Ernst Dronke. Polizei-Geschichten. Polizei-Geschichten von Ernst Dronke. Leipzig Verlag von Carl B. Lorck 1846. Seinen Freunden in Berlin gewidmet von dem Verfasser. Inhalt . Seite. 1. Armuth und Verbrechen. 1 2. Polizeiliche Ehescheidung. 47 3. Die Suͤnderin. 67 4. Die Rechtsfrage. 95 5. Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. 117 6. Vom heimathlosen Vaterland. 141 7. Das Unvermeidliche. 153 A rmuth und V erbrechen. „Unter den Verbrechern selbst giebt es Angeber von Profession, die sogenannten Vigilanten. Diese Vigi¬ lanten sind fast ohne Ausnahme fruͤher bestrafte Ver¬ brecher, welche gewoͤhnlich gar keine oder nur eine scheinbare Beschaͤftigung haben und als Spione im Dienst der Polizei stehen.“ — Der (Berliner) Publizist, Juni 1845, Nr. 6, S. 179. I n dem Kriminalgefaͤngniß zu B. erhaͤngte sich vor einiger Zeit ein Gefangner, der nach den Aussagen des Arztes und des Gefaͤngniß-Inspektors an Schwer¬ muth gelitten hatte. Die Geschichte dieses Ungluͤckli¬ chen, welche wir dem Leser hier erzaͤhlen, ist ein voll¬ kommen wahres Ereigniß, und die folgenden Einzel¬ heiten, wobei wir nur die Namen verschweigen, werden vielleicht bei Manchem die Erinnerung an die handeln¬ den Personen erwecken. Fritz Schenk war ein Tischler. Er hatte als Geselle lange Zeit bei einem der groͤ¬ ßern Meister in B. gearbeitet, und stand im Rufe eines ordentlichen Menschen und fleißigen und geschick¬ ten Arbeiters. Da er fuͤr Niemand weiter zu sorgen hatte, so reichte sein Verdienst eben zu seinen nothwen¬ digen Beduͤrfnissen aus, und nicht minder wie bei dem Meister wegen seiner Brauchbarkeit, stand er bei den andern Gesellen wegen seines Frohsinns in Gunst. 1 * Armuth und Verbrechen. Eines Abends war Fritz aus der Werkstatt auf die dunkle Straße getreten, als eine Karosse, die an einem andern Wagen voruͤberfuhr, ihn streifte und zu Boden warf. Er erhob sich zwar alsogleich wieder, fuͤhlte aber, daß sein rechter Arm ploͤtzlich erschlafft war. Der Herr in der Karosse ließ bei dem Schrei, den der Handwer¬ ker unwillkuͤhrlich ausgestoßen hatte, halten und erkun¬ digte sich, ob er Schaden genommen. Auch der Mei¬ ster und die uͤbrigen Gesellen kamen herzu, und als sie den Verwundeten in die Werkstatt fuͤhrten, ergab sich, daß er den Arm zweimal gebrochen hatte. Der vornehme Besitzer der Karosse ließ seine Boͤrse zuruͤck, um die ersten Kosten der Heilung zu decken, und auf die Bemerkung des Meisters, daß Schenk der tuͤchtigste seiner Arbeiter sei, versprach er noch weitere Sorge fuͤr ihn zu tragen. Schenk wurde in das Stadt-Krankenhaus gebracht, wo die langwierige Behandlung den an Thaͤtigkeit ge¬ woͤhnten Arbeiter geistig und koͤrperlich ziemlich bedruͤckte. Der Verursacher seines Ungluͤcks bezahlte die Kosten Armuth und Verbrechen. seiner Pflege, bekuͤmmerte sich aber nicht weiter um ihn, und nachdem Schenk endlich als geheilt entlassen worden war, glaubte er seiner Verpflichtung gaͤnzlich quitt zu sein. — Als Schenk zu seinem Meister zu¬ ruͤckkehrte, fand sich, daß es mit der Arbeit keineswegs mehr so wie fruͤher fortging. In dem Arm war eine große Schwaͤche zuruͤckgeblieben, und war er auch nicht gerade gelaͤhmt und arbeitsunfaͤhig geworden, so ver¬ mochte er doch nicht so anhaltend und schnell zu arbei¬ ten, wie ehedem. Er sah, daß die Mitgesellen ihn, der sonst stolz auf seine Arbeit war, uͤberfluͤgelten. Er wurde mißgestimmt und sein Fleiß und seine Sorgsam¬ keit erlahmten mit der Lust zur Arbeit. Dazu kam, daß auch seine Verhaͤltnisse eine neue Gestaltung be¬ kommen hatten. In dem Stadt-Krankenhaus hatte Schenk ein jun¬ ges Maͤdchen, das seine Erziehung im Waisenhaus genossen, zur Waͤrterin gehabt. In der leeren Ein¬ samkeit dieser Stunden war sie sein troͤstender Engel gewesen, sie hatte ihn mit frommem, schwesterlichem Eifer gepflegt, und der junge Arbeiter fuͤhlte sich durch ihr sittsames Wesen maͤchtig zu ihr hingezogen. Als er die Anstalt verließ, war ihm der Umgang bereits Armuth und Verbrechen. zur nothwendigen Gewohnheit geworden. Er benutzte Sonntags seine freien Stunden regelmaͤßig, um sie zu besuchen, und die junge Waͤrterin verhehlte nicht, daß sie ihn mit Vergnuͤgen kommen sah. Die Theilnahme, welche sie Anfangs fuͤr den Kranken gefuͤhlt hatte, machte einem innigeren Gefuͤhl Platz, und als Fritz seinen Heirathsantrag vorbrachte, hatte ihr Herz ihm laͤngst schon das Versprechen der Treue gegeben. Schenk hoffte dazumal noch, daß die Schwaͤche des Armes sich allmaͤhlig durch Wiedergewoͤhnung an die Arbeit verlieren wuͤrde, und dann haͤtten ihn ja seine Ersparnisse, seine Geschicklichkeit und sein zu dem Ziel verdoppelter Eifer vielleicht bald in den Stand setzen koͤnnen, eine eigne Werkstatt anzulegen. Aber das Uebel verzog sich nicht, und eine duͤstere Niederge¬ schlagenheit bemaͤchtigte sich des Ungluͤcklichen. Seine treue Verlobte verbarg ihren eignen Kummer uͤber sein Mißgeschick und suchte ihn zu troͤsten und so viel als moͤglich mit Hoffnungen zu troͤsten, an die sie selbst nicht glaubte. Schenk konnte nicht anders glauben, als daß ihm unter solchen Verhaͤltnissen eine truͤbe Zukunft bevorstand. Der Meister mußte jedesmal in den stillen Mona¬ Armuth und Verbrechen. ten, wo es weniger Arbeit gab, einige seiner Arbeiter entlassen. So lange Schenk im Besitz seiner vollen Kraft und Thaͤtigkeit war, hatte er nicht noͤthig gehabt, um sein Unterkommen besorgt zu sein, jetzt machten ihn tuͤchtigere Arbeiter seinem Meister entbehrlich. Der Mann war nicht hart gegen ihn gewesen. Er hatte Schenk von fruͤher als einen brauchbaren, ordentlichen und willigen Arbeiter schaͤtzen gelernt und wollte ihn wegen seines Ungluͤckes nicht von sich stoßen. So lange er noch die Hoffnung hatte, daß der schwache Arm des Gesellen sich an die Arbeit gewoͤhnen wuͤrde, hatte er Nachsicht und Geduld mit ihm gehabt. Als sich jedoch diese Hoffnung verlor, vermochte er nichts mehr fuͤr Schenks Zukunft zu thun. Er stellte ihn in die zweite Klasse der Arbeiter, gab ihm nur geringere Arbeit, welche weniger Sorgfalt und Kraft erforderte, und be¬ schraͤnkte demgemaͤß seinen fruͤhern Lohn. Schenk ver¬ lor dabei die Lust und Liebe zur Arbeit, denn er fuͤhlte sich unverschuldeter Weise gedruͤckt. Der Meister machte ihm jetzt zum erstenmal Vorwuͤrfe wegen Nachlaͤssigkeit und wies ihn zu groͤßerem Eifer an. Allein Schenk war uͤberhaupt nicht mehr der alte. Seine Lage hatte ihn finster und muͤrrisch gemacht, und die Ermahnun¬ Armuth und Verbrechen. gen des Meisters fanden statt der gehofften Willfaͤhrig¬ keit einen verschlossenen, widerspenstigen Trotz. So kam es denn, daß bei der naͤchsten stillen Zeit der Tischler unter andern Gesellen auch Schenk von dem Meister entlassen und arbeitslos wurde. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei andern Meistern ein Unterkommen zu finden, entschloß sich Schenk, seine Lage jenem reichen Manne zu offenbaren, der die erste Ursache seines Ungluͤcks war. Er hoffte im Stillen, daß ihm jener den Grundstein zu einem selbststaͤndigen Erwerb legen wuͤrde. Eine mittelmaͤßige Summe reichte hin, ihm eine Werkstatt zu gruͤnden. Dann wollte er sich Gesellen halten, und wenn er auch selbst nicht viel zu arbeiten vermochte, so konnte er doch durch sein Geschick und seine Erfahrung die Arbeit lei¬ ten. Damit, so hoffte er, waͤre ihm eine ertraͤgliche Existenz geschafft gewesen, auf die hin er alsdann zu heirathen gedachte. Der vornehme Herr hoͤrte ihn gelassen an. Er schien wohl zu fuͤhlen, daß er allein der eigentliche Armuth und Verbrechen. Quell des Mißgeschicks des Arbeiters war, betrachtete aber seine Vermittlung als eine Sache der bloßen Mild¬ thaͤtigkeit. Schenk wurde auf den folgenden Tag zu¬ ruͤckbestellt, und als er sich zur bestimmten Stunde einfand, haͤndigte ihm der Kassirer im Namen seines Herrn eine kleine Summe Geldes ein. Als Geschenk zur augenblicklichen Unterstuͤtzung war die Summe nicht unbedeutend, allein um Schenk, wie er gehofft hatte, in Stand zu setzen, sich eine Zukunft zu gruͤnden, haͤtte es vielleicht des Doppelten bedurft. Schenk war daher angewiesen, das Geld allmaͤhlig zu verzehren. Der Arme, der nach qualvollem vergeblichem Muͤhen rettungslos im Jammer seines Elends sitzt und taͤglich die Gluͤcklichen im Glanz ihres ererbten Reichthums sieht, giebt sich gewoͤhnlich den thoͤrichten Hoffnungen auf den unwahrscheinlichsten, entferntest liegenden Zufall hin, welche die kaltbluͤtigen reichen Spekulanten wahn¬ sinnig nennen werden. Wenn der Arme seine letzte Hoff¬ nung auf eine Nummer des Bankhalters setzt, so schilt ihn die gesunde Vernunft einen veraͤchtlichen Thoren, indem sie ihm das Betruͤgerische und Unmoralische des Spiels auseinandersetzt. Der reiche Kaufmann, der in einer Handelskrise seinen ganzen Besitz verliert, wird ge¬ Armuth und Verbrechen. woͤhnlich nur bedauert. Im Grunde aber laͤuft Alles auf dasselbe hinaus. In einer Welt, wo der Besitz das Hoͤchste ist, spekulirt und spielt Jeder, je nach seinem Vermoͤgen, und die gesunde Vernunft dessen, was man ehrlichen Handel nennt, ist nicht minder auf Betrug und Immoralitaͤt gebaut, als die Thorheit des Hazardspiels. Als Schenk sein Geld allmaͤhlig verschwinden sah, gab er sich den unbestimmtesten Hoffnungen hin. Die Hoffnung verließ ihn nicht, aber er wußte eigentlich nicht, worauf er hoffte. Einmal wollte er sein Gluͤck im Spiel versuchen, aber der Gedanke, daß er von dem Rest seines Geldes noch so und so viel Tage leben koͤnne, waͤhrend er hier vielleicht das Ganze auf einmal einbuͤßen wuͤrde, hielt ihn wieder zuruͤck. Es war ihm immer, als wisse er fest, daß sich diese Lage doch noch aͤndern werde. Wenn er uͤber die Straße ging, so blickte er immer rechts und links auf das Pflaster, als ob er etwas Ver¬ lorenes suche. Diese Hoffnung war unsinnig, nicht wahr? Es war auch keine Hoffnung mehr, es war eine bewußt¬ lose Traͤumerei, da ihm die Wirklichkeit nichts mehr bot. Bei einem bestimmten Lebensziel haͤtte er auch nicht noͤthig gehabt, auf einen unbestimmten Zufall zu war¬ ten. Der Anblick der vornehmen sorgenlosen Vergnuͤg¬ Armuth und Verbrechen. linge verursachte ihm ein Gefuͤhl zorniger Bitterkeit, und er fragte sich jedesmal, was er denn gethan, daß er im Elend schmachten muͤsse, und was wohl jene gethan, daß sie aufgespeicherte Reichthuͤmer verschwelgen duͤrften? Wenn ein Reicher seine goldgespickte Boͤrse zog, blieb er unwillkuͤhrlich stehn, und sein Blick haftete begierig auf den glaͤnzenden Muͤnzen. Er dachte, daß diese Summe vielleicht hinreichen wuͤrde, ihm eine zufriedene Zukunft zu begruͤnden, und eine leise Stimme fuͤgte in seinem Innern hinzu: ein vorsichtiger Griff in solch eines Man¬ nes Tasche, und du bist gerettet. Als er sich zum erstenmal auf diesem Gedanken ertappte, rannte er er¬ schrocken, gleichsam um dem eignen Innern zu entflie¬ hen, von dannen. Aber die Versuchung begann bald darauf wieder damit, daß sie ihm einredete: wenn Einer jener Leute solch eine Boͤrse verliert, so wirst du sie doch aufheben und behalten; Jenen ruinirt sie nicht und dich rettet sie. Dann durchwogten und kreuzten sich die Ge¬ danken weiter; der Begriff des fremden Gutes verlor sich allmaͤhlig in ihm, und wenn er darauf zuruͤckkam, so wußte er ihn mit der Antwort zu bekaͤmpfen, daß er eben so viel Recht zum Leben wie jeder Andere habe, und daß sein Elend eben so unverschuldet, wie der er¬ Armuth und Verbrechen. erbte Reichthum der Vornehmen unverdient sei. Zuletzt kam immer jener erste Gedanke zuruͤck, und wenn er ihn noch nicht ausfuͤhrte, so geschah es aus Furcht vor der Entdeckung und — weil er im Augenblick noch einen ganz kleinen Rest der erhaltenen Unterstuͤtzung besaß, weil die Noth ihn noch nicht gewaltsam dazu trieb. In seinem Innern war Schenk laͤngst zum Ver¬ brecher geworden, bevor und ohne daß er selbst wußte. Eines Tages wurde Schenk in dem Hause, wo er in Schlafstelle lag, zu einem Manne beschieden, um eine Unebenheit am Fußboden auszuhobeln. Als er seine Arbeit beendigt hatte und sich vom Boden erhob, war der Besitzer des Zimmers auf einen Augenblick hinaus¬ gegangen. Schenk sah mit einer Art aͤngstlicher Neu¬ gierde umher, waͤhrend er die Ruͤckkehr des Mannes erwartete. Da bemerkte er dicht am Ofen auf dem Boden eine Brieftasche. Daneben stand ein Stuhl, uͤber den einige Kleider gebreitet lagen; augenscheinlich war die Brieftasche aus einem der Kleidungsstuͤcke ge¬ fallen. Schenk lauschte einen Moment mit bangem Armuth und Verbrechen. Zoͤgern, ob Niemand komme. Es war Alles still, und aͤngstlich vorsichtig hob er die Brieftasche auf. Als er sie eben geoͤffnet hatte, und nur den Rand einiges Pa¬ piergeldes sah, nahte sich von Außen der Schritt des Herrn. Schenk wollte die Brieftasche rasch wieder zu¬ sammenklappen, aber die zitternde Hast ließ ihn im Augenblick das kleine Schloͤßchen nicht finden, und mit einem ploͤtzlichen Entschluß schob er sie unter seinen Rock auf die Brust. Als der Mann eintrat, klopfte sein Herz heftig gegen das lederne Etui; es war, als woll¬ ten die Schlaͤge das geraubte Gut von dort wegdraͤn¬ gen. Waͤhrend ihm der Eigenthuͤmer den Lohn fuͤr die Tischlerarbeit auf den Tisch zaͤhlte, stand er in fiebern¬ der Angst vor Entdeckung und die Sohlen brannten ihm, den Ort seines Vergehens endlich verlassen zu koͤnnen. Zu Hause fand er, daß die Brieftasche nur eine Kleinigkeit an Geld enthielt. Er vermochte jedoch nicht, daruͤber zu rechnen, seine Gedanken waren einzig mit seiner boͤsen That beschaͤftigt. Die Folgen blieben auch nicht aus. Als der Besitzer den Verlust seiner Brieftasche be¬ merkte, stieg in ihm sogleich der Verdacht gegen den Armuth und Verbrechen. Handwerker auf, da er sich des verlegnen und zweideu¬ tigen Benehmens desselben erinnerte. Der Polizei- Kommissair, der alsbald herbeigeholt wurde, begab sich nach der Kammer Schenks, und sein erster Blick traf gleich den Gegenstand der Nachforschung. Der Ungluͤck¬ liche hatte, von seinem Gewissen gefoltert, gar nicht daran gedacht, seinen Raub zu verbergen. Schenk wurde alsbald verhaftet und spaͤter zu sechs¬ woͤchentlicher Einsperrung verurtheilt. Hatte in ihm schon das boͤse Bewußtsein seiner That die bittersten Gefuͤhle erweckt, so wurde er waͤh¬ rend seiner Haft vollends von tiefster Beschaͤmung und Reue ergriffen. Die Genossen, welche er hier fand, waren meist alte, mit Verbrechen vertrautere Gefangene, die den scheuen, in sich gekehrten Neuling mit der Jauche ihres Spottes uͤbergossen. Schenk fuͤhlte, wie sein Herz bei den rohen Spaͤßen seiner in Suͤnde er¬ zogenen Gefaͤhrten sich zusammenzog. Er gedachte mit Entsetzen, wie doch er auch denselben Weg dieser Un¬ gluͤcklichen bereits betreten habe, und die Zukunft, die er hier vor sich sah, erfuͤllte ihn mit verzweifelnder Angst. Der einzige Trost, der ihn noch aufrecht hielt, war seine Geliebte. Dies arme Wesen hing mit ruͤhrender Treue Armuth und Verbrechen. an ihm, und statt ihn in seinem Elend zu verlassen, hatte sie sich mit doppelter Hingebung an ihn ange¬ schlossen. Ihr Herz blutete uͤber das Vergehen und die beschaͤmende Lage ihres Geliebten, aber sie duldete schwei¬ gend, ohne einen Laut der Klage zu aͤußern. Sie machte ihm keine Vorwuͤrfe, sie redete ihm nie von ihrem Kum¬ mer, sie hoffte nur durch ihre Liebe ihn auf eine andere Bahn zu fuͤhren. Schenk wurde tief ergriffen von dem stummen Leiden dieser treuen Seele, und in stillen Stunden sagte er sich oft, daß er noch einmal Alles aufbieten wolle, um sich ein ehrliches Leben zu sichern, und wenn ihm dies nicht gelaͤnge, lieber vom Leben als von der Ehrlichkeit zu lassen. Die Sonne des Gluͤcks schien noch einmal uͤber den beiden Liebenden aufgehen zu wollen. Schenk erhielt unmittelbar nach seiner Freilassung die Nachricht, daß eine alte Verwandte, deren er sich kaum erinnerte, gestorben sei und ihm ein paar Hundert Thaler hinterlassen habe. In dem befriedigenden Stolz des Gefuͤhls, seine Vorsaͤtze nun ausfuͤhren zu koͤnnen, Armuth und Verbrechen. eilte er zu seiner Verlobten, und mit Thraͤnen freudiger Hoffnung versprach er ihr jetzt, das Gluͤck ihres Lebens durch kein Vergehen mehr zu truͤben. Schenk hatte kurz vorher, ehe ihn der Unfall mit seinem Arme traf, den Meisterbrief erhalten, und war Anfangs, weil ihm die Mittel zu einem selbststaͤndigen Geschaͤft fehlten, spaͤter, weil ihn auch sein Gebrechen hinderte, noch bei seinem ersten Meister geblieben. Jetzt wurde eine Werkstatt eingerichtet, mehrere Gesellen wur¬ den geworben, und als die Arbeit in Schwung gekom¬ men war, fand endlich auch die Vereinigung der beiden Liebesleute statt. Eine Zeit lang ging das Geschaͤft ganz gut. Die Gesellen waren tuͤchtige Arbeiter, Schenk verstand dem Gewerk wohl vorzustehen, und da es im Ganzen genug zu thun gab, so war auch der Verdienst leidlich vor¬ theilhaft. Schenks Frau fuͤhlte sich Mutter, und dies neue Band der Vereinigten erhoͤhte das friedliche Gluͤck ihres Heerdes. Allmaͤhlig aber stellten sich einzelne Sorgen ein. Die Leute, welche bei Schenk arbeiten ließen, be¬ zahlten nicht immer sogleich, und Schenk konnte sich die Kundschaft bei den vornehmen Leuten nicht dadurch Armuth und Verbrechen. verderben, daß er alsogleich sein Geld verlangte. Doch mußte er selbst seine Gesellen und das Material zur Arbeit regelmaͤßig bezahlen. Schenk war daher genoͤ¬ thigt, hin und wieder Schulden zu machen. Die un¬ regelmaͤßigen Einnahmen ließen ihn nicht zur ordentli¬ chen Einrichtung kommen, und es kam oͤfters vor, daß er das Geld, statt damit die kleinen Schulden zu be¬ zahlen, in die Wirthschaft verwenden mußte. So wurde er allmaͤhlig immer verschuldeter, ohne es eigentlich selbst ganz zu bemerken. Als seine Frau in die Wochen kam, war eben wie¬ der stille Zeit unter den Tischlern eingetreten, und Schenk haͤtte bei den geringen Bestellungen zwei seiner Gesellen entlassen koͤnnen. Aber die gesteigerten Beduͤrfnisse zwangen ihn zu verdoppelter Anstrengung, und statt die Arbeit der Zeit gemaͤß beschraͤnken zu koͤnnen, war er genoͤthigt, dieselbe auf eigne Gefahr fortzufuͤhren und zu erweitern. Schenk arbeitete, was sonst nie geschehen war, oͤfters bis in die spaͤte Nacht. Jeden Sonnabend Abend fuhr er dann mit den verfertigten Moͤbeln zu den Haͤndlern, um ihnen seine Waaren zum schnellen Verkauf anzubieten. Sonnabends war die Zeit, wo er durchaus Geld einnehmen mußte . An diesem Tage 2 Armuth und Verbrechen. erhielten die Gesellen ihren Lohn, ohne den sie die Ar¬ beit eingestellt haben wuͤrden, und gleichzeitig mußten auch die Bretterhaͤndler bezahlt werden, da sie ebenfalls mit der Bezahlung nicht laͤnger als eine Woche warte¬ ten und Schenk ohne sie kein Material zur Arbeit ge¬ funden haben wuͤrde. So hatte er die doppelte Sorge, einmal seine Waaren regelmaͤßig bis zum Ende der Woche zu vollenden, und dann sie auch noch an den Mann zu bringen. Die Moͤbelhaͤndler, welche die Lage der kleinen Meister sehr wohl kennen, nahmen die An¬ erbietungen Schenks gewoͤhnlich nicht sehr freundlich auf. Sie zeigten ihm ihre reichgefuͤllten Magazine, klagten uͤber schlechten Absatz und Verdienst, und meinten, daß sie, ohne sich zu ruiniren, nicht noch mehr Kapital in ihr Geschaͤft verwenden koͤnnten. Zuletzt boten sie ihm auf seine Waare einen so geringen Preis, daß Schenk trotz der draͤngenden Noth weiter ging. Aber je laͤnger er umherzog, desto mehr schwanden seine Hoffnungen. Die anderen Haͤndler beobachteten dasselbe Verfahren, Manche boten ihm noch geringere Summen, und Schenk war zuletzt genoͤthigt, seine Waare fuͤr einen Spottpreis wegzugeben. Bezahlte er dann seine Gesellen und die Bretterhaͤndler, so blieb ihm kaum so viel, um das Armuth und Verbrechen. unumgaͤnglich Nothwendige fuͤr die Wirthschaft zu be¬ schaffen. Auf diese Weise kam das Hauswesen immer mehr zuruͤck. Die Frau kraͤnkelte und vermochte ihres Zu¬ standes wegen nicht mehr auf Ordnung zu sehen, die Gesellen wurden laß oder arbeiteten wenigstens nicht wie fruͤher mit Eifer und Liebe, der Hausmann, Baͤcker, Schuhmacher und andere kleine Glaͤubiger draͤngten all¬ maͤhlig ernstlicher, und Schenk selbst verfiel durch all diesen Jammer in duͤstere Stumpfheit. Seine Seele erlag nach dem kurzen Traum des Gluͤckes nur um so schneller dem Druck der hoffnungslosen Armuth, es ward wuͤst und leer in ihm, und selbst sein Aeußeres fiel ab in Elend. In einer stillen Nacht kniete der Mann vor einem aͤrmlichen Bett, und seine heißen Thraͤnen rollten auf die abgemagerte Hand seines bleichen Weibes. Neben ihr regte es sich, und ein hinfaͤlliges neugebornes Kind erwachte eben aus seinem ersten Schlafe. Der Hand¬ werker sah mit einem starren Blick der Verzweiflung durch seine Thraͤnen auf das kleine welke Geschoͤpf. „ Was wird dein Schicksal sein, du unschuldig Wesen!“ grollte er bitter in sich hinein. „Was hast 2 * Armuth und Verbrechen. du gethan, daß du geschaffen werden mußtest? In Armuth geboren, in Noth und Elend zu leben, in Suͤnde vielleicht zu sterben! Was willst Du in der Welt? Wahrlich, es waͤre besser, ich toͤdtete Dich in Deinem friedlichen Schlummer, bevor ihn das Bewußt¬ sein Deines verfluchten Lebens zerstoͤrt!“ — Als die Arbeit dergestalt zu erlahmen begann, daß Schenk von dem Erloͤs kaum noch die Gesellen bezah¬ len konnte, mußte er sich endlich dazu entschließen, einen derselben zu entlassen. Es war dies der Anfang eines immer groͤßeren Verfalls. Die Arbeit wurde jetzt ge¬ ringer und demgemaͤß auch der Verdienst des Meisters schmaͤler. Die Kraͤnklichkeit der Woͤchnerin, die staͤr¬ kender Nahrung bedurfte, verlangte groͤßere Ausgaben, und da Schenk Alles auf sie verwendete, oft ohne daß sie das Opfer selbst bemerkte, so mußten die uͤbrigen Verpflichtungen zuruͤckstehen. Demzufolge kuͤndigte ihm zunaͤchst der Hausmann, der seit laͤngerer Zeit keine Miethe erhalten hatte, die Wohnung auf, und Schenk Armuth und Verbrechen. mußte noch zufrieden sein, daß ihm nicht sein kleines Besitzthum an Zahlungs Statt zuruͤckgehalten wurde. Sie bezogen jetzt eine aͤrmlich kleine Wohnung. Schenk arbeitete nur noch mit einem einzigen Gesellen und die Werkstatt bildete zugleich Wohn- und Schlaf¬ stube. Die kraͤnkliche Frau und das hinfaͤllige Kind litten indeß nicht lange unter dem Geraͤusch der Arbeit, denn ein halbes Jahr darauf stand dieselbe ganz still. Schenks Verdienst bei der angestrengtesten Thaͤtigkeit war jetzt so gering geworden, daß er damit nicht einmal die nothwendigsten Existenzmittel bestreiten konnte. Einige Vorschuͤsse bei dem Bretterhaͤndler und der Ruͤckstand des Gesellenlohnes setzten ihn bald außer Brot. Eine Zeitlang lief Schenk umher, um bei Andern Arbeit zu suchen, aber wie er auch flehte und seine verzweiflungsvolle Noth schilderte, sein Bemuͤhen blieb ohne Erfolg. Sein fruͤherer Meister, an den er sich mit der Bitte wendete, ihm nur irgend eine geringe und grobe Arbeit zu geben, ließ ihn am haͤrtesten an. „Wenn es blos auf Euren schwachen Arm an¬ kaͤme,“ sagte er, „da wollte ich schon Nachsicht ha¬ ben. Aber Ihr habt bereits einen Diebstahl began¬ Armuth und Verbrechen. gen und einen solchen Menschen, der mir vielleicht meine Gesellen noch verfuͤhrt, kann ich nicht brauchen.“ — Schenk trieb sich in duͤsterer Verzweiflung umher. Zuweilen erhielt er irgend eine zufaͤllige Beschaͤftigung, einen Auftrag zum Lasttragen oder auch auf Tagelohn. Den kleinen Verdienst brachte er dann seinem Weib und Kinde, fuͤr sich selbst — erbettelte er das Brot. Er sank moralisch und physisch tiefer und tiefer in's Elend. Und dennoch, bei all diesem Jammer, den ihm das stumme Leid seines abgezehrten, zerlumpten Weibes und seines siechenden Kindes verursachte, bei all der graͤßlichen Verzweiflung und all dem heißen, bittern Groll gegen die Gerechtigkeit der menschlichen Gesellschaft, die ihn zu diesem unverschuldeten Loos verfluchte, dennoch lebte er dies Leben drei lange Jahre lang. Drei Jahre! Wie ist doch die Zeit ein schlechtes Maaß fuͤr ein Men¬ schenleben! Dem Reichen verfliegt in Lust und Freuden die Zeit so schnell, daß er am Sterbebett nicht weiß, wo sie geblieben ist; aber dem Ungluͤcklichen war sie eine qualvolle Ewigkeit. Armuth und Verbrechen. Eines Tages ging Schenk langsam in stumpfem Bruͤten durch die Gassen. Seine Frau, das arme lie¬ bende, duldende Geschoͤpf, die nie uͤber ihr Loos murrte oder nur seufzte, hatte ihm am Tage vorher sagen muͤs¬ sen, daß sie nicht das Geringste mehr zum Essen im Hause habe. Das Kind war lange krank gewesen und hatte jetzt vom Arzt eine Pflege verordnet bekommen, die die Armen seit Langem nicht mehr kannten. End¬ lich aber hatte der Hausmann Schenk beim Ausgehen angehalten, und ihm barsch ins Gesicht gesagt: daß er mit der ruͤckstaͤndigen Miethe fuͤr die letzten drei Viertel¬ jahre nicht laͤnger warten koͤnne; wenn er daher am folgenden Tage das Geld nicht erhalte, so muͤsse er die Familie aus dem Hause weisen und sich an ihrem Ge¬ raͤth bezahlt zu machen suchen. Das letztere war fuͤr den Ungluͤcklichen die graͤßlichste Drohung. Er hatte nach und nach die einigermaßen entbehrlichen Stuͤcke aus seiner Wirthschaft in den Zeiten der hoͤchsten Noth versetzt, und besaß nur noch ebensoviel, um mit Weib und Kind nicht auf dem harten Boden schlafen zu muͤs¬ sen. Wurde ihm auch das noch entrissen, so konnten sie zusammen elend in der Straße sterben. Schenk ging aus, ohne zu wissen, wohin, und ohne Armuth und Verbrechen. Gedanken, wie er diesmal die augenblickliche Noth ab¬ wenden koͤnne. Wer ihn jetzt sah, erkannte in ihm den fruͤher fleißigen und ordentlichen Arbeiter nicht mehr. Sein Aeußeres trug den Stempel der schauderhaftesten Verwahrlosung, die Kleider schlotterten ihm schmutzig und zerlumpt am Leibe herab, seine tiefliegenden Augen waren glanzlos und stumpf, sein Haar wirr und strup¬ pig, und sein Gesicht zeugte von Entbehrungen und graͤßlichem Elend. An der Ecke zweier Straßen blieb er einige Augenblicke vor der Ladenthuͤr eines eleganten Fleischerladens stehen. Waͤhrend er mit heimlicher Luͤ¬ sternheit die verlockenden, reinlichen Fleischwaaren be¬ trachtete und an seine Armen daheim dachte, stieg eine ploͤtzliche Versuchung in ihm auf. Die Thuͤr war offen und der Laden leer. Sein Herz pochte in Unentschlos¬ senheit, aber er wandte sich weg, und schritt langsam die Straße weiter. In diesem Augenblick war ein Mann fluͤchtig an ihm voruͤber gestreift. Einige Schritte weiter blieb der¬ selbe ploͤtzlich stehen, gleich als ob Schenks Gesicht eine Erinnerung in ihm hervorgerufen, und blickte ihm nach. Als er uͤber die Person Schenks im Reinen zu sein schien, kehrte er um, und Schenk ward durch einen Armuth und Verbrechen. Schlag auf seine Schulter aus seinen truͤbsinnigen Ge¬ danken aufgeschreckt. „Guten Tag, Fritz Schenk! Kennst Du mich nicht mehr?“ — Der Angeredete starrte zu dem Andern in stumpfer Gleichguͤltigkeit auf. Der Mann, der vor ihm stand, war eine hohe breitschulterige Figur, ziemlich fein und modern gekleidet, und von einem auffallenden und er¬ zwungen vornehmen Wesen. Damit stand freilich der Ausdruck seines Gesichts in keiner Uebereinstimmung, denn seine von einem dichten rothen Bart umzogenen Zuͤge waren der Typus der niedrigsten Gemeinheit. Dieser Mensch hieß Wilhelm Fischer, hatte wegen Raub¬ anfalls auf offener Heerstraße und verschiedener Diebe¬ reien mehrere Jahre im Zuchthaus und Gefaͤngniß ge¬ sessen, und kannte Schenk aus der Zeit seiner Haft. Fischer hatte seitdem seinem fruͤhern Treiben Valet ge¬ sagt, und einen Erwerbszweig ergriffen, bei dem er sich augenscheinlich ganz wohl befand. Er war, nachdem er zuletzt aus dem Gefaͤngniß entlassen worden, zu dem Polizeichef gegangen, hatte ihm vorgestellt, daß er von seinem bisherigen Leben abstehen wolle, und gebeten, in irgend einer Weise verwendet zu werden. Der Polizei¬ Armuth und Verbrechen. rath, der in Fischers ausgebreiteter Diebsbekanntschaft ein treffliches Mittel zur Entdeckung manches Verbre¬ chens erblickte, hatte ihn in seine Dienste genommen und ihm den Auftrag gegeben, seine fruͤheren Bekannt¬ schaften fortzusetzen, und wenn er einen Anschlag er¬ fuͤhre, ihn davon in Kenntniß zu setzen. Das war ge¬ genwaͤrtig die eigentliche Stellung Fischers. Dieser Elende begnuͤgte sich jedoch keineswegs damit, die Absichten und Thaten seiner ehemaligen Genossen zu belauschen, sondern, um seinem Chef oͤftere Beweise seiner Thaͤtig¬ keit geben zu koͤnnen und sich in den Augen desselben hervorzuthun, spornte er auch selbst die Unschluͤssigen an und machte ihnen nicht selten sogar die Anschlaͤge, um die er sie nachher verrieth. „Nun? Was starrst Du mich an?“ sagte er zu dem Handwerker. „Kennst Du Will Fischer nicht mehr? Thust ja, als haͤtten wir nicht zusammen da —“ „Nun, Will Fischer,“ erwiderte Schenk duͤster, „und was willst Du von mir!“ — „Was ich von Dir will, Du Tropf? Dich fragen, wie es Dir geht, nichts weiter. Und ich habe ein Recht dazu, denn ich bin ein alter Bekannter, und Armuth und Verbrechen. Du siehst nicht aus, als ob Du einen Freundschafts¬ dienst zuruͤckstoßen wuͤrdest.“ „Ja, es geht mir schlecht genug!“ murmelte dumpf der Ungluͤckliche. „Keine Arbeit und kein Ver¬ dienst mehr, Gott weiß, wie das enden wird. Ich habe seit vorgestern nichts mehr gegessen!“ — „Komm mit,“ sagte der Andere mit rauhem Mit¬ leid. „Ich weiß da in der Naͤhe einen Ort fuͤr unser Einen, wo Du Dich fuͤttern kannst.“ — Schenk folgte ihm mechanisch, ohne ein Wort zu sagen. Ploͤtzlich aber blieb er stehen, sein Auge belebte sich, wie von einem gluͤcklichen Gedanken beseelt, und er hielt seinen Gefaͤhrten am Arm fest, indem er ihn aͤngstlich forschend betrachtete. „Will Fischer,“ sagte er mit bangem Ton, „es geht Dir gut, ich sehe Dir es an. Du meinst es auch gut mit mir, denn Du willst mir eben zu essen geben. Hilf mir daher ganz — wenn Du kannst, leihe mir zehn Thaler. Ich muß morgen meine ruͤckstaͤndige Miethe bezahlen, oder ich werde mit meiner Frau und einem kranken Kinde nackt und bloß auf die Straße gestoßen. Ich bin verloren, Will, wenn Du mir nicht hilfst!“ — Armuth und Verbrechen. Will Fischer verzog sein Gesicht zu einem sonderba¬ ren Laͤcheln und druͤckte seine Haͤnde fest in die Taschen. „So,“ sagte er, „Du brauchst morgen zehn Thaler — mußt sie haben, wie man so sagt — unter jeder Bedingung.“ — „Ja, ich muß sie haben, unter jeder Bedingung. Ich weiß nicht, was ich sonst thun wuͤrde, aber den Jammer daheim wuͤrd' ich nicht erleben! Zehn Tha¬ ler, Will — es ist ja nicht so viel, und uns kann es jetzt retten. Gott wird es dir lohnen, Will!“ — „Ja, Gott wird es mir lohnen und der Teufel den Segen druͤber sprechen. Ich koͤnnte nachher sehen, wie ich's wieder einbraͤchte, und fuͤr Dich waͤr's auch nur auf ein paar Tage. Uebrigens laß uns jetzt nur nach der Kneipe gehen, da koͤnnen wir weiter davon sprechen. Ich habe zwar selbst das Geld nicht, viel¬ leicht laͤßt sich aber noch anderer Rath schaffen.“ — Sie schritten wieder fort. Will Fischer fuͤhrte den Handwerker durch mehrere kleine Nebenstraßen, bis sie zuletzt vor dem Schlußgebaͤude einer engen Sackgasse ankamen. „Das da ist ein neues Bureau!“ sagte er, auf das Kneipenschild uͤber einer Kellerwohnung zeigend. „Es Armuth und Verbrechen. kommen oft tuͤchtige Kerle hieher, weil der Wirth ehr¬ lich ist und immer einen geheimen Weg hinten uͤber das Wasser bauen kann. Wenn Du mich einmal suchst, so komme nur Abends in diesen Fuchsbau.“ — Sie traten die Stufen hinunter in den Keller, wo Fischer bekannt zu sein schien. Waͤhrend er mit dem Wirth, dem Hehler der hier verkehrenden Diebsbande, im Winkel ein leises und angelegentliches Gespraͤch fuͤhrte, hatte ein Maͤdchen Brot, Kaͤse und Brannt¬ wein gebracht. Schenk goß die beiden Glaͤser mit jaͤher Hast hinunter und begann gierig das Essen zu ver¬ zehren. „Nun, das muß ich sagen,“ lachte Will Fischer, wieder herantretend, „dein Appetit wenigstens hat bei Deinem Leben nicht gelitten.“ — Schenk nahm schweigend den Rest des Essens, wickelte ihn in ein Stuͤck Papier und steckte das Ganze sorgfaͤltig in seine Tasche. „Ich werde das meiner Frau bringen,“ sagte er dann halb vor sich hin. „Sie wartet schon den gan¬ zen Morgen, und es ist doch etwas.“ — „Deine Frau! So, so. Sagtest es ja auch zu¬ Armuth und Verbrechen. vor schon. Kenn' ich sie vielleicht? Etwa eine Be¬ kanntschaft von damals, als wir zusammen —“ Schenk warf einen zornigen Blick auf seinen Nach¬ bar und stieß das leere Glas heftig auf den Tisch. „Nun, ereifre Dich nicht!“ beguͤtigte der Andere sogleich. „War nur neugierig, wie es eigentlich mit Dir aussieht, seit wir auseinander gekommen sind.“ — „Wie im Himmel sieht's bei uns aus, wie im Himmel, Will,“ erwiderte Schenk mit wilder Bit¬ terkeit, „wir essen nicht und trinken nicht. Es ist ein herrliches Leben, man genießt die ganze Schoͤpfung, man hoͤrt die Voͤgel singen, man hat im Sommer die schoͤne Natur, im Winter das praͤchtige Eis, und braucht fuͤr Alles das gar Nichts zu bezahlen. Ich erinnere mich, daß der Pfaffe mir fruͤher sagte, es sei eine Gnade Gottes, daß wir geschaffen wuͤrden und leben duͤrften. Ich wollte das lange nicht einsehen, aber es ist doch wahr, es liegt nur an dem Einzelnen selbst, wenn er sich das Leben verkuͤmmert. Das Leben ist doch umsonst, wozu sich da plagen und Sorgen ma¬ chen? Es koͤmmt am Ende doch auf Eins heraus, ob man auf seidenen Kissen oder allmaͤhlig Hungers ge¬ storben ist.“ — Armuth und Verbrechen. „Ich verstehe nicht, was Du da sagst,“ antwor¬ tete Will Fischer. „Aber wenn Du schon verzweifelst, so thust Du Unrecht. Ich weiß eben was fuͤr Dich, was Dich auf lange Zeit herausreißen kann.“ — „Will!“ rief der Handwerker ploͤtzlich erregt. „Laß mich los und mach' keine Flausen. Kennst Du das Landhaus druͤben in Ch ***?“ „Ich habe einmal darin gearbeitet.“ — „Desto besser. Es wollten ein paar tuͤchtige Kerle heut Nacht Besuch drin machen, aber der Wirth er¬ zaͤhlt mir, daß sie's verschieben muͤssen, weil ihrer zu wenig sind. Wenn Du dabei sein willst, kannst Du Dein Schaͤfchen scheeren und Deine Familie ins Trockne bringen.“ — Schenk sah seinen Nachbar mit einem festen Blick an und sagte dann langsam: „Stehlen also. Ich hatte noch nicht daran gedacht, und es liegt doch so nahe. Ich glaube, ich habe nicht einmal Muth dazu.“ — Der Polizeiagent schenkte die Glaͤser voll und erwi¬ derte veraͤchtlich: „Es gehoͤrt freilich weniger Muth dazu, mit Frau Armuth und Verbrechen. und Kind zu verhungern. Uebrigens haͤtten sie Dich vielleicht nur zur Wache gebraucht.“ — „Wenn ich sagte, daß mir der Muth fehlte,“ versetzte Schenk, „so meine ich, daß ich nicht die Kraft hatte, den Gedanken zum Stehlen zu fassen. Es ist wahrhaftig weit gekommen. Und doch ist es wahr, das Einzige bliebe mir noch uͤbrig. Ich werde mir's uͤber¬ legen, Will.“ — Mit diesen Worten erhob er sich, fuͤhlte in die Tasche, ob er das Essen auch noch habe, und wendete sich nach der Thuͤre. „Wenn Du mir Bescheid bringen willst,“ rief Fischer ihm nach, „so weißt Du, wo Du mich heut Abend findest.“ — Schenk wanderte in truͤbsinnigem Bruͤten durch die engen und schmutzigen Gassen des „schlechten Viertels,“ jener Hoͤhlen des Elends und des Verbrechens, wo die aus den Kreisen der herrschenden Gesellschaft verstoßene Armuth den Fluch ihres Daseins verbirgt. Armuth und Verbrechen. In einer niedrigen, baufaͤlligen Huͤtte kletterte Schenk eine Stiege hinauf, und befand sich hier — unter dem Dache — in der Behausung der Seinen. Bei dem Geraͤusch, welches sein Eintreten verursachte, erhob in der Ecke eine Frau ihren Kopf von dem Bettchen eines Kin¬ des, wo sie dessen fieberhaften Schlaf belauscht hatte. Die Kleidung dieser Frau war mehr als aͤrmlich, und in den leidenden von Gram entstellten Zuͤgen ihres Gesichts waren auch die letzten Spuren ihrer fruͤheren Anmuth verloren. Das Aussehen des Zimmers stimmte traurig mit dem Ausdruck der Bewohner uͤberein. Die Moͤbel bestanden außer dem Bettchen des Kindes in einem Stuhl, einer Kommode, welche zugleich die Stelle des Tisches versah, einem alten Kasten, welcher statt eines zwei¬ ten Stuhls ebenfalls zum Sitz benutzt wurde, und einer einzigen Lagerstaͤtte: einem Strohsack, uͤber den eine Decke gebreitet war. Auf dem Ofen des Zimmers wurde gekocht, — wenn es etwas zu kochen gab, und in diesem gluͤcklichen Falle wurde die ohnedies dum¬ pfige Atmosphaͤre des feuchten, an den Waͤnden schim¬ melnden Raumes vollends schwuͤl und ungesund. Und doch waͤren die Ungluͤcklichen auch in diesen Raͤumen zufrieden gewesen, haͤtten sie nur sich und ihr krankes 3 Armuth und Verbrechen. Kind vor der graͤßlichen Qual des Hungers schuͤtzen koͤnnen: Bei dem fragenden Blick, den das matte glanzlose Auge seiner Frau auf ihn heftete, zog der Handwerker das Essen aus der Tasche und reichte ihr dasselbe schwei¬ gend hin. „Du hast irgend eine Arbeit bekommen?“ sagte sie lebhaft. Schenk hatte sich auf den alten Kasten gesetzt und die Haͤnde uͤber das Knie gekreuzt. Ohne nur aufzu¬ blicken, erwiederte er nachlaͤssig: „Nein. Ich habe das von einem Bekannten aus meiner Gefaͤngnißzeit gekriegt.“ — Die Frau hielt ploͤtzlich mit Essen inne, und blickte erschrocken bei diesen Worten nach ihrem Manne hin. „Fritz!“ rief sie mit aͤngstlichem Ausdruck, „Du hast doch nicht —“ „Gestohlen, willst Du sagen?“ antwortete Schenk mit erzwungenem Lachen, als die Frau inne hielt. „Noch nicht, mein Schatz, noch nicht. Nur eine Gelegenheit dazu hat er mir angegeben.“ — „Gott steh' uns bei, Fritz! Wie kannst Du nur Armuth und Verbrechen. solche Gedanken haben! Denkst Du nicht an uns, an das arme Kind —“ „Eben drum, eben drum! Grade weil ich an Euch denke,“ sagte der Mann sich erhebend und durch's Zim¬ mer schreitend. „Ich weiß auch wahrhaftig nicht, wes¬ halb wir uns davor zu scheuen brauchten. Wir haben ebensoviel Recht zu leben, als die Andern, und wenn sie uns unser Leben stehlen, so duͤrfen wir's doch wieder stehlen!“ — „Fritz, um Gotteswillen, fuͤhr' keine so laͤsterlichen Reden im Mund! Es ist eine Pruͤfung, die uns der Herr aufgelegt, wir muͤssen ausharren!“ — „Ja, unser ganzes Leben ist eine Pruͤfung, und wir sind nur dazu geboren, daß sich der Herrgott droben an unserm Todeskampf erlustiren kann. Drum sind auch die reichen Faullenzer geschaffen, fuͤr die die armen Leute schaffen und rackern muͤssen, ohne selber was davon zu haben. Die Reichen betruͤgen die Armen, und betruͤgen sich dann im Handel und Wandel wieder untereinander. Der Jammer muß sich von oben recht komisch an¬ sehen.“ — „Gott verzeih' Dir die Suͤnde, Mann!“ rief die entsetzte Frau. 3 * Armuth und Verbrechen. Schenk, der fortwaͤhrend im Zimmer auf- und nie¬ derging, schlug eine grimmige Lache auf. „Freilich, freilich! Die Suͤnde ist nur fuͤr uns. Wenn unser Einer stiehlt oder betruͤgt, dann ist's Suͤnde; wenn Einem aber der Kaufmann schlechte Waare auf¬ luͤgt, wenn die Kinder der Reichen unsere Kinder um das Gluͤck des Lebens bestehlen, dann ist's Recht und Ordnung. Wir muͤssen suchen reich zu werden, um nach Recht und Ordnung stehlen und betruͤgen zu koͤnnen, so lange aber muͤssen wir's heimlich thun.“ — „Keinen Bissen esse ich von Deinem Suͤndenbrot!“ rief die Frau, indem sie das Essen, welches sie bis dahin in der Hand gehalten, von sich warf. Schenk ging eine Zeitlang schweigend durch's Zimmer. Als er endlich sah, wie seine Frau das Gesicht in die Haͤnde verborgen hatte und leise in sich hineinweinte, trat er an sie heran, und sagte milder: „Sei ruhig, mein Weib! Achte nicht auf das, was ich Dir gesagt habe, die Noth giebt Einem solch' ver¬ ruͤckte Gedanken ein.“ — „Willst Du mir versprechen, Dir solch suͤndhaftes Zeug aus dem Sinne zu schlagen, und Dich nicht wie¬ Armuth und Verbrechen. der mir dem elenden Diebspack einzulassen?“ fragte die Frau, indem sie ihm ihre thraͤnenbenetzte Hand reichte. „Ich will Dir versprechen, immer nur an Dich und unser armes Kind zu denken,“ erwiederte Schenk, ihr die dargebotene Hand druͤckend. „Ich will mich noch einmal an jenen reichen Mann wenden, durch den wir eigentlich so in's Ungluͤck gekommen sind. Vielleicht erbarmt er sich, wenn ich ihm unseren Jammer schildere. Du weißt, daß wir morgen den Miethsmann bezahlen muͤssen, wenn wir das kranke Kind nicht einem elenden Ende aussetzen wollen.“ — In diesem Augenblick erwachte die arme Kleine. Schenk, der schon seine Muͤtze aufgesetzt hatte, naͤherte sich wieder dem Bettchen, und druͤckte einen Kuß auf die fiebergluͤhenden Lippen des Kindes. „Und doch wird Dein Ende Elend sein!“ grollte er in seinem Innern. „Warum hab' ich Dich nicht bei der Geburt getoͤdtet, bevor mein Herz Dich lieben lernte?!“ Dann versuchte er nochmals die geaͤngstigte Frau zu troͤsten, — hatte er selbst wohl Trost? Der Anblick ihres wehmuͤthig resignirten Leidens preßte ihm fast das Herz ab, und schon seit langer Zeit suchte er sich, so oft es ging, von den Seinen zu entfernen, die ihm nur das Armuth und Verbrechen. Bild seines Jammers waren. Aber er kuͤßte seine Frau innig und sagte beim Weggehn mit fester Ruhe: „Es wird wohl noch gut werden!“ — Bei dem reichen Manne mußte Schenk diesmal ge¬ raume Zeit in der Hausflur stehen. Die gallonirten Be¬ dienten kamen mit silbernen Schuͤsseln aus den Zimmern, und strichen an ihm voruͤber, indem sie ihn aus dem Wege gehn hießen oder gar veraͤchtlich zur Seite stießen. Anfangs hatten sie ihn, seines schmutzigen und zerschlisse¬ nen Aeußern wegen, fortjagen wollen, zumal der Herr noch bei Tische saß, aber Schenk behauptete, dringlich mit dem Herrn sprechen zu muͤssen, und wollte lieber unter der beleidigenden Behandlung des Bedientenvolks ausharren, als sich seiner letzten Hoffnung begeben. Nach Verlauf von anderthalb Stunden endlich ward er in einen Vorsaal gewiesen, wo er abermals eine Vier¬ telstunde wartete. Er betrachtete mit ausdruckslosem Blick ein Gemaͤlde, waͤhrend seine Gedanken, ermuͤdet und abgespannt, fern von dem Ort und dem Zweck sei¬ nes Besuches waren. Als er aber im Nebenzimmer den Armuth und Verbrechen. Tritt des Herrn vernahm, schlug sein Herz ploͤtzlich hoͤher, und die Erinnerung an Frau und Kind richtete seine Sinne wieder ganz auf den einen Punkt, die Entschei¬ dung seiner naͤchsten Zukunft. Der gnaͤdige Herr zeigte ein ziemlich geroͤthetes und aufgeregtes Gesicht, und schien im Ganzen guter Laune zu sein. Schenk trug ihm seine Verhaͤltnisse mit zager, verlegener Stimme vor, und bat ihn schließlich um eine Unterstuͤtzung von fuͤnfzehn Thalern. „Ihr seid ein Taugenichts, Schenk,“ sagte der gnaͤ¬ dige Herr, sich die Zaͤhne stochernd. „Ihr habt keine Lust zur Arbeit, sonst wuͤrde es Euch nicht so gehen, wie Ihr sagt. Euch Geld geben, hieße Euch im Muͤ¬ ßiggang bestaͤrken, und man wuͤrde Euch zuletzt gar nicht mehr loswerden.“ — „Ach, gnaͤdiger Herr, wenn mir die Leute nur Ar¬ beit geben wollten, daß wir nothduͤrftig davon leben koͤnn¬ ten, wie gern wollt' ich schaffen von fruͤh bis in die Nacht!“ erwiederte der Handwerker mit feuchtem Auge. „Versuchen Sie es mit mir, gnaͤdiger Herr! Geben Sie mir Arbeit, wie Sie wollen, schicken Sie mich auf Botengaͤnge, lassen Sie mich Holz hacken und Wasser Armuth und Verbrechen. tragen, ich will Ihnen das Geld wieder abarbeiten, und gewiß, Sie sollen mit meinem Fleiß zufrieden sein!“ — „Ja, ich kenne das! Als ich Euch damals das Geld gab, damit Ihr Euch herausreißen koͤnntet, da habt Ihr, statt zu arbeiten, das Geld durchgebracht und seid nach¬ her wegen Diebstahl eingesperrt worden. Das waͤre das Richtige, Euch in's Haus zu nehmen und Sachen von Werth anzuvertrauen!“ — „Gnaͤdiger Herr!“ sagte der Handwerker verletzt. „Ah, Ihr wollt den Gekraͤnkten spielen! Das ver¬ lohnte sich der Muͤhe! Ihr werdet das wohl schon oͤf¬ ters gehoͤrt haben, und ich verdenke es den Leuten gar nicht, wenn sie einem Taugenichts, wie Ihr seid, keine Arbeit geben.“ — „Gnaͤdiger Herr,“ erwiederte Schenk, sich aufrichtend, „haͤtte ich immer den vollen Gebrauch meines gesunden Armes gehabt, so waͤre ich vielleicht nicht in die Noth verfallen, die mich zu dem Verbrechen verleitete!“ — „So! Ihr glaubt wohl ein Recht auf meine Unter¬ stuͤtzung zu haben?“ rief der vornehme Mann. „Da seid Ihr aber im Irrthum. Ich habe Euch pflegen und kuriren lassen, und noch Geld obendrein zu einem ehrli¬ chen Geschaͤft gegeben. Damit Basta! Eure Halunke¬ Armuth und Verbrechen. reien zu unterstuͤtzen, habe ich wahrlich nicht noͤthig. Jetzt scheert Euch Eurer Wege!“ — „Sie haben gar keine Verpflichtung gegen mich — ich weiß das,“ sagte Schenk ploͤtzlich, uͤber die Wendung erschreckt, „ich wollte ja nur sagen, daß ich vor meinem Ungluͤck zufrieden und ehrlich gelebt habe, und daß ich gewiß wieder so leben wuͤrde, wenn ich ausreichende Ar¬ beit haͤtte. Ich wollte Sie ja nur bitten, gnaͤdiger Herr —“ „Nichts da! Ich habe es schon einmal gethan und es hat nichts bei Euch geholfen, so wuͤrde es auch jetzt nichts helfen. In ein paar Tagen waͤret Ihr wieder so weit, und wuͤrdet wieder mit Betteleien kommen. Es ist besser, daß Ihr Euch von vornherein daran gewoͤhnt, selbst zu sorgen und zu arbeiten, statt daß Ihr durch Unterstuͤtzungen, die doch einmal aufhoͤren muͤssen, im Faullenzen bestaͤrkt und fuͤr die Zukunft verdorben wer¬ det!“ — „Gnaͤdiger Herr, nur dies eine Mal noch! Haben Sie Erbarmen mit meiner Familie!“— „Ich gebe Euch mein Wort, daß ich nichts mehr fuͤr Euch thue, macht, daß Ihr fortkommt!“ sagte der Gnaͤdige streng. Armuth und Verbrechen. „Meine Familie, Herr! Mein Weib und mein krankes Kind!“ — „Ich habe auch Familie und kann mich fuͤr Euch nicht aufreiben! 's ist auch zu Eurem eignen Besten. Ihr werdet arbeiten lernen! — Macht fort, macht fort! Ich sag' Euch, ich geb' Euch nichts!“ — „Sie sind Schuld, wenn wir elendiglich verderben, gnaͤdiger Herr!“ rief der Handwerker in Verzweiflung. „Wollt Ihr Euch gleich zum Henker scheeren, Ha¬ lunke, oder soll ich Euch hinauswerfen lassen? — Wird's noch nicht bald?“ — Schenk stand wie eingewurzelt, den verzweiflungs¬ vollen Blick flehentlich auf den reichen Mann gerichtet, die Haͤnde krampfhaft in einander gefaltet. Erst als der erbitterte Herr mit Heftigkeit an der Klingel riß, wendete er sich langsam nach der Thuͤr und schritt hinaus auf die Straße. „Daß Ihr mir diesen Kerl nicht wieder hereinlaßt, wenn er wieder kommt!“ sagte der Gnaͤdige zu seinem Bedienten. Aber Schenk kam nicht wieder. Draußen vor dem Hause des Reichen stand er einen Augenblick still und Armuth und Verbrechen. murmelte in kochender Wuth, waͤhrend er drohend die geballte Faust in die Hoͤhe reckte: „Moͤge mein Blut uͤber Dich kommen, Du un¬ barmherziger Hund! Moͤge der Jammer meines Weibes und meines unschuldigen Kindes auf den Seelen der Deinen brennen, und Dein verfluchtes Geschlecht in der¬ selben Noth und Verzweiflung verderben lassen!“ — Dann wendete er sich ab und schritt weiter, schnell und entschlossen, nach der Schenke, wo, wie er wußte, Will Fischer ihn erwartete. Am andern Morgen erzaͤhlte man sich allenthalben von einer Diebsbande, die bei einem frechen, naͤchtlichen Einbruch von der Polizei ertappt und aufgehoben worden sei. Schenks Frau aͤngstigte sich noch nicht daruͤber, daß ihr Mann die Nacht uͤber ausgeblieben war, denn er hatte sich oͤfters, um sein haͤusliches Leid nicht zu sehn, in einer Kneipe eine Streu gesucht. Am Nachmittag aber kam der Hausmann, kuͤndigte ihr in brutalen Wor¬ ten das Schicksal ihres Mannes an und sagte, daß sie Armuth und Verbrechen. jetzt, wo sie ihm allein gar keine Garantie mehr biete, ungesaͤumt ausziehen muͤsse. Dann ließ er sie mit ihrer Verzweiflung allein. Den Nachmittag uͤber blieb die Aermste noch in die¬ ser Staͤtte des Jammers zuruͤck. Sie saß vor dem Bett ihres Kindes, stumm und in sich gekehrt. Kein Laut der Klage entschluͤpfte ihren Lippen, ihre Augen waren trocken, aber ihr Blick brannte auf die Zuͤge ihrer schlum¬ mernden Kleinen. Am Abend, als die Dunkelheit tiefer hereingebrochen war, hing sie ihren Mantel um, nahm das Kind in den Arm und schritt durch die Gassen. Als sie am Quai angekommen war, machte sie Halt und zog ihr Kind noch einmal aus der Verhuͤllung des Man¬ tels hervor. Das schwankende Licht einer entfernten La¬ terne fiel auf die Zuͤge der schlummernden Kleinen, und blitzte wieder in den perlenden Thraͤnen, die jetzt heiß aus den Augen der Mutter rollten. Sie kuͤßte die kleinen Zuͤge mehrmals fest und innig, und ihre Lippen bewegten sich, wie zum Gebet. Als das Kind sich dann leise zu bewegen begann, machte sie eine rasche Bewegung und sprang mit ihm in den Fluß. — — Schenk vernahm von dem Ende der Seinen nichts. Da sein Inquirent ein ausfuͤhrliches Gestaͤndniß, nament¬ Armut und Verbrechen. lich in Bezug weiterer Mitschuldigen, zu erlangen hoffte, so wurde er in einsamem, strengem Gewahrsam gehalten, und so konnte ihn das Ausbleiben seiner Frau nicht wun¬ dern. Aber der Gedanke an sie, die Huͤlflose, Verzwei¬ felnde, nagte graͤßlich in seinem Innern. Zuweilen ergriff ihn eine ploͤtzliche Angst, daß er haͤtte aufschreien oder weit, weit fortlaufen moͤgen, dann wieder verfiel er in den tiefsten Truͤbsinn. In einer Nacht fuhr er aus einem Traum auf. Die Angst jagte ihn ruhelos im Zimmer umher, und die hoffnungslose Verzweiflung seiner Lage ließ ihn seinem Zustande ein Ende machen. Er stieg auf einen Stuhl in der Naͤhe des Fensters, band sein Hals¬ tuch um den Hals, knuͤpfte dann die Enden fest an die Gitterstaͤbe des Fensters und stieß den Stuhl unter sich mit dem Fuße fort. Als am Morgen der Gefangenwaͤrter eintrat, hatte die gequaͤlte Seele Ruhe gefunden. Nachdem in jener Nacht des Einbruchs die Diebe gluͤcklich eingefangen waren, hatte sich Will Fischer, im Armuth und Verbrechen. Voraus eines gnaͤdigen Empfanges gewiß, seinem Chef praͤsentirt. „Ihr seid ein brauchbarer Mann, Fischer,“ sagte der Polizeirath, indem er ihm den Lohn auszahlte. „Dient mir so fort, und es soll Euer Schade nicht sein.“ — Polizeiliche Ehescheidung. „Schließlich wird darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn sich ein Inlaͤnder im Auslande ohne die, mit kreis¬ amtlicher Beglaubigung versehene, Zustimmung des Stadtrathes seiner Heimath verheirathet, die ihm angetraute Auslaͤnderin und die mit ihr erzeugten Kinder ein Heimathsrecht in hiesigen Landen nicht anzusprechen haben.“ — Aus den Kurfuͤrstl. Hess. Heimathscheinen. „Die Eigenschaft als Preuße geht verloren: — —4) bei einer preußischen Unterthanin durch deren Verheira¬ thung an einen Auslaͤnder.“ — Preuß. Gesetzsammlung; Ges. v. 31. Dez, 1842, Nr. 2320, §.15. „ W ie ich Euch sage, Frau Gevatterin! Wie ich Euch sage. Hat die graͤulichsten, gotteslaͤsterlichsten Dinge dru¬ cken lassen, glaubt weder an Gott, noch den Teufel, noch den Koͤnig!“ — „Gott steh' uns bei, Frau Gevatterin!“ — „Wie ich Euch sage. Und heute Morgen ist der Kommissair gekommen mit vier Gensd'armen, hat ihm alle seine Briefschaften versiegelt, und ihn nach der Vogtei gefuͤhrt.“ — „Was man nicht erlebt in diesen Zeiten! Dieser stille, magere Mensch mit dem Wassersuppengesicht, — ei, Du mein Gott, wer haͤtt's von dem gedacht, daß er einmal mit der Polizei zu thun kriegte! — „Hab's immer gesagt, Frau Gevatterin, sind Heim¬ tuͤcker, die Kerle. Jetzt sieht man's. Ein Kommissai mit vier Gensd'armen, und am hellen Tage durch die Stadt gefuͤhrt!“ — 4 Polizeiliche Ehescheidung. „Ach, und die arme junge Frau mit ihren drei Kindern! Um die thut's mir leid, Gott verzeih mir's, nicht um den Mann, nicht im Geringsten. Aber es war so eine liebe, gute Frau, trug sich immer so nett und war so freundlich — Herr, mein Gott, was wird das fuͤr ein Schlag fuͤr die arme Frau gewesen sein!“— „Ist aber selbst Schuld daran, Frau Gevatterin, warum hat sie sich mit so Einem eingelassen. Das Li¬ teratenvolk ist gar nichts werth. Aus aller Herren Laͤn¬ dern werden sie weggejagt, laufen in der Fremde herum, oder werden eingesperrt. Alle Wochen steht so eine Ge¬ schichte in der Zeitung, und erst neulich hab' ich gelesen, daß sie Einen auf sieben Jahre nach Magdeburg auf die Festung gebracht haben.“ — „Ei Du mein Gott, Frau Gevatterin! Auf sieben Jahre, das ist ja graͤulich!“ — „Ja, und die Zeitungen sind immer voll von solchen Sachen. Die Polizei ist ihnen immer auf den Hacken, was kann da Gutes an den Leuten sein? Nicht einen Dreier geb' ich auf solch' einen Kerl.“ — Polizeiliche Ehescheidung. Das Gespraͤch, welches wir die beiden Weiber auf der Gasse in K. eben fuͤhren hoͤrten, bezog sich auf einen jungen Mann, Namens Paul. Derselbe hatte fruͤher dem Studium der Theologie obgelegen und seine Pruͤ¬ fungen mit glaͤnzendem Erfolg bestanden. Von der Kandidatur aber war er durch das Konsistorium in seiner Heimath zuruͤckgewiesen worden, weil die in seiner Probe¬ predigt ausgesprochenen Grundsaͤtze als der herrschenden Richtung zuwiderlaufend erachtet wurden. Paul hatte von Haus aus nur ein kleines Vermoͤgen besessen, und dies war durch seine Studien fast gaͤnzlich erschoͤpft. Als ihm daher durch das Konsistorium die Aussicht auf eine Anstellung abgeschnitten ward, mußte er sich eine andere Existenz zu begruͤnden suchen. Er verließ zunaͤchst seine Heimath und begab sich nach K., wo er Gelegenheit fand, seine Thaͤtigkeit auf literarische Arbeiten zu ver¬ wenden. Nach einem Jahre heirathete er hier ein jun¬ ges, liebenswuͤrdiges Maͤdchen aus den sogenannten gebil¬ deten Staͤnden, der aus ihren einst gluͤcklichen Verhaͤlt¬ nissen nur ein geringes Kapital geblieben war. Indeß verschaffte dies und die Thaͤtigkeit Pauls den beiden Gat¬ ten eine hinlaͤnglich ruhige Existenz und ihr bescheidenes Gluͤck ward lange durch nichts getruͤbt. Therese schenkte 4 * Polizeiliche Ehescheidung. ihrem Gatten im Laufe der Zeit drei Kinder. Sie war eine schlanke huͤbsche Blondine, voll sittsamer, natuͤrlicher Liebenswuͤrdigkeit, die durch ihr einfaches Wesen Alle, die ihr nahe kamen, fesseln mußte. Ihren Gatten liebte sie mit unaussprechlicher Hingebung, und die Kinder, auf welche Beide ihre ganze Sorgfalt wendeten, befestigten das innige Band des Paares immer mehr. Um diese Zeit erregte eine Arbeit Pauls — in welcher Art, ist hier gleichguͤltig — die Aufmerksamkeit der Polizei. Ganz wie oben die beiden Weiber erzaͤhlten, trat eines Morgens ein Polizeibeamter mit vier Gensd'armen in Pauls Woh¬ nung, durchstoͤberte, obgleich Paul sich zu dem quaͤstio¬ nirten Artikel bekannt hatte, alle Papiere desselben, steckte Briefe und Manuscripte ein und fuͤhrte Paul mit sich fort. Therese gerieth dabei in die entsetzlichste Angst. Mit Thraͤnen der Verzweiflung fiel sie dem Beamten zu Fuͤßen und beschwor ihn, jede Garantie zu verlangen und ihr nur den Gatten zu lassen. Der Kommissair hob sie artig auf und sagte, daß er nur das Werkzeug einer hoͤhern Macht sei. „Uebrigens,“ meinte er beruhigend, „wuͤrde die Sache wohl nicht viel zu bedeuten haben.“ — In der That wurden auch die Besorgnisse Theresens Polizeiliche Ehescheidung. — wenigstens fuͤr den Augenblick — bald zerstreut, denn nach Verlauf von einigen Stunden kehrte Paul von der Polizei zu seiner Gattin zuruͤck. Paul war ein Auslaͤnder, ein Deutscher naͤmlich. Als er sich in K. verheirathet hatte, war er um Ertheilung des Buͤrgerrechts eingekommen, die Polizei aber hatte ihm den Bescheid gegeben, daß man gegen seinen Aufenthalt in K. zwar nichts habe, ihm aber das Buͤrgerrecht vor¬ laͤufig nicht ertheilen koͤnne. Da die Gemeinden zur Aufnahme von Auslaͤndern nicht verpflichtet sind, so hatte sich Paul damals bei diesem Bescheide begnuͤgen muͤssen. Als er jetzt nach der Polizei gebracht wurde, nahm man einfach ein Protokoll uͤber seine Verhaͤltnisse auf; sein Antrag: wenn irgend etwas gegen ihn vorliege, ihn zur gerichtlichen Verantwortung zu ziehen, ward nicht beach¬ tet. Das Warum ? mag der scharfsinnige Leser selbst errathen. Statt dessen aber erhielt Paul nach einigen Tagen die polizeiliche Weisung, Stadt und Land zu ver¬ lassen. Polizeiliche Ehescheidung. Eine polizeiliche Ausweisung hat viel fuͤr sich. Es bedarf dazu weder eines richterlichen Erkenntnisses, noch einer gesetzlichen Vorlage, und doch erreicht man seinen Zweck zuweilen vollstaͤndiger, als durch eine voruͤbergehende Haft. Der Fluͤchtige, der nicht weiß, wohin er sein Haupt legen soll, gewinnt selten Zeit zu sogenannten Mißliebigkeiten. Faßt er dann auch in der Fremde Fuß, so hat er doch bald den richtigen Blick fuͤr die Verhaͤlt¬ nisse seiner Heimath verloren, und ist mindestens fuͤr die lokalen Ereignisse der Gegend unschaͤdlich gemacht, aus der man ihn vertrieben hat. In neuester Zeit hat man denn auch die mannigfachen Vorzuͤge solcher Maßnahmen wohl eingesehen, und in gewissen Laͤndern breitet man diese Erfahrung auch dahin aus, daß man mißliebige Beamte von einer Stadt zur andern versetzt, ohne sie zu Athem kommen zu lassen. Als Paul die polizeiliche Ausweisung aus Stadt und Land erhielt, antwortete er in einem Anflug von Humor, er wuͤrde binnen 5 Minuten dem Befehl nachgekommen sein. Er traf zu Hause noch einige Vorkehrungen, troͤ¬ stete seine weinende Frau mit der Hoffnung, daß sie bald wieder vereinigt sein wuͤrden, und begab sich uͤber die Grenze nach der Residenzstadt des benachbarten Landes. Polizeiliche Ehescheidung. Aber der Empfang war hier nicht der erwartete. Wer einmal von der Polizei gezeichnet worden ist, kann einer steten Aufmerksamkeit von kleinlichen, berichtlustigen Po¬ lizeiseelen gewiß sein, denn wenn man irgend in deutschen Verhaͤltnissen Einigkeit suchen duͤrfte, so waͤre es in denen der Polizei. Paul wurde abermals verwiesen, oder erhielt vielmehr von vornherein keine Erlaubniß zum Aufenthalt. Ein Grund wurde ihm fuͤr diese Maßnahme nicht ange¬ geben, aber man gab ihm zu verstehen, daß es wegen seiner Verweisung in K. geschehe; man wollte der Moͤglichkeit vorbeugen, in eine aͤhnliche Nothwendigkeit versetzt zu werden. Das nennt man eine Praͤventivmaßregel. Paul wollte zwar die Richtigkeit einer solchen nicht einsehen, und meinte, daß man demgemaͤß auch Jeden auf die bloße Moͤglichkeit hin, er koͤnne einmal wahnsinnig wer¬ den, in ein Irrenhaus sperren duͤrfe, eine Sache, die doch noch nicht erhoͤrt sei: die Polizei aber gestattete ihm, auswaͤrts daruͤber nachzudenken, und transportirte ihn uͤber die Grenze. Diese Geschichte wiederholte sich noch ein¬ mal, und wenn Paul nicht noch einige dreißig Mal aus¬ gewiesen wurde, so lag das einzig darin, daß er endlich die Gelegenheit dazu vermied. Sein Gemuͤth wurde all¬ maͤhlig furchtbar erbittert, und es laͤßt sich schwer be¬ Polizeiliche Ehescheidung. schreiben, was in der Brust des Fluͤchtlings vorging, waͤhrend er so gehetzt von Stadt zu Stadt zog. Aber er bedurfte der Ruhe, und wiewohl es ihm gar sauer erschien, beschloß er doch zuletzt, sich wieder in seine Hei¬ math zu begeben, deren Verhaͤltnissen er entfremdet wor¬ den war. Er begab sich also nach — Kurhessen. Kurhessen ist ein schoͤnes, deutsches Land. Es sind viel brave Leute da gestorben, wie z. B. der Buͤrger¬ meister Schomburg, viele auch nicht, wie die im vori¬ gen Jahrhundert nach Amerika versendeten Soldaten. In Kurhessen ist Herr von Hassenpflug Minister gewesen, und Sylvester Jordan nicht geboren. Als Paul in diesem Lande angekommen war, miethete er sich eine Wohnung, und schrieb seiner Frau, daß sie ihre Sachen ordnen und ihm mit den Kindem nach¬ kommen moͤge. Therese wurde von ihren Einrichtungen fast zwei Monate zuruͤckgehalten, da der Verkauf ihrer Moͤbeln, die Vermiethung der Wohnung und aͤhnliche Anordnungen ihr viel zu schaffen machten. Als sie bei Polizeiliche Ehescheidung. ihrem Gatten eintraf, war der Herbst eben angebrochen. Hier wurden die Anstalten indeß schneller besorgt und die wiedervereinigten Gatten begannen bald ihre Trennung in der freudigen Zuversicht auf eine ruhige Zukunft zu ver¬ schmerzen. Aber das Ungluͤck, wenn es einmal ein Opfer erkoren, laͤßt sich so leicht nicht von der Spur bringen. In Pauls Vaterstadt befand sich unter den Ge¬ meindevorstaͤnden ein Mann, mit dem Paul zusammen die Schule und Universitaͤt besucht hatte. Die beiden Gespielen waren einander fruͤh entfremdet worden. Paul hatte sich von Anfang an mit ausschließlichem Ernst sei¬ nen Studien zugewendet, waͤhrend der lebhafte Konrad den Freudenbecher des ungebundenen Studentenlebens bis auf die Hefe genoß. Sie sahen sich dazumal schon sel¬ ten. Ein tieferes Mißverhaͤltniß entstand aber, als Paul in Folge eines Zusammentreffens mit einem andern Stu¬ denten sich weigerte, „loszugehen.“ Konrad hielt ihn von da an fuͤr einen Feigling und Heimtuͤcker, und wenn sich die fruͤheren Jugendgespielen auf der Straße begegneten, gingen sie stumm an einander voruͤber. Spaͤter verloren sie sich aus den Augen. Paul siedelte nach K., waͤhrend Konrad in Staatsdienste trat. Er hatte in der Residenz einen maͤchtigen Verwandten, dessen Protektion ihn eine Polizeiliche Ehescheidung. schnelle Karriere machen ließ. Gegenwaͤrtig bekleidete er das oberste Gemeindeamt in seiner Vaterstadt, und galt hier seiner persoͤnlichen Stellung, wie seines weitern Ein¬ flusses wegen fuͤr den angesehensten Mann. Als Paul jetzt zuruͤckkehrte, war der alte Groll zwar im Laufe der Zeit ziemlich verdampft, aber eine leise Mißachtung war doch in Konrads Herzen gegen den „Heimtuͤcker“ geblie¬ ben. Da Paul keinen Schritt that, um sich dem ehe¬ maligen Kameraden zu naͤhern, vielmehr als er Konrads Stimmung erkannte, sich in kalte, fremde Gleichguͤltig¬ keit zuruͤckzog, so stieg in Konrad bald auch eine gewisse Eifersucht auf sein buͤrgerliches Ansehen auf, und er wuͤnschte im Stillen eine Gelegenheit herbei, den zwei¬ deutigen Kaltsinn Pauls durch einen Beweis seiner Macht zu beugen. Diese Gelegenheit wurde ihm, Dank einigen kleinen Beamtenseelen, ganz unerwartet schnell gegeben. Eines Morgens erhielt Paul eine Zuschrift der staͤdti¬ schen Polizei, worin er aufgefordert wurde, einen Hei¬ mathschein fuͤr seine Frau und Kinder beizubringen, indem man ihnen nur gegen einen solchen Nachweis den Auf¬ Polizeiliche Ehescheidung. enthalt gestatten duͤrfe. Paul war ziemlich entruͤstet uͤber diese fortgesetzte „Plackerei,“ wie er meinte. Er schrieb an die Behoͤrde zuruͤck, daß er selbst Heimathrechte am Ort besitze, und daß es fuͤr seine Frau und Kinder wohl weiter keiner Nachweise beduͤrfe. Nach Verlauf einiger Tage erhielt er eine neue Zuschrift, die ihn belehrte, daß seine im Auslande ihm angetraute Gattin und deren Kinder kein Heimathrecht am Ort haͤtten; daß man ihnen den Aufenthalt nicht verweigern wolle, aber zuvoͤrderst ihre Heimath kennen muͤsse, damit sie bei eintretender Verarmung nicht der Gemeinde zur Last fielen. Paul begann nun einzusehen, von welcher Seite betrieben werde, und wendete sich mit einer ausfuͤhrlichen Beschwerde an das Ministerium. Es waͤhrte einige Wochen, bevor er von diesem beschieden wurde, und als er die Entschließung erhielt, erfuhr er, daß seine Beschwerde fuͤr unbegruͤndet befunden worden sei. „Seine Frau und Kinder,“ hieß es, „haͤtten gesetzlich ein Heimathrecht in den kurhessischen Landen nicht anzu¬ sprechen, und da die Gemeinden zur Aufnahme von Auslaͤndern nicht verpflichtet seien, so koͤnne sich der Mi¬ nister auch nicht fuͤr ermaͤchtigt halten, die Entschließung der ... Behoͤrde in irgend einer Weise abzuaͤndern.“ Polizeiliche Ehescheidung. Gleichzeitig aber mit dieser Bescheidung Pauls traf auch ein Schreiben an die Polizeibehoͤrde ein, wonach diese angewiesen wurde, Pauls Gattin und Kinder, wel¬ chen von der Gemeinde die Aufnahme versagt worden sei, sofort nach ihrer Heimath zu verweisen. Vielleicht hatten die harten Worte in Pauls Beschwerde diese schnelle Maßnahme hervorgerufen, — wenigstens meinte der Po¬ lizeibeamte, der den Befehl an Paul uͤberbrachte, daß es wohl anders ausgefallen waͤre, wenn Paul, statt sich zu beschweren, bittend eingekommen waͤre. Selbst Konrad war von dieser Wendung uͤberrascht. Da er von Natur nicht boshaft war, hatte er an einen solchen Ausgang nicht gedacht. Seine Absicht war vielmehr einzig die ge¬ wesen, Paul seine Macht fuͤhlen zu lassen und ihm eine Art Ergebenheit abzuzwingen. Paul empfing die Nach¬ richt stumm und schweigend. Er ließ Theresen nur ihre noͤthigsten Sachen ordnen, und geleitete sie und die Kin¬ der noch bis zur Grenze. So waren also die beiden Eheleute durch einen poli¬ zeilichen Machtspruch geschieden. Paul blieb zuruͤck, in Polizeiliche Ehescheidung. seinem Innern voll tiefen, bitteren Grolles uͤber die Mi¬ sere der deutschen Heimathverhaͤltnisse; Therese reiste nach K., bangen und geknickten Herzens uͤber ihr Schicksal und die Trennung von ihrem Gatten. Ihr ahnte im Stil¬ len, daß sie einander nicht wiedersehen wuͤrden. In K. wurde ihre Stimmung truͤber und krankhafter. Ihr scheues Herz zog sich vor jeder Beruͤhrung mit Menschen zusammen, der Gram nagte an ihrem Lebensmark, und das junge bluͤhende Geschoͤpf begann langsam und elend hinzusiechen. Zu allem Ungluͤck war durch die mehrfachen Reisen und Einrichtungen der groͤßte Theil ihres Vermoͤ¬ gens erschoͤpft worden. Paul muͤhte und quaͤlte sich zwar, aber es wollte doch nichts recht gelingen. Die stille, friedliche Ordnung war jetzt nicht herzustellen, wie auch Paul mit neuen Hoffnungen auf eine gluͤcklichere Zukunft in der Fremde sie aufzurichten suchte; es erkrank¬ ten zudem zwei von den Kindern, und Therese, selbst leidend, konnte nun ihrem Hauswesen vollends nicht mehr, wie fruͤher, ordnend und sorgend vorstehen. Da traf sie zerschmetternd der letzte Schlag, die Trauerpost von Pauls Tode. In Pauls Gemuͤth hatte sich seit der Trennung von Theresen und den Kindern immer mehr und mehr der Polizeiliche Ehescheidung. verbissene Grimm gehaͤuft. Sein frommer, haͤuslicher Friede war ihm geraubt, sein stiller Heerd mit der heiligen, abgeschiedenen Ruhe der Liebe zerstoͤrt, was Wunder, daß da der Haß gegen seine Verfolger wie Unkraut aus den Truͤmmern seines Gluͤcks emporwucherte? Eines Tages ließ sich Paul in Gesellschaft einiger Freunde an einem oͤffentlichen Ort sehr heftig uͤber gewisse Verhaͤltnisse aus. An einem benachbarten Tisch saß ein Lieutenant, dessen eben ausgezahlte Gage ihm eine besondere Wuͤrde zu ver¬ leihen schien. Bei den Worten Pauls erhob er sich, und an die Gesellschaft herantretend forderte er Paul auf, seine Ausdruͤcke zuruͤckzunehmen, oder ihm dafuͤr Satisfaction zu geben. Paul antwortete ihm, daß er gar nicht zu ihm oder uͤber ihn gesprochen, also ihm gegenuͤber auch nichts zuruͤckzunehmen habe; von Satisfaction koͤnne aus demselben Grunde keine Rede sein, weshalb er sich eine andere Gelegenheit zur Auszeichnung suchen moͤge. Der trunkene Lieutenant riß hierauf, in einem herzerhebenden Anfall ritterlicher Treue gegen den Landesherrn, den De¬ gen aus der Scheide, und mit dem Ausruf: „Blut muß es abwaschen!“ versetzte er Paul einen tiefen Stich in den Oberschenkel. Wie er spaͤter aussagte, hatte er Paul keineswegs zu toͤdten beabsichtigt, da er ihn in diesem Polizeiliche Ehescheidung. Fall wohl durch die Brust gestoßen haben wuͤrde; viel¬ mehr sei es nur seine Absicht gewesen, ihn zu verwunden, und durch das Blut seine verletzte Standesehre wieder herzustellen. Der Degen aber hatte eine Roͤhre zerschmet¬ tert, und Paul starb unter großen Schmerzen und ge¬ foltert von dem Gedanken an Frau und Kinder noch in der folgenden Nacht. Den Eindruck schildern zu wollen, den diese Nach¬ richt auf Theresen machte, ist mir nicht moͤglich. Als sie aus ihrem besinnungslosen Zustand erwachte, erfuhr sie, daß sie fast zwei Monate krank, in fremder Pflege, darniedergelegen hatte. Die Erinnerung an die Veranlas¬ sung haͤtte sie beinahe von Neuem auf's Krankenlager geworfen, und ihre Auszehrung nahm seitdem einen schnel¬ leren Gang an. Nur der Gedanke an ihre Kinder hielt sie so weit noch aufrecht, daß sie sich muͤhsam in ihrem Hauswesen dahinschleppen konnte. Aber das Hauswesen selbst kam immer mehr zuruͤck. Es fehlte das Band des zufriedenen, wenn auch noch so bescheidenen Gluͤckes, welches das Ganze in Ordnung und schaffender Lust zu¬ sammenhaͤlt, und allmaͤhlig ging auch der kleine Rest ihres fruͤheren Vermoͤgens, der durch die Krankheit noch mehr geschmaͤlert worden war, gaͤnzlich zur Neige. Therese Polizeiliche Ehescheidung. duldete und zoͤgerte in ungewisser, zager Erwartung lange Zeit; als sie aber keinen anderen Ausweg sah, wendete sie sich, um Unterstuͤtzung bittend, an — die Armendi¬ rektion. Hier stieß sie auf neue Schwierigkeiten. Der Gemeindevorstand bestritt ihre Heimathrechte am Ort, da sie nach den Gesetzen des Landes durch ihre Verheirathung an einen Auslaͤnder derselben verlustig ge¬ gangen sei. Es wurde daher erst mit den Heimathbe¬ hoͤrden ihres verstorbenen Mannes eine ausfuͤhrliche Kor¬ respondenz eroͤffnet, ihr selbst aber, auf ihr wiederholtes dringendes Ersuchen, einstweilen und ein fuͤr alle Mal eine so kleine Summe Geldes gereicht, daß die Familie kaum zwei Wochen davon zu leben hatte. Waͤhrend dessen hatte sich auch ein fruͤherer Bekann¬ ter Pauls der Frau angenommen und durch eine Kol¬ lekte fuͤr sie eine neue Summe zusammengebracht. Das Geschenk war als augenblicklicher Nothbehelf recht ansehn¬ lich, aber zur Sicherung eines bessern zukuͤnftigen Looses reichte es entfernt nicht aus, und nach einigen Wochen mußte die Lage der Ungluͤcklichen wieder dieselbe sein. Therese scheute sich ihre Wohlthaͤter abermals anzuspre¬ chen, und nur spaͤt auf mehrfache Versuche, nachdem ihre bitterliche Noth erst gepruͤft und konstatirt worden Polizeiliche Ehescheidung. war, erhielt sie von der Armendirektion von Neuem eine kleine, mehr als duͤrftige Unterstuͤtzung. Das ist das ewige Geschick des Armen. Die Wohl¬ thaͤtigkeit ist nur eine Grausamkeit, die ihn im Elend erhaͤlt und durch das Gefuͤhl seiner huͤlflosen, jedem Ver¬ such eigner Erhebung trotzenden Abhaͤngigkeit entwuͤrdigt und demoralisirt. Einige Zeit spaͤter treffen wir jene beiden Weiber wie¬ der, deren Gespraͤch wir oben schon einmal belauschten. Sie stehen vor einer Hausthuͤr und schauen dem schwar¬ zen Leichenwagen nach, der einfach und ohne Geleit die Straße hinabfaͤhrt. „Gott habe sie selig!“ sagt die Eine. „Es war doch eine brave Frau, und es thut mir wahrhaftig leid um die armen Kinder. Sie haben eine gute und rechtschaffene Mutter verloren.“ — „Ja, Gott verzeih' ihr. Sie hat den dummen Streich, daß sie den confiscirten Buͤchermacher geheirathet, schwer genug gebuͤßt! Was aber die Kinder betrifft, nun so ist ja das eine schon versorgt, und die beiden andern werden wohl auch noch unterkommen.“ 5 Polizeiliche Ehescheidung. „Ja, das aͤlteste hat der Schuhmacher im Keller dort zu sich genommen, die andern sind in's Waisenhaus gebracht worden.“ — „Das hat lange genug gedauert. Der Magistrat wollte nichts davon wissen, weil der Mann ein herge¬ laufener Mensch war, und bei ihm zu Hause wollten sie auch nichts damit zu thun haben. Also jetzt sind sie doch hier im Waisenhaus untergebracht.“ — „Ja, die Stadt hat zuletzt fuͤr Alles aufkommen muͤssen, auch fuͤr das Begraͤbniß der Frau. Nun, Gott hab' sie selig!“ — So war es. Die Kinder im Waisenhaus und in fremder Pflege, die Mutter auf oͤffentliche Kosten begra¬ ben, und der Vater — nun, gute Nacht! Das ist so eine Geschichte aus der deutschen „Heimath“. Die Sünderin. „Fremde Gesellen oder Dienstboten sind, wenn sie in drei Tagen nach ihrer Ankunft keinen Dienst finden oder nach ihrer Entlassung aus dem Dienst sich drei Tage arbeitslos umhertreiben, sofort aus der Stadt zu verweisen.“ — Polizeireglement einer norddeutschen Residenz. 5 * S ie war noch immer sehr schoͤn. In ihrem Antlitz lag der Ausdruck jener madonnenhaften, jungfraͤulichen Unschuld, mit der die christliche Mythe ihre Gottesmutter ausmalt, jenes goͤttliche, erdenvergessende Gluͤck, das wir zuweilen den jungen Muͤttern den Reiz der maͤdchenhaf¬ ten Reinheit bewahren sehen. Ihr Auge, ihr schoͤnes, großes, wasserblaues Auge, war von einer himmlischen Sanftmuth. Die langen Wimpern hingen daruͤber, wie Trauerweiden uͤber dem Bild der Himmelssterne in dem friedlichen, hellklaren Spiegel eines See's, und das weiche, blonde Seidenhaar saͤumte mit seinen Wogen ihre ruhige Stirn, wie silberne Wolken den verklaͤrten, traͤumenden Himmel. Ihre Wangen, wie zwei Purpurbluͤthen, strahl¬ ten den goldenen Glanz des frischen Lenzhauches. Ihre Gestalt war schlank, ihre Bewegungen fast schwebend, ihr Haupt sinnend, wie von wogenden Traͤumen gewiegt: sie glich einer Wasserlilie, die auf den Wellen schaukelnd, Die Suͤnderin. vergessend dahingetrieben wird. Sie war noch immer schoͤn, jungfraͤulich schoͤn, die siebzehnjaͤhrige, verlassene Mutter. Und ihre Mutterschaft! Wie verklaͤrte dies suͤße Gefuͤhl ihr ganzes Wesen! Wie strahlte ihr Auge, wie leuchtete der Ausdruck aller ihrer Zuͤge frohlockend in dem Widerscheine ihrer Mutterliebe! Wenn sie dastand, das weiße, fromme Gesicht uͤber die Wiege ihres Kindes ge¬ beugt, und ihr klopfendes Herz den Athem des Schlum¬ mers belauschte, eine weiße Statue im Ebenmaaß der vollendeten reinen Schoͤnheit, Sorge und seliges Gluͤck in ihren Mienen: welch koͤstliches Bild gewaͤhrte sie da! Und wie liebte sie auch ihr Kind! Es waͤre ihr Tod gewesen, haͤtte sie es verlieren sollen. „Aber wer sollte es mir auch nehmen ?“ sagte sie unschuldig laͤchelnd. „Es giebt ja so Vielerlei auf der Welt, warum gerade das, das Einzige, was ich habe? Ja! Es waͤre mein Tod, wenn ich das verlieren sollte!“ — Die Suͤnderin. Mathilde war aus einer kleinen Provinzialstadt un¬ weit der Residenz. Ihr Vater, ein armer Handwerker, mußte sich sein kuͤmmerlich Leben sauer werden lassen, denn die Familie war stark und der Verdienst von seiner fleißigen Haͤnde Arbeit gering. Mathilde, als die Ael¬ teste unter den Kindern, mußte zuerst versorgt werden, — was man naͤmlich bei Armen so versorgen heißt. Sobald sie in die Jahre kommen, wo sie einigermaßen Arbeit erhalten koͤnnen, werden sie außer dem Hause bei Fremden in Dienst oder Lehre gegeben. Alsdann fallen sie den Aeltern nicht mehr zur „Last,“ und die Aeltern glauben sie hinlaͤnglich versorgt zu wissen, wenn sie keine Nahrungssorgen mehr um dieselben haben. Mathilde sollte daher in Dienst gehen. Aber in der kleinen Stadt giebt es keinen bedeutenden Lohn; in der Residenz ist es besser, da wird sie gut gehalten und kann sich etwas er¬ sparen, ja vielleicht ihr Gluͤck machen, — auch ist sie da entfernter von Hause. Mathilde wurde also nach der Residenz geschickt. Hier fand sie denn bald einen Dienst in einer Schenkwirthschaft. Sie war fleißig, willig und treu, und erwarb sich schnell die Zufriedenheit ihrer Dienstherr¬ schaft. Die Gaͤste waren nicht minder zufrieden mit der Die Suͤnderin. jungen, schmucken Kellnerin. Sie kamen oͤfter, und es kamen auch Andere regelmaͤßiger, die sonst nur zufaͤllig gekommen waren. Der Wirth wußte das zu schaͤtzen, und hielt das Maͤdchen fast wie sein eigenes Kind. Sie fuͤhlte sich sehr zufrieden und gluͤcklich. Ihr Geschaͤft machte es nothwendig, daß sie sich mit den Gaͤsten hin und wieder unterhalten mußte. Wenn sie ihnen die Getraͤnke brachte, wurde sie gewoͤhnlich in's Gespraͤch gezogen, und die jungen Leute fuͤllten ihr Ohr mit lustigen Geschichten und einschmeichelnden Reden. Unter ihnen war Einer, auf den sie vorzugsweise den offensten Eindruck machte. Er war stiller und gesetzter, als die Andern, seine Worte klangen so einfach und na¬ tuͤrlich, und seine Augen blickten so treuherzig, er schien eine reine bruͤderliche Theilnahme fuͤr sie zu empfinden. Er sprach ihr nie von Liebe, und sie selbst dachte nicht daran. Sie fand ein unschuldiges, fast unbewußtes Ge¬ fallen an ihm, ihre Seele traͤumte von keiner Gefahr. Sie saß wohl oͤfter und laͤnger bei ihm, als bei den Andern, aber geschah es nicht unwillkuͤhrlich? Kam er nicht meist gerade zu solchen Stunden, wo das Lokal weniger besucht, wo sie geringer beschaͤftigt war? Sie hoͤrte ihm gern zu, aber sprach er nicht so ruhig und Die Suͤnderin. unverfaͤnglich? Es schien das Verhaͤltniß von zwei reinen, lange verbundenen Freundesseelen. Da kam der Fruͤhling. Die Luͤfte wurden wolluͤstig warm, die Baͤume schlugen aus, die ganze Natur war in einer weichen, wallenden Gaͤhrung. Das sechzehn¬ jaͤhrige Maͤdchen gerieth jetzt zum erstenmal in eine selt¬ same Atmosphaͤre. Es ging etwas in ihr vor, und sie wußte nicht, was. Sie hatte ein Sehnen, einen unbe¬ wußten Drang, den sie nicht zu stillen wußte, ihre Glie¬ der dehnten sich, ihre Augen sahen mit staunendem Be¬ gehren hinaus, es war ihr, als waͤre Alles anders, ver¬ aͤndert, doppelt geworden, gegen fruͤher. An einem Sonn¬ tage, wo sie die Erlaubniß auszugehen bekommen hatte, begleitete sie ihr Freund hinaus in's Freie. Sie hoͤrte ihm heute mit andern Empfindungen zu, wie sonst. Ihr Herz war erfuͤllt von einem unerklaͤrlichen Gefuͤhl, es war ihr so eng und so weit, sie meinte fast zu ersticken, und sie schloß sich fester an ihren Begleiter an. Auch seine Worte waren anders, wie ehedem. Es klang ein Ton durch, den sie noch nicht gehoͤrt hatte, und der sie mit einer neuen Regung bis in's Herz durchbebte. Auf dem Heimweg war es dunkel geworden. Als sie den Park vor dem Stadtthore erreicht hatten, setzten sie sich Die Suͤnderin. an dem Ufer eines See's unter das junge duftige Gruͤn des Laubes. Die Nacht war so schoͤn. Am Himmel funkelten die Sterne, und ihr Licht zitterte blitzend auf dem stillen Spiegel des See's, die naͤchtigen Gebuͤsche rauschten, die Bluͤthen hauchten einen wolluͤstigen Duft, und eine Nachtigall schlug aus der Ferne leise, schmel¬ zende Liebestoͤne. Das Maͤdchen saß in verzehrender, traͤumerischer Gluth, ihre Seele war ein flammendes, schwelgerisches Gebet. Der junge Mann schlug seinen Arm um ihren Leib, seine Worte toͤnten weich und ver¬ lockend in ihr Ohr, und als er einen Kuß, den ersten brennenden Kuß, auf ihre durstigen Lippen druͤckte, durch¬ zuckte ein banges und doch so suͤßes, schwellendes Zagen ihr ganzes Wesen. Sie schmiegte sich inniger und doch zitternd an ihn an. Das dunkle Laub rauschte maͤchtiger, die weißen Blaͤtter fielen feucht und tro¬ pfend auf ihre warmen Schultern, eine Sternschnuppe fuhr durch den naͤchtigen Himmel und ihr Widerschein spruͤhte funkelnd uͤber den leichtbewegten Spiegel des See's. Als die silberne Mondscheibe am Himmel auftauchte, ordnete das Maͤdchen bang und bewegt ihr feuchtes Haar. Sie war gefallen, eine Suͤnderin, — und aus Liebe? Die Suͤnderin. Nein. Sie liebte ihn gar nicht. Es lag einmal in ihrer Natur, wer kann was dafuͤr? — Nach einigen Wochen fand sie sich allein. Er war fortgezogen — nach seiner fernen Heimath. Nicht ein¬ mal Lebewohl hatte er ihr gesagt, — ob aus Schmerz oder Scham, ich weiß es nicht. Aber er hatte sie ver¬ lassen, fuͤr immer verlassen, und — Andere haͤtten es vielleicht ebenso gemacht. Es ist auch einerlei. Sie hatte ihn nie geliebt, und seit ihrem Fall sogar verabscheut. Daher vermißte sie ihn jetzt nur wenig. Sie hatte ihn zuletzt gleichguͤltig, ja mit mißtrauischem Haß betrachtet, und als er, der dies veraͤnderte Beneh¬ men ihrem tiefen Schamgefuͤhl zuschrieb, sie zu troͤsten versuchte, hatte sie ihm voll Ekel den Ruͤcken gedreht. Jetzt war er fort, und die Zeit verrollte ihr wieder im alten Gleis. Sie war ruhig und still, sie dachte nicht mehr an ihn. Aber bald zeigten sich die Folgen ihres Fehltritts, und ein neues Gefuͤhl bemaͤchtigte sich ihres ganzen Wesens. Die Suͤnderin. Als die Wirthsleute den Zustand des Maͤdchens be¬ merkten, waren sie bemuͤht, ihr denselben so ertraͤglich wie moͤglich zu machen. Sie erkannten sehr wohl, wel¬ chen Schatz fuͤr ihre Wirthschaft sie in dem jungen, schoͤnen und thaͤtigen Maͤdchen besaßen, und sie hofften mit Zuversicht, daß Mathilde nach ihrer Entbindung das Kind in fremde Pflege geben und in die Wirthschaft zu¬ ruͤckkehren werde. Sie behielten sie daher so lange im Hause, als es irgend anging, erließen ihr allmaͤhlig jeden anstrengenden Dienst und pflegten sie mit der groͤßten Aufmerksamkeit und Ruͤcksicht. Als die Zeit so weit vorgeruͤckt war, wurde sie einer alten Frau in Pflege ge¬ geben, um hier in Ruhe ihre Entbindung abzuwarten. Bald darauf gebar sie ein Maͤdchen. Das Kind war stark und gesund, und auch die Mutter erholte sich schnell, so daß ihre fruͤhere Herrschaft sie bald wieder zu besitzen hoffen konnte. Aber Mathilde war gaͤnzlich um¬ gewandelt. Es war, als haͤtte in ihrem Innern eine Gluth geschlummert, die sich jetzt in vollen Flammen an einem einzigen Gegenstand verzehrte. Ihr keusches Herz war ploͤtzlich und desto maͤchtiger in heißer Liebe er¬ wacht, und mit aller Kraft und Leidenschaft derselben umschloß sie ihr Kind. Sie betrachtete lachend und Die Suͤnderin. weinend in Freude die kleinen Zuͤge ihres Ebenbildes, kaum wagte sie aus liebender Besorgniß dasselbe zu kuͤssen und zu liebkosen, ihre selige Lust nahm all ihr Denken und Sinnen gefangen. Umsonst suchte ihre fruͤhere Herr¬ schaft sie zur Ruͤckkehr zu bewegen, umsonst stellten sie ihr vor, daß sie ja nicht im Stande sei, ihren Unterhalt zu gewinnen: sie wollte sich nicht von ihrem Kinde tren¬ nen, und nichts vermochte sie abzuhalten, ihm selbst die Brust zu reichen. Ihre Zukunft kuͤmmerte sie nicht,— was wuͤrde denn auch ihre Zukunft ohne ihr Kind sein? Als sie zu der Frau gezogen war, hatte sie eine kleine Summe mitgebracht, die sie sich aus Ersparnissen und Weihnacht- und Neujahrgeschenken gesammelt hatte. Da außerdem die Kosten ihrer Entbindung von den Wirthsleuten bezahlt worden waren, so war sie fuͤr's Erste im Stande, bei der Frau noch eine Zeitlang ihren Aufenthalt nehmen zu koͤnnen. So blieb sie denn auch volle drei Monate hier, einzig und allein fuͤr die Pflege ihres Kindes besorgt. Endlich aber schwand auch der letzte Rest ihres kleinen Besitzes. Sie theilte dies offen ihrer Wirthin mit, und diese, welche sie nun nicht laͤn¬ ger behalten wollte, gab ihr den Rath, sich zu einer ihrer Nachbarinnen, einer alten Waͤscherin, zu begeben, wel¬ Die Suͤnderin. cher sie dann Huͤlfe bei der Arbeit leisten solle. Nach einigen Unterhandlungen zeigte sich die Waͤscherin auch dazu erboͤtig und Mathilde zog noch am selbigen Tage mit ihren Habseligkeiten in die Wohnung derselben. Ihre neue Wirthin war freundlich und zuvorkommend gegen sie. Es war eine kleine, aͤltliche Frau von eben nicht einnehmenden Zuͤgen, aber Mathilde fuͤhlte den mißtrauischen Widerwillen, den ihr die Alte beim ersten Anblick einfloͤßte, bald wieder vor ihrem gutmuͤthigen Ge¬ schwaͤtz und ihrer hilfreichen Aufmerksamkeit fuͤr das Kind verschwinden. Die Alte schaffte und sorgte fuͤr sie auf die beste Weise. Nur uͤber die Arbeit und den Verdienst klagte sie bestaͤndig, und allerdings bemerkte Mathilde, daß die Alte eben keine Beschaͤftigung hatte. Da suchte sie der Alten Trost und Muth, zuzusprechen, sie, deren eigne Lage doch selbst der Huͤlfe so beduͤrftig war, — allein fuͤr was hat ein gluͤckliches Mutterherz keinen Trost? Da sie jung, geschickt und arbeitsam war, so erbot sie sich, um sich der Wirthin ebenfalls huͤlfreich zu zeigen, fuͤr fremde Leute Naͤh- oder Stickarbeit zu ma¬ Die Suͤnderin. chen, falls sie dergleichen Auftraͤge erhalten koͤnnte. Die Alte war damit zufrieden, meinte aber doch gleich, daß das auch sehr ungewiß sei. Mittlerweile waren die ersten Tage dieser neuen Ein¬ richtung verflossen. Da gegen Ende der Woche kam eines Morgens die Alte ganz bestuͤrzt in Mathildens Kammer, und sagte, der Polizeikommissair sei unten und verlange mit ihr zu sprechen. Mathilde erschrak, ohne eigentlich zu wissen, warum, aber der bloße Name der Polizei genuͤgt bei den Armen und Huͤlflosen, um auch dem unschuldigsten, reinsten Gemuͤth Angst und Entsetzen einzujagen. Sie warf ein Tuch uͤber, bat die Alte bei dem Kinde zu bleiben, und eilte mit einem in bebender Ahnung klopfenden Herzen hinunter zu dem Mann, in dessen Haͤnden ihre ganze Zukunft lag. Der Polizeikommissair schien beim ersten Anblick von dem Ausdruck ihrer kindlichen Zuͤge, auf welchen sich Scham und spannende Besorgniß malten, und von ihrem ganzen sittsamen Wesen uͤberrascht zu sein. Aber eine lange Erfahrung hatte ihn mißtrauisch gegen das guͤn¬ stige Vorurtheil eines solchen ersten Eindruckes gemacht, und gleichsam um sein Gefuͤhl zu bewaͤltigen, wurde seine Stimme noch rauher und muͤrrischer als sonst. Die Suͤnderin. Er begann mit der Vorhaltung, daß sie nun schon laͤngere Zeit, als dies die Polizeivorschriften gestatteten, hier bei der Alten wohne, ohne sich einen neuen Dienst zu verschaffen, und fragte dann ziemlich grob: was sie denn treibe? was sie uͤberhaupt hier wolle? Mathilde erzaͤhlte ihm mit befangener Stimme, auf welche Weise sie zu der Alten gekommen sei, und wie sie ihr die Kosten ihres Aufenthalts durch haͤusliche Ar¬ beit und Huͤlfleistung beim Waschen ersetzen wolle. „Das sind faule Fische!“ erwiderte der Polizeibeamte barsch. „Die Alte hat selbst nichts zu leben und die Waͤscherei ist nur so ein fauler Vorwand. Die Vettel hat schon zweimal im Arbeitshaus gesessen, und wenn sie nicht hier geboren und heimisch waͤre, wuͤrden wir sie schon laͤngst wegtransportirt haben.“ — Mathilde erschrak heftig uͤber diese Worte. Mit zit¬ ternder Stimme erzaͤhlte sie nun, wie sie fruͤher in Kon¬ dition gestanden, und zeigte das Zeugniß ihrer Wirths¬ herrschaft uͤber ihre tadellose, treue und redliche Fuͤhrung. „Sie selbst wollten mich gern wieder zu sich nehmen,“ sagte sie fester in ihrem Selbstbewußtsein, „aber ich wollte es nicht eingehen, weil ich mich dann haͤtte von meinem Kinde trennen muͤssen.“ — Die Suͤnderin. Der Polizeibeamte schien allmaͤhlig doch von der ruͤh¬ renden, so ganz mit der Welt unbekannten Einfachheit der jungen Mutter erweicht zu werden, und fragte milder: „Aber koͤnnen Sie denn von dem Vater des Kindes keine Unterstuͤtzung bekommen, denn Sie sehen doch ein, daß Sie irgend eine Unterhaltsquelle haben muͤssen?“— Daran hatte sie nicht gedacht, sie wußte gar nicht einmal, wo der Vater war. Was konnte sie das bisher auch kuͤmmern? „Das ist schlimm, mein Kind!“ sagte der Beamte theilnehmend. „Wenn Sie keine Erwerbsquelle nachzu¬ weisen vermoͤgen, so ist anzunehmen, daß Sie und Ihr Kind demnaͤchst der Gemeinde zur Last fallen werden, und meine Instruktionen lauten bestimmt dahin, Sie schon in drei Tagen, falls Sie bis dahin keinen Dienst¬ schein beibringen, nach Ihrer Heimath zu verweisen. Es ist daher das Beste, was ich Ihnen nur rathen kann, daß Sie Ihr Kind in Pflege geben und sich wieder eine Stelle suchen. — Kommen Sie dann zu mir, damit ich Ihnen den Schein ausstelle.“ — Mit diesen Worten begab er sich fort, Mathilden in der toͤdtlichsten Verzweiflung ihrer rathlosen Seele zuruͤck¬ 6 Die Suͤnderin. lassend. Sie sollte ihr Kind fremden Leuten uͤberlassen, — jetzt, wo sie es taͤglich lieber gewonnen hatte — Leu¬ ten, die kein Interesse an ihm nehmen — die sein zar¬ tes Leben vielleicht durch schlechte Behandlung einer un¬ gluͤcklichen Zukunft oder gar dem Tode aussetzen wuͤrden! Wie haͤtte sie das uͤber sich vermocht? Und doch — wenn sie sich nicht dazu entschloß, was hatte sie selbst zu erwarten? Der Gedanke an ihre Eltern erfuͤllte sie zum erstenmal, mit Entsetzen, — und wuͤrde ihr, der verachteten, von der Welt verstoßenen Suͤnderin nicht auch das vaͤterliche Haus verschlossen sein? Wer ver¬ mochte ihr einen Ausweg aus dieser Bedraͤngniß zu zeigen? Sie machte der Alten die bittersten Vorwuͤrfe und gab ihr Schuld, sie in diese Lage gebracht zu haben. Die Waͤscherin aber erwiederte ihr gelassen: „Das ist ein Ungluͤck, fuͤr das Niemand etwas kann, und das Ihnen vielleicht ebensowohl uͤberall anders pas¬ sirt waͤre. Aber nicht uͤberall sonst haͤtte man Sie auf¬ genommen, wie ich es gethan habe, und Sie sollten nur still schweigen, und mir dankbar sein.“ — Das Maͤdchen mußte das wohl einsehen, denn sie schwieg und sank truͤbsinnig auf einen Stuhl. Die Suͤnderin. „Uebrigens nehmen Sie sich das nicht so zu Herzen, und beruhigen Sie sich nur,“ troͤstete die Alte weiter. „Vorlaͤufig moͤgen Sie immer noch bei mir bleiben, es wird sich wohl noch ein Ausweg finden.“ — Was fuͤr ein Ausweg? Mathilde blieb den Tag uͤber duͤster auf ihrer kleinen, einsamen Kammer, und uͤberlegte und sann hin und her, was sie beginnen sollte, aber ihr Denken war all umsonst. Von Zeit zu Zeit nahm sie ihr Kind auf, und kuͤßte und herzte es mit der Heftigkeit ihrer schmerzlich aufgeregten Gefuͤhle. Es war, als ob in dem Versuch, sie von ihm zu trennen, ihre Mutterliebe nur festere Wurzeln geschlagen haͤtte. Dazwischen rollten ihre heißen Thraͤnen wie feurige Tro¬ pfen ihres gequaͤlten Herzens auf die Wangen der Klei¬ nen. Nur wenn das Kind schlief, ging sie in ruheloser Angst auf und nieder und rang ihre Haͤnde in rathloser Verzweiflung. Am Abend kam die Alte wieder auf die Kammer des Maͤdchens. Das Gemach war dunkel, nur von den Stra¬ ßenlaternen und den Lichtern der gegenuͤberliegenden Haͤuser schwamm ein weiches Daͤmmerlicht durch das Fenster. Ma¬ thilde lag mit aufgeloͤs'tem Haar, den Kopf in die Hand gestuͤtzt und halbaufgerichtet auf dem Bett, und bewachte 6 * Die Suͤnderin. den Schlaf ihres Kindes. Die Alte setzte sich vor das Bett und sprach lange mit fluͤsternder Stimme zu dem Maͤdchen. Ploͤtzlich fuhr Mathilde in die Hoͤhe, als ob sie eine Viper gestochen, und richtete einen funkelnden Blick auf die Redende. Die Alte aber beruhigte sie wieder, und der fluͤsternde Ton ihrer Stimme, wie ihre Geberden konnten von angelegentlicher Theilnahme zeugen. Sie sprach sehr lange und augenscheinlich uͤber sehr wich¬ tige Gegenstaͤnde mit ihr. Zuweilen schien es, als ob von einem drohenden Gespenst der Zukunft die Rede waͤre, denn Mathilde rang die Haͤnde und leise, nur halbunterdruͤckte Seufzer drangen aus ihrer Brust; dann wieder schien die Alte Versprechungen und lockende Aus¬ sichten fuͤr das Schicksal des Kindes auszumalen, Ma¬ thilde beugte sich mit einem schmerzlichen Laͤcheln uͤber die Wiege und bewegte die Lippen, wie in schwerem, druͤckendem Traum. Die Alte ließ mit ihrer leisen Zu¬ sprache nicht nach, und es mußte sich um einen entschei¬ denden Entschluß handeln, uͤber welchen die junge Mut¬ ter aber schwankend, mit steigender krampfhafter Erre¬ gung hin und her kaͤmpfte. Mehrmals hatte sie die Alte schon mit heftigen Bewegungen von sich gewiesen, dann wieder heftete sich ihr Auge mit wehmuͤthigem Ausdruck Die Suͤnderin. auf die dunkle Wiege des Kindes. Zuletzt gab sie der Alten nickend ein bejahendes Zeichen, und sank auf das Lager zuruͤck, indem sie wie verzweifelnd ihr Gesicht in die Kissen vergrub. Nunmehr verließ die Alte mit einem triumphirenden Wohlbehagen die Kammer. Nach Verlauf von einiger Zeit kehrte sie zuruͤck, in jeder Hand ein brennendes Licht haltend. Hinter ihr folgte ein Mann, in einen Mantel gehuͤllt, den sie alsdann mit Mathilden allein ließ. Von dieser Zeit an war die Alte noch weit aufmerk¬ samer gegen das Maͤdchen, und behandelte sie fast mit Unterwuͤrfigkeit. Der Polizeikommissair ließ nichts von sich hoͤren; wie die Alte sagte, weil sie ihn herumgekriegt haͤtte. Daß sie aber Mathilden als weggezogen abgemeldet, verschwieg sie derselben. Bei alledem verduͤsterte sich Ma¬ thildens Sinn von Tag zu Tage, und vergebens suchte die Alte durch theilnehmende Pflege fuͤr das Kind und Gefaͤlligkeiten und Zuvorkommenheiten aller Art ein Zei¬ chen der Zufriedenheit oder nur beifaͤlligen Gefuͤhls zu entlocken. Sie schien von Allem nichts zu bemerken und Die Suͤnderin. blieb verschlossen und schweigsam in sich gekehrt. Sie widersetzte sich auch den Zumuthungen der Alten nicht mehr, und wenn, wie es jetzt oͤfter geschah, am Abend fremde Maͤnner ins Haus kamen, so gehorchte sie ihr mit kalter, stumpfer Gleichguͤltigkeit. Fast schien es so¬ gar, als ob selbst die Gefuͤhle fuͤr das Kind in ihr nach¬ gelassen haͤtten. Sie selbst war es gewesen, die zuerst vorgeschlagen hatte, die Wiege in das Gemach der Alten zu setzen, und sie sah nur eben so oft danach, als es durchaus nothwendig war. Sie vermied es beinahe, sich demselben zu naͤhern, wenn sie es aber that, geschah es mit einer Art zagender Scheu; Ihre Hand zitterte, indem sie es aufnahm, sie liebkos'te es nicht wie ehedem, und ihr Auge haftete nur fluͤchtig und nie ohne eine schmerz¬ liche Wallung auf ihm. Dazu begann ihr Aeußeres leise zu verfallen. Die Alte, welche dies mit Besorgniß be¬ merkte, suchte ihr auf plumpe, fast rohe Weise die zit¬ ternden Gefuͤhle ihrer zweifelnden Seele zu nehmen, aber Mathilde wies sie mit gleichguͤltiger, resignirter Ruhe zuruͤck. Ueber ihr ganzes Wesen lagerte sich allmaͤhlig eine krankhafte, toͤdtliche Erstarrung, unter der nur selten, wie das Leuchten eines todten Vulkans, die schmerzliche, schneidende Bewegung ihres Herzens hervorbrach. Die Suͤnderin. So waren ungefaͤhr sechs Wochen verflossen, als es eines Abends wieder an der Wohnung klingelte. Die Alte oͤffnete und statt eines vielleicht erwarteten Andern trat der Polizeikommissair herein. Bei diesem unerwar¬ teten Besuch entschluͤpfte der Alten ein Laut des Schre¬ ckens, den Mathilde drin im Zimmer vernahm, der Po¬ lizeibeamte aber schob sie bei Seite und schritt rasch in das Gemach. Mathilde hatte in der Ecke des Sopha's gesessen, allein, mit ihren duͤstern Gedanken beschaͤftigt, als sie der Ausruf der Alten daraus weckte. Als sie jetzt empor¬ blickte und diesen Mann vor sich sah, dessen unheilver¬ kuͤndende Naͤhe sie mehr noch fuͤrchtete, als die bittere Selbstverachtung ihrer eignen Seele, da stiegen ploͤtzlich wie drohende Gespenster die Bilder ihrer muthmaßlichen Zukunft vor ihren Augen auf. Sie haßte diesen Mann, sie hatte ihm oft heimlich und gluͤhend geflucht, wenn ihre Gedanken oder Traͤume ihr denselben gezeigt hatten: denn von seinem ersten Erscheinen schrieb sich ihr gegen¬ waͤrtiges, tiefes Elend her. Jetzt aber schwanden alle andern Gefuͤhle, und sie sah in ihm nur den Vorboten neuen Unheils fuͤr ihr eigenes und ihres Kindes Leben. „Da sieht man also die saubere Wirthschaft!“ sagte Die Suͤnderin. der Polizeibeamte. „Auf diese Weise also ist das Juͤng¬ ferchen ausgezogen! Nun, sie soll heut Abend noch ein Quartier beziehen, wo sie sicherer aufgehoben ist, als hier!“ — Mathilde zitterte bei diesen Worten wie ein Espen¬ laub. Sie suchte ihm mit bangen, verzagten Worten klar zu machen, daß die Alte sie dadurch hierbehalten, daß sie den Beamten zur Nachsicht zu bewegen verspro¬ chen habe. Der Kommissair aber erwiederte hohnlachend: „Die waͤre die Rechte, die Polizei zu etwas zu be¬ wegen! Nein, mein Puͤppchen, ich kenne Sie jetzt. Ich habe Ihr damals den Rath gegeben, sich ehrliche Arbeit zu suchen, habe Ihr auch, weil mich Ihr un¬ schuldiges Gesicht betrog, noch ein paar Tage dazu be¬ willigt, aber Sie hat nicht arbeiten wollen , und hat sich lieber auf ein bequemes, liederliches Leben geworfen. Die Geschichte hat jetzt ausgespielt. Im Korrektionshaus wird Sie schon arbeiten lernen, wenn Sie auch nicht will. Fuͤr's Erste aber wird Sie eine Nacht oder zwei im Polizeigefaͤngniß zubringen muͤssen.“ — Mathilde war wie vernichtet. Umsonst flehte sie ihn um Erbarmen ihres unschuldigen Kindes wegen an, um¬ Die Suͤnderin. sonst versprach sie Alles zu thun, was er von ihr ver¬ langte; der Beamte blieb diesmal unerbittlich. „Wenn es Ihr Ernst mit solchen Versprechen waͤre,“ sagte er achselzuckend, „so haͤtte Sie laͤngst meine War¬ nung befolgt. Jetzt ist es zu spaͤt; man kennt ja auch solche Versprechen der Angst. — Also marsch! Rasch zurechtgemacht, ich habe keine Zeit, laͤnger auf Ihr La¬ mentiren zu hoͤren. Nehm' Sie Ihren Mantel, damit wir vorwaͤrts kommen!“ — Als Mathilde zuletzt einsah, daß Nichts sie mehr von diesem, fuͤr sie entsetzlichen Loos retten koͤnne, riß sie ploͤtzlich in einer Art Wahnsinn das Kind aus der Wiege und rief, indem sie mit der einen Hand das Kind in die Hoͤhe hielt und mit der andern auf den Polizei¬ beamten zeigte: „Sieh, das ist der Mann, der Dein und Deiner Mutter Verderben zu verantworten hat!“ — Einen Augenblick schien der Kommissair von dem verzweiflungsvollen Ton dieser Worte bestuͤrzt und ergrif¬ fen zu sein, dann aber schoß ihm die Gluth des Zornes ins Gesicht und er gab der Tochter der Prostitution eine schallende Ohrfeige. Die Suͤnderin, Als Mathilde nach einer graͤßlich durchwachten Nacht in's Verhoͤr genommen und aus dem Polizeigefaͤngniß nach dem Arbeitshaus transportirt worden war, wurde sie hier in einen großen Saal gewiesen, wo sie in Ge¬ meinschaft mit einer großen Menge von Frauen und Maͤdchen arbeiten mußte. Das Bewußtsein ihrer schimpf¬ lichen Lage, die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich ihrer schon waͤhrend ihres letzten, langen Elends bemaͤchtigt hatte, die Gedanken an ihre trostlose Zukunft, die jetzt auch durch den bittern Entschluß der Trennung von ihrem Kinde wohl schwerlich mehr zu bessern sein wuͤrde, Alles das versetzte ihr Gemuͤth nach der ersten Raserei der Verzweiflung in eine tiefe, starre Stumpfheit. Die Ge¬ sellschaft, in die man sie hier gewiesen, hatte sie mit der Theilnahme Gleichgesinnter begruͤßt. Mathilde hatte sich Anfangs ihre Geschichte entlocken lassen; einige hatten sie daruͤber ausgelacht, andere ihr ein Mittel gesagt, durch welches sie einer polizeilichen Ausweisung trotzen koͤnne. Mathilde erschrak bis in das Innerste ihrer Seele. Sie wandte sich von da an mit um so groͤßerm Ekel von ihren Genossinnen ab, als sie sich zu ihrem Entsetzen gestehen mußte, daß sie selbst bereits den Weg zu diesem Ende betreten habe. Schweigend und gleichguͤltig ließ sie Die Suͤnderin. die Spottreden und gemeinen Spaͤße derselben uͤber sich ergehn. Sie betete im Stillen heiß um ihren baldigen Tod. Zu welchem Leben war sie auch jetzt berufen ? Der Tod war ihre einzige Rettung. Nach sechs Wochen wurde sie aus der Anstalt ent¬ lassen, nachdem man ihr bemerkt, daß sie sich binnen drei Tagen aus der Stadt zu entfernen habe. Sie nahm ihr Kind in den Arm und rannte hinaus, ohne zu wissen wohin. Draußen vor der Thuͤr standen mehrere Weiber, die sie anredeten und ihr Anerbietungen machten, aber sie stieß sie zuruͤck und eilte, wie von Furien gepeitscht, von dannen. Den Tag uͤber durchirrte sie so, ruhelos, ohne Zweck die Stadt, bis sie am Abend endlich erschoͤpft und ermattet an einer Hausschwelle nie¬ dersank. Die Nacht war bitterlich kalt, die Sterne zitterten in der scharfen Luft, und ein schneidender Wind fegte uͤber die oͤden Gassen. Das Maͤdchen saß zusammen¬ gekauert auf den kalten Steinen, ohne sich zu ruͤhren. Auch das Kind war merkwuͤrdig still. Sie hielt es auf dem Schooß und hatte wie zum Schutz ihre Arme dar¬ uͤber gebreitet, in die Arme wieder hatte sie ihren Kopf vergraben. Mehrere Voruͤbergehende, dicht in ihre Maͤn¬ Die Suͤnderin. tel gehuͤllt, blieben vor ihr stehen. Da sie aber auf ihre Anrede keine Antwort erhielten, gingen sie wieder weiter. Endlich gegen Morgen wurde die Nachtwache auf die stille, zusammengekauerte Gestalt aufmerksam und richtete sie empor. Die Mutter lag halberstarrt, in einer tiefen Ohnmacht, und wurde sogleich ins Krankenhaus geschafft. Das Kind war todt. Am Abend des dritten Tages stand der Oberarzt vor einem Bett in dem großen Krankensaal. In einem Lehnsessel saß ein Waͤrter, der in dem Augenblick, wo der Arzt nicht mehr zu ihm sprach, eingeschlafen war. Es war unheimlich still in dieser Wohnung des Jammers. Von der Decke verbreitete eine Ampel ihr duͤsteres Licht uͤber die lange Reihe von Krankenbetten, die sich an bei¬ den Seiten des Saals hinzogen, die Uhr pickte einfoͤrmig wie ein Todtenvogel die Minuten der Lebenden ab, und dazwischen toͤnte zuweilen ein dumpfer Schmerzenslaut oder ein aͤngstliches Roͤcheln von den Lagerstaͤtten. Der Arzt stand noch vor Mathildens Bett, die hier Die Suͤnderin. eben im Verscheiden lag. Sie hatte waͤhrend ihrem Krankenlager nichts zu sich genommen, und obwohl sie vollkommen bewußtlos war, immer mit großer Hartnaͤckig¬ keit die Zaͤhne zusammengebissen, wenn man ihr Arznei einfloͤßen wollte. Ihr Aeußeres war zum Erschrecken eingefallen, ihre Zuͤge kaum mehr zu erkennen. Jetzt hatte ihre Erloͤsungsstunde geschlagen, ihr Roͤcheln wurde unterbrochner, dann auf einmal war es still. Sie war todt. Der Arzt sah nach der Uhr, schrieb dann einige Worte auf einen Zettel und weckte den Waͤrter. „Da liegt der Todtenschein,“ sagte er, indem er hastig den Mantel umwarf, „Ihr werdet ihn morgen fruͤh besorgen.“ — Der Waͤrter war aufgestanden und horchte, bis drau¬ ßen auf dem Korridor die schnellen Schritte des forteilen¬ den Arztes verhallt waren. Dann reckte er sich und sagte gaͤhnend: „Nicht eine Stunde ruhigen Schlafs goͤnnen sie Einem, koͤnnten die Leute nicht ebensowohl am Tag ster¬ ben? — Ach, es ist das Maͤdchen, welches sie vor drei Tagen erst herbrachten,“ fuͤgte er hinzu, auf den Todten¬ schein blickend. „Nun, es ist gut, daß sie todt ist, sie haͤtte doch kein selig Ende genommen. Fuͤr der Art Die Suͤnderin. Leute ist der Tod das Beste, denn im Leben nimmt sich Keiner ihrer an, und solch Leben, — nun, sie hat's auch selbst wohl eingesehen!“ — Damit zog er die Decke uͤber die Leiche, und setzte sich wieder in den Lehnstuhl, um weiter zu schlafen. Die Rechtsfrage. „Beschwerden uͤber polizeiliche Verfuͤgungen jeder Art, auch wenn sie die Gesetzmaͤßigkeit derselben betreffen, gehoͤren vor die vorgesetzte Dienstbehoͤrde.“ — Preuß. Gesetzsammlung, Ges. v. 11. Mai 1842. „ D as ist ja eine empoͤrende Nichtswuͤrdigkeit!“ rief die Dame vom Hause. „Und der Handwerker hatte wirklich gar nicht einmal etwas begangen?“ — „Ich habe ihn selbst vor der Amputation befragt,“ sagte der junge Arzt, „und mit seiner Erzaͤhlung stim¬ men auch die Aussagen von Augenzeugen uͤberein. Er war am Nachmittag mit seiner Geliebten in einem oͤf¬ fentlichen Garten gewesen, hatte sie bei einbrechender Nacht noch bis an ihre Hausthuͤr geleitet, und trat dann seinen Heimweg an. Vielleicht aus Freude uͤber den frohen Tag und in Gedanken an die Liebste, von denen sein Herz voll war, suchte er schneller aus dem Gewuͤhl der Gas¬ sen nach seiner stillen Kammer zu gelangen und fing an zu laufen. In der Friedrichsstraße ist er eben an einem Schenklokale voruͤber gekommen, als hinter ihm ein Mensch aus dem Hause springt, quer uͤber die Straße rennt, und ohne daß der Handwerker ihn nur gesehen, in einer 7 Die Rechtsfrage. Nebengasse verschwindet. Gleich darauf stuͤrzt ein Ande¬ rer, ein Gensd'arme, aus der Kneipe, sieht eine Strecke weiter unsern Handwerker laufen, und eilt ihm mit zor¬ nigem Eifer nach. Der Mann ist nicht wenig bestuͤrzt, als er sich ploͤtzlich durch eine brutale Faust aus seinen Traͤumereien geschreckt fuͤhlt. Er sucht den Waͤchter der oͤffentlichen Ruhe umsonst zu belehren, daß er im Irr¬ thum ist, die Faust desselben laͤßt seine Gurgel nicht los, sondern schuͤttelt ihn nur desto derber, und Schimpfwoͤrter und Drohungen, ihn auf das Stadtgefaͤngniß zu schlep¬ pen, schallen in sein Ohr. Dem Handwerker wird das zuletzt zu arg. Er stoͤßt den Arm des Gensd'armen kraͤftig zuruͤck und seßt sich zur Wehr. Da zieht dieser denn seine Waffe, und kaum hat der Handwerker Zeit, seinen Kopf mit dem Arm zu schuͤtzen, so fallen auch schon rasch nacheinander zwei scharfe Hiebe auf ihn her¬ ab. Der Arm ist ihm gestern abgenommen worden, aber der Oberarzt in der Klinik meinte gleich, daß er die Am¬ putation schwerlich uͤberstehen wuͤrde, und so wie ich ihn heute bei der Inspektion fand, wird er allem Voraus¬ sehen nach den morgenden Tag nicht mehr erleben. Viel¬ leicht waͤhrend wir sprechen, ist er todt.“ — „Abscheulich! Entsetzlich!“ rief die Dame wieder. Die Rechtsfrage. „Wer ist da noch sicher, von einem Polizeidiener nicht im eignen Hause umgebracht zu werden? Aber hoffent¬ lich giebt es noch Gerechtigkeit im Lande! Apropos, Herr Kriminalrath, was wird wohl mit dem Gensd'armen geschehen?“ — Der Kriminalrath hatte mit dem Loͤffel tiefsinnig den Inhalt seiner Theetasse untersucht, indem er den zergehen¬ den Zucker bald auf die Oberflaͤche brachte, bald wieder in das Getraͤnk versenkte. Jetzt erhob er halb das Haupt, und sah uͤber die Glaͤser seiner Brille zu der Fragen¬ den auf. „Wenig oder Nichts!“ antwortete er ruhig. „Der Kriminalrath will damit nur sagen,“ nahm in dem allgemein entstehenden Laͤrm ein junger Maler das Wort, daß man hoͤheren Orts den Amtseifer immer gern sieht, und auch seine Uebertreibungen mit Ruͤcksicht auf die veranlassende Pflichttreue stets gnaͤdig zu beur¬ theilen weiß. Es ist ja bekannt, daß die uniformirten Helden des dreißigjaͤhrigen Friedens, wenn sie ihre Schutz¬ waffe gegen die beschirmten Unterthanen in Anwendung gebracht und pro forma ein Urtheil von einigen Mona¬ ten Festungshaft erhalten haben, spaͤter desto sicherer auf Avancement rechnen koͤnnen. Auch weiß ich von einer 7 * Die Rechtsfrage. ganz aͤhnlichen Polizeigeschichte zu erzaͤhlen. In einer kurhessischen Stadt hatte ein Polizeidiener einem betrun¬ kenen Bauer das Rauchen auf der Straße untersagt, dieser dagegen, dem ein solches Verbot wahrscheinlich neu und willkuͤhrlich erschien, Gegeneroͤrterungen gemacht. Der von Natur sehr jaͤhzornige Beamte wurde durch den Widerstand und die vielleicht nicht sehr hoͤflichen Ausdruͤcke des betrunkenen Landmannes bald in die groͤßte Wuth versetzt, er zog seine Waffe vom Leder, und richtete den wehrlosen Mann dergestalt zu, daß derselbe nach einigen Tagen elend aus dem Leben schied. Nach langer Unter¬ suchung wurde der Polizeidiener zu anderthalbjaͤhriger Ge¬ faͤngnißstrafe verurtheilt. Als er aber seine Haft antreten sollte, erklaͤrte die Polizeidirektion, daß er einer der brauch¬ barsten Leute sei, den man vorlaͤufig nicht entbehren koͤnne. Die Strafe wurde auch suspendirt, und er hat sie bis auf den heutigen Tag noch nicht abgesessen. Dafuͤr wurde er jedoch einige Zeit spaͤter zum Polizeisergeanten erhoben, und erhielt die ausschließliche Bewachung des gefangenen Professor Jordan, die er mit besonderem Eifer gefuͤhrt haben soll. Der Mensch heißt Schmidt und lebt noch jetzt als Sergeant in Marburg.“ — „Wenn ich sagte, daß dem Gensd'armen, der den Die Rechtsfrage. Schneider verwundete, wenig oder nichts geschehen wuͤrde, mein junger Brausekopf,“ bemerkte der Kriminalrath, „so konnte diese Antwort nur der Rechtsfrage gelten. Der Gensd'arme hat einen in seinen Augen schuldigen Men¬ schen verhaften wollen, dieser ihm dagegen Widerstand geleistet und ihn vielleicht auch gereizt; er ist daher im vollen Rechte, wenn er von der Gewalt seiner Waffe Gebrauch macht.“ — „Aber der Gensd'arme hatte ja in diesem Fall gar nicht das Recht, den Handwerker zu verhaften!“ rief die Frau vom Hause wieder. „Der Handwerker war ja gar nicht der Schuldige!“ — „Einerlei, meine Gnaͤdige,“ sagte der Kriminalrath. „Er ist in jedem Fall der administrativen Gewalt zu Gehorsam verpflichtet. War er wirklich unschuldig, so konnte er desto eher in der sichern Erwartung, alsbald wieder in Freiheit gesetzt zu werden, dem Gensd'armen folgen.“ — „Ja, nachdem er unter dem Jauchzen der versam¬ melten Menge verhaftet worden, haͤtte man ihn spaͤter ganz im Stillen wieder freigelassen!“ warf der Arzt mit einem geringschaͤtzigen Seitenblick ein. „Welche Satis¬ faktion wird dem unschuldigen, rechtlichen Mann, dem Die Rechtsfrage. durch die oͤffentliche Verhaftung ein Brandmal aufgedruͤckt ist, wohl je zu Theil? Kann ihm eine Klage, selbst wenn er sie gewinnt, die Schmach, vor den Augen des Publikums so behandelt worden zu sein, vergessen machen?“ — „Und — und — erlauben Sie mir noch den Ein¬ wurf auf Ihre Behauptung,“ sagte die Dame ungedul¬ dig, indem sie mit dem Zeigefinger ihrer kleinen Hand befehlend auf den Tisch klopfte und ihren Lockenkopf zu¬ ruͤckwarf. „Sie bemerkten, daß man in jedem Falle der administrativen Gewalt zu Gehorsam verpflichtet sei; mei¬ nen Sie das auch fuͤr den Fall, daß ein Polizeibeamter etwas durchaus Ungehoͤriges verlangt, z. B. Jemanden ins Wasser zu springen befiehlt? Wie dann, Herr Kriminalrath?“ — Der Kriminalrath legte den Theeloͤffel zur Seite und schob seine Brille hoͤher unter die Augen. „Der Staatsbuͤrger,“ begann er bedaͤchtig, „ist seiner Obrigkeit und jedem ihrer vollstreckenden Werkzeuge Ge¬ horsam schuldig, und es steht ihm ein Urtheil, ob der Befehl vielleicht ungehoͤrig sei, gar nicht zu. Sie werden mir wenigstens einraͤumen, daß es der Polizei im entge¬ gengesetzten Falle gar nicht moͤglich sein wuͤrde, einen in Die Rechtsfrage. der That dringend Verdaͤchtigen oder in ihren Augen uͤberfuͤhrten Verbrecher zu verhaften, indem alsdann jeder auf seine Unschuld oder die Ungehoͤrigkeit der Maßregel hin sich widersetzen wuͤrde.“ — „Aber, Herr Kriminalrath —“ „Erlauben Sie, meine Gnaͤdige, daß ich das gesetz¬ liche Verhaͤltniß erst auseinandersetze, dann werden sich Einwuͤrfe und Fragen am einfachsten erledigen lassen. Es kommt hier doch nur auf die Rechtsfrage an, wieweit die gesetzliche Macht der Polizei reicht, und welche ge¬ setzlichen Mittel Ihnen dawider zustehen. Ob Sie gegen die Gesetze selbst Einwendungen zu haben glauben, ist eine andere Sache. — Ich sagte, daß Jeder der exekuti¬ ven Gewalt Folge leisten muͤsse. Die Untersuchung, ob die einzelnen Maßregeln ungehoͤrig waren, faͤllt der vor¬ gesetzten Behoͤrde anheim, an welche sich der in seinem Recht vermeintlich Gekraͤnkte oder Unschuldige mit einer Beschwerde zu wenden hat. Ihre Bemerkung daher, mein junger Brausekopf,“ wendete er sich an den jungen Maler, „daß naͤmlich eine Klage, selbst wenn er sie ge¬ winne, dem unschuldig Verletzten keine Satisfaktion ge¬ waͤhren koͤnne, war diesmal nicht am Ort, denn eine Klage steht demselben gar nicht zu, wuͤrde vielmehr von Die Rechtsfrage. jedem Gericht zuruͤckgewiesen worden sein. Sein Rechts¬ weg ist der der Beschwerde an die vorgesetzte Behoͤrde des veranlassenden Beamten —“ „Die alsdann die Beschwerde dem Angeklagten selbst zustellt, damit er sage, ob sich die Sache auch ganz so verhalte,“ rief der Arzt lachend, „und das Resultat ist bei der natuͤrlichen, unpartheiischen Darstellung des Be¬ klagten, dem seine Vorgesetzten ja vollen Glauben schen¬ ken, leicht vorauszusehen!“ — „Da in unserm Falle eine bloße Verwechselung vor¬ lag,“ fuhr der Kriminalrath fort, „indem der Gensd'arme den Schneider fuͤr den entlaufenen Schuldigen hielt, so zweifle ich allerdings nicht, daß der Schneider, wenn er sich haͤtte verhaften lassen, mit einer Beschwerde gar nichts, auch nicht einen Verweis an den Gensd’armen erreicht haben wuͤrde. Haͤtte der Gensd'arme den Hand¬ werker bei einem persoͤnlichen Zusammentreffen und nicht bei Ausuͤbung seines Amtes verletzt, so haͤtte dem Hand¬ werker der ordentliche Rechtsweg gegen ihn als Privat¬ beleidiger offen gestanden. Hier aber schuͤtzt denselben seine amtliche Funktion.“ — „Eine schoͤne Unterscheidung!“ bemerkte der neben ihm sitzende rheinische Maler. Die Rechtsfrage. „Eine Klage gegen die exekutiven Behoͤrden ist nur in dem einzigen Fall statthaft, daß Jemand einen Scha¬ den an Besitz und Eigenthum nachweisen kann, der ihm durch eine außerordentliche Maßnahme erwachsen ist.“ — „Eine außerordentliche, d. h. gesetzlich nicht zu recht¬ fertigende,“ sagte der Arzt zu der Dame des Hauses ge¬ wendet halblaut. Diese aber gab ihm ein Zeichen, an sich zu halten, und sah auf den Kriminalrath, der immer unbeirrt fortfuhr. „Diesen Fall naͤmlich hat das Gesetz besonders vor¬ gesehen, indem es dem Benachtheiligten ausdruͤcklich eine Entschaͤdigungsklage gegen die Polizeibehoͤrde zugesteht; doch ist dabei von einer Rehabilitation in die fruͤhern Rechte nicht die Rede. Wenn es daher z. B. vorkommt, daß die Polizeibehoͤrde Leute aus Orten, wo sie gesetzlich ein Heimathsrecht besitzen, dennoch fortweist, wie dies zuweilen hoͤherer Ruͤcksichten halber in Universitaͤtsstaͤdten geschieht: so haben diese Leute allerdings eine Entschaͤdi¬ gungsklage auf den ihnen dadurch zugefuͤgten Nachtheil am Eigenthum, nicht aber auf Wiedereinsetzung in ihre Rechte. Diese letztere waͤre wiederum nur der Gegen¬ stand einer Beschwerde an die vorgesetzte administrative Behoͤrde, die dann nach Berichterstattung der Unterbehoͤrde Die Rechtsfrage. entscheidet, ob zu jener außerordentlichen Maßregel Ver¬ anlassung war, oder nicht.“ — „Das ist aber doch mindestens eine Inkonsequenz der Gesetze,“ bemerkte eine Dame aus der Gesellschaft. „Das richterliche Erkenntniß erkennt den von einer solchen außer¬ ordentlichen Maßregel Betroffenen den Rechtsanspruch auf Entschaͤdigung zu, spricht also damit ihre Schuldlosigkeit aus, denn Verbrechern wuͤrde man keinen Anspruch we¬ gen des durch ihre Strafe erlittenen Schadens zuerken¬ nen: gleichzeitig aber gestatten die Gesetze der Polizeibe¬ hoͤrde, die Leute trotzdem als Verbrecher zu behandeln und trotz der richterlichen Ehrenerklaͤrung doch die Ma߬ regel gegen sie durchzufuͤhren.“ — „Dies betrifft wieder die Frage, ob die Gesetze aus¬ reichend sind, mein Fraͤulein,“ erwiederte der Kriminal¬ rath unbeirrt, „waͤhrend es hier nur auf die Feststellung dessen ankommt, was die Polizei und ihre Beamten ohne Verletzung der Gesetze ausuͤben koͤnnen. — Ich sagte, daß jeder Staatsbuͤrger der administrativen Gewalt Folge zu leisten habe, daß ihm wegen vermeintlich ihm zugefuͤgten Unrechts der Weg der Beschwerde, und nur wegen erlittenen Verlustes die Entschaͤdigungsklage gegen die Polizei zustehe. Widersetzt er sich aber, so hat die Die Rechtsfrage. Behoͤrde sowie der exekutive Beamte das Recht, gewalt¬ sam gegen ihn zu verfahren, und er selbst hat sich durch seine Widersetzlichkeit jedenfalls einer strafbaren Handlung schuldig gemacht. Daruͤber, ob die Maßregel der Be¬ hoͤrde oder des Beamten, welche die Widersetzlichkeit her¬ vorrief, gerechtfertigt oder ungerecht war, hat nur die vorgesetzte Behoͤrde zu entscheiden, und die Beamten sind Niemanden sonst daruͤber verantwortlich, als eben nur ihrer vorgesetzten Behoͤrde. Die Widersetzlichkeit bleibt in jedem Fall strafbar.“ — „So werden Sie uns demgemaͤß jetzt wohl ausein¬ andersetzen,“ bemerkte die Frau vom Hause wieder, „wie das Verhaͤltniß in dem von mir gedachten Falle sein wuͤrde, wenn naͤmlich ein Polizeibeamter von Jemanden verlangte, daß er ins Wasser springen solle?“ — „Ich wollte soeben darauf kommen, gnaͤdige Frau,“ antwortete der Kriminalrath nach einigem Nachdenken. „Der einzelne Beamte hat unzweifelhaft das Recht, ge¬ gen Jedermann, weß Standes er auch immer ist, einzu¬ schreiten. Er kann den Niedrigsten, wie den Hoͤchsten Nachts aus seinem Bette holen und ins Gefaͤngniß transportiren.“ — „Bei uns nicht!“ rief hier der Rheinlaͤnder. Die Rechtsfrage. „Es ist wahr, bei Ihnen kann er es nur am Tage,“ fuͤgte der Kriminalrath laͤchelnd hinzu, „uͤberall aber ist er von seinem Schritt nur seinen Vorgesetzten Rechen¬ schaft schuldig und bis dahin kann er, wie gesagt, von Jedermann Folgsamkeit verlangen.“ — Hier machte der Redner eine kleine Pause, waͤhrend welcher ihn die ganze Gesellschaft erwartungsvoll an¬ blickte. „Ich glaube daher,“ fuhr er wieder fort, „ja, — da das Gesetz keine Ausnahme statuirt, so muß man als gewiß annehmen, daß der Unterthan jedem Organ der administrativen Gewalt Folge leisten muß, selbst wenn es von ihm verlangt, ins Wasser zu springen. Das ist nach Wortlaut des Gesetzes ganz gewiß. Ertrinkt er bei diesem Experiment, so haben seine Erben nur alsdann ein Klagerecht, wenn sie erweislich durch den Tod ihres Erblassers einen Schaden erlitten haben; im Uebrigen ist der Polizeibeamte uͤber seinen Befehl an den Ertrunkenen gesetzlich nur seinen Vorgesetzten Erklaͤrung schuldig. Es ist in diesem Fall nicht zu bezweifeln, daß der Beamte, der so eigenmaͤchtig und unverantwortlich handelte, von seinen Vorgesetzten fallen gelassen wuͤrde, wahrscheinlich sogar, daß man ihn den Gerichten uͤbergaͤbe; auch be¬ Die Rechtsfrage. zweifle ich nicht, daß man Ihnen im vorkommenden Falle die Weigerung, solchem Befehl Folge zu leisten, gewiß ungeahndet hingehen ließe: allein streng gesetzlich betrachtet, muͤssen Sie ihm gehorchen.“ — Die Gesellschaft sprach nunmehr uͤber diesen Gegen¬ stand mit großer Lebhaftigkeit hin und wieder. Die Meisten kamen darin uͤberein, daß solchergestalt der Po¬ lizei die Ausuͤbung großer Willkuͤhr zustehe; daß es gar nicht darauf ankomme, ob sie vielleicht in Wirklichkeit keinen so schreienden Mißbrauch davon mache, wie das letzte Beispiel meine, daß es aber schlimm genug sei, daß solch ein Mißbrauch uͤberhaupt nur Statt finden koͤnne . Der Kriminalrath hatte an dieser Diskussion keinen Antheil genommen, als ihn jetzt die Wirthin durch eine Frage ins Gespraͤch zog. „Es laͤßt sich nicht leugnen,“ sagte er am Schluß einer sehr gelehrten Erklaͤrung uͤber das Wesen der Po¬ lizei, „daß bei den gegenwaͤrtigen Verhaͤltnissen dem ein¬ zelnen Beamten sehr viel Eigenmaͤchtigkeit und willkuͤhr¬ liche Handhabung seiner Gewalt uͤberlassen ist. Auch gestehe ich, daß es schlimm und mit den Rechtsbegriffen Die Rechtsfrage. nicht ganz vereinbar erscheint, wenn diese Gewalt der Polizeibehoͤrde so wenig normirt ist, daß sich ein Mi߬ brauch oder eine Ueberschreitung derselben, und also auch eine gesetzliche Verantwortung, fast gar nicht bestimmen lassen. Allein bei den gegebenen Verhaͤltnissen muß man sich nun einmal mit dem Vertrauen behelfen, daß die Polizei behoͤrde außerordentliche, oder wenn Sie so wol¬ len: willkuͤhrliche und eigenmaͤchtige Maßregeln nicht ohne dringende Veranlassung ausuͤben wird, dagegen wenn solche vielleicht von ihren Beamten ausgeuͤbt werden soll¬ ten, dies zu ahnden weiß. Die Polizei ist eine Sicher¬ heitsbehoͤrde, und als solcher muß man ihr das Recht zu außerordentlichen Maßregeln einraͤumen, die vielleicht den strengen Rechtsbegriffen nicht gemaͤß, aber zur Aufrecht¬ haltung der oͤffentlichen Ordnung nothwendig sind. Das ist jedoch keine Willkuͤhr, sondern eben Nothwendigkeit der Sicherheitsbehoͤrde.“ — „Was man so oͤffentliche Ordnung heißt!“ erwiederte der junge Arzt. „In einer Gesellschaft freilich, welche die Ungleichheit und die Gegensaͤtze zur Bedingung ihres harmonischen Ganzen macht, sind Sicherheitsbehoͤrden zur Aufrechthaltung dieser Ordnung nothwendig; es koͤnnte ja sonst den privilegirten Unterdruͤckten und Verhungernden Die Rechtsfrage. einmal einfallen, das Privilegium der Herren und Eigen¬ thuͤmer unsicher zu machen und die Unordnung der Gleichheit einzufuͤhren. So lange Sie von der heutigen Gesellschaft ausgehen, haben Sie hierin vollkommen Recht, Herr Kriminalrath, und Sie werden dann gewiß auch so konsequent sein, die groͤßte Despotie als die groͤßte Ga¬ rantie der Sicherheit der oͤffentlichen Ordnung anzuerken¬ nen. — Wenn Sie aber der Polizei durchaus den Be¬ griff der Willkuͤhr nicht zugestehen wollen, so thun Sie doch Unrecht. Sie sagen, die Behoͤrden selbst wuͤrden nur bei dringenden Veranlassungen, also zur Sicherung der bekannten oͤffentlichen Ordnung, sogenannte außeror¬ dentliche, mit den menschlichen und richterlichen Rechts¬ begriffen nicht ganz uͤbereinstimmende Maßregeln in An¬ wendung bringen. Allein wer entscheidet denn uͤber die Veranlassung und ihre Dringlichkeit? Giebt es bestim¬ mende Gesetze hieruͤber? Oder ist die Berufung der drin¬ genden Veranlassung und hoͤherer Ruͤcksichten nicht viel¬ mehr der Willkuͤhr der Polizei uͤberlassen, welche eben nur sich selbst verantwortlich ist? Sie vertrauen ferner, daß die Polizeibehoͤrde dagegen wohl außerordentliche Ma߬ regeln, die ein einzelner Beamter eigenmaͤchtig ausgeuͤbt, ahnden werde. Wer aber entscheidet uͤber die Eigen¬ Die Rechtsfrage. maͤchtigkeit, die Unbefugtheit seiner Maßnahme? Der Beamte ist nur seiner Behoͤrde gegenuͤber, also den Po¬ lizeibegriffen gemaͤß, die ihn selbst leiten, verantwortlich; es faͤllt daher auch hier wieder den unbegrenzten Polizei¬ begriffen und der Willkuͤhr der Polizei die Bestimmung anheim, ob der Beamte seine außerordentliche Maßregel aus unbefugter Eigenmaͤchtigkeit oder aus dringender Ver¬ anlassung ausgeuͤbt hat. — Uebrigens weiß ich auch nicht, warum die Polizei nicht willkuͤhrlich handeln sollte. Sie ist, wie Sie selbst sagten, eine Sicherheitsbe¬ hoͤrde, sie steht nicht auf dem Rechts- oder Gesetzes- Boden; darum kann man ihr keinen Vorwurf aus der Handhabung ihrer Unrechtmaͤßigkeit und Ungesetzlichkeit machen.“ — „So vertheidigen Sie also die Einrichtung der Po¬ lizei?“ sagte die Frau vom Hause. „Da schieben Sie mir, weil ich mit dem Einen nicht einverstanden bin, die entgegengesetzte, kontradikto¬ rische Meinung unter, gnaͤdige Frau. Ich tadelte, daß man der Polizei aus ihrer Willkuͤhr einen Vorwurf machte, deshalb aber bin ich noch kein Freund des Po¬ lizeiverfahrens.“ — „Unser Aller Ziel muß ein geordneter Rechtszustand Die Rechtsfrage. sein, worin die Rechte des Einzelnen moͤglichst ge¬ schuͤtzt sind,“ sagte der Kriminalrath. „Mag man nun auch zugeben, daß in unsern Verhaͤltnissen der Willkuͤhr ein allerdings großer Spielraum gegoͤnnt ist, was sich aber durch Feststellung engerer Gesetze z. B. nach Art der englischen Habeas-corpus -Akte aͤndern ließe: so muß man andererseits bedenken, daß ein ganz vollkom¬ mener Schutz doch nie zu erreichen ist. Die Polizei ist ein nothwendiges Uebel. Ohne sie waͤre es nicht moͤg¬ lich, einen Verbrecher vor das Gesetz und zur Strafe zu ziehen, und wenn auch einmal, was sich selbst durch den geordnetsten Rechtszustand nicht ganz vermeiden laͤßt, aus Irrthum oder Versehen einem Unschuldigen zu nahe ge¬ treten wird, so muß er sich dann mit der gerichtlichen Anerkennung seiner Unschuld und dem Gedanken troͤsten, daß er ohne die Wachsamkeit dieser Behoͤrde selbst keinen Schutz seiner Rechte haben wuͤrde.“ — „Sie wollen das Huͤhnerauge beschneiden, waͤhrend es darauf ankommt, das brandige Bein abzunehmen,“ sagte der Arzt. „Die Polizei ist ein nothwendiges Uebel, aber nothwendig nur in unserer heutigen Gesellschaft. Statt daher die Nothwendigkeit aufzuheben, indem Sie die Bedingung der heutigen Gesellschaft aufheben, wollen 8 Die Rechtsfrage. Sie nur das Uebel verkleinern, indem Sie seiner Wirkung engere Grenzen setzen. Suchen Sie die Voraussetzung der Polizei: das Verbrechen, und die Voraussetzung des Verbrechens: die Ungleichheit der Erziehung und aͤußeren Verhaͤltnisse in Ihrer unebenen Gesellschaft, mit Einem Wort heben Sie die Armuth auf, und Sie brauchen keine Willkuͤhr der Polizei laͤnger zu fuͤrchten. — Ueber¬ haupt verstehe ich die Ausdruͤcke Gesetz und Strafe nicht. Beide setzen Unordnung und Unnatur in der Ge¬ sellschaft voraus; in einem harmonisch organisirten Ganzen sind Gesetz und Strafe uͤberfluͤssig.“ — Hier wurde die Unterhaltung durch den Eintritt eines Neuankommenden unterbrochen. Es war der Oberarzt der Klinik. Als er Platz genommen hatte und die Haus¬ frau ihm Vorwuͤrfe uͤber die Verzoͤgerung seines Kom¬ mens machte, sagte er: „Ich bitte um Verzeihung, allein ich mußte mich nothwendig noch nach der Klinik begeben, um nach dem Schneidergesellen zu sehen, den der Gensd'arme verwundet hatte. Es ist des Zeugnisses wegen.“ — „Und wie haben Sie ihn gefunden? — Wir spra¬ chen soeben davon,“ sagte die Dame. Die Rechtsfrage. „Er ist todt,“ erwiderte der Doktor ruhig. In der Gesellschaft entstand eine tiefe, stille Pause, nur einigen Damen entschluͤpfte ein leiser Ausruf mitlei¬ diger Theilnahme. Der Oberarzt ruͤhrte gleichguͤltig mit dem Loͤffel in seiner Theetasse. „Das Maͤdel, seine Geliebte, war da und weinte, weil sie nicht zu ihm gelassen wurde. Es ging aber auch nicht an. Er hatte sein Bewußtsein bis zum letzten Augenblick. Der arme Teufel! Er ist recht muthig gestorben, nur das Schicksal seiner alten blin¬ den Mutter und seiner Liebsten lag ihm sehr im Sinn!“ — Die vorgesetzte Dienstbehörde. I n dem Salon war wieder der gewoͤhnliche Kreis von Hausfreunden versammelt. Der Kriminalrath saß auf seinem alten Platz und wiegte sich in dem gemaͤchlichen Lehnsessel, der stets fuͤr ihn besonders hingeruͤckt wurde. Mehrmals schon hatte er sich in Erwartung der kom¬ menden Dinge forschend umgesehen; da es ihm indeß zu lange zu wahren schien, nahm er jetzt wie in der Zer¬ streuung ein Stuͤck Kuchen vom Tisch, und verzehrte es mit gedankenvoller Miene. Die Hausfrau stand seit¬ waͤrts an einem Nebentisch und war eben mit Eingießen des Thees beschaͤftigt, waͤhrend die Maͤdchen die Tassen herumreichten. Nur der junge Arzt fehlte. „Es ist recht Schade, daß unser Doktor nun an unsern kleinen Zusammenkuͤnften keinen Theil mehr neh¬ men kann,“ sagte die Hausfrau zu den Gaͤsten gewen¬ det. „Er war ein vielseitig gebildeter junger Mann, und wußte der Unterhaltung durch seine eigenthuͤmlichen, aber Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. gruͤndlichen Ansichten ein doppeltes Interesse zu ver¬ leihen.“ — Der Kriminalrath tauchte eben ein Stuͤck Kuchen in seine Tasse und sagte achselzuckend: „In der That, seine Ansichten waren zuweilen sehr eigenthuͤmlich. Sie haben ihm auch sein jetziges Geschick zugezogen.“ — „Es mag immer noch Vielen eigenthuͤmlich scheinen,“ sagte der Maler, „wenn Jemand mit den herrschenden Grundsaͤtzen im Widerspruch steht. Aber die Geschichte kann uns uͤberall zeigen, daß der sogenannte beschraͤnkte Unterthanenverstand doch zuletzt immer uͤber die privilegirte Weisheit den Siegespreis davongetragen hat, sowohl den Preis der Vernunft als den des thatsaͤchlichen Kampfes.“— „Daß Jemand im Widerspruch mit den herrschenden Ansichten steht , kann kein Vorwurf fuͤr ihn sein, zumal wenn seine Ueberzeugung aus wahrer Kritik der Verhaͤlt¬ nisse hervorgegangen ist,“ bemerkte der Angegriffene. „Wenn er aber als Einzelner auch aͤußerlich in offenen, schroffen Widerspruch und Kampf mit ihnen tritt , so kann man das wohl eine Thorheit nennen.“ — „Wenn es seine wahre Ueberzeugung ist, so muß er auch damit ans Licht treten und sie vertheidigen duͤrfen. Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. Der Muth einer Meinung ist immer achtungswerth, und das Bischen Verfolgung trifft seine Sache nicht. — Wenn Sie es aber fuͤr Thorheit erachten, daß er allein mit der Wahrheit beim Volke durchzudringen hofft, so moͤgen Sie Recht haben. Die Wahrheit selbst ist den Leuten gleichguͤltig, ja sie fuͤrchten sich sogar davor. Bei der Erziehung schon suchen die Aeltern ihre Kinder aͤngst¬ lich vor solchen Meinungen zu huͤten, die sie doch in ihrem Innern als die einzig auf Wahrheit beruhenden erkennen, blos weil dieselben mit den herrschenden An¬ sichten in Widerspruch stehen. Diese Feigheit ist die noth¬ wendige Folge gewisser demoralisirenden Einrichtungen. Wo die Wahrheit aber wirklich mit den Massen durch¬ gedrungen ist, waren es immer nur andere aͤußere Ver¬ haͤltnisse, die den Kampf veranlaßten. Fuͤr die bloße Wahrheit tritt selten ein Volk, am wenigsten das unsre, thaͤtlich in die Schranken.“ — „Da sieht man die echten Politiker,“ sagte die Hausfrau, sich an den Tisch setzend. „Kaum hat man den Ruͤcken gewendet, so liegen sie auch schon in Hader.“ „Und wir Andern haben noch gar nicht einmal er¬ fahren, was denn dem Doktor geschehen ist, und wes¬ Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. halb er an der Gesellschaft keinen Theil mehr nehmen koͤnnte?“ bemerkte eine junge Dame. „Der Doktor,“ sagte die Hausfrau, „war mit eini¬ gen seiner Bekannten an einem oͤffentlichen Ort, und man sprach daruͤber, daß der Gensd'arme ohne Strafe ausgegangen sei, der juͤngst den Schneider in der Fried¬ richsstraße auf den Tod verwundet hatte. Die Aeußerun¬ gen des Doktors muͤssen nicht eben sehr vorsichtig gewe¬ sen sein, denn in Folge einer Denunciation wurde er zur polizeilichen Untersuchung gezogen und aus der Stadt verwiesen.“ — „Da man ihm Form Rechtens nichts anhaben konnte,“ sagte der Maler. „Also der Gensd'arme ist wirklich leer ausgegangen?“ fragte der Referendar, ein Verwandter der Hausfrau, welcher auf Besuch in der Residenz war. „Und der arme Doktor hat wirklich die Stadt ver¬ lassen muͤssen?“ fuͤgte theilnehmend die junge Dame hinzu. „Der Gensd'arme ist leer ausgegangen, wenigstens ohne Strafe, wie es vielleicht Manche erwartet h at ten; denn das Polizei-Praͤsidium war der Ansicht, daß ihm gegen einen Verhafteten, der ihm thaͤtlichen Widerstand Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. leistete und ihn insultirte, die Anwendung seiner Gewalt zugestanden habe, also ein Vergehen von seiner Seite nicht vorliege,“ erwiderte der Kriminalrath wohlgefaͤllig, „ganz wie ich die Sache von vornherein betrachtete. Und der Doktor hat vorgestern die Stadt verlassen muͤssen, obwohl er sich sehr auf sein Indigenat und seine Rechte als Landeskind berief. Indeß eine polizeiliche Ver¬ fuͤgung — “ „Hat mit Rechten nichts zu schaffen,“ bemerkte der Maler. „Die Polizeibehoͤrde muß jedoch diesmal wohl ganz bestimmte Gruͤnde gehabt haben,“ sagte der Kriminal¬ rath, „denn der Doktor hat auf seine Beschwerde beim Ministerium den Bescheid bekommen, daß es bei der Verfuͤgung der Polizeibehoͤrde sein Bewenden haben muͤsse.“ — „Man weiß ja, was eine Beschwerde in dem Laby¬ rinth unserer Bureau-Wege erreichen kann, wo ein Drit¬ ter bei einem Beamten gegen einen Beamten, bei der Polizei gegen die Polizei Schutz sucht,“ warf der Maler ein“ „Ueberdies scheinen die Gruͤnde bei des Doktors Ausweisung nicht sehr dringend gewesen zu sein, denn der Polizeidirektor sagte ihm, daß man das Dekret, wohl Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. zuruͤckgenommen haͤtte, wenn er statt auf sein Recht als Landeskind zu pochen, bescheiden um Ruͤcknahme der Verfuͤgung nachgesucht haͤtte: so aber haͤtte man zeigen muͤssen, daß man die einmal erlassene Verfuͤgung auch durchzufuͤhren vermoͤge. Was aber den Gensd'armen betrifft, so weiß ich aus zuverlaͤssiger Quelle, daß derselbe von seiner vorgesetzten Dienstbehoͤrde einen Verweis erhal¬ ten, sich kuͤnftighin vorzusehen. Man muß also doch sein Verhalten nicht so ganz in der Ordnung gefunden haben.“ — „Bei dem Weg der Beschwerde moͤgen die Bethei¬ ligten allerdings oft zu keinem genuͤgenden Ziel kommen,“ sagte der Referendar aus der Provinz, „aber die vorge¬ setzten Behoͤrden sind auch oft, ohne ihr Wissen, bloß durch die bestehenden Einrichtungen der Gefahr ausgesetzt, Partei fuͤr ihre Unterbeamten nehmen zu muͤssen. Ich habe erst kuͤrzlich in meiner Heimath einen sehr eklatan¬ ten Fall dieser Art erfahren.“ — Der Kriminalrath sah den Sprechenden mit einem sonderbar fragenden Blick an, die Gesellschaft aber ver¬ langte neugierig die Geschichte zu hoͤren. Die Stuͤhle wurden naͤher um den Tisch geruͤckt, die Hausfrau fuͤllte Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. noch einmal Thee nach, und der Referendar begann nun¬ mehr seine Erzaͤhlung. „In dem Hause, wo ich seit meiner Beschaͤftigung beim *** Gericht wohne, lebte unten im Erdgeschoß auch ein armer Schuster, eigentlich wohl nur ein Flickschuster zu nennen, denn er hatte wenig anderes als Flickarbeit fuͤr seine Kunden zu besorgen. Ich war beim Ein- und A us gehen schon auf ihn aufmerksam geworden, da ich ihn bei seinem hoͤchst kuͤmmerlichen Verdienst immer sin¬ gend und guter Dinge fand; spaͤter erbot er sich mir zur Aufwartung, und so wurde ich genauer mit ihm bekannt. Es war eine drollige humoristische Figur, mit einem uͤberraschend schlagenden Witz begabt, und dabei von un¬ gemeiner Lernbegierde. Ich unterhielt mich gewoͤhnlich jeden Morgen laͤngere Zeit mit ihm, eigentlich um mich an seinen Spaͤßen und seiner ganzen drolligen Weise zu ergetzen, aber ich mußte bald auch seinen wißbegierigen Ernst bewundern, und gestehe, daß mich dieser arme Teufel aus dem Volk manchmal durch seine Fragen in Verlegenheit gesetzt hat. Dabei hatte er einen so richti¬ Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. gen Urtheilssinn, wie ich ihn selten unter solchen Leuten gefunden habe. Ich bin uͤberzeugt, daß der Mensch zu hoͤchst Bedeutendem berufen war, aber seine Armuth fesselte ihn in den Koth der Gesellschaft und ließ seine Gaben unbenutzt verderben. Eines Morgens trat Schwind, so hieß der Schuster, mit sehr verlegener Miene in mein Zimmer, nachdem er den Tag vorher ausgeblieben war. Statt wie sonst mir sogleich seine Neuigkeiten aufzutischen, nahm er nach kur¬ zem Gruß die Kleider, und begab sich mit auffallender Schweigsamkeit auf den Korridor, von wo ich bald das Geraͤusch seiner eifrigen Buͤrste vernahm. Als er wieder hereinkam, hing er die Sachen an ihren gewoͤhnlichen Ort, und machte sich, da ich von meiner Arbeit nicht aufblickte, noch einen Vorwand der Beschaͤftigung. „Der Herr Doktor haben sich wohl gewundert,“ sagte er endlich, daß ich gestern morgen nicht zur Auf¬ wartung gekommen bin. Aber wahrhaftig, ich war nicht Schuld daran, daß ich die Nacht auf der Polizei gesessen habe.“ — Diese Einleitung setzte mich in neugierige Verwunde¬ rung, denn ich kannte Schwind als einen ordentlichen ruhigen Menschen. Ich schob meine Akten zur Seite Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. und fragte, indem ich mich im Stuhl zu ihm hin¬ kehrte: „Was, Schwind! Ihr habt auf der Polizei ge¬ sessen? Also trinkt Ihr auch, das hab' ich fruͤher noch nicht an Euch gekannt, denn wahrscheinlich habt Ihr in der Trunkenheit Skandal oder Schlaͤgerei angefangen, daß man Euch so untergebracht hat?“ — „Gott bewahre, Herr Doktor!“ sagte der arme Teufel erschreckt. „Sie werden gewiß selbst sagen, daß ich gar nichts Besonderes gethan habe. — Sehen Sie, vorgestern Morgen bekomme ich einen Brief aus der naͤchsten Ortschaft, worin mir mein Bruder schreibt, daß ich ihm entgegenkommen solle, und auch drei Thaler in die Tasche stecken moͤge, damit er die am Stadtthor vor¬ zeigen koͤnne. Nun muͤssen Sie wissen, Herr Doktor, daß mein Bruder seit zwei und einem halben Jahr auf der Wanderschaft ist und wir uns in der Zeit nicht ge¬ sehen haben. Ich nehme also drei Thaler und gehe meinem Bruder entgegen. Auf dem Ruͤckweg gebe ich ihm nun das Geld, welches er am Thor vorzeigt, und als wir so in die Stadt gekommen sind, giebt er mir das Geld wieder, denn er ist ein tuͤchtiger gelernter Geselle und braucht um ein Unterkommen nicht besorgt zu sein.“— Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. „Wozu muß er denn am Thor drei Thaler vorzei¬ gen,“ fragte ich den Schuster, „das ist eine Bestim¬ mung, die ich noch nicht kenne.“ — „Das ist so eine Vorschrift in unserm Lande,“ ant¬ wortete mir Schwind. „Jeder wandernde Handwerks¬ bursch muß am Thor drei Thaler vorzeigen, oder er wird gar nicht in die Stadt gelassen und muß wieder um¬ kehren.“ — „Wahrscheinlich um zu verhuͤten, daß ein Geselle, der keine Arbeit findet, der Gemeinde zur Last faͤllt.“ — „Ich glaube wohl,“ sagte der Schuster. „Aber es ist doch eine schlechte Einrichtung. Wenn ein armer Handwerksbursch, der keine drei Thaler besitzt, an eine Stadt kommt, wo er sicherlich ein Verdienst finden kann, so wird er zuruͤckgewiesen. Heißt das nicht den Armen auf Kosten der Reichen das Brod verkuͤrzen? Und wenn sie ihm so sein Unterkommen verwehren, wie sorgen sie wohl weiter fuͤr ihn? Er muß denselben Weg, auf dem er gekommen ist, zuruͤck machen, ohne Geld, ohne Ver¬ dienst, und das Betteln ist ihm auch verboten. Nir¬ gends nehmm sie ihn auf. Auf diese Art kann er zehn¬ mal verhungem, ehe er es einmal zu etwas bringt, oder Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. er muß sich durch Luͤgen und Kniffe zu helfen suchen; er wird ja dazu gezwungen. Die meisten thun das denn auch. Entweder geben sie einem Bauer, der in die Stadt faͤhrt, ihren Ranzen, Stock und Hut in Ver¬ wahrung, und gehen wie Tageloͤhner hinein; oder wenn mehrere zusammen sind, so geben sie Einem ihr gesamm¬ tes Geld, damit dieser zuerst in die Stadt geht, auf der Herberge seine Sachen ablegt, und den draußen War¬ tenden das Geld zuruͤckbringt. So koͤmmt denn Einer nach dem Andern hinein.“ — „Und die Leute sind immer so ehrlich, und bringen das Geld zuruͤck?“ fragte ich den Handwerker. „Es macht sich nie Einer mit dem Geld fort, und laͤßt die Andern sitzen?“ — „Das kommt wohl nie vor,“ antwortete Schwind mit dem Ausdruck ehrlicher Ueberraschtheit. „Die Leute sind durch die Gleichheit ihres Looses fast an Gemeinleben gewoͤhnt, und da betruͤgt nie Einer den Andern. Ich habe wenigstens nie davon gehoͤrt.“ — „Aber wie haͤngt das nun mit Eurer Verhaftung zusammen?“ — „Ja, sehen Sie also, Herr Doktor, nachdem wir in die Stadt gekommen waren, begleitete ich meinen 9 Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. Bruder auf die Herberge: denn wenn man einander so lange nicht gesehen hat, so will man auch wieder einmal ein Glas zusammen trinken. In der Herberge waren nun mehrere andere Handwerksburschen zugegen, die sich ebenfalls in die Stadt hatten schmuggeln muͤssen, und als wir uns zu ihnen setzten, erzaͤhlte mein Bruder ihnen seine Einfahrt, und wie das so ist, wurde daruͤber wei¬ ter gesprochen.“ — „Das heißt, es wurde daruͤber weidlich losgezogen?“— „Nicht viel, Herr Doktor. Mein Bruder und ich hatten uns auch mehr uͤber andere Sachen zu unterhal¬ ten. Nun saß da aber auch ein Kerl, dem ich von vornherein nicht traute, ein Fleischergesell hier aus unserer Gasse, ein grundliederlicher Mensch, den ich mir dadurch verfeindet habe, daß ich ihm einmal abschlug, ohne Be¬ zahlung ein Paar Stiefel zu besohlen. Der hat nun wahrscheinlich die Geschichte mit meinem Bruder, so wie er sie gehoͤrt hatte, auf der Polizei angezeigt, denn ich kriegte am Nachmittag eine Vorladung vor den Revier¬ kommissarius, zu dem sie auch schon meinen Bruder ge¬ holt hatte. Der Kommissarius fuhr mich gleich mit groben Worten an, wie ich mich unterstehen koͤnne, den Leuten bei Umgehung der Polizei-Vorschriften behuͤlflich Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. zu sein? Ob ich nicht wisse, daß ein Handwerksbursch, der ohne Geld herumvagabondire, die Stadt nicht be¬ treten duͤrfe? Ich wußte nun nicht, daß mein Bruder, der die drei Thaler nicht mehr ausweisen konnte, die Sache schon eingestanden hatte, und sagte: daß das nicht wahr sei, ich haͤtte ihm kein Geld geliehen. Da zog mich der Kommissarius beim Rockkragen vor meinen Bruder hin, und rief diesem zu, er solle doch dem Luͤg¬ ner noch einmal die Wahrheit erzaͤhlen. Wie ich das hoͤrte, gestand ich denn, daß ich meinem Bruder aller¬ dings drei Thaler geliehen, daß mir das aber meiner An¬ sicht nach Niemand verwehren koͤnne, und daß es mich nichts angehe, wozu er das Geld brauche. Nun fuhr der Kommissarius erst recht auf mich ein, und sagte zuletzt: „„Solches Lumpengesindel glaubt auch noch die Po¬ lizei an der Nase herumfuͤhren zu koͤnnen.““ „Da lief mir denn auch die Galle uͤber. Ich sagte, daß ich mir solche Ausdruͤcke verbitte, oder mir schon auf andere Weise Recht verschaffen wolle. Das machte ihn noch groͤber, und wie das so geht, gab ein Wort das andere. Zuletzt ließ er uns Beide durch seinen Sergean¬ ten nach dem Polizeigefaͤngniß bringen. Sehen Sie, 9 * Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. Herr Doktor, das ist in Wahrheit die ganze Geschichte, um derentwillen ich gestern nicht gekommen bin, und Sie werden gewiß selbst sagen, daß ich unschuldig daran war. Aber ich werde mir das auch nicht gefallen lassen.“ — „Wahrscheinlich wird Euch jedoch nichts Anderes uͤbrig bleiben!“ sagte ich dem Schuster auf diesen zornigen Epilog seiner Erzaͤhlung. „Die Nacht auf dem Ge¬ faͤngniß wird Euch Niemand abnehmen.“ — „Aber ich will doch sehen, ob ich dafuͤr eingesperrt werden kann, weil ich meinem Bruder drei Thaler leihe!“ eiferte er weiter. „Und wissen will ich, ob der Kom¬ missarius das Recht hat, ehrliche Arbeiter Lumpengesindel zu tituliren! Gestern Mittag erst ließen sie uns aus dem Loch und nahmen im Polizeihaus ein Protokoll uͤber uns auf. Dann brachten sie meinen Bruder aus der Stadt, — das mag vielleicht in der Ordnung sein, aber mich mußten sie freilassen; ich lief gleich zu Ihnen, um Sie zu bitten, mir eine Klagschrift aufzusehen. Da Sie nicht zu Hause waren, ging ich zu dem Studenten im Hintergebaͤude, den ich auch bediene, und der hat mir denn eine Beschwerdeschrift an das Polizeidirektorium aufgesetzt.“ — Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. Ich war der Ansicht, daß er seine Beschwerde besser bei sich behalten haͤtte, aber Schwind antwortete, er wolle sich sein Recht nicht nehmen lassen, und brauche sich darin vor Niemanden zu fuͤrchten. Ueberdies war die Vorstellung auch bereits abgegangen. Da mich die Sache interessirte, so erkundigte ich mich nach einigen Tagen bei einem meiner Bekannten danach, welcher auf der Polizei arbeitete. Hier vernahm ich schon, daß der Kommissarius bei seinem Vorgesetzten in sehr gutem Ansehen stehe, und daß bisher gegen denselben noch keine Beschwerde laut geworden sei. Es war daher mit Gewißheit anzunehmen, daß sich der Polizeidirektor in dieser ersten Beschwerde, wenn sie nicht auf gar zu graͤuliche Veranlassung gegruͤndet war, seines Unterbeam¬ ten annehmen werde. Und das geschah denn auch. Der Polizeidirektor gab dem Kommissarius selbst die Beschwerde, und befragte ihn bloß uͤber die Veranlassung der Sache. Der Kommissarius erklaͤrte darauf, daß er die beiden Handwerker zur Vernehmung nach der Polizei transportirt habe, weil der Eine die polizeilichen Vor¬ schriften beim Eintritt in die Stadt umgangen, und der Andere ihm dabei behuͤlflich gewesen sei. Ob er den Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. Ausdruck „Lumpengesindel“ gebraucht, wisse er nicht; indeß sei es gar nicht anders moͤglich, als daß Einem bei solchen Leuten, die in uͤberwiesenen und theilweise gestaͤn¬ digen Vergehen noch die duͤmmsten Luͤgen und Kniffe versuchten und freche Reden fuͤhrten, endlich auch einmal das Maaß der Geduld uͤberlaufe. Mit dieser Erklaͤrung war die Sache fuͤr den Poli¬ zeidirektor hinlaͤnglich eroͤrtert. Schwind wurde nach eini¬ gen Tagen auf das Polizeiamt geladen, und erhielt hier einen Verweis uͤber die Frechheit, mit der er nach seinem ungesetzlichen Betragen noch Beschwerde fuͤhren wollte. Als er darauf zu repliciren versuchte, warf ihn der Po¬ lizeiaktuar zur Thuͤr hinaus. Dies war das foͤrmliche Resultat seiner Beschwerde. Nebenbei aber hatte er sich auch den Polizei-Kommissa¬ rius persoͤnlich verfeindet, und dieser wartete nur auf eine Gelegenheit, um den Schuster fuͤr seine Respektlo¬ sigkeit buͤßen zu lassen. Mittlerweile hatte sich Schwind's Bruder im Lande herum von Ort zu Ort gewendet. Ein paar Mal war er auch von Meistern in Arbeit genommen worden, allein der Verdienst war im Ganzen sehr gering, und es gefiel ihm daselbst uͤberhaupt nicht. Er schrieb daher wiederum Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. an seinen Bruder, und bat ihn um das noͤthige Geld, damit er jetzt zuruͤckkehren koͤnne. Schwind schickte ihm drei Thaler und schrieb ihm dabei, daß er ihm dieselben schenke. Somit zog der Handwerksbursch wieder nach der Stadt, in der sichern Voraussetzung, daß man ihm nun¬ mehr nichts weiter anhaben werde. Er war jedoch kaum zwei Tage am Ort, als der Kommissarius, der davon Nachricht erhielt, ihn verhaftete und als einen Widersetz¬ lichen, der trotz polizeilicher Ausweisung wieder zuruͤckge¬ kehrt sei, nach dem Polizeigefaͤngniß ablieferte. Hier blieb er acht Tage. Dann aber wurde er trotz seiner Vor¬ stellung, daß er jetzt den vorschriftmaͤßigen Anforderungen genuͤgen koͤnne, aus der Stadt geschafft und zugleich bei ge¬ schaͤrfter Gefaͤngnißstrafe verwarnt, je wieder zuruͤckzukehren. Schwind erzaͤhlte mir diese neue Wendung der Dinge mit eben nicht gelinden Ausdruͤcken gegen den Polizei- Kommissarius, und bat mich im Namen seines Bruders, eine Beschwerde an das Polizeidirektorium zu entwerfen. Obwohl ich mir von solchem Beschwerdeweg gleich zu An¬ fang wenig Erfolg versprach, so erfuͤllte ich doch Schwinds Bitte um so mehr, als meiner Ansicht nach die schon bestehenden Verhaͤltnisse nicht wohl verschlimmert werden Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. konnten. Die neue Eingabe ging ab, und kam in erster Instanz an den Polizeidirektor. Dieser aber hatte bereits das erste Verfahren des Kommissarius gegen Schwinds Bruder gutgeheißen, und war daher hier gewissermaßen zur Parteinahme gezwungen. Ich vernahm spaͤter, daß der Polizeidirektor den Kommissarius habe zu sich kommen lassen und ihm uͤber sein Verfahren einen Verweis gegeben habe. Die Be¬ schwerde Schwinds aber wurde nichtsdestoweniger als unbegruͤndet zuruͤckgewiesen und das Verfahren gegen den Handwerksburschen bestaͤtigt. Das ist nicht selten der Verlauf des Beschwerdeganges. Das erste Mal wird die vorgesetzte Behoͤrde regelmaͤßig ihren Unterbeamten in Schutz nehmen, indem der Beschwerdefuͤhrer ihr ferner steht; beim zweitenmal ist sie dann schon selbst als Par¬ tei betheiligt. Schwind remonstrirte diesmal nach der Residenz an das Ministerium. Nachdem seine Beschwerde hier einige Zeit gelegen, wurde sie der Polizeidirektion unserer Stadt zur Berichterstattung eingeschickt. Der Polizeidirektor ließ nun wieder den Bericht des Kommissarius zu Protokoll nehmen, um darauf seinen eignen letzten Bescheid zu er¬ gaͤnzen. Daß hierbei die Angelegenheit Schwinds in kein Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. eben guͤnstiges Licht treten konnte, war wohl natuͤrlich, denn jetzt war nicht mehr der Kommissarius allein der Beklagte, sondern der Polizeidirektor hatte selbst seine letzterlassene Entscheidung zu justificiren. Als die Ent¬ schließung des Ministeriums endlich einlief, war sie denn auch, wie dies nur zu erwarten stand, eine abweisende. Von nun an saß der Kommissarius dem armen Schuster mehr als je auf dem Nacken. Sei es, daß er wirklich einzelne Veranlassungen dazu fand, sei es, daß er nach der letzten Wendung die Stimmung seines Vorgesetzten nicht mehr fuͤrchten zu muͤssen glaubte, kurz, die kleinen Quaͤlereien nahmen kein Ende. Die schoͤnste Gelegenheit aber bot ihm in kurzer Zeit eine Veraͤnderung in Schwinds Verhaͤltnissen. Schwind hatte bis vor einem halben Jahre seine alte Mutter bei sich ernaͤhrt, die ihm dafuͤr das Haus¬ wesen besorgte. Als die alte Frau dann gestorben war, hatte er ein halbes Jahr lang allein gewohnt, aber seine Junggesellen-Wirthschaft behagte ihm nicht mehr, und er wollte sich nun eine Hausfrau nehmen. Hierzu mußte er den Anforderungen genuͤgen, welche bei Gestattung der Niederlassung gemacht werden. Schwind war in unserem Lande geboren, sein Heimathsort lag nur wenige Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. Meilen von der Stadt entfernt, und er hatte daher nur noch den Nachweis selbststaͤndigen Erwerbes zu fuͤhren. Der Kommissarius, welchem die Aufnahme dieser Ver¬ haͤltnisse oblag, ließ auch die Angaben des Schusters zu Protokoll nehmen, und schickte die Papiere an die Poli¬ zeidirektion. Nach Verlauf von drei Wochen lief von hier der Bescheid ein. Schwind war nur Flickschuster, das heißt, er durfte, da er nicht Meister geworden, keine neuen vollstaͤndigen Arbeiten uͤbernehmen, es sei denn im Dienst anderer Meister. Indem in dem Bescheid der Polizeidirektion dies Verhaͤltniß hervorgehoben wurde, hieß es unter An¬ ziehung eines Gesetzes, wonach zur Niederlassung der Nachweis selbststaͤndigen Lebenserwerbes erforderlich, und einer Polizeiverordnung, wonach der Nachweis von bloßen Arbeits kraͤften in dieser Beziehung nicht ausrei¬ chend sein sollte, alsdann weiter: daß demgemaͤß im vorliegenden Falle der Nachweis selbststaͤndigen Erwerbes nicht als gefuͤhrt angenom¬ men werden koͤnne, vielmehr der Vermuthung Raum gegeben sei, Supplikant werde mit seiner Familie fruͤher oder spaͤter der Gemeinde zur Last fallen, und es muͤsse seinem Gesuch um Gestattung Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. der Niederlassung behufs Begruͤndung eines Haus¬ haltes die Genehmigung verweigert werden. Schwind war durch den Ausgang seiner ersten Be¬ schwerde von jedem neuen derartigen Versuch zuruͤckge¬ kommen, und nahm diesen Bescheid stillschweigend hin. Um allen weiteren Plackereien zu entgehen, wendete er sich nach seiner Vaterstadt, begann hier wieder sein Ge¬ schaͤft, und verheirathete sich bald darauf. Aber es wollte hier mit dem Auskommen nicht recht gehn, sei es nun, daß in dem kleinen Orte uͤberhaupt zu wenig zu verdienen war, sei es, daß die Vergroͤßerung seines Haushaltes durch Frau und Kinder allmaͤhlig zu bedeutende Kosten erheischte. Als ich mich nach ein paar Jahren zufaͤllig nach ihm er¬ kundigte, hoͤrte ich, daß der sonst so aufgeweckte, joviale Mensch durch sein Ungluͤck gaͤnzlich veraͤndert und herab¬ gekommen sei. Zuletzt, als er sich gar nicht mehr zu helfen wußte, verkaufte er den Rest seiner Habe, schloß sich einer Auswanderungs-Gesellschaft an, und ist jetzt vor eini¬ gen Wochen mit Frau und Kindern nach Amerika gesegelt.“ „Und in Amerika wird der arme Teufel auch keine Seide spinnen!“ sagte die Hausfrau, als der Referendar seine Erzaͤhlung beendigt hatte. Die vorgesetzte Dienstbehoͤrde. „Schwerlich, gnaͤdige Frau!“ fuͤgte der Erzaͤhler hin¬ zu, „Es wird dem Einzelnen schon so schwer, sich in der Fremde eine Stellung zu erringen, eine arme Familie aber geht dem traurigsten Loos entgegen. Und doch ha¬ ben sie dort noch mehr Hoffnung, als hier, von wo sie nur die Verzweiflung vertreibt. Man kann das Aus¬ wandern nie absolut verdammen, denn man weiß nicht, gegen welche ungluͤcklichen Verhaͤltnisse die Armen in ihrer Heimath vergebens angekaͤmpft haben koͤnnen, und der ungluͤcklichen demoralisirenden Verhaͤltnisse haben wir in der schoͤnen Heimath so viele.“ — „Ja, dieser arme Schuster ist auch ein Opfer solcher Verhaͤltnisse geworden,“ sagte die Hausfrau. „Was meinen Sie, Herr Kriminalrath?“ — Der Kriminalrath zuckte die Achseln. „Die Geschichte mag sich so verhalten,“ sagte er gleichguͤltig. „Es laͤßt sich aber wohl auch nicht ver¬ meiden, daß hin und wieder vielleicht Jemanden Unrecht geschieht, und selbst die vorgesetzten Behoͤrden nicht im Stande sind, die Verhaͤltnisse richtig zu erkennen. Das ist weiter nichts Außerordentliches, und mag wohl oͤfter vorfallen, als man es so erfaͤhrt.“ — Vom heimathlosen Vaterland. J ohann Heinrich Ludwig Hanemann wurde im Jahre 1803 in Hoya geboren, siedelte in einem Alter von 5 Jahren nach dem hannoͤverschen Staͤdtchen Wunstorf im Amt Blumenau, wo er bis zu seiner Konfirmation verblieb, und begab sich dann, als er das Baͤckergeschaͤft erlernt, im Jahre 1819 nach Hamburg. In Hamburg diente Hanemann im Ganzen zwei Meistern, dem einen 9 3/4 Jahre, dem andern 3 Jahre, hatte zwar inzwischen auch seiner Militairpflicht in Han¬ nover zu genuͤgen, kehrte aber bei jeder Beurlaubung nach Hamburg zu seinem Geschaͤft zuruͤck. Im Jahre 1832, nach mehr als zehnjaͤhrigem Aufenthalt in Ham¬ burg, welcher Zeitraum nach den damaligen Gesetzen zur Heimathsberechtigung genuͤgte, verließ er seinen zwei¬ ten Meister, weil er sich verheirathen und, zu unbemit¬ telt, um Baͤckermeister zu werden, ein Kommissionsge¬ schaͤft anfangen wollte. Vom heimathlosen Vaterland. Hierzu mußte er das Hamburger Buͤrgerrecht ge¬ winnen. Da er die noͤthigen Legitimationen nicht zur Hand hatte und wahrscheinlich die Kosten der Herbeischaffung scheute, so ließ er sich von einem Freunde bereden, die Papiere seines so eben verstorbenen Bruders als die sei¬ nigen auszugeben. Auf diese Papiere hin erhielt er das Hamburger Buͤrgerrecht. Die Sache aber wurde verrathen, Hanemann zur Untersuchung gezogen und auf Befehl des Senats poli¬ zeilich verhoͤrt, jedoch von der Wedde wie von der Poli¬ zei geschont. Dagegen erkannte der Senat unterm 29. August 1832 gegen ihn: daß ihm der Buͤrgerbrief abzunehmen, er des Buͤrgerrechts verlustig, des Gebiets verwiesen, im Fall der Ruͤckkehr mit schaͤrfster Strafe zu belegen, und sofort von der Polizei aus der Stadt zu schaffen sei. Hanemann begab sich hierauf nach Hameln, holte seinen Militairfreischein, besorgte sich seinen Geburtschein und erhielt auch ein Wanderbuch als Baͤckergeselle. Dann kehrte er in der Hoffnung, daß ihm auf diese seine, Vom heimathlosen Vaterland. richtigen Papiere das Buͤrgerrecht nicht verweigert werden koͤnne, nach Hamburg zuruͤck. In Hamburg angekommen wurde er sofort arretirt und geschlossen nach Hannover transportirt. In Hannover verbot man ihm ebenfalls den Auf¬ enthalt, und zwar weil er durch Erlangung des Ham¬ burger Buͤrgerrechts seiner Heimathsangehoͤrigkeit in Han¬ nover verlustig gegangen war. Hanemann begab sich nunmehr nach Altona und gewann hier auf seine richtigen Papiere das Buͤrgerrecht. Zur Betreibung seines nunmehrigen Geschaͤfts mußte er sich zuweilen nach Hamburg begeben. Auf einer die¬ ser Touren wurde er, am 6. Maͤrz 1833, von der Ham¬ burger Polizei arretirt und bestraft; das zweite Mal, am 26. Maͤrz, arretirt, bestraft und nach Altona transpor¬ tirt. Bei dieser Gelegenheit erfuhr die Altonaer Behoͤrde seine Faͤlschung in Hamburg, und Hanemann wurde in Folge dessen von dem Oberpraͤsidenten wegen unzeitigen Verschweigens fruͤherer Verhaͤltnisse mit Ohrfeigen rega¬ lirt. Spaͤter indessen erhielt er auf Verwendung dessel¬ ben die Erlaubniß, Hamburg bei Tage besuchen zu 10 Vom heimathlosen Vaterland. duͤrfen, ohne daß man ihm dabei naͤchtliche Rast be¬ willigte. Vom 7. Mai 1833 bis zum 19. Februar 1839 lebte er nunmehr unbehelligt in Altona vom Weinkom¬ missionsgeschaͤft, machte dann eine Reise nach Oporto und verlobte sich bei seiner Ruͤckkehr mit einer Hambur¬ gerin, welche eine Schenkwirthschaft fuͤhrte. Zwei Mo¬ nate lang lebte er mit ihr in freiem Verhaͤltniß. Er wohnte bei ihr, half ihr in der Wirthschaft und benahm sich uͤberhaupt so, wie es sein Verhaͤltniß zu rechtfertigen schien. Eines Tages, als er sie fuͤr untreu hielt, mi߬ handelte er sie in ihrer Schenkwirthschaft betrunkener Weise so sehr, daß sie ihr Lokal verließ. Hanemann blieb, wie er es bei sonstigem Ausgehen seiner Braut ge¬ wohnt war, in der Wirthschaft zuruͤck, und als einige Gaͤste Geld gewechselt verlangten, erbrach er die verschlos¬ sene Kasse. Darauf wurde er auf Veranlassung des Kurators seiner Braut arretirt und zur Untersuchung ge¬ zogen. Die Hamburger Polizei lieferte ihn nach Altona ab, indem sie ihn dem dortigen Oberpraͤsidium zur Ab¬ nahme seines Buͤrgerrechts empfahl, und das Altonaer Oberpraͤsidium nahm ihm sein Altonaer Buͤrgerrecht ab , Vom heimathlosen Vaterland. unter dem Vorgeben, daß er dasselbe (vor sieben Jahren) durch Verschweigen seiner fruͤhern Hamburger Erlebnisse erschlichen habe, und verwies ihn des Gebietes. Obwohl er von Altona aus in dem Zeitraum von 1832–1840 wiederholt nach Hamburg gekommen und wegen uͤbertretener Verweisung verschiedentlich und mit geschaͤrfter Gefaͤngnißstrafe bestraft worden war, wußte sich Hanemann doch, als er jetzt Altona verlassen mußte, nirgends anders hin als nach Hamburg zu wenden. Allein schon am 28. April 1840 ward er arretirt und in achttaͤgige Zuchthausstrafe verurtheilt. Dann blieb er bis zum 21. Juli 1841 uͤbersehen in Hamburg, wurde wieder arretirt, zu sechs¬ woͤchiger Zuchthausstrafe abwechselnd mit Tretmuͤhle verurtheilt und nach uͤberstandener Strafe am 3. Sep¬ tember 1841 nach Altona abgeliefert. Die Altonaer Behoͤrde transportirte ihn wieder nach Hamburg zuruͤck, wo er sogleich ins Gefaͤngniß gesetzt wurde. Darauf unterhandelte die Hamburgische Behoͤrde wegen Aufnahme Hanemanns mit der zu Hoya und Wunstorf im Han¬ noͤverschen, aber vergeblich, dann transportirte sie ihn am 12. Januar 1842 uͤber die Grenze nach Altona. Von 10 * Vom heimathlosen Vaterland. Altona wurde er auf dieselbe Weise wieder nach Hamburg zuruͤckgebracht, hier auf acht Tage abwechselnd mit Tretmuͤhle ins Zuchthaus gesetzt und am 22. Januar 1842 aus dem Gebiete gejagt. Da man ihn durchaus nirgends aufnehmen wollte, kehrte er nothgedrungen nach Ham¬ burg zuruͤck, ward am 3. Februar abermals arretirt und ins Detentionshaus gesperrt. Hier blieb er bis zum 19. Maͤrz, wo er entlassen und diesmal nach der Han¬ noͤverschen Grenze transportirt wurde. In Stade ange¬ kommen wurde er ebenfalls arretirt und auf Unterhand¬ lungen und Anfragen der Stader und Hamburgischen Behoͤrden erging von dem koͤniglichen Ministerium in Hannover unterm 29. Maͤrz der Befehl, den Hanemann auf demselben Wege, worauf er gekommen, zuruͤckzu¬ schaffen. Hanemann wandte sich nun nach Altona, wurde aber daselbst am 25. April arretirt, mit fuͤnfundzwanzig Stockschlaͤgen bestraft und nach dem Hamburgischen Gebiet transpor¬ tirt. Hier wurde er sofort wieder arretirt, worauf der Senat am 27. April beschloß, ihn uͤber See zu schaffen, sonst aber die fruͤhere Verfuͤgung vom 12. Januar 1842 Vom heimathlosen Vaterland. ferner in Ausuͤbung zu bringen, naͤmlich die Ruͤckkehr Hanemanns immer schaͤrfer zu bestrafen. Da aber trat die große Hamburgische Brandkata¬ strophe ein. Hanemann wurde aus dem Gefaͤngniß ent¬ lassen und wirkte mehrere Tage und Naͤchte mit der aͤu¬ ßersten Anstrengung beim Loͤschen des Feuers. Aber schon am 12. Mai ward er wieder eingesperrt und trotz der Fuͤrsprache des Polizeichefs mit Zuchthausstrafe be¬ legt, dann aber am 22. Juni nach der oͤstlichen Grenze des Koͤnigreiches Hannover transportirt. Von hier kehrte er wieder nach Hamburg zuruͤck und lebte daselbst einige Zeit unbemerkt, bis er Krankheitshalber am 19. Sep¬ tember 1842 ins allgemeine Krankenhaus kam. In demselben blieb er bis zum 13. Maͤrz 1843. Zwei Tage nach seiner Entlassung wurde er arretirt und dann wieder nach der oͤstlichen Grenze des Koͤnigreichs Hanno¬ ver transportirt. Die Behoͤrde in Winsen schaffte ihn jedoch unter Bezugnahme auf den Beschluß des koͤniglich Hannoͤverschen Ministerii vom 29. Maͤrz wieder nach Hamburg zuruͤck. Hier wurde er sofort wieder einge¬ sperrt, und bis zum 1 . Juli 1844 ununterbrochen in Arrest gehalten. Dann setzte man ihn unter der Vom heimathlosen Vaterland. Verpflichtung, daß er Hamburg binnen 8 Tagen ver¬ lasse, endlich in Freiheit. Allein Hanemann, ohne zu wissen, wohin er sich wenden solle, blieb nochmals uͤber die gestattete Frist in Hamburg. Am 14. August wurde er wieder arretirt, zu vierzehntaͤgigem Gefaͤngniß abwechselnd bei Wasser und Brod verurteilt und Ende Septembers uͤber die Grenze trans¬ portirt. Waͤhrend seiner letzten Haft hatte sich Hanemanns ein bekannter, geachteter Advokat in Hamburg angenom¬ men, und ihm eine Supplik an die „hohe deutsche Bun¬ desversammlung“ in Betreff unterthaͤnigst nachgesuchter Ermittelung einer Heimath in seinem deutschen Vaterland concipirt. Aus dieser Supplik, welche das Kieler Korre¬ spondenzblatt in seiner Nummer 74 vom Jahre 1845 im Auszuge mittheilte, haben wir die Erlebnisse Hane¬ manns hieraus wahrheits- und fast wortgetreu entnommen. Hanemann, der ohnedies nicht wußte, wo er sein Haupt derweile niederlegen solle, wollte nunmehr seine Angelegenheit persoͤnlich vor der deutschen Bundesversamm¬ lung fuͤhren. Die Hamburgischen Behoͤrden verweigerten ihm aber zu diesem Zweck den Reisepaß, worauf ihm Vom heimathlosen Vaterland. denn der Koncipient jener Supplik eine Privat-Legitimation ausfertigte, und fuͤr seine eigne Person die deutschen Behoͤrden ersuchte, den Inhaber der betreffenden Supplik aus den in ihr enthaltenen Gruͤnden schuͤtzen und frei und ungehindert gen Frankfurt an den deutschen Bun¬ destag reisen lassen zu wollen. Auf diese Weise kam der heimathlose Deutsche auch wirklich bis an sein Ziel, und fand auf Verwendung in Frankfurt ein vorlaͤufiges Domizil. Dagegen fand seine Angelegenheit in Frankfurt schlech¬ tes Gedeihen. Man schickte ihn von Einem zum An¬ dern, Keiner aber wußte ihm mehr als eine unbestimmte Aussicht zu geben. Hanemann kehrte daher endlich nach Hamburg zuruͤck. Hier wurde er abermals arretirt. Der Verwendung seines Advokaten gelang es, ihm unter der Verpflichtung, daß er Hamburg sofort verlasse, seine „Freiheit“ zu verschaffen, und mit einer neuen Le¬ gitimation desselben begab sich Hanemann wiederum nach Frankfurt, um noch einmal den deutschen Bundestag um Ermittelung eines Stuͤckchens Heimath in seinem großen deutschen „Vaterland“ zu ersuchen. Ob der heimathlose, gemißhandelte Deutsche diesmal Vom heimathlosen Vaterland. bis an den Bundestag gedrungen, ob der Bundestag einen Staat ermittelt hat, dem dieser deutsche Unter ¬ than angehoͤrt, ob endlich ein solchermaßen ermittelter Staat ihn auch wirklich aufgenommen — wir wissen es nicht. Das aber wissen wir, daß der administrative Krieg, den drei deutsche Bundesstaaten auf solche Weise gegen einen „beschirmten deutschen Unterthan“ gefuͤhrt haben, dieser hartnaͤckige nicht geschlichtete Krieg uͤber einen so leicht beizulegenden Streitpunkt einen merkwuͤrdigen Maaßstab fuͤr die groͤßeren Verhaͤltnisse des deutschen „Vaterlandes“ abgeben koͤnnte, — wenn es uͤberhaupt eines solchen beduͤrfte. Das Unvermeidliche. „ N ein, da magst Du Einwuͤrfe und Entschuldigungen vorsuchen, so viele Du willst,“ sagte Arthur zu seinem Kommilitonen und Stubenkameraden Eduard, „das laͤßt sich weder rechtfertigen, noch entschuldigen. Wenn sich Jemand an Mitgliedern der Behoͤrde, weil sie ihn be¬ strafen mußten, eigenmaͤchtig vergreift, so ist das nichts weiter, als Rache, und jede Rache ist gemein und ver¬ aͤchtlich.“ — „Ich habe das auch keineswegs zu rechtfertigen ge¬ sucht,“ erwiederte Eduard. „Ich behaupte nur, daß er¬ littenes Unrecht in jedem Menschen, sei er auch der sanftmuͤthigste der Welt, Haß gegen den erregt, von dem ihm das Unrecht zugefuͤgt worden. Widerfaͤhrt es ihm jedoch oͤfter, oder leidet er nachhaltig unter dem einen Schlag, so wird sich sein erbittertes, von Haß erfuͤlltes Gemuͤth zuletzt in einer Rachethat Luft machen. Das ist nur zu sehr erklaͤrlich, und die, welche ihn dazu trie¬ ben, haben sich allein die Folgen zuzuschreiben.“ — Das Unvermeidliche. „Wenn ihm wirklich Unrecht widerfahren ist,“ ver¬ setzte Arthur, „so kann er sich desto eher in dem Be¬ wußtsein seiner Unschuld troͤsten. Durch einen eigenmaͤch¬ tigen Racheakt aber wird er seine Sache nur in ein zweifelhaftes Licht stellen.“ — „Das sind Phrasen, mein Lieber!“ sagte der Andere. „Erlittenes Unrecht kraͤnkt am tiefsten, es verwindet das kein Mensch so leicht. Im Gegentheil moͤchte ein Rache¬ akt weit eher auf die Unschuld des fruͤher Verletzten schließen lassen; denn im Bewußtsein seiner selbstverschul¬ deten Strafe wird er gewiß in seinem Innern weniger Veranlassung zu Haß und Rache gegen den Vollstrecker finden, er wird vielmehr Beschaͤmung oder im schlimm¬ sten Fall Zorn uͤber sein Mißgeschick fuͤhlen. Deine Moralbegriffe oder die Strafbestimmungen des Gesetzes koͤnnen keinen Maßstab fuͤr eine solche psychologisch be¬ gruͤndete That abgeben. Sie laͤßt sich dagegen auch ebenso wenig entschuldigen; aber der Trieb liegt nun ein¬ mal in der Menschennatur.“ — „Wenn Du die Sache nicht zu vertheidigen ver¬ magst,“ rief Arthur, „so ist das ein schlechter Einwurf mit dem Suͤndenbock der Menschennatur. Es muß jeder so viel Kraft in sich haben, den Trieb, den er nicht Das Unvermeidliche. rechtfertigen kann, zu unterdruͤcken, oder er ist ein feiger Schwaͤchling.“ — „Das nimmt sich im Prinzip recht schoͤn aus,“ meinte Eduard, „aber ich bin uͤberzeugt, daß Dich selbst fortgesetztes Unrecht erbittert machen und Deine Moral¬ gesetze vergessen lassen wuͤrde.“ — „Nimmermehr!“ rief Arthur unmuthig. „Nie wuͤrde ich aus Leichtsinn mir selbst den Trost der Ge¬ wissensreinheit zu nichte machen! Ich halte das unter allen Umstaͤnden fuͤr schwach und veraͤchtlich!“ — Arthur war der Sohn eines Universitaͤtslehrers in ***, studirte aber seit einem Jahre ungefaͤhr Theologie in B., weil die Fakultaͤt hier renommirtere Lehrer als in *** zaͤhlte. Arthur war so zu sagen ein Prinzips-Mensch. Er hatte sich seinem Studium mit einem, in diesen Jahren seltenen Eifer hingegeben, und von Natur schon ernst und tieferem Denken zugeneigt, war auch sein aͤuße¬ res Leben von dem Einfluß seiner geistigen Thaͤtigkeit er¬ griffen worden. Er hatte sich nach seiner Philosophie Das Unvermeidliche. vollkommen ein System, eine genaue Bahn seines Wan¬ dels konstruirt und unterwarf engherzig jede, auch die kleinste seiner Handlungen der Analogie dieses Prinzips. Im Laufe der Zeit wurde ihm diese Pedanterie zur an¬ dern Natur. Es ging ihm nichts uͤber ein Prinzip und er trieb die Konsequenz so weit, daß er lieber prinzipielle Schlechtigkeit gelten lassen, als den Leichtsinn und Wan¬ kelmuth jugendlicher Sorglosigkeit entschuldigen wollte. „Hat Jemand den Muth und die Konsequenz, aus Prinzip schlecht zu sein,“ sagte er, „so kann ich ihn noch achten, wenn ich auch seine Gruͤnde vielleicht ver¬ werfen muß. Die Schwaͤche aber, die sich von jedem aͤußeren Hauche ihre Richtung geben laͤßt, darf ich nur verachten.“ — Mit diesen Grundsaͤtzen mußte Arthur auf der Uni¬ versitaͤt natuͤrlich sehr vereinsamt stehen. Seine Kommi¬ litonen kuͤmmerten sich nicht um ihn, oder verspotteten ihn als einen verruͤckten Pedanten. Nur Eduard hielt es mit ihm, weniger jedoch aus Uebereinstimmung, als vielmehr durch langjaͤhrige Gewohnheit mit ihm vertraut. Sie hatten sich schon auf der Schule, welche sie zusam¬ men besuchten, fest an einander angeschlossen, und so verschieden sie auch im Grunde von einander waren, so Das Unvermeidliche. hatte doch die Gewohnheit, taͤglich beisammen zu sein, zu tiefe Wurzeln in ihnen Beiden geschlagen, als daß Eduard nicht Arthurs Entschluß haͤtte folgen und mit ihm die Universitaͤt B. beziehen sollen. Bei der immer bestimmteren Richtung Arthurs und dem leichten Sinn Eduards kam es denn oͤfters zwischen den beiden Freun¬ den zu Debatten, aber dabei blieb es auch. Jeder that nach wie vor das Seine, und ihr Verhaͤltniß litt nicht im Mindesten darunter. So waren sie einst auf das obige Gespraͤch gekom¬ men, als Eduard eben mit großem Gelaͤchter einen an einem Nachtwaͤchter veruͤbten Streich erzaͤhlt hatte. Der Nachtwaͤchter naͤmlich hatte einige Tage zuvor die An¬ zeige gemacht, daß an dem Schilderhaͤuschen, in welchem er nach jedesmaliger Runde sich aufhielt, mehrmals und immer nur, wenn er eben drinnen stand, auf eine furcht¬ bare Weise gepoltert und geruͤttelt worden sei, ohne daß er der Ruhestoͤrer habe habhaft werden koͤnnen. Das letzte Mal jedoch habe er drei Studenten davon laufen und in ein bestimmtes Haus einkehren sehen, aus wel¬ chem dann in der Nacht Niemand mehr herausgekom¬ men sei. In Folge dessen waren die drei, in jenem Hause wohnhaften Studenten auf das Universitaͤtsgericht Das Unvermeidliche. citirt, und da sie ein Alibi zur Zeit des Schabernacks nicht nachweisen konnten, wegen ruhestoͤrenden Laͤrmens in zweitaͤgige Karzerstrafe verurtheilt worden. Diese in¬ deß hatten das Ungluͤck in der That gar nicht angerich¬ tet und beschlossen daher, sich an dem unvorsichtigen Nachtwaͤchter gebuͤhrend zu raͤchen. Mitten in der Nacht, als die Gassen oͤde und ruhig lagen und der Nachtwaͤch¬ ter aller Berechnung nach von seiner Runde wieder zuruͤck sein mußte, oͤffnete sich die Hausthuͤr und die drei Stu¬ denten mit noch einem vierten, den sie ins Geheimniß gezogen, traten auf die Straße. Sie trugen ein großes Bret, welches genau auf den Eingang des Schilderhaͤus¬ chens gepaßt war, und dessen vier Ecken bereits Loͤcher zum Einschlagen von Naͤgeln enthielten. Einige Schritte vor dem Stand des Nachtwaͤchters machten sie Halt, und Einer untersuchte zuerst vorsichtig das Terrain. Bald kehrte er mit der Botschaft zuruͤck, daß der Nachtwaͤch¬ ter in seinem Wachthaͤuschen schlafe. Darauf zogen sie leise heran, lehnten das Bret an den Eingang der hoͤl¬ zernen Bude, und — eins, zwei, drei! — schlugen sie mit ein paar Hammerschlaͤgen die Naͤgel ein. Der Nachtwaͤchter war eingenagelt und wurde trotz seines Polterns und dumpfen Murrens erst am Morgen und Das Unvermeidliche. nicht ohne große Umstaͤnde von den Nachbarn erloͤst. Die Studenten aber hatten sich mit stolzer Genugthuung und ungefaͤhrdet nach Hause begeben. Mit dieser Erzaͤhlung hatte Eduard denn einen hef¬ tigen Ausfall von Arthurs prinzipieller Kritik hervorgeru¬ fen. Arthur ließ sich, wie gewoͤhnlich, weniger uͤber den Vorfall selbst aus, er betrachtete nicht den muthwilligen Streich, sondern sprach mit großem Ernst uͤber die Mo¬ tive und verdammte sie als Rachethat. Im Laufe des Gespraͤchs wurde denn auch bald die eigentliche Sache vergessen, und Beide fuͤhrten nun den Streit uͤber das Prinzip der persoͤnlichen Rache, wobei, wie wir gesehen haben, Arthur zuletzt auf das konsequente Resultat kam, daß er nie, auch bei systematisch fortgesetzter Unbill, dem Gekraͤnkten die Rache zugestehe. Es schien aber fast, als wolle das Schicksal an ihm erproben, wie weit ein Prinzip Macht uͤber die Men¬ schennatur ausuͤben koͤnne, denn jenes Thema sollte ver¬ haͤngnißvoll in sein Leben eingreifen. 11 Das Unvermeidliche. Es hatten zu dieser Zeit eben die demagogischen Un¬ tersuchungen begonnen, und wie man weiß, kam dazumal mancher angesehene, hochgeachtete Mann heute in poli¬ zeilichen Geruch, der gestern noch in Amt und Wuͤrden stand. Viele hatten gestern noch ihre Angehoͤrigen unbe¬ fangen und heiter verlassen, um sie erst nach Jahren ergraut und morsch aus den Gefaͤngnissen steigen zu sehen. Auf aͤhnliche Weise wurde Arthur bald nach jener Unterredung durch einen Brief seiner Mutter furchtbar uͤberrascht, die ihm tiefergriffen die Gefangennahme seines Vaters mittheilte. Der junge Mann ordnete sogleich seine Angelegenheiten und eilte in duͤstern Ahnungen nach Hause. Hier fand er seine Mutter auf dem Kranken¬ lager. Sie war von Natur schon schwaͤchlich und ner¬ voͤsen Anfaͤllen unterworfen gewesen, und die Aerzte wa¬ ren in letzter Zeit mehrmals fuͤr ihr Leben besorgt; jetzt hatte die Gemuͤthsbewegung bei ihres Gatten Schicksal sie niedergeworfen und ein schleichendes Fieber untergrub ihr Dasein. Arthur widmete ihrer Pflege seine ganze Aufmerksamkeit, aber er konnte doch den geknickten Le¬ benstrieb nicht wieder aufrichten. Die Kranke wurde allmaͤhlig immer hinfaͤlliger und schwaͤcher und fuͤhlte zuletzt selbst ihre Aufloͤsung nahen. Da richteten sich Das Unvermeidliche. denn ihre letzten Gedanken und Kraͤfte mit der ganzen gluͤhenden Sehnsucht einer schmerzlich scheidenden Seele auf den Mann, an dessen Seite ihre fluͤchtige Lebens¬ bluͤthe gerankt hatte. Sie rang in verzweifelnder An¬ strengung mit dem Weh eines qualvollen Scheidens, und ihr brechendes Herz wollte sich wenigstens in einem Ab¬ schied noch von dem, der ihr Schutz und Stuͤtze gewe¬ sen, den letzten staͤrkenden Trost suchen. Arthur that alle Schritte, ihren heißen Wunsch zu erfuͤllen, aber — es war die erste Pruͤfung seiner Menschennatur! — seine Bemuͤhungen blieben fruchtlos. Beim Beginn der demagogischen Untersuchungen hatte man einen neuen Instruktions-Richter nach *** gesandt, dem ein seltsamer Ruf vorangegangen war. Herr W. war Justizbeamter in einem kleinen Provinzialstaͤdtchen gewesen und sollte als solcher sich einer Aktenfaͤlschung schuldig gemacht haben. Gewiß ist, daß auf Grund der daruͤber umlaufenden Geruͤchte eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet wurde, im Lauf welcher einer seiner Unter¬ beamten sich das Leben nahm. Kurz darauf begann die Jagd auf die sogenannten Demagogen und es wur¬ den in diese Angelegenheiten mehrere bedeutende, zur Opposition gehoͤrige Maͤnner verwickelt. Zur selben Zeit 11 * Das Unvermeidliche. begab sich Herr W. nach der Residenz, angeblich um wegen des gegen ihn verhaͤngten Verfahrens persoͤnlich eine Vorstellung zu machen, wie das Geruͤcht jedoch sagte: um uͤber die Demagogen-Untersuchung Winke und Mittheilungen zu geben. Das Resultat seines Be¬ suchs in der Residenz war, daß die Untersuchung gegen ihn niedergeschlagen, er selbst als Instruktions-Richter und Polizeidirektor nach *** gesendet und ihm die Un¬ tersuchung in Sachen der demagogischen Umtriebe daselbst uͤbertragen wurde. In dieser Funktion bewies er denn bald den thaͤtigsten Eifer. Die Gefangenen wurden mit der groͤßten Strenge behandelt, abwechselnd bald in haͤu¬ fige, lang anhaltende Verhoͤre genommen, bald wieder erst nach unendlichen Zwischenraͤumen; es wurden ihnen die gleichguͤltigsten, harmlosesten Briefe zur Erlaͤuterung und Rechtfertigung von einzelnen, unbezuͤglichen Stellen vorgelegt, andere Papiere dagegen, auf welche sie sich beriefen, vorenthalten, und die peinliche Bewachung ihrer Person ging so weit, daß ein Offiziant zugegen sein mußte, wenn der Barbier sie bediente. Dabei sprach sich die oͤffentliche Meinung dahin aus, daß es gerade die der Regierung mißliebigen fruͤheren Opponenten seien, gegen welche W. am strengsten verfahre. Das Unvermeidliche. An diesen Mann wendete sich Arthur zuerst mit der Bitte, seinen Vater auf einige Zeit zu der sterbenden Mutter zu lassen. W. war ein großer hagerer Mann mit einem langen, scharf markirten Gesicht. In seinen Zuͤgen lag eine todtenaͤhnliche kalte Starrheit, welche durch die graue Gesichtsfarbe, die seltsamen Falten um Augen und Mund und den fast glaͤsernen Blick noch erhoͤht wurde. Als ihm Arthur sein Anliegen vorbrachte, betrachtete er ihn mit seinem eisigen glanzlosen Blick, daß dem jungen Mann fast vor ihm graute, und sagte ruhig und ohne Ausdruck, daß er dem Gefangenen eine solche Verguͤnstigung waͤhrend der Untersuchung nicht gestatten koͤnne. Umsonst bat nun Arthur, daß man den Vater wenigstens auf kurze Stunden zu der Kranken lassen und jedesmal unter Bewachung bis ins Haus und wie¬ der zuruͤck geleiten moͤge. Der Beamte erhob sich wie verabschiedend von seinem Stuhl und antwortete mit der¬ selben langsamen Eintoͤnigkeit, daß er das weder gestatten koͤnne noch wolle. Arthur fuͤhlte unter dem kalten, starr auf ihm ru¬ henden Blick einen gaͤhrenden Zorn in sich wach werden, aber der Gedanke an seine Mutter bewaͤltigte ihn wieder, Das Unvermeidliche. und er sagte mit groͤßerer Lebhaftigkeit, indem er bewegt einen Schritt naͤher trat: „Sie haben auch Kinder! Sie wissen, welches Leid in dem Gedanken ist, aus dem Kreis der Seinen zu scheiden! Um Ihrer Kinder willen denn: goͤnnen Sie einem Vater den Trost, die Seinen noch einmal, bevor er zu spaͤt kommt, wiedersehn zu duͤrfen! Goͤnnen Sie einer Mutter, wenigstens im Kreis der Ihren zu sterben, damit Sie nicht selbst in der Todesstunde verlassen sein moͤgen!“ — Ueber die Zuͤge des Beamten zuckte eine seltsame Regung. Die Welt sagte, daß dieser starre, egoistische Mann dennoch einen Rest menschlicher Gefuͤhle habe, daß er an seinen Kindern mit einer Liebe haͤnge, die man in diesem hartherzigen, verschlossenen Sinn nicht ahne. Man wollte zuweilen ein Bild haͤuslicher Gluͤckseligkeit hier gesehen haben, in welchem der tyrannische, freund¬ lose Beamte mit dem Ausdruck weiblicher Innigkeit im Kreis seiner Kinder gesessen, — und doch gab ihm wie¬ derum das Geruͤcht Schuld an dem Tod seiner Frau. Sei es nun wirklich, daß die bewegten Worte Arthurs eine Saite in seinem Innern beruͤhrt hatten, sei es, daß er den Bittenden nur eine kurze Hoffnung fassen lassen Das Unvermeidliche. wollte, um sie desto grausamer vernichten zu koͤnnen: einen Augenblick schien es, als ob er bewegt werde. Aber sein Auge nahm sogleich wieder seine ausdruckslose Kaͤlte an und er sagte einfoͤrmig ruhig: „Ich bedaure, Ihnen keine andere Antwort geben zu koͤnnen, und will Sie nicht Ihrer Zeit berauben, die Sie vielleicht zu weiteren Schritten benutzen werden.“— Arthur ging. Er wendete sich zunaͤchst mit seinem Gesuch an das Obergericht, erhielt aber zur Antwort, daß dasselbe in diesem Falle, bevor nicht die Untersu¬ chungsakten geschlossen waren, inkompetent sei; man muͤsse es ihm uͤberlassen, sich an das Ministerium zu wenden. Ehe er aber von diesem einen Entscheid ein¬ holen konnte, war seine Mutter bereits verschieden. Ihre letzten Augenblicke waren voll bitterer Schmer¬ zen gewesen und Arthur litt unaussprechlich dabei. Die Kranke hatte bis zum Todeskampf ihre volle Besinnung behalten, und in der Qual des Sterbens rief sie umsonst den Namen ihres Gatten. Bei jedem Geraͤusch wende¬ ten sich ihre brechenden Augen nach der Thuͤr, ihre zit¬ ternden Haͤnde tasteten zuletzt noch suchend auf der Decke, um die Hand des Ersehnten zu druͤcken, und aus ihrem Das Unvermeidliche. Roͤcheln noch klang wehmuͤthig klagend sein Name. Sie starb, ohne ihn wiedergesehn zu haben. Vor ihrer Beerdigung schrieb Arthur an seinen Va¬ ter. Er wußte zwar wohl, daß derselbe nicht zum Grab¬ geleite kommen werde, aber er hoffte, daß er vielleicht aus dem Fenster seines Kerkers herabschauen werde. Als der Trauerzug an den grauen Mauern des Gefaͤngnisses voruͤberkam, sah Arthur hinauf nach dem kleinen vergit¬ terten Loch, hinter dem, wie er wußte, sein Vater saß. Aber es ließ sich nichts blicken. Die Fenster in solchen Kerkern sind sehr hoch, fast an der Decke; und wenn auch der Gefangene bis dahinan springen koͤnnte, so ver¬ mag er doch an dem abschuͤssigen Fensterbret keinen An¬ halt zu finden. Spaͤter erfuhr Arthur, daß sein Vater den Brief zu jener Zeit noch gar nicht empfangen, daß der Untersu¬ chungs-Richter denselben vielmehr im Verhoͤr zu dem Versuch benutzt habe, dem Gefangnen ein Gestaͤndniß abzulocken. Das Unvermeidliche. In Arthurs Seele war tief und unvergeßlich das Bild seiner sterbenden Mutter eingegraben, und bei allen Schritten, in allen Traͤumen stand vor seinem Geiste jener erschuͤtternde Anblick, wo sie ringend, im Tode noch nach ihrem Gatten geseufzt hatte. Aber auch eben so tief und unvergeßlich stand daneben das Andenken an den Mann, der ihr den letzten, stillen Trost ihrer Sterbe¬ stunde mit boshaftem Frevelmuth geraubt hatte. Er suchte umsonst dies geisterhafte, starre Bild mit den ge¬ spenstischen Augen und den unheimlichen Falten aus sei¬ nem Innern zu verwischen, immer wieder glaubte er den grauenhaften, glanzlosen Blick auf sich gerichtet zu sehen und die Dolchstiche der langsamen eintoͤnigen Worte zu vernehmen. Der Haß gegen diesen Mann stieg in ihm, je mehr er sich von ihm losreißen wollte. „Wenn ich ihn sterben sehen koͤnnte, einsam, verlas¬ sen, verflucht sterben, in wilder Qual, tausendfach groͤ¬ ßer als die meiner ungluͤcklichen Mutter!“ sagte er oͤfter bei sich. „Wenn ich ihn sehen koͤnnte im Todeskampf, wie er vergebens wimmernd die Haͤnde ausstreckte, wie ihn kein liebender Mund troͤstete, keine zitternde Hand auf¬ richtete, und er im Angstschweiß seiner verzweifelnden Seele allein, in wahnsinniger Einsamkeit daniedersaͤnke. Das Unvermeidliche. das koͤnnte mich troͤsten, ja, ich glaube, dann koͤnnte ich wieder lachen, aus Herzensgrund lachen, daß ihm im Tode die Ohren gellen sollten!“ — Mit diesen Gedanken steigerte er selbst seinen lodern¬ den Ingrimm bis zum heißen Rachedurst. „Aber nein,“ sagte er dann weiter, „wie koͤnnte ich noch auf eine solche Gerechtigkeit des Schicksals hoffen, das meine Mutter so enden ließ! Ich muß sie selbst raͤchen! Ich muß sinnen und denken, wie ich ihn am empfindlichsten treffen kann, wie ich ihm das Liebste ent¬ reißen kann, damit er einsam und verzweifelnd unter¬ gehe!“ — Das waren seine Gedanken. Die Leute, welche ihn so sahen, wie er bleich und tiefsinnig in den Daͤmmer¬ stunden die Stadt durchstrich und nur zuweilen vor dem Gefaͤngniß stehen blieb, um starren Blicks nach einem kleinen, vergitterten Fenster da droben zu schauen, schuͤt¬ telten mitleidig die Koͤpfe und meinten, daß das Schick¬ sal des Vaters außer der Mutter noch ein anderes Opfer getroffen habe. Das Unvermeidliche. Der Inquisitionsrichter W. hatte vier Kinder. Die beiden aͤltesten Soͤhne studirten eben auf der Univer¬ sitaͤt, die sich am Orte befand, der dritte besuchte noch die Schule, und das juͤngste Kind, ein Maͤdchen Na¬ mens Charlotte, sollte in Kuͤrze nach einer Pensionsan¬ stalt gegeben werden. Die beiden Studenten galten in der Stadt als flotte Gesellen. Sie waren in eine Ver¬ bindung eingetreten, machten allen in solchem Fall noth¬ wendigen Luxus und „Ulk“ mit, und renommirten auf Mensur, Kneipe und sonstigen Gelegenheiten bestens fuͤr ihr Corps. Sie waren, was man so ein paar „Haͤhne“ nennt, und standen bei Philistern, Weibern und Kom¬ militonen wohl angeschrieben. Eines Abends kamen sie in trunkenem Zustande von ihrer Kneipe und stießen dicht vor der Thuͤr taumelnd auf eine in einen Mantel gehuͤllte Gestalt. Mit bar¬ schen Worten forderte der Fremde sie auf, ihm aus dem Wege zu gehen, die beiden Studenten aber lachten und hielten ihn fest, um ihm ins Gesicht zu sehen. Der Unbekannte stieß sie heftig zuruͤck, es fielen Beleidigungen und die Studenten begannen zu Thaͤtlichkeiten zu greifen. Der Fremde trat nun einen Schritt zuruͤck und ver¬ langte Genugthuung fuͤr diesen Schimpf, die Beleidiger Das Unvermeidliche. gaben ihm ihre Namen und Arthur — denn er war es — ihnen den seinigen. Am andern Morgen ging Arthur zu seinem Freunde Eduard, der seit einigen Tagen in die Ferien gekommen war, ihn aber aus Schonung fuͤr seine Lage nicht gleich hatte besuchen wollen. Eduard erschrak uͤber das bleiche Aussehen seines Freundes, aber wie wurde er erst in Erstaunen gesetzt, als Arthur ihm den Zweck seines Be¬ suchs erzaͤhlte! „Du hattest in unserm Streit uͤber Konsequenz und Prinzip vollkommen Recht, mein Freund,“ erwiderte Arthur auf den Ausruf der Verwunderung. „Ja, das absolute Prinzip ist schlecht wie jeder Absolutismus. Die Menschennatur schuͤttelt ihr Joch doch zuletzt ab, — wenn sie erst bis zum Ersticken darunter gelitten hat,“ fuͤgte er langsam hinzu. „Aber wenn Du Dich auch zum Duell entschlossen hast, weshalb waͤhlest Du nicht gewoͤhnliche Waffen? Mir scheint wenigstens, daß kein besonderer Grund zur Ausnahme vorliegt.“ — „Ich kann nicht schlagen,“ erwiederte Arthur. „Es waͤre Thorheit gegen diese Leute.“ — „Und kannst Du denn schießen?“ fragte Eduard Das Unvermeidliche. noch immer erstaunt. Arthur laͤchelte mit besondrem Ausdruck und sagte: „Ich habe es in letzter Zeit einigermaßen geuͤbt.“ — Die Studenten waren ebenfalls erstaunt uͤber die Art der Forderung, nahmen dieselbe aber doch an. Es wurde verabredet, am folgenden Morgen nach einem ge¬ eigneten Platz zu fahren, und — falls Arthur nicht schon in dem ersten Duell verwundet wuͤrde — beide nach einander abzumachen. Am andern Morgen trafen sich die Parteien zur bestimmten Stunde. Beide gruͤßten sich mit hoͤflicher Gleichguͤltigkeit und nach kurzer Verhandlung uͤber die uͤblichen Foͤrmlichkeiten und Bedingungen maßen die Se¬ kundanten die Distanzen ab. Arthur erschien an diesem Tage aufgeraͤumter als sonst. Er hatte sich auf der Hinfahrt sehr lebhaft und heiter mit Eduard und seinem Arzt unterhalten, so daß Eduard, der von Arthurs Ge¬ muͤthsstimmung nichts wußte, die beste Hoffnung fuͤr die Wiederkehr seiner Ruhe und Gesundheit faßte. Die beiden Studenten waren gleichguͤltig und ruhig, sie ord¬ neten selbst einige Vorbereitungen an, und benahmen sich uͤberhaupt wie Leute, denen dergleichen nichts Neues mehr ist. Zuerst trat der aͤltere Bruder auf die Mensur. Das Unvermeidliche. Die Sekundanten fragten noch einmal, ob die Parteien ihre Sache nicht auf friedliche Weise beilegen wollten, als sie aber von keiner Seite Antwort erhielten, wieder¬ holten sie ihnen die Bedingungen des Duells: nach dem gegebenen Zeichen konnte Jeder im Kommando schritt¬ weise vorruͤcken bis an die Barriere des in der Mitte abgesteckten Raumes, dazwischen aber blieb es ihm uͤber¬ lassen, stehen zu bleiben und zu schießen, wann er wollte. Darauf wurde das Zeichen gegeben. Beide ruͤckten vor. Nach dem ersten Schritt blieb der Student stehen, zielte und schoß. Arthur ruͤckte un¬ gestoͤrt weiter, sein Gegner hatte gefehlt. Der Unpar¬ teiische sah die beiden Sekundanten an, und zaͤhlte langsamer, und die Sekundanten blickten in banger Neu¬ gierde auf Arthur. Es war Jedem, als muͤßte derselbe nun doch auch still stehen und schießen. Aber Arthur schritt im Takt des Zaͤhlens ruhig weiter — bis an die Barri è re. Dann erhob er erst die Pistole und zielte. Der aufwirbelnde Rauch ließ ihn im ersten Augen¬ blick das Resultat seines Schusses nicht erkennen, aber die herbeispringenden Zeugen ließen ihn nicht lange daruͤ¬ ber in Zweifel. Die Kugel war in den Unterleib ge¬ drungen und hatte wahrscheinlich die Eingeweide verletzt. Das Unvermeidliche. Auch ließ das geringe Blut, welches aus der Wunde floß, auf eine gefaͤhrliche innere Blutung schließen. Der Arzt legte sogleich einen ersten Verband an, deutete aber zugleich an, daß dem Anscheine nach wenig Hoffnung vorhanden sei. Der juͤngere Bruder erklaͤrte jetzt, bleich und entsetzt uͤber diesen Ausgang, daß er seine Sache ein anderes Mal ausmachen wolle. Arthur hatte waͤhrend der Anstalten um den Verwundeten, seine Pistole in der Hand, still und ruhig an einem Baum gestanden. Bei dieser Erklaͤrung trat er vor und sagte spoͤttisch: „Ein ander Mal? Da werde ich nach gegenwaͤrti¬ gem Vorfall wohl auf der Festung sitzen. Wenn Sie jedoch heute die versprochene Satisfaktion nicht geben wollen, so mag es auch gut sein.“ — Der Andere ergriff jetzt krampfhaft die Pistole des Verwundeten und forderte seinen Sekundanten mit auf¬ geregter Stimme auf, zu laden. Dann traten die Beiden unter denselben Bedingungen auf die Mensur, Arthur kaltbluͤtig und gefaßt, sein Gegner bleich, mit geschlosse¬ nen Lippen und vor Wuth zitternder Hand. Beide Geg¬ ner schritten diesmal im Kommando auf einander los, langsam, bis an die Barri è re. Hier standen sie nur Das Unvermeidliche. fuͤnf Schritte von einander entfernt. Jeder richtete den Blick forschend auf den Andern, und die Waffen senkten sich gleichzeitig in die Schlußlage. Einen Moment lang sahen die Zeugen mit aͤngstlicher Spannung sie also ver¬ derblich sich gegenuͤber stehen, den Einen kalt, mit festem, sicherem Blick, den Andern blaß, mit loderndem Auge; — dann spruͤhten die Blitze zwischen ihnen, und Beide wankten getroffen zuruͤck. Arthur hatte den Schuß in den Oberarm erhalten, von wo sich die Kugel, ohne einen Knochen zu verletzen, in den Ruͤcken gedraͤngt hatte. Bei W. war die Kugel mitten durch die Brust ge¬ gangen. Eine Stunde darauf lief die Nachricht von diesem Vorfall durch die ganze Stadt. Der juͤngere W. war bereits auf dem Platze verschieden, der aͤltere starb noch in der folgenden Nacht in den Armen seines verzweifeln¬ den Vaters. Gegen Arthur wurde eine Kriminalunter¬ suchung eingeleitet, deren Ergebniß war, daß er nach seiner vollstaͤndigen Genesung auf fuͤnf Jahre nach der Festung kam. Das Unvermeidliche. In einem Verlauf von fuͤnf Jahren aͤndert sich Vieles, und derjenige, welcher nach einem solchen Zeit¬ raum, ohne Verbindungen unterhalten zu haben, in seine Heimath zuruͤckkehrt, sucht Manches vergebens, was er einst bluͤhend und hoffnungsvoll verlassen, und findet eben so viel Neues, dem er fremd ist. Auch Arthur empfand die ganze Bitterkeit dieses Eindrucks, als er sich einsam und fremd nach fuͤnf Jah¬ ren in seiner Heimathstadt wiederfand. Sein Vater war im Gefaͤngniß gestorben. Sein und der Seinigen Schick¬ sal hatte die geistige Kraft des sonst so starken Mannes gebrochen, und die Krankheit seiner Seele sowie der Aufenthalt in dem feuchten, dumpfigen Kerker auch den Nerv seines Lebens zernagt. Die Aerzte, die er ganz zuletzt erst erhalten, hatten aufs Eindringlichste freie Be¬ wegung und Veraͤnderung seines Aufenthalts verordnet, aber der Instruktions-Richter wollte davon nichts wissen. Als es den Bemuͤhungen der Aerzte dennoch gelang, vom Obergericht den Befehl zu erwirken, daß der Gefangene in seinem eigenen Hause bewacht werden solle: mußte der Untersuchungs-Richter zwar der Weisung fuͤr den Augen¬ blick Folge leisten, allein er sendete sogleich einen Bericht an das Ministerium, in Folge dessen der Direktor des 12 Das Unvermeidliche. Obergerichts aus *** versetzt wurde und der Gefangene wieder seinen Kerker beziehen mußte. Hier starb er bald darauf, ohne daß es in seiner Sache zu einem Urtheil gekommen waͤre, und Arthur war eine Waise. Auch seinen Freund Eduard fand er nicht mehr. Der bluͤ¬ hende Juͤngling war das Opfer eines hitzigen Nervenfie¬ bers geworden, als er eben sein Staatsexamen in glaͤn¬ zender Auszeichnung bestanden hatte. Arthur fuͤhlte sich einsam und unsaͤglich verlassen, und heimathlos in dem lebendigen veraͤnderten Treiben dieser Todtenstadt seines Gluͤcks; — aber in seinem Innern lebte noch Ein Ge¬ danke mit ungebrochner Kraft, Ein Gedanke, der in der Zeit seiner langen Truͤbsal eher gestaͤrkt worden war. An einem der ersten Tage nach seiner Heimath be¬ suchte er das Grab seiner Mutter. Die Daͤmmerung war hereingebrochen, als er auf den Kirchhof kam, und er hatte einige Zeit zu thun, bis er unter den vielen alten und neuen Graͤbern das gesuchte fand. Lange, lange saß er hier auf dem Huͤgel, die Stunden verflogen ihm in seinen Traͤumen und Erinnerungen, ohne daß er es bemerkte. Endlich erhob er sich und pfluͤckte eine wilde Blume; dann wollte er sich entfernen. Es war aber noch Jemand zugegen, augenscheinlich in aͤhnlichen Das Unvermeidliche. Gefuͤhlen, denn wenige Schritte weiter erhob sich jetzt von einem andern Huͤgel ebenfalls eine Gestalt. Beide hatten einander in ihren Trauergedanken nicht wahrgenommen, obwohl nur ein einziger Grabhuͤgel sie trennte. Arthur bog um das Grab seiner Mutter, der Andere um deu Huͤgel, an dem er gesessen, und so gewahrte jetzt Jeder in der Dunkelheit die fremde Gestalt. In diesem Au¬ genblick trat ploͤtzlich der Mond aus einer Wolke und beleuchtete ihre Gesichter, — Beide fuhren vor einander zuruͤck. Der zweite war der Polizeidirektor W. Arthur betrachtete ihn mit einem lodernden Blick, der aus dem bleichen, abgezehrten Gesicht gespenstisch funkelte, und sein Herz pochte und kochte in gaͤhrender Aufregung. „Moͤgest Du in der Sterbestunde einsam und ver¬ lassen, in der Angst des Wahnsinns verenden!“ rief er mit gellendem Ton. Der Polizeidirektor hatte ihn mit starrem ent¬ setztem Ausdruck, als ob er ein Gespenst sehe, betrach¬ tet. Seine Hand zeigte auf das eben verlassene Grab, waͤhrend sein Auge wie gebannt auf das funkelnde Auge des Gegners schaute, und er stieß mit zitternder Stimme das Wort der Verzweiflung aus: 12 * Das Unvermeidliche. „Moͤrder!“ — Arthur lachte in gellendem, haͤßlichem Ton. Dann trat er einen Schritt auf ihn zu und murmelte duͤster in das verzerrte Gesicht des Mannes: „Mein Vater und meine Mutter sind in Fluch und Elend gestorben, Du hast mich zur Waise gemacht! Dein Ende wird im Fluch der Menschen und im Elend der wahnsinnigen Verzweiflung sein!“ — Der Mann wich zuruͤck, wie vor dem Hauch eines Pestkranken, und er stuͤtzte sich auf das Kreuz seines aͤltesten Sohnes. „Noch hast Du zwei Kinder, noch wankst Du nicht wie ich als freudloses Gespenst durch das Leben, aber—“ fuͤgte Arthur mit drohend erhobenem Arm hinzu, „wir sehen uns wieder, und Du wirst noch einsamer, noch verlassener sterben, als meine Mutter — verstehst Du, als meine Mutter — einsam, ganz einsam, verlassen in Deinem Fluch!“ — Mit diesen Worten strich Arthur an ihm voruͤber, und der Mann sank bleich und entsetzt auf den Grab¬ huͤgel seiner Kinder. Als er sich wieder erhob, war er allein, aber in seinen Ohren gellten die Worte: „Wir sehen uns wieder!“ — Das Unvermeidliche. Der dritte Sohn des Polizeidirektors hatte waͤhrend Arthurs Gefangenschaft seine Studien angetreten und vollendet, und stand als Praktikant beim Landgericht in ***. Er war uͤberdies seit Kurzem mit einem lie¬ benswuͤrdigen Maͤdchen aus einer der angesehensten und reichsten Familien der Universitaͤtsstadt verlobt, und ar¬ beitete mit um so groͤßerer Energie zu seinem letzten Examen. Eines Tages kam Heinrich, so hieß der junge W., in einer ungewoͤhnlichen Stimmung zu Tisch. Er war zerstreut und nachdenkend, und antwortete mehrmals auf die Fragen seines Vaters in ganz verkehrter Weise. Als der letztere ihn darauf aufmerksam machte, nahm er sich zwar zusammen und sprach eine Zeitlang mit großer Lebendigkeit uͤber gleichguͤltige Dinge, aber man konnte doch das Gewaltsame, Gezwungene seiner Weise wohl bemerken, und bald versank er auch wieder in seine fruͤ¬ here Starrheit. Auf das eindringliche Befragen seines Vaters erzaͤhlte er denn, daß er am gestrigen Abend, als er seine Braut ins Theater gefuͤhrt, im Gedraͤnge mit dem jungen Arthur zusammengetroffen und von diesem im Beisein mehrerer Offiziere und juͤngeren Beamten beleidigt worden sei. Die gesellschaftlichen Ansichten er¬ Das Unvermeidliche. warteten in diesem Fall eine Ausgleichung durch Waffen, aber nach dem Vorfall mit seinen aͤlteren Bruͤdern habe er nicht nur einen Abscheu vor jedem Duell, sondern es graue ihm namentlich auch vor Arthur, und er wisse nicht, was er thun solle. Der Vater erschrak bei dieser Erzaͤhlung und ver¬ langte mit besorgten, aͤngstlichen Worten seinem Sohn das Ehrenwort ab, daß er sich mit Arthur unter keiner Bedingung in ein Duell einlassen wolle. Heinrich suchte ihn uͤber sein Benehmen zu beruhigen, aber der Vater bestand auf einem foͤrmlichen Versprechen, und bewegt von der zitternden Besorgniß desselben gab Heinrich zuletzt das verlangte Ehrenwort. Aber der Vater war dessenungeachtet noch nicht voͤl¬ lig beruhigt, und machte hinter dem Ruͤcken des Soh¬ nes von dem Vorfall Anzeige. In Folge dessen erhielt Heinrich von seinem Vorgesetzten die Verwarnung, sich von dem kontrahirten Duell zuruͤckzuziehen oder seiner Entfernung vom Gericht entgegenzusehen. Arthur aber erhielt 8 Tage Gefaͤngniß. Heinrich war zwar mit diesem Verfahren seines Va¬ ters, das er einen Mißbrauch des Vertrauens nannte, nicht einverstanden, aber er mußte doch die Veranlassung Das Unvermeidliche. liebender Bekuͤmmerniß entschuldigen und war eigentlich auch im Grunde froh, den unheimlichen Gegner los zu sein. Er besuchte mit ungetheilter Freude wieder seine Braut, und als ihn dieselbe mit zaͤrtlicher Besorgniß um den Ausgang jenes Zusammentreffens im Theater be¬ fragte, sagte er, ihr die Hand druͤckend und doch halb verlegen: „Es ist abgemacht!“ — Das junge Maͤdchen laͤchelte und kuͤßte ihn in freu¬ digerem Stolz. Sie hatte die Worte ihres Geliebten in anderer Weise aufgefaßt, und — in den Augen junger Maͤdchen erhaͤlt ja ein Mann durch das Ansehen der Tapferkeit hoͤheren Reiz. Aber sie wurde bald in ihren Traͤumen enttaͤuscht. Nach einiger Zeit bemerkte sie, daß ihr Braͤutigam von seinen Bekannten augenscheinlich gemieden wurde. Man wich ihm an allen oͤffentlichen Orten aus, gruͤßte ihn foͤrmlich kalt oder auch gar nicht, es wurde gezischelt, wenn sie kamen, und sie selbst, fruͤher die gesuchteste Taͤnzerin, blieb jetzt auf den Baͤllen sitzen. Sie suchte vergebens den Grund dieses Benehmens zu erforschen, endlich aber belehrte sie eine ihrer Freundinnen daruͤber. „Dein Verlobter hat sich geweigert, sich zu schlagen, Das Unvermeidliche. und den Forderer — angezeigt!“ sagte ihr dieselbe. „Seine Freunde halten das fuͤr infam und haben beschlossen, nicht mehr mit ihm umzugehen.“ — Darunter mußte sie nun auch leiden! Sie fuͤhlte sich doppelt verletzt, um ihrer selbst willen und um ihres Verlobten willen, um den sie sich ja so gern und lange beneidet gesehen hatte. Sie sagte ihm nichts davon, aber ihr Benehmen wurde allmaͤhlig kuͤhler, und sie schlug es mehrmals aus, mit ihm oͤffentliche Orte zu besuchen. Auch Heinrich litt unter diesen Verhaͤltnissen entsetz¬ lich. Er suchte sich vergebens bei seinen Bekannten zu rechtfertigen. Einige nahmen ihn kalt, andere gar nicht auf, die mildesten sagten: „So etwas theilt man seinem Vater nicht mit, — wenigstens nicht ohne eine Absicht.“ — Als er sah, daß er auf diese Weise nichts ausrich¬ tete, suchte er sein Ansehen gewaltsam wieder zu gewin¬ nen. Er setzte sich an einem oͤffentlichen Ort zu mehre¬ ren, ihm fruͤher befreundeten Offizieren, und als sich dieselben sogleich erhoben und an einem andern Tische Platz nahmen, forderte er sie saͤmmtlich. Diese aber verweigerten ihm die Satisfaktion: „weil sie sich keiner Denunciation aussetzen wollten.“ — Heinrich sah sich, Das Unvermeidliche. ausgestoßen von aller Gesellschaft, in der peinlichsten Lage und machte nunmehr seinem Vater die bitterlichsten Vor¬ wuͤrfe. Der alte W., selbst bedruͤckt und besorgt durch den duͤsteren Unmuth seines Sohnes, suchte ihn mit schwachen Worten zu troͤsten, und kam, ohne ihm davon Mittheilung zu machen, um Heinrichs Versetzung zu einem andern Gericht ein. Dort, so dachte er, wisse man nichts davon, und mittlerweile werde in *** wohl Gras uͤber die Geschichte wachsen, daß er spaͤter doch zuruͤckkehren koͤnne. Aber es war bereits zu spaͤt damit. Heinrichs Braut hatte diesen Zustand auf die Laͤnge nicht ertragen koͤnnen. Sie liebte ihren Verlobten wohl, sie hatte selbst bei jenem Auftritt im Theater fuͤr ihn gezittert, und ihn am Abend besorgt gefragt: ob er sich doch nicht etwa schlagen wolle. Aber im Geheimen hatte sie doch gewuͤnscht, daß er ihr eine siegreiche Probe sei¬ ner Tapferkeit geben moͤge. Sie hatte in der Universi¬ taͤtsstadt taͤglich von Duellen gehoͤrt, und Interesse an den benarbten, immer froͤhlichen Studenten genommen: mußte ihr nicht die Handlungsweise ihres Verlobten wie ein Akt seltener, vereinzelter Feigheit erscheinen? Und wenn sie sich auch selbst daruͤber hinwegsetzte, welche Das Unvermeidliche. Rolle spielte sie an der Seite dieses Mannes, der seine eigne Ehre nicht einmal zu wahren wußte? War sie nicht zugleich mit ihm geflohen und verstoßen von Allen? Das Verhaͤltniß wurde immer lockerer, bis sie es zu¬ letzt ganz loͤste. Sie verließ ihn. Dieser Schlag stuͤrzte Heinrich vollends in die tiefste Verzweiflung. Verachtet von seinen Freunden, verstoßen aus der Gesellschaft, verlassen von seiner Geliebten, — was blieb da noch vom Leben? Mehrere Tage lang verschloß er sich in sein Zimmer und kaͤmpfte mit duͤ¬ stern, verzweiflungsvollen Gedanken. In der Nacht vom dritten auf den vierten Tag nach Empfang des Scheide¬ briefs hallte ein Schuß in seinem Zimmer und schreckte die Hausbewohner aus dem Schlaf. Als sie seine Thuͤr erbrachen, fanden sie ihn im Blut schwimmend. Er hatte sich eine Kugel durchs Herz geschossen. Der Polizeidirektor W. war nach diesem neuen Ungluͤcksfall in seiner Familie von einer heftigen Krank¬ heit ergriffen worden, uͤber deren Verlauf in der Stadt sehr seltsame Geruͤchte umliefen. Daß er bei seiner Das Unvermeidliche. Rekonvalescenz um Entlassung von seinem Amte nach¬ suchte, diente gerade dazu, diesen Geruͤchten noch einen besondern Halt zu leihen. Arthur war kurz nach dem Vorfall abgereist, Niemand wußte wohin. Da er we¬ nige Bekannte besaß und sich auch von diesen Wenigen in der letzten Zeit ferner gehalten hatte, so kuͤmmerte sich auch Keiner darum und bald war er vergessen. Von seinen vier Kindern war dem Polizeidirektor W. jetzt nur eines, seine Tochter Charlotte geblieben, welche sich zur Zeit in einer rheinischen Pensionsanstalt befand. Als er wieder so weit hergestellt und auch auf sein wiederholtes Verlangen aus dem Staatsdienst ent¬ lassen worden war, reiste er zuerst dorthin. Er traf sein letztes Kind wohlbehalten und zur reifen bluͤhenden Jungfrau entfaltet. Mit der ganzen heißen Liebe seines verwundeten Vaterherzens umschloß er das schlanke, schoͤne Maͤdchen, und waͤhrend die Thraͤnen des freudigen Wiedersehens mit denen einer schmerzlichen Er¬ innerung sich mischten, rief er in seinem bangen Sinn: „Nein! diesen einzigen, letzten Trost kann Er mir nicht rauben wollen!“ — Er fuͤhlte, wie er dies liebliche Wesen jetzt mehr liebe, als er je geliebt, aber immer tauchte dazwischen Das Unvermeidliche. ein truͤber, aͤngstlicher Gedanke auf. Er konnte diese haͤßliche Ahnung nicht los werden. Nach nochmaliger Ruͤcksprache mit den Vorstehern der Anstalt, die des Lobes uͤber Charlotten voll waren, beschloß er nach dem Bade zu reisen, welches ihm die Aerzte verordnet hatten. Spaͤter, wenn die Saison vor¬ uͤber war, wollte er zuruͤckkehren und seine Tochter mit sich nehmen. Als er in den Wagen stieg, war eben vor dem Gasthof eine große Menge Volks versammelt, welche der Einzug einer Truppe Kunstreiter in das Staͤdtchen aus ihren Haͤusern gelockt hatte. Der Wagen mußte des Gedraͤnges wegen noch einige Augenblicke halten, und der Reisende betrachtete mit neugieriger Theilnahme den bunten Zug. Vor allen lenkte ein junger Reiter die Augen der Menge auf sich. Er tummelte sein Pferd mit ungewoͤhnlicher Grazie und Kraft, sein schlanker, wohlgebauter Koͤrper schien mit dem schnaubenden Schim¬ mel, den er fast ohne Zuͤgel beherrschte, in Eins ver¬ wachsen zu sein, und sein glaͤnzendes schwarzes Auge uͤberflog stolz die bewundernde Menge. Auch der Reisende schien aus seinem Wagen die maͤnnliche Schoͤnheit des Reiterjuͤnglings mit sichtlichem Wohlgefallen zu betrachten. Das Unvermeidliche. Ploͤtzlich aber fuhr er zuruͤck. Es war ihm, als habe er unter der Volksmenge zwei funkelnde Augen auf sich gerichtet gesehen, einen Blick, der ihm grauenvoll in ewiger Erinnerung stand. Als er aber wieder hinsah, bemerkte er nur einige Wei¬ ber, welche dem eben um die Ecke biegenden Zug noch nachblickten. „Es ist Nichts!“ sagte er bei sich. „Wie sollte Er auch hieherkommen? Es war ein Traum meines un¬ ruhigen Herzens!“ — In diesem Augenblick zogen auch die Pferde an, und der Wagen rollte fort. In einem kleinen Provinzialstaͤdtchen ist die Ankunft einer Reitertruppe wohl geeignet, das ganze Interesse des Publikums in Anspruch zu nehmen. Gewiß war dies wenigstens in A. der Fall, und in den ersten Tagen hoͤrte man an allen Orten von keinem andem Gegen¬ stande mehr sprechen. Namentlich aber gab der junge Rei¬ ter, der schon beim Einzug Aller Augen so gefesselt hatte, die meiste Veranlassung zu schwaͤrmerischer Theilnahme. Das Unvermeidliche. Auch die Pensionsanstalt, in der Charlotte sich be¬ fand, sah sich durch das allgemeine Interesse bald genoͤ¬ thigt, ihre Zoͤglinge jene Vorstellungen besuchen zu lassen. Das schoͤne, junge Maͤdchen hatte laͤngst in dem Staͤdt¬ chen die Aufmerksamkeit der jungen Leute erregt, und wenn sie sich an oͤffentlichen Orten zeigte, so war man gewohnt, die Blicke und Lorgnetten vorzugsweise nach ihr gerichtet zu sehen. Aber sie schien das nie zu bemerken, und auch diesmal war sie einzig mit der Vorstellung be¬ schaͤftigt. Als der junge Aurelio, wie der Kunstreiter genannt wurde, den Circus betrat, begruͤßte ihn der laute Bei¬ fall als das beste Mitglied der Gesellschaft. Charlotte betrachtete den schoͤnen kraͤftigen Juͤngling mit stiller Theilnahme, ihre Augen folgten ihm in erhoͤhter Bewun¬ derung, als er so leicht, so keck auf seinem praͤchtigen Schimmel stehend dahinflog, und ihr Herz schlug hoͤher in aͤngstlicher Spannung, wenn er seine verwegne Kunst in tollkuͤhnem Stolz auf eine allzugefaͤhrliche Probe zu stellen schien. Auch Aurelio schien bald in dem Kreis der Zuschauer die schoͤnste Blume herausgefunden zu ha¬ ben. Sein schwarzes, glaͤnzendes Auge haftete zuweilen brennend auf dem lieblichen Gesicht des Maͤdchens, und Das Unvermeidliche. sein Pferd hielt wie zufaͤllig fast immer in der Gegend, wo sie saß. Er ritt an diesem Abend noch ausgezeich¬ neter, als zuvor, und erntete den reichlichsten Beifall, der fast nicht enden wollte. Charlotte hatte kein Zeichen der Befriedigung gegeben, doch verbeugte er sich zuerst nach ihrer Gegend hin und sie bemerkte wohl, wie sein Auge unter den dunklen Locken groß und leuchtend auf sie gerichtet war. Bei der folgenden Vorstellung der Truppe war sie nicht zugegen, aber zum Besuch der zweiten hatte sie die Erlaubniß der Vorsteher zu erhalten gewußt. Als Au¬ relio vortrat, uͤberflog sein Auge die Versammlung, als ob er etwas suche, dann, als seine Augen denen Char¬ lottens begegneten, verbeugte er sich noch einmal wie zum Dank. Mit einem raschen Sprung stand er auf seinem Pferd. Seine Augen spruͤhten von gluͤhender Lust, immer gewaltiger trieb er sein Pferd mit Zurufen an, und der Triumph seiner Kunst erreichte heute seinen Gipfel. So verwegen und doch so schoͤn und so ge¬ wandt hatte man ihn noch nicht reiten sehen. Es war als ob ein inneres Gluͤck ihn zu den tollkuͤhnsten Lau¬ nen treibe. Auch sein Aeußeres erschien heute schoͤner und glaͤnzender als sonst. Ein reiches, geschmackvolles Das Unvermeidliche. Kleid lag schwellend um den schlanken Wuchs der Huͤf¬ ten und die elastischen Tricots auf Armen und Beinen ließen das Spiel der kraͤftigen Muskeln erkennen. Der Hals war entbloͤßt, die glaͤnzenden Locken umschloß ein praͤchtiges Stirnband, das im Widerschein der Lichter sich tausendfach brach und blitzte. So stand er auf seinem Pferde wie ein junger Siegesgott, die Siegesfreude lachte aus seinen bluͤhenden Zuͤgen und sein dunkles Auge leuch¬ tete dahinter hervor wie der Stolz des Herrschers. Char¬ lotte zitterte, wenn sie dies stolze Auge in den ihrigen brennen fuͤhlte. Bei einem der letzten Manoͤvres stuͤrzte Aurelio ganz in der Naͤhe Charlottens vom Pferde. Charlotten ent¬ fuhr ein leichter Schrei. Der Reiter aber hatte sich im Augenblick wieder erhoben, und schwang sich im vollen Lauf auf das Pferd. Die Luft erzitterte nun von Beifallsruf. Waͤhrend er sich verbeugte, warf er einen Blick auf Charlotten, als er an ihr vorbeiritt, und legte die Hand aufs Herz, als ob er ihr fuͤr die Angst ihrer verrathenen Theilnahme danken wolle. Das Maͤdchen aber erroͤthete bis an die Schlaͤfe. Beim Hinausgehen aus dem Circus draͤngte sich ein Mensch zwischen ihr und den Begleitern hindurch, und Das Unvermeidliche. druͤckte ihr leise die Hand. Charlotte glaubte den Ba¬ jazzo der Truppe erkannt zu haben. Zugleich fuͤhlte sie, daß sie etwas in der Hand halte, — als sie hinsah, be¬ merkte sie ein zusammengefaltetes Papier darin. Ihr Herz schlug hoͤher und erroͤthend und heimlich verbarg sie das Briefchen auf ihrem Busen. Am folgenden Abend stand bei der Gartenmauer des Pensionats, welches außerhalb der Stadtthore gelegen war, ein Mann an den Nacken seines Pferdes gelehnt, und sprach mit einem Maͤdchen, welches aus dem Gar¬ ten uͤber die Mauer blickte. Diese Zusammenkuͤnfte dauerten fort, still und heim¬ lich, Abend fuͤr Abend. Es wußte aber außer den Bei¬ den noch Einer davon. Der Kunstreiter war in der Stadt mit einem jun¬ gen Mann bekannt geworden, von dem er eigentlich nicht wußte, was er war, woher er war, oder was er wolle; ja er wußte eigentlich gar nicht einmal, wie er mit ihm bekannt geworden, viel weniger, wie derselbe hinter sein und Charlottens Geheimniß gekommen sei. Der neue Freund Aurelio's war ein bleicher junger Mann, von leidendem Aussehen und stillem Wesen. Er mochte wohl juͤnger sein, als sein Aeußeres schließen ließ, aber 13 Das Unvermeidliche. Leiden und harte Erfahrungen hatten ihn, wie er selbst sagte, fruͤh muͤrbe gemacht. Er hatte sich an Aurelio so angeschlossen, wie das in gewissen Jahren zu gesche¬ hen pflegt, und der Kunstreiter nahm die Zuneigung des Fremden ebenso, oder wie einen Tribut auf. Der Fremde hatte ihn bald auch auf seinem abendlichen Gange begleitet, und stand waͤhrend des Zusammenseins der bei¬ den Verliebten auf Wache. Allmaͤhlig hatten Aurelio und der Fremde ausfuͤhrlicher und ernster uͤber dies Ver¬ haͤltniß gesprochen. Als nach einem solchen Gespraͤch der Fremde gesagt hatte: „Ein Mann wie Sie findet uͤberall seine Stellung“, und Aurelio darauf erwiederte: „Ja, aber wie soll ich von hier dahin kommen?“ sagte der Erstere, daß er zu jeder Zeit Paͤsse verschaffen koͤnne, und fuͤgte dann hinzu: „Uebrigens waͤre es dann hohe Zeit, denn wer weiß, wenn der Alte uns uͤber den Hals kommt!“ — Eines Abends standen die beiden Liebenden wieder an der Gartenmauer und Aurelio mußte von Scheiden gesprochen und dem Maͤdchen Vorwuͤrfe gemacht haben, denn als der Mond eben aufging, beleuchtete er ihr th r aͤnenfeuchtes Antlitz. Darauf hatte sie angefangen, von seinem Pferde zu sprechen. Aurelio klopfte dem Das Unvermeidliche. schoͤnen Thiere den Hals und sagte, daß es ganz sanft sei: ob sie nicht einmal versuchen wolle darauf zu reiten? Das Maͤdchen zoͤgerte einen Augenblick, stieg aber dann vollends uͤber die Mauer. Aurelio hob sie auf's Pferd, und fuͤhrte dasselbe im langsamen Schritt umher. Ganz am Ende der Mauer hatte der Fremde wie¬ der Wache gestanden. Als er das Maͤdchen jetzt auf dem Pferde des Kunstreiters sitzen sah, verließ er seinen Posten, ging nach der entgegengesetzten Seite der Mauer und horchte an der Hausthuͤr des Pensionats. Der Haus¬ mann oͤffnete, und der Fremde erzaͤhlte ihm etwas, wor¬ uͤber der Mann sehr erschrack und sogleich die Treppe hinauf zu den Vorstehern lief. Das Maͤdchen ritt unter den Baͤumen an der Gar¬ tenmauer noch auf und ab, als ploͤtzlich die Hinterthuͤr des Pensionatgebaͤudes aufgerissen wurde und mehrere Leute in den Garten stuͤrzten. Das Maͤdchen faßte angstvoll den Arm ihres Geliebten, und fluͤsterte ihm et¬ was zu, indem sie uͤber die Mauer zeigte. Der Kunst¬ reiter schwang sich hinter ihr in den Sattel und ritt rasch und leise um die Mauer nach dem Haupteingang des Gebaͤudes. Hier traten eben der Hausmann und mehrere andere Leute in lautem Gespraͤch aus der Thuͤr, 13 * Das Unvermeidliche. und Charlotte hoͤrte ihren Namen in den Reden dersel¬ ben nennen. Sie stieß einen leisen Schrei aus und schmiegte sich fest an Aurelio an. Das volle verraͤthe¬ rische Mondlicht fiel auf die Gestalt des Reiters und der ihn umschlingenden Geliebten, und die Leute fuhren uͤberrascht zuruͤck. Aurelio beugte sich mit einem heißen Kuß uͤber das Maͤdchen, und gab seinem Pferde einen Druck in die Seiten. — — Ob es auch ihr Wille war? Und waͤre sie wirk¬ lich noch nicht dazu entschlossen gewesen, so konnte sie doch jetzt nicht mehr zuruͤck, nachdem man sie so uͤber¬ rascht hatte. — Das Pferd des Kunstreiters jagte mit den Beiden in rasender Eile von dannen, und in wenigen Augen¬ blicken war auch der letzte Hufschlag des edlen Thieres in der stillen Nacht verhallt. Der Polizeidirektor W. gebrauchte noch das Bad. Das Aeußere dieses Mannes war durch seine letzten Schick¬ sale furchtbar zerfallen, und er glich dem unheimlichen Das Unvermeidliche. Geisterbild eines gequaͤlten Gewissens. Das starre, glanz¬ lose Auge mit seinem ausdruckslosen Glasblick lag tiefer in den Hoͤhlen, die Falten um den Mund, die auf ei¬ nen Rou è oder Spieler haͤtten schließen lassen koͤnnen, hatten sich breiter gefurcht, und die Farbe seines Gesichts war fast bleiern geworden. Dennoch glaubte er zu fuͤh¬ len, daß das Bad seiner Gesundheit wohl thue. Es war aber nur eine geistige Ruhe, die Ruhe einer gluͤck¬ lichen Hoffnung, die ihn aufrichtete, und keineswegs das Bad. Es war die Hoffnung auf das Gluͤck, nun bald seine Tochter an seiner Seite haben zu koͤnnen. An einem Nachmittag saß der Polizeidirektor allein noch an der Wirthstafel, als der Kellner ihm meldete, daß ein Mann draußen sei, der ihn sprechen wolle. Da Niemand weiter in dem Speisesaal saß, so befahl der Polizeidirektor den Fremden hereinzufuͤhren. Der Kell¬ ner rief nun den Wartenden herbei und begann dann die Speisetische abzudecken. Der Fremde, der jetzt eintrat, trug einen großen Rei¬ termantel, dessen Kragen in die Hoͤhe geschlagen war, die Haare hingen ihn verwirrt uͤber das Gesicht, und sein bespritzter, unordentlicher Anzug deutete darauf, daß er eine lange, anhaltende Reise gemacht. Der Polizeidirek¬ Das Unvermeidliche. tor betrachtete ihn unruhig und sagte, als der Fremde schweigend einige Schritte von ihm stehen blieb: „Wer seid Ihr? Was wollt Ihr von mir?“ — „Ich bin ein alter Bekannter, Herr Direktor, der jetzt seine Schuld abtragen will!“ — sagte der Andere mit schneidender, kranker Stimme, indem er den Kragen zuruͤckschlug. Ich komme Ihnen nur zu sagen, daß Sie jetzt kein Kind mehr haben, daß Sie allein sind, ganz allein!“ — Bei dem Ton dieser Stimme, obwohl sie entstellt wie in der nahen Aufloͤsung eines Auszehrenden klang, war der Polizeidirektor entsetzt zuruͤckgewichen; als er aber jetzt das bleiche, todesmatte Gesicht Arthurs erblickte und seine Worte vernahm, stuͤrzte er in rasender Wildheit auf ihn los und schrie, indem er ihn fest erfaßte: „Moͤrder! Moͤrder! Zu Huͤlfe!“ — Die Kellner sprangen herzu und konnten nur mit Muͤhe den Fremden von dem wuͤthenden Griff seines Gegners befreien. Dann brach der kinderlose Mann mit einem Schrei zusammen. „Er ist verruͤckt!“ — sagte Arthur, ebenfalls auf einen Stuhl sinkend, zu den verwunderten Das Unvermeidliche. Dienern. „Hebt ihn auf, und schafft ihn auf sein Zimmer!“ — Seine Worte waren prophetisch. Als der Polizei¬ rath erwachte, war das Licht der Vernunft fuͤr immer in ihm erloschen. Er starb erst nach langen Leiden im Irrenhaus zu ***, und sein trauriger Zustand wurde durch die graͤßlichsten Visionen und Beaͤngstigungen noch furchtbarer gemacht. Er sah fortwaͤhrend gespenstische Schaaren von Gefangenen und Todten, die ihn und seine Kinder verfolgten; er kaͤmpfte stundenlang in wuͤ¬ thendster Aufregung gegen die leere Luft, bis er endlich erschoͤpft niedersank, und oft in stiller Nacht fuhren die uͤbrigen Irren zitternd vor seinem gellenden, durchdrin¬ genden Angstschrei in ihren Zellen empor. Der Tod er¬ loͤste ihn zuletzt von seinen Leiden. Arthur starb schon nach Verlauf einiger Monate und wurde neben seiner Mutter begraben. Von den beiden Entflohenen hat man nie wieder gehoͤrt; sie sind in der Fremde „gestorben, verdorben.“ Nur ein dunkles Geruͤcht wurde einst dahin laut, daß Aurelio Charlotten in Frankreich, wohin sich beide ge¬ wendet, verlassen habe; Charlotte habe sich nun eine Zeitlang kuͤmmerlich durch ihrer Haͤnde Arbeit zu ernaͤh¬ Das Unvermeidliche. ren gesucht, dann aber, als es ihr immer schlechter ge¬ gangen, sei auch sie dem ewigen Fluch der Armuth zum Opfer gefallen und zuletzt in einer Strafanstalt gestorben. Das war das Ende. Druck von Friedrich Ries in Leipzig.