Abriß der so genannten Bruͤdergemeine , in welchem die Lehre und die ganze Sache gepruͤfet, das Gute und Boͤse dabey unterschieden, und insonderheit die Spangenbergische Declaration erlaͤutert wird durch Johann Albrecht Bengel . Erster Theil. Stutgart , bey Johann Benedict Metzle . 1751 . Vorrede . Inhalt. § 1. Bewandtniß der so genannten Bruͤdergemeine. § 2. Wichtigkeit der Ent- scheidung. § 3. Nothwendigkeit der- selben. § 4. Wie der Verfasser zu dieser Arbeit und deren Aus- gabe gekommen? § 5. Unter dem Lesen hat man vielmehr auf die Sache selbst, als auf den Vortrag zu sehen. § 6. Unterschied zwischen einzeln guten Seelen und dem ganzen Werk. § 7. Heilsame Ansprache an heilsbegierige Seelen bey dieser Gemeine. § 8. Sinn des Verfassers. § 9. Hoͤchstnoͤthige War- nung an Weltkinder. § 10. Abtheilung dieser Schrift. § 1. D as grosse Werk, wel- ches mit und zu Herrnhut anfing, wird unter dem Na- men der evange- lisch-maͤhrischen Kirche in Teutschland, England und etlichen Gegenden anderer europaͤischen Laͤnder fortge- * 2 fuͤhret, Vorrede. fuͤhret, soll aber durchaus und uͤberall die Ge- meine im Geist und die Versammlung zu Christo abgeben. Wann das sich so verhielte, so wuͤrde man sich durch einen vermessenen Widerspruch toͤdlich verschulden: da aber die jenigen, die es mit dieser auͤsserst-vermischten Sache so eiferig halten, sich durch einen fal- schen Schein verleiten lassen, so ist die Gefahr auf ihrer Seite, ob sie sich noch so getrost da- gegen segneten. Diese Gemeine nennet sich Evangelisch: aber sie gehet von der Augspur- gischen Confession und von der Evangelischen Lehre selbst ab. Sie nennet sich Maͤhrisch: aber das allerwenigste, das sie an sich hat, ist Maͤhrisch. Sie soll aus lauter Bruͤdern be- stehen; und ihre Glieder sind vielmehr ein gu- tes und boͤses Geschwister durcheinander. Was noch weit mehr ist, sie nennet sich nicht nur ei- ne Kirche oder Gemeine, sondern die Gemei- ne , als ob ihr dieser Name vor allen andern Ge- meinen aller Zeiten gehoͤrte: aber diß ist ein Ruhm, den sie ihr selbs ohne Gutheissen GOttes und erleuchteter Menschen beyleget. Solches zu zeigen, ist ein gutes Werk: und bey dem voͤlligen Beweis muß vieles aus dem Grunde der Wahrheit hergeholet werden, welches alsdenn nicht nur zu einer noͤthigen Warnung, sondern auch zu einer heilsamen Erbauung gereichet. § 2. Nun kommt es weit mit der Sache. Auf der einen Seite sieht man die so genannten Bruͤder dafuͤr an, daß sie in der groͤssten Ge- fahr Vorrede. fahr ihrer Seelen stehen, und auch unzehlich vielen andern Leuten gefaͤhrlich seyn: und hin- gegen sollen die Glieder dieser Gemeine nach ihrem eigenen Vorgeben wuͤrklich einer solchen Seligkeit geniessen, deren sonst niemand theil- haftig sey. Also ligt nicht nur verstaͤndi- gen und gelehrten, sondern auch denen, die weiter zuruͤcke sind, daran, daß sie die Sache gruͤndlich beurtheilen lernen. § 3. Es muß nicht eben schreiben, wer schreiben kan: aber wer anderer geistlichen Schriften hal- ben etwa vorhin bekannt ist, und etwas tuͤch- tiges dieser Sache wegen zu erinnern vermag, der thut es billig (ob er auch nichts neues und besonders vorzubringen haͤtte, und schon nahe bey dem Ziel seines Laufes waͤre,) damit es der- einst kein Ansehen habe, als ob zu dieser Zeit, wo nicht alle, doch die meiste, die nicht auf blosen Naturkraͤften ruhen, sondern die Gna- de noch erkennen, dieser Partie waͤren zugethan gewesen, und damit niemand, wann diese ei- nen widrigen klaͤglichen Ausgang haben solte, einen Vorwand daher nehmen moͤge, alle uͤber- natuͤrliche geistliche Wuͤrkungen gar zu ver- nichten. § 4. So weit ging ich anfangs mit meinen Ge- danken nicht. Ohne meine Nachfrage kam mir vieles vor die Hand und in den Sinn: doch habe ich lange Zeit in der Stille zugesehen, und mich weder in Beyfall noch in Widerspruch eingelassen. Mein Begriff von dem Ordinario * 3 oder Vorrede. oder vielmehr ausserordentlichen Arbeiter be- stund in folgendem: Er wolle dem Heiland solche Dienste leisten, womit Ihm nicht allemal gedienet sey: und nur die gute Mei- nung und Absicht muͤsse bey ihm allerley Mittel gut machen. Diesen Begriff befand ich bey einer vieljaͤhrigen Aufmerksamkeit rich- tig: ließ es mir aber, wohl nur zu gern, eine Freude seyn, daß ich meiner auͤssern Umstaͤnde halben uͤberhaben waͤre, etwas in dieser weit aussehenden Sache zu sprechen: schlug auch die an mich ergangene Fragen ziemlicher maassen aus. So ging es bis gegen das Jahr 1743. Von dem an ward ich von theuergeschaͤtzten Freunden, die gleichwohl selbsten eine naͤhere Einsicht hatten, um meine Gedanken mit gros- sem Eifer schriftlich befragt, und folglich erst recht zu einer geflissenen Untersuchung bewogen. Ich verfassete, unter anderm, nach meinem besten Wissen und Gewissen, im Fruͤhling er- meldten Jahres, zu Herbrechtingen, die so genannten Anmerkungen, darin ich etliche Puncten, ohne Absicht auf einige Publication, abhandelte. Ich hielte eine geraume Zeit da- fuͤr, man solte diesen Streit beedes vor den einfaͤltigen Seelen bey der Gemeine, und vor allen andern Leuten, bestmoͤglich verborgen hal- ten, und erfahrne Lehrer auf beeden Seiten moͤchten es in Liebe untereinander auszumachen suchen. Aber meine Anmerkungen kamen durch eine Luͤcke aus, die ich nicht alsobald in Acht ge- nommen noch verwahret hatte: es gab Ab- schriften: man redte vom Druck: ich gab de- nen Vorrede. nen Recht, die dawider waren, wie ich denn niemal einige Gunst, oder was einen sonst in Eigenliebe reizen kan, gesuchet habe, will ge- schweigen, auf Kosten der so genannten Bruͤ- dergemeine. Doch gelangte der Aufsatz schrift- lich nach Marienborn: etliches gefiel wohl, et- liches nicht: ein Lehrer der Gemeine verfasste eine Erlauͤterung, welche Hr. Jonas Paul Weiß an mich sandte, und mit einem Schrei- ben begleitete. Unversehens erschienen die An- merkungen gedruckt in den Actis historico-ec- clesiasticis A. 1744. VIII Band, s. 790. wel- ches ich fuͤr eine Goͤttliche Schickung erkannte. Denn also kam der Aufsatz auch solchen Leuten in die Haͤnde, bey denen andere sehr unter- schiedene Gegner mit ihren Iudiciis, aus guͤl- tigen oder nichtigen Ursachen, wenig Eingang fanden, und deswegen annoch von einer an- dern Seiten her etwas angebracht werden mochte. Ferner wurden desselben Jahres mei- ne Anmerkungen, samt jener Erlauͤterung und Briefe, dem 17 Stuͤcke der Buͤdingi- schen Sammlung einverleibet. Des folgen- den Jahres bekam ich gute Gelegenheiten, mit etlichen ansehnlichen Vorstehern dieser Gemei- ne muͤndlich zu handeln, und ihnen bescheident- lich, ohne Absicht auf eine schaͤdliche Spaltung unter ihnen, zu Gemuͤthe zu fuͤhren, wie sie ihre Monarchie in eine Aristocratie verwan- deln, selbs als Maͤnner verfahren, und all ihr geistliches zur Gemeine gebrachtes Vermoͤ- gen in einen freyen Gebrauch setzen moͤchten: so daß ich mich, wegen ihrer selbst, mit Ver- * 4 gnuͤgen, Vorrede. gnuͤgen, als einer, der das seinige nach vorge- fallenen Umstaͤnden gethan, und gedachte Er- innerung ihnen als eine Beylage anbefohlen, zu Ruhe begab, jedoch mir muͤnd- und schrift- lich die Freyheit vorbehielt, kuͤnftighin nach weitern Erfordernissen zu handeln. Die lez- tern Stuͤcke der Buͤdingischen Sammlung, die neuere Lieder und Reden u. s. w. fuͤhrten keine Besserung mit sich: und mich bewogen besondere Ursachen uͤber jene Anmerkungen noch ein triftigers Zeugniß oͤffentlich abzulegen. Denn es entstund eine falsche Sage, als ob ich die neumaͤhrische Gemeinsache billigte, oder mich wenigstens verbunden haͤtte, nichts wei- ter davon heraus zu geben: dagegen ich vor al- len Menschen dieser und kuͤnftiger Zeit nicht nur anzudeuten, sondern auch ausdruͤcklich zu bezeugen noͤthig erachte, daß diejenige mich faͤlschlich zu einem Aergerniß machen, und also selbs eines Aergernisses schuldig seyn, die da vorgeben und ausstreuen, daß ich die neumaͤhrische Gemeinsache gut heisse. Noch noͤthiger aber ist es, daß die Einbildung von einem unvergleichlichen philadelphischen Periodo, welche bey diesen Bruͤdern zum Hauptgrunde ligt, gedaͤmpfet, und zugleich des prophetischen Wortes heilsamer Gebrauch gegen sie, und dessen schaͤdlicher Misbrauch bey ihnen, auseinander gesetzet werde: und allem Ansehen nach ist es fuͤr mich aufbehalten geblie- ben, diesen delicaten und wichtigen Puncten auszufuͤhren. Man sehe unten, § 177. Sol- chergestalten habe ich diese Arbeit schon etliche Jahre Vorrede. Jahre unter Handen, und das meiste davon verfasset, ehe ich im Jahr 1749 hieher beruffen ward. Weil es bey der so genannten Bruͤ- dergemeine so vielerley Aufzuͤge im Thun und in der Lehre, wie auch so vielerley Abwechslun- gen im Streit uͤber derselben gegeben hat, wo- zu lezthin die Spangenbergische Declara- tion, als die scheinbarste Vertheidigung die- ser Sache, gekommen, so musste nicht nur in einzeln Stuͤcken immer etwas geaͤndert, son- dern auch die ganze Ausfuͤhrung mehrmal in eine andere Form gegossen werden; daher zu hoffen steht, es werde sich alles desto eigentli- cher auf die gegenwaͤrtige Bewandtniß sotha- ner Gemeine deuten lassen. Was inzwischen von andern abgehandelt worden ist, das habe ich lieber weggethan oder uͤbergangen, als wiederholet, hingegen noch auf etwas, das die Sache nach ihren Quellen ( a priori ) zu be- urtheilen dienlich ist, absonderlich gesehen, nemlich wie es moͤglich gewesen, daß so ein un- erhoͤrtes Gemenge vom Guten und Boͤsen nur eine einige, und vielmehr so manche gutwillige Seele einnaͤhme, so weit ausgebreitet wuͤrde, und sich bisher unterhielte. Mancher moͤchte gedenken, eine Eroͤrterung von dieser Gat- tung komme nun zu spaͤte, und mir selber solte es sehr lieb gewesen seyn, wann ein solches Zeugniß, durch eine gruͤndliche Besserung bey der so genannten Bruͤdergemeine in der Lehre und in den Werken, zu einer uͤberfluͤssigen oder gar unbefugten Arbeit gemacht worden waͤre. Aber nicht nur das instaͤndige Anhalten recht- * 5 schaffe- Vorrede. schaffener Maͤnner, sondern auch die Sache selbs hat mich juͤngsthin gedrungen, das, was ich so lang unter Handen hatte, endlich zu ergaͤnzen und hiemit an das Licht zu stellen. Die Ehre GOttes in Christo JEsu erfordert hoͤchlich, daß man im̃er das scheinbarste Boͤse am ernst- lichsten bestreite, und den schwaͤchesten Seelen zu Huͤlfe komme, damit sie von demselben das Gute unterscheiden koͤnnen. Ob ich auf diese Stunde einer von den letzten, die mit dieser Sache umgehen, oder noch einer von den ersten sey, steht dahin. Eine Ausfuͤhrung, wie die- se ist, wird auf alle Faͤlle immer einige Frucht bringen. § 5. Diejenigen, welche den Handel aus rich- tiger Kundschaft und naher Erfahrung inne haben und unpartheyisch sind, werden bey mir Schaͤrfe, andere aber Gelindigkeit fordern. Von der leztern Gattung sind die allermeisten: und deswegen habe ich mich nach diesen, wie- wohl es manchen nicht so duͤnken moͤchte, ge- richtet, welches mir jene zu gut halten, alle aber das, woran ich ihres Erachtens zu wenig oder zu viel thue, in ihrem Nachdenken aus- zubessern, und dabey noch vielmehr auf die Sa- che selbs zu sehen ersuchet werden. § 6. Alle einzele gute Seelen bey der so genann- ten Bruͤdergemeine, es seyen ihrer nunmehr wenig oder noch viele, lasse ich mit andern, und nach oder vor andern, bey alle dem Werth, den sie in GOttes Augen haben: jedoch im Gan- zen Vorrede. zen ist es eine leidige Sache. Herrenhut thut nicht gut. Ist von dannen etwas gutes aus- gangen, so haben andere neumaͤhrische Orte viel boͤses dorthin zurukgegeben. Ein decisi- ves Lehr-Exempel findet sich unten, § 58, ver- gl. § 75. Wer noch daran zweifelt, der sehe zu, ob er des Heilandes Sinn habe und zu ha- ben begehre. Wer aber sich nicht nur zu ihnen haͤlt, sondern auch dazu hilft, daß die Thore sich empor heben, und die Welt-Thuͤren sich erhoͤhen, damit der Ordinarius einziehe: der solte nachdenken, ob er dem Koͤnige der Ehren die schon lang gemachte Bahn noch mehr eben oder uneben mache. § 7. Hie rede ich aufrichtige Seelen bey der so genannten Gemeine an. Hoͤren Sie mich, daß GOtt Sie hoͤre! Etliche unter Ihnen wer- den eine gute Meinung von mir haben: etli- che werden wider mich eingenommen seyn, (wie denn andere, bey denen die Wiedergeburt sorg- lich in einem blossen Ruhm an der Gemeine be- stehet, mit ihrem Schmaͤhen mich zu einem Glied der wahren Creuz-Gemeine machen hel- fen:) den meisten aber bin ich vielleicht bisher unbekannt gewesen. Dem sey wie es wolle, ich hoffe gegen Sie alle in ihrem Gewissen of- fenbar zu werden, solte es auch noch so lang- sam geschehen. Ein Liebhaber, und kein Feind ist derjenige, der einem die Wahrheit vorhaͤlt. Mein Vortrag fleusst aus keiner Uebereilung: und keine unlautere Absicht hege ich. Ja es hat mich, wegen der besondern Neigung des Ordina- Vorrede. Ordinarii und seiner Mitarbeiter gegen mir, manche Selbstverlauͤgnung gekostet, bis ich zum Entschluß gekommen bin, diese Schrift an das Licht zu stellen. Lauterer Seelen Ge- meinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne JEsu Christo, und ihre daraus flies- sende vollkommene Freude, begehre ich nicht zu stoͤren, sondern zu befoͤrdern. Ihre Ein- traͤchtigkeit untereinander und mit andern Kin- dern GOttes suche ich nicht zu kraͤnken, son- dern reiner, fester, gemeiner und freyer zu ma- chen. Man wird Sie, wie ich ohne Verle- zung der Liebe erachte, abzuschrecken suchen, daß Sie diesen Abriß Ihrer Gemeine nicht an- sehen, geschweige lesen sollen: man wird es Ihnen als etwas unnuͤtzes oder gefaͤhrliches ausreden oder gar verwehren wollen: es wird heissen, ich haͤtte nicht aus der Wahrheit geschrieben, haͤtte den Sinn des Heilands nicht, waͤre nicht selbs bey der Gemeine gewesen, waͤre von andern aufgebracht oder nicht wohl berichtet, hielte auf diesen oder jenen Puncten zu viel oder nicht genug, eifere fuͤr meine Arbeit am prophetischen Wort ꝛc. ꝛc. Wann es nun dergleichen ge- nerale Einwendungen und Ausfluͤchten gibt, so wollen Sie nur einen jeden Puncten inson- derheit beherzigen, und dabey immer auf die beederseitigen Worte und Gruͤnde zuruͤcke se- hen, sonderlich aber Achtung geben, ob nicht von denen, die etwas gegen diesen Abriß ein- wenden, das wichtigste mit Stillschweigen be- decket und uͤbergangen werde. Und wie waͤre es, Vorrede. es, wann ein solcher Mensch Sie eben damit wider all ihr und sein eigenes Vermuthen vom ewigen Leben und vom Heiland abfuͤhrte? Wer sich vorsetzlich blenden und blindlings lei- ten laͤsset, und sich beredet, um seiner guten Meinung willen sey er auf allen Irrwegen dem grossen GOtt keine Rechenschaft zu geben schul- dig, dem bringt sein ruhiges commodes Ver- trauen gegen seine Leiter, ob sie ihm auch Buͤrg- schaft leisteten, keine Entschuldigung, und er faͤllt eben doch in die Grube. Zum wenigsten soll ihnen ein jeder, der sie in dieser der Seelen Seligkeit betreffenden Sache von einem sorg- faͤltigen Forschen abmahnet, verdaͤchtig seyn. Wer die Wahrheit, die ihm begegnet, als et- was unbekanntes abweiset, und nicht vielmehr auch seine Freunde mit ihr bekannt macht, von dem wird es gefordert werden. Das Boͤse ist nie allein: und wiewohl das Gute ihm einen Schein zu geben gezwungen wird, so hoͤret das Boͤse doch nicht auf, boͤse, gefaͤhrlich und schaͤdlich zu seyn. Vernehmen Sie dann, was ich sage: die kurzen Saͤtze dieser Pruͤfung wer- den nach ihrer Ordnung in einer Viertelstun- de durchgelesen seyn: so dann moͤgen Sie den- ken, was zu thun sey. Friede und Barmher- zigkeit sey uͤber Ihnen! O wie solte michs freuen, wann ich dereinst als ein Gehuͤlfe ihrer Freude erfunden wuͤrde! § 8. In der Gewissens-Ruͤge wird alsobald nach der Einleitung aus meinen Anmerkun- gen die zweyte sehr guͤnstig angezogen, und so dann Vorrede. dann folgendes beygefuͤget: ”Moͤchte dieser ” liebe Mann (sagte der Ordinarius damals ” unter seinen Vertrauten) in diesem Gusto ” fortfahren, meine Schriften und Principia ” zu censuriren; wer weiß, ob ihm nicht mit ” mehr realer Docilitaͤt geantwortet wuͤrde, ” als mit woͤrtlicher Explication. Allein die ” Umstaͤnde haben es anders gefuͤget, der Or- ” dinarius Fratrum ist von den Theologis sei- ” ner Confession auf eine solche Art behandelt ” worden, daß es zu keinem Commercio zwi- ” schen ihm und ihnen kommen koͤnnen u. s. w. Keine Docilitaͤt soll ich fordern: aber eine in- nige Freude waͤre es mir gewesen, zu einem realen Nutzen dienlich zu seyn. Indessen rei- men sich die in der Gewissens-Ruͤge gemeldte Docilitaͤt und jener marienbornische Brief nicht zusammen. Denen Seelen zu gute wolte ich gern noch ein mehrers vertragen: und eben in dem Gusto, darin ich die Anmerkungen in ge- heim geschrieben, habe ich selbigen Brief beant- wortet, wie ich auch diesen Abriß annoch in sol- chem Gusto verfasse. Daß die Umstaͤnde es anders gefuͤget haben, bedaure ich: aber die Schuld ist nicht mein. Ich suche keines Men- schen Schimpf, Verdruß oder Schaden, son- dern wahre Besserung: ich begehre niemanden etwas aufzubuͤrden, sondern zu erleichtern; niemand abzuschrecken, sondern herum zu ho- len. Wo meine Worte am ernstlichsten sind, da ist die Absicht, einer heilsamen Vorstellung den Eingang zu verschaffen. Wer nicht etwa an einem einigen Woͤrtlein mit Empfindlichkeit hangen Vorrede. hangen bleiben, und eine Ursache davon neh- men will, seine Ohren zu verstopfen, sondern meinen ganzen Vortrag vernehmen und erwe- gen kan, der wird, wann er einen gesunden Gustum hat, vermerken, daß nichts aus Bit- terkeit, sondern alles aus der Liebe herruͤhre. Wann ich den Nutzen, den ich durch diese Vor- stellung suche, mit einem einigen sanften Woͤrt- lein haͤtte zu erhalten gewusst, so wolte ich nicht so viel lebhafte Worte anwenden. Ich weiß alle Stunden nicht, wann der Jenige, der mich gemacht hat, mich zu sich hinnimt: und begehre deswegen durchaus kein Wort anders zu setzen, als es Ihm gefaͤllig ist, und mir das Gewissen nicht nur unversehrt lassen, sondern auch freudig machen kan. § 9. Weltkinder sollen sich an diesem Handel we- der kuͤzeln noch sonst aͤrgern: ihnen moͤgen noch schwerere Versuchungen bevorstehen. So der Gerechte (dergleichen ohne Zweifel unter den Herrnhutern sind) kaum erhalten wird, wo will der Gottlose und Suͤnder erscheinen? Ein erneurter Sinn gehoͤrt dazu, wann man von solchen Dingen urtheilen soll. Nur der geistliche Mensch kan geistliche Dinge entschei- den. Wer mit seiner verwegenen Vernunft darein faͤhret, der steht in Gefahr, boͤses gut, und gutes boͤs zu heissen. Ein jeder soll zuerst sein selbst Werk pruͤfen, und keinen Ruhm an fremden Fehlern suchen. Sonderlich hat ein jeder sich allen Fleisses zu huͤten, daß er nicht das jenige, was zum wahren Christenthum gehoͤrt, und Vorrede. und dem Worte GOttes gemaͤß ist, unter dem Namen einer Herrnhutischen Verfuͤhrung auf eine geschwinde gefaͤhrliche Weise fuͤr sich selbst fliehe und andern verdaͤchtig mache, noch sich darum schon fuͤr einen wahren evangelischen Christen halte, weil er kein Herrnhuter sey. Wende ein jeder das, was in dieser Schrift ab- gehandelt wird, zu seiner Besserung an, er sey inn- oder ausserhalb der so genannten Bruͤder- gemeine, er sey ein Kind GOttes oder der Welt. § 10. Der erste Theil dieses Abrisses haͤlt in sich eine Pruͤfung der Lehre, und das in drey Hauptstuͤcken, nemlich I. Von der Lehre uͤberhaupt, vom Jahr 1741 bis auf die gegenwaͤrtige Zeit. II. Von dem Buͤdingischen N. T. und dessen zweyter Edition. III. Von Philadelphia. Im andern Theil wird erinnert, was gute Seelen, bey der so ge- nannten Bruͤdergemeine und ausser derselben, dieser Sache wegen zu bedenken, zu thun und zu lassen haben moͤchten: und der Anhang haͤlt in sich die vorigen Anmerkungen, mit Notis u. s. w. GOtt lasse hieraus viel gute Frucht erwachsen, zu seinem Wolgefallen. Stutgart, den 6 April, 1751. Abriß A briß der so genannten B ruͤdergemeine . Erster Theil/ darin die Lehre gepruͤfet wird. Das I Capitel/ von der Lehre uͤberhaupt. D er 1 S atz. Die Pruͤfung der Lehre bey der so genannten Bruͤdergemeine ist das erste und vornehmste. § 1. D ie so genannte Bruͤdergemeine beruhet bisher auf einer neuen eclectischen Religionsform, da die alte Boͤh- mische Bruͤder-Unitaͤt, sonderlich vermittelst der Ordination, welche von Jablonsky auf die neumaͤhrischen Vorste- her gekommen, fortgefuͤhret, wo nicht viel- (Abriß der Bruͤderg.) A mehr Theil I. Cap. I. Satz 1. mehr abgeloͤset; das Stuͤck von den Wun- den und von dem Blut des Heilandes, ein beliebiger Theil der Augspurgischen Con- fession, und der Einfall von einer Goͤttli- chen Familie und damit uͤbereinstimmen- den menschlichen heiligen Ehe untereinan- der gemenget; der Vortrag nach dem Be- griff aller Secten und Nationen gestuͤm- melt und vermehret; die Sache, vieler mit unterlauffenden rohen Arbeiter und Mit- glieder ungeachtet, fuͤr einen seit der Apo- stel Zeiten nicht erlebten, die apostolische Kirche uͤbertreffenden, reinen, seligen, in alle Welt sich ausbreitenden, und bis an Christi Zukunft hinreichenden Periodum angegeben, und solche indessen unter dem Vorwand der heiligen Schrift nach dem Gutduͤncken eines einigen menschlichen Her- zens fortgetrieben worden ist. § 2. Vor allen Dingen ist hiebey auf die Lehre zu sehen, und bey der Lehre hat man vorsich- tig zu erforschen, ob sie lauter, ob sie voͤllig sey, ob sie nicht zu leicht und zu hoch herfahre. Nachdem sich desfalls eine Richtigkeit oder Unrichtigkeit findet, so ist die Sache selbs ent- weder gut oder verwerflich, und die Seelen, die der Lehre folgen, sind entweder auf dem Weg zum Leben oder zum Tode. Eine sanfte Einbildung ohne weitere Kennzeichen ist betruͤg- lich und gefaͤhrlich. § 3. Von der Lehre. § 3. Was die Lehre bey der so genannten Bruͤ- dergemeine sey, erhellet genugsam aus den Schriften ihres Ordinarii. Dieser ist ihr Stifter, ihr Lehrer, ihr Meister, ihr Vater, ihr Cantor, ihr Prediger, ihr Ausleger, ihr Bevollmaͤchtigter. Er hat ein unermeßlich hohes Ansehen bey seinem Hauffen: seine in- nere Gestalt hat er seinen Mitarbeitern und den Gliedern seiner Gemeine an ihren Haupt- Orten bey einem unmittelbaren Umgang ein- gedruͤcket und eingepraͤget: nach seiner Vor- schrift muß sich alles richten: auf ihn kommt alles an: von ihm ruͤhret her, was an der Gemeine neues und eigenes ist. Muͤndlich fuͤhren zwar auch viele andere Lehrer bey ihnen das Wort: aber keiner darf ihm widerspre- chen, noch seine Irrthuͤmer widerlegen. Die gemeinesten Leute, die nur des Ordinarii Schriften lesen, oder auch die neumaͤhrische Gemeine etwa besuchen, saugen alle, auch die besonderste Lehren, von ihm begierig ein. § 4. Ich naͤhme gern einen Umgang, daß ich dieser vornehmen Person nicht gedenken moͤch- te: aber dieser weltbekannte Arbeiter und sei- ne Arbeit selbs hangen unzertrennlich zusam- men. Er selbs ist gezwungen, so viel von sich zu reden: diejenigen, die sich der so genann- ten Bruͤdergemeine annehmen, muͤssen auch viel von ihm reden: so kan denn ein anderer A 2 es Theil I. Cap. I. Satz 1. es nicht vermeiden, zumal da die Schriften, auf die man sich beziehen muß, hauptsaͤchlich von ihm herruͤhren. Wir wollen das Anse- hen der Person bestaͤndig, aber die Beschei- denheit niemalen aus den Augen gesetzet seyn lassen. D er 2 S atz. Der Ordinarius selbs hat seinen innern Character beschrieben. § 5. B ey der Vorrede der Buͤdingischen Sam̃- lung ist eine Nota, darin der Ordina- rius selbs gar wohl erinnert, daß das Inte- rieur bey denen Personen, die mit einiger Religions-Materie connecti ren, die naͤch- ste und gegruͤndeste Idee von ihren Unter- nehmungen geben koͤnne; und damit die Leute ein Licht in seine Absichten (indem die Absichten bey allen Unternehmungen ver- nuͤnftiger Menschen das Meiste zu deren Beurtheilung austragen,) bekommen moͤ- gen, hiezu die Einleitung ertheilet, vermit- telst einer daselbs folgenden Erzehlung und Bekenntniß, womit zu vergleichen ist, was derselbe im Teutschen Socrate p. 212. in den Notis zu meinen Anmerckungen, unten, * 14. und in den Reflexionen p. 110. von sich mel- det, was in den Beylagen zu den Reflexionen p. 21 vorkommt, und was bey dem Hn. D. Baumgarten im sechsten Theil der Bedenken p. 701 Ordinarii character. p. 701 Conrad Weiser aus Pennsylvanien, wie auch die Abbildung des Grafen von Zin- zendorf, Franckfurt am Mayn 1749. von ih- me berichten. § 6. Eine Bekenntniß, die einer etwa in einer Nachricht von sich selbs thut, kan ihm wohl, einem andern aber, der solche wiederholet, uͤbel anstehen. Deswegen wollen wir uns solcher Stellen des Ordinarii so sparsam bedienen, als es moͤglich ist: und diß Orts bemerken wir, zu unserm Vorhaben, aus jener bekannten weitlaͤuffigen Nota, ohne derselben woͤrtliche Wiederholung, nur rubriken-weise 1. die Begierde, geistliche Gesellschaften aufzurich- ten. 2. Den aus dem Leidens-Puncten vor aller andern heilsamen Lehre empfangenen und behaltenen Eindruck. 3. Den Zweifel an an- dern Hauptwahrheiten. 4. Die Scheide- wand zwischen dem Herzen und dem Ver- stande. § 7. Diese vier ungezweifelte Stuͤcke sind mit dem jungen Hn. Grafen aufgewachsen, groß und starck worden, und werden uns im Fort- gang unserer Beschreibung ein sattsames Licht geben, seine Absichten und Unternehmungen, wie sie sich nacheinander geaͤussert haben, war- zu nehmen. A 3 Der Theil I. Cap. I. Satz 3. D er 3 S atz. Die Haupt-Absicht ist eine beson- dere Seelen-Sammlung. § 8. I n den naturellen Reflexionen s. 195 heisst es: Was mein Finis ultimus bey der Versammlung in Pensylvanien war, das weiß ich wohl, und habe damit nicht einen Augenblick zuruͤkgehalten. Ich wolte Gelegenheit nehmen, das Lamm GOttes zu inthronisiren, als eigentlichen Schoͤpfer, Erhalter, Erloͤser und Heilig- macher der ganzen Welt, und die Catholi- citaͤt seiner Leidens-Lehre als eine Univer- sal-Theologie fuͤr die Teutschen Pensylva- nier in theoria \& praxi einzufuͤhren, und so viel sonst von denen in Siegfrieds Be- denken p. 89 mir nicht unbillig beygemes- senen Absichten pro re nata noͤthig und nuͤtz- lich seyn moͤchte. Diß ist, wie Siegfried p. 88 meldete, des Hn. Grafen Plan bey Chri- sten, Juden und Heiden: und eben dieses wird in den Beylagen zu den Reflexionen p. 23 ‒ 26 mit einer theuer-versicherten Ab- lehnung aller andern Absichten bezeuget. Da heisset es unter anderm: die Bruͤder wolten mit einerley Wahrheit so wol die ganze in Meynung Christlicher Freyheit stehende Christianitaͤt, als das Juden- und Heiden- thum Absicht. thum, (ohne dem Heilande einiges Ziel zu sez- zen, wenn? wie? wo? und wie weit?) mit der Person des allerliebsten Erloͤsers innig bekannt zu machen suchen; weil Sie glaub- ten, das waͤre so das Cardinal-Puͤnctgen, darauf die Seligkeit dieses und ienes Lebens roulli rte, die wahre Εὐσέβεια und ihr gros- ses Geheimniß: GOtt ist offenbaret im Fleisch. Sie glaubten, der Punct wuͤr- de zu sehr negligi rt. § 9. Noch naͤher hat Siegfried p. 98, 99. die Absicht bestimmet: Das Haupt seiner Kir- chen hat mit diesen (neumaͤhrischen) Leuten unstreitig im Christen- und Heidenthum er- was vor, welches ‒ ‒ die goͤttlichen Ab- sichten ausfuͤhren wird, obgleich vielleicht hie und da etliche Werckzeuge im Lauffe bleiben duͤrften. Die Absicht scheinet nicht auf eine Reformation der Welt, sondern auf eine Conservation der Seelen des Hei- landes, und deren Sammlung, auf seine naͤher herannahende Zukunft zu gehen. Die Personen sind darzu nicht nur aus al- len Religionen zusammen und ausgelesen; sondern es hat dieses Haͤuflein in allen Re- ligionen mitten drinnen etwas gelten ma- chendes, wodurch Seelen, die den Heiland ganz meynen, in einem ungesuchten Nexu mit ihm erhalten werden; und wenn sie A 4 vor Theil I. Cap. I. Satz 3. vor sich selbst aus ihren Verfassungen aus- zugehen bewogen werden, nirgends lieber als bey ihnen einkehren: wogegen sich zwar der Herr Graf von Zinzendorf dem Vernehmen nach auf eine ganz unbegreifli- che Art, und mit Gebrauch aller Mittel, die ihm sein Credit und Erfahrung suppe- ditiret, nicht unfruchtbarlich setzet, und dabey einen recht angebornen Haß gegen alles Proselyten machen und annehmen zei- get; aber doch GOtte die Haͤnde nicht bin- den kan, wenn er alle seine menschlich gute Gedanken erschoͤpfet hat. Solche Zukunft des Heilandes soll seyn 1. nahe: 2. sichtbar: 3. geheim, und nur bey der Gemeine. Die Seelen-Sammlung auf die Zukunft soll des- wegen 1. geschwinde seyn: 2. lauter gute Seelen, und 3. mit der Zeit diese alle in sich fassen. Dieser Dinge wegen hat der Ordina- rius seine Gedanken zu unterschiedenen Zeiten bald erweitert, bald gemaͤssiget: doch bleibt die Seelen-Sam̃lung selbs immer seine grosse Absicht, wovon die Gemeinrede am 12 May 1745 handelt, s. 37. D er 4 S atz. Solche Absicht zu erlangen, wurden allerley Mittel ergriffen. § 10. D ie nun so genannte evangelisch-maͤhri- sche Kirche zum Stande zu bringen, waren Mittel. waren ad hominem die zwey Hauptmittel die maͤhrische bischoͤffliche Succession und die vorgeschuͤtzte Uebereinstimmung mit der Aug- spurgischen Confession, vornemlich in Ober- teutschland und in England. Im Ernst aber solte diese Gemeine ein Behaͤlter seyn, in wel- chem eine Menge feiner Leute einstweil von der protestantischen Kirche zusammen gebracht, und aus welchem so fort viele nach und zu einer leichten Methode abgerichtete Arbeiter versandt werden koͤnnten, eine geschwinde und ungehinderte Botschaft in die Naͤhe und Fer- ne zu bringen. Da ward aus der ganzen Leh- re von der GOttheit das einige Stuͤck von Christo, und aus der ganzen Lehre von Chri- sto der einige Articul von seinem Leiden, wie es allermeist die Sinnen beweget, und aus der ganzen Heils-Ordnung das Blut-Gefuͤhl heraus genommen. Mit was fuͤr Manieren sonst die Seelen gelocket, zusammen verbun- den und beybehalten, der Anstoß an den Ge- heimnissen bey vielerley Partien und Voͤlkern verhuͤtet, mißliche Faͤlle und Fragen hurtig durchs Loos decidiret, die Gunst der Hohen in der Welt gewonnen, zeitliches Vermoͤgen zur Ausfuͤhrung grosser Dinge erlanget, alle Gegenvorstellungen entkraͤftet werden, u. s. w. ist unverborgen. § 11. Durch welche Stuffen und Abwechslun- gen die Sache, der Absicht und der darnach A 5 einge- Theil I. Cap. I. Satz 4. eingerichteten Mittel, und unter diesen sonder- lich auch der Lehre halben, von ihrem Anfang bis auf den heutigen Tag geloffen sey, ist nicht leicht und nicht noͤthig zu eroͤrtern. Das be- ste ist, man halte sich jedesmal an das neueste. Die Protestanten in etlichen europaͤischen Laͤn- dern, und die Heiden in Groͤnland und in et- lichen Gegenden von America und Africa, ma- chen weder die Christenheit noch das mensch- liche Geschlecht aus, und gehen also viel naͤ- her zusammen, als die Seelensammlung, die man sich vorgenommen hat. So kan denn das Geschaͤffte, wenn keine Luͤcke bleiben soll, seine hoͤchste Stuffe nicht erreichet haben. Es heisset zwar in ermeldten Beylagen, fuͤr das Jahr 1743. die Bruͤder haͤtten sich vorge- nommen, bey ihrer so generalen Arbeit dennoch den ganzen Cirkel der Griechischen und Roͤmischen Kirche unberuͤhrt zu lassen. Aber auf diese beede Kirchen hatte man sich schon vorher, bekannter massen, eine Rech- nung gemacht. § 12. Diese vier ersten Saͤtze werden im II Theil dieses Abrisses eine um etwas veraͤnderte Ge- stalt, aber bey derselben auch eine Verstaͤrkung bekommen. D er 5 S atz. Bey der Pruͤfung der Lehre, wie auch der Lehr-Art, hat man auf die Von des Ordinarii Schriften. die Zinzendorfischen Schriften, sonderlich aber auf die Gemeinre- den, von A. 1741 bis 1747, zu sehen. § 13. V iele machen sich von der Sache einen un- richtigen Begriff. Wie sie meynen, daß sie selbs thun und lehren moͤchten, wann sie an des Ordinarii Stelle waͤren, so bilden sie sich desselben Werke und Lehren ein. Was ihnen nicht leidelich noch von sich selbsten ver- muthlich ist, dagegen uͤberhoͤren sie die buͤndigste Zeugnisse. Aber niemand soll nach seiner eige- nen freyen Muthmassung andere im Guten und Boͤsen bey sich abbilden: vielmehr kan und soll man sorgfaͤltig erlernen, was ein neuer Leh- rer selbs sagt und singt und schreibt. Wann einer sich auch nur auf besondere muͤnd- oder schriftliche Erklaͤrungen des Ordinarii oder seiner Anhaͤnger aus vergnuͤgter Einbildung einer geheimen erhaltenen Nachricht verlassen, und nicht vielmehr fuͤr noͤthig erachten wolte sich der Sache aus seinen oͤffentlichen Schrif- ten zu erkundigen, so wuͤrde er nicht auf den Grund kommen. Es betrifft hier keine Stats- sachen, wobey man geschriebene frische Berich- te hat, und sich nach gedruckten Zeitungen nicht umsiehet: sondern es betrifft den Weg GOt- tes, da man eine wahre oder falsche Lehre auf einer andern Spur auffuchen muß. § 14. Theil I. Cap. I. Satz 5. § 14. Nun hat man eine Menge oͤffentlicher Schriften, wobey des Ordinarii Name bald verschwiegen, bald hingesetzet ist: deren Stuͤ- cke nicht zu gedencken, welche von andern, die es mit ihm halten, verfasset, oder von ihm verfasset und andern zugeschrieben sind. Die Zinzendorfische Schriften theilen sich in zwo Gattungen: es sind entweder Reden, Lieder u. s. w. oder Verantwortungen und Erzehlun- gen. Jene handeln mit dem Heiland, mit Bruͤdern u. s. w. diese aber gehen auswerts, und accommodiren sich grossen Theils ad ho- minem . Dieser Unterscheid wird durch den Spruch 2 Cor. 5, 13: Wenn wir auf GOtt kommen, so sind wir ganz auseinander; wir maͤssigen uns nur euch zu gefallen; wie der Ordinarius denselben uͤbersetzt und in Re- flex. p. 9 auf sich appliciret, bekraͤftiget. Das moͤchte in seiner Maasse gut seyn: aber es ge- het manchmal so weit, daß Ja und Nein zu- gleich heraus kommt, eben als ob ihrer zween miteinander stritten. Wo nun beederley Schriften so unterschiedlich klingen, da kan man den Reden und Liedern vielmehr als den uͤbrigen Schriften trauen, wann jene auch aͤl- ter sind, als diese, und noch sicherer, wann sie neuer sind. § 15. Von der erstern Gattung haͤlt man sich am fuͤglichsten an die Reden: und hieher gehoͤ- ren Von des Ordinarii Schriften. ren vor andern (1) die Sieben Reden A. 1741, vor der zweyten Reise nach America, in welchen die Declination und Abweichung von der Glaubenslehre noch weit mehr als zuvor ausgebrochen ist: (2) Die Peñsylvanische Re- den A. 1742, welche zwar oͤffentlich, aber jen- seit des Meeres, bey einem gehofften guten Fort- gang, und also mit einer ganz austrettenden Freyheit gehalten worden: (3) Die 32 einzele Homiliæ oder Gemeinreden A. 1744, 1745, 1746. (4) Die Reden an den Synodum der Bruͤder in Zeyst A. 1746. welche nicht mehr so ins weite extensive gehen, (weil denen weit- laͤuffigen Progressen hin und wieder ein Ziel gestecket worden,) aber die eigene Lehrpuncten intensive desto hoͤher treiben: (5) Die oͤffent- liche Gemeinreden im Jahr 1747. (6) Die 34 Homiliæ uͤber die Wunden-Litaney der Bruͤder, 1747. In den Reden denkt er laut: das ist, er redet, wie es ihm ums Herz ist. Eine gewisse in Pennsylvanien gehaltene Rede hat er deswegen nicht drucken lassen, weil sie ad hominem gehalten war: folglich sind die uͤbrigen nicht ad hominem gehalten. Der Irrthum, womit sie angefuͤllet sind, ist mit keinen Auszuͤgen zu erschoͤpfen: man muß sie selbs durchlesen, wiewol in Auszuͤgen bis- weilen auch etwas wargenommen wird, das man an seinem eigenen Ort uͤbersehen hat. § 16. Und so ist es auch mit den Liedern. Die- sen legt Siegfried ein sonderbares Gewicht bey, p. 78, Theil I. Cap. I. Satz 5. p. 78, 87. und wiewol sie in der Nacherinne- rung bey der 4 Zugabe des 12 Lieder-Anhangs und sonsten weit heruntergesetzt werden, so weiß man doch wohl, was bey der Gemeine ihre eigene Lieder vor andern gelten. Sie werden vielmehr auswendig, als aus den Buͤ- chern gesungen: und in den Reden viel oͤfter, als die Machtspruͤche der heiligen Schrift an- gezogen. In England ward vor zwey Jah- ren eine Sammlung von Zinzendorfischen Lie- dern, und aus der Sammlung ein Auszug, englisch gedruckt. Da sagt die Vorrede von solchen Liedern an den Leser, You will early observe, that they have no affinity at all to that old Book called the Bible: the Illustrious Author soaring as far above this, as above the beggarly Elements of Reason and common sense. Das ist: Ihr habt fleissig zu mer- ken, daß sie durch aus keine Verwandtschaft haben mit dem alten Buch, das man die Bibel heisset: indem der hochgeborne Ver- fasser sich so weit daruͤber hinschwinget, als uͤber die duͤrftigen Elementen der Ver- nunft und gemeinen Witze. § 17. Was in den Gemeinreden und in den Lie- dern, vornemlich in den neuesten, enthalten ist, wird ohne Bedencken bey allen Gliedern dieser Gemeine fast ohne Ausnahme fuͤr lauter goͤttliche Wahrheit gehalten. Denn es ist der Ordina- Von des Ordinarii Schriften. Ordinarius, der die gedruckten Reden hielt, und an den Liedern den groͤsten Theil hat: die Erinnerungen dagegen werden sehr heftig aus- geschlagen: und die Gemeine hat schier keine andere Seelen-Nahrung. Bey denen Reden gehen gewohnlich ein Par Worte aus der Bi- bel und ein Par Reimen aus den Liedern, als der Text, voran: und mit denen schon lang uͤblichen Loosungen auf alle Tage des Jahres hat es gleiche Bewandtniß. § 18. Das Lehr-Buͤchlein kan, wegen seiner Kuͤrze, dem einen Leser wol einleuchten, und dem andern sehr irrig vorkommen: von beedem stehen Exempel im III Band der Buͤd. Sam̃l. s. 246. Wer aber die Reden inne hat, der kan sich erst in dasselbe, in des Ordinarii deut- sche Uebersetzung des N. T. und in die Notas dabey, wie auch in seinen Jeremiam finden, und in desselben aͤlteren Schriften die Samen- koͤrner deren hernach deutlicher aufgegangenen Irrthuͤmer, in den neuern aber die Beschoͤ- nung derselben warnehmen. § 19. In der freywilligen Nachlese, in den oͤffentlichen Berliner Reden 1738. in der Buͤ- dingischen Sammlung, in den Bedenken, in den Beylagen des Creuzreichs, in den Neun oͤffentlichen Reden zu London 1746. in den Discoursen uͤber die Augsp. Confession 1747 Theil I. Cap. I. Satz 5. 1747 und 1748. u. s. w. ist vieles von beeder- ley Gattung. Siegfrieds Beleuchtung, das Creuzreich selbs, und die Reflexionen mit ih- ren Beylagen, unter denen sich auch die Ge- wissens-Ruͤge befindet, zielen auf Verant- wortungen, und gehen auf Historien. Wir wollen uns alles zu nutz machen, wie es jeden Ortes tauget. Sonderlich ist zu merken das Eventual-Testament, A. 1738. die Vorrede zu den Bedenken, A. 1740. die peñsylvanische Abschieds-Rede, A. 174⅔. der Beruff des vollmaͤchtigen Dieners und die Antwort dar- auf. In Buͤd. Samml. Band II. s. 252. B. I. s. 278. B. III. s. 188. Creuzreich s. 216, 217. § 20. Dieser Unterscheid zwischen des Ordinarii Schriften ist erheblich. Wann man bey sei- nen gedruckten Apologien stehen bleibt, und wann man noch so viele Anecdoten gleichen Schlags in Handen haͤtte, so moͤchte einer, der gar nicht fuͤr ihn eingenommen ist, sich den- noch bereden, seine Gegner waͤren gar zu schlimme Spinnen, und thaͤten ihm Gewalt und Unrecht: wann man aber seine Reden, wie es seyn soll, durchlieset, da seine Meinun- gen sich recht aͤussern, und von denen Geschich- ten nur das gewisseste dazu nimmt, so ist es, als ob der Eifer aller seiner Gegner ihm noch vieles haͤtte hingehen lassen. § 21. Von des Ordinarii Schriften. § 21. Bey der Beobachtung des jezt gemeldeten Unterscheides kan man aus des Ordinarii bis- herigen Schriften vielmehr, als aus irgend ei- ner neuern Erklaͤrung, die ad hominem ge- stellet wuͤrde, gewiß, voͤllig und leicht er- kennen, was seine und seiner Mitarbeiter Leh- re und Lehrart sey. Wie die Gemeine aus dem, was in ihrem Mittel geredt, gesungen und geschrieben wird, sich gern im Guten be- urtheilen laͤsset, (sonst waͤre die Publication von dem allem vergeblich:) so gilt solches auch im Gegentheil. Wornach koͤnnen wir von den Alten, und die Nachkommen von uns ur- theilen, als aus den Schriften? Ich fuͤhre bey weitem nicht alle Stellen an, die angefuͤh- ret werden koͤnnten, vornemlich wann sie von andern bereits angefuͤhret worden und daher bekannt sind, wol aber so viel zur Sache noͤ- thig und genugsam ist. Nach diesen Liedern, Reden u. s. w. wird man die Gemeine und ih- ren Stifter auch kuͤnftighin, wann sie schon sorgfaͤltiger an sich halten wuͤrden, so lang und so ferne zu beurtheilen haben, als sie nicht ausdruͤcklich das Gegentheil bekennen, und die Puncten, worin sie gefehlet haben, vollstaͤn- dig anzeigen und GOtt zu Ehren widerruffen werden. Lasset uns nun die Lehre besehen. ( Abriß der Bruͤderg. ) B D er Theil I. Cap. I. Satz 6. D er 6 S atz. Die Lehre bey der so genannten Bruͤdergemeine gehet von dem Fuͤr- bilde der wahren Lehre ab. § 22. E s ist offenbar, daß der Ordinarius sich in die Lehre von der heiligen Dreyeinig- keit, von Christo und seinem Mittler-Amte u. s. w. nicht finden kan, weder so, wie sie nach der Schrift in der christlichen Kirche, von ih- ren ersten Zeiten an, bis auf diesen Tag ge- fuͤhret, noch so, wie sie in der Schrift selbs enthalten ist. Damit wir nun die Sache nach Moͤglichkeit erleichtern, so wollen wir sie al- lermeist nach der Schrift selbs, als ob wir zur Apostel Zeit lebten, erwegen. Dieser Lehrer wanket heftig: seine Meinungen sind nicht nur bey diesem oder jenem Satze, sondern in Menge, so besonder, und die Auslegungen, Bedenklichkeiten, Ausfluͤchten, Einwuͤrfe, Entscheidungen, die er auf die Bahn bringt, sind so unvermuthet, daß es auf seiner Sei- ten ein neues Systema austraͤgt, und auf derer Seiten, die es pruͤfen sollen, ein eigenes Stu- dium erfordert. Meines Vorhabens ist nicht, alles puͤnctlich zu eroͤrtern: doch will ich etwas melden, das den Liebhabern der Wahrheit, auf den Grund zu sehen, ihnen dienlich seyn lassen koͤnnen. § 23. Lehr-Summa. § 23. Einen summarischen Vorschmack kan ge- ben, was im Vorberichte zu denen Zeyster Reden stehet: ” In diesen Reden regie- ” ren abermal die dem Autori eigen gewor- ” dene concepte, daß uns unser Schoͤpfer ” erloͤst habe, daß derselbe unser Erloͤser ” der Vater der zeit und ewigkeit und aller ” creaturen qua talium; der GOtt der Ge- ” meine aber nur dererjenigen GOtt und ” Vater sey, die unser Schoͤpfer nach sei- ” ner heiligen menschheit fuͤr sein fleisch und ” bein zu bekennen beliebt hat: daß diese ” Leute ihren Vater kennen, aber auch die ” Mutter, die sie geboren hat, den heili- ” gen Geist; daß diese Gottes-familie es ” an sich nicht fehlen lasse, bey einem je- ” den christlichen individuo diejenigen ” pflichten zu beweisen, welche die signa- ” tur ihrer familien-namen mit sich fuͤhret: ” daß aber darzu kein geformter kunstglau- ” be genug sey, sondern eine naturelle ge- ” muͤths-beschaffenheit erfordert werde, ” in der man das, meine seele sagt mirs, ” nicht mehr und weniger zum haupt - ar- ” gument machet, als es bey einem jeden ” menschen geschieht, den die liebe zum ” dinge willig macht zu glauͤben. ” Das ist wenigstens die situation, dar- ” innen sich der Autor bereits vierzig jahre ” befindet, ohne sich in dieser geraumen ” B 2 ” zeit Theil I. Cap. I. Satz 6. ” zeit, von allem dem, was ihm seine seele ” gesagt hat, ein jota abdingen zu lassen. ” Er glauͤbt, daß jede Hand ” Ein nagel durchgerannt; ” Er glauͤbet das durchspiessen ” Von JEsu heilgen Fuͤssen; ” Er glauͤbt auch eine Wunde, ” Die in der seite stunde. ” Und weil er das Vergnuͤgen hat, mit viel ” tausenden in einer seele zu stehen, die die- ” sen heiligen Wunden allein, die voͤllige ” verguͤtung und treuliche behuͤtung, des ” unter den Christianern leider! fast ver- ” gessenen Ehe-sacraments der menschli- ” chen Creatur mit ihrem Schoͤpfer und ” Heilande zuschreiben: so ist der usus ” und die application seiner reden, wovon ” der leser immer wenig zu sehen kriegt, ” den aber der gegenwaͤrtige Zuhoͤrer aus ” des Redners augen lesen kan, ie und all- ” wege der: ” Troͤst dich GOtt mit dem Kirchlein, ” In der letzten zeit, ” vor der herrlichkeit, ” uͤber all’ dein leid. § 24. Die heilige Schrift ist GOttes Buch: ihr ganzer Inhalt ist heilig, heilsam und genug- sam. Nichts ist daran vergeblich und un- fruchtbar. Nicht ein jeder muß alles begreif- fen: Lehr-Summa. fen: aber alle Heiligen aller Zeiten und Orte sind zusammen wie ein einiger Lehrjuͤnger, der sich den ganzen Inhalt zu Nutz machet, und dadurch zu allem guten Werck ausgeruͤstet wird. Von diesem reichen Inhalt lieset der Ordinarius etwas heraus, das er aber alles auf den Schoͤpfer und Heiland fuͤhret. Die- ses ist die Wahrheit der Gottheit des Lam̃s, und alle die Folgen von seiner Erniedri- gung. Penns. Reden I. Th. s. 13. Sehr vie- les andere schneidet er ab, und zu dem weni- gen, das er behaͤlt, machet er ungeheure ihn gutduͤnkende Zusaͤtze. Die Lehre vom Schoͤ- pfer und Heiland ist die Daͤcher-Predig, fuͤr alle, und sofern auch fuͤr die, welche zum Zeugniß ausgeruͤstet werden: das uͤbrige, sind die Chor- und Cammer-Materien, fuͤr die Gemeinglieder selbs. Alles fuͤget er so zu- sammen, daß es weit etwas anders ausma- chet, als das Zeugniß GOttes. Die Form, darein er es geusst, gibt sein hurtiger Ver- stand, sein beredter Mund, seine Bekannt- schaft mit seinen practischen Philosophen, sein, so weit die Welt ist, ausgebreiteter freyer Sinn, daß es theils einfaͤltig und niedertraͤch- tig, theils bunt und großmuͤthig herauskom̃t. Also gehen die Concepte, deren er hie geden- ket, von der heiligen Schrift erschrecklich weit ab, und die in jeztangezogenem kurzen Begriff enthaltene Gestaͤndniß ist schon so viel als eine Widerlegung dieser Lehre, welche B 3 niemand Theil I. Cap. I. Satz 6. niemand fuͤr Schriftmaͤssig halten kan, als der mit Blindheit geschlagen ist. § 25. Doch geben wir dagegen jezt in einer vor- laͤuffigen Summa etliche Erinnerungen. 1. Was in dieser Stelle sich von der Wahr- heit befindet, ist dem Hn. Autori nicht eigen; sondern das, was von der Wahrheit neuer- lich abgehet. 2. Es wird nemlich in dieser Stelle und in dieser Lehre ausgeschlossen der erste Haupt-Articul des apostolischen Glau- bens-Bekenntnisses, daß GOtt, der Vater unsers HErrn JEsu Christi, Himmel und Erden erschaffen habe. 3. Wann Christus einmal genennet wird Wunderbarer Rath, Kraft-Held, Vater der Ewigkeit, Fuͤrst des Friedens, Jes. 9. (das ist, bey Paulo, GOttes Macht und GOttes Weisheit, ) so wird hie dieser Name, Vater der Ewig- keit, allen andern haͤuffigen Stellen, da GOtt als der Vater unsers HErrn JEsu Christi und auch als unser Vater geruͤhmet wird, entgegen gesetzet. 4. Alle Creaturen werden hie Christo, ohne seinen Vater, und die Christen werden ohne die andern Creatu- ren seinem Vater untergeben. 5. Was der Spruch, Also hat GOtt die Welt geliebet, in diesen seinen ersten Worten mit sich fuͤhret, wird hie uͤbergangen, als ob es nicht zum Glauben gehoͤrte. 6. Dem heiligen Geist wird Lehr-Summa. wird der Name, Mutter, ganz willkuͤhrlich gegeben. 7. Die Erkenntniß des Heilandes wird als etwas angesetzet, das von der Er- kenntniß des Vaters und des heiligen Geistes weit entfernet sey. 8. Durch die so genannte GOttes-familie (welche verwegene Benen- nung einem vielmehr den Begriff von einer Gesellschaft oder Gemeine, oder gemeinem Wesen, als von einer wesentlichen Einheit beybringet,) wird das Geheimniß der heili- gen Dreyeinigkeit sehr verstellet, und solcher gestalten muͤsste man nicht mehr sagen, Vater und Sohn und Geist, sondern Vater und Mutter und Sohn, welche Ordnung auch oft in den neumaͤhrischen Liedern vorkommt. 9. Ein geformter Kunst-Glaube ist aller- meist dieses, wann man diejenige Wohltha- ten, welche die Signatur der goͤttlichen Fa- milien-namen mit sich fuͤhren soll, eigenmaͤch- tig eintheilet. 10. Die naturelle Gemuͤths- beschaffenheit, indem man das Meine Seele sagt mirs zum Haupt-argument ma- chet, ist eitel und gefaͤhrlich. 11. Wann de- ren viel tausende sind, die dem Ordinario bey seinen so ganz eigenen Meinungen bey- stimmen, so sind sie nur durch ihn verleitet worden: und doch wird vermoͤge dieser Bey- stimmung das, was derselbe lehret, seiner ganzen Gemeine billig zugeschrieben, bis dieser oder jener durch eine besondere Erklaͤrung eine Ausnahme verdienet. Die Lehre bey der Ge- meine, wie ich bisweilen aus Glimpf rede, B 4 und Theil I. Cap. I. Satz 6. und die Lehre der Gemeine, ist einerley. 12. Die Vereinigung der Glaubigen mit dem Hei- land ist unter denen hie so genannten Chri- stianern unvergessen: aber daß man solche geistliche Vereinigung, samt dem heiligen Abendmahl, und die leibliche Ehe, ineinan- der flechten, und solches ganze Gemenge aus den Wunden Christi herleiten soll, ist ein Aus- spruch, welchen einem Lehrer, bey dem etwas von der seligen Scheidung der Seele und des Geistes haftet, weder sein Geist sagen koͤnnen, noch seine Seele hat sagen sollen. 13. Daß das neumaͤhrische Kirchlein das Kirchlein in der lezten Zeit zum Trost des Heilandes uͤber alle seinem Leid seyn soll, ist ein Ruhm, wodurch der Heiland nicht getroͤstet, sondern beleidiget wird. 14. Daß der Ordinarius sich in vierzig Jahren von allem dem, was ihm seine Seele gesagt hat, nicht ein Jota abdin- gen lassen, ist kein gutes Zeichen. Er aͤndert zwar unvermerkt immer etwas an seiner Lehre, (welches gar bald warzunehmen ist, wann man von einerley Puncten eine alte und eine neue seiner Reden erwiegt;) aber dabey sagt er nicht, daß er den Vorstellungen seiner Ge- gner ausweiche oder nachgebe, und ihnen also etwas zu danken habe: und was einer Besse- rung am meisten beduͤrfte, davon laͤsset er sich kein Jota abdingen. Wann er so fortfaͤhret, so wird endlich ihm und denen die ihm kurzum folgen, im̃er weniger von der Wahrheit uͤbrig bleiben. Von diesen Stuͤcken muß nun etwas mehrers gesagt werden. Der Von der H. Schrift. D er 7 S atz. Die Lehre bey der so genannten Bruͤdergemeine bindet sich nicht an die heilige Schrift. § 26. S o spricht der HERR, ist das Macht- wort, womit alles dasjenige, was GOtt durch die Propheten seinem Volk vor- tragen ließ, und die Propheten dem Volk von GOttes wegen vortrugen, bekraͤftiget wurde: und weil die Propheten goͤttliche Gesichte hat- ten, so konnten sie davon, als Seher, ein ungezweifeltes Zeugniß geben. Wegen des- sen, was geschrieben stund, war das Leiden Christi unumgaͤnglich: so gar kan die Schrift nicht gebrochen werden. Christus selbs berief sich auf das jenige, was er bey seinem Vater gesehen und von ihm gehoͤret, nicht aber von ihm selber geredet habe, wie auch seine Apo- stel sich hernach auf Ihn beriefen. Aber bey dem Meister dieser Gemeine ist das Haupt- Argument, die schwache Rede, Es ist mir so: wovon eigentlich die Predig vom Rath nach des Heilands Herzen handelt. Da heisst es p. 5: „ Wenn der Jesaias zum Hiskia sag- te: Traue du auf GOtt, die Stadt soll den Assyrern nicht uͤbergeben werden; und wenn Jeremias zum Zedekia sagte: Gehe hinaus, und uͤbergib dich den Assyrern, so wirst du B 5 am Theil I. Cap. I. Satz 7. am Leben bleiben: so sagten sie alle beyde: Es ist mir so.” Aber woher war ihnen so? Weil sie sagen konnten: So spricht der HERR der GOtt Israel. 2 Koͤn. 19, 20. Jer. 38, 17. Hingegen die blosse Formul, Es ist mir so, tauget fuͤr solche, die von ih- nen selber und aus ihrem eigenen Herzen re- den, die mehr auf das Gefuͤhl, als auf das Sehen und Hoͤren in geistlichen Dingen hal- ten, und ihres Herzens Vision reden, nicht aus des HERRN Munde. Jer. 23, 16. ꝛc. § 27. Moses und die Propheten haben vieles ge- redet, das nicht aufgezeichnet vorhanden ist: Christus selbs, desgleichen, und seine Apostel. Die Buͤcher aber, die in der heiligen Schrift oder Bibel enthalten sind, sind darum keine vor andern ungefehr uͤberbliebene Fragmenta und Stuͤcke, sondern die von GOtt auserse- hene und ein ohne Ueberfluß genugsames Sy- stema gebende Sammlung himmlischer Zeug- nisse, wobey sich alle Heiligen im Volke Got- tes und in der Gemeine Christi, von Mosis Zeiten an bis auf Samuel, von Samuel bis auf Christum und seine Apostel, von Christo und seinen Aposteln an bis auf die ersten christ- lichen Kaiser, von den ersten christlichen Kai- sern bis auf die Reformation und bis auf die- sen Tag wohl befunden haben. Mit ihnen al- len hat sich solches Wort zum Heil durch den Glau- Von der H. Schrift. Glauben vermenget, daß ein jeder in gutem Verstande, dem Testimonio interno zufolge, sagen konnte, Es ist mir so, oder, Meine Seele sagt mirs; weil es nemlich seiner See- le selbs von GOtt noch eher gesagt worden war. Jetzt gibt es erst einen neuen Periodum, da ein einiges Herz, wie des Ordinarii Herz ist, zur Richtschnur seiner Gemeine dienet. § 28. In den Penns. Reden, I Th. s. 135 u. f. lautete es nur von Fehlern in natuͤrlichen leiblichen und historischen Sachen: aber in den Wunden-Litaney-Reden geht es weiter, wann es heisst, die Schrift habe so viel Feh- ler, als kaum ein Buch, das heutiges Ta- ges heraus kommt, und bey allem Unter- scheide der Argumente nach ihrer Schwaͤ- che oder Staͤrke, bey allen Differenzen im Raisonnement, sey der Geist der heiligen Schrift dieselbe einige Sache, darauf wir reflectiren muͤssen: es seyen Fehler auch im Grund-Texte. p. 144, 146, 149. Des Hei- lands Juͤnger (heisst es gar p. 160,) entschul- digten Ihn mit Unrecht, und sagten, Er haͤtte von dem Tempel seines Leibes geredt; das war ein Echapatoire, der Heiland hat- te vom Tempel zu Jerusalem geredt. Die Gemeinrede vom 12 May 1745 sagt p. 10: ” Es ist bekannt, daß die Juden in dem ” Wahn stunden, sie waͤrens allein und wuͤr- ” ” dens Theil I. Cap. I. Satz 7. ” dens bleiben. David macht selbst das Epi- ” phonema: So thut Er keinen Heiden, ” noch laͤsset sie wissen seine Rechte. Hal- ” lelujah! GOtt Lob und Dank! ” Es war auch ein preiswuͤrdiges Gerichte, daß die Hei- den lange Zeit ihren eigenen Wegen uͤberlas- sen worden: doch sieht der Prophet mit sei- nem Hallelujah vornemlich auf die Wolthat an Israel, und sonst hat ja David die Gnade, welche uͤber die Heiden kommen wuͤrde, froͤ- lich und oft besungen. Zur Apostel Zeit zwei- felte man nur, ob die Heiden ohne die Be- schneidung angenommen werden koͤnnten, und die Glaubigen liessen sich bald und mit Freu- den davon befreyen. Wo ruͤhren aber die so nachtheilige, keiner Entschuldigung faͤhige Mei- nungen wider die Schrift her? Vom Betrug des Herzens. § 29. Die heilige Schrift A. und N. T. ist voller Klagen uͤber die Falschheit und Unart des menschlichen Herzens, und deswegen auch voller Warnungen, daß wir uns von demsel- ben nicht verfuͤhren lassen, und dasselbe auch nicht verfuͤhren sollen. Insonderheit wird dem Volk Israel bey Mose, in den Psalmen, und oft bey Jeremia zugeschrieben ein Herzens- Duͤnkel, Hebr. scheriruth lebb, i. e. obfir- matio cordis (vid. Coccei. Lex. col. 960.) eine boͤse Herzens-Steiffe, da nemlich das arme starre Herz sich kurzum etwas vorsetzt, dasselbe Von der H. Schrift. dasselbe fuͤr gut und wahr anzunehmen und auszugeben, und sich nicht davon bringen laͤs- set, nur darum, und eben darum, weil ihm so ist, weil solches sein Plaisir ist, weil es nichts anders aufkommen lassen, sondern in seinem Beginnen ruhig und unbeschryen fortfahren will. Vergl. Jer. 44, 17. Solcher Herzens- Duͤnkel hat in Sachen den Gottesdienst be- treffend zu allen Zeiten unsaͤglich viel Unheil nach sich gezogen, und hat sich doch immer zu schmuͤcken getrachtet. § 30. Nun wird bey der neumaͤhrischen Ge- meine alles auf das Herz gefuͤhret, und zugleich das noch so billige Mistrauen gegen das Herz gedaͤmpfet, dahingegen auch im N. T. das Herz fuͤr sich kein gutes Lob hat. Matth. 15, 19. 18, 35. Luc. 21, 34. 24, 38. Joh. 16, 6. Roͤm. 16, 18. Jac. 1, 26. 3, 14. 4, 8. Das natuͤrliche Verderben des menschlichen Her- zens ist ihrem Meister nie recht offenbar wor- den: und deswegen ist ihm auch die gruͤndli- che Herzens-Cur etwas fremdes. Jenes su- chet er nur in denen Aussenwerkern; und so gar in der Rede uͤber die Worte, O ihr tho- ren und traͤges Herzens, Luc. 24, 25. gedenket er oft der Traͤgheit schlechthin, und kan es nicht uͤber sein Herz bringen, daß er dem HErrn JEsu zu folge sagte, Traͤgheit des Herzens. Wann er von der Besserung re- det, so gehet bey ihm solches Werk nur ums Herz Theil I. Cap. I. Satz 7. Herz herum, nicht in das Herz und durch das Herz. § 31. Bey dem Geschmack von der Schrift, den ich von Kind auf aus der Schrift erlanget ha- be, befinde ich, daß die Wahrheit der Schrift, und das neumaͤhrische Es ist mir so, mitein- ander streiten, wie Feuer und Wasser: und achte mich insonderheit verpflichtet, meine Sympathie mit der heiligen Schrift, und mei- ne Antipathie gegen das taube Es ist mir so, auf das kraͤftigste zu bezeugen. § 32. Der Ordinarius hatte eine empfindliche Ruͤhrung vom Leiden des HErrn JEsu Chri- sti, die ihm theils mit allen von der Gnade ergriffenen Seelen gemein, theils auf eine be- sondere Weise eigen war. Zu dem heilsamen Gebrauch dieses theuren Puncten schlug ein schaͤdlicher Misbrauch. Er nahm den Ein- druck vom gecreuzigten Erloͤser fuͤr die ganze Herzens-Sache an, daraus ein jeder den Glauben, die Liebe, die Hoffnung, allen Un- terscheid des guten und des boͤsen, die Eroͤrte- rung aller auf dem Heils-Wege vorfallenden Fragen zu holen haͤtte, ohne daß ihm ein wei- terer Unterricht aus der Schrift noͤthig waͤre. Diese compendiose Methode war zu der hurti- gen Seelen-Sammlung viel bequemer, als das Forschen der Schrift. Bey dem Blut- Gefuͤhl Von der H. Schrift. Gefuͤhl ist eine einzele Seele, und vielmehr die Gemeine, schon Bibelvest, ja sie ist eine lebendige Bibel, (Wundenlitaney-Reden p. 150, 151.) ein Canon und eine Richtschnur der Wahrheit: wie im Gegentheil die Schrif- ten wider die Gemeine Contra - Bibeln heissen, in der 4 von den 32 Gemeinreden. Zu die- sem Jammer ist es nicht auf einmal, sondern stuffenweise, und auf die Letze schnell gekom- men. Der neue Canon ward erstlich noch un- ter die Schrift, hernach neben die Schrift, so denn uͤber die Schrift hinauf, endlich aber die Schrift gar herunter gesetzet. Diese vier Stuffen wollen wir nacheinander besehen. § 33. Unter die Schrift gab sich anfangs die Gemeine, als sie sich nicht allein das neue, sondern auch das alte Testament ohne so grosse Wahl zu nutz machte. § 34. Neben die Schrift satzte sie sich, als das Es ist mir so ergriffen und erhoͤhet ward. Man erkannte, daß man nicht wider die Schrift lehren duͤrfe: aber die Lehren, die aus dem Herzens-Schatz einzeler Bruͤder, und vor- nemlich der gesamten Creuzgemeine oder viel- mehr ihres Meisters entspringen, ob sie schon weder in der Schrift ausgedruͤcket, noch durch eine richtige Folge daraus hergeleitet sind, wurden dafuͤr angesehen, daß sie eben aus der Quelle Theil I. Cap. I. Satz 7. Quelle, woraus die Propheten geschoͤpfet hat- ten, herfliessen, und wegen ihres edlern In- halts noch koͤstlicher seyen. Gegen dem Lei- dens-Puncten ward alles andere, was in der Bibel stehet, gering geschaͤtzet: und nachdem in den Schriften der Apostel mehr oder weni- ger Meldung des Blutes Christi vorkam, so wurde ein jeder von ihnen mehr oder weniger geachtet. § 35. Da wurde von dem menschlichen Herzen auf die Beurtheilung dessen, was in der Schrift bezeuget wird, der Schluß gemachet. So und so ists mit mir; darum war es so mit Christo auf Erden: so und so rede und schreibe ich; darum redeten und schrieben die Apostel so. Und weil bey dem Ordina- rio doch auch unlaͤugbare Fehler mit unter- lauffen, so zog er jene heilige Maͤnner hernie- der, und schrieb ihnen, auch in der Lehre, Feh- ler zu. Wichtige Exempel solcher gefaͤhrlichen Beschuldigung finden sich unten bey * 8. und in diesem I Theil, § 109, 110. Da konnte er ihnen gleich zu stehen kommen, ja sich uͤber die apostolische Vortrefflichkeit hinaufschwin- gen. Bey dem allen haͤtte niemand vermu- then sollen, daß er die vorgegebene Fehler selbs und deren unterbliebene Verbesserung fuͤr ein Kennzeichen der Wahrheit der Schrift achten wuͤrde. Diß thut insonderheit die 15 Ho- milie uͤber die Wunden-Litaney. § 36. Von der H. Schrift. § 36. Und so hat der Gemeingeist sich uͤber die Schrift hinaufgeschwungen. Aus der Tra- dition erkennet er den Leidens-Puncten: der Leidens-Punct ruͤstet das Herz mit aller noͤ- thigen Wahrheit aus: und so fern die Schrift mit dem Herzen uͤbereinstimmet, so fern laͤsst man sie, ihrer Fehler ungeachtet, gelten und freuet sich daruͤber. Diese Analysis steht in den Wunden-Litaney-Reden s. 183. Daher ward die gegenwaͤrtige Zeit wegen der haͤuffi- gen Leidens-Sprache fuͤr einen uͤber die Apo- stel hinaufsteigenden Periodum angegeben: und damit stimmet das leidige Werk selbs uͤber- ein. Denn so viel man aller Orten in Erfah- rung bringen kan, werden die Reden und Lieder bey der Gemeine und von ihren Pilgern hundertmal strenger gelesen und im Munde gefuͤhret, als die Bibel, das Buͤdingische N. T. selbs mit eingeschlossen. Die Versel sind auch auf Reisen und in Lebensgefahr uͤb- licher, als die biblische Kernspruͤche. Die Bibel redet man den Leuten aus, in und aus- ser der Gemeine. Wird der HERR, dessen Buch die heilige Schrift ist, nicht dadurch zum Eifer gereizet? Verderbet die Gemeine hiemit nicht sich selbs, daß ihre Unlauterkeit, welche durch die Schrift zu heben waͤre, unheilbar wird? Wann jemand irgendwo zwey Buͤcher in die Hand bekom̃t, und in dem einen viel fleissi- ger lieset, als in dem andern, so sieht man bald, ( Abriß der Bruderg. ) C welches Theil I. Cap. I. Satz 7. welches er hoͤher schaͤtze. Und da die Lieder jezt, in dem noch zerschiedenes davon im Stich gelassen wird, einen solchen Vorzug haben: wie viel hoͤher wird das allgemeine Gesang- buch steigen, welches die Bruͤder-Kirche in allen Landen kuͤnftig gebrauchen wird, und alsdenn ihren Mit-Christen als ein rea- les, erbauliches und brauchbares Buch re- commendiren kan, wie die Nacherinnerung zur IV Zugabe des XII Lieder-Anhangs mel- det, mit diesem Zusatz: es ist wirklich in der Arbeit. Es kan seyn, daß es eine authen- tique Approbation bekommt. Der kaͤrgliche Gebrauch der Bibel soll aus einem Respect ge- gen dieselbe hergekommen seyn: aber der Re- spect gegen die Lieder und Reden hindert ihren weit haͤuffigern Gebrauch nicht. § 37. Der Ordinarius ist mit der heiligen Schrift niemalen recht bekannt worden: als er so fort hin und wieder in der Welt die Schriften und Reden roher Leute und Spoͤtter oder Zweife- ler gelesen oder gehoͤret, ist theils bey ihm manches hangen blieben, theils hat er ihnen in der Absicht sie auf seine Seite in der Haupt- sache zu bringen, in dieser vermeinten Neben- sache zu viel nachgegeben: und uͤber dem Fleiß, mit dem compendiosen Leidens-Puncten aller Orten durchzusezen, hat die Bibel und das Bibellesen das Nachsehen gekriegt. Es ist wahr, Von der H. Schrift. wahr, ein rechtschaffener Lehrer, der fuͤr sich von der heiligen Schrift, wie billig, einen gesunden Begriff hat, aber mit einem Un- oder Irrglaubigen zu thun bekommt, soll nicht mit der Theopneustie und dem goͤttlichen Einge- ben, oder mit der unverfaͤlschten Lauterkeit des Texts, bis auf alle Buchstaben hinaus, den Anfang machen, oder machen lassen; es ist auch solcher Misgriff nie keinem verstaͤndi- gen Lehrer in den Sinn gekommen: doch dar- um muß man diese kostbare Lehrsaͤtze denen Feinden der Schrift nicht preis geben noch verrathen. Wann man mit der ganzen Schrift den Leidens-Puncten nicht verwahrete, so wuͤrde es um diesen auch bald geschehen seyn. § 38. Die offenbare und unverantwortliche Ver- kleinerungen der heiligen Schrift, die sich nach und nach geaͤussert haben, und in die Wette hoͤher getrieben worden, sind von Hn. D. Ben- ner im II Theil der Herrnhuterey p. 72-108, bald hernach von Hn. Fresenio im II Theil der Nachrichten p. 19-152, und ferner von Hn. Becherer in der Pruͤfung der Zinz. Lehr- art von der H. Dreyeinigkeit, p. 1112-1126, 1148-1226. gesammlet und widerleget wor- den. § 39. Vieles, da es den neumaͤhrischen Bruͤ- dern so ist, ist nicht nur nicht schriftmaͤssig, C 2 son- Theil I. Cap. I. Satz 7. sondern auch der Schrift zuwider, und hat also die leere blosse Phantasie und die Herzens- Steiffe zur Richtschnur. Es wird ihnen nicht immer so seyn: es wird ihnen anders wer- den. Es geschehe nur in Zeiten! § 40. Hier entdecket sich etwas wesentliches, wor- auf jederman merken wolle. Der Ordinarius pflegt unbeweglich auf seinen Conclusion en zu beharren, die er, als (ϕεϱόμενος) getrie- ben , in den Sinn und in den Mund bekom- men: und bey den Præmissis achtet er weder die Staͤrke auf der Gegner, noch die Schwaͤ- che auf seiner Seite. Wer dieses bedenket, der kan sich erst darein finden, warum doch dieser falsche Lehrer so gar keine gruͤndliche Vorstellung nichts bey sich verfangen laͤs- set , und warum er alle Arbeit seiner Gegner fuͤr vergeblich haͤlt, und ihnen der Lehre hal- ben selten und sparsam antwortet. Es ist da kein Irrthum , dem durch einen guten Gegen- beweis abzuhelffen waͤre, sondern eine Seu- che, die viel schwerer zu curiren ist. Seinen Grund entdecket der 13 Discours uͤber die Augsp. Conf. da unter dem scheinbaren Vor- wand, von der Kraft der Grund-Wahrhei- ten fuͤr sich selbs, die Demonstration, auch aus der heiligen Schrift, ringschaͤtzig gemacht, und also nicht nur dem Entêtement , sondern auch dem Herzens-Duͤnkel aufgeholfen wird, die Herzens- Von der H. Schrift. Herzens-Augen aber verdrehet werden. Was noch aͤrger, die Demonstration in der Schrift wird verringert. Darum haben die alten Apostel , heisset es im Discours, und der Heiland selbst unter zehen Argumenten nicht zwey gebraucht, die nach den aller- bekanntesten Regeln der Logic soutenable ge- wesen waͤren, sondern allen falls nur rhe- tori sch, oder ad hominem demonstri rt; und so bald sie sich ins Beweisen eingelassen, so haben sie ein fremd Werk gethan, aus Condescendenz. p. 176. Dieses Vorgeben, wann es aufkaͤme, muͤsste hoͤchstschaͤdliche und pestilentialische Folgen haben. Grund-Wahr- heiten beduͤrfen gar keiner Demonstration, und mit allen Worten der Apostel und des Heilandes selbs hat es bey den Glaubigen eben diese Bewandtniß: aber alle Demonstration in der Schrift, zum Exempel, gegen die Wi- derwaͤrtigen, ist buͤndig; und aus der Schrift soll sie nicht pro forma , sondern buͤndig seyn, obschon eines Lehrers halben etwas menschli- ches und schwaches mit unterlauffen kan. Un- ter dem allen behaͤlt die Beweisung des Gei- stes und der Kraft ihren freyen Gang. Wann man aber solche Lehren, die erst einer Demon- stration aus der Schrift beduͤrfen, ohne De- monstration als inspiri rt annimmt und aus- gibt, so ists ein Fanaticismus. Dem Gemein- stifter ist die Dauer seiner Gemeine gewisser, als der heiligen Schrift. Denn im III Th. der Buͤd. Samml. p. 191 sagt er: Der Grund C 3 ist Theil I. Cap. I. Satz 7. ist gelegt zu demselben Plan, den der Hei- land in diesen lezten Zeiten hat bis zu seiner Zukunft, und der nun nicht mehr geaͤn- dert werden wird, bis Er kommt. Hin- gegen in den Reden A. 1747. II Th. p. 241: Wir leben in einer ordentlichen Zeit, da es nach der Bibel, und ihrer seit siebzehen- hundert Jahren gemachten Etiquette geht, daran noch nichts zu aͤndern ist. Ich schreibe ihm nichts zu, das er nicht selber schreibt: dieses werden alle billiggesinnte Men- schen erkennen. Die Geringschaͤtzung der hei- ligen Schrift ist unfehlbarlich der neumaͤhri- schen Gemeine Verderben. D er 8 S atz. Die Lehre von der GOttheit, und von der Ehe, ist bey der so genann- ten Bruͤdergemeine verderbt. § 41. N iemand wolle sichs befremden lassen, daß ich diese zween Articul aus den uͤbrigen heraus nehme und zusammen setze. Von dem Ordinario werdẽ sie nunmehr auf eine nie erhoͤr- te Weise ineinander geknetet und gebacken. Da solle der Vater, und seine Gemahlin, nemlich der Geist, und der Sohn, als der Mann der Gemeine, in einer heiligen menschlichen Ehe durch den Mann und das Weib und das Kind abge- Von der Gottheit u. s. w. abgebildet seyn, und von solcher menschlichen Ehe wird ein Schluß zuruͤcke auf eine Ehe in der Gottheit gemacht: die geistliche Vereinigung aber, und die leibliche Ehe, werden, als ein Sacrament, vermittelst des Blutes Christi und des heiligen Abendmals, zusammen geschla- gen. Dieses muͤssen wir deutlicher auseinander lesen, daß auch die schwaͤchste Gemuͤther sich da- rein finden koͤnnen. Denn solche muͤssen vor- nemlich vor der Gefahr gewarnet werden. D er 9 S atz. Die heilige Schrift gibt uns von dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist eine sattsame Unter- weisung. § 42. D er HErr JEsus hat befohlen zu tauffen auf den Namen des Vaters und des Soh- nes und des heiligen Geistes: und von dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geiste handeln die alten Bekentnisse des Glau- bens, als Paraphrases und Auslegungen solcher Tauff-Formul. Der Vater ist einer, der Sohn ist einer, der heilige Geist ist einer: und diese drey sind eins. Mit diesem Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes kommt uͤberein (1) das unbegreiffliche Verhalten des Vaters und des Sohnes und des heiligen Gei- stes gegeneinander selbs: (2) die Ordnung der C 4 Werke Theil I. Cap. I. Satz 9. Werke an allen Creaturen: (3) das Verhal- ten gegeneinander in der Oeconomie des Heils bey dem menschlichen Geschlechte; da den Va- ter der Sohn, und den Sohn der heilige Geist verklaͤret: (4) die Ordnung der Offenbarung gegen uns, und die mit solcher Offenbarung uͤbereinstimmende Erkenntniß und Verehrung auf unserer Seiten. § 43. Des GOttes, der sich im alten Testament offenbarete und Jehovah nennte, sein Sohn, ist unser HErr JEsus Christus: und sein Geist ist der heilige Geist. Welche nun den GOtt, der sich im alten Testament offenbarete, gebuͤh- render maassen eben so, wie Er sich offenbarete, annahmen, die hatten wahrhaftig Ihn selbs und den Sohn und den heiligen Geist, wiewohl die Erkenntniß bey ihnen noch nicht so ausge- wickelt war, und GOtt noch nicht so ausdruͤck- lich als ein Vater erkannt wurde. Nach dem aber GOttes Sohn im Fleisch gekommen, hat er die jenige, die an ihn als an den Sohn GOt- tes glaubten, zu Kindern GOttes gemacht, und sie angewiesen, GOtt als einen Vater an- zusprechen, welches vor solcher grossen Erschei- nung bey den Menschenkindern nicht uͤblich noch thunlich gewesen. Wiewohl nun die Glau- bigen des N. T. GOtt als einen Vater vor den Glaubigen des A. T. ansehen, so ist Er doch beedes dieser und jener ihr GOtt. Der GOtt, der Himmel und Erden erschaffen hat, der GOtt Von der H. Dreyeinigkeit. GOtt Abrahams, Isaacs, Jacobs, Davids, Daniels u. s. w. ist der GOtt und Vater unsers HErrn JEsu Christi, und sein Geist ist auch seines Sohnes Geist. Dem Ordinario trauen seine Anhaͤnger eine ganz besondere geheime Bekantschaft mit der GOttheit zu. Das laßt uns pruͤfen. D er 10 S atz. Die Lehre bey der so genannten Bruͤdergemeine schleußt den Vater ungebuͤhrlicher Weise aus von dem ganzen Zeugniß des A. T. wann es von GOtt, von Jehovah , von dem Schoͤpfer u. s. w. handelt: und im N. T. will sie Ihn auch in eine unzu- gaͤngliche Verborgenheit einge- schlossen haben, als ob man nur de- nen, die schon im Glauben stehen, etwas von Ihm sagen duͤrfte. § 44. I m Bekenntniß des apostolischen Glaubens war der erste Articul unter allen der ei- nige, dessen Innhalt von langen Zeiten her ohne Widerspruch geblieben: jetzt aber wird er erst wieder angefochten. Der Vater soll weder Schoͤpfer Himmels und der Erden noch dire- cte unser Vater seyn, u. s. w. Im II Theil der Penn sylvanischen Reden s. 181 sagt der C 5 Ordi- Theil I. Cap. I. Satz 10. Ordinarius , uͤber den Text Jes. 45, 11: ” Alle ”wahre Kinder GOttes, alle diejenige, ”die sich troͤsten koͤnnen, daß der Vater ”JEsu Christi ihr lieber himmlischer Va- ”ter ist, muͤssen alle auch den zum Va- ”ter anruffen, der ohne Ansehen der Per- ”son richtet. 1. Petr. 1, 17. Nun richtet ”der Vater niemand, sondern alles Ge- ”richte hat Er dem Sohn uͤbergeben. Es ”ist in der That so, daß der HErr JEsus ”der eigentliche Vater ist, nach etlichen ”Biblischen Ausdruͤcken, und daß, wenn ”es genau genommen wird, das Vater ”Unser vor den HErrn JEsum gehoͤret. ”Er ist unser Vater. ” Und s. 219. stellt er dieses Gespraͤch an: ” Wen soll ich vor ”GOtt halten? Den Schoͤpfer aller Din- ”ge! Wer ist das? GOtt der Vater. Was ”ist das fuͤr eine wunderliche Rede, ”GOTT der Vater. Wer ist denn GOtt ”der Vater? das ist der, der einen Sohn ”hat. Was denn vor einen Sohn? JE- ”sum Christum. So? woher weist du, ”daß das GOttes Sohn ist? Aus der ”Bibel. Steht denn das in der Bibel, ”daß der Vater JEsu Christi der Schoͤ- ”pfer aller Dinge ist? Das steht nicht in ”der Bibel. ” Welch eine neue Catechisa- tion? Die Gemeinrede vom Vater-Amte des Sohnes (unter den 32. die sechste) gehet so weit, daß es heisset, ” GOtt der Vater un- ”sers HErrn JEsu Christi ist nicht unser dire- Von dem Vater. directer Vater. Das ist eine falsche ” Lehre, und eine von den Hauptirrthuͤ-” mern, die in der Christenheit sind u. s.” w. Unser directer Vater ist der Heiland. Der hat uns gemacht. Hiemit stimmet uͤber- ein, was der Ordinarius mir (unten * 13.) geantwortet hat. § 45. Das ganze alte Testament, und die Sum- ma desselben, im ersten Vers der Epistel an die Hebraͤer, wie auch Roͤm. 1, 2. Matth. 21, 33. 37. Luc. 1, 55. 70. Joh. 8, 54. han- delt von dem jenigen GOtt, dessen Sohn ist unser HErr JEsus Christus. Ueberdas hat der HErr JEsus Christus die Erkenntniß GOttes des Vaters aus dem Gesetz und den Propheten gleich anfangs auch bey dem Volk vorausgesetzt in seiner ganzen Lehre. Joh. III. V. Matth. V. VI. VII. ꝛc. Ja der Anfang der evangelischen Historie, zum exempel, bey Luca, ist voll vom Lobe Gottes des HERRN , der seinen Sohn in die Welt gesandt hat: und JEsus, da er zwoͤlf Jahr alt war, hat sich in der ersten aus seinem Munde geschrie- ben stehenden Rede auf seinen Vater bezogen: auch geschah bey der Tauffe JEsu die Stimme vom Himmel, Diß ist mein geliebter Sohn u. s. w. und bald hernach wies der HErr JE- sus so gar die Samariterin an den Vater. Joh. 4, 21. § 46. Theil I. Cap. I. Satz 10. § 46. Wahr ist es, er hat seine Juͤnger, nach- dem sie Ihn als GOttes Sohn erkannt, dazu angeleitet, daß sie sich nun auch an GOtt, mit einem ausdruͤcklichen Glauben, als an sei- nen und ihren Vater , sonderlich im Gebet, halten solten: damit aber ward ihr bisheriger israelitischer Glaube an eben diesen GOtt, den HERRN, nicht geaͤndert noch aufge- haben, sondern erhoͤhet. Glaubet an GOtt, und an mich glaubet , sprach Er, Joh. 14, 1. Nicht allein machet der Sohn den Va- ter bekannt, Joh. 1, 18. sondern auch der Va- ter den Sohn. Joh. 6, 45. Matth. 11, 25. 16, 17. § 47. Durchgehends geschicht im Neuen Testa- ment eine zerschiedene Meldung GOttes und seines Sohnes JEsu Christi, Joh. 3, 16. 18. Cap. 13, 1. 3. Ap. Gesch. 2, 22. Roͤm. 1, 1. 3. 7. Hebr. 1, 1. 2. 1 Joh. 1, 5. 7. Off. 2, 26. 12, 10. u. s. w. und so auch GOttes und seines Geistes. 1 Cor. 2, 10. 3, 16. 1 Joh. 3, 21. 24. An al- len Stellen nun, wo des Sohnes GOttes , und des Geistes GOttes gedacht wird, da ist durch den Namen, GOtt , der Vater persoͤn- lich angedeutet: und da eben daraus gaͤnzlich er- hellet, wer durch den Namen, GOtt , ange- deutet werde, so sind auch die uͤbrigen Stellen von GOtt in diesem Verstande anzunehmen, wiewohl der Sohn und der Geist, eben darum, weil Von dem Vater. weil der Sohn, GOttes Sohn, und der Geist, GOttes Geist ist, und diese drey Eins sind, nicht ausgeschlossen werden. Wie bringt aber diese neue Lehre den grossen Transport zu wegen, daß die Spruͤche, die von GOtt dem Vater, in einem deutlichen Unterscheid von seinem Sohn JEsu Christo, reden, auf den Sohn hinuͤber gebracht werden? Sie deutet erstlich den Namen GOttes , unter dem Vorwand, daß die Drey Eines sind, collective auf die H. Dreyeinigkeit, und hernach setzet sie den Vater und den Geist zuruͤcke, und eignet eben diesen Namen GOttes dem Sohne besonder zu. § 48. Ferner, wie im N. T. durch den Namen, GOtt , derjenige, dessen Sohn der Sohn ist, und dessen Geist der Geist ist, verstanden wird, nemlich der Vater: also ist der Vater auch der GOtt, von dem das A. T. redet. Denn das A. T. und das N. T. beziehen sich gaͤnzlich auf- einander. Dieses vorausgesezt, wird biswei- len durch den Namen, GOtt , der Sohn GOt- tes verstanden, insonderheit in den Psalmen. § 49. Nach des Ordinarii Lehre muͤsste die Sum- ma des Glaubens im N. T. nicht diese seyn, daß JEsus sey der Sohn GOttes , sondern es muͤsste heissen, daß nun der Vater GOttes bekant worden sey , welche leztere Rede mit ihrem Klang selbs von aller Schrift abgehet. § 50. Theil I. Cap. I. Satz 10. § 50. Er suchet zwar eine Ausflucht, und unter denen Zeyster Reden ist die fuͤnfte vom 17 Apr. 1746. kurz, aber graͤulich, da er sagt: ”Das ”grosse Geheimniß (von GOtt dem Vater,) ”das der Heiland seinen Juͤngern ins Ohr ge- ”sagt hat, das die Apostel in ihren Episteln, ”als eine ins Ohr gesagte Wahrheit, den Ge- ”meinen wieder anvertraut haben; und ent- ”weder auch, aus alter national s-Einfalt, ”(denn zu der Zeit redete man securius , und ”wer heut zu tage mit Koͤnigen, und Rich- ”tern, und Hohenpriestern reden wolte wie ”damals, dem vertraute man gewiß kein Ge- ”mein- syndicat an;) oder auch, aus blosser ”menschlicher Art (denn weß das Herz voll ”ist, deß geht der Mund uͤber) bald ein wenig ”zu viel davon geredt haben: das hat man ”zur allgemeinen Theologie , zum Futter fuͤrs ”Vieh, wies der Hirte austreibt, gemacht; ”und hat entweder vergessen, oder nicht atten- ”di rt, daß die Oeconomie , darinn wir leben, ”die Oeconomie des gegenwaͤrtigen Zeit- ”lauffs, die izige Creuz- und Schul- Oeco- ” nomie , darinnen die Menschheit erst noch zur ”Huldigung ihres Heilandes muß gebracht ”werden, da das Evangelium noch muß ge- ”prediget werden unter allen Himmeln, und ”alle Voͤlcker zum Gehorsam des Glaubens ”an JEsum gebracht werden, die Lehre von ”GOtt dem Vater, welche vor der Zukunft ”des Heilandes ganz unbekannt war, zwar ” admit- Von dem Vater. admitti ret, aber als ein Geheimniß ins Ohr ” und fuͤrs Herz. Da tragen es die Knechte” und Maͤgde des Lamms, bis sie mit Christo” offenbar, der Name des Vaters auf ihren” Stirnen erschienen, und damit zugleich zur” Daͤcher-Predig wird geworden seyn. Wenn” man nun des Teuffels erstaunliche Dienst-” fertigkeit bey der Lehre von einem einigen” GOtt, in der Person des Vaters JEsu” Christi erweget, und daß die trokkensten Holz-” Boͤkke, die unbeschnittenen an Herz und” Nieren, die groͤste Maͤrtrer davon sind; und” nimt dazu des Heilands erstaunliche Scrupu- ” lositæt diese Materie jemand zu offenbaren,” als wer ihm irrevocabel gegeben ist: so sie-” het man wol, daß es vom Satan darauf ab-” gesehen gewesen ist, daß die Lehre vom Hei-” land, dem Schoͤpfer aller Dinge, als dem ei-” nigen GOtt, von dem Johañes 1 Epist. 5, 20.” sagt: Dieser ist der wahrhaftige GOtt,” und das ewige Leben, und alles das an-” dere sind der Menschen Abgoͤtter, und” wer den JEsum nicht hat, der ist ein” Atheist; hat sollen daruͤber verwahrloset,” und Christus verlohren werden u. s. w.” Diese Ausflucht wird zu nichte, wann man auf die Schrift-Stellen zuruͤckesiehet, die wir § 45. u. f. angezogen haben. Denn der Anfang der evangelischen Historie handelt reichlich von GOtt dem Vater, und so auch die Reden, die JEsus an seine Juͤnger, an das Volck, und so gar, in seinen Banden, an seine Feinde ge- than Theil I. Cap. I. Satz 10. than hat. Als Er die Juͤnger gefragt, wer sagt Ihr daß ich sey? und sie Ihn als Christum den Sohn des lebendigen GOttes bekannt, so verbot er ihnen, solches von Ihm auszusa- gen, bis zu seiner bald hernach (etwa in sieben Wochen) erfolgten Auferstehung von den Tod- ten: aber daß Er ihnen verboten habe, in- dessen von dem lebendigen GOtt (dessen Sohn er war,) zu reden, ist wider alle Wahrheit. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich , sprach Er zu seinen Juͤngern: aber da- bey zeigte Er auch, wer Ihn kenne und sehe, der kenne und sehe eben so bald den Vater. Die Juͤnger hatten GOtt vorlaͤngst erkannt: sie hatten nun auch JEsum als seinen Sohn erkannt: und beederley Erkentnniß brachte JE- sus in eines zusammen, welche der Ordinarius erst wieder trennet, da er die Erkenntniß des Sohnes um alle bis dahin verflossene Welt- Zeiten aͤlter machet, als die Erkenntniß des Vaters. Nach der Erhoͤhung JEsu Christi haben die Apostel, laut ihrer Geschichten, das Zeugnis von seinem Vater, wie von Ihm selbs, nicht nur den Glaubigen in das Ohr, sondern frey offentlich, und das aus keiner na- tional- Einfalt oder blosser menschlicher Art, wie die desperate Zeyster Rede vorwendet, son- dern in der Kraft des heiligen Geistes gefuͤhret: und mit ihren muͤndlichen Predigen stimmen ihre Episteln uͤberein. Solte man, der Zey- ster Rede nach, keinem Apostel heut zu tage ein Gemein- syndicat anvertrauen, weil sie nem- lich Von dem Vater. lich vor Koͤnigen und Fuͤrsten (vergl. Matth. 10, 18. 19. 20.) nicht so zu reden und zu schwei- gen wuͤssten, wie der Ordinarius fratrum , ob- schon ihres Vaters Geist durch sie, auch vom Vater, redete? Wer seinen Augen solche Ge- walt anleget, daß sie bey allen vorangezoge- nen Schrift-Stellen GOtt den Vater, oder die rechte Weise von Ihme zu reden uͤbersehen, der muß verblinden: und wer aus eigenem Herzens-Duͤnkel den himmlischen Vater so zuruͤcke setzen kan, der hat Ihn in seiner Herr- lichkeit und Leutseeligkeit von Kind auf schwer- lich kennen gelernet und lieb gewonnen. ” Die Leute (heißt es ferner in der Zeyster Rede)” die der Satan nicht zu puren Atheisten” hat machen koͤnnen, zu so Narren, die” sich dahin determiniren, es ist kein GOtt;” die hat er zu einer andern Art Narren,” zu superklugen Narren gemacht, die sa-” gen à l’ avanture , der Vater JEsu Chri-” sti waͤre ihr GOtt. Das ist aber die” groͤste Ketzerey. ” u. s. w. Vom Ketzer- machen bin ich sonsten weit genug entfernet: wann man aber hier soll von Ketzerey spre- chen, so ist entweder nie kein Ketzer gewesen, oder der Ordinarius hat uͤber sich selbs ein Ur- theil gefaͤllet. Eben daselbs und anderer Or- ten, z. Ex. im 2 Discours uͤber die A. C. s. 19 berufft er sich auf die Spruͤche, da es heisset, Die Welt kenne den Vater und den Geist der Wahrheit nicht ; und bedenket nicht, daß es von der Welt eben so wol heisset, Sie ken- ( Abriß der Bruͤderg. ) D ne Theil I. Cap. I. Satz 10. ne Christum nicht. Joh. 8, 19. 14, 17. 17, 25. Einerley Leute sind zu gleicher Zeit entwe- der zur Erkenntniß Christi so wohl, als des Vaters und des heiligen Geistes, untuͤchtig, oder der Erkenntniß des Vaters und des heili- gen Geistes so wohl, als Christi, faͤhig. § 51. Im Hebraͤischen ist der hohe Name Jeho- vah ein nomen proprium , wofuͤr in man- chen Uebersetzungen stehet κύϱιος, Dominus , HERR : aber eben diese leztere Worte kom- men auch mit den hebraͤischen appellativis uͤberein. Diesen Unterscheid solte der Ordi- narius bedenken, und, wann im N. T. Chri- stus JEsus manchmal der HErr oder unser HErr genannt wird, nicht darum diejenige Stellen, da der Name HERR an statt des nominis proprii Jehovah stehet, allemal auf den HErrn JEsum Christum deuten, noch einwenden, Christus, als Jehovah , als GOtt, habe sich selbs, als Menschen, zum Knecht u. s. w. Ist es denn ein anderer, dessen Sohn , und ein anderer, dessen Knecht Christus heisset? Wer sich mit solchen Ein- wendungen behelfen muß, gibts verlohren. Diß ist das andere Extremum gegen die jeni- ge, die den Namen Jehovah dem Sohne GOttes gar absprechen. Von dem Sohn ist die Rede, zum Exempel, Ps. XLVII. 6. von dem Vater, Ps. II. 2. 7. VIII. 2. XVI. 8. XL. 6. CX. 1. 4. Jes. VIII. 18. XI. 2. LIII. 10. LXI. 1. u. s. w. § 52. Von dem Vater. § 52. Erst neulich ward in den naturellen Re- flexionen s. 287 der Status controversiæ oder die Hauptfrage, von der Schoͤpfung , so ab- gefasset, Ob der HErr JEsus die Welt geschaffen habe ? Eigentlicher wuͤrde es heis- sen, Ob der Sohn GOttes die Welt ge- schaffen habe ? Denn am achten Tage nach seiner Geburt aus Maria ward sein Name genennet JEsus. Nun wird keine Seele in der evangelischen Kirche lauͤgnen, daß alle Dinge durch das Wort , das ist, durch den Sohn GOttes, geschaffen seyen: und wann in den Spruͤchen, auf welche sich der Ordina- rius so oft beziehet, Jes. 45, 11. 54, 5. der Sohn GOttes redet, so ist uns solches nicht entgegen. Aber eine unlauͤgbare Impostura und Verleumdung ist es, wann man unter lauter evangelischen Leuten die Frage also her- um drehet, als ob die jenige, die das Werk der Schoͤpfung nicht dem Sohn alleine zu- schreiben, ganze oder halbe Arianer waͤren, und eine alcoranmaͤssige Lehre fuͤhreten. Diß, diß ist hingegen die Frage, Ob der Vater , so eigentlich, als der Sohn, die Welt geschaf- fen habe ? und diese Frage soll man sich durch keine grillenfaͤngerische Consequenz- Macherey (sind Worte, deren ich mich nicht bedienen solte, wann sie nicht in den Refl. s. 288 vorkaͤmen,) aus den Augen ruͤcken lassen. Das stuͤnde keinem Catechismus- D 2 Schuͤ- Theil I. Cap. I. Satz 10. Schuͤler, geschweige solchen Maͤnnern an, die fuͤr die Kirche wachen. Die also zu recht gestellte Frage wird von dem Ordinario und von seinen blinden Anhaͤngern oder feigen Sclaven gelauͤgnet: sonst aber von allen wahr- haftigen Stimmen im Himmel und auf Erden bejahet und bekraͤftiget. In der ganzen heiligen Schrift wird nichts mit einer groͤssern Deutlich- keit bezeuget, als daß der GOtt, dessen Sohn unser HErr JEsus Christus ist, alle Din- ge erschaffen habe: Apg. 4, 24-27. (vergl. Ps. 2, 7.) cap. 17, 24. (vergl. v. 31.) Matth. 11, 25. Eph. 3, 9. Off. 3, 14. c. 4, 11. c. 10, 6. c. 14, 7. und diß ist keine blose Quæstio fa- cti , oder historische Frage, sondern ein theu- rer Glaubens-Articul. Gibt es Leute, wel- che die Herrlichkeit JEsu Christi anfechten, so muß man doch bey der Rettung der Wahr- heit auf dieser Seiten, die Herrlichkeit des Vaters eben so wol unbeleidiget lassen, und die schuldige Dancksagung fuͤr die Schoͤpfung nicht unterschlagen. In den Reflexionen heis- set es s. 289, Ehre genug sey es vor den Va- ter , Dei Creatoris τῶν πάντων (des GOt- tes, der alle Dinge erschaffen hat) sein eige- ner und einiger Vater zu seyn. Und so auch im Aufsatz wegen der Annahme der A. C. s. 9. Antwort: Mit solchen leeren Worten muß man dem Vater die Ehre, selbs auch Schoͤ- pfer zu seyn, nicht rauben. Wie wolte der Ordinarius antworten, wann jemand den Sohn vom Werke der Schoͤpfung ausschloͤsse, unter Von dem Vater. unter dem Vorwand, es sey Ehre genug vor Ihn, daß Er des grossen Schoͤpfers eigener und einiger Sohn sey? Wie er antworten koͤnnte, so soll ihm hiemit geantwortet seyn. § 53. Daß der Heiland, und nicht sein Vater, directe unser Vater sey, ist ein offenbarer Widerspruch gegen so viele Zeugnisse der Schrift, da wir, die Glaubigen, GOttes Kinder, GOttes Soͤhne , und Christi Bruͤ- der und Miterben genennet werden. Kein Vater sagt zu seinen Kindern, Meine Bruͤ- der : Christus aber redet oft von seinen Bruͤ- dern , und das viel eigentlicher, als wann er sie bisweilen Kinder nennet. Man erwege Ebr. 2, 10-17. wo beederley Namen durch- einander vorkommen. Das muß ja eine aus- schweifende Lehre seyn, die den Ordinarium noͤthiget, zu sagen, was niemand sagt, und zu lauͤgnen, was niemand lauͤgnet. D er 11 S atz. Auch von dem Sohn ist bey der so genannten Bruͤdergemeine die Lehre nicht lauter. § 54. A nfaͤnglich scheinet es, der Ordinarius trei- be die Ehre des Heilandes aufs hoͤchste, wie er sich denn auch ruͤhmet, daß die Feinde D 3 der Theil I. Cap. I. Satz 11. der Gottheit Christi ihn am weitesten von ih- nen entfernet achten: aber es ist doch mancher Abfall dabey. Denn 1) thut er dem Sohn damit keine Ehre an, daß, da der Sohn ihm selbs nichts ausser dem Vater zuschreibet, dieser neue Lehrer hingegen den Sohn also, wenig- stens in Ruͤcksicht auf das A. T. und in Ab- sicht auf die ganze Welt, die Glaubigen des N. T. ausgenommen, vorstellet, als ob er keinen Vater haͤtte, und ganz fuͤr sich waͤre, wer er ist. 2) Den Vater setzt er in eine sol- che Verborgenheit zuruͤcke, daß man nicht weiß, was fuͤr einen Unterscheid er zwischen Ihm, als dem Ur-GOtte, und dem Sohn mache. 3) Den hohen Namen, da der Sohn genannt wird ὁ λόϒος, das Wort , absolute , und ὁ λόϒος τοῦ Θεοῦ, das Wort GOttes , und da solche Benennung ihren tiefen Grund hat in der innigen Verhaͤltnis GOttes und seines Sohnes gegeneinander, deuter er in einem viel seichtern Sinne dahin, daß der Sohn sey Ratio \& causa der Ur- sprung aller Geschoͤpfe. 4) Die Gottheit Christi beschreibt er, als eine Amts-Gottheit, wobey man nicht wissen kan, wie weit er den Sohn, bey alle seinem Ruͤhmen von desselben Ehrenrettung, herunter setze. 5) Die Ex- inanition und Aesserung sein selbs, Phil. 2, 7. deutet er so, als ob JEsus Christus in sol- chem Stande sich von seiner Goͤttlichkeit aus- geleeret , und alles, was er in seinem Wan- del, in seinen Wundern, in seinem Sieg ge- than, Von dem Sohn. than, nicht als GOtt und Mensch, sondern als ein natuͤrlicher Mensch gethan haͤtte. In- dem nun dieser neue Vnitarius , (welcher das, was dem Vater und dem Sohn und dem hei- ligen Geiste, jedem in seiner Ordnung, zu- kommt, dem Sohn alleine zueignet, nemlich die Schoͤpfung und die Erloͤsung und die Hei- ligung,) sich von den andern Vnitariis recht weit entfernet, so kommt er ihnen auf der an- dern Seite desto naͤher, wie einer, der gegen Morgen reiset, so weit er kan, endlich im Abendlande hervorkommt. Er hat alles recht gemacht , heisset es im Evangelio: die 19 Rede in Zeyst thut hinzu, Er hat nur, wie es scheinet, manchmal die Zeit nicht gar zu puͤnctlich beobachtet. Er hat man- che Sachen vorher gethan, die sich, der Zeit nach, erst haͤtten nach seiner Aufer- stehung, nach seiner Himmelfahrt geschickt. Dahin gehoͤrt zum exempel das Austreiben der Teufel durch seine Juͤnger. Von des HErrn JESU heiterem koͤstlichen Gebet, welches Joh. 17. aufgezeichnet ist, hat er sehr widrige Gedanken geaͤussert, als ob es aus ei- nem confusen Gemuͤthe geflossen waͤre. Der Ordinarius kan bey seinen Meinungen keine Ursache, warum die Leute, die um JEsum waren, Ihn fuͤr den Sohn GOttes erkannt, guͤltig seyn lassen: und wann jemand einen Be- weis forderte, daß derselbe dem HErrn JEsu in dem Stande seiner Niedrigkeit die wahre Gottheit zuschriebe, so wuͤsste ich meines Theils D 4 ihm Theil I. Cap. I. Satz 11. ihm nicht zu dienen; indem die Pennsylvani- sche Reden, I Th. s. 47, (wann man auch schon die conditionelle Correctur im Creuz- reich s. 22. categorice annimmt, und dersel- ben zufolge in den Worten, daß Christus waͤh- renden seines Wandels auf Erden nichts an- ders gewesen, als ein natuͤrlicher Mensch , fuͤr das glatte nichts , ein gezwungenes nicht lieset,) und II Th. s. 75, 76, 170. auf Schrau- ben stehen. Im I Theil s. 203 heisset es von JEsu: ” Er ist, so lange er in der Zeit ge- ”wesen, ein rechter Mensch gewesen. ”Das sind alles unverstaͤndige Menschen, ”die seine Menschheit wollen vergoͤttern, ”und die seine Menschheit so beschreiben, ”als wenn er halb GOtt und halb Mensch ”gewesen waͤre. Unvermischt sagen ”unsre Theologi. Das sind alles Menschen ”von verruͤckten Sinnen, die, weil sie ”seine Gottheit nicht glauben, ihn zu ei- ”nem desto groͤssern Menschen machen ”wollen. ” Hie wird nicht nur den Euty- chianern, Schwenkfeldern und Socinianern, sondern auch den Rechtglaubigen widerspro- chen. Diese sagen zwar nicht, daß Christus halb GOtt und halb Mensch, wie ihnen hier ganz ungebuͤhrlich beygemessen wird, wohl aber, daß er beedes GOtt und Mensch , nicht allein unvermischet , sondern auch un- zertrennet , gewesen: der Ordinarius hinge- gen schreibt solche unzertrennliche Vereinigung einem Unverstand und verruͤckten Sinnen zu. Von dem Sohn. zu. Da er nun von der Menschheit so nach- druͤcklich redet, was sagt er denn von der Gottheit Christi? War diese von jener unzer- trennet? war die Gottheit eine Fuͤlle, welche Christus bey seiner Erniedrigung von sich gege- ben, dem Vater aufzuheben anvertrauet, und bey seiner Erhoͤhung wieder zu sich genommen hat? Man hat den Ordinarium oͤffentlich er- suchet, sich hieruͤber aufrichtig und deutlich zu erklaͤren: und des Hn. Superint. Winklers Schrift von dem socinianischen Wesen Hn. Grafen von Zinzendorf waͤre auch einer Er- laͤuterung werth. Hie bleibt der neumaͤhri- sche Streit-Wagen stecken. D er 12 S atz. Ein vermessener Herzens-Duͤn- kel ist es, daß man bey der so ge- nannten Bruͤdergemeine den hei- ligen Geist eine Mutter zu heissen pfleget. § 55. N icht nur in den Reden wird der heilige Geist manchmal eine Mutter genennet, sondern Er wird auch in Gebeten, Litanien und Liedern sehr oft mit dieser Benennung angere- det: und Er solle nicht allein der Glaubigen und der Gemeine, sondern auch des Heilands Mut- ter seyn, wie es denn wider die Proportion waͤre, D 5 wann Theil I. Cap. I. Satz 12. wann der heilige Geist den Mutter-Namen haͤtte, und solcher Name sich nicht eben so weit, als der Name des Vaters erstreckte, noch aufs eigentlichste und besonderste, gleich dem Namen des Vaters, die Relation gegen den Sohn mit sich fuͤhrete. Von solcher Mutterschaft handelt ausfuͤhrlich (1) die 14te von den 32 Gemein- Reden: (2) das Creuz-Reich p. 66 u. f. (3) die naturelle Reflexionen p. 62. und (4) die 27ste Gemein-Rede vom Jahr 1747. samt einer an- dern Rede vom Jahr 1746, die im Druck un- mittelbar dabey angehaͤnget ist: wie auch die 46ste. Die zwo mittlere Abhandlungen, vor welchen die erste nichts eigenes in sich haͤlt, wi- derlegt Hr. D. Benner im III Th. der Herrn- huterey s. 8, 163. und Hr. Pastor Becherer in der Pruͤfung der Zinz. Lehrart p. 468, 643. Wir wollen denn, nach Anleitung der vierten, etwas nachholen. § 56. Die Rede vom Mutter-Amte des heili- ligen Geistes, gehalten in London den 19. Oct. 1746. spricht also: ”Es ist mir ein uͤber- ”aus wichtiger und essentialer Punct, der ”Punct vom heiligen Geiste , und es haͤngt ”bey unserer Gemeine und ihrer Praxi alles ”an dem Punct. Ich will mit Fleiß einen Ort ”aus dem alten Testamente dazu (zu dem Texte ”Joh. 14, 26.) nehmen, und denselben mit ”zum Grunde meiner Rede legen; weil ich ”glauͤbe, daß die heilige Drey-Einigkeit, ob man Von dem H. Geist. man sie gleich aus dem Alten Testamente frem-” den Leuten, die unsere Grund- Principia ” nicht annehmen, niemals beweisen soll, doch” fuͤr die Kinder GOttes da und dorten was” von ihren unterschiedenen Beschaͤftigungen” und eigentlichen Wercken eingemischt, und” Spuren vorhanden sind, zu denken, den” Spruch hat der Vater geredt, das hat” der heilige Geist von sich gesagt, das hat der” Sohn geredt. So koͤnnen wir untereinan-” der reden; denn wir verstehen einander. Der” Spruch, den ich im Gemuͤth habe, der mir” aufgefallen ist, heisst: Ich will euch troͤ-” sten, wie einen seine Mutter troͤstet. Jes.” 66, 13. Daruͤber wird nun kein Theolo-” gus sich aufhalten, wenn das Wort Trost ” aus dem Spruch herausgenommen, und” auf den heiligen Geist appliciret wird; denn” sie heissen Ihn den Troͤster: aber wenn wir” das Wort Mutter heraus nehmen und auf” den heiligen Geist deuten, so werden sich Leute” dagegen wehren. Ich kan von dergleichen” Krikkeleyen und Eigenwillen keine Ursache” finden, und daher kehre ich mich nichts daran.” Denn wenn das Geschaͤffte in einem Spruche” dem heiligen Geist eigen ist, so gehet auch der” Titel auf den heiligen Geist. Weil sie nun” in der Christenheit etliche hundert Jahre um” des heiligen Geistes Titel verlegen scheinen,” und Ihn deswegen zum Advocaten, zum Troͤ-” ster, zum Fuͤrsprecher machen, und auf vieler-” ley Art betiteln, darunter verschiedene Non- ” ” sense Theil I. Cap. I. Satz 12. ” sense sind, die in den Liedern vom heiligen ”Geiste vorkommen, bloß aus Mangel der ”gesunden Erkenntniß, wer Er uns ist: so hat ”man bey unserer Gemeine in der Einfalt des ”Evangelii zugefahren und gesagt, was sol- ”len wir uns lange bey der Gottheit nach ei- ”genen Determination en der Aemter umse- ”hen? was sollen wir uns nach einer anderen ”Characterisirung der Goͤttlichen Personen ”umsehen, als die uns nach Anleitung der ”heiligen Schrift der Grund-Punct des ”menschlichen Familien-Wesens gibt? GOtt ”ist eben unser lieber Mann, sein Vater ist un- ”ser lieber Vater, und der heilige Geist ist un- ”sere liebe Mutter, damit sind wir fertig, da- ”mit ist die Familien- Idée , die aͤlteste, die sim- ”pleste, die respectabelste, die attachant este un- ”ter allen Menschen- Idéen , die wahre Bibel- ” Idée , in der Application der heiligen Drey- ”Einigkeit auf uns, etabli rt: denn es ist einem ”doch niemand naͤher als Vater, Mutter und ” Mann. Drum schickt sich auch keine mensch- ”liche Vergleichung besser, sich eine erlaubte ”und schriftmaͤssige Idée von der heiligen Drey- ”Einigkeit zu machen, als diese; alle die an- ”dern sind nicht convenient, sie moͤgen sich eher ”fuͤr den Erzengel Michael schikken, als fuͤr ”den heiligen Geist.” u. s. w. § 57. Im Jahr 1747. den 23 April ward zu Ma- rienborn gehalten Die sieben und zwanzigste Rede , Von dem H. Geist. Rede, von dem eigentlichen Grund-Beweiß des Mutter-Amts des heiligen Geistes. Erst wurde gesungẽ aus dem X Anhang Num. 1578. Erlaube uns GOtt heiliger Geist, den unsre Kirch ihre Mutter heist u. s. w. Darauf folgt: ”Text, Du hast dein JEsulein allen ” Nationen vors Gesicht gesteller, zu einem ” Lichte, alle Heiden zu erleuchten, und zu ” einer Ehre fuͤr dein Volk Israel. Luc. 2, 31. ” 32. Die Rede ist vom heiligen Geiste, zu ” dem sagt Simeon mit einer Anrede, die im ” Neuen Testament nicht oft vorkommt: ” Δέσποτα, meine gnaͤdige Herrschaft! ich ” danke dir, daß ich nun im Friede gehen kan, ” es ist geschehen, consum̃atum est, du hast dem ” Wort gehalten, das Versprechen, das ich ” von dir hatte, hast du erfuͤllet, τὸ Σωτήϑιόν σου, ” dein JEsulein haben meine Augen gesehen; ” ich habe nun das Wunder-Kind gesehen, ” damit sich die Mutter so viel zu thun gemacht ” hat, das sie so im Gesicht aller Voͤlcker der ” Erden erziehet. Was erziehet sie dran? ein ” Licht u. s. w. Daß der heilige Geist so eine ” ganz besondere Pflege-Mutter der Menschen ” ist, davon hat man in den alten Zeiten, vor ” der Menschwerdung des Heilands, eine ” dunkle Idée gehabt. Vom Vater hat man ” gar nichts gewust. Der Heiland sagt nicht, ” daß man vom heiligen Geiste nichts gewust ” hat; sondern Er sagt nur, daß man Ihn ” nicht kriegen koͤnne, so lange man Welt waͤre. ” ” Aber Theil I. Cap. I. Satz 12. ” Aber es stehet nicht allein erstaunlich viel vom ” heiligen Geiste in der Schrift; sondern man ” hat auch so allerhand Concepte von Ihm ” gehabt, daß Er aller Seelen einige Mutter, ” der Seelen Chava, die Mutter aller leben- ” digen sey. Es war aber sehr dunckel u. s. w. ” Der heilige Geist hat also eine continuirliche ” Treue an JEsu Christo bewiesen, und darum ” nennt der Simeon unsern Heiland, des ” heiligen Geistes sein JEsulein, sein kleines ” Herzgen, daran Er alle seine Freude hat, ” daran Er so besonders theil nimmt, das Er ” schon in Mutterleibe bereitet, uͤber Ihm ge- ” schwebet, und endlich ans Licht gebracht hat. ” u. s. w. Meine Geschwister! wenn wir des ” heiligen Geistes sein Mutter-Amt da anfan- ” gen, so kriegts einen neuen und seinen eigent- ” lichen Grund-Beweis. Denn ihr wisst ” wol, wir haben alles vom Heilande her; wo ” haͤtten wir was, das Er uns nicht haͤtte ge- ” bracht? wo waͤren wir selbst, wenn kein JE- ” sus waͤre: wir haͤtten keinen Vater, wir haͤt- ” ten keine Mutter, wir haͤtten keinen Mann, ” wenn Er nicht unser Laͤmmlein waͤre. Weil ” Ers hat, so haben wirs: unser lieber Vater ” du bist, weil Christus unser Bruder ist; ” unser liebe Mutter du bist, weil du in Mut- ” terleibe der Maria schon uͤberm JEsulein ge- ” schwebt, weil du Ihn schon da mit deinen ” Fluͤgeln bedekt, weil du schon da auch uͤber ” der Maria ihrer Werkstaͤtt wie eine Henne ” uͤber ihrem Kuͤchlein gesessen, und uns das Wunder- Von dem H. Geist. Wunder- Kind gezeugt und bereitet hast. ” Darum haben wirs, darum haben wir theil ” an Ihm, darum hat uns unser Mann an ” dich uͤbergeben, daß du Ihm Eh-Volk und ” Jungfraͤulein sollst erstlich zu deinen Tempeln ” einweyhen, daß du sie erst solltest nach deinem ” ganzen Herzen machen, du sollst lauter solche ” heilige Geister draus machen, wohl propor- ” tionirlich nach dem Grade, aber doch nach ” der Natur der Sache, heilige, dir aͤhnliche ” Geister: und alsdenn wird der animus, der ” einige animus, diese animas, diese animulas, ” diese Seelgen, die du formirt hast zu heiligen ” Geistern, in seine Mañes-und Braͤutigams- ” Arme kriegen.” u. s. w. § 58. Am 19 Oct. desselben Jahres ward in Herrn- huth gehalten die sechs und vierzigste Rede von der Oeconomie des heiligen Geistes, uͤber den Text Joh. 14, 26. woraus wir nur dieses neh- men: ”Seit dem der heilige Geist in der Ge- meine selbst Herzen herbeygezogen, und zu- ” recht gemacht, seit dem er Leute gefunden ” hat, die in der That das sind: - - siehe, ” so hat er sie in das dritte Capitel Johannis, ” und in andere Orte hineinsehen lassen; da ” steht so teutsch, und hat uͤber tausend Jahr ” da gestanden, daß uns der heilige Geist ge- ” biehrt, und daß wir aus dem heiligen Gei- ” ste muͤssen gebohren werden. Und Nico- ” demus hat gar gut verstanden, daß da nicht ” ” von Theil I. Cap. I. Satz 12. ” von einem Vater, sondern von einer Mut- ” ter die Rede ist, denn er antwortete gleich: ” muß man also wieder in seiner Mutter Leib ” gehen und gebohren werden? nein, spricht ” der Heiland, es ist eine andere Mutter, es ” ist nicht die, die dich leiblich gebohren hat, ” das will nichts sagen: du must eine andere ” Mutter haben, die dich gebiehret. Was ” vom Geist gebohren wird, das ist Geist, ” das gehoͤrt in unsere Familie, das hat her- ” nach einen Braͤutigam, einen Vater, eine ” Mutter.” § 59. Des Ordinarii Vortrag ist durchgehends, wo es an die eigentliche Nervos kommt, su- perficiel und hurtig, und nimmt die schwer- ste Sachen uͤber die massen leicht: daneben aber gibt es so viel Schlingen und Schrau- ben, die Unvorsichtigen zu uͤbervortheilen, daß auch bey der billigsten Deutung uͤber eine jede Stelle mehr als eine Stunde noͤthig waͤre, alles auseinander zu lesen: und diese Bewandt- niß hat es auch mit diesen drey angefuͤhrten Stellen, bey denen wir jezt nur die Zerruͤt- tung des uͤberaus wichtigen und essentialen Puncten vom heiligen Geiste besehen. § 60. Gegen die Deutung des Wortes Mutter, Jes. 66, 13. auf den heiligen Geist, muß man sich ja wehren. Denn da ist 1. ein anders Troͤsten, als Joh. 14, 26. Jene Stelle han- delt Von dem H. Geist. delt von einem Trost, der mit einem muͤtter- lichen zaͤrtlichen Trost verglichen wird: diese aber von alle dem, was der Paracletus, id est, Advocatus, uns erzeiget, wie ein Mann, der seinem Clienten durch Fuͤrsprache, Zuspruch oder Trost, Antwort auf die Anklage u. s. w. behuͤlflich ist. 2. Der HERR vergleicht sich mit einer troͤstenden Mutter : daraus aber folget nicht, daß derjenige, der diese Zu- sage thut, eine Mutter sey und heisse. 3. Ja derselbe redet unmittelbar vorher von sich, in masculino, als einer der den Frieden aus- breitet, v. 13. eben wie v. 9. Man erwege beede versicul im Hebraͤischen, samt Cap. 46, 3. 4. Cap. 49, 14. 15. Der Vater troͤstet: der Sohn troͤstet auch: und so fern ist das Troͤsten kein eigenes Geschaͤffte des heiligen Geistes. Das sind keine Krikkeleyen: und der Eigenwille, wovon der Ordinarius redet, ist auf seiner Seiten. Eben das, was ihm seine Seele von ihm sagt, schiebt er auf Unschuldige: und was Herzens-Duͤnkel ist, nennt er Einfalt des Evangelii : mit seinem Grund-Punct des menschlichen Familien- Wesens reisset er den Glaubens-Grund um. Wo ist es erlaubt und wo stehet es geschrie- ben, daß man eine menschliche Vergleichung zum Grunde legen moͤge oder muͤsse? Zur Zeit dieser Rede hatte der Ordinarius noch keinen Beweis aus dem N. T. und behalf sich des- wegen, wie sonst zuvor mehrmal bey diesem Puncten, mit etlichen Blicken in das A. T. ( Abriß der Bruderg. ) E Nun Theil I. Cap. I. Satz 12. Nun kan man sich zwar, wo eine Lehre im N. T. deutlich erklaͤret wird, auf die alttestamen- tische Art beziehen, und sagen, ein Geheim- niß sey im A. T. nicht so auseinander gesetzet. Aber dieser neue Glaubens-Articul, daß der heilige Geist eine Mutter sey und heisse, findet sich nirgend im N. T. dahingegen die Lehre von GOtt dem Vater im N. T. viel haͤuffiger als im A. T. ja nach dem Ordinario im N. T. allein vorkommt: und also kan man das A. T. nicht auf jene Meinung reimen. Im Anfang dieser Rede s. 2. kommt die Ver- knuͤpfung jener zween Texte, Joh. 14, 26. Jes. 66, 13. sehr gezwungen heraus. § 61. Endlich hat man doch im N. T. den Grund- Beweis gefunden. Wenn wir, laut der Rede uͤber Luc. 2, 31. 32. des heiligen Gei- stes Mutter- Amt da, (bey dem, was Si- meon sagte,) anfangen, da kriegts einen neuen und seinen eigentlichen Grund- Be- weis. Wohlan! so hat man denn von die- sem Mutter-Amte ohne Grund geredet, ehe dem Ordinario dieser Grund-Beweis einge- fallen ist: wann aber auch hinwiederum die Conclusion von solchem Mutter-Amte nicht bereits da gewesen waͤre, so wuͤrde dieser Be- weis ihm nicht eingefallen seyn. Ist ein deut- liches Exempel von dem, was wir § 39, 40. erinnert haben. Selbs der Beweis ist ohne Grund. Vom heiligen Geist hatte Simeon die Von dem H. Geist. die Zusage bekommen, daß er vor seinem Tode den Gesalbten des HERRN sehen wuͤrde: und derjenige, zu dem der Simeon sagte, Meine Augen haben dein Heil gesehen, ist der Vater JEsu Christi, wie Simeons gan- ze Rede ausweiset. Er hatte durch seinen Geist dem Simeon die Verheissung gethan, wie Christus durch den Geist dem Ueberwin- der die Verheissungen thut. Off. 2, 29. ꝛc. Der Gesalbte des HERRN ist das Heil des HERRN. Beylauͤffig muß eriñert wer- den, daß τὸ σωτήριον kein Diminutivum ist, wie der Ordinarius es nicht nur in dieser Rede, sondern auch an andern Orten gibt, und zur Vertheidigung seiner gutduͤnkenden Herzlich- keiten in der I Zugabe des XII Lieder-Anhangs, in einer Erinnerung, die nicht in allen Exem- plarien ist, den heiligen Geist in dem alten Simeon das kleine Heilandgen, JEsulein, sagen machet: sondern es bedeutet das Heil, das grosse Heil GOttes in Christo JEsu. Das Wort kommt nicht nur dieses Ortes, sondern auch sonst etlichmal im N. T. und in der griechischen Uebersetzung des A. T. sonder- lich des Psalters und des Propheten Jesaiaͤ vor. Ferner wann Simeon den heiligen Geist, der durch ihn redete, angeredet haͤtte, so waͤ- re es doch kein guͤltiger Schluß: JEsus ist das Heil des heiligen Geistes; darum ist der hei- lige Geist seine Mutter. Vielmehr haͤtte Si- meon des Ordinarii Meinung gar widerleget. E 2 Denn Theil I. Cap. I. Satz 12. Denn er sagte nicht, Δέσποινα, Domina, sondern Δέσποτα, welches wiederum nicht heisset, Meine gnaͤdige Herrschaft, wie unser Red- ner es in genere fœminino gibt, sondern HErr, in masculino. Wann JEsus ein Sohn des heiligen Geistes waͤre, so haͤtte Er Ihn nicht zur Mutter, sondern zum Vater. Denn die Ueberkunft des heiligen Geistes uͤber Mariam wird Luc. 1, 35. nicht an statt dessen, was ihr als einer Mutter JEsu zukommt, sondern an statt dessen, was einem Manne zu- kaͤme, gemeldet. § 62. Eben diese Bewandtniß hat es mit den Zeugnissen bey Johanne. Da heisset der hei- lige Geist ein anderer Troͤster oder Beystand, Cap. 14, 16. jener Beystand, v. 26. Cap. 15, 26. ja auch jener, der Geist der Wahrheit: Cap. 16, 13. alles masculino genere. Das griechische Wort πνεῦμα, Geist, ist ein Neu- trum, und doch steht das Masculinum, ἐϰεἱνοϛ, jener, dabey, welches auch v. 14 absolute wiederholet wird. Im Hebraͤischen ist das Wort ruach, Geist, bisweilen ein Masculi- num, oͤfter aber ein Fœmininum, und doch, wann von dem Geist GOttes die Rede ist, kommt es eben so wohl in Masculino vor, 1 Mos. 6, 3. 2 Sam. 23, 2. 1 Koͤn. 18, 12. 22, 24. 2 Chron. 18, 23. Jes. 32, 15. 34, 16. 57, 16. Mich. 2, 7. Nichts anders ist aus der Von dem H. Geist. der Stelle Joh. 3, 4. 5. zu erweisen. Denn ein Mensch hat es von seinem Vater, daß er, wie Nicodemus redet, in seiner Mutter Leib kommt; und von seiner Mutter, daß er gebo- ren wird: und also folgt aus dieser Gleichniß nicht, daß ein Wiedergeborner den heiligen Geist zur Mutter habe. § 63. Jacobus sagt, Er hat uns gezeuget u. s. w. Cap. 1, 18. Das griechische Wort ἀπεκύησε wird eigentlich von Muͤttern gesagt, und wann der Ordinarius diese Stelle auf den heiligen Geist deuten koͤnnte, so moͤchte es ei- nen Schein haben. Doch die ganze Rede des Apostels gehet uͤbrigens in Masculino, und handelt von Vater der Lichter ausdruͤcklich. Hiedurch wird jene Mutterschaft kraͤftig wi- derleget: dann wann GOtt der Vater eine Gemahlin haͤtte, so wuͤrde je nicht Ihme selbs das Wort ἀπεκύησε zugeschrieben. Ist diß nicht etwa eine geheime Ursache, warum der Ordinarius die vernuͤnftige und schoͤne Epi- stel des guten Jacobi so zuruͤckesetzet? § 64. Christus wird genennet die Weisheit, und doch haͤlt Ihn die Gemeine fuͤr ihren Mañ. Auf solche Weise kan dem Vater, in Ansehung seiner Wolthaten an uns, etwas muͤtterliches zugeschrieben werden, da auch Paulus von sich beedes vaͤterlich und muͤtterlich redet. 1 Thess. E 3 2, 7. Theil I. Cap. I. Satz 12. 2, 7. Gal. 4, 19. Hieraus erhellet, daß aus dem muͤtterlichen, das etwa dem heiligen Geiste zugeschrieben wird, noch keine Mutterschaft folge. § 65. Der Sohn GOttes hat seinen Freunden alles kund gethan, was Er von seinem Vater gehoͤret hatte. Wann Er nun unter dem allen etwas gehoͤret haͤtte, eine Mutter betreffend, so haͤtte er, wie von seinem Vater, so auch von seiner Mutter, ausdruͤcklich und haͤuffig ge- redet. § 66. Ehedessen schrieb Wilh. Schickardus eine Dissertation unter dem Titel, Deus orbus Sara- cenorum: und pag. 7. sagt er, die Muhame- daner machen in ihrer fleischlichen Weisheit diesen Schluß, Weil GOtt keine Gemah- lin habe, so koͤnne Er keinen Sohn haben. Ob der Ordinarius mit seiner Lehre diesen Ein- wurf abzulehnen vermeint habe, wird ihm zu entscheiden uͤberlassen. § 67. Dem heiligen Geist haben alte Rabbinen und die Nazarener den Namen einer Mutter gegeben, wie in Io. Ern. Grabii Spicil. PP. Sec. I. pag. 27. 327. und in Petri Allix Aus- spruch der alten juͤdischen Kirche wider die Uni- tarios p. 134. dargethan wird. Es ist kein Wunder, wann die Vernunft in so langen Zei- ten Von dem H. Geist. ten bey mehr als einem Menschen den Schluß von einem Vater und Sohn auf eine Mutter gemacht hat: und die Nazarener waren aus den Hebraͤern, wie die Rabbinen. Ihre Meynung war nicht schriftmaͤssig: denn der Geist des Vaters ist auch des Sohnes Geist; aber der Sohn des Vaters ist nicht auch des Geistes Sohn: doch sind jene Leute auch nicht so weit gegangen, als der Ordinarius. Viel weniger kan er sich auf diejenige Lehrer beruffen, die et- wa, (als zum Exempel A. H. Franke, ) in ihren Betrachtungen von der Wiedergeburt wegen der himmlischen Troͤstungen den heiligen Geist mit einer Mutter vergleichen, oder Ihn eine Mutter nennen, welches leztere zu weit ge- het, und ohne Zweifel unterblieben waͤre, wann sie des Ordinarii Misbrauch vorhergesehen haͤtten. Man kan einem grossen Herrn ein und andermal eine gewisse Benennung geben, die doch im stilo curiæ zu keiner taͤglich- ge- wohnlichen Titulatur gemacht werden darf. § 68. Vergeblich ist die Ausflucht, da der Ordi- narius schreibt, er lehre keines weges, daß der heilige Geist weiblicher Natur sey. Dann die unterschiedene Benennung des Va- ters und der Mutter in der Gottheit hat bey ihm entweder einen Grund in der Sache selbs, ( fundamentum in re, ) oder nicht. Hat sie keinen Grund, so muß er entweder die Mey- nung von einer Mutter schwinden lassen, oder E 4 eine Theil I. Cap. I. Satz 12. eine Ursache angeben, warum er dennoch den heiligen Geist die Gemahlin GOttes nenne? warum er nicht eben so wohl sage, der Sohn habe zween Vaͤter oder zwo Muͤtter? warum er den Sohn nicht eben so wohl eine Tochter dieser Eltern nenne, die menschliche Natur beyseitgesezet? warum er nicht vom Vater ohne Unterscheid sage, Er und Sie, und so auch vom Sohn und vom heiligen Geiste? inglei- chem, warum er den heiligen Geist in seinem Amte durch eine Weibsperson, die deswegen nach ihrem Amts-Character in allen Gemei- nen die Mutter genennet ward, repraͤsentiren lassen? Hat aber die Benennung einen Grund, so muß der Ordinarius unumgaͤnglich den hei- ligen Geist auf die jenige Weise, wie der Him̃- lische Vater ohne menschlich-maͤnnliches Ge- schlecht Vater ist, fuͤr die Mutter erkennen, und einen GOtte geziemenden Unterscheid zwi- schen der Vaterschaft und Mutterschaft zeigen, der noch vor dem Unterscheid des Erzeugens und des Ausgebaͤrens hergehe. Ja weil derselbe bey den Menschen der Mutter viel etwas meh- rers als dem Vater zuschreibt, und seine menschliche Vergleichung so hoch treibet, so koͤnnte man von ihm eine Entscheidung fordern, wie es sich in der GOttheit mit dem Sohn ver- halte. Wir stehen still: doch muß man zeigen, wohin sich des Ordinarii Einfalt versteige, in der hiebey vorgewendeten philosophisch- practischen Klugheit. § 69. Von dem H. Geist. § 69. Er gibt vor, ohne die Mutterschaft haͤtte der heilige Geist keinen personal-Character : aber so fern, seiner Beschreibung nach, der hei- lige Geist sein Amt an uns, wie eine Mutter, thut, ist dieses nicht sein personal-Character selbs, sondern eine aus dem personal-Chara- cter fliessende Wohlthat, nemlich eben das Werk der Heiligung , welches der Ordinarius dem heiligen Geist durchaus nicht zueignen las- sen will. Hingegen eben dadurch, daß er der heilige Geist heisset, wird Er als die dritte Person in der Gottheit, die von dem Vater und von dem Sohn unterschieden, und doch mit beeden Eines ist, zu aller Genuͤge chara- cterisiret. Es ist Ein Geist: es ist Ein HErr: es ist Ein GOtt. Ehre sey dem Vater und Sohn und heiligem Geiste! D er 13 S atz. Die Lehre bey der so genannten Bruͤdergemeine, von dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geiste, ist nicht rein. § 70. S chon in den Berliner Reden hat sich diese Lehre gereget. In den Reden fuͤr die Mannspersonen ward der andere Articul ohne den ersten abgehandelt, und p. 256 hieß es: E 5 ”Im Theil I. Cap. I. Satz 13. ” Im Neuen Testament, da der Sohn vom ” Himmel redet, und uns die heilige Schrift ” exegesirt, nennet Er den GOtt Abraham, ” Isaac und Jacob den Vater, den Sohn, ” und den heiligen Geist. Der Name des ” allwaltenden GOttes, (unausgelegt,) ” bringt nichts, als Furcht und Respect, wo ” er nach dem Gesetz (welches noch darzu Zorn ” und Bitterkeit anrichtet) betrachtet wird. ” Wenn wir Ihn aber in dem Evangelio nen- ” nen hoͤren, da haben wir Ihn, als einen ” lieben Vater, und Bruder, und Mutter, ” und vergessen das Ens entium, das uns, ” als Stauͤblein vor der Sonne, daher zit- ” tern machte; aber nichts fassliches, liebrei- ” ches oder inniges in sich hielte.” Hernach ist diese Lehre erst ganz in ihre neue Form ge- kommen, wie wir im 6, 10, 11, und 12ten Satze gesehen haben, und weiter in der drit- ten und vierten Rede vom Jahr 1747, am ei- gentlichsten aber im zweyten Discours uͤber die A. C. zu sehen ist. § 71. Oft ruͤhmet der Ordinarius, daß er da und dort in der Lehre fuͤr richtig erkannt wor- den sey: oft klagt er, daß er doch keine genug- same Untersuchung erhalten koͤnne. Hat man es ihm aber an irgend einem Orte gut geheis- sen, oder wird man es ihm jemals irgendwo gut heissen, daß er dem Vater das Werk der Schoͤpfung abspricht, als welcher ministrirt und Von der H. Dreyeinigkeit. und die Hand geboten, oder zugesehen, oder goͤttlich geschlafen habe, da sein Sohn die Welt erschuff? daß er so vieles andere, das auch dem Vater zukommt, dem Sohn alleine zuschreibet? daß er dem heiligen Geist eine Mutterschaft, als einen personal-Character, aufdringet? und in Summa, daß er eine sol- che verwegene Dictatur uͤber die himmlische Lehre von der hochgelobten GOttheit ausuͤbet? Dieses gibt nothwendig eine neue Religion. § 72. Alles soll sich bey seiner Gemeine zu einer leichten, ungezwungenen, vertraulichen Manier schicken, nicht nur untereinander, (welches bey lauter lautern Seelen sehr fein stuͤnde,) sondern auch gegen die unendliche Majestaͤt: und da etwa in einer menschlichen Verwandtschaft, fuͤr welche der Name einer Ehe zu enge, und der Name einer Familie zu weitlauͤffig ist, sich ein altes und junges Par, oder Vater und Mutter und Sohn und Soͤhnin oder Schnur befinden, so setzet dersel- be die Lehre von der heiligen Dreyeinigkeit und von der heiligen Gemeine auf einen gleichen Fuß, und sagt, daß der Sohn GOttes, JE- sus Christus, und mit Ihm die Christin, das ist, die Gemeine, den heiligen Geist zur Mut- ter, wie denjenigen, dessen Gemahlin die Mutter sey, zum Vater haben. Daher ge- denken die Lieder mehrmal des Vaters und des Geistes und des Sohnes, und haͤngen die Christin Theil I. Cap. I. Satz 13. Christin an: als Num. 1942, Papa! Ma- ma! und ihr Flaͤmmlein, Bruder-Laͤmm- lein, und sein Taͤublein, segnet uns beblut’te Stauͤblein. Num. 1970, Denkt eurer Schwester, Weibs und Schnuͤrch, Papa, Mama, und Mann und Kirch! Weit an- ders redet Valerius Herberger, welcher doch in der Anrede an Kinder GOttes ausserhalb den Bruͤdergemeinen p. 92 als gleichstimmig geruͤhmet wird. Er nennet den Vater und die Braut Christi nicht einen from̃en Schwehr- Vater und eine liebe Tochter und Schnuͤrche, sondern er machet nur eine Vergleichung: wel- ches denn eine von den Proben ist, woraus erhellet, daß ermeldte scheinbare Anrede nicht aus der Wahrheit sey. § 73. Indem er lauͤgnet, daß der Vater directe un- ser Vater sey, und neben dem Vater eine Mut- ter auf die Bahn bringt, den Mann aber zu- gleich fuͤr einen Bruder erkennet: so muß fol- gen, daß, wie er den Vater eigentlicher fuͤr ei- nen Groß- oder Schwehr-Vater, fuͤr einen HErrn Vater (Lied, N. 1964, 14.) und die Glaubigen fuͤr seine ehrwuͤrdige Geschweyen oder Soͤhninen gehalten haben will, also der heilige Geist eigentlicher fuͤr eine Groß- oder Schwieger-Mutter, ja auch beede, als des Bruders Eltern, fuͤr unsere Stief-Eltern zu halten seyn. Wo kommt es mit der Analogie dieses neu- ersonnenen Familien-Glaubens, und Von der H. Dreyeinigkeit. und mit dem uͤppigen Belieben an seltsamen Vorstellungen hin? Die den Ordinarium entschuldigen wollen, und sagen, er fuͤhre nur andere Worte, (welches doch auch schon nicht fein waͤre,) die thun ihm selbs kein Gefallen: er meynt, die Grundlehre werde durch ihn ver- bessert. Aber die greuliche Zerruͤttung dersel- ben ist es, die mit allem Ernst widerlegt wer- den muß. Es betrifft die Ehre des dreyeini- gen GOttes: und daran ist mehr gelegen, als an andern noch so vielen und grossen Wichtig- keiten. Wer so ausserordentlich von GOTT lehret, wie der Ordinarius, der ist nicht von GOtt. Wann einer GOttes Vaterschaft lauͤgnete, so kehrte er den Grund des Glau- bens um: und wer dem heiligen Geiste die Mutterschaft wider die Wahrheit abspraͤche, der waͤre nicht besser daran: wer Ihm aber die Mutterschaft wider die Wahrheit beymisset, der verfaͤhret noch mißlicher. Zu GOtt stehet es, wie Er alle diejenige noch retten, oder ih- rer Verdammniß heimfallen lassen werde, die sich in Irrthum geben. Diß soll Rechtglau- bige behutsam, aber die Irrende nicht sicher machen. Wann eine von alten Zeiten herge- brachte falsche Lehre erblich auf einen kommt, der dazu von andern um sich herum nichts an- ders hoͤret, so kan nicht so wohl er selbs, als andere fuͤr ihn, Hoffnung haben. Aber einen Irrthum in den wichtigsten Dingen ganz von neuem aufbringen, ihn weit ausbreiten, und keinen Warnungen Gehoͤr geben, hat mehr auf sich. § 74. Theil I. Cap. I. Satz 13. § 74. Viel ausfuͤhrlicher wird hievon gehandelt in der A. 1748 an das Licht gestellten Noͤthi- gen Pruͤfung der Zinzendorfischen Lehr- Art von der heiligen Dreyeinigkeit, von ei- nem L I ebhaber der G eoffen B arten W ar- heit, (das ist, Hn. M. Johann Georg Beche- rer, Waiblingensi, Stadtpfarrern zu Dorn- han,) mit Hn. Fresenii Vorrede. Diese Pruͤfung ist meines Wissens noch nicht beant- wortet. Bald hernach folgete eine kuͤrzere Schrift, nemlich Hn. D. Carl Gottlob Hof- manns Gegruͤndete Anzeige der Herrnhu- thischen Grund-Irrthuͤmer in der Lehre von der heiligen Dreveinigkeit und von Christo. Beedes ist sehr wohl gethan, in- dem diese Hauptlehre, welche zwar auch von Hn. D. Bennern im II und III Theil der Herrnhuterey und von andern stattlich ver- theidiget, aber unter dem Hauffen anderer Streitigkeiten verdecket war, jezt unter ihrem besondern Titel auf den Leuchter gestellet worden. § 75. Wie weit kommt indessen die falsche Lehre aus? da zum Exempel vom zwoͤlften Lieder- Anhang, darin dieselbe aufs hoͤchste getrieben wird, in zwo Auflagen eilf tausend Stuͤck in ei- nem par Jahre meistens bey solchen Leuten, die sich einnehmen lassen, angebracht worden? Wie Von der H. Dreyeinigkeit. Wie stark ist zugleich der Irrthum und der Herzens-Duͤnkel! erstlich, daß der Ordinarius das klare ganze Zeugniß der heiligen Schrift A. und N. T. welche in ihrem Zusammenhang wie ein einiger gegen ihn streitender Spruch ist, so gar hat aus den Augen setzen, ja auf seine Meinungen zwingen koͤnnen; und fuͤr das an- dere, daß seine saͤmtliche Gemeine, und bey derselben so viele vorhin in der heiligen Schrift geuͤbte Arbeiter ihnen beypflichten, oder doch zu seiner Neuerung schweigen, und so vieler buͤn- digen Vorstellungen ungeachtet weder ihn von sich, noch sich von ihm abthun? Es muß das goͤttliche Licht von ihnen gewichen, und entwe- der ihnen an der Ehre GOttes sehr wenig gele- gen, oder ihre Meynung von ihrem Meister so hoch seyn, daß sie ihn uͤber alle Apostel und vorige Maͤnner GOttes, ja auch uͤber alle Re- den, die GOtt in seinem Buche von sich selb- sten fuͤhret, hinaufsezen, und ihn so fuͤr Ganz halten, wie er in den Zeyster Reden s. 362 das Ganze uͤberhaupt beschreibet. Was Wun- der ist es, wann sie zu allen uͤbrigen Irrthuͤ- mern ja oder doch nicht nein sagen? Bekommt ihrer einer dieses zu lesen, so denke er in rech- ter Einfalt ein Stuͤndlein unter Gebet und Flehen nach, und was ihm alsdenn sein Herz und Gewissen sagt, das sage er seinen Bruͤ- dern zu ihrer Staͤrkung. Es wird von ihnen gefordert werden, sie moͤgen sich selbs eine Wei- le rechtfertigen und segnen, wie sie wollen. Um- sonst ist es, wann die Vornehmste oder Gemei- neste Theil I. Cap. I. Satz 13. neste unter ihnen sagen, sie bekuͤmmern sich um dergleichen Dinge nicht, sie machen sich nur die erbauliche selige Gemeinschaft zu Nutz ꝛc. ꝛc. In der zweyten Edition des Buͤd. N. T. steht in einer Nota ad Matth. 12, 36 dieses: ” Ich ” glaube, daß das crinomenon der Ver- ” dammniß eines Theologi qua talis eigent- ” lich das ist: daß sie nicht nur selbst re- ” den und thun, was sie wollen, und sol- ” len, wenn sie es auch gleich nicht glau- ” ben; sondern so gar die Religion so ha- ” ben einrichten helfen, daß hoch und nie- ” drig, vel vi, vel clam, vel precario re- ” den und thun muß, nicht wie ihm ist, ” sondern wie es in seiner Religion lauten ” muß. ” Gehet es nicht bey der neumaͤhri- schen Gemeine also zu? Solche Leute hoͤren ja alles an: sie lassen alles gut seyn: sie beten und singen alles mit, zum Exempel, die Litanie Te Matrem. Was kommt in den protestanti- schen Kirchen- Agendis diesem Zwang bey? und wann man keinen Zwang spuͤret, so ist die Kraft der Verfuͤhrung desto groͤsser. Doch wird durch das Zuruͤcklegen solcher Vorschrif- ten bey denen, die sich von der Gemeine weg- machen, der vorige Zwang sattsam bewiesen. Was fuͤr ein Crinomenon muß der Ordina- rius ihm selbsten ausmachen? D er Vom Blut und Wunden. D er 14 S atz. Bey dem Leidens-Puncten selbs hat die so genannte Bruͤder- und Blut-Gemeine mit ihrem Stifter keinen vorzuͤglichen Ruhm: ihr gu- tes ist nicht neu, und ihr neues ist nicht gut. § 76. D iß ist auch ein Hauptsatz, und erfordert eine satte Ausfuͤhrung. Im Jahr 1734 erklaͤrte sich der Gemeinstifter bey einer gewis- sen Gelegenheit schriftlich, wie folget: Ich habe von Kindheit auf geglauͤbet, daß Christus gestorben ist vor das Leben der Welt. Ich bin nicht ohne Anfechtung da- bey blieben, ich wusste aber nicht, wie ichs machen solte, daß ichs nicht glauͤbte. Das Vertrauen hat mich biß zum Gefuͤhl gebracht, das Gefuͤhl hat die Liebe erre- get, die Liebe hat mich geschaͤftig gemacht. Ich besinne mich in der Gallerie zu Duͤssel- dorf unter einem Ecce homo gelesen zu haben: Das alles habe ich vor dich gethan, was thust du vor mich. Eine wichtige Beyschrift. Da ich anfing Seelen mit dem Erloͤser bekannt zu machen, war ich zehn Jahr alt. Diese Erklaͤrung ist, Teutsch und Lateinisch, in der III Sammlung der ( Abriß der Bruͤderg. ) F frey- Theil I. Cap. I. Satz 14. freywilligen Nachlese s. 37. eingetragen, und mit derselben stimmet uͤberein, was der Ge- meinstifter von sich meldet in jener Nota bey der Vorrede zu den Buͤdingischen Sammlun- gen. In Betrachtung dessen habe ich ehmals billig geruͤhmet die edle Compunction, die in seinem Inwendigen durch den Anblick des Gecreuzigten entstanden, und ihm bestaͤn- dig nachginge. u. s. w. § 77. Das war an sich selbs gut und koͤstlich, und der Ordinarius hat es mitten aus dem Lutherthum heraus. Es ist bey den Evan- gelischen in Teutschland etwas altes und ge- meines, daß feine Seelen bey der Uebung des Glaubens und der Gottseligkeit, in der Fa- sten und zu andern Zeiten, bey dem Genuß des heiligen Abendmals, in ihrem Leiden und Sterben, die Hauptweide im Leiden und Sterben JEsu Christi, nach Anleitung der Andachten, Gebete und Lieder in den meisten und uͤblichsten Buͤchern, suchen; dabey aber sich etwa an seine Auferstehung, an die Liebe GOttes, der seinen Sohn fuͤr uns dahinge- geben, u. s. w. nicht so weidlich halten. Und so ist es dem Ordinario selbs ergangen. Durch das Leiden Christi ward sein Herz, wir wollen sagen, recht sonderbar verwundet, und sein Sinn ward darein verbildet: es waͤre aber zu wuͤnschen, daß er sich dabey lauterlich und voͤl- lig nach dem, was geschrieben stehet, geachtet haͤtte: Vom Blut und Wunden. haͤtte: und wann man das Gegentheil zeiget, so wird die Kostbarkeit des Leidens und Todes Christi nicht versehret, sondern gerettet. § 78. Von Herzen halte ich theuer und werth meines HErrn JEsu Christi Leiden und Ster- ben. Von Jugend auf habe ich gern davon predigen hoͤren, und hernach selbs auch gern, und daher (ohne Ruhm zu melden) mit beson- derm Belieben der Zuhoͤrer Passions-Predi- gen gehalten. Ich kan von allen meinen in et- lich und vierzig Jahren, in der Fasten und zu andern Zeiten, gehaltenen Passions-Predigen die Concepte und Dispositionen aufweisen, und mit dem Augenschein darthun, daß alle- mal das Thema, die Abhandlung und die Nutzanwendung, auf das Mark, und nicht auf Nebensachen gegangen sind. Ich koͤnnte wohl vier und dreyssig davon, ohne Wahl, gegen die eben so viele Homilien uͤber die Wun- den-Litaney hinlegen lassen. Es ist mir aber auch mancher Knecht Christi bekannt, den ich eben in diesem Stuͤck mir selbsten weit vorziehe. Der HErr JEsus bewahre mich und sie und andere, daß wir die Kostbarkeit seines Blutes und die Guͤltigkeit seines Opfers nicht verseh- ren. Wer sich fuͤr den einigen Eiferer um das Creutz Christi haͤlt, der sehe zu, daß er an- dern diese Todschuld nicht beymesse, als ob sie dem Leiden des Erloͤsers abhold waͤren, wann sie schon auch der uͤbrigen Wahrheit GOttes zugethan sind. F 2 § 79. Theil I. Cap. I. Satz 14. § 79. Was ist denn daran, daß bey der neumaͤh- rischen Gemeine die allermeiste Lieder, und alle ihres Stifters Reden, sonderlich uͤber die Wunden-Litaney, auf den Leidens-Puncten gerichtet sind? Sie fuͤhren viel feines mit sich. Es werden darin aus den bekannten evangeli- schen Kirchenliedern oft solche vortreffliche Rei- men wiederholet, die aus dem neuen Vortrag wie Sterne heraus funkeln, und denselben leb- und schmackhaft machen: der Eindruck von des Ordinarii vormaligen innigen Ruͤhrung ist im Gemuͤthe oder wenigstens im Gedaͤchtniß un- ausloͤschlich: die ungewohnliche Combination des Leidens-Puncten mit andern Lehren, die man sonst nicht so nahe mit demselben verknuͤpf- te, gibt mancherley neue Farben und einen un- erschoͤpflichen Zufluß von niedlichen Einfaͤllen, die zwar den Kopf vielmehr, als das Herz an- gehen, und dabey wird eine sinnreiche oratori- sche und poetische Variation angebracht, die eines theils fuͤr ein Meisterstuͤck in der Wort- Kunst erkannt werden muß, andern theils aber wegen deren dazu gekommenen Ausschweiffun- gen zu einer Battologie und ungesalbten Ge- schwaͤtze ausschlaͤget. Wird das leztere durch die Anmuth der musicalischen Composition be- decket, und zu Elegantien gemachet, so ist da- gegen noch mehr zu bejammern, daß bey dem starken Treiben des einigen Leidens-Puncten durch die uͤbermachte Anmaassung fuͤr die neu- maͤhri- Vom Blut und Wunden. maͤhrische Gemeine, und durch die Verringe- rung dessen, was man ausser derselben geneußt, dem alten Menschen das Leben gefristet wird, welches auch zu denen vermeintlich-gebroche- nen Augen heraussiehet. § 80. Wie leicht ist da die Selbsgefaͤlligkeit, die Einbildung von ganz besondern Gnadengaben, welche das Maaß der meisten, wo nicht aller bey diesem neuen Apostel-Amt so genannten alten Apostel uͤbertreffen, das Vertrauen und Trachten viel etwas mehrers auszurichten, als bisher jemals geschehen, und der Ruhm von einer ganz neuen gegen alles Abnehmen verwahrten Seligkeit entstanden? Da ward, nach Lutheri Ausdruck, der Harnisch zu ei- nem Spiegel gemacht. Daher heisst es nun: der Leidens-Punct, die Blut-Theologie, ist mein: Wir sind die Cruciata, die Creuz- Gemeine: andere haben eine unblutige Gnade, wir haben die blutige Gnade. § 81. In der sechsten Homilie von den 32 einze- len heisset es: der Heiland will, daß Plaͤtz- gen und Gegenden der Welt seyn sollen, wo die in der Welt vergessene Sprache geredet wird, (von seinem Blut und Tode:) die Sprache, die ausser den Gemeinen un- bekannt, und in den Religionen barba- risch zu klingen anfaͤngt u. s. w. Und F 3 in Theil I. Cap. I. Satz 14. in der dreyzehenden: Wir finden, daß in die bisherige grosse Erwekkungen die Haupt- Sache nicht einmal gemengt gewesen, das Blut JEsu hat gefehlt, weder die Buͤcher, noch die Versammlungs-Hauͤser, noch die Personen sind damit bespritzt worden, aus der Epistel an die Ebraͤer zu reden. Es ist das eben nirgends als ein nothwendiges Requisitum angesehen wor- den, sondern man hat wuͤrklich in diesen lezten fuͤnfzig Jahren geglauͤbt: Am Glau- ben fehlts nicht, wenn wir nur darnach thaͤten. Im Buͤdingischen N. T. 1746. in den Notis uͤber Phil. 2, 6. treibet es der Ordi- narius so weit, als ob man nach ihm mit der Lehre von Christo und seinem Leiden ein Pla- gium beginge. Man gedenke aber an die muͤndliche und gedruckte Erklaͤrungen des Ca- techismi im Articul von Christo und seinem Lei- den, an die Passions-Predigen, Passions- Betrachtungen, Passions-Gebete, Passions- Lieder, evangelischer Lehrer, auch eben in die- sen lezten fuͤnfzig Jahren. Wer kan dafuͤr, daß diese Lehrer mit ihren Schriften dem Ordi- nario so fremde sind, und daß er, laut der Erlauͤterungen des Stralsundischen Collo- quii, in seinem ganzen Leben, das auf die aca- demischen Jahre gefolget, ausser der heiligen Schrift kein einiges theologisches Buch tra- ctiret hat? Ob jener ihr Zeugniß oder sein Zeugniß von Christo und seinem Leiden von einer Vom Blut und Wunden. einer besser bleibenden Frucht seyn werde, soll die erleuchtete Nachkommenschaft erachten. Lassen sich etliche in diesen Tagen etwa auch durch ihn uͤberhaupt reizen, die Blut-Theolo- gie reichlicher, als sie bisher gethan, wiewohl zugleich lauterer, als er thut, zu treiben, so ist es kein Plagium, man wolte denn alle loͤbli- che Nachfolge so nennen. Es sind nicht nur Worte, Geschwaͤtz und Passions-Gasco- naden, die man an gewissen dazu verord- neten Tagen hoͤrt, wie es in der 42sten Rede A. 1747 lautet. Das Blut JEsu hat nicht gefehlt, und fehlt nicht, wann rechtschaffene Lehrer auch schon die uͤbrigen Puncten der heil- samen Lehre mitnehmen: oder hat es den Apo- steln und Evangelisten auch an dem Blut JE- su gefehlet, weil desselben in den wenigsten Buͤ- chern des N. T. ausser der Passions-Geschich- te ausdruͤcklich gedacht wird? und wuͤrde wohl der Ordinarius seine Blut-Theologie von der ununterbrochenen Tradition bekommen haben, (wie er in den Wundenlitaney-Reden p. 183 sagt,) wann gleichwol solche Buͤcher des N. T. nicht waͤren? Man nehme eine Passions- Predig aus irgend einem von den bekanntesten Buͤchern ohne grosse Wahl, und eine von de- nen bey der neumaͤhrischen Gemeine gehalte- nen und fuͤr die beste geachteten Reden: bey ei- ner unpartheyischen Vergleichung wird man spuͤren, wo das Blut JEsu weniger oder mehr fehle. Es fehlt ausser der Gemeine nicht, wann schon der nur etliche Stunden ans Holz F 4 geheftete Theil I. Cap. I. Satz 14. geheftete HErr der Herrlichkeit kein Pendens cum latronibus als ein Galgen- Schwen- gel genennet wird, wie in dem verschreyten zwoͤlften Lieder-Anhang geschicht. Es ist fast nicht begreifflich, wie der Ordinarius, der mit so theuren Maͤnnern unserer Zeit so be- kannt und so verbunden gewesen ist, als er selbs hin und wieder meldet, doch so weit ge- hen kan ihr Glaubens-Werk zu verkleinern, ja zu vernichten. Die Glaubens-Lehre ruͤhmten sie: aber uͤber den Mangel am Her- zens-Glauben liegen ihre Klagen noch da. Ohne eine solche Manier konnte der Ordina- rius aus dem Leidens-Puncten nichts neues und eigenes machen. Mit solcher Manier aber bringt er den Schein zuwegen, als ob man in allen vorigen und sonderlich neueren Zeiten nicht einmal das Leiden und Sterben JEsu Christi recht betrachtet haͤtte; als ob man desselben auf diese Stunde ausser der neu- maͤhrischen Gemeine nicht recht zu geniessen wuͤßte, oder doch dessen nicht so froh seyn koͤñ- te; als ob man nur bey ihnen das so genannte rechte Puͤnctgen traͤffe, und zu Christo ge- bracht wuͤrde; als ob ein wahrer Christ, der zu ihnen kommt, im Gewissen eine Revoca- tion seiner vorigen Bekehrung und Erleuch- tung noͤthig haͤtte, oder wie einer, der nicht recht geheilet worden, sich den Arm noch ein- mal muͤsste brechen lassen; und als ob alle noch so lang mit Christo bekannte Seelen, die sich nicht Vom Blut und Wunden. nicht nach dem neumaͤhrischen Model umgies- sen lassen wollen, in ihrer eigenen Gerechtig- keit stehen blieben. Das Gute, das einer an- dern abspricht, kan er selbs eben damit ver- scherzen. § 82. Er ließ ihm nach jener Compunction uͤber dem Creuze Christi zu Muthe werden, als wie wann ein Lehrling bey einer Profession an ein besonderes nicht eben unbekanntes Kunststuͤck, oder an einen Handgriff geraͤth, und damit alle vorige Meister in aller Welt zu uͤbertreffen, und alles zuwege zu bringen vermeint. Mit dem einigen Leidens-Puncten gedachte er die ganze Christenheit zu bessern, und aus dem ganzen menschlichen Geschlecht zu gewinnen, was immer zu gewinnen waͤre. Daher sollen die Leute, die er ausschickt, in der Christen- heit, oder in der protestantischen Kirche, den Mangel aller Lehrer und Prediger erstatten, und auch unter die Unglaubigen in aller Welt gehen. Ist das also kein neuer Kirchen- Pe- riodus? und muß derselbe nicht, weil er erst das Blut JEsu hat, bis an die Zukunft des HErrn hinreichen? Aber je edler ein Ruhm ist, je schaͤdlicher ist dabey die Eigenliebe. § 83. Der Leidens-Punct wird entweder in die Imagination oder in das Verstaͤndniß einge- praͤget. Auf die Imagination wird desfalls F 5 bey Theil I. Cap. I. Satz 14. bey der neumaͤhrischen Gemeine fast alles, und auf das Verstaͤndniß das wenigste gewendet: und daran ist zu erkennen, wie tief die Sache in das Herz eindringe oder nicht. § 84. Der Ordinarius arbeitet ausdruͤcklich dar- auf, daß er bey dem Leidens-Puncten die Ima- gination auftreibe und einnehme, und eine sinnliche Bilder-Andacht, dergleichen er selbs vor Zeiten bey seiner Ruͤhrung zu Duͤssel- dorf hatte, (§ 76.) stets unterhalte. Daher ist immer die Rede von Blut, Wunden, Naͤ- gelmalen, Seitenhoͤhlgen, Leichen-Geruch u. s. w. und eine indiscrete Benennung des Laͤmmleins ist haͤuffig dabey. Johannes der Tauͤfer nannte JEsum das Lamm GOttes: und Apg. 8, 32. 1 Petr. 1, 19. wird Christus mit einem gedultigen unbefleckten Lamme ver- glichen. Nur in seiner Offenbarung wird Er oft ein Laͤmmlein genennet. Im Himmel selbs hat Er keine Laͤmmleins-Gestalt, son- dern Er kam Johanni allein im Gesichte also vor, Off. 5. u. f. und auf das Gesichte beziehet sich diese verbluͤmte Benennung. Die neumaͤh- rische Gemeine aber treibet es mit dieser Be- nennung so strenge, daß es fuͤr einen Misbrauch zur Weide der Imagination geachtet werden muß. Dergleichen Vorstellungen von Geis- seln, Creutz, und so weiter, sind fuͤr die na- tuͤrlichen Sinnen und Affecten etwas bewegli- ches, sonderlich bey dem gemeinen Hauffen: aber Vom Blut und Wunden. aber sie machen weder die ganze Sache, noch das vornehmste von der Sache aus. Man hat sonst kraͤftige Mittel genug, die boͤse un- reine Phantasien auszuloͤschen. § 85. Wie verhaͤlt es sich nun des Verstaͤndnis- ses halben? Da hat man bey der heilsamen Lehre zu sehen auf die Lauterkeit, Voͤlligkeit und Ordnung, man mag die Lehre Suͤndern oder Gerechten vorzutragen haben. § 86. Ein jeder Blick und Stral von der Goͤtt- lichen Wahrheit in der heiligen Schrift kan in dem Menschen die Erkenntniß GOttes und seiner selbs wirken, und ihn demuͤthigen, auf- richten, anleiten u. s. w. Das Geheimniß, welches das Geheimniß der Gottseligkeit heis- set, hat viele Articul. 1 Tim. 3, 16. Wie mancherley Lehren sind in Pauli Briefen, aus deren Abhandlungen er hernach seine Ermah- nungen herzuleiten pfleget? Man besehe zum Exempel D. Speners catechetische Erklaͤrung der christlichen Lehre: es wird sich deutlich zei- gen, wie aus allen Hauptstuͤcken und deren Abtheilungen die kraͤftigsten Gruͤnde zur Busse, zum Glauben, zur Gottseligkeit hergefuͤhret werden. § 87. Wann die Goͤttliche Wahrheit einem Menschen begegnet, dem sie ganz neu ist, so kan Theil I. Cap. I. Satz 14. kan es eine geschwinde, grosse und voͤllige Frucht geben: wann aber der Mensch bey der Goͤttlichen Lehre aufgewachsen ist, so ist das selige Moment, da er sich anfaͤnglich GOtte ergibt, nicht allemal so merklich, ob es schon auch bey ihm zu einem rechtschaffenen Wesen kommt. Das eigentlichste ist, daß der im Suͤnden-Tode verlohrne Mensch den Genuß der Gnade GOttes in Christo JEsu bekomme zum Leben. Daher theilen sich diejenige, de- nen das Wort GOttes vorgetragen wird, in zwo Gattungen. Sie sollen entweder erst noch zum Herzens-Glauben an Christum ge- bracht werden, oder sie stehen schon darin. § 88. Fuͤr beederley Seelen gehoͤrt eine besondere angemessene Anleitung: und doch ist ihnen oft auch ein einiger Vortrag heilsam, je nach dem sich die Zueignung dessen, was vorgetragen wird, bey einem jeden nach seinem Zustand ergibt: und das um so viel mehr, da an den Seelen von der ersten Gattung die zuvorkommende Gnade schon eher arbeitete, und bey denen von der andern Gattung noch vielerley Maͤngel uͤbrig seyn koͤnnen. Was Paulus denen Lycao- niern geprediget hat, daraus kan ein gestan- dener Christ seine Erbauung schoͤpfen: und was er an Timotheum geschrieben, das kan auch ei- nen Heiden herumholen. § 89. Vom Blut und Wunden. § 89. Sehr wohl waͤre es gethan, wann man, wie bey dem Volk Israel Moses und die Pro- pheten alle Sabbath vorgelesen wurden, also das alte und neue Testament allem Christen- Volke vorlaͤse. Man erwege 1 Thess. 5, 27. 1 Tim. 4, 13. Off. 1, 3. Auf solche Weise bliebe nichts zuruͤcke. 2 Tim. 3, 16. 17. Was nicht in oͤffentlichen Versammlungen geschicht, kan in Haushaltungen oder von jedem ins besonde- re geschehen. Und so hat man in dem Vor- trag des Worts billig aus dem ganzen Inhalt der heiligen Schrift jedes mal dasjenige her- auszulesen, und in Lauterkeit, Voͤlligkeit und Ordnung abzufassen, wovon die meiste Er- bauung zu hoffen ist. Nach der unaussprech- lich-manchfaltigen Bewandtniß der Seelen kan von denen unzahlbaren Blicken und Stralen des Goͤttlichen Lichts, wie gesagt, bald dieser bald jener in einem lehrreichen und weislich ein- gerichteten und abgewechselten Vortrag einen heilsamen Zug thun. Es koͤnnen auch deren mehrere zusammen treffen, daß der Mensch selbs nicht weiß, welcher von denselben das meiste bey ihm gethan habe. In der Lehr-Art haͤlt man eine Ordnung: aber die Gnade ist an solche Ordnung nicht gebunden. Es kan ein Schrecken vor der Erfahrung der Gnade her- gehen: es kan auch auf die Erfahrung der Gna- de eine zarte Scheue folgen: wiederum kan die himmlische Majestaͤt bey ihren langbewaͤhrten Dienern Theil I. Cap. I. Satz 14. Dienern eine grosse Consternation der sterbli- chen Natur vor einer neuen Entdeckung ihrer Wunder hergehen lassen. Dan. 8, 18. 10, 8. Off. 1, 17. Wann ein gewisser Punct vor an- dern trifft, da ist es weder fuͤr den Lehrer noch fuͤr den Zuhoͤrer thunlich, sich weit auszubreiten, sondern da ist es gut stille halten. Sonst aber hindert kein Stuͤck von der Wahrheit das an- dere. Wann ein Mensch das Gesetz vor sich hat, und betrachtet, mit was Lieblichkeit GOtt haben will, daß wir Ihn uͤber alles, und er, der Mensch, seinen Naͤchsten, und der Naͤch- ste ihn wiederum, wie sich selbs, lieben solle, so kan die auch hieraus hervorleuchtende Guͤte GOttes evangelisch und heilsamlich uͤberzeu- gen, welches sonst des Gesetzes Wuͤrkung nicht ist. § 90. Lauter solle denn der Vortrag seyn, daß man weder bey der ganzen Lehre, noch bey eini- gem besondern Puncten, zum Exempel, von dem Leiden JEsu, allerley Ausschweifungen nachhaͤnge, noch die Sache mit fremden Zu- saͤtzen vermische. § 91. Voͤllig ist der Vortrag, wann man nicht an einem einigen Puncten, zum Exempel, von den Wunden JEsu, hangen bleibet, sondern den ganzen Articul vom Leiden Christi, und was damit verbunden, und folglich alles, was in der heiligen Schrift enthalten ist, den See- len Vom Blut und Wunden. len vorleget. GOtt wusste wohl, wie viel an dem Leidens-Puncten gelegen sey, und doch hat Er auch von andern Dingen ein reiches Zeugniß verliehen. § 92. Bey der Voͤlligkeit erfordert die Ordnung, daß man eine jede Lehre so vortrage, wie sie fuͤr sich einen Eingang finden kan, und den folgenden Lehren den Eingang zuwege bringt, welches diejenige nicht thun, die mit dem Lei- dens-Puncten den Anfang und den Beschluß machen, und folglich auch bey desselben Vor- trag keine Ordnung haben. § 93. Von diesem allen geht der Gemeinstifter weit ab. Seiner Vorschrift nach solle man denen, die noch nicht zum Glauben gelanget sind, nichts als dieses sagen, Dein Schoͤpfer ist fuͤr dich gestorben: und die im Glauben stehen, sollen auf nichts als auf die Wunden zu sehen noͤthig haben. Daher denn auch die Lehre, die diese jenen beybringen, und zu dem Ende in den Pflanz-Schulen fassen sollen, nichts anders mit sich fuͤhret. Diesem Vor- urtheil aufzuhelfen, leitet er bey den Heiden aus einer vorgaͤngigen Wirkung des heiligen Gei- stes, lang vor dem Gehoͤr des Evangelii, sehr vieles her, und bey denen, die in der Chri- stenheit leben, schrenket er die zuvorkommende Gnade auf den Leidens-Puncten ein. Aus diesem Theil I. Cap. I. Satz 14. diesem Vorurtheil verringert er allen denjeni- gen Einfluß, den der uͤbrige Inhalt der heili- gen Schrift bey der Erweckung und Uebung des Glaubens hat, und suchet solches dem Lei- dens-Puncten zuzueignen. Bey diesem Vor- urtheil kommt eine solche Lehr-Art heraus, als ob die uͤbrige Lehre nur muͤssige Wisser machte, und als ob der Leidens-Punct allein das Herz besserte und saͤttigte, und nicht auch in einem leeren Wissen aufgehalten werden koͤnnte. § 94. Etliche Stellen des N. T. werden hiebey sehr oft angezogen, und misbrauchet, als Matth. 24, 30: von dem Zeichen des Menschen- Sohnes. Joh. 20, 27: von Thoma. 1 Cor. 2, 2: von JEsu Christo dem Gecreuzigten. Off. 3, 10: vom Wort seiner Gedult. § 95. Das Zeichen des Menschen-Sohnes soll die eroͤffnete Seite seyn, woran jederman erkennen werde, wer der Mann auf der Wol- ken sey: Gemein-Reden A. 1747. Th. II. s. 183. und vorher werde Er in Silentio \& Pleu- ra erscheinen. Discours uͤber die A. C. s. 142. Ihn werden ja sehen, die Ihn zustochen haben: das Zeichen aber des Menschen-Sohnes ist et- was anders, wie die Ordnung des Textes, Matth. 24, 30. ausweiset. Denn da heisset es zuerst: Es wird erscheinen das Zeichen des Menschen-Sohnes im Himmel, und hernach Vom Blut und Wunden. hernach von dem Menschen-Sohn selbs, sie werden Ihn sehen. Man wird also zuerst den herrlichen Aufzug, und sodann den Koͤnig selber sehen: und dieser wird die Seitenhoͤle nicht vor sich hersenden, sondern sie an seinem heili- gen Leibe selbs sehen lassen. § 96. Als dem Thomas die Juͤnger die Erschei- nung des auferstandenen HErrn JEsu bezeug- ten, sagte er: Es sey denn u. s. w. Seine Forderung erfuͤllte der freundliche HErr, so gar mit Wiederholung der Worte Thomaͤ: und da war das Sehen und Betasten der Naͤgel- maal und der Seite nicht die Sache selbs, sondern das Mittel, ihn zu uͤberzeugen, daß derjenige, den er sahe und betasten durfte, der gecreuzigt-gewesene JEsus sey, daß Er wahr- haftig auferstanden sey, daß die Juͤnger den Thomam mit der Wahrheit berichtet haben, daß Er des Thomaͤ vorhin bekannter HErr und GOtt sey, welches er viel seliger ohne das Sehen geglaubet haͤtte. Also ist bey dieser un- aufhoͤrlichen Anfuͤhrung des Thomaͤ ein Man- gel, daß ich gelinde rede, einer geistlichen Discretion. § 97. Ueberhaupt hat man bey der neumaͤhrischen Gemeine die Betrachtung von Christo, dafuͤr, daß man aller seiner Wohlthat geniessen solte, besonder auf das sogenannte Seiten-Hoͤhlgen eine Zeitlang gewendet, als ob wir, wie die ( Abriß der Bruͤderg. ) G Erde Theil I. Cap. I. Satz 14. Erde dem Leibe nach, also dasselbe der Seelen nach, zur Matrice oder Mutter haͤtten u. s. w. Discours uͤber die A. C. s. 31, 37, 294. Nun behaͤlt die Eroͤffnung der Seite JEsu nach seinem Tode, woraus Blut und Wasser ging, ihre Wichtigkeit, Joh. 19, 34. u. f. Und Wasser und Blut, wodurch JEsus Christus kam, sind samt dem Geiste drey Zeugen. 1 Joh. 5, 6 u. f. Man muß aber die Vergleichung dieser zwo Stellen, so erheblich eine jede fuͤr sich ist, und so aͤhnlich sie einander lauten, nicht zu weit und uͤber ihren Zweck hinaus trei- ben. Das Blut und Wasser aus der Seiten sind nicht zween Zeugen: aber die Eroͤffnung der Seiten, woraus es kam, war nach dem Tode, mit welchem bereits alles vollbracht war, noch wie eine Zugabe, damit das kostbare Blut des heiligen Lammes GOttes auf das reich- lichste vergossen, und die Gewißheit seines To- des auf das unwidersprechlichste bekraͤftiget wuͤrde. Hiebey verdient Hn. D. Baumgar- tens zwey und dreissigstes Bedenken, von dem Verhaͤltniß der Oefnung der Seite Christi gegen die Erloͤsung, erwogen zu werden. Daß Glaubige bey ihrem Heimgang in und durch die eroͤffnete Seite JEsu ziehen, ist eine verbluͤmte Redens-Art in einem und dem andern Kirchen-Liede, die nicht zu verwerfen: und daß sie sich in solcher Kluft, als in einer Steinritze verbergen, ist ihnen zu goͤnnen, (wann nur rohe Leute keine Rauͤberhoͤle dar- aus machen:) aber ein reifer Glaubens-Ver- stand Vom Blut und Wunden. stand gestattet nicht, der sinnlichen Einbildung unablaͤssig nachzuhaͤngen. § 98. Eine gleiche Bewandtniß hat es mit denen haͤuffigen Vorstellungen von einem Leichen- und Grabes-Dunst u. s. w. Auf JEsu Toͤd- ten nach dem Fleisch erfolgte alsogleich die Le- bendigwerdung nach dem Geiste: daher muss- te auch die Begraͤbniß herrlich seyn, weil es bey der untersten Tieffe unverzuͤglich anfing wieder aufwerts zu gehen, und die Begraͤb- niß eine naͤhere Verbindung mit der Auferste- hung, als mit dem Tode hatte: 1 Cor. 15, 4. wie denn auch der Zustand des Erloͤsers nach dem Nu seines Todes gewisser massen schon ei- ne groͤssere Aehnlichkeit hatte mit seiner her- nachfolgenden Herrlichkeit, als mit seinem vor- hergegangenen Leben im Fleisch. 1 Cor. 11, 26. Der Heilige des HErrn hat die Verwesung nicht sehen sollen: und folglich ist es ein Her- zens-Duͤnkel wider die Schrift, daß vom Grabesdunst u. s. w. so vieles geredet wird. § 99. Nichts anders, als das Creuz zu predi- gen, ist Pauli Meinung weder zu Corinth noch anderer Orten gewesen. Er sagt nicht, daß er nur das Creuz gewusst, sondern daß er an- fangs, da er zu den Corinthern kam, in sei- ner Lehre und Lehr-Art aufs Creuz allein gese- ben habe, 1 Cor. 1, 18. 23. c. 2, 2. wiewohl G 2 auch Theil I. Cap. I. Satz 14. auch sein erster Vortrag vom Evangelio bey ihnen noch viel andere Puncten in sich fassete, und die Lehre auch von Christi Tode, Be- graͤbniß und Auferstehung zugleich, solchen Anfang nicht ausmachte, sondern ἐν πρώτοιϛ inter Prima ein Theil war. Cap. 15, 1. u. f. Sonst haͤtte er zu Corintho nicht wie zunaͤchst vorher zu Athene gelehret. Apg. 17, 18. 18, 4. 5. 11. Ja da er 1 Cor. 1, 23. 24. 30. von Chri- sto redet, so gedenket er des Creuzes allein in dieser Betrachtung, wie es den Juden und Griechen, nicht aber, wie es den Beruffenen vorkommt: und im Gegensatz gegen die An- fangs-Lehre vom Creuz wird fuͤr die Vollkom- menen noch viel etwas weiters angezogen, des- sen die Corinther noch nicht faͤhig waͤren, Cap. 2, 6 ‒ c. 3, 4. wiewohl auch Paulus in beeden Briefen an sie noch vieles andere ihnen vorle- get, und durch das oft wiederholte Wisset ihr nicht bey ihnen voraus setzet. Man erwe- ge auch den Ruhm der Gnade, Cap. 1, 5. 7. und den Verweis der Unwissenheit, Cap. 15, 34. Eben das heisset die Schrift nur wie ein Lexicon behandelt, wann man zum Exempel das einzele Wort, Creuz, Gecreuziget, her- ausnimmt, und die ganze Rede zuruͤklaͤsset, als ob es etwas schaͤdliches waͤre, den Zusammen- hang erwegen. § 100. Von dem Wort der Gedult Christi, Off. 3, 10. welches der Leidens-Puct seyn soll, wird im folgenden Capitel, § 173 gehandelt. § 101. Vom Blut und Wunden. § 101. Im ganzen N. T. und in denen Buͤchern, darin die jezt angezogene Stellen befindlich sind, wird so vieles vom Leiden und Sterben JEsu Christi geredet, und doch fuͤhret der Ordina- rius eben diese Stellen fast oͤfter an, als die uͤbrigen miteinander. Das mag, auch ihm selbs unvermerkt, aus zwo Ursachen herkom- men: 1. Man kan sie vor andern zu sinnlichen Vorstellungen oder zum philadelphischen Ruhm anwenden. 2. Man kan bey denselben die Auferstehung Christi leichter beyseit setzen, dahingegen an andern ausfuͤhrlichen Stellen mit dem Leiden Christi, welches darin beschrie- ben wird, die Auferstehung u. s. w. so ver- knuͤpfet ist, daß man keines ohne das andere betrachten kan. § 102. Der Leidens-Punct selbs fasset noch viel anderes in sich, wann man recht damit umge- hen will: und vieles begleitet denselben unzer- trennlich, vieles gehet vorher, vieles folget hernach, und alles gibt einander einen Nach- druck und ein Gewichte. Wir wollen kuͤrzlich davon handeln. § 103. Einem jeden, der den Namen des HERRN anruffen und also selig werden soll, muß der Name des Vaters und des Sohnes und des G 3 heiligen Theil I. Cap. I. Satz 14. heiligen Geistes, und das uralte Bekenntniß des apostolischen Glaubens bekannt seyn; indem die erste und vornehmste Haͤlfte des Bekenntnisses mit ihren acht Articuln so viel ist als eine Paraphrasis des Na- mens, worauf man taufet und getaufet wird: und die heilige Schrift bezeuget durchgehends, wie GOtt seinen eingebor- nen Sohn, durch welchen Er die Welt ge- macht, zum Heil der verlornen Menschen und zur Versuͤhnung mit Ihme verordnet: wie Er von mancherley Stuͤcken und auf mancherley Weise vor Alters durch die Propheten gere- det, und insonderheit seine Gnade in seinem Sohne verheissen, und denn diesen seinen Sohn in die Welt gesandt: wie der Sohn seinen Vater denen Menschen noch viel naͤher und ausfuͤhrlicher bekannt gemacht, und der Vater hinwiederum seinen Sohn verherrlichet hat. u. s. w. Als nun der Sohn GOttes in die Welt gekommen, hat Er seine Herrlichkeit, als die Herrlichkeit des eingebornen Sohnes GOttes, zu erkennen gegeben, und diejenige, die Ihn fuͤr den Sohn GOttes erkannten, se- lig gepriesen, ehe Er ihnen ein Wort von sei- nem Leiden gesaget. Ja Er hat den Glauben an Ihn, als an den Sohn GOttes, recht fe- ste gesetzet, ehe Er von seinem Leiden sagte: und so bald Er von seinem Leiden sagte, sagte Er auch von seiner Auferstehung, durch welche der Vortrag vom Leiden nicht allein ertraͤglich ge- macht ward, sondern auch ein groͤsseres Ge- wicht erhielt. § 104. Vom Blut und Wunden. § 104. Hieraus erhellet schon; daß die rechte Lehr- Art vom Leiden selbs viel tiefer und weiter gehe, als die Ausdruͤcke von den Wunden. Weil des Ordinarii Vortrag von der heiligen Dreyei- nigkeit und von Christo sehr unrichtig, und der von dem Leiden Christi sehr gestuͤmmelt ist, so gibt es in den Zusammenhang der ganzen heilsamen Lehre eine solche Reihe von Verwir- rungen, die ihres gleichen nirgend hat. Er setzet den himmlischen Vater bey seit, als ob der Mensch nicht wider ihn, sondern allein wi- der den Sohn gesuͤndiget, und der Sohn also den Menschen nicht mit dem Vater, sondern allein mit sich selbs versuͤhnet, der Vater aber dem Sohn nur erlaubet haͤtte, im Fleisch zu kommen und fuͤr uns zu leiden und zu sterben: dahingegen die Schrift uns ausdruͤcklich leh- ret, daß GOtt uns mit ihm selber versuͤhnet habe, und daß solches durch den Tod seines Sohnes geschehen sey. Also ist denen, die sich in die aͤussere sinnliche Leidens-Umstaͤnde ver- senken, der grosse Friedens-Rath, und das, was zwischen GOtt und Christo vorgegangen ist und noch vorgehet, fast fremde, und seines Mittler-Amts, seines Priesterthums, ja auch seines Todes, wird bey ihnen sehr wenig ge- dacht. Denn der Mittler vermittelt die Sache zwischen GOtt und den Menschen: der Prie- ster fuͤhret uns nicht zu sich, sondern zu GOtt: und ein Leichnam faͤllt in die Augen, der Tod G 4 aber Theil I. Cap. I. Satz 14. aber nicht. Das beblutete Lied, Ein Laͤmm- lein geht, sieht ihm selbs Num. 1886 nicht mehr gleich. Da heisst es zum Exempel: ” ” Das Laͤmmlein ist der grosse GOtt, der ”Schoͤpfer unsrer Seelen; den hat sein ”Vater in der Noth uns nicht gewollt ”verhehlen: Geh hin, mein Kind! und nim ”das Amt, die Suͤnder, die du selbst ver- ”dammt, zur Straff der Zornes-Ruthen, ” zur Straff so schwer, zum Zorn so groß, ” In deinr Person zu machen los, Durch ”Sterben und durch Bluten.” Wie viel Danksagung an den himmlischen Vater fuͤr seine Liebe wird bey dieser Meinung unterblei- ben? und wie wird der Zugang und das Na- hen zu Ihme so rar gemacht, wann man die Seelen gewoͤhnet bey dem Mittler stehen zu bleiben? Man soll ja billig auch zu Herzen nehmen den Willen GOttes, welchen Christus so gerne gethan hat: und das, was GOtt selbs in Christo bey dem Leiden Christi gethan hat, wie denn Paulus Col. 2, 14. 15. vergl. Eph. 2, 4. von GOtt redet: desgleichen bey Christo selbs die Aufopferung gegen den himmlischen Vater, das Thun des Willens GOttes bey solcher Aufopferung, und nebst dem aͤussern auch sein inneres Leiden, dessen Betrachtung die natuͤrliche Sinnen nicht so angreifft und von dem Ordinario nicht so gepriesen wird. Bey dem Kampf an dem Oelberg, dessen er so hauͤffig gedenket, sieht er vielmehr auf den blu- tigen Schweiß, als auf die Uebergabe in den Vom Blut und Wunden. den Willen des Vaters: und wann in dem al- ten Liede, Da JEsus an dem Creuze stund, das Wort, Mein GOtt, mein GOtt, wa- rum hast du mich verlassen? also ausgedruͤk- ket ist: Zum fuͤnften gdenk seinr Bitterkeit, die GOtt am heilgen Creuz ausschreyt: Mein GOtt, wie hast du mich verlassen? Das Elend, das ich leiden muß, das ist ganz uͤber die massen: so heisset es Num. 1797 dafuͤr: Denkt aber auch der bittern Schmach, darunter unser Heiland sprach bey laͤstern ohne massen das fuͤnfte Wort: Mein GOtt! mein GOtt! wie hast du mich verlassen! Damit ist der Ausdruck des alten Liedes ver- ringert, und die Klage Ps. 22, 2. 3. bey wei- tem nicht erreichet. GOtt hat Christum nicht nur in die bittere Schmach, die ihm die Men- schen anthaͤten, uͤberlassen: es war ein ernst- hafterer Handel zwischen GOtt und dem Suͤn- dentraͤger. Glaubt solchen die Gemeine: warum redt sie davon so wenig? § 105. Ohne dergleichen Grund-Betrachtungen wird durch die blosse und dazu kaltsinnige Re- den, von einem verwundeten oder gehenkten Heiland, und dergleichen, die Ehrerbietung gegen das Geheimniß der Erloͤsung nicht wenig gekraͤnket: und in der rechten Application be- zieht der Glaube sich ohne Sehen und Fuͤhlen auf des grossen Hohenpriesters Erscheinung vor dem Angesichte GOttes fuͤr uns in einer Ihm G 5 dahin Theil I. Cap. I. Satz 14. dahin nachfolgenden Zuversicht, dahingegen in der neuen Lehr-Art die Sache meistens auf ein Gefuͤhl bey dem Menschen gesetzet, ja auch noch ein Schauen auf dem Wege gehoffet wird. Soll aber der Anfang der Unterweisung schon eine Voͤlligkeit haben, wie ungebuͤhrlich ist es doch, wann man immer von den Wunden al- lein redet? § 106. Mit dem Tode unsers Erloͤsers ist seine Auferstehung, auch in der Predig vom Glau- ben, unzertrennlich verknuͤpfet. Haben wir die Versuͤhnung mit GOtt in dem Tode sei- nes Sohnes, so sollen wir auch je die Selig- keit in seinem Leben erkennen. Ob die Aufer- stehung Christi in den Augen des Ordinarii kein Wunder ist (welche paradoxe Rede nicht besser entschuldiget werden kan, als wenn man sie ein Wortspiel nennet,) so ist doch das Zeug- niß von solcher Auferstehung das eigentlichste Stuͤck des Apostel-Amts, Apg. 1, 22. c. 2, 36. c.4, 33. ꝛc. So bald und so oft der HErr JEsus seinen Juͤngern sein bevorstehendes Lei- den verkuͤndigte, setzte Er hinzu, am dritten Tage werde Er wieder auferstehen: Matth. 16, 21. u. s. w. und hernach war beedes zu- sammen die Summa der apostolischen Bot- schaft: Apg. 17, 3. 26, 23. daher Paulus, als er in seinem Schreiben an die Galater von dem Creuz zu handeln vorhatte, dennoch in seinem apostolischen Titel selbs meldet, GOtt der Vom Blut und Wunden. der Vater habe JEsum Christum von den Tod- ten auferwecket. Wer also vom Tode Christi ohne seine Auferstehung redet, der redet nicht recht. GOtt hat daran nicht genug gehabt, daß Er den Hirten geschlagen, sondern Er hat Ihn auch von den Todten ausgefuͤhret. Auf beedes beziehet sich die rechte Predig und der rechte Glaube. Wo eine Gemeine sich zwar Christi ruͤhmet, wie Er gecreuziget und ge- storben, aber nicht vielmehr, wie Er aufer- wecket ist, so hat sie kein Lob davon, daß sie eine Creuz-Gemeine heisset. Wundenhaf- tige Worte, und ein ganzer Sinn aus und nach JEsu Christo, sind weit unterschieden. Wird bey der neumaͤhrischen Gemeine nur der Leidenspunct mit so viel Worten herausge- strichen, so findet sich bey andern die Tuͤchtig- keit auch den uͤbrigen Articuln ihr Recht zu thun. § 107. Die Predig Johannis des Taͤuffers, des HErrn JEsu selbs, und seiner Juͤnger vor seinem Leiden, betraff in Summa das Reich deren Himmel, oder das Reich GOttes. Von diesem Reiche redete Er mit ihnen in den vierzig Tagen zwischen seiner Auferstehung und Himmelfahrt: und dieses Reich war der Inhalt der apostolischen Lehre. Apg. 1, 3. c. 19, 8. c. 28, 31. Christus wird eigentlicher we- gen seines Koͤnigreichs, als wegen seines Prie- sterthums, der Gesalbte des HERRN ge- nannt: Theil I. Cap. I. Satz 14. nannt: Luc. 1, 32. c. 2, 11. ꝛc. wie Er denn Da- vids, und nicht Aarons Sohn ist. Vid. Gno- mon. N. T. p. 909. 1127. Das benimt dem Leidens-Puncten nichts: es beweiset aber doch, daß die Lehre von Christo sich bey denen, die Seiner recht geniessen sollen, noch weiter gehe. Der Creuzes-Tod war das Mittel oder der Weg: da kan man den Zweck und das Ziel nicht aus den Augen lassen. § 108. Der Geist Christi, der in den Propheten war, hat die Leiden Christi, und die darauf folgende Herrlichkeiten zuvor bezeuget. So heisst es eigentlich 1 Petr. 1, 11: in welcher Stelle der Ordinarius das Woͤrtlein darnach misdeutet, die Erkenntniß der Herrlichkeiten aus diesem Leben zu verweisen. Reden im Jahr 1747. I Theil, s. 297. Die Herrlich- keiten waren in der Absicht das erste, und in der Ausfuͤhrung das letzte: aber die Verkuͤn- digung folgte nicht erst hernach, ja sie ging vielmehr vorher. 2 Sam. 7, 12. Luc. 1, 32. Also soll bey dem Zeugniß von Christo niemal der Leidens-Punct allein seyn. § 109. Da der Ordinarius sonsten so vieles in der Schrift, das vom Vater handelt, auf Chri- stum deutet, so wendet er es um bey der Stelle 1 Cor. 15, 25. und indem Paulus sagt, Christus muͤsse koͤniglich regieren oder herrschen (durch Vom Blut und Wunden. (durch welches Wort das Sitzen zur Rechten GOttes ausgeleget wird,) bis Ihm der Vater seine Feinde zu einem Fuß-Schemel mache: so schreibt der Ordinarius dem Vater das Herrschen, und dem Sohne ein ruhiges Sitzen zur Rechten des Vaters ohne Herr- schaft zu. Im vierten Discours uͤber die A. C. heisset es: ”In diesem (dritten) Artikel sucht ” man eine scheinbare Contradiction mit des ” Apostels Pauli Worten, 1 Cor. 15, 24. da ” es heisst: der liebe Heiland wuͤrde seinem ” Vater das Reich wieder geben; in der ” A. C. hingegen steht, Er werde die ganze ” Creatur ewig beherrschen, und regieren. ” Es hat aber nichts zu sagen: man muß nur ” Schrift mit Schrift erklaͤren. Der Apo- ” stel Paulus ist so aufrichtig gewesen, daß ” er 1 Cor. 7. einmal erinnert, das sage ” nicht der HErr, sondern er, und es ist zu ” vermuthen, daß er zu 1 Cor. 15. dergleichen ” gedacht habe, wenigstens klingt es, als haͤtte ” er im dritten Himmel etwas vom Abtreten ” des Gouverno der Welt an den Vater ge- ” hoͤret. Er hat sich dennoch aber nach der da- ” maligen Art aller Glaubigen in der Rech- ” nung geirrt, wie die lieben Apostel uͤberhaupt ” mit der Zeit-Rechnung gar sehr brouilli rt ” waren. Denn sie haben des Heilands seine ” Zukunft so genau und so nahe bestimmt, und ” theils gewiß genug gemeynt, sie wuͤrden sie ” erleben, wie auch des Antichrists seinen Un- ” tergang, ja es gar positiv gesagt: es ist aber ” ” nicht Theil I. Cap. I. Satz 14. ” nicht geschehen, und nach dem treuen Rath ” ihres HErrn, Apg. 1. haͤtten sie sich diese Un- ” tersuchung ersparen koͤnnen. So ist es dem ” Apostel mit der Beschreibung seiner Regi- ” ments- Abdication ergangen, und mit der ” Zeit-Bestimmung, wenn der Vater wuͤrde ” anfangen zu regieren. Es ist aus 2 Cor. 12. ” ziemlich klar, daß der Apostel wegen eines ” allzufreyen Gebrauchs der Worte, die er ge- ” hoͤrt, und nicht wieder sagen, sondern ver- ” siegeln sollen, in die harte Zucht kommen ist, ” daß ihn des Satans Engel mit Faͤusten ge- ” schlagen. Inzwischen sind dieses Reden, ” die, wie der Apostel Petrus sagt, von den ” nichtsnuͤtzigen Leuten gemisbrauchet werden, ” sich und andere Leute zu verwirren. ” § 110. Siegfried schreibt, die Bruͤder, weil sie einfaͤltig bey der Schrift bleiben, und sich hinter wenige, aber unuͤberwindliche Prin- cipia retrenchi ren, seyen inprennabel: p. 97. und der vollmaͤchtige Diener der evangeli- schen maͤhrischen Kirchen schreibt, ein Christ- licher Theologus des Creuzes, des Friedens und der Wahrheit, muͤsse sich hinter die Lei- dens-Lehre, hinter die allgemeinen Prin- cipia, hinter die simpelsten Modificationes der goͤttlichen Wahrheiten, und hinter eine raisonable und invincible Kette von indispu- tablen Schrift-Orten gleichsam bis an die Zaͤhne eingraben, daß er mit Gewissens- Freu- Vom Blut und Wunden. Freudigkeit sagen koͤnne, Hier stehe ich, ich kan nicht anders, GOtt helfe mir! Creuzreich, Beylagen, p. 231. Haͤlt man die- se enge Vorschrift, und jene Ausschweifung in denen zunaͤchst vorher § 109 angezogenen Worten gegeneinander, so erhellet, wie viel unlauteres der Ordinarius bey seiner alleini- gen Leidens-Lehre einmische. Sehen wir aber die angezogene Worte fuͤr sich selbs an, so ist folgendes zu erinnern. (1) Paulus bezieht sich auf den 110 und 8 Psalmen, und nicht auf das Paradis. (2) Wann Paulus die Worte von der Reichs-Uebergabe so irrig verstanden haͤtte, so haͤtte es eine wichtige Leh- re betroffen, und er waͤre es selbs gewesen, der sich und andere Leute, oder, wie der Apostel Petrus sagt, die heiligen Dinge verwirret haͤtte. (3) Der Pfal im Fleisch ward ihm ge- geben, nicht darum, daß er vorher etwas von den Paradiß- Worten ausgesagt haͤtte, die er auch noch im Brief an die Corinther ver- schwieg, sondern auf daß er sich nicht uͤber- huͤbe. (4) Die Zukunft Christi, den Unter- gang des Antichrists ꝛc. haben die Apostel we- der in die Ferne, die ihnen vor Johanne in Patmo noch nicht bekannt war, noch in eine falsche Naͤhe, welche Paulus 2 Thess. 2. fruͤhe genug ablehnete, gesetzt, wie gleichwol damals von vielen andern geschah. (5) Hie sieht man klar, wie vieles von dem unfehlbaren Ansehen der Apostel, und also der heiligen Schrift, bey dem Ordinario abgehe. (6) Die Ewig- keit Theil I. Cap. I. Satz 14. keit des Reichs Christi und die Uebergabe des Reichs an seinen Vater vergleichen sich auf ei- nen andern Weg miteinander: denn die streit- bare Regierung mitten unter den Feinden, Ps. 110, 2. (wofuͤr der Ordinarius von einem Kriegs-Generalat des Vaters redet,) hat ein Ziel bey der endlichen Vertilgung der Fein- de: 1 Cor. 15, 24. aber die friedsame Regie- rung hat kein Ende. Luc. 1, 33. (7) Also wird Christus das Reich dem GOtt und Va- ter erst alsdenn uͤberantworten, wann alle Feinde, unter denen der Tod der lezte ist, wer- den aufgehaben seyn: und bey der Himmel- fahrt, da Christus sich zur Rechten GOttes gesezt, hat Er das Reich erst voͤllig angetreten, und nicht, wie der Ordinarius meinet, dem Va- ter uͤberantwortet. (8) Die sich also recht an Christum halten wollen, die wenden nicht nur sein Leiden und Sterben, sondern auch seine Herrlichkeit, und in derselben nicht nur sein Erscheinen vor dem Angesichte GOttes fuͤr uns, sondern auch seine Herrschaft zu ihrem Heil an. Ihr Heiland sitzet zur Rechten GOttes im Himmel, nicht ruhig und muͤssig. Er herrschet. § 111. Nun haben wir abgehandelt, was vermoͤ- ge § 102 abzuhandeln war. § 112. Nach des Gemeinstifters Unterweisung soll der erste Anwurf bey einem Heiden dieser seyn: Liebe Vom Blut und Wunden. Liebe Seele! es ist ein Lamm fuͤr dich ge- schlachtet, aber ein GOttes-Lamm, dein Heiland ist fuͤr dich gestorben, dein Schoͤ- pfer hat sein Leben fuͤr dich gelassen, er hat dich erloͤst. Pr. uͤber Apg. 1, 7. 8. s. 22. Und eben dieses ist die Summa der Lehre, welche bey der neu maͤhrischen Gemeine getrieben wird. Dieser Vortrag ist wahrhaftig, so fern man die Worte obenhin nimt, aber dabey ist er un- vollkommen. Solche Worte koͤnnen bey ei- nem Heyden wohl eine Begierde und Aufmerk- samkeit erregen, aber das ist zutheuerst noch kein rechter Anfang. Derjenige muß den erbarmen- den GOtt und die suͤndige Menschen vorher er- kennen, der den Mittler zwischen GOtt und den Menschen erkennen, und durch die Erkeñt- niß der Wahrheit selig werden soll. Der Glaube an den Sohn GOttes kan nicht seyn ohne den Glauben an GOtt, der den Sohn gesandt hat. Zur Erkenntniß vom Erloͤser selbs, und von der Erloͤsung durch sein Leiden und Sterben, gehoͤrt auch die Erkenntniß von der Seligkeit, die Er uns in seinem Le- ben gibt. Die Erkenntniß der Suͤnden gehet vor der Abbitte, und die Abbitte vor der Vergebung her. u. s. w. § 113. ” JEsum Christum und seine Versuͤh- ” nung zwar lieben, aber bis zu seiner Zeit ” weislich zuruͤckhalten, ist gerade so viel ” als einen Thurn an der Spitze zu bauen ” ( Abriß der Bruͤderg. ) H ” an- Theil I. Cap. I. Satz 14. ” anfangen wollen, und wenn man vom ” Grunde spricht, antworten, daß man ” zu seiner Zeit auch darauf bedacht ” seyn wolle. So hieß es A. 1742. auf dem Synodo in Pennsylvanien. Buͤd. Samml. II B. s. 798. Es mag seyn, daß etliche in sel- bigem Lande den Leidens-Puncten zuweit ha- ben anstehen lassen: doch muß man, auf der andern Seite, der himmlischen Lehr-Art nicht zu nahe treten. Wir wollen nur vom N. T. reden. Der HErr JEsus hat erst Matth. 16, 21. von seinem Leiden, Sterben und Aufer- stehung deutliche Meldung gethan. Alles, was Er vorher, und vieles andere, das Er hernach gelehret hat, war nicht vergeblich: Er hat den Thurn nicht an der Spitze zu bauen angefangen, wiewohl Er, des Ordinarii Vorgeben nach, seinen Vater den Juͤngern noch spaͤter bekannt gemacht. Und so verhaͤlt es sich auch mit Petri, Stephani und Pauli Reden an die Juden und Heiden (wie denn der Apostel Geschichten und des Ordinarii Sa- chen sich gegeneinander verhalten, als Tag und Nacht,) desgleichen mit den apostolischen Schriften. § 114. Insonderheit vernichtet der Ordinarius alle Erkenntniß von GOtt dem Vater, die vor der Leidens-Lehre hergehet. In den Peñs. Reden II Th. s. 265 sprach er: ” Die trockne Theo- ” logie, die die ganze Welt erfuͤllt, und die in Vom Blut und Wunden. in Peñsylvanien auch schon Mode wird, ” ist die, daß man immer vom Vater redt, ” und den Sohn uͤberhuͤpft. Die Theolo- ” logie hat der Teufel erfunden u. s. w. Und ” vorher s. 264 legte er dem Heiland diese Worte an seine Juͤnger in den Mund: ” Da ist noch ” lange hin, bis ihr meinen Vater sehen ” koͤnnt; begnuͤgt euch eine Weile mit mir, ” die Zeit und etliche Ewigkeiten hindurch. ” Desgleichen: ” Man mag sich ausser Ihm ” (dem Heiland mit seinen Wunden) zu sei- ” nem GOtt wehlen, was man will, eine ” Kuh oder Pferd, den Jupiter oder den ” Mercurium, oder mit Ausschliessung ” JEsu, eine andere Person, man nenne sie ” Vater oder Geist (das sage ich mit gutem ” Bedacht) oder Teufel; das ist die Suͤnde ” in den heiligen Geist. ” s. 226. In den 32 einzeln Gemein-Reden lautet es oft also. In der 15 heisset es sehr roh: ” Muß sichs doch ” der Vater gefallen lassen, der Vater un- ” sers HErrn JEsu Christi, daß wir ihm ” ins Angesicht sagen: GOTT an den die ” Kirche glauͤbt, JEsu zu gefallen; wir ” haben dich lieb, lieber Vater GOtt! ” aber wenn unser Heiland nichts von dir ” gesagt haͤtte, so glauͤbten wir nicht an ” dich. ” In der 31: Man kan es nim- ” mermehr dazu bringen, daß es den Leu- ” ten wahr wird, daß ein GOtt ist; sie ” haben denn erst ihre Hand in GOttes Sei- ” te gelegt, und von Herzen zu JEsu ge- ” H 2 sagt: Theil I. Cap. I. Satz 14. sagt: Mein HErr und mein GOtt. ” In der 30 stehen die uͤble schon hin und wieder ge- ruͤgte Worte: ” Wenn ein natuͤrlicher ” Mensch an statt dieses JEsu einen andern ” fuͤr seinen Schoͤpfer haͤlt, fuͤr den Jeho- ” vab unter den Elohim , fuͤr den GOtt im ” Ungrunde, von dem es heisst: Non erat ” ubi non eras; wer irgend einem andern ” Manne, als dem Kinde in den zerrissenen ” Windeln die fundamenta aller Monar- ” chien zuschreibt, und daß alles durch sei- ” nen Othem entstanden: so mag er dar- ” nach einen GOtt, den er den himmli- ” schen Vater heisst, anbeten, oder sonst ” einen heiligen Geist, so hab ich mich schon ” oft erklaͤret, daß ein solcher, nach mei- ” nem Erkenntniß, von einem Diener des ” Jupiters, des Mercurii, des Apollo, ” oder sonst eines grossen Helden, dem die ” Heiden den Gottestitel gegeben haben, ” in nichts differire, als daß er entweder ” in concreto etwas Sabaͤischer, oder in ” abstracto und magischer denkt, und das ” Buͤchlein de natura deorum besser goûti ren ” wuͤrde, als die Mythologie. Auch die Zeyster Reden s. 325 bringen den Mercuri- um und Jupiter wieder. § 115. Es ist eben so viel, als ob dieser Prediger den Apostel Paulum beschuldigte, er habe de- nen zu Lystra an statt ihres Jupiters und Mer- curii Vom Blut und Wunden. curii nichts bessers angetragen. Denn in der Rede Pauli findet sich dasjenige nicht, was der Ordinarius zum allerersten Anfang erfor- dert: und hingegen trug Paulus eben dasje- nige vor, was der Ordinarius so heftig ver- wirft. § 116. Der HErr JEsus wird die Retorsion in Gnaden gut heissen, die ich, seiner Ehre zu kei- nem Nachtheil, und seines Vaters Ehre zur Vertheidigung anlege. Wann man die Lei- dens-Lehre selbs vortraͤgt, so hoͤren etliche sol- ches, wie alles andere, zum Glauben und im Glauben an, andere aber ohne Frucht. Soll man nun denen leztern, bey der Gefahr der Suͤnde wider den heiligen Geist, ihr Lebenlang nichts von dem himmlischen Vater und von dem heiligen Geist sagen? Was erkennet der Ordinarius fuͤr einen Unterscheid zwischen ei- nem Diener des Jupiters, und einem Men- schen, der JEsum ohne den Vater und ohne den heiligen Geist anbetet? Wie nun viele auch die Leidens-Lehre ohne Besserung an- hoͤren, also kan hingegen die Gnade bey etli- chen durch dieses, bey andern durch andere Le- bens-Worte den ersten Zug zum Heil anbrin- gen. Eine jede goͤttliche Wahrheit kan dem Menschen einen heilsamen Eindruck zum guten Anfang geben, daß er aufhoͤrt ein blos natuͤr- licher Mensch zu seyn. Wer solches nur dem Leidens-Puncten zutrauen kan, der solle zuse- H 3 hen, Theil I. Cap. I. Satz 14. hen, ob er selbs jemalen von der Kraft irgend einer andern himmlischen Wahrheit durch- drungen oder wenigstens geruͤhret worden, und ob er desfalls bey des Ordinarii Beschul- digungs-Manier von einem Diener des Mer- curius zu unterscheiden sey. § 117. Die Gnade ist uͤberschwenglich reich, und hat vielerley Anwuͤrfe. Wann wir alle Ex- empel von hauͤffigen und einzelen Bekehrun- gen beysammen haͤtten, so wuͤrde sich eine gros- se Mannigfaltigkeit zeigen, wie bald dieser, bald jener Spruch der heiligen Schrift, bald dieser, bald jener Punct der heilsamen Lehre den Anfang zu Rettung der Seelen gemacht habe, bis es hieß: Was sollen wir thun? u. s. w. Apg. 2, 37. c. 16, 30. c. 22, 10. Eine Bewegung zur Busse, zum Glauben, zur Anbetung, zur Nachfolge, zur Bestaͤndig- keit, koͤnnen vielerley Ursachen geben, und der- gleichen gibt bey den Nineviten ihr bevorste- hender Untergang, Jon. 3, 4. bey dem Hau- se Israel, das Muster des neuen Tempels, Ez. 43, 10. bey Saulo, die Herrlichkeit Christi, die ihn zu Boden warf, Apg. 9, 3. ja auch noch bey Petro, der reiche Fischzug, Luc. 5, 8. bey den Heiden, die Wuͤrkungen des Geistes in den Corinthern, 1 Cor. 14, 24. und so meyn- te Paulus, seine Bekehrung solte die Juden zu Jerusalem bekehren. Apg. 22, 19. § 118. Vom Blut und Wunden. § 118. Man soll den Sohn mit nichten uͤberhuͤ- pfen, aber auch den Vater nicht. Das leztere ist vor dem erstern eine neue und folglich eine grosse Lust fuͤr den Teufel, mit dem der Ordi- narius so heftig um sich wirft. Christo zu ge- fallen, glauben wir an den Vater: und an Christum glauben wir, eben so wol dem Va- ter zu gefallen. Thaͤte es dem Ordinario we- he, wann man sagte, er sey dem himmlischen Vater gram, weil er dem Sohn alles zu- schreibe: so muß es auch denen wehe thun, die er bezuͤchtiget, sie seyen dem Heiland gram, indem sie, ohne die ihnen beygemessene Aus- schliessung des Sohnes, auch vom Vater re- den. Er machet ja denen, die beedes vom Vater und vom Sohn reden, nichts beson- ders, und nimmt sie nirgend von seinem Schel- ten aus. Indem er von dem Leiden des ge- dultigen Lammes prediget, uͤberlaͤsset er sich an denen vorangezogenen Stellen einem starken und unlautern Zorn wider diejenige, die bey dem Leiden Christi auch an die Liebe des Va- ters gedenken. § 119. Gesetzt, ein Heyde sey durch die Worte: Dein Schoͤpfer hat fuͤr dich gelidten, geruͤh- ret: aus solcher Ruͤhrung wird er von sich selbs, und wann man ihm nichts weiters sagt, nicht alles herleiten, was ihm noͤthig ist. Be- H 4 sehen Theil I. Cap. I. Satz 14. sehen wir die kurze Briefe der in St. Thomas zu JEsu Christo bekehrten Negers, vom Jahr 1741. im I Bande der Buͤd. Samml. p. 600 - 621. so sind unter zwo und dreyssig Seelen nicht zwo, die GOttes des Vaters gedaͤchten, nachdem sie schon geraume Zeit unterwiesen waren. Diese gute Seelen richten wir nicht: aber so glauben sie doch nicht, daß JEsus sey das Lamm GOttes, der Sohn GOttes, und der Gesalbte des HERRN. Mit einem Glauben, der sich an das Creuz des Heilandes, und doch weder an desselben Auferstehung, noch an seinen himmlischen Va- ter haͤlt, getraute ich mir nicht zum Ziel zu ge- langen, noch andere zum Ziel zu bringen. Man erwege die Stellen Roͤm. 10, 9. 1 Cor. 15, 17. Col. 2, 12. 1 Petr. 1, 21. Und damit man mich nicht verleumden, noch sagen koͤnne, ich habe eine Widrigkeit gegen diesen Puncten, so bezeuge ich, daß ich eben so wol bey keinem einigen andern Puncten allein zu bestehen wuͤsste. § 120. Am allermeisten sollen die jenige, die sich in alle Welt mit dem Evangelio ausbreiten, den Inhalt der heiligen Schrift, welche durch und durch nuͤzlich ist, ganz inne haben, nicht als ob allemal alles gesagt werden muͤsste, sondern damit man zu jeder Zeit sagen koͤnne, was zu sagen ist. § 121. Man duͤrfte an dem rechtschaffenen Ruhm des Vom Blut und Wunden. des Leidens kein Woͤrtlein abbrechen, und koͤñte doch, nach der Weise der heiligen Schrift, die uͤbrigen Stuͤcke mitnehmen. Ja bis der Ordi- narius, den Leidens-Puncten zu erhoͤhen, die andere verringert, koͤnnte er die andere eben so wol preisen. Es ist mit der geistlichen, wie mit der leiblichen Nahrung, da man nicht lau- ter Mark, sondern auch andere Speisen zur Ge- sundheit isset, und dazu machet im Geistlichen das Leiden allein das Mark nicht aus. Wird aber durch den Leidens-Puncten allein etwas zu wege gebracht: wie viel wuͤrde durch einen voͤlligen Vortrag gewonnen? Unter den Peñ- sylvanischen Reden handelt eine von der Zu- kunft unsers Koͤnigs: II Th. s. 70. und nach- dem dieselbe vor andern lehrreich ausgefallen, sagte der Prediger im Beschluß s. 93: Aber ist das so die ordinaire Art recht zu predi- gen, wie ichs heute mache? O nein. Ich habe euch einmal viel gesagt, meine Freun- de! Solte ich euch immer so viel sagen, da behuͤte mich GOtt vor! Und doch war die- ses der Bewegung so gar nicht hinterlich, daß es vielmehr zunaͤchst darauf p. 94 auf dem Rand heisset: Da (bey den Hoffnungs-Wor- ten: Sein Augen, seinen Mund, den Leib, fuͤr mich verwundt, da ich so fest auftraue, das werd ich ein mal schauen und innig herz- lich gruͤssen die Maal an Haͤnd und Fuͤs- sen: Darauf freuer sich meine Seele; und ich kan nichts mehr thun, als Ihn bitten, daß ihr sie auch gruͤssen duͤrft:) da setzte es so H 5 viel Theil I. Cap. I. Satz 14. viel tausend Thraͤnen, daß der Prediger nichts mehr reden, und die Zuhoͤrer nicht mehr zuhoͤren konten. War dem also, so sind in diesem heiteren Intervallo die zween Articul vom Leiden und von der herrlichen Zu- kunft Christi, wie Hebr. 9, 28. zusammenge- flossen, und des ersteren Articuls halben hat auch hier ein altes, die Sinnen bewegendes Kirchenlied das beste gethan. Es kan seyn, daß unter zwoͤlf guten Seelen eine jede an einen besondern Articul, nebst dem allgemeinen Ge- nuß der ganzen Glaubens-Lehre, eine beson- dere Weide hat, und folglich dieselbe zusam- men ein Symbolum apostolicum vivum oder ein lebendiges Glaubens-Bekenntniß praͤsen- tiren. Wann nun eine Seele irgend an einem besondern Articul ein besonderes Belieben hat, so muß sie darum weder die andere Ar- ticul herabsetzen, noch sich allen andern See- len mit Aufblehung ihrer selbs zu einem Mu- ster aufdringen. § 122. Es muß doch eine gewisse Ursache haben, daß der Ordinarius bey dem Vortrag vom Lei- den Christi den Stand der Erhoͤhung so gar fliehet, und die Luͤcke mit allerley zusammenge- suchtem Zeuge buͤsset. Endlich ist mir beyge- gangen, weil die Vernunft nichts so unmoͤglich achtet, als die Auferstehung der Todten, und folglich die Heyden wegen der Auferstehung Christi von den Todten gar leicht das Evan- gelium Vom Blut und Wunden. gelium verschmaͤhen wuͤrden, so habe er bey seiner allgemeinen Predig diesen Articul so viel moͤglich verstecket. Wird man eine Ursache, die voͤlliger zureichet, eroͤffnen, so will ich mir sagen lassen. Indessen wird mein Einfall be- kraͤftiget durch das, was mir ehedessen (unten, * 18.) zur Antwort gegeben worden ist. § 123. Wer die Art des menschlichen Gemuͤths kennet, der kan es unmoͤglich gut befinden, wann man in Gedanken und Reden von dem ganzen Schatz der heilsamen Lehre einen einigen Articul zur steten Betrachtung, entweder fuͤr sich, oder auch andern zufolge, aussondert. Es gibt eine Battologie, ein leeres mattes Ge- schwaͤze, welches nicht nur mit dem Munde, sondern auch in Gedanken vorgehen kan: und mit einer eigenwillig-erzwungenen und uͤber- triebenen Blut-Andacht moͤchte einer mitten in die blosse Natur hinein versenken. Es ist sicherer, man beschaͤftige sich dazwischen mit allerley Geschichten und Umstaͤnden, die in der heiligen Schrift nacheinander vorkommen, und einem, der ehrerbietig damit umgehet, immer von der Hauptsache selbs einen guten Genuß, Geruch und Geschmack geben, als daß man den edelsten Saft unaufhoͤrlich um- herruͤhre und ihn gleichsam verriechen lasse, welches denn bey einem Pilger die Kraft, son- derlich zur Zeit der Noth, vielmehr verrin- gert, als vermehret. Jedoch beduͤrfen die neumaͤhrische Theil I. Cap. I. Satz 14. neumaͤhrische Bruͤder dieser Warnung nicht sonderlich. Es gibt bey ihnen auch der Ge- spraͤche genug von allerley Haͤndeln, und al- lermeist von ihrer Gemeine, wann es nur der Lehre halben nichts anders ist, als vom Schoͤ- pfer und Heiland. § 124. Ruͤhmlich wuͤrde es gethan seyn, wann die Blut-Gemeine sich ihres besondern Blut- Ruhms begaͤbe. Durch die Trennung der Lehre werden nicht nur die andern Puncten, sondern auch der Leidens-Punct selbs, ge- schwaͤchet und in Gefahr gesetzet. Sie staͤrken und halten einander bey ihrem Zusam̃enhang, und wann eine Seele uͤber irgend einem Stuͤck in Zweifel geraͤth, so kan sie sich vermittelst der andern wieder aufraffen: welche sich aber mit dem Leidens-Puncten alleine traͤgt, die kan sich, wann sie uͤber demselben in ein Gedraͤnge kommt, mit nichts helfen: die Gruͤnde, wo- mit die Wahrheit der Christlichen Religion, das Ansehen der heiligen Schrift u. s. w. be- wiesen wird, sind ihr fremde: sie faͤllt in einen Pyrrhonismum und Zweifelsucht oder gaͤnz- liche Ungewisheit: und indem sie sich so viel aufs rechte Puͤnctgen einbildet, so verliert sie eben dasselbe zugleich mit den andern Puncten. Wann einer von einer Uhr ein Stuͤcklein, welches nicht die Stunde selbs weiset, und ihm folglich als entbehrlich vorkommt, nach dem andern bey seit thaͤte, so wuͤrde ihm der Zei- ger Vom Blut und Wunden. ger selbs keinen Dienst mehr thun. Wer alle Theile an einer Sache aufloͤset und trennet, der verderbet das Ganze. Zerstuͤcken ist zer- stoͤren. So lang der Ordinarius und seine Mitarbeiter zu solchen Leuten, oder solche Leute zu ihnen kamen, die vorhin vom Gesetz und zugleich von aller evangelischen Lehre berichtet und angegriffen waren, so konnte der Pas- sions-Punct alle andere in ihnen, zumal bey einem sanften Umgang vieler guten Seelen, erregen, und eine grosse Erfrischung geben, daher ihm ein Ruhm an ihrem Geist erwuchs: nun aber bey seiner Gemeine ein solches Ge- schlecht aufkommt, das allein von Wunden hoͤret und von Wunden redet, so werden lee- re leichte Worte daraus. Das gibt Leute, die Christum nennen, und Ihn nicht kennen. § 125. Wann man alle protestantische Christen zu- sammen nimt, so ist unter ihnen mehr glaubi- ge Ehrerbietung gewesen, ehe das Heiland Heiland sagen so uͤblich worden ist, als auf diese Stunde, da es bey vielen rohen Leuten zu einem Spruͤchwort, und oft zur Laͤsterung verwendet wird. Die hierzu ohne ihr Ver- muthen Anlaß geben, sind doch nicht ohne Schuld. David bedachte es in dem Handel mit Uria nicht, daß er die Feinde des HERRN laͤstern machete, und doch ward ihm dieses bey- gemessen. Diejenige, welche die koͤstliche Blut-Lehre so gar blos und mit einer uner- hoͤrten Theil I. Cap. I. Satz 14. hoͤrten Affectation vortragen, machen sie ohne ihr Wissen gemein, und koͤnnen den dazuschla- genden manchfaltigen Misbrauch nicht verhuͤ- ten. Indem sie aus dem Wunden-Blick, oh- ne das Gesetz, alles herleiten, was man thun und lassen soll, so machen sie, als ungeschickte Empirici, so viel an ihnen ist, aus dem theu- ren Blut Christi ein Opium, womit sie sich und andere im Gewissen um den Unterschied dessen, was Recht und Unrecht ist, bringen. § 126. Wann man in einem Saal alle Lichter, bis auf eines, ausloͤschet oder beyseit thut, so wer- den sich alle anwesende zu dem einigen noch uͤbrigen Lichte wenden, ob schon dieses an sich selbs keine solche Helle gibt, als alle Lichter zu- sammen. So ist es, wann man einen eini- gen Puncten der heilsamen Lehre, zum Exem- pel, von den blutigen Wunden JEsu, beson- der preiset, und die uͤbrigen zuruͤcke setzet. Das wird in der lezten einzelen Rede von der Ein- falt in Christo fuͤr die Einfalt ausgegeben: welcher gestalten es Christo selbsten an der Ein- falt gefehlt haben muͤsste, (das ferne sey!) als der seinen Vater immer vor Augen hatte, und auch mitten in der Creuzes-Schmach auf die bevorstehende Freude hinsahe. Die wahren Christen selbs bey der so genannten Creuzge- meine halten von dem Leiden Christi nicht mehr, sondern sie treiben nur alle uͤbrige Articul we- niger, als andere rechtgeuͤbte freye Christen zu thun pflegen. § 127. Vom Blut und Wunden. § 127. In Summa: der Articul von dem Leiden Christi ist es allein, den diese Gemeine immer im Munde fuͤhret: und daher kommt es bloͤ- den Seelen vor, als ob diese Gemeine allein es waͤre, die diesen Articul schmuͤckete. D er 15 S atz. Bey der sogenannten Bruͤderge- meine ist nicht recht die Lehre von der Suͤnde und von dem Gesetze, von der Gnade und von dem Evan- gelio, von der Rechtfertigung und von der Erneuerung. u. s. w. § 128. D iese Puncten hangen genau aneinander, und also nehmen wir sie auch zusammen. Dem Ordinario hat die Genuͤge an der Ruͤh- rung vom Creuz, die er ehedessen empfangen; der Mangel eines zarten gruͤndlichen Gefuͤhls vom Unterscheid des boͤsen und des guten; die hurtige Ausruͤstung der Boten in alle Welt; und die Begierde, durch einen leichten Vortrag viele Seelen zu gewinnen, einen solchen ge- schmeidigen und dabey seichten Begriff auch von der Heils-Ordnung an Hand gegeben. Hieher gehoͤrt insonderbeit, was der Hr. von Bogatzky schon mehrmal gegen die neumaͤhri- schen Irrungen erinnert hat. § 129. Theil I. Cap. I. Satz 15. § 129. Was der Ordinarius von Paulo wider die Wahrheit sagt, er sey dem Gesetz so gram gewesen, das findet sich bey ihm selbs eigentlich. Halten etliche sich und andere zu lang oder zu viel beym Gesetz auf, so muß man darum nicht zu weit wieder auf die Gegenseite hinuͤber fal- len. § 130. Das Gesetz fordert: das Evangelium schenket. Diesen Unterscheid kan auch ein Kind merken. § 131. In beedem gibt GOtt seinen Willen zu er- kennen: in beedem kan Er sich selbs nicht lauͤg- nen. Beedes ist unzertrennlich; beedes aber flicht sich auch gar innig und subtil ineinander: und Unverstaͤndige schreiben deswegen dem ei- nen von beeden die Wuͤrkung des andern zu, wiewol ein grosser Unterscheid ist und bleibet. § 132. Was zwischen dem gerechten und barmher- zigen GOtt und dem suͤndigen, aber wieder zu Gnaden gelangenden Menschen vorgehet, kommt darauf an, daß der Mensch GOtte die geraubte Ehre wieder gebe, und sich wieder in den Willen GOttes finde: folglich daß er des vergangenen halben seine Abweichung erkenne, und die Vergebung der Suͤnden in JESU Christo Vom Gesetz u. s. w. Christo bekomme: und in das kuͤnftige dem Willen GOttes zu leben tuͤchtig und willig gemacht werde und bleibe. Hie wird er theils durch das Gesetz, theils durch das Evange- lium angeleitet. § 133. Die Gnade und Wahrheit, die durch JE- sum Christum worden ist, ward auch schon vorher im A. T. bezeuget: und der Inhalt des Gesetzes, das durch Mosen gegeben ward, vom Boͤsen, das man lassen, und vom Gu- ten, das man thun soll, ist auch den Men- schen, die vor Mose waren, oder hernach nichts von ihm wussten, bekannt gewesen. Zu jeder Zeit haben die Menschen sich nach alle dem, was ihnen von GOttes wegen vorgeleget wird, zu richten, wie es sich als eine einige ganze Unter- weisung zusammen reimet. Nach der natuͤr- lichen Ordnung geht die Ueberzeugung von der Suͤnde vorher, und das Zeugniß von der Vergebung derselben folgt hernach. Mit sol- cher Ordnung kommt gemeiniglich auch der Vortrag uͤberein, und dieser wird gleichwol je und je nach der unterschiedlichen Beschaffen- heit der Zuhoͤrer weislich eingerichtet, damit nur die Suͤnde von der Gnade uͤbermocht wer- de. Nachdem bey der Suͤnde mehr Unwissen- heit oder mehr Frevel mit unterloffen, so kan Gnade und Friede geschwinder oder langsamer sich des Herzens bemaͤchtigen: und wann es zur Rechtfertigung durch den Glauben gedie- ( Abriß der Bruͤderg. ) J hen Theil I. Cap. I. Satz 15. hen ist, so thut ferner das Gesetz und das Ev- angelium auf unterschiedliche Weise das sei- nige. Denen Kindern GOttes gibt das Ge- setz eine Unterweisung, was sie thun und lassen sollen, und der Wille GOttes, der ih- nen auf solche Weise kund wird, beweget sie zum willigen Gehorsam. Wer am Gesetz nichts, als Schrecken und Zwang warnimmt, der weiß nicht, wie das Gesetz durch den Glau- ben aufgerichtet wird, und einem solchen ist also GOtt nach dem Gesetz und Evangelio unbekannt. Alle Ermahnungen und Bezeu- gungen, das Thun und Lassen betreffend, ge- hoͤren zum Inhalt des Gesetzes. Matth. 5, 17. c. 15, 3. c. 23, 3. 23. 1 Thess. 4, 1. 2. 3. 9. 10. 2 Thess. 3, 6. 10. Roͤm. 12, 1. Eph. 6, 2. § 134. Nun ist die Frage nicht, ob der Gemein- stifter ein Antinomer sey, sondern ob er als ein Antinomer recht daran sey oder nicht. Hie- von hat er uͤber das, was in Siegfrieds Be- leuchtung p. 106 - 123. und im Creuzreich p. 26, 32. ꝛc. dargelegt worden, in seinen natu- rellen Reflexionen p. 99 - 116 gehandelt: aber alle diese Stellen sind auch von evangeli- schen Lehrern widerleget worden, und hieher gehoͤret ausdruͤcklich Hn. Past. Heinolds Ver- bindung des Gesetzes und Evangelii, mit Hn. Abt Steinmetzens Vorrede uͤber 1 Tim. 1, 8 u. f. und mit einem Anhang, der D. Luthers Schrift wider die Antinomer an D. Guͤtteln in sich haͤlt. § 135. Vom Gesetz u. s. w. § 135. Wir unsers Orts wollen nur aus den Re- flexionen, welche vor andern Schriften des Ordinarii maͤssig geschrieben, und eben darum sehr vorsichtig zu lesen sind, etwas weniges, nach der Ordnung der Blaͤtter, die ich dem Leser aufzuschlagen uͤberlasse, beleuchten. Zu s. 99. Der Ordinarius sagt recht, daß durch die Predig des Gesetzes der Suͤnder nicht bekehret werde: aber das Gesetz thut doch auch das seinige unter den vielerley Dingen, welche bey der Bekehrung in der Seele vorge- hen: sonst haͤtte Paulus Roͤm. 1, 18. bis Cap. 3, 20. lauter vergebliche Worte gemacht. Der Ordinarius sey nur recht Paulisch, mit der augspurgischen Confession und ihren Verfas- sern, als welche, wenn die heutige Frage damals aufs Tapet gekommen waͤre, dem gesetzmaͤssigen Gebrauch des Gesetzes so wenig wuͤrden verschenket haben, als bey der dama- ligen Frage. Zu s. 100. Die gegenwaͤrtige Erklaͤrung des Ordinarii auf das, was wider ihn geschrie- ben wird, kan nicht zureichen. Daß die seli- gen Apostel es des Gesetzes halben zu keinem Schluß haben bringen koͤnnen, ist ihnen und ihrem Principalen zu nahe geredt: und ob die apostolische, wie auch die ihr folgende symboli- sche, oder die neumaͤhrische Methode, tuͤchti- ger sey, wahre und zuverlaͤssige Christen zu J 2 machen Theil I. Cap. I. Satz 15. machen, das kan man wol diese Stunde auf die Fruͤchten ankommen lassen. Zu s. 101. Wer erkennet, wie innig Ge- setz und Evangelium, auch bey dem Einschau- en in JEsu Leiden und Verdienst, sich inein- ander flechten, und wie genau und noͤthig den- noch der Unterscheid sey, der entgehet erst dem Vorwurf einer Logomachie , und kan zu an- dern sagen, sie sollen besser reden lernen. Zu s. 102. Die Casus, da, nach einem hoͤh- nischen, und gar nicht paulinischen Ausdruck, das liebe Gesetz nirgends hinlangt, zum Exempel, wegen der Polygamie, (wobey der Ordinarius das Jus Romanum dem Goͤttlichen Gesetze vorzieht,) wegen des Sabbats, we- gen der Bilder, solte derselbe vermoͤge seiner Methode aus dem Leiden Christi eroͤrtern. Eine Erklaͤrung des Gesetzes, wo es nicht hinlan- gen solle, hatten die Juden bey den Priestern und Propheten (Buͤd. N. T. ed. 2. Not. ad Act. 7.) und die Christen haben solche im N. T. selbs. Zu s. 103. Diese Seite ist dicht voll von gezwungenen, weithergeholten, undeutlichen Verleumdungen, wodurch bey denen, die nicht die Absichten aller Worte merken, viel Zweifel und Argwohn wider rechtgesinnte Lehrer ver- ursachet wird. Dann daß einer, der den Text wegen der Bilder nicht in seinem Catechismo hersagt, ihn aber doch in der Bibel hat und be- haͤlt, Vom Gesetz u. s. w. haͤlt, ein Gebot, und also nach Jacobo alle zehen Gebote aufhebe, ist eine unbarmherzige Beschuldigung. Die Wuͤrtembergische Kin- derlehr legt auch diesen Spruch den Kindern in den Mund: ob aber die neumaͤhrische Ge- meinen ihre Kinder die zehen Gebote, wenig- stens historice , auswendig lernen lassen, moͤchte einem Unbekannten deswegen zweifelhaft vor- kommen, weil die zehen Gebote nicht im Lehr- buͤchlein stehen. Wann der Ordinarius andere Schwierig- keiten weiß, die ihm groͤsser und stringenter vorkommen, als die vorangezogene, wegen der Polygamie u. s. w. (wiewol er auch im Buͤd. N. T. in Not. ad Gal. 3, 17. keine an- dere vorbringt,) so hat er einen reichen Zwei- fel-Schatz. Denen, die das Gesetz fuͤr nuͤzlich erken- nen, schreibt er eine Moses-Dienerschaft zu: und eben damit buͤrdet dieser in seinen Augen alleinige Passions-Prediger Christo selbs und allen seinen Zeugen eine Moses-Dienerschaft auf. Wohin zielet das, daß es nach aller Ap- parenz dem alten Patriarchen, Mosi, noch lange nicht an Juͤngern fehlen werde, die den Artikel der heiligen Dreyeinigkeit aus dem ersten Gebote Mosis erweisen? Diese Consequenz soll denen gelten, die das erste Gebot, wie GOtt der HERR darin redet, nicht auf Christum allein deuten. J 3 Ein Theil I. Cap. I. Satz 15. Ein neues Gebot soll es Apg. 15, 20. seyn, die Hurerey betreffend, als welche nach dem Buchstaben, Du solt nicht ehebrechen, nicht gerichtet werden koͤnne. Christus ist des Gesetzes Ende: und doch ist das Gesetz so wol ewig, als die zwey grosse Gebote von der Liebe GOttes und von der Liebe des Naͤchsten. Zu s. 104. Hie stellet der Ordinarius mit ihm selbs eine Catechisation an, uͤber die ze- hen Gebote. Das Gesetz ist geistlich: aber sothane Auslegung (das darein unzeitig-ge- mengte Evangelium ausgenommen) ist grossen Theils ungeistlich, so daß Diebe und Luͤgner u. s. w. (man erwege sonderlich s. 109. die Fra- ge, Das moͤchte: ) unter dem Vorwand ei- ner Treuherzigkeit sich selbs rechtfertigen koͤn- nen. Dem Gesetze selbs wird hie an seiner Forderung vieles durchgestrichen, das bey den Glaubigen erst durch die Erlassung getilget wird. Zu s. 116. Genug hievon, heisst der Be- schluß, und damit habe ich denn mit der elenden Gesetz-Controvers hoffentlich mei- nen sattsamen Abschied gemacht. Ein sol- cher Abschied wird weder von Mose, noch von Christo gebilliget. Moses wird ihn noch he- ben, wann er mit Christo nicht anders umge- hen lernet. § 136. So lauter-evangelisch Johannes Agricola von Eisleben eine Zeitlang seyn wolte, so half er Vom Gesetz u. s. w. er doch hernach das Interim aufsezen: und bey der neumaͤhrischen Gemeine moͤchte eine Vor- sicht noͤthig seyn, daß man ihm nicht, wie in dem einen, so in dem andern Stuͤck aͤhnlich werde. § 137. Der Ordinarius vergnuͤgt sich bey seiner Harmonie mit gewissen Philosophis practicis . Darf er sie namhaft machen? was findet er an ihnen, und was kan er aufweisen, das nicht mit groͤsserem Vergnuͤgen im Gesetze Got- tes zu finden waͤre, welches die Israeliten vor allen Voͤlkern zu weisen und verstaͤndigen Leuten und zu einem herrlichen Volk machte? 5 Mos. 4, 6. Solte unter den so genannten Sichtungen der Gemeine nicht eine goͤttliche Warnung vor der Verkleinerung des Gesez- zes verborgen seyn? Bey den vielen Untugen- den wurde nicht allein zum Leidens-Puncten, sondern auch zum Gesetz (wiewol vielmehr zu eigenen Geboten, Verboten, Recessen, Dro- hungen u. s. w. als zum Gesetze GOttes,) eine Zuflucht genommen. § 138. Die Rechtfertigung aus dem Glauben al- leine behaͤlt der Ordinarius : aber neben die Rechtfertigung, darin der Mensch allein mit Christo, und nichts mit GOtt zu thun haben soll, setzet er alsogleich eine voͤllige Erneue- rung, als ob bey denen, die den Leidens-Pun- J 4 cten Theil I. Cap . I. Satz 15 . cten recht einschauen, nicht nur die Schuld und die Herrschaft der Suͤnde getilget und aufgehoben wuͤrde, sondern auch die Suͤnde den Glaubigen nichts mehr von innen zu schaf- fen und zu kaͤmpfen machte. Auf solche Wei- se schlaͤgt eine eigene Rechtfertigung dazu. Dann wo der Schuldner die Obligation viel kleiner machet, da bleibet nicht viel uͤbrig, das er abzubitten, und der HErr zu schenken haͤt- te. Das Wort, Vergib uns , wird wenig gebraucht: und die Ermahnungen zum Wachs- thum und zur Bestaͤndigkeit haͤlt man bey Rechtschaffenen fuͤr unnoͤthig. Aus Luthero und Dippelio wird ein einiges ungereimtes Lehrbild zusammen gebracht. § 139. Dieses alles findet sich leicht ein, wo man das Gesetz, durch welches die Erkenntniß der Suͤnde kommt, so weit zuruͤcke weiset. Da ist es kein Wunder, wann die Erbsuͤnde , (de- ren Name bey der neumaͤhrischen Gemeine noch vor kurzem nicht geduldet wurde,) und die wuͤrkliche Suͤnden, bey weitem nicht nach ihrem leidigen Werth geschaͤzet werden. Ein Muster gibt im Buͤd. N. T. ed. 2. die Anmer- kung zu Matth. 5, 22. Die Suͤnde soll nur in den Aussenwerkern des Herzens ihren Sitz haben: und wo die Tieffe des Schadens nicht erkannt wird, da geht auch die Cur nicht tief genug. Die Arzney, der Leidens-Punct, wird vornemlich auf die Imagination gefuͤhret. Da Vom Gesetz u. s. w . Da wird die Gnade und das Evangelium auf vielerley Weise gehindert und geschmaͤlert. § 140. Doch wird hiebey des zur Seelen-Samm- lung erforderten Treibens nicht vergessen. Da der Ordinarius fast von keiner wuͤrklichen Suͤnde redet, so erklaͤret er doch alles, was nicht treibt, zu peccatis omissionis , zu Ver- saͤumnissen, die sehr schuldhaft seyen. § 141. Ueberhaupt wird die Lehre von dem, was man thun oder lassen soll, bey demselben theils geschwaͤchet, theils uͤbertrieben, und auch durch das Uebertreiben geschwaͤchet. Beedes ist ge- faͤhrlich: dann wo die Regel des Thuns und Lassens richtig ist, da kan man sich noch immer erholen: wo aber falsche Principia auf kom- men, da ist es viel gefaͤhrlicher, und das Suͤn- digen wird in die Form einer Disciplin ge- bracht. Es gibt einen Gnosticismum, ein Peccatum philosophicum \&c. Lose Lehre und lose Werke stimmen miteinander uͤberein, ob auch die leztere nicht gar geschwind ausbraͤ- chen. § 142. Im Jahr 1746 hielte der Ordinarius zwo Reden, die 29ste unter den 32 einzeln, und die 19de unter denen von Zeyst; in welchen er keine andere Moralitaͤr gelten laͤsset, als die der An- blick des Heilandes in seiner Menschlichkeit leh- J 5 ret. Theil I. Cap . I. Satz 15 . ret. Die Worte sind von andern angefuͤhret. Nun kan es wol geschehen, daß einerley Sache dem einen Recht und dem andern Unrecht ist, und so fern kan im Buͤd. N. T. ed. 2. die An- merkung zu 1 Cor. 10, 26. stehen bleiben: aber warum etwas dem einen Recht und dem andern Unrecht sey, das kommt eben auf die Mora- litaͤt an. Wir geben folgendes zu bedenken: 1. Ob nicht in der Natur selbs eine Ursache liege, warum wir dasjenige, was GOtt thut und gebeut, was Christus gethan und geboten hat, fuͤr gut erkennen und preisen sollen? Vergl. § 137. 2. Ob nicht das jenige, was gut ist, wann GOtt es thut oder gebeut, dem Menschen allenfalls darum boͤse sey, weil er ei- nen Eingriff in GOttes hohe Rechte thut? 3. Ob es kauderwelsche Expressionen und chimeren seyen, wann von Greueln, von Suͤnden wider die Natur u. s. w. geredet wird ? Roͤm. 1, 26. 4. Wie man ohne die Moral beweisen koͤnne, daß wir es Christo nachmachen sollen, und wie fern wir Ihm, da Er vor uns so viel besonders hat, es in diesem oder jenem Stuͤck nachmachen sollen oder nicht? 5. Wie man die verbotene Gradus 3 Mos. 18. von de- nen erlaubten aus dem Anblick des Heilandes unterscheiden koͤnne? 6. Ob nicht freche Ge- muͤther unter solchem Vorwand eine Moral machen werden, wie sie wollen? § 143. Etwas uͤbertriebenes ist es, daß der Ge- meinstifter die Furcht ganz und gar verwirft, da Vom Gesetz u. s. w . da er denn abermal eine einige Stelle 1 Joh. 4, 18. ergreift, und so viele andere vorbeyge- het, als Luc. 12, 4. 5. 2 Cor. 5, 11. Off. 14, 7. ꝛc. Solle der Spruch, Das Weib fuͤrch- te den Mann , Eph. 5, 33. sich nicht auf die Christin schicken? will diese endlich des Re- spects vergessen, und es machen, wie jene Ape- me bey Dario? 3 Esr. 4, 29. 30. 31. Die Apostel begegneten den Leuten bald als ansehn- liche Gesandten, bald mit bitten und flehen, bald auf den mittlern Schlag mit Beyhuͤlfe und Zuspruch: 2 Cor. 5, 20 - 6, 1. und bey dem allem konnten die Leute nachkom̃en. Aber des Ordinarii Vorstellungen gehen ganz aus einem andern Ton, er steigt und fleugt so boch, daß seine Anhaͤnger ihn bewundern muͤssen, und entweder zuruͤckebleiben, oder, welches noch gefaͤhrlicher ist, sich aufblasen. D er 16 S atz. Die Vereinigung Christi und de- ren, die Ihn angehoͤren, wird bey der sogenannten Bruͤdergemeine sehr unlauter angesehen . § 144. D ie Vereinigung Christi und seiner Heili- gen in dieser und in jener Welt wird in der Schrift als etwas sehr inniges, und in- sonderheit auch unter dem Bild einer Ehe vor- gestellet. Theil I. Cap . I. Satz 16 . gestellet. Im alten Testament wird die Ge- meinschaft der gesamten israelitischen Kirche, und nicht einzeler Israeliten, mit GOtt, auf solche Weise betrachtet. Die Corinther solten Christo als eine keusche Jungfrau, nicht als Jungfrauen, zugefuͤhret werden. Und so ist das gesamte neue Jerusalem, nicht aber ein je- der Einwohner besonder, des Laͤm̃leins Braut. Bey dem allen bleibt einem jeden Genossen Christi ins besondere sein Theil an solcher Herr- lichkeit unversehret. § 145. Hingegen in des Ordinarii Lehre wird Christus als der Brauͤtigam und Mann ein- zeler Glaubigen und Heiligen in diesem und je- nem Leben, und das nicht auf die Weise, wie 1 Cor. 6, 14. 15. 16. sondern viel anders geach- tet. Den Grund solcher Vereinigung, und ihre Bewandtniß beschreibt er folgender mas- sen. Wundenlitaney-Reden p. 75: ”Die ” Comparaison, die von der Seite, und von ”dem Schlafe Adams, mit dem Schlafe des ”Heilandes am Stamm des Creuzes und ”der Eroͤffnung seiner Seite genommen wer- ”den kan, will ich diesesmal nicht ausfuͤhren, ”sondern nur positive sagen, warum die Kir- ” che Christi Maͤnnin heisse? Man wird ” sie Maͤnnin heissen, darum daß sie vom ” Manne genommen ist . 1 Mos. 2, 23. Es ”ist eine ausgemachte Sache, daß darum die ”ganze Kirche des Heilands sein Weib ist, und seinen” Von der geistlichen Vereinigung . seinen Namen traͤget, weil nach und” nach ihre viel tausend Individua so wahr-” haftig aus Leib Seel und Geist des Heilands” genommen worden, und ein jedes Indivi- ” duum, eine jede einzele Person so wahrhaf-” tig von des Heilands seinem eigenen Leibe,” aus des Heilands eigenen Geiste, und aus” des Heilands seiner eigenen Seele heraus” ist, als eine jede menschliche Creatur aus dem” Adam, und aus der Eva. Wie nun das” successiive in viele tausend gegangen, so” gehts mit der Kirche, mit der Maͤñin succes- ” sive von dem Tage an, da der Heiland decla-” rirter Mann, declarirter Adam, declarirter” Vater des neuen menschlichen Geschlechts ist,” bestaͤndig fort, bis zu seiner Erscheinung. ꝛc.” Zeyster Reden s. 208: ”Alle Seelen sind” Schwestern, das Geheimniß weiß Er, Er” hat die Seelen alle geschaffen, die Seele ist” seine Frau, Er hat keine animos , keine” maͤnnliche Seelen formirt, unter den Men-” schen-Seelen, sondern nur animas, See-” linnen, die seine Braut sind, Candidat in-” nen der Ruhe in seinem Arm, und des ewi-” gen Schlaf-Saals: Ach waͤrens lauter ein-” gerichtete Herzel! Das ist nun so wie es ist;” aber sich eine menschliche Seele maͤnnlich con-” cipiren, das waͤre die groͤste Thorheit, und” eine Phantasie, die kein Christ in einem hitzigen” Fieber haben soll. Es gibt keine in der” Welt, es gibt keine im Himmel und auf Er-” den; sondern alles unserer Huͤtte fuͤr eine” Zeit Theil I. Cap . I. Satz 16 . ”Zeit adapti rte maͤnnliche, ist mit dem Mo- ”ment, daß der Leichnam in die Erde kommt, ”abgethan; sie freyen nicht mehr, sie lassen ”sich nicht mehr freyen, die Seelen, die lie- ”ben Engel, ἰσάγγελοι, die ihren Schoͤ- ”pfungs-Plan erreicht, die gehen direct in ”den Ehe-Tempel, ins Mannes Arme schla- ”fen. Wisst ihr wer der ist? Es ist JEsus ”Christ, der HErr Zebaoth, es ist aller ”Welt GOtt, von der Welt und seinem ”Volk erkannt, von der Welt an den Don- ”nerstrahlen, von den seinen an Naͤgelmaa- ”len: wenns Geschoͤpf wird den Schoͤpfer ”freyn, und Abba Consecrator seyn; so ”wirds keiner seligen Menschen-Seele mehr ”einfallen was sie gewesen ist. Was mehr? ”Ich glauͤbe, daß ein Zeit-Punct ist, da ”mich mein Schoͤpfer JEsus Christ nach Leib ”und Seel wird freyen. Αὐτὸς, Er ; denn ”in dem Reich der Geister ist nur ein einger ”Mann, der sieht uns an als Esthern, ”und wir uns selbst als Schwestern, was ”man von Geistern wissen kan. u. s. w. Ge- mein-Reden im Jahr 1747. I Theil, s. 130: ”Wir (Maͤnner und Weiber) muͤssen in ”Wahrheit dem Heiland so nahe seyn, eines ”so gut als das andere: die Maͤnner muͤssen ”von dem Naheseyn des Heilandes einen rech- ”ten Eindruck haben, wenn sie sich wollen ”bey den Schwestern beweisen: aber das ist ”eine unstreitige Sache, daß eine Magd Chri- sti Von der geistlichen Vereinigung . sti in ihrem Schwestern-Stande viel mehr” geniesst, viel mehr Vorschmack vom Lamme” hat als der Mann; das bringt die Natur” der Sache mit sich. Wir sind itzt ausge-” wechselt, wir sind aus unserm Geschlecht” herausgesetzt in ein ander Geschlecht, es ist ei-” ne Metamorphosis mit uns vorgegangen,” wir sind gleichsam in einem geborgten Zu-” stande: und daher, weil wir gewiß wissen,” daß unser Stand so nicht fortwaͤhrt; so” muͤssen uns vom lieben Heiland ein Bißgen” die Augen gehalten werden, daß wir nicht” eine unzeitige Lust und Appetit kriegen nach” der Schwestern Seligkeit, und daruͤber un-” serer Amtspflicht vergessen. Denn es ist” ein grosser Unterscheid; geniessen oder ge-” ben u. s. w.” Man sehe diese ganze Rede, wie auch diejenige, die in dem I Theil der Re- den an statt einer Einleitung vornen stehet, und die Discourse uͤber die Augsp. Conf. s. 95, 96. § 146. Das vornehmste Mittel solcher ehelichen Vereinigung soll seyn das heilige Abendmahl, welches einem jeden nach seiner Faͤhigkeit an- gedeye, indem die Kleinen genehret, und die Alten erkannt werden. Zeyster Reden s. 384. ”Geschwistern, die der Kirche dienen, muͤs-” sen, mit einem Wort, Abendmahls-Herz-” gen seyn, sie muͤssen das Sacrament gehal-” ten haben, und entweder erkannt worden” seyn von ihrem Manne, oder doch gewiß an” ”der Theil I. Cap . I. Satz 16 . ”der Mutter Brust gesogen haben. s. 200 samt der Verbesserung p. 455. Es soll aber auch die Ehe nicht nur ein Bild, sondern, mit ihrem wuͤrklichen Gebrauch selbs, gleichfalls ein Vehiculum und Mittel des Einflusses Christi, vornemlich bey den Schwestern, der Mann aber ein Liturgus, Legatus, Procu- rator, ein Vice -Christ seyn, und Christum, den wahren Mann, praͤsentiren: nicht zu ge- denken, wie bey der Gemeine diese zwey Mit- tel in der Uebung selbs so nahe verknuͤpfet wer- den. Aus dem allen ist abzunehmen, warum der Ordinarius in seinen Reden an statt des schriftmaͤssigen Bruder-Namens viel oͤfter den Geschwister -Titul setze: und eben durch den Namen der Geschwister-Gemeine wuͤrde diese von allen andern Kirchen auf das eigent- lichste unterschieden, wann man solche Benen- nung Schwester-Gemeine , Vnitas soro- rum, vor dem Welt-Spott verwahren koͤnnte. § 147. Seel und Geist, welche das lebendige kraͤftige Wort GOttes seliglich scheidet, werden durch diese Lehre wie eine Salbe inein- ander gemenget. Laut der jeztangezogenen Reden wird das maͤnnliche Geschlecht in das weibliche verwandelt, dieses aber bleibt unver- aͤndert. Laut der Lehre Christi werden nicht die Maͤnner, (die in dieser Welt freyen,) den Weibern, (die sich freyen lassen,) sondern beede den Engeln in jener Welt gleich seyn. Diese Von der geistlichen Vereinigung . Diese effœminate und von der heiligen Schrift abgehende Lehre bedarf keiner weitern Widerlegung. Sie hat den Schein der groͤ- sten Geistlichkeit: und das Fleisch hat unter der Hand dabey ein reicheres Futter, als kein purer noch so maͤchtiger Weltmensch kriegen kan. Was lautere Seelen bey der neumaͤhri- schen Gemeine sind, die haben nothwendig einen Greuel daran: und was unlautere Seelen sind, die haben einen muham̃e danischen Himmel auf Erden, dafuͤr sie lieber Fleisch Fleisch seyn liessen. Mit ihren Kam̃er-Materien koͤnnen sie hinab- fallen in des Todes Kam̃er, ob sie schon so kuͤhne in das Zim̃er und Bette des Brauͤtigams ein- brechen. Heilige Ehleute bescheiden sich, daß sie, als Ehleute, Kinder dieser Welt sind: und fuͤhren ihren Stand heiliglich, doch nicht ohne billige Scheue vor GOttes Augen. Ja sie schaͤmen sich voreinander, und vor sich selbs, und also vielmehr vor andern Menschen, bis das Bild des Staub-Menschen mit dem Bil- de des himmlischen Menschen verwechselt wird. D er 17 S atz. Von den uͤbrigen Stuͤcken der christlichen Lehre wird bey der so- genannten Bruͤdergemeine nicht recht gehandelt . § 148. D ergleichen sind die Puncten von den Sa- cramenten, von dem Gebet, von den (Abriß der Bruͤderg.) K An- Theil I. Cap . I. Satz 17 . Anfechtungen, von der Kirche, von den lezten Dingen u. s. w. Solche Puncten sind von andern Lehrern ausfuͤhrlich untersuchet, und werden auch in dieser Pruͤfung hin und wieder betrachtet: doch handeln wir nicht weiter da- von, damit man desto gewisser in der Auf- merksamkeit auf die vorhergehende allerwich- tigste Saͤtze bleibe. Alles zusammen gibt ei- nen Strich durch das ganze himmlische Zeug- niß und einen Riß in dasselbe: es laufft auf ei- ne totale Veraͤnderung der geoffenbarten Wahrheit, und, weil die irrigen Beweisun- gen geschmuͤcket, die gruͤndlichen Gegenbewei- se aber vernichtet, und die wichtigsten Stuͤcke sehr ring geschaͤzet werden, auf eine Spoͤtte- rey hinaus. D er 18 S atz. Des Ordinarii Art von geistlichen Dingen zu reden ist unanstaͤndig . § 149. E hedessen fuͤhrte sein Stilus etwas anstaͤndi- ges, nuͤchternes, ernsthaftes und gelin- des mit sich: aber derselbe hat sich nach und nach sehr geaͤndert, und lautet nicht wol, in- sonderheit wann von der hochgelobten Gott- heit, von Christi Niedrigkeit, von Ehesachen u. s. w. die Rede ist, und uͤberhaupt vertraͤgt er sich nicht mit einem sanftmuͤthig-weisen Sinn. § 150. Von der Redens-Art . § 150. Nicht nur die Kinder, sondern auch die Alten bey seiner Gemeine, singen nach seiner Vorschrift und sagen, von dem himmlischen Vater und zu Ihme, Papagen ; von dem heiligen Geist und zu Ihme, Mamagen, Muͤt- terlein . Und dergleichen Ausdruͤcke gibt es viel, woran alle Geschoͤpfe, die vor der un- endlichen Majestaͤt einen Respect tragen, ein Misfallen haben muͤssen. Das hat der Ordi- narius nun mehrmal nicht nur entschuldigen, sondern gar rechtfertigen, und auf diejenige, die es nicht mit- und nachmachen, oder gar dagegen Erinnerung thun, den Verdacht ei- nes widrigen und von der Einfalt entfernten Seelen-Zustandes bringen wollen, vornem- lich in und bey den Lieder-Zugaben und in der Einleitung zu dem zweyten Theil der Gemein- reden im Jahr 1747. Hie waͤre viel zu sagen: wir sagen aber nur, Je delicater diese so ge- nannte Herzlichkeiten etwa bey dem ersten Ein- fall sind, je groͤsser ist der Greuel, wann das Herz nicht bey dem folgenden Gebrauch ist: und wer will Buͤrge seyn fuͤr alle, die solche kindische und laͤppische Worte, wie er sie selbs nennet, im Munde fuͤhren, und kuͤnftig- hin, aus blosser Gewohnheit, fuͤhren werden? Es waͤre nicht einmal genug, dergleichen Un- gebuͤhr in das kuͤnftige zu unterlassen, sondern es waͤre auch fuͤr das vergangene eine oͤffentli- che Abbitte noͤthig. Soͤhnen stehet kein Lispeln K 2 an: Theil I. Cap . I. Satz 18 . an: viel weniger aber ungeschliffenen Gemuͤ- thern, die nie in einer recht tief gehenden Scheue zu einer discreten Zuversicht bereitet worden sind. Im menschlichen taͤglichen Um- gang ist es nicht fein, wann man die Ver- traulichkeit auch zwischen denen, die einander am naͤchsten angehen, und gleichen Standes und Alters sind, ohne Hoͤflichkeit ausuͤbet. § 151. In der zweyten Auflage der Erklaͤrten Of- fenbarung s. 1169 schrieb ich folgendes: Der einige zwoͤlfte Lieder-Anhang gibt nun- mehr einen staͤrkern Ausschlag, als zuvor alle Schriften auf beeden Seiten. Da sehe man, wie das Geheimniß der heiligen Dreyeinigkeit behandelt, und unter dem Schein der Vertraulichkeit eine uͤbermach- te Unbescheidenheit gegen die unendliche Majestaͤt eingefuͤhret wird . Wann eine Seele in einem unversehenen Nu von der suͤs- sen Liebe uͤbernommen wird, sich ingeheim kindlich, ja kindisch auszudruͤcken, so mag es hingehen: aber zu einer oͤffentlichen Vor- schrift taugt es nicht. Man vergleiche das Welt-Alter p. 295 ꝛc. Bey den Nachkom- men, die vom vorigen Ernst nichts wissen, muß sich der Respect, und mit demselben das Vertrauen und selbs die Liebe verlieren . Auf diese Worte bezieht sich Albinus Sincerus, ohne Anzeige des Orts, wo sie stehen, und sagt in der Heimleuchtung p. 179: Es scheint der Von der Redens-Art . der … Probst von Herbrechtingen schon eben dadurch offendirt zu seyn, daß wir den XII. Lieder-Anhang (aus einer Noth , die er nicht wissen konnte, gedrungen) publicirt haben, misbilligt aber uͤbrigens nicht, wann sich Kinder GOttes insgeheim so kindlich und kindisch ausdruͤcken, als in diesen Liedern geschehen ist . Beederley Stellen fuͤhre ich zu dem Ende an, damit man meine Worte ganz erwege, und sie bey Albino nicht zu weit aus- dehne. In meinem Leben sind mir etwa zween Faͤlle vorgekommen, da einer und der andern Seele fuͤr inniger Zaͤrtlichkeit ein solches Di- minutivum entfahren ist: und diß ist etwas anders, als eine oͤffentliche Vorschrift bey ei- nem grossen Hauffen. § 152. Von der Geburt, Beschneidung, Jugend, Versuchung, Wandel und Leiden unsers theu- ren Erloͤsers fallen haͤuffige, mit Fleiß uͤber- triebene, veraͤchtliche Reden. Zum Muster dienet unter den Liedern das 2085ste, unter den Einzelen Reden die 8te, unter den Reden in Zeyst die 19te, und unter den Wundenlitaney-Re- den die 7te und folgg. Der Ordinarius sagt, er habe seine gegruͤndete Ursachen, die Menschheit so klein zu beschreiben, als es der Wahrheit der Schrift immer gemaͤß ist . Buͤd. Samml. III Band, s. 545. Dieser ei- nige Einfall hat uͤber die massen viel leidiges nach sich gezogen: und warum bleibt der Ordi- K 3 narius Theil I. Cap . I. Satz 18 . narius nicht bey der Schrift? Denn diese stel- let uns zwar JEsum in seiner Menschheit, und seine Menschheit in ihrer Niedrigkeit sehr nachdruͤcklich vor: sie behaͤlt aber samt der Wahrheit den Wohlstand auf das genaueste. Ausschweiffende Familiaritæt wird eine Grob- heit. Lucas sagt von Maria: Sie gebar ih- ren erstgebornen Sohn, und wickelte Ihn in Windeln : da das griechische Wort, (Vergl. Weish. 7, 4.) keine zerrissene Bettel-Windeln bedeutet. Bey der Beschneidung uͤberhaupt war es um das Abnehmen der Vorhaut, und uͤbrigens um keine Wunde und Vergiessung des Blutes zu thun. Der Name JEsus wird in Weihenachts-Betrachtungen lieblich aus- gedruͤket, JEsulein , als ein Nomen propri- um: aber die Namen des Amtes und der Wuͤrde, Koͤnig, HErr, Heiland , (§ 61.) lassen sich nicht zu Diminutivis machen. Mar- cus meldet ein einiges mal, wie die Leute zu Nazareth, als sie sich an JEsu aͤrgerten, Ihn τέκτονα, fabrum, genannt haben, welches Wort diese oder jene Arbeit in Holz, Stein oder Metall bedeutet: daher beschreibt man bey der neumaͤhrischen Gemeine unaufhoͤrlich den HErrn, als einen Zimmerjungen, Zim- mergesellen, Zimmermeister, wie Zunftmaͤssig, als ob er acht zehen Jahr bey diesem Handwerk gewesen waͤre. Wie gering der Heiland bey der Versuchung in der Wuͤsten, (welche doch nicht die vierzig Tage uͤber waͤhrete, sondern hernach in drey Gaͤngen uͤberstanden war,) ge- macht Von der Redens-Art . macht werde, ist in den Reden des Jahres 1747. Th. I. s. 159 u. f. zu sehen. Der Ordinarius, wie hoch er die Einfalt preiset, suchet doch so gar alles auf, daß er auch das, was Matth . 15, 17. uͤberhaupt gesagt wird, dem HErrn JEsu zuschreibet, in der Weyhnachtspredig 1744. p. 8. Ich scheue mich sonsten hieran zu gedenken und jezt deutlicher davon zu reden. In vorigen Zeiten ward hieruͤber gestritten, und etliche sagten ja, etliche (als die Armenier) nein. Die Spur in das Alterthum wird ge- wiesen in Gnomone N. T. ad Joh. 19, 23. Der leztern Meinung kan ich nicht mit Gewiß- heit beystimmen: wann aber die erstere irrig ist, so ist sie zugleich unbescheiden, bey andern und bey dem Ordinario. Wann vom Leiden ge- handelt wird, gibt es wieder unziemliche Re- dens-Arten. Zum Exempel, Golgotha wird ein Schind-Anger genannt. Aber nirgend werden verurtheilte Menschen auf einem Schind-Anger hingerichtet: und die Juden, die nicht einmal in das Richthaus gingen, haͤtten sich vielweniger dem Creuz auf einem Schind-Anger genaͤhert. Umsonst will man diese Sprache mit etlichen apostolischen Aus- druͤcken, Roͤm. 11, 32. Gal. 3, 22. vergleichen: und nichtig ist die Einwendung, man muͤsse, zum Exempel, vom Leiden Christi so kuͤhn und scharf reden, damit es der Drache nicht nach- sprechen koͤnne. Solcherley Sprache wird den boͤsen Geistern nicht sonderlich zuwider, noch, wann ihr Zittern es ihnen gestattet, un- K 4 nach- Theil I. Cap . I. Satz 18 . nachsprechlich seyn. Ein Mensch von mittel- maͤssiger Geschicklichkeit wuͤrde dergleichen neue Reden und Reimen machen, wann er es uͤber das Herz bringen koͤñte. Und da die neumaͤh- rischen Bruͤder dem Ordinario seine Worte und Ausdruͤcke ohne Discretion so strenge nach- sprechen, so sehe man zu, was das fuͤr eine ge- wohnte Sprache geben werde. Wann der Ordinarius von sich, von seinen Begegnissen, von seinem hohen Hause redet, so weiß er die Anstaͤndigkeit trefflich in Acht zu nehmen: und bey seiner Gemeine wird niemand in seiner maas- se von ihm und gegen ihn unter dem Vor- wand der zaͤrtlichen Liebe durch Diminutiva oder sonsten auf diesen Schlag reden doͤrfen, wie er von dem im Fleische gekommenen und gecreuzigten HErrn JEsu redet. § 153. Wo das Herz rein ist, da ist die Rede schamhaft: und hiezu werden wir in der Schrift angewiesen. Das alte Testament musste von natuͤrlichen Sachen eine deutliche Rede fuͤhren 1. im ersten Buch Mose, und wo sonsten der Ursprung des suͤndigen menschlichen Geschlechts und des Volks Israel beschrieben wird: da denn die Auslegungen, zum Exempel, Lutheri, auf das wenigste gleichen Schlages seyn muͤs- sen: 2. im dritten Buch Mose, darin als in ei- nem Arzneybuch die mancherley Unreinigkei- ten und die Verordnungen dagegen beschrieben werden; wie denn bey einem Kinde, womit das Volk Von der Redens-Art. Volk Israel verglichen wird, die Unsauber- keit nicht so verdeckt ist, als bey Alten: 3. in den Propheten, da unter dem Bild der Hure- rey der Greuel der Abgoͤtterey vorgestellet wird. Wie nun solches im N. T. voraus gesetzet wird, also ist im N. T. bey dem darin schei- nenden reinen Lichte die Rede von solchen Din- gen viel seltener. Die Glaubigen des N. T. sind durch das reiche Maas des Geistes weiter aus dem Fleisch herausgezogen, und also ist eine recht zarte Schamhaftigkeit ein Lineament von der neuen durch Christum geschaffenen Cre- atur. Da nun die so genannte Bruͤder-Ge- meine in andern Dingen vielmehr neu- als alt- testamentisch seyn will, so solte dieselbe vornem- lich solches beweisen, wann von Ehesachen und dergleichen zu reden vorfaͤllet. Aber sie wendet es um, und weil durch Christum die Menschheit geheiliget ist, so sollen bey den wah- ren Christen die Ursachen sich zu schaͤmen auf- gehaben seyn. Zeyster Reden p. 7. ꝛc. Wie vieles waͤre zu sagen? Beschaͤmen die Wege, wodurch die natuͤrlichen Excretiones gehen, den Geist des Menschen nicht vor ihm selbs, geschweige vor andern? Stehen die Menschen nun alle in der neuen Schoͤpfung? sind alle die jenige, denen die Suͤnden vergeben sind, ein- ander in der Erneurung gleich? kan Aug und Hand und Fuß ihrer keinen mehr aͤrgern? haben sie den Spruch, daß Fleisch und Blut das Reich GOttes nicht ererben koͤnne, schon zuruͤkgeleget? Wann ein Pilger nur einen K 5 Blick Theil I. Cap . I. Satz 18 . Blick in die himmlische Klarheit thun solte, wie hurtig wuͤrde er sich bis auf weitern Be- scheid zur Schamhaftigkeit bequemen? Man sage immerhin, diejenige, die es mit solcher Freyheit im Reden nicht halten, haben kein rei- nes Herz. Man sehe vielmehr zu, daß das Fleisch unter solchem Vorwand keinen Raum, den es sonst nirgend faͤnde, gewinnen moͤge. Bisweilen sind wir zur Unzeit schamhaftig, wo die leibliche Gebrechlichkeit eine Entdeckung und Huͤlfe erforderte, oder wo heimlichen, stummen, ja vielmehr schreyenden Suͤnden und Greueln vorzubiegen oder zu steuren waͤre: aber wir muͤssen nicht auf das andere Extre- mum fallen, noch solche Reden fuͤhren, die nicht nur den Juden und Heiden, sondern auch denen Glaubigen ein Ergerniß und eine Thor- heit sind. § 154. Endlich fuͤhrt nunmehr die Schreib- und Redens-Art des Ordinarii eine solche Heftig- keit ihm selbs zum Vortheil und andern zum Nachtheil, ja andern zum Vortheil und ihm zum Nachtheil mit sich, welche, bey der so noͤ- thigen Pruͤfung seiner Sache, ihn sattsam zu erkennen gibt. Hievon handelt insonderheit Hr. D. Baumgarten in der vierten Sam- lung theol. Bedenken s. 202. Wir thun etliche Muster hinzu. In den pennsylvanischen Re- den I Th. s. 15 steht: „ Das (daß unsere Pre- digt die Wahrheit ist) ist die Ursach der Feind- schaft Von der Redens-Art . schaft, die wir tragen muͤssen, der nicht ordinairen, sondern rechten Tod-Feind- schaft, des ungemeinen Hasses, ders ganze Gemuͤth einnimmt, der nicht nur so ist, wie man eine fuͤrchterliche Creatur, ein Unthier kan fuͤrchten, sondern der noch wei- ter gehet. Auf die Art wird die Controvers mit der Gemeine gefuͤhret. Das kan aber nicht anders seyn, weil den Menschen ihr Herz sagt, daß an kein ordentlich Wider- sprechen zu gedenken sey, sondern es muß auf eine Art geschehen, da man vorher auf alle Wahrheit, alle Billigkeit, alle Menschlich- keit gewisser massen renuntiiret; darnach kan man gegen uns schreiben. Und auf die Art ist bisher gegen uns geschrieben worden in allen Religionen, daß alle Einwohner des- selben Landes, denen der liebe GOtt einen gesunden Verstand gegeben, gesehen haben, das ist Bosheit, das ist Wuth.” In einem Schreiben A. 1743 bestraffet er den confusen und an sich selbst noch so unadaͤquaten Sty- lum mancher mehr oder weniger was sie sagen wollen selbst ignorirenden gelehrten, oder wie sie heut zu tage heissen solten , be- lesenen Maͤnner, weil sie sich mehren theils so tumm lesen, daß zum Denken nicht Stoff genug bleibt, und sie den unbelesenen Bau- ren die Facultaͤt des Judicii vor die Facul- taͤt der Memorie abandonniret zu haben scheinen . Buͤd. Samml. III B. s. 185. In der Gemeinrede d. 22 Nov. 1744: „ Es ha- ben Theil I. Cap . I. Satz 18 . ben sich die Erklaͤrer der Schrift durch ihre ganz unvernuͤnftige Leichtsinnigkeit in Anse- hung der Schrift-Orte so ganz ausser allem Respect gesetzt, daß man sich schon von vie- len Jahren her in allen Religionen kein Be- denken mehr macht, die exegetischen Irr- thuͤmer fuͤr keine Irrthuͤmer zu halten .” u.s.w. Zeyster Rede p. 44: „ Ich rede gerne um die Texte herum. Das ist sonst die Manier der Gelehrten nicht; sie haben ein Wort, das heisst: den Text exhauri ren, aussaugen, so viel und so lange uͤber einen Text reden, daß keine Kraft und Saft mehr uͤbrig bleibt ꝛc .” Diese Reden fuͤhren insonderheit eine solche Importunit aͤt mit sich, pag. 80, 103, 131, 152, 216, 225, 314, 385, 396, 424, u. s. w. und konnten also den ganzen Synodum der Bruͤder auf das auͤsserste gegen alles, was dem Red- ner nicht gefiel, aufbringen. Verfinstert ein solches Aug nicht den ganzen Leib? In der Wundenlitaney wird zwar gebetet: Gebro- chene Augen, Seht uns zun Augen heraus ! Aber auch in den Reden uͤber solche Litaney ist viel ungebrochenes. Zum Exempel, in der 15 Rede heisset es: Endlich ist in den neuen Zei- ten eine Art entstanden die Bibel zu lesen, da man geglaubt hat, wenn man nicht alle Tage so und so viel Capitel darinne lese, so waͤre man kein Christ .” Und wiederum: „ Bibelvest heisst nicht , hundert Dicta pro- bantia auswendig koͤnnen , hundert Bewei- se anfuͤhren koͤnnen, davon einem funfzig gleich Von der Redens-Art . gleich weggeschmissen werden, wegen ihrer Unzulaͤnglichkeit, wegen Mangel der Con- nexion, oder wegen einer ganz andern Con- nexion; davon noch fuͤnf und zwanzig abge- hen, weil sie nicht recht uͤbersetzt sind: das ist eine mißliche Sache, wer sich in diesel- be leidige Methode einlaͤsst, der ist ein ver- lorner Mensch; wenns dem um Grund und um Realitaͤt zu thun ist, so weiß er oft nicht, wo er ist .” Reden im Jahr 1747. II Th. s. 135, 136: „ Die Menschen halten den hei- ligen Geist fuͤr einen Finger, fuͤr eine Tau- be, fuͤr einen Spiegel, und geben hundert andere naͤrrische Grillen von Ihm aus: alle hieroglyphi sche, allegorische und transcen- dentale Titel machen die Menschen nur con- fus, und sind ohne die geringste Wirkung auf ihr Herz .” Und s. 361: „ Freylich ists wahr, daß es eine gewisse Race, eine ge- wisse Art von Menschen, eine geistliche Misgeburt gibt, die sich uns widersetzt, und die uns feind ist; die zwar anfangs zu- weilen, nach Art der Affen in Indien, Be- kanntschaft mit uns zu machen sucht; und sich einbildet, wir waͤren wie sie: wenn sie aber siehet, wir sind ganz andere Leute, boͤse wird, und uns Sand in die Augen schmeisst, und uns allerley Drangsalen an- thut, die sie koͤnnen, weil es sie verdrießt, daß man aus unserm Gesichte sieht, aus un- sern Worten hoͤrt, aus unserm Wandel wahrnimmt, daß wir des Heilands seine Leute Theil I. Cap . I. Satz 18 . Leute sind .” Selbs die Reden uͤber die Aug- spurgische Confession sind nicht frey von der- gleichen Sprache, p. 153, 154. ꝛc. Die Wor- te hieherzusetzen ist nicht dienlich. Der Ordi- narius pflegt ex tempore zu reden, und den Anfang an seinen Predigen gibt oft eine Re- prehension, da das, was ihm in der prote- stantischen Kirche aufstoͤsset, entweder ohne Ur- sache oder uͤbermaͤssig bestraffet wird, bis die Rede in den Gang kommt. Er haͤlt sich pro civiliter mortuo, und redet als einer, der nichts mehr verderben koͤnne. Das waͤre auf dem rechten Weg heroisch: aber der Ton, den er uͤberhaupt im Reden und Schreiben fuͤhret, wird von der Natur, und nicht von der Gna- de gestimmet, und muß lammshaftige See- len nicht wenig befremden. Einzele entfallene Worte aufruͤcken, waͤre lieblos: aber es kommt auf den Seelen- Character an. Aus der Fuͤlle des Herzens redet der Mund . So ist dieser Spruch im Buͤd. N. T. uͤbersetzt. D er 19 S atz. Doch kom̃t es bey der so genann- ten Bruͤdergemeine, der Lehre hal- ben, gar nicht auf blosse Redens- Arten an . § 155. A us der Vergleichung des 18ten Satzes mit denen vorhergehenden wird erhellen, daß Von der Wichtigkeit der Sache . daß es eine uͤbermachte Unwahrheit, und bey so grosser Wichtigkeit der Sache eine leichtsinni- ge Spoͤtterey ist, wann man die schweren Irr- thuͤmer verringert, und sie zu lauter Redens- Arten machet, die etwa paradox klingen. Wann deme so ist, warum misset der Ordi- narius andern, die ihm nicht recht lehren, die schweresten Irrthuͤmer bey? und warum schreibt er seinen neuen Glaubens-Articuln so ein uͤbergrosses Gewicht zu? Mit dieser Weise koͤnnte man alle Irrthuͤmer beschoͤnen: denn sie werden ja alle in Worten vorgetragen, und fuͤhren dazu allemal doch etwas von der Wahr- heit mit sich. In den morgen- und abendlaͤn- dischen catechetischen Unterweisungen finden sich, samt der Lehre von den Sacramenten, die zehen Gebote, das Gebet des HErrn, und das apostolische Glaubens-Bekenntniß: aber in der Grundlehre bey der Bruͤdergemeine gilt dieser drey Hauptstuͤcke keines ohne Aus- nahm. Ja wann man aus der ganzen heili- gen Schrift nach der Ordnung der Buͤcher und Capitel die Texte mit der Auslegung des Ordinarii nacheinander beschriebe, was kaͤme da heraus? Ich schreibe mit Bedacht: wann eine Seele mit dem Heiland zerfallen und an der ewigen Liebe irre worden waͤre, und wolte sich deswegen raͤchen, (fuͤr welchem Jammer der Ordinarius nebst mir und andern Freun- den und Feinden bewahret werden muͤsse!) so wird schwerlich jemand ausdenken, wie es ge- faͤhrlicher anzugreiffen waͤre, als mit des Or- dinarii Theil I. Cap . I. Satz 19 . dinarii Methode. Ist viel gesagt: aber es nehme einer den ganzen Inhalt der heiligen Schrift, und auch den ganzen Inhalt der Re- den des Ordinarii und seiner Lieder in den Sinn, oder er sehe auch auf meine vorherge- henden Saͤtze, und unfehlbar auf § 124 zu- ruͤcke. Die Rede ist nicht von der Absicht des Ordinarii, sondern von der Sache selbs, wo- bey man weder mit GOtt noch mit seinem Wort recht umgehen kan, und von denen Fol- gen, die dereinst auf den Ruin aller geoffen- barten und natuͤrlichen Religion hinauslauf- fen, und von dem Ordinario selbs nicht mehr gehemmet werden moͤchten. Auch sage ich die- ses nicht aus einer lieblosen Bitterkeit, sondern in der Hoffnung ein heilsames Nachsinnen bey denen zu erregen, die sich des Nachsinnens er- wehren, damit sie in ihrer falschen Ruhe nicht gestoͤret werden. § 156. Diejenigen, die sich aus des Ordinarii Schriften erbauet haben wollen, beruffen sich vornemlich darauf, (1) daß er JEsum und seine blutigen Wunden, als das einige Herzens- Kleinod uͤberall preise: (2) daß er die Einbil- dung des Menschen von sich selbs und von sei- ner eigenen Gerechtigkeit zernichte: (3) daß er die Vermeidung des Boͤsen nicht blos als eine Pflicht, sondern als eine Freyheit und Selig- keit vorstelle: (4) daß er auf ein stetes Gebet und Umgang mit GOtt weise. Das alles hat der Von der Wichtigkeit der Sache. der Ordinarius mitten aus der Lehre der evan- gelischen Kirche her, (wie denn auch ein jeder wahrer evangelischer Christ den taͤglichen seli- gen Genuß von dem allen hat,) und dazu kam unstrittig eine eigene innige Erfahrung. Waͤre er nur dabey geblieben! Aber es findet sich reichli- cher und lauterer in seinen aͤltern, als in seinen neuern Schriften. In den neuern ist das ge- stuͤm̃elte Gute mit vielem fremdẽ Zeug uͤberdecket und entkraͤftet. Das Gemenge des Guten und des Boͤsen ist bey der so genañten Bruͤdergemei- ne groß, und dabey werden viele unter ihnen an statt eines maͤssigen Sinnes in eine solche Aufgeblasenheit gesetzet, daß sie die Hoͤhe, die ihnen vorgemahlet wird, nicht erreichen, und ihnen in schriftmaͤssigen Lehrbuͤchern und in der Schrift selbst hinfort nichts gut genug ist, ja daß sie uͤber ihrem Gefuͤhl den Unterscheid zwi- schen dem Glauben und Schauen vergessen. Diejenigen, die in der evangelischen Lehre zu- vor eine taugliche Anleitung gehabt haben, koͤnnen das gesunde von dem ungesunden her- aus lesen. Wer thut aber den armen unbe- richteten Seelen? Fuͤr alle ist es sicherer, wann sie sich an die heilige Schrift allein halten. Spricht jemand: Wie ist es moͤglich, daß die jenigen, die sich auf JEsu Blut allein verlas- sen, und auf seine Wunden zusammen verbun- den haben, hauffenweise in verkehrten Sinn dahingegeben wuͤrden, und in die allergroͤsste Irrthuͤmer hinein geriethen? wer will sich kuͤnf- tig zum Heilande bekehren? Antwort: Die ( Abriß der Bruͤderg. ) L Lehr- Theil I. Cap. I. Satz 19. Lehr-Zusaͤtze streiten offenbarlich wider die heili- ge Schrift: so mag denn ein jeder zusehen, wie sein Ruhm an JEsu Blut und Wunden be- schaffen sey. An der Treue des Heilandes fehlt es nicht, und Er wird auch diejenigen, die in Ihm bleiben, maͤchtiglich erhalten: aber un- treu sind diejenige, die seine Wahrheit zu schmaͤ- lern nicht ablassen, wie im 14 Satze ausgefuͤh- ret ist. Dahin wird es je nicht kommen, daß an der so genannten Bruͤdergemeine der ganze Credit des wahren Christenthums, ja der Ruhm der Treue Christi JEsu selbs gegen sei- ne Glaubigen hangen solte. D er 20 S atz. Die Lehre bey der so genannten Bruͤdergemeine wird durch die neu- lich ausgekommene Spangenber- gische Declaration so wenig, als durch die vorhergehende Verthei- digungen gerettet. § 157. M an hat eine Menge von Vertheidigun- gen der so genannten Bruͤdergemeine, welche aber auch meines Wissens alle beant- wortet sind, ausgenommen zwo neue, wor- auf die sogenannten Bruͤder sich sehr verlassen, nemlich (1) die so titulirte Herzliche Anrede an Kinder GOttes ausserhalb den Bruͤder- gemeinen , wovon wir § 72 nur die II Bey- lage, Von der Spangenb. Declaration. lage, und § 156 die Summa beruͤhret haben, und im uͤbrigen dem Hn. von Bogatzky, den die Anrede besonder angehet, nicht vorgreif- fen wollen: und (2) M. Aug. Gottl. Span- genbergs Declaration uͤber die zeither ge- gen Uns ausgegangene Beschuldigungen, sonderlich die Person unsers Ordinarii be- treffend, von dem Seminario Theologico August. Confess. und den damit connecti- renden Lehrern, Predigern und Aeltesten der Bruͤder unterschrieben, und nebst einem Vorbericht herausgegeben von dem gesam- ten Synodo unitatis fratrum. Auf diese Declaration wird so wol, als auf andere Vertheidigungen, in gegenwaͤrtigem Abriß hin und wieder unter der Hand gedienet, wie ein aufmerksamer Leser leicht warnehmen wird: doch muͤssẽ wir auch ausdruͤcklich etwas von der- selben melden, und das, was die Lehre betrifft, in dieser ersten Haͤlfte unsers Abrisses, das uͤbrige aber in der andern Haͤlfte beybringen. § 158. Der Synodus unitatis fratrum hat diese Declaration gut geheissen, aber das unrichtige in derselben nicht gut gemacht. Eben dieser Synodus hat andere unlautere Aufsaͤtze gleich- falls unterschrieben. Wer wolte dem Be- vollmaͤchtigten aus Handen gehen? § 159. Sehr lieblich und erbaulich ist zu lesen, L 2 was Theil I. Cap. I. Satz 20. was der Hr. M. Spangenberg in der Einlei- tung s. 9, 10, 11. von dem Zustande seiner See- le vor seiner Bekannt- und Gemeinschaft mit den so genannten Bruͤdern erzehlet: und in Erinnerung des vergnuͤgten Umgangs, den ich vor vielen Jahren ein und andermal mit ihm gehabt, kan ich solche Erzehlung desto mehr fuͤr wahrhaftig erkennen, sehe ihn auch mit Liebe fuͤr einen gefallenen fremden Knecht an, den sein HErr aufzurichten vermag. Indes- sen lernen wir an diesem nahmhaften Exempel, (1) daß das Beste bey dieser Gemeine von dem geistlichen Zubringen ihrer vornehmsten Glie- der herruͤhre, und zwar vielmehr in den vori- gen, als in den neuern Zeiten: und (2) daß die Kraft der Verfuͤhrung auch solche, die zu- vor recht wohl gestanden, hinreisse, und daß also kein Ansehen ihrer Person jemand hintern solle, ihre Lehre selbst nach dem Wort GOttes zu pruͤfen. § 160. Vor allen Dingen ist die Declaration be- muͤhet, die Schriften wider die Lehre der so genannten Bruͤder, darin doch alle unpar- theyische Leute sehr vieles fuͤr gruͤndlich erken- nen muͤssen, zu entkraͤften, und den Schrif- ten fuͤr sothane Lehre, die der Sache oft nach- theiliger als jene sind, die Schaͤdlichkeit zu be- nehmen. Wir wollen dieses Stuͤck hieher sez- zen, und es mit noͤthigen Anmerkungen be- gleiten, wodurch alle, die bey der Bruͤderge- meine Von der Spangenb. Declaration. meine aus der Wahrheit sind, nicht weiter entfremdet, sondern gewonnen werden moͤch- ten. 1. ” Obgleich die mehresten Schriften, welche man gegen ˈ Uns in die Welt fliegen lassen, die aber a. Der Hr. Verfasser der Declaration haͤlt die Hauptsache des Ordinarii fuͤr gut, und deswegen suchet er alles bestmoͤglichst zum besten zu kehren, welches ihm auch wegen seiner lang- wierigen Abwesenheit aus Teutschland, da er den Verfall nicht gesehen, desto weniger zu ver- argen ist. Wahrhaftig aber ist bey dem Or- dinario selbs und bey der ganzen nach ihm ge- bildeten Gemeine ein unerhoͤrtes Gemenge des Guten und des Boͤsen, bey dessen genauer Scheidung jemand ausser der Gefahr bleiben kan, auch nur ein boͤses Kiselein gut, und ein gutes Broͤsamlein boͤse zu heissen. doch ziemlich auf ˈ Eines hinauslauffen, bis daher b. Desto leichter waͤre auf die wesentlichsten Einwuͤrfe eine gruͤndliche Antwort, wann man dergleichen zu geben vermoͤchte. Was der Leh- re halben eingewendet wird, dessen ist viel: aber es waͤre doch kein Meer, das man, wie der Ordinarius oͤfter sagt, auszutrinken haͤt- te, sondern nur mancher Eimer voll. unbeantwortet blieben sind: so ist doch daraus ˈ kein c. Das pure Stilleschweigen ist an sich selbs kein Zeichen eines Unvermoͤgens zu antworten: aber man hat bisher so manche Antwort gege- ben, Schluß zu machen, als waͤre es nicht moͤglich, ” ”daß L 3 Theil I. Cap. I. Satz 20. ”daß Wir etwas darauf antworten koͤnten; und als ob Wir folglich die Sache, daruͤber die Frage ist, verloren haͤtten. Wir haben bisher aus ganz an- dern Ursachen geschwiegen. Denn wie Wir uͤber- d. Nicht zanken soll man, sondern sich zu- rechte weisen lassen, und GOtte die Ehre durch den Widerruff des Irrthums geben, ob die Wahrheit einem auch auf eine strenge Art an- getragen wuͤrde. haupt nicht geneigt sind, zu dem Zanckfeuer ˈ im- mer neues Holz zu legen, und aus denen bereits vorhandenen mehr als hundert und fuͤnfzig Streit- e. Es ist zu bedauren, daß die Declaration unter dem sonst sanfte fliessenden Stilo biswei- len so heftig redet. Wo kommt das her? schriften, zwey bis ˈ drey hundert zu machen: al- so sind unsere Bruͤder, die sich mit solchen Dingen einlassen koͤnnen, bisher in andern Arbeiten ge- wesen, die Ihnen vor die Zeit nothiger schienen, als sich mit Streitschriften zu occupiren. Ande- rer Umstaͤnde zu geschweigen. 2. Indeß ists wahrscheinlich, daß manche Strei- tigkeiten, die unserthalben entstanden, auf Logo-” ”machien ben, und doch die wichtigsten Schriften und Einwuͤrfe theils gar nicht, theils sehr unzulaͤng- lich beantwortet, und die Sache selbst, son- derlich in der nicht gar gewissenhaften Gewis- sens-Ruͤge, durch solche Fragen und Ant- worten, die nicht zum Streit gehoͤren, den Leuten aus dem Sinn geruͤcket. Von solchen Manieren, bevorab wo man aller Anforde- rungen ungeachtet darauf beharret, ist der Schluß auf eine verlorne Sache nicht unbil- lig. f. Ge- Von der Spangenb. Declaration. ”machien hinaus lauffen, da man um Worte Krieg fuͤhrt, ob man gleich einerley ˈ denckt; und das f. Gedenkt man einerley von der Schrift, von der Gottheit, von der Heils-Ordnung? Warum hat denn der Ordinarius so grossen Mangel an der allgemeinen Christen-Lehre und ihrem bisherigen Vortrag? Und wann ein Krieg um Worte mit unterlaufft, so faͤllet die Schuld auf diejenigen, die nicht allein neue Worte auf die Bahn bringen, oder alte Wor- te in einem neuen Verstande fuͤhren, sondern sich auch derselben ruͤhmen, und sich damit kuͤ- zeln, daß man ihren Sinn nicht fasse. wird sich weisen, wenn einmal ˈ recht ausgemacht g. Dieses haͤtte der Ordinarius bey dem An- fang der Streitigkeit, er mag ihn setzen, wie fruͤh oder wie spaͤt er will, ausmachen sollen, und mit wenig Worten, da er sonsten so vieles schreibt und schreiben laͤfst, ausmachen koͤn- nen. Warum thut er es aber noch nicht? warum laͤsset er die Welt so lange warten? Wird die dogmatische Erklaͤrung des Ordinarii, wozu die Declaration p. 87 Hoffnung machet, anders ausfallen, als die practische bißher? Es wird sich wenigstens jederzeit finden, daß tuͤch- tige Gegner bisher den Statum controversiæ, oder die Frage, worauf es eigentlich ankom̃t, (sie bestehe worinn sie wolle, und werde gefasset, wie man wolle,) sattsam getroffen haben. b. War- wird, welches der status controversiæ sey, oder worauf die Frage eigentlich ankommt. Es ist die- ses um so viel eher zu vermuthen, als man vor-” ”hin L 4 Theil I. Cap. I. Satz 20. ” hin schon der Streitigkeiten genug hat, die zu- letzt einem Spiegelfechten aͤhnlich worden sind. Wenn Wir also unsern Sinn (welcher, wie Wir theils wahrscheinlich denken, theils augenschein- h. Warum nicht recht? man haͤlt sich an die Worte, die den Sinn deutlich und oft aus- druͤcken. i. Wer hinterts? lich sehen, nicht ˈ recht gefasst wird) deutlicher ˈ koͤnnen zu Tage legen, ohne Uns dabey in Zaͤn- koreyen einzulassen: so haben wir Hoffnung, Wir werden wenigstens bey denen, die Uns Bil- ligkeit wiederfahren lassen, mancher Beschuldi- gungen halber, ein guͤtigeres Urtheil uͤber uns erhalten, als man bisher in manchen Schriften gesehen. Denn wir wollen je nicht hoffen, daß k. Das waͤre unverantwortlich. man Saͤtze bey den Bruͤdern so schlechtweg ˈ ver- werffen wird, die nicht nur in den alten kostbaren Kirchen-Gesaͤngen, sondern auch in den Schriften bewaͤhrter Lehrer der Evangelischen Kirche, mit l. Hie waͤre ein Par tuͤchtiger Exempel wohl gestanden. Untuͤchtige Exempel haben wir § 67, 72. gesehen. eben ˈ den Worten gefunden werden, deren sich die Bruͤder dabey bedienen. m. Hie solte die Declaration anzeigen, fuͤr welche Schriften die Bruͤder stehen koͤnnen und wollen oder nicht. Sonst kommt ihnen nichts davon zu statten. Eben diß ist nicht recht, daß man so vielerley ungewissen Zeuges durchein- ander wirft und in die Welt ausstreuet. Was die Unvorsichtigen faͤngt, ist wohl angelegt: wo 3. Vor alle ˈ bisherige Schriften, die Uns zu Liebe ans Licht kommen sind, koͤnnen wir nicht ” ” stehen. Von der Spangenb. Declaration. ” stehen. Mancher hats gut gemeint, und nach seiner Einsicht etwas vor Uns geschrieben; dabey ists geschehen, daß Er auf der guten Ecke ˈ zu viel n. Was fuͤr ein Ruhm kan groͤsser seyn, als den der Gemeine sie selbs und ihr Ordinarius in den Reden, Liedern und Cantaten beylegen? Man wird auch schwerlich zeigen koͤnnen, daß sie gegen alle die Lobspruͤche, die ihr sonst von ihren Gliedern und Freunden gegeben werden, etwas eingewendet haͤtte. von uns geruͤhmet: auf der andern Seite hat mancher, der Boͤses bey uns gesucht hat, nichts ˈ o. Man wird von keinem der schaͤrfsten Gegner sagen koͤnnen, daß er nichts als arges bey ihnen finde. als Arges, nach seiner Meinung, bey uns finden koͤnnen. Wie wird denn nun der Sache ˈ gera- p. Dadurch wird der Sache gerathen, daß man das Gemenge des Guten und des Boͤsen erkenne. Wer ihm selbs Gewalt anthut, so vieles Boͤse zu verringern oder gar zu rechtfer- tigen, der wird dessen theilhaftig, und machet GOtt zum Luͤgner. then? Wenn der Eine alles gut heisst, und der an- dere alles verwirft, an der Bruͤder-Unitaͤt; so koͤnnen sie beyde irre seyn. Wir ˈ werden doch q. Wir: der Ordinarius, der Hr. Ver- fasser der Declaration, ich, und alle Menschen. Dieser nicht mehr, und auch nicht weniger, als wie Wir in GOttes Augen sind. Seine Wage ist richtig: und wenn uns alles vor wichtig erklaͤrte, und wir” ” sind wo man aber die Bruͤder heben will, das geht sie nicht an. L 5 Theil I. Cap. I. Satz 20. ” sind Ihm zu leicht; was waͤre es denn? Was waͤre es aber auch auf der andern Seite, wenn Uns alles verwuͤrfe und vor nichtig hielte, und Wir waͤren Ihm theuer und werth? Das letzte ist Uns doch lieber, als das erste. r. Auch hier solte die Declaration anzeigen, welches die Apologeten seyen, derer so genann- ten Eifer die ganze Bruͤder-Unitaͤt auf ihre Rechnung geschrieben wissen wolle, oder nicht. Auf beeden Seiten gibt es theils ernsthafte, theils satyrische und muthwillige Schriftstel- ler. Bey diesen leztern muß man beederseits die Art des Vortrags uͤbersehen, und dennoch die vorgetragene Wahrheit nicht wegwerfen. 4. Was insonderheit einige ˈ unserer Apologe- ten, vielleicht aus einem Wehethun uͤber dem Un- recht, welches nach ihrer Einsicht ihren Freunden, s. Nicht nur Eifer aͤussert sich, sondern Rachgier, Haß, Laͤsterung, Verdrehung, Sophisterey, Unwahrheit, so gar, daß man gern den Scepticismum in ein Systema braͤch- te, und alles Zeugniß der menschlichen Sinnen und Reden in Zweifel zoͤge, wann man die so genannte Bruͤder sonst nicht zu retten weiß. Sind solche Apologeten keine Arbeiter bey der Gemeine? sind sie nicht auf- oder wenigstens angenommen? hat man sie bey solchen Flei- sches-Werken aus der Gemeine hinaus gethan oder bestraffet? Je reiner diese Gemeine seyn will, und je genauer die Gemeinschaft bey der- oder Bruͤdern geschehen, in ihren Schriften von ” ” Eifer Dieser Ausspruch ist gruͤndlich: aber hier wird nichts dadurch entschieden. selben Von der Spangenb. Declaration. ” Eifer geaͤussert, der einem oder dem andern haͤr- ter gefallen, als ers etwa von den Unsrigen ˈ er- t. Wo ist denn die Lindigkeit, in deren An- sehung man nichts so hartes von ihnen zu er- warten haͤtte? wartet; das nehmen Sie allein auf sich, und wol- lens auf die Rechnung der ganzen Bruͤder-Unitaͤt nicht geschrieben wissen. Sonst ist auch wohl ˈ ge- v. Wie kan die Declaration dieses fuͤr gewiß sagen? Es ist doch bekannt, wie emsig die Bruͤder sich solcher Apologien annehmen. wiß, daß dergleichen Schriften, ob sie gleich nicht zu verachten, sondern wenigstens um der guten Absicht willen lobenswuͤrdig sind, dennoch nir- gend weniger gelesen werden, als in unsern Ge- meinen. Denn weil unsern Leuten die Zeit, zu Lesung der Buͤcher, die gegen Uns in die Welt fliegen, gemeiniglich ˈ gereuen will; indem so gar x. Gemeiniglich: und also doch nicht alle- mal. Werden aber die Buͤcher, deren Lesung nicht uͤbel angewendet waͤre, wuͤrklich gelesen? werden sie auch abgefertiget? Von den gefaͤhr- lichen Irrthuͤmern, die man bey der Gemeine heget, koͤnten sie durch die Widerlegungen be- freyet werden: und ob etliche Widerlegungen noch so scharf waͤren, so solten doch die so ge- nannten Bruͤder, wann eine wahre Einfalt und geistliche Armuth bey ihnen ist, die Wahr- heit wenig Erbauung daraus zu holen ist: so finden ” ” sie selben ist, je mehr muß die Gemeine aller ih- rer Glieder Apologien auf sich nehmen, wie sie denn auch die meisten ausdruͤklich gut ge- heissen hat. Theil I. Cap. I. Satz 20. ” sie auch nicht vor noͤthig sich mit deren Abfer- tigungen viel zu unterhalten. Koͤnnten alle Theo- logische Streitigkeiten so gefuͤhret werden, daß Liebe und Wahrheit den Schreiber regierten: so wuͤrde es wohl vor die Kirche Christi am besten seyn, und dem Feind manche Freude ersparen. ” heit mit Ehrerbietung annehmen. Das waͤre eine vortreffliche Erbauung. Es hat nicht die Meinung, daß alle alles lesen muͤssen: aber wer seine armen Bruͤder davon abhaͤlt, daß sie ja keine Erinnerung anhoͤren sollen, der nimmt etwas grosses auf sich. In einer so mißlichen Sache solte ein jedes von ihnen sich etwa nach einem erfahrnen Mann, dergleichen es doch wol ausser ihrer Gemeine gibt, umse- hen, und sich unpartheyisch berichten lassen, was es fuͤr eine Bewandtniß habe. Aber es ist, als ob die guten Leute meinten, die Goͤttli- che Vorsorge duͤrfe keinen Blinden, ob er noch so sorglos waͤre, in die Grube fallen las- sen. Kommt ihrer etlichen eine Erinnerung vor die Hand, so sehen sie einen in ihrer seligen Hoͤ- he mit einer mitleidigen Liebe an, und wann er bey ihnen noch wol daran ist, so messen sie ihm eine heilige Einfalt bey, aber auf ihrem Beginnen bleiben sie. Rohe Weltleute tra- gen sich mit gewissen Spruͤchwoͤrtern, wo- mit sie sich in ihrem totalen Unglauben oder in ihrer betrogenen Hoffnung gegen alle Angriffe der Wahrheit verschanzen: und so haben auch manche dieser Bruͤder ihre Weydspruͤchlein, die sie auffangen und nachsagen, womit sie sich in Von der Spangenb. Declaration. in ihrer Seligkeit, das ist, in ihrer falschen Ruhe, aller guten Erinnerungen, die ihnen nicht gefallen, erwehren. Deswegen ist es gefaͤhrlich, die Bruͤder darin zu steiffen, daß sie die Ohren von solchen Vorstellungen ab- wenden, die ihnen erbaulich seyn moͤchten. An andern Orten laͤsset man das Lesen beedersei- tiger Schriften frey: und so solte es auch bey ihnen seyn. Liebe und Wahrheit, welche beede hier in der Declaration erfordert werden, finden sich hoffentlich in diesem Abriß. § 161. Wie die Declaration sich vermoͤge des- sen, was wir jezt bemerket haben, verhaͤlt, so verhaͤlt sie sich durchgehends: woraus leicht abzunehmen ist, daß unter einem scheinbaren sachten Vortrage sehr vieles verborgen sey, wodurch mancher treuherziger Leser gefangen werden muͤsste, wo er in der Vorsichtigkeit ein wenig nachlaͤsset. Zu einem Exempel dienet das kuͤnstliche Raisonnement von der Schrift § 6, und das Lob, welches derselben § 8 gege- ben wird, da die Declaration auf meisterlichen Wortschrauben stehet, und zwar nichts wider die Schrift lehren, aber auch nicht alles aus der Schrift allein lernen will. Wer die Decla- ration und unsere bisher ausgefuͤhrte Saͤtze gegeneinander haͤlt, wird finden, (1) daß die Declaration sehr viele wichtige Irrthuͤmer, welche bey der so genannten Bruͤdergemeine geheget werden, mit Stillschweigen uͤbergehe: (2) daß Theil I. Cap. I. Satz 20. (2) daß dieselbe vielen dergleichen Irrthuͤ- mern ausdruͤcklich beystimme: (3) daß dieselbe viele Irrthuͤmer mildere, und sie anders an- fuͤhre, als sie an sich selbs sind, und daher auch oft mit der Antwort neben der Frage hin- gehe: (4) daß folglich diese neue Lehre durch die Declaration keines weges gerettet werde. Zum Exempel, daß der heilige Geist die Mut- ter der Kinder GOttes sey, lehret die De- claration dem Ordinario zu folge: ob Er aber auch die Mutter des Sohns GOttes sey, davon sagt sie kein Wort, da doch an die- sem Puncten mehr gelegen ist, als an der gan- zen Declaration. Was der Ordinarius von der Moralitaͤt halte, und was fuͤr einer Zu- kunft des Heilandes man sich bey der neumaͤh- rischen Gemeine versehe, wird oben § 142, und unten § 189, num. 7. gezeiget: aber beedes wird in der Declaration p. 63, 88. vertuschet. Im andern Theil dieses Abrisses wird auch von andern Vertheidigungen gehandelt. D er 21 S atz. Die Lehre bey der Bruͤdergemei- ne stimmet bey weitem nicht mit der Augspurgischen Confession uͤberein. § 162. D ieses ist leicht zu ersehen. Der Ordinarius berufft sich nicht auf die Apologie der Augsp. Confession, (wovon er doch einen Ex- tract Von der Augsp. Confession. tract in den Reflexionen num. VII gab,) nicht auf die Schmalkaldischen Articul, geschweige auf die Formulam Concordiæ, sondern nur auf die Confession selbs, (mit welcher er gleich- wol nicht allein nebst andern evangelischen Leh- rern, sondern auch vor ihnen uͤbereinstimmen will,) und nicht auf die ganze Confession, son- dern auf die ein und zwanzig erste Articul, und zwar dergestalten, daß man wohl merket, (1) wie gern er den ersten Articul samt denen al- ten vorangefuͤgten Symbolis bey seit gethan haͤtte, weil sie seiner Lehre von der heiligen Dreyeinigkeit im Wege stehen: (2) wie es ihm bey den zwanzig folgenden Articuln nur um den Eingang bey Hohen und Niedern zu thun sey: und (3) warum die sieben lezte Articul wider die Misbraͤuche zuruͤckgelassen worden. Die Roͤmische Kirche (sagt Siegfried p. 99,) muß den Bruͤdern nothwendig unter allen Protestantischen Parteyen am geneigtesten seyn. § 163. Bey seinen Discoursen uͤber die 21 Articul hat er nicht die Confession selbs, sondern sei- ne poetische Summarien uͤber die Confession zum Text genommen: womit er denn einen Transport von der augspurgischen Confession auf seine philadelphische neugemodelte und neue Lehre, der grossen Ungleichheit ungeach- tet, zuwege bringt. § 164. Theil I. Cap. I. Satz 21. § 164. Im Vorbericht zu den Discoursen wird gegen die jenige, die etwas einwenden, der Verdacht zum Voraus erreget, als ob der gecreuzigte Heiland ihnen unbekant waͤre. Das muß einer, der Christo und seinem Creuz und seiner ganzen Wahrheit hold ist, sich nicht irren lassen. § 165. Im lezten Discours ward den 3 Martii 1748 gesagt: ” Die Confessores haben ihre ” Principia stantis \& cadentis Ecclesiæ selber ” nicht weiter (uͤber die 21 Articul) extendi rt ” wissen wollen: dabey bleiben auch wir, wa- ” gen Gut und Leib, GOtt helfe uns! daß ” wir das Zeugniß fuͤhr’n, und viele zu dem ” Sinn gewinn’n. ” Und auf dem Rande steht dabey: ” Das ist seit dem in allen Orten ” und Gegenden unserer Buͤrger- und Pil- ” gerschaft quaquaversus selig zu Stande ge- ” bracht; und das ganze Lehr-Amt in und ” ausser Europa hat sich consent. Ecclesiis, ” darauf zusammen verstanden. Die De- ” claration des Synodi daruͤber ist so rund, ” als vielleicht noch keine in einiger Kirchen- ” Zeit; und wird hoffentlich zu seiner Zeit, ” zur Erbauung des Publici dienen. s. 288. Solche Declaration wird im Vorbericht ein wichtiges Document genannt, und dieses ist, wie es daselbs lautet, als eine nervoͤse Ein- leitung Von der Augsp. Confession. leitung voranzusetzen beliebt worden, es befindet sich aber auch unter den Beylagen zu den Reflexionen. Der Titul ist dieser: ” Aufsatz, welcher von der dazu verord- ” neten Deputation, dem General-Synodo ” des Jahres 1748. prœsenti ret, und darauf, ” wie zuvor von allen Presbyterianischen ” Tropis der Bruͤder-Kirche, nunmehro ” auch von der Episcopal - Verfassung selbst, ” in Teutschland, Schlesien, Holl- und ” England, die ungeaͤnderte Augspurgische ” Confession pure \& simpliciter angenom- ” men worden. ” Ist die Augspurgische Con- fession von allen drey Tropis angenommen worden: was sollen weiter die Tropi? Wird ein jeder bey der Ruͤkkehr zu dieser oder jener Kirche der ungeaͤnderten Augspurgischen Con- fession zugethan bleiben doͤrffen? Wir wollen nicht genau forschen, wohin das Woͤrtlein darauf, welches nicht nur im Titul der Decla- ration, sondern auch im Marginali des Dis- courses stehet, zu referi ren sey: man sieht den- noch wohl, daß die Confession nicht an sich selbs, sondern wie sie durch den Aufsatz herumgelenket ist, und also vielmehr der Aufsatz pure \& simpli- citer angenommen worden ist. Der grosse Un- terscheid zwischen der Confession selbs und der neuen Declaration ist offenbar. Man darf nur beedes, zum Exempel, in den ersten Arti- culn confer iren. Wo der Aufsatz die muthig- sten Worte fuͤhret, da blickt allemal eine im tiefen Grund liegende Bangigkeit und Unrich- ( Abriß der Bruͤderg. ) M tigkeit Theil I. Cap. I. Satz 21. tigkeit hervor. Er fleugt entweder hoch uͤber- hin, und handelt die groͤsste Wichtigkeiten ringfuͤgig ab, oder fleusst wie ein gefrorener Bach, der halb Eis halb Wasser ist, gezwun- gen und geschreckt. Er ist concentri rt, und fasset sehr vieles in sich: und alle darin enthal- tene falsche Lehren muͤssen der ganzen neumaͤh- rischen Kirche, vermoͤge der pure \& simplici- ter geschehenen Annahme, zugeschrieben wer- den. Wer des Ordinarii Wendungen ken- net, dem muͤssen uͤber solchen Aufsatz vielerley Glossen beygehen. § 166. Wañ der Ordinarius so gar von einer rotun- den und verbalen Adhœsion der ungeaͤnderten Augsp. Confession redet, Reflex. s. 286, so lau- tet solches plausible : die Meinung aber ist nicht, daß er der Confession rund bis auf ihre Worte hinaus beypflichte, sondern daß er die von den Verfassern unter Goͤttlicher Regierung gesetzte Worte annehme, und denenselben einen Ver- stand unterlege, den er als richtig erkenne, wiewohl jene, nicht ohne Grillenfaͤngerey, es anders gemeint haben. Das nennet er bald den Spiritum, den Geist der Augsp. Con- fession; bald sieht er es an als ein Sceleton, das er mit Adern, Fleisch und Haut uͤberzieht; bald machet er eine Bruͤhe uͤber das, was er als ein Mark heraus genommen hat. So kan man aus allem alles machen. Im Creuz- Reich s. 224 hatte er viel anders von einer Ueberein- Von der Augsp. Confession. Uebereinstimmung mit dem Sinne der Confes- sorum, fuͤr seine Person, geredet: jezt aber war es um den Beytrit der ganzen Gemeine zu thun. Zuvor der Sinn ohne die Worte: hernach die Worte ohne den Sinn. Die Con- fession muß man je nicht nach seiner neuen Lehre auslegen, sondern die Confession gegen diese Lehre halten. So wenig die Verfasser der Con- fession, und alle, welche bey deren Verlesung auf beeden Seiten zugegen gewesen, des Or- dinarii Lieder und Reden annaͤhmen, so we- nig kommt dieser in seiner Lehre mit der Aug- spurgischen Confession uͤberein. Sonst haͤt- te es weder der Discourse, noch des Aufsatzes, noch der vielen ausgesonnenen Umschweiffe in diesem und jenen bedurft. Warum hat man die Deputirten nicht vielmehr, oder nicht zu- gleich, die Augspurgische Confession selbs un- terschreiben lassen? § 167. In Summa, wer die Augspurgische Con- fession und die Zinzendorfische Lehre zusammen reimen kan, der koͤnnte auch die Augspurgische Confession und das Concilium Tridentinum oder den Catechismum Racoviensem, Ja und Nein, Weiß und Schwarz, Wahrheit und Irrthum, zusammen reimen. Denke doch ein jeder, in solchen wichtigen Dingen, nicht was er will, sondern was er soll. GOtt wird darnach fragen. M 2 D er Theil I. Cap. I. Satz 22. D er 22 S atz. Es ist zu wuͤnschen, daß durch die kuͤnftige Revision der Schriften des Ordinarii alles gut gemacht werden moͤge. § 168. Z u einer Revision der Schriften des Ordi- narii wird Hoffnung gemacht in der Spangenbergischen Declaration, s. 42. wie auch in den Beylagen, s. 93 u. f. und im Vor- bericht, s. 6. Es ist unlauͤgbar, daß in den Schriften des Ordinarii manches sehr erbau- lich, und der Ausdruck oft vortrefflich sey: und wann man solches von aller Unlauterkeit befreyet haben koͤnnte, so wuͤrde es grossen Nutzen schaffen. Ob in manchen Urkunden und Documenten, wie auch in denen aus dem Ordinario hin und wieder so hauͤffig allegir- ten Stellen, eine Aenderung, auch nur der Worte, Statt finde, will ich nicht eroͤrtern. Wann aber eine neue von dem Ordinario selbs revidirte Edition seiner Schriften erscheinen wird, so wird man sorgfaͤltig zuzusehen ha- ben, ob alles in die gehoͤrige Lauterkeit, Voͤl- ligkeit und Maͤssigung gesetzet, und allem An- stoß gruͤndlich abgeholfen worden sey. Ei- gentlich ist die Verbesserung der Irrthuͤmer eine loͤbliche Retractation, und die Verbesse- rung der Redens-Arten eine Revision, die Ver- Von der Revision. Verbesserung aber des hohen Tons ein gan- zer Umguß. Mir solte es eine innige Freude seyn, wann ermeldte Schriften vermittelst ei- ner voͤlligen Verbesserung, wo moͤglich, allen Einwuͤrfen auswiechen, und in eine wahre Uebereinstimmung mit der Augspurgischen Confession gesetzt, auch alle Saͤtze dieses mei- nes Abrisses, welche noch gar nicht in die Luft streichen, zu lauter Luftstreichen gemacht wuͤr- den. Das Werk der Verbesserung wird den Meister loben muͤssen. Das II Capitel. Von der unrichtigen Uebersetzung des Neuen Testaments. D er 23 S atz. In dem Buͤdingischen Neuen Te- stament wird das Wort GOttes sehr verfaͤlschet, und zwar in der andern Edition des ersten Versuchs noch mehr, als in der ersten. § 169. D ieser Versuch folget zwar oft einem reinen griechischen Text, ist aber sonsten sehr M 3 unrich- Theil I. Cap. II. Satz 23. unrichtig, beedes in beeden Editionen. Ge- gen die erste Edition A. 1739. haben gezeuget Theophilus a Veritate (oder Joh. Friedrich Bertram,) schon A. 1740. und in den folgen- den vier Jahren Hr. D. Hallbauer, der un- genannte Verfasser der ersten Beylage zu Hn. A. G. Antwort auf die Zinzendorfische Erklaͤ- rung, Hr. D. Benner, u. s. w. Wir aber wollen nur dasjenige besehen, was aus der er- sten Edition in die zweyte fortgefuͤhret, oder in der zweyten nicht besser gemacht worden ist, wiewohl diese, laut der Titulblaͤtter zu ihren beeden Theilen, A. 1744 und 1746, von den vorigen Schreib-Druck- und andern Feh- lern gebessert seyn soll. Wegen der Anmer- kungen haben andere bereits manches erinnert, und ich thue solches auch hin und wieder in diesem ersten Theil: aber in diesem zweyten Hauptstuͤcke will ich bey dem Texte, und auch bey dessen Ordnung bleiben. § 170. Matth. 9, 8. Das Volk preisete GOtt, der den Menschen eine solche Macht gie- bet. Text, gegeben hat. Matth. 9, 10. Da kamen viel Zoͤllner und boͤse Leute. Wo im Griechischen das Wort Suͤnder steht, da hat diese Uebersetzung oft, boͤser Mann, der nichts taugt, der es grob gemacht, liederliches Mensch, boͤse, gott- lose, liederliche, ruchlose Leute, Misse- thaͤter, Von der Uebersetzung des N. T. thaͤter, Boͤswichter, boͤse Buben, boͤses Volk, liederliches Volk. Auf diese Weise wird das Wort Suͤnder fuͤr die selige Suͤn- derschaft gesparet. Marc. 7, 2. 15. Gemein; gemein machen. Dafuͤr hat diese Uebersetzung hin und wieder, verboten, unehrlich, unrein, wie Koth; beflecken, vor verboten ausgeben. Das Wort, gemein, wie es in der Schrift so viel als unheilig, unrein, bedeutet, ist auch im Deutschen zur Genuͤge bekannt. Marc. 11, 25. Auf daß auch euer Vater, der in den Himmeln ist, euch eure Verge- hungen hingehen lasse. Ohne eine voͤllige Erlassung, die wir einander erzeigen sollen? Marc. 16, 14. Unempfindlichkeit. Hie- mit wird des Herzens verschonet, dem der Grundtext eine Haͤrtigkeit zuschreibet; und hingegen dem Gefuͤhl angeholfen. Marc. 16, 19. Und setzte sich zur Rechten der Gottheit. Der Grundtext redet deut- licher von dem GOtt unsers HErrn JESU Christi. Luc. 19, 9. Heute hat dieses Haus Gnade gekriegt. So auch Apg. 2, 47. 1 Petr. 2, 10. Dergleichen neumaͤhrische Ausdruͤcke wollen wir nur melden. Luc. 22, 28. Ihr seyds aber, die ihr bey mir ausgehalten habt in meinen kuͤmmer- lichen Umstaͤnden. Das Wort Anfech- M 4 tungen Theil I. Cap. II. Satz 23. tungen wird hier, und zum Exempel auch Gal. 4, 14. 1 Petr. 1, 6. gemieden. Joh. 11, 52. Daß er aus den Kindern GOttes, die so weit auseinander sind, nur eine Gemeine mache. Joh. 12, 32. Ja aus dem Grabe (Griech. von der Erden:) will ich alle an mich zie- hen. So klingt es leichenhaftig. Joh. 14, 49. 50. Wo im Griechischen stehet, Gebot, gebieten, Befehl, befehlen, (ἐντολὴ, παραγγελία ϰτλ.) da hat diese Uebersetzung, Abrede, Anordnung, Anwei- sung, Lection, Lehre, Privilegium, Regel, Verlaß, Verordnung; anbefehlen, auftra- gen, hinterlassen, verlassen, mit Instru- ction versehen; bedeuten, einschaͤrfen, erinnern, erklaͤren, sagen, vorschreiben. Das ruͤhret von der Scheue vor dem Ge- setz her, wiewohl die Autoritaͤt dessen, der gebeut, und die Willigkeit dessen, dem geboten wird, gar wohl beysammen stehen. Ja auch die Ermahnungen werden in dieser Uebersetzung bisweilen verdecket: Ihr koͤnnt darauf rechnen, an statt, Haltet euch da- fuͤr u. s. w. Roͤm. 6, 11. 12. 19. Cap. 12, 9. Cap. 13, 1. 14. Ich rathe (fuͤr, ermahne, ) 1 Tim. 2, 1. Joh. 14, 28. Mein Vater ist gar ein an- drer Mann als ich da bin. Joh. 16, 33. Daß ihr euch uͤber mich zufrieden geben koͤnnt. Der Grundtext ist viel nachdruͤcklicher. Joh. Von der Uebersetzung des N. T. Joh. 17, 26. Und ich habe ihnen deinen Namen wissend gemacht, und will ihnen so langs dran lernen, bis die Liebe damit du mich liebest, in sie hinein ist, und ich dazu. Apg. 2, 46. Sie hielten die Liebesmahle von Haus zu Haus. Apg. 8, 4. Sie verkuͤndigten die bekann- te Materie. Die Randglosse deutet es auf das Leiden. Apg. 13, 48. So viel ihrer zum ewigen Leben zubereitet waren. Randglosse, praͤparixet. Apg. 15, 22. Welches wichtige Leute unter den Bruͤdern waren. Apg. 15, 28. Denn es ist dem Heil. Geist und uns so gewesen. An statt, es gefaͤllt. Apg. 16, 14. Daß ihr (der Lydia) die Din- ge, die Paulus redte, sitzen blieben. Apg. 19, 2. 6. Heiliges Wehen. Apg. 28, 23. die er in der Sache des Heilandes unterrichtete. § 171. Roͤm. 2, 13. damit kommt man nicht aus. Die Rede in den apostolischen Briefen hat eine unvergleichliche Connexion, und die- se Connexion warzunehmen, hilft sehr viel, (1) wann man die Woͤrtlein, und, weil, M 5 dann, Theil I. Cap. II. Satz 23. dann, darum u. s. w. daran sehr viel gelegen ist, beobachtet, welches aber in dieser Uebersez- zung oft unterbleibt, zum Exempel, Roͤm. 8, 37. 38. 2 Cor. 5, 20. 6, 1. (2) Wann man die Grundwoͤrter einer zusammenhangenden Abhandlung, die im Grundtext oft wiederho- let werden, in der Uebersetzung behaͤlt, und die Connexion nicht durch unnoͤthige Variatio- nen verdecket, wie diese Uebersetzung thut, wann zum Exempel fuͤr das Wort gerechtmachen, daß wir nur bey diesem Briefe bleiben, ge- nommen wird, lossprechen, pardoniren, absolviren, Cap. 3, 20. 24. c. 4, 5. und fuͤr gerechtwerden, auskommen, Lob haben, bestehen, da man einem keine Suͤnde vor- werfen kan. Cap. 2, 13. c. 3, 4. c. 6, 7. Roͤm. 4, 25. Er ist wieder auferstanden, weil wir loßgesprochen sind. Paulus leitet aus der Auferweckung unsers HErrn JEsu die Rechtfertigung her: aber wo die Apostel die Erhoͤhung Christi und unsere Seligkeit zu- sammen verknuͤpfen, da scheidet diese eigen- maͤchtige Uebersetzung gern beedes voneinan- der: so bleibt das Heil an den Leidenspuncten allein gebunden. Man sehe hernach bey 1 Petr. 1, 21. und alsogleich bey Roͤm. 5, 10. Roͤm. 5, 10. Wie vielmehr werden wir durchkommen, (selig werden,) nun wir ausgesoͤhnet sind, und er nun im Leben ist. Roͤm. 5, 13. Nur daß die Suͤnde vor nichts gerechnet wurde, so lange kein Gesetz war. Der Grundtext redet in præsenti. Roͤm. Von der Uebersetzung des N.T. Roͤm. 7, 1. Das Gesetz regiert uͤber den Menschen, so lange es lebt. Luth. so lan- ge er lebet. Roͤm. 7, 6. Weil es (das Gesetz) gestor- ben ist. Paulus, weil wir gestorben sind. Die aͤchte griechische Les- Art ist gerettet in der Antwort wegen des griechischen N. T. p. 55. ed. 3. Leusden , Reitz ꝛc. auf welche sich die Randglosse berufft, sind nur durch Bezam verleitet worden. Roͤm. 10, 10. Denn der Glaube im Her- zen hilft zur Gerechtigkeit, und wenn man mit dem Munde bekennet, so wird einem wohl. 1 Cor. 1, 18. Wir errettete Seelen fuͤhlen sie (die Creutz-Lehre) als Krafft GOttes. 1 Cor. 1, 27. 28. Was die Welt vor naͤr- risch haͤlt, das hat GOtt zur Gemeine gebracht, die weisen zu beschaͤmen; was der Welt gering deucht, das hat GOtt zur Gemeine gebracht, zur Beschaͤmung der wackern Leute. Was bey der Welt ge- mein Volk heisst, und was verachtet wird, das hat GOtt zur Gemeine gebracht u. s. w. 1 Cor. 1, 31. Ein jeder, der noch Ehre zu reden haͤtte. Eben so, 2 Cor. 10, 17. 1 Cor. 2, 2. Ich wolte mit gutem Be- dacht von nichts bey euch wissen, als von JEsu Christo, und zwar in seiner Creutz- Gestalt. Sinnlicher Ausdruck. 1 Cor. Theil I. Cap. II. Satz 23. 1 Cor. 2, 6. Unsere Sache wird bey den ganzen Leuten vor Weisheit gehalten. So auch, zu was ganzem kommen, 2 Cor. 13, 9. 11. zum ganzen Mann werden, Eph. 4, 13. 1 Cor. 7, 3. Daß der Mann der Frau den gehoͤrigen Seegen mittheile. Pro, debi- tum reddat . 1 Cor. 10, 16. Der Seegens-Becher, uͤber dem wir beten, ist ja mit Christi Blute vermischt. 1 Cor. 12, 3. Und daß niemand JEsum Jehova nennen kan, ohne durch den heili- gen Geist. Das Wort, HErr, ist in die- sem Spruch ein appellativum: die Ueberse- tzung aber setzet das nomen proprium Jeho- va dafuͤr: und so auch Phil. 2, 11. Hebr. 2, 3. 1 Cor. 14, 14. 15. Mein Herz: mein Sin. Paulus, mein Geist, mein Sinn. 1 Cor. 15, 28. Die gesammte Gottheit wird wieder zusammen regieren. Bey die- sen also ausgedruͤckten Worten wird eine sehr unrichtige Erklaͤrung des vorhergehenden Regiments vorausgesetzet. Man sehe die Randglosse Off. 21, 3. und Discours uͤber die A. C. p. 45 u. f. 2 Cor. 2, 6. Er kan an der Zucht jetzo genung haben. 1 Tim. 1, 20. dem Satan zur Zucht uͤbergeben. 2 Cor. Von der Uebersetzung des N. T. 2 Cor. 2, 14. Ich muß aber GOtt wohl recht danken, daß er uns uͤberall als Chri- sti triumphs-zeichen herumfuͤhrt, und an allen Orten braucht, einen guten Geruch seiner Wahrheit (Paulus, Erkenntniß ) zuruͤckzulassen. 2 Cor. 5, 4. 5. Wir moͤchten lieber nur so was uͤberworfen kriegen, daß das sterbli- che von dem Leben so auf einmal verschlun- gen wuͤrde. Nun das kommt auf GOtt an, ob er es so mit uns machen will. v. 7. Wir gehen so im Glauben hin u. s. w. Das Woͤrtlein so ist gering, und doch dem Character dieser Gemeine sehr gemaͤß; welches hiemit aus keiner Widrigkeit bemerket wird. 2 Cor. 6, 10. Als Bettler. Sie assen ihr ei- gen Brot. 2 Cor. 8, 8. Ob eure Liebe das rechte Puͤnctel trifft. 2 Cor. 8, 16. Gewiß ich danke GOtt, der dem Titus ein solch Treiben in euren Sa- chen ins Herz geben hat. Dabey wird das Treiben Jehu 2 Koͤn. 9, 20. allegirt. 2 Cor. 9, 14. Sie werden mit einer zaͤrt- lichen Empfindung fuͤr euch beten. 2 Cor. 10, 15. 16. Nach unserm Plan ‒‒ nicht in ein fremd Loos. Luth. beedesmal, Regel. 2 Cor. 11, 13. Neben-apostel. Paulus sagt, falsche Apostel. Ist das zu scharf? 2 Cor. Theil I. Cap. II. Satz 23. 2 Cor. 11, 29. Wer ist elend (schwach) daß ichs nicht mit empfinde? 2 Cor. 12, 18. Nach einerley Plan. Und 2 Tim. 3, 10. Mein Plan (Vorsatz) ist dir bekannt. Gal. 4, 16. Weil ich ehrlich mit euch umgehe. Die Wahrheit, womit Paulus den Galatern begegnete, fasste die Redlich- keit, aber auch die Richtigkeit, oder Frey- heit vom Irrthum, in sich. Eine gute Mei- nung macht es nicht aus. Sonst waͤre die Wahrheit bisweilen, wo zween einander wi- dersprechen, auf beeden Seiten zugleich, ob der eine auch ein bezauberter Galater waͤre. Man sehe hernach bey 2 Tim. 3, 13. Eph. 4, 14. Daß wir nicht mehr so thoͤ- richt seyn. Paulus sagt, Kinder, unmuͤn- dige. Fuͤr dieses Wort, wie es eine veraͤcht- liche, dem Uebersetzer misfaͤllige Bedeutung hat, nimmt dieser ein anders: und Hebr. 5, 13. steht dafuͤr, ein tummer Mensch. Phil. 1, 9. Daß ihr in die Liebe, darin- nen ihr stehet, immer mehr Einsicht kriegt, und ein ganzes Gefuͤhl. Die Philipper sollen reichlich bekommen nicht nur eine Einsicht in die Liebe, sondern in der Liebe die Erkennt- niß uͤberhaupt, und dabey nicht nur das Ge- fuͤhl, sondern auch die Lebhaftigkeit aller Sin- nen des innwendigen Menschen, unter welchen die Erkenntniß, als das Gesicht, der vornehm- ste ist, und deswegen von Paulo besonders voran gemeldet wird. Phil. Von der Uebersetzung des N. T. Phil. 2, 12. Nun denn meine allerlieb- sten, so seyd fein fleissig daran, einander selig zu machen, ihr seyd mir immer ge- horsam gewesen, ihr werdets nicht nur seyn wenn ich da bin, sondern noch viel- mehr wenn ich nicht da bin, und zwar mit gedoppelter Sorgfalt. Ein jeder soll auch seine eigene Seligkeit schaffen, und zwar mit Furcht und Zittern, welches mehr heisset, als eine gedoppelte Sorgfalt. Diß ist auch unten bey 1 Petr. 1, 17 zu merken. Phil. 4, 15. Ich habe mit keiner Kirche aus einer gemeinschaftlichen Casse gele- bet, als mit der euren. Col. 1, 5. Daß ihr in dem Himmel etwas gewisses zu hoffen, und schon einen Vor- schmack davon bekommen habt. Der Apostel sagt nicht, sie haben vorher geschmek- ket, sondern vorher gehoͤret. Col. 2, 2. In das Geheimniß von GOtt und dem Vater, sonderlich von Christo. Fuͤr und hat die Uebersetzung sonderlich. Col. 4, 5. Die nicht zu euch gerechnet werden. Paulus, die draussen sind. So auch 1 Cor. 5, 12. wo diese Uebersetzung hat, die nicht zu uns gehoͤren. 1 Thess. 4, 12. die nicht zur Gemeine gehoͤren. 1 Thess. 5, 14. Seyd denen unordentli- chen Leuten ernstlich. Paulus, erinnert. 2 Thess. Theil I. Cap. II. Satz 23. 2 Thess. 3, 1. Daß das Wort des HErrn moͤge Seegen haben. Fuͤr, gepreiset wer- de. 2 Thess. 3, 5. Der HErr aber wolle eure Herzen einleiten in die Materie von der Liebe GOttes und von dem Leyden Chri- sti. Luth. zu der Liebe GOttes und zu der Geduld Christi. 1 Tim. 2, 5. 6. 7. Daß Ein GOtt ist und ein Mittler GOttes und der Menschen, Christus JEsus, der Mensch, der sich selbst fuͤr alle zur ranzion geliefert hat, das ist der text gewisser besondern Zeiten. Etliches von diesem Zeugniß gehoͤrte fuͤr alle Zeiten. 1 Tim. 2, 10. Durch schoͤne Arbeiten. An statt der guten Werke suchet diese Uebersetzung oft andere Ausdruͤcke, dergleichen sind, nur in den zween Briefen an Timotheum, wichtige Sachen, gute Sachen, Wolthaten, gute Dinge, gute Geschaͤfften, gute Auffuͤhrung u. s. w. 1 Tim. 3, 6. Er muß nicht erst in die Gemeine gekommen seyn. 1 Tim. 5, 2. Rede den aͤltestinnen zu als muͤttern. 2 Tim. 3, 13. Die boͤsen verfuͤhrischen menschen aber werden immer aͤrger, so wohl die jenigen die andere verfuͤhren, als die sich verfuͤhren lassen. Das aͤrger werden besteht darin, daß dergleichen Men- schen Von der Uebersetzung des N. T. schen beedes, als Betruͤger, andere verfuͤh- ren, und, als boͤse oder unselige, sich zugleich verfuͤhren lassen. Die Rede ist nicht von zweyerley Menschen, sondern von zweyerley Jammer bey einerley Menschen, nemlich von Betrug und Irrthum. vergl. 1 Thess. 2, 3. 1 Tim. 4, 1. 2. Apg. 8, 20. u. f. 2 Tim. 4, 6. Ich werde nun hingeopfert, und ( es ist mir oft so gewesen, ) die Zeit meiner Aufloͤsung u. s. w. 2 Tim. 4, 15. Er hat sich sehr mit Reden gegen unsere Leute gesetzet. Tit. 1, 15. Ropf und Herz. Grundtext, Sinn und Gewissen. Tit. 3, 5. 6. Er half uns, durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung, wel- ches der heilige Geist durch JEsum Chri- stum unsern Heiland, uͤber uns ausgeschuͤt- tet hat. GOtt unser Seligmacher hat den heiligen Geist reichlich uͤber uns ausgegossen durch JEsum Christum unsern Heiland. Tit. 3, 10. 11. Einem sectirischen Men- schen gehe (nach der ersten und andern Er- innerung) aus dem Wege. Denn du must wissen, daß so ein Mensch schon aus dem Geschirr ist, und drauflos sundigt, wenn er sich schon fuͤhlet, daß er unrecht hat. Solte der Hr. Uebersetzer bey dieser Stelle nicht an sich selbs gedacht haben? Philem. v. 7. Die Heiligen empfinden ( Abriß der Bruͤderg. ) N ein Theil I. Cap. II. Satz 23. ein sanftes Vergnuͤgen uͤber dir in ihrem inwendigen. 1 Petr. 1, 17. Ihr rechnet euch zu der Familie des unpartheyischen Richters al- ler menschlichen Handlungen, darum muͤs- set ihr die Zeit eurer Pilgerschaft uͤber mit grosser Sorgfalt wandeln. Die Rede ist hie nicht von Christo, sondern von dem himmli- schen Vater. 1 Petr. 1, 21. Er (Christus) hat euch ja den Glauben an den GOtt verliehen, der ihn von den Todten auferwecket, und ihm die Ehre gibt von eurem Glauben und Hoff- nung auf GOtt. 1 Petr. 1, 22. Ihr werdet euch einander erstaunlich lieb haben koͤnnen, und doch ein rein Herz behalten. Das doch gehoͤret nicht hieher: denn die Liebe wird durch die Reinigkeit des Herzens verstaͤrket. 2 Petr. 1, 1. Die durch die Rechtferti- gung unsers GOttes und Heilandes JEsu Christi gleichen Glauben mit uns bekom̃en haben. Die Rechtfertigung ist nicht der Grund des Glaubens. 2 Petr. 1, 19. Wir haben noch mehr vor uns, als die Lehre der alten Propheten. Diß wird auf dem Rande dahin gedeutet, als ob das Wort, das wir haben, vester sey, denn das prophetische. Es gibt ein Manu- script, da, in den Worten τον πϱοϕητικον λογον, ων pro ον, dreymal stehet: aber es wird Von der Uebersetzung des N. T. wird durch alle andere Urkunden widerlegt. Petrus bezeuget, das prophetische Wort selbs werde durch das Zeugniß der Apostel noch mehr bestaͤtiget. 2 Petr. 1, 21. Die heiligen Gottes-Maͤn- ner musten reden, wenn sie der heilige Geist hinriß. Aus diesem Trieb ruͤhret alle Weissa- gung der Schrift her. Das wenn lautet zweifelhaft. 1 Joh. 2, 27. Ihr aber habt auch so schon das Salb-Oel, das ihr von ihm bekommen habt, bey euch bleibend, und haͤttet nicht noͤthig, daß euch jemand lehre, sondern wies euch das Salboͤl in allerley Sachen so werden laͤsst, so ists wahr und zuver- laͤssig, und wie es euchs so macht, so bleibet dabey. In den Notis uͤber diesen Brief heisset es: Wenn unsre Teutsche Sprache noch etliche Jahre weiter haben wird in Herausgebung der Herzens-Concepte: so wird es gewiß diesem Brief am ersten mit zu statten kommen. Bey der Uebersetzung die- ser Stelle ist die Herausgebung der Herzens- Concepte nicht wol gerathen. 1 Joh. 3, 16. Daß er sein Leben fuͤr uns dran gewagt hat. Christus hatte viel Schmach und Schmerzen, aber keine Gefahr vor sich, da etwas zu wagen gewesen waͤre. Hebr. 1, 5. Denn zu welchem Engel hat GOtt jemals gesagt: Mein Sohn bist Du. Im Grundtext heisset es: zu welchem N 2 Engel Theil I. Cap. II. Satz 23. Engel hat er jemals gesagt? Dieses Er re- ferirt und bezieht sich auf den 1 Vers, und gibt also einen unwidersprechlichen Beweis, daß, wie im 5, so auch im 1 Vers, das Wort GOtt auf den himmlischen Vater deute, wel- cher gesagt hat, Mein Sohn bist Du. Die- se starke Connexion wird durch das im 5 Vers hineingesetzte Wort, GOtt, merklich geschwaͤ- chet, und die neumaͤhrische Theologie moͤchte gern den 1 Vers, als eine Summe aller Zeug- nisse des alten Testaments, dem Sohne zu- eignen. Hebr. 3, 19. Wir sehen, daß sie nur um des Unglaubens willen nicht haben hin- einkommen koͤnnen. Der Unglaube war die eigentliche, aber nicht die einige Ursache. 1 Cor. 10, 8. 9. 10. Hebr. 5, 7. In den Tagen seiner Mensch- heit auf Erden. Der Text nennt es Ta- ge seines Fleisches, und weiset nur auf das, was JEsus nach der Pascha-Mahlzeit, Luc. 22, 15. vom Kampf am Oelberg bis zum To- de am Creuz gelidten hat, nicht aber auf den ganzen Wandel auf Erden. Es ist gefaͤhr- lich, das Ausleeren sein selbs, Phil. 2, 7. zu weit ausdehnen. Hebr. 6, 2. Wir wollen nicht erst wieder Grund legen mit Bußpredigten uͤber die Laster, oder wider die Atheisterey, oder von verschiedenen Reinigungen, oder von der Aufnahme in die Gemeine, oder euch die Von der Uebersetzung des N. T. die Auferstehung der todten und das fuͤngste Gericht vorhalten. Es gibt viele todte Werke, die keine grobe Laster sind: und zum Glauben an GOtt gehoͤrt mehr, als nur die- ses, daß einer kein Atheist sey. u. s. w. Hebr. 11, 27. Er hielt sich an das un- sichtbare. Text, an den Unsichtbaren. Hebr. 12, 1. Von der Suͤnde, die uns so leichte den Weg vertritt. Der Unglaube ist die Suͤnde, die uns so leicht zusetzet. Hebr. 12, 4. Gegen das Suͤnden-Wesen: (ausser uns.) Text, gegen die Suͤnde, (in uns.) Man sehe im Anhang, * 14. Hebr. 13, 20. Der den Oberhirten der Schaafe unsern HErrn JEsum aus dem Grabe wieder gebracht hat mit dem Blut- Zeichen des ewigen Bundes. Text, aus den Todten ‒ ‒ durch das Blut: aber die Uebersetzung machet es gern fuͤr die natuͤrliche Sinnen beweglicher. Hebr. 13, 24. Gruͤsset alle Arbeiter. § 172. Der Brief Jacobi, der Brief Judaͤ, wie auch der andere und dritte Brief Johannis, sind in dieser zweyten Edition aussen gelassen, nicht gerade, heisset es, aus der Ursach, daß ich sie nicht in meiner Bibel haben wolte, wie der seel. Herr Lutherus, der sonst hierunter voͤllige Gewissens-Freyheit gegeben hat, sondern weil ich mit nicht N 3 die Theil I. Cap. II. Satz 23. die Muͤhe habe geben moͤgen, die disfalls gantz wohl gerathene Ubersetzungen naͤher zu revidiren. Wann das letztere die Haupt- Ursache waͤre, so haͤtte man diese vier Briefe entweder auch in der ersten Edition dieser Probe ausgelassen, darin sich doch viel Revi- sion bey diesen Briefen findet; oder sie nur so mitgenommen, wie sie Lutherus uͤbersetzet hat, welcher von der andern und dritten Epistel Jo- hannis sagt, sie haben auch einen rechten apostolischen Geist, und an den Briefen Ja- cobi und Judaͤ nicht alles das geandet hat, was dem Hn. Verfasser dieser Probe in bee- den, wenigstens in der erstern nicht anstehet, als Cap. 2, 3. 19. c. 3, 1. Dieses habe ich mel- den sollen, damit es niemand befremde, daß ich bey diesen vier Briefen wegen der Text- Uebersetzung nichts erinnere. § 173. Off. 3, 10. Weil du uͤber dem Punct von meinem Leiden gehalten hast, so will ich auch uͤber dir halten, wenn die Pruͤ- fungs -Stunde uͤber das ganze Reich kommen, und alle Einwohner des Landes in die Enge treiben wird. Dem Engel der Gemeine zu Philadelphia laͤsst der HErr schreiben: Weil du gehalten hast das Wort meiner Gedult u. s. w. das ist, mein Wort, welches ein Wort der Gedult ist. Die Rede ist hie nicht von derjenigen Gedult, welche der Von der Uebersetzung des N. T. der HErr JEsus in seinem Leiden bewiesen hatte, sondern von der Gedult, welche der Gemein-Engel, Christo zu folge, zu liebe und zu ehren, geleistet. Man vergleiche Luc. 22, 28. 1 Thess. 1, 3. 2 Thess. 3, 5. und selbs Off. 1, 9: da die Uebersetzungs-Probe den Sinn eigentlich ausdruͤcket, Ich Johannes euer Bruder, der an dem Leyden, an dem Koͤ- nigreich JEsu, und an allem, was bey Ihm auszustehen ist, gleichen Antheil mit euch hat. Der Leidens-Punct ist es nicht allein, woruͤber wir zu halten haben. Wie wir uͤberhaupt mit dem Wort GOttes um- gehen, so gehet GOtt wieder mit uns um. 1 Sam. 15, 23. Off. 22, 18. 19. Das ge- samte Wort Christi, (wie es v. 8 heisst, Du hast mein Wort gehalten, ) woruͤber seine Zeugen alles Leiden gedultig ertragen, erstreckt sich viel weiter, als der besondere Punct vom Leiden Christi unter Pontio Pilato, welchen Punct einer im Munde fuͤhren und doch un- gedultig seyn kan. Auf diese selbsbeliebige Deutung bauet der heutige praͤtendirte phila- delphische Gemein-Engel uͤber die massen viel, und er haͤlt ungemein steiff daruͤber. Das wird der HErr nicht gut heissen. Off. 7, 11. Viel Engel. Johannes, Alle Engel. Off. 9, 11. Auf teutsch ein Verderber. Die- ser Zusatz gehoͤret nicht in den Text: er koͤnnte auf dem Rande stehen. N 4 Off. Theil I. Cap. II. Satz 23. Off. 9, 15. Auf Stunden und Tage und Monate und Jahre. Im Text heisset es, auf die Stunde und Tag und Monat und Jahr. Der Articulus machet eine bestimmte Rede und hebt den Pluralem auf. Die Sache selbs ist von einer wichtigen Folge. Off. 10, 7. Das Geheimniß GOttes, das er seinen Knechten den Propheten vertrau- et hat. Das Wort, vertrauet, fuͤr evan- gelisiret, muß man nicht dahin verstehen, als ob allem die Propheten solches Geheimniß haͤtten wissen doͤrfen. Das Geheimniß muß vollendet, und die Vollendung, ja auch die Zeit derselben, kund werden. Johannes durfte nichts versigeln, als was die sieben Donner geredet hatten. Off. 14, 20. Die Kelter lieff uͤber zur Stadt hinaus. Text, die Kelter ward getreten ausser der Stadt. Off. 18, 4. Geht von ihr weg. Text, Geht von ihr aus. Ausgehen und weg- gehen ist nicht einerley. Off. 18, 8. Denn der GOtt, der sie rich- tet, ist ein maͤchtiger HERR. Der Name, HERR, gehoͤret zum Subjecto in dieser Proposition. Off. 19, 10. Das Zeugniß von JEsu aber ist das Hertz aller Weissagung. Das Hertz bedeutete hier den vornehmsten Inhalt: aber das Wort Geist, im Text, bedeutet etwas anders. Erkl. Off. p. 1038. Off. Von der Uebersetzung des N. T. Off. 20, 2. die erst verfuͤhrt und darnach auch verklagt. Hiemit werden die zween Na- men der Schlange, Teufel und Satanas, nicht ausgedruͤcket. Off. 20, 4. Die um des Zeugnisses von JEsu und dem GOttes Wort u. s. w. Text, Die von wegen des Zeugnisses JEsu und von wegen des Wortes GOttes mit dem Beil hingerichtet worden. Off. 21, 17. Nach dem ordentlichen Menschen-Maß, das der Engel hatte. Text, Maß eines Menschen, das eines En- gels ist. Das englische ist bey den Menschen ausserordentlich. Off. 22, 5. Und ihr Regiment waͤhret durch Aeonen durch. Nicht nur das, sondern sie werden regieren in die Ewig- keiten der Ewigkeiten, ohne Ende. Off. 22, 16. Ich bin zugleich Davids Va- ter und Sohn. Cap. 5, 5: Davids Stamm- Vater. An beeden Stellen bedeutet das Wort, Wurzel, etwas anders, als einen Vater. Reden uͤber die Offenb. p. 1274. Chri- stus hat einen Vater- Namen: man muß ihn aber suchen an den Orten, die hievon han- deln. Off. 22, 18. Wenn einer was darzu setzt, der mag sich vorsehen, daß ihm GOtt nicht zu fuͤhlen gebe die Plagen, die in diesem Buche beschrieben sind. Im Text N 5 ist Theil I. Cap. II. Satz 23. ist nicht nur eine Warnung, sich vorzusehen, sondern eine Bezeugung. § 174. Es waͤre noch sehr vieles zu bemerken: doch ist das angefuͤhrte uͤbrig genugsam, zu zeigen, wie diese Uebersetzungs-Probe des N. T. bewandt, und wie grosse Vorsichtigkeit vonnoͤthen sey, damit niemand zu dieser schluͤ- pferigen neugierigen Zeit unter dem Namen des N. T. selbs verfuͤhret werde. Wer Griechisch versteht, der wird bey allen Stellen finden, daß ich die Wahrheit sage: andere moͤ- gen die uralte Vulgatam, oder irgend eine teutsche, englische, franzoͤsische Uebersetzung u. s. w. aufschlagen. Bald wird von diesem Uebersetzer etwas gefaͤlliges hineingetragen, bald etwas, das im Wege stehet, weggeraͤu- met. Siehet man auf die angezogene Stellen zuruͤcke, so erhellet folgendes daraus. Des Ausdrucks halben ist das N. T. dergestalten in die neumaͤhrische Gemein-Sprache gegossen, daß einem Mitgliede dieser Gemeine unter dem Lesen nicht anders zu muth ist, als ob solche Sprache schon von den Aposteln gefuͤhret worden waͤre: wodurch denn der Sinn immer auf die bey der Gemeine uͤbliche Haͤndel und Manieren gezogen wird, als ob alles neumaͤh- rische sich mit der Schrift reimete. Was die Lehre betrifft, so ist der Text so uͤbersetzet, daß die Nervi, womit in andern Uebersetzungen und im Grundtext selbs die neumaͤhrischen Irrthuͤmer Von der Uebersetzung des N. T. Irrthuͤmer widerlegt werden, nach Moͤglich- keit abgeschnitten sind, und hingegen diesen Irrthuͤmern selbs mancher Vortheil verschaf- fet wird. Wie ein Herz die Schrift fuͤr GOt- tes Zeugniß erkennen, und dieselbe dabey nach menschlichem Willen also biegen, oder sie so gebogen ohne Misfallen ansehen koͤnne, laͤsst sich nicht begreiffen. Auf die wissentliche Un- treue bey einem einigen Woͤrtlein, das der le- bendige GOtt in seinem Namen aufzeichnen lassen, ist eine schwere Straffe zu erwarten: was stehet denn darauf, da die gesamte schrift- liche Urkund des N. T. also mishandelt wird? Wann von zween gleichgesinnten Menschen der eine das N. T. in der Grundsprache, und der andere die zweyte Uebersetzungs-Probe lesen solte, so wuͤrden sie dadurch weit von- einander abkommen. In Summa, durch diesen Versuch ist kein pur-apostolisches, son- dern ein neumaͤhrisches Neues Testament ge- stellet worden: und diß ist der Hauptbeweis gegen diesen Uebersetzer, wie ringschaͤzig und gleichguͤltig die heilige Schrift, nur den Geist derselben, wie er es nennet, ausgenommen, vor seinen Augen seyn muͤsse. Das Theil I. Cap. III. Satz 24. Das III Capitel. Von dem Misbrauch des prophe- tischen Worts bey der so genannten Bruͤdergemeine, als welche Phila- delphia seyn soll, und von dem rechten Gebrauch gegen dieselbe. D er 24 S atz. Bey der Pruͤfung der neumaͤhri- schen Kirchensache muß man auch auf die Weissagungen sehen. § 175. I n der zuverlaͤssigen Nachricht wegen der von Ernesto Pio entworfenen, von einigen Christlichen Politicis und Theologis bis 1727 in die Hand genommenen, seit 21 Jahren aber von Graf Ludwig von Zin- zendorf fortgefuͤhrten Societate evangelica pro instillandis veritatibus Aug. Conf. fun- damentalibus , wie solche so wol der Chur- Saͤchs. Commission 1748. als seit dem zum hochbetrauten Geheimen Consilio in Dres- den eingereicht worden, heisset es fol. 8: Meine Arbeit unter Juden und Heiden ge- het nicht aus einigem prophetischen Ge- sicht in die gegenwaͤrtige oder naͤchstbevor- stehende Von Philadelphia u. s. w. stehende Kirchen-Zeiten. So klingt es ad hominem: im Ernst aber gibt er seine Seelen- Sammlung fuͤr einen von GOtt ersehenen und wegen seiner Wichtigkeit in der Schrift zu- vor verkuͤndigten seligen Kirchen-Periodum und Zeitlauff aus, welcher von keinem andern abgeloͤset werden, sondern bis an die Zukunft Christi hinreichen soll. Diß ist seine Vestung, ja seine Citadelle: diß hat er bisher auf das eiferigste vertheidiget, ohne einiges Nachgeben. Was er hingegen sonst im Thun und im Leh- ren von sich sehen und hoͤren laͤsset, das sind bey ihm lauter Aussenwerker, ob es an sich schon noch so wichtig waͤre: und da kan er immer veraͤndern, ausbessern, weichen, Abschnitte machen u. s. w. in Hoffnung, die Fehler wer- den von dem Guten bey der Hauptsache ver- schlungen werden. § 176. Es wird mir erlaubt seyn, von dem bis- herigen Verlauff dieser grossen Streitigkeit frey zu reden. Die viele Schriften wider die Herrnhuter haben das, was die Lehre und den Wandel betrifft, ziemlich erschoͤpfet, und oh- ne Zweifel schon manchem zur Verwahrung gedienet; wie unter anderm daraus abzuneh- men ist, weil deren zerschiedene einmal uͤber das andere aufgeleget werden: aber diese Leute selbs meinen doch, alles was man ihnen gleich- sam in der Belagerung abgewonnen, habe nur jene weitlauͤffigen Aussenwerker betroffen, wel- che Theil I. Cap. III. Satz 24. che leicht zu repariren oder hinzuschaͤtzen waͤ- ren, und ihre Gegner haͤtten die Veste selbs wegen ihrer Kleinigkeit als ein Nebenwerk oh- ne Angriff liegen lassen. Man muß sehen, wo derjenige, der delog irt werden soll, am staͤrkesten sitze: sonsten bemuͤhet man sich lang vergebens. Es ist diß billig fuͤr einen nicht ge- ringen Fehler zu halten, daß etliche in dieser Sache den Gebrauch und Misbrauch des pro- phetischen Wortes nicht nur uͤbersehen, son- dern auch, wann deswegen Erinnerung ge- schicht, wenig Gehoͤr geben, welches aus einem Mistrauen gegen die Erklaͤrung der Weis- sagungen, oder aus einer Furcht vor denen, die dergleichen Mistrauen hegen, herruͤhret. Hie und da trifft man bisweilen etwas von diesem Schlag an: es ist aber noͤthig, eine ausdruͤckliche Vorstellung hieruͤber abzufassen, damit es einen tiefen Eindruck und ein rechtes Nachsinnen gebe. § 177. Einer solchen Vorstellung habe ich mich meines geringen Ortes nicht entschuͤtten koͤnnen, und in der zweyten Ausgabe der Erklaͤrten Offenbarung A. 1746. ward der Misbrauch des herrlichen Textes von Philadelphia fuͤr die so genannte Bruͤdergemeine, samt dem bey die- ser Gemeine sich bestaͤndig-auͤssernden Wi- derstand gegen den wahren Gebrauch der Of- fenbarung summarisch widerlegt, s. 1163 ‒ ‒ 1172. Wer das Buch nicht bey Handen hat, und Von Philadelphia u. s. w. und doch die Erinnerung zu lesen begehret, der kan sie bey der dritten Auflage des Schin- meierischen Praͤservatives wider die geistli- che Kinder-Pest A. 1747 angehaͤnget finden. Da hoffete ich, ich haͤtte, wie mir, so auch an- dern, dieser Sache wegen ein Genuͤgen ge- than: als man aber meynte, ich haͤtte in sel- biger Erinnerung zu viel nachgegeben, erklaͤr- te ich sie noch naͤher A. 1747. in der Nachlese zu den apocalyptischen Reden, p. 181, 313, 830, 1063. und weil der Raum daselbs zu en- ge war, fuͤgte ich bey, ich haͤtte eine Pruͤfung der weitgreifenden marienbornischen Pre- dig uͤber Apg. 1, 7. 8. Es gebuͤhret u. s. w. und zugleich der ganzen neumaͤhrischen Ge- mein- Sache nach ihrem Hauptgrunde zu Papier gebracht, die in meinen erneuerten Anmerkungen zu einer solchen Zeit an das Licht treten duͤrfte, da es recht angeleget waͤre. In denselben Tagen kam Hn. D. Benners zweyter Theil von der Herrnhuterey in ihrer Schalkheit heraus, da ermeldte ma- rienbornische Predig ausfuͤhrlich p. 1 ‒ 72 wi- derlegt wird: und deswegen habe ich meine Pruͤfung, so fern sie vorhin nach solcher Pre- dig eingerichtet gewesen, mit Uebergehung dessen, was Hr. D. Benner ausgemacht, in eine andere Form gegossen, wiewol ich mich an- noch auf solche Predig beziehen muß, indem der Prediger nirgend vollstaͤndiger von prophe- tischen Sachen gehandelt hat. Nun wird das alles Theil I. Cap. III. Satz 24. alles, wozu ich mich in der Nachlese anheischig gemacht habe, hiemit geliefert. § 178. In der wahren Auslegung der Offenba- rung liegt die beste Ruͤstung wider den heutigen leidigen, aber vermeinten seligen Kirchen- Pe- riodum: und deswegen gibt der Principal desselben so manchen Stich auf solche Ausle- gung, seit A. 1745. Jenes merket er: und dieses fuͤhle ich. Man sehe die Predig uͤber Apg. 1, 7. 8. s. 13. 25. Zeyster Reden s. 137. 231. 322. Wunden-Litaney-Reden s. 137. 290. Discourse uͤber die A. C. s. 147. Diß ist die Ursache (ohne Eigenliebe und Anmaassung zu reden) warum ich mich dieses verlassenen Posten also annehme. Hiezu beweget mich kein anderer Affect, als die Liebe zur Wahr- heit. § 179. Vorsichtige Leute wollen durchaus nicht gedenken, als ob ich auf besondere und unge- wisse Meinungen bauen wolte. Ich gebe zwar auch sonst in allem, wo man mich fuͤr einen Novatorem ansehen moͤchte, einen puren Re- novatorem ab, der alten, aber geraume Zeit hernach in Abgang gekommenen Wahrheit aufzuhelfen: doch will ich hie nichts zum Grun- de legen, als was die bekanntesten Erklaͤrun- gen vorhin mit sich fuͤhren. Koͤnnen Unge- uͤbte sich in etliches nicht finden, so wird doch alles Von Philadelphia u. s. w. alles uͤbrige auch den einfaͤltigsten, auf die man vornemlich zu sehen hat, verstaͤndlich und dienlich seyn. D er 25 S atz. Der Ordinarius ist nicht so gesin- net, wie Johannes in Patmos ge- sinnet war. § 180. W as geschehen soll, wird in dieser theu- ren Weissagung gezeiget: und was man dabey zu einer jeden Zeit thun und lassen soll, wird theils ausdruͤcklich darin gemeldet, theils ist es aus jener Anzeige zu ermessen. Wer solches aus den Augen setzet, der verfehlet des Zwecks selbsten bey dieser Weissagung. JE- sus Christus selbs weiß vollkommen, was an seinem Leiden und Sterben gelegen sey, und was dessen Beherzigung bey den seinigen wuͤrke: Er hat aber dennoch fuͤr gut befun- den, seinen Knechten zu zeigen, was ge- schehen soll, und diesen kommt nicht zu, sol- che Anzeige unter dem Vorwand des so kraͤfti- gen Leidens-Puncten auszuschlagen. Die Offenbarung gehet recht in das Ganze: und in das Ganze wollen die neumaͤhrische Bruͤder arbeiten. Aber bey ihrem hurtigen Lauffe koͤnnen sie nicht lang nach dem in der Offen- barung gewiesenen Weg fragen. vergl. An- hang, * 3. (Abriß der Bruͤderg.) O § 181. Theil I. Cap. III. Satz 25. § 181. Wer auf der einen Seite die Offenbarung J. C. auf der andern aber die erste Uebersez- zungs-Probe derselben, in beeden Editionen, samt den Notis in der andern Edition, und je- ne Predig uͤber Apg. 1, 7. 8. (welche unter den 32en die 13te ist,) recht ansieht, dem ist klar, daß der Hr. Verfasser dieser lezten Stuͤcke die theure Gabe der Offenbarung weder so schaͤtze noch so behandle, wie es seyn solte, sondern von ihrem rechten Verstand und Gebrauch sehr ferne sey. Er bedienet sich vieler Vorthei- le, bald derselben auszuweichen, bald sie auf seine Seite zu ziehen. § 182. Diesem Buche gibt er in der zweyten Edi- tion des N. T. folgenden Titul: Johannis Gesicht von dem Stande der Erhoͤhung JEsu des Marterlaͤmmleins. Und dieser Titul steht auf allen Blaͤttern. Hat Johan- nes der Sache nicht genug gethan, da er des Laͤmmleins so oft, und seines Schlachtens nur viermal, doch nicht in dem sonst weitlauͤf- figen Titul des Buches gedenket? Ein mehrers bald hernach. § 183. In der Vorrede zur Offenbarung Jo- hannis wird gleich anfangs darauf angetra- gen, daß man entweder hier einen Ebion und Cerin- Von Philadelphia u. s. w. Cerinthus suchen, oder nach des Apostels Jo- hannis Sinn die Abhandlung dieses Buchs nur auf die allmaͤchtige Menschheit Christi deu- ten, und seine goͤttliche Herrlichkeit voraussez- zen muͤsse. Beedes wird widerlegt, Cap. 1, 6. 17. 18. c. 2, 18. 28. c. 3, 1. c. 19, 13. c. 22, 1. Zunaͤchst darauf machet er den Befehl, ver- moͤge dessen Johannes schreiben musste, zu ei- ner Erlaubniß: und hernach heisst es, ob ers in einer Ecstasi wieder erzehlet, daß mans ihm nachgeschrieben, oder ob ers d’un sens rassis selbst aufgezeichnet, ob solches auf einmal geschehen, oder ob ihm eins nach dem andern wieder eingefallen, ob es was ganzes oder fragmenta seyn, ob die sachen wuͤrcklich so aufeinander gefolgt wie sie da stehen, oder wie in den Propheten ohne Ordnung der Zeit, nach gutduͤnken aufge- zeichnet oder aus einzelen Papieren zusam- men getragen worden, ob er des Lucaͤ ἀκρίβειαν dazu zu huͤlfe genommen, oder wieder eine neue Offenbarung gehabt zum schreiben φερόμενος ὑπὸ τοῦ πνεύματος ἁγίου· das uͤberlasse ich geuͤbtern Auslegern zu de- terminiren. Ich und meines gleichen pfle- gen mehr auf den Geschmack zu merken als auf die Art und Weise der Composition . Sieben oder acht Jahr vorher hatte er sich am Ende seines Eventualtestaments folgender Worte bedienet: Es ist wahr, ich habe viel- mals Sorge getragen, daß das Bibel-Le- O 2 sen, Theil I. Cap. III. Satz 25. sen, wenn es mit einer genauen Collation , Erforschung und Art eines Studirens ver- knuͤpft ist, der Gemeine eher schaͤdlich, als nuͤtzlich seyn koͤnne pro nunc . Das ist aber aus Respect vor die Bibel geschehen, um ihren Misbrauch zu verhuͤten: weil ich zu der Gnade des Heylandes hoffe, Er wer- de eine Zeit kommen lassen, daß kein Wort in der Heil. Schrift seyn werde, das unserer Gemeine nicht von aussen und in- nen bekannt, und mit unserer Salbung und ganzen Fuͤhrung in der schoͤnsten Harmonie sey. Bis dahin wuͤnsche ich, daß der ge- neral - Geist der Schrift, des Gesetzes, der Psalmen, der Weissagungen, der Geschich- te von JEsu, des Kirchen-Plans, der Grund- und Special - Lehren der Apostel in unserer Gemeine lebe, und uͤberall der Com- mentarius der Spruͤche, und die Bibel ein Lexicon sey, darinnen wir alles aufschla- gen, und finden koͤnnen, was wir in Lehr und Wandel taͤglich und stuͤndlich brau- chen: und A. 1740. ward zu jenen Worten, Er werde eine Zeit kommen lassen, auf dem Rande gesetzet, Die ist nun gekommen. Be- denken IV Th. p. 100. Wie schicken sich der Ruhm von solcher Zeit und obige viel spaͤtere zweifelhafte Reden wegen der Composition der Offenbarung zusammen? Und wie will einer, der in solchen Zweifeln stecket, urthei- len, ob andere mit ihrer oͤffentlichen Auslegung unrecht Von Philadelphia u. s. w. unrecht daran seyen, und ob er selbs die Stel- len, die er fuͤr sich deutet, recht verstehe, oder ob das Garn auch vor seinen und anderer Voͤ- gel Augen vergeblich ausgeworfen werde? Ist die Offenbarung und die ganze Bibel noch nur ein Lexicon , da man etwa Woͤrter und Phrases aufschlaͤgt, und (man moͤchte jeden Orts den Verstand treffen oder nicht,) fuͤr das beblutete Herz bey einer jeden Notione simplici einen Anlaß zu guten Gedanken hat, wie man auch bey den Locis dialecticis, bey Lullii circulis, bey den Zeichen im Calender u. s. w. lebhafte Anagogias und zufaͤllige An- dachten, den Geschmack zu vergnuͤgen, haben kan? Ja die Offenbarung ist (gleich den apo- stolischen Briefen ꝛc.) ein einiges ganzes in rich- tiger Ordnung verfasstes Buch: der Anblick selbs lehret es. Wer solches nicht warnimmt, der wird keinen Nutzen, sondern Schaden, und auch am Geschmack einen Abbruch ha- ben. Hie machet der Ordinarius die Ver- staͤndniß der Offenbarung zu schwer, und bald hernach zu leicht. § 184. In der lezten Nota sagt er: Einem Kir- chen - hiltorico practico ist dieses goͤttliche Buch in der that ein zuverlaͤssiger Hodegus . Wie vielmehr aber waͤre es einem Kirchen- Practico, wie der Ordinarius ist, ein solcher Wegweiser? O 3 § 185. Theil I. Cap. III. Satz 25. § 185. Ferner heisset es, Die Offenbarung ist so durchsuchet, durchschnitten und ausgehoͤ- let, daß sie die Gestalt eines Labyrinths bey nahe verlohren hat, so daß wer sie oh- ne Esprit de parti und ohne Vorurtheil, ad ductum einiger der lezten Commentatorum als Mr. Abbadie \&c. mit eclecti scher Ab- schneidung dessen was auch da noch zu leb- haft oder zu kuͤnstlich scheinet, in aufrichti- ger Gelassenheit lieset, mit der historischen Wahrheit, so viel deren zu haben ist, ver- gleichet, und den festen Vorsatz bewahret das daraus erlernete bey sich zu behalten, und zu seiner personlichen oder aufs hoͤch- ste engesten Amts-Erbauung anzuwenden, ihrer realität Goͤttlichkeit, und vor ein pro- phetisches Buch sattsamen Deutlichkeit im- mer mehr und mehr innen wird. Es bleibt aber auch in diesem alleredelsten und un- schuldigsten Gebrauch dabey, daß ein Troͤpflein Bundes-Blut besser ist als die ganze Wein-Erndte aller der uͤbrigen pro- phetischen und historischen Wahrheiten, und daß vor einen Kenner nichts lieblicher klingt, als wenn die Schaar die niemand zehlen kan, dem Leser dieses Buchs gleich- sam ins Ohr singt: Nicht mehr denn lieber HErre mein Dein Tod soll mir das Leben seyn Du hast fuͤr mich bezahlet. Apoc. V, 9. Man Von Philadelphia u. s. w. Man bedenke, was folget: (1) Wo ein Feld lauter Weg ist, da kan ein Reisender den rechten Weg am wenigsten unterscheiden. (2) Von Mr. Abbadie habe ich in der Erkl. Off. gehandelt, p. 1165. 1171. ed. 2. (3) Der hier gemeldte Vorsatz, und die Predig uͤber Apg. 1, 7. 8. stimmen zusammen, streiten aber wider die Haupt-Absicht der Weissagung. Man sehe unten § 211. (4) Die Kostbarkeit der Blut-Theologie erkenne ich von Herzen: aber ob eine affectirte uͤbertriebene Anrege des Leidens-Puncten dem hocherhabenen Erloͤser zur Ehre, und denen Kennern oder andern Menschen zur Erbauung gereiche, ist eine an- dere Frage. § 186. Was Johannes gesehen, das hat er bezeuget, nicht mehr und nicht weniger. Ein Zuhoͤrer seiner Weissagung, der sich in glei- chen Schranken haͤlt, geht sicher, und geraͤth weder in unnuͤtze Speculationen und Gruͤbe- leyen, noch in einen mit Herzens-Duͤnkel ge- schmuͤckten Undank. Dem Ordinario ist nicht so: er gehet eclectice, und nimmt bald mehr bald weniger zur Hand. Seinethalben haͤtte der Inhalt des versigelten Buches immerhin in GOttes Schaͤtzen verborgen bleiben moͤgen: ohne Noth haͤtte der, so auf dem Thron sitzet, dasselbe vorgewiesen: ohne Noth haͤtte der Engel geruffen, Wer ist wuͤrdig u. s. w. ohne Noth haͤtte Johannes so viel Thraͤnen O 4 ver- Theil I. Cap. III. Satz 25. vergossen; und der Aelteste haͤtte ihn nicht ge- schickt getroͤstet mit der bevorstehenden Eroͤff- nung der Sigel, sondern vielmehr sagen sol- len: Bleibe doch nur bey dem, was du laͤngst gesehen, gehoͤrt, geglaubt und be- zeugt hast, von dem vorhin bekannten Marterlaͤmmlein. Aber das Laͤmmlein hat die sieben Sigel, und allermeist das Arca- num der Zeiten (da die Realien grossen Theils schon in andern Weissagungen lagen) eroͤff- net. Ihm sey Lob und Dank! D er 26 S atz. Der Text von Philadelphia wird unbefugter Weise auf die so genann- te Bruͤdergemeine gedeutet. § 187. W o es in den Weissagungen des A. und N. T. Stellen von einem annehmli- chen Inhalt gibt, die Ausbreitung des Reichs GOttes betreffend u. s. w. da greifft man zu Gunsten der Neumaͤhrischen Kirche gern zu. Nur beylauͤffig will ich anfuͤhren, was Hr. Winkler in den Zinz. Anstalten p. 19 schreibt: Daß die Weissagung des Propheten Jere- miaͤ Cap. XVI. 16. Darnach will ich viel Jaͤger aussenden, die sollen sie fahen auf allen Bergen, und auf allen Huͤ- geln, und in allen Steinritzen, sich nicht Von Philadelphia u. s. w. nicht auf den Hn. Grafen und seine Emissa- rios beziehe, bin ich versichert, weil GOtt nicht ansiehet die weltliche dignität , und hier von solchen Jaͤgern die Rede ist, wel- che die Menschen in das Netz ihres GOt- tes bringen, und nicht mit Menschensatzun- gen bestricken, in welche die Absichten des Hn. Grafen hineinfuͤhren. Ich will auch nicht fragen, wie viel Aehnlichkeit mit jenem Vorlauͤffer Christi der Cantor Johanan in der Wuͤsten laut der Zuschrift des XI Lieder-An- hangs suche. Viel bedenklicher ist, was in der Predig am 18 Julii 1745 s. 12 steht: Wenn wir unserm Manne so nahe sind, wenn wir Ihm unser ganzes Herz sagen koͤnnen ‒ ‒ das ist eine grosse und unaussprechliche Se- ligkeit: aber eine Gemein-Seligkeit, eine Seligkeit die uns a part gehoͤrt, zu der wir geschaffen sind, zu der diese unsere Zeiten absonderlich prœdestini rt und qualifici rt sind. Alle Seher haben auf uns geweissaget, alle Propheten haben auf diese gegenwaͤr- tige Gnade gedeutet, die uns wiederfaͤhret, darinn wir stehen, wie die Apostel sich aus- gedruckt, und darinn wir als suͤndige Her- zen, als arme Creatuͤrlein aus Gnaden- Wahl leben. Insonderheit wird hieher die Stelle gedeutet, da dem Engel der Gemeine zu Philadelphia der Heilige der Wahrhaftige saget und schreiben laͤsset: Ich weiß deine Werke. Sihe, ich habe vor dir gegeben O 5 eine Theil I. Cap. III. Satz 26. eine offene Thuͤr, und niemand kan sie zu- schliessen: denn du hast eine kleine Kraft, und hast mein Wort behalten, und hast meinen Namen nicht verlauͤgnet. ‒ ‒ Die- weil du hast behalten das Wort meiner Ge- duld, werde Ich auch dich behalten vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird uͤber der ganzen Welt Kreis, zu ver- suchen, die da wohnen auf Erden. Off. 3, 8. 10. Die Zinzendorfische Uebersetzung des 10 Versiculs ist oben § 173 angefuͤhret und beleuchtet: und aus derselben erhellet, daß das Halten uͤber dem Leidenspuncten den Cha- racter des heutigen Engels der Gemeine zu Philadelphia ausmachen und ihn vor der Versuchungs-Stunde bewahren soll. § 188. Auf diesen Text beziehen sich die Apologien, die Reden, die Lieder sehr hauͤffig: und daß solches nicht nur ad hominem, oder durch eine Allusion und Accommodation geschehe, son- dern die Worte in rechtem Ernst eigentlich also genom̃en werden, versichert uns der II Band der Buͤd. Samml. p. 801 u. f. Denn da wie- derholte Ludewig gelegentlich A. 1742. d. 6 maj. auf dem 6. General-Synodo von Penn- sylvania, ”seine wohl zwoͤlfjaͤhrige Bitte ”mit grossem Nachdruck, daß doch die ”Bruͤder sich des Loosens enthalten wol- ”ten, weil die Simplicität die in Fragen ”und Antworten regieren muͤsse, eine Gnaden- Von Philadelphia u. s. w. Gnadengabe ist, die sich niemand neh-” men kan, sie sey ihm denn von oben ge-” geben; und weil die Loos-Gnade in un-” serer Gemeine unter die Apostolischen” Wunder der ersten Zeit gehoͤrt, so koͤn-” nen sich Unberuffene erstaunlich dabey” verbrennen:” und auf der Stelle ward der Heiland durchs Loos gefragt: Worin des Satans Absicht in dem Lande seine Macht zu brauchen bestehe? ”Antwort: 1. Weil Phi-” ladelphia seinen Gang gehet, und nicht” aufzuhalten ist, so sucht er die kleine Kraft” um Gehuͤlffen zu bringen, so sehr er kan:” Und weil der Gnade nichts widersteht,” die im Blute liegt, so sucht er die Thuͤren” der Herzen, der Ohren, und alles schlech-” terdings zu sperren, weil er gleich ver-” lohren hat, wenns nur nahe kommt.” 2. Weil Philadelphia und Laodicea zugleich” ist, so sucht er die Laodiceer mit einan-” der zu verbinden durch Stolz und Bos-” heit, damit wenigstens hier seine Schu-” le dem Philadelphia nicht zu Fuͤssen falle.” So hat denn die Auslegung bey dem Gemein- stifter kein geringeres Ansehen, als die Dicta- tur des HErrn JEsu bey Johanne in Patmo. Aber durch die Unrichtigkeit der Auslegung wird die Simplicität und apostolische Guͤl- tigkeit des Looses zernichtet, und die Aus- legung selbs wird theils durch das Loos nicht bestaͤtiget, theils durch andere Gruͤnde wider- leget. Nicht lang hernach fuͤhrte in Phila- delphia Theil I. Cap. III. Satz 26. delphia Br. Ludwig bey dem Abschied aus Pennsylvanien folgende Worte: ”In- ”zwischen ist so viel geschehen, daß der ”Grund gelegt ist zu demselben Plan, den ”der Heiland in diesen lezten Zeiten hat bis ”zu seiner Zukunft, und der nun nicht mehr ”geaͤndert werden wird, bis er kommt. ”Denn es ist bekannt, daß die Kirche durch ”sehr viel Revolutiones und Veraͤnderun- ”gen gegangen ist, und es ist daruͤber fast ”kein Streit mehr, daß alle die in der Of- ”fenbarung Johannis genannte Gemei- ”nen und Kirchen aufeinander folgende ”Oeconomien sind. Ohne mich nun hier ”zu erklaͤren, in was vor einer wir leben, ”(denn sie wird mit Haͤnden gegriffen, und ”der Name, den uns Freund und Feind ”gibt, zeigts zur Gnuͤge an;) so ist es ge- ”wiß, daß wir in einem Periodo stehen, ”wie die andern gestanden sind, und das ”was ich vor mein Theil glaube, ist, daß ”der Periodus , worinnen der Heiland mich ”und meine Bruͤder hat leben lassen, ein ”solcher ist, der bis auf seine Zukunft nicht ”geaͤndert werden soll. Denn der greu- ”liche Kirchen-Zustand, welcher in der ”Offenbarung Johannis als der lezte be- ”schrieben wird, der ist mit uns zugleich, ”geht aber uns gar nichts an, gehoͤrt zur ”Stunde der Versuchung, die uͤber den ”ganzen Creiß der Erden kommen wird, ”und schon wuͤrcklich angegangen ist; davon Von Philadelphia u. s. w. davon wir aber gewisse Verheissungen” haben, daß wir nichts damit zu verkeh-” ren sollen kriegen; daß alle, die mit uns” bey der Lehre von den Wunden JEsu” und seiner Marter bleiben, gar keinen” Anfall davon haben sollen, denn wir” sollen davon unverletzt bleiben, nicht” kaͤmpfen und siegen, sondern bewahret” bleiben. Ihr koͤnnt also leicht denken,” lieben Bruͤder! daß alles, was wir ein-” ander zu sagen haben, nicht dahin ge-” het, euch zu warnen u. s. w. Buͤd. Sam̃l. III Band s. 191 u. f. § 189. Zur Pruͤfung dieses falschen Ruhms wer- den folgende Erinnerungen dienen. (1) Die Deutung der sieben Briefe Offenb. 2 und 3 auf sieben aufeinander folgende Kirchen-Oeco- nomien ist nicht allein noch strittig, sondern uͤberdas ungegruͤndet. Den Beweis hievon gibt die Erkl. Offenb. p. 285-295. Nachlese p. 180. Bekraͤftigtes Zeugniß der Wahrheit p. 196. (2) Von den sieben Kirchen-Perio- den redet der Ordinarius aufs ungewisse. Er sagt nicht, was Ephesus, Smyrna u. s. w. ge- wesen: wie kan er denn Philadelphiam in der Reihe auf seine Sache bringen und einschren- ken? Ein anders ist Philadelphia in Asien, ein anders Philadelphia in Pennsylvanien. So thuts auch der Bruͤder-Name nicht: denn es gibt vielerley Bruͤderschaften. Wo zween Theil I. Cap. III. Satz 26. zween Christen bey sammen sind, beede dieses ihres Namens wuͤrdig, ein neumaͤhrischer Bru- der und einer von den evangelischen Religions- Leuten, da wird man bald sehen, daß dieser die allgemeine und auch die bruͤderliche Liebe (welches leztere die Bedeutung ist des Namens Philadelphia, ) viel freyer, ungezwungener, vertraͤglicher ausuͤbet, als jener. Was ein neumaͤhrischer Bruder nicht mit seinem eige- nen Model reimen kan, das haͤlt er nicht fuͤr christlich. So lang er meynt, einen auf seine Seite zu bringen, gibt er unvergleichlich nach: laͤsst einer sich nicht fangen, so hat die Liebe ein Ende. (3) Wie Philadelphia und Laodicea nebeneinander sind, (welches der Ordinarius zwar nur zu dem Ende sagt, damit er seine Geg- ner zu Laodiceern machen, und sein Philadel- phiam bis an die Zukunft des Heilandes er- strecken moͤge,) so sind alle sieben Gemeinen nebeneinander, indem man das Gute oder das Boͤse bey einer jeden derselben durch eine Ac- commodation zu einem Muster oder Spie- gel fuͤr alle andere Gemeinen, Vorsteher und Seelen nehmen kan. Zum Exempel, welche Menschen heut zu tage dem Engel der Ge- meine zu Laodicea aͤhnlich seyen, der da sagte: Ich bin reich u. s. w. das zeigen die Werke. (4) Was fuͤr den Engel der Gemeine zu Phi- ladelphia wol lautet, findet sich bey der neu- maͤhrischen Gemeine nicht. Manchmal schien eine Thuͤre vor sie offen zu stehen, die ihr (ich insult ire nicht) zugeschlossen worden ist. Wer weiß, Von Philadelphia u. s. w. weiß, wie es weiter gehet? Der Engel der neumaͤhrischen Gemeine haͤlt Christi Wort nicht, sondern weichet manchfaltig davon ab. (5) Sein Bleiben bey der Lehre von den Wun- den JEsu und seiner Marter (in denen voran- gefuͤhrten Worten) ist zweydeutig. Es heisset, entweder, sich nicht davon abbringen lassen, oder, sich nichts anders von JEsu zu Nutz machen, als seine Wunden. Diese leztere gar nicht philadelphische Bedeutung wird unter die erstere verstecket. Wer uͤber dem theu- ren Puncten von Christi Leiden haͤlt, und in der ganzen theuren Lehre Christi, folglich auch bey seiner Offenbarungs-Lehre, in der erstern Bedeutung bleibet, der ist bewahret. Wer aber bey der Lehre von den Wunden JEsu in der andern Bedeutung zu bleiben vermeinet, der ist nicht einmal in dem Stande, aller noͤ- thigen Lehre heilsamlich zu folgen: und wann er also den Leidens-Puncten zu einer Wehre wider die in der Offenbarung JEsu Christi gegebene Warnungen, als ob sie fuͤr ihn nicht gehoͤrten, misbrauchet, so kan er mit andern seiner Art in der Versuchung umkommen. Ist auch zu merken gegen Buͤd. Samml. Band II. s. 888. Der geistliche Kriegsmann muß Helm und Gurt, Brust- und Bein-Harnisch, Schwert und Schild haben. Eigene Witze ist es, wann man aus diesen Stuͤcken nimmt, was man will. In Summa, der unschaͤzbare Leidens-Punct ist bisher bey wackern Lehrern weder so unbekannt gewesen, noch so sparsam behan- Theil I. Cap. III. Satz 26. behandelt worden, und bey der neumaͤhri- schen sich so nennenden Blut-Gemeine geht man nicht so mit demselben um, daß der Cha- racter und Ruhm eines besondern Kirchen- Periodi, mit Bestand vor GOtt und Engeln und Menschen, daraus zu machen waͤre, man mag den Philadelphischen Titul fortfuͤhren oder ablegen. (6) Weil die neumaͤhrische Bruͤder sich so weit ausbreiten, und in ihrer Sicherheit gegen so vielem Boͤsen offen stehen, so ist man bey ihnen gegen eine allgemeine Ver- suchung weniger, als anderswo, verwahret. Was noch mehr, ihre Haͤndel selbs fuͤhren eine sehr schwere Versuchung auf den Creis der Erden mit sich. (7) Ein verwegener und ge- faͤhrlicher Herzens-Duͤnkel ist bey der neumaͤh- rischen Gemeine das Warten auf eine bisher ganz unbekannte Zukunft Christi, welche vor dem juͤngsten Tage, vielleicht bald, nicht vor den Augen aller Welt, wohl aber bey ihnen in geheim, und sichtbarlich, geschehen werde. Zeugnisse von solcher Meinung hat man nicht in den Apologien, sondern in den Liedern und Reden zu suchen: und von den deutlichsten wol- len wir etliche beybringen. Num. 1955 heisset das kurze Lied: Dein ist allein die ehre, dein ist allein der ruhm, dein Blut der Rache wehre, dein segen zu uns komm, und bleib bis wir erkalten: doch solls uns auch lieb seyn, dein Abend- mahl zu halten, wenn du zum Saal trittst ein. Num. Von Philadelphia u. s. w. Num. 2204 faͤngt es an: Das Kirchlein Philadelphia, das zarte Wunden-Herze, erwartet seinen Josua mit einer hellen Kerze; wird Ihm, so bald Er nur erschein, Herz, Haͤnd und Fuͤsse kuͤssen. Ach! traͤt Er in den Saal herein, mit den durch- bohrten Fuͤssen. Num. 2262 ist der Beschluß: Und wann das Laͤmmlein in unsrer Mitt wird sicht- bar wandeln, als seiner Huͤtt, woran kennt man ihn denn? der leidge Soten stellt sich auch so an, fragt nach den rothen hertz- naͤrbelein. Und so Num. 2287. 2312. ꝛc. Penns. Reden I Theil, p. 236. in der Rede zu Gnadeck: Die letzte Zukunft, die uns in dieser Zeit begegnen kan, wenn wirs erle- ben, ist die, daß er in die Kirche, in den Saal, in die Gemeine, in das Bethaus, in die conferenz eintritt, wo er seine Sa- che wieder anfangen, wo er seinen neuen plan, den er seinen juͤngern versprochen, endlich selbst einrichten und stabiliren wird. Und p. 237, Das kann ich nun nicht recht glauben, daß bey seiner persoͤnlichen Zukunft unsere liebe gegen ihn groͤsser wird, daß unserer Liebe dadurch was zugeht hier in der Zeit, wenn wir ihn einmal hier unter uns sehen werden. Die 9te Rede unter den 32 einzeln Homi- lien wird mit einem Gebet beschlossen, in wel- ( Abriß der Bruͤderg. ) P chem Theil I. Cap. III. Satz 26. chem das Lamm also angeredet wird: Sprich dem Heiligen Geiste zu, daß er uns dir erziehe, bis wir dich schauen von Angesicht in blutger Freud und seligem Licht; bis du sichtbar unter uns bist, wie du itzt unsichtbar unter uns wandelst; bis wir zu dem Fuͤhlen noch das sehen krie- gen. Die Rede uͤber Apg. 1, 7. 8. wird hernach angezogen werden. Zeyster Reden p. 104, Wenn der Heiland uns eine dergleichen wissenschaft zu haben gut gefunden haͤtte, so waͤre es wol die, daß wir den Tag wuͤssten, wenn er zu uns kommen, oder wenn er uns holen wolte. Und p. 110 wird von dem neumaͤhrischen Bau- wesen gesagt: Es ist ein Haus, das noch, und vielleicht kaum erst stehen soll, wenn der Heiland kommt, Er soll darinnen logi- ren und herum gehen koͤnnen, ihm sollen noch die Leuchter darinnen angezuͤndet werden. Reden im Jahr 1747, II Theil, p. 77. Wenn man fragt, warum seyd ihr beysam- men? Antwort: wir warten. Auf was wartet ihr? Antw. Auf das Laͤmmlein. Werdet ihr zu ihm kommen, oder wird Er zu euch kommen? Antw. Das wissen wir nicht, wie es seyn wird, wie sichs ma- chen wird. Die Losungen aufs Jahr 1749 hatten die- sen Titel: Der Bruͤder des HErrn, Vorsab- bath, Von Philadelphia u. s. w. bath des bevorstehenden Hall-Jahrs im 18 Seculo: und in solchem Halljahr 1750 ward auch der Gemein-Stifter 50 Jahr alt. Am Vorsabbath waren die Losungen schon so herr- lich, daß nichts abging, als die Zukunft des HErrn: was ist denn am Sabbath, nemlich im Sabbath- ja im Hall-Jahr, zu erwarten gewesen? Doch ist desfalls nichts namhaftes A. 1750, so viel in Erfahrung zu bringen war, erfolget: und wie es nunmehr um solches War- ten stehe, ist nicht bekannt. Gegen das War- ten auf eine solche Zukunft Christi hat Er selbs, der HErr, die seinigen verwahret, Matth. 24, 27. und dabey ist es eine leere Einbildung, wañ man vorwendet, der Satan koͤnne die ganze Gestalt von Christo, nur von den Wunden nicht, annehmen. Das 2295 Lied berufft sich zwar auf S. Martinum, aus dessen Munde Sulpitius Severus erzehlet, er habe den Teu- fel, der ihm unter der Gestalt Christi sehr praͤch- tig erschienen, deswegen abgewiesen, weil Chri- stus nicht anders komme, als mit den Mahl- zeichen des Creuzes: aber daraus folget nicht, daß eine jede Erscheinung mit den Wunden unbetruͤglich sey. Der Satan ist je nicht unge- schickter, als jene Prediger-Moͤnchen zu Bern, welche A. 1508. die bekannte Tragoͤdie mit Jo- hann Jetzern gespielt, und ihm an seinem Leibe fuͤnf Wunden beygebracht, die er selbs und an- dere dafuͤr angesehen, als ob JEsus der Ge- creuzigte ihm solche mitgetheilet haͤtte: anderer solcher Faͤlle zu geschweigen. Welch eine kraͤf- P 2 tige Theil I. Cap. III. Satz 26. tige Verwahrung vor dergleichen vermeinten oder mißlichen Zukunft haͤtte man auch an der rechten Deutung des prophetischen Wortes auf die gegenwaͤrtige Zeiten? D er 27 S atz. Das neue Lied, Off. 5, 9. 10. wird bey der neumaͤhrischen Gemeine ge- stuͤmmelt und misbrauchet. § 190. S ie singen Num. 1768, Der Lobgesang am glaͤsern Meer, das Schiboleth vom kleinen heer ist: Eines hat uns durchgebracht, das Blut des Lam̃s; es war geschlacht. vergl. Num. 2312, 4. Im Buͤdingischen N. T. ist das neue Lied also uͤbersetzet: Du bist wuͤrdig das Buch zu em- pfangen, und seine Sigel zu oͤffnen, denn du hast dich abschlachten lassen, und hast uns aus allen Staͤmmen und Spra- chen und Voͤlkern und Nationen mit dei- nem Blute zusammen gekaufft. Und hast Koͤnige und Priester vor unserm GOtt aus uns gemacht, daß wir uͤber die Erde regie- ren werden. Dieses neue Lied singen die zwanzig vier Aeltesten: und alle glaubige Pil- grim singen es nach. Daß das kleine neu- maͤhrische Heer solches zu seinem Schiboleth, und eben deswegen seine Sache zu jenem phila- delphi- Von Philadelphia u. s. w. delphischen Periodo machet, ist eine unerlaubte Anmaassung. Weder alle neumaͤhrische Saͤn- ger, noch sie alleine, singen es im Geist und in der Wahrheit. Aber sie alleine und sie alle nehmen etwas aus der Mitte des Liedes an, lassen aber das erste und letzte zuruͤcke. D er 28 S atz. Was von der Weissagung in un- sere gegenwaͤrtige Zeit gehoͤret, das bringt fuͤr die neumaͤhrische Ge- meine keinen Vortheil. § 191. W as in der Offenbarung vom 10 Capitel bis zum Ende des 19 Capitels geschrie- ben stehet, haͤngt alles aneinander, vergl. C. 10, 7. mit Cap. 17, 17. und wie dieses ausfuͤhrliche Stuͤck schon lang in die Erfuͤllung eingetreten ist, also muß das viele uͤbrige davon bald vol- lends ablauffen. Wer mir nicht beyfallen kan, lese des Vitringa Anacrisin, oder des Hn. De Bionens Essai sur l’Apocalypse, welchen leztern ich deswegen anziehe, weil er dem vom Ordi- nario so oft angezogenen Abbadie folget, und denselben ergaͤnzet. Ja noch vielmehr habe ich Lutherum in der Erklaͤrung dieser Capitel zum Vorgaͤnger. Man erwege doch seine neun Saͤtze, die in der Erkl. Offenb. p. 1114. ed. 2. stehen. In ermeldten zehen Capiteln der Of- P 3 fenba- Theil I. Cap. III. Satz 28. fenbarung wird viel gutes, und zwischen dem guten viel boͤses gemeldet, welches man neu- maͤhrischer Seits nicht unterscheiden kan, da man das Geheimniß GOttes und dessen Voll- endung dahin gestellt seyn laͤsset, und sich gegen die wahre Auslegung ausdruͤcklich mit aller Macht setzet. Wir aber wollen sothanen Unterscheid, in Absicht auf die neumaͤhrische Kirchensache, erforschen. § 192. Das Weib, so den Nationen-Hirten ge- bar, hat eine Nahrung in der Wuͤsten: und an solcher Nahrung hat zu unsern Zeiten die protestantische Kirche den groͤssten Theil, wie bey andern Gelegenheiten dargethan worden ist. Ich sage es ohne sectirischen Eifer: Die Reformation ist und bleibt der Haupt- Perio- dus der Christlichen Kirche im Abendland, von Lutheri Auftrit an, bis zum Ende der vierthalb Zeiten des Weibes in der Wuͤsten. Mittler Zeit sind alle Erweckungen besondere Stuͤcke, groͤsser oder kleiner, besser oder schlech- ter, von mehr oder weniger Dauer. Fuͤr Herrnhut findet sich kein besonderer Horosco- pus: es haͤtte froh seyn sollen, die Gemein- schaft mit der Augspurgischen Confession gruͤnd- lich und lauterlich, redlich und bescheidentlich zu behaupten, und sich nicht in die neuere Weit- laͤuffigkeiten unter dem Vorwand eines eige- nen Periodi zu vergeilen. Wir gehen weiter. D er Von Philadelphia u. s. w. D er 29 S atz. Die Deutung der 144 Tausende, Off. 14, 1. auf die neumaͤhrische Ge- meine, ist ungegruͤndet. § 193. D as Lied num. 2177 faͤngt also an: Hun- dert vier und vierzig tausend! o ihr, die vom Blute sausend euch ums Laͤm̃chen rum erfreuet, und bey seinem Mahl gedey- het, Unter euch bin ich noch bloͤde u. s. w. da man wol siehet, daß eine Schaar in dieser, und nicht in jener Welt angeredet wird. § 194. Der Ordinarius sagt, er wisse sich in die Com- position des Buches nicht zu finden: wie kan er denn ohne solche noͤthige Huͤlfe wissen, in welche Zeit das Gesichte von den 144 Tausenden samt andern vorhergehenden und nachfolgenden ge- hoͤre? Ferner beziehet sich das Gesichte auf die zwoͤlf Staͤmme der Kinder Israel: vergl. Cap. 7, 4-8. da die zwoͤlf Staͤmme nicht so schwer zu eroͤrtern sind, als die weitlaͤuffige Nota in der zweyten Edition der Uebersetzungs- Probe vorgibt. Endlich handelt es von voll- endeten Gerechten, und nicht von solchen, die noch im Glauben wallen. P 4 § 195. Theil I. Cap. III. Satz 29. § 195. Die 144 tausend Lammesgefehrten sind zusammen ein Erstling: die neumaͤhrische Ge- meine ist viel spaͤter. Jene haben den Na- men des Laͤmmleins und den Namen seines Vaters geschrieben an ihren Stirnen: ha- ben diese auch des Vaters Namen geschrie- ben an ihren Stirnen? Sie verbergen ihn, so viel sie koͤnnen: und der Ordinarius ist des Vaters so entwohnet, daß er in der Predig uͤber Apg. 1, 7. 8. nur von dem Sigel des Lammes GOttes redet, womit die Maͤrty- rer an den Stirnen vor der Noth der Erden und der Suͤnde zugesigelt seyen. p. 18. Jener ehmaliges und dieser heutiges Verhalten ist gegeneinander, wie Tag und Nacht. Bey jenen war Keuschheit am Leibe, und Wahrheit in der Seele: bey diesen ist Befleckung und Luͤgen, welche leztere zwo Unarten eigentlich der Heiligung und der Furcht GOttes ent- gegen stehen, (2 Cor. 7, 1.) und fast den eigent- lichen Character der neumaͤhrischen Menge ausmachen. Wir nehmen aus, was auszu- nehmen ist: wie lang aber muͤsste es anstehen, bis mit solchen die Zahl von 144 Tausenden voll wuͤrde? O was kan ein solcher verkehrter Ruhm diese Leute kosten! D er Von Philadelphia u. s. w. D er 30 S atz. Von der Botschaft der drey En- gel, Off. 14, 6. 8. 9. gehet die Lehre bey der so genannten Bruͤderge- meine weit ab. § 196. I n einem Kupferstich bey dem andern Theil des Buͤdingischen N. T. ist der HErr. JEsus abgebildet, wie Er sieben Leuchter um sich herum stehend, Johannem zu seinen Fuͤs- sen liegend, und in seiner rechten Hand sieben Sterne, in der linken aber ein Buch hat. Das Buch gibt Er einem fliegenden Engel: der Engel hat eine Trompete in der linken Hand, und mit der rechten nimmt er das Buch, darin stehet Das ewige Evangelium. Weil solcher Kupferstich meines Wissens nur bey der ersten, und nicht bey der zweyten Edi- tion ist, so will ich mich dabey nicht aufhalten. § 197. Indessen stimme ich dem Hn. Erfinder dar- in bey, daß die Botschaft dieses Engels, wie auch der zween folgenden, sich um diese gegen- waͤrtige Zeit hoͤren lasse: aber die neumaͤhri- sche Lehre fuͤhret fast nichts von solcher dreyfa- chen Botschaft mit sich, ja sie gehet davon ab, und wird also dadurch widerlegt. P 5 § 198. Theil I. Cap. III. Satz 30. § 198. Der Engel mit dem ewigen Evangelio hat eine allgemeine Botschaft, und ermahnet, 1. daß man GOtt fuͤrchte, und Ihm Herrlich- keit gebe, wegen der Naͤhe des Gerichts: 2. daß man den Schoͤpfer anbete. Die neumaͤh- rische Bruͤder hingegen 1. machen nunmehr bey sich und andern einen Strich durch alle Furcht GOttes, und unter den Beweg-Ursa- chen eines heiligen Bezeugens gegen Ihn fuͤh- ren sie die lezten Dinge nicht an. 2. Die An- betung des Schoͤpfers wird geschmaͤlert, in- dem sie das Werk der Schoͤpfung, und die Ehre der Anbetung wegen solchen Werks, dem Vater nicht so wohl als dem Sohn zuschrei- ben. Ja sie vermeiden auch oft die Form der Ermahnung, wann sie die Rede anders wen- den koͤnnen. Was also dieser Engel mit gros- ser Stimme rufft, das solten sie ihnen gesagt seyn lassen, und gegen den seligen Johann Arnd, von dem ich dieses Orts weiter nichts sage, als daß seine Schriften sonderlich auf ermeldte zween Puncten gehen, keine solche Widrigkeit hegen. Es ist gefaͤhrlich, wann man das Gegentheil thut: und noch gefaͤhrli- cher, wann man auch anders lehret. Johan- nes wuͤrde seinen Brief, laut dessen keine Furcht in der Liebe ist, der Botschaft dieses Engels, der da sagt, Fuͤrchtet GOtt, ge- wißlich nicht entgegen setzen; und die Anbetung des Schoͤpfers in dieser Botschaft nicht an- ders, als wie das Gebet Apg. 4, 24. wobey er Von Philadelphia u. s. w. er auch gewesen war, erklaͤret haben wollen, nemlich von dem Vater unsers HErrn JEsu Christi. § 199. Daß Babylon die Grosse, deren Fall der zweyte Engel verkuͤndiget, die Stadt Rom sey, ist so klar, daß auch viele Jesuiten und an- dere Catholiquen es erkennen und beweisen. Was sagt hingegen der Ordinarius? Die Christlichen Religionen, meine Geschwi- ster! (von den andern haben wir nicht zu reden) wir koͤnnen auch noch præcis er sagen, die Evangelische Religionen (denn in den andern befinden wir uns nicht, mit den andern concurriren wir nicht) sind vielleicht eher Goͤttlicher als menschlicher Invention. Daß sie keine Invention vom boͤsen Feinde sind, das ist gewiß; daß das Babel, das manche neue Lehrer darinnen gesucht ha- ben, nicht darinnen steckt, das ist auch ge- wiß u. s. w. Homilien uͤber die Wunden-Li- taney p. 152. Wo soll man denn Babel suchen? § 200. Der dritte Engel warnet vor der Anbe- tung des Thiers, unter einer Drohung, welche in der heiligen Schrift die allerschreck- lichste ist. Aber in der ganzen protestantischen Kirche ist schwerlich jemand, der vor solcher An- betung weniger Scheu haͤtte, als der Ordi- narius. Hie thut erst sein Brief, den er zu Dres- Theil I. Cap. III. Satz 30. Dresden A. 1728. an den Pabst Benedictum XIII, wo nicht abgehen lassen, doch im Ernst verfasset hat, den eigentlichsten Dienst. Da- rin heisset es unter anderm, er werfe sich ihm zun Fuͤssen, venerire seine Heiligkeit, und bearbeite sich ernstlich dahin, daß der Hauffe der wahren Christen, in der Catholischen Religion und in denen so genannten Se- cten, ihn moͤge kennen lernen, veneriren, lieben, u. s. w. Weder den Pabst Benedictum XIII, noch irgend einen andern, zumalen je- nes gleichen, unterstehe ich mich fuͤr seine Per- son zu richten: es wuͤrde aber dieser Brief schwerlich also an Vincentium Mariam Orsini gestellet worden seyn, wann er nicht Pabst gewe- sen waͤre. Das heutige Pabsthum kan denen, die weder auf das vergangene, nach Anlei- tung der Weissagung und der Historie, noch auf das Zukuͤnftige, nach Anleitung der Weissagung, sondern nur auf das Ge- genwaͤrtige, nach Anleitung vieler schein- baren Umstaͤnde sehen, nicht wenig einleuchten: aber der Text Off. 13, 1. u. s. w. zielet eben auf das Pabsthum, wie es sich bey etlich Jahr- hunderten nacheinander ohne grosse Veraͤnde- rung verhalten hat, und noch eine Zeitlang unter grossen Veraͤnderungen verhalten wird. Keine gelindere Meynung vom Pabsthum hat irgend ein aͤchter protestantischer Ausleger gefuͤhret. Darum kan niemand, der die aug- spurgische Confession und also die evangelische Reformation nach der Wahrheit schaͤzet, ge- gen Von Philadelphia u. s. w. gen einigen Pabst, ob er auch fuͤr sich das schoͤnste Lob haͤtte, eine solche Devotion hegen oder bezeugen. D er 31 S atz. Der Heyden volle Bekehrungs- Zeit ist noch nicht da. § 201. Z unaͤchst vorher, ehe die sieben Zorn-Scha- len ausgegossen werden, laͤsst sich am glaͤ- sernen Meer das Lied hoͤren: Groß und wun- dersam seynd deine Werke, HERR, GOtt, Allmaͤchtiger: gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du Koͤnig der Nationen: wer solte dich nicht fuͤrchten, HERR, und deinen Namen verherrlichen? weil du allein gnaͤdig bist: weil alle die Nationen werden daherkommen und anbeten vor dir: weil deine Rechte offenbar worden sind. Off. 15, 3. 4. Also steht die Bekehrung aller Nationen zu erwarten, wann der Koͤnig der Nationen wird vor ihren Augen die Gerech- tigkeit und Wahrheit seiner Wege erwiesen haben. Haͤtte der Ordinarius dieses erwogen, so waͤre bey seinen Heyden-Bekehrungs-An- stalten, (da er nicht gewiß war, ob diß die rechten Bergwerke, oder nur Anbruͤche von kurzer Dauer waͤren, Buͤd. Samml. I Band, s. 254.) ein richtigers Augenmaaß gewesen. Indessen soll bey rechtschaffenen Arbeitern der Eifer, nur fein viele von Mor- gen Theil I. Cap. III. Satz 31. gen und Abend je eher je lieber hereinzubrin- gen, hiedurch sich nicht zuruͤkhalten, sondern desto mehr anfrischen lassen. In Gewaͤchs- Haͤusern richten die Gaͤrtner mit ihrem Fleiß das meiste aus, wenn des Sommers volle Fruͤchten nahe sind. D er 32 S atz. Die neumaͤhrische Gemein-Sa- che schlaͤgt sorglich noch zu einem grossen Unheil aus. § 202. N ichts ist Off. 10-19 uͤbrig, das wir im Guten auf die neumaͤhrische Gemein- Sache deuten koͤnnten: gibt es aber etwas im Widrigen? Es scheinet nicht, daß ein beson- derer Text auf dieselbe ziele; wohl aber, daß etwas von diesem Baͤchlein sich in den Strom des grossen Jammers, welchen das dritte Weh am Ende der wenigen Zeit des Satans mit sich fuͤhret, ergiessen, und denselben in sei- nem Lauffe verstaͤrken moͤchte. § 203. Es sind drey Hauptfeinde, nemlich der Drache, und das Thier, und der falsche Pro- phet, als eine Antitrinitaͤt zusammen. Off. 16, 13. Der Drache ist insonderheit GOtte dem Vater, das Thier dem HErrn Christo, und der falsche Prophet dem heiligen Geiste zuwi- der. Von Philadelphia u. s. w. der. Wir wollen unsere noch nicht voͤllig be- stimmte Gedanken, andern zu Nutz, eroͤffnen; aber dieselbe, aus Bescheidenheit, nur frag- weise ausdruͤcken. § 204. Man gebe also bey vorfallenden Gelegen- heiten Achtung: 1) Ob nicht einer oder zween von diesen Feinden, oder alle drey, sich dessen, was die neumaͤhrische Bruͤder auf die Bahn bringen, auch wider deren Vermuthen, (wiewol man sie nun treulich warnet,) bedienen werden? 2) Ob nicht insonderheit der Drache die neumaͤhrische Lehre, wie sie auf eine von Anbe- gin nie erhoͤrte Weise den Vater von dem Werk der Schoͤpfung, von der allgemeinen Verehrung, von dem ganzen Zeugniß des A. T. ausschliesst, und auch wuͤnschet, daß die Apostel Ihn nicht so bekannt gemacht haͤtten, auffangen, und dieselbe noch viel hoͤher trei- ben werde? Von dem Vater machet diese Lehre bey neuerer Zeit in geheim wieder etwas meh- rers, und gibt also dem eiferigen Widerspruch in der Stille um etwas nach: wann aber die Er- kenntniß von Ihm sonst vor aller Welt ferner verdecket wird, so muß die Lehre vom Blut Christi und von der Wuͤrkung des heiligen Geistes bald dahin sinken. 3) Ob nicht die neumaͤhrische Gemeine sich mancher Verwahrung gegen das Thier, die man sonst in der protestantischen Kirche, in- sonder- Theil I. Cap. III. Satz 32. sonderheit auch bey der rechten Erklaͤrung der Offenbarung hat, begebe? 4) Ob nicht, da das andere Thier aus der Erden, welche bey Marckio und andern Aus- legern Asien ist, (woselbs die Juden zu Lande von Haus aus uͤberall hinkommen konnten,) aufsteiget, und der Ordinarius auf den Orient je und je eine Absicht blicken lassen (Buͤd. Sam̃l. Band II. s. 3. 707. B. III. s. 191. Creuzreich p. 237. u. s. w.) die jenige, die diesem nach- folgen, jenem desto eher zum Raub werden moͤchten? Jenes kan zwar unter andern Ursa- chen eben darum, weil es aus der Erden auf- steiget, nicht auf diesen gedeutet werden; wie- wol sich hie und da ein Belieben zu solcher Deutung auͤssert: aber dieser, als ein falscher Prophet, moͤchte doch ein Vorspiel des fal- schen Propheten seyn, und ihm eine offene (gar nicht philadelphische) Thuͤre zum Einbruch in die protestantische Kirche schaffen: wie er denn in denen pur protestantischen nordischen Laͤn- dern keinen solchen Fuß hat, als in denen Ge- genden, wo ein vermischter Zustand ist. 5) Ob nicht der Ruhm von Wundern und Zeichen, samt der Bilder-Andacht, die neu- maͤhrische Gemuͤther neige, dem falschen Pro- pheten mit der Zeit desto leichter Gehoͤr zu ge- ben? Der falsche Prophet darf ihnen nur den Leidens-Puncten einrauͤmen, und ihn ohne Kraft im Munde fuͤhren lassen, oder selbs also im Munde fuͤhren, welches beedes ihm ein ge- ringes Von Philadelphia u. s. w. ringes seyn wird, so koͤnnen die neumaͤhrische Bruͤder sich zu allem uͤbrigen bequemen. 6) Ferner: ob nicht die neumaͤhrische Lehre zur Reiffung der Beere am Weinstock der Erden ein merkliches beytrage, indem der Fanaticismus und Naturalismus jezt gewalti- ger, als noch nie, zusammen brechen, und die- ses insonderheit die Beere reiff machet? 7) Ob nicht, wann das neumaͤhrische Aus- gehen auf den ganzen Welt-Kreis fort- waͤhren oder noch weiter kommen solte, die drey Emissarii, deren gedacht wird Off. 16, 13. 14. wenigstens etliche von ihnen in ihre Parthie ziehen moͤchten? 8) Ob die Warnung Off. 16, 15. nicht son- derlich das neumaͤhrische Geschwister angehe? 9) Die Zeit, da das Thier aus dem Ab- grund aufsteiget, wollen wir hie nicht beruͤh- ren: daß es noch nicht ins Verderben hinge- gangen sey, daran zweifelt kein Christenmensch: und entweder waͤhret die neumaͤhrische Kir- chensache, bis dessen Hingang ins Verderben nahe ist, oder sie gehet ein; welches leztere wi- der der Bruͤder Vermuthen ist, indem sie auch zween zur Succession genugsam achten. Nun fragt es sich auf beederley Fall, ob nicht die Leute bey ihnen satt, sicher, schlummerig, commode, faul und verlegen gemacht, und ob nicht auch viele andere Gemuͤther auf vielerley Weise um ihren Tonum und Staͤrke gebracht werden, so daß diese und jene sich zur Zeit des Streits ausser dem Stande befinden, die im (Abriß der Bruderg.) Q Worte Theil I. Cap. III. Satz 32. Worte GOttes dargereichte Waffen zu fuͤh- ren, und sich dem Feind zu widersetzen? § 205. Das Thier aus dem Abgrund heisset bey Paulo der Mensch der Suͤnden, der Sohn des Verderbens, der Widerwaͤrtige, der sich uͤberhebt uͤber alles, das Gott oder Gottesdienst heisset, also daß er sich setzet in den Tempel GOttes, als ein Gott, und gibt sich vor, er sey Gott. Desgleichen, der Boshaftige; eigentlich ὁ ἄνομος der Gesetzlo- se. 2 Thess. 2, 3. 4. 8. Nun denke man nach: 1) In einer Gemeine, die sich so fuͤr fein und rein ausgab, haben sich doch solche scheußliche Voͤgel, als lustige Creuzluftvoͤgelein gezeiget; und rohen Seelen ist das Heiligthum gewalt- samer Weise so weit eroͤffnet worden: so kan man denn desto leichter begreiffen, wie der Suͤndenmensch sich werde in den Tempel GOt- tes setzen koͤnnen. 2) Ein Christ, der die laͤngstbewaͤhrte Lehrart von der Gottheit behaͤlt, kan sich mit der Zeit, wann der Suͤnden- Mensch sich fuͤr einen Gott ausgibt, des Be- truges leicht erwehren: aber die neumaͤhrische Bruͤder, welche die Erkenntniß des Vaters so weit zuruͤcke setzen und verstecken, sich von der Betrachtung alles dessen, was geistlich und un- sichtbar ist, so gar abthun, und die ganze oͤf- fentliche zum Heil noͤthige Erkenntniß von der Gottheit auf Christum, den im Fleisch geof- fenbar- Von Philadelphia u. s. w. fenbarten GOtt, und auf sein Leiden, zu con- trahi ren und einzuschrenken gewohnt sind, koͤn- nen den Suͤnden-Menschen gar leicht fuͤr ei- nen Gott annehmen. 3) Durch das Gesetz wird die Erkenntniß der Suͤnde, nicht nur, wie man sie auf sich geladen, sondern auch, wie man sie zu fliehen hat, erlanget. Also moͤch- ten die neumaͤhrische Bruͤder, die das Gesetz sogar zuruͤksetzen, und hinaustrommeln, vor andern dem Anomo, dem Gesetzlosen heim- fallen. § 206. Wir fuͤgen noch diese Erinnerung bey: Die zweyte Edition der Uebersetzungs-Probe des N. T. erkennet es in der oben angezogenen No- ta ad Matth. 12, 36. fuͤr hoch verdammlich, wann man die Religion so einrichtet, daß hoch und niedrig, vel vi, vel clam, vel precario reden und thun muß, nicht wie ihm ist, sondern wie es in seiner Religion lauten muß. Nun findet sich ein solches verstelltes Reden und Thun in voller maasse bey denen neumaͤhrischen Gemeinen, vornemlich an de- nen Orten, wo das Ruder gefuͤhret wird, und das vornemlich wegen der genauen Verbin- dung und Gemeinschaft. Ohne Widerrede werden bey ihnen alle Manieren mitgehalten, alle Lieder mitgesungen, alle Geberden mitge- macht. Was muͤsste es setzen, wann solche Leute in die grosse Verfuͤhrung des falschen Propheten gerathen, und ihr gegenwaͤrtiger Q 2 Irr- Theil I. Cap. III. Satz 32. Irrthum bis an dieselbe hinreichen solte? O daß sie durch diese Warnung aufgewecket wuͤr- den! Ich will bey den feinesten Seelen unter ihnen, wann da etwas rechtschaffen bleiben kan, alle geistliche Vortrefflichkeit setzen, de- ren sie immer faͤhig sind, und mache diesen Schluß: Sind diese Seelen dennoch so hauͤf- fig und hefftig eingenommen, verlocket und uͤbertauͤbet worden; wie wird es ihnen, oder andern ausser der Gemeine, ja vielmehr bey der Gemeine gehen unter jener Verfuͤhrung, die viel gewaltsamer, und (wer solte es glau- ben?) viel scheinbarer seyn wird? D er 33 S atz. Wegen der wichtigen Stelle Off. 20, 2. schreibt der Ordinarius gruͤnd- lichen Auslegern viel ungereimte Dinge zu, und haͤnget dazwischen sehr unrichtigen Meinungen nach. § 207. D iesen Satz will ich so ausfuͤhren, daß nie- mand soll ohne Verleumdung sagen koͤn- nen, ich habe die Chiliasterey bey der Wi- derlegung des neumaͤhrischen Kirchen- Periodi zu Huͤlfe gezogen. Wegen der schriftmaͤssigen Auslegung des Textes Off. 20, 1. u. f. haben mich etliche gefaͤhret, und ich habe ihnen so geantwortet, daß sie theils kluͤglich stille ge- schwie- Von Philadelphia u. s. w. schwiegen, theils ihre Beschuldigung ganz blos, (wiewol ich getrost gezeiget hatte, auf welche Puncten sie eigentlich ihre Widerlegung richten muͤssten,) und also ungebuͤhrlich, in der Sammlung von A. u. N. 1746. s. 65. wie- derholet haben. Man erwege nur diß einige: Ich sage nicht, daß Christus mit den Heiligen tausend Jahr auf Erden sichtbarlich regieren werde, (welche Meinung das wesentliche von der Chiliasterey ist,) sondern die Genossen der ersten Auferstehung sind vollendete Gerechten, die mit Christo, und also im Himmel regieren werden. § 208. Unter dieser Verwahrung nehmen wir un- sern Satz vor die Hand, und dieser bekommt seinen Hauptbeweis vermittelst der Predig von dem eigentlichen Geschaͤffte der Boten des Lammes, welche am Feste der Himmel- fahrt den 27 May 1745 zu Marienborn uͤber Apg. 1, 7. 8. gehalten ward. Sie ist vor andern weitlauͤffig, und die Proportion unsers Ab- risses gestattet nicht, dieselbe ganz hieher zu sez- zen. Wer Gelegenheit hat, wolle sie unter den 32 einzeln Gemein-Reden aufschlagen: wir aber fuͤhren nur dasjenige an, was zu un- serm Vorhaben noͤthig ist. Unter dem Lesen wolle man alsogleich merken, wie der Vortrag einem Arbeiter gezieme, der die Botschaft des Lammes bis an das Ende der Erden in der lez- ten Zeit bestellen soll. Die Predig lautet p. 9- 22 also: Q 3 ”Unser Theil I. Cap. III. Satz 33. ” Unser itziger Text zerfaͤllt natuͤrlich in zwey Theile. Der Erste Theil ist: Um was die Boten des Lamms sich nicht zu bekuͤmmern haben, remo- tive. Der Andere betrifft ihr eigentliches Ge- schaͤffte, affirmative. Liebe Geschwister! seit sechzig oder siebenzig Jah- ren hat sich eine neue Zeit hervor gemacht, eine fruͤh- zeitige Reformation, daran wir noch immer klauben, davon unsere eigene Gemeine noch allerhand Schwie- rigkeiten und Hindernisse, ja ich moͤchte bald sagen, Verblendungen, in ihrem eigenen Theil zu erfahren hat, und davon wir selbst sagen muͤssen: Wir koͤn- nen uns noch nicht recht aus dem Traum finden, aus den idéen der fruͤhzeitigen Reformation, aus der unzeitigen Verbesserungs-Lust der Zeiten. D. Luther hat so treuherzig gesagt, wie lange man muß bey der oͤffentlichen Weise in den Kirchen vor allem Volk bleiben: und wir wollen Lutheraner seyn, und geben gar nicht acht auf seine Anwei- sung und Prophezeyung. Er hat in der Vorrede zu der Teutschen Messe oder Agende Tom. III. Altenburg. p. 468. seq. gesagt: Es sey nicht eher Zeit, was anzufangen, bis sich Leute faͤnden, die mit Ernst Christen zu seyn begehrten: die Ordnung und Weisen waͤren darnach bald gemacht. Das ist das, was ich alleweil auch sage, man muß nicht eher Evangelium predigen, bis sich Her- zen finden, dies hoͤren wollen; man muß nicht eher Gemeinen machen, bis wir Leute haben, die einen Gemein-Sinn haben. Was hat man denn also eigentlich fuͤr Veran- lassung zu der fruͤhzeitigen Reformation gehabt? Ich glaͤube, wenn mans beym Lichte besieht, so ists ein gewisser Vorwitz, mit Misvergnuͤgen und Ungeduld vermischt, gewesen, der aus dem dreyssigjaͤhrigen Kriege entstanden ist. Es waren vor diesem die Leute uͤberaus sehr ” à leur aise, in gar guten Umstaͤnden, sie befunden sich Marienbornische Predig. sich wohl, es war gut Geld unter den Leuten, nach” der damaligen Art, es waren der Leute weniger, und die Nationen mehr in ihre eigene Generationes eingeschraͤnkt; es wusste einer mehr von seines Groß- vaters und Aeltervaters Hause, und von seinem Gute, von Erb-Stuͤkken zu reden, als nun. Das wurde alles durch die grossen und allge- meinen Kriege in confusion gebracht; arme Leute wurden reich, reiche Leute wurden arm; geringe Leute wurden vornehm, und vornehme Leute kamen herunter. Daher entstunds, daß ganz gemeine, ge- ringe Bauers- und Handwerks-Leute in kurzem einen grossen Adel an sich brachten; und hingegen vornehme, adeliche Familien reduc irt wurden, Pfar- rer, Kaufleute, und dergleichen, zu werden: welches, in damaligen Zeiten, sehr erniedriget hieß. Und daher koͤmts, daß man manchmal noch reden hoͤrt: Meine Vorfahren sind das und das ge- wesen, wir sind aber herunter gekommen. Diese Confusion, Vermengung und Verwikke- lung der aͤusserlichen Sachen, diese Veraͤnderung, sowol der persoͤnlichen Obrigkeiten, als der alten Art, Weise und Regierungs-Form; da man etwa einen Bischoff gehabt hatte, und hernach einen welt- lichen Fuͤrsten Davon die Differenz nicht in der Natur des Hof- Lebens, sondern in der forma regiminis zu suchen. krigte, hat verursacht, daß die Eu- ropaͤische, und besonders die Protestan tische Welt, in eine neue Form gegossen worden. Da waren nun etliche rechtschaffene Leute, gute Herzen, sonderlich unter den Lehrern, darauf be- dacht, wie sie da was guts fuͤr den lieben GOtt her- aus bringen wolten. Sie dachten: HErr! wenn Truͤbsal da ist, so sucht man dich; und wenn du sie zuͤchtigest, so ruffen sie aͤngstiglich. Die Leute, die in dergleichen Umstaͤnden stun- den, sonderlich die Alten, die hoͤrtens gerne, wenn man sagte: Es wird besser werden; wenn man ihnen sagte: O der liebe GOtt wird bald kommen! Und ich weiß mich von meiner Kindheit an zu erinnern,” Q 4 ” von Theil I. Cap. III. Satz 33. ” von meinem dritten, vierten Jahre an, daß wir ge- glaͤubt haben, der Heiland bleibt nicht vier Jahr mehr aus. Wenn mans nun beym Lichten befieht, was der Trieb, das Triebwerk zu allem war; so wars nicht das inwendige, es war nicht das Herz, es war nicht das Creuz JESU, es war nicht das, was er fuͤr uns gelitten hat: sondern es war die Hoffnung, vom Boͤsen erloͤst zu werden, ein ruhigers und ver- gnuͤgters Leben zu fuͤhren, zu dem Seinigen wieder zu kommen; oder, wenns ja nicht so weit kaͤme, die Rache ausuͤben zu sehen an den Raͤubern, an den Menschen, die einen ums seinige, um sein Geld ge- bracht hatten. Es war denn auch manchmal ein Trost. Man hatte kein Geld mehr, so wolte man einen andern Trost haben, das war ein gutes Buch, das war eine schoͤne Predigt, das war ein guter Umgang mit den Leuten. Und darein mengte sich zu gleicher Zeit, der Geist der Prophezeyung von bessern Zeiten; und wenn man auch nicht auf die aͤusserste Extremitæt fiel: so fielen sie doch alle auf die Erklaͤrung der Offenbah- rung Johannis, auf die determination der Zeiten und Stunden; und wenn ihrer dreyssig zu Schan- den wurden, so kam doch der ein und dreyssigste, und brachte eine neue Erklaͤrung. Den Leuten fiel gar nicht ein, was der Heiland gesagt: Die Zeitrechnung ist gar nicht euer Werk, ihr koͤnnt versichert seyn, wenn mein Vater wird auf den periodum kommen, da er alle Feinde zu seines Sohns Fuͤssen legen will, er wird weder die Welt noch euch drum fragen. Der Welt wird ers nicht zu melden haben, und euch wird ers nicht sagen. Ich habe mich schon vielmal gewundert, wa- rum doch die lieben Leute sich in einen so gefaͤhrli- chen Weg hinein begeben: denn es ist ein rechtes Mira kel, daß man solche Leute nicht schon lange hat genommen, und hat sie torqui rt, zu sagen, was sie ” wissen von zukuͤnftigen Dingen. Wenn man die heu- tige Mar. Predig. tige Art ansieht, wie die Welt dergleichen tracti rt,” so muß man einen reverenz vor der Welt machen, man muß sich buͤkken, und respect vor der Welt ha- ben. Denn bey alle den sotis en, bey alle den Thor- heiten, die von so genannten Augspurgischen Con- fession s-Verwandten in alle Welt geschrieben und gedruckt wurden, von der Zerstoͤrung der Welt, von der Aufhebung ihres Regiments, von der Ver- tilgung der Gottlosen, von der Zeit, die kommen wird, da die Kinder Gottes werden alles in allem seyn; und da die Leute ihre Namen davor schrieben, und da der Buchdrukker seinen Namen davor drukte, da man nicht mehr bey dem Stuhl zu Rom blieb, sondern auch andere Herren und Obere, wo nicht alle, unter dem Antichrist mit begriff: so war nichts mehr zu bewundern, als die Geduld derjenigen, die durch dergleichen Weissagungen injurii rt worden. Nun ist wohl eines theils wahr, daß diese Ge- duld von der Verachtung und Geringschaͤtzung her- koͤmt, weil man die Dinge nicht glaͤubt: unterdessen haben doch alle die Knechte GOttes, die sich in die- ses Feld gewagt haben, manche unnoͤthige Ver- folgungs-Gelegenheit gemacht, und haben das Ubel mit veranlasset, daß die Zusammenkuͤnfte der Kinder GOttes verdaͤchtig gemacht worden sind. Man hat die Griechische Barbarey nicht eingefuͤhrt, die Leute zu torqui ren und zu quaͤlen, daß sie die ver- meinten Geheimnisse, oder ihre Conspiration gegen die Welt, die sie in ihren Versamlungen haben, entdekken solten; das hat man infra dignitarem ge- schaͤtzt: aber man hat gesucht, das Ding mit seiner Wurzel heraus zu reissen; man hat die Versamm- lungen den guten Leuten fast durchgehends verboten. Das ist daraus entstanden, das ist die Frucht der Prophezeyungen. Und wer gedenkt, daß die Ver- sammlungen der Pfarrer halben verboten werden, aus Liebe zur Geistlichkeit, der muß nicht wissen, wies in der Welt aussieht. Die Pfarrer werden gewiß den faveur nicht finden, sie werden das nicht ausrichten mit allem ihrem Geschrey; sondern das” Q 5 ” viele Theil I. Cap. III. Satz 33. ” viele Verkuͤndigen, Buͤcher-schreiben, Weissagen und Prophezeyen, und sagen: Wir sind itzt in der letzten Revolutions- Zeit, in dem oder dem Jahr wirds kommen; und daß man schon Lieder drauf macht, (wie denn ein und ander Gesangbuch solcher Lie- der ganz voll ist, die so lauten, als wenns schon da stuͤnde) das ist die Gelegenheit zu der General- Wie- drigkeit gegen die Zusammenkuͤnfte. Welche zwar, auf der einen Seite um des pharisaͤischen leeren Ge- schwaͤtzes willen, das darinnen gefuͤhret wird, actu sehr schaͤdlich und seelen-gefaͤhrlich sind; auf der andern Seite aber doch einen real en und nuͤtzlichen Umgang der Kinder GOttes mit einander, zum Zwek haben. Das wird aber unter einander gemengt, so wol von denen die nicht Zeit, Lust oder Einsicht haben, die Sachen zu sondi ren und zu beurtheilen, als von denen, die nicht τεταγμένοι sind, sich solcher Sachen mit einem wahren Segen zu gebrau- chen. Es ist also eine mit von den Pflichten einer Ge- meine JEsu, daß sie sich mit aller Macht gegen das Prophezeyen, gegen das Weissagen und Zeichen der Zeit erklaͤren setzt, und daß sies unter die Zeichen- deuterey rechnet. Hat der Heiland eine Macht und Erlaubniß von seinem Vater, seinen Juͤngern was zu vertrauen: hat er Erlaubniß und Macht, nach der Oeconomie, diesem und jenem seiner Knechte zu erklaͤren, was er dem Johannes gesagt hat: so ists genug, daß es der weiß, so ists genug, daß es einer dem andern ge- legentlich sagt, und daß es eine herzliche Unterre- dung wird, die so geschwinde vergessen als gefasst wird; ja, wenns weit gehen soll, es ist genug, wenn man einen gewissen Plan, den der Heiland einem zeigt, in der idée behaͤlt, damit man nicht dagegen anstosse, daß man einen gewissen halbdunkeln Begriff nicht wegwirft, sondern steht dabey stille, damit man keinen Queerstrich drein macht, und eine unbedungene Arbeit thut. Das ist alles genug, das ist das aͤus- ” serste, was von uns gefordert wird; das ist schon ein Mar. Predig. ein besonderer character, ein departement, das ist ” weder der Kinder GOttes noch der Juͤnger affaire zu suchen, und das theilt der Geist aus, wem er will, und grade an die, denen am wenigsten daran gele- gen; gewiß an niemand, ders begehrt, sondern alle- mal an Leute, die da sagen: HErr, verschone mich doch, und sage es, wem du willst. Denn zu den andern heissts: Du begehrest dir grosse Dinge, begehrs nicht, ꝛc. Jerem. 45, 5. Wenn wir das so vest setzen, und darum von Her- zen bezeugen gegen jedermann, daß die Gemeine JEsu Christi damit nichts zu thun hat; daß sie vors erste und uͤberhaupt die Lehre gar nicht glaͤubt, die in der Augspurgischen Confeslion zum Irrthum gemachet worden, daß einmal die Kinder GOttes in der Welt regieren, und die Gottlosen vertilgen sollen: sondern daß sie das wuͤrklich fuͤr eine falsche Lehre haͤlt, fuͤr eine falsche, ungegruͤndete idée, weil sie der Creuz- Reichs-Sache nicht convenient ist. Denn ich weiß in aller Welt nicht, liebes Geschwister! was wir solten mit einem solchen Regiment machen, wenn der Hei- land uns nun heute, so wie wir da waͤren, den einen zum Regenten in dem Lande, den andern zum Regen- ten in einem andern Lande, den dritten zum Fuͤrsten da oder dort machte: es wuͤrde uns ja nicht anders seyn, als wenn wir zum Besten gehabt waͤren, was solte uns das helfen? was solte da heraus kommen? Es ist ja nicht unsre Sache. Man dankt ja dem Hei- land auf den Knien, wenn man nichts ist, wenn man nichts seyn darf, daß man von dieser grossen Zeit- Versaͤumniß privilegi rt ist. Es waͤre eine schlechte Erhoͤhung, wenn uns der Heiland zum recompense und Belohnung, daß wir an seinen Wunden und an seinem Creuze mit Leib und Seele gehangen, auf die Thronen der Erden setzte, daß wir uns den Kopf zer- brechen muͤssten, wie wir mit dem und jenem bedenk- lichen Nachbar, wie wir mit dem und jenem aufsaͤz- zigen Vasallen zurechte kaͤmen, und liesse uns keinen froͤlichen und keinen ruhigen Tag mehr in der Welt haben. Das sind gar nicht unsere Sachen: dazu hat der HErr seine eigene Knechte, die respect ire ich alle- ” ” mal; Theil I. Cap. III. Satz 33. ” mal; und wenn sie es mit der That beweisen, daß sie es sind, so veneri re ich sie. Wer sein Herz kennt, der weiß, daß kein Bru- der unter uns mit solchen Gedanken umgehen kan; er muͤste denn ein Phantast seyn: (denn wer koͤnte wollen so was seyn, der muͤste erst seiner geistlichen Sinnen beraubt werden) sondern daß wir wie Abra- ham und die Altvaͤter, die Leute darum veneri ren, anbeten und vor ihnen niederfallen moͤchten, die noch moͤgen Fuͤrsten und Koͤnige seyn, die uns beschuͤtzen moͤgen, die die Welt moͤgen regieren wie sie ist, die sich moͤgen mit den Sachen bis an ihr Ende ihren Kopf zerbrechen, und bis in ihren Tod plagen. Uns kan gewiß nicht einfallen, daß das einmal ein Gna- den-Lohn seyn wird der Martyrer und Zeugen, der Bekenner, die das Zeugniß des Creuzes getragen ha- ben, und die mit dem Siegel des Lammes GOttes an den Stirnen vor der Noth der Erden und der Suͤnde zugesiegelt sind. Nein, beym HErrn seyn allezeit, das ist einem ein Lohn. Kommen wir zu Ihm, das ist uns genug; koͤmt Er zu uns, das ist uns auch recht: das ist so seine Sache, das kan uns gleich viel seyn, dabey verlieren und gewinnen wir nichts. Koͤmt Er aber zu uns, so koͤmt er gewiß sanftmuͤthig und von Herzen demuͤthig; so setzt er gewiß sein Reich in der Stille, in der Verborgenheit fort, in der es bleiben muß, bis die Buͤcher aufgethan werden, bis die Po- saunen GOttes alle Todten auferwekken werden: denn vorher kan nichts éclatant es, nichts publiqu es gesche- hen, nichts, das so viel tausend und tausend Men- schen mit ansehen; sonst waͤre der Glaube aus. Es ist auch wieder den tenor (Inhalt) der heiligen Schrift: denn wenn sie auf die Breite der Erden tre- ten, und mit unzehlbaren Armeen kommen, und die Stadt des Heilands einnehmen wollen; so muͤssen sie in Wahrheit regieren, und muͤssen nicht vertilgt seyn. Wenn also so was ist, so muß es gewiß seyn, wies itzo ist. Der eine wird sagen, es ist wahr, der andre, es ist nicht wahr: der eine wirds glaͤuben, ” und sich davor fuͤrchten; der andre wirds glaͤu- ben, Mar. Predig. ben, und sich ein Bißchen drauf freuen; und der drit- ” te wirds nicht glaͤuben. Vielleicht werden sie denken, sie haben uns vertilgt; sie werden denken, wie sie hundert Jahr von den Boͤhmischen Bruͤdern gedacht haben, es sind keine mehr. In dem point de vuͤe muͤssen wirs ansehen: wenns darnach auf einmal nicht wahr seyn wird, wenn sie sich darnach auf einmal wer- den in ihrer Hoffnung betrogen finden, da sie gedacht hatten, es waͤren keine Christen mehr; ja hernach kan man leicht denken, was daraus entstehen wird. Es wird das daraus entstehen, daß sie uns werden in Ernst vertilgen wollen; und das wird nicht angehen, da werden sie zu kurz langen. Nun, liebe Geschwister! wir sehen aus dem gan- zen Umstande und aus dem ganzen Zusammenhange, daß das Sachen seyn, die, wann sie aufs allerschoͤn- ste geschehen, (wie sie denn geschehen werden) so ha- ben sie gar nicht die geringste active connexion mit unserer gegenwaͤrtigen Fuͤhrung, am allerwenigsten aber mit der Bekehrung der Seelen. Hier ist Ge- duld und Glaube der Heiligen. Es kan mit allen Herrlichkeiten bey uns nichts bewiesen wer- den, man kan damit nicht, wie man zu sagen pflegt, einen Hund aus dem Ofen hervorlokken, geschweige eine Seele bekehren: denn zu dergleichen Sachen, zu dergleichen Wahrheiten gehoͤrt ein Glaube, der noch zweymal so stark ist, als der Glaube ans Blut JEsu und an die Wunden-Herrlichkeit. Und es waͤre eine grosse Thorheit, wenn wir von dem Glau- ben wolten anfangen: die Leute glaͤubten noch kei- nen Heiland, der fuͤr sie gestorben waͤre; und wir glaͤubten, wir koͤnten sie bekehren mit der Hoffnung von seinem Reich. Das waren gute principia zur Juden Zeit; das seyn gute principia fuͤr Republica- ner, die unter einer Monarchie stehen, und waͤren ihrer gern los, und jagten den Monarch en gern zum Lande hinaus, und setzten sich an seine Stelle, und gaͤben ihrer drey und zwanzigen oder dreyssigen in die Hand, was einer hat, und liessen lieber funszig, oder gar den Herrn Omnis, wie man zu sagen pflegt, ” ” tyranni- Theil I. Cap. III. Satz 33. ” tyrannisiren, als Einen: fuͤr solche Leute sind das principia, da taugen sie etwas. Das gibt die ersten zwanzig Jahr, gute Quaͤker; die drauf folgende, gute Inspiri rte; und im fuͤnften, sechsten decennio gute Naturalist en. Und darum wars auch den Juͤngern des Hei- lands damals noch zu thun. Denn wenn er was von seinem Reich, und von seiner Seligkeit, von seinen schoͤnen Sachen redte; so dachten sie allemal, er meyne den Pilatus und den Herodes, daß er die umbringen wolle, und etwa die damaligen Hohen- priester aus der unrechten familie, und wolte die rechte wieder einsetzen, und im uͤbrigen selber regie- ren, weil er aus Davids Stamm und ein Koͤnig war. Das war ihre Sache; aber das waren Juͤ- dische ideen, das waren keine Gemein- ideen, das waren keine Sachen, die sich heut zu Tage in un- ser Vergnuͤgen, in unsre Seligkeit hinein passen. Die Gemeine geht und bauet sich. Das Gras hat die Art an sich, daß es waͤchst. Wenns gut ist, so erfrent es einen grossen Theil der Creaturen, und es besteht eines grossen Theils der- selben ihr Leben darinn, es koͤmt ihr Leben und Tod darauf an, wies geraͤth; und so nehmen wir auch Theil daran von ferne: aber wenn wir nichts als Gras zu essen haͤtten, so wuͤrden wir nicht zurechte kommen; denn wir sind nicht darauf gemacht, wir sind nicht dazu geschaffen, wir seyn eine andere Art von Creaturen, wir haben eine andre Nah- rung. Wenn unser Geist nichts anders zu essen haͤtte, als was unser Coͤrper hat, so wuͤrden wir schlecht zurecht kommen. Drum ist des Heilands sein Leib auch eine Speise, und sein Blut auch ein Trank. Und so gehts auch mit den goͤttlichen Wahrheiten, mit den goͤttlichen Sachen, und mit den idéen, die man sich macht. Was denen damals eine unaussprechliche Freude war, da stuͤnden wir nicht drum auf. Darum hat der Heiland am besten gethan, daß ers so hat dabey ” gelassen, es ist euer Amt nicht, liebe Herzen! ihr werdet Mar. Predig. werdet daruͤber nicht examini rt werden, ich werde ” euch bey meiner Zukunft nicht fragen, ob ihr die pe- riodos habt ausgemessen, ob ihr das Jahr ausgefun- den habt, wenn ich komme. Lasst ihrs nur gut seyn; alle die Sachen haben schon ihren abgemessenen Plan, und das ist im Rath der Waͤchter schon ausgemacht, da ist eine Sanctio pragmatica beschlossen, die weder geschrieben noch gedrukt wird, die niemand erfaͤhrt, als der Rath der Waͤchter. EHIEH; Fiet, fiat, fit. Aber wißt ihr, meine Bruͤder! was ihr zu thun krigt? (das ist der Andre Theil) Ihr werdet ei- ne Vollmacht krigen vom heiligen Geiste, potestatem; euch wird aufgetragen werden von der theuren und lieben Kirchen-Mutter: Ge- het hin, es hat da eine Seele, dort ist eine Seele. Und die Seele wird nicht nur bey euch in der Nachbarschaft seyn, sondern es kan seyn, daß ihr nach der einen Seele muͤst lauffen bis ans Ende der Erden. ” u. s. w. Gegen diesen bunten Discours waͤre vieles zu erinnern, wir wollen uns aber an folgen- dem begnuͤgen. § 209. Der Prediger bemuͤhet sich, seinem phila- delphischen Periodo, dem Kirchlein in der lez- ten Zeit, es koste was es wolle, eine ganz un- vergleichliche Fuͤrtrefflichkeit zu wege zu brin- gen, (wie auch Hr. Weiß in seinem Brief an mich thaͤt,) so daß nichts als die Zukunft des HErrn noch abgehe. Daher muß alles, was ihm begegnet, sich zur Erde legen, und eine Gasse abgeben, da er uͤberhin lauffe. Er ver- ringert auch sonsten, vornemlich aber in dieser Predig, das Gute der vorigen Zeiten, son- derlich Theil I. Cap. III. Satz 33. derlich seit fuͤnfzig Jahren her und druͤber; das Gute, so zu dieser Zeit ausser seiner Ge- meine ist, so fern es sich in keine besondere Ver- bindung mit derselben einlassen will; und das Gute, welches in kuͤnftigen Zeiten vermoͤge des prophetischen Wortes noch bevorstehet. Hin- gegen die Maͤngel bey seiner Gemeine werden klein, und ausser derselben groß gemacht. Diß ist uͤberhaupt der Schluͤssel zu sehr vielem, das er zu sagen pflegt, und sonderlich zum ersten Theil dieser Predig. § 210. Wer auf sechzig oder siebenzig Jahr zu- ruͤcke gehet, der merket wohl, was die neue Zeit und fruͤhzeitige Reformation seyn soll. A. 1675, und also siebenzig Jahr vor dieser Predig gingen Speneri Pia desideria aus der Presse an das Licht, womit sein Zeugniß in pro- phetischen Dingen anfing. Der Prediger kan unmoͤglich sagen, er habe dieses nicht gemeinet. Denn er redet ohne Unterscheid und ohne Aus- nahme, und was durch Spenerum desfalls auf die Bahn gebracht ward, ist das allernamhaf- teste. Unrichtig aber beschreibt er (1) die Ver- anlassung, als ob es um einen weltlichen Trost uͤber dem dreissigjaͤhrigen Krieg zu thun gewesen waͤre. (2) Die Sache selbs, als ob solche in einer unzeitigen Verbesserungs- Lust der Zeiten bestanden waͤre, da man bes- sere Tage in irrdischen Dingen, Rache uͤber die Feinde u. s. w. zu hoffen haͤtte. (3) Den Erfolg, Von Philadelphia u. s. w. Erfolg, als ob die Obrigkeit um solcher Hoff- nung willen die privat-Versammlungen, dar- in man solche gefaͤhrliche Hoffnung geheget, verboten haͤtte. Dagegen hatte man 1) die Hoffnung besserer Zeiten vorlaͤngst, und auch zunaͤchst vor dem dreyssigjaͤhrigen Krieg: die- ser Krieg selbs aber war lang vor der hier so genannten Reformation verschmerzet. Man hatte wiederum alles vollauff, vornemlich an den Orten, wo solche Hoffnung ausbrach. Der Prediger sagt, Sonderlich die Alten habens gerne gehoͤret: sonst koͤnnte er nicht an den dreyssigjaͤhrigen Krieg hinaufreichen. Die Jungen hoͤrtens lieber, aus vielerley Ur- sachen. Haben aber irdisch-gesinnte Leute, junge oder alte, solche, wie alle andere guͤtige Worte GOttes, misbrauchet, so muß man diesen Misbrauch nicht uͤber den guten Ge- brauch erheben, noch allein von dem Misbrauch reden. 2) Die Anzeige, welche der allmaͤch- tige GOtt selbs evangelisiret hat, von denen erwuͤnschten grossen Dingen, die wir auch zu dieser unserer Zeit annoch als zukuͤnftig zu ach- ten haben, erweckte bey den Propheten je keine irdische, sondern eine heilige Freude: und diese Freude ist nicht irdisch, sondern heilig bey allen, denen die Ehre GOttes und sein Reich, das Heil der Menschen, und auch der Nachkommen, angelegen ist. Dabey ist die Hoffnung auf das, was der HERR selbs thun wird, sehr weit unterschieden von einer menschlichen Ver- besserungs-Lust, wie diese Predig es nennet. ( Abriß der Bruͤderg. ) R Ja Theil I. Cap. III. Satz 33. Ja sie sagt gar p. 27, den Augenblick habe man sich ins weltliche Regiment gemenget, den Regenten regieren zu helfen u. s. w. Bey den Boͤhmischen Bruͤdern fand sich dergleichen Gebrechen. Bald nach Hussens Tode regte sich etwas, davon des sel. Riegers Boͤhmi- sche Bruͤder § 412 zu sehen: vielmehr aber zeigte sichs bey dem dreyssigjaͤhrigen Krieg selbs, wie insonderheit Nic. Arnoldi Discurfus con- tra Comenii Lucem in tenebris ausweiset. Doch auͤssert sich die Bruͤdergemeine ihrer Succession nicht: ja diese moͤchte wohl zusehen, daß sie selbs mit ihrem Obersten sich nicht bey dem grossen auͤssern Flor ins irdische hinein- mache, wie die Predig sagt, mit dem Zusatz, es seyen fast aus allen erweckten Leuten Geiz- haͤlse gewordẽ. p. 27, 28. Lutherus hielt seine Zeit selbs fuͤr eine bessere Zeit: ausser deren hoffte Arnd und theils andere gesegnete Lehrer keine bessere Zeiten. Mit dem weltlichen Regiment hatten sie alle nichts zu thun. Jedoch der Pre- diger sieht wiederum vielmehr auf die neuere Zeiten. Mit Namen lobet er den seligen Spe- ner und andere Knechte GOttes, und ihre Werke schmaͤhet er. Koͤnnte er einen einigen melden, der es ihm in der Hauptsache recht gemachet haͤtte, (da ihnen allen das Blut JEsu gefehlt haben soll, p. 28.) so wuͤrden wir es gern hoͤren. Spenern thut er offen- barlich Unrecht. Die grosse Erweckung durch ihn fing A. 1669 an: folgenden Jahres ward das erste Collegium pietatis angestellet: und Von Philadelphia u. s. w. und nicht den Augenblick, sondern erst etlich Jahr hernach kamen die Pia desideria heraus, darin von Bessern Zeiten eine Meldung ge- schah, nur beylauͤffig und kurz, ohne das ge- ringste Gemenge in das weltliche Regiment. Zum Exempel, ein Par Theologen, die in ih- ren beygefuͤgten Bedenken nichts von Bessern Zeiten wissen wolten, pflichteten doch den Piis desideriis bey. So gar haben die Erweckun- gen und ein weltliches Gesuch nichts miteinan- der zu thun. Gleichfalls war Franken, Ar- nolden ꝛc. gar etwas anders, einem jeden in seinem Theil, angelegen, als das Zukuͤnftige in der Welt. Ist bey etlich indiscreten unor- digen Gemuͤthern der irdische lermhaftige Sinn dazugeschlagen, was koͤnnen die Erwe- kungen dafuͤr? Man kan es denselben nicht als ein Gebrechen, geschweige, als ein Haupt- gebrechen beymessen. Wann diese Materie hie weiter auszufuͤhren waͤre, so muͤssten wir zeigen, wie zum Exempel die Hoffnung, wel- che der HErr JEsus seinen Juͤngern auf eine gute Zeit, nemlich auf das herannahende Reich GOttes, als auf einen Sommer gemacht, nicht ohne die Aufmerksamkeit auf die Aende- rung bey der juͤdischen Policey, wiewohl oh- ne einige thaͤtliche Einmischung in das weltli- che Regiment gewesen. Luc. 21, 31. Apg. 6, 14. 3) Die Ursachen, warum die privat-Versam̃- lungen hin und wieder abgestellet wurden, sind viele und vielerley: aber nur zwo bringet dieser Prediger in den Vorschlag, nemlich die Pro- R 2 phezey- Theil I. Cap. III. Satz 33. phezeyungen, und die Liebe zur Geistlichkeit. Die leztere verneinet er, und schreibt der er- stern alles zu. Mancher Regent aber beweiset gegen evangelische Prediger mehr Liebe, als dieser Prediger gestehet, der nunmehr den ar- men Pfarrern eine Klette anhaͤnget, wo er kan. Ob der Versammlungen weniger oder mehr waͤre, so bringt doch mancher seine wah- re und unschuldige, oder seine falsche und ge- faͤhrliche Auslegung der Weissagung auf ande- re Wege vor, ohne daß diejenige, uͤber deren Geduld sich dieser Prediger so hoͤchlich ver- wundert, ihn dazu zwingen duͤrften. Durch die wahre Auslegung werden weder gute noch boͤse Regenten injurii rt. Denn laut dersel- ben ist es der HERR, der die Feinde weg- rauͤmen wird, zu seiner Zeit. Die Glaubigen duͤrfen Ihm weder seinen Arm noch Saͤbel, wie die Predig im Eingang redet, zuͤcken helfen. § 211. Wenn ihrer dreyssig, heisst es ferner, mit der Determination der Zeiten und Stunden zu schanden wurden, so kam doch der ein und dreyssigste, und brachte eine neue Er- klaͤrung der Offenbarung Johannis. Auf welchen Schlag auch die Anmerkung uͤber 2 Petr. 3, 8. im Buͤdingischen N. T. 1746 sagt: Wenn sich die Ausleger seit einem Seculo in dergleichen Schranken (wie die Apostel, die sich niemals einfallen lassen, ein ausdruͤckliches Datum zu benamen) gehalten haͤtten, so haͤt- ten Von Philadelphia u. s. w. ten ihrer nicht so viele ihre Reputation selbst uͤberlebt. Hie wird abermal vieles inein- ander gemenget. Von den Aposteln haben wir anderwerts gehandelt. Die Ausleger der Offenbarung sind von ihnen weit, und unter sich selbs nicht wenig unterschieden. Spener enthielte sich aller Determination der Zeit auf das vorsichtigste: und der Prediger wird kaum etliche aufbringen, die seit dem Anfang dieser Reformation, die er angibt, oder seit einem Seculo, es gewaget haͤtten, Termine zu be- stimmen. Daß eine categorische Determina- tion sehr mißlich sey, habe ich schon lang an vie- len andern erfahren; aber auch hernach gezei- get, daß Muthmassungen bey dem rechten Forschen der Weissagungen gar wohl stehen, ja nicht leicht davon zu trennen seyn. Samuel wusste, daß unter Isaj Soͤhnen der kuͤnftige Koͤnig sich befand: sonst waͤre er mit seiner Muthmassung nicht auf den ansehnlichen Eliab gefallen, bis er naͤhern Bericht von dem HERRN empfing, worauf denn David kam, von dem es hieß: Der ists. Machte den Samuel seine Muthmassung zu einem falschen Prophe- ten, der seine Reputation uͤberlebte? So ge- het es mit manchen prophetischen Zeugnissen. Sie bestimmen etwas: dadurch werden auf- merksame Zuhoͤrer zum Nachdenken und zum Forschen nach naͤhern Umstaͤnden veranlasset, und sehr heilsamlich geuͤbet, bis entweder ein reicherer Aufschluß oder gar die Erfuͤllung kommt. So war es bey den Propheten selbs, R 3 und Theil I. Cap. III. Satz 33. und sie werden darum gelobet. 1 Petr. 1, 11. Bisweilen setzet mir eine Reue ziemlich nahe zu, daß ich unter der prophetischen Wahrheit und ihrem ungezweifelten Beweise etwa eine meiner Muthmassungen, auch mit allen ersinnlichen und einem billigen Leser fast uͤberlaͤstigen Limi- tation en offenherzig mitgetheilet und nicht fuͤr mich behalten habe; nicht als ob mir dieselbe Methode jezt misfiele, sondern weil ich auf ei- ne nicht zu vermuthen gestandene Weise erfah- ren muͤssen, wie man nicht ablasse, auch ei- nem, der solche Gedanken nur in condition ir- te Nebenfragen einkleidet, ein hauͤffiges cate- gorisches Fehlschlagen aufzubuͤrden. Ermeldte Methode treibe ich fuͤr mich immer fort: und daher koͤnnte ich die Eintheilung der Zeit und Zeiten und Zeithaͤlfte, Off. 12, 14. wovon ich in Gnomone N. T. p. 1183 gehandelt habe, noch vergnuͤglicher, als indessen geschehen, er- lauͤtern: aber hieher schickt sichs nicht. Wer nun diejenige, die auf das prophetische Wort, auch der Zeiten halben, ohne Abbruch anderer Obliegenheiten merken, und ihre Muth- massungen gelegenheitlich mit aller moͤgli- chen Bescheidenheit vortragen, mit Schan- de bedecken, und sie um ihre Reputation bringen hilft, der schmaͤhet alle Glaubigen des alten Testaments, so viel ihrer nachein- ander auf den Messiam, zwar in wahrem Glauben uͤberhaupt, aber bisweilen zu bald, gewartet haben, und wird es nicht hindern, daß jene Aufmerksamkeit endlich ihr Lob von Dem, Von Philadelphia u. s. w. Dem, der da kommt, nicht erhalten solte. Hie zeigt es sich recht, was gute Herzen seyen oder nicht: und gegen das fehlschlagende Warten auf eine sichtbare Erscheinung des Heilandes im Saal moͤchten wohl fuͤnfzig und mehr an- dere Muthmassungen hingehen. § 212. Es steht einer Gemeine JEsu gar nicht an, den Geist daͤmpfen und die Weissagun- gen verachten. Laͤsset der Heiland diesem und jenem seiner Knechte klar werden, was Er dem Johanni gesagt hat, (wozu Er in seiner herrlichen Erhabenheit nicht erst einer besondern Macht und Erlaubniß von seinem Vater, wie die Predig redet, nach der Oeco- nomie bedarf,) so kommt keinem Meister auf Erden zu, den Lauff solcher Gabe eigenmaͤch- tig einzuschrenken. Es ist nicht genug, daß es der weiß, der den Aufschluß bekommen hat: es ist nicht genug, daß es einer dem andern gelegentlich sagt, und daß es eine herzliche Unterredung wird, die so ge- schwinde vergessen, als gefasst wird. Der HErr JEsus gehet weiter in seiner Mitthei- lung und in seiner Forderung. Auf das Be- halten und Halten ist eine Seligkeit gesetzet. Off. 1, 3. 22, 7. 9. Man hat sich nicht ein- mal an den Misbrauch zu kehren, obschon in das jenige, was eigentlich den Knechten JEsu Christi gezeiget wird, die Welt nebenher einen Blick, der auch ihr heilsam seyn koͤñte, zu ihrem R 4 Schaden Theil I. Cap. III. Satz 33. Schaden thaͤte. Du darfst die propheti- schen Sachen, die du aufschreibest, eben nicht geheim halten, es ist so weit nicht mehr hin. Wer ruchlos ist, mags bleiben ꝛc. Off. 22, 10. 11. ed. 2 Buͤding. Ja es ist auch das nicht genug, wenn man einen gewissen Plan, den der Heiland einem zeigt, in der idée behaͤlt, damit man nicht dagegen an- stosse u. s. w. Die ganze Offenbarung ist eine Anzeige des Heilandes: sie haͤngt zusammen: und ohne den Zusammenhang hat man zu sor- gen, ein Plan werde dem Heiland faͤlschlich zugeschrieben, und sey πλανη, ein Irrweg. Dafuͤr, daß man einen gewissen halbdun- keln Begriff nicht wegwirft, waͤre es besser, wann man sich vollends eines klaren Begriffes befliesse: denn bey diesem waͤre manch fruͤhzei- tig- und vergebliches Trachten, zum Exempel, in die Tuͤrkey und Persien, unterblieben. Son- derlich waͤre auch ein klarer Begriff noͤthig in den Stuͤcken, worin man andere bestraffet, ja vielmehr bey der ganzen Seelen-Samm- lung auf des Heilandes Zukunft, in deren Ankuͤndigung die Summa seiner Offenbarung bestehet. Ein Queerstrich ist eben diese Pre- dig, und der unbedungenen Arbeit um sie herum ist eine Menge. Beedes die Flucht vor unbedungener Arbeit, und die Treue in dem, was uns wahrhaftig befohlen ist, wird durch das Behalten der Weissagungs-Worte geschaͤrfet. Was Einem Juͤnger zu erken- nen verliehen wird, das kan er vielen andern Juͤngern Von Philadelphia u. s. w. Juͤngern, vielen Kindern GOttes mitthei- len, daß sie es sich ohne muͤhsames Forschen weislich zu nutz machen. Die Erkenntnisse blei- ben doch immer ungleich in der Maasse: aber die es einander gar ausreden, die hoͤren nicht, was der Geist den Gemeinen sagt. Es thut sich der Geist in einem jeglichen so hervor, wie es Nutzen schafft, sagt Paulus, 1 Cor. 12, 7. und wiederum: Alles das wuͤrket eben der- selbe Geist, und theilts einem jeden ab, wie er will. v. 11. Aber auch: Vor allen Dingen seyd darauf aus, daß ihr (wirklich) weissa- get, (nicht nur, daß ihr die Gabe des Weis- sagens bekommt, wie in der Uebersetzungs- Probe stehet: denn ohne die Wirklichkeit waͤre die Gabe fruchtlos.) Daher abzunehmen ist, ob in der Predig folgende scheinbare Worte aus der Wahrheit seyen: Das theilt der Geist aus gerade an die, denen am wenigsten daran gelegen; gewiß an niemand, ders begehrt, sondern allemal an Leute, die da sagen: HErr! verschone mich doch, und sage es wem du willst. Denn zu den andern heissts: Du begehrest dir grosse Dinge, begehrs nicht, ꝛc. Jerem. 45, 5. Ich meines Theils habe es nicht be- gehret, und auf diese Stunde naͤhme ich etwas anders dafuͤr, wann die Wahl zu mir stuͤnde, in was Stuͤcken ich gern mehr Erkenntniß haͤtte. Wer prophetische Wahrheiten fuͤr et- was grosses haͤlt, wie sie denn wichtig sind, R 5 Joh. Theil I. Cap. III. Satz 33. Joh. 16, 13. der hat von den neumaͤhrischen Bruͤdern wenig Beyfall: und wer sie um der Groͤsse willen begehrt, dem werden sie billig versagt. Hat aber der Gemeinstiffter bey dem, was Er thut, sich auch so gesperret, wie Mose und Jeremia? Hat er gesagt, HErr verschone mich doch, und nimm wen du wilt? Ha- ben andere ihn, und nicht vielmehr, nach sei- ner eigenen Bekenntniß, er sich selbs zu dem verordnet, was er schaffet? § 213. Nachdenklich ist, was der Ordinarius in der 30 Homilie uͤber die Wunden-Litaney sagt, Er koͤnne das tausendjaͤhrige Reich im gemeinen Vortrag nicht leiden. Ein einiges mahl habe ich meines Orts im gemei- nen Vortrag von den tausend Jahren Off. 20, 2. 4. geredet, als bey denen Offenbarungs- Reden die Ordnung des Textes mich darauf fuͤhrete: und da gebe man nur Acht, ob eine einige Sylbe nach dem irdischen rieche. Wer aber auch den schriftlichen Vortrag nicht lei- den wolte, der tadelte Johannem selbs, ja auch Den, der zu ihm sagte, Schreibe. § 214. Das tausendjaͤhrige Reich an sich selbs er- kennet der Ordinarius, und bey dem Reich deutet er auf eine besondere Zukunft des Hei- landes. Diese Zukunft wird durch meine Erklaͤrung, von der Regierung der Seligen und Heiligen mit Christo, am kraͤftigsten wi- derleget: Von Philadelphia u. s. w. derleget: und da er in den tausend Jahren nur eine Fortsetzung und hoͤhere Stuffe dessen an- gibt, was durch ihn bereits angefangen wor- den sey, so zeigt die Folge der Weissagung, daß solches keinen Grund habe. Denn jezt ist noch das dritte Weh: und der Jammer, Off. 12 ‒‒ 19, ist zwar auf der Neige, aber das schaͤrfeste davon ist noch zuruͤcke. Wann nun die Feinde, ohne Mitwirken der Glaubi- gen, durch die Macht von oben vertilget seyn werden, so gehet erst das vollendete frohe Geheimniß GOttes im Schwang. § 215. Allezeit beym HErrn seyn, das ist einem ein Lohn: und zwar ist es aller Glaubigen Lohn. Will Er aber seinen Martyrern und Zeugen uͤber das einen Voraus geben: wer kans Ihm wehren? wer soll es ausschlagen? Sind die jenige, denen Er einen Vorzug vor andern und uͤber andere gibt, darum nicht bey Ihm? Man erwege zum Exempel Matth. 19 den Unterscheid zwischen v. 28 und 29. Daß die Predig eine weltliche Regierung wider- legt, und eine Fortsetzung des Reiches Chri- sti in der Verborgenheit vertheidiget, ist uͤberfluͤssig. Daß dieses, und nicht jenes, waͤhrender Gefangenschaft des Satans er- folge, erkennen die rechtgesinnte Ausleger selbs: und die wiedertaͤuferische Lehre, die in der Augspurgischen Confession zum Irrthum gemacht wird, daß einmal die Kinder GOttes Theil I. Cap. III. Satz 33. GOttes in der Welt regieren, und die Gottlosen vertilgen sollen, widerlegen die je- nigen am besten, welche die froͤliche Vollen- dung des Geheimnisses GOttes richtig ausle- gen. Sie bleiben der Creuzreichssache von Herzen zugethan, und lassen der Welt ihr Reich. In denen Gerichten, welche Off. 11, 13. c. 14, 19. c. 15, 4. c. 16, 2 ‒‒ 21. c. 18, 8. c. 19, 21. c. 20, 9. ꝛc. beschrieben sind, werden ja viele Gottlosen, obschon nicht alle, vertil- get. Das kan nicht ohne Eclat geschehen: und wann es von denen jezt angezogenen Tex- ten in das 20 Capitel gehet, so wird es gar et- was anders seyn, als das Gegenwaͤrtige, das bey der Bruͤder-Gemeine so hoch geschaͤzet wird. Aber der Glaube wird darum nicht aus seyn. Denn die erste Auferstehung und das Regieren ihrer Mitgenossen gehoͤret in jene Welt, und wird also auf Erden nicht gesehen. Gog und Magog koͤnnen dereinst in grosser Menge auf- ziehen: und die Heiligen, deren Lager diese Feinde umringen werden, die Inwohner der gelieb- ten Stadt, werden einmal zuruͤcke sehen, ob sie ganz, ob sie zum theil, von der neumaͤhri- schen Pflanze entsprossen seyn oder nicht? Die gesamte Gemeine Christi ist wie ein Strom, da die Wasser oft zusammenlauffen, oft zerthei- let werden, so mannigfaͤltig, daß nur im Ganzen, und bey keinem einigen besondern Arm, das Continuum heraus kommt. Es geht noch gut, wann dieser Arm sich von dem Strom selbs absorbiren laͤsset. § 216. Von Philadelphia u. s. w. § 216. Nun, liebe Geschwister! (so faͤhret die Predig fort) wir sehen aus dem ganzen Umstande und aus dem ganzen Zusammen- hange, daß das Sachen seyn, die, wenn sie aufs allerschoͤnste gehen, (wie sie denn geschehen werden) so haben sie gar nicht die geringste active connexion mit unserer ge- genwaͤrtigen Fuͤhrung, am allerwenigsten aber mit der Bekehrung der Seelen. Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen. Es kan mit allen Herrlichkeiten bey uns nichts bewiesen werden, man kan damit nicht, wie man zu sagen pflegt, einen Hund aus dem Ofen hervorlokken, (Welch eine Re- de!) geschweige eine Seele bekehren: denn zu dergleichen Sachen, zu dergleichen Wahr- heiten gehoͤrt ein Glaube, der noch zweymal so stark ist, als der Glaube ans Blut JEsu und an die Wunden-Herrlichkeit. Und es waͤre eine grosse Thorheit, wenn wir von dem Glauben wolten anfangen: die Leute glauͤbten noch keinen Heiland, der fuͤr sie ge- storben waͤre; und wir glauͤbten, wir koͤn- ten sie bekehren, mit der Hoffnung von seinem Reich. Und hernach heisset es p. 25: Der Hei- land sagt nicht, Ihr werdet den Leuten die heilige Dreyeinigkeit klar machen, ihr wer- det den Leuten erklaͤren koͤnnen, wie das und das Capitel in der Offenbarung Johannis oder im propheten Daniel u. s. w. zu verste- hen seyn wird. Aus dem ganzen Umstand und Zu- Theil I. Cap. III. Satz 33. Zusam̃enhang der Weissagung ist zu ersehen, daß diese Sachen denen sehr austaͤndig seyn, die sich in die gegen- waͤrtige Fuͤhrung recht schicken, Seelen bekehren, Ge- duld und Glauben der Heiligen beweisen sollen. Die hier so genannte Thorheit wird theils von niemand begangen werden, und theils verdient sie diesen Namen nicht. Das Reich GOttes, die Busse und der Glaube reimen sich, auch anfaͤnglich, wohl zusammen. Marc. 1, 15. Luc. 23, 42. Gal. 5, 21. Wuͤrkliche Christen koͤnnen vieles fuͤr sich und untereinander zu ihrer Uebung und Staͤrkung betrachten, das sie nicht zu allen Zeiten allen andern Menschen zu ihrer Bekehrung vorzutragen noͤ- thig haben. Des Ordinatii Reden liegen am Tage: da nehmen die gegenwaͤrtige vorgegebene Vorzuͤge und Herrlichkeiten der Gemeine, naͤchst dem Leidens-Pun- cten, den meisten Platz ein, so daß fuͤr die heilige Drey- einigkeit, fuͤr Daniel und Johannem, samt andern Propheten und Aposteln, fast nichts uͤbrig bleibet; eben wie die Lehre von GOtt, von der Theopnevstie des Alten Testaments, von dem Bund GOttes mit Abraham, wenn sichs mit der Erkenntniß von der Person und Amt JEsu Christi, in Bezug auf sein Blut und Gerechtigkeit compari ren will, wie sage ich, das alles der Apostel σκύβαλω (Koth) nennen soll, aber etlichen Gemeinsachen in Pennsylvanien eine erstaunliche Importanz zugeschrieben wird. Not. ad Phil. 3, 7. Buͤd. Samml. 2 Band, p. 807. Und die kuͤnftigen Herrlichkeiten werden in der schrecklich-uͤbermachten Gemein-Rede am 26 Sonn- tage nach Trin. 1744. zwischen den Bruͤdern, die den Koͤnig begleiten und mit Ihm richten sollen, und andern, die der Bruͤder, wegen ihrer Affection gegen dieselbe, noch am juͤngsten Tage zu geniessen haben, und deswegen zur Rechten gestellet werden sollen, hoͤchst ungleich, par- theyisch und vermessen getheilet. Ich muß es bekennen, daß dieselbe unselige Rede, uͤber Matth. 25, 33. 40. mich sonderlich betruͤbet hat. Sie ist unter den 32. die vierte. Weiter: Die Leute, die man zu bekehren suchet, sind sehr unterschieden: und anders redet man mit sol- chen, die noch nie nichts vom Evangelio Christi gehoͤret haben; anders mit solchen, bey denen vieles, als be- kannt, Von Philadelphia u. s. w. kannt, voraus gesetzet werden kan. Ein jeder Vortrag hat seine rechtmaͤssige Ordnung. Doch geben nicht nur bey Leuten von der andern, sondern auch bey denen von der ersten Gattung, die lezten Dinge, die kuͤnftige manch- faltige Vergeltungẽ des Guten und des Boͤsen, das ist, die Herrlichkeiten und die Straffen in dieser und aller- meist in jener Welt, allen, auch den ersten Ermahnun- gen zur Bekehrung, ein Gewichte. Man erwege, Off. Cap. 2 und 3, das 1, 3, 4, 5 und 7 Sendschreiben, nach sei- nem erstern Theil, ja ein jedes von den 7 Sendschreiben, nach seinen beeden Theilen, und uͤberhaupt alle Drohun- gen und Verheissungen im A. und N. T. wie auch die Bußpredigten Petri und Pauli, und die Erzehlung Pauli von seiner eigenen Bekehrung. Apg. 3, 13. 19. 26. c. 13, 32. c. 17, 30. 31. c. 26, 13. § 217. Der zehnde Discours uͤber die augspurgische Con- fession streitet theils sehr vernuͤnftig wider diejenige, bey denen es rappelt, indem sie die Offenbarung JEsu Chri- sti, und insonderheit das zwanzigste Capitel irrig oder oh- ne Discretion behandeln, wie zwar eben in diesem Dis- cours geschicht, da die Dinge sehr durcheinander gewor- fen werden: theils mit Herzens-Duͤnkel wider den Mund des Jenigen, dessen Zeugniß in der Offenbarung enthalten ist, und zugleich nicht ohne Ungebuͤhr gegen diejenige, die uͤber dieses theure Zeugniß, welches auch fuͤr die Kleinen und Armen und Sclaven gehoͤret, nicht wie uͤber Lei- men weggehen, sondern dasselbe so werth halten, und so heilsamlich zu Gedult und Trost, ohne Faulheit, anwen- den, als die andere Zeugnisse des HErrn. § 218. Hat jemand bey diesem Satz von etlichen Dingen eine andere Meinung, so wird er hier doch Anlaß haben, die neumaͤhrische Sache nach seinem eigenen Begriffe zu er- wegen, und dabey warnehmen, daß ich gegen den Ordi- narium ex concessis, nach dem, was er selbs von den tau- send Jahren haͤlt, schreibe; und daß, auch ohne denselben Satz, alle uͤbrige Saͤtze dieses III Hauptstuͤcks, und diese ganze Pruͤfung, ihre Guͤltigkeit behalten; wiewohl alle diejenige, die nur den Zusammenhang des 19 und 20 Ca- pitels in der Offenbarung erkennen, (welches sich bey vie- len unverdaͤchtigen Lehrern findet, Erkl. Off. p. 1120. ed. 2. Theil I. Cap. III. Satz 33. ed. 2. und auch durch die alten Abtheilungen des Textes, da der Untergang des Thiers und die Gefangenschaft des Satans ein einiges Capitel ausmachen, bestaͤtiget wird:) solchem Satz fast ohne Ausnahme Beyfall geben werden. D er 34 S atz. Die neumaͤhrische Einbildung eines eige- nen Kirchen - Periodi tauget nicht. § 219. A us alle dem, was wir in diesem III Hauptstuͤck er- oͤrtert haben, erhellet, daß es keinen besondern philadelphischen Kirchen- Periodum gebe, der zu dieser unserer Zeit angefangen haͤtte, und sich bis an die Zukunft des Heilandes, am juͤngsten Tage oder vorher, erstreckte. Wer die Bewandtniß der gegenwaͤrtigen Zeit erwiegt, der kan, wann er auch sonst nichts gegen den Ordinarium einzuwenden haͤtte, dennoch mit Gewißheit ersehen, daß er diese grosse Sache zur Unzeit unternommen habe. § 220. Wann die Meinung von so grossen Vorzuͤgen der neu- maͤhrischen Gemeine, und vornemlich das Warten auf ei- ne besondere und nah-bevorstehende Zukunft des Heilan- des abgelegt wuͤrde, so moͤchte bey der Seelen-Sam̃lung, insonderheit so fern sie eine Sam̃lung auf solche Zukunft seyn soll, sehr viel eiliges und triebiges, weil man jedes- mals nach der Absicht die Mittel einrichtet, im Lehren und Wuͤrken gemaͤssiget werden. Dem sey wie es wolle, hof- fentlich werden alle unpartheyische Gemuͤther, sie moͤgen es mit dem reinen Chiliasmo halten, oder das Ende der Welt naͤher setzen, erkennen, daß der Ordinarius seine Ve- ste (vergl. § 175.) das ist, seinen besondern Kirchen- Perio- dum, wovon er ohne Beweis so vieles bisher gesagt und gesungen, keines Weges behaupten koͤnne, und daß also die Spruͤche in der Offenbarung Johannis nicht gegen seine Gemeine, wie in den Zeyster Reden p. 245 geklaget wird, sondern bey derselben verdrehet werden. Die Offenbarung JEsu Christi wird mit ihrem ganzen Inhalt in ihrem richtigen Verstand und Gebrauch fort- waͤhren, wann des neumaͤhrischen Philadelphia nicht mehr gedacht werden wird. ENDE des ersten Theils.