Phantasus . Eine Sammlung von Maͤhrchen, Erzaͤhlungen, Schauspielen und Novellen, herausgegeben von Ludwig Tieck . Zweiter Band . Berlin , 1812 . In der Realschulbuchhandlung . Phantasus . Zweite Abtheilung . II. [ 1 ] A m fruͤhen Morgen begegnete Anton dem um- irrenden Friedrich in den Gaͤngen des Gartens. Wie ist dir, mein Geliebter? fragte Anton be- sorgt; ich hoͤrte dich in der Nacht dein Zimmer verlassen und dann im Garten auf und nie- der gehn; du scheinst nicht geschlafen zu haben: hast du traurige Nachrichten erhalten, oder bist du krank? Gesund und froh, antwortete Friedrich, aber so bewegt, daß alles mich nur wie ein Traum umgiebt, daß ich nicht hoffen, oder mich freuen kann, am wenigsten Rath ersinnen. Adelheid hat mir durch den gestrigen Boten geschrieben, daß ihr Oheim in wenigen Tagen eine Reise unternehmen muͤsse, diese Zeit will sie benutzen, um in Gesellschaft und durch Huͤlfe meines Freundes Ewald zu entfliehen, ich soll ihr ei- nen sichern Ort vorschlagen, wo sie eine Zeit lang verborgen leben moͤge, und wo ich sie tref- fen koͤnne. Alles dieses war fast seit einem Jahre unter uns beredet, aber nun es wirklich eintrift und geschehen soll, uͤberschuͤttet es mich so mit Verwirrung und Angst, daß ich mir nicht Zweite Abtheilung . zu helfen weiß, und einen Freund brauchte, der fuͤr mich zu handeln im Stande waͤre. Geht es uns nicht mit jedem Gluͤcke so? ant- wortete Anton; es bemeistert sich unserer Sinne um so mehr, um so groͤsser es ist, und um so heftiger wir es gewuͤnscht haben, im Ungluͤck wissen wir uns schon eher zu fassen, es ist bei- nah, als waͤre es uns in diesem Leben mehr geeignet, das Gluͤck aber bleibt uns immer ein etwas fremder und seltsamer Gast. Ich weiß es, fuhr Friedrich fort, daß sie nur im Vertrauen auf meinen Muth handelt, und schaͤme mich darum, mich selbst so weichlich und schwach anzutreffen: es ist aber auch nicht Schwaͤche, sondern nur der Mangel jener Ge- lassenheit, einer gewissen Kaͤlte, die uns in allen Vorfaͤllen des Lebens zu Gebote stehen sollte. Ich bin uͤber mein so nahes Gluͤck außer mir, alle meine Lebensgeister haben sich meiner Dienst- barkeit entzogen, und schwaͤrmen fuͤr sich und kaͤmpfen gegen einander. Ich bin entzuͤckt, und im Schwindel duͤnkt mir die feste Erde nur ein schwankendes Brett. Manfred trat zu ihnen. Die Bewegung Friedrichs konnte ihm nicht verborgen bleiben, und dieser vertraute ihm auch nach einigen Fra- gen geruͤhrt das Geheimniß. O vortreflich! rief Manfred aus; das fuͤgt sich ja schoͤner, als wir es hatten hoffen koͤnnen! Gerade eine Person, wie deine schoͤne Adelheid, hat unserm Zirkel Zweite Abtheilung . noch gefehlt, um ihn recht interessant zu ma- chen! Denn wohin sollte deine zukuͤnftige Ge- mahlin wohl fluͤchten, als in unsere Arme und in diesen Garten? Kann sie etwas Besseres thun, als uns alle insgesammt kennen lernen, und unsre Werke anhoͤren und ebenfalls beurtheilen? Zugleich werden die uͤbrigen Weiber schuͤchterner werden, wenn sie eine Schoͤnere neben sich sehn; unsere Clara wird ihr vorlautes Wesen etwas beschraͤnken, die schnippische Auguste wird ler- nen, daß hinter den Bergen auch Leute wohnen, und, o Himmel! meine sanfte Rosalie wird viel- leicht sogar eifersuͤchtig! Denn ich will alle meine Aufmerksamkeit auf die schoͤne Gefluͤchtete wenden, und mich als ihren Ritter und Ret- ter darstellen, nur muß dich, meinen weinerlichen geruͤhrten Freund, der Teufel alsdann nicht mit Grillen plagen; doch auch das wird nicht schaͤd- lich seyn, sondern nur die Verwirrung um so vollstaͤndiger machen. Sagt, Freunde, ist diese Aussicht nicht entzuͤckend? Aber die ernsthafte Emilie, wandte Friedrich ein, wird diesen Plan nicht mit derselben Be- geisterung aufnehmen. Laß mich nur sorgen, sagte Manfred, es muß sich alles von selbst zur Ordnung fuͤgen, wenn wir es nur wollen. Glaubt nur, ernst- haft gesprochen, die meisten Weiber haben mehr Hang zur Intrigue, als sie sich im gewoͤhnli- chen Leben duͤrfen merken lassen, meldet sich nun Zweite Abtheilung . die Gelegenheit einmal, daß sie es ohne sonder- liche Gefahr koͤnnen, so greifen sie mit beiden Haͤnden hinein, und so wird sich auch Emilie fuͤr diese poetische Situation interessiren, das ro- mantische Gedicht fortschieben helfen, und sich selbst Beifall zurufen, daß sie eine Verwirrung sanft und anstaͤndig geloͤst hat, die nach ihrer Meinung ohne ihre Huͤlfe leicht zu Ungluͤck, Miß- helligkeit und Verzweiflung haͤtte ausschlagen koͤn- nen. Vergeßt auch nicht, meine Freunde, daß die Menschen zwar, wenn ihnen etwas Außer- ordentliches als zukuͤnftig bevorsteht, sich die Haare ausraufen und Himmel und Erde in Be- wegung setzen wollen, um es sich abzuwehren, daß sie sich aber gelinde das Seltsamste gefallen lassen, so wie es nur einmal da ist und nicht mehr abzuwenden steht. Daher werde ich Emi- lie von allem nichts wissen lassen, bis Adelheid in unserm Hause ist, oder diese vielleicht sogar einen Tag vor ihr verborgen halten, was in dem weitlaͤufigen Gebaͤude, und wenn wir uͤbrigen alle darum wissen, sehr leicht geschehn kann. Eben so wird sich der belobte Onkel zurecht fin- den, wenn er erst sieht, daß das Abentheuer nicht mehr abzuaͤndern steht. Ich reise dann wohl nach einiger Zeit hin, um ihn zu sondiren und zu versoͤhnen, oder wir schicken unsern ehrbaren Ernst zu ihm, um den Frieden mit ihm abzu- schließen. Sie wurden durch die Ankunft von einigen Zweite Abtheilung . Fremden unterbrochen, die auf einer Reise durch das Gebirge den Wirth des Hauses aufsuchten, den sie vor einigen Jahren hatten kennen lernen. Alle Freunde, so wie die Damen versammelten sich zu den Reisenden um das Fruͤhstuͤck; nach- her uͤbernahm es Manfred diese in den naͤch- sten Bergen herum zu fuͤhren, um ihnen die Aus- sichten, wie die Ruinen der Schloͤsser, auch ei- nige merkwuͤrdige Hoͤlen zu zeigen, auf welcher Wanderung sie Wilibald begleitete. Friedrich verschloß sich in seinem Zimmer, weil er seine Bewegung nicht bemeistern konnte, und Anton leistete ihm Gesellschaft. Ernst, Theodor und die Frauen beschaͤftigten sich mit Musik, und Lo- thar ritt nach dem naͤchsten Staͤdtchen, um einige Comoͤdianten in Augenschein zu nehmen, die ihre Kunstvorstellungen fuͤr die naͤchsten Tage ange- kuͤndigt hatten. Zu Mittag war die ganze Gesellschaft am Tische wieder vereinigt. Die Fremden aber eil- ten, um ihre Reise fortzusetzen, und noch an demselben Tage eine Stadt zu erreichen. Ich war schon besorgt, fing Clara an, daß wir heute unsere Unterhaltung entbehren muͤßten, doch sind zum Gluͤck die wißbegierigen Reisenden weiter geflogen. In dieser Nacht, sagte Emilie, habe ich noch oft an die gestrige Tragoͤdie, und zwar mit einer gewissen Ruͤhrung denken muͤssen, aber heut am Tage, ich gesteh es unverholen, und beson- Zweite Abtheilung . ders als die Herren zugegen waren, und so viel uͤber Politik und die neusten Weltbegebenheiten sprachen, erschien sie mir etwas zu kindisch. Es kann wohl nicht anders seyn, erwie- derte Anton, denn gerade das ganz Kindische des Gegenstandes reizte mich, ihn zu bearbeiten. Es schien mir, daß die Parodie der Tragoͤdie hier mit der Tragoͤdie selbst zusammen fallen koͤnne. Gozzi, sagte Clara, hat einige Gegenstaͤnde gewaͤhlt, die eben nicht erhabener sind, aber er hat sie pathetischer genommen; unmoͤglich war die Aufgabe dieser Kinder-Erzaͤhlung auf die- sem Wege zu loͤsen, und dennoch endigt sie tra- gischer, als eins der Gozzischen Maͤhrchen: Wald, Morgen und Abend, frohes Lebensgefuͤhl und schauerliche Ahndung sind die Bestandtheile die- ses Gedichts, und daß es sich in lauter poeti- schen Kindheits-Vorstellungen umtreibt, hat mir gerade gefallen. In jener Zeit, sagte Lothar, als ich den Gozzi am eifrigsten las, machte ich auch den Versuch, ein Kindermaͤhrchen dramatisch zu be- arbeiten, welches, wenn ich mich nicht taͤusche, doch keine Nachahmung seiner Manier zu nen- nen ist. Die Reihe hat mich getroffen, Ihnen dieses heute vorzutragen. — Lothar fing an zu lesen. — Der Blaubart . Der Blaubart . Ein Maͤhrchen in fuͤnf Akten . Personen . Hugo von Wolfsbrunn , mit dem Zunahmen der Blaubart . Mechthilde , seine Haushaͤlterin. Anton , Simon , Leopold . von Friedheim. Anne , Agnes . ihre Schwestern. Heymon , Conrad . von Wallenrod. Martin von Felsberg. Hans von Marloff. Brigitte , seine Tochter. Reinhold , sein Sohn. Caspar , sein Knappe. Junker Winfred . Ulrich , ein Knecht. Ein Rathgeber . Claus , ein Narr. Ein Arzt . Ritter und Knechte. Zweite Abtheilung . Erster Akt . Erste Scene . ( Saal auf dem Schlosse Wallenrod .) Heymon und Conrad von Wallenrod, Martin von Felsberg, andere Ritter. S ind wir nun alle versammelt? Ja, es fehlt, denk' ich, Niemand- denn hier bin erstlich ich, euer Vetter Martin von Felsberg, dann seyd ihr da, als das Haupt der Familie, der Ritter Heymon von Wallenrod, hier steht euer edler Bruder Conrad, auch stehn da herum unsre uͤbrige werthen Verwandten und wackern Freunde, so daß wir unsere Rathspflege wohlgemuth und mit aller Besonnenheit veranstal- ten koͤnnen. So sage ich denn noch einmal oͤffentlich, wie ich es schon jedem insbesondere gesagt habe: Krieg! Fehde! — Wer ist dieser Hugo vom Wolfsbrunn, daß er unser Gebiet brand- Der Blaubart . schatzen darf? Sollen wir denn immer in Furcht und Sorgen leben vor einem Nichtswuͤrdigen? Ja wohl, vor einem Kerl, der nicht lesen, nicht beten kann? Vor einem Men- schen, der einen blauen Bart hat? Vor einem Taugenichts, den Gott auf eine wunderbare Weise hat zeichnen wollen? Wie sagt Ihr? Er haͤtte einen blauen Bart? Freilich, und der sitzt ihm an einem verhenkerten Gesichte, an einer wahren Galgen- Physionomie. Ordentlich blau? Was man so blau nennt? Ihr wundert Euch mit Recht, Vetter, und mein Bruder da hat ihn ganz rich- tig beschrieben. Er ist ein wilder, unumgaͤnglicher Mensch, raubt, pluͤndert, schlaͤgt todt, wenn er dazu kommen kann, und sieht dabei aus wie der Satan. Wie ihn euch mein Bruder da eben ganz richtig beschreibt, wie der leibhaftige Satan. Gottes Werke sind doch wunder- bar! — Hab' ich mein Lebtage von einem blauen Barte gehoͤrt? Aber, Herr Bruder, ehe wir un- sern Zug unternehmen, sollten wir doch vorerst unsern Rathgeber befragen. Wer ist denn das? Ein alter Mann und weitlaͤufi- ger Verwandter von uns, er ist schon, wie gesagt, Zweite Abtheilung . etwas stumpf und bei Jahren, und da hat er sich in muͤssigen Stunden aufs Rathgeben gelegt. Aber er giebt Euch treflichen Rath, das versichre ich Euch. Er hat schon manchen wackern Rath gegeben, von dem es wohl gut gewesen waͤre, wenn man ihn befolgt haͤtte. Da koͤmmt er eben her. Der Rathgeber (kommt herein.) Nun, setzt Euch, setzt Euch. — Jetzt also, meine versammelten Freunde, sind wir in der Absicht zusammen gekommen, ein vernuͤnf- tiges Wort mit einander zu reden. — (es klopft.) Wer klopft denn das Nur herein! Claus . (der Narr tritt auf; er ist klein und ungestalt, pucklicht, hinkt auf einem Beine, und geht sehr behende an einer Kruͤcke.) Ach! Es ist unser Narr. Ihr habt ja eine recht vollstaͤn- dige Haushaltung. Gottlob! wir lassen uns nichts abgehn. Ein kleiner Mann, der Narr, wie Ihr ihn da vor Euch seht, aber einen vortreflichen, dau- erhaften Witz hat er an sich. Man kann einen ganzen Abend uͤber ihn lachen, wenn er auch kein Wort spricht. Aber sonst ein gutes Gemuͤth. Ist es erlaubt, Ihr Herren, daß ein Narr in eine vernuͤnftige Rathsversammlung koͤmmt? Du lieber Gott! er ist ein Narr, man muß ihm doch auch ein kleines unschuldiges Der Blaubart . Vergnuͤgen goͤnnen, denn er saͤuft nicht und ist uͤberhaupt ein ordentlicher Bursch. — Setz dich, Narr, und wir andern Verstaͤndigen wollen uns auch setzen. (alle setzen sich.) Nun so rathe ich also noch ein- mal zum Kriege, damit wir dieses uͤberlaͤstigen Hugo los werden moͤgen. Er steht jetzt eben im Felde gegen Hermann Worbsen, laßt uns schnell hinziehn, so ereilen wir ihn noch, ehe er nach sei- nem festen Schlosse zuruͤck kehrt. — Was meint Ihr, Vetter Rathgeber? Wenn ich Euch denn meinen guten Rath geben soll, — so meine ich unmaß- geblich, daß Ihr Recht habt, angesehen Ihr ein verstaͤndiger, vollkommen ausgewachsener Ritter seyd. — Ihr habt Recht, ich bin ganz Eurer Meinung. Wenn wir ihn denn nun besiegt haben, so bestuͤrmen wir sein Schloß und theilen uns in seine Reichthuͤmer? Und wo bleibt denn der Blaubart? Narr, der koͤmmt ja in der Schlacht um. Und wenn er auch nicht umkoͤmmt, so wird er in ein Gefaͤngniß gesteckt. Das wird er aber nicht zugeben; besser, er koͤmmt in der Schlacht um. Richtig, weit besser ist es, er koͤmmt in der Schlacht um, da habt Ihr, Ritter Heymon, ganz meinen Gedanken. Zweite Abtheilung . Aber wenn er nun doch nicht umkommt? Ja so! — Eine gute Anmer- kung von Eurem Bruder, in der That. — Wenn er nun nicht umkoͤmmt! — Er thut besser, wenn er in der Schlacht umkoͤmmt, das ist gewiß, — aber die Menschen sind oft wunderlich. Ja, was meint Ihr dann? Ihr seid ja der Rathgeber. Sehr richtig, — ja, dann ist mein Rath, — daß man sich nachher darauf be- sinne, wenn wir erst so weit sind; Ihr habt ihn ja dann bei der Hand, und koͤnnt mit ihm machen was Euch gut duͤnkt. Das ist auch wahr; warum wol- len wir uns jetzt schon den Kopf zerbrechen? Nun, so laßt uns denn nicht zaudern, sondern hastig aufbrechen. (sie wollten gehn.) Aber halt! haltet doch! — Habt Ihr so wenig Geduld, daß Ihr ins Schlachtfeld hinein laufen wollt, als ging' es zum Fruͤhstuͤck? Wer langsam geht, koͤmmt auch zu seinem Tode noch fruͤh genug. Zum Tode? Nun, wenn Ihr nicht siegt, sondern besiegt werdet? Und der Blaubart schneidet Euch den Ruͤckzug ab? — Wie dann? — Wenn Ihr nun besiegt werdet, sag' ich! Denn das kann man doch so genau nicht wissen, man muß doch auf alle Faͤlle denken, ein guter Feldherr wird auch dafuͤr sorgen. Der Blaubart . Ein guter Feldherr, sagt er? Zum Henker, er hat Recht, und es soll jetzt gleich daran gedacht werden. Nein, nur um Gottes Willen die Sachen nicht einseitig betrachtet! Nun also, so denkt! Rathgeber, denkt einmal recht tuͤchtig! Ja, der Kleine hat Recht, so klein er auch ist, und so rathe ich denn, nach reifli- chem Ueberlegen, daß Ihr noch fuͤrs erste den ganzen Feldzug seyn lasset. Ist das Euer Rath? Wenn wirs beim Lichte be- sehn, wirds ohngefaͤhr auf so etwas hinaus laufen. Das ist nichts, Rathgeber. Et- was Besseres. Ihr glaubt wohl, daß man den guten Rath nur so aus den Ermeln schuͤttelt. Ich weiß nichts Bessers. Hm, — wenn man — nein! Hm. — Koͤnnte man nicht, — bewahre! Hm! — Ich daͤchte — Ich weiß nicht, was ich dachte. Aber Herr Ritter, Ihr ver- gaßt ja ganz, daß Claus nur ein Narr ist. Richtig! Da steckt der Knoten! — Und wir stehn da alle und uͤberlegen! Wir haben uns von dem Nar- ren alle in den April schicken lassen. Kuͤnftig schweig bis man dich fraͤgt. Verzeiht, es geschah nur, um mir Zweite Abtheilung . mit dem Reden einen Zeitvertreib zu machen. Ihr wißt, ich plaudre gern, und da beseh' ich denn die Worte vorher nicht so genau; es ist doch bald vor- bei, wenn man redet, und da lohnts der Muͤhe nicht, daß man es so genau nimmt. So wollen wir denn aufbrechen! Nehmt Ihr den Rathgeber nicht mit? Ja das verdient Ueberlegung. Laßt mich lieber zu Hause, hochgeschaͤtzte Herren; ich bin alt, und ihr wißt ja wohl das Sprichwort: guter Rath koͤmmt im- mer hinter her. Ihr koͤnnt mich eilig holen lassen, wenn Ihr mich noͤthig habt. Das ist wahr, Ihr seid doch ein kluger Mann. — Aber den Narren wollen wir mitnehmen. Mich? — O ihr Herren, ich bin im Felde ganz unnuͤtz, ich kann keine Trommel hoͤren, ohne Colik zu bekommen, ich sitze immer bei den Marketendern und mache nur die Lebens- mittel theuer; als Soldat bin ich gar nicht zu ge- brauchen, weil ich vor Angst die Parole vergesse. Warum wollt Ihr mich denn mitnehmen? Erstlich zur Strafe, damit du siehst, daß wir wohl siegen werden; zweitens, damit wir doch auch einen Narren unter uns haben. Drittens, um den Feind durch deine Person zu aͤrgern, — und viertens sollst du mitgehn! Dieser letzte Grund ist so verdammt gruͤndlich, daß sich nichts von Bedeutung dagegen ein- Der Blaubart . einwenden laͤßt. Nun, wenn es denn seyn muß, so will ich nur mein Buͤndel schnuͤren und mein Testament machen. Dein Testament? Aus meinem Narrenstock laͤßt sich ein herrlicher Commandostab machen, man darf nur oben den Eselskopf herunter brechen; den ver- mach' ich Euch! Meine Muͤtze Eurem Bruder Conrad, die Ohren sind so schon ziemlich abgetra- gen; meinen Witz dem Rathgeber da, und meine Kruͤcke demjenigen, der nur mit einem Beine aus dem Felde zuruͤck hinkt. Deinen Witz magst Du selbst behalten, er ist so durchgescheuert, daß man die Faͤden zaͤhlen kann. So koͤnnt Ihr immer noch euren vernuͤnftigen Rath damit flicken, denn ich glaube, daß Verstand kein besseres Unterfutter finden kann, als Narrheit. Ich versichere Euch, nichts haͤlt so warm und bewahrt vor Husten und Schnupfen, Schwindel und dergleichen, so gut, als ein Brust- tuch von derber Narrheit. Truͤgt Ihr es nur un- ter Eurem Panzer, Herr Ritter, Ihr wuͤrdet Euch wohl dabei befinden, dann bliebet Ihr lieber zu Hause, und ergoͤtztet Euch hier buͤrgerlich mit mir, oder dem Rathgeber, oder ginget auf die Jagd. Warum muß es denn gerade Krieg seyn? Krieg ist ein gefaͤhrliches Spiel; ich kann schon das bloße Wort nicht leiden; glaubt mir, es liest sich besser davon in Buͤchern, als dort im Felde zu stehn und zu passen und zu passen, — und II. [ 2 ] Zweite Abtheilung . wenn man nun in der Hinterhand sitzt und der Feind bekoͤmmt die Matadore! Der Narr schwazt und kann kein Ende finden. Du sollst uns den Marsch verkuͤr- zen durch deine Maͤhrlein. Soll ich reiten oder gehn? Gehn. Nun, Gott segne Euch, ich werde so auf meine Art gehn muͤssen. Kommt, Vetter Martin, kommt Ritter, der Sieg winkt uns, wir wollen uns nicht saͤumig finden lassen. Wenn wir nur erst die eroberten Fahnen aufhaͤngen! (alle ab.) O uͤber die lumpige Welt! — Wahr- haftig, ich schaͤme mich jetzt. Ich werde dafuͤr bezahlt, um ein rechter wahrer Narr zu seyn, und nun bin ich ein Pfuscher gewesen, und war offenbar der verstaͤndigste von allen. Sie pfuschen dafuͤr in mein Handwerk, und so ist kein Mensch mit seinem Stande zufrieden. Wollte nur Gott, ich koͤnnte die Klugheit so wacker spielen, als sie sich in der Narrheit gut ausgenommen haben! — Nun, Schicksal, du Vormund der Unmuͤndigen, wirst du dich ihrer so sehr annehmen, als sie fest auf dir vertrauen, so werden sie diesen Feldzug bald geendigt haben. — (ab.) Der Blaubart . Zweite Scene . ( Zimmer .) Winfred , ein Knecht . Er ist aber doch zu Hause, der Junker Leopold von Friedheim? du mußt wissen, ich bin sein Freund. Wer, sag' ich, daß Ihr seid? Ich nenne mich Winfred, sage nur diesen Namen, so kennt mich dein Junker schon daran. (Knecht ab.) Wie das Schicksal seine Gaben ungleich und verwunderlich austheilt! So kann ich es doch nun und nimmermehr dahin brin- gen, daß mir der Hut so angenehm schief von der Seite sitzt, wie meinem Freunde Leopold, und Schuh und Struͤmpfe und alles, es ist und wird nimmermehr der nachlaͤssige liebenswuͤrdige Anstand, so viel ich mich auch uͤbe, so sehr ich mich auch von fruͤh Morgen darauf abarbeite. Freilich, meine Beine haben auch nicht den gehoͤrigen Schnitt, sie sind gar zu duͤnn. Und dann seine Art hinein zu kommen, und mir nichts dir nichts den ersten be- sten Diskurs anzufangen, daß ihm die Worte nur so aus dem Munde staͤuben. Mir erstirbt die Rede auf der Zungenspitze, und die besten Einfaͤlle klam- mern sich so fest, daß ich sie nicht losschuͤtteln kann. Er gefaͤllt allen Menschen, und auch den Weibern, Zweite Abtheilung . aber wenn sie auch manchmal uͤber mich lachen, so kann ich doch nicht ihre rechte Liebe erwecken. Die Sterne haben wohl bei meiner Geburt etwas in der Queere gestanden, so deutet auch Hand und Fuß; ja wahrlich, wenn ich nicht so gar enge Schue truͤge, schauten die Fuͤße aus, wie die einer Gans; breit! breit! Leopold kommt. Ihr seid schon da? Ei, wie auf- geputzt und praͤchtig! Das neue Wamms und die Federn habe ich noch nicht an euch gesehn. Nicht wahr, zierlich und anmu- thig? Und wenn ich so mit den Armen schlenkre, und den Mantel etwas so von der Schulter werfe, so macht sichs so ziemlich? Gelt! Seht, ist es so recht? Vortreflich! Ihr seid schon ein Meister, da Ihr vor kurzem nur als ein Schuͤler angefangen habt. Ach, Lieber, weit, weit ists noch zum Ziel. Nein, ich will mich nicht selber taͤu- schen. — Aber sagt, wie stehts um unser Aben- theuer? Wann lichten wir die Anker? Es ist noch zu fruͤh. Ich werde euch schon Nachricht geben, wenn es an der Zeit ist. O was mich das gluͤcklich machen wird, so in Eurer Gesellschaft auszuziehn, hier uͤber die Berge, dort durch die Staͤdte und Luft und Gefahr mit Euch theilen, und Euch immer sehn und bewundern, und von Euch lernen! Und Der Blaubart . dann spricht man von uns, und besingt uns wohl gar, und wenn uns dann die Leute kommen sehn, so heißt es: da, da gehn sie, da reiten sie die beiden jungen Wagehaͤlse! der da vorn ist der Leo- pold, der da hinter drein folgt ist Junker Win- fred, nicht so merkwuͤrdig wie jener, aber doch auch nicht uͤbel, er hats hinter den Ohren, hat Gruͤtz im Kopf, der Teufelskerl! (umarmt Leopold.) O Lieber, Bester, Einziger, laßt uns doch bald, bald ausziehn! Ich sage Euch, noch ist es zu zei- tig, der alte Hans von Marloff ist zu sehr auf seiner Hut, er bewacht seine Tochter wie der Drache den Schatz. Er ist geizig, ich bin arm, unsre Familie ist zahlreich, und darum muß ich zur List meine Zuflucht nehmen, um gluͤcklich zu werden. Wieder auf unser altes Gespraͤch zu kommen: nichts waͤrs mit Euren Schwestern? O Himmel, das Gluͤck Euer Schwager zu seyn! Freundchen, nicht tauscht' ich dann mit dem Sul- tan von Babylon! Schlagt Euch das aus dem Sinn, es geht ein fuͤr allemal nicht. Mein Bruder An- ton sieht auf Geld und Gut, und da seid Ihr nicht reich genug: Anne haͤngt noch immer ihrer alten Liebe nach; ihr wißt ja, wie der Hans von Marloff lieber seinen Sohn aus dem Lande getrie- ben als seine Einwilligung gegeben hat, sie will nun gar nicht heirathen und Euch wohl am wenigsten; Agnes muß durchaus einen reichen Mann haben. Zweite Abtheilung . Da waͤre der Blaubart fuͤr sie, der schon so viele Weiber gehabt hat. Der Mensch ist mit Weibern gesegnet. Seine Frau lebt ja mit ihm und gluͤcklich. Nein, sie ist auch ploͤtzlich wieder gestorben. Er thut nichts als Krieg fuͤhren und Hochzeit machen. Gewiß ein merkwuͤrdiger Cha- rakter, so widerwaͤrtig er auch sonst seyn mag. Er soll unermeßliche Schaͤtze in seinen Schloͤssern aufbewahren. Was macht denn euer zweiter Bru- der, der wunderliche Simon? Wie immer, haͤngt seinen Grillen nach und gruͤbelt. Hoͤchst kurios! Ha ha ha! Ich muß lachen, so oft ich an ihn denke. Sagt, wie in aller Welt wird man nur zum Narren? So seinen Verstand verlieren und unklug werden, es ist doch unbegreiflich, wie es die Leute anfangen. Freiwillig kommen wohl die we- nigsten dazu? Hm, es ist wunderlich, daruͤber nachzudenken: vielleicht, daß der Mensch, wenn er sich auch recht was Besonderes vorsetzt, und Gluͤck und Sterne lassen es gelingen, und sein Vorsatz paßt fuͤr ihn, daß er dann ein Held, ein Dichter, ein Weiser, oder ein großer Luftspringer wird; fuͤgt sichs aber, daß die Sterne und die Schick- sale nicht damit harmoniren, sondern sich zwischen ihn und seine Absichten so recht mit breitem Ruͤk- Der Blaubart . ken hinstellen, so wird aus dem nemlichen Men- schen wohl ein simpler Narr. Du wirst weise, Junker, trefliche Einsichten stehn dir heut zu Gebot. Komm in den Hof, ich will dir mein neues Roß zeigen, den Schimmel. Kommt, kommt, und laßt mich ihn nachher auch versuchen! (gehn ab.) Dritte Scene . ( Feld .) Ritter, Knechte, Heymon, Conrad, Martin an ihrer Spitze, Fahnen, Kriegsmusik, Claus . Er hat gesiegt? Ja. — Aber Ihr sagtet ja, der Mann habe einen blauen Bart. Nun, Ihr meint doch nicht, daß er ihn durchs Visir wird haͤngen lassen. Euer Narr spricht immer mit, wenn die verstaͤndigen Leute reden. Das hat er sich so angewoͤhnt, weil wir uns manchmal mit ihm eingelassen haben. Aber, meine gnaͤdige Herrn, warum habt Ihr denn den Blaubart nicht angegriffen, Zweite Abtheilung . als er sich noch mit seinem Feinde in den Haaren lag? Der Vortheil war ja dann offenbar auf Eurer Seite. Halt! das ist wahr! — Daran hat keiner von uns gedacht! Haͤtten wir doch nur unsern Rathgeber bei uns gehabt! Wirklich, wir haͤtten ihn angrei- fen sollen, dann wuͤrde er doch wahrscheinlich von zwei Feinden untergebracht worden seyn, jetzt hat er jenen besiegt, und es kann uns nun eben so er- gehn. — Warum sagtest du das aber auch nicht fruͤher? Eure Feldmusik und Eure tapfern kriegerischen Reden ließen mich ja gar nicht zu Worte kommen. Wahrhaftig, ich wollte gewiß fuͤr Euch einen ganz guten Rathgeber abgeben. Du? — Bleib du nur bei deinem Handwerk. Das gebe Gott nicht, daß Narr- heit ein Handwerk sey. Was denn? Eine freie Kunst, wir sind nicht zuͤnftig, ihr und jedermann darf ohne vorherge- gangene Pruͤfung darin arbeiten. Fort! Wir zoͤgern zu lange! (sie ziehn voruͤber.) Von der andern Seite koͤmmt Hugo mit Knappen und Knechten. Gelt? Das war ein gutes Stuͤck Arbeit? Der Blaubart . So ziemlich, gnaͤdiger Herr, aber es waͤre Euch fast uͤbel bekommen. Ja, der Ritter, dem du den Rest gabst, setzte mir nicht uͤbel zu. Es war Schade um das junge Blut, er hatte ganz goldgelbe Haare. Was Schade? Waͤrs um mich we- niger Schade gewesen? Meinst du so? Ha ha ha! Herr Ritter, das kann wohl nur Euer Spaß seyn. Jetzt kommt, nun wollen wir es uns auch wohl seyn lassen, die Ruhe schmeckt nach solchem unruhigen Tage. — Aber seht, was ist das fuͤr eine Erscheinung dort? — Geh doch einer hin und frage, ob jene Menschen uns etwas an- haben wollen. (Knecht ab.) Es waͤre mir gar recht, denn ich fuͤhle mich noch nicht matt. Seid Ihr muͤde? Nein, gnaͤdiger Herr. (Knecht zuruͤck.) Nun? Es sind die Gebruͤder von Wallen- rod, sie verlangen mit Euch handgemein zu werden. So? desto besser, so sind es ja meine alten Feinde! — Laßt uns sogleich anruͤcken. — Wie stark ist ihre Mannschaft? Staͤrker als die unsrige. Waͤren die uns vorher uͤber den Hals gekommen, so haͤtte sich ein sauberes Unge- witter uͤber uns zusammen gezogen. Nun laßt die Trompeten schmettern und ihnen rasch entgegen! (Feldgeschrei, Getuͤmmel, Kriegsmusik hinter der Scene.) Zweite Abtheilung . (koͤmmt schnell herbei gehinkt.) Ob ich hier wohl sicher bin? — Ach, wo ist man im Felde wohl sicher? Auf wie vielen, weiten und meilen- breiten Feldern thront jetzt die Sicherheit, und ich Unseliger muß mich nun durch ein boͤses Schick- sal gerade hier an diesem Ort der Unsicherheit be- finden! — Hu! was das fuͤr eine Art ist, mit einander umzugehn! — Ist es nicht laͤcherlich, daß die Menschen im gewoͤhnlichen Leben so viele Um- staͤnde mit einander machen, und wenn sie nun einmal die rauhe Seite heraus kehren, daß sie sich mit denselben Haͤnden todtschlagen, mit denen sie sonst so viele Hoͤflichkeitsgeberden veranstalten. — Ach! das gewinnt fuͤr meine Herrschaften ein schlimmes Ansehn! So gehts, wenn man sich nicht von einem Narren will rathen lassen. So- bald der Verstand bei der Thorheit bettelt, erfolgt gewoͤhnlich ein gutes Almosen, denn die Thorheit giebt, ohne die Muͤnzsorten zu besehn; wer aber bei gescheuten Leuten Huͤlfe sucht, bekoͤmmt immer nur Scheidemuͤnze. — Ach! wie sind hier die Sen- tenzen am rechten Ort! So lange der Mensch nur noch eine Pfeffernuß zu beißen hat, wird er keine Sentenzen sprechen, wenn man aber so, wie ich jetzt, an Leib und Seele bankrott ist, so sind sie das einzige Labsal. — Ich will mich hinter die- sen Strauch verbergen. Aber meine Narrheit scheint ganz gewiß durch, wie ein Edelstein: wenn nicht das lahme Bein waͤre, wuͤrde ich fort lau- fen. — O Himmel! sie kommen schon zuruͤck. — (ab.) Der Blaubart . Hugo mit Knechten und Trompeten, Heymon, Conrad, Martin als Gefangene. Seht, wie schnell wir mit Euch fer- tig geworden sind; aber jetzt ist mein Arm lahm, nun duͤrfte kein dritter kommen. — Ihr habt Euch nicht besonders gehalten, das muß ich Euch sagen. Jeder thut, was er kann. Und das haben wir, hoff' ich, auch gethan. Was unmoͤglich ist, bleibt un- moͤglich. Jetzt will ich uͤberlegen, was ich mit euch anzufangen habe. (geht im Hintergrunde auf und ab.) Ich hab' ihm doch nun endlich ins Gesicht gesehn, ich hab' Euch immer nicht glauben wollen, — aber ihr habt ganz Recht, er hat einen blauen, wahrhaft blauen Bart. Nun, seht Ihr wohl, ich habs Euch ja vorher gesagt. Was sollte mir das Luͤgen nuͤtzen? Es giebt ihm ein recht grausames, widerliches Ansehn, und dabei sieht er doch etwas laͤcherlich aus. Hat sich was zu lachen, wir sind jetzt in seiner Gewalt, und es kostet ihn nichts, uns das Leben zu nehmen. Das wird er gewiß nicht. Ich traue seinem verwuͤnschten blaubaͤrtigen Gesichte auch nicht. Zweite Abtheilung . Nun hatte der weise Mann, unser Rathgeber, ja doch Recht, wenn er uns rieth, den ganzen Feldzug zu unterlassen; aber wer nicht hoͤren will, muß fuͤhlen, und das thun wir jetzt. Wir thun weit mehr, wir haben nicht nur den Krieg verloren, wir sind noch dazu gefangen. Wenn wir nur unsern Rathgeber hier haͤtten! Das wuͤnsch' ich auch, denn ohne ihn wissen wir doch nicht recht, was wir anfan- gen sollen. Nun, was meint Ihr, meine Herren, daß ich mit Euch thun werde? Wahrscheinlich uns gegen Kan- zion frei lassen. Uns auf unser Versprechen nach Hause ziehn, dabei aber tuͤchtig bluten lassen. Wartet einmal! — Ihr werdet uns vielleicht noch vorher irgend einen Schimpf anthun, um Euch zu raͤchen. Zum Beispiel, Euch haͤngen lassen. Ich muß gestehn, das waͤre mir sehr unerwuͤnscht, denn es ist in unsrer Familie bis jetzt noch keinem geschehn. Desto besser. — Aber Ihr moͤchtet lieber begnadigt seyn? — Wagt nur eine recht tuͤch- tige Bitte daran, und ich lasse mich vielleicht erwei- chen denn ich bin nicht so ganz unbarmherzig. Ist kein rechter Redner unter Euch? Ich bin immer noch der, der so am meisten spricht. Der Blaubart . Nach welchem Muster habt Ihr Euch gebildet? Denn darauf kommt viel an. Je nun, ich spreche so, was mir ohngefaͤhr in den Kopf kommt. Das ist nicht recht, ich haͤtte mich lieber nach Regeln ruͤhren lassen. Also, laßt Euch erbitten: seht, wir sind zwar in Eurer Gewalt, aber es ist gegen unsern Willen geschehn, man kann nicht wissen, wie sich das Blatt einmal wendet, und Ihr kennt ja wohl das Sprichwort: eine Hand waͤscht die andere. Ist das Eure ganze Redekunst? Ihr koͤnnt auch einmal uͤbel weg kommen, denn es steht keinem an der Stirn ge- schrieben, wes Todes er sterben soll; es ist noch nicht aller Tage Abend, und Niemand, sagte der weise Croͤsus zum Koͤnige Salomon, der ihn wollte verbrennen lassen, kann sich vor seinem Tode gluͤck- lich preisen. Ihr ruͤhrt mich immer noch nicht. — Kniet nieder. (sie knien.) Habt Mitleid mit uns. Steht auf! ich lache leichter als ich weine; bringt mich zum Lachen, und ich schenke Euch unter dieser Bedingung das Leben. Ich wollte, wir haͤtten unsern Narren hier, es schickt sich wenig fuͤr uns. — Bin ich fuͤr Euren Witz zu schlecht? Nein, das nicht, aber ich habe mich nie auf dergleichen Kuͤnste gelegt. Zweite Abtheilung . Vielleicht hilft Euch das Naturell durch. Herr Ritter, mein Naturell ist ein gutes Naturell, und es waͤre manchen Leuten zu wuͤnschen, daß sie nur solch Naturell aufzuwei- sen haͤtten. Wie meint Ihr das? Je nun, ich meine, daß ich sonst wohl schon von Rothbaͤrten, aber wahrhaftig noch von keinem Blaubart gehoͤrt habe. Haha! wollt Ihr da hinaus? — Fort mit Euch! der Tod ist Euch gewiß, ob ich gleich uͤber Eure dumme Ungeschliffenheit von Her- zen lachen moͤchte. Aber hoͤrt doch nur. — Sprecht kein Wort weiter, oder ich spalte Euch mit meiner eignen Hand den Kopf. Nichtswuͤrdiges Gesindel! — Fuͤhrt sie fort, sag' ich, bindet sie, und nachher, wenn ichs Euch be- fehle, schlagt ihnen die Koͤpfe herunter. — Ihr seid ein schoͤner Redner, das muß ich gestehn. — ( Heymon, Conrad und Martin werden von den Knech- ten abgefuͤhrt.) Ein Knecht , der den Claus herbei bringt. Gnaͤdiger Herr, hier ist noch einer von den Feinden, der sich hinter jenen Busch ver- steckt hatte. Komm her, ich bin grade in der rechten Stimmung, dir dein Todesurtheil zu sprechen. Der Blaubart . Und ich sage Euch, ich bin grade in der rechten Stimmung, daß ich nichts darnach frage. Wer bist du? Ein Narr. So mußt du den andern Gesell- schaft leisten. Mir recht. Wie? Du hast das Leben nicht lieb? So wenig als einen sauern Apfel. Das waͤre fast zu vernuͤnftig fuͤr einen Narren. Ei, wenn es Thorheit ist, das Leben lieb zu haben, so waͤre am Ende der Zweck eines jeden Philosophen, sich aufzuhaͤngen. O ich habe nicht Lust, mich mit dir in einen Streit einzulassen. Aber wenn du Gruͤnde hast, so sage sie mir doch, warum du dein Leben nicht achtest. Herr! Gruͤnde, so groß und gewich- tig wie die Felsen, und doch sind die Felsen selbst nur kleine Kiesel, wenn man dabei an die ganze Erde denkt. Doch das nur im Vorbeigehn gesagt. Aber seht mich doch einmal an, und sagt mir dann selbst eine vernuͤnftige Ursach, aus welcher ich das Leben wohl lieb haben koͤnnte. Bin ich nicht so gezeichnet, daß jeder Mensch von mir sagen wird: wenn der Kerl nicht zum Narren, oder zum Tau- genichts zu gebrauchen ist, so ist er voͤllig in der Welt uͤberfluͤßig? Bedenkt nur selbst, gnaͤdiger Herr, unter einem solchen Titel durch das Leben Zweite Abtheilung . zu hinken, zeitlebens auf keine hoͤhere Ehre An- spruͤche machen zu duͤrfen! Nicht wahr, es ist gar zu erbaͤrmlich? Denn Reichthuͤmer besitze ich nicht, und wenn ich sie auch besaͤße, was sollte ich mit ihnen wohl anfangen? Kein Maͤdchen wird so wahnwitzig seyn, sich in mich zu verlieben; Wohl- wollen, Freundschaft, Ehre, Ruhm, alles ist fuͤr diese arme verkruͤppelte widerwaͤrtige Gestalt gar nicht in der Welt. Was ist denn also das Leben fuͤr mich? Nichts als der große Fettschweif des Indianischen Schaafs, es ist mir nur zur Last: ich bin nicht froͤhlicher, als wenn ich vergesse, wer ich bin, ich diene dazu, andre zum Lachen zu brin- gen, und zwinge mich selbst zum Lachen, ich bin eine Medizin fuͤr verdorbene Maͤgen, ein Verdau- ungsmittel, die Hunde selbst sehn mich von der Seite an, und ich habe es noch nie dahin ge- bracht, daß mich einer geliebt haͤtte. Aus welcher Ursache, meint Ihr nun wohl, sollte ich das Le- ben lieben? Und was ist denn das Leben selbst? Eine bestaͤndige Furcht vor dem Tode, wenn man an ihn denkt, und ein leerer, nuͤchterner, genußlo- ser Rausch, wenn man ihn vergißt, denn man verschwendet dann einen Tag nach dem andern, und vergißt daruber, daß die Gegenwart so klein ist, und daß jeder Augenblick vom naͤchstfolgenden verschlungen wird. Jeder Mensch wuͤnscht alt zu werden, und wuͤnscht damit nichts anders, als mit tausend Gebrechen, mit tausend Schmerzen in Bekanntschaft zu treten. Da schleichen sie denn ohne Zaͤhne und ohne Wuͤnsche, mit leerem zit- ternden Der Blaubart . ternden Kopfe, mit Haͤnden und Armen, die ihnen schon laͤngst die Dienste aufgekuͤndiget haben, und die nur noch als abgeschmackte Zierrathen von den Schultern verwelkt herunter haͤngen, ihrem Grabe keuchend und hustend entgegen, dem sie auf keine Weise entlaufen koͤnnen. — Und ich, wie muͤßte ich nun gar seyn, wenn ich alt wuͤrde? Wer wuͤrde sich die Muͤhe nehmen, mich zu bedienen, mich zu troͤsten? Nein, gnaͤdiger Herr, laßt mich immer frisch haͤngen, Ihr habt ganz Recht, das wird wohl der beste Rath seyn. Kerl, du gefaͤllst mir. Willst du mein Narr werden? Nein, ich bin des Dienstes uͤber- druͤßig. Aber ich sage Ja, ich will dich zu meinem Narren haben, du sollst mir zuweilen dergleichen auferbauliche Reden halten, und mir in muͤßigen Stunden etwas vorschwatzen; ich will fuͤr dich sorgen, aber du mußt mir dienen. Nun, es sey, wenn es nicht anders seyn kann; aber dann, Herr Ritter, habe ich noch eine Bitte an Euch. Nun? Wir haben einen herrlichen Mann zu Hause sitzen, der jetzt ohne Eure Huͤlfe noth- wendig verhungern muß. Er giebt andern Leuten vortreflichen Rath, und wie es solchen weisen Maͤn- nern meistentheils geht, sie wissen sich selber nicht zu rathen; ohne ihn bin ich nichts, und wenn ich II. [ 3 ] Zweite Abtheilung . in meiner Kunst etwas geworden bin, so habe ich es nur seiner vortreflichen Gesellschaft zu danken. Wer ist denn der? Wir nennen ihn nur kurzweg den Rathgeber, Rath zu geben ist auch sein eigentli- ches Handwerk, und ich muß gestehn, daß er es darin zu einer großen Fertigkeit gebracht hat. Je- der von uns beiden, einzeln genommen, ist nur ein schwaches Rohr, ein faules Holz, das nur glaͤnzt, wenn kein anderer Schimmer in der Naͤhe ist; aber wenn unser Verstand zusammen gethan wird, so entsteht daraus eine Komposition, eine Art von Prinzmetall, das außerordentlich dauer- haft ist. Nun, so bringe ihn mir. Du magst ihn selber abholen, ich vertraue dir. Weißt du mein Schloß? O ja, gnaͤdiger Herr. Ich mag mit andern Menschen nicht gern umgehn, aber solche Eures Gelichters sind mir lieb, bei Euch weiß man, woran man ist, Ihr gebt Euch fuͤr nichts aus, Ihr heuchelt keinen Werth, keine Wuͤrde, die ich so oft die Wuͤrde des Menschen nennen hoͤre: ich kenne nichts so Jaͤm- merliches. Wir bleiben beisammen, und wenn mir dein Rathgeber gefaͤllt, so soll ers gut bei mir haben. — Du da! liegt Friedheim weit von hier? Nur eine Tagereise. Es sollen zwei schoͤne Fraͤulein dort seyn, dahin will ich mit kleiner Begleitung; ihr uͤbri- gen zu meinen Schloͤssern zuruͤck! — Jetzt will ich Der Blaubart . jene Narren sterben sehn. — (geht ab, die Knechte ziehn fort.) (allein) Kann man mit einer so ge- ringen Verstellung selbst so listige Fuͤchse hinter- gehn? Mit den wenigen Worten also hab ich mein Leben von dem blutduͤrstigen grimmigen Menschen zuruͤck kaufen koͤnnen? Aber, wenn ich es recht ernsthaft uͤberlege, ist mein Leben auch nicht viel werth. Ho ho! das fehlte nur noch, das waͤre ein Hauptspaß, daß ich mich selbst aus Desperation aufknuͤpfte, nachdem er mich verschont hat. Aber meine armen Herren! — Ich koͤnnte weinen. — Und warum soll ich nicht weinen? Es ist eben so thoͤricht, als zu lachen, es liegt also nicht außer meinem Berufe. — (er setzt sich auf die Erde.) Sie sind gewiß schon todt, — hier will ich um sie trauern, denn kein anderes Auge geht doch ihret- wegen uͤber. (Er verhuͤllt das Gesicht. Der Vorhang faͤllt.) Zweite Abtheilung . Zweiter Akt . Erste Scene . (Die Burg Friedheim.) Agnes, Anne . mit einer Laute. N un hoͤre mir zu, liebe Schwester, ob ich jetzt im Stande bin, das Lied recht zu spielen. Du hast kein Talent zur Musik, es wird dir zeitlebens nicht gelingen. Und warum denn nicht so gut, wie andern? — Hoͤre nur: Wie rauschen die Baͤume So winterlich schon; Es fliegen die Traͤume Der Liebe davon! Und uͤber Gefilde Ziehn Wolkengebilde, Die Berge stehn kahl, Es schneidet ein Regen Dem Wandrer entgegen, Der Mond sieht ins Thal, Ein Klagelied schallt Aus Daͤmmrung und Wald: Der Blaubart . Es verwehten die Winde Den treulosen Schwur, Wie Blitze geschwinde Verschuͤttet vom Gluͤck sich die goldene Spur; O dunkles Menschenleben, Muß jeder Traum einst niederschweben? Rosen und Nelken Bekraͤnzen das Haupt, Und ach! sie verwelken, Der Baum steht entlaubt; Der Fruͤhling er scheidet Macht Winter zum Herrn, Die Liebe vermeidet Und fliehet so fern. — Verworrenes Leben, Was ist dir gegeben? — Erinnern und Hoffen Zur Qual und zur Luft — Ach! ihnen bleibt offen Die zitternde Brust. Besser, als ich gedacht haͤtte. Aber sage mir einmal, warum in allen diesen Liedern immer so viel von Liebe die Rede ist? Wissen diese Liedermacher denn keinen andern Gegenstand? Sie glauben, daß jedermann daran Theil nimmt. Ich wahrlich nicht. Mir ist nichts widerwaͤrtiger, als diese ewigen Klagen. Ich wuͤnschte, es gaͤbe so Gesaͤnge fuͤr alle moͤgliche Zweite Abtheilung . Sinnesarten, und alles froh und heiter. — Er- zaͤhle mir doch, wie ist es denn eigentlich mit dei- ner Liebe, ich weiß fast kein Wort davon. O laß mich, liebe Schwester. Wie lange ist er nun schon fort? — Drei Jahr? Ach! Siehst du, du seufzest noch immer, aber du solltest lieber einmal vernuͤnftig erzaͤhlen. Ich bin eine schlechte Erzaͤhlerinn. Aber im Ernst, es muß mit der Liebe ein aͤußerst wunderbares Ding seyn. Du bist gluͤcklich, daß du es nicht begreifst. Mir ist immer leicht und heiter, aber du bist die Schwerfaͤlligkeit selbst, ohne Le- ben, ohne Theilnahme fuͤr die Welt und ihre Be- gebenheiten, du lebst nur noch zum Schein, nur ein geringfuͤgiges aͤußerliches Leben, aber innerlich bist du schon lange abgestorben. Jeder Mensch hat seine eigene Weise, laß mir die meinige. Daß man sich selbst so alle Freuden verderben kann! Die Welt ist so schoͤn und freund- lich, alles so mannigfaltig durch einander, daß man nicht genug sehen, nicht genug erfahren kann. Ich moͤchte immer auf Reisen seyn, durch unbekannte Staͤdte gehn, fremde Berge besteigen, andre Trach- ten, andre Sitten kennen lernen. Dann mich wieder ganz allein in einem Pallaste einsperren lassen, und die Schluͤssel zu jedem Gemach, zu Der Blaubart . jedem Schranke in Haͤnden: dann wuͤrde eins nach dem andern aufgeschlossen, die Schraͤnke thaͤten sich von einander, und ich holte von den schoͤnen und seltsamen Kostbarkeiten eins nach dem andern her- vor, traͤte damit ans Fenster und besaͤhe es ganz eigen, bis ich seiner uͤberdruͤßig waͤre und zu einem andern eilte, und so immer fort, immer fort, ohne Ende. Und so wolltest du alt werden? dich durch ein truͤbes, unzusammenhaͤngendes Leben ar- beiten? Ich versteh dich nicht. — Ich habe mir schon oft gedacht, wenn ich ploͤtzlich in ein fremdes Schloß geriethe, wo mir alles neu, alles merkwuͤrdig waͤre; wie ich aus einem Zimmer in das andre eilen wuͤrde, immer ungeduldig, immer neugierig, wie ich mich nach und nach mit den Sachen und Geraͤthschaften bekannt machte. Hier weiß ich ja jeden Nagel auswendig. Gieb mir einmal die Laute. (singt.) Begluͤckt, wer an des Treuen Brust, In voller Liebe ruht, Kein Kummer naht und stoͤrt die Luft, Nur heller brennt die Glut. Kein Wechsel, kein Wanken, Zum ruhigen Gluͤck Fliehn alle Gedanken Der Ferne zuruͤck. Und lieber und haͤnger Druͤckt Mund sich an Mund, Zweite Abtheilung . So inn'ger, so laͤnger: Von Stunde zu Stund. Beschraͤnkter und enger Der liebliche Bund. Das ist eins von den Liedern, die sich leichter singen, als verstehn lassen. Anton tritt auf. Das ist hier eine wunderliche Haus- haltung; Gesang in allen Zimmern, Simon wan- delt umher und betrachtet die Waͤnde, Leopold will auf Abentheuer ziehn, — wahrlich, wenn ich nicht noch das Ganze etwas zusammen hielte, es floͤge alles wie Spreu aus einander. Dafuͤr bist du auch der aͤlteste von uns allen, du hast den Verstand fuͤr die ganze Familie. Wißt Ihr denn, was Leopold ei- gentlich will? Was will er denn? Gewiß einen unbesonnenen Streich ausfuͤhren. Ihr nennt auch oft etwas unbeson- nen, was nur nicht so ist, wie ihr es alle Tage treibt. Leopold tritt auf. Nun so lebt wohl auf einige Zeit, ich muß Euch auf ein Paar Tage verlassen. Aber wo willst du hin? Recht weiß ichs selbst noch nicht. Der Blaubart . Lieber Bruder, ich habe immer gefunden, daß der Mensch sich jeden Schritt im Leben erschwert, wenn er ihn recht genau uͤberlegt. Am Ende ist doch alles nur einfaͤltig, wir moͤgen es auch an- fangen, wie wir wollen, und Gluͤck und Zufall machen unsre Plaͤne nur gescheidt oder unbesonnen. Bruder, solche Reden sind einem Manne ganz unanstaͤndig. Ja, was ihr euch immer so un- ter Mann denkt: ein altes, verjaͤhrtes Thier, das uͤber die Jugend weggekommen ist, wie uͤber eine Bruͤcke, die zusammen fallen will, und das sich nun herzlich freut, daß es ein sauer Gesicht ma- chen darf und Rath ertheilen, sitzen und zuhoͤren wenn andre sprechen, und alles links und unrich- tig finden. So ein Mann nach Eurer Vorstellung darf sogar den Kater tadeln, daß er die Maͤuse nicht auf die rechte Art und nach seinem Sinne faͤngt. Es wird mir immer seltsam zu Muthe, wenn ich die Redensarten hoͤre: er handelt wie ein Mann, er ist das Muster eines Mannes; — meistentheils sind es doch nur verdorbene ausge- wachsene Knaben, die durch die Welt auf allen Vieren kriechen, statt aufrecht zu gehn, und die daher weit mehr Steine des Anstoßes finden, — und dann rufen die Umherstehenden: Um Gottes- willen! seht, wie viele Erfahrung der Mann hat! Das waͤre also nach deiner Meinung auch das Bild von mir? Ach nein, du bist im Grunde ge- Zweite Abtheilung . scheuter, aber du willst es dir selber nicht gestehn. So halten die meisten Menschen die langsame Einfalt fuͤr verstaͤndiger, als die beruͤhrige Unachtsamkeit, und der Unterschied liegt doch wahrhaftig nur im Gange. Aber du wirst doch zugeben, daß dem Unachtsamen manches mißlingt. O ja, natuͤrlicher Weise, weil er viel unternimmt. Eurem bedaͤchtigen Manne kann nichts mißlingen, weil er immer nur rechnet, und mit allen seinen Gedanken, mit aller Belesenheit wie mit Fuͤhlhoͤrnern voraus fuͤhlt. Ach, Bruder, wenn wir sehn koͤnnten, wie vielleicht schon alles im Voraus bestellt und in Richtigkeit gebracht ist, wie laͤcherlich wuͤrden uns da wohl unsre tiefe an- gelegten Plaͤne vorkommen? Eine schoͤne Philosophie. Doch wir wollen abbrechen, und ich will Abschied von Euch nehmen, mir ist so leicht, daß ich gewiß glaube, ich werde gluͤcklich seyn. Simon tritt ein. Du willst verreisen, Bruder? Ja. Mir scheinen die Umstaͤnde nicht guͤnstig. Wie so? Es ist so ein Wesen, so ein Kla- gen, so ein Zittern in der Luft. Wie meinst du das, Bruder? So wie er alles meint, — er weiß nicht warum, er meint es nur so. Der Blaubart . Sieh, man kann eigentlich nicht sagen, warum man Ungluͤck voraus ahndet, aber es ist doch manchmal etwas im Herzen, — das — Nun? Ach! wer kann dir das deutlich machen. Sollte man unter diesen naͤrrischen Geschoͤpfen nicht selber naͤrrisch werden? Nun, weil dus also nicht recht beschreiben kannst, so lebe wohl. Wenn ich wieder komme, will ich mir deinen Rath ausbitten. (ab.) Seine Wildheit wird ihn noch ein- mal ungluͤcklich machen. Gewiß. Wie geht es dir, Bruder? Gut, — ich habe nur heut Mor- gen mancherlei gedacht, — es kann sich bald man- cherlei aͤndern. Wie so? Frage ihn doch nicht, es ist ja nur eine weggeworfene Muͤhe, er weiß es so wenig als du, und eben durch solche Aufmerksamkeit wird seine Narrheit nur zum Wachsen gebracht, die ohne diese Nahrung schon laͤngst abgestorben waͤre. Aber so laß ihn doch reden, Bruder. Nun, wie Ihr wollt, aber Ihr werdet mich nicht zwingen wollen, sein Geschwaͤtz mit anzuhoͤren. (ab.) Ich spreche viel lieber, wenn Bru- der Anton nicht dabei ist. Er zuckt uͤber alles die Schultern, wenns nicht nach seinem Sinne ist, Zweite Abtheilung . und er hat doch nur einen sehr engen Sinn, so wie die meisten Menschen, sie wissen oft nicht, warum sie etwas tadeln, es scheint ihnen bloß ver- werflich, weil sie noch nicht darauf gekommen sind. Ja wohl. Und doch sollte das grade der Grund seyn, eine solche Sache ihrer naͤheren Aufmerksam- keit zu wuͤrdigen; denn wenn wir nichts Neues zulernen wollen, so verschimmeln am Ende auch die alten Kenntnisse in uns. Bruder Simon spricht heute mit ungemeiner Weisheit. Ihr versteht mich nur so selten; dies scheint dir nur deswegen klug, weil du auch schon etwas Aehnliches gedacht hast. Was ist denn aber am Ende der menschliche Verstand? Ja, das koͤnnen wir mit unserm eigenen Verstande nicht leicht begreifen; aber er hat gewiß, wie eine Zwiebel, eine Menge von Haͤuten; jede dieser Haͤute wird auch Verstand ge- nannt, und der letzte, inwendige Kern ist der ei- gentliche beste Verstand. Recht verstaͤndig sind nun also die Menschen, die ihren zwiebelartigen Ver- stand durch lange Uebung so abgerichtet haben, daß sie jeden Gedanken, nicht nur mit den aͤußern Haͤu- ten, sondern auch mit dem innern Kerne denken. Bei den meisten Leuten aber, wenn sie auch die Haͤnde vor den Kopf halten, ist nur die oberste Haut in einiger Bewegung, und sie wissen es gar Der Blaubart . nicht einmal, daß sie noch mehrere Arten von Ver- stand haben, und so ist Bruder Anton. Ha ha ha! das ist lustig! Zwiebel und Verstand, das ist eine artige Vorstellung. — Und wie denkt denn Bruder Leopold? Gar nicht! er denkt nur mit der Zunge; wie andre Menschen essen, um zu leben, so spricht er unaufhoͤrlich, damit er nur etwas zu denken hat, und was er gesprochen hat, hat er auch in demselben Augenblick wieder vergessen, in- dem er es von der Zunge geschuͤttelt hat; seine Gedanken sind wie der Spargel, der abgeschnitten wird, so wie man nur die gruͤne Spitze aus der Erde bemerkt, er schießt noch bis im Sommer, dann laͤßt man ihn Saamen treiben; um die Zeit wird Bruder Leopold nicht viel mehr sprechen und denken, und die Leute werden von ihm sagen: das ist ein vortreflicher Hausvater! Aber wie denkst du denn? Ich? — das ist eben die Schwie- rigkeit und meine Unruhe, — seht, es ist schwer zu denken, auf welche Art man denkt: denn, ver- steht das, was gedacht wird, soll denken; ein Ca- sus, der einen sonst ganz vernuͤnftigen Menschen wohl toll machen koͤnnte. Wie so? Siehst du, jetzt verstehst du mich gar nicht, weil du auf diesen Gedanken noch gar nicht gekommen bist. — Suche zu begreifen: ich denke, und mit dem Zeuge, womit ich denke, soll ich denken, wie dieses Zeug selbst beschaffen sei. Zweite Abtheilung . Es ist pur unmoͤglich. Denn das, was denkt, kann nicht durch sich selbst gedacht werden. Es ist wahr, daruͤber koͤnnte man wirklich toll werden. Nun seht Ihr, und doch fragt Ihr immer noch, warum ich melankolisch bin. Ein Arzt tritt ein. Verzeiht, meine Fraͤulein, ich ritt eben vorbei — wie geht es Euch, Junker! Gut in so weit, ich habe Eure Sachen gebraucht, es hilft fuͤr den Magen, aber nicht fuͤr den Verstand. Wie kommt Ihr darauf, daß die Me- dizin fuͤr den Verstand seyn koͤnnte? Aber je besser mein Magen wird, je schwaͤcher wird mein Verstand. Das ist nicht anders. So werd ich ja aber auf der einen Seite nur krank, wenn auf der andern die Gesund- heit anschießt. Freilich wohl. So ist man am Ende in der schoͤn- sten Bluͤte der Gesundheit, wenn man schon in den letzten Zuͤgen liegt. Das kann wohl seyn. (zu den Schwestern). Nun, seht Ihr, und man soll nicht melankolisch werden. Der Magen ist nichts als ein Gegen- bild zum Kopfe, ja ich moͤchte sagen, ein Vater des Kopfes. Wenn der Magen tuͤchtig denkt, und Der Blaubart . sich an den Speisen uͤbt, und immer neue fordert, und dieses wiederholten Studiums nicht uͤberdruͤ- ßig werden kann, so steht der Kopf unter der Vor- mundschaft, und ist gleichsam nur ein Bedienter seines Herrn Vaters; wird er muͤndig gesprochen und die Herrschaft faͤllt ihm zu, so macht er sich gierig uͤber die Nahrung her, die ihm gefaͤllt, er denkt unermuͤdet und sucht immer nach neuen Ideen, indeß sein armer alter Vater unter ihm zusammen schrumpft, und es am Ende sehr uͤbel nimmt, wenn man ihm nur irgend eine Speise zumuthet. (lacht uͤberlaut). Noch nie habe ich eine so lustige Philosophie gehoͤrt, — der Magen ein Vater, — der Verstand eine Zwiebel. (fuͤhlt Simons Puls) Ich habt nicht gut geschlafen. Ach nein, — es liegt mir bestaͤn- dig etwas im Kopfe, — Was denn? Seht, der Mensch kann alle An- lagen entwickeln, die in ihm liegen, alle seine dun- keln Empfindungen aufklaͤren, — ob man es denn gar nicht bis zum Prophezeien sollte bringen koͤnnen! Ja, lieber Ritter — Es hat aber doch schon Propheten gegeben, und vielleicht hat man ihrer noch jetzt, und vielleicht kann man einer werden, wenn man nur auf den richtigen Weg geraͤth. Das ist nur Schimaͤre. Und dann aͤngstigts mich so oft, warum eine Sache gerade so und nicht anders ist. Zweite Abtheilung . Wie meint Ihr? Seht, diese Thuͤr geht nach außen hinaus, wenn man sie aufmacht; warum koͤnnte sie nicht eben so gut ins Zimmer herein gehn? Da habt Ihr Recht; — aber auf ir- gend eine Art muß sie doch beschaffen seyn. Wer laͤugnet das? — Und manch- mal ist mir, als muͤßt ich durchaus auf meine Puls- schlaͤge Acht geben, und als wuͤrde bei dem einen ploͤtzlich eine schmerzhafte Krankheit ausbrechen. Ihr muͤßt die Pulver nehmen. Manchmal muß ich einen halben Tag hinter einander funfzehn zaͤhlen. Und den Trank. — Manchmal, als waͤret Ihr mit al- len Euren Arzneien nur ein Narr. (setzt sich). Ja, da muß ich Euch nur noch Pillen verschreiben. — ( reibt) Und nun lebt wohl, ich besuche Euch bald wieder. (ab.) Es ist nichts mit ihm anzufangen. (geht ab.) Anton (kommt zuruͤck.) So eben ist ein Bote bei uns ein- geritten, der uns einen Besuch meldet, den Rit- ter Hugo vom Wolfsbrunn. Ei! da kriegen wir ja auch einmal den Blaubart zu sehn! Wie ungezogen! Geht in Euer Zim- mer und schmuͤckt Euch so gut Ihr koͤnnt, denn wir Der Blaubart . wir muͤssen ihn hoͤflich und anstaͤndig empfangen. Ich will ihm entgegen. (ab.) Komm, Schwesterchen, so faͤllt doch Gottlob einmal etwas Neues vor. Komm, hilf mir beim Putz, du bist gar geschickt und verstaͤn- dig. (sie gehn.) Zweite Scene . ( Burg Marloff .) Hans von Marloff, Brigitte . Aber Ihr kehrt doch bald zuruͤck, lieber Vater? Sobald es das Ceremoniel, der Wohlstand, die Ehre erlaubt, Kind. Es ist keine Kleinigkeit, meine Tochter; Agnes ist meine Pathe und Hugo vom Wolfsbrunn, ein angesehener rei- cher Rittersmann will um sie werben, und das muß ich jetzt, verstehst du mich, vollends zu Stande bringen. Der Ritter hat sich noch nicht voͤllig erklaͤrt, aber mir ein Sendschreiben zugesandt, worinnen er um mein Fuͤrwort bei dem Fraͤulein und den Gebruͤdern hoͤflichst ansucht. Mir ist bange, da Ihr mich so allein laßt. Dir sollte nicht bange seyn, meine Tochter, denn mein Seegen bleibt bei dir zuruͤck. II . [ 4 ] Zweite Abtheilung . Bleib nur fein fleißig in deinen Zimmern, ich habe auch dem alten Caspar schon Auftraͤge daruͤber gegeben, er ist ein alter und ein uͤberaus verstaͤn- diger Mann. Geh also nicht aus, mein Kind, denn man kann manchmal nicht wissen, wie Un- gluͤck entsteht, es ist oft fruͤher da, als wir es gewahr werden, und indem wir es gewahr werden, ist es gewoͤhnlich zu spaͤt, es zu vermeiden: siehe, so lauten meine Grundsaͤtze daruͤber. Aber in den Burggarten darf ich doch kommen? Das wird dir immer unverwehrt bleiben, meine Tochter, denn dort bist du voͤllig gesichert, dort kann dir Niemand etwas anhaben. Ich bin sonst schon alt und schwach, aber ich habe denn doch die Vorsicht eines Vaters, und eine solche Vorsicht sieht weit, wenn ich aber abwesend bin, mußt du selbst huͤbsch vorsichtig seyn. Ich will es gewiß. Der Leopold von Friedheim, er hat dir schon einigemal nachgestellt, huͤte dich besonders vor ihm. Warum? Ich sollte meinen, daß ich mich vor dem nicht zu huͤten brauchte. Du liebe Einfalt! Gerade am mei- sten, Kind. Ja, was sag ich, am meisten? Am allermeisten! — Du liebst ihn doch nicht? Du hast ihm doch nicht dein Herz gegeben? Denn du weißt, daß ich diese Heirath niemals zugeben wuͤrde. Ach, lieber Vater, wie sollt' ich jemand anders lieben, als Euch? Der Blaubart . Ich will dir glauben, denn du hast mich noch nie betrogen. — Nun, so lebe denn wohl, meine Tochter, ich weiß nichts mehr, was ich dir noch sagen koͤnnte. — Bleibe immer gehor- sam, folgsam deinem Vater, und es wird dir im- mer wohl auf Erden gehn. Lebt wohl. (sie umarmen sich.) Caspar! Caspar tritt auf. Caspar, ist mein Pferd nunmehr be- reit? Ist alles im gehoͤrigen Zustande? Ja, Herr. Und sind alle die noͤthigen Sachen eingepackt? Und daß nichts versehrt wird, wenn es etwa regnen sollte? Die goldnen Strumpfbaͤnder, die seidenen Baͤnder? Die Gedichte? Hab alles selbst besorgt, Herr. Nun, dann ist es gut. — Du hast die Schluͤssel zu der ganzen Burg, Caspar? Ja, Herr. Und du hast versprochen, auf meine Tochter ein wachsames Auge zu haben? Das hab ich, Herr. Nun, so kann ich denn in Gottes Namen abreisen. — Das Abreisen wird mir doch sauer, Caspar. Ihr seyd lange nicht aus eurem Schlosse gekommen, Herr. Sollts das wohl seyn, Caspar? Mir ist so truͤbe vor den Augen. Zweite Abtheilung . Da sind wir immer denselben Weg vom Thurm um den Wall gegangen, da haben wir mal im Forst einem Haasen aufgelauert, da hat Euch das Fraͤulein von den Roͤmischen Bur- gemeistern und von Troja vorgelesen, und so einen Tag wie alle Tage, und damit seid Ihr gleichsam hier ganz eingerostet, Herr. Und du glaubst an keine boͤsen Ahn- dungen, Caspar? Man kann eben nicht wissen, wie es damit ist, und darum glaub ich halt nicht daran, Herr: seht, das ist so mein Grundsatz daruͤber. Hast recht, Caspar, wenn man es sich genau uͤberlegt. — Nun, so lebt wohl! — Ade, meine Tochter, denk fleißig an meine Leh- ren. — Komm, Caspar, hilf mir zu Pferd. (beide gehn ab.) (allein) Vor Leopold soll ich mich huͤten? — Dann muß man sich gewiß vor allen Menschen huͤten, auch vor den allerbesten, denn er ist doch die Liebe und Unschuld selbst. Aber das Alter sieht alles mit andern Augen an, und die Jugend weiß daruͤber nicht, was sie denken soll. (geht ab.) Der Blaubart . Dritte Scene . Garten) . Hugo , Agnes . Ihr seid sehr dringend, Herr Ritter. Wie soll ich es anders anfangen, Eure Liebe zu gewinnen? Liebt Ihr mich denn, wie Ihr sagt? Von Herzen, mein Fraͤulein. Was nennt Ihr aber Liebe? Wenn Ihr es nicht empfindet, so laͤßt sichs unmoͤglich beschreiben. Das hoͤr ich von allen, die sich fuͤr verliebt ausgeben. Weil es die Wahrheit ist; oder zweifelt Ihr an meiner Aufrichtigkeit? Das nun eben nicht, — allein — Anton tritt zu ihnen. Ich mache schlechtes Gluͤck mit mei- ner Bewerbung, Herr Ritter. Wie das? Eure schoͤne Schwester glaubt mei- nen Worten nicht. Wie Ihr es auch ausdeutet. Seht, ich bin kein Redner, ein recht- licher, schlichter Mann, unter Waffen und Getuͤm- mel aufgewachsen, darum stehn mir schoͤne und Zweite Abtheilung . suͤße Reden nicht zu Gebot; ich kann nur sagen: ich liebe! und damit ist meine ganze Redekunst zu Ende. Aber man sollte auf die Worte solcher Leute, die nicht viel zu sprechen verstehn, mehr achten, als auf die Reden derjenigen, welche taͤg- lich mit schoͤngewandten Phrasen handeln und be- truͤgen. Wenn ich mich nicht zierlich auszudruͤcken weiß, so bin ich doch wenigstens in der Kunst der Luͤgen unerfahren, und das ist nach meiner Mei- nung schon immer einiges Verdienst. Darum muͤßt Ihr mir auf mein Wort glauben, wenn ich Euch sage, daß ich Euch recht von Herzen liebe. Und wenn ich Euch glaube? Seltsame Frage! dann muͤßt Ihr mich von Herzen wieder lieben. — Oder, ist Euch vielleicht, — wie soll ich mich ausdruͤcken? — meine Gestalt, mein Wesen nicht angenehm genug, oder vielmehr widerwaͤrtig? Es ist wahr, ich kann etwas Seltsames an mir haben, das den Leuten auffaͤllt, ehe sie mich naͤher kennen, aber das sollte doch nicht die Ursach seyn, einen Mann zu ver- stoßen, der es sonst redlich meint. Ihr werdet zugeben, daß Redlichkeit mehr werth ist, als eine schoͤne Außenseite. Wenn ich also auch, wie die Leute von mir sagen wollen, einen blaͤulichen, oder blauen Bart habe, so ist das doch immer noch besser, als wenn ich ganz ohne Bart auf die Freye- rei ginge. Nun, Schwester! Ihr glaubt vielleicht — das ist aber ein menschenfeindlicher Aberglaube — ich muͤsse des- Der Blaubart . wegen auch innerlich anders seyn, wie die uͤbrigen Menschen, und geringer, weil, wie gesagt, mein Bart nicht von der besten Farbe ist. Die Damen wissen ja die Farbe ihrer Haare zu verbessern, und Euch zu Gefallen will ich mich auch auf derglei- chen Kuͤnste legen. Zeigt mir den Mann, der mehr fuͤr Euch zu thun gesonnen waͤre! Ihr legt mein Zoͤgern unrecht aus. Ihr koͤnnt nur Ja oder Nein sagen, das Uebrige, was dazwischen liegt, ist nur zu die- sen Worten eine Vorbereitung. — Ich habe schon mehr Weiber gehabt, und ich sollte es freilich ge- wohnt sein, daß sie ihre Meinung vor der Hoch- zeit immer nur durch einen Umweg zu erkennen geben, nachher ist ihre Art zu sprechen desto kuͤr- zer und verstaͤndlicher. — Nun, mein Fraͤulein? Ihr muͤßt mir noch Zeit lassen — Auch vor der Einsamkeit auf Eurem Schlosse fuͤrchte ich mich etwas. Dem laͤßt sich bald abhelfen; wenn ich Euch nicht genug bin, so wollen wir Gesell- schaft bitten, Menschen von aller Art, Ihr wer- det ihrer bald uͤberdruͤßig werden. Aber Euch soll die Zeit nicht lang waͤhren. Wenn Ihr Neuig- keiten, oder seltsame Kostbarkeiten liebt, so findet Ihr auf meinem Schlosse mancherlei, das wohl der Betrachtung wuͤrdig ist, und mit dem Ihr nicht so bald zu Ende kommt. Auf meinen Rei- sen und in vielen Fehden habe ich mancherlei er- beutet, das mich selbst in manchen Stunden noch ergoͤtzt. Zweite Abtheilung . Duͤrfte ich meine Schwester Anne wohl mit mir nehmen? Wenn sie Euch folgen will, mit vie- len Freuden. Ihr seid also so gut als richtig? Es sieht fast so aus. — Nun habt Ihr mir das Herz leicht gemacht. Man muß nur nicht verzagen, so siegt man am Ende doch. (sie gehn ab.) Simon, Anne . Du bist heut ungemein mißvergnuͤgt, Bruder. Was soll man anders seyn? Ich finde keine Ruhe in mir selber; alles ist mir zu- wider, und wenn es mir manchmal vorkoͤmmt, als wuͤrde sich jetzt ein Raͤthsel aufloͤsen, so verfliegt alles im Augenblicke wieder. Aber warum heftest du auch deinen Geist immer so auf einen Gedanken? Frage doch, warum er sich selbst so heftet? Ich kann dabei nichts thun und lassen. — Ich moͤchte lachen, denn dieser sogenannte Geist ist ja Niemand anders, als ich selbst. Es ist mit Dir nicht zu sprechen, — man hat doch Gewalt uͤber sich. Das sagt der Arzt auch immer, und bei Euch andern, die Ihr in einer unbegreif- lichen Traͤgheit fortlebt, mags auch wohl wahr seyn, denn Euch liegt nichts ernsthaft am Herzen; Der Blaubart . Ihr koͤnnt euch leicht zwingen, weil Ihr im Grunde gar nichts wollt. Der Geist ist nur ein Diener Eures Koͤrpers, eine fast unnoͤthige Zugabe zu dem Dinge, das da ißt und trinkt, folglich, wenn Ihr von Euch selbst sprecht, so meint Ihr immer je- mand anders, im Grunde Eure Launen, Euren Appetit; diesem thut Ihr alles zu Gefallen, ihm zu Gefallen denkt und sorgt Ihr nicht, ihn auf- recht zu erhalten zerstreut Ihr Euch, wie Ihr es nennt. Wenn Ihr also von Eurem Ich sprecht, so meint Ihr nur Euren Magen, Ihr koͤnnt nicht ernsthaft an Euch selbst denken, ohne daß Ihr so- gleich mit einem Seufzer dazwischen rennt: ach! heute Mittag wird mir gewiß das Essen nicht schmecken! und so Euren Sinn gewaltsam wieder von Euch abwendet. Ach, Bruder, ich verstehe dich recht gut, und das Schlimmste ist, daß Du Recht hast. Wann haͤtte ich denn wohl Unrecht? Ihr gebt Euch nur niemals die Muͤhe, mich zu verstehn. Alle Gedanken, die Euch nicht gefallen, moͤchtet Ihr gar zu gern fuͤr Unsinn ausgeben, damit Ihr nur behaupten koͤnnet, das Leben sei doch etwas werth. Alle Menschen wuͤrden melan- kolisch seyn, wenn sie sich nur vor ihren Nichts- wuͤrdigkeiten die Zeit dazu ließen. — Da koͤmmt der Arzt schon wieder, und meint, wenn ich nur seine Pulver nehmen wollte, wuͤrde es schon besser mit mir werden. Zweite Abtheilung . Der Arzt zu den Vorigen. Ich freue mich, Euch wohl zu sehn, mein Fraͤulein. Und wie geht es Euch? Soll ich wieder klagen? Soll ich Euch weitlaͤufig meine Empfindungen schildern? Ihr versteht mich nicht, und koͤnnt also auch nicht daran glauben. Wozu soll ich immer in den Wind reden! Daß jeder Kranke doch immer glaubt, er sei nur der einzige auf der Welt, der solche Art zu empfinden habe! Nun, koͤnnt Ihr mir zu dem ver- helfen, was ich wuͤnsche? — Koͤnnt Ihr machen, daß ich die Zukunft ergruͤnde, wie ein Exempel, das ich berechne? Wohlan, dann will ich das Le- ben und Eure Kunst fuͤr etwas halten. Ihr muͤßt Euch dergleichen Gedanken aus dem Sinn schlagen. Nun, seht Ihr wohl? Dieser Wunsch koͤmmt Euch als etwas ganz Abgeschmack- tes vor, folglich ist Euch diese Empfindung noch niemals nahe getreten, denn sonst wuͤrdet Ihr mir nicht so antworten, folglich versteht Ihr mich nicht, folglich koͤnnt Ihr mich auch nicht heilen. Wenn ich Euch auch das Uebrige zu- gebe, warum sollte ich Euch nicht heilen koͤnnen? Ach, Ihr seid — ein Arzt! — Es ist gut, daß Ihr mich selbst durch dergleichen Re- den nicht aufbringen koͤnnt, weil es mir immer gar zu gegenwaͤrtig ist, wie Ihr meinen Zustand anseht. Ich will naͤchstens eine Reise antreten, Der Blaubart . vielleicht finde ich Leute, die mich besser verstehn. Wie Ihr wollt. Hugo zu den Vorigen. Mein Fraͤulein, Eure Schwester wuͤnscht Euch zu sprechen. Sie hat eine Bitte an Euch. Ich gehe, sie aufzusuchen. (ab.) Und Ihr seid noch immer so finster, Junker? — Ihr solltet heirathen, die Liebe wuͤrde Euch wie eine Sonne aufgehn, und Ihr wuͤrdet dann die Welt nicht mehr so dunkel finden. Er sollte nur Arznei nehmen, so wuͤrde er schon besser werden. Koͤnnt ich ihn nur von der Verachtung gegen meine Wissenschaft heilen, so waͤre schon das meist. geschehn. Vielleicht ist eine ungluͤckliche Liebe an Eurem Zustande Schuld. Ach nein! Er hat gewiß schon seit mehreren Jahren keine Diaͤt gehalten, und da raͤcht sich die Natur nachher. Sucht Euch ein schoͤnes Maͤdchen aus. Es sind nur Unordnungen im Un- terleibe. Ihr scheint ein verstaͤndiger Mann, nehmt Euch meines Freundes an. Er laͤßt sich nicht rathen. Es wird noch mit ihm besser werden, wenn er nur erst heirathet. Ihr seid ein schlechter Prophet, Herr Ritter. — Seht, Doktor, alle Leute geben Zweite Abtheilung . sich mit Prophezeien ab, sie thun nichts lieber als die Zukunft vorher sagen, und doch findet Ihr es bei mir so sonderbar, daß ich auf diesen Wunsch verfallen bin. Sie meinen alle, sie haben Recht, und meine Krankheit besteht bloß in einer zu gro- ßen Bescheidenheit, daß ich selbst an meine Pro- phezeiungen nicht glaube, ich darf nur mehr Ver- trauen haben, und ich bin so gesund wie die uͤbri- gen Menschen. (geht ab.) Ein seltsamer Charakter! Er hat sich, moͤcht ich sagen, in dem Hang zum Wunderbaren, den jeder Mensch in sich spuͤrt, uͤbergessen, und dadurch sind ihm diese Unverdaulichkeiten entstanden. Was koͤnnte aber dagegen helfen? Ein tuͤchtiges Vomitiv, irgend eine ge- waltsame Veraͤnderung seiner Lebensart, viel Thaͤ- tigkeit, Umgang mit vielen vernuͤnftigen Leuten. Jede Tollheit ist nichts, als ein Rostfleck im Ei- sen, er muß wieder herunter geschliffen werden. Allen unverstaͤndigen Leuten fehlt es nur an gutem Willen, um wieder verstaͤndig zu werden. Giebt es keine Arzenei, keine zusam- menziehende Mittel, um diesen schlaff gewordenen Willen wieder anzuspannen? Bis jetzt ist noch nichts entdeckt, die Philosophie geht auf Praͤparate aus, aber es ist ihr nur auch noch wenig gelungen. Sagt mir einmal, Eure Kunst ist ein weites Gebiet, — Ihr wißt gewiß manches Der Blaubart . Geheimniß, — ich wollte Euch in einer Sache um Rath fragen. Ich stehe zu Eurem Befehl. Ich weiß nicht, — ich mag ungern davon sprechen, — und es macht mich boͤse. — Herr Ritter — Nun, seid nur still, seid ruhig, ich will mich in Acht nehmen, daß ich nicht zornig werde, aber hoͤrt mir ruhig zu: — die Leute sa- gen, ich haͤtte einen blauen Bart, — ich weiß nicht, ich sehe eben nicht viel in den Spiegel, — betrachtet mich einmal genau, und sagt mir die aufrichtige Wahrheit. Ich koͤnnte eben nicht sagen, — ich muß Euch gestehn, es koͤmmt viel auf die Beleuch- tung an, — blau eben nicht, das nun wohl nicht, — aber so gleichsam blaͤulich, — aber es verstellt Euer Ansehn gar nicht, im Gegentheil, es giebt Euch ein gewisses maͤnnliches Wesen. Man sagt mir doch, es waͤre wi- derlich. Nicht im mindesten, und gewiß, wenn Ihr im Schatten steht, sieht Euer Bart aus, wie jeder andre Bart, — und wer nicht ein recht schar- fes Gesicht hat, findet auch in der Sonne keinen Unterschied. Nun mags seyn, wies will; wißt Ihr kein Mittel dagegen? Die Arbeiter in den Kupferwerken kriegen gruͤnes Haar; aber Ihr habt den Scha- den von Natur? Nicht wahr? Zweite Abtheilung . Ja doch. Nun, gruͤn koͤnnten wir ihn bald kriegen, aber damit waͤre Euch auch nicht gedient, eine Fruͤhlingskur, oder ein Eisenbad koͤnnten ihn gar scheckig machen, halb roth, halb blau, — die Kunst ist hier sehr beschraͤnkt, — aber seid nur getrost, mit dem Alter, so wie das Haar etwas ergraut, wird Euer Bart binnen wenigen Jahren noch lichter oder himmelblau werden, dann in das Muͤllerblau fallen, und so unvermerkt in die ehr- wuͤrdige und unanstoͤßige weiße Farbe. (fuͤr sich.) Himmelblau! Muͤllerblau! — (laut.) Luͤmmel von Arzt! (geht schnell ab.) Es giebt wunderliche Menschen! (von der andern Seite ab.) Simon, Anton . Du weißt nie recht, was du willst. Sei geduldig, Bruder, ich kann doch nicht dafuͤr, daß ich so bin. Das kann jeder Narr fuͤr sich sagen. Was wuͤrde daraus werden, wenn ich eben so hitzig waͤre, als du? Waͤrest du das, so waͤrest du auch nicht ein solcher Traͤumer. Man kann nicht wissen, wie ich in dem Falle gebaut waͤre. — Aber, wie gesagt, ich traue ihm nicht, ich glaube, daß unsre Schwe- ster mit ihm ungluͤcklich seyn wird. Und was hast du denn fuͤr Gruͤnde? Sieh nur fuͤrs erste sein Gesicht Der Blaubart . an. — Faͤllt dir wirklich nichts dabei ein? Kriegst du kein Mißtrauen gegen ihn? Wendet sich dir das Herz nicht um? Possen. Und dann hat er mehrere Frauen ge- habt, und sie sind immer sehr schnell wieder gestorben. Aber Agnes kann ihn uͤberleben; er ist reich, er hat mehrere Schloͤsser, viel Gold und Juwelen, sie ist gut bei ihm versorgt. Nun, wenn sie selber will, so mags darum seyn. — Aber ich habe in dieser Nacht einen wunderbaren Traum gehabt; wenn du gedul- dig seyn willst, so will ich ihn Dir erzaͤhlen. Sprich nur. Wie es geschah, weiß ich nicht, aber ich ward im Schlafe sehr bedraͤngt und ge- aͤngstigt, daruͤber griff ich endlich nach meinem Schwerdte, um mir Ruhe zu verschaffen. Ich lief wuͤthend herum, und traf auf den Ritter Hugo; er war mir noch mehr zuwider als sonst, und ohne daß ich mir bewußt war, wie es so weit kam, hatt ich ihn bei der Schulter ergriffen, und stieß ihm mit großer Herzensangst das Schwerdt durch die Brust, er fiel auf den Boden und ich war ruhig. — Das Seltsamste ist, daß ich nun seit dem Erwachen unaufhoͤrlich an diesen Traum denke, und ich muß es dir gestehn, Bruder, so wie ich den Ritter vor mir sehe, wandelt mich eine unbeschreibliche Lust an, ihm mit dem Schwerdte eins zu versetzen; ich kann mich dann kaum halten, ich denke es mir sogleich als das groͤßte Vergnuͤ- Zweite Abtheilung . gen, zu fuͤhlen, wie ihm der Degen im Leibe um- gekehrt wird. — Mir ist schon ein Grausen daruͤ- ber angekommen. — Ist das nicht sonderbar? Toll ist es! Dumm ist es! Vorige , Hugo mit Hans von Marloff. Hier bringe ich Euch, edler Ritter, meinen lieben Freiwerber, der fuͤr mich sprechen will. Ich freue mich, Euch einmal wieder zu sehn. Ich bin des Reitens nicht mehr gewohnt, und ordentlich ganz muͤde. — Ihr seid wohl? Vollkommen. Und meine liebe Pathe? Ihr wißt doch, ich bin bei Eurer Schwester Agnes Gevat- ter gestanden? Sie wird sich freuen, Euch zu sehn. Ach sie war schon damals ein gar liebes Kind. (mit der Hand an den Degen, leise zu An- ton) Wie ich dir vorher sagte, Bruder. Ich rathe Dir Gutes! — Aber kommt hinein, in den Saal, da wollen wir uns niedersetzen, und da will ich Euch dann meine Rede, wie es sich schickt und gebuͤhrt, vorbringen, denn ich nehme keine Notiz davon, daß Ihr schon so gut wie richtig seid; Ordnung muß walten. (gehn.) Anne , Agnes . Du koͤnntest mich fast mit melanko- lisch machen, liebe Schwester. Anne . Der Blaubart . O sein Vater, der eben angekommen ist, hat alles in mir erneut und sein Bild wieder lebhaft vor meine Seele gerufen. — O, Reinhold, Geliebtester, soll ich dich nie wieder sehn? — Ja, liebe Schwester, ich will mit Dir ziehn, aber wir muͤssen in der Einsamkeit recht viel von ihm, von Reinhold sprechen. Wie du willst, Schwester. Ich freue mich darauf, denn unser Bruder Anton ist hart und unfreundlich, er ver- steht die Empfindungen des Herzens nicht, seine Gegenwart bedraͤngt mich, und ich wage es nicht, so zu seyn, wie ich meiner Natur nach bin. Aber komm, liebe Agnes, wir muͤssen hinein gehn, denn alle werden uns erwarten. Der alte Ritter Hans will uns al- len eine feierliche Rede halten und um mich anwer- ben. Was man sich immer zwingen muß, bei so vielen Dingen ernsthaft zu bleiben! (gehn ab.) II. [ 5 ] Zweite Abtheilung . Dritter Akt . Erste Scene . ( Feld .) Der Rathgeber, Claus welcher einen Korb traͤgt. Hier wollen wir eine Weile ruhn; wir kommen immer noch fruͤh genug. Setzt Euch, hier ist Schatten. — Das Botenlaufen will mir und meiner Kruͤcke gleich wenig bekommen. Ja, so ist das menschliche Schicksal, es koͤmmt wohl vor, daß man die Dienste wechseln muß. Was sprichst Du von Dienst? Ich habe nie gedient. Nun, nennt es, wie Ihr wollt. Unsre Herren sind todt, und es ist doch gut, daß sich der Blaubart unsrer annehmen will, so duͤr- fen doch unsre Talente nicht betteln gehn. — Da, hier, trinkt eins auf des Blaubarts Gesundheit; eßt, wir haben ja noch Vorrath; dieser Rasen sey unser Tisch und Stuhl. Ich hatte mich da in dem Schlosse so eingewohnt. — Die Zeiten sind vorbei. — Aber ich Der Blaubart . bin doch neugierig, — sagt mir einmal, so lange ich Euch kenne und weiß, habe ich Euch immer den Rathgeber nennen hoͤren, wie heißt Ihr denn eigentlich? Oder habt Ihr etwa keinen andern Namen? Narr, ich keinen andern Na- men? — Ich hatte sonst einmal einen ganz vor- treflichen Namen, aber ich muß dir gestehn, durch die Laͤnge der Zeit hab ich ihn fast vergessen, ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern. — So gehts dem menschlichen Geiste. Ich habe mich an- gewoͤhnt, immer nach dem Titel Rathgeber zu hoͤ- ren und mich selbst so zu denken, — wart! — Ferdinand von Eckstein hieß ich ehemals. — Ja. — Aber die Zeiten sind freilich voruͤber. Die Ge- wohnheit, sagt man wohl mit Recht, ist unsre zweite Natnr; wenn ich jetzt nur von Rath reden hoͤre, oder so im Sprichwort: hier ist guter Rath theuer, — guter Rath koͤmmt hinten nach, — so denk ich immer dabei an mich. Geht es mir denn anders? Man darf nur von irgend einem Narren in Afrika spre- chen, so ist mir gleich, als wenn nothwendig von mir die Rede seyn muͤste. So hat man gar keine rechte Ruhe im Leben. Sagt mir nur, wozu man getauft wird, wenn der Taufname gar nicht ge- braucht werden soll? Es ist unrecht. Seht Euch nur etwas vor, ich glaube, der Blaubart wird ein scharfes Examen mit Euch anstellen. Zweite Abtheilung . Lieber Gott, was kann er fra- gen, worauf ich nicht eine Antwort zu geben wuͤßte! Da muͤßt Ihr in Eurem Berufe gut beschlagen seyn. Ein Narr, wie Du, kann so etwas freilich nicht begreifen. — Es aͤrgert mich nur, daß ich so mit Dir in Gesellschaft reisen muß, mit dieser armseligen Gelegenheit; was wer- den die Leute denken? Sie werden Euch fuͤr einen blinden Passagier halten, der grade nicht Weisheit genug bei sich hat, um auf eine bessere Art fortzukommen. Wir sollten wenigstens die große Landstraße meiden. Narrheit geht nie anders. — Narr- heit mit Weisheit, das ist die beste Gesellschaft. Ja, fuͤr den Narren, aber der weise Mann koͤmmt sehr dabei zu kurz. Ihr duͤrft ja nur an mir ein Bei- spiel nehmen, um immer noch mehr Abscheu vor der Narrheit zu bekommen. — Nun, eßt, eßt und trinkt und laßt es Euch wohl schmecken. Ulrich zu den Vorigen . Das ist ein verdammter Auftrag, den mir mein Herr gegeben hat, zu lauern, zu spaͤhen, Geruͤchte einzuziehen, mit einem Worte zu spionieren, was niemals meines Thuns gewesen ist. Da will er im Gebirge auf mich warten, bis ich ihm Nachricht bringen kann, ob sein Vater Der Blaubart . auf Marloff noch lebt, wie es in Friedheim steht, und doch soll ich den Orten nicht zu nahe kommen, daß man nichts merkt. Und, weiß der Satan, allenthalben, statt daß ich die Leute ausfrage, fra- gen sie mich aus, man sieht mirs an der Nase an, daß ich aus der Fremde komme, und ehe ichs mir versehe, sitze ich bis uͤber die Ohren im Erzaͤhlen anstatt zuzuhoͤren. Ei sieh, da ist ja Gesellschaft. Guten Tag, Landsleute. Schoͤn Dank. Woher des Wegs! Weit her, kleines freundliches Maͤnnel. Das sieht man, Ihr seid von der Sonne verbrannt, kommt vielleicht gar aus dem Orient. Richtig, aus dem gelobten Lande, da haben wir die Heiden ein bissel gejagt, daß sies gespuͤrt haben, und mein Herr — (fuͤr sich.) Schau, schau, alter Schwaͤtzer, bist wieder auf dem graden Wege alles auszuplaudern. Wer ist Euer Herr? Das bleibt noch fuͤrs erste ein Ge- heimniß. — Aber sagt, wißt Ihr, wo Marloff oder Friedheim zu liegt? Wir sind hier auch fremd; setzt Euch doch zu uns, und nehmt mit unsrer laͤndli- chen Mahlzeit vorlieb. Herzlich gern. Da komm ich ja unversehens in eine besondre Compagnie. Wer seid Ihr denn? Wir sind Reisende, die auf der Land- Zweite Abtheilung . straße fortzukommen suchen, bis sie den Ort ihrer Bestimmung erreicht haben. Ach so! Winfred zu den Vorigen, in bunter Tracht. Das ist ein lustiges Leben. Er hat sich als Meistersaͤnger verkleidet, und ich bin sein Jongleur, und so haben wir schon Kirmsen und Jahrmaͤrkte besucht, Haͤndel gehabt, Spaß gemacht und tausend Narrheiten getrieben. Es wollen sich aber immer noch nicht die rechten Aben- theuer finden lassen, die großen, gefaͤhrlichen, die Ruhm eintragen. — Hier ist ja doch der Ort, wo ich ihn erwarten sollte. Ja, richtig, bei der Eiche auf diesem Huͤgel. — Was ist denn das fuͤr eine ehrbare Gesellschaft dort? Nichts mag ich lieber, als die Leute schrauben; man glaubt nicht, wie selten der Witz in der Welt ist, die wenigsten mer- ken es nur. So ist es. Nun hab ich Euch alles gesagt, denn Ihr seid ehrbare Leute, die den Fremden nicht ausforschen wollen: wer mir nun aber wieder mit einer naseweisen Frage angesto- chen kommt, der soll es mit mir zu thun haben. Guten Tag, Freunde. Wuͤnsche guten Appetit. Danken. Ha ha ha! Eine possierliche Fi- gur, der kleine pucklichte Zwerg! Und der Alte sieht aus wie die Zeit mit seinem ehrwuͤrdigen Der Blaubart . Bart, wie Saturn, der eben einige Kinder gefres- sen hat, oder dem sie Steine untergeschoben haben, die er nur schwer verdauen kann. Wer seid Ihr denn, lustiger Camerad? Ich bin nicht dein Camerad, wenn ich auch dies buntfarbige Kleid trage; ich diene beim groͤßten Saͤnger im Deutschen Reich als Jongleur. Was ist das fuͤr ein Amt? Das bedeutet den, der seine Ge- dichte absingt und deklamirt, und mit den Haͤnden dazu arbeitet, bald die Leute ruͤhrt und zum Wei- nen bringt, dann wieder Lachen erregt, allerhand Spruͤnge und Taͤnze versteht, und sich so im Lande von seiner Kunst und durch seinen Herrn ernaͤhrt. Also ein Hanswurst? Habs gleich gedacht. Toͤlpel, ich will dich lehren, Un- terschiede machen. Nicht so grob, Hanswurst, du hast erst schon uͤber das kleine Maͤnnel gelacht und ge- spottet, huͤte dich, daß du es nicht mit mir zu thun kriegst. Wer bist du, Großsprecher denn? Wohl einer von den Paladinen, Roland, oder Reinald von Mantalban, daß du das Maul so aufreißen darfst? Halunk du! Also wer ich bin, willst du wissen? Und kennst schon meinen Herren Rein- hold, und schimpfst ihn mit Ekelnamen? Gleich mach dich fort! Zweite Abtheilung . (zieht) Hier ist ein Schwerdt, das deinen Trotz verachtet, Bauer du! (packt zusammen) Kommt, Gevatter Rathgeber, hier ist nicht gut weilen. Friede ernaͤhrt, Unfriede ver- zehrt. (beide schnell ab.) Vor dir fuͤrcht ich mich nicht. (sie fechten, Winfred faͤllt.) Siehst? Ich habs dir wohl voraus gesagt, naseweiser Bursche. (ab.) (allein) O weh! o weh! da fließt mein theures Blut! das war ein Hieb, als wenn er mir den Kof herunter schluͤge. O uͤber das verfluchte Abentheuersuchen! O verflucht sei die Stunde, in der ich ausgegangen bin! O weh, um mein Leben ist es gethan. Ich bin dahin. Leopold . koͤmmt. Hier soll er seyn, ich versaͤume die Zeit mit Possen, und erfahre eben erst, daß die Alte jetzt nicht zu Hause ist, und das bei uns großes Hochzeitsfest war. — Wer winselt dort? Seid Ihr es, Junker? Was soll das? Sterbend trefft Ihr mich an, in eurem Dienste bin ich umgekommen, laßt uns hier zaͤrtlichen Abschied nehmen. (verbindet ihm mit einem Tuch den Kopf) Die Wunde scheint nicht gefaͤhrlich, rafft Euch nur auf, Marloff ist nicht weit, es ist die hoͤchste Zeit, daß wir hinkommen. Nun gerade haͤtt ich Eure Dienste noͤthig. Helft mir auf. So, so. Ach, Der Blaubart . mein lieber Leopold, ich habe allen Muth verlo- ren. Das war ein riesenhafter Kerl, der mich so zugerichtet hat. Sacht! Sacht! Lehnt Euch auf mich. Kommt, daß wir wo eintreten koͤnnen und ihr euch erquickt. Verdammter Streich! Was habt Ihr denn gehabt? O weh! o sacht! o sacht! — Das Gaukeln, der Uebermuth sind mir schlecht bekommen. Ich will Euch alles erzaͤhlen, wenn wir unter Dach und Fach sind. (beide ab.) Zweite Scene . (Herberge an der Landstraße.) Hans von Marloff, Anton, Simon, Hugo, Agnes, Anne . So weit haben wir Euch mit Got- tes Huͤlfe begleitet, und nun werden wir unter seinem Schutze wohl zuruͤck reiten muͤssen. Ich danke Euch fuͤr die Ehre, die Ihr mir dadurch erzeigt habt. Daß Euer Bruder Leopold nicht zu Hause war, daß er sogar die Hochzeit seiner Schwester versaͤumt hat, faͤllt mir aus mehr als einer Ursach schwer aufs Herz. Meine Tochter ist allein zu Hause; Herr Ritter ich habe boͤse Ahndungen. Zweite Abtheiluug . Ahndungen muß man nicht trauen, sie hintergehn uns fast immer. Du bist vergnuͤgt, Schwester? Recht sehr, wenn ich Euch nur nicht verlassen duͤrfte. Ja, das ist nicht anders im mensch- lichen Leben, die Zeit bringt die Abwechselungen herbei. Ja wohl. Die Zeit nun wohl nicht, denn, genau genommen, macht ja eben die Folge dieser Abwechselungen das aus, was wir Zeit nennen. Das ist mir zu spitzfindig. Aber noch einmal Musik! — (zum Fenster hinaus) Hoͤrt Ihr Spielleute! Noch eins, der jungen Frau zu Ehren! Huͤbsch lustig mit Trompeten und Pauken — das Jaͤgerlied. (Musik und Gesang hinter der Scene.) Es ging ein Jaͤger wohl auf dem Fang, Trarah! trarah! Das Wildpret sprang die Bahn entlang, Hopsa! hopsa! Die Buͤsche hinab ertoͤnt das Horn, Trarah! trarah! Der Jaͤger er nahm ein Reh aufs Korn, Eiah! eiah! Das schlankste Thierchen im ganzen Wald, Trarah! trarah! Recht dreist huͤpft es ihm entgegen bald, Sieh da! sieh da! Zur gluͤcklichen Stunde ritt ich aus, Trarah! trarah! Der Blaubart . Und bring ein jung Weibel mit mir nach Haus, Hopsa! hopsa! Das ist wohl, traun die beste Jagd, Sa sa! sa sa! Feins Liebchen komm, es wird schon Nacht, Ha ha! Ha ha! Nun lebt wohl, meine werthen Freunde. Ich habe Euch so viel Ehre angethan, als mir in meinen alten Tagen moͤglich war; wenn mein Sohn waͤre hier gewesen, haͤtte alles sollen besser eingerichtet seyn. — Aber der ist vielleicht schon lange todt und begraben. — Nun, lebt wohl, ich habe noch weiten Weg vor mir. (ab.) Adieu, liebe Schwestern: schreibt manchmal, bleibt gesund. Gluͤck auf den Weg! Lebt wohl, lieben Bruͤder. (die Bruͤder gehn, Anne folgt ihnen.) Du hast kein Wort gesprochen, Agnes? Ich muß Euch gestehn, daß mir die Thraͤnen so in die Augen kamen, daß ich un- moͤglich ein Wort sagen konnte. Woruͤber weinst du? Meine Bruͤder, — sie gehn fort, wer weiß, wann ich sie wieder sehe. Ach! wenn man seinen Mann recht lieb hat, muß man Bruͤder und Schwestern dar- uͤber vergessen koͤnnen. — Nun sind wir beide allein: gieb mir einen Kuß, Agnes. (er kuͤßt sie.) Aber, ich bitte Euch, wenn wir weiter reisen, so jagt nicht so mit Eurem Pferde, Zweite Abtheilung . das arme Thier waͤre fast unter Euch zusammen gesunken. Desto mehr wird es sich auf den Stall freuen. Nur, wenn wir recht viel Beschwer- lichkeiten uͤberstanden haben, koͤmmt uns die Ruhe wie Ruhe vor. Laß das, mein Kind. Ihr koͤnntet stuͤrzen. Ich bin schon oft gestuͤrzt, das thut nichts. Ihr macht mir aber solche Angst. Das ist gut, es ist ein Beweis dei- ner Liebe. Wahrlich', da ich jetzt mit Euch allein bin, koͤnnt ich mich vor Euch fuͤrchten. Wirklich? — Nun, das ist mir lieb, so etwas hab ich gern. Aber du wirst dich schon noch ganz an mich gewoͤhnen, Kind. Die Gegend hier herum ist doch recht wuͤste. Die Muͤhle dort unten saust so schauerlich durch die Einsamkeit. — Seht, da rei- ten meine Bruͤder schon den Fels hinauf. Meine Augen tragen nicht so weit. Als ich von dort herunterritt, dacht ich nicht, daß der Ort schon so nahe sei, wo wir Abschied nehmen sollten. Schlage dir das aus dem Sinn. Als ich noch nie gereist war, wuͤnscht ich nichts so sehnlich, als eine recht weite Reise; ich dachte mir in meiner Vorstellung immer nur schoͤne unbegreiflich schoͤne Gegenden, Burgen und Thuͤrme mit wunderbaren Zinnen, mit Gold Der Blaubart . ausgelegte Daͤcher im Schein der Morgensonne funkelnd: steile Berge und weite Aussichten von oben, immer neue Menschengesichter, dichte Waͤl- der, und einsame verschlungene Fußpfade durch das dunkelgruͤne Labyrinth im Widerklang der Nachtigallen: — und nun ist alles so anders, und mir wird immer baͤnger und baͤnger, je mehr ich mich von der gewohnten Heimath entferne. Wir treffen unterwegs noch auf merk- wuͤrdige Gegenden. Seht, wie das Feld wuͤst ist dort- hin, die sandigen, kahlen Huͤgel, uͤber denen die dunkeln Regenwolken stehn. Mein Schloß liegt angenehmer. Es regnet schon, und der Himmel wird immer finsterer. Wir muͤssen wohl aufbrechen, es wird sonst zu spaͤt. Wo ist denn deine Schwester? Rufe sie und hoͤre auf zu wimmern. Komm, unsre Pferde sind auch abgefuͤttert. (sie gehn ab.) Dritte Scene . (Saal mit Thuͤren, im Hintergrunde eine Stiege, die zu einem obern Zimmer fuͤhrt.) Brigitte, Caspar . Nichts! Zimmer und Garten sind genug fuͤr Euch, Fraͤulein; was braucht Ihr da Zweite Abtheilung . auf dem Wall umher zu laufen und zu gaffen? Was giebt es da zu gaffen? Euer Vater hat mir nicht umsonst die Aufsicht uͤber Euch anvertraut, ich will in meiner Rechenschaft, die ich abzulegen habe, Rede stehen koͤnnen. Aber was kann es denn schaden, Griesgram? Und was kann es denn nutzen? (es pocht.) Da wird ans Thor gepocht, geht, geht schleunig in Euer Gemach, daß Euch kein Fremder hier findet. ( Brigitte geht ab, ein Knecht tritt ein.) Da ist ein junger Mann, der Euch zu sprechen begehrt. Laßt ihn ein. (Knecht ab.) Wer kann denn das seyn? Wir halten ja doch nicht so viel Gesellschaft und Umgang, daß uns die Leute so unversehens besuchen sollten. Leopold . kommt herein. Verzeiht einem armen Manne, der seinen Weg verloren hat, und Euch um Obdach anspricht, da kein Kloster, oder die Burg eines Freundes in der Naͤhe ist. Wer seid Ihr denn? Wie Ihr seht, ein umstreifender Saͤnger, der mit seinen Liedern schon vielen das Herz erfreut, und die Gunst manches Fuͤrsten und vornehmen Ritters gewonnen hat. Mein Herr ist nicht daheim, — ich weiß nicht — Am meisten hat mich ein Ungluͤck dazu getrieben, Eure guͤtige Huͤlfe zu suchen, denn Der Blaubart . mein armer Diener, der meine Lieder zu singen pflegt, und sonst ein aufgeweckter lustiger Bursche ist, und vielfache Gaukeleien anzustellen weiß, lei- det an einer Wunde, die ihm toͤdlich wird, wenn er nicht einiger Pflege genießt. So? So? Also einen Gaukler und Possenreißer fuͤhrt Ihr auch mit Euch? So seid Ihr doch nicht von den ganz gemeinen Musikan- ten? Ich habe immer dergleichen Volk geliebt, ab- sonderlich in meiner Jugend, jetzt hab ich lange keinen mit Augen gesehn. Man muß doch auch christlich denken. Laßt ihn nur herein, euren Fraz- zenmacher, und nehmt dann so vorlieb, wie Ihr es findet, dafuͤr werdet Ihr uns aber auch von Euren Spaͤßen etwas zum Besten geben. Herzlich gern, sobald der arme Narr nur erst etwas wieder bei Kraͤften ist. — (oͤffnet die Thuͤr) Nur herein hier, mein Winfred, der gute liebe freund- liche Alte will uns nicht von seiner Thuͤre weisen. Winfred kommt mit verbundenem Kopfe. Der da ist der Spaßvogel? der sieht ja eher zum Erbarmen aus. Laßt ihn nur erst etwas erquickt seyn, so sollt Ihr Wunder sehn. O ein Bett, — ein weniges Wein, — eine christliche Huͤlfe und mitleidige Pflege. Da, geht nur da oben hinauf, Gaukler, und Ihr auch, Freund Meistersaͤnger; da oben kann ich Euch ein Zimmer anweisen, mein ei- genes. Kommt. (sie steigen hinauf in das obere Gemach.) Zweite Abtheilung . Vierter Akt . Erste Scene . ( Hugos Schloß .) Agnes, Mechtilde . Ja, liebe gnaͤdige Frau, Ihr seid nun gerade die siebente, der ich gedient habe. Die siebente? Euch faͤllt vielleicht dabei ein, daß das keine gute Zahl seyn soll, weil Ihr so fragt. Nein, ich dachte daran nicht. Ihr werdets hier gut haben, denn ich kenne das Gemuͤth des Herrn Ritters nun schon seit lange, aber ich kann nichts als alles Gute von ihm sagen, wenn ich die Wahr- heit sagen soll. Das Schloß hat eine schoͤne Lage. Die schoͤnste Gegend ist hier, weit und breit umher, man hat besonders oben auf dem Dache eine sehr freie Aussicht. — Seid Ihr schon oben gewesen? O ja. — Doch hoͤrt, der Ritter sagte mir von vielen Kostbarkeiten; habt Ihr sie auch gesehn? Mech- Der Blaubart . O ja, ganze Zimmer voll; die haͤlt er immer verschlossen. Ich muß Euch sagen, meine schoͤne gnaͤdige Frau, er ist ein gar reicher Herr, ich glaube, er weiß selber nicht, wie reich er ist. Ich schwoͤre, daß Euch alle Damen hier herum, weit und breit, arm und reich, beneiden werden. Ich moͤchte wohl einmal diese Sel- tenheiten sehen. Die Gelegenheit dazu trifft sich wohl. Ihr seid wohl schon sehr alt? Wie so? Ihr geht so gebuͤckt, der Kopf zit- tert Euch so. Ich habe auch schon siebenzig Jahre auf dem Ruͤcken; das will schon sehr viel sagen, wenn man das an seinem Koͤrper ableben soll. — Ihr werdets nicht glauben wollen, aber ich war auch einmal huͤbsch, und die Leute sagten, ich sey außerordentlich schoͤn. Ach Gott, das ver- schwindet alles, als wenn es nimmermehr da ge- wesen waͤre, und es kraͤht kein Hahn darnach. Die ganzen siebenzig Jahre sind hin, ich weiß nicht wie. — Nun, man kann nicht immer jung blei- ben, es muß auch alte Leute geben: das ist mein Trost. Es wird Euch auch so gehn. Mir? Ja, das will das junge Blut immer nicht glauben, sie denken gewoͤhnlich: das bleibt bestaͤndig so wie heute? Ja, heute, und II. [ 6 ] Zweite Abtheilung . morgen ist wieder ein Heute, und uͤbermorgen auch, und so nimmt ein Tag nach dem andern Abschied, und man denkt in der jugendlichen Vergeßlichkeit nicht daran, daß daraus die Zeit besteht. Eh wir es uns dann versehn, heißt es hinter uns: seht die alte Frau, die dahin geht! Die ersten Male wollt' ichs ordentlich nicht glauben, daß das mir gaͤlte, ich bin es aber nachher wohl inne geworden. Siebenzig Jahr sind aber doch eine lange Zeit. Wenn man sie vor sich hat. In meiner Jugend dachte ich grade so, und — wollt Ihrs wohl glauben — des Nachts traͤumt mir manch- mal noch, ich waͤre jung; dann ist mir, als waͤre das Wahre, Wirkliche, nur ein Traum gewesen, in welchem ich mir naͤrrischer Weise eingebildet haͤtte, ich sey eine alte, krumme, pucklichte Frau. Ich habe schon oft daruͤber lachen muͤssen. — Un- ser Ritter wird sogleich wieder abreisen. Schon wieder abreisen? Ja, er hat immer viel Geschaͤfte, er ist aber noch immer aus allen Fehden und Haͤn- deln gluͤcklich zuruͤck gekommen. (geht ab.) Wie neu mir hier alles ist! Ich kann mich immer noch nicht gewoͤhnen, und an seine Gestalt am wenigsten; ich weiß manchmal nicht, soll ich lachen, oder mich vor ihm fuͤrchten. — Meine Schwester ist noch nicht aufgestanden; sie ist nicht wohl: ihr ganzes Leben ist nur mit einem einzigen Gedanken ausgefuͤllt; ich kann mir nicht denken, wie es moͤglich ist. Der Blaubart . Hugo kommt. Du wirst schon gehoͤrt haben, liebe Agnes, daß ich Dich verlassen muß. Ja. Es giebt kein so zaͤnkisches, unbaͤn- diges Thier, als den Menschen, Agnes. Sie sehn nun, daß sie mich nicht uͤberwaͤltigen koͤnnen, und doch ist es ihnen nicht moͤglich, Ruhe zu halten. Aber sie sollen auch dafuͤr gezuͤchtiget werden! Die- selben wenigstens sollen nicht wieder kommen. Lieber Mann! — Sei ruhig, ich habe noch nie etwas gefuͤrchtet. — So eben sind zwei Narren ange- kommen, die noch zu meinen Dienern gehoͤren. Ich denke, sie werden Dir Spaß machen. Der Rathgeber und Claus treten ein. Ihr kommt ziemlich spaͤt, noch ge- rade zur rechten Zeit, um mich abreisen zu sehn. Wir sind beide nicht gut zu Fuß, Herr Ritter, und das hat uns unterwegs ein we- nig aufgehalten. Ihr seid der sogenannte Rathgeber? — Nehmts nicht uͤbel, wenn ich uͤber den naͤrri- schen Titel lachen muß. Ich bin derselbe. Unterwegs gab er immer den Rath, in jede Herberge, die sich finden ließ, einzukehren. Ich hoffe, Ihr sollt noch bis Dato die Spuren davon an ihm gewahr werden. Zweite Abtheilung . Ihr sprecht ja gar nicht. Der Narr laͤßt mich nicht zu Worte kommen. Kommt zu Worte, kommt immerhin zu Worte! Es wird sich zeigen, ob Ihr was Ge- scheidtes zu Markte zu bringen wißt. — Da seid Ihr der erste Mensch auf der Welt, welcher be- hauptet, ich ließe ihn nicht zu Worte kommen. — Ei, das verletzt meine Ehre und Reputation, wer mich nicht naͤher kennte, sollte mich nach solcher Behauptung wohl gar fuͤr einen ziemlichen Schwaͤ- tzer halten. Ihr seht, Herr Ritter, wie leicht man in dieser boͤsen Welt um seinen guten Na- men kommen kann. Herr Ritter, Ihr seht selbst, er kann unmoͤglich schweigen. — Wenn ich Euch uͤbrigens manchmal mit meinem Rathe dienen kann — Wenn er nur gut ist. Es schickt sich nicht, daß ich ihn herausstreiche, denn jede Waare sollte sich ei- gentlich selber loben; aber fragt nur den Narren. Sein Rath ist immer uͤberaus schoͤn gewesen, und das Beste ist, er giebt bestaͤndig zu- gleich mehrere Sorten aus, so daß, wenn man den einen nicht befolgen will, man immer noch zum zweiten seine Zuflucht nehmen kann, der dem ersten gewoͤhnlich gerade zu entgegen steht. Nun wohl! ich ziehe jetzt ins Feld, mein Feind ist staͤrker als ich: soll ich ihn angreifen? Wartet einen Augenblick. — Der Blaubart . Wenn Ihr ihn zu bezwingen gedenkt, so rathe ich Euch selbst, ihn anzugreifen. Aber wenn ich nun geschlagen werde? (leise zum Rathgeber) Nehmt ums Himmels Willen Euren ganzen Verstand zusam- men, sonst ist es um unsre Versorgung geschehn. Wenn Ihr geschlagen wer- det? — Ja, da seid Ihr denn wahrhaftig in einer uͤblen Lage. Was ist aber dabei zu thun? Wenn man das Ding von allen Seiten uͤberlegt, so wird es noch immer das Beste seyn, Euch alsdann zuruͤck zu ziehn. Wenn mir aber der Ruͤckzug abge- schnitten wird? Dann, — haltet, — dann, — Das ist ein schwieriger Fall! (geht auf und ab) dann, — nun hab ichs! — dann, — nur einen Augenblick Geduld! — das ist mir in meiner Pra- xis noch nicht vorgekommen. — Hm! hm! — Aber wie kommt Ihr denn auf so naͤrrische Ideen? — Das nenn' ich einem auf den Zahn fuͤhlen! Nun? Gleich! gleich! — Koͤnntet Ihr denn nicht entwischen? Wenn mir der Ruͤckzug abgeschnit- ten ist, unmoͤglich. Ja, da mag Euch der Henker Rath geben! — Ich glaube, ich koͤnnte eine Reihe von Jahren hinter einander denken, und braͤchte Zweite Abtheilung . nichts Kluges heraus. — Ein Narr kann in einem Tage, — Ihr kennt wohl das Sprichwort. Um Gottes Willen, Herr, thut ihm nichts, Ihr seht ja, wie er sich angreift. Wenn ich dich nun zum Fenster hinaus aufhaͤngen ließe? — Ich habe jetzt nur keine Zeit, sonst wuͤrde ich dich wenigstens noch etwas aͤngstigen. Ach, er ist schon geaͤngstigt genug, seht nur, wie ihm der Schweiß auf der Stirne steht. — Ich sagts Euch wohl, Rathgeber, daß Ihr einen harten Stand haben wuͤrdet. — Er hat bis jetzt nur nach seiner Bequemlichkeit Rath gegeben, nun ist es ihm etwas Neues, daß er mehr ins Große gehn soll, und da fehlt dem Manne freilich die Uebung. Nun, geht nur, ich sehe schon, wozu ihr zu brauchen seid. Laßt euch zu essen geben. Der Rath griff euch tuͤchtig an. Er wird uͤberhaupt wohl bald muͤs- sen auf Pension gesetzt werden, und dann krieg ich vielleicht seine Stelle. Du? Wann hast du denn schon einen Rath gegeben? Ich muß es von Euch lernen, Ihr muͤßt mir Stunden geben. Damit werd ich mich nicht einlassen. Kommt nur, wir wollen jetzt erst mitsammen speisen. (beide ab.) Wie gefallen sie dir? Der Blaubart . So ziemlich! sie haben mich an die Puppen meiner Kindheit erinnert. Das Leben von uns allen ist wohl nur ein albernes Puppenspiel. — Agnes, ich will dir waͤhrend meiner Abwesenheit alle meine Schluͤs- sel in Verwahrung geben. Hier. Ich denke in einigen Tagen zuruͤck zu kommen. Du magst dir die Zwischenzeit damit verkuͤrzen, daß du die Ge- maͤcher betrachtest, in die ich dich noch nicht gefuͤhrt habe. Sechs Zimmer stehn dir gaͤnzlich offen, aber das siebente, welches dieser goldene Schluͤssel oͤffnet, bleibt dir verschlossen. — Hast du mich verstanden? Vollkommen. Agnes! laß dich nicht geluͤsten, das siebente Zimmer zu oͤffnen! Gewiß nicht. Ich koͤnnte den Schluͤssel mit mir nehmen und es waͤre dir unmoͤglich; aber ich will dir trauen, du wirst nicht so thoͤricht seyn. — Nun, lebe wohl! Lebe wohl! Wenn ich wieder komme, und du bist in dem verbotenen Zimmer gewesen — Erhitze dich nicht so umsonst, ich will nicht hinein gehn, und damit gut. Ob es gut ist, zeigt sich erst, wenn ich zuruͤck komme. — (ab.) Nun steht es endlich in meiner Ge- walt, die laͤngst gewuͤnschten Kostbarkeiten zu be- trachten. — Laͤcherlich, daß wenn uns sechs große Zweite Abtheilung . Zimmer mit ihren Kleinodien offen stehen, wir noch nach dem siebenten sollten luͤstern seyn: das waͤre ja eine mehr als kindische Neugier. — Wie er uͤber alles wild wird. Ich moͤchte ihn nicht vor mir sehn, wenn ich einmal etwas gegen seinen Willen gethan haben sollte. Anne tritt ein. Wie gehts dir, Schwester? Ist dir besser? Etwas. Ich habe jetzt die Schluͤssel zu den Zimmern. Der Ritter ist abgereist. So? In eins duͤrfen wir nicht hinein. — In das siebente kann ich dich unmoͤglich hinein lassen, Anne. Mir gleich. Er hat es sehr strenge verboten. Ich bin nicht luͤstern darnach. Freust du dich denn aber gar nicht? Woruͤber denn? Daß ich die Schluͤssel habe. Wenn du dich daruͤber freust, — o ja. (am Fenster) Da reitet er fort mit seinem Gefolge. — (oͤfnet das Fenster) Viel Gluͤck! — Kehre bald wieder heim! (Trompeten von außen.) Wie munter sie fort ziehn! Gebe der Himmel nur, daß sie eben so froͤhlich wieder kommen. Sollten sie nicht? Der Blaubart . Nicht immer ist der Fortgang so munter und frisch wie der Anfang. Die neuen Kleider tragen sich ab, der frische Baum wird entlaubt, und der Abend sieht oft ganz anders aus, als es der Morgen versprach. Wie froͤlich beginnt der Juͤngling oft, was die spaͤtern Jahre ihm ernsthaft verweisen, und zuweilen ist ein an- scheinendes Gluͤck nur die Vorbereitung zum Elend. Du machst mich bange, Schwester. Ich bin heut schwermuͤthig gestimmt. Komm, zerstreue dich, hier sind ja die Schluͤssel, sei wieder froͤhlich. Gutes Kind. Wir wollen die Alte rufen, sie soll mit uns gehn, denn sie kennt wohl alles. Wie du willst, aber sie ist mir recht im Herzen zuwider. Ja, sie ist haͤßlich genug und ihre kraͤchzende Stimme hoͤchst widerwaͤrtig, indessen sind das die Gebrechlichkeiten des Alters, fuͤr die sie nicht kann. — Komm! komm! ich bin unend- lich begierig, was wir alles sehn werden. (sie gehn.) Zweite Abtheilung . Zweite Scene . (Der Saal auf Marloff.) Gelag von trunkenen Knechten. Einige schlafen, andere sind halb wach; Caspar ist noch am muntersten, Leopold sitzt oben am Tisch und spielt, Winfred sitzt mit verbundenem Kopf im Lehnsessel und trinkt. Traun, Bruͤder, wer den Wein erfand, Entdeckte wohl das schoͤnste Land! Schoͤner als Gold und Edelstein Funkelt im Becher der liebliche Wein, Schaut hinein; Trinkt lustig und keck von dem labenden Schein. Schoͤner als Edelstein Funkelt der suͤße Wein, Trinket den goldenen Schein Muthig in Euch hinein! Das heiß ich Wein! — solchen Wein, ich habe schon viel Wein getrunken, aber solchen Wein, — wenn von Wein die Rede ist, — als was. — Ich verstehe schon, was Ihr sa- gen wollt. Trinkt nur immer, er ist Euch gern gegoͤnnt, hab ich ihn doch ganz eigen fuͤr Euch kommen lassen. Der Blaubart . Nun, wenn Ihr so meint. — Aber Euer lustiger Mensch, der die vielen Spruͤnge ma- chen sollte, — da sitzt er im Stuhl mit seinem verbundenen Kopf, — sieht aus wie die Reue und Buße selber, und saͤuft einen Becher nach dem an- dern. Er ruͤhrt sich ja nicht. Auf, Winfred, Musenliebling, sei begeistert und tummle Dich etwas. Ich kann wahrhaftig nicht, ich bin am ganzen Leibe wie zerschlagen. Deine Zunge lallt, ruͤhr Dich, jetzt gilts. (er geht zu ihm.) Nur etwas, ein weni- ges nur, lieber Junker, mach mich vor den Leu- ten nicht zu Schanden, greif Dich mir zu Liebe etwas an. Guten Wein habt Ihr hergeschaft, Gott weiß woher, aber Euer Tandmann, Euer Pickelhering ist ein erbaͤrmlicher Kerl, den muͤstet Ihr ins alte Eisen schmeißen, den Lumpenhund, der ist abgenutzt, und verdient keinen Trunk Wein mehr. (steht auf.) Ich komme ja schon. Wollt Ihr nun eine tragische Pantomime, edle Stellung und Schwung der Geberde, ein Bein im rechten Winkel vom Leibe weit weg gestreckt, und dann auf dem andern Fuße umgedreht, im großen Styl? Macht, was ihr machen koͤnnt. (tanzt.) Nun seht, das ist was fuͤr den Kenner. Zweite Abtheilung . Das ist nichts, nichts, wahre Lumperei. Fuͤr die Deklamation edler Ge- dichte seid Ihr auch nicht? Nichts da, — Katzenspruͤnge, Bock- spruͤnge, das ist unser Geschmack. (tanzt und springt.) Seht Freunde, das sind Kuͤnste, Gelt? (alle lachen.) Recht so! Was er die duͤnnen Beine kann durch einander werfen! fallt nieder.) O weh! o weh! mein Kopf! mein Arm! Ungluͤck uͤber Ungluͤck! Komm! hilf dir auf. Ade, ich gehe wieder auf mein Zimmer, ich bin fuͤr dergleichen nicht gemacht. Ich lege mich wieder zu Bett und will schlafen. (geht hinkend nach dem obern Gemach.) Ich kann kaum noch die Augen offen halten, — und die Beine liegen schon seit einer Stunde stockstill unter dem Tische. — Wo ist denn unser Gaukler? — Wahrlich, in die Erde hinein geschlagen, und verschwunden. — Je nun, eben so gut. — (schlaͤft ein. Alle uͤbrigen schlafen bereits.) (singt vor der einen Thuͤr.) Wer klopft an die Thuͤr? Ich, Liebste, bin hier, Wo ist dein Gemach? Erkennst du mein Ach? Auf, liebst du mich kuͤhn, So laß uns entfliehn, Schnell schwindet die Zeit Der Blaubart . Und Zoͤgern gereut: Die Stunde vergeht, Dann ist es zu spaͤt. Brigitte zeigt sich an der Thuͤr. Leopold. Liebste Brigitte. Ich habe Euch schon lange an Eurer Stimme erkannt. Was wollt Ihr hier? Du kannst noch fragen? Folge mir, wenn Du mich liebst. Zwei Pferde stehn drau- ßen gesattelt, alle schlafen, es ist Nacht; Dein Vater kehrt zuruͤck, dort auf dem Tische liegen die Schluͤssel der Burg. Ich sollte meinen alten Vater verlassen? Er wird nachher unsre Ehe seg- nen, aber vorerst muͤssen wir in Sicherheit seyn. Folgst du mir nicht, so lebe wohl, dann seh ich, daß du mich nie geliebt hast. Ich bin Dein. Eilen wir, ehe man uns uͤbereilt. (er nimmt die Schluͤssel, sie gehen ab; bald darauf hoͤrt man den Thuͤrmer blasen.) (richtet sich etwas auf.) Was war denn das? — War das nicht der Thuͤrmer? — Aber ich glaube, es hat mir nur getraͤumt. Was sagt Ihr, Spielmann? — Hanswurst, Ihr habt ganz Recht, ja, Ihr seid ein solider Mann. — Wie? — Richtig, ganz recht, das ist auch meine Mei- nung. (er legt sich wieder zum Schlafen hin; es blaͤst von Zweite Abtheilung . neuem.) Nein, das ist kein Traum, — so lebhaft hat mir noch zeitlebens nichts getraͤumt. — Dar- nach muß ich sehen. — Wenn nur die Beine — Wie? Was ist das? Hans von Marloff tritt herein. Gott im Himmel! was ist denn das? Die Thore der Burg, alle Thuͤren sind offen! — Und hier! Wie sieht es hier aus! Caspar! Ja, Herr! Liegst du auch unter dem tollen Haufen? Ja, Herr! Caspar, ich bitte dich, — mach mich nicht toll, — mir schwindelt schon der alte Kopf, — steh auf! ich bitte dich. Herr, das wird so geschwinde nicht gehn. (richtet sich muͤhsam auf.) Laß mich nicht das Aergste fuͤrch- ten, — Caspar, — meine Tochter — Ich habe immer ein Auge auf sie gehabt. Streng! streng! Aber wie kommt Ihr denn dazu — Herr, da war ein Spielmann hier, und der hatte einen so koͤstlichen Wein bei sich, — den Wein bracht er ins Haus, — und er hatte einen kranken Narren bei sich, — und da weiß ich nicht, wie es kam, aber kurz und gut — Es mag fuͤr diesmal gut seyn, aber ich muß nach meiner Tochter sehn. (ab.) Wo ist denn der Spielmann geblie- Der Blaubart . ben? — Ermuntert Euch, Kerl, sag ich, steht auf! (die Knechte erheben sich nach und nach und gehn) Der Spiel- mann — Caspar, Caspar! mir faͤngt an der Ver- stand wieder zu kommen, und ich merke Unrath, — ach! der arme Herr, wenn es wahr seyn sollte! Hans stuͤrzt außer sich herein. Du Schurke! — du schlechter Kerl! Liebst du deinen Herren so? — O meine Tochter! Herr, — maͤßigt Euch, Herr — Nein, ich will jetzt vor Zorn und Gram sterben! Ich will mich nicht maͤßigen, damit ich nur das Ungluͤck, die Schande nicht uͤber- lebe. — Meine Tochter, sie ist fort! Nimmermehr! Muß mir das begegnen, der ich mein Kind so liebte? — Schaff sie mir wieder, Caspar! — Fort! Geh mir aus den Augen, du Niedertraͤchtiger! Herr, so habt Ihr mich noch nie gescholten, — aber ich verdiene, ganz verdien ich das.— O ich Dummkopf! O vergebt mir, mein Herr, faßt euch wieder; — ach nein! Ihr koͤnnt mir nicht vergeben. Caspar, ist das deine Vernunft? Sind das deine Grundsaͤtze, von denen du so viel sprechen konntest? — Wenn nur meine Brigitte da waͤre! — Und wie konnte sich mein Kind so vergessen? — Mit dem Spielmann, mit einem Nichtswuͤrdigen ist sie davon gelaufen? Es muß so seyn, Herr, denn ich Zweite Abtheilung . sehe ihn nirgends. — Ach Gott! wie wird mir, da nun mein Verstand wieder kommt! Ich schaͤme mich vor Euch und vor mir, — ich moͤchte in Verzweiflung fallen, — o daß ich an dem Ungluͤck Schuld bin! Ja mit dem Kopf moͤcht ich gegen die Mauer laufen! Und meinen lieben, guten, alten Herrn! O Sapperment! Maͤßige dich, Caspar, fasse deine Vernunft zusammen, bleib bei dir. Giebt es denn keinen Trost, keine Huͤlfe? Ach nein! nein! O das wird mich noch wahnsinnig machen. — Es ist zu viel, zu viel, Caspar, wenn ich von neuem daran denke. Es ist mein Tod, ich fuͤhls. Lieber gnaͤdiger Herr, bedenkt Euer Alter. Ich mag nichts bedenken, du hast keine Tochter verloren, du hast gut sprechen. Und du bist Schuld daran! Einzig du! Du alter Spitz- bube! Saͤuft sich voll in seinen alten Tagen, laͤßt sich zum Narren machen, der Esel! Soll ich ins Wasser laufen? Soll ich vom Thurm herunter springen? Befehlt doch nur, wie ich mich abstrafen soll, und ich wills ja von Herzen gerne thun, nur daß ich wieder Ruhe habe, daß ich Eure Vorwuͤrfe nicht mehr hoͤre. Nehmt doch auch Vernunft an, Herr, bester Herr, Ihr seyd ja auch schon in den Jahren und habt die Kinderschuhe vertreten. Ach du lieber Him- mel! Wo renne ich nur hin? Wo bleib ich? O Sap- Der Blaubart . Sapperment! das ganze Gehirn ist mir durch ein- ander geworfen! Caspar! Caspar! ich merks, wir werden uns beide toll machen. — Meine Tochter, meine Brigitte, sie haͤtte auch vorsichtiger seyn sol- len, du bist ja nicht allein Schuld. Komm, laß uns beide unsre Vernunft zusammen fassen, — aus dem Rasen kann doch nichts heraus kom- men, — fasse dich nur, Caspar, und steh mir bei. Von Herzen gern, mein lieber gnaͤdiger Herr, wenn Ihr mir nur wieder gut seid. Komm, wir wollen uns gleich zu Pferde setzen, wir muͤssen sie wieder finden, wir wollen eher kein Auge zuthun. Aber Euer Alter, Eure Schwach- heit — Es kommt ja hier auf meine Toch- ter an, Caspar! Nun, wie Ihr wollt. Aber Ihr haltet mich doch fuͤr keinen Spitzbuben? Ein Dummkopf bin ich, ein rechter Esel, ja, darin habt Ihr Recht, aber doch kein Spitzbube. Vergiß es, Caspar, ich wußte grade nicht, was ich sagte; ich mußte mir ja mit Schim- pfen Luft machen, sieh, das ist in der menschlichen Natur. Du hast mir dreißig Jahr redlich gedient, das kann wohl einen Fehler mit eindienen. — Komm! aus der Burg mag indeß werden, was will; wenn ich mein Kind nicht wieder finde, komm ich so nicht zuruͤck. — Ihr Knechte! Heda! Knechte! II. [ 7 ] Zweite Abtheilung . Das hoͤren sie nicht, sie sind all im Schlaf. Nimm da, blas die Trompete, blase, daß sie kommen! Nehmt Ihr das Horn, so werden sie schon munter werden. (beide blasen, die Knechte kommen taumelnd herein.) Nehmt Pferde! Jeder setze sich zu Pferde: Jagt, rennt, sucht, alle Landstraßen, alle Fußstege, alle Thaͤler durch, — du rechts! — du links! — du hinuͤber nach dem Gebirge! — du in den Wald hinein! — Fort! bringt mir meine Toch- ter wieder, und wer sie findet, den will ich so be- lohnen, daß er mir danken soll. — (Knechte ab) Komm Caspar. Winfred zeigt sich oben. Das ist ein Laͤrmen! — Herr Ritter. Wer ist der? Unser Possenreißer, das kranke Gaukelmaͤnnlein. O du Hasenfuß! O du Hansnarr! Hoͤrt doch nur einen armen be- trunknen Menschen an — Schweig, Dummkopf! Nur zwei elende Worte, die euch vielleicht nuͤtzlich — Komm, Caspar, reiten wir, was die Pferde und wir ertragen moͤgen. — Komm, sieh dich nicht um nach der Vogelscheuche dort! (beide ab.) Der Blaubart . Alle fort! Mein Freund Leo- pold, so hoͤr ich, mit der Tochter, der Alte ihr nach, laͤßt sich nicht von mir bedeuten, die Knechte auf allen Landstraßen, und ich Armseliger bleibe ohne Huͤlfe hier wie in einem verzauberten Schlosse allein zuruͤck. — O haͤtte ich dergleichen Unfaͤlle vorher sehn koͤnnen, wie sauber waͤr ich zu Hause geblieben. Mein hochstrebender Sinn hat mir sehr, sehr zu nahe gethan. — Und der Leopold handelt auch nicht freundlich an mir: wenn nur ein altes Weib, ein zahnloses Muͤtterchen hier im Hause waͤre! Aber keine Seele! Ich muß sehn, wie ich mir Beistand anschaffe. (geht hinein.) Dritte Scene . (Saal auf Hugos Schloß.) Agnes, Anne, Mechtilde , Knechte, die das Abendmahl abraͤumen. Ich bin von allen den herrlichen Sa- chen, die ich heut gesehn habe, ganz schwindlicht. Mir ist jetzt, als haͤtte mir alles nur getraͤumt. Die Sinne ermuͤden am Ende, und selbst das Mannigfaltigste wird einfoͤrmig. Die Mutter Mechtilde ist schon ganz schlaͤfrig. Zweite Abtheilung . Ja, Kinder, ich gehe gewoͤhn- lich um die Zeit zu Bette, und da meldet sich denn der Schlaf bei mir ganz von selbst Geht immer zu Bette, ich bleibe noch ein wenig auf; der Mond scheint so hell, ich trete nachher noch etwas auf den Altan hin- aus, um frische Luft zu schoͤpfen. Nehmt Euch vor den Fleder- maͤusen in Acht, sie pflegen um diese Jahrszeit umher zu schwaͤrmen. Es ist uns doch nicht einmal einge- fallen, das siebente Zimmer zu besehen, und der Ritter war so besorgt: am Ende ist auch gar nicht einmal etwas Merkwuͤrdiges darin. Das ist wohl moͤglich. Wie? Ihr seid auch niemals hin- ein gekommen? Niemals. Das ist doch wunderbar. — Wollt Ihr jetzt, Mutter, die Schluͤssel zu Euch nehmen? Wir brauchen sie doch nicht mehr. Recht gern. Die Maͤnner haben, wie ich sehe, eben so gerne Geheimnisse, als die Frauenzimmer. Noch lieber, sie wollen es nur nicht zugeben. Gebt mir doch die Schluͤssel wie- der zuruͤck. Hier sind sie. Der Ritter moͤchte ungehalten wer- Der Blaubart . den, da er sie doch in meine eigene Haͤnde uͤber- liefert hat. Nun gute Nacht, ich gehe zu Bett. Ich wuͤnsche Euch eine gluͤck- selige Nacht. (beide ab.) Welche herrliche Nacht! — Man spricht so viel von der Neugier der Weiber, und jetzt staͤnde es doch gerade zu nur in meiner Ge- walt, in das verbotene Zimmer hinein zu gehen. — Ich habe mir zum Theil den Schluͤssel wieder geben lassen, weil sonst mein Mann haͤtte denken koͤnnen, ich traue mir nicht Staͤrke genug zu. — Nun, wenn ich denn auch der Versuchung nach- gaͤbe, so erfuͤhre kein Mensch, daß ich in dem Zimmer gewesen waͤre, und kein andres Ungluͤck koͤnnte doch daraus entstehn; meine Schwester, die Sittenpredigerin schlaͤft jetzt, — o ich wollte, ich haͤtte dem alten garstigen Weibe die Schluͤssel ge- lassen! — Am Ende ist das Ganze nur darauf angesehn, daß mein Mann mich auf die Probe stellen will, und ich will mich gewiß nicht so leicht fangen lassen. — (geht auf und ab.) Die Alte ist selbst noch nicht einmal in dem Zimmer gewesen, der Ritter muß doch also etwas Besondres dabei haben. — Ich will nicht weiter daran denken. — (sie tritt ans Fenster) Wenn ich nur wuͤßte, warum er es mir verboten hat? — Der Schluͤssel ist gol- den, die uͤbrigen sind es nicht; es ist gewiß das kostbarste Gemach von allen, und er will mich naͤchstens einmal damit uͤberraschen. — Narrheit, daß ich es nicht gleich jetzt sehn sollte! Mir ist Zweite Abtheilung . uͤberhaupt nichts so verhaßt, als wenn ein Mensch dem andern eine heimliche Freude machen will, je- ner kann sich in der Ueberraschung niemals freuen, besonders wenn er die einfaͤltigen Anstalten vorher schon gewahr wird. — Agnes! Agnes! huͤte Dich! das was Dich jetzt peinigt, ist wohl jene beruͤch- tigte weibliche Neugier. — Und warum sollte ich nicht ein Weib seyn duͤrfen, so gut wie andre? — Die bloße Neugier ist noch keine Suͤnde. — Ich moͤchte den Menschen seyn, der an meiner Stelle nicht neugierig waͤre. — Meine Schwester wuͤrde eben so seyn wie ich, wenn sie nicht ihre Liebe unaufhoͤrlich im Kopfe haͤtte, wenn sie aber darauf fiele, daß ihr Reinhold in dem Zimmer stecken koͤnne, so wuͤrde sie mich auf den Knieen um den Schluͤssel bitten. Die Menschen sind immer nur nachsichtig gegen ihre eignen Schwachheiten. — Und es ist am Ende nicht einmal eine Schwach- heit von mir, in dem Zimmer kann ein Geheim- niß verborgen liegen, von welchem mein Gluͤck ab- haͤngt; ich ahnde fast so etwas: — und ich will nur so eben hinein sehn, — wovon soll er denn nachher wissen, daß ich drinne gewesen bin? — Es muß doch irgend einen Grund haben, warum er es mir so strenge verboten hat, und den Grund haͤtte er mir sagen sollen, dann waͤre meine Folg- samkeit ein vernuͤnftiger Gehorsam, aber so han- dle ich nur aus einer blinden Unterwuͤrfigkeit, eine Art zu leben, wogegen sich mein ganzes Herz em- poͤrt. — Ei! bin ich nicht eine Naͤrrin, daß ich so viel uͤberlege? Am Ende ist es eine Narrheit Der Blaubart . und gar nicht der Muͤhe werth. — (sie nimmt den Schluͤssel.) Nun, warum geh ich denn nicht? — Wenn er aber zuruͤck kaͤme, indem ich in dem Ge- mach stecke? — Es ist Nacht, und ehe er die Trep- pen herauf kaͤme, waͤre ich schon laͤngst in meinem Zimmer; in einigen Tagen will er ja auch erst wieder kommen. — Er haͤtte seinen Schluͤssel be- halten muͤssen, wenn ich nicht hinein gehn sollte. (geht ab mit einem Lichte.) Claus, der Rathgeber . Nun, wie gefaͤllt es Euch hier? Ich weiß noch nicht, ich habe bis jetzt geschlafen, so muͤde bin ich gewesen. — Wie hell die Sterne scheinen! Koͤnnt Ihr in den Sternen lesen? Ich wollte, daß ich es gelernt haͤtte. Es muß des Nachts doch immer eine ange- nehme Beschaͤftigung seyn. Man kann auch sein Schicksal dar- aus wissen. Jezuweilen. Glaubt Ihr an Gespenster? O ja. Jetzt ist grade die schauerliche Stunde. Wer umgehn will, fuͤr den ist eben jetzt die wahre Zeit. — Darum will ich mich auch nur wieder zu Bette legen. Ich denke, Ihr habt nun ausge- schlafen? Bloß der Gespenster wegen, Zweite Abtheilung . — es ist nicht gut, wenn man sich jetzt wach fin- den laͤßt. Nun so geht. (Eine Thuͤr wird mit Gewalt zugeschlagen.) Hoͤrst du wohl? (laͤuft schnell ab.) Agnes .tritt bleich und zitternd herein. Was ist Euch, gnaͤdige Frau? — Nichts, nichts, — schaff mir doch ein Glas frisches Wasser. — ( Claus geht, sie sinkt in einen Sessel.) Leb ich noch? — Wo bin ich? — Gott im Himmel! wie schlaͤgt mir das Herz, — bis zum Halse hinauf. Claus kommt mit Wasser. Stell es nur dorthin, — ich kann jetzt noch nicht trinken, — geh, geh, — mir fehlt nichts, gar nichts. — Geh! (Claus geht.) Ich weiß nicht, wie ich wieder hieher gekommen bin, — (sie trinkt.) jetzt wird mir besser. — Es ist tiefe Nacht, die uͤbrigen schlafen schon. — (sie betrachtet den Schluͤssel.) Hier ist ein blutiger dunkelrother Fleck, — war der schon vorher da? — Ach nein, ich ließ ihn fallen, — alles um mich her riecht noch nach Blut. — (Sie reibt mit ihrem Schnupftuche den Schluͤssel.) Er will nicht fort, das ist doch wunder- bar. — O Neugier, verdammte, schaͤndliche Neu- gier! ich glaube, es giebt keine groͤßere Suͤnde als die Neugier! — O und mein Mann, wie kommt der mir jetzt vor? — Mein Mann konnt' ich sa- gen? Mein Mann? Das schaͤndlichste, mir frem- Der Blaubart . deste Ungeheuer, — wildfremd und entsetzlich, wie ein schuppiger Drache, von dem sich das Auge scheu zuruͤck reißt. — Ach ich muß zu Bette, mein armer Kopf ist ganz wuͤst: — aber die Schluͤssel darf ich hier nicht so liegen lassen. — Gott sei Dank, daß der Flecken fort ist! — Ach nein! ich armes Kind! auf dieser Seite, hier ist er. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, ich will sehn, ob ich schlafen kann. Ach ja, schlafen, schlafen, und andre, ganz andre Dinge traͤumen, alles ver- gessen, ja, ja das wird schoͤn, das wird lieblich seyn. (geht ab.) Zweite Abtheilung . Fuͤnfter Akt . Erste Scene . (Saal auf Friedheim.) Simon kommt mit einer Fackel. Er muß aufstehn, er mag wollen oder nicht, denn ich weiß es nun gewiß. Er kann mir nun nichts mehr einwenden (er pocht an eine Thuͤr.) Anton! Anton! ermuntre dich! (inwendig.) Wer ist da? Ich, Simon, dein Bruder, steh schnell auf, ich habe etwas Nothwendiges mit Dir zu sprechen. Stoͤrt Dein Wahnsinn jetzt sogar die Ruhe der Mitternacht? Sprich nicht so, Bruder, es wird Dich gereuen. — Ich glaube, er ist wieder einge- schlafen. — Auf! auf! ermuntre Dich! Wirst du des Rasens nicht muͤde werden? Schimpfe, so viel du willst, nur steh auf. — Steh auf! ich lasse Dir doch nicht eher Ruhe, Bruder. (kommt im Schlafkleide heraus.) Sage mir nur, was Du willst. Der Blaubart . Bruder, ich habe die ganze Nacht nicht schlafen koͤnnen. — So? — Ich schlief desto besser. Du siehst, daß jetzt meine Prophe- zeiungen, oder Ahndungen, Du magst es nennen, wie Du willst, etwas mehr eintreffen als sonst. Deine Narrheit anzuhoͤren hab ich also aufstehn muͤssen? Ich habs vorher gesagt, daß un- ser Bruder die Tochter des Ritters Hans von Marloff entfuͤhrt habe, und gestern Abend war der alte Mann auch deswegen hier. Das konnte jedermann errathen. Und in dieser Nacht hab ich unsre Schwester unaufhoͤrlich weinen sehn, und ich habe mich bestaͤndig mit dem Blaubart herum gestochen. Und was folgt daraus? Sie ist in Lebensgefahr, ich ver- sichre es Dir, Bruder, der Blaubart ist ein Boͤ- sewicht, das Naͤhere kann ich nicht wissen, aber genug, daß er es ist. Wenn aber nur die Moͤg- lichkeit nicht zu laͤugnen steht, so mußt du mich anhoͤren; diese aber kannst du unmoͤglich laͤugnen, oder Du bist der Unsinnige. Gute Nacht, Bruder, deine Art zu raͤsonniren ist mir zu buͤndig. Bruder, ist es nicht genug, daß Du Deine Schwester an einen solchen Verworfnen verschleudert hast? Willst Du sie nun auch noch schaͤndlicherweise in der hoͤchsten Noth ihres Lebens verlassen? Bist du bloß deswegen ihr Bruder, Zweite Abtheilung . um ihr Verraͤther zu seyn? — Anton, erweiche einmal Dein bruͤderliches Herz; sie sieht jetzt viel- leicht mit Sehnsucht aus dem Fenster des Schlos- ses nach der Gegend hieher, sie wuͤnscht vielleicht, daß ihre tiefen Seufzer uns beide allgewaltig hin- ziehn koͤnnten, sie klagt uͤber uns, — nachher fin- den wir sie wohl todt, blaß auf der Bahre aus- gestreckt. Aber wie kommst Du nur darauf? Meine ganze Phantasie ist von die- sen betruͤbten Vorstellungen angefuͤllt; ich kann nichts Frohes denken und traͤumen, ich sinne nur Tod. Ich habe keine Ruhe, bis ich diesen Hugo mit dem Schwerdt unter mich gebracht habe. — Komm, mich duͤnkt, ich hoͤre unsre Schwester, so weit es auch ist. Wie bald sind unsre Pferde ge- sattelt, wie bald koͤnnen wir dort seyn! Das Tollste bei der Tollheit ist, daß sie vernuͤnftige Menschen ansteckt. Du wirst seyn, daß ich mich nicht irre. Ich begreife selbst nicht, warum ich dir nachgebe. Zieh dich an, ich sattle indeß die Pferde, diese Fackel leuchtet uns, bis die Sonne aufgeht. (von verschiedenen Seiten ab.) Der Blaubart . Zweite Scene . ( Hugos Schloß .) tritt mit einer Lampe auf; sie stellt sie auf einen Tisch und setzt sich daneben, dann nimmt sie den Schluͤssel aus der Tasche. Immer will der Fleck noch nicht fort, ich habe schon den ganzen Tag gerieben, auf alle Art gewaschen, aber er bleibt. — Wenn ich so starr darauf hinblicke, so ist es, als wollte er sich verlieren, aber wenn ich die Augen nach andern Gegenstaͤnden richte, und dann zu ihm zuruͤck kehre, so ist er immer wieder da, und wie mich duͤnkt, dunkler als zuvor. Ich koͤnnte sagen, ich haͤtte ihn verloren, aber das wuͤrde seinen Argwohn nur im hoͤchsten Grade reizen: — vielleicht fordert er mir den Schluͤssel nicht gleich ab, — vielleicht be- merkt ers auch nicht; — wenn ich ihn abgebe, will ich ihm so die reine Seite hinreichen; wird er wohl darauf fallen, ihn so genau zu betrachten? — Es kann ja auch seyn, daß der Flecken ausgeht, noch ehe er zuruͤck koͤmmt. — Ach! wenn mir der guͤtige Himmel doch so gnaͤdig seyn wollte! Anne tritt herein. Was ist dir, liebe Schwester? Und wenn es nun nicht geschieht? — Es fehlt nicht viel, so bilde ich mir ein, der Zweite Abtheilung . Schluͤssel weiß um alles, und will zu meinem Un- gluͤcke nicht wieder rein werden. Schwester! Gott im Himmel! — wer ist da? Wie du erschrickst! Ich bin es. (die schnell den Schluͤssel verbirgt.) Dachte ich nicht — Wie hast du dich seit wenigen Tagen veraͤndert, Agnes. Sprich doch zu mir, deiner Schwester, die dich so herzlich liebt: Du bist in einer Fieberhitze, — wie du gluͤhst! — Sage doch, fehlt dir etwas? Nein, Schwester; komm, wir wol- len wieder zu Bette gehn. Es ist etwas mit dir vorgegangen, das wirst du mir nicht ausreden. Warum willst du mir aber nicht trauen? Hab ich dich schon je hintergangen? Hast du mich schon sonst einmal heimtuͤckisch und ohne schwesterliche Liebe gefunden? (weinend) Niemals, niemals, du bist immer so gut, — o viel, viel besser als ich. Nein, das nicht; ach! Du hast oft von meinen Launen leiden muͤssen: vergieb mir das. Kannst du? Wie du sprichst! Ich habe dich nun seit zweien Ta- gen beobachtet, — du sprichst nicht, du schleichst am Tage umher und verbirgst dich in einem Win- kel, des Nachts schlaͤfst du nicht, sondern seufzest so schwer, — theile mir deinen Kummer mit, wenn Der Blaubart . ich dich auch nicht troͤsten kann, so kann ich doch wohl mit dir deine Leiden tragen. Nun, so hoͤre: — aber du wirst auf mich schelten — Nur, wenn du kein Zutrauen zu mir hast. Du haͤttest es auch vielleicht ge- than. — Du weißt, daß ich von Jugend auf gern etwas Neues sah und hoͤrte, — diese unsee- lige Sucht macht mich jetzt ungluͤcklich, kostet mich gewiß mein Leben. Du erschreckst mich. Ich habe es nicht unterlassen koͤn- nen, neulich in der Nacht in das Zimmer zu gehn, das mir der Ritter zu sehn verboten hatte. Und? O waͤr ich doch zuruͤck geblieben! Warum ist der menschliche Geist so eingerichtet, daß ein solches Verbot nur seinen Vorwitz schaͤrft? — Ich weiß nicht, wie ich dir alle Umstaͤnde erzaͤh- len soll, denn so oft ich nur daran denke, uͤberlaͤuf mich immer noch ein kalter Schauer. — Ich schloß behutsam auf, und hatte ein Licht in der Hand, ich nahm mir vor, nur ein wenig hinein zu sehn, und dann sogleich wieder umzukehren, — als ich also die Thuͤr aufmachte, sah ich nichts als ein leeres Gemach, im Hintergrunde einen gruͤnen Vorhang, wie vor einem Alkoven, oder einem Schlafzimmer. — Ich konnte unmoͤglich wieder umkehren, der Vorhang sah so geheimnißvoll aus, Zweite Abtheilung . es war mir, als wenn er sich bewegte — es war von dem Zugwinde, durch die offen gelassene Thuͤr. Im Gemach war ein druͤckender seltsamer Dunst. — Um recht vorsichtig zu seyn, zog ich den Schluͤssel ab, mit Schauern trat ich herein, und ich hatte eine heimliche Furcht, daß die Thuͤr hinter mir zufallen koͤnnte. — Nun naͤherte ich mich dem Vorhange. Das Herz klopfte mir, ich kann dich versichern, nicht mehr aus Neugier. Ich schlug ihn mit der Hand zuruͤck und sah immer noch nichts, denn das Licht warf nur einen schwachen ungewissen Schein hinein. — Nun trat ich hinter den Vorhang, — und nun, Schwester! denke, fuͤhle mein Entsetzen, — an den Waͤnden standen sechs Knochengerippe umher, — Blut faͤrbte die Waͤnde, Blut bedeckte den Boden, — ich hoͤrte einen lauten Aufschrei im Fenster klingen — ich war es gewiß, die so schrie; der Schluͤssel fiel mir aus der Hand, ich war betaͤubt, es klang, als wenn das Schloß zusammen braͤche, — uͤber den Gerip- pen standen Zettel, mit dem Namen der Geschlach- teten, seine sechs vorigen Weiber, und an welchem Tage sie fuͤr ihre Neugier bestraft worden sind, — oder ob ich mir das nur nachher eingebildet habe, denn ich weiß nicht, wie ich zuruͤck gekommen bin. — O mit welchen Bildern ist seitdem meine Phantasie angefuͤllt! — Ich hatte den Schluͤssel aufgenommen, er war in Blut gefallen, — nun war ich in der groͤßten Angst, die Thuͤr moͤchte sich zugeschlossen haben. Ich stuͤrzte gegen den Vor- Der Blaubart . Vorhang mit einer Gewalt, als wenn ich einen Riesen umwerfen wollte, und nun stand ich wieder in dem leeren Gemach. — O denke dir, Schwester, wenn ich die Nacht uͤber in der Behausung des Jammers haͤtte bleiben muͤssen! — Nun haͤtte der Mond in die Blutkammer hinein geschienen, — die Gerippe haͤtten sich wohl bewegt, oder meine erhitzte Einbildung haͤtte es mir so vorgestellt, — ich waͤre mit dem Kopf gegen die Mauer gerannt, ich haͤtte meine wuͤthenden Arme in die Knochen- gebaͤude verwickelt, — ich haͤtte mich mit dem Tode und Entsetzen wild herum getummelt, — denke dir, denke dir nur, Schwester, — o uͤber solche Vorstellungen kann man wahnsinnig werden. Fasse dich, Agnes, ich halte dich ja hier in meinen Armen. Was macht das? — die Entsetzlich- keit ist doch nicht weit von uns. Du darfst nur zu jener Thuͤr hinaus treten, so liegt die andre vor dir, — o Schwester! welch ein Schloß ist dies! ein Schlachthaus! Kind, wir muͤssen fort, unsre Bruͤ- der muͤssen uns schuͤtzen. — Wenn nur die Alte nicht waͤre. Sie hilft uns vielleicht. Armes Kind! sie ist gewiß mit dem Boͤsewicht einverstanden. Gott, und sie ist so alt! Ungluͤckliche Schwester! — Aber er koͤmmt vielleicht nicht wie- der! du machtest mich neulich noch mit diesem Ge- II. [ 8 ] Zweite Abtheilung . danken traurig, — o jetzt ist er fast mein einzi- ger Trost. — Und wenn er nun zuruͤck koͤmmt — Ach, Schwester, ich glaube, ich bin verloren! — Und die Alte sollte um alles wissen! Wie muͤßte ihr dabei zu Muthe seyn, — ach! aber sie hat ein entsetzliches Wesen. — Wenn sie nun an alles denkt, wenn ihr die Blutkammer immer gegenwaͤrtig ist, wie kann sie essen, trinken und schlafen; und er, — er, — sage mir, wie kann ein solches Ungeheuer aus dem Menschen werden! — Es ist alles wie ein fremdes Maͤhr- chen, wenn ich es aus der Ferne ansehe, — und dann, — daß ich im Mittelpunkte dieses entsetzli- chen Gemaͤhldes stehe! — Fasse dich nur, damit wenigstens deine Rettung noch moͤglich ist, damit nur dein Verstand nicht leidet. Er hat vielleicht schon gelitten. — Ach, Anne, es waͤre schrecklich, wenn ich mir nur einbildete, daß du mich so schwesterlich troͤstetest, wenn die Alte es waͤre, die mir jetzt gegenuͤber saͤße. — (sie greift sie an) Aber du bist es, nicht wahr? Agnes! Agnes! thue dir selbst Ge- walt an, laß den Wahnsinn fahren. Nein, du bist es selbst. — Sieh diesen verraͤtherischen Schluͤssel, Tag und Nacht habe ich daran gearbeitet diesen schrecklichen Flek- ken zu vertilgen, aber alles ist umsonst. Erhitze dich nicht noch mehr, sei gelassen. Der Blaubart . Mechtilde koͤmmt mit einer Laterne. Seid Ihr auch schon so fruͤh auf? Ja, ich bin schon das ganze Haus durchkrochen, denn ich habe eine Ahndung, daß unser Herr heut wieder kommt. Der Herr? Erschreckt Ihr doch ordentlich vor Freuden. — Aber wie kommt Ihr beide schon so fruͤh aus den Federn? Meine Schwester ist nicht wohl — Nicht wohl? Ihr seid auch ganz blaß; ei, das wird dem Ritter nicht lieb seyn. — Ich will mich zu Euch setzen, denn mit dem Schlafen ist es jetzt doch vorbei: wenn es einmal so fruͤh geworden ist, schlaͤft man nicht leicht wieder ein. Setzt Euch. — Wir wollen uns Maͤhrchen zur Kurzweil erzaͤhlen, das haͤlt die Augen huͤbsch offen, besonders wenn sie etwas fuͤrchterlich sind. Ich weiß keine, erzaͤhlt Ihr uns etwas. Seht, da geht der liebe Mond unter, nun wird der Himmel recht schwarz und finster. — Eure Lampe geht ja auch aus, ich will meine Laterne auf den Tisch stellen. — Freilich weiß ich auch nicht viel, und Erzaͤhlen ist sonst nicht meine Sache; doch ich wills versuchen. — Es wohnte einmal ein Foͤrster in einem dicken, dicken Wald; der Wald war so dick, daß der Zweite Abtheilung . Sonnenschein nur in gebrochenen Schimmern her- unter fallen konnte; wenn das Jagdhorn gebla- sen ward, so klang es fuͤrchterlich in der gruͤnen Einsamkeit. In der dichtesten Gegend des Forstes lag nun grade das Haus des Jaͤgers. — Die Kinder wuchsen in der Wildniß auf, und sahen gar keine Leute als ihren Vater, denn die Mutter war schon seit lange gestorben. Um eine gewisse Jahrszeit traf sichs immer, daß der Vater sich den ganzen Tag im Hause eingeschlossen hielt, und dann hoͤrten die Kinder ein seltsames Rumoren um das Haus herum, ein Winseln und Jauchzen, ein Laufen und Schreien, in Summa, ein Gelaͤrm, wie vom leibhaftigen Satanas. Man brachte dann die Zeit in der Huͤtte mit Singen und Beten zu, und der Vater warnte die Kinder, ja nicht hinaus zu gehn. Es traf sich aber, daß er einst in der Woche, in welche dieser Tag fiel, verreisen mußte. Er gab die strengsten Befehle, aber das Maͤdchen, theils aus Neugier, theils weil sie den Tag aus Un- achtsamkeit vergessen hatte, geht aus der Huͤtte. — Nicht weit vom Hause lag ein grauer stillstehender See, um den uralte verwitterte Weiden standen. Das Maͤdchen setzt sich an den See, und, indem sie hinein sieht, ist es ihr, als wenn ihr fremde baͤrtige Gesichter entgegen schauen; da fangen die Baͤume an zu rauschen, da ist es, als wenn es in der Ferne geht, da kocht das Wasser und wird schwarz und immer schwaͤrzer; — mit einem male, sieh, springt es in der truͤben Woge wie Fisch- Der Blaubart . lein oder Froͤsche, und drei blutige, ganz blutige Haͤnde tauchen sich hervor, und weisen mit dem rothen Zeigefinger nach dem Maͤdchen hin — Blutig? — Schwester! um Gottes willen sieh die alte Hexe! wie sie ihr Gesicht ver- zogen hat! sieh, Schwester! Kind, was ist dir? Blutig, sagst du? — Ja, blutig, du wildes Scheusal! — Blutig ist Euer Leben, ihr Schlaͤchter, ihr graͤßlichen Moͤrder! Fort! Ich mag dein grinsendes Antlitz mir nicht gegenuͤber! fort! — So lange ich noch hier zu befehlen habe, sollst du mir gehorchen! Das sind ja ganz besondre Einfaͤlle. (geht.) Schwester, maͤßige dich doch. Du hast es nicht gesehn, wie sie sich unter der Erzaͤhlung verwandelte. Du bist erhitzt, das sind Einbildungen. Nun, warum spricht sie auch von Blut? — Ich kann das Wort nicht hoͤren, ohne toll zu werden. Du mußt dich nothwendig noch zu Bette legen, Schlaf muß dich abkuͤhlen. Komm! Schlaf? O nein, nicht schlafen, ich kann nicht schlafen, aber ruhen will ich neben dir, und deine liebe Hand fassen, indem du mir Trost einsprichst. (gehn.) Zweite Abtheilung . Dritte Scene . ( Dichter Wald .) Leopold, Brigitte . Wie ewig lange waͤhrt diese Nacht! Wird der Tag nicht bald grauen? Beruhige dich, geliebtes Kind, wir finden wohl aus dem Walde, auch kann der Tag nicht lange mehr ausbleiben: die Finsterniß brach mit dem untergehenden Monde zu ploͤtzlich herein: wir muͤssen der Waldhuͤtte ganz nahe seyn, von der man uns sagte, daß wir sie nicht verfeh- len koͤnnten. Nun haben wir sie doch verfehlt. Wohin denkst du jetzt? Ich bin verdruͤßlich, gesteh ich Dir, recht durch und durch boͤse auf die Menschen, die sich meine Freunde nannten, und da ich nun in dieser Verlegenheit anfrage und aushorche, so ver- sagt mir dieser seinen Schutz unter der armselig- sten Ausflucht, jener seine Huͤlfe mit einer mora- lischen Ausbeugung, so daß ich die gewissenhaften Esel alle nach der Reihe zum Kampf fodern moͤchte. Das haͤtten wir vorher beden- ken sollen. Laß uns zu meiner Schwester und meinem Schwager, dem Blaubart hin, der Mensch ist eine gute, ehrliche Haut, und steht uns gewiß bei. Sind wir erst vermaͤhlt und haben solchen Der Blaubart . maͤchtigen Fuͤrsprecher, so versoͤhnt sich auch Dein Vater leicht. Sei nur getrost, mein Herz, alles wird noch gut. Ach, Leopold, ich verberge Dir alle meine Thraͤnen und Seufzer. Verlier den Muth nicht, morgen hat nun das Herumziehn im Lande ein Ende, ich sage Dir, es muß alles gut werden, es mag wol- len oder nicht, und dann sind wir gluͤcklich. Hier scheint eine lichtere Stelle. Wir wollen hindurch, vielleicht finden wir noch die vermaledeite Huͤtte, daß uns Feuer und Speise etwas erquickt. Gieb mir die Hand und folge mir. (gehn ab.) Hans, Caspar . Hoͤrtest Du hier nicht Stimmen, Caspar? Es klang mir auch so vor den Ohren; wer weiß, was es gewesen ist. Wie so, Caspar? Nun, man spricht nicht gern da- von und nennts noch weniger bei seinen Namen. Den wilden Jaͤger muͤßt Ihr ja so gut gehoͤrt haben, wie ich. Saht Ihr nicht vor einiger Zeit das Feuer in der Ferne laufen? das ist der Drache gewesen. Du bist aberglaͤubisch, Caspar? das ist ja gegen alle vernuͤnftige Grundsaͤtze. Herr, am Tage hab ich Grund- saͤtze trotz einem, aber in der Nacht, verirrt, im finstern Wald, wo die Baͤume so sausen, wie hier, Zweite Abtheilung . wo es aus der Dunkelheit aͤchzt und stoͤhnt, und sich alles in mir und außer mir so seltsam gebehr- det, da, bester Herr, lassen mich meine Grundsaͤtze im Stich. Hast Recht, Caspar, Schauder uͤber Schauder laufen einem den Ruͤcken hinab, und grisseln in den Haaren, und die Vernunft duckt tief, tief unter, und thut, als wenn sie gar nicht zu Hause waͤre. Reinhold tritt auf. Ich irre mich nicht, es sprach hier jemand. Er ist gewiß zuruͤck gekommen, und kann in der Finsterniß das Haus nicht wieder fin- den. Ulrich! Hier! Was machst du, Caspar? Keiner von uns heißt Ulrich. Wenn solche richtige, offenbare Men- schenstimme ruft, so heiß ich in der Finsterniß wie man will. Wo bist du? Warum kommst du nicht naͤher? Sieht man doch keinen Stich vor den Augen. Das ist nicht seine Stimme. Wer spricht da? Freund, wer Ihr auch seyn moͤgt, helft uns zur Landstraße, wenn Ihr sie wißt. Die Sprache ist mir bekannt. Erlaubt die Frage, Herr wer seid Ihr? Der Blaubart . Ich bin der Ritter Hans von Marloff. Himmel! mein Vater! so un- verhoft! O laßt Euch in meine Arme druͤcken. Wie bin ich so gluͤcklich, Euch so unvermuthet zu finden? Bist du mein Sohn? bist du Rein- hold? laß Dich anfuͤhlen, laß Dich druͤcken und umarmen, herzen und kuͤssen! Ei du lieber Gott! Caspar, liegen wir nicht etwa im Traume? Ist es denn wahr? So gehts in der Welt: ein Kind verloren, eins gefunden. Ist meine Schwester todt? Ach nein, zu lebendig, auf und da- von, mit einem Spielmann — ich vertroͤste mich noch, es wird der Leopold von Friedheim seyn — und so reite ich alter Narr ihr nach, und wollte nun zum Ritter Hugo vom Wolfsbrunn, und an- fragen, denn der hat kuͤrzlich die Agnes, meine Pathe, des Leopolds Schwester geheirathet. Und was macht Anne? Auf dem Wege will ich dir alles er- zaͤhlen, sie ist der Schwester gefolgt, harrt und hofft immer noch auf Dich, wie ich mir habe sa- gen lassen. Aber wo finden wir nur den Weg? Es ist nur drei Schritt von hier. Und seit drei Stunden suchen wir ihn mit Haͤnden und Fuͤßen. Zweifelt Ihr nun noch, Herr, daß wir verhext gewesen sind? — Nun, lieber junger Herr, gebt mir doch auch die Hand. Ha, der Tag koͤmmt auch schon herauf. Seht, Herr, er ist noch schoͤner und groͤßer geworden. Zweite Abtheilung . Sei mir gegruͤßt, Caspar. Va- ter kommt mit mir, nur hundert Schritt von hier findet Ihr eine Huͤtte und Erquickung; mit dem Tage begleite ich Euch. Mein Knappe muß auch sogleich eintreffen, den ich ausgesandt habe. Hier geht der Weg. (gehn ab.) Vierte Scene . (Platz vor der Burg mit Baͤumen. Rechts ist ein Theil der Burg mit dem großen Thore sichtbar; das Schloß hat ein plattes Dach, wie einen großen Altan, auf der Seite des Daches einen Thurm, zu welchem eine Stiege hinauf fuͤhrt.) Anne, Agnes oben auf dem Dache. Wie schoͤn die Sonne aufgegangen ist! Das kann mich nicht troͤsten. Sieh, wie der frische rothe Strahl zwischen den fernen Bergen liegt, wie die Gegend nach und nach in den Morgenglanz hinein tritt. Ach, Anne! Was ist, Schwester? Vielleicht kehrt er nicht zuruͤck. — Du hast mich seit der Nacht so verwoͤhnt, daß ich zusammen fahre, wenn du nur nicht im allerzaͤrt- lichsten Tone mit mir sprichst. In der Krankheit so wie im Ungluͤck werden wir gar zu leicht ver- zogene Kinder. Der Blaubart . Ich meine es gewiß gut mit Dir. Das weiß ich, und das haͤlt mich auch noch aufrecht. — Hoͤrst du nicht Musik? Nein. Es kommt von der Waldecke dort. Du bist uͤberwacht, und davon klingt es Dir wohl im Ohr. Nein, ich hoͤre die Trompeten gar zu deutlich. Jetzt hoͤre ich es auch. O mein Herz klopft gar zu unge- stuͤm, — sie sinds gewiß. — Indessen will ich mich fassen; es wird vielleicht nicht so boͤse wer- den, als ich fuͤrchte, in der Angst uͤbertreiben wir nur gar zu leicht vor uns selber, — nicht wahr Schwester? Gewiß. Es koͤmmt immer naͤher — es ist mein Mann, — ich kann schon die Fahnen erkennen. Sie sinds. Feldmusik naͤher. Ein Zug von Knechten. Hugo zu Pferde. Sieh da, meine Gemahlin! — Gu- ten Morgen Agnes! Guten Morgen. Bleib oben, ich komme hinauf. — Laßt die Thore offen, die uͤbrigen kommen sogleich mit der Beute. (ziehn in das Thor.) Er koͤmmt herauf! Er war es wirk- lich! Zweite Abtheilung . Nimm dich zusammen, liebe Schwe- ster, es kann noch alles gut werden. Das Leben ist mir zuwider, und doch kann ich vor nichts anderm, als dem Tode zittern. Ich begreife mich selber nicht. Hugo kommt herauf. Und schon so fruͤh bist Du wach? Ich hatte eine Ahnung, daß du kommen wuͤrdest. Ich komme eher zuruͤck, als ich ver- muthen konnte, der Feind ist geschlagen, und viele Reichthuͤmer sind in meine Gewalt gekommen. Das Gluͤck begleitet Dich allent- halben. Meinst du? — Und wie hast du ge- lebt unterdessen? Ganz wohl. Mich duͤnkt Du siehst blaß aus. Weil wir heute so fruͤh aufgestan- den sind. Mechthilde kommt herauf. Koͤmmst du auch heraufgekrochen, al- ter Hausdrache? Ich muß Euch doch wohl Gluͤck wuͤnschen, Herr Ritter. Ich danke Dir. Das Fruͤhstuͤck ist auch fertig. Schon gut. — Es ist eine schoͤne Aussicht von hier oben; wenn man aber so hoch Der Blaubart . steht, muß man sich in Acht nehmen, daß man nicht die Lust bekoͤmmt hinunter zu springen; die Hoͤhe des Absturzes lockt das Gemuͤth. Eine Frau denkt an so etwas nicht, aber mein Bruder Simon konnte stundenlang da- ruͤber sprechen. Hier sind auch die Schluͤssel, — doch, ich will sie Dir lieber nachher geben. Schon gut. — Und Du hast alles besehn? Mit vielen Freuden; ich habe mich recht an den Kostbarkeiten ergoͤtzt. Gieb sie mir doch lieber jetzt. Hier. — Den goldnen behalte ich noch zuruͤck. Wozu denn? Zum Angedenken. Naͤrrchen. Nein, ich gebe ihn Dir im Ernst noch nicht zuruͤck, ich will Deine Ungeduld einmal auf die Probe stellen. Ich werde leicht ungeduldig. Und doch ist unsre Ehe noch zu jung, als daß wir uns jetzt schon zanken sollten. Nach dem Zank folgt eine desto an- genehmere Versoͤhnung. Du traust mir gewiß nicht recht, und, siehst du, lieber Mann, darum will ich, Dir zum Possen, den Schluͤssel noch zuruͤck behalten. Meinetwegen. — Aber du giebst ihn mir doch, wenn ich recht ernstlich darum bitte. Zweite Abtheilung . Wenn ich es Dir nun abschlage? Je nun, so magst Du ihn ganz behalten. Ich habe Dich noch nicht bei so gu- ter Laune gesehn. Mir ist heut wohl, es geht mir alles nach Wunsch. — Nun, kindische Frau, gieb mir den Schluͤssel. Hier. — Gut, wir wollen hinunter gehn und fruͤhstuͤcken. Kommt, gnaͤdiger Herr. Was fehlt Dir denn? (mit dem Schluͤssel spielend.) Nichts; — wollen wir gehn? Was ist denn das hier fuͤr ein Fleck? Ein Fleck? — Ist der vielleicht jetzt darauf gekommen? Jetzt? — Heuchlerische Schlange! O Agnes, ich dachte nicht, Dich so schnell wieder zu verlieren. So geschwind hat mich noch keins meiner Weiber verlassen, denn mein Befehl galt ihnen immer doch in den ersten Wochen etwas, und Du — Erzuͤrnt Euch nicht! Verfluchte Neugier! — (er wirft zor- nig den Schluͤssel hin.) Durch Dich kam die erste Suͤnde in die unschuldige Welt, und immer noch lenkst du den Menschen zu ungeheuren Verbrechen, die oft zu schwarz und greulich sind, um nur ge- nannt zu werden. Die Suͤnde der ersten Mutter Der Blaubart . des Menschengeschlechts hat alle ihre nichtswuͤrdi- gen Toͤchter vergiftet, und wehe dem betrogenen Manne, der Eurer falschen Zaͤrtlichkeit, Euren un- schuldigen Augen, Eurem Laͤcheln und Haͤndedruck vertraut! Betrug ist Euer Handwerk, und um bequemer betruͤgen zu koͤnnen, seid Ihr schoͤn. Man sollte Euer ganzes Geschlecht von der Erde vertilgen. Diese schaͤndliche Neugier, diese Bos- heit des Herzens, diese veraͤchtliche Schwachheit Eures Gemuͤthes ist es, was Euch alle Bande zerreißen, die Treue, die Ihr gelobt, brechen laͤßt, die Euch dann, mit Feigheit gesellt, zu den ver- ruchtesten Mordthaten reißt. Ja zur Hoͤlle, in die Umarmung der Teufel werdet Ihr gelockt, um diese Lust zu buͤßen. — Gut, Du hast Dir selbst Dein Schicksal gewaͤhlt. Ihr seid mir fuͤrchterlich, erbarmt Euch meiner. Alte, nimm den Schluͤssel auf. Ich soll wohl das Kabinet auf- schließen? — Gut. — Seht Ihr, nun kommt Ihr ja immer noch fruͤh genug in die Kammer. (geht ab.) (kniet nieder.) Habt Mitleid! vergebt mir meinen Fuͤrwitz, es soll Euch nicht gereuen; ich will Euch mit aller meiner Liebe dafuͤr lohnen. Wenn ich Euch nicht kennte! Ihr verabscheut mich jetzt, Ihr wuͤrdet entfliehn sobald sich nur eine Gelegenheit zeigte. So jung, und ich soll schon eines so schrecklichen Todes sterben? — O verstoßt mich Zweite Abtheilung . als Eure Gattin, und laßt mich als eine Magd hier dienen; laßt mich der Alten unterthaͤnig seyn, nur schenkt mir das Leben. Alle deine Bitten sind vergebens, es ist gegen mein Geluͤbde. (kniet nieder) Seid meiner Schwester gnaͤdig, laßt Euer Herz sich erweichen, wie es dem Menschen geziemt, ertheilt Gnade um Gnade erwarten zu duͤrfen; o seht die Angst des armen Maͤdchens, laßt meine Thraͤnen Euch zu Herzen gehn; ich will nicht sagen, ihr Fehler ist gering, aber um so groͤßer er ist, um so preiswuͤrdiger ist Eure Milde. Lieber, Theurer, sieh aus guͤtigen Augen, nicht so; o laß mich dein Knie flehend beruͤhren, wende dich nicht so kalt von mir ab, gedenke der Liebe, die du mir verheißen hast. Ach, nicht so schrecklich, so schrecklich nicht laß mich enden, schleppe mich nicht in die Blutkammer, ver- treibe mich in den Wald, zu Hirschen und Woͤl- fen, nur hier nicht, — nur heut nicht enden! Alles ist umsonst. Jede Bitte, jede Thraͤne ist vergebens? Beim Himmel! (steht heftig auf) Nun so steh auf, Schwester, entweihe deine Knie nicht laͤnger! So hoͤre mich denn zuletzt, du kaltbluͤtiges, blutduͤrsti- ges Ungeheuer, hoͤre, daß ich dich verabscheue, daß jeder Mensch dich verabscheuen muß, daß du dei- ner Strafe nicht entrinnen wirst! Waͤren nur noch zwei Maͤdchen hier, so Der Blaubart . so wollten wir dir mit unsern Naͤgeln die kleinen blinzelnden grauen Augen auskratzen. Widerliches Unthier! kein Mensch, sondern eine Mißgeburt! Als deine Mutter dich geboren hatte, haͤtte sie dich wie einen jungen Hund ersaͤufen sollen, damit du nicht Ungluͤck in die Welt gebracht haͤttest. Ho ho! was haͤlt mich denn ab, Euch beide von hier hinunter zu stuͤrzen? Besinnt Euch doch, Ihr seid ja toll! — Ist das eine Sprache fuͤr Maͤdchen? — Nun komm, Agnes, unten ist aufgeschlossen. Und es ist also dein Ernst? — O weh! ich kann nicht mehr, meine Kraͤfte sind erschoͤpft. Komm! Ein Gebet zum Himmel zu sen- den, — so viele Zeit wirst du mir doch noch uͤbrig lassen? Aber mach schnell, ich warte unten auf dich. — (geht ab.) Ach, Schwester, waͤre es nicht eben so gut, wenn ich jetzt gleich hier hinunter spraͤnge? — Aber mir fehlt der Muth. — (sie kniet nieder) Ich will beten. — O wenn doch jetzt meine Bruͤder kaͤmen! — Schwester, sieh doch einmal ins Feld hinaus; es waͤre ja doch moͤglich. — Ach! kein Gedanke zum Himmel! — Siehst du nichts? (von unten) Agnes! Sogleich. Ich sehe nichts als Feld und Wald II. [ 9 ] Zweite Abtheilung . und Berg, alles ruhig, kein Wind regt sich; — die Baͤume hindern hier die Aussicht. Wenn du nicht schwindeltest, wollte ich dich wohl bitten, auf den Thurm zu steigen, — aber falle ja nicht. — Siehst du noch nichts? (unten) Agnes! Den Augenblick! Nichts, Baͤume, Felder und Berge, und die Luft schlaͤgt auf dem Boden kleine Wel- len, so warm scheint die Sonne. Ach, und ich kann nicht beten, im- mer ruf ich innerlich wider meinen Willen: Si- mon! Anton! als wenn mir dadurch geholfen wuͤrde. (unten.) Agnes, du machst mich un- geduldig. Nur noch ein klein Gebet. — Siehst du noch nichts? Ich sehe Staub aufsteigen! Wohl! wohl! Weh! weh! es ist eine Herde Schaafe. Bin ich aber auch nicht eine Thoͤ- rinn, auf etwas Unmoͤgliches zu hoffen? Ich will mich in mein Schicksal ergeben, und der Tod soll mir jetzt lieb seyn. Komm herunter, Schwester, du siehst ja doch nichts, ich will Abschied von dir nehmen. Ich sehe einen Reuter, — zwei. — Wie? Sollt' es moͤglich seyn? Sie stuͤrzen wie Blitze den Berg her- unter, — einer hinter dem andern. — Der Blaubart . O Gott! Der eine voran, — weit voran. — (unten.) Agnes, jetzt komm ich hinauf! Ich bin schon auf dem Wege zu Euch, meine Schwester umarmt mich nur noch einmal. Er koͤmmt immer naͤher und naͤher. Kennst Du ihn nicht? Nein, — doch — es ist Simon. — (sie laͤßt ihr Tuch wehen.) O weh! — Da stuͤrzt er mit dem Pferde den Huͤgel hinunter, — er rennt zu Fuß. — Wie ist mir? — Ich weiß nicht mehr, ob ich lebe oder todt bin. Er ist schon ganz nahe! Welch ein seltsamer Traum! — Wenn ich doch erst erwacht waͤre! (sie sinkt nieder.) Hugo kommt mit bloßem Schwerdt herauf. Ins Teufels Namen! wo bleibst du? — Wie? todt? ohnmaͤchtig? — Bei den Haaren schleif ich Dich hinunter zur Stelle, wo du blu- ten sollst! Simon tritt unten hastig mit bloßem Schwerdt auf. (schreiend.) Halt! halt! Moͤrder! Boͤ- sewicht! (rennt ins Thor.) (oben.) Huͤlfe! Huͤlfe! (laͤßt Agnes fallen.) Welche Stimme? — Welcher Ton, der so kreischend herauf drang? (ec- Zweite Abtheilung . greift sie wieder.) Hinunter mit dir! Allen Engeln, allen Teufeln zum Trotz! (er will sie fortschleppen.) (stuͤrzt ihm entgegen) Steh, Boͤ- sewicht! Wie? Du wagst es? Nicht sprich! das Schwerdt soll hier entscheiden! — (Gefecht, Hugo faͤllt, Simon stoͤßt ihm das Schwerdt durch die Brust.) Nun ist mir wohl! Nun bin ich beruhigt. — Agnes! Gott im Him- mel, sie ist todt! Agnes! liebste Schwester! — O Bruder, Dank dir! — Agnes, alle Gefahr ist voruͤber. — Sie schlaͤgt die Augen auf. Wo bin ich? — Ach Gott, Simon! Du bist wirklich da? — Wo bist du hergekom- men? — Und der Moͤrder — Da liegt er todt zu deinen Fuͤßen. — O ich weiß kaum, wie ich hergekommen bin, wie Sturmwinde trug es mich her, und als ich erst der Burg ansichtig ward, dein Tuch flattern sahe — Alles ist jetzt gut. — Komm hinunter, der Anblick dieses Scheusals soll dich nicht mehr aͤngstigen. (sie fuͤhren sie hinab.) tritt auf. Unsre Pferde gestuͤrzt, — und hier ist alles jetzt ruhig. — Die Schwester winkte, mich duͤnkt, Hugo und Simon kaͤmpften, — ich geh hinein, um dem Bruder zu helfen. (geht ins Thor.) Der Blaubart . Von der einen Seite treten auf Leopold und Brigitte , von der andern Hans, Reinhold, Caspar, Ulrich . Was seh ich? Mir entgegen kommt Ihr so dreist? (kniet) O mein Vater, der Zufall fuͤhrt mich wieder zu Euren Fuͤßen; um so un- erwarteter, um so guͤtiger sei Eure Vergebung. Bist du noch mein Kind? Kennst du noch deinen alten Vater? Nein, ein Kind kraͤnkt den Vater nicht, haͤuft nicht Schmach auf sein greises Haupt. Verzeihung. Vergebt uns. Also der Leopold hat mir so losen Streich gespielt? Alles vergessen und vergeben. Nicht wahr, mein lieber Vater? Vater! Ziemlich vorlaut. Indessen es sei, mein wiedergefundener Sohn Reinhold hat schon fuͤr euch gebeten; Brigitte, du kannst dich bei deinem Bruder bedanken. Ich muß ja froh sein, daß der junge Wildfang nur kein Spiel- mann ist. Aus der Burg treten Simon und Anton , welche Agnes fuͤhren, Claus , der Rath- geber , Knechte. Hier unter diesen Baum setz dich, — (zu Claus) Kleiner, gieb den Becher Wein Zweite Abtheilung . her. So, trink, erhole dich und fasse deine Ver- nunft wieder zusammen. Die Alte hat sich auch verzweifelnd aus dem Fenster gestuͤrzt. — Nun, Bruder Anton, gelt, du wirst mich nicht mehr fuͤr einen Narren halten? Nein, Bruder, wir alle haben dir unser Gluͤck zu danken. Diese Knechte haben mich fuͤr ihren Herrn erkannt, wir theilen uns die Schaͤtze des Gefallenen und Agnes kehrt wie- der nach Friedheim zuruͤck. (der sich mit Anne umarmt haͤlt) Euern Seegen mein Vater, dann sind wir alle gluͤcklich. Der Himmel seegne euch, meine geliebten Kinder. Zwei Traͤger bringen eine verdeckte Saͤnfte herein. Was ist denn das? Das ist der Schatz des Blaubarts, den er noch erwartet hat. Was sich in dieser Saͤnfte befindet, sei Euch, Ihr Knappen und Knechte, uͤbergeben, ich verlange keinen Theil daran. Es lebe der edle Ritter Anton von Friedheim! (Alle draͤngen sich zu der Saͤnfte, sie wird eroͤffnet, Winfred steigt heraus.) Zu viel Huͤlfe, wie erst zu wenig, laßt gut sein, Leute, ich komme schon. — Ach, da ist ja auch der Leopold! Ist das recht, seinen Bundesgenossen so in Stich zu lassen? Wie hab ich mich fuͤr Euch aufgeopfert! Der Blaubart . Seid nicht ungeduldig, ich bin Euch dankbar fuͤr Eure Freundschaft. Meine Freunde, laßt uns in den Saal gehn und beim froͤhlichen Mahl, in welchem der Becher kreiset, alle Sorgen und die Erinne- rungen der Leiden nieder trinken, auch den Knap- pen und Knechten soll Wein und Speise gespendet werden, so wie ihnen allen der Theil am Reich- thum des erschlagenen Hugo nicht entgehn wird, den ich ihnen bestimmt hatte. Wir danken, wir danken, edler Herr. Wie? und die schoͤne Agnes ist wieder Wittwe? — Hoͤrt doch, Freund Leopold, nicht wahr, da koͤnnte ich mich doch nun wieder praͤsentiren, seht, ich wollte ein Ehemann wie ein Lamm, wie ein Engel seyn, das muͤste ihr denn doch nach dem Wuͤthrich gut ankommen. Nicht? Fallt nur nicht mit der Thuͤr ins Haus, versucht uͤber Jahr und Tag euer Gluͤck. Tretet hinein, meine Freunde. O mein Hut, mein schoͤner Hut, der liegt noch in der Saͤnfte. Schnell! Wie konnte ich das nur vergessen? Mit dem verbunde- nen Kopf und mit dieser Muͤtze sehe ich zu er- baͤrmlich aus. — So, nun sind die Spuren aller Leiden vertilgt, nun koͤnnen wir wieder froͤhlich sein. (gehn alle in die Burg: Trompeten, Freudengeschrei.) Zweite Abtheilung . Die Damen bezeigten ihren Beifall; nach- dem man eine Weile uͤber das Schauspiel ge- sprochen hatte, fragte Clara, woher nur diese Angewoͤhnung, ja dieses Gesetz, die dramatischen Gedichte in fuͤnf Akte abzufassen? Es ist schwer zu sagen, antwortete Lothar, warum dieser Gebrauch uns so durchaus noth- wendig duͤnkt; bloße Gewohnheit und Conven- tion ist wohl diese scheinbare Zufaͤlligkeit nicht, sondern diese Sitte entspringt wohl auch, wie so manches andre, von dem wir keine Rechen- schaft geben koͤnnen, aus einer innern verhuͤllten Nothwendigkeit. Ein dramatisches Gedicht von groͤßerem Umfange muß seine Pausen und Ru- hepunkte haben, das fuͤhlen und wuͤnschen wir alle, denn wir wollen die einzelnen Theile be- merken, aus welchen das Ganze zusammen ge- setzt ist, um in ihnen das Ganze leichter zu fas- sen und lebendiger uns vorzustellen. Die Ge- wohnheit, ein dramatisches Gedicht in fuͤnf Theile zu zerwerfen, ist schon sehr alt, die Neuern ha- ben ebenfalls diese Zahl angenommen, außer die Spanier, welche drei Abschnitte fest gesezt ha- ben, die man in den meisten ihrer Dramen fin- det. Shakspear spielte seine Schauspiele wohl fast alle ohne bedeutende Unterbrechung, doch laͤßt sich die Eintheilung in fuͤnf Akte auch bei ihm nachweisen, und es ist wahrscheinlich, daß diese Pausen, wenn sie gleich in seinem Theater Zweite Abtheilung . nicht mit Musik ausgefuͤllt, doch wenigstens an- gedeutet wurden. Laͤßt sich denn aber gar kein Grund fuͤr oder wieder gewisse Zahlen angeben? fragte Clara. Es muß wohl, antwortete Lothar, ein Ge- fuͤhl fuͤr Schoͤnheit, Proportion und Harmonie seyn, welches uns hierin bestimmt. Hans Sachs theilt die meisten seiner Schauspiele in sieben Akte, und er hat dies, glaub ich, mit andern alten Dichtern jener Zeit gemein. Diese Zahl empfiehlt sich durch den groͤßern Umfang, den sie zulaͤßt, da in den vielfachen Pausen die Ge- schichte außerordentlich fortruͤcken kann, sie haͤngt wohl mit der Anzahl der Planeten und der Le- bensstufen zusammen, und noch Shakspear sagt: „das Schauspiel des Lebens besteht aus sieben Akten;“ diese Eintheilung waͤre mit Vortheil in Gedichten, die nicht fuͤr die Buͤhne geeignet sind, anzuwenden, um ein großes, mannichfaltiges Ge- webe zusammen zu halten, und die Uebersicht zu erleichtern, denn die Eintheilung in sechs Akte, wie im Zarbino, ist gerade hin zu verwerfen, da sich bei dieser das Gedaͤchtniß verwirrt, oder das Ganze wieder in drei Abtheilungen aufloͤst. Sechs ist in aller Kunst eine ungeschickte Zahl. Eben so unerlaubt ist es, ein Nachspiel in zwei Akten zu schreiben, (viele Opern sind zu meinem Mißvergnuͤgen so eingetheilt) denn wir wollen Anfang, Mittel und Ende in allen Dingen, nicht bloß zwei Haͤlften. Der Dichter, welcher ein Zweite Abtheilung . kleines Stuͤck nicht in einen Akt zu bringen ver- mag, ist seines Gegenstandes entweder noch nicht maͤchtig geworden, oder er hat ein groͤßeres Ge- dicht zu sehr zusammengedraͤngt, und es an ei- nem Akte fehlen lassen. So muͤssen also die Spanier wohl, sagte Clara, die vollkommenste Eintheilung ihrer Schau- spiele getroffen haben. Fuͤr die symmetrische Bearbeitung ihrer Ge- genstaͤnde ohne Zweifel, antwortete Lothar, doch scheint die Zahl Fuͤnf nur eine kuͤnstlich erwei- terte und verhuͤllte Drei; ich meine nehmlich, daß sich hier die Symmetrie, Thesis, Antithe- sis und Synthesis mehr verbirgt und weniger in die Augen faͤllt; die Regel ist hier bescheide- ner und die Aufgabe einer richtigen Abtheilung daher um so schwieriger. Drei ist mehr mathe- matisch, Fuͤnf organisch, Sieben mystisch; durch die Einfachheit neigt sich die Drei mehr zur Alle- gorie, die Fuͤnf ist leichtsinniger und verstaͤndiger, wenn gleich weniger philosophisch. Gewiß, warf Manfred ein, ist in diesen anscheinenden Zufaͤlligkeiten, die seltsam klingen, wenn man sie motiviren will, doch Grund und Ursach anzutreffen, denn ein Schauspiel in fuͤnf Akten soll gleich von innen heraus anders ge- arbeitet seyn, als dasjenige, welches in drei Theile zerfaͤllt. Die Franzoͤsische Buͤhne haͤtte in allen ihren Tragoͤdien nicht die vielen Luͤcken- buͤßer und leeren Episoden erhalten, wenn der Zweite Abtheilung . Eid in drei statt in fuͤnf Akten waͤre geschrieben worden (so wie er wohl im Spanischen Ori- ginal war, welches ich nie gesehn habe), und wenn dieses Beispiel sogleich Autoritaͤt genug erhalten haͤtte, um nachgeahmt zu werden. Im ersten Entwurf, fuhr Lothar fort, zer- faͤllt dem Dichter, zumal demjenigen, der eine sogenannte regelmaͤßige Tragoͤdie schreiben will, die Materie gewiß in vier Theile; die naͤchste, natuͤrlichste, aber auch unkuͤnstlichste Anordnung eines Schauspiels. Die Begebenheit kuͤndigt sich an, verwirrt sich, erreicht ihr hoͤchstes Interesse und wird beschlossen. In dieser Anordnung bleibt aber unser Gemuͤth voͤllig unbefriedigt, weil wir fuͤhlen, daß sie keine ist, sondern daß Willkuͤr und Anarchie in solchem Werke herrschen, oder jene Bequemlichkeit, die mit der Kunst ganz un- vereinbar ist. Fruͤhere Spanische Theaterstuͤcke waren so abgefaßt, und Cervantes sagt, die Kunst sey damals auf allen Vieren gegangen. Es ist sehr wahr, fuͤgte Ernst hinzu, daß in vielen dieser regelmaͤßigen einfachern Werke der vierte Akt nur eine Vorbereitung zum fuͤnf- ten ist, oft scheint auch mit dem vierten Akte ein neues Schauspiel zu beginnen, weil das Hauptinteresse mit dem dritten beschlossen wurde. Alfieri klagt in den Bemerkungen uͤber seine Tra- goͤdien mehr als einmal, wie schwer ihm der vierte Akt geworden, und wie unnuͤtz er sey. So ist in unserer vortreflichen Iphigenia nach Zweite Abtheilung . dem dritten Aufzuge ein Stillstand, wir sehn nur eine Vorbereitung des Schlusses; im Tasso ist der vierte Akt vielleicht der schoͤnste, aber der dritte enthaͤlt dafuͤr diese Vorbereitungen zum vierten; die Eugenie, moͤchte ich sagen, besteht fast nur aus fuͤnf ersten Akten. Viele Dichter, fuhr Lothar fort, haben den Schluß fuͤr die schwierigste Aufgabe der Kunst gehalten, gewiß aber ist der vierte Akt die Klip- pe, an welcher so manches, sonst auch gute Stuͤck, scheitert. Jeder von uns wird die Er- fahrung gemacht haben, wie frisch unsre Auf- merksamkeit beim Anfang des Schauspiels ist, wie schnell uns der erste Akt verschwindet: die- selbe Theilnahme am zweiten und Neugier auf den dritten, der uns gewiß noch unterhaͤlt, nach diesem aber tritt eine Ermattung ein, eine Zer- streutheit bei allen Zuschauern, durch welche man- cher Dichter wohl schon zu dem Wunsch mag gebracht worden seyn, daß nach dem dritten Akt sogleich der fuͤnfte folgen koͤnnte. Es ist daher gut, wenn nach einer lebhaften Einleitung sich im zweiten Akt neben der Handlung eine scheinbare Episode etwas ausbreitet, im dritten Akt die Verwirrung und die Leidenschaften noch nicht auf das hoͤchste gespannt sind, damit er- greifende Scenen dem vierten uͤbrig bleiben, und so die Catastrophe etwas Ueberraschendes ent- haͤlt, und immer noch fruͤh genug zu kommen Zweite Abtheilung . scheint, indem sie aufgehalten wird. Shakspear ist auch hierin Meister. Außer im Hamlet, sagte Ernst, denn man mag den vierten Akt anheben, wo man will, so erscheint er gegen die vorhergehenden Scenen kalt und leer: es ist, als wenn ein neues Schau- spiel beginnen wollte. Wie haben Sie denn, um etwas anders zu sprechen, im Staͤdtchen die Schauspielergesell- schaft gefunden? fragte Auguste, gegen Lothar gewendet. Merkwuͤrdig genug, antwortete dieser, und ich fuͤrchte nur, zu weitlaͤufig zu werden, da es schon spaͤt ist, sonst wollte ich Ihnen noch heut meinen Bericht daruͤber abstatten. Und wie haben Sie Ihren Morgen angewendet, indeß die Reisenden die Gegenden betrachteten? Wir waren mit Musik beschaͤftigt, antwor- tete Auguste, hauptsaͤchlich mit den Psalmen des Marcello. Kann man auch nicht umhin, sagte Ernst, diesen Musiker einen Manieristen zu nennen, denn man erkennt ihn sogleich in den ersten Takten eines jeden Singestuͤckes, so hat seine Phantasie doch einen großartigen Schwung, und alle seine Werke sind wahrhaft enthusiastisch. Wie herr- lich ist sein Psalm: Qual anelante, oder Grand' Iddio, so wie O d'immensa pieta, nicht min- der Signor quanto etc., — und selbst dann, wenn er sich in das Gewoͤhnliche verliert, ha- Zweite Abtheilung . ben seine Werke noch einzelne wunderbar schoͤne Stellen. Von einigen Gedichten, die ich ihm gewidmet habe, erlauben Sie mir noch, Ihnen folgendes herzusagen, bevor wir uns trennen. Alle waren begierig, und Ernst deklamirte fol- gende Verse: Marcello . Aus den uralten Tiefen, In denen Sehnsucht, Schmerz und Wollust brannte, Die Welt sich selbst erkannte Und nicht mehr ihre ewgen Keime schliefen, Entzuͤnden sich von neuen Die Strahlen, wollen mich von mir befreien. — O Mensch, was koͤnnen Sinnen, Gefangen in den alten Frevel-Banden, In den erstorbnen Landen, Vor Zittern, Qual und herber Angst beginnen? So hellres Sehnsuchtscheinen Muß dich nur fester in dir selbst versteinen! Da bricht der Zorn in Wogen Heruͤber, reißt das Herz mit Sturmgewalten; Wie kann da immer halten Der Panzer, der mit Dumpfheit es umzogen? Gieb, Seele, dich gefangen, Errette dich zerschmelzend von dem Bangen. Vom Abgrund seh ich spiegeln Die gruͤnen Blitze durch das naͤchtge Dunkel, Ein freudenreich Gefunkel Erroͤthet sich, da klingt mit Engelfluͤgeln Entbunden und gefunden Der Wollhaut, zitternd, aus des Herzens Wunden. Zweite Abtheilung . Ich sehe sie entfliehen Die schwarze Angst, den Zorn, die wilden Qualen, Die goldnen Sonnenstrahlen Wie im Triumphe nach dem Feinde ziehen: So wohl thut mir das Reuen, Daß Schmerzen, Wunden, Thraͤnen mich jetzt freuen. Zum Paradiesesgarten Hinauf, hinauf, erklimmt ihn ihr Gesaͤnge! Ermuthigt im Gedraͤnge Seht dort die Engel, welche auf euch warten. Weß Auge schaut hernieder Und blizt mir Lieb und Furcht in meine Lieder? Des Auges ernstes Blicken Macht mich in stummer Freudenangst vergehen; O wundersuͤße Wehen, Euch bricht das Herz in Leid und im Entzuͤcken! Hosannah Dir zu singen Wird dort vielleicht als Engel mir gelingen! Als die Gesellschaft sich am folgenden Mor- gen versammelte, waren alle etwas verstimmt, denn ein truͤber Himmel lag auf der schoͤnen Landschaft, und ein Regen troͤpfelte herab, dessen ruhiger und langsamer Fall fortdauerndes schlech- tes Wetter anzukuͤndigen schien. Da kein un- terhaltendes Gespraͤch in den Gang kommen wollte, nahmen alle zum Fortepiano ihre Zu- flucht, und Clara kramte in den Musikalien, um Stuͤcke auszusuchen, die man vorzuͤglich liebte, und die seit lange nicht waren gesungen wor- Zweite Abtheilung . den. So vergingen die Stunden. Nach Tische sagte Clara: in diesem kalten, herbstaͤhnlichen Wetter, koͤnnte man melankolisch werden; Frie- drich sitzt tiefsinnig auf seinem Zimmer und schreibt, Lothar hat sich in seiner Leidenschaft fuͤrs Theater zu Pferde aufgemacht, um im Staͤdt- chen ein Schauspiel auffuͤhren zu sehn; was fan- gen wir uͤbrigen nur heut an? Heut sollten uns die Herren etwas recht Lustiges, Seltsames vor- tragen, dergleichen Zeug, wie ich immer mit Wohlgefallen in Gherardis Italiaͤnischem Thea- ter gelesen habe, das in seinen Possen die ganze Welt nach meiner Meinung anmuthig parodirt. Eben so, sagte Theodor, ist mir der Ulys- ses von Ithaka von Holberg erschienen. Ich biete Ihnen heut an, so viel ich von dieser Art besitze, eine lustige Composition, die ganz Schaum und leichter Scherz ist, und die Sie nicht ernsthafter nehmen muͤssen, als sie gemeint ist; doch kann man wohl nicht leicht uͤber das Theater scherzen, ohne zugleich uͤber die Welt zu scherzen, denn beides fließt, vorzuͤglich in un- sern Tagen, sehr in einander. Unser Manfred wird an dieses Gewebe, welches ich Ihnen vor- lege, und das ehemals meinen Freunden unter- haltend duͤnkte, ein aͤhnliches fuͤgen, denn heut, so scheint es, behalten wir fuͤr unsre Vorlesun- gen Zeit genug uͤbrig. Er nahm sein Manuskript und fing an: Der Der gestiefelte Kater . Der gestiefelte Kater . Ein Kindermaͤhrchen in drei Akten, mit Zwischenspielen, einem Prologe und Epiloge. Personen . Der Koͤnig . Die Prinzessin , seine Tochter. Prinz Nathanael von Malsinki. Leander , Hofgelehrter. Hanswurst , Hofnarr. Ein Kammerdiener . Der Koch . Lorenz , Bruͤder und Bauern. Barthel , Gottlieb . Bruͤder und Bauern. Hinze , ein Kater. Ein Wirth . Kunz , Michel . Bauern. Gesetz , ein Popanz. Ein Besaͤnftiger . Der Dichter . Ein Soldat . Zwei Husaren . Zwei Liebende . Bediente . II. [ 10 ] Musiker . Ein Bauer . Der Soufleur . Ein Schuhmacher . Ein Historiograph . Fischer , Muͤller , Schlosser , Boͤtticher , Leutner , Wiesener , Dessen Nachbar . Zuschauer. ELE . Loͤwen . Baͤren . Ein Amtmann . Adler und andre Voͤgel . Ein Kaninchen . Rebhuͤner . Jupiter . Tarkaleon . Der Maschinist . Gespenster . Affen . Das Publikum . Der gestiefelte Kater . Prolog . (Die Scene ist im Parterr, die Lichter sind schon ange- zuͤndet, die Musiker sind im Orchester versammelt. — Das Schauspiel ist voll, man schwatzt durcheinander, mehr Zuschauer kommen, einige draͤngen, andre beklagen sich. Die Musiker stimmen.) Fischer, Muͤller, Schlosser, Boͤtticher im Parterr, eben so auf der andern Seite Wiesener und dessen Nachbar . A ber ich bin doch in der That neugierig. — Lie- ber Herr Muͤller, was sagen Sie zu dem heuti- gen Stuͤcke? Ich haͤtte mir eher des Himmels Einfall vermuthet, als ein solches Stuͤck auf un- serm großen Theater zu sehn — auf unserm Na- tional-Theater! Ei! ei! nach allen den Wochen- schriften, den kostbaren Kleidungen, und den vie- len, vielen Ausgaben! Kennen Sie das Stuͤck schon? Nicht im mindesten. — Einen wunderlichen Titel fuͤhrt es: Der gestiefelte Kater . — Ich hoffe doch nimmermehr, daß man die Kinderpossen wird aufs Theater bringen. Zweite Abtheilung . Ist es denn vielleicht eine Oper? Nichts weniger, auf dem Komoͤ- dienzettel steht: ein Kindermaͤhrchen . Ein Kindermaͤhrchen? Aber ums Himmels Willen, sind wir denn Kinder, daß man uns solche Stuͤcke auffuͤhren will? Es wird doch wohl nun und nimmermehr ein ordentlicher Kater aufs Theater kommen? Wie ich es mir zusammen reime, so ist es eine Nachahmung der neuen Arkadier, und es kommt ein verruchter Boͤsewicht, ein kater- artiges Ungeheuer vor, mit dem es fast solche Be- wandniß, wie mit dem Tarkaleon hat, nur daß er etwa statt roth ums Maul, schwaͤrzlich gefaͤrbt ist. Das waͤre nun nicht uͤbel, denn ich habe schon laͤngst gewuͤnscht, eine solche recht wunderbare Oper einmal ohne Musik zu sehn. Wie? Ohne Musik? Ohne Musik, Freund, ist dergleichen abgeschmackt, denn ich ver- sichre Sie, Liebster, Bester, nur durch diese himm- lische Kunst bringen wir alle die Dummheiten hin- unter. Ei was, genau genommen sind wir uͤber Fratzen und Aberglauben weg; die Aufklaͤrung hat ihre Fruͤchte getragen, wie sichs gehoͤrt. So ist es wohl ein ordentliches Familiengemaͤhlde, und nur ein Spaß, gleichsam ein einladender Scherz mit dem Kater, nur eine Veranlassung, wenn ich so sagen darf, oder ein bizarrer Titel, Zuschauer anzulocken. Wenn ich meine rechte Mei- nung sagen soll, so halte ich das Ganze fuͤr einen Der gestiefelte Kater . Pfiff, Gesinnungen, Winke unter die Leute zu bringen. Ihr werdet sehen, ob ich nicht Recht habe. Ein Revolutionsstuͤck, so viel ich begreife, mit abscheulichen Fuͤrsten und Ministern, und dann ein hoͤchst mystischer Mann, der sich mit einer geheimen Gesellschaft tief, tief unten in einem Keller versammelt, wo er als Praͤsident etwa verlarvt geht, damit ihn der gemeine Haufe fuͤr einen Kater haͤlt. Nun da kriegen wir auf jeden Fall tiefsinnige und religioͤse Philosophie und Frei- maurerei. Endlich faͤllt er als das Opfer der guten Sache. O du Edler! Freilich mußt du gestiefelt seyn, um allen den Schurken die vielen Tritte in dem gefuͤhllosen Hintern geben zu koͤnnen! Sie haben gewiß die richtige Ein- sicht, denn sonst wuͤrde ja der Geschmack abscheu- lich vor den Kopf gestoßen. Ich muß wenigstens gestehn, daß ich nie an Hexen oder Gespenster habe glauben koͤnnen, viel weniger an den gestie- felten Kater. Es ist das Zeitalter fuͤr diese Phantome nicht mehr. Doch, nach Umstaͤnden. Koͤnnte nicht in recht bedraͤngter Lage ein großer Abge- schiedener unerkannt als Hauskater im Pallast wan- deln, und sich zur rechten Zeit wunderthaͤtig zu erkennen geben? Das begreift sich ja mit der Ver- nunft, wenn es hoͤheren und mystischen Endzwecken dient. — Da koͤmmt ja Leutner, der wird uns vielleicht mehr sagen koͤnnen. Zweite Abtheilung . Leutner draͤngt sich durch. Guten Abend, guten Abend! Nun, wie gehts? Sagen Sie uns nur, wie es mit dem heutigen Stuͤcke beschaffen ist. (Die Musik faͤngt an.) Schon so spaͤt? Da komm ich ja grade zur rechten Zeit. — Mit dem Stuͤcke? Ich habe so eben den Dichter gesprochen, er ist auf dem Theater und hilft den Kater anziehn. Hilft? — der Dichter? — den Kater? — Also kommt doch ein Kater vor? Ja freilich, und er steht ja auch auf dem Zettel. Wer spielt ihn denn? Ja, der fremde Akteur, der große Mann. Da werden wir einen Goͤtter- genuß haben. Ei, wie doch dieser Genius, der alle Charaktere so innig fuͤhlt und fein nuancirt, dieses Individuum eines Katers heraus arbeiten wird! Ohne Zweifel Ideal, im Sinn der Alten, nicht unaͤhnlich dem Pygmalion, nur Soccus hier, wie dort Cothurn. Doch sind Stiefeln freilich Cothurne, und keine Sokken. Ich schwebe noch im Dilemma des Zweifels. — O, meine Herren, nur ein wenig Raum fuͤr meine Schreibtafel und Bemerkungen. Aber wie kann man denn solches Zeug spielen? Der gestiefelte Kater . Der Dichter meint, zur Abwech- selung, — Eine schoͤne Abwechselung! Warum nicht auch den Blaubart, und Rothkaͤppchen oder Daͤumchen? Ei! der vortrefflichen Sujets fuͤrs Drama! Wie werden sie aber den Kater an- ziehn? — Und ob er denn wirkliche Stiefeln traͤgt? Ich bin eben so begierig wie Sie alle. Aber wollen wir uns denn wirk- lich solch Zeug vorspielen lassen? Wir sind zwar aus Neugier hergekommen, aber wir haben doch Geschmack. Ich habe große Lust zu pochen. Es ist uͤberdies etwas kalt. Ich mache den Anfang. (er trommelt, die uͤbrigen akkompagniren.) (auf der andern Seite.) Weswegen wird denn gepocht? Den guten Geschmack zu retten. Nun, da will ich auch nicht der Letzte seyn. (er trommelt.) Still! Man kann ja die Musik nicht hoͤren. (alles trommelt.) Aber man sollte doch das Stuͤck auf jeden Fall erst zu Ende spielen lassen, denn man hat doch sein Geld ausgegeben, und in der Comoͤdie wollen wir doch einmal seyn, aber her- nach wollen wir pochen, daß man es vor der Thuͤr hoͤrt. Nein, jetzt, jetzt, — der Geschmack, — die Regeln, — die Kunst, — alles geht sonst zu Grunde. Zweite Abtheilung . (erscheint auf dem Theater.) Meine Herren soll man die Wache herein schicken? Wir haben bezahlt, wir machen das Publikum aus, und darum wollen wir auch un- sern eignen guten Geschmack haben und keine Possen. Aber das Pochen ist un- gezogen und beweist, daß sie keinen Geschmack haben. Hier bei uns wird nur geklatscht und be- wundert, denn solch honettes Theater, wie das unsere hier, waͤchst nicht auf den Baͤumen, muͤssen Sie wissen. (hinter dem Theater.) Das Stuͤck wird sogleich seinen Anfang nehmen. Kein Stuͤck, — wir wollen kein Stuͤck, — wir wollen guten Geschmack, — Geschmack! Geschmack! Ich bin in Verlegenheit; — was meinen Sie, wenn ich fragen darf! Geschmack! — Sind Sie ein Dichter, und wissen nicht einmal, was Ge- schmack ist? Bedenken Sie einen jungen An- faͤnger — Wir wollen nichts von Anfaͤn- ger wissen, — wir wollen ein ordentliches Stuͤck sehn, — ein geschmackvolles Stuͤck! Von welcher Sorte? Von welcher Farbe? Familiengeschichten. Der gestiefelte Kater . Lebensrettungen. Sittlichkeit und deutsche Gesinnung. Religioͤs erhebende, wohlthu- ende geheime Gesellschaften! Hussiten und Kinder! Recht so, und Kirschen dazu, und Viertelsmeister! Der Dichter kommt hinter dem Vorhange hervor. Meine Herren — Ist der der Dichter? Er sieht wenig wie ein Dichter aus. Naseweis. Meine Herren, — verzeihen Sie meiner Keckheit — Wie koͤnnen Sie solche Stuͤcke schreiben? Warum haben sie sich nicht gebildet? Vergoͤnnen Sie mir nur eine Mi- nute Gehoͤr, ehe Sie mich verdammen. Ich weiß, daß ein verehrungswuͤrdiges Publikum den Dich- ter richten muß, daß von Ihnen keine Appellation statt findet, aber ich kenne auch die Gerechtigkeits- liebe eines verehrungswuͤrdigen Publikums, daß es mich nicht von einer Bahn zuruͤck schrecken wird, auf welcher ich seiner guͤtigen Leitung und seiner Einsichten so sehr bedarf. Er spricht nicht uͤbel. Er ist hoͤflicher, als ich dachte. Er hat doch Respekt vor dem Publikum. Ich schaͤme mich, die Eingebung Zweite Abtheilung . meiner Muse so erleuchteten Richtern vorzufuͤhren, und nur die Kunst unsrer Schauspieler troͤstet mich noch einigermaßen, sonst wuͤrde ich ohne weitere Umstaͤnde in Verzweiflung versinken. Er dauert mich. Ein guter Kerl! Als ich dero guͤtiges Pochen ver- nahm, — noch nie hat mich etwas dermaßen er- schreckt, ich bin noch bleich und zittre, und begreife selbst nicht, wie ich zu der Kuͤhnheit komme, so vor Ihnen zu erscheinen. So klatscht doch! (Alle klatschen.) Ich wollte einen Versuch machen, durch Laune, wenn sie mir gelungen ist, durch Hei- terkeit, ja, wenn ich es sagen darf, durch Possen zu belustigen, da uns unsre neusten Stuͤcke so sel- ten zum Lachen Gelegenheit geben. Das ist auch wahr. Er hat Recht, — der Mann. Bravo! bravo! Bravo! bravo! (sie klatschen.) Moͤgen Sie, Verehrungswuͤrdi- ge, jetzt entscheiden, ob mein Versuch nicht ganz zu verwerfen sei. Mit Zittern zieh ich mich zu- ruͤck, und das Stuͤck wird seinen Anfang nehmen. (er verbeugt sich sehr ehrerbietig und geht hinter den Vorhang.) Bravo! bravo! Da Capo! — (alles lacht. Die Musik faͤngt wieder an, indem geht der Vorhang auf.) Der gestiefelte Kater . Erster Akt . Erste Scene . ( Kleine Bauernstube .) Lorenz, Barthel, Gottlieb . Der Kater Hinz liegt auf einem Schemel am Ofen. I ch glaube, daß nach dem Ableben unsers Vaters unser kleines Vermoͤgen sich bald wird eintheilen lassen. Ihr wißt, daß der seelige Mann nur drei Stuͤck von Belang zuruͤck gelassen hat: ein Pferd, einen Ochsen und jenen Kater dort. Ich, als der aͤlteste, nehme das Pferd, Barthel, der naͤchste nach mir, bekoͤmmt den Ochsen, und so bleibt denn natuͤrlicherweise fuͤr unsern juͤngsten Bruder Gottlieb der Kater uͤbrig. (im Parterr.) Um Gottes Willen! hat man schon eine solche Exposition gesehn! Man sehe doch, wie tief die dramatische Kunst gesun- ken ist! Aber ich habe doch alles recht gut verstanden. Das ist ja eben der Fehler, man muß es dem Zuschauer so verstohlener Weise un- Zweite Abtheilung . ter den Fuß geben, ihm aber nicht so geradezu in den Bart werfen. Aber man weiß doch nun, woran man ist. Das muß man ja durchaus nicht so geschwind wissen; daß man so nach und nach hinein koͤmmt, ist ja eben der beste Spaß. Die Illusion leidet darunter, das ist ausgemacht. Ich glaube, Bruder Gottlieb, du wirst auch mit der Eintheilung zufrieden seyn, du bist leider der juͤngste, und da mußt du uns einige Vorrechte lassen. Freilich wohl. Aber warum mischt sich denn das Pupillenkollegium nicht in die Erbschaft? das sind ja Unwahrscheinlichkeiten, die unbegreiflich bleiben! So wollen wir denn nur gehn, lie- ber Gottlieb, lebe wohl, laß dir die Zeit nicht lang werden. Adieu. (die Bruͤder gehn ab.) (allein.) Monolog. Sie gehn fort — und ich bin allein. — Wir haben alle drei unsre Huͤtten; Lorenz kann mit seinem Pferde doch den Acker bebauen, Barthel kann seinen Ochsen schlachten und einsalzen, und eine Zeitlang davon leben, — aber was soll ich armer Ungluͤckseeliger mit meinem Kater anfangen? — Hoͤchstens kann ich mir aus seinem Felle fuͤr den Winter einen Muff machen lassen, aber ich glaube, er ist jetzt noch dazu in der Mauße. — Der gestiefelte Kater . Da liegt er und schlaͤft ganz ruhig. — Armer Hinze! Wir werden uns bald trennen muͤssen. Es thut mir leid, ich habe ihn auferzogen, ich kenne ihn, wie mich selber, — aber er wird daran glau- ben muͤssen, ich kann mir nicht helfen, ich muß ihn wahrhaftig verkaufen. — Er sieht mich an, als wenn er mich verstaͤnde, es fehlt wenig, so fang ich an zu weinen. (er geht in Gedanken auf und ab.) Nun, seht Ihr wohl, daß es ein ruͤhrendes Familiengemaͤhlde wird? Der Bauer ist arm und ohne Geld, er wird nun in der aͤußer- sten Noth sein treues Hausthier verkaufen, an irgend ein empfindsames Fraͤulein, und dadurch wird am Ende sein Gluͤck gegruͤndet werden. Sie verliebt sich in ihn und heirathet ihn. Es ist eine Nachahmung vom Papagey von Kotzebue, aus dem Vogel ist hier eine Katze gemacht, und das Stuͤck findet sich von selbst. Nun es so koͤmmt, bin ich auch zufrieden. richtet sich auf, dehnt sich, macht einen hohen Buckel, gaͤhnt und spricht dann: Mein lieber Gottlieb, — ich habe ein ordent- liches Mitleiden mit Euch. (erstaunt.) Wie, Kater, du sprichst? (im Parterr.) Der Kater spricht? — Was ist denn das? Unmoͤglich kann ich da in eine ver- nuͤnftige Illusion hinein kommen. Zweite Abtheilung . Eh ich mich so taͤuschen lasse, will ich lieber zeitlebens kein Stuͤck wieder sehn. Warum soll ich nicht sprechen koͤn- nen, Gottlieb? Ich haͤtt es nicht vermuthet, ich habe zeitlebens noch keine Katze sprechen hoͤren. Ihr meint, weil wir nicht immer in alles mitreden, waͤren wir gar Hunde. Ich denke, Ihr seid bloß dazu da, Maͤuse zu fangen. Wenn wir nicht im Umgange mit den Menschen eine gewisse Verachtung gegen die Sprache bekaͤmen, so koͤnnten wir alle sprechen. Nun, das gesteh ich! — Aber warum laßt Ihr euch denn so gar nichts merken? Um uns keine Verantwortung zuzu- ziehen, denn wenn uns sogenannten Thieren noch erst die Sprache angepruͤgelt wuͤrde, so waͤre gar keine Freude mehr auf der Welt. Was muß der Hund nicht alles thun und lernen! Wie wird das Pferd gemartert! Es sind dumme Thiere, daß sie sich ihren Verstand merken lassen, sie muͤssen ihrer Eitelkeit durchaus nachgeben; aber wir Katzen sind noch immer das freieste Geschlecht, weil wir uns bei aller unsrer Geschicklichkeit so ungeschickt anzu- stellen wissen, daß es der Mensch ganz aufgiebt, uns zu erziehen. Aber warum entdeckst Du mir das alles? Weil Ihr ein guter, ein edler Mann seid, einer von den wenigen, die keinen Gefallen Der gestiefelte Kater . an Dienstbarkeit und Sklaverei finden, seht, dar- um entdecke ich mich Euch ganz und gar. (reicht ihm die Hand.) Braver Freund! Die Menschen stehn in dem Irr- thume, daß an uns jenes seltsame Murren, das aus einem gewissen Wohlbehagen entsteht, das ein- zige Merkwuͤrdige sey, sie streicheln uns daher oft auf eine ungeschickte Weise, und wir spinnen dann gewoͤhnlich nur, um uns vor Schlaͤgen zu sichern. Wuͤßten sie aber mit uns auf die wahre Art um- zugehn, glaube mir, sie wuͤrden unsre gute Natur zu allem gewoͤhnen, und Michel, der Kater bei Eurem Nachbar, laͤßt es sich ja auch zuweilen gefallen, fuͤr den Koͤnig durch einen Tonnenband zu springen. Da hast Du Recht. Ich liebe Euch, Gottlieb, ganz vor- zuͤglich. Ihr habt mich nie gegen den Strich ge- streichelt, Ihr habt mich schlafen lassen, wenn es mir recht war, Ihr habt Euch widersetzt, wenn Eure Bruͤder mich manchmal aufnehmen wollten, um mit mir ins Dunkle zu gehn, und die soge- nannten elektrischen Funken zu beobachten, — fuͤr alles dieses will ich nun dankbar seyn. Edelmuͤthiger Hinze! Ha, mit welchem Unrecht wird von Euch schlecht und ver- aͤchtlich gesprochen, Eure Treue und Anhaͤnglich- keit bezweifelt! Die Augen gehn mir auf; welchen Zuwachs von Menschenkenntniß bekomme ich so unerwartet! Zweite Abtheilung . Freunde, wo ist unsre Hofnung auf ein Familiengemaͤhlde geblieben? Es ist doch fast zu toll. Ich bin wie im Traum. Ihr seid ein braver Mann, Gott- lieb, aber, — nehmts mir nicht uͤbel, — Ihr seid etwas eingeschraͤnkt, bornirt, keiner der besten Koͤpfe, wenn ich frei heraus sprechen soll. Ach Gott nein. Ihr wißt zum Beispiel jetzt nicht, was Ihr anfangen wollt. Du hast ganz meine Gedanken. Wenn Ihr euch auch einen Muff aus meinem Pelze machen ließet. — Nimms nicht uͤbel, Kamerad, daß mir das vorher durch den Kopf fuhr. Ach nein, es war ein ganz mensch- licher Gedanke. — Wißt Ihr kein Mittel, Euch durchzubringen? Kein einziges. Ihr koͤnntet mit mir herumziehn und mich fuͤr Geld sehen lassen, — aber das ist immer keine sichre Lebensart. Nein. Ihr koͤnntet vielleicht ein Naturdich- ter werden, aber dazu seid Ihr zu gebildet, Ihr koͤnntet an aͤsthetischen Journalen mitarbeiten, aber, wie gesagt, Ihr seid keiner der besten Koͤpfe, die dazu immer verlangt werden, da muͤßtet Ihr noch Jahr und Tag abwarten, weil es nachher nicht mehr so genau genommen wird, denn nur die Der gestiefelte Kater . die neuen Besen kehren scharf, — aber das Ding ist uͤberhaupt zu umstaͤndlich. Ja wohl. Nun, ich will schon noch besser fuͤr Euch sorgen; verlaßt Euch drauf, daß Ihr durch mich noch ganz gluͤcklich werden sollt. O bester, edelmuͤthigster Mann! (er umarmt ihn zaͤrtlich.) Aber Ihr muͤßt mir auch trauen. Vollkommen, ich kenne ja jetzt Dein redliches Gemuͤth. Nun so thut mir den Gefallen und holt mir sogleich den Schuhmacher, daß er mir ein Paar Stiefeln anmesse. Den Schuhmacher? — Stiefeln? Ihr wundert Euch, aber bei dem, was ich fuͤr Euch zu thun gesonnen bin, habe ich so viel zu gehn und zu laufen, daß ich nothwendig Stiefeln tragen muß. Aber warum nicht Schuh? Gottlieb, Ihr versteht das Ding nicht, ich muß dadurch ein Ansehn bekommen, ein imponirendes Wesen, kurz, eine gewisse Maͤnn- lichkeit, die man in Schuhen zeitlebens nicht hat. Nun, wie Du meinst, — aber der Schuster wird sich wundern. Gar nicht, man muß nur nicht thun, als wenn es etwas Besondres waͤre, daß ich Stie- feln tragen will; man gewoͤhnt sich an alles. Ja wohl, ist mir doch der Dis- kurs mit Dir ordentlich ganz gelaͤufig geworden. II. [ 11 ] Zweite Abtheilung . — Aber noch eins, da wir jetzt so gute Freunde geworden sind, so nenne mich doch auch Du; wa- rum wollen wir noch Komplimente mit einander machen; macht die Liebe nicht alle Staͤnde gleich? Wie Du willst. Da geht gerade der Schuhma- cher vorbei. — He! pst! Herr Gevatter Leich- dorn! Will er wohl einen Augenblick bei mir ein- sprechen? Der Schuhmacher kommt herein. Prosit! — Was giebts Neues? Ich habe lange keine Arbeit bei ihm bestellt. — Nein, Herr Gevatter, ich habe jetzt uͤberhaupt gar wenig zu thun. Ich moͤchte mir wohl wieder ein Paar Stiefeln machen lassen. — Setz Er sich nur nieder, das Maaß hab ich bei mir. Nicht fuͤr mich, sondern fuͤr mei- nen jungen Freund da. Fuͤr den da? — Gut. Hinze . (setzt sich auf einen Stuhl nieder, und haͤlt das rechte Bein hin.) Wie beliebt Er denn Musje? Erstlich, gute Sohlen, dann braune Klappen, und vor allen Dingen steif. Gut. — (er nimmt Maaß.) — Will er nicht so gut seyn, — die Krallen, — Der gestiefelte Kater . oder Naͤgel etwas einzuziehen? Ich habe mich schon gerissen. Und schnell muͤssen sie fertig werden. (Da ihm das Bein gestreichelt wird, faͤngt er wider Willen an zu spinnen.) Der Musje ist recht vergnuͤgt. Ja, er ist ein aufgeraͤumter Kopf, er ist erst von der Schule gekommen, was man so einen Vokativus nennt. Na, Adjes. (ab.) Willst Du dir nicht etwa auch den Bart scheeren lassen. Bei Leibe nicht, ich sehe so weit ehr- wuͤrdiger aus, und Du weißt ja wohl, daß wir Katzen dadurch unmaͤnnlich und veraͤchtlich werden. Ein Kater ohne Bart ist nur ein jaͤmmerliches Geschoͤpf. Wenn ich nur wuͤßte, was Du vor hast? Du wirst es schon gewahr werden. — Jetzt will ich noch ein wenig auf den Daͤchern spatzieren gehn, es ist da oben eine huͤbsche freie Aussicht, und man erwischt auch wohl eine Taube. Als guter Freund will ich Dich warnen, daß sie Dich nicht dabei ertappen, die Men- schen denken meist in diesem Punkt sehr unbillig. Sei unbesorgt, ich bin kein Neuling. — Adieu unterdessen. (geht ab.) (allein). In der Naturgeschichte steht, daß man den Katzen nicht trauen koͤnne, und daß sie zum Loͤwengeschlechte gehoͤren, und ich Zweite Abtheilung . habe vor einem Loͤwen eine gar erbaͤrmliche Furcht; auch sagt man im Sprichwort: falsch wie eine Katze; wenn also nun der Kater kein Gewissen haͤtte, so koͤnnte er mir mit den Stiefeln nachher davon laufen, fuͤr die ich mein letztes Geld hin- geben muß, und sie irgendwo vertroͤdeln, oder er koͤnnte sich beim Schuhmacher dadurch beliebt ma- chen wollen, und nachher bei ihm in Dienste tre- ten. — Aber der hat ja schon einen Kater. — Nein, Hinz, meine Bruͤder haben mich betrogen, und deswegen will ich es mit deinem Herzen ver- suchen. — Er sprach so edel, er war so geruͤhrt, — da sitzt er druͤben auf dem Dache und putzt sich den Bart, — vergieb mir, erhabener Freund, daß ich an deinem Großsinn nur einen Augenblick zweifeln konnte. (er geht ab.) Welcher Unsinn! Warum der Kater nur die Stie- feln braucht, um besser gehn zu koͤnnen! — dum- mes Zeug! Es ist aber, als wenn ich einen Kater vor mir saͤhe! Stille! Es wird verwandelt! Der gestiefelte Kater . Zweite Scene . ( Saal im koͤniglichen Pallast .) Der Koͤnig mit Krone und Zepter. Die Prinzessin seine Tochter. Schon tausend schoͤne Prinzen, werth- geschaͤtzte Tochter, haben sich um Dich beworben und dir ihre Koͤnigreiche zu Fuͤßen gelegt, aber Du hast ihrer immer nicht geachtet; sage uns die Ursach davon, mein Kleinod. Mein allergnaͤdigster Herr Va- ter, ich habe immer geglaubt, daß mein Herz erst einige Empfindungen zeigen muͤsse, ehe ich meinen Nacken in das Joch des Ehestandes beugte. Denn eine Ehe ohne Liebe, sagt man, ist die wahre Hoͤlle auf Erden. Recht so, meine liebe Tochter. Ach, wohl, wohl hast Du da ein wahres Wort ge- sagt: eine Hoͤlle auf Erden! Ach, wenn ich doch nicht daruͤber mit sprechen koͤnnte! Waͤr ich doch lieber unwissend geblieben! Aber so, theures Klei- nod, kann ich ein Liedchen davon singen, wie man zu sagen pflegt. Deine Mutter, meine hoͤchst see- lige Gemahlin, — ach, Prinzessin, sieh, die Thraͤ- nen stehn mir noch auf meinen alten Tagen in den Augen, — sie war eine gute Fuͤrstin, sie trug die Krone mit einer unglaublichen Majestaͤt, — aber mir hat sie gar wenige Ruhe gelassen. — Zweite Abtheilung . Nun, sanft ruhe ihre Asche neben ihren fuͤrstlichen Anverwandten! Ihro Majestaͤt erhitzen sich zu sehr. Wenn mir die Erinnerung davon zuruͤck koͤmmt, — o mein Kind, auf meinen Knieen moͤcht ich Dich beschwoͤren, — nimm Dich beim Verheirathen ja in Acht. — Es ist eine große Wahrheit, daß man Leinewand und einen Braͤu- tigam nicht bei Lichte kaufen muͤsse; eine erhabene Wahrheit, die jedes Maͤdchen mit goldenen Buch- staben in ihr Schlafzimmer sollte schreiben lassen. — Was hab ich gelitten! Kein Tag verging ohne Zank, ich konnte nicht in Ruhe schlafen, ich konnte die Reichsgeschaͤfte nicht mit Bequemlichkeit ver- walten, ich konnte uͤber nichts denken, ich konnte mit Verstand keine Zeitung lesen, — bei Tische, beim besten Braten, beim gesundesten Appetit, im- mer mußte ich alles nur mit Verdruß hinunter wuͤr- gen, so wurde gezankt, gescholten, gegraͤmelt, ge- brummt, gemault, gegrollt, geschmollt, gekeift, ge- bissen, gemurrt, geknurrt und geschnurrt, daß ich mir oft an der Tafel mitten unter den Gerichten den Tod gewuͤnscht habe. — Und doch sehnt sich mein Geist, verewigte Klotilde, jezuweilen nach Dir zuruͤck. — Es beißt mir in den Augen, — ich bin ein rechter alter Narr. (zaͤrtlich.) Mein Vater. Ich zittre, wenn ich uͤberhaupt an alle die Gefahren denke, die Dir bevorstehn, denn wenn Du dich nun auch wirklich verlieben solltest, Der gestiefelte Kater . meine Tochter, wenn Dir auch die zaͤrtlichste Ge- genliebe zu Theil wuͤrde, — ach, Kind, sieh, so dicke Buͤcher haben weise Maͤnner voll geschrieben, oft eng gedruckt, um die Gefahren der Liebe dar- zustellen, — eben Liebe und Gegenliebe koͤnnen sich doch elend machen: das gluͤcklichste, das seeligste Gefuͤhl kann uns zu Grunde richten; die Liebe ist gleichsam ein kuͤnstlicher Vexierbecher, statt Nektar trinken wir oft Gift, dann ist unser Lager von Thraͤnen naß, alle Hofnung, aller Trost ist dahin. — (Man hoͤrt blasen.) Es ist doch noch nicht Tisch- zeit? — Gewiß wieder ein neuer Prinz, der sich in Dich verlieben will. — Huͤte Dich, meine Tochter, Du bist mein einziges Kind, und Du glaubst nicht, wie sehr mir Dein Gluͤck am Herzen liegt. (Er kuͤßt sie und geht ab, im Parterr wird geklatscht.) Das ist doch einmal eine Scene, in der gesunder Menschenverstand anzutreffen ist. Ich bin auch geruͤhrt. Es ist ein treflicher Fuͤrst. Mit der Krone brauchte er nun gerade nicht aufzutreten. Es stoͤrt die Theilnahme ganz, die man fuͤr ihn als zaͤrtlicher Vater hat. (allein). Ich begreife gar nicht, warum noch keiner von den Prinzen mein Herz mit Liebe geruͤhrt hat. Die Warnungen mei- nes Vaters liegen mir immer im Gedaͤchtniß, er ist ein großer Fuͤrst, und dabei doch ein guter Va- ter, mein Gluͤck steht ihm bestaͤndig vor Augen; er ist vom Volk geliebt, er hat Talente und Reich- Zweite Abtheilung . thuͤmer, er ist sanft wie ein Lamm, aber ploͤtzlich kann ihn der wildeste Zorn uͤbereilen, daß er sich und seine Bestimmung vergißt. Ja, so ist Gluͤck immer mit Ungluͤck gepaart. Meine Freude sind die Wissenschaften und die Kuͤnste, Buͤcher machen all mein Gluͤck aus. Die Prinzessin, Leander der Hofgelehrte. Sie kommen gerade recht, Herr Hofgelehrter. Ich bin zu den Befehlen Eurer Koͤniglichen Hoheit. (Setzen sich.) Hier ist mein Versuch, ich hab ihn Nachtgedanken uͤberschrieben. (liest). Treflich! Geistreich! — Ach! mir ist, als hoͤr ich die mitternaͤchtliche Stunde Zwoͤlfe schlagen. Wann haben Sie das geschrieben? Gestern Mittag, nach dem Essen. Schoͤn gedacht! Wahrlich schoͤn gedacht! — Aber, mit gnaͤdigster Erlaubniß: — „Der Mond scheint betruͤbt in der Welt herein,“ — wenn Sie es nicht ungnaͤdig vermerken wollen, so muß es heißen: in die Welt. Schon gut, ich will es mir fuͤr die Zukunft merken. Es ist einfaͤltig, daß ei- nem das Dichten so schwer gemacht wird, man kann keine Zeile schreiben, ohne einen Sprachfeh- ler zu machen. Das ist der Eigensinn unsrer Sprache. Der gestiefelte Kater . Sind die Gefuͤhle nicht zart und fein gehalten? Unbeschreiblich, o so, — wie soll ich sagen? — so zart und lieblich ausgezaselt, so fein gezwirnt, alle die Pappeln und Thraͤnenwei- den, und der goldene Mondenschein hinein wei- nend, und dann das murmelnde Gemurmel des murmelnden Gießbachs, — man begreift kaum, wie ein sanfter weiblicher Geist den großen Ge- danken nicht hat unterliegen muͤssen, ohne sich vor dem Kirchhofe und den blaß verwaschenen Geistern der Mitternacht bis zur Vernichtung zu entsetzen. Jetzt will ich mich nun in die griechischen und antiken Versmaße werfen; ich moͤchte einmal die romantische Unbestimmtheit ver- lassen, und mich an der plastischen Natur versuchen. Sie kommen nothwendig immer weiter, Sie steigen immer hoͤher. Ich habe auch ein Stuͤck an- gefangen: Der ungluͤckliche Menschenhas- ser ; oder: verlorne Ruhe und wiederer- worbne Unschuld . Schon der bloße Titel ist be- zaubernd. Und dann fuͤhle ich einen un- begreiflichen Drang in mir, irgend eine graͤßliche Geistergeschichte zu schreiben. — Wie gesagt, wenn nur die Sprachfehler nicht waͤren! Kehren Sie sich daran nicht, Un- vergleichliche, die lassen sich leicht herausstreichen. Zweite Abtheilung . Kammerdiener tritt auf. Der Prinz von Malsinki, der eben angekommen ist, will Ew. Koͤniglichen Hoheit seine Aufwartung machen. (ab.) So empfehle ich mich unterthaͤ- nigst. (geht ab.) Prinz Nathanael von Malsinki und der Koͤnig kommen. Hier, Prinz, ist meine Tochter, ein junges einfaͤltiges Ding, wie Sie sie da vor sich sehn. — (Beiseit) Artig, meine Tochter, hoͤflich, er ist ein angesehener Prinz, weit her, sein Land steht gar nicht einmal auf meiner Landkarte, ich habe schon nachgesehn: ich habe einen erstaunlichen Respekt vor ihm. Ich freue mich, daß ich das Vergnuͤgen habe, Sie kennen zu lernen. Schoͤne Prinzessin, der Ruf Ihrer Schoͤnheit hat so sehr die ganze Welt durchdrungen, daß ich aus einem weit entlegenen Winkel hieher komme, Sie von Angesicht zu An- gesicht zu sehn. Es ist doch erstaunlich, wie viele Laͤnder und Koͤnigreiche es giebt! Sie glauben nicht, wie viel tausend Kronprinzen schon hier gewesen sind, sich um meine Tochter zu bewerben, zu Dutzenden kommen sie oft an, besonders wenn das Wetter schoͤn ist, — und Sie kommen nun gar, — verzeihen Sie, die Topographie ist eine Der gestiefelte Kater . gar weitlaͤufige Wissenschaft, — in welcher Ge- gend liegt Ihr Land? Maͤchtiger Koͤnig, wenn Sie von hier ausreisen, erst die große Chaußee hinun- ter, dann schlagen Sie sich rechts und immer fort so, wenn sie aber an einen Berg kommen, dann wieder links, dann geht man zur See und faͤhrt immer noͤrdlich (wenn es der Wind nemlich zu- giebt), und so koͤmmt man, wenn die Reise gluͤcklich geht, in anderthalb Jahren in meinem Reiche an. Der Tausend! das muß ich mir von meinem Hofgelehrten deutlich machen lassen. — Sie sind wohl vielleicht ein Nachbar vom Nord- pol, oder Zodiakus, oder dergleichen? Daß ich nicht wuͤßte. Vielleicht so nach den Wilden zu? Ich bitte um Verzeihung, alle meine Unterthanen sind sehr zahm. Aber sie muͤssen doch verhenkert weit wohnen. Ich kann mich immer noch nicht daraus finden. Man hat noch keine genaue Geographie von meinem Lande, ich hoffe taͤglich mehr zu entdecken, und so kann es leicht kommen, daß wir am Ende noch Nachbarn werden. Das waͤre vortreflich! Und wenn uns am Ende ein Paar Laͤnder noch im Wege stehen, so helfe ich Ihnen mit entdecken. Mein Nachbar ist so nicht mein guter Freund und er hat ein vortrefliches Land, alle Rosinen kommen Zweite Abtheilung . von dort her, das moͤcht ich gar zu gerne haben. — Aber noch eins, sagen Sie mir nur, da Sie so weit weg wohnen, wie Sie unsre Sprache so gelaͤufig sprechen koͤnnen? Still! Wie? Still! Still! Ich versteh nicht. (leise zu ihm). Seyn Sie doch ja damit ruhig, denn sonst merkt es ja am Ende das Publikum da unten, daß das eben sehr unna- tuͤrlich ist. Schadet nicht, es hat vorher ge- klatscht und da kann ich ihm schon etwas bieten. Sehn Sie, es geschieht ja bloß dem Drama zu Gefallen, daß ich Ihre Sprache rede, denn sonst ist es allerdings unbegreiflich. Ach so! Ja freilich, den Damen und den Dramen thut man manches zu gefallen, und muß oft Fuͤnfe gerade seyn lassen. — Nun kommen Sie, Prinz, der Tisch ist gedeckt! (der Prinz fuͤhrt die Prinzessin ab, der Koͤnig geht voran). Verfluchte Unnatuͤrlichkeiten sind da in dem Stuͤck! Und der Koͤnig bleibt seinem Charakter gar nicht getreu. Am meisten erboßen mich immer Widerspruͤche und Unnatuͤrlichkeiten. Warum kann denn nur der Prinz nicht ein Bischen eine fremde Sprache reden, die sein Dolmetscher verdeutschte, warum macht denn die Prinzessin nicht zuweilen Der gestiefelte Kater . einen Sprachfehler, da sie selber gesteht, daß sie unrichtig schreibt? Freilich! freilich! — das Ganze ist ausgemacht dummes Zeug, der Dichter vergißt immer selber, was er den Augenblick vorher ge- sagt hat. Dritte Scene . ( vor einem Wirthshause .) Lorenz, Kunz, Michel, sitzen auf einer Bank, der Wirth . Ich werde wohl gehn muͤssen, denn ich habe noch einen weiten Weg bis nach Hause. Ihr seid ein Unterthan des Koͤnigs. Ja wohl. — Wie nennt Ihr Eu- ren Fuͤrsten? Man nennt ihn nur Popanz . Das ist ein naͤrrischer Titel. Hat er denn sonst keinen Namen? Wenn er die Edikte ausgehn laͤßt, so heißt es immer: zum Besten des Publikums verlangt das Gesetz . — Ich glaube daher, das ist sein eigentlicher Name: alle Bittschriften wer- den auch immer beim Gesetz eingereicht. Es ist ein furchtbarer Mann. Ich stehe doch lieber unter einem Zweite Abtheilung . Koͤnige, ein Koͤnig ist doch vornehmer. Man sagt, der Popanz sei ein sehr ungnaͤdiger Herr. Gnaͤdig ist er nicht besonders, das ist nun wohl wahr, dafuͤr ist er aber auch die Ge- rechtigkeit selbst; von auswaͤrts sogar werden ihm oft die Prozesse zugeschickt, und er muß sie schlichten. Man erzaͤhlt wunderliche Sachen von ihm, er soll sich in alle Thiere verwandeln koͤnnen. Das ist wahr, und so geht er oft inkognito umher, und erforscht die Gesinnungen seiner Unterthanen; wir trauen daher auch keiner fremden Katze, keinem unbekannten Hunde, weil wir immer denken, unser Herr koͤnnte wohl da- hinter stecken. Da sind wir doch auch besser dran, unser Koͤnig geht nie aus, ohne Krone, Mantel und Zepter anzuziehn, man kennt ihn daher auch auf tausend Schritt. — Nun, gehabt Euch wohl. (geht ab). Nun ist er schon in seinem Lande. Ist die Graͤnze so nah? Freilich, jener Baum gehoͤrt schon dem Koͤnig, man kann von hier alles sehn, was im Lande dort vorfaͤllt. Die Graͤnze hier macht noch mein Gluͤck, ich waͤre schon laͤngst bankerott geworden, wenn mich nicht noch die Deserteurs von druͤben erhalten haͤtten; fast taͤglich kommen etliche. Ist der Dienst so schwer? Das nicht, aber das Weglaufen ist Der gestiefelte Kater so leicht, und bloß weil es so sehr scharf verbo- ten ist, kriegen die Kerle die erstaunliche Lust zum desertiren. — Seht, ich wette, daß da wieder einer koͤmmt! Ein Soldat koͤmmt gelaufen. Eine Kanne Bier. Herr Wirth! geschwind! Wer seid Ihr? Ein Deserteur . Vielleicht gar aus Kindesliebe ; der arme Mensch, nehmt Euch doch seiner an, Herr Wirth. Je, wenn er Geld hat, solls am Bier nicht fehlen (geht ins Haus). Zwei Husaren kommen geritten und steigen ab. Nu, Gottlob, daß wir so weit sind. — Prosit, Nachbar. Hier ist die Graͤnze. Ja, dem Himmel sei Dank! — Haben wir des Kerls wegen nicht rei- ten muͤssen — Bier, Herr Wirth! (mit mehreren Glaͤsern). Hier, meine Herren, ein schoͤner frischer Trunk, Sie sind alle drei recht warm. Hier, Holunke! auf deine Gesundheit! Danke schoͤnstens, ich will Euch die Pferde unterweilen halten. Der Kerl kann laufen! Es Zweite Abtheilung . ist nur gut, daß die Graͤnze nicht so gar weit ist, denn sonst waͤre das ein Hundedienst. Nun, wir muͤssen wohl wie- der zuruͤck. Adieu, Deserteur! viel Gluͤck auf den Weg! — (Sie steigen wieder auf, und reiten davon) Werdet Ihr hier bleiben? Nein, ich will fort, ich muß mich ja beim benachbarten Herzog wieder anwerben lassen. Sprecht doch wieder zu, wenn Ihr wieder desertirt. Gewiß. — Lebt wohl.— (Sie geben sich die Haͤnde, der Soldat und die Gaͤste gehn ab, der Wirth ins Haus Der Vorhang faͤllt). Zwischenakt . Es wird doch immer toller und tol- ler. — Wozu war denn nun wohl die letzte Scene? Zu gar nichts, sie ist voͤllig uͤber- fluͤßig; bloß um einen neuen Unsinn hinein zu bringen. Den Kater verliert man ganz aus den Augen und man behaͤlt gar keinen festen Standpunkt. Mir ist voͤllig so, als wenn ich betrunken waͤre. In welchem Zeitalter mag denn das Stuͤck spielen sollen. Die Husaren sind doch offenbar eine neuere Erfindung. Wir solltens nur nicht leiden und derbe trommeln. Man weiß durchaus jetzt gar nicht, woran man mit dem Stuͤcke ist. Fischer . Der gestiefelte Kater . Und auch keine Liebe! Nichts fuͤrs Herz darin, fuͤr die Phantasie! Sobald wieder so etwas Tolles vorkoͤmmt, fang ich fuͤr meine Person wenigstens an zu pochen und zu zischen. (zu seinem Nachbar.) Mir gefaͤllt jetzt das Stuͤck. Sehr huͤbsch, in der That huͤbsch; ein großer Mann, der Dichter, — hat die Zau- berfloͤte gut nachgeahmt. Die Husaren gefielen mir beson- ders, es sind die Leute selten so dreist, Pferde aufs Theater zu bringen, — und warum nicht? Sie haben oft mehr Verstand als die Menschen. Ich mag lieber ein gutes Pferd sehn, als so man- chen Menschen in den neueren Stuͤcken. Im Kotzebue die Mohren, — ein Pferd ist am Ende nichts, als eine andere Art von Mohren. Wissen Sie nicht, von welchem Regiment die Husaren waren? Ich habe sie nicht einmal genau betrachtet. — Schade, daß sie so bald wieder weg- gingen, ich moͤchte wohl ein ganzes Stuͤck von lau- ter Husaren sehn, — ich mag die Kavallerie so gern. (zu Boͤtticher). Was sagen Sie zu dem allen? Ich habe nur immer noch das vortrefliche Spiel des Mannes im Kopfe, welcher den Kater darstellt. Welches Studium! Welche Feinheit! Welche Beobachtung! Welcher Anzug! II. [ 12 ] Zweite Abtheilung . Das ist wahr, er sieht natuͤr- lich aus, wie ein großer Kater. Und bemerken Sie nur seine ganze Maske, wie ich seinen Anzug lieber nennen moͤchte, denn da er so ganz sein natuͤrliches Aus- sehn verstellt hat, so ist dieser Ausdruck weit pas- sender. Gott segne mir doch auch bei der Gele- genheit die Alten! Sie wissen wahrscheinlich nicht, daß diese Alten alle Rollen ohne Ausnahme in Masken spielen, wie Sie im Athenaͤus, Pollux und andern finden werden. Es ist schwer, sehn Sie, das alles so genau zu wissen, weil man mit unter diese Buͤcher deswegen selber nachschlagen muß, doch hat man freilich nachher auch den Vor- theil, daß man sie anfuͤhren kann. Es ist eine schwierige Stelle im Pausanias. — Sie wollten so gut seyn, von dem Kater zu sprechen. Ja so. — Ich will auch alles Vorhergehende nur so nebenher gesagt haben, ich bitte Sie daher alle instaͤndigst, es als eine Note anzusehn, und — um wieder auf den Kater zu kommen, — haben Sie wohl bemerkt, daß er nicht einer von den schwarzen Katern ist? Nein, im Ge- gentheil, er ist fast ganz weiß und hat nur einige schwarze Flecke; das druͤckt seine Gutmuͤthigkeit ganz vortreflich aus, man sieht gleichsam den Gang des ganzen Stuͤckes, alle Empfindungen, die es er- regen soll, schon im Voraus in diesem Pelze. Der Vorhang geht wieder auf! Der gestiefelte Kater . Zweiter Akt . Erste Scene . ( Bauernstube .) (Beide sitzen an einem kleinen Tisch und essen.) H ats Dir geschmeckt? Recht gut, recht schoͤn. Nun muß sich aber mein Schick- sal bald entscheiden, weil ich sonst nicht weiß, was ich anfangen soll. Habe nur noch ein Paar Tage Ge- duld, daß Gluͤck muß doch auch einige Zeit haben, um zu wachsen; wer wird denn so aus dem Steg- reif gluͤcklich seyn wollen! Mein guter Mann, das kommt nur in Buͤchern vor, in der wirklichen Welt geht das nicht so geschwinde. Nun hoͤrt nur, der Kater unter- steht sich, von der wirklichen Welt zu sprechen! — Ich moͤchte fast nach Hause gehn, denn ich fuͤrchte toll zu werden. Es ist beinahe, als wenn es der Verfasser darauf angelegt haͤtte. Zweite Abtheilung . Ein exzellenter Kunstgenuß, toll zu seyn, das muß ich gestehn! Es ist zu arg. Statt daß er froh seyn sollte, daß er nur, wenn auch in ima- ginaͤrer Welt, wenigstens existieren darf, will er den andern von phantastischen Hofnungen abbrin- gen, und behandelt ihn als Schwaͤrmer, der doch wenigstens als Bauer nicht den Gesetzen unserer gewoͤhnlichen Welt widerspricht! Wenn ich nur wuͤßte, lieber Hinze, wo Du die viele Erfahrung, den Verstand herbe- kommen hast. Glaubst Du denn, daß man Tage- lang umsonst unterm Ofen liegt und die Augen fest zumacht? Ich habe dort immer im Stillen fortstudirt. Heimlich und unbemerkt waͤchst die Kraft des Verstandes, daher hat man dann am wenigsten Fortschritte gemacht, wenn man manch- mal Lust kriegt, sich mit einem recht langen Halse nach der zuruͤckgelegten Bahn umzusehn. — Uebri- gens sei doch so gut und binde mir die Serviette ab. (thuts). Gesegnete Mahlzeit! — (sie kuͤssen sich.) Nimm so vorlieb. Ich danke von ganzen Herzen. Die Stiefeln sitzen recht huͤbsch, und Du hast einen scharmanten kleinen Fuß. Das macht bloß, weil unser eins im- mer auf den Zehen geht, wie Du auch wirst in der Naturgeschichte gelesen haben. Ich habe einen großen Respekt vor Dir, — von wegen der Stiefeln. Der gestiefelte Kater . (haͤngt sich einen Tornister um.) Ich will nun gehn. — Sieh, ich habe mir auch einen Sack mit einer Schnurre gemacht. Wozu das alles? Laß mich nur, ich will einen Jaͤger vorstellen. — Wo ist denn mein Stock? Hier. Nun so lebe wohl. (geht ab.) Einen Jaͤger? — Ich kann aus dem Manne nicht klug werden. (ab.) Zweite Scene . ( Freies Feld .) mit Stock, Tornister und Sack. Herrliches Wetter! — Es ist ein schoͤner war- mer Tag, ich will mich auch hernach ein wenig in die Sonne legen. — (er spreitet seinen Sack aus.) Nun, Gluͤck, stehe mir bei! — Wenn ich freilich bedenke, daß diese eigensinnige Goͤttin so selten die klug an- gelegten Plane beguͤnstigt, daß sie immer darauf ausgeht, den Verstand der Sterblichen zu Schan- den zu machen, so moͤcht ich allen Muth verlieren. Doch, sei ruhig, mein Herz, ein Koͤnigreich ist schon der Muͤhe werth, etwas dafuͤr zu arbeiten und zu schwitzen! — Wenn nur keine Hunde hier in der Naͤhe sind. Ich kann diese Geschoͤpfe gar Zweite Abtheilung . nicht vor Augen leiden; sie sind ein Geschlecht, das ich verachte, weil sie sich so gutwillig unter der niedrigsten Knechtschaft der Menschen bequemen; sie koͤnnen nichts als schmeicheln und beißen, sie haben gar nichts von dem Ton, welcher im Um- gange so nothwendig ist. — Es will sich nichts fangen. — (Er faͤngt an ein Jaͤgerlied zu singen: im Felde schleich ich still und wild u. s. w., eine Nachtigall im be- nachbarten Busch faͤngt an schmettern.) Sie singt treflich, die Saͤngerin der Haine, — wie delikat muß sie erst schmecken! — Die Großen der Erde sind doch darin recht gluͤcklich, daß sie Nachtigallen und Ler- chen essen koͤnnen, so viel sie nur wollen, — wir armen gemeinen Leute muͤssen uns mit dem Ge- sange zufrieden stellen, mit der schoͤnen Natur, mit der unbegreiflich suͤßen Harmonie. — Es ist fatal, daß ich nichts kann singen hoͤren, ohne Lust zu kriegen, es zu fressen. — Natur! Natur! Warum stoͤrst du mich dadurch immer in meinen allerzartesten Empfindungen, daß du meinen Geschmack fuͤr Mu- sik so poͤbelhaft eingerichtet hast? — Fast krieg ich Lust, mir die Stiefeln auszuziehn und sacht den Baum dort hinauf zu klettern! sie muß dort sitzen. — (Im Parterre wird getrommelt.) Die Nachtigall hat eine gute Natur; ich habe immer nicht glauben wollen, daß sie am liebsten bei Sturm und Unge- witter singe, aber jetzt erleb ich die Wahrheit die- ser Behauptung. — Ei! so singe und schmettre, daß dir der Athem vergeht! — Delikat muß sie schmecken. Ich vergesse meine Jagd uͤber diese Der gestiefelte Kater . suͤßen Traͤume. — Es faͤngt sich wahrhaftig nichts. — Wer koͤmmt denn da? Zwei Liebende treten auf. Hoͤrst du wohl die Nachtigall, mein suͤ- ßes Leben? Ich bin nicht taub, mein Guter. Wie wallt mein Herz vor Entzuͤcken uͤber, wenn ich die ganze harmonische Natur so um mich her versammelt sehe, wenn jeder Ton nur das Gestaͤndniß meiner Liebe wiederholt, wenn sich der ganze Himmel nieder beugt, um Aether auf mich auszuschuͤtten. Du schwaͤrmst, mein Lieber. Nenne die natuͤrlichsten Gefuͤhle meines Herzens nicht Schwaͤrmerei. (kniet nieder.) Sieh, ich schwoͤre Dir hier vor dem Angesicht des heitern Himmels — (hoͤflich hinzu tretend). Verzeihen Sie guͤ- tigst, — wollen Sie sich nicht gefaͤlligst anders wohin bemuͤhn? Sie stoͤren hier mit Ihrer hold- seligen Eintracht eine Jagd. Die Sonne sei mein Zeuge, die Erde, — und was sonst noch: Du selbst, mir theurer als Erde, Sonne und alle Planeten. — Was will Er, guter Freund? Die Jagd, — ich bitte demuͤthigst. Barbar, wer bist Du, daß Du es wagst, die Schwuͤre der Liebe zu unterbrechen? Dich hat kein Weib geboren, Du gehoͤrst jenseits der Menschheit zu Hause. Zweite Abtheilung . Wenn sie nur bedenken wollten — So wart Er doch nur einen Augen- blick, Er sieht ja wohl, daß der Geliebte, in Trun- kenheit verloren, auf seinen Knieen liegt. Glaubst Du mir nun? Ach! hab ich Dir nicht schon geglaubt, noch ehe Du ein Wort gesprochen hattest? — (sie beugt sich liebevoll zu ihm hinab.) Theurer! — ich — liebe Dich! — o unaussprechlich. Bin ich unsinnig? — O und wenn ich es nicht bin, warum werd' ich Elender, Veraͤcht- licher, es nicht urploͤtzlich vor uͤbergroßer Freude? — Ich bin nicht mehr auf der Erde, sieh mich doch recht genau an, o Theuerste, und sage mir, ob ich nicht vielleicht im Mittelpunkte jener un- sterblichen Sonne dort oben wandle. In meinen Armen bist du, und die sollen dich auch nicht wieder lassen. O komm, dieses freie Feld ist meinen Empfindungen zu enge, wir muͤssen den hoͤchsten Berg erklettern, um der ganzen Natur zu sagen, wie gluͤcklich wir sind! — (Sie gehen schnell und voll Entzuͤckens ab. Lautes Klatschen und Bravorufen im Parterre.) (klatschend). Der Liebhaber griff sich tuͤchtig an. — O weh! da hab ich mir selber einen Schlag in die Hand gegeben, daß sie ganz aufge- laufen ist. Sie wissen sich in der Freude nicht zu maͤßigen. Ja, so bin ich immer. Der gestiefelte Kater . Ah! — das war doch etwas fuͤrs Herz! — Das thut einem wieder einmal wohl! Eine wirklich schoͤne Diktion in der Scene. Ob sie aber zum Ganzen wird nothwendig seyn? Ich kuͤmmere mich nie ums Ganze; wenn ich weine, so wein' ich, und damit gut; es war eine goͤttliche Stelle. O Liebe, wie groß ist deine Macht, daß deine Stimme die Ungewitter besaͤnftigt, ein pochendes Publikum beschwichtigt, und das Herz kritischer Zuschauer so umwendet, daß sie ihren Zorn und alle ihre Bildung vergessen. — Es laͤßt sich nichts fangen. — (Ein Kaninchen kriecht in den Sack, er springt schnell hinzu und schnuͤrt ihn zusammen.) Sieh da, guter Freund! Ein Wildprett, das eine Art von Geschwisterkind mit mir ist; ja, das ist der Lauf der heutigen Welt, Verwandte gegen Ver- wandte, Bruder gegen Bruder; wenn man selbst durch die Welt will, muß man andre aus dem Wege stoßen. — (Er nimmt das Kaninchen aus dem Sacke und steckt es in den Tornister.) Halt! Halt! — Ich muß mich wahrhaftig in Acht nehmen, daß ich das Wildprett nicht selber auffresse. Ich muß nur geschwinde den Tornister zubinden, damit ich meine Affekten bezaͤhme. — Pfui! schaͤme dich Hinz! — Ist es nicht die Pflicht des Edlen, sich und seine Neigungen dem Gluͤck seiner Meitgeschoͤpfe aufzu- opfern? Dies ist der Entzweck, zu welchen wir ge- schaffen worden, und wer das nicht kann, — o ihm Zweite Abtheilung . waͤre besser, daß seine Mutter ihn nie geboren haͤtte. — (Er will abgehn, man klatscht heftig und ruft all- gemein da Capo , er muß die letzte schoͤne Stelle noch einmal hersagen, dann verneigt er sich ehrerbietig und geht mit dem Kaninchen ab.) O welcher edle Mann! Welche schoͤne menschliche Gesin- nung! Durch so etwas kann man sich doch noch bessern, — aber wenn ich Narrenpossen sehe, moͤcht ich gleich drein schlagen. Mir ist auch ganz wehmuͤthig ge- worden, — die Nachtigall, — die Liebenden, — die letzte Tirade, — das Stuͤck hat denn doch wahrhaftig schoͤne Stellen! Dritte Scene . ( Saal im Pallast .) Große Audienz. Der Koͤnig , die Prinzessin , der Prinz Nathanael , der Koch (in Galla). (sitzt auf dem Thron). Hieher, Koch, jetzt ist es Zeit, Rede und Antwort zu geben, ich will die Sache selbst untersuchen. (laͤßt sich auf ein Knie nieder). Ihro Maje- staͤt geruhen, Ihre Befehle uͤber Dero getreusten Diener auszusprechen. Der gestiefelte Kater . Man kann nicht genug dahin arbei- ten, meine Freunde, daß ein Koͤnig, dem das Wohl eines ganzen Landes und unzaͤhliger Unter- thanen auf dem Halse liegt, immer bei guter Laune bleibe; denn wenn er in eine uͤble Laune geraͤth, so wird er gar leicht ein Tirann, ein Unmensch; denn gute Laune befoͤrdert die Froͤhlichkeit, und Froͤhlichkeit macht nach den Beobachtungen aller Philosophen den Menschen gut, dahingegen die Melankolie deswegen fuͤr ein Laster zu achten ist, weil sie alle Laster befoͤrdert. Wem, frag ich nun, liegt es so nahe, in wessen Gewalt steht es wohl so sehr, die Laune eines Monarchen zu befoͤrdern, als eben in den Haͤnden eines Kochs? — Sind Kaninchen nicht sehr unschuldige Thiere? Wer an- ders denken oder sprechen koͤnnte, von dem muͤßte ich fuͤrchten, daß er selbst den reinsten Schmuck seiner Seele, seine Unschuld ver l oren haͤtte. — Durch diese sanften Thierchen koͤnnte ich dahin kommen, es gar nicht uͤberdruͤßig zu werden, mein Land gluͤcklich zu machen, — und an diesen Ka- ninchen laͤßt Er es mangeln! — Spanferkeln und alle Tage Spanferkeln, — Boͤsewicht, das bin ich endlich uͤberdruͤßig. Verdamme mich mein Koͤnig nicht un- gehoͤrt. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich mir alle Muͤhe nach jenen niedlichen weißen Thierchen gegeben habe, ich habe sie zu allen Preisen ein- kaufen wollen, aber durchaus sind keine zu haben. — Sollten Sie an der Liebe Ihrer Unterthanen Zweite Abtheilung . zweifeln koͤnnen, wenn man nur irgend dieser Ka- ninchen habhaft werden koͤnnte? Laß die schelmischen Worte, schier Dich fort in die Kuͤche und beweise durch die That, daß Du deinen Koͤnig liebst. — (Der Koch geht ab.) — Jetzt wend ich mich zu Ihnen, mein Prinz, — und zu Dir, meine Tochter. — Ich habe er- fahren, werther Prinz, daß meine Tochter Sie nicht liebt, daß sie Sie nicht lieben kann; sie ist ein unbesonnenes unvernuͤnftiges Maͤdchen, aber ich traue ihr doch so viel Verstand zu, daß sie einige Ursachen haben wird. — Sie macht mir Sorgen und Gram, Kummer und Nachdenken, und meine alten Augen fließen von haͤufigen Thraͤ- nen uͤber, wenn ich daran denke, wie es nach mei- nem Tode mit ihr werden soll. — Du wirst sitzen bleiben! hab ich ihr tausendmal gesagt; greif zu, so lange es Dir geboten wird! Aber sie will nicht hoͤren, nun so wird sie sich gefallen lassen muͤssen, zu fuͤhlen. Mein Vater, — (weinend und schluchzend). Geh, Undank- bare, Ungehorsame, — Du bereitest meinem grauen Kopfe durch Dein Weigern, ein, ach! nur allzu- fruͤhzeitiges, Grab! — (Er stuͤtzt sich auf den Thron, verdeckt mit dem Mantel das Gesicht und weint heftig.) Der Koͤnig bleibt seinem Charakter doch nicht einen Augenblick getreu. Ein Kammerdiener kommt herein. Ihro Majestaͤt, ein frem- Der gestiefelte Kater . der Mann ist draußen und bittet vor Ihro Ma- jestaͤt gelassen zu werden. (schluchzend). Wer ists. Verzeihung, mein Koͤnig, daß ich diese Frage nicht beantworten kann. Sei- nem langen weißen Barte nach sollte er ein Greis seyn, und sein ganz mit Haaren bedecktes Gesicht sollte einen fast in dieser Vermuthung bestaͤrken, aber dann hat er wieder so muntre jugendliche Augen, einen so dienstfertigen geschmeidigen Ruͤk- ken, daß man an ihm irre wird. Er scheint ein wohlhabender Mann, denn er traͤgt ein Paar vor- trefliche Stiefeln, und so viel ich irgend aus sei- nem Aeußern abnehmen kann, moͤcht ich ihn fuͤr einen Jaͤger halten. Fuͤhrt ihn herein, ich bin neugierig ihn zu sehn. Kammerdiener geht ab und kommt sogleich mit Hinze zuruͤck. Mit Ihrer Majestaͤt gnaͤdigster Er- laubniß ist der Graf von Carabas so frei, Ih- nen ein Kaninchen zu uͤbersenden. (entzuͤckt). Ein Kaninchen? — Hoͤrt ihrs wohl, Leute? — O das Schicksal hat sich wieder mit mir ausgesoͤhnt! — Ein Kaninchen? (nimmt es aus dem Tornister). Hier großer Monarch. Da, — halten Sie mal das Scep- ter einen Augenblick Prinz, — (er befuͤhlt das Kanin- chen.) fett! huͤbsch fett! — Vom Grafen von — Zweite Abtheilung . Carabas . Ei, das muß ein vortreflicher Mann seyn, den Mann muß ich naͤher kennen lernen. — Wer ist der Mann? Wer kennt ihn von Euch? — Warum haͤlt er sich verborgen? Wenn solche Koͤpfe feiern, wie viel Verlust fuͤr meinen Staat! Ich moͤchte vor Freuden weinen; schickt mir ein Kaninchen ! Kammerdiener, gebt es gleich dem Koch. (Kammerdiener empfaͤngts und geht ab.) Mein Koͤnig, ich nehme mei- nen demuͤthigsten Abschied. Ja so, das haͤtt ich uͤber die Freude bald vergessen. — Leben Sie wohl, Prinz. Ja, Sie muͤssen andern Freiwerbern Platz machen, das ist nicht anders. — Adieu! Ich wollte, Sie haͤt- ten Chaussee bis nach Hause. Nathanael (kuͤßt ihm die Hand und geht ab). (schreiend.) Leute! — Mein Historio- graph soll kommen! Der Historiograph erscheint. Hier, Freund, kommt, hier giebts Materie fuͤr unsre Weltgeschichte. — Ihr habt doch Euer Buch bei Euch? Ja, mein Koͤnig. Schreibt gleich hinein, daß mir an dem und dem Tage, (welch Datum wir nun heut schreiben) der Graf von Carabas ein sehr delikates Kaninchen zum Praͤsent uͤberschickt hat. Historiograph setzt sich nieder und schreibt. Vergeßt nicht, anno currentis. — Der gestiefelte Kater . Ich muß an alles denken, sonst wirds doch immer schief ausgerichtet. (man hoͤrt blasen.) — Ah, das Essen ist fertig. — Komm, meine Tochter, weine nicht, ists nicht der Prinz, so ists ein andrer. — Jaͤger, wir danken fuͤr Deine Muͤhe; willst Du uns nach dem Speisesaal begleiten? (sie gehn ab, Hinze folgt.) Bald halt ichs nicht mehr aus! Wo ist denn nun der Vater geblieben, der erst gegen seine Tochter so zaͤrtlich war, und uns alle so ruͤhrte? Was mich nur aͤrgert, ist, daß sich kein Mensch im Stuͤck uͤber den Kater wundert; der Koͤnig und alle thun, als muͤßte es so seyn. Mir geht der ganze Kopf von dem wunderlichen Zeuge herum. Vierte Scene . ( Koͤniglicher Speisesaal .) Große ausgeruͤstete Tafel. Unter Pauken und Trompeten treten ein: der Koͤnig , die Prin- zessin , Leander , Hinze , mehrere vornehme Gaͤste und Hanswurst, Bediente , welche aufwarten. Setzen wir uns, die Suppe wird sonst kalt. — Ist fuͤr den Jaͤger gesorgt? Zweite Abtheilung . Ja, Ihro Majestaͤt, er wird mit dem Hofnarren hier am kleinen Tisch- chen essen. (zu Hinze). Setzen wir uns, die Suppe wird sonst kalt. (setzt sich). Mit wem hab ich die Ehre zu speisen? Der Mensch ist, was er ist, Herr Jaͤger, wir koͤnnen nicht alle dasselbe treiben. Ich bin ein armer verbannter Fluͤchtling, ein Mann, der vor langer Zeit einmal spaßhaft war, den man nachher fuͤr dumm, abgeschmackt und unanstaͤndig hielt, und der nun in einem fremden Lande wie- der in Dienste getreten ist, wo man ihn von neuem auf einige Zeit fuͤr unterhaltend ansieht. So? — Was seid Ihr fuͤr ein Landsmann? Leider nur ein Deutscher. Meine Landsleute wurden um eine gewisse Zeit so klug, daß sie allen Spaß bei Strafe verboten, wo man mich nur gewahr ward gab man mir un- ausstehliche Ekelnamen, als: gemein, poͤbelhaft, niedertraͤchtig, ja mein guter ehrlicher Name Hans- wurst ward zu einem Schimpfworte herab gewuͤr- digt. O edle Seele, die Thraͤnen stehn dir in den Augen, und du knurrst vor Schmerz, oder macht es der Geruch des Bratens, der dir in die Nase zieht? Ja, lieber Empfindsamer, wer sich damals nur unterstand, uͤber mich zu lachen, der wurde eben so verfolgt, wie ich, und so mußt ich denn wohl in die Verbannung wandern. Hinze . Der gestiefelte Kater . Armer Mann! Es giebt wunderliche Hand- thierungen in der Welt, Herr Jaͤger; Koͤche leben vom Appetit, Schneider von der Eitelkeit, ich vom Lachen der Menschen, wenn sie nicht mehr lachen, so ist meine Nahrung verloren. Das Gemuͤse eß ich nicht. Warum? Seid nicht bloͤde, greift zu. Ich sage Euch, ich kann den weißen Kohl nicht vertragen. Mir wird er desto besser schmek- ken. — Gebt mir Eure Hand, ich muß Euch naͤ- her kennen lernen, Jaͤger. Hier. (Gemurmel im Parterr: ein Hans- wurst ! ein Hanswurst ! Empfangt hier die Hand eines deutschen Biedermannes, ich schaͤme mich nicht, wie so viele meiner Landsleute, ein Deutscher zu seyn. (Er druͤckt dem Kater die Hand sehr heftig.) Au! au! — (Er straͤubt sich, knurrt und klaut den Hanswurst.) O weh! Jaͤger! plagt Euch der Teufel? — (er steht auf und geht weinend zum Koͤ- nige.) Ihro Majestaͤt, der Jaͤger ist ein treuloser Mann, seht nur, wie er mir ein Andenken von seinen fuͤnf Fingern hinterlassen hat. (essend). Wunderlich, — nun, setz Dich nur wieder hin, trage kuͤnftig Handschuh, wenn Du mit ihm gut Freund seyn willst. Es giebt vielerlei Arten von Freunden, man muß jedes Ge- II. [ 13 ] Zweite Abtheilung . richt zu essen, und jeden Freund zu behandeln ver- stehn. Halt! Ich habe gleich gedacht, daß hinter dem Jaͤger was besonderes steckt: sieh! sieh! er ist ein Freimaurer, und hat Dir nur das Zeichen in die Hand schreiben wollen, um zu sehn, ob Du auch von der Bruͤderschaft bist. Man muß sich vor Euch huͤten. Warum kneift Ihr mich so? Hole der Henker Euer biederes Wesen! Ihr krazt ja wie eine Katze. (lacht boshaft). Aber was ist denn das heute? Wa- rum wird denn kein vernuͤnftiges Tischgespraͤch ge- fuͤhrt? Mir schmeckt kein Bissen, wenn nicht auch der Geist einige Nahrung hat. — Hofgelehrter, seid Ihr denn heut auf den Kopf gefallen? (essend). Ihro Majestaͤt geruhn — Wie weit ist die Sonne von der Erde? Zweimal hundert tausend, fuͤnf und siebenzig und eine Viertel Meile, funfzehn auf einen Grad gerechnet. Und der Umkreis, den die Planeten so insgesamt durchlaufen? Wenn man rechnet, was jeder ein- zelne laufen muß, so kommen in der Total-Summa etwas mehr als tausend Millionen Meilen heraus. Tausend Millionen! — Man sagt schon, um sich zu verwundern: ei der Tausend! und nun gar tausend Millionen! Ich mag auf der Welt nichts lieber hoͤren, als so große Nummern, — Millionen, Trillionen, — da hat man doch Der gestiefelte Kater . dran zu denken. — Es ist doch meiner Seel ein Bischen viel, so tausend Millionen. Der menschliche Geist waͤchst mit den Zahlen. Sagt mal, wie groß ist wohl so die ganze Welt im Umfange, Fixsterne, Milch- straßen, Nebelkappen und allen Plunder mitge- rechnet. Das laͤßt sich gar nicht aussprechen. Du sollst es aber aussprechen, oder — (mit dem Zepter drohend.) Wenn wir eine Million wieder als Eins ansehn, dann ohngefaͤhr zehn mal hundert tausend Trillionen solcher Einheiten, die jede an sich schon eine Million Meilen ausmachen. Denkt nur, Kinder denkt! — Sollte man meinen, daß das Ding von Welt so groß sein koͤnnte? Aber wie das den Geist beschaͤftigt! Ihro Majestaͤt, das ist eine kuriose Erhabenheit, davon krieg ich noch weniger in den Kopf als in den Magen; mir kommt die Schuͤssel mit Reiß hier viel erhabener vor. Wie so, Narr? Bei solchen ungeheuren Zahlen kann man gar nichts denken, denn die hoͤchste Zahl wird ja am Ende wieder die kleinste. Man darf sich ja nur alle Zahlen denken, die es geben kann. Wir koͤnnen nicht leicht, ohne uns zu verirren, bis fuͤnfe zaͤhlen. Aber da ist was Wahres drinn. Zweite Abtheilung . Der Narr hat seine Einfaͤlle. — Gelehrter, wie viel Zahlen giebt es denn? Unendlich viel. Sagt mal geschwind die hoͤchste Zahl. Es giebt gar keine hoͤchste, weil man zur hoͤchsten noch immer wieder eine neue hinzufuͤgen kann; der menschliche Geist kennt hier gar keine Einschraͤnkung. Es ist doch aber wahrhaftig ein wunderliches Ding um diesen menschlichen Geist. Es muß Dir hier sauer werden, ein Narr zu seyn. Man kann gar nichts Neues aufbringen, es arbeiten zu viele in dem Fache. Und du sagst also auch, daß die Erde immer rundum, immer rundum geht, bald so, bald so, wie ein besoffener Mensch? Nicht eigentlich auf diese Weise, sondern mehr einem Walzenden aͤhnlich. Und sie ist, wie Ihr meint, eine Kugel? Allerdings, so daß unter uns Menschen wohnen, die ihre Fuͤße gegen die un- srigen richten, oder unsre Antipoden sind, so wie wir wiederum die Antipoden von ihnen sind. Wir? Ich auch? Allerdings. Ich verbitte mir aber dergleichen; meint Er, daß ich mich so wegwerfen werde? Er und seines gleichen moͤgen Antipoden seyn, so viel sie wollen, aber ich halte mich zu gut, jeman- Der gestiefelte Kater . des Antipode zu seyn, und wenn es selbst der große Mogul waͤre. Er denkt wohl, weil ich mich manch- mal herab lasse, mit ihm zu disputiren, so werde ich mir auch alles bieten lassen. Ja, ja, ich sehe, wer sich zum Schaaf macht, den fressen die Woͤlfe; man darf solche Gelehrte nur ein weniges um sich greifen lassen, so mengen sie nach ihren Systemen Kraut und Ruͤben durcheinander, und entbloͤden sich nicht, den regierenden Herren selbst unter die Antipoden zu werfen. Das dergleichen niemals wieder geschieht! Wie Ihro Majestaͤt befehlen. Doch um nicht einseitig bei einem Gegenstande zu verweilen, so bringt mir nun ein- mal mein Mikroskop herein! (Leander ab.) Ich muß Ihnen sagen, meine Herren, daß ich es als eine Andacht treibe, in das kleine Ding hinein zu kuk- ken, und daß es mich in der That erbaut, und mein Herz erhebt, wenn ich sehe, wie ein Wurm so ungeheuer vergroͤßert wird, wie eine Made und Fliege so seltsamlich konstruirt sind, und wie sie in ihrer Pracht mit einem Koͤnige wetteifern koͤn- nen. — ( Leander kommt zuruͤck.) Gebt her! Ist nicht eine Muͤcke bei der Hand, ein Gewuͤrm, sei es, was es sei, um es zu beobachten? Sonst findet sich dergleichen oft, ohne daß mans wuͤnscht, und nun es zur Geistesbildung dienen soll, laͤßt sich nichts betref- fen: aber ich schlage Ihrer Majestaͤt unmaßgeblich vor, eins von den seltsamen Barthaaren des frem- Zweite Abtheilung . den Jaͤgers zu observiren, was sich gewiß der Muͤhe verlohnt. Seht, der Narr hat heut seinen lu- minoͤsen Tag. Ein treflicher Gedanke! Damit der Jaͤger sich aber nicht uͤber Gewalt zu beschweren hat, soll ihm das ansehnlichste Haar durch Nie- mand anders als durch zwei Kammerherren aus- gerauft werden. Macht Euch dran, Leute. (zu den Kammerherren). Das scheint mir ein Eingriff in das Voͤlkerrecht. — (sie ziehn ihm das Haar aus.) Au! Mau! Miau! Prrrst! Hoͤrt, er maut fast wie eine Katze. O ja, auch hat er eben so ge- prustet; er scheint uͤberhaupt eine merkwuͤrdige Or- ganisation zu besitzen. (durch das Glas sehend). Ei! ei! wie hoͤchst wunderbar! Da ist doch auch kein Riß, keine un- ebene Stelle, keine Rauhigkeit wahrzunehmen. Ja, das sollen mir einmal die englischen Fabriken nach- ahmen! Ei! ei! wo der Jaͤger nur diese kostbaren Barthaare hergenommen hat! Sie sind ein Werk der Natur, mein Koͤnig. Dieser fremde Mann hat noch eine andre große Naturmerkwuͤrdigkeit an sich, die ge- wiß eben so unterhaltend als nachdenklich ist. Ich nahm vorhin wahr, als die Braten herein gebracht wurden, und der angenehme Duft den ganzen Saal erfuͤllte, daß sich in seinem Koͤrper ein ge- wisses Orgelwerk in Bewegung zu setzen anfing, das mit lustigen Passagen auf und nieder schnurrte, wobei er die Augen aus Wohlgefallen eindruͤckte Der gestiefelte Kater . und ihm die Nase lebhaft zitterte. Ich fuͤhlte ihn zu der Zeit an, und der Tremulant war in seinem ganzen Koͤrper, unter Nacken und Ruͤcken fuͤhlbar. Ist es moͤglich? Kommt mal her, tretet zu mir, Jaͤger. An diesen Mittag werd ich gedenken. Kommt, edler Freund. (indem er ihn fuͤhrt.) Nicht wahr? Ihr werdet wieder kratzen? Hier tretet her. — Nun? — (legt sein Ohr an ihn.) Ich hoͤre nichts, es ist ja maͤus- chenstill in seinem Leibe. Er hat es verloren, seit ihm das Haar ausgerissen wurde, es scheint nur zu or- geln, wenn ihm wohl ist. Jaͤger, denkt einmal recht was wohlgefaͤlliges, stellt Euch doch was An- muthiges vor, sonst glaubt man, es ist nur Tuͤcke, daß es jetzt nicht in Euch spielt. Haltet ihm den Braten vor die Nase. — So. — Seht, Jaͤger, davon sollt Ihr sogleich bekommen. Nun? — Ich will ihm indeß etwas den Kopf und die Ohren streicheln, hoffent- lich wirkt diese Gnade auf sein Zufriedenheits-Or- gan. — Richtig! Hoͤrt, hoͤrt, Leute, wie er schnurrt, auf und ab, ab und auf, in recht huͤb- schen Laͤufen! Und in seinem ganzen Koͤrper fuͤhl ich die Erschuͤtterung. — Hm! hm! aͤußerst son- derbar! — Wie ein solcher Mensch inwendig muß beschaffen seyn! Ob es eine Walze seyn mag, die sich umdreht, oder ob es nach Art der Claviere eingerichtet ist? Wie nur die Daͤmpfung angebracht wird, daß augenblicks das ganze Werk still steht? Zweite Abtheilung . — Sagt mal, Jaͤger: (Euch acht' ich und bin wohlwollend gegen Euch gesinnt) aber habt Ihr nicht vielleicht in der Familie einen Vetter, oder weitlaͤuftigen Anverwandten, an dem nichts ist, an dem die Welt nichts verloͤre, und den man so ein weniges aufschneiden koͤnnte, um ein Ein- sehn in die Maschienerie zu bekommen? Nein, Ihro Majestaͤt, ich bin der einzige meines Geschlechts. Schade! — Hofgelehrter, denkt ein- mal nach, wie der Mensch innerlich gebaut seyn mag, und les't es uns alsdann in der Akademie vor. Kommt, Jaͤger, setzen wir uns wieder und speisen. Ich sehe, mit Dir muß ich Freund- schaft halten. Es wird mir eine Ehre seyn, mein Koͤnig; ich habe auch schon eine Hypothese im Kopf, die mir von der hoͤchsten Wahrscheinlichkeit ist; ich vermuthe nemlich, daß der Jaͤger ein unwillkuͤhr- licher Bauchredner ist, der wahrscheinlich bei stren- ger Erziehung sich fruͤh angewoͤhnt hat, sein Wohl- gefallen und seine Freude, die er nicht aͤußern durfte, in seinem Innern zu verschließen, dorten aber, weil sein starkes Naturell zu maͤchtig war, hat es in den Eingeweiden fuͤr sich selbst den Ausdruck der Freude getrieben, und sich so diese innerliche Spra- che gebildet, die wir jetzt als eine seltsame Erschei- nung an ihm bewundern. Laͤßt sich hoͤren. Nun klingt es deshalb in ihm Der gestiefelte Kater . mehr wie ein verhaltner Grimm, als wie ein Ausdruck der Lust. Ihrer Natur nach steigt die Freude nach oben, oͤffnet den Mund weit und spricht in den offensten Vokalen, am liebsten in A, I oder Ei, wie wir in der ganzen Schoͤp- fung, an Kindern, Schaafen, Eseln, Stieren und Betrunkenen wahrnehmen koͤnnen; er aber, bei seinen tyrannischen Eltern und Vormuͤndern, wo er nichts durfte laut werden lassen, mußte inner- lich nur ein O und U brummen, und so angesehn muß diese Erscheinung alles Wunderbare verlie- ren, und ich glaube aus diesen Gruͤnden nicht, daß er eigene Walzen, oder ein Orgelwerk in sei- nem Leibe besitze. Wenn es nun einmal dem Herrn Leander verboten wuͤrde, laut zu philoso- phiren, und seine tiefsinnigen Gedanken muͤßten sich auch, statt oben, in der Tiefe aussprechen, welche Sorte von Knarrwerk sich wohl in seinem Bauch etabliren wuͤrde? Der Narr, mein Koͤnig, kann vernuͤnftige Gedanken nie begreifen; mich wundert uͤberhaupt, daß sich Ihro Majestaͤt noch von sei- nen geschmacklosen Einfaͤllen belustigen lassen. Man sollte ihn geradezu fortjagen, denn er bringt Ih- ren Geschmack nur in einen uͤblen Ruf. (wirft ihm das Zepter an den Kopf). Herr Naseweis von Gelehrter! was untersteht er sich denn? In ihn ist ja heut ein satanischer Rebel- lionsgeist gefahren! Der Narr gefaͤllt mir, mir, seinem Koͤnige, und wenn ich Geschmack an ihm Zweite Abtheilung . finde, wie kann Er sich unterstehn zu sagen, daß der Mann abgeschmackt sey? Er ist Hofgelehrter und der andre Hofnarr, Ihr steht beide in einem Gehalte, der einzige Unterschied ist, daß er an dem kleinen Tischgen mit dem fremden Jaͤger speist. Der Narr macht dummes Zeug bei Tische und Er fuͤhrt einen vernuͤnftigen Diskurs bei Tische, beides soll mir nur die Zeit vertreiben und machen, daß mir das Essen gut schmeckt; wo ist denn also der große Unterschied? — Und dann thuts einem Herrn, wie mir, auch wohl, einen Narren zu sehn, der dummer ist, der die Gaben und die Bil- dung nicht hat, man fuͤhlt sich mehr und ist dank- bar gegen den Himmel. Schon deswegen ist mir ein Dummkopf ein angenehmer Umgang. — Wenn Er aber meint, daß der Narr in Religion und Philosophie zuruͤck ist, daß er zu sehr in der Irre wandelt, kann er sich denn nicht (da der Dumme doch gewiß sein Naͤchster ist) menschenfreundlich zu ihm setzen und liebreich sagen: sieh, Schatz, das ist so, und jenes so, Du bist hierinn zuruͤck, ich will Dich mit Liebe auf den Weg des Lichtes bringen und dann etwas gruͤndliche Logik, Meta- physik und Hydrostatik ihm vorsprechen, daß der Dumme in sich schlaͤgt und sich bekehrt? So muͤßte einer handeln, der ein Weltweiser heißen will. Der Koch traͤgt das Kaninchen auf und entfernt sich. Das Kaninchen! — Ich weiß nicht, — die andern Herren essen es wohl nicht gerne? — Alle (verneigen sich). Der gestiefelte Kater . Nun, so will ich es denn mit Ihrer Erlaubniß fuͤr mich allein behalten. — (er ißt.) Mich duͤnkt, der Koͤnig zieht Gesichter, als wenn er seine Zufaͤlle wieder be- kaͤme. (aufstehend in Wuth). Das Kaninchen ist verbrannt! — O Herr des Himmels! Erde? — Was noch sonst? Nenn' ich die Hoͤlle mir? — Mein Vater — Wer ist das? Durch welchen Mißverstand hat dieser Fremdling Zu Menschen sich verirrt? — Sein Aug ist trocken! Alle (erheben sich voll Besorgniß, Hanswurst laͤuft ge- schaͤftig hin und wieder, Hinze bleibt sitzen und ißt heimlich). Gieb diesen Todten mir heraus. Ich muß Ihn wieder haben! Hole doch einer schnell den Besaͤnftiger. Der Koch Philipp sei das Jubel- geschrei der Hoͤlle, wenn ein Undankbarer ver- brannt wird! Wo nur der Musikus bleibt. Die Todten stehen nicht mehr auf. Wer darf Mir sagen, daß ich gluͤcklich bin? O waͤr er mir gestorben! Ich hab ihn lieb gehabt, sehr lieb. Zweite Abtheilung . Der Besaͤnftiger tritt mit einem Klockenspiele auf, das er sogleich spielt. Wie ist mir? — (weinend.) Ach, ich habe schon wieder meinen Zufall gehabt. — Schafft mir den Anblick des Kaninchens aus den Augen. — (Er legt sich voll Gram mit dem Kopf auf den Tisch und schluchzt.) Seine Majestaͤt leiden viel. (Es entsteht ein gewaltiges Pochen und Pfeifen im Parterr; man hustet, man zischt, die Gallerie lacht; der Koͤnig rich- tet sich auf, nimmt den Mantel in Ordnung und sezt sich mit dem Zepter in groͤßter Majestaͤt hin. Alles ist umsonst, der Laͤrm wird immer groͤßer, alle Schauspieler vergessen ihre Rol- len, auf dem Theater eine fuͤrchterliche Pause. — Hinze ist eine Saͤule hinan geklettert.) Der Dichter koͤmmt bestuͤrzt aufs Theater. Meine Herren, — verehrungswuͤr- digstes Publikum, — nur einige Worte. Still! still! der Narr will sprechen. Ums Himmelswillen, machen Sie mir die Schande nicht, der Akt ist ja gleich zu Ende. — Sehn Sie doch nur, der Koͤnig ist ja auch wieder zur Ruhe, nehmen Sie an dieser gro- ßen Seele ein Beispiel, die gewiß mehr Ursache hatte, außer sich zu seyn, als Sie. Mehr als wir? (zum Nachbar.) Aber warum trom- meln Sie denn? Uns beiden gefaͤllt ja das Stuͤck. Ist auch wahr, — in Gedanken, weil es alle thun. (klatscht aus Leibeskraͤften.) Der gestiefelte Kater . Einige Stimmen sind mir doch noch guͤnstig, lassen Sie sich aus Mitleid mein armes Stuͤck gefallen, ein Schelm giebts besser, als ers hat; es ist auch bald zu Ende. — Ich bin so verwirrt und erschrocken, daß ich Ihnen nichts anders zu sagen weiß. Wir wollen nichts hoͤren, nichts wissen. (reißt wuͤthend den Besaͤnftiger hervor). Der Koͤnig ist besaͤnftigt, besaͤnftige nun auch diese tobende Fluth, wenn Du es kannst! (stuͤrzt außer sich ab.) ( Der Besaͤnftiger spielt auf den Klocken, das Pochen schlaͤgt dazu den Takt. Er winkt: Affen und Baͤren erscheinen, und tanzen freundlich um ihn her, Adler und andre Voͤgel; ein Adler sizt Hinzen auf dem Kopf, der in der groͤßten Angst ist, zwei Elephanten und zwei Loͤwen tanzen auch.) Ballet und Gesang . Das klinget so herrlich, — Das klinget so schoͤn, — Nie hab ich so etwas gehoͤrt noch gesehn. (Hierauf wird von allen Anwesenden eine kuͤnstliche Quadrille getanzt, der Koͤnig und sein Hofstaat wird in die Mitte ge- nommen, Hinze und den Hanswurst nicht ausgeschlossen; all- gemeines Applaudiren. Gelaͤchter. Man steht im Parterr auf, um recht genau zu sehn, einige Huͤte fallen von der Gallerie herunter.) Zweite Abtheilung . (singt waͤhrend dem Ballet und der allgemeinen Freude der Zuschauer). Koͤnnte jeder brave Mann Solche Kloͤckchen finden, Seine Feinde wuͤrden dann Ohne Muͤhe schwinden, Und er lebte ohne sie In der schoͤnsten Harmonie. (Der Vorhang faͤllt, alles jauchzt und klatscht, man hoͤrt noch das Ballet eine Zeitlang.) Zwischenakt . Herrlich! herrlich! Das heiß ich mir noch ein he- roisch Ballet. Und so schoͤn in die Haupthand- lung eingeflochten! Schoͤne Musik! Goͤttlich! Das Ballet hat das Stuͤck noch gerettet. Ich bewundere nur immer das Spiel des Katers. — An solchen Kleinigkeiten er- kennt man den großen und geuͤbten Schauspieler; so oft er zum Beispiel das Kaninchen aus der Ta- sche nahm, hob er es jederzeit bei den Ohren, — es stand ihm nicht vorgeschrieben; haben sie wohl bemerkt, wie es der Koͤnig sogleich an den Leib Der gestiefelte Kater . packte? Aber man haͤlt diese Thiere bei den Oh- ren, weil sie es dort am besten vertragen koͤnnen. Das nenn ich den Meister! Das ist sehr schoͤn auseinander gesetzt. (heimlich). Man sollte ihn selbst da- fuͤr bei den Ohren nehmen. Und die Angst, als ihm der Adler auf dem Kopfe saß! Wie er sich aus Furcht so gar nicht bewegte, sich weder ruͤhrte noch regte, — nein, eine solche vollendete Kunst kann keine Beschreibung ausdruͤcken. Sie gehen sehr gruͤndlich. Ich schmeichle mir, nur ein klein wenig Kenner zu seyn, das ist freilich mit Ihnen allen nicht der Fall, und darum muß man es Ihnen ein wenig entwickeln. Sie geben sich viele Muͤhe. Wenn man die Kunst so liebt, wie ich, ist das eine angenehme Muͤhe. — Mir ist auch jetzt uͤber die Stiefeln des Katers ein sehr scharfsinniger Gedanke eingefallen, und ich bewun- dre darin das Genie des Schauspielers. — Sehn Sie, er ist anfangs Kater, deshalb muß er seine natuͤrliche Kleidung ablegen, um die passende Maske einer Katze zu nehmen; jetzt soll er nun wieder ganz als Jaͤger erscheinen (dies schließe ich dar- aus, daß ihn jeder so nennt, sich auch kein Mensch uͤber ihn verwundert), ein ungeschickter Schauspie- ler wuͤrde sich auch gewiß in einen Jagdhabit ge- worfen haben: — aber — wie wuͤrde es um un- Zweite Abtheilung . sre Illusion aussehn? Wir haͤtten vielleicht daruͤber vergessen, daß er doch im Grunde ein Kater ist, und wie unbequem muͤßte dem Schauspieler eine neue Kleidung uͤber dem schon vorhandenen Pelze seyn? Durch die Stiefeln aber deutet er sehr ge- schickt die Jaͤgeruniform nur an, und daß solche Andeutungen vollkommen kunstgemaͤß sind, bewei- sen uns ganz vorzuͤglich die Alten, die oft — Schon wieder die Alten! Verzeihen Sie, es ist eine an- genehme, sonst loͤbliche Gewohnheit, die ich mir zugelegt habe, vertraͤgt sich auch mit aller moͤgli- chen modernen Eleganz. Ich bin uͤbrigens geson- nen, meine Herren, ein eignes Buch uͤber die dar- gestellte Rolle des Katers herauszugeben (wozu ich mir auch nachher von Ihnen allerseits einige scharfsinnige Bemerkungen ausbitten werde), und darum wuͤnschte ich wohl, daß das Stuͤck nicht so oft unterbrochen wuͤrde. Die Scene, in welcher er dem Koͤnige das Kaninchen mit so großer Kunst uͤberliefert, schien mir fast sein Triumph, wenn ich die letzte ausnehme, in welcher sich sein Genie noch glaͤnzender zeigte; denn jene spielte er ganz und gar mit dem linken Zeigefinger und einer ge- ringen Bewegung des rechten Fußes. Was wuͤrde da mancher Schauspieler sich heftig bewegt und laut geschrieen haben? Aber Er, er steht ruhig auf sich selber da, sich kennend, seiner Groͤße ver- trauend, wohl wissend, daß das Kaninchen im Tornister steckt, den er nur aufknoͤpfen darf, um sein Gluͤck zu machen. Schlos - Der gestiefelte Kater . Uns duͤnkt der Mensch aber sehr langweilig. Sie sind vielleicht nur verwoͤhnt, meine Herren. Waren Sie denn nicht tief erschuͤt- tert, in jener einzigen, unnachahmlichen Scene, als dem Wuͤrdigsten seines Geschlechtes auf Be- fehl des Tyrannen sein ehrwuͤrdiger Bart ausge- rauft ward? Nicht wahr, hier haͤtten Sie Ge- schrei, Fußstampfen, Zaͤhneknirschen erwartet? Wie mancher Schreier unsrer Buͤhnen, der in Helden- rollen geruͤhmt wird, haͤtte hier die ganze Kraft seines Organs aufgeboten, um sich den Beifall des Haufens zu ertoben? Nicht so unser großer origineller Kuͤnstler. Da stand er, still, in sich gezogen, seinen Schmerz zuruͤck zwaͤngend; waͤh- rend die rechte Hand in der aufgeknoͤpften Weste unter dem Jabot ruhig steckt, ist die linke mit der ausgestreckten Flaͤche nach oben gewandt, sie druͤckte seinen Unwillen aus, und forderte gleichsam des Himmels Unterstuͤtzung; sein Gesicht war ruhig, fast laͤchelnd, in Verachtung gegen die Diener des Tyrannen, nur eine zwinkelnde Bebung zuckte im aufwaͤrtsrollenden Auge, in der man sein ganzes Gefuͤhl erkannte, und nun ertoͤnt aus gehobener Brust das herzdurchschneidende Au , Mau , Miau , so gedacht, so gezogen, so wimmernd klagend, daß uns allen der Athem verging; doch das Gefuͤhl des Unwillens laͤßt sich nicht ganz zuruͤckhalten, und nun der ploͤtzlich kuͤhne Uebergang in jenen Ausruf des Zornes, den der Narr ein Prusten nannte, und vor dem selbst die schamlosen Des- II . [ 14 ] Zweite Abtheilung . potenknechte zuruͤckfuhren. Wahrlich, dies war der Gipfel aller Kunst. Ja in diesen marrenden, quar- renden, prustigen Tone moͤcht ich von diesem ein- zigen Manne einmal den Koͤnig Lear, oder den Wallenstein spielen sehn, ich bin uͤberzeugt, diese Darstellungen waͤren etwas Unerhoͤrtes, und wuͤr- den gegen jene Schreier grell abstechen, die die tra- gischen Rollen immer nur mit sogenannter Kraft und mit Nachdruck zu spielen suchen. Das fehlt uns noch! Es ist aber unausstehlich, wenn es da oben einmal still ist, so martert uns der Kenner hier fast eben so sehr. — Der Vorhang geht auf! Der gestiefelte Kater . Dritter Akt . ( Bauernstube .) Der Dichter, der Maschinist . Meinen Sie denn wirklich, daß das etwas hel- fen wird? O mein verehrtester Herr Maschi- nist, ich bitte Sie, ich beschwoͤre Sie, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab, meine letzte Hof- nung, meine Rettung beruht nur darauf. Was ist denn das wieder? — Wie kommen denn diese Menschen in Gottliebs Stube? Ich zerbreche mir uͤber nichts mehr den Kopf. Aber, lieber Freund, Sie ver- langen auch wahrhaftig zu viel, daß das alles so in der Eil, ganz aus dem Stegereife zu Stande kommen soll. Sie verfolgen mich auch, einver- standen mit meinen Feinden drunten, erfreuen Sie sich meines Ungluͤcks. Nicht im mindesten. (faͤllt vor ihm nieder). Nun so bewei- sen Sie es mir dadurch, daß Sie meinen Bitten nachgeben; wenn das Mißfallen des Publikums bei irgend einer Stelle wieder so laut ausbricht, Zweite Abtheilung . so lassen Sie auf einen Wink von mir alle Ma- schinen spielen! Der zweite Akt ist so schon ganz anders geschlossen, als er in meinem Ma- nuscripte steht. Was ist denn das? — Wer hat denn die Gardine aufgezogen? Alles Ungluͤck stroͤmt auf mich ein, ich bin verloren! — (er flieht beschaͤmt hinter die Coulissen.) Solche Verwirrung ist noch an keinem Abende gewesen. (geht ab. — Eine Pause.) Gehoͤrt denn das zum Stuͤck? Natuͤrlich, das motivirt ja die nachherigen Verwandlungen. Den heutigen Abend sollte man doch wirklich im Theater-Calender beschreiben. (hinter der Scene). Nein, ich geh nicht vor, durchaus nicht, ich kann es nicht vertragen, wenn ich ausgelacht werde. Aber Sie, — theuerster Freund, — es ist doch einmal nicht zu aͤndern. Nun, ich will mein Gluͤck ver- suchen. (er tritt hervor, und verbeugt sich possirlich gegen das Publikum.) Wie koͤmmt denn der Hanswurst nun in die Bauerstube? Er wird gewiß einen abgeschmack- ten Monolog halten wollen. Verzeihen Sie, wenn ich mich erkuͤhne, ein Paar Worte vorzutragen, die eigent- lich nicht zum Stuͤcke gehoͤren. O Sie sollten nur ganz stille schwei- Der gestiefelte Kater . gen, Sie sind uns schon im Stuͤcke zuwider, viel- mehr nun gar so — Ein Hanswurst untersteht sich mit uns zu reden? Warum denn nicht? denn, wenn ich ausgelacht werde, so thut mir das nichts, sondern es ist im Gegentheil mein heißester Wunsch, daß Sie geruhen moͤchten, uͤber mich zu lachen. Nein, nein, ich bitte, geniren Sie sich nur gar nicht, wir sind hier unter uns. Das ist ziemlich possirlich. Was dem Koͤnige freilich we- nig ansteht, schickt sich desto besser fuͤr mich, er wollte daher auch gar nicht vorkommen, sondern uͤberließ mir diese wichtige Ankuͤndigung. Wir wollen aber nichts hoͤren. Meine lieben deutschen Lands- leute — Ich denke das Stuͤck spielt drau- ßen in Asien? Kann seyn, ich weiß nicht, jetzt aber, verstehn Sie mich, jetzt rede ich ja zu Ihnen als bloßer Schauspieler zu den Zuschauern, nicht als Hanswurst, sondern als Mensch, zu ei- nem Publikum, das nicht in der Illusion begrif- fen ist, sondern sich außerhalb derselben befindet, kuͤhl, vernuͤnftig, bei sich, vom Wahnsinn der Kunst unberuͤhrt. Capiren Sie mich? Koͤnnen Sie mir folgen? Distinguiren Sie? Adieu! Nun gehts fort mit mir, Zweite Abtheilung . ich schnappe uͤber. Richtig, wie ich immer vorher gesagt habe. Wir verstehn Sie gar nicht. Sagen Sie doch nicht zu einem Hanswurste Sie. Er sagt ja aber, daß er jetzt nur einen Menschen vorstellt. Geruhen Sie doch zu verneh- men (und das ist die Ursach, weshalb ich komme), daß die vorige Scene, die Sie eben sahen, gar nicht zum Stuͤcke gehoͤrt. Nicht zum Stuͤcke? Wie koͤmmt sie denn aber hinein? Der Vorhang war zu fruͤh aufgezogen. Es war eine Privatunterredung, die gar nicht auf dem Theater vorgefallen waͤre, wenn man zwischen den Coulissen nur etwas mehr Raum haͤtte. Sind Sie also illudirt gewesen, so ist es wahrlich um so schlimmer, und es hilft nichts, Sie muͤssen dann so guͤtig seyn und die Muͤhe da- ran setzen, diese Taͤuschung aus sich wieder aus- zurotten; denn von jetzt an, verstehn Sie mich, von dem Augenblicke, daß ich werde abgegangen seyn, nimmt der dritte Akt erst seinen Anfang. Unter uns: alles Vorhergehende gehoͤrt gar nicht zur Sache; es ist eine Zugabe, die wir uns jetzt wieder von Ihnen zuruͤck erbitten. Aber Sie sol- len entschaͤdigt werden, es wird im Gegentheil bald manches kommen, das ziemlich zur Sache gehoͤrt, denn ich habe den Dichter selber gesprochen und er hats mir zugeschworen. Der gestiefelte Kater . Ja, Euer Dichter ist der rechte Kerl. Nicht wahr, er ist nichts werth? Gar nichts, Hanswurst, es ist mir lieb, daß Sie die Einsicht haben. Nun, das freut mich von Her- zen, daß noch jemand anders meinen Geschmack hat. O wir alle, wir alle, kei- ner denkt anders. Gehorsamer Diener, gar zu viele Ehre. — Ja, es ist, weiß Gott, ein elender Dichter, — nur, um ein schlechtes Beispiel zu ge- ben: welche armselige Rolle hat er mir zugetheilt? Wo bin ich denn witzig und spaßhaft? Ich komme in so wenigen Scenen vor, und ich glaube, wenn ich nicht noch jetzt durch einen gluͤcklichen Zufall heraus getreten waͤre, ich erschiene gar nicht wieder. (hervorstuͤrzend) Unverschaͤmter Mensch — Sehn Sie? Sogar auf die kleine Rolle, die ich jetzt spiele, ist er neidisch. (auf der andern Seite des Theaters, mit einer Verbeugung). Verehrungswuͤrdige! ich haͤtte es nie wagen duͤrfen, diesem Manne eine groͤßere Rolle zu geben, da ich Ihren Geschmack kenne — (auf der andern Seite). Ihren Ge- schmack! — Nun sehn Sie den Neid. — Und so eben haben Sie erklaͤrt, daß mein Geschmack und der Ihrige in Einer Form gegossen seyen. Ich wollte Sie durch gegenwaͤrti- ges Stuͤck nur vorerst zu noch ausschweifenderen Geburten der Phantasie vorbereiten. Wie? — Was? Zweite Abtheilung . Denn stufenweise nur kann die Ausbildung geschehn, die den Geist das Phantasti- sche und Humoristische lieben lehrt. Humoristische! Was er die Backen voll nimmt, und es ist doch lauter Wind. Aber Geduld, er hat gut Rollen-Schreiben, wir machen im Spielen doch ganz andre daraus. Ich empfehle mich indeß, um den Gang des Stuͤckes nicht laͤnger zu unterbrechen, und bitte der vorigen Stoͤrung wegen noch einmal um Verzeihung. (geht ab.) Adieu, meine Theuren, bis auf Wiedersehn. — (er geht ab, und koͤmmt schnell wieder.) Apropos! noch eins! — Auch was jetzt unter uns vorgefallen ist, gehoͤrt, genau genommen, nicht zum Stuͤck. (ab.) (lacht). (koͤmmt schnell zuruͤck). Lassen Sie uns heut das miserable Stuͤck zu Ende spielen, thun Sie, als merken Sie gar nicht, wie schlecht es ist, und so wie ich nach Hause komme, setze ich mich hin und schreibe eins fuͤr Sie nieder, das Ihnen gewiß gefallen soll. (ab. Viele klatschen.) Der gestiefelte Kater . Erste Scene . Gottlieb und Hinze treten auf. Lieber Hinze, es ist wahr, Du thust sehr viel fuͤr mich, aber ich kann immer noch nicht einsehn, was es mir helfen soll. Auf mein Wort, ich will dich gluͤck- lich machen, und ich scheue keine Muͤhe und Ar- beit, keine Schmerzen, keine Aufopferungen, um diesen Endzweck durchzusetzen. Bald, sehr bald muß es geschehn, sonst ist es zu spaͤt, — es ist schon halb acht, und um acht ist die Comoͤdie aus. Was Teufel ist denn das? Ach, ich war in Gedanken! sonst, wollt ich sagen, verschmachten wir beide. Aber sieh, wie schoͤn die Sonne aufgegangen ist. — Der verdammte Soufleur spricht so undeutlich, und wenn man denn manchmal extemporiren will, gehts immer schief. (leise). Nehmen Sie sich doch zusam- men, das ganze Stuͤck bricht sonst in tausend Stuͤcke. Was sprach der von Comoͤdie und von halb acht? Ich weiß nicht, mir daͤucht, wir sollten Acht geben, es wuͤrde bald aus seyn. Ja wohl, Acht! gottlob, um Zweite Abtheilung . Acht werden wir erloͤst, wenn wir Acht geben, so wird es um Acht fuͤr uns ein Losgeben, bis Neun, nein, koͤnnt es keiner aushalten, um Zehn wuͤrd ich mit Zaͤhnen um mich beißen. Bester, Sie phantasiren schon in der Manier des Stuͤcks. Ja, ich bin auf lange ruinirt. Also heut noch soll sich mein Gluͤck entscheiden? Ja, lieber Gottlieb, noch ehe die Sonne untergeht. — Sieh, ich liebe Dich so sehr, daß ich fuͤr Dich durchs Feuer laufen moͤchte, — und Du zweifelst an meiner Freundschaft? Haben Sies wohl gehoͤrt? — Er wird durchs Feuer laufen. — Schoͤn! da be- kommen wir noch die Dekoration aus der Zauber- floͤte, mit dem Wasser und Feuer. Katzen gehn aber nicht ins Wasser. Desto groͤßer ist ja des Katers Liebe fuͤr seinen Herrn, merken Sie, das will uns ja der Dichter eben dadurch zu verstehn geben. Was hast Du denn wohl Lust zu werden in der Welt? Das ist schwer zu sagen. Moͤchtest Du wohl Prinz oder Koͤ- nig werden? Das noch am ersten. Fuͤhlst Du auch die Kraft in Dir, ein Volk gluͤcklich zu machen? Warum nicht? Wenn ich nur erst gluͤcklich bin. Der gestiefelte Kater . Nun so sei zufrieden, ich schwoͤre Dir, Du sollst den Thron besteigen. (geht ab.) Wunderlich muͤßt es zugehn. — Doch kommt ja in der Welt so manches unerwartet. (geht ab.) Bemerken Sie doch die unend- liche Feinheit, mit der der Kater seinen Stock haͤlt, so zart, so leutseelig. Sie sind uns mit Ihren Feinheiten schon laͤngst zur Last, Sie sind noch langweiliger als das Stuͤck. Ja es ist recht verdruͤßlich, immer diese Entwicklungen und Lobpreisungen anhoͤren zu muͤssen. Aber der Kunst-Enthusiasmus sucht sich doch auszusprechen. O es soll nun gleich zu Ende sein! Fassen Sie an, bester Herr Leutner, Herr Muͤller, halten Sie ihm den Kopf, ich habe hier eine Maschine, die ihm den Mund schließen und das Sprechen untersagen wird. Sie werden doch nimmermehr — So, nun steckt ihm der Knebel schon im Munde; Herr Fischer, lassen Sie die Feder zuschnappen, so ist die Sache gemacht. (sie knebeln ihn.) Das ist doch himmelschreiend, daß ein Kunstke — — Kunstkenner will er sagen. So, jetzt wird doch von der Seite Ruhe seyn. Nun sehn Sie huͤbsch still und bedaͤchtlich zu. Zweite Abtheilung . Zweite Scene . ( Freies Feld .) mit Tornister und Sack. Ich bin der Jagd ganz gewohnt worden, alle Tage fang ich Rebhuͤner, Kaninchen und derglei- chen, und die lieben Thierchen kommen auch im- mer mehr in die Uebung, sich fangen zu lassen. — (er spreitet seinen Sack aus.) Die Zeit mit den Nachti- gallen ist nun vorbei, ich hoͤre keine einzige singen. Die beiden Liebenden treten auf. Geh, Du bist mir zur Last. Du bist mir zuwider. Eine schoͤne Liebe! Jaͤmmerlicher Heuchler, wie hast Du mich betrogen! Wo ist denn Deine unendliche Zaͤrtlich- keit geblieben? Und deine Treue? Deine Wonnetrunkenheit? Deine Entzuͤckungen? Der Teufel hats geholt! das kommt vom Heirathen! So ist die Jagd noch nie gestoͤrt wor- den. — Wenn Sie doch geruhen wollten, zu bemer- ken, daß dieses freie Feld fuͤr Ihre Schmerzen offen- bar zu enge ist, und irgend einen Berg besteigen. Der gestiefelte Kater . Schlingel! (giebt Hinzen eine Ohrfeige.) Flegel! (giebt ihm von der andern Seite eine.) (knurrt). Ich daͤchte, wir ließen uns wieder scheiden. Ich stehe zu Befehl. (die Liebenden gehn ab.) Niedliches Volk, die sogenannten Menschen. — Sieh da, zwei Rebhuͤner, ich will sie schnell hintragen. — Nun, Gluͤck, tummle dich, denn fast wird mir die Zeit auch zu lang. — Jetzt hab ich gar keine Lust mehr, die Rebhuͤner zu fres- sen. So gewiß ist es, daß wir durch bloße Ge- wohnheit unserer Natur alle moͤglichen Tugenden einimpfen koͤnnen. (geht ab.) (unterm Knebel). Himm — himm — li — sch! Strengen Sie sich nicht so an, es ist doch vergeblich. Zweite Abtheilung . Dritte Scene . ( Saal im Pallast .) Der Koͤnig auf seinem Thron mit der Prinzessin, Leander auf einem Katheder, ihm gegenuͤber Hans- wurst auf einem andern Katheder, in der Mitte des Saals steckt auf einer hohen Stange ein Hut, der mit Gold besetzt und mit bunten Federn geschmuͤckt ist; der ganze Hof ist versammelt. Noch nie hat sich ein Mensch um das Vaterland so verdient gemacht, als dieser lie- benswuͤrdige Graf von Carabas . Einen dicken Folianten hat unser Historiograph schon voll ge- schrieben, so oft hat er mir durch seinen Jaͤger niedliche und wohlschmeckende Praͤsente uͤbermacht, manchmal sogar an einem Tage zweimal. Meine Erkenntlichkeit gegen ihn ist ohne Graͤnzen, und ich wuͤnsche nichts so sehnlich, als irgend einmal eine Gelegenheit zu finden, etwas von meiner gro- ßen Schuld gegen ihn abzutragen. Liebster Herr Vater, wollten Dieselben nicht gnaͤdigst erlauben, daß jetzt die gelehrte Disputation ihren Anfang nehmen koͤnn- te? Mein Herz schmachtet nach dieser Geistesbe- schaͤftigung. Ja, es mag jetzt seinen Anfang Der gestiefelte Kater . nehmen. — Hofgelehrter, — Hofnarr, — Ihr wißt beide, daß demjenigen von Euch, der in die- ser Disputation den Sieg davon traͤgt, jener kost- bare Hut beschieden ist; ich habe ihn auch deswegen hier aufrichten lassen, damit Ihr ihn immer vor Augen habt und es Euch nie an Witz gebricht. ( Leander und Hanswurst verneigen sich.) Das Thema meiner Behauptung ist, daß ein neuerlich erschienenes Stuͤck: der ge- stiefelte Kater , ein gutes Stuͤck sei. Das ist gerade das, was ich laͤugne. Beweise, daß es schlecht sei. Beweise, daß es gut sei. Was ist denn das wieder? — die Rede ist ja wohl von demselben Stuͤcke, das hier gespielt wird, wenn ich nicht irre. Freilich von demselben. Das Stuͤck ist, wenn nicht ganz vortreflich, doch in einigen Ruͤcksichten zu loben. In gar keiner Ruͤcksicht. Ich behaupte, es ist Witz darinn. Ich behaupte, es ist keiner drinn. Du bist ein Narr, wie willst Du uͤber Witz urtheilen? Und Du bist ein Gelehrter, was willst Du von Witz verstehn? Manche Charaktere sind gut durch- gefuͤhrt. Kein einziger. Zweite Abtheilung . So ist, wenn ich auch alles uͤbrige fallen lasse, das Publikum gut darin gezeichnet. Ein Publikum hat nie einen Charakter. Ueber diese Frechheit moͤcht ich fast erstaunen. (gegen das Parterr). Ist es nicht ein naͤrrischer Mensch? Ich und das verehrungs- wuͤrdige Publikum stehn nun beide gleichsam auf Du und Du, und sympathisiren in Ansehung des Geschmacks, und doch will er gegen meine Mei- nung behaupten, das Publikum im gestiefelten Ka- ter sei gut gezeichnet. Das Publikum? Es kommt ja kein Publikum in dem Stuͤcke vor. Noch besser! Also koͤmmt gar kein Publikum darin vor? Je bewahre! Wir muͤßten ja doch auch darum wissen. Natuͤrlich. Nun, siehst Du, Gelehrter? Was die Herren da unten sagen, muß doch wohl wahr seyn. Ich werde konfus, — aber ich lasse Dir noch nicht den Sieg. Hinze tritt auf. Herr Jaͤger, ein Wort! — (Hinze naͤhert sich, Hanswurst spricht heimlich mit ihm). Wenn es weiter nichts ist. — (Er zieht die Stiefeln aus, und klettert die Stange hinauf, nimmt den Hut, springt herunter und zieht die Stiefeln wieder an). Hans - Der gestiefelte Kater . (den Hut schwenkend). Sieg! Sieg! Der Tausend! Wie ist der Jaͤger geschickt! Es betruͤbt mich nur, daß ich von einem Narren uͤberwunden bin, daß Gelehrsamkeit vor Thorheit die Seegel streichen muß. Sei ruhig, Du wolltest den Hut ha- ben, er wollte den Hut haben, da seh ich nun wieder keinen Unterschied. — Aber was bringst Du, Jaͤger? Der Graf von Carabas laͤßt sich Eurer Majestaͤt demuͤthigst empfehlen, und nimmt sich die Freiheit, Ihnen diese beiden Rebhuͤner zu uͤberschicken. Zu viel! zu viel! Ich erliege unter der Last der Dankbarkeit. Schon lange haͤtte ich meine Pflicht beobachten sollen, ihn zu besuchen, heute will ich es nun nicht laͤnger auf- schieben. — Laßt geschwind meine Staatskarosse in Ordnung bringen, acht Pferde vor, ich will mit meiner Tochter ausfahren! — Du, Jaͤger, sollst uns den Weg nach dem Schlosse des Grafen zeigen. (geht mit seinem Gefolge ab.) Hinze, Hanswurst . Woruͤber war denn Eure Dispu- tation? Ich behauptete, ein gewisses Stuͤck, das ich uͤbrigens gar nicht kenne: der ge- stiefelte Kater , sei ein erbaͤrmliches Stuͤck. So? II. [ 15 ] Zweite Abtheilung . Adieu, Herr Jaͤger, viel Dank. (setzt den Hut auf und geht.) allein. Ich bin ganz melankolisch. — Ich habe selbst dem Narren zu einem Siege ver- holfen, ein Stuͤck herabzusetzen, in welchem ich die Hauptrolle spiele! — Schicksal! Schicksal! In welche Verwirrungen fuͤhrst Du so oft den Sterb- lichen? Doch mag es hingehn, wenn ich es nur dahin bringe, meinen geliebten Gottlieb auf den Thron zu setzen, so will ich herzlich gern alles Ungemach vergessen, will vergessen, daß ich mir und meiner Existenz zu nahe trete; indem ich die bessere Kritik entwaffnete und der Narrheit Waf- fen gegen mich selbst in die Haͤnde gegeben, will vergessen, daß man mir den Bart ausgerauft und fast den Leib aufgeschnitten haͤtte, ja ich will nur im Freunde leben und der Nachwelt das hoͤchste Muster uneigennuͤtziger Freundschaft zur Bewun- derung zuruͤck lassen. — Der Koͤnig will den Gra- fen besuchen? das ist noch ein schlimmer Umstand, den ich ins Reine bringen muß. — In seinem Schlosse, das bis jetzt noch nirgend in der Welt liegt? — Nun ist der große wichtige Tag erschie- nen, an dem ich Euch, ihr Stiefeln, ganz vorzuͤg- lich brauche! Verlaßt mich heut nicht, zerreißt nur heut nicht, zeigt nun, von welchem Leder ihr seid, von welchen Sohlen! Auf denn! Fuͤß' und Stie- feln an das große Werk, denn noch heut muß sich alles entscheiden? (geht ab.) Was wuͤrgen Sie denn so? G — Gr — Großß!! Der gestiefelte Kater . Sagt mir nur, wie das ist, — das Stuͤck selbst, — das koͤmmt wieder als Stuͤck im Stuͤcke vor? Ich habe jetzt keinen mehr, an dem ich meinen Zorn, in welchen mich das Stuͤck versetzt hat, auslassen koͤnnte; da steht Er, ein stummes Denkmal meiner eignen Verzweiflung. Vierte Scene . ( Vor dem Wirthshause .) Der Wirth (der mit einer Sense Korn maͤht.) Das ist eine schwere Arbeit! — Je nun, die Leute koͤnnen auch nicht alle Tage desertiren; an den guten Kindern liegts gewiß nicht, sie haben den besten Willen, es geht aber halt nicht immer an. Das Leben besteht doch aus lauter Arbeit: bald Bier zapfen, bald Glaͤser rein machen, bald einschenken, nun gar maͤhen. Leben heißt arbeiten. Es kam mal ein Gelehrter hier durch, der sagte, um recht zu leben, muͤsse sich der Mensch den Schlaf abgewoͤhnen, weil er im Schlaf seine Be- stimmung verfehle und nicht arbeite; der Kerl muß gewiß noch niemals muͤde gewesen seyn, und noch keinen guten Schlaf gethan haben, denn ich kenne doch nichts herrlichers und ausbuͤndigers als den Zweite Abtheilung . Schlaf. Ich wollte, es waͤre erst so weit, daß ich mich niederlegen koͤnnte. Hinze tritt auf. Wer etwas Wunderbares hoͤren will, der hoͤre mir jetzt zu. Wie ich gelaufen bin! Erst- lich von dem koͤniglichen Pallast zu Gottlieb, zwei- tens mit Gottlieb nach dem Pallast des Popanzes, wo ich ihn draußen im Walde gelassen habe, drit- tens von da wieder zum Koͤnige, viertens lauf ich nun vor dem Wagen des Koͤniges wie ein Laufer her und zeige ihm den Weg. O Beine, o Fuͤße, o Stiefeln, wie viel muͤßt ihr heut verrichten! — He! guter Freund! Wer ist da? — Landsmann Ihr muͤßt wohl fremde seyn, denn die hiesigen Leute wis- sens schon, daß ich um die Zeit kein Bier ver- kaufe, ich brauchs fuͤr mich selber; wer solche Ar- beit thut, wie ich, der muß sich auch staͤrken; es thut mir leid, aber ich kann Euch nicht helfen. Ich will kein Bier, ich trinke gar kein Bier, ich will Euch nur ein Paar Worte sagen. Ihr muͤßt wohl ein rechter Tage- dieb seyn, daß Ihr die fleißigen Leute in ihrem Beruf zu stoͤren sucht. Ich will Euch nicht stoͤren. Hoͤrt nur: der benachbarte Koͤnig wird hier vorbeifah- ren, er steigt vielleicht aus und erkundigt sich, wem diese Doͤrfer hier gehoͤren; wenn Euch Euer Leben lieb ist, wenn Ihr nicht gehaͤngt, oder verbrannt Der gestiefelte Kater . seyn wollt, so antwortet ja: dem Grafen von Ca- rabas . Aber Herr, wir sind ja dem Ge- setz unterthan. Das weiß ich wohl, aber, wie ge- sagt, wenn Ihr nicht umkommen wollt, so gehoͤrt diese Gegend hier dem Grafen von Carabas. (geht ab.) Schoͤn Dank! — das waͤre nun die schoͤnste Gelegenheit, von aller Arbeit loszu- kommen, ich duͤrfte nur dem Koͤnige sagen, das Land gehoͤre dem Popanz. Aber nein. Muͤßig- gang ist aller Laster Anfang. Ora et labora ist mein Wahlspruch. Eine schoͤne Kutsche mit acht Pferden, viele Bedienten hinten; der Wagen haͤlt, der Koͤnig und die Prinzessin steigen aus. Ich fuͤhle eine gewisse Neugier den Grafen zu seyn. Ich auch meine Tochter. — Guten Tag, mein Freund; wem gehoͤren diese Doͤrfer hier? (fuͤr sich.) Er fraͤgt, als wenn er mich gleich wollte haͤngen lassen. — Dem Grafen von Carabas, Ihro Majestaͤt. Ein schoͤnes Land. — Ich habe im- mer gedacht, daß das Land ganz anders aussehn muͤßte, wenn ich uͤber die Graͤnze kaͤme, so wie es auf der Landkarte ist. — Helft mir doch einmal. (er klettert schnell einen Baum hinauf.) Was machen Sie, mein koͤnig- licher Vater? Zweite Abtheilung . Ich liebe in der schoͤnen Natur die freien Aussichten. Sieht man weit? O ja, und wenn mir die fatalen Berge hier nicht vor der Nase staͤnden, so wuͤrde ich noch weiter sehn. — O weh! der Baum ist voller Raupen. (er steigt wieder hinunter.) Das macht, es ist eine Na- tur, die noch nicht idealisirt ist, die Phantasie muß sie erst veredeln. Ich wollte, du koͤnntest mir mit der Phantasie die Raupen abnehmen. — Aber steig' ein, wir wollen weiter fahren. Lebe wohl, guter unschuldiger Landmann. (sie steigen ein, der Wagen faͤhrt weiter.) Wie die Welt sich umgekehrt hat! — Wenn man so in alten Buͤchern liest, oder alte Leute erzaͤhlen hoͤrt, so kriegte man immer Gold- stuͤcke, oder herrliche Kostbarkeiten, wenn man mit einem Koͤnige oder Prinzen sprach. Aber jetzt! — Wie soll man noch sein Gluͤck unverhoffter Weise machen, wenn es sogar mit den Koͤnigen nichts mehr ist? Wenn ich ein Koͤnig waͤre, ich unter- staͤnde mir nicht, den Mund aufzuthun, wenn ich den Leuten nicht erst Geld in die Hand gesteckt haͤtte. — Unschuldiger Landmann! Wollte Gott, ich waͤre nichts schuldig. — Aber das machen die neuen empfindsamen Schilderungen vom Landleben. So ein Koͤnig ist kapabel und beneidet unser einen noch. — Ich muß nur Gott danken, daß er mich nicht gehaͤngt hat. Der fremde Jaͤger war am Der gestiefelte Kater . Ende unser Popanz selber. — Wenigstens koͤmmt es nun doch in die Zeitung, daß der Koͤnig gnaͤdig mit mir gesprochen hat. (geht ab.) Fuͤnfte Scene . ( Eine andre Gegend .) der Korn maͤht. Saure Arbeit! Und wenn ichs noch fuͤr mich thaͤte, aber der Hofedienst! Da muß man fuͤr den Popanz schwitzen, und er dankt es einem nicht ein- mal. — Es heißt wohl immer in der Welt, die Gesetze sind nothwendig, um die Leute in Ordnung zu halten, aber warum da unser Gesetz noth- wendig ist, der uns alle auffrißt, kann ich nicht einsehn. Hinze (koͤmmt gelaufen.) Nun hab' ich schon Blasen unter den Fuͤßen! — Nun, es thut nichts, Gottlieb, Gott- lieb muß dafuͤr auf den Thron! — He! guter Freund! Was ist denn das fuͤr ein Kerl? Hier wird sogleich der Koͤnig vor- beifahren, wenn er Euch fraͤgt, wem dies alles ge- hoͤrt, so muͤßt ihr antworten, dem Grafen von Carabas, sonst werdet Ihr in tausend Millionen Zweite Abtheilung . Stuͤckchen gehackt. Zum Besten des Publikums will es so das Gesetz. Wie? zum Besten des Publikums? Natuͤrlich, weil sonst das Stuͤck gar kein Ende haͤtte. Euer Leben wird Euch lieb seyn! (geht ab.) Das ist so, wie die Edikte immer klingen. Nun, mir kanns recht seyn, wenn nur keine neue Auflagen daraus entstehen, daß ich das sagen soll. Man darf keiner Neuerung trauen. Die Kutsche faͤhrt vor und haͤlt, Koͤnig und Prinzessin steigen aus. Auch eine huͤbsche Gegend. Wir haben doch schon eine Menge recht huͤbscher Gegen- den gesehn. — Wem gehoͤrt das Land hier? Dem Grafen von Carabas. Er hat herrliche Laͤnder, das muß wahr seyn, — und so nahe an den meinigen. Toch- ter, das waͤre so eine Parthie fuͤr Dich. Was meinst Du? Sie beschaͤmen mich, Herr Vater. — Aber was man doch auf Reisen Neues sieht. Sagt mir doch einmal, guter Bauer, war- um haut Ihr denn das Stroh so um? (lachend.) Das ist ja die Ernte, Mam- sell Koͤniginn, das Getraide. Das Getraide? — Wozu braucht Ihr denn das? (lachend.) Daraus wird ja das Brodt gebacken. Der gestiefelte Kater Bitt' ich Dich ums Himmelswillen, Tochter! — daraus wird Brodt gebacken! — Wer sollte wohl auf solche Streiche kommen? — Die Natur ist doch etwas Wunderbares. — Hier, gu- ter Freund, habt Ihr ein klein Trinkgeld, es ist heute warm. — (Er steigt mit der Prinzessin wieder ein, der Wagen faͤhrt fort.) Kennt kein Getraide! Alle Tage er- faͤhrt man doch mehr Neues. — Wenn er mir nicht ein blankes Goldstuͤck gegeben haͤtte, und wenn er kein Koͤnig waͤre, so sollte man denken, er waͤre ein ganz einfaͤltiger Mensch. — Ich will mir nur gleich eine Kanne gutes Bier holen. Kennt kein Getraide! (geht ab.) Sechste Scene . ( Eine andere Gegend an einem Flusse .) Da steh ich nun hier schon seit zwei Stunden und warte auf meinen Freund Hinze. — Er koͤmmt immer noch nicht. — Da ist er! Aber wie er laͤuft! Er scheint ganz außer Athem. Hinze (koͤmmt gelaufen.) Nun, Freund Gottlieb, zieh Dir ge- schwind die Kleider aus. Zweite Abtheilung . Die Kleider? Und dann springe hier ins Wasser. — Ins Wasser? Und dann werf ich die Kleider in den Busch, — In den Busch? Und dann bist du versorgt! Das glaub ich selber, wenn ich ersoffen bin, und die Kleider weg sind, bin ich ver- sorgt genug. Es ist nicht Zeit zum spaßen, — Ich spaße gar nicht. Hab' ich darum hier warten muͤssen? Zieh Dich aus! Nun, ich will Dir alles zu Ge- fallen thun. Komm, Du sollst Dich nur ein we- nig baden. (Er geht mit ihm ab, und koͤmmt mit den Kleidern zuruͤck, die er in den Busch hinein wirft.) — Huͤlfe! Huͤl- fe! Huͤlfe! (Die Kutsche faͤhrt vor, der Koͤnig sieht aus dem Schlage.) Was giebts denn, Jaͤger? Warum schreist Du so? Huͤlfe, Ihro Majestaͤt, der Graf von Carabas ist ertrunken! Ertrunken! (im Wagen.) Carabas ! Meine Tochter in Ohnmacht! — Der Graf ertrunken! Er ist vielleicht noch zu retten, er liegt dort im Wasser. Der gestiefelte Kater . Bediente! wendet alles, alles an, den edlen Mann zu erhalten. Wir haben ihn gerettet, Ihro Majestaͤt. Ungluͤck uͤber Ungluͤck, mein Koͤnig. — Der Graf hatte sich hier in dem klaren Flusse ge- badet, und ein Spitzbube hat ihm die Kleider ge- stohlen. Schnall gleich meinen Koffer ab! Gebt ihm von meinen Kleidern! — Ermuntre Dich, Tochter, der Graf ist gerettet. Ich muß eilen. (geht ab.) Gottlieb (in den Kleidern des Koͤnigs.) Ihro Majestaͤt. — Das ist der Graf! Ich kenne ihn an meinen Kleidern! — Steigen Sie ein, mein Bester, — was machen Sie? — Wo kriegen Sie all die Kaninchen her? — Ich weiß mich vor Freude nicht zu lassen! — Zugefahren, Kutscher! — (der Wagen faͤhrt schnell ab.) Da mag der Henker so schnell hinauf kommen, — nun hab ich das Ver- gnuͤgen zu Fuße nachzulaufen, und naß bin ich uͤberdies noch wie eine Katze. (geht ab.) Wie oft wird denn der Wagen noch vorkommen? — Diese Situation wiederholt sich auch gar zu oft. Herr Nachbar! — Sie schla- fen ja. Nicht doch, — ein schoͤnes Stuͤck. Zweite Abtheilung . Siebente Scene . ( Pallast des Popanzes .) Der Popanz sieht als Rhinozeros da, ein armer Bauer vor ihm. Geruhn Ihr Gnaden Popanz — Gerechtigkeit muß seyn, mein Freund. Ich kann jetzt noch nicht zahlen — Aber Er hat doch den Prozeß ver- loren, das Gesetz fordert Geld und seine Strafe; sein Gut muß also verkauft werden, es ist nicht anders und das von Rechtswegen! Bauer (geht ab). (der sich wieder in einen ordentlichen Po- panz verwandelt). Die Leute wuͤrden allen Respekt ver- lieren, wenn man sie nicht so zur Furcht zwaͤnge. Ein Amtmann tritt mit vielen Buͤcklingen herein. Geruhen Sie, — gnaͤdiger Herr — ich — Was ist ihm, mein Freund? Mit Ihrer guͤtigsten Erlaubniß, ich zittre und bebe vor Dero furchtbaren Anblick. O, das ist noch lange nicht meine entsetzlichste Gestalt. Ich kam eigentlich, — in Sa- chen, — um Sie zu bitten, sich meiner gegen Der gestiefelte Kater . meinen Nachbar anzunehmen, — ich hatte auch diesen Beutel mitgebracht, — aber der Anblick des Herren Gesetzes ist mir zu schrecklich. Popanz (verwandelt sich ploͤtzlich in eine Maus, und sitzt in einer Ecke). Wo ist denn der Popanz ge- blieben? (mit einer feinen Stimme). Legen Sie nur das Geld auf den Tisch dort hin, ich sitze hier, um Sie nicht zu erschrecken. Hier. — (legt das Geld hin.) O das ist eine herrliche Sache mit der Gerechtigkeit . — Wie kann man sich vor einer solchen Maus fuͤrchten? (geht ab.) (nimmt seine natuͤrliche Gestalt an). Ein ziemlicher Beutel, — man muß auch mit den menschlichen Schwachheiten Mitleid haben. Hinze tritt herein. Mit Ihrer Erlaubniß, — (fuͤr sich.) Hinze, du mußt dir ein Herz fassen, — Ihro Excellenz — Was wollt Ihr? Ich bin ein durchreisender Gelehr- ter, und wollte mir nur die Freiheit nehmen, Ihro Excellenz kennen zu lernen. Gut, so lern Er mich kennen. Sie sind ein maͤchtiger Fuͤrst, Ihre Gerechtigkeitsliebe ist in der ganzen Welt bekannt. Ja, das glaub ich wohl. — Setz Er sich doch. Zweite Abtheilung . Man erzaͤhlt viel Wunderbares von Ihro Hoheit. — Die Leute wollen immer was zu reden haben, und da muͤssen denn die regierenden Haͤupter zuerst dran. Aber eins kann ich doch nicht glau- ben, daß dieselben sich nehmlich in Elephanten und Tieger verwandeln koͤnnen. Ich will Ihm gleich ein Exempel davon geben. (er verwandelt sich in einen Loͤwen.) (zieht zitternd eine Brieftasche heraus). Erlau- ben Sie mir, daß ich mir diese Merkwuͤrdigkeit notire. — Aber nun geruhen Sie auch, Ihre na- tuͤrliche anmuthige Gestalt wieder anzunehmen, weil ich sonst vor Angst vergehe. (in seiner Gestalt). Gelt, Freund, das sind Kunststuͤcke? Erstaunliche. Aber, noch eins: man sagt auch, Sie koͤnnten sich in ganz kleine Thiere verwandeln, das ist mir mit Ihrer Erlaubniß noch weit unbegreiflicher; denn, sagen Sie mir nur, wo bleibt dann Dero ansehnlicher Koͤrper? Auch das will ich machen. (er ver- wandelt sich in eine Maus, Hinze springt hinter ihm her auf allen Vieren; Popanz erschreckt entflieht in ein andres Zim- mer, Hinze ihm nach.) (zuruͤckkommend). Freiheit und Gleich- heit! — Das Gesetz ist aufgefressen! Nun wird ja wohl der Tiers état Gottlieb zur Regierung kommen. (Allgemeines Pochen und Zischen im Parterr.) Der gestiefelte Kater . Halt! Ein Revolutionsstuͤck! Ich wittre Allegorie und Mystik in jedem Wort! Halt! halt! Zuruͤck moͤcht ich nun alles denken und em- pfinden, um all die großen Winke, die tiefen An- deutungen zu fassen, die religioͤse Tiefe zu ergruͤn- den! Halt! Nur nicht gepocht! Es sollte lieber von vorn gespielt werden! Nur nicht weltlich ge- trommelt! (Das Pochen dauert fort; Wiesener und manche andre klat- schen, Hinze ist sehr verlegen.) Ich — muß — Halten Sie sich nur ruhig. Muß — muß — Was er druͤckt! Wie er sich aufblaͤst! Ich fuͤrchte, er platzt in der An- strengung. Muß — muß — Ums Himmels Willen, Sie gehn zu Grunde. Lo — lo — (sehr laut) loben!! — (der Knebel fliegt ihm aus den Munde, uͤber das Orchester weg auf das Theater, und dem Hinze an den Kopf.) O weh! o weh! sie werfen mit Stei- nen nach mir! Ich bin toͤdtlich am Kopf bleßirt! (er entflieht.) Muß loben, preisen, vergoͤttern und auseinander setzen das himmlische, das einzige Talent dieses unvergleichlichen Mannes, dem aͤhn- lich nichts in unserm Vaterlande noch den uͤbrigen Reichen anzutreffen ist. Und, o Jammer! er muß nun glauben, daß meine Anstrengung ihn zu erhe- Zweite Abtheilung . ben ihn hat beschaͤdigen wollen, weil dieser verruchte Knebel ihm an sein ehrwuͤrdiges, lorbeerumkraͤnz- tes Haupt geflogen ist. Es war wie ein Kanonenschuß. Lassen Sie ihn nur schwatzen und loben, und halten Sie den Herren Schlosser, wel- cher auch wuͤthig geworden ist. O Tiefe, Tiefe der mystischen Anschauungen! O gewiß, gewiß wird der soge- nannte Kater nun in der letzten Scene auf dem Berge im Aufgang der Sonne knien, daß ihm das Morgenroth durch seinen transparenten Koͤrper scheint! O weh! o weh! und darum kommen wir nun. Horcht! das Pochen waͤhrt immer fort. Nein, Kerle, laßt mich los, — weg da! Hier, Herr Fischer, habe ich zum Gluͤck einen starken Bindfaden im Orchester gefun- den, da, binden Sie ihm die Haͤnde. Die Fuͤße auch, er stoͤßt wie ein Rasender um sich. Wie wohl, wie leicht ist mir, nun du Knebel fort, fort flogest, weit in die Welt hin- ein, und die Lobpreisungen, einem Strome aͤhnlich, der seinen Damm zerreißt, wieder ergiebig, wort- uͤberfluͤßig, mit Anspielungen und Citaten spielend, Stellen aus alten Autoren waͤlzend, dahin fluten kann. O welchen Anstand hat dieser Mann! Wie druͤckte er die Ermuͤdung so sinnreich aus, daß er ein weniges mit den Knieen knickte und knackte, wenn er zum Stillstehn kam; nichts da vom Schweiß- abtrocknen, wie ein ordinaͤrer Kuͤnstler gethan ha- ben Der gestiefelte Kater . ben wuͤrde; nein, dazu hatte er keine Zeit, der Er- ste, Einzige, Uebermenschliche, Riesenhafte, Tita- nenmaͤßige! Er faͤllt ordentlich in den Hymnus, nun das Sperrwerk fort ist. Lassen Sie ihn, mit dem Herrn Schlosser steht es viel schlimmer. Ach! nun wuͤrde die geheime Gesellschaft kommen, die fuͤr das Wohl der Mensch- heit thaͤtig ist; die Freiheit wird nun proklamirt, und ich bin hier gebunden. (Das Getuͤmmel vermehrt sich, so wie das Geschrei im Parterr und auf der Gallerie.) Das ist ja ein hoͤllischer Spekta- kul, als wenn das ganze Haus einbrechen wollte. (hinter der Scene.) Ei was! laßt mich zufrieden, — wohin soll ich mich retten? — (er stuͤrzt außer sich auf das Theater.) Was fang ich an, ich Elendester? — das Stuͤck ist sogleich zu Ende — alles waͤre vielleicht gut gegangen — ich hatte nun gerade von dieser moralischen Scene so vielen Beifall erwartet. — Wenn es nur nicht so weit von hier — nach dem Pallast des Koͤnigs waͤre, — so holt ich den Besaͤnftiger, — er hat mir schon am Schluß des zweiten Aktes — alle Fabeln vom Orpheus glaublich gemacht. — Doch, bin ich nicht Thor? — Ich bin ja voͤllig konfuse; — auf dem Theater steh' ich, — und der Besaͤnftiger muß ir- gendwo — zwischen den Coulissen stecken. — Ich will ihn suchen, — ich muß ihn finden, — er soll mich retten! — (Er geht ab, koͤmmt schnell zuruͤck.) Dort ist er nicht. — Herr Besaͤnftiger! — Ein hohles II. [ 16 ] Zweite Abtheilung . Echo spottet meiner. — Kommen Euer Wohlge- boren! — Nur ein weniges vermittelnde Kritik, — und das ganze Reich, — das jetzt empoͤrt ist, — koͤmmt zur Ruhe wieder. — Wir meinen es ja alle gut, — wir haben ja nur den Mittelpunkt ver- fehlt, — Publikum wie ich! — Herr Vermittler! Herr Besaͤnftiger! — Etwas bessere Kritik, die Anar- chie zu enden! — — O weh, er hat mich verlassen. — Ha!! — dort seh ich ihn, — er muß hervor! (Die Pausen werden vom Parterr aus mit Pochen ausgefuͤllt, und der Dichter spricht diesen Monolog rezitativisch, so daß da- durch eine Art von Melodram entsteht.) (hinter der Scene.) Nein, ich gehe nicht vor. Kommen Sie, seyn Sie nur dreist, Sie werden gewiß Gluͤck machen. Der Laͤrm ist zu ungeheuer. (stoͤßt ihn mit Gewalt hervor.) Die Welt wartet auf Sie! Hinaus! Vermitteln Sie! Be- saͤnftigen Sie! (tritt vor mit dem Klockenspiel.) Ich will mein Heil versuchen.— (er spielt auf den Klocken und singt.) In diesen heilgen Hallen Kennt man die Rache nicht, Und ist ein Mensch gefallen, Fuͤhrt Liebe ihn zur Pflicht, Dann wandelt er an Freundes Hand Vergnuͤgt und froh ins beßre Land. Wozu dies wilde Bruͤllen, Die Excentricitaͤt? Der gestiefelte Kater . Das alles muß sich stillen, Wenn die Kritik entsteht, Dann wissen wir woran wir sind, Das Ideal fuͤhlt jedes Kind. (Das Parterr faͤngt an zu klatschen, indem verwandelt sich das Theater, das Feuer und das Wasser aus der Zauber- floͤte faͤngt an zu spielen, oben sieht man den offnen Son- nentempel , der Himmel ist offen, und Jupiter sitzt darin, unten die Hoͤlle mit Tarkalevn ; Kobolde und Hexen auf dem Theater, viel Lichter. Das Publikum klatscht unmaͤßig, alles ist in Aufruhr.) Nun muß der Kater noch durch Feuer und Wasser gehn, und das Stuͤck ist fertig. Der Koͤnig , die Prinzessin , Gottlieb , Hinze (mit verbundenem Kopfe), Bediente treten herein. Dies ist der Pallast des Grafen von Carabas. — Wie Henker, hat sichs denn hier veraͤndert? Ein schoͤn Palais. Weils denn doch einmal so weit ist, (Gottlieb bei der Hand nehmend) so muͤssen Sie erst hier durch das Feuer, und dann durch das Wasser gehn. Gottlieb geht nach einer Floͤte und Pauke durch Feuer und Wasser. Sie haben die Pruͤfung uͤberstanden; nun, mein Prinz, sind Sie ganz der Regierung wuͤrdig. Das Regieren, Hinze, ist eine kuriose Sache. Mir ist heiß und kalt dabei ge- worden. Zweite Abtheilung . Empfangen Sie nun die Hand mei- ner Tochter. Wie gluͤcklich bin ich! Ich ebenfalls. — Mein Koͤnig ich wuͤnschte nun auch meinen Diener zu belohnen. Allerdings, ich erhebe ihn hiermit in den Adelstand. (Er haͤngt dem Kater einen Orden um.) Wie heißt er eigentlich? Hinze; seiner Geburt nach ist er nur aus einer geringen Familie, aber seine Verdienste erheben ihn. Leander (tritt schnell herein). Platz! Platz! (er draͤngt sich durch.) Ich bin mit Extrapost nachgereiset, um meiner anbetungswuͤrdigen Prinzessin und ihrem Herrn Gemahl Gluͤck zu wuͤnschen. (er tritt vor, verbeugt sich gegen das Publikum.) Vollendet ist die That, trotz thaͤtgen Tatzen Der Bosheit, glaͤnzt sie in der Welt Geschichten Jahrhunderten, die nach Verdiensten richten: Wenn dann vergessen sind hochpralnde Fratzen, Die oft im stolzen Duͤnkel gleichsam platzen, Dann toͤnt im Lied, in lieblichen Gedichten Von schoͤnen Lippen noch das Lob der schlichten, Schmeich'lhaften, stillen, duldungsreichen Katzen. Der große Hinz hat sein Geschlecht geadelt, Er achtet nicht an Bein und Kopf der Wunden, Nicht Popanz, Ungethuͤm, die ihn angrinzen. Der gestiefelte Kater . Wenn Unbill nun das Katzgeschlecht bloͤd tadelt, Irrwaͤhnend Vorzug geben moͤchte Hunden, — Man widerlegt nicht, — nein! — nennt Ihn nur — Hinzen! (Lautes allgemeines Pochen, der Vorhang faͤllt.) Epilog . Der Koͤnig (tritt hinter dem Vorhang hervor). Morgen werden wir die Ehre haben, die heu- tige Vorstellung zu wiederholen. Welche Unverschaͤmtheit! (alles pocht.) (geraͤth in Confusion, geht zuruͤck und koͤmmt dann wieder). Morgen: — Allzuscharf macht schartig. Ja wohl! ja wohl! — (Applaudiren, der Koͤnig geht ab.) Die letzte Dekoration ! Die letzte Dekoration ! Hinter dem Vorhange . Wahrhaftig! Da wird die Dekoration hervor gerufen! (Der Vorhang geht auf, das Theater ist leer, man sieht nur die Dekoration.) Hanswurst (tritt mit Verbeugungen hervor). Verzeihen Sie, daß ich so frei bin, mich im Namen der Dekoration zu bedanken, es ist nicht mehr als Schuldigkeit, wenn die De- Zweite Abtheilung . koration nur halbweg hoͤflich ist. Sie wird sich bemuͤhen, auch kuͤnftig den Beifall eines erleuchte- ten Publikums zu verdienen, daher wird sie es gewiß weder an Lampen noch an den noͤthigen Verzierungen fehlen lassen, denn der Beifall einer solchen Versammlung wird sie so — so — so an- feuern, — o Sie sehn ja, sie ist vor Thraͤnen so geruͤhrt, daß sie nicht weiter sprechen kann. — (Er geht schnell ab und trocknet sich die Augen, einige im Parterr weinen, die Dekoration wird weggenommen, man sieht die kahlen Waͤnde des Theaters, die Leute fangen an fortzu- gehn, der Soufleur steigt aus seinem Kasten, — der Dichter erscheint demuͤthig auf der Buͤhne.) Ich bin noch einmal so frei — Sind Sie auch noch da? Sie sollten doch ja nach Hause ge- gangen seyn. Nur noch ein Paar Worte mit Ihrer guͤtigen Erlaubniß! Mein Stuͤck ist durch- gefallen — Wem sagen Sie denn das? Wir habens bemerkt. Die Schuld liegt vielleicht nicht ganz an mir — An wem denn sonst, daß wir hier einen wuͤrdigen jungen Mann gebunden halten muͤs- sen, der sonst wie ein Rasender um sich schlaͤgt? Wer hat denn sonst wohl Schuld, als Sie, daß wir alle konfuse im Kopfe sind? Erleuchteter Mann! nicht wahr, Der gestiefelte Kater . Ihr hohes Schauspiel ist eine mystische Theorie und Offenbarung uͤber die Natur der Liebe? Daß ich nicht wuͤßte, ich wollte nur den Versuch machen, Sie alle in die entfern- ten Empfindungen Ihrer Kinderjahre zuruͤck zu versetzen, daß sie dadurch das dargestellte Maͤhr- chen empfunden haͤtten, ohne es doch fuͤr etwas Wichtigeres zu halten, als es seyn sollte. Das geht nicht so leicht, mein guter Mann. Sie haͤtten dann freilich Ihre ganze Ausbildung auf zwei Stunden beiseit le- gen muͤssen, — Wie ist denn das moͤglich? Ihre Kenntnisse vergessen, — Warum nicht gar! Eben so, was sie in Journalen gethan haben. Seht nur die Foderungen! Kurz, Sie haͤtten wieder zu Kin- dern werden muͤssen. Aber wir danken Gott, daß wir es nicht mehr sind. Unsere Ausbildung hat uns Muͤhe und Angstschweiß genug gekostet. (Man trommelt von neuem.) Versuchen Sie ein Paar Verse zu machen, Herr Dichter, vielleicht bekommen Sie dann mehr Respekt vor Ihnen. Vielleicht faͤllt mir eine Xenie ein. Was ist das? Zweite Abtheilung . Eine neuerfundene Dichtungsart, die sich besser fuͤhlen als beschreiben laͤßt. (gegen das Parterr.) Publikum, soll mich Dein Urtheil nur einigerma- ßen belehren, Zeig erst, daß Du mich nur einigermaßen verstehst. (Es wird aus dem Parterr mit verdorbenen Birnen und Aep- feln und zusammengerolltem Papier nach ihm geworfen.) Die Herren da unten sind mir in dieser Dichtungsart zu stark. Kommen Sie, Herr Fischer und Herr Leutner, daß wir den Herrn Schlosser als ein Opfer der Kunst nach seinem Hause schleppen. (indem sie ihn fortschleppen). Zieht nur, wie Ihr wollt, Ihr gemeinen Seelen, das Licht der Liebe und der Wahrheit wird dennoch die Welt durchdringen. (Alle gehen ab.) Ich gehe auch nach Hause. St! St! Herr Poet! Was ist Ihnen gefaͤllig? Ich bin nicht unter Ihren Geg- nern gewesen, aber das hinreißende Spiel des ein- zigen Mannes, welcher den tugendhaften Hinze dargestellt, hat mich etwas gehindert, die Kunst der dramatischen Composition ganz zu fassen, der ich aber auch ohne das gern ihr Recht widerfah- ren lasse; jetzt wollte ich nur fragen, ob dieser große Mensch noch auf dem Theater verweilt? Nein. Was wollten Sie aber mit ihm? Nichts als ihn ein weniges an- Der gestiefelte Kater . beten und seine Groͤße erlaͤutern. — Reichen Sie mir doch gefaͤlligst den Knebel dort her, den ich als ein Denkmal von der Barbarei meines Zeit- alters und unsrer Landsleute aufbewahren will. Hier. Ich werde mich Ihrer Gefaͤllig- keit immer mit Dankbarkeit erinnern. (geht ab.) O du undankbares Jahrhundert! (geht ab. Die wenigen, die noch im Theater waren, gehn nach Hause.) Voͤlliger Schluß . Clara und Auguste hatten sich an dieser Vorlesung ergoͤtzt, Rosalie hatte weniger gelacht und Emilie war fast ernsthaft geblieben, welche es tadelte, daß das Theater das Theater paro- diren wolle, und man also ein Spiel mit dem Spiele treibe. Es ist ein Zirkel, sagte Wilibald, der in sich selbst zuruͤckkehrt, wo der Leser am Schluß grade eben so weit ist, als am Anfange. Und was ist hieran auszusetzen? fragte Manfred: mit der Entstehung des Theaters ent- steht auch der Scherz uͤber das Theater, wie wir schon im Aristophanes sehn, er kann es kaum unterlassen, sich selbst zu ironisiren, was der uͤbri- gen Poesie ferner liegt, und noch mehr der Zweite Abtheilung . Kunst, weil auf der Zweiheit, der Doppelheit des menschlichen Geistes, dem wunderbaren Wi- derspruch in uns, seine Basis ruht. Die wun- derliche Absicht des Theaters, eine Geschichte in groͤßter Lebendigkeit vor uns hinzustellen, hat Schakspear mehr als einmal in der Tragoͤdie ironisirt, wo er in diesem Augenblick sein Schau- spiel fuͤr Wahrheit ausgiebt, und im Gegengensatze dieser vom Theater das Theater selbst als Luͤge und schwache Nachahmung herabsetzt. Er mußte seiner Sache sehr gewiß seyn, daß er jene Stoͤ- rung der Illusion nicht befuͤrchtete, die fast alle neueren Lehrbuͤcher der Kunst prophezeien, wenn im Theater das Theater erwaͤhnt wird. Wilibald, sagte Auguste, hat sich diese ganze Zeit uͤber gegen uns und die Vorleser unartig betragen, und ich erklaͤre ihm hiermit meine voͤl- lige Ungnade, wenn er sein Vergehen nicht durch ein aͤhnliches Lustspiel wieder gut macht, das, wo moͤglich noch kindischer und thoͤrichter seyn soll. Wilibald verneigte sich stillschweigend, und Emilie fuhr fort: auch kann ich den Scherz nicht billigen, welcher Personen nahmhaft macht, und sie komisch darstellt; denn warum soll eine heitere Stimmung Menschen gegen einander empoͤren? Wenn das geschieht, sagte Manfred, so ist die Stimmung wohl keine heitre, doch hat das Lustspiel und die Kust nicht leicht der Persoͤnlich- Zweite Abtheilung . keit entbehren koͤnnen, und wenn die Darstellung nur keine feindselige gehaͤssige Anklage ist, so sehe ich nichts darin, was der Unschuld der Freude in den Weg treten koͤnnte. Daß die Phantasie in der Lust uͤbertreibt, versteht sich von selbst, denn sonst waͤre ihre Darstellung keine poetische, oder uͤberhaupt keine Darstellung, und darum erfreuen wir uns beim Aristofanes der Carikatur des Sokrates: ich glaube auch, daß, wenn wir uns eine wahrhafte Vorstellung dieses beruͤhm- ten Mannes machen wollen, wir uns neben den Schilderungen des Xenophon und Plato die des komischen Dichters in die Wirklichkeit uͤbersetzen muͤssen, um mehr als ein ehrwuͤrdiges Schatten- bild von ihm zu erblicken; die Kunst hat keine Kraft hinzureißen, wenn nicht aus der Carikatur die Wahrheit des Bildes hervor schaut. Doch, ich breche ab, um zu meiner Vorlesung zu kommen; ich hoffe daß die Humanitaͤt unserer Emilie meinem Schauspiel obigen Vorwurf nicht wird machen koͤnnen, wenn mein Freund auch jene getadelte Zirkellinie, die zu nichts, als zu sich selber zuruͤck fuͤhrt, hier wieder finden moͤchte. Zweite Abtheilung . Die verkehrte Welt . Ein historisches Schauspiel in fuͤnf Aufzuͤgen . Symphonie . Andante aus D dur . W ill man sich ergoͤtzen, so koͤmmt es nicht so- wohl darauf an, auf welche Art es geschieht, als vielmehr darauf, daß man sich in der That ergoͤtzt. Der Ernst sucht endlich den Scherz, und wieder ermuͤdet der Scherz, und sucht den Ernst, doch be- obachtet man zu sich genau, traͤgt man in beides zu viel Absicht und Vorsatz hinein, so ist es gar leicht um den wahren Ernst, so wie um die wahre Lu- stigkeit geschehen. Piano . Gehoͤren aber wohl dergleichen Betrachtungen in eine Symphonie? Warum soll es denn so ge- setzt anfangen? Ei nein! wahrhaftig nein, ich will lieber sogleich alle Instrumente durch einander klingen lassen! Die verkehrte Welt . Crescendo . Ich darf ja nur wollen, doch freilich mit Ver- stand, denn nicht sogleich, urploͤtzlich, erhebt sich der Sturm, er meldet sich, er waͤchst, dann erregt er Theilnahme, Angst, Furcht und Lust, da er sonst nur leeres Erstaunen und Erschrecken veranlassen wuͤrde. Ist es schwer vom Blatte zu spielen, so ist es noch schwerer, vom Blatte sogleich zu hoͤren. Aber nun sind wir schon tief im Getuͤmmel; Pau- ken, schlagt! Trommeten, klingt! Fortissime . Ha! das Getuͤmmel, die Attaken, das Schlacht- gewuͤhl von Toͤnen? Wohin rennt ihr? Woher kommt ihr? die stuͤrzen sich wie Sieger durch das lauteste Gedraͤnge, jene fallen, verscheiden; die dort kommen verwundet, matt zuruͤck, und suchen Trost und Freundschaft. Da trabts heran, wie Rosses- schnauben; da orgelts tief, wie Donner im Ge- birg; da rauscht es, tobt es, wie ein Wassersturz, der verzweifelnd, sich vernichten wollend, uͤber die nackten Klippen stuͤrzt, und tiefer, immer tiefer hinunter wuͤthet, und keinen Stillstand, keine Ruhe findet. Adagio . Und nun? — Was war es nun, daß ich die- sem Geluͤste folgte? Da liegt nun hinter mir, ver- sunken, das erst bewegte, lebendige Gefilde, und nichts davon bleibt zuruͤck, und eben so eilt auch Zweite Abtheilung . dieser Ton, der gegenwaͤrtige, schon seinem Unter- gang entgegen. Tempo Primo . Doch die Erinnrung bleibt, und sie wird wie- der Gegenwart: muß ich doch diese auch beleben und mit meinem Bewußtsein durchdringen, darum kann ich das was War und Ist und seyn Wird in Einem Zauber binden. Violino Primo Solo . Wie? Es waͤre nicht erlaubt und moͤglich, in Toͤnen zu denken und in Worten und Gedanken zu musiziren? O wie schlecht waͤre es dann mit uns Kuͤnstlern bestellt! Wie arme Sprache, wie aͤrmere Musik! Denkt Ihr nicht so manche Ge- danken so fein und geistig, daß diese sich in Ver- zweiflung in Musik hineinretten, um nur Ruhe endlich zu finden? Wie oft, daß ein zergruͤbelter Tag nur ein Summen und Brummen zuruͤck laͤßt, das sich erst spaͤter wieder zur Melodie belebt? Was redet uns in Toͤnen oft so licht und uͤber- zeugend an? Ach ihr lieben Leute, (die Zuhoͤrer mein ich) das meiste in der Welt graͤnzt weit mehr an einander, als Ihr es meint, darum seid billig seid nachsichtig, und nicht gleich vor den Kopf ge- schlagen, wenn Ihr einmal ein paradoxen Satz antrefft; denn vielleicht ist, was Euch so unbehag- lich verwundert, nur das Gefuͤhl, daß Ihr dem Magnetberge nahe kommt, der in Euch alle eisernen Fugen und Klammern los zieht: das Schiff, welches Die verkehrte Welt . Euch traͤgt, zerbricht freilich, aber hofft, vertraut, ihr kommt an Land, wo Ihr kein Eisen weiter braucht. Pizzicato mit Accompagnemant der Violinen . Die paradoxen Saͤtze sind uͤbrigens fuͤr ver- staͤndige Leute weit seltener, als man denken sollte. Die verstaͤndigen Leute sind aber noch viel seltener. Alle Instrumente . Es ist gar kein Zweifel, daß nicht die Ver- sammlung der verehrten Zuschauer und Zuhoͤrer aus dergleichen bestehen sollte, und darum freut sich so Theater als Orchester, vor einem so er- lauchten oder erleuchteten Publikum zu spielen. Nur muͤssen alle die Geduld behalten, die Haupt- tugend des Lebens, ohne welche das Leben selber nicht zu tragen ist. Forte . Alles ist fertig, die Dekoration aufgestellt, der Soufleur zugegen; mehr Zuschauer kommen auch nicht. Die Erwartung ist rege, die Neugier ge- spannt; nur wenige denken jetzt schon an das En- de, und daß sie alsdann fragen werden: nun, war es denn etwas Besonderes? — Gebt Acht! denn das muͤßt Ihr, um nicht alles auf den Kopf zu stellen. — Gebt aber auch nicht zu sehr Acht, um nicht mehr zu sehn und zu hoͤren, als man euch hat zeigen wollen. — Gebt Acht! gebt aber ja Zweite Abtheilung . auf die rechte Art Acht! hoͤrt zu! hoͤrt zu! zu! zu!! zu!!! Der Vorhang geht auf. Daß Theater stellt ein Theater vor. Der Epilogus tritt auf. Nun, meine Herrn, wie hat Euch unser Schauspiel gefallen? Es war freilich nicht viel, indessen da Ihr alles zu nehmen ge- wohnt seid, so war es doch immer des Annehmens werth. Man kann nicht alle Tage neu seyn, und wenn man es seyn koͤnnte, wuͤrde man doch nicht alle Tage vortreflich seyn, ja sollten wir es selbst dahin bringen, alle Tage vortreflich zu seyn, so wuͤrden wir dann gewiß die Alltaͤglichkeit nicht mehr vortreflich finden, sondern das Armseelige kaͤme dann gewiß zu der Ehre, fuͤr vortreflich zu gelten. Ihr muͤßt Euch uͤbrigens daruͤber nicht ver- wundern, daß Ihr das Stuͤck noch gar nicht ge- sehn habt, denn hoffentlich seid Ihr doch in so weit gebildet, daß das bei Euch nichts zur Sache thut, um daruͤber zu urtheilen. Ei! wer haͤtte die Zeit, alles das zu lesen, was wir verwerfen, oder erheben! Wer wollte nur das beurtheilen, was man kennt! Wahrlich, der meisten Urtheil wuͤrde dann noch kleiner ausfallen, als ein Lace- daͤmonischer Brief: Ihr seid hoffentlich schon ge- uͤbt Die verkehrte Welt . uͤbt, und habt im Urtheilen etwas gethan, daß Ihr also unsre Comoͤdie gar nicht zu sehen braucht, um zu wissen, was an ihr ist. Der Name des Verfassers, wenn er beruͤhmt ist, das Urtheil eines guten Freundes, dem Ihr Verstand zutraut, sind ja gewoͤhnlich die Wegweiser, die Euch leiten. Oder Ihr sagt mit jener huͤbschen Kaltbluͤtigkeit, die einen gebildeten, uͤberfuͤllten, von gelehrten Zei- tungen aufgepaͤppelten Menschen charakterisirt: ei! es ist so uͤbel nicht; gut genug fuͤr jene Zeit, — leidlich fuͤr die bornirte Absicht, — nur, freilich, fehlt es am Besten. Wie denn? Wo denn? fragt ein Wißbegieriger. O Freund, ist die Antwort, das waͤre gar zu weitlaͤufig, Sie sind zuruͤck, wie viele Zeit waͤre noͤthig, Ihnen die Sache klar zu machen, ich will Ihnen die vorigen Jahrgaͤnge schicken, wenn Sie nachgekommen sind, sprechen wir uns wieder. Es wird aber Zeit seyn, daß ich abtrete. Hin- ter den Coulissen herrscht große Verwirrung, und es ist am besten, ich gehe, damit ich nicht von dem Strome fortgerissen werde. II. [ 17 ] Zweite Abtheilung . Erster Akt . Skaramuz. Der Poet . N ein, Herr Poet, sagt, was Ihr wollt, redet, was Ihr moͤgt, denkt und wendet ein, so viel es Euch nur moͤglich ist, so bin ich doch fest entschlos- sen, auf nichts zu hoͤren, nichts zu uͤberlegen, son- dern auf meinem Willen zu bestehn, und damit Punktum! Lieber Skaramuz — Ich hoͤre nichts. Da, mein Herr Poet, seht, wie ich mir die Ohren zuhalte. Aber das Stuͤck, — Was Stuͤck! Ich bin auch ein Stuͤck, und ich habe auch das Recht, mit zu spre- chen. Oder denkt Ihr, daß ich keinen Willen habe? Meint Ihr Poeten, die Herren Schau- spieler waͤren immer gezwungen, das zu thun, was Ihr ihnen befehlt? O mein Herr, die Zeiten aͤndern sich manchmal ploͤtzlich. Aber die Zuschauer — Also, weil es Zuschauer in der Welt giebt, soll ich ungluͤcklich seyn? Ei, welcher schoͤne Schluß! Freund, Ihr muͤßt mich nothwendig anhoͤren. Die verkehrte Welt . Wenn ich muß: gut. Hier sitz' ich; nun redet einmal wie ein verstaͤndiger Mensch, wenn Euch das moͤglich ist. (Er setzt sich auf die Erde.) Werthgeschaͤtzter Herr Skaramuz! Dieselben sind beim hiesigen Theater zu einem ge- wissen bestimmten Rollenfach engagirt, Sie sind mit einem Worte, um mich kurz auszudruͤcken, der Skaramuz. Es ist auch nimmermehr zu laͤug- nen, daß Sie es in diesem Fache so ziemlich weit gebracht haben, und kein Mensch auf der Welt ist mehr geneigt als ich, Ihren Talenten Gerech- tigkeit widerfahren zu lassen; aber, mein Theuer- ster, deswegen sind Sie noch nimmermehr ein tra- gischer Schauspieler, Sie sind deswegen noch nicht im Stande, einen edlen Charakter darzustellen. Sapperlot! das waͤr ich nicht im Stande? Mein Seel, so edel, wie Sie ihn nimmermehr sollen schreiben koͤnnen. Wenn es ausgemacht ist (wie es denn in unsern Tagen ausgemacht ist), daß eine edle Rolle einen ur- spruͤnglich edlen Menschen, Mann oder Herrn zur Darstellung erfordert, so halte ich Ihre Aeuße- rung fuͤr eine persoͤnliche Beleidigung, und ich fo- dre hiemit die ganze Welt auf, groß und klein, mich an Edelmuth zu uͤbertreffen. (einer von den Zuschauern). O, Herr Skaramuz, mit Ihnen nimmt man es noch auf. Wie so? Ei, wie das? Ich muß gestehn, ich erstaune uͤber diese Unverschaͤmtheit. Nein, mein Herr, das haben Zweite Abtheilung . Sie gar nicht Ursach. Ich bin fuͤr mein Geld hier, Herr Skaramuz, und da kann ich hier den- ken, was ich will. Die Gedankenfreiheit ist Ih- nen unbenommen, aber das Sprechen ist Ihnen untersagt. Wenn Sie sprechen duͤrfen, wird es mir auch noch immer erlaubt seyn. Und was haben Sie denn Ed- les gethan? Ich habe vorgestern fuͤr meinen liederlichen Neffen Schulden bezahlt. Und ich habe gestern den Sou- fleur geschont, indem ich eine ganze Scene ausließ. Ich war vorige Woche bei Tisch bei guter Laune, und verschenkte einen ganzen Tha- ler an Almosen. Ich zankte mich vorgestern mit dem Schneider, der mich mahnte, und behielt das letzte Wort. Vor acht Tagen habe ich einen besoffenen Menschen nach Hause gebracht. Dieser Besoffene war ich, mein Herr, aber ich hatte mich auf das Wohl unsres Landesherrn betrunken. Ich bekenne mich fuͤr uͤberwunden. Und dafuͤr sind Sie nun so undankbar, und kommen her, und wollen mir meinen Edelmuth schmaͤlern? Ich bitte um Verzeihung, Herr Skaramuz. Die verkehrte Welt . Pierrot stuͤrzt herein. Was willst Du, Pierrot? Was ich will? Ich will heute nicht spielen, durchaus nicht! Aber warum nicht? Warum? Weil ich auch endlich einmal einen Zuschauer abgeben will; ich bin lange genug Comoͤdiant gewegen. Wagemann , der Direktor , kommt herein. Gut, daß Sie kommen, Herr Direk- teur, hier ist alles in der groͤßten Verwirrung. Wie so? Pierrot will heute nicht spielen, son- dern Zuschauer seyn, und Herr Skaramuz will in meinem Stuͤcke durchaus nichts anders, als den Apollo agiren. Und mit Recht, Herr Direk- teur, ich habe die Narren lange genug gespielt, so daß ich es nun wohl auch einmal mit den Klugen versuchen kann. Sie sind zu strenge, Herr Poet, Sie muͤssen den armen Leuten etwas mehr Freiheit lassen; man muß ihnen ein Bischen durch die Finger sehn. Doch das Schauspiel, die Kunst — Je, das fuͤgt sich ja doch. Sehn Sie, ich denke so: bezahlt haben die Zuschauer nun einmal, und damit ist das Wichtigste geschehn. Adieu, Herr Poet, ich mische mich Zweite Abtheilung . unter die verehrungswuͤrdigen Zuschauer. Ich will einmal uͤber die Lampen hinweg den beruͤhmten Sprung vom Felsen Leukate in das Parterre hin- einthun, um zu sehen, ob ich entweder sterbe, oder von einem Narren zu einem Zuschauer kurirt werde. Lebe wohl du alte Liebe, Jetzt beginnt ein neues Leben, Und mit sehr vernuͤnftgem Streben Fuͤhl ich andre Herzenstriebe. Keine Lampe soll mich schrecken, Kein Soufleur haͤlt mich zuruͤck, Nein, ich will das ruhge Gluͤck Eines Auditoris schmecken. Nun empfangt mich, wilde Wogen, Du, Theater, fahre hin, Zu dem herrlichsten Gewinn Fuͤhl ich mich hinabgezogen. (er springt ins Parterr.) Wo bin ich? o Himmel! Ich athme noch immer? O Wunder! ich stehe Hier unten? die Schimmer Der Lichter sind dort? — Ihr seht mich, ihr Goͤtter! Von Leuten umgeben; Stolz rag ich hervor! Wem dank ich dies Leben? Dies bessere Leben? Herr Pierrot ist zum Zuschauer aufgenommen! Die verkehrte Welt . Zuschauer Pierrot sey willkommen! Sey gegruͤßt, du großer Mann! Meint Ihr mich, Ihr Wohlgebohrnen? Nehmt Ihr mich zum Bruder an? O mein Dank soll nicht ermuͤden Weil mein Busen athmen kann. (ein Zuschauer.) Herrlich! herrlich! bei meiner Seele herrlich! Aber, um nicht eins ins andre zu reden, so moͤchte ich zur Abwechselung gern einmal mitspielen, das wuͤrde mir in der Seele wohlthun. Ich zittre nur, ich stottre nur, Und kann es doch nicht lassen, Ich fuͤhls, ich geh auf falscher Spur Und dennoch muß ich spaßen. (er steigt zum Theater hinauf.) Und somit, Herr Skara- muz, uͤberlaßt mir nur gutwillig Eure komische Rolle, und Ihr moͤgt dann, wie gesagt, den Apollo uͤbernehmen. Ich stehe zu Befehl; wenn ich Ihnen mit meiner ganzen Eigenthuͤmlichkeit auf- warten kann, so haben Sie zu gebieten. Allzuguͤtig, allzuguͤtig, nur ganz gehorsamst zu bitten. Aber was soll denn aus meinem vor- treflichen Schauspiele werden? (zu den Zuschauern um ihn.) Meine Herren, unterstuͤtzen Sie des Skaramuz Gesuch, ich versichre Sie, ich schwoͤre es Ihnen zu, er wird den Apollo herrlich machen. Zweite Abtheilung . Skaramuz soll den Apollo spie- len, und zwar auf lautes Begehren. Nun gut, ich wasche meine Haͤnde, ob sie mir gleich gebunden sind; das Publikum mag alles zu verantworten haben. Wir getrauen es uns zu ver- antworten. Ich bin im groͤßten Elende, — ach freilich, ist es die Bestimmung unserer Kunst, gaͤnz- lich mißverstanden und travestirt zu werden, und leider gefallen wir dann am meisten. Das Urtheil das an dem Marsyas vollzogen wurde, wird zur Vergeltung jetzt nur zur oft an der Poesie aus- geuͤbt. Ich weiß mich vor Schmerzen nicht zu lassen. Herr Gruͤnhelm Sie uͤbernehmen also das Lustigmachen? Allerdings, mein Herr Poet, und ich will ganz gewiß meinen Mann stehn. Wie wollen Sies denn anfangen? Herr, ich habe selber lange als ein Mann gedient, der sich damit abgiebt, sich amuͤ- siren zu lassen, ich meine als Zuschauer, darum weiß ich auch genau, was gefaͤllt. Die Leute da unten wollen naͤmlich unterhalten seyn, das ist im Grunde der einzige Grund, warum sie so still und ruhig da stehn. Gut! aber wie wollen Sie es denn machen? Sehn Sie, auf den guten Wil- len der Zuschauer koͤmmt freilich das meiste an, das weiß ich so gut, wie Sie, die wahre Kunst ist Die verkehrte Welt . daher die, diesen guten Willen so recht empor zu bringen, ich meine nemlich, daß die Gutherzigkeit oben bleibt. Nun freilich, aber eben die Mittel — Nun, das ist ja meine Sorge, Herr Poet, darum haben Sie sich ja gar nicht zu kuͤmmern. (singt:) Der Vogelfaͤnger bin ich ja, u. s. w. Bravo! Bravo! Nun? Sehn Sie, mein Herr das ist nur eins von meinen Mitteln. — Sind Sie nicht ziemlich gut amuͤsirt, meine Herren? Excellent! o ganz uͤberaus vor- treflich! Haben Sie eine Sehnsucht nach etwas Verstaͤndigem? Nein, nein, aber nachher wollen wir ein wenig geruͤhrt seyn. Nur Geduld, es kann ja nicht alles in einem Haufen kommen. Vermissen Sie also wohl den ordentlichen Apollo? Nicht im mindesten. Nun Herr Poet, was haben Sie also gegen den liebwerthesten Skaramuz? Nicht das mindeste mehr, ich bin uͤberfuͤhrt. (geht ab.) Wir wollen aber auch nicht lauter Possen haben. Je behuͤt uns Gott vor solcher Suͤnde! Was waͤre ich fuͤr ein Apollo, wenn ich das litte oder zugaͤbe? Nein meine Herrn, ernst- Zweite Abtheilung . hafte Sachen die Fuͤlle, Sachen zum Nachdenken, damit doch auch der Verstand in einige Uebung koͤmmt. Ein Bote . (tritt auf.) Was giebts? O maͤcht'ger Gott, der Du mit deinem Witze Von fernher triffst, der Du die Leyer schlaͤgst, Du, dem Homer noch manchen Namen giebt, Die ich nicht all aus Eile nennen kann. Ich komme Dir zu sagen, daß dein Feind, Den sonst die Sterblichen Apoll genannt (Weil sie in schnoͤder Unerfahrenheit Die Tage ihres irdschen Daseyns lebten), Daß dieser, o Gebieter fortgeflohn, Und, wie man sagt, zu dieser Frist beim Koͤnig Admet der Schafe Huͤrden still bewahrt, Dort uͤbt er einsam leichte Hirtenlieder, Und zaͤhmt, wie uns Mythologie berichtet, Die wilden Baͤren, Loͤwen, Panther, Tiger, Und was ihm sonst noch vor die Faͤuste koͤmmt, Mit himmlischer Gewalt der Harmonie, Die er dem silbern Saitenspiel entlockt. Dort mag er bleiben, und sich also auf die Idylle appliciren, daß er sich aber nur nimmermehr innerhalb der Graͤnzen dieses Theaters betreffen laͤßt, sonst soll er mit seinem Kopfe diesen Frevel buͤßen. — zum Ueberfluß mag noch ein Steckbrief in die Zeitungen geruͤckt werden. Die verkehrte Welt . Dein Wille soll vollzogen werden. (Geht ab.) Ob es wohl eine Tragoͤdie wird? Nein, meine Herren, wir Schau- spieler haben uns alle die Hand darauf gegeben, daß keiner von uns sterben will, folglich gehts nimmermehr durch, wenn es auch der Dichter im Sinn haben sollte. Es ist auch besser so, denn ich bin mit einem gar zu zaͤrtlichen Gemuͤth behaftet. Zum Henker, Herr, unser eins ist auch nicht von Stahl und Eisen. Ich habe die Ehre, Ihnen zu versichern, daß ich ungemein fein empfinde; hol doch der Teufel das ungebil- dete Wesen! Das sag ich auch immer, denn warum sind wir wohl sonst Menschen? Und sogar Zuschauer? Ei freilich hat das Ding sehr viel auf sich; so ein Zuschauer ist gleichsam das Hoͤchste, was man werden kann. Freilich! Sind wir denn nicht mehr, als alle die Kaiser und Fuͤrsten, die dort nur vorgestellt werden? Eben darum muͤssen wir uns auch ganz gewaltig in der Bildung erhalten. Hochmuth will Zwang haben. Aber tausend Element! wo bleibt denn, ins Henkers Namen, mein Parnaß? Es ist auch wahr, ich will ihn den Augenblick schicken. (ab.) Zweite Abtheilung . Nun ist ja wohl alles in Ord- nung. Adieu, Herr Skaramuz. Ergebenster, bitte der Frau Ge- mahlin meine gehorsamste Empfehlung zu machen. (Der Direkteur geht ab. Vier Statisten bringen den Parnaß herein.) Nur da hingestellt, — so, — etwas hier weiter her, damit ich den Soufleur besser hoͤren kann. (Er steigt hinauf und setzt sich.) Recht schoͤn sitzt es sich hier. — Wie viel traͤgt mir aber der Berg ein? Wer weiß mir das zu sagen? — Der Schatzmeister soll kommen. Schatzmeister tritt auf. Was traͤgt mir der Berg jaͤhr- lich? Unter Dero Vorweser war der Castalische Quell die einzige Einnahme. Was war das fuͤr ein Quell? Ein Gesundbrunnen etwa? ein Sauer- oder Schwe- felbrunnen? Wurde er viel verschickt? Wie theuer verkaufte man die Flasche? Er wurde selten verschickt, und das wenige wurde verschenkt. Fast Niemand wollte das Wasser gut finden; Ihr Vorweser, der ç devant Appollon mochte es gern. Und weiter nichts? Haͤngt kein Vorwerk mit dem Berge zusammen, kein Wiesen- wachs? Was hab ich an Vieh, an Gaͤnsen Huͤ- nern und dergleichen einzunehmen? Die verkehrte Welt . Von allen diesem weiß ich nichts. O so muß ich nothwendig meine Grundstuͤcke verbessern; da mag der Henker Euer Apoll seyn, wenn so ein magres Einkommen bei der Stelle ist. — Und auch keine Zehnden? Nichts von dieser Art. Es sind doch etwa nicht noch gar Schulden auf dem Berg? Nein, Ihro Majestaͤt. Nun, das ist gut. So muͤßt Ihr, Schatzmeister, aber gleich Geld aufnehmen, der Creditor hat die erste Hypothek. — Steht der Parnaß in der Feuerkasse? O ja. So sind wir also vor Ungluͤck gesichert. — Eine Brauerei und ein Backhaus soll da unten zu meinen Fuͤßen angelegt werden. Ganz wohl. Die Gemein-Weiden werden abgestellt; mit dem Pegasus und allem uͤbrigen Vieh, das mir gehoͤrt, wird die Stallfuͤtterung eingefuͤhrt. Ganz wohl. Ihr werdet die Buͤcher daruͤ- ber gelesen haben, es ist von ausgemachtem Nutzen. — Die Zuschauer haben doch die Comoͤdie bezahlt? Ja Ihro Excellenz. Ich erlasse ein strenges Ver- bot, daß alle Freibillets aufhoͤren sollen. Das sind aber alles ganz Zweite Abtheilung . neue Einrichtungen, mein Koͤnig, von denen Grie- chenland nichts wußte. Was Griechenland! Wir leben jetzt gottlob in bessern Zeiten. — Apropos, gut, daß ich daran denke. Du sagtest mir vorher vom Castalischen Brunnen, aus dem Dinge muß ein Gesundbrunnen gemacht werden. Wie ist das moͤglich? Die Moͤglichkeit ist meine Sor- ge; genug, daß ich viel Geld dafuͤr einnehmen werde, denn ich will den Leuten weiß machen las- sen, daß sie sich alle Gebrechen der Seele und des Leibes mit diesem Wasser heilen koͤnnen, — aber — umsonst ist der Tod. Ihr Vorgaͤnger kannte keine einzige Muͤnzsorte. Das war auch ein Narr, und ein Mensch, der, wenn man ihn beim Lichte be- sieht, in die fabelhaften Zeiten faͤllt. Jetzt aber hat die Aufklaͤrung um sich gegriffen und ich re- giere. — Laßt mir einmal die Musen kommen. (Schatzmeister ab.) Die neun Musen treten auf, und verneigen sich. (mit leichtem Kopfnicken). Freut mich, die werthgeschaͤtzten Mademoisells kennen zu ler- nen. Hoffe, wir sollen uns immer gut vertragen. Sie wohnen nun bei mir auf dem Parnaß zur Miethe, wenn Sie ausziehn wollen, muͤssen Sie mir ein Vierteljahr vorher aufkuͤndigen. — Wie heißen Sie denn, mein schoͤnes Kind. Die verkehrte Welt . Ich bin Melpomene. Sie sehn so bekuͤmmert aus. Ach, Herr Apollo! ich bin aus einem sehr guten Hause. Mein Vater war Hofrath, und der Edle ließ mir eine unvergleich- liche Erziehung zukommen. Ach! wie war ich in meiner guten Eltern Hause gluͤcklich, und wie be- strebte ich mich, eine gute zaͤrtliche Tochter zu seyn! Ich hatte auch einen Geliebten, aber dieser verließ mich aus Stolz, weil er sich hatte adeln lassen, meine Eltern starben nachher vor Kummer. Ein guter Mensch, unser Hausdoktor, nahm sich zwar meiner an, aber er war zu arm, als daß er mich haͤtte heirathen koͤnnen, und so bin ich denn aus Desperation unter die Musen gegangen. Hab ich nun nicht ein Recht, traurig zu seyn? Ja wohl, mein Kind, aber ich will als ein Vater fuͤr Sie sorgen. (zu einem andern). Nun seht doch um Gottes Willen, wie mir da schon die Thraͤnen aus den Augen laufen. Ei Gevatter, so schont Euch doch zum fuͤnften Akt. Und wer sind Sie, schoͤnes Kind? Danke der guͤtigen Nachfrage, mein Herr, mit meinem Taufnamen heiße ich Thalia, ich habe lange bei den werthgeschaͤtzten Eltern die- ser guten Person gedient, und da will ich auch jetzt nicht von ihr lassen, sondern bin ihr sogar bis unter die Musen gefolgt. Warte den letzten Akt ab, so Zweite Abtheilung . kann Deine Treue unmoͤglich unbelohnt bleiben. — Wo ist mein Stallmeister? Der Stallmeister kommt. Den Pegasus, ich will spazie- ren reiten. — (Stallmeister ab, und koͤmmt sogleich mit einem aufgezaͤumten Esel zuruͤck.) Hilf mir. (er steigt hinauf.) In welchem Sylbenmaße wollen sich Ihre Gnaden heut erlustigen? O Narr, ich will eine schlichte vernuͤnftige Prosa reiten. Denkst Du, daß ich mich vom Alcaͤischen Vers will zerstoßen lassen, oder gar in den verfluchten Proceleusmatikern den Hals brechen? Nein, ich liebe Vernunft und Ordnung. Ihr Vorfahr flog immer in der Luft. Redet mir von dem Kerl nicht mehr, das muß ja ein rechter Hans Narr, ein rechter excentrischer Esel gewesen seyn. In der Luft zu fliegen! Nein, die Luft hat keine Balken, ich lobe mir die Erde. — Adieu, meine Freunde! ich will nur eine kleine Abhandlung uͤber den Nuz- zen der Familiengemaͤhlde reiten, und bin gleich wieder da. (Er reitet langsam fort.) ( Der Vorhang faͤllt .) Scaͤ- Die verkehrte Welt . Das war nun nemlich die Ein- leitung. So ein erster Akt ist immer zum Verstaͤndniß nothwendig. (zu Scaͤvola). In dem Stuͤck liegt viel Moral. Gewiß, ich fange schon an, bes- ser zu werden. Die Musik! Orchester . Adagio. As Moll . Wie alles fort eilt! Wie in dieser Sterblich- keit so gar nichts Stand haͤlt! Womit willst du das Leben des Menschen vergleichen? Mit dem Schatten? Mit der Wolke? Ach! beide sind im- mer noch zuverlaͤßiger, als dieser Hauch, der uns jetzt beseelt, und im naͤchsten Augenblicke ver- schwunden ist. So erfuͤllt jetzt der schmeichelnde Ton der Mu- sik die Luft, und jede Luftwelle erzittert vor Freu- de, und doch darf nur der Finger inne halten, so verstummen alle diese beredten Geister, so faͤllt das glaͤnzende Gebaͤude zusammen, und keine Spur aller der Krystalle und funkelnden Regenbogen bleibt zuruͤck, die sich jetzt so majestaͤtisch auf und nieder bewegen. Wenn nicht alles vergaͤnglich waͤre, o was faͤnden wir dann noch zu klagen Ursach? II. [18] Zweite Abtheilung . Das Lachen schweigt, die Begebenheiten des Stuͤcks laufen zu Ende, der Vorhang faͤllt endlich zum letztenmal, die Zuschauer gehn nach Hause. Einmal kommen sie dann nicht wieder, sie sind fortgegangen, Niemand kann sagen, wohin; Nie- mand kann sie erfragen, keiner betritt die schreck- liche, grauenvolle Wuͤste, der jemals wieder kaͤme. Ach du schwaches, leichtzerbrechliches Menschenle- ben! Ich will dich immer als ein Kunstwerk be- trachten, das mich ergoͤtzt und das einen Schluß haben muß, damit es ein Kunstwerk seyn und mich ergoͤtzen koͤnne. Dann bin ich stets zufrieden, dann bin ich von gemeiner Freude und von dem lasten- den Truͤbsinne gleich weit entfernt. O daß nur alle Freude mit mir bleiben, bis ich selber nicht mehr bin, daß sie kein Seufzer und keine Thraͤne vergebens suchen darf. Die verkehrte Welt . Zweiter Akt . Erste Scene . ( Freies Feld .) bei seiner Heerde. W ie freundlich laͤchelt mir die stille Gegend, Die gern und liebevoll den Gott empfaͤngt. Hier hoͤr ich fruͤh der Lerche muntres Lied, Die sich mit hellen Toͤnen aufwaͤrts schwingt, Die Nachtigall aus dichtbelaubten Buͤschen, Den stillen Gang der Wasser, die melodisch Durch Felsen unter Epheuranken irren; Wie spielende Weste durch meine Locken flattern, Und mich der holde Geist der Einsamkeit Mit seinen suͤßen Fluͤgeln lieblich faͤchelt; Das Rohr des Flusses girrt in leisen Toͤnen, Die Eiche braust und spricht mit ernster Stimme, Aufmerksam horcht der junge kleine Wald Und haͤlt die zarten Blaͤtter unbewegt. Ob mir ein laͤndlich Lied gelingen mag Will ich nach Hirtenweise jetzt versuchen. Wohl dem Mann, der in der Stille Seine kleine Heerde fuͤhrt, Weit von Menschen, in der Huͤlle Dunkler Baͤume sie regiert. Zweite Abtheilung . Wo er wohnet sind die Goͤtter, Sitzen bei dem kleinen Mahl, Ewig sonnt ihn Fruͤhlingswetter, Fern von ihm die rege Qual, Die mit ihren schwarzen Fluͤgeln Um den Unzufriednen schwaͤrmt, Daß er sich von Thal zu Huͤgeln Und von Huͤgeln thalwaͤrts haͤrmt. Aber hier ist Abendroͤthe Widerschein von Morgenroth, Und die kleine Schaͤferfloͤte Klinget bis zu unserm Tod. Mopsa und Phillis kommen. Wie lieblich klingt dein Lied holdselger Schaͤfer, Es lockte uns vom Wald ins freie Thal. Ich hoͤrte niemals noch so suͤße Stimme. Sollt Ihr den Saͤnger nicht begeistern? Kuͤhn Fliegt von der Lippe der Gesang, das Bild Von Euch macht jeden Ton melodisch suͤß. Willst Du mit uns das Wechselliedchen singen, Das Du uns gestern lehrtest? Fang nur an. Warum in der Brust dies Schmachten? Will kein Gott denn meiner achten? Die verkehrte Welt . Ach, so suͤße herbe Thraͤnen, Ach, ein wunderbares Sehnen — Liebe, Liebe uͤberwindet, Wo sie zarte Herzen findet. Was ist Liebe? Was ist Sehnen? Warum diese ew'gen Thraͤnen? Liebe glaͤnzt im nassen Blick, Thraͤn und Glanz spricht nur ihr Gluͤck. Wunden sollen Dich nicht schmerzen, Die die Brust mit Wonne fuͤllen, Und den Blick in Thraͤnen huͤllen, Denn in diesen schoͤnen Schmerzen Lernen lieben unsre Herzen. Aulicus und Myrtill kommen. Singt Ihr schon wieder Eure ab- geschmackten Gesaͤnge? Schaͤfer, Ihr macht uns alle unsre Maͤdchen abspaͤnstig, und das soll Euch am Ende uͤbel gerathen. Lauter Gesang und Klang und Klang und Gesang erfuͤllt jetzt unsre Felder, das ist nicht auszuhalten. Die Schaͤferinnen sprechen von nichts als Lied und Liebe, und Liebe und Lied, und Lied und Liebe, und so immer fort; ich fuͤr meine Person sage: das ist dumm! Zweite Abtheilung . Freilich ists dumm, das ist gar keine Frage. Aber was habt Ihr uns denn zu befehlen? Ihr seid in uns verliebt, und da haben wir Euch sehr viel zu befehlen. Der alte Damon tritt auf. Nun ja, da steht Ihr hier, wie die Narren, und der Wolf macht sich unterdeß in Euren Heerden lustig. Der Wolf? Nun wahrhaftig, der Kerl soll zum laͤngsten ein Wolf gewesen seyn. Kommt! der soll davon zu sagen haben, wie viel Wolle er lassen muß. (sie gehen ab.) Zweite Scene . ( Straße .) Es ist schwer, seht Ihr, auf lange Zeit einen Lustigmacher abzugeben, und die Rolle des Apollo ist bei weitem leichter. Das hat Herr Skaramuz auch recht wohl gewußt, und da- rum ist er so erpicht darauf gewesen. Man kann nicht zwei zu zwei addiren, ohne in die Gefahr zu kommen, sich zu verrechnen, und manches Zeug sieht in der Ferne recht witzig aus, was in der Die verkehrte Welt . Naͤhe nur eine absolute Dummheit ist. Indeß wer noch nie einen Canarienvogel gesehen hat, mag vielleicht einen Sperling dafuͤr halten, und wie man sich die Sachen will schmecken lassen, so schmecken sie einem fast immer. Da koͤmmt ja die Muse. Thalia koͤmmt. Nun, meine schoͤnste Lisette — Herr Gruͤnhelm! Oder hoͤren Sie sich lieber Co- lombine nennen? Das ist mir nun fast ganz einerlei, denn Name ist Name. Sind Sie wohl im Stande zu lieben, Herr Gruͤnhelm? Ei warum das nicht? Ihre schoͤne Physiognomie hat mich schon seit lange ent- zuͤckt. Ach, wenn wir nur erst mit einan- der verheirathet waͤren! Ja wohl, mein Schaͤtzchen, das ist ja Tag und Nacht mein Wunsch. Wir lieben uns doch gewiß recht innig. Das wollte ich wohl beschwoͤren. Ob wohl ein Gewitter in dem Stuͤck vorkoͤmmt? Wenn wirs begehren, bequemen sie sich schon darnach. Gevatter, ja, wir wollen ihnen das Gewitter nicht schenken. Zweite Abtheilung . Meine Herren, ein Gewitter ist ein ganz gutes Ding, aber es paßt da in unser Stuͤck gar nicht hinein. Ach was, passen! Es soll passen und muß passen! Es muß biegen oder brechen, wir wollen ein Gewitter haben. So komm nun, meine Geliebte, und laß uns unter Dach und Fach kommen, da das grausame Publikum nach dem Donnerwetter verlangt. Unter Dach und Fach sind wir leicht, ich wollte, ich waͤre eben so geschwind unter die Haube gebracht. (geht.) O ihr Goͤtter hoͤrt mein Flehen, Ruͤhrt das Herz der stolzen Sproͤden, Die sich nimmer will entbloͤden Kalt mein Elend anzusehen. Ja, das letzte will ich wagen, Will noch einmal zu ihr gehen, Kuͤrzlich ihr den Jammer klagen Und in meinen alten Tagen Endlich doch die Ruhe sehen. (ab.) Die verkehrte Welt . Dritte Scene . (Wald. Gewitter.) Skaramuz . auf seinem Esel. Wo, Henker, kommt denn das Gewitter her? davon steht ja kein einziges Wort in meiner Rolle. Was sind das fuͤr Dummheiten! Und ich und mein Esel werden daruͤber pudelnaß. Ei das steht mir gar nicht an. — Maschinist! Maschinist! So halt er doch ins Teufels Namen inne! — (es donnert und blitzt.) Hoͤre mich Schlin- gel von einem Maschinisten! Wie kannst Du Dich unterstehen, Donner und Blitz so zu verschwenden? Das sollst Du mir gewiß theuer bezahlen. — Ich sage halt mit dem Donnern inne! Maschinist tritt auf. Herr Skaramuz, ich kann nicht dafuͤr, denn es muß seyn. Muß seyn? Ich sage aber, es muß durchaus nicht seyn! Wer hat hier zu befeh- len? Das Publikum hat es so ge- wollt. Ist das wahr, meine Herren? Ja, wir haben es ihm so be- fohlen. Aber, meine Herren, ich werde naß. Zweite Abtheilung . Wir wollen uns eben an derglei- chen Leiden ergoͤtzen, denn Lucrez sagt wie bekannt: quave mari magno etc. Lukrez sagt mir das zum Pos- sen. — Meine Herren, lassen sie das Gewitter aufhoͤren. Nein, es soll bleiben. In einem stillen, sanften histo- rischen Schauspiel — Es soll eben etwas fuͤrchterlich werden. Muͤssen denn auch die Goͤtter von der Wuth der Elemente leiden? Ja, ja, jetzt, erfahr ich es in der That, daß auch uͤber uns ein dunkles, unausweichbares Fatum waltet. — O Ihr undankbaren Zuschauer! Habe ich Euch darum den Apollo vertrieben, habe ich Euch darum von der Poesie erloͤst, daß Ihr es mir nun so schnoͤde ver- gelten muͤßt? Maschinist faͤhrt mit dem Gewitter fort. Ich leide von Eurer Wuth, aber ich will es Euch gewiß gedenken. Wenn mir vom Regen der Esel da verdorben wird, so koͤnnt Ihr Euch nur nach einem neuen fuͤr mich umsehn. Daß Ihrs nur wißt, meine Herrn, es ist der Pegasus, er ist mehrmals in Kupfer gestochen, und nun muß er so im Regenwetter dastehn, und hat nicht einmal einen Mantel umzuhaͤngen. — O mein Kopf faͤngt an zu schwaͤrmen. Herr Skaramuz, ich glaube es wird bald vorbei seyn. Die verkehrte Welt . Im Grunde ist er doch meines Gleichen, und die Menschenliebe gebietet mir, ihn zu bemitleiden, — Da, hier will ich Dich mit mei- nem Mantel bekleiden, ich will mich in meine Ver- nunft und Philosophie einhuͤllen, die Dir gaͤnzlich mangeln. — Wenn ichs recht bedenke, so kann es gar nicht anders seyn, als daß einen der Regen naß macht. Gehn Sie bald ab, Herr Ska- ramuz? Warum, mein Geehrtester? Die Scene greift mich zu sehr an, das alles ist fuͤr mich ein bischen zu erhaben. Ha ha, wie thuts? Im Regen stehn, ist noch schlimmer. Ja, mein Bester, bei uns geht es manchmal verteufelt hoch her. Gehn Sie doch lieber ab, bester Mann, denn wenn ich zu sehr angegriffen werde, so haben Sie nachher fuͤr den Schaden zu stehn. Laßt mich noch erst mit diesen gelehrten Thebaner sprechen. — Worauf legst Du Dich? Donner und Blitz zu machen, auch zieh ich die Loͤwen und Woͤlfe an, der Esel da ist auch von meiner Erfindung; wer sollte wohl in ihm einen von unsern Schauspielern wieder er- kennen? So bist Du also im Stande, aus einem schlechten Schauspieler einen guten Esel zu machen? Und das nennt Ihr Maschinerie, was Zweite Abtheilung . sich von selber macht? — Wie entsteht der Don- ner? Ich habe hier gestoßenen Co- lophonium, den blase ich durch ein Licht, so wird daraus der Blitz, in demselben Augenblick wird oben eine eiserne Kugel gerollt, und das bedeutet dann den Donner. Gut, folge mir. — Meine Herren da unten! ich hoffe Sie alle gesund wieder nach Hause zu liefern, aber weiter hab ich Sie dann nicht zu verantworten. (er steigt wieder auf den Esel und reitet fort.) Ists erlaubt, das Donnerwet- ter zu beendigen? O ja, nun muß wieder was Haͤus- liches kommen. Rekommandire mich; ich wohne hier gegenuͤber in dem großen Eckhause, wenn etwa Nachfrage nach mir seyn sollte. Ich verstehe es auch vortrefflich, Feuerwerke zu arrangiren, und mit Geschmack eine Illumination einzurichten. (geht ab.) Das war eine sogenannte große Scene. Ja, Gevatter, da herrscht schon mehr der englische Schwung drinn. Ihr werdet die englische Literatur gelesen haben. Ja freilich! Hab ich doch in mei- ner Jugend sogar die englische Krankheit gehabt. Die verkehrte Welt . Vierte Scene . ( Wirthsstube .) Wenige Gaͤste kehren jetzt bei mir ein, und wenn das so fort waͤhrt, so werde ich am Ende das Schild noch gar einziehen muͤssen. — Ja sonst waren noch gute Zeiten, da wurde kaum ein Stuͤck gegeben, in welchem nicht ein Wirthhaus mit seinem Wirthe vorkam. Ich weiß es noch, in wie vielen hundert Stuͤcken bei mir in dieser Stube hier die schoͤnste Entwickelung vorbereitet wurde. Bald war es ein verkleideter Fuͤrst, der hier sein Geld verzehrte, bald ein Minister, oder wenigstens ein reicher Graf. Ja sogar in allen Sachen, die aus dem englischen uͤbersetzt wurden, hatte ich meinen Thaler Geld zu verdienen. Manch- mal mußte man freilich auch in einen sauern Ap- fel beißen, und verstelltes Mitglied einer Spitzbu- benbande seyn, wofuͤr man dann von den morali- schen Personen rechtschaffen ausgehunzt wurde; in- dessen war man doch in Thaͤtigkeit. — Aber jetzt! — Wenn auch jetzt ein fremder reicher Mann von der Reise kommt, so quartirt er sich origineller- weise bei einem Verwandten ein, und giebt sich erst im fuͤnften Akt zu erkennen, andere kriegt man nur auf der Straße zu sehn, als wenn sie in gar keinem honetten Hause wohnten; — dergleichen dient zwar, die Zuschuer in einer wunderbaren Zweite Abtheilung . Neugier zu erhalten, aber es bringt doch unser eins um alle Nahrung. Anne tritt auf. Ihr seid so verdruͤßlich, Vater. Ja, mein Kind, ich bin mit meinem Stande sehr unzufrieden. Wuͤnscht Ihr denn etwas Vornehme- res zu seyn? Das gerade nicht, aber es aͤrgert mich unbeschreiblich, daß nach meinem Stande nicht die mindeste Nachfrage geschieht. Ihr werdet gewiß mit der Zeit in die vorige Achtung kommen. Nein, liebe Tochter, denn die Zeiten lassen sich sehr schlecht dazu an. O daß ich nicht ein Hofrath geworden bin! Sieh fast alle jetzigen Comoͤdienzettel nach, und immer steht unten: die Scene ist im Hause des Hofraths. — Wenn es laͤnger so fortgeht, lasse ich mich zum Kerkermeister machen, denn die Gefaͤngnisse kommen doch noch in vaterlaͤndischen und Ritterstuͤcken vor. — Aber mein Sohn soll durchaus nichts anders als Hof- rath werden. Troͤstet Euch lieber Vater, und haͤngt Eurer Melankolie nicht so nach. — Wie war es doch damals, als der Waltron erschien? Wißt Ihr noch, wie zu jener Zeit manche Schauspiele fast nur aus Gewehr-Praͤsentiren, Salutiren, Trom- melschlag, Reveille und Schießen bestanden? Ei- nen andern Menschen als Soldaten wurde man Die verkehrte Welt . gar nicht gewahr. Und wie ist dieser Stand jetzt auch vernachlaͤssigt, so daß kaum noch hie und da ein einzelner Obrist sich in den gangbaren Stuͤcken blicken laͤßt? Was gilts, ich arbeite mich noch sel- ber zum Poeten um, und erfinde eine neue Dicht- art, die die Hofrathsstuͤcke verdraͤngen soll, und in denen die Scene immer im Wirthshause spielt. Thut das, lieber Vater, ich will die Liebesscenen auf mich nehmen. Still! — Es faͤhrt wahrhaftig ein Wagen vor. — Sogar eine Extrapost! lieber Him- mel, wo muß der unwissende Mensch herkommen; daß er bei mir einkehrt? Ein Fremder tritt herein. Guten Morgen, Herr Wirth. Diener, Diener von Ihnen, gnaͤ- diger Herr. — Wer in aller Welt sind Sie, daß Sie inkognito reisen und bei mir einkehren? Sie sind gewiß noch aus der alten Schule; gelt, so ein Mann vom alten Schlage, vielleicht aus dem Englischen uͤbersetzt? Ich bin weder gnaͤdiger Herr, noch reise ich incognito. — Kann ich diesen Tag und die Nacht hier logiren? Mein ganzes Haus steht Ihnen zu Befehl. — Aber, im Ernst, wollen Sie hier in der Gegend keine Familie unvermutheterweise gluͤck- lich machen? oder ploͤtzlich heirathen? oder eine Schwester aufsuchen? Zweite Abtheilung . Nein, mein Freund. Sie reisen also bloß so simpel, als ein ordinaͤrer Reisender? Ja. Da werden Sie wenig Beifall finden. Ich glaube, der Kerl ist rasend. Postillion kommt. Hier ist ihr Koffer, gnaͤdiger Herr. Und hier ist dein Trinkgeld. O das ist wohl zu wenig. — Ich bin den Berg herunter so herrlich gefahren — Nun da! Großen Dank. (geht ab.) Ob ich sie noch wieder finde? — O wie sich alle meine Gedanken nach der geliebten Heimath wenden! Wie soll ich den Anblick ertra- gen, wenn sie mir wieder gegenuͤber steht? Wenn die Vergangenheit mit allen Freuden und Schmer- zen an mir voruͤber zieht? O du armer Mensch! was nennst du Vergangenheit? Giebt es denn eine Gegenwart fuͤr dich? Zwischen der verflossenen Zeit und der Zukunft haͤngst du an einem kleinen Augenblick mitten inne, und jede Freude geht nur schnell vorbei, und vermag gar nicht in dein Herz zu dringen. Wenns zu fragen erlaubt ist, so vermuthe ich, Dieselben sind aus einem alten ver- legenen Stuͤck, das ein unbekannter Verfasser so etwas neu aufgestutzt hat? Frem- Die verkehrte Welt . Was? Wenn Sie nur Beifall finden! — Geld muͤssen sie doch wenigstens haben; oder dient es etwa in Ihrem Kram, daß Sie sich arm stellen? Sie sind sehr neugierig, Herr Wirth. Das muß ich seyn, mein Herr, da koͤnnen Sie jeden Sekundaner fragen. Das Alter muß alt seyn, Telephus muß als Bettler erschei- nen, der Sclave muß seinem Stande gemaͤß spre- chen. Sie duͤrfen nur die ars poetica nachschla- gen, und der bin ich als Wirth auch unterworfen. Ich danke Ihnen fuͤr die schoͤne Raserei; von dieser aͤchten Raritaͤt hab ich bis jetzt noch keine angetroffen. — Haben Sie die neusten Zeitungen? Hier! ein merkwuͤrdiger Steckbrief ist darin abgefaßt. (liest). „Es ist aus gefaͤnglichem Gewahrsam ein Landstreicher gebrochen, der sich fuͤr den Apollo auszugeben pflegt. Er ist an einem silbernen Bogen kennbar und gelocktem Haar, ju- gendlichen Angesichts und pflegt viel zu singen, auch in der Luft zu fliegen. Es will verlauten, daß er sich als Schaͤfer soll verdungen haben. Jede Obrigkeit wird gebeten, ihn auszuliefern, da an diesem Verbrecher viel gelegen ist. Die etwa- nigen Unkosten sollen ersetzt werden.“ Man soll dem Spitzbuben schon auf der Spur seyn. Ich habe ihn sonst recht gut ge- II. [ 19 ] Zweite Abtheilung . kannt, und es ihm oft vorher gesagt, daß es so weit mit ihm kommen wuͤrde, da er sich durchaus auf keine ernsthafte Studien legen wollte. Das koͤmmt von der Belletristerei, wenn man sie nicht zum Nutzen der Menschheit anwendet. — Weiß man nicht, was er verbrochen hat? Er soll sich unterstanden haben, die Phantasterei einzufuͤhren, hat Tragoͤdien geschrie- ben, und darin auf das Schicksal und die Goͤtter geflucht, hat die moralische Tendenz durchaus ver- nachlaͤssigt, in Summa, er hat der ganzen kulti- virten Welt ein großes Aergerniß gegeben. Es sollte an ihm ein Exempel statuirt werden. Wenn sie seiner habhaft werden, wird es gewiß daran nicht ermangeln. Fuͤhren Sie mich auf mein Zim- mer. (sie gehn ab.) Fuͤnfte Scene . ( Am Parnaß .) Baͤcker und Brauer . Nun koͤnnen wir doch erst sagen, Meister Brauer, daß wir im Lande einen reellen Parnaß haben. Und das Getraͤnk, was ich da fa- Die verkehrte Welt . brizire, mein lieber Baͤcker, wahrlich, das ist ein andres Gesoͤff, als die alte Hippokrene. Ich mag gern bei Euch trinken, das ist gewiß, aber das Zeugs steigt einem sogleich so in den Kopf, daß man nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Darum bekuͤmmere ich mich in meinem Leben nicht, wenn ich nur fuͤr meine Per- son weiß, wo das Maul sitzt. Aber liegen nicht die Gebaͤude nied- lich da unten am Berge? O die Aussicht hat etwas Vor- trefliches. Und unser gnaͤdigster Apoll — Seines Gleichen muß gar nicht gefunden werden. — Da kommen meine Gaͤste. Verschiedene Gaͤste treten auf. Gevatter, ich bin ganz begei- stert, daß ist Euch ein Trunk wie hoͤllisches Feuer. Nachdems faͤllt, nachdems faͤllt, — la, la, — ja, wies faͤllt. Er wird bst fallen, und dann kommts darauf an, nachdem er faͤllt, ob er sich nicht ein Loch in den Kopf faͤllt. Tragt den Besoffenen, — so — soffenen nach Hause. Kommt, ich fuͤr meine Per- schon, seht Ihr, als wenn ich sagen wollte Ich, als zum Exempel Ich, so wie ich Euch da vor mir sehe und vor mir stehe, ich kann keine besof- Zweite Abtheilung . sene Perschon, wenigstens fuͤr meine Perschon, aus- stehn. So viel davon, aber kein Wort weiter, denn, wie man zu sagen pflegt, es sind doch nur unnuͤtze Reden, und da sogar der große Nebukad- nezar hat auf allen Vieren gehen muͤssen, nun — warum wollen wir uns denn schaͤmen? So pfleg ich nur immer zu sagen. Ganz recht, und du pflegst auch immer ein Flegel zu seyn. Was? hab ich deswegen mit Dir Gleichheit und Bruͤderschaft und Men- schenwerth getrunken, daß Du mich so oͤffentlich verschimpfiren thust? Vor all den ehrbaren Herren? Heraus, wenn Du Herz hast! Herz? — Aber wo ist Dein Verstand? der ist im Bierkruge haͤngen geblieben. So haͤngt er doch noch ir- gend wo, aber wenn man Dich auch an den Gal- gen hinge, so wuͤrde Dein Verstand doch nirgends haͤngen, denn solchen Schimpf wird sich, was nur einen Funken Verstand hat, doch wohl nimmermehr selber anthun, daß es in Deinem Dummkopf eine Herberge suchte. Lieben Leute, vertragt Euch doch friedlich, da Ihr alle von einem Biere getrunken habt, solltet Ihr billig alle auch einerlei Gesinnung hegen. Nimmermehr will ich mir einen solchen Schimpf anthun lassen, vollends wenn ich aus der Tabagie komme. Die verkehrte Welt . Lieber moͤcht ich ohne wei- tre Umstaͤnde ein Esel seyn. Oben an und nirgend hin- aus, so ist es mit dem Brauer, und drum sucht er auch immer den Hopfen zu sparen. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung sollten wir gleich wacker auf ihn zu schlagen. Schon deswegen weil er ein Brauer ist. Wie lange quaͤlt er nicht die arme Gerste, bis sie sich von ihm zu Bier machen laͤßt. Das hatt ich vergessen! Gut, daß Ihr mich zur rechten Zeit erinnert. Er soll nicht leben bleiben. Es waͤre uͤbel gethan, wenn wir irgend einen Brauer leben ließen. — (sie fallen uͤber ihn her.) Schuͤtzt die Braugerechtigkeit! — Huͤlfe von wegen der Obrigkeit! Skaramuz reitet auf seinem Esel herein. Was giebts hier, Leute? — Ins Teufels und in der Obrigkeit Namen, haltet Friede! — he! Wache! Die Wache kommt. Bringt die Leute aus einander. — Was hats denn gegeben? Mein Koͤnig, ich bin ein ruhiger Zweite Abtheilung . Zuschauer gewesen, und kann also am besten da- von urtheilen. Der Brauer ist ganz unschuldig, aber in der poetischen Begeisterung suchten die Gaͤste Haͤndel. Er muß das Bier nicht so stark brauen, sonst gerathen mir meine Untertha- nen doch noch auf die Dithyrambe, und das soll nicht seyn. — Geht nach Hause, lieben Leute, und beruhigt Euch, aus dergleichen Haͤndeln kann doch nichts herauskommen. Warum nicht? Ich frage immer gern, warum? Daß ich ihn nicht mit seinen anstoͤßigen Reden der Hauptwache anvertraue, da soll ihm die Begeisterung bald verrauchen. (Die Gaͤste gehn ab.) Die Musen sollen auftreten. (Er besteigt den Parnaß und setzt sich.) Ich will nur nach Hause gehn. Ich ebenfalls, denn ich muß mei- nen Ofen heitzen. (Sie gehn in den Parnaß hinein.) Die Musen kommen. Seid Ihr alle vollzaͤhlig? Es muß immer genaue Anfrage geschehen, daß mir keine Muse unversehens entwischt, denn die Wis- senschaften muͤssen in ihrer Bluͤthe bei Leibe nicht gestoͤrt werden. — Jetzt singt mir ein Lied. (singen). Unser allergnaͤdigster Monarch ist heut in eigener Person auf seinem Esel zuruͤck gekommen, und hat sich sogleich auf Die verkehrte Welt . die Spitze des Parnasses verfuͤgt, allwo er geruhte, das koͤnigliche Scepter in seine Haͤnde zu nehmen, und damit sein begluͤcktes Land zu regieren. Ihm haben die Unterthanen die neue Brauerei zu ver- danken, er hat uns einen loͤblichen Baͤcker einge- setzt, und der Staat verspricht sich außerdem noch von seiner Weisheit die allervollkommensten Einrich- tungen. Die Unsterblichkeit ist ihm so gewiß, als die Liebe seiner Unterthanen, als die Bewunderung einer staunenden Nachwelt. Kuͤnste und Wissenschaften stehn unter seinem unmittelbaren Schutze, er lebe lange und begluͤcke sein Land noch hundert Jahre mit seiner preiswuͤrdigen Regierung. — Hiebei unent- geltlich eine Beilage. Der Fremde tritt auf. Ich bin aus weiten Landen ge- kommen, um so gluͤcklich zu seyn, Ew. Majestaͤt von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Ja, es ist immer schon der Muͤhe werth, und wenn ichs nicht durch einen gluͤcklichen Zufall selber waͤre, wuͤrde ich mich auch genoͤthigt sehen, Reisen nach mir anzustellen. Sie machen eine Epoche in der Weltgeschichte. O ja, das ist noch meine ge- ringste Kunst. — Von mir schreibt sich eigentlich die Bluͤte der Wissenschaften her, denn ich bin der erste, der den Parnaß urbar gemacht hat. In der That? Und welche Vorurtheile ich dabei Zweite Abtheilung . habe bekaͤmpfen muͤssen! — Ich habe auch die Braue- rei da unten angelegt. O, mein Freund, Sie ha- ben gewiß in der ganzen Fremde dergleichen nicht gesehn. Was sind Sie Ihres Handwerks nach? Ein Arzt. Also doch nuͤtzlich? Ich mag die nuͤtzlichen Leute ungemein gern; denn warum? sie sind nuͤtzlich, und das Nuͤtzlichseyn selbst ist un- gemein nuͤtzlich, folglich zwingt mich meine Ver- nunft zu dieser gegruͤndeten Hochachtung. Aber was seh ich? Ja, ja, eine Baͤckerei ist auch am Parnaß angebracht. Darf ich meinen Augen trauen? Es hat sich schon mancher dar- uͤber gewundert. Seh ich nicht meine geliebte Ka- roline? (hervorstuͤrzend). O Friedrich, bist Du wieder da? Wo hast Du Trauter so lange gesteckt? O welche unvermuthete Zusam- menkunft! Du findest mich als Muse, aber mein Herz ist Dir noch immer getreu. O so sei meine Gattin. Mein On- kel ist gestorben, die reiche Erbschaft ist mir zu- gefallen, ich habe genug fuͤr uns beide, ja weit mehr, als wir brauchen, wenn mir nur Deine Liebe gewiß ist. Die verkehrte Welt . Und Du kannst zweifeln? — Ich will gleich mit Dir gehn. (aufstehend). Halt! halt! was will mir das werden? Nein, meine Freunde, das geht so geschwinde nicht, die Musenkompagnie darf nicht inkomplett werden. Wo sollten wir denn hernach, die tragischen Scenen in unserm Stuͤcke herkriegen, wenn sich Melpomene aus dem Stuͤcke heraus ver- heirathen wollte? Das geht nimmermehr! Grausames Schicksal! Tyrannischer Gott! Hat sich da was tyrannisch und grausam zu seyn. Ich gebe Euch meine Gruͤnde an, denn ich sage: es soll nicht seyn! und darum kanns nicht seyn. Und außerdem bin ich selbst so halb und halb in die Melpomene verliebt, und denke sie vielleicht mit der Zeit zu heirathen. Also, Ihr fremder Kerl, steht nur von Euren un- sinnigen Bewerbungen ab, denn sonst moͤcht es Euch gar zu leicht den Hals kosten. (Geht ab.) So soll ich Dich lassen? So muß ich scheiden? (Die Musen gehn, außer Thalia , ab.) Verlieren Sie den Muth nicht, mein fremder Herr Verliebter, das muß sich alles noch einrichten lassen, wenn uns der Verstand auf dem rechten Fleck sitzt. Aber wie? Kommen Sie nur, wir wollen das ordentlich berathschlagen. Ich biete Ihnen meine Huͤlfe und Klugheit an. Zweite Abtheilung . Brav, Lisette! es wird uns ganz gewiß gelingen. (gehn.) Haͤtt ich doch den Skaramuz in meinem Leben fuͤr keinen solchen Tyrannen gehalten. Sechste Scene . ( Wald .) Apollo, wilde Thiere . Ich bin Ihnen unendlich ver- bunden, Herr Schaͤfer, Sie haben mit Ihrer vor- trefflichen Kunst so lange an mir gezaͤhmt, bis es Ihnen doch gelungen ist, etwas Bildung in mich hinein zu bringen. Ich bin auch gesittet und spuͤre ein ordentliches Verlangen nach den Kuͤnsten in mir, so wie nach guter Gesellschaft. Wenn man mir jetzt eine Pension gaͤbe, wuͤrde ich mich nur wenig mit Wuͤrgen be- schaͤftigen. Ich freue mich, wenn ich Ihnen habe nuͤtzlich seyn koͤnnen. (die Thiere gehn ab.) Aulicus und Myrtill . Herr Schaͤfer, Ihr habt da viele Lasterhafte gebessert, wollt Ihr nicht auch an uns den Versuch machen? Die verkehrte Welt . An meinem Beistande solls nicht fehlen. Dauert die Operation aber lange? denn ich habe nicht viel Zeit uͤbrig. Nachdem Eure Herzen verhaͤrtet sind. Nun, nur immer frisch dran, wir muͤssen doch wohl von der Cultur etwas abbekom- men. Ich will mich nicht von solchem Rhinozeros beschaͤmen lassen. Kommt denn und hoͤrt meine Lieder. (sie gehn ab.) Der Vorhang faͤllt. Auf diese Lieder waͤr' ich wohl begierig. Sie wuͤrden uns gar zu weich machen, und darum ist es wohl besser, daß wir sie nicht hoͤren. Je nun, es ist ein ganz guter Kniff, sich aus der Affaire zu ziehn, daß man sie hinter der Scene spielen laͤßt. Musik . Allegro . In welcher Trunkenheit jauchzt unser Geist, wenn es ihm einst vergoͤnnt ist, tausend wechselnde, bunte, schwebende, tanzende Gestalten zu erblicken, Zweite Abtheilung . die stets erneut und verjuͤngt in ihm aufsteigen. Angeruͤhrt, angelacht von tausendfaͤltiger Liebe wickelt die Seele sich in Lieder von allen Farben und jubelt himmelan, daß das traͤge alltaͤgliche Leben sie lange nicht wieder findet. Wie ein goldner Funke ein Feuerwerk anzuͤndet, daß sich alle Raͤder gluͤhend drehn, und alle Sterne in ihren Kreisen funkeln, die Flamme freiwillig die verschlungenen Linien durchlaͤuft, und alles in bunt- flammende Bewegung treibt, daß das trunkene Auge staunend sich ergoͤtzt, und den Strudel der wechselnden farbigen Flammen mit Entzuͤcken be- trachtet: so ist es mit den wankenden, glaͤnzenden Bildern, die die Freude uns vorfuͤhrt. Ach! was war es, wenn es voruͤber ist? Oder wenn Du es mit kunstrichterlichem Auge siehst? Laß dem magi- schen Feuer seinen Lauf, die wunderliche Stickerei nimmt sich nur auf einem dunkeln Nachtgrunde aus, beim hellen Tageslicht wuͤrde sie nuͤchtern und verlegen mit allen ihren Farben kokettiren. Wißt Ihr denn, was Ihr wollt, die Ihr in allen Dingen den Zusammenhang sucht? Wenn der goldne Wein im Glase blinkt, und der gute Geist von dort in Euch hineinsteigt, wenn Ihr Leben und Seele in doppelter Wirkung empfindet, und alle Schleusen Eures Wesens geoͤffnet sind, durch die das zuruͤckgehaltene Entzuͤcken maͤchtiglich hinbraust, wenn dann die lezten Tiefen, in die noch kein Ton drang, wiederklingen, wenn alles sich in Eine Me- lodie gesellt, und in der Luft verwandte Geister unsichtbare Taͤnze feiern, — was denkt Ihr da, Die verkehrte Welt . und was vermoͤgt Ihr da zu ordnen? Ihr genießt Euch selbst und die harmonische Verwirrung. Ja, koͤnnten wir in dieser Fuͤlle nur immer schwelgen, muͤßten wir nicht auch im Wahnsinn nuͤchtern und maͤßig seyn, um das Holdseligste, Thoͤrichtste, Weiseste in uns selbst nicht zu vernich- ten durch Ueberfaͤlle. Doch heilig seyen mir jene Stunden, in denen ich von der Ambrosia nippen durfte, nie will ich sie in der Erinnerung schmaͤhn, um ihrer werth zu bleiben. Zweite Abtheilung . Dritter Akt . Erste Scene . ( Feld .) Apollo, der Poet . A ufs freie Feld muß ich zu Dir mich fluͤchten, Um ungestoͤrt ein frohes Lied zu dichten, Ich will mich auf den Rasen zu Dir setzen, Nach langer Zeit poetisch mich ergoͤtzen. Was fehlt Dir denn mein allertreuster Freund? Man hat auch dich vertrieben, wie es scheint. Vertrieben nicht, doch mocht' ich dort nicht bleiben, Das wilde Volk hat Deinen Dienst zerstoͤrt, Nichts darf ich mehr im kuͤhnen Schwunge schreiben, Und wenn der holde Wahnsinn mich bethoͤrt, Wenn durch die Adern sich Dein Feuer gießet, Und hoher Klang von meiner Lippe toͤnt, Durch alle Worte lautre Gottheit fließet, Und selber das Gemeinste sich verschoͤnt, So stehn sie da und ihre Augen starren, Und kurz: sie halten mich fuͤr einen Narren. Die verkehrte Welt . Mein Freund, willst Du Dich meinem Dienste weihen, So mußt Du derlei Mißverstand verzeihen; Wer faßt es, was entzuͤckt der Saͤnger spricht? Zur Finsterniß wird Bloͤden helles Licht. Das Feuer was Du willst in ihnen zuͤnden, Mußt Du doch schon in ihrer Asche finden, Und ach! die meisten sind schon ausgebrannt, Noch eh sie Licht und Feuer je gekannt. Ich wundre mich, daß dies den Mißmuth weckt, Und Dich aus Deiner heitern Laune neckt; Nein, solltest Du durch boͤse Schickung allen An einem schlimmen Tage einst gefallen, Dann komm zu dieser Flur zuruͤck und sage Mir Deine große, hoͤchst gerechte Klage. Beschaͤmt und stolz geh' ich zur Stadt zuruͤck, Getroͤstet hat mich dieser Augenblick. Es muß, mein Freund in diesem ird'schen Leben Auch hin und wieder truͤbe Stunden geben, Sonst geht es Euch, ihr Menschen, gar zu gut, Und das verdirbt den allerkuͤhnsten Muth. Seht, Herr Poet, ich bin ja selbst ein Gott, Und diene meinen Feinden doch zum Spott, Geschieht das mir zur Strafe meiner Suͤnden, Moͤgt Ihr Euch um so eh'r zurechte finden. (sie gehn.) Zweite Abtheilung . Zweite Scene . ( Parnaß .) Skaramuz oben, Bediente naͤher, Volk unten, die Musen . Giebts heute was Neues? Nichts eben, als daß mehrere Studenten von der Universitaͤt gekommen sind, die den Wunsch hegen, sich examiniren zu lassen, um brauchbar zu werden. Laßt sie vorkommen. Loͤwe, Tiger und die uͤbrigen wilden Thiere wer- den hereingefuͤhrt. So ein Student hat doch immer ein munteres Wesen. Das macht die freie Lebensart, und sie wissen von keinen Sorgen, diese Musensoͤhne. Musensoͤhne? — Was muß ich denn da von Euch hoͤren, Ihr Gesindel von Musen? O gnaͤdigster Apollo, das ist nur so eine hergebrachte Redensart, womit weder den Musen noch den Studenten zu nahe geschieht, so wie man ja auch den Kirchhof, Gottesacker, und die Advokaten, Diener der Gerechtigkeit zu nennen pflegt. An so etwas muͤßt Ihr Euch nicht stoßen, denn unsre Sprache hat außerordentlich viele Sy- nonimen. Skara - Die verkehrte Welt . Es soll eine Grammatik dar- uͤber abgefaßt werden, damit sich die Fremden zu- recht zu finden wissen. — Ihr Herren wollt also nuͤtzlich sein? Ja, mein Koͤnig, wir spuͤren eine unendliche Begierde nach einer guten Besoldung. Nun das ist brav, so werdet Ihr hoffentlich bald brauchbare Staatsbuͤrger wer- den. — Geht und laßt Euch die langen Haare et- was verschneiden, dann sollt Ihr sogleich exami- nirt werden. (Die Studenten gehn ab.) Wißt Ihr, Leute, daß heute mein Geburtstag ist? Ja, mein Koͤnig, ich habe auch deswegen schon die Kanonen auffuͤhren lassen. Nun so schießt sie mir zu Ehren ab. (Eine Salve von Kanonen.) Ungemein gern mag ich die Kanonen sprechen hoͤren, er ist der buͤndigste Vor- trag, er uͤberstimmt jeden andern, man kann we- der ein eigenes noch ein fremdes Wort dabei hoͤren. — Musen, habt Ihr Euch zur Feyer meines Ge- burtstages ausgeruͤstet? Allerdings, erhabner Apollo, wir werden an diesem wichtigen Tage ein Schau- spiel auffuͤhren, welches wir einstudirt haben. So ist es recht, ich will mich einmal heut Abend recht von meinen Geschaͤften erholen. (sie gehn ab.) II. [ 20 ] Zweite Abtheilung . Dritte Scene . ( Feld, in der Ferne ein Pallast .) Admet . Alceste . So sind wir denn gezwungen fort zu wandern, Die suͤße Heimath zu verlassen, alles Was mein war, ist mir grausam nun entrissen; Durch fremdes Elend zieht sich unsre Bahn, Und daß Du, theure Gattin, mit mir leidest, Ist meiner schweren Leiden groͤßre Haͤlfte. Dem Manne muß die treue Gattin folgen, Nicht bloß zur Lust ward ich Dir zugesellt, Denn mir gehoͤrt wie Dir Dein Leid und Gluͤck. Wie hold das Abendroth den Thurm beglaͤnzt, Daß alle Zinnen purpurroth erfunkeln, Und sieh, ein praͤchtiger Regenbogen kraͤnzt Den Pallast, und er leuchtet hell im Dunkeln, Die Bienen sumsen nun der Heimath zu, Die Nachtigall laͤßt ihre Lieder klingen, Nur wir, wir Armen, finden keine Ruh; Das Gluͤck entfloh auf blitzesschnellen Schwingen, Das falsche, tuͤckische, erboßte Gluͤck, Und ließ als Beute uns dem Feind zuruͤck. Die verkehrte Welt . Apollo kommt. Gehst Du noch so spaͤt spazieren, mein Koͤnig? Hat sich was spazieren zu gehn. Du verstehst Dich sehr schlecht auf die Menschen- kenntniß, mein Freund. Sieht man wohl so aus, wenn man spazieren geht? Was beginnt Ihr also? Vertrieben sind wir, arme Fluͤcht- linge sind wir, unser Haab und Gut hat man uns genommen, nichts als diesen Wanderstab hat man uns gelassen; elende Emigranten sind wir. Aber wie ist denn das so schnell ge- kommen? Du fragst noch? Seit ich Dich, ruchlosen Schaͤfer aufgenommen habe, ist mir nichts als Ungluͤck begegnet. Wer weiß, was fuͤr Bos- heiten hinter Dir stecken. Der maͤchtige Apollo hat mich vertrieben. Du Schaͤndlicher, kamst als ein Landstreicher zu uns, und wir vertrauten Dir un- sre Heerden an, ist das nun Dein Dank? Aber welche Schuld kann man mir denn geben? Einer muß doch Schuld seyn, und da duͤnkt es mir am wahrscheinlichsten, daß alles an Dir liegt, denn sonst wuͤßt ich mich auf gar Niemand zu besinnen. Ich schwoͤre Euch — Schwoͤre nur nicht, Du Meineidiger! Zweite Abtheilung . Eure Leidenschaft spricht noch aus Euch, und deshalb seid Ihr unbillig gegen mich; lebt wohl, wir sprechen uns wohl ein andermal wie- der, denn jetzt seid Ihr nicht aufgelegt. (geht ab.) Nicht aufgelegt? Was kann er da- mit meinen? Ich fuͤrchte, das da ist ein boͤser Bube, ein Satiriker, der immer Personalitaͤten mit einmengt. — Nicht aufgelegt? Ei, ich bin noch in meinem Leben nicht aufgelegt gewesen. — Sage mir, theuerste Gattin, warum habe ich ihm nicht gleich den Kopf entzwei geschlagen? Er war so klug, sehr eilig zu entweichen, Drum konnte deine Hand ihn nicht erreichen, Doch troͤste Dich, mein Gatte, nimm die Schmerzen Nicht ohne Noth zu heftig Dir zu Herzen, Nach Winter koͤmmt der Lenz, und gluͤcklich wenden Die Maͤchte, was sie jetzt als Jammer senden. Ja, beste Gattin, ich will mich bequemen, Und, was ich sonst nicht thu, Vernunft annehmen. Wir wollen unser Elend standhaft dulden, Es sei uns Trost, daß wir es nicht verschulden. Du bist jetzt, Theure, Hofnung mir und Labe, Drum ließ mir ja das Gluͤck die schoͤnste Gabe, Wir steigen willig von des Thrones Stufen, Zur Buͤrgertugend werden wir gerufen, Und schmerzlos seh ich auf den Glanz zuruͤck, Er wandelt sich in ein Familienstuͤck, Die verkehrte Welt . Wir duͤrfen auf den Beifall sichrer zaͤhlen. Als wenn wir uns mit Kron und Scepter quaͤlen. (Sie gehn ab.) O große Menschheit! Ich bitt Euch, Leute, — es sind da Sachen in dem Stuͤck, — ich sage Euch nur so viel, — sie sind ganz ungemein. Was man doch jetzt immer zur großen Denkungsart angefuͤhrt wird! — Ja, das klingt anders, als ehemals. (ein Zuschauer.) Es muß morgen wie- der seyn, und dann bringe ich alle meine Kinder her. Vierte Scene . ( Stadt . — Große Illumination . — Der Namens- zug des Skaramuz brennt an allen Fenstern.) Herrlich! herrlich! Jetzt hat es der Gruͤnhelm gut, der sich dem Theater gewidmet hat, er kann das alles recht in der Naͤhe besehn. Wenn es nicht des Aufsehens wegen waͤre, so stieg ich auch hinauf. ( Wagen fahren voruͤber, und aus dem Schlage ruft man: O wie praͤchtig!) Skaramuz auf seinen Esel, Gefolge. Was ist das da fuͤr ein Name? Zweite Abtheilung . Der Ihrige, mein Koͤnig. Laßt mir einmal den Maschi- nisten kommen, der das Zeug eingerichtet hat. Maschinist tritt auf. Ich bin Ew. Majestaͤt unwuͤr- diger Diener. Ich sehe, Er kann mehr als donnern und blitzen, es ist mir lieb, daß Er sich auf mancherlei applicirt hat. Fahre Er so fort, und es wird ihm nicht fehlen, sich großen Glanz zu veranstalten. (ab.) (gegen das Parterr). Die ganze Er- leuchtung ist im Grunde zum Vergnuͤgen eines ver- ehrungswuͤrdigen Publikums eingerichtet, und der einfaͤltige Skaramuz bildet sich ein, es sey seinet- wegen geschehn; aber wir wollen ihm davon nichts merken lassen, sonst ist ihn die ganze Freude mit seinem Geburtstage verdorben. (ab.) Es ist auch wahr, es ist bloß un- sertwegen, aber ich waͤre in meinem Leben nicht darauf gekommen. Baͤcker und Brauer kommen. Sieh, Gevatter, das nenn ich mir eine Illumination. Ja, etwas anders kann es auch durchaus nicht vorstellen. Warum nicht? Je, Mann, das sind ja lauter Die verkehrte Welt . Lampen, und wo Lampen sind, da ist auch die Illumination nicht weit. Koͤnnt Ihr darauf schwoͤren? Das nun wohl nicht, aber alle Leute sagen es doch so. Ja, wenn man alles glauben wollte, was die Leute sagen, da waͤre einem uͤbel gerathen, Das ist wohl wahr, aber das scheint mir noch immer eine Illumination zu seyn. Eine alte Frau mit einer Laterne. Lieben Leute, ich suche schon die ganze Stadt durch; koͤnnt Ihr mir nicht sagen, wo das Feuerwerk ist? Je, da haͤngt es ja. Ach, das hab ich schon lange gesehn. — Aber, das ist wahr, es ist praͤchtig. Es ist ja kein Feuerwerk. Seht, das koͤmmt so auf eine Manier heraus, und darum kann mans auch so nennen. Also ist es doch noch ungewiß, ob ich recht bin? Ins Teufels Namen, nein, das ist es ja. Aber ich muß es doch gewiß wissen, sonst kann ichs ja nicht mit Seelenruhe genießen. Seht, da kommt eine große Mas- kerade. (Gefolge von Reitern in allerhand Masken: einige als Ritter, andre als Mohren, einer ist der Tod, ihm folgen einige Teufel.) Zweite Abtheilung . Gott steh' uns bei, das war schoͤn! Praͤchtig, und Philosophie liegt drinn, ich versichre Euch, Salz. Und der Satan war mitten drunter. Alles unserm Koͤnige zu Ehren. Die Gaͤste kommen. Munter! munter! das heiß' ich einen froͤhlichen Abend! So lustig sind wir lange nicht gewesen. Und werdens lange nicht wieder seyn. Kommt! kommt! wir wollen weiter, wir muͤssen auch die Maskerade sehn! (alle ab.) Fuͤnfte Scene . (Saal, mit einem Theater.) Gruͤnhelm. Der Fremde . Aber glaubst Du, daß es gelingen wird? Ich gebe Ihnen mein Ehren- wort. Machen Sie sich nur keine unnoͤthige Be- denklichkeiten. Wird er dadurch geruͤhrt werden? Er muß. Meine Hofnung beruht immer noch auf einem sehr unsichern Grunde. Die verkehrte Welt . Der Grund ist sicher genug, wenn Sie nur sichrer waͤren. Ich verlasse mich ganz auf Dich. Thalia koͤmmt. Nun, meine Freunde, seyd Ihr zur Comoͤdie ganz eingerichtet? Ich bin immer dazu fertig, aber der erste Liebhaber da hat noch Zweifel. Das ist unrecht, Sie werden sehn, daß alles sehr schoͤn ablaufen wird. Ich zittre. Das macht die Entwicklung um so interessanter. Die Zuschauer kommen schon. (sie gehen.) Trompeten. Skaramuz von seinem Hofe begleitet. Wir wollen uns setzen, jeder nach seinem Stande. Ich werde auf diese Art wohl der Vornehmste hier seyn. (Sie setzen sich, der Vorhang des Theaters wird aufgezogen, welches einen Garten vorstellt.) Gruͤnhelm als Prologus. Woher soll Poesie die kuͤhnsten Bilder greifen, Durch welches ferne Land der dunkeln Traͤume streifen, Um allenthalben Blum' und Weihrauch abzupfluͤcken, Und Deinen Namen so nach Wuͤrden auszuschmuͤcken? Die Wahrheit selbst wird stumm, Erfindung zittert blaß, Der Danaiden Chor fuͤllt eher noch ihr Faß, Zweite Abtheilung . Ja Tantalus wird wohl den Apfel noch erschnappen, Und Sisyphus den Stein in seinem Fall ertappen, Eh' es dem Menschengeist nach seinem Wunsch ge- lingt, Daß er Dein ganzes Lob aus voller Kehle singt. Wohl mag sich Pegasus im hoͤchsten Aether baden, Doch wenn er will dein Lob auf seinen Ruͤcken laden, Ja Herkules dazu, das glaubt mir auf mein Wort, Sie werden beide lahm, sie bringen es nicht fort: Und doch ist dieser Mann der Staͤrkst' im Land gewesen, Und hatte Kraft genug den Atlas abzuloͤsen; Auch wenn die Musen neun sich alle fuͤgen sollten, Daß sie Dein Lob im Chor poetisch singen wollten: So bist Du Musengott, die Musen dienen Dir, Und Dichtkunst hat durch Dich erst ihre wahre Zier. Darum versuchen wir, im stummberedten Schweigen, Wie wir Dir huldigen, am besten noch zu zeigen. Drum, wer nur schweigen kann, erhebe heut Dich laut, Bis nach Monduntergang die Morgendaͤmmrung graut. Sieh denn auf unser Herz und nicht auf unser Maul, So mehr jens thaͤtig ist, so mehr erscheint dies faul. (Verbeugung, geht ab.) Das war gut. Man hat mich lange nicht so zweckmaͤßig gelobt. — Wer hat das gemacht? Die verkehrte Welt . Der Hofpoet koͤmmt. Ihro Majestaͤt, ich habe nur im Namen aller Ihrer getreuen Unterthanen gesprochen. Denken so alle meine Unter- thanen von mir? Wer es anders meint, ist ein Hochverraͤther. Das ist Recht. Da habt Ihr Geld, fahrt so fort. Gebt Acht auf alles Große, was ich thue, besonders wenn ich mit jedem Tage immer vortrefflicher werde. Ich sage Euch, laßt mich nicht aus den Augen, denn es ist sehr viel an mir zu beobachten. Wenn es Ihro Majestaͤt erlauben, so werde ich es nicht unterlassen. (geht ab.) Ein Vater tritt auf mit einem jungen Men- schen . (Der junge Mensch ist der Fremde .) Mein lieber junger Mensch, ich habe Dich, wie du weißt, an Kindes Statt angenommen, da Deine armen Eltern schon in Deiner Jugend starben; ich habe Dich erzogen, ich habe Dich in allen Kuͤnsten und Wissenschaften unterrichten lassen, dafuͤr mußt Du huͤbsch dankbar seyn: nun sage mir also, warum bist du seit einiger Zeit immer so traurig? Man hat sich nicht immer in seiner Gewalt, Verehrungswuͤrdiger. Wer ist der junge Mensch? Er koͤmmt mir so bekannt vor. Zweite Abtheilung . Es ist der fremde Doktor, der kuͤrzlich nur angekommen ist. Und der spielt nun schon in der Stadt Comoͤdie? — Das geht geschwinde, ihm wird es an einer guten Praxis niemals fehlen. Sey heute wenigstens froͤlich, sieh, meine Tochter und meine uͤbrigen Verwandten sind es so sehr. Heute ist mein Geburtstag, da moͤcht' ich gern lauter froͤhliche Gesichter sehn. Des Menschen Geburtstag ist heute auch? Das trifft sich ja wunderbar. Vermuthlich nur eine ruͤh- rende und witzige Anspielung, mein Koͤnig, denn was da vorgestellt wird, ist nichts Wirkliches, es ist nur ein Schauspiel. Es ist wahr, das hatt' ich ganz vergessen. Leute, bedenkt einmal, wie wun- derbar! Wir sind hier die Zuschauer, und dorten sitzen die Leute nun auch als Zuschauer. Es steckt immer so ein Stuͤck im andern. Ja, ich will an diesem schoͤnen Tage froͤhlich seyn, Sie sollen kein trauriges Gesicht zu sehn bekommen. Meine Tochter hat mir gesagt, daß Ihr mir ein kleines Stuͤck auffuͤhren wollt: hast Du denn auch eine Rolle darinu? (seufzend) O ja. Woruͤber seufzest Du wieder? Du hast mir so eben angelobt, daß Du froͤlich seyn Die verkehrte Welt . wolltest. Was fehlt Dir? Entdecke Dich mir, ich will Dir helfen, wenn ich kann. Ach, mein Vater! Sprich. Ich kann nicht. Du solltest Vertrauen zu mir haben. Jetzt muß ich Dich verlassen, meine Gaͤste werden gleich kommen. (geht ab.) Fuͤr welches Schauspiel soll man sich nun interessiren? Fuͤr das vorige, oder fuͤr das, das jetzt aufgefuͤhrt wird? Eine verflucht spitzfindige Frage. Am besten ist es, man interessirt sich nur so in den Tag hinein, oder fuͤr keins von beiden. Nein, ich kann ihm meine Liebe nicht entdecken. Er wuͤrde mir niemals seine Tochter bewilligen, und eine abschlaͤgige Antwort koͤnnte ich nicht uͤberleben. Und doch muß es sich heut noch entscheiden! Melpomene tritt als Emilie auf. Find' ich Dich wieder in Thraͤnen? Und wie anders, theuerste Emilie? So eben habe ich Deinen Vater gesprochen. Nun? Er war wie immer, sehr guͤtig gegen mich, das Bekenntniß meiner Liebe schwebte schon auf meinen Lippen, aber die Beson- nenheit hinderte mich noch, unvorsichtig zu seyn. Ich denke, daß wir ihn durch unser Zweite Abtheilung . kleines Stuͤck uͤberraschen und ruͤhren wollen, und uns so den Weg zu unserm Gestaͤndnisse bahnen. O liebe Emilie, das quaͤlt mich eben. Ist unser Projekt, ja ich mag es wohl so nennen, unser Hinterhalt, nicht eine Entweihung dieses Tages? Wir wollen ihm durch ein Schauspiel Freude machen, und wir benutzen dieses Schauspiel uns und unsre Situation darzustellen. Gerade an dem heutigen Tage sollten wir am wenigsten fuͤr uns zu handeln suchen, und ich brauche grade diesen Tag als ein Mittel, um mich gluͤcklich zu machen. Du hast eine eigene Gabe, die Sachen zu ernsthaft, und eben darum unrecht zu nehmen. Unsre Verbindung wird ihn auch gluͤck- lich machen, auch hat er uns noch keine Veranlas- sung gegeben, zu glauben, daß er unsre Liebe miß- billigen wuͤrde, wenn er sie kennte. Wie beneid' ich Dich um diesen maͤnnlichen Muth. Wenn er maͤnnlich ist, so schaͤme Dich, daß Du ihn nicht hast. Thalia als Lisette . Die Fremden sind schon angekommen, Ihr Herr Vater komplimentirt sich mit ihnen sehr weitlaͤufig. Wer sind sie denn. Erstlich ist da, die dicke Frau, die Sie aus der Taufe gehoben hat, eine Frau, die alles verachtet, was nicht so dick und reich ist, als sie selbst; dann der Graf Sternheim, der bei jedem Die verkehrte Welt . dritten Worte inne haͤlt, um sich auf den Zusam- menhang zu besinnen und desto gewisser aus dem Zusammenhange zu kommen, dieser hat alle seine Bedienten und sogar seinen Narren mitgebracht; dann der Baron Fuchsheim, der mehr hustet als spricht, und mehr spricht als denkt. Die uͤbrigen kenne ich nicht, sie scheinen aber von keiner sonder- lichen Bedeutung zu seyn. So wollen wir nur gehen, um unser Theater einzurichten. — Komm, mein Freund. Ich folge mit Zittern. (gehn ab.) Der Vater, Graf Sternheim, Baron Fuchsheim, die dicke Frau, andre Gaͤste, Bediente, Gruͤnhelm als Narr , treten ein. Seyn mir nochmals von ganzem Herzen willkommen, und nehmen Sie mit diesem herzlichen Willkommen vorlieb, denn er ist das Beste, was ich Ihnen geben kann. Gehorsamster — bitte, — wissen schon, — bitte — Uns ist Ihre Galanterie schon aus alten Zeiten bekannt, und Sie haben darin gewiß noch mehr Fortschritte gemacht. Gut Obst scheinen's hier be- sitzen zu thun, — schoͤnen Blumenkohl, — aller- liebste Aprikosen, — aber einen Narren hab' ich doch selber mitgebracht, — den den trifft man hier nicht an. Zweite Abtheilung . Ich habe Sie mitgenommen, Herr Graf, und das will ich beschwoͤren. Ist es nicht ein guter Esels- kopf? — Er sagt mir immer praͤchtige Grobheiten. Und der Graf sagt mir herrliche Wahr- heiten, denn er sagt mir nichts, und es ist eine Wahrheit, daß er nichts ist und daß er nichts zu sagen weiß. Confuse, ein ungeordneter Ver- stand, — aber gute Anlagen. (lachend.) Gute Anlagen zu einem Narren, — ja, ja, — dafuͤr sind seine Anlagen gut genug. Wissen Sie denn, was ein vollkom- mener Narr zu bedeuten hat? Dazu halt' ich Dich ja, Narr, damit ich das bestaͤndig wissen moͤge. Der Geschmack ist verschieden, ich halte mir lieber einen Grafen. Er darf mir alles bieten, weil er nemlich nur ein Narr ist. Ich muß mir auch einen an- schaffen. Wo hat man die beste Sorte? Sie gerathen nicht in jedem Jahre gleich gut, manchmal ist ein ordentlicher Mißwachs, — ich habe sie auf meinen Guͤtern als ein Landesprodukt ziehn wollen, — aber sie sind nicht eingeschlagen, — das Klima muß nicht taugen. Wenn man so manchmal seiner Vernunft uͤberdruͤßig wird, so muß ein solcher Narr ein wahrer Leckerbissen seyn. Stern - Die verkehrte Welt . Diesen da hab' ich geerbt, und ich weiß sein Vaterland nicht. Hat er keinen Taufschein? Narren werden gar nicht getauft. Zu welcher Kirche bekennen sie sich denn aber? Sie sind damit zufrieden, daß sie in der Irre wandeln. Sie sollten ihn bekehren lassen. Ei, bei Leibe nicht, da wuͤrde ja ein ordinaͤrer vernuͤnftiger Mensch aus ihm. Sie verkaufen ihn wohl nicht? Nimmermehr, ich will ihn mit ins Grab nehmen. Ei, ganz gehorsamster Diener! das ist eine verfluchte Redensart, um seine Liebe aus- zudruͤcken. Meine Herren, und meine gnaͤdige Frau, ist es Ihnen nicht gefaͤllig, in mein Haus zu treten? (sie gehn ab.) Lisette und der Narr bleiben. Wer sind Sie eigentlich, mein Freund? Aufzuwarten, ein Narr. Das heißt, ein Mann. Aber dies weiß ich schon, ich fragte nur nach Ihrem eigent- lichen Stande. Ich bleibe leider in allen Positionen ein Narr, und wenn Sie mich auch so oft um- wenden, als einen gut gebratnen Krammetsvogel. II. [ 21 ] Zweite Abtheilung . Haben Sie sich auf sonst nichts gelegt? Das ist genug, mein schoͤnes Kind, und mehr als genug. O man hat sein ganzes Le- ben zu studiren, um es darin zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen. Es ist doch Schade um Ihre huͤb- sche Person. Ich war schon vor meiner Geburt ein Narr, sonst haͤtte sich meine unsterbliche Seele gewiß nicht bereden lassen, in diesen sterblichen Koͤrper zu kriechen, und darin ein so kauderwel- sches Leben zu fuͤhren. Sie druͤcken sich sehr angenehm aus. Ich schuͤttle die Worte zwischen den Zaͤhnen herum, und werfe sie dann dreist und gleichguͤltig wie Wuͤrfel heraus. Glauben Sie mir, es geraͤth dem Menschen selten, alle Sechse zu werfen, er mag nun besonnen oder unbeson- nen spielen. Sie sprechen kluͤger, als Ihr Herr. Und Sie gefallen mir mehr als Ihre Gebieterin. Ich glaube, Sie muͤßten sich noch bessern koͤnnen. Ich glaube, ich wuͤrde Sie lieben lernen. Sie sind schon auf dem bessern Wege. Und doch fang ich nur an, ein noch groͤßerer Narr zu werden; o wenn Sie mich in meiner allerhoͤchsten Raserei sehen sollten, Sie wuͤr- den entzuͤckt seyn. Die verkehrte Welt . Ich moͤchte es schon darauf wagen. Was meinen Sie, zum Exempel, von der Anbetung? Wen wollen Sie anbeten? Sie, meine Goͤttin. O mein Herr, fuͤr eine Goͤttin bin ich wohl etwas zu schlecht. Im Gegentheil, Allerglorreichste, viel zu gut, man kann in unsern Tagen fast nichts Er- baͤrmlichers seyn, als eine Goͤttin. Wie ist das gekommen? Das muͤssen Sie die weisen Leute fragen, ich darf das Geheimniß nicht verrathen; Weise und Thoren, thoͤrichte Weise, und weise Narren haben die Weiber mit vieler Muͤhe zu Goͤttinnen erhoben, um sie recht bequem schlecht zu machen, denn seitdem sind sie keine taube Nuß mehr werth. Sie lieben mich also vielleicht? O dies himmlische Vielleicht laͤßt mir noch einige Hofnung uͤbrig, daß Sie noch nicht so ganz in mich vernarrt sind — Und wenn ich es nun waͤre? So saͤh ich mich ja genoͤthigt, vor Entzuͤcken zu Ihren Fuͤßen zu sterben. Das will ich mir verbitten. Welches Opfer befehlen Sie denn also, das ich Ihnen zum Zeichen meiner aufrich- tigen Liebe bringen soll? Heirathen Sie mich. Zweite Abtheilung . Heirathen! — Ich weiß nicht, ob ich recht gehoͤrt habe. — Heirathen , sagten Sie? Nun freilich, kein andres Wort, wenn ich bei Verstande bin. Sie wollten also einen Ehemann aus mir machen? — Das ist schrecklich! Wie denn so? Weil Sie mich dann in eine Art von Narrheit einweihen, gegen die meine jetzige kaum fuͤr einen Anfangsgrund zu rechnen ist. Kommen Sie hinein. Ich bin der Ihrige. Ich halte Sie beim Wort. (sie gehn.) Ist das Zeug da witzig? Es wird wenigstens dafuͤr ausgegeben, und man muß also den guten Willen schaͤtzen. Es ist von einem Unterthanen, das Stuͤck da? Allerdings. So ist es doch wenigstens keine Contrebande, sondern ein einheimisches Fabrikat. (Saal mit einem kleinen Privat-Theater.) Der Vater und die Gaͤste kommen. Setzen Sie sich allerseits, man hat uns hier ein kleines Schauspiel veranstaltet, ich denke, daß der Vorhang sogleich aufgehen wird. Die verkehrte Welt . Floͤten, der Vorhang des Theaters hebt sich, das einen schoͤnen Garten darstellt. Ein Schaͤfer und eine Schaͤferin . Willst Du nimmer mich erhoͤren? Nein, Du willst mein Herz bethoͤren. Nein, ich will Dich lieben lehren. Lieb' ist Thorheit, will ich schwoͤren. O Liebe, Die Triebe, Dies Sinnen, Dies Trachten, Mit zaͤrtlichem Schmachten Das Herz zu gewinnen, Nein glaub wie ich schwoͤre, Wenn ich Dich bethoͤre, So strafen die Goͤtter Im raͤchenden Wetter Den frevelnden Schwur. Ich hoͤre Die Lehre Und schwoͤre, Bei jeglichem Sterne In blaͤulicher Ferne, Beim schimmernden Licht: Zweite Abtheilung . Ich liebte seit lange, Die Brust klopfte bange, Du liebtest mich nicht; Kommt raͤchende Wetter Und straft mich, ihre Goͤtter, Ist falsch dieser Schwur. Im Fruͤhlingsglanze schimmert Wald und Flur, Und Liebe leuchtet und flimmert Und waltet beseelend in der ganzen Natur. (sie gehn ab.) Das war wenig, aber gut, und so lieb ichs. Melpomene oder Emilie tritt als Laura auf. Durch die bunten Rosenhecken Flattern Schmetterlinge hin, Muntre Lerchentoͤne wecken Schon die Tageskoͤnigin. Immer wach sind meine Sorgen, Nimmer ruht dies treue Herz, Und ein jeder rothe Morgen Findet meinen regen Schmerz. Wollt Ihr mich der Qual entbinden? Hoͤrt Ihr, Goͤtter, mein Gebet? Kann ich nie die Ruhe finden, Die mein Herz von Euch ersieht? Ich sah Fernando bleich in meinen Traͤumen, Und o, wie sehnt sich nun mein schlagend Herz, Die verkehrte Welt . Mein liebend banges Auge ihn zu treffen. — Ach, warum ist die Liebe immer krank Und eingeengt? Nur Leid erkauft die Wonne, Und Wochen Grams den frohen Augenblick. Wie? Ist denn dies die Satzung der Natur? Trifft mich und ihn nur dieses harte Loos? Ach Leben, wie waͤrst Du so reizend schoͤn, Wenn Du nicht unsern allzu zarten Haͤnden Fuͤr eine Rose tausend Dornen reichtest; Wenn wir mit Sicherheit den Pfad hinunter Spazieren koͤnnen, uͤberzeugt, bebluͤmte Gefilde anzutreffen, muntre Quellen, Und kuͤhle Schatten unter Myrtenbaͤumen. Doch sorgsam pruͤfend setzen wir den Fuß, Auch wenn der Weg im Anfang freundlich scheint; Fuͤhrt er uns wohl in dunkle schwarze Waͤlder? Vielleicht zu schroffen, abgelegnen Klippen? Wird auch die Liebe immer mit uns gehn? So zagen wir und zweifeln, und vergessen Im Zweifel selbst die holde Gegenwart, Die, ach! so fluͤchtig eilet, zu genießen, Der Fremde oder der junge Mensch tritt als Fernando auf. Du bist schon fruͤh im Garten, meine Liebe. Ich habe meine Liebe hier erwartet. O Du beschaͤmst die muntre Morgenroͤthe. Und selber Dich, Fernando, lieber Freund. Zweite Abtheilung . Kein Schlummer wollte mich die Nacht besu- chen, Die Sorgen saßen mit den greisen Haͤuptern An meinem Bett und hielten stets mich wach; Da sah ich bange ahndend truͤbe Zukunft, Von keinem fluͤchtgen Sonnenstrahl erhellt, Da war die weite, wuͤste Dunkelheit, Mit allen ihren Schrecken, holde Liebe, Ja selbst die Hofnung floh: da lag Nur ewge, traͤge Gegenwart, kein Schwung Trieb rascher um die jammervolle Zeit. Am Morgen fielen matt die Augen zu, Da wandelte mein Geist zu Blumenbeeten, Und suchte Trost bei bunten Fruͤhlingskindern, Wie Regenbogen war Dein suͤßer Name Mit Liebe schuͤtzend uͤber mir gespannt, Und ihn umspielten Choͤre lichter Engel, Die gleich den Aeolsglocken Toͤne sangen, Von ewger Liebe und von Kuͤssen sprachen, Daß weit umher abwaͤrts die Winde blieben, Und sich ein Wohllaut durch den Himmel goß, Mit Toͤnen, die nur Laura jedem Stern Entgegen jauchzten: da erwacht ich schnell, Mir war, Du riefst, da starb die Melodie. Und bist fuͤr meinen Gruß und Kuß erwacht. Und bleich und krank ist nun mein Traumgesicht. Fernando! liebst Du mich aus treuem Herzen? Die verkehrte Welt . (knieend). O koͤnnt ich ohne Treue, Liebste, lieben? Claudio, der Vater tritt auf. Wie Boͤsewicht? Mein Vater! Undankbare! O Kinder, macht der Comoͤdie ein Ende, der Vater ist gar zu grausam, ich wuͤrde gleich meine Einwilligung geben. Ich auch, denn mich faͤngt an zu hungern. (hinuntersteigend, dem Vater zu Fuͤßen). Ihren Seegen also, mein Vater. Nein, Emilie, dorthin. (Sie knieen vor Skaramuz.) Wie? Was? Was ist denn? Ihre Einwilligung, mein Apol- lo, geben Sie mich frei, ich mag nicht laͤnger Muse seyn. Also war das Ganze nur eine eigentliche Comoͤdie? Ja, Ihro Majestaͤt. Nun, weil Ihr mich geruͤhrt habt, und weil ich gerade bei guter Laune bin, so moͤgt Ihr einander heirathen. Es ist aber eine wunderliche Sache, die Melpomene verlaͤßt das Theater, dort werden wir also keine Leichen mehr Zweite Abtheilung . sehn; aber sie heirathet dafuͤr einen Doktor — ich weiß nicht was schlimmer ist. Herr Koͤnig, ich wollte auch gern heirathen. Wen denn? Da ist so eine Art Narr, im ge- meinen Leben Gruͤnhelm genannt. Ja, Ihro Majestaͤt, ich bin des ledigen Standes uͤberdruͤßig. In Gottes Namen. Aber so faͤllt ja auch unser Lustspiel uͤber den Haufen. — Nehmt einander, und quaͤlt Euch recht. (alle gehn ab.) (Ein großes Getuͤmmel unter den Zuschauern.) Ei! ei! wie ist denn ein solches Ding zu begreifen? Es thaͤte Noth, daß man sich einen eisernen Reifen um den Kopf legen ließe, um es auszuhalten. Es ist gar zu toll. Seht, Leute, wir sitzen hier als Zuschauer und sehn ein Stuͤck; in jenem Stuͤck sitzen wieder Zuschauer und sehn ein Stuͤck, und in jenem dritten Stuͤck wird jenen dritten Akteurs wieder ein Stuͤck vorgespielt. Ich habe nichts gesagt, aber um nur zur Ruhe zu kommen, haͤtt' ich mich gern aus meinem jetzigen Zuschauerstande in die letzte versi- ficirte Comoͤdie als Akteur hineingefluͤchtet. Je weiter ab vom Zuschauer, je besser. Nun denkt Euch, Leute, wie Die verkehrte Welt . es moͤglich ist, daß wir wieder Akteurs in irgend einem Stuͤcke waͤren, und einer saͤhe nun das Zeug so alles durch einander! Das waͤre doch die Con- fusion aller Confusionen. Wir sind noch gluͤcklich, daß wir nicht in dieser bedauernswuͤrdigen Lage sind, denn es waͤre nachher kaum moͤglich, sich auf gelinde Weise wieder in seinen allerersten vernuͤnfti- gen Zustand zuruͤck bringen zu lassen, ich fuͤrchte, man muͤßte mit Pulver wieder hinein gesprengt werden. Man traͤumt oft auf aͤhnliche Weise, und es ist erschrecklich; auch manche Gedan- ken spinnen und spinnen sich auf solche Art immer weiter und weiter ins Innere hinein. Beides ist auch, um toll zu werden. Musik . Rondo . Wie sagte doch jener Bauer, als er die Pflau- men schon zur Suppe essen sollte? ja: darinn ist kein Verstand! So oft sich der Philosoph verwundern muß, so oft er ein Ding nicht begreift, (und das geschieht meist, weil es zu seinem Systeme nicht paßt, denn außerdem wuͤrde ihm die Sache nicht so fremd seyn, vielleicht waͤre ihm der Gedanke ganz natuͤrlich) so ruft er aus: darinn ist kein Verstand! Zweite Abtheilung . Ja der Verstand, wenn er sich recht auf den Grund kommen will, wenn er sein eignes Wesen bis ins Innerste erforscht, und sich nun selbst be- obachtet und beobachtend vor sich liegen hat, sagt: darinn ist kein Verstand. Nicht wahr, es ist am bequemsten, das Denken ganz aufzugeben? das thun auch die meisten, ohne es zu wissen. Doch wer mit Vernunft die Ver- nunft vernichtet, ist dadurch wieder vernuͤnftig. Daß nur keiner sagt: darinn ist kein Verstand. Manche Verse sind toll gewordene Prose, manche Prose ist gichtlahmer Vers, was zwischen Poesie und Prosa liegt, ist auch nicht das Beste, — o Musik! wohin willst du? Nicht wahr, du gestehst es zu: in Dir ist kein Verstand. Wozu sollen diese Gedanken? Wozu soll der- gleichen Musik? Wozu sollen dergleichen historische Schauspiele? Wozu soll am Ende die ganze Welt? Wozu sollen aber auch solche Fragen? In ihnen steckt kein Verstand. Von der Muͤcke bis zum Elephanten ist alles zunaͤchst um sein Selbstwillen da, des Menschen zu geschweigen; so sollte es nicht auch mit Gedanken seyn, die fruͤher sind als ihre Anwendung? Nicht ebenfalls mit Laune und Kunst und Lachen aus einer verkehrten Welt? Verkehrt sie nur noch ein- mal, so kehrt ihr die rechte Seite heraus, und Ihr sagt dann nicht: darinn ist kein Verstand. Die verkehrte Welt . Vierter Akt . Erste Scene . ( Gerichtssaal .) Skaramuz, Raͤthe . Meine Herren, Sie sind doch noch immer uͤberzeugt, daß ich mein Land gluͤcklich mache? Durchaus, Ihro Majestaͤt koͤnnen gar nicht anders. Wir muͤssen unermuͤdet fort- fahren, die Sitten des Landes umzuarbeiten. Alle ehemalige Barbarei muß man mit Stumpf und Stiel ausrotten, daß auch kein Gebein davon uͤbrig bleibt. Allerdings, man muß nicht nur das auf- geschossene Unkraut ausjaͤten, sondern auch nach dem kleinen sehn, damit nichts zur Saat stehn bleibe. So ist auch mein Wille. Das Verfeinern und Cultiviren der Leute kommt doch so ziemlich in den Gang. — Jetzt laßt die Parteien vortreten. Ein Schriftsteller und ein Leser treten auf. Was wollt Ihr? Herr Koͤnig, ich habe eine große und gegruͤndete Klage uͤber den Mann da zu fuͤhren. Zweite Abtheilung . Er ist nemlich eine Person, die Buͤcher in den Druck giebt, und ich bin derjenige, der sie nachher lesen muß. Nun find' ich es sehr natuͤrlich, daß ich zu ihm sagen kann: seht, mein Herr, so und so muͤßt Ihr die Buͤcher einrichten, dann gefallen sie mir beim Lesen. Und das will er nicht. Aber, Kerl, warum nicht? Ihro Majestaͤt geruhen nur zu bemerken, daß der Mensch keinen Geschmack hat, und daß er schlechte Buͤcher von mir verlangt; darin kann ich ihm doch unmoͤglich willfahren. Aber warum nicht, da es ihn doch am Ende trifft, daß er Dein Geschreibe lesen muß? Du sollst also den Geschmack haben, den er von Dir verlangt. Ich sehe wohl, du bist ein eigensinniger Bursche, gehe hin und bessere Dich. — (Schriftsteller ab.) Ich danke fuͤr guͤtige Resolution. Aber, Ihr Narr, braucht ja nur gar nicht zu lesen, so ist ja der Handel mit einem male aus. Nein, gnaͤdigster Koͤnig, das kann ich nicht lassen, weit eher das Tabackrauchen. Lesen ist mein einziges Vergnuͤgen und bildet mich und klaͤrt mich auf. Versteht Ihr auch alles, was Ihr les't? Ich denke wohl, und wenn ich einmal den Weg unter meinen Fuͤßen verliere, so denke ich immer, des Himmels Guͤte wird auch das wol zu meinem Besten lenken. Die verkehrte Welt . Geht und fahrt so fort, denn Ihr habt einen guten Glauben. (Leser ab.) — Habt Ihr die Wissenschaften wohl schon in solchem Flore gesehn? Niemalen. Aulicus und Myrtill kommen. Was giebts? Redet! Mein Koͤnig, wir sind Schaͤfer, was man so schlechtweg Schaͤfer zu nennen pflegt, aber Schaͤfer im weitesten Sinn des Worts, denn wir halten uns auch etliche Kuͤhe. Ist das Eure Klage? Nimmermehr. Je da muͤßten wir ja wohl rechte Erzstuͤmper seyn, wenn wir daruͤber klagen wollten. Nein, im Gegentheil, wollte der Himmel, wir haͤtten nur mehr. Kommt zur Sache. Gevatter, laßt mich das Wort fuͤhren, sonst kann ja der Koͤnig nimmermehr klug werden. Versteht mich, Herr Koͤnig, und wenn Ihr den Mann da bis uͤbermorgen reden ließet, so wuͤrde er doch nicht zur Sache kommen. Er ist mein Gevatter, und sonst ein guter Mann, aber das muͤssen ihm selbst seine Feinde im Grabe nach- sagen, daß er das Maul immer vorn weg hat. Es ist ein Erbschaden an ihm. Was wollt Ihr denn, Leute? Ich verliere die Geduld. Nimmermehr, Herr Koͤnig, denn wir haben sie auch schon verloren. Wißt Ihr was Scheeren ist? Zweite Abtheilung . Dumme Frage! Wie sollt' ich denn das nicht wissen? Nun, so haben wir den Proceß bei- nahe schon gewonnen. Die Schaafe werden nem- lich von uns geschoren, und das ist gut und loͤblich, denn dazu sind sie da; wir haben das auch immer bis jetzt redlich beobachtet, aber nun soll sich das Ding umkehren, denn die Schaafe haben gegen uns rebellirt. Wie so? Es ist so weit gekommen, daß sie verlangen, wir sollen uns zur Abwechselung auch einmal scheeren lassen. Was haben sie fuͤr Gruͤnde? Sie haben ordentlich einen Anwald angenommen, ihre Sache in Schutz zu nehmen. Laßt ihn kommen. Gruͤnhelm tritt auf. Sieh da, Gruͤnhelm! bist Du derjenige, der da behauptet, die Schaͤfer muͤßten sich von ihren Schafen rasiren lassen? Allerdings, durchlauchtiger Apollo. Aus welchen Gruͤnden? Erstlich haben sie es den Scha- fen so oft gethan, daß es nun zur Abwechselung wohl einmal mag umgekehrt werden. Sie haben von den Schafen so viele Wohlthaten genossen, daß es ja nur ein unbedeutendes don gratuit ist, was die armen Thiere jetzt von diesen hartherzigen Schaͤfern verlangen; wahrlich, ich wollte mich nicht um Die verkehrte Welt . um eine solche Kleinigkeit schlachten und scheeren und hudeln lassen. Dann seht nur zweitens, die schoͤnen Baͤrte um Kinn und Maul, nicht wahr, jedermann muß Lust zum Scheeren bekommen, der diesen reichen Seegen sieht? Welche Gedanken sollen wohl die guten geduldigen Schaafe fassen, wenn sie dergleichen vortrefliche Wolle im Winter und Som- mer, in Schnee und Regen, zwecklos baumeln sehn? Es waͤre ihnen ja wahrlich nicht zu ver- argen, wenn sie auf die Meinung geriethen, daß alles Scheeren nur unnuͤtze Scheererei waͤre. Dann werden diese Schaͤfer es auch drittens viel besser nachher einsehn, was es auf sich habe, geschoren zu werden, sie werden dadurch gegen die Schafe mitleidiger und dankbarer werden. Ich will sie bloß zur Tugend anfuͤhren. Du hast recht. Schaͤfer, Ihr habt Euren Prozeß verloren, geht und unterwerft Euch dem Willen Eurer Untergebenen. (die Schaͤfer ab.) — Sie werden zum allgemeinen Besten geschoren, die Spitzbuben, und wollen sich noch beklagen! Der Egoismus, Herr Apollo, ist sehr schwer aus dem Menschen zu vertreiben. (sie gehn ab.) II. [ 22 ] Zweite Abtheilung . Zweite Scene . ( Zimmer .) Rabe . Seine Gattin . Wilhelm ein Knabe. (die mit einem kleinen Maͤdchen spielt). Sieh, mein trauter Mann, Adelaide lernt schon spielen. O welche vaͤterliche Gesinnungen, wel- che liebevolle Empfindungen bei mir erregt werden, wenn ich so die Fortschritte meiner verehrungswuͤr- digen Kinder gewahr werde. Mit Recht nennst du sie verehrungs- wuͤrdig, denn ich verehre sie auch, ja ich bete sie an. Lieber Vater, wozu ist aber das Buchstabiren nuͤtze? Hoͤre doch, liebe Gattin, die philo- sophische Frage des allerliebsten Kindes! — Komm her, Junge, dafuͤr muß ich dich tuͤchtig kuͤssen. — O Kind, du wirst gewiß ein großes Genie wer- den. Zweifelst du schon jetzt an dem Nutzen des Buchstabirens, was wirst du erst in deinem dreißig- sten Jahre thun? Er ist gar zu klug fuͤr sein Alter. Wenn es ihn nur nicht angreift. Geh, mein Kind, mach dir jetzt ein Spiel zurecht, du hast nun heut schon zu viel ge- arbeitet. Hoͤrst du? du mußt dich nicht zu sehr anstrengen, sonst wirst du krank? Du bleibst dann auch nicht so huͤbsch, wie du bist, du wirst dann ganz haͤßlich. Die verkehrte Welt . Ich muß den Jungen doch wohl in die neumodische Schule schicken, so hart es mir auch ankommen wird, ihn nur einen Augenblick von mir zu lassen. Ich war neulich bei der Pruͤ- fung der Kinder zugegen, o theuerste Elisa, als sie so wunderbar mauzten und prauzten (denn sie buchstabiren dort nicht) mit pf, st, rt, br, und dergleichen, halb niesend, halb hustend und gur- gelnd, ich war in Entzuͤcken verloren. Wie be- dauerte ich, daß ich nicht von neuem auf diesen edleren Wege konnte lesen lernen! Spiele mit mir, Vater! da sind die Karten, nun baue mir ein Haus. Ich habe zu thun, mein Sohn. Du sollst aber. Nimm vernuͤnftige Gruͤnde an, mein Kind, ich habe wirklich keine Zeit. Das Geschaͤft ist dringend. Ich will es aber. Mein Sohn, wenn ich nicht beschaͤf- tigt waͤre und ich wollte dann nicht mit dir spie- len, so koͤnntest du mir gegruͤndete Vorwuͤrfe ma- chen, aber so — So spiele doch nur mit ihm, du siehst ja, daß er weint. Nun so komm, Wilhelm, weine nicht. Die Arbeit hat im Grunde auch noch Zeit und kann warten. Aber sei auch huͤbsch artig nun, du siehst ja, daß ich dir deinen Willen thue. Ich lasse ja auch die Wirthschaft liegen, um meine Adelaide auszubilden. Zweite Abtheilung . Hast du schon die neuste Schrift fuͤr Muͤtter gelesen, Elisa? Nein, mein Kind. Das mußt du ja nicht versaͤumen, das Buch enthaͤlt ganz unvergleichliche Beobach- tungen, zum Beispiel, daß eine Magd die Kinder nie nehmen duͤrfe, oder nur mit ihnen sprechen. Ich dulde es niemals, immer hab ich geschaudert, wenn unsere Katharine, sonst eine gute Person, das himmlische Kind nur anblickte. Ja, schon die Blicke koͤnnen meinen Engel entweihen. Wenn du was bauen willst, Va- ter, so mußt du auch die Gedanken dabei haben und nicht andre Sachen reden. Ein allerliebster Junge. — Sieh, Adelaide, so wirft man in die Hoͤhe. Das heißt werfen , mein Kind. Wie sich doch seit der Regierung des jetzigen Apollo die Sitten verfeinert haben! Wie schlecht wurden wir erzogen, Elisa! Ja wohl, so rauh und barbarisch, wir mußten vor unsern Eltern Respekt haben! — Aber sage, was war es doch fuͤr ein schrecklicher Mensch, der unserm zarten Wilhelm gestern einen Hanswurst zum Spielen brachte? Fuͤrchterlich! Was sollte das idealisch ge- stimmte Wesen doch mit dieser gothischen Fratze? Aber ich habe es dem Gevatter Brusebart eingetraͤnkt, und er wird mit dergleichen nicht wieder kommen. Ich bestellte ihm gleich darauf beim Drechsler einen klei- nen belvederischen Apoll, damit der Liebliche hohe Die verkehrte Welt . Gestalten, Goͤtterphysiognomieen zu seinen Gespie- len habe, und sich so der Sinn fuͤr die hohe Kunst in ihm so leichter erschließe. Der Eindruck, den die barbarische Figur auf mich gemacht hat, war so stark, daß ich die ganze Nacht von diesem fuͤrchterlichen Hans- wurst getraͤumt habe. Am Ende warst du selbst der Graͤßliche, mein Selmar, und ich erwachte mit Entsetzen. Koͤnnte man die guten Kinder nur ganz vom uͤbrigen Menschengeschlecht absondern, so wuͤrde ihre Heiligkeit um so weniger gestoͤrt; Denk, — am vorigen Sonntag betreff ich unsern Wilhelm in der Rosenlaube, indem er fuͤr sich: „Ach du mein lieber Augustin!“ singt. Schaudervoll, o schaudervoll, hoͤchst schaudervoll! Da er Trieb zur Kunst hat, so habe ich den herrlichen Chorgesang aus dem Sophokles uͤber das Schicksal zu der Melodie: „Bluͤhe lie- bes Veilchen,“ bearbeitet, und das soll er einstu- diren; kann er den lieben Augustin aber gar nicht vergessen, so akkommodire ich ein Matthissonsches Mondscheingedicht zu dieser Weise, damit ihm die Gemeinheit des Liedes nur verschwinde. Die Kinderschriften haben doch eine vortheilhafte Revolution zuwege gebracht. O was werden unsre Kinder auch fuͤr goͤttliche Menschen werden! Man wird sie ohne Zweifel in Kup- fer stechen. Zweite Abtheilung . Wir werden uns vor Freude, die wir an ihnen erleben, gar nicht zu lassen wissen. — Lange regiere unser Apoll! Komm mit ihnen in den Garten, daß sie die Natur empfinden, und sich von der Holdseligkeit der Rosen anlachen lassen. (sie gehn ab.) Dritte Scene . (Ein andres Zimmer.) Melpomene, der Fremde . Liebe Frau, wie lange sind wir nun schon mit einander verheirathet? Vier Wochen. Ist es noch nicht laͤnger? Waͤhrt Dir die Zeit so lang? Das grade nicht; aber ich meinte, es sey laͤnger. Soll ich nun daruͤber nicht weinen? Du weinst viel zu viel; wir zanken uns alle Tage und haben in den vier Wochen we- nigstens dreißig Aussoͤhnungen gefeiert. Du betruͤbst mich recht von Herzen; Du bist ein leichtsinniger Mensch, ein Mensch, der an meinem Jammer ein Vergnuͤgen findet. Die verkehrte Welt . O so hoͤre doch auf. Einen, der ungeruͤhrt meine Thraͤnen sehn kann. Hol' doch der Teufel den Apollo! Warum hat er Dich nicht auf dem Theater behalten? Ja, ich wollte, ich haͤtte Dich nie mit Augen gesehn. Waͤr' ich doch nie hieher gekommen! Gruͤnhelm und Thalia . Wir muͤssen Euch doch auch einmal besuchen, Freunde. Wie gehts, liebe Melpomene? O mein Mann — Nun, Doktor, wie stehts? O meine Frau — Ihr seid bestaͤndig entzweit und das ist durchaus nicht recht. In Eurem Hause regiert immer ein buͤrgerliches Trauerspiel, und das ist mir etwas Verhaßtes. Ist es zu aͤndern? Ihr muͤßt Euch wieder vertragen. Melpomene, Du mußt nachgeben. Eher sterben. Daraus wird ja doch nichts, das darf ja schon des frohen Ausgangs wegen nicht geschehn. Warum lebe ich denn mit meinem Manne gluͤcklich? Weil Du eine Naͤrrinn bist. Gehorsamer Diener! Also ver- Zweite Abtheilung . lohnte es sich wohl gar nicht der Muͤhe mit mir gluͤcklich zu seyn? Schwerlich. Nun, Frau, da ist meine Hand, sei wieder gut. Die Scene darf ja doch nicht zu tragisch werden. Du giebst also zu, daß Du Unrecht hast? Nimmermehr! Nun, Thalia, da siehst Du. Auf die Art koͤnnt Ihr nimmermehr zusammen kommen. Der hat offenbar Unrecht, der jetzt nicht zur Versoͤhnung die Hand bietet, wer dem andern zuerst vergiebt, der hat das meiste Recht. (Die beiden Eheleute umarmen sich.) O wie ich Dich nun wieder liebe! — Wie mein Herz nur fuͤr Dich schlaͤgt! Ebenfalls. Ich begreife nicht, wie ich Dich so verkennen mochte. Ich auch nicht, Geliebter. Im Grunde hatten wir beide Unrecht. Ich geb' es zu. Nun so sey dieser Tag der Ver- soͤhnung, ein Tag der Freude fuͤr uns. — Bleibt bei uns, lieben Freunde, und helft uns ein so schoͤ- nes haͤusliches Fest der Liebe begehn. (gehn ab.) Die verkehrte Welt . Vierte Scene . ( Das Meer .) Ein Kriegesschiff segelt voruͤber, Pantalon der Admiral auf dem Verdecke, Soldaten . Ihr meine lieben Soldaten, heut muß das Seegefecht nothwendig vorgenommen werden, denn der Wind ist uns uͤberaus guͤnstig. Auch koͤnnen wir uns nicht laͤnger halten, weil uns der Proviant ausgeht. Soll es ein scharfes See- gefecht werden? Wir fechten bis auf den letzten Mann. Und daß nur keiner zu desertiren gedenkt! Davor soll uns Gott behuͤten. Der fremde Admiral kann un- moͤglich Stand halten, denn seine Flotte ist viel schwaͤcher, er wird sich ergeben muͤssen, und dann fahren wir im Triumph nach Hause. Wenn nur keiner von uns dabei umkoͤmmt! Da muß man schon die Augen zudruͤcken und Fuͤnfe gerade seyn lassen, denn das steht nicht zu aͤndern. Aber wens trifft, der hat doch den Schaden. Sprich beherzter, sonst bist Du ein erbaͤrmlicher Soldat. (Sie fahren vorbei, die uͤbrige Flotte folgt.) Zweite Abtheilung . Ein anderes Kriegesschiff tritt auf. Harle- kin als Admiral, Soldaten . Soll heut die Bataille vorgenommen werden? Wenn Ihr es meint, Leute, so wollen wir dran, einmal muß es ja doch seyn, und so ist es immer besser heute als morgen. Wir haben schon alle Flinten ge- laden. Das ist Recht, Kinder; und im Gefecht nur nicht den Muth verloren! Bedenkt, daß Ihr doch irgend einmal sterben muͤßt, und daß Ihr hier auf der See fuͤrs Grab nichts zu bezah- len braucht. Ganz gut, ich wollte der Feind waͤre erst da. Ist die ganze Flotte beisammen? (von den andern Schiffen.) Ja, Herr Admiral! Nun stellt Euch in Schlachtord- nung. Marsch! links um! — So! — wir muͤssen dem Feinde den Wind abgewinnen, wir muͤssen nicht saumselig seyn, denn auf unsere Behendigkeit koͤmmt alles an. Pantalon tritt mit seiner Flotte auf. Sieh, da ist ja die feindliche Flotte. Das ist mir recht lieb, so brauchen wir nicht laͤnger die Haͤnde in den Schooß zu legen. Schießt nur brav nach den Matrosen, lieben Leute, wenn sie oben in den Masten herum klettern. Die verkehrte Welt . Macht den Angriff! (Es wird geschossen, die Kanonen donnern, viel Rauch, die Schiffe gerathen an einander, ein paar fallen um, das Meer schwimmt voll Soldaten.) Es ist ein heißes Gefecht. Nun wollen wir das Admiral- schiff entern. (er steigt mit seinen Soldaten bei Pantalon an Bord.) Was ist das? — Ei, den Teufel, das gilt nicht! das gilt nicht! — das ist gegen alle Kriegsmanier! — Harlekin, das gilt nicht! das gilt nicht! Warum solls nicht gelten? Ich habe nun den Krieg gewonnen. Das ist ganz was Neues, das ist gegen alle Abrede. Ei was, im Kriege gelten alle Vortheile. Nein, Herr Narr, das soll nimmermehr seyn. Ich will die alte Manier be- haupten. (Sie ringen mit einander, Pantalon faͤllt ins Wasser.) Huͤlfe! Huͤlfe! Nun haben wir den glorreichsten Sieg davon getragen. Der Direktor Wagemann , koͤmmt als Neptun aus der Tiefe des Meeres. Wer macht auf meinem Schau- platz solch Getoͤse? Da bin ich ins Wasser gefallen, Herr Wagemann, und habe die Seeschlacht ver- loren. Zweite Abtheilung . Hier schwimmt ja alles voll Soldaten. Kerls, stellt Euch doch auf Eure Beine, was schwimmt Ihr denn? ( Die Soldaten stehn aufrecht und gehn ans Ufer.) Helft Ihr mir denn nicht, Herr Direkteur? Steige unverzagt hier in mei- nen Wagen hinein, wir wollen nachher Deine Kleider trocknen. Das war ein grausames Meer- treffen. (Er wird ans Ufer gefahren.) Wir koͤnnen nun auch aussteigen, denn der Triumph ist unser. Herr Neptun! ich habe in der Hitze der Schlacht meine kostbare Admiralskappe verloren; wie soll das werden? Ich will in den Grund des Meers hinunterfahren und sie suchen. (er geht unter.) Soldaten, steigt ans Land! (Sie steigen alle ans Land.) Zwei von meinen Schiffen sind in den Grund gebohrt, der Schade ist ganz un- ersetzlich. (aus dem Meere) Hier ist die Muͤtze, Pantalon, nehmt sie kuͤnftig besser in Acht. Ihr seid uͤberhaupt liederliches Gesindel, es liegen da noch sehr viele Theaterrequisite herum, wer hat am Ende den Schaden davon, als ich? Bei einer Bataille kann man nicht so haarscharf auf alles Acht geben. Die verkehrte Welt . Skaramuz mit Gefolge. Ich habe lange keinen so an- genehmen Spaziergang gemacht. — Was ist das da? Das Meer, mein Koͤnig. Das Meer? — Sieh, ich habe ein Meer in meinem Lande, und weiß kein Wort davon. — Und wer seid Ihr? Euer getreuster Unterthan, der Admiral Harlekin, der so eben den großen feindli- chen Admiral Pantalon uͤberwunden hat. Ich weiß von Euch allen nichts. Also hat meine Flotte den Sieg davon getragen? Allerdings. Aber, Kerle, warum sagt Ihr mir nichts davon, daß dergleichen in meinen Staa- ten vorgeht? Es waͤre schaͤdlich, wenn Ew. Majestaͤt fuͤr alles sorgen wollten. Nun das hat seine Richtigkeit. Und Du bist also mein Feind? Ihnen aufzuwarten, mein Koͤnig. Bei welchem Koͤnige dienst Du denn? Ihro Majestaͤt, ich habe den Namen vergessen, und der thut ja doch auch nichts zur Sache. Jeder Mensch hat seine Feinde, und so geht es Ihnen auch. Genug, wir sind besiegt, und die Ruhe in Ihrem Reiche ist wieder hergestellt. Was ist denn das fuͤr ein Kerl da in der See? Zweite Abtheilung . Das ist der Meergott, Neptun. Herr Skaramuz, Sie vergessen sich zu sehr, das muß ich Ihnen sagen. Ihr Hoch- muth uͤbersteigt beinah alle Graͤnzen. Kennen Sie mich, Ihren Direkteur Wagemann nicht mehr? Ich erinnere mich ganz dun- kel eines solchen Namens. Ich habe Ihnen zu befehlen, mein Herr. Mir zu befehlen? Nun, warten Sie nur den letzten Akt ab, so sollen Sie es schon gewahr werden; ich mag jetzt das Schauspiel nicht stoͤren, aber ich bin im Stande, und gebe Ihnen den Abschied. Mir den Abschied? Einem Koͤ- nige den Abschied? Nun, hoͤrt nur, Leute, welche revolutionaire Gesinnungen der Wassernix da von sich giebt. Mein Herr Neptun, oder wer Sie seyn moͤgen, ich verspreche Ihnen, daß Sie gar keinen letzten Akt erleben sollen. Wir sprechen uns schon wieder. (geht unter.) Wo ist der Kerl geblieben? Es ist versunken. Wie koͤmmt das? Vermoͤge der Maschinerie. Der Kerl, der Maschinist ist doch an allen Dingen in der Welt Schuld, er hat mir schon unsaͤgliche Leiden erregt. — Ma- schinist, hicher! Die verkehrte Welt . Der Maschinist kommt aus der See. Was giebts, Herr Skaramuz! Du laͤssest ja die Leute versin- ken, wie ich hoͤre. O ja, mein Koͤnig, wenn es das Stuͤck erfordert. Immer hoͤr ich von einem Stuͤcke reden. Mir hast du noch nie das Vergnuͤ- gen gemacht, daß ich versunken waͤre. Es hat auch nichts davon in Ihrer Rolle gestanden. So? Aber mit einem Gewit- ter bist Du mir doch zur Last gefallen, das mir aͤu- ßerst fatal war? — Jetzt will ich einmal untergehn. Bemuͤhen Sie sich nur zu mir ins Meer herein. Ins Meer? Ja, daß ich Dir doch traute; ich koͤnnte am Ende gar ersaufen. Das Meer ist keines Menschen Freund. Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie sollen mit der groͤßten Sicherheit untergehn. Ich will aber lieber hier auf dem Trocknen versinken. Mein Koͤnig, dort sind keine Fallthuͤren angebracht. Thun Sies immer dort in der See, es hat wirklich keine Gefahr. Nun, auf Eure Verantwor- tung, Leute. (Er geht ins Meer und versinkt, die uͤbrigen gehn ab.) Zweite Abtheilung . So eine Meerschlacht ist doch et- was Grausames. Man glaubt es vorher nicht so, bis man es selber mit Augen sieht. Was ich zu tadeln habe, ist nur, daß in solchen Scenen immer viel Wasser seyn muß. Es hat bis jetzt noch keiner die poetische Schwierigkeit uͤberwunden, eine See- schlacht ohne Wasser zu machen. Fuͤnfte Scene . ( Feld .) Apollo, Admet, Alceste . Warum duldet ihr alles mit dieser feigen Unterwuͤrfigkeit? Was soll ich thun? Meine ganze Seele empoͤrt sich dagegen, aber er ist zu maͤchtig. Die Nothwendigkeit lehrt uns, mit Dingen vertraut thun, die wir sonst nicht einmal in Gedanken ertragen konnten. Nehmt Eure koͤniglichen Gesinnun- gen wieder an, versammelt Eure Macht und thut offenbaren Widerstand. Glaubt mir, man hat schon dadurch Staͤrke, daß man sich welche zutraut. Du sprichst gut, Schaͤfer, wer hat Dich das gelehrt? Apoll . Die verkehrte Welt . Braucht man das zu lernen? Ihr seid zu zahm, vertraut Euch selber, bedenkt, was Ihr gewesen seid, und noch sein koͤnnt, wenn Ihr wollt. Geht, wir sehn uns bald wieder. (Admet, Alceste ab.) Aulicus und Myrtill . Was fehlt Euch? Ihr seht so ver- druͤßlich aus. Hol der Henker Eure ganze Cul- tur, sie hat uns schlechte Dienste geleistet. Wie so? Seht uns nur an. Unsre schoͤnen Baͤrte hat man uns gaͤnzlich weggeschnitten, wir sind gar nicht mehr, was wir waren. Und das ist auf Befehl unsers Koͤnigs und unsrer Schafe geschehn. Warum leidet Ihr dergleichen? Ja, ehemals, in unserm rohen Zustande haͤtte uns einer mit solcher Anmuthung kom- men sollen! Aber Eure verwuͤnschte Bildung, zu der Ihr uns verfuͤhrt habt! Als es uns so was mehr auseinander gesetzt wurde, kam es uns selber ganz vernuͤnftig vor. Und dann die Uebergewalt! Ihr haͤttet Euch widersetzen sollen. Keiner will der erste seyn, weil er sich vor Schaden fuͤrchtet; man wird geschoren, macht ein krummes Maul, und denkt hernach: nun wars doch vorbei. Eure sclavische Gesinnung, nicht die Gewalt, ist also Ursach, daß Ihr unterdruͤckt wer- II. [ 23 ] Zweite Abtheilung . det, da ihr das Schimpfliche gern duldet, um nur der Gefahr zu entgehn. Die Vorigen. Mopsa. Phillis . Schaͤfer, und Ihr Schaͤferin, ich muß Euch jetzt verlassen, aber wir sehn uns bald wieder. Heirathet Ihr denn keine von uns? Ich darf nicht, das Schicksal und die Goͤtter sind dagegen. Ihr seid ein Narr — Nun, Myr- till, so muß ich wohl mit Euch vorlieb nehmen, Ihr seid gebildet und geschoren, und Ihr gefallt mir nun viel besser. Und Du, Phillis? Je nun, wenn meine Schwester mir mit dem Beispiele vorgeht, so will ich mich auch mit Dir zufrieden stellen. (Schaͤfer ab.) allein. Ich muß mich schaͤmen, wenn ich Feigheit tadle; Denn haͤlt mich etwas andres hier zuruͤck, Als daß ich der Gefahr entweichen moͤchte? Wir leben gern in Schande, wenn die Schande Sich nur mit Sicherheit vermaͤhlt. Doch kann Denn Sicherheit der ganz verkehrte Sinn In Ruh und Ohnmacht und Verachtung finden? Wir fliehn vor unsern eigenen Gedanken, Wenn sie uns rathen, nicht das Joch zu dulden. — Lebt wohl, ihr Heerden und ihr stillen Fluren, Ich gehe kuͤhnlich der Gefahr entgegen, Die verkehrte Welt . Ich will mein altes Koͤnigreich besitzen, Wo nicht, auf edle Art dem Feind erliegen. (geht ab.) Sechste Scene . ( Einsamer Felsen im Meer. Nacht .) ein Soldat, oben auf dem Felsen. Wie furchtbar hohl das Meer tief unten wallt, Die dunkle Einsamkeit ertoͤnt vom Klange Der Meereswogen, die der Wind bewegt. Warum bin ich allein zuruͤck geblieben, Da alle Rettung fanden aus der Schlacht? Nun harr ich lange schon auf diesem Felsen, Ob meine Augen nicht ein Schiff erspaͤhn, Das von der oͤden Klippe mich erloͤse. Du hellgestirnter Himmel, der mein Leid Schon oft gesehn, oft mein Gebet gehoͤrt, Laß endlich der Befreiung Stunde nahn. Das wilde Meer ist taub und unerbittlich, Es sendet keinen Menschen mir zur Huͤlfe, Kein Fischernachen schwimmt herbei, ach kein Zerbrechlich Fahrzeug! ja, ich moͤchte mich Dem Brett, der schwachen Stange gern vertraun. Ach, wer noch nie die Einsamkeit empfand, Wen seine Freunde niemals noch verließen, Ja wer auch ohne Freund nur lebt bei Menschen, Zweite Abtheilung . Wie ist sein Loos zu neiden! — Furchtbar klingt Der Zug von Wasservoͤgeln uͤber mir; Wie grauenhaft dehnt sich die Dunkelheit So tief hinaus und daͤmmert ungewiß Vom Widerschein der Sterne in der Fluth; Bald spricht die Welle wie mit Menschenstimmen; Und hoͤhnt mein einsam Leiden boshaft spottend; Bald sieht mein schwindelnder Blick in grauer Ferne Ein Land so wie in Wolken stehn, mit Bergen, Mit Baͤumen ausgeschmuͤckt, und meine Sehnsucht Vernimmt ein Waldgeraͤusch, der Aexte Klang, Den Fall der Baͤume: dann vergeß ich wohl, Daß diese Klippe meine Heimath ist. — (Die Sonne geht auf.) Mit welcher Wonne fuͤllt mich dieser Blick An jedem Morgen! Furchtbar majestaͤtisch Ergießt aus allen Quellen sich das Meer Der purpurrothen Fluthen, goldne Schimmer Entspruͤhen funkelnd aus der gruͤnen Fluth; Die Wogen klingen bis zum Grund der Tiefe Geheimen Lobgesang, die Adler ziehn Aus ihren Nestern uͤbers Meer dahin, Und fliegen mit dem Gruß der Sonn' entgegen. Was ist der Mensch, daß er um Leiden jammert? Wer sieht die Allmacht, die mit goldnem Fittig So unermeßlich in die Welt hinein rauscht Und denkt an sich? hinweg, du kindisch Zagen! Mein Geist fliegt mit den Adlern, sich zu baden, Zu trinken aus dem Morgenroth; die Fluth Schlaͤgt jauchzend hoͤher, jede Woge taumelt Vor Freude und Entzuͤcken. Armer Mensch, Die verkehrte Welt . Willst du allein in voller Herrlichkeit In deinem Innern nur die Leere fuͤhlen? — Was seh ich? blendet mich der trunkne Blick? Ein majestaͤtisch Schiff auf ferner Woge? Hieher! hieher! bemerkt dies weiße Tuch, Das hoch im kuͤhlen Morgenwinde flattert! (Er winkt durch Zeichen.) Ein Boot wird ausgesetzt! — sie nahn, sie kom- men, — Schon kann ich Menschen unterscheiden, — welch Gefuͤhl gleicht meiner Freude? — O willkommen! (Ein Boot mit Matrosen rudert heran.) Sieh, wie der Mensch da oben am Felsen klebt! Bis jetzt ist es uns noch nie gelungen, einen solchen Vogel auszunehmen. Steig' herunter, Mensch! (herunter kletternd.) O Freude! Freude! Nach langem Leide, Seh' ich die lieben Bruͤder, Die Menschen wieder! Hoͤre nur, er singt ordentlich. Er hat sich hier in der Einsamkeit wohl aufs Singen legen muͤssen? (im Boot.) O Leute, ein ganzes Buch will ich schreiben, Das soll jedem Leser die Zeit vertreiben, Von allem, was ich auf dem Felsen gelitten, Wie manche Noth ich hier bestritten, Zweite Abtheilung . Was ich von der Einsamkeit ausgestanden, Und wie mich endlich Menschen wieder fanden. Es ist wohl sehr einsam da oben? Freunde, Ihr glaubts nicht, wenn mans auch erzaͤhlt, Wie sehr es an guter Gesellschaft fehlt; Man ist nur immer mit sich allein, Da mag der Henker lange verstaͤndig seyn: Man lebt hier beinahe wie auf dem Land, Keine Neuigkeit koͤmmt einem zur Hand, Von Maskeraden schweig' ich nun gar und von Baͤllen, Die einzige Unterhaltung sind die Meereswellen; Ja, vernehmt Ihr erst alle meine Klagen, Was, Freunde, werdet Ihr dann wohl sagen? In dieser weiten Ferne konnt' ich den Soufleur nicht spuͤren, Und doch mußt' ich einen großen Monolog rezi- tiren. Seid also froh, daß wir Euch gefunden haben. (fahren ab.) Die verkehrte Welt . Siebente Scene . ( Wirthshaus .) Der Wirth, Anne . Von unserm Fremden haben wir doch gar nichts weiter gehoͤrt. Er war ein sehr uninteressanter Mensch. Wußte dabei gar nichts einmal von den simpelsten dramatischen Regeln, verwunderte sich uͤber alles. Es ist recht gut, daß er kein Fuͤrst oder dergleichen war, denn da er die ars apoetica nicht studirt hatte, waͤre er gewiß aus seinem Cha- rakter gefallen. Habt Ihr denn Euern Charakter auch daher, Vater? Eigentlich wohl nicht, denn die Wirthe sind dort nicht namentlich mit aufgefuͤhrt; aber ich habe mir aus allen meinen Erfahrungen eine Art von Theorie zusammengesetzt, so daß ich nicht leicht irren kann. Wie fangt Ihrs nun an? Das Hauptsaͤchlichste, worauf ich zu sehn habe, ist, daß ich nicht unnatuͤrlich werde; alles andre giebt sich schon eher. Ich muß also allen Schwulst vermeiden, alle poetischen Ausdruͤcke, ich darf nicht zu verstaͤndig sprechen. Also daran liegts? Hab ich doch im- mer nicht gewußt — Zweite Abtheilung . Ja, ja, wer kann gegen seine Be- stimmung? Es ist nun einmal so angenommen; es hat mich Muͤhe genug gekostet, mich gehoͤrig ein- zurichten, und es wurde doch wohl Klage gefuͤhrt, daß der Dichter manchmal aus mir heraus kuckte. Es ging mir einigemal wie dem Midas, der seine langen Ohren durchaus nicht verbergen konnte. — Sieh, jetzt bin ich nun zum Beispiel recht ekla- tant aus meinem Charakter herausgefallen! — Wie kann ein Wirth eine gelehrte und witzige Anspie- lung auf den Midas machen! — außer, es muͤßte denn vorher sehr weitlaͤuftig motivirt und praͤparirt seyn, man muͤßte erfahren, der Wirth habe einer vorzuͤglich guten Erziehung genossen, er habe sogar die Alten gelesen, und sey nur durch wunderliche Zufaͤlle dahin gekommen, ein Wirths- haus zu halten. — Das mit dem Midas war nun wieder der Dichter, der aus mir hervor kuckte. Es ist doch ein verfluchter Fehler, den ich an mir habe! Sollte der Dichter aber wohl darauf kommen, seine Weisheit oder seinen Witz mit Esels- ohren zu vergleichen? Ich denke doch immer, daß Ihr das selber erfunden habt. Es ist doch wenigstens unwahrschein- lich, und das darf nicht seyn. Direktor Wagemann koͤmmt. Ihr Diener, kennen Sie mich? Je, was soll ich denn meinen vereh- rungswuͤrdigen Herrn Direktor nicht kennen? Ganz Die verkehrte Welt . ergebenster Diener. Wie kommt denn mein schlech- tes Haus zu der unverdienten Ehre? Es ist ein seltsamer Vorfall, der mich zu Ihnen bringt, aber ich muß wissen, ob ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen kann. Durchaus, werthgeschaͤtzter Herr Direktor. Sie werden wissen, daß sich unser Skaramuz der Rolle des Apollo angemaßt hat, und daß er unter diesem Namen das Land beherrscht. O ja. Nun gut. Ich sah das Ding ruhig mit an, weil es mir im Grunde gleichguͤltig ist, wer Apollo genannt wird. Ich spiele meine Stuͤcke, wie sie das Zeitalter mit sich bringt, und weiter hab ich mich nie darum gekuͤmmert. Ich wollte also bei dieser Gelegenheit auch in diesen Gesinnungen fortfahren, allein Herr Skaramuz macht es mir unmoͤglich. Er ist so hochmuͤthig geworden, daß er mir grob begegnet, daß er seine und meine Person ganz vergessen hat. Ueberdies fuͤrcht ich noch, daß der Kerl den Gedanken im Kopfe hat, das Stuͤck gar nicht zu beendigen, da- mit er nur immer an der Regierung bleiben und ich ihn nicht abstrafen koͤnne. Aus allen diesen Ur- sachen ist nun etwas sehr Großes im Werke. Ich bin begierig. Es sind sehr viele angesehene Personen, die der Schelm alle beleidigt hat, zu- sammen getreten, um eine Verschwoͤrung gegen Zweite Abtheilung . ihn anzuzetteln, und ihn dann mit gewaffneter Hand vom Thron zu stoßen. Ich bin einer von diesen, und wir haben Ihr Haus, Herr Wirth, weil ich immer ein Freund von Ihnen gewesen bin, zur Zusammenkunft der Verschwornen auserwaͤhlt. O welches Gluͤck! welch unendliches Gluͤck! Herr Direkteur, mein ganzes Leben reicht nicht hin, um Ihnen meine Dankbarkeit zu bezei- gen. Das ist mir mehr werth, als wenn Sie mir woͤchentlich drei Thaler Zulage gegeben haͤt- ten. O Anne, meine Tochter! so freue Dich doch mit Deinen Vater! Mein Haus, diese Stube hier der Sammelplatz der Verschwornen! Aber kommen sie denn bald? — Nein, so etwas ist noch in kei- nem einzigen Stuͤcke erhoͤrt! — Und der Herr Di- rektor sind darunter, folglich sind es gewiß lauter Maͤnner von Gewicht und Ansehn, keine ordinaͤre Lumpenverschwornen. — In einem Wirthshause! — O Herr Direkteur, lassen Sie sich umarmen! Maͤßigen Sie Ihre Entzuͤk- kungen, lieber Freund, damit unsre Sache nicht vor der Zeit ruchtbar werde. Poet koͤmmt. Ist noch Niemand weiter hier? Nein, Herr Poet. So muß der Koͤnig Admet mit seiner Koͤniginn sogleich kommen. Welche hohe Personen nehmen heut unter meinem Dache vorlieb! Es wird ein furchtbarer Aufruhr Die verkehrte Welt . werden. Skaramuz mag auf seinem Throne nur fest sitzen. Admet und Alceste . Da sind wir, meine Herren, ich hoffe, ich will wieder zu meiner Krone gelangen, die mir der Usurpator entrissen hat. Ist der Schaͤfer noch nicht hier? Noch niemand weiter. Aulicus und Myrtill . Da sind wir auch, ich denke, wir sollen ziemlich gute Soldaten abgeben. Ich will ihm den Possen geden- ken, und gewiß tapfer drein schlagen. Ja, ja, er soll auch einmal die Pflichten eines Unterthanen empfinden. Sieh, da draußen zieh: eine große Armee auf. Nun krieg ich erst rechte Courage. Meine Herren allerseits, das wird aber ein furchtbarer blutiger Krieg werden. Allerdings, und ich hoffe, daß unsre gerechte Sache siegen wird. Der Schriftsteller und Apollo . Da bring ich den Schaͤfer, der uns alle aufgehetzt hat. Hier treff ich ja unsre ganze Ge- sellschaft. Nun, meine Freunde, habt Ihr alle Muth zur Unternehmung? Ja! Zweite Abtheilung . O nun wird geschworen werden! Nun wird geschworen werden! Was sich das fei- erlich machen wird! Nein, keinen Schwur. Unter so edlen Maͤnnern findet kein Zweifel statt. Der Gedanke einer neuen schoͤnern Zeit eines edleren Jahrhunderts wird Euch begeistern, wird Euch Kraft und Muth verleihen, die Barbarei, die Geschmacklosigkeit, die Autoritaͤten zu stuͤrzen. Wer so nicht denkt, der ziehe sich zuruͤck. Aber es ist kein solcher unter uns, und darum will ich mich Euch jetzt entdecken. — (Er wirft die Verkleidung ab.) Ich bin Apollo! Apollo? Niemand anders. Erschreckt nicht, meine Freunde, vor meiner Gottheit, denn im Grunde bin ich doch nur ein armer Narr, wie Ihr alle. Einen Gott in meinem Hause zu haben! Welche Wollust! Hoͤrt auf zu erstaunen, geliebten Freun- de, ja, ich bin der aͤchte, weltberuͤhmte Apollo. (zu Myrtill.) Bauerntoͤlpel! willst Du wohl den Hut abnehmen? Man kann ja nicht gleich an alles denken. Nein, bedeckt Euch, lieben Freunde. Es ist wahr, ich bin etwas Großes, indessen Ihr seid jetzt meine Freunde, deren Beistand ich brau- che. Ich bin ein Mann, vor dem sogar die Re- zensenten einige Achtung hegen, ich habe alle Ma- Die verkehrte Welt . gister zu beschuͤtzen, ich bin oft in Stein gehauen und in dem belvederischen Apoll am besten getrof- fen, mir sind Operntheater und Comoͤdienhaͤuser gewidmet, daß ich sie nicht alle zaͤhlen kann, ich bin oft vor den Musenalmanachen in Kupfer ge- stochen, ich bin, um mich kurz zu fassen, gewiß etwas recht Besondres. Indeß hat das alles nichts zu sagen, ich weiß, daß wir nicht alle Goͤtter seyn koͤnnen, es muß auch andre Creaturen geben, und darum wollen wir nur ohne alle Ceremonien frisch ans Werk gehn. Es lebe der majestaͤtische Apollo! (alle ab.) ( Der Vorhang faͤllt . Musik . Menuetto con Variazioni . Es sind schon so viele Menuetten gemacht, daß es schwer ist, ein neues Thema zu finden. Bringt nur, ihr ruhigern Toͤne, wo moͤglich Ver- nunft, Absicht und Anwendung in das Schauspiel, da es bald zu Ende ist; vielleicht ist der Schluß das Beste. — Aber, koͤnnte man fragen, waͤre es nicht zweckmaͤßiger, wenn dergleichen Werke nicht geschrieben wuͤrden? Das hoͤchste, was sie errei- chen, ist: daß sie uns den Kopf verwirren. Je nun, eine gute Verwirrung ist mehr werth, als eine schlechte Ordnung. Zweite Abtheilung . Variazio I. Das Neue ist bei einer Menuet, wie bei al- len Vernuͤnftigen, ein sehr entbehrliches Praͤdikat; in recht neumodischen Menuetten kommt man gar leicht aus dem Takt. Ob das Schauspiel nicht ganz ohne Takt-Abtheilung mag geschrieben seyn? — Aber wozu all die Verwirrung? Krieg und Frie- den, Ernst und Scherz? Nichts ist durchgefuͤhrt, keine Idee haͤlt uns Stand. Wozu die Qual, da wir schwerlich unterhalten sind. Je nun, so sind wir doch gequaͤlt, und das ist vielleicht jezuweilen auch Unterhaltung. Variazio II. Wer darauf ausgeht, etwas Unerhoͤrtes zu schaffen, kann gar leicht ins Alberne, und hinter die ersten Anfangsgruͤnde des Verstaͤndigen gera- then, weil nirgend warnende Tonnen gelegt sind, den Schiffer von Untiefen und Sandbaͤnken zuruͤck- zuweisen. Der Verirrte haͤlt dann das Kindische fuͤr das Neue und Seltsame; aus Sucht zum Ex- centrischen ist er abgeschmackt geworden; o wehe dem Dichter, der in das Gebiet hinein segelt? — Aber, ist es nicht vielleicht dem gegenwaͤrtigen so ergangen? — Den englischen Lustspieldichtern hat man oft vorgeworfen, daß sie die dummen Charak- tere mit vielem Witze schilderten, diejenigen aber ohne Witz und Verstand auftreten ließen, die im Stuͤcke fuͤr witzig und geistreich ausgegeben wur- den; von den deutschen Lustspielern kann man dies Die verkehrte Welt . nicht behaupten, ihnen gerathen die Narren nicht, aber aus den Vortreflichen und Verstaͤndigen, die sie schildern, werden, ohne daß sie es merken, un- vergleichliche Narren; und also kann sich ein deut- scher Comoͤdiendichter gewiß immer mit einem en- glischen messen. Je nun, vortrefliche Leser, die Narren ent- gehn Euch also auf keinen Fall, der Dichter mag sich auch gebehrden, wie er will; woraus ich den Schluß ziehe, daß es weit vortheilhafter sey, ein Leser als ein Dichter zu seyn. Variazio III. Alles Vortrefliche ist immer noch neu, so alt es auch seyn mag, es wird sich auch noch lange so erhalten, denn man nuͤtzt es durch Gebrauch nicht sonderlich ab. Wer den Satz versteht, dem ist es unbenommen, neu zu seyn. — Aber, Lese- welt, Zuhoͤrerschaft, wenn Du Dich etwa im Zu- stande des Nichtverstehens befinden solltest! Wenn der Teufel es ordentlich so veranstaltete, daß Du Dich zu klug fuͤhltest, um klug zu seyn! Kannst Du vielleicht gar nicht einmal das Thema aus un- sre Variazionen heraushoͤren? Je nun, so haben wir sie doch gespielt, wir legen den Bogen hin und gehn nach Hause. Zweite Abtheilung . Fuͤnfter Akt . ( Der Parnaß .) (nachdenkend.) D ie Regierung ist nunmehr in der schoͤnsten Ver- fassung. Man kann nicht mehr Verstand haben, als ich besitze, und ich denke gewiß noch zu nie- drig von mir. Bescheidenheit ist mein vorzuͤglichster Fehler, den ich mir mit der Zeit noch ganz ab- gewoͤhnen muß. — Gruͤnhelm kommt. Mein Koͤnig, mir fehlt es an Athem. Das ist schlimm. Grausame, furchtbare, schreck- liche Neuigkeiten habe ich vorzutragen. Rede, Adjutant, ich fange an zu zittern. Zittern Sie nur, gnaͤdiger Herr, Ihr Zittern ist gerade am rechten Orte angebracht. Nun so sprich nur endlich, ich vergeh in der Angst, und weiß noch gar nicht, was mir fehlt. Gruͤn- Die verkehrte Welt . Die vollkommenste Rebellion ist fertig geworden. Rebellion? — Was willst Du damit sagen? Ach, und daß ich nun Frau und Kinder habe, daß ich nicht nach Herzenslust davon laufen kann! Boͤsewicht! Eine Rebellion ist unterwegs, wie ich sie noch nimmermehr gesehn habe; sie wurde schon als ein großes Stuͤck beigesetzt, und ist nun am Feuer noch mehr aufgequollen, sie ist sehr gut aufgegangen, denn man hat vortrefliche Hefen hinein genommen. Was fuͤr Hefen? — Du wirst mich um die présence d'esprit bringen. — Was fuͤr Hefen? Je nun, die Kerls, die wir neulich haben scheeren lassen — die Ungeheuer sind nun Rebellen geworden, und rebelliren, was das Zeug halten will. Nun, was will es denn halten? O Ihr muͤßt die sprichwoͤrtli- chen Redensarten nicht so genau nehmen. — Ach lieber Himmel! wo sollen wir bei der Belagerung nur Proviant hernehmen? Ich will aus dem Parnaß eine Festung machen — wenn ich nur erst wuͤßte, was es geben soll Der Apoll will sein Reich wie- der haben, Admet steht ihm bei; sie haben eine II. [ 24 ] Zweite Abtheilung . große Schwadron von Menschen zusammengebracht, und da soll es nun uͤber die armen Unschuldigen hergehen. Nennst Du mich einen armen Unschuldigen? Ich meine leider mich. Wir muͤssen uns also zum Kriege ruͤsten. — Nur heran, Leute! Generale! Minister! es ist Krieg! Feuer! Feuer! Generale und Minister versammeln sich. Sol- daten mit Trommeln und Fahnen. Der Baͤcker und Brauer kommen. Ein Nachtwaͤchter . Nachtwaͤchter, blas't Feuer- laͤrm. — Geh einer hin, und lasse die Sturm- glocken laͤuten. — Dagegen muͤssen eiligst Anstal- ten getroffen werden. — Wißt Ihrs schon, meine Herrn? Das Neuste vom Jahr ist eine saubre niedliche Rebellion. (Sturmgelaͤute, Blasen der Nachtwaͤchter, Trommeln.) Nun hoͤrt nur den allerliebsten Laͤrmen. — Ja, ja, solche Freude hat man vom Koͤnigseyn. — Ihr Leute, habt ihr denn auch Courage? Ohne Zweifel, mein Koͤnig. Nu, nu, ich fragte nur. — Wer wollte auch in so betruͤbten verzweiflungs- vollen Zeitlaͤuften nicht Courage haben? — Und, denkt nur, auf mich armen unschuldigen Menschen ist es abgesehn! Die verkehrte Welt . Herr Koͤnig, ist etwa Feuer? Ochsenkopf! eine Rebellion ist ausgebrochen! In welcher Gasse? Kann sie nicht wieder eingesperrt werden? O liebste Unterthanen, seid nicht wie das Rindvieh, darum bitte ich instaͤn- digst. Bewaffnet Euch, denn der Feind ist schon in der Naͤhe. Die ganze Macht ruͤckt nemlich heran. — Leute, was machen wir? Ist kein Davonlaufen moͤglich? Durchaus nicht. Nein, durchaus nicht. — Laͤßt sich nicht noch geschwind eine Festung bauen? Unmoͤglich, und es sind auch nicht einmal die Materialien da. Sagt einmal — sollten sich die Feinde nicht vor dem Teufelsspektakul fuͤrchten? Schwerlich. Fuͤrchte ich mich doch, zum Hen- ker! das muͤssen ja vermaledeite Feinde seyn! Muͤs- sen mir nun gerade die schlimmsten Feinde auf den Hals kommen! Harlekin koͤmmt. Mein Koͤnig, zur See haben wir einen großen Vortheil. Das ist ja schoͤn. Der Feind hat nemlich gar keine Flotte. Von der Seite waͤren wir also sicher. Zweite Abtheilung . Ein schoͤner Trost! — O nur brav Mannschaften zusammen gebracht! bewaffnet Euch all, ihr Leute! — Das ist mir so ploͤtzlich gekommen, daß ich mich kaum zu fassen weiß. — Brauer, alle Deine Gaͤste muͤssen fechten. — Ach, welch ein Blutbad wird das geben! — Eine ruhige Regierung ist doch eine große Gabe. — Sollte der Maschinist wohl wieder Schuld daran seyn? Nein, mein Koͤnig, denn ich diene ja auf Eurer Seite. Verzagt uͤberhaupt nur nicht, denn wir sind an Anzahl den Feinden sehr uͤberlegen. Ich will Donner und Blitz einrichten, und wer auf die Fallthuͤren tritt, soll ploͤtzlich versinken. Das ist schoͤn. Wir muͤssen alle Minen springen lassen. — Wenn der Krieg erst ganz vorbei ist, dann wollen wir uns recht lustig mit einander machen. — Nun kommt, kommt, wir wollen alle Anstalten treffen. (Sie gehn ab.) Der Brauer und Baͤcker bleiben. Wir muͤssen uns nun auch nur zum Kriege anziehn. Es wird wohl nicht anders wer- den. Wer soll aber indeß fuͤr die Semmeln sorgen? Wir wollen ein Dutzend mit ins Feld nehmen, dann ist es ja gut. Wie Dus verstehst nemlich. — Ich wollte, der Teufel holte den Krieg! Ich muß doch nach meinen Gaͤsten sehn, und ihnen die schoͤne Neuigkeit melden. (ab.) Die verkehrte Welt . Erstens, das Schießen ist mir zu- wider; zweitens hat der Satan das Pulver er- funden; drittens geht es fuͤr den Skaramuz, fuͤr den ich keinen Patriotismus habe; viertens, ist Krieg nicht mein Handwerk; fuͤnftens, kann der Beste bei solchem Spaße umkommen; sechstens, heirathet mein Geselle nach meinem Tode vielleicht meine Frau; siebentens, steht der Galgen aufs Desertiren, — o man findet keinen Grund und Boden, gar kein Ende, wenn man alle Uebel des Krieges herrechnen wollte. Brauer treibt die Gaͤste hinaus. Keiner von den Hunden will auf seinen Beinen stehn, da liegen sie alle in den Win- keln und schlafen. Aufzuwecken! vom Schlaf aufzuwecken! mitten aus dem Winkel einen Mann heraus zu wecken, der alle Tage sein Geld hier verzehrt hat! Nein, das ist zu grob. Was giebts denn? Er wird wieder wollen Ke- gel spielen. Leute, wir haben Krieg, wir ha- ben Blutbad, die Empoͤrung ist im Schwange gegangen. Das nun nicht, es ist nichts als simple Rebellion. Ihr moͤgt wohl selbst simpel seyn. Wer ist simpel? — Wer hat das Herz, das zu sagen? Zweite Abtheilung . Ich. Das soll gestraft werden. Hier, wart einen Augenblick. (Baͤcker und Brauer ab.) Herauszuwecken! Es geht zu weit in unsern Tagen! Die Weltbegebenheit hat so was noch nicht erlebt, daß sie ist aus den Schlummer herausgeweckt worden! Keinem ver- storbenen Kaiser und Kurfuͤrsten ist das noch nicht begegnet, und mir muß das arriviren! Das kann ich nur nicht verdauen. Gevatter, haben wir bald Fastnacht? Religionskrieg haben wir vors Erste! Habt Ihrs denn nicht gehoͤrt? Also ist die Gewissensfrei- heit wieder zum Teufel? Die totale Mondfinsterniß wird wieder Mode. — Hol der Satan alles, wenn ich nicht mehr frei denken darf. Wer will es uns aber weh- ren? Das wird Dir schon gewie- sen werden, wenn die Religion aus der freien Aus- uͤbung wieder heraus kommt. Aber ist denn der Antichrist schon unterwegs? Freilich. Nun muß unser Gewissen wieder leiden. Das arme Thier ist kaum ein bischen zu Athem gekommen. Um die unschul- dige Bestie thut mirs nur am meisten Leid. Die verkehrte Welt . Brauer und Baͤcker kommen geruͤstet herauf. Nur heran, Brauer, wenn Du Herz hast. O ich warte sehnlichst darauf, Dich umzubringen. (Sie fechten.) Seht Ihr, da faͤngt die Intoleranz schon an; das wird nun bald mehr um sich greifen. Skaramuz koͤmmt. Ei! da ist ja schon ein Stuͤck- chen Rebellion! Halt! Ich bin uͤberwunden. Woruͤber seid Ihr denn uneins? Wir wissens selber nicht, Herr Koͤnig, wir brauchen auch, gottlob, keine Ursa- chen dazu. Vertragt Euch. — Und Ihr, Leute, ruͤstet Euch ebenfalls, Ihr seid ja meine leiblichen Unterthanen. Was sollen wir denn verfechten? Narren, den Krieg. Obs gegen den Tuͤrken ge- dient seyn soll? Gegen den Feind. — Macht Euch fertig, ich habe mehr zu thun. (ab.) Kommt, Leute, und uͤber- leset die zehn Gebote, oder die sieben Bitten, was Ihr am ersten habhaft werden koͤnnt, und dann laßt uns sogleich in den Krieg ziehn. (ab.) Zweite Abtheilung . Wir beide koͤnnen gleich in unsrer Ruͤstung bleiben. (ab mit dem Baͤcker.) Gruͤnhelm. Thalia . Und Du willst Dein Weib, Dein unmuͤndiges Kind verlassen? Ja, liebe Frau, es ist nun nicht anders, ich muß. Oder willst Du lieber, daß ich im Kriege umkommen soll? Keins von beiden, sondern Du sollst bei mir bleiben. Das geht aber nimmermehr. So versuche wenigstens Dein Heil im Kriege. Das geht noch viel weniger. Du willst also Dein Vaterland und mich verlassen? O Du Hartherziger! habe ich Dich darum so geliebt, bin ich Dir darum so getreu gewesen? Der Koͤnig haͤtte vielleicht seine Nei- gung auf mich geworfen, wenn unsre Ehe nicht gewesen waͤre. Beruhige Dich, liebe Frau, der Koͤnig hat vielleicht auch am laͤngsten gelebt. (niederkniend.) Du hast mich noch nie- mals weinen sehen, o sieh, wie ich jetzt zu Dei- nen Fuͤßen Thraͤnen vergieße. Laß Dich durch mein Flehen zuruͤckhalten. Sind meine Worte zu schwach, o so laß die Worte Deines Kindes die Kraft der meinigen vermehren. Erinnre Dich der frohen Stunden, die wir mit einander verlebt ha- ben, gedenke der suͤßen Hofnungen, von denen wir Die verkehrte Welt . uns unterhielten. — Soll alles dies nun gaͤnzlich voruͤber seyn? — Wie? bist Du geruͤhrt? Keinesweges, Geliebte, außer zum Weglaufen, und das bin ich, wie gesagt, schon von Natur. So will ich auch kein einziges Wort mehr verschwenden, Du Feigherziger! Geh denn, andre Maͤnner werden meine Liebe hoͤher achten. (Sie geht ins Haus.) Nun ich sie verlassen soll, fang ich, bei meiner Seele, erst an sie zu lieben. — (An das Parterr.) Ja, meine Herren, es ist mit mir so weit gekommen, daß ich beschlossen habe, daß Theater wieder zu verlassen, denn fuͤr den Krieg bin ich durchaus nicht gemacht. Es ist schon eine geraume Zeit her, daß ich hier herauf kletterte, und nun stehe ich wieder hier, im Begriff, hinun- ter zu klettern. — Wunderbar! daß unser Leben einen solchen Kreis durchlaͤuft, der zu Ende ist, ehe wir es uns versehn. Meine Geehrtesten! sehn Sie, ich bin nun bis zum Selbstmorde gekommen; ich meine, daß ich den Schauplatz wieder verlassen will. Ich haͤtte nicht geglaubt, daß meine Bestimmung mich dahin bringen sollte. Dunkles Land! — Wie ist es jenseit dem Sou- fleur und diesen Lampen? — Ist es mir doch, als koͤnnt ich mich leise dieses Zustandes erinnern. — Wie mag es dort unter Euch seyn, Ihr ruhig an- schauende Schatten? Ihr habt doch wohl alle Eure Narrheiten zu Hause gelassen, so wie Eure Geschaͤfte? Zweite Abtheilung . Apropos, Narrheiten! — Was haltet Ihr davon? Die Menschen halten sehr viel davon und glauben es nicht. Jetzt erst, am Rande des Gra- bes, seh ich meine Thorheiten vollkommen ein, — und dies vollkommene Einsehn ist nur meine letzte Thorheit. — Wer es vorher wuͤßte, wie oft ihm der Witz versagte, wie oft eine Posse, die ihn er- goͤtzt, keinem andern gefaͤllt, — o wer das vorher- sehn koͤnnte, wuͤrde nimmermehr ein so langweili- ges Spiel anfangen. Vor meiner Geburt war ich gewiß schon ein Narr, denn sonst haͤtte mir das Klugwerden nach der Geburt etwas leichter und natuͤrlicher ankom- men muͤssen. — In meiner Kindheit war ich ein Narr, und das bedarf keines Beweises. Dann wurde ich in die Thorheit der Wissenschaften hin- ein getrieben und wurde ein ausgemachter Narr, denn ich wurde eitel und duͤnkte mich gelehrt und weise. Dann wurde ich ein Zaͤnker, der Haͤndel suchte und immer schlimm dabei weg kam. Da- rauf verbesserte ich mich zu einem furchtsamen Nar- ren, ein Zustand, den ich jetzt zum zweiten Male erlebe, und der mir die Gelegenheit verschafft, diese wenigen Betrachtungen anzustellen. Doch, daß ichs kurz mache, ich wurde ver- liebt, ja ich heirathete, eine groͤßere Narrheit folgte der großen, nun ward ich gar Vater und sah in allem, was mein Kind schrie und spielte, die wunderbarsten Genieanlagen, verhaͤtschelte mich in ihm und war in Zaͤrtlichkeit und Eigenliebe der Die verkehrte Welt . groͤßte Narr. Wie nun gar, da ich philosophisch zu erziehen anfing! Das ist so der kurzgefaßte Inbegriff aller mei- ner Wissenschaften, und nun, meine Hochgeehrte- sten, — dies sind ohngefaͤhr die letzten Worte, die ich sagen kann, denn bald werde ich hier nicht mehr seyn, — (ich wollte, es fiele mir noch ein andrer Spaß ein, als daß ich gleich heruntersprin- gen werde, — nein, in der That, mir koͤmmt gar nichts bei) — nun also werd ich mich, wie gesagt, zu Euch verfuͤgen, um von dort in Ruhe den Sturz des Skaramuz zu sehn. — Jetzt spring ich! Kopf weg! (Er springt in das Parterr hinab.) Das war eine erstaunlich ruͤh- rende Scene. — Aber was heult denn hier so? Herr Wachtel schluchzt so sehr. Ne — nein, — ei — ei — einen solchen — Selbstmord, — ka — kanns nicht ansehn! Die Armee des Skaramuz, darunter Schatzmeister, Stallmeister, Rabe, der Fremde, der Maschinist, Harlekin, der Leser. Ska- ramuz reitet in voller Ruͤstung auf seinem Esel herein. Der Feind ist ganz nahe, — fuͤrchtet Euch nur nicht, liebsten Leute, — er ist doch immer nur der Feind. — Wo ist mein Adjutant? Er soll sich selber umgebracht haben. Ja, ich sitze hier mit meiner Seele in Elysium, und fuͤrchte mich nun nicht mehr. Zweite Abtheilung . Ach, er ist zu beneiden, lieben Freunde; auf die Fieberschauer dieses Lebens schlaͤft er wohl, er ist gluͤcklich. Trompeten. Das Heer des Apollo, mit ihm Admet, Myrtill, Aulikus, der Schriftsteller, der Wirth, der Poet, der Direkteur . Da sind die grausamen Feinde, alle sind sie da, — und hoͤrt nur, wie unverschaͤmt sie in die Trompeten stoßen! Apollo , der auf dem Pegasus durch die Luft herunter fliegt. Seht, was der Kerl da fuͤr Streiche macht! — Das verursacht gewiß wieder der verwuͤnschte Maschinist. Wahrlich nicht, mein Koͤnig, diese Kuͤnste sind mir selber unbegreiflich. Nun, Leute, haltet Euch nur tapfer, denn das ist die Hauptsache, alles uͤbrige wird nicht viel zu bedeuten haben. — Ich kann keine langen Reden halten, aber einen Schlachtge- sang sollen uns die Musen singen. Slachtgesang . Das Vaterland! das Vaterland! Daß nur keiner davon laͤuft! Ihr kennt doch wohl den Stock? — (Es wird das Zeichen zum Angriff gegeben, eine fuͤrchterliche Schlacht, alle gehn kaͤmpfend ab.) Feldgeschrei. Der Maschinist, der Poet , im Zweikampfe. Ergieb Dich, Du erbaͤrmlicher Ma- Die verkehrte Welt . schinist, der nur immer fuͤr den elendesten Effekt arbeitet. Ergieb Dich, Poet, der Du so unverschaͤmt bist, zu verlangen, daß sich die Menschen der Poesie erfreuen sollen. Ja, das will ich, und sie sollen es! Und sie sollen die Dekoratio- nen vorziehn! (Gehn fechtend ab.) Apollo mit Gefolge. Frisch, meine Freunde! der Sieg neigt sich schon auf unsre Seite. (ab.) Brauer koͤmmt. Ich habe schon ein Paar Wun- den, die mir nicht uͤbel schmecken. Skaramuz thut wahre Wunder der Tapferkeit, den Esel ha- ben sie ihm unterm Leibe umgebracht, die hart- herzigen Feinde; aber das ruͤhrt ihn nicht, er strei- tet zu Fuß immer weiter. Skaramuz tritt auf. Ein Pferd! ein Pferd! mein Koͤnigreich fuͤr ein Pferd! Warum denn gleich das ganze Koͤ- nigreich? So bleibt Euch ja nachher nichts uͤbrig. Es ist ja nur eine Hyperbel, Esel, die ich in der Leidenschaft ausstoße. (Geht ab.) Ich muß doch auch wieder nach- sehn, wie sich die Bataille befindet. (Geht ab.) Ruͤckzug. Das Heer des Skaramuz nimmt die Flucht, die an- dern verfolgen die Fliehenden. Skaramuz koͤmmt trostlos. Zweite Abtheilung . Meine Herren, die ganze Ba- taille ist total verloren, — nun bleibt mir gar keine Hofnung mehr, — ich werde abgesetzt, der verdammte Apollo nimmt meine Stelle ein. — Meine ganze Armee ist zerstreut; — erbarmen Sie sich meiner, geliebte Zuschauer, schicken Sie mir eine Verstaͤrkung! Warum stehn wir aber auch muͤ- ßig, und sehn das Leiden des großen Mannes so kaltbluͤtig mit an? Wir sind Schurken, wenn wir es leiden, daß er abgesetzt wird. Nimmermehr soll es so weit kommen. Nein! nein! hat schon das Ge- witter ausgestanden, und soll sich nun noch sein Reich zerstoͤren lassen! Apollo koͤmmt mit seinem Gefolge. Der Sieg ist nun unser, Freunde, nehmt noch den Skaramuz gefangen und dann wollen wir das Reich von neuem einrichten. Nimmermehr soll es so weit kommen! (Sie klettern alle zum Theater hinauf.) Was giebts denn? Er ist unser Freund, wir wol- len fuͤr ihn bis auf den letzten Blutstropfen fech- ten. Fangt nur die Schlacht gleich wieder von neuem an, dann wollen wir sehn, wer den Sieg davon traͤgt. Die verkehrte Welt . Ha ha ha! liebe Herren, Sie ver- gessen sich ganz. (Die ganze Armee des Apollo lacht.) Es ist da nichts zu lachen, wir beschuͤtzen sein Koͤnigreich; er hat tugendhaft und gut regiert, wir wollen seine treuen Unterthanen seyn. Aber, meine Herren, sie vergessen in Ihrem Enthusiasmus, daß wir alle nur Schau- spieler sind, und daß das Ganze nichts als ein Spiel ist. — Und damit waͤre denn das Stuͤck voͤllig zu Ende. Herr Skaramuz, Sie haben sich sehr tapfer gehalten. Herr Direkteur, Sie ließen im Stuͤcke einmal ein Wort davon fallen, daß Sie den Skaramuz abdanken wollten, das soll auch nicht seyn. Ich waͤre ja ein Thor, wenn ich es thaͤte, da er Ihren Beifall in einem so ho- hen Grade hat, daß Sie fuͤr ihn sterben wollen. Ja, Blut und Leben fuͤr Ska- ramuz! Leib und Leben fuͤr Skaramuz! ( Der Vorhang faͤllt .) Prologus tritt bescheiden herein. Sie werden hier ein Stuͤck se- hen, meine Verehrungswuͤrdigen, das ein wenig wunderlich aussieht, das es aber von Herzen gut meint. Es ist nuͤzlich, wenn wir zuweilen des Zweite Abtheilung . mannichfachen Elends dieser großen Erde vergessen, oder auch es milder im Spiegel der Thorheit an- schaun, und dazu dient vielleicht nachfolgendes. Gefaͤllt Ihnen das Stuͤck nicht, so steht es um so schlimmer um den Verfasser, alle Entschul- digungen sind dann umsonst, und ich will kein Wort zu seiner Rechtfertigung sagen. Wenn Ih- nen also die Zeit lange waͤhrt, so wuͤnsche ich Ih- nen von ganzem Herzen bei irgend einem andern Schauspiele desto mehr Vergnuͤgen. — Doch ich sehe so eben, es ist kein Zuschauer da, der diesen so nothwendigen Prologus anhoͤren koͤnnte. Wir sitzen hinter der Gardine, Herr Prologus, beim Herrn Skaramuz. So will ich also auch zu ihm gehn. Ich empfehle mich. — (Er verbeugt sich sehr ehrerbietig gegen die leeren Baͤnke und geht ab.) Nun ist der ganze Prolog an mich gerichtet gewesen, der ich eine der Hauptper- sonen im Stuͤcke selber war, und doch ist er mich gar nicht gewahr geworden, und doch bin ich hier der einzige Mensch! Es ist immer sehr wunderbar, und verdient wohl eine Untersuchung der Philoso- phen. — Aber ich thue wohl gut, nach Hause zu gehn, und meiner wirklichen Frau von meinen wun- derbaren Begebenheiten disseit und jenseit der Lam- pen zu erzaͤhlen, denn die Verbindung mit der Thalia war nur eine Comoͤdienheirath. (Er geht.) Emi- Zweite Abtheilung . Emile sagte, nachdem Manfred seine Vor- lesung beendigt hatte: ich bin der Meinung, daß manche Gattungen des Witzes nur recht von Maͤn- nern genossen und verstanden werden koͤnnen. Mir ist es wenigstens schwer geworden, Ihnen allenthalben zu folgen, und es kann wohl seyn, daß dieser wilde unruhige Geist des Humors, diese scheinbare Willkuͤrlichkeit und Zerstoͤrung des Scherzes selbst durch neuen Uebermuth von der weiblichen Natur der Poesie zu entfernt liegen. So wuͤrden Sie also, sagte Manfred, un- serm Jean Paul Recht geben, der allenthalben die weibliche und maͤnnliche Natur trennt, und der letztern fast ausschließlich den Sinn fuͤr Witz und Laune zugesteht? Wie koͤmmt es dann nur, sagte Clara, daß mir, seitdem ich mich an seine Schreibart ge- woͤhnt und sie verstehen gelernt habe, seine ko- mischen Stellen fast durchgaͤngig mehr gefallen, als seine ernsthaften? Denn in diesen letztern ist er mir oft entweder zu weitlaͤufig, oder zu weich und unbestimmt, oder zu gespenstisch, oder ich glaube zuweilen sogar den Mangel des rech- ten ernsten Ernstes wahrzunehmen; dagegen en- digen mir seine komischen Kapitel immer zu fruͤh, jene medizinischen freilich ausgenommen, die ich ihm gern erließe; hat doch selbst Manfred uͤber seinen Feldprediger Schmelzle nicht so herzlich als ich lachen koͤnnen. Dein Sinn, sagte Rosalie, wendet sich ein- II . [ 25 ] Zweite Abtheilung . mal fast ausschließlich zu heitern Gegenstaͤnden, und darum thust Du auch dem eben genannten Autor, so wie manchem andern Buche Unrecht, weil wohl auch bei der schoͤnern Wehmuth, bei den innigsten Geistertoͤnen, Dich eine dunkle Angst befaͤllt, die Dich dort manchmal Gespen- ster sehn laͤßt, wo wir Andern Genien zu erblik- ken glauben. So ist es recht, sagte Manfred, wenn je- der seine bestimmte Weise hat. Ich muß des- halb auch meinem Freunde mit seiner Sucht ab- zusondern und einzutheilen Unrecht geben, so vortreflich er auch einzelne Individuen des weib- lichen Geschlechts beobachtet und dargestellt hat, vorzuͤglich die geringeren Naturen, die hoͤheren erbaut er freilich statt aus Fleisch und Gebein fast nur aus Schwermuth und Nebel, doch blitzt oft ein herrliches Wort und tiefe Wahrheit auch aus diesen Wolken heraus. Du bist aber, lieber Bruder, wendete Au- guste ein, von der Aufgabe abgewichen, denn Dein historisches Schauspiel ist wohl kein Maͤhr- chen zu nennen. Die Zuhoͤrer, antwortete Manfred, muͤssen mich entschuldigen, denn freilich zeigt es vielleicht im Gegentheil die wirklichste Wirklichkeit. Die sich aber doch wieder, sagte Anton, wie wir schon neulich ausmachten, auf einem gewis- sen Standpunkte von selbst in ein Maͤhrchen verwandelt. Zweite Abtheilung . Im Zittauischen Schultheater, fuhr Man- fred fort, fand ich eine Comoͤdie mit dem Ti- tel, „die verkehrte Welt;“ beim Lesen erzeugte sich in mir gegenwaͤrtige, in welcher ich aber nur einen Einfall von dem alten Rektor Weise geborgt habe. Dieser Autor erzaͤhlt, daß die Bilderchen, die man wohl sonst auf den Maͤrk- ten feil hatte, auf welchen der Schlaͤchter ge- schlachtet und der Fischer geangelt wird (Kin- dern gefaͤllt gewoͤhnlich die Gruppe am besten, wo der kleine Zoͤgling seinen Schulmeister zuͤch- tigt), ihm die Veranlassung zu seinem Schau- spiele gegeben haͤtten. Es war schon spaͤt geworden und man setzte sich zum Abendessen nieder, Lothar war noch nicht zuruͤck gekommen. Jetzt hoͤrte man ein klappern- des Pferd den Felsenweg herunter, und nach einiger Zeit erschien auch der vermißte Freund, welcher sich hatte umkleiden muͤssen, da er vom Regen durchnaͤßt war. Er war das Ziel vieler Spoͤttereien, besonders war Wilibald unerschoͤpf- lich, diese seltsame Leidenschaft fuͤrs Theater in das grellste Licht zu stellen, die Frauen lachten herzlich und Lothar selbst spottete uͤber sich, und erzaͤhlte manche drollige Geschichtchen und Ver- legenheiten, in welche ihn oftmals, vorzuͤglich in fruͤherer Jugend, seine uͤbertriebene Vorliebe fuͤr die Buͤhne versetzt hatte. Lacht und spottet nur, meine Freunde, rief er aus, selbst dadurch wird mein Vergnuͤgen erhoͤht, und es verfuͤhrt Zweite Abtheilung . mich um so mehr, euch naͤchstens wieder zu de- sertiren, um jenen wunderlichen Tempel des Apollo zu besuchen. Weiß ich doch nicht, was so wahrhaft das Leben erhoͤht, in jedem Ungluͤck troͤstet, in jedem Mißmuth uns freundlich an- lacht, als irgend eine recht bestimmte Liebhabe- rei. Was kann dem leidenschaftlichen Sammler begegnen, woruͤber ihn nicht eine neue Muͤnze, ein Wappen, ein seltnes Blatt erheiterte? Die Sammlung muͤßte etwa abbrennen oder gestoh- len werden. Vielleicht waͤre es bei euch nur Abgeschmacktheit oder Affektation, wenn Ihr im schlechtesten Wetter so weit reiten und mit eini- ger Lebensgefahr zuruͤckkehren wolltet, um ein Ding anzusehn, daß euch kaum die Zeit ver- triebe, geschweige ergoͤtzte; ich aber habe meine abentheuerliche Wanderung in keinem Augenblicke bereuen koͤnnen, außer dort oben, in jenem ver- wuͤnschten, steil abgehenden Holwege, wo das Pferd bei jedem Schritte stuͤrzte, und ich weder rechts noch links, noch vor mir eine Handbreit sehn konnte. Diese Minuten abgerechnet war mir wohl und heiter zu Muth, die Bilder der gespielten Comoͤdie umgaukelten mich wunderlich, die Schimmer der Nacht, die raͤthselhaften For- men der Berge, der Wind und Regen bauten meinen Vorstellungen ein neues, hoͤchst poetisches Theater, und indem ich jetzt bei wohlthaͤtigem Licht die Gesichter meiner Freunde wieder sehe, die mich so herzlich an und auslachen, indem Zweite Abtheilung . ich diesen duftenden Wein, die anlockenden Spei- sen und gewuͤrzten Gespraͤche genieße, bin ich so froͤlich und wohlgemuth, daß ich ohne Zweifel noch nach Jahren an diesen Abend mit Freuden zuruͤck denken werde. Gewiß, sagte Wilibald, kann der Schoͤpfer manche seiner Creaturen mit geringen Dingen gluͤcklich machen. Lassen Sie gut seyn, sagte Rosalie freund- lich, und stoͤren Sie unsern Enthusiasten nicht, der auf dem Wege ist, uns noch einige komi- sche Erinnerungen aus seiner Jugend zum Be- sten zu geben. Nicht bloß meine Jugend, sagte Lothar, muß ich verklagen oder belachen, ich bin uͤber- zeugt, daß dieser Trieb nie in mir abgestumpft wird. Und nicht so wohl die großen beruͤhmten Theater sind es, als die kleinen Winkeltruppen, die Kuͤnstler ohne großen Ruf, welche mich an- ziehn, von denen man zuweilen noch, aber mit jedem Jahre seltener, Schauspiele zu sehn das Gluͤck hat, die laͤngst verschollen sind, uralte Traditionen, von denen man oft nicht begreift, woher sie sie haben koͤnnen, zuweilen recht poe- tische Gewaͤchse, die nur auf den Dichter war- ten, um sie auch einem gebildeten Publikum wie- der interessant zu machen. So sind es, um in die Erzaͤhlung einzulenken, noch nicht viele Jahre, daß ich einer solchen Buden-Truppe wegen fast in eine schwere Krankheit zuruͤck gefallen waͤre, Zweite Abtheilung . von der ich noch nicht hergestellt war. Ein Lip- perle war es, der mich anlockte, eine Maske, die mir noch unbekannt war. Ich war kaum im Stande zu gehn, und ein gutmuͤthiger Freund gab endlich meinen Bitten nach, mich an einem schoͤnen Sommerabend zu begleiten und zu be- schuͤtzen. Die Vorstellung war eine jener grel- len, populaͤren, die fuͤr mich und das Volk immer Reiz behalten. Die ernsthaften Rollen, die großen Herren und Fuͤrsten wurden schlecht und steif extemporisirt und nur der Narr war unvergleichlich, wodurch das Stuͤck ein wahres großes Weltgemaͤlde wurde, und sich von selbst poetisch ironisirte. Schon im dritten Akt zog ein Gewitter auf, und mein eifriger Freund er- mahnte mich, uns fort zu machen, weil die Blitze schon durch die Bretter flimmten und die sparsame Erleuchtung uͤberglaͤnzten, auch der Donner bestimmt in der Ferne murrte. Ich menite aber, daß Gewitter koͤnne eben so gut eine andre Straße ziehn, und war so versessen, das Ende abzuwarten, so unbequem ich auch auf den rauhen schmalen Baͤnken saß, so oft ich auch im Schmerz ohne Gewinn die Stellung wechselte, daß ich wirklich den Schluß und bald nach ihm das staͤrkste Gewitter erlebte. Nun war guter Rath theuer. An schnelleres Gehn war bei meiner Unbehuͤlflichkeit nicht zu denken, ein Wagen nicht zu haben, denn wir waren ver- trauensvoll, daß das Unwetter nicht so schnell Zweite Abtheilung . herein brechen wuͤrde, ein Stuͤck ins Feld hin- ein gegangen, kein Schutz, bis zu meiner Gar- tenwohnung hin, ließ sich antreffen. Ehe sich der Platzregen ergoß, entstand, wie oft vor star- ken Gewittern, ein solcher Sturm und Wirbel- wind, mit einem so ungeheuren und dichten Staube, daß Augen Mund und Ohren sogleich begraben wurden. Ich mußte mich meinem Freund in die Arme werfen, um nicht umge- rissen zu werden, der sich wie ein Baum mit seiner ganzen Staͤrke in den Boden wurzelte. Gleich darauf stroͤmte der unbarmherzigste Platz- regen nieder, die dichteste Nacht umzog uns, nur vom Blenden der Blitze augenblicklich durch- rissen. Ich kann nur nicht sprechen, sagte mein Freund, Wind und Regen lassen es nicht zu, und das Bruͤllen des Donners, aber zu Hause will ich dir meine Meinung sagen. Nach einer Stunde gelangten wir an (ein Gesunder konnte den Weg in weniger als einer Viertelstunde vol- lenden); ich legte mich sogleich zu Bett, warme Tuͤcher, heißer Wein, Medizin, wurden eiligst herbei geschafft, aufgelegt, genossen und einge- nommen, und als der erste Schreck voruͤber war, setzte sich der Beste der Menschen an mein Bett und hielt mir eine derbe Strafpredigt uͤber meine Unvernunft, uͤber diese alberne Leidenschaft, uͤber die Verachtung und Vernachlaͤssigung des Gewitters, welche um so zorniger und ausfuͤhr- licher gerieth, weil er sich uͤberzeugte, daß meine Zweite Abtheilung . Krankheit daruͤber die schlimmste Wendung neh- men muͤsse. Ich aber, vom Zimmer geschuͤtzt, vom Bett erwaͤrmt, von der Noth des Gewit- ters gespannt, erinnerte mich der Spaͤße des Lipperle, so daß ich der gutgemeinten Ermah- nung nur mit lautem Lachen antworten konnte. Zum Gluͤck hatte dieser Unfall keinen boͤsen Ein- fluß auf meine Genesung. Wenn du am Lipperle und Gewitter ver- schieden waͤrest, sagte Theodor, so haͤtte man dir, als einem Maͤrtyrer, eine recht poetische Grabschrift setzen koͤnnen. Ich habe es oft, sagte Friedrich, meinem Freunde vorgeworfen, daß er sich zu gern und zu stark an den Scenen des gemeinsten Lebens ergoͤtzt; er konnte Betrunkenen durch viele Gassen folgen, er verschmaͤhte es nicht, Schenken und die wuͤsten Gelage des gemeinen Volkes zu be- suchen, weshalb er auch viel von den Gemaͤhl- den dieser Art in Fieldings und Smollets Ro- manen haͤlt. Jedes an seinem Platze, antwortete Lothar, ob ich gleich recht gut weiß, wie sehr diese Ge- bilde unter dem edlen und kunstreichen Cervan- tes stehn, dem sie doch nur nachgeahmt sind. Da wir aber einmal in diese Erzaͤhlungen ge- riethen, so erlaube man mir, einen andern Vor- fall vorzutragen, der mich mit groͤßerem Rechte beschaͤmte, der aber auch in meine fruͤheren Jahre faͤllt. Ich will nur vorher erinnern, daß Zweite Abtheilung . ich in meiner Jugend an zweien Gebrechen litt, von denen ich das eine wirklich, das andre we- nigstens zum Schein abgelegt habe. Das erste war eine traͤumerische Zerstreutheit, die oft bis zum Unglaublichen stieg, und die ich mir durch fortgesetzte Aufmerksamkeit dermaßen entfremdet habe, daß ich, als einer, der immer besonnen ist, diejenigen, die an dieser Schwaͤche leiden, vielleicht jetzt mit Unbilligkeit verfolge. Der zweite Fehler war eine tolle Heftigkeit und Leidenschaft- lichkeit, die mich oft noch mehr verwirrte, denn der ploͤtzlichste Jachzorn konnte mir auf Sekun- den, ja Minuten, alles Bewußtseyn rauben. Seit ich aber die Verwerflichkeit einer solchen Sinnes- art eingesehn, habe ich so an mir selbst gemei- stert, daß ich oft sogar kalt scheinen kann, wenn ich auch noch so heftig bewegt bin. Doch tritt immer noch bei jeder Beleidigung, bei jedem Verdruß derselbe Zustand ein, das Verschwin- den aller Gedanken, ein Blitz, der durch mein ganzes Wesen zuckt, aber ich bin im Stande, diese Erschuͤtterung voruͤber gehn zu lassen. Selbst Stellen in Dichtern koͤnnen mich auf diese Weise erregen, vollends Schauspiele, und Shakspears Coriolan, besonders wenn ich ihn laut vorlese, erfuͤllt mich mit demselben Zorne. Daß man eine Rolle, wie die des Otto von Wittelsbach, ohne dieselbe Empfindung gut spielen koͤnne, ist mir unbegreiflich. Ich habe, sagte Manfred, uͤber diesen Ge- Zweite Abtheilung . genstand recht gute Betrachtungen in La Rives Cours de declamation gelesen, obgleich das Buch sonst viel seichtes Geschwaͤtz eines eitlen Franzo- sen enthaͤlt. Ich war etwa zwanzig Jahr, fuhr Lothar fort, und in jener gluͤcklichen Verfassung, daß ich mich als Musensohn der Herr der Welt duͤnkte. Zwar war ich wegen meines Hanges zur Einsamkeit etwas verrufen, auch deshalb, daß ich selten an den lauten Gesellschaften an- drer Studirenden Theil nahm, weil mir ihr ro- hes Wesen widerstand; aber wenn ich mich zu Pferde sah, frei im Walde, auf kleinen oder groͤßeren Reisen, so schien ich mir der gluͤcklichste Mensch, um so gluͤcklicher, als ich mich eben so wenig zur Zunft der Studenten, als zu den Zuͤnften des buͤrgerlichen Lebens rechnete. Da- mals versammelte sich in Franken ein Theil der Reichs-Armee, um nach dem Rhein zu marschi- ren. In der Naͤhe einer großen Reichsstadt wurde ein Lager aufgeschlagen, welches aus Neu- gier von allen Staͤnden fleißig besucht wurde, und eine schlechte Comoͤdianten-Truppe benutzte diesen Umstand, um sich vom General die Er- laubniß auszuwirken, unter freiem Himmel, im Lager selbst, den Grafen Waltron aufzufuͤhren, ein Stuͤck, welches aus lauter Militaͤr-Perso- nen besteht und im Lager spielt. Dergleichen war schon sonst, bei andern Gelegenheiten ge- schehn. Das Lager selbst diente dann als De- Zweite Abtheilung . koration, die Soldaten als Statisten, die Ka- nonen, Pulverwagen machten es individuell, und Wirklichkeit und Nachahmung ward durch Schie- ßen, Trommeln, die militaͤrischen Ehrenbezeugun- gen von wahrhaften Schildwachten, auf eine bi- zarre und kindische Weise mit einander vermischt. So sehr ich das Stuͤck, und die Schauspieler, welche ich schon kannte, verachtete, so versprach ich mir doch von dem heitern Sommertage, den vielen Menschen, dem Gewirre und der Schlech- tigkeit der Auffuͤhrung ein großes Fest, ich hatte daher keine Ruhe, bis ich zu Pferde saß, und in der Mittagshitze hinaus trabte. Um vier Uhr sollte das Schauspiel seinen Anfang neh- men. Ein gruͤner Platz war abgesteckt, nur leicht mit Schnuͤren, Latten und Brettern umgeben, ein Amfitheater war hinterwaͤrts fuͤr die wohl- feileren Plaͤtze erbaut. Man sah in einen Theil des Feldlagers hinein, zwei Zelte waren auf bei- den Seiten der gruͤnen Buͤhne benutzt, dem Sou- fleur hatte man eine Grube im Boden zuberei- tet. Die Schauspieler gingen umher, die mit- spielenden Schildwachten standen in mannichfal- tigen Gruppen, doch hatte man ihnen, um ih- ren Militaͤrkarakter nicht herabzuwuͤrdigen, Klap- pen und Aufschlaͤge mit rothem Papier besetzt. Ich nahm großmuͤthig ein Billet zum ersten Platz, setzte mich, als noch Niemand weiter zu- gegen war, und erwartete heiter die geputzten Herren und Damen. Demuͤthig trieb sich vor Zweite Abtheilung . mir unter den schlechten Schauspielern ein noch schlechterer um, der hier eine Nebenrolle spielte, und, wie er mir, seinem hohen Goͤnner erzaͤhlte, (denn so nannte er mich) sich sehr geehrt fuͤhlte, in dieser ansehnlichen Truppe aufgenommen zu seyn. Ich hatte ihn einige mal in der Schenke eines Dorfes ex tempore spielen sehn, wo er be- sonders einmal den Teufel trefflich agirt hatte; der Mensch war mehr zum Erbarmen als zum La- chen. Bald nahm ich wahr, daß nur eine schlechte Ordnung beobachtet wurde, denn von den letzten Plaͤtzen rutschten und krochen die Zu- schauer unvermerkt in den zweiten Rang, und als sie sahen, das dies geduldet, oder nicht be- achtet wurde, verfuͤgten sie sich leise in den er- sten, bis ein verwegner Handwerksgesell frech und oͤffentlich in das sogenannte Parket stieg, indem er rief: Dummheiten! Geld ist Geld und Platz ist Platz! Ihm folgten hierauf seine Came- raden mit derselben Unbefangenheit, die er noch mit dem Zuruf ermunterte, daß er diese Gewohn- heit beobachtet habe, so oft es sich nur thulich gefunden. Diese Verletzung der Ordnung that mir schon weh, aber noch verdruͤßlicher ward ich, als dieselben Bursche, um das Schauspiel noch naͤher zu haben, in die Buͤhne selbst hin- ein sprangen, und sich bei dem Soufleur, vor den Zelten, auf das Proscenium lachend und trinkend lagerten. Nun wurde Graf Waltron aufmerksam und verlegen, er kam mit der Bitte Zweite Abtheilung . heran, daß man zuruͤcksteigen moͤchte, wovon aber die Menschheit, die immer nur gern vor- waͤrts dringt, und mit gutem Willen nicht gern zuruͤck, keine Notiz nahm. Der Graf, der zu- gleich der Direktor war, sprach von einem ehr- wuͤrdigen Publikum, daß sich die nothwendige Ordnung wuͤrde gefallen lassen, und auf den Zwei- und Vier Groschen-Platz anstaͤndig und edel zuruͤck kehren, um denen Beschuͤtzern, welche zwoͤlf Groschen bezahlt haͤtten, Raum zu gewaͤh- ren, von einem Aufenthalt auf der Buͤhne selbst aber koͤnne unter keiner Bedingung die Rede seyn. Die Empoͤrer lachten, oder schwuren, sie haͤtten den ersten Platz bezahlt und saͤßen dorten gut. Graf Waltron zog sich zuruͤck, man ver- suchte das Stuͤck anzufangen, der dreimal wie- derholte Kanonenschuß erscholl zum Zeichen, die Offiziere traten aus den Zelten, der Soufleur sagte ihnen die Reden vor, die sie schwach und unvernehmlich nachsprachen. Da aber einige von den lustigen Gesellen sich dem Einhelfenden so nahe begaben, daß sie ihm mit in das Buch schauten, andre in das Zelt hinein kuckten, und die Sprechenden uͤber einige Liegende wegklettern mußten, um zum Proscenium zu gelangen, so wurden diese, so wie der Einhelfer erboßt, die Schauspieler gingen wieder ab, und der Sou- fleur erhob sich aus der kuͤhlen Erdgrube und warf das Buch hin. Nun rief Graf Waltron seine mitspielende Wache zu Huͤlfe. Ein kleiner Zweite Abtheilung . aͤltlicher Soldat trat heran und schrie im breiten Dialekt: Zuruͤck, meine Herren! zuruͤck! Er trieb wirklich die verwegenen Bursche, die sich auf- rafften, in einen Haufen zusammen, aber so, daß sie sich nun in verschiedenen Reihen vor dem ersten Platze aufpflanzten. So waren wir, die die Vordersten seyn sollten, hinter eine Co- lonne von zehn oder zwoͤlf Mann zuruͤck gedraͤngt. Diese Menschenmenge schwankte unter Lachen und Schreien vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts, nachdem der Soldat ihnen naͤher kam, oder sich entfernte. Dieser, der nur gemeine Gesichter vor sich sah und ihren Muthwillen bemerkte, sprach jetzt von Poͤbel anstatt von Publikum, und redete sie mit „Lumpen,“ anstatt mit „Herren“ an, auch nahm er seinen Ladestock, und schwenkte und ruͤhrte gelinde uͤber die Koͤpfe hinweg, so weit er nur reichen konnte, ohne um die hohen Goͤnner, die im Parket fest gedraͤngt standen, Sorge zu ha- ben. Ich verwunderte und aͤrgerte mich uͤber die neben mir Stehenden; ich begriff ihre Ge- duld nicht; ich war außer mir, daß ich manche Patrizier und ansehnliche Gestalten, die auch schon jener eiserne Stock beruͤhrt hatte, mit stillem Murmeln den Ruͤckweg nehmen sah, um sich gaͤnzlich von diesem Natur- und National-Thea- ter zu entfernen; ich fragte mich: was wuͤrdest du thun, wenn jener Magnet auch auf dich an- schluͤge? Und indem ich dies noch dachte, fuͤhlte ich oben meinen Hut von der Stange nichts we- Zweite Abtheilung . niger als stark beruͤhrt, und im nehmlichen Au- genblick, — wie Recht hat Engel in seiner Mi- mik, daß die Leidenschaft immer den kuͤrzesten Weg geht, und ohne zu uͤberlegen, ob ein Um- weg sie nicht schneller zum Ziele fuͤhren moͤchte, sich durch den dicksten Haufen stuͤrzen wird, — im nemlichen Augenblicke war ich auch schon, ohne zu wissen, wie (indem ich noch jetzt nicht die Moͤglichkeit begreife), wem ein Wetterstrahl gleich durch das dichte Gedraͤnge geschlagen, denn ohne Bewußtseyn vernahm ich nur ein dumpfes Ge- toͤse um mich her. Als ich nach einigen Sekun- den wieder zu mir kam, fand ich mich auf der Brust jenes Soldaten knieend wieder, den ich so fest bei der Gurgel hielt, daß sein aufgelau- fenes Gesicht blau gefaͤrbt und die Augen weit hervor gequollen waren. Fest hielt ich meine Beute, trotz den Versuchen des Grafen Wal- tron und seiner Offiziere, die mit aller Gewalt hinten an meinem Rocke zerrten, um die be- draͤngte Schildwacht zu erloͤsen. Ich schalt laut und heftig, und sprach von niedertraͤchtiger Be- handlung der Zuschauer, sagte dem Direktor sehr anzuͤgliche Dinge, wobei ich jenen armseligen Schauspieler zum Zeugen der Missethat und der schlechten Ordnung aufrief, der mich aber ver- laͤugnete und seinen Patron jetzt nicht kennen wollte, weil viele Soldaten und Offiziere laut von meuterischen Attentaten auf die Reichstrup- pen sprachen und mit Ketten und Gefaͤngniß Zweite Abtheilung . drohten. So gab ich der versammelten Menge das seltsamste Schauspiel, wovon ich nichts ge- ahndet hatte, als ich zu Pferde stieg. Endlich wickelte man meine Haͤnde vom Soldaten los, und unter gegenseitigen Beschuldigungen und Drohungen ward ich von der Wache nach dem Zelte des Generals gefuͤhrt; Graf Waltron so wie der blaugewuͤrgte Soldat, und mit ihnen die neugierigsten der Zuschauer begleiteten den Zug. Der General nahm anfangs einen hohen Ton, und sprach von der Verletzung seiner eige- nen Person, ja Kaiserlicher Majestaͤt selbst, wel- che diese Schildwacht repraͤsentirt habe. Ich war indeß etwas kuͤhler geworden, und suchte mei- nen Richter durch eine umstaͤndliche Darstellung der zunehmenden Unordnung, so wie der schlech- ten Polizei der Schauspieler und ihrer abge- schmackten Einrichtungen, eben so der unerlaub- ten Gewaltthaͤtigkeit des Soldaten zu gewinnen. Da er sich aber nicht entschließen konnte, mir Recht zu geben, und immer wieder von meute- rischer Verletzung der Soldateska sprach, so fragte ich mit erneuter großer Heftigkeit, welches Regi- ment der Reichstruppen denn papierne Aufschlaͤge fuͤhre; indem ich dem Klaͤger einen solchen fal- schen Theil sein Montur herunter riß. Der Ge- neral, der schon gehoͤrt hatte, daß ich ein Stu- dirender sey, mußte uͤber meinen Eifer und diese Frage lachen; er wandte den Rest seines Ver- drusses auf den Grafen Waltron, den er so an- fuhr: Zweite Abtheilung . fuhr: ich habs Ihm ja gleich gesagt, daß bei seinem dummen Zeuge nur Dummheiten heraus kommen wuͤrden! Er ließ dem Gewuͤrgten zur Verguͤtigung eine Flasche Wein geben, worauf wir alle das Zelt verließen. Der Direkteur, der die Unmoͤglichkeit sahe, in freier Natur zu spie- len, ließ bekannt machen, man solle, wie man beliebe, die Plaͤtze im Schauspielhause einneh- men, in welchem er mir einen Sitz in der er- sten Loge anbot, den ich aber nicht annahm, sondern erklaͤrte, daß ich der armseligen Vorstel- lung wohl entuͤbrigt seyn koͤnne. Indem ich nach dem Gasthofe zuruͤck kehrte, wurde ich erst gewahr, wie viele Augen ich auf mich gezogen, und es fiel mir ein, uͤber die Rolle nachzudenken, welche ich gespielt hatte. In den Blicken der Handwerksburschen und der wilden Jugend las ich den ungetheiltesten Bei- fall, sie sprachen von meinem muthigen Zorne als einer wahren Heldenthat, und dachten wei- ter nicht daran, daß sie durch ihre Ueberschrei- tung aller Schranken diese Scene veranlaßt hat- ten; die aͤlteren Maͤnner betrachteten mich nur als einen Gegenstand ihrer Neugier, ja mancher Mund schien mit Ironie zu laͤcheln. Ich be- merkte nun erst, daß meine Kleider durch das Zerren des Grafen und seiner Gehuͤlfen ziemlich gelitten hatten, auch war bei dem gewagten Sprunge der eine Stiefel mit dem Sporn aufge- schnitten worden; aber meine Beschaͤmung ward II. [ 26 ] Zweite Abtheilung . vollendet, als ich zu der Gesellschaft in den Saal des Gasthofes trat. Es entging mir nicht, daß alle Anwesenden uͤber mein Abentheuer spra- chen; meine Augen fielen sogleich auf eine schoͤne Frau, die mir in der Stadt gegenuͤber wohnte und die ich sonst nur allzugerne sah, die mich aber heut so in Verlegenheit setzte, daß ich sie nicht zu gruͤßen wagte; ihr Mann mischte sich in den Diskurs, und sagte auf Englisch, in der Meinung, daß ich es nicht verstehn wuͤrde: die- ser gute Mensch will gern etwas seltsames thun, und hat wenigstens sein Theater gut gewaͤhlt, um hinlaͤnglich bemerkt zu werden. Sie war guͤtig genug, nichts zu antworten, oder viel- leicht verrieth ihr meine schnelle Roͤthe, daß ich ihren Mann verstanden hatte. Ohne meinen Wein zu trinken setzte ich mich zu Pferde und war so beschaͤmt und verlegen, daß ich in meine gewoͤhnliche Zerstreuung verfiel, die mich voͤllig von der großen Landstraße abfuͤhrte, durch Waͤl- der und einsame Gegenden, die ich nachher nie- mals habe wieder finden koͤnnen, so daß ich erst lange nach Mitternacht in meine Wohnung ein- traf, die ich noch bequem vor Sonnen-Unter- gang haͤtte erreichen koͤnnen. Sonst saß ich gern am Fenster, wenn die Schoͤne gegenuͤber aus dem ihrigen schaute: aber auf viele Tage hatte ich den Muth dazu verloren, ich vermied lange jede Gesellschaft, um nur nicht irgend ein Wort uͤber die gescheiterte Auffuͤhrung des Waltron zu Zweite Abtheilung . vernehmen, ja es haben Jahre verfließen muͤssen, ehe ich diese laͤcherliche Geschichte auch nur mei- nen vertrautesten Freunden habe erzaͤhlen koͤnnen. Clara lachte herzlich und sagte: der Vor- fall hat etwas Tragisches, ich bitte Sie, uns noch einige Ihrer damaligen Zerstreutheiten mit- zutheilen, weil ich eine große Lust an dergleichen Dingen habe. Ich stehe gern, antwortete Lothar, mit al- len meinen Laͤcherlichkeiten zu Ihrem Befehl, jetzt aber schwebt mir eine andre Erinnerung aus mei- nen Kinderjahren vor, die weder laͤcherlich, noch fuͤr mich beschaͤmend ist, und von der ich doch versucht werde, sie Ihnen mitzutheilen, weil ich einmal in die Erzaͤhlung meiner theatralischen Liebhaberei gerathen bin. Das Schauspiel ge- waͤhrte mir schon in meinen fruͤhsten Jahren einen so wunderbaren Genuß, daß meine Ent- zuͤckungen nicht selten in eine Art von Wahn- sinn ausarteten. Ich hatte mir fruͤh im Hause meiner Eltern eine gewisse Freiheit erobert, so daß ich schon im eilften und zwoͤlften Jahre des Abends oft ziemlich spaͤt allein nach Hause kam, wenn ich einen Schulfreund besucht, oder einen Spaziergang mit ihm gemacht hatte; haupt- saͤchlich aber war es das Theater, was mich oft vom Hause entfernte, in welchem Fall bald die- ser, bald jener meiner Bekannten, als wenn ich bei ihm die Zeit zugebracht, zur Entschuldigung dienen mußte. Nur reichte mein kleines Capi- Zweite Abtheilung . tal nicht hin, mir diesen Genuß so oft zu ver- schaffen, als ich es wuͤnschte, und ich durfte nicht daran denken, mich mit direkten Bitten an meine Eltern zu wenden, die schon, so we- nig sie auch davon wußten, mit meiner Liebha- berei sehr unzufrieden waren. Wie erfreut und uͤberrascht war ich daher, als der alte Thuͤrste- her mir an einem Abend mein geloͤstes Einlaß- billet nicht abforderte. Die kleine Tafel war mir wie ein Talisman, und ich traͤumte in der Nacht davon. Am folgenden Tage ging ich fruͤh nach dem Theater; noch ehe die Casse eroͤffnet wurde, schlich ich mich mit einigen Arbeitern vor die heilige Thuͤr, wo ich mich in einem Winkel zu verbergen suchte, bis Zuschauer kamen mit welchen ich hinein eilte. Der Alte uͤbersah mich wieder, und ich saß nun dicht vor dem Vor- hange, in der schauerlichen, entzuͤckenden Dun- kelheit und Stille, kein Licht brannte, zuweilen nur, wenn die Thuͤr sich oͤffnete, blitzte ein vor- uͤberfliegender Schein des aͤußeren prosaischen Tages hindurch, und erhellte einzelne Figuren des wallenden Gemaͤldes. Dahinter raͤthselhafte Stimmen, Gepolter und das Rufen von Namen. Mit ungeschminktem Gesicht kuckte auch wohl ei- ner der Schauspieler hervor, den ich nachher als Helden sollte kennen lernen. Es laͤßt sich nicht beschreiben, und nur wer in seiner Jugend eine aͤhnliche Begeisterung fuͤr die Magie der Buͤhne erfahren hat, kann den Zauber, die Wonne fas- Zweite Abtheilung . sen, die aus den geringfuͤgigsten, ja oft wider- waͤrtigsten Dingen auf mich einstroͤmten. Jeder Lampenputzer war mir geweiht, nur im Theater brannten solche Lichter, so wie dort das Stim- men der Violinen klang, ertoͤnte es nirgend, mein theures Billet, das ich gluͤcklich wieder nach Hause brachte, war ganz etwas andres, als das Papier der uͤbrigen Welt, und ich konnte nicht unterlassen, es in den langweiligen Schul- stunden mit Inbrunst zu betrachten. Die Ein- richtungen bei der Buͤhne waren damals noch haͤuslicher und unschuldiger, die taͤglich wech- selnden Einlaßkarten waren noch nicht erfunden, weniger Aufseher aber auch freilich weniger Zu- schauer waren außerhalb und innerhalb der Schau- buͤhne, und ich wurde, da es gelang, mit meinem Freibillet immer dreister. Der trockne Alte uͤber- sah mich jedesmal und das liebe Billet blieb mir fuͤr einige Wochen. An einem Abend, als ein beliebtes Stuͤck gegeben wurde, und das Haus sich schneller fuͤllte, wollte ein Bursche, der zu einer Gesellschaft, die schon Platz genom- men hatte, gehoͤren mogte, sich auch auf seine Art einen freien Eintritt verschaffen, und stuͤrmte ploͤtzlich mit bloßem Kopf herein, um sich un- befangen niederzusetzen, als wenn er schon fruͤ- her im Hause gewesen und seine Karte abgege- ben haͤtte; der Alte aber, der ein gutes Auge und Gedaͤchtniß hatte, ließ sich nicht irre ma- chen: du mußt keinen alten Mann zum Narren Zweite Abtheilung . machen wollen, rief er aus, und entfernte den Eindringenden mit Gewalt. Diese Worte und dieser Vorfall erschuͤtterten mich, kann ich wohl sagen, bis ins Innerste. Ich zitterte und wußte nicht, was ich thun sollte. Ich sah das Schau- spiel nur mit halbem Herzen und war wirklich froh, als es zu Ende ging. Beim Schluß machte ich mich an den Alten und druͤckte ihm das Bil- let mit der Bitte in die Hand, es nicht uͤbel zu nehmen, daß ich es ihm nicht fruͤher gege- ben, da er mich uͤbersehen haͤtte. Behalten Sie nur, Kleiner, sagte der Alte, pfiffig laͤchelnd, ich weiß recht gut, daß Sie das Billet schon seit lange haben, aber Sie sind ein stilles Kind, dem die Comoͤdien, wie ich sehe, große Freude ma- chen; nur das kann ich nicht leiden, wenn man mich dumm zu machen sucht, der große Bengel haͤtte mich ja bitten koͤnnen, wenn es ihm am Gelde mangelte, auf einen mehr oder weniger koͤmmt es hier nicht an. Ich dankte ihm und ging nach Hause. Aber von diesem Augenblick war die eigentliche hoͤchste Lust an der Heimlich- keit des Theaters verschwunden; was ich vorher fuͤr den seltsamsten Zufall, ja fuͤr eine Art von Wunder gehalten hatte, das meinem Enthusias- mus entgegen komme, war nun nichts, als die Gefaͤlligkeit eines Thuͤrstehers, zu der er mir nicht einmal ein Recht zu haben schien: eine Theilnahme fuͤr den unbemittelten Zustand man- cher Theaterfreunde. Mein Billet war nur ein Zweite Abtheilung . Geschenk des Alten, und ohne Zauberkaraktere. Die Dunkelheit an jener geliebten Stelle hatte auch ihre Magie verloren, die Vorahndung des Wunderbaren war geringer, die Gegenwart des Alten druͤckte mich; auch die Lust war hin, daß ich sonst den Alten mit Angst neben mir gehn sah, und in jedem Augenblicke fuͤrchten konnte, er werde mir nun ploͤtzlich die Karte abfordern. Ich konnte es nicht unterlassen, noch einige Stuͤcke auf seine Diskretion zu sehn, aber am Ende aͤngstigte mich das fatale Papier so sehr, daß ich es ihm einen Abend mit einem kleinen Trotz in die Hand druͤckte, indem andre Zu- schauer auch eintraten, und ich nun von Herzen froh war, seiner nur endlich los zu seyn. Nach- her wirkte nur ein bezahltes und seltner genos- senes Schauspiel mit der alten Gewalt auf mich. Woher es doch nur kommt, sagte Friedrich, daß bei uns, und wie es scheint bei allen Na- tionen, das Theater, hauptsaͤchlich aber die Kunst des Schauspielers, so sehr im Sinken ist? Sie ist es eben, antwortete Manfred, ohne weitern Grund. Alle Kunst hat erst den Trieb zu steigen und spaͤterhin zu sinken. Vielleicht aber, merkte Ernst an, ließen sich die Ursachen wohl nachweisen, und auch die Mittel angeben, wie ihr wieder aufgeholfen wer- den koͤnnte. Ein andermal! rief Clara lebhaft aus, un- ser Freund Lothar ist uns noch die Erzaͤhlung Zweite Abtheilung . schuldig, wie er gestern die Schauspielertruppe gefunden hat. Recht gern, sagte Lothar, will ich Ihrer Neugier Genuͤge leisten. Als ich angekommen war, nahm ich sogleich das Lokal des Theaters in Augenschein. Es war im Rathskeller, der hoch und geraͤumig ist, uͤber vielen Tonnen auf- geschlagen, auf welche hinter den Coulissen ziem- lich schmale und gebrechliche Stiegen fuͤhrten; die Dekoration war veraltetes und oft geflicktes Leinen, und stellte auf der einen Seite Pallast oder Saͤulen vor, von welchen aber auch der kundigste Architekt die Ordnung schwerlich haͤtte angeben koͤnnen. Dieser Anstrich bedeutete Zim- mer, Huͤtte, Pallast, wie es das Stuͤck erfor- derte. Die andere Seite der Coulissen und Wand war gruͤn bemahlt, mit untermengten braunen Flecken, und diese Faͤrbung bedeutete nach Gelegenheit Wald, Garten, oder freies Feld. Der Direkteur machte sich sogleich an mich und sagte, ich moͤchte mich an den der- maligen Zustand der Garderobe und der Deko- rationen nicht stoßen, er habe dem deutschen Va- terlande sein Vermoͤgen zum Theil aufgeopfert, sey aber mit seinem bessern Geschmack nicht durchgedrungen, doch hoffe er im Stande zu seyn, die gangbarsten Opern, Familiengemaͤlde und großen Ritterschauspiele mit ziemlicher Pracht darzustellen, um einen Kenner, wie ich ohne Zweifel seyn muͤsse, zu befriedigen, und vielleicht Zweite Abtheilung . sogar die Erwartung zu uͤbertreffen. Ich warf ihm den Mangel an Dekorationen ein, er erwie- derte aber, daß er eben ungeheuer viel von ei- nem der geschicktesten Maͤnner oben auf dem Rathhausboden malen lasse. Seine Existenz hier an diesem Orte sey uͤberhaupt nur provisorisch, denn in der großen Handelsstadt, welche zehn Meilen von dort entfernt liege, treibe jetzt eben ein bekannter Schauspiel-Direktor sein Wesen, der dort ein Theater einrichte, Leute kommen lasse und sich viele Auslagen mache; aber der Narr! rief er aus, er weiß nicht, daß ich ernd- ten werde, wo er nur saͤet, er laͤßt es sich nicht traͤumen, daß hier in diesem kleinen Orte ein pfiffiger Spitzbube sitzt, der ihn uͤber den Toͤl- pel stoͤßt! Ich habe schon meine Minen ange- legt, sie springen, und bankrutt muß der arme Landstreicher werden, indeß ich uͤber ihn lache und triumphire! Er lachte von Herzen, da ich aber nicht mit einstimmte, sondern sagte: un- moͤglich kann das Ihr Ernst seyn, denn ich wuͤßte den Mann weder zu begreifen noch zu ehren, der dem Vaterlande erst so bedeutende Opfer gebracht hat, und sich nachher durch den Schaden eines Kunstverwandten zu bereichern sucht — wurde er still, sah mich ein wenig von der Seite an, schlug mir dann vertraulich auf die Schulter und rief mit Emphase: aus der Seele haben Sie mir gesprochen, Edelster, ich sehe, mein Goͤnner, Sie haben einen richtigen Zweite Abtheilung . Begriff von der Kunst und ihrer Wuͤrde, und daß der Schauspieler ohne Zweifel sich selbst zuerst veredeln muß, ehe er kapable ist, edle Menschen vorzustellen — mit Erlaubniß! — in die- sem Augenblick nahm er ein Flaͤschchen aus der Tasche und trank. Ich muß die Ehre haben, Ihnen zu sagen, fuhr er fort, daß ich nach je- nem Reste gar nicht einmal hintrachte, denn nirgend in der Welt herrscht wohl ein solcher verdorbener Geschmack, ein solcher Eigenduͤnkel, als bei jenem reichen Handelsvolke. Sie verach- ten den Kuͤnstler und seine Bemuͤhung. Warum sollt ich mich also sobald von diesen lieben gu- ten Leuten hier trennen, die so herzlich und theilnehmend scheinen? Des Kuͤnstlers Vaterland ist allenthalben. Er entfernte sich hierauf, um nach seinem Theatermaler zu sehn. Glauben Sie dem Windbeutel doch ja kein Wort, sagte ein junger Mensch, der zu mir trat, und in dem ich den ersten Liebhaber erkannte, er thut den Mund nicht auf, ohne zu luͤgen. So eben laͤßt er von einem Tischlergesellen gelbe Farbe auf ein Stuͤckchen Papier streichen, das nachher geoͤhlt werden soll, und dieses Kunst- werk wird morgen Abend als Feuer in der Zau- berfloͤte figuriren. — Wie koͤnnen Sie denn diese Oper besetzen? fragt ich. Der junge Mensch zuckte mit den Schultern und laͤchelte; man laͤßt aus, man wirft Rollen zusammen, man schreit und singt was man kann und nicht kann, Zweite Abtheilung . und wenn es nur rechten unverschaͤmten Laͤrmen macht, so sind unwissende Buͤrger- und Acker- leute kleiner Staͤdte oft zufrieden genug. Als Clara lachte, sagte Ernst: glauben Sie mir, theure Freundin, diese Darstellung giebt noch lange nicht den traurigsten Anblick der deut- schen Theater-Welt. Mit einer zahlreichen Ge- sellschaft fuhr ich einmal auf der Elbe von Aus- sig nach Dresden. Nicht weit von der boͤhmi- schen Graͤnze liegt Tetschen, eine kleine Stadt und Schloß, aͤußerst lieblich. Wir stiegen aus, um hier Mittag zu machen, und fanden zu un- serm Erstaunen in der Wirthsstube hinten ein Theater aufgeschlagen, und hochgelbe Zettel ver- kuͤndigten der Stadt, daß am Abend die Zau- berfloͤte sollte aufgefuͤhrt werden. Das Theater war kaum zehn Fuß breit und nur viere tief; von Dekoration war gar nicht die Rede, wenn man nicht ungefaͤrbte graue Leinwand und wei- ßes Papier so nennen will; in den beiden Win- keln der Buͤhne standen zwei Garnwinden, um die eine ein gelber, um die andre ein weißer Streifen geschlungen, sie bedeuteten das unent- behrliche Feuer und Wasser. Das Theater war von der maͤßigen Hoͤhe, daß ein Erwachsener mit dem Kopf die Decke beruͤhrte, die abgehen- den Kuͤnstler mußten hinter der Scene einen Sprung, einige Fuß hoch, thun, um sich dort im engsten Raume bis zum neuen Erscheinen auf der Buͤhne und Hinaufklettern zu gedulden. Zweite Abtheilung . Die Truppe bestand aber auch nur aus fuͤnf Per- sonen: die Koͤnigin der Nacht ward von dersel- ben Dame dargestellt, welche die Pamina sang, Sarastro und Papageno sprach und sang aus einer Kehle, Tamino hatte ohne zweite Rolle genug zu thun, den Mohren hatte man ganz ausgelassen, noch ein Frauenzimmer war fuͤr die Genien bestimmt, und das fuͤnfte Mitglied fuͤllte das Priesterchor aus, und stellte dar, was außer- dem noch gebraucht wurde. Noch jetzt gereut mich, daß ich nicht dieses Abentheuer gesehn habe, denn meine Phantasie kann es durchaus nicht erschwingen, wie die Vorstellung mag aus- gefallen seyn. Als wir ziemlich laut spaßten, in der Ueberzeugung, daß uns kein Interessent hoͤren koͤnne, trat ploͤtzlich die Truppe aus einem Nebenzimmer mit schmutzigen deutschen Karten in den Haͤnden, mit welchen die Kuͤnstler so eben spielten; die erste Dame, die uns unsers Ueber- muthes und der Anzahl der Maͤnner und Frauen wegen wohl fuͤr eine wohlhabendere Truppe an- sehn mochte, sagte sehr bitter: nicht aufs Thea- ter, sondern aufs Spiel kommts an, lachen kann ein jeder, aber das Bessermachen ist nicht jedem Pfuscher gegeben! Ohne Zweifel kam dieser Aus- spruch von der schrecklichen Koͤnigin der Nacht. Der junge Mensch, fuhr Lothar in seiner Erzaͤhlung fort, interessirte und dauerte mich, denn sein Wesen war nicht gemein; ich bezeigte ihm meine Theilnahme und er erwiederte: wer Zweite Abtheilung . nicht hoͤren will, muß fuͤhlen. Er war seinen Eltern, die ihn hatten studiren lassen wollen, wegen wilder Streiche entlaufen, hatte in Noth und Kummer sich selber gering schaͤtzen lernen, und sich endlich, da er sich nicht zuruͤck getraute, zum Schauspieler aufnehmen lassen. Indem kam mit naseruͤmpfendem Wesen eine gelbe weibliche Figur im elendesten und zugleich abgeschmacktesten Anzuge zu uns; setzen Sie sich nieder, mein Herr, sagte sie mit freundlicher Wuͤrde, an welcher ich sogleich die Prima Donna erkannte, Sie scheinen doch nicht hier aus diesem Nest, und darum ist es mir ein Trost, mit einem ge- bildeten Manne zu konversiren. Verachten Sie mich nicht, daß Sie mich hier in so schlechter Gesellschaft antreffen, ein ungeheures Schicksal hat mich ergriffen und so tief erniedrigt, denn mein Talent, mein Ruf, meine Bildung konnten mir wohl eine ganz andre Situation versprechen. Fassen Sie den Greuel! der Halunk von Direk- teur verschrieb mich zu den Kunstdarstellungen der Agnes Bernauer, der Eulalia Meinau, Or- fina und Koͤnigin im Don Carlos, und wie ich ankomme, kann der Lump kein einziges dieser Meisterwerke geben, und ich muß in seinen Hans- wurst - Stuͤcken aus dem Stegereife spielen. Eine dicke maͤnnliche Figur trat auch herzu und wollte im Großthun nicht zuruͤck bleiben, mit anmaßlicher Demuth rief er aus: ja, mein Herr, wir Kuͤnstler sind recht uͤbel dran, sollten Zweite Abtheilung . Sies glauben! der Elementer verschrieb mich zum Tyrannen, zum Koͤnig Philipp und Carl Moor, — und was muß ich spielen, wenn ich nicht verhungern will? Sie werdens nicht glau- ben — auf meine Ehre, den Hanswurst muß ich spielen, weil mir zu meinem Ungluͤck die Na- tur einiges Talent zum Spaßmachen verliehen hat. Ich mußte lachen. Jetzt traten auch die uͤbrigen Mitglieder herbei und ich ließ ihnen ei- nige Flaschen Wein reichen. Ich sehe, fing ich an, daß die Vorurtheile bei jedem Stande das- jenige sind, woran er am meisten leidet. Wa- rum wollen Sie mit wenigen Mitteln, vor Zu- schauern, die es durchaus nicht verstehn wuͤrden, sich mit vornehmen und schwierigen, ja hier un- moͤglich auszufuͤhrenden Opern quaͤlen? Mit Tra- goͤdien, die Ihnen kein Mensch danken wuͤrde? Mit Schauspielen, die dem einfaͤltigen Buͤrgers- mann ein Raͤthsel oder ein Aergerniß waͤren? Wa- rum sich ihren Stand verleiden und den Zuse- hern das Vergnuͤgen verderben? Ohne Zweifel haben Sie alte komische Stuͤcke, die das Volk versteht, kuͤrzere Schwaͤnke und Comoͤdien, die Sie großentheils ex tempore spielen, und de- ren Wirkung Sie gewiß sind; geben Sie diese, und lassen Sie jene vornehmeren Anmaßungen fahren, und Sie werden mich und vielleicht auch einige Freunde zu Zuschauern haben, die wir uns aber gewiß weder um Ihre Zauberfloͤte, noch Ag- nes Bernauer im mindesten bekuͤmmern werden. Zweite Abtheilung . Dem Volke war ein Stein vom Herzen ge- waͤlzt, sie ließen ihre Ziererei und ich habe heut von ihnen ein altes Stuͤck „der Sthuster blauer Montag, oder Feyerabend“ recht lustig spielen sehn, welches aus dem Englischen muß heruͤber gekommen seyn, und ich hoffe, daß in der kuͤnf- tigen Woche bei schoͤnem Wetter die meisten mei- ner Freunde und verehrten Freundinnen mich ebenfalls einmal dorthin begleiten werden. Emilie sagte lachend: Sie scheinen also dar- auf zu rechnen, daß uns Ihre Thorheit anstecken wird? Indeß werden Sie uns schwerlich bere- den, jene Armseligkeit anzusehn, wenn wir auch Ihre Schilderung derselben gerne zugehoͤrt haben. Wer weiß, sagte Manfred, der Mensch kann fuͤr nichts stehn. Es waͤre aber zu wuͤnschen, daß, wenn man den kleinen armseligen Truppen das Herumstreifen gestattet (und es waͤre viel- leicht grausam, es ganz zu verhindern), man ih- nen wenigstens verboͤte, sich mit der Mode- waare zu befassen. Man muß es gesehn haben, um zu wissen, wie die beiden Klingsberge oder die Indianer in England sich auf solchen Buͤh- nen, vor treuherzigen Buͤrgern und Bauern aus- nehmen. Warum fuͤhren diese kleinen Gesell- schaften nicht aͤhnliche Schwaͤnke, wie die des Hans Sachs auf? Aber freilich weiß ich wohl, daß unsre Verkehrtheit so weit geht, daß man ihnen an manchen Orten den bairischen Hiesel oder die Hoͤllenbraut als schaͤdlich und aberglaͤu- Zweite Abtheilung . bisch verbietet, ihnen aber gern Raum gewaͤhrt, wenn sie nur mit jenen aufgeklaͤrten Stuͤcken eine wandernde Sittenschule fuͤr das Volk seyn wollen. Die Klagen des Gozzi, fuhr Ernst fort, sind jetzt noch treffender als zu jener Zeit. Ist uns nicht uͤberhaupt ein neuer Collier, nur mit mehr Kritik und Geschmack noͤthig? Denn nicht bloß dem gemeinen Volke, was sollen der Na- tion uͤberhaupt jene Schauspiele und Gesinnun- gen, die alles untergraben, was den Menschen haͤlt und traͤgt? Seltner sind jetzt die Invecti- ven gegen den geistlichen Stand, auch die gegen die Fuͤrsten nehmen ab, aber das meiste, was wir spielen sehn, kuͤndigt doch der Sitte, dem Menschlichen, dem Rechten uͤberhaupt den Krieg an, und zwar von verschrobenen Gemuͤthern, die eben fuͤr das Hoͤchste zu eifern waͤhnen. Die Laufbahn des Lieblingsdichters ist nur so bezeich- net: Menschenhaß, die Indianer, Bruder Mo- ritz (dessen krasse Aufklaͤrerei jetzt vergessen ist), die Sonnenjungfrau, die Klingsberge, und wel- che seiner Schauspiele nicht, die irgend Wirkung haben und Talente verrathen, welches man ihm wohl nicht absprechen kann. Auf der andern Seite die kleinlichen Familiengemaͤlde. In allen diesen Produkten, die sich bestreben, an und fuͤr sich selbst zu wirken, die den Haufen ruͤhren und erschuͤttern, sie moͤgen dargestellt werden, wie sie wollen, ja die sich von selbst gut spielen, weil das Zweite Abtheilung . das Hohle und Leere, die gespannte Empfind- samkeit, Ungluͤck und mißverstandne Tugend, Kummer und Hunger, die Ruͤhrung in den Spielenden wie in den Zuhoͤrern hervor brin- gen: diese Dinge, welche niemals auf das Thea- ter haͤtten kommen sollen, sind Ursach, daß die darstellenden Talente immer mehr verschwinden. Auf der andern Seite, sagte Friedrich, die Pracht der Dekorationen und Schaugepraͤnge, oder wolluͤstige Taͤnze, welche immer mehr die staunende und grobe Sinnlichkeit des Menschen in Anspruch nehmen, unsre Theater in wahre kindische Kuckkasten verwandeln, und bald die letzte Spur von Kunst ausloͤschen werden. Diese Sucht nach Armseligkeiten, fuhr Ernst fort, hat sich in allen Laͤndern verbreitet, und verdraͤngt immer mehr das Theater vom Thea- ter. Die ungluͤckliche Form und Einrichtung unsrer Buͤhne hat die Sache moͤglich und leicht gemacht, und bald wird sie nur zu Kroͤnungs- Aufzuͤgen, Sonnentempeln und widersinnigen Taͤnzen gebraucht werden. Es ist gewiß laͤcher- lich, daß in manchen Staͤdten die Kleidungen der Theater-Fuͤrsten in der Kostbarkeit die der wirklichen erreichen, daß diese Prachtgewaͤnder im Kreise zwischen bemahlter Leinwand herum geschleppt werden, welche wieder ansehnliche Sum- men kostet, um ein Gemaͤhlde darzustellen, wel- ches nur aus einem einzigen Punkte richtig und taͤuschend seyn kann, indessen die Logen zwischen II. [ 27 ] Zweite Abtheilung . die Coulissen hinein sehn, und die Lampenputzer und das Geruͤst der Buͤhne kennen lernen. Diese Anstalten koͤnnen einem gebildeten Auge nur laͤcher- lich erscheinen, weil sie bei aller Anstrengung ver- worren und unrichtig ausfallen muͤssen, weil die Buͤhne zu viele Tiefe hat, und man es fuͤr eine Verbesserung haͤlt, sie immer tiefer zu machen, und sich von dort heraus uns alles in falscher Perspektive entgegen bewegt. So hatte man mir in Wien den Aufzug in der Oper Blaubart viel- faͤltig geruͤhmt, und als ich dies Schauspiel dort sah waren die Zuschauer auch wirklich hoch er- freut, indeß ich diesem Aufwande von Figuren, Lichtern und Pferden keinen Anblick, vielweniger Luft abgewinnen konnte. Auf einem andern Theater dort endigte ein tragisches Ballet mit dem Ausbruch eines feuerspeienden Berges, der die Stadt verschuͤttete; mir schien das Ganze trotz dem Aufwande der transparen- ten Mahlerei und den rollenden Flammen nur kindisch auszufallen. Diese Dinge, welche ganz außer dem Gebiet eines Theaters liegen, kosten große Summen, die Direktion muß im- mer mehr auf die Geschmacklosigkeit des Publi- kums spekuliren, ja es dazu erziehn, um nur fuͤr diese albernen Kunststuͤcke mit neuen Erfin- dungen derselben Art bestehn zu koͤnnen. Wa- rum hat nicht jeder große Ort sein Panorama, seine optischen Buden, seine Gaukeleien, die bloß den Sinn des Auges reizen? Dann kaͤme das Zweite Abtheilung . Theater wieder zur Besinnung, und diese Dinge koͤnnten als selbststaͤndige geschmackvoller ausge- bildet werden. Aber wir erleben es noch, daß Feuerwerk, Luftfahrt, Seiltaͤnzerei und Reiter- kuͤnste alles in einem Ritter- oder Zauberstuͤck auf dem Theater produzirt wird. Die Feuerwerkskunst, sagte Theodor, ist schon unerlaßlich. Vor einigen Jahren gefiel in London ein Schauspiel ungemein, weil es mit dem Sturm einer Vestung endigte und ein Theil der Stadt und der Werke mit großer Wirkung in die Luft gesprengt wurde. Der dumpfe Muͤ- ßiggang ist dort auch so uͤbersaͤttigt, daß ein andres Stuͤck nur wegen Eines erhebenden Mo- mentes den groͤßten Zulauf hatte, indem auf dem Theater selbst ein wirklicher großer Pudel einen Menschen aus dem Wasser rettete. Fast muß ich fuͤrchten, daß jener Hund durch den allgemeinen Applaus fuͤr seine gewoͤhnliche Be- stimmung ist verdorben worden, und ausschlie- ßend nur der Kunst hat leben moͤgen. Nachher ist man auf das Raffinement ver- fallen, fuhr Lothar fort, um den großen Mei- sterwerken wieder einigen Geschmack abzugewin- nen, unter den gewoͤhnlichen Schauspielern von einem unmuͤndigen Kinde den Lear und Macbeth darstellen zu lassen. Die Direktionen, fing Ernst wieder an, sa- gen oft mit philosophischen Mienen, sie gaͤben nur nothgedrungen dem Publikum nach, und Zweite Abtheilung . darum ist es großen Staͤdten, wie Wien, sehr vortheilhaft, mehrere Buͤhnen zu besitzen; die bessere Buͤhne ist dann nicht gezwungen, so wie das Berliner Theater es muß, alle Thorheiten mit zu machen, auch ist dann die Einnahme gerin- ger, die Einrichtung bleibt von selbst haͤuslicher und enger, denn jene Verschwendung, jener un- begraͤnzte Aufwand muß das Theater immer tie- fer hinab fuͤhren. In Italien hatte man neu- erdings einen andern Unsinn erfunden. Man gab nemlich große leidenschaftliche Schauspiele ohne Worte, in einer sogenannten Pantomime, in welcher nicht einmal getantzt wurde. In Flo- renz sah ich die Raͤuber von Schiller auf diese Weise mit klaͤglichen Geberdungen und armseli- gem Klingklang von Musik vorstellen, was dem Volke sehr gefiel; es laͤßt sich aber unmoͤglich beschreiben, wie toll und dumm Franz Moors Angst und Gotteslaͤugnung im fuͤnften Akte sich ausnahm. Wenn ein kritischer Schauspieler behauptet, fiel Theodor ein, daß eine Feder auf dem Hut, oder eine aufwaͤrts gekehrte flache Hand Athei- sterei ausdruͤcken koͤnnen, so muß sie sich ja wohl auch ziemlicher maßen springen lassen. Ue- brigens scheint es mir, daß diese Anstalten von feuerspeienden Bergen, Kroͤnungs- und andern Aufzuͤgen, welche Tausende kosten, auf derselben Linie jener guten Kuͤnstler in Tetschen stehn, die den Aufwand der Zauberfloͤte wahrscheinlich mit Zweite Abtheilung . drei guten Groschen zu bestreiten gedachten. Eins ist nicht kluͤger als das andre, und beides setzt die Kunst gleich sehr herab. Ich bin der Meinung, sagte Ernst, daß wir die ganze Form unsrer Buͤhne, nebst diesem Ap- parat der Dekoration und besonders der Coulis- sen wieder wegwerfen muͤssen, um ein Schau- spiel zu erhalten. Diese Einrichtung ist auch nur aus Mißverstaͤndniß den Italiaͤnern nachge- ahmt, weil schon fruͤh eine falsche mahlerische Absicht eingemengt wurde, und daruͤber haben wir, besonders die Englaͤnder, die alte Ein- richtung eingebuͤßt, die wahrhaft malerisch war, denn diese konnten ehemals so wie die Mahler malen, mit den Figuren und dem Theater, die sich gegenseitig heraus hoben; jetzt haͤngen Figu- ren und Theater nicht zusammen, sie sind viel- mehr im Krieg mit einander, und die Wirkung kann man in der That nur mit einem geschmack- losen Kuckkasten vergleichen. Darum sind die Marionettenspiele oft theatralischer und haben mehr Haltung, weil man hier nicht die vielen Gruppen und das Spiel nach der Tiefe zu hat anbringen koͤnnen. Droht doch dieser Untergattung des Schau- spiels, sagte Lothar, ebenfalls der Untergang: denn wie sich das hoͤhere Theater mit seiner Er- findung und Dekoration immer mehr zum Trans- parenten und Flammenden vergeistigt und zu viele Spaͤße aller Art zulaͤßt, so fangen die Zweite Abtheilung . Puppen an im Gegentheil zu vernuͤnftig und re- gelmaͤßig zu werden. Eine Ankuͤndigung, welche den Doktor Faust versprach, lockte mich einst nebst zwei meiner Bekannten in ein Wirthshaus. Wir hoͤrten aber beim Eintritt, daß das Spiel nicht vor sich gehen werde, weil der Entrepren- neur versaͤumt habe, die Erlaubniß einzuholen, auch war der Saal leer und nur im Hinter- grunde wandelte, unzufrieden wie es schien, ein Mann auf und ab, den wir fuͤr den Direkteur hielten, wofuͤr er sich auch gleich zu erkennen gab, als er sich zu uns gesellte. Er schalt uͤber die verweigerte Erlaubniß, wir beklagten sein Schauspiel entbehren zu muͤssen, worauf er uns nach einigen pruͤfenden Blicken fragte: ob wir nicht ebenfalls Puppenspieler waͤren? Wir ver- neinten es, er aber, gegen den einen meiner Be- gleiter gewandt, welcher ein Philosoph war, rief aus: ei! ei! Sie erkenn ich ja wieder, ich habe Sie in Regensburg spielen sehn! Der launige Mann, welcher zur Froͤhlichkeit gestimmt war, laͤugnete nicht laͤnger, worauf der Kuͤnstler zu- traulicher fortfuhr: ich, meine Herren, habe mich in meinen Puppenspielen immer von dem gemei- nen Haufen auszuzeichnen gesucht, und das Werk mit Verstand und Ueberlegung gefuͤhrt; ich ge- stehe gern, ich bin kein Feind vom Hanswurst, o nein, aber wo er hingehoͤrt. In lustigen Sa- chen, in Geschichten, die einen froͤlichen Aus- gang haben, da mag der gute Mensch immerhin Zweite Abtheilung . auftreten. Aber den Faust wuͤrden Sie heut ohne Hanswurst und Narrenpossen gesehn ha- ben. Ja, ja, rief er aus, da er wahrnahm, daß wir ihm Einwendungen machen wollten, ich weiß es ja recht gut (indem er sich zum Philo- sophen wandte), daß Sie den Faust mit Hans- wurst geben, aber das kann ich nimmermehr bil- ligen, denn, ums Himmels Willen, meine Her- ren, was kann es doch wohl Ernsthafteres oder Traurigeres geben, als wenn ein Mensch geradezu vom Teufel geholt wird? Wie, das sollte uns nicht ruͤhren? Bei solchen Sachen, mein lieber Hanswurst, mache ich Dir die Thuͤr vor der Nase zu und Du bleibst draußen! Sehr viele Philosophen, sagte Theodor, stel- len heut zu Tage den Faust mit Hanswurst vor. Doch, um wieder auf das vorige Thema einzu- leiten, so schadet auch ohne Zweifel die zu große Besoldung, so wie die Ueberschaͤtzung der Schau- spieler ihrer Kunst. Ich kenne große Buͤhnen, die sich immer mehr in Invalidenstifte und Ver- sorgungsanstalten verwandeln. Es ist billig, daß der Schauspieler, der ein Publikum lange ergoͤtzt hat, nicht im Alter Noth leide, oder in die Ge- fahr komme, wieder wandern zu muͤssen, aber eben so wenig soll eine Buͤhne unbedingt die Sicherheit einer Pension gewaͤhren, daß ein Mit- glied, wenn es nur einmal angenommen ist, sey es uͤbrigens wie es sey, sich mit ruhiger Ge- maͤchlichkeit einwohnen darf. Zweite Abtheilung . Darum findet man noch in Italien, sagte Ernst, fuͤr die Charakterrollen so unvergleichliche Schauspieler, ihr Wandern zwingt sie zu uner- muͤdeter Anstrengung, denn sie muͤssen allenthalben immer wieder neu seyn. In Mailand ist deshalb die Truppe des stehenden Theaters weit unin- teressanter. Von Trient bis Palermo gehn fast ununterbrochen die reisenden Schauspieler, welche sich zu verschiedenen Theater-Unternehmern be- geben, die sie meist nach wenigen Wochen wie- der verlassen. Die buͤrgerliche und vornehme Wuͤrde, sagte Theodor, welche viele Schauspieler bei uns er- streben, entfernt sie auch von der Kunst. Mußte es fruͤher niederschlagend seyn, mit zu großer Zuruͤcksetzung zu kaͤmpfen, so verschwendet der Schauspieler jetzt seine Zeit in faden Gesellschaf- ten, und verlernt es, sich als Kuͤnstler fuͤhlen. Denn er soll von der Gesellschaft und ihrem Treiben abgesondert seyn, damit er im Enthu- siasmus fuͤr seine Kunst, in ihrer Ausuͤbung, im Gefuͤhl der Freude, welche er verbreitet, das Gluͤck genieße, welchem die andern in der Wirk- lichkeit vergeblich nachjagen. Ein wahrer Kunst- freund muß ihm die Gesellschaft ersetzen koͤnnen. So wird es auch, fuhr Ernst fort, fuͤr die Kunst hoͤchst unersprießlich, wenn Vornehme, oder regierende Herren das Theater und die Schauspieler zu sehr in ihren unmittelbaren Schutz nehmen. Allenthalben soll Anstand und Zweite Abtheilung . Sitte herrschen, doch soll auch die Freiheit des Publikums bei oͤffentlicher Ausstellung nicht ge- faͤhrdet werden, denn sonst verschwindet jenes geistige Band zwischen Buͤhne und Parterr, wel- ches den Genuß erst hervorbringt, indem unbe- wußt die Zuschauer mitspielen und das Ganze wie ein gutgestimmtes Instrument mit verschie- denen Toͤnen und Oktaven zusammen klingt. Diese beste Verfassung trifft man in der Regel nur, wo noch Unbefangenheit und nicht zu viel Bewußtseyn und Kritik herrscht. Hebt aber Kri- tik, die meist einseitig ist, diese Unbefangenheit schon auf, wie viel mehr wird sie und jene Frei- heit dadurch gestoͤrt, wenn man vorgeben darf, die Regierung sey mit der Direktion zugleich we- gen eines nicht gefallenden Schauspielers kom- promittirt, dann ist nur noch der Schritt uͤbrig, das Auszischen eines Comoͤdianten zum Hoch- verrath zu stempeln. Die besten Fuͤrsten, wenn sie von Jugend auf die Klagen hoͤren muͤssen, daß von ihresgleichen von je so wenig fuͤr die Kunst geschehen sey, und daß diese befoͤrdern ihren schoͤnsten Beruf ausmache, wollen die Ver- saͤumniß zuweilen mit Wucher ersetzen, und er- fahren nicht, daß sie mit edlem Willen die Sache nur schlimmer machen. Diese Freiheit des Publikums, sagte Lothar, ist um so unerlaßlicher, wenn Schauspieler und Direktor nur eine Person sind. Man glaube doch nicht, daß ein beliebter und talentvoller Zweite Abtheilung . Kuͤnstler so leicht den Ungezogenheiten der Menge ausgesetzt sey, denn es ist das staͤrkste Band, welches beide verbindet. Ich weiß nicht, daß in der vieljaͤhrigen Ausuͤbung seiner Kunst dem großen Schauspieler Fleck je eine Unwuͤrdigkeit zugefuͤgt sey, dasselbe wird Lange in Wien von sich ruͤhmen koͤnnen. Ist aber das Publikum, oder nur eine groͤßere Masse desselben unzufrie- den, so tragen gewiß der Direktor und die Schauspieler einen Theil der Schuld. Garrick, so geehrt und geliebt er war, konnte doch nicht drei oder vier demuͤthigenden Kraͤnkungen entgehn, weil er sich nicht edel betragen, oder seinem Ei- gensinn zu viel nachgegeben hatte. Auch die zunehmende Groͤße der Schauspiel- haͤuser, sagte Ernst, verwirrt und hindert die schoͤnste Ausuͤbung dieser Kunst. Unser Zeital- ter scheint ausdruͤcklich ein kurzsichtiges, aber doch habe ich mit meinen guten Augen oft meine Nach- barn nicht begreifen koͤnnen, wenn sie aus der tiefen Entfernung das geistreiche Minenspiel ruͤhm- ten, wo ich kaum ein Gesicht unterscheiden konnte, besonders bei dieser blendenden Erleuchtung unsrer Buͤhnen. Verliert sich doch der ganze Schauspie- ler wie ein Miniaturbildchen in einem ungeheu- ren Rahmen. Nur in einem maͤßigen Saal, wie in den beiden Stadttheatern in Wien, wird dem Zuschauer behaglich, nur hier kann er sich in jenem Rapport mit den Schauspielern befinden, nur hier kann der Spielende mit Ruhe und Si- Zweite Abtheilung . cherheit sein Talent entwickeln, er braucht sein Organ nicht zu uͤberschreien, seine Geberde nicht zu uͤbertreiben. Unangenehm ist schon der bloße Eintritt in das große Theater zu Mailand oder in Berlin, die Schauspieler werden zu Pygmaͤen, die Gruppen auf der Buͤhne wollen sich noch weniger vereinigen, die dargestellten Zimmer ha- ben unfoͤrmliche Hoͤhe, Breite und Tiefe und das Ganze verliert alle Haltung. Auch das groͤßte Schauspielhaus wird an gewissen Tagen zu klein seyn; spiele man doch in kleineren Saͤ- len, man buͤßt zwar eine uͤbertriebene Einnahme einzelner Vorstellungen ein, aber es sichert wie- derholte gute Einnahme von beliebten Stuͤcken. Es ist zu verwundern, sagte Lothar, daß Berlin, so viel ich weiß, die einzige große Stadt ist, die ihrem Theater noch jenes alte Monopel bewahrt, welches einer fruͤheren Truppe zu einer Zeit verliehen wurde, als man kaum das kleinste Haus in der Woche einmal gefuͤllt sah. Dieses Monopol muß nicht nur einem großen Theil der Einwohner, die in der weitgedehnten Stadt ent- fernt wohnen, hoͤchst unbequem fallen, sondern es muß auch den Schauspielern selbst ihre Kunst verkuͤmmern, da kein Wetteifer mit andern Ta- lenten, wie in London, Wien und Paris statt finden kann. Abgerechnet, daß dieses Theater, als das einzige, oft seine Wuͤrde einbuͤßen muß, um Frazzen darzustellen, die man in Wien nur in der Leopoldstadt sieht. Das große Berlin Zweite Abtheilung . koͤnnte jetzt bequem zwei oder drei kleinere Thea- ter erhalten, auf welchen die groͤßte Mannigfal- tigkeit herrschen und die verschiedensten Talente sich zur Lust der Einwohner ausbilden koͤnnten. An manchen Tagen ist der zu große Saal doch zu klein, an andern wieder viel zu groß, oder es muͤßte denn dahin kommen, was so wenig Direktion, wie Schauspieler und Publikum wuͤn- schen koͤnnen, daß die Zahl der bemittelten Muͤ- ßiggaͤnger so anwaͤchst, die Lust so erstirbt, es so sehr ein dumpfes Beduͤrfniß wird, gewisse Stunden im Theater zuzubringen, daß auf diese Weise das Haus ohne Ausnahme taͤglich gefuͤllt waͤre, die Direktion moͤchte spielen was, die Gesellschaft wie sie wollte. Fuͤgen wir diesem allen hinzu, sagte Ernst, daß hauptsaͤchlich von dort, oder von dem be- ruͤhmten Schauspieler, der an der Spitze jener Gesellschaft steht, eine Schule, Manier und Kri- tik mittelbar und unmittelbar auszugehen droht, die fuͤr die Schauspielkunst, vorzuͤglich fuͤr die tragische Darstellung, von dem schaͤdlichsten Ein- flusse seyn muß. Es waͤre ein ungerechter Ei- gensinn, wenn man nicht gestehn wollte, daß Iffland einer der vorzuͤglichsten Schauspieler ist; daß er das Talent, welches ihm die Natur ge- geben, durch fleißiges Studium erhoben hat, daß er gewisse Feinheiten und Eigenheiten zeigt, in denen ihn nicht leicht ein andrer Kuͤnstler er- reichen wird. Am schoͤnsten und liebenswuͤrdig- Zweite Abtheilung . sten zeigt er sich in jenen leichten Charakteren, die drollig und witzig genug auftreten, um zu inte- ressiren und Lachen zu erregen, die zwar mit ei- nem gewissen Humor ausgestattet, aber weder tief ergriffen, noch bizarr sind, und deshalb auch keine tiefe charakteristische Darstellung zulassen. Diese umgiebt er mit einer unbeschreiblichen Gra- zie, seine Leichtigkeit und Gewandheit, seine Si- cherheit, gesellt mit jener muthwilligen fliegenden Laune erhoͤhen einige sonst unbedeutende Stuͤcke zu wahren Produkten der Kunst. Nicht minder kann man ihn in groͤßeren Schauspielen bewun- dern, wenn ihn seine Neigung richtig gefuͤhrt und auf den wahren Platz gestellt hat. Er ge- hoͤrt zu den Schauspielern, die zugleich fuͤr die Buͤhne geschrieben haben. Dergleichen Arbeiten muͤssen mit mimischem Talent gelesen werden, mit einer Phantasie, die das Spiel und Theater vor sich sieht; die wenigsten werden eine strenge Kri- tik zulassen, die auch oft unbillig ist, weil gerade der darstellende Kuͤnstler diese Sachen nicht leicht fuͤr Kunstprodukte wird ausgeben wollen. Schroͤ- ders großes universelles Schauspielertalent ist durchaus in seinen dramatischen Werken nicht wieder zu erkennen, die fast alle, oder vielleicht ohne Ausnahme, Uebersetzungen und Nachbildun- gen fremder Arbeiten sind. Er schrieb fuͤr seine Buͤhne und sich, und wer ihn in verschiedenen dieser Rollen gesehen hat, erfahren, daß das Stuͤck nichts als eine Unterlage war, auf wel- Zweite Abtheilung . cher sich das groͤßte und wunderbarste Talent kuͤhn und vielseitig bewegte. Aus Garricks un- bedeutenden Lustspielen und seinen Umarbeitun- gen seines großen Vorfahren kann man sich, wenn man die lobpreisenden und tadelnden Kritiken seiner Zeitgenossen hinzu nimmt, vielleicht ein daͤmmerndes Bild von seinem Spiele zusammen setzen. Nirgend aber kommentirt der Dichter den Schauspieler und umgekehrt dieser jenen so deut- lich, als in Ifflands Spiel und Werken. Man darf ihn nur einigemal gesehn haben, um zu wissen, wie er jede Stelle in seinen Stuͤcken ge- meint hat, so wie man mit etwas Phantasie nicht leicht irren wird, in seinen Schauspielen genau zu wissen, wie er diese oder jene Rolle bei der Auffuͤhrung nehmen wird. Was seine Schriften karakterisirt und ihnen vor Jahren den Beifall schaffte und lange erhielt, ist eine gluͤck- liche Gabe der Beobachtung, ein Auffassen ein- zelner Zuͤge aus der Natur, deren Wahrheit uns uͤberrascht, das Talent zu ruͤhren, welches ein weiches Herz und die leichte Beweglichkeit des Verfassers verraͤth, ein Bemerken vieler Ab- geschmacktheiten der Welt und des Lebens, die oft mit leichtem Witze dargestellt, oft grell auf- gegriffen, und eben so ohne innere Bedeutung hingezeichnet sind. Einigemal hat sich der Au- tor in die Tragoͤdie gewagt, wo er aber nur steif, formell und matt erscheint. Sind nun auch manche seiner Gemaͤlde heiter und leben- Zweite Abtheilung . dig, anmuthig und geistreich, so giebt es doch kaum ein Stuͤck von ihm, in welchem er nicht die Graͤnze uͤberschritte, und am Ende matt und weitschweifig, belehrend oder polemisch erschiene, oder wo statt des komischen Charakters seine Fi- guren nur aus Angewoͤhnungen, oder alterthuͤm- lichen sprichwoͤrtlichen Redensarten bestehn. In seinen ernsthaften Stuͤcken kann er sich nicht mit der schoͤnen Ruͤhrung begnuͤgen, er muß uns in das Peinliche hinein zwaͤngen, wozu die Details des kleinlichen Lebens ohnedies fuͤhren, die grel- len Carikaturen des Eigennutzes und der Herz- losigkeit werden oft wahrhaft abscheulich, und das Ganze verliert den inneren Zusammenhang, die Wahrheit und Haltung. Er waͤre vielleicht ein gluͤcklicher Dichter in kleinen komischen und ernsten Nachspielen geworden, wenn er dem Her- zen und seiner Empfindsamkeit nicht zu viel nach- gegeben, wenn er die Wahrheit tiefer gefaßt, und sich nicht mit ihrer scheinbaren Oberflaͤche begnuͤgt haͤtte. Ich glaube, alle diese Bemerkungen auch auf sein Talent als Schauspieler anwenden zu koͤnnen. Jene oben erwaͤhnte Liebenswuͤrdigkeit und Leichtigkeit abgerechnet, die ihm ganz eigen und original ist, besteht seine Darstellung aus lauter einzelnen Wahrnehmungen aus der Na- tur, die er fein aufgefaßt hat und scharf und richtig begraͤnzt wieder giebt, die aber ohne jene hoͤhere Phantasie, die sie erst verbinden muß, doch, trotz der Wahrheit des Einzelnen, kein Zweite Abtheilung . wahres Ganzes machen; so liebt er es auch, Zu- faͤlligkeiten, die wohl da seyn, aber auch fehlen koͤnnen, in sein Spiel aufzunehmen, und seine Rolle, die er einmal damit ausgestattet hat, je- derzeit mit der groͤßten Gewissenhaftigkeit eben so wieder zu geben. So zeigt er uns statt der Leidenschaften einzelne Zuͤge, die er an Leiden- schaftlichen wahrgenommen, zum Beispiel wie dieser oder jener Zornige sich geaͤußert hat, statt des Gemaͤhldes vom Zorn. Dazu kommt, daß die Natur ihm fast ganz eine Stimme versagt hat, und er, um diese so viel wie moͤglich zu schonen, fuͤr seine Tonlosigkeit eine eigne Modu- lation hat erfinden muͤssen, woher jenes Zuruͤck- sinken der Stimme, jenes Husten, die Pausen, das Stottern der Verlegenheit, und, um Effekt zu machen, dies ploͤtzliche Aufkreischen nebst an- dern Auswegen entstanden sind, kuͤnstliche Be- helfe, theils um den Mangel zu verdecken, theils um aus diesem Mangel selbst eine Art von Schoͤnheit zu bilden. Dieses aber ist es gerade, was an ihm bewundert, ja ihm nachgeahmt wird, und aus welchen Schwaͤchen und Maͤn- geln eine Kritik der Kunst und eine Schauspie- lerschule sich zu verbreiten anfaͤngt, die geradezu alles umkehrt und die Sachen auf den Kopf stellt. Dies ist so wahr, sagte Lothar, daß ich Schauspieler von Talent kenne, welche ein ziem- lich gutes Organ besitzen, die sich aber so lange quaͤlen, bis sie jenes Tonlose, weiche Unbe- stimm- Zweite Abtheilung . stimmte, Zitternde und Kreischende in der De- klamation erreicht haben. Wenn das Vorige richtig ist, fuhr Ernst fort, so geht daraus hervor, daß es jenem genannten Kuͤnstler an schoͤpferischer Phantasie fehle, an demjenigen, was den Kuͤnstler zu je- ner Stufe fuͤhrt, wo wir ihn einen großen Schauspieler nennen koͤnnen. Iffland muß sich daher an keinen Moliereschen, an keinen hochko- mischen Charakter wagen. Wie nothwendiger ist noch die schaffende Phantasie und ein gro- ßer Enthusiasmus zu den tragischen Darstellun- gen. Diese koͤnnen aus keiner Beobachtung des Lebens hervorgehn, hier ist es, wo sich das Ge- nie des Schauspielers am groͤßten offenbaren kann. In keiner andern Kunst verwechselt der Ausuͤbende so leicht seinen Wunsch und seine Eitelkeit mit der Begeisterung, daher sehn wir auch in keiner so viele Mißgriffe. Selbst Gar- rick ließ sich verleiten, den Bastard Faulcon- bridge und Othello vorzustellen. Schroͤders Weis- heit hat ihn sein ganzes Leben hindurch bewahrt, sich von einem ihm ungeziemenden Charakter ver- locken zu lassen; Iffland aber verblendet sich uͤber sein Talent und seine Bestimmung so sehr, daß er nach Helden- und tragischen Rollen geizt, und schwer ist es dann fuͤr den Schauspielfreund an solchen Abenden nicht ganz des Kuͤnstlers man- nigfaltige Verdienste zu vergessen. Hier ist es nun, wo er mit Feinheit, Eigenheit, kleinen II. [ 28 ] Zweite Abtheilung . Tableaus und Seltsamkeiten die Menge und die anmaßlichen Kenner blendet. Ich habe bis jetzt in Deutschland nur drei Tragoͤdienspieler im gro- ßen Styl gesehn, vor allen den unvergeßlichen Fleck, den unnachahmlichen Schroͤder, und den treflichen Lange in Wien. Sie waren in jener Schule erzogen, die sich durch die Begeisterung an Shakspear, an der Liebe zum Großen, Star- ken und Furchtbaren bildete; der eine ist der Kunst zu fruͤh gestorben, der andre hat sich ganz und der letzte zum Theil dem Theater entzogen. Wir hoͤren nun allenthalben die anmaßlichen Kri- tiker von verungluͤckten Schauspielern sprechen, von wuͤthenden Schreiern, und nur jene Fein- heit, Schwaͤchlichkeit und Kleinlichkeit als tra- gisches Spiel preisen, welches nur etwas weni- ger gebrechlich, laͤcherlich seyn wuͤrde. Was soll man aber noch sagen, da Iffland ja selbst im Monodram als Pygmalion aufgetreten ist? Diese poetische Thorheit war gewiß das Widernatuͤr- lichste, was er je dargestellt hat. Sie erscheinen, sagte Emilie, in dieser aus- gefuͤhrten Meinung, ziemlich paradox, denn ge- rade was diese letzte Darstellung betrift, erinnre ich mich der Worte eines verehrten Autors, daß dieser Pygmalion ihm eine Anschauung des al- ten Kothurns gegeben habe. Theure Freundin, sagte Ernst laͤchelnd, es giebt tausend Dinge auf Erden, von denen sich unsre Philosophie nichts traͤumen laͤßt, und die Zweite Abtheilung . deshalb auch wirklich unbegreiflich sind, und zu diesen gehoͤrt jener Ausspruch. Rousseaus thoͤ- richtes Werk ist nur ertraͤglich, wenn ein wahr- haft schoͤner Juͤngling, von Jugend- Enthusias- mus und seinem Gegenstande begeistert und be- rauscht mit der wohltoͤnendsten Stimme es vor- traͤgt, so daß wir wie im wirklichen Traum das Ungeziemliche, Widernatuͤrliche und Kunstlose ver- gessen: aber bei unserm Pygmalion war von al- lem diesen das Gegentheil, selbst die Kleidung war unvortheilhaft und geschmacklos, und diese Erscheinung aͤngstigte fast wie eine gespenstische in schweren Traͤumen. Ich behalte mir vor, diese Behauptungen uͤber das tragische Spiel bei andrer Gelegenheit ernster und gruͤndlicher darzuthun, denn gern moͤchte ich dankbar Flecks hohem Genius ein Opfer bringen, welcher meine Jugend mit der hoͤchsten Begeisterung und der schoͤnsten Poesie genaͤhrt hat. Sein Othello, Lear, Macbeth, Karl Moor, Wallenstein, Otto von Wittelsbach, so wie viele andere Charaktere, sind vielleicht, seit wir eine Buͤhne haben, nur einmal so gesehn worden, und kehren schwerlich in dieser Hoheit jemals zuruͤck. Es waͤre wohl gut gewesen, sagte Rosalie, wenn dasjenige, was man in Weimar fuͤr die Buͤhne gethan hat, an einem großen Orte ge- schehn waͤre, damit es auf ganz Deutschland eine Wirkung haͤtte haben koͤnnen. Diese Bemuͤhungen, antwortete Ernst, sind Zweite Abtheilung . loͤblich, so wie die mannigfaltigen Versuche sehr interessant gewesen, vorzuͤglich in jenem kleineren Kreise, doch koͤnnten sich Wirkungen im Großen niemals empfinden lassen, weil jener merkwuͤr- dige Mann, welcher dort die Sache fuͤhrt, so sehr er das Schlechte verabscheut, fast eine noch groͤßere Furcht vor dem Genialischen zu haben scheint. Er vermeidet nichts so sehr als das Bi- zarre, und doch ist sein Streben von je an, durch Opposition auf der einen Seite, und auf der andern durch den Trieb sich der Welt und ihren Forderungen zu bequemen, unbestimmt und bi- zarr erschienen. Die polemische Sucht treibt ihn eben so oft gegen das Geniale, als der Trieb, sich dem Gewoͤhnlichen zu fuͤgen, ihn zum Selt- samen bewegt, und in dieser Schwankung ist das, was er in der Kunst uͤberall, nicht bloß in der theatralischen, bewirken moͤchte, mehr ein Negatives als ein Positives, mehr ein Vermei- den des Ungeziemlichen, als ein Erstreben des Hohen; wenn ein Charakter sich erst so gestellt hat, sind Vorurtheile mancherlei Art und der Kampf dafuͤr nicht gut zu vermeiden, und dar- um darf man sich nicht wundern, wenn sein Bemuͤhen keine Begeisterung, keinen eigen- thuͤmlichen Schwung je wird veranlassen koͤn- nen. Was er als Dichter gewirkt, vorzuͤglich fruͤh, ist eine andre Betrachtung. Solche Men- schen, wie der große Lorenzo der Medicaͤer, von Zweite Abtheilung . dem große Kunst und Zeit ausging, sind die seltensten in der Geschichte. Was Sie aussprechen, sagte Rosalie, ist mir dunkel, und ich wuͤnschte wohl, daß Sie mir diese Meinung erklaͤren moͤchten. Sehn Sie, schoͤne Freundin, antwortete der Redende, wie unsre Theuern ermuͤdet sind, und schon zu viel meiner Plauderei haben anhoͤ- ren muͤssen; wir finden wohl die Gelegenheit, uns hieruͤber mehr zu verstaͤndigen. Wirklich erhoben sich Emilie und Auguste, nahmen Licht und boten gute Nacht; auch Wi- libald, Lothar, der sich etwas angegriffen fuͤhlte, und Theodor entfernten sich, um zu ruhen; nur Manfred und Rosalie, Clara und Anton, Frie- drich und Ernst blieben zuruͤck. Ihr Gespraͤch wandte sich auf die Fremden, die am vorigen Tage ihren Besuch gemacht hatten, und Man- fred konnte ihre Wißbegier nicht genug beschrei- ben, wie sie jedes Huͤttenwerk angemerkt, die Ruinen eiligst abgezeichnet, und sogar die Ent- fernung nach Schritten von diesem zu jenem Orte gemessen haͤtten. Ernst sagte: man kann zu weit gehn und aͤngstlich und pedantisch wer- den, aber jener Leichtsinn, der es vernachlaͤssigt, Bemerkungen aufzuzeichnen, weil er seinem Ge- daͤchtnisse vertraut und meint, der frische Ein- druck des gegenwaͤrtigen Augenblicks muͤsse ihm fuͤr sein ganzes Leben dauern, ist auch nicht zu loben. Wie manches habe ich eingebuͤßt, weil Zweite Abtheilung . ich im Augenblick, an Ort und Stelle nicht flei- ßig genug war, oder mir einbildete, die aͤußere Thaͤtigkeit koͤnne meine innere unterbrechen und ermatten. Man erinnerte sich der Musik und des Ge- sanges, welche man seit heut und gestern beson- ders fleißig geuͤbt hatte. Anton sagte: ich bin durch Rosaliens und Claras Gesang so entzuͤckt worden, daß ich sagen moͤchte, diese Tage ma- chen eine Epoche in meinem Leben, und wenn es einen Componisten giebt, den ich so ganz verstehe, so ganz von ihm durchdrungen bin, so ist es das himmlisch liebliche Gemuͤth des ju- gendlichen Pergolese. Daß man ihn neulich mit Correggio zusammenstellen wollte, ist gewiß keine willkuͤhrliche Vergleichung, denn bei den Bildern dieses großen Meisters habe ich etwas Aehnli- ches empfunden, und wie dieser mit Licht und Schatten spielt, ja beides zum mystischen Sym- bol erhebt, und dadurch in hoͤherem als dem gewoͤhnlichen Sinne seine Gemaͤhlde beleuchtet, eben so sinnig nimmt Pergolese die hohen und tiefen Toͤne als Licht und Schatten. In seiner Messe erinnert das herrliche Gloria unmittelbar an die schwebenden und durch einander gaukeln- den Engel in Correggios Nacht, und das Pax hominibus legt sich wie ein dunkler troͤstender Schatten uͤber die Erde hin. Unvergleichlich singt Clara sein Salve Regina , und welcher Genuß, von ihr und Rosalien sein beruͤhmtes Stabat Zweite Abtheilung . mater vortragen zu hoͤren. Die Lieblichkeit der Wehmuth in des Schmerzes Tiefe, dies Laͤcheln in Thraͤnen, diese Kindlichkeit, die den hoͤchsten Himmel anruͤhrt, ist mir noch niemals so licht in der Seele aufgegangen. Ich habe mich ab- wenden muͤssen, und meine Thraͤnen verbergen, vorzuͤglich bei der Stelle: vidit suum dulcem natum . Wie sinnvoll, daß das Amen, nach dem alles schon beschlossen ist, noch in sich selbst klingt und spielt, und in herzlicher Ruͤhrung kein Ende finden kann, sich gleichsam vor dem Trocknen der Thraͤnen fuͤrchtet, und sich im Schluchzen noch fuͤhlen will. Das Gedicht selbst, sagte Friedrich, ist ruͤh- rend und tief eindringlich, gewiß hat der Dich- ter diese Reimspiele quae moerebat, et dolebat cum videbat mit bewegtem Gemuͤth gesungen. Weiß man seinen Ursprung nicht? Den Dichter selbst, antwortete Ernst, kann man namentlich nicht nennen. Dieser Hymnus aber entstand zu einer Zeit, als die Menschen kein Genuͤgen mehr fanden an dem, was sie um sich geschehn sahen, als die Hofnung auf welt- liche Kraft ihnen entwich, und die Vernunft ihnen keinen Trost mehr darbot. Da wandten sie sich mit zerknirschtem Herzen unmittelbar an den Unsichtbaren; unter Thraͤnen und Seufzern machten sich Staͤdte und Doͤrfer im weißen Ge- wande auf, und durchzogen mit Bußpsalmen und Gebeten die Provinzen. Vom suͤdlichen Zweite Abtheilung . Frankreich, sagt man, soll sich diese Sehnsucht zur Wehmuth zuerst ergossen haben uͤber Ita- lien, Deutschland, den groͤßten Theil von Europa hinweg. Nach ihrer Tracht nannte man die Pilgrimme die weißen Buͤßenden. Dies war gegen das Ende des vierzehnten Jahrhunderts: damals soll man zuerst das Stabat mater ge- sungen haben. Um ein Jahrhundert fruͤher zeigte sich eine aͤhnliche Erscheinung, die Gesellschaft der Geißelnden, nach einer Periode von Helden- groͤße, Unthaten und allgemeiner Bedraͤngniß. Es greift das uͤbersaͤttigte und ermuͤdete Leben oft nach dem Tode, und ergießt sich in Thraͤnen und zerschmelzender Reue, daß alles wie vor Was- serfluthen bricht und faͤllt, was dauernd und ewig schien, damit nachher aus den Wogen die gruͤnen Inseln stiller Zufriedenheit und lieblicher Heimath wieder aufsteigen koͤnnen. Erlaubt mir, meine Freunde, sagte Anton, euch, wenn Ihr nicht zu ermuͤdet seid, noch ei- nige Gedichte mitzutheilen, zu denen mich Per- golese's liebliche Schmerzlichkeit begeistert hat. Wir werden so, sagte Clara, den Tag und Abend am schoͤnsten beschließen koͤnnen. Ich theile sie jetzt lieber und mit weniger Aengstlichkeit mit, sprach Anton weiter, da sich die kritischeren und vernuͤnftigern Zuhoͤrer ent- fernt haben; denn die kindliche Ruͤhrung, die mich oft ergreift, erscheint dem strengeren Sinne leicht schwach und kindisch. Es ist eine Sage, Zweite Abtheilung . daß der große Eindruck, den das Stabat mater des jungen Kuͤnstlers beim ersten Auffuͤhren machte, einen andern Musiker mit so grimmi- gem Neid entzuͤndet, daß er den Juͤngling, in- dem dieser aus der Kirche getreten, niedergestochen habe. Man hat diese Sage laͤngst widerlegt, da aber Pergolese fruͤh starb, so wird es dem Dichter erlaubt seyn, auf diese Erzaͤhlung hin- zudeuten, und ihn als Opfer seiner Kunst und Begeisterung fallen zu lassen. Dies sagen die ersten zwei Sonette, dann folgt der Versuch, das Stabat mater selbst in einem Gedichte zu wiederholen, wie ich weiß ein gewagter und viel- leicht uͤberfluͤßiger Versuch; den Beschluß macht ein Sonett, welches die Musik selber spricht, wodurch sich diese Gedichte jenen vielleicht an- schließen, die unser Freund uns neulich mitge- theilt hat. Pergolese . Ein Juͤngling wandelt durch die Waldesgruͤne, Einsam, verlassen, seufzend und in Thraͤnen; Was will sein Haͤnderingen doch ersehnen? Was sagt die truͤbe, liebe Leidensmine? Bald ists, als ob ein Engel ihm erschiene, So schaut er in das Gruͤn mit hohem Sehnen, Er spricht mit Voͤgeln, mit der Luft im Waͤhnen, In Zweigen neigen Arme sich zur Suͤhne. Zweite Abtheilung . Da laͤchelt er in Andacht und in Liebe, Die Sonne scheint auf ihn mit rothen Lichtern, In Glorien wallt der Tag und kuͤßt ihn scheidend. Ach, daß der goldne Glanz zugegen bliebe! Die Nacht steigt auf mit Wolkenangesichtern, Das Dunkel faßt ihn und er spricht suͤß leidend: Erquicklich war und nicht umsonst mein Wallen, Maria, Mutter, Sohn und ewge Liebe, Ich kann in Toͤnen sagen wie ich liebe, In schoͤnen Weisen soll mein Preisen schallen. Bist, Jesus, du vergessen denn von allen? Mein Herz, mein Schmerz treibt mich zu deiner Liebe, Die Mutter, Sohn, weiß wohl wie ich dich liebe, Laß dir gefallen denn mein kindlich Lallen. O sende du aus deinem lichten Himmel Die kindlichsten der Englein zu mir nieder, Mein Herz ist offen, thu es, Gott, mein Vater! Wir zuͤnden an das rauschende Getuͤmmel, Ich sterbe gern am Schluß der suͤßen Lieder, Denn viel' entzuͤckt nach mir mein Stabat mater. Stabat mater . An dem Kreuz die Mutter stande, Schmerzen fuͤhlt sie vielerhande, Aufgeloͤst des Herzens Bande, Wie der Heiland uͤberwande. Kommt mit mir zum Sehnsuchtslande! Ach im Brande Zweite Abtheilung . Laßt die ganze Seele gluͤhen, Strahlen aus und einwaͤrts ziehen, Lilgen werden auferbluͤhen, Nacht und Dunkel schuͤchtern fliehen Von dem Lande, Wo das Kreuz in Thraͤnen stande. Ach, Maria, welche Leiden Mußten deine Seele schneiden! Wer empfand doch von euch beiden Wohl zumeist den Tod der Freuden? Englein, kommt! im Niederklimmen Laßt erglaͤnzen eure Stimmen, Ihr wart ja am Kreuz zugegen Als der Welt geschah der Seegen, Muͤßt euch klingend nun bewegen, Fluͤglein fein zusammen legen, Daß in den Gesanges-Stimmen Stoͤrend mag kein Rauschen schwimmen. Als die Mutter in dem Sohne Sah ihr eignes Herze toͤdten, Ach, wie ward in bittern Noͤthen Dir des Todes Angst zum Lohne! O, wo blieb die goldne Krone? Deine Seele rief zum Throne Mit dem Sohne: Vater, schone! Ach! wer koͤnnte sich versteinen, Nicht mit dir, Maria, weinen? Seel' und Herz nicht dir vereinen? Thraͤnen, brecht hervor mit Scheinen, Zittert Toͤne, klage Stoͤhnen, Siehe, wie in Schmach, Verhoͤhnen, Noth, Angst, Schmerz zerbricht den Reinen! Aber, Weinen, Zweite Abtheilung . Laß in dir ein Lachen scheinen; Zittert Thraͤnen, freundlich klingend, Und lobsingend Tritt hervor du tiefes Klagen! Wonnevoll sind seine Plagen, Und das Herz muß zu sich sagen: Meinethalb hat ers getragen. Selbst das Kreuz, an das geschlagen Jesus Christus unverschuldet Seine schwere Marter duldet, Will vor Freuden und vor Leiden Weinen, Thraͤnen mit dem Blute einen. Menschen seht hier eure Wonnen, Ausgeloͤscht sind eure Sonnen, Ausgetrocknet alle Bronnen: Aber habt ihr euch besonnen Daß euch dadurch Heil gewonnen? Daß mein Herz am Kreuzesschafte, Milder Jesus, ewig hafte, Bis es liebend ganz verbronnen! Ja, es soll in mir zerbrechen! Klagen, Weinen, holdes Lachen, Ihr muͤßt jetzt das Ende machen: So wie kleine Kindlein sprechen, Ploͤtzlich aus in Thraͤnen brechen; Ist es Schuld wohl und Verbrechen, Wenn sie in den Thraͤnen lachen? Wunden, seid wie suͤße Blumen, Seufzer, aus den Heiligthumen Steigt empor wie suͤße Duͤfte Wallet in die Himmelsluͤfte: Sehnen, Zweite Abtheilung . Thraͤnen, Holdseeligkeiten, Himmlische Freuden, Wie sie suͤß und hell verbreiten Durch mein Herz die Herrlichkeiten! Nichts soll mich im Tode scheiden, Jesu Christ, von deinen Leiden! Sei mir du, Maria, milde, Gegen dieses Leben wilde, O du suͤßes Gottesbilde! Deine Liebe sei mein Schilde! Wann die letzte Stunde kommen, Sei die Seel' in Lieb' entglommen, In den Himmel aufgenommen. Amen! Es vernahmen Gott, Maria, Christ, die Bitten, Sie sind nicht von Euch bestritten, Denn sie kamen Recht hier aus des Herzens Mitten, Auch fuͤr mich hast du gelitten, Amen! Und es ist vom hohen Chor Kaum der letzte Ton verglommen, Ist er schon der Erd' entnommen Und die Seele steigt empor. Gluͤcklich ist wohl der zu preisen, Der vor Gott hin durfte treten Mit so lieblichen Gebeten, Mit so schoͤnen frommen Weisen. Zweite Abtheilung . Die Musik spricht : In inn'ger Lieb' war ich mit diesem Kinde, Und ihm gelang, in suͤßen Himmels-Weisen Die Mutter Gottes wunderhold zu preisen, Und Aller Herzen ruͤhrt sein Geist gelinde. Da loͤsten sie in Wehmuth ihre Suͤnde, Es beteten die Thoren wie die Weisen, Der Engel fuhr herab in Thraͤnen, leisen Fluͤgelgetoͤns, daß er ihr Heil verkuͤnde. Da fiel den Boͤsen Zagen an und Beben, Er sprach: der suͤße Pfeil hat all' getroffen, Mein Reich versinkt, den Menschen nur zum Spotte! Er stuͤrmt ihn an, des Juͤnglings Herz war offen In Andacht, reißt die Blaͤtter ab vom Leben, Und aus dem Reich entbluͤht der Geist zu Gotte. Das heiterste Wetter war wieder eingetre- ten, daher genoß die Gesellschaft am folgenden Tage die Schoͤnheit der Gegend um so mehr, als dieser Genuß so ganz unerwartet kam. Alle waren froh, nur Auguste schien verstimmt, und als man sich am Abend zur gewoͤhnlichen Lese- stunde niedersetzte, machte sie Mine, fortzugehn. Du bist wieder einmal ungezogen, sagte Man- fred; was ist dir, Schwester? Nichts, rief sie aus, aber ich bin heut nicht aufgelegt. Lassen wir die schoͤne Ungnaͤdige, sagte Wili- bald, sie will uns eben zeigen, wie weit die Lie- benswuͤrdigkeit ihren Eigensinn treiben duͤrfe, ohne unliebenswuͤrdig zu werden. Zweite Abtheilung . Und wie weit die Gravitaͤt gehn koͤnne, ant- wortete Auguste sehr schnell, die die ganze Welt hofmeistern will. Aber was habt Ihr nur, fragte Manfred? Der Herr verlangt, rief Auguste aus, unge- heuren Dank dafuͤr, daß er mir zu Gefallen, wie er sagt, ein Maͤhrchen, oder kindisches Dra- ma geschrieben hat, und da ich heut zu nichts Ungeheuerm aufgelegt bin, wollte ich lieber die Gesellschaft verlassen. Weder ungeheuren Dank, sagte Wilibald, noch irgend Dank habe ich verlangt, sondern ich erzaͤhlte dem schoͤnen Zorn nur heut Morgen, daß ich fast nicht geschlafen habe, um, ihrem hohen Befehl gemaͤß, ein albernes Drama fertig zu machen, wofuͤr sie mir wahrscheinlich nicht dan- ken wuͤrde, weil es nicht witzig, geistreich und lustig genug sei, so viel ich ihm auch von die- sen drei vortrefflichen Dingen wuͤnschte, um mein erzuͤrntes Schicksal zu besaͤnftigen. So viel hab' ich gesagt, und so weit geht mein Verbrechen, will Auguste mich fuͤr meinen guten Willen durch ihre Entfernung bestrafen, so bin ich ein Maͤr- tyrer unsrer Unterhaltung. Das darf nicht seyn, rief Lothar feierlich, zum Gluͤck bin ich heut wieder zugegen und kann die Ordnung aufrecht erhalten; Klaͤgerin setzte sich also und Beklagter beginnt. — Wilibald las: Zweite Abtheilung . Leben und Thaten des kleinen Thomas, genannt Daͤumchen. Ein Maͤhrchen in drei Akten . Personen : Artus , Koͤnig. Ginevra , Koͤnigin. Gawein , Neffe des Koͤnigs. Kay , Hofmarschall. Semmelziege , Hofrath. Ida , dessen Gattin. Alfred , Philosoph. Persiwein , Dichter. Leidgast , ein ungeschlachter Mann. Malwina , dessen Frau. Ihre Kinder . Zahn , Hofschuster. Kirmeß , ein Bader. Wahrmund , ein Bauer. Else , dessen Frau. Thomas , Barnabas , Matthias , Peter , Siegmund , August , Walther , ihre Kinder. Erster Daͤumchen . Erster Akt . Erste Scene . ( Huͤtte .) Wahrmund, Else . E r ist wirklich krepirt? Ja da sitzen wir nun im Jam- mer. Er war mein bester Freund, und wenn ich ihn nicht selber brauchte, so lehnt' ich ihn aus, und er verdiente mir sein Stuͤckchen Geld. Nun koͤnnen wir unser kleines Feld im Busch auch nur weggeben. Was nuͤtzt es uns? Ach, der gute Schimmel! Aber wir kriegten ihn schon alt und lebenssatt, es ist ein Wunder, daß er nur noch so lange ausgehalten. Kommt doch ein Ungluͤck zum andern, uns zu ruiniren. Leg Holz in den Kamin, daß wir unser Elend wenigstens sehn koͤnnen. Wenn der gnaͤdige Herr bezahlte, was er dir fuͤr vierteljaͤhrige Arbeit schuldig ist. Ja, wenn! — Komm einer mal dem zu Hofe mit solchen Forderungen! das II [ 29 ] Zweite Abtheilung . erste ist, daß er seinen großen maͤchtigen Pruͤgel sucht, und da muß man nachher froh seyn, wenn nur kein Arm oder Bein drauf gegangen ist, die simpeln Schlaͤge muß man fuͤr Wohlthat achten. Gewiß er hat eine absonderliche Ma- nier, seine Unterthanen zu regieren; haute er im Dienst des Koͤnigs so eifrig zu, so wuͤrden sie ihn fuͤr einen ganzen Mann halten. Element! so ein armer Tage- loͤhner ist doch das geschorenste Creatur auf Erden. Wenn ich mir alles recht uͤberlege, moͤcht' ich de- sperat werden. Das fehlte uns noch in der Haus- haltung. Horch! was ist das fuͤr Laͤrm? Nichts, es sind die Kinder in der Kammer, sie schlafen noch nicht. (geht an die Kammer). Wollt ihr Tausendsackerloter wohl Ruh geben! Legt euch aufs Ohr und schlaft, daß ihr morgen fruͤh munter seid, oder ich werde euch mit der Peitsche uͤbers Fell kommen. Laß die armen Wuͤrmer, der Hunger peinigt sie auch, und da werden sie sich wohl ein Bischen unruhig rum waͤlzen. Ja, sieben Kinder auf dem Halse und kein Brod im Hause, Abgaben, so hoch und schwer, wie nie, den Feind im Lande, Einquartirungen, und die Kerle fressen, daß es ein Wunder ist, wie sie nur Tisch und Schemel noch stehen lassen; das Schweinfleisch schlingen sie Daͤumchen . ja mit Schwarten und Borsten hinter, die Rinds- knochen beißen sie mit ihren Hauern entzwei, als wenn es Taubenbeinchen waͤren, und unser gute Koͤnig, dem Gott langes Leben und alles Gluͤck schenke, denkt gewiß Wunder wie gluͤcklich wir sind. Nun, was koͤnnt' er denn eben auch thun? Drunter hauen, daß die Stuͤcke davon fliegen. O sapperment! wenn ich nur seine Armee zu kommandiren haͤtte, der Feind sollte sich hinter den Ohren kratzen. Was hilfts? Heut schlaͤgt er sie mal ein Bissel, morgen wird er desto tuͤchtiger geschla- gen. Die politischen Herren da oben werden doch am besten wissen, wo alles hinaus soll. Mag sein, uns wird aber unterdeß das Fell sauber abgezogen; was hilfts uns, wenn sie uns auch nachher Pelz und Mantel umlegen wollen? Es fehlt dann am Besten, an der eignen angebornen Haut. — Horch! wie die Luͤmmels dadrin so ruhig und gottseelig schnarchen! die Bengels werden nun schon groß, aber das kriegt kein Nachdenken, moͤgen die Eltern doch zu- sehn, woher sie das Brod schaffen; das liegt nun da auf'm Stroh wie im Himmelreich und laͤßt Gott einen guten Mann seyn. Wenn ichs recht bedenke, so moͤcht ich im Gram die Karbatsche er- wischen, und sie so abschmieren, daß sie erfuͤhren, wie Sorg und Nachdenken thut. Zweite Abtheilung . Laß sie, ists ja doch ein Gluͤck, wenn sie schlafen koͤnnen. Wenn wir die Nattern nur nicht haͤtten, so koͤnnte man sich eher helfen, aber die Brut saugt einem Mark und Gebein aus. Du lieber Gott! Was wir uns in den ersten Jahren unsrer Ehe Kinder wuͤnschten! Was wir trauerten und uns haͤrmten, daß an mei- nem Leibe immer und immer kein Seegen sichtbar werden wollte. Da ließen wir uns von Zigeunern wahrsagen, da braucht ich die kluge Frau im Wal- de, da gingen wir endlich nach der Felsengegend, wo der große Zauberer verzaubert liegt, daß ihn kein Mensch sieht, und nur die Stimme von ihm uͤbrig geblieben ist, — wie heißt er doch? Laß gut seyn, — Schmerl oder Merl, — die Alfanzerei laͤuft auf eins hin- aus. Recht, Merlin. Da kriegten wir den Trost, daß ein Knabe von mir geboren werden sollte, der noch einmal unser Gluͤck machen wuͤrde. — Ja, ja leere Worte, — was bracht' ich in meiner Angst zur Welt? den kleinen armseligen Thomas, einen Zwerg, einen unnuͤtzen Brodfres- ser, aus dem zeitlebens nichts werden kann, der allen im Dorf ein Spott ist; der Schlingel ist nun schon funfzehn Jahr, und die dreijaͤhrigen Kinder im Dorf pruͤgeln ihn ab, so oft sie nur Lust dazu haben, Ekelnamen rufen sie ihm nach; Daͤumchen! heißt es hier, Daͤumchen! schreien sie da uͤber den Zaun, wenn er vorbei geht, so daß Daͤumchen . ich meine Schande und Spott an ihm zur Welt gebracht habe. Muß man doch immer nachsehn, daß ihn Kaͤlber und Schaafe nicht gar uͤberlaufen und in den Boden treten. Das war nun das große Gluͤck! Halts Maul, Weib, der Jung ist gut, hat Gruͤtz im Kopf; was hast uͤber seine Kleinheit zu raͤsonniren? Ich will ihn zum Gevat- ter Bader thun in die Lehre, denn zu meiner Pro- fession taugt er freilich nicht; Holzhauen ist nicht seine Sache, er wird zeitlebens keine Art aufhe- ben koͤnnen. Zum Bader? Mann, Mann, wo denkst du hin? Wenn er jemand barbiren soll, muß er ja auf eine Leiter steigen, der kleine Spitz- bube. Ich sage noch einmal: halts Maul! was verstehst du davon? Ein ganz andrer Kerl ist er, als der dicke Taugenichts, das Wurst- maul, der rothhaarige Racker, der Peter, dem du immer alles zusteckst, und der den Kleinen molestirt, wo er weiß und kann. Der tuͤcksche rothe Hund! Sieht aus, wie ein Mameluck, der Fratz. Und welche Gabe er hat einzubeißen! So recht! uͤber den armen Jungen gehts immer her, der doch der einzige ist, der uns schon etwas helfen kann, der auch guten Willen zeigt. (weint) Das ist nun mein Dank, mein Lohn fuͤr alle das lange zwanzigjaͤhrige Elend, das ich mit dir ausgestanden habe, daß ich Hunger und Kummer mit dir habe leiden muͤssen, und oft von Zweite Abtheilung . den Nachbarn fuͤr dich zur Suppe etwas zusammen betteln, du wilder, undankbarer Mensch du! Laß gut seyn, Else, der Junge ist ja, bis auf die rothen Haare, so uͤbel nicht; hast Recht, aus dem wird gewiß ein tuͤchtiger Holzhauer. Nun, hoͤr auf zu greinen, und gieb lieber guten Rath, was wir anfangen sollen. Sollte der Bader uns nicht mehr bor- gen? Der? Es thaͤte noth, wir borgten ihm, so erbaͤrmlich stellt er sich an. Unser Haus ist ihm verpfaͤndet, fuͤr das krepirte Pferd sind wir ihm auch noch schuldig, auf das Stuͤck- chen Acker hat er schon geliehen, zu versetzen haben wir nichts mehr, das weiß er, er giebt keinen Heller. Der gnaͤdige Herr — Lieber verhungern, als es mit dem versuchen. Wie gesagt, wenn nur die Kinder nicht waͤren! Wir haben sie aber doch nun einmal. Wenn sie Gott zu sich genom- men haͤtte, so haͤtten wir sie nicht mehr. Mir kommt da ein Gedanke, — sage mal, — aber du mußt mich ausreden lassen. Nun ja doch. Waͤre denn das Ungluͤck so groß gewesen, wenn sich neulich die drei im Wald verlaufen haͤtten, die wir so lange nicht wieder finden konnten? Je nun, es waͤre doch Jammer und Schade gewesen. Daͤumchen . Sieh, lieber Schatz, was wir besser dran waͤren, und die uͤbrigen Rangen besser erziehn koͤnnten, wenn wir morgen etwa ge- gen Abend so ein drei, viere verzettelten, sie so im Walde verloren laufen ließen, auf gut Gluͤck: wer weiß, wie sich Gott ihrer wunderbarer Weise an- naͤhme; das Gluͤck will beim Menschen oft eine Gelegenheit haben, man muß ihm doch die Thuͤr nicht ganz verschließen, und es mal auf die Probe ankommen lassen, ob es vielleicht nicht besser wird. So kaͤmen wir denn still und sacht mit Thomas, Barnabas, Matthis wieder nach Hause, und lie- ßen die andern fuͤr sich selber sorgen. Und Peter? Der dickkoͤpfige Schlingel bliebe mit August, Walther und Siegmund im Walde. Nein, Thoms, der Storchbein, der Muͤckenheld kann draußen bleiben. Der findet allenthalben Futter genug fuͤr sich, der braucht am wenigsten. Schade waͤrs um den anschlaͤ- gigen Kopf. So besser kann er sich forthelfen. Nun gut, aber wenn der draußen bleibt, so lassen wir den Fresser, den Pe- ter, auch draußen. Nimmermehr, denn der Junge wird noch ein Trost meines Alters. So muß Thoms auch mit zuruͤck. Zweite Abtheilung . Lieber Mann, keiner oder alle; Gott wird uns den Schritt verzeihen muͤssen, zu dem uns die Noth und Verzweiflung treibt. Keiner oder alle; schau, Weib, da hast du einmal ein recht kluges Wort gesagt. Es nutzt so armen Leuten, wie wir sind, durchaus nicht, so viele Kinder zu haben, und, wie gesagt, wer weiß, wo sie nachher ihr Gluͤck machen koͤn- nen, ist die Welt doch lang und breit genug: hier im Hause muͤsten sie ja doch auch verschmachten. Man sagt ja von Feen und Geistern, die sich der Menschen annehmen. Kurz, wir geben sie in die Hand des Himmels. Ist mir doch ordentlich ganz leicht. Komm, wir wollen uns auch zu ihnen auf die Streu niederlegen. Der liebe Gott muß so armen Leuten durch die Finger sehn. (gehn in die Kammer). Zweite Scene . ( Felsengegend Wald ). steigt herauf und singt zur Laute. Es rauscht der Wald, es springt der Quell, Die Sonne scheint hernieder, Da wandert froh der Junggesell, Singt Baum und Felsen seine Lieder, Dem muntern freien Blut Die ganze Welt so hold und freundlich thut. Daͤumchen . Da unten ist der Staͤdte Zahl, Da wohnen Noth und Leiden, Die Armuth klagt im stillen Thal, Sich wollen Ehleut scheiden, Da wandert fort, eilt weg so schnell Der muntre lustge Junggesell. Und will die Lieb' ihn listig fangen, Lockt ihn die Sehnsucht und Genuß, Er kuͤßt die Lippen und die Wangen, Vermeidt des Ehestands Verdruß, Spannt man die Heiraths-Netze aus Gleich dreht der Knabe sich zur Thuͤr hinaus. Was da unten friedlich, niedlich, einsam und ruͤhrend die Huͤtten liegen und das Gaͤrtchen dane- ben. Schoͤne romantische Natur ist doch etwas Trefliches, und darein die Haͤuser, der Rauch von den Schornsteinen, das ist so anlockend, weckt sehn- suͤchtige Gedanken, daß man dort seyn moͤchte, sich einwohnen, der Natur leben. — Aber seh ich recht? Kriecht da nicht unten am Felsen mein Freund Al- fred umher und botanisirt? — Richtig! das ist seine philosophische Miene, seine nachdenkliche Stel- lung, sein Kopfschuͤtteln uͤber das Universum. — Alfred! Komm zu mir herauf, theurer Geliebter, laß da unten die Moose und Schwaͤmme in ihrer Dunkelheit und falle an ein Menschenherz, das Dir entgegen zappelt! — Teufelskerl von einem Freund; da schlaͤgt er erst noch ein Stuͤck vom Felsen herunter, um zu wissen, ob auf Granit oder Porphyr unsre zaͤrtliche Scene des Wieder- findens vor sich gehen soll. Zweite Abtheilung . Alfred koͤmmt herauf. Guten Morgen, wo kommst Du her? Und Du? — In meine Arme eile, Bester, Theuerster, seit einem langen Jahre nicht Gesehener. Laß mich nur erst den merkwuͤrdi- gen großen Pilz weglegen, so kann es geschehn. (sie umarmen sich) Sag mir nur, Phantast, warum sich zwei gute Bekannte umarmen muͤssen, wenn sie sich eine Zeitlang nicht gesehn haben. Und der Esel druͤckt, daß mir der eine Zahn wackelt, und die Ribben weh thun. Was solls nur? Kann man nicht vergnuͤgt und sich herzlich gut seyn, ohne dies Haͤndezerknuͤllen, Armeumeinanderschla- gen, Lippen pressen? Es ist doch das natuͤrlichste von der Welt. Hergebrachte Mode ist es, alte Ue- berlieferung von einem Geschlecht zum andern, kein natuͤrlicher Mensch, kein denkender Kopf wird darauf verfallen, jeder macht es nach, weil man es ihm so gelehrt hat. Ich will mit Dir nicht strei- ten. Wo koͤmmst Du her? Wo gehst Du hin? Ich reise jetzt durch diese Thaͤler und Waͤlder, um mich recht eigentlich uͤber die Verwandschaften der Pilze aufzuklaͤren: man wird erstaunen, wenn ich einmal erst alles heraus sage, welche Mißverstaͤndnisse, welche ungeheure Verwir- rung in diesem Zweige unserer Literatur herrscht, Daͤumchen . welche Irrthuͤmer Maͤnner verbreitet haben, deren Namen man nur mit der groͤßten Ehrfurcht nennt; alles das muß nun gestuͤrzt, total revolutionirt wer- den, und daran setz ich mein Leben und meine Be- stimmung. Ein lobenswuͤrdiger Eifer. Und was treibt Dich umher? Hast Du Dich auf etwas Solides applizirt? Du siehst, diese Laute ist noch immer mein Erstes und Letztes. Ach du lieber Gott! Dein Zustand floͤßt mir Erbarmen ein. Aber, mein Lieber, alle Men- schen koͤnnen unmoͤglich tiefsinnig und erhaben seyn. Ich durchstreife das Land, singe, dichte, suche die schoͤnen Gegenden auf, und begebe mich vielleicht nachher in den Schutz eines großen Herrn, wo moͤglich des Koͤniges, der die Kuͤnste lieben soll. Die Zeiten sind nicht darnach, Druck, Armuth, Noth allenthalben, das pure Elend in der Huͤtte wie in den Pallaͤsten, wer jetzt nicht auf etwas Sicheres und Nothwendiges fußt, ist in hoͤchst bedraͤngter Lage. Nun sollte nur noch der dritte Freund von der hohen Schule hier seyn, so waͤre das alte liebe Kleeblatt vollstaͤndig beisammen. Wen meinst Du? Treuloser Freund! gaͤnzlich ver- gessen hast Du unsern lieben, edeln, herzlichen Semmelziege? Ah! den Schwaͤrmer. Zweite Abtheilung . Das ist wahr, einen kleinen Hieb hatte er von Jugend auf, der Gute, zu selt- sam, zu hoch gestimmt war seine Empfindung, und das hat er uns arme gewoͤhnliche Erdensoͤhne oft genug fuͤhlen lassen. Er soll in der Residenz eine ein- traͤgliche Stelle haben, Tribunalrath oder Hofrath geworden seyn; ich habe seinen Titel vergessen, sich auch verheirathet haben. Wie er sich mit seinem hohen Schwunge wohl in das gewoͤhnliche Leben mag ge- funden haben. Sein Streben ging immer zum Ueberirdischen und Himmlischen, er flog oft so hoch, daß ich ihn ganz aus den Augen verlor. Er kam aber doch immer wieder zur Erde zuruͤck. Sieh! sieh! was ist das Weiße, das dort unten im Thal in der Luft schwebt? Ich sehe nichts. Dort unten, bei den romanti- schen Huͤtten, im Gaͤrtchen, — sieh, wieder, — nun koͤmmt es zuruͤck, — nun fliegt es wieder in die Hoͤhe. Ich muß mein Glas zur Huͤlfe nehmen. Sollt es nicht ein Schmetterling seyn? Es ist groͤßer. Ich seh, es ist eine Eule, die her- unter gefallen ist und vom Tageslicht geblendet ih- ren Baum nicht wieder finden kann. Es hat fast eine menschliche Gestalt. Daͤumchen . Warum nicht gar. Jetzt unterscheid' ich, es ist ein Stuͤck Waͤsche, mit welchem der Wind spielt. Ei bewahre! Es laͤuft ja, dann fliegt es wieder. Sehr kurios. Wir sollten hinunter steigen und es naͤher untersuchen, vielleicht giebt es Stoff zu einer naturhistorischen Beobachtung. Bleib, es ruͤhrt sich und kommt naͤher. Ich aͤndre meine Meinung, es ist ein Thier, welches in den Bergen herum klettert. Es scheint mir immer gewisser, daß es eine Art von Mensch seyn muß. Niemals werd ich das glauben. Schau, wie es herauf klimmt, und die langen Vorderbeine schwenkt und schleudert; es spuͤrt wohl nach Maͤusen. Sieh, sieh, nun nimmt es den Hut ab und ist ein Mensch. Richtig, ich erstaune. Es gruͤßt. — Nur herauf, Ca- merad, Landsmann! Er kann den Fußsteig nicht finden. Nun wird er betteln, und ich kann wahrlich nichts entuͤbrigen. Er scheint bekuͤmmert. Die arme Creatur! Vielleicht kann ihn ein Liedchen und die Laute aufheitern. Dadurch wird es ihm in den Ein- geweiden nur noch hungriger werden. Zweite Abtheilung . Semmelziege kommt herauf als Pierrot. Wie freu' ich mich — Seh ich recht? Alfred, Persiwein, o ihr hohen Juͤng- linge, seid mir gegruͤßt! (durch die Brille ihn betrachtend). Ists moͤglich? Semmelziege, Mensch, du bist es selbst? In dem Anzuge? Wunderbar! Laß dich in die Arme schließen. — Bist du ein Eremit? Hast dich hier in der schoͤnen romantischen Wildniß aufs Fliegen gelegt? Was aus dem Menschen nicht wird! Kerl, du stehst wenig wie ein Hofrath aus; viel zu unreputirlich; sage mir nur, was du treibst. O Goͤttersoͤhne, Jugendfreunde, Weisheitsbruͤder, Du, Hoher, mit dem Klang der suͤßen Lieder, Du, Großer, mit dem tiefen Spaͤhersinn, Wißt und erfahrt, der Hofrath ist dahin, Ein Sklav, gefangen, schlimmer noch als todt, Bin ich dem Wuͤthrich dort nur Pierrot. Ich verstehs nicht, explizir dich deutlicher. Du stehst aus wie vom Theater, und doch nahm Dein Genie ehemals einen hoͤhern Schwung. Haͤtt' ich erfahren nie, was Schwung bedeutet! Wie schoͤn auf ebner sichrer Erde wallen! Weh mir, ob diesem Streben nach der Hoͤhe! Daͤumchen . Also bist Du kurirt und ein ver- nuͤnftiger Mensch geworden? O Freund, dahin auf ewig sind die Tage, Als ich des Adlers Fittig mir gewuͤnscht, Das Morgenroth zu ruͤhren mit der Scheitel, Erfuͤllung uͤbervoll der Jugendtriebe Ward mir, die Liebe fand die Gegenliebe. Das halte der Henker aus. Kerl, laß Dich doch in verstaͤndliches Deutsch uͤbersetzen. So hoͤrt, vernehmt, erstaunt, erstarrt, versteint, Und zittert, klagt, schluchzt, knirscht, schreit, heult und weint! Adieu. Er ist aͤrger geworden als er war. Wie soll ichs sagen, welche Worte finden? Vernehmt: da unten wohnt in kleiner Huͤtte, Versteckt von Waiden, Birken, hellen Buchen, Ein Boͤsewicht, der mit dem fremden Heer Zum wilden Krieg, der unser Land verheert, An dieses Ufer trat; wild, ungebaͤndigt, Entwich er von der Schaar als Marodeur, Ließ sich in dieser Wildniß nieder, raubt, Und als ich einst am schoͤnen Fruͤhlingsmorgen Den Hain durchirrend wilde Blumen breche — Giebts auch Pilze dort? Rothgesprenkelte, blauge- sprenkelte, und die grauen ebenfalls. Sind eben nicht die seltensten, ich Zweite Abtheilung . habe da einen, der sich aus tausend Aesten und Roͤhren verbreitet, ganz fleischfarbig, ein seltner Fund. Nun, und da? Wie gings Dir weiter? Da gerieth ich in dieses Revier, den Blick zur Sonne gewendet, eben daruͤber denkend, wohin diese unendlichen Lichtmassen, welches dieses Gestirn ausstrahlt, gehen, und was aus ihnen wird, da die Oekonomie der Schoͤpfung doch nichts umkommen laͤßt — Sieh, das ist einmal ein vernuͤnfti- ger Gedanke! Hast Du oft solche luminoͤse Augen- blicke? So verlohren in denkendes Staunen, fuͤhlt' ich ploͤtzlich eine Faust am Genick. Der Boͤsewicht wars, er schleppt' mich in sein Haus, betrachtet mich von allen Seiten und lacht am Ende uͤber mich. Ein Humorist, hat Dich wie ein Buch unterm Arm, nach Hause genommen, um Dich zu rezensiren. Nicht will ich Dich ermorden, spricht er endlich, Dazu bist Du mir zu gering: doch schien ich Dem Wuͤthrich nicht zu schlecht, ein zeitverkuͤrzend Vermaledeites Spiel aus mir zu machen. In seinem Garten, welcher niedrig, feucht, Weich und morastig leicht beim Regenwetter, Da liegt ein Block, auf ihm ein langes Brett, Der Spielplatz ihm in den Erholungsstunden; Der Daͤumchen . Der Ungebildete, gleich niedern Buben, Hat er hier oft den Frosch hoch aufgeschnellt, Gleich faßt er im Gemuͤthe den Beschluß, Mich auf des Brettes vordre Kante setzend, Drauf hinten mit der Keule heftig schlagend, Zu seinem Spaß mich in die Luft zu schleudern: Hoch steig' ich, in den Garten fall' ich nieder Auf weichen Grund, zuruͤck ihm muß ich eilen, Und wiederum beginnt der schlechte Scherz. So dien' ich ihm schon acht und vierzig Wochen, Und doch ist er der Albernheit nicht satt. Bald ging mein Kleid in dieser Uebung auf, Da steckt' er mich in diesen Bauernrock. Das war's, was ihr erst in der Luft gesehn, Das war mein boͤser, himmelhoher Schwung. Nun sage mir eins, was man in unsern Tagen erlebt! Bei der Geschichte sind ge- wiß viel Pilze zu Grunde gegangen. Ich sah Euch auf dem Felsenruͤcken stehn, Drum wußt' ich nicht, warum mein Herz so schlug, Vorahndung wars des nahen schoͤnen Gluͤcks, Der Jugendfreunde Antlitz bald zu schaun. Nicht wahr, es giebt einen verfluch- ten Preller, wenn das Brett so gegen den Hintern schlaͤgt, und die Erschuͤtterung Dich in die Luft fuͤhrt? Dies sagt Dir wohl die eigene Vernunft. Nun, man unterrichtet sich doch gern. Gehts immer gleich hoch? II . [ 30 ] Zweite Abtheilung . Manchmal erlahmt dem Wuͤthrich selbst die Kraft. Laͤßt sich denken. Er macht sich wol hauptsaͤchlich nach Tische die Motion? Meist wenn beginnt des Tags Gestirn zu sinken Nicht unvernuͤnftig; heut ist es ja aber noch Morgen. Den Wilden regt die Laune ploͤtzlich an. Natuͤrlich, solch Volk haͤlt in nichts Ordnung. Aber sage mir nur, wie Du in diese Gegend kommst: Du sollst Dich ja in der Residenz aufgehalten haben, verheirathet seyn; in der Geschichte ist mir noch Vieles dunkel. Wie in der Brust von neuem tobt der alte Schmerz, Ob dieser Frage, die dem Mund' des Freunds entschluͤpft! Ja, mein Gemahl war liebevoll und hold und schoͤn, Vom Himmel fiel das freundlichste Geschick mir zu: Doch wie dem Mann von Goͤttern nie ein reines Gluͤck, Das ungetruͤbt, stets gleichen Glanzes, wird ver- liehn, So war der Holden, trotz der Tugend, beigesellt, Was haͤrmend Tag und Nacht das Herz mir ab- genagt. Nun? Erzaͤhle kurz und buͤndig. Daͤumchen . Des Hauses Sorge nahm zu sehr den Sinn ihr ein, Die Sauberkeit, das Porzellan, die Waͤsche gar; Wenn ich ihr wohl von meiner ewgen Liebe sprach, Nahm sie der Buͤrste vielbehaartes Brett zur Hand, Um meinem Rock die Faͤden abzukehren still, Zuweilen selbst, wenn aus dem Feld ich heimgekehrt, Von Blumenschmelz und Fruͤhlings-Pracht, die Lipp' ertoͤnt, Holdselgen Wahns, daß nun ihr Aug' in Thraͤnen schwimmt, Faßt sie den schwanken Baumessproß der Haselgert, Ausstaͤubend mir des Tuches ruͤckenhuͤllend Blau. Doch haͤtt' ich gern geduldet alles, außer Eins, Daß wo sie stand und wo sie ging, auswaͤrts, im Haus, Auch im Concert, wenn Tongewirr die Schoͤpfung schuf, Begeistrungs-Drang in Jungfrau Art die Fahne schwang, Ja, lag als Sphinx, hoch Kunstgebild, ein hehres Weib, Saß schmerzvoll, mulier dolorosa, mit dem Mann, Da zaspelnd, haspelnd, heftig rauschend, nim- mer still, Ellenbogen fliegend, schlagend Seiten und Geripp, Sie immerdar den Strickstrumpf eifrig handgehabt. Und das war dir am Ende fatal? Kurioser Kautz, vielleicht hat sie Dir selbst Struͤmpfe gestrickt. Zweite Abtheilung . Einst, als des Thorus heilig Lager uns umfing, Am Himmel glanzvoll prangte Lunas keuscher Schein, Der goldnen Aphrodite Gab' erwuͤnschend mir Von silberweißen Armen ich umflochten lag, Schon denkend, welch ein Wunderkind so holder Nacht, Welch Vaterlandserretter, kraftgepanzert, soll Dem zarten Leib entsprießen nach der Horen Tanz, Fuͤhl ich am Ruͤcken hinter mir gar sanften Schlag: Da waͤhn' ich Liebsgekose neckt die Schulter mir, Und laͤchle fromm die suͤße Braut und sinnig an: Bald naht mir der Enttaͤuschung grauser Hoͤllen- schmerz, Das Strickzeug tanzt auf meinem Ruͤcken thaͤtig fort, Ja stand das Werk just in der Ferse Beugung, wo Der Kundigste, ob vielem Zaͤhlen, selber pfuscht. Das ist aber himmelschreiend! So ging ich von ihr, mit Verzweiflung rin- gend wild, Zum Wald hier kam ich, wo mein Schicksal sich entschied. So gehts den Schwaͤrmern fast immer, die sich nicht zeitig in die Wirklichkeit fuͤ- gen lernen. (von unten). Semmelziege! Was ist das? Der Boͤsewicht ruft, er hat Daͤumchen . heut noch nicht genug an seinem vermaledeiten Spiel, es soll von neuem losgehn. Armer Leidender! Macht euch nur schnell davon, denn wenn er Euch erwischt, so ist er im Stande, euch aufzufressen, wenn er gerade bei Appetit ist. Die Eigenheit hat er auch noch? Semmelziege! Ich komme schon! — Adieu, meine Freunde, auf Wiedersehn unter gluͤcklichern Umstaͤnden. (geht ab.) So wollen wir uns nur schnell davon machen. Meinen Pilz nicht zu vergessen. — Wahrlich, es sind jetzt nachdenkliche Zeiten in die- ser Welt. (gehn ab.) Dritte Scene ( Wald .) Wahrmund, Else , die Kinder . Sucht, Kinder, das Reisig huͤbsch zusammen, und bringt es nachher all auf einen Haufen, denn es wird schon spaͤt. — Peter, Du hast die meisten Kraͤfte, schlepp frisch alles her- bei, die andern sollen es binden. — Siegmund, da Zweite Abtheilung . hinter der Eiche dort, hab ich auch was hingelegt, hols geschwinde, — Du, Walther, kleine Krabbe, tummle dich. Peter, lieber Junge, hoͤre doch, — nun, geh nur, wohin der Vater Dich schickt, es hilft ja doch nichts. Barnabas, Schliffel, kannst nicht die Blaͤtter abraffeln? Der Thomas hockt hier, und thut gar nichts. Er giebt auf unsern Karren Acht. Lauf hin, kleiner Fratz, und hilf dem kleinen Walther. — Nun sind sie alle fort. Ja, die guten Kinder, nun haben wir sie zum letztenmale gesehn. Fang nur nicht noch an zu greinen. Komm, jetzt wollen wir uns auf den Fußweg machen, das Thal hinunter, so kommen wir ihnen recht schnell aus den Augen. So sprich nur nicht lange und lauf. (sie gehn ab.) (kommt.) Da, hier — wo sind sie denn? Vater! Mutter! Nun ist alles beisammen. Ja, es wird finster, wir sollten nach Hause gehn. Und mich faͤngts an zu hungern, es ist Zeit zum Abendessen. Daͤumchen . Obs Kloͤße giebt? Vater! Mutter! — Kein Mensch zu hoͤren und zu sehn. Ach! lieber Gott! ich hoͤre schon die Eulen schrein. Die Eulen werden Dir nichts thun, wenn nur keine Woͤlfe kommen. Aber wo sind nur die Eltern hingelaufen? (weint.) Ach, ich fuͤrchte mich gar zu grauslich, die schwarzen Maͤnner stehn hinter den Baͤumen. Die Stachelschweine und die Maulwuͤrfe werden munter, die Erde ruͤhrt sich schon unter mir. Es knarrt und hackt oben in den Baͤumen. Die Winde gehn, und die Wol- ken ziehn so schwarz. Ach heult, heult, was ihr heulen koͤnnt! Wir haben uns verirrt, wir koͤnnen Vater und Mutter nicht wieder finden, heult! — Aber der Schlingel, der Thoms, der ist ganz gelassen, sieht und geht umher, und kuckt den Erdboden an. Seid nur ruhig, wir wollen schon den Weg nach Hause finden. Ich will ihn euch zeigen. Du, Schabhals? Du wirst mir auch der rechte seyn. Laßt mich nur voran gehn und folgt meinen Schritten, es ist noch etwas hell, Zweite Abtheilung . wenn die Daͤmmerung nur noch so lange waͤhrt, bis wir aus dem dichtesten Walde sind, so hats nachher keine Noth. Kommt. Bruder, wenn Du den Weg findest, so will ich Dich fuͤr wacker halten. (sie gehn ab.) Vierte Scene . ( Huͤtte .) Wahrmund, Else . Da sitzen wir nun. Ja, da sitzen wir nun. Ruhig genug waͤrs also im Hause. Kein Zanken, kein Schlagen, kein Katz- balgen mehr. Kein Verklagen unter einan- der, keine Klaͤtschereien. Nicht mehr das Schreien nach Brod und Kloͤßen. Nicht mehr das Kleider-Zer- reißen; nun kriechen sie nicht mehr mit neuen Ho- sen herum, daß man den Tod vor Aerger haben moͤchte. Ja, und doch ist es nun auch nicht so etwas Apartes. Da hast Du wohl Recht. Daͤumchen . Wir haben es aber so gewollt. Richtig, und nun haben wirs auch so. Es wird uns jaͤmmerlich ankommen. Kann wohl seyn. Still! Es kommt jemand zu uns. Wer sollte das noch in spaͤter Nacht seyn? (draußen). Macht auf! Ja doch, herzlich gern; du lieber Gott, das ist ja eine Stimme wie ein Baͤr (geht hinaus). Mir schwant, daß ich heut noch Verdruß kriege; gewiß werden sie mich mah- nen, und dann giebt ein Wort das andre, bis es zum Pruͤgeln kommt, und wer dann das Meiste weg hat, der hats. Else, Kay, Kirmes, Alfred treten ein. O Himmel, der gnaͤdige Herr! Nun? Ihr seid wohl toll und voll, daß ihr vor mir herein geht? — Nur hier herein, herein mit dem Patienten! Nehmt mal einen Kienspan vom Heerd, daß wir die Blessur besichtigen. Ei, gnaͤdiger Herr, Herr Ge- vatter Bader, wie kommen wir denn so spaͤt noch zu der Ehre? O weh, mein Kopf! das schlimmste ist, daß der gnaͤdige Herr gerade einen Knotenstock gefuͤhrt hat. Was kann ich dafuͤr? Koͤnnt Ihr nicht Zweite Abtheilung . das Maul aufthun, wenn man Euch fraͤgt? Kriecht da an meinem Schloß unten herum, und als ich anfrage: wer da? keine Antwort. Habt Ihr denn gar keinen Appell ins Henkers Namen? Gar keine Erziehung und Lebensart? Ich fand die allerseltensten Exem- plare, und dachte nicht, daß der gnaͤdige Herr gleich so zuthaͤtig seyn wuͤrden. Das Kranium ist, Gottlob, noch ganz, die Pia Mater nicht verletzt, hoffentlich hat auch das Cerebrum nicht gelitten, es ist hauptsaͤch- lich aufs Occiput gefallen, und das ist schon mehr auf solche Sachen eingerichtet, Sinciput hat wenig bekommen. — Wie ist Ihnen? Sind Sie bei sich? So recht! examinirt ihn mal ein we- nig, ob er nicht uͤbergeschnappt ist, denn Ihr wißt, ich fuͤhre eine gute Hand. Der gnaͤdige Herr sind dafuͤr be- ruͤhmt. Sagen Sie mal, mein Herr, damit wir gleich eine solide Materie beruͤhren: welches ist so unter den Naturreichen das interessanteste? Das leblose, wie Steine, Mineralien, Felsen, oder das belebte, wie Thiere, Menschen, oder die Amphi- bien, wie Pflanzen und dergleichen? Pilze. Pilze? Nimmermehr. Da wuͤßt ich doch wohl noch interessantere Dinge zu nen- nen, zum Beispiel gleich Truͤffeln. — Wonach strebt unsre menschliche Seele am ersten, wenn sie zur Erkenntniß kommt? Nach Pilzen. Daͤumchen . Wieder Pilze? Kurios! Wenn Ih- nen Fortuna die Wahl ließe, zwischen Ehre, Reich- thum und Weisheit, was wuͤrden Sie ergreifen? Pilze. So? Nun, wie stehts mit ihm? Muͤssen wir ihn einsperren? Ihr Gnaden, er hat ein Ideum fixum, auf deutsch eine fixe Idee, die aber un- schaͤdlich ist, so daß man eigentlich nicht behaupten kann, er sey uͤbergeschnappt, sondern man kann es wohl nur einen Wurm nennen, einen Sporn: er ist nemlich ein großer Freund von Champignons, und mengt sie in theologische und philosophische Spitz- findigkeiten ein, sonst ist er so ziemlich bei sich. So kann er denn seiner Straße ziehn. Nehmt Lehre an, guter Freund, und fuͤhrt Euch ein andermal vorsichtiger auf. Hier laͤßt sich nicht gut Naturge- schichte studiren. (geht ab.) Es war zu weit zur Schenke, und weil er doch die Blessur hatte und der Bader mir gerade uͤber den Weg lief, so wollte ich in Euer Haus mit ihm kommen. Hohe Gnade fuͤr einen ar- men Mann. Ich denke eben dran, daß ich Euch noch zehn Thaler schuldig bin, ich habe so viel bei mir, da nehmts! Frau! Nun, wollt Ihrs, oder wollt Ihrs Zweite Abtheilung . nicht? Ich daͤchte, ihr haͤttet lange genug darauf warten muͤssen. Nehmts, ich bin heut einmal in dem Humor, zu bezahlen, ich weiß nicht, wann mir das wieder kommt. Tausend Dank, gnaͤdiger Herr. — Frau, lauf, spring nach der Schenke, hol ein tuͤchtiges Abendbrodt, wir koͤnnens brauchen. ( Else geht ab.) Nun, nichts Neues, Freund Bader? Immer das Alte, das nicht besser wird, die Noth im Lande von den fremden Gaͤ- sten; aber man sagt, unser guter Koͤnig habe jetzt eine Schlacht verloren, worin an die zwanzig Mil- lionen Menschen umgekommen seyn sollen. So schlimm wirds wohl auch nicht seyn. Habt Ihr jetzt viel Verdienst, Bader? Ach, gnaͤdiger Herr, das pure lautere Elend, gar miserable Zeiten, die Leute haben alle Courage verloren. Ja, ehemals, da war noch Muth und Leben! Da verging doch kein Sonn- und Festtag, Kirmeß nun gar, wo sie nicht in der Schenke soffen und lustig waren, und ich konnte zu Hause schon mit meinen Salben und kuͤhlenden Wassern parat stehn, denn ich wußte, daß ich nach Mitternacht geholt wurde. Da waren doch oft zwanzig Koͤpfe zu verbinden, und, mein Seel, mit unter recht schlimme, recht gefaͤhrliche Wunden, daß die Kur sich wohl in die vier Wochen verzoͤ- gerte; außerdem gabs Arme einzurenken, und Beu- len, so viel man nur wuͤnschen kann. Und die Leutchen bezahlten gut. Aber jetzt! Man mag gar Daͤumchen . nicht davon reden. Wenn Sie mir nicht noch, gnaͤ- diger Herr, manchmal ein Verdienstchen zuschanz- ten, daß Sie so ein Bischen ein Einsehn thaͤten und die Leute in Ordnung hielten, so wie heut mit dem Fremden, so waͤre gar nichts. Hat er mir doch, der gute Mann, einen Gulden fuͤr meine Muͤhe gegeben, und ich hatte nur vier Gro- schen zu fordern. Seht Ihr, wies manchmal unvermu- thet koͤmmt? Ihr steht Euch immer noch gut. Die Abgaben sind zu hoch, Ihr Gnaden, und alle Woche neue, daruͤber verlieren nun die Leutchen vollends die Lust, sich schroͤpfen oder zur Ader zu lassen. Wie gehts mir? Da hoͤr ich, der dicke Gottfried ist in eine gefaͤhrliche Krankheit gefallen, ich geh denn so unter der Hand zu ihm, und sehe, wies mit ihm steht, frage, ob er nicht was brauchen will; er schuͤttelt mit dem Kopf, seine gute, liebe Frau ermahnt ihn, einzu- nehmen: nein, spricht er, es ist die Frage, ob ich kurirt werde, das ist aber keine Frage, daß es mir ein Thaler fuͤnf oder sechs kosten wird, die kann ich nicht dran wenden, und bleib ich auch leben, so hat doch die Last von Abgaben und Durchmaͤr- schen, die Angst und Noth kein Ende, drum will ich lieber frisch weg sterben. Sehn Sie, Ihr Gna- den, so raͤsonnirt, so philosophirt das Volk heut zu Tage, und mein Seel, man kanns den Leut- chen nicht uͤbel nehmen, denn sie werden allzu po- ver. Letzt hatte einer den Blutsturz gehabt, der wollte zur Ader lassen, ja das bischen Verdienst Zweite Abtheilung . mußt ich auch von mir weisen, denn das konnt ich als ein einsichtsvoller Chirurgus nicht uͤber mein Gewissen bringen. Bleibt gesund, Wahrmund. — Nun, Bader, Ihr werdet doch wohl mit mir gehn? Es ist ganz finster draußen, die Nacht ist keines Men- schen Freund. Stehe zu Befehl, Ihr Gnaden. — Wahrmund, wie ists mit uns? Ihr werdet mich nicht vergessen. So ein sieben acht Thaler, wenn wir mit einander rechnen — (ab mit Kay.) Ja, ja, die Freude wird nicht lange dauern, das wird der Gevatter schon so ein- zurichten wissen. Else mit Kruͤgen und Schuͤsseln. Da, lieber Mann, ist Gottes Seegen im Ueberfluß, Suppe, Fleisch, Gemuͤse, das stell' ich ein Bischen ans Feuer, und gutes, starkes Bier. Das haben wir lange nicht geschmeckt. Frau, heut wollen wir einmal recht lustig seyn. Da, trink. Deck nur den Tisch, laß das Essen nicht verbrennen, mich hungert gewaltig. Der gnaͤdige Herr hat doch seine gu- ten Stunden. Ja wohl, er koͤnnte leicht noch schlimmer seyn. Setz Dich her, alles ist im Stande. Daͤumchen . Das schmeckt! — Giebs Bier her. Lieber Gott, was wir mit einemmal so gluͤcklich geworden sind. Ja, recht unverdient, ohne unser Zuthun. Da trink eins. Es ist mir fast zu stark, ich bin nicht daran gewoͤhnt. — Ach, du lieber Himmel, wo die Krabben nun jetzt seyn moͤgen, — wies denen jetzt im Magen knurren mag. Mach mirs Herz nicht schwer. Sie laufen herum und schreien und jammern, nun kommt der Wolf wohl uͤber sie in der dicken Dunkelheit. Wer weiß, ob noch viel von ihnen uͤbrig ist. Der Bissen wuͤrgt mir im Halse. Und es waren doch unsre leiblichen Kinder, wir freuten uns an ihnen, wenn sie uns anlachten und artig waren; ach, wie sie sich so an- schmeicheln konnten. Hier steht nun so viel liebes Gut und bleibt uͤbrig, und sie muͤssen draußen ver- schmachten. (wirft das Messer hin, weint). Da mag der Teufel schlucken! — Frau, schaff mir die Kinder wieder! Du bist Schuld daran, schaff du sie mir wieder! Hast Du nicht den saubern Rath gegeben? Schweig, es ist Deine gottlose Erfin- Zweite Abtheilung . dung; wollte mir doch das Herz brechen, als ich meine Einwilligung gab. Es fehlt nicht viel, so schlag' ich Dir den Bierkrug auf dem Kopf entzwei! Thus, thus, du Moͤrder! So hast Du nachher dem Gevatter Bader desto mehr zu bezahlen. Dich haͤtt' ich in den Wald hinausschmeißen sollen und die Kinder behalten! — (Es klopft an das Fenster.) Gott steh uns bei! die Ge- spenster gehn um! Wer weiß, was es ist. In so spaͤter Nachtzeit ist es nichts anders. Laß uns beten, Frau. Vergieb Du mir meinen Zorn. Wir wollen aufmachen. Nein, sag' ich Dir, ich kenns, es sind die Nachtgeister. Laß uns nur fromm seyn, so gehn sie voruͤber. (Es klopft.) Man kann doch fragen. Auf Deine Gefahr, ich bleib' aus dem Spiel. (am Fenster). Wer ist denn da? (draußen). Ach, liebe Mutter, ich und eure Kinder. Mann, mich ruͤhrt der Schlag, die Kinder sind wieder da. Herein! herein! ihr liebes Gesindel! kommt herein! (Er macht die Thuͤr auf, die Kinder dringen herein.) Else . Daͤumchen . Ist es moͤglich? Ist euch denn Gott so gnaͤdig gewesen? Liebe Blitzkroͤten, habt ihr wieder her gefunden? Ja, der Thoms hat den Weg gewußt. Komm her, Junge, Du hasts hinter den Ohren; da trink, setz Dich, hier ist Bier; willst Fleisch? willst Kaͤse? Ich wußte den Weg eben so gut. Setz Dich, Peter, da hier am Feuer; die Fuͤße sind Dir wohl kalt? Ja, es geht sich naß, die Schuh sind auch nicht die besten. Kommt, Siegmund, Walther, Barnabas; was stoͤßest Du Schlingel denn den Peter so, der euch doch alle wieder hat herweisen muͤssen? Nein, Thoms ists gewesen. Nun, Kinder, ists nicht huͤbsch warm hier? Nun thut mir einmal den Gefallen, und freßt, was ihr nur menschenmoͤglich machen koͤnnt: es ist euch gegoͤnnt, greift zu. Vater, das ist ja hier wie Kirmeß. Wo hat er denn alles das her? Dem armen Jungen sind die Ohren recht roth. Ja, es wird schon kalt draußen. Was sie einhaut, die junge Brut! Eine Freude anzusehn. Ein Sterbender muͤste in den letzten Zuͤgen noch Appetit kriegen, so maͤchtig schluckt nun die ganze Compagnie. Peter, halt, besauf dich nicht. Das Bier ist dir zu stark. II. [ 31 ] Zweite Abtheilung . Nun, Thoms, du sprichst kein Wort? Ich bin so froh, Vater, daß ich wieder bei Euch bin. Da draußen im Walde ist es recht traurig. Garstig und erbaͤrmlich, dunkel, kalt, es graut einem, nur daran zu denken. Hier sitzt sichs besser. (von außen). Der Wandrer irrt auf dunkeln Wegen, Dann steht er bittend vor der Thuͤr, Ihn schlaͤgt der kalte Wind, der Regen; Tritt keiner helfend ihm herfuͤr? Nur herein, wers seyn mag! Hier ists gut. (er oͤffnet). Kommt herein, armer Mensch! Persiwein kommt. Ich danke Euch herzlich, lie- ben Freunde; ich bin verirrt, kein Mensch zeigt sich, kein Licht ist sichtbar, nur bei Euch war es noch hell; vergoͤnnt mir, die Nacht hier zu ruhen, und ich will Euch gern Eure Gastlichkeit belohnen. Setzt Euch; Frau, gieb noch 'nen irdnen Teller fuͤr den Herrn. Eßt und trinkt, es wird euch munden, wenn man lange verirrt gewesen, schmeckt alles. Ihr seid ein freundlicher Wirth. Es ist Euch gegoͤnnt! — Pe- ter! willst Du wohl dem Manne das Stuͤck Fleisch nicht vor dem Munde wegnehmen! Leben und Daͤumchen . leben lassen. — Singt uns doch eins, wenn ihr moͤgt. Das ist meine Freude, dem Landmann ein Lied mitzutheilen, sie empfinden es mehr, als die Staͤdter. Kann seyn, singt eins zur Probe. Wohlgemuth ihr guten Leute, Fahren laßt so Gram wie Sorgen! Nach der Nacht ergraut der Morgen, Trinkt und singet froͤhlich heute! Das noch keinen je gereute. Doch wer weiß, was seyn wird morgen, Welche Leiden, welche Sorgen, Ob euch einer moͤchte borgen, Freut euch heut noch, gute Leute. Doch wer weiß, was seyn wird morgen, Welche Leiden, welche Sorgen, Ob euch einer moͤchte borgen, Freut euch heut noch, gute Leute. Zweite Abtheilung . Zweiter Akt . Erste Scene . ( Pallast .) Koͤnig Artus, Ginevra, Gawein, Kay, Ritter . N icht ist es Zeit, den weißen Hirsch zu jagen, Wie wir gethan in seegensvollern Tagen, Blut faͤrbt der Stroͤme Lauf und Blut das Land, Und immer naͤher droht der Sachsen Macht, Vergeblich scheint jedweder Widerstand, Geschlagen sind wir noch in jeder Schlacht. Voruͤber ist die Zeit der Abentheuer, Jetzt ist verstummt der suͤßen Minne Lied. Nicht sieht man Jungfraun auf den weißen Zeltern Durch gruͤne Haine traben, Falken fuͤhrend, Kein froͤhliches Turney, kein Lanzenbrechen, Kein Waffenschmuck, kein Glanz der Pavillionen, Auf Krieg und Wuth ist jedes Herz gestellt, Vernichtung drohen unserm Britten-Stamm Die wilden Angeln, Fried' und Gluͤck ist todt: Drum was zu thun, Gemahl? Nun redet, Herrn. Mein koͤniglicher Oheim, zahlreich steht Daͤumchen . Des Feindes Heer zu neuem Kampf geruͤstet, Und wieder, fuͤrcht' ich, weicht der Unsern Schaar; Zu sehr ist dieser Krieg als Spiel begonnen, Er wird fast nur als Ritterscherz gefuͤhrt, Wir glauben nicht, daß Leben, Ehre, Freiheit Gefaͤhrdet wird und denken nur auf morgen, Erfreun uns kleinen Vortheils, gehen unter, Weil wir den Feind gering nur achten wollen, Und doch uns selbst, Vertraun auf uns verlieren. Mein Neffe spricht nicht sonder tiefe Weisheit. Was solls, daß unsre Besten sich entfernt? Der eine schmachtet in der Minne Fesseln, Ein schoͤnes Bild rief ihn zu fernen Kuͤsten, Um gegen Riesen, Zauberer zu kaͤmpfen, Statt hier der Riesen scheußlichsten zu daͤmpfen: Ein andrer sucht den wundervollen Gral, Durchstreift Gebirg und Wald auf fremden Boden, Vergißt die Drangsal unsrer Tafelrunde, Die Ehre wie das theure Vaterland; Ein dritter will die Jagd nur fleißig uͤben, Ein vierter spricht: kommt man zu meinem Schloß So wehr ich mich der Haut aus allen Kraͤften, Doch ohne Noth such ich nicht Haͤndel auf; Ein Frommer will nun gar auf Wallfahrt ziehn; So denkt ein jeder nur sich selbst, vergißt, Wodurch er selbst nur freier Ritter ist. Und was am schlimmsten, die noch thaͤtig sind Bestreiten selber sich: der will den Krieg Zweite Abtheilung . In Bergen fuͤhren, der die Besten halten, Der raͤth die Schlacht zu meiden, jener sucht sie, Der will den Feind belisten, wird bestrickt: Indeß wird arm das Land, das Feld gepluͤndert, Der Bauer irr, wer denn sein Koͤnig sey, Des Buͤrgers Fleiß erstirbt, und mehr und mehr Zwingt uns die Noth mit Lasten ihn zu druͤcken. Du siehst die Sache von der schlimmsten Seite. Was sprecht Ihr zu dem allen, Hofmarschall? Was sprechen? Schlagen sollten wir hinein! Schlaͤgt man sie todt, ist alle Noth zu Ende. Gar recht, doch wie dies Wunder moͤglich machen? Mein Seel, das ist wohl die geringste Sorge, Ihr Kopf wird haͤrter nicht als unsrer seyn. Und was den Druck betrift, wie Gawein sagt, Glaubt mir, mein Herr, das Volk frißt immer noch, Und viel zu viel, bei mir zu Hause seh ichs, Das Maul ist noch nicht einem eingefallen, Im Gegentheil, 's schmeckt herrlicher als je; Ich kenne Lumpen dort bei mir im Dorf, Die aͤrmsten, die doch fuͤnf sechs Kindern taͤglich Ins Maul was stecken koͤnnen. Glaubt mir nur So'n Ding von Staat, das ist so fest verschraubt, So eingekittet seit Jahrhunderten, Das bricht nicht gar so leicht, das kann man zerren Und zwacken, kneifen, broͤckeln, immer haͤlts. Gemahnt mir die Verwaltung eben doch Daͤumchen . Wie jenes Spiel, wo man in Mehl ein Geld Befestigt, jeder schneidet von dem Klump, Der erst' hats gut, der zweit und dritte auch, Der viert' und fuͤnft' haͤlts Messer schon behutsam, Nun wird es Kunst, noch was von abzukriegen, Der letzte muß denn freilich trotz des Spatelns Dem Ding den Garaus machen, und die Muͤnze Raus mit dem Munde fischen; wie die Eule Ist er der Spott der kommenden Geschlechter. Noch, Ihr Maj'staͤt, koͤnnen wir kuͤhnlich schneiden. Ihr staͤrkt mein Herz mit Eurem frohen Muth. Dann haben wir ja auch die Prophezeiung Von Merlin her, daß dieses Reich zu Schaden Nie kommt, und daß ein kleiner Zwerg Es retten soll: darauf steht auch zu hoffen. Doch ist der Spruch, was das betrift, nicht klar. Ich weiß, mein Koͤnig, wohin Ihr da zielt, Den Zwerg laͤßt mancher Schriftgelehrt nicht gelten, Und deutet aus der alten Celten-Sprache Das wunderliche Wort in Stiefel um. Wie? Stiefel? frag ich nur, darin ist ja Kein menschlicher Verstand; doch mit dem Zwerg Das laͤßt sich ehr begreifen, denkt man nach. Gawein, Du nimmst die Fuͤhrung unsers Heeres Welches in Westen steht: jenes in Suͤden Sei Euch, mein Kay vertraut; laßt, werthe Freunde, Zweite Abtheilung . Uns gute Bothschaft bald von Euch vernehmen. Mein Leben opfr' ich willig meinem Herrn. (geht ab.) Lebt wohl, mein Fuͤrst, bald bring ich Euch gebunden Das Haupt der Feinde, sammt der Todtenliste Vom ganzen Heer, das mir entgegen steht. (alle gehn ab.) Zweite Scene . ( Wald .) Die Kinder treten auf. Nun sind wir wieder in demselben Ungluͤck, wie vor acht Tagen. So hilf Dir jetzt heraus, finde den Weg, Du thatest damals so groß, es kann Dir ja nicht fehlen. Sprich noch ein Wort, so wichs ich Dich ab, daß Du daran denken sollst; jetzt ist der Vater nicht da, der Dir beistehn kann. Warum muͤssen wir uns aber so oft verlaufen? Warum koͤnnen wir nicht huͤbsch bei den Eltern bleiben? Hilf uns, hilf uns, lieber Peter, zeige uns den Weg. Ach ja, heut ists noch gefaͤhrlicher, Daͤumchen . da unten blitzt es greulich, und horch, es donnert auch schon. Hilf, hilf, lieber Peter, Du bist ja doch nicht umsonst so dick und groß. Hilf, lieber Bruder, suche den Weg. Ja, hier ist er nicht, und da hinaus auch nicht. Kann ich wissen, wo der Teufel den verfluchten Weg hingefuͤhrt hat? — Nun, schreit nur nicht gleich so erschrecklich, — Thoms, Du bist ein kluger Junge, weißt Du uns nicht zu rathen? Wenn Du gestehst, daß Du ein Dummkopf bist. Ja, ja, lieber Thoms, es braucht gar keine Frage, er ist dumm und Du bist ge- scheidt, hilf uns nur nach Hause und an unser Abendbrod, ehe die Nacht und das Gewitter her- einbrechen. Hoͤrt denn. Ihr wißt, wie arm die Eltern sind, Und neulich in der Nacht, Ihr schliefet schon, Besprachen sie sich viel von ihrer Noth, Sie fielen drauf, im Wald uns auszusetzen, Weil sie uns doch nicht mehr ernaͤhren koͤnnten. Ach, uͤber solch greuliches Spekta- kel! Ich sammelte am Morgen kleine Kiesel Und steckte Busen mir und Taschen voll, Und wie wir in den Wald gekommen waren Streut ich sie still und wohlbedaͤchtig aus, Zweite Abtheilung . Bis zu dem fernsten Dickicht, wo der Vater Uns helfen ließ das Reisig sammeln, binden Und auf den Karren laden, darum konnt' ich Euch neulich sicher aus dem Walde fuͤhren, Ich fand bei jedem Baum die Kiesel wieder, Bis an das Feld, wo in der Finsterniß Des Dorfes Lichter uns entgegen schienen. Ei, Du bist ja ein goldener Junge! Ja, ja, Du hast Verstand, Du bist ein Engel von einem Bruder. Argwoͤhnisch war ich nun seitdem und horchte Auf jeden Wink, auf jedes leise Wort; So hoͤrt ich gestern Nacht, daß unsre Eltern Von neuer Noth bedraͤngt, da alles Geld Des gnaͤdgen Herrn schon ausgegeben war, Uns wieder hier im Wald verlieren wollten. Das haͤtt ich der Mutter nicht zu- getraut, daß sie mir solche Streiche spielen koͤnnte. Fruͤhmorgens wollt ich aus der Thuͤr mich machen, Um wieder Kieselsteeine aufzusuchen, Allein ich fand sie leider fest verschlossen. Drauf gingen wir gleich mit den Eltern aus, Und keine Zeit blieb mir zum Sammeln uͤbrig. So kannst Du uns also auch nicht helfen, armseliger Kauz? Das Brod, das ich zum Fruͤhstuͤck mitgenommen, Hab ich zum Merkmal auf den Weg gebroͤckelt, Bei jedem großen Baume liegt ein Stuͤck, Daͤumchen . So find ich uns den Pfad nach Hause wieder. Folgt mir denn, lieben Bruͤder, kommt mir nach. Brod? Brodkrumen? Hier seh ich nichts. Hier auch nichts. Nirgend. Das sieht traurig aus. O du dummer Esel! Brodkrumen? Das ist die rechte Hoͤhe! Ich habe vorher beim Arbeiten so ein fuͤnf sechs gefunden und hinter ge- schluckt, begriff nicht, wie sie da hinkamen. Ach du lieber Gott! Und die uͤbrigen haben natuͤrlich die Voͤgel gefressen. Denkst Du denn, daß alle Crea- turen so einfaͤltig sind? Denn Du bist vielleicht kapabel, vor einer Brodkruste vorbei zu gehn, ohne sie anzubeißen. Nun sind wir wirklich verlorene Kinder. Der Esel der! Streut Brodkrumen aus! Hab ich in meinem ganzen Leben schon solche Dummheiten gesehn! Was fangen wir an? Heult, Kinder, heult, was ihr heu- len koͤnnt, der miserable Knirps hat uns ins Un- gluͤck gefuͤhrt! — (sie schreien.) Was das so den Wald hinunter schallt, wenn wir recht aus voller Kehle schreien, wenn irgend ein Mensch hier ist, so muß er uns hoͤren. Schreit noch mal! (sie schreien.) Ach, was es donnert! Zweite Abtheilung . Nun kommen die Wolken und die gewaltige Finsterniß wieder, das ist noch das Schlimmste. Und der Hunger beißt einem den Magen zusammen, als wenn ein Raubvogel im Bauch saͤße. Immer dichter regnets, immer finstrer wirds, und kein Haus, kein Mensch, nichts zu sehn. Nun, du Klugwitz, nun strenge mal deinen Kopf an, ob du uns helfen kannst. Es regnet nur so schlimm, ich muß fuͤrchten, wenn es recht gießt, das es mich weg- schwemmt. Warum bist du so'n winziger Tauge- nichts? Helft mir auf diesen Baum, daß ich mich ein wenig umsehn kann. Schaaf! Sich in der Finsterniß um- sehn? Je finstrer es ist, je leichter kann ich ja ein Licht sehn, das aus der Ferne scheint. Ist auch wahr, hilf ihm hin- auf, Peter. Nun so komm und klettre. Halt dich fest. — Tritt mir die kleine Kroͤte nicht gerade auf die Nase. Wart! — Nun, bist du bald oben? Rutsch, rutsch, Schlingel! Was hilfts, der Wind wird ihn oben runter holen und in die weite Welt nein streuen, wenn ihn nicht die Kraͤhen weghaschen, oder die wilden Tauben zu Neste tragen. Daͤumchen . (oben). Ich sehe Licht! Wo? Links, da unten, weit, weit weg. Ich komme herunter, ich habe mir die Richtung gemerkt (steigt herab). Ach, was der Wind tobt, was der Regen rauscht und der Donner laͤrmt? — Hieher kommt! hieher! (sie gehn klagend ab). Dritte Scene . ( Huͤtte , von einem großen Feuer beleuchtet). Malwina spinnt, Semmelziege dreht einen gan- zen Hammel am Spieß. Ja, Herr Hofrath, unser Schick- sal hat uns in eine wunderliche Situation versetzt. Haͤtte sich meine bluͤhende Jugend, mein gepflegtes Talent, meine hohe Bildung dergleichen koͤnnen traͤumen lassen, daß man mich, nun sind es schon fuͤnf Jahr, von einem Spaziergange, indem ich mich neckend ein wenig von meinen Gespielinnen entfernt hatte, rauben wuͤrde, um die Gattin eines Unholdes zu werden? O Himmel, verzweifeln muͤßt' ich, wenn das Geschick nicht auch Sie, frei- lich zu Ihrer Kraͤnkung in unser Haus gefuͤhrt haͤtte, und ihre holde Seelenfreundschaft, Ihr edles Gemuͤth mich einigermaßen troͤstete und beruhigte. Edle, große Seele, daß ich Zweite Abtheilung . Ihnen meine Leiden klagen kann, ist ja auch nur was mich erhebt und gegen alle die Erschuͤtterun- gen staͤrkt, die mich sonst zu Grunde richten wuͤrden. Haben Sie die kuͤhlende Salbe gebraucht, Hofrath, die ich Ihnen gegeben habe? Ja, sympathetisches Ge- muͤth, und ohne diese wuͤrd' ich ein verlorner Mann seyn, so versessen war er neulich auf sein verdammtes Spiel. Giebt es wohl etwas Bizarre- res und Abgeschmakteres? Man muß er selbst seyn, um daran Vergnuͤgen zu finden. Und doch rettet sie dies nur, Herr Hofrath, denn sonst wuͤrde er sie schon ge- schlachtet und verzehrt haben, da Sie trotz des vielfachen Grams und aller Kraͤnkungen ziemlich wohl bei Leibe sind. Wuͤthrich ohne Gleichen! Heut kam mir der Gedanke, ihm zu entlaufen, und nur die Erinnerung an meine edle Freundin hielt mich zuruͤck. Vergeblich, mein Theurer, waͤre ein solcher Versuch. Sie wissen noch nicht Alles. In jenem großen wohl verschlossenen eisernen Kasten, zu welchem er niemals den Schluͤssel von sich giebt, bewahrt er ein Paar verzauberter magischer Stie- feln — ich weiß nicht, von wem er sie kann erhalten haben — wenn er diese anzieht, so ist er im Stande, mit jedem Schritte sieben Meilen (das heißt, von den hiesigen Englischen Meilen) zuruͤck zu legen. Wenn Daͤumchen . Sie ihm also entfliehen wollten, so zoͤge er nur diese vermaledeyten Stiefeln an, finge Sie in weni- gen Sekunden wieder, und ermordete Sie ohne Zweifel. Aber mein Verhaͤngniß ist doch zu hart, aus meinem Beruf gerissen, von meiner Gattin getrennt, hier ein schaͤndliches Spiel- werk seyn und den Braten wenden muͤssen! Wenden Sie, wenden Sie flei- ßig, daß er nicht verbrennt. Hier schlummert nun meine Thatkraft, mein Vaterland entbehrt meiner in die- sen kritischen Zeitlaͤufen. Ist es denn nicht auch etwas Schoͤnes, die Thraͤnen einer ungluͤcklichen Frau zu trocknen? Wohl, doch mein Genie, meine Geschaͤfts- Routine, meine Menschenkenntniß, meine Welt, alles ist mir ja hier uͤberfluͤßig. Wur- den mir alle diese Talente nur gegeben, um auf dem verwuͤnschten Brette zu sitzen? Doch bin ich noch elender. Wie freut ich mich, als ich Mutter wurde, denn in den kleinen Engeln glaubt' ich ganz leben und den Vater vergessen zu koͤnnen: aber sein Naturell zeigt sich schon in allen dreien, sein Blutdurst, seine Wild- heit, so daß ich oft schaudern muß, wenn ich das Gezuͤcht betrachte. Was geschieht neulich, als ich im Schlaf liege? Im Garten wars. Ich er- wache von einem gewissen kneifenden Schmerz, und Zweite Abtheilung . wie ich mich ermuntre, find ich die drei Kleinen an meinem Halse haͤngen, die mir wie Vampyren das Blut aussaugen wollen. O Beispiel ohne Beispiel! Vorige Woche haben sie einen jungen Hasen gefangen und lebendig aufge- zehrt. Die moͤrderische Brut! Es wimmert was draußen, es klopft an der Thuͤr. Wer ist da? (draußen). O seid so barmherzig und nehmt arme verirrte Kinder auf, die im Regen und Ungewitter schon fast erfroren sind. Kinder? Ach, die armen Wuͤr- mer! Sie wissen nicht, wohin sie gerathen sind. Ja, man imaginirt so was nicht leicht. Ob ich sie einlasse? Es ist zu ihrem Verderben, er findet sie und frißt sie auf. Vielleicht koͤnnen wir sie bis morgen vor ihm verstecken, und sie dann wieder heimlich fortschaffen. Thun Sie, was Ihnen gefaͤllt. Es ist nur ein Gluͤck, daß meine Kleinen schon oben schlafen, sonst waͤren sie wahr- lich vor denen nicht sicher. (geht.) O schwer Verhaͤngniß, wann doch wirst du enden? Der Daͤumchen . Der Jugend Schoͤnheit hier beim Bratenwenden Der Jugend Kraft vergeudet dort beim Prellen, Und nichts von mir gefoͤrdert im Reellen! Malwina kommt mit den Kindern . Da, Kinder, setzt euch an das Feuer, trocknet Euch; ich will euch auch zu essen geben, denn ihr seid wohl sehr hungrig? Wie noch nimmermehr im ganzen Leben. Wir danken Euch, ihr gute mitlei- dige Frau. Hier, liebe Kleinen, eßt etwas Warms, eine gute Suppe, so schnell wie moͤglich, daß ich euch noch wo verstecken kann, ehe mein Mann nach Hause koͤmmt. Ihr wollt uns doch nicht wieder aus dem Hause stoßen, liebe Frau? In den Sturm hinaus? Ach, ihr seht ja so gut und mitleidig aus, das werdet Ihr gewiß nicht thun. Wie der Kleinste von allen so verstaͤndig spricht. Er ist der aͤlteste, er hat schon funf- zehn Jahr auf dem Buckel. Ja, liebe Dame, warum wollt Ihr uns denn wieder abschaffen? Hier ist ja Platz genug fuͤr uns. Liebes Herz, Du weißt nicht warum. Gebt mir doch auch ein Stuͤck Brod. Hier habt Ihr, auch Fleisch. II. [ 32 ] Zweite Abtheilung . Schoͤnen Dank, schoͤne Frau, aber sagt doch, warum koͤnnt Ihr uns nicht hier behal- ten? Lieber Hofrath, erklaͤren Sie es Ihnen, es macht mir das Herz gar zu schwer. Versteht, ihr Kleinen, noch Unmuͤndigen, Ihr kennt die Welt wohl nicht, der Menschen Sitte, Es ahndet euer Sinn nicht und Gemuͤth Welch Greuelthat im Herzen sich bewegt, Wie grause Bosheit thront, wo Liebe, Barmherzigkeit den Scepter fuͤhren sollten. Es ist nicht nur, daß die Humanitaͤt Gar oft ermangelt, wo sie hingehoͤrt, Nicht nur, daß wir von der Erziehung des Geschlechts der Menschen, von der Fortschreitung Zum Bessern, oftmals nichts gewahren koͤnnen; Im Gegentheil, Individuen giebt es wohl, (Doch, Gott sey Dank, nur Individuen; Denn wo hinaus mit Glauben an das Schicksal, Wenn Tausende den Frevelsinn bewahrten?) Daß, um mich kurz, summarisch auszudruͤcken, Es also, wie gesagt, Individuen giebt, Die, statt human zu seyn, sich eine Ehre Draus machen, roh und inhuman zu scheinen. Sie werden Sie nicht begreifen. Kapirt Ihr mich? Koͤnnt Ihr folgen, he? Daͤumchen . Wir wollen ihm nicht folgen, wir wollen hier bei dem Hammelbraten bleiben, das ist das beste Inviehduum. Der Spruch entfließe sonnenklar den Lippen dann, Daß der Bericht euch zwingend zum Verstaͤndniß sey. Astraͤa flog, so sagen uns die Dichter, laͤngst Zum Himmel auf, verschmaͤhend groß der Erde Wust, Da thront sie nun, schaut weinend zur Verwuͤ- stung her: Doch wir, entehrt durch Suͤndenschlamms Gott- losigkeit, Sind durch der Buße, durch der Reue Thraͤnen- salz, Durch großer That Befoͤrderung und Edelsinn, Am meisten doch dem Schwaͤcheren ein Helfer seyn, Gewuͤrdiget, zum Himmel wieder aufzuschaun; Entartet doch, nicht anerkannt vom Grabe, das Uns Mutter auch, gebiert zuerst, Tellus genannt, Sind jene, die den Schwaͤcheren gern stoßen hin, Mit Spott und Hohn den Duͤrftigen nur speisen stets: Wie nenn ich erst der Frevier Aergste, welche gar Durch scharfen Zahnes und der Kiefer Wechselthat, Ein fremdes Ich veraͤhnlichen zum eignen Selbst, Was nur Kyklopen Lestrigonen-Brut geziemt? Jetzt habe ich Sie selber kaum verstanden. Zweite Abtheilung . Liebe, auch die Kinder soll- ten die schoͤne Simplizitaͤt der Alten nicht fassen? Nicht wahr, Ihr habt mich nun leicht verstanden? Kein Wort. Wir sind nur arme ungelehrte Bauernknaben. Ich seh, es sind dumme Kroͤten: nun, so muß man es Euch ja wohl uͤber- trieben deutlich machen. — Diese liebe, gute, mit- leidige Frau, die euch so freundlich aufgenommen hat, hat einen Mann, (welcher jetzt, gottlob aus- waͤrts ist) der ihr gar nicht aͤhnlich sieht; dieser nun, versteht Ihr, wird bald nach Hause kommen, und da er die Eigenschaft hat, oder den Humor und seltsamen Appetit, daß er das frische Men- schenfleisch, vorzuͤglich das zarte der Kinder, gerne genießt, so wird er ohne Zweifel Euch, wenn er Euch hier findet, sich assimiliren wollen, oder deut- licher, Euch aufspeisen, oder, damit Euch gar kein Zweifel uͤbrig bleibt, Euch mit Haut und Haar auffressen. Ach! — Da faͤllt mir vor Schreck das Brod aus dem Munde, — das ist ja das Greulichste von allen! Wir sind gut angekommen! Lieber doch draußen im Gewit- ter und Regen. Kommt, lieben Bruͤder; schoͤne Frau, Ihr sollt bedankt seyn, aber wir muͤssen gehn. Ja wohl, denn das ist nicht unsre Gelegenheit, uns treffen zu lassen. Wir sind Daͤumchen . rechte Ungluͤckskinder! die Eltern setzen uns in den Wald zum Verhungern, und nun gerathen wir in solche Moͤrdergrube. Adje! Adje! (drei laute Schlaͤge an der Thuͤr.) O Gott! Mein Mann! Bin ich nicht erschrocken. Was fangen wir an? Ums Himmels Willen, versteckt uns doch nur! Da hier, in den Winkel. (Schlaͤge an der Thuͤr) Gleich, mein Schatz! — Duckt Euch zusammen, ich will diese große Tonne uͤber Euch stellen, — helfen Sie, Hofrath, — so, — seid huͤbsch still, — ich komme schon! (geht.) Gewiß vermerkt er gleich die fremde Speise, Es muͤste ihn der Schnupfen denn verhindern. Malwina kommt mit Leidgast . Nun, warum laͤßts mich so lange draus im Regen stehn? — Marsch! weg da vom Feuer, Semmelziege, ich bin naß! Ist der Ham- mel fertig? Ja, Herr. Ich war druͤben ein Stuͤndchen, bei meinem Freunde Lutprand, da hab' ich einen guten Trunk gethan; er hat ein Fuder Wein letzt erbeutet. Der hats besser, er liegt naͤher an der Straße, als ich. — Kluge Kerle sind wir doch, daß Zweite Abtheilung . wir so'n zwoͤlfe der Tuͤchtigsten, uns schon so lange von der Armee weg gemacht haben; moͤgen die andern doch nun das Land erobern, wir haben unser Theil. — Semmelziege, gieb mir meine große Muͤtze her. — Nun, Frau, schneid an, mich hun- gert gewaltig. (setzt sich). Hier ist die Muͤtze. Nicht wahr, dir ist recht wohl, daß du mein Favorit bist? Sieh, Kerl, wie gut du es hast, daß du hier beim Feuer sitzen und den Braten wenden kannst, wenn ich mich draußen in Sturm und Gewitter umtreiben muß; dein ganzes Leben ist zwischen Spiel und Ruhe getheilt, ein wahres Schlaraffenleben fuͤhrst du hier, anstatt da bei deinem Koͤnige hinter den Akten zu sitzen, und unnuͤtzes Zeug zu schreiben. Du bist heut recht vergnuͤgt, lieber Mann. Mir deucht, ich hab etwas im Kopf; ich weiß nicht, wie viel ich druͤben getrun- ken habe. Schneid nicht so kleine Stuͤckchen, gieb unterdeß die eine Keule her, daß ich sie zur Probe verspeise. — Ist nichts Neues vorgefallen? Gar nichts, mein Herr. Was kann hier in unsrer Ein- samkeit wohl geschehn? Den Wein! Ei was! nicht erst in den Becher gegossen, unnuͤtze Spitzfindigkeit, gebt mir nur gleich die große hoͤlzerne Kanne, daraus saͤuft sichs besser. Hier, mein gnaͤdiger Herr. Daͤumchen . Auf eure Gesundheit, ihr Narren. Wenn ichs aber recht bedenke, ihr steckt hier im- mer so allein beisammen, fluͤstert und seid guter Dinge, und Ein Herz und Eine Seele, — Sem- melziege, wenn ich einmal Unrath merkte, so waͤrs um Euch geschehn. Zu edel denkt Eur tugendlich Gemahl, und wohl Weiß ich, was sich der Diener nicht erkuͤhnen darf, Denn alte Sitte hat ja jedem Volk gelehrt, Des Herren Bett besteigen wollen Frevel seis. Ich rathe Euch auch Guts, denn wenn ich auch gar nicht eifersuͤchtig bin, so wuͤrde ich doch darin keinen Spaß verstehn. Zum Gluͤck ist meine Frau jetzt garstig genug, es waͤre etwa bloß die Einsamkeit, und daß ihr, Kerl, zu gute Tage bei mir habt. Das Ungeheuer! Die Schoͤnheit kennt, o Holde, nicht sein bloͤder Sinn, Kein Ideal erreicht ein solcher grober Geist. Ich denke uͤberhaupt manchmal daruͤber nach, — geht mir jetzt die andre Keule, der Hammel ist auch verwuͤnscht klein, — ich denke wohl so druͤber nach, sag ich (denn ich denke gern), daß es denn doch wohl anders schmecken muß und besser, auch die Empfindung des Herzens mit ge- rechnet (denn die Imagination thut ja bei allen Sachen so erstaunlich viel), einen guten Freund, oder eine Geliebte aufzufressen; besonders in der Zweite Abtheilung . Zeit der ersten Liebe, wo man noch weniger dreist ist, sich anzunaͤhern scheut, wo unser ganzes Wesen in Sehnsucht zittert. — Gebt mir mal den andern Humpen Wein. — Semmelziege, was meint Ihr? Erfahrung loͤst genuͤgend nur die Frage auf. Sehr wahr, aus der Theorie laͤßt sich sehr wenig sprechen. — Nun sagt mal, Sem- melziege, wie wenn ich Euch so anbisse? Aus Freundschaft? Ich bin wohl zu geringe, mein gnaͤdiger Herr. Aber, was Teufel, ich spuͤre hier frisches Fleisch, — was — wo — meine Nase truͤgt mich nicht. Wie kann es anders seyn, lieber Mann, da der Hammel ganz frisch und blutig am Feuer gedreht wird? Macht mir nichts weiß, geht mir mit keinen Finten um, mein Geruch ist zu per- fekt. Es ist Menschenfleisch. Da hier im Winkel muß es seyn. Gewiß nicht, lieber Mann. (hebt die Tonne weg). Wie? Ei, sieh da, ein ganzes Nest voll junger Huͤner. — Nun, Ihr Spitzbuben? Ihr untersteht euch, mir was vorzuluͤgen? — Eins, zwei, drei, vier, fuͤnf, sechs, sieben. Tretet doch ein bischen naͤher ans Licht, ihr Prinzen, daß man Eure Physiognomie mehr kann in Augenschein nehmen. Leuchte, Frau. Hin! Daͤumchen . nicht uͤbel. Du, Dicker, komm her. Rothes Haar? Die Wenigsten essen solche gern, ich sage aber: Vorurtheil! Der Kleine ist fast zu duͤnn und schmaͤchtig; je nun, man verzehrt eins mit dem andern. Die uͤbrigen sind recht gut und ziemlich feist. — Semmelziege, gieb mir mein großes Mes- ser her, ich will sie gleich abschlachten und zu mir nehmen. Ich wollte, daß sich oft so zarte Braten zu uns verirrten. Lieber Mann, sei barmherzig, laß die Kinder gehn. Sieh, wie sie vor dir zit- tern; laß dich von ihren Thraͤnen erweichen. Wie ist es nur moͤglich, an so graͤßlichen Mahlzeiten Wohlgefallen zu finden? Gnaͤdiger Herr, alle Natio- nen haben dergleichen immer verabscheut, denn es ist zu unnatuͤrlich. Schauts, wie Ihr nun sprecht, ohne alle Kenntniß, ohne was von der Sache zu verstehn. — Nun hab ich mein Messer gewetzt, es wird wohl scharf genug seyn. Unnatuͤrlich? dum- mes Gewaͤsch! Alle Nationen? das glaub ich, wenn alle Nationen sich darauf verstaͤnden und den Appetit haͤtten, so wuͤrde bald keine Spur mehr von irgend einer Nation uͤbrig bleiben. Ein- faltspinsel! sieh, es ist wie mit dem Kaviar und den Austern, welche auch die geringen unwissen- den Leute nicht moͤgen; eben so, versteht, wenn man nun das erste mal in seines Gleichen einbei- ßen soll, denkt man freilich auch: soll ich? soll ich nicht? Aber, ich versichre Euch, dieses Zandern, Zweite Abtheilung . dies Wollen und Nichtwollen, o es ist gar zu schoͤn! Dies Ueberwinden eines gewissen seltsamen Widerwillens macht gerade das Pikante von der Sache. Hat mans nun erst gekostet, so moͤchte man gar nichts anders mehr essen, alle andern Speisen sind dagegen nuͤchtern und miserabel und jedes andre Fleisch schmeckt hoͤlzern. Man kanns leider nur nicht immer haben, man muß auch wie- der mit andrer Kost vorlieb nehmen. O ich weiß, wenn Ihrs nur mal versuchtet, ihr wuͤrdet meiner Meinung werden und einer vor dem andern nicht mehr sicher seyn. Doch laßts nur bleiben und ver- harrt in Eurem Aberglauben, fuͤr Euch sind die uͤbrigen Speisen gut genug, es muß nicht zu viele Liebhaber geben. Du hast aber heut schon so viel gegessen, Lieber. Da hast du nicht Unrecht, zum Fruͤhstuͤck muͤssen sie noch besser schmecken, und — eben faͤllt mir ein Gedanke ein, — meinen beiden Landsleuten hier im Walde habe ich schon seit lange viele Verbindlichkeiten, die will ich dazu invitiren, die sind Kenner, die werden die Delikatesse zu schaͤz- zen wissen. — Frau, bring sie hinauf in die Kam- mer, zu unsern Kleinen; schließ ja ab, das sag ich dir. Schlaft wohl, Kinder, schlaft recht ge- sund, daß ihr morgen nicht eingefallen seid. Da, kuͤßt mir die Hand. Gute Nacht, liebes Volk. (Malvina mit den Kindern ab.) Gnaͤdiger Herr, wenn nur Ihre drei Kleinen nicht aufwachen. Daͤumchen . Warum? Dann sind die fremden Kin- der wahrlich nicht sicher, denn die ihrigen sind auf Menschen schon so gestellt, daß sie mir sogar neu- lich das Blut haben aussaugen wollen. Ists moͤglich? den Verstand, die Bildung haͤtt ich ihnen nimmermehr zugetraut. (Malwina kommt zuruͤck). O Frau, Frau, was ein Vater doch ein gluͤckliches Wesen ist! So eben hoͤr ich von den Fortschritten meiner lieben Jungen, die ich mir nicht haͤtte traͤumen lassen: sie kriegen auch schon Appetit, sagt mir der gute Semmelziege. Ei, was werden sich aus so fruͤhen Anlagen fuͤr herrliche Talente entwickeln! Du freust dich uͤber das, wor- uͤber ich Thraͤnen vergieße? Weib, laß mir die Empfindsamkeit. Ich kann die weichliche Erziehung nicht ausstehn, alle diese Vorurtheile, Aberglauben und Schwaͤr- merei habe ich ihnen nie gestattet, aͤchte, derbe Natur, die ist meine Sache, und die offenbart sich in ihnen. Sie sollen keine Stubengelehrten, keine Tuckmaͤuser werden. Du hast doch die Kammer recht verschlossen? Gieb mir den Schluͤssel. — Semmelziege, hinauf auf den Taubenschlag und schlaft! du, Frau, kommst mit mir. Das sag ich Euch, merk ich einmal was Unrechtes zwischen Euch beiden, so mach ich kurzen Prozeß und freß euch auf, denn ich darf nur ein Weilchen auf der Land- straße lauern, um mir eine Frau und einen Favo- riten wieder zu fangen. Wenn ich recht daruͤber Zweite Abtheilung . nachdenke, thaͤt ich uͤberhaupt daran wohl am kluͤg- sten, denn sie waͤren mir dann wieder was Neues; auch koͤnnt ich dann behaupten, daß ich mich nicht von der Frau geschieden haͤtte: viele Menschen wol- len ja diese Scheidungen mißbilligen. Nun, ich wills mir beschlafen. — Ist mir doch fast, als haͤtt ich heut etwas zu viel getrunken, der Kopf geht mir ein wenig um. Ich merke, meine Natur wird schwaͤchlich, ich muß mich immer mehr an soliden Fleischspeisen halten. (sie gehn ab). Vierte Scene . (Wald.) Thoms , die uͤbrigen Kinder . Thoms, Thoms, was fangen wir nun an? Sprich, denn es ist wahr, du bist doch der kluͤgste von uns allen. Ihr seht, wir sind wieder im Walde, im Freien, zwar ist es dunkle Nacht, aber besser wir laufen aufs Gerathewohl in die Welt hinein, als von jenem Ungeheuer geschlachtet zu werden. Hast Recht, englischer Bruder. Gut, daß ich darauf verfiel, das Bettuch zu zerschneiden und uns so aus dem Fen- Daͤumchen . ster zu lassen, und ein Gluͤck, daß uns Niemand dabei uͤberrascht hat. Ach, was werden unsre Eltern dazu sagen, wenn sie die erschrecklichen Geschichten er- fahren? Jetzt laßt uns laufen, was wir koͤnnen, daß wir irgendwo hin kommen, wo der Wuͤthrich uns nicht mehr findet, oder unter Men- schen, wo wir sicher sind. Komm, lieber kleiner Bruder, ich will dich ein Weilchen tragen, weil du mit deinen Beinchen keine sonderliche Schritte machen kannst. Nun rasch, rasch, schnell fort, und still, daß der Satan dort uns etwa nicht noch hoͤrt. (gehn ab.) Fuͤnfte Scene . ( Die Huͤtte .) kommt mit dem Messer. Ich bin wohl ein rechter Narr, daß ich bis morgen warten will, ich kann sie ja wenigstens ab- schlachten, und den einen verzehren, um zu kosten, wie sie thun, so bleiben gerade fuͤr unsre Gesell- schaft noch sechs. Gleich will ich hinauf und das gute Werk verrichten. (geht ab.) Malwina kommt mit Licht. Was ihm nur heut ist! Er ist Zweite Abtheilung . schon aufgestanden, hat im Finstern herum getappt, und hier hoͤrte ich ihn sprechen. Der Wein nimmt ihm alle Gedanken, und ich muß zittern, daß er in der Trunkenheit einmal mich oder den Hofrath ermordet. Es fehlt noch zu meinem Ungluͤck, daß eine unsinnige Eifersucht sich seines Gehirnes be- meistert. Leidgast kommt zuruͤck. Sie sind entflohn! entflohn! die Raserei Entzuͤndet mir so Herz wie Eingeweide! O du verkehrter, unheilschwangrer Sinn! Das zu verschieben, was dir obliegt gleich; Dem Zaudernden entflieht Gelegenheit, Der Stirnhaar er mir Haͤnden fassen konnte. So ist mir nun die suͤße Kost entgangen, Nach der mein Gaumen mir gewaͤssert schon. Doch nun nicht laͤnger trag ich Zoͤgrungs-Schuld! He! Semmelziege! auf! he! Semmelziege! Semmelziege kommt. Den Schluͤssel nimm, thu auf den erznen Schrein; Die Stiefeln her, des Leders Zauberkraft! Mit ihnen mißt der Meilen sieben jeder Der Schritte; wie kann mir die Brut entgehn? Leg mir sie an, reich mir den Reisehut, Den langen Saͤbel wirf um meine Schulter, Den Stab nun noch vom jungen Eichenbaum! Daͤumchen . So renn ich in die Wildniß gleich hinaus, Mein fluͤchtig Wildpret wieder aufzufangen. (geht ab.) Theure Freundin. Edler Mann. Braͤch er doch den Hals! Das gebe der Himmel, aber es wird nicht geschehn. So waͤren wir frei. Gute Nacht, Hofrath, gehn Sie, eilen Sie auf Ihren Taubenschlag, denn mit den verwuͤnschten Stiefeln kann er ja jeden Augen- blick wieder hier seyn. (geht ab.) Ein holder Traum fall auf die Wimper nieder, Dich summen ein der Elfen Wiegenlieder. (geht ab.) Zweite Abtheilung . Dritter Akt . Erste Scene . ( Zelt .) Zwei Ritter . U nser Heer ist voͤllig geschlagen. Leider, die Unvorsichtig- keit des Herrn Kay war aber auch zu groß, ohne Plan und Verstand den Feind in seiner vortheil- haften Stellung anzugreifen. Er selbst ist uͤbel zugerichtet. Ich goͤnn es ihm von Herzen, an solchem Fuͤhrer ist nichts verloren. Kay wird herein gefuͤhrt, Kirmes . Setzt mich nieder, da gleich in den Sessel. Das war ein verdammter Strauß. Ist mein Bader da? Hier, Ihr Gnaden, Ihnen unter- thaͤnigst aufzuwarten. Ich bin am ganzen Leibe wie zerschla- gen, und der linke Arm ist mir ausgerenkt. Ja, gnaͤdiger Herr, es war auch ein Daͤumchen . ein so extraordinaͤrer Fall, wie ich in meinem Le- ben nicht habe zu beobachten Gelegenheit gehabt. Wie denn? Ich war so ohne alle Be- sinnung, daß ich selber nicht weiß, was mir wider- fahren ist. Der gnaͤdige Herr liefen wie ein aͤchter Held mit springendem Rosse den feindlichen Fuͤhrer an, die Lanze eingelegt, ganz wie ein grim- miger Drache in toͤdtlichem Ansprung. Der Feind eben so Ihnen entgegen. Nun trafen sie zusam- men. Ihre Lanze zerkrachte und zersplitterte auf seinem Harnisch, der Mensch saß fest im Sattel und ruͤhrte und rippelte sich nicht, wie drauf ein- gewachsen, und das Pferd wie im Boden gewur- zelt: zugleich aber wurde der gnaͤdige Herr aus seinem Stegereife gehoben, und hinterwaͤrts dem Roß so hoch in die Luft geschnellt, daß Sie sich dort oben zweimal im Rade uͤberschlugen, im schleu- nigsten Wirbel, einer Windmuͤhle zu vergleichen, die im schnellsten Umschwung ist, jetzt sah man dero Beine, jetzt dero Arme, aber so schnell uͤber und durch einander geschlungen, daß die naͤhere Unterscheidung nicht statt fand, Kopf oben und zu- gleich Kopf unten; wenns einer mit Fleiß machen wollte, koͤnnt ers gewiß nicht zu Stande bringen; so mit Blitzesschnelle und Gewalt wurden sie weit in das Feld gegen einen Weidenbaum geschleudert, daß ich glaubte, ich wuͤrde nur die Scherben von meinem gnaͤdigen Herrn wieder finden. Ich sag Euch, Bader, es war ein verteufelter Schlag, es war als wenn das Firma- II. [ 33 ] Zweite Abtheilung . ment uͤber mir einbraͤche. — Und unser Heer ist geschlagen? Voͤllig, Herr Kay. Nun, wenn Herr Gawein kein besse- res Gluͤck hat, so hat Artus, seine Tafelrunde, und unser liebes Brittannien am laͤngsten bestanden. Schrecklich genug. Kommt hinein, Bader, Ihr muͤßt mir den Arm einfuͤgen und die Beulen bepflastern. Haͤtt' ich doch nicht gedacht, wenn ich sonst in Gottes Namen zuschlug, daß es so thaͤte. Ich werde mir kuͤnftig einen etwas duͤnnern Stock anschaffen. Gewiß, die Anschauung, gnaͤdiger Herr, die Anschauung macht alles, ohne diese sind unsre Erkenntnisse unzulaͤnglich. (gehn ab.) Zweite Scene . ( Felsengegend .) Die Kinder eilig auftretend. Wohin? Wohin? Bleibt nur verstaͤndig. Schreit nicht. Er ist immer hinter uns. Er geht uͤber Thal und Berg. Das sind Schritte! Jetzt sieht man ihn, jetzt nicht. Daͤumchen . Da kommt er wieder uͤbers Gebirge geschritten. Lauft schnell um die Ecke! (laufen ab.) Leidgast kommt. Unbegreiflich! Nach allen Seiten gelaufen, und nirgend sind sie zu sehn. Ob das Gesindel sich unsichtbar machen kann? Ob sie mir zwischen den Beinen wegkriechen? Ich weiß nicht. Ich muß mal hier um die Felsenecke schaun. (geht ab.) Die Kinder kommen zuruͤck. Ums Himmels Willen still! Seht hier ist zum Gluͤck eine kleine Hoͤle unter diesem Stein, da koͤnnen wir alle hinein kriechen. Im Freien, scheints, spuͤrt uns seine Nase nicht so, wie in der Stube. (sie kriechen in die Felsenhoͤlung.) Leidgast kommt zuruͤck. Auch da nicht! — (setzt sich auf den Stein.) Ich bin muͤde. Kein Wunder, nicht geschla- fen, viel getrunken, spaͤt nach Haus gekommen, fruͤh wieder ausgewandert. Und diese Zauberstie- feln machen verdammt muͤde, wenn man sie an den Beinen hat. — (gaͤhnt.) Doch kurios! Sieben Englische Meilen mit einem Schritt! Ist freilich bei weitem nicht so viel, wie sieben Meilen bei mir druͤben zu Lande, — aber warum gerade sieben? Nicht sechs, nicht fuͤnf? Je nu, der Zauberer muß das Ding doch verstanden haben und gewußt, warum er es so einrichtet. Es soll noch von dem bekannten Merlin herruͤhren, dies Lederwerk. Zweite Abtheilung . (betrachtet sie.) Hm! hm! Sohlen und Absatz schon ziemlich abgelaufen. Und man hat mir gesagt, wenn man sie flicken oder versohlen laͤßt, so ver- lieren sie jedesmal eine Meile an Kraft, bis sie zuletzt ganz ordinaͤre Stiefeln werden. — (gaͤhnt.) Und nun wend ich sie an die Schwengel, die ich nicht einmal erhasche. — Muß noch immer an den alten Wahrsager denken, dem ich sie abjagte, der wollte, wie er sagte, Christenthum und Bil- dung damit verbreiten und durch alle Laͤnder, bis zu den schwarzen Mohren, darauf laufen, und erzaͤhlt mir das Ding so treuherzig hin, bis ich sie ihm natuͤrlich von den Beinen reiße. — Mer- lin soll das Ding eigentlich zuerst fuͤr Uter Pan- dragon gemacht haben, und fuͤr dessen Familie. Gewiß, der gute Koͤnig Artus wuͤrde auch gern manchen Groschen dafuͤr geben, koͤnnte wenigstens mit Sicherheit dann aus seinem Lande rennen, das er wohl am laͤngsten wird gehabt haben. — Die frische Morgenluft — (gaͤhnt.) nimmt mir den Kopf ein, — hm! sitzt sich gut hier — und wenn ich mich so mit dem Ruͤcken an den Berg lehne, — ganz kommode, — ordentlich fuͤr mich eingerich- tet — huͤbsch hier, den Anfang der Sonne mit anzusehn. — (schlaͤft und schnarcht, die Kinder kriechen aus dem Felsenloch ihm zwischen den Beinen hervor.) Still! Jetzt schlaͤft er fest, er hoͤrt uns nicht. Wie er schnarcht! Es giebt im Thal unten einen ordentlichen Widerschall. Daͤumchen . Widerschall oder nicht, laßt uns nur machen, daß wir schnell fortkommen. Nein, bleibt noch, Bruͤder, ich habe mir eine Sache uͤberlegt. Was willst Du? Soll er aufwachen, uns fressen? Peter, halt ihm das Bein, indeß ich ihm den Stiefel abziehe. So. — Ich zittre uͤber und uͤber. Nun den andern Stiefel auch. Aber sag nur — Du bist toll im Kopf. Halt! So, das waͤre geschehn. — Nun koͤnnte einer von uns die Stiefeln anziehn, am besten Peter, und dann einen nach dem andern nehmen und sie nach Hause tragen. So dumm bist Du noch in Deinem Leben nicht gewesen. Oder, noch besser, ich zieh sie selber an. Wenn mir nicht so angst waͤre, wuͤrd' ich lachen: drei ganzer Bursche, wie der, gehn in einen einzigen solchen Stiefel. Sie sind fuͤr ihn nicht gemacht gewesen, vielleicht passen sie mir auch, die Zauberei geht weit. — (er zieht einen an.) Richtig! wie ange- gossen. Das ist doch unbegreiflich. Gieb den andern auch her. So, nun waͤrs geschehen, nun sind wir sicher. — Jetzt lauft, Bruͤder, so schnell ihr koͤnnt, uͤber das Zweite Abtheilung . Gebirge, bis ihr das Dorf unsrer Eltern wieder findet, mit mir hats keine Noth, ich komme Euch wohl bei Gelegenheit nach; gruͤßt Vater und Mut- ter, sie sollen vergnuͤgt seyn und nicht mehr sor- gen. Was der schwazt. Geht nur, geht! (die uͤbrigen Kinder gehn ab.) Ich will mich indeß wieder zu des Unholds Frau begeben. (ab) (erwacht) Ho ho! da waͤr' ich ja fast eingeschlafen. — Ich muß mich nur ermun- tern — Ha! was ist das? — die Stiefeln weg? — Herabgeschleudert vom Cothurn zum Sokkus jetzt! Sei blind mein Aug! Da wandelt schon der kleine Schelm Weg uͤber Berg und Fluß und Waldung großen Schritts. Dort unten schnurrt im Thal, dem Volk Rebhuͤ- ner gleich, Die Brut und rennt und lacht des bloͤden Thoren hier! Zuruͤck ins Haus muß ich mit eignen Beinen gehn. Ha, wie Verzweiflung, Rache tobt in mir und Wuth! Wo, wo find ich solch unvergleichlich Stiefelnpaar? Muͤßt ich zum Lebermeer, dem kalten Eisespol, Dem Caucasus, ja selbst zum fernsten Ganges gehn, In jenes Reich, wo suͤndlich Fleisch zu essen scheint, Wo man Gemuͤse selbst aus Wasser kocht und Salz, Daͤumchen . Ja wo man Surrogat fuͤr duͤnnes Bier genießt, Nicht scheut den Gang ich solcher hohen Stiefeln halb. (geht ab.) Dritte Scene . (Vor der Huͤtte.) tritt auf. Jetzt koͤnnen sie fliehn, die Ungluͤcklichen! — Herr Hofrath! Herr Hofrath! (kuckt vom Taubenschlag herunter). Was giebts? Ihre Erloͤsung ist gekommen, der Unhold schlaͤft im Gebirge, ich habe ihm die Stie- feln ausgezogen. Ists moͤglich? Malwina kommt. Welch Geschrei ist hier? Wir duͤrfen entfliehn, die Zauberstiefeln sind ihm geraubt, ich sehe meinen Beruf, meine Gattin wieder. Ich geh ins Haus, die Kinder, meine Juwelen retten. (geht ab.) Setz mir doch die Leiter an, Kleiner, daß ich kann hinunter steigen. Ich bin zu schwach dazu. Adjeu, viel Gluͤck. (ab.) Zweite Abtheilung . Soll ich hier verschmachten im vollen Gluͤck? Koͤnnte man mein vergessen? Edelste der Frauen, wo sind Sie? Malwina mit den Kindern und einem Kaͤstchen. Kommen Sie schnell, schnell, Hofrath, daß wir uns zur Residenz begeben. Ich kann nicht, Treffliche, menn Sie nicht die Leiter ansetzen, der Sprung ist zu hoch. (setzt die Leiter an). Steigen Sie herunter, nur nehmen Sie sich in Acht, daß Sie nicht in den Ententeich fallen. (steigt herab). Da bin ich. O willkommen, Du goldne Himmelstochter, Freiheit! Eilen wir (sie gehn schnell ab.) Leidgast kommt von der andern Seite. Gleich muß ich in das Haus gehn, und meine Rache an der Frau nehmen. — (er geht hinein, koͤmmt sogleich zuruͤck). Sie ist nirgend. Welche Ahndung! Ha, Semmelziege! Du, Boͤsewicht, sollst es buͤßen, und meinen Zorn fuͤhlen! Wer hat die Leiter angesetzt? Wer wagt es? Ich klimm hinauf. (er steigt hinauf und kuckt in den Taubenschlag). Er ist nicht hier, und leer ist Haus und Tauben- schlag! So leb ich denn auch laͤnger nicht zum Hohn der Welt. Entwich mir Alles, Frau und Kind und Stiefeln auch, Daͤumchen . Biet ich dir immer, treulos Schicksal, frechen Trotz. Herab von dieses Thurmes schwindlicht hohem Sitz, Wo leicht beschwingt Gefluͤgel nur die Nester baut, Wo selbst nicht Iltis, Marder, finden Weg und Steg, Stuͤrz ich mich nieder in die Flut tief unter mir, Und das Gedaͤchtniß meines Namens sei vertilgt! So, Menschheit, buͤß ich, was ich dir gesuͤndigt einst. (er stuͤrzt sich von oben in den Ententeich und ersaͤuft.) Virte Scene . ( Pallast .) Artus , ein Ritter . So ist sein Heer geschlagen? Voͤllig, Herr. Und er ist selbst verwundet? Unbedeutend. Nimm du des Zuges Fuͤhrung, reit zuruͤck, Zusammen treib, was sich noch finden laͤßt ( Ritter ab). Zweite Abtheilung . Von Gawein keine Zeitung! Ward er auch Geschlagen, wie ich fuͤrchten muß, so endet Derselbe Tag mein Leben und mein Reich! Du draußen, he! Ritter tritt ein. Kein Bothe noch vom Neffen? Nein, gnaͤdiger Herr. Schick mir den Reuter gleich. Er soll zum Parcival mit schnellen Worten. (der Ritter ab, ein Reuter tritt herein.) Held Parcival soll sich im Lager halten, Bis ich von Gawein gute Nachricht hoͤre. (der Reuter geht ab, Thoms tritt herein.) Wer bist Du, Kleiner, und wo kommst Du her? Man sagt, daß Ihr in großen Noͤthen seid Um Nachricht von den Heeren, schicket mich, Ich bin gleich dort und augenblicklich hier. Geh, Thor, zu langsam sind die schnellsten Reuter. Das macht, sie haben nicht die rechten Stiefeln. Wahnsinnges Kind, treib anderswo die Possen. — Und doch! — ha, wunderbare Ahndung schlaͤgt Daͤumchen . Mit Blitzeshast durch Herz mir und Gedanken, Die alte Prophezeiung geht mir auf, Vom Merlin selbst, dem Weisen, uns gegeben: Ein Zwerg, — steht er nicht hier vor meinen Augen? Die Stiefeln, die so oft ich nennen hoͤrte, Er spricht davon, — sprich, Kobold, Geist, Gespenst, Was deuten deine Wort', und wer bist du? Ein armer Bauernknabe, hoher Koͤnig, Der nimmermehr gewagt vor dich zu treten, Wenn nicht ein seltsam maͤrchenhafter Zufall Ihm wundervolle Zauberstiefeln gab, Mit denen er in jedem Schritt zuruͤck mißt Vollstaͤndig sieben Meilen. Schwerbedraͤngt Ist unser Land, die Heeresmacht getrennt, Vielleicht kann jetzt ein klug gesprochnes Wort, Blitzschnelle Nachricht und Vereinigung Die gute Sache foͤrdern, darum sprich, Absende mich, gleich bin ich wieder hier, Und der Erfolg bewaͤhrt dir meine Rede. Ja, koͤnntest du wahr machen, was du sagst! Mein Neffe Gawein steht im Westgebirge; Ich weiß nicht siegt er, ist er wohl geschlagen. Gleich bring ich dir die sichre Kunde, Fuͤrst. (ab.) Wie sollt es moͤglich seyn? Ist es kein Traum? Doch leben wir ja in der Zeit der Wunder, Wir lesen ja in Chronik und Gedicht, Zweite Abtheilung . Wie seltsam, fast unglaublich, oft aus Noth So Land wie Leute sind gerettet worden. Thoms tritt ein. Mein hoher Koͤnig, Heil! ich kuͤnde Sieg, Denn dein Held Gawein schlug die Sachsen dort, Nur wenige entrannen seiner Schlacht. O koͤnnt er sich mit Kay doch schnell vereinen, Um jene abzuhalten, die uns drohn. Gebt mir an ihn nur zwei geschriebne Worte. Hier, Kleiner, nimm, und sey der Krone Retter. (Thoms ab.) Schon glaub ich an den Wahn. Wird er mich taͤuschen? Thoms tritt ein. Sie wenden um mit muntern Siegesliedern, Da nimm und lies, dies gab der edle Neffe. Ein Brief von ihm mit seinem Siegelring. Ich seh, du bist ein wahrer Bothe; schon Seit dreien Tagen ward der Brief gefertigt, Er schreibt zum Schluß, daß er durch dich ihn sendet. O wuͤßte Kay, daß jene zu ihm stoßen! Ich geh zu ihm, ihm den Befehl zu sagen. (ab.) Daͤumchen . Ha, dieses Wunder giebt hoͤchst seltnen Stoff Zu hohem Heldenlied den kuͤnftgen Zeiten. — Schon wieder da, du schneller Wandersmann? Thoms tritt ein. Mein Fuͤrst, es sitzt Herr Kay in seinem Zelt, Und trinkt gemaͤchlich Becher suͤßen Weins. Er kennt mich noch vom Dorf, denn er ist dort Der gnaͤdige Herr; er glaubt nicht meiner Maͤhr, Und schlug gewaltig mit dem Stock nach mir, Daß, wenn ich nicht entsprang, er alle Dienste, Die ich dir leisten kann, wohl todtgeschlagen. Du armer Kleiner; nimm und eile gleich Mit den geschriebnen Zeilen zu dem Stolzen. Er soll sich halten, soll sein Lager festgen, Bis Gawein kommt. Gleich bin ich wieder hier. (ab.) Der wilde Uebermuͤthge! Immerdar Erregt er mir den Unmuth, und von neuem Bin ich so schwach, ihm wieder zu vertraun. Thoms tritt ein. Mein gnaͤdger Herr, nun war er wunderfreundlich, Bat mich, ich moͤcht ihn nicht bei Euch verklatschen; Ich hab ja auch die Wahrheit nur gesagt. Zweite Abtheilung . Mein Kleiner, eins nur waͤre dir noch uͤbrig, Daß du zum Helden Parcival hinschrittest, Ihm kuͤrzlich alles sagtest, was geschehn, Mit dem Befehl, sich auch Herrn Kay zu fuͤgen: Dann fuͤhren wir das große Heer vereint Dem Sachsenvolk entgegen, und verjagen Die fremden Gaͤste uͤbers Meer zuruͤck. Gar fleißig soll es ausgerichtet seyn. (ab.) In ihm erschien der Genius meines Gluͤcks. Wie dank ich ihm, wenn alles so gelingt? Thoms trrit ein. Da bin ich wieder — (stuͤrzt.) o weh! o weh! mein Bein! Was ist dir, Knabe? Ach, mein gnaͤdger Herr, Die Stiefeln machen ganz entsetzlich muͤde. Du opferst dich dem Vaterlande auf. — (er winkt, Ritter treten ein.) Legt diesen Knaben in ein kostbar Bett, Verpflegt ihn sorglich, gebt ihm Speis' und Trank. — Erquicke dich, dann will ich dich belohnen. Bist du geruht, kann ich dich wieder senden. Daͤumchen . Wie ich die Beine wieder ruͤhren kann, So schickt mich nur von neuem frisch umher. (sie gehen ab.) Fuͤnfte Scene . ( Zimmer .) Malvina, Ida , welche strickt. Welch Wunder, Freundinn, hast du mir im kur- zen Wort, Ausweinend deiner herben Leiden Quaal, erzaͤhlt? Und Semmelziege, mein Gemahl, auch lebte dort? Kann lebend heißen wessen Kraft in Ruhe schlaͤft, Nur wendend an des Feuers Glanz den langen Spieß, Geschmolzen Fett hingießend auf des Bratens Durst, Fuͤr jenen Wilden, der sich, sagt man, selbst ertraͤnkt; Doch schlimmer noch, wenn grausen Spiels, der Arme saß Auf hartem Brett, und hinterwaͤrts der boͤse Wirth Aufschlagend ihn geschlendert hoch zum Himmels- zelt, Daß dein Gemahl ermuͤdet oft, zerschuͤttert fast, Zweite Abtheilung . Jedweden Stuhl ob Schmerzes Pein verschmaͤ- hend stand. O Finger du der rachekundgen Nemesis! Was ruft dies Wort aus deinem Innern maͤch- tig auf? Der Hochgestimmte, wie er edel war und zart, Pflag einer Sitte, die ihm Scherz beduͤnkte, doch, Wodurch der Fackelglanz des Hymen mir erlosch, Das Herz mit Gram, mit nassem Salz den Blick gefuͤllt: Daß jenen Theil, der nunmehr hat so schwer gebuͤßt, Er mit des Poͤbels haͤrtstem Ausdruck oft genannt, Du kennst wohl selbst das schrecklich boͤs einsilbge Wort, Das meiner Lippen Woͤlbung nie austoͤnen soll: Beschwor ich dann mit Thraͤnen ihn, so hartes Leid Von mir zu thun, zu toͤdten nicht das Zartgefuͤhl, So lacht er, sprach noch lauter aus den Hoͤllenton; Da ward mein Herz dem frechen Mann zum er- sten fremd. Nie folgt er wieder also boͤslichem Geluͤst, Auch wundert mich, daß er, der Edle, dies vermocht, Der immer nur der Redensarten Bluͤth und Gruͤn Sich gern gepfluͤckt, daß oft mein Sinn ihn nicht verstand: Doch Daͤumchen . Doch eines auch mußt Du als Opfer bringen ihm, Daß haͤuslich Gluͤck euch schmuͤcke mit dem Ein- trachts-Kranz. Mein Lebensblut soll ihm, dem Hohen, fließen gern. Ablegen sollst Du nur des Strickzeugs Netzgeweb. Ihr Goͤtter! schlimmres Wort als Tod sprichst Du da aus. So wirf denn hin der fuͤnf Gestaͤhlten Wechseltanz. Du bist kein Weib, daß Du so kalt die Wort' aushauchst. Doch haßt er mehr als alles dieses Zwirngewirk. Kann Thaͤtigkeit, die nuͤtzliche, ihm regen Haß? Erzaͤhlt von ihm vernahm ich wundersame That. So bleib er denn so wie bisher dem Auge fern. Und Du zerreißest muthig sein Herz und auch deins? Nie wolle je Unmoͤgliches ein zartes Weib. Vorsatzes Ernst siegt Leidenschaften maͤchtig ob. II. [ 34 ] Zweite Abtheilung . Wer nicht der Menschheit Graͤnzen anerkennt ist Thier. Nicht heischt sein Wort, daß Du das Werk zer- stoͤrest ganz, Medeen gleich das Liebste Dir ermorden sollst, Nur im Concert, nur wenn ein Buch begeistert Dir Vortragen will sein tonerfuͤllter Saͤngermund, Wenn Lieb aus ihm begeistert spricht, und, nenn ich noch Das holde Lager, Pflanzort deines Muttergluͤcks? So hehren Augenblicken sei das Garn entfernt. Erfahr er denn, mein Lieben sei kein leeres Wort, Es sagt mein Herz ihm die Entbehrung schmerz- lich zu. Da kommt der Edle, eilt herbei auf meinen Wink. Semmelziege tritt in guten Kleidern herein. O hellbeglaͤnzter goldner Punkt im Lebenslauf! Ihr seid vereint, daß nichts Euch fuͤrder trennen soll, Doch nicht vergeßt was gegenseitig ihr gelobt: Du sprichst nicht mehr den frevelnden unheilgen Laut, Sie legt die Wechselwirkung schweigend oft beiseit. Daͤumchen . Alfred kommt mit den Kindern der Malwina. Hier, Madam Leidgast, sind die Kleinen zuruͤck, und, wie ich mir schmeichle, voͤllig kurirt. O ich gluͤckliche Mutter! Kommt denn, ihr menschlich Gewordenen, an mein mensch- liches Herz. Dieser aͤlteste wird gewiß ein fleißi- ger Schuͤler von mir werden, denn ich spuͤre einen auffallenden Trieb zur Botanik in ihm; unten im Garten hat er viele gelbe Ruͤben ausgezogen, und nicht nur genau betrachtet, sondern auch an den Mund gefuͤhrt und gekostet, um ihre Eigenschaften zu erproben; nach den Weitrauben schien er noch begieriger. — Sieh, lieber Semmelziege, da bist Du ja auch wieder. Ja, mein Guter, und Du? Ich bin jetzt als Philosoph, Bota- niker, und Erzieher angestellt, und habe so eben diese jungen Kinder der Madam Leidgast, welche durch uͤbertriebne philanthropische Manier waren verdorben worden, durch die neue Methode wieder zurecht gebracht. Doch, Madam Leidgast — Nennen Sie mich lieber Mal- wina, das Andenken des Schaͤndlichen, der sich selbst ermordet hat, ist mir zu schmerzlich. Da Sie, schoͤne Malwina, jetzt Wittwe sind, und ich ein gutes Auskommen habe, so wollt ich fragen — Sie beschaͤmen mich, meine Trauer ist noch so neu. Zweite Abtheilung . Edle, so wuͤnsch ich Ihnen von Herzen Gluͤck; treten Sie herein, um beim frohen Mahl ein Fest der Liebe und Freude zu feiern. (sie gehn ab.) Sechste Scene . ( Huͤtte .) Wahrmund, Else, Kirmes . Ist es moͤglich? Frau! was muͤssen wir an unserm kleinen Jungen erleben? Nimmermehr haͤtt ichs in der armseli- gen Figur gesucht. Ja, wie gesagt, der Koͤnig und das ganze Land sind ihm dem groͤßten Dank schul- dig, denn durch ihn ist der Feind jetzt total geschla- gen, auch ist man schon dabei, seine Bildsaͤule auf dem großen Markt aufzurichten, damit auch die Nachwelt von dieser wunderbaren Geschichte er- faͤhrt; doch hat der Kuͤnstler nicht das Bild nach der Lebensgroͤße, sondern in hoͤheren und breiteren Dimensionen, mit einem Wort, sehr kolossal aus- fuͤhren muͤssen, weil sonst kein Mensch das kleine Persoͤnchen haͤtte sehn koͤnnen. Das laͤßt sich denken, sie haͤtten ihn denn etwa auf ein Pferd setzen muͤssen, daß er hoͤher staͤnde. Daͤumchen . Darauf ist denn ein großes Fest gefeiert worden, wegen des herrlichen Sieges, der fast ganz allein durch des kleinen Thoms Boten- laufen ist zuwege gebracht worden: der Koͤnig hat alle seine Generale und große Prinzen zur Tafel geladen, und wie sie im Speisen sind, thut sich — was sagt ihr dazu? mitten auf dem Tisch die große Pastete von einander, und wie ein Engel angezo- gen sitzt der kleine Thoms drinne, erhebt sich, pre- digt ihnen allen uͤber den Raub weg, wie aus einer Kanzel heraus, uͤber das Gluͤck des Friedens und der Unterthanen, uͤber Menschenrechte und Fuͤrsten- pflichten, uͤber die Schaͤdlichkeit der Accise und dergleichen was daher, daß allen die Thraͤnen in den Augen stehn. Nach einer Weile laugen sie ihn denn aus der Pastete heraus, und er muß mit an der Tafel Platz nehmen. Vorher haben sie ihm aber so ein drei bis vier Kissen untergelegt, daß er nur hat hinaufreichen koͤnnen. Frau, Frau, was uns der Sohn fuͤr Freude macht! Was wir gluͤcklich durch ihn sind! Ich habs ja immer gesagt: in dem Jungen steckt was Großes. Da kommt der gnaͤdige Herr. Kay tritt ein. Seid ruhig, bleibt sitzen, das ist jetzt vorbei, daß Ihr Euch zu fuͤrchten braucht, Euer Sohn, das kleine wantschapene Ding, hat mir schoͤne Streiche gespielt: der Koͤnig hat mich seit Zweite Abtheilung . der letzten Affaͤre nicht von der Seite angesehn, und daran ist bloß die Hummel Schuld, weil ich ihn habe pruͤgeln wollen, da er mich beim Trin- ken stoͤrte. In dem hab ich eine Schlange am Busen genaͤhrt. Er hats gewiß nicht gern ge- than, gnaͤdiger Herr. Nun, nun, ich darf nicht viel daruͤber raͤsonniren, denn er hat dem Vaterlande mit sei- nen Stiefeln gute Dienste geleistet, und so klein er ist, ist er daruͤber ein ansehnlicher Mann ge- worden. Noch eins: der Koͤnig hat mir befehlen lassen, Euch und Eure Kinder insgesamt an den Hof zu bringen, er will Euch versorgen und gluͤck- lich machen. (springend). Frau! Frau! Ich werde unklug im Kopf! Thu mir die Liebe und mache mir gleich einen recht tuͤchtigen Verdruß, daß ich nur bei Sinnen bleibe! Ei! ei! zum Koͤ- nig sollen wir alle! Mit dem gnaͤdigen Herrn, der uns nicht mehr pruͤgeln darf! Juchhe! Bleibe bei dir, Mann, uͤberhebe dich nicht, sei gescheid; wenn du uͤberschnappst, was sollst du nachher am Hofe? Schimpf und Schande waͤrs ja fuͤr uns alle. Ja, ja, Gevatter, geht in Euch; was waͤrs, wenn ich Euch trepaniren muͤßte? Seid dankbar, aber demuͤthig, in Freuden, aber nicht oben hinaus, und wenn Ihr denn nun am Hofe recht gut angeschrieben steht, so gedenkt huͤbsch Daͤumchen . meiner, wie gefaͤllig ich Euch immer gewesen bin, mit Credit und baaren Vorschuͤssen. Kommt, mein Wagen wartet auf Euch, der Koͤnig hat mir Eil anbefohlen. Gleich, gnaͤdiger Herr, gleich! Wir muͤssen doch erst unsre uͤbrigen sechs Jungen zusammen lesen. Die werden sich wundern! — (sie gehn ab.) Siebente Scene . ( Schusterbude .) Zahn mit seinen Gesellen und Burschen, arbeitend, Alfred . Nein, mein werther Herr Schuldi- rektor, das sind nur Flausen, was man von dem Merlin erzaͤhlt, glauben Sie mir, diesen Stiefeln seh ichs an, daß sie noch aus der alten Griechen- zeit zu uns heruͤber gekommen sind; nein, nein, solche Arbeit macht kein Moderner, so sicher, ein- fach, edel im Zuschnitt, solche Stiche! ei, das ist ein Werk vom Phidias, das laß ich mir nicht neh- men. Sehn Sie nur einmal, wenn ich den einen so hinstelle, wie ganz erhaben, plastisch, in stiller Groͤße, kein Ueberfluß, kein Schnoͤrkel, kein gothisches Bei- wesen, nichts von jener romantischen Vermischung unsrer Tage, wo Sohle, Leder, Klappen, Falten, Puͤschel, Wichse, alles dazu beitragen muß, um Zweite Abtheilung . Mannigfaltigkeit, Glanz, ein blendendes Wesen hervorzubringen, das nichts Ideales hat; das Le- der soll glaͤnzen, die Sohle soll knarren, elendes Reimwesen, diese Consonanz beim Auftritt; nichts, davon wußten jene Alten, nichts. Ihr sprecht so als Kenner, daß ich Euch fast beipflichten muß. Mein Seel, es sind ein Paar Stie- feln von denen, die ehemals Minerva oder Mer- kur getragen haben. Erinnern Sie sich nicht, daß diese Personen mit Einem Schritt vom Olymp hingelangten, wohin sie nur wollten, und wenn es funfzig, sechzig Meilen waren? Wie laͤßt sich denn das anders begreifen, als mit solchen Stie- feln, wie wir sie hier vor Augen haben? Seitdem hat ihre Kraft abgenommen, denn jedesmal, daß sie geflickt, oder versohlt werden muͤssen, verlieren sie eine Meile. Sehn Sie, so loͤst sich ja alles vortreflich, einfach und symbolisch auf, ohne die Fratzen vom Merlin und Zauberei, Ausgeburten unsrer aberglaͤubischen Vorfahren. Nun ich diese Stiefeln wieder ausgebessert habe, machen sie von jetzt nur sechs Meilen mit jedem Schritt. Ich muß sie nur gleich an den Hof schicken, denn sie kommen auf die Kunstausstellung. Was sind das fuͤr Stiefeln, welche dorten haͤngen? Die kommen auch auf die Ausstel- lung. Verstehn Sie, Herr Direktor, ich bin we- gen meiner guten dauerhaften Arbeit weit und breit beruͤhmt; und warum? Ich habe mich nach den Daͤumchen . Alten gebildet, die, mein Herr, lassen uns in kei- ner unserer Bestrebungen fallen. Nun gut, so entsteht letzt Frage und Streit uͤber die Guͤte mei- ner Arbeit, und ich rufe begeistert aus: diese Stie- feln (sie waren eben fertig geworden) halten eine Reise bis Syrakus aus. Ein kurioͤser Mann nimmt mich beim Wort, zieht sie an, und macht bloß deswegen, um das Ding zu erproben, stehendes Fußes einen Spaziergang nach Syrakus, kommt richtig auf denselben Stiefeln wieder, und sie sind noch unversehrt. Das heißt doch wohl Arbeit! Dieser Beobachter hat uͤber diese fast unmoͤglich scheinende Sache ein eigenes Buch geschrieben, Herr Direktor, klassisch, beinah eben so vortreflich wie das Ihrige uͤber die Pilze. Sollten diese jetzt wirklich gerade sechs Meilen machen? Gewiß. Sonderbar! wovon sie das nun wis- sen, oder wie sie es zaͤhlen koͤnnen. Organismus, bester Herr, nicht me- chanisch, nicht durch einen Calcuͤl. Euch ist bekannt, daß bei der neuen Chaussee die Meilen bedeutend kuͤrzer sind, als sie sonst waren; ob die Stiefeln dort auch die Zahl sechs so genau treffen wuͤrden? Es kaͤme auf die Beobachtung an. Wollt Ihr sie mir auf einen Au- genblick anvertrauen, so nehme ich die Untersu- chung sogleich vor. Hm! Es ist bedenklich. Sie sind frei- Zweite Abtheilung . lich ein angestellter Mann; was haͤtten Sie davon, in alle Welt zu gehn? Indessen, man weiß aus der Psychologie, daß die Versuchung oft zu stark ist, und sie sind mir auf meinen Eid anvertraut, ich waͤre nachher ein geschlagener Mensch. — Wis- sen Sie was? Nehmen Sie meinen Lehrburschen auf dem linken Fuße mit, so bin ich sichrer, es ist doch alsdann einer meiner Leute bei den Stie- feln zur Aufsicht. Herzlich gern, denn meine Wißbe- gier ist gar groß. Christoph! — Ziehn Sie an. — Stelle dich hier dem Herrn Direktor auf den Fuß. — (leise) Hoͤr, wenn er Miene macht, davon zu gehn, nicht wieder umzukehren, schrei, laͤrm, an die Gurgel gegriffen, das Aeußerste gewagt! — Nun, Adieu indeß. ( Alfred mit Christoph ab.) Das kann mir schlecht bekommen. Wenig Philosophie von mir, ihm solch kostbares Gut anzuvertrauen. Zwar ist er verheirathet, und hat eine gute Stelle, — indeß, wenn der Teufel ihn blendete — Teufel? Wo hab ich denn die dumme Redensart her? Wenn ihn vielleicht die Syrenenstimme der Versuchung — ach! gottlob, da sind sie wieder! Alfred kommt mit Christoph . Richtig, Meister, bei jedem sechssten Meilenstein mußten wir still stehn, der naͤchste Schritt wieder genau sechs Meilen weiter. Es ist merkwuͤrdig. Daͤumchen . Komm, Christoph, trag mir die Stie- feln nach, daß sie auf der Kunstakademie koͤnnen aufgestellt werden. Ich werde doch in einem oͤffentlichen Blatte daruͤber sprechen muͤssen. (sie gehn ab.) Achte Scene . Pallast . Artus, Ginevra, Gawein, Kay, Persi- wein, Wahrmund, Else, Thoms und die uͤbrigen Kinder . So sind wir denn in Fried und Lust versammelt, Frei ist das Land, ich der begluͤckte Herrscher Hoͤchst tapfrer Ritter, eines biedern Voks, Dies danken wir naͤchst Parcival und Gawein Dem kleinen Thoms, der unermuͤdet lief, Drum sei er feierlich hier in den Orden Der Edlen aufgenommen, dieser Vorzug Sei ihm und seiner Descendenz fuͤr immer. Herr Kay, gebt ihm das Zeichen seines Standes. Kay geht und kommt mit Semmelziege . zuruͤck. Hofrath, legt ihm das guͤldne Kettlein um. Zweite Abtheilung . Nie uͤberheb Dich Deines Schwungs, sei bieder, Wer hoch steigt faͤllt auch um so hoͤher nieder. (geht ab). Was seinem Stamme zugehoͤret, wird Mit reichlicher Begabung gut versorgt, Den Eltern gebe man Geld, Haus und Hof. Ach, gnaͤdigster Herr Koͤnig, wodurch verdienen wir solche Gnade? Das bischen Morion, was unser klei- ner Sohn sich gemacht hat, ist so hohe Belohnung nicht werth. Herr Koͤnig, laßt mich Koch in Eu- rer Kuͤche lernen, das hab ich mir zeitlebens ge- wuͤnscht, Es sei. Die andern Kinder, die noch jung, Soll man sogleich zur besten Schule thun: Marschall, auf dies sei gleich von Euch besorgt. Kay geht, kommt mit Alfred zuruͤck. Nehmt die fuͤnf Knaben hier in Eure Zucht, Verpflegt sie gut, bekleidet sie gehoͤrig, Des Koͤnigs Majestaͤt wird alles zahlen. Recht gern, ich bilde sie zu treuergebnen Gewitzigten und edlen Unterthanen. Kommt gleich, ihr Kinder, mit in meine Schule. (geht ab mit den fuͤnf Kindern.) Daͤumchen . Freund Kay, Ihr scheint noch immer mißvergnuͤgt. Mein Koͤnig, ich kann nimmermehr vergessen, Daß Euer Antlitz mir ungnaͤdig war. Seid heiter jetzt, ihr bleibt, wie sonst, mein Freund. Dann moͤcht ich Euch um hohe Gnade bitten. Sie ist Euch im voraus bereits gewaͤhrt. Schon oft hat mich Herr Gawein angestochen, Noch mehr Herr Parcival und jeder Ritter, Der schon sein Heil im fremden Land versucht, Mann nennt mich Stubensitzer, Ofenhocker; Wahr ists, ich bin noch nicht gar weit gereist, Und 's kitzelt mich doch auch, mich umzuschaun, Zu sehn, wies in der Welt beschaffen ist; Da haͤtten wir nun die scharmanten Stiefeln, Wenn Eur Maj'staͤt mir die etwas erlaubt, So brauch ich weder Pferd, noch Schiff, noch Wagen. Ihr wißt, mein Freund, wie hoch sie uns gedient, Gefahr kann wieder unsern Haͤuptern drohn, Daß sie uns unentbehrlich sind, auch duͤrfen Die Sohlen nicht oft abgelaufen werden. Auf lang will ich euch ihrer nicht berauben, Ein kleines Viertelstuͤndchen nur, so mach ich Zweite Abtheilung . Die große Tour durch ganz Europa hin, Bin wieder da, und will doch sehn, ob dann Mir ein Gereister noch Gesichter zieht. So lange sind sie herzlich Euch gegoͤnnt. Ich kuͤß in Dankbarkeit Eur Gnaden Hand. (geht ab.) Er bleibt so drollig wie er immer war. Zum Lustigmacher besser als zum Fuͤhrer. Laßt ihn gewaͤhren, Ihr seid fast so ernst, Als nur Herr Parcival es ist, geworden. Mein Koͤnig, soll der neue Saͤnger jetzt Versuchen seine Kunst im heitern Liede? Wohl ist erwuͤnscht so Sang wie Lautenspiel, Wenn Noth uns und Gefahr nicht mehr bedrohn. Mein hoher Koͤnig, schoͤne Koͤniginn, Goͤnnt mir, den Preis des kleinen Thoms zu singen, Der sich um uns so hoch verdient gemacht, Mein Lied wird strenge Wahrheit nur berichten, Nicht schmeicheln, seinen Werth auch nicht ver- kleinern, (Verdammt sey solche schnoͤde Musenkunst) Auch kann ich wahrhaft seyn, ich sparte nicht Den groͤßten Fleiß, Thatsachen zu ergruͤnden, Denn muͤhsam reist ich hin, wo er geboren, Daͤumchen . Zog Kunde ein, ließ mir Archive oͤffnen, Und stieß auf Quellen, die noch Niemand kannte. Das ist wahr, der Mann ist bei uns gewesen, er hat uns dazumahl auch ein Lied gesungen. So beginnt. Persiwein (singt.) Lauten Jammers, Thraͤnen gießend Sitzt die Mutter da und schluchzt, Tritt der Gatte zu ihr, fragt sie: Theure, was stoͤrt deine Ruh? Ach, beginnt sie, seufzend, leise, Meinen Kummer kennst wohl du, Daß uns immer noch kein Kindlein Laͤchelt lieblich kosend zu. Und der Mann beginnt zu troͤsten, Aber sie klagt jede Stund. Endlich wird ein Sohn geboren, Laut verkuͤndigt man es rund. Taufen will man nun das Kindlein, Aber fort ist jede Spur: Ists verloren, ists gestohlen? Trug es Katz weg oder Hund? Nein, es liegt in seinem Bettlein, Doch es ist so duͤnn und kurz, Daß kein Aug' es kann ersehen, Wenn man nicht mit Brillen sucht. Thoms wird er im Tauf benamset, Wie er aͤlter, spricht er klug, Doch sie nennen ihn nur Daͤumchen, Weil er klein blieb, wenig wuchs. Zweite Abtheilung . Auf die Wiese geht die Mutter, Weidet selbst die braune Kuh, Nimmt das Soͤhnlein mit ins Freie, In die gruͤnende Natur. Sommer war, und schoͤne Blumeit Prangten schimmernd auf der Flur, Und sie nimmt den haͤnfnen Faden, Bindet an der Distel Schmuck Ihren Knaben, daß kein Wind, kein Bienlein ihn von dannen trug, Lustig spielt er um die Distel, Weidend naht die braune Kuh, Unversehens frißt dieselbe Distel, Faden, ihn dazu, Merkt nicht, daß sie mit dem Grase Ihren kuͤnftgen Herrn verschluckt. Und die Mutter kommt zuruͤcke, Wie sie nach dem Juͤngling sucht, Findet sie die Staͤtte nicht mehr, Und sie schlaͤgt sich Haupt und Brust. Er erhoͤrt ihr lautes Klagen, Ruft ihr troͤstend „Mutter“ zu. Ei wo bist du, Liebchen? „Mutter Ich bin in der braunen Kuh.“ Und die Kuh, des ungewoͤhnet, Wie er springet, lauter ruft, Geht mit ihm zu Wald in Aengsten. Aufzufahn ihr liebstes Gut Folgt die Mutter; sieh, da faͤllt er, Sie hebt ihm vom Gras, der Schurz Huͤllt ihn ein, zu Hause sauber Sie den Knaben wieder wusch Else. Daͤumchen . Gnaͤdiger Herr, das ist alles erlogen. Ei! ei! haͤtt' ich das damals hinter Euch gesucht, und gewußt, daß ich so boͤsen Gesellen beherbergte, so haͤtt' ich Euch draußen stehn lassen. Ihro Majestaͤt, diese Gesaͤnge thun meiner Reputation zu nahe. Laß, Kleiner, ihn nur singen, Du bleibst doch, Der Du uns bist, des Vaterlands Erretter. (singt.) Da begab sich's, daß man wirkte, Hackte, kochte, stopfte Wurst, Und der kleine Thoms, das Daͤumchen, Fleißig in die Toͤpfe kuckt. Das Gemengsel wird zum Kochen Hingesetzt auf Feuers Gluth, Keinem ist, daß an des Kessels Rand der Kleine klebt, bewußt. Und ein Schwindel stuͤrzt ihn jaͤhlings Nieder in des Fettes Fluth, Abgehoben wird der Kessel Und gestopft das Fleisch und Blut. Er will sprechen, Kessel siedet, Da wird nicht gehoͤrt sein Ruf, Und die Hausfrau, ach! verwirkt den Sohn hinab in jene Wurst. Drauf haͤngt sie sie in den Schornstein, Daß der Rauch soll Dienste thun, Und sie beißen und sie wuͤrzen, Schmackhaft machen dem Genuß. II. [ 35 ] Zweite Abtheilung . Horch, da ruft es: Mutter! Mutter! Aus der angerauchten Wurst, Da vermißt sie ihren Kleinen, Fragt: wo steckst du wiederum? In der Wurst! so sagt die Stimme, Fleisch und Speck umgeben rund Mich von allen Seiten, minder Nicht des Schweines rothes Blut. Vorwaͤrts kann ich nicht noch ruͤckwaͤrts, Nie draͤngt' ich mich auch hindurch, Weil dort an der Wurst Begraͤnzung Scharfer Dorn macht den Beschluß. Und sie nehmen aus dem Rauchfang Ab die Blutwurst laͤnglicht rund, Aufgeschnitten, ihnen schnelle Daͤumling Thoms entgegen sprung. (lacht). Den haben sie gut zum Nar- ren! Ihre Majestaͤt, diese Romanzen sind Spottgedichte, und da sie persoͤnlich sind, kann ich sie wohl Pasquille nennen. (weint). Gnaͤdiger Koͤnig, ich wuͤrd' es gestehn, wenn es die Wahrheit waͤre, aber es sind verfluchte Luͤgen. Wollte Gott, wir haͤtten Wurst machen koͤnnen, aber wir mußten uns das Maul wischen. Wie sollte das Kind denn also in den Kessel gefallen seyn? (singt.) Als er nun das Land errettet, Durch Brittannien klang sein Name, Daͤumchen . Sprach der Koͤnig: liebes Daͤumchen, Viel hab' ich Dir zu bezahlen, Deine Eltern, hoͤr' ich, wohnen Fern im Dorfe, sind verarmet, Nimm aus meinem Schatze, was du Nur vermagst davon zu tragen. Daͤumchen danket, mit dem Marschall Geht er in die Silberkammer, Tritt dann wieder aus der Thuͤre Tief aufkeuchend, schwer beladen. Ueber's Feld hin geht er schwitzend, Durch den Wald hin aͤchzt er wandernd, Und am Abend spaͤt noch klopft er An die Huͤtte laut und tapfer. Aufgemacht! ich bringe Huͤlfe, Bringe aus des Koͤnigs Schatze Was ich nur erheben konnte, Fast zerbrachen mir die Arme. Hochaufspringend kommt die Mutter, Und er wirft hin vor die Alte Einen ganzen Silberdreier, Spricht: nun duͤrft ihr nicht mehr sparen! Gewiß, Ihr haͤttet es nicht beim Dreier bewenden lassen, Ihr Ehrabschneider! Vergebt den Scherz des lustgen Lautenschlaͤgers. Kay kommt zuruͤck. Gottlob, daß ich die Heimath wieder sehe! Zweite Abtheilung . Schon wieder da, Freund Kay, von Eurer Reise? Hinaus ging ich in's Frankreich, durch Italien, Dann lenkt' ich um, ging durch Dalmarien Ins Griechenland ein Bischen, dann hinauf Durch Ungarn, Polen, nach Sibirien, Umkehrt' ich dann, durch Polen wieder, Deutsch- land Passirt ich und den Rhein, hinab in Frankreich, Ueber die Pyrenaͤen 'nein in Spanien, Und ruͤckwaͤrts eiligst nach Calais und Dover: Da bin ich wieder. Auch mein Geld hab' ich Im fremden Land verzehrt: ein Glaͤschen Wein Ließ ich mir in Monte Fiaskone reichen, Der schmeckt mir noch. Nicht wahr, das heißt gereist? Und wahrlich, weiter, als der Herren einer. Nun kann ich auch mit wicht'ger Mine sagen: Ja, ja, in Rom muß man gewesen seyn, Daruͤber mit zu sprechen! In Venedig Trinkt man den Chokolat ganz anders noch; — Die Struͤmpfe waͤren gut? Pah! in Florenz Hab' ich ein Paar gar schoͤnere getragen! Ihr, Duͤmmling, wißt viel, was die Welt be- deutet! Und wo hat dir's am besten denn geduͤnkt? Mein Koͤnig, wenn man sich in dieser Welt Ein wenig umschaut, seinen Blick erweitert, Daͤumchen . Die Sitten kennt, die Menschen, Land und See, Je nun, so koͤmmt die Schnurr' auf eins hinaus. Allein man zieht doch eine Gegend vor? Kann seyn, daß ich das Ding nicht recht versteh, Allein wo ich nur hinsah, schien's mir nicht So gut wie hier, ich habe nicht den Tick Der andern Reisenden, die heimgekehrt Ihr Vaterland verachten; nein, mein Seel, Noch mehr gefaͤllt mir jetzt die Heimath hier, Mein guter alter, lieber Brittscher Boden, Geht es nach mir, so wandr' ich nie hinaus, Ich hab' auch schon die Stiefeln abgegeben. Kommt jetzt zum Mahl, Daͤumchen sitzt neben mir. Und meiner Koͤnigin, des Festes Koͤnig. (Trompeten, alle gehn ab.) So wie Wilibald geendigt hatte, erhoben sich alle, um sich zu Tisch zu setzen, nur Auguste machte Anstalt, sich zu entfernen. Was ist dir, Schwester? fragte Manfred. Ich bin verdruͤß- lich, antwortete sie kurz, und mag die Gesell- schaft nicht laͤnger durch meine Gegenwart be- unruhigen. Unartig bist du, rief Manfred aus; daß Zweite Abtheilung . du ein verzogenes Mutterkind bist, zeigst du in jeder Stunde. Was fehlt dir nur? Wenn Ihr euch auch alle nicht, erwiederte sie, zu meiner Verwunderung die Unanstaͤndigkei- ten zu Herzen nehmt, die der Herr Poet fuͤr gut gefunden hat, uns vorzutragen, so will ich ihm wenigstens zeigen, daß ich sie uͤbel empfinde. Jetzt, sagte Manfred, muß ich dich unge- zogen nennen, ja unwahrhaft. Nichts ist am Menschen so widerwaͤrtig, als wenn er sich zum Eigensinn, zur Unliebenswuͤrdigkeit zwingt, und das ist heut den ganzen Abend mit dir der Fall gewesen. Hab ich doch recht gut bemerkt, daß du geflissentlich gegen dein Lachen kaͤmpftest, um deine saure Miene nur oben zu erhalten; dies moͤchte als albern hingehn, aber daß du eine Lust daran findest, einen Freund zu kraͤn- ken, ist fast boͤsartig. Auguste hoͤrte nicht weiter zu, sondern ent- fernte sich schnell, indem sie die Thuͤr ziemlich heftig zuwarf. Alle waren etwas verstimmt, und Ernst tadelte im Stillen diese unpassende Zu- rechtweisung der Freundinn, Manfred sprach uͤber das Ungluͤck einer boͤsen Laune, die man sich zu seinem und andrer Unheil so zu eigen machen koͤnne, daß man sich ordentlich schaͤme, sie, dem bessern Gewissen zum Trotz, zu brechen. Wilibald entschuldigte sich und sagte: ich gebe zu, daß in unsrer heutigen Unterhaltung man- ches grell und auffallend sein mag, allein, wie Zweite Abtheilung . der Dichter sehr richtig sagt, es lassen sich Wun- den und Scherze nicht so genau abmessen: was die letzten Romanzen betrifft, so sind sie nur Nachahmungen von Alt-Englischen; von Eng- land mag auch dieses Kindermaͤhrchen wohl nach Frankreich gekommen seyn, wo es Perrault schon verwandelt fand und es noch mehr mo- dernisirte, indem er jene tollen Uebertreibungen ganz vertilgte. Ich erinnre mich, in Nieder- sachsen Kinderlieder aͤhnlichen Inhalts gehoͤrt zu haben, und wenn die Verbindung mit Artus auch ganz willkuͤhrlich scheint, so mag der Schwank selbst doch ziemlich alt sein. Der Englaͤnder aber so wie der Niederteutsche kennt in seiner Fabel keinen Oger und keine Zauber- stiefeln. Habe ich die uͤbrige Gesellschaft eben- falls beleidigt, so muß ihre freundliche Guͤte mich entschuldigen. Manfred sagte: will man einmal Scherz, Albernheit und Tollheit genießen, so muß man zu diesen Waaren auch kein zu zartes Gewissen mitbringen; sollen ja doch eben die Graͤnzen um- geworfen werden, die uns im gewoͤhnlichen Le- ben mit Recht befangend umgeben. Die Damen, vorzuͤglich Emilie, wollten Au- gusten einigermaßen entschuldigen und es ent- stand mit Manfred ein Streit daruͤber, was schicklich oder unschicklich zu nennen sey, in wel- chem Manfred immer heftiger und einseitiger, so wie Emilie immer beschraͤnkter wurde. Nie- Zweite Abtheilung . mals, sagte Ernst endlich, wird sich in Regeln festsetzen lassen, was erlaubt und nicht erlaubt sey, nur an gelungenen und mißlungenen Bei- spielen koͤnnen wir unser Urtheil uͤben. Wenn manche Humoristen schon die letzte Graͤnze er- reicht zu haben scheinen, so entdeckt ein andrer Uebermuth vielleicht ein neues Gebiet, in wel- chem er durch die That die Rechtmaͤßigkeit sei- ner Eroberung beurkundet. Immer stellt diese Lust alles auf den Kopf, oder ergoͤtzt sich an der thierischen Natur des Menschen; ist dies letzte nur nicht des Dichters Gemeinheit selbst, oder treibt ihn eine moralische Beaͤngstigung, so kann wohl nach Umstaͤnden alles gewagt werden, doch ist es freilich eben so oft das letztere, was den feineren Sinnen, als das erste, was allen Gemuͤthern mißfallen muß. Nach geendigtem Mahl entfernten sich alle, und Clara und Rosalie blieben allein im Gar- tensaale zuruͤck. Sie unterredeten sich in stiller Heimlichkeit von Adelheids baldiger Ankunft, welche sie in dreien Tagen erwarteten. Man- fred hatte es nicht unterlassen koͤnnen, dieses seiner Gattin zu vertrauen, und Rosalie hatte in Claras Busen das Geheimniß, welches sie so sehr beschaͤftigte, niederlegen muͤssen. Friedrich war ihnen seitdem viel wichtiger und lieber ge- worden. Sie unterhielten sich von Adelheids Gestalt und Schoͤnheit, wie ihre Einbildung sie ihnen mahlte, indem sie den Freund er- Zweite Abtheilung . warteten, der auch nach einiger Zeit behutsam zu ihnen schlich. Anton, welchem Clara ihr Mitwissen gestanden hatte, war als derjenige, dem man am meisten traute, in den geheimen Rath der Frauen aufgenommen worden, sie wa- ren jetzt nur zuruͤck geblieben, weil er verspro- chen hatte, ihnen einige Gedichte mitzutheilen, die Friedrich ihm, seiner Verschwiegenheit ver- sichert, gegeben hatte. Mich duͤnkt, sagte Anton, es ist suͤß, sei- nen Freund auf diese Weise zu verrathen, und doch wuͤnsche ich, daß er meine Treulosigkeit niemals erfahren moͤge. Die Verse, die ich Ih- nen heute lesen werde, sind einige verzweifelnde Sonette, die er dichtete, als er sich von seinem Herzen und seiner Geliebten getaͤuscht glaubte, die aͤngstlich und irre gemacht, sich ploͤtzlich eben so bestimmt zuruͤck zog, als sie sich ihm genaͤ- hert hatte. Novalis sagt: das groͤßte Gluͤck ist, seine Geliebte gut und wuͤrdig zu wissen; und gewiß muß es das groͤßte Elend sein, ihren Werth bezweifeln, oder sich von ihrem Unwerth uͤberzeugen zu muͤssen. So sah unser Freund in seiner Adelheid, auf einige bittre Tage, nur eine Herzlose, oder Schwache, die ihn, ohne sich selbst zu verlieren, zu ihrem Diener hatte gewinnen wollen, eine Sucht, von der freilich oft die Besten ihres Geschlechtes nicht ganz frei sind, und die als wahrhaft boͤse erscheinen kann, Zweite Abtheilung . wenn diese artigen Kuͤnste einmal auf ein ern- stes Gemuͤth wirken, welches mehr als ein leicht- sinniges Spiel erwartet und bedarf. Lesen Sie, sagte Clara, sonst uͤberrascht man uns. Anton nahm ein Blatt aus dem Busen und las: Zeit ist's, ich fuͤhl es, endlich zu beschließen, Denn auch Maria will nicht mehr beschirmen, Sie giebt dich Preis den Wettern, die sich thuͤrmen, Kein Stern soll mir in oͤden Naͤchten sprießen. Weh mir! daß Morgenlicht mich wollte gruͤßen, Ein laͤchelnd Blicken, herzlich, lieblich Schirmen! Nun, Herz, vergeh sogleich in schnellen Stuͤrmen, Laß nicht dein Leben tropfenweis vergießen! Die Nacht empfaͤngt mich wieder, oͤdes Schweigen, Ein schwarz Gewaͤsser, Gram, Qual, Angst und Weinen: O Licht! o Blick! was mußtest du dich zeigen? Mir schadenfroh in meiner Wuͤst' erscheinen, Daß dieser Schmerz mir auch noch wuͤrde eigen? Und keinen Blick und Trost, Maria? — Keinen! Das war es, was mir Ahndung wollte sagen, Das bange Herz, das heimlich oft im Beben Mir eine treue Warnung hat gegeben: Du sollst, du sollst noch nicht dein Letztes wagen. Welch Kind hab' ich empfangen und getragen! Der groͤßte Schmerz fuͤhrt schon in mir sein Leben, Bald wird er reißend nach dem Lichte streben, Dann wird das matte Herz von ihm zerschlagen. Zweite Abtheilung . So blute denn mit Freuden, Todeswunde, Fuͤhl' noch, o Herz, im Schmerz die lichten Blicke, Das suͤße Laͤcheln, hoͤre noch die Toͤne, Durchdringt dich ganz im Tiefsten, welche Schoͤne Aufstrahlt' im Laͤcheln, Klang, zum Liebesgluͤcke, Dann fuͤhl' dein Elend, brich zur selben Stunde! Was hast du mir denn, Leben, schon gegoͤnnet, Daß ich als Gut dich theuer sollte schaͤtzen? Warst du ein gierger Dolch nicht im Verletzen Der Brust, die immerdar in Wunden brennet? Der liebe dich, der dich noch nicht erkennet, Wer blind unwissend luͤstert deinen Schaͤtzen: Magst du nur Weh und Jammer auf mich hetzen, Dein wildes Heer, das uns zum Grab nachrennet. So kann ich auch als argen Feind dich hassen; Nur nicht mehr taͤusche mit holdselgen Mienen, Zeig mir dein Furien-Antlitz, Haar von Schlangen! Davor wird nie mein starkes Herz erbangen, Doch daß du mir als Liebe bist erschienen, Den Trost, Schmerz, Trug, weiß ich noch nicht zu nennen. Sie trennten sich schnell, und Clara konnte ihr Gesicht beim Abschied nicht so eilig verber- gen, daß Anton nicht eine Thraͤne in ihrem Auge wahrgenommen haͤtte. Verbesserungen . Im ersten Bande . Pag. 8.Z. 3. von oben lies und dieser statt in dieser. — 15. ist nach der neunten Zeile der Strich vergessen wor- den, welcher die Unterbrechungen andeutet. — 29. Z. 12. v. u. lies nur sagen, st. nun. — 37. — 6. v. o. l. der Lippen, st. die. — 39. — 8. v. u. l. nuͤtzlich , st. moͤglich. — 39. — 7. v. u. l. jenen , st. seinen. — 43. — 14. v. o. l. kindisch st. kindlich. — 53. — 11 und 12. v. o. l. der nicht Zeitvertreib halb st. zum Zeitvertreib halb. — 54. — 8. v. u. l. euch st. auch. — 80. — 5. v. u. l. krampfhafte st. krankhafte. — 110. — 3. v. o. l. lichter st. leichter. — 118. — 7. v. o. l. nur st. nun. — 125. — 8. v. u. l. vor st. von. — 126. — 3. v. u. l. reiht st. reicht. — 157. — 3. und 4. v. o. l. den Buchenhain und bei Weg. — 193. — 9. v. o. l. allen jene st. alle jenen. — 297. — 13. v. u. l. ein anderer st. der Offizir. Im zweiten Bande . Pag. 203. Z. 8. v. o. lies O Heer statt Herr. — 209. — 6. v. u. l. gedehnt st. gedacht. — 249. — 3. v. u. l. es kann es st. er kann es. — 250. — I. v. u. l. Kunst st. Kust. — 301. — 7. v. o. l. Ueberfuͤlle st. Ueberfaͤlle. — 332. — 9. v. o. l. verachtet st. vernichtet. — 332. — 4. v. u. l. und st. aus. — 399. — 9. v. o. l. einem Wetterstrahl gleich st. wenn ein Wetterstrahl gleich. — 416. — 7. v. u. l. Talent st. Talente.