Phantasus . Eine Sammlung von Maͤhrchen, Erzaͤhlungen, Schauspielen und Novellen, herausgegeben von Ludwig Tieck . Dritter Band . Berlin , 1816 . In der Realschulbuchhandlung . Phantasus . Zweite Abtheilung . ( Fortsetzung .) III. [ 1 ] D ie Gesellschaft war wieder im Gartensaal versammelt. Auguste schien heiter und freund- lich, doch hatte sie sich so fern von Willibald gesetzt, wie es nur moͤglich war, welcher mit verdrießlicher Miene und uͤbertriebener Auf- merksamkeit auf den Springbrunnen nach der andern Seite blickte. Nachdem man einige Zeit theils geschwiegen, theils in halber Verlegen- heit unbedeutende Gespraͤche angefangen hatte, die keine Wurzel fassen wollten, sagte Man- fred: es ist zwar noch fruͤh, meine Freunde, indessen wird Ernst doch seine Vorlesung be- ginnen koͤnnen, die vielleicht laͤngere Zeit aus- fuͤllt, und uns jene Heiterkeit wieder geben mag, die der kleine Thomas, ich weiß nicht warum, verscherzt hat. Ernst erwiederte: Wir kennen alle ein Maͤhr- chen, welches in leichter und anmuthiger Dar- stellung uns ein Gluͤck mahlt, das sich wohl die meisten Menschen mehr als jeden andern Besitz und Zustand wuͤnschen moͤchten; dieses Zweite Abtheilung . Gedicht in ein vergnuͤgliches Lustspiel-Maͤhr- chen zu verwandeln, habe ich schon vor ge- raumer Zeit versucht. Mich zog der reisende Held vorzuͤglich an, meinen Freund Friedrich aber der leidenschaftlich verwirrte, so daß wir uns damals in die Dichtung theilten, deren beide Haͤlften diese Art von Vorlesungen unter der Herrschaft Lothars beschließen werden. Ich wuͤnsche und hoffe, daß meine schoͤnen Zuhoͤre- rinnen nirgend Anstoß finden, der sie hindern koͤnnte, sich der Heiterkeit zu uͤberlassen, von der ich mich damals beim Ausarbeiten fuͤh- ren ließ. Er nahm ein Manuskript und las. Fortunat . Erster Theil . Ein Maͤhrchen in fuͤnf Aufzuͤgen . Erster Akt . Erste Scene . ( Zimmer .) Gratiana, Lucie . Wie ich sage; wenn die gnaͤdige Herr- schaft so viele Dinge verlangt, so ist es auch wohl billig, daß sie den Lohn erhoͤht. Bekoͤmmst du nicht, wie immer? Wird dir etwas abgezogen? Seh ein Mensch! Als ich ins Haus kam, waren Bediente hier, ein Koch, Stubenmaͤd- chen, Kammerjungfern; und jetzt, da ich allein Koͤchinn, Waͤscherinn und Stubenmaͤdchen bin, und alle Aufwartung habe, alle Gaͤnge zu thun, soll ich nicht mehr kriegen, wie damals? Geh an deine Arbeit und mach' mir den Kopf nicht warm. Mir ist der Kopf schon laͤngst zu warm; schmale Bissen, elenden Lohn, und alle Haͤnde voll zu thun, keine Minute fuͤr sich, und so Sonn- und Werkeltage: das ist schlimmer, wie in der Zweite Abtheilung . Sklaverei! — Wie ich es nur durch meine Suͤn- den verdient habe, daß ich bei den Großthuern hier Noth und Kummer leiden muß. (geht ab.) Das ist ein Elend mit dem Ge- sinde! Und vollends, wenn sie Recht haben. Theodor (tritt ein). Nun, mein geliebter Gatte? Wieder nichts! Wohin ich komme, will man mich nicht kennen. Armuth wird mehr als Ansteckung vermieden: Dieselben, die mich sonst geherzt, gekuͤßt, Die mir Vermoͤgen, Blut und Leben boten, Sind jezt mit: geht's Euch wohl? — es thut mir leid, Ein andermal — und solchen Reden fertig. Noch andre thun, als kennen sie mich nicht; Bediente muͤssen jene ganz verlaͤugnen; Der reiste uͤber Land und der ist krank: Graf Nimian, der so oft an diesem Tisch, In diesem Armstuhl saß, und sich recht gut Den Wein und meine Tafel schmecken ließ, Ist jezt ein hoher fremder Moralist: Es thut mir leid, daß man nicht besser haushielt, Man wollt' es stets dem hoͤchsten Adel gleich thun, Verließ die Sphaͤre, flog den falschen Flug, Der Haͤnfling ist fuͤr Adler nicht geboren — — O ich bin muͤd', gieb mir 'nen Becher Wein. Das sind die Tischfreund', unsre theuren Freunde, Fortunat . Die manches tausend Mark, manch Landgut zehr- ten! Die Wichte, die mit unserm Gluͤck erkauft sind! O waͤr' uns doch der Himmel nur so guͤtig, Daß wir den Uebermuth, den Hohn, die Falsch- heit, Einst ihnen eben so vergelten koͤnnten! O ja, mein Herz! Wenn ich durch Gluͤck und Fuͤgung Doch gleich in unserm Garten Schaͤtze faͤnde, Uraltes Gold, daß wir's mit Scheffeln maͤßen! Und gegen uͤber mir der Herr Graf Nimian, Verarmt, voll Schulden, wuͤßt' nicht aus und ein, Getraute mir nicht ins Gesicht zu sehn, So naͤhm' ich denn so hundert tausend Mark, Ging' zu ihm, sagte: kann Euch das hier retten? Da ist's! Und somit fort, ohn' Dank und Quit- tung, Daß er sich schaͤmen und bereuen muͤßte. Du bleibst der Alte. Sahst du nicht die Vet- tern? Zum letztenmal; das ist noch schlimmer Volk; Den Blick, den so ein reicher Kaufmann hat, Wenn er verarmte Borger wittert! jedes Zwinkeln Des Auges schuͤttet wie Dukaten hin, Jedwede Mien' ist schwer wie Beutel Golds, Der Athem klingt nach Muͤnze, und man fuͤhlt Daß die Gedanken drinn Mark Silber sind: Zweite Abtheilung . Nein! tausendmal die schlimmer, als der Adel! Da liegen bei dem Schwager Haufen Golds, Man wechselt, tausend Stuͤck sind abgewogen — Was mich der Bettel doch inkommodirt! So ruft er — fort! daß andre kommen koͤnnen! Und hundert mir, und funfzig, zwanzig, zehn, Verweigert er mir duͤrftgem Achselzucken. Das sind die Deinen, deine Blutsfreundschaft! Fortunat koͤmmt herein. Woher, Landstreicher? Von der Beize komm' ich. Ging's gut? Der Wind war fast zu stark, der Falk Ist noch zu jung. Dann war ein wildes Pferd, Das ritt' ich fuͤr den Grafen Eglamor. Das ist auch einer von den alten Freunden. Man spricht davon, daß bald Turnier und Ren- nen Gehalten wird, der Koͤnig kommt zuruͤck. O meine Hengste! meine Hengste! haͤtt' Ich nur ein einzig, einzig Pferd behalten! Fortunat . Ja, Vater, fast sollt' man bereuen, daß Man lebt, s' ist wahrlich nicht der Muͤhe werth. Schweig still, ich habe schon Verdruß genug. Am Ende — ja, um Dich thut's mir nur leid — Groß ist er, stark, nicht ohne Witz und Sinn — Und bleibt doch immer nur ein Tagedieb. Still, Vater, Cypern ist ja nicht die Welt, Da draus ist's groß und frei, wer weiß, wo noch Mein Gluͤck mir bluͤht; ich fuͤhle Muth und Kraft, Ich bleibe nicht wie Ihr, so heimisch, still Auf einem Flecke sitzen; und dann giebt sich's Wohl noch einmal, daß ich mit meinem Zuge, Mit schoͤnen Pferden, Dienern, Falkenjaͤgern Einreit'; Ihr steht dann vor der Thuͤr, begruͤßt mich, Ich tret' in's Haus, Ihr ladet mich zu Tisch, Und haltet mir beim Waschen selbst das Becken. (giebt ihm einen Backenschlag.) Da nimm vorerst den Handschlag drauf du Bube! Dein eigner Vater Dir, du Unverschaͤmter, Das Silberbecken halten, sich vergessen? Schon gut, noch ist nicht aller Tage Abend, Und uͤber Nacht bluͤht manchem wohl sein Gluͤck. ( geht ab .) Bei alle dem recht adliche Gesinnung. Ihm's Becken halten? Hm, so uͤbel nicht, Zweite Abtheilung . Wenn er als Graf, als Herzog mal so kaͤme — Ein hoher Geist ist in dem dummen Jungen. Er kennt die Welt noch nicht, wird schon einmal Die wilden Hoͤrner sich vom Kopfe rennen. (tritt ein). Ich habe drinn das Essen aufgetragen. Komm, Frau, s' ist angerichtet. Doch, der Sohn — Laß ihn, er wird schon kommen wenn ihn hun- gert. (sie gehn ab.) Zweite Scene . ( Marktplatz .) Hieronymus. Valerio . Nochmals vielen Dank fuͤr Eure Hoͤflichkeiten, die ich von Euch und Euren Freun- den hier in Cypern genossen habe, wenn Ihr ein- mal nach London kommt, will ich es Euch zu ver- gelten suchen. Die Galeere, die mich nach Vene- dig bringt, will abseegeln, der Graf von Flandern ist zur Fahrt bereit, er wird gleich kommen, wenn er seine Geschaͤfte mit Eurem Freunde Ridolfo be- endigt hat. Werdet Ihr Euch vielleicht in Eu- Fortunat . rem Vaterlande, der Lombardey, einige Zeit ver- weilen? Ich habe diesmal keine Zeit, ich bin laͤnger in Palaͤstina zuruͤck gehalten worden, und jetzt hier in Famagusta, als ich vermuthet hatte, und darum muß ich um so schneller nach London eilen. Hier kommt der Graf. Der Graf von Flandern mit Gefolge. Ridolfo . Lebt wohl mein Freund. Sieh da, Meister Hieronymus, der Wind hat sich gedreht, wir lichten in einer Stunde die Anker. Ich gehe jetzt um nur einige Worte mit des Koͤnigs Mar- schall zu sprechen, und bin dann bereit. (ab mit Gefolge.) War der Handel gut. Nicht so gar, der Graf will die meisten Dinge in Venedig einkaufen, das einmal den Ruf vor allen in kostbaren Waaren hat. So beherrscht das Vorurtheil die Welt, denn vieles koͤnnte er hier doch besser und wohlfeiler haben. So geht die Mode hin und her, und der Kaufmann muß von ihrer Wandelbarkeit Gewinn ziehn. Faͤngt doch Brabant an, mit Tuͤ- chern Genua und Venedig den Preis abzugewin- nen, wollen doch sogar die Englaͤnder manches selbst fabriziren, was sie sonst nur von Italien be- zogen. Der Geldumsatz ist drum immer der sicher- ste Gewinn. Zweite Abtheilung . Und Geld ausleihen, und auf Pfaͤn- der borgen, nicht wahr? Wie Ihr Lombarden es zu thun pflegt. Sacht, sacht, mein Herr Vale- rio. Man hat mir hier in Famagusta gesagt, daß Ihr und noch andre diese Kuͤnste auch verstehn. Das Zwoͤlf und Zwanzig vom Hundert ist durch die ganze Welt verbreitet. — Wer ist der stattliche Herr, der dort herschreitet? Graf Nimian, ein vornehmer Staats- mann. Graf Nimian kommt mit Gefolge. War das nicht der junge Fortunat, der an uns vorbeilief? Er war es, gnaͤdigster Herr. Ruft ihn zuruͤck, ich habe ihm ein Paar Worte zu sagen. (Der Diener kommt mit For- tunat ) Hieher, mein junger Mensch. — Mir ist gesagt worden, und ich habe es auch zum Theil selbst wahrnehmen koͤnnen, daß Ihr unser Haus fleißig besucht, und Euch des nachgiebigen Gemuͤ- thes meines Sohnes bemeistert Das ist bis jezt ohne Folgen gewesen: da aber der Knabe nun an- faͤngt, den Erwachsenen gleich zu kommen, und er nur in seinen Studien, oder in dem Umgange mit seines Gleichen gestoͤrt werden duͤrfte, so wer- det Ihr ohne mein Erinnern einsehn koͤnnen, daß es euch beiden passender ist, wenn Ihr Euch mehr entfremdet; denn jedermann soll mit Personen sei- nes Standes umgehn. Alles Eindraͤngen, alles Un- Fortunat . geziemende ist mir und allen gebildeten Menschen so unangenehm, wie es die Natur der Sache mit sich bringt. Gnaͤdiger Herr, bei aller Ehr- furcht vor Euch muͤßt Ihr mir vergoͤnnen, mich uͤber diese unvermuthete Ermahnung zu verwun- dern. Ich habe Euern Sohn nicht aufgesucht, ich habe weder Gewinn noch Ehre durch seinen Umgang erwartet, ich habe Muͤhe gehabt, ihm einige Falken abzurichten und Pferde zuzureiten, und er ist zuerst in unser Haus gekommen, in wel- chem ich vor einigen Jahren die Ehre gehabt habe, Euch kennen zu lernen. Kann seyn; habt Ihr Muͤhwaltung fuͤr ihn uͤbernommen, werde ich in meiner Erkennt- lichkeit derselben nicht saumselig seyn, aber der fa- miliaͤre Umgang, das Cameradseyn, das — wie man mich hat versichern wollen — unanstaͤndige Dutzen, will ich mir ein fuͤr allemal verbitten. Man hat mich verstanden, mein junger Freund? (ab mit Gefolge.) Mehr als genug! Ich verlange nichts, keinen Heller von Euch, Ihr hochmuͤthiger Pfauhahn! Gott behuͤte, was der die Worte setzt und heraus gurgelt. Ach, Herr Valerio, Euer Diener. Hoͤrt mal, junger Mensch, ich bin froh Euch zu treffen. Es ist wahr, Ihr seyd eine gute Haut, und man kann keine Klage uͤber Euch fuͤhren, aber ich muß Euch doch bitten und ersu- chen, den Umgang mit meinem Sohn Felix kurz Zweite Abtheilung . und gut abzubrechen. Ihr taugt nicht fuͤr einan- der. Er soll ein Kaufmann, ein ehrsamer Buͤrger werden, Handel lernen, das Geld zu Rathe hal- ten, Kleider schonen, jungen Wein trinken und wenig: Ihr aber seyd hoch hinaus, seyd mir zu vornehm, verderbt mir den Jungen, sezt ihm Al- bernheiten und Hochmuth in den Kopf, und somit bitt' ich Euch, laßt ihn laufen; haltet Euch zu Eures Gleichen, zu jungen Adlichen, da moͤgt Ihr von Pferden und Hunden sprechen und Euch uͤber uns Buͤrgersleute lustig machen. Seyd so gut und nehmt mir meine Bitte nicht uͤbel. Was sollt' ich mit Euch anfan- gen, wenn ich's thaͤte? Ihr wißt weder mit De- gen noch Schild umzugehn, Ihr koͤnnt mich nicht beleidigen. — Schoͤne Geselligkeit hier in meinem Vaterlande. Bin ich doch noch in meinem Leben nicht so durchdringlich gehofmeistert worden! (geht ab.) Wer ist der huͤbsche junge Mensch? Ein Windbeutel, oben hinaus; ich habe die Ehre, durch seine Mutter mit ihm in Verwandtschaft zu stehn. Er ist einer von denen, deren es hier viele auf der Insel giebt, die von der Luft, von Hoffnungen, oder Versprechungen der Großen leben, Spanische Schloͤsser bauen und Schulden darauf machen. Sein Großvater war ein reicher Kaufmann, der seinen Sohn verzog, und ihn endlich adeln ließ. Der war ein beruͤhm- ter Mann auf allen Turnieren und Ringelrennen, der erste Taͤnzer im Lande, beredt und belesen, machte Fortunat . machte Verse und sang; wie er so ziemlich mit seinem Vermoͤgen auf dem Trocknen war, bewarb er sich um die Tochter des reichsten Kaufmanns hier, der Vater ließ sich durch Eitelkeit blenden: nun konnten wieder nicht genug Schornsteine rau- chen, nicht Pferde genug gekauft und todt gerit- ten werden, da war Festiren und Jagd, und Lust- barkeit aller Art. Das dauerte einige Jahre, dar- auf ging denn ein Landgut, ein Meierhof nach dem andern fort, das ganze Leibgedinge der Frau, so wie sein eignes Vermoͤgen, und jezt sitzen sie im Elende und fallen allen Verwandten und Be- kannten mit Borgen beschwerlich. Ja, ja, mancher Verwandte hat denn auch seinen Vortheil dabei ersehn. Euer Land- gut am Meer ist im schoͤnen Zustand, Schwager. Ich hab' es uͤber den Preis be- zahlt, vollends damals. Nein, was das betrifft, da hab' ich mir keine Vorwuͤrfe zu machen. Und nachher noch einige hundert Mark verborgt, ohne Hoffnung, einen Heller wieder zu erhalten. Freilich ist der Kaufmann immer am schlimmsten dran, und am meisten bei jenem hochmuͤthigen Volke, das sich zu gut duͤnkt, mit uns umzugehn, nicht aber uns um unser Geld zu bringen. Ja, mein Herr Hieronymus, Ihr glaubt gar nicht, wie sich die Zeiten hier geaͤndert haben. Was war das in meiner Jugend ein an- dres Wesen mit den Handelsleuten! Ich weiß es noch, als wenn es heute waͤre, wie mir der erste Thaler, den ich aus einem kleinen Vorschuß mei- III. [ 2 ] Zweite Abtheilung . nes Vaters durch Handel und Verkehr eruͤbrigt hatte, ganz anders vorkam, wie alle andre Muͤnze der Welt, hundertmal dreht' ich ihn um und be- trachtete ihn von allen Seiten. Als ich ein Gold- stuͤck eingewuchert hatte, kuͤßt' ich es und weinte vor Freuden. Des Nachts traͤumt' ich von Geld- saͤcken Bald durfte mir mein Vater die wichtig- sten Geschaͤfte vertrauen, und er hatte seine Freude daran, wie ich ihm ein Profitchen nach dem an- dern so sauber vor der Nase wegnahm, so daß er am Ende wie neidisch wurde. Keinen Rock wollt' ich an mich wenden: — aber jezt, man sehe nur das junge Kaufmannsvolk, lauter Putz, Flit- terstaat, den Vornehmen wollen sie's gleich thun, wollen die Edelleute spielen, verachten Geld und Gewinnst, und setzen eine Ehre darin, wer am meisten verschwenden kann. O die Haare stehn mir zu Berge, wenn ich an die boͤse Zeit denke! Die ganze Welt ist umgekehrt, das ist gewiß. Aber, Herr Hieronymus, Ihr sagt kein Wort dazu? Ihr habt recht, meine Herren, aber ich denke jetzt auf meine Ruͤckreise, und muß mich Eurem Wohlwollen empfehlen. Ihr erlaubt uns erst noch Euch zu Eurem Schiff zu begleiten. Ihr seyd zu guͤtig und hoͤflich. (gehn ab.) Fortunat und Felix kommen. Es ist dein Ernst? Fortunat . Mein fester Wille, ich bin des Lebens hier uͤberdruͤssig. Dein Vater hat mir den Umgang mit Dir verboten, meinen Falken habe ich fliegen lassen. — Deinen Falken? Was soll ich mit dem, wenn ich fortgehe? Aber wohin? Das weiß ich selbst noch nicht, wohin mich meine Sterne fuͤhren. O daß ich mit Dir koͤnnte! Aber ich muß da beim Rechenbuch und verrufenen Muͤnzen sitzen; ich wollte ich haͤtte Deinen Muth. Wir sehn uns wohl einmal wie- der. Lebe wohl, lieber Junge, und vergiß mich nicht. Lebe recht wohl wenn Du weg bist, wird mir die ganze Insel wie ein Gefaͤngniß seyn. (ab) Der Graf von Flandern kommt mit Gefolge. Es will nur gewagt seyn; das Schlimmste ist eine abschlaͤgige Antwort, und dann bin ich ja nachher noch so gut als ich war. — Mein Herr Graf, wenn Ihr noch einen Augen- blick von Euren Geschaͤften abmuͤßigen koͤnnt, so geruht ein Wort und eine Bitte von mir anzu- hoͤren: wenn ich Euch laͤstig falle, so habt Ihr es nur Eurem leutseeligen und freundlichen Wesen zu- zuschreiben, welches mich so dreist macht, Euch be- schwerlich zu werden. Zweite Abtheilung . Worin kann ich euch dienen, junger Mensch? Darin, daß ihr so gnaͤdig seyn moͤgt, Euch von mir bedienen zu lassen. Wer seyd Ihr? Eure Sprache und Euer Anstand sind feiner, als ich an meinen Die- nern gewohnt bin. Ein so edler maͤchtiger Herr wie Ihr, bedarf der Diener von unterschiedlicher Art. Ich bin hier von der Insel, meine Herkunft ist nicht die nie- drigste, doch, da ich nur arm bin, wuͤnsche ich ei- nem Herrn anzugehoͤren, auf den ich stolz seyn, und den ich lieben kann; da ist mein Wunsch auf Euch gefallen; ich weiß Pferde abzurichten, mit Waffen umzugehn, im Beizen und Jagen duͤnke ich mir Meister zu seyn, und wo ich unwissend und so edlen Herrn zu bedienen ungeschickt bin, muß mein guter Wille und Eure Nachsicht und Belehrung meinen Mangel verzeihen und ergaͤnzen. Du gefaͤllst mir mein Sohn. Wie ist Dein Nahme? Besser als mein Geschick: For- tunat. Ich koͤnnte wohl einen Diener Deiner Art brauchen, der die Aufsicht uͤber meine Leute und Rosse haͤtte, und nahe um mich waͤre. Aber ich fuͤhre Dich aus einem schoͤnen Lande, in eine ferne kalte Gegend, die Ihr Italiener nicht mit beson- dern Wohlgefallen betrachten koͤnnt. Du entbehrst dort dieser warmen Luft, dieses heitern Himmels, Fortunat . dieses gluͤhenden Weins, und ich fuͤrchte, das Heim- weh quaͤlt Dich, wie wir angelangt sind. Edler Herr, wenn ich meine Mei- nung sagen darf, so scheint mir das Menschenge- schlecht aus ruhigen, buͤrgerlichen, einheimischen Menschen, und aus jenen zu bestehen, die den Zug- voͤgeln gleichen, denen der Trieb zu wandern mit dem Fruͤhling und Herbst erwacht, da jene den Spaz- zen und Kraͤhen aͤhnlich sind, die bei demselben Zaun und Strauch verharren, und Nachtigall, Drossel und Storch thoͤricht nennen. Mein Trieb, die Hei- math zu verlassen, die uͤbrige zu Welt sehn, und in sie hineinzureisen, je ferner je lieber, ist seit lange uͤbermaͤchtig in mir. Dann bin ich auch nicht so ohne Unterricht, daß ich nicht wissen sollte, daß bei Euch, gnaͤdigster Herr, die Sonne zwar nicht so heiß und lange scheint, daß Ihr aber dafuͤr im Winter Eure Stuben warm und anmuthig zu ma- chen wißt, daß man bei Euch die Weine trinkt, die man auswaͤrts baut, und besser als in Cypern und Spanien, daß man froͤhlich lebt, und zwar nicht die Tafel in so großen Marmorsaͤlen aufstellt, sie aber dafuͤr in den hoͤlzernen Zimmern um so besser besetzt. Kurz, gnaͤdiger Herr, wenn Ihr mich ir- gend brauchen koͤnnt, so ersuche ich euch nochmals demuͤthigst, laßt mir die Gnade widerfahren, mich zu Eurem Gefolge rechnen zu duͤrfen. Nun so folge mir denn, Fortunat, der Wind ist guͤnstig, alles ist zur Abfahrt bereit. (gehn ab.) Zweite Abtheilung . Dritte Scene . ( Zimmer .) Graͤfinn von Cleve. Juliane . Und nichts kann, theure Graͤfinn, Euch erhei- tern? Ich bin nicht traurig, doch bekuͤmmert sehr, Es war so nah mein Gluͤck, befreit zu seyn Von dem verhaßten Zwang der Vormundschaft, Da reist der Graf in ferne Welt hinein, Verschiebt die Hochzeit, giebt zu Land und Meer Sich vielerlei Gefahren Preis und zoͤgert Zuruͤck zu kommen; — nein, er liebt mich nicht. Er liebt Euch, seht die herrlichen Geschenke, Die er Euch von der Reise schickt, den Purpur Aus Syrien, Perlen, goldne Spangen, seht Die Seidenzeuge, laßt das Aug' sich freuen. Ihr hoͤrt, daß er nur nach Venedig ging, Zur Hochzeit einzukaufen Gold, Juwelen; Seyd nicht betruͤbt, bald kommt er froh zuruͤck. Doch dieser Trieb, so fern von mir zu seyn, Als schon der Hochzeittag bestimmt, als alles — O nein, ich zuͤrn' ihm, werd' ihm ewig zuͤrnen! Was ist es in den Maͤnnern, daß die Heimath, Fortunat . Ein stilles Gluͤck, die Lieb' und ihre Schaͤtze Den Gier'gen, Unruhvollen nicht genuͤgt? Das ist ja jetzt die allgemeine Sitte Zum heil'gen Grabe hinzuziehn, sie meinen Sie duͤrfen nicht das Wort mit Anstand fuͤhren, Wenn sie nicht dort gebetet, von den Sitten Der Muselmaͤnner, von des Tempels Staͤtte, Dem Berg der Leiden und vom Sinai Erzaͤhlen koͤnnen: — und dann denk' ich auch Fliegt wohl der Mann zu guter Lezt noch einmal Mit Freuden aus und weit, weil er hernach Der Frau, der Kinder, seines Landes pflegt, Und gern zur Rechenschaft gefordert wird Um jegliches Gelach, um jede Jagd, Waͤr's auch nur in des Bett's geheimer Beichte. Das ist's ja, was mich quaͤlt, sie lieben nicht, Und doch ist er der Beste noch von allen Ein Diener tritt ein. Gnaͤdige Graͤfinn, so eben ist ein Bothe aus Flandern heruͤber geritten, der die Nach- richt bringt, daß der Graf gluͤcklich von Venedig abgereist, und jezt schon auf dem Wege hieher ist. Fuͤhr' ihn in mein Gemach, ich will ihn selber sprechen. (sie gehn ab.) Zweite Abtheilung . Vierte Scene . ( Feld .) Rupert, Heinz, Friedrich , andre Diener. Es ist gewiß, daß der gnaͤdige Herr koͤmmt, es steht zu hoffen, daß nun alles im Schlosse aufgeraͤumter wird: der Herr Kanzler zieht ihm schon mit den Vornehmsten der Buͤrgerschaft entgegen. Nun wird es in unsrer Stadt ein andres Leben werden, nun werden Lustbarkeiten vollauf seyn. Und Hochzeit dazu, die Bothen sind schon hinuͤber, die Graͤfinn einzuladen, die Rosse und Wagen sind fertig gemacht. Und Rennen und Stechen wird gehalten werden, wobei ein armer Gesell wieder einmal etwas gewinnen kann. Der Kanzler, Buͤrgermeister, Buͤrger . Wird es nicht gut gethan seyn, Herr Kanzler, die Standarten mit dem graͤf- lichen und dem Stadtwappen voran zu stellen, die guten Leute in zwei Reihen zu ordnen, die schoͤn geschmuͤckten Musikanten in die Mitte zu nehmen, und mit Pauken- und Trompetenklang, so wie der gnaͤdigste Graf sich zeigt, und mit vollstem Ge- schrei ihm unsern Willkommen entgegen zu jubeln? Ihr habt weißlich die Anstalten Fortunat . gemacht, Herr Buͤrgermeister, und Eure Ord- nungsliebe leuchtet aus allem hervor. So was erlebt man nur einmal, verehrter Herr Kanzler, dabei muß es durchaus hoch hergehn, daß Kind und Kindeskind davon zu sagen wissen. In der Stadt wird dann mit allen Klocken gelaͤutet, auf dem Markt sind die Buͤhnen und der Turnierplatz schon aufgerichtet. Paucken und Trompeten , der Graf mit seinem Gefolge, Fortunat und andere; lautes Rufen und Freudengeschrei. Ich dank' Euch Freunde, Herrn und Landes- leute, Mit Ruͤhrung gruͤß' ich diesen Heimaths-Boden, Mein Herz eroͤffnet sich, da alles wohl Und heiter mir begegnet, dieses dank' ich Naͤchst Gott, Herr Kanzler, Euch, Euch, Buͤr- germeister, Euch, treue Unterthanen. Hoch! und hoch! Doch eins vermißt mein Herz; wo ist die Graͤfinn? Die schoͤne Braut, die mir den langen Weg Vorschwebte wie ein glaͤnzend Himmelsbild? Sie naht, mit ihr die Herrn der Vormund- schaft. Zweite Abtheilung . Musik. Von der andern Seite die Graͤfinn, der Herzog von Geldern, Graf von Muͤnster , Gefolge. O segensreicher Tag! Ich darf dich gruͤßen, Du schoͤne Blum' um dich mit Lieb' und Ehr- furcht Hier an mein Herz, an meine Seele schließen. Der Augenblick versuͤßt die Trauerstunden, Vergilt den herben Schmerz der langen Trennung. Empfangt die schoͤne Braut aus meinen Haͤn- den, Und mit ihr allen Himmelsseegen, Graf. Und Amen rufe jedes treue Herz. Ja Amen! Seegen Euch, dem Lande Seegen, Begluͤckt wir all, die diesen Bund erleben! Empfangt, Herr Graf, die Huldigung, den Gruß Der treuen Buͤrgerschaft: das Brautpaar hoch! Sie leben hoch! und hoch! und tausendmal! (Musik, Jauchzen.) Und nochmals meinen Dank aus vollem Her- zen, Fortunat . Ihr guten treuen Buͤrger: Fried' und Gluͤck Soll, hoff' ich, stets im guten Einverstaͤndniß Mit Euch und meinen edlen Nachbarn, Wohlstand In unser Land und Seegensfuͤlle bringen. Auch Euch begruͤß' ich, meines Hauses Diener; Wie wohl ist mir in meiner Heimath Luft. Im Rahmen dieser treuen Dienerschaft Hochedler Herr, sag' ich Euch hier willkommen. Keinen vermiß' ich, und die mit mir zogen Sie kehren alle wieder; diesen treuen Ich moͤchte Freund ihn nennen, fuͤhr' ich her Aus fernem Lande, seine feine Sitte Sein heitrer Sinn hat mir den Weg verkuͤrzt. Komm, Fortunat, dich meiner Braut zu zeigen. — Dir, Herrin, uͤbergeb' ich ihn, den Deinen. Und danken muß ich, denn wohl zeigt sein Wesen, Sein Anstand, daß sein Gluͤck einst besser war. Ihr sollt es nicht beklagen, mir zu folgen. Zu gluͤcklich bin ich, daß den Unverdienten Ihr schon belohnt, Beschaͤmung mag Euch sagen Wofuͤr ich nicht die Worte finden kann. Gehn wir zum Tempel, um an heil'ger Staͤtte den ew'gen Bund zu schließen, uns dem Gluͤck Durch gegenseit'ge Schwuͤre zu verpfaͤnden. (Alle ab mit Musik und Frohlocken, die Diener bleiben). Zweite Abtheilung . Freund, hoͤrt! Wir werden also Cameraden. Wir wuͤnschen uns Gluͤck; ich hoffe, daß wir immer gute Gesellschaft mitsam- men machen werden. Ich danke fuͤr Eure Freundschaft und werde sie erwiedern; aber jezt verzeiht, denn ich muß dem Grafen und der Graͤfinn folgen. (geht ab.) So, junger Fant? das scheint mir ein naseweises Buͤrschchen. Bunt, blank, aufgestuzt wie ein Hafelant. Nun, wenn er nicht gesellig ist, wollen wir ihm das Leben sauer genug machen. 'S ist Unrecht, wie der Graf ihn gleich uns allen vorgezogen hat; praͤsentirt ihn da besonders her, als wenn er ihn seiner Braut zum Weihnachten bescheerte; 's fehlte nichts, als daß sie ihn noch rund um mit Lichtern besteckten. Er scheint ein feiner Knabe, viel- leicht von Stand, aber man muß ihm auf den Zahn fuͤhlen. Timotheus kommt. Gluͤck zu, Cameraden! Wißt Ihr's schon? Mein gnaͤdiger Herr, der Herzog, sezt drei große Preise aus, einen Ring, eine reiche Binde, und einen stark verguldeten Becher, weniger darf Euer Graf auch nicht bieten, und der von Muͤn- ster muß sich auch sehen lassen. Das ist was fuͤr uns junge Gesellen! Fortunat . Nun, wir hoffen alle etwas davon zu erobern, Freund Thimotheus. Im Stechen thut's mir keiner gleich, der hoͤchste Preis ist schon so gut wie in meinen Haͤnden. Seyd etwas zu vorlaut und uͤber- muͤthig, junger Mensch. Im Ringstechen magst Du's wohl besser machen koͤnnen, oder im Armbrustschießen, aber mein Seel nicht im Lanzenstechen. Kommt, kommt, ihr Narren, jezt wird die Caͤremonie schon voruͤber seyn, laßt uns uns fertig machen, daß wenn die Herrschaften ihr Spiel getrieben haben, wir auch zum unsrigen kommen. Ich bin ein alter Kerl, aber ich nehm' es noch mit Euch allen auf. Wer's Gluͤck hat, fuͤhrt die Braut nach Hause. Und wer zulezt lacht, lacht am besten. Adie: Ende gut, alles gut. (geht ab.) Fuͤnfte Scene . ( Zimmer .) Der Graf. Der Kanzler . Mir widersteht's, ich sag's Euch grad heraus, Die schoͤnsten Tage meines Lebens, Stunden Zweite Abtheilung . Die nur der Lust, der Freundschaft, dem Entzuͤcken Gewidmet sollten seyn, mit Staatsgeschaͤften, Mit List und Heuchelei und Politik In boͤsem Trug, wie Ihr wollt, zu entweihn. Ihr kennt mich, gnaͤdiger Herr, seit vielen Jahren, Daß ich zu derlei nie die Hand geboten, Zu besserm Sinn hab' ich Euch auferzogen, Und hoffe ehrenvoll wie ich gelebt Auch so in's Grab dies graue Haupt zu legen. Vergebt, mein alter Freund, doch sagt Ihr selbst, Man muͤsse diese guͤnst'ge Stimmung nuͤtzen, Der Herzog denke wohl mit naͤchstem anders, Jetzt ist er mir gewogen wie ein Vater, Er ist geruͤhrt, er wuͤnscht mein Gluͤck, und zaͤrtlich Liebkost er mich, wie einem lieben Kinde, Da soll ich nun, indem er mir die Braut, Ihm nah verwandt, herzlich von ihm geliebt, Indem er mir mein hoͤchstes Gluͤck gewaͤhrt, Mit Feinheit und verstellter Lieb' erschleichen, Was er in Ruͤhrung mir schon halb entbot; Nennt Ihr das redlich, wacker, alter Herr? Ich nenn' es so, und Ihr seyd nur berauscht Von Eurem neuen Gluͤck, daß in der Fuͤlle Der Seeligkeit Ihr nicht wie sonst mit klarem Verstand erwaͤgt, was nuͤtzlich ist und gut, Und wie der edle Mensch es mag verbinden. Hier ist von Luͤge, Bosheit nicht die Rede, Nur daß Ihr die Gelegenheit ergreift Fortunat . Die sich Euch so, wie nimmer wieder beut. Seit Menschenaltern war es Eurer Ahnen Bestreben, jenen Hafen zu gewinnen, Die See, mit ihr Verknuͤpfung fremder Laͤnder, Den Handel selbst zu fuͤhren, den die Fremden Uns stets mit laͤst'ger Vormundschaft getrieben, Doch die Provinzen und der strenge Herzog War immer uns entgegen; aber jetzt Will er Euch gern durch ein Geschenk verbinden, Euch Liebe zeigen ohne zu verletzen, Nun bietet er den alten Tausch, der sonst Mit Laͤcheln abgewiesen ward, den Tausch, Durch welchen Alles Euer Land gewinnt, Und er das Laͤndchen nur zum Scheine nimmt, Daß Ihr nicht braucht fuͤr ein Geschenk zu danken. Doch lassen wir's fuͤr eine andre Zeit. Du sagst ja selbst, es koͤnn' ihm wohl gereun. Nun nehmt das Gluͤck, da es sich zu Euch wendet, Wir sind nur Herrn von diesem Augenblick, Wer handeln will, muß nur auf heute traun; Das ist nicht Tugend, nichts dem guͤnstigen Zufall, Der Schwaͤche, der Nachgiebigkeit, dem Irrthum Verdanken wollen: faßt nur schnell und offen Den Augenblick, erwiedert Lieb' mit Liebe, Vertraun mit wahrer Freundschaft und Vertraun; Eu'r Zagen ziemt dem Mann, dem Fuͤrsten nicht, Wer in der Welt Geschaͤften mitgehn will, Der bringe ja nicht kloͤsterlich Gewissen, Zweite Abtheilung . Nicht eines Liebenden, Verliebten Großmuth Zu seinem Amt, soll Schmach Verlust nicht folgen. Ihr wißt es selbst, wie Ihr auch Feinde habt, Der Graf von Muͤnster ist Euch widerwaͤrtig, Ihr seyd es Euren Unterthanen schuldig Euch zu verstaͤrken, wo Ihr's moͤglich findet. Du hast mich fast beredet: nun, so sey's. Fortunat tritt ein. Es wuͤnscht mit Euch der durchlauchtige Herzog Zu sprechen, er ist hieher unterwegs. Wir kommen zu ihm, sag's dem gnaͤdigen Herrn. Ja, guter Fortunat, meld' uns ihm an. (Fortunat ab.) So gehn wir denn, wo moͤglich abzuschließen. (gehn ab.) Sechste Scene . ( Saal .) Die Dienerschaft . In dem fremden waͤlschen Knecht steckt ein Kobolt, das sag' ich. Wie hat er uns alle zugerichtet! Heinz . Fortunat . Uns alles vor der Nase weggenom- men! Und ich hatte, unter uns gesagt, auf die Preise schon Schulden gemacht. Der dir aber etwas darauf ge- borgt hat, muß ein noch groͤßerer Narr gewesen seyn, als du selbst. Warum denn? das Gluͤck findet ja wohl auch bei unser einem einmal eine Thuͤr offen. Aber was soll ich erst klagen und sagen? Hatte ich nicht schon den ersten Preis, war mein gnaͤdiger Herzog nicht selbst von meinem Reiten eingenommen? Beate, die Kammerfrau, winkte mir immer mit dem Schnupftuche zu, und auf einmal kommt das fremde Meerwunder auf sei- nem Schimmel hergaloppirt, setzt an, und, mein Seel, rennt mich auch mir nichts dir nichts so in den Sand hinein, daß ich noch immer einige Kloͤße kauen und schlucken muß, dabei thun mir die Rib- ben so erbaͤrmlich weh, daß ich mich in vier Wo- chen auf kein Pferd getraue. Ist es denn ein Wunder? Hat ihm unser Graf nicht das schoͤne Thier, gleich so wie er ankoͤmmt, geschenkt? Dem hergelaufuen Land- streicher? Das Vieh ist so stark und hitzig, daß kein ander Roß dagegen bestehen kann; glaubt mir nur, der Gaul hat den Preis gewonnen, und nicht der Geldschnabel. Und wir, die wir zehn Jahre und laͤnger im Dienst des Herrn sind, was kriegen wir? Man meinte wohl, die Stadt ginge zu Grunde, wenn man uns einmal ein gutes Pferd III. [ 3 ] Zweite Abtheilung . zukommen ließe. Da heißt es immer: du kannst doch nicht reiten; es paßt fuͤr dich nicht! so krie- gen wir alte Maͤhren, die wir gleich darauf in die Sandkarren liefern koͤnnen. Aber der junge Herr, mit den vielen bunten Baͤndern, mit den gluͤcklichen Linamenten, wie sie's nennen, der muß einen spanischen Hengst reiten, er moͤchte sonst unrichtig in die Wochen kommen. Und meinen besten Hund, den dres- sirten, praͤchtigen Solofaͤnger, meinen Mordax, hab' ich ihm auch geben muͤssen. Ist es doch nicht anders, als haͤtte unser Graf einen zweiten gnaͤ- digen Herrn aus der See aufgefischt, der uns alle schikaniren soll. Ich sage Euch, Leute, mit dem jungen Blut hat's eine eigne Bewandniß, seine Frau Mut- ter muß eine Sirene, oder ein solches Meergethier seyn, denn er mag gar keine Fische essen. Hab' ich dem Butterkopf nicht neulich, da er sich so malade anstellte, einen eignen Braten anrichten muͤs- sen? Ich haͤtte ihm den Bratenwender im Bauch moͤgen aufstellen und abschnurren lassen, so hat mir das Ding vor den Kopf gestoßen. Ei so friß du Kapaunen, daß sie dir aus dem Halse wieder her- aus worgen. Was sagt Ihr aber dazu? Claret muß ich dem jungen Hirngespinst zu trin- ken geben, sie sagen, er koͤnne unser schweres Bier nicht vertragen. Lezt soff er Malvasier auf Be- fehl unsers Herrn. Gebt Acht, das Illyrische Mor- Fortunat . lackengesicht ist noch ein Hurkind von unserm gnaͤ- digen Herrn. Wo denkst Du hin? Bist schon am fruͤ- hen Tage betrunken? Unser Herr Graf ist ja nur ein Paar Jahr aͤlter. Mag's seyn, wie's will, kurz- um, er saͤuft Claret, wie ich mir manchmal kaum getraue. Schade was um alles andre, wenn er uns nicht allen die Reputation genom- men haͤtte! das lumpige Band, das ich nun nur gewonnen habe; ich mag's kaum ansehn. Aber Rupert, warum bist Du denn so ganz still? Ist es Dir denn nicht verdruͤßlich, daß ein Camerad von uns so den Herrn uͤber uns spielt? Was hilft's? Der Herr ist ihm ein- mal gewogen, ist es doch, als wenn er ihm das Herz gestohlen haͤtte. Da ist nun nichts zu machen. Mit dem großen Kochloͤffel fahr' ich ihm in den Hals, so gewiß ich Barnabas heiße! Haͤtt' ich ihn nur einmal so allein im Keller, ein bischen betrunken muͤßt' er schon seyn und herum torkeln, ich verspundte ihn in das große Oxthoftfaß und rollte ihn hernach in den Fluß, daß er seiner gnaͤdigen Mama wieder zu schwimmen koͤnnte. Wenn der Schimmel daͤchte wie ich, so hoͤbe er einmal die beiden Hinterfuͤße etwas hoͤ- her, als noͤthig ist, und gaͤbe ihm, wenn er ihn eben so zierlich streicheln und taͤtscheln will, einen Zweite Abtheilung . unvermutheten Hufschlag uͤber die Stelle weg, wo der Mensch gewoͤhnlich das Angesicht traͤgt, daß er gewiß das Aufstehn vergessen sollte. Den Sauspieß muͤste man ihm in die Eingeweide stoßen! Ihr schwadronirt wie die Narren und werdet ihm alle kein Haar kruͤmmen. Mit Verstand waͤre hier nur etwas auszurichten, und der fehlt Euch allen. Nicht wahr, Du hoͤrst immer das Gras wachsen? Ja, das ist der alte Heimchen- greifer, der kluge Hinterdrein, der alles vorher gesehn hat, wenn's vorbei ist. So laßt ihn aber doch reden, wenn er vielleicht einen gescheidten Einfall hat. Was wuͤrdet Ihr nun zum Exem- pel drum geben, wenn der Gelbschnabel so still von selbst abmarschirte, und daß auf keinen von uns die Schuld fiele? Das ist unmoͤglich, auch thut er's nicht, denn er sizt hier zu warm. Haab' und Gut gaͤb' ich drum, den letzten Rock vom Leibe. Was der Esel schwazt. Ihr seyd sechs, schießt Ihr zwoͤlf Kronthaler zusammen, so sollt Ihr ihn in etlichen Tagen los seyn. Aber das Geld muß ich haben, denn ich kann's nicht dran wenden. Zwei Kronthaler? Das ist aber auch ein bischen viel! Macht fast einen Dukaten. Fortunat . Topp! Hier ist mein Beitrag; mich geht der Handel zwar nichts an, weil ich hier fremd bin, aber ich thu's gern, um den Wind- beutel fortzuschaffen. Nun habt Ihr also vierzehn, wenn Eure Kameraden das Geld zahlen wollen. Gern , gern, guter Rupert. Aber mach's gescheidt, daß wir nicht in des Teufels Kuͤche kommen. Kommt herunter zu mir, ich habe nichts bei mir, da wollen wir alle aufzaͤhlen. (gehn ab.) Siebente Scene . ( Zimmer .) Graf, Graͤfinn . Fuͤhlst Du Dich gluͤcklich mit mir, theures Herz? Das war es ja, was jeder Wunsch erstrebte, Nur Dein zu seyn, von Deinem Blick zu leben, Mein ganzes Wesen Dir, nur Dir zu weihn; Doch Du bist nicht zufrieden, wie Du solltest. Ich bin's, Geliebte, nicht allein daß Du Vom Gluͤck mir wardst gegoͤnnt, Du bringst zu- gleich Dem Land die allerschoͤnste Morgengabe: Zweite Abtheilung . Geendigt sind, beschlossen die Geschaͤfte, Die manchmal wohl mir Stunden truͤben machten, Ich sehe Ruhe, Wohlstand, Gluͤck und Friede Auf den Bezirk mit Seegen niederschweben. Der mir gehorcht, und dieses dank' ich Dir; Nun soll Bankett und Spiel, Musik und Jagd Nach ernsten Stunden inniger uns freun. Nun laß uns auch im Hause Frieden stiften. Im Hause? Mir erzaͤhlt Juliane gestern, Daß alle Diener Deines Schlosses grimmig Dem fremden Juͤngling drohn, der mit Dir kam, Sie neiden ihm den Vorzug, der bei mir Und Dir gegoͤnnt ihm wird. Er ist ihn werth: Der beste Schuͤtze auf der Jagd, geschickt Mit Falken umzugehn, klug im Gespraͤch, Gewandt im Dienst; sieh ihn nur selbst zu Roß, Nur wen'ge Ritter wissen so die Kunst, Das Thier in seiner Herrlichkeit zu zeigen. Gewiß verdient er Deine Liebe, gut Und treu erscheint er mir, ihm steht auch freund- lich Die fremde italiaͤn'sche Sitte, alle Die Maͤdchen und die Weiber meines Hofs Sind wie vernarrt in ihn. Fortunat . Das regt den Neid Von jenen ungehobelten Gesellen, Doch rath' ich keinem, ihn mir je zu kraͤnken. Der alte Rupert ist der einzige Der Freundschaft mit ihm haͤlt, und der ist brav, Man sieht sie fast bestaͤndig bei einander, So hat Juliane mir erzaͤhlt. Wenn der Ihn nur zum Trunk und wuͤsten Wesen nicht Anfuͤhrt, denn ehrlich ist er sonst gewiß. Die Jagd erwartet uns, geliebtes Kind, Nun sollst Du meinen besten Falken sehn, Dein Zelter steht gesattelt, komm zum Wald. (gehn ab.) Achte Scene . ( Wirthshaus .) Wirth . Rupert . Fortunat . Nur hier herein, meine lieben Herrn, hier findet Ihr ein sauberes Stuͤbchen, wo Ihr von den andern Gaͤsten nicht gestoͤrt werdet. Dank, mein Herr Wirth. Nun, was kann ich mit meinem Freunde heute Gutes bei Euch haben? Zweite Abtheilung . Heut erlaubt mir einmal, den Schmauß anzuordnen, ich bin schon so oft Euer Gast gewesen. Nichts da! Ein andermal soll die Reihe an Euch kommen, aber heut, junger Herr, muͤßt Ihr mir die Ehre erzeigen, mit mir vorlieb zu nehmen. Nun also, Wirth, was habt Ihr? Je nun, wenn ich nur weiß, daß es die Herrn nicht ungnaͤdig nehmen, und daß es huͤbsch unter uns bleibt, denn Ihr wißt wohl, wenn es verlauten thaͤte, daß so kostbare — Nur heraus, fuͤr meinen jungen theuren Freund, den ich liebe und ehre, ist nichts zu gut. Es sind zwei Fasanen in meine Kuͤ- che gerathen, die ich keinem lieber goͤnnte. Gebt sie her, durch die braven Wild- schuͤtzen kommt so etwas auch an unser eins. Und der Wein? Einen Malvasier hab' ich durch Pro- tektion erhalten, wie er im Keller des gnaͤdigen Grafen selber nicht besser seyn muß. So gefallt Ihr mir, Wirth. — Stellt her, — so, — schenkt ein. — Wahrlich, ein guter Trunk. Auf Euer Wohlseyn mein edler For- tunat! — Nein trinkt aus, rein aus, nicht so zim- perlich, so jungferlich. So ist's Recht. Nun, Wirth, schafft uns auch gleich die Fasanen herein. Sie sollen sogleich ihre Aufwartung machen (ab.) Ihr beschaͤmt mich immer mehr Fortunat . und mehr, Herr Rupert; ich bin so reichlich vom Grafen und der Graͤfinn beschenkt worden, ich bin so gluͤcklich gewesen, die ansehnlichen Preise zu ge- winnen, ich bin also nicht im Mangel, und darum solltet Ihr Euch nicht fuͤr mich in Unkosten setzen, ohne jemals mein Gast seyn zu wollen. Sprechen wir davon nicht, mein ed- ler, schoͤner Juͤngling. Ihr seyd jung, Ihr braucht Euer Geld und Eure Kostbarkeiten noch, das ist mit mir altem Manne eine andre Sache, ich gebe nichts fuͤr Kleider und Schmuck aus, Frau und Kinder habe ich nicht: was soll ich mit meinem bischen Armuth machen? Seht, das verzehre ich denn gern, und mache mir mit Wein und Speise einen frohen Genuß, nun aber schmeckt mir allein kein Bissen. Mit wem soll ich schmausen? Ihr kennt ja selbst alle die ungehobelten Bengel im Schlosse, Menschen ohne Erziehung und Sitten, die nichts wissen, nichts verstehen und gesehn haben. Immer war es mein Wunsch, einmal einen Freund zu finden, der besser, verstaͤndiger, feiner waͤre als ich, von dem ich lernen koͤnnte; da seyd Ihr unter uns aufgetreten, und gleich von ersten Augenblicke sah ich, daß Ihr aus einem ganz andern Holze, als wir alle, geschnitzt seyd, und darum muß ich Euch noch danken, daß Ihr Euch nicht zu stolz duͤnkt, mir dann und wann eine Stunde zu schen- ken. Ich fuͤhle Eure Freundschaft, und meine Eitelkeit will mich uͤberreden, Euch Glauben Zweite Abtheilung . beizumessen; aber wozu diese wiederholten Schmau- sereien. Laßt doch einem alten Mann seine Art und Weise. Der Wirth kommt mit den Fasanen. Hier machen die guten Bursche ihr Compliment, meine Herrn, und wuͤnschen nur, daß sie Euch gut schmecken und bekommen moͤgen. Habt Ihr sonst noch etwas zu befehlen? Denn Ihr verzeiht mir wohl, wenn ich drinnen nach meinen unruhigen Gaͤsten sehe: das ist so Poͤbel, wildes Volk durch einander, da ist der Teufel gleich los, wenn der Wirth nicht selbst bei der Hand ist; der eine will Wurst, der andere Braten, der Bier, der Wein, jener Kohl oder Ruͤben; da muß man einen anlachen, einen anschnauzen, mit jenem spa- ßen, Schlag nehmen und geben, grob seyn und hoͤflich, alert und brummisch: o glaubt meine Her- ren es ist ein beschwerliches und kuͤnstliches Ding, ein Wirth zu seyn. Wir beduͤrfen nichts weiter, und sind gern allein. Ja, wenn alle Gaͤste von solcher Ex- traction waͤren! (geht ab) Nehmt, wie ich euch vorgelegt habe. — Trinkt. — Seht, wie mir wohl ist, mit solchem Juͤngling, der edel denkt, der schoͤn gebaut ist, der zart fuͤhlt, der die Welt gesehn hat, der alle Tage Edelmann und Graf seyn koͤnnte, ein Stuͤndchen bei einem Glase Wein zu verschwatzen. Fortunat . Ihr schlagt meinen Werth gar zu hoch an. Nicht ein Tuͤttelchen, Ihr seyd zu bescheiden, Ihr wißt selbst nicht, was in Euch ver- borgen. — Stoßt an Theuerster, auf Eure bal- dige Befoͤrderung. Wie meint Ihr? Denkt Ihr denn, daß der Graf, der Euch so zaͤrtlich liebt und auszeichnet, Euch so lassen wird, wie Ihr seyd? Nein, ich sehe in Euch schon was Großes voraus, ich sehe die Zeit im Geiste, in der Ihr mein Beschuͤtzer werden koͤnnt. Also meint Ihr, daß der Graf mit mir etwas besonders vorhaben koͤnnte? Ohne allen Zweifel, — ja, es ist schon, — unter uns gesagt — beschlossen. Ihr macht mich begierig. Eure Figur, Euer Anstand, Eure Art zu sprechen, — nicht umsonst seyd Ihr mit so edlen Talenten begabt; Ihr seht ja auch, wie alle Weiber Euch hold sind, wie gern Euch selbst die Graͤfinn sieht. Ihre Tugend und Hoheit nimmt meine geringen Dienste gefaͤlliger auf, als sie werth sind, die Dienerinnen werden mir nichts nachsagen koͤnnen, das mir zum Nachtheil gereichte. Natuͤrlich nicht; Ihr seyd nicht zu Ausschweifungen geneigt, Ihr wißt Eure Zeit bes- ser anzuwenden. Ihr habt auch nie an's Heira- then gedacht? Zweite Abtheilung . Ich bin noch jung, Ehestand ist eine druͤckende Buͤrde fuͤr Dienstleute. Was Ihr in allen Dingen vernuͤnf- tig denkt, uͤber Eure Jahre hinaus — und drum kann ich es Euch wohl vertrauen — Euer Gluͤck ist gemacht. Wie denn? Sprecht, mein Freund, da Ihr mich liebt, so muͤßt Ihr mir nichts vor- enthalten, das mich gluͤcklich oder ungluͤcklich ma- chen kann. Das will ich auch nicht. — Nur einen Augenblick, ich will nur sehn, ob der Wirth nicht etwa horcht. — Alles gut. — Werther Freund, Ihr habt doch wohl in dieser Zeit bemerkt, wie unser Graf sich oft mit seinem Kanzler eingeschlos- sen hat. Mehr als einmal, und ich habe mich gewundert, was sie so geheim berathen koͤnnen. Alles geschieht nur Euretwegen. Meinetwegen? Weil die Sache in unsern Gegen- den eben noch nicht gebraͤuchlich ist, und man erst fuͤrchtete, es koͤnnte, vorzuͤglich beim Volk, einiges Aufsehn erregen, das gewoͤhnlich alles schief beur- theilt, was nicht seit uralten Zeiten herkoͤmmlich ist. Was kann das Alles auf mich fuͤr Bezug haben? Laßt mich nur ausreden. Wie gern Euch die Graͤfinn sieht, wißt Ihr selbst, der Graf hat auch nichts dagegen, sondern freut sich dar- uͤber, weil er Euch liebt: um Euch aber seiner Ge- Fortunat . mahlinn ganz als Diener uͤberliefern zu koͤnnen und allen boͤsen Leumund unmoͤglich zu machen, der Graͤfinn Ehre auf immer sicher zu stellen, sich auch vor der kleinsten moͤglichen Eifersucht zu be- wahren und Euch so recht seine Freundschaft zu bezeugen, hat er nach reiflicher Ueberlegung mit seinem Kanzler beschlossen, Euch in diesen Tagen durch eine geschickte sichre Hand zum Eunuchen oder Verschnittenen machen zu lassen. (springt auf.) Wie? Was? Eßt, mein Lieber, trinkt. Mir widersteht, mir ekelt alles. Was sagt Ihr? Ihr habt ja wohl bei Euch zu Lande selbst zuweilen dergleichen Leute gesehn, die die Rathgeber, die Vertrauten, ja mehr als die naͤchsten Freunde und Verwandten ihrer Herrn sind. Unser Graf hat nebenher, daß er beim hei- ligen Grabe seine Andacht verrichtet hat, auch auf fremde Gebraͤuche und Sitten sein Augenmerk ge- richtet, und denkt diese nun mit Euch, weil er Euch so vorzuͤglich liebt, nachzuahmen. Weil er mich liebt? Entsetzlich! Weil er mich liebt, will er mich elend, ein Unge- heuer, einen Spott, eine Schande der Menschen aus mir machen? Ihr seid erschrocken, und ich dachte Euch recht freudig zu uͤberraschen. Ich muß fort! Wenn Ihr mich lieb habt, helft mir fort, noch diese Nacht, gleich, diesen Augenblick! Zweite Abtheilung Was hoͤr' ich? Ihr wollt es also nicht werden? Koͤnnt Ihr noch fragen? Ich zit- tre, bis ich die Stadt, das Land hinter meinem Ruͤcken habe. Ich dachte, weil Ihr doch so zuͤch- tig und verstaͤndig seyd, auch keinem Schatz habt, und den Ehestand nicht liebt — Lebt wohl, mein guter Rupert. Bleibt doch; seht, waͤr' ich in Eurer Stelle, gleich ließ' ich es mir gefallen, aber in meiner Jugend war kein Mensch hier herum noch auf solchen Gedanken gerathen. Ich gehe, ich muß fort. Wie eilt Ihr denn so sehr? Jezt ist es Nacht, die Thore sind, wie Ihr wißt, alle verschlossen, bis auf die eine Pforte. Wenn Ihr denn durchaus Eurem Gluͤcke aus dem Wege gehn wollt, so nehmt sacht Eure Kleinodien und Euer Geld zu Euch, besteigt Euer Pferd, nur laßt es erst Tag werden, vielleicht besinnt Ihr Euch mor- gen oder uͤbermorgen eines Besseren, denn wie ich ohne Euern Umgang leben soll, kann ich noch nicht einsehn. Wenn Ihr mich nicht umbringen wollt, so haltet mich nicht laͤnger. Ich darf Euch nicht begleiten, man muß nicht erfahren, daß ich Euch das Geheimniß verrathen habe. — Aber so sezt Euch doch noch, trinkt Euren Wein aus, den Fasanen habt Ihr Fortunat . auch noch nicht aufgezehrt. Solche Eile wird ja der Graf gewiß nicht mit Euch haben. Der Boden brennt unter mir, der Himmel stuͤrzt uͤber mir ein. Laßt Euch umarmen, treuer, biedrer Mann; daß Ihr mir diese Schaͤnd- lichkeit entdeckt habt, werde ich Euch Zeitlebens nicht vergessen. Troͤstet Euch uͤber meine Abwe- senheit, und gedenkt meiner in Liebe, wie ich Eurer gedenke. (eilt fort.) Der koͤmmt nicht wieder. Immer hinter sich Waͤhnt er das boͤse Messer, ruhet nicht Bis Wald und Land und Meer von hier ihn trennen! So denk't manch junger Fant wie klug zu seyn, Und muß dem Ersten Besten Lehrgeld geben. Ja, ja, die Welt ist rund, rund ist die List, Die Einfalt geht grad aus, zerstoͤßt die Nase. Der Wirth kommt. Was ist's, Herr Rupert? Unser junger Herr, Bleich wie das Tischtuch, zitternd, voller Angst, Rennt wie ein Blitz an mir voruͤber, sagt nichts, Steht mir nicht Rede, ruft nur: ich muß fort! Muß fort! fort! schnell! Was hat es denn gegeben? Ihr sitzt ja ruhig noch beim Glase Wein? Wißt Ihr, mein Wirth, was man Dumm- koͤpfe nennt. Zweite Abtheilung . So ziemlich, seht, als Gastwirth lernt sich's schon. So'n Vogel ist der junge Fortunat. Dacht's immer mir im Stillen, wenn er gierig Wie suͤßen Wein das Lob so in sich zog, Dacht' immer: ei! Herr Rupert ist kein Pinsel, Der bohrt gewiß dem nur ein Eselsohr. Das bitt' ich mir indessen aus, Herr Wirth, Er, der den Malvasier verzapft, den ihm Der Keller unsers Grafen liefert, der Fasanen seinen Gaͤsten vorsezt, die Der Tafel unsers gnaͤd'gen Herrn gehoͤren, Daß ihn der Teufel (hoͤrt Er!) nicht versucht Auch nur'ner Katze zu gestehn, daß ich Heut Nacht mit dem Maulaffen hier gewesen, Wenn man ihm nicht den Hals umdrehen soll. (ab.) Ei! ei! was solche Kundschaft alles schwatzt! Was man im Scherz, im Ernst sich bieten laͤßt! Was geht's mich an? In Gottes Nahmen moͤgen Sie alle doch einer den andern fressen. (geht ab.) Neunte Fortunat . Neunte Scene . ( Feld .) allein. Mein Pferd hab' ich zur Stadt zuruͤck gesandt, Damit dem Grafen auch kein Vorwand bleibt Mich in der Ferne aufzusuchen, fremden Namen Fuͤhr' ich anjezt, und jeder denkt, ich gehe Nach Burgund hin, so sagt' ich allen Leuten; Doch wend' ich mich nach Frankreich hin in Eil, Und dort aus einem Hafen stracks hinuͤber Zum sichern England. Keinem Freundesblick Und keinem Laͤcheln will ich wieder traun, Da dieser Herr mich also hinterging. (geht ab.) Zehnte Scene . ( Saal im Schlosse . Heinz. Friedrich. Rupert. Der Koch . Mein Geld gereut mich Tag und Nacht, Ihr habt uns garstig angefuͤhrt, Freund Rupert. Ja wohl! hatte der Italiaͤner es gut vorher, so hat er es jetzt noch besser, und waͤre er nicht hier, so kaͤme er an, wenn er wuͤßte, daß er III. [ 4 ] Zweite Abtheilung . hier mit Euch alle Tage in Herrlichkeit und Freu- den leben koͤnnte. Es stoͤßt unser einem das Herz ab, und alle Tage macht die Herrschaft mehr aus ihm, der Mensch wird uns alle zu Tode aͤrgern, und der superkluge Herr Rupert ist's der dem jungen Gelb- schnabel erst noch recht viel in den Kopf sezt, und sich mit unserm Gelde lustig macht. Ja wohl, denn ohne Eure Beisteuer haͤtt' ich mit ihm nicht so schmausen koͤnnen. Der Graf tritt ein. Wer weiß mir hier von Fortunat zu sagen? Ich habe schon heut Morgen ihn vermißt, Nun sendet er den Schimmel mir zuruͤck, Und der ihn brachte, hat sich schnell entfernt; Ich frage hin und her, doch jeder schweigt. Sein Geld, die Kleinod' hat er mitgenommen: Was kann er wollen? ist er mißvergnuͤgt? Wer that ihm was? Bei Gott, erfahr' ich nur Das Mindeste, daß wer von Euch mit That, Mit Wort ihm etwas in den Weg gelegt, Und waͤr er auch mein aͤltster, treuster Diener, Beschimpft wuͤrd' ich ihn aus dem Schlosse jagen! Sprich Rupert, denn du warst der einzige, Der sein sich annahm, der mit ihm vertraut, Hat er dir nichts entdeckt? Bei meinem Zorn Verschweige nichts, was du von ihm erfuhrst! Mein gnaͤdiger Herr, verzeiht mir armen Knecht, Fortunat . Daß ich nicht fruͤher schon geredet habe, Allein die Freundschaft die mich diesem Juͤngling Verband, mein heilges Wort nichts zu entdecken, Hielt mich zuruͤck, doch Euer zorn'ger Wille Loͤst meine Zunge jezt. Er ist aus Cypern, So wie ihr wißt; in stillverschwiegner Stunde Entdeckt er mir, sein Vater, der von Adel Und arm geworden, hege neue Hoffnung Am Hofe seines Koͤniges zu gelten. Nun kamen gestern ploͤtzlich Briefe an, Die meinen Freund mit Freud' und Lust erfuͤllten: Der Vater ist wie sonst bei Hof in Gnade, Und schrieb dem Sohn, sogleich zu ihm zu kommen, Weil ihm der Koͤnig einen Platz bestimmt; Jung, wie er ist, wollt' er sich nicht entdecken, Halb Schaam, daß er gedient, halb Furcht von Euch Erlaubniß nicht zu kriegen, trieb ihn an In schnellster Heimlichkeit Euch zu entfliehn. Mich freut sein Gluͤck, doch kraͤnkt mich auch sein Mißtraun, Haͤtt' er sich mir entdeckt, mit Geld und Liebe, Und mit Gefolge, wie es ihm geziemt, Haͤtt' ich ihn seinem Vater heimgesandt. Mich schmerzt es, daß ich ihn verloren habe. (geht ab.) Also war der junge Mensch doch ein Edelmann? Ja, ja, man sah ihm gleich so Zweite Abtheilung . was apartes an; er fuͤhrte sich so vornehm auf, seine Reden waren oft so gebluͤmt und bedenklich. Sag' ich doch, er war ein gutes Kind, that keinem was zu Leide, freundlich gegen alle Welt, doch ohne sich gemein zu machen; ich fuͤr meine Person habe immer einen rechten Respekt vor ihm gehabt. Wir alle waren ihm gut, er hatte so was in seinen Mienen, was einem das Herz gleich gefangen nahm. Solchen Kameraden kriegen wir Zeitlebens nicht wieder, ich wuͤnsch' ihm alles Gluͤck. Uebrigens Rupert, waren nun Eure Klugheit und Eure Kuͤnste uͤberfluͤssig, und wir sollten Euch mit Eurer Weisheit brav auslachen. Ja wohl, ja wohl; unser schoͤnes Geld! Je nun, er wird das noch oft auf dem Brodte kriegen, daß er uns so angefuͤhrt und nichts aus- gerichtet hat. Kommt, das Mittagsmahl anzu- richten. (sie gehn ab.) Daß ich ein Narr waͤre und den Dummkoͤpfen traute! Ich will mich lieber von ih- nen foppen lassen, als daß ich ihnen den Zusam- menhang entdeckte, da ich sehe, welche große Stuͤcke der Graf auf ihn haͤlt. Je nun, los waͤren wir den guten Gimpel, und ich hoffe, es soll kein neuer von diesen Federn je wieder in unsern Kaͤfig flie- gen, um uns das Futter zu verderben. (geht ab.) Fortunat . Zweiter Akt . Erste Scene . ( Spatziergang .) Fortunat, Felix , die einander begegnen. (ihn umarmend.) Felix! Willkommen in London! Woher? Was machst Du hier? Ei, wie muß ich zu der unverhoften Freude kommen? Mein theurer Fortunat! Wie wohl thut einem der vaterlaͤndische Laut in fremder Ge- gend! Mir waͤre es nie eingefallen, dich in London aufzusuchen. Ich bin schon seit einigen Wochen hier, ich war seitdem in Flandern, doch bin ich hier in England vergnuͤgter. Seit acht Tagen bin ich und Antonio hier mit einem Schiffe eingelaufen, das mein Va- ter mit Ridolfo, dem seinigen, hatte ausruͤsten helfen, wir sind schon wacker mit dem Verkaufen beschaͤftigt, und hoffen ein Ansehnliches zu ge- winnen. Wie gefaͤllt es dir hier? Zweite Abtheilung . Unvergleichlich! ein lustiges, freies Le- ben, Maͤdchen und Weiber wie die Engel. Ich will Dich bekannt machen, wenn du noch fremd seyn solltest, fuͤr Geld ist hier Alles zu haben. Am Gelde fehlt es mir Gottlob nicht: und Du? Ha! ich bin jetzt reicher als da- heim in unserm armseligen Cypern, ich bin nicht umsonst in die Welt hineingereist. Laß uns den guten Antonio abholen, Du weißt, er ist etwas bloͤde und kalmaͤusert so vor sich hin, den muͤssen wir aufmuntern. Hier wird er schon aufleben muͤs- sen, denn mit Kopfhaͤngen ist in der Welt nichts zu gewinnen; und dann will ich Euch beide zu ei- nem Engel, zu meiner Betty hinfuͤhren, da wirst Du gestehn muͤssen, daß Du bis jetzt noch keine Schoͤnheit gesehn hast. Komm, Liebster; o! wenn das unsre Alten zu Hause wuͤßten! Glaube nur, die moralischen Grau- baͤrte haben es in ihrer Jugend nicht besser gemacht. Darum wissen sie auch so gut daruͤber zu predigen. Wir wollen es auch im Alter unsern Soͤhnen so beibringen. (gehn ab.) Hieronymus und Andrea kommen. Ich kenn' Euch wohl von sonst, mein guter Freund: Fortunat . Ihr seyd ja der Andrea Tigurtino Und aus Florenz? nicht wahr? Ganz recht, mein Herr. Und triebt Euch hier als lockrer Zeisig um, Ihr spieltet, tanztet, sanget, hieltet Menschen, Des Nachts in Rauferein und Saufgelagen, Wie meist die jungen Fremden die der Heimath Entlaufen kaum, London zur Buͤhne machen Der Tollheit und des Elends endlich; als Hin alles, nichts von Haus mehr zu erwarten, Da schlicht Ihr wie die Katz vom Taubenschlage, Und ließt den Glaͤubigern das Nachsehn hier. Mein strenger alter Herr, seyd nur so billig Zu glauben, daß man sich auch bessern kann. Wie der verlohrne Sohn, gewiß nicht fruͤher: Das ist das alte Lied, ich kenn' es schon. Allein was habt Ihr nun bei mir zu suchen? Sezt Euch hier nieder, hoͤrt mich ruhig an. Doch muͤßt Ihr kurz seyn, denn mir mangelt Zeit. Ihr kennt doch wohl den Ritter Umfrevile? Der vor sechs Monden nach Italien ging? Zweite Abtheilung . Derselbe, Euer edler, wuͤrd'ger Freund, So nennt er sich, als ich ihn vor vier Wochen Gesehen in Turin. Und geht's ihm wohl? So schlecht, wie's nur dem Menschen gehen kann: Auf Nachsuchung des Koͤniges von Frankreich Um schlechter Ursach willen, wie er sagt, Sizt er dort schwer gefangen; man verwehrt ihm Zu schreiben, kaum daß ich ihn sehen durfte. Nun fleht er Euch und andre Freunde an, Aus seiner großen Noth ihn zu erretten. Ich seh nicht, was ich fuͤr ihn koͤnnte thun. Er meint, der Handel laͤßt mit Geld sich schlich- ten, Daß seine Feind' am Hofe zu Paris Dergleichen nur erwarten; wenn ihr ihm Mit ein'gen tausend Kronen helfen wollt, So will er Euch dreifach den Werth ersetzen; Mir hat er auch sechshundert zugesagt, So wie er frei ist, und gab mir so viel Nach London herzureisen, Euch zu sprechen. Aufrichtig, guter Herr, wie ich gern immer Mich zeige, dieser Handel ist verwirrt; Fortunat . Wer buͤrgt mir denn (Ihr nehmt mir das nicht uͤbel) Daß alles, was Ihr sagt, die strenge Wahrheit? So glaubt Ihr, daß ich luͤge? Ei, man luͤgt Nicht eben immer grade zu, und findet Doch Fußsteig', die nicht laufen wie die Straße; Man kann ein Ding auf hundert Art erzaͤhlen, Verschieden immer, und doch immer wahr, Der Kluge nimmt davon so viel ihm nuͤzt. Seht das Juwel im Ohrring und den Namen. Ich kenn's und glaub' Euch jezt; von Herzen gern Moͤchte' ich auch meinem alten Freunde dienen, Und um so mehr, da viel bei zu gewinnen. Doch scheint es mir, er muͤste sich zuerst An seinen Koͤnig wenden, an den Hof. Er meint durch Euch geschaͤhe dies am besten, Er sagte mir, er habe viele Neider, Auch habe man die Reise ihm verdacht, Der Koͤnig selbst sie nicht gebilligt, drum Denkt er, daß Geld und gutes Wort, von Euch Zur rechten Zeit, dem rechten Mann gesagt, Genug vermoͤg', in Freiheit ihn zu setzen. Wir Italiaͤner sind hier nicht beliebt, Zweite Abtheilung . Das Volk nennt uns nur Wuchrer, Pfaͤnderjuden, Man kann sich als Lombarde nicht empfehlen; Der Adel, der uns braucht, theilt die Gesinnung Des Poͤbels doch, man schmeichelt und beschimpft uns, Wie Ebbe oder Fluth es mit sich bringt: Und dann auf's Ungewisse mich zu wagen, Fernem Gewinn ein Capital zu opfern — Wohl zu verlieren — kann kein Freund verlangen; Drum Herr Andrea, macht Euch an den Hof, Sollizitirt, sucht Protektion, schafft Buͤrgen, Dann steht Euch mein Vermoͤgen gern zu Dienste, Denn ich bin auch kein Thor, redlichen Vortheil Geradhin abzuweisen. Eigentlich Ist es des Koͤnigs Sache; seht, dort koͤmmt Der junge Ritter Gerbert, sprecht mit dem, Der gilt gar viel bei seiner Majestaͤt. Adieu, mein Herr Andres, auf Wiedersehn. (ab.) Rekommandir' mich Euch, mein edler Herr. — Das ist ja recht ein ausgemachter Jude; Ich sehe schon, so treib' ich es nicht durch, Der kann da draus in seinen Ketten sitzen, Die Freundschaft hier verlanget Pfand und Buͤrgen. Gerbert kommt mit einem Diener . Du trafst ihn nicht? Wo kann er denn nun seyn? Die Lady sprach, er such' Euch, edler Herr. Fortunat . Mein edler Herr und Ritter, hoͤrt mich an. Ist's ein Geschaͤft, so kommt ein andermal, Ich bin anjezt fuͤr Seine Majestaͤt In Eil' und Sorg'; die Hochzeit in Burgund, Vermaͤhlung seiner koͤniglichen Schwester Giebt alle Haͤnde mir vollauf zu thun, Ein Brautschmuck ist gekauft von koͤstlichen Juwelen, der wird uͤber's Meer gesandt, Bis das geschehn, hab' ich fuͤr sonst nichts Zeit. — Da ist der Ritter! Ritter Oldfield koͤmmt. Ihr sollt gleich zum Koͤnig. Ich weiß es schon und will jezt zu ihm eilen. Der Koͤnig will den Schmuck Euch uͤberliefern, Dann koͤnnt Ihr hoffentlich in kurzem reisen. He! Peter! sage meiner Frau daheim, Daß sie mich heut zum Essen nicht erwartet, Wenn ich nicht da bin zur gesezten Stunde. (sie gehn.) Das sieht gar mißlich aus mit meinen Wuͤn- schen, Da ist auch keiner, der mich hoͤren moͤchte, Der ein' hat dies, der andre das zu thun. Zweite Abtheilung . Ich seh', der kann verrosten in Turin In seiner Noth, und ach! das schoͤne Geld Das ich in Haͤnden schon zu haben glaubte Ist auch ein Traum. Man muß auf andres denken. (geht ab.) Zweite Scene . ( Wirthshaus .) Fortunat, Betty, Felix, Anne, Antonio. Walther, Kellner, ein Schiffer treten ein. Tretet unterdessen hier herein meine Freunde, und laßt uns einige Glaͤser Wein genie- ßen. — Ihr habt Eure Barke eingerichtet, wie ich befahl? Vollkommen, gnaͤdiger Herr. Mit Teppichen und Polstern be- legt? die Speisen und die Weine stehn bereit? Alles so, wie Ihr es gewollt. Wenn das Schiff mit den Mu- sikanten da ist, so ruft uns, sie sollen vor uns hin und in einiger Entfernung neben uns auf dem Wasserspiegel schwimmen, damit wir in aller Lust des heitern Tages genießen koͤnnen. Nun geht. ( Schiffer ab) Das ist anders, mein Felix, nicht wahr, als zu Hause hinter dem Rechentische sitzen, die Geldsorten aussuchen, und die falschen Heller Fortunat . ausschließen, um sie Handlangern und Tageloͤhnern aufzuheften? Ja wohl, und anders, Antonio, als im Gewoͤlbe auf und ab spazieren, wie ein wildes Thier hinter seinem Kaͤfig und jeden Voruͤberge- henden anzurufen: befehlt Ihr vom neusten, fein- sten, aͤchten Tuch? oder andre Waaren? Ihr habt gut Sprechen, Freunde, zwei so huͤbsche Freundinnen sitzen neben Euch und auf Eurem Schooß — Bist du darum verlegen alberner Tropf! Meine Schwester wird sich freuen, dich kennen zu lernen. Da, trink, Einfalt, auf ihr Wohlseyn! Wenn ihr sie bereden koͤnnt, so laß ich ihr ein eben so schoͤnes Kleid und Haube ma- chen, auch solchen goldnen Schmuck, als Ihr vom Fortunat bekommen habt. Was der Mensch un- terwegs fuͤr Gluͤck muß gemacht haben, daß er so viel Geld kann aufgehn lassen. Sagt ich's Euch nicht zu Hause schon? einem Menschen wie mir, kann es niemals fehlen. Da hast du Recht, schoͤner Junge; und darum lieb' ich dich. Liebst du mich denn recht von Herzen? Zweifelst du noch? Sterben koͤnnt' ich fuͤr Dich. Wenn Du so fragst, wirst Du mich zum Weinen bringen. Sie erkennen es niemals, die wilden Zweite Abtheilung . Landstreicher, wie die schwachen gutherzigen Maͤd- chen sich ihnen mit Leib und Seele ergeben. (singt) Nein, nicht lieben Nur betruͤben Koͤnnen sie, Und wir Thoren Sind verloren, Finden nie Was mit Thraͤnen Und mit Sehnen Wir gesucht, Denn die Maͤnner Bleiben immer Herb, verrucht: Zeit vertreiben Wollen sie, Treu verbleiben Nimmer nie. Da trink, schoͤnes Kind, fuͤr Dein Lied. Sing' ein anderes, Betty, Deine Stimme ist noch schoͤner. (singt) Ach! Liebe, groß ist deine Macht Und peinigend dein Schmerz, Ich lieb' ihn treu, der mich verlacht, Das bricht mein armes Herz. Nein, das soll es nicht, beim Himmel uͤber uns! Sag', Engel, was willst Du? Befiehl, sinne, erdenk' doch nur etwas! Nein, sey nicht so zuruͤckhaltend, vergieb mir meinen gestrigen Scherz; zeige, daß Du mir vergeben hast und for- der jetzt etwas von mir. Fortunat . Weiß ich doch, daß Du großmuͤthiger bist, als ein Prinz. Nun so gieb mir den Dia- mant von Deinem Finger. Da, nimm' ihn, mein Herz; den hab' ich in Flandern im Lanzenstechen gewonnen, und die schoͤnste Graͤfinn von der Welt hatte ihn zum Preise ausgesezt. Aber bei wem, ihr Burschen, schmause ich denn heut? Soll denn meine Kehle ganz trocken bleiben, ihr Gruͤnschnaͤbel? Bei mir, wie gewoͤhnlich. Mir ist's Recht, Du Koͤniglichge- sinnter, laß geben, reichen, Du Bube mit dem Feuer-Auge! Nun, Cavalier, da Du ein Edel- mann bist, nichts Gewoͤhnliches, kein duͤnnes Ge- traͤnk, laß vom besten feurigsten Spanischen brin- gen, wie es sich fuͤr einen Cavalier schickt, Euer saures Gesoͤff kann mein Magen nicht vertragen. Morgen mußt Du mit mir trinken, Alter. Wenn ich muß, muß ich, sonst halt' ich mich da zu meinem Goldlockigen. Seht, wie dem Flegel die rubinrothen Lippen so himmlich zu Gesichte stehn, als haͤtte er sie eigen beim Ju- welier dazu bestellt! Und die Sapphir-Augen! Kuͤ- fer, sagt selbst, Maulaffen, habt Ihr schon jemals ein solches Gesicht hier an Euren Waͤnden sitzen gehabt? Sprecht! Der gnaͤdige Herr ist ein Ausbund von Schoͤnheit, Großmuth und Freigebigkeit. Da, Fortunat, trink einen Becher Zweite Abtheilung . mit mir. Nicht von jedem laß' ich mich bewirthen, nicht mit jedermann trink' ich aus einem Becher, aber Du bist nicht wie die uͤbrigen Erdenkloͤße, Du edle Range Du! Ich sterbe darauf, daß er der Bastard vom witzigsten schoͤnsten und vornehmsten auf seiner Insel ist, denn im Ehebett wird derglei- chen nie erzeugt. Ihr seyd heut naͤrrisch, Alter. Kellner, da, leer, ein frisches. — Naͤrrisch? Ich glaube, der Pinsel nimmt's uͤbel, daß ich ihm so viel Ehre erzeige. Naͤrrisch, Du Baumwollengespinnst? Soll mich doch der Henker holen, daß mich, so ein alter Kerl ich auch bin, noch nie jemand in meinem Leben mit solchen Au- gen angeschaut hat, so daß ich, als ich dem Jun- gen zum erstenmal begegnete, meinte, das Herz muͤßte mir vergehn; und ich bin doch nicht einer von denen, die sich leicht bange machen lassen, und habe wohl schon Rittern und Grafen derbe Grob- heiten gesagt. Aber Du bist anders, Du Seiden- raupe Du! Man sollte meinen, seine Mutter haͤtte sich an der schoͤnsten Bildsaͤule aus dem Alterthume versehen. Andrea tritt ein. Schnell ein Glas Claret, vom be- sten, ich habe Eil! Ei, Herr Andres! Herr Andres! Seyd Ihr denn auch wieder da? Wie du siehst, Narr. Nun, Herr Walther, wie geht's? Walther . Fortunat . Mir geht's, wie immer; aber ein Abentheurer, wie Ihr, ein herumirrender Junker von der leeren Tasche muß seitdem manches erlebt haben. Immer noch das lose Maul? Ist Euch denn keiner seitdem druͤber gekommen, altes Fell? Laßt das, der liebe Alte ist unser Freund, und wir dulden es nicht, daß man einem so wuͤrdigen Manne schimpflich begegnet. So? Seyd Ihr sein Vorkaͤmpfer? Er saͤuft wohl von Eurem Wein, und hofirt und ruͤffelt Euch abwechselnd? Nun, wohl bekomm's, Ihr werdet ihn schon noch kennen lernen. Wir verbitten uns dergleichen ein fuͤr allemal. Ich sage kein Wort mehr. — Da ist der Wein; gieb, ich bin durstig. Ihr thut auch am kluͤgsten, Mensch, denn seht, seht, — ich kann mich kaum fassen, daß ich Euch nicht beim Kragen nehme: Blut muͤßte eigentlich fließen, weil Ihr dem verehrten Herrn so schnoͤde begegnet. So? — Da, nimm Dein Geld, Kell- ner; und nun lebt wohl, auf Wiedersehn, Ihr jun- gen, unfluͤcken, aus dem Ei gekrochnen Nestlinge, die der alte Uhu da ausbruͤten soll. (geht ab.) Der unverschaͤmte Gesell! Aber, Du kleiner Dicker, ich haͤtte dich nicht fuͤr so tapfer ge- halten. O mein Seel, mir thut's leid, daß ich ihn so habe gehn lassen, ich habe mich noch III. [ 5 ] Zweite Abtheilung . Zeitlebens mit keinem herumgeschmissen, und der kam mir nun so gerade in den Wurf, der Flegel der! Gieb Dich zur Ruhe, Kurzbeini- ger, Du bist noch jung, Du kannst in Deinem Le- ben noch Schlaͤge genug davon tragen, wenn Dir das Fell so sehr juckt. Der Pinsel, der von uns ging, hatte immer nur fuͤr zehn Dukaten Verstand, er hat aber etliche hundert in jaͤmmerlicher abge- schmackter Liederlichkeit durchgebracht, nun ist er ganz dumm und schuftig, und kann niemand, am wenigsten mich beleidigen; wenn man ihn umstuͤrzt, fallen ihm nur Kupferpfennige aus der Tasche, und schuͤttelt man sein Gehirn, so giebt es nur noch verschimmelte Sentenzen, Sprichwoͤrter und laͤngst vergessene Anekdoten-Schwaͤnke von sich. Er ist schon krepirt, und damit gut, er ist unter Euch: Du, Fortunat, mußt dergleichen armen Schubjack nicht einmal mit betrunkenen Augen an- blinzeln und mit dem Glanz Deiner Blicke ver- golden, er wird dadurch wieder auf vier Wochen zum wuͤrdigen Mann. Ja wohl. Laß dich kuͤssen, Fortunat, mein liebster, liebenswuͤrdigster Juͤngling. Schiffer tritt ein. Die Musikanten sind da. Kommt, alter Herr. O wenn uns unsre Vaͤter doch nur auf ein Viertelstuͤndchen so sehn koͤnnten! Fortunat . Schweig, erinnre mich nicht an das armselige Leben zu Hause. Ich denke nur, sie sollten sich auch einmal recht uͤber uns aͤrgern, da wir bisher den Verdruß immer haben einschlucken muͤssen. Heut Abend muͤßt Ihr euch wie- der einmal in der Großmuth sehen lassen, ihr jun- gen Wildfaͤnge, die Freunde kommen zum Wuͤrfel- spiel, die Fraͤulein Betty giebt einen Schmauß, getanzt muß werden und gezecht, und so genießt des Lebens und lernt Weisheit und Anstand, ihr Jungen! Auf, marsch! (alle ab.) Dritte Scene . ( Zimmer .) Ritter Oldfield, Herbert , Lady Marga- retha . Jetzt koͤnnt Ihr also reisen wann Ihr wollt? Denselben Augenblick, daß mir mein Koͤnig Zusendet seinen gnaͤdigen Befehl. So lebt denn wohl! Ihr, meine schoͤne Frau, Werdet nun um des Gatten Ferne trauern, Zweite Abtheilung . Doch koͤmmt er bald gesund zu Euch zuruͤck; Auch goͤnnt der alte Herr dem Freunde wohl Indeß Euch zu besuchen, Zeitvertreib, Zerstreuung Euch zu machen, Nachricht auch Von ihm zu hoͤren; nicht, mein liebster Freund? Doch zuͤrnet nicht dem Scherz, gehabt Euch wohl. (geht ab.) Das junge Volk, wie Fuͤllen in der Sonne So spielt's und springt, und denkt an keinen Ernst. Und dieser gar, vom Koͤnige geliebt, So schoͤn sich duͤnkend und so liebenswerth Ist unertraͤglich; huͤpfend, wie ein Gaukler, Taͤndelnd und ohne Sinn dem Schalksnarrn gleich Faͤllt er den Weibern ewig nur zur Last Und meint, daß alle Herzen ihm gehoͤren. So war es freilich nicht zu meiner Zeit, Als ich noch jung, gewandt im Tanz und Kampf, Da mußten andre Gaben solchen schmuͤcken Der an dem Hof sich zeigen wollte; Witz, Galanterie und hoͤflich feine Sitte, Ein klug gesprochenes Wort auf jede Frage, Und Adelsinn und Biederkeit und Ehre, Die galten damals: doch wie immer leichter Das Gold und Silbergeld alltaͤglich wird, So eben ist es mit den Menschen auch. — Ich hab' es schon in meinem Sinn erwogen, Daß, wenn ich nach Burgund die Reise mache, Der edlen Braut den Schmuck zu uͤberliefern, Fortunat . Kannst Du indeß zu meiner lieben Schwester Nach Yorkschire reisen; hier bist Du verlassen, Dort findest Du Gesellschaft, Zeitvertreib. Mein lieber Mann, ich haͤtte nicht gedacht, Daß ich Dir je Gelegenheit zum Argwohn Von ferne nur gegeben, nun nach Jahren Willst Du mir den Eifersuͤchtigen spielen? Je mehr ich aͤlter werde, um so mehr Ist Vorsicht, Klugheit nur an ihrer Stelle. Stets hab' ich nicht begreifen koͤnnen, wie Aus unbedachtem Leichtsinn sich so mancher Verdruß und Ungluͤck zubereitet, drum Magst Du dich meiner Ueberlegung fuͤgen. Daß Du mich kraͤnkst, das gilt Dir also gleich? Ein Diener koͤmmt. Ein junger Mann wuͤnscht gleich mit Euch zu sprechen. Fuͤhr' ihn herein. — Vergieb, mein Kind, sey folgsam, Denn alles dient zu Deinem eignen Besten. Andrea tritt herein. Verzeiht, mein edler Ritter, die Beschwer, Die mein Besuch Euch macht. Man sagte mir, Daß Ihr mit treflichen Juwelen, die Zweite Abtheilung . Der Koͤnig angekauft fuͤr Burgunds Braut, Bald uͤber See zu gehn gedenkt: darf ich, Da mein Gewerb' auch mit Juwelen ist, Euch bitten, sie zu sehn? Tretet herein, Sie sind da drinn in einem Schrank verwahrt, Und da Ihr Kenner seyd, urtheilet selbst Wie koͤniglich und kostbar dies Geschmeide. Ich komme von Florenz, und bringe Steine, Ich will nicht sagen, wie vortreflich, mit, Doch, hab' ich die gesehn, die Ihr verwahrt, So kann ich wissen, ob die meinigen Nicht unwerth sind, dem Koͤnig sie zu bieten, Um jenen Schmuck noch herrlicher zu machen. So tretet nur herein, mein werther Herr. (gehn.) In Wuͤsteneien will er mich verbannen, Von Stadt und Hof und allen meinen Freunden? Nie kennen doch die Maͤnner ihren Vortheil. Noch fiel mir niemals ein, ihn zu vergleichen Mit andern, Laͤcheln, Blicke zu erwiedern, Doch koͤnnt' er leicht mich so verdruͤßlich machen, Daß ich das suchte, was er will vermeiden. (ab.) Fortunat . Vierte Scene . ( Straße .) Fortunat tritt auf. Ich bin zum Ungluͤck geboren, alles hin, alles fort, was ich besaß, und keine Aus- sicht, keine Hoffnung, etwas wieder zu gewinnen, wenn meine Freunde, meine Landsleute mir nicht aus der Noth helfen. O die verdammten Wuͤrfel! verflucht, wer sich mit ihnen einlaͤßt, wer ihnen traut. Felix kommt. Schleichst Du auch so in der Daͤm- merung durch diese einsame Gegend der Stadt? Ja, mein Felix, mein geliebter Bruder; ich habe Dich schon in Deiner Wohnung gesucht, ich hatte Dir etwas Noͤthiges, Dringendes zu sagen. Ich war verdrießlich fortgegangen, und ich bin auch noch nicht vergnuͤgt. Was haͤttest Du mir mitzutheilen? Lieber, jezt kannst Du zeigen, ob Du mein Freund bist: durch unbeschreibliches Un- gluͤck, durch unbegreifliches Mißgeschick, so daß mir auch kein einziger Wurf zuschlug, habe ich al- les das Meinige verloren, meine guten Kleider schon verkauft, alles eingebuͤßt. Und Du hast gar nichts uͤbrig behalten? Zweite Abtheilung . Auch keinen Heller, um mich heut Abend nur mit einem Bissen Brod zu er- quicken. Armer Schelm. Nach Deiner Art zu leben, und wie Du uns dazu anfuͤhrtest und auf- muntertest, dacht' ich, welche Goldgruben Dir zu Gebote staͤnden. Ei! ei! das ist eine traurige und boͤse Sache, eine jaͤmmerliche Aussicht auf viele, viele Wochen. Hilf mir nur mit Wenigem. Ja, wie soll ich Dir helfen, guter Junge? Geht es mir denn besser? Ich bin in Ver- zweiflung: ich habe alle Waaren verkauft, aber auch alles Geld dafuͤr rein, rein ausgegeben; ein Tag ging nach dem andern hin, ein Vergnuͤgen folgte dem andern, und die Maͤdchen hier sind ja mit ih- ren Forderungen unersaͤttlich, man ist zu schwach, zu dumm, zu jung, ihnen etwas abzuschlagen. Glaube nur, ich habe weit mehr Geld in der kur- zen Zeit durchgebracht, als Du, mir schwindelt der Kopf, wenn ich daran zuruͤck denke; und wo ich nur die Dreistigkeit dazu hergenommen habe, und was nur mein Vater dazu sagen wird! Zum Gluͤck habe ich doch noch einiges als Bezahlung in Waa- ren abliefern muͤssen, aber ich kriege keinen Heiler darauf, bei zwanzig Kaufleuten, die freilich meinen Lebenswandel mit angesehn haben, bin ich schon herum gewesen. Was bleibt mir uͤbrig? Gottlob, daß noch ein alter Faktor aus Cypern hier ist, der morgen zuruͤckreiset, bei diesem habe ich mich ange- bettelt, daß er mich nur frei zuruͤcknimmt. Aber Fortunat . das Gluͤck, mein Freund, das mir nun zu Hause bluͤht, kannst Du Dir denken, denn seit die Insel steht, hat noch kein junger Mensch in der kurzen Zeit so viel Geld verschwendet. Wenn Du dahin zuruͤck willst, glaub ich wohl, daß der alte Baltha- sar Dich auch mit naͤhme, er ist eine gute Haut. Nimmermehr! Eher hier verhun- gern, als in solchem Zustande nach Hause kommen. Antonio koͤmmt. Gut, daß ich Dich finde, mein theurer, mein liebster Fortunat, ich habe Dich schon allenthalben gesucht. Du mußt, Du wirst mich retten. Ich will heut uͤber meine Casse gehn, um wieder einmal eine recht großmuͤthige Ausgabe zu machen, und sehe, daß ich alles, alles bis auf den untersten Boden schon rein ledig gemacht habe. Sey so gut und gieb mir lieber eine etwas ansehn- liche Summe, daß ich bald mit Ehren zuruͤckreisen kann, ich hoffe Dir dann etwa in drei viertel Jahr, oder einem Jahre hoͤchstens, mit einer Kaufmanns- gelegenheit alles mit meinem herzlichsten Danke wieder zu uͤbermachen. Ha! ha! ha! Camrad und bester Antonio, das Schicksal macht Dich bitter ironisch und spaßhaft. Ja, ja, es ist mein Seel zum Todt- lachen! Ha! ha! ha! Lachen Freunde, uͤber die Noth ihres Gefaͤhrten? Zweite Abtheilung . Und wenn mir das Messer an der Kehle saͤße, so muͤßte ich lachen. Ja, ich muͤßte herausplatzen, und staͤnd' ich schon unterm Galgen. (sie lachen) Aber diese Begegnung — Nimm doch nur Vernunft an, Pinsel, da Du kein Geld bekommen wirst, daß es ihm und mir eben so geht, wie Dir; wir kommen alle aus demselben Kloster, wo wir das Geluͤbde der Ar- muth abgelegt und geschworen haben, kein Geld bei uns zu tragen. Er wollte bei Dir borgen, und ich dachte Dich anzusprechen. Lachen kann ich freilich nicht, wie Ihr, aber eine wunderliche Sache ist es. Walther koͤmmt. Nun? Da stehn die drei Gaͤnse beisammen und halten Rath, auf welcher Wiese sie heut grasen sollen. Hoͤr, Felix, heut will ich end- lich einmal mein Versprechen gut machen, und mit Dir schmausen, Du hast selbst gesehn, wie mich Fortunat niemals frei geben wollte; heut bin ich dazu aufgelegt, recht ausgelassen zu seyn. — Keine Antwort? Verdient mein freundschaftliches Aner- bieten, meine Herablassung keinen Dank? Fahr wohl, Narrengesicht mit der aufgekraͤmpten Nase! so bleib' ich bei meinem Prinzen, meinem Fortu- nat, der ist es auch wuͤrdiger. Ach! Walther! Walther! Nun, was giebt's? Was sind denn das fuͤr physiognomische Anstalten, fuͤr ein Alter- Fortunat . Weiberton? Ihr seht ja aus, als wolltet ihr die Kranken pflegen und Buße predigen. Ach! werthester Walther, wir sind in einem erbaͤrmlichen Zustande. Wie so? Ich will doch nimmer- mehr hoffen — Zwischen uns allen Dreien ist kein Kreuzer zu theilen, alles ist verloren, verschwen- det, verspielt, verschenkt. So? Also mit dem Aussatz der Ar- muth seyd Ihr behaftet? Fort, daß Euer Athem mich nicht ansteckt! Also so schnell, ihr fremden Gimpel, haben sie euch gerupft? O ihr armselig- sten aller armseligen Windbeutel! Dazu mußtet ihr uͤber das Meer seegeln? Mehr hat mein guter Rath nicht bei Euch gefruchtet? Man wirft sich nur weg, mit solchem Gesindel umzugehn. Ihr habt uns ja nie gewarnt, immer zum Verschwenden aufgemuntert. Ich wollte euch zu etwas erziehn, das sich sehn lassen durfte; ihr habt mir ja nie gesagt, daß ihr arme, bettelhafte, lausige Wichte waͤrt; da ich sah, daß ihr mit Teufels Gewalt das Geld wegschmeißen wolltet, so habe ich euch doch gezeigt, es auf gute Art zu thun. Aber helft, rathet uns nun, mein Freund. Helfen? Womit? Euch Geld ge- ben, daß Ihr es wieder an Huren wendet, versauft und in Spielhaͤusern verliert? Auch habe ich keins. Rath? Ihr seyd zu dumm, Rath anzu- Zweite Abtheilung . nehmen. Haͤngt euch, je fruͤher, je besser, das ist mein Rath. Ich schaͤme mich vor allen Menschen, daß ich mich mit Euch abgegeben habe. Da Ihr so grob und gemein seyd, so wißt, daß ich Euch auch nicht brauche; vergeß' ich denn ganz das Wesen, das mich auf dieser Welt am meisten liebt? Hier stehn wir gerade vor ihrem Hause. Sie wird sich meiner annehmen, sie wird fuͤr mich thun, was ich fuͤr sie gethan habe. (pocht an.) Wer ist da? Dein Fortunat, Deine Seele; mach auf, mein Herz, mein Engel. oͤffnet das Fenster. So spaͤt und so uner- wartet, mein Geliebtester? Komm herein! Bringst Du mir den Perlenschmuck, den Du mir ver- sprachst? Gieb mir einen Kuß, Du trauter Her- zensjunge. Ach, Betty, liebst Du mich denn wirklich? Willst Du es mir beweisen? Fordre mein Leben, mein Blut, Du meine Seele. Ich bin ganz verarmt, leih mir, gieb mir zuruͤck die dreißig Pfund, die ich Dir vorgestern gab, oder nur zehn, nur fuͤnf, um mei- ner dringendsten Noth fuͤr's erste abzuhelfen. Anne! Anne! komm' doch mal her! (am Fenster) Was giebt's denn? Sieh doch einmal da draus den rup- pigen, schaͤbigen Schuft an, der wie ein hungriger Wehrwolf da vor mir steht, und mich um zehn, oder Fortunat . dreißig Pfund anspricht, mit demselben Gesicht, das er wie ein abgepruͤgelter Kater in den Mond- schein hinein streckt. O Du armseliger Lump! Um das Meinige willst Du mich bringen? Was hab' ich von Dir? Meine Zeit habe ich bei Dir verlo- ren, meine Freunde, Grafen und Herren von mir verscheucht; und nun kommst Du, und willst bor- gen? Borgen von mir? Kannst Du so mit mir sprechen? Ist es dieselbe Betty, die ich sonst kannte? Wenn Du kein Geld hast, laß mich ein, es ist kalt, mich hungert, laß uns in Traulichkeit noch einmal eine gute Mahlzeit, eine Flasche Wein mit einander genießen: das kannst Du doch wohl fuͤr den thun, fuͤr den Du Dein Leben aufopfern wolltest? Auch noch kein Glas Duͤnnbier, Du jaͤmmerlicher Kerl. Anne, wenn er nicht geht, so lauf nach der Schaarwache. (macht das Fenster zu.) Traͤum' ich? Nein, es ist Wahr- heit, aus ihrem Munde spricht mein haͤrtestes Ver- haͤngniß und schilt so bitter meinen Leichtsinn, meine verlorne Zeit, meine verdorbnen Sitten. O ihr Sterne! daß ich das erleben, daß ich mich so ver- achten muß. Das war ein schlechter Trost, Bruder. Kann denn dein Magen das vertra- gen, Italiaͤner? Bist Du denn so gar nichtsnuͤtzig, daß die Creatur, die Du erhalten, gekleidet hast, die Dich bestahl und pluͤnderte, daß die so mit Dir reden darf? Schaͤmst Du Dich nicht, daß Du ihr nicht mit derselben Hand einige Zaͤhne einschlugst, Zweite Abtheilung . mit der Du sonst ihre verbuhlten, geschminkten Wangen gestreichelt hast? Nein, Du hast keinen ehrlichen Blutstropfen mehr im Leibe, keine Faser von einem Manne an Dir, wenn Du das alles so gelassen, ohne Erwiederung hinnimmst. Du hast Recht, meine Geduld, meine demuͤthige Sanftmuth ist schimpflich. Ich rufe sie noch einmal heraus. Nun sollt Ihr sehn, daß ich auch Galle habe. (er pocht an) Betty! Betty! — Nein, nicht Betty; wie kaͤme eine solche ge- schminkte, elende, seelenlose Puppe zu einem christ- lichen und ehrlichen Nahmen? Du Scheusal, aus Schminke, Luͤgen, Wein, und gestohlnen und er- bettelten Naͤschereien zusammen gesezt, mit seidnen Fetzen behaͤngt, die die Unkeuschheit, Deine uͤppige verstellte Umarmung, die Kuͤsse auf widerwaͤrtigen Lippen erst erkaufen muͤssen, hoͤre, wie ich Dich verachte und verabscheue! Der Henker, der Kar- rengaul, das elendeste Vieh ist in der Schoͤpfung besser und edler, und nimmt einen hoͤheren Rang ein, als Du, fuͤr die scheußlichste Suͤnde lebend, in ihr athmend, selbst verpestet um andre zu ver- pesten! (man hoͤrt drinn laut lachen.) So war's Recht; wenn das Af- fengesicht auch thut, als macht' sie sich nichts dar- aus, so aͤrgert sie sich doch, die Worte zu hoͤren, und Du hast auch Dein Herz etwas erleichtert. Nun leb' wohl, fahrt alle wohl, ihr guten Kin- der, und betragt euch ein andermal kluͤger. (geht ab.) Fortunat . Da stehn wir, als waͤren wir blind mit dem Kopfe gegen eine Mauer gerannt. Und gar keinen Trost giebt es? Wenn er auch nur so klein waͤre, daß sich eine Muͤcke darin baden und erquicken koͤnnte, es waͤre doch etwas. Komm, der alte Balthasar muß Dich auch mitnehmen nach Cypern, wie mich, und die Zehrung auslegen. Ja, das muß er, und wenn ich ihm zu Fuͤßen fallen sollte. Aber unsre Alten, die werden Gesichter schneiden, wenn sie uns so an- kommen sehn! Wenn nur der erste Empfang schon voruͤber waͤre! Gewiß werden sie wieder die Schuld auf den Fortunat schieben. Lebe wohl, lieber Bru- der, Gott gebe, daß wir uns einmal froͤhlicher wieder sehn. Gehab Dich wohl, unser Jammer vertraͤgt nicht viele Worte. (sie gehn ab.) Sie koͤnnen leichter gehn, sie finden Freunde, Verwandte, Eltern, ihre Heimath wieder; Nur Furcht ist ihre Noth, es haͤngt ihr Herz An nichts und reißt darum so leicht sich los. Doch ich? Die undankbare Creatur! Ich kann Sie nicht, die Schoͤnheit nicht vergessen. Es ist nicht moͤglich, daß so ganz verhaͤrtet, So ohne Mitleid, sanfte Regung, Liebe, Ihr Herz versteinert waͤre. — Betty! Betty! Zweite Abtheilung . Geliebtes Kind, vergieb mir, was ich sagte, Mein Mund nur sprach, nichts kam aus meinem Herzen, Ich that's nur, die Gesellen zu beschwicht'gen, Daß sie mich nicht verhoͤhnten. Sey mir gut, Erbarme Dich und schenk' mir Deine Liebe, Entsinne Dich der suͤßen Wonnestunden, Der Zaͤrtlichkeit, der sehnsuchtsvollen Thraͤnen Die beide wir geruͤhrt geweint. Thu' auf Und sage nur, daß Du mich liebst, ich will Ja nichts von Dir, nicht Gold, nicht Schmuck, nicht Geld, Nur dieses Wort, daß Du bereu'st wie ich. (am Fenster.) Zum letztenmal, Du unverschaͤmter Bettler, Pack Dich von meinem Hause, diese Fenster Die Wand hier wurden dazu nicht gemacht, Daß solch Gesindel dumm sich dran betruͤge; Gehst Du nicht gleich, salb' ich Dir so den Kopf, Daß Du an mich gedenkst. Gleich fort von hier! Daß sich nicht Gaͤste von Reputation Von solcher Vogelscheu verjagen lassen. (wirft das Fenster zu.) (der vortritt.) Ich habe hier im Winkel noch gelauert, Weil ich mir fast gedacht, es kaͤme so. Ei, junger Mensch, willst Du denn noch nicht ein- sehn, Daß Du ein Gimpel bist? Sich so erniedern, An Liebe glauben bei der feilen Dirne! Da nimm, Du gute Haut, die sieben Schilling, Thu' Fortunat . Thu' Dir im Wirthshaus heut noch was zu gut, Geh mit Tagsanbruch in die Lombardstraße Zum Kaufmann Herrn Hieronymus, der braucht Noch treue Leute, sag' ich schicke Dich, Er fragte lezt, ob ich nicht einen wuͤßte Ihm zu empfehlen. Bist Du nun gescheut, So kannst Du immer noch mit Rechtlichkeit Und Fleiß, Geschick, was werden in der Welt, Entgehst dem Beutelschneiden und dem Galgen. Leb wohl, und werde kluͤger, junger Mensch. (ab.) Ja kluͤger, besser; wahrlich, es ist Zeit! Nun geh' ich, mich zu saͤtt'gen, zu erfrischen, Um dann mein Gluͤck beim Kaufmann zu versuchen. Die Noth kann uns mit jedem Ding versoͤhnen, So komm' ich nun in London in die Zunft, Der ich von Cypern weg entlaufen wollte. (geht.) Fuͤnfte Scene . ( Waarenlager .) Hieronymus , verschiedene Diener. Das sag' ich Euch, es muß mir anders werden, Die Unordnung im Haus kann so nicht bleiben. III. [ 6 ] Zweite Abtheilung . Versiegelt das Paket: der Koffer da Wird heute noch nach Southampton gesandt, Die Ballen dort gehn gleich hinauf nach Wallis. Mir fehlt ein Mensch, der rechtlich, ordentlich, Nach meinem Schiff im Hafen sehen koͤnnte, Seit ich den Taugnichts aus dem Lohn gejagt. Zu große Milde macht sie alle unnuͤtz, Hat's nicht der Mensch recht schlimm, so schlaͤgt er uͤber, Fast keiner kann die gute Zeit ertragen. Fortunat kommt. Mein edler Herr, Herr Walther schickt mich Euch, Ob Ihr vielleicht mich brauchtet in Geschaͤften, Ich schreibe, rechne gut, und bin zufrieden Mit billgem Lohn. Du hast ein gut Gesicht, Ein feines Wesen; bleibst Du treu, mein Sohn, Soll es Dir wohl in meinem Haus gefallen. Geh nur hinein, ich spreche noch mit Dir, Laß Dir ein Fruͤhstuͤck geben, dann versend' ich Dich wohl nach Sandwich noch, mir fehlt ein Mensch Der treu ist, Kopf zu vielen Dingen hat. Fortunat geht hinein, Andrea tritt auf. Mein Herr Hieronymus. Fortunat . Gehorsamer Diener, Was steht Euch denn zu Diensten, junger Mann? Wir sprachen lezt der Buͤrgschaft wegen, Herr, Um Euren Freund im Kerker zu befrein: Hier ist ein edler Ritter, Nahmens Oldfield, Sehr zugethan dem armem Umfrevile, Der ist geruͤhrt, und will sein ganz Vermoͤgen Euch gern zu Pfande geben, daß Euch Alles Mit Zinsen der Gefangene ersezt. Ist Euch die Buͤrgschaft gut genug? Vortreflich. So bitt' ich Euch, erlaubt, daß ich zu Mittag Den Ritter zu Euch bringe, denn er wuͤnscht Sogleich mit Euch zu sprechen; was Ihr auslegt Das alles faͤllt auf Umfreviles Schultern. Ich schaͤtz' es mir zur allergroͤßten Ehre In meinem schlechten Haus so edlen Ritter Nach meinen besten Kraͤften zu bewirthen: Ihr muͤßt mich wohl fuͤr 'nen argen Knicker hal- ten, Daß Ihr dergleichen nur erwaͤhnen koͤnnt. Es war nicht als Beleidigung gemeint, Darum vergebt mir: aber seyd so gut Nicht gleich bei Tisch von dem Geschaͤft zu sprechen, Zweite Abtheilung . Laßt uns erst froh die Mahlzeit schließen, dann Sey alles auch in Ordnung gleich gebracht. Mein guter junger Mensch, ich weiß gar nicht, Wie ich zur Ehre komme, Unterricht Was Lebensart betrift, so zu empfangen: Seyd ohne Sorg' ich weiß wohl, was sich schickt Und hatte sonst mit Großen schon Verkehr, Bringt nur den Herrn, ich goͤnn' Euch das Pro- fitchen, Im uͤbrigen seyd meinthalb unbekuͤmmert. Ich dank' Euch, theurer Herr, auf Wiedersehn. (ab.) Seh' einer mir den Herrn von Vorwitz an! Den Ueberklug! Er danke doch dem Himmel, Daß er die runde Summe so gewinnt. Doch muß ich Anstalt nun zum Schmause machen. He! junger Mensch! Ihr da von heute Morgen! Fortunat koͤmmt. Wie nennt Ihr Euch mit Eurem Christen- namen? Ich heiße Fortunat. Geh mal sogleich Zur Boͤrsenhalle, Fortunat, ob Waaren Fuͤr mich dort abgesezt: dies ist mein Zeichen, Fortunat . Nimm's mit, auch kennt man dort den Namens- zug. Hier, ein Paar Nobel, weil Du nicht zu Mittag Nach Hause kommen kannst, iß wo Du willst. (Fortunat ab.) Jezt muß ich nur die Koͤchinn instruiren, Das mir nicht meine Mahlzeit Schande macht. (geht ab.) Sechste Scene . ( Zimmer .) Lady Oldfield, Alice . Und dieses Kleid wird auch mit eingepackt? Wie ich gesagt; was fragst Du immer wieder? Was will nur Lady in der Einsamkeit Mit allen diesem Putz und dem Geschmeide? Kein Mensch wird uns dort sehn, als Bauersleute, Ein Paͤchter etwa, gute Pfarrerfrauen. Was nur der Herr sich dabei denken mag! Schweig, Unverschaͤmte! die zu große Guͤte Macht dich zu dreist. Wie sehr war ich im Un- recht, Nur eine Sylbe, einen Athemzug, Zweite Abtheilung . Ja einen einzigen Gedanken, ihm Entgegen doch zu denken und zu athmen! Stets sah' ich seine Lieb' und Sorg' um mich, Sein unbegraͤnzt Vertraun; wenn Weisheit jezt Ihn treibt, mir diese Richtung vorzuschreiben, So zeig' ihm ohne Murren mein Ergeben Wie sehr ich ihn verehr' und mehr noch liebe. Nun ja, Ihr seyd das Muster einer Frau, Und er ein weiser, kluger Ehemann; Allein die Frau hat denn ihr Recht doch auch, Und das muß nicht der gnaͤd'ge Herr vergessen Daß er so viel in Jahren Euch voraus. Nicht einen Laut mehr, soll'n wir Freunde bleiben! Zu spaͤt erfahr' ich, daß man jedes Wort Mit seiner Dienerschaft bewachen muß. O nur nicht zuͤrnen, schoͤnste gnaͤd'ge Frau, Ich bitt' Euch ab, ich habe Unrecht, ja, Bestraft mich auch, nur nicht mit Eurem Groll. — Wo ist denn unser lieber gnaͤd'ger Herr? Ein Florentiner kam ihn abzuholen Zum Mittagsessen nach der Lombard-Straße, Der will ihm auch kostbare Steine zeigen, Die dann vielleicht der Koͤnig an sich kauft, Den Schmuck noch zu verschoͤnern, den mein Herr Nach Burgund bringen soll, wie Du es weißt. Fortunat . Andrea tritt ein. Was wollt Ihr? Warum schaut Ihr so ver- wildert? Von großer Eil, — die Treppe schnell herauf — Ich kann den Othem noch nicht wieder finden — Hier, gnaͤd'ge Frau, sind Eures Herren Schluͤssel, Sein Siegelring als Zeichen — Gott im Himmel! Es ist ihm doch kein Ungluͤck zugestoßen? Im mindsten nicht, er schickt es nur zum Pfand Mir zu vertrau'n, wir sind dort noch im Handel, Nun will er gern den Schmuck in Haͤnden haben, Die Steine beiderseitig zu vergleichen, Und bittet gleich durch mich ihn abzusenden. Wie bin ich doch erschrocken! dacht' ich nicht Als ich die Schluͤssel sah und dieses Petschaft, Und Euer wildes Auge, daß dem Lieben Ein unvermuthet Ungluͤck sey begegnet. Gar nichts der Art, schließt nur geschwind mir auf, Denn meine Eil' ist groß. Seht selber zu, Versucht die Schluͤssel, denn ich weiß es nicht Wo er den Schmuck bewahrt. Zweite Abtheilung . In diesem Schrank, Hier legt er ihn hinein, als ich ihn neulich Besuchte, drinn ist ein geheimes Fach, Das mit dem kleinen Schluͤssel hier sich oͤffnet, Ich habe alles ganz genau bemerkt. Er hat Euch ja wohl selber auch bezeichnet Wo Ihr nachsuchen muͤßt. Natuͤrlich, ja. Hier ist er nicht, — hier auch — auch hier ist nichts — Wo doch, in aller Welt, ist denn der Schmuck Nur hingekommen? Hier im Schreibepult Vielleicht, — was schwizt Ihr so, was aͤngstet Euch? Die Eil, die große Eil. Hier wieder nicht, — Auch hier in diesem Laden nichts, — o Satan! Verdammte Schluͤssel! Teufel! Ihr vergeßt Euch, Geht doch zuruͤck und fragt noch einmal nach, Am Besten ist, es kommt der Ritter selbst. Da habt Ihr Recht, ganz Recht, ja, Ihr habt Recht. (eilt fort.) Fortunat . Was war dem Menschen? Er war wie verruͤckt. Ein grober, ungezogener Gesell, Wirft alles durcheinander, mir zu Fuͤßen Die Schluͤssel klirrend, laͤuft dann fluchend fort — Er hatte so was Tuͤcksches in der Miene. Der Wilhelm soll doch lieber gleich hinab Zum Kaufmann gehn, hin zu Hieronymus, Ob sich mein Herr auch wohl befindet, bitten, Daß er bald wieder koͤmmt; ich weiß nicht wie Mein Herz mir ploͤtzlich so beklommen ist, Mir ist nicht wohl — Kommt an die frische Luft. Ja, Liebe, fuͤhre mich hinab zum Garten. (gehn ab.) Siebente Scene . ( Hieronymus Haus .) Hieronymus, Koͤchinn, Gottfried . Um Gottes Willen! Ach! Um Gottes Willen! Den Tod hab' ich vom Schrecken. Zweite Abtheilung . Was denn, Herr? Da geh' ich oben in den Saal hinauf — Was giebt es denn? Was ringt Ihr so die Haͤnde? Ihr wißt, ich ging hinab zur Schreibestube Vom Essen, ließ die Beiden dort allein Und wie ich wieder komme, — heilger Gott! Liegt drinn der edle Rittersmann ermordet! O Jesus! Jesus! Still! Um Gottes Willen! Wer that es denn? Der Fremde, der Verruchte! Ach! ach! ach! was soll daraus werden? Still! Daß nur die Nachbarn nicht, daß nur kein Mensch Was hoͤrt — Wie kann da unser eins denn schweigen? Was soll draus werden? Ach! ich weiß es nicht, Mir ist, als haͤtte mich der Blitz getroffen. Fortunat . Andrea koͤmmt. Da kommt er. Gott! Sagt, was habt Ihr ge- macht? Nun, alter Narr? Sollt' ich mich morden lassen? Wild macht der Kerl sich uͤber mich daher, Ich wehr' mich meiner Haut auch gegen Fuͤrsten, Da stieß ich ihm mein Messer in den Hals. Weg da! Mir braußt der Kopf, ich bin schon toll, Ich will den alten Hund wohin verstecken, Wo keine Wuͤnschelruth' ihn finden soll. (ab.) Das ist ja ein erschrecklich frecher Mensch. Dazu hab' ich nun heute kochen muͤssen! Andrea koͤmmt zuruͤck. Da hinten in den altverfall'nen Brunnen Hab' ich den wuͤsten Mordhund schnell geworfen, Packt Steine druͤber, fragt man wohl nach ihm So sagt, er sey mit mir laͤngst fortgegangen. Ich geh' so weit ich immer kommen kann, Und muͤßt' ich auch hinein in die Tuͤrkey. (ab.) Herr Andres! — Ha! der Mensch ist taub und blind — Nein, ich vielmehr! O weh, wie ist's mit mir? Zweite Abtheilung . Nun kommt mir die Besinnung erst zuruͤck; Ich haͤtte nicht den Moͤrder sollen lassen, Wir musten fest ihn nehmen, da er frech Uns wieder in die Haͤnde lief, — betaͤubt, Erschreckt, entsetzt, waͤlz' ich auf mich die Schuld. O Leute, ich beschwoͤr' euch bei den Heil'gen, Bei Gott und seiner Mutter, schweigt, kein Laut Von dieser Schreckensthat! Uns bleibt nichts uͤbrig Als so zu thun, wie er gerathen hat. Wilhelm koͤmmt. Ist wohl der Ritter Oldfield noch bei Euch? Nein, guter Freund, schon vor geraumer Zeit Ging er von mir mit jenem Florentiner. Kurios! Die gnaͤd'ge Frau ist sehr besorgt. (ab.) Da faͤngt es an, mein Blut ist lauter Eis, Und Feuer dann, mein Herz zerrinnt in Angst. Wie, wenn ich's noch angaͤbe? — Doch, wer glaubt's? Man haͤlt mich fuͤr den Moͤrder, da er floh. Fortunat koͤmmt. Die Ballen, die dort angekommen waren, Hab' ich hieher geschafft, mein lieber Herr. Fortunat . Mir gleich, — schon gut, — ich weiß nicht — vielen Dank. Komm mit mir, Gottfried, ich will Dich verschicken. (ab mit Gottfried) Was fehlt dem Herrn? Er war verstoͤrt und traurig. Ach, lieber fremder Mensch, die Welt ist Welt, Da kommt bald Lust, bald wieder Truͤbsal vor: Er hat aus Mayland Nachricht heut gekriegt, Daß ihm ein lieber Bruder dort gestorben, Das hat er sich nun zu Gemuͤth gezogen. Je nun, sind wir doch alle ird'sche Menschen, Man sezt uns bei an dieses Lebensfeuer, Und sind wir gar, so kommt der Tod und tischt Uns alle sich und seinen Freunden auf. Geht nur hinein und eßt, Ihr seyd wohl hungrig. Durstig vielmehr und muͤde, viel zu laufen War bei dem heutigen Geschaͤft, und ich Bin noch der Sache nicht gewohnt genug. Da wird's Euch schmecken, was vom Mahl ge- blieben. — Ach ja, das liebe Mahl! Gott sey uns gnaͤdig! (ab.) Zweite Abtheilung . Achte Scene . ( Straße .) Herbert, Wilhelm . Und noch keine Nachricht? Nicht die mindeste, unsre gnaͤdige Frau ist in Verzweiflung, sie faͤllt aus einer Ohn- macht in die andre, und sie, wie wir alle, besorgen schon das Schlimmste. Ich habe einen Sheriff und Ge- richtsdiener zum Hieronymus gesandt, um Haus- suchung anzustellen. Die Sache ist mir selber aͤußerst verdaͤchtig. Ein Haufen Volks tritt laͤrmend auf. O graͤulich! graͤulich! o zum Ent- setzen! Was giebt's? Gott hat's entdeckt, wunderbar! Ja trau' einer doch den Italiaͤnern, diesen Wuche- rern, Pfaͤnderleihern: Mord und Todtschlag, Gift und Ehebruch ist ihre Sitte, ihr Zeitvertreib. Den alten Herrn hat man gefunden, mit abgeschnittnem Hals. Vergraben, mit Steinen zugedeckt. Pluͤndern muß man das Haus, und aller Lombarden Haͤuser, die ganze Straße anzuͤn- den, keinen von den auslaͤndischen Hunden leben lassen. Fortunat . Feuer! Feuer! Mord! Todschlag! Ruhig, Leute, das Gesetz wird ihr Verbrechen untersuchen, und ihre Strafe bestimmen. Was untersuchen! die Leiche ist ja gefunden worden. Der Sheriff koͤmmt mit Wache, Hieronymus , Gottfried , die Koͤchinn , Fortunat , gefesselt. Und ist's gewiß, Herr Sheriff? Unlaͤugbar, gnaͤdger Herr; alles ist klar, nur finden sich die Diamanten nirgend, und die verstockten Boͤsewichter behaupten alle, da- von nichts zu wissen. Fuͤhrt sie fort und bewahrt sie ge- nau zum Tage des Gerichts, es wird wohl noch Mittel geben, sie zum Gestaͤndniß zu zwingen: ich gehe zum Koͤnige, ihm diese That des Entsetzens zu hinterbringen. (ab.) Fort in's Gefaͤngniß mit den Mis- sethaͤtern! (sie gehn ab.) Die Meuchelmoͤrder! die Spitzbuben! Hast Du die Viehsonomien beobachtet, Gevatter? Ja wohl Viehsonomien, denn Men- schensonomien koͤnnen die graͤulichen Schnauzen nicht genannt werden. So ein Italiaͤnischer Hund hat gleich was im Auge, in der ganzen Art, und auch so im Gesicht, verstehst — Natuͤrlich, gar nicht wie ein ordent- Zweite Abtheilung . licher Christenmensch. Was der alte Mameluck, der Heide, fuͤr ein Gesicht machte. Am moͤrdrischsten sah doch das Weib aus. Nein, der junge Bengel, die junge Natternbrut, dem sah man recht in jeder Miene den Mordbrenner an. Ja, ja, und, Gevatter, es war derselbe Teufelsbraten, der sonst die Betty Gern- gesehn da in der Vorstadt hatte. Richtig; nun, die wird lachen, daß ihr Liebster am Galgen endigen muß. Aber was stehn wir hier? Holt Stan- gen, Eisen, laßt uns alles im Hause aufbrechen, alles durchsuchen, zerschlagen, denn heut duͤrfen sie uns einmal nichts sagen. Recht! Kommt! die reichen Hunde ha- ben viel Geld und Geldeswerth! da wollen wir jubeln! (alle laͤrmend ab) Neunte Scene . ( Zimmer ) Lady Sand, Alice . Nicht sprechen will sich meine Freundinn lassen Und keinen Trost in ihren Schmerzen hoͤren? Ich Fortunat . Ich find' es recht, daß sie sich vor der Welt, Vor eitler Neugier und Geschwaͤtz verschließt, Doch so die Freundinn von sich abzuweisen, die Thraͤn' um Thraͤne mit ihr treu vergießt, Heißt suͤndigen am Schoͤnsten, Heiligsten: Mein sey ihr Schmerz, wenn er der ihre ist; So hatten wir die Freude denn gemein, Und jede Lust des Lebens, nun der Schatten Der Trauer sie ergreift, will sie fuͤr sich Mit Eigennutz die Summe ganz behalten? Verzeih' mir Eure Gnade, wenn ich thu' Wie meine Herrschaft ernstlich mir befohlen. So will ich gehn, doch leider nehm' ich auch Die herbe Ueberzeugung mit hinweg, Daß Freundschaft nicht in dieser Welt gedeiht. Lady Oldfield koͤmmt in tiefer Trauer. Verweile denn, da nicht Dein Herz erbangt Die sterbende Verzweiflung anzuschaun Im Todtenbilde Deiner weiland Freundinn. O Liebste, weine nur! welch Trauerloos! Fast sind die Quellen meiner Augen trocken, Mein Herz versteint, mein Sinn zerstuͤckt, verwirrt, Doch wenn ich mich von neuem werd' entsinnen, Daß ich einmal so liebenden Gemahl So treues Herz, so edlen Sinn besaß, III. [ 7 ] Zweite Abtheilung . Daß ich so gluͤcklich war an seiner Brust, Dann rauf' ich auch von neuem dieses Haar, So wie anjezt, dann gieß' ich wieder Thraͤnen, Wie sie von neuem fließen, schlage stuͤrmend An diese Brust, und frage drinn das Herz Ob es noch immer, immer leben kann? Nur nicht verzweifeln, nicht so wilden Gram, Denn Du zerstoͤrst Dich selbst in dieser Trauer. Und giebt es Schmerz der dem Verlust zu groß, Ein Weheschrein, das zu gewaltig waͤre? Verdiente nicht der Todte, was die Liebe Aus vollster Macht zum Opfer bringen kann? Und will ich leben? — Leben? — Was heißt le- ben? Wie ich ihn liebte lieb' ich jezt sein Grab, Der Tod ist mir ein lieber Brautbewerber, Willkommen also Schmerz, der mich zerstoͤrt! Geliebte Freundinn, sollte denn kein Gluͤck Je mehr fuͤr Dich auf dieser Erde bluͤhn? Es ward vom Sturm der Baum zerstoͤrt, ent- wurzelt. Ich liebte so wie Du, verlor wie Du, Und trauerte, und wurde wieder gluͤcklich. Begluͤckter Leichtsinn, den ich nimmer tadle, Doch mir hat die Natur ihn nicht vergoͤnnt. Fortunat . Vielleicht verkennst Du nur im wilden Sturm Der Leidenschaft Dein eignes Herz, auch Leiden, Geliebte, lassen sich erziehn wie Freuden; Willst Du der Trauer der Erinnrung leben, Mußt Du in Deiner Klage maͤßig seyn, Zu lauter, heftger Jammer bricht entzwei Gewaltsam das Organ des tiefen Schmerzes; Entweder stirbt der Mensch, ein seltner Fall, Wo nicht, vergißt er um so leichter nur. Du laͤsterst, ich verzeih, Du liebtest nie. Auch ich ward ploͤtzlich Witwe, so wie Du, Mein Mann war jung und liebenswerth, wie haͤtt' ich Ihn nicht geliebt? Ich glaubte zu vergehn, Doch sehnte sich nach ein'ger Zeit mein Geist Aus jenem finstern Kerker seiner Leiden, Doch nicht um schoͤnen Schmerzen zu entsagen. Nur fuͤhlt' ich, wie mich alles bang' entsetzte Was mich umgab, ich sah nur Todsgestalten Aus jedem Schrank und Sessel schaurig grinsen: Da stellt' ich mir im Hause alles um, Die Zimmer, wo ich ihn zumeist gesehn Vermied ich, ruͤckte Stuhl und Schrank, Besonders in ein anderes Gemach Versezt' ich mir mein Bett, und wie ich nun Fast wie in einem neuen Hause lebte, Gedacht ich still so manches Junggesellen Der sonst mich freundlich angelaͤchelt hatte; Zweite Abtheilung . So kam es denn, daß mir das Leben wieder Als Leben und als Freund entgegentrat, Ich fuͤhlte nun, welch zarte wahre Liebe Mein jetzger Mann im Herzen zu mir trug, Fand nach dem Trauerjahr ein neues Gluͤck. Es bluͤhe Dir noch viele, viele Jahre, Doch mir vergoͤnne meine Todeslust. Wie sich der Fromme dort im heilgen Lande Erfreut das Grab zu sehn, und jeden Stein Mit Inbrunst kuͤßt, weil er wie damals ruht, So sey mir heilig, was er nur beruͤhrte, Der Sessel bleibe stehn als wie fuͤr ihn, In dem er Nachmittags zu schlummern pflegte, Papier und Feder liege, wie es liegt, Jedwedes Buch sey aufgeschlagen immer Das er aus seiner Hand gelegt. Wie koͤnnt' ich, Wie koͤnnt' ich, Freundinn, Deinem Worte folgen, Und jenes Bett verruͤcken? Nein, ich glaubte Von neuem ihn mit frecher Hand zu morden, Die nur ein Tuch, ein Kissen stoͤren wollte, So wie es mir als Heiligthum da ruht. Ich billg' es nicht, doch muß ich dich bewun- dern. Nur dieses noch: vergoͤnne mir zu Zeiten Zu Dir zu kommen, Dich zu sehn, zu troͤsten. Dein Anblick, Deine Liebe sey mein Trost, Nicht irdsche Worte, Ueberredung nicht. Jezt geh' ich, ewges Heil ihm zu erflehn. Fortunat . So frommem Thun will ich nicht stoͤrend seyn. (gehn ab.) Zehnte Scene . ( Gefaͤngniß .) Fortunat , gefesselt, der Kerkermeister . Und alle sind hingerichtet. Alle drei, die um den schnoͤden Mord gewußt haben. Morgen kommt an Euch die Reihe, macht Euch nur gefaßt. Himmel! da ich unschuldig bin? Das muͤssen die Richter besser ver- stehn; mitgefangen, mitgehangen. Und was ist es denn nun so Großes? Bester, in dem Stuͤbchen hier, seit ich Kerkermeister bin, haben gewiß schon etliche hundert arme Suͤnder gesessen, und keiner ist mit dem Leben davon gekommen. Jeder meint freilich, es sey ganz was Apartes, weil's ihn selbst betrifft, und nur einmal in seinem ganzen Leben; je nun, das ist menschlich; aber fuͤr unser eins, der das Ding von einem allgemeinen Standpunkt ansieht, ist es recht was Ordinaͤres und Langweili- ges. Es haͤngen sich alle Arten von Gesichtern und alle Temperamente so frisch weg, daß es beinah laͤcherlich wird, da noch lamentiren zu wollen. Je- der sollte sagen: o den Weg sind wohl ganz andre Zweite Abtheilung . Leute als Du gegangen! und bedenken, wie wenig die Welt an ihm verliert, so faͤnden sich alle leich- ter drinn: aber, wenn vom Leben die Rede ist, weiß der Teufel, so ist das ein Umsichgreifen, ein Her- umschnappen, ein Festhalten, ein Balgen darum, einer den andern wegstoßen wollen und allein nur in den Teich Bethesda kriechen, daß man wirklich die Kerle schon bloß dieses verfluchten Egoismus wegen haͤngen sollte. Ihr fallt mir zur Last. So seht doch einmal, wie imperti- nent! Nun, nun, morgen hat es mit allen diesen naseweisen Einfaͤllen ein Ende, und wenn Ihr dann auf der Leiter steht, werdet Ihr denken: Ach fiele mir doch der gute, liebe Mann noch so ein Saͤku- lum auf die angenehme Art zur Last! Denkt an mich, das faͤllt Euch ein, Ihr junge Blume des Feldes, deren Haupt morgen zusammen geschnuͤrt wird, um unter das uͤbrige Grummt der Wiese zum Aufspeisen des großen Rindviehs, Verwesung, gethan zu werden. (geht ab.) So also wird mein Lebenslauf beschlossen? Gewaltsam? Schimpflich? Als ein Missethaͤter? O Rupert! Du mein wahrer, einziger Freund, Was folgt ich lieber Deiner Weisung nicht, Als jezt so schmaͤhlich end'gen muͤssen hier? Nun sind die Traͤume alle weggeflogen, Die mich wohl sonst umgaukelten mit Lust, Fortunat . Erwacht bin ich, und Tod und wahres Leben Verschmilzt so schnell in einen Augenblick. Ein Richter koͤmmt mit dem Kerkermeister . Entschließt den jungen Menschen seiner Fesseln! Ist mir der lezte Augenblick erschienen? Frei bist Du, Juͤngling, in der Todesstunde Erneuerten noch alle das Bekenntniß Daß Du nichts um den schnoͤden Mord gewußt: Benutze diese Dunkelheit der Nacht, Die Wache wird Dich aus der Stadt begleiten, Entfliehe schnell und schaue nicht zuruͤck; Denn so in blinder Wuth ist Volk und Poͤbel, Sie rissen Dich in Stuͤcke, trotz den Richtern, Wuͤrdst Du am Tag' und offen freigesprochen. Ich danke Euch und meinen guten Sternen. (beide ab.) Seinen Sternen? Und mir kein Wort? Er hat hier weder Sonne, Mond noch Sterne gesehn, aber ich habe ihn Tag und Nacht unterhalten und getroͤstet: und jenen dankt er, und mich sieht er nicht von der Seite an? Ich bleibe dabei, es wird nichts aus dem Menschengeschlechte, verlorne Saat, schießt hoͤchstens ins Kraut, keine Frucht, kein Genuß dran, und wenn eins einmal recht lieblich und anmuthig aussieht, hat's grade die meisten Wuͤrmer im Kopf. In der Hand laͤßt Zweite Abtheilung . er mir nichts, als sein altes Violoncell hier, auf dem er die ganze Zeit geklimpert hat. (geht ab.) Elfte Scene . ( Pallast .) Der Koͤnig, Herbert . Der Fall bleibt immer aͤußerst wunderbar, Und wo steht nun Erklaͤrung noch zu hoffen? Der Moͤrder hat die Steine nicht gefunden, Die uͤbrigen, sie haben nichts entdeckt, Sie sind gestorben mit dem hoͤchsten Schwur Daß sie von dem Geschmeide nichts erfahren: Daß mir der alte Ritter ungetreu, — Nein, gegen diesen Glauben kaͤmpft mein Herz, So sind sie wie verschwunden von der Erde, Wie eingeschlungen in der Hoͤlle Abgrund, Und nur ohnmaͤchtig ist mein zornig Draͤu'n. In alle Haͤven, weit in alle Laͤnder Ist Nachricht hingesandt, es kann kein Dieb, Waͤr er auch noch so schlau, die Hoffnung fassen, Mit seinem Funde gluͤcklich zu entschluͤpfen. Ich buͤßte lieber eine Grafschaft ein, Und dennoch muß ich den Verlust verschmerzen. Fortunat . Ein Edelmann tritt ein. Demuͤthig bittet eine schoͤne Frau Gehuͤllt in Trauer um die hohe Gnade, Zu Fuͤßen sich dem Koͤnige zu werfen. Sie komme naͤher. — Wer nur mag das seyn? Vielleicht des Ritters Witwe, die mit Klagen Und Wehgeschrei mein Ohr betaͤuben will. Lady Oldfield wird hereingefuͤhrt und wirft sich nieder. Wenn meines Koͤnigs Auge sich erniedert So sieht er hier die jammervollste Frau, Die durch verruchte Mordthat eingebuͤßt Den theuersten Gemahl, mein hoher Fuͤrst Den treusten Unterthan. Was kann ich thun Um Euren so gerechten Schmerz zu lindern? Ich komme nicht zu klagen, mein Verlust Laͤßt Trost nicht zu, noch Lindrung und Ersatz, Nur dies Geschmeide, das unschaͤtzbar theure, Das meines Gatten Blut hat abgezapft, Will ich den Haͤnden Eurer Majestaͤt Dem hohen Eigner hier zuruͤck erstatten. Erstaunt seht Ihr mich, edle Frau; steht auf! Wie fand sich dieser Schmuck, den schon auf ewig Zweite Abtheilung . Ich mit Verdruß verloren achten muste? Wie dank' ich Euch der Gabe, schoͤne Frau? Gar wunderlich hat es sich zugetragen, Im festen Schrank, verwahrt mit vielen Schloͤssern War das Geschmeide sicher sonst bewahrt, Dort fand es nicht der tuͤcksche Mordgeselle, Wir suchten nach, und nirgend ward's entdeckt: Zufaͤllig nur, als ich die Tisch' und Schraͤnke Mir anders ordne, in ein heller Zimmer Ein groß altfraͤnkisch Bett mir lasse stellen, Da findet sich ein kleiner Wandschrank unter Dem Bettgestell, den ich sonst nie gekannt, Der kaum bemerkbar war, und kuͤnstlich nur Von angedruͤckter Feder sich eroͤffnet, Dahin war dieser Schmuck verborgen worden Von meinem uͤbervorsichtigen Mann. Erschreckt, erstaunt, in Ruͤhrung und in Freude Nahm ich die Stein' und eilte her zum Thron, Begluͤckt, den lezten, fernsten Argwohn so Von meines Mannes Grabmal zu vertilgen. O lebt' er, seine Treue zu belohnen! Doch schoͤne Frau, mit Worten nur allein Dankt nie ein Koͤnig, Eure Tugend, Schoͤnheit, Eu'r Ungluͤck in so fruͤher bluͤh'nder Jugend Verdient Mitleid, Belohnung: nehmt von mir Den edlen Ritter Herbert zum Gemahl, Der Euch schon laͤngst gekannt, geehrt, geliebt, So weit sein edles Herz Euch lieben durfte; Fortunat . Und nimm sie, Herbert, und ich denke sie Als Freund und Koͤnig reichlich auszustatten. Mein hoher Herr, die koͤnigliche Gnade Erfuͤllt nur meiner Sehnsucht schoͤnsten Traum. Was sagt die Wittfrau denn zu meiner Bitte? Befehl ist, was ein Koͤnig also bittet, Es waͤre undankbar, nicht zu gehorchen. Nur werdet Ihr der Trauernden vergoͤnnen Ein zuͤchtig Jahr, vor Leumund sie zu wahren. Doch tretet ein zu meiner Koͤniginn, In ihrer Gegenwart Euch zu verloben. (sie gehn ab.) Zweite Abtheilung . Dritter Akt . Erste Scene . ( Einsamer Wald .) Fortunat allein. H ier will ich sterben. Jede Aussicht, Hoffnung, Ist nun auf ewig hin, nur Wunder kann Mich retten, und um diesen jammervollen Armsel'gen Staub wird nicht die Erde gaͤhnen, Der Himmel nicht sein ew'ges Thor eroͤffnen, Um mich durch Geisterhand von hier zu fuͤhren. Ich kann nicht mehr, die Brust versagt den Othem, Das Herz will nicht mehr schlagen, das Bewußt- seyn Verlaͤßt mich schon, und nur ein matter Schwindel Dreht sich in meinem Hirn. O Vaterland! O liebste Eltern, Luft der Heimath, Freunde, Die mein gedenken, fahrt nun ewig wohl. — So ward ich denn in England nur errettet In Waͤldern von Bretagne zu verschmachten? Mit welcher Lust sah' ich die fremden Ufer, Fortunat . Bald schwand das Wenige, was ich besaß, Ich eilte weiter, ohne Ziel und Zweck, Und endlich fuͤhrte mich mein boͤs Gestirn In dieses Waldreviers endlos Dunkel. Seit dreien Tagen sah' ich keinen Menschen, Seit dreien Tagen hab' ich nichts genossen, Als gestern an dem Quell den frischen Trunk; In Naͤchten hoͤr' ich Wolf und Baͤr um mich Mit graͤßlichem Geheul, ich darf nicht schlafen, Unsichre Staͤtte deut mir dann der Baum; Den Weg verlor ich, tiefer immer tiefer Zieht sich hinab der Waͤlder Labyrinth, Kein Koͤhler, keine Huͤtte, nirgend, nirgend — Ja wenn ich auf den grimmen Moͤrder stieße, Er waͤre Rettung mir. Was such' ich Wege? Der Fuß gehorcht nicht dem Gebot des Willens, Die Sehnen all entstrickt, und jedes Glied Zum Tode matt: — so end' auch hier der Wille! — Sanft, sanft — schlaͤft sich's, Still, still — stirbt sich's, Ruhe, Ruhe — weit umher. Ach, wie gut, wie froh — nur weckt mich nicht! Willst Du was von mir, strahlend Gebild? Siehe, ich lande, betrete den guͤldnen Boden, Wo der Traͤume kindisch Gespinst zur Wahrheit wird, Meiner alten Amme Lieder, die lieben Geschichten, Die wohnen, wie seltsam, in diesem, diesem Wald! Da fliegt mit goldnem Gelock, mit blauem Schleier, Frei die Brust und frei die Schultern und Arme, Ein suͤß Gebild, und rings erglaͤnzen die Tannen Zweite Abtheilung . Und schuͤtteln sich rauschend in frohem Gelach, ent- zuͤckter Eichbaum Braußt sich verwundernd in allen Zweigen. Nun bin ich zur Stelle, so gebt mir Trank und Speise, Da, Wirth, nimm hin mein Leben, und gieb da- fuͤr den vollen Becher! Fortuna tritt auf. Erwache! Juͤngling! Sieh! ich wache! doch wozu? Mich treibt die Macht der Sterne zwingend zu Dir her. Ja, Sterne sind's, die unsers Lebens Wagen ziehn, Vernunft genuͤgt der fremden Rosse Lenkung nicht. Ergreif' im schnellen Augenblick Gelegenheit, Fortuna bin ich, Goͤttinn alles Menschenstamms, Zu mir ertoͤnt der Flehenden Gebet wie sehr: Mich zwingt kein Wunsch und kein Verdienst, nur Eigensinn, Mein Wankelmuth lacht diesem hold und jenem nicht; Ermanne Dich, und waͤhle rasch Dir ein Geschenk, Das ich am Zweig sechsfache Frucht Dir bieten darf, Fortunat . Gesundheit, Weisheit, langes Leben, Schoͤnheit auch, Verlangst Du lieber Herrschermacht, des Goldes Kraft: Nur schnell! denn bald sucht Dein Gestirn ein an- dres Haus. Du willst es, und des Herzens Wunsch sey ausgesagt: Gieb Gold mir! Schoͤnheit ward mir und auch schon Verstand, Dem Armen wird des Lebens Laͤng' nur laͤngre Schmach, Und was soll mir die Herrschaft, da ich laͤngst ge- sehn Daß Gold allein in jedem Land den Scepter fuͤhrt? Nimm diesen Saͤckel, jeder Griff giebt Dir des Gold's Zehn wicht'ge Stuͤck, im Lande guͤltig, wo Du weilst, So lange Du, der Deinen einer leben mag Behaͤlt die Wunderkraft der Saͤckel, laͤnger nicht: Doch uͤberall der Wohlthat auch gedenke, Sohn. Was kann ich thun, Dir Dank zu zeigen, ho- hes Bild? Alljaͤhrlich gieb am heut'gen Tag vierhundert Stuͤck Des Golds, als Mitgift einer Jungfrau, die ver- armt. (verschwindet. Zweite Abtheilung . Wo blieb sie? War es Traum? War's Wirk- lichkeit? Der Saͤckel ist in meiner Hand, und gleich Greif' ich hinein. — Zehn Goldstuͤck find' ich hier — Und wieder, — wiederum! ei, wie so schnell Muͤnzt mir das Beutelchen von Leder dies! Doch halt, da seine Wirkung so erprobt, Will ich mich ohne Noth mit Gold nicht schleppen. Es faͤllt vom Geist wie eine Binde mir, Ich fuͤhle mich um zwanzig Jahre aͤlter, Die Thorheit, Unbesonnenheit der Jugend Weit hinter mir. — Auch hebt sich nun vom Auge Der Schleier, reiche Landschaft liegt vor mir, Ich sehe Burgen, Staͤdte in der Ferne, Kloͤster, Kapellen in der Morgensonne, Da breitet sich ein Weg hin durch den Wald, Erneuten Muths betret' ich diese Straße. ( geht ab .) Zweite Scene . ( Zimmer im Wirthshause .) Wirth, Daniel . Das sag' ich Dir, Bursche, was Du dem alten Matthis nur an den Augen absehn kannst, daß Du das flink verrichtest, denn er bezahlt besser als Grafen und Herrn. Daniel . Fortunat . Aber es ist eine Noth, bald will er das, bald das, er macht einem mehr Unruhe als zehn andre Gaͤste; und was ist er denn am Ende? Ein Roßtaͤuscher! Mausgehirn, unser eins steht nie auf Rang und Stand, sondern was die Leute verzeh- ren; wer die groͤßten Rechnungen vertragen kann, der ist fuͤr den Wirth der vornehmste. Unser Wald- graf, der tagtaͤglich jezt hierher reitet und sich nichts als ein Glas Wasser reichen laͤßt, und dem man noch fußfaͤllig danken muß, daß er einem die Gnade erzeigt zur Last zu fallen, um nichts und wieder nichts, der ist mir der Rechte! Daniel. Gleich, Herr! — da schreit er schon wieder. Daniel! ins Teufels Nahmen! Nun, hoͤrt nur. Aber warum laͤufst Du denn nicht auch, Tagedieb? Es hoͤrt sich mitunter so huͤbsch an, wenn die Gaͤste sich aus der Ferne den Hals ab- schreien moͤchten. (schlaͤgt ihn.) Ich werde Dir Beine machen! Matthias koͤmmt. (giebt Daniel einen Tritt.) Baͤren- haͤuter! Heut wird ja mit doppelter Kreide angeschrieben. Ich gehe ja schon. III. [ 8 ] Zweite Abtheilung . Stell mir eine Flasche Wein auf mein Zimmer. Nicht auf den Tisch? Wie komm' ich nur auf das Zimmer? Ei, Bursche, wenn Du Spaß ma- chen willst, werd ich Dir Zulage geben muͤssen. (schlaͤgt ihn.) Recht so! Man kann nicht ge- nug darauf sehn, daß jeder das Seinige bekoͤmmt. (Daniel ab.) Habt Ihr euch geaͤrgert? Die Schlingel sind mir eben so viel Naͤgel zum Sarge. Ihr muͤßt bei kaltem Blut pruͤ- geln lernen, bei Leibe nicht in Leidenschaft, man schlaͤgt im Eifer miserabel, sie fuͤhlen's nicht, und man bildet sich Wunder ein, was man leistet. Ich mach's mit meinen Leuten so: jeder Mensch hat seine Fehler, die merk' ich mir sauber und sage nichts, nun koͤmmt aber eine Stunde nach Tisch, oder man ist nicht wohl, das Wetter ist zu schlecht zum Ausreiten, aber man braucht doch Motion: seht, da zieh' ich denn die Summe, und pruͤgle sie rudelweise. Das bekommt mir, und die Schlaͤge, sind gut und richtig abgewogen, man sieht, man zielt dann viel schaͤrfer. Gewiß, Herr Matthias, Ihr habt einen klaren Verstand. Wie wuͤrd ich ohne Pruͤgel fer- tig? Jezt lieg' ich nun mit meinen funfzig Pfer- den hier, zwanzig Leute dabei, manchmal hab' ich des Gesindes und des Viehes noch mehr: da lernt Fortunat . sich's schon, was Regieren heißt; ohne Furcht ruͤhrt sich keiner. Sie sprechen von Liebe: ja, aus Liebe wuͤrden sie mir bald alle meine Gaule davon reiten. Ist unser Graf noch drinne? Wieder fort! Das ist ein kurio- ser Kauz, knickert und knickert er nun nicht schon die zwei Tage um die zwanzig Goldstuͤcke, die wir aus einander sind? Und ich lasse die Hengste nicht anders, sie sind meine besten. Er will sich auf der Hochzeit unsers gnaͤdgen Herzogs auch gern sehn lassen. Ich muß auch bald hinein nach Angers, ich kann nicht laͤnger warten, wenn ich meine Pferde noch losschlagen will. Giebt er sie heut nicht, so reis' ich morgen. — Daniel! Da- niel! Ja Herr! Heraus Ja-Herr! Ich bin nicht Dein Ja-Herr! (Daniel koͤmmt.) Dahin stell' den Wein, an's Fenster. Sezt Euch zu mir, Wirth, wir wol- len hier eins trinken. Euer Haus liegt so huͤbsch frei, man kann sich allenthalben umschauen, und die Aussicht da nach dem Walde hinunter ist be- sonders erfreulich. — Daniel! (hereinkommend.) Nein, Herr? Toͤlpel! Bring' etwas zum Wein, Wurst, Schinken, schnell! Gleich, Herr. (ab.) Seht doch, was kommt denn da vom Wald herauf gezottelt? Schneckt's nicht daher, wie ein lahmer Karrngaul? Zweite Abtheilung . Ein kurioser Passagier. Da wett' ich nun gleich um hundert Gulden, das sezt wie- der eine Bettelei ab. Der klare Profit, wenn solch Gesindel einkehrt. Pruͤgelt's weg, hineingehauen, noch ehe sie zur Rede kommen. Man thaͤt's mehr, wenn uns die Geistlichkeit nicht immer so viel von Mitleid und Erbarmen predigte, die moͤchten, daß man keinen Hund schluͤge. Ach was! Geistlichkeit! Die Her- ren selbst sollte man — doch man muß schweigen, das Zeitalter ist der rechten Einsicht noch nicht ge- wachsen. Fortunat tritt ein. Hab' ich's nicht gesagt? Da haben wir die liebe theure Zeit. Laßt mich machen. — Woher des Wegs? Was wollt Ihr? Das Pferd hat Euch wohl abgeworfen, und die Kaͤlber auf der Weide haben Euch hernach die Sporen gefressen? Nicht? daß Ihr so lendenlahm die Beine hinter Euch schleppt? Seyd Ihr der Wirth? Himmeltausend Element! Wofuͤr seht Ihr mich an? Hab ich rothe Puckeln auf der Nase? Ist mein Ruͤcken krumm? Scharr ich mit den Beinen aus? Ein Wirth! das hat mir noch kein Mensch gesagt! Nun, nun, Gevatter, ein Wirth Fortunat . braucht sich seiner Handthierung auch nicht zu schaͤ- men. — Wollt Ihr was, junger Gesell? Ich bin seit dreien Tagen im Walde verirrt, ohne einen Menschen gesehen zu ha- ben, laßt mir schnell eine gute Mahlzeit von Fleisch und kraͤftigen Speisen anrichten, und vom besten Wein geben. Daniel! Daniel! Daniel mit Brod und Tellern. Gieb her. — Da, friß, Lands- mann, armer Hund; wie das verhungert aussieht! Ich kann's noch wohl bezahlen, nimm den Wein und trink auf mein Wohlseyn. Ich dank' Euch, ich wuͤnsche aber von meinem Eigenen zu zehren, und wenn Ihr nachher mein Gast seyn wollt, so koͤnnen wir auf mein und Euer Wohlseyn trinken. — Besorgt mir, Herr Wirth, warum ich gebeten habe. Sprichst Du doch, als waͤrst Du der Koͤnig von Arragon, der inkognito reist, und dessen Tochter jezt an den Herzog von Bre- tagne vermaͤhlt wird. Daniel und andere Diener decken und bringen Ge- richte und Wein, Fortunat setzt sich und ißt. Wuͤnsche Euch gesegnete Mahlzeit, am Appetite fehlt es nicht. Seht, Wirth, was das die Ge- richte zusammen zu fressen versteht! gewiß ein rei- sender Altgesell aus Schlaraffenland, denn mit der Zweite Abtheilung . Virtuositaͤt hab' ichs noch nie gesehn. Ich schwoͤ- re, der Kerl frißt hier sein Meisterstuͤck, um sich dann auf eigne Hand nieder zu lassen. Gelt, wenn die Zunft sich hier privilegiren ließe, sollten Ochsen und Schweine bald nicht mehr zu bezahlen seyn? Wun- der waͤr's, wenn das Unwesen nicht schon unterwegs die junge Schonung als Spinat hintergeschluckt haͤtte. Ihr seyd launig, sezt Euch und nehmt mit mir vorlieb, der Wein ist gut. Seht den Kauz, nun noͤthigt er mich, damit ich hernach bezahlen soll. (legt ein Goldstuͤck auf den Tisch) Hier, Herr Wirth, und wenn ich mehr verzehre, wird's auch nicht fehlen. O Eu'r Gnaden bemuͤhn sich doch nicht, das wird sich ja finden, werde nicht so un- reputirlich handeln, vorher von einem so edlen jungen Herrn bezahlt zu nehmen. (sezt sich zu ihm.) Nun, da waͤr ich, junger Gesell; ich speise stark, aber mit Euch kann ich doch nicht in der Wette arbeiten. Trinkt von dem guten Wein, vielleicht schmeckt Euch nachher das Essen um so besser. Sapperment der ist vom aller- besten, den wende ich nur selten an mich. Freund, laßt Euch rathen, da wird Euer Goldstuͤck nicht ausreichen. (zeigt eine Handvoll.) Aber doch zwei, drei, oder zwanzig. (springt auf.) Ei das Dich alle Teu- Fortunat . fel! das haͤtt ich nicht in Eu'r Gnaden gesucht! (sezt sich.) Mit wem habe ich denn die Ehre zu speisen? Ich bin ein reisender Edelmann, der von seinen Leuten und Pferden auf seltsame Art gekommen ist, und sich nachher in der Wild- niß verirrt hat. Und wer seyd Ihr? Aufzuwarten der bekannteste Roß- haͤndler hier im Lande. Ich gehe jezt nach Angers, auf die große Hochzeit die unser Herzog von Bre- tagne mit der Erbin von Arragon feyert, und ich waͤre schon dort, wenn ich nicht hier vom Wald- grafen aufgehalten wuͤrde, mit dem ich wegen eini- ger Hengste nicht des Handels einig werden kann. Sind die Hengste gut? Arabische Raçe, gnaͤdiger Herr, man hat sie hier zu Lande noch niemals so gut ge- sehn und es ist nur eine Kleinigkeit, um was ich und der Graf noch aus einander sind, aber ich lasse sie nicht anders. Moͤchtet Ihr sie mir verkaufen, wenn wir einig wuͤrden? Warum nicht? Ich bin im Han- del noch ganz frei. Was fordert Ihr? Herr Wirth, Ihr wißt, zwei- hundert Goldguͤlden will mir der Graf schon ge- ben, ich verlange aber (winkt ihm.) zweihundert und funfzig. Ihr sollt sie haben, ja sechzig, wenn sie mir nur gewiß bleiben. Zweite Abtheilung . (kuͤßt ihm die Hand.) O großer, be- ster verehrungswuͤrdigster junger Herr! Gewiß seyd Ihr Graf oder Herzog, daß Ihr so großmuͤthig seyd, und mir schwante gleich, daß es mit Euch eine besondere Bewandniß haben muͤsse, so wie ich Euch nur aus dem Walde kommen sah. Zeigt mir doch die Hengste, ob sie mir auch gefallen koͤnnen. Sie sind wie aus dem Ey ge- schaͤlt; kommt in den Stall, mein gnaͤdigster Herr. (sie gehn ab.) Der Mann hat Geld! das muͤßte eine Lust seyn, bei solchem Herrn zu dienen, dem die Goldstuͤcke so aus der Tasche fallen. So? hast Du Verlangen darnach? Und wer wird's seyn? ein Gaudieb wohl, der ein paar Reisende gepluͤndert hat, und nun auf etliche Tage groß thut, und in Herrlichkeit und Freuden lebt, bis er das alte Bettelhandwerk wieder hervor- suchen muß, oder seinen glorreichen Lebenslauf am Galgen endigt. Ihr denkt auch gleich das Schlimmste. Ein Wirth ist immer ein Menschen- kenner, man kriegt gar zu viele Gesichter unter Haͤnden; wer ehrlich Geld erwirbt, macht etwas mehr Umstaͤnde damit. Der Gesell ist mir ver- daͤchtig. Franz tritt ein. Wo ist der Roßtaͤuscher? Im Stall, er wird gleich zuruͤck seyn. Fortunat . Der gnaͤdige Graf wird sogleich kom- men, er will die Hengste durchaus, und zur Noth noch zehn Goldstuͤcke zulegen. Schade, denn die Hengste sind schon verkauft. Wie? Was? der Graf wird außer sich seyn. An wen denn? Ist schwer zu sagen; ein fremder Mensch, ein ruppiger Passagier, der zu Fuß, hung- rig und ziemlich verlumpt aus dem Walde gekom- men ist, hat sie, ohne nur zu dingen, an sich ge- kauft. Reich scheint der Unbekannte, denn er hat viel Gold bei sich. Ich muß nur schnell meinem Herrn wieder entgegen reiten, und ihm die saubre Bot- schaft bringen. Der wird eine Freude haben. (eilt fort.) Ist mir ganz recht, daß der filzige Herr Graf den Verdruß und die Schande erleben muß, daß ihm ein Vagabunde die Hengste vor der Nase wegkauft. Fortunat und Matthias kommen zuruͤck. Ihr seyd ein ehrlicher Mann, die Pferde sind das Geld werth. Ich konnte nicht denken, daß Eu'r Durchlaucht ein so großer Kenner waͤre; al- les zu wissen und zu verstehn, selbst ohne nur ins Maul zu sehn, das ist was Erstaunliches fuͤr einen, der nicht Tag und Nacht mit dem Viehe umgeht. Herr Wirth, koͤnnt Ihr mir nun Zweite Abtheilung . zu Sattel und Zeug und Decken verhelfen? Wißt Ihr vielleicht in der Gegend etliche treue Leute, die mir als Diener folgen moͤchten! Einen geschick- ten Schneider muß ich auch zu bekommen suchen. Zwei Stunden von hier ist ein Satt- ler auf der Burg des Grafen, der auch Vorrath zu haben pflegt. Und was Leute betrifft, treue, ge- schickte, verstaͤndige, da laßt mich einen von seyn, fremder, unbekannter Herr Prinz, ich habe eine er- schreckliche Expektoration in Eure Dienste zu treten. Du gefaͤllst mir und sollst mich begleiten, wenn Dein jetziger Herr nichts dagegen hat. Meine Zeit ist um, gnaͤdiger Herr, er hat mir nichts zu befehlen, ich bin los und le- dig und mein eigner Vater und Mutter. Und ich bin froh, den Taugenichts los zu werden. Ei, koͤnnt Ihr mich nicht besser re- kommandiren, so schweigt lieber ganz zu meinem Lobe still. Der Graf, Franz und Diener treten ein. Wo ist der Unverschaͤmte, der es wagt Mein Eigenthum, schon abgesprochnen Handel Mir zu entreißen? Ist er meines Gleichen So soll er die Beschimpfung mir verguͤten, Doch ist er unter meinem Stand, so soll er schwer Gezuͤchtigt werden fuͤr dies Unterfangen! Fortunat . Mein gnaͤdiger, gestrenger Herr, die Rosse — Du schweigst! und um Dein gierig Maul zu stopfen, Geb' ich Dir noch die zwanzig obenein Die Du gefordert, doch kein Wort nun mehr! Seyd Ihr's, Ihr Wicht, Ihr aͤrmlicher Gesell, Der hier in meinem Bann so breit sich macht? Woher habt Ihr das Gold, mit dem Ihr prahlt? Es ist mein rechtgemaͤßes Eigenthum, Und das muß jeder glauben, bis ein Klaͤger Sich stellt und schwoͤrt, daß ich es ihm entrissen. Muß jeder glauben! Seht den Musje Muß! Mein Herr von Muß, ich werd' Euch gleich be- weisen, Daß man Euch hier die Nase wohl kann putzen Und wenn der Kopf selbst an ihr haͤngen bliebe. Ihr Schergen! auf mein Wort, nehmt diesen Kerl, Den Vagabunden, werft ihn in den Thurm, In Ketten legt ihn, denn es ist zu glauben, Daß er wen auf der Straße hat ermordet! ( Fortunat wird weggefuͤhrt.) Den Richter laßt mir kommen zum Verhoͤr! Hier, Matthias, ist Eu'r Geld; einfaͤlt'ger Pinsel, Ein andermal habt mehr Verstand, mit Maͤcht'gern Ist's niemals tauglich, Haͤndel anzufangen: Um ein Paar Thaler will der dumme Mensch Zweite Abtheilung . Sich der Gefahr aussetzen, daß ich ihn Mit Taxen, Zoll und wie noch schikanire, Vergißt, daß tausend werth die Protektion Von einem guͤt'gen, edlen Herrn, wie ich! Jezt geht, seyd froh, daß Ihr so durch mir schluͤpft. Die Fuͤße kuͤß' ich meinem gnaͤd'gen Herrn. (ab) Ich dacht' es gleich, mein gnaͤdiger Herr Graf. — Ich will allein seyn, mit dem Richter sprechen! ( Wirth geht ab.) Nehmt's nicht genau mit unserm armen Schelm, Er ist ein guter Mensch: bedenkt, Herr Graf, Ich bin Euch sonst auch nuͤtzlich schon gewesen, Die Grete ist doch damals so gekommen, Die Lise darf das Maul nun auch nicht aufthun, Die Lore — Bist besessen? Wollen sehn Was sich mit Ehren thun laͤßt; jetzo geh. ( Daniel ab.) Der Richter tritt ein. Da waͤr' ich, Eu'r Gnaden, und habe mich selbst von meinem gewohnten Mittags- schlaf abmuͤssigen muͤssen. Dicker, wir muͤssen schnell einen armen Suͤnder verhoͤren und zum Tode verurtheilen, der Fortunat . Reisende gepluͤndert und ermordet, und das ge- stohlne Gut bei sich hat. Aha! ein schoͤner Casus! ist lange nicht vorgekommen. Gehoͤrt der saubre Vogel ge- wiß zu der großen Bande, die damals vor einigen und zwanzig Jahren die ganze Gegend hier herum unsicher machte. Macht das Verhoͤr nur kurz, denn die Sache wird sich wohl klar ergeben. Es ist bes- ser, als wenn der Kerl nachher noch in weiter Welt herum laͤuft, raͤsonnirt und unnuͤze Reden fuͤhrt. Recht, gnaͤdiger Herr, wie vor ei- nigen Jahren der saubre Vogel, der, weil er un- schuldig war, und wir so gutherzig dachten, ihn laufen zu lassen, uns einen Blam zehn Meilen in die Runde gemacht. Ich kam die lezte Kirchweih da an der See hinunter: glaube der gnaͤdige Herr nur, es ist nicht uͤbertrieben, auch da kannte man mich durch das Renommé, und daran ist bloß die einzige Geschichte Schuld. Ist dieser auch so ein superkluger, feiner, witziger und spitziger Gesell, so wollen wir die Sache kuͤrzer und sichrer nehmen. Er soll gestehn und damit gut. (gehn ab.) Dritte Scene . ( Gefaͤngniß .) Fortunat in Fesseln. So bin ich wieder meinem Tode nahe, Und habe noch in keinem Augenblick Zweite Abtheilung . Des ganzen, langen Lebens klug gehandelt. Warum, Verblendeter, erflehtest Du Von jener hohen Goͤttinn Weisheit nicht? Jezt sag' ich's mir, jetzo, da es zu spaͤt, Daß es nur kind'sche Unbesonnenheit, Nur Vorwitz war und eitle Prahlerei Die Rosse anzufeilschen: waren keine Sonst in der ganzen weiten Welt als diese? Es brannte Dir das ungewohnte Geld In deiner Tasche, Pferde, Hunde, Jagd, Bediente, Falken, war dein erstes Denken, Noch ehe du den Hunger selbst gestillt, Und reiztest drum die Willkuͤhr des Gewalt'gen, Der ohne Recht und Billigkeit dir droht, Sich deines Schatzes zu bemeistern. Alles Was ich besaß hat man mir abgenommen, Den Dolch, das Gold und jenen Zaubersaͤckel; Der einzge Trost ist nur, daß wenn ich sterbe Auch dieser keinem andern frommt, denn so Verhieß die Guͤtge, daß er nur sich fuͤlle So lange ich, der Mein'gen einer lebe. Vielleicht kann ich mein Leben noch erbetteln, Wenn ich das Gold weggebe; doch kein Wort Von jenem Zauber komm' aus meinem Munde, Wenn es die Gierigen nicht schon entdeckt. Der Graf und der Richter treten ein, sie setzen sich, Schergen umher. Tritt vor, Malefikant! Wie heißest Du? Fortunat . Weil Ihr es wissen wollet: Fortunat. Der wahre Nahme eines Teufelsbanners, Fortunatus ist Faustus gleichbedeutend, Erinnr' ich mich aus der Grammatik noch. Nur her, mein Faust, der Ihr es faustdick hinter Den Ohren habt; wo seyd Ihr denn geboren? Auf einer Insel, die man Cypern nennt. Hoho, Nur keinen dummen Spaß getrieben! Mein Freund, Ihr wißt doch wohl, vor wem Ihr steht? Herr Graf: aus Cypern sagt der Haselant; Wir haben wohl zu Haus 'ne Cyperkatze, Von Cypermenschen hab' ich nie gehoͤrt. Gleichviel woher er stammt, kommt jezt zur Sache. Sehr wahr! Gleichviel, mein Freund, woher Ihr stammt, Will sagen abstammt, doch wo Ihr nun bald Hinan Euch stammen sollt zum Galgenstamm Das ist die Sache, drum schnell raus damit: Wer war der Herr, den Ihr zulezt ermordet? Unschuldig bin ich, habe nie gemordet. O dummer Kerl, ei so gesteht's doch nur, Zweite Abtheilung . Wir wissen ja doch schon im voraus Alles, Drum laßt Euch in der Guͤte nur bereden; Denn, Freund, wir haben hier, Ihr denkt's wohl nicht, Gar liebe saubere Tortur-Anstalten, Da schraubt und kneift und druͤckt und zieht man Euch So lange, bis die Wahrheit wie ein Draht Kuͤnstlich aus Euch herausgefoͤrdert ist. Soll ich gestehn, was ich niemals beging? Stellt Euch doch nicht so dumm, nehmt doch Vernunft an, Laßt Euch still weg in Lieb' und Guͤte haͤngen, Und zwingt uns nicht zu harten Prozeduren. Man hat da einen Dolch bei Euch gefunden. Weist nach, wie solch ein Mensch, der arm nur scheint, Fremd ist, weit her, zu den sechshundert Nobeln Gekommen ist: doch koͤnnt Ihr das nicht thun, Nicht Buͤrgen stellen, Leute, die Euch kennen, So seyd Ihr auch ein Dieb, ein Raͤuber, Moͤrder. Sehr schoͤn gesagt! Nun, seht Ihr's noch nicht ein? Mein Seel', das nenn ich einen harten Kopf! Das heißt Vernunft recht in die Wuͤste pred'gen. Mein gnaͤdiger Herr Graf, gestrenger Herr, Ich Fortunat . Ich bin ein armer Edelmann aus Cypern, Ich diente ehemals dem Graf in Flandern, Reichlich beschenkt zog ich durch Frankreich hin, Da nahmen Raͤuber Pferd mir und Vermoͤgen, Verarmt gerieth ich in dies Waldgehege, Verirrte mich und schmachtete drei Tage, Als ich heraustrat fand ich diese Muͤnzen, Mit denen ich mich reich und vornehm duͤnkte, Und so nach Flandern dachte hinzuziehn. Verruchter Boͤsewicht! Du wagtest es Mein Eigenthum zu rauben? denn gewiß Ist Dir bewußt, daß Alles, was im Zirk Des Walds sich findet, mein mit Recht gehoͤrt? Verzeiht, Gestrenger, der Unwissenheit, Ich kannte nicht die Rechte dieses Banns. Doch jetzo kennt ihr sie und habts gehoͤrt, Und drum hilft nun auch kein Entschuldgen mehr. Herr Graf, so gar entsetzlich, graͤulich schlimm Wie wir's erst dachten, scheint er nicht zu seyn, Drum mein' ich daß wir sonstens ihn verschonen, Ich trage drum auf simples Haͤngen an. Ich appellir' in Demuth an Eur Gnaden, Ich seh' es ein, verfallen ist mit Recht Was ich im Irrthum mein genannt, vergoͤnnt Arm wie ich war dies Land hier zu verlassen, Und gebt mir nur das Meinige zuruͤck. III. [ 9 ] Zweite Abtheilung . Ich will mal guͤtger, seyn als Du verdienst. Dein Leben sey geschenkt; loͤßt seine Ketten. Mein ewger Dank dem edlen gnaͤdgen Herrn. Und hier ist auch das Deinge, wie Du's nennst, Ein alter Dolch, gut Kaͤse mit zu schneiden, Ein Lederbeutel, kostbar anzuschaun, Vielleicht ein seltnes pretium affectionis Vom Weibe eines bankerotten Taͤschners; Nu, nu, sey nur nicht bang, nehm' nichts heraus, Man fuͤhlt von außen schon, daß nichts dadrinn, Gerade wie mit Deinem leeren Kopf. Die gnaͤdige Gesinnung meines Herrn Macht mich zum Vortrag neuer Bitte kuͤhn: Dem Wirthe hier bin ich fuͤr meine Mahlzeit Noch schuldig, und mir bleibt, Ihr wißt es — nichts — — Auch dies will ich fuͤr Dich berichtigen. Mein Leblang schließ ich Euch in mein Gebet. (ab.) So frißt solch fremd Gesindel sich doch immer Auf andrer Leute Kosten durch das Land. (alle gehn ab.) Fortunat . Vierte Scene . ( Zimmer .) Wirth, Daniel . Nichts! Nichts! Du hast einmal Deinen Abschied. Es war aber so boͤse nicht gemeint. Ich bin es nicht gewohnt, mir von meinen Leuten den Stuhl vor die Thuͤr setzen zu lassen, auch bist Du zu nichts zu gebrauchen, faul, gefraͤßig, naͤschig. Ich will mich bessern, wenn's seyn muß. Da siehst Du es nun mit Deinem Bettelprinzen, bei dem Du im Himmel zu leben dachtest, uͤber die Grenze haben sie den Landstrei- cher gefuͤhrt, und er muß Gott danken, daß er noch so davon gekommen ist. Also es bleibt dabei, wir bleiben bei- sammen? Nein, mein gutes Stuͤck Esel. Mache daß Du fort koͤmmst. Ihr werdet sehn, was Ihr zu ver- antworten habt. Ich laufe mein Seel aus De- speration in die Stadt hinein, und suche mir dann den allerbesten Dienst in der ganzen Welt, und dann habt Ihr's Nachsehn, dann schreit Ihr weit weit uͤber das Feld nach Eurem Daniel, und Zweite Abtheilung wer dann funfzig Meilen von hier sizt und Euch wacker auslacht, der bin ich! Jezt geh gleich, Narr oder — Adieu, adieu, wir wollen im Guten auseinander; braucht mich nicht wie einen Spatz vom Vogelleim loszureißen, sacht geh' ich ab. (ab.) Franz koͤmmt. Bald haͤtt' ich vergessen, Euch das Geld einzuhaͤndigen, das der Graf mir vor seiner Abreise wegen des armen Suͤnders von neulich fuͤr Euch gegeben hat. Lebt wohl. (geht ab.) Zwei Thaler! und die Rechnung be- trug sechs. Der Vagabunde war auf meine Un- kosten großmuͤthig, der Graf nahm ihm sein Geld, und giebt mir die zwei Thaler davon statt sechs. Je nun, man muß auf baldige gute und verstaͤn- dige Reisende rechnen. Eins muß das andere tra- gen, sonst kaͤme kein Mensch in der Welt zurecht. (geht ab.) Fuͤnfte Scene . ( Platz in Angers .) in praͤchtigen Kleidern, Diener die ihn begleiten. Entronnen war ich gluͤcklich dem Verderben, Nun gilt's, den Kopf nicht wieder zu verlieren. Fortunat . Seh' ich so viele doch mit Geld und Gut, Vornehmen Stands, die ohne Anstrengung In Sicherheit und Freude leben koͤnnen: Auch hat mir das bei Fuͤrsten wohlgefallen, Daß sie den Kanzler, einen alten Rath, Der Jahr', Erfahrung, Kenntniß hat und Witz Fuͤr sich regieren lassen, und in jedem Fall, Sey er auch dringend und gefaͤhrlich immer, Den besten Rath, die sichre Huͤlfe finden. Da trat zu unsrer Tafel gestern ein, Ein Mann gesetzten Alters, der uns bat Ihm beizusteuern, daß zum Vaterland Er wiederkehren koͤnne; viel gewandert Ist er im Orient, durch ganz Europa, Hat vielerlei erlebt, vielleicht daß er Mein Rath, mein Helfer wird auf meinen Rei- sen. — Sprachst Du da jenen Herrn aus Irland? he! Er wird in Kurzem, gnaͤdger Herr, erscheinen. Bleib' einer hier, wenn der Irlaͤnder koͤmmt, Daß er ein wenig warte, ich indeß Will jezt das neue Roß zur Probe reiten. (ab mit Gefolge.) Der Graf vom Walde tritt auf. Ritter Balthasar . Ja, Ritter Balthasar, mein gnaͤdger Herr Der Herzog hat nach Euch gefragt, geruͤhmt Zweite Abtheilung . Eur tapfres Thun, er wird Euch gern befoͤrdern, Wenn wieder Krieg entsteht. Viel Dank, Herr Graf, Daß Ihr Euch so bemuͤht. Ihr macht ihm Ehre Und ziehet diesesmal gar praͤchtig auf. Ja Bruder, das ist wunderlich gekommen. Ich war in Noth, mehr als in meinem Leben, Da schickte mir der Himmel unverhofft Zur rechten Zeit sechshundert Rosenobel, Nicht aufgeborgt, die ich guten Gewissens Verzehren darf, und gnaͤdig wird's vermerkt Vom Herzog, der es mir wohl mal gedenkt. Sagt doch, kennt Ihr den fremden jungen Herrn Der praͤchtger aufzieht hier, wie einer sonst? Man sagt, er sey ein italiaͤnscher Graf. Da koͤmmt er wieder her mit dem Gefolge. Fortunat mit seinem Gefolge. Verzeiht mir, edler Herr, die dreiste Frage, Ich hoͤre, daß Ihr aus Italien seyd, Vielleicht habt Ihr von einem Umfrevile Gehoͤrt, der in Turin gefangen saß, Und der sich klug aus seinen Eisen brach, Auf sonderbare Art entfloh; ich kenn' ihn, Und wuͤßte gern, was nun aus ihm geworden. Gern dient' ich meinem Herrn mit sichrer Nach- richt, Fortunat . Allein ich bin seit lange schon aus Welschland Und komme kuͤrzlich nur von Irland her. Vergebt der Neugier, ich empfehl' mich Euch. Mein Stolz, wenn ich Euch irgend dienen koͤnnte. ( Graf und Ritter gehn ab.) Matthias tritt auf. Nichts also, mein gnaͤdiger Herr, von meiner Waare Euch anstaͤndig? Ich bin versorgt mit Rossen, mein Guter; auch scheints Ihr habt die besten verkauft, denn die Euch noch uͤbrig geblieben, sind nicht son- derlich. Im Grunde wahr, Herr Graf: o ich hatte drei Hengste von arabischer Zucht, die haͤtt' ich solchem edlen Herrn praͤsentiren moͤgen, aber die hab' ich leider unter dem Preise an einen filzigen Großthuer losschlagen muͤssen, der mir zwar nichts helfen, doch gewiß viel schaden koͤnnte. Ein andermal, gnaͤdigster Herr Graf, nicht? Es wird sich finden. (Matthias ab.) Keiner kennt mich und ich bin nun dreist geworden, am ersten Tage sezten mich diese Gesichter in Ver- legenheit. Da ist auch noch der Bursche aus der Schenke, der immer um mich herstreicht und mich allenthalben aufsucht. Daniel kommt. Nehmts nicht uͤbel, Gnaden, seyd Ihrs, oder seyd Ihrs nicht? Zweite Abtheilung . Wer soll ich denn seyn, thoͤrichter Mensch. Je, natuͤrlich, seyd Ihrs! Nun, das freut mich, das ich Euch gefunden habe. Ich kenne Dich nicht, Bursch. Wer bist Du denn? Je, Ihr wißts ja, Ihr seyd ja der Malefikant, der damals bei uns war, der mich in seine Dienste genommen hatte und nachher ins Ge- faͤngniß kam. Unverschaͤmter! gleich werd' ich Deiner groben Zunge Einhalt thun lassen! Nehmts nicht uͤbel, gnaͤd'ger Herr, Ihr habt im Grunde Recht, und ich habe es auch schon gedacht, daß Ihr es nicht seyn koͤnnt, denn dem armen Schelm haben sie ja alles bis auf den lezten Pfennig abgenommen; Ihr muͤstet ja ein Hexenmeister seyn, wenn Ihr mit einem Male wieder so reich seyn solltet: aber nehmt mich in Eure Dienste, bester, edelster Herr; seht, ich habe damals auch fuͤr Euch vorgebeten, als Ihr so in Noth wart, Ihr wißt ja wohl. Ich glaube, der Mensch ist un- sinnig. O nichts fuͤr ungut, mein Herr Graf, daß ich immer wieder in die Dummheit ver- falle, aber wahrhaftig, es giebt so Aehnlichkeiten, Ihr solltet den andern guten Menschen nur selber sehn, und Ihr wuͤrdet Euch mit ihm verwechseln. So bleibe, Du wunderlicher Ge- sell, in meinem Gefolge, aber ich gebiete Dir bei Fortunat . meinem Zorn, laß diese albernen Reden. Nehm' einer von euch ihn mit, und gebt ihm die Livree. Ha ha! Herr Wirth! Ists nun nicht gekommen, wie ich sagte, alter Hasenfuß? (geht mit einigen ab.) Leopold koͤmmt. Ihr habt mich sprechen wollen, gnaͤdger Herr? Ihr seyd ein vielgereister Mann, mein Herr, Ihr kennt, so scheints, die Laͤnder, ihre Sitten, Die Sprachen, habt wohl manches uͤberstanden, Und wißt Euch drum in Faͤhrlichkeit zu finden: Da nun mein Sinn zu fremden Laͤndern steht, Wuͤnsch' ich mir solchen Mann in mein Gefolge Als Freund und Rath; nehmt Ihr den Vor- schlag an Stehn Euch zwei Roß', zwei Diener zu Gebot; Ihr selber sollt mein Freund, nicht Diener seyn, Auch was Ihr irgend braucht gewaͤhr' ich Euch, Und sind wir heimgekehrt, Gut und Vermoͤgen, Daß Ihr dann Euer Alter pflegen koͤnnt. Dies guͤtge Anerbieten, gnaͤdger Herr, So sehr es alle Hoffnung uͤbersteigt Die ich je hegen konnte, zwingt mich doch An zweierlei Euch zu erinnern. Reisen, So weit, wie Ihr es wuͤnscht, mit reichem Zuge, Macht große Kosten, mehr, als Ihr wohl denkt, Zwar kenn ich manches Land und seine Sprache, Zweite Abtheilung . Doch wenn in ferner Gegend uns die Mittel Ermangelten, dafuͤr wuͤßt ich nicht Rath. Deshalb seyd unbesorgt, rechnet das Hoͤchste Was wir nur brauchen, doppelt diese Summe Soll uns nicht fehlen. Nun der zweite Einwurf. Durch Huͤlfe guͤtger Herrn, vorzuͤglich Eure, Bin ich ansehnlich juͤngstens erst beschenkt, Und wollt nach Irland zu den Meinigen. Sie haben lange nicht von mir gehoͤrt, Sie sind von Noth bedraͤngt, so muß ich fuͤrchten, Wie koͤnnt' ich' jezt, der Heimath schon genaͤhert, Von neuem mich auf lange Zeit entfernen, Und sie in Sorg' und Kummer dort verlassen? So wollen wir nach Irland erst hinuͤber, Versorgen Frau und Kind und Anverwandte, Denn fest beschlossen ists, Ihr bleibt bei mir. Gleich wollen wir nach Schiffen uns erkundgen, Und lieber heute noch als morgen fahren. Kommt, theurer Freund, um alles einzurichten. (alle gehn ab.) Sechste Scene . Kreuzgang eines Klosters. Pater Ambrosius, P. Placidus . Heut ist unser gnaͤdger Herr Abt wieder einmal wenig aufgeraͤumt. Fortunat . O Freund, ein boͤses Gestirn hat mich zu meiner Buße hieher versetzt; wie hatte ich es so gut in meinem vorigen Kloster, freundliche Vorgesetzte, wenig wurde die Strenge der Regel beobachtet, eine schoͤne Gegend, viel Freiheit und Spazierstunden; da fuͤhrt mich der boͤse Geist in dieses Land voll Melankolie, Unzufriedenheit, Hun- ger und Kummer. Ja, wir muͤssen es empfinden, daß wir das Fegefeuer des heiligen Patricius in unsrer Naͤhe haben, die armen Seelen dort werden nicht mehr gemartert als wir. Wenn man nur wenigstens Wein haͤtte, um die Sorgen etwas zu zerstreuen, aber das schaale, traurige Bier, die strengen Fasten, der Gehorsam, der muͤrrische, scheinheilige Abt, alles ist zum Verzweifeln. Ist doch kaum so viel Wein da, als die Messe bedarf. Der Wein ist hier zu Lande theuer, und der gnaͤdige Herr verschreibt nur selten. O Irland! Irland! du trauriges, finstres Land! Und diese Gegend hier ist gewiß die ungluͤckseligste der ganzen Insel. Warum habt Ihr aber auch im vorigen Kloster so wilde Streiche gemacht, daß sie Euch zur Strafe hieher sezten? Und wie muͤssen wir erst klagen, die wir ohne alle Vergehungen hier ein so strenges Leben fuͤhren muͤssen? Richtet Euch so ein, daß Ihr eure kuͤnftigen Suͤnden hier im voraus abbuͤßt. Zweite Abtheilung . Bruder Marcus koͤmmt. Wo ist der Herr Abt? Er wandelt druͤben im Garten; was giebt es denn? Pilgrimme, die das Fegefeuer be- suchen wollen, vornehme, reiche Leute. (schnell ab.) Koͤnnt Ihrs begreifen, daß sich immer noch zu Zeiten Menschen finden, die da hinten in den finstern Loͤchern herum kriechen moͤgen? Einer thuts dem andern nach, um doch sagen zu koͤnnen, er sey dort gewesen. Lange schon hats uns an Be- such gefehlt. Wenn sie reich sind, werden sie ge- wiß gut aufgenommen werden. Der Abt, Fortunat, Leopold, Diener, Moͤnche. Gesegnet sey der Gang in diese Hallen, Das fromme Herz, der tief geruͤhrte Sinn, Die demuthsvoll zum Haus des Herren wandeln, Zu schauen seine Unbegreiflichkeit. Ihr nehmt uns wohl, ehrwuͤrdiger Herr Abt, Auf einen Tag in Euern Mauern auf. Es ist dies arme Haͤuslein hochgeehrt, Daß es herbergen darf den Wohlthaͤter, Der Armen Vater, der so viel uns lieh. Fortunat . He! Pater Kellermeister! schafft den Wein, Zwei große Faͤsser sinds, die der Herr Graf Uns gnaͤdigst hat verliehn, in Eure Keller: Die Wohlthat zwingt zu hoher Dankbarkeit, Da selten hier der Trank des Rebenstocks. Fuͤr dies und alles andre was ihr gabt Soll stets inbruͤnstiges Gebet von uns Fuͤr Euer Wohl zum Thor des Himmels steigen: Ich bin schon viel gereist, und hoͤrte oft Von Sankt Patricius Fegefeuer reden, Sagt mir, Herr Abt, wie ists um diese Sache? In dieser rauhen Gegend, edler Herr, Die rings von Felsen starrt und Tannenwaͤldern, Lehrte zur Zeit, als hier noch Heiden wohnten, Ein frommer, heilger Mann, Patricius. Andaͤchtig betend und im tiefen Sinnen Verlor er sich im Wandeln bis hieher, Wo vieler Hoͤhlen unterird'sche Gaͤnge Sich weit verbreiten, hoch und niedrig bald; Da hoͤrt er Windessausen und Geheul, Furchtbarer Stimmen Klageton und Winseln, Ein schrecklich Aechzen und dazwischen Lachen, Und wie er betet faͤllt von seinen Sinnen Der ird'sche Schleier, und auf seine Fragen Wird ihm die Antwort von gequaͤlten Seelen. Daß sie allhier von Schuld gereinigt werden. Seitdem ward hier vom heil'gen Mann der Platz Fuͤr eines Kirchleins Gottesdienst geweiht; Dann hat man dieses Kloster aufgebaut, Zweite Abtheilung . Und hinter unserm Altar in der Kirche Ist eine Thuͤr, die in die Hoͤlen fuͤhrt, Wo fremde Pilger oft, die dort hineingehn Seltsam Geheul und Brausen, Klageton Der armen Seelen immer noch vernehmen: Und dies ist Sankt Patricii Fegefeuer. Fuͤhrt uns alsbald dorthin, ehrwuͤrd'ger Herr, Mich, meinen Freund, denn dazu kommen wir Aus ferner Gegend her in diese Oede. Geruht vorher noch Messe zu vernehmen, Geht dann gestaͤrkt zur Dunkelheit hinein. (alle gehn ab.) Siebente Scene . ( Refektorium .) Ambrosius, Placidus, Marcus , andre Moͤnche, welche trinken. Auf die Gesundheit unsers Wohl- thaͤters. Ein wackrer, edler Herr. Dies edle Getraͤnk haben wir lange nicht uͤber die Zunge gebracht, diese liebliche Gabe des Himmels. Und wie freundlich unser Herr Abt geworden ist, daß er es uns Armen vergoͤnnt. Fortunat . Nun, Bruͤder, laßt uns einmal wie Menschen leben, stimmt alle mit mir aus vol- ler Kehle das herrliche Lied an: mihi est propo- situm. Sacht, Bruder, das Ding laßt hier bleiben, wenn Euch der weltliche Hafer wieder sticht, werdet Ihr sehn — Nun? Was koͤnnte mir denn ge- schehn? An einen noch schlimmern Ort wuͤßte mich doch zur Strafe kein Mensch hinzubringen. Laßts gut seyn, wenn Euer lezter Convent nicht unten das Gefaͤngniß seyn soll. Huͤ- tet Euch, ein solcher stiller Einsiedler zu werden. Wo ich doch wenigstens singen duͤrfte. Der Abt koͤmmt mit Gefolge. Um Gotteswillen, Freunde, wo ist der Pater Pfoͤrtner? Hier, gnaͤdiger Herr Abt. Was solls? Die beiden fremden Herrn sind noch aus den ungluͤcklichen Hoͤlen nicht heraus, wir rufen hinein, alles schreit, keine Antwort; wenn sie umge- kommen sind, wenn sie in unterirdische Gruben fallen, heiliger Gott, wie entsetzlich! drum, Bruder Marcus, geht, eilt zu dem Manne, der im vori- gen Jahr diese unterirdischen Loͤcher ausmessen wollte und sich so weit hineingewagt hat, er weiß dort noch am meisten Bescheid, vielleicht findet er Zweite Abtheilung . sie noch wieder; von uns getraut sich kein Mensch hinein. Ich hole ihn, er muß Seile und Lichter mitnehmen. (geht ab.) Schon so lange sind sie drinn! Niemand koͤmmt mehr zu uns, den heiligen Ort zu besuchen, wenn ein so erschreckliches Ungluͤck uns begegnen sollte. Und gerade ein so vornehmer, reicher, edler Herr! Ich mag es nicht denken, so fuͤrchterlich. Kommt, kommt, Bruͤder, alle zum Gebet und gluͤcklichen Ausgang in die Kirche. (alle gehn ab.) Achte Scene . ( Unterirdische Gaͤnge. Finsterniß .) Fortunat, Leopold . Mein Leopold, bist Du in meiner Naͤhe? Ja, edler Herr, ganz nah an Eurer Seite. Wie geht es Dir, mein guter treuer Freund? Recht tief bekuͤmmert um Euch, lieber Herr. In dieser wuͤsten, schreckenvollen Nacht, Wo Fortunat . Wo sich kein Ausgang beut und keine Huͤlfe, Kein Mensch uns hoͤrt, weit in das Labyrinth Der unterirdschen feuchten Hoͤlungen Verirrt, hier, Freund, hier sollen wir verschmachten, Und nie das Licht des Tages wieder gruͤßen? Wir haben uns zu weit hineingewagt, Ihr seyd zu kuͤhn, es kennt Eu'r starkes Herz Nicht Furcht und Vorsicht, und nun muß ich klagen Daß ich Euch hier mit Rath nicht nutzen kann, Euch keine Huͤlfe hier gewaͤhren, daß Der Edelste, der Freundlichste der Menschen, Der meinem Weib und meinen Kindern huͤlfreich Und guͤtig war, der alle reich gemacht, Fuͤr den ich Blut und Leben moͤchte opfern, Daß er in frischer Jugend hier vergessen Verschmachtet, hier begraben bleibt auf ewig. Ja, schrecklich! schrecklich! welche schwache Neugier Trieb mich in dieses hoͤllische Gekluͤft? Sehr bald erloschen uns die Lichter, bald Verscholl der Moͤnche Singen fern und ferner, Ein dumpfer Hauch wie Tod zog uns entgegen, Truͤbselge Einsamkeit lag vor uns da: Was haben wir gesehn und was gehoͤrt? Ein Windessausen, das der Strom der Luft Durch diese vielverschlungnen Hoͤlen weht, Oft klang's wie hoͤhnend zischendes Gelaͤchter, Daß sich ein Thor in dieses Grab gebettet. III. [ 10 ] Zweite Abtheilung . Mein Leopold, geh nochmals in die Ferne, Und rufe laut, vielleicht vernimmt man Dich. Wenn ich die Richtung nur behalten haͤtte, So komm ich wohl dem Kloster immer ferner. (er geht, man hoͤrt ihn nachher fern rufen.) Bisher konnt' ich noch stets von Ungluͤck sagen Wenn mich mein leichter Sinn in Thorheit fuͤhrte: Der Graf von Flandern wollte mich beschimpfen, In London ward von Weibern ich betrogen Und falschen Freunden, wie so oft geschieht, Nur Ungluͤck war es, was mich in den Sturz Des Hieronymus verwickelte; Auch war's allein nicht Unbesonnenheit Die mich zum Kerker des Waldgrafen fuͤhrte? Doch das, was mich auf diesen Stein gesetzt Ist nur mein eigner dumpfer, schwacher Sinn. Nun hilf Dir, Thor! Was nuͤtzt Dir nun Dein Saͤckel? In diese finstern Todeskammern mag Selbst niemals nicht die heitre Goͤttinn dringen. — Mein Leopold! o weh, er ist versunken, — Weit ab verirrt — und jeder stirbt dann einzeln, Selbst ohne Freundestrost in lezter Stunde — Mein Leopold! — Auch ihn stuͤrzt ich dem Tode In seinen grausenvollen Schlund hinein? He! Leopold! (ganz fern.) Herr Graf! Fortunat . Ha! ha! Herr Graf! Ich moͤchte rund um diese Felsenkeller Ein wildes hoͤhnendes Gelaͤchter senden, Daß ich so reich bin, daß ich Graf mich nenne, Daß ich in meiner lezten Stunde noch Ein Grabmal mir von Gold aufthuͤrmen kann. Herauf! ihr Seelen, wenn in Feuerschluͤnden, In Seen von kristallnem Frost ihr heult, Herauf aus eurem grimmen Bett der Schmerzen, Mit euch zu nehmen den Verzweifelnden, Der gleich sein Hirn an diesen Felsenkanten Ausschmettern wird, daß nur der Geyer Hunger Ihn nicht von innen schaudervoll verzehrt. (koͤmmt zuruͤck.) Geduldet Euch mein lieber, guter Herr, Nur nicht verzweifeln, sammelt Eure Seele, Laßt nicht dem boͤsen Feinde so Gewalt. Als ich dort unten, ganz dahinten war, Da duͤnkte mir, als wenn aus fernster Ferne Ein ganz verlornes Schimmerlein aufblickte, Wie Wiederschein von Wiederschein, daß kaum Die schwarze Nacht davon durchaͤugelt ward: Entweder ist es Licht von Menschen, uns Zu suchen, oder ferner Schein des Tages, Darum seyd muthig, denn noch leben wir, So lang wir leben, sollen wir auch hoffen. Wohl hast Du Recht, mein guter Leopold. Sieh, ist es Traum, ist's Blendung meines Auges, Ist's wirklich, daß ein Glanz dort unten spruͤht Zweite Abtheilung . Und rings die feuchten Felsen schnell umleuchtet? Ja, Lichter seh' ich, Stimmen hoͤr' ich auch! Das sind vielleicht die Wunder dieser Hoͤle, Die irren Geister in der Quaal hier unten. Nein, es sind Menschen, Herr; hieher! hieher! Sie suchen uns, laßt uns entgegen gehn. So war der boͤse Traum denn auch voruͤber. Der Abt, Marcus, Michael, Daniel, Diener . Gottlob! da seyd Ihr, liebster Herr! Was wir uns um Euch geaͤngstigt haben! Dieser gute Meister Michael unternahm es endlich, Euch vermittelst Seile und Faden wieder heraus zu winden. Huͤbsch gegruͤßt am Tageslicht, mein Herr, das noch nicht da ist! Willkommen hier in der dunkeln Finsterniß! Nur wer so lebendig eingegraben lag, und an Huͤlfe und Rettung verzweifelte, kann fuͤhlen, mit welchem Danke sich sein Herz zum Himmel erhebt, darum laßt uns in die Kirche ei- len, und an geweihter Staͤtte, mein Leopold, wollen wir unser geruͤhrtes Herz dem darbringen, dessen Auge uns auch in diesen Gewoͤlben zu finden wußte. Ihr seyd in allen Dingen ehrwuͤrdig und loͤblicher Gesinnung, edler Herr. Dann soll dieser Meister Michael mit meinem Dank eine ansehnliche Belohnung em- Fortunat . pfangen, da wir ihm unser Leben schuldig sind. — Kommt, Herr Abt; aber das versichr' ich Euch, weder des Patricius noch ein andres Fegefeuer wird von mir wieder besucht, ehe nicht meine Seele selbst hingesandt wird, um mit andern Gebrechen und Thorheiten auch diese abzubuͤßen, daß ich hier hineingegangen war. (alle gehn ab) Zweite Abtheilung . Vierter Akt . Erste Scene . Straße in Constantinopel. Volksgedraͤnge . S eit Constantinopel steht, ist wohl noch nicht solches Gedraͤnge in den Straßen ge- wesen. Wohinaus, Mann? Sieht er denn nicht, daß er hier nicht durchkommen kann? Die Leute sind doch wie das liebe Vieh. Ihr koͤnnt doch wohl etwas Platz machen. Und warum sagt Ihr liebes Vieh? Ihr seyd wohl aus der Familie. Seht doch den Angstmenschen! Aus der Familie! Und das leidest Du auch so, dummer Mann? Kannst ihm keine Antwort geben, Schaafs- gehirn? Am besten sich mit solchem Poͤbel nicht einzulassen. Fortunat . Poͤbel! So'n Kerl mit seinem lie- ben Vieh will von Poͤbel sprechen! Weiß er, wenn er vor sich hat? Ich bin der Tafeldecker beim Gast- wirth zur goldnen Traube. Da haben wir's! Tafeldecker, Be- dienter! Povrer Mensch, mein Mann ist Buͤrger und Viehmaͤster. Seht doch die große Charge! Kurz und gut, andre wollen auch die Kroͤnung des jungen Kaisers mit ansehn, die Decken sind schon gelegt, der Thronhimmel ist schon abbrettirt, die Noppelgarden stehn schon parat, gleich muß der Zug vor sich gehn. Alexis, Isidore, Wasmuth und Helena kommen. Macht uns ein wenig Platz, liebe Leute. Nun, wollt Ihr denn etwa mit Eurer Koppel durch unsern Leib marschieren, junger Mensch? Wir haͤtten zu Hause bleiben sollen Alexis. Ja, guter Alexis, ja, Ihr brauch- tet hier mit Euren Ellenbogen nicht so um Euch zu stoßen um Eurer Troͤdelwaare Platz zu machen. Troͤdelwaare? O, liebe Frau, nur nicht so hoffaͤrtig, ich habe Euch gekannt, als Ihr noch schlechter aufzogt als wir, dankt Gott, daß Ihr ein bischen zu Gluͤck gekommen seyd. Noch schlechter? Ei Gott im Him- Zweite Abtheilung . mel sollte doch jeden Christenmenschen vor solcher Schande bewahren! So in lauter Fetzen, abgetrage- nen Fahnen, zusammengeflicktem Zeuge bin ich in meinem Leben noch nicht gegangen. Komm, Alexis, wir wollen nach Hause. Weine nicht, Isidore, sey zu stolz, dich von diesem Poͤbel betruͤben zu lassen. Poͤbel? O nun wird mir uͤbel. Ich merke, das Wort ist mit den neuen genuesischen Schiffen aus der italiaͤnischen Lombardei heruͤber gekommen. Seyd ruhig, Frau, Ihr habt ein zu großes Maul. Es ist wahr, Frau, halt Dich stille, Du schreist so, daß man nachher die Trompeten nicht wird hoͤren konnen. Was die druͤben schreien und zanken! Es sind die Kesselflicker aus der Fischerstraße. Hoͤrst Du, mein Schatz, wie das Publikum von uns denkt? Das Lumpenvolk! Da seh ich mein Seel welche drunter, die uns Pfaͤnder bringen und borgen, gestern haben sie Geld zusammen geliehn und gebettelt, um die Flatschen wieder auszuloͤsen, womit sie sich heut so breit machen. Wenn doch einer das Schand- maul da druͤben stopfen wollte. Fortunat . Schweigt all zusammen und stoßt und draͤngt nicht so. Es ist nicht anders moͤglich, Herr Jawanow, man druͤckt uns von hinten vor. Abel tritt auf. Platz da! Platz! Mauert Euch nur nicht in meine Thuͤr hinein, weg da, Ihr verhin- dert mein Gewerbe. Geht aus dem Fenster oder Schorn- stein, wenn Ihr nicht aus der Thuͤre koͤnnt, hier wird sich kein Mensch drum graͤmen. Das Volk ist heut wie besoffen und toll, und die Weiber am meisten. Besoffen, sagt Ihr, Herr Abel? O ja, wir duͤrfen Wein trinken. Euch ist er lange ver- boten gewesen, armer Mensch; nun Ihr Euch zum Christenthum bekehrt habt, ist er Euch wohl noch was Neues und steigt Euch bald in den Kopf? Nicht wahr? Unverschaͤmtes Gesindel! Ich werde meine Pferde mit dem Wagen herausjagen, so wer- det Ihr wohl Platz machen. (schnell in das Haus ab.) Was sagtet Ihr da, Frau Vieh- maͤsterinn? Es ist ja bekannt, er ist vor etwa zwei Jahren als ein Tuͤrke zu uns gekommen, bettelarm und stellte sich so fromm, als wenn er allen Heili- gen die Fuͤße abbeißen wollte. So tauften sie ihn denn aus Barmherzigkeit, und etliche Vornehme Zweite Abtheilung . schossen zusammen, daß er wie ein ehrlicher Mann leben konnte; so fing er an zu wuchern, und hat nun diesen großen Gasthof gekauft, aber Niemand will bei ihm einkehren, weil er die Leute so uͤber- maͤßig schindet. Ganz recht, Gevatterinn und er soll ehedem schon mal ein ordentlicher geborner und getaufter Christ gewesen seyn, und sich in der Tuͤrkei zu einem reinen Gaten gemacht haben, des Geldes wegen. Abel nennt er sich, aber er sollte Cain heißen, der hochmuͤthige Spitzbube! Platz! ich hoͤre schon die Musik. Weg, eilt, daß wir noch etwas zu sehn kriegen. (die meisten ab.) Wenn wir zu Hause geblieben waͤ- ren, haͤtten wir das nicht erlebt. Abel koͤmmt zuruͤck. Noch da, Isidorchen? Seyd Ihr denn gar nicht neugierig, mein allerliebstes Kind? Komm, Liebe, es ist die hoͤchste Zeit. Was der junge Mensch eifersuͤchtig ist! Wer weiß, ob die junge Einfalt mich doch nicht einmal Euch vorzieht, und ich haͤtte sie Euch wohl laͤngst weggeheiratet, wenn sie nur eine irgend raͤ- sonable Aussteuer haͤtte, aber sie ist ja aͤrmer als eine Kirchenmaus. Zum Heirathen gehoͤren zwei, Herr Abel. Wie schnippisch, und wie huͤbsch es ihr steht, wenn sie einem so grob begegnet. Fortunat . Herr Abel, Euch steht es auch gut, wenn Euch so grob begegnet wird. Kommt, Frau und Tochter, nun wird mir selber die Zeit lang. (gehn.) Was solch Lumpengesindel noch hoffaͤr- tig seyn kann, Volk, das nicht das liebe Brod hat. Aber huͤbsch ist sie bei alledem. — Was kommt denn da angezogen? Vielleicht Fremde, vielleicht Gaͤste; es hat ganz den Anschein. Mir waͤr's schon Recht, denn das verdammte Vorurtheil macht, daß die wenigsten bei mir einkehren, weil ich ein neuer Christ bin, weil man sagt, — ja die verfluchten bi- gotten aberglaͤubischen Zeiten, wodurch ein ehrlicher Mann in seiner Nahrung gehindert wird. Fortunat, Leopold kommen. Wir sind nun schon die ganze Stadt durchwandert, wir versaͤumen die Festlichkei- ten, und kommen doch nicht unter. Welch Ge- draͤnge! Welche Menge Volks! Sieh, hier ist noch ein Gasthof. Befehlen meine gnaͤdigen Herren vielleicht ein Quartier? Koͤnnt Ihr uns aushelfen? Seyd Ihr vielleicht der Wirth von diesen großen Hause? Unterthaͤnigst aufzuwarten. Ist Euer Gefolge stark? Zwoͤlf Pferde und acht Diener. Alles bei mir steht so wuͤrdigem Herrn zu Befehl, ich werde gleich Anstalten machen. Zweite Abtheilung . Eile, mein Leopold zuruͤck, und bringe die Leute hieher. Nachher, Herr Wirth, werd' ich mit Euch des Quartiers, der Bedienung und der Speisung wegen rechnen. (geht ab.) Ich will hineingehn und die Zim- mer betrachten. Spatziren der Herr Graf hinein. — Herrlicher Fund! Wenn nur der alte Murrkopf nicht bei ihm waͤre! — Hier, edler Herr Graf, treten wir gleich in den großen Saal. (gehn hinein.) Zweite Scene . ( Kleine Huͤtte .) Wasmuth, Helena, Isidore . So giebt es keine Huͤlfe, keinen Rath und Trost mehr? Unser Elend waͤchst von Tage zu Tage, nun haben uns die hartherzigen Menschen auch noch unser Handwerkszeug genommen: das naͤchste ist verhungern. Alle Kleider sind verkauft, wir duͤr- fen uns vor Niemand mehr sehn lassen. Liebste Eltern, — o Vater, weint Fortunat . nur nicht, — ich will arbeiten, ich will alles thun: ihr habt mich so lange ernaͤhrt und geliebt, es ist zu viel, wenn ich mein Leben fuͤr Euch hingebe. Kind, Du mein Trost, Du meine wohlgerathene Tochter, daß ich Dich so muß ver- gehn sehn in bluͤhender Jugend! daß Du als eine Elende in die weite wuͤste Welt hinaus gestoßen wirst, und nach meinem Tode vielleicht ein Boͤse- wicht — Kind, versprich mir, wie Gott Dich auch pruͤfen mag, der Tugend getreu zu bleiben. Vater, ich werde immer daran den- ken, daß ich Euer Kind bin. Sieh, liebes Herz, wenn der gute Alexis nur nicht eben so arm waͤre, wie wir, der mit seinem Handwerk schon seine alte blinde Mut- ter ernaͤhren muß — Daran ist ja nicht zu denken, das hieße ja nur Elend auf Elend bauen. Abel tritt herein. Nun, ihr armes Volk, wie geht's? Noch immer so großmaͤulig? Noch immer so viel großthuige Tugend und moralische Herrlichkeit in Euren Lumpen? Was wollt Ihr immer wieder in unserm Hause? Wir haben Euch einmal und vielmal die Meinung gesagt. Ich komme darum nicht, ich weiß, daß Ihr auf vornehmere Freiwerber wartet, auf Leute, denen auch die blanken Ellenbogen so durch die Jacke glaͤnzen. Ich bin heut mit einem Auftrage Zweite Abtheilung . von jemand hergeschickt, der Euch weiter gar nicht kennt. Was sollen die vielen Flausen? Kommt zur Sache. Ihr verdient's nicht, ihr Gesindel, was ich fuͤr Euch thue; indeß, was hat man anders als Undank vom Menschengeschlecht? Macht's kurz und gut, Herr Abel, denn Euer freundschaftlicher, herablassender, unhoͤflicher Ton faͤllt mir herzlich zur Last. Also denn: in meinem Gasthofe ist ein fremder reicher Mann mit einem großen Gefolge eingekehrt, dem Patron muß ein Ueberfluß von Barmherzigkeit in den Magen druͤcken, denn er hat mir den Auftrag gegeben, ihm ein armes Maͤdchen vorzuschlagen, die er anstaͤndig und reichlich aus- statten will. Da bin ich nun gleich auf Euch ge- fallen, ich habe dem Wurmdokter Euern Nahmen genannt, und er wuͤnscht, das Kind morgen fruͤh zu sprechen. Wenn Ihr sie also in der achten oder neunten Stunde zu ihm schicken wollt, so will er selbst das Noͤthige mit ihr verabreden, ich glaube aber, er wird die Bedingung dabei machen, daß die Jungfer Isidore mich heirathen soll, weil er sein Geld auch nicht geradezu wird wegwerfen wollen. Nun hab ichs genug, nun sucht die Thuͤr, armselger Mensch! Also den Kuppler macht Ihr auch schon? Mein Kind soll ich einem fremden, nichtsnutzigen reichen Menschen nun so aufs Zimmer schicken? Und Ihr habt die Frech- heit, das einem Vater selber zu sagen? Meint ers Fortunat . ehrlich, so kann er hieher kommen, sich erkundigen, sehn; aber solche Leute giebts in unsrer Welt nicht, darum packt Euch! Ich bin schon fort. Ich habe nie Leute gesehn, die so ihr Gluͤck mit Haͤnden und Fuͤßen von sich stoßen. (geht ab.) Du hast Dich wieder geaͤrgert, lieber Alter, und bist doch vielleicht allzumißtrauisch. Lehre mich die Welt und Men- schen nicht kennen! das waͤre ja wie aus alten Maͤhrchen und Wundergeschichten, daß es wieder Leute gaͤbe, die in der Welt herumreisten, um Noth- leidende gluͤcklich zu machen. Kommt hinein, wir haben heut nur Brod und Wasser, aber wir koͤn- nen uns sagen, daß wir ehrlich sind; ist morgen die Noth noch groͤßer, so muß der himmlische Va- ter sorgen. (sie gehn.) Dritte Scene . ( Gasthof .) allein. Das ganze Wesen mit meinem Gaste ist mir ein Raͤthsel. Er thut so reich, er hat so viele Pferde und Menschen bei sich, sein Benehmen ist so vor- nehm, und doch kein baares Geld! Nun will er ein Zweite Abtheilung . Maͤdchen ausstatten, — und wovon? Ein kluger Wirth laͤßt sich nicht gern bei der Nase fuͤhren; ich habe da unter ihrer Schlafkammer einen Ein- gang in ihre Stube von dem sie sich nichts traͤu- men lassen, und wie ich vergangene Nacht meine Visitation anstelle, ist doch auch in keinem von allen ihren Beuteln ein einziger Kreuzer. Die Leute muß ich genauer beobachten. Fortunat koͤmmt. Nun, Herr Wirth? Habt Ihr meinen Auftrag besorgt? Gnaͤdiger Herr, ich muß die Ehre ha- ben zu versichern, daß das Menschengeschlecht im Ganzen gar nichts taugt, geht man aber vollends ins Detail, so stehn einem ehrlichen Mann die Haare zu Berge, und laͤßt man sich endlich gar mit den sogenannten Armen ein, so findet man doch auch nichts, als die ausgemachteste Niedertraͤch- tigkeit. So? Ich komme dahin zu den Leuten, ich kann wohl sagen, mit geruͤhrtem Herzen, ich trage das gnaͤdige Anerbieten, die unerhoͤrte Großmuth vor, und bilde mir ein, die Leute werden in der niedrigen Stube vor Freuden bis an die Decke springen; und was wird mir? Grobe Begegnung, die Thuͤr wird mir unter anzuͤglichen Redensarten gewiesen, und ich muß froh seyn, nur ohne koͤrper- liche Mißhandlung davon zu kommen. So? Abel . Fortunat . Kuppler nennt man mich, und giebt Euch, mein gnaͤdiger Herr, diesem Wohlthaͤter, die ehrenruͤhrigsten Schimpfnahmen. Selber kann der fremde Patron sich herscheeren; schreit der groß- maͤulige Vater, wenn es ihm ums Großthun so sehr zu thun ist, ich schick meine Tochter keinem solchen liederlichen Laffen ins Haus! und derglei- chen mehr, wie ich mich nie unterstehen werde, ge- gen einen solchen vornehmen Herrn nur in den Mund zu nehmen. So? Drum daͤcht ich, wir ließen dieses ge- meine Geschlepp fahren, das in seinem Bettel ein Privilegium zur Grobheit zu haben glaubt. Es finden sich wohl andre, wuͤrdigere Subjekte in die- ser großen Stadt, die eine so ungeheure Wohlthat mehr zu wuͤrdigen verstehn. So? Oder wollen der gnaͤdigste Herr doch in denselben Gesinnungen, trotz des Unwerthes der Menschen, fortfahren, so koͤnnte die unerhoͤrte Großmuth mehr als einen begluͤcken, wenn der Wohlthaͤter es dem Maͤdchen bei der Aussteuer (die, wie ich mir denken kann, ansehnlich seyn wird) zur unerlaͤßlichen Pflicht machte, Euer Gnaden un- terthaͤnigsten und unwuͤrdigsten Diener, den Gast- wirth Abel zu heirathen, da mir das schoͤne Maͤd- chen schon laͤngst mein Herz geraubt hat. So? Ich bitte um Verzeihung, wenn ich vielleicht zu dreist gewesen bin. III. [ 11 ] Zweite Abtheilung . Herr Wirth, von dem Maͤdchen und den Eltern kann ich darum nicht schlimmer denken, weil sie nicht zu mir kommen will; mor- gen fruͤh fuͤhrt mich zu ihr, und ich will ihr die Aussteuer einhaͤndigen, die ich ihr zugedacht habe. (ab.) So? Und wo das Geld hernehmen, mein allerliebster hochfahrender So- Herr? Das ist ein Geheimniß, dem ich noch auf den Grund kom- men muß. Gewiß haben sies eingenaͤht in Kleider und Waͤsche, denn er bezahlt jede Mahlzeit, den Wein, jedes Futter fuͤr die Pferde gleich baar und ohne etwas abzudingen. Also nun will er, wer weiß wie viel Zechinen, an ein armes Maͤdchen weg- schmeißen? So? die ich aber besser brauchen kann. O Einfalt, so mit dem Gelde zu handthieren! Ich muß aber nicht versaͤumen, noch diese Nacht meine Operation vorzunehmen, denn morgen zahlt der Narr das Geld und reist dann vielleicht fort; hab ichs, dann heißt es: mein Geld ist fort! Und ich: So? und immer wieder mein: So? eben so un- schuldig und kaltbluͤtig wie er, mein: So? (ab.) Vierte Scene . ( Ein andres Zimmer .) Daniel, Jakob, Adam, Ulrich . Setzt Euch daher Kamerad, denn ich hoͤre ja, daß Ihr ehemals auch von unserm Stande Fortunat . gewesen seyd, hier laßt uns eins trinken, wo Nie- mand uns sieht, alles schlaͤft, auch unser Herr Abel ist zu Bett gegangen, und wir koͤnnen nun einmal ungehindert froͤhlich seyn. Hier, Daniel, versucht einmal diesen Wein. Auf eure Gesundheit, Freunde und Kameraden. Er schmeckt treflich. Er ist ein Gewaͤchs von den griechi- schen Inseln. Will's glauben, denn ich bin doch nun schon weit mit meinem Herrn herumgekommen, der immer auf Reisen ist, aber solch liebliches Ge- traͤnk ist mir noch nirgend durch die Kehle geflossen. Was ist denn Euer Herr eigentlich? Seht, Mann, da werft Ihr mir eine Frage vor, die mir zu schwer und hart ist. Was er ist? Er weiß es vielleicht selbst nicht recht, so etwas Besonderes muß er seyn. Oft denk ich, er ist ein Kaiser der inkognito reist, oder der Prie- ster Johann von Indien, oder der ewige Jude, oder noch was Kurioseres Geld hat er immer, und immer das schoͤnste Gold, er bezahlt ohne son- derlich nach dem Preise zu fragen, wir alle leben bei ihm im Ueberfluß, aber keiner weiß, wo ers her- nimmt. Vielleicht hat er ein Buͤndniß mit dem Teufel gemacht und ihm seine Seele ver- schrieben. Das hab ich auch schon gedacht, aber er ist fromm und versaͤumt nicht leicht seine Zweite Abtheilung . Messe, auch liest er oft; er ist ein stiller, tugend- hafter Herr. So hat er wohl den Stein der Weisen? Das muß seyn, denn aus sich selbst kann er doch das Geld nicht muͤnzen. Und wer weiß. Seht, Freunde, was man in der Welt Fratzen, Maͤhrchen und Alte- Weibergeschichten nennt, hat oft seinen guten Grund in den Geheimnissen der Natur; die Folgezeit, ich will sagen, was nach der Vorzeit zu kommen pflegt, erklaͤrt oft, und macht das begreiflich, was wir fruͤ- her, oder in der Vorzeit einen Aberglauben genannt haben; so sind nun von tiefsinnigen Maͤnnern schon viele Geheimnisse entdeckt, und so kann jene wunderliche, beinah abgeschmackte, von vielen Kunst- verstaͤndigen fuͤr unanstaͤndig erklaͤrte Figur, die manche Leute wohl ihren Kindern zu Weihnachten zu schenken pflegen, doch auch als alte Sage und Tradition ihren guten Grund in der Wirklichkeit haben, und Euer Herr ist vielleicht selbst ein solches Maͤnnchen. Teufel, Adam, Ihr seyd ein tief- sinniger Denker, Ihr bringt mich da auf einen nagelneuen Gedanken. So muͤßte man nur einen rechten Gelehrten uͤber ihn schicken, um seine Be- obachtungen uͤber solch Naturwunder anzustellen. Der Lamadienst hat gewiß dieselbe Veranlassung gehabt, der erste Dalai Lama war ein so begabter Mann, seine Nachfolger haben es ihm freilich nicht nachmachen koͤnnen, und darum ver- Fortunat . faͤllt die Religion auch von Jahr zu Jahr. Der eigentliche wahre Lamadienst ist in der ganzen kul- tivirten Welt verbreitet. Wie seyd Ihr, große Seele, mit den Kenntnissen und Eurem Ahndungsvermoͤgen nur zum Aufwaͤrter in einem Wirthshause geworden? Bei uns in Griechenland sind zu viele Denker, und daruͤber bleibt keinem was Rechts zu denken uͤbrig, tausend theilen sich in die Masse, und keiner bekoͤmmt deshalb das Maul voll. Will man mit einer Ansicht heraus ruͤcken, so haben sie alle Menschen schon gehabt und wieder vergessen, so wie sie vorgeben. Ich wollte mich erst zum Denker aufwerfen, ich habe die Welt gesehn, ich kann gruͤndlich und umfassend sprechen, ich bin nicht ohne Gaben, aber mein Beifall verlor sich bald, und da ich außer meiner geistigen Kraft eine große Inklinazion zum Trinken habe, so dachte ich mich an die Quelle zu begeben, und bin darum in die- sem Wirthshaus als Kuͤfer in Dienste getreten. Und geht's euch nicht, wie den Lehr- lingen der Zuckerbaͤcker, denen man das Naschen erlaubt, weil sie sehr bald uͤbersaͤttigt werden, und nachher aus Eckel nichts von den Suͤßigkeiten mehr anruͤhren moͤgen? Nein, Herr Camerad, im Gegentheil, je laͤnger ich mich unter den Faͤssern umtreibe, je mehr ich probire und koste, um so mehr komm' ich auf den richtigen guten Geschmack. Unter uns, Freunde, ich saufe oft mehr als die Gaͤste, beson- ders wenn dummes Volk ins Haus kommt, das Zweite Abtheilung . nichts davon versteht, die muͤssen das hiesige ge- sunde Brunnenwasser mit einschlucken, so daß den Neulingen der Wein gewiß nicht schaͤdlich wird. Wenn mir mein Herr nur nicht so vorarbeitete. Aber der sizt selbst tagelang im Keller, in chemi- schen Prozessen, und versucht die Verwandtschaft des Wassers zu den Weinen, der Gewaltsspitzbube! Ist es denn wahr, daß er Tuͤrke, und vorher schon Christ gewesen ist? Er hat alle Religionen kursorisch durch- laufen. Er wird bei der Auferstehung viel Verwir- rung anrichten, denn man wird nicht gleich wis- sen, ob man den Kerl als Juden, Heiden, Tuͤr- ken, oder Ketzer verdammen soll; er gehoͤrt in zu viele Rubriken. Das ist ein Halunke, der nicht nur die Gaͤste schindet, was mancher ehrliche Mann thut, sondern auch seine eigenen Leute. Und zu betruͤgen sucht er uns bei jeder Gelegenheit, heftet uns falsches Geld auf, giebt uns die Auslagen nicht wieder, nimmt oft, wenn wir nicht gleich bei der Hand sind, das Trinkgeld nach sich, und sagt, die Gaͤste waͤren Hungerleider gewesen und haͤtten nichts gegeben, und solcher Kniffe mehr, in denen er unerschoͤpf- lich ist. Arme Maͤnner! Aber ihr scheert ihn doch rechtschaffen wieder? Lieber Mann, darinn braucht uns ge- wiß der groͤßte Virtuos keine Stunden zu geben. Fortunat . Was wir ihm nur an den Augen absehn koͤnnen, thun wir ihm zum Possen. Und wo Wein auslaufen will, wo Geschirre umstuͤrzt, wo das Essen verdirbt, wo ge- stohlen werden koͤnnte, da seyd ihr doch auch nicht zu schnell bei der Hand, um den Schaden zu ver- huͤten? Gewiß nicht, wenn's platzregnet las- sen wir gern die Fenster zu den besten Stuben auf, das hat noch den Vortheil, daß der Zugwind oft, wie die Thuͤr aufgeht, sie zerschlaͤgt, die guten Moͤbeln lassen wir in der Sonne stehn, daß sie sich werfen muͤssen, wo wir Motten merken, stoͤren wir sie gewiß nicht, die Maͤuse noch weniger, so daß der gute Bursche mit dem Haushalt auch alle Haͤnde voll zu thun hat. Recht so! so hab' ich's auch immer gemacht, und habe doch wohl bei zwoͤlf Wirthen gedient. Sie treiben's einem wohl danach, daß man die Tugend einbuͤßen muß. Ei was, es ist Tugend, solchen Schel- men das Leben recht sauer zu machen. Abel tritt herein. Wie? Was? Es sitzen hier noch die Gesellen So spaͤt, daß es bald wieder Morgen wird? Scheert euch zu Bett, ihr Tagedieb', es fehlt noch Daß ihr die Naͤcht' in Saufgelagen hinschwelgt! Wir sprechen hier in aller Lieb' und Guͤte Zweite Abtheilung . Als gute Freund' und Cameraden nur Von Euch, mein bester Herr, und Euren Gaben. Und ich, mein Herr, bin so zu sagen Fremder, Ein Gast bin ich, und kann fuͤr baares Geld Essen und trinken, wann, und wo ich will. Ich bin nicht da, um angeschnauzt zu werden; Es kann sich fuͤgen, daß Ihr selber mir Den Wein auftragen muͤßt, Herr Wirth! Ver- standen? Vollkommen, aber diesen meinen Leuten Hab ich das Recht zu sagen: marsch! fort! packt euch! Und wenn Ihr klug seyd, Gimpel, geht Ihr auch! Ein Gimpel? Lieber noch als Eul' und Schufut. (sie gehn ab.) Ja, zum Verzweifeln ists, und unbegreiflich! Erbeutet nichts, als zwanzig Stuͤck Dukaten. Ich mache mich da unterm Bett hervor Wo meine Fallthuͤr ist, sie schlafen all, Da schneid ich still dem Leopold den Saͤckel Und finde zehn, den andern Dienern auch Und finde zwei und drey und wieder zwei, Und so bis zwanzig Stuͤck beisammen sind, Nun zitternd schon vor Freude athmend kaum, Mach' ich mich an den großen Prahler selbst, Das scharfe feine Messer nimmt auch gleich Die Schnuͤre weg; ich habe schon den Saͤckel Fortunat . Den er an seinem Leibe immer traͤgt, Und fuͤhl' ihn leicht und leer von außen schon, So daß ich ihn im Zorn weit hin von mir Dort unter's Bett' hinwarf: drauf macht' ich schnell Die Fenster auf, als waͤren naͤchtlich Diebe Hereingestiegen. Wie in aller Welt Will er die Ausstattung nur moͤglich machen? Am naͤchsten Tage mir bezahlen? Fort, Daß er nicht glaubt, ich haͤtte noch gewacht. (ab.) Fuͤnfte Scene . ( Saal .) tritt auf. Um's Himmels Willen! gnaͤd'ger — gnaͤdger Herr! Fortunat koͤmmt im Nachtkleide. Was fehlt Dir, Freund? Du bist verwirrt? Siehst bleich? All' unsre Fenster auf, mein Geld entwandt, So auch den Knechten, die etwas besaßen — Seyd Ihr denn auch beraubt? O weh! mir schwindelt! Ich sinke, — reich mir schnell den Sessel her — Zweite Abtheilung . Ich habe etwas, Euern Sinn zu staͤrken. (ab) So ist mein Gluͤck dann wie ein Traum ver- schwunden? Es war, es ist nicht mehr — ich bin verloren! Ich kann nicht mehr — dies ist die Todesstunde. Leopold koͤmmt zuruͤck mit Dienern. Hier, gnaͤdiger Herr, braucht diesen starken Geist — Nehmt auf den Schreck hier diesen Becher Weins — So habt Ihr auch, wie's scheint, Verlust erlitten? Mein Freund, ich habe Alles eingebuͤßt — Ja, Weisheit, Goͤttinn, haͤtt' ich waͤhlen sollen, So waͤre mir Verstand nicht mit dem Geld Entwichen, — ja, ich sehe noch den Blick, Halb hoͤhnend, halb in Mitleid eingetaucht, Mit dem sie von mir schied, — haͤtt' ich gewaͤhlt Nicht nach dem Schein, nein nach dem innern Werth So haͤtte mich kein Dieb berauben koͤnnen. Er phantasirt, lauft schnell zu einem Arzt — Was sprach ich, Freund! Ich weiß nicht, wo ich bin, Fortunat . Hoͤrt nicht auf meiner Rede leeren Klang — Nicht weiß mein Geist, was meine Zunge spricht. Vor allem, gnaͤdger Herr, beruhigt Euch, Zwar weiß ich nicht, wie viel Ihr habt verloren, Doch haben wir noch Pferde, reich Geschmeide, Wir suchen zu verkaufen, und entlassen Von Dienern, was Ihr nicht hoͤchst noͤthig braucht, So trau' ich es mit Gott noch zu vollbringen Euch in die Heimath, und zu Euren Guͤtern Mit Ehren, ungefaͤhrdet heimzufuͤhren, Ich bin wohl schon in groͤßrer Noth gewesen. Du weißt nicht, Leopold, — Du kannst es nicht Begreifen noch verstehn, — wozu der Worte? Ich bin verloren, laß mich nun verzweifeln! So viel ich weiß, mein gnaͤdger Herr, betraͤgt Doch der Verlust nur wenige Zechinen, Ihr wolltet morgen eine große Summe Aus freier Gunst verschenken, unterwegs Habt Ihr auf Gut und Geld nie sehr geachtet, Wie faß ich's, daß Euch dies so nieder wirft? Abel koͤmmt. Was muß ich hoͤren, mein erlauchter Herr? In meinem Hause? Wie nur war es moͤglich? Wer war so nachlaͤssig in seinem Dienst, Zweite Abtheilung . Das nur der Dieb die Fenster oͤffnen konnte? Das bringt in uͤblen Ruf mein redlich Haus. Seyd still, der Herr ist voͤllig außer sich. Mein Saͤckel, — hier am Wamse trug ich ihn — Wo kann er seyn? Wer kann ihn wiederschaffen? Sucht, Leute, denn vielleicht mag er sich finden. (ab mit Dienern.) Mein Leopold! voruͤber Gluͤck und Heil — Jezt seh' ich, daß Du nicht ein Diener bloß, Daß Du ein Freund mir bist, — wie schmerzt es mich, Daß ich nicht Deine Liebe kann belohnen! Wenn Ihr Euch mir nur ganz vertrauen wolltet. Abel koͤmmt mit Dienern. Da unter Eurem Bett fand ich den Saͤckel Von simpeln Leder, — ohne Zier, und leer — Gieb her! Er ist's! Gieb her! Da, gnaͤdger Herr — Wie seyd Ihr nur so eifrig nach dem Dinge? Weil Du's nicht weißt; weil drinn ein großer Wechsel, Fortunat . Den mir am Morgen soll ein Kaufmann zahlen. — Bringt mich hinein, ich lege mich zu Bett, Und laßt mich nun noch ein'ge Stunden ruhn, Der Schreck hat mich nur zu sehr angegriffen. (mit Leopold und Dienern ab.) Der Beutel! Hm! Der Beutel! Etwas mehr Muß es mit diesem Saͤckel auf sich haben. Welch Vieh war ich, ihn gleich so abzugeben, Nicht erst zu untersuchen! — Drinn ein Wechsel? Ich fuͤhlte nichts. — In naͤchster Nacht erfahr' ich's. Will er als Narr sein Geld nur so hinaus Zum Fenster werfen, bin ich ihm der naͤchste, Der ihn beherbergt, speist, und fuͤr ihn sorgt, Und hat er Geld, so wird es auch das meine. (ab.) Sechste Scene . ( Huͤtte .) Isidore oͤffnet die Thuͤr, Alexis tritt ein. Ach! bist Du es, mein lieber Ale- xis? Du weißt ja, Du darfst nicht hier seyn, geh mein Lieber; wenn Dich die Eltern finden sollten, wie wuͤrden sie schmaͤhn! Also das ist Dein Empfang? Das Deine Liebe? Ich konnte nicht laͤnger leben, ohne Zweite Abtheilung . Dich zu sehn. Aber Du kannst mich wohl vergessen, Du kannst ohne mich vergnuͤgt seyn. Nun, so lebe wohl, Gefuͤhllose, Du sollst mich nie wieder- sehn. Nein, bleib, mein Liebster, bleib und hoͤre: bleib und gieb mir einen herzlichen Kuß. — So im Zorn darfst Du nicht von mir gehn. Wie kannst Du glauben, daß ich Dich weniger liebe? Ich kann dies Leben nicht laͤnger er- tragen, zu Hause nichts als Elend, ohne Freund und Hoffnung und Beistand, Dich soll ich nicht mehr sehn, was noch Sonne und Fruͤhling in mei- nem dunkeln Gefaͤngniß war, so muß ich wohl un- tergehn. Aber, Liebchen, Du weißt es ja, daß es nur meine Eltern deshalb nicht wollen, daß Du unser Haus besuchst, weil wir uns doch nicht heirathen koͤnnen, und weil die Nachbarn gar zu gern klatschen und alles ins Boͤse drehn, sonst ha- ben sie ja nichts gegen Dich, — und ich, — o Gott! daß ich an dich denken kann, ist mir ja Speise und Trank, wenn Du vorbeigehst ein hoher Festtag. Wo sind sie denn, die Alten? In die Messe gegangen. Da wunderts mich, daß Du hast zu Hause bleiben duͤrfen, so fromm der Vater ist. Ich — (weint.) O laß mich, lieber Alexis. Was ist Dir? Warum weinst Du? Fortunat . Nein sprich, sage mir, was Dich mit einemmale so uͤberfaͤllt. Kann ich Dir helfen? Ach nein, nein: — sieh nur, ich habe wohl zu Hause bleiben muͤssen, weil ich nun gar nichts mehr, auch keinen Schleier mehr habe — ach! ich schaͤme mich ja, mich selbst vor Dir in diesen zerrissenen Lumpen sehn zu lassen. Wenn man eine Stelle zunaͤht, reißen drei neue wieder auf. Das ist doch wohl der groͤßte Jammer auf der Welt. Nur nicht weinen, mein Kind, nicht so sehr, — es greift mir zu sehr durchs Herz. Vielleicht ist bald Huͤlfe da. Nein, Lieber, so werden wir ver- kommen, vergehn und verschmachten. — O Himmel meine Eltern! Sie kommen Dir entgegen, Du darfst nicht hinaus! versteck Dich hier, schnell in meine Kammer hinein. ( Alexis ab.) Wasmuth und Helena kommen. Schon wieder zuruͤck, lieber Vater? Wie immer, der Gottesdienst ist geendigt. — Ist niemand hier gewesen? Kein Mensch. Fahr mich nur nicht so an, ich glaubs wohl, daß Niemand sich nach unserm Elend umschauen mag. — Wer klopft? Herein! Abel und Fortunat kommen. Hier ist der edle Herr, von dem ich Euch sagte, er hat sich selber bis zu Euch bemuͤht, Zweite Abtheilung . um Euch und Eure Tochter kennen zu lernen, und wenn Ihr es werth seyd — Laßt mich selber sprechen, Herr Wirth. Vor allem, gnaͤdiger Herr, nehmt diesen Schemel an, und geruht Euch niederzu- lassen. Ihr tretet in eine arme Wohnung, aber unter ehrliche Menschen, und da Ihr Euch nicht zu groß duͤnkt, zu uns zukommen, so wollen wir, so elend wir auch immer sind, uns nicht schaͤmen, uns vor Euch zu zeigen. Diese da ist Eure Tochter? Wa- rum tritt sie nicht vor? Warum verbirgt sie sich? Ach, gnaͤdger Herr, sie scheut sich, ihre Kleider, ihre Armuth, sie ist so wenig und so schlecht angezogen — Diese Tracht, schoͤnes Kind, macht Euch Ehre, denn in dieser Stadt koͤnnte es Euch wohl an Putz nicht fehlen, wenn Ihr den Antraͤgen der Schlechtigkeit Gehoͤr geben wolltet. Ihr beschaͤmt mich, edler Herr. Sagt mir aufrichtig, liebt Ihr diesen Mann? Sprecht ohne Scheu, denn wenn Ihr ihn erwaͤhlt habt, so sey er der Eurige, und die Eltern hoff ich, geben in diesem Falle meinen Bitten nach. Ich wuͤnsche freilich im Stande zu seyn, meinen Eltern in ihrer Armuth zu helfen, aber, da ich frei sprechen soll, ich bliebe lieber Zeit- lebens unverheirathet, als daß ich diesen naͤhme. Nein, gnaͤdger Herr, sie kann ihn Fortunat . ihn (nehmts nicht uͤbel, Herr Abel) nicht ausstehn, er hat ihr schon genug nachgestellt. Nun, nun, wir wollen daruͤber keine Geschichten erzaͤhlen, Freund. Nennt mir einen andern Mann oder Juͤngling und meine Vorsprache und Huͤlfe soll euch nicht fehlen. Lieber, gnaͤdiger Herr, Ihr seyd so edel und freundlich, — ach! ich muß sagen — Sprich heraus, Kind, scheue dich nicht; sie hat einen Liebsten, edler Herr, sie haͤtte ihn auch schon geheirathet, wenn der arme Bursche nicht in demselben Elende lebte wie wir. Ruft ihn, ich will Euch geben was Ihr braucht, um Eure Wirthschaft einzu- richten. Wenn Ihr befehlt, so will ich den Knecht sogleich holen. Ruhig, ich bin der naͤchste dazu. Laßt es noch, lieber Vater, ich bitte. Was soll denn die Ziererei? Gieb mir den Hut her, Frau. Alexis tritt hervor. Es wird nicht noͤthig seyn, Vater, da bin ich schon. Wie? Was? Solche Streiche gehn hinter meinem Ruͤcken vor? Solche Schande macht Ihr mir vor dem fremden Herrn? Nun gleich zum Hause hinaus, und nun wird aus der Heirath in Ewigkeit nichts! III. [ 12 ] Zweite Abtheilung . Liebster Vater — Schweig, ungerathene Dirne! Ihr seht, mein wuͤrdiger Herr, wir koͤnnen, wir duͤrfen Eure Wohlthaten nicht annehmen, denn wir sind es nicht werth! So laßt Euch doch nur bedeuten, guter alter Wehrwolf. Sieh, Alexis, was Du angerichtet hast. Sagt ich's nicht? Nichts will ich hoͤren! Laßt den jungen Menschen reden, alter Mann, Ihr duͤrft gegen Eure Kinder nicht ungerecht und grausam seyn. Das ist auch wahr, Herr fremder Graf, er moͤchte sie lieber gleich umbringen, weil sich die jungen Leute gern sehn, was doch vor Gott und Menschen keine Suͤnde ist. Hoͤrt an, Vater: ich kam, um Eure Tochter nach der langen Zeit nur auf einen Augen- blick wieder zu sehn, und weil wir so in Angst vor Euch waren, da Ihr mir das Haus verboten habt, sprang ich, wie wir Euch kommen hoͤrten, hier hinein. Wollt Ihr mir nun darum Eure Tochter nicht geben, da uns der Himmel doch so unverhoft einen edlen Wohlthaͤter zusendet, wofuͤr wir ihm mit Freudenthraͤnen danken sollten, seht, so seyd Ihr ein rechter alter — Was, du Range? Ich will nicht hoffen, Boͤsewicht — Nun ja, so seyd Ihr ein rechter al- ter boͤser unvernuͤnftiger Mensch und kein Vater; Fortunat . aber nein, Ihr seyd zu gut, Ihr nehmt gewiß Vernunft und Euer und unser Gluͤck an. Vergebt mir, lieber Vater, wir dachten nicht Euch zu beleidigen. Wenn der fremde Herr glaubt, daß Ihr seine Wohlthaten noch verdient, so will ich Euch vergeben. Vereinigt in meiner Gegenwart Eure Haͤnde und der Himmel moͤge Euer Buͤnd- niß segnen. Empfange, Du gutes armes Maͤdchen, von mir zur Aussteuer diese vierhundert Goldstuͤcke, und moͤge das Gluͤck Euren Hausstand nie ver- lassen. Vierhundert! O Herr — ich moͤchte danken, — moͤchte sprechen, — aber es wuͤrgt mir so in der Kehle, — ich kann nicht. Nehmt unsre Thraͤnen, unsre Ge- bete an. Es ist zu viel, mein theurer, gnaͤdi- ger Herr. Mir ist, als wenn ich nur im Traume laͤge. Isidore, Kind, wie haben wir so großes Gluͤck verdient? Aber es fehlt Euch an Kleidern, an Geraͤth, an Handwerkszeug, theilt Euch mit den Eltern noch diese zweihundert und seyd gluͤck- lich. Kommt gleich mit mir zur Kirche, und laßt mich ein Zeuge Eures Buͤndnisses seyn. Kommt, kommt Kinder, thut alles, alles was der Herr befiehlt! Springt und Zweite Abtheilung . tanzt und jubilirt und betet zu Gott fuͤr diesen wundervollen Tag! Druͤben, bei der Gevatterinn, Mann, koͤnnen wir uns schnell einen bessern Anzug kaufen. Ja, liebe Mutter, denn so koͤnnt' ich unmoͤglich uͤber die Straße gehn. Schnell, und dann in die Kir- che! O laßt Euch die lieben theuern Haͤnde kuͤssen, ihr unser Wohlthaͤter! Kommt, Kinder. (alle gehn ab.) So kann ich doch sagen, ich habe nun etwas gesehn, was gewiß zu dem Allerseltensten und Wunderlichsten auf der Welt gehoͤrt, und das ich nicht glauben wuͤrde, wenn es mir ein andrer er- zaͤhlen wollte. Sechshundert Goldstuͤcke! Verruͤckt ist der gute Mensch, das leidet keinen Zweifel, ist mir auch gleichguͤltig, nur woher, woher er das viele Geld nimmt, daß er es so wegschmeißen darf, darauf kommt es an, und dahinter muß ich kom- men, noch diese Nacht. Hat er es baar, so ent- geht mir's nicht, ist mit dem Beutel, wie ich bei- nah aberglaͤubisch werde zu glauben, Hexerei oder Wunder im Spiel, so weiß ich den auch zu finden. Ich habe wohl bemerkt, daß er ihn seit der lezten Geschichte sorgfaͤltig im Busen verwahrt und nicht mehr am Wamms traͤgt. Er wird mein, und hilft nichts anders, so wird ein Messer, wenn er schlaͤft, seine Dienste thun, daß er nicht mehr erwacht. Sie wollen bald reisen; wie es auch sey, mein muß werden, was er an Schaͤtzen hat. (geht ab.) Fortunat . Siebente Scene . ( Zimmer ) Fortunat, Leopold . Es ist schon spaͤt, und da wir morgen fruͤh Mit Tages Anbruch abzureisen denken, So werf' ich mich bekleidet auf das Bett. Ich folge gern dem Beispiel, doch Euch, Herr, Der Ihr des ungewohnt, wird es ermuͤden. Ich habe groͤßere Beschwer erduldet. So gehen wir nach Eurer Heimath nun? Ja, Du hast mir die Sehnsucht aufgeweckt, Und, sonderbar, daß ich nicht fruͤher schon Des Vaterlands, der theuren Eltern dachte; Der Trieb, mir Land und Staͤdte zu besehn, Verdeckte ganz mir mein Gemuͤth und Herz Fuͤr jede andre Luft, doch koͤnnen wir Von dort noch manches fremde Reich besuchen. Die Nacht ist still, kein Luͤftchen regt sich jezt, Kein Schall, kein Athem in der Einsamkeit, — Nun schlafe wohl, — das Auge faͤllt mir zu. (entschlaͤft.) Lieg hier, mein Schwerdt, daß wenn Besuch uns wieder Zweite Abtheilung . So unvermuthet koͤmmt, du ihn begruͤßest; Doch Fenster, Thuͤren sind zu gut verwahrt, Es kann kein Geist, kann keine Hexe seyn. (schlaͤft.) Abel koͤmmt unter dem Bette hervor. Still! sacht! — es ist doch fast zu finster hier — Der Wein war stark, ich finde nicht das Lager; Wo bin ich denn? Im eignen Haus verirrt? Hier liegt er ja: behend und sein ihr Finger! schlaͤgt ihn. Da, nimm dein Handgeld erst, du Diebeshund! O weh! mein Haupt! O weh! ich bin ver- loren! springt auf. Ihr Diener auf! Besetzt mir schnell die Thuͤr! Bringt Licht, Gesellen! Auf, mein gnaͤd'ger Herr! Was giebt es denn? Warum mich so erschrecken? Ich habe unsern saubern Dieb gepackt, Er soll nicht mehr entrinnen. Bringt doch Licht! Daniel koͤmmt mit Licht. Habt Ihr den Schelm? Her Jes! Gehorsa- mer Diener! Der saubr' Herr Wirth, so wie er leibt und lebt. Fortunat . Weh, Ungluͤckselger! was hast Du gethan? Im Finstern mißt sich's schwer, das Schwerdt ist ihm Zu tief die Schelmengurgel eingedrungen. Laßt mich nur los, ich sterb', entrinn' Euch nicht, — Mir widerfaͤhrt mein Recht, — o weh mir! weh! So unvermuthet muß ich enden — — hier, Im Frevel, — weil ich selbst ein Moͤrder bin: Der gute alte Rittersmann in London Herr Oldfield, den ich um Kleinod' erschlug — Er mahnt mich jezt mit seinem Silberhaupt! Ihr wart der Moͤrder jenes guten Herrn, Weshalb Hieronymus unschuldig litt? So kennt Ihr die Geschichte? Wohl, ich war's, Und floh geaͤngstet aus Europa fort, Ward Muselmann in Alexandria, Doch fand ich nirgend Gluͤck: so kehrt' ich nun, Fand hier Beschuͤtzer, Freunde, die mich wieder Zu Wohlstand brachten, doch des Herzens Tuͤcke — Er ist schon todt! O weh! kein Zeuge hier Seines Gestaͤndnisses, wir fremd und freundlos! So muß denn immer Unheil mich verfolgen? Nun bin ich selbst hier wie Hieronymus, Zweite Abtheilung . Wir haben nichts, den Todschlag zu vertreten, Und jeder Richterspruch wird uns verdammen. Beruhigt Euch, und sammelt Eure Geister, Wir finden wohl noch Mittel zu entkommen. Daniel, hinaus, kein Wort von Deinen Lippen Was Du hier hast gesehn! Treib alle Diener, Daß sie in schnellster Eil die Rosse satteln, Die Buͤndel, das Gepaͤcke schleunig schnuͤren, Daß binnen einer Stunde schon die Stadt In unserm Ruͤcken liegt, und laß sie singen Und froͤhlich seyn, sing selbst mit lauter Stimme, Daß jeder sehe, wie vergnuͤgt wir sind. Herr Leopold, ich hab' nur schlechte Stimme, Und was ist's denn, was wir so singen sollen? Fort, Narr! Liebeslieder! Was Ihr wollt! Als wenn sich's auf Commando singen ließe! (ab.) Noch ist es finster, Niemand wach im Hause, Es liegt ein alter Brunn hinter den Staͤllen, Da werf ich in den tiefen Raum den Schelm; Der Born wird nicht gebraucht, da find't ihn keiner, Und findt man ihn, sind wir schon weit entfernt. (traͤgt den Leichnam fort.) So folgt mir denn Gefahr stets auf der Ferse? — Man zieht uns ein, — wer sag' ich, daß ich bin? Fortunat . Mich kennt hier Niemand. Man wird tiefer forschen Nach meinen Schaͤtzen; die verderben mich! — Sollt' ich den Saͤckel einem Treuen lassen, Ihm dessen Kraft entdecken? Daß er mich Durch Gold vom harten Richterspruch erloͤse? Dem alten Buͤrger etwa? Der schien redlich. Doch wird man fragen, woher er so reich Urploͤtzlich worden, mit der Folter dann Ihm das Geheimniß zu erpressen wissen. Auch giebt es keinen Sterblichen, der einmal Des Saͤckels Kraft erkannt, ihn willig wieder Aus seinen Haͤnden laͤßt, ich selber wuͤrde Mein Leben gern an solches Kleinod setzen. Drum, wie es kommen mag, soll selbst in Folter In Todesnoth den Lippen nimmermehr Dies theuerste Geheimniß mir entschluͤpfen. Leopold koͤmmt zuruͤck. Begraben besser als er es verdient Liegt nun der saubre Herr, den Kopf nach unten, Und Stein' und Erde uͤber ihn gewaͤlzt. Die Pferde stehn bereit, die Diener warten, Nur heiter, gnaͤdger Herr, so laßt uns ziehn, Und keiner ahndet was von diesem Vorfall. Diener treten ein, Daniel . singt. Und soll es denn gestorben seyn, So lebe wohl zu tausendmal, Sehst du vorbei dem Rabenstein Gedenke meiner Lieb' und Qual. Zweite Abtheilung . Was ist das fuͤr ein dummes Lied, Du Narr? Jedweder Vogel singt nach seinem Schnabel. — Die Leute aus dem Hause sind schon auf. Hol' mir den Mantel aus dem andern Zimmer. ( Daniel ab.) Adam, Ulrich, Jakob kommen. Nun reist ihr wieder ab, hochedler Herr? Theilt, Freunde, dieses Gold fuͤr Eure Dienste. Wir danken, koͤniglich freigeb'ger Herr. Daniel koͤmmt mit Mantel und Degen. Hier ist der Mantel und das Schwerdt, Herr Graf. (singt.) Ach, Du warst mein Verlangen! Seit lange dacht' ich Dich zu freyen, Dein vielgeliebter Mann zu seyn, Und soll nun morgen hangen. Ist nicht der Mensch besessen mit den Liedern? Kannst Du nichts Beßres singen, halt Dein Maul! Ich falle so auf alte Liebeslieder. Fortunat . Bring mir den Malvasier, der dorten steht, Es geht ein Trunk noch grade einmal um. ( Daniel ab.) Im Haus' ist hier was Großes vorgefallen. Wie so? Doch nichts Bedenkliches und Schlim- mes? Nein, gnaͤdger Herr, nur allgemeiner Aufstand, Der Herr hat alle Maͤgde durchgepruͤgelt Als gestern fruͤh, die sind nun diese Nacht Auf und davon. Es fehlt ihm an Conduite, An Einsicht: unsre Dienstzeit ist auch um, Wir gehen alle noch heut Morgen fort. So bleibt das Haus ja leer? Nicht wahr, es ist Sich krank zu lachen, wenn der Kerl erwacht Und findt so sauber alles ausgefegt? Daniel koͤmmt mit Wein. singt. Und muß es denn gestorben werden, So schlage lind den Kopf herab, Bestattet ehrlich mich zur Erden, Dann weint mein Schatz auf meinem Grab. Woher, Du Vieh, hast Du die Galgenlieder? Zweite Abtheilung . Als ich mit Euch in Deutschland draußen reiste, Hab' ich sie so den Saͤngern abgehoͤrt, Liebherzig, treu, sanftruͤhrend ist ihr Ton. Hier, Leopold, trink, laß den Becher umgehn: Da, Leute. Auf des gnaͤdgen Herren Wohl. Er lebe, lebe viele tausend Jahr! Viel Dank; wenn unser guter Wirth hier waͤre, Er thaͤt uns auch auf diesen Trunk Bescheid. Ei, laßt den schlafen, alles ist bezahlt, Und sezt Euch auf, der Morgen daͤmmert schon. Ja, laßt den alten Baͤr nur dorten schnarchen, Es schmeckt uns nur, wenn er nicht bei uns ist. Lebt wohl, ihr guten Leute, kuͤnftgen Monat Gedenk' ich wieder hier zu seyn und kehrte Da gerne ein, wo ich Euch wieder finde. Nur nicht bei diesem Menschenschinder hier. ( Fortunat mit den Dienern ab. Lebt wohl, ihr Freunde. Macht! der Herr ist schon Zu Pferde. Fortunat . Lebt denn alle wohl. Adieu! (geht ab.) Schnell laßt uns in ein gutes Wirthshaus gehn, Und da verzehren, was man uns geschenkt. Wir wollen uns mal gute Tage machen Nach all den Plackereyen hier. Recht so. Hu! wie die reiten! Alle sind sie fort! So liebe Gaͤste kommen niemals wieder. Zum Keller steig' ich noch einmal hinab, Und bringe ein'ge Flaschen Wein fuͤr uns, Dann fort, die goldne Freiheit zu genießen. (alle gehn ab.) Zweite Abtheilung . Fuͤnfter Akt . Erste Scene . Oeffentlicher Platz. Leopold, Daniel, Diener . D ie Teppiche, die Stoffe, die Gemaͤlde, Mit Vorsicht tragt sie, daß sich nichts beschaͤd'ge, Sorgt dann, daß man die Sessel, Ruhebetten, Die feinen Schraͤnke in den Pallast schafft. Hier lebt sich's anders, als so unterwegs, Bei knick'rgen Wirthen, schmiergen alten Weibern, In schmutzgen Stuben, oft mit Angst und Noth. Thu Dein Geschaͤft und laß das lose Schwatzen. Ich freue mich ja nur der grimmgen Pracht Des koͤniglichen Herrn und seines Gluͤcks, Nein, fuͤr so reich haͤtt' ich ihn nie gehalten. Fortunat . Gesegnet sey der Augenblick, die Stunde, Der Tag, da ich von meinem Gastwirth lief. (ab.) So waͤren wir in Cypern angelangt, Und mehr, wie dieser Narr, bin ich erstaunt. Ich glaubte, daß er Guͤter hier besaͤße, Von altem reichem Stamme, Freund' und Eltern, Doch scheint's, ihn kennt hier auf der Insel Nie- mand, Er hat kein Haus, er kaufte diesen Pallast, Den er mit Gold und Silber fuͤrstlich schmuͤckt, Nichts ist so theuer, kein Geraͤth zu reich, Mit fremdem Namen zieht er prachtvoll auf, Die schoͤnsten Rosse, Libereyen, Falken, Und was nur selten herrlich ist zu nennen Das nennt er sein, kauft es zu jedem Preis; Taͤglich sieht er als Freund des Landes Koͤnig, Und ihm, seiner Gemahlinn, hat er Perlen Und Edelsteine zum Geschenk gesandt, So hohen Werths, daß Beide drob erstaunten; Was er als Reichthum auf den Reisen zeigte Ist Armuth nur und kahle Bettelei Gegen des Glanzes reiche Wunderwelt, Die jezt wie goldnes Traumbild um ihn schwebt: Doch sank er leblos, todt darnieder einst Als er die wenigen Zechinen mißte; Ich darf, ich will daruͤber nimmer sinnen, Er ist der guͤtigste, der beste Herr, Der Armuth Engel, der Verwaisten Trost, Und mich hat er mit Wohlthat uͤberschuͤttet. Zweite Abtheilung . Fortunat koͤmmt mit Gefolge. Nun sind wir denn zur Ruhe, lieber Freund, Bald denk' ich mich ganz haͤuslich einzurichten, Wenn erst der Guͤterkauf geendigt ist: Morgen sollst Du mich uͤber Land begleiten, Mir darf Dein Rath noch immer nicht entstehn. Nur meine Lieb' und Treue nehmt in Anspruch, Euch Rath zu geben bin ich zu gering. Still! mehr davon nachher, aus meinem Hause Steigt jezt des Koͤnigs Majestaͤt und naht. ( Leopold geht ab.) Der Koͤnig von Cypern koͤmmt mit Gefolge. Graf, Eure Gallerie ist zu bewundern, Nicht seltne Stuͤcke nur, auch ausgewaͤhlte, Sie zeigt von Reichthum, mehr noch von Geschmack. Wie guͤtig ist mein Fuͤrst und nachsichtsvoll, Die besten Werke muß ich noch erwarten, Die von Venedig die Galeere bringt, So reiche edle Stoffe sah ich kaum; So groß das Haus ist, ist es schon erfuͤllt, Was Asien und Europa Koͤstliches, Was Meer und Land nur Herrliches gewaͤhrt, Das glaͤnzt von Waͤnden, von der Deck' und Bo- den. Allein Fortunat . Allein wozu, fragt das erstaunte Auge, Die Menge Sessel, Tische, Ruhebetten, Des Silbers aufgehaͤufter Prunk und Hausrath, Wenn unvermaͤhlt der reiche Eigner wohnt? Da meine Reisen nun beschlossen sind, Mein gnaͤdger Herr, und ich die Ruhe wuͤnsche, So ist in meinen Jahren, der ich weder Zu jung noch alt mich fuͤhle, der Gedanke Der naͤchste, eine Hausfrau mir zu suchen. Dann glaubt' ich Euch gewonnen erst zu haben. Saht Ihr auf euren weiten Reisen nirgend Ein Bild, das Euren Sinn gefangen nahm? Gelesen hab' ich viel von dieser Macht, Die Dichter uns als allbesiegend preisen, Doch hab' ich noch das Auge nicht gefunden, Des Blitzen meine Ruhe mir genommen. So macht die Jungfraun dieser Insel stolz, Das nie besiegte Herz in Bann zu legen, Die schoͤnen Maͤdchen hier sind weit beruͤhmt. Kennt Ihr des Grafen Nimian Toͤchter nicht? Das Lob der Tugend, wie der hohen Schoͤnheit Vernahm ich oft aus aller Mund, doch nie War ich so gluͤcklich sie bei Jagd und Tanz, Noch in des Schlosses Gaͤrten anzutreffen, Die Mutter haͤlt sie streng und eingezogen, III. [ 13 ] Zweite Abtheilung . Doch reitet morgen auf das Gut hinuͤber Und uͤbergebt der Graͤfinn diesen Brief: Ihr muͤßt die wackern Leute kennen lernen, Die ich vor allen lieb' und hoͤchlich achte, Die immer mir und meiner Koͤniginn Die naͤchsten bleiben werden. Ihr habt Augen Fuͤr Bilder, zeigt, daß wenn die Schoͤnheit lebt Sie auch den Sinn zum Wohlgefallen reize. Des Koͤnigs Wunsch ist dem Vasall Befehl. Nicht so, mein lieber Graf, nicht diesen Ton, Es bleibe dies Vertraun stets unter uns, Dies freundliche Verhaͤltniß aͤndre nie. Moͤgt Ihr mir nicht eroͤffnen, welches Land Euch seinen edlen Sproͤßling nennen darf? Mein Lehensherr, durch Eure hohe Guͤte Ward mir erlaubt, des Grafen von Lanfranco, Der erblos starb, Besitz, Pallast und Guͤter Als Eigenthum zu kaufen, und vom Lande Den Namen anzunehmen, Eur Vasall; Doch will ich Euch eroͤffnen, was nur sollte Geheimniß bleiben noch auf wen'ge Tage, Ich bin nicht fremd, bin Euer Unterthan. Von Cypern waͤret Ihr? Und das Geschlecht? Mein Vater nur ein armer Edelmann Ist Theodor, wenn Ihr den Nahmen kennt. Fortunat . So waͤrt Ihr Fortunat denn, der Vermißte? Derselbe, gnaͤdger Herr, doch sey Eur Hoheit So huldreich mir, nur auf geringe Zeit Unwissend das zu seyn, und mir die Gnade, Die mich so hoch erhebt nicht zu entziehn, Weil ich von armen Adel nur entsprossen. Ihr bleibet Graf, Ihr seyd mein theurer Freund, Verdienste, Tugend sind's, die wahrhaft adeln, Doch seyd Ihr auch von edlem Stamm ent- sprossen, Jedweder Herzog, Graf, war Edelmann. Erlaubt mir, Herr, die theure Hand zu kuͤssen. Umarmt mich, lieber Graf, und lebet wohl. ( Fortunat ab.) Geht dort nicht eben Nimian, Kammerherr? Ja, hohe Majestaͤt. Ruft mir ihn her. Nimian tritt auf. Was ist der Wille meines hohen Herrn? Ist's wahr, mein guter Graf, daß nothgedrungen Ihr Eure Grafschaft zu verkaufen sucht? Zweite Abtheilung . So ist es, gnaͤdger Herr, die Kriegesschaͤden, Verlust bei großen Haͤusern in Venedig, Und freilich auch des Sohnes wilder Leichtsinn, Unuͤberlegtes Thun, das ihn verbannte, Von Glaͤubigern, Beleidigten verfolgt, Dies Heer von Uebeln ist die Zuͤchtigung Fuͤr Jugendthorheit meinem schwachen Alter. Ich hoffte, daß noch Rath und Huͤlfe waͤre, Ihr habt euch naͤher niemals mir vertraut, Zwar war mein Schatz durch Krieg, durch Ruͤ- stungen Und neue Flotten selbst mehr als erschoͤpft — Zu hohe Gnade! kannt' ich doch die Noth Des Vaterlands, und das schloß meinen Mund Den Koͤnig zu belaͤstgen, der fuͤr Tausend Zu sorgen hat, die taͤglich zu ihm schrein. Und der Verkauf ist nun schon abgeschlossen? Heut kam ich in die Stadt, zu untersiegeln. Doch seltsam, noch kenn' ich den Kaͤufer nicht, Er nennt sich nicht, laͤßt durch Valerio handeln, Dem ich die groͤßten Summen schuldig bin. Ich suche darin meinen groͤßten Stolz Treu meiner Freunde immer zu gedenken, Es koͤmmt, veranlaßt so durch mich, zu Euch Der reiche Fremde morgen auf das Land, Fortunat . Empfangt ihn freundlich denn er ist gesinnt Der schoͤnen Toͤchter eine als Gemahl In diesen seinen Pallast zu entfuͤhren; Ihm ziemt es wohl, Euch huͤlfreich dann zu seyn. Mit neuer Wohlthat uͤberdeckt mein Herr Die alten stets, und thuͤrmt so hoch sie auf, Daß jeder Dank nur niedrig schwebend bleibt: Ich koͤnnte keinen reichern Eidam wuͤnschen, Wenn ich auf Irdisches die Augen richte, Allein es wohnt Unsterbliches in uns, Die Ehre, die von Ahnen uns gekommen; Wenn man den seltsam raͤthselhaften Mann Nur kennte, Vaterland und Stammbaum wuͤßte. Das ist es, was Euch immer noch bethoͤrt, Ihr seht, daß er Millionen muß besitzen, Er ist mein Lehnsmann, durch der Landschaft Kauf Und meiner Briefe Kraft ein edler Graf, Dazu genießt er meine Gunst und Liebe, Die wohl soviel vermag als Eure Ahnen, Die wohl noch Kraft und Lebensothem giebt Dem Niedrigsten, ob allen hoch zu schweben, Genuͤgt das nicht, so glaubet meinem Wort, Er ist ein Edelmann, ich kenn' ihn ganz. Nicht zuͤrnet Eurem allertreusten Diener, Ist er nur Edelmann, genuͤgt es mir. Ich that das Meinge, thut nun was Ihr wollt. (geht.) Zweite Abtheilung . So waͤre alles bald ins Reine wieder, Wenn mein Gemahl, die aͤngstliche, nicht waͤre, Schon toͤnt vor meinem Ohr der Fuͤrst Athens, Von Canada der Herzog, die Commthure, Maltheser, Johanniter, Tempelritter, Die seit Jahrhunderten in ihrer Freundschaft Am meisten in dem Stammbaum hell gestralt. Doch freilich werden wir uns fuͤgen muͤssen, Wie Bruder ist der Wundermann dem Koͤnig. (ab.) Zweite Scene . ( Zimmer .) Valerio, Felix . Du hast nun, dummer Bursche, Frau und Kinder, Und wirst nicht klug und wirst nicht ausgebildet; Wie koͤnntest Du sonst einem Menschen borgen Der Dir von nirgendher Creditbrief brachte? Das waͤchst alltaͤglich in die Dick und Breite Das kriegt schon graues Haar an manchen Stellen, Und immer will der Weisheitszahn nicht kommen. Der Mann sprach so vernuͤnftig und so ruͤh- rend. Fortunat . Ja wohl, im Beutel hat er Dir geruͤhrt. So ruͤhrend! solch ein dummes Wort der Mode Muß in soliden Kaufmanns Mund nicht kommen. Es sind ja auch nur vierzig Stuͤck Dukaten. Und wenn es vier, ja nur ein einzger waͤre, So ziemt sichs recht darum zu lamentiren, Verlornes Geld giebt uns nur den Genuß. Antonio koͤmmt. Recht schoͤnen guten Abend, theure Freunde. Den Dicken nimm Dir nur zum Muster vor, Der wird was vor sich bringen, der verstehts, Treuherzig, bieder, ruhig, freigebig, Und stets den Schalk, doch ruͤstig hinter'm Ohr; Hat auch als Narr die Jugend hingebracht, Hat auch mit dir in London Blindekuh, Wolf, und Versteckens mit dem Geld gespielt, Doch dann brav klug geworden, treibt's fast schlimmer Und knausert mehr als wir, die Alten selbst, Und doch dabei so dick und fett, das heiß' ich Noch Kunst! Jetzt ist, Valerio, alles richtig, Zuruͤck kann der Verkauf nun nimmer mehr, So kommen wir zu unserm baaren Gelde, Zweite Abtheilung . Das wir schon in den Schornstein schreiben mußten, Und uͤberschlagen sinds wohl hundert funfzig Und mehr Prozent die wir dabei gewinnen. Gewiß, das muß vom Zinse wieder zinsen, Was ausgelegt, ist nie so groß gewesen; Allein der Aufschub, die Termine, Zoͤgern, Neue Verschreibungen, die machen's dann. Ach, armer Nimian! Er war reich genug; Was mußt' er so verschwenden? Mußte denn Der liebe Sohn die halbe Insel pruͤgeln, Die vielen saubern Liebesavantuͤren, Die laͤppischen Duellgeschichten haben, Grob seyn mit aller Welt, sich uͤberwerfen? Dem Hofmarschall die Fenster einzuschmeißen? Dem Praͤsidenten seine Prunkgemaͤcher Unsauber machen? Sind das solche Thaten Die ihm im Catechismus vorgeschrieben? Der fremde Graf hat viel bei uns bestellt, Die treflichsten Brokate, alle Schneider Und Juwelier sind auch fuͤr ihn in Arbeit. Bei mir die schoͤnsten Seidenzeuge auch; Er ist ein Seegen fuͤr das Land, stets baar, Und eine Freude ist's, mit ihm zu handeln, Er dingt Euch kaum, macht keine Winkelzuͤge, Merkt er, daß man zu viel ihm abgefordert, Fortunat . So hat er hoͤchstens nur solch feines Laͤcheln Als wollt er sagen: der versteht's Gewerbe. Und gar nicht grob, wie andre große Herrn, Laͤßt auch nicht hundert mal vergeblich kommen Um alles auszukramen, einzupacken, Und wieder darzulegen, um am Ende Zu sagen: brauche nichts, bin schon versehn; Der aber gleich: hier dieses Stuͤck gefaͤllt mir! Wo sie den Mann erzogen moͤgen haben. Fuͤr ihn nur gut, daß er als Graf geboren, Zum Kaufmann waͤr' er ganz und gar verdorben. Sohn, komm hinein, und Ihr, mein guter Freund, Die Rechnungen noch einmal durchzugehn. (sie gehn ab.) Dritte Scene . ( Garten .) Graf Nimian , Graͤfinn Marfisa . Was Ihr mir da gesagt, mein Herr Gemahl, Ist allerdings wohl des Erwaͤgens werth, Als Mann so großen Reichthums duͤrft er wohl So glaͤnzende Verbindung aspiriren, Wenn er nur auch als Nahme etwas gaͤlte, Stammt er von den Orsinos, den Colonna's, Zweite Abtheilung . Waͤr er verwandt allhier den hohen Haͤusern; Man weiß ja kaum wie man ihn nennen soll. Er muß doch fuͤhlen welchen Schritt er thut, Er koͤmmt mit Koͤnigsthronen in Verwandtschaft. Gemahlinn, darin geht Ihr doch zu weit. War nicht ein Ahnherr von Jerusalem Koͤnig? Ja, wenn Ihr Euch so weit hinauf versteigt In leere Anwartschaft: wo lag sein Reich? Das schadet nicht, Euch blieb wie ihm der An- spruch, Als einem seiner Descendenten; wohl Mag noch der Glauben einst das Grab erkaͤmpfen, Dann steht Ihr da als erster Praͤtendent. O lassen wir die Thorheit, freilich wohl Wie diese Herrn Koͤn'ge in partibus, Bin ich nun auch bald Graf in partibus. Der fremde Titel ist mir unbekannt. Die Bischoͤf', deren Sprengel eingebildet In Laͤndern liegt, die Tuͤrken inne haben, Sind Herrn in partibus infidelium, Ein Glaͤubiger ist offenbar ein Christ, Die nicht mehr meine Glaͤubger werden wollen Sind infideles, darum bin ich bald Ein Edelmann nur noch in partibus. Fortunat . Ihr seyd gewiß, Herr Graf, sehr tief gesunken, Lateinschen Scherz, Schulmeistern gleich, zu uͤben. Was soll's der Worte mehr? der Koͤnig will's, Der wuͤnscht, den reichen Mann im Land zu halten, Er denkt Wohlthaͤter uns zu seyn, dadurch Daß er ihn uns verknuͤpft, und so zu loͤsen Dem Hause die Verbindlichkeit, die lange Schon seine Ahnen unsern Vorfahrn hatten: Versaͤumt den Augenblick, er kehrt nie wieder, Tragt mit der Armuth noch des Koͤnigs Zorn. Wenn denn die Nothdurft gar zu streng gebietet, So geb' ich meine freie Zustimmung. Leicht wird es unser Eidam moͤglich machen, Daß dieses kleine Gut uns doch verbleibt. Doch wenn er kommt, das sag ich Euch, mein Herr, Ich steh nicht auf, ich geh ihm nicht entgegen. Er naht, so seyd ihm freundlich mindestens. Fortunat, Leopold und Diener kommen. Ich bin begluͤckt, daß mich der Koͤnig wuͤrdigt, Als Diener solcher Dame mich zu senden, Zweite Abtheilung . Ich uͤberreich' Euch dieses Blatt von ihm. Herr Graf mich freuet Euer Wohlergehn. Da Ihr heut unsern armen Landsitz wuͤrdigt, So hoff' ich auch, Ihr bleibet unser Gast; Am Abend fahren wir zur Stadt zuruͤck, Die Koͤniginn will meine Kinder sehn. Ich geh', um alles eilig zu bereiten. (geht ab.) Setzt Euch, Herr Graf, ich wuͤnschte lange schon Den Mann zu kennen, der der Edelste Von Maͤnnern, und der Angenehmste auch Von allen holden Frauen wird genannt. Wenn Ihr mich wuͤrd'gen wollt, als Freund und Diener In diesem schoͤnen Land den Irrenden Gern aufzunehmen, dann bin ich begluͤckt. Die drei Toͤchter kommen. Graf, seht da meine Toͤchter: Adelheid Die aͤlteste, die zweite hier Cephise, Cassandra dort die juͤngste; Toͤchter, hier Stell' ich Euch vor den Grafen von Lanfranco, Den vielbekannten, weitgereisten Mann. Mir ist, ich seh' die Grazien vor mir wan- deln, Fortunat . Ich sah noch keine Schoͤnheit, schwoͤrt, ihr Augen, Daß ihr erst heut zu sehen habt gelernt. Man hoͤrt, Herr Graf, daß ihr an Hoͤfen wart, Die Schmeichelei ist Eurem Mund gelaͤufig. Dann wuͤrd' ich uͤbertreiben, Falschheit reden; Nie wuͤnscht ich noch mir das Talent des Dichters, In schoͤnes Wort zu kleiden, was ich fuͤhlte, Als jetzt, um wuͤrdig in Gesang zu sprechen, Wie diese Gegenwart mich hoch entzuͤckt. Doch meinen viele, daß des Dichters Rausch Nur schoͤner Wahnsinn sey, der bald erlischt, Und dem genes'nen Auge, das ernuͤchtert, Nur Reue schafft und tiefes Mißbehagen, Nicht jener zu gedenken, die aus Vorsatz Die Unwahrheit in Liebesworte kleiden, Drum muͤssen Fraun mit Argwohn Reime hoͤren. Zum erstenmal hoͤr' ich von jungen Lippen Vom schoͤnsten Mund des Mißtrauns Lehre predgen, Ihr werdet, Reizende, nicht Schuͤler ziehn, Wohl aber hoch begeisterte Poeten. Eu'r Laͤcheln, liebliche Cassandra, sagt, Daß Ihr des Unbeholfnen Reden spottet. Mit nichten, mein Herr Graf, geziemte Spott So unerfahrner, bloͤder Jugend wohl? Zweite Abtheilung . Weil Ihr mich fragt, so sag ich, was ich dachte, Es schien mir nur, der Schwester gegenuͤber, Waͤrt Ihr zum Dichter selber schon geworden. Nur wenig noch waren am Hof' die Kinder, Weil wir zumeist auf unsern Guͤtern lebten, Doch ließ ich sie erziehn nach ihrem Stande, Tanz, Lautenspiel, die Sprachen und Gesang Sind ihnen wenigstens nicht fremd. Verzeiht, Wenn wir Euch einen Augenblick verlassen. Wir kleiden uns ein wenig um, der Ehre Des edlen Gastes unwerth nicht zu scheinen, Und nach der Mahlzeit Euch zur Stadt zu folgen. Herr Graf, auf Wiedersehn in kurzer Frist. Die schoͤnen Gaͤnge werd' ich hier durchwandeln Und einsam nicht, denn diese suͤßen Bilder, Der Klang der holden Rede folgen mir, Mit Strahlenfittig meinen Sinn umgaukelnd. (die Damen gehn ab.) Bleib, Leopold, ihr andern all verlaßt mich. — Mein Leopold, ich bin nun fest entschlossen Mich zu vermaͤhlen, haͤuslich hier zu bleiben, Du sahst die jungen Fraͤulein, hoͤrtest sie, Jetzt rathe mir, welche ich waͤhlen soll. Mein gnaͤdger Herr, ein jeder Rath ist mißlich, Allein beim Ehestand am allermeisten, Ich selber bin noch leidlich durchgekommen, Doch fuͤhlt ich, welche schwere Last ich trug; Seitdem hab ich die Weiber nicht beachtet, Fortunat . Mein Sinn war auf der Staͤdt' und Laͤnder Sitte, Auf Schifffarth, Krieg und Kaufmannschaft ge- richtet, Ihr saht an Hoͤfen, in den feinsten Zirkeln Der Damen manche, bildetet den Sinn, Ihr laset viel und habt noch mehr gedacht, So wird es Eurer Weisheit leichter fallen Den besten Rath zu fassen, als dem Diener, Der unbeholfen nur den Unwill'n reizte. Ich kenne Dich, daß Du mit scharfem Auge Die Menschen pruͤfst, nicht leicht in ihnen irrst, Ich fordre die Ergebenheit von Dir, Denn ohne Dich will ich mich nicht entschließen. Erwaͤg', ich wandle diesen Gang hinab, Kehr' ich zuruͤck, verlang' ich die Entscheidung. (ab.) Ein Wort in Ehesachen sprechen, heißt Den Brand in Stroh hinwerfen, ob es brennt, Den biß'gen Hund in seinen Rachen fassen, Ob uns sein grimmer Zahn verletzt, ob nicht: Allein er duldet keinen Widerspruch, Er ist zu reich und hochgewoͤhnt, als daß Man sprechen duͤrfte so wie Freund zu Freund, Er hat gewiß schon vor gefaßte Meinung, Und treff' ich die, werd ich ihm lieber noch; Noch weiser und erfahrner schein' ich dann, Er meint sein Gluͤck hab' er mir mit zu danken; Doch lenkt zu einer andern sich mein Sinn Zweite Abtheilung . Als die er sich erwaͤhlt gelt' ich als Thor, Als alter eigensinn'ger Wunderlich, Und er traͤgt mir es wohl zeitlebens nach, Und sie noch mehr, denn sie erfaͤhrt es doch, Ich mag nun wider ich mag fuͤr sie stimmen. So steh' ich endlich doch auf jenem Punkt, Den ich mit Klugheit stets vermeiden wollte, Daß seine Gunst am Zufalls-Faden haͤngt. Es hat noch keinen reichen Mann gegeben Dem seine Laune nicht Gesetz gewesen. Fortunat koͤmmt zuruͤck. Nun, lieber Freund, hast Du das Wort ge- funden? Mein gnaͤd'ger Herr, Ihr wuͤrdigt mich zu hoch So ernster Sache Euch bei mir befragend, Doch wag' ich auch sehr viel in Eurer Gunst: Sagt Ihr zuerst die Meinung wißt Ihr wohl, Daß ich um nichts Euch widersprechen wuͤrde, Drum wollt Ihr, zu erfahren, wie ich denke, Daß ich mit meinem Rathe Euch vorangeh, Treff' ich nicht Euren Sinn, so zuͤrnt Ihr mir, Auch wenn Ihr anders wollt, im Stillen fort, Ihr stutzt, und ich weiß nicht, wie Ihrs gemeint: Laßt beid' uns drum zugleich durch Zeichen sprechen: Es stehn der Blumen viele dicht im Garten, Die Lilien moͤgen Adelheit bedeuten, Die bunten Nelken hier Cephisens Nahmen, Cassan- Fortunat . Cassandra diese kleinen rothen Rosen, Der Blumen eine brech' ich hier fuͤr mich, Und berge still sie unter meinen Hut, Ihr thut dort druͤben heimlich dann dasselbe, Zu gleich eroͤffnen wir die Lose drauf, Und sind sie ungleich muͤßt ihr mir vergeben. So seys, Du Muster der Vorsichtigkeit. Nun lenke meine Hand, du gutes Gluͤck. Deck' auf! — Sieh, Bester, beides rothe Roͤschen, Nun geht mir auch mein holder Gluͤcksstern auf, Im suͤßen Glanz der reizenden Cassandra. Laß Dich umarmen, Leid- und Freudgefaͤhrte, Und nimm an meinem Gluͤck den vollsten Antheil, Stets sollst Du mir ein Freund und Bruder seyn. Ein Diener koͤmmt. Es ist, Herr Graf, fuͤr Euch nun angerichtet. Und nun zur Werbung! Suͤße Toͤne moͤge Der Gott der Lieb' auf meine Lippen legen. (sie gehn ab.) III. [ 14 ] Zweite Abtheilung . Vierte Scene . ( Zimmer .) Theodor, Graziana . Du koͤmmst verdruͤßlicher nach Hause stets, Laß uns geduldig unsre Armuth tragen, So sind wir doch der schlimmsten Noth erloͤßt, Daß mit dem Gram nicht dieser Grimm uns quaͤlt. Wie kann man anders? Soll ich dazu laͤcheln, Daß meine Noth mit meinem Alter waͤchst? Daß jeder Tag der Mittel mehr uns raubt? Verachtung, Mangel vor uns, in der Ferne Das grimmige Gespenst des Hungertodes. Wenn wir das Silberbecken und die Kanne, Die uns nichts nuͤtzen doch verkaufen wollten, Man koͤnnte manchen Monath davon leben. Es ist das letzte Stuͤck, das letzte, Frau, Mit meinem Wappen und mein einzger Trost, Wenn es so blank zu mir heruͤber blickt. Der Wuͤnsche hab' ich all mich nun entschlagen, Seitdem wir keine Magd mehr halten koͤnnen, Ich selbst gehn muß im Finstern Wasser schoͤpfen, Am Markt einkaufen unser spaͤrlich Mahl, Am Feuer stehn, und Toͤpf' und Teller scheuern, Fortunat . Die Waͤsche thun, und noch dazu vor allen Nachbarn, mich meiner Muͤh und Arbeit schaͤmen, Als wenn der Muͤßiggang was Edles waͤre, Da kommt das Silber wie ein Feind mir vor, Der mich verlacht und hoͤhnisch nach mir deutet, Wenn Sonnenschein das Glaͤnzen zu mir spiegelt. Das sind doch Vorurtheile, liebe Frau; Wir wollen mit dem Lauf der Welt uns troͤsten, Auch andern geht es schlecht, Graf Nimian Ist trotz des Hochmuths bald in unsrer Lage, Was sein war hat er alles schon verkauft. Das troͤstet nicht, daß andre elend sind. Der fremde Graf ist mir vorher begegnet: Das nenn' ich doch noch leben, was der treibt; Den groͤßten Pallast hat er sich gekauft, Ihn so moͤblirt, wie's selbst kein Koͤnig kann, Die schoͤnsten Hengste reitet er und wechselt Mit Rappen, Schimmeln oder seinem Goldfuchs, Arabisch sind die meisten und das Zeug, Die Saͤttel, Decken, Zaͤum', das glaͤnzt von Gold: Dann zieht er wieder auf die Falkenjagd, Kleidt sich des Tages drei bis viermal um, Und immer praͤchtger, koͤstlicher als erst. Er hat den Koͤnig und die Koͤniginn Beschenkt, wie kaum der Mogul es vermag, Die groͤßten Perlen aus dem Orient, Die reinsten Diamanten. Unser Herr Erzeigt ihm drum auch solche Gnad' und Freundschaft, Zweite Abtheilung . Damit er nur nicht aus dem Lande zieht; Jetzt hat er ihm Gemaͤlde noch versprochen Die von Venedig erst erwartet werden. Ja, solcher Mann weiß doch, warum er Luft Und Athem in sich zieht, der kann einst ruhig Dem Tod' entgegen sehn, er hat gelebt. Wenn ich den Sohn noch einmal wieder saͤhe, Thaͤt' ich Verzicht auf jedes andre Gluͤck. Nur, Nota bene, nicht als Bettelmann, Daß man sich seiner auch noch schaͤmen muͤßte. Ja, koͤnnt' er so mit zwei, drei Pferden kommen, Und braͤcht' uns wohl ein Capitaͤlchen mit, Daß wir nur eins der kleinsten Guͤter loͤßten, Dann waͤr er mir erwuͤnscht, mein Vaterseegen Sollt' ihm dann nicht entstehn: doch neue Ar- muth Mit ihm ins Haus, waͤr' Elend uͤber Elend. — Wer klopft denn da? Herein! Nur immer 'rein! Fortunat tritt herein. Ei was! mein Allergnaͤdigster! In aller Welt Wie kommen wir zur unverhofften Ehre? Schon lange wuͤnscht' ich kennen Euch zu lernen, Da ich des Guten viel von Euch gehoͤrt, Und zuͤrne mir, daß ich nicht fruͤher schon Um Eure Freundschaft und Vertraun gebeten. Fortunat . Setzt Euch, mein gnaͤdger Graf; hol doch den Sessel Dort aus der Kammer fuͤr den gnaͤdgen Herrn. Ich will Euch keine Stoͤrung machen, Freunde, Ich hoffe wohl, wir bleiben uns nicht fremd. Und wenn ich wuͤßte, daß Ihr mir verzieht, Setzt ich mich gern mit Euch zum stillen Mahl An diesen kleinen Tisch; sehr uͤberdruͤssig Bin ich des Laͤrms, der tobenden Gesellschaft, Des Glanzes dort am Hof, des leeren Prunks. Mein Gott — Herr Graf, — ich weiß nicht, was ich rede; Hilf mir doch aus, Frau! Du! Wie stehst Du da? Wollt Ihr uns nicht beschaͤmen? Unsrer spotten? Ihr seht die Armuth, die sich nicht verstecken Nicht laͤugnen laͤßt. Mein Spott waͤr arge Suͤnde; Wenn Ihr mich ehren wollt, vertrauet mir. Recht so! Mach keine Umstaͤnd', Frau! Nicht quaͤngeln! Der Herr befiehlt's! der Herr mag denn auch essen Was wir ihm bieten koͤnnen; schmeckt's ihm nicht, Wird er nicht satt, ist's seine eigne Schuld! Hol Licht! setz dreist das kleine Stuͤmpfchen auf! Bring dann die irdnen Schuͤsseln, wenig drinn, Zweite Abtheilung . Den Wasserkrug, das kleine Spitzglas Wein, Das grobe Deckzeug voller Fleck' und Loͤcher: Die Freudenthraͤnen stuͤrzen mir ins Auge, Das es in dieser Welt noch Herrn giebt Die wegsehn uͤber jed alfanzig Wesen, Den Edelmann trotz dem zu finden wissen, Und sich mit ihm zum leeren Tische setzen. Nun ist geschehn, was Ihr befohlen habt. Ich glaube gar, Du flennst aus Jammersinn. Ja Weiber bleiben Weiber, gnaͤdger Herr, Sie kann es nun und nimmermehr verschmerzen, Daß es bei uns hoch herging ehemals. Doch eh' ich mich zu Tische niedersetze, Erlaubt vorher die Haͤnde mir zu waschen. Und mir erlaubt das Becken Euch zu halten. Nimm, Frau, die Gießkanne. Nun, siehst Du wohl, Daß unser Silber noch zu Ehren kommt? Wie gut, daß wir das alte Zeug behielten! Hier trocknet Euch, Herr Graf, an diesem Tuch. (faͤllt nieder.) Und keiner kennt mich? Euren Fortunat? Mein Vater! Mutter! Gebt mir Euren Seegen. Herr Gott! — Was Teufel! — Ei, Herr Graf! da faͤllt Fortunat . Die Kanne ihm mein Seel auf seinen Kopf — Der Schreck — ists wahr? seyd Ihr mein alter Sohn? Kein Traum waͤr's nur? Ach nein! ach nein! er ists! Ich kenn' ihn wieder! Ja er ists! Mein Herz Ward umgewandt, so wie er zu uns trat. Ja, liebste Eltern, theure Pfleger, nehmt, O nehmt mich an das Herz nach langer Zeit! Nun bin ich wieder da, nun bleib ich hier! Liebt Ihr mich noch? Habt Ihr mir auch ver- geben? Heidi! Kommt, Leute, nehmt das ganze Haus, Und schmeißt es mir hinaus zur Stubenthuͤr! So mußt es kommen? O mein lieber Sohn, Ja Du steigst wie ein Paradies herab, So wie das Himmelreich mit allen Thronen Und Cherubim und Glanz und Lichtverklaͤrung! Das haͤtt' ich nicht in Dir gesucht! Und nicht Im Grafen Dich! — Nimm Becken auf und Kanne, Die bleiben uns zum ewgen Angedenken, Auf Kind und Kindeskind, dabei erzaͤhlt man Den Staunenden die Wundergeschicht. O Sohn! Oft phantasirt' ich mir in Abendstunden, Wie Du einst reich und vornehm traͤtst herein, Doch so hats nie mein frechster Traum gewagt. Zweite Abtheilung . Laß meine Liebe, meine heißen Thraͤnen Nun auch zu Worte kommen, — ach! mein Sohn — Ich kann nicht sagen, was ich wollte, — nein — Mir steigt das ganze Herz zum Hals hinauf — Nicht bloß um meine Sehnsucht mir zu stillen Kehrst Du zuruͤck, — auch nahmenloses Elend Und Spott, und Druck, und Gram von uns zu nehmen. Vergebt mir nur, geliebte, liebe Eltern, Daß ich so lang' in fremder Welt gezoͤgert, Die Suͤnde fuͤhl' ich jetzt recht schwer im Herzen. Haͤtt'st fruͤher kommen koͤnnen, das ist wahr; Allein was thuts? Nun faͤngt das Leben an, Vorher war ich im ungebohrnen Stand! Vergieb mir nur von damals jenen Schlag Du liebes Kind, als Du aus hohem Geiste Die Worte mir prophetisch vorgesagt, Daß ich Dir einst das Becken halten wuͤrde: Sieh, Du hast Wort gehalten, das ist brav, Und wie ein Mann den Vorsatz durchgefuͤhrt. Leopold koͤmmt herein. Du hast, mein Leopold, hieher bestellt Die Leute all, wie ich Dir aufgetragen? Genau wie Ihr es mir befohlen habt. Fortunat . Der wuͤrdge Mann, die theure Frau, mein Freund, Sind meine lang entbehrten lieben Eltern. Erlaubt, daß ich Verehrung Euch bezeige. Mein Vater, hoͤrt ein wenig diesen Mann, Er wird Euch sagen, was Ihr habt zu thun. ( Theodor und Leopold sprechen leise beiseit.) Graf Nimian tritt herein. Mein edler Graf, seltsamer Weise fuͤhrt Man mich hieher, um wieder Euch zu sehn. Ich dank' Euch herzlich fuͤr die freundliche Einwilligung zu meinem schoͤnsten Gluͤck, Gleich wollen wir vom Leibgedinge sprechen. Man sagte mir zugleich, ich wuͤrde hier Den Kaͤufer meiner Guͤter kennen lernen, Nun muß ich fast vermuthen, daß Ihr's seyd. Nicht eigentlich, bald wird Euch alles klar. tritt vor. Herr Graf, ich weiß nicht, ob Ihr mich noch kennt, Sonst waren wir so ziemlich gute Freunde, Allein seidem ist maͤchtig viel geschehn, Zweite Abtheilung . Und mit der Zeit muß auch der Mensch sich wandeln. Herr Theodor — ich moͤchte glauben, — fra- gen — Durch sonderbar Geschick ist mir gelungen, Daß ich der Kaͤufer Eurer Guͤter bin. Wie? Ihr? Ich traͤume, oder Ihr. Nein, keiner, Hier ist der Kaufkontrakt, hier Quittungen Bezahlter Summen von den Glaͤubigern, Und hier, mein alter Freund, empfangt von mir Mit meinem besten Wunsch das Eigenthum In Eure Hand zuruͤck, und wenn Ihr glaubt Mir eingen Dank schuldig dafuͤr zu seyn, So laßt uns wieder Freunde seyn, wie sonst. Die Welt geht rund mit mir! ich bin besessen, Im Wahnsinn, liege wohl in Fieberhitze Und traͤume diese Phantasien mir vor! Nein, hier sind die Papiere, alles richtig, Da steht der Alte, dort der junge Mann, Ich schaͤme mich der Thraͤnen laͤnger nicht — Laßt Euch umarmen, alter Theodor, Verzeiht, daß ich so lang' als armer Suͤnder Als hoffaͤrtiger Narr unchristlich war; O wie beschaͤmt Ihr mich durch solche Großmuth. Frau Graziana, liebe theure Frau, Fortunat . Die mir so manches Mahl mit Lust bereitet, Vergoͤnnt mir wieder so wie sonst den Kuß; Und mein Gemahl, die Graͤfinn hoch Marfisa Soll sich, sie soll vor Euch sich demuͤthgen Bis in den Staub. Nicht das, mein lieber Freund, Sey alles doch vergeben und vergessen. Doch wie war Euch in Eurer Armuth moͤglich Die großen Summen fuͤr mich aufzutreiben? In meiner Armuth? Steht nicht hier mein Peru, Mein Ophir, mein Golkonda lieblich da? Mein Fortunat, mein Sohn, durch den wir nun So wie ich hoͤre auch verschwaͤgert werden? So seyd Ihr Fortunat, mein theurer Sohn? Nicht anders, gluͤcklich, daß in meine Hand Der Himmel es gelegt, Euch zu erretten Und seelig mich zu machen, Euer Sohn, Mein alter Freund, wird seines Bannes los, In Eure Arme kehren, wuͤrdger Erbe Der vaͤterlichen Guͤter. Valerio, Felix und Diener kommen. Hieher bring' ich Was mir ist aufgetragen: laß herein Zweite Abtheilung . Die Leute kommen, Sohn, mit Schmuck mit Klei- dern, Mit Goldstoff, Perlen und Juwelen all! Herr Graf, wie Ihr befohlen, ist geschehn. Mein theurer Vater, herzgeliebte Mutter, Ich feire heut mein schoͤnstes Lebensfest, Daß ich Euch wiederfand, daß mir als Braut Die Tochter dieses edlen Grafen wird, Hier bringen meine Diener Schmuck und Kleider, Folgt ihnen dort ins Zimmer, legt sie an, Um wuͤrdig vor dem Koͤnig zu erscheinen, Der auch auf heute unser Gast wird seyn. Noch einen Kuß, Du bist ein Kaiser, Du! (er und Graziana gehn mit den Dienern in das Nebenzimmer.) Der gnaͤd'ge Theodor, Dero Herr Vater? Ja, alter Mann. Nun, Felix, alter Freund, Wie stehst Du so verzuͤckt? Kennst Du mich nicht? Ich wag' es nicht, ich weiß nicht, was ich denke. Als wir zu London schieden, dacht' ich nicht, Daß wir uns so einst wieder sehen wuͤrden. Und ich noch wenger, das kann ich beschwoͤren. Wie gnaͤdig, daß Ihr meiner noch gedenkt. Fortunat . (Musik, die Thuͤren nach der Straße oͤffnen sich, auf der Straße erscheint ein großer Zug mit vielen Fackeln, der sich nach dem Hause bewegt, die Braut wird von dem Koͤnige und der Koͤniginn gefuͤhrt, viele geschmuͤckte Herrn und Damen folgen; in demselben Augenblicke treten Theodor und Graziana sehr reich gekleidet wieder aus dem Nebenzimmer. Des Koͤnigs und der Koͤnginn Majestaͤt Gehn uns mit meiner theuern Braut entgegen, Laßt uns nicht saͤumen, Vater, Mutter, Graf. Entgegen! Schnell! — Valerio, seht, ja seht, Mein guter Mann, das kommt dabei heraus, Wenn man so wie mein Sohn auf Reisen geht. (Sie begeben sich hinaus. Man sieht in der Ferne den Koͤ- nig Fortunat umarmen; dieser stellt seine Eltern vor, welche niederknien wollen, der Koͤnig umarmt sie ebenfalls; Fortunat schließt sich der Braut und den Eltern an, unter einem lauten froͤhlichen Marsche verlaͤßt der Zug die Buͤhne.) Nicht immer ists der Fall, wenn ich dran denke In welchem Zustand Du, mein Felix, mir Als armer Suͤnder her von London kamst. Komm nun hinuͤber in des Grafen Pallast, Wir sollen mit die Einrichtung besorgen. Der hats getroffen, ganz als sagte man: So moͤcht ichs haben! und so hat ers nun. (sie gehn ab.) Zweite Abtheilung . Als Ernst seine Vorlesung geendigt hatte, sagte er: ich bin gewahr geworden, daß das Stuͤck etwas lange waͤhrt, auch ist mir mehr als einmal die Furcht angekommen, es moͤchte durch meine Darstellung die leichtfuͤßige Grazie der alten Erzaͤhlung gelitten haben. Wir behaupteten ja neulich, sagte Lothar, daß das Drama nur dadurch entstehn und ge- winnen koͤnne, wenn die Novelle verliere; es fragte sich also nur, ob in dem neuen Ge- biete so viel oder mehr ist erobert worden, als man auf dem alten freiwillig hat einbuͤßen muͤs- sen. Ich glaube nicht, daß ein neuer Erzaͤhler die alte liebe Geschichte besser und unschuldiger vortragen koͤnne, im Schauspiel muß die Lustig- keit von selbst herber, die Figuren muͤssen schaͤr- fer gefaßt werden, vorzuͤglich aber muͤssen die beiden Theile, in welche die Geschichte zerfaͤllt, greller gegen einander kontrastiren; die erste wird immer noch etwas vom epischen Charakter behal- ten, wenn der zweite sich ganz in das Phanta- stische und Ausschweifende neigt, welches das Tragische nicht ausschließt. Mir schien immer, fuhr Manfred fort, dieser Gegenstand, vorzuͤglich die erste Haͤlfte, ganz un- dramatisch zu seyn: unser Freund hat zwar durch einige Veraͤnderungen des Gegenstandes der Schwierigkeit einigermaßen abgeholfen, aber er hat uns, genau genommen, in jedem Akt eine eigene fast fuͤr sich bestehende Geschichte vorge- Zweite Abtheilung . tragen, und das Band, welches sich verknuͤpfend durch alle zieht, ist nur schwach: die Unbestimmt- heit und Übereilung der Hauptperson, und die Verlegenheiten, in welche diese sich stuͤrzt. Mit der Erlaubniß der Herren, sagte Clara, moͤchte ich anmerken, daß mir dies gerade vor- zuͤglich gefallen hat. Wir treten stets in eine neue Welt und Umgebung, die Einfalt des Hel- den ist liebenswuͤrdig, seine Eitelkeit erniedrigt ihn nicht, und am Ende finden wir ihn als vornehmen und gebildeten Mann wieder. Sein Reichthum ist der, der wahrhaft erfreulich ist, ohne Rechnungen, Verwalter, Bankiers und Correspondenz wird er fertig, und genießt seines Überflusses. Ich gestehe, daß ich schon im vor- aus gegen die zweite Haͤlfte eingenommen und uͤberzeugt bin, daß sie mir weniger, als diese erste gefallen wird, weil ihr wahrscheinlich die Gelindigkeit mangelt, mit welcher diese behan- delt ist. Sie sind strenge, sagte Friedrich, und ich werde von diesen Worten um so mehr getroffen, weil Sie Recht haben. Wenn ich mein Gedicht, das ich Ihnen morgen mittheilen soll, uͤbersehe, so erkenne ich mich selbst, nach meinen jetzigen Gefuͤhlen, in meiner damaligen Stimmung nicht wieder, und ich fuͤhle schon jetzt die Peinlichkeit die mich beim Vortrage aͤngstigen wird. Das ist der sonderbare Wechsel des Lebens, daß uns das, was wir fuͤr unser Inneres, fuͤr das Wesen Zweite Abtheilung . unsers Selbst halten, nach Jahren oder Mona- ten als das Fremdeste entgegentreten kann; so muß ich fuͤrchten, daß mich meine vorige Lust und Laune jetzt nur beschaͤmen und demuͤthigen wird. Welche tuͤchtige Unwahrheit, rief Manfred, hast Du da eben ausgesprochen! Zwar habe ich dasselbe erlebt, aber nur in leidenschaftlicher Stimmung, die niemals richten kann, am we- nigsten uns selbst, weil das, was die Stimme der Verurtheilung alsdann hoͤren laͤßt, kein freies Wesen ist. Was wirklich wir selbst sind, kann uns niemals fremd werden; in spaͤterer Zeit, wenn der Rausch verflogen ist, der unser Auge blendete, erkennen wir um so lieber unsre Eigen- thuͤmlichkeit in Gesinnungen, die wir verwerfen wollten. Wahrscheinlich wirst Du erst in Zu- kunft absondern koͤnnen, was in Deiner jetzigen Stimmung Verstimmung ist. Lieber, es ist na- tuͤrlich, und sogar schoͤn, daß wir, wenn wir wahrhaft erhoben oder tief geruͤhrt sind, eine kleine Luͤge noch hinzu mischen, um nur alles, was uns geringe duͤnkt, auf immer von uns ab- zuweisen; aber daß es nur nicht so weit komme sich armer Verwandten oder Eltern in sogenann- ter guter Gesellschaft zu schaͤmen. Die erleuchtet- sten und andaͤchtigsten Maͤnner haben immer die koͤrperliche mechanische Arbeit fuͤr nothwendig ge- halten, um nicht zu schwaͤrmen, oder herzensleer zu werden; das Edle, Begeisterte, verstoße ja Laune, Lust und Lachen nicht, um sich nicht in sich selbst zu Zweite Abtheilung . zu vergaffen, und endlich einen Goͤtzen statt des Gottes anzubeten. Doch trifft Dich das nicht, mein Lieber, hoͤchstens mich, der ich mich selbst, das heißt die menschliche Schwaͤche, einigerma- ßen kennen gelernt habe. Die beiden Freunde sahen sich mit einem bedeutenden Blicke an, und die Frauen, die die Mitwisserinnen des Geheinmisses waren, wur- den verlegen, hauptsaͤchlich aber Anton, welcher in seinem boͤsen Gewissen meinte, Friedrich muͤsse es ihm und Clara ansehen koͤnnen, daß er alles schon ausgeplaudert habe. Aus welchem Lande, fing er in seiner Angst an, mag das Maͤhrchen nur herkommen? Die Franzosen, sagte Lothar, besitzen schon lange dieses Gedicht, und nennen es eine Ueber- setzung aus dem Spanischen, doch zweifle ich, daß es ein suͤdlaͤndisches Produkt sey, Cypern und Spanien stehen immer sehr im Hinter- grund, England aber im Augenpunkt: hier ist es wahrscheinlich entstanden, und wohl nicht vor dem funfzehnten Jahrhundert. Ein Zeitgenosse Shakspeares brachte es auch auf die Buͤhne, oder er bearbeitete vielmehr ein altes Stuͤck, welches schon vor ihm beliebt war. In der alten Erzaͤhlung, fuͤgte Ernst hinzu, giebt es nur eine historische Hinweisung, indem des Drakula erwaͤhnt wird, der ein Zeitgenosse des Mathias Corvinus und des Kaisers Frie- drich des Dritten war, das Maͤhrchen muͤßte III. [ 15 ] Zweite Abtheilung . also in der jetzigen Gestalt erst gegen das Ende des funfzehnten Jahrhunderts geschrieben seyn. Damit stimmt aber der Umstand nicht, daß Con- stantinopel noch als eine christliche Residenz an- genommen wird. Man wird der Entstehung von dergleichen Geschichten nie ganz auf den Grund kommen koͤnnen, auch ist eine zu weit gehende Kritik nicht angewandt, weil von den meisten Maͤhrchen sich die Grundvorstellungen bei allen Voͤlkern zu verschiedenen Zeiten finden. Der Erzaͤhler meines Volksbuchs zeigt sich als ein ge- bildeter Schriftsteller, so daß sein Gedicht nicht, wie so viele Volksbuͤcher, nur ein verstuͤmmeln- der Auszug aus einem aͤltern, groͤßern Werke seyn kann. Das Wenige von Nachweisung auf Historie muß zufaͤllig hinein gekommen sein. Daruͤber koͤnnen wir uns nicht taͤuschen, daß das Ganze einen heitern modernen Anstrich hat. Die Bearbeitung dieses ersten Theiles, sagte Wilibald, duͤnkt meinem Gehoͤr gleich einem musikalischen Stuͤcke mit seinen Variationen. Derselbe Satz, dieselbe Aufgabe kehrt wieder, und wird am Ende ziemlich willkuͤhrlich aufge- loͤst. Darum sehen sich die komischen Nebenfi- guren aͤhnlich, und wenn nicht zuletzt die Eltern wieder auftraͤten, und den Schluß mit dem An- fang verknuͤpften, so bestaͤnde das Stuͤck fast nur aus sechs oder sieben dialogirten Anekdoten. Freilich hat in unserer Welt ein durchgefallener Autor nicht das Recht, denjenigen, der nicht ge- Zweite Abtheilung . fallen ist, sondern gefallen hat, strenge zu kriti- siren; wenigstens hat das Publikum diese Ge- sinnung. So wie ich, fiel Auguste ein; denn wahr- lich, die Willkuͤhrlichkeiten, die Sie neulich in Ihrem Kindermaͤhrchen verbunden haben, waren viel willkuͤhrlicher. Meine Herrschaft, fing Lothar an, zeigt im- mer traurigere Aussichten, und alles neigt sich mehr und mehr, um die dramatische Verwir- rung recht zu verschlingen, zu einem Buͤrger- kriege: statt ruhiger Gespraͤche werde ich nur Streit gewahr, welcher die Aufklaͤrung mehr hindert als befoͤrdert, und ich verfuͤge daher, um wenigstens einen Waffenstillstand hervor zu brin- gen, daß Rosalia uns guͤtig die Sonate vortra- gen moͤge, die sie heut Morgen einuͤbte, damit die orphische Kunst die Leidenschaften zaͤhme. Rosalie gehorchte lachend dem Befehl, in- dem sie nur sagte: unser Herrscher wird ein Despot, der seine Regierung auch uͤber uns Zuhoͤrerinnen erstreckt, deren Gehorsam ihm nicht einbedungen war. Als sie gespielt hatte, sagte sie: die Musik ist in unsern Tagen so allgemein verbreitet, die Kennerschaft und Virtuositaͤt so wenig selten, daß man jetzt ein Maͤdchen fast beleidigt, wenn man fraͤgt: ob sie musikalisch sey; das war, wie ich mir habe sagen lassen, noch vor zwanzig oder dreißig Jahren ganz anders. Zweite Abtheilung . Nur vergesse man nicht, fiel Manfred ein, daß diejenigen, die damals Musik trieben, meist wirklich aͤchten Beruf dazu und wahren Genuß davon hatten, statt daß es in unsern Tagen leere Mode und Kraͤnklichkeit, großentheils wahrer Zeitverderb geworden ist, und daß durch nichts die Musik so ausgeartet ist, als durch diese zu große Verbreitung. Alle koͤnnen spielen und singen, und keiner versteht es; alle sind Kenner, und alle wiederholen nur die Phrasen, die die Mode eben eingefuͤhrt hat. Wir haben, sagte Friedrich, sonderbare Er- fahrungen uͤber die Natur der Musik gemacht. Diese schwaͤchliche allgemeine Liebhaberei hat allerdings geschadet, und die gruͤndliche Instru- mentalmusik, die Spieler der Bachischen Werke, so wie der Sinn fuͤr diese aͤcht deutsche Erfin- dung, werden immer seltner. Dies waͤre aber nur etwas Unschuldiges, ein Schicksal, das diese Kunst mit allen uͤbrigen Kuͤnsten gemein hat. Aber unsere Vorfahren, die sich an den kleinen nuͤchternen Liedern ergoͤtzten, oder dem tiefsinni- gen Componisten durch das Gedankensystem sei- ner Toͤne folgten, haͤtten sich wohl nicht traͤu- men lassen, daß in dieser so hoch gepriesenen, ja heilig genannten Kunst, sich ein Element der verderblichsten Weichlichkeit entwickeln moͤchte, das schlimmer als jede andre Schwelgerei die Seele erniedrigen und den Menschen aushoͤhlen kann. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn einer Zweite Abtheilung . unsrer Freunde von einer liederlichen und obscoͤ- nen Musik spricht. Jetzt erst kann man recht verstehen, weshalb die griechische Gesetzgebung auch uͤber die Musik wachte, und eine gewisse Gattung verbot, denn eben so wie sie heiligt, er- hebt, staͤrkt, und alles Edle unsrer Brust erweckt, so kann sie auch wahrhaft suͤndlich veraͤchtlich und ruchlos werden. Leider gehoͤren wohl manche der beliebtesten und gepriesensten neuern Sachen zu diesen eben bezeichneten. Ich sage Ihnen ganz unbefangen, sagte Clara mit ihrer dreisten Art, daß ich sie hier gar nicht verstehe. Lassen wir es gut seyn, rief Manfred, als er sahe, daß Friedrich uͤber seine ausgesprochene Meinung erroͤthete; man soll auch eben nicht alles verstehen, du bist zu gut, um jedes Ver- staͤndniß erringen zu wollen. Vergessen wir aber diese Seite, und gedenken wir einmal der Instrumental-Begleitung in so manchen moder- nen Opern: waren unsre Hiller zu nuͤchtern, so sind wir jetzt berauscht und toll, und im Grunde doch geistesarm. Wenigstens glaube oder hoffe ich, daß unsre Nachkommen die Barbarei nicht werden begreifen koͤnnen, mit der wir uns so ge- duldig von einem Ferdinand Cortes des Spon- tini durch ununterbrochenes Laͤrmen und Ge- wirre haben betaͤuben lassen. Alle Instrumental-Musik, warf Auguste Zweite Abtheilung . ein, fuͤhrt vielleicht von selbst zum Weltlichen, und so allgemach zum Verwirrten. Und die Orgel? fragte Rosalie, und ihre Erfinderinn die heilige Caͤcilia? Sie erinnern mich an einige Sonette, sagte Friederich, die ich Ihnen zum Beschluß noch mittheilen kann, indem ich voraus setze, daß Ih- nen die Legende im Allgemeinen bekannt ist. Er las: Die heilige Caͤcilia . Es steht die holde Jungfrau im Betrachten, Wie sich Geraͤusch und wilde Freude mehret, Ihr Herz, Gemuͤth ist still in sich gekehret, Sie kann auf Freunde, Braͤutigam nicht achten. Und wie die Gaͤste drinnen tobend lachten, Wird ihr der Geist mit Traurigkeit beschweret, Nun fuͤhlt sie erst, was sie verliert, entbehret, Nach Gott und Christum muß ihr Busen schmachten. Es klingt die wilde Pfeife schon zum Reigen, Verwegne Klaͤnge schrein im Uebermuthe, Es droht und laͤrmt das weltliche Getuͤmmel: Da sieht ihr trunknes Auge nach dem Himmel, Ihr Herz verklaͤrt die Toͤn, in ihnen steigen Gebete auf zu ihrem hoͤchsten Gute. Warum, ihr Menschen, so spricht sie in Klagen, Daß ihr so gern dem Himmel euch entziehet? Euch ruft so Furcht als Lieb' und Lust: entfliehet! Die Toͤne macht ihr wild, bis sie verzagen. Zweite Abtheilung . Wie koͤnnt ihr Erz und armes Holz so plagen Euch selber quaͤlend? Daß kein Herz ergluͤhet, Im liebenden Gesang zum Himmel bluͤhet, Aus tiefen Naͤchten zu den heitern Tagen. Verschmaͤht Metall, verachtet Holz, verschoͤnen Will ich den Stand, euch Mund und Zunge leihen, Erretten euch von Suͤnd' und wildem Toben, Ihr sollt auch Gott, der euch erschaffen, loben, Den Kirchendienst soll meine Orgel weihen, Den Glauben staͤrken mit allmaͤcht'gen Toͤnen. Jungfrau bleibt sie vermaͤhlt, den Himmelsthoren Entsteigt ein lichter Engel, ihrem Flehen Rauscht lieblich toͤnend seiner Fluͤgel Wehen, Er singt: der Herr hat dich als sein erkohren. Da weint sie, daß der Braͤutigam verloren, Daß er den Bronn des Lebens will verschmaͤhen, Kann dieser Blick, spricht er, den Engel sehen, So sey alsbald der Goͤtzendienst verschworen. Sie wirft sich betend nieder: laß nicht rauben Dies edle Herz, im Zweifel nicht erblinden! Er sieht den Seraph, glaubt, vom Licht getroffen. Doch fester steht des frommen Christen Hoffen, Er hoͤrt wie alle Orgeltoͤne kuͤnden: Ja, seelig sind, die nicht seh'n und doch glauben! Am folgenden Tage war bei heiterm Wetter die ganze Gesellschaft auf Lothars Andringen Zweite Abtheilung . nach dem nahen Staͤdtchen gefahren, um jenes alte Stuͤck zu sehen, welches er ihnen so sehr angepriesen hatte. Nur Friedrich war gedan- kenvoll zuruͤck geblieben, weil er einen Boten von Adelheid erwartete. Die Sonne war schon laͤngst untergegangen, als er noch immer in dem Walde umher wandelte, der uͤber dem Garten- hause sich den Berg hinauf erstreckte. Seine Unruhe litt ihn nicht im Hause. Alles war ihm zu eng, zu einsam und zu still, und doch suchte er den dichtesten Schatten des Waldes auf, um seiner Melankolie und Sehnsucht recht ungestoͤrt nachhaͤngen zu koͤnnen. Ploͤtzlich, als die Fin- sterniß schon die Erde rings bedeckt hatte, fiel es ihm schwer in die Gedanken, daß er jetzt den Boten versaͤumen, daß der Brief vielleicht in unrechte Haͤnde fallen koͤnne. Er arbeitete sich aͤngstlich aus den verwachsenen Gebuͤschen her- vor, und stand auf der Landstraße, indem ein rothes Feuer jenseit des Berges heraufspruͤhte. Er eilte nach der obersten Hoͤhe, besorgt, es koͤnne wohl gar ein Feuer im Staͤdtchen ausge- kommen, und seine Freunde moͤchten dort in Noth seyn; freilich wußte er nicht, was er in diesem Falle thun sollte, weil er immer zu ent- fernt war, um ihnen beistehn zu koͤnnen. Als er oben war, sah er zu seiner Freude, wie sehr er sich uͤbereilt und getaͤuscht habe, denn die ro- the Scheibe des Mondes stand ihm groß und leuchtend gegenuͤber, noch auf den niedern Huͤ- Zweite Abtheilung . geln schwebend. Tiefsinnig sah er in das zaube- rische Licht, indem die Heimchen und Grillen im Grase schrillten, und aus dem Thale unten der volle Gesang einer Nachtigall herauf schmetterte. Der Mond erhob sich, und nun lag die Land- schaft auf beiden Seiten unter ihm im magischen Glanze. Er ging zuruͤck und stellte sich uͤber den Garten und das Haus seines Freundes. Wie ruhig lagen unten die schattigen Gaͤnge, wie in stillen Traͤumen; der Springbrunnen lebte und scherzte im Mondstrahl und warf bunte Lichter, die reinen Wege glaͤnzten, der volle Schein lag auf dem Dache des Hauses und den Fenstern. Dort sah er auf seiner Stube das einsame Licht brennen, welches er zuruͤckgelassen hatte. Das Gebirge umher schaute ihn ernst und erhaben an. Es giebt Momente im Leben, sagte er in Ge- danken zu sich selbst, in welchen unser ganzes Daseyn sich wie in einen Traum aufloͤsen will, wo Ahndungen, die lange schliefen, aus jener raͤthselhaften Ferne unsers Gemuͤthes naͤher schreiten, wo Wonne und Leid so durcheinander fluten, wie der Gesang dieses gefluͤgelten Nachtsaͤngers mit dem Bergesrauschen und dem Muͤhlbach unten, wo wir uns wie aus uns selbst verlieren, in die umgebende Natur wie in un- sre innigste Sehnsucht hineinstreben, und doch recht unsers eigensten Herzens im suͤßen Verges- sen inne werden. O holde Natur, wie beutst du mir heut wieder die Wange zum zaͤrtlichsten Zweite Abtheilung . Kuß, wie fuͤhl' ich deinen reinen Athem, und in deiner Umarmung dein treues freundliches Ge- muͤth! O Liebe, wie weht dein Geist uͤber die Berge, durch die Thaͤler, im Walde und in meiner Brust! Was will ich umarmen, wem will ich mich ganz zu eigen geben? Nennen kann ich es nicht: es hat keinen Namen als Seeligkeit. Mein Herz ist wie ein Magnet der Wonne und Sehnsucht, der von druͤben aus allen Fernen, von unten aus Baͤchen und Quellen, vom Him- mel herab aus Mond und Gestirnen, ja aus der unsichtbaren verhuͤllten Ewigkeit das Entzuͤcken, die Wehmuth, den suͤßesten Schmerz und die reinste Freude herbeizieht. Ja, dies, was ver- borgen und heimlich mich gruͤßt, wird einst die dauernde und lichtfreudige Wonne meiner Seele seyn: dann erst bist du Suͤßestes, das hier Adel- heid heißt, ganz und auf ewig mein, ich dein, und wir beide versinken spielend in den Wonne- schauern ewigen Gluͤcks. Einsam, ja arm erschien ihm sein Leben, als er sich gewaltsam von diesen Traͤumen los- riß, und das Haus genauer betrachtete, in wel- ches er zuruͤckkehren wollte. Da war es, als wenn ein Wagen muͤhsam von jenseit herauf strebte, er hoͤrte das Schnauben der Pferde, und bald ward er gewisser, als er nun deutlich das Rasseln den Abhang hernieder unterscheiden konnte. Es war ihm fast unlieb, daß seine Freunde schon zuruͤck kamen, und er nicht in ein- Zweite Abtheilung . samer Stille den Berg herunter gehn sollte. Ploͤtzlich verstummte das Geraͤusch der Raͤder und Pferde, er hoͤrte wieder Wald und Bach ohne die disharmonische Unterbrechung, und be- griff nicht, wo das Fuhrwerk geblieben seyn koͤnne, da keine Nebenstraßen den Berg hinun- ter gingen. Als er sich wieder umsah duͤnkte ihm, daß etwas Weißes von der Spitze herab schwebe, er ging wieder hinauf, und bald konnte er unterscheiden, daß es ein weibliches Wesen sey. Jetzt beeilte er seine Schritte, sie kam ihm entgegen, und ein lieber Ton begruͤßte ihn mit der Bitte: koͤnnten Sie uns nicht Huͤlfe schaf- fen? — Mein Gott, Adelheid! rief er aus, und wollte immer noch seinen Sinnen nicht trauen: Du hier? Woher? So allein? — Unser Wa- gen, antwortete sie, ist dort oben zerbrochen, Walther ist dabei beschaͤftigt. — Walther, der ernste, aͤngstliche, gewissenhafte Mann hat Dich begleitet? fragte Friedrich wieder. — Er hat sich selbst dazu angeboten, antwortete sie. — Die Welt dreht sich um, rief der Liebende, indem er sich dem Wagen naͤherte, der auf einen Gras- platz neben dem Wege hingeschoben war. Die Maͤnner begruͤßten sich, und Friedrich konnte sich immer noch nicht ganz in die Wirklichkeit seines Gluͤckes finden, das ihm so ploͤtzlich, so unerwar- tet nur unter etwas stoͤrenden Umstaͤnden wie vom Himmel in die Arme gefallen war, denn so oft er sich auch diesen Augenblick dargestellt, Zweite Abtheilung . hatte er ihn sich doch nie mit diesen Umgebungen ausmahlen koͤnnen. Man wurde bald einig, daß das Fuhrwerk im Freien bleiben muͤsse, bis Manfred in der Nacht Anstalten getroffen, das Gepaͤck hinunter bringen zu lassen, Walther sollte sich ebenfalls hier verborgen halten, bis man naͤhere Abrede genommen, um beim Abendessen allen uͤberfluͤßi- gen Nachforschungen aus dem Wege zu gehn. Als man die noͤthigsten Vorsichtsmaßregeln genommen hatte, gingen Friedrich und Adelheid Arm in Arm den Berg hinunter. Wie gluͤcklich, sprach er, trifft es sich, daß jetzt eben Niemand zu Hause ist; sieh, ich trage den lieben Schluͤs- sel bei mir, wie oft habe ich ihn gekuͤßt, der Deine kuͤnftige Wohnung eroͤffnet, die Zimmer liegen abseits, so daß Dich Niemand heut und morgen bemerken wird, bis mein Freund es gut findet, das Geheimniß aufzuloͤsen. Komm Theure, denn schon seit Wochen erwartet Dich der Spring- brunnen da unten, die Blumen haben jeden Morgen noch Dir ausgesehn, die Laubengaͤnge strecken Dir die Arme entgegen. Sieh, wie das Licht von meinem Zimmer nach Dir herwinkt. Nun bin ich bei Dir, sagte Adelheid, und mir ist wohl, diese Berge und Gaͤrten, dieser naͤchtliche Mondschein, alles ist freundschaftlich und vertraulich um mich her: aber wie wird mir seyn, wenn ich Menschen sehe, wenn ich erzaͤh- len soll; und wenn Dein Freund mich auch guͤ- Zweite Abtheilung . tig aufnimmt, wie aͤngstigt es mich, daß ich mich vor seiner Mutter noch verbergen muß. Alles muß, alles wird sich finden, troͤstete Friedrich, sind wir uns doch unsers Herzens, unserer Liebe und der Wahrheit bewußt. Man- fred wird das uͤbrige ordnen. Das sey unser Gedanke, das wir uns gehoͤren, daß einer im an- dern lebt, das uͤbrige liegt uns so weit ab, wie ferne Welttheile, und koͤnnte nur, wenn wir es zu nahe ruͤckten, unsre Liebe stoͤren und unsre Herzen erkaͤlten. Sie standen vor dem Eingang des Hauses. Sey mir gegruͤßt! sagte er, indem er die Schuͤchterne umarmte. Er fuͤhrte sie schwei- gend uͤber den langen Gang, der die verschiede- nen Theile des Hauses verknuͤpfte, er schloß die entlegenen Zimmer auf, die Manfred schon heim- lich eingerichtet hatte, er zuͤndete Licht an, und indem sich Adelheid, die er laͤchelnd und entzuͤckt beleuchtete, in den Sopha niederließ, hoͤrte er die Wagen vorfahren. Er eilte hinab, nahm Manfred beiseit in eine Laube des Gartens, und erzaͤhlte ihm kurz seine und Adelheids sonder- bare und aͤngstliche Lage. So kommt alles im Leben, sagte Manfred, besonders unser Gluͤck, immer anders, als wir es uns vorgebildet ha- ben; laß mich gewaͤhren und quaͤle Dich nicht mehr, als noͤthig ist; mache Dich zur Gesell- schaft, und sey so wenig verstoͤrt, als Du irgend kannst, so daß die andern Weiber Dir nichts an- Zweite Abtheilung . merken, denn die liebe Clara werde ich gleich zur Vertrauten Deines Engels machen, die kann ihn ohne Zweifel am besten beruhigen. Er sprang fort und rief Clara zu sich, beide gingen vorsichtig zu Adelheid, um ihr willkom- men zu sagen und ihre Bedienung einzurichten. Die uͤbrigen Freunde hatten sich indeß schon um den Tisch gesetzt, und Friedrich mußte sich zur Geduld zwingen, um in seine wunderbaren Traͤume, und in das Maͤrchen hinein, in welches sich sein Leben ploͤtzlich verwandelt hatte, vom Theater, von der Fahrt, von den Schauspielern und dem Stuͤcke sich erzaͤhlen zu lassen. Sie haben gut gethan, sagte Emilie, daß Sie hier geblieben sind, denn die getaͤuschte Er- wartung war wohl eigentlich der Spaß bei der Sache, und unser Lothar soll mich nicht zum zweitenmal so um einen Nachmittag und Abend betruͤgen. Betruͤgen, nennen Sie es, fing Lothar an, wenn ich Ihnen Gelegenheit gebe, ein uraltes, lustiges und seltsames Schauspiel kennen zu ler- nen, welches Sie jetzt weder in großen noch kleinen Staͤdten, weder im Suͤden noch Nor- den jemals sehn koͤnnen? Denn, gestehn Sie es doch nur, daß es nichts Langweiligeres und Truͤbseligeres giebt, als zwischen den Alpen Ti- rols und am Ufer der Nordsee, in den Weinge- birgen des Rheins und dem Maͤrkischen Sande, im breiten schwaͤbischen und gespitzten westphaͤli- Zweite Abtheilung . schen Dialekt dieselben Patent-Spaͤße und pri- vilegirten Empfindsamkeiten der aufgeklaͤrten Modeschauspiele zu hoͤren. In fruͤhern Zeiten hatte jede Provinz noch ihre Stuͤcke, die man selten anderswo sah; aber jetzt kann der Lapp- laͤnder, indem er im Norden landet, gleich in Kotzebues Ruͤhrung hineinsteigen, und dieselben Thraͤnen der Empfindung koͤnnen ihm im nehm- lichen Stuͤck an der italienischen Suͤdspitze noch in den Augenwimpern haͤngen, ja er kann in Rom und Neapel die uͤbersetzte Ruͤhrung ge- nießen, und ruͤckwaͤrts in Paris und London dieselben bewegenden Reden in andern Zungen hoͤren, ja man sagt gar, daß ihn die nehmliche Erschuͤtterung nach Sibirien, Amerika und In- dien verfolgt, und in ihr das Gefuͤhl dieser Uni- versal-Monarchie und der Herrschaft des deut- schen Geistes. Urtheilen Sie selbst, fuhr Emilie fort. Es ist Krieg zwischen England und Schottland, die Armee der Schotten wird voͤllig geschlagen, die beiden Prinzen, die die Anfuͤhrer waren, sind ihres Lebens nicht sicher, der eine von ihnen nimmt Dienste im Heere des Koͤniges von Eng- land, welcher ihn nicht kennt, der zweite, um sich noch besser zu verbergen, giebt sich bei ei- nem Schuster in die Lehre. Diese Scenen sind nun diejenigen, die eigentlich die spaßhaften des Stuͤcks seyn sollen. Die englische Prinzeß liebt aber schon lange diesen zweiten Prinzen, ihr Zweite Abtheilung . Verstaͤndniß dauert fort, sie entflieht endlich — Entflieht? rief Friedrich; wo in aller Welt haben Sie das erfahren? Sie sind zerstreut, sagte Emilie, natuͤrlich dort im abgeschmackten Theater. Der Prinz begleitet, der Koͤnig verfolgt sie, der militai- rische Bruder nimmt sie gefangen, alles erkennt und versoͤhnt sich. Manfred, der indessen zuruͤckgekommen war, fiel mit etwas gespannter Lustigkeit ein: Liebste, verbergen Sie es nicht, daß Sie es eigentlich gegen die Schuster haben, diese Verkleidung ist ihnen nicht vornehm und romantisch genug, wie wir es heut zu Tage nennen. Ginge der junge hoffnungsvolle Prinz in der Verzweiflung unter sauber geputzte Gaͤrtner und zoͤge Blu- men, wuͤrde er vielleicht Forstmann und er- goͤtzte sich in der Einsamkeit auf dem Waldhorn, ja wuͤrde er Musik- oder sogar Tanzmeister, so wuͤrden Sie die Intrigue verzeihen und auch wohl interessant finden. Floͤhe die Prinzeß et- wa zu einem guten hoͤchst edlen und liebenswuͤr- digen Freund ins Gebirge, der sie fuͤr den poe- tischen Geliebten versteckt hielte, so wuͤrden sie das Stuͤck loben. Wahrscheinlich, sagte Emilie, denn alsdann haͤtte die Sache etwas Anstaͤndiges, ja Ruͤh- rendes. Denken Sie wirklich, wirklich so? fragte Friedrich sehr lebhaft. War- Zweite Abtheilung . Warum nicht, antwortete Emilie und wollte fortfahren, als Manfred rief: Du schweigst ein fuͤr allemal. Du poetischer Verraͤther, der Du Dich zu vornehm geduͤnkt hast uns zu begleiten! Was willst Du von der herrlichen Scene wissen, wo der Altgeselle, der Spaßvogel des Stuͤcks, den neuen Lehrburschen unterrichtet, ihm mit dem breitesten Dialekt alle Geraͤthschaften nennt, wie er dann hochmuͤthig den Prinzen hinter sich hergehen laͤßt, als er seine Schue bei Hofe ab- liefert, nebst andern vortreflichen und hoͤchst lustigen Einfaͤllen? Schumacher und Schuflicker haben immer bei unsern Vorfahren eine große Rolle in den Poesien gespielt, bemerkte Lothar. Im Suͤden, wo sie im Freien arbeiten und an allen Begeben- heiten der Straßen und des Marktes unmittel- baren Antheil nehmen, ist es nicht zu verwun- dern, wenn sie in vielen Spaͤßen und lustigen Geschichten auftreten. Ihr froher Muth, ihre Genuͤgsamkeit und ihr Gesang wird oft genug ruͤhmlich erwaͤhnt. Am hoͤchsten aber hat das alte englische Theater diesen Stand gehoben, denn in vielen fruͤheren Stuͤcken spielt ein Schuster oder cobler eine Hauptrolle, manche, wie das heutige, drehen sich ganz um dies Ge- werbe, die gentle craft, oder edle Zunft, wird noch in einem andern Schauspiel unter diesem Titel selbst gefeiert, welches ich aber nie so gluͤck- lich gewesen bin zu Gesicht zu bekommen. III. [ 16 ] Zweite Abtheilung . Man trennte sich, weil Emilie ermuͤdet war, Friedrich sehnte sich nach seinem einsamen Zim- mer, auch Wilibald und Auguste sagten den Uebrigen gute Nacht. Manfred entfernte sich unter allerhand Vorwaͤnden, um den fremden Fuhrmann abzufertigen und den muͤrrischen Wal- ther vom Gebirge herab zu holen, damit er ihn am Morgen der Gesellschaft als einen neuen Gast vorstellen koͤnne. Clara war etwas ver- legen, weil sie gern Rosalien das Geheimniß entdeckt haͤtte, doch fuͤrchtete sie Manfred, auch war ihr Lothar im Wege. Dieser nahm das Gespraͤch auf und sagte: wenige Tage haben mir so reine Freude gemacht, als der heutige. Die Menschen sind sonderbar und voller Wi- derspruͤche. Sie wollen in ferne Gegenden, in vergangene Zeiten hinein gefuͤhrt werden, alle wuͤnschen, daß ihnen der Traum des Lebens sich auffrische, und wenn sie nun durch ein un- schuldiges, heitres und bizarres Wesen in die frohe Laune unsrer Vorfahren, die gewiß nicht zu verachten waren, hinein gefahren werden, so stellen sie sich ungeberdig, und wollen mit aller Gewalt aussteigen. Sehn wir denn in diesen Spaͤßen, in dieser ungeschickten aber der- ben Zusammensetzung, in dieser nicht vorneh- men aber frischen Luftigkeit nicht auch eine in- teressante Vorwelt, und steht es uns denn nicht frei, noch weit mehr zu ahnden und mit unsrer Phantasie zu erschaffen, als uns vom frohen Zweite Abtheilung . Dichter angeboten wird? Wird dasselbe Stuͤck aber einmal in einem kurrenten Almanach mit Kupfern und goldnem Schnitt auf feinem durch- schlagenden Papier abgedruckt, so finden es die Leute gar nicht so uneben. Auch bin ich daruͤber froh, daß Auguste und Wilibald sich wieder ausgesoͤhnt haben. Sie war ja sehr freundlich gegen ihn und von der liebenswuͤr- digsten Laune. Clara laͤchelte geheimnißvoll, und da Lo- thar in sie drang, mochte sie die Entdeckung nicht verschweigen, die sie zufaͤllig gemacht hatte. Durch Antons Guͤte, so erzaͤhlte sie, erhielt ich vor einigen Tagen ein Sonett Wi- libalds, welches dieser, wie ich nun wohl ein- sehe, fuͤr Augusten bestimmt hatte. Ich las es arglos als Poesie, und bald darauf kam Au- guste zu mir, das Blatt lag aufgeschlagen, sie kennt seine Hand, sie las es stillschweigend. Erst nachher erfuhr ich, daß Anton das Ge- dicht fuͤr sich hatte behalten sollen. Die Zuͤr- nende hat die Poesie nun damals wohl nicht als Poesie, sondern als eine Erklaͤrung gelesen, die mir gelten sollte, heut Morgen haben sich beide verstaͤndigt, sie hat das Blatt mit der noͤthigen Erlaͤuterung empfangen, und ihr vo- riger Unwille scheint nur ein verhuͤlltes Ge- staͤndniß, das unser Wilibald aus der etwas rau- hen Schale ohne Zweifel heraus wickeln wird. Und das Sonett? fragte Lothar. Zweite Abtheilung . Ich kann es auswendig, antwortete Clara, es lautet so: Was ist doch, fragt der Irdische, die Liebe? Fuͤr euch, ihr Armen, nur ein tief Verhuͤllen, Ein dunkler Tod im eignen Widerwillen, Ein Aengsten, das gern stumm verschlossen bliebe. Doch wen anlaͤchelt Aug' und Mund der Liebe, Der fuͤhlt im Herzen Wunderstroͤme quillen, Ein seelig Ahnden, niemals zu erfuͤllen: — Wozu, daß ich den Geist im Wort beschriebe? Wem einmal Toͤne, Lichter, Farben, Sterne, Geschwisterlich aufgingen, und im Bluͤhen Aus Thraͤnen ihre Nahrung sog die Blume: Fuͤhlt der in Gott ein Nahe noch und Ferne? Muß nicht sein Herz in Ewigkeiten gluͤhen? Antworte Du, wohnend im Heiligthume. Ich erinnere mich, sagte Lothar, eines schoͤnen Sonettes von Flemming, mit welchem das eben gesprochene einige zufaͤllige Aehnlich- keit hat, denn unser Freund hat dieses gewiß nicht gekannt, welches so lautet: Wie? ist die Liebe nichts? was liebt man denn im Lieben? Was aber? alles? Nein. Wer ist vergnuͤgt mit ihr? Nicht Wasser: Sie ergluͤht die Herzen fuͤr und fuͤr. Auch Feuer nicht. Warum? was ist fuͤr Flammen blieben? Zweite Abtheilung . Was denn? Glut? aber sagt, woher koͤmmt ihr Betruͤben? Denn boͤse? mich duͤnkt's nicht, nichts solches macht Begier. Denn Leben? Nein. Wer liebt, der stirbt ab seiner Zier, Und wird bei Leben schon den Todten zugeschrieben. So wird sie todt denn seyn? nichts minder als dies eben. Was todt ist, das bleibt todt. Aus Lieben koͤmmet Leben. Ich weiß nicht, wer mir sagt, was? wie? wo oder wenn? Ist nun die Liebe nichts? als Alles? Wasser? Feuer? Gut? boͤse? Leben? Todt? Euch frag ich neuer Frager, Sagt ihr mirs, wenn ihrs wißt, was ist die Liebe denn? Die Nacht war laͤngst herein gebrochen, alle trennten sich, um die Ruhe zu suchen. Am folgenden Nachmittage war die Ge- sellschaft wieder versammelt, und auf die Vor- lesung des zweiten Theils des Fortunat be- gierig, die Friedrich ihr noch schuldig war. Dieser war im Garten mit Manfred in einem lebhaften Streit begriffen. So oft es nur moͤg- lich gewesen, war er auf abgerissene Viertel- stunden bei Adelheid gewesen, er hatte die Nacht Zweite Abtheilung . nicht schlafen koͤnnen, und war jetzt in einer Stimmung, daß ihm jede andre Beschaͤftigung ertraͤglicher als diese Vorlesung duͤnkte. Du weißt es nicht, rief er aus, Du fuͤhlst es nicht, wie Du mich quaͤlst! Ich bin meiner Laune nicht Meister, schon die Gesellschaft aͤng- stigt mich, jedes gesprochene Wort druͤckt mich nieder, und am meisten dadurch, daß au- ßer Clara und Rosalie noch Niemand weiß, daß sie hier ist. Alle meine Gefuͤhle sind auf- geregt und in Verwirrung, ich kann nichts denken oder sprechen, und Du kannst nun gar verlangen, daß ich ihnen eine Masse von Thor- heiten mittheilen soll, die ich vor Jahren in leichtem Muthe erfand, und die mir heute wi- derwaͤrtig und vielleicht abgeschmackt erschei- nen werden. Mein Freund, sagte Manfred, alle diese Weigerungen sind umsonst, die Gesellschaft er- wartet diese Unterhaltung, zu der Du sie be- rechtigt hast. Entziehst Du Dich ihr jetzt, so weiß ich nicht, wie ich Dich entschuldigen soll, alle werden aufmerksam und Dein Geheimniß, welches Du ja selbst noch schonen willst, steht auf dem Spiel. Auch ist es etwas hoͤchst Un- billiges, daß Du Dich nur aus Laune den Ge- setzen entziehn willst, denen Du Dich unter- worfen, die Du selbst im frohen Sinne hast verfassen helfen. Es ist tadelnswuͤrdige Schwaͤ- che, daß Du Deine Laune nicht mehr beherr- Zweite Abtheilung . schest, daß Du eine Regel brechen willst, die wir alle uͤbernommen haben, um mit einem ge- wissen noͤthigen Ernst und mit Ordnung unser Spiel zu treiben, die zu allen ernsten und leich- ten Dingen nothwendig sind, wenn das Leben nicht zu einem leeren Gespenst verflattern soll. Dann mißfaͤllt mir auch hoͤchlich Dein Miß- fallen am eigenen Scherz; dulde es doch nicht in Dir, daß sich Deinen edlen und stolzen Em- pfindungen auch etwas verwerflich Vornehmes beimische, das auf Heiterkeit und Lust verach- tend hinab sehn will. Ist denn nicht die Frucht der Liebe bitter und suͤß der Geschmack? Du kannst Dich ja doch eben so wenig Deinem uͤbri- gen gewoͤhnlichen Leben entziehn, und sollst es auch nicht, weil das Hoͤchste in uns selbst sein Gegengewicht im Irdischen sucht, um nicht in leeren Schein hinauf zu schwindeln. Quaͤlt Dich aber die Vorlesung so uͤbermaͤßig: nun, so magst Du denken, daß die poetische Nemesis Dich er- eilt hat, denn in manchen Augenblicken moͤchtest Du Dich doch vielleicht an denselben Empfindun- gen versuͤndigt haben, die Du jetzt einzig naͤh- ren und nur in ihnen athmen und leben willst. Und, mit einem Wort, um alles zu sagen: Du mußt! Du magst Recht haben, sagte Friedrich la- chend, ich will Dir Folge leisten und diese Stun- den als eine Buße ansehn. Waͤre nur das leere so ernsthafte Gesicht des guten Walther nicht Zweite Abtheilung . in der Gesellschaft; aller Scherz faͤllt erstorben an ihm nieder, wie Schneegestoͤber am erwaͤrm- ten Fenster schmilzt. Ist er nicht der braune unscheinbare Zweig, sagte Manfred, der Dir die laͤchelnde Frucht Adelheid gereicht hat? So komm! rief Friedrich. Sie eilten in den Gartensaal, und der Vorleser nahm seinen Sessel ein, den man ihm schon hingestellt hatte. Mein Schauspiel, fing er mit ungewisser Stimme an, eroͤffnet sich mit einem Prologe, der vielleicht dem ersten Theile vorhergehen, vielleicht auch ganz fehlen koͤnnte, doch theile ich ihn mit, um alles so zu geben, wie ich es vor mir finde. Er fing mit schwankender Stimme zu lesen an, die aber nach und nach fester und sichrer wurde. Zweite Abtheilung . Prolog . (Ein Gerichtssaal.) Zwei Raͤthe, ein Schreiber . S o haben wir nun heute das Protokoll ohne un- sern Herrn Praͤsidenten schließen muͤssen. Die Reise, die der Herr gemacht hat, war nicht laͤnger aufzuschieben, er mußte bei der Visitation gegenwaͤrtig seyn. Dazu ist es so schoͤnes und war- mes Fruͤhlingswetter, daß es zugleich eine Lustreise wird: die Aussichten sind unterwegs vortreflich, die Chausseen ausgebessert, die Wirthshaͤuser un- vergleichlich, und sein neuer Wagen der bequemste auf der Welt; da ist es nicht zu verwundern, wenn man die Geschaͤfte willig uͤbernimmt, und einen ziemlichen Diensteifer sehn laͤßt. Herr College, der Mann ist ein wuͤrdiger Mann, und es ist ein Gluͤck fuͤr uns, daß er unserm Departement vorgesetzt ist: haͤtte einer von uns das Gluͤck, kuͤnftig einmal diesen Posten zu bekleiden — Daran kann keiner von uns den- ken, dergleichen Fortun, dergleichen Carriere macht kein anderer. Zweite Abtheilung . Gluͤck? Verdienste, mein Lieber; das, was man Gluͤck nennt, giebt es in so wohl eingerichteten Staaten nicht. Nun, so nennen Sie es Zufall. Noch weniger. Zufall? Lieber, wie vertruͤge es sich mit der gesunden Philosophie, diesen zu statuiren? Je nun, leben und leben lassen: seyen wir tolerant, damit andre uns auch unser bischen Talent und Verdienst goͤnnen. Eins nicht ohne das andere. — Doch welch ein Getuͤmmel draußen? Neue Partheien? Die Leute wissen ja doch, daß die Session voruͤber ist. Nun, das Trappeln, das Rufen, das Streiten wird wahr- lich immer aͤrger. Hoͤren Sie nur die Ungezogen- heit! Herr Sekretaͤr, bedeuten Sie doch einmal den Leuten. ( Sekretaͤr ab). — Meine Frau wird schon zu Hause mit dem Essen warten. Herr College, Sie sollten sich unmaßgeblich vor dem jungen Menschen nicht so bloß geben: er ist ja im Stande, und traͤgt dem Praͤsidenten alles wieder zu. Menschenfurcht, Herr College, ist mir unbekannt: ich verlaͤumde, ich verfolge nicht, ich lasse dem Verdienst Gerechtigkeit wiederfahren, aber das Gluͤck ist doch am Ende das, was die Welt regiert. Doch Sie gehoͤren zu den Aengstli- chen, Sie sind allzu milde, auch zu fromm, und meinen gleich, man thut dem Schicksal und der Re- ligion zu nahe, wenn man dem Gluͤck seine Rechte einraͤumt. Nur, ums Himmels Willen, klare Begriffe — Zweite Abtheilung . Ich kann kaum mehr hoͤren, so laͤrmet das Gesindel draußen. — Nun, Herr Se- kretaͤrs (Der Sekretaͤr koͤmmt zuruͤck.) Meine Herren Raͤthe, — ich bin außer mir, — so etwas ist hier auf unserm Saal, in diesem Rathhause noch nie erhoͤrt worden — ich dachte erst, es waͤre ein Comoͤdienspiel, oder ein allegorischer Aufzug, aber es ist die Wirklichkeit. — Was ist es denn? Ich komme hinaus — und sehe, — und erstaune — und weiß mich nicht zu fassen. Sie wollen ohne Noth unsre Neu- gier spannen. — Es giebt Augenblicke im Leben, wo sich unser Daseyn und unsre Seele wie zum Traum verfluͤchtigen, wo wir einen Blick thun in die Raͤthsel des Universums, und uns die Sylbe schon wie auf der Zungenspitze schwankt, und wir in Ahndung die Aufloͤsung schon heraus kosten und schmecken moͤchten, die die Charade, die uns hie- nieden aͤngstigt, in ihrer nackten Bloͤße darlegen wuͤrde — und diesen Zustand hab' ich jetzt erlebt. Herr Belletrist, zur Sache! Las- sen Sie die neumodischen Aufstutzungen fuͤr Ihre gelehrte Gesellschaft. Sie werden nicht glauben, ja ihren Augen selbst nicht trauen. Lieber, wir verlieren die Geduld. Ich komme hinaus, und sehe, — was? halb schwebend, halb wandelnd, halb beklei- det, halb nackt, halb freundlich, halb ernst, auf einer rollenden Kugel, fliegend den Schleier, mit entbloͤßten Schultern und Bein, ein weiblich Ge- Zweite Abtheilung . bild, in dem ich zu meinem Erstaunen erkenne, auch sie von allen Umstehenden so nennen hoͤre, die For- tuna, die weltbekannte, die allgesuchte, die aller- wuͤnschte. Die Fortuna? Ist es moͤglich? Das Gluͤck? Personifizirt? Al- bernheit! Der junge Mensch ist dumm, abge- schmackt und aberglaͤubisch geworden. Und um sie her stehn sechs Klaͤ- ger, sechs wunderliche Figuren, die sie mit Gewalt ins Haus geschleppt haben, und hier von einer ho- hen Obrigkeit Recht und Gerechtigkeit gegen die nichtsnutzige Person, wie sie sie im Zorne nennen, verlangen und begehren. Dies ist das Schreien und Laͤrmen draußen. Aber wir leben doch in einem merkwuͤrdigen Jahrhundert, das muß man gestehn. Lieber, es wird die fremde Schau- spielerinn seyn, die um Concession anhaͤlt: halb bekleidet, halb nackt, halb laͤchelnd, halb ernst, halb schwebend, halb wandelnd, alles paßt aufs Haar, und der Phantast weiß nicht, was er spricht. Verdutzt, angepfloͤckt, stand ich am Treppengelaͤnder, als ich von neuem das Ge- ruͤmpel hoͤrte, das vorher die Herren stoͤrte und be- taͤubte; und, was wars? Ein kleiner dicker Kerl, mit groben Gliedern, schlecht gekleidet, mit starken Stiefeln und tuͤchtigen Absaͤtzen, der sich damit abgiebt, nicht anders zu gehn, als indem er Rad schlaͤgt, der poltert zum Zeitvertreib die Treppe auf und ab: die Dame Fortuna rief nach ihm, als nach ihrem Bedienten, der dumme Kerl rappelt herauf, Zweite Abtheilung . bald Kopf oben, bald unten, schlaͤgt so gegen mich, der ich hingerissen oben lehne, wirft mir die harten Absaͤtze gegen das Haupt, und mich selbst eiligst die Treppe hinunter, die ich, wie mir es schien, im raschen anapaͤstischen Maß abpurzelte, und noch von den langen Anschlagssylben die Beulen am Kopfe habe. Die Goͤttinn sagte, der Zufall habe mich hinabgestuͤrzt, und ich verwunderte mich still uͤber die unverschaͤmte Luͤge. Da haben wir's, der Mensch ist auf den Kopf gefallen, und spricht im Wahnsinn. Ich will die Dame herein las- sen, so koͤnnen Sie sich selbst uͤberzeugen. (Es treten ein die sechs Klaͤger, Fortuna, ihr Diener, der im Hereintreten ein Rad schlaͤgt.) Ums Himmels Willen, was ist das? Wer sind Sie? Wo kommen Sie her? Was wollen Sie? Hier bringen wir endlich — Schweigt! laßt mich reden. — Wir bringen hier vor Ihren Richterstuhl das fal- sche Weib, welches mich, so wie alle jene Men- schen, durch ihre Bosheit ungluͤcklich gemacht hat. Immer will er noch kommandi- ren und herrschen. Diese Gewohnheit scheint tief im Menschen zu wurzeln, und schwer auszurotten. Wir wissen immer noch nicht, wen wir vor uns haben. Diese Frau heißt Fortuna, die Goͤttin des Gluͤcks, die uns aber alle, wie wir hier sind, hoͤchst ungluͤcklich gemacht hat, es ist uns ge- lungen, sie einzufangen, und wir uͤbergeben sie hier- mit dem loͤblichen Magistrat, um sie abzustrafen. Zweite Abtheilung . Ganz wohl. Herr Sekretaͤr, fuͤh- ren Sie das Protokoll. Vor vielen Jahren schon war ich genannt, geruͤhmt, und in allen Unternehmungen gluͤcklich man gab mir Gewalt und hob mich hoͤher und hoͤher, ich ward der Herrscher des Volks, und nun, als mein Gluͤck beginnen sollte, als ich die Fruͤchte aller meiner Anstrengungen genießen und mich als Monarch fuͤhlen wollte, ward ich gestuͤrzt, und mir wieder aus den Haͤnden gerissen, was ich kaum errungen hatte; nun bin ich das Sprichwort der Welt, das Gelaͤchter der Thoren, der Spott des Volks. Er spricht die Wahrheit, aber er vergißt zu sagen, daß er mir wohl seine Erhebung zu danken, doch mich nicht wegen seines Sturzes zu beschuldigen hat. Haͤtte er mit Weisheit meine Gunst gebraucht, sich nicht durch Willkuͤhr und Ty- rannei verhaßt gemacht, durch Treulosigkeit die Freunde entfernt, durch Hochmuth und Falschheit sich Feinde erweckt, haͤtte ihn sein Gluͤck, statt ihn weise und vorsichtig zu machen, nicht zum wahn- witzigen Duͤnkel gefuͤhrt, so daß er die Klugheit von sich stieß, sich sein eigner Goͤtze ward, und so selbst seinen Untergang herbei rief, so glaͤnzte er noch mit meinen Gaben, und meine freigebige Guͤte umklei- dete ihn noch. — Seht, er steht stumm und weiß nichts zu sagen. Das laͤßt sich hoͤren. Liegt Moral in dieser Antwort, die Frau zeigt Belesenheit und Bildung. Kein Wort werde ich gegen euch Elende verlieren. (geht ab.) Zweite Abtheilung . Was aber soll ich sagen? Welche Bestrafung des boͤsen Weibes soll ich begehren? Denn in mir hat sie sich nicht bloß an einem einzel- nen Wesen, sondern an der ganzen Menschheit ver- suͤndigt. Doch, was sage ich? Immer wieder be- haupte ich, daß sie gar nicht existirt, oder daß ich ihr nichts zu danken habe, sondern alles mir selbst und meinem großen Genie. Machen Sie sich deutlich: wor- uͤber klagen Sie denn? Freund, ich war der groͤßte, der beruͤhmteste Weltweise und Denker, mein Name flog von Pol zu Pol, meiner Schuͤler waren unzaͤhlige, meiner Verehrer so viel es Menschen gab; Jour- nale, Zeitungen waren voll von meinem Lobe, man nahm meinen Namen zum Motto, mein Bild- niß zum Aushaͤngeschild, — ich dachte und dachte, untersuchte, unterschied, bis endlich durch einen un- gluͤcklichen Zufall — Holla! ho! was soll das nun wieder? Warum mengt Er sich denn hinein? Ich? Weil ich keine Schuld daran trage, und meinen ehrlichen Namen nicht so will verlaͤstern lassen. Sprech Er mit, wenn Er gefragt wird. Mit einem Wort, der gute ehrliche Herr, den Fortuna mit einem unvergleichlichen In- genium ausgestattet hatte, ließ sich nicht genuͤgen, er strebte uͤber sein und das Ziel der Menschen hinaus, ward hoffaͤrthig, leugnete Gott und Welt, am Ende sich selbst, schnappte richtig uͤber, ward Schwaͤrmer Zweite Abtheilung . und Zweifler, ging alle Narrheiten durch, und kommt nun, da ihm das Raͤdlein im Kopf abgelaufen ist, und sagt der, Zufall habe gethan, was er allein verschuldet hat. Eigenduͤnkel hat ihn verleitet, die Maͤßigkeit zu verachten, die auch im Sinnen und Dichten nur die rechte Bahn findet; aus Hoch- muth hat er selbst die Spiegel in seinem Innern zer- schlagen, in denen er das Verhaͤltniß der Welt und sich selbst betrachten konnte, was seine Suͤnde ge- than, soll ich buͤßen, die ich ihn mit Wohlthaten uͤberschuͤttet habe. Diese Untersuchung gehoͤrt nicht vor unser Forum, hier mangeln die Thatsachen, dies psychologische Problem muß auf andre Art aufgeloͤst werden. Ist der Herr Weltweise denn wirk- lich toll und unbrauchbar geworden? Kann er keine Vorlesungen mehr halten? Schreibt er nicht mehr? Ganz ruinirt ist er, manchmal ra- send, immer dumm: also zu gar nichts mehr zu brauchen. Sehr merkwuͤrdig, daß sich der Geist, oder so zu sagen die inwendigen Springfe- dern und Ressorts so anstrengen koͤnnen, daß sie vor zu gespannter Elasticitaͤt diese ganz verlieren. Sie sind also jetzt ohne alle Einsichten, Herr Phi- losoph? Dummkopf! Ich ohne Einsich- ten? Ich, der tiefsinnigste der Menschen? Warum klagen Sie denn also? Weil, — weil, — Bester, wer sitzt Zweite Abtheilung . sitzt gern im Narrenhause? Dahin hat man mich unter dem Vorwande geliefert, ich sey nicht bei mir selber, — und wenn ich auch dunkle Augenblicke ha- ben sollte — Ah so! Treten Sie mir nicht so nahe, ich fuͤrchte mich vor tollen Menschen. Es steckt außerdem an, wie Sie werden gelesen haben, und wer weiß, ob ich nicht jetzt gerade sehr reizbar und empfaͤnglich bin. Zwei Waͤchter treten herein. Nichts vor ungut! wir suchen unsern Narren, der uns entsprungen ist. — Ei, da steht er ja und spekulirt. — Kommen Sie nur im Guten, lieber Mann. Gern, die ganze Welt ist ja ein Narrenhaus. Richtig, darum gehn so ver- nuͤnftige Leute wie Sie gleich vor die rechte Schmiede, um nicht lange vergeblich anzufragen. (sie fuͤhren ihn ab.) Hoͤren Sie mich an, meine Her- ren, und lassen Sie sich nicht mit Verruͤckten ein. Was mich betrift, so werden Sie gewiß einsehen, daß mich die falsche Frau ungluͤcklich gemacht hat. Sie hat mich reich gemacht, das ist wahr, aber wie elend neben meinem Reichthum? Kannst Du es laͤug- nen, Du Falsche, daß ich mit der innigsten Dank- barkeit Deine Gaben annahm? Bewillkommte ich III. [ 17 ] Zweite Abtheilung . nicht den ersten Goldhaufen wie einen Gott in mei- nem Hause? Kniete ich nicht vor dem Glanz? Schloß ich ihn nicht in mein innerstes Herz? Kann ein Mensch Geschwister, Verwandte, Freunde sa- gen, daß ich ihn seitdem geachtet und geliebt? Hat noch ein andres Gut der Erde meine Seele an sich gezogen? Nein, ganz und ausschließend ergab ich mich diesem; er war mein Herr, ich sein Knecht. Aber hat dieser Herr mich, so treu ich ihm war, guͤtig behandelt? Half es mir, daß ich vor ihm kniete und ihn anbetete? Nein er goͤnnte mir keine Ruhe in der Nacht, keine Freude am Tage, ja kei- nen Bissen Brod; seht selbst, wie ich zum Gerippe geworden bin. Nun hab' ich nicht Frau, noch Kin- der, keine Geschwister, noch Verwandte, nicht Freunde und Theilnehmende, und dieses Geld selbst quaͤlt und martert mich, und ist mein Verfolger, so sehr ich es auch liebe. Es scheint, Bester, Sie haben kei- nen guten Gebrauch von den Reichthuͤmern gemacht die Ihnen das Schicksal goͤnnen wollte; nach Ihrer eignen Beschreibung sind Sie aͤußerst geizig, und dafuͤr kann dann freilich die gute Goͤttinn nicht. Wenn Sie aber mit Wohlhaben- heit so gesegnet sind, wie Sie selbst sagen, so koͤnn- ten sie viel fuͤr das Vaterland und diese unsre gute Stadt in ihren Bedraͤngnissen thun, wenn sie zu billigen oder gar keinen Zinsen ein Capital uns an- vertrauen wollten. Ist das das Ende vom Liede? Ich Zweite Abtheilung . empfehle mich, da kein Recht noch Gerechtigkeit hier zu finden ist. (geht ab.) Sonderbare Menschen! Was giebt es denn noch zu klagen? Seht mich an, meine Herren! Nicht wahr, ich bin ein Schauspiel zum Erbarmen? Ein Bein verloren, einen Arm zu wenig, den Kopf bepflastert und voll Wunden, die Nase laͤdirt, ein Auge ausgestoßen, und mein ganzer noch uͤbriger Leichnam so dick vernarbt, wie die Rinde einer alten Eiche. Bei jeder Wetteraͤnderung spuͤre ich meine Wunden. Ists nicht klaͤglich? Warum sind Sie aber so zerhackt und fragmentirt worden? Richtig, ein Auszug, ein Epi- tome eines Menschen bin ich nur noch, eine abge- kuͤrzte Uebersicht, eine philosophische Reduktion, denn was ich nur irgend habe entbehren koͤnnen, was nicht zum aͤußersten Bedarf war, hat man mir abgenommen: und wer ist Schuld, als jene boͤse Sieben, die mir Staͤrke und Tapferkeit verlieh, mich aber dafuͤr so wie eine gestuzte Weide hat be- hauen lassen. Nicht ich! dieser Mann konnte sich begnuͤgen mit dem Ruhm seines Muthes; aus vielen Gefechten war er gluͤcklich und unbeschaͤdigt gekommen, er war ein geliebter Anfuͤhrer; aber er konnte nicht ruhen, wo er nur von Haͤndeln und Zweite Abtheilung . Kriegen hoͤrte, mußte er zugegen seyn, er selbst stritt und zankte mit jedem, es war nicht anders, als fiele sein eigner Koͤrper ihm zur Last, und so hat er dem Gluͤck und Schicksal Trotz geboten, und nur selbst sich beschaͤdigt. Dies laͤßt sich hoͤren — Was laͤßt sich hoͤren? Ein Narr ließ sich eben hoͤren, und wenn ich nicht mehr be- daͤchte — Teufel! ich wollte euch mit dem Degen so um die Ohren schlagen, — haͤtt' ich nur noch mei- nen ehemaligen rechten Arm, so solltet ihr andre Dinge sehn. (geht ab.) Sehen Sie in mir einen sehr alten, alten Mann; ich bin nun schon uͤber die Ma- ßen alt, und habe die traurige Aussicht, noch viel aͤlter zu werden, denn das ist die elende Gabe, die ich von jener Frau erhalten habe, ein unendlich lan- ges Leben zu fuͤhren. Ich kann ihr nicht dafuͤr dan- ken, denn ich habe nie gewußt, wie ich meine Zeit zubringen soll: sehn Sie, es ist doch eigentlich sehr langweilig, so zu leben und immerfort zu leben, es faͤllt genau genommen nicht viel Neues vor, ja ge- nau besehn, ist das, was die Leute etwas Neues nennen, immer schon etwas Altes. Wie soll man nur ein so langes Leben hinbringen? Alles ermuͤdet mich, alles ekelt mich an. Ich weiß nicht, wie so viele ein hohes Alter ein Gut nennen koͤnnen. Und doch will ich freilich auch nicht gern sterben. (gaͤhnt.) Nicht wahr, ich bin recht ungluͤcklich? Lieber, alter, langweiliger Mann — Zweite Abtheilung . Sagen Sie nichts, ich bitte Sie recht sehr, schon vorher hat mich alles das Spre- chen herzlich gelangweilt, ich habe es auch nur ver- gessen fortzugehen; aber jetzt soll mich nichts mehr aufhalten, vielleicht ist draußen, oder auf der Straße etwas das mir besser gefaͤllt. (geht.) Alle sind fortgegangen, und es scheint wohl, daß wir hier kein sonderliches Recht finden werden. Wenn Sie mich ansehen, so wer- den Sie noch jetzt die Spuren finden, daß ich ein sehr schoͤner Mann gewesen bin, aber gerade diese Gabe der Dame Fortuna hat mich ungluͤcklich ge- macht, denn alle Menschen sind mir aufsaͤssig gewor- den, die Weiber haben mich gehaßt, die Maͤnner verachtet, die haͤßlichsten erbaͤrmlichsten Geschoͤpfe machten neben mir Gluͤck, meine Verdienste wur- den nie bemerkt, daruͤber bin ich ein Menschenfeind und Veraͤchter aller Geschoͤpfe geworden, stehe ein- sam und verlassen im Alter da, und fluche dem Ge- schenk, welches mir die Frau zu meinem Verderben zugetheilt hat. Aber, mein Herr, vielleicht haben Sie durch Eitelkeit und Hoffarth die Menschen von sich gestoßen — Recht so! das ist auch so eine Nase, solche glatte Physiognomie, die mitsprechen, die sich etwas herausnehmen will, wo unser eins auftritt, die wir doch den Stempel des Ueberirdi- schen, des hohen Menschlichen wenigstens empfan- gen haben; aber solch pockengruͤbiges, verzacktes Zweite Abtheilung . und schief ausgeschnittenes Gesicht, wo die Garten- scheere beim Silhouettiren ausgefahren ist, weil ein boshafter Geist dem Bildner an den Ellenbogen ge- stoßen hat; solch gekruͤmmtes, versessenes, verstu- dirtes Wesen — Ich weiß nicht, mein Herr, warum ich diese Grobheiten dulde, und den veralteten, mit Moos uͤberzogenen Herrn Antinous nicht — Sie sind unter mir, ich ent- ferne mich, um mich nicht zu vergessen, denn man soll immer nur mit seines Gleichen streiten. (ab) Grobes Gesindel — Sie sehn selbst, mit welchem Un- recht ich geschmaͤht bin, und ich danke Ihnen fuͤr den geleisteten Beistand. (schwebt hinweg.) Sehn Sie, sehn Sie doch die artige Tournure, den allerliebsten Pas, die grazioͤse Wendung, mit der die Holdselige zur Thuͤr hinaus schwebt. Leben Sie wohl. (will gehen.) Wer ist Er denn eigentlich? Der Diener, der Begleiter, der lustige Gesellschafter der Dame. Wollte ich klagen, so faͤnde ich gar kein Ende, denn wie ich auf Erden verlaͤstert und verlaͤumdet werde, ist nicht mit Wor- ten auszudruͤcken. Faͤllt einer auf die Nase, so hat es der Zufall verursacht, brennt ein Haus ab, Zweite Abtheilung . stuͤrzt ein Mensch aus dem Fenster und bricht den Hals, geht ein Schiff zu Grunde, platzt einem Sol- daten das Gewehr: wer hat alles dies veranstaltet? der Zufall! Am auffallendsten war es mir neulich als ich hoͤrte, einem sey durch einen Zufall das Maul aufstehn geblieben; Unsinn und kein Ende! Taͤglich hoͤrt man: durch einen Zufall ging die Thuͤr auf: nein, wenn sie zugeschlagen wird, meine Herren, wenn das Maul zusammen klappt, dann ist es ein Zufall, anders nicht; der Fuchs und der Wolf werden in den Eisen nur durch einen Zufall gefan- gen, wenn es der Jaͤger auch noch so kuͤnstlich ver- anstaltet hat; die Maschienerie der Mausfallen be- ruht einzig auf einem Zufall: darauf bitte ich in Zu- kunft Ruͤcksicht zu nehmen. Bester, er spricht Unsinn, fuͤr den vernuͤnftigen Menschen giebt es gar keinen Zufall. So? Weg da! Platz da! (er schlaͤgt Rad, wirft die Tische um, und kollert zur Thuͤr hinaus.) Himmel und Erde! Sehn Sie, Herr Rath, alle Skripturen, meine saubern Abschrif- ten, die großen Tintenfaͤsser druͤber und hinein ge- gossen, die Tintenflaschen zerbrochen, alles ein schwarzes Meer, in welchem alle Buchstaben, alle Beweise, alle Protokolle, wie Pharao mit seinem Gefolge ersoffen sind. Der Boͤsewicht! Was soll man denken? Soll man dies einen Zufall nennen? Zweite Abtheilung . Ich bin ganz dumm geworden und irre an mir selbst; und nun alles wieder ins Reine zu schreiben! Und wer es nur lesen koͤnnte! Wir muͤssen die Akten aus allen Fenstern hinaus haͤngen, daß die Sonne sie wieder trocknen kann. Der Praͤsident tritt herein. Was giebt es hier fuͤr Ver- wirrung, meine Herren? Wir hatten hier das sonderbarste Verhoͤr von der Welt, Herr Praͤsident, sechs Klaͤ- ger brachten in diesen Saal Niemand anders her- ein, als die Goͤttinn des Gluͤcks, die beruͤhmte For- tuna, ihr folgte ein wilder fataler Kerl als Diener, der Zufall, der hier auch alles durch einander ge- worfen hat, so daß wir viele Muͤhe werden anwen- den muͤssen, um die alte Ordnung wieder herzustellen. Wie? Und sie haben die Leute wieder fort gelassen? Himmel! festhalten haͤtten Sie sie muͤssen; die Frau haͤtte uns Weisheit abge- liefert fuͤr ewige Zeiten, bis zu den letzten Kanzel- listen hinab haͤtten alle Salomo's werden muͤssen, und Geld, Geld, welches wir alle so hoͤchst noͤthig brauchen, um unsre Verbesserungen in den Gang zu bringen: eine lebendige, unerschoͤpfliche Muͤnze haͤtte sie uns werden muͤssen. Und den Zufall, den verderblichen, der oft die besten, kluͤgsten Plane vernichtet, der so oft aller Weisheit spottet, der schon so viel Unheil uͤber die Welt gebracht hat, ihn haͤtten wir bei Wasser und Brod dort im tief- sten Loch des Thurmes festgesetzt, man haͤtte ihn so nach und nach verkommen und verderben lassen, daß Zweite Abtheilung . kein Hahn darnach kraͤhte. Denken Sie doch, wel- chen Ruhm! Welchen Nutzen wir unserm Vater- lande, ja der Menschheit gestiftet haͤtten! Das ver- gebe ich Ihnen niemals, meine Herren, war keine Wache da, so mußten sie zum allgemeinen Besten selber zugreifen. Wir dachten nicht daran, wir ha- ben nicht den praktischen Blick, das schnelle Genie, welches den Herrn Praͤsidenten vor allen Staats- beamten so sehr auszeichnet. Der Herr Praͤsident tragen ja den Arm in einer Binde? Ihnen ist doch kein Ungluͤck begegnet. Eine kleine Verletzung, die nichts zu bedeuten haben wird. Hier draußen vor der Stadt, nahe am Thore, ist mir etwas hoͤchst Seltsames begegnet: indem ich hereinfahren will, erhebt sich vor mir ein weibliches schoͤnes Gebilde, es schien, als wollte sie in den Wagen zu mir herein schweben, ich haͤtte sie halten koͤnnen, aber sie flog uͤber die Chaise hinweg, und, indem ich ihr erstaunt nachsehe, waͤlzt sich radschlagend ein dicker plumper Kerl in den Weg, zwischen die Pferde hinein, schlaͤgt im Purzelbaum den Kutscher vom Sitz, macht die Pferde scheu, poltert zu mir herein, ver- letzt mich am Kopf, der Wagen wirft um, und in- dem wir uns besinnen, aufraffen, den Wagen rich- ten, Bediente und Kutscher wieder ihre Stellen einnehmen, sind schon beide Gespenster weit weg entschwunden. Der Arm aber ist mir ausgerenkt. Das war sie, das war sie, Ihr Zweite Abtheilung . Gnaden, Fortuna und der Zufall. Ach, haͤtten Sie sie doch gegriffen und festgehalten, die Boͤsewichter. Hoͤchst sonderbar. Ja, ich haͤtte sie nur am langen Haupthaar, am Schleier fesseln sollen, sie war mir so nahe, so, — doch, gehn wir, meine Herren, schweigen wir von der ganzen Geschichte, um nicht seltsame Geruͤchte und albernes Geschwaͤtz in der Stadt zu veranlassen. Alles naͤhrt jetzt leider die Vorurtheile und den Aberglauben, man kann nicht behutsam genug ver- fahren. Kommen Sie. (Alle gehen ab.) Fortunat . Zweiter Theil . Ein Maͤhrchen in fuͤnf Aufzuͤgen . Fortunat . Erster Akt . Erste Scene . ( Zimmer .) Ampedo, Daniel . N un, mein junger Herr, warum denn so traurig, aller Muth fort, so in die Winkel weggekrochen und geheult, wie ein altes Weib? Du weißt es ja selbst, mein guter Daniel, daß mein Vater krank ist und mit jedem Tage schwaͤcher wird, so daß die Aerzte nicht mehr viele Hoffnung haben. Ja, das ist wahr; es scheint wohl, daß der gute alte Herr Fortunat bald sein letztes Brod wird gekauft haben, er sieht miserabel aus und laͤßt die Fluͤgel recht haͤngen: weil er aber wie ein Haͤnfling in der Mauße, wie ein Huhn ist, das den Pips und alle Federn aufgestrobelt hat, muͤßt ihr denn darum aussehn, wie eine gebadete Maus? Alte Leute muͤssen sterben, junge muͤssen leben, das Zweite Abtheilung . ist nun einmal seit uralten Zeiten der Lauf der Welt. Trinkt ein Glas Wein, seyd wohlgemuth, er laͤßt euch ein tuͤchtiges Vermoͤgen zuruͤck, der alte Goldfink, euer Leben muß noch erst angehn. Laß mich traurig seyn, guter Mensch, es thut mir besser. Wenns euch kommoder ist, in Got- tes Namen, heult und greint, bis euch die Augen aus dem Kopfe fallen, mir kanns recht seyn, mich kostets nichts. Andalosia koͤmmt mit Dienern. (singt.) Feinsliebchen rief: ich kuͤß' dich nicht, Du hast noch keinen Bart! Der Juͤngling sprach: mein Schatz, mein Licht, Das ist so meine Art, Die Jugend ist so lieb, Das Alter ist ein Dieb, Waͤchst erst Vernunft und Bart so dicht, Mag ich dich nicht, mag ich dich nicht. Da, Caspar, trag' den Falken fort, das Vieh hat sich heut elend aufgefuͤhrt, er ist gar nicht mehr, was er war, und wird mit jedem Tage schlechter, bald gut genug, ihn der Katze zum Fressen vorzu- werfen. (Diener ab.) Da seht nur den Junker, der ist von ganz anderem Faden gedreht, wie ihr, der reinste, feinste Flachs, so rund und drall, und ihr seyd nur aus Werg, aus dem Abgang gesponnen. — Ists aber Recht, junger Herr Andalosia, so zu schreien und zu singen, nichts als Falken und Pferde im Kopfe zu haben, wenn der alte Herr Fortunat . Vater so krank und schwach ist, und bald das ganze Lebenslicht ausniesen wird? Das denkt doch auch an gar nichts, als so weit ihm gerade die Nase steht, aus der Hand in den Mund, aus dem Becher in's Bett, aus dem Bett auf die Jagd! Sapper- lot! es giebt doch auch Tugend und Vernunft, Mo- ral und Religion in der Welt! Beißt da doch auch ein Bischen hinein, Wildfang, vielleicht kommt euch der Appetit dazu im Essen. Was so ein alter, abgewitter- ter, verschimmelter Domestik sich herausnimmt, wenn er so ein dreißig Jahr im Hause geklebt hat! Bist du, verdorrtes Schafsfell, mein Hofmeister, mein Onkel, meine Gouvernante, mein Vormund, daß dir so schaͤbige Redensarten aus dem Munde staͤuben duͤrfen? Sacht! sacht! ich dachte, ich waͤre ein wuͤrdiger alter Mann. Ein altes Trommelfell, das nicht eher moralisch knurren sollte, bis man mit den Trommelstecken uͤber dich kaͤme. Schon gut, ich habe mich wohl mehr in der Welt umgesehn, als so ein Wildfang sich traͤumen laͤßt. — Da bringen sie den alten Herrn, seht nur, wie cadu c er ist, und laßt euch ruͤhren. Fortunat am Stabe, von zwei Dienern gefuͤhrt. Setzt mich in diesen Sessel, — sacht, — nun geht, Stellt noch das Kaͤstchen hier erst neben mich, — Nun alle fort; — da seyd ihr, liebe Soͤhne, Zweite Abtheilung . Ich wollt' euch rufen lassen: — schließt die Thuͤren! ( Diener ab.) Daniel, geh nun auch mit den andern fort. Wird wohl nicht noͤthig seyn, ihr braucht ja Huͤlfe, Umstaͤnde macht nur nicht mit unser einem. Ich sage du sollst gehn, ich habe viel Mit meinen lieben Soͤhnen abzusprechen. Strengt euch nicht ohne Noth die Lungen an, Was nuzt das viele Reden? Ihr wart nie Ein Freund davon, der Ruhm bleib' euch zum Tode. (wirft ihn hinaus.) Im Schlimmen fort, willst nicht im Guten gehn! — Der alte Mensch wird toll; verschlossen ist Die Thuͤr, mein theurer Vater. Liebe Soͤhne, Ich fuͤhle, wie die lezte Stunde naht. Ihr seyd noch wohl, nein, nein, verlaßt uns nicht. Das Leben ward mir nur geliehn zum Sterben, Wir gehn nur durch die Welt zur hoͤhern ein. Es bleibt mir keine Zeit, geliebte Kinder, Euch zu ermahnen, Lehren euch zu geben, Das that ich viel und oft in bessern Tagen, Ich hoffe wohl, nicht alles sey verloren, Auch findet ihr in meinem Schreibezimmer Verzeichnet meinen Lebenslauf, die Reisen, Mit vielerlei Vermahnung, vor Gefahr Vor schlechten Menschen euch zu huͤten, Regeln Der Fortunat . Der Klugheit, die ich bitter lernen mußte. Les't diese Schriften mit Verstand und merkt Was keiner mir in harter Jugend sagte. Ich seh' in euch den Spiegel meines Lebens, Und sonderbar scheint mein Gemuͤth, so Schwaͤchen Wie Tugend, unter euch vertheilt. Vernehmt Den lezten Rath denn, den ich euch geben kann. Ich hoffe nicht zu straucheln, lieber Vater, Ein einsam stilles Leben kennt nicht Noth. Dir hat das fromme stille Wesen ganz Von Deiner selgen Mutter sich vererbt, Mein Erstgeborner du, doch seh' ich auch In dir die Bloͤdheit und den schwachen Sinn Der mancherlei Gefahr mich bloß gestellt, Du wirst dich schwerlich wagen, weder Meer Noch fernes Land, noch Neugier, Trieb zu reisen, Noch Uebermuth wird dich mit Noth bedraͤngen, Du lebst am liebsten heut wie morgen fort, Du kennst nicht Langeweil' und nicht Entzuͤcken, Doch, naht Gefahr, wo dann die Huͤlfe suchen? Der alte Leopold ist laͤngst gestorben; Der Koͤnig liebt und schuͤtzt uns, die Verwandten Sind dankbar und befreundet, darauf trau' ich. Wenn ich nur keinem in den Weg was lege, So wird auch keiner mich zum Stolpern bringen. Der Himmel fuͤg' es so. Du, Andalosia, Der juͤngere, bist fast mein Ebenbild, Dieselbe Lust, die mich als Juͤngling trieb, An Pferden, Falken, Hunden, Spiel und Jagd, III. [ 18 ] Zweite Abtheilung . Oft hast du mir von Reisen schon gesprochen, Dein heft'ger Sinn treibt dich ins Weltgewuͤhl, Du bist im Stechen, im Turnir fast immer Der Erste, Reiten, Springen, Tanz, die Zier Des jungen Edelmanns ist deine Freude: Allein in deinem Sinn ist Uebermuth Und Wildheit, die mir immer fremd geblieben, Du hast Verstand, ja Scharfsinn, doch ich sah Wie du ihn oft nur dazu brauchen mußtest Dich loszuwickeln aus Verdruͤßlichkeit, Die unbesonnen Thun dir zugezogen, Drum huͤte dich, daß nicht dein Lebenslauf Nur ein Verstricken und Entstricken sey. Ich werde immer nur der Ehre folgen, Sie steht als Rath mir bei in Kampf und Noth. Bewahrt euch klug vor eurem Oheim hier, Dem schlimmen Nimian von Limosin, Ich loͤßt' ihn von Verbannung, Armuth, Schande, Und glaubte mich in Lieb' ihm zu verbinden, Doch giebt es Herzen, die der Dankbarkeit Nicht faͤhig sind in thierischer Verstarrung, Und schuͤzt euch auch der Koͤnig, reizt ihn nicht: Doch koͤmmt es, daß ihr je den Widerwaͤrtgen, Daß ihr sonst jemand, wer es sey, beleidigt, Waͤhnt nicht, daß er der Kraͤnkung je vergesse, Entfernt euch ihm, zieht ihn nicht zu euch an, Am besten Land und wuͤstes Meer dazwischen; Denn das hab' ich im Leben oft gesehn: Leichtsinniges Vertraun dem Feinde leihn Ist schlimmer, als mit giftgen Nattern spielen. Fortunat . Man soll sich vor Beleidigungen huͤten, Kann man es nicht, den Gegner so bestrafen, Daß er uns selbst gern aus dem Wege geht. Ich lass' euch, Soͤhn', ein schoͤnes Gut im Lande, Diesen Pallast mit seinen praͤchtgen Gaͤrten, Ihr findet vieles Gold in meinem Zimmer In jenen festverwahrten Eisentruhen, Allein das Koͤstlichste, das Seltenste, Mehr werth als Schloß und Land, als diese Insel, Das findet ihr in diesem Kaͤstchen hier: Die Todesstunde zwingt mich, das Geheimniß, Das lang verheelte, zu entdecken. Oeffnet Das Schloß und hoͤret aufmerksam mir zu. Von dunklem Leder nur ein kleiner Saͤckel, Ein grauer alter Hut von schlechtem Filz? Dies die Juwelen? Scherzt ihr nicht, mein Vater? Zu ernst ist diese Stund'! In Todesnoth, Verschmachtet schier, arm, ausgestoßen, elend, Verzweifelnd schon an jeder Huͤlf' und Rettung, Erschien mir wunderbar als wie im Traum Ein leuchtend Bild, ein glaͤnzend hohes Weib, Die Goͤttin war es selbst, Fortuna war's, Das Gluͤck mit allen seinen reichen Gaben, Sie stellte mir die Wahl, ich waͤhlte Reichthum, Und diesen Saͤckel reichte mir die Hand, Den unerschoͤpflichen, doch findet ihr Des weitern dies erzaͤhlt in meinem Buche. Ists moͤglich? Zweite Abtheilung . Ei, das klingt wie Zauberei. Mit diesem Wundersaͤckel war ich gluͤcklich Und reis'te weit umher durch alle Lande, Der Lust genug zu thun, die um mich trieb: Doch kam ich oft in toͤdtliche Gefahr, Bis mir gelang, nachdem ich schon vermaͤhlt, Nachdem ihr beide mir schon wart geschenkt, Das zweite Wunderkleinod aufzufinden. Es fuͤhrte mich mein Weg einst nach Aegypten, Des Landes Sultan war mein alter Freund, Dem ich manch reiches Kleinod schon geschenkt, Mit seinen Briefen ging ich dann nach Syrien, Und Palaͤstina, Persien, bis zum Ganges, Und kehrte wiederum zu ihm zuruͤck; Im traulichen Gespraͤch zeigt er mir froh Was er an Schaͤtzen, Kleinoden, Juwelen, Und Silbers Fuͤlle, Goldes Glanz besaß, Genug die Augen Sterblicher zu blenden; Ich pries sein Gluͤck, da fuͤhrt er mich, geschmeichelt, In sein verriegelt einsam Schlafgemach, Zieht diesen Filtz, unscheinbar, alt, vertragen, Aus seinem Busen; spricht: mein groͤßter Schatz Ist dieser Hut, denn deckt er meinen Kopf, Und nenn' ich nur den Ort, seys nah, seys fern, So bin ich mit Gedankenschnelle dort; Ich staunt' ihn an, er lacht', als glaubt' ich nicht, Da kam es wie ein Blitz in meinen Sinn, Vielleicht, so sprach ich, ist er schwer, gewichtig, Und druͤckt das Hirn mit seiner Wunderkraft; Der Thor darauf: nicht schwerer als jedweder Gemeine Hut! und sezt ihn selbst mir auf; Fortunat . Ich wuͤnsche mich sogleich zu meinem Schiff, Der Anker wird gelichtet, wie hieher, Da prob' ich gleich das maͤrchenhafte Wunder, Und richtig, wie er sagte, ohne Qual Und Kosten, unermuͤdet, bin ich bald In Indien, dann in Groͤnland, Spanien, In wuͤsten Inseln, was mein Kopf nur sinnt, — Nun gab es keine Kraft mich festzuhalten, Ich lachte jeglicher Gefahr: der arme Thor Bot mir Millionen fuͤr den Wunderhut, Ich schlug sie aus, er haͤrmte sich im Zorn, Daß er nach ein'ger Zeit gestorben ist. Der arme Mann! Warum auch schwieg er nicht? Ich bin erschoͤpft. Nur noch beschwoͤr' ich euch, Sagt keinem Sterblichen von diesen Wundern, Nicht euren Fraun, wenn ihr einst seyd vermaͤhlt, Wie eure Mutter nichts davon erfahren, Auch keinem Freund, es giebt so treuen keinen Der nicht darnach mit allen Kraͤften stellte; Und zweitens, trennt die Wundergaben nie, Nach festbestimmten Zeiten wechselt nur, So kann euch keineswegs Gefahr bedraͤun, Ein halbes Jahr besitzt sie Ampedo, Dann Andalosia: versprecht mir dies. Gewiß, mein Vater, denn es ist vernuͤnftig. Wie ihr es wollt, ihr seyd der weisere. Zweite Abtheilung . Verwahrt sie fest, seyd schweigsam. Hebt mich auf, Fuͤhrt mich dort hin zu meiner Lagerstatt, Ruft meine Diener nochmals zu mir her, Den Priester auch, ich fuͤhle jetzt die Hand Des kalten Todes, und mein Geist enteilt Den truͤben Wolken dieser Zeitlichkeit. (gehn ab.) Zweite Scene . ( Garten .) Daniel allein. Dietrich! Komm hieher! Da sitzt der Junge und frißt die halbreifen Feigen hinein, und denkt an nichts Hoͤheres. — Fall' nicht, klettre behutsam herunter! — Der Junge hat mein Seel' was vom Affen! Die Geschicklichkeit, Behendig- keit, und frißt das Obst so sauber hinein, daß man keine Spur davon gewahr wird; kann auf Reisen was aus ihm werden, wenn er so fortfaͤhrt. (springt herunter) Da waͤr' ich! Und hat noch beide Backen vollge- stopft, daß sie ihm platzen moͤchten. Friß, kaͤu'erst hinunter, junges Blut, dann wollen wir ein ge- scheidtes Wort mit einander sprechen. Nun sprecht, Vater, ich bin schon fertig, aber sauber gescheidt, denn lange kann ich nicht versaͤumen, auf den Baum da druͤben scheint gerade die Sonne so recht heiß, die sind in Fortunat . fuͤnf Minuten auf der wahren Hoͤhe vom besten Geschmack. Ich daͤchte, du haͤttest nun die Kinderschuh vertreten, und wichtigere Sachen im Kopf. Ich hoͤre ja; sind meine Ohren etwa nicht groß genug? Der alte Herr ist todt, der junge Wildfang Andalosia denkt auf Reisen zu gehn und will dich mitnehmen. Gut, ich bin dabei, wenn er mich mitnimmt. Aber es ist nicht genug, daß du als ein Esel auf einem Pferde hinter ihm reitest, du sollst auch vernuͤnftig, menschlich seyn, mein Sohn, und nicht wie ein Vieh, verstehst du, das mit den Hoͤrnern vorwaͤrts sich immer weiter in die fette Wiese hinein frißt, ohne rechts und links von den moralischen und allegorischen Kuhblumen, Stief- muͤtterchen, Vergißmeinnicht, Je laͤnger je lieber Notiz zu nehmen. Richtig, das ist so die gewoͤhnliche Art, wies Vieh dergleichen hinein frißt, dumm, stumm, ohne alle Reflexion und Applikation. Mein Einziger, ich habe gesucht durch die Welt zu kommen, habe auch etwas vor mich gebracht, und denke es noch weiter zu bringen, besonders wenn ich mit dem Einfaltspinsel, dem Ampedo, allein hier zuruͤckbleibe; darauf sieh auch immer unterwegs, denn wenn der Junge dem Al- ten nur etwas nachschlacht, so fallen immer viele goldne Brosamen neben bei: drum gieb auch nicht zu viel fuͤr dich selbst aus, sey nicht, wie so manche Zweite Abtheilung . Großthuer, die sich in der Fremde bei neuen Be- kannten wollen sehen lassen, oder gar andre Die- ner beschaͤmen, so daß sie das Geld mit Faͤusten wegschmeißen; keiner dankts ihnen, sondern sie werden nur ausgelacht: findest du aber einmal Ge- legenheit, zu einem Traktement bei anderen zu kommen, da Sohn, friß dich recht voll und dick, schone dich nicht, denn dann hat der Mensch den meisten Seegen davon. Das sollt ihr mir nicht zweimal sagen, Vater, ich will euch gewiß in der Fremde Ehre machen, man soll von dem jungen Cyprier zu reden haben. Solltest du aus dem Dienste kom- men, so richte es so ein, daß du dem Herrn auf- sagst, aber ich hoffe, du kommst wieder mit ihm zuruͤck. La, la, nachdem mir der Herr gefaͤllt. Will es dein Schicksal oder Un- gluͤck, daß sie dich vielleicht irgendwo zum Solda- ten wegnehmen, und du marschirst nun gegen den Feind, o lieber Dietrich, dann ja auf dem Marsch die Augen allenthalben gehabt, merke dir jeden Weg und Steg, du glaubst nicht, mit welcher Si- cherheit man nachher davon laufen kann, wenn man sich die Waͤlder, die Bergpaͤsse und Hohlwege recht ins Gedaͤchtniß gepraͤgt hat. Die Bruͤcken aber auch, oder wo das Wasser nicht tief ist. Gewiß, mein Sohn, wo du aber auch seyn magst, so halte nur an der einen goldenen Hauptregel fest: sey nicht zu dienstfertig! Ein sol- Fortunat . cher williger, auf jeden Ruf und Pfiff aller Nar- ren herbei springender Schlingel wird ein Pack- esel fuͤr die ganze Welt. Und hat er Dank? Nein, fuͤr seine verfluchte Schuldigkeit wird es ihm angerechnet. Stellt er sich aber recht dumm, kriecht recht langsam, hoͤrt nicht, sieht nicht, schnautzt jeden an, dem er es bieten darf, so ha- ben sie gar nicht die Dreistigkeit, was von ihm zu fordern, und thut er dann einmal etwas unge- heißen, ei so geht ein wahrer Sonnenschein in allen Gesichtern auf. Recht, es giebt so Narren, die herum springen, als wenn sie sich zerreißen woll- ten, sie fahren mit den Ellenbogen an Tische und Waͤnde, und schlurren Schuh und Stiefeln ab, daß es zum Erbarmen ist: das sind so die wahren Buͤffelochsen um Gotteswillen, die Fleder- und Borstwische, Ofengabel und Bratenwender, Be- sen und Naͤhnadeln, Schloͤsser und Tischler und alles zugleich sind, und am Abend nichts als muͤde Beine haben, Beulen zum Dank, das Es- sen versaͤumen, und noch dazu heben ihnen die andern nie etwas auf. Ich sehe, Du bist nicht ohne Ein- sichten und wirst Dich also nicht unter die Fuͤße treten lassen. Solltest Du im Auslande Dich ver- lieben, oder verheirathen — (ja, mein Sohn, da hilft nun gegen das Schicksal nichts) — so wirst Du ein Hahnrei, es ist ein alter Familienschaden — stell' Dich mal ein wenig in die Sonne — so — das Gesicht etwas hoͤher — ja, Sohn, Du hast so den wahren Ausdruck, alle die Lineamente dazu, es Zweite Abtheilung . kann Dir fast nicht entgehn. Darum heirathe nicht, oder sey uͤber Vorurtheile weg. Es ist im Grunde ein alter Aber- glaube, Vater, wie mit den Hexen und dem Blocks- berge: habt ihr schon einen mit Hoͤrnern lau- fen sehn? In der neuen Zeit, Sohn, wo alles so weich und gemuͤthlich ist, wachsen sie viel- leicht nach innen. — Mein Seegen begleitet Dich. Da kommen unsre Herren, und, wie es scheint, im Streit. Ampedo und Andalosia treten auf. Dietrich, mach Dich bereit, so- gleich zu reisen. Er kann und wird nicht reisen, bleib! Geh, sag' ich! Bleib, sag' ich! Bleiben? Gehn? Beides zugleich ist nicht moͤglich. Ich werde meinem Bedienten doch befehlen duͤrfen? Aber, lieber Bruder, es ist nicht recht, daß Du so schnell nach unsers Vaters Tode alle seine ausdruͤcklichen Verordnungen umsto- ßen willst. Alles, was in der Welt ver- ordnet wird, kann nur gehalten werden, insofern es mit der Vernunft besteht, das ist bei allen Dingen die stillschweigende Bedingung; da sich aber das bei unsers Vaters Testament gar nicht erweißlich Fortunat . machen laͤßt, so ist es auch billig, daß wir nicht zu viele Ruͤcksicht darauf nehmen. Was ist denn vernuͤnftig? Alles, was uns bequem ist. Dietrich und Daniel, geht auf je- den Fall fort, bis wir euch rufen. Macht euch fort! Immer so ungestuͤm und herrisch! (sie gehn) Ich bin der aͤltere, und werde die Asche und die Gebote meines Vaters mehr ehren, ich bin im Besitz der Wunderkleinode fuͤr dieses halbe Jahr, und will nicht, daß sie getheilt werden. Lieber Bruder, Eigensinn ist keine Liebe, und Hartnaͤckigkeit keine Vernunft. Reise mit. Das will ich aber nicht, ich bin nur froh, wenn ich zu Hause bleiben kann. So laß mich also reisen und gieb mir den Saͤckel. Wenn ich mich noch zur Theilung entschließen koͤnnte, so muͤßte ich doch den Saͤckel behalten. Liebster, wenn Du mich je ge- liebt hast, wenn Du ein bruͤderliches Gefuͤhl in Dir traͤgst, so laß mir diesen und nimm den Hut, Du kannst Dich mit ihm auf allerhand Art erlustigen. Was soll ich mit dem alten ver- witterten Filz? Ich habe wohl gelesen, wie oft unser Vater in unterirdischen Loͤchern, oder in Ge- faͤngnissen in tausend Aengsten gesessen hat, ich mag dergleichen nicht. Und wohin soll ich mich wuͤn- schen? Ich finde es doch nirgend besser als hier. Zweite Abtheilung . Fremde Laͤnder mag ich nicht sehn, hier bin ich bekannt, alles Unbekannte macht mir Angst: ich koͤnnte auch die Art, das Wort, die Kunst vergessen, mich zuruͤck zu wuͤnschen, und so saͤß' ich da drau- ßen, wo der Pfeffer waͤchst, und keiner wuͤßte, wo ich geblieben waͤre. Kann dem alten Hut nicht einmal die Kraft verloren gehn? Sieh nur selbst, wie er schon abgegriffen ist. Soll der Mensch auf Filz seine ganze Wohlfahrt bauen? Ich glaube immer, unser Vater hat auf seinen tausend Reisen dem Wuͤnschhut seinen besten Nervensaft schon ab- gezapft. Sey kein Thor, lieber Ampedo — Quaͤle, mich nur nicht mehr, da hast Du den Saͤckel. Das war von Kindheit auf deine Art, alles durchzusetzen. Aber mir ahndet, daß es uns beide gereuen wird. Laß Dich, mein zaͤrtlichster Freund, fuͤr Deine Willfaͤhrigkeit umarmen. Ich habe schon so viel fuͤr Dich gemuͤnzt, daß mir die Finger noch weh thun, Du hast an Geld fuͤr viele Jahre den groͤßten Ueberfluß. Der Saͤckel hats gefuͤhlt, daß wir ihn beschaͤftigt haben, schau, er sieht ganz mager, blaß und schwindsuͤchtig aus, und selbst Gemsenleder, wovon er gemacht zu seyn scheint, muß es empfinden, wenn man ihm so oft aufs Fell greift; der mag auch vielleicht in eine Ner- venschwaͤche versinken, daß er nachher nur noch Kupferdreier in seinen Eingeweiden hervorbrin- gen kann. Sey unbesorgt, mein Bruder, und lebe wohl. Fortunat . Sparsam werde ich leben, weil ich in tausend Aengsten stehe. — Da kommt der langweilige Mann, unser Oheim, Graf Limosin. Graf Limosin kommt. Traute Neffen, ich traure mit euch, zarte Juͤnglinge; weiß ich doch noch, was es mei- nem Herzen kostete, als mein Vater, der Graf Nimian, und meine Mutter, Marfisa, starben, diese Schlaͤge sind fuͤr unser empfindendes Herz die schwersten. (weint) Ja, lieber Oheim; ach! ihr seyd so gut, und unser Vater war so gut, und wir — Ihr seyd ebenfalls gut, traute Herzen. Hat mich der seelige, liebe, freigebige Mann, dem ich schon mein Lebelang so viel zu dan- ken hatte, nicht auch in seinem Testament so reich- lich bedacht, daß ich es gar nicht annehmen duͤrfte und koͤnnte, wenn es nicht gerade von ihm, dem Einzigen herruͤhrte, und doch mache ich mir noch ein gewisses Gewissen daraus, meinen jugendlichen frohen Andalosia, und meinen zaͤrtlichen und ge- setzten Ampedo so zu berauben. Nein, Oheim, genießt es nur froh und wohlgemuth, wir goͤnnen es euch von Herzen. Kenn' ich nicht eure Liebe? Zarte Pflanzen des edelsten Stamms! Ich wollte eben zu euch kom- men um Abschied von euch nehmen, denn ich denke fuͤr einige Jahr auf Reisen zu gehn. Bemuͤhe Dich nicht, Neffe: wie schoͤn, daß ich hier vorbei kam, indem ich aufs Schloß zur Majestaͤt des Koͤnigs will. — Um- Zweite Abtheilung . armt mich, theure Kinder, meine Ruͤhrung ist zu groß, der Seegen des Himmels begleite euch aller- wege, besonders Dich auf Deinen Reisen, geliebte- ster, theuerster, edelster, schoͤnster Andalosia. (kuͤßt ihn, geht ab.) Der Schelm! Ich weiß daß er mir beim Umarmen lieber den Hals umdrehte, wenn er nur duͤrfte. Er ist so uͤbel nicht, Bruder. Lebe gluͤcklich, guter Ampedo, wir sehn uns vielleicht bald wieder; Diener, Pferde, alles ist zu meinem Zuge bereit. (gehn ab.) Dritte Scene . ( London. Zimmer .) Lord Herbert. Lady Herbert . Vergeblich bleibt nur alles was wir kaͤmpfen, Der theure Koͤnig ist verwandelt ganz Seit dieser ungluͤckseelige Adept Hier unser London nur betrat, Gehoͤr Und blind Vertraun des gnaͤd'gen Herrn gewann, Sind wir wie uͤberfluͤssig, Reymund, heißts, Soll kommen! was wird Reymund dazu sagen? Hat keiner Reymund heute noch gesehn? Reymund hat mir ein neues Buch versprochen; So schlaͤgt die Glock' zur Messe, Non' und Vesper, Und wir die alten Guͤnstlinge am Hof Sind unbeachtet wie verjaͤhrte Moden. Fortunat . Doch ist ja unser Sohn nun Kammerherr, Der Platz soll ihn, hoff' ich, zu hoͤhern heben. Wir wollen sehn, es laͤßt sich nicht erzwingen; Das ist ein andrer Gram, und zwar der groͤßte, Daß unser Sohn jedes Talents entbehrt, Er wird sein Gluͤck am Hofe niemals machen, So sehn wir unser Alter nur mit Sorgen, Mit gegenwaͤrtgen Sorgen fuͤr die Zukunft, Am Thor des Todes, ach! so schwer belastet. Stets klagst Du um den Sohn, geliebter Mann. Er ist so uͤbel nicht, er sieht Dir aͤhnlich. Ich will nicht eitel meine Jugend preisen, Doch wahrlich er gleicht weder mir noch Dir, Man hielt mich hier am Hof fuͤr wohlgebaut, Du selber lobtest meine Zier und Anmuth, Die Fremden priesen mich (in jener Zeit Wo es noch schwierig war an Hoͤfen glaͤnzen) Als Blume aller Zucht, des Geistes, Witzes: Du warst in London hier die schoͤnste Frau, Ich segnete mein gluͤckliches Gestirn, Das durch den sonderbaren Fall mit jenen Steinen Und Deines Mannes Tod Dich mir verband; Und, fast als wollten uns der Himmel strafen Vielleicht um Eitelkeit, erzeugen wir Nach manchem Jahr, als Du schon waͤhnen wolltest Es sey Dein Leib fuͤr immer unfruchtbar, Den Sohn, so haͤßlich und so mißgestaltet. Nur das Gesicht, sonst ist er gut gewachsen, Zweite Abtheilung . Hat auch Verstand, waͤr' nur der Fehler nicht An seiner Zung', der ihn am Reden hindert. Ein trauriges Gefuͤhl, sich sagen muͤssen, Daß man ein ungestaltes rohes Wesen Ins Daseyn rief; und haͤtt' ich die Verblendung Der meisten Vaͤter nur, so waͤr' ich gluͤcklich. Da kommt er, laß Dich gegen ihn nichts merken. Theodor kommt. Warst Du bei Hofe, Sohn? Nun freilich war' ich, Ich habe Seine Majestaͤt gesprochen, Er war sehr gnaͤdig, der Monarch, bis endlich Der Goldmacher, der fremde Wunderdoktor, Der Wursthans zu ihm trat ins Kabinet. Was ist das fuͤr'ne Art sich auszudruͤcken, Und kannst nicht lassen das verdammte Stottern? Ihr nennt es St— ottern? Weiß nicht, wie es heißt, Ich weiß nur, daß der Hals mir so gewachsen, Da klemmt sich's, schnurrt und gurgelt wohl ein Bischen. Doch wer nicht scharf aufpaßt hoͤrts gar nicht, Vater, Ich denke: Sprechen, ei! ist immer Sprechen, Unter Millionen doch kaum einer, seht, Dems Maul Catonische Sentenzen immer Und tiefe Abstraktionen liefern thaͤte; Wo Mehl gemahlen wird da kommt auch Kleye. La- Fortunat . Es ginge wohl noch mit, wenn Du nur ließest Dies Faltenziehen, dies Gesichterschneiden. Ist Ausdruck, gnaͤdige Mama, nichts weiter, Erklaͤrt mit wen'gen Druckern was ich meine; Das ist nicht mein Geschmack, wie viele Menschen, Die sprechen, denken, fuͤhlen und entzuͤckt sind, Und ruͤhrt sich auch kein Faͤltchen im Gesicht: Das ist die Grazie eines Haubenstocks. Schweig! Ausdruck! Dummes Zeug, es duͤrfte wohl Bei dir Auspressung sich betiteln koͤnnen. Druͤckt nicht die Meerkatz' von inwaͤrts heraus Als wollt' er Platz durch eigne Haut sich machen? O lieber Mann. Laßt reden, gnaͤdge Frau, Seht, der Papa ist noch aus alter Zeit, Das galt wohl damals, das ist jetzt vorbei, Wir sind jetzt Gott Lob ungenirt und besser. Wie geht es denn mit Deiner Freiwerbung Bei Lady Dorothea? Ganz passabel, Sagt sie nicht Ja, sagt sie doch auch nicht Nein. Wer Festungen, Frau Mutter, will blokiren, Der muß hauptsaͤchlich nicht Geduld verlieren: Ich bin jetzt dran, die Dame auszuhungern, Kein kluges Wort sprech' ich mit ihr seit Wochen, So ohne Zufuhr muß sie sich ergeben. III. [ 19 ] Zweite Abtheilung . Wenn sie durch Dich nur den Verstand empfaͤngt. Was Neu's ist in der Stadt hier vorgefallen, Aus Cypern, oder Creta, weiß Gott wo, ('Ne Art Cretin ist dieser saubre Bursche) Ist da ein fremder Graf, ein Haselant, Ein Schnurrenmacher angekommen; Hengste, Arab'scher Zucht, Geschmeide, praͤchtge Kleider, Viel bunte blanke Diener, fremde Phrasen, Und Gold, das er so mir nichts Dir nichts wegwirft, Bringt mit sich der geschniegelte Dummerjahn. Anstaͤndig sprich! mir wird ganz uͤbel, hoͤr' ich Dergleichen grob gemeine Redensarten. Laß ihn doch reden, denn sonst fehlt ihm ja Die Uebung, sich geschickter auszudruͤcken. Laßt's nur, genir' mich doch nicht, gnaͤdge Mutter; Alter macht wunderlich, ist wahres Wort. Wollt ihr nicht glauben, wie ich ihn beschrieben Den Hasenfuß, tretet zum Erker dort In jene Stub; er tummelt auf dem Markt Die Hengste eben, die von vorn und hinten Ihr Wiehern hoͤren lassen, wie sie springen. Kommt, gnaͤdge Frau, s' ist schon der Muͤhe werth. (sie gehn ab.) Fortunat . Vierte Scene . ( Pallast .) Koͤnig. Reymund . Ein stiller Sinn, ein frommes Gemuͤth, das sind die Gaben, die jenem großen Werke unentbehrlich sind. Glaubt mir, daß An- dacht, Fasten und Gebet, hauptsaͤchlich aber Man- gel an Begierde das Meiste thun muͤssen, denn so lange wir irdisch sind, gehorchen uns die Geister der Erde nicht, noch weniger aber steigen andre aus den feinen Elementen der Luft und des Feuers, um unsre Befehle zu vernehmen und aus- zurichten, darum muß der Mensch vorerst frei seyn, um andern Geistern die Dienstbarkeit auflegen zu koͤnnen. Alles recht gut und schoͤn, Rey- mund, und ich gebe mir auch Muͤhe, alles so ans- zurichten, wie ihr es mir sagt, ich esse, ich trinke weniger, ich ziehe mir vom Schlafe ab, ich huͤte mich vor Zorn und jedem ungeziemenden Wort, ich sammle meine Gedanken und denke mehr als sonst an den Urheber der Welt: in so weit scheint mir alles zu gelingen, nur eins, das Ihr fordert, kommt mir unmoͤglich, ja widersprechend vor. Und was waͤre das, erhab- ner Herr? Ich soll, wie Ihr ausdruͤcklich ver- langt, keine Begier, keinen Wunsch nach dem Golde haben, und doch sinnen wir Tag und Nacht darauf, wie wir welches hervorbringen wollen, und wenn ich so in den Ofen blase und mich abaͤschere, Zweite Abtheilung . wenn ich den gekroͤnten Loͤwen, und den Drachen, und alle die Verwandlungen mit unverwandtem Auge betrachte, wenn ich wachend und schlafend davon traͤume, wie ich endlich den Stein der Wei- sen finden will, so verlangt ihr, ich soll gar kein Verlangen nach dem Golde haben. Gewiß, kein Verlangen nach dem Golde, insofern es Gold ist, aber wohl ist ein Verlangen nach dem Golde erlaubt, ja sogar huͤlfs- thaͤtig beim Werke, insofern Gold das Kennzeichen ist, daß wir endlich den Geist wie die Materie be- zwungen haben, es soll uns nichts, als ein ge- schmuͤckter glaͤnzender Herold seyn, der uns aus der Unterwelt die Bothschaft bringt, daß sie sich mit allen ihren Maͤchten unserm Geist und Her- zen unterwirft. Koͤnnt ihr das Gold aber nicht als Gold verachten, so wird euch die Eroberung jener heimlichen, wunderlichen Reiche unmoͤglich fallen. Das sind spitzfindige, verwickelte Sachen: ich soll wuͤnschen und nicht wuͤnschen, verlangen und nicht verlangen, Gold lieben und verachten. Das Ding, sieht man, hat ein uͤberstu- dirter Gelehrter ersonnen. Doch still jetzt davon, da kommt mein unglaͤubiger Leibarzt. Dieser ist ganz mit seiner soge- nannten Vernunft in der terrestrischen Region be- fangen. Richtig, eine Art von Gnome, oder Kobold, so sieht er auch aus, der untersetzte Mensch. Der Leibarzt tritt herein. Wie hat mein gnaͤdiger Koͤnig Fortunat . geruht? — Dero Puls, wenn ich bitten darf, — ei! ei! wie hastig! wie unzusammenhaͤngend! wie stoßend. Nun, Doktor, was giebts? Doch keine schlimme Krankheit unterwegs? Nichts als eine hartnaͤckige und sehr verderbliche Obstruktion, der Stein der Wei- sen ist zu unverdaulich, der Herr Reymund ist die Materia peccans, die abgefuͤhrt werden muͤßte. Nein, mein Herr Doktor, die Ignoranz ist es! Purgirtet Ihr diese auf allen Wegen, so wuͤrdet Ihr nachher andaͤchtig und uͤberrascht an Euer Haupt fuͤhlen und ausrufen: Wetter! Da drinne denkt etwas! seyd still da draus, ihr Leute, daß ich zuhoͤren kann! Ein solcher Schwaͤrmer, ein drei- mal gesichteter Phantast will vom Denken spre- chen? Wie duͤrft Ihr, Verkehrter, das heilige Wort nur in den Mund nehmen? Aber Ihr denkt Euch nichts beim Denken; ja, da liegt der Hund begraben! Ihr denkt Ihr denkt, aber es ist nichts dahinter, aberglaͤubisch seyd Ihr mit Haut und Haar, und mit Ueberschnappen wird das Lied zu Ende gehn: denkt an mich, Miserabler! Still! Still! Ruhig, meine Freunde. Reymund — Was? Ich daͤchte mir nichts beim Denken? Und er, Majestaͤt, er hat nichts als leere Formeln im Gehirn, uralte, abgeklaubte Phrasen, die er unter anderm Wegwurf von Me- lonenschalen, Ruͤbenabputz und ausgekochten Kno- chen im Kehricht gefunden hat, und wie ein ar- Zweite Abtheilung . mer verwaister Hund daruͤber hergefallen ist, um sie von neuem auszusaugen. Lieber, er weiß nichts vom Hermes Trismegistus und den Verwandlungen. So? Also koͤnnte die Vernunft wohl verkocht, ausgesogen und abgenutzt werden? Und der Zweite, der eine Idee vom Ersten auf- naͤhme, faͤnde schon den Saft und das Mark nicht mehr darin, bloß weil jener schon daran gedacht? O seh' Eure Majestaͤt doch nur aus dieser kleinen Probe den ungesichteten Schwengel. Das kommt davon, wenn ein Schwachkopf immer beim Feuer steht und puhstet, und sich den Verstand aus dem Gehirn heraus braten laͤßt, um in der Retorte die gekroͤnte Jungfrau zu attrappiren. Doktor, ich bitt' euch — Ha, ha, ha! Gekroͤnte Jung- frau! Da hoͤre die Majestaͤt, wie der Unwissende — ha, ha, ha! sie mit dem gekroͤnten Loͤwen verwech- selt. Mir wird uͤbel in Gesellschaft solches ver- schimmelten Phantasten. Ich kann schon den Geruch von dieser Mystik nicht ausstehn, baͤrbeißige Unver- nunft! (beide ab.) Theodor kommt. Mein Koͤnig, Majestaͤt die Koͤ- niginn laͤßt bitten und ersuchen, an ihren Hof zu kommen, alles ist versammelt, und ein junger Fremder ist da, ein Graf aus Cypern, der sehr hoch spielt, hoch spricht, hoch springt, hoch denkt und hoch windbeutelt, er ist, wie alle sagen, ein merkwuͤrdiges Phaͤnomen. Fortunat . Ich gehe, suche nachher Reymund auf, und bestelle mir ihn fuͤr heute Abend in mein Kabinet. (ab.) Herr Reymund ins Cabinet? Der Kerl muß hexen koͤnnen, wenn auch kein Gold machen, daß er den Koͤnig so bezaubert hat. (geht ab.) Fuͤnfte Scene . ( Vorzimmer .) Dietrich. Bertha . Du willst mich gar nicht einmal anhoͤren, mein Engel? Was kannst Du mir viel zu sa- gen haben? Meine Lady kann mich jeden Augen- blick rufen. Laß sie rufen, kommt doch heut der Herr Theodor nicht, da hat sie mehr Zeit uͤbrig. Wie kann sich die Dame nur mit solchem Pavian einlassen? Sie wird ihn vielleicht nur hei- rathen, weil er reich ist. Nur heirathen? Das ist freilich wenig genug. Wenn ich Dich also liebte, und Dir meine Liebe erklaͤrte, und Du hoͤrtest mich vielleicht ge- neigt an, und ich glaubte Wunder welchen Stein bei Dir im Brette zu haben, so waͤre das alles auch vielleicht nichts weiter, als daß Du mich nur heirathen wolltest, wenn Du etwa bei mir auch was zu brechen und zu beißen verspuͤrtest. Zweite Abtheilung . Freund, Du bist ein langweiliger Gesell, und scheinst noch gar nicht zu wissen, wie es in der Welt hergeht. Aber wo ist denn der Herr Theodor heute? Wo anders, als bei meinem Herrn, wo ein praͤchtiges Mittagsmahl gegeben wird? Alle hohen Herrschaften sind da, auch der Koͤnig, und der Hof, und die Koͤniginn, und die schoͤne Prinzessinn, alles, alles! Und Du fehlst dort? Sie koͤnnen schon ohne mich fer- tig werden, ich mag mit den vielen Anstalten, dem Laufen und dem Rennen nichts zu thun ha- ben, der Teufel ist bei solchen Gelegenheiten los; wenn sie aber schon ein Weilchen bei Tisch geses- sen haben, und alles wieder ruhig ist, dann werde ich mich hinzu machen, und was uͤbrig bleibt mit den andern theilen, denn meine Portion darf mir nicht entgehn. Leb wohl, Du Schwaͤtzer, da klin- gelt meine Lady. Erst einen Kuß, ehe wir uns trennen. Ich dachte gar, so bekannt sind wir noch nicht. (ab.) Sonst kein uͤbles Maͤdchen, wenn sie die Leute mehr zu schaͤtzen wuͤßte. Jetzt muß ich hin, es wird nun wohl am hoͤchsten hergehn, und wenn mein Herr erst etwas im Kopfe hat, so kann ich thun was ich will. (geht ab.) Fortunat . Sechste Scene . ( Pallast .) Koͤnig. Koͤniginn. Agrippina . So was ist nicht erhoͤrt! Ein Unterthan, Ein kleinlicher Privatmann, unbekannt, Solls Koͤnigen in Herrlichkeit zuvor thun? Begreifst Du's, mein Gemahl? Wir sind beschaͤmt, Daß unser Hof dagegen Handwerksherberg: Er scheint auf Gold zu wandeln, Staub ist ihm Das glaͤnzende Metall, er waͤlzt sich wohl Im Goldesstrom, wie alte Fabeln uns Von Drachen singen, welche Schaͤtze huͤten; Er lacht nur, wenn man Noth und Armuth sagt; So reich Bankett, so Pracht des Saals, Geschirrs, Der Decken, Diener hab' ich nie gesehn, Er bietet uns die groͤßten Diamanten So zum Geschenk, wie man den Kindern wohl Ein Zuckerkuͤchlein giebt, die Dienerschaft Vom Hoͤchsten bis zum Niedrigsten herab Kehrt reich begabt von seiner Herberg wieder, Mit zehn Goldstuͤcken bis zu funfzigen; Und morgen fragt er wohl, mit seiner Art Der laͤchelnden: wie theuer eure Krone? Ich zweifle nicht mehr, er ist ein Adept. Adept? Was will das sagen, theurer Vater? Wonach ich tracht' ist sein, der Stein der Weisen. Zweite Abtheilung . Sein Gold hab' ich erproben lassen, wenn Es auch den Stempel traͤgt und mein Gepraͤge, Fehlt ihm der Zusatz doch, den ich ihm heimlich, Den Cours ihm zu erleichtern, beigemischt. O Frau und Tochter, wenn der Eingeweihte Uns doch der Kunst auch wollte theilhaft machen! Seit Jahren arbeit' ich mit Reymund schon, Sitz vor dem Ofen, laͤutr' und koch', verklaͤre, Und suche die Visionen zu ertappen, Und leer ist noch mein Beutel und bleibt leer: Indeß kommt da ein lachend Angesicht, Unbaͤrtig noch, vorwitzig, naseweis, Und hat des Hermes Trismegistus Kunde, Hat schon die Milch, das goldne Blut gesehn; Ja, das ist fuͤr den Denker zum Verzweifeln! Hier unsre Tochter Agrippina koͤnnte, Wenn sie nur moͤchte, ihn wohl aͤrmer machen Um sein Geheimniß, er ist frech genug Mit Buhlerblicken und verliebten Seufzern Sie, wo er sie nur wahrnimmt, zu verfolgen. Bei meinem Zorn! — Nur ruhig, mein Gemahl, Sie ist zu klug, bethoͤren sich zu lassen, Doch wenn man seine Thorheit so benuzte — Ich will nichts wissen, fahrt nicht weiter fort! Er ist mir nur veraͤchtlich und zum Lachen. Wir sind nun heut zu ihm entboten worden, Fortunat . Er soll sich wundern, denn ich gab Befehl Bei Lebensstrafe ihm kein Holz zu lassen, Nicht einen Splitter, Span ihm zu verkaufen: Macht schnell euch fertig, mir dahin zu folgen, Ich wuͤnsche die Beschaͤmung nur zu sehn, Mit der er uns empfaͤngt, wenn ihm sein Mahl So laͤcherlicher Weis' vereitelt wird. Was wird er nur, sich zu entschuldgen sagen? Ich muß vorerst Herrn Reymund noch befragen, Was der zu seinem Angesichte denkt. (geht ab.) Und du, mein kluges Kind, sey nun gescheidt, Mach' diesen jungen Thoren thoͤrichter, Der sich im Uebermuth so hoch vergißt. Kannst du mit Blicken, Laͤcheln, suͤßer Rede, Mit hingeworfnem halbgesprochnem Wort, Mit stillem Wink vernuͤnft'gen Haushalt treiben, So zweifl' ich nicht, daß du bald, unbeschadet Der Ehr' und Tugend, sein Geheimniß weißt. (sie gehn ab.) Siebente Scene . ( Garten .) Andalosia. Haushofmeister . Die Musik wird hier im Gar- ten vertheilt, die Blase-Instrumente in der Ferne, Zweite Abtheilung . und mit den Geigen und Floͤten wechselnd, um uns nicht drinn bei der Tafel zur Last zu fallen. Ich habe alles schon so angeordnet, wie mein gnaͤdiger Herr Graf es be- fohlen hat. Der Koͤnig liebt es, von Gold zu speisen; ihr habt fuͤr ihn, die Koͤniginn und die Prinzessinn die goldnen Geschirre besorgt? Allerdings; wie duͤrften sie heute fehlen, da mein gnaͤdiger Herr diesmal noch mehr Aufwand als neulich machen will? Ja, man soll in London von mir zu sagen wissen. Nichts darf mangeln, weil es etwa zu kostbar seyn moͤchte, kauft, was nur zu haben ist, und wenn ihr es dreifach mit Golde aufwaͤgen muͤßtet. Jeden Mangel, jeden Wunsch meiner hohen Gaͤste, der nicht befriedigt wird, wird mein Zorn bestrafen. — Die wohlriechenden Oehle und Spezereien werden doch angeordnet seyn? Die Rosenessenz uͤber die Tafel gespruͤtzt? Die Blumen an den Waͤnden, daß man nicht Wand noch Pfei- ler sieht? Die Prinzessin wird daruͤber erfreut seyn. Ich werde selbst nach allem sehn. (ab.) Es ist so nichts, fuͤr sich still zu genießen, Man ist nur das, wofuͤr die Welt uns haͤlt, Sieht keiner, daß ich reich bin, bin ichs nicht, Doch so bewundert und beneidet werden Von allen Großen dieses praͤcht'gen Hofs. Ja selbst vom Koͤnig, das heißt Lebenslust. Wie alles vor mir kriecht, im Staube schmeichelt, An meinem Blick, am gnaͤdgen Nicken haͤngt, Fortunat . Wie jeder vor dem andern gern vertraulich Sich an mich draͤngt, und triumphirend umschaut Wenn ich nur weniges mit ihm gesprochen: Wie alle sinnen, woher mir die Schaͤtze, Die unerschoͤpflichen, gekommen sind, Ja wie die himmlische, die hohe Goͤttinn Prinzessin Agrippina nach mir schaut, Den Blick erwiedert und mein kuͤhnes Laͤcheln: Wenn ich im Sinn mir alles dies erwaͤge, Bin ich berauscht von Wonne. All die andern Sind Sklaven nur des Geizes, Eigennutzes, Doch sie, die Herrliche, sie liebt mich selbst, Sie wuͤrde auch den Bettler in mir lieben. Der Koch kommt. O gnaͤd'ger Herr! wir sind ruinirt, vernichtet, Aus ists mit allem, total zu Grund gerichtet. Was fehlt dir Mann? Was kann es denn nur geben? Was's geben kann? Oho! gar mancherlei, So, par exemple, wenn in aller Welt Kein Fuͤnkchen Feuer mehr zu haben waͤre, Wenn sichs zum Himmel wieder aufwaͤrts hoͤbe, (Von wo's der erste Koch Prometheus holte, Rostbeef, Ragouts und frische Wurst zu machen) Wie stuͤnd' es dann um unser Kochen, he! Du bist betrunken schon am fruͤhen Tage. Es giebt kein Feuer in ganz London hier, Zweite Abtheilung . Der Hof wird muͤssen kalten Braten essen, Und das, o weh! kommt in die Chronik dann. Verstaͤnd' ich dich, koͤnnt' ich dir Antwort geben. Um Antwort gar nicht ist es mir zu thun, Kein Holz ist da! ich lief zum Markt, da heißts Bedrohet sey mit Todesstrafe, wer Nur einen Span verkauft, dasselbe draußen Im Magazin; da will ich Kohlen nehmen, Dasselbe Lied: Verbot und Todesstrafe! Nun? Arm und Bein koͤnnen wir doch nicht unter Die Casserole thun und damit feuern? Du sagst die Wahrheit, guter Mann, ich merke Der Koͤnig will uns auf die Probe stellen, Den Wink versteh ich nun, den er mir neulich Nur so wie im Vorbeigehn hingeworfen, Daß ich wohl nicht im Stande wuͤrde seyn Ein Fest, so glaͤnzend, noch zu wiederholen. — Man muß in schnellster Eil dies Ding verbessern. Doch wie? Gesagt ists bald, doch schwer gethan. Vertraust du deiner Kunst so viel, mein Koch, Daß du von feinem Zimmt, von Naͤgelein, Muskatennuͤssen, andern Spezerein Die uns die fernen Indien liefern, magst. Ein großes Feuer schuͤren, daran braten? Das ist nicht Kunst, ein Feuer draus zu machen, Die Sachen zu bezahlen, das ist Kunst, Fortunat . Das thut selbst draus der große Mogul nicht, Der mitten in den Wohlgeruͤchen sitzt. Da hast du tausend Goldstuͤck, guter Freund, Nur eilig zu den Spezereiverkaͤufern, Den Apothekern, reicht die Summe nicht Magst du noch dreimal so viel fordern. Nur schnell! und keinen Augenblick versaͤumt. Nu, das heißt wohl das Geld ins Feuer werfen, Ich will gleich alle Diener darnach schicken. (ab.) Und ich will triumphiren im Erstaunen Des Koͤniges und aller seiner Freunde. Von solchen Sachen hast du, guter Vater, Dir nie in deinem Leben traͤumen lassen; Mein Flug geht hoͤher, uͤber Wolken hoch, Du bliebest stets des Gluͤcks furchtsamer Knecht, Doch ich bin frei, ich fuͤhl' mich Herr der Welt, Ungluͤck und Zufall kriechen unter mir, Nicht reichen sie bis in mein fuͤrstlich Herz. (ab.) Dietrich tritt auf. Das war ein schoͤner Einkauf: will der Herr wie ein Toller und Besessener hin- ein rasen, so ist es dem vernuͤnftigen Diener wohl erlaubt, fuͤr schlimmere Zeiten so viel als moͤglich in Sicherheit zu bringen. Ich will das Gold hier beim Baum verstecken, man koͤnnte es sonst ge- wahr werden. Die Gewuͤrzkraͤmer haben sich ver- wundert, ihre Waaren einmal nach Centnern ver- kaufen zu koͤnnen, die ganze Stadt riecht nach Zimmt und Muskat; ich glaube, mein Herr wird Zweite Abtheilung . seinen hohen Gaͤsten nun Tannenzapfen und Ho- belspaͤne zu essen geben, da er das Feuer mit so theuern und koͤstlichen Spezereien angemacht hat. Dergleichen Narren haben sie hier in England nicht, dazu mußten wir heruͤber kommen, um den Leuten ein solches Beispiel zu geben. Was das nur fuͤr ein Ende nehmen wird, das Brod an einem Feuer zu backen, wie es die Heiligen im Paradiese nicht haben, so daß uns jede getrocknete Pflaume, schlecht gerechnet, an die zehn Thaler kostet, kann nimmer- mehr zum Guten ausschlagen; ein Feuer haben wir drinn, fuͤr den hoͤchsten Potentaten nicht zu schlecht, seine Suͤnden drinn abzubuͤßen. Theodor kommt. Man haͤlts nicht aus fuͤr Wohl- geruch; wahrlich, ich merke, der Mensch kann im Verhaͤltniß mehr Gestank als treffliche Duͤfte er- tragen: das Feuer ist Wohlgeruch, der Saal eine Blume, und dann die kostbaren Oehle und Essen- zen umher gesprengt, daß man in Ohnmacht fal- len moͤchte. Sapperment! wie kommt der Mensch auf solche unmenschliche Anstalten? Sieh da, Diet- rich; wie gehts, mein guter Esel? Wohl, gnaͤdiger Herr, zu euren Diensten. Du willst in meine Dienste treten? Nein, Herr Graf, ich bin nur außerhalb eures Dienstes zu euren Diensten. Ich versteh dich nicht. Je nun, ich bin zu euren Dien- sten euch nicht zu bedienen. Mach dich deutlich. Die - Fortunat . Denn ich will ja noch bei mei- nem Herrn bleiben. Ah so! Aber es kann wohl einmal Rath dazu werden — vielleicht — wenn — indem — als — Nun? Ich will sagen, wenn es meinem Herrn vielleicht einmal miserabel geht, wie es doch moͤglich ist, zumal bei der Verschwendung, — aber so lange er noch reich ist, will ich wie ein treuer Freund bei ihm aushalten. Du hast Vernunft. Komm mit hinein, du kannst mir immer schon ein Bischen im Voraus aufwarten, aber mach' dich nicht zu nahe hinter meinen Stuhl, ich fahre gern mit den El- lenbogen etwas weit aus. — ( Dietrich geht ab) Aha! Lady Dorothea. L. Dorothea koͤmmt. Ists euch auch zu duftig drinne? Ich wollte euch nur an euer Versprechen erinnern. An welches? Denn ich habe euch gar vielerlei versprochen. Ich nehme mein Wort zuruͤck, wenn ihr nicht die Summe in eure Gewalt brin- gen koͤnnt, daß wir nach unsrer Vermaͤhlung mit Bequemlichkeit und Glanz durch Italien, Frank- reich, Spanien und Portugal reisen koͤnnen, denn Reisen ist meine Passion. Mein Alter ist zu filzig, und denkt auch noch gar nicht ans Sterben, — ich muͤßte III. [ 20 ] Zweite Abtheilung . sehn, wo ein Freund, — zwar ist die Summe, die ihr dazu bestimmt, gar zu groß. Andalosia ist noch ein Mann, dem eine Dame, ohne sich zu erniedrigen, ihre Liebe schenken koͤnnte. So? solchem Gelbschnabel! Aber mir faͤllt ein, der Unmuͤndige hat mehr Geld als Verstand, er spielt den Großmuͤthigen, dem will ich morgen zusprechen, es muß ihm eine Ehre seyn, mir zu borgen. Kommt nur, daß man uns nicht vermißt. Ei, ihr seyd zu zaͤrtlich um mich besorgt. Was sich nicht schickt, schickt sich nicht. — Ueber des Menschen Geldkasten moͤcht' ich mal kommen duͤrfen! (sie gehn ab.) Andalosia koͤmmt. Es ist gelungen, alle sind erstaunt, Wie Maͤrchenwelt und wildes Traumgesicht Umduftet und umstarrt sie Glanz und Pracht, Und o! was jenseit aller Wuͤnsche mir Dem fernsten Ufer aller Moͤglichkeiten Noch gestern lag, das reift die heutge Sonne Und bringt es auf dem Fittig schneller Stunden Und schuͤttet es zu meinen Fuͤßen aus, Das Gluͤck, das mehr als Gold, Juwelen, Perlen, Ja als die ganze weite Erde gilt, Was ich mit meinen Schaͤtzen nie mag kaufen, Die Lieb' hat sich zu eigen mir gegeben. Sie koͤmmt hieher zu dieser stillen Laube, Die Waͤchter sind gestellt, sie wagt's um mich. Fortunat . Agrippina koͤmmt. Erkennt ihr auch, welch Opfer ich euch bringe? O Goͤtterglanz! so faͤllt denn Licht des Aethers Dort aus dem Innersten des innern Himmels, Der Gegenwart Gefuͤhl in meine Seele? Sie sind beim Fest noch alle, lustberauscht, Ein Zeichen giebt mir meine Kammerfrau Wenn irgend sich Gefahr dem Garten naht. So liebt ihr mich, ihr Einzge, Auserkohrne? Noch einmal laß das Wort von suͤßen Lippen Auf diesen Rubinstraßen durch das Thor Von Perlen gehn, das Wort, das wie der Phoͤnix Mir suͤß're Toͤne rauscht, als die Musik Die rings aus allen Lauben um uns klingt. Ja, du Verraͤther, ja, ich liebe dich, Ich muß dich lieben, gegen meinen Willen. So unfreiwill'ge Liebe waͤre moͤglich? Ich fuͤhl' es nur zu sehr, denn die Vernunft, Die Pflicht die ich den Eltern schuldig bin, Die selbst der Staat — o traurig hartes Wort — Darf von mir fordern, alles zieht mich ruͤckwaͤrts, Doch blinde Leidenschaft treibt mich voran, Und ihr gehorch' ich gegen meinen Willen. Und was soll nun mit dieser thoͤr'gen Liebe? Weh mir! ihr duͤrft mein Gatte nimmer werden! Zweite Abtheilung . Ach! daß aus diesem Haus' ich bin entsprossen, Daß nicht die stille Schaͤferhuͤtte mich, Ein frommer Schaͤfer einsam groß gezogen. O laß den Kuß auf zarte Wangen druͤcken Und sagen, daß die Lieb' in alten Zeiten Wie in den Tagen jezt, die Staͤnde gleich, Das Hohe niedrig, Niedres hoch gemacht. Koͤnnt' ich mit dir in weite Welt entfliehen, Den Koͤnig, meinen alten Vater toͤdten? Auch selbst auf fernen Inseln wuͤrd' uns dann Der maͤcht'ge Arm erreichen und bestrafen. Ist es denn nur der priesterliche Seegen, Weltlicher Vortheil oder Eigennutz, Der Stammbaum und des Aberglaubens Satzung Was liebetrunkne Herzen darf vereinen? Versteh' ich dich? Willst du die innige Liebe, Die ich zu dir in meinem Herzen trage, So ganz verblenden, daß in Labyrinthe Erst zauberreich dann grauenvoll ich irre? Sagt uns nicht manche alte Liebessage Von edlen Herzen, die sich so gefunden? Wie wurde Isot Tristan denn verbunden? Ein schoͤn Geheimniß huͤllte wunderbar Wie Daͤmmerlauben ein die Liebenden, Und suͤßte ihnen zaubrisch den Genuß. O boͤser, boͤser, hinterlistger Mann, Was thaͤt ich nicht um dich, wenn du mich baͤtest? Fortunat . O welche Welt ich von Vertraun zu dir In meinem Herzen trage, welchen Glauben, Mein' ich doch selbst, es sey das Schlimme gut, Wenn nur dein holder Mund mich so belehrt. Liebst du mich denn, vertraust mir eben so? Du zweifelst? Sprich, was soll ich fuͤr dich thun? Setz' meine Treue, mein Vertraun auf Proben, Dein herber Zweifel koͤnnte mich vernichten. Bist du mir der, der du versprichst zu seyn, — So komm', wann heute die verschwiegnen Schatten. Die Erde decken, still und unsichtbar Zu meiner Kammer — Himmlisches Entzuͤcken! Werd' ich bis dahin in dem Taumel-Rausch, Im Schwindel meiner Seele leben koͤnnen? Allein — Du zauderst? Was verhehlt dein Mund? Nur die Bedingung, die die Thuͤr dir oͤffnet. O nenne sie noch schneller als ich frage. Mit Kraͤnkung hab' ich stets vernehmen muͤssen Wenn Neidische von dir verdaͤchtig sprachen, Ich fordre nichts, als was du selber bist. Doch hoff' ich auch, daß jene dich verlaͤumden: Der eine, achtend nicht der edlen Sitte, Der Kunst des Lanzenstechens, Pferdetummelns Zweite Abtheilung . Sagt dreist, du seyst nichts als ein Kaufmannssohn, Der Summen seinem Vater frech entwandte; Der spricht noch dreister, du seyst gluͤcklicher Corsar, der, was er raubte, leicht verschwendet. Die Jaͤmmerlichen! Niedrig erst zu schmeicheln, Und hinterruͤcks mit boͤsem Wort zu morden! Nein, zuͤrne nicht, du bleibst doch der du bist, Und wollte dich die ganze Welt verkennen, Nur daß es mich im tiefsten Herzen kraͤnkt Ist wohl begreiflich; liebt' ich dich denn sonst? Ich weiß, du bist aus niedrem Stamme nicht, Nicht Raub und Mord gab deine Schaͤtze dir, Doch mir zu zeigen, daß du wahrhaft liebst, Daß ich und du im Herzen eins nur sind, Entdecke mir wahrhaftig, woher dir Des Goldes Fuͤlle mehr als Koͤngen ward. Ich glaubte, groͤß're Pruͤfung zu bestehn: Doch wenn ich nun dir wahrhaft Antwort gebe — Nimm diesen Kuß als stilles Unterpfand, Daß wenn du nicht mit mir argwoͤhnisch zauderst, Ich jeden Argwohn lasse: — komm zu Nacht! Nie wird des Goldes Fuͤlle mir ermangeln, So lang' ich diesen Zaubersaͤckel habe, Der sich von meinem Vater mir vererbte. Wie? diese Tasche, alt und unansehnlich? Gieb her, daß ich sie naͤher mir betrachte. Fortunat . Greif nur hinein. Was find' ich da? der Saͤckel War leer, — noch einmal, — und die Hand voll Gold. Sie fuͤllte sich, und wenn du Jahre lang Den Inhalt unermuͤdet leeren wolltest. Das ist ein Wunder, groͤßer, sonderbarer, Und herrlicher, als nur die Dichter traͤumen. Begluͤckter Juͤngling, Liebling aller Goͤtter, Ja, daß ich dich erkohr, ist mein Triumph, Denn du stehst hoͤher mir als Fuͤrst und Koͤnig. — Sie giebt das Zeichen, — man bricht wohl schon auf, Leb wohl, — ich seh' dich heut noch in der Nacht. (schnell ab.) Und ist es moͤglich? Ist die hoͤchste Wonne Sich uͤbereilend, uͤberstuͤrzend mir Auf Fluͤgeln meiner Wuͤnsche angelangt? Und fast entsetz' ich mich, daß diese Welt, Das ganze kuͤnftge Leben, wuͤrd' ich auch Jahrhunderte durchaltern, nichts mir bietet, Daß diesen Stunden sich vergleichen duͤrfte. Noch Tage, Wochen haͤtte die Erscheinung Verzoͤgern duͤrfen, daß ich mich gefaßt, Daß ich den Muth gewonnen, diese Beute Als mein mit leichtem Herzen zu ergreifen. Schwebst du um mich vielleicht, Geist meines Vaters, Der du in Schmach, im Kerker dich geaͤngstet, Der wohl des Koͤnigs Majestaͤt erschaut Aus bloͤder Ferne nur im Volksgedraͤng, Zweite Abtheilung . Siehst du vielleicht den frohen, muthgen Sohn, Der an derselben Staͤtte hier nicht zagt, Arm, Herz, Begier nach dieser Koͤnigstochter Kuͤhn auszustrecken, o so laͤchelst du Der wunderbaren Schickungen gewiß. Mit frohem Staunen siehst du den Erzeugten Nun auf des Gluͤckes hoͤchstem Gipfel schweben. — Die Gaͤste sind entfernt, im Taumel hier Versaͤum' ich ihnen Lebewohl zu sagen. koͤmmt. Was streichst du hier herum, du traͤger Lotter? Verzeiht, ich schnappe hier nach frischer Luft. Die Gaͤste haben koͤniglich geschmaußt, Sind koͤniglich betitelt, koͤniglich Bedient, doch war ihr Trinkgeld buͤrgerlich, Man konnte kaum den Edelmann drinn lesen. Man hat wohl Recht, der ganze Hof ist geizig. Da, Koth, nimm das, und sey zufrieden heut. (ab.) Wie, Koth? Warum denn Koth? Nicht Dietrich? Du Laffe, Esel, Taugenichts, dergleichen? Gerade Koth? Und wirft den Beutel Gold So schwer, so voll mir vor die Fuͤße hin: Ich hoͤrte pred'gen einst, auch Gold sey Koth; Drum gieb dich, goldner Dietrich, nur zufrieden, Und fische hinterm Baum das Gold heraus Das du so eilig heut vergraben mußtest. Bei dem Gehalt laß ichs mir wohl gefallen, Daß in den Kothstand mich mein Herr erhoben. (geht ab.) Fortunat . Achte Scene . ( Pallast .) Die Koͤniginn, Agrippina . Aber Du wagst doch nicht zu viel, meine Tochter? Du hast doch den Saͤckel ge- nau betrachtet, und dieser, den Du bestellt hast, ist genau eben so, mit denselben Schnuͤren, den- selben Baͤndern? Traut mir nur zu, liebe Mut- ter, daß ich ihn nicht bloß obenhin angesehn habe. Ich habe ihn auch zerrieben, und im Grase liegen lassen, damit er ganz das Ansehn von einem solchen bekaͤme, den man schon viele Jahre ge- braucht hat. Nur vorsichtig, liebes Kind, ich zittre fuͤr Dich. Seyd unbesorgt, Mutter; Agrip- pina hat den Schlaftrunk schon bereit, dem er nicht widerstehn kann. Ich hoͤre kommen. Entfernt euch, er ist es ge- wiß. — Margarethe! nimm den Herrn in Em- pfang. (sie gehn.) Margarethe tritt auf. Das ist doch bei alle dem ein sonderbarer Auftrag, wenn mir nicht so sehr viel versprochen waͤre, so moͤchte ich dem gnaͤdigen Herrn wohl die ganze Sache verrathen, denn er ist der freigebigste Mensch von der Welt; indessen, wes Brod ich esse, des Lied ich singe: scheint's Zweite Abtheilung . ja bei alle dem nur ein ganz unschuldiger Spaß zu seyn, um den die Mutter selber weiß. Andalosia tritt ein. Da seyd Ihr ja, schoͤnster Herr Graf, die Prinzessinn wird den Augenblick erscheinen. Hier, gute Alte, nimm fuͤr Deine Liebe und Treue diesen Beutel mit Gold, als ein geringes Unterpfand meiner Erkenntlich- keit, denn Deine Dienste sollen noch anders be- lohnt werden. Laßt mich die schoͤnen, lieben, weißen Haͤnde kuͤssen, goͤttlicher Mann, Ausbund aller Schoͤnheit, ach! Ihr verdient das allerhoͤchste Gluͤck, das der Himmel nur den Menschen be- scheeren kann. Das wird mir heut. Gewiß, gewiß, doch — Agrippina tritt ein, Margarethe ab. O meine Sonne! mein Him- mel! wie glorreich gehst Du mir auf! Warum trittst Du mir so geschmuͤckt, mit diesem Geschmeide entgegen? Zittr' ich nicht vor dem Au- genblick, indem Dein Wahn der Entzuͤckung von Dir moͤchte genommen, und Dein ernuͤchtertes Auge dann keinen der Reize mehr sehn werde, die Du jetzt an mir bewunderst? Recht glaͤnzend moͤcht' ich Dir erscheinen, die schoͤnste Frau der Welt wuͤnscht' ich um Deinetwillen zu seyn. Bist Du es nicht? Und nicht Fortunat . die Schoͤnheit ist es ja allein, die mich heut ent- zuͤckt uͤber die Sterne hebt, daß Du, Du Himm- lische es bist, das ist es, was mich heut in Dei- nen Armen wahnsinnig zu machen droht. Laß uns hier neben einander sitzen, und uns Aug' in Auge spiegeln, Red' in Rede fluͤstern, und Kuß auf Kuß druͤcken, um unsre Schwuͤre zu besiegeln. Komm dort hinein, Geliebte, in das lezte, heiligste Asyl unsrer geheimen Liebe, entlade Dich dort dieses beschwerlichen Schmucks, daß ich nichts sehe, nichts fuͤhle als Dich allein. Mein Theurer, noch wenige Zeit; ich zittre, meine Mutter duͤrfte noch wachen, ihr Gemach ist nicht fern vom meinigen. Margarethe koͤmmt mit einem Becher. Hier ist der Trunk, gnaͤdiger Herr Graf, bevor Ihr Euch niederlegt. (geht ab.) Credenze mir, Geliebte, und wo Du Deine Lippen andruͤcktest, nehme ich den Kuß dem Becher wieder, um meinen Nektar aus dem Golde zu saugen. Auf Dein Wohl, auf Deine Liebe! Meine ganze Seele duͤrstet, Dir diesen suͤßen Gruß zu erwiedern. (trinkt.) Hast Du ihn geleert, den Becher? Kein Tropfen ist zuruͤck geblie- ben, denn keine ungeweihte Lippe soll von dem fluͤssigen Golde genetzt werden, in welchem theurer Zweite Abtheilung . als die theuerste Perle der Wunsch Deiner Liebe zerlassen ist. Ich sinne, wie ich die Fuͤlle Deiner Liebe erwiedre. Bist Du denn nicht mein? Diese Liebe unsrer beiden Herzen ist ja nur Eine Liebe, was in Dir klingt toͤnt auch in meiner Brust, und wie Wellen fließen unsre bruͤnstigen Seelen in einander. Wie suͤß toͤnt in stiller Nacht von des Geliebten schoͤner Lippe die Rede uͤber die Liebe, die Einsamkeit ist wie ein langer ruhender Kuß, und unser Innres erzittert wie es sich der unsichtbaren Welt und den Liebesgeistern entge- gen sehnt. Doch warum sprechen wir und kuͤssen nicht? Auch das Wort, das Gestaͤnd- niß der Liebe traͤgt Wonne in sich. Mein Hoffen, mein inbruͤnsti- ges Sehnen, die ploͤtzliche Erfuͤllung, der blendende Glanz meiner Seeligkeit, Deine suͤße Gegenwart in holder heimlicher Nacht, das Nachtigallenfloͤten Deines Mundes, alles, alles umfaͤngt und um- webt mich mit Strahlen von Wonne, und schau- kelt mich auf den Wogen von Paradieses-Fluͤssen, daß dieses sterbliche Wesen des Leibes in holdseli- ger Ermattung verschwimmt, und alle Gedanken und Empfindungen verdaͤmmern in der Blumen- umlaubung Deiner Naͤhe. O wie versteh' ich Dich so ganz und freue mich des zarten Sinns. Ja, eine selige Ruhe, eine Fortunat . himmlische Muͤdigkeit, ein Ermatten wie das zum Himmel Entsterben der Heiligen rieselt, flutet, fluͤstert durch mein ganzes Wesen und singt dem Geist ein Wiegenlied, wie Venus es wohl dem Amor sang. Deine Reden fallen so lieblich in mein Ohr, wie im Fruͤhling die Bluͤthen vom Baum. Wie schoͤn gesagt, wie fried- lich — wie sanft und — und — hold? nicht wahr? (gaͤhnt) Verzeih, ich weiß nicht, warum ich Dich unterbreche. O mein Suͤßer, mein Trauter! Wahrlich, Du Engelsbild, noch nie — (gaͤhnt) Nie, niemals — Was sagtest Du doch? Nichts, mein Theurer. Nichts? Nichts? (gaͤhnt) Nichts, mein Engel, will viel sagen, denn — (gaͤhnt) Ich weiß nicht, — es muß schon spaͤt seyn, denn die Augen wollen wir zufallen — aber Du sprichst auch gar nichts. Ich hoͤre Dir zu, Du Wonne meines Herzens. (gaͤhnt) Ja, es hoͤrt sich gut zu, wenn Leute so reden, — vollends — (gaͤhnt) so recht begeistert uͤber das Himmlische (gaͤhnt) der Liebe, — nur nicht Geschwaͤtz, wenn ein Mensch schlafen will, denn alsdann — mein Schatz, ist es zur Unzeit, — und den Fehler scheinst Du mir zu haben. Ich? Ist Dir meine Liebe jetzt schon gleichguͤltig? Zweite Abtheilung . Nein, das nun eben auch nicht — (gaͤhnt) aber — Ruhe muß der Mensch haben, — denn Ruhe — sieh, ist der Ruhe wegen nothwendig. — Ei, mir daͤucht, ich falle mit dem Kopf auf den Tisch. — Tisch! Tisch! Ein ein- faͤltiges Wort. — Warum muß nun hier gerade ein Tisch stehn? — Dietrich! Dietrich! Was soll er? — Was Du sollst, Du fauler Mensch? Mich zu Bett bringen — das duͤnkt dem Fratzengesicht wohl zu viel — Dietrich — ah! liebster Engel! Du bist da? Verzeih, ich war ein wenig in Gedanken. Du bist muͤde und schlaͤfrig. Ja, mein Kind, weil der Diet- rich nun wieder hinein gelaufen ist — hole mir doch mal den Flegel, er muß in der Naͤhe seyn, — ich muß mich niederlegen. Komm, daß ich Dich selber fuͤhre. — Margarethe! Margarethe! Margarethe koͤmmt. Ja, Dietrich, ja, Du bist eine ganz gute Haut, — nur taugst Du nichts, — kein gutes Haar an Dir, — (immer gaͤhnend) Lege Dich auf dieses Ruhebett hier, mein Trauter. Ich traute Dir ja, — frei- lich — je nu, — koͤmmt Zeit, koͤmmt Rath, Af- fengesicht. (sie gehn in das zweite Zimmer) Er weiß sich vor Schlaf nicht zu lassen; es ist zum Lachen, was sich die Prinzeß fuͤr Schmeicheleien von ihm muß sagen Fortunat . lassen. Nun schlaͤft und schnarcht er schon: ich dachte wohl, daß der starke Schlaftrunk so schnell wirken muͤsse. Agrippina koͤmmt Hier, Margarethe, nimm diese Tasche und naͤhe sie dem Festschlafenden schnell und behende so an das Wamms, wie er diese trug. Aber nimm Dich in Acht, daß er nicht mun- ter wird. Hat nichts zu sagen, gnaͤ- digste Fuͤrstinn, drei Schneider koͤnnten sich jetzt auf ihn setzen, und arbeiten und buͤgeln, er merkt: nichts davon. (ab.) Endlich errungen! — Ich fasse hinein — richtig, zehn schoͤne goldne Muͤnzen — und wieder, — und wieder — o welche Wonne! Ich entfliehe mit meiner Beute in die innersten fernsten Gemaͤcher, bis er fort, — und dann, o Du himmlisches, glaͤnzendes, lachendes Gold, dann will ich nimmer mehr der toͤnenden Liebesreden aus diesem welken, unscheinbaren Munde ziehn, und Dir, nur Dir leben und seyn. (geht ab.) Margarethe koͤmmt zuruͤck Nun waͤre das auch ge- schehn. — Er schnarcht aber so stark, daß es un- anstaͤndig wird, denn die Schildwachen draußen muͤssen ihn hoͤren koͤnnen. Sie muͤßten denn etwa denken, es waͤre des Koͤnigs Majestaͤt selbst, der sich bei der Koͤniginn befaͤnde, und es ist wahr, der hohe Mann kann auch in diesem Orgelspiel Zweite Abtheilung . etwas leisten, was man nicht alle Tage hoͤrt, denn er hat besonders die tiefen Toͤne so in seiner Ge- walt, und die schnellen gurgelnden Passagen, die dann ploͤtzlich in die Hoͤhe hinauf tremuliren, und mit einem Schnelltriller dann wieder in den ruhi- gen gesetzten Ton herabspringen, daß man uͤber die ungeheure Fertigkeit erstaunen muß. Wenn dann die liebe alte Koͤniginn auch anfaͤngt einzu- stimmen, die sich mehr auf die Lachtoͤne gelegt hat, und immer ganz ploͤtzlich mit einem Seufzer ab- schnappt, ohne die Cadenz zu Ende zu fuͤhren, dann ohne alle Harmonie und Uebergang mit den abgebrochenen roͤchelnden kurzen Saͤtzen wieder an- faͤngt, so schnarchen und fugiren die beiden Herr- schaften ein aͤußerst wundersames Duett. — Was aber der einfaͤltige Spaß mit der Vertauschung der Saͤckel nur bedeuten soll? Und dazu die vie- len Anstalten, die Heimlichkeit, die Gefahr seinen guten Namen zu verlieren? Ja, die Langeweile treibt die Menschen zu wunderbaren Sachen. — Er wird immer noch nicht munter, und der Mor- gen faͤngt schon an zu daͤmmern. Wie wird der gute Mensch verdruͤßlich werden, wenn er merkt, daß man ihn mit dieser Liebe nur genarrt hat. Ich muß ihn aufwecken und aus dem Schlosse schaffen, meine Reputation koͤnnte selbst dabei lei- den. — Er ruͤhrt sich, ja. — Seht doch die Impertinenz, nur um sich auf der andern Seite wieder zurecht zu legen. — Nein, mein gnaͤdiger Herr Graf, (sie geht hinein) so ist es nicht gemeint, das darf hier nicht sein; (ruͤttelt ihn) ermuntert euch doch, und seht um euch, daß das hier keine Schlaf- stelle fuͤr euch ist. An - Fortunat . (erwacht.) Wo bin ich? Wo anders als im koͤnigli- chen Schlosse? ums Himmels Willen, es wird schon Tag, macht Euch davon. (taumelt heraus.) Wie bin ich denn hierher gekommen? Je nun, die Jugend, — die Liebe, — Prinzessinnen, so hoch geboren sie sind, bleiben doch auch Menschen — Die Prinzessinn? — Ich er- innre mich, — wo blieb sie? Das arme Herz, wie sie sah, daß der gnaͤdige Herr so sehr schlaͤfrig war, und ungeachtet aller Liebkosungen, aller zaͤrtlichen Worte immer wieder einschlief — Ich? alter Narr? Habt ihr denn nicht noch eben auf dem Ruhebett dort schnarchend gelegen? Himmel! Wie ein Thier habe ich alle Besinnung verloren. Recht ist es nicht, bester Herr, und die gnaͤdige schoͤne Prinzeß wird Euch nun wohl recht boͤse seyn. Ich verdiene ihren Zorn, ich Unwuͤrdiger. Noch weiß ich mich nicht zu sam- meln, mein Kopf ist schwach, mein Gehirn erschoͤpft, o wie werd' ich erschrecken, wenn ich meine volle Besinnung wieder finde. Leb wohl und schweig. (geht ab.) Gimpel! Schweig! Was giebts denn hier zu verschweigen? Ich fuͤrchte, die Koͤniginn und die Prinzeß werden Euch selbst damit aufziehn und Euch in die Nase lachen, daß III. [ 21 ] Zweite Abtheilung . Ihr Euch aus Eitelkeit so leicht bethoͤren ließet. Schweigt! Er spricht, als wenn er ein Koͤnig waͤre, der fremde unbekannte, wetterwendische junge Herr. (geht ab.) Neunte Scene . ( Zimmer .) allein. So wandelt dumpf ein Thier in Paradiesen, Und sieht nicht Blum' und Frucht, so reißt der Wahnsinn Den Freund und die Geliebte roh zerfleischend Sich selbst mit grimmen Biß die Glieder wund, So bin ich selbst mein eigner dummer Feind, Durch eigne Schuld aus meinem Paradies Schmachvoll vertrieben, ich im boͤlden Sinn Zerriß selbst meine Liebe. — Wie nur war es, Wie moͤglich nur, daß dieser thiersche Schlaf, Der dumpfe Sklave der Natur, den Geist, Der himmelan mich trug, bewaͤltgen konnte? Die schwere Schuld muß ich sogleich versuͤhnen, Ein praͤchtiges Bankett soll wiederum Den ganzen Hof in meine Gaͤrten ziehn, Die schoͤne Fuͤrstinn wird durch Flehn erweicht, So schnell kann Herzensliebe nicht ersterben, Sie uͤbersieht den Fehl und Venus sendet Aus ihrem Himmel meine Wonnestunde. Doch wenig Gold hab' ich in Vorrath noch, Fortunat . Ich eile um den Reichthum herzustellen. — Wie? — Was ist das? — Leer, immer leer der Saͤckel? — Ich traͤume nicht, — wie, sollte Ampedo, Der Bloͤde recht mit der Vermuthung haben? Ist wohl die Zauberkraft erschoͤpft und todt? — O nein, ich Bloͤder, Bloͤder, Rasender! O ich Getaͤuschter, plump, arg, arm Betrogner! Wie man Schulknaben wohl und Gassenjungen Um Aepfel oder Nuͤsse hintergeht, Wie Bauernvolk in dem Gelag der Schenken Mit grob gespon'nem Witze uͤbertoͤlpelt — Ja, Toͤlpel, Narr, Bloͤdsinniger, Dummkopf ich! Bedurftest Du des Schlaftrunks wohl, in der Betaͤubung dummer, alberner zu werden? Nimm diesen Kopf, der mit Verstand nicht dient, Der kaum den Sinn hat Gras Dir aufzufinden, Dem Hoͤrner nur noch mangeln Thier zu seyn, Nimm ihn, zerschmett'r ihn an der ersten Wand! Was bleibt mir als Verzweiflung? — Was mir bleibt? Das Leben doch, die Jugend, die Gesundheit, Die Hoffnung, kuͤnftig kluͤger noch zu werden, Die Kraft, die eigennuͤtz'ge Taͤuscherinn Mit ganzem vollem Herzen zu verachten. So sey es, und dann den Versuch gemacht, Was ich verloren wieder zu erobern. Der Haushofmeister koͤmmt. Ich komme, von dem Munde meines Herrn Zweite Abtheilung . Befehle zu empfangen, wie das Fest Nach seinem Wohlgefallen einzurichten. Vorerst ruft schnell die ganze Dienerschaft. (Haushofmeister ab.) Nicht in Bedraͤngniß Rath zu finden wissen Ist nicht des festen Mannessinnes wuͤrdig, Hinweg, Du falsche Schaam, geschehe frei Mit Heiterkeit was doch geschehen muß. Alle Diener treten herein. Ihr guten, treuen Leute, die bisher, Das muͤßt Ihr selbst bezeugen, frohe Tage Mit mir gelebt, die ich beschenkt, gepflegt, Und nie gedruͤckt: es ist anjetzt mein Wille, Einsam und unbekannt in fremden Landen Geluͤbden treu auf ein'ge Zeit zu leben, An Lohn bin ich bei keinem in der Schuld, Ihr habt voraus, behaltet was Ihr habt, Die kostbaren Livreen, Pferd' und alles, Zwei Pferde nur behalt' ich mir; lebt wohl! Erwiedert nichts; wozu, daß wir uns ruͤhren? Je mehr Ihr mich geliebt zeigt um so mehr Daß Ihr mit Schweigen alle mich verlaßt. (Diener ab.) Du, Dietrich, bleib. Mich zwingt ein seltsam Schicksal. Allein und sparsam nach dem Vaterland Nach Cypern heimzukehren, und ich will Mit Dir die Reise machen. Fortunat . Aber ich Will nicht, mein Herr; ei, seht mir doch den Antrag! Ich also bin der einz'ge, schlecht genug Und gut genug, auf knapper Pilgerfarth Euch wie 'ne Kuͤrbisflasche zu geleiten, Die man nur unterwegs mit Wasser fuͤllt, Da Ihr die andern alle fortgeschickt? Ich glaubte, mich gefaͤllig Dir zu zeigen, Da du aus Cypern bist, und Deinen Vater Gern wieder siehst; was willst Du unter Fremden? Sorgt nicht, mein Vater laͤuft mir nicht davon, Wenn er nicht etwa stirbt, Cypern noch weniger, Hier hab' ich unter Diensten nur zu waͤhlen, Ein trefflicher ist mir schon zugesagt. So bleib, du Taugenichts, ich geh allein. Viel Gluͤck zur Reise! Der Graf Theodor Koͤmmt außer sich, daß ich nun zu ihm ziehe. (geht ab.) So vieles Gold besitz' ich noch, um einsam Nach Cypern heimzureisen, seys zu Land. Seys auf dem kuͤrzern Weg zur See. Leb wohl, Du undankbares London, lebe wohl Betruͤgerinn, die mit der Liebe heuchelt! Theodor tritt ein. Verzeiht, mein Theurer, daß ich frank und frei Zweite Abtheilung . So zu euch trete, laͤngst hab' ich gewuͤnscht Daß wir als Freund' uns naͤher kommen moͤchten Wozu der Ceremonien und der Fratzen? Ich bin in Eil, kann ich Euch worin dienen? Recht sehr: mich freut's, daß Ihr ohn' Umschweif sprecht, So macht's der brave Mann, so Ihr, so ich. Ihr koͤnnt mich gluͤcklich machen, Euch verbinden Auf Lebenszeit, wenn Ihr, mein Vater stirbt bald, Bis dahin mir zehn tausend Pfunde borgt. Nennt Ungefaͤlligkeit nicht dieses Laͤcheln Und Achselzucken, kamt Ihr gestern zu mir, So stand die Summe wahrlich Euch zu Diensten, Doch jetzt bin ich zu helfen nicht im Stande. Ja, „kamt Ihr gestern“ ist Geschwisterkind Mit dem verruchten Balg „ein andermal,“ Die Lumpen-Sippschaft stammt von Luͤg und Trug, Und Kargheit saͤugte sie an schlaffen Bruͤsten, Wohin man koͤmmt, sind die Unholde da Mit ihrem dummen Zaͤhnefleisch und Grinsen. Ich dachte nicht, so abgefuͤhrt zu werden. Wenn Ihr mich kenntet, wuͤrdet Ihr nicht zweifeln. Mag Euch nicht naͤher kennen, als ich thu, Waͤr' eine miserable Perspective In leeres Herz und Eingeweid' zu schaun. Fortunat . Ihr koͤnnt mich nicht beleidgen, so lebt wohl. (geht ab.) Doch Dir den Hals umdrehen, filziger Verschwender! karger Hochmuthsteufel, Du! Mich aͤrgert, daß ich ihm das Wort vergoͤnnt. Die Zeit find't sich, ihm das noch einzutraͤnken. (geht ab.) Zweite Abtheilung . Zweiter Akt . Erste Scene . ( Zimmer .) Daniel, Diener . M acht nur das Essen, Kinder, deckt den Tisch, denn Ihr wißt wohl, wenn der gnaͤdige Herr zu Hause koͤmmt und findet nicht gleich alles fertig, daß er sich nur hin zu setzen braucht, so mault er den ganzen Tag. (Diener ab.) Das ist eine Noth mit solchem simpeln, stillen, langweiligen Herrn! Der Alte hatte noch auf seinem Sterbebette mehr Leben. — Aber, seh ich recht? Wahrlich, der Herr Andalosia! So ganz allein? Ohne Gefolge? Was hat das zu bedeuten? Andalosia tritt ein. Ists moͤglich, gnaͤdiger Herr, daß meine alten Augen Euch so unvermuthet wieder sehn? Ach, welche Freude! so wird doch nun hier einmal die alte traurige Langweile und Einsamkeit etwas aufgeheitert werden! Fortunat . Wo ist mein Bruder? Da unten in der Allee nach der Meierei zu, auf seinem gewoͤhnlichen Spatziergange, er muß bald kommen, denn nun hat er schon seine Milch und sein Butterbrod verzehrt, und hat ihm der alte Meyer schon die Geschichte von den jun- gen Gaͤnsen vorgetragen, und er selbst wird auch wohl schon seinen Traum von heute Nacht ausein- ander gesetzt haben, so daß er nicht lange mehr ausbleiben kann. Er ist gesund und froh? Lieber Himmel, ihr kennt ja selbst unsern gnaͤdigen Herrn: gesund, ja, und froh auch auf seine Weise. Er verlangt nicht viel von der Welt. Wie treibt ihr es denn nun hier? Den einen Tag wie den andern; was Gott uns an Zeit bescheert, die verbrauchen wir denn auch mit seinem Beistande, aber das ver- sichre ich Euch, wir koͤnnten hier eine Universitaͤt errichten, um die Langeweile im ganzen Lande gruͤnd- lich und auf ewige Zeiten zu stiften. Ich sage manchmal: geht doch an den Hof. — Nein. — Macht eine kleine Reise! — Nein. — Ladet ein- mal Gaͤste. — Nein. — Wollt ihr denn nicht viel- leicht heirathen? — Nein! — Um acht Uhr Mor- gens steht der Herr auf, sein Fruͤhstuͤck nimmt ihm eine Stunde weg, dann zieht er sich an und wieder aus, sucht andre Kleider vor, und wechselt sie wieder mit dem Schlafrock. Eine unglaubliche Lust scheint er am Auf- und Zuknoͤpfen zu haben, denn ganze Stunden kann er damit hinbringen, Zweite Abtheilung . oder Handschuhe zwanzigmal anprobiren. So kommt denn die zwoͤlfte Stunde, und er wallfahrtet nach der Meierei. Dann wird gegessen und der Nach- mittag eben so hingebracht. Hoͤchstens geht der Herr einmal auf die Jagd, aber nicht um zu schießen, nur seinen Leuten zuzusehn. So hast du es aber gut, und wenig oder nichts zu thun. Sagt das nicht, muß ich doch nach allem sehn, damit die Wirthschaft nicht zu Grunde geht; auch ist der Herr Bruder so genau und gei- tzig, daß man beinahe sein eigenes Geld zusetzen muß. Ueber jeden Groschen weitlaͤuftige Berech- nungen, dann hat er noch das Ungluͤck, nicht zu kapiren, und weil er nicht rechnen kann, denkt er, jeder Mensch will ihn betruͤgen. Er mag nicht so ganz Unrecht haben. Und der liebe Eigensinn! Wenn ich ihn an- oder auskleide, macht er alles verkehrt und das laͤßt er sich auch um alle Welt nicht ab- gewoͤhnen. In der ganzen Christenheit zieht man doch gewiß den rechten Stiefel zuerst an: er immer den linken! jeden Morgen halte ich ihm den rechten hin, — nichts da; ich bitte, ich werde boͤse, ich werfe den Stiefel weg, nehme ihn wieder, halte ihn einladend, recht anziehend hin, nichts! er bleibt auf seinem Kopf, und will ich wohl oder uͤbel, muß ich nach halbstuͤndigen Debatten ihm doch gegen Vernunft und Ueberzeugung nachgeben. Das ist ein Kreuz mit solchem Herrn. Du bist ein Narr. Außerdem hat er sich noch eine Fortunat . verdammte Sache angewoͤhnt, er ist der aͤrgste Topf- kucker von der Welt, und wie er es anfaͤngt, ist unbegreiflich; denn oft stehn wir ganz ruhig in der Kuͤche und schwatzen, mit einem male ist der gnaͤdige Herr hinter uns, keiner hat ihn gesehn, keiner hat ihn kommen hoͤren; in keiner Stube ist man sicher, es ist, als wenn er durch die Waͤnde gehn koͤnnte, dadurch wird alle Gedankenfreiheit gehemmt, und es ist gar kein Spaß in solchem Hause zu machen. Aber wie koͤmmt es nur, mein Herr Andalosia, daß ihr so allein und ohne Ge- folge reiset? Ein andermal davon. Aber mein Sohn, der Dietrich, wird doch wenigstens bei euch seyn? Dein Sohn? Der junge Esel hat sich wie ein Halunk gegen mich aufgefuͤhrt: als er glaubte nichts bei mir gewinnen zu koͤn- nen, war er von meinen Leuten der einzige, der mit Grobheit und Undank mich verließ, ob ich ihn gleich mit mir nehmen wollte. Ist es moͤglich? Hat das schlechte Kind so aus der Art schlagen koͤnnen? Muß ich in meinem Alter den Gram erleben, Vater eines ungerathenen Sohnes zu seyn? Wart Boͤsewicht! Dir will ich den Text auslegen, wenn ich dein un- dankbares Gesicht einmal wieder zu Gesicht krie- gen sollte! Kommt nicht mein Bruder da den Baumgang herauf? Er ist es, gnaͤdiger Herr. Nun will ich gleich anrichten lassen. Zweite Abtheilung . Und ich will ihm entgegen gehn. (ab.) So recht, Dietrich! Ich sehe, das liebe Kind hat Verstand, er wird sich schon in der Welt zurecht zu ruͤcken wissen. Er hat nicht mit dem jungen Herrn in Compagnie eine miserable Figur machen wollen und Hunger und Kummer leiden. Ephraim! Benjamin! Zwei Bediente kommen. Was giebts, Herr Daniel? Noch ein Couvert aufgelegt! Un- ser gnaͤdiger Herr ist aus fremden Landen zuruͤck. Du, Benjamin, suche nachher bei der Aufwartung zu erhoͤren, warum er wieder gekommen ist, welche Fatalitaͤten er gehabt hat, denn von unserm Herrn Ampedo kriegt man doch nichts heraus, so maul- faul wie er ist und bleibt. Marsch! (Die Bedienten ab.) Andalosia , Ampedo kommen. Es ist angerichtet gnaͤdige Herr- schaft. (setzt: sich in einen Sessel.) Ich kann nicht mehr — die Ueberraschung — der Schreck, — du, Daniel, geh! Geh, Alter! ich habe mit dem Bruder zu sprechen. Wenn euch nur nichts zustoͤßt. Laß mich allein. — ( Daniel geht ab.) O Bruder, Bruder, die entsetzliche Geschichte, die du mir erzaͤhlt hast, — die Unbesonnenheit, mit Fortunat . der du dich ungluͤcklich gemacht hast — mir schwin- delt's und dreht sich's in allen Sinnen. Fasse dich nur wieder. Ist bald gesagt. Da haben wir nun deine ungluͤckliche Art und Weise und die Fol- gen davon. Hab' ichs nicht vorher gesagt? Wie hab' ich gewarnt! Aber natuͤrlich ist bei dir alles vergebens; denn wer sich fuͤr den allerkluͤgsten haͤlt, muß immer die allerdummsten Streiche ma- chen. Das ist der Gang der Natur. Es ist ja aber noch nicht die Hoffnung verloren, daß ich den Saͤckel wieder ge- winnen koͤnnte. Etwa auf die Art, die du mir vorschlugst? Daß ich dir den Wuͤnschhut gebe? Ja, denn so wird es mir leicht — Einmal fuͤr allemal, daraus wird nichts. Wir haben getheilt, da du es durchaus so wolltest, und nun behalt' ich auch mein Klein- od, und laß es niemals aus den Haͤnden! Daß du den Filz auch noch thoͤrichterweise durchbraͤch- test, und wir nachher das leere Nachsehn haͤtten! Aber, so laß dir doch nur sagen — Nichts! Diesmal wirst du mich nicht so weichherzig und nachgiebig finden. Ich bin es meinem Vater und uns beiden schuldig, daß ich unser uͤbriges Gut erhalte und fuͤr dich mit Verstand habe, dazu bin ich der Aelteste und ich werde meine Rechte nicht unter die Fuͤße treten lassen. Wenn man nicht mit dir spre- chen kann — Zweite Abtheilung . Man kann mit mir sprechen, aber vernuͤnftig; und jezt ist uͤberdies die Zeit zu Tisch zu gehen, komm nur hinein, ich muß mich staͤrken und auf meinen Schreck zu erholen suchen. (sie gehn.) Zweite Scene . ( Straße .) Graf Limosin , Daniel . Es ist also gewiß, wie du sagst, daß mein geliebter Neffe Andalosia wieder zuruͤck gekommen ist? Ja, mein gnaͤdiger Herr Graf. Und er wird jezt hier bleiben? Wie es scheint. Ich wuͤnsche, daß er seine Reise zu seiner Zufriedenheit mag beendigt haben. Schoͤn, daß er wieder da ist, so kann ich auch vielleicht ein nothwendiges Geschaͤft mit ihm abmachen, denn mit seinem Bruder ist nichts anzufangen. Gehst du nach Hause? Ja, Herr Graf. Du kannst mich melden, daß ich heut noch meinen Neffen meinen Besuch machen wuͤrde. Heute gehn sie gewiß auf die Jagd, nach dem gewoͤhnlichen Platz, denn Herr Ampedo pflegt den Zeitvertreib nicht leicht auszusetzen. Empfiehl mich herzlich den liebens- Fortunat . wuͤrdigen Kindern, dem Trost und der Freude mei- nes Alters. Unterthaͤnigster. (geht) Andalosia darf es mir nicht ab- schlagen, meine Verlegenheit ist zu groß, und Geld haben die Menschen ja im Ueberfluß; aber der Am- pedo ist vom aͤrgsten Teufel des Geizes besessen, und fuͤhrt selbst ein Leben wie ein armer Hund, doch der andre junge Bengel spielt gern den Groß- muͤthigen, erwirbt sich Dank und Huldigung, sam- melt mit Anstand und Ruͤhrung diese Brocken der Heuchelei, der ist also leicht zu beruͤcken. O wer den Parvenus, diesen geschlechtlosen unadlichen Abentheurern einmal so ganz ungenirt uͤber ihre Schaͤtze kommen koͤnnte! Das Gesindel weiß sie ja doch nicht anzuwenden. (geht ab.) Dritte Scene . ( Zimmer .) Ampedo . Andalosia . Ja, Bruder, nun bist du gut und vernuͤnftig, was einmal verloren ist, laß verloren seyn, wir richten uns ein, wir sparen huͤbsch, und koͤnnen ja am Ende auch die Gemaͤhldegallerie, den Pallast, das Silberzeug und alles verkaufen, und uns auf dem Gute draußen knapp und buͤrgerlich einrichten. Wozu? wir sind und bleiben immer reich. Zweite Abtheilung . Ach, Bruder, mich uͤberfaͤllt bei jedem Thaler, den ich ausgeben muß, eine Ban- gigkeit, man kann nicht wissen, wie alt man wird, ja wer von uns weiß es denn gewiß, ob er wirk- lich stirbt, und bedenke nur die Noth, die man alsdann im Alter leiden muͤßte. Bruder, neben deiner Vernuͤnf- tigkeit bist du aus lauter Grillen zusammengesetzt. Mein Wesen will dir nur im An- fang nicht einleuchten, aber bald wirst du ganz so werden wie ich, wir essen und trinken dann maͤ- ßig, wir gehn spatzieren und auf die Jagd, — ah, ja so, die Leute werden schon draußen im Walde seyn und mich erwarten, ich muß hinaus, denn wenn man seine Gewohnheit veraͤndert, so leidet mit Schmerz das Leben selbst. Ich bin noch muͤde, in einem halben Stuͤndchen folge ich dir, und, um es mir bequem zu machen, leihst du mir wohl dazu den Huth. Recht gern, hier nimm ihn, du setzest ihn auf, sprichst das Wort und bist bei mir; nichts Bequemeres wie das. Lebe wohl bis dahin. (geht ab.) Gutmuͤthger Thor! Er denkt nicht, daß ich gleich, Bewaͤhrt sich nur die Kraft des Wunderhuts, Zum fernsten Afrika entschwinden kann. Du sollst mir nur mein Kleinod wieder schaffen, Mit Schmach und Rache meine Feindinn schlagen; Ich nehme Ring' und kostbare Juwelen, Geh' in den nahen Wald nur wenig Schritte, Daß Fortunat . Daß nicht die Dienerschaft das Wunder merke, Und wuͤnsche mich sogleich nach London hin. (geht ab.) Vierte Scene . ( Wald .) Graf Limosin , ein Jaͤger . Wo sind die jungen Grafen? Einer nur, Herr Ampedo, sitzt dort im Foͤrsterhaͤuschen. So jagt er nicht? Er schaut nur zu von fern. Wenn wir das Wild erlegen, schlaͤft auch wohl Noch dabei ein: oft wieder ist er bei uns Im dicksten Wald, eh wir es uns versehn, Kein Mensch kann sagen wie, woher, und wieder Auf und davon, als ob er fliegen koͤnnte. Da geht er, wie es scheint, sehr mißvergnuͤgt. Ampedo koͤmmt. Noch immer nicht! — Wo er nur bleiben mag? Mein lieber Neffe — III. [ 22 ] Zweite Abtheilung . Schoͤnen guten Tag — Entweder kann der Thor das Wort nicht finden — Ich hoͤre, euer Bruder — Schoͤnen Dank! — Vielleicht auch rutscht er schief die Welt hinein — Ist er nicht mit euch? Nicht doch, wie ihr seht — Wenn er den Hut, — wenn er den Hut verloͤre! Er koͤmmt nicht, und es faͤngt zu dunkeln an. Was ist es, was euch so betruͤben mag? Gar nichts, — mein Bruder nur. — Vielleicht, Da ihm der Zauberhut noch nicht gewohnt Laͤßt er ihn unterweges fallen, schlaͤgt Wohl stetisch aus, wie falsche Maͤhren thun, Bockt mit ihm, laͤßt sich hartgemault nicht lenken, Da liegt denn, wer weiß wo, Herr Andalosia. Ihr seyd bekuͤmmert — Nein! — Doch kennt der Hut Hieher ja alle Weg' und Steg', hat oft Den Ritt gemacht, muß sich im Finstern finden. Ich spraͤche herzlich gern den edlen Bruder, Ich dacht' ihn hier in eurer Huth zu finden. Fortunat . In meinem Hut? Was wißt ihr denn vom Hut? Ihr denkt wohl gar, — mein Himmel, das sind Fabeln, Er muß auf seinen simpeln Beinen kommen, Was andern recht, das mag ihm billig seyn, Man wird ihm keine Butter daran legen. Ihm keine Butter? Ich versteh euch nicht. Gleichviel, — man spricht nicht immer des Ver- stehns halb; Solls nicht Gespraͤche geben duͤrfen, Ohm, Die nur — versteht mich — wie man sagen moͤchte So gleichsam bloß um Willen ihrer selbst Ein klein Geraͤusch mit Worten machen wollen, Pur aus Geselligkeit, so Hausmannskost Still vorgesetzt, Nachtisch vielmehr mit Nuͤssen. Ihr seyd so spaßhaft, doch ein ernst Geschaͤft Fuͤhrt mich, mit Andalosia abzuschließen In Eil hieher. Wohl Geldgeschaͤfte, Herr? Vielleicht. So klagt nicht, wenn er außen bleibt, Er ist so arm wie Kirchenratzen sind. Daniel koͤmmt. Der junge Herr gab mir fuͤr euch den Zettel. Zweite Abtheilung . Wo steckt er denn? Da fragt ihr mich zu viel, Kein Menschenaug' hat ihn seitdem gesehn. (liest) O weh! — in alle Welt! Ich werde schwach! — „Mit beiden nur siehst du mich wieder, Bruder.“ — Mein Hut! Mein Hut! Mein Hut! Was ist euch denn? Ihr habt ihn ja dahier auf eurem Kopf. Ja, Herr, er sitzt recht fest auf beiden Ohren. Das haͤtt' ich dir, dir das nicht zugetraut! So treulos, gegen Wort und Abredung! Statt nach dem Wald zu gehn, — in weite Welt! So ist er fort? Wohin? Und wie so schnell? Ihr hoͤrt es ja; — Holt ihn im Hafen ein, Ach, ihr versteht das Ding nicht, — er ist fort! Ich aͤrgre, graͤme mich zu Tod', erkranke! O kommt zuruͤck, ich weiß nicht was ich spreche. So faßt euch nur, ihr habt so manche Woche Ihn ja bisher entbehrt; was ists denn weiter? Verdruͤßlich! daß nun mein Geschaͤft muß ruhn. Fortunat . Ihr wißt, ihr wißt ja nicht, — ich will nur schweigen, Denn man sagt leicht zu viel in Schreck und Hitze, Und wohl erinnr' ich mich des Vaters Lehre. (sie gehn.) Fuͤnfte Scene . ( Pallast .) allein. Hoͤchst sonderbar! des Koͤnigs Majestaͤt, Der ich sonst nie zu oft mich nahen konnte, Ist nun seit lange nicht fuͤr mich zu sprechen, Und trau ich dem Geruͤcht, so laborirt Der Herr allein, und hat den Stein der Weisen, Das große Elixir allein gefunden, Wohl wie ein blindes Huhn: der Schuͤler eilt Voraus dem Meister, und was naͤchtlich Wachen Und Fasten, Keuschheit, Andacht nicht vermochten, Das wirft der blinden Goͤttinn kindsche Laune Uneingeweihten hin zum Spott der Weisheit. Der Koͤnig koͤmmt mit dem Leibarzt . Aha, mein Guter! da seyd ihr ja auch. Ich warte lange schon auf den Befehl — Vorbei, mein Lieber, diese Jugendtraͤume, Zweite Abtheilung . Die Schwaͤrmerei, Kastein und Beten, alles; Ihr seyd auf falschem Wege. Saht ihr wohl Die neuen goldnen Muͤnzen ausgegeben Aus unserm Schatz? Wir habens, Freund, wir habens! Doch eur Merkur und Jovis Glanz und Venus, Das alles ist nur Fabelei. Wißt ihr Woraus denn die Materie besteht? Wir suchen sie nun schon seit vielen Jahren Zu laͤutern, zu verklaͤren, zu erziehen Durch Kunst zur goldnen Lilienbluͤthe — Nichts! Viel simpler ists, ich hab' sie Freund, ich hab' sie — Soll ichs euch nennen? he? — Mein hoher Herr — Nun sperrt den Sinn mal auf, sucht zu begreifen, Ins Ohr will ichs euch sagen: — Leder ists! Vernehm' ich recht? Wie? Leder? Leder, ja! Nicht wahr, das will euch nicht zu Kopf? Verduzt, Verdummt steht ihr da vor mir, — ja, mein Freund, Kennt ihr nicht die Sentenz: es giebt manch Ding Im Himmel und auf Erden, wovon eure Schulweisheit sich nicht traͤumen laͤßt. — Adieu. (ab.) Nun, Mann der Weisheit? Seht, wie gesund, vollstaͤndig, aufgeraͤumt der Koͤnig jezt Fortunat . ist, wie richtig er denkt, wie wohl er aussieht, nun er sich alle die ungewaschnen Grillen aus dem Ge- hirne gespuͤlt hat. Hat er denn wirklich die Kunst gefunden? Narrenpossen, dummer Mensch! Er hat euch ja nur zum Besten. Eine neue Taxe hat er aufgelegt, auf alles Leder im Lande, auf Schuh und Stiefeln. Hohlkopf! man geht jezt nicht ohne seine Erlaubniß, und naͤchstens wird er darauf antragen, daß kein Mensch barfuͤßig einher- treten darf, damit noch mehr Leder konsumirt wird: seht, das sind die Geheimnisse. geht ab.) Nicht moͤglich! — Da kommt die Prinzessinn, die zur Messe geht. Agrippina koͤmmt mit Margarethe . O gnaͤdge schoͤne Fuͤrstinn, Ists wahr was man gesagt, was selbst der Koͤnig Mir jezt gestanden? Daß ihm Sol gelaͤchelt, Und er die hohe Kunst — Wie man es nimmt, Glaubt mir, die Sach ist, wer sie einmal kennt, Hoͤchst einfach, denn man streckt die Hand nur aus, Doch freilich ist es nicht gleichviel wohin, Wir haben jezt das rechte wahre Wesen, Nur giebt es auch viel Schein und Nachgemachtes. (ab.) Versteht ihr etwas von dem Geschwaͤtz? Ja, mein bester Herr Inep- Zweite Abtheilung . tus, man darf es nur nicht jedermann auf die Nase binden; ich habe auch dabei geholfen, ab- schneiden, annaͤhen, und nun ist die Prinzeß Ta- gelang auf ihrer Stube und thut nichts anders, als daß sie heraus und herein spielt, und ist so gluͤcklich dabei, und lacht und freut sich, und der alte Papa hilft manchmal, und nicht alle duͤrfen darum wissen, und das ganze Land ist gluͤcklich, denn der Finanzminister ist seitdem voͤllig abgeschafft. (geht ab) Sind sie toll! Bin ich verruͤckt? Ist dies Sprache der Kunst, ist es Aberwitz? Ich muß in mein einsames Gemach, um bei meinen Buͤchern meinen Verstand wieder zu finden. (geht ab.) Sechste Scene . ( Straße .) verkleidet, an einem kleinen Tischgen. Es scheint, daß keiner mich erkennen wird, Denn schon seit lange streicht der Bengel Dietrich, Der Muͤßiggaͤnger, linksch um mich herum. Nun, holdes Gluͤck! steh deinem Sohne bei. Agrippina und Margaretha gehn voruͤber. Sieh, Margarethe. — Sind das aͤchte Steine? Durchlauchtige Prinzeß, ich schmeichle mir Fortunat . Daß alle von dem reinsten Wasser sind. Ich komm' aus fernen Landen, treibe Handel, Der Ruf von eurer Schoͤnheit, eures Reichthums, Und eures edlen hoͤchst freigebgen Sinns Zog mich hieher, sehr wuͤnscht' ich, solche Dame Geruhe sich mit diesem Glanz zu schmuͤcken. Ich gehe in die Kirche, kommt zu mir. (ab.) O gnaͤdges Fraͤulein! Meint ihr mich, mein Herr? Nehmt guͤtigst diesen Ring von mir zur Gabe, Er ist der schlechtste nicht auf diesem Tisch, Und denkt dabei des euch ergebnen Manns, Damit ihr die holdselige Prinzeß, Die eure Freundinn scheint, erinnern moͤgt. Ein huͤbscher Mann, von artig feinen Sitten, Praͤsente macht er, — scheint recht gut erzogen, — Je nun, das Ausland ist ja lang und breit, Da kann ja mancher auch Manieren lernen. — Ja, lieber Herr, ich thu, was ich nur kann, Und nach der Messe sehn wir uns wohl wieder. (ab.) Dietrich koͤmmt. Mein guter fremder Herr Juwelenkraͤmer, Ich muß Euch sagen, ich bin auch gut Freund Mit einem Ausbund eines großen Herrn, Des reichsten, maͤchtigsten, freigebigsten Zweite Abtheilung . Im Lande hier, es ist ein' Art von Dienst- Verhaͤltniß zwischen uns, ich thu ihm manches, Seht, zu Gefallen, wofuͤr er denn wieder Erkenntlich ist. Ihr seyd wohl' sein Bedienter? Wollt Ihr Euch an Provinzialismen haͤngen? — Ich meine nur, fuͤr solch ein Ringelchen Koͤnnt' ich ihn auch vielleicht durch meinen Einfluß Bereden, mit Euch Handel einzugehn. Im Pallast hoff' ich alles abzusetzen. Theodor und Lady Dorothea kommen. Ihr geht so langsam, kuckt Euch immer um, Wir kommen, wenn der Gottesdienst zu Ende. Wir kommen, wenn es mir beliebig ist. Was machst Du hier, Du Tagdieb? Fort, nach Hause! Ich geh' nur noch ein wenig in die Kirche. Was hat solch Volk bei Gott dem Herr zu thun, Wenn unser eins, Leute von Ton und Welt Sich ihm zu praͤsentiren suchen? Marsch! Du kannst zur Fruͤhmeß her Dich scheeren! Geh! Ich wollte hier nur — Fortunat . Ja, er sprach mit mir, Welch zartes Freundschaftsbuͤndniß Euch verknuͤpfe. (Dietrich ab.) Seht doch hieher! Welch praͤchtger Schmuck! Der Ring Mit diesem Solitair muß meine werden, Kauft ihn, mein Freund, indeß geh' ich zur Kirche. (ab.) Wieder was Neues! — Hoͤrt mal, fremder Mensch, Sind auch die Waaren aͤcht? Seyd Ihr kein Schelm? Mein gnaͤd'ger Herr, laßt hies'ge Juweliere Die Steine pruͤfen, wenn Ihr zweifeln wollt, Auch draͤng' ich mich zu Niemand uͤberredend, Ich hoffe mit dem Koͤnige zu handeln. Man kann doch fragen, baͤrbeißiger Mensch, Vom Ansehn werden auch die Diamanten Richt Graupenkoͤrner werden. Sans façon , Was kostet dieses Ding da kurz und gut? Wenn die Prinzeß ihn nicht belieben sollte, So laß ich ihn Euch wohl fuͤr tausend Pfund. Nehmt nicht das Maul so voll, die tausend Pfund Pflegt man hier von den Baͤumen nicht zu schuͤtteln. Auch wohl so edle, reine Steine nicht, Prinzessinn Agrippina wird ihn kaufen. Zweite Abtheilung . Prinzeß! Prinzeß! Was soll die Ziererei? Dem Kaufmannsvolk muß jeder Beutel Geld Ob aus des Koͤnigs ob aus Lumpenhand Ein gleiches gelten, das ist Narrethei Sich vornehm duͤnken, weil mit großer Welt Man Handel pflegt: Kurzum, wollt Ihr zwei- hundert? — Er thut, als hoͤrt er nicht: — dreihundert geb' ich Und bleib' Euch dann noch hundert funfzig schuldig, Das ist der letzte Pfennig den ich biete. Ich habe nicht die Ehr den Herrn zu kennen. Ich heiße Theodor, bin Kammerherr, Mein Alter ist der wohlbekannte Herbert, Schurrt der mal ab bin ich der einz'ge Erbe. Ich lasse nur den Ring so wie gesagt. Verdammter Eigensinn! Margarethe koͤmmt. Ihr sollt, mein Hert, Sogleich aufs Schloß zu der Prinzessinn kommen. Dorothea koͤmmt. Der Kaufmann raͤumt ja seinen Kram zusammen. He! Mann! da druͤben, seht in dem Palais, Fortunat . An welchem uͤber'm Thor der Affe sitzt, Da wohn' ich, ich verlaß' mich drauf, daß Ihr Noch heute zu mir kommt. Euch aufzuwarten. (geht ab.) Er wird schon kommen Schatz, sey nur getrost, Mir fehlts etwas an Geld, sonst haͤtt' ich ihm Den großen Stein gleich mit Gewalt genommen. An Geld und an Verstand ist immer Mangel In Eurer Wirthschaft. Laßt, er muß mir kommen, Sonst laß ich ihn mit Wache zu mir holen; Daruͤber ist die Messe nun versaͤumt, Was sich nicht schickt, denn seinen Gott und Koͤnig Muß unser einer niemals negligiren. (gehn ab.) Siebente Scene . ( Pallast .) Agrippina, Andalosia . Zu theuer, viel zu theuer, werther Herr, Wollt Ihr so fordern, koͤnnt Ihr nirgends Kaͤufer, Auch unter den Monarchen selbst nicht finden. Bedenkt die weiten Reisen, die Gefahren, Die großen Summen, die ich ausgelegt, Zweite Abtheilung . Und die mir lange keine Zinsen trugen; Ich glaubte, hier in England Gluͤck zu machen, Bei solcher Fuͤrstinn, edel, reich und schoͤn, Mich alles Schadens zu erholen, doch Ihr habt so viel mir abgehandelt, daß Sich selbst die Reisekosten nicht bezahlen. Der Kaufmann glaubt, er muß bestaͤndig klagen, Ich habe Euch noch viel zu viel geboten, Geduldet Euch, ich geh, Euch zu bezahlen. (geht hinein.) O Geiz! Du Scheusal, das mit schiefen Augen Nur mehr und mehr zu haͤufen sucht, und ekle Verzerrung grinzt, soll es dem Nachbar leihn, Zeigst Du so scheußlich Dich in armer Wohnung, Beim Buͤrger, Kaufmann und dein Wucherer, Wie widerwaͤrtig ist Dein Angesicht Liegst Du auf Haufen ungemeßnen Goldes, Schielst unter Kronen Du vom Thron herab. — Wo war mein Auge nur, das dem verzerrten Grausamen Goͤtzenbild in Andacht flehte; Schlief denn mein Ohr, daß es von diesen Lippen Orakelspruͤche nur vernahm? O schwacher Muth, Der Du in ihr den Glanz der Ewigkeit, Der hoͤchsten Schoͤne, alles Himmlischen In dumpfer Trunkenheit gewahrtest, nuͤchtern Ist Dir Dein Traum des Rausches Aberwitz, Das Herz stoͤßt die Erinnrung ekel von sich Und nennt sich selbst und das Gewissen Luͤgner. — Sie holt den Zaubersaͤckel, ahndet nicht Daß hier ihr Feind auf seine Beute lauert, Und, wie der Habicht auf die Taube stoͤßt, Fortunat . In weite Ferne mit ihr schwinden wird. Sie koͤmmt, — ich zittre, — ja, sie bringt ihn mit, Befestigt wohl mit neuen, starken Schnuͤren. Agrippina koͤmmt. Hier zaͤhl' ich Euch — was draͤngt Ihr so an mich? (sie umfassend, indem er den Hut aufsetzt.) Sogleich zum wuͤsten menschenleeren Eiland! (sie verschwinden.) Margarethe koͤmmt herein. Gnaͤdige — ums Himmels- willen! Koͤnig koͤmmt mit Theodor und Gefolge. Was giebts? Die Prinzeß — hier stand sie — weg ist sie! — Nach! Nach! Sucht! Sucht! Sucht! Folgt mir, ich werde sie finden! Findet sie, bringt sie, Leute! Wo ist sie? (Alle in Verwirrung ab.) Zweite Abtheilung . Achte Scene . ( Wuͤste .) Andalosia, Agrippina . Hier nun, wo rings die oͤde weite Luft, Die taube See, ein mitleidlos Gefilde, Hier — Weh mir! Weh! Wie bin ich hergerathen. Wo bin ich denn? Wo ist mein Haus? Mir schwindelt, Es bricht mein Herz, und alles was ich denke Stuͤrzt gegen Wahnsinn, sucht den Ausweg dort — Zusammen sinken mir die Knie, — o bester, O liebster aller Menschen, wie ich Dich Nicht kenne, laß mein Flehn, die Thraͤnen Dich Bewegen, — sey nicht taub der Huͤlfsbeduͤrftgen — O halte mich, ich falle — Lehne Dich An diese Brust; — mit diesen suͤßen Toͤnen Kehrt alle Zaͤrtlichkeit in mir zuruͤck. — Setz Dich hieher, — an diesen Baumesstamm. O Himmel sieh, wie voll von rothen Aepfeln, Daß sich die Zweige biegen, suͤßer Duft Wuͤrzt rings die Luft und staͤrkt die matten Sinne, Die Zunge lechzt, — ach, koͤnntest Du, mein Theurer, Mir eine dieser holden Fruͤchte brechen, Den Gaumen mir in Todesnoth zu laben? An- Fortunat . Ich hole Dir den groͤßten dieser Aepfel, Was thaͤt ich nicht fuͤr Dich? Bist Du gestaͤrkt, Dann sprechen wir von meiner bittern Kraͤnkung Nur fuͤrcht' ich, wenn ich oben pfluͤcke, regnet Das reife Obst herab, Dich zu verletzen. Trag' diesen Hut, er schuͤtzt das zarte Haupt. (setzt ihr den Hut auf und steigt auf den Baum.) Ach, stuͤrze nicht — Gleich bin ich oben. Wirf Herunter schnell mir. — O Du guͤtger Himmel, Waͤr' ich auf meinem Schlosse doch daheim! (sie verschwindet.) Hier, nimm — wie? was? bin ich im Traum? Ich rase, Ich sterbe, breche mit den Baum zur Hoͤlle. (springt herab.) O Thor! o bloͤder, dumpfer ungehirnter Thor! So recht, Du Schalksnarr! Kannst Du nicht den Leib, Die Seel' ihr nach noch werfen? Stirb! Streck Deinen Leichnam hin in feuchten Moder, Daß Kroͤten, Molch und Schlangen ihn verzehren! Spei aus den Geist, der nur in Deinem Leibe Wie ein Verbrecher im Gefaͤngniß wohnt! Reiß nieder rings die Mauern, brich die Ketten, Und stuͤrm Dich los mit lautem Hohngelach, Das Weite, Freie, Leere zu erfliegen! — III. [ 23 ] Zweite Abtheilung . Wer bin ich denn? Ich bin schon laͤngst vernichtet Und ein Gespenst der Albernheit haust noch Und spielt in diesen Gliedern, hoͤhern Geistern Mit Affengrinsen und mit Schalkheitstand Ein Theil der Ewigkeit hinweg zu scherzen. Wo find' ich Mich? Renn' ich mit diesem Hirn An Baum und Fels, von ihnen mir Vernunft, Die sie belaͤstgen moͤchte, einzudruͤcken? Gethiere ihr des Waldes, wilde Tauben, Kuckuk und Heher, Staar, Du kleinster Thor, Lacht munter, scheltet mit den lautsten Toͤnen! Ja Du des Meeres stummgeborne Brut, Mit Schnalzen oͤffne Deine nassen Kiefern, Und deute mir das Ohr, das mir nur mangelt, Um umzuziehn, die langgeoͤhrten Bruͤder Am Markt, in Muͤhlen, hoͤflich zu befragen, Wo's edle Herrlein Andalosia blieb. — Dahin nun beides, hin die Edelsteine, Hin sie, — und ich mit diesem Dummkopf fest Noch eingekeilt in dieser Zeit, mir immer Mir immer noch bewußt, daß ich es bin, Die Raritaͤt, die abgeschmackteste, Merkwuͤrdig gnug fuͤr Geld sie sehn zu lassen. — Narr, schone Dich, Du rasest Dich sogar Um Deine Narrheit, — auch zum Aberwitz Und zur Verzweiflung will die Kraft gebrechen — Das Auge dunkelt — nimm Dein Allerletztes, Den Apfel, den Du Dir erbeutet hast, Verzehr' ihn, leg' Dich dann in jenen Busch Zum Schlummer oder auch zum Sterben hin. (Er geht ab, lautes Geschrei der Turteltauben, des Kuckuks und andrer Voͤgel, er koͤmmt mit zwei Gemshoͤrnern auf der Stirne zuruͤck.) Das ist zu viel! das fehlte noch dem Helden, Fortunat . Da tritt er wieder auf die Buͤhne hin. — Wer mir gesagt, ich wuͤrde meinen Zustand, Den vorigen trostlosen, bald beneiden — Gepruͤgelt, lederweich, mit Kieselsteinen Geworfen haͤtt' ich ihn, mit Fuß und Zaͤhnen Gebissen und zerklopft, — o, laͤugne nicht, Es ist zu Zeiten so erfindungsreich, So voͤllig unerschoͤpflich das Geschick, Daß noch vielleicht aus jedem dieser Hoͤrner Mir Kirschen, oder Mandelbaͤume bluͤhen, Auf eignem Grund und Boden mich zu naͤhren. Ha! irgendwo muß doch ehmalige Vernunft anschießen, sich verkoͤrpern wollen, Und so geschahs in diesen langen Hoͤrnern. So will ich denn auch die Vernunft gebrauchen, Der Kopf soll denken, mir nicht muͤßig ruhn, An renn' ich wuͤthend gegen diese Baͤume — Krach! eins! — das hat noch nichts geholfen — krach! Krach! wieder! aber nichts, das sitzt so fest, Daß ich mir eh'r den Nacken braͤche; — krach! Vergeblich! unerschuͤtterlich; — o wehe! Und mehr als weh! und lauter als Geschrei Werf' ich den Ruf hin durch die kahle Wuͤste, Daß wenn hier irgend eine Furie haußt, Ein Teufel hoͤhnisch im Gebuͤsche lauert, Das alte schadenfrohe Reich der Nacht Im fernen Wald, in Felsenklumpen bruͤtet, Sie sich der Angst, der Noth erbarmen moͤgen! O weh mir! weh! o Huͤlfe! Rettung! Huͤlfe! Ein Einsiedler koͤmmt. Geduldig, Wesen! Was beginnst Du, Wunder? Zweite Abtheilung . Was rennst Du mit der Stirn an diese Baͤume? Was klagst Du, daß Dein Wehgeschrei die Oede Durchschallt, die lange schon verlernte, Worte, Des Menschen nachzusprechen? Heilger Vater, Bist Du ein Engel, mir gesandt zur Rettung? Bist Du ein Mensch? Schlaͤgt Dir ein Herz, o Alter, In diesem weiten rauhen Kleide, hilf! O troͤste mindestens, o sprich zu mir, Dein Mitleid rede, weine, hilf mir schrein! O Mensch! — ich — sieh, — ich, rathe, hilf, — Erbarmen! Nun sammle Dich, kehr Dir erst selbst zuruͤck; Das hoͤchste Elend, wie es uns umlagert Und in uns stuͤrmend bricht, trift es im Innern Uns selbst nur noch, so scheut es sich, mit Grimm Uns anzublicken, kruͤmmt sich furchtsam, kriecht, Wie es als Ungeheuer entgegen trat: So wie die Heiligen der Wuͤste laͤchelnd Mit Augenwink die Leun und Tiger zaͤhmten. O guter Rather, Ihr koͤnnt leichtlich sprechen, Was habt denn Ihr wohl in der Welt verloren? Vielleicht einmal ein wenig Haar des Barts, Wenn Ihr Euch durch die Dornenstraͤuche draͤngtet! Doch wuͤßtet Ihr, was ich besaß, was mir Durch Tuͤcke, Zufall, eignen Bloͤdsinn jetzt Entrissen ward, dann wundertet Ihr Euch, Daß ich noch athmen, sprechen, leben kann. Fortunat . Dir ist mein Schicksal wie Deins mir verborgen; Doch nenne mir, was Dich am meisten quaͤlt, Vielleicht kann ich Dir dennoch Huͤlfe schaffen. Ein goͤttlicher Gesandter waͤrst Du mir, Wenn Du dies Scheusal, dieses Hoͤrnerpaar, Mir koͤnntest von der Stirne nehmen, daß Nicht Aff' und Bock her aus dem Walde springen, Als Bruder mich und Vetter zu begruͤßen, Daß ich mich Mensch, wenn auch im Elend fuͤhlte. Wohl Dir, daß dies der naͤchste Wunsch des Herzens, Im Elend bist Du menschlich doch geblieben, Und es ist mir vergoͤnnt die Ungestalt Von Dir zu nehmen. Siehst Du jenen Baum Mit wen'gen grauen Blaͤttern, kleinen Aepfeln? Den einen brech' ich, iß ihn, und sogleich Wird Deine menschliche Gestalt erscheinen. (ißt, die Hoͤrner fallen ab.) Wohl mir! Wie dank' ich Dir, o heil'ger Mann! Wo bin ich denn? Auf menschenleerer Insel An Irlands Kuͤste; einst, vor alten Zeiten, Trieb hier ein Zauberer die argen Kuͤnste, Verlockte Reisende, ließ Schiffe stranden, Und pflanzte diesen Baum mit boͤsen Fruͤchten; Da ward es einem heilgen Eremiten, Der laͤngst vor mir in meiner Klause wohnte, Vergoͤnnt, den zweiten Baum so zu begaben, Daß er des Zaubers Wirkung mag vernichten. Du bist, seit ich hier bin, der erste Mensch, Zweite Abtheilung . Der diesen Stand betritt, nur selten fahren In weiter Ferne Fischer mir voruͤber, Auch weiß ich nicht, wie du hierher gekommen. Nachher davon, doch welches Schicksal warf Euch aus der Welt in diese ferne Oede? Ich war bei Sankt Patricius Fegefeuer Im Kloster Moͤnch, und meiner Suͤnden wegen Sucht' ich noch still're Einsamkeit, gelobte, Freiwillig nie ein menschlich Angesicht Zu sehen wieder, ließ von guten Fischern Hieher mich fuͤhren, der Betrachtung ganz Der Abgeschiedenheit geweiht, den Leib Mit Wurzeln naͤhrend und der Frucht der Baͤume. So ist kein Mittel von hier zu entkommen? Wir muͤssen an dem Strand ein Feuer machen, Und lauschen, bis sich Fischerkaͤhne zeigen, Mit Zeichen sie dann rufen. Komm und ruhe In meiner Huͤtte, und erquicke dich Mit dem, was meine Armuth bieten kann. Ist es erlaubt, von diesen beiden Aepfeln Mit mir zu nehmen? Ja, mein lieber Sohn, Wenn du nicht in der Welt damit willst freveln, Denn mir gehoͤrt und Niemand diese Frucht. Komm denn, erhole dich und sey beruhigt. (sie gehn ab.) Fortunat . Dritter Akt . Erste Scene . ( Pallast .) Koͤnig, Agrippina . N ie, lieber Vater, geb' ich aus den Haͤnden Das wieder, was mein Eigenthum geworden, Was mein nur mit Gefahr des Lebens ward, Bedenkt, wenn damals doch der Thor erwachte, Wie staͤnd' es dann um Euer Kind? Allein Das Wohl des Landes, meines ganzen Volks! Kannst Du mir nicht auf wen'ge Tage nur Den Saͤckel fuͤr das allgemeine Beste Vertrauen? Denk doch, was in alten Zeiten Wohl andre Ding fuͤrs Vaterland geschahn. So spracht Ihr neulich auch, ich kenne das. Doch nur auf wen'ge Stunden. Zweite Abtheilung . Kuͤnft'gen Monat, Doch jetzt muß ich allein mich dran ergoͤtzen Fuͤr meine Angst, fuͤr jenes Wunder, das Ich mir nie zu erklaͤren weiß, das ich Fuͤr Traum erklaͤrte, waͤren mir die Steine Als Unterpfand der Wahrheit nicht geblieben. Ueber dem menschlichen Begreifen ists! Im Grunde auch der Saͤckel; nur daß man Schon diesen mehr gewohnt ist: ebenfalls, Wie Andalosia zu ihm gekommen, Wo dieser Mensch geblieben; kurz, mein Kind, Sieht man mit einiger Philosophie In dieses bunte hoͤchst verworrne Leben, So muͤssen wir gestehn: es giebt viel Dinge, Die man zeitlebens nicht begreifen kann. Da kommt Herr Raimund, Ihr erlaubt mir wohl Davon zu gehn, was der Mann unternimmt Ist mir am allermeisten unbegreiflich, Laßt Euch die Kunst das Gold zu machen lehren, Nur etwas Eifer mehr, braucht Ihr mich nicht. Du spottest ohne Noth, das ist ein Geist Der hoch erhaben uͤber allen steht. Agrippina ab, Raimund tritt ein. Seyd Ihr schon heut beim großen Werk gewesen? Es will nicht foͤrdern, denn der Weg scheint weit; Kann man auf keinem Fußsteig hingelangen? Fortunat . Ihr seyd zu weltlich auf Besitz erpicht, Das hindert mehr als alles. Zwar es giebt Auch Wuͤnschelruthen, wenn man sie nur faͤnde, Die uns die unterird'schen Schaͤtze zeigen, Uns sagt auch die Magie von einer Kunst, Die Geister rufen kann, und dienstbar machen, Daß sie uns Schaͤtze fern aus Indien, Aus afrikan'schen Wuͤsten liefern muͤssen, Doch graͤnzt dies Thun schon am verbotnen Wesen, Auch ist es minder glorreich und erhaben Als jenes Wissen, dem wir uns geweiht. Ganz gut, mein Freund, allein Ihr wißt ja selbst Wie umstaͤndlich. Die Kunst ist Zweck der Kunst, Ihr Streben ist Ihr Hoͤchstes. Wie mans nimmt: Waͤrs denn nicht moͤglich, seht, etwa zu finden Und auszumitteln einen Zauberstab, Der mir, so wie ich da und dorthin ruͤhre, Des Goldes Fuͤlle ploͤtzlich schuͤttete? Noch besser, eine Tasche auszuwirken Die mir, wie ich hinein nur greife, stets Und unerschoͤpft die goldnen Muͤnzen liefert. Mein Koͤnig, dies ist voͤllig widersinnig, Dergleichen giebts nicht, hats noch nie gegeben; Es fuͤhrt die Einbildung, einmal entfremdet Dem Himmlischen, zu Fabel und Chimaͤre; Der Trieb des Habens schaͤrft sich immer mehr, Zweite Abtheilung . Und die Begier, mit unsern Traͤumen buhlend Erzeugt dann Ungeheur und Mißgeburten. Ihr redet, Herr Adept, wie Ihrs versteht; Das gaͤb' es nicht? ha, kaͤm' Euch nur der Glaube So in die Hand, wie mir es ist geschehn, Wie wirs noch haben, — doch, ich schweige still. Kommt denn zum Ofen, wo durch Wind und Blasen Das Wunder, meint Ihr, soll gefoͤrdert werden. (gehn ab.) Zweite Scene . ( Zimmer .) Lady Dorothea, Theodor . Gebt Euch doch nur zufrieden, immer und ewig Dasselbe Lied, ist wahrlich unausstehlich. Ihr seyd mir laͤstig mit dem rohen Wesen. Kann ich dafuͤr, daß der Hansnarr nicht kam? Bei meinem Zorn hatt' ichs ihm anbefohlen; Seh ich den Esel wieder, pruͤgl' ich ihn Von einem End' Europas bis zum andern, Weil er nicht Wort hielt einem Edelmann. Was war denn auch so Großes an dem Ring? Kurz, er gefiel mir, und ich wollt' ihn haben. Fortunat . Ich wollt ihn haben! daß Euch nur nicht gefaͤllt Auch den Vollmond vom Himmel mal zu haben! Dazu habt Ihr es ja gehoͤrt, wie nur Ein Zauberer der fremde Schuft gewesen, Die Taͤnze, die die Fuͤrstinn mit ihm hatte, Das Rennen, Suchen, Jagen, Maledein Nach ihr, das wir in Stadt und Land getrieben. Genug, sie hat den Ring, ich halte alles Was man davon erzaͤhlt, fuͤr Fabelei. Fuͤr Fabelei? Mit meinen eignen Augen Hab' ich gesehn, wie sie nicht da gewesen. Kommt jetzt zu dem befohlenen Spatzieren, Man ruft mich zum Begleiten, wie zur Frohn, Dann muß ich Stunden lang das Gehn erwarten. Dietrich koͤmmt. Was giebts? Was lacht der Bursche? O gnaͤdiger Herr, dort unter den Baͤumen treibt sich ein Kerl herum, aus Arme- nien, oder Mesopotanien, wie er sagt, in ganz fremder wunderlicher Kleidung, einaͤugig, mit einem Pflaster uͤber dem Gesicht, einem grausamen, dicken und krausen Haarwulst, der ihm von allen Seiten unter dem Turban hervor quillt; der hat einen Korb vor sich, mit fuͤnf oder sechs Aepfeln drinn, aber die allerschoͤnsten und roͤthesten, die ich Zeit meines Lebens gesehn habe, die ruft er aus, und wenn ihn einer nach dem Preise fragt, so fordert er fuͤr jeden Apfel zehn Goldstuͤcke, so daß dann Zweite Abtheilung . alle Leute mit Lachen vorbei gehn und den dum- men Narren stehn lassen. Den muß ich sehn. Kommt, Freund. (sie gehn ab.) Dritte Scene . ( Spatziergang .) verkleidet, einen Korb vor sich, der ihm von der Schulter haͤngt. So bin ich denn muͤhseelig hergewandert Und laure, bis die Rache mir gelingt Und die Erstattung des geraubten Guts. Hat die Verraͤtherinn des Hutes Kraft Entdeckt durch Zufall, darf ich wenig hoffen: Doch kirrt sie wohl der Fuͤrwitz, und mit Klugheit Und kalter List will ich den Plan verfolgen, Daß ich mir selbst nichts vorzuwerfen habe, Wenn, trotz der List, der Vorsatz nicht gelingt. — Kauft doch schoͤn Aepfel! Aepfel von Damaskus! Agrippina von Herbert gefuͤhrt, Mar- garethe . Was ruft der Mann? Es scheinen Aepfel. Freund, Woher des Lands? Wie nennt Ihr diese Frucht? Weit her, Ihr Gnad, aus tiefem Eck von Asia, Und reis' die Welt umher die Queer und Kreutz, Fortunat . Sonst ist mein Handel nach Constantinopel, Cairo, Alexandria, wo die Sultan, Die schoͤne Dam' in der Seraglio seyn, Komm' diesmal erstemal ins Europa, Die Paar von Aepfeln seyn mir uͤbrig noch. Was gilt der Rest? Rest, sagts? Ho, ho! seyn kostbar, Das Stuͤck zehn unbeschnittene Guinee's. Du bist von Sinnen. Freund. Gar bei Verstand, Dann dieses nicht Aepfel, um zu braten, Gebackne Pflaumen draus zu machen, Mus; Aus dies'n, gegessen, wird Schoͤnheit und Witz, Will sagen, wenn ein Dam', ein Mann drein beißt, Wirds roth und weiß, formirt anmuthig, und Der Geist kriegt auch gleich neue Politur. Die Ding werd' nur mit Hals- und Lebensgefahr Aus einem Zaubergarten abgebrochen, Wird man erwischt, geht gleich der Kragen drauf. Theodor und L. Dorothea kommen, Diet- rich . Ist das der Fremde? Sieh da, liebe Freundinn, Der Mann hat Wunderaͤpfel zu Verkauf, Die schoͤn uns machen und den Witz beleben, Zweite Abtheilung . Und doch nur zehn Guineen fuͤr das Stuͤck. — Komm nachher zu mir, denn ich will Dich sprechen. (geht ab mit Margarethe und Herbert .) Thorheiten, sag ich, und erzdummes Zeug, Und waͤrs der Original-Apfel aus der Fibel, Von dem der Affe fraß in meiner Kindheit, So gaͤb' ich nicht so viel des Goldes drum. Ich will, hoͤrt Ihr? die eine dieser Fruͤchte! Es winkt mir die Prinzeß, ich geh' zu ihr. (geht ab.) Margarethe koͤmmt zuruͤck. Hier, mein Herr Mameluck, sind zwanzig Goldstuͤck, Fuͤr zwei von diesen Aepfeln: wollte Gott, Ich haͤtte so viel uͤbrig fuͤr die letzten, Um so was auch auf meinen Leib zu wenden! Gebt Ihr nicht einen zu, Herr Socinianer? Nichts da! Man haͤtte freilich Gotteslohn, Dem alten Antlitz mit 'nem halben Apfel, Mit einem Schnittchen unter'n Arm zu greifen. So schlimm stehts auch noch nicht, Herr Afrikaner, Hier sind Gesichter Mode, so wie meins. Da ist sein Geld, die beiden Aepfel her! (ab.) Nun sagt mal: ist es Ernst denn, oder Spaß? Wenn ich das Ding hier in den Mund mir thaͤte, So kriegte mein Gesicht andre Statur? Fortunat . Gewiß. Und mein Verstand, zwar klag' ich nicht, Der wuͤrde auch sogleich wie neu gegossen? Wer zweifelt daran? Waͤrs denn auch wohl moͤglich, Daß so ein Ding, (wie sag' ich doch nun gleich?) Mir dies verdammte Stottern hintertriebe? Was ist das, Schnattern? O Gimpel! Stottern heißt es, und nicht Schnattern! Es ist das Stammeln, — das, — nun, merkt Ihr nichts? Wenn ich in Zorn gerathe, etwas eifre, Daß denn die Wort', — wie jetzt, — so holterpolter Zusammenrasseln, stetig werden, von Der Stelle nicht mehr wollen, daß mir dann Im Hals was pfeift und haspelt, in der Kehle Was schluckt und gurrt, in Zaͤhnen etwas knistert, Was nur, das mag der Teufel selbst nicht wissen. Versteh gleichsam, liegt in der Seele selbst, Und dafuͤr kann kein Aepfelessen helfen, Sonst koͤnnt' davon ein Pferd auch reden lernen, Das Wiehern, Eselschrein geht auch beinah Nach dieser nemlichen Deklination. Hast Du selbst von den Aepfeln schon gefressen? Zweite Abtheilung . Zu kostbar Gut fuͤr mich, zu theures Futter. Thaͤtst gut daran, daß besser Aushaͤngschild Dein Schnauzgesicht fuͤr Deine Waare wuͤrde, Denn guter Wein verdient auch guten Kranz. Braucht nichts zu kaufen, Herr, ich werde doch Die Aepfel los an hoͤflichere Leute. Ich will den haben! Nimm die acht Goldstuͤcke! Ich kann und will nicht unter zehn, und Euch Auch nicht fuͤr zwanzig. O Du F — F Flaps! Du Grobian! Maulaffe! nimm das Geld, Sonst soll — das schwoͤr' ich! — sieh — ich brech' Dir gleich Den Hals! Laßt los! (sie ringen mit einander.) (nimmt einen Apfel und laͤuft fort.) Das war gefunden Fressen! Nun also; — doch, wo ist der zweite Apfel? Weiß nicht, ich armer Mann! Ich habe meinen, Und Du Dein Geld, leb' wohl, Du Marokkaner. (ab.) An- Fortunat . Viel Gluͤck Ihr all zu Euerem Erwerb! Nun geh' ich, werfe die Verkleidung ab, Und lausch' in neuer Mask' auf den Erfolg. (geht ab.) Vierte Scene . ( Pallast .) Margarethe stuͤrzt herein. O weh! Jammer und Weh! Zeter und Mordio! O weh! Suͤnde und Schande! Muß ich das erleben? O meine arme ungluͤckliche Prinzessinn! Koͤnig und Koͤniginn kommen schnell herein. Was giebts? Was schreist Du, Ungluͤckliche? Soll ich nicht schreien? Soll ich mir nicht die Haare ausraufen? O arme, un- gluͤckliche Eltern! Sprich! Rede! Bei meinem Zorn! Du machst mich ungeduldig. Ach, Agrippina! Du Rei- zende, Du Schoͤne, nun so Elende, nun so Ent- stellte! Himmel! Was ist denn mei- nem armen Kinde begegnet? Sammle Dich, sprich. Wir kamen vom Spatzier- gange, die holdseelige Fuͤrstinn war froͤhlich und gespraͤchig, sie aß mit dem groͤßten Appetit zwei III. [ 24 ] Zweite Abtheilung . schoͤne Aepfel, die ich ihr hatte kaufen muͤssen, sie stand vor dem Spiegel und lachte; ich ging indeß hinaus, ihr den neuen Spitzenaufsatz zu holen, der ihr so himmlisch steht: ploͤtzlich hoͤr' ich ein lautes Aufschreien, ich erschrecke, ich horche, da er- kenne ich die Stimme meiner Prinzessinn, sie klagt, daß sie geboren ist, sie will sterben, ins Grab will sie sich legen, ich begreife nicht, ich lasse vor Er- staunen die Brabanter Spitzen fallen, laufe hin- ein, und finde sie, und sehe sie, — o wie soll ich beschreiben, was ich sah, was ich fand? Nun? In der Stube steht und heult ein wildes Wesen mit zwei langen graden Hoͤrnern auf dem Kopf, das zieht an den Hoͤr- nern, als wenn es sie ausreißen wollte, und weint und verzweifelt. Und wer war das Thier? Ach, scheltet, nennt sie nicht so: unsre arme, ungluͤckliche Prinzessinn war es. Ich will nicht hoffen. — Agrippina? Sie selbst. Mein liebstes Kind, meine reizende Tochter? Ach! Niemand anders. Was hat das zu bedeuten? Wun- der uͤber Wunder! Erst verschwunden, wieder ge- kommen, nun gar Hoͤrner auf dem Kopf! Aber ist es denn auch wahr? Bist Du nicht vielleicht uͤber die Weinflasche gerathen, und hast ihren Kopfputz fuͤr Hoͤrner angesehn? Fortunat . O komm, meine suͤße Agrip- pina, komm, und zeige, ob dies ungeheure Elend wirklich uͤber uns gekommen ist. Sie geht hinein, und fuͤhrt Agrippina heraus, die zwei Hoͤrner auf der Stirn hat. In unsrer Familie! daß das soll in die Chronik kommen! Abgebildet fuͤr die Nach- welt im Holzschnitt! Nein Theure, nein, Ihr koͤnnt mich nicht erdulden, Verstoßt mich in die Wuͤste zum Gethier, Des Bild ich trage, laßt dort Wolf und Baͤr Die Glieder mir zerfleischen, daß vertilgt Vergessen sey mein Schimpf, mein Angedenken. O maͤßge Dich, es giebt wohl Rath und Huͤlfe. Spring, Margarethe, lauf, da ist der Schluͤssel! In meinem Laboratorium ist Herr Raimund, Dann geh' in Eil zu meinem Leibarzt hin; Still darf man das nicht in die Tasche stecken. ( Margarethe ab.) Und weiter nur verbreitet sich die Schande, Und groͤßer wird nur mein Verzweifeln noch. O fasse Dich, mein Kind, die Menschenkunst Wird fuͤr Dein Ungluͤck doch noch Mittel wissen. Der Leibarzt muß, er steht dafuͤr in Lohn, Hat Rang am Hofe, ein Rezept verschreiben, Wonach der Auswuchs wieder ruͤckwaͤrts sinkt. Zweite Abtheilung . Raimund und Magarethe noch draußen. Elende! Ungeschickter! Toͤlpel! Narr! (beide treten ein.) Was giebts? O Majestaͤt, ein schrecklich Ungluͤck, Ich weiß nicht ob ich diesen Schlag verwinde: So herrlich waren niemals noch die Zeichen, Das Werk war dem gekroͤnten Ende nah, Ich observire mit gespannter Angst Und in entzuͤckter Trunkenheit, da rennt Die alte Furie auf mich los, und stoͤßt Mir an den Ellenbogen, meine Hand Faͤhrt aus, ich wende mich, und stoße, — stoße, — O hoͤrt es, Koͤnig! — stoße die Phiole Um und entzwei, und alles rinnt ins Feuer, Das schlaͤgt in rother Lohe druͤber her Vor Freude knisternd, als wenns mich verlachte. Und alles ist umsonst? Vergeblich alles, Es muß von vorn die Op'ration beginnen. O Ungeschickte — Fortunat . Laßt mich auch nur reden: Er wollte gar nicht hoͤren, stand verdutzt Wie angenagelt da und sah ins Feuer, Ich rief ihn zwei und dreimal; wer nicht hoͤrte War er, der alte graue Hexenmeister: Da nahm ich ihn beim Arm, so zart anstaͤndig, Wie nur ein Cavalier die Dame faßt, Da springt er 'rum und wacht aus seinem Traum, Plump wie er ist, faͤllt er mir auf den Leib, Wir beide stoßen so das Ding ins Feuer. O Ungluͤck uͤber Ungluͤck! Seht nur her, Was wir indeß an unserm Blut erleben. Ich staune. — Meine gnaͤdige Prinzeß, Wie seyd Ihr zum Portentum denn geworden? Nun helft mit Eurer Wissenschaft und Kunst. Der Leibarzt koͤmmt. Was will die Majestaͤt — ei heiliger Galen und Aeskulap! Was seh' ich da? Ja, ja, mein Freund, das sieht hier traurig aus. Ist Euch die Krankheit je schon vorgekommen? Niemalen, das ist neu und unerhoͤrt, Das macht mich dumm, geht gar und gaͤnzlich uͤber Den Horizont mir. — Wie? Woher? Warum? Wie abzuhelfen? Das sind alles Fragen, Die noch in keinerlei System verzeichnet. Zweite Abtheilung . Ei! ei! wie hart! und eben recht, und rund Als wie gedrechselt. Wißt Ihr Rath, Herr Rai- mund? Ich stehe wie vernagelt. So wie immer: Geht, theure Fuͤrstinn, dort mit ihm hinein, Die kleine Saͤge nehmt, versucht mit Vorsicht So weit es geht, von oben weg zu schneiden. ( Agrippina mit Raimund und Margarethe ab.) Ach, das muß Strafe wohl des Himmels seyn. Was sollt' er denn mit Hoͤrnern grade strafen? — Sollt' sich wohl harte, unverdaute Speise Zum Haupte wenden, dort versteinern gleichsam, Im Tode lebend wieder Wachsthum suchen Und so die Stirn durchdringen? Ists ein Hirsch- horn. Den die Prinzeß im Trank, als Gallert liebt? Giebts so wie Ueberbeine, Ueberkoͤpfe? Sind Hoͤrner nur Leichdornen, so vergroͤßert? Ists Nagelwuchs und Trieb auf falscher Bahn? Ich muß daruͤber lesen, gruͤndlich denken. Weh! Weh! Welch ein Geschrei? Mein armes Kind! Fortunat . Raimund koͤmmt zuruͤck. Vergeblich! Wie es mir gelingt, ein Stuͤck Des Hornes abzusaͤgen, schießt es gleich Mit neuer Kraft und wie elastisch vor, Das Schneiden macht ihr Schmerz und fruchtet nicht; Was soll man drum sie nur vergeblich quaͤlen? Sie weint und hat sich in ihr Bett verhuͤllt. Ich rathe, hohe Majestaͤten beide, Daß man Collegium medicum versammle; Der Casus ist zu wichtig und zu selten, Daß ich allein ihn auf die Schultern naͤhme; Doch mit gemeinem Rath hat man mehr Muth, In Corpore kann unsre Kunst nicht irren, Wir stehn dann wie in Batterien verschanzt Und schießen mit Erfolg die Krankheit nieder. So seys, denn wohl ist dies der beste Rath. Unselges Kind, wie hast Du das verschuldet? Die Kohlen werden nun erloschen seyn. (Alle gehn ab.) Zweite Abtheilung . Fuͤnfte Scene . ( Zimmer ). Herbert, L. Herbert, Theodor . Bitter und boͤs' ist sie, und wollte erst Gar nicht mehr kommen, wie sie doch versprochen; Doch sie ist immer zornig, bin's gewohnt: Waͤr' sie mal gut, wuͤrd' ich, mein Seel! erschrecken. Doch ist es ungeziemlich, wenn der Ritter Sich nicht den Damen will gefaͤllig zeigen, Kein Opfer ist zu groß, wenn sie es fordern, Wie mehr die Kleinigkeit, die sie begehrte. 'S war nur ein Apfel, das ist wahr, der aber Zehn volle Pfund' und mehr noch kosten sollte. Letzt wollte sie noch klein're Kleinigkeit, Nur einen schoͤnen Ring fuͤr tausend Pfund. Jetzt, da sie meine Braut ist, muß ich ihr Den Kopf noch brechen, nachher ists vergeblich. Die ungeschlachte Weise, diese Sprache, Wie Messer schneiden sie durch Mark und Bein. Ich so, Ihr so, das kommt auf eins hinaus, Und's wird doch meine Frau verhoffentlich, Da muß ichs doch am besten wissen, wie Ich sie mir bieg' und mir akkommodire. Nicht zu ertragen ists, ich geh, um nicht Die Widrigkeit zu hoͤren und zu sehn, Fortunat . Um nicht Antwort zu geben, wie ich muͤßte: O Zeit! dies sind nun Deine Juͤnglinge, Wie wirst Du seyn, wenn diese Greise sind? (ab.) Die Welt steht doch, sie ist so fest gerammt, So doppelt eingekeilt und stark verleimt, Daß ein'ge Dummheit mehr und weniger Noch nicht die Fugen loͤßt: doch der Papa Denkt, wenn man nicht recht sachtchen sacht die Thuͤr Zumacht, so muͤssen Schloß und Angeln brechen. Du solltest manchmal seiner Laune schonen, Sein Alter wird durch Widerspruch gekraͤnkt. Er lernt sich doch schon etwas ein. Seht, Mutter, Den Apfel hab' ich fuͤr mich selbst behalten, Euch darf ichs wohl gestehn, ist jeder sich Der naͤchste doch; wenn sie nun bei Euch sitzt, So geh' ich still und unbemerkt hinaus, Verspeise draußen meinen Apfel, komme Mit neuem Antlitz und mit neuem Witz Zuruͤck, um die Gesellschaft zu bezaubern. L. Dorothea tritt ein. Seyd mir gegruͤßt, verehrte, schoͤne Freundinn, Schon lang habt Ihr nicht unser Haus begluͤckt. Ich freue mich, wenn man mich hier vermißte, Denn Euer so wie des Gemahles Umgang Zweite Abtheilung . Gilt fuͤr die Bluͤthe dieser Residenz, Ich komme jedesmal, von Euch zu lernen. Wie hoch begluͤckt, daß ich dies edle Bild, Begabt mit Geist und Witz, soll Tochter nennen. Ja wohl; nun hat's am laͤngsten doch gedauert? Meine Geduld macht nun bald Feierabend. Wir sprachen noch von mancherlei Bedingung — Nichts da! Ganz unbedingt ist wahre Liebe; Zwar macht sonst Dingen wohl und Bieten Handel; Ihr muͤßt auf Gnad' und Ungnad' Euch ergeben. Der Sohn ist wie zur Folie hingestellt, Er uͤbt in dieser Maske sich, daß heller Auf diesem Grund Eur holdes Wesen strale. Ja, stichelt nur! Jetzt will ich Euch verlassen, Ich komme gleich zuruͤck. Versteht, sogleich! Und wie? Macht Euch gefaßt, denn Ihr seht Wunder! Was gilts, Ihr setzt dann selbst den Hochzeittag? — Frau Mutter, reinen Mund, bitt' ich mir aus. (geht ab.) Was meint er denn? Weiß ich es selber, Kind? Vielleicht ein neues Kleid, — er macht mir Sorge, Er zeigt sich ungefaͤllig, eigensinnig, — Fortunat . Ich kenn' ihn ganz; er meint mich zu erziehn, Wenn ich die Seine bin: mich so zu bilden Wies ihm bequem, so schmeichelt ihm sein Duͤnkel: Allein die Maͤnner, selbst die wildesten, Erkennen nie die Kraft, der wir gebieten, Die sich in Anfang tief verbirgt; wir schmeicheln, Gehorchen anfangs, Kinder scheinen wir, Doch nach und nach entwickelt sich die Herrschaft, Und jene, die uns ziehen wollten, sind In kurzer Frist von uns also erzogen Wie wir sie brauchen koͤnnen; keine Thraͤnen, Und keine Krankheit, kein Zwist, kein Suͤhnen muͤßte Nicht in der Welt seyn, wenn die Frau nicht koͤnnte. Aus ihrem Manne machen was sie wollte. Ihr sprecht so weise, wie die Ehefrau Nur koͤnnte, die drei Maͤnner schon begraben. Theodor tritt ein, mit Hoͤrnern auf dem Kopf. Ei, Gott bewahr! was soll das Maskenspiel? Ich selber bins; selbst ganz mit Haut und Haar! Ne saubere Bescheerung! Schoͤner Glanz! Dankt Gott nur, Fraͤulein Braut, daß ich den Apfel Euch weggeschnappt, denn kaum ist er verschluckt So schlagen schon aus mir die Kern' heraus. Um Gottes Willen — Ruͤhrt mich nicht viel an! Zweite Abtheilung . Kommt nicht so nah, ich kriege Luft zu stoßen, Mir ist ganz so zu Muth wie einem Widder. O Sapperment! haͤtt' ich den Aepfelhoͤker Zum Klopfen vor mir, wie ich ihn da packte, Als sich der rammassirte Grobian Mir widersetzen wollte; er hat Kraft, Wir pruͤgelten uns beide ganz gewiß Daß seine Lust der ganze Hof dran haͤtte. Ihr koͤnnt noch scherzen? Scherzen? In Verzweiflung, In Raserei bin ich, furchtbar gestimmt! Merkt Ihrs denn nicht? Es ist um toll zu werden! Und alles andre auch bei Seit' gesetzt Seht selbst, wie stuͤlp' ich nur den Hut mir auf? Soll er mir oben auf den Stangen baumeln? Laß ich mir einen neuen modeln, wo Raum Schon fuͤrs Gehoͤrn, und dies dann mit den Federn Wetteifern? Geh ich immer Chapeau bas? Ihr seyd mir unertraͤglich, und verliert Ihr Nicht diese Mißgestalt, sind wir geschieden. Noch vor der Heirath? Das ist nicht der Ton; Nachher laͤßt sich ein Woͤrtchen davon sprechen. Ich bin zu fadem Scherz nicht aufgelegt. (geht ab.) Sagt, liebe Mutter, was in aller Welt Soll aus mir werden? Geh ich nicht vielleicht Zur Schneidemuͤhle, spann' den Kopf mir ein, Fortunat . Und laß' an mir arbeiten das Getriebe? Geh' ich zum Messerschmiedt, zum Kammacher, Und laß' aus mir Geraͤthe fertigen? Haͤng' ich mich auf? So gebt doch Trost und Huͤlfe. Mein einzig Kind, die Thraͤnen moͤgen sagen, Wie ich mir selbst nicht Rath weiß und nicht Trost. (geht ab.) Ich wette, der Papa hat seine Freude, Hoͤhnt mich noch aus mit dieser neuen Mode. Ei was! wie leicht gewoͤhnt man sich an alles: Ich lege mich ins Bett und heul' mich satt; Nur muß ich darauf denken, nicht die Pfuͤhle Mit diesem saubern Kopfschmuck zu zerreißen: Schlafmuͤtzen kann ich auch fuͤr jetzt nicht brauchen. (geht ab.) Sechste Scene . ( Stube .) Dietrich, Bertha . Also immer und taͤglich soll ich den Verdruß einschlucken? Schlucke, was Du willst, ich weiß nicht, was ich Dir gethan habe. Was? Daß Du mir nicht ewige Treue und Liebe schwoͤren willst; daß Du nicht einsehn willst, daß der Mann des Weibes Haupt ist. Des Weibes Narr, mein Bester: Zweite Abtheilung . und was hast Du denn im Vermoͤgen, wovon eine Frau reputirlich bei Dir leben koͤnnte? Man richtet sich ein, das fin- det sich. Das Finden und das Einrichten kenne ich. Pfui, schaͤme Dich, Mensch, hast so lange bei dem reichen Verschwender Andalosia ge- dient, der auf Goldstuͤcken ging, und jeden Blick bezahlte, den man an ihn warf, und bist doch ein armer Schlucker geblieben! Kennst Du mich denn so genau? Kannst Du denn wissen, ob ich nicht mein Schaͤf- chen ins Trockne gebracht habe? Frauensleuten muß man nie Geheimnisse anvertrauen. Seht doch den Unverschaͤmten! und er will doch noch behaupten, daß er mich lieb hat. Das ist aber gewiß nur Aufschneiderei und Wind, denn sonst wuͤrdest Du schon mehr geprahlt, mir auch hin und wieder ein Geschenk gemacht ha- ben; solltest Du aber ein so geiziger Filz sein, daß Du es nur aus Knickerei nicht gethan haͤttest, so wuͤrde ich Dich mit den Fuͤßen aus meiner Stube stoßen. Praͤsente, nicht wahr? Kleider, und artige Fruͤhstuͤcke, und Ohrringelchen? Gelt? Ja, wenn ich mein Bischen Armuth gestohlen haͤtte! Und wie anders bist Du dazu ge- kommen, wenn Du etwas hast, Gaudieb? Gaudieb? Das ist bei uns zu Lande geschimpft. Kann seyn. O Du Undankbare! Du weißt nicht, was ich Dir zugedacht hatte. Sieh! Du Fortunat . begreifst nicht, wie ich zu diesem Apfel gekommen bin: o Du harte Seele, den wollte ich mit Dir theilen. Kannst ihn ganz behalten, wenn Du nichts Besseres hast. Soll auch geschehn. Sieh, Dir zur Aergerniß eß' ich ihn, so, und so, und nun soll der Neid Dich zerreißen, wenn Du die Wir- kung, die Herrlichkeit wirst gewahr werden. Mit solchem Narren soll ich ge- segnet seyn? Und wenn es recht wirkt, recht, wie ich hoffe, so laß' ich Dich sitzen! Jaͤmmerlicher. Nun! Sieh mich einmal an! Wirst Du nichts gewahr? Bist Du betrunken? Bist Du unklug? O weh! Wie reißt es mir im Kopf! O weh! Huͤlfe! Ach, welche Schmerzen! Im Kopf? O unertraͤglich. Nimm, liebster Engel, Deine kleinen Haͤndchen und druͤcke mir die Schlaͤfen recht. — So, — noch staͤrker! — Recht zusammen! Ich wende alle Kraͤfte an. — Garstiger Mensch! Stoͤßt mir gerade ins Gesicht. Ist das mein Dank? Ich? — Was ist mir denn da aus dem Kopfe gesprungen? Der Schmerz ist weg, aber es fuhr ja was wie ein Kloben heraus. Ums Himmels Willen, Mensch, Du bist ein Ungeheuer! Zweite Abtheilung . Was fuͤhl' ich? Was seh' ich? Hoͤrner? Wahrhaftige Hoͤrner? Du Boshafte, Schaͤndliche! Das hat mir mein Vater wohl vor- her gesagt! O Du Unverschaͤmte! mir noch mit den eignen Haͤnden die Hoͤrner heraus zu druͤcken! Und das vor der Hochzeit! Er hat Hoͤrner bekommen und den Verstand verloren. Was kann ich dafuͤr, daß sie ihm tief im Gehirne stecken, so daß man ihm nicht den Kopf ein wenig anfassen darf, so schießen sie hervor wie Springfedern! Hat er mir nicht bei- nah die Augen ausgestoßen? Vielleicht kann man sie ihm wieder zuruͤck druͤcken, und sie weichen ihm im Kopfe wieder auf, denn er hat doch nichts als Buttermilch drinne. Buttermilch? Du Ungetreue! Von Dir, von Deiner Untreue ruͤhren sie her. Ich habe meinem Vater nicht glauben wollen, und muß nun die Wahrheit an mir selber erleben! O verfluchte, verfluchte Liebe! Verflucht die Stunde, wo Du mir zuerst jenen Kapaunenschenkel heim- lich zustecktest, denn damals war es um mein Herz geschehn! Verflucht jedes Glas, das ich auf Deine Gesundheit ausgetrunken habe! Und schon vor der Ehe! Weg da! Ich renne Dich mit diesen Hoͤrnern von Deiner Fabrik durch und durch! Ich stoße das ganze Haus um! Ich ruinire die Stadt! Die Bestie verdirbt alle Moͤbeln, die Thuͤren; — was soll das werden? (herum wuͤthend.) Hier! und da! und alles soll zu Truͤmmern gehn! Halt! (er rennt sich Fortunat . sich mit den Hoͤrnern in dem Thuͤrpfosten fest.) Mach los! Mach los! Ja, daß Du noch mehr herum rasest. Ich sitze fest, die Hoͤrner sind tief hinein gefahren: zieh! zieh! mach los! Du siehst, wie ich arbeite, ich kann nicht, meine Kraͤfte sind zu schwach. So lieg' ich nun hier fest im Hafen der Liebe; soll ich denn hier wie eine Saͤule stecken bleiben? Es ist alles vergeblich. Ich verwachse mit dem Hause in eins, die Hoͤrner greifen durch bis ins Mauerwerk, und wenn die Feuchtigkeit erst eintritt, so quillen sie vielleicht bis in die Fundamente hinein. Zu welchem Schicksal bin ich geboren! Alle Faͤlle, die mir mein Vater vorhergesagt, alle Rathschlaͤge pas- sen auf diese vermaledeite Situation nicht, hier eingenagelt, mit gebuͤcktem Kopfe stehn zu muͤssen. Hilf los! Kann ich die Mauer umreißen? — Da laͤuft der junge Tischler mit seinem Geraͤthe vorbei! (klopft ans Fenster. ) Hier herauf! Hieher, lieber Martin! — Er muß Dich aus dem Pfo- sten lossaͤgen, sonst seh ich keine Rettung. Was muß der Mensch denken? Martin tritt herein. Was soll ich, schoͤnes Kind? — Ei, was ist denn das fuͤr ein Spektakul? Das ist ja der Musje Dietrich! Im Holze fest! Mit Hoͤrnern! III. [ 25 ] Zweite Abtheilung . Nur nicht viel gesprochen! Helft mir schnell los! Es ist wohl erlaubt, sich ein we- nig zu verwundern, denn so was sieht man nicht alle Tage, wenn man auch weit darum reisen wollte. Das hat noch keine Raritaͤtenkammer auf- zuweisen. Nehmt die Saͤge, Lieber, und ar- beitet ihn los. (saͤgt.) Die Thuͤr wird aber ruinirt, das muß ja nachher von neuem gebaut werden. Je nun, so kriegt mein Meister desto mehr Arbeit. Nehmt Euch in Acht, Freund, schwazt nicht, daß Ihr mir nicht in die Hoͤrner saͤgt, oder wir werden uns sprechen. Wenn er viel Flausen macht, Spaßvogel, so lasse ich ihn hier im Holze sitzen, bis ihn mit der Zeit die Wuͤrmer heraus beißen. Eilt Euch, lieber, guter Martin, die Herrschaft moͤchte kommen. Das ist wohl einer von Deinen Liebhabern, der liebe Martin, nicht? Du Schand- fleck der Natur! Hoͤr' er, Freund, er steht hier mit seinem krummen Ruͤcken und Hintern so anziehend da, daß, weun er noch mehr sein loses Maul braucht, ich ihm ein funfzig aufzaͤhlen werde. Er kann sich ja nicht einmal wehren, armseliger Na- seweis, er! Still, saͤgt, Freund, saͤgt, das eine Horn wird schon lose. (saͤgend.) Dank' er doch Gott, daß man Erbarmen mit ihm hat; wo wollte er denn Fortunat . schlafen, wenn wir ihn hier eingefugt stehn ließen? — Nun, nicht gerissen, ruhig ausgehalten; gleich ist er frei. (reißt sich los.) Das war voruͤber. Diese Abhaͤngigkeit war sehr druͤckend. Wie kommt Ihr nur zu dem Gewaͤchs, Freund? Wenn mancher Kunstfreund Euch so sehn sollte, er boͤte viel Geld fuͤr Euch. Ich kann nicht viel Rede stehn, der Schmerz, die Angst, — ich bin so muͤde, so zerschlagen, daß ich mich kaum aufrecht halte. Er- laube, Bertha, mich dort ein wenig nieder zu legen. Komm, mein armer Dietrich, leg Dich ein wenig auf mein Bett, und erhole Dich von dem Schlage. (sie fuͤhrt ihn hinein.) Was soll man davon denken? Der Mensch stellte ja den Liebhaber von der Mamsell Bertha vor, auf die ich auch laͤngst ein Auge hatte, und die mir nicht ungewogen ist. Ei, den Kerl moͤcht' ich haben, so waͤre mein Gluͤck gemacht. Bertha koͤmmt zuruͤck. Der arme Mensch schlaͤft fest und schnarcht gewaltig; die ganze Sache ist mir voͤllig unbegreiflich, er klagte uͤber Schmerzen, da druͤckte ich ihm den Kopf ein wenig, und wie ein Paar junge Ziegen sprangen mir die Hoͤrner entgegen, und nun sitzen sie fest und unbeweglich. Ist es denn aber denklich, daß ein so schoͤnes, liebes Kind, wie unsre Bertha ist, sich mit einem so verwandelten Menschen, aus dem noch, wer weiß was, werden kann, verheira- then wird? Zweite Abtheilung . Er hat mir schon ohne Hoͤrner nicht sonderlich gefallen, viel weniger jetzt, man muͤßte sich ja vor allen Menschen schaͤmen. Was muͤßte der Priester nur sagen, wenn wir so vor den Altar traͤten? Und die Kinder koͤnnten auch solche Waldteufel werden. O Pfui, mein Lieber, denken wir daran nicht. Schoͤnes Maͤdchen, mir fehlt nur eine Summe, um Meister zu werden, sonst haͤtte ich schon lange um Dich angehalten: den Kerl muͤssen wir festhalten, so wie er da ist, der kann unser Gluͤck machen; mein Vetter, der Gesell beim Theaterschneider, macht mir einen Satyrpelz fuͤr ihn, ich baue einen schoͤnen Kaͤfig, und so ziehn wir mit ihm herum und lassen ihn fuͤr Geld sehn, erst in den kleinern Staͤdten, und dann hier in London; ich gebe ihn dann fuͤr einen wahrhaftigen Satyr aus, die Hoͤrner sind ja auch aͤcht, und so koͤnnen wir reich durch ihn werden. Martin, den Verstand haͤtt' ich Euch nicht zugetraut; das ist ein Einfall, der sein Geld werth ist. Kommt nur jetzt mit hinein, und helft mir ihn festbinden und knebeln, daß er uns nicht entlaͤuft, dann muß ich auch die Thuͤr wieder in Stand setzen, dann bau' ich den Kaͤfig, und dann wollen wir unser Gluͤck mit ihm versuchen. (sie gehn ab.) Fortunat . Siebente Scene . ( Pallast .) Koͤnig, Raimund, Leibarzt, drei Doktoren . Nun wißt Ihr, meine Herrn, die ganze Sache, Die ungluͤckselge Tochter saht Ihr selbst, Die Art der Krankheit habt Ihr scharf gepruͤft, Nun sprecht, was man fuͤr Huͤlfe soll erfinden. Zuerst der edle Mann, mein Lehrer hier, Dem aͤltesten gebuͤhrt die erste Stimme. So sehr ich langer Praxi mich beruͤhme, So seltne Wunden, Schaͤden, Gliederkrankheit, Verrenkung, unnatuͤrliche Verhaͤrtung In Magen, Leber, Milz ich auch gesehn, Ist mir doch dieser Fall nie vorgekommen. Man liest, wie es wohl schon geschehen sey, Daß sich die Knochen erst in Knorpel loͤsen, In Gallert dann, und daß ein Mensch, der erst Sechs Schuhe maß, zu zwein zusammen faͤllt; Mag seyn, daß die Natur wohl auch einmal Das Wunder umkehrt, und die weichen Theile Die Fluͤssigkeit in harte erst verwandelt, Und allgemach in Horn, das waͤchst und waͤchst, So daß vielleicht nach einer Anzahl Jahre Die gnaͤdige Prinzeß in Hoͤrnermasse Von vielen Klaftern oder Ruthen schwaͤnde. Das waͤr' ein Elend; doch klingts paradox. Zweite Abtheilung . Es naͤhrt der Mensch zu Zeiten wie der Baum Schmarotzerpflanzen, so erscheint die s Horn, Es darf nicht bleiben, theils, als ungehoͤrig, Theils, weils gewiß die besten Kraͤfte zehrt: Dabei muß nun Diaͤt das meiste thun, Nahrhafte Speisen werden streng vermieden, Auch alle Schaͤrfen, alles was erhitzt, Nur Wasser, wenig Brod, ein Habersuͤppchen, So loͤsen wir vielleicht die Haͤrtung auf, Wenn starke, wiederholte Medizin Den Trieb erregt, nachher ihn unterstuͤtzt. Doch kann die Kranke daran nicht verscheiden? Wenns lange waͤhrt, gewiß, drum ist es besser, Es gehn zu lassen, und nur zu beachten Wohin Natur strebt, ob zur Rindesart, Fuͤr Lebenszeit das Horn, ob die Prinzeß Es wie der Hirsch mit jedem Jahre wechselt; Faͤllt kuͤnftgen Fruͤhling das Geweih, so ists Die beste Zeit, die Cur dann zu beginnen. Wir sind so klug noch immer, wie zuvor. Hoͤchlich verehrt ist mein gelehrter Freund, Doch machen ihn die Jahre etwas aͤngstlich: Soll man das Neue nimmermehr versuchen, Verliert das alte auch den Sinn und Geist. Wir schneiden, brennen, wo es noͤthig thut, Wie stechen Staar mit Gluͤck, und amputiren Den Menschen oft halb weg, ihn ganz zu retten, Wir nehmen Zaͤhne aus, sie einzusetzen, Fortunat . Und sehn den Koͤrper vor uns, wie ein Beet Zu ackern drein, zu saͤen nach Belieben; Oft sieht ein Mensch, der einge Jahr bei uns Die Schule frequentirt, kaum noch mehr aͤhnlich Dem Bilde, das Natur zuerst erschuf, Ist wie Kunstpraͤparat mehr zu betrachten: Ich ließ noch kuͤrzlich einen von mir, dem Der Kopf aus Silber halb bestand, die Beine Aus Holz, der eine Arm von Leder, Das Wenige, was von ihm uͤbrig blieb Das uͤbertrug geschickt die andre Haͤlfte. Ich bin einmal sehr fuͤrs Maschinenwesen, Ein Mensch, so ungeformt, ist edler stets Als jenes wild gewachsene Produkt. Wo will denn Eure Meinung nun hinaus? Ich zeige nur, daß wirs hier leichter haben, Denn hier ist ja kein Mangel zu ersetzen, Vielmehr ein Ueberfluß nur wegzuschneiden, Wir trepaniren etwas nur im Großen, Bohren das Horn weg, doch ein Theil der Schaale Des Kopfs muß auch mit fort, daß wir die Wurzeln Zusammt dem Baum ausreuten, sonst von neuem Waͤchst er empor, wie auch Versuche zeigten. Kann bei der Cur mein Kind nicht Schaden nehmen? Ists tief gewurzelt, hart verwachsen, kann Freilich der Kopf dabei in Truͤmmer gehn. Ei, Bagatell! — Was soll man dazu sagen? Zweite Abtheilung . Der juͤngste hier, erlaube man mir nun Nach den verehrten Herren auch zu sprechen Es scheint wohl, daß der Majestaͤt des Herrn Die Meinung unsrer Freunde nicht behagt, Mit Unrecht nicht, denn sicher ist der Schaden, Die Huͤlfe ungewiß. Ich muß nur bitten, Nil admirari, ruhig zuzuhoͤren. Denn alles, was jetzt alt, war auch einst neu. Die Fuͤrstinn hat zwei große, starke Hoͤrner, Das ist der Fall: wo, frag' ich, ist das Ungluͤck? Wo, Bester? Auf dem Kopf, Ihr saht' es ja. Nicht so ist es gemeint. Wo ist das Ungluͤck? So frag' ich wieder. Ward nicht alles Wesen Aus Schleim zuerst und Wurm? Polypen, Schlangen Entstanden dann und Fische, aufwaͤrts stieg es Zum Thier und Vogel, endlich sprang der Affe Fast schon vollendet hin, und, siehe da, Die neue Mißgeburt, der Mensch, erhub sich. So schuf auf ihrem Gange die Natur. Doch soll es dabei bleiben? Lang auf Lauer Lag ich, wohin der Strom der Zeiten gehe, Ob wir zum Fliegen uns erhoͤben, Schnabel Und Klaue sich wo zeigten, erst natuͤrlich Als Monstrum, dann zu wahrer Art gereift. Jetzt seh' ich aber, daß die Menschheit mehr Sich mit dem Thier verbinden, staͤrken will, Und gruͤße froh die neue Morgenroͤthe. Ein alter Weiser sang: es gab Natur Dem Manne Waffen und dem Vogel Schwingen, Dem Pferde Hufen und dem Stier die Hoͤrner; Fortunat . Was gab sie Weibern denn zum Kampfe? Schoͤn- heit! Ists nun zu klagen, wenn sie mit der Schoͤnheit Zum Kampf zugleich der Gemse Horn erhalten? Man sagt sich heimlich, daß ein großer Herr. Mit diesem Wunder ebenfalls begabt; Ist meine Anmaßung nicht all zu groß, Wenn ich in Politik zugleich mich mische, So rieth' ich, beide zu vermaͤhlen gleich, Damit die neue Menschheit sich verbreite, Die doppelt dann bewehrt, mit Schwerdt und Horn Unuͤberwindlich wird. Ist wahr die Meinung, Daß Aepfel diese Umwandlung geschaffen, Schiffsladungen von diesen Fruͤchten sollte Man holen, um das Volk auch zu veredlen, Denn wuͤrden wir Kraft, Kuͤhnheit, Tapferkeit, Gesundheit, Freiheit bluͤhen sehn im Lande, Curios! Nach Eurer Meinung muͤßte man Sich zu dem Ungluͤck gar noch gratuliren; So waͤre denn Collegium medicum Und Rathschlag druͤber leere Taͤndelel; Das ist am allermeisten mir entgegen. Wie? Vogel, Affe, Stier zu werden wuͤnschen? Wies Euch beliebt, doch ists nicht mein Geschmack Es scheint, daß gar nichts Euren Beifall hat. Auf keinen Fall; sprecht Ihr nun was Gescheiters. Darf ich es wagen frei, ganz frei zu sprechen, So schmeichl' ich mir, wohl ohne Operation, Zweite Abtheilung . Und ohne schwere Cur, ein sichres Mittel Zu der Prinzessinn voͤlligen Genesung Nach reifem Sinnen, Herr, entdeckt zu haben. Sprecht frei, es soll kein Mensch Euch darum schelten. Mein Koͤnig, werthe Herrn, es ist bekannt, Daß viele Uebel epidemisch sind, Daß einer sie vom anderen empfaͤngt; Noch andre erben auf die Kinder fort, Ja selbst der Fall ist oͤfter vorgekommen, Daß von des Vaters Weh sein Erbe frei, Im zweiten Glied der Enkel es empfaͤngt. Im Kind entwickelt sich der Eltern Geist, In ihm kommt oft ein schwach Talent zur Reife, In ihm wird auch das Uebel offenbar, Ein scharfer Blick sieht den Zusammenhang. Wir wissen jetzt, daß unser Schaͤdel jede Anlage zeigt, durch klein' und groͤßre Huͤgel: Betrachten Sie genau Herrn Raimunds Kopf, Den spitzen Schaͤdel, der Theosophie Und Schwaͤrmerei verraͤth, besitzt er nicht, Doch ist der Mann von Schwaͤrmerei durchdrungen: Das Haupt der Majestaͤt ist oben flach, Und doch ist sie zur Schwaͤrmerei verleitet; Was ihm entgeht, hat an der Tochter Kopf Sich hoch erst und dann hoͤher stets gebildet, Des Vaters Wunderglaub' im Uebermaaß, Im Wachsen endlich sich als Horn gestaltet; Auch von Herrn Raimund ist es sympathetisch Hinuͤber taͤuschend auf sie abgesprungen, Und wie sich die Extreme stets beruͤhren Fortunat . Steht da Theosophie im Thiereszeichen: Denn weil bei ihr, der Armen, zartere Organe die Verirrung fand des Geistes, Ward langes Horn was bei dem Mystiker Und bei des Koͤnigs Majestaͤt Erhoͤhung Des Schaͤdels, Beulen, nur geworden waͤre. Geruht nun unser Herr zum Wohl der Tochter, Warum wie ihn demuͤthig flehend bitten, Der Schwaͤrmerei sich voͤllig abzuthun, Laͤßt er den Laboranten arretiren, Und wenn es seyn muß, falls er sich nicht bessert, An seinem Leben kuͤrzen, bin ich sicher Daß jene uͤbertriebnen theosophschen Organe der Prinzessinn schwinden werden. Doktor, Ihr seyd in Ungnade gefallen! — Das war faustgrob. Ich sollte eigentlich Nach Eurer Meinung selbst die Hoͤrner — hier Mein Freund und Lehrer hingerichtet werden — Und Ochs und Rind waͤr' auch am End' nur Schwaͤrmer — Das heißt Naturphilosophie verdrehn! Ihr seyd entlassen: und hiemit das ganze Collegium medicum auch aufgeloͤst. Ich bin erzuͤrnt, ich will es nicht verschweigen. Kommt von den Hoͤrnern was ins Publikum, So seht Euch nur nach neuen Koͤpfen um. (er winkt; alle bis auf Raimund gehn ab.) Ein Kammerherr tritt ein. Es lassen sich von Cypern der Gesandte Und auch von Spanien der Herzog melden. Zweite Abtheilung . Ich wußte, daß sie unterwegs. Wo ist, An dem der Dienst heut ist, denn Theodor? Er liegt zu Bett und laͤßt sich sehr entschuldgen. Schon gut. — ( Kammerherr ab.) Was, Bester, fan- gen wir nun an? Ich weiß, sie kommen meiner Tochter wegen; Zeigt sie sich nicht: was wird man davon denken? Und sieht man sie, faͤngt erst das Denken an. Man hat schon lang von ferne mich sondirt, Die jungen Koͤn'ge wollen sich vermaͤhlen. Wißt Ihr in Eurer Kunst, in Euren Buͤchern, In den Gestirnen, nirgend, nirgend Rath? Da kommt mir ein Gedanke, sonderbar Und neu' vielleicht — Er sey auch, wie er wolle! Gelingt es Euch, die Noth von mir zu nehmen, So seyd mein naͤchster Stellvertreter hier, So maͤchtig wie ich selbst. So kommt hinein, Und laßt den Haarkraͤusler der Fuͤrstinn holen. Den Windbeutel? Thut nichts zur Sache, Herr, Hab' ich es Euch erklaͤrt seht Ihr es ein, Daß wir uns nur auf diesem Wege retten. (sie gehn ab.) Fortunat . Vierter Akt . Erste Scene . ( Barbierstube .) Flint, einige Gesellen . F rau! Frau! Die Frau koͤmmt herein. Was giebts? Das Feuer ist schon wieder ausge- gangen. Neue Kohlen! Sieh, alle die Locken, die sehnsuͤchtige, die melankolische, und die hoffnungs- volle muͤssen neu aufgebrannt werden, fuͤr die zer- streute geht es noch an, daß sie die Fluͤgel so haͤn- gen laͤßt. — Feuer! Feuer! Unser Metier ist feu- riger Natur. — Bursche, sind alle die Rasirmes- ser abgezogen? Ja, Herr Flint, alles in der saubersten Ordnung. Rennt, springt, tummelt Euch, wenn es auch nicht noͤthig ist, aber es muß in meinem Laden nicht melankolisch hergehn; lebhaft! Ein viver Mensch macht lieber drei Gaͤnge fuͤr einen, — Zweite Abtheilung . Frau, der Herr Leibarzt ist voͤllig in Ungnade gefallen. So? Ein großes Evenement. Herr Theo- dor ist sehr krank, ich mußte ihn heut Morgen im Bett rasiren, den Kopf ganz in Kissen eingehuͤllt, und er seufzte recht schwer; man sagt, daß er sich den Verlust seines Bedienten Dietrich (unser Ge- vatter, Frau) so zu Gemuͤth gezogen hat. Ja, der Mensch ist doch verschwunden, keine Seele weiß, wie: sie sagen, und das hat Wahrscheinlich- keit, die franzoͤsische Gesandtschaft habe ihn aufge- fangen, um hinter einige Staatsgeheimnisse zu kommen. Herr Raimund, der Goldkoch, ist nun Factotum am Hofe, er wird erster Minister wer- den, der Grillenfaͤnger. Mann, schweig, Du redest Dich noch einmal um den Kopf. Je was, wir leben in einem freien Lande, ich werde mein Pfund nicht vergraben. Es sind sechs Gesandte und dreizehn junge Prinzen aus allen Gegenden von Europa angekommen, die alle unsre Prinzeß heirathen wollen, das große Heirathsgut sticht ihnen in die Augen. — Du da, die Kraͤuseleisen an den rechten Ort gelegt! — O ich weiß alles, alles, beim Rasiren, wenn den Staatsmaͤnnern das Messer an der Kehle sitzt, und man ihnen dann recht um den Bart zu gehen versteht, sagen sie alles. Mir sind die inner- sten Falten des Kabinets kein Geheimniß. Ein Laufer koͤmmt eilig. Schnell, schnell an den Hof, Mei- Fortunat . ster Flint! Ihr sollt eiligst vor den Koͤnig gefuͤhrt werden. Mein Himmel — ich — der Anzug — Wie er geht und steht, hat Seine Majestaͤt gesagt. Ich soll Euch mitbringen. Nun, so gehn wir. Doch, den Hut wenigstens. (schnell mit dem Laufer ab.) Da haben wir das Malhoͤr, sein loses Maul hat ihn gewiß ins Ungluͤck gestuͤrzt, er spricht uͤber alles, uͤber alle Minister, spaßt uͤber den Koͤ- nig, nennt ihn immer einen guten Mann, sagt, er moͤchte mal auf acht Monat den Staat regieren, spricht, das das Parlament nichts tauge, o weh, den Mann seh' ich nicht wieder, ich und meine Kinder sind elend auf zeitlebens. Es ist vielleicht nicht so schlimm, Frau Meisterinn, vielleicht hat die sehnsuͤchtige Locke am Hofe sein Gluͤck gemacht, die Erfindung gefiel der Prinzessinn ganz vorzuͤglich. Der Leibarzt koͤmmt. Rasirt mich schnell, Ihr wißt, wie ich es gern habe. (setzt sich.) Der Bart waͤchst stark bei der Hitze. (barbiert ihn.) Ach, Ihr Hochgelahrt, mein Mann, der ungluͤckselige Mensch, ist schnell nach Hofe zitirt, — wißt Ihr nicht, warum? Nein! Ach, wenn es vor Hochgelahrt ein Geheimniß ist, so muß es fuͤrchterlich seyn. Er wird doch wohl nicht festgenommen und unter die Miliz gesteckt? Zweite Abtheilung . Nein! Hat Euch denn kein Mensch, auch der Herr Raimund, nichts davon gesagt? Nein! Ist der Koͤnig gnaͤdig, oder ungnaͤdig, koͤnnt Ihr mir das nicht sagen? Nein! — Er schneidet mich ja, Flegel. Hochgelahrt sprechen das Nein so pastetisch aus, und mit so großer Paraphrase, daß Dero ganzes Gesicht auflaͤuft, so kann man das Schneiden dann nicht gut unterlassen. Er wird hingerichtet, gewiß, sie haben lange von oben kein Exempel statuirt: nun muß er gerade daran glauben. — Da kommt ja unser Gevatter, der Herr Hofschneider gerannt. Der Hofschneider koͤmmt schnell herein. Ist Euer Mann nicht hier? Ach, leider Gottes, nein, der ist ge- wiß schon rekolgirt. Er muß gleich kommen. Es gehn große Dinge vor. Wir bekommen alle Haͤnde voll zu thun, und die ganze Welt wird umgedreht. Und mein Mann hat auch dabei zu thun? Der eben hat die Hauptsache zu besorgen. Da koͤmmt er, seht nur, wie ihm das ganze Gesicht gluͤht. Flint tritt herein. Da seyd Ihr schon Meister, — Frau, gleich Fortunat . gleich setz' dich hin! Du hast Dir doch seit kur- zem die Haare nicht verschnitten? Nein, aber — Bringt nur schnell, schnell den gro- ßen eckigen Reifrock und was dazu gehoͤrt, die Un- terlage, das Gestell. — Herunter mit der Haube, Frau! — Gesellen! die Pomaden, die Eisen, die falschen Haare, die Wulste, die Kissen, in groͤßter, groͤßter Eile herbei, und was fehlt, schnell, schnell gemacht! Tummelt Euch! Unser Regiment ist da. Ich habe vorgearbeitet, weil man mir schon heute Morgen einen Wink zukom- men ließ. So geht, und gleich wieder her! — Hoͤrt, bleibt, seht! Gevatter, was hab' ich hier um den Hals? Den kleinen Nasenorden, den mir des Koͤnigs Majestaͤt mit eigner Hand umgehaͤngt hat. — Nun rasch an die Arbeit! ( Hofschneider ab.) Mann, du reißest mich entsetzlich in den Haaren. Hat nichts zu sagen, des Vaterlan- des wegen. — Die Pomade her; so aufgesteift! — Frau, — ach, Herr Leibarzt, ich bin jezt ein ande- rer Mann, ich habe Rang, Ober-Geheimer Staats- Haupt-Regulateur, — das klingt — das Brenn- eisen her! — nicht wahr? — Helft die Wuͤlste, die Kissen unterlegen, — gebt die Elle her, Maaß zu nehmen, — eine volle Elle hoch muß das Tuppé seyn, — mehr Pomade! Das erkleckt nicht, denn es ist ein Thurmbau; — der Herr Raimund, das ist ein Mann! — das Parlement hat eine neue Etikette und Kleiderordnung publizirt, ich bin ver- III. [ 26 ] Zweite Abtheilung . nommen worden im geheimen Staatsrath, ich habe einen heiligen hohen Eid ablegen muͤssen, nichts, was ich erfahre, sehe, ergruͤnde, zu verrathen, — jezt hab' ich Einsichten, — den andern Kamm, Gottlieb: Friedrich, steife Du da jene Seite, — Peter, steige auf den Schemel, oben muß das Tuppé in Form eines Herzens zusammengehn; — lange haben wir auf ihn gezaͤhlt, sagte der Koͤnig zu mir, das ganze Land vertraut ihm, Meister, — aber sein Leben steht auf seiner Treue, — hier muß Baumwolle untergestopft werden. — Potz! was kriegt die Frau fuͤr ein majestaͤtisches Ansehen. L. Dorothea kommt mit Bedienten und einem Schneider. Ist es denn wahr, was man sagt, daß eine neue Kleiderordnung und Mode ein- gefuͤhrt ist, wovon man hier die Probe sehen kann, und daß morgen bei der großen Cour Niemand anders als im neuen Costum erscheinen darf! Hat seine voͤlligste Richtigkeit, und ich bin eben im Begriff, die Normaldame einzu- richten. Das sieht aber abscheulich aus, Meister. Erhaben, lassen wir nur erst das En- semble beisammen seyn. Uebrigens wuͤrde mich Lady begluͤcken, mich kuͤnftig Ober-Geheimer-Staats- Haupt-Regulateur zu nennen, wozu mich des Koͤ- nigs Majestaͤt allergnaͤdigst zu ernennen geruht haben. (fuͤr sich) Ich begreife, der Herr Rai- Fortunat . mund hat in der That keinen uͤblen Ausweg ge- funden. Der Hofschneider und seine Gesellen kommen mit Reifrock, Schnuͤrleib, Kleid u. s. w. Hier, Gevatter. Zieh an, Frau, umgelegt, einge- schnuͤrt, so — helft, Kinder. — Halt! erst noch recht eingepudert, weiß, ganz weiß muß die Frisur von oben und unten seyn, hinten und vorne; weiß in so großer Masse ist erhaben. — Nun, Gnaͤ- dige, wie gefaͤllts? Seht den Reifrock! gruͤn At- las, wie die Erde gleichsam mit Wiesen, Wald und Blumen; dann erhebt sich die feste Schnuͤr- brust, die Huͤgel, die Berge; Geschmeide um den Hals, wie Quellen und Baͤche; das Gesicht, — hier, die rothe Schminke aufgelegt, die schwarzen Muschen — sonderbar, bizarr, anlockend, wie Son- nen- Mondschein und Finsterniß, — und nun oben, oben der hoͤchste Berg, wie Jungfer und Schreck- horn, aͤchter Monblanc mit seinem ewigen Schnee, herabrinnend die Perlen und Steine, wie Wasser, das sich aufloͤst, und mit dem Geschmeide des Hal- ses zusammenfließen will. — giebt es etwas Lehr- reicheres, Tiefsinnigeres, Kunstmaͤßigeres? — Heut ist der Tag des Triumphes fuͤr den Ober-Gehei- men-Staats-Haupt-Regulateur. — Seht, Gnaͤ- dige, so hoch, und noch etwas hoͤher tragen die Prinzessinnen die Frisur; Graͤfinnen, sollen nur drei viertel Ellen hoch haben, die uͤbrigen Edelda- men etwas uͤber eine halbe Elle. — Ist alles fer- tig? — Nun komm, Frau, auf dem großen Markt Zweite Abtheilung . ist eine Buͤhne fuͤr Dich erbaut, da wirst Du als Normaldame hingestellt, der ganze Adel nimmt Dich in Augenschein, um das Muster von Dir zu nehmen. Das haͤttest Du dir wohl nie traͤu- men lassen. — Eigentlich haͤtten die Glocken ge- laͤutet werden muͤssen. — Gesellen, Bursche, nehmt die Brenneisen, die Waͤrmpfannen, die Kohlenbek- ken, — Du, nimm die alte Zitter, — trommelt, klingelt, laͤrmt, was ihr nur aus Euch bringen koͤnnt, heut ist unser Triumph, — und so auf den Markt! (mit den uͤbrigen, unter lautem Getoͤse ab.) Der Mann kommt um den Verstand. (Zu ihrem Schneider) Meister, nehmt Euch ein Muster nach diesem Anzuge, um mir die Klei- der morgen zu besorgen. (ab mit ihrem Gefolge.) Zweite Scene . ( Marktplatz .) Volksgedraͤnge, Frau Flint auf der Buͤhne, Flint , dessen Gesellen, Leibarzt unten unter dem Volke, Vor- nehme, Damen und Herren, die herzukommen. Was hat denn die Peruͤk- kenmacherinn gethan, daß sie so an dem Pranger stehen muß? Narr! Sie steht als Muster da, zur Nachahmung. Der Esel! Ich fordre Satisfaktion, von des Koͤnigs eigener Person selbst. An dem Fortunat . Pranger! Das Geschmeiß! kann sich nie in Staats- geheimnisse finden! Sey er nicht grob, Bartkratzer. Wo ist die Wache? Eklatant soll er bestraft werden. Laͤstermaul! Wenn das kein Ma- jestaͤts-Verbrechen ist, so verstehe ich mich wenig auf die Politik. Er ist und bleibt ein Flau- senmacher. Alle solche Kerle sind immer halbe Hansnarren. Platz fuͤr die Damen! Platz fuͤr den hohen Adel! — Treten die hohen Herrschaften nur gefaͤlligst heran. — Sehen meine Gnaͤdigsten, was die neue Zeit hervorgebracht hat. So wird kuͤnf- tig der ganze Hof aussehn. Gelt? das ist was anders, als die bisherige Mode, die schlumpernden, schlotternden, unbedeutenden Lappen? Wir kom- men weiter, wir steigen hoͤher in die Philosophie hinauf, und koͤnnen mit Verachtung auf die vori- gen Zeiten hinabsehn. Sonderbar genug. Allerliebst. Nun wird man doch nicht mehr die Gestalt und das Wesen jeder Dienstmagd haben: ich war immer uͤber die ge- meine Natuͤrlichkeit erboßt. — Kommt gleich mor- gen zu mir, Herr — wie heißt ihr doch gleich? Ich habe jezt nicht Zeit zu Eurem Titel. (geht ab.) Herr Leibarzt, seht einmal, was da angestiegen kommt. Wahrlich, der Herr Theodor, der im hitzigen Fieber gelegen hat. Ei, der Patient wagt viel, auszugehn. Zweite Abtheilung . Er soll uͤbergeschnappt seyn. Ist es wahr? Nicht eigentlich uͤbergeschnappt, aber etwas gelitten hat sein Kopf. Seht nur selbst die thurmhohe Muͤtze, die er sich aufgesetzt hat; er sieht aus, wie der große Mogul. Theodor tritt auf, mit einer sehr hohen Muͤtze auf dem Kopf. Guten Tag, ihr Herren; ich muß mir doch das Wunder auch betrachten. Das hab' ich zu Stand gebracht. Nun? Ganz gut, passabel, die Frisur koͤnnte etwas hoͤher seyn, so wuͤrde die Figur ge- winnen. Kommt morgen zu mir, zum Frisiren, ihr seyd ein gescheuter Mann, wir werden uns ver- staͤndigen. Die Tracht wird mich kleiden. Seyd ihr auch wohl? Warum seyd ihr ausgegangen, und was bedeutet diese hohe Muͤtze? Narr, ich bin ganz gesund, muß nach meinem Krankenlager Bewegung haben, und unter meiner Muͤtze steckt schon die neumodische Frisur, die ich noch heut Vormittag schonen will. (Man hoͤrt eine Trompete) Was giebts denn da? Ein Karren mit wilden Thieren, so scheints? Von fremden Tuͤrken oder Per- sern begleitet. Da laͤuft das Volk alles von mei- Fortunat . ner Dame weg und zum Vieh hin. So ist der Poͤbel, Gesellen, bleibt! ruhig! Ein Karren faͤhrt herein, mit einem großen Kaͤfi g , in welchem sich Dietrich als Sa yr befindet. Mar- tin und Bertha in fremder Tracht, voran der Ausrufer mit einer Trompete. (stoͤßt in die Trompete) Ein achtbar edles Publikum beliebe hier zu sehen einen hoͤchst merkwuͤrdigen Satyr oder Waldgott, den man mit großen Unkosten aus dem fremden entlegenen Grie- chenlande heruͤbergeschaf f t hat. (Das Volk draͤngt sich neugierig um den Kaͤfig her.) Sieh, Frau, wie doch unsre Vorfahren, als sie noch Heiden waren, so kurios ausgesehn haben. Gott behuͤt uns unsrer Suͤnden, es ist ja ein Thier, Du Mann, ein wildes Vieh. Nein, es ist keine Bestie; sieh nur seine kluge Miene, er hat schon Conduite gelernt. Wunder uͤber Wunder! Ich muß nachher den Kerl genauer untersuchen. (zum Leibarzt) Seht, Freund, wie- der was Neues; man weiß in der That nicht, was man sagen oder denken soll. (herbei springend.) Aber um des Him- mels Willen, was giebt es denn eigentlich hier? — Wie? — Was? — Was ist das fuͤr ein Crea- tur oder Personage? — Wie, auch gehoͤrnt? — Mein Seel, ich glaube, — ja — ich sehe — der Fremde ist aus koͤnglichem Blut, er hat — Was hab' ich gesagt? Leute, ums Himmels Willen, ich habe doch nichts gesagt? Nein, ich meine nichts damit; ich spreche ohne Verstand und Bewußtseyn: Zweite Abtheilung . nicht wahr, Herr Leibarzt? Fuͤhlen Sie guͤtigst den Puls. Ja, ja, ich bin noch so viel bei mir, daß ich es einsehe, wie ich vollstaͤndig delirire. Ich fuͤrchte den Schlag. Ich bin ganz außer und von mir. — Ihr werdet mir das Zeugniß geben, Herr Leibarzt, daß ich voͤllig von Verstande bin. — Kommt, Gesellen, nach Hause; Frau, steig' her- unter, Du hast lange genug wie ein Narr da ge- standen. Komm, ich muß mich gleich zu Bett legen. Kommt! Wir wollen noch hier bleiben, und fuͤr unser Geld das Wunderthier betrachten. Nun so bleibt, bleibt, aber nur rei- nen Mund gehalten! (ab mit der Frau .) Was will denn der Meister? — Sagt uns aber doch, Herr Tuͤrke, was ist das da eigentlich fuͤr eine Gottes-Creatur? Ja, sagt uns, Leute, wo ihr ihn gefangen habt. Warum der Waldteufel so naͤrrische Gesichter macht. (mit fremder Aussprache.) Geduld, meine werthen Herrn, werde alles erklaͤren. Er ist gar nicht gefangen, verehrtes Publikum, sondern ge- funden worden. Es werden jetzt in den griechischen Territorien, meinem Vaterlande, 'gar erstaunlich gelehrte Untersuchungen angestellt, man entdeckt alte Muͤnzen und Bildsaͤulen, man graͤbt Pallaͤste und ganze Staͤdte wieder auf, die schon vor mehr als tausend Jahren versunken waren, und so ist man denn auch auf uralte Goͤtzen gestoßen die man anfangs auch fuͤr steinern hielt, weil sie so lange Fortunat . tief, tief in der Erde gelegen hatten, bis mein ge lehrter Landsmann, der beruͤhmte Doktor Pankra- tius, mit diesem hier einen sehr gelungenen Ver- such gemacht hat, ihn durch die Kunst seiner Ar- kane aufzuweichen, und ihn so mit vieler Anstren- gung wieder in das Leben zuruͤck zu rufen. So bin ich denn so gluͤcklich, meinen hoͤchlichst zu ver- ehrenden Zuschauern einen aͤchten alten heidnischen Waldgott, oder Satyr genannt, zu praͤsentiren, den man unsern dem alten bekannten Parnassus entdeckt hat; ich habe Millionen nicht gescheut, ein so hoͤchst rares und niegesehenes Exemplar zum Eigenthum zu erhalten, um es den kultivirten Eu- ropaͤern, vorzuͤglich aber den erleuchteten und hoͤchst großmuͤthigen Englaͤndern, der reichsten und frei- gebigsten Nation, die Wissenschaft, Kuͤnste und Alterthuͤmer zu schaͤtzen weiß, vorstellen zu koͤnnen: und darum werden meine Geehrtesten auch gewiß nicht vergessen, den fremden Mann, der so weit her kommt, der dies alte mythologische Weltwun- der zu ungeheurem Preise an sich gekauft hat, mit mehr oder weniger zu bedenken, nachdem Wohlstand oder hohes Gemuͤth den Geber be- feuern, und die hohen Standespersonen werden hierin, wie in allen Dingen, den verehrungs- wuͤrdigen Buͤrger noch uͤbertreffen. — Trompeter, sammle ein. Was man nicht hoͤrt! So waͤre ja dies Stuͤck da ein veritabler Teufel, wenn er ein heidnischer Gott ist. Mit nichten, erleuchteter Mann, und es wuͤrde mir dann nur leid thun, ihn so weit geschleppt zu haben; diese Satyren, Faunen Zweite Abtheilung . und Waldwesen sind ein Mittelding zwischen Men- schen und Geistern, dabei haben sie etwas Thieri- sches und Laͤcherliches neben dem Ehrwuͤrdigen in ihrer Natur; die Alten hielten sie fuͤr unsterblich, und daß sie wenigstens ein sehr langes und zaͤhes Leben haben, beweißt, daß sich dieser so lange in der Erde konservirt, und wieder zum Bewußtseyn hat gebracht werden koͤnnen. Aber er spricht ja gar nicht, son- dern schneidet nur Gesichter. Die Sprache ist ihm noch nicht zuruͤckgekommen, auch ist ihm die hiesige natuͤrlich unbekannt. Je mehr ich den Kerl ansehe, je bekannter kommt er mir vor. Unmoͤglich, gnaͤdiger Herr, Ihr muͤßtet ihn denn einmal wo abgebildet gesehn haben. Was meint Ihr zu der Geschichte. Herr Leibarzt? Das Ding ist nicht ganz un- moͤglich; ich habe immer schon geglaubt, daß viele Gestorbene nur Scheintodte sein moͤchten, und daß man Mittel finden muͤßte, sie wieder zu beleben. — Herr Aufseher ist er wild, wenn man sich ihm naͤ- hert? Stoͤßt, oder beißt er nicht? So moͤcht' ich ihm wohl den Puls fuͤhlen. — Langt mal den Arm heraus, Herr — Herr — man weiß gar nicht, wie man ein solches Produkt tituliren soll; — der Puls schlaͤgt ihm, wie allen andern Menschen: ganz vernuͤnftig; — recht schoͤn, recht loͤblich, mein Lieber — daß Ihr — ich moͤchte wohl, daß er Fortunat . mir die Zunge zeigte, — sagts ihm einmal, Herr Aufseher. Das thut er niemals. (beiseit zu Martin) Mann, die Spitz- buͤberei wird heraus kommen. Sey unbesorgt, der Knebel sitzt ihm zu fest. Seht, wie das Thier sich wuͤrget. Es hat Kraͤmpfe. Ich glaube, er freut sich, wieder un- ter vernuͤnftigen Menschen zu seyn. (fuͤr sich.) Der Kerl macht mich doch bange. — Sitz still, Du da drinn! Laßt ihm doch den Spaß, sein Ge- sicht zu verdrehn, die Affen thun es ja auch. Seht, wie er mit den rauhen Bei- nen um sich stampft, und mit den Haͤnden am Kopf arbeitet. Mann, — Du wirst sehn — Wir wollen mit ihm in das Wirths- haus fahren. Nein, laßt ihn noch hier, wir wollen ihn noch betrachten. Er soll hier bleiben! (heimlich zu Martin .) Da habt Ihr das Geld, es ist ansehnlich viel eingekom- men, macht die Leute ja nicht boͤse. (tritt an den Kaͤfig.) Mensch! jetzt stille, oder wir sprechen uns nachher! Er ist ja kein Mensch; er ist ja ein Waldteufel, ein alter Heide. (hat endlich den Knebel los gemacht.) Ach, lieben Leute, nichts weniger als das: seht, ich Zweite Abtheilung . bin ein ganz gewoͤhnlicher armer christlicher Hahn- rei, und bitte Euch um Gotteswillen, helft mir aus diesem Kasten heraus. Mann, was sagt die Creatur? Er sagt, er waͤre wie unser einer. Und dafuͤr haben wir unser Geld ausgegeben, um das zu sehn, was wir alle Tage im Hause haben? Du hast recht, wir sind schaͤndlich betrogen. Aber Hoͤrner hat er doch einmal. Nur von der Ungetreuen da, die mit jenem Kerl, mich, ihren Braͤutigam, im Lande herum fuͤhrt. Ich habe ja die Hoͤrner erst durch meine Liebe zu ihr bekommen. Mann, das ist ja ein schrecklicher Spektakel. Ein Skandal. Den Constabel sollte man holen; am Ende fahren sie uns noch fuͤr Geld im Lande herum. Nehmen uns die Maͤnner von der Seite, und lassen sie fuͤr Geld sehn. Unerhoͤrt! Ins Gefaͤngniß mit dem Spitzbuben. Gnaͤdiger Theodor! Gnaͤdigster Herr! Ich bin ja Euer ehmaliger Dietrich! Ists moͤglich? Dietrich? Sap- perment! So sehn wir uns wieder? Kerl, ich hab' auch — — Halts Maul! So kann ich Dich nicht wieder anerkennen! Fortunat . (heimlich.) Komm, Bertha, ehe der Tumult noch groͤßer wird; wir lassen lieber den Kerl in Stich. (laut.) Seht, wer kommt denn da auf dem hagern lahmen Maulthier angeritten? Bei Gott, eine wunderbare Figur in dem alten abgetragenen Scharlachmantel! Und die Nase, die ungeheure Nase, die er unter dem niedergekraͤmpten Filz- hute traͤgt. Nun steigt er ab; er geht ins Wirthshaus zum rothen Elephanten. Das ist der ewige Jude, oder so ein neu aufgelebter alter Daͤnenkoͤnig. Er kommt wieder aus der Thuͤr. Und hieher! (Indeß haben sich Martin und Bertha fortgeschlichen.) Andalosia tritt in wunderlicher Verkleidung auf. Das ist die Großmutter aller Nasen in der Welt. Und so schoͤn mit Karfunkeln und Rubinen besetzt! Ein wahres Kabinetsstuͤck. Was giebts, Messieurs? Aben ihr denn noch kein Medecin, kein Doktor gesehn, daß ihr so alle auffesperrt die Maul? Ihr seyd ein Doktor? Le plus grand der jetzigen siòcle; komm' von Paris, wo mir die Koͤnik, der allerchristlichste majesté so genannt, er mir in seine Arm genommen, mir gekuͤßt, hier auf der linken Back', ein Fleck, den ick nu und nimmer wieder waschen thu, und ick ihn auferhoͤht und angestri- Zweite Abtheilung . chen mit der Carmin. Will er, Monsieur, mir ambrassir, bitt' ick um Gotteswill, sein Kuß nicht auf der heilgen Stell zu applizir. Bin nicht so eilig, einen Char- latan und Marktschreier zu kuͤssen. Charlatan, Marktschreier sagt Monsieur? Eh bien! So groß sein Muͤtz seyn, den er uͤber die oreilles gezogen, wir werden uns naͤher kennen lernen, sans doure, und dann wird repararion d'honneur von selbst erfolge, Mon- sieur mit sein spitzig Turban, wie Klockethurm von Strasbourg. Es hat seine Gruͤnde, Herr von Nasenthum zu Nasenheim, warum ich solche Muͤtze trage. Glaubs, der junge Mann in die Kaste da sollte lieber auch solch bonnet de nuit aufsetzen, brauchte dann nicht seine Horn so der Luft zu exponir. Mach' Er seine Kunst, wenn er was kann, und kurir Er den Burschen da. Bagatelle vor mich, und saͤßen ihm die Horn bis in die Magen tief. Steig' aus Dein Vogelbauer mon enfant, (er macht den Kaͤfig auf) das kans Publicum soll Zeug seyn, wie ich Dir kurir, denn cette maladie un ihre raisons seyn mich bekannt. Hier, klein Monsieur, speis' der- selb diese vier große Pill ohne repugnance, — schluck sie hinter — nun? (zieht ihm die Hoͤrner ab) Voila! er ist ein Mensch, wie vorher. — Da, mon garçon, steck Deine Horn zum Angedenk in Fortunat . Deine Tasch, zieh Deine Stiefelpelz wieder aus, so bist Du, wie Du sonst warst. Ists moͤglich? Wunder! Wunder! Ein Wunderdoktor! Non, messieurs, point de mi- racle, Kenntniß von die Geheimniß de la nature, Studium, enfin, Gelehrsamkeit. Meine pillules haben die Cur effektuirt. Herr Doktor, ich verehre euch und erbitte mir euren Besuch. N'ai je pas dit, daß ihr mir werdt kennen lernen? Wenn wir solte red' mit einander, muß Monsieur aber den großen Py- ramide von die Kopf thun. Das wird sich finden, besucht mich nur morgen fruͤh, oder heut noch. Pas si vite, habe mehr zu thun. — A revoir, wohne hier im Hotel zum Elefant. Herr Theodor, ihr nehmt mich doch wieder in eure Dienste? Wie kannst du Dir das traͤumen lassen, da du als ein Monstrum in der Welt her- umgefahren bist! Pfui! Alle Welt wuͤrde mit Fin- gern auf mich weisen. Aber mein Geld, das ich euch aufzuheben gegeben habe — Das wird sich finden, Unver- schaͤmter! (geht ab.) Herr Doktor, lieber Herr Dok- tor, ihr habt mich freilich wieder zum Menschen gemacht, aber nun macht auch, daß ich nicht ver- Zweite Abtheilung . hungre. Wenn ihr einen Bedienten braucht, so nehmt mich in eure Dienste. Ich koͤnnte wohl ein garçon brauchen, aber ich lese in Deine Physiognomie, daß Du ein Vautrien, ein Nichtstaug, sey. Ich will mich bessern, Herr Doktor. Nun gut, ich seyn nicht grau- sam: aber ich muß su mein métier haben ein Dienstbot, den ich anzieh als arlequin, was man hier zu Land nennt ein Hanswurst, anders kann' ich kein serviteur brauchen. Wenns seyn muß, immer besser als Waldgott. Nun so komm' mit mich, hab' noch so eine Jacke von meine vorige Spaßmacher liege. Haben Du aber auch esprit, Witz dazu, Narrenpossen, dumme Streiche anzugeben, daß Publikum brav lachen? Ach, lieber Gott, da ich nun aus dem Elend bin, wird mir der Himmel wohl bei- stehn, denn wem er ein Amt giebt, dem giebt er auch oft Verstand. (sie gehn ab.) Sag' ich doch, man erlebt aller- hand, wenn man nur alt wird. Komm Frau, was sollen wir denn noch laͤnger hier stehn? Alle Menschen sind nach Hause gegangen. (gehn ab.) Drit- Fortunat . Dritte Scene . ( Pallast .) Erleuchteter Saal. Große Versammlung am Hofe, die Koͤni- ginn, Agrippina , L. Herbert , L. Dorothea und viele Damen in Reifroͤcken Schnuͤrbruͤsten, hohen Frisuren: der Koͤnig, Herbert , der Hofmarschall Raimund und viele Vornehme in der altfranzoͤsischen Tracht, mit ho- hen Frisuren: Herzog Olivarez und Graf Limosin in gewoͤhnlicher Kleidung. Viele sitzen und spielen, andre ge- nießen Erfrischungen, welche Diener umher geben. Ge- spraͤche, Begruͤßungen. Koͤnig und Herzog Olivarez treten vor. Mein theurer Herzog von Olivarez, Ihr seht hier um Euch meines Hofes Bluͤthe, Und wenn an diesem vollen Firmament Mein Kind nicht Stralen so wie ehmals wirft, Wenn Ihr, was Euch der Ruf in Spanien sagte, Hier Luͤgen strafen moͤchtet, so erwaͤgt Daß schon seit lange Gram, Melankolie, Der Schoͤnheit Wurm, an ihrem Herzen nagt, Den wir auf keine Weise heilen koͤnnen. Wenn mir Natur fuͤr Schoͤnheit Augen gab, So scheint mir, was ich immer hoffen mochte, Von ihrer holden Gegenwart verdunkelt: Nur muß der ungewohnte Sinn vom Staunen Ob dieser neuen wunderbaren Tracht, Den Locken, Poschen, Schminke, Pflaͤsterchen, Und aufgesteiftem Haar, sich erst erholen. Ihr habt vielleicht nicht Unrecht; wicht'ge Gruͤnde, Politische wie physikalische, III. [ 27 ] Zweite Abtheilung . Ja selbst moralische Ansichten sinds, Die uns zu dieser Kleidertracht vermocht. Doch weiß ich so viel leider nur zu sagen. Daß weder meines Herren Majestaͤt, Noch unsrer Castilianer Ritterschaft, Kein Grande dulden wuͤrde, seine Koͤniginn In dieser schroffen Pracht verhoͤhnt zu sehn. Wie's Euer Koͤnig will und Landessitte. (er wendet sich auf der andern Seite zu Limosin ) Ihr steht verwundert, Graf: was werdet Ihr Von dieser neuen Tracht nach Cypern melden? Nur mein Entzuͤcken, denn es duͤnkt mich wahrlich Ein Feenreich hier aufgethan zu sehn, Das Wuͤrdige erscheint als Majestaͤt, Das Schoͤne ist mit Zauberglanz umkleidet; O daß mein junger Koͤnig ploͤtzlich hier In Mitte der Gestalten wandelte, Fuͤr hohen Styl den offnen Sinn zu bilden. Ihr sprecht als feiner Mann; ich danke sehr Dem Koͤnige der Euch hieher gesandt, So freundliche Bekanntschaft mir zu goͤnnen. Mein hoͤchstes Gluͤck, wenn mich die Majestaͤt Des allverehrten Herrn begnadgen will. (Der Koͤnig geht zu Agrippina .) (tritt zu Limosin) Ich weiß nicht, Graf, wie dies Gespensterwesen Mag Eurem Sinn entsprechen, doch wenn ich Die Augen hier auf dieses Schauspiel werfe, Fortunat . Und diesen wilden Fratzen hier begegne. So frag' ich mich: ob ich in Bedlam bin? Gar recht, mein edler Herzog, ohne Schauder Kann keiner hier das Ungethuͤm betrachten, Der nicht in diesem Norden eingeboren Und schon gewoͤhnt ist dieser Kunstformirung. Ein Scheusal ist' in der Figur die Fuͤrstinn. Es scheint Meerungeheuer und Seedrachen Hat man kopiren wollen, wie sie schwimmt In diesem eckgen ausgewackten Kasten. Und dieses Haar. Wie ein Kometenschweif. Eh sinke England in den Meeresgrund, Eh ich von hier solch Abentheuer fuͤhre. (tritt zu ihnen) Irrt nicht mein Blick, so seyd Ihr unzufrieden, Es ist vielleicht, Ihr Herrn, des Schauspiels Neue Was Euch zuwider ist und anfangs quaͤlt. Ich wuͤßte nicht zu sagen — Ja, Herr Marschall, Ich kann und mag es nicht verschweigen, mit Ich nie begreifen werde, daß ein Grund In der Natur sey, sich als Scheusal selbst Und ohne Zwang dem Blicke darzustellen. Zweite Abtheilung . Ihr druͤckt Euch hart aus, edler Herr, die Sache Ist neuerdings von unserm Philosophen Dem Herren Raimund, jetzgen Staatsminister, Erdacht, aus vielen und hoͤchst triftgen Gruͤnden. Der Staat, die Kirche, Sitte Kunst, Gesellschaft, Das alles ist nur dadurch moͤglich worden, Daß wir uns allgemach von des Naturstands Urspruͤnglichkeit entfernten mehr und mehr, Noch liegt vor uns ein unbekanntes Ziel, Wo dann vollendet hoch die Menschheit thront. Ihr muͤßt gestehn, daß keiner wagen wuͤrde, Wenn er nicht frech und ohne Schaam und Sitte, Den Hof in seiner Nacktheit zu besuchen: Wie Schaam die erste Tugend unsers Wesens, So hat man sich mit Recht verwundern muͤssen, Daß wir bisher ganz sorglos, dreisten Muthes, Die Form des Menschen nur umkleideten, Und jeder Schritt, Bewegen, Sitzen, Stehn, Uns daran mahnte, daß wir Menschen sind; Ging nicht das Kleid in jede Biegung, Schmiegung Gefaͤllig mit, um schlimmer noch als nackt Uns darzustellen, und den Sinn zu irren? Doch jetzt hat unsre Kunst erlangt, den Menschen So zu verkleiden, daß man ihn nicht kennt, Er sieht fast jedem Wesen aͤhnlicher Als sich: das ist es, was wir haben wollten. (tritt zu ihnen.) Ja, man darf hoffen, daß auf Politik, Philosophie und alle Wissenschaften Nun das Gefuͤhl der Zuͤchtigkeit wird wirken, Hauptsaͤchlich doch auf Kunst und Poesie, Es wird das Ideal uns naͤher treten, Fortunat . Und zwar das wahre, kein erlogenes, Kein schaamlos Bild des alten Griechenlands, Nein, strenger Zucht entsprossen, die Natur Von sich entwoͤhnt, sich selbst ein Wunder-Raͤthsel. Viel Gluͤck zu dieser stattlichen Bemuͤhung. Das sag' ich auch, charmant ist die Idee. Theodor triet ein, in demselben Costuͤm wie die uͤbrigen, mit uͤbermaͤßig hoher Frisur. Wer ist der hohe wunderliche Mann? Herr Theodor, ein Favorit des Koͤnigs, Der Sohn Lord Herberts. Guten Abend, Freund; Gelt, wir gefallen, so neu ausgemuͤnzt? Was heut doch von den ausgeweißten Koͤpfen Der Saal viel heller als gewoͤhnlich scheint. — Bon soir, Papa: — ich lege meine Dienste Der koͤniglichen Majestaͤt zu Fuͤßen. Ha, Lady Dorothea, seyd gegruͤßt; Seht mal den Spanier an, der steht am Pfeiler So starr und maulverbissen, das es scheint Er muß der Decke Woͤlbung tragen helfen: Der Cyprier sieht doch nach etwas aus. — Ah, àpropos, Ihr da aus Cypern, Herr, Hat sich der Mauskopf Andalosia Nicht wieder sehen lassen? Ganz verschollen Zweite Abtheilung . Ist er, mein armer Neffe; freilich wohl War auch sein Lebenswandel nicht der beste. So? Euer Neffe? Wie kommt nun ein Mann, Vernuͤnftig wie Ihr seyd und wohlgezogen, Im Umgang angenehm, auch wohlgebildet, In aller Welt dazu, solch wildes Kraut, Solch Gaͤnsekoͤpfchen zum Neveu zu haben? (zu Herbert .) Ich sehs Euch an, daß Ihr schon wieder zuͤrnt. Ja, wie er naht, wie er den Mund nur oͤffnet, So zittr' ich schon, den Aberwitz zu hoͤren. Ich geh, mein hoher Herr, mir ist nicht wohl, Vielleicht hab' ich zum letztenmal gesehn Eur huldreich Angesicht, mein Alter druͤckt, Mit manchem Gram vereint, mich schwer zu Boden. Mein Freund, wir sehn uns oft noch froͤlich wieder. Schlaft wohl, und schonet, bitt' ich, Eure Schwaͤche. (Herbert ab.) Wie ich mich freue, kennen Euch zu lernen Kann ich nicht sagen; glaubt, ich bin nicht jung, Doch hab' ich kaum im Leben wen gefunden Mit dem's Sympathisiren sich verlohnte. Gehts mir denn besser, Schatz? Das sag' ich ja, Fuͤr unser eins ists nur 'ne Hundewelt: Ich suche Freundschaft; aber wie? Gesellen, Gelbschnaͤbel, Klugsichduͤnker, Obenaus, Glattzungen, Schmeichler, die polirten Herrn Mit Bildung, Allerweltsvortreflichkeit, Fortunat . Sind mir ein klarer Abscheu, Greul und Graun. Allein ein simpler, sanfter Biedermann, Ein schlichter, grader, ehrlichstiller Sinn, Das ist wonach mein Herz schon lange hungert. Mir aus der Seele, Liebster, ganz gesprochen, Laßt Euch umarmen, theurer, edler Freund. Recht gern, nur nicht an die Frisur gestoßen. (umarmen sich.) Hat man nichts Neues in der Stadt gehoͤrt? Vom Herren Leibarzt Seiner Majestaͤt Hab' ich was fast Unglaubliches erfahren; Es trug sich zu, daß auf den Markt ein Karrn Ward hergefuͤhrt, — wer, denkt Ihr, saß darauf? Und ward fuͤr Geld gezeigt? Ein Satyr wars, Mit großen Gemsenhoͤrnern auf dem Kopf. Mein Lieber, das Gespraͤch ist unanstaͤndig, Ich bitte habt Regard fuͤr meine Tochter. Bewahrt dergleichen auf fuͤr Eures Gleichen. Der junge Mann scheint wenig noch am Hofe Gelebt, Gesellschaft, gute, nicht gesehn Zu haben. Nein, er weiß noch nicht zu waͤhlen. Die Jugend — Zweite Abtheilung . Ei, ja wohl, ein trauriger Und miserabeler Discurs. Von Hoͤrnern! Was geht das uns an? Sehr indelikat. Doch freilich hab' ich selbst den Kerl gesehn, Und auch die Cur, die noch viel wunderbarer. Die Cur? Erzaͤhlt uns doch davon ein wenig; Das heißt: daß er die Hoͤrner auch verlor? Es kam ein rother, langgenas'ter Mensch, Sah aus wie Teufelsbannerei und Hoͤlle, Ein dummer Charlatan, kurz ein Franzos, Der gab dem Vieh nur zwei, drei Pillen ein, Ganz kleine Kuͤgelchen, nicht werth der Rede; Kaum hat mein Graf von Horn sie eingeschluckt, Faͤllt ihm, mein Seel, das Hoͤrnerpaar vom Kopf, Wie uͤberreife Birnen oder Aepfel; Er schuͤttelt nur ein Bischen, 'runter rasseln's Wie duͤrres Laub, und saßen vorher fest, Sechs Pferde haͤtten sie nicht ausgezogen. Sehr sonderbar; und wo blieb dieser Arzt? Er wohnt im Wirthshaus dort zum Elephanten. Wir haben eine Zeit erlebt, wo manch Geheimniß der Natur sich offenbart. Kommt her, mein Raimund, tretet hier beiseit. Erkundigt Euch doch nach dem fremden Arzt; Geht selbst zu ihm, erforscht und pruͤft sein Wissen, Welch Gluͤck, wenn er in unsrer Noth uns huͤlfe. Fortunat . Was fuͤr ein Auflauf. Es zerbricht ein Leuchter. Verzeiht mir, gnaͤd'ge Koͤniginn, ich erschrack, Und sprang so schnell vom Spieltisch auf, denn ploͤtzlich Fiel gluͤhend Wachs und drauf ein Licht der Krone Auf Kleid und Haͤnde mir, Herr Theodor Hat oben dort den Leuchter angestoßen. (zu Theodor .) Mein Herr, des Koͤnigs Majestaͤt vermerkt Mit einiger Ungnad' den Ungestuͤm, Auch Eure uͤbermaͤßig aufgethuͤrmte Der Etikett' entwachsene Frisur, Ihr habt mit ihr, wie, das begreift man nicht, Die schoͤne Krone von Kristall zerschlagen. Sitzt nieder, denn ich habe hier das Maaß Eurer Frisur, wir druͤcken sie herunter, Daß sie sich dem Gebote fuͤgen lernt. Es geht nicht, Herr Hofmarschall; pur unmoͤglich. Die leichtste Sache von der Welt, ich nehme Die Hand und druͤcke Haar und Puder so — Was, Satan! Ei! behuͤt' mich Sanct Antonius! Herr Theodor, Ihr habt zwei große Hoͤrner. Wie? Hoͤrner? Weh mir! Weh! Zweite Abtheilung . Mein armes Kind! O Huͤlfe! Schnell! Sie faͤllt in Ohnmacht hin Vor diesem grausen Anblick. Weh und Weh! Ha! Kammerdiener! Kammerfrauen! bringt Die Ungluͤckselge in ihr Schlafgemach. (Ab mit den Uebrigen Großes Getuͤmmel.) Was soll man denken? Als ich die Prinzessinn In meinen Armen fing, da riß mir was Hier das Jabot von Kanten ganz in Stuͤcke. Wars Schmuck? Wars eine Nadel? Sonderbar! Und unser Theodor? — Wo blieb er denn? Als wenn der Kopf ihm brennte, lief er fort. Bei alle dem ein wunderbarer Hof. Ich reise ab, mir widert alles hier. (alle gehen ab.) Vierte Scene . ( Zimmer .) Herbert, Lady Herbert, Theodor in einem Armstuhl, mit herunterhaͤngenden Haaren. Nein, aͤrger stets und aͤrger wird der Schimpf, Am Hof, im ganzen Land, im Volk bekannt, Fortunat . Der Gassen Sprichwort, Bildchen ausgeboten Mit seines Namens Unterschrift und Wappen, Das alles, fuͤhl' ich, giebt den lezten Stoß, Das Hohngelach' ist nun mein Grabgelaͤut. — Da sitzt die Mißgeburt, ganz unbekuͤmmert, Verwegen recht, als muͤßt' es nur so seyn. Das Schlimmste ist ja nun auch uͤberstanden; Ich hatte klug den Schaden erst versteckt, Das war umsonst: nun weiß es denn die Welt; Was ist es weiter? Das nur bleibt mein Vorsatz, Vor Aepfeln hab' ich Abscheu, unaussprechlich, Und keiner soll mir je die Zunge netzen. — Doch ist ja Hoffnung von dem fremden Doktor — Faͤllt das Gewaͤchs erst ab, ists nur wie Fabel. Doch das wird nie, ach! das wird nie geschehn. So laͤßt man's stehn, und einst nach meinem Tod Koͤmmt's zum andern Geweih ins Jagdschloß 'naus. Ein Diener kommt. Da draußen ist ein Mensch, der mit eur Gnaden Gern sprechen moͤchte, der — Nun, der? Was, der? Der ehemal'ge Dietrich, mit Verlaub, Doch jezt ist er ein Narr und Hasenfuß. Was gehts Dich an? Zweite Abtheilung . Ich denke nur, Hanswuͤrste — Es schickt sich nicht, daß sie ins Zimmer kommen. Laß ihn herein, und ohne Handwerksneid! (Diener ab.) Und wieder neue Fratzen? Immerdar Vertreibst du mich. Ich mag nichts sehn und hoͤren. (geht ab.) Kurios! Nicht sprechen duͤrfen, wie ich mag, Mit Narren nicht verkehren, Hoͤrner nicht, Einfaͤlle haben nicht zu duͤrfen, nichts! Als ging nicht alles nur auf meine Kosten. Dietrich kommt als Harlekin. Was willst Du, Mensch? Der Doktor schickt mich, mein neuer Herr, er hat nicht Zeit zu kommen, er dreht Pillen, und er laͤßt sagen, die Cur koͤnnte auch ohne ihn verrichtet werden. So? Mir kanns Recht seyn. Nun, die Cur? Ich soll sie verrichten. Du? So schnell bist Du zum Doktor geworden? Ihr muͤßt mir aber versprechen, daß ihr mich, wenn die Cur anschlaͤgt, wieder in Eure Dienste nehmen wolle, sonst fange ich sie gar nicht an. Das kann ich Dir leicht verspre- chen, denn Du Pinsel wirst doch nichts ausrich- Fortunat . ten koͤnnen. Wie soll Dir denn die Kunst so schnell gekommen seyn? Der Habit kanns doch nicht allein thun. Dann sollt ihr mir mein Geld herausgeben, das ich an Euch zu fordern habe. Wenns seyn muß. So eßt denn diese vier Pillen, eine nach der andern, und ihr seyd so wohlgestalt, wie ihr nur je gewesen seyd. Gieb. Eins, — noch aͤndert sich nichts, — zwei, — sacht, mir deucht, es faͤngt an zu wackeln, das Wesen, — drei — vier — seht, Frau Mutter, da fallen die verdammten Stuhl- beine herunter, als wenn sie nie meine leiblichen Glieder gewesen waͤren. (Er klingelt, ein Diener kommt) Da, nehmt das Zeug, schmeißt es gleich ins Feuer, daß kein Span uͤbrig bleibt, und wer von dem dummen Wesen noch spricht, nur mukst, der hat es mit mir zu thun. ( Diener ab.) Gottlob, nun bin ich doch wie- der in Eurem Dienst! Nein, Freund, sieh, die Spros- sen sind zwar glatt vom Kopf herunter, das kommt aber von des Doktors Medizin, dazu hast Du nichts gethan. Das fehlte noch, daß die Leute von uns sagten: Das sind sie beide, die transfor- mirten; wie der Herr, so der Knecht; sage mir, mit wem Du umgehst; gleich und gleich; wie der Priester intonirt, so schließt der Kuͤster; wie man in den Wald hineinschreit, und dergleichen ver- fluchte Sprichwoͤrter mehr. Wenn ich einmal aus dem Lande gehe, oder verreise, dann koͤnnt' es sich eher passen, bis dahin, mein guter Dietrich, muß Zweite Abtheilung . ich mich Deiner immer schaͤmen. — Kommt, Frau Mutter, ich will mich dem Vater zeigen, nun wird er an meinem Kopf nichts mehr auszusetzen haben. (sie gehn.) Und ich bin so desperat, daß ich mich aufhaͤngen moͤchte, wenn sich das fuͤr einen Harlekin irgend schickte. (geht ab.) Fuͤnfte Scene . ( Pallast .) Koͤnig. Raimund . Und wird er kommen? Er hat es versprochen, wollte sich aber nur ungern dazu verstehn. Welche Hoffnungen schoͤpft ihr? Mein Koͤnig, der Mensch hat ganz das Wesen eines gemeinen Marktschreiers, indeß wohnt die Kunst oft in niedrigen Huͤtten und verschmaͤht den edlen Wohnsitz; sein aͤußeres Gebaͤude verraͤth keinen edlen Gast, aber freilich liebt die Weisheit zuweilen das Inkognito. (draußen.) Ich muß hinein, ich bin an des Koͤnigs Majestaͤt von meinem Herrn ab- geschickt, und kein Mensch soll mich zuruͤck halten. Was ist das fuͤr ein Geschrei. Dietrich tritt herein. Da waͤr ich, furchtbarster Herr Fortunat . Koͤnig, die Leute draußen haben wenig Ceremo- niel, daß sie unser eins nicht durchlassen wollen. Welche Erscheinung! Welche Tracht! Was willst Du? Mein Herr, der Doktor ist drau- ßen, und will vorgelassen werden. So geht ihm geschwind entgegen, mein Freund, laßt ihn schwoͤren, dann unterrich- tet ihn von dem Zustand der Krankheit, und fuͤhrt ihn herein. ( Raymund geht ab.) — Wie? Einen Narren haͤlt Dein Herr, wie die gemeinen Quack- salber? Ja, er will es nicht anders Er sagt, so gehoͤrte sichs, so brauchten die Doktoren nicht selbst die Narren zu spielen, und seine Ein- richtung sey eine gute alte Sitte, da hat er mich dazu genommen, — und ich, — ach, du lieber Himmel — ich — Warum weinst Du? Mir gehn immer die Augen uͤber, daß ich soll den lustigen Patron vorstellen, ich war dazu nicht geboren, Majestaͤt, mein Schicksal war ein besseres, da ich noch die Ehre hatte, Eur Majestaͤt einen Becher vorzusetzen, als ich beim Herrn Andalosia in Diensten war. — Seitdem — (weinend) ach! habe ich große und sonderbare Schick- sale erlebt — ich war indeß — doch, davon hat mich mein jetziger Herr, der beruͤhmte Doktor, kurirt, — nun muß ich mit Pritsche und Jacke drunten auf den Markt Spaͤße machen, indessen der große Laborant seine Medikamente praͤ parirt — und, habe ich nicht genug Leute herbei gelockt, lachen sie nicht brav und kaufen tuͤchtig, bin ich Zweite Abtheilung . nicht witzig und spaßhaft gewesen, — o Maje- staͤt, so giebt es nachher gewichtige Schlaͤge, — und, wie kann man wohl zu allen Zeiten schalk- haft und scherzhaft seyn? — Und noch dazu, da mich immer eine Gaͤnsehaut uͤberlaͤuft, so wie ich nur seine Nase gewahr werde. Du dauerst mich. Bedanke mich der hohen Ehre. — Mein einziger Trost ist, daß ich auch wohl bald das Kuriren von ihm weg haben werde. Du? Ja, es ist gar nicht schwer. Heut schickte er mich zu meinem vorigen Herrn, dem Herrn Theodor, der doch die großen Hoͤrner hatte, ach! ihre Majestaͤt, es war ein respektabler An- blick — er saß damit in seinem Großvaterstuhl, als wenn er die ganze Welt regieren wollte — Nun gut! mein Herr Großnase hatte mir nur vier Pillen, wie die Brodkuͤgelchen mitgegeben, die ver- schluckte mein Bel zu Babel, da thats ihm einen Ruck im Gehirn, krack! und das Geweih rap- pelte herunter, so nett, als wenn einer im Ke- gelspiel alle neune wirft. Es scheint, wie es Fie- ber- und Gichtdoktoren giebt, so ist der ein rech- ter ausgelernter Horndoktor; er hat die Kunst wohl in Paris gelernt. Gewiß? Es fehlt ihm gar nicht; eins, zwei, drei, schießen sie herunter, daß es nur eine Lust ist: ich habs an mir selbst erlebt. Ray- Fortunat . Raymund tritt mit Andalosia ein. O Majesté, leg mir thaͤnigst unter zu Dero Fuͤß', daß die große Gnad' und Herablassung hab', sich unterdeß mit meine Narr' zu entretenir. — Du, Arlequin, geh indeß auf mein Theatre, amusir mein Publikum, und ver- kauf von die kostbare Essenz und Arcana, bis ich hinkomme. Majestaͤt, da haben wirs! Wie ich gesagt habe. (geht ab.) Euer Narr, Herr Doktor, hat, ohne es zu wollen, mir Trost eingesprochen denn er erzaͤhlte mir, daß der sonderbare Fall, den ihr jezt kennt, auch schon vorgekommen ist und daß ihr sichre und schleunige Huͤlfe dagegen wißt. Wollen hoffe, erhabene Ma- jesté, hoffe, die Sache, oder die maladie mit die cornes ist gar schiedlich unter, — so seyn etlich, die sitzen locker, haͤnge nicht mit Gemuͤth und en- trailles zusammen, andre seyn versteckt, eingehakt tief tief im inner Mechanisme des Leibes und Seele, wachse auch wohl nach, wenn mit Flaͤchlich- obrigkeit kurirt werde, oder von Stuͤmper, die meyn orne sey corne, — ja, votre serviteur, mes- sieurs! da steckt die Knote, ist grosse Unterschied zwischen Horn von Buͤffel und Hirsch und Bock und Unicorne. Denn ich muß habe die Ehre, Majesté zu sagen, mein System ist nicht der Sy- stem von meine Herren College, die spreche meist wie blinde Huhn von die Farbe. Ich weiß nicht, ob Majesté sich genug interessir fuͤr Système de III. [ 28 ] Zweite Abtheilung . la nature, um mein Doktrin zu folge, und mich nicht zu finde ennuyant. Gewiß nicht, denn Seine Ma- jestaͤt erguͤtzt sich selbst an der Chemie und deren Geheimnissen, und laborirt fleißig mit mir. Ah! cant mieux, an die Ge- lehrte ist gut predige. Ich sage so: nix ist in die ganze Natur, was nicht entstuͤnde aus die Moral; verstehn Sie mir: es ist alles eins mit die Mo- ral, was wir gewoͤhnlich den Physique nennen. Kann ich an ein Mensch Fehler und Laster abge- woͤhne, schaffe ich ihm Krankheit aus dem Leibe, und wieder, kann ich sein Leib ein Gebrechen, ein Schaden wegkurire, wird auch der Seele ausge- bessert. Par exemple, es war vor einige Jahre, als der Duc d'Orleans kriegte geschenkt aus der Niederland ein Monstrum, war ein sogenannt Meerwunder, ein wilde Mensch, in der See ge- fangen, hatte Schuppen am Leibe und auch espèce von Floßfeder, konnte natuͤrlich nicht spreck, war brutal und ohne Manier. Ich weiß nicht, ob Sire schon Umgang und connoissance mit einem Meerwunder gehabt hat. Niemalen. Schade, c'est bien intèressant sich zu versetzen in der Seele von einem solchen Creatur. Gut also: Monseigneur le Duc d'Or- leans erzeigt sie mir die Gnade, zu seyn von mei- ne Freunde, laͤßt sie mich invitir zu sich, wie mein gut monstre mit seine Fischschuppe in die Stube auf und ab promenir. Ich sehe ihm an, fuͤhle ihm an seine Puls; nu, der schlaͤgt à la manière von die wuͤste See; seh an seine Blick, daß sich Fortunat . aus die Machine noch was machen laͤßt. Fragt mir der Erzog, ob sey der Bestie zu kurir, oder zu Menschen zu mache. Je reponds: Monseig- neur, es seyn nicht bloß der Sache, daß es dem Monsieur sauvage fehle an der education et Ma- nières, die Hauptsache seyn die Schuppe und Floß- feder, kriegen wir ihm die aus das Leib, kriege wir auch die Meergedanke aus seine Kop. Sire, was wollen ihr sagen? Ich nehme mein Meer- wunder in die Lehr, purgir ihm, laß Ader, er muß Essenz und erweichende Mittel nehme, die alle ge- gen die See- education und, wie sag ich, Fischei- taͤt, (vous comprenez!) arbeite, in sechs Wochen, le voila, ist er fertig, keine Schupp und keine Floßfeder an ihm zu sehn, und wenn mans wollt aufwiege mit Gold, wie ich ihm praͤsentir; er wird in eine andre Habit gethan, wird nun an ein Philosophe gegeben und maintenant, Sire, ist der- selbe im Gefolg des Duc d'Orleans, als eine von seine Freund, spricht Politik, ist galant, nimmt Taback und macht Schulde, als wie ein homme comme il faut. Was sagen zu solcher Cur, Sire? Ich bin erstaunt. So, um auf mein vorigen propos zu kommen, will ich sagen, ist es immer eine ganz andre Sache, wovon solche Hornen her- koͤmmlich seyn, dann sie seyn qualités der Seele, eine vis occulta, die in das Koͤrperlichkeit seine Visite macht, weil sie zu stark uͤberhand genom- men, und Harmonie gestoͤrt hat. Majesté hat meine kleine Hanswurst gesehn, hatte sie gekriegt von Stehle und Schelmerei, war leicht kurirt, Zweite Abtheilung . auch Monsieur Theodosius der Große hier vom Hofe, seine Horn waren vom Uebermaß von Grob- heit und Mangel an education und galanterie. die saßen auch nicht fest; und wenn nun, wie ich hoffe, bei gnaͤdiger Princesse auch aus kleine Un- art erwachsen sind, wolle wir sie bald wieder her- unter schaffe. Margarethe koͤmmt. Die gnaͤdige Prinzessin ist jezt wach, und bittet den Herrn Doktor herein zu kommen. Ist vielleicht die Kammerfrau von die gnaͤdige princesse? Ja, Herr Doktor. Ah, mon enfant, alte Per- son, komm Du mal her! Liebst Du Deine prin- cesse, bist Du ihr fidèle und kannst thun was um ihr? — Ach, Herr Doktor, wenn ich sie mit meinem Leben, mit meinem Blute wieder herstellen koͤnnte, es sollte mir nichts zu theuer seyn. Bon, das trifft sich gut, Du kannst etwas Solides zu ihre Beste ausrichten. Es ist vor alle Ding nothwendig, daß uͤber die Horn (wie sag ich?) ein Futteral, ein Paar Struͤm- pfe oder Hosen gezogen werde, die sie immer warm halte, um sie zu erweiche, daß muß nu seyn von eine Creatur, das viel um die Prinzeß gewesen, und das die Prinzeß liebt, sonst nuzt es nichts, bitte also ihre Majestè, sie wolle die gute Alte Fortunat . gleich laß' massakrir, um von ihre Fell die chaus- sure zu machen. Das fehlte noch, Herr Quack- salber! Seht doch! Mein Fell! Ihr moͤgt mir der rechte seyn! Mein Fell! Nein, so ist es nicht ge- wettet, Herr Marktschreier. Also will sich nicht aufopfern fuͤr Freundinn? Fi done! Wie beschaͤmt Euch Oreste et Pylade, Damon et Pythias, in der alt Fabel und Mythologie. Hat die Prinzeß keine Katz, oder Hund, oder so was, das sie viel um sich gehabt und geliebt? Den Affen, den Narciß muͤßten wir nehmen, den liebt sie am meisten. Bon, da ihr das gute Werk nicht thun wollt, so sey es denn die Aff, kommt beides auf eins hinaus. Laßt gleich die Sache ma- chen, alte lieblos Person. Der Scharfrichter fehlte hier noch mit seinem Ebraͤischen Kauderwelsch. ab.) Wollen wir meine Tochter besuchen? Steh zu Befehl: bin begierig, die Kranke zu sehn. (gehn ab.) Zweite Abtheilung . Sechste Scene . ( Zimmer .) Lady Herbert, Theodor . Du bist gefuͤhllos, Stein und ohne Herz, Daß keine Thraͤne fließt des Vaters Tod, Den Gram um Dich mit in die Grube stieß. Was schelt' ich, Aermste, Dich! Jezt fuͤhl ich erst, Nun ich ihm nicht mehr Liebe kann erweisen, Wie gut er war, wie aller Tugend reich, Daß ich ihn auch in mancher Stunde kraͤnkte. Doch ohne Vorsatz. Ja, so ist der Mensch, Wir schaͤtzen nur des Lebens hoͤchste Guͤter, Wenn sie auf immer uns entrissen sind. Jezt kenn ich ihn und auch den herben Schmerz, Der mit mir treu aushalten wird zum Grabe. Gebt Euch zur Ruh, ihr habt ja mich noch, Mutter. Seht nur, ich traure, was ich immer kann, Nur heucheln mag ich nicht; wohl war er gut, Der seelge Herr, doch wies im Leben geht, Auch voller Grillen, Vorurtheil und Launen, Er meint es gut mit mir, doch hat er nicht Mit der Moral, Hofmeistern, Besserwissen, Und seinen feinen Sitten, halb zu Tode Wenn ich recht froh mich fuͤhlte, mich gequaͤlt? Das geht mit ihm nun auch zu Grabe, Mutter, Denn das leid' ich von Euch auf keinen Fall. Nun haben wir ja auch die Hochzeit vor uns, Denn endlich wird die Lady Dorothea Fortunat . Vernuͤnftig, und erkennt, wie ich sie liebe, Seht, so kommt Trost und Lust zu Leid, wie immer. So wollen wir den Abgeschiedenen Zur lezten Ruhestaͤtte still geleiten. (gehn ab). Siebente Scene . ( Zimmer der Prinzessin .) Agrippina , im Lehnsessel schlafend, Andalosia sitzt auf der andern Seite. Sie schlaͤft. — Ob sie den Saͤckel bei sich hat? Der Vater, alle, haben sie verlassen. Mein Auge irrt von allen Seiten um, Vortheil erspaͤhend; — ob die Thuͤr ich schließe? Dann mit Gewalt mein Eigenthum ihr nehme? Still! Thor! verdirb nicht selbst durch leere Hitze, Was du bis jezt mit Klugheit durchgefuͤhrt. — Wie? Seh ich recht? Im Winkel dort den Hut, Vergessen, nichts geachtet unter Land? Still! leisen, leisen Schrittes nah ich Dir, — Nun bist Du wieder mein, Du trauter Schatz, Nun wird mir auch das Schwerste selbst gelingen, Schon fuͤhl ich mich so leicht, so heiter, wie Der Vogel, der durch blaue Luͤfte schwimmt — Ja schlummre nur, bald ist die Strafe da. Wie ist mir wohl! Ich hatte schoͤne Traͤume, Zweite Abtheilung . Genesen sah ich mich. — Viel Dank, Herr Doktor, Mir ist nach eurem Mittel schon viel besser. Erlauben Hoheit etwas nachzusehn, — Schau, wahrlich, da ist schon die Horn viel weicher, Bald nehm' sie ab, verschwinden peu á peu. Mais, ma princesse, erlaub, gerad heraus Zu spreck, wie Arzt und confesseur stets sollten: Die Wurzel stecke tief, sehr tief hinunter, Und schoͤne Dame muß (das kann ich merke) In ihre kleine Herz viel Bosheit, Tuͤcke, Und Schadenfreude sitzen hab, hat wohl An die Amants und Herrn schon manchen Possen Gespielt mit Muthwill, denn die Horn beweisen Gar große, groß malice; comprenez vous? O helft mir, Liebster, nur von diesem Scheusal, So will ich still und sanft auf immer werden, Der Hochmuth, Neid und Eigennutz sey fern, Nur, liebster Doktor, endet schnell die Cur, Und fordert dann zum Lohn, so viel ihr wollt. Madam, das menschlich Herz ist naͤrrisch Kauz, Sind die Patient recht krank und miserabel, Versprechen sie dem med'cin goldne Berge; Sind sie gesund, — ist alle Wort vergessen, Dann hat Natur geholfen, aus die Berge Kriecht dann zum Lohn ein klein souris heraus. Mich sollst du anders kennen lernen, Freund, Nur eile Dich, daß ich gesund mich sehe. Ma belle princesse, es fehlt mir jetzt am Besten, Fortunat . Helas! Medikament sind ausgegangen, Hab' sie verbraucht fuͤr meine kleine Narr Und Eure große Narr, Herr Theodor; Dacht' nicht, daß hier in London epidemisch Die seltne maladie geworden waͤre. Nun muß ich erst ein kleine Urlaub bitte Auf fuͤnf, sechs Monat, denk' ich, wenigstens, Um in Tirol, Dalmatien, in Sizil, Die Simpla aufzusuch, sie dann zu mische. Und hier im großen London waͤre keine Der großen Apotheken mit versehn? Ah oui, sans doute, mais seyn fuͤrchterlich theuer, Seyn aͤrger als die Juifs, et moi , bin arm, Das sehn wohl Majesté, und brauchte doch, In London hier Dukaten wohl drei tausend, Die spar' ich, wenn ich selbst die Dinge such! Tritt her an diesen Tisch, ich zaͤhl sie auf. So viel baar Geld hat Majesté bei sich? Sey unbekuͤmmert, aus dem Saͤckel hier — (setzt schnell den Wuͤnschhut auf und um- faßt sie.) Nun schnell nach Irlands nackten Wuͤstenein! (Beide verschwinden.) Zweite Abtheilung . Achte Scene . Andalosia mit Agrippina schnell herein. Weh mir! zum zweitenmal so grausen Schreck! (wirft die Verkleidung ab.) Erkennst Du mich, Verruchte? Diesesmal Wird nicht mein Leichtsinn, schwachgemuthe Ruͤhrung Dich meiner Rach' und Deiner Straf entreißen. Zuerst denn! (zieht ein Messer.) (kniet.) Weh! O theurer, edler Mann! O Du Verehrter, Unbegreiflicher, Nur meines Lebens, meiner Ehre schone. Ich bin kein Moͤrder, nur mein Eigenthum, Um das ich viel erduldet, sey mir wieder. (er schneidet den Saͤckel ab.) Ich halte Dich in meinen Haͤnden! ja, Die List gelang, die Feindinn liegt im Staube. Was sag' ich Dir, Du wandelbar Verstellte? Nein, zittre nicht, Du bist bei mir gesichert, So ferne der Begier, als wenn in heilger Klausur Dich strenge Klostermauern hielten. O steh, steh auf, mir ekelt diese Stellung; Darf so die Koͤnigstochter sich erniedern? Von Ehre sprachst Du? O Ihr Unbescholtnen, Hoffaͤrthigen, von Hochmuth Aufgeschwellten, Ihr bruͤstet Euch mit leerem Wort und Klang, Sinnloses Schellenlaͤuten Euer Prunk: Ihr seht verschmaͤhend auf die Armen hin, Die, von der Kraft der Goͤttinn uͤberwaͤltigt, Fortunat . Im Arm des Liebsten aller Welt vergessen, Und mit dem Theuersten ihn gern begluͤcken; Ihr niedern Buhlerinnen schmaͤht und laͤstert, Und solltet still dehmuͤthig hier verehren, Daß Herzen ganz und voll sich dem ergeben, Dem sie allmaͤchtig Liebe unterwirft; Ihr Ehrenvollen, Hochgestellten, Reinen, Die Ihr noch schlimmer als die Sklavinn seyd, Die oͤffentlich mit ihren Reizen wuͤchert, Denn Ihr verkauft um schnoͤden Sold das Hoͤchste, Des Herzens Herzen, Wahrheit, Liebe, Treue, Den Stolz, der nur den Menschen macht zum Menschen. Was koͤnnte Dich gefaͤhrden? Jenes heilge Jungfrauenthum des Herzens, jene Suͤße Der Kinderunschuld, Deiner Liebe Bluͤthe, Hast Du fuͤr alle Ewigkeit dem Teufel, Dem schmutzigsten des Geizes baar verkauft. Drum blitzte falsche Liebe dieses Auge, Die holden Pfaͤnder, die die Seelen knuͤpfen In Lieb' und Andacht, Schwur, Bekenntniß, Flehn, Sie, alle gleich dem Heer verruchter Raͤuber, Entsprangen aus dem Wahrsam schoͤner Lippen. Ich Bloͤder, sah' die Brandmal nicht und Ketten! Ja Deine Kuͤsse bluͤhten buhlerisch Wie giftge Rosen mir, das Auge weinte Die Luͤgen-Thraͤnen, die dem Liebenden Im Wonneschmerz den Himmel nieder ziehn. — Und alle die Entheiligung — warum? Um schoͤdes Gold! Nur darum wurden alle Empfindungen der Seeligkeit verrathen, Elysium zur schmutzgen Winkelgasse, Die Goͤtter all in Kuppler umgemarktet. Zweite Abtheilung . Dann wurde dem Bethoͤrten Hohn und Lachen Auf seinem armen Wege nachgesandt; Indessen ich, verschmaͤht, betrogen, abseits Zur Armuth mich, zur Reue wenden mußte, Und gern noch Gluͤck und Leben opferte (Auch wenn mich Dein Besitz niemals begluͤckt) Daß Wort und Blick nur nicht betrogen haͤtten, Das als das Bitterste im Schmerz empfindend, Daß ich geliebt, wo ich verachten mußte. Wo willst Du Worte finden, wo die Luͤge, (Die fernste taugt Dir nicht) dies abzulaͤugnen? Noch einmal werf' ich mich vor Dir zur Erde, Nur flehen kann ich, nimmer mich entschuld'gen. Dein ist das Recht, Du hast mich so besiegt, Daß mir die Kraft zum Leben selbst ermangelt, So sticht mir jedes Wort ins Herz ein Messer. Was mein Gewissen dunkel mir und leise Oft zugefluͤstert, ach, die bittre Reue, Die ich betaͤubte, hast Du nun erweckt, Daß ihre Stimme laut und lauter mahnt. Und mich ihr grauser Donnerton betaͤubt. Ach, Andalosia, nicht fleh' ich Dir Um meinethalb, weil ich die Koͤnigstochter, Daß Du mich achten moͤchtest, ehren, schonen, Nein, bei Dir selbst, bei dem Gefuͤhl im Busen, Das einst geliebt die tief Unwuͤrdige, Bei Deinem eignen Werth beschwoͤr' ich Dich, Entweihe nicht das Herz, das mir geschlagen, Wirf mich nicht hart der oͤden Wildniß zu, Dem Wahnsinn, Thieren, noch der Krankheit Graun! Nein, Du erbarmst Dich, denn Du bist es noch, Des Auge Lieb' und Sehnsucht auf mich blickte. Fortunat . Elende, woran mahnst Du mich? Dies Wort, Es koͤnnte wetzen meine Grausamkeit. Doch nein, Dir sei Verzeihung, doch auch Strafe, Du sollst jetzt nicht zuruͤck zu Deinen Eltern — Ich will es nicht, ich mag den Hof, die Stadt Nicht wieder sehn, so lang' ich mir ein Scheusal, Den Feinden Hohn, dem Volk Gelaͤchter bin. Ja, dies Gefuͤhl sey jetzt' noch Deine Qual, Doch werd' ich Deiner nicht vergessen, werde Den Zauber dann Dir loͤsen, wie ich kann. Schau dort hinab, in jener Felsenbucht Liegt einsam und versteckt ein armes Kloster Von frommen Nonnen, allem abgeschieden Sehn sie nicht Stadt, noch Dorf, noch Menschen je, Denn keine Straße fuͤhrt durch diese Schluchten, Nur gegen uͤber sich und fern erhaben Auf duͤrren Klippen zwischen dunklem Wald Des heiligen Patrizius Fegefeuer; Hier sollst Du buͤßen und bereuend wohnen, Daß Deine beßre Seele auferwache; Dann fuͤhr' ich Dich nach ein'ger Zeit zuruͤck, Und Du wirst mir des Geistes Heilung danken. Ich danke Dir schon jetzt, wohlthaͤtger Freund, Daß Boͤses Du mit Gutem willst vergelten. Hier, fern von Menschen, lern' ich bald mich finden. So folge mir, das Kloster ist nicht weit. (sie gehn ab.) Zweite Abtheilung . Neunte Scene . ( Kloster. Sprachzimmer .) Aebtissinn, Nonnen . Ja, meine Kinder, immer dringender Wird unsre Noth und Huͤlfe seh ich nicht, Wenn sie der Herr uns nicht in Gnaden sendet: Des Landes Theurung und des Jahres Mißwachs, Der Brand der unsre Speicher aufgezehrt Und schnell vernichtete den schmalen Vorrath; Kein Reisender der hieher Opfer braͤchte; Die Felsen trennen uns von aller Welt, Die wuͤste Einsamkeit verscheucht die Menschen; Der Bischof ist, Ihr wißt es, selbst bedraͤngt: — So weiß ich denn nicht Huͤlfe, Rath, noch Rettung. Die Pfoͤrtnerinn tritt herein. Ein fremder Herr will Euer Gnaden sprechen. Entfernt Euch, meine Kinder. — Laß ihn ein. Die Nonnen gehn ab, Andalosia koͤmmt. Hochwuͤrdge Frau, verzeiht dem Weltlichen, Ders wagt, die fromme Einsamkeit zu stoͤren, Im Namen einer Armen tret' ich ein, Die Euren Trost begehrt und eine Zelle, Um abgeschieden sich und Gott zu leben. Mein edler Herr, Ihr seht ein armes Kloster, Fortunat . Das Mißwachs, Ungluͤck, Brand, noch aͤrmer machten, Wir, selbst der Wohlthat duͤrftig, koͤnnen nicht, Wie unser Herz gebeut, Almosen spenden. Reich ist die Jungfrau und von edlem Stamm, Sie schaͤtzt es Gluͤck genug, in Eurem Schutz Nur Monden hier zu seyn, und da sie schon Die Kunde Eurer Leiden hat vernommen, So sendet sie Euch hier tausend Guineen. Die Huͤlfe kommt uns wie vom Himmel selbst. Doch wird das zarte Bild die Einsamkeit In fruͤher Jugend auch ertragen koͤnnen? Sie sucht die fern' und abgeschiedne Ruhe, Denn wie sie auch mit Schoͤnheit ist geschmuͤckt, Entstellen doch zwei Hoͤrner wunderbar Die edle Stirne, so daß sie sich scheut Den Menschen zu begegnen, darum fleht sie, Daß sie verschweigen darf der Eltern Namen, Verhuͤllt gehn, daß ihr Niemand laͤstig falle, Wenn sie nicht selbst entgegen geht den Schwestern, Im Kloster und der Kirche, wie im Garten. Sehr gern ist alles ihr von mir gewaͤhrt. So tretet ein, verehrte Agrippina. Agrippina koͤmmt. Wohlthaͤterinn des Hauses, seyd willkommen, Naht freundlich uns, sucht Euch die Zelle selbst, Zweite Abtheilung . Die ihr bewohnen wollt, befehlt, wie alles Gehalten werde, daß Ihr gern hier weilt. Ich hoffe, Trost soll mir die Stille geben. — Nicht ganz, mein Freund, vergeßt mich in der Ferne. Ich denke Euer, so gehabt Euch wohl. (geht ab.) Faßt nun Vertrauen, vielgeliebte Tochter, Zu mir bejahrten Frau, die Euch so freundlich Empfangen moͤchte wie ein holdes Kind. Hinein geht und erfrischt Euch von der Reise, Dann ruht am hellsten Ort, am freundlichsten, Des wir uns nur in unsern Mauern freun. Vielleicht kann ich an Eurem Busen weinen! (sie gehn ab.) Zehnte Scene . ( Cypern. Zimmer .) Daniel, Benjamin . Unbegreiflich und wundervoll! Nun ist der Herr Andalosia schon zum zweitenmale so ploͤtzlich da, als wenn er vom Monde herunter gefallen waͤre; kein Mensch denkt an nichts weni- ger, als an ihn, und er steht mitten unter uns. Hast Du denn gar nichts hoͤren koͤnnen, junger Mensch? Er hat sich gleich mit seinem Bruder Ampedo eingeschlossen und eingeriegelt. Da- Fortunat . Ob er denn diesmal auch wieder so auf und davon seyn wird, daß man nicht weiß wo er hin gestoben oder geflogen ist, der Sau- sewind? Da kommen sie. Ampedo und Andalosia kommen. Nun, Freunde, richtet gleich die Tafel praͤchtig zu, Den besten Wein! Sucht aus der Garderobe Fuͤr mich die reichsten Kleider! Wo es fehlt, Da kauft, — nur schnell! — ich will sogleich nach Tisch, Wie er uns einlud, hin zum jungen Koͤnig. (die Diener ab.) Ja, Bruder, nun soll erst die Lust beginnen, Nun ich mit vielen Schmerzen Klugheit lernte. So nimm nun, Bester, beide Kleinod' hin, Sie kommen Dir jetzt zu nach langer Zeit, Behalte sie, so lang' Du irgend magst, Fuͤrs erste bleib' ich hier im Vaterland. Nein, Bruder, alles, was Du mir erzaͤhlt, Die Noth, die Angst, die mancherlei Gefahren, Die Du und auch mein Vater habt erduldet Um diesen Saͤckel, macht ihn mir zum Graun, Ergoͤtze Dich mit ihm, so viel Du magst, Ich will ihn nie in meine Haͤnde nehmen: Auch hab' ich eingesehn, daß ich des Golds Niemals bei unserm Schatz ermangeln kann, Drum schiens mir klug gethan, dem Koͤnige Das große Darlehn willig hinzugeben. III. [ 29 ] Zweite Abtheilung . Sehr weislich. Ja, er ist seitdem so freundlich, Wie nur sein Vorfahr gegen unsern Vater; Schutz gilt oft mehr als volle Beutel Goldes. Mein Bruder hat an Weisheit zugenommen. Die Langeweile; darum bin ich froh Den lieben Hut nun wieder hier zu haben, Um meinen alten Spaß mit ihm zu treiben. Was macht denn unser Oheim, Limosin? Weißt Du das nicht? Der ist nach England hin, Um die Prinzeß zu freyn fuͤr unsern Koͤnig. Ei! So? Da kommt mir ein Gedanke. — Bru- der Doch das hat noch ein Weilchen Zeit — Du leihst Mir doch gewiß den Hut zum zweitenmal Zu guter Absicht. Ja, wenn ich Dir traute. Nicht jetzt, nicht bald, vielleicht — Jetzt laß uns essen, Und aller Noth und Plane ganz vergessen. (gehn ab.) Fortunat . Fuͤnfter Akt . Erste Scene . ( Pallast ) Koͤnig von Cypern, Ampedo, An- dalosia . Wie dank' ich Eure Freundschaft Euch, Ihr Edlen! Ich habe nichts, das Euch belohnen koͤnnte, Will ich mit Euch mich messen, bin ich arm. Du, Andalosia, hast seit sieben Monden Gestrebt fuͤr mich, und sieh die schoͤnste Braut Sie tritt nun heut auf dies begluͤckte Ufer. Ihr theilt mir Euren Schatz, wie einem Bruder, Daß ich die Schuld vom Vater mir vererbt, Dem Spend' und Wohlthun Strafe ward und Plage, Nun tilgen, meinen Freunden nuͤtzen kann, Daß ich mit Pracht, wie es dem Koͤn'ge ziemt, Der holden Fuͤrstinn heut entgegen gehe: Ja, ew'gen Dank Euch, Theuren, Euch, dem Seegen Des Lands, den Freunden aller Guten, mir Des Herzens Naͤchsten; also bleibt mir stets, Und sinnt auf Moͤglichkeiten, meinen Dank Durch mehr als nacktes Wort Euch anzusagen. Zweite Abtheilung . Wie fuͤhl' ich mich begluͤckt, wenn Ihr, mein Koͤnig, Mich wuͤrdigt, mich als Freund zu Euch zu heben. Verweile, Andalosia, denn ich gehe Mich umzukleiden, um mit Dir und andern Der Edelsten der holden Fremdlingin Entgegen bis zum Ankerplatz zu reiten. (ab.) Du willst uns nicht begleiten, Ampedo? Nein, Bruder, ich verweil' im stillen Hause; Dies Laͤrmen, dieser Auflauf, Schrein des Volks, Das Tummeln dieser Reiter, dieses Draͤngen, Wo jeder eilt, die Eitelkeit zu zeigen, Ist nicht fuͤr mich und macht mich nur betruͤbt. Dann draͤngt sich mir des Lebens Richtigkeit So recht ins innre Herz, wenn ich dies Jauchzen, Den Krampf der Freude seh' der trunknen Menge, Die niemals um sich weiß, und dies bedarf, Des Lebens truͤben Sumpf in Fluß zu bringen. Ich kenne Dich nicht mehr, Du bist verwandelt, Und Deine Weisheit wird Melankolie. Laß auch von diesem eitlen Prahlen, Bruder, Warum willst Du durch Pracht und frevlen Aufwand, Thoͤricht Verschwenden, der gemeinen Seelen Ergrimmten boͤsen Neid auf Dich erregen? Obs gut gethan, daß Du die Fuͤrstinn auch, Die Du gekraͤnkt, was sie wohl nie vergißt, Als Koͤniginn hierher bringst, steht zu zweifeln; Fortunat . Zwar hast Du sie geheilt, hast sie durch Zauber Dem vaͤterlichen Hof zuruͤck gebracht, Hast ihre Neigung dann zu unserm Koͤnig, Des koͤniglichen Herrn zu ihr geweckt, Du schenktest ihrem Stolz die Koͤnigskrone, Ihm wendest Du die reiche Mitgift zu; Allein — Sey ohne Sorgen, liebster Freund, Ihr Ungluͤck und die lange Einsamkeit Hat sie verwandelt ganz, sie fuͤhlt durch Dank Und Freundschaft mir auf immer sich verbunden. Mit Thraͤnen schwur am heiligen Altar Sie feierlich, mir alles zu vergessen, Auch nie ein Wort von diesem Zaubersaͤckel Den Lippen unbedacht entfliehn zu lassen; Wir sind gesichert, gluͤcklicher als je. Es sey, doch weiß ich nicht welch lange Furcht, Welch truͤbes Ahnden meiner sich bemeistert, Ich zittre jedem Laut, weiß nicht warum, Und eben dies macht mich nur aͤngstlicher. Der Koͤnig koͤmmt angekleidet zuruͤck. Jetzt kommt, mein liebster Freund, so Arm in Arm Laßt uns der schoͤnen Braut entgegen eilen. — Ihr geht nicht mit uns, wie ich hoͤre, Freund? Ich wuͤnsche meinem Koͤnig alles Gluͤck, Doch paßt nicht mein Humor in dies Getuͤmmel. Zweite Abtheilung . Auf Wiedersehn also bei unserm Fest. (ab mit Andalosia.) Wo ich viel wen'ger noch erscheinen werde. — Ich muß den Doktor fragen, was mir fehlt, Denn so ist mir im Leben nicht gewesen; Es ist doch pur unmoͤglich, daß der Aufwand Von Kleidern, Schmuck, das Silber- Goldgeschirr, Die blankgezaͤumten Pferde, all die Pracht, Die aufgeputzten Tafeln, das Turniren Und Stechen, und die kostbarlichen Preise, Daß alles dies nur Albernheiten waͤren, Das Leben selber nur ein schaaler Traum: Nein, unser Dokter soll mir was verschreiben, Daß anders wieder mir die Welt erscheine. (geht ab.) Zweite Scene . ( Marktplatz .) Volk , von allen Staͤnden und Altern, Diener um Wein- faͤsser die allen zu trinken geben, aufgehaͤufte Speisen, alles im Jubel. Habt Ihr sie wegreiten sehn, die Herren? Unsern gnaͤdigsten Koͤnig, und den jungen, lieben, freigebigen, praͤchtigen Andalosia? Ja wohl, das war ein Zug! Die Pferde, die Decken, die Kleider, die Diener! Man kann durch die Welt reisen, und sieht so was nicht wieder. Unser Koͤnig kommt doch nicht Fortunat . gegen den Andalosia, der ist doch die wahre aus- gefuͤtterte gediegene Pracht, selber nach Fleischerge- wicht, und ohne alle Beilage. Was der wieder schwatzt! Sein Bruder, der Duckmaͤuser Ampedo, der ist wie seine Beilage anzusehn. Auf den laß' ich nichts kommen; das ist ein guter, lieber, stiller Herr, der kein Was- ser truͤbt und kein Kind beleidigt. Auch wohlthaͤ- tig gegen die Armen. Hat sich was von Wohlthat: fuͤhrt nicht der alte Spitzbube, der Daniel, Casse und Rechnung, der moͤchte lieber noch von den Armen nehmen, als ihnen geben. Scheltet mir den Daniel nicht; es ist wahr, er ist ein Halunke, aber er sieht bei Gelegenheit doch auch durch die Finger. Gut, bei Deinen Lieferungen? Du nimmst die Haͤlfte zu viel, der Herr muß das vierfache bezahlen, und Du quittirst nachher alles in allem. Wenn ich nicht mehr bedaͤchte, — es ist nur, daß es heut einen Festtag vorstellen soll, — und es schickte sich nicht, wenn die neue Koͤniginn so in unsre Pruͤgelei hinein ritte — Narren allzusammen, seyd ruhig und vergnuͤgt daruͤber, daß wir so reiche Herrn in unsrer Stadt haben, die brav aufgehn lassen und die Rechnungen des Buͤrgers nicht so genau durch- sehn. Seht da kommt der liebe Herr Ampedo aus dem Pallast. Zweite Abtheilung . Ampedo tritt auf. (laut rufend) Es lebe der Herr Am- pedo! Hoch! Und der Herr Andalosia! Was giebts? Was soll denn dies Geschrei, Ihr Freunde? O gnaͤdger Herr, soll sich das Volk nicht freun? Hat Euer theurer goldener Herr Bruder Der Stadtgemeinde nicht ein ganzes Schiff Von Malvasier und andern edlen Weinen Geschenkt? Daß nun die lieben durstgen Seelen! Das kostbare Gewaͤchs wie Wasser saufen? Sind druͤber nicht schon jetzt am fruͤhen Tage Betrunken viele, daß sie dort die Sonne Fuͤr Vollmond halten? Speist er nicht mit Kuchen, Gefluͤgel und Confect, Truͤffelpasteten, Hier den gemeinsten wie den reichsten Buͤrger? O ja, ich weiß, mein Bruder ist ein Narr. (taumelt heran.) Narr? Andalosia? Gotts Sakrament Den hau' ich ja — ja so, Ihr seyds, Herr Ampel, Das ist Eur Gluͤck, sonst solltet Ihr mal sehn, Wie Euch der Kopf in Scherben sollte fliegen. Hat er nicht alle Armuth heut gekleidet, Und reich beschenkt, damit die Koͤnigin Fortunat . Nur Freude saͤh in unsrer ganzen Stadt? Hat er nicht auf dem Weg, den sie soll reiten Auf mehr als tausend Schritt die Purpurdecken Von Sammt gebreitet, die er dann dem Volk Preis geben will? Habt ihr die Buͤhnen nicht Gesehn, die Gold und Seide glaͤnzen, wo Turnir und Stechen wird gehalten werden, Umhaͤngt mit Silberzindel? Darum hoch! Herr Andalosia hoch und Ampedo! Nicht wahr, wenn Ihr Euch an mich machen duͤrftet, Die Kehle ab mir schneiden und Euch dann In alle meine Kostbarkeiten theilen, Ihr wuͤrdet froher noch und lauter bruͤllen? Ja, hol mich, Herr, da sprecht ihr reine Wahrheit. Ei, Satan! woher habt ihr diesen schoͤnen Und ausgeschaͤlt ausbuͤndigen Gedanken? Wofuͤr sieht uns Herr Ampedo denn an? Fuͤr Meuchelmoͤrder? Wie darf er uns denn Die Reden bieten? — Warum raͤsonniren Auf unsern Andalosia? Der mehr Als Caͤsar ist und Alexander magnus? Was schimpft er denn auf unsern Ampedo? Was gehts ihn an, daß der ein Gimpel ist? Herr, ins drei Teufels Namen, er muß wissen — Ich gehe schon, mein guter edler Freund. (geht ab.) Zweite Abtheilung . Das saͤuft sich um Verstand und Aug' und Ohr. (Trompeter.) Sie kommen! ha! sie kommen! laßt uns gehn! Bis vor das Thor zum mindesten entgegen! Das klingt ins Herz! Und horch! die Glocken laͤuten! Nun, Bruͤder, Freunde, haltet Euch gerade. Respekt nun vor der hohen Herrschaft! Hoͤrt, Um Gottes willen torkelt nicht! Huͤbsch ehrbar? Betragt Euch edel, menschlich, nicht wie Saͤue Sonst leidet die Reputation der Stadt. Entgegen! Hoch! Die Koͤn'gin lebe! Hoch! (Alle mit Jauchzen und Getuͤmmel ab.) Dritte Scene . ( Zimmer .) Daniel , allein. Nun hab' ich einmal das Regi- ment allein, die Diener sind fort, Herr Ampedo ist im Walde, ich will heute mein Geld abzaͤhlen. Was will denn zu mir? Herein, nur herein; das kann die Thuͤr nicht finden, es muß fremd seyn. Dietrich koͤmmt. Dietrich! Sehn Dich meine Au- Fortunat . gen einmal wieder? Herzenskind, es ist ja eine Ewigkeit, daß ich nichts von Dir gehoͤrt habe. O lieber, lieber alter Vater — Verschnaufe Dich, Junge, sammle Dich: — sieh, das kann ordentlich weinen, das hab' ich nie moͤglich machen koͤnnen. Dietrich, die Thraͤnen sollen Dir baares Geld eintragen, denn so geruͤhrt, wie jezt, bin ich in meinem Leben nicht gewesen. Ach, lieber Vater, man bleibt doch am Ende ein Mensch, wenn man auch ganz unmenschliche Schicksale erlebt hat. Setz Dich. Da, trink. Hast Du viel erlebt? Mit wem kommst Du? Mit einem Grafen Theodor; der bringt die Koͤniginn her. Bleib jezt hier im Hause, es ist fuͤr alle Faͤlle besser. — Nun erzaͤhle. Von meinem Herrn Andalosia ging ich weg, als er alles durchgebracht hatte. Das weiß ich von ihm selbst. Ich kam zu dem Grafen Theo- dor, der mir schon lange gut war. Aber es war nicht so, wie ich gehofft hatte, der Herr war gei- zig, sah selbst nach allem, und mein Bischen, was ich mir erspart hatte, mußte ich ihm auch geben, es mir aufzuheben, wie er sagte. Ich solls noch wieder kriegen. Dummkopf! Wars viel? Doch an zweitausend Goldstuͤcke, die nach unserm Gelde mehr als viertausend Du- katen machen. Zweite Abtheilung . Teufel! Und der saubre Graf ist jezt hier? Als Gesandter; jezt koͤnnt' er bezahlen, denn sein Vater ist gestorben, und er hat eine reiche Frau geheirathet. Wart, hinter den will ich mich machen, ich verstehs; mit Winseln und Grobheit; mich einem seiner Freunde entdecken und laut heu- len, ihn in Gesellschaften mahnen und so weiter. Es soll schon gehn. Nun? Ach, nun muß ich weinen, — seht, ich verliebte mich, und meine Geliebte war meine Braut, konnte mich aber nicht ausstehen, also, natuͤrlich wie wir uns auch einmal stritten, faßt sie mich beim Kopfe und zwei starke lange Hoͤrner schießen mir aus der Stirne vor. Was? Wie ihr mir geweissagt hattet, daß es so in unsrer Familie laͤge, nur daß sie bei mir doch wirklich hervorkamen. Narr, vor der Hochzeit? Natuͤrlich, sie wollte mich ja nicht haben. Wie ich nun boͤse wurde, und in die Thuͤr gerieth, mußte mich ihr Liebhaber lossaͤgen, ich schlief ein und wurde geknebelt, bei Nacht und Nebel fortgeschafft, — ach! ach! — und nun zeig- ten sie mich fuͤr Geld in Flecken und Doͤrfern, und endlich auch in London selbst. Wer denn? Denkt nur, wie fuͤrchterlich; mei- ne Braut und ihr Liebster. Ich passirte nemlich fuͤr eine Waldgottheit von der griechischen Kirche, Fortunat . Zum Gluͤck kam ein Mensch mit einer langen Nase, der gab mir Pillen ein, und die Hoͤrner fielen ab. Dietrich! Dietrich! Daß du drau- ßen in der Welt ein Windbeutel geworden bist, da- gegen haͤtt' ich nicht so viel, aber daß Du Dei- nem eigenen Vater den Hals so voll luͤgst, und gleich in der ersten Ruͤhrung, das ist suͤndlich. Fragt doch den Grafen Theodor, wenn ihr mir nicht glauben wollt, der hat mich so gesehn und viele Millionen Menschen, — und da, hier sind ja die nemlichen Hoͤrner noch, die ich zum ewigen Angedenken fuͤr Kind und Kindeskind aufheben will. Zeig. Das waͤren also zwei Stuͤcke von meinem leiblichen Sohn, Bein von seinem Bein gewesen? Nach meiner Cur wollte mich Graf Theodor nicht wieder in Dienste nehmen, weil er sich meiner schaͤmte, er hatte aber selbst Hoͤrner, trotz dem Besten, bis ich ihn davon kurirte: nun hatt' ich keinen Groschen, denn noch andre tausend Goldstuͤcke, die ich versteckt hielt, waren mir von meiner Braut gestohlen; nun nahm mich der rothe Doktor zu sich, ich mußte aber Hanswurst werden. Sohn, was erleb ich an Dir? Vater, das war ein Dienst, daß ich gern wieder Waldteufel geworden waͤre. Fasten und Schlaͤge, und wieder Schlaͤge und Fasten, da- bei Narrenpossen machen und springen und Ge- sichter schneiden, und witzig seyn; und daß ich mei- nen Herrn kurirte und mit Koͤnigen umging, machte die Sache um nichts besser. Mit einem male war Zweite Abtheilung . der Rothnasige weg, als wenn er gen Himmel ge- fahren waͤre; nun war ich kein Hanswurst mehr, sondern ein Bettler. Endlich erbarmte sich Herr Theodor, und hat mich fuͤr die Kost und ohne Lohn mit auf die Reise genommen, und nun bin ich hier. Deine Erzaͤhlung ist zwar etwas konfuse, aber ich sehe doch, daß sich die Welt seit meiner Jugend sehr muß veraͤndert haben, denn so was war damals nicht moͤglich. — Nein, Sohn, dagegen hab' ich einen andern Lebenswandel ge- fuͤhrt. Was wirst Du sagen? Ich habe in mei- nen alten Tagen noch wieder geheirathet; aber auch welche Frau! Eine Fremde, die mir ein fuͤnf tausend Dukaten zugebracht hat; doch ist das nur das Wenigste. Sohn, ich dachte, ich koͤnnte zusammen raffen, ersparen, erkneifen, mit Rechnun- gen umgehn, den Herrschaften was vormachen, — aber ein unschuldiges dummes Kind war ich, und habe von neuem in die Lehre gehn muͤssen. — Frau! Komm doch heraus, mein lieber, mein ein- ziger Sohn ist angekommen. Bertha tritt herein, sie und Dietrich fahren vor einander zuruͤck. Welches Schicksal! Es ist die Moͤglichkeit! Nun? Was soll das? Sohn, um- arme die Stiefmutter; Frau, sey zaͤrtlich wie ge- gen einen Sohn. Papa — Vater — Alter, — das ist ja dieselbe, meine vorige Geliebte, — die mich fuͤr Geld hat sehn lassen, — davon hat sie ja das Fortunat . viele Geld; es ist Blutgeld, Papa, aus meiner Seele heraus gepreßt. Also ist die ganze Geschichte doch so wahr? Verzeihung, lieber Alter, ich wurde dazu von meinem vorigen Manne verfuͤhrt; ver- gieb mir, lieber Sohn; der boͤse Mensch ist dafuͤr auch auf der See gestorben. Vertragt Euch, umarmt Euch, al- les vergeben und vergessen, im Grunde ist doch auch nichts Boͤses dabei; was ich habe, Dietrich, erbst du ja doch einmal alles. Sorgt nur, daß die dumme Geschichte nicht unter die Leute kommt, damit sie uns nicht auslachen. Ja, mein guter Dietrich, ich will immer eine liebevolle Mutter gegen Dich seyn. Und ich ein folgsamer Sohn. Seht, es ist im Grunde so besser, Frau Mutter, denn nun bin ich sicher vor Euch, da ihr einmal Inklinationen habt, die dem Manne Schaden brin- gen. Vater, ihr seyd, glaub ich, zu alt, bei Euch waͤchst wohl nichts mehr? Deine Mutter ist jezt die Tugend selbst, und ich kann sicher seyn. Du wirst mich kennen und ehren lernen. Benjamin kommt herein. O Herr Daniel, was habt Ihr versaͤumt! Das war ein Aufzug! Und nun das Stechen und Turniren, und die Preise, und die Ritter, und das Jubeln des Volks — Zweite Abtheilung . Nun, nun, — da ist mein Sohn von seinen Reisen wieder gekommen. — Gehorsamer Diener. — Und, Frau, die Damen haͤttet Ihr sehn sollen, und wie Herr Andalosia um alle her ist; und dann ist da ein Englischer Graf, er stottert, der hat den hoͤch- sten Preis gewonnen, aber sie sagten alle, es waͤre nur eine Artigkeit des Koͤnigs gegen die Koͤniginn und die Englaͤnder, Herr Andalosia haͤtte den Preis erhalten sollen, der verdiente ihn, und das Volk brachte ihm ein Vivat, und der andre Herr fing an Reden herauszuwuͤrgen, und da lachten alle. O das haͤttet Ihr sehn sollen, und die Pracht, und die Pferde — Fang nur nicht wieder von vorn an. Wir muͤssen nun Dietrichs wegen eine andre Wirthschaft machen. Frau, richte alles mit Ben- jamin ein, ich komme gleich mit Dietrich nach, ich will erst nur mit ihm in Geschaͤften zum Herrn Theodor gehn. Komm, Benjamin, hurtig. Adieu indessen, Dietrich. (Geht mit Benjamin ab.) Vater, nehmt Euch vor Benja- min in Acht, wegen der Familien-Krankheit. Mein Benjamin sollte so an mir handeln? Meine liebe Frau? Nein, Sohn, mach Dir keine unnuͤtze Grillen. (gehn ab.) Vier- Fortunat . Vierte Scene . ( Garten .) Der Koͤnig, Agrippina, Andalosia . Wie freu' ich mich, daß ihr dem Sinn gebietet, Und nicht allein dem Blut und Zorn vergoͤnnt Das Wort zu fuͤhren: edel nenn' ich den, Der auch im Recht den Eifer zuͤgeln kann, Noch 'edler den, der um der Freunde Willen Sich seines Rechtes selbst entaͤußern mag, Er hat den Gegner und auch sich besiegt. Mein edler Herr, Ihr rechnet viel zu hoch Den leichten Sinn, der gern dem Mann verzeiht, Der immer nur der Leidenschaft gehorcht, Glaubt mir, er weiß nur selten, was er spricht, Er findet nie das Wort, das er bedarf, So muß er nehmen, was sich im Gedraͤnge Zuerst der ungelenken Zunge bietet: Auch hat er kein so rohes Wort gesprochen, Das nicht der Edelmann vergessen duͤrfte. Das Volk war Zeuge, Andalosia, Daß Ihr den ersten Preis und Dank verdientet, Man zweifelt nicht, wer von der edlen Jugend Der beste Ritter sey in jeder Uebung, Daß dies durch lauten allgemeinen Zuruf, Daß Euch der Vorzug von den Damm all, Ja selbst von seiner Gattin Dorothea Einstimmig ward erkannt, das war es, was III. [ 30 ] Zweite Abtheilung . Sein ungebaͤndigt Herz nicht tragen konnte, Denn eitel ist er, wie die Haͤßlichen; Je mehr er diese Schwaͤche hehlen will, So mehr draͤngt sie sich jedem Auge vor. Holdselge Fuͤrstinn, wie mein Alter waͤchst, (Wenn meiner Jugend Ihr dies Wort vergoͤnnt) Erscheinen mir der Ritterspiele Kunst, Der Rosse Tummeln, Ring- und Lanzenstechen, Die Uebungen, die sonst wohl alle Stunden, Und ganz den jungen Sinn gefangen nahmen Geringer; giebt es Augenblicke doch, Wo ich mich still verwundre, wie mein Leben Sich widmen konnte diesem leichten Tand; Die truͤbe Stimmung zwar verschwindet mir Schnell, wie sie kam, im froͤhlichen Getuͤmmel, Doch kehrt sie wieder, weilet gastlich laͤnger; Und bald hat wohl des Ernstes dunkle Wolke Mein Innres, still anwachsend, uͤberschattet. Drum goͤnn ich ihm den Ruhm: geschah es nicht, Euch, theure Fuͤrstinn, wie die Sitte heischt, Mit Lanzenkampf und Spielen zu begruͤßen, Trat ich ihm nie als Nebenbuhl entgegen. Ich suche nochmals Euren Gegner auf, Und fuͤhr ihn her, daß er sich Euch versoͤhne. Kein Groll soll dieser schoͤnen Tage Glanz Und dieser Feste Heiterkeit mir truͤben, Will nicht der rohe eigensinnige Mann Vernehmen was Vernunft und Sitte sprechen, So soll er fuͤhlen, daß ich Koͤnig bin, Und Ihr mein Freund, der naͤchste meinem Herzen. (geht ab.) Fortunat . Ihr schlaͤgt die Augen nieder, edler Ritter, Oft trifft mein Blick in Euren Blick des Mißtrauns, Ihr meidet meine Gegenwart, warum? Muß ich vor Euch nicht mit Beschaͤmung stehn, Mir stets bewußt, wie tief ich euch verletzt? So wie ein Morgentraum fiel von der Seele Die irre Blendung, und ich fuͤhle klar, Wie tief ich mich und Euren Werth verkannt; Nun peinigt mich die Sorge, Euer Herz Verachte mich, da mich die stille Ahndung Oft uͤberschleicht, ich muͤßte mich verachten; Dann ruft mein Genius: Wie? dieses Bild, Vermochtest Du mit Rache zu verfolgen? Ihr habt verziehn, ich kann mir nicht verzeihn. Ich hoͤr' Euch mit Betruͤbniß und mit Freude, Ich sehe nun, daß Ihr mich achten koͤnnt. Ist Blendwerk nicht und Rausch der Jugend Zeit? Wir schmeicheln uns mit Trefflichkeit, und irren, Wir zuͤrnen uns, und irren wiederum: Sind wir wahrhaft erwacht, so sey vergessen Der wilde Fiebertraum der kranken Nacht. Drum kraͤnke mich der Argwohn nicht, ich koͤnne In Rache, die nur kleinen Seelen ziemt, Euch selbst und Eures Reichthums Heimlichkeit Verrathen Euren Feinden. Das ists nicht, Was stets mein Herz mit Sorg und Gram erfuͤllt; Daß ich vergessen konnte, was Ihr seyd Daß ich so mein Gefuͤhl vernichten konnte. Zweite Abtheilung . So knuͤpfe denn Vertraun erneut und staͤrker Nur unsre Freundschaft fest und immer fester, Entweicht in dunkeln Stunden Muth und Glaube, So rettet Euch mit Zuversicht zu mir. Welch eine Aussicht schließt Dein schoͤner Mund Auf Freundschaft, Gluͤck, Vertraun holdselig auf! Der Koͤnig kommt mit Theodor und Dorothea . Hier, theurer Freund, naht Euch Graf Theodor, Er fuͤhlt, daß nur ein Mißverstand Euch trennte: Graf Andalosia kennt Euren Werth; Umarmt Euch herzlich und im Freundesdruck Versiegelt diesen Bund, der mich begluͤckt, Und werft den Zwist tief in den Schooß des Meers. Wenn meine Jugend unbedacht geirrt, So seht Ihr nach als Freund, ich habe nie Euch, edler Herr, und Euren Werth verkannt. Das sag' ich auch, kontraͤr, ihr seyd mir lieb; Was thuts so groß, daß ihr mal Flausen macht? Es ist die Art des Suͤdlands, spaßhaft seyn: Ich hab' Euch ja in London schon gekannt; Kurios, wenn mans nicht endlich lernen sollte Freundlich zu seyn mit Leuten, die fatal: Doch geht das Euch nichts an, mein liebster Graf, Ich dachte jezt an Menschen dort in London, Man schlaͤgt den Sack und meint doch nur den Esel. Fortunat . Sehr wahr, mein Lieber, folgt uns Andalosia, Ihr muͤßt die Bilder sehn, dort aufgestellt. (Ab mit Agrippina und Andalosia .) Tief, tief beschaͤmt bin ich in Eurer Seele: Ist das die Art, dem Edlen zu erwiedern? Der sich verlaͤugnet, selbst sich Unrecht giebt, Da ihr ihn grob und roh beleidigtet? Verachten muß er Euch, die Frau beklagen, Die solchem Ungethuͤm verbunden ist. Papa ist todt, nun hofmeistert wer anders. Frau, wißt, ich bin nun alt und groß genug, Mir selber mein Gewissen auszukaͤmmen Wenns Noth thut. Ja, der junge Naseweis, Nicht wahr, der stuͤnd' Euch besser an zum Mann? Ja, gluͤcklich waͤr, ich sag' es unverholen, Das Maͤdchen, der er sich ergeben wollte, Die Zier, die Schoͤnheit, Anmuth und Gewandtheit, Der seine Sinn und leichte Scherz und Witz — Potz Schwatzen! Wie 'ne aufgezogne Schleuse Laͤuft nun und sprudelt das Lobpreisen her — Seyds wohl schon wieder satt, mit glatter Stirn Mich laufen sehn? Ihr denkt wohl schon daran Mich neu zu equipiren, daß ich kann Im Saal die Lichter ohne Stock anzuͤnden, Kronleuchter niederreißen? Sind wir nun, Wie Ihr verlangtet, nicht recht weit gereist? Wir geben Geld aus, mehr als ich nur habe, Ich thu, was ich nur denke, daß es paßt, Zweite Abtheilung . Und immer kann ich nicht das Rechte treffen. Nicht wahr? 'nen Stein am Hals und so ins Meer, Daß mich die Fisch und Seegethiere fraͤßen, Dann waͤr' ich angenehm und komplaͤsant? Auf solche Poͤbelreden kann ich nur Durch Schweigen und Entfernung Euch erwiedern. (geht ab.) Hm! Poͤbel? Ja, das ist solch liebes Wort, Ein Abgrund alles dort hineinzuwerfen, Was unsern Hochmuth wohl inkommodirt. Wills mir auch angewoͤhnen: gut fuͤr Poͤbel! Der Poͤbel denkt so! Sprecht Ihr mit dem Poͤbel? Dergleichen fehlt mir noch im Hausbedarf. — Doch darin hat sie Recht, es mangelt Geld, Die Reis' hieher war auch nur Zufallssache, Italien hat sie druͤber nicht gesehn, Wie ich ihr doch versprochen. Ja, verdammt, Sie braucht zu viel, das Geld ist ziemlich rar, Im Grunde bin ich auch ein geizger Hund. — Ich spraͤche gern den Andalosia an — Doch dessen: „kamt Ihr gestern“ — „naͤchstens wohl“ — Et cetera ist mir in'n Tod verhaßt: Man bringt' nen frischen graden Wunsch ins Haus, Und muß als Leichnam ihn zuruͤcke schleppen. — Auch hab' ich mich jezt mit dem Narrn gezankt, Und also — jezt erleb ichs an mir selbst, Daß Stimmungen im besten Menschen sind, In denen unsre Englischen Highwaymen Uns ganz natuͤrlich duͤnken. Geld muß seyn, Sonst sieht sie mich nie wieder freundlich an, Fortunat . Verliebt bin ich, und fehlt es ihr zu sehr, Kriegt der da einen Stein bei mir im Brett. Limosin koͤmmt. So spekulirend, lieber Einsiedler? Man muß wohl spekuliren. Seyd Ihr nie Tiefsinnig, wenn das Geld Euch ausgegangen? Nein, Bester, denn seit vierzig runden Jahren Bin ich in dem Systeme eingewohnt, Da stuzt man nicht mehr, findet es alltaͤglich. Das lern ich nimmermehr. — Sagt mal, mein Freund, Wuͤrd' mir vielleicht der Andalosia helfen? Der thut es nicht, bin ich sein Oheim doch, Und nie hab' ich nur einen kleinen Thaler Loseisen koͤnnen vom erfrornen Filz, Wo es nicht Prahlen gilt, da giebt er nicht. Ein schaͤndlicher, verdammlicher Charakter. Dazu habt Ihr Euch kuͤrzlich erst entzweit, Da koͤnnt Ihr Ehren halb ihn nicht ansprechen. Wohl habt Ihr recht, das will sich nicht recht passen. Ihr seyd von ihm beleidigt und gekraͤnkt, Ihr, Graf, der beßre Mann, der junge Fant Zweite Abtheilung . Schluͤg's Euch mit Hochmuth ab, und macht' Euch doch Nachher zum Maͤhrchen unsers ganzen Hofs. So braͤch' ich ihm den Hals. Ihr kennt ihn nicht, Er ist sehr stark, im Land der beste Fechter, Und tolldreist schon von Kindesbeinen auf. Das ist ja wahre Hoͤllenbrut. Ihr wißt Zugleich, wie sehr ihn unser Koͤnig liebt; Habt Ihr den Blick vergessen, den beim Streit Er auf uns beide warf? Wie ein Skorpion. So bin ich denn und bleib' auch auf dem Trocknen. Ich habe diesen Neffen stets gehaßt. Mein Abscheu ist er. Gern traͤnkt' ich ihm ein Was er an mir verschuldet, seinen Hohn, Den Uebermuth, mit dem er mich beschimpft, Sein Prahlen, sein Herabsehn, seinen Geiz; Nun stellt er obenein nach meiner Frau, Sie laͤchelt ihn schon an, sie winken sich, — Hoͤll! Element! Wie kommt man ihm nur bei? Ist es erlaubt, so bestialisch reich, So ungeheuer — ei, wie sag' ich doch? Es fehlt ja nichts, als daß er rings umher Die ganze Atmosphaͤr' in Gold verwandelt — Und ich — und ihr — todtschlagen waͤr' das Beste. Fortunat . Nein, maͤßigt Euch, mit Hitz' und mit Gewalt Ist hier nichts auszurichten. List! Verstellung! Wir legen ihm wohl einen Hinterhalt, Doch muͤßt Ihr klug seyn, daß Verdacht uns nicht Und die Entdeckung trifft. Klug wie der Teufel. Ich wuͤßte wohl, wie wir ihn fangen koͤnnten. O sagt! O sprecht! Mir waͤssert schon der Mund. Er hat ein Liebchen wohnen dort im Park, Drei Stunden von der Stadt, und reitet oft Des Abends hin mit wenigem Gefolge, Im Hohlweg kann man ihn bequem erlauern; Die fremden Diener die Ihr mit gebracht Erkennt hier Niemand, man verlarvt sie noch, Was ihn begleitet schlaͤgt man tod, ihn selbst Schleppt man gebunden fort in dunkler Nacht. Allein wohin? Fern an der Meereskuͤste, In Wald und Fels versteckt, liegt mir ein Schloß, Veraltet und Ruine, wen'ge Zimmer Sind nur noch wohnlich, doch ein großer Thurm Steht fest und kann zum Kerker dienlich seyn. Dahin verirrt sich Niemand, wen'ge wissen Um dies Gebaͤu, ich selbst besuch' es selten; Ein alter Eisenfresser sitzt mir dort, Der meinethalb wohl Rad und Galgen wagt. Zweite Abtheilung . Laßt Euch umarmen, das nenn' ich Verstand! Wir bleiben dann hier in des Koͤnigs Naͤhe, Daß man uns nicht vermißt. Er muß bekennen, Woher der unermeßne Schatz ihm kommt. Dann theilen wir als Bruͤder und als Freunde. Das sagte mir mein Herz, als ich zuerst Am Hof' Euch sah, wir muͤßten Freunde werden. Kommt nun zum Koͤnig, zu den laͤpp'schen Festen. (gehn ab.) Fuͤnfte Scene . ( Zimmer .) Bertha, Benjamin . Mußt Du denn fort? Herr Andalosia will es, ich muß mit den Pferden vor der Stadt halten. Aber in spaͤter Nacht? Er geht seinem Vergnuͤgen nach und kuͤmmert sich nicht weiter um den armen Diener. Neulich sagte er mir, diese Ge- schichte wuͤrde bald ein Ende haben; ich glaube, er saͤhe es gern, wenn ein Mensch das gute Thier- chen heirathete, es wuͤrde ihm gewiß auf eine gute Aussteuer nicht ankommen. Dem Herrn Benjamin sticht der Schatz und die Mitgift wohl in die Augen? Geh, elender Mensch! Fortunat . Wie Du nun bist! Ich denke ja nicht daran. Ich wuͤrde Dir, Ehrloser, auch die Augen auskratzen. Daniel koͤmmt. Mach, mach daß Du fort kommst, Benjaminchen! Andalosia ist ein ungeduldiger Herr, es ist schon ganz finster, und wir kriegen eine regnigte stuͤrmische Nacht. Mein Sohn Diet- rich hat den Schnupfen, Herr Ampedo ist auch nicht wohl, der will ihn bei sich behalten. Bestelle das, mein Soͤhnchen. ( Benjamin ab) Es ist doch grausam, die Leute so in der finstern Nacht herum zu jagen. Daran denken die Vornehmen nicht, reitet ja der Herr doch selber auch mit. Der faͤngt nun auch an, solider zu werden, das will mir gar nicht gefallen, er spricht schon davon, sich einzuschraͤnken. — Auch etliche Bediente will er abdanken; nur will ich bitten, nicht meinen Benjamin, denn der ist der treuste, nuͤtzlichste, beste im ganzen Hause, und unermuͤdet; nicht wahr, liebe Frau? Der Mensch ist gut genug. Aber was sagst Du zum Ampedo? Spricht der nicht manchmal so vernuͤnftig, daß man erstaunen muß? Das ist bedenklich. Solche Leute leben nicht lange mehr, wenn sie erst ver- staͤndig werden. — Hu! was das fuͤr ein Wetter da draußen wird! Wer heut im Zimmer sitzen kann, der ist geborgen. Zweite Abtheilung . Der arme Benjamin. Nun. die Hexen, die in der Luft herum reiten, werden ihn nicht gleich davon fuͤhren. Ich bin verdruͤßlich, ich will mich schlafen legen. Werde nicht krank, mein Maͤus- chen, mein Kindchen, betruͤbe Deinen armen Da- niel nicht so: komm lege Dich nieder, ich will Dir die Nachtsuppe bringen, etwas Wein, ruhe aus, mein Herz. (gehn ab.) Sechste Scene . ( Pallast ) Agrippina, Limosin, Theodor, Gefolge . Hat Niemand Andalosia gesehn? Seitdem er neulich unsern Hof verließ Wird er vermißt: nach Hause kam er nicht; Ist er verreist? Ein Ungluͤck ihm begegnet? Ich hab' ihn nicht gesehn, denn seit dem Fest Verließ ich nicht den Pallast und den Hof. Wir bleiben hier in unsrer Fuͤrstin Naͤhe. Doch muß die Koͤniginn sich drum nicht aͤngsten, Es ist der Bruͤder sonderbare Art Oft ploͤtzlich zu verschwinden, Niemand weiß Wo sie geblieben, doch so unvermuthet Sind sie in ihrem Pallast wieder da. Fortunat . Der Koͤnig koͤmmt herein. Bei Gott! kenn' ich den Urheber des Frevels, Soll meine schaͤrfste Ahndung ihn ereilen! So eben hoͤr' ich, daß des Freundes Diener Im Wald erschlagen ist gefunden worden, Von Andalosia selbst erfaͤhrt man nichts. Ists moͤglich? Armer, ungluͤckselger Neffe! Nach allen Seiten sandt' ich schon die Bothen, Er ist auf keinem seiner vielen Guͤter, Es weiß kein Freund von ihm, wie ich auch fragte: Soll er verloren seyn, wer troͤstet mich? Graf Limosin, Euch ist er nah verwandt, Vereinigt Euer Forschen mit dem meinen; Wer Nachricht von ihm bringt, wer ihn entdeckt, Zuruͤck ihn fuͤhrt, sey koͤniglich belohnt. Mein Koͤnig, schon das Blut ruft es mir zu Auch ohne Euer Mahnen, unermuͤdet Die Spur des theuren Neffen zu verfolgen. (geht ab.) Soll mir so bald der neu erworbne Freund, So grausam aus dem Arm gerissen werden? Erlaubt, daß ich zugleich die Spaͤher sende, Und selbst umher in Wald und Felsen forsche. (geht ab.) So traurig soll das schoͤnste Fest beschließen? Noch hoff' ich, denn ich wuͤßte keinen Feind Zweite Abtheilung . Der ihn verfolgte, der es wagen duͤrfte. Vielleicht kehrt er zuruͤck. — Doch wer erschlug Den Diener ihm? — Laß uns zum Garten gehn, Auch will ich aus noch neue Bothen senden. (sie gehn ab.) Siebente Scene . ( Gefaͤngniß ) allein. Wo bin ich? Wie bin ich hieher gekommen? Ich seh' mich zwischen diesen feuchten Waͤnden Und finde mich und das Verstaͤndniß nicht. Wer ists, der mich verfolgt? Und, wenn ein Feind, Warum nicht Tod, wie meinem Diener, dort? Ein Irrthum? Oder Plan? Wozu? Ich finde Aus diesem Labyrinth den Ausgang nicht. — Es wirft das Schicksal, glaub' ich, mich hieher, Das Daseyn kaͤrglich nur mit Nahrung fristend, Der Stunden Wechsel nur an der Gedanken Fortgang ermessend, um den Blick ins Innre Des tief verdorbnen Herzens mir zu richten, Daß ich hier lerne, was das Leben sey. Wie hab' ich meine Zeit, wie meinen Geist, Wie allen Reichthum, den das Gluͤck mir goͤnnte, In suͤndenvoller Eitelkeit vergeudet! Wem hat mein Daseyn fruchtend wohlgethan? War mein Erglaͤnzen mehr als kalte Pracht Des heitern Wintertages, der in Zacken Gefrornen Eises blitzt in Baum und Strauch, Liebaͤugelnd mit der starren todten Erde, Fortunat . Indeß ohnmaͤcht'ger Muͤcken nicht'ger Schwarm Im kalten Strahl ein kurzes Stuͤndchen spielt, Wie nachgetraͤumter Sommer? War der Landmann, Deß saurer Schweiß ihm seine Nahrung schuf, Nicht besser, reicher, gluͤcklicher als ich? Dem Sohn vererbt er nur die kleine Summe, Fleiß und Gerechtigkeit: auf den Besitz Der eng gezog'nen Graͤnzen laͤßt der Himmel Mit allen Seegenskraͤften sich hernieder, Und bluͤht Gesundheit aus der Enkel Gluͤck. Indessen ich, ein wesenlos Gespenst, Umzieh' wie nicht'ge schwache Fruͤhlingsfaͤden, Die jeder Windhauch wirft, und meine Gaben Wie ungreifbarer Schaum des Golds zerflattern. Und Du, Du wagtest es, mit wildem Sinn Der Liebsten Bild mit Strenge zu verfolgen, Verachtung ihr zu bieten, wie Apostel Ihr Buße, Demuth, Beß'rung predigend? Du duͤnktest Dich mit reichem Geist geschmuͤckt, Und spieltest lusterfuͤllt das Abentheuer. Und nun? — Gesteh es Dir, Du liebst sie noch: Gesteh' es Dir, sie haͤtte Dich geliebt, Waͤrst Du mit sehnsuchtsvollem, liebeschwangern Gemuͤth und Herz entgegen ihr getreten. Sie fuͤhlte Deine nicht'ge Eitelkeit — Da setzte sie der Larve Larv' entgegen — Zwei Todte spielten die Lebendigen; — Nun waͤr' ich gluͤcklich, haͤtt' ich Gluͤck verdient. Die Kraft der Liebe, wenn sie wuͤrdig uns Fuͤr ihren Dienst befunden, haͤtte wohl Die Hindernisse all hinweg gehoben. Doch nun — da stehst Du vor der nackten Mauer Des Lebens, die sich weit und weiter dehnt, Zweite Abtheilung . Der Blick auf Gaͤrten, auf die freie Landschaft Dir stets gehemmt, und Angst an Deiner Seite. Barnabas tritt ein mit Brod und Wasser. Da kommt mein stummer melankolscher Pfleger, Die karge ungewohnte Nahrung reichend. — Mein Freund, ermuth'ge Dich und laß mich los, Du kennst mich nicht, doch sicher meinen Namen, Man nennt mich nur den reichen Andalosia, Begehre, was Du willst, fuͤr Deinen Dienst. — Du schuͤttelst? Glaube mir, ich bin im Stande, Den kuͤhnsten Traum im Lohn zu uͤbertreffen, Ein Landgut sey das Deine, liebst Du Gold, Ein Regen soll Dich strahlend uͤberschuͤtten. Ich kenn Euch nicht; ja, haͤttet Ihr es baar, Hier in der Hand, — doch leicht verspricht der Mensch, Seyd Ihr erst draußen, lacht Ihr nur des Thoren Der Euch geglaubt. Geh mit nach meinem Hause. Barnabas (schuͤttelt den Kopf, geht und verschließt die Thuͤr) Ich darf in seiner Gegenwart des Saͤckels Geheime Wunderkraͤfte nicht erproben, Und doch vielleicht — — welch Irrsaal haͤlt mich fest? Er kehrt zuruͤck, — ich wags auf Tod und Leben. Li- Fortunat . Limosin tritt herein. Mein Oheim! Ach, ein theures, Angesicht! Ihr habt mich aufgefunden? Welche Treue! Fuͤhrt mich hinweg! Wer brachte mich hieher? Wie freudig gruͤß' ich nun das Licht des Tages. Mein guter, guter Neffe, armes Kind, Was mußt Du in der Zeit gelitten haben, Denn Du bist solches Lebens nicht gewohnt. Laßt uns der dumpfen Kerkerluft entfliehn. Mein guter Sohn, das wird so schnell nicht gehn. Wer darf sein frevelnd Spiel noch mit mir treiben, Da Ihr mich fandet, es dem Koͤnig meldet, Wenn Euer Arm vielleicht nicht stark genug? Mit einem Wort, mein lieber guter Sohn, Du bist bei mir in diesem Thurm zu Gaste. Bei Euch? Ich traͤume doch, ich rase nicht? Nein, junger Mensch; doch faßt Euch in Geduld — Ihr, Oheim? Ist es moͤglich? Duͤrft Ihrs sagen? Mir in die Augen blicken? Nicht verschlingt Die Erd' Euch, und kein Blitz faͤllt her vom Him- mel? Was wollt Ihr denn, was denn mit mir beginnen? III. [ 31 ] Zweite Abtheilung . Mein guter Ungestuͤm, Du wirst sogleich Befreit, erfuͤllst Du, was ich von Dir fordre. So nennt es denn! So harsch nicht, lieber Juͤngling. Gieb mir, woher Du Dein Vermoͤgen schoͤpfest. Nun kenn' ich Euch. Und wenn ichs Euch ver- weigre? Bleibst Du in diesem Thurm, bis Gott Dich ruft? Gemeiner Schurke! wagst Du Gott zu nennen, Bei diesem Bubenstuͤck? Tobt Euch nur aus. Und wenn ich Euch erfasse, Euch erwuͤrge — Draus stehn zwoͤlf Knechte, wartend meines Winks, Sie reißen Dich in Stuͤcke. O der Arglist! Verzeiht denn Oheim meinen raschen Sinn, Ich seh', ich muß mich fuͤgen, also wißt: Mein Vater hat in seinem großen Hause Im untersten der Keller einen Bronn, Der ist voll Gold, den hat er mir gelassen, Man schoͤpfe nun so viel, so oft man will, Er bleibt gefuͤllt. Dies Wunder sey das Eure Fortunat . Halb oder ganz, wie Ihr es wollt, drum kommt Mit mir zur Stadt — Mein Freund, Du moͤchtest wohl Mit diesem plumpen Maͤhrchen Bauern taͤuschen, Doch mich nicht, Deinen Oheim. Ich kenn' das Haus, Von oben, unten, alle Gaͤng' und Winkel. Kind, sey gescheid, thu Dir nicht selbst zu nah. Ihr glaubt nicht, und ich spreche nun kein Wort. Du sagst mir nicht, wie es beschaffen? Nein! (oͤfnet eine Thuͤr nach innen.) Mein guter Sohn, besinne dich, ich bitte, Dort stehn die Knechte, sieh, und auch daneben Die Folterbank. Du hast doch selbst wohl neulich Gesehn, wie man den Raͤuber inquirirte, Daß seiner Glieder Bande fast zerrissen, Bis er gestand? Was war damit gewonnen? Bekenne Du mein Freund mit ganzen Gliedern. Ich schaudre, bin gefangen, seh' es wohl. Doch wenn ich mich entdeckt, so bin ich frei? Natuͤrlich. Nun so scheid ich denn von Dir Du reiche Gabe, die das Gluͤck mir goͤnnte. Es muß seyn, — also seys — es war ein Traum; Bleibt mir doch Lebenskraft, Gesundheitsfuͤlle. — Zweite Abtheilung . Geht, Oheim, dieser unscheinbare Saͤckel Enthaͤlt, was nur die Habsucht wuͤnschen mag. Reich' her; weshalb ist er so wunderbar? Faßt nur hinein, die Hand fuͤllt sich mit Gold, Und Ihr ermuͤdet, doch die Tasche nicht. Es ist — ja wahrlich, diesmal sprichst Du wahr. So lebt denn wohl. Wohin mein Sohn? Nach Hause. Mein guter, junger, unerfahrner Mensch, Du siehst wohl ein, daß das mit Sicherheit Und mit Vernunft unmoͤglich kann bestehn. Herbei, Ihr Knechte! (Die Knechte treten mit Ketten herein.) Drinnen schließt ihn fest, Daß er kein Glied bewegen kann und regen, Der Klotz ist da und auch die Bank von Stein! Die Nahrung, lieber Freund, wirst Du erhalten. Nein, Boͤsewicht, Verruchter nimmermehr — Fuͤhrt ihn hinweg, ich bin des Redens muͤde. (er geht, die Knechte schleppen Andalosia mit Gewalt nach dem innern Gemach.) Fortunat . Achte Scene . ( Zimmer .) Daniel, Dietrich . Weint nicht, weint nicht so sehr, lieber Vater. Wir sind alle sterblich. Aber daß sie so in der Bluͤthe ihrer Jahre davon muste! Ja, Vater; wißt Ihr nicht? wie die Blumen des Feldes, heute Bluͤthe, morgen Heu; ich sage Euch, es that's der Gram um den Benjamin. Das ist wahr, seit dem Tage war sie wie von sich, nannte mich auch fast immer Benjamin. Drum ist sie vielleicht zur rechten Zeit gestorben. Seht, Vater, wenn Ihr auf Eure alten Tage in das Ungluͤck gerathen waͤrt. Hast gewissermaßen Recht. Ach, lieber Gott, wenn ich noch in die Jalusie haͤtte verfallen muͤssen, ich haͤtt' es ja nicht uͤberlebt. — Da, Dietrich, hab' ich endlich von Theodor Dein Geld bekommen. Seht, das ist doch auch ein klei- ner Trost. Still, da kommt unser kranker Her Ampedo koͤmmt. Und keine Nachricht, keine Spur und Ahndun Der Koͤnig weinte, so sehr liebt' er ihn — Macht Feuer im Kamin, es ist heut kalt. — Zweite Abtheilung . Ihr Gnaden, Gegentheil, recht Hundstagshitze. Mach' Feuer, sag' ich Dir, recht stark, mich friert. — Wie Ihr befehlt, — viel Gluͤck zur heißen Stube — Es brennt, — nun geht, ich will alleine seyn. (die Diener ab.) Ja, Bruder, wie ich immer ahndete, Des Saͤckels wegen ward Dir nachgestellt, Das hat Verderben Dir und Tod gebracht. Scheints doch, als waͤren tuͤcksche Hoͤllengeister In seinem engen Raum gebannt, den Eigner In Todesnoth, Verzweifelnsangst zu reißen. Das ist der Seegen boͤser Zauberei, Die nichtgen Guͤter, die vergaͤnglichen Goͤnnt sie uns taͤuschend, das Unsterbliche, Der theuren, theuren Seele hoͤchstes Kleinod, Das einzige wahre Gut, die Seele selbst, Sie wird verspielt den aberwitzgen Kuͤnsten. Weh mir! daß je mein Sinn sich so befleckt! Weh mir! daß ich dem falschen Wuͤrfelspiel Gefaͤllig mich gesellte. Ja, Du Hoͤlle, Ihr Schlangen und Ihr grausen Geisterlarven, Ich sag' mich von Euch los, ich will befreit seyn. — Hier diesen Zauberhut — nehmt ihn zuruͤck, Nur weicht aus meinem Blut und Eingeweide — Also zerstuͤck' ich und zerschneid ich ihn, So werf' ich in das Feuer die morschen Truͤmmer, So wend ich mich dem Himmel wieder zu. — Nun lach' ich aller Bosheit, — kommt denn an, Und sucht und forscht bei mir das Zauberstuͤck — Fortunat . Der Eigennutz, die Habsucht kommt zu spaͤt — Wie ist mir? Dreht sich Wand und Fenster um? Empfange, Himmel, nun die muͤde Seele. (er stuͤrzt vom Stuhl.) Daniel und Dietrich kommen schnell herein. Was macht Ihr denn? Gott! kalt und starr wie Stein. — Der Schlag hat ihn geruͤhrt — die heiße Stub. — Der Gram die Angst — hilf tragen, Sohn, faß' an, Wir legen ihn zu Bett. Er ist starr todt, Dem hilft nichts mehr als nur der Todtengraͤber. Wir thun das Unsre. — Dann hinweg von hier, Die besten Kostbarkeiten eingepackt, Auf unser Vorwerk eilig hingeschafft, Eh die Gerichte kommen und versiegeln. (sie tragen den Leichnam hinaus.) Neunte Scene . ( Gewoͤlbe .) Limosin, Theodor . Ich bin nicht Eurer Meinung, Theodor, Es ist gewagt, es wird vielleicht entdeckt — Zweite Abtheilung . Und wenn er lebt ist die Gefahr noch groͤßer, Ich kann nicht ruhig seyn, so lang' er athmet. Thut was Ihr wollt, doch will ich nicht drum wissen. Von heut ist Euer Monat um, der Beutel Verlaͤßt Euch auf vier Wochen, kommt zu mir. Doch wenn ich was bedarf — Nun, das versteht sich, Ihr habt mir ja auch freundlich mitgetheilt. Die meisten meiner Schulden sind bezahlt, Doch duͤrfen wir viel Geld nicht blicken lassen, Daß nicht der Koͤnig etwa Argwohn faßt. Nun, nach und nach gewoͤhnt man sich die Leute. He! Barnabas! Barnabas koͤmmt. Was macht Euer Gefangner? Daß Gott erbarm, es geht mit ihm zu Ende. Schwach ist er, ausgemergelt, und fuͤhrt Reden — Seht, so ein barscher Kerl ich bin, vielmals Hab' ich sein Elend schon beweinen muͤssen. Fortunat . Schließ' auf den innern Raum, der Graf mein Freund Will ihn besuchen. — Ich, verlaß Euch jetzt. (geht ab.) Barnabas schließt auf, man sieht Andalosia in Ketten, blaß und abgezehrt auf der Steinbank sitzen; sein Haar und Bart ist verwildert, die Kleidung zer- rissen. Ich will doch hoͤren, was er sagen mag. O Lichtstrahl! wirst Du nimmer mich besuchen? O Menschenantlitz, seh ich nie Dich mehr? Nicht mehr den feuchten Blick des Auges, Freund- schaft Und holde Lieb' in seinem Glanze schwimmend? Kann mich der Koͤnig, alle, so vergessen? O Bruder, warum kommst Du nicht zu mir, Und bringst das Wort der Freiheit und Erloͤsung? Wie leicht ists Dir, im Abgrund mich zu finden. Wie, bist Du todt? Ein Opfer auch der Bosheit? Da droben tobt und ras't mein wildes Gold, Kuppelt Verbrechen mit dem Laster, duͤngt Die fette Bosheit und Verworfenheit, Mordet der Jungfrau Tugend, hezt die Freunde Zu Gift und teuflischem Verrath: denn schnaubend Sucht es, der Kette los, nach Beute gierig, Traͤgt sie im Rachen hin in Hoͤll' und Tod; Gebaͤndigt nur, erzogen thut es wohl, Doch unbewahrt erwacht der alte Blutdurst. Indeß verlassen, mit dem Tode ringend, Mit Hunger kaͤmpfend und von Durst gepeinigt, Schlaflos, zermalmt, gequaͤlt von hundert Wunden, Zweite Abtheilung . Der vor'ge Eigner hier auf Steinen ruht, Sein scheuer Knecht ihm nicht ein Lager Stroh, Nicht einen Tropfen Weins den Gaum zu netzen, In felsenharter Grausamkeit vergoͤnnt. Zu graͤßlich raͤchst Du es, Du rother Sklav, Zu wild, daß ich Dich nicht bezaͤhmen konnte. — Und darf ich klagen? Sah ich wohl, geblendet, Die Noth der Millionen, meiner Bruͤder, Die ohne Schuld im haͤrtsten Elend buͤßen? Ein Gottesbote konnt' ich ihnen seyn, Mit einem Wink Durst, Hunger, Krankheit, Angst, Vom Lager scheuchen, daß Hoffen, Freude, Glauben, Auf Himmelsleitern ihnen niederstiegen. Ich sah nur mich, der Eitelkeit Gespenster, Sie flatterten mit irrem Fluͤgelschlage Um Haupt und Busen; lacht ich doch und scherzte — Ja, schon als beßre Kraft in mir gerungen, Sah ich nicht luͤstern noch zur Koͤniginn, Und spiegelte mich gern im Schmeichlertraum? Und als die kind'sche Dorothea mir Entgegen lachte und den stumpfen Mann Verhoͤhnte, winkt' ich ihr nicht schadenfroh, Mein schwaches Herz dem Schlamm gern unter- tauchend. vortretend. Wie gehts, mein Freund? Ach, bester Theodor, Kommt ihr zu der truͤbseligen Behausung? Mich zu erloͤsen? Helft mir aus den Mauern, Daß ich in Gottes freier Luft doch sterbe: Die Ketten haben Arm und Bein zerrieben, Die Wunden schmerzen, alle Kraft ist hin. Fortunat . Nicht wahr? Ihr koͤnntet nicht zu Rosse sitzen, Die Lanze fuͤhren, springen, voltigiren; Wenn Euch die Weiber jetzo sehen sollten, So zeigten sie die Zaͤhne nicht wie Affen, Bewunderten nicht Eure bunte Jacke, Am Hut die großen Federn? Ach, was ist Der Mensch im Elend, losgelassen ganz Vom Nichtigen, fuͤr ein erbaͤrmlich Wesen! Helft mir zur Freiheit, nachher scheltet mich. Ihr sollt ja koͤnnen Zauberkuͤnste treiben, Euch durch die Luft auf viele Meilen schwingen; Man munkelt ja, daß Ihrs gewesen seyd, Der uns die saubern Aepfel hat verkauft, Ihr waͤrt so fein und lustig als der Arzt — Nun helft Euch doch! macht Euch durch Euern Witz Von diesen Paar armselgen Ketten los. Ha! Barnabas! Mein gnaͤd'ger Herr. Machs Ende, Erdroßl' ihn hier, er faͤngt mich an zu dauern. Ich, mein Herr Graf? Nein, waͤr' ich auch ein Moͤrder, Wie ich es nicht bin, diesem Jammerbilde Koͤnnt' ich die Hand nicht zur Gewalt erheben. Ach, laßt ihn so hinscheiden und vergehn, Waͤr er auch frei, er wuͤrde nimmer besser. Zweite Abtheilung . Du Memme! wirf mir Deine Schaͤrpe her. Da habt ihr sie, und nehmt sie hin auf immer Sie soll an meinen Leib nie wieder kommen. (geht ab.) Das wollt ihr thun, Herr Theodor? Wie, Ihr? (legt ihm die Schaͤrpe um.) Hoͤr', sieh mich nicht so an, verdammter Hund, Ich werde rasend, drehst Du so die Augen! Fest — fester! — sieh, nun wirst Du nicht die Blicke Mehr bittend werfen, — ja, er hat geendigt — Nun ist mir wieder wohl: — sein Haupt verdeck ich Mit dieser Binde, — fordre nun den Beutel, Und weit damit hinweg in alle Welt! Weit! so vergeß' ich dieses hagre Scheusal, Bin frei, dann mag mich Graf und Koͤnig suchen, Ich lache ihrer! — Graf! Graf Limosin! Limosin kommt herein. Ihr habt es — ? Ja. Waͤrs ungeschehen. Schweigt! Den Beutel her, mein Freund, den Zauberbeutel! Hier ist er. Fortunat . (faßt hinein, sieht ihn an.) Wie? Was meint Ihr? Ihr Halunke! Ihr lump'ger Schuft! Zum Henkersknecht, zum Moͤrder, War ich Euch gut genug, nun, nach der That Habt Ihr die freche Stirn, mir diesen Quark, Dies Leder herzuwerfen? Meint Ihr denn Ich sey noch dummer, als der Bloͤdsinn selbst? Herr Theodor, ich habe kaltes Blut, Allein die Worte, — zeigt den Beutel her — Beim Himmel, bei dem Heiligsten beschwoͤr ich, So eben schoͤpft' ich noch das Gold heraus — Und nun — (zieht.) Kein Wort, Ihr Schurke! dieser Degen Soll Euch den Weg zur Hoͤlle ploͤtzlich zeigen, Nun gehts in einem hin! — Zwar bin ich alt, Doch ist mein Schwerdt so spitz und scharf wie Deins! Todt! Todt! Du mußt von meiner Hand hier fallen. (zieht.) So gelt' es denn, das wilde Spiel des Mords! (Sie fechten, draußen Getuͤmmel) (draußen.) Schlagt ein! brecht ein die Thuͤr! (Die Thuͤr wird aufgebrochen.) Zweite Abtheilung . (Es treten ein der Koͤnig, Agrippina, Gefolge.) Ha! was ist das? Wo ist mein Andalosia? Weh! zu spaͤt! Er ist ermordet. — Wer hat das gethan? (auf Theodor zeigend). Der Boͤsewicht. — O, ich bin hin! Ich wars, Doch nach der That hat mich der Schuft betrogen. — Ha! daß ein Lump, ein Katzenbuckelnder, So ein bleichsuͤchtger, hagrer, lungenkranker — Ich falle — sterbe — jener Saͤckel — falsch — Werft sie hinaus, die todten Boͤsewichter! — Die unten dort die Hoͤlle strafen wird! — Den edlen Juͤngling nehmt, daß seinen Ahnen Wir ihn gesellen, und an seinem Grabe Ihn unsre Trauer ehre. — Ungern nehm' ich Zuruͤck die Lehen dieser guten Bruͤder, Die nach erloschnem Stamme mir verfallen. Dies ist der Zaubersaͤckel, ich erkenn' ihn: Die Boͤsen haben selber sich gerichtet, Denn nach der Bruͤder Tod starb seine Kraft, Das hatten die Verraͤther nicht gewußt. O warum kam der Knecht des fremden Moͤrders Zu spaͤt, vom Tode meinen Freund zu retten! Mit Thraͤnen kehren wir zur Stadt zuruͤck: So schnell erstirbt des Lebens Lust und Gluͤck. (Alle gehn ab.) Zweite Abtheilung . Es entstand nach der Vorlesung eine Stille, weil man uͤber das eben Gehoͤrte nachdachte, und keiner zuerst einen Ausspruch thun wollte, endlich sagte Emilie: mir scheint, der Schluß des Stuͤckes muß eine bittre und schneidende Empfindung erregen, indem das Schreckliche zu ploͤtzlich hereinbricht. Am wenigsten, fuͤgte Rosalie hinzu, will es mir einleuchten, daß gerade Theodor den Mord vollbringen muß, denn bei aller seiner Widrigkeit duͤnkt er mir doch zu gut, um so tief zu sinken. Nach einigen Hin- und Wieder-Reden schien es, daß alle dem ersten Theile, wegen seiner Gelindigkeit den Vorzug gaben, obgleich Manfred dazwischen sehr eifrig behauptete, man muͤsse beide immer zugleich betrachten, um den ganzen Gedanken der alten Novelle zu fassen, der wildere Scherz wie das Schreck- liche muͤsse sich ja eben in der zweiten Haͤlfte vereinigen; der Tod der Hauptpersonen sey unerlaßlich, um die Geschichte ernsthaft zu endigen, die sonst einen albernen Charakter er- halten wuͤrde. Lothar fuͤgte hinzu: ob es gleich beim er- sten Anblick scheinen moͤchte, daß dieser Theil, indem er mehr an einem Ort und mit densel- ben Personen spielt, dramatischer seyn muͤsse als der erste, so ist die Schwierigkeit der Be- arbeitung noch groͤßer, denn neben dem ersten Zweite Abtheilung . schon bekannten Wunder thun sich andere her- vor die mit diesem kaͤmpfen, und der Autor mag den Knoten knuͤpfen und loͤsen, wie er will, so wird er gezwungen seyn, am Schluß, oder mit dem fuͤnften Akt gleichsam ein neues Stuͤck zu beginnen, welches hier mehr, als beim ersten Theile auffaͤllt, da uns der Dich- ter nicht so wie dort an das neue Anheben ge- woͤhnt hat. Meine Freunde, sagte Friedrich, der bis- her geschwiegen und in Gedanken vertieft ge- sessen hatte, ich fuͤhle recht gut, das ich ein großes Wagestuͤck unternommen, welches sich mein froher Muth im Anfangen nicht so schwer vorgestellt hatte. Ich danke fuͤr eure Geduld und Nachsicht. Er stand auf und trat in den Garten, die Gesellschaft folgte ihm und alle zerstreuten sich, einzeln, oder paarweise, Gespraͤche fuͤhrend in den verschiedenen Gaͤngen. Manfred gesellte sich zu Friedrich, zu dem er sagte: ermuthige dich, mein Freund, ich hoffe, bald soll diese peinliche Lage sich loͤsen, daß Adelheit in der Gesell- schaft erscheint, und dein Wesen sich wieder frei darstellen und ohne Hemmung entwickeln kann. Ich bin froh, erwiederte Friedrich, daß diese Stunden voruͤber sind, denn ich war mit meinen Gedanken nur selten beim Lesen, ja ich konnte erschrecken, wenn ich ploͤtzlich zu diesen Er- Zweite Abtheilung . Ergießungen eines ehemaligen Frohsinns zu- ruͤckkehrte. Ich bitte dich aber mich heute Abend bei der Gesellschaft zu entschuldigen, denn ich kann nicht zu ihr zuruͤckkehren, weil diese Anstrengung ohne alle Aufmerksamkeit vor- zutragen, mir Kopfschmerz zugezogen, ich will darum Adelheid nur eine gute Nacht zurufen, und mich dann schlafen legen. Nachdem man den schoͤnen Abend im Freien genossen hatte, kehrte man zu einem leichten Abendmahl in den Gartensaal zuruͤck. Lothar hatte das Gespraͤch wieder auf das Theater gefuͤhrt, und als Manfred zur Gesellschaft zu- ruͤck kam, war man eben bei der Frage, war- um die deutsche Schauspielkunst so sehr gesun- ken sey, und wahrscheinlich immer noch mehr sinken werde. Da vielen die Ursach unbegreif- lich schien, sagte Manfred: warum verwundert ihr euch nicht vielmehr, daß es noch so man- chen guten Schauspieler giebt, und daß die mittelmaͤßigen und schlechten nicht noch schlech- ter sind? Nicht weitlaͤufig zu gedenken, daß jede Kunst in der Regel, wenn sie gleichsam rohen Acker findet, erst kraͤftig heranwaͤchst; sie wird dann von Kennern unterstuͤtzt, von Vorurtheilen nicht gestoͤrt, man genießt sie mit wahrer Liebe; hat sie einen gewissen Gipfel erreicht, so muß sie, ohne alle aͤußere Veran- lassung, wieder herunter, denn sie wird sich in sich selbst entzweien, den Mittelpunkt ver- III. [ 32 ] Zweite Abtheilung . lieren, um den Beifall buhlen, in Manier ausarten, das Kleinliche mit Liebe hegen, und unverwandt das Gegentheil von dem werden, was sie werden sollte, indessen die praktischen Kuͤnstler und ihre Zeitgenossen glauben, jetzt erst das Wahre erbeutet und die fruͤheren Zeit- alter verbessert zu haben. So ist es allen Kuͤn- sten und also auch dieser ergangen. Es sind aber bei ihr noch besondere Umstaͤnde eingetre- ten, die ihr Verderbniß uͤbermaͤßig beschleu- nigten. Die fruͤheren Gesellschaften, welche herum zogen, bedurften aller Anstrengung, um Zuschauer herbei zu ziehen, sie konnten nur auf wirkliche Theaterfreunde rechnen, diese musten erregt und befriedigt werden. Als es endlich einigen Buͤhnen gelang, sich fest zu setzen, war die Aufforderung noch dringender, an den mei- sten Orten entstand ein schoͤnes Verhaͤltniß zwischen Publikum und Buͤhne, die Kuͤnstler wurden Veranlassung, daß sich Kenner bilde- ten und diese halfen wieder dem Schauspieler weiter. Dieses Beisammen- und Ineinander- leben dauerte wirklich eine Zeitlang. Konnten wir je von einem Nationaltheater sprechen, so war es damals, als Schroͤder auf der Hoͤhe seines Talentes stand. Eine scheinbar zuneh- mende Liebe fuͤr die Kunst war es gerade, was ihr sehr bald schadete, als die Freunde des Theaters sich in allen Staͤdten vermehrten. Es wurde nun in den groͤsseren Theatern Mode, Zweite Abtheilung . seine Abende dort zubringen, und neben leere Zerstreutheit trat an die Stelle jener warmen ruhigen Liebe ein flatterndes, aufbrausendes Entzuͤcken, eben so eine anmaßliche Kenner- schaft und Kritik, von allem Kunstgeschwaͤtz das fadeste und nichtigste, weil hier auch nicht die mindeste Kenntniß, wie doch noch bei Mu- sik und Mahlerei (von Skulptur und Archi- tektur wird am meisten geschwiegen) noͤthig schien, und jeder so viel Moral, oder Natur, oder sogenannte Psychologie hinein mengen konn- te, als er nur immer wollte. Jetzt sind die Thea- ter mehr die Versammlungsplaͤtze der gelangweil- ten Leute von gutem Ton, und von der Guͤte des Stuͤcks oder der Trefflichkeit der Schauspieler haͤngt es in der Regel gar nicht ab, ob sie angefuͤllt sind. Zwar sind die Direktionen jetzt eben so oft in Noth, als in jenen fruͤheren Zeiten, aber nur des- wegen, weil sie neben der Schauspielertruppe ein zahlreiches Orchester, Saͤnger und Saͤngerin- nen, auch Springer unterhalten muͤssen, auch aufgefordert sind, großen Aufwand in Kleidern, noch groͤßern in Dekorationen zu machen. Auch haben die Direktionen immer diesen mannig- faltigen, schwer zu vereinigenden Anforderun- gen des Publikums gefroͤhnt, oft sogar sie er- regt, um nur die Theaterfreunde aller Art zu ihrem Markte zu locken: sie setzen sich lieber der Gefahr aus, das Schauspiel selbst zu ver- derben, damit jene vielseitigen Liebhaber sich Zweite Abtheilung . nicht anders wohin verlaufen. Wenn aber ein Theater alles leisten will, so kann es kaum mehr in irgend einer Art vortrefflich seyn. Schon ziemlich fruͤh entstand nun auch die Liebhaberei an den sogenannten natuͤrlichen Stuͤcken, die gewissermaßen alle Kunst und alles Spiel ent- behrlich machten, denn je mehr der Darsteller von jener Linie herunter trat, die ihn von sei- nen Zuschauern trennen soll, um so willkom- mener war er und so entschiedener sein Beifall. Sollen nun einmal wieder aͤltere Charakter- stuͤcke, oder tragische Rollen gegeben werden, so ist es nicht befremdend, wenn die entwoͤhn- ten Spieler ihnen dieselbe unbefangene Natuͤr- lichkeit beizubringen wissen, da sie uͤberdies in dieser Manier auch gefallen. In den neueren Zeiten hat man wieder das Wunderbare und Große auf die Buͤhne bringen wollen, dieses aber ist fuͤr die darstellende Kunst gewisserma- ßen noch gefaͤhrlicher geworden, weil diese Her- vorbringungen sich ebenfalls durch ihre Situa- tionen, Theaterkoups und Effecte von selber spielen, und dadurch des Beifalls gewiß sind, daß sie jeder Weichlichkeit, Verwoͤhnung und Albernheit der Menge schmeicheln. Unsre Vor- fahren wurden von jenen alten Tragoͤdien in Alexandrinern durch die Kunst und Deklama- tion ihrer Schauspieler hingerissen, von denen die unsrigen auch nicht einen Akt dem Publi- kum ertraͤglich machen koͤnnten: aber den Schutz- Zweite Abtheilung . geist und die Oktavia sehen sie, wenn auch schlecht gespielt, mit Freude und Ruͤhrung: und kann man wohl behaupten, diese und aͤhnliche Schauspiele seyen im Ganzen oder Einzelnen besser, als jene veralteten und vergessenen Stuͤcke? dazu kommt, wie schon gesagt, daß so selten ein Auge der Kennerschaft uͤber die dar- stellende Kunst gefunden wird, auch ist wenig Brauchbares uͤber diesen Gegenstand im Druck erschienen. Aber alle Zeitungen, alle Jour- nale enthalten Kritiken der Stuͤcke wie der Spieler, diese sind der Inhalt der taͤglichen Gespraͤche, und diese allgemeine Verbreitung der Liebhaberei hat eben auch eine allgemeine Seich- tigkeit herbei gefuͤhrt, und ist die Ursache, daß in dem schwatzenden Getuͤmmel keine vernuͤnf- tige Stimme sich hoͤren laͤßt. Jede Stadt hat ihre Spieler, an die sie gewoͤhnt ist, und em- pfindet meist deshalb eine so kleinstaͤdtische Vor- liebe fuͤr sie, daß der Fremde, der nicht mit bewundern kann, sich den Haß, vorzuͤglich der Frauen zuzieht. Endlich hat noch ein talent- voller Kuͤnstler, ich spreche von Iffland, ge- wissermaßen eine Schule gestiftet, die ihn ohne Talent auf die aͤrmste Weise nachahmt, sich eine Einbildung eines feinen gewaͤhlten Spie- les macht und jenen Ausspruch der Alten vor- zuͤglich in Acht zu nehmen scheint, das Ge- sicht durch keinen Ausdruck der Leidenschaft zu verunstalten, und bei deren steifen und engbruͤ- Zweite Abtheilung . stigen Ungelenkheit mir immer die engli- schen Clowns einfallen, wenn sie Leute von Stande darstellen wollen. Sie sind recht der Ge- gensatz jener großartigen Schule, die Schroͤder in seiner besten Zeit stiftete, und aus der so viele große Talente hervorgingen. Ich wuͤnsche ich haͤtte Eckhof sehn koͤnnen, sagte Emilie. Nach allem, was ich von ihm weiß, sagte Lo- thar, muß er vortrefflich gewesen seyn, ob ich mir gleich nach den Beschreibungen die Art seiner Darstellung nicht vergegenwaͤrtigen kann. Auch Reinecke muß zu den besten Kuͤnstlern gehoͤrt ha- ben, so wie Beil in Manheim, und es thut mir sehr leid, daß mir diese Anschauungen mangeln. Doch freut es mich, Schroͤder noch in einigen seiner vorzuͤglichsten Rollen gesehen zu haben. Sein Organ war heiser, sein Ton etwas durch die Nase, seine Figur etwas zu lang und hager, und hatte im Alter wenigstens, keine schoͤne Pro- portion. Aber so wie er auftrat, ohne daß er sich durch raffinirte Kuͤnste umgestaltete, er- kannte man ihn nicht wieder: man fuͤhlte sich im Kunstwerk und vergaß doch im Augenblick den Schauspieler; alles, was er leistete, war groß, auch so gar nichts von Nebensache, Zu- faͤlligkeit und Willkuͤhr, oder gar Angewoͤhnung, sondern alles diente zu dieser Rolle und paßte zu keiner andern; jeder Schritt, Accent und jede Bewegung machte mit der deutlichsten Be- Zweite Abtheilung . stimmtheit einen Zug am Gemaͤhlde, und ver- schmolz zugleich die um ihn stehenden geringern Talente so zu einem Ganzen, daß die Darstel- lung eines solchen Schauspiels zu den hoͤchsten Genuͤssen gehoͤrt, die wir von der Kunst nur er- warten koͤnnen. Wie ein solcher Kuͤnstler mit dem groͤßten Dichter wetteifert und das wahr- haft erschafft, was dieser oft nur andeuten kann, so ergaͤnzt er zugleich jene mißrathene Wesen schwaͤcherer Geister, indem er fuͤr sie dichtet, daher es eine der ungegruͤndetesten Behauptun- gen ist, daß die schlechte Poesie, sich nicht mei- sterhaft darstellen ließe. Nie werde ich zum Bei- spiel Schroͤders alten Gouverneur im Benjowski vergessen, die letzte Scene ward durch sein Spiel zum Erhabensten und Herzruͤhrendsten, was die Kunst nur hervor bringen kann: eine Scene und eine Rolle, mit welcher der unvergleichliche Fleck gar nichts anzufangen wußte, die er, moͤchte man sagen, um einen Ausdruck vom Mahler zu bor- gen, nur sudelte. Sah man Schroͤder im Ko- mischen, so zweifelte man, ob man ihn hier nicht noch groͤßer und origineller nennen sollte. Diese Ruhe und Behaglichkeit, diese Weise, durch ei- nen Ton oder Blick eine Tiefe des Laͤcherlichen aufzudecken, diese Gemessenheit, ohne jene mo- derne Furcht vor der Uebertreibung, laͤßt sich schwerlich in Worten ausdruͤcken, alle koͤnnen nur demjenigen eine Erinnerung erwecken, der diesen Genuß selber erlebt hat. Zweite Abtheilung . Sie scheinen ja heut, sagte Clara, Schroͤ- der ihrem geliebten Fleck vorzuziehen, und doch verstand ich sie neulich anders. Liebste Freundinn, fuhr Lothar fort, jeder von ihnen hatte Vorzuͤge vor dem andern, und ich will versuchen, ihnen meine Ansicht deutlich zu machen. Schroͤder hatte jene schaffende Phantasie im hoͤchsten Sinne des Wortes, die das unerlaßlichste Erforderniß des Schauspie- lers ist, und er war sich dieser vollkommen be- wußt, er war faͤhig, mit seinem Scharfsinn und Verstande alle ihre Tiefen zu durchdringen, und Entdeckungen zu machen, die sein Studium und seine Kunst zu einer zusammenhaͤngenden Ent- wickelung und Reise fuͤhrten, daher seine Viel- seitigkeit, seine Sicherheit im Tragischen und Komischen, wie in den Characterrollen: deshalb er alles, was er uͤbernahm, vortrefflich aus- fuͤhrte, aber auch mit voller Kenntniß seiner selbst nichts versuchte, was ihm nicht gelingen konnte. Außerdem kam ihm die Schule seiner Jugend zu statten, er hatte in Balletten getanzt und in Opern gesungen, und so war er der viel- seitigste, gewandteste, sicherste, und da er alles im großem Style zeigte, in diesem Sinne wohl der groͤßte Schauspieler seiner Nation ge- worden. Nun, und Fleck? fragte Clara wieder. Haben Sie Geduld mit meiner Weitschwei- figkeit, antwortete Lothar laͤchelnd, der Ver- Zweite Abtheilung . liebte spricht von seiner Liebe leicht zu viel. Konnte Schroͤders Kunst ganz aus dem Ver- stande hervor gegangen scheinen, wenn seine Phantasie sein Studium nicht zur schoͤnsten Ein- heit verschmolzen haͤtte, so mußte diesem kla- ren Bewußtseyn und dieser Vielseitigkeit gegen- uͤber Fleck unbedingt verlieren. Eine gewisse Gattung des Komischen war diesem ganz fremd, seine Phantasie gab ihm hier fast gar keine Bil- der, er spielte gern und mit Anstrengung den Flickwort, aber es war truͤbselig, die edle Ge- stalt sich hier selbst entstellen und parodiren zu sehn, mit manchen tragischen Rollen wußte er eben so wenig etwas anzufangen, der Odoardo in der Emilie imponirte ihm wegen seiner Be- ruͤhmtheit, er wandte sein eifrigstes Studium auf ihn, und konnte nichts Lebendiges aus ihm erschaffen: im Rolla war er in dem verwuͤnschten Federnaufputz trotz der Anstrengung seines Or- gans fast komisch, sein Tellheim, den er auch bald wieder abgab, war nicht zu ertragen, und in solche langweilige Stuͤcke und Personen, wie den deutschen Hausvater, legte er einen will- kuͤhrlichen, frohen und ganz manierirten Hu- mor, weil er sonst gar nichts mit ihnen anzu- fangen wußte, und wohl uͤberhaupt nicht begriff, wie dergleichen unterhalten koͤnne. Nun wahrlich, rief Clara aus, eine treff- liche Schilderung eines großen Schauspielers. Lassen sie sich dies nicht irren, sagte Lo- Zweite Abtheilung . thar, ich habe seine schwaͤchste Seite voran ge- stellt, um zu zeigen, wie wenig dieser Kuͤnstler jenes Bewußtseyn von sich, noch jene bewun- dernswuͤrdige Vielseitigkeit hatte. Eine Menge von Characteren, die mit vorwiegender Huͤlfe des Verstandes, oder durch diesen allein zu ei- ner Wahrheit und Wirklichkeit gestempelt wer- den sollten, versagten ihm voͤllig, denn hier konnte ihm jene produzirende Phantasie allein nicht helfen. Diese war es aber, die ihm, ohne klares Bewußtseyn, ohne Zerlegung eines Cha- rakters in seine einzelnen Theile, ohne daruͤber etwas sagen oder lehren zu koͤnnen, beim Stu- dium und am meisten in der Darstellung so be- geisterte und ihn so sehr aus sich selbst entruͤckte, daß er buchstaͤblich in der Tragoͤdie das Ueber- menschliche leistete und hervorbrachte. Soll ich sie nicht der Uebertreibung beschul- digen? wandte Clara schuͤchtern ein. Sie thaͤten mir Unrecht, antwortete der Freund, aber ich danke Ihnen fuͤr den Wink, um nicht zu sehr von meiner Erinnerung hinge- rissen zu werden. Jedes Kunstwerk leistet in einem andern Sinne das Uebermenschliche, ich meinte aber hier etwas anderes und Hoͤheres, namentlich im Gegensatz zu Schroͤder. In jenen Schauspielen, die Flecks Sinne zusagten, floß ihm der ganze Strom der hellsten und edelsten Poesie entgegen, umfing und trug ihn in das Land der Wunder, als Vision trat alles auf ihn Zweite Abtheilung . zu, und diese Poesie und Begeisterung schufen, ihn tief bewegend, durch ihn so große und erha- bene Dinge, wie wir schwerlich je wieder sehen werden. Hauptsaͤchlich spreche ich hier von sei- ner fruͤheren Zeit, denn so groß er bis zum Tode blieb, mußte doch spaͤterhin vieles von diesem idealischen Glanze verloren gehn. Er war schlank, nicht groß, aber vom schoͤnsten Ebenmaaß, hatte braune Augen, deren Feuer durch Sanftheit gemildert war, sein gezogene Brauen, edle Stirn und Nase, sein Kopf hatte in der Jugend Aehnlichkeit mit dem Apollo: in den Rollen eines Esser, Tancred (nach der al- ten Uebersetzung), Ethelwolf (nach Fletcher) war er bezaubernd, am meisten als Infant Pedro in Ines de Castro, der, wie das ganze Stuͤck, sehr schwach und schlecht geschrieben ist, von ihm gesprochen aber jedes Wort wie die Begeisterung des edelsten Dichters erklang. Sein Organ war von der Reinheit der Glocke, und so reich an vollen klaren Toͤnen in der Tiefe wie in der Hoͤhe, daß nur derjenige mir glauben wird, der ihn gekannt hat, denn wahres Floͤ- tenlispeln stand ihm in der Zaͤrtlichkeit, Bitte und Hingebung zu Gebot, und ohne je in den knarrenden Baß zu fallen, der uns oft so unan- genehm stoͤrt, war sein Ton in der Tiefe wie Metall klingend, konnte in verhaltener Wuth wie Donner rollen, und in losgelassener Leiden- schaft mit dem Loͤwen bruͤllen. Der Tragiker Zweite Abtheilung . fuͤr den Shakspear dichtete, muß nach meiner Einsicht viel von Flecks Vortrag und Darstel- lung gehabt haben, denn diese wunderbaren Uebergaͤnge, diese Interjectionen, dieses Anhal- ten und dann der stuͤrzende Strom der Rede, so wie jene zwischengeworfenen naiven, ja an das Komische graͤnzenden Naturlaute und Ne- bengedanken gab er so natuͤrlich wahr, daß wir gerade diese Sonderbarkeit des Pathos zuerst verstanden. Sah man ihn in einer dieser großen Dichtungen auftreten, so umleuchtete ihn etwas Ueberirdisches, ein unsichtbares Grauen ging mit ihm und jeder Ton seines Lear, jeder Blick ging durch unser Herz. In der Rolle des Lear zog ich ihn dem großen Schroͤder vor, denn er nahm sie poetischer und dem Dichter angemesse- ner, indem er nicht so sichtbar auf das Entste- hen und die Entwickelung des Wahnsinnes hin- arbeitete, obgleich er diesen in seiner ganzen furchtbaren Erhabenheit erscheinen ließ. Wer damals seinen Othello sah, hat auch etwas Gro- ßes erlebt. Im Macbeth mag ihn Schroͤder uͤbertroffen haben, denn den ersten Akt gab er nicht bedeutend genug, und den zweiten schwach, selbst ungewiß, aber vom dritten war er unver- gleichlich und groß im fuͤnften. Sein Shylock (obgleich nach einer ganz schlechten Bearbeitung) war grauenhaft und gespenstisch, aber nie ge- mein, sondern durchaus edel: sein Laertes im Hamlet entsprach wohl nicht der Absicht des Zweite Abtheilung . Dichters, er haͤtte den Geist uͤbernehmen sol- len. Viele der Schillerschen Charaktere wa- ren ganz fuͤr ihn gedichtet. Wallenstein hat ihn spaͤterhin auch denen bekannt gemacht, die fruͤ- her das Theater nicht wichtig finden wollten: Leicester dagegen wurde durch ihn undeutlich, dieser schwankende Character war seinem starken Naturell nicht angemessen; Fi s sko gab er nur stellenweise vortrefflich, vom Ferdinand in Ka- bale den Schluß des zweiten Aktes so, daß die Erinnerung davon nie erloͤschen kann: aber der Triumph seiner Groͤße war wohl, so groß er auch in vielem seyn mochte, der Raͤuber Moor. Dieses Titanen-artige Geschoͤpf einer jungen und kuͤhnen Imagination erhielt durch ihn solche furchtbare Wahrheit, edle Ergebenheit, die Wildheit mit so ruͤhrender Zartheit gemischt, daß ohne Zweifel der Dichter bei diesem Anblick selbst uͤber seine Schoͤpfung haͤtte erstaunen muͤs- sen. Hier konnte der Kuͤnstler alle seine Toͤne, alle Furie, alle Verzweiflung geltend machen, und entsetzte sich der Zuhoͤrer uͤber dies ungeheu- re Gefuͤhl, das im Ton und Koͤrper dieses Juͤng- lings die ganze volle Kraft antraf, so erstarrte er, wenn in der furchtbaren Rede an die Raͤu- ber nach Erkennung seines Vaters noch gewal- tiger derselbe Mensch raset, ihn aber nun das Gefuͤhl des Ungeheuersten nieder wirft, er die Stimme verliert, schluchzt, in Lachen aus- bricht uͤber seine Schwaͤche, sich knirschend auf- Zweite Abtheilung . rafft, und nun noch Donnertoͤne ausstoͤßt, wie sie vorher noch nicht gehoͤrt waren. Alles, was Hamlet von der Gewalt sagt, die ein Schauspie- ler, der selbst das Entsetzliche erlebt haͤtte, uͤber die Gemuͤther haben muͤßte, alle jene dort geschil- derten Wirkungen traten in dieser Scene woͤrt- lich und buchstaͤblich ein. Wohl ist der gluͤcklich zu nennen, sagte Clara, der diese großen Erscheinungen gesehn und oft von ihnen bewegt ist. In diesen Gedichten, fuhr Lothar fort, so wie im Wittelsbacher, in den er eine erhabene Naivetaͤt legte, wie in vielen andern, war er durch die Kraft seiner Phantasie gleich auf den wichtigen und hoͤchsten Punkt gestellt, und es war, als wenn ein hoͤherer Genius aus ihm sprach und sich gebehrdete. Und so kann man vielleicht sagen, daß er seine Darstellung nicht erfand und schuf: mancher moͤchte es vielleicht lieber ausdruͤcken, daß das Gedicht und die Art es auszudruͤcken ihn geschaffen haben. Will man nun hieran den alten Streit knuͤpfen, daß ein solcher kein Kuͤnstler zu nennen sey, will man diesen Namen jenem Besonnenen ausschließlich beilegen, so weiß ich hierauf nichts zu antwor- ten, aber das weiß ich, daß der Besonnene auf seinem Wege nie erfinden und bilden kann, was ich von diesem gesehn und erlebt habe. So er- fuͤllen nach meiner Meinung Schroͤder und Fleck das Hoͤchste der deutschen Kunst, jeder den an- Zweite Abtheilung . dern uͤbertreffend. Nur muß ich noch hinzufuͤ- gen, daß, wie Schroͤder sich nie vernachlaͤßigte, sich Fleck dies nur zu oft zu Schulden kommen ließ, denn es traf sich wohl, daß ein Fremder seine schoͤnsten Darstellungen schlecht von ihm sah, oft verlor er auch ploͤtzlich die Laune, und mit ihr die Einsicht in seine Rolle, wenn er auch guten Willen behielt, oft spielte er wie zufaͤllig nur eine Scene unnachahmlich groß, und das ganze Stuͤck schlecht. Seine Stimmung ver- mochte alles uͤber ihn. Oft wurde auch zu viel von ihm gefordert, so daß er wohl ermuͤden mußte. Sie nannten die Besonnenheit, warf Clara ein: Sie nehmen Sie doch unmoͤglich im allge- meinen Sinn, sondern bedingt, um jene beiden Kuͤnstler besser gegenuͤber zu stellen. Freilich, sagte Lothar, denn ich moͤchte mei- nen Liebling nicht als einen Rasenden, sondern als einen Begeisterten schildern, der in der Be- geisterung wohl wuste, was er that, aber frei- lich ohne diese wenig leisten konnte. Wie sehr alles aus seiner poetischen großen Natur her- vorging, zeigte sich auch in jenem Unterschiede, den Goͤthe im Meister so richtig angiebt, das Vornehme war ihm so fern, daß er linkisch wurde, wenn es in einer seiner Rollen zu sehr Zweite Abtheilung . vorherrschen mußte, wie ihm auch der Anstand bei Theaterreden nie ganz gelang, dagegen das Edle so sein Wesen war, daß Koͤnige von ihm wandeln, stehn und sitzen lernen konnten. So ein ungeheures Wesen waͤre mir laͤstig geworden, fiel Auguste ein; hat er denn nie ge- woͤhnliche, buͤrgerliche Menschen dargestellt? Viele, antwortete Lothar, es war eine Zeit, wo er fast taͤglich spielte, und man ihn in bedeu- tenden und unbedeutenden, ihm passenden und un- passenden Personen sah. Die sogenannten Cha- rakter-Rollen, jene zuͤrnenden, eigensinnigen Vaͤ- ter, die alten Militairs, viele unbestimmte Buͤr- germeister und wohlthuende Menschen, auch wackre Landschulzen und handfeste Bauern gab er tuͤchtig, edel und brav, und mischte ihnen einen Humor bei, der sie hoͤchst liebenswuͤrdig machte. Von den ruͤhrenden Figuren war der Oberfoͤrster in den Jaͤgern eine seiner schoͤnsten, launigsten und tiefsten Darstellungen. Kotzebue konnte sich gluͤcklich schaͤtzen, daß dieses Talent ihn dort zuerst bekannt machte, so wie denn uͤberhaupt in den achtziger und Anfang der neun- ziger Jahre das Berliner Theater so zusammen- gesetzt war, daß sich schwerlich wieder so viele ausgezeichnete Talente vereinigen werden. Fleck stand in dieser Reihe oben an, dessen ergreifen- des Zweite Abtheilung . des Spiel des Menschenhassers diesem ersten Stuͤcke gleich so entschiedenen Beifall verschaffte, wie ihn seit vielen Jahren kein dramatisches Werk erhalten hatte. Die Unzelmann war als Eulalia eben so vortrefflich, sie war erst kuͤrzlich nach Berlin gekommen, und welchen Zauber, welche Grazie sie uͤber die Gurli und viele andre Dichtungen ergoß, ist nicht auszusprechen; ihr gegenuͤber stand die Baranius, und diese bei- den Frauen ergaͤnzten sich so in Schoͤnheit und Reiz, in Anmuth und Naivitaͤt, daß man sie sich kaum getrennt denken konnte; war die eine die muthwillige Figur, so war jene die ernste, nahm diese den stilleren Charakter an, so taͤndelte jene als Bauernmaͤdchen oder Dienerinn: die Bara- nius hatte nicht das große Talent ihrer Mitspie- lerinn, aber wo sie auch stand, war sie anmuthig und ihr Spiel erfreulich: man wollte sie auch einmal in der Tragoͤdie bewundern, aber hier war sie nicht an ihrem Platz. Unzelmann war trefflich in komischen Alten, in phantastischen Charakteren, man sah ihm eine sehr gute Schule und eine vielseitige Praktik an; in manchen Rit- terstuͤcken, in denen er nicht gefiel, machte er mir große Freude, er stellte ein herrliches Por- trait dar und erinnerte oft an Schroͤder. Cze- tizky, den man nicht im Tragischen oder in Lei- denschaften sehen mußte, war Muster in der Darstellung eines feinen Mannes, in jungen Mi- III. [ 33 ] Zweite Abtheilung . litair-Rollen, in Charakteren, die nur einen Anflug vom Komischen haben, wie der Samuel Smith in den Indianern von Kotzebue; er war selbst ein schoͤner Mann. Mattausch, voller und groͤßer, aber in allem Glanz der Jugend, trat als Don Carlos auf, und obgleich sein Organ nicht volltoͤnend war, und die Kritik manches Einzelne mit Recht tadelte, so habe ich doch nie wieder diesen Charakter mit dieser schoͤnen Be- geisterung darstellen sehn; Fazir und andre der- gleichen schwarze und weiße Naturkinder schie- nen fuͤr diesen Schauspieler geschrieben, denn sie wurden in seiner Darstellung so herzlich, wahr und liebenswuͤrdig, wie dieselben Figuren, wenn ich sie spaͤter gesehn habe, mir als leere Affekta- tion erschienen sind. Kaselitz war in den Rol- len einiger komischen Alten sehr brav, und es gab noch andre Talente, die ihre Stelle lobens- wuͤrdig ausfuͤllten. Diese Gesellschaft gab da- mals manche Dramen in solcher Vollendung, daß nichts zu wuͤnschen uͤbrig blieb. Man ta- delte freilich auch damals, man eiferte fuͤr Ge- schmack und Verbesserung, konnte aber freilich die Duͤrre nicht ahnden, die spaͤterhin eintrat. Um die Zeit, als Iffland in Berlin auftrat, hatte das Theater schon einige Schritte von seiner Hoͤhe herunter gethan; sein großes, glaͤnzendes Talent erregte eine neue Aufmerksamkeit, und man muß von ihm gestehn, daß er in einigen Zweite Abtheilung . Gattungen einzig war, vorzuͤglich in leichtge- faͤrbten, fluͤchtigen Charakteren, aber nie war er groß und gewaltig, er konnte es seiner Natur nach nicht seyn. Von seiner Unfaͤhigkeit zum Tragischen sprachen wir schon neulich, aber auch im Komischen, wenn er sich oft am meisten be- muͤhte, war er zu weilend, ermuͤdend, er hatte seine Zuͤge zum Gemaͤhlde zu sehr einzeln zusam- mengesucht, und man sah die Stellen zuweilen, wo die Farbe die zusammengesetzten Theile nicht hatte vereinigen koͤnnen. Seine Lieblingsrollen zeigten auch, wohin er zu einseitig strebte. Wie oft und an wie vielen Orten hat er nicht den Essighaͤndler von Mercier gegeben! Gewoͤhnlich war diese seine erste Rolle. Und gerade in die- sem Stuͤck moͤchte ich sein Spiel, besonders in der letzten Haͤlfte, ein gekniffenes, gezwacktes nennen. Man wurde nicht froh dabei. Ich hatte denselben Charakter von Schroͤder gesehn, der ihn als wuͤrdigen braven Landmann gab, dessen Tuͤchtigkeit, in der letzten Haͤlfte beson- ders, imponirte, nichts von diesen Pausen und gezogenen Interjektionen. In Prag giebt ihn der Direktor des Schauspiels, Liebich, dieser hebt vorzuͤglich die joviale Naivitaͤt heraus, und ich ziehe seine Darstellung ebenfalls der Ifflandi- schen weit vor. Warum von diesem ausgezeich- neten Kuͤnstler in unsern so lobreichen Zeiten uͤberhaupt nur so selten die Rede ist, habe ich Zweite Abtheilung . nie begreifen koͤnnen. Liebich ist in Anstands- Rollen sein, ohne das Gemuͤthliche zu verlieren, wie denn uͤberall seine Liebenswuͤrdigkeit seine Darstellungen faͤrbt; in den leicht komischen Cha- rakteren ist er hoͤchst erfreulich, sein Humor ist so anmuthig, sein Gefuͤhl so richtig, daß er selbst die uͤbertriebenen komischen Fratzen in manchem neuen beliebten Possenspiel liebenswuͤrdig zu ma- chen weiß, uns durch Laͤcherlichkeit ergoͤtzt, aber immer die feine Linie haͤlt, die der wahre Kuͤnst- ler niemals verlaͤßt, innerhalb welcher er edel bleibt. So ist vieles in seinem Munde Witz und komisch, was uns wohl von andern Schauspie- lern gesprochen, als Sottise beleidigen wuͤrde: die Dichter nehmen es eben jezt nicht so genau. Aber auch ernste und ruͤhrende Charaktere gelin- gen ihm vortrefflich, so ist namentlich sein Ober- foͤrster ein Meisterstuͤck, wenn er wohl in den bei- den ersten Akten Fleck nachstehen mag, so ist das stille Versinken in Schmerz im letzten Theil des Stuͤcks vielleicht noch inniger und tiefer, obgleich er freilich auch einige große Momente nicht so ergreifend, wie der verstorbene Kuͤnstler dar- stellt. Das Prager Theater hat uͤberhaupt große Vorzuͤge, und an jedem Abend, an welchem Lie- bich auftritt, wird der Freund der Buͤhne sich befriedigt fuͤhlen. Tragische Rollen habe ich von diesem Kuͤnstler nicht gesehen. Von Lan- ges großartigem Styl in der Darstellung spra- Zweite Abtheilung . chen wir schon neulich. Seitdem ist in Wien der Komiker Weidmann, so wie der beruͤhmte Brockmann gestorben. Diesen letztern sah ich in Collins Regulus die Hauptperson so meister- haft darstellen, daß man die treffliche Schule und den vielerfahrnen vollendeten Kuͤnstler in ihm erkannte. Diese Tragoͤdie wurde fast durch- gehends musterhaft gegeben, Ziegler erreichte als Tribun, besonders in der Rede, das Voll- kommenste, was der Zuschauer erwarten darf. In einigen jovialischen heitern Rollen, die Brock- mann mit freier Laune, aber sehr gehalten gab, erinnerte er mich an Schroͤders Spiel. In Weidmann hat Wien einen unersetzlichen komi- schen Schauspieler verloren, diese Wahrheit und Natur war mir fuͤr gewisse Rollen noch nie vor- gekommen, jeder Schritt, Wink, Ton war be- deutend; aber so ungesucht, daß man beim Auf- treten jedesmal den Schauspieler voͤllig vergaß, und zu glauben versucht wurde, er spiele sich nur selbst, er sey zufaͤllig gerade ein solcher Mensch; so recht innig wohl und heiter fuͤhlte man sich, so ganz befriedigt, ohne an die Kunst erinnert zu werden. Ich sah ihn als Bitter- mann, nachdem ich am Abend vorher Iffland, der damals in Wien war, in derselben Rolle ge- sehn hatte. Fuͤr mich war keine Frage daruͤber, wer der groͤßere Komiker sey, obgleich jene ge- kniffene, an manchen Stellen scharf accentuirte Zweite Abtheilung . Manier des beruͤhmten Schauspielers wegen der Neuheit, vielleicht auch, weil das Studium mehr hervorschimmerte, von manchen Gebildeten vor- gezogen wurde. In dem nemlichen Stuͤck ward der Peter von Hasenhut vorgestellt, und dessen Darstellung mit Weidmanns Laune verei- nigt, gewaͤhrte mit den erfreulichsten Genuß. Hasenhut hat sich eine Manier zu eigen gemacht, der sich mehr oder weniger alle Charaktere, die er uͤbernimmt, fuͤgen muͤssen, diese Manier ist aber die lieblichste und grazioͤseste, die man sich nur vorstellen kann. Von ihm moͤchte ich einige Clowns des großen Englischen Dichters vorge- stellt sehn. Eßlair ist jezt vielleicht bei uns der einzige Heldenspieler, ich habe ihn zu wenig ge- sehn, um ihn zu beurtheilen, so wie ich auch nicht von Devrient sprechen kann, der ein herrli- ches Talent zu entwickeln scheint. — Aber ich bin beschaͤmt, daß ich mich so zum Schwatzen habe hinreißen lassen, doch draͤngt sich uns der ruͤhrende Gedanke auf, daß vom Werke des Schauspielers so gar nichts uͤbrig bleibt, als die dankbare Erinnerung und ein ungenuͤgendes Lob, so werden meine Freunde mir vergeben. Wir haben also in Deutschland, sagte Man- fred, treffliche Kuͤnstler gehabt, besitzen noch einige, und hoffentlich werden neue entstehn; es liegt eben so sehr an den Dichtern, an den Di- Zweite Abtheilung . rektoren, am Publikum, an den Umstaͤnden, wenn aus unserm Theater nichts Sonderliches wird. Das schlimmste waͤre wohl, wenn wir den Fran- zosen ihre ausgebildete Manier in ihrer dekla- mirenden Tragoͤdie, oder ihre vollendete im Lustspiel nachzuahmen suchten. Denn ohne Zwei- fel haben wir ein anderes Lustspiel und Trauer- spiel als sie, und muͤssen es auch anders darstel- len. Das fuͤhlte auch Schroͤder, und spielte eben deshalb franzoͤsische Charaktere auf deut- sche Weise. Die Englaͤnder, fing Lothar wieder an, ha- ben sich, wie ich hoͤre, in der Tragoͤdie eine will- kuͤhrliche Manier gemacht, in der sie alle Syl- ben zuzaͤhlen und zuwaͤgen. Dies paßt wenig- stens auf den Shakspeare nicht. Von der Sid- bons habe ich eine große Vorstellung, von den maͤnnlichen Tragikern nicht. Ihr Lustspiel mag trefflich seyn. In der Tragoͤdie koͤnnte ein neuer Garrick wieder Epoche machen, wenn er das Pa- thetische und Große von neuem mit dem Natuͤr- lichen verbaͤnde. Garrick scheint im Lustspiel ganz außerordentlich gewesen zu seyn; trotz allen Lobpreisern kann ich es aber nicht so ganz von seiner Tragoͤdie glauben, ich ersehe aus seinen Panegyrikern selbst, daß er oft manierirt war, seine Bearbeitungen des Shakspeare geben mir keinen großen Begriff von seinen Einsichten in Zweite Abtheilung . die Poesie, und ob Smollet in seinen fruͤheren Ausfaͤllen auf ihn so ganz Unrecht haben mochte, steht noch dahin, auf jeden Fall aber fehlte ihm das os rotundum, die volle Stimme die einem Tragiker durchaus unerlaßlich ist. Ich machte mir von Italien, sagte Ernst — da ich es allenthalben gehoͤrt und gelesen hatte — die Vorstellung, daß es durchaus keine guten Schauspieler aufzuweisen habe, und fand mich zu meiner Freude sehr betrogen. Von ihren beruͤhmten Masken hab' ich kaum etwas Mittel- maͤßiges angetroffen, den Pantalon einigemal er- traͤglich, doch habe ich Venedig nicht besucht. Den Diener zweier Herren sah' ich in Bologna und Florenz ganz schlecht spielen, jede deutsche Truppe wuͤrde den Scherz geistreicher und leben- diger geben. Ein Schauspiel von Gozzi habe ich leider nirgend angetroffen, diese Fabeln sind wohl mit der Truppe Sacchi untergegangen, eben so wenig jene geistreichen Possen und Ueber- treibungen, von denen ich bei fruͤheren Reisenden so viel gelesen habe, wenn nicht ein Don Juan, der auf dem großen Theater zu Mayland aufge- fuͤhrt, und, wie es schien, improvisirt wurde, dergleichen seyn sollte, der aber im Gegentheil das abgeschmackteste und platteste Wesen war, das mir jemals vorgekommen ist. Dagegen habe ich in Verona, vorzuͤglich aber in Rom, Zweite Abtheilung . Lustspiele und Charakterstuͤcke so vortrefflich auf- fuͤhren sehn, daß dem eigensinnigsten Kenner nichts zu wuͤnschen uͤbrig blieb. Ein hoher Ge- nuß ist es, die besseren der Goldonischen Stuͤcke von einer guten Italiaͤnischen Truppe sich vor- stellen zu lassen. — Es ist uͤber unsre Erzaͤhlun- gen vom Theaterwesen spaͤt geworden, sonst koͤnnte ich einiges Bestimmtere davon erzaͤhlen, aber die Damen sind muͤde, und es ist Zeit, schla- fen zu gehn. Halt! rief Lothar, ich lege erst noch meine Regierung hiemit nieder, und uͤberlasse es der Republik, einen neuen Diktator zu waͤhlen. Auch haben wir noch gar nichts daruͤber ausgemacht, sagte C lar a, welches der vorgelese- nen Dramen uns am meisten, oder am wenigsten gefallen habe. Auch davon ein ander mal, sagte Emilie, Du liebst es in die Nacht hinein zu wachen, und versaͤumst daruͤber manchen schoͤnen Morgen. So will ich fuͤr mich wenigstes, rief Clara, durch ein stummes Zeichen meine Meinung sa- gen. — Sie nahm eine Rose und uͤberreichte sie Theodor. Ohne jemand zu nahe treten zu wollen, fuhr sie fort, weder dem Herrn Fortu- nat noch Blaubart gestehe ich hiemit meine Lieb- schaft zu dem guten, edlen Kater, und deshalb Zweite Abtheilung . sey dessen Erfinder der kuͤnftige Regierer des Staates. Meine Freunde, sagte Theodor, ich nehme diese Wuͤrde an, und verspreche, daß meine Re- gierung sanft und ohne Druck seyn soll. Statt also eine bestimmte Aufgabe, wie Maͤhrchen, auf- zulegen, oder gar Dramen zu verlangen, die uns sehr lange aufgehalten haben, sey es einem jeden vergoͤnnt, mitzutheilen was er nur will, wenn es nur leicht und heiter ist, sey es nun Erzaͤh- lung, oder sonst ein Scherz, nur werden durch- aus dramatische Versuche und Poesieen aus- geschlossen. Die Gesellschaft ging aus einander. Clara hatte sich indessen an das Fortepiano gesetzt, sie schlug die Noten auf, und sang mit ihrer vollen reinen Stimme das Salve Regina von Pergo- lese. Anton, Rosalie und Ernst waren zugegen geblieben. Ich beschließe am liebsten, sagte Clara, den Abend mit Musik, alle Gefuͤhle und alle Mißklaͤnge werden in ihr so rein aufgeloͤst, daß die Nacht dann wirklich ein Schluß des Ta- ges ist; der Schlaf wird dann geheiligt, und recht verstaͤndige Traͤume kommen auf uns herab. Man erlaube mir, sagte Anton, ein kleines Gedicht mitzutheilen, das vor einiger Zeit im Wettstreit mit mehrern Freunden versucht wurde. Zweite Abtheilung . Es ist ein schon oft glossirtes Thema, das mich ebenfalls gereizt hat, meine Kraͤfte in einer mir neuen, sehr schwierigen Gattung zu pruͤfen, die besonders bei den Spaniern beliebt war. — Er las: Liebe denkt in suͤßen Toͤnen, Denn Gedanken stehn zu fern, Nur in Toͤnen mag sie gern Alles, was sie will, verschoͤnen. Glosse . Wenn im tiefen Schmerz verloren Alle Geister in mir klagen, Und geruͤhrt die Freunde fragen: „Welch ein Leid ist Dir geboren?“ Kann ich keine Antwort sagen, Ob sich Freuden wollen finden, Leiden in mein Herz gewoͤhnen, Geister, die sich liebend binden Kann kein Wort niemals verkuͤnden, Liebe denkt in suͤßen Toͤnen . Warum hat Gesangessuͤße Immer sich von mir geschieden? Zornig hat sie mich vermieden, Wie ich auch die Holde gruͤße. So geschieht es, daß ich buͤße, Schweigen ist mir vorgeschrieben, Und ich sagte doch so gern Was dem Herzen sey sein Lieben, Aber stumm bin ich geblieben, Denn Gedanken stehn zu fern . Zweite Abtheilung . Ach, wo kann ich doch ein Zeichen, Meiner Liebe ew'ges Leben Mir nur selber kund zu geben, Wie ein Lebenswort erreichen? Wenn dann alles will entweichen Muß ich oft in Trauer waͤhnen Liebe sey dem Herzen fern, Dann weckt sie das tiefste Sehnen, Sprechen mag sie nur in Thraͤnen, Nur in Toͤnen mag sie gern . Will die Liebe in mir weinen, Bringt sie Jammer, bringt sie Wonne Will sie Nacht seyn, oder Sonne, Sollen Gluͤckessterne scheinen? Tausend Wunder sich vereinen, Ihr Gedanken schweiget stille, Denn die Liebe will mich kroͤnen, Und was sich an mir erfuͤlle Weiß ich das, es wird ihr Wille Alles, was sie will, verschoͤnen .