf einem Schub-Karn zum Thor hinaus zu fuͤhren. Nein, nein fuhr er fort, ich sage es nicht, denn es moͤchte mir auch gehen wie es ihm gegangen hat. Wie gieng es ihm dann? f r agte er selbsten, und antwortete darauf: So gieng es ihm: Als er nach geendigter Predigt nach Hause gehen wolte, umringten ihn alle Jungfern, und wolten wissen, was er Boͤses auf sie wuͤste? Dannenhero muste der arme Mann Parole geben, sich nechstkuͤnfftigen Sonntag besser zu explici ren. Da solcher herbey kam trat er wieder auf die Cantzel und sprach: Ihr lieben Jungfern! Ich habe vor acht Tagen geprediget, daß ich mir getrauete euch alle auf einen Schub- Karn zum Thor hinaus zu fuͤhren. Deshalb habt ihr mich umrungen, und obligi ret, euch zu versprechen, heute meine Worte recht zu erklaͤ- ren. Nun bekenne ich, daß ich es gesprochen habe, und sage es auch nochmals. Aber ihr lieben Jungfern, ihr muͤsset nicht meinen, daß ich euch alle auf einmahl aufladen wolte. Nein, nein, nein, eine nach der andern, und auf diese Art solte ich doch wohl endlich mit euch fertig werden. Alsdann gab er ein Exempel von etlichen recht keuschen Jungfern. Solches, sagte er, sind drey Bauer-Maͤdgen in Brabant, unweit Bruͤssel gewesen, welche aufs Feld grasen gegangen. Gegen diese ka- men drey Dragoner angesprenget, und prætendir ten, sie solten sich ih- rem Willen accommodi ren. Hierwider mochte weder Bitten noch Fle- hen dieselbe garanti ren; au contraire es waren die Dragoner eben an dem, Gewalt zu gebrauchen. Demnach baten diese drey armen Crea- turen nur noch um ein Vater-Unser lang Zeit. Was waren nun sol- U che che in dieser Kurtzen Frist zu thun gesonnen? Wolten sie sich etwa mit der Flucht zu retten suchen? Thorheit; Die Kerls hatten Pferde, und wuͤrden sie leichtlich eingeholet haben. Oder wolten sich dieselben zu einer tapffern Gegenwehr entschließen? Mit nichten. Es waren ja drey schwache Werckzeuge, welche wieder Soldaten wenig ausgerich- tet haͤtten. Wolan dann! was thaten solche? Sie fielen nieder auf ihre Knie, und schrien mit diesen Worten gen Himmel: Ach Marial du Koͤnigin des Himmels und aller Jungfrauen! Siehe auf uns, in dieser unserer Noth, und gieb vielmehr, daß sich die Erde aufthue und uns verschlinge, als daß unsere Leiber durch diese Boͤßewichter, solten geschaͤndet werden! Was geschah? Ihre Bitte ward erhoͤret. Die Erdethat sich auf, und nahm diese drey keuschen Jungfrauen zu sich; uͤber welches Miracul die Dragoner dermassen erschrocken sind, daß sie in die Stadt Bruͤssel geritten, und die Sache selbsten angegeben haben. Darauf hat man die Leichname dieser dreyen Personen gesuchet, und in der Erde gefunden. Man zeiget sie auch noch jetzo, als ein grosses Heiligthum in nur bemelter Stadt Bruͤssel. Also ihr meine lieben Jungfern! woferne heute oder Morgen eine oder die andere von euch in dergleichen Noth gerathen moͤchte, und nicht Lust haͤtte unziem- lichen Zumuthungen Satisfaction zu geben, die schreye auch gen Himmel, zur Koͤnigin aller Jungfrauen, welche euch gantz gewiß erhoͤren, und aus aller eurer Noth erretten wird. Als ich mich Anno 1711. das erstemal zu Wien befande, gienge ich, nebst verschiedenen andern Lutheranern, des Sonntags fleißig, den ordinai ren Pre- diger in dem Francißcaner-Closter, welches nicht ferne vom Johannis- Gaͤß- gen, bey einem kleinem Platz gelegen, zu hoͤren, weil wir gemeiniglich so viel zu Ohren fasseten, daß wir hernach die gantze Woche durch daruͤber lachen kun- ten. Einstmals stellete er die Eitelkeit der Welt vor, und sagte Ketterl! (Ca- tharina) Was macht der Kayser? Eitelkeit, Eitelkeit, Vanitas Vanitas Va- nitatum Vanitas, alles ist in der Welt eitel, eitel, eitel; wobey er gantz ent- setzlich mit denen Haͤnden auf die Cantzel schlug. Dergleichen Fragen tha- te er auch von andern Potentaten, und beantwortete sie auf eben diese Weise. Ein andermal trate er auf die Cantzel, und verglieche die Welt einem Meer, Meer, auf welchem ein jedweder nach etwas fischete; die wenigsten aber et- was fingen. Unter andern muste Simson, der bey denen Oesterreichern und andern mehr Samson genannt wird, weydlich herhalten, und er redete von ihm also: Samson, als er erwachsen war, wolte reisen, die Welt zu be- sehen und darinnen zu fischen, weshalb er von seinem Vater und Mutter Abschied nahm, empfing auch eine brave Summa Sil- ber von seinen Eltern, und stehet zu glauben, daß ihm absonderlich seine Mutter den Reise-Buͤndel stattlich werde angefuͤllet haben. Denn die Muͤtterl lassen es nicht, wann die Soͤhnel in die Welt fliegen. Sie stecken ihnen heimlich Geld zu, geben viel Leinen Zeug mit, und vergessen auch derer gebackenen Knoͤtel nit. Es stunde aber nicht lange an, so fande sich Samson, der nicht weiter gekommen war, biß gen Thimnat in derer Philister Land, schon wieder zu Hause ein. Seine Eltern sprachen zu ihm: Ey, lieber Sohn! Wo kommst dann du schon wieder her? Hast du schon genug gereiset. Samson antwortete: Ich habe ein Weib gesehen, unter denen Toͤchtern derer Philister, gebet mir nun dieselbige zum Weibe. Sein Vater und seine Mutter sagten zu ihm: Ist dann nun kein Weib unter denen Toͤchtern deiner Bruͤder, und in allem deinem Volck, daß du hingehest und nimmst ein Weib bey denen Philistern, die unbeschnitten sind? Allein Samson sprach zu seinem Vater: Gieb mir diese, denn sie gefaͤllet meinen Au- gen. Der Vater fragte ferner: Mein! Ist sie reich? Samson antwortete das weiß ich nit. Sie gefaͤllet meinen Augen, gieb- mir sie zum Weibe. Der Vater fuhr noch weiter fort zu fra- gen: Ist sie tugendhafft? Samson antwortete wiederum: Das weiß ich auch nit. Sie gefaͤllet meinen Augen, gieb mir sie zum Weibe. Bey sogestalten Sachen, und weil der Vater sahe, daß dem Sohn das Weib nit auszureden war, gab er endlich seinen Willen drein, und die Hochzeit wurde vollzogen. In was vor U 2 Haͤn- Haͤndel aber geriethe nicht Samson bey Gelegenheit dieser Hey- rath mit denen Philistern? Er gab denen Philistern ein Raͤtzel auf, dessen Geheimniß und Aufloͤsung das ungetreue Weib ih- rem Mann Samson aus dem Hertzen heraus pressete, unterm Vorwand, sie koͤnne anderergestalt nit glauben, daß er sie liebe. Sobald aber die Hure das Raͤtzel wuste, verriethe fie es ihren Landsleuten, und Samson geriethe daruͤber in einen verwirrten Handel, weil er sich obligi ret hatte dreyßig Feyer-Kleider und eben so viele Hemden zu geben, daferne die Philister das Raͤtzel errathen wuͤrden. Er zog zwar wohl andere Philister aus, und bezahlete damit; geriethe aber eben deswegen in noch weit groͤsse- re Haͤndel, die ihn endlich das Leben kosteten. Denn er verließ dieses Weib, das ihm so schoͤn in seinen Augen geduͤncket hatte, und sie wurde einem andern Mann unter ihren eigenen Lands- leuten gegeben. Da sieng Samson, aus Verdruß und sich zu raͤ- chen, mit denen Philistern, aufs neue allerley Staͤnckerey an, die ihm auch gluͤcklich von statten giengen. Er bande eine gros- se Anzahl Fuͤchse hinten mit denen Schweiffen zusammen, legte feurige Braͤnder darzwischen, jagte sie hernach denen Philistern in die Felder, und brachte auf diese Weise ihr Getreyde in Brand. Zu einer andern Zeit erschluge Samson fuͤnff hundert Phili- ster, mit einem Esels-Kinnbacken, und was er denen Philistern derer Possen noch mehr machte. Nichts destoweniger gieng er wieder in das Land derer Philister und verheyrathete sich allda zum zweyten mal an ein Weib, Delila genannt. Sobald die Philister solches hoͤreten, addressir ten sie sich an dieses Weib, und sprachen zu ihr: Landsmaͤnnin! Seye keine Naͤrrin, und habe keinen Wohlgefallen an der Beschimpffung, welche dein Mann Samson deinen Landsleuten zufuͤget, sondern erforsche von ihm, worinnen seine grosse Staͤrcke bestehet, und offenbare solches her- nach uns. Nun stellete sich Delila zwar Anfangs als wolte sie dem Ansinnen ihrer Landsleute kein Gehoͤr geben, sondern dem Sam- Samson treu verblieben. Aber endlich griffen ihr die Fuͤrsten derer Philister an den nechten Puls, und damit wars aus. Bey die- sen Worten griffe sich der Franciscaner selber mit der rechten Hand an den lincken Puls, und lachte zu gleicher Zeit uͤberlaut. Her- nach fuhr er weiter fort und sprach: Sie boten nemlich der Delila eine grosse Menge Silber dar, O da war es geschehen. Die Ver- suchung war zu starck, und ihre Treue gegen den Samson zer- schmoltze wie Butter an der Sonnen. Denn so gehet es gemei- niglich mit dem Frauenzimmer, daß wann sie sich noch so keusch und treu anstellen, sie dennoch gar leichtlich auf andere Gedan- cken gebracht werden koͤnnen, wann man ihnen Gold und Sil- ber zeiget und offeri ret. Delila ihres Orts machte sich demnach an ihren Mann Samson, hertzete und kuͤßete ihn, schmeichelte auch demselben sonst auf allerley Art, und bat, er moͤchte ihr doch sa- gen, worinnen eigentlich seine ausserordentliche Staͤrcke bestuͤnde, immerfort hinzusetzende: Mein lieber Samson! Ich kan sonst nicht glauben, daß du mich recht lieb habest. Ob ihr nun wohl Samson drey Nasen nach einander andrehete, begieng er zuletzt dennoch den einfaͤltigen Streich, daß er ihr die Wahrheit sagte. Hier- auf verriethe sie das Geheimniß an die Fuͤrsten ihres Landes, und caressir te unterdessen den armen Samson dermassen, daß er sein Haupt auf ihren Schooß legte und ents c hlieff. Alsdann bescho- re sie sein Haupt, und rieff Philister uͤber dir Samson! Er wachte auf, und meynte, er wolte es machen wie sonst; allein seine Staͤr- cke war dahin. Die Philister griffen ihn, stachen ihm die Augen aus, und trieben ihren Spott mit demselben, biß er sich endlich den- noch einmal raͤchen und ein Haus umwerffen kunte, worinnen sich viele vornehme und andere Philister, Manns- und Weibs- Personen von etlich tausend befanden, die insgesamt erschlagen wurden. Aber Samson selber kam dabey ebenfalls um, und endig- te also sein Leben auf eine jaͤmmerliche und er aͤrmliche Art. Des- wegen nun, daß Samson, nachdem er bereits einmal von seinem U 3 ersten ersten Philister-Weib betrogen worden, sich zum andernmal von der Delila seinem zweyten Philister-Weib so treuhertzig machen lassen, daß er ihr seine Staͤrcke offenbaret, mithin sich in ein solch grosses Ungluͤck gestuͤrtzet hat, ist er noch heutiges Tages eines rech- ten derben Kuͤchen Schillings werth. Dem beruͤhmten Moͤnch des Barfuͤßer- Augustiner- Ordens, Pat. Abra- ham von St. Clara, waͤre vielleicht nach einiger Meynung ebenfalls ein Platz allhier in dem Gelehrten Narren anzuweisen, zumalen er, in Wien selber, nur insgemein der Pater Fabel-Hanns genannt worden. Allein ich vor meine Person bekenne, daß obgleich seine Predigten und Schrifften, fast durch die Banck, mit laͤcherlichen Expressionen und lustigen Histoͤrgen angefuͤllet; ich meines Orts dennoch allenthalben eine herrliche Moral daraus hervor leuch- ten sehe. Mehr zur Lust, als den Pater Abraham von St. Clara zu blami ren, will ich indessen einige Dinge kuͤrtzlich erzehlen, wie sie in seine Predigten und Schrifften einigeflossen sind. Einstmals sagte er, unter andern, in einer Predigt: Weiberl! Encks (euch) recommandi re ich einen Fisch zum Exempel und zur Richt- schnur eures Lebens. Denn ein Fisch spricht nit ein Woͤrtlein. Fasset ihn an beym Kopff, oder beym Schweiff, thut mit dem- selben was ihr wollet, und schlachtet ihn, er wird nit schreyen. Also sollt auch ihr gegen eure Maͤnner seyn, geduldig wie ein Fisch, wann gleich die Maͤnner bißweilen wunderlich find. Wollet ihr aber ja etwas reden, so recommandi re ich euch wieder einen Fisch zum Beyspiel, und zwar jenen, aus dessen Maul Silber hervor kommen. Als nemlich unser Heyland einstmals in Judea herum wandelte, so schnautzten ihn die Roͤmischen Mauthner halter sehr hart an, und sprachen: Wie haͤlts? den gebuͤhrenden Zoll-Groschen her. Da wandte sich der HErr zu Petro und sprach: Mein Peter! Die Mauthner seynd schlimme Leute mit denen man sich nichts zu schaffen machen muß. Mein, gehe geschwind hin an das Meer. Da wirst du einen Fisch sehen, den fange, mache ihm das Maul auf, auf, und nimm einen silbernen Groschen heraus, welcher darin- nen liegt. Solchen silbernen Groschen bringe her, und bezahle damit den Mauth vor mich und vor dich; welches alles also gesche- hen und erfolget ist. Wann ihr demnach lieben Weiberl! ja etwas reden wollet, so muͤsset ihr, eben wie dieser Fisch einen silbernen Groschen, lauter guldene und silberne Worte aus eurem Mun- de gehen lassen, und zu euren Maͤnnern sprechen: Mein gulde- ner Hanns-Michel! Mein silberner Stoffel! Mein guldenes Naͤrrl! Wie bist dann heut so wunderlich. Ey mein! Sey doch gscheut! Ich will ja alles gerne thun, was du nur von mir ver- langest. Ich wette, Weiberl! mit encks, daß wann eine jedwede meiner Lehre folgte, sie manche Maultaschen, und manche Faun- tzens auf die Goschen nit bekommen wuͤrde. Ein andermahl ist der Pater Abraham von St. Clara auf die Cantzel getre- ten, und hat, bald im Anfang seiner Predigt, sich also heraus gelassen: Heute muß ich euch, ihr meine lieben Zuhoͤrer! ein Raͤtzel auf- zurathen geben, darum mercket alle wohl drauf. Das Raͤtzel ist: Wer den Teuffel lieb hat! der kommet nit zum Teuf- fel. Wer ihn aber nit lieb hat, der kommt zum Teuffel. Nun rathe wer da rathen kan. Allein ich sehe schon, daß es Nie- mand errathen wird, sondern ich muß euch selber den Sluͤssel dar- zu geben. Hoͤret zu! wann man einen armen Mann siehet, wel- cher hungerig und durstig ist, auch zerlumpt, ja wohl gar na- ckend und bloß herum gehet, so pfleget man gemeiniglich zu sa- gen: O der arme Teuffel! Wer nun einen solchen armen Teuffel lieb hat, ihn speiset, traͤncket und kleidet der kommt nit zum Teuf- fel. Wer ihn aber nit lieb hat, und nit barmhertzig gegen ihn ist, der kommt zum Teuffel, und faͤhret zu ihm in die Hoͤlle. Ingleichen hat man den Pater Abraham von St Clara einstmahls auf der Cantzel sagen hoͤren: Wer nit will in den Himmel, den holt der Teuf- fel fel auf seinem Schimmel. Item: Mancher denckt, wann er nur ein Weib an dem Halse hat, so waͤre schon alles gut und er seye bereits in dem Himmel. Ja, im Himmel, du Limmel! Du bist noch weit entfernet davon, und hast die Hoͤlle bey lebendigem Lei- be auf dem Hals. Von einer ledigen Weibs-Person, welche, ihrer Mutter unwissend, ein unkeusches Leben gefuͤhret, und schwanger worden war, spricht er an ei- nem gewissen Ort in seinen Schrifften: Das Muͤtterl meynte, das Toͤch- terl waͤre noch eine Jungferl; allein das Toͤchterl hatte bereits ge- muͤtterlt. Im uͤbrigen fuͤhren fast alle seine Schrifften einen laͤcherlichen Titel, als z. E. Judas der Ertz-Schelm; Vogel friß oder stirb; und dann: Gick, gack, gack ein A. Welchen Titel er einem Buch gegeben, indem er ein in Bayern gelegenes Closter beschrieben, welches an einem Ort erbauet worden, woselbst eine Henne ein Ey geleget, auf dem sich das Bildniß der Heil. Jung- f rau Mariaͤ dermaßen natuͤrlich præsenti ret haben solle, daß man es auch mit Menschen-Haͤnden nicht schoͤner haͤtte mahlen koͤnnen. Einer von denen groͤsten gelehrten Narren aber, die unter denen Roͤ- misch-Catholischen Geistlichen anzutreffen, mag wohl derjenige seyn, wel- cher vor einiger Zeit zu Straßburg eine so gar unmaͤßige und absurde Schmaͤh-Schrifft wider die Protestan ten ausfliegen lassen, Gleich der Ti- tel giebet ein vollkommenes Zeugniß, daß der Autor ein Ertz-Narr seyn muß, wann es heisset: Friß-Vogel, oder stirb! Das ist, Ein, wegen dem wichtigen Glaubens-Artickul des Christenthums, von der wahren Kirchen, mit allen uneatholischen Prædican ten scharff vorgenommenes Examen und Tortur. Er spricht auf eine recht unvernuͤnfftige Art, es koͤnne GOtt nicht GOtt seyn, wann nicht die Roͤmisch-Catholische Kirche die rechte und wahre, allein seligmachende Kirche waͤre. Auch giebt derselbe als eine ausgemachte Wahrheit vor, Kayser Maximilianus I. habe zu Aug- spurg, beym Reichs-Tage, mit seinen Augen gesehe n , daß Luthero der Teuffel auf der einen Schultern gesessen seye. Ein anderes klares Zeug- niß von der Narrheit ist auch dieses, daß die Vorrede weitlaͤufftiger ist, als der gantze uͤbrige Theil des Wercks. An An einem gewissen Orte spricht dieser Narr, Die allgemeine Kirche Christi ist allezeit eine reine Jungfrau und getreue Gesponß ver- blieben. Die Sectirischen Kirchen aber find Teuffels- Canaillen und Antichrists- Trabanten-Buddeln. Eine hurt mit diesem Hauffen, die andere mit jenem, die Dritte wiederum mit einem be- sondern, und sofort an. Sie schelten, schlagen, rauffen und zer- ketzern sich unter einander aͤrger, als die freche schamlose Armée- Huren, und wollen doch lauter Jungfrauen seyn. Weil aber die Lutherische, Calvinische, Widertaͤufferische, Socinianische ꝛc. Prædican ten par force wollen dafuͤr angesehen seyn, daß sie die Catholische Kirche! oder, wie sie reden, die Apo- calipti sche rothe Hure, durch ihre Reformation wieder ehrlich ge- machet, so rathe ich ihnen, daß sie derselben ins kuͤnfftige fleißig wollen auf die Fuͤsse sehen, damit sie ja nicht wiederum nebenaus gehe. So kans wiederum geschehen. Horatius sagt gar recht: Quo semel est imbuta recens servabit odorem Testa diu. Jung gewohnt, alt gethan. Zwar was rathe ich euch Herren? Hat Christus, der Heil. Geist, und die von ihnen bestellten Lehrer und Hirten, dieselbe nicht huͤten koͤnnen, sondern geschehen lassen muͤssen, daß sie, wie ihr saget, uͤber tausend Jahre lang, mit allen Voͤlckern auf Erden gehuret hat, wie wolt dann ihr falsche uneinige Judas- Bruͤder sie huͤten. Hier haben auch alle Uncatholische zu mercken, daß wann die Catholische Kirche eine Teuffels-Hure ist, wie ihre Prædican ten sa- gen, sie alle uͤber einen Hauffen Teuffels-Huren-Kinder seynd. X Denn Denn von dieser Babilonischen Teuffels Hure kommen sie ur- spruͤnglich her, sintemaln ihre Vor-Eltern saͤmmtlich Catholisch gewesen. Jetzt gehet hin, ruͤhmet euch alles dessen bey denen Ju- den und allen Unglaͤubigen, und vernehmet alsdann, was sie von Christo und denen Christen halten werden. Ewiger GOtt, sagt der gelehrte Jesuit Georgius Heidel- berger, wie wird bey diesen Articuln sowohl das Judenthum als die Heydenschafft, samt vielen Millionen einfaͤltiger Christen ge- aͤrgert, der Name Christi unsers wahren GOttes gelaͤstert, und die Stifftung seiner Kirche verhoͤnet! Freylich, GOtt erbarms! Aber wer ist Schuld daran als die laͤsterlichen Reformatores, und verzweiffelte Prædican ten. Liebe uncatholische! Hat die Kirche gefehlet, oder kan sie fehlen, wie euch die Prædican ten bereden, wie unsinnig haben dann eure Vor-Eltern gehandelt, ja wie unsinnig handeln noch heut zu Tage diejenigen, so vom Catholischen Glauben abfallen, Lu- therisch, Calvinisch Wiedertaufferisch, Socinianisch, oder sonst Uncatholisch werden, indem sie nicht versichert seynd, ob ihnen diese Kirche, zu welcher sie sich begeben (gesetzt, daß sie auch die wahre Kirche waͤre) Wahrheit oder Luͤgen zu glauben fuͤrhalte, weil sie fehlen kan, und also ihre Anhaͤnger jaͤmmerlich betrie- gen. Was die Prædican ten hierwieder einwenden, ist lauter grundloses Geschwaͤtze. Ist aber die Kirche nicht in Irrthum gerathen, auch nicht unsicht b ar, vielweniger zur Babylonischen Hure worden, so war auch nichts an ihr zu reformi ren, nichts zu saubern, nichts ehrlich zu machen, wie alle vernuͤnfftige Creaturen urtheilen muͤssen. War aber nichts an ihr zu reformi ren, so ist die vorgeschuͤtzte Re- Reformation Lutheri, Calvini, Muntzeri, Schwenckfeldi, Serveti und aller andern Gesellen, welche mit Luthero entstanden, und sich fuͤr Reformirer der Kirche ausgegeben, nichts anders, als ein blinder Nebel, Affenspiel, Welt-Betrug, Gotteslaͤsterung, und vom Teuffel, zur Vermehrung seines Reichs angestellte Seelen- Jagd. Denn was haben diese verfluchte Buben, und uneini- ge Ertz-Ketzer zu reformi ren gehabt, wo nichts zu reformi ren war? Ist aber ihre Reformation, Religion und Glaube ein solches Greuel-Wesen und teuffelische Seelen-Jagd, wer mag dann laͤn- ger Lutherisch, Calvinisch, Wiedertaͤufferisch, Socinianisch ꝛc. seyn. Mit einem Wort, wer mag dann laͤnger in aͤusserster Seelen-Gefahr Uncatholisch seyn, bleiben, oder ins kuͤnfftige Uncatholisch werden? Wahrhafftig Niemand, er seye dann gar an GOtt und seinem ewigen Seelen-Heyl verzweiffelt, oder aber von GOtt verlassen, und vom Teuffel voͤllig bezaubert. Hier lasse ich nun euch Prædican ten die Wahl, antwortet was ihr wollet, so seyd ihr geschlagen. Es ist kein Mittel-Weg, sondern heist: Aut vincere aut mori, Friß Vogel; oder stirb! Nur heraus mit der Sprache, ich biete euch allen Trutz. Bey dem Anfang des zweyten Capitels dieses naͤrrischen Buchs heisset es: Sagen die Herren Prædican ten es seye nicht die wahre, stets sichtbare und unfehlbare Kirche, so seynd wir dessen zufrieden; bitten nur alle und jede sich von dieser falsch Evangeli- schen Nagel-neuen Winckel- Synagoge abzusondern. Sagen aber die Herren Prædican ten, die Lutherische Kirche seye die wahre, stets sichtbare und unfehlbare Kirche Christi, so frage ich sie weiter: Wo ist dann die Lutherische Kirche, von derer Apostel Zeit an, X 2 bis biß aufs Jahr Christi 1517. gewesen? Nennet uns die Lehrer, wel- che biß daher durch alle Secula das Lutherische Evangelium rein ge- prediget, und die Lutherischen Sacramenten ausgetheilet? Dic quibus in terris, \& eris mihi Magnus Apollo? In welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorff ꝛc. ist solches alles sichtbar gewesen, und oͤffentlich geschehen? Wie haben die Voͤlcker geheissen, welche aus der Heydenschafft, durch die stets offenen Thore der Lutherischen Kirche eingegangen, das allezeit reine Lutherische Evangelium angehoͤret, angenommen, ge- glaubet und die Lutherischen Sacramenten empfangen? Zeigt uns an die Ketzereyen, welche von dieser allezeit gewesenen sichtbaren Lu- therischen Kirche ausgegangen, dieselbe bestritten, und mit denen Juden und Heyden verfolget, und das uͤber 1500. Jahre lang, wie Luther redet? Denn ihr wisset wohl, daß viel sagen, und nichts beweisen, nirgends Platz findet. Hic piscibus magis muti. Bey diesen Fragen, Christlicher Leser! erstummen alle Prædican ten. Damit sie aber bey denen Ihrigen nicht davor angesehen werden, respondent quid pro quo, geben sie unter- schiedene lahme Antworten, machen allerhand uͤberzwerge Spruͤn- ge daher, reden das, so zur Sache gar nicht dienet, fangen endlich an Wind zu machen, und zu luͤgen, daß sie moͤchten schwartz wer- den, und sagen: Daß vor Zeiten im Pabstuhm viele Bekenner Christi, viele fromme Nicodemiter, viele seufftzende Simeones und Annæ gewesen, welche das unverfaͤlschte Wort GOttes, und die rechte Bedienung derer heiligen Sacramenten gehabt, auch dem Pabstlichen Irrthum nicht von Hertzen beygepflichtet, und also selig worden ꝛc. Durch diese bodenlose Geschwaͤtze betriegen sie, leider! das arme Volck jaͤmmerlich, welches auch blindhin glaubet, daß auf sol- solche Weise ihre Lutherische Kirche seye sichtbar und unfehlbar bestanden. Ich aber will denen Finsterniß-liebenden, luͤgenhafften Prædi- can ten, um ihren Seelen-Betrug recht zu entdecken, das Gebiß dergestalt einlegen, daß sie vor aller Welt abermal sprachloß sollen zu Schanden werden. Denn fuͤrs erste sage ich, daß obiges Vorgeben ein leeres Præ- dican ten-Geschwaͤtze seye, welches nicht nur in der Bibel keinen Grund hat, sondern auch wider die Heil. Schrifft, wider den Heil. Augustinum, wider Lutherum und ihre eigene Glaubens-Be- kaͤnntniß streitet, als welche saͤmtlich von solcher Winckel-Christen- Kirch nichts wissen. Zum andern antworte ich, daß die Prædican ten, indem sie sol- ches sagen, die gantze Welt wollen zu Narren machen; oder doch der gantzen Welt zeigen daß sie Narren seynd. Dieses alles erwei- se ich mit mehrerm also: Von denen heimlichen Bekennern Christi, frommen Nicode- mi tern, seuffzenden Annen, welche Lutherisch gewesen seynd, ehe Luther, geschweige sein Evangelium, aus der Schalen gekrochen, und oͤffentlich zu rumo ren angefangen, weiß die Schrifft nichts, ja sie verdammet vielmehr solche heimliche Nacht-Voͤgel. Darum bin ich auch nicht schuldig, die hochtrabenden Prædican ten-Reden, da nichts hinter ist, anzunehmen, vielweniger zu glauben. Daß aber die Heil. Schrifft von solcher Winckel-Kirche nichts weiß, ist gewiß. Denn sie thut durchgehends Meldung von einer sichtbaren Heerde, von denen stets-bleibenden Lehrern und Hir- ten, welche allezeit oͤffentlich diese Heerde oder Christliche Schaͤff- X 3 lein lein sollen weyden, und die Woͤlffe davon abtreiben; die unglaͤubi- gen Voͤlcker aber, oder zerstreute irrende Schaafe, fuͤhren zu der Wahrheit, welche allenthalben oͤffentlich geprediget werden solle. Hernach redet die Heil. Schrifft von einer solchen Kirche, welche wider die Macht derer Hoͤllen-Pforten unuͤberwindlich bestehen wird, dahero sie auch haben will, daß man dieser Kirche folgen, sie Raths fragen und hoͤren solle. Warum kommen dann die Prædi- can ten mit solchen heimlichen Winckel-Christen aufgezogen? Ha- ben sie sonst nichts? Seynd daß die Lehrer, welche auf denen Daͤ- chern geprediget, Matth. X. 27. Fort mit solchen Lumpereyen, ihr elenden Fabel-Hannsen! Und gesetzt, daß dergleichen Nicodemi ter im Pabstthum ge- wesen, so sagt her, lieben Prædican ten, welchergestalten ihnen euer Lutherisch Evangelium, nach heutigem Fuß seye rein gepre- diget, und eure zwey oder drey Sacramenten auf Lutherisch ge- reichet worden, daß solches die uͤbr i gen Papisten nicht gemercket? Ich sage zwey oder drey Lutherische Sacramenten. Denn die armseligen wissen selbst nicht so genau, wie viel sie haben, zwey oder drey mehr oder weniger. Sie nehmen es nicht so genau, um ein paar Sacramente auf oder ab, wann nur etwas da ist, das den Namen hat, es seye weiß, schwartz oder scheckigt. Die Luthe- rischen wollens so haben, recht so. Weiter mag ich aus diesem absurd en und unvernuͤnfftigen Buche nichts an- fuͤhren. Das angezogene zeiget die Narren-Kappe des Autoris genugsam; und von dem Rest kan ich so viel versichern, daß er nicht besser, sondern noch weit aͤrger, leichtfertiger und naͤrrischer ist. Ich thue dem Autori dieses leichtfer- tigen Buchs mitlerweile noch zu viele Ehre an, daß ich ihn unter die Zahl derer Gelehrten Narren setze, und nicht vielmehr gar unter die Canaill en, Hundsfuͤter und Bernheuter rechne. Denn er schimpfft und schilt nicht allein Lutherum und Calvinum vor Lotter-Buben, sondern sagt auch gantz ungescheuet, daß alle die- diejenigen, welche ihrer Lehre beypflichten, en general, sie moͤgen seyn wer sie wollen, zum Teuffel in die Hoͤlle fahren muͤssen, Wer ist indessen der Mann, der so hefftig redet? Ein Studiosus Theologiæ, und zur Zeit noch ein purer Schuͤler der Jesuiten. Ey! so lache vielmehr uͤber den G elb -S chnabel und unreiffen Eyfferer, als daß du dich uͤber ihn aͤr- gern woltest, doͤrffte mir vielleicht einer sagen. Allein die Sache ist nicht laͤ- cherlich, sondern seine Expressiones allzugrob und allzuunbescheiden, endlich auch um so viel wichtiger, weil auf dem Titel geschrieben stehet; Cum Ap- probatione \& Superiorum Permissu. Der Maul-Affe, indem er wegen der sichtbaren Kirche disputi ret, und behaupten will, daß solches die Catholische, nemlich die Roͤmisch Catholi- sche, jederzeit gewesen seye, saget und ruͤhmet sich, nur in denen allhier ange- zogenen Passag en bey nahe zehenmahl, er habe nunmehro die Evangeli- schen stumm und sprachloß gemachet ; da doch auf eben dieses Vorgeben de- rer Herren Roͤmisch-Catholischen bereits viel tausendmal gruͤndlich geant- wortet worden, ja ein jedweder Evangelischer Schuͤler capable ist, denen Herrn Roͤmisch-Catholischen tausend Gruͤnde desfalls entgegen zu setzen. Er spricht, mann wisse Catholischer Seits nichts von Winckel-Kirchen und heimlichen Versammlungen, sondern seye mit der reinen Lehre allezeit an das helle Licht getreten. Waͤre aber der Autor kein Ignorant in der Kirchen- und andern Historie, muͤste ihm bekannt seyn, daß die Christ- liche Lehre, selber in der Stadt Rom bey nahe dreyhundert Jahre lang, an- ders nicht als heimlich, in tiefen unterirrdischen Hoͤlen, Gewoͤlbern und Kellern getrieben worden, woraus man die armen versammleten Christen oͤffters Hauf- fen-weise gezogen, und sie zur Schlacht-Banck gefuͤhret. Auch koͤnte ihm nicht unbekannt seyn, daferne er ein Historicus waͤre, daß in einem jedweden Seculo, von derer Apostel-Zeiten an, allezeit solche Maͤnner aufgetreten, welche so ge- lehret und geprediget, wie Lutherus, nehmlich der Heil. Schrifft gemaͤß; ob man sie gleich nachhero verfolget, ja gar erwuͤrget hat. Die Kirche ist dem- nach allezeit sichtbar genug gewesen, wann sie schon aus einem sehr kleinen Haͤufflein bestanden, und kaum etliche Personen ausgemachet, die das Zei- chen des Thieres nicht an ihrer Stirne geschrieben gehabt. Wiewohl der naͤrrische Autor statui ret, die Catholische Kirche seye allemal recht hellglaͤntzend gewesen, dergestalt, daß sie vom Anfang her her, mit klingendem Spiel, Trommeln und Pfeiffen, und fliegenden Fahnen marchiret, wie noch heut zu Tage folches bey Procession en gebraͤuch- lich ist. Item, daß sie allezeit mit Purpur geglaͤntzet, worinnen der Papst und seine Cardinæle prangen. Ja, daß man jederzeit Monstran- tzen aufgesetzet, oder auf denen Gassen einhergetragen, die von Gold und Edelgestein geglaͤntzet, wie die helle Sonne; und daraus schluͤsset er, daß solches nothwendiger Weise die wahre Kirche seyn muͤsse. Aber du elender Marck-Schreyer, wo denckest du doch hin? Weist du nicht, daß Christus, indem er seine Kirche auf Erden eingesetzet und befestiget hat, ihr zu gleicher Zeit gewisse Characteres und Merckmahle beygeleget, woran man sie und alle die Seinigen erkennen solle? Weist du es nicht, so schlage nach, und halte alsdann das Portrait, welches Christus von seiner Kirche gemacht, gegen die praͤchtige und glaͤntzende Gestalt der Roͤmisch-Catholischen Kirche. Ach da wirst du einen sehr grossen Unterscheid finden. Hiernechst spricht ja Chri- stus. Mein Reich ist nicht von dieser Welt ꝛc. Item: Die weltlichen Fůrsten herrschen, und die Gewaltigen heisset man gnaͤdige Herren; ihr aber nicht also. Gleichwohl thut der Pabst das Widerspiel. Er me- li ret sich in die meisten weltlichen Haͤndel, und prætendi ret uͤber Kayser, Koͤ- nige und Fuͤrsten, Kurtz zu sagen, uͤber die gantze Welt zu herrschen, hat sich auch schon mehr als einmahl unterstanden, Koͤnigreiche und Fuͤrstenthůmer in der Welt, nach, seinem Gefallen zu verschencken und auszutheilen. Ich fra- ge ob dieses ein Merckmahlist, woran man das sichtbare Ober-Haupt der præ- tendir ten wahren Kirche erkennen koͤnne? Das Evangelium, welches bey denen Evangelischen geprediget wird, nen- net dieser tolle Schreyer ein Lutherisches Evangelium; da es doch anders nichts als das klare, aus H eil. Schrifft gezogene, Wort GOttes ist. Auch beschuldiget er uns Evangelische, als ob wir nicht wuͤsten, wie viele Sacramenta wir statui ren solten, zwey oder dreye; da doch in unserm Cato- chismo schon zweyhundert Jahre lang mehr nicht als zwey zu finden. Beym Anfang der Reformation hat man freylich uͤber die Zahl derer Sacramenten disputi ret, solche aber bald hernach auf zwey feste gesetzet. Wuͤste der vor Eyffer brennende Haase, daß auf Roͤmisch Catholischen Conciliis, in denen alten Zeiten mehr als einmal die Frage von der Zahl derer Sacramenten auf das Tapet ge- kommen, und von einigen schon biß auf dreyßig und noch mehr angetragen wor- worden, wuͤrde er vielleicht mit mehrerer Behutsamkeit von dieser Materie ge- schrieben haben. Er spricht auch, wer doch jemahls die Sacramenta nach Lutheri- schen Fuß gereichet und administri ret habe? und das ist abermal ein kla- res Anzeigen der grossen Ignoran tz dieses unvernuͤnfftigen Menschen, als welcher nicht weiß, daß das Heil. Abendmahl gantzer zwoͤlffhundert, Jahre von de- rer Apostel Zeiten an, nach Lutherischen Gebrauch, das ist unter beyder- ley Gestalt, ausgetheilet, biß man endlich denen Laͤyen den Kelch entzogen hat. Von der Tauffe derer Evangelischen oder Protestan ten aber ist ja ohne diß bekannt, daß sie von der Roͤmisch-Catholischen Kirche vor eben so guͤltig ge- achtet wird, wie ihre eigene. O unvernuͤnfftiger und ungluͤckseeliger Straß- burgischer Raisoneur! In Summa, dieser tolle Hund bellet uns Protestan ten an, weil wir 1) nicht wie er, den Papst vor einen Herrscher und Herrn uͤber den Kayser, Ko- nige und Fuͤrsten, ja uͤber die gantze Welt erkennen, mit der er, absonderlich mit denen Landen derer so genanten Unglaͤubigen, worunter die Roͤmisch Ca- tholische Clerisey auch uns Protestan ten als Excommunicir te rechnet, nach seinem Gefallen disponi ren moͤge. 2) Nicht, wie er, tumm und blindlings hin glauben, was der Pabst und seine Clerisey schwatzet, sondern alles vorhero nach dem Probier-Stein H eiliger Schrifft und des goͤttlichen Wortes pruͤffen und untersuchen wollen. 3) Nicht, wie er, vor denen Bildern auf die Knie niederfallen, welcher Bilder-Dienst erst im siebenden Seculo feste gesetzet worden. 4) Nicht, wie er, die Heiligen um ihre Vorbitte bey GOtt anruffen, son- dern mit unserm Gebet recta zu GOtt selber gehen, und uns in seine Arme werf- fen, die er aufs liebreichste nach uns ausstrecket. 5) Nicht, wie er, uns um die Verdienste derer Heiligen bewerben, daß sie uns nemlich bey unserer Seligkeit zu statten kommen solten, sondern unser Heyl eintzig und allein auf das Verdienst JEsu Christi setzen. Y 6) Nicht, 6) Nicht, wie er, den Rosen-Crantz immer in der Hand haben, noch ein Ave Maria hinter dem andern ohne Andacht daher murmeln, sondern, an statt deren, andere andaͤchtige Gebeter verrichten. 7) Nicht, wie er, das Fegfeuer statui ren, weil uns Christus und seine Apostel von diesem wichtigen Glaubens- Punct nichts gesaget haben; obgleich im uͤbrigen das Fegfeuer eine Sache ist, wodurch die Moͤnche und andere Geistliche stattlich gemaͤstet und ernehret werden. 8) Nicht, wie er, Weyh-Wasser zu Hause und in der Kirche nehmen, noch sonst unsere Zuversicht, unser Gluͤck und unsere Hoffnung auf geweyhete Din- ge setzen, sondern sie allein in dem H ochheiligen Namen GOttes bestehen lassen. 9) Nicht, wie er, Messe hoͤren, noch vermeynen, es komme darauf das Haupt-Werck des gantzen Christentuhms an. 10) Nicht, wie er, die Ohren Beicht, sondern an deren statt ein Gene- ral- Bekaͤnntniß derer Suͤnden statui ren; allermassen die Clerisey, durch die Ohren-Beichte, nur die Geheimnisse des Layen-Standes erforschet sich, solche zu Nutzen, und sich zu gleicher Zeit zu Herren uͤber die Gewissen zu machen. 11) Nicht, wie die Roͤmisch-Catholische Kirche will, unter einerley Gestalt communici ren, welches in der Roͤmisch-Catholischen Kirche, ausser der Messe, auch die Priester thun muͤssen. 12) Nicht, wie er, die Transsubstantiation statui ren; obwohl wir Luthe- raner sonst glauben daß wir beym Heil. Abendmahl Christi Leib und Blut wesentlich genug empfangen. 13) Nicht, wie er, die Priester-Ehe verwerffen, welche erst im 11ten Se- culo vom Papst Gregorio VII. sonst Hildebrand genannt, verboten worden. 14) Nicht wie er, die letzte Oelung vor etwas zur Seligkeit absolument nothwendiges halten. 15) Nicht 15) Nicht wie er, durch die guten Wercke gerecht werden wollen, son- dern bloß durch den Glauben, ob wir gleich lehren, daß die guten Wercke mit dem Glauben auf das genaueste muͤssen verknuͤpffet seyn. 16) Nicht, wie er, die Verfolgung in Religions und Gewissens Sachen statui ren, noch sagen, daß es recht seye, Hencker, Marter, Quaal und Pein zu employ ren, die Religion dadurch auszubreiten. 17) Nicht wie er sagen, Hæreticis non est servanda fides, das ist, man muͤsse K etzern, oder solchen Leuten, die mit uns nicht einerley Religion haben, keine Treue, keinen Glauben, keine Eydschwuͤre, keine Friedens- Schlůsse, keine Pacta, keine Versprechung \&c. halten. Dieses sind justement die Ursachen warum uns dieser unverschaͤmte Kerl laͤstert, verdammet, verfluchet. Im uͤbrigen bedencket er nicht, das wir eben sowohl wie die Roͤmisch-Catholische Kirche, ein eintziges goͤttliches Wesen in dreyen Personen glauben und verehren. Item, daß wir Christum vor unsern eintzigen Heiland, Erloͤser und Seligmacher halten. Ferner wie die Haupt- Regel unserer Religion, bey diesem Glaubens-Bekaͤnntniß, diese ist, daß wir GOtt ůber alles fůrchten, von gantzem Hertzen, von gantzer Seelen lieben, und ihm allein vertrauen, auch unsern Nechsten als uns selber lieben můssen; auf welche Weise, und wann ein jedweder nur dieser Regel folgte, alle Suͤnden cessi ren wuͤrden. Daß aber solches von denen wenigsten beobachtet wird, solches beklagen wir leider! und lehren indessen, daß kein wahrer, bekehrter, in der Gnade GOttes stehender Christ in wirck- lichen und herrschenden Sůnden leben muͤsse, oder aber, er koͤnne ande- derergestalt keinen Theil am Reiche GOttes haben. Endlich muß ich noch dieses anmercken, daß dieser unverschaͤmte Laͤsterer spricht, K ayser Carolus V. habe zwar anfangs das Exercitium der Aug- spurgischen Confession im Roͤmischen Reiche erlaubet, hernach aber, durch einen Reichs-Abschied wieder verboten. Das wissen wir wohl. Allein warum redet der Laͤsterer nichts vom Passauischen Religions- Frieden, wodurch das freye Religions-Exercitium derer Protestan ten im Roͤmischen- Reiche auf das herrlichste versichert und feste gesetzet worden? Warum geden- cket er auch nichts vom Westphaͤlischen Frieden, worinnen solches Religions- Y 2 Exer- Exercitium nochmahls bekraͤfftiget und versichert ist? welchen Frieden die Cro- ne Franckreich selber garanti ret hat. Aber da schweiget Matztasche gantz stille davon, entweder aus grosser Ignoran tz, oder aus einer mehr als teuffelischen Boßheit. Er hat seinem Laͤster-Buch einen weitlaͤufftigen Extract aus Lutheri Tisch-Reden beygefuͤget, der aber keinesweges unverfaͤlscht, sondern da und dorten mit Unwahrheiten angefuͤllet. Hernach so muß dieser Laͤsterer auch wissen, daß obgleich Buͤcher verhanden seynd, welche Lutheri Tisch-Reden heissen, dieselben dennoch von ihm keineswegen edi ret worden, sondern daß sol- ches andere Leute etlich und zwantzig Jahre nach seinem Tode gethan, die nach ihrem Gefallen hinein geschmiert haben, was sie gewolt. Vierdte Ahandlung . V On denen Vorurtheilen, welche die Menschen bißweilen von Kindes- Beinen an, einzusaugen pflegen, kommet allerdings ein sehr grosser Theil des Verderbs in dem Gelehrten Wesen her. Der geehrte Herr Magister, oder der Herr Informator plaudert sie zu Hause hinterm Ka- chel-Ofen oder beym Camin seinen Untergebenen vor. Als dann haͤlt der liebe Herr Rector und Conrector auf Schulen eben dergleichen Discurse, und der Lernende wird in denen bereits zu Hause eingesogenen Vorurtheilen bekraͤffti- get. Ziehet er hernach auf Universitæ ten, fuͤget es sich gar leichtlich, daß er abermahl solche Professores, Doctores und Magistros legentes antrifft, die eben so schwatzen, wie der Herr Præceptor zu Hause und pedanti sche Schul-Mo- narchen getahn. O da muß nun vollends in dem Gemuͤthe des Studierenden diese und jene falsche Meynung, dieser und jene falsche Lehr-Satz, vor eine ewige Wahrheit passi ren. Wann ich den Menschen, nach seinen innwohnenden Kraͤfften des Ver- standes betrachte, er mag unter die Zahl derer Gelehrten oder Ungelehrten ge- hoͤren, so sehe ich, daß er nach der erlangten Klugheit vernuͤnfftig zu raisoni ren, und und nach der eingewurtzelten Boßheit, fein tumm und thierisch zu leben, sich entweder in einem gebesserten oder verderbten Zustande befinden muͤsse. Aber dieser letztere Stand des Menschen, welchen die Theologi insge- mein corruptum, die Mystici bestialem, die Philosophi naturalem zu nen- nen pflegen, ist um so vielmehr mit Haͤnden zu greiffen, als bekannt, daß die Menschen von Natur in einer angebohrnen Ignoran tz, absurden Confu- sion, und unvermeidlichen Obscurité biß uͤber die Ohren stecken, aus wel- chen angebohrnen Fehlern dann hernachmals, als aus einer verderbten Quelle, alle Vorurtheile des Verstandes Strom-Weise hervor kommen. Daher finden wir in praxi auch unter denen, die par force gelehrt seyn wollen, wunderliche Heilige, welche eben so von einer Sache, wie der Blinde von der Farbe, und der Taube vom Klange urtheilen, ihre Gedancken, so ordentlich wie ein tiefsinniger und melancholi scher Metaphisicus, und ihre gefasten Idéen so deutlich vorzustellen wissen, daß man mit Recht von solchen gelehrten Pota- gen- Machern sagen kan, was jene unbarmhertzigen Nachrichter oder Censores von eines ehrlichen Professoris Commentario in Apocalypsin Johannis geurthei- let haben, nemlich: Man muͤste meynen, daß dieser Commentarius nicht wegen der Offenbarung St, Johannis, sondern die Offenbarung St. Jo- hannis wegen dieses neuen Commentarii geschrieben worden waͤre. Mittlerweile solte ein jedweder Gelehrter in seiner besondern Disciplin trachten, die anklebenden Fehler derer Menschen nach allen Kraͤfften zu verbes- sern, und der Entzweck aller Disciplin en eintzig und allein dahin gehen, daß denen verderbten und in blinden Vorurtheilen ersoffenen Leuten, theils die geistliche, theils die buͤrgerliche und leibliche Gluͤckseligkeit zuwege gebracht wer- den moͤge. Hieraus kan ein jedweder, der noch ein Quintlein Witz in seinem Gehirn heget, um so viel eher erkennen, wie hoͤchst-nothwendig es seye, daß ein jedweder auf sich, und auf seinen verderbten Zustand selber, vor allen Dingen, wohl Achtung geben muͤsse. Dahero ist das Errare bey denen Men- schen nicht allein humanum, sondern auch necessarium. Ich will so viel sa- gen, daß Fehlen und Irren bey denen Leuten, sie moͤgen von Condition seyn wie sie wollen, nach ihrem verderbten Zustande unumgaͤnglich seye weil es nicht moͤglich ist, daß ein Mensch, und wann er auch Doctor Doctorum, ja Magister Seraphicus \& Anglicus, oder ein Trismegistus omnium Scientiarum waͤre, auf einmal alle Umstaͤnde gantz genau einsehen koͤnne. Deswegen pfleget es auch insgemein zu geschehen, daß sobald die Gelehrten die Incar- Y 3 cera- ceratos limites judicandi verlassen und extra principia certa \& recepta herum vagir en, sie gantz unvermerckt in das Labyrinth des schaͤdlichen Irrthums ver- fallen. Aus dem verderbten Zustande nun entstehen nachgehends die Judicia insana, febriculosa, \& ab omni ratione aliena die tumme einfaͤltige und alber- ne Raisonier- Kunst, aus welchen ungereimten und ungegruͤndeten Judiciis hernach die einfaͤltigen Præjudicia zu entspringen pflegen. Hingegen aus dem gebesserten Zustande kommen hervor die Judicia sana, accurata, \& bona volun- tatis humanæ decreta, weil man alsdann nicht nach seinem wunderlichen Ge- nie und tollen Caprice, sondern nach der Sachen Beschaffenheit ohne eintzi- ges Interesse, positis \& demonstratis probandi principiis taisoni ret. Es ist ge- wiß daß den Wachsthum und das Aufnehmen aller nuͤtzlichen Kuͤnste und Wissenschafften nichtsmehr als das ungluͤckliche und ungereimte Raisoni ren verderbet, und glaube ich gaͤntzlich, daß ein jedweder vernuͤnfftiger Mann hierinnen mit mir eines Sinnes seyn wird, wie dem Wachsthum derer Disci- plinen nichts mehr als die geschickten und un passionir ten Judicia aufgeholffen, und im groͤsten Flor erhalten haben. Denn die Menschen sind nach ihrem verderbten Appetit, gemeiniglich so geartet, daß sie jederzeit dasjenige zu billi- gen pflegen, was von dem meisten Hauffen, zumal wann der Raisonneur præ- sumtive Dignitatem und Merita vor sich hat, daß ist, wann er entweder ein Do- ctor Excellentissimus, Magister præstantissmus, und Pastor vigilantissimus heis- set, gebilliget worden ist, weil sich solche elende Leute insgemein einbilden, wann sie grosser und vornehmer Gelehrten Judicia annaͤhmen und billigten, sie alsdann, als junge Raths-Herren in sententionando \& dicendo nicht ir- ren koͤnten. Allein wie miserable solche Consiliarii und vermeynte Oracula denen jungen Leuten rathen, solches zeiget der Ausgang leider! oͤffters mehr als zu klar, weil sie, wann dieselben die Hand an etwas schlagen und sich als Maͤn- ner zeigen sollen, nichts als lauter leere Idéen im Kopffe haben, die sich weder hinten noch vorne zu der vor Augen liegenden Sache reimen wollen. Mancher Studiosus Juris, wann er im Anfange seiner Studiorum Juridico- rum mit vielen Desinitionibus, distinctionibus, causis und tabulis, ja auswendig lernen derer legum Civilium geplaget worden ist, wird desperat, und den- cket in seinem Hertzen: Ey der Hencker mag das gantze Studium Juridicum holen, ehe ich mir den Kopff, und die Memoria mit so vielem unnuͤtzen Zeuge zerbrechen und zermartern lassen solte , auf der andern Seite aber, wann solche Leute das Examen Conscientiæ nicht recht angestellet, und ihren Sta- tum tum Miseriæ nicht recht genau untersuchet haben, so werden sie insgemein toll- kuͤhn und kriegen uͤberhaupt mehr als eine allzufreye Hardiesse, dergestalt, daß sie meynen, wann sie gleich ein oder etlichemal brav ablieffen; so muͤste es doch zum andern, dritten und letztenmal desto besser gehen, indem es doch heisse: Frisch gewagt, sey halb gewonnen; es waͤre und bleibe eine ausgemachte Regel daß kein Meister vom Himmel gefallen, und muͤsse es zu letzt biegen oder brechen. Solches kan man gar deutlich an denenjenigen sehen, welche vor der Zeit disputi ren, predigen, promovi ren und advoci ren wollen, ehe ihnen noch, zu einem solchen wichtigen Werck, die Fluͤgel recht gewachsen sind, gleich dem erdichteten Icaro, welcher nicht wuste, daß er waͤchserne Fluͤgel hatte, so von der grossen Hitze der. Sonnen nothwendig schmeltzen, er aber hernach, aus allzugrosser Unbedachtsamkeit ins Meer fallen, und allda nothwendig ersauf- fen muste. Indessen ist es kein Wunder, wann aus solchen vorgefasten Mey- nungen und imaginativi schen Gelehrsamkeit, Spaltungen in der Philosophie, grausame Ketzereyen in der Theologie, und unendliche Opiniones communes und dissensus in Jure entstehen, weil sich die Verehrer derselben, und solche Simulacra Eruditionis, nicht auf die Wahrheit der Sache, sondern entweder auf eine allzugrosse Verwegenheit, oder desperates Federfechten und vergebli- che Raissonnir- Kunst stuͤtzen, dabey aber ihre eingesogene Præjudicia noch weit hoͤher als derer alten Roͤmer Kostbarkeiten, und des Geldsuͤchtigen Titi Ve- spasiani Reichthum æstimi ren. Wie des Menschen natuͤrliche Constitution beschaffen ist, so ist er auch von Natur zu Irrthuͤmern geneigt, weil die aͤusserlichen Verrichtungen als Effectus Temperamentorum, wohin auch die Irrthuͤmer gehoͤren, sich nach des Menschen seiner angebohrnen Constitution richten muͤssen. Aus diesem Principio demonstrato folget weiter, daß ein Sanguineus, von Natur, theils zum Vorur- theil der Ubereilung und Leichtglaͤubigkeit geneigt seyn muͤsse. Darum uͤber- eilet sich ein Sanguineus gar leicht in seinem Raisonni ren, weil er wegen der ge- schwinden Bewegung seines Gebluͤtes einen Uberfluß von tausenderley Idéen in seinem Kopffe heget, und daher die deutlichen Idéen von denen duncklen nicht accurat absondert, und zuletzt in einen Defectum Judicii dolendum ver- faͤllt. Man siehet dieses unter andern an denen in der ersten Hitze und groͤsten Ubereilung geschlossenen Ehen, da z. E. eine junge und feine Dirne von 15. Jahren einen alten Krippen-Stoͤsser, und krumm-gebuͤckten Kraͤuter-Sucher, wie die boͤse Welt so veraͤchtlich von alten Leuten zu reden pfleget, von 60. und mehr mehr Jahren, und zwar noch wohl darzu auf Anrathen ihres Herrn Curatoris heyrathet, weil solchen lieben Kindern insgemein von denen Geldgeitzigen Na- bals-Bruͤdern in ihren jungen Jahren weiß gemachet wird, wie ein solcher alter und venerabler Mann ein schoͤnes eigenes Haus besaͤsse, einen kostbaren und lustigen Garten vor dem Thore haͤtte, in welchem sie alle Tage sich mit Vergnuͤgen diverti ren koͤnte, eine schoͤne Handlung von mehr als funfftzigtau- send Thaler fuͤhrte, und noch wohl darzu ( welches mein liebes Jungfer- gen! sagen sie, das beste auf der Welt ist ) uͤber siebzig tausend Thaler an baaren Gelde in banco liegen haͤtte. Da nun heist es: O H immel! Wer wolte so thoͤricht handeln, und eine Parthev von der Art ausschlagen? Ferner, so sind solche Leute insgemein nach der ersten Sorte im hoͤchsten Grad leichtglaͤubig. Ich will so viel sagen, man kan ihnen ohne den geringsten Wi- derspruch, gar leichte weiß machen, daß der Teuffel die Huren reithe, und daß die alten Hexen an Walpurgis- Abend auf hoͤltzernen Kruͤcken und Mist- Gabeln nach dem Blolcks-Berg fuͤhren, und allda mit ihren Cameradinnen und dem boͤsen Feind eine Menuet oder Passepied tantzen, weil solche Leute von Natur sehr muͤßig sind, auch von vielem und grossen Nachdencken eben nicht sonderlichen Staat zu machen pflegen. Man kan ihre kindische Leichtglaͤu- bigkeit sonderlich daher mit Haͤnden greiffen, wann sie dem menschlichen Anse- hen allzuviel glauben ohne Raison beymessen, und vor grosser Einfalt dabey seufftzen und sagen: Man wuͤrde doch die Wabrheit nicht so gut als wie dieser oder jener vornehmer Mann, und ansehnliche Professor, erfin- den koͤnnen. Es haͤtte der liebe Herr Præceptor und Doctor diese Materie so galant und demonstrativi sch ausgefuͤhret, daß sie unmoͤglich noch besser und demonstrativi scher ausgefuͤhret werden koͤnte; da doch nicht gelaͤug- net werden mag, daß keine Wahrheit so deutlich erfunden worden ist, daß sie nicht noch deutlicher und accura ter erkannt werden koͤnte, weil sonst folgen wuͤr- de, daß ein endlicher Verstand alle Wahrheit auf einmal voͤllig begriffen und gaͤntzlich eingesehen haͤtte. Die hitzigen Leute sind insgemein sehr hochmuͤthig, und suchen sich vor vielen andern, durch unnuͤtze Grillen und vergeblichen Speculationes zu distin- gui ren. Sie wollen nicht allein in ihren Lehr-Saͤtzen infaillible seyn, wie der Roͤmische Pabst, sondern auch par force haben, daß man ihnen absolut, und ohne eintzige Contradiction glauben muͤsse. Was sie redeten, das muͤste nothwendig vom Himmel herab geredet seyn. Sie waͤren das eintzige Oraculum Del- Delphicum, bey welchen sich alle andere Gelehrte, sie moͤchten wollen oder nicht, guten Raths erholen muͤsten. Sie fangen deswegen an, aus dem Vorurtheil der eingebildeten Vielwissenheit sich in allen ihren Collegiis zu ruͤh- men, ihre Buͤcher, Disputationes und Scartequen cum Emphasi zu recomman- di ren, andere gelehrte Leute neben sich zu verachten, von ihnen mal-honnet zu raisonni ren, und sich mit Respect zu schreiben, uͤber allen Dreck zu moqui ren. Sie wollen nicht allein uͤber die Leiber, gleich denen grausamen Tyrannen, sondern wo es nur moͤglich waͤre auch uͤber die Seelen herrschen; und dahero wollen sie ihre abendtheuerliche Grillen und wunderliche Meynungen andern mit Gewalt ins Gehirne praͤgen. Wann man solchen haberrechtischen Ge- lehrten gleich mit der groͤsten Sanfftmuth widerspricht; so sind sie in ihrer Conduite dennoch intolerable und lassen den einmahl gefasseten Groll so leichtlich nicht wieder fahren. Ihre absurd en Meynungen wollen sie darum nicht ablegen, weil sie die wichtige Grille von sich hegen, als ob sie ein weit bes- seres Judicium, als alle andere gescheute Leute haͤtten, und daher in ihren Lehr-Saͤtzen unmoͤglich fehlen und irren koͤnten; da doch von allen Verstaͤndi- gen zugegeben werden muß, das Fehlen und Irren nicht allein was menschli- ches, sondern gar was natuͤrliches und angebohrnes zu nennen seye. Sie sa- gen und behaupten in ihren Collegiis und Scriptis, wann sie diese und jene Meynung, welche sie nun so lange Jahre wieder ihre Antagonist en verfochten haͤtten, fahren liessen, und dieselbe nicht mehr halsstarrig gewoͤhnlicher massen, defendi ren wolten, alsdann ihre Schuͤler und andere Leute von ihnen sagen moͤchten, daß sie ein rechtes altes Weiber- Judicium haͤtten, welches so vielen Fehlern und Maͤngeln unterworffen waͤre, als Floͤhe in alten Weiberpeltzen an- getroffen wuͤrden. Die Melancholi schen scheinen nur darum nach ihrem Naturel gebohren zu seyn, daß sie erbaͤrmliche und ewige Sclaven vom Verstande anderer gelehr- ten Leute bleiben, und nichts weiter in Theologicis statui ren wollen, als was Affelmannus, Dannhauerus, Scherzerus, Calovius, Hulsemannus \&c. in die- sem und jenem Glaubens-Artickel, intrepide und mascule verfochten haͤtten. Die Alten waͤren, welches ich auch hertzlich gerne glaube, und ohne Gewissens- Zwang zugeben will, keine Narren gewesen, und waͤre es am besten gethan, wann man es in der Welt fein bey denen alten Loͤchern liesse, und keine neuen darzu bohrte. Daher entstehet das Vorurtheil des blinden und tummen Ge- horsams, da sie lieber mit dem sel. N. in manchen Sachen par Compagnie ir- Z ren ren wollen, als daß sie solchen grossen Luminibus Ecclesiæ mit Raison wider- fprechen solten, Ja, sagen insgemein dergleichen Geistliche Juͤnger, welche vor der Zeit eine huͤpsche Knarre und feine Pfarre haben moͤchten, contradicire ich meinem Professori, Superiori \&c. so muß ich befuͤrchten, daß mich Ihro Hochwuͤrden, mein hochgeneigtester Herr Patron, hernachmahls gar zu lange auf der verdrießlichen Expectanten- Banck sitzen lassen, und mich hernachmahls mit keiner fetten Pfarre, Jungfer Tochter, An- verwandtin, oder Haus-Jungfer, versorgen werden. Hieher gehoͤren auch, mit einem Wort, alle Brod-Gelehrte, und Brod- Advoca ten, welche um ein kahles Sechzehen groschen-Stuͤcke, oder um einen blanquen und geharnischten Thaler, Wissen und Gewissen an den Nagel haͤn- gen, und um eines elenden Gewinstes willen Ehre und Renommée, ja gar ihr bißgen Practici ren in die Schantze schlagen. Mehr mag ich vor diesesmal nicht sagen, damit Niemand auf die Gedancken gerathe, ob wolte ich Perso- nalia tracti ren, und manchen ehrlichen und braven Mann in seinem venerabl en Barte und schwartzen Mantel proftitui ren. Das Alter kan bey denen Menschen ebenfalls unterschiedene Gelegenhei- ten und ausserordentliche Ursachen zu Vorurtheilen geben. Denn so vielerley Stuffen des Alters angetroffen werden, so vielmahl ereignet sich auch Gele- genheit zu diesem oder jenem Vorurtheil. Daher siehet man taͤglich, daß mit einem andern Vorurtheil ein munterer Absolon, mit einem andern aber ein al- ter und geitziger Nabal geplaget werde. Junge Leute leben insgemein lustig, und es heisset von ihnen uͤberhaupt: Semper lustig, nunquam traurig. Sie bemuͤhen sich selten, das verlassene Guth ihrer Eltern zu conservi ren; ge- schweige dann, daß sie einen Anatocismum begehen, und Interesse mit Interes- se vermehren solten, weil sie dencken und unverschrocken von sich sagen: Ein junger Kerl můsse die Courage haben, in der Welt, ehe er an Kruͤcken gehen muͤste, huntert tausend Thaler zu erwerben. Das waͤre mit ei- nem Worte Halluncken, welche die alten verrosterten Thaler, so lan- ge im Gefaͤngniß liegen, und so unendliche Seufftzer nach ihrer Erloͤ- sung schicken ließen. Ein rechter Gurgel-Bruder wuͤste das Geld nach jetziger Mode besser unter die Leute zu bringen; zumalen da es gantz richtig waͤre, und Salomon selbst gesaget haͤtte, daß der Mensch von aller seiner Muͤhe und Arbeit nichtsmehr haͤtte, als wann er auf der Welt fein lustig und guter Dinge gewesen waͤre. Mit denen alten Geld- gei- geitzigen Schrabern hingegen siehet es in diesem Stuͤcke gantz anders aus, und kommen mir diese Leute, wann ich sie denen lustigen Bruͤdern gerade opponi re, nicht anders als wie die Spanier und Frantzosen vor. Denn worinnen diese eine sonderliche Delicatesse und ungemeine Scharffsinnigkeit finden, das koͤmmt jenen gantz einfaͤltig und laͤppisch vor, und was insgemein ein junger und munterer Kerl vor sein hoͤchstes Guth zu halten pfleget, das kommt einem alten Sauertopff gantz Spanisch und wunderlich vor. Ja es moͤchte ein alter Ehren-Zeißig, wann er die Lustbarkeiten junger Leute mit ansiehet, vor Angst und Hertzeleid, den Magen verrencken, und die Seele, welche ohnedem nicht gar zu feste sitzet, von unten aus hinweg purgi ren. Deswegen geschiehet es, das die alten Leute insgemein mißtrauisch und geitzig seyn, auch den gantzen Tag nichts anders thun als queruli ren und klagen. Ja, s eufftzen sie, wann der Feind, bey einem entstehenden Kriege, ins Land kommt, und ein Stuͤcke vom Himmel von ungefaͤhr einfallen solte, wie dann Nie- mand daruͤber ein Privilegium aufweisen kan, so wuͤrden wir armen Leu- te von H aus und H ofe lauffen muͤssen, und koͤnte kein Mensch seines Le- bens eine Stunde sicher seyn. Jedoch darff man sich eben nicht so groß wun- dern, warum alte Leute insgemein so pimpeln und klagen, und alle Pfennige und Dreyer, wann sie ja einen davon ausgeben sollen, sechs biß siebenmal umzuwenden pflegen, weil sie wegen Schwachheit des Alters ihren Kraͤfften nichts mehr zutrauen, und aus diesem Grunde glauben, daß wan sie auf einen Thaler und Groschen nicht mehr saͤhen, sie alsdann in ihrem hohen Alter ver- hungern und verderben muͤsten. Die Auferziehung eines Menschen, wann sie gut und vernuͤnfftig gewe- sen ist, kan ihn gluͤcklich, und zu einen weisen Mann machen. Wo sie aber boͤse, und ohne Vernunfft, von Eltern, oder denen, so Eltern-Stelle ver- treten sollen, tracti ret worden, so wird mit der Zeit, aus einem solchem ar- men Menschen christianè loquendo, ein vollkommener Hoͤllen-Brand, \& philosophice dicendo, ein Mancipium omnium bestialium affectuum, welcher sich vor der Zeit muthwillig in das zeitliche und ewige Verderben stuͤrtzet, weil alsdann der Mensch nicht wider die Affect en zu leben gewohnet ist. Ich nehme aber die Auferziehung hier nicht in sensu juridico, da ein Vater Infan- tem vel ex justis nuptiis susceptum, vel â se ipso agnitum, vel ob concubi- tum demonstratum nach Nothdurfft ernehren muß; da dann insgemein, in posteriori casu, non obstante exceptione concubitus cum aliis das schoͤne Ur- Z 2 theil theil erfolget: Da aber, und dieweil Beklagter N. die angegebene Schwaͤngerung mit Pantionill en gestanden; als ist Beklagter das K ind so lange zu ernehren schuldig, biß es sein Brod selbst, nach Nothdurfft verdienen koͤnne. Aucontraire, ich verstehe hier durch die Auferziehung die- jenige nothwendige Verrichtung, da sich Eltern unablaͤßig bemuͤhen, wie ihre unerzogene Kinder, so wohl was den Leib als die Seele angehet, so unterrichtet werden moͤchten, daß sie dermaleinst GOtt, der Kirche, und dem gemeinen Wesen, tuͤchtige Dienste leisten koͤnten. Diese Auferziehung, in sensu mora- li pro directione Morum, \& institutione bonarum artium sumta geschiehet ent- weder oͤffentlich unter einer hohen Obrigkeit, in oͤffentlichen Schulen und Waysen-Haͤusern oder wird von denen Eltern zu Hause selbsten, oder durch ihre darzu bestellten Informatores verrichtet. Dieses aber heisse ich keine Auf- erziehung, wann Eltern ihren Kindern von Jugend auf, so viel zu fressen und zu sauffen geben, daß ihnen davon die Baͤuche zerboͤrsten moͤchten, weil dieses nicht auferzogen, sondern in der That absurd verzogen heissen kan, oder da das Soͤhngen und Toͤchtergen nach ihrem naͤrrischen Appetit zu allen Galan- teri en gewoͤhnet werden, welches etwa einen schlancken Leib, geschickte Beine, und sonst ein galantes Ansehen machen koͤnne, oder da es solchen Kindern gar frey stehet nach ihrer eigenen Commoditæt zu leben wie sie wollen. Daher ent- stehet bey denen Soͤhnen das liederliche Leben, welches zuletzt verursachet, daß sie entweder Soldaten, Ost-Indien-Fahrer oder wohl gar Mause-Maͤrter ab- geben muͤssen; die Toͤchtergen aber gerathen, nach der galan ten Art zu reden, unter die Courtesier- Schwestern. Man darff davon keine bekanten Exempel anfuͤhren, weil sie allzuverdrießlich klingen wuͤrden. Genug ist es, daß viele Eltern allzuspaͤte, mit ihrem groͤsten Schaden, und unausbleibender Reue er- fahren, wie die libertini sche Auferziehung ihre Kinder um das zeitliche Gluͤ- cke, Ehre und Renommée gebracht habe, so, daß sie hernachmahls, auch als verheyrathete Ehemaͤnner, ihre Haͤuser stehen lassen, aus der Stadt davon lauffen, banquerout werden, und ihrer ansehnlichen und vornehmen Familie einen ewigen Schand-Flecken Anhaͤngen. Die Auferziehung, ob sie gut oder boͤse zu nennen seye? koͤnnen wir am besten aus derselben Entzweck beurtheilen, welche eintzig und allein dahin gehen soll, daß die Kraͤffte des Leibes im Wohlstand erhalten, die Kraͤffte der See- len aber mit guten Kuͤnsten und Wissenschafften angefuͤllet werden moͤchten, auf daß sie, mit der Zeit tuͤchtige Werckzeuge des gemeinen Wesens werden koͤn- koͤnten. Wie verkehrt aber die Leute in der Welt erzogen werden, das siehet man gar deutlich an ihrer verkehrten Lebens-Art. Denn an statt, daß sie fleis- sig beten, und unermuͤdet studieren und arbeiten solten, so gehen die jungen Her- ren zumalen wann sie brave Mutter-Pfennige haben, den gantzen Tag muͤßig, und koͤnnen aͤrger als die Lands-Knechte fluchen, ja alle Teuffel und hundert tausend Sacramente ohne allem Anstoß herbethen. Eine solche Auferziehung, ob sie schon nach der Mode vieler Leute, kan unmoͤglich einen erwuͤnschten Effect nach sich ziehen, weil die jungen Kinder, in ihrer zarten Jugend insgemein faulen, absurd en und superstitiosen alten Weibern, die man an einigen Orten Muhmen zu nennen pfleget, anvertrauet werden, durch welche sie dann, von Jugend auf zur Wollust und naͤrrischen Aberglauben angefuͤhret werden; oder, wann es ja hoch kommt, so vertrauet man sie nachgehends solchen Informato- ribus, die sehr schlechte Stuͤmper seyn, von welchen sie dann die Kunst fruͤhe zeitig zu raisonir en und unvergleichlich aufzuschneiden erlernen. Ich habe mit Fleiß ein wenig oben, beym Mode educandi, den Leib unserer vernuͤnfftigen Seele vorgezogen, weil dieses nicht allein der communis error in praxi ist, da sich die jungen Faͤndgen, vor der Zeit eine gravitæti sche Mine, und einen au- thoritæti schen Gang angewoͤhnen, auch eher eine Menuet und Passepied tantzen muͤssen, als sie den Verstand excoli ret, und sich mit guten und nuͤtzlichen Wis- senschafftem gezieret haben. Solches bekraͤfftigten taͤglich sehr viele Exem- pel derer Studiosorum auf Universitæt en, da sie sich am allerersten um einen guten Tisch, und lustig-gelegene Stube bekuͤmmern, als daß sie sich vornehm- lich bemuͤhen solten, zu erfahren, welcher Professor, Doctor, Licentiat und Ma- gister, die besten und nuͤtzlichsten Collegia zu halten pflegen. Was nun al- so die Kraͤffte unseres Leibes entweder durch allzuuͤbermaͤßiges Schwelgen, oder durch eine allzugrosse Eigensinnigkeit ruini ret, dasselbe muß man voͤllig von der rechten Art der Auferziehung removi ren, weil es schnurstracks wider den End- zweck einer geschickten Auferziehung laͤufft. Daher ist es etwas recht ungereim- tes, ja in der That was viehisches zu nennen, wann etliche, auch von denen Gelehrten sagen: Ich esse und trincke was mir schmeckt, und leide dabey was ich leiden soll und muß. Denn diesemnach waͤre es nicht noͤthig ge- wesen, daß uns der weiseste Schoͤpffer eine Vernunfft eingepflantzet haͤtte, nach welcher wir unsere Verrichtungen beurtheilen solten, ob sie uns beym Ausgang nuͤtzlich oder schaͤdlich seyn koͤnten. Auch ein Ochse und Esel frisset so lange, als er kan, und wann er endlich nicht mehr fressen und sauffen mag, so hoͤrt er von sich selbsten auf, weil ein solches unvernuͤnsstiges Thier ehe nicht Z 3 wis- wissen kan, ob es genug gefressen hat, biß ihm das Futter an die Kaͤhle gestie- gen, ja so zu reden beym Ruͤssel wieder hervor raget. Was aber die Kraͤffte unsers Leibes conservi ret, oder daß ich so reden mag, in seinem baulichen We- sen erhaͤlt, und die edlen Gaben unsers Verstandes entweder excoli ret, oder in einen gebesserten Zustand setzet, dasselbe, gehoͤret alles zu der geschickten Art einer vernuͤnfftigen Auferziehung, weil wir dadurch die gemeinen Vorurtheile vermeiden, auf unsere eigene Erkaͤnntniß gefuͤhret, und die Art, uns selbst alle Tage zu bessern, gar leichte lernen koͤnnen. Dahero halte ich dieses, nach meinem wenigen Erachten, vor eine allgemeine Regel: Quod , qualis sit mo- dus educandi, talis quoque sit modus vivendi; das ist: Wie einer erzogen worden ist, so pfleget er auch hernachmahls bestaͤndig zu leben. Man siehet solches sonderlich an denen eigensinnigen Grillen, und wun- derlichen Koͤpffen, welche eine eintzige Fliege an der Wand beleidigen, und eine eintzige Mine das gantze Concept wider aller Leute Vermuthen verruͤcken kan. Fraget man, woher doch solches komme, und was wohl die eigentliche Ursa- che einer solchen wunderlichen Conduite seyn mag? so ist die Raison gar leich- te zu geben, weil der Vater, oder der Præceptor, oder der Rector, eben ein solcher wunderlicher Heiliger, als wie jetzo der Sohn gewesen ist; wovon dann der Sohn, oder der Discipul, ein solches eigensinniges Wesen wider sein Ver- mercken nach und nach gelernet, und sich halsstarrig zu leben angewoͤhnet hat. Dieweil uns aber, in der Auferziehung, entweder ein gutes oder boͤses Exempel zur Nachfolge, wie ich zuvor gemeldet, gegeben wird, so kan es unmoͤglich anders kommen, als das verderbte Eltern und verderbte Præceptores, ihre Untergebene noch mehr verderben muͤssen; zumalen, da ein jeglicher Sohn und Schuͤler von seinem Vater und Præceptor das falsche Concept heget, daß alles, was sie thaͤten, dieselben nothwendig in praxi imiti ren muͤsten. Ehe ich mich noch von dem Vorurtheil der Auferziehung wende, so muß ich noch einige handgreiffliche Irrthuͤmer anmercken, welche die Eltern insgemein in der Auferziehung mit ihren Kindern zu begehen pflegen. Hieher gehoͤret vornemlich der grobe Schnuͤtzer etlicher Eltern, da sie vorgeben, daß ihre Kin- der von Natur, und zwar im Mutterleibe, zu einem gewissen Studio vom Himmel gleichsam prædestini ret worden waͤren. Sie schliessen gemeiniglich, wann der Vater und Groß-Vater ein Pastor paganus. Diaconus, Superinten- dens, Advocatus oder Medicus gewesen ist, so haͤtte es auch seine unstreitige Richtigkeit, daß der Sohn ebenfalls ein Pastor paganus, Diaconus, Superinten- dens, dens, Advocatus und Medicus werden muͤste; da doch vor allen Dingen, bey dieser einfaͤltigen Weiber- Prædestination, zu examini ren waͤre, ob dann der Zweig, auf welchen dermaleinst der gantze Stamm ruhen solte, ein vollkom- menes Geschicke und natuͤrliche Begierde zu diesem Studio tractando haben moͤchte. Denn wann solches noch vor der Geburt geschiehet, und sich von un- gefehr zutruͤge, daß der zukuͤnfftige Sohn, ein fein douses und stilles Tempe- rament, wie sie insgemein die obtusa Ingenia nennen, mit auf die Welt braͤch- te, dergestalt, daß man mit diesem guten Puͤrschgen gantz gluͤcklich uͤber die Mauren springen, und an die Waͤnde lauffen koͤnte, so muͤste wegen der naͤr- rischen und eingebildeten Prædestination folgen, daß der Himmel mit Fleiß sol- che Pecora Ecclesiæ \& Reipublicæ sich vorbehalten haͤtte; welches dann absurd zu dencken, und noch viel absurd er zu behaupten seyn wuͤrde. Daher lobe ich diejenigen Gelehrten, welche haben wollen, daß man einen Selectum Ingenio- rum in Erlernung derer Kuͤnste und Wissenschafften anstellen solle, weil man als- dann sehen kan, ob sich dieser oder jener, zu diesem oder jenem Studio schicket; zu- mal wann man vorhero die Facultates Judicii, Ingenii \& Memoriæ genau exa- mini ret, und nach derselben Force alle seine Informationes und Lectiones ein- richtet. Aber auch eine allzugelehrte Education taugt nichts, und solche bestehet darinnen, wann man die Kinder mit allzuvielen Lection en uͤberhaͤuffet, derge- stalt, daß sie in einem Tage mehr als zehen unterschiedene Buͤcher in die Hand nehmen, und daraus etwas auswendig lernen muͤssen. Aus solchen Kindern werden gemeiniglich nichts anders als Pedan ten und Contradictori sche Feder- Fechter. Ein dergleichen Gelehrter ist meistentheis damit zufrieden, wann er nur fein nach seiner Logique kuͤnstliche Woͤrter, nach der Poësie unnuͤtze Fa- beln und kuͤnstliche Verse, nach der Disputir- Kunst kuͤnstliche Syllogismos und Barbarische Modos, nach der Oratorie praͤchtige Woͤrter, nach der Moral blosse Schein-Tugenden, nach der Physique lauter qualitates occultas, und nach der Superphysique abgelebte und abgedroschene Distinctiones erlernet. In die- sen salschen und eingebildeten Wissenschafften gehet mancher, leider! auf Uni- versitæ ten immer weiter, und dencket noch wohl, nach absolvir ten Studiis dar- zu in seinem Hertzen Wunder, was vor Mysteria er verschlucket und aufgefres- sen haͤtte. Dahero faͤnget er an in seinem Leben sich singulier aufzufuͤhren, bemuͤhet sich allen Leuten zu widersprechen, und die Gegner mit vielen wun- derlichen und laͤcherlichen Instantien auf einmal ad multum absurdum zu brin- gen. gen. Mir gefaͤllt deswegen wohl, was der allgemeine Nachrichter derer Ge- lehrten, Scioppius, von dieser verkehrten Art derer Leute gar artig in seinem Regenten-Spiegel urtheilet. Er spricht nehmlich: Wolte ich mich zu dem Bauer auf das Land begeben, so finde ich da nichts als lauter Floͤhe und Laͤuse. Wolteich mich aber zu denen Gelehrten machen, so treffe ich unter ihnen eine greuliche Menge Narren und Pedan ten an. Igitur quorsum? ad Deum, quia ibi fons \& origo omnis boni deprehenditur . Nach der Auferziehung folget der Umgang sowohl mit gelehrten als unge- lehrten Leuten. Heut zu Tage nennet man es insgemein eine Conduite, welche um so viel eher observi ret werden muß, jemehr bekannt ist, daß dieselbe eine ausseror- dentliche Gelegenheit derer schaͤndlichsten und verderblichsten Vorurtheile seyn koͤnne, auch vielmal in der That gewesen ist. Denn indem wir uns bemuͤhen, de- nen Sitten anderer Leute, welche uns in die Augen leuchten, nachzuaͤffen, so fol- get, so viel daraus, daß wann wir mit Ehrgeitzigen, Geldgeitzigen, Verliebten, Eigensinnigen und Stoͤckischen umgehen, wir selber vielmals wider unser Na- turel ehrgeitzig, verliebt, geldgeitzig, eigensinnig und stoͤckisch werden muͤssen. Sind aber die Leute mit welchen wir zu conversi ren gewohnet sind andaͤchtig, bedaͤchtig, freygebig, bescheiden, hoͤflich und artig, so bemuͤhen wir uns eben- falls, im gemeinen Leben, andaͤchtig, bedaͤchtig, freygebig, bescheiden, hoͤflich, und artig, und von grossem Nachdencken zu werden. Es haben dannenhero die heutigen Politici nicht unrecht, wann sie den gantzen Menschen aus seiner Auffuͤhrung beurtheilen wollen, weil doch ein jeglicher in der Conduite zeigen muß, was er in der That verstehe und gelernet habe. Fuͤhret fich nun einer in seinem Leben saͤuisch, unflaͤtisch, oder wie ein Magister Suum und anderer Stuͤcktoͤffel auf, so muͤssen ihn auch alle gescheite Leute vor einen unflaͤtigen, saͤuischen und haͤßlichen Menschen halten, wann er gleich darwider mit Haͤn- den und Fuͤssen strampeln, ja sich gar daruͤber die Krauße entzwey reissen wolte. Dahero halte ich das Judicium jenes scharffsinnigen Philosophi vor richtig, wann er spricht: H alb studirt, und eine gute Conduite, hilfft durch die gantze Welt. Denn wann einer gleich gelehrter als Socrates, von Statur groͤsser als Goliath waͤre, mehrere Gedancken in seinen krummen Beinen als Archi- medes in seinem Kopff fuͤhrte, weit erschrecklichere Metaphysi sche Distinctio- nes, pro \& contra Divisiones in seinem Gehirne, als etwa die alten Spittel- Muͤttergen Floͤhe in ihren Lumpichten Peltzen hegte, ein weit graͤmischers und tyrannischers Gesichte als der bucklichte Aristoteles, und der breitschultrichte Fecht- Fechtmeister Plato machte; so glaube ich dennoch, daß wenn er auch alle diese un- vergleichlichen Qualitæ ten im hoͤchsten Grad besaͤße und keine galante Conduite von sich spuͤren ließe, er dennoch unter die Schulfuͤchse und Ertz- Pedan ten ge- rechnet werden wuͤrde. Doch bestehet die Conduite nicht in eigener Phantasie und naͤrrischer Einbildung, wie sich manche sonderliche und eigensinnige Narren es so traͤumen lassen wollen, weil auf diese Weise auch der Harlequin auf dem Theatro, wann er agi ret, und bißweilen die Hosen herunter ziehet, oder sonst haͤßliche Aspect en formi ren wolte, ebenfals eine galante Conduite haben wuͤrde. Au contraire, das Fundament einer guten Auffuͤhrung beruhet hierauf, daß sie mit denen Sitten geschickter Voͤlcker, und vornemlich mit dem Judicio gescheuter Leute uͤberein kommen muß. Von einem jungen und hi- tzigen Studenten ist bekannt, was er ehemals einem vornehmen Professori auf einer gewissen Universitæt opponi ret hat, da er durchaus behaupten wol- len, daß die Conduite in nichts anders, als in des Menschen seiner eigenen Einbildung bestuͤnde. Wie nun der geschickte Professor voraus gesehen, daß er bey diesem, vom Vorurtheil der Halsstarrigkeit und Eigenliebe besessenen, Studiosulo mit vielem gruͤndlichen Beweiß nichts ausrichten wuͤrde, so hat er ihm endlich per deductionem ad absurdum zur Antwort gegeben: Mein lie- ber Herr! Wann die Auffuͤhrung, nach seiner Meynung, in einer blos- sen Phantasie und Einbildung bestehen solte, so wolte ich ihm rathen, daß er sich jetzo, zumalen da es Marcktag ist, gantz fingernackigt aus- ziehen, den Podex schwartz faͤrben, und hernach die Posteriora mit fei- nen gelben Zwecken beschlagen ließe, und in solcher Positur sporen- streichs auf den Marckt loß marschirte. Wann nun die Leute ihn in dieser abendtheuerlichen Positur saͤhen, so wuͤrden sie nach der Ver- nunfft, und dem aͤusserlichen Ansehen, nicht anders schliessen und sa- gen koͤnnen, als: Dieser Mensch ist entweder klug, oder ein Narr und toller Eulenspiegel. K lug kan er unmoͤglich seyn, weil er sich nicht nach dem Juditio kluger Leute, und dererselben erbaren Sitten und Auffuͤhrung reguli ret. Also mag er wohl in der That ein toller Eulen- spiegel heissen, und es mag zu vielen Zeiten, absonderlich bey heissen Tagen, nicht gar zu richtig bey ihm in dem Oberstuͤbgen aussehen. Darwider mag er nun strampeln und disputi ren wie er will, fuhr der H err Professor fort, so wird er doch diese letztere Idéen denen gescheu- ten Leuten nicht aus dem Gehirne bringen koͤnnen. Hiermit nun ist die Comœdie und das hitzige disputi ren auf einmal ausgewesen, und der gute Stu- A a den- dente, wie jener Hund, welchem man den Schwantz wider Vermuthen abge- hacket, gantz betruͤbt nach Hause gegangen. Auch wird zu einer rechtschaffenen und vertrauten Auffuͤhrung vornemlich Communicatio rerum \& verborum erfordert, d. i. es muß ein guter Freund dem andern in zweiffelhafften Sachen aufrichtig rathen, in schweren Dingen reali ter helffen, in widerwaͤrtigen Sachen aber nachdruͤcklich und nach Vermoͤ- gen troͤsten, weil der Zweck einer aufrichtigen Conversation dahin gehen solle, daß man nicht allein eine wahre Freundschafft auf ein Jahr und etliche Wo- chen einzugehen suche, sondern auch dieselbe so lange als man lebet auf die moͤg- lichste Art und Weise zu erhalten trachte. Dahero ist dieses eine rechte Schma- rotzer- Conduite, wann etliche Sauff-Bruͤder in der Conversation gegen einan- der sagen: Ich bin des H errn sein schuldigster, sein gantz ergebenster, und ( ô Judicium ) sein unterthaͤnigster Diener. Der Herr gebe mir nur G elegenheit an die Hand, womit ich ihm dienen koͤnne. Allein wann die Noth an Mann gehet, und die Ochsen, so zu reden am Berge stehen, so ist weder der ergebenste, weder der schuldigste, noch der unterthaͤnigste Diener zu Hause. Da heist es wohl recht nach dem bekannten Vers: Donec eris felix, multos numerabis amicos; tempora si fuerint nubila, solus eris. ; das ist: So lan- ge als du gluͤcklich bist, wirst du viele gute Freunde zehlen koͤnnen; dich aber gantz allein befinden, daferne betruͤbte Zeiten einfallen. Ich ha- be diese Materie von der Conduite allhier mit Fleiß etwas weitlaͤufftig und nachdruͤcklich anfuͤhren wollen, weil nicht allein die meisten und gemeinsten Fehler in der Conversation begangen, sondern auch die liederlichsten und leichtfertigsten Voͤgel und Sau-Maͤgen in dem gemeinen Umgang meistentheils als Compagnons, erzehlet werden, von welchen man nichts als Zotten und Possen, lustige Raͤncke und leichtfertige Tuͤcken, nicht aber etwas gescheutes und nuͤtzliches erlernen kan. Noch eine Ursache, welche endlich bey dem Menschen viele wunderliche und unnuͤtze Principia erwecket, auch die einmal eingesogenen Meynungen in ihrem Esse gleichsam conservi ret, ist die alte und boͤse Gewohnheit, daß die einmahl von vielen Vorurtheilen bezauberten Menschen sich nicht bessern, ob sie gleich die groͤste Raison haͤtten, sich in der Zeit viel kluͤger und gescheuter aufzufuͤhren. Es ist aber das Vorurtheil der boͤsen Gewohnheit nichts an- ders, als ein eingewurtzelter Fehler des verkehrten Willens, da die Leute in ihrem ihrem boͤsen Leben fortfahren wollen, als wie sie vor 10. und 20. Jahren ange- fangen haben. Wann man z. E. fragt: Wie kommt es doch, daß dieser und jener Studente, dieser und jener Kauff- und Handwercksmann, den gantzen Tag nichts thut, als daß er die Steine auf der Gassen zehlet, die Leute in F enstern besiehet und richtet, sich auf denen Doͤrf- fern vom Morgen biß in die Nacht, oder auch wohl acht und vier- zehen Tage hinter einander, ohne nach H ause zu kommen, im Luder herum weltzet, mit dem F rauenzimmer in Gaͤrten conversi ret, mit ih- nen ein Lombergen spielet, alsdann ein Koͤppgen Caffée oben drauf setzet, und wann alles dieses geendiget, zwar sehr vertraute, aber zu gleicher Zeit recht tolle und liederliche Discurse fuͤhret? so wird man gleich von denen meisten Leuten die Antwort bekommen; Ach der liederliche Vogel ist vor 6. und 7 . Jahren nicht anders gewesen, wird auch ein Bruder Sauff- aus und H uren-Teuffel bleiben, so lange er es præsti ren kan. Ja, fah- ren die Leute ferner fort, er wird das liederliche Leben nicht eher lassen, biß er das bißgen Guth seiner Eltern wird voͤllig durch die Gurgel ge- jaget haben. Alsdann wird er, wie es alle andere Schelme zu ma- chen pflegen, zur Stadt und zum Lande hinaus lauffen, und zu guter letzt noch einmal Juchhe! schreyen. Die Moralist en nun nennen mit Recht eine solche pravam consuetudinem alterum diabolum, weil dadurch die leichtfertigen Menschen in ihrem Vorur- theil der Hartnaͤckigkeit verstaͤrcket, und endlich fast auf keinerley Art und Weise gebessert werden koͤnnen. Denn weil ein solches Vorurtheil der boͤsen Gewohnheit habitum peccandi induciret, detestandam vivendi licentiam mit sich fuͤhret, so ist auch nachgehends bey einem solchem elenden, und biß in den aͤussersten Grad verdorbenen Menschen, wie die Teutschen sonst im Sprich- wort zu reden pflegen, H opffen und Maltz verlohren. Hieher gehoͤret absonderlich die unverantwortlichen Expressiones derer Philosophorum Ari- stotelicorum, wann sie aus einer vorgefasten Meynung der Hartnaͤckigkeit, und alter boͤsen Gewohnheit sagen, sie koͤnten doch nicht von der Mey- nung ihres G roß Vaters des Aristotelis lassen, wann gleich andere toll und thoͤricht daruͤber werden solten. Es ist dannenhero das gemeine Sprichwort gar richtig, wann man sa- get; Consuetudo est altera natura, oder, wie der Poët singet: Naturam expel- A a 2 las las furca, tamen usque recurret. Man kan dieses auch vornehmlich an dem Exempel vieler bekannten Nationen abnehmen, da sonderlich Handwercks- und gemeine Leute diesen und jenen Handwercks-Purschen, welcher sich aus dieser und jener Stadt zu nennen pfleget, nach ihrem eigenen Gestaͤndniß nicht gerne Arbeit geben wollen, weil sie aus der verkehrten Gewohnheit solcher Stadt gar wohl wissen, daß sie mehr verschwelgen als erwerben, mehr zur ver- geblichen Galanterie und unnoͤthigen Putz, von Jugend auf, als zur noͤthigen Arbeit angefuͤhret worden sind. Also pflegen die paar tausend Thaͤlergen, welche etwa die Eltern verlassen, insgemein uͤber zwey Jahre nicht zu dauren, weil sie das bisgen Patrimonium entweder versauffen, verreithen, verfahren, oder mit verfuͤhrten Nymphen durchbringen. Deswegen ist es auch kein Wunder, wann vielmals gantze Famili en, und vornehme Geschlechter in die aͤusserste Armuth gerathen, so daß sie nachgehends Subsidien- Gelder, oder bes- ser zu sagen, Allmosen hier und da geniessen, und das Gnaden-Brod biß an ihr Ende zu sich nehmen muͤssen, weil sie, nach ihrer verkehrten Art zu leben, Meister an ihrem eigenen Ungluͤck gewesen sind. Denn daß hernachmals sol- che liederiiche Leute einwenden und sagen wollen, dieses waͤre ein großes Malheur zu nennen, und vor ein Fatum inevitabile zu achten, so halte ich dieses in der That vor etwas unchristliches und heydnisches, weil ja GOtt niemals verbunden ist, einen solchem liederlichen Vogel und Banquerout ma- cher die Duca ten wiederum Hauffenweise ins Haus regnen zu lassen. Denn wann solche unersaͤttliche Schmauß-Bruͤder und muͤßige Tag-Diebe, ihr bißgen Vermoͤgen etwas genauer uͤberlegen, ihre Einnahm und Ausgabe mit einander conferir ten, und von ihren vergangenen Schmauserey auf ein zu- kuͤnfftiges vernuͤnfftiges Leben gedaͤchten, so wuͤrden sie ohne grosses Kopff- Brechen, gar leichte ausrechnen koͤnnen, daß bey einer solchen blanquen Le- bens-Art nicht allein Haͤuser, Guͤther und Lehn-Guͤther, sondern gar Staͤdte und Laͤnder, in sehr kurtzer Zeit verfressen und versoffen werden koͤnten. Mancher hat ein geringes Vermoͤgen, verstudieret es, lernet auch davor in der That etwas rechtschaffenes, und kan gleichwohl nicht fort, noch zu et- was kommen, sondern bleibet, weit dahinden sitzen. Solches ruͤhrer guten Theils daher, weil die Aemter derer Professorum auf Universitæ ten zu unsern Zeiten fast meistens erblich worden. Hieraus aber erwaͤchset vor das gelehrte Wesen noch ein anderer grosser Nachtheil. Denn dasjenige, was der ver- storbene Herr Professor seinem Sohn im Manuseript, als ein Heiligthum und My- Mysterium hinterlassen, ob es schon lauter Vorurtheile und Irrthuͤmer sind; communici ret der Sohn oder Schwieger-Sohn hernachmahls in seinem Col- legio seinen Herrn Auditoribus cum Elegio excellentissimi Dn. Parentis \&c. dicti ret es auch in calamum, oder in die Feder, damit ja die herrlichen Dogma- ta seines Vaters, Groß-Vaters und Ur-Groß-Vaters, oder Schwieger-Va- ters, nicht in der Asche vermodern, noch von dem Rost der Zeit so schaͤndlich verzehret werden moͤchten. O zu wuͤnschen waͤre dannenhero, daß jederzeit tuͤchtige Subjecta zu denen vacanten Professionen, nach dem Wachsthum derer Disciplinen, nicht erkaufft, nicht ererbt, nicht erheyrathet, sondern, legitimo mo- do vocirt wuͤrden, damit allemal etwas tuͤchtiges auf Universitæ ten gelesen, die Studenten geschickter in ihrem Scibili unterrichtet, und manche Magistri Phi- losophiæ nicht ewige Schuͤler von der wahren Weißheit bleiben moͤchten. Es giebt aber wenig, die sich in ihren Vorurtheilen bessern, und von ih- rer Halsstarrigkeit ablassen. Auch von solchen wenigen pflegen es die meisten nicht eher zu thun, biß es ihnen in der Welt, und in ihren Aemtern, nicht recht nach Wunsch gehen will. Da heist es dann, wie David saget: Herr! Wann Truͤbsal da ist, so suchet man dich, und wann du sie zuͤchtigest, so ruf- fen sie aͤngstlich. Denn wann endlich solche elende Leute in praxi erfahren, daß sie mit ihren Præjudiciis und wunderlichen Grillen nicht weiter fortkom- men koͤnnen, sondern bey verstaͤndigen nur immer ein Gelaͤchter uͤber das an- dere verursachen, so kommen sie zuletzt zu ihrer selbst-eigenen Erkaͤnntniß, und fangen an, denen alten Weiber- Præjudiciis gute nacht zu sagen. Solches be- staͤrcken die Exempel einiger Philosophorum, die zu unsern Zeiten aus Aristote- li schen Grillenfaͤngern in Electi sche Welt-Weise, wider aller Leute Vermu- then, und zu jedermans Verwunderung, in ihren alten Tagen metamorpho- fi ret worden sind. Also hat auch bißweilen Oratio, Meditatio, \& Tentatio grosse und alte Prediger in ihren Aemtern erst zu rechten Ober-Hof-Predi- gern und GOttes-Gelehrten gemachet, welche in ihren academi schen Jahren, als Studenten, sich bey ihren Præceptis Homileticis Hülsemanni \&c. beredter als Ambrosius, gelehrter als Augustinus, erfahrner als Lutherus geduͤncket ha- ben; ob sie gleich niemals bey ihrer systemati schen Cognition ein Fuͤncklein ei- ner geistlichen Erfahrung empfinden koͤnnen. Von denen Herren Juristen und Juris utriusque Practicis \& Pragmaticis ist zur Gnuͤge bekannt, daß sie in ihrer guͤldenen Praxi alle Tage noch lernen, und mancher in seinem ungeschickten Libelli ren oͤffters erfahren muß, daß sie das Pfloͤckgen in libellando bey wei- A a 3 tem tem noch nicht getroffen, dahero sie sich genoͤthiget befinden, von ihrem Carpzov, Brunnemann, Fiebigen, Schwendendoͤrffern, Nicolai und Martini Process und andern alten angeschafften Troͤstern abzugehen, auf die Naturam actionis besser zu dencken, und die Nase etwas tieffer, als sonsten geschehen ist, in das Corpus Juris Civilis und jura constituta zu stecken, damit sie nicht die ar- men Clienten in unverantwortliche Expensen bringen, und in ewige Processe verwickeln moͤgen. Eine gute und kluge Conduite liegt mir unterdessen immer in Sinn, da ich dieses schreibe, und ich will sie allen und jeden, so sich denen Studiis wid- men, nochmals auf das beste recommendi ret haben. Denn es bleibt dabey, daß diejenigen unter die Zahl derer Pedant en zu setzen, welche zwar etwas so- lides in denen Wissenschafften, zu welchen sie sich bekennen, gelernet haben, hingegen aber, in der aͤusserlichen Auffuͤhrung nicht die geringste Politesse und Artigkeit weder gegen Hohe, noch gegen Niedrige, noch gegen ihres gleichen zeigen koͤnnen, oder zum wenigsten eine solche Singularitæt und scrupulöse Condui te in Essen und Trincken, in Kleidern, im Gehen, ins besondere aber in spitzigen Peruquen, curieusen Schuhen und Absaͤtzen, besondern Gevatter- Krausen, und langen Hand-Gebraͤmen angenommen, so daß man gleich aus dem spitzigen Gesichte, zusammen geruntzelter Stirne, und zusammen gespitz- ten Maͤulgen, einen Misteriarcham Musarum Chemicarum Trismegistum \& Philosophum Paradoxum, abnehmen kan. Nicht laͤcherlicher aber laͤsset es, als wann solche Pedan ten die Stuben, und mit denenselben ihre Idéen so ver- rammeln und verketteln, daß Niemand zu ihnen hinnein, und hingegen sie zu Niemanden wieder heraus kommen koͤnnen. Ja wann etwa, wider Ver- muthen, einer und der andere, durch Klopffen und Pochen, ihre gefasten Idéen, durch Contra-Idéen zerstoͤret und verwirret, so pflegen sie nicht an- ders, als ein toller Diogenes Cynicus aus ihrer hoͤltzernen Zelle mit dem groͤ- sten Ungestuͤmen heraus zu fahren, mit Haͤnden und Fuͤssen zu strampeln, und ein solches erschreckliches Erdbeben und Lermen im Hausse anzufangen, gleich als ob dadurch des Heil. Roͤmischen-Reichs Teutscher Nationen angesetz- ter Reichs-Tag, durch den Einfall derer F rantzosen, voͤllig turbi ret und auf- gehoben worden waͤre. Uber eine solche naͤrrische Conduite nun, muß sich die gantze vernuͤnfftige Welt allerdings moqui ren. Fuͤnffte Fuͤnffte Abhandlung. B Ey der fuͤnfften Abhandlung und dem Beschluß dieses Tractats habe ich gleich zu voraus erinnern sollen, daß gleichwie sie ohne diß eine Zugabe ist, welche das Werck etwas staͤrcker machet, als es nach dem ersten Entwurff haͤtte werden sollen; also ich mich an mein in der Vor- rede gethanes Versprechen, daß ich Niemanden nennen wolte, nicht so gar ge- nau binden werde. Es sind aber auch diejenigen Personen, von denen ich etwas laͤcherliches anfuͤhren, und ihren Namen dabey melden werde, meines Wissens schon alle todt, und im uͤbrigen gemeiniglich solche Maͤnner gewe- sen, die bey ihrem Leben anderer vortrefflichen Gelehrten gar nicht geschohnet, sondern bald diesen bald jenen uͤber die Banck gezogen, und gantz unbarmher- tzig tracti rer haben. Von Carolo Patino erzehlet man, daß als sich selbiger zu Basel bey ei- nem Medico aufgehalten, habe er ungefehr desselben Sohn, einen jungen Studiosum Medicinæ gefraget, wie viel Theile der Artzney-Kunst waͤren? Da nun dieser der gemeinen Ordnung nach geantwortet, Viere, nemlich die Physiologie, Pathologie, Semeiotica und Therapevtica, so hat Patinus den fuͤnfften Theil, welchen er zugleich vor den vornemsten ausgegeben, nem- lich die Marckt-Schreyerey und Charlatans- Griffe hinzugesetzet, weil der- jenige, so diese nicht verstuͤnde, nimmermehr den Namen eines geuͤbten Me- dici verdienen koͤnne. Und zwar hat Patinus nicht uͤbel geurtheilet. Denn de- rer Herumlaͤuffer und Marckt-Schreyer nicht einmal zu gedencken, welche auf oͤffentlichen Strassen und Gassen auf ihre Geruͤste treten, damit sie den Poͤbel betruͤgen, und ihm Ziegel-Staub vor goldene Pulver verkauffen moͤgen; so frage ich, wie viel wohl auch sogenannte rechte Medici seynd, welche nicht allent- halben ein grosses Seht ihr meine H erren! ausschreyen, und von ihren Seel- und Lebens-Kraͤffte bringenden Hertz- S taͤrckungen Groß - und K lein- Welt-Geisterischen Saͤfften, Indianischen Wunder-Oelen, hochhei- ligen Paracelsistischen Panacéen, unschaͤtzbaren Gold-Traͤncken Se- raphinischen Ladwergen, Sieben und siebentzigerley Pulvern, GOttes Wunder Guͤte p reißenden Otter-Schmaltze, und weiß nicht wie viel hundert andern dergieichen, mit vielen fuͤrchterlichen Arabischen, und Abra- Cadabtischen Benennungen ausstaffirten Huͤlffs-Mitteln grosses Wesen ma- machen. Denn Abra-Catabra ist ein aberglaͤubiges Wort, von dem man saget, daß wann es nach einer gewissen Art, auf einen Zeddel geschrieben, und als ein Amulet um den Hals gehangen wird, dasselbe eine magi sche Krafft zur Vertreibung derer Kranckheiten in sich fuͤhren solle. Allein dergleichen Marcktschreyerey findet sich in der Wahrheit nicht nur bey denen Medicis, sondern man trifft allenthalben unter denen Gelehrten solche liebe Herren an, welche meynen, daß sie biß in den dritten Himmel erha- ben seynd, wann ihre matte Seele denjenigen Ruhm, wornach sie lange Zeit geschnappet hat, wie ein Fisch nach dem frischen Wasser, nunmehro allmaͤhlig zu erlangen anfaͤnget. Gleichwie nun die Marcktschreyer ihre schoͤnen Privilegia und herrlichen Zeugnisse allenthalben auszubreiten pflegen; also findet man unter denen Ge- lehrten nicht wenige, die ihren groͤsten Ruhm und Vergnuͤgen in neuen wohl- ausgekuͤnstelten Ehren-Titeln suchen. In Spanien sind die Ertz-Welt- und Ertz-Geschichtschreiber, nebst denen Ertz- und Ober- Mathematicis nicht unbekannt, und welche diese treffliche Benennungen von dem Koͤnig er- langet haben, die muͤsten nothwendig in der Historie, Mathematic und andern dergleichen Wissenschafften en chef commandi ren. Die Italiaͤner errichten gelehrte Gesellschafften, und trachen solche durch allerhand seltsame und laͤcherliche Namen beruͤhmt zu machen, wie da sind die Argonauten, Seraphiner, H och erhabenen, Entbrannten; Olym- phi schen, Jungfraͤulichen, Eingethronten; wie nicht weniger die Dunck- len, Unreifen, Unfruchtbaren, Hartnaͤckigen, Verfinsterten, Muͤßi- gen, Verschlaffenen, Untuͤchtigen, und Phantastischen. Ja einige von besagten Italiaͤnern sind so gar gewohnt ihre eigene Namen zu veraͤndern. Also haben vornemlich zur Zeit Pabsts Pauli II. Majoragius und andere, nach dem Beyspiel des Pomponius Lætus, ihre Geburts-Namen abgeleget, weil ihnen solche allzuneu geschienen, und davor alte Roͤmische angenommen. Aber, daß ich wieder auf die Titel komme, so muß ich hier derer zwey verbitter- ten Feinde des Julius Cæsar Scaligers, und des schon in der vorigen Abhand- lung erwehnten Caspar Scioppius, oder Schoppius, nicht vergessen. Denn jener hat, durch vielfaͤltig eingeholte, und mit grosser Muͤhe zusammen ge- brachte brachte Academi sche Responsa beweisen wollen, daß er aus dem Fuͤrstlichen Geschlechte derer von Scala zu Verona entsprossen seye, und hat sich zugleich hochtrabender gelehrter Titel angemasset. Dieser aber, nachdem er seine hochadeliche Herkunfft gleichfalls durch endlich abgehoͤrte Zeugen bekraͤffti- gen lassen, gebrauchte sich ordentlicher Weise folgenden Titels: Caspar Schoppius, Roͤmischer Patricius, Ritter des H eil. Petri, K ayserlicher, wie auch Koͤniglich-Spanischer, und Ertz-Hertzoglich-Oesterreichischer Rath, Pfaltzgraf, und Graf von Clartvalle. Uber unserer gelehrten Vorfahren greulichen Hochmuth muß man sich bil- lig wundern, als welche die praͤchtigen Beywoͤrter, Durchlauchtig, Excel- len tz, Hochberuͤhmt, Hochansehnlich, womit man ehemahls nur Fuͤrsten und Koͤnige, oder, wann es weit kam, Roͤmische Raths-Herren zu beehren pflegte, auf die Schul-Leute gebracht, haben. Indessen siehet man heut zu Tage, daß viele wollen Hochberuͤhmt heissen, welche doch kaum 20. Schrit- te hinter ihrer Mauer bekannt sind. Andere nennen sich Viel vermoͤgend, die in ihrem eigenen Hause wenig oder nichts zu sprechen haben. Wieder an- dere Hocherfahren und Hochgelehrt, die sich kaum selbst zu helffen wissen. Und endlich schreyet man viele gar vor Unvergleichlich aus, denen sich, mit gutem Recht, mancher Schul-Knabe in der Wissenschafft nicht nur vergleichen, sondern vielleicht ziemlich weit vorziehen koͤnte. Wir wissen, daß der R oͤmische Kayser, Carolus Magnus, in der Uber- schrifft seines Buches, welches er von Verehrung derer Bilder wider die Grichen solle geschrieben haben, mit dem Ehren Nahmen eines vortreffli- chen und ansehnlichen Mannes, Excellentis \& Spectabilis Viri, ist beleget worden. Aber wer ist wohl heute unter denen Gelehrten so geringe, welchem nicht duͤncke, ob gebuͤhrten ihm diese Bey-Worte mit Recht? und man wuͤr- de, zu unserer Zeit, denjenigen vor sehr einfaͤltig halten, welcher, wie ehemahls Boulliau bey denen Pohlacken, den Titel Ihro Excellen tz nicht annehmen wolte. Ja, gleich anfangs, da die Gelehrsamkeit sich kaum wieder etwas aus dem Staube erhoben, war doch dieser Ehrgeitz und Titel-Sucht schon so groß, daß es nicht an Leuten gefehlet, welche den Juristen Bartolum, gleich als waͤre er ein neues Ober-Haupt der politen Welt, den Allerunuͤberwuͤnd- lichsten genannt haben. Und man sehe die Lobspruͤche an, womit die Scho- lasti schen Lehrer sind beleget worden, indem man sie bald, vor Englische B b bald bald vor Seraphini sche, bald wieder vor Hoͤchst-spitzfindige, Hocherleuch- tete; Wunderbare, Allgemeine, Tief-gegruͤndeste, Allzeit-fertige Mei- ster und Doctores ausgeschrien hat. So ist auch dieses wohl vor andern merck- wuͤrdig, was der vortreffliche Rath und Professor zu Leipzig, Herr Johann Burckhart Mencke, in seiner gelehrten Charlatanerie, woraus ich verschiede- ne Dinge gezogen, die allhier in dieser fuͤnfften Abhandlung mit vorkommen, von Magist. Hanns Segern, einem gecroͤnten Poë ten und Rector bey der Stad-Schule zu Wittenberg erzehlet. Dieser hatte, solcher Erzehlung zu Fol- ge, den gecrentzigten H eyland, auf einem Kupffer abbilden lassen, welchen er (nemlich der unterm Creutze stehende Seger mit folgenden, aus seinem Munde gehenden, Worten kurtz und gut anredete: Mein HErr JEsu! Liebest du mich? worauf der Heyland, mit einem weitlaͤufftigen Compliment, vom Creutz herunter antwortete: Ja, H ochberuͤhmter vortrefflicher und wohlgelahrter Herr Magister Seger, gecroͤnter K ayserlicher Poët, und Hochwohlverdienter Rector der Wittenbergischen Schule, ich liebe dich. Aus einem gantz greulichen gelehrten Stoltz und Ubermuth, hat man auch den hochtrabenden Namen eines Pansophi, das ist, Allwissenden Gelehrten aufgebracht, dessen sich diejenigen bedienen, welche, um ihres Nutzens willen, denen Zuhoͤrern alle Geheimnisse und Schwierigkeiten in der Philosophi aufzuloͤ- sen versprechen; da sie doch kaum ein mager und ausgeriptes Stuͤcke der Welt- Weißheit recht durchzugehen vermoͤgend seynd. Dannenhero klaget der Herr Lilienthal in seinem Werckgen von der Machiavellisterey derer Gelehrten, pag. 96. mit folgenden Worten daruͤber: Unter diejenigen Narren spricht er, welche die unverdiente Ehre durch viele Versprechungen zu erlan- gen trachten, gehoͤren auch diejenigen, die auf Universitæten Collegia Pansophica anschlagen, worinnen sie die Weißheit alle auf einmahl lehren wollen. Denn es sind viele gewohnt, durch solche prahlerische Titel, die unvorsichtige Jugend zu betruͤgen, und um das Geld zu brin- gen; aber das ist in Wahrheit eine grosse Raserey. Denn was koͤnte wohl boßhaffter seyn, als sich GOtt, der allein alles weiß, gleich stel- len wollen; und wie thoͤricht ist es nicht sich dessen zu ruͤhmen, das auf der gantzen Welt nicht zu finden ist? Wie elend ist doch diese All- wissenheit bestellet, welche in der That aufs hoͤchste kaum sechs Wis- senschafften in sich haͤlt? Es muͤssen wohl, wo ich mich nicht sehr irre, so wohl die alten als neuen Philosophi sehr einfaͤltige und langsame K oͤpffe K oͤpffe gewesen seyn, daß sie die gantze Zeit ihres Lebens auf die Weißbeit gewendet, welche doch unsere Pansophi der Jugend gar leicht in einem eintzigen Jahre beybringen koͤnnen. Auch Morhoff im 1. Cap. des 1ten B. §. 24. seines Poly historis urtheilet, daß man diese Unbeson- nenheit durch oͤffentliche Gesetze im Zaum halten solle, indem dadurch denen Lehrern ein offener Weg zur Unwissenheit gebahnet, alle rechtschaffene Gelehr- samkeit ausgerottet, und sowohl in die Schulen als Raths-Haͤuser lauter un- reiffe Wissenschafften eingefuͤhret wuͤrden, da man an statt erfahrner Weltwei- sen, eitel unzeitige und ausgerathene Nach-Beter einiger unverstaͤndlichen Kunst- Woͤrter, ja mit einem Wort, an statt rechtschaffener braver Maͤnner nichts als Oel-Goͤtzen und Maul-Affen zu unserer hoͤchsten Schande empor kom- men saͤhe. Von denen Lullist en, und absonderlich von einem sogenannten K uhl- mann ist bekannt, daß er versprochen, er wolle die tuͤmmsten und aller Dinge unerfahrnen Koͤpffe, durch eine eintzige Schrifft geschickt machen, stehenden Fußes von allen Dingen in der Welt, in gebundener und ungebundener Re- de, so hurtig, verstaͤndig und zieriich zu handeln, daß man solches mit Er- staunen wuͤrde ansehen muͤssen. Ja sie solten mit sehr leichter Muͤhe neue, nutz- liche und mit vielen ersprießlichen Dingen angefuͤllete Buͤcher schreiben. Von Peter von Montmaur, der zu Paris, unterm Koͤnig Ludovico XIII. Professor der Griechischen Sprache gewesen, finden wir aufgezeignet, daß er einstmahls einen Zeddel angeschlagen, welcher also gelautet: Mit GOtt! Peter von Montmaur, Koͤniglicher Professor der Griechi- schen Sprache, wird die, mit vieler versteckten G elebrsamkeit angefuͤlle- ten, Glossen des Hesychius oͤffentlich zu betrachten und zu geniessen vor- legen, auch ihre Vortrefflichkeit in denen außerlesensten Erklaͤrungen kund machen; ferner mit festen Gruͤnden, in der Vorrede beweisen, daß der Autor von der Christlichen Religion nicht sey entfernt gewesen. Denen schweren Worten wird er eine Auslegung, denen alten ein neues Ansehen, denen bißher verworffenen ihren vorigen Glantz, denen dunck- len ihr Licht, denen verachteten ihre Annehmlichkeit, und denen zweif- felhafften eine Gewißheit geben. In allem diesem aber wird er GOtt, und alles in GOtt suchen, damit durch dessen Beystand etwas wuͤrdiges vorgetragen werde, welches sonderlich bey dieser heiligen B b 2 Fa- Fasten-Zeit keine guten Gedancken verderben moͤge. Ich werde eitel Gutes haben. D ienstags fruͤhe in der siebenden Stunde, im neuen F rantzoͤsischen Auditorio. Kan man hier nicht mit allem Recht ausruffen und sagen: O gelehrte Eitelkeit! O gelehrte Thorheit! Man muß auch dabey noch dieses beo- bachten, daß er eine Stunde zu seiner Lection genommen, in welcher fast noch jederman schlaͤfft, nemlich fruͤhe Morgens von 6.---7. Uhr. Deswegen hatte er auch fast gar keine Zuhoͤrer, und man nannte ihn, Spotts-weise nur eine Stimme in der Wuͤsten. In praͤchtigen Buͤcher-Titeln suchen viele Gelehrte ebenfalls einen gantz greulichen eitlen Ruhm. Also sind sie insgemein herrlich eingerichtet, und scheinen viel grosses und sonderbares zu versprechen. Durchsuchet man aber das Buch selber, so findet man, das die Leser hinters Licht gefuͤhret sind. Von solchen praͤchtigen Tireln, und denenjenigen, welche sich verschiedene ge- lehrten Gesellschafften beygeleget haben, heisset es wohl recht: Es fieng ein Berg zu kreisten an, Und that, als wann er schwanger waͤr. Als nun fast jederman, Auf die Geburt mit Furcht und Zittern wartete, So kam ein Maͤußgen her, Und brachte was zu lachen: Ein Prahler, der uns viel verspricht, Und liefert solches dennoch nicht, Pflegts eben so zu machen. Sehr wohl laͤßet es sich lesen, was Plinius Secundus von der Gewohnheit derer Griechen schreibet, nemlich: Die Griechen sind in ihren Titlen sehr reich und gluͤcklich. Bald muß ein Buch den Namen des Bienen- Stocks fuͤhren, eben als wann eitel Honig darinnen anzutreffen waͤre. Ein Ein anderes wird das Horn des Uberflußes genannt, damit man glau- ben solle, es seye darinnen alles kostbare, und selbst auch die sonst nir- gends anzutreffende Huͤner Milch in grosser Menge verhanden. Bald werden ihre Wercke mit dem Namen derer Musen allgemeiner Hand- Buͤcher, fruchtbarer Wiesen, vollgesetzten Tafeln, und andern solchen Ehren-Titeln gezieret, daß man, um ihre Erlangung willen, Haab und Guth in die Schantze schlagen solte. Aber, wann man in die Buͤ- cher selbst hinein siehet, O ihr Goͤtter! wie schlecht und mager ist als- dann alles beschaffen. Wiewohl es haben verschiedene Nationes denen Griechen hierinnen gar starck nachgeahmet. Derohalben darff sich Niemand wundern, wann auch unsere heutigen Buͤcher-Schreiber viele ungereimte Titel zu Marckte bringen. Was hat man nicht vor eine Menge Schatz-Kam- mern von Antiquitæ ten und Lateinischen Redens-Arten, die doch wann man sie aufschließet, mit Spreu und Kohlen angefuͤllet sind? Wie viele Schrifften versprechen nicht den Kern der wahren Philosophie vorzutragen, welche nicht einmal die rechten Schaalen in sich halten? Wie viele lustige Redner sind nicht geschrieben worden, in denen allen zusammen man kaum einen eintzigen geschick- ten Schertz auftreiben kan? Derer Atlanten und Historischen Schau-Plaͤ- tze sind so viele, daß man wohl Ursache haͤtte mit dem Tichter Cabullus aus- zuruffen. Annales Volusi, cacata charta! O Schrifften sonder Witz, O sehr beschißnen Blaͤtter! Es lohnet sich nicht der Muͤhe so vieler goldenen Haupt-Schluͤssel, Koͤ- niglicher Hand-Leitungen, Parnassus- Staffeln, grosser und kleiner Welt-Meere, Wahrheits-Schilde, Weißheits-Schantzen, menschli- cher Gehirn-Register, und andere viel hundert solcher Titel zu gedencken, durch welche man die unvorsichtigen Liebhaber, betruͤglicher Weise, zu Kauf- fung derer Buͤcher anzureitzen pfleget. Hieher gehoͤret nicht unbillig der Schul- Rector zu Hudstadt, einem Orte, der sonst von nichts als von dem Schwein-Handel, welcher daselbst getrieben wird, bekannt ist. Dieser Rector hatte wahrgenommen, die zum Gebrauch des ehemaligen Dauphins, das ist Erb-Cron-Printzens von B b 3 Franck- Franckreich ( in Usum Delphini ) heraus gekommen sehr begierig gesuchet und theuer verkauffet worden. Dahero fuͤgte er auf dem Tittel eines Donats, den er in Tabellen heraus gegeben, die Worte hinzu: In Usum Delphinorum Hud- stadensium, zum Gebrauch derer Hudstadischen Dauphinen oder Delphi- nen, Cron- und Erb-Printzen. Einige zieren ihre Titel- Blaͤtter mit haͤuffigen Gleichnissen und weit ge- suchten Figuͤrlichen Redens-Arten aus; wiewohl sie dieselben dadurch offt so undeutlich machen, daß man das Absehen des Verfertigers, und den Innhalt des Wercks selbst, ungeachtet aller angewendeten Muͤhe, unmoͤglich daraus errathen kan. Wer solte wohl in Johann Hagens triumphiren der Wahr- heit, welche auf dem vierspaͤnnigen Wagen des in bessere Ordnung ge- brachten Evangelien Buchs aufgefůhret, und durch das Kriegs-Heer derer heiligen Kirchen-Vaͤter begleitet wird, eine Harmome derer vier Evangeli sten suchen? Oder, was hat einstmals einen gewisser Leipziger Medi- cum bewogen, sein Wort unter diesen Titel heraus zu geben: Jus publicum hoe est: Theses Medicæ de dolore capitis, Staats-Recht, das ist: Medicini sche Lehr-Saͤtze von Kopff-Schmertzen? Ein gewisser Spanier hat seine in 50. Capitel vorgetragenen Philosophi schen Anmerckungen in diesen fuͤrchterlichen Titel eingekleidet: Pentacontarchus; das ist: Ein mit funfftzig Soldaten begleideter Kriegs Officier, welcher in Ramirez von Prado S old stehet, und unter dessen Anfuͤhrung viele Ungeheuer in allen Arten der Ge- lehrsamkeit ausgerottet, das Verborgene an das Licht gebracht, und alles Dunckle und Versteckte durchforschet und erleuchtet wird. Mit was vor naͤrrischen Namen haben nicht die bekannten Rosen-Craͤu- tzer ihre Schrifften ausgezieret. Eine darunter z. E. heisset: die allgemei- ne wiederkehrende Posaunen, der letzten Jubel-Zeit, als ein Vorbothe der vergroͤsserten Eve, welche durch ihren Klang die Felsen in Europa erschůttert, und durch Berge und Thal erthoͤnet. Eine andere Rosen- Creutzer-Schrifft wird genannt: Der Christlich Cabalistische Goͤttlich- Magi sche, Physicali sch- Chimi sche dreymahl dreyfache allgemeine Schau- Platz der eintzig wahren ewigen Weißheit, und was dergleichen unbeson- nene Titel mehr seynd, von denen man, wie dort der Poët Virgilius von der Cumaͤischen Sybille, sagen moͤchte: Hor- Horrendas canit ambages antroque remugit Obscuris falsa invalvens. Daß sie in tiefer Klufft viel ungewisse Dinge, Die unerforschlich sind, mit dunckeln Worten singe. Wer solte wohl glauben, daß es unter denen Gelehrten solche Leute gaͤbe, die sich ihre einene Buͤcher selber zuschreiben und dedici ren. Dieses erzehlet man von H ‒ ‒ R. der unter dem Namen Christian Cititzens eine Historie des Ditmarsischen Krieges verfertiget, und selbige sich selbst dedici ret hat. So hat es bey nahe auch Andreas Schotte gemachet, der sich sein erlaͤutertes Italien, welches er selber zusammen gesammlet, von dem Verleger, Andreas Cambierius, hat zuschreiben lassen. Aber nichts ist, nach des Erasmi Mey- nung, lustiger zu sehen und zu hoͤren, als wann sich die Gelehrten unter einan- der um die Wette loben und bewundern, wann sie ihre beyderseitigen Ver- dienste durch gewechselte Brieffe, Gedichte, und dergleichen Lob-Schrifften erheben; wann der Ungelehrte den Unwissenden, der Thor den Narrn, der Affe den Hasen, streichelt, schmeichelt und kuͤtzelt. Dieser ist nach jenes Aus- spruch, ein neuer Alceus, und groͤsser als Mar c us Tullius, jener aber wird von diesem ein anderer Calimachus gepriesen, und vor gelehrter als Plato ge- halten. Der schon-erwehnte vortreffliche Herr Rath und Professor Mencke spricht in seiner Charlatanerie, daß er sich eines Gelehrten, der zu Leipzig ge- lebet habe, erinnere, welcher als er in ein kleines Staͤdtgen zu einem Schul- Dienst beruffen worden, und sich sonst Niemand gefunden, der ihn heraus- streichen wollen, sich selber in einem, mit eigener Feder aufgesetztem Gedichte darzu Gluͤck gewuͤnschet, und zugleich das liebe Leipzig beklaget, daß selbiges an ihm ein so theures Haupt verlieren muͤsse. Wem ist hiernechst der Poët Jacob Vogel unbekannt, welcher von sich selbst folgende, noch so ziemlich vortheilhaffte, Meynung geheget: Teutschland hat zwar einen Lutherum, Aber noch keinen Homerum; Einen rechtschaffenen Propheten; Aber noch keinen rechtschaffenen Poëten. Doch Doch nun thut GOtt erwecken frey Einen Vogel, der ohne Scheu Zum Teutschen Poëten gecroͤnet ist Von hohen Leuten dieser Frist ꝛc. Es fehlet auch an solchen nicht, welche ihren Buͤchern eine gantze Menge Lob-Gedichte vorsetzen, als ob sie ihnen von vornehmen Leuten freywillig, und aus eigener Hochachtung waͤren zugeschicket worden; die sie doch in der That entweder selbst gemachet, oder ihren Clienten und Anhaͤngern abge- presset haben. Dergleichen Leute scheinen es dem Cardinal Granvella nachzu- thun; welcher ebenfalls, damit der Spanische Triumph Kaysers Caroli V. desto ansehnlicher seyn moͤchte, ohne dasjenige Geschuͤtze, so der Kayser denen uͤberwundenen Protestanten wircklich abgenommen gehabt, auf Kaͤyserliche Unkosten noch viele neue Stuͤcke in Teutschland giessen, und mit Heßischen und Saͤchsischen Wappen hat bezeichnen lassen. Andere Buͤcher-Schreiber hingegen sind von der Caprice, daß sie sich mit Fleiß einen Widersacher suchen, durch dessen Bestreitung sie beruͤhmt zu werden verhoffen. Diese aͤrgert nichts mehr, als wann sich Niemand uͤber sie aͤrgern will, und daher erdencken sie, wie Seneca saget, allerhand abge- schmackte Possen, welche gescheiten Leuten kaum im Schlaffe einkom- men wuͤrden. Ja damit es nur das Anfehen habe, als haͤtten sie was neues erfunden, so scheuen sie sich nicht alles, was der Vernunfft und denen Sin- nen gemaͤß ist anzufechten, in der eintzigen Absicht, einen beruͤhmten Gegner zu bekommen, mit dem sie sich auf das zierlichste, nach Klopff-Fechter- Manier, herum schlagen koͤnten. Und wann uͤber Verhoffen auch diese Kriegs-List fehl schlaͤgt, so fangen sie selber an, wider ihre eigene Geburt, auf das greulichste zu wuͤten; massen von dem Poëten Garopolus bekannt ist, das er sein Gedicht vom Carolo Magno, in einer oͤffentlichen Censur, sehr scharff durchgezogen hat. Noch andere, wann sie keine fremde Redner auftreiben, lassen sichs nicht dauren, ihre Gelehrsamkeit mit eigenem Munde auszuposaunen, damit sie ja denen Marckt-Schreyern recht gleich werden moͤgen, die den unverstaͤndigen Poͤbel Poͤbel mit heller Stimme zu bereden trachten, daß die Panacéen wider alle Kranckheit gut thun, und ein undenckliches Alter in stets-waͤhrender Jugend zuwege bringen. Hieher gehoͤret der Engelaͤnder, Doct. Jo- hann Ker. Dieser hat seine Anmerckungen uͤber die Lateinische Sprache der Koͤnigin Anna in Engeland dedicirt, und unter andern versichert, wie es ein grosses Theil von der Gluͤckseeligkeit Ihrer Majestaͤt seye, daß dieses Buch eben unter Ihrer Regierung zum Vorschein gekommen waͤre. Johann Jovianus Pontanus hat sich selber eine Grabschrifft verfertiget, die nach der Teutschen Ubersetzung in ungebundener Rede also lautet: Diese Wohnung habe ich mir bey meinem Leben zubereitet, damit ich nach meinem Ableben darinnen ruhen moͤge. Erweiset doch ja mir, nach meinem Tode, kein Leid, der ich bey meinem Leben Nieman- den beleidiget habe. Ich bin ja derselbige Jovianus Pontanus, den die Musen geliebet, ehrliche Leuthe werth, und Koͤnige und Herren in Eh- ren gehalten. Nunmehro weist du wer ich bin, oder vielmehr, wer ich gewesen, Ich aber kan dich, Wandersmann! im Dunckeln nicht er- kennen, sondern bitte dich, daß du dich selbst erkennen lernest. Le- be wohl! Wiewohl diese Grabschrifft fuͤhret auch etwas Gutes und Loͤbliches in sich, wann sie gleich nicht von der Ruhmraͤthigkeit befreyet ist. Weit naͤrrischer aber lautet, was der gelehrte Frantzos Carl Molin von sich saget, nemlich: Ich, der keinem andern weiche, und sonst von Niemanden weiter et was ler- nen kan. Balsac erzehlet aus des Photius Bibliothec von einem Griechen, der Alexanders des Grossen Leben beschrieben, und sich geruͤhmet, das er jenes durch das Schwert erworbenen Ruhm, gleichfalls durch seine Feder verdienen, und dasjenige auf dem Papier werden wolle, was Alexander auf dem Erdboden gewesen seye. Balzac belachet auch eines andern Grie- chen Thorheit, welcher als er neun Brieffe und drey Reden geschrieben, jene mit derer Musen, diese mit derer Gratien Namen beleget hat, nicht anders, als ob er ein Vater so vieler vortrefflichen Goͤttinen waͤre. Unter denen Juͤdi- schen Rabbinen sind dergleichen Prahler ebenfalls sehr haͤuffig zu finden; Wie dann der Rabbi Jochanan Ben Saccai an einem Orte seiner Schrifften also von C c sich sich selber redet: Wann alle Himmel-Baumrinden oder Papier, alle Baͤu- me Federn, uud das gantze Meer eitel Dinte waͤre, so wuͤrde es doch nicht zureichen, meine Weißheit zu beschreiben. Hilff Himmel! Was vor ein greulicher Narr muß nicht dieser Rabbi gewesen seyn? Ein von Hochmuth stoltzender Gelehrte, Namens Georgius Leontinus pflegte bey oͤffentlichen Zusammenkuͤnfften, jederman mit groͤstem Hochmuth freyzustellen, in was vor einer Wissenschafft er von ihm wolte unterrichtet seyn? Jacobus Mazonius aber gab auf alles, was man ihn fragte, alsbald eine weit- laͤufftige Antwort, und prætendir te alles zu behaupten, oder uͤber einen Hauffen zu werffen. Auch wissen wir, daß Franciscus Philelphus in einem Brieffe sehr prahlerhafft von sich selbst geschrieben: Eines unterstehet sich Philelphus gar wohl zu behaupten, es mag gleich der Caudidus (so hieß sein Wi- dersacher) deswegen vor Neid zerbersten, daß weder zu dieser Zeit, noch zuvor jemahls jemand unter deuen Lateinern gewesen seye, ausser mir, welcher allein in der Grichischen und Lateinischen Sprache der- massen geuͤbt gewesen, oder in gebundener und ungebundener Rede so viel vermocht hat. Weist du jemand anders, so nenne ihn. Aber wa- rum schweigest du dann, du elender Kerl? Diese Leute meynen auch, daß es viel zu Erlangung eines grossen Ruhms beytrage, wann sie andere Gelehrte uͤberreden, sie haͤtten eine grosse Anzahl Buͤcher, von denen schweresten und unbekanntesten Materien fertig liegen, welche sie, gegen eine anstaͤndliche Belohnung, alle Augenblicke in die Drucke- rey lieffern koͤnten. Johann Bourdelot beruffet sich in denen Anmerckungen uͤber den Heliodorus allenthalben auf seine andere Schrifften, die doch nie- mals an das Tage-Licht gekommen sind; und Marcus Meibom pflegte allen Fremden, welche ihn zu Amsterdam besuchten, grosse Baͤnde zu zeigen, mit dem Vorgeben, daß er die darinnen enthaltenen Schaͤtze denen Gelehr- ten nicht laͤnger mißgoͤnnen wolte, wann ihm selbige mit einer billi- gen Vergeltung, die er aber sehr hoch ansetzte, bezahlet woͤrden. Doch hat wohl so leichte Niemand den la Croix du Maine uͤbertroffen, der einen Brieff an Koͤnig Henricum III. in Franckreich drucken lassen, worinnen er sich ruͤhmet, daß er 800. Schrifften von allen Dingen, die der menschli- che Verstand wissen oder begreiffen kan, mit seiner Hand ausgearbei- tet, und in 100. Faͤchern fertig liegen habe, welche er dem Koͤnig ins gesamt gesamt zu uͤberlieffern bereit seye, wann ihm selbiger nur vor jedes Fach 200. Thlr. zusammen zwantzig tausend Thaler, als ein sehr schlechtes Geld vor solche unaussprechliche Schaͤtze bezahlen wolle. Noch weit schaͤtzbarer aber muß wohl das eintzige Buch derer Bruͤder des Rosen Creutzes gewesen seyn. Denn unter andern Betruͤgereyen und Marcktschreyereyen, so sie in die Welt ausstreueten, gaben sie vor, daß sie ein Buch haͤtten, woraus sie alles lernen koͤnten, was nur in andern Buͤ- chern stuͤnde, so jemals ans Tage-Licht gekommen waͤren, oder noch geschrieben werden koͤnten. Indessen haben es diese doch bey Versprechungen und leeren Prahlerey- en bewenden lassen; dahingegen Nicolaus Riccard, ein Genueser, noch viel unvernuͤnfftiger gewesen, als der sich geruͤhmet, daß er viele Jahre her, mit grosser Můhe und Fleiß eine Widerlegung alles desjenigen, was in einem bekannten und berůhmten Buch wider das heilige Tridentinische Concilium geschrieben worden, verfertiget habe. Da man nun ein vor- treffliches Werck von ihm erwartete, so kamen endlich mit genauer Noth et- liche wenige Bogen zum Vorschein, darinnen er, gleich dem schon angezoge- nen schwanger seyenden Berge, kaum ein laͤcherliches Maͤußgen zur Welt brachte. So weiß man auch von dem Johann Chapelain, einem sonst gelehr- ten Manne, daß ihm der Printz Heinrich von Orleans eine jaͤhrliche Bestal- lung gegeben, damit er die Geschichte der beruͤhmten Lotharingischen Jung- fer, Jeanne d’ Arc, welche nur insgemein das Maͤdgen von Orleans genannt wird, in einem Frantzoͤsischen Helden-Gedichte, nach Art des Homerus oder Virgilius, beschreiben solte. Daruͤber nun hat Chapelain, auf daß er nemlich der Freygebigkeit des Hertzogs desto laͤnger geniessen moͤchte, viele Jahre lang gearbeitet, und zu letzt ein sehr kahles Gedichte, so er la Pucello d’ Orleans, oder das Maͤdgen von Orleans betitelt, zu Stand gebracht; wo- durch er aber der grossen Hoffnung, so sich alle von ihm gemachet, so ein schlechtes Genuͤgen geleistet, daß ihn hernach fast jederman hefftig damit durch gezogen, und einer darunter folgende Verse auf sein Gedichte gemachet hat: Illa Capellani dudum exspectata Puella Post longa in lucem tempora prodit anus. C c 2 Auf Auf Teutsch: Das Maͤgdgen, so uns Chapelain als schoͤn und jung verspricht, Kommt endlich nach viel Zeit und Muͤh, Als wie ein altes Weib, Voll Runtzeln an das Licht. Viele, wann sie selber nichts haben, was sie herausgeben, oder auch nur versprechen koͤnnen, vermeynen dennoch den Namen eines Gelehrten gar wohl zu behaupten, wann sie nur ihr Vermoͤgen darauf wenden, alle Schrifften, die irgendswo zum Vorschein kommen, begierig zusammen zu kauffen, ob sie sol- che gleich selbst weder lesen noch verstehen koͤnnen. Sie sammlen also gantze Hauf- fen Buͤcher, und sehen selbige, wann sie vorhero aufs herrlichste in Gold und Purpur eingebunden, und nach der Reyhe hingesetzet sind, taͤglich etlichemal mit dem groͤsten Vergnuͤgen an, oder weisen sie auch wohl ihren Freunden einmal uͤber das andere. Vornemlich bilden sie sich ein, was besonders gelei- stet zu haben, und halbe Goͤtter zu seyn, wann sie einmal uͤber ein altes Manu- script gerathen, welches sie dann, es seye gleich von andern Gelehrten schon hun- dertmal abgenutzt, oder auch sonst so verlegen und zerrissen als es nur will, diesem ungeachtet vor einen vortrefflichen Schatz halten, und vor keine weltli- che Kostbarkeit vertauschen wollen. So einer war Janus Nicius Erythræus, ein gantz sonderbarer Verehrer des Alterthums. Er schaͤtzte die alten Codices, deren er sehr viel in seiner Bibliothec hatte, ausserordentlich hoch; woruͤber ihm aber einstmals ein laͤcherlicher Zufall begegnete. Denn als er dem Cardinal Fran- ciscus von Toledo die Comœdien des Terentius gewiesen, und davon versicherte, daß sie vor mehr als tausend Jahren geschrieben waͤren, wie sie dann auch in der That alt, dabey aber sehr verderbt und uͤbel zugerichtet waren, so setzte er hinzu, er glaube nicht, daß dieser so gar alte Codex mit einigem Gelde nach Wuͤrden koͤnne bezahlet werden; worauf der Cardinal ant- wortete: Ey dulieber GOtt, was hoͤre ich! Ich meines Orts wolte lie- ber ein eintziges gantz nen-gedrucktes Exemplar haben, wann es nur gut und richtig ist als zehen solche verderbte und mangelhaffte, solten sie auch mit der Sibille eigenen Haͤnden geschrieben seyn. Noch Noch weiter von denen Partisans des Alterthums zu reden, so wird es nicht unrecht seyn, auch dererjenigen ihre Thorheit hier zu beruͤhren, die nichts loben und bewundern, als was nach Antiquitæ ten schmeckt, und die nach Art derer Chineser, alle uͤbrige vor ein sich allein aber vor zwey-aͤugige halten, weil sie nicht nur bloß dasjenige, was ihnen vor der Nase lieget, sehen, sondern auch die Beschaffenheit derer aͤltesten Zeiten genau untersuchet und durchfor- schet zu haben vermeynen Wann ihnen nun etwa ein alter, von Schimmel und Rost durchfressener Pfennig, oder andere Uberbleibsel eines vor tausend und mehr Jahren abgebrauchten Hausraths zu Handen kommen, O ihr Goͤt- ter, was entstehet da vor Freude! Was macht man sich nicht vor Muͤhe und Arbeit, daß man ja alle Puncte genau daran erkennen, ja gantze Buͤcher mit Erklaͤhrung dererselben anfuͤllen, und seinen lieben Nachkommen hinterlassen koͤnne. Das sind eben die trefflichen Maͤnner, welche die Prophezeyung derer Sybillen, die Lieder der wahrsagenden Charmante, die unerforschlichen Ge- heimnisse des Lycophronis, die Heiligen Buͤcher des Koͤnigs Numa, die ver- steckte Deutung des goldenen Vliesses die unverstaͤndliche Grabschrifft der Ælia Lelila Chrispis, die Schrifften derer Egyptier, und dergleichen Heim- lichkeiten mehr gar leicht, und gleichsam spielende, aufloͤsen koͤnnen; obgleich von denen letztern schon Apulejus gestanden, daß sie mit unverstaͤndlichen und wunderlich verzogenen Buchstaben geschrieben, auch sonst der- massen in einander geschlungen und gekuͤnstelt waͤren, daß man sich leichtlich von dem Vorwitz, selbige zu durchstaͤnckern, abhalten liesse. Wie bald sich aber die Antiquitæten Craͤmer betruͤgen lassen, bezeugen ande- rer zu geschweigen, die zwey Ober-Zunfftmeister in dieser Wissenschafft, Athanasius Kircher, und Jacob Gronov. Es waren zu Rom etliche muth- willige Juͤnglinge, die in Erfahrung gebracht hatten, daß man ehestens ein neues Gebaͤude in der Stadt aufrichten wuͤrde, deswegen sie einen alten ver- moderten Stein an selbigen Ort vergraben lassen, auf den sie allerhand wun- derliche Zeuge und phantasti sche Figu ren gegraben hatten, um zu erfahren, was doch Kircher immermehr vor einfaͤlle dabey bekommen wuͤrde? Was ge- schieht? Man will den Grund zum Gebaͤude legen, und findet diesen Stein als ein neues Geschencke des Alterthums, welches noch darzu durch seine Voll- kommenheit kostbar gemachet wuͤrde. Man verlangte also eine Erklaͤrung, und schickte deswegen zu Kirchern. Dieser sprang, sobald er den Stein ge- sehen, vor Freuden in die Hoͤhe, und wuste, ohne Verzug, alle Circul, Creu- tze und uͤbrige merckwuͤrdige Figur en, so geschickt und kuͤnstlich auszulegen, daß nichts druͤber seyn kunte. C c 3 Zu Zu einer andern Zeitbrachte ein vertrauter Freund eben diesem Kircher ein Stuͤcke seiden Papier von der Art, wie es die Chineser gebrauchen, daß mit viel wunderlichen Zuͤgen besetzet gewesen. Da sich nun der gute Kircher viele vergebliche Muͤhe gemachet, selbige zu erklaͤren, so wurde endlich sein Freund der unnuͤtzen Arbeit uͤberdruͤßig, und hielte daß Papier freywillig vor den Spiegel; da dann Kircher gar leichte sehen kunte wie ungluͤcklich er desfalls an- gelauffen seye, weil bloß folgende Worte, mit kleinen verkehrt stehenden La- teinischen Buchstabe n , darauf geschrieben waren; Noli vana sectari \& tem- pus perdere nugis nihil proficientibus; das ist: Trachte dem nicht nach, was eitel ist, und verderbe die Zeit nicht mit unnuͤtzen Grillen. Was that Gronov? Diesem wiese ein sehr gehoͤffter Mann Monsieur Ro- bert von Neufville, wie ihn Gronov selbst nennet, ein hoͤltzernes Maͤnngen in der Gestalt eines Saͤchsischen Bergmannes, dergleichen unsere Kinder insgemein unter ihren Puppenwerck aufzuheben pflegen. Gronov, der sein Lebtage keinen Kerl mit einer Ertz-Mulde, Arsch-Leder, und dem uͤbrigen Berg-Tracht gesehen hatte, freuete sich alsbald, seinem eigenen Gestaͤndniß nach, gantz ungemein uͤber dieses treffliche alte Monument, und hielte gleich dafuͤr, man muͤsse dessen Gedaͤchtniß wieder erneuern; daher er dann sein Berg-Maͤn- gen auf das Zierlichste in Kupffer stechen lassen, und solches vor einen alten heydnischen Teutschen Priester, so das Schiff der Goͤttin Isis truͤge, ausgegeben hat. Die Worte, womit er diese vermeynte kleine Statue des Alterthums, in seinem Thesauro der Griechischen Antiquitæten beschrieben, lauten also: Er hat ein wildes und unfreundliches Gesichte, mit einer um das Haupt, fast biß zu denen Augbraunen gewundenen Binde (das ist die Muͤtze des Berg-Manns, diese gehet ihm auf der lincken Seite so weit herunter, daß sie gar bequem einen dicken Wulst machet, auf welchem das Schiffgen (oder vielmehr die Ertz-Mulde) ruhen kan. Der Rock ist lang, aber hoch hinauf geschuͤrtzet, daß er desto freyer gehen koͤnne. Das hintere Theil aber (hier hast du das Arsch-Leder) gehet unten spitzig aus. Dieses ist also der beruͤhmte Teutsche Priester, den die Lateiner Bajulum Ceremoniarum genennet haben, einen Mann der das Heiligthum traͤgt, nicht zwar wie die edlen Poë ten zu ihren Musen, sondern in seinen ge- heimen und fůrchterlichen Wald. Von diesem Gronov ist sonst noch be- kannt, daß er der Tadelsucht gantz greulich ergeben, und der Universitæt Leipzig spinnenfeind gewesen; wie er sich dann nicht gescheuet, alle unge- reimte Schluͤsse vor Leipzig-maͤßig auszugeben. Von Von der Tadelsucht noch weiter zu reden, so hat sich dadurch unter an- dern auch Claudius Verdier, ein Frantzose beruͤhmt gemacht, indem er die Un- besonnenheit begangen, daß er etlichen wenigen Bogen den hoffartigen Ti- tel einer Censur aller alten und neuen Scribenten beygeleget, auch seinen eigenen Vater Antonius nicht verschonet hat, der seiner doch in der sogenann- ten Frantzoͤsischen Bibliothec aufs ruͤhmlichste erwehnet. Die alten Autores aber und darunter auch den Tullium, Virgilium und Horatium, hat er aufs schaͤrffste herum genommen, und bald an einem die harte Schreib-Art, bald an dem andern die fremden und ungewoͤhnlichen Woͤrter getadelt. Eben die- ses that auch der Poët Johann Ciampulus, der bestaͤndig auf den Virgilius, Horatius und den Petrarcha laͤsterte, die zusammen er ordentlich vor unwis- sende Schuͤler schalt, in der Absicht, daß er seine Gedichte uͤber die ihrigen er- heben moͤchte. Hierzu kam, daß er von seinen vermeynten Meri ten auf eine gantz rasende Weise eingenommen war, alle andere neben sich verachtete, auf jederman schmaͤhete, auch seiner eigenen Verwandten nicht schonete. Franciscus Robortellus kunte seines gleichen durch aus nicht vertragen, wes- wegen er denen gelehrten Maͤnnern Alciatus, Sigonius und Egnatius viel Ver- druß angethan hat. Denn es war in selbigem ein verwegenes aufgeblasenes Gemuͤthe, und ungezaͤumte Begierde nach allgemeiner Hochachtung, daher man auch nicht leicht jemand gefunden, welcher im guten Gluͤcke so trotzig, und in widerwaͤrtigen Zufaͤllen so verzagt gewesen waͤre. Bey der Gelegenheit kan ich auch gar wohl noch etwas von denen muͤnd- lichen Zwey-Kaͤmpffen sagen, die man auf Universitæ ten vom Catheder herunter zu halten pfleget. Der Anfangs beym Disputi ren abgezielte Endzweck war zwar sehr gut; ist aber nunmehro dermassen verloschen, daß man sich oͤffters um die nichtswuͤrdigsten und abgeschmacktesten Dinge mit langweiligen Ge- schwaͤtze, und groͤster Gemuͤhts-Bewegung herum zancket; welcherley Strei- tigkeiten aber schon die Alten nicht unbillig vitilitigia oder Schand-Gezaͤncke genennet haben. Also haben sich auch vor Zeiten, nach des Tullius Zeugniß, der Amafinius und Rabirius, wegen gantz deutlicher und Handgreifflicher Sa- chen, biß aufs Schlagen herum gebissen, zwischen dem Palæmon und Orbilius aber ist ein hefftiger Streit gewesen; Ob Æneas, als er in Italien ange- kommen mit dem rechten oder lincken Fuß zu erst ans Land getreten seye? Der Redner Maximus hat den Schul-Lehrer Zoporion nicht wenig her- un- unter gemachet, daß er nicht genugsam untersuchet, in welche Hand ei- gendlich die Venus von dem Diomedes seye verwundet worden? So giebt es auch Leute, die nach Klopff-Fechter Art keine gebuͤhrende Ordnung und Richt-Schnur in ihrem Disputi ren in acht nehmen, sondern die Streiche ihres Gegners durch allerhand Gauckeleyen zu vermeiden suchen, und wann sie mit guten Gruͤnden nichts ausrichten koͤnnen, sich doch durch ihr Schreyen und un- gewaschenes Maul den Sieg zu erlangen bemuͤhen; ja oͤffters vielerley laͤcherli- che Poßen und spoͤttische Reden mit einmischen, damit sie zum wenigsten die Anwesenden zum lachen bewegen moͤgen. Ein vornehmer Geistlicher, welcher bey jederman in grossem Ruhm und Hochachtung gestanden, auch dabey von solchem Ansehen war, daß er sich viele Gemuͤther durch einen eintzigen Blick unterwerffen koͤnnen, ungeachtet die Gelehrsamkeit gar maͤßig bey ihm zugeschnitten, und sonderlich in Disputi ren nicht zum Besten bestellet gewesen, hat einstmahls die Universitæt Leipzig be- suchet. Da er nun den Catheder bestiegen, und einen sehr geuͤbten Gegner vor sich fande, der bereits viele andere zum Stillschweigen gebracht hatte, so tractir te er, ihn nichts destoweniger uͤberaus veraͤchtlich, gieng auf dem Ca- theder hin und her, und antwortete auf denersten Einwurff seiner Gegenwart gantz hochmuͤthig: Dieses Knoͤtgen solte mir wohl mein kleiner Hund (mit dem er nemlich auf dem Catheder spielte) aufloͤsen. Als nun sein Ge- genpart dieses fahren ließ, und ein neues Argumenr vorbrachte, versetzte der Windmacher abermals: Wahrhafftig ein fuͤrchterlicher und kraͤfftiger Satz, wider welchen wohl der Tausendkuͤnstler, selbst wenig aufbrin- gen solte. Da aber der andere, der durch diese unvermuthete Frechheit gantz verwirrt gemacht worden war, diese Worte unrecht verstunde, und einwen- dete, daß er kein Tausendkuͤnstler seye, so merckte der Prahler, daß er nun- mehro, wegen jenes Bestuͤrtzung, gewonnen Spiel habe, und schrie mit einem lauten Gelaͤchter: Ey lieber! Wer hat dann gesagt, daß du der Tau- sendkuͤnstler seyest? Mit einem Wort, der sonst so geuͤbte und tapffere Kaͤmpffer muste hier nicht ohne Scham-Roͤthe weichen. Diese Begeben- heit, wie sie hier erzehlet wird, stehet mit in der mehr-angezogenen Charlatane- rie derer Gelehrten aufgezeignet. Indessen ist dieser Sieg anders nichts als die Wirckung einer unver- schaͤmten und gantz ausgelassenen Frechheit zu nennen, daher auch einige, die sol- solches in Acht genommen haben, gewohnt sind, es denen furchtsamen Solda- ten nachzuthun, und sie zum Treffen gehen, ihr Gemuͤthe vorhero durch einen guten Trunck aufzumuntern, und wann sie dann also, in solchem besoffenen Zustande, nur nicht gar verstummen, so sind sie mit ihrem vermeynten Siege schon mehr als zuwohl zu frieden. Man erzehlet unter andern von dem Do- minicus de llandria, daß, als er den Argyrophilus, einen griechischen hoch- erfahrnen und sehr beruͤhmten Mann, in einem solchen gelehrten Zwey- kampff uͤberwunden, und ihm biß 100. Saͤtze aufgeloͤset oder widerleget hatte, er selbst gesaget: Daß, wann er noch die andere Kanne Wein (denn ei- ne hatte er bereits ausgetruncken ehe er auf den Kampff-Platz gieng) zu sich genommen haͤtte, so wolte er wohl gantz Griechenland bestritten haben. Diejenigen, welche rechte Profession von der gelehrten Klopfechte- rey, oder dem hartnaͤckigen disputi ren machen, haben allemal einen gantzen Sack voll stachlichte Reden im Vorrath, die Zuhoͤrer dadurch zum Lachen zu bewegen, sprechen auch wohl; Es klinget doch schoͤn, wann man ein Phi- losophi scher Attila, Doctor-L i centiaten oder Magister- Geissel genannt wird. Hierzu helffen die sogenannten Instan tzien aus der Logica allerdings viel, wann sie fein lustig ausgedacht sind, und es wird Verstand erfordert, diese herum zu drehen. Allein es werden dergleichen Spoͤtter oͤffters auch gantz entsetzliches bezahlet. Einstmals wolte einer den beruͤhmten Jacobum Thomasium zu Leipzig herunter machen, und bediente sich unter andern spoͤt- tischen Redens-Arten dieser Worte gegen ihn: Das klingt eben so, als wann ich sagen wolte; Du bist ein Hase und wilst doch Brey essen. Aber weil dieser Hohnsprecher gleich zwischen zweyen andern Opponen ten saß, so antwor- tete Thomasius gar hurtig: Was den Hasen betrifft, denselben wollen wir im Mittel beruhen lassen; woruͤber ein hefftiges Gelaͤchter entstanden, und alle Boßheit seines Gegners zu schanden worden ist. Denen Marckt-Schreyern arten diejenigen Gelehrten ebenfalls nicht uͤbel nach, welche damit sie nur derer Leute Augen auf sich ziehen moͤgen, sich entweder einer sehr praͤchtigen, oder aber auch wohl gantz besondern und unge- woͤhnlichen Kleidung bedienen. Wir wollen uns nicht bey denen alten Py- thagoræern, Staͤnckern und andern auf halten, die wann sie nur einen Stab und Tasche mit sich trugen, einen Mantel uͤber die Achsel haͤngen, und das D d fin- finstere und unsaubere Gesichte mit einem langen Bart verwahret hatten, ge- wiß glaubten, daß ihnen nun nichts weiter zu dem Ansehen eines großen Weltweisen fehlen koͤnne; wie dann dergleichen bemaͤnteltes behaartes, und mit einem, biß auf die Knie reichenden, Bart bedecktes Ungeheuer von dem Gellius angefuͤhret wird. Aristoteles hingegen verfiel auf einen andern Ex- cess. Er bediente sich nemlich derer kostbarsten Kleider und Schuhe, ließ den Bart, wider den damaligen Brauch derer Weltweisen glatt wegscheren, be- steckte die Finger mit Ringen, und fuͤhrte sich im uͤbrigen so auf, daß wann man die Sache genau betrachtet, er sowohl als jene eine ziemliche Stelle in dem Narren-Register verdient hat. Jedoch, es gehet zu unserer Zeit ebenfalls nicht besser zu. Denn mancher Gelehrter weiß entweder vor ehrgierigen Hochmuth nicht, wie er sich praͤchtig genug heraus kleiden solle, damit er nur vor einen Mann nach der heutigen Welt, vor einen galant homme, moͤge gehalten werden; oder er ziehet gar zu unflaͤtig auf, und tritt in einem ab- geschabten Mantel altvaͤterischen Rocke, und mit herunter hangenden Plu- der-Hosen einher, bloß damit die Leute dencken sollen, ihr eintziges Tichten und Trachten sey nur auf das Studiren gerichtet. Von dem gelehrten Fran- tzosen Jacob Rohault ist bekannt, daß er einen so seltsamen aufgeschlagenen Hut getragen, daß Mollier, als er einen Licht scheuenden Gelehrten auf dem Theatro vorstellen wollen, diesen Hut von ihm borgen lassen, und sonst alles so eingerichtet hat, das sobald nur der Kerl auf das Theatrum getreten, selbigen jederman vor ein Ebenbild des Rohauts erkennet und von Hertzen daruͤber gelachet hat. Zu loben ist hingegen jener Baselische Professor, welcher, als er sahe, daß jederman, der ihm begegnete, seines anhabenden sammeten Peltzes wegen vor ihm den Hut abnahm, daß doch vorhero nicht geschehen war, und man al- so seinem Kleide mehr Ehre erzeigte als seiner Person, sich selbst dermassen ver- drießen liesse, daß er den Rock auf den Hack-Stocke in kleine Stuͤcken zerhuͤbe. An solchen Gelehrten fehlet es auch nicht, die sich selbst mit Fleiß zum Ge- laͤchter machen, wann sie es nur, ihrer Meynung nach, dahin bringen, daß man allenthalben von ihnen, als von neuen und ungewoͤhnlichen Abend- theuer, zu reden pfleget, in welchem Stuͤcke Heinrich Loritus von seiner Va- ter-Stadt Glareanus genannt, statt aller uͤbrigen zum Exempel dienen kan. Selbiger war ein guter Freund des Erasmus und lehrte erstlich zu Basel die Phi- Philosophie, hernach zu Freyburg im Breißgau die Historie und Poësie, mit allgemeinen Ruhm und Beyfall. Aber es entstunde, sonderlich zu Basel, ein grosser Streit bey der Universitæt, was dann dem Glareanus, der daselbst sei- ne Profession erhalten hatte bey oͤffentlichen Zusammenkuͤnfften vor ein Rang zu geben seye? Denn weil er als ein beruͤhmter Poët, sich schon, durch verschie- dene Schrifften, bekannt gemachet hatte, so schiene er allerdings eine hoͤhere Stelle zu verdienen, als die gemeinen Magister besassen. Weil er aber noch keinen Doctor- Rang angenommen, so wolten ihn die Leute von diesem Stande auch nicht unter sich leiden. Indessen aber muste Glareanus sich entweder un- ter die Studenten verstecken, oder sich gantz hinten bey der Magister- Banck anhaͤngen. Dieses verdrosse ihn zwar hefftig; allein er verbisse es eine Zeit- lang, in der Hoffnung, daß man ihm bald einen hoͤhern Ort einraͤumen wuͤr- de. Aber da er sahe, daß solches kein Ende nahm, so geriethe er auf einen be- sondern Einfall, wodurch er gar bald eine Stelle unter denen Professoren zu erlangen verhoffte. Da nehmlich einstmahls etliche Doctores solten gemachet werden, so mithete sich Glareanus einen Esel, setzte sich drauf, ritte damit in das Auditorium, und mischte sich unter die uͤbrigen daselbst stehenden Studenten; woruͤber aller Augen auf ihn gerichtet, und nach eines jedweden Gemuͤths- Neigung Vielerley Urteile uͤber ihn gefaͤllet wurden. Etliche glaubten, der Mann habe seinen Verstand verlohren. Andere haͤtten vor lachen zerbersten moͤgen, so offt der Esel anfieng zu schreyen oder zu trampeln. Wiederum an- dere hielten davor, er thaͤte solches die neuen Doctores zu verhoͤhnen, und ihnen ihre Unwissenheit aufzuruͤcken. Kurtz, der Rector ließ ihn endlich fragen: Warum er dann, in einer so vornehmen Versammlung, mit diesem lasterbaren Thier erschiene? Aber Glareanus erwiederte: Weil er gerne einen gewissen und ausgemachten Sitz haben wolle. Denn, fuhr er fort, es sind in dessen, daß ihr zweiffelt, ob ihr mich unter die Doctores oder Magister setzen sollet? schon so viele Monathe verflossen, daß ich, so- wohl euch aus diesem Kummer zu reissen, als auch mich selber einmal zu versorgen, endlich auf diesen Anschlag kommen muͤssen, mich auf ei- nen Esel zu setzen, und euch also zuzuhoͤren. In Summa, es bleibet wahr, und ist gewiß, daß es unter denen Ge- lehrten, biß auf diese Stunde schon eine ziemliche Schaar Narren und Irr- wische gegeben hat, und es ist nur zu bewundern, daß bißweilen auch unter diesen Leute gewesen, deren Lehren und Schrifften allemal einen gewissen An- D d 2 hang hang gefunden haben, wie die Rosencraͤutzer. Diese Leute, derer bereits in dieser fuͤnfften Abhandlung ein paarmal Erwehnung geschehen, nannten sich bald die Erleuchteten, bald die Unsterblichen, bald die Unsichtbaren, und schrie- ben sich uͤberhaupt grosse Eigenschafften zu. Man kan einen Theil davon aus ihrer Nachricht an curiose Gemuͤther ( Avis aux curieux ) die sie einstmals oͤffentlich anschlagen lassen, erkennen. Bey dem Moreri ist dieselbe folgendergestalt zulesen: Wir Abgeordneten unsers vornehmsten Collegii derer Bruͤder vom Rosencreutz, halten uns sichtbarer und unsichtbarer Weise in dieser Stadt auf. Wir lehren ohne Buͤcher und ohne einige Kennzeichen, und reden die Sprache des Landes, in welchem uns gefaͤllet zu seyn, um die Menschen, welche unsersgleichen sind, aus denen toͤdlichen Irrthuͤ- mern heraus zu reissen. Gleichwohl ist diese Bruͤderschafft von Irrwi- schen und Schwaͤrm-Geistern in der gelehrten Welt so beruͤhmt wor- den, daß viele Gelehrte sich bemuͤhet haben, in dieselbe aufgenommen zu werden. Wie viel hat nicht die vermeynde grosse Kunst derer Lullisten bezaubert, die man lieber gar aus dem Himmel wolte erhalten haben? Aber in Wahrheit, man solte eher aus des Heraclitus Dunckelheit ein Licht, aus des Socrates Zweiffeln eine fest gegruͤndete Wissenschafft, und aus des Diogenes Un- verstand die Weisheit selber, als aus diesen Raͤtzel-vollen und abend- theuerlichen Schrifften etwas kluges erzwingen. Allein Narren, Matzen und Lappen finden ein vor allemal ihre Partisans, und niemals ist jemand so gar naͤrrisch gewesen, der nicht noch viel naͤrrischere Anhaͤnger und Nachsolger gefunden haͤtte. Es hat ja nicht an Leuten gefehlet, die unter Anfuͤhrung des Heraclitus das Primum Principium, oder den ersten Anfang aller Dinge, mit dem Parmenides die Vielheit derer Sachen, und mit dem Protogenes die Wahrheit selbst verlaͤugnet; oder auch mit dem Anaxagoras den Himmel vor einen Stein, und den Schnee vor schwartz gehalten haben. Einige Gelehrte, welche Genealogien geschrieben, haben sich dadurch bey der Welt uͤberaus laͤcherlich gemachet, mithin veranlasset, daß man sie unter die Zahl derer Narren setzen muͤssen. Von dieser Art waren die alten Heyden, deren Fuͤrsten insgemein von denen Goͤttern musten erzeuget seyn. Nicht viel besser sind diejenigen, welche die Spanier von Tubal Japhets Sohne, die Cambrier vom Gomer Zeries Bruder, die Britannier von dem Bru tus, die Francken von dem Francion des Priamus oder Hectors Sohne, und und die uͤbrigen Voͤlcker von andern alten Helden herfuͤhren. Lachens-wuͤr- dig ist hiernechst, daß der Spanier Frantz Sandoval Kaysers Caroli V, der Engelaͤnder Statyer Jacobi I. Koͤnigs von Engeland, und Johann Messenius derer Koͤnige von Schweden Geschlechter, von Adam her, biß auf unsere Zeit, in unzertrennter Ordnung erzehlen wollen. Was von denenjenigen zu halten, welche vor wenig Jahren die Stamm-Tafeln einiger Hohen Europæi- schen Haͤupter so eingerichtet, daß sie mit der Heil. Jungfrauen Maria und dem Heil. Joseph verwandt seyn muͤsten? solches ist leicht zu erachten. Die Logica und Metaphisica sind gantz unstreitig, nach dem Zeugniß vie- ler vortrefflichen gelehrten Maͤnner, welche zu gleicher Zeit daruͤber bittere re Klage fuͤhren, grossen Theils mit Thorheiten angefuͤllet. Wer kan wohl die vielen wichtigen Streit-Fragen mit ruhigem Gemuͤthe anhoͤren, von denen Foͤrmlichkeiten, Selbheiten, Gegenwuͤrffen, Innerlichkeiten, Was- heiten, Zweck, Zielungen, Unverwerfflichkeiten, und vielen andern der- gleichen tiefsinnigen Subtilitæten, gegen welche selbst die spitzfindigen Einfaͤlle des Cleanthes und Chrysippus einfaͤltig scheinen, und die listigen Redens-Ar- ten des Daphitas, Euthydemus und Dionisiodorus zu Schanden gemachet werden solten? Denn ob wir gleich gar wohl wissen, daß die Schulfuͤchsi- schen und auf Schrauben gestelten Fragen derer Scholasti schen Lehrer vor- laͤngst ausgepeitschet, da man nemlich mit einander gestritten, ob GOtt der HErr im Firmament, gehoͤre in ein Prædicament? oder ob es besser seye, wann ich einen unser Meister, oder Meister unser heisse? So kommen doch von Zeit, zu Zeit immer andere naͤrrische Strei- tigkeiten auf die Bahn. Man fraget, nemlich: Was der Haupt-Grund der Untheilbarkeit seye? Ob sich ein Ding gegen GOtt und die Creaturen, gegen ein selbst-staͤndiges und zufaͤlliges Wesen uͤber- einstimmig, oder zweydeutig, oder auch gleichfoͤrmig verhalte? Ob der Gegenwurff der Natur-L e hre ein bewegliches Ding oder unbeweglicher Coͤrper seye? und wann das letztere, ob es solches seye, so weit es beweglich, oder in so weit es natuͤrlich ist? Ob der Stoff aller Dinge, eine bloße lauterer Krafft seye? Ob dieser Stoff ein wirckliches Thun seye? Wie die Beraubung die natuͤr- lichen Coͤrper machen helffe? Ob zwischen dem Stoff und der Ge- D d 3 stalt stalt, wann sie vereiniget werden, eine zweyfache Vereinigung seye? Ob die ersten Eigenschafften Gestalten derer Elementen sind? Ob, wann einer zugleich in zwey Collegia gehet, man sagen solle. Dieses ist das Mitglied zweyer Collegien? oder dieser ist die Mit- glieder zweyer Collegien? \&c. Hiernechst sind die ungeheuren und zum Schrecken der unschuldigen Ju- gend gefundene Worte, ich meine das Heilige Barbara, (wie der erste Modus in der ersten Figur in der Logica heisset,) ingleich en Celarent, Durapti, Feri- son, und wie sie weiter heissen, bey vielen noch im grossem Ansehen und Hoch- achtung, so daß sich die bekannte Uberschrifft, die man in denen vorigen fin- stren Zeiten auf das Grab eines solchen Pedanten gesetzet, noch heut zu Tage auf manchen Sarg schicken doͤrffte: Hic jacet Magister noster, Qui disputavit bis aut ter, In Barbara \& Celarent, Ita ut omnes admirarent, In fapesmo \& frisessimorum: Orate pro animas eorum. Oder, wie jener Teutsche Stoffel gesetzet hatte: Hier liegt Magister Eberschwein, Der disputir te brav und fein, Er war ein Meister und kein Ochs, Verstund sich wohl auf Æquivox, Schloß Schloß auch gar offt in Barbara, Und machte treffliche Argumenta, In Disamis und Celarent, So, daß ihn alle bewunderent, Ihm wuͤnsche eine selige Ruh; Das thun wir auch, je nu, je nu. Es giebt in der That viele Gelehrte, die mit lauter Syllogismis um sich werffen, sie moͤgen reden oder schreiben, als wann ein geschicktes Urtheil, in dem etwa der Major fehlet, nicht eben so gut waͤre. Bey oͤffentlichen Disputa- tionen giebt man endlich wohl zu, daß man alle drey Glocken laͤutet, und Majorem, Minorem und Conclusionem mit der groͤsten Andacht herbetet, da- mit der andere Zeit habe, nachzudencken, und sich nicht uͤbereilen doͤrffte. Aber daß man in Schrifften Buͤchern und Gesellschafften, immer auf Syllo- gismus- Schimmeln reiten will, solches zeiget ein Pedanti sches Gemuͤthe an. Hieher koͤnnen annoch gesetzet werden, diejenigen, welche gantz besonde- re Methoden in Vortragung derer Wissenschafften einfuͤhren wollen. Einige wollen sich der Mathemati schen Lehr-Art bedienen, und wissen in der That nicht einmal was dieselbe hinter sichhabe, und eigendlich heisse; wobey man den Yvo Gaukes einen Doctor der Artzney-Kunst nicht unangemerckt vorbey lassen kan, der Anno 1712. eine Dissertation, wie die Medicin auf Mathemati sche Gewiß- heit zu bringen seye, geschrieben, und sich darinnen der Mathemati schen Lehr- Art bedienen wollen, aber nichts als die Woͤrter Definitio, Propositio, Po- stulatum und Scholium angebracht hat. Diese hat er hin und her in seiner Rede eingeflickt; an die Beweiß-Gruͤnde aber, die doch nichts Mathemati- sches in sich haben, zuweilen einige Citationes angehangen, Nichts destowe- niger hat er, auf diese Art, allerhand vorfallende Curen beweisen wollen. Ex behauptet z. E. den Satz: Das Fieber hat zehen Tage gewaͤhret, dadurch, weil der febrili sche Unflath innerhalb zehen Tagen weggeraͤumet wor- den. Diesen aber: Ein Mensch von dreyßig Jahren hat das Fieber be- kom- kommen, daher, weil das Blut eines Menschen von dreyßig Jahren hitziger seye, als anderer Leute. Wer solte wohl meynen, daß dergleichen Leute noch heutiges Tages in dem galan ten Franckreich zu finden, welche glauben, daß nichts ausser ihnen, wircklich oder reell seye. Denn in denen Memoires de Trevoux wird erzehlet, daß zu Paris der Urheber einer neuen Secte lebe, den des Malebranches Me- taphysica so uͤberklug gemachet, daß er nunmehro behaupten will, er allein seye in der That wahrhafftig verhanden, alle uͤbrige Menschen aber, und Creaturen waͤren nichts als seine eigene Einfaͤlle und Traͤume. Gleichwohl hat er Anhaͤnger bekommen, die sich Egoist en, von Ego, Ich nennen, und deren jedweder glaubet, daß er gantz allein in der Welt seye? daß uͤbrige aber alles in seiner blossen Einbildung und Gedancken bestehe. Andere, und absonderlich die Cartesianer, machen das Vieh zu unem- pfindlichen Machinen, oder geben es vor zwey und vierbeinichte Uhrwercke aus. Deswegen ist einstmals ein solcher absurder Gelehrter, von einem rafi- nir ten Frauenzimmer uͤberaus beschaͤmt worden; allermassen sie einen Brief an ihn geschrieben, dieses Innhalts: Sie haͤtte vernommen, daß er ein Carthesianer worden waͤre. Nun wuͤrde er auch ohne Zweiffel die unvernuͤnfftigen Thiere bloß vor gekuͤnstelte Machinen und In- strumente halten, die keine Fuͤhlung und Empfindung haͤtten, sondern wie ein Uhrwerck durch sich selbst getrieben und beweget wuͤrden. Die Sache aber wohl zu untersuchen, moͤchte er einmal ein Paar dergleichen kuͤnstliche Machinen z. E. einen Hund und eine Huͤndin zusammen stecken, und eine Zeitlang bey einander lassen. Was gilts es wuͤrden diese beyden Machinen und Uhrwercke sich ver- mehren, und das dritte, vierdte und fuͤnffte Uhrwerck an das Tage-Licht bringen. Hieraus koͤnte man abnehmen, ob die un- vernuͤnfftigen Thiere schlechterdings Uhrwercke, und andere der- gleichen kuͤnstliche Machinen waͤren, oder ob sie nicht vielmehr, in diesem Stuͤcke, denen Menschen gleich kaͤmen. Wie- Wider andere haben durch Syllogisti che Gruͤnde den Sand ausrechnen wollen, wie viel nemlich dessen in der gantzen Welt waͤre. Solches alles aber kommet von der Logica her, wann sich bloͤde und tumme, oder sonst nicht allzu richtige Koͤpffe damit verwirren. Bohuslaus Hassensteinius schreibet dem- nach in seinem Wercklein de miser. human. pag. 312. von denen Logicis gantz recht also: Die Logici schiessen Enthymemata loß, und bauen Waͤlder von Syllogismis, damit sie durch verwirrte und betruͤgliche Schluͤsse die Unerfahrnen beruͤcken moͤgen. Socrates spottet uͤber diese Leu- te bey dem Plato. Dion vergleicht sie mit denen Verschnittenen, und Origenes verstehet unter denen Maͤusen und Froͤschen mit wel- chen die Egyptier geplaget worden, das eitle Geschwaͤtze derer Dialecticorum. Von denen Rhetori schen Springern, und Commœdianten aͤhnlichen Red- nern, muß ich hier ebenfalls etwas gedencken, weil heut zu Tage nicht wenig ge- funden werden, die mit wunderlich erhobener Stimme, vielfaͤltig veraͤndertem Gesichte, frechen herumschweiffenden Augen, klatschenden Haͤnden, huͤpffen- den Fuͤssen, und andern dergleichen thoͤrichten Geberden und gaucklerischen Verbaͤugungen, die insgemein ein Zeichen ihres flatterhafften Gemuͤthes sind, die Zuhoͤrer anzureden pflegen, indem sie vielleicht den Ausspruch des De- mosthenis beobachten wollen, von welchen Valerius erzehlet, daß er dreymal hinter einander seye gefraget worden, was das vornehmste an einem Red- ner seye? worauf er jedesmal ohne Bedencken geantwortet: Die aͤusserliche Auffuͤhrung, der er bey nahe alle Krafft und Wirckung in der Bered- samkeit allein zugeschrieben. Und zwar, so wissen wir auch gar wohl, daß schon Socrates, Plato, Cicero, Quintilianus, und die meisten Stoicker diese Kunst einem Redner vor sehr nuͤtzlich und noͤthig gehalten haben; so weit sie nemlich in einer anstaͤndigen Leibes-Stellung, muntern Augen, unerschrocke- nem Gesichte, durchdringender Aussprache, und endlich uͤberhaupt in einer geschickten, und dem Innhalt der Rede gemaͤßen Auffuͤhrung bestehet. Da- her hat Peter Frantzius solche Kunst nicht nur wieder Mode machen, sondern auch auf das aͤusserste treiben wollen, zu welchem Ende derselbe eine neue Art der Eloquen tz erdacht, so er die aͤusserliche Beredsamkeit genennet hat. Er fuͤhrte die jungen Leute allezeit vor den Spiegel, das sie von diesem Lehrmei- E e ster ster lernen solten, wie man sich mit Mund und Augen, ja selbst mit denen Haͤnden, bey jedwedem Worte gebehren muͤsse; worauf er dann diese neuen Roscios (wie man diejenigen, welche in einer Sache vortrefflich waren, dem alten Roͤmischen Roscio, der seine Person auf den Schau-Platz uͤber alle mas- sen wohl vorstellen koͤnnen, daß auch Cicero zu seiner Vertheidung eine Rede gehalten, zu Ehren geheissen) oͤffentlich auftreten, und eine oder andere Rede aus dem Cicero also hersagen lassen; welches auch insgemen mit grossem Vergnuͤgen derer Zuhoͤrer geschehen ist, denen dieses, als was neues, wornach jederman begierig ist, nicht mißfallen kunte. Allein es hat soweit gefehlet, daß Frantzius, durch diese Kunst-Stuͤcke, seine Schuͤler zu grossen Rednern haͤtte machen sollen, daß vielmehr die meisten dadurch zu einer gezwungenen und schaͤndlichen Großsprecherey sind verleitet worden. Fast eben dergleichen wissen sichere Leute von dem beruͤhmten, in diesem Seculo verstorbenen, Prediger J. F. M. zu erzehlen, daß selbiger, so offt er vor einem grossen Herrn predigen sollen, allezeit vorhero seine Geberden und Minen vor dem, in seiner Studier-Stube gestandenen, sehr grossen, und aus dem feinesten Venetianischen Crystall gemachten Spiegel untersuchet habe. Die Geschichtschreiber moͤgen ebenfalls nicht gantz und gar mit Still- schweigen uͤbergangen werden, weil sich schon ihrer viele auf mancherley Art laͤcherlich gemachet, absonderlich dadurch, wann sie so gar die Treffen und Schlachten, bey denen es insgemein sehr unordentlich zugehet, auf das fleißig- ste und ordentlichste beschreiben und abmahlen lassen. Nicht ohne Ursache hat also der weltberuͤhmte General Schomberg dem Michael le Vassor gerathen, die Schlachten und gehaltenen Treffen nicht zu beschreiben. Er selbst, wann er in Bataillen gewesen, haͤtte bey weitem nicht alles in genaue Obacht nehmen koͤnnen. Die gemeinen Romanen- Schreiber aber sind sehr gluͤcklich, solches alles auf das genaueste zu entwerffen. Sie wissen auf de- nen Fingern herzu erzehlen, wie die Glieder auf einander geruͤcket, wie die Kugeln um die Koͤpffe geflogen, wie die Hiebe auf einander gefolget, und wie ein jedweder gefochten, avanci ret, oder zuruͤcke gewichen, dergestalt, daß man meynen solte, sie waͤren eben in der Lufft an einem sichern Ort placi ret gewe- sen, haͤtten mit ihren Augen Staub und Dampff durchdrungen, auch uͤber jedwede Kugel, uͤber jedweden Hieb und Stich, ja uͤber einen jedweden vor- oder ruͤckwerts gethanen Schritt, ein ordentliches Register gehalten. An- Andere lassen sich duͤncken, es muͤsten ihre historischen Wercke absolument mit vielen Bildern ausgeschmuͤcket seyn, wann sie etwas gelten solten, em- ploy ren auch wohl einerley Bild, bey zehen unterschiedenen Begebenheiten. Solches findet man so gar in dem Theatro Europæo, allwo einerley Bilder von Schlachten in etlichen Theilen wieder vorkommen, wo von gantz andern Dingen gehandelt wird. In Dreßers Chronicke, und andern Chronicken, hat man es noch weit aͤrger gemachet; wiewohl nicht zu laͤugnen ist, daß da- ran die Gewinnsichtigen Verleger oͤffters weit mehr Ursache sind, als die Au- tores. Aber in was vor ein Register sind wohl die einfaͤltigen Bilder des Bu- nons zu setzen, z. E. damit man desto leichter Isaac im Sinn behalten solte, so mahlte derselbe einen Sack, und vorne ein J. dran. Wann man nun das J. und den Sack aussprach, so hatte man gleich Isaac. In der Rechts-Ge- lahrheit hat er auch alles durch Bilder vorstellen wollen, welches oͤffters sehr abgeschmackt herausgekommen ist. Was that Johann Palatius? Damit er sich in die damalige Zeit richten moͤchte, in welcher mann die alten Muͤntzen und Medaillen sehr hoch hielte, hat er seine elende und Magere Historie mit einer grossen Menge erdichteter und selbst-gemachter Můntzen angefuͤllet. Wieder andere reden von nichts als Archiven, fremden Bůchern und geheimen geschriebenen Nachrichten, damit sie unter diesem Vorwand, ei- nigen desto besser schmeicheln, und dem Leser allerhand fabelhaffte Erzehlungen aufbuͤrden koͤnnen. In dieser Kunst haben unter denen Teutschen George Ruͤxner, und unter denen Frantzosen Anton Varillas gewißlich allen uͤbrigen den Preiß abgenommen. Denn damit jener nur den Adel etlicher Familten hoch erheben koͤnte, so berufft er sich bestaͤndig auf ein gewisses Magdeburgisches Manuscript; welches aber sonst niemals jemand, als er auf der Welt gesehen hat. Dieser aber vertheidiget seine Luͤgen allemal mit einer grossen Anzahl von Ma- nuscriptis, die keinen Menschen bekannt sind. Solche Luͤgner und boßhaff- te Betruͤger, die uns gantz falsche Buͤcher hinterlassen haben, sind sehr viele in der Welt gewesen. Ich will aber mich begnuͤgen, deren allhier nur zwey zu nennen, nemlich Annium von Viterbo, der die Welt mit des Chaldæers Be- rosus Antiquitatibus betrogen, und Inqhiramum einen Florentiner, der mit de- nen Antiquitatibus Hediuscis ein gleiches gethan. E e 2 Die Diejenigen sind und bleiben indessen die allergroͤsten gelehrten Narren, die uͤber den duncklen Verstand eines Wortes oder etlicher, ja wohl gar uͤber einen Buchstaben, einen Lerm erregen, als ob die Wohlfarth der Welt daran gelegen waͤre, wann dergleichen Worte gleich nichts nutzen, und nichts be- deuten, als wie die Gestalt des Jupiters im Casu Genitivo. Was derglei- chen Zaͤnckereyen noch laͤcherlicher machet, ist die Verbitterung, und die Feindschafft, worein solche Zancksichtige Gelehrte daruͤber mit einander gera- then. Franciscus Philelphus kan desfalls zu einem Exempel dienen. Denn als er wegen des eigendlichen Verstandes eines Griechischen Wortes mit einem, Namens Timotheus, um den Bart gewettet und recht behalten, ist er durch kein Bitten seines Gegners zu bewegen gewesen, daß er ihm den Bart gelas- sen haͤtte, sondern er hat selbigen ohne Barmhertzigkeit herunter geschnitten, und als ein Sieges Zeichen mit sich im Triumph herum getragen. Die groͤsten Narren nechst diesen Wort- und Buchstaben-Zaͤnckern, sind endlich diejenigen, welche uͤber lauter ungewoͤhnliche Fragen und un- nuͤtze Grillen disputi ren, z. E. Wie viele Ruder-Knechte Ulysses muͤsse gehabt haben? Ob der Poët Homerus die llias oder die Odissea zu erst ge- schrieben? Wer doch wohl der Hecuba Mutter gewesen seye? Was Achilles vor einen Namen gefůhret, da er unter denen Weibern ge- lebet? Ob Homerus oder Hesiodus aͤlter seye? Welches wohl das groͤste Wunderwerck waͤre, wann der Elephant so klein wie ein Floh, oder der Floh so groß wie ein Elephant wuͤrde? Item solche Gelehrte, die mit grosser Muͤhe und vielen Gruͤnden etwas zu beweisen suchen, daß doch kei- nes Beweißes noͤthig hat, weil es sichtbar, Handgreiflich und so beschaffen ist, daß gar kein Mensch im geringsten daran zweiffelt. Hieher gehoͤret unstreitig derjenige Magister, dessen in dem 140sten Theil derer Teutschen Actorum Eru- ditorum Meldung geschiehet, welcher in einer der Untersuchung derer Gelehr- ten auf der Hohen-Schule fuͤrgelegten Schrifft, so zu denen Kirchen-Ge- schichten gehoͤrte, verschiedene Stellen aus dem Platone und andern ange- fuͤhret, um dadurch zu beweisen, daß es Tag werde, wann die Sonne aufgehet. Jedoch, wo dencke ich hin, daß ich diese, aus Tummheit, Einfalt und bloͤden Verstande, Schwachheiten begehende Gelehrte die allergroͤsten ge- lehr- lehrten Narren nenne? Denn solches seynd und bleiben ein vor allemal die stoltzen und aufgeblasenen Gelehrten, wie Petrarcha, der sich zu Rom an keinem andern Orte zum Poë ten wolte croͤnen lassen, als wo man sonst die Roͤmischen Kaͤyser zu croͤnen pflegte. Wie Ludovicus Ariostus, den der vom Kayser Carolo V. ihm aufgesetzte Lorbeer-Crantz mit so unmaͤßiger Freude uͤberschuͤttete: daß er, als unsinnig auf denen Gassen herum gelauffen, und sich bey nahe rasender als der tolle Roland selbst, dessen Thorheiten doch von ihm so lebhafft sind beschrieben worden, aufgefuͤhret hat; ingleichen wie der schon-gedachte Glareanus, den Kayser Maximilianus I. zum Poë ten gecroͤnet. Wann dieser Narr hoͤrte, daß ein Fremder angekommen, der ihn sprechen wolte, so setzte er augenblicklich den Lorbeer-Crantz auf, hieng die goldene Kette um den Hals, begab sich in ein grosses wohl ausgeputztes Zimmer, und bliebe daselbst auf einem ansehnlichen Stuhl unbeweglich sitzen, als ob er die angekommenen Gaͤste weder hoͤre noch saͤhe, ließ sie auch so ungesprochen wie- der von sich gehen. Hiermit mag genug von gelehrten Narretheyen ge- redet seyn, und ich thue zum Beschluß den wohlgemeynten Wunsch: E S seufftzt die kluge Welt: komm doch, gerechte Zeit, Und hau das Unkraut weg nach deiner Strengig- keit! Der gute Weitzen wird von ihm gar sehr gedruͤcket, Und wo es laͤnger waͤhrt zu letzt noch gar ersticket. Laß Kunst und Wissenschafft in nuͤtzbarn Wesen bluͤhn, So wird ihr Flor gar bald den Vortheil nach sich ziehn, Und der vom eitlen Tand geplagte Creyß der Erden Von Grillen-Faͤngern bloß, leer von Pedanten werden, E e 3 Wenn Wenn der Gelehrten Schaar der wahren Weißheit Frucht, Und GOtt und auch der Welt mit Ernst zu dienen sucht. Da wird die goͤldne Zeit mit Lust zuruͤcke kommen, Die ihren Platz anitzt im Himmel eingenommen. Da wird von Heucheley und Zanck die Kirche rein, Der Richt-Platz von Betrug und List gesaubert seyn, Und so viel Menschen nicht durch Pulver, Tranck und Pillen, Die man zur Unzeit giebt, den weiten Kirchhoff fuͤllen; Da wird Vernunfft und Licht in allen Seelen stehn, Der Aberwitz zu Grund, die Dumheit betteln gehn, Und kurtz: es wird alsdenn, zum groͤsten Trost der Erden, Ein Narr so selten noch, als itzt ein Kluger, werden. ENDE.