Sammlung satyrischer S chriften. Mit allergnaͤdigsten Privilegien. Leipzig , Jm Verlage Johann Gottfried Dycks. 1751 . Einige Ursachen haben mich veranlaßt, die- jenigen satyrischen Schriften in zween Theile zusammen zu bringen, welche ich seit einigen Jahren in verschiednen periodischen Schrif- ten einzeln drucken lassen. Die Gefaͤlligkeit meiner Freunde gab mir Ge- legenheit, mich dieses Mittels zu bedienen, um das Urtheil der Welt zu erfahren, und die vernuͤnftigen Critiken der Kenner mir zu Nutze zu machen. Beides ist mit gutem Erfolge geschehen. Jch bin so gluͤcklich gewesen, daß die meisten meiner Schriften oͤffentlichen Beyfall gefunden haben, und a 2 die Vorbericht. die verbindliche Nachsicht, welche man gegen meine Arbeiten gezeigt, hat mich aufgemuntert, gegen mich selbst desto weniger Nachsicht zu brauchen, und nicht allein diejenigen Fehler auszubessern, welche man auf eine sehr bescheidne Art und mit gutem Grun- de dabey ausgesetzt; sondern auch denen, so viel moͤglich, abzuhelfen, welche bey einer strengen Be- urtheilung verdient haͤtten, angemerkt zu werden. Eine gute Aufnahme gegenwaͤrtiger Samm- lung wird mir Muth machen, diese Arbeit fortzuse- tzen, wofern mich nicht mein unruhiges Amt zu sehr zerstreut, oder andre Vorfaͤlle es hindern. Vielleicht giebt es Leser, welche eine Rechtferti- gung von mir erwarten, wie ich es habe wagen koͤn- nen, Satyren zu schreiben. Jch bin nicht willens, eine Schutzschrift fuͤr mich aufzusetzen. Vernuͤnf- tigen Lesern wuͤrde ich nichts neues sagen; fuͤr un- vernuͤnftige aber schreibe ich nicht. Jch weis wohl, wie zweydeutig die Begriffe sind, welche sich viele von der Satyre machen. Sie sind gar zu sehr gewohnt, das Pasquill mit der Satyre zu verwechseln. Sie haben zwar ge- lernt, daß ein Pasquill eine Schmaͤhschrift sey, wo man, ohne sich zu nennen, den ehrlichen Namen des andern zu verunglimpfen, und ihm Laster oder Ver- brechen Vorbericht. brechen anzudichten sucht; Sie wissen auch so viel, daß die Satyre nur die Laster der Menschen, und das Laͤcherliche einer thoͤrichten Auffuͤhrung durch Spotten kennbar zu machen sucht, um andern einen Ekel dawider beyzubringen, und wo moͤglich, die Lasterhaften selbst tugendhaft zu machen. Beides wissen sie, und dennoch seufzen sie uͤber einen Saty- renschreiber so sehr, als uͤber einen Pasquillanten. Jch glaube, die Ursachen, dieser ungereimten Urtheile liegen an den Schriftstellern so wohl, als an den Lesern. Jch will mich bemuͤhen, einige Ursachen aus einander zu setzen, warum viele Leser auf eine so unbillige Art von der Satyre urtheilen. Die vorgefaßte Meynung ist wohl eine der wich- tigsten. Man hat es uns in unsrer Jugend gesagt, daß die Satyre vom Pasquille wenig oder nichts un- terschieden sey. Wir wuͤrden selbst nachdenken muͤs- sen, wenn wir diesen Unterschied finden wollten; vielmals aber koͤnnen wir nicht selbst denken, und noch oͤfter sind wir zu bequem dazu. Ohne uns also weiter zu bekuͤmmern, sagen wir in kindlichem Gehorsame nach, was unsre Mutter und Großmutter vor uns gesagt haben; und diese waren doch auch christliche Weiber! Dergleichen Leser sind in der a 3 That Vorbericht. That mehr zu bedauern, als zu bestrafen. Sie koͤn- nen bey ihrer gemaͤchlichen Unempfindlichkeit immer ganz fromme Leute seyn, denn viele Leute sind auch aus Dummheit fromm, und ihre guten Absichten ersetzen das, was ihnen am Verstande fehlt. Diejenigen sind weit weniger zu entschuldigen, welche auf die Bemuͤhungen, die Laster laͤcherlich und verhaßt zu machen, unerbittlich eifern, und doch unermuͤdet sind, von ihrem unschuldigen Nach- bar alles boͤse zu reden, was ihnen der Neid oder an- dre Leidenschaften eingeben. Vielleicht halten diese es fuͤr einen Eingriff in ihr Amt; denn dazu haben sie zu viel Eigenliebe, daß sie ihre Verleumdungen fuͤr Bosheit, und die Absichten eines Satyrenschrei- bers fuͤr Menschenliebe halten sollten. Gemeinig- lich ruͤhrt ihre Wut aus der Quelle so vieler Laster, aus der Heucheley, her. Sie fuͤhlen es, daß ihre Auffuͤhrung schaͤndlich ist; sie haben sich zu lieb, als daß sie solche aͤndern sollten; sie glauben, ge- nug gethan zu haben, wenn sie ihr einen guten An- strich geben. Sie eifern auf die Satyren, um auf die Verleumdung eifern zu koͤnnen, und unter dieser ehrbaren Maske verfahren sie so lieblos mit ihren Naͤchsten, ohne den Vorwurf zu befuͤrchten, daß sie gefaͤhrliche Verleumder sind. Denn wie wollte der ein Vorbericht. ein Verleumder seyn, welcher eben um deswillen die Satyren verflucht? Es kann seyn, daß ich die- sen niedrigen Geschoͤpfen zu viel thue. Vielleicht ist die Heucheley nur in ihren juͤngern Jahren die Ursache dieser Ausschweifungen; bey zunehmenden Alter erlangen sie durch die unermuͤdete Uebung, boͤses zu reden, eine solche Fertigkeit darinnen, daß sie es wirklich mit Ueberzeugung reden, daß sie glau- ben, Buße zu predigen, wenn sie laͤstern, und daß ihnen die Satyre im Ernste verdaͤchtig wird, weil sie allein den Beruf haben, Heyden zu bekehren. Bey vielen ist die Begierde, auf die Satyre zu schmaͤhen, nichts anders, als die Sprache eines boͤ- sen Gewissens. Davon sind sie uͤberzeugt, daß die ruͤhmliche Absicht der Satyre nur diese ist, die Laster zu verfolgen. Weil sie aber so gar unempfindlich noch nicht sind, daß sie ihre eignen Laster nicht wahrneh- men sollten, so wird ihnen diese Absicht schrecklich. Jeden Streich, der auf die Laster geschieht, fuͤhlen sie auf ihrem Ruͤcken. Koͤnnen diese wohl etwas bessers thun, als daß sie die Satyre uͤberhaupt ver- daͤchtig machen? Wie viel haben sie zu ihrer eig- nen Sicherheit gewonnen, wenn sie diese große Ab- sicht erreichen? Nun mag die Satyre wider die Laster eifern; sie ist verdaͤchtig. Man faͤngt an, a 4 Mitleid Vorbericht. Mitleid mit den Lastern zu haben, weil man gehoͤrt hat, daß die Absichten der Satyre boshaft sind, daß man nicht bessern, sondern nur verunglimpfen, daß man nicht die Laster verfolgen, sondern den ar- men unschuldigen Nebenchristen um seinen guten Namen bringen will. Hinter dieses Vorurtheil ver- bergen sie sich, und genießen ihrer Laster geruhig. Sucht man sie in ihrem Hinterhalte auf, entbloͤßt man ihre Fehler; so schreyen sie uͤber Gewalt, und man bedauert sie, an statt daß man uͤber sie lachen sollte. Mit einem Worte, sie sind wie die muth- willigen Knaben, welche die Ruthe verbrennen, um ungestraft muthwillig seyn zu koͤnnen. Verschiedne von ihnen sind noch etwas feiner. Sie finden das Laͤcherliche von ihren Fehlern in ei- ner Satyre abgeschildert; sie schweigen haͤmisch dazu stille, und beseufzen nur das Unrecht, welches andre neben ihnen zugleich leiden muͤssen. Sie vertheidi- gen ihre Mitbuͤrger, um unparteyisch zu scheinen, und von diesen wieder vertheidigt zu werden. Koͤn- nen sie gar ihre ungerechte Sache zur Sache des Herrn machen: So haben sie doppelt gewonnen, und fuͤr einen lasterhaften Heuchler ist nichts zu ehr- wuͤrdig. Ein Mann, welcher die heiligen Lehren seines Amts durch ein unheiliges Leben entkraͤftet, findet Vorbericht. findet sein Bild. Er erschrickt, und schweigt. Er sucht mit boshafter Muͤhe eine Stelle, nur einen Ausdruck, welcher durch eine unbillige Auslegung den Verfasser zum Religionsspoͤtter machen kann. Er findet ein Wort, welches in seinem tuͤckischen Munde zur Laͤ- sterung wird. Nun ruft er mit freudiger Rache das Wehe! aus, und verdammt den Verfasser. Sein Poͤbel, welchen der Schein blendet, hebt Steine auf, und ver- folgt im Namen des Herrn denjenigen, welcher nur aus wahrer Hochachtung fuͤr die Religion ihren laster- haften Diener entlarven wollen. Jn der That sind diese die gefaͤhrlichsten Feinde der Satyre, aber eben um deswillen verdienen sie kein Mitleid, und die Religion selbst fodert es, daß wir sie, wenn gar keine Besserung zu hoffen ist, ohne Barmherzigkeit vertilgen. Es giebt noch andre Feinde der Satyre. Die- se sind die traurigen Leser. Sie sind wirklich nicht untugendhaft; Sie hassen die Laster von Herzen; Sie wuͤrden es zufrieden seyn, wenn man alle La- sterhafte dem Teufel mit Leib und Seele uͤbergaͤbe; aber spotten soll man nur nicht uͤber die Laster. Jch weis nicht, wie diesen engbruͤstigen Leuten zu helfen ist; vielleicht weis es mein Barbier. Die Eigenliebe der Menschen wird durch nichts so em- a 5 pfindlich Vorbericht. pfindlich geruͤhrt, als wenn man sie laͤcherlich macht. Sie bleiben gleichguͤltig, wenn ich ihnen sage, daß ihre Laster abscheulich sind; wenn es hoch koͤmmt, so werden sie verdruͤßlich. Aber alsdann schaͤmen sie sich, wenn ich ihnen ihre Schoßsuͤnden, wenn ich ih- nen ihre Fehler, mit denen sie sich bruͤsten, auf der laͤcherlichen Seite zeige. Wir koͤnnen unsern Kin- dern die aͤußerlichen Fehler des Uebelstandes nicht leichter abgewoͤhnen, als wenn wir solche vor ihren Augen nachahmen; sie sehen alsdann, wie haͤßlich sie lassen, und schaͤmen sich. Wollen wir erwach- senen Personen weniger Einsicht zutrauen? Wenn ich die Absicht habe, zu bessern, so thue ich am ver- nuͤnftigsten, ich waͤhle diejenigen Mittel, welche die Erfahrung bewaͤhrt gemacht hat. Jnzwischen glau- be ich, es wird gut seyn, wenn ich mit diesen trau- rigen Feinden der Satyre gemeine Sache mache. Sie sollen mit den Lastern zanken; ich will uͤber die Laster spotten. Vielleicht sind wir gluͤcklicher, wenn wir mit zufammengesetzten Kraͤften unsre Mitbuͤr- ger tugendhaft zu machen suchen; sie mit Feuer und Schwerdt, ich aber mit Scherze. Wenn ich sage, daß viele um deswillen Feinde der Satyre sind, weil sie nicht wissen, was die Jronie sey, und worinnen deren Staͤrke und Schoͤn- heit Vorbericht. heit besteht, so sage ich wirklich etwas, welches dem guten Geschmacke meiner Landsleute eben nicht zur Ehre gereicht. Jnzwischen ist es doch wahr, und alles, was ich thun kann, ist dieses, daß ich mich in ihrem Namen schaͤme. Spreche ich: „Die „wolluͤstigen Ausschweifungen der Jugend sind die „Ursachen einer ungluͤcklichen Ehe, eines schimpfli- „chen Alters, und eines trostlosen Sterbens:„ So verstehen sie mich ganz wohl, und werden diesen Ge- danken fuͤr gar erbaulich halten. Wollte ich aber sagen: „Gluͤckliche Juͤnglinge, die ihr die kurzen „Augenblicke einer sinnlichen Wollust dem unge- „wissen Vergnuͤgen vorzieht, welches die muͤrrische „Tugend dem Alter verspricht; die ihr zu vornehm „erzogen seyd, als daß ihr den gemeinen Mann, um „die altvaͤterische Gluͤckseligkeit einer gesegneten Ehe „beneiden solltet! Es kostet euch in eurer Jugend „tausend Unruhe, und oft euer ganzes Vermoͤgen, „um einem siechen und beschwerlichen Alter mit star- „ken Schritten entgegen zu eilen. Fahrt unermuͤ- „det fort! Nur der gesittete Poͤbel lebt tugendhaft, „um ruhig zu sterben; sterbt ihr, sterbt ihr auch mit „Schrecken, so wißt, daß Leute von euerm Stan- „de und Vermoͤgen weit uͤber diesen aͤngstlichen Ge- „danken erhaben sind!„ Wollte ich dieses sagen, so wuͤrde Vorbericht. wuͤrde ich in Gefahr seyn, von diesen unwissenden Richtern fuͤr einen Verfuͤhrer der Jugend gehalten zu werden. Was soll man mit diesen Leuten an- fangen? Man schicke sie wieder in Secunde! Da moͤgen sie den Voßius lernen, und sich erklaͤren las- sen, was die Figur der Jronie heiße! Nichts ist gemeiner, als die Frage: Wer hat dir aber den Beruf gegeben, Satyren zu schreiben? Das ist leicht zu beantworten. Sagt mir erst: Wer hat euch den Beruf gegeben, mich zu fragen? Uns? Die Begierde, dich von deinem suͤndlichen Vorhaben abzuziehen; das Verlangen, die Unschuld deinen bittern Spoͤttereyen zu entreis- sen; mit einem Worte, die allgemeine Men- schenliebe: Jst dieses nicht Beruf genug? Gut! Und eben diese allgemeine Menschenliebe ist auch mein Beruf, Satyren zu schreiben. Die Laster zu schrecken, die laͤcherlichen Fehler den Menschen ver- aͤchtlich vorzustellen, vernuͤnftige Buͤrger zu schaffen, alle Welt mit mir gluͤcklich zu machen; sind euch diese Ursachen nicht wichtig genug? Brauche ich dazu eine schriftliche Vocation? Jch werde mich weiter verantworten, wenn man eben diese Frage an alle diejenigen thut, welche Buͤcher schreiben. Daß Vorbericht. Daß es Maͤnner giebt, welche nur um deswil- len Feinde der Satyre sind, damit sie Sporteln ma- chen, und diejenigen zuͤchtigen koͤnnen, welche Sa- tyren lesen: das ist ein so rares Exempel, daß ich es fuͤr uͤberfluͤßig halte, etwas davon zu erwaͤhnen. Seit der Einfuͤhrung der hochnothpeinlichen Hals- gerichtsordnung, weis man in der juristischen Histo- rie nur einen einzigen Fall, daß dieses in Deutsch- land geschehen sey, und die vernuͤnftige Nachwelt wird billig daran zweifeln. Es kommen also diese feindseligen Urtheile, denen die Satyre ausgestellt ist, gemeiniglich von solchen Lesern her, welche sich aus angeerbten Vor- urtheilen, aus einer uͤbelverstandnen Froͤmmigkeit, aus eigner Schmaͤhsucht, aus haͤmischer Heucheley, aus muͤrrischem Eigensinne, aus Unwissenheit, und aus andern Leidenschaften das bittre Vergnuͤgen ma- chen, sich zu Feinden der Satyre aufzuwerfen. Jch habe aber oben gesagt, daß die Verfasser eben sowohl, als die Leser, an den uͤbeln Begriffen Ursache sind, welche sich viele von der Satyre machen, und ich getraue mir zu behaupten, daß sie die allermeiste Schuld daran haben. Wer den Namen eines Satyrenschreibers ver- dienen will, dessen Herz muß redlich seyn. Er muß die Vorbericht. die Tugend, die er andre lehrt, fuͤr den einzigen Grund des wahren Gluͤcks halten. Das Ehrwuͤr- dige der Religion muß seine ganze Seele erfuͤllen. Nach der Religion muß ihm der Thron des Fuͤr- sten, und das Ansehen der Obern das Heiligste seyn. Die Religion und den Fuͤrsten zu beleidigen, ist ihm der schrecklichste Gedanke. Er liebet seinen Mit- buͤrger aufrichtig. Jst dieser lasterhaft, so liebt er den Mitbuͤrger doch, und verabscheut den Lasterhaften. Die Laster wird er tadeln, ohne der oͤffentlichen Be- schimpfung die Person desjenigen auszustellen, wel- cher lasterhaft ist, und noch tugendhaft werden kann. Er muß eine edle Freude empfinden, wenn er sieht, daß sein Spott dem Vaterlande einen guten Buͤr- ger erhaͤlt, und einen andern zwingt, daß er auf- hoͤre, laͤcherlich und lasterhaft zu seyn. Er muß die Welt und das ganze Herz der Menschen, aber vor allen Dingen muß er sich selbst kennen. Er muß liebreich seyn, wenn er bitter ist. Er muß mit ei- ner ernsthaften Vorsicht dasjenige wohl uͤberlegen, was er in einen scherzhaften Vortrag einkleiden will. Mit einem Worte; er muß ein rechtschaffner Mann seyn! Waͤren alle Satyrenschreiber dieses, wie sie es alle seyn sollten, so glaube ich gewiß, die meisten ih- rer Vorbericht. rer Feinde wuͤrden ihre oͤffentlichen Freunde werden, und diejenigen, welche nicht dazu gemacht sind, ver- nuͤnftig zu denken, wuͤrden sich, wo nicht vor sich selbst, doch wenigstens vor der Welt schaͤmen, laͤn- ger ihre Feinde zu heißen. Es ist wahr, wir wuͤr- den, wenn diese strengen Regeln beobachtet werden sollten, ein paar hundert Satyrenschreiber weniger haben. Aber, das ist auch in der That alles, was man dem Vaterlande nur wuͤnschen kann. So lan- ge dieser Wunsch unerhoͤrt bleibt; so lange haben die Verfasser die meiste Schuld, daß die Satyren so vielen Lesern verdaͤchtig sind. Kein Pasquillant ist zu lasterhaft, er fluͤchtet sich hinter die Satyre. Er schaͤmt sich nicht, dem Unschuldigen Laster anzudichten; aber ein Pasquil- lant zu heißen, schaͤmt er sich doch. Seine Bos- heit ist gefaͤhrlicher, als die Tuͤcke des Straßenraͤu- bers. Er verdient, wie dieser, die Rache der Ge- setze, und er ist unwuͤrdig, daß wir weiter seiner gedenken. Wir sind sehr geneigt, die Fehler an unsern Fein- den laͤcherlich zu machen, und schmeicheln uns, daß wir eine Satyre schreiben, wenn wir dieses thun. Jch zweifle daran. Schreiben wir aus redlichen Her- zen? Schreiben wir, unsern Feind zu bessern? Hat er Vorbericht. er die Fehler auch wirklich an sich, die wir laͤcher lich machen? Drey schwere Fragen! Wie leicht be truͤgen wir uns selbst, wenn wir dasjenige fuͤr einen Trieb der Menschenliebe halten, welches wohl nichts, als eine aufwallende Hitze der Rachbegierde, ist. Wir sind beleidigt; unser Feind soll es empfinden, wie gefaͤhrlich es sey, denjenigen zu beleidigen, der seine Fehler einsieht, und Witz genug hat, ihn laͤcher- lich zu machen. Wollen wir ihn bessern? Nein! denn er ist unser Feind, und wir verloͤren zu viel, wenn derjenige durch seine Besserung sich die Hoch- achtung der vernuͤnftigen Welt verdiente, welchen wir bey der vernuͤnftigen und unvernuͤnftigen Welt laͤcherlich machen wollen. Vielmals hat er keinen Fehler weiter, als diesen, daß er unser Feind ist. Schwachheiten machen wir zu Verbrechen , und was wir bey uns Versehen heißen, das stellt uns der Haß an unsern Feinden als die abscheulichsten Laster vor. Wie koͤnnen wir verlangen, daß dasjenige eine Satyre seyn soll, was wir, wenn es wider uns ge- gerichtet waͤre, eine rachsuͤchtige Verleumdung nen- nen wuͤrden? Jch glaube auch, daß es sehr unvor- sichtig ist, wider seinen Feind Satyren zu schreiben; gesetzt, daß wir in der That die Absicht haͤtten, ihn zu bessern und gesetzt, daß er wirklich lasterhaft waͤre. Unser Vorbericht. Unser Feind gewinnt zu viel uͤber uns. Er darf nur sagen; daß wir von ihm beleidigt sind, und daß wir als Feinde schreiben: So hat er seine Fehler vertheidigt, und kann ganz ruhig lasterhaft bleiben. Er bringt die Leser auf seine Seite, welche ohnedem geneigt genug sind, an der guten Absicht der Sa- tyre zu zweifeln. Wir werden der Welt verdaͤchtig, an statt, daß wir die Fehler unsers Feindes laͤcher- lich machen wollten. Wenn wir bey manchen die Ursachen untersu- chen wollten, warum sie mit so vieler Bitterkeit wi- der die Fehler der Menschen eifern: So wuͤrden wir finden, daß es aus Misgunst, und aus ihrem schwar- zen Gebluͤte herkomme. Ein rechtschaffner Saty- renschreiber wird sich freuen, wenn es aller Welt wohlgeht; diese aber knirschen uͤber das Gluͤck ihres Mitbuͤrgers. Es waͤre zu verwegen, ihm sein Gluͤck vorzuwerfen. Was sollen sie thun? Sie vergiften ihm seine Zufriedenheit; sie machen die Quelle verdaͤch- tig, aus der sein Gluͤck entsprungen ist, und werfen ihm vor, daß er sich dessen nicht vernuͤnftig bediene. Dadurch schaffen sie sich ein frommes und weises Ansehen, und wollen uns bereden, daß sie dieses Gluͤcks weit wuͤrdiger waͤren. Unter hundert Saty- ren, wider die Pracht und Verschwendung der Rei- b chen Vorbericht. chen, kommen gewiß funfzig aus der Feder solcher Verfasser, welche innerlich mit dem Himmel murren, daß sie durch ihre Armuth gehindert werden, auf eine so praͤchtige und verschwenderische Art, wie je- ne, lasterhaft zu seyn. Sie sind Bettelmoͤnche, welche Maͤßigkeit predigen. Jn ihren Augen ist ein Reicher ohne Unterschied ein ungerechter Mann. Er und sein Vater muͤssen Wuchrer gewesen seyn; wo kaͤmen sonst die Schaͤtze her? Die Tugend adelt nur, reich macht sie nicht; sagt der Herr Verfasser mit einer bittern Miene, und schielt ganz kleinmuͤthig auf seinen abgetragnen Rock. Sind dergleichen Scribenten nicht selbst Ursache, daß der Verschwender und der Wuchrer die Satyren verdaͤchtig machen? Es ist ein Ungluͤck fuͤr die Satyre, wenn sie de- nen in die Haͤnde geraͤth, welche witzig gnug sind, Lachen zu erregen, aber nur aus Muthwillen spotten. Jn der That sind sie weder boshaft, noch neidisch; aber sie sind muthwillig. Sie wollen nicht gern allein lachen; die Welt soll mit lachen. Sie spaͤ- hen die Fehler des andern aus, nicht, ihn zu bessern, sondern ihn laͤcherlich zu machen. Sie sind froh, daß es Fehler giebt, sonst koͤnnten sie nicht witzig seyn. Waͤren alle Menschen tugendhaft; wie sehr wuͤrden sie sich aͤrgern! Sie warten nicht, bis ihr reifen- der Vorbericht. der Verstand durch die Erfahrung die gruͤndliche Einsicht erhaͤlt, welche noͤthig ist, das Herz eines Lasterhaften zu durchforschen, um nur diejenigen Fehler zu zuͤchtigen, welche eine Zuͤchtigung verdie- nen. Nein; so bald sie vernehmlich reden und le- serlich schreiben koͤnnen, so bald reden und schreiben sie boͤses. Sie spotten, ehe sie denken lernen, und weil noch immer viel gutes unter dem Muthwillen eines so lebhaften Juͤnglings verborgen liegt, wel- ches sich gemeiniglich mit den Jahren durcharbeitet: So wird man finden, daß sie aufhoͤren, zu spotten; so bald sie anfangen, zu denken. Jnzwischen muß derjeni- ge von ihnen leiden, welcher es nicht verdient hat. Die Satyre wird verhaßt, weil sie ihre Spoͤttereyen fuͤr Satyren ausgeben; und es gehoͤren viele Jahre da- zu, ehe sie das Andenken ihres jugendlichen Muth- willens ausloͤschen; man gebe einmal acht, ob nicht diese eben diejenigen sind, welche in den gelehrten Kriegen das groͤßte Laͤrmen machen. Die Schreibart, deren man sich bey der Satyre bedienet, will mit einer außerordentlichen Vorsicht gewaͤhlt seyn, wenn sie nicht anstoͤßig werden und den Leser wider die Satyre aufbringen soll. Viele glauben, recht herzhaft zu lehren, wenn sie recht an- zuͤglich schreiben. Sie murren die Fehler der Men- b 2 schen Vorbericht. schen an, an statt daß sie mit ihnen lachen sollten; aus Liebe zur Wahrheit schimpfen sie. Sie thun sehr unrecht. Koͤmmt ihre Herzhaftigkeit nicht aus einem boͤsen, so koͤmmt sie wenigstens aus einem gro- ben Herzen her: das ist alles, was man zu ihrer Entschuldigung sagen kann; aber wie viele von den Lesern sind geneigt, diese Entschuldigung gelten zu lassen? Und dennoch sind sie allemal weit ertraͤgli- cher, als der ungezogne Witz derer, welche nicht satyrisch seyn koͤnnen, ohne unflaͤtig zu seyn. Jch kenne Maͤnner, welche sich einbilden, sehr fein zu denken; welche im Stande sind, einen ganzen Abend lang eine Gesellschaft beiderley Geschlechts mit den groͤbsten Zweydeutigkeiten zu unterhalten, ohne ein einzigmal roth zu werden. Sie sind gemeiniglich die ersten, die uͤber ihre satyrischen Einfaͤlle lachen, und sie zwingen dadurch wenigstens den Wirth, aus Gefaͤlligkeit mit zu lachen; Vernuͤnftige aber, wer- den einen so niedertraͤchtigen Witz verabscheuen. Verhaͤngt es nun der Himmel in seinem Zorne, daß ein dergleichen ungesitteter Mensch gar schreibt, und seine Satyren, wie er es nennt, drucken laͤßt; was fuͤr einen Begriff muͤssen die Leser von einer Satyre bekommen? Hoffen sie etwan zu bessern? Jch glaube nicht, und sie werden es auch nicht gestehen, daß sie fuͤr Vorbericht. fuͤr den Poͤbel schreiben; ob sie gleich die Sprache des Poͤbels reden. Viele gehen in ihrem Eifer, das Laͤcherliche der Menschen zu zeigen, gar zu weit, und verschonen keinen Stand. Es ist wahr, es giebt in allen Staͤn- den Thoren; aber die Klugheit erfodert, daß man nicht alle tadle, ich werde sonst durch meine Ueberei- lung mehr schaden, als ich durch meine billigsten Absichten nutzen kann. Der Verwegenheit derer will ich gar nicht gedenken, welche mit ihrem Frevel bis an den Thron des Fuͤrsten dringen, und die Auffuͤhrung der Obern verhaßt, oder laͤcherlich ma- chen wollen. Jst es nicht ein innerlicher Hoch- muth, daß sie in ihrem finstern Winkel schaͤrfer zu sehen glauben, als diejenigen, welche den Zusammen- hang des Ganzen vor Augen haben; so ist es doch ein uͤbereilter Eifer, der sich mit nichts entschuldi- gen laͤßt. Sie haben selbst noch nicht gelernt, gute Unterthanen zu seyn; wie koͤnnen wir von ihnen erwarten, daß sie uns die Pflichten eines vernuͤnftigen Buͤrgers lehren sollen? Es giebt andre Staͤnde, wel- che zwar so heilig nicht sind, daß es ein Verbrechen waͤre, das Laͤcherliche an ihren Fehlern zu entdecken; bey denen aber doch die Billigkeit erfodert, daß man es mit vieler Maͤßigung thue. Jch rechne b 3 darun- Vorbericht. darunter die Lehrer auf Schulen. Die Jugend ist ohnedem geneigt genug, das Fehlerhafte an denenje- nigen zu entdecken, deren Ernsthaftigkeit ihren Muth- willen im Zaume halten soll. Wollen wir sie durch bittre Satyren auf ihre Lehrer noch muthwilliger machen? Gesetzt, ein solcher Lehrer hat seine Feh- ler, welche verdienten, bestraft zu werden! Vielleicht ist er eigennuͤtzig, vielleicht pedantisch, vielleicht ein elender Scribent. Es kann seyn. Werfe ich ihm diese Fehler vor, stelle ich ihn dem Gelaͤchter seiner Schuͤler bloß, gesetzt auch, daß ich es aus redlichem Herzen thaͤte, um ihn zu bessern; so werde ich alle- mal mehr schaden, als nutzen. Jhn werde ich viel- leicht nicht bessern, und seine Schuͤler werden glau- ben, ein Recht bekommen zu haben, demjenigen nicht zu gehorchen, welchen die Welt fuͤr laͤcherlich haͤlt. So oft er sie ihrer Pflichten erinnert, so oft wird ih- nen einfallen, daß sie von einem eigennuͤtzigen Man- ne, von einem Pedanten, von einem elenden Scri- benten daran erinnert werden. Dieses Andenken macht ihnen die wichtigsten Pflichten veraͤchtlich; und ein Schuͤler, bey dem dieses Vorurtheil die Oberhand gewinnt, wird selten als ein redlicher Mann sterben. Bin ich nicht Schuld? Einen Pedanten habe ich nicht gebessert, dem Vaterlande aber habe ich an sei- nen Vorbericht. nen Schuͤlern hundert ungesittete Buͤrger gezogen. Jn der That erschrecke ich allemal, wenn ich sehe, daß ein Schulmann unter die Geißel der Satyre faͤllt. Jhn bedaure ich selten, aber die Folgen da- von sind mir zu ernsthaft. Und thun dergleichen Lehrer wohl Unrecht, wenn sie der Jugend fuͤrchter- liche Begriffe von der Satyre beyzubringen suchen? Die Geistlichen haben gemeiniglich das Ungluͤck, daß der Witz satyrischer Koͤpfe auf sie am meisten anprellt. Jch bin sehr unzufrieden damit. Da verschiedne unter ihnen so wenig sorgfaͤltig sind, ih- re Fehler zu verbergen: So koͤnnen sie von uns nicht verlangen, daß wir sie nicht wahrnehmen sollten. Sie sind nicht uͤber die Satyre erhaben, das raͤume ich ihnen nicht ein; viele sind tief unter derselben, wenn man sie nach ihrer unanstaͤndigen Auffuͤhrung beurtheilen soll, und viele wuͤrden gar zu sorglos seyn, wann ihre ehrwuͤrdige Kleidung sie vor allen Strei- chen der Satyre schuͤtzte. Dennoch glaube ich, daß man nicht vorsichtig genug dabey verfahren koͤnne. Es gilt hier beynahe eben das, was ich oben von den Lehrern in Schulen gesagt habe. Die Reli- gion laͤuft Gefahr, veraͤchtlich zu werden, wenn man die Fehler desjenigen veraͤchtlich macht, welcher ge- setzt ist, die Religion zu predigen. Das Volk ist nicht b 4 allemal Vorbericht. allemal einsehend genug, einen Unterschied, zwischen der Person desjenigen, der sie lehrt, und zwischen seinen Lehren selbst zu machen. Wage ich nicht zu viel, wenn ich einen bessern will, und dadurch in Gefahr komme, das Ansehen der ganzen Religion zu schwaͤchen, welche man dem Volke nicht ehrwuͤr- dig genug vorstellen kann? Jst ein Geistlicher wirk- lich lasterhaft; so uͤberlasse man ihn der Obrigkeit, welche aufmerksam genug ist, dem Aergernisse zu steuern, das seine lasterhafte Auffuͤhrung in der Kir- che veranlassen kann. Hat er laͤcherliche Fehler, und wir finden schlechterdings noͤthig, diese zu zuͤchtigen; so muß unsre Satyre so allgemein seyn, daß nur die Fehler laͤcherlich werden, seine Person aber, so viel es moͤglich ist, verdeckt und unerkannt bleibt. Sind es Kleinigkeiten, sind es gelehrte Schwach- heiten, die ihm anhaͤngen, so habe man Geduld, oder maͤßige wenigstens die Bitterkeiten mit aller Vorsicht. Jst er ein Jgnorant, und doch exempla- risch, (denn es giebt viel exemplarische Jgnoranten,) so verehre man ihn wegen seines guten Wandels, und verzeihe ihm seine Unwissenheit. Durch Do- natschnitzer koͤmmt die Kirche nicht in Gefahr, und wir koͤnnen uns mit der angenehmen Vorstellung beruhigen, daß wir gelehrter sind, als er. Jch Vorbericht. Jch habe bey dem Charakter eines Satyren- schreibers gefodert, daß das Ehrwuͤrdige der Reli- gion seine ganze Seele erfuͤllen muß. Jst dieses, so wird er nicht allein in Ansehung der Geistlichen nach denen Regeln, die ich oben gegeben habe, viele Maͤßigung brauchen; sondern er wird auch seine groͤßte Aufmerksamkeit darauf gerichtet seyn lassen, daß durch seine Satyren das Ansehen der Religion nicht im geringsten geschwaͤcht werde. Wie kann sich derjenige ruͤhmen, daß seine Absicht sey, die Tu- gend allgemeiner zu machen, welcher gegen die Reli- gion leichtsinnig ist? Ein solcher Mensch wird laster- haft, um nicht laͤcherlich zu seyn. Von denen will ich nicht reden, welche unter dem gemisbrauchten Namen der Satyre sich Muͤhe geben, den ganzen Bau unsers Glaubens zu erschuͤttern. Jhre unsinni- ge Wut, so ohnmaͤchtig sie auch ist, verdient das Tollhaus, und keine vernuͤnftigen Vorstellungen. Jch will nur eines Misbrauchs gedenken, welcher, wenn ich freundschaftlich urtheilen soll, mehr Leichtsinn, als Bosheit, verraͤth. Es giebt gewisse Gebraͤuche in der Kirche, welche gleichguͤltig sind, und zur Reli- gion selbst nicht gehoͤren; sie machen den geistlichen Wohlstand aus. Man huͤte sich ja, diese laͤcherlich zu machen! Jst das Volk aberglaͤubisch, so wird es b 5 unsre Vorbericht. unsre Schriften verabscheuen; ist es so leichtsinnig wie wir, so wird es bey diesen gleichguͤltigen Ge- braͤuchen nicht stille stehen, sondern wesentliche Stuͤcke der Religion auch fuͤr gleichguͤltig halten, und end- lich uͤber die ganze Religion spotten lernen. Es war in Deutschland eine Zeit, wo die Sa- tyre nicht anders, als auf Unkosten der Bibel, witzig seyn konnte. Wenn man recht fein scherzen wollte, so scherzte man aus den Psalmen, und es gab mun- tre Koͤpfe, welche so zu sagen, eine ganze satyrische Concordanz in Bereitschaft hatten, um in ihrem Witze unerschoͤpflich zu seyn. Zur Abwechselung brauchten sie die Gesaͤnge der Kirche, und sie brach- ten dadurch in einer Minute mehr Narren zum La- chen, als Zuhoͤrer der Geistliche durch Bibel und Gesaͤnge in einem ganzen Jahre zum Weinen be- wegen konnte. Jch freue mich, daß wir uns von diesem verderbten Geschmacke, das ist der gelindeste Name, den man dieser Thorheit geben kann, wieder erholt haben. Worinnen bestund der Witz? Nicht in dem Gedanken, den man vorbrachte, sondern in der Art, wie er vorgebracht ward. Das kam den Zuhoͤrern lustig vor, daß wir die geschwinde Fertig- keit besaßen, den ernsthaftesten Gedanken der Schrift durch eine poßierliche Verdrehung dermaaßen zu ver- unstal- Vorbericht. unstalten, daß er so abgeschmackt aussah, wie unser eigner Gedanke. Sie fanden dieses Mittel sehr be- quem, spaßhaft zu seyn, ohne daß es noͤthig gewesen waͤre, Verstand zu haben; sie ahmten es mit Freu- den nach; und in kurzer Zeit ward dieser Misbrauch so allgemein, daß niemand witzig war, als so ein bibelfester Lustigmacher. Haͤtte man vor derglei- chen Scherze auch um deswillen keinen Abscheu haben wollen, weil sie wirklich dem ehrwuͤrdigen Ansehen der Religion nachtheilig sind: So haͤtte man sich we- nigstens darum ihrer schaͤmen sollen, weil wir dadurch einen Eingriff in die Rechte des niedrigsten Poͤbels thaten. Man gebe nur einmal acht! So bald ein Stallknecht sich fuͤhlt, daß er feiner denkt, als die Viehmagd, so wird er sie mit seinem Spaße aus der Bibel, oder einem geistlichen Liede, uͤberra- schen. Das ganze Gesinde schreyt vor Lachen, alle bewundern ihn bis auf den Ochsenjungen, und die arme Viehmagd, welche so witzig nicht ist, steht be- schaͤmt da. Der satyrische Stallknecht! Man lasse ihm seinen angeerbten Witz! Sind wir eifersuͤchtig daruͤber? Darauf bin ich stolz, daß in meinen satyrischen Schriften alles mit moͤglichster Sorgfalt vermieden ist, was einigen Leichtsinn gegen die Religion ver- rathen, Vorbericht. rathen, oder als ein Misbrauch der Schrift und geistlicher Gesaͤnge angesehen werden koͤnnte. Jch habe dieses jederzeit fuͤr meine erste Pflicht gehalten; und man wird Stellen finden, wo ich eine wahre Hochachtung gegen die Religion und ihre Diener ernsthaft genug geaͤußert habe. Desto empfindli- cher hat mir es seyn muͤssen, da ich erfahren, daß man einer von meinen Schriften diesen Vorzug so gar gerichtlich streitig machen wollen. Meine Leser werden mir erlauben, daß ich mich dieser Gelegen- heit bediene, etwas zu meiner Vertheidigung anzu- fuͤhren. Vielleicht lesen sie es mit Vergnuͤgen, denn dergleichen poßierliche Haͤndel kommen nicht alle Jah- re vor Gerichte vor. Der Eidschwur ist unstreitig eine der wichtigsten Handlungen im gemeinen Leben, wir moͤgen den Menschen als einen Christen, oder nur als einen Menschen uͤberhaupt, betrachten. Der Misbrauch der Eidschwuͤre ist mir vor vielen andern Lastern ver- abscheuungswuͤrdig vorgekommen. Den Grund die- ses Misbrauchs habe ich nicht allein in dem Herzen des Menschen gesucht, welches immer geneigt ist, sich seiner Pflichten, so viel moͤglich ist, zu entlaͤstigen; ich habe auch gefunden, daß die Richter selbst, und wohl vielmals ohne ihren Willen Schuld daran sind. Die Vorbericht. Die Vorsicht, mit welcher man in alten Zeiten sich des Eides bediente, war Ursache, daß er sich in sei- nem wahren Werthe erhielt. Je behutsamer man war, die Eide zuzulassen, destomehr Ehrfurcht be- hielt man fuͤr dieselben im Gerichte. Jtzt sind unsre Richter weit nachsehender, und ich weis nicht, ist es die Bosheit der Menschen, oder ist es eine andre Ursache, welche das Uebel beynahe unvermeidlich macht, daß man vor den meisten Gerichtsbaͤnken fast mehr von Eiden, als von Sporteln, reden hoͤrt. Jch hatte wahrgenommen, daß ein unverschaͤmter Leichtsinn bey Ablegung eines Eides gewissermaaßen zu einer Art des Wohlstandes geworden war. Frau- enzimmer, welche sich wuͤrden geschaͤmt haben, ih- rem Braͤutigame vor dem Altar anders, als mit ei- ner ehrbaren und gesetzten Miene die Versicherung ihrer Treue zu geben, huͤpften mit dem flatterhaften Leichtsinne einer Coqvette vor den Richterstuhl, und schwuren mit lachenden Mienen den schrecklichsten Eid. Maͤnner, und Maͤnner deren Amt vielmals erfodert, daß sie selbst andre vor dem Meyneide warnen muͤssen, verrichteten diese Handlung mit einer so frechen Sorg- losigkeit, daß sie um nichts bekuͤmmert zu seyn schienen, als wie sie ihre Fuͤße wohl stellen, den Huth unterm Arme anstaͤndig halten, und den Mantel auf eine galante Vorbericht. galante Art zuruͤckschlagen moͤchten. Wer sie in dieser Stellung saͤhe, der wuͤrde darauf nicht gefal- len seyn, daß sie hier waͤren, vor dem Angesichte des obersten Richters sich entweder zu rechtfertigen, oder ewig zu verfluchen; er wuͤrde haben glauben muͤssen, daß sie da stuͤnden, vor der anwesenden Gesellschaft einen Scaramutz zu tanzen. Der niedertraͤchtige Eigennutz ungewissenhafter Advocaten ist an den mei- sten Meyneiden Ursache. Koͤnnen sie es nur so weit bringen, daß ihr Client zum Schwure koͤmmt, so haben sie gewonnen. Fuͤhlt ihr Client noch einige Regungen der Menschlichkeit; ist er noch nicht ganz ohne Gewissen: So werden sie um einige Thaler beym Processe zu erbeuten, alle ihre Beredsamkeit anwen- den, ihn entweder eben so verstockt zu machen, als sie sind; oder, weil dieses so leicht nicht moͤglich ist, ihm wenigstens durch falsche Begriffe vom Eide, und von dessen geheimen Verstande, das Gewissen, wie sie es nennen, zu erleichtern, und ihn zu Ablegung ei- nes ungerechten Eides zu vermoͤgen. Alles dieses hatte ich wahrgenommen, und ich setzte mir vor, meinen Mitbuͤrgern diesen thoͤrichten Leichtsinn laͤcherlich zu machen; in der Hoffnung, diejenigen, welche keiner ernsthaften Betrachtung faͤ- hig sind, wuͤrden sich wenigstens um deswillen schaͤ- men, Vorbericht. men, weil diese Auffuͤhrung unanstaͤndig ist. Jch redete hievon in der satyrischen Sprache der Jronie, und sagte von dem Eidschwure: „Jn den alten „Zeiten kam dieses Wort nicht oft vor, und daher „geschah es auch, daß unsre ungesitteten Vorfahren, „die einfaͤltigen Deutschen, glaubten, ein Eidschwur „sey etwas sehr wichtiges. Heut zu Tage, hat man „dieses schon besser eingesehen, und je haͤufiger die- „ses Wort, so wohl vor Gerichte, als im gemeinen „Leben vorkoͤmmt, desto weniger will es sagen. Ei- „nen Eid ablegen, ist bey Leuten, die etwas wei- „ter denken, als der gemeine Poͤbel, gemeiniglich nichts „anders, als eine gewisse Ceremonie, da man auf- „rechts steht, die Finger in die Hoͤhe reckt, den Hut „unter dem Arme haͤlt, und etwas verspricht, oder „betheuert, das man nicht laͤnger haͤlt, bis man den „Hut wieder aufsetzt; mit einem Worte, es ist ein „Compliment, daß man Gott macht. Ein Com- „pliment aber gehoͤrt unter die nichts bedeutenden „Worte. Etwas eidlich versichern, heißt an vie- „len Orten so viel, als eine Luͤgen recht wahrschein- „lich machen. Van Hoͤken in seinem allezeit fer- „tigen Juristen nennt den Eid herbam betonicam, „und versichert, einem den Eid deferiren, sey „nichts anders, als seinem klagenden Clienten die „Sache Vorbericht. „Sache muthwillig verspielen, und die Formel, sich „mit einem Eide reinigen, heiße so viel, als den „Proceß gewinnen, denn zu einem Reinigungs ei- „de gehoͤre weiter nichts, als drey gesunde Finger, „und ein Mann ohne Gewissen. Jene haͤtten fast „alle Menschen, und dieses die wenigsten. Und „wenn auch ja jemand die Vorurtheile der Jugend „an sich, und ein so genanntes Gewissen haͤtte: So „wuͤrde es doch nirgends an solchen Advocaten feh- „len, welche ihn eines bessern belehrten, und fuͤr ein „dilliges Geld aus seinem Jrrthume helfen koͤnnten. „ Gott straf mich! oder: Der Teufel zerreis- „se mich! Jst bey Matrosen und Musketirern eine „Art eines galanten Scherzes, und in Pommern „lernte ich einen jungen Officier kennen, der schwur „auch so, doch schwur er niemals geringer, als bey „tausend Teufeln, weil er von altem Adel war. „ Jch will nicht zu Gott kommen; Jch bin des „Teufels mit Leib und Seele; ist das gewoͤhn- „liche Spruͤchwort eines gewissen Narrens, welcher „gar zu gern aussehen moͤchte, wie ein Freygeist. „Er wuͤrde es in der That sehr uͤbel nehmen, wenn „man ihn mit andern kleinen Geistern vermengen, „und von ihm sagen wollte, daß er einen Himmel „oder eine Hoͤlle glaubte, und dennoch schwoͤrt er „alle Vorbericht. „alle Augenblicke, mit der witzigsten Mine von der „Welt, bey Gott und allen Teufeln. Mir koͤmmt „dieses eben so kraͤftig vor, als wenn unser Muͤnz- „jude Jesus, Maria! rufen wollte. Seinen Eid „brechen, will nicht viel sagen, und wird diese Re- „densart nicht sehr gebraucht. Auf der Kanzel „hoͤrt man sie noch manchmal, aber daher koͤmmt „es, daß sie so geschwind vergessen wird, als die „Predigt selbst. Jn der That bedeutet es auch „nicht mehr, als die Ehe brechen, und um des- „willen ist ein Ehebrecher und ein Meyneidiger an „verschiednen Orten, besonders in großen Staͤdten, „so viel als ein Mann, der zu leben weis. Diese „Bedeutung faͤngt auch schon an, in kleinen Orten „bekannt zu werden, denn unsre Deutschen werden „alle Tage witziger, und in kurzem werden wir es „den Franzosen beynahe gleich thun. Jch wuͤrde meine Leser beleidigen, wenn ich ih- nen nicht zutrauen wollte, sie koͤnnten, ohne mein Errinnern, einsehen, daß dieses in der lachenden Spra- che der Jronie eben dasjenige gesagt sey, was ich oben von den Misbrauche des Eides, von dem straf- baren Leichtsinne der Schwoͤrenden, und von der Bosheit dererjenigen ernsthaft geschrieben habe, wel- che ihre Clienten zu einem falschen Eide bereden. Jch c ließ Vorbericht. ließ diese Stelle, nebst andern, in eben diesem ironi- schen Charakter, unter dem Titel: Versuch eines deutschen Woͤrterbuchs Siehe diese Sammlung satyrischer Schriften, den 2 Theil. in die Monatschrift der neuen Beytraͤge, zum Vergnuͤgen des Verstandes und Witzes, einruͤcken, und ich war so gluͤcklich, daß dieser Aufsatz bey vernuͤnftigen Lesern Beyfall fand. Jch weis aber nicht, durch welchen ungluͤckli- chen Zufall diese Monatschrift den Bauern eines Dorfs im Voigtlande in die Haͤnde gespielt wird. Sie finden in dem Artikel von Complimenten, in dem von Eidschwuͤren und sonst einige Stellen, die ihnen auch als Bauern gefallen. Der Geistli- che des Orts hoͤrt etwas davon, und weil er nichts als einzelne Stellen hoͤrt, so ist es ihm zu gute zu halten, daß er solche, außer ihrem Zusammenhange, fuͤr verdaͤchtig haͤlt. Auch dieses will ich bey ihm noch entschuldigen, daß er auf der Kanzel sowohl, als bey dem Kindtaufessen, aͤngstlich wider diese Schrift eifert; wider diese gefaͤhrliche boͤse Schrift, die er noch nicht gesehen hat. Kurz; er macht Laͤrmen, und der Gerichtsverwalter tritt ins Gewehr. Nun hebt sich das Schreiben an! Richter und Schoͤp- pen, Muͤller, Bauern und Einnehmer werden vor- gefodert; man will das boͤse Buch heraus haben, es Vorbericht. es koͤmmt endlich, und man behaͤlts im Arreste! Haͤtte man es hiebey bewenden lassen, so wuͤrde man an diesem Verfahren nichts weiter auszusetzen fin- den, als allenfalls eine zu hitzig geaͤußerte Vorsicht. Jch bin wenig damit zufrieden, daß dieses Buch den Bauern in die Haͤnde gebracht worden. Es kann leicht geschehen, daß Leute von schwacher Einsicht eine Schreibart nicht verstehen, die ihr eigner Gerichts- verwalter nicht versteht, der doch lateinische Buͤcher hat. Das gemeine Volk misbraucht gar leicht et- was, wovon es die ernsthafte Absicht nicht uͤbersieht, und eine Obrigkeit kann in der That nicht vorsichtig ge- nug seyn, dergleichen Leuten alles wegzuraͤumen, was ihre Unwissenheit misbrauchen kann. Anfaͤng- lich glaubte ich auch, die Bauern haͤtten einen oder den andern Ausdruck unvorsichtig gemisbraucht, und uͤber die Eide leichtsinnig gescherzt. Waͤre die- ses gewesen; so wuͤrden sie diejenige Strafe ver- dient haben, welche ein solcher leichtsinniger Mis- brauch nach sich zieht; aber nein! Davon findet sich in den Acten nicht die mindeste Spur. Sie haben darinnen gelesen, sie haben mit Vergnuͤgen darinnen gelesen, und das ist ein Verbrechen! Man treibt die Untersuchung weiter; man will alle wissen, die in diesem Buche gelesen haben. Es werden Zeu- c 2 gen Vorbericht. gen vernommen, und das Ansehen der Eide zu ver- theidigen, werden vergebne Eide geschworen, weil man alle diejenigen entdecken will, welche sich den Satan haben blenden lassen, das Buch zu lesen. Haͤtte man wohl eine grimmigere Untersuchung wi- der Faustens Hoͤllenzwang anstellen koͤnnen? Also gieng die Verfolgung bloß uͤber die arme Schrift, welche mit oͤffentlicher Censur gedruckt, und im gan- zen Lande orthodox war, nur in diesem Winkel von Sachsen nicht. Die Acten sind voll von beleidi- genden Ausdruͤcken, von solchen Ausdruͤcken, welche einem Richter nnanstaͤndig sind, und welche die Ge- setze, als Beschimpfungen, gestraft wissen wollen. Man nennt meine Schrift: Verwegenste Saͤtze von Geringschaͤtzung der Eidschwuͤre; gottlose, gewissenlose Lehren; ein aͤrgerliches Wesen; verdaͤchtige und spoͤttische Ausdruͤckungen von Eidschwuͤren; ausgestreute Lehren vom Mis- brauche des Meyneids; oͤffentliches Aerger- niß; Verfuͤhrung unschuldiger Herzen; skop- tische Saͤtze; Saͤtze, welche zu nichts geschick- ter sind, als ein zuͤgelloses Leben zu aller heim- lichen Bosheit zu befoͤrdern, und so weiter. Und wo koͤmmt denn Jhnen alle diese Weisheit her, mein Herr, daß Sie in einem Buche so viel giftiges finden, Vorbericht. finden, welches vor Jhnen niemand gefunden hat, und nach Jhnen niemand finden wird. Kann denn ich was dafuͤr, daß Jhre Bauern ein Buch gelesen haben, das weder fuͤr Jhre Bauern, noch fuͤr Sie ge- schrieben ist. Muß man denn so ungezogen seyn, wenn man fuͤr die Ehre der Religion zu eifern glaubt? Und kann man sein Amt nicht verwalten, ohne grob zu werden? Wie sollte der Herr Gerichtsverwalter gesprudelt haben, wenn er in den Zeiten geboren waͤre, wo die Hexenprocesse noch Mode waren! Es ist ein Gluͤck fuͤr mich, daß wir in Sachsen kein Au- to da Fe haben! Jch sehe im Geiste, wie er auf seinem frommen Buckel aus heiliger Einfalt ein Buͤn- del Holz zu meinem Scheiterhaufen traͤgt! Jn der That bin ich uͤberzeugt, daß dieses ganze Verfahren mehr Eifer, als Ueberlegung, zum Grunde hat. Außerdem wuͤrde ich mich empfindlicher raͤchen. Da ich Gelegenheit gehabt habe, mich zu verantworten: So bin ich geneigt, ihm ein Vergehen zu verzeihen, dessen er sich, wie ich aus christlicher Liebe hoffe, mit der Zeit schaͤmen wird. Jch wuͤnsche ihm mehr Gutes, als er von mir Boͤses gesagt hat. Jch will ihm, so viel ich kann, alle Wohlthaten vom Himmel erbitten, et magnum Dei beneficium est, sensu communi valere, sagt Cominaͤus! c 3 Ehe Vorbericht. Ehe ich schließe, muß ich noch eines Fehlers ge- denken, welcher sich bey der Satyre sehr oft aͤußert, und an dem die Verfasser so wohl, als die Leser, Schuld sind. Manche sind nicht im Stande, Satyren, und lebhaft, zu schreiben, wenn sie nicht einen aus dem Volke herausheben, und seine Laster oder laͤcherliche Gewohnheiten der Welt zur Schau stellen. Sie verfolgen und zerarbeiten ihn so lange, bis er der ganzen Welt verhaßt oder laͤcherlich ist. Jch setze voraus, daß sie dieses in der That aus Liebe zur Tugend, und andre vor seinen Fehlern zu warnen, nicht aber aus Feindschaft und Verbitterung, nur um sich zu raͤchen, thun; denn alsdann verdienen sie den Namen eines Satyrenschreibers nicht einmal. Gesetzt aber auch, ihre Absicht waͤre billig; so glau- be ich doch, daß diese verzweifelte Cur nicht eher zu brauchen ist, bis daß Laster gar zu gefaͤhrlich ist, und zur Besserung sonst keine Mittel mehr uͤbrig sind. Derjenige, welchen wir auf diese Art dem Hasse, oder dem Gelaͤchter Preis geben, ist nunmehr ganz außer dem Stande, sich zu bessern; sowohl, als ein Missethaͤter, den man an der Stirne gebrandmarkt hat. Die oͤffentliche Schande muß ihn zur Ver- zweiflung bringen, und er wird oͤffentlich lasterhaft, da er es vorher vielleicht nur heimlich war. Jch glaube Vorbericht. glaube aber auch, daß wir selbst bey dieser persoͤn- lichen Satyre, dieses ist ihr eigentlicher Name, Gefahr laufen, parteyisch zu werden. Aus allgemeiner Menschenliebe fangen wir an, seine Fehler zu tadeln, und aus Eigenliebe fahren wir fort, ihn ohne Barmherzigkeit niederzureißen, so bald er Muth genug hat, sich zur Wehre zu stellen. Jch will diesen Satz mit nichts beweisen, als mit unsern gelehrten Streitigkeiten. Jch glaube, dieser Beweis geht uͤber alle. Außer der Gefahr, in wel, che sich auf diese Art ein Satyrenschreiber begiebt- sich aus seinen Schranken zu verirren, wird er selbst sehr viel dabey verlieren. Jch habe das Herz nicht, einen Verfasser zu fragen, ob er nicht fuͤr die Nachwelt schreibe; wenigstens wuͤrde ich sehr betre- ten seyn, wenn man mich auf mein Gewissen dar- uͤber fragen wollte. Wir wollen es also nur auf- richtig gestehen; wir schreiben auch fuͤr die Nach- welt. Koͤnnen wir wohl hoffen, daß wir durch die persoͤnliche Satyre diesen großen Zweck erlangen? Jch glaube es nicht. Unsre Satyre wird nur denen gefallen, welche den laͤcherlichen Menschen kennen, den wir zuͤchtigen. Wollen wir diesen Thoren mit verewigen? Wird die Nachwelt, die von ihm nichts mehr weis, als was wir von ihm gesagt haben, mit c 4 eben Vorbericht. eben dem Vergnuͤgen unsre Schrift lesen, wie es al- lenfalls die ietzt lebenden thun? Hundert kleine Um- staͤnde, die uns laͤcherlich sind, fallen sodann weg, und werden den Nachkommen gleichguͤltig. Wie viel vermissen wir, eben um deswillen, an den Sa- tyren des Juvenals? Boileau, dessen Witz vielleicht bitterer, als aufrichtig, war, hat einen großen Theil der Unsterblichkeit seinen Scholiasten zu danken. Viele Schriften vom Swift kommen uns abge- schmackt vor, weil wir in Deutschland die Originale nicht kennen, und die Gelegenheit nicht mehr wissen, welche seine persoͤnlichen Satyren veranlaßt haben. Thun wir uns also durch dergleichen persoͤnliche Sa- tyren nicht selbst Schaden? Wie unendlich sind die Vorzuͤge, welche die allgemeine Satyre vor der persoͤnlichen hat! Da- durch, daß ich Laster oder Fehler, welche vielen zu- gleich gemein sind, zum Gegenstande meiner Saty- re waͤhle, vermeide ich bey billigen Lesern den Vor- wurf, daß ich aus Privatleidenschaften, aus persoͤn- lichem Hasse, aus Begierde, mich zu raͤchen, schreibe. Gewinnt ein Autor so viel; erlangt er das Zu- trauen der Leser, daß seine Absichten tugendhaft, bil- lig und uneigennnuͤtzig sind: So hat er schon halb gewonnen. Er kann gewiß hoffen, daß seine Sa- tyren Vorbericht. tyren bessern werden, und da er den Beyfall der ver- nuͤnftigen Welt auf seiner Seite hat, so muß der Lasterhafte sich schaͤmen, ihn anzufeinden. Jch lasse ihm Platz, sich zu bessern, da ich seine Person geschont habe. Noch ist er unerkannt; noch weis niemand, daß er dieser Lasterhafte ist; nur ich weis es, und sein Gewissen. Er hat noch Zeit, tugend- haft zu werden; und die Welt soll es nicht erfah- ren, daß er lasterhaft gewesen ist. Es kann nicht fehlen; eine allgemeine Satyre muß eine allgemei- ne Besserung wirken. Die Thorheit, die in Leipzig laͤcherlich ist, eben diese Thorheit ist in Lissabon und in Moskau laͤcherlich. Die Narren sehen, wie die Menschen, alle einander aͤhnlich, nur einige Zuͤge veraͤndert das Clima. Kann meine Eigenliebe etwas mehr verlangen, als die schmeichelhafte Vorstellung, daß, wenn ich die satyrische Geißel wider die Unge- reimtheiten meines Nachbars aufhebe, sich alle Tho- ren eines ganzen Landes buͤcken, aus Furcht, daß der Streich ihnen gilt? Wird aber dieses geschehen, wenn ich ihnen sage, daß ich meinen Nachbar mey- ne? Eine allgemeine Satyre bleibt der Nachwelt immer neu. Eben die Thoren, die uns laͤcherlich sind, sind auch die Thoren ihrer Zeit. Schildre ich das Laster allgemein, so liest der Enkel den Cha- c 5 rakter Vorbericht. rakter eines Lasterhaften, er vergißt, daß dieser schon vor hundert Jahren gestorben ist, und sucht ihn in seiner Stadt. Jch habe mich vor persoͤnlichen Satyren in mei- nen Schriften, mit allem Fleiße gehuͤtet. Die Cha- raktere meiner Thoren sind allgemein; nicht ein einziger ist darunter, auf welchen nicht zehen Narren zugleich billig Anspruch machen koͤnnen. Zeichne ich das Bild eines Hochmuͤthigen, so nehme ich die unverschaͤmte Stirne von Baven, die stolzen Au- genbraunen von Maͤven, die vornehmdummen Bli- cke vom Gargil, die aufgeblasnen Backen vom Cris- pin, die trotzige Unterkehle vom Kleanth, den auf- geblaͤhten Bauch von Adrasten, den gebieterischen Gang vom Neran; und aus diesen sieben schaffe ich einen hochmuͤthigen Narren, der heißt Suffen. Koͤnnen Bav und Maͤv, koͤnnen die uͤbrigen sa- gen, daß ich sie gezeichnet habe? Suffen wird noch leben, wenn sie alle todt sind, und ein jeder von ih- nen wird wohl thun, wenn er sich denjenigen Feh- ler abgewoͤhnt, welchen er in dieser Copie laͤcherlich findet. Habe ich mir auch eine einzelne Person zum Originale vorgenommen, so bin ich doch sorgfaͤltig bemuͤht gewesen, so lange an ihm zu arbeiten, bis das Vorbericht. das Original durch viele fremde Zuͤge unkenntlich, und zu einem neuen Originale geworden ist. Jch bin diese Vorsicht meiner Pflicht und der allgemeinen Menschenliebe schuldig gewesen. Desto weniger aber koͤnnen es diejenigen neugierigen Leser verantworten, welche so vorwitzig sind, und zu die- sen allgemeinen Charakteren dennoch gewisse Per- sonen aussuchen, welche darunter gemeynt seyn sollen. Es ist dieses ein sehr gewoͤhnlicher Fehler der Men- schen. Darf ich es wohl sagen, woher es ruͤhrt? Wir haben die ungerechten Begriffe von der Sa- tyre, daß sie nicht so wohl auf die Fehler der Men- schen, als auf die Personen, gehen soll. Wir suchen daher Personen, so bald wir eine Satyre in die Haͤnde bekommen. Es ist eine gewisse Bosheit in uns, die uns in einer bestaͤndigen Beschaͤfftigung erhaͤlt, die Fehler andrer auszuspaͤhen. Wir freuen nus, wenn andre laͤcherlich gemacht werden, denn wir sind sehr geneigt, mehr uͤber die Fehler andrer zu lachen, als uͤber ihre Tugend uns zu freuen. Mit- ten unter diesen Entdeckungen sind wir ruhig, daß nicht wir, wir tugendhaften Leute, sondern unser naͤrrischer Nachbar gemeynt ist. Koͤnnten wir wohl so ruhig seyn, wenn wir nicht zu viel thoͤrichte Eigenliebe besaͤßen? Vielleicht glaubt unser Nach- bar, Vorbericht. bar, die Satyre gehe auf uns, und wir lachen wohl zu gleicher Zeit beide uͤbereinander. Verdient nicht unser boshafter Vorwitz die schaͤrfste Satyre? Durch unsre Auslegungen wird dasjenige eine persoͤnliche Beleidigung, was der Verfasser in der billigen Ab- sicht geschrieben hat, keinen zu beleidigen, sondern alle zu bessern. Es ist wahr; fuͤr den Verfasser ist es sehr vortheilhaft, wenn man an zehen Orten zu- gleich den Thoren findet, den er auf seiner Stube geschildert hat! Man gesteht dadurch, daß seine Charaktere sehr allgemein, und die Thorheiten nach dem Leben gezeichnet sind. Aber diese Schmeiche- ley muß ihm so schaͤtzbar nicht seyn, als der Ruhm, daß er nur die Fehler der Menschen verfolgt, die Men- schen aber, als ein vernuͤnftiger Mitbuͤrger liebt. Je- ner Beyfall kuͤtzelt nur seinen Witz, dieser aber macht, daß er ein Recht erhaͤlt, auf sein redliches Herz stolz zu seyn. Da meine satyrischen Schriften das Schicksal gehabt, daß andre den Schluͤssel dazu gesucht, und sie auf so vielerley Art ausgelegt haben: So nahm ich schon vor einigen Jahren Gelegenheit, die Unbillig- keit dieses Verfahrens laͤcherlich zu machen, und mich durch einen meiner Freunde rechtfertigen zu lassen. Der Verfasser eines Wochenblatts, so der Juͤng- ling Vorbericht. ling Siehe den Juͤngling 1. Band. das 17 und 21. Stuͤck. heißt, hat diese Muͤhe auf sich genommen. Jch brauche zu meiner Vertheidigung weiter nichts zu thun, als daß ich es hier wiederhole. Jch bin so gluͤcklich mit meinen Blaͤttern, daß sie Lesern in die Haͤnde kommen, welche eine so durch- dringende Einsicht und Scharfsinnigkeit besitzen, daß sie sogleich die Originale zu den abgebildeten Charakteren wissen. Diese Scharfsinnigkeit macht sowohl denen, welche sie anwenden, als mir, viel Vergnuͤgen. Jch sehe daraus, daß die Welt der- gleichen Charaktere als Aufgaben ansieht, deren Aufloͤsung in ihrer Gewalt ist. Jch habe vor an- dern Schriftstellern meiner Art den Vorzug, daß die Welt keinen Schluͤssel zu meinen Arbeiten ha- ben will. Was die laͤcherlichen Charaktere anbe- langt, die ich abgebildet habe; so ist es mir gleich- guͤltig, ob die Leser die Originale dazu kennen, oder nicht, wenn ich sie nur nicht kenne. Jch den- ke, daß sich allezeit ein Original zu dem Abgeschmack- ten finden wird, den man beschreibt; es fehlt ja in der Welt an solchen Leuten nicht. Man mag sich also immerhin in die Ohren sagen: Ja, ja, das ist das Frauenzimmer; es ist nach dem Leben getroffen; es Vorbericht. es ist, als wenn ich diesen Edelmann oder Buͤrger mit Augen vor mir saͤhe; wenn man Recht hat, so erfreut es mich, daß ich die Natur so gluͤcklich treffe, und ich bedaure den, der das Original zu meiner Copie wird. Was die loͤblichen Charaktere betrifft; so versichre ich aufrichtig, daß ich alle diejenigen meyne, welche die abgebildeten guten Eigenschaften besitzen. Jch bedaure weiter nichts, als daß sich meine Leser zuweilen nicht eher, als andre, nennen. Unterdessen will ich der Welt dieses Vergnuͤgen goͤn- nen, und ihnen daher heute einige Charaktere vorle- gen, von denen ich gewiß bekraͤftigen kann, daß ich sie nicht erdichtet habe. Die abgebildeten Perso- nen sind nach dem Leben gezeichnet. Jch will mich auch mit denen in einen vertrauten Briefwechsel ein- lassen, welche diese Personen kennen, damit sie zu einer ganz unstreitigen Gewißheit in ihren Aufloͤsun- gen gelangen koͤnnen. Fa ** ist schoͤn; das wissen wir alle. Sie ist noch ein unschuldiges Frauenzimmer. Ja, ja! Sie ist reich; das laͤugnet niemand. Allein die gute Fa ** lobt aus großer Begierde, gelobt zu werden, sich selbst allzusehr. Der Schade, den sie davon hat, ist sehr groß. Nunmehr will es niemand mehr glauben, daß sie schoͤn, daß sie reich, daß sie ein un- schuldiges Frauenzimmer ist. Jch Vorbericht. Jch bedaure den armen Dichter: Alle Welt vermeidet seine Gegenwart; wo er hinkoͤmmt, laͤuft man vor ihn. Er kann das nicht begreifen? Jch will es ihm sagen: Er ist gar zu poetisch. Ein gros- ser Fehler! Man flieht ihn, wie die Pest. Es ist auch in der That keinem ehrlichen Manne zuzumu- then, daß er so viel ausstehen soll, als man bey dem Herrn C *** auszustehen hat. Wenn ich stehe, so liest er mir seine Gedichte vor; setze ich mich nieder, so liest er sie mir auch vor. Jch fange an zu lau- fen; er laͤuft nach, und liest mir immer hinten drein; bis auf den Abtritt verfolgt er mich mit seinen geist- reichen Werken. Vielleicht bin ich in der Allee vor ihm sicher? Es hilft nichts; er liest immer vor. Jch eile auf die Reitbahn. Umsonst, er laͤßt mich nicht einmal auf das Pferd. Mich hungert; ich muß zu Tische; er haͤlt mich immer noch auf. Jch reiße mich los, und setze mich nieder; auch vom Tische jagt er mich weg. Jch werfe mich aufs Bette, und schlafe ein. Er weckt mich auf, und liest mir seine Verse vor. Jst wohl etwas unertraͤglichers zu denken? Er ist ein billiger, rechtschaffner und bra- ver Mann; ich gebe es zu; allein es hilft ihm alles nichts. Es scheut sich alle Welt vor seinen Versen. Cliton Vorbericht. Cliton hat in seinem ganzen Leben nicht mehr als zwo Verrichtungen gehabt, zu Mittage und zu Abend zu essen. Es scheint, daß er nur zur Ver- dauung geboren worden sey. Er spricht auch nur von Dingen, die dahin gehoͤren. Er erzaͤhlt, wie viele Gerichte bey dem letzten Schmause aufgetragen, was fuͤr Essen, wie viel Essen, was fuͤr Braten und Beygerichte aufgesetzt worden sind. Er besinnt sich ganz genau darauf, was man fuͤr Gerichte bey dem ersten Aufsatze gebracht hat, und eben so gewiß be- sinnt er sich auf die Fruͤchte, und Assietten. Er nennt alle Weine und gebrannte Wasser her, von denen er getrunken hat. Er versteht die Sprache der Kuͤche vollkommen, und er macht mir Appetit, an einem guten Tische zu speisen, wo er nicht ist. Er ist ein außerordentlicher Mann in seiner Art, der die Kunst, sich gut zu maͤsten, zur groͤßten Voll- kommenheit gebracht hat. Er ist auch der Kenner guter Bissen; es wird kein Mensch wieder geboren werden, der so viel, und so gut ißt. Man darf auch selten dasjenige loben, was ihm misfaͤllt. Er hat sich bis auf seinen letzten Hauch zu Tische tragen las- sen; er gab eben an dem Tage, da er starb, einen Schmaus. Er mag seyn, wo er will, so wird er es- sen, und wenn er in die Welt zuruͤckkehrt, so koͤmmt er zum Essen wieder. Ka ** Vorbericht. Ka ** befindet sich wohl auf, und sieht doch blaß. Er trinkt nicht viel, und sieht doch blaß. Er verdaut gut, und sieht doch blaß. Er hat eine junge artige Haushaͤlterinn, und sieht doch blaß. Wo muß das herkommen? Gorg ** an ist ungemein freygebig gegen ab- gelebte Greise und verschwendet seine Geschenke an alte reiche Witwen. Verlangt Gorg ** an viel- leicht, daß ich glauben soll, er thue solches aus Groß- muth? Der Niedertraͤchtige! Seine Geschenke sind Netze und Fallstricke, die er ihren Erbschaften legt. Will er seine Großmuth bezeigen; will er ohne Ei- gennutz schenken, so beschenke er mich; denn ich bin jung und munter, und sterbe ohne Testament. Unsrer Wuchrer F ** ist ein schlauer Kopf! Er hat eine Frau, die so reizend aussieht, daß ihn niemand zum Hahnreye gemacht haben wuͤrde, wenn er auch Geld dazu gegeben haͤtte. Der Zutritt war allen unverwehrt, und dennoch fand sich kein Mensch, welcher sich selbst so sehr verlaͤugnen koͤnnen, daß er auf diesen Einfall gekommen waͤre. Was hat F ** zu thun? Er wird eifersuͤchtig; er bewacht sie, und laͤßt sie von andern bewachen. Welcher Laͤrm! Es wimmelt unter seinen Fenstern von jungen Stu- tzern, die sich fast zu Kruͤpeln seufzen, und den hal- d ben Vorbericht. ben Wechsel daran wenden, wenn sie nur eine ein- zige Nacht Herr F ** seyn koͤnnen. Herr F ** hat seine Sachen vortrefflich gemacht. Die Madame *** ist vorzeiten verbuhlt und fast ein wenig allzu galant gewesen. Man hat von ihr gesprochen, und dieses hat sie bewogen, sich den allzulaͤrmenden Ergetzlichkeiten der Welt zu ent- ziehen. Sie ist eben noch so empfindlich, aber vor- sichtiger. Sie hat eingesehen, daß Frauenzimmer ihre Ehre nicht so wohl durch ihre Schwachheiten, als durch ihre geringe Maͤßigung in denselben belei- digen, und daß die Entzuͤckungen der Liebhaber im- mer sehr wirklich und angenehm sind, wenn sie gleich verschwiegen werden. Sie ist schoͤn, aber ihre Schoͤnheit ist majestaͤtisch, die sich leicht Ehrerbie- tung zuwege bringen wuͤrde, wenn sie gleich kein ernsthaftes Wesen annaͤhme. Sie kleidet sich nicht verbuhlt, aber doch nicht ohne Schmuck. Wenn sie sagt, daß sie nicht zu gefallen suche, so setzt sie sich allezeit in den Stand, zu ruͤhren, und ersetzt dadurch die Reizungen sorgfaͤltig, die ihr ihre vierzig Jahre genommen haben. Sie hat wenig Reizungen ver- loren, und wenn man die frische Farbe ausnimmt, die mit der ersten Jugend verschwindet, und welche die Frauenzimmer oft noch vor der Zeit verderben, indem Vorbericht. indem sie dieselben blendend zu machen suchen, so darf die Madame *** nichts bedauern, weil sie nichts verloren hat. Sie ist groß und wohlgebildet; sie hat eine angenommene Nachlaͤßigkeit; ihre Gesichts- bildung und ihre Augen sind gezwungen ernsthaft. Wenn sie aber nicht darauf denkt, Achtung auf sich zu geben; so verrathen die Augen ein lustiges We- sen und Zaͤrtlichkeit. Jhr Verstand ist lebhaft, oh- ne unbesonnen zu seyn, vorsichtig, und ein wenig zur Verstellung geneigt. Ob sie gleich ein sproͤdes An- sehen hat, so ist sie doch angenehm in Gesellschaften. Jhre Grundsaͤtze verlangen nicht, daß ein Frauen- zimmer keine Schwachheiten begehen muͤsse; sie ver- langen nur, daß allein der Geschmack die Schwachhei- ten der Vergebung werth machen soll. Herr G ** hat sich einen ganz neuen Weg zu seinem Gluͤcke gebahnt. Es giebt eine gewisse Art von Leuten, welche gern die Vornehmsten vor an- dern seyn wollen und es nicht sind; diesen haͤngt er an. Er laͤßt sich zwar von ihnen nicht zum Narren ge- brauchen; aber er lacht sie selbst freywillig an, und bewundert ihre großen Geister. Was sie sagen, lobt er; wenn sie es wieder laͤugnen, so lobt er die- ses auch. Verneinen sie etwas, so verneint ers mit. Bejahen sie etwas, so sagt er auch Ja. Kurz, er d 2 hat Vorbericht. hat sich das Gebot auferlegt, allen zu schmeicheln; denn das ist itzt das eintraͤglichste Gewerbe. Er macht aus Narren Unsinnige. Wo er hinkoͤmmt, laͤuft ihm alles entgegen, Koͤche, Weinschenken, Gastwirthe und Zuckerbecker. Sie gruͤssen ihn; sie stellen ihm zu Ehren eine Gasterey an, und wuͤn- schen ihm zu seiner Ankunft Gluͤck. Man sehe, was der Muͤßiggang und fremdes Brod thun kann. Hat Herr G ** nicht einen ganz neuen Weg zu sei- nem Gluͤcke gefunden? Die Mademoiselle *** zieht einen Handschuh ab, uns eine schoͤne Hand zu zeigen, und sie vergißt es nicht, einen ganz kleinen Schuh zu entdecken, der einen kleinen Fuß voraus setzt. Sie lacht uͤber lu- stige oder ernsthafte Dinge, um schoͤne Zaͤhne zu ver- rathen; wenn sie ihr Ohr sehen laͤßt, so bedeutet sol- ches das, daß es schoͤn ist, und wenn sie niemals tanzt, so kommt es daher, daß sie, mit ihrer Gestalt wegen ihrer Dicke unzufrieden zu seyn, Ursache hat. Sie kennt alle ihre Vortheile, einen einzigen ausge- nommen; die Mademoiselle *** redet bestaͤndig und hat keinen Verstand. Was? Der Madaine *** sollte ein einziger Mann genug seyn? Gewiß; nur ein Mann ist fuͤr die Madame *** zu wenig. Man wird sie eher dazu Vorbericht. dazu noͤthigen, daß sie sich an einem Auge begnuͤgen lasse. Der Herr Professor mag sprechen, oder Reden halten, oder schreiben, so will er citiren. Er laͤßt von dem Fuͤrsten der Philosophen sagen, daß der Wein trunken macht, und von dem groͤßten Redner der Roͤmer, daß das Wasser denselben mildere. Wenn er sich in die Moral einlaͤßt, so ists nicht er, sondern der goͤttliche Plato, welcher versichert, daß die Tugend liebenswuͤrdig ist, und das Laster gehaßt zu werden verdient, oder daß aus dem einen so wohl, als aus dem andern, Fertigkeiten entstehen. Die gemeinsten und alltaͤglichsten Gedanken, und so gar diejenigen, die er selbst noch denken kann, will er den Alten, den Lateinern und Griechen schuldig seyn, nicht etwan, um dem, was er gesagt hat, mehr Gewichte zu geben, oder vielleicht mit seiner Wissenschaft sich ein Ansehen zu machen. Nein, er will citiren. Sie bewundern allein die Alten, mein Herr *** und loben nur die verstorbnen Poeten; allein ich bitte Sie, vergeben Sie mirs, mein Herr; Es ist der Muͤhe nicht werth, daß man stirbt, um Jhren Beyfall zu erhalten. Der Herr Doctor liebt die Jnsecten; er sammlet ihrer alle Tage mehr. Jn Europa hat niemand so schoͤne d 3 Schmet- Vorbericht. Schmetterlinge von allerley Gestalten und Farben. Ach! zu was fuͤr einer Zeit besuchen sie ihn itzt? Er ist in einen toͤdtlichen Kummer versenkt; er ist muͤr- risch und finster; seine ganze Familie leidet darunter. Er hat auch einen entsetzlichen Verlust erlitten. Kom- men sie nur naͤher, und sehen sie das an, was er ihnen auf seinem Finger zeigt. Es hat kein Leben mehr, es ist ihm den Augenblick gestorben! Was ist es denn? Es ist eine Raupe. Was das fuͤr ei- ne Raupe war! Alter Narre! Merkst du nicht, warum dich P *** mit Geschenken uͤberhaͤuft? Du bist reich, du gehst auf der Grube! Stirb! Verstehst du kein Deutsch? M an wird sich vielleicht der Charaktere erinnern, die ich in einem meiner Blaͤtter der Welt, als Aufgaben vorgelegt habe, welche sie aufloͤsen sollte. Jch und mein Verleger haben verschiedne Briefe erhal- ten, in welchen die Personen angegeben werden, die ich gemeynt haben soll. Jch muß eilen, und diese Briefe beantworten; sonst bin ich in Gefahr, noch mehrere zu erhalten. Jch haͤtte nicht geglaubt, daß es eine so gefaͤhrliche Sache waͤre, ein Autor zu seyn. Alle Leute, uͤber die gelacht werden kann, halten ei- nen Vorbericht. nen Autor fuͤr ihren Feind, und ich kann bey mei- nem Vergnuͤgen schwoͤren, daß mir nichts lieber, als Ruhe und Friede, ist. Wenn ich glaubte, daß mein eigner Name bekannt seyn koͤnnte, so traute ich mich nicht auf die Gasse und vor die Stadt. So wer- den die guten Absichten belohnt! Jch wollte zum Vergnuͤgen der Welt schreiben, und man giebt mir Schuld, daß ich einige aus der Welt laͤcherlich ma- chen wollte. Jch unschuldiger Juͤngling! Doch ich will aufhoͤren, mich zu beklagen. Hier sind die Brie- fe, aus welchen ich nur die Namen der Personen, die ich abgebildet haben soll, weggelassen habe. Mein Herr, M it ihrer Erlaubniß, daß ich Jhnen die reine Wahrheit sage. Sie sind fuͤr einen jungen Menschen zu boshaft. Jch habe Jhr siebzehentes Blatt mit Erstaunen gelesen. Jm Anfange fand ich die Abbildung eines Poeten aus dem Martiale, der sei- nen Freunden mit seinen Gedichten zur Last wird Occurrit tibi nemo quod libenter, Quod, quocunque venis, fuga est, et ingens Circa te, Ligurine, solitudo: Quod si scire cupis, nimis poeta es. Hoc valde vitium periculosum est. Non tigris catulis citata raptis Non . d 4 Dieses Vorbericht. Dieses brachte mich auf die Gedanken, daß Sie etwa derer, welche immer die Orginale zu Jhren Charakteren finden wollen, spotten wuͤrden, indem Sie aus dem Schriften der Alten laͤcherliche Cha- raktere uͤbersetzten, ohne solches anzuzeigen. Jch ward in dieser guten Meynung bestaͤrkt, als ich ge- gen das Ende Jhres Blattes den Gnatho aus dem Terenze fand Hoc novum est aucupium: Ego hanc primus inveni viam. Est genus hominum, qui esse primos se omnium rerum volunt; Nec sunt. Hos consector; hisce ego non paro me, ut rideant; Sed eis ultro arrideo, et eorum ingenia admiror simul. Quicquid dicunt, laudo; id rursum si negant, laudo id quoque; Negat quis, nego: ait, ajo: postremo imperavi egomet mihi, Omnia assentari. Is questus nunc est multo uberrimus etc. Terentius in Eunuch. Act. II. Sc. I. ; denn ich wußte so wohl die Stelle aus Non et ipsas medio perusto sole, Nec sic scorpius improbus timetur. Nam tantos rogo quis ferat labores? Et stanti legis, et legis sedenti: Currenti legis, et legis cacanti: In thermas fugio, sonas ad aurem: Piscinam peta, non licet natare: Ad coenam propero, tenes euntem: Ad coenam venio, fugas sedentem: Lassus dormio, suscitas jacentem. Vis quantum facias mali videre? Vir justus, probus, innocens timedis. Mart. Libr. V. epigr. 89. Vorbericht. aus dem Martiale, als die Abbildung des Gnatho aus dem Terenze, noch von der Schule her auswen- dig. Aber ich fand mich betrogen, nachdem ich alle Register von meinen Autoren nachgeschlagen, und in keinem die uͤbrigen Charaktere gefunden hatte. Sie haben es also unter diesem Kunstgriffe nur ver- bergen wollen, daß Sie viele große und vornehme Maͤnner laͤcherlich zu machen suchen. Das ist sehr bos- haft! Wenn ich es nur wuͤßte, daß Sie mich unter dem Professor, der immer citirt, verstanden haͤtten, und mich laͤcherlich machen wollen, daß ich eine Profes- sur suche! Jch wollte Jhrer spoͤttische Zunge bald Einhalt thun. Die Universitaͤt sollte mir gewiß Recht schaffen. Doch ich will meinen Unwillen noch aufschieben. So viel sage ich Jhnen, reizen Sie mich nicht. Jch weis wohl mehr, als Sie denken. Leipzig den 29. April. Z. A. M. Das ist der listigste unter meinen Corresponden- ten! Er hat es gleich gemerkt, daß ich aus dem Mar- tiale und Terenze einige Charaktere genommen habe. Er hat Recht, daß die uͤbrigen in keinem Register stehen. Der Himmel weis, was ich mir in seiner Person fuͤr einen gelehrten nnd wichtigen Mann bey d 5 der Vorbericht. der Universitaͤt zum Feinde gemacht habe. Der Professor, den ich meyne, ist ein Franzos Herille soit qu’il parle, qu’il harangue, ou qu’il ecrive, veut citer. Il fait dire au Prince des Philosophes, que le vin enyvre, et a l’Orateur Romain, que l’eau le tempere; s’il se jette dans la morale, ce n’est pas lui, c’est le divin Platon, qui assure, que la vertu est aimable, le vice odieux, ou que l’un \& l’autre se tournent en habitude: les choses les plus commu- nes, les plus triviales, et qu’il est même capable de penser, il veut les devoir aux Anciens, aux Latins, aux Grecs. Ce n’est ni pour donner plus d’autorité, à ce qu’il dit, ni peut-être pour se faire honneur de ce qu’il sçait. Il veut citer. Bruy. p. 440. . Bruy- ere hat ihn in seinen Charakteren abgebildet; daß ich keinen jetzt lebenden Gelehrten meyne, bestaͤtigt nachfolgendes Schreiben. Mein Herr Juͤngling, D a ich fast alle Haͤuser dieser Stadt kenne, so ist es mir nicht schwer geworden, diejenigen ausfuͤndig zu machen, welche Sie in ihrem siebzehen- ten Blatte so wohl gezeichnet haben. Jch wollte Jhnen wohl alle Namen schreiben; aber ich befuͤrch- te, Sie moͤchten meinen Brief drucken lassen. Un- terdessen kann ich doch nicht errathen, wer der Pro- fessor seyn soll, der immer citirt. Jch weis nie- manden. Die hiesigen Gelehrten haben nicht dar- um Vorbericht. um studiert, daß sie citiren wollen. Sie lieben, so viel ich weis, alle die Alten wegen ihrer Wahrhei- ten, die sie vortragen, wegen der Schoͤnheiten ihres Ausdruckes, wegen ihrer Kunst, mit der sie geschrie- ben haben, wegen der Geschichte, die man daraus lernen kann, und wegen andrer solchen Ursache mehr. Jch wuͤßte hier keinen Pedanten. Underdessen kann es seyn, daß Sie mehr Gelehrte kennen, als ich. Melden Sie mir doch den Namen dessen, den Sie abgebildet haben, durch einen kleinen Brief, den ich bey Jhrem Verleger abfodern lassen will. Jch wuͤßte niemanden. Jch bin, Mein Herr Juͤngling, den 2 May, 1747. Jhr fleißiger Leser. A. Herr A. weis niemanden; ich auch nicht. Jn Leipzig haben wir keine Pedanten. Das ist gewiß! Mein Herr Juͤngling, S ie sind ein loser Vogel. Jch habe Jhr siebzehen- tes Blatt mit Vergnuͤgen gelesen. Sie sind ein Schriftsteller fuͤr mich. Da ich mit den hiesi- gen Vorbericht. gen Frauenzimmern sehr vertraut bin, so hatte ich koum von dem Charakter der Fa ** die erste halbe Zei- le gesehen, daß sie schoͤn waͤre, so wußte ich den Au- genblick, daß Sie die Mademoiselle ** meynten. Es ist andem, daß sie sich sehr gern lobt. Jch darf nur anfangen, ihr etwas von der neuen Art zu sa- gen, auf die ich meine Haare frisiren lasse, so redet sie gleich von einer neuen Mode, die sie erfunden ha- ben will. Man kann vor ihrem Eigenlobe nicht zum Worte kommen. Wenns ich ihr einige galante Schmeicheleyen sagen wollen, so ist sie oft so unver- schaͤmt gewesen, und hat zu mir gesagt: Jch haͤtte vollkommen recht, und sagte nur noch zu wenig. Und ma foi ich sagte ihr so viel, daß sie haͤtte sollen roth werden. Habe ich da nicht stumm werden muͤssen? Kurz; sie haben sie nach dem Leben gezeichnet. Die Madame ***, die vorzeiten verbuhlt, und allzu galant gewesen, ist doch die Madame ** in der ** Straße? Habe ich nicht recht? Wahrhaftig Sie sind in Charakteren sehr gluͤcklich. Jch bin, Mein Herr Juͤngling, den 4. May 1747. der Jhrige Jacob Flink. Herr Vorbericht. Herr Flink irrt sich; es kann seyn, daß sich die Mademoiselle ** selbst lobt, weil er zu ihrem Lobe zu ungeschickt ist, und sie seinem unbescheidnen Lobe auf einmal Einhalt thun will. Jch habe aber weder die Mademoiselle ** noch die Madame ** abbilden wollen. Jch kenne sie nicht. Fa ** ist eine Roͤmerinn Bella es, novimus, et puella, verum est, Et dives, quis enim potest negare? Sed dum te nimium, Fabulla, laudas, Nec dives, neque bella, nec puella es. Martial. libr. I. ep. 29. ; die Madame *** aber, die Madame Luͤrsay, eine Franzoͤsinn, deren Geschich- te Herr Crebillon der juͤngere beschrieben hat Coquette jadis, même un peu galante, une avanture d’é- clat, et qui avoit terni sa reputation l’avoit degoutée de plaisirs bruyans du monde. Aussi sensible, mais plus prudente, elle avoit compris enfin, que les femmes se perdent moins par leurs foiblesses, que par le peu de menagement, qu’elles ont pour elles-mêmes; \& que pour être ignorés, les transports d’ un amant n’en sont ni moins réels, ni moins doux. ‒ ‒ Elle étoit belle, mais d’une beauté majestueuse, qui même, sans le serieux, qu’elle affectoit, pouvoit aisement se faire respecter. Mise sans coquetterie, elle ne negligoit pas l’ornement. En disant, qu’elle ne cherchoit pas a plaire, elle se mettoit tou- jours en état de toucher; et reparoit avec soin ce que près de quaranteans, qu’elle avoit, lui avoient enlevé d’agremens: elle en . Allein Vorbericht. Allein in meinem siebzehenten Blatte ist aus Verse- sehen ein Charakter weggelassen worden, in wel- chem ich Herrn Flinken meynte. Weil ich nach seinem Urtheile so gluͤcklich in Charakteren bin, so will ich denselben itzt noch nachholen. Man sagt, daß Herr Flink schoͤn sey; es sa- gen es viele, und niemand sagt es so oft, als er selbst. Aber warum sollte er wohl schoͤn seyn? Warum er schoͤn seyn soll? Sein Lackey frisirt ihm die Haare am besten; er ist immer wohlriechend; er ist so lan- ge auf den Tanzboden gegangen, daß er end- lich glaubt, er tanze am besten; er ist bestaͤndig un- ter Frauenzimmern, weil sich niemand die Muͤhe neh- men en avoit pas même peu perdu; et si l’on en excepte cette frai- cheur, qui disparoit avec la premiere jeunesse, et que souvent les femmes flêtrissent avant le tems, en voulant la rendre plus brillante; Madame Lursay n’avoit rien à regretter. Elle étoit grande \& bien faite; et dans sa nonchalance affectée, peu des femmes avoient autant des graces qu’elle. Sa Physionomie et ses yeux étoient séveres forcément, et lors qu’elle ne songeoit pas à s’ observer, on y voyoit briller l’enjouement et la ten- dresse. Elle avoit l’esprit vif, mais sans etourderie, prudent, même dissimulé. Au reste quoique prûde elle étoit douce dans la societé. Son Systeme n’etoit point, qu’on ne dût pas avoir des foiblesses, mais que le sentiment seul pouvoit les rendre pardonnables. Crebillon dans ses egaremens de l’esprit et du coeur. p. 17. Vorbericht. men und ihm die Thuͤre weisen lassen will; er ist immer sehr vertraulich mit ihnen, und zischelt ihnen bestaͤndig etwas ins Ohr; er schreibt Briefe an sie, die er fuͤr sehr sinnreich und galant haͤlt, weil ihm niemand darauf antwortet; er weis genau, was ein jedes Frauenzimmer fuͤr einen Liebhaber hat; er laͤuft auf alle Gastereyen. Warum sollte Herr Flink nicht schoͤn seyn? Jch will mich nicht laͤnger bey ihm aufhalten, weil ich noch mehr Briefe mit- zutheilen habe. Leipzig, den 4. May 1747. Monsieur, W enn ich viel esse, so esse ich fuͤr mich viel. Er ist ein junger Mensch, was hat er sich um mich zu bekuͤmmern? Wir koͤnnen freylich nicht alle so gelehrt sprechen, als er. Spreche er von seinen Buͤ- chern; ich will von meinen Braten sprechen. Er hat nichts daruͤber zu lachen. Jch muß den ganzen Tag uͤber genug rechnen, eh ich mich zu Tische setzen kann. Er wird in seinem ganzen Leben doch nicht so viel Geld verdienen, als ich in einem Monate ausleihe. Jch bin der Stadt nuͤtzlicher, als er. Jch bekuͤm- mere mich wenig um ihn. Jch bin noch nicht todt, wie er in seinem Blaͤttchen von mir spricht, und ich will Vorbericht. will noch lange leben. Kuͤnftig habe er vor Leuten von meinem Alter mehr Respect. Deswegen habe ich an ihn geschrieben. Jch denke, wenn er mit seiner schmaͤhsuͤchtigen Zunge fortfaͤhrt, daß er noch auf das Carcer gesetzt werden soll. Jch will mich einmal so nennen, wie er mich genannt hat. Cliton. Mich duͤnkt, daß zwischen denen, die viel essen, und zwischen den Clitons, welche Bruͤyere Cliton n’a jamais en toute sa vie, que deux affaires, qui est, de diner le matin et de souper le soir, il ne semble né que pour la digestion; il n’a même, qu’un entretien, il dit les entrèes qui ont été servies au dernier repas, ou il s’est trouvé; il dit, combien il y a eu de potages; il se souvient exactement, de quels plats on a releve le premier service; il n’oublie par le’fruit et les assiettes; il nomme tous les vins, et toutes les liqueurs, dont il a bû; il possede le langage de cuisines autant, qu’il peut s’etendre, et il me fait envie, de manger a une bonne table, où il ne soit point. C’est un personnage illustre dans son genre, et qui a porté le talent, de se bien nourir, jusques où il pouvoit aller. On ne reverra plus un homme, qui mange tant, et qui mange si bien; aussi est ‒ il l’arbitre de bons mor- ceaux, et il n’est gueres permis d’avoir du gout, pour ce qu’il desapprouve. Mais s’il n’est plus, il s’est fait du moins porter à table jusque au dernier soupir: il donnoit à manger le jour, qu’il est mort; quelque part où il soit, il mange; et s’il re- vient au moude, c’est pour manger. Bruyere, p. 397. be- schreibt, noch ein ziemlicher Unterschied sey. Mein Vorbericht. Mein Herr Juͤngling, E s ist wahr, Sie haben der Welt in Jhrem siebzehen- ten Blatte schwere Raͤthsel vorgelegt. Man kennt ja den guten Herrn, der gut verdaut, und doch blaß aussieht, eine junge Haushaͤlterinn hat, und noch immer blaß aussieht, uͤberall. Sie haͤtten ihn eben dadurch nicht unkenntlich zu machen suchen duͤrfen, daß Sie seine Haushaͤlterinn jung und artig nennen. Es ist nunmehr schon eine geraume Zeit, daß er gut derdaut, und doch blaß ausgesehen hat. Konnten Sie nicht zu gleicher Zeit seine Gebieterinn beschreiben? Sie war nicht reizend, und ward Haus- haͤlterinn; sie war schmutzig, und ward Haushaͤl- terinn; er hat nichts, und sie ist doch reich. Wo mag das herkommen? Halle, am 3. May. X. N. S. Jch irre doch nicht, daß Sie vor etlichen Jahren hier in Halle studiert haben? Das weis ich nicht. Die Haushaͤlterinn von der ich geredet habe, soll durchaus jung und artig e seyn; Vorbericht. seyn; ich will es so haben. Martial hat mich zu diesem Charakter veranlaßt Pulere valet Carinus, et tamen pallet. Parce bibit Carinus, et tamen pallet. Bene concoquit Carinus, et tamen pallet. Tingit cutem Carinus, et tamen pallet. Puellam amat Carinus, et tamen pallet. Mart. lib. I. ep. 78. Mein Herr Juͤngling, J ch merke, wer Sie sind; Sie moͤgen Sich ver- bergen, wie Sie wollen. Sie sind mein Lands- mann, und dieses lasse ich mir nicht abstreiten, seit- dem Sie Jhr siebzehentes Blatt geschrieben haben. Wie gluͤcklich haben Sie doch einen gewissen Heuch- ler getroffen, der in unsrer Stadt schon so viele Erb- schaften erschlichen hat! Jch lobe Sie, daß Sie einen Mann dem Spotte Preis geben, den die Thraͤnen so vieler Wittwen und Waisen noch nicht zur Reue und Erkenntniß seiner Ungerechtigkeiten gebracht haben. Der Niedertraͤchtige! Er denkt, daß er fuͤr alle seine Ungerechtigkeiten genugthue, wenn er ei- nige Stiftungen und Gebetbuͤcher macht, und, mit einem großen Laͤrmen, alle Jahre einmal Allmosen aus- Vorbericht. austheilt. Habe ich den Gorg ** an nicht erra- then? Jch bin Mein Herr Juͤngling, Aschersleben, am 5 May, 1747. Jhr aufmerksamer Leser, Michael Gewiß. Folgender Brief betrifft eben diesen Charakter. Mein Herr Juͤngling, F uͤrchten Sie Sich denn vor keinem Processe? Wenn der Herr Licentiat** keine Erbschaft von Jhnen erschleichen kann, so kann er doch eine Ruͤge wider Sie machen. Er wohnt auf der ** Stras- se. Jch habe mich wohl nicht geirrt. Er ist eben der, welcher einen alten reichen Narren, der kein deutsch versteht, mit Geschenken uͤberschuͤttet, damit er sterben soll. Jch moͤchte sehr gern mit Jhnen bekannt seyn, mein Herr Juͤngling. Jch wollte Jhnen auch die kleine kostbare Person mit der gold- nen Uhr nennen, welche nur gern wissen will, ob sie von Jhnen gemeynt worden ist. Jch bin, Mein Herr Juͤngling, Leipzig, am 6 May, 1747. Jhr fleißiger Leser T. e 2 Nun- Vorbericht. Nunmehr koͤnnte ich die Welt wieder rathen las- sen, welchen unter diesen beiden ich gemeynt haben soll. Bald wird keine Stadt in Deutschland seyn, wo meine Blaͤtter gelesen werden, aus der ich nicht gebuͤrtig bin. Es hat schon zu Martials Zeiten Leute genug gegeben, welche Erbschaften zu erschlei- chen gesucht haben Munera quod senibus viduisque ingentia mittis: Vis te munificum, Gargiliane, vocem? Sordidius nihil est, nihil est te spurcius uno: Qui potes insidias dona vocare tuas: Sic avidis fallax indulget piscibus hamus, Callida sic stultas decipit esca feras. Quid sit largiri, quid sit donare, docebo, Si nescis: dona, Gargiliane, mihi. Martial. libr. IV. ep. 56. Munera qui tibi dat locupleti, Gaure, senique: Si sapis et sentis, hic tibi ait, morere. Martial. lib. VIII. ep. 27. . Leipzig, den 29 April. Mein Herr, J ch will Jhnen funfzig Thaler geben, wenn Sie mir den Namen des Verfassers vom Juͤnglinge nennen. Sie koͤnnen nichts dafuͤr, daß in diesem gottlosen Blatte rechtschaffne Leute verleumdet wer- den; Vorbericht. den; das weis ich wohl. Daß ich Ursache habe, auf meine Frau eifersuͤchtig zu werden, und daß es von Stutzern unter meinen Fenstern wimmelt, ist leider der ganzen Stadt bekannt. Aber daß mich ein junger Mensch einen Wuchrer nennt, das ist ei- ne Jnjurie! Die muß die Obrigkeit bestrafen! Funf- zig Thaler wende ich daran, damit sie sehen sollen, daß ich kein Wuchrer bin. Jch bin G * * Herr G ** muß mehr bieten, wenn der Verle- ger seinen Schriftsteller verrathen soll. Der Juͤng- ling laͤßt sich um einen so geringen Preis nicht nen- nen. Jch koͤnnte zwar sagen, daß ich den Charak- ter des G ** aus dem Martiale Nullus in urbe fuit tota, qui tangere vellet Uxorem gratis, Caeciliane, tuam, Dum licuit; sed nunc, positis custodibus, ingens Turba fututorum est. Ingeniosus homo es. Martial. libr. I. epigr. 74. genommen. Al- lein ich will noch einige Zeit mit der Erklaͤrung ver- ziehen, ob er es ist. Denn er versteht ohne Zwei- fel kein Latein, und kann also nicht wissen, ob ich nicht einige neue Zuͤge hinzugesetzt habe. e 3 Mein Vorbericht. Mein Herr Juͤngling, W enn Sie nur nicht so viel von einem Frauen- zimmer mit blauen Augen, und von einem mit schwarzen Augen redeten; so wuͤrden Sie ein huͤb- scher frommer Mensch seyn, der es nicht so sehr mit der itzigen argen und verderbten Welt hielte. Dieses habe ich daraus gesehen, daß Sie der eiteln Made- moiselle **, die sich auf ihre schoͤnen Haͤnde und Fuͤße so schrecklich viel einbildet, und der Madame **, die mehr als einen Mann braucht, den Text so wohl gelesen haben. Jch habe recht meine Freude dar- uͤber. Jch sehe alle Tage mit inniger Betruͤbniß meines Herzens zu, wie viel junge Menschen bey ih- nen aus und eingehen. Jch weis nicht, wie der Himmel so lange zusehen kann. Er ist sehr lang- muͤthig. Ach wie schlimm wird es noch werden! Jch bin, Mein Herr Juͤngling, Am 5 May. Jhre andaͤchtige Leserinn, Flavia. N. S. Jtzt gehen schon wieder zween Edelleute hin. Was wird noch aus der Welt werden? Flavia Vorbericht. Flavia koͤnnte freylich am besten wissen, wen ich meynte, weil sie alt ist, und Neuigkeiten liebt, wenn ich nicht den Charakter der Mademoiselle ** aus dem Bruyere Argyre tire sont gant, pour montrer une belle main, et elle ne neglige pas, de decouvrir un petit soulier, qui suppose, qu’elle a le pied petit; elle rit de choses plaisantes ou serieuses, pour faire voir de belles dents; fi elle montre son oreille, c’est qu’elle l’a bien faite, et si elle ne danse jamais, c’est qu’elle est peu contente de sa taille, qu’elle a épaisse; elle entend tous ses interets à l’exception d’un seul, elle parle toujours, et n’a point d’esprit. Bruyere, p. 138. und eine Abbildung der Ma- dame** aus dem Juvenale Unus Iberinae vix sufficit: ocyus illud Extorquebis, ut haec oculo contenta sit uno. Juvenal. Satyr. VI. v. 53. genommen haͤtte. Mein Herr Juͤngling, S ie haben einen Mann beschrieben, der allein die verstorbnen Poeten lobt. Wollen Sie Sich in einen bekannten Streit wagen? Am 5. May. Elias Eilig. e 4 Jch Vorbericht. Jch bin zu friedfertig, als daß ich Lust haͤtte, mich irgend in einen Streit einzulassen. Derjenige, den ich meyne, heißt Vacerra, und Martial hat ihn vor mir gemeynt Miraris veteres, Vacerra, solos, Nec laudas nisi mortuos Poëtas. Ignoscas petimus, Vacerra; tanti Non est, vt placeam tibi, perire. Martial. libr. VIII. epigr. 69. . Mein Herr, W eil Sie keine Raupen sammlen, sollen solches darum andre Leute nicht thun? Der Herr Doctor, der die Jnsecten so sehr liebt, ist mein Freund; ich suche die Raupen mit ihm, und wenn er seine Familie itzt ein wenig leiden laͤßt, so wird es ihr kuͤnf- tig desto besser gehen, wenn er sein Raupencapinet verkauft haben wird. Am 8. May. 1747. Thomas Raupe. Ob ich gleich den Charakter dieses Doctors aus dem Bruyere Il aime les insectes, il en fait tous les jours de nouvelles emplettes; c’est surtout le premier homme de l’Europe pour les papillons; il en a de toutes les tailles et de toutes les cou- leurs. Quel tems prenes-vous pour lui rendre visite? Il est plongé genommen habe, so will ich doch den Freund des Herrn Thomas Raupe so lange mey- Vorbericht. meynen, bis er sein Raupencabinet verkauft hat, und bis es seiner Familie besser, als itzt, geht. Man wird aus den Stellen der angefuͤhrten Scribenten sehen, wie sehr sich diejenigen geirrt haben, welche die Originale zu meinen Charakteren errathen wollen. Jch habe einige gewoͤhnliche Cha- raktere in mein siebzehentes Blatt eingeruͤckt, und doch haben sich einige gefunden, welche besondre Personen angegeben, die ich in Gedanken gehabt ha- ben soll. Ein Schriftsteller verspottet die Laͤcherli- chen, ohne darauf zu denken, ob diese oder jene un- ter die Laͤcherlichen gehoͤren. Jch will mich uͤber eine so bekannte Wahrheit nicht mit Anmerkungen ausbreiten, und nur so viel sagen, daß ich kuͤnftig allezeit denjenigen gemeynt haben will, der so dreist ist, daß er Originale zu meinen Charakteren angiebt. Was meine Leser denken wollen, das lasse ich ihnen frey; ich verlange nur, daß sie ihre Auslegungen nicht auf meine Rechnung bringen sollen. Wie plongé dans une amere douleur, il a l’humeur noire, chagrine, et dont toute sa famille souffre; aussi a-t-il fait une perte irreparable; approchez, regardez ce qu’il vous montre sur son doigt, qui n’a plus de vie, et qui vient d’ expirer, c’est une chenille, et quelle chenille! Bruyere, p. 283. Vorbericht. W ie sehr werde ich nunmehr meinen kuͤnftigen Le- sern ihre Muͤhe erleichtern! Sie koͤnnen es sicher glauben, ich meyne niemanden, als diejenigen, welche wissen, wen ich gemeynt habe. Leipzig, an der Ostermesse 1751. Gottlieb Wilhelm Rabener. Samm- Sammlung satyrischer Schriften. Erster Theil. DE EPISTOLIS GRATVLATORIIS ΕΞΩΤΙΚΟΘΑϒΜΑΤΟϒΡΓΗ- ΜΑΤΟΤΑΜΕΙΟΙΣ. Oder deutlicher zu reden: Von der Vortrefflichkeit der Gluͤckwuͤnschungsschreiben nach dem neusten Geschmacke. Wodurch Herrn N. N. als Derselbe die hohe Schule ruͤhmlichst verließ, seine Ergebenheit bezeugen wollte Dessen aufrichtigster Freund und Diener, Martin Scribler, der Juͤngere. VIRGILIVS. ‒ ‒ ‒ procumbit humi bos. Es ist ein erbaulicher Gebrauch, daß man zum Anfange eines ieden Buchs aus einem alten Schriftsteller einige Worte setzet. Wenn in dem ganzen Buche nichts gutes ist, so sind wenigstens die Worte des alten Schriftstel- lers gut; ich habe es also auch nicht unterlassen wol- len. Jch habe mir wenigstens angelegen seyn las- sen, eine solche Stelle ausfuͤndig zu machen, welche mit meinem gegenwaͤrtigen Vorsatze gar kein Verhaͤltniß hat. Denn dieses ist nach dem neuesten Geschmacke. Mein Freund! Du hast mir vielmals deutliche Pro- ben von deiner aufrichtigen Freundschaft gegeben, und hast mich dadurch dir sehr verbunden gemacht. Jch gestehe es anitzt oͤffentlich. Jch bekenne aber auch zugleich vor der ganzen Welt, daß meine Verbindlichkeit gegen Dich niemals so groß gewesen ist, als itzt, da Du diesen Ort verlaͤs- sest. Dein Abschied wuͤrde mir zwar schmerzlich fal- len: Allein, das Vergnuͤgen, Dich mit einem ge- druckten Bogen zu begleiten; die Zufriedenheit, mei- nen Namen auf dem Titelblatte zu sehen; das Ver- langen, der gelehrten Welt, wo nicht zu dienen, doch bekannt zu werden; kurz, ein mir und meinen Landsleuten so natuͤrlicher, als ruͤhmlicher, Eifer zu schreiben; dieses sind die Ursachen, warum ich dei- nen Abschied so gelassen ansehen kann. A 2 Nur Von der Vortrefflichkeit Nur etwas bedaure ich. Dein Abschied koͤmmt mir zu unvermuthet Dieses ist die erste Spur in gegenwaͤrtiger Abhandlung, welche von der Staͤrke zeuget, die ich in Verferti- gung eines Gluͤckwuͤnschungsschreiben, nach der neusten Mode, besitze. Dein Abschied ist mir gar nicht unvermu- thet gekommen. Jch habe ihn vor vielen Wochen gewußt. Schon seit dem Tode des Kaisers bin ich mit dieser Schrift fertig gewesen. Jch habe mit innigstem Schmerzen auf eine Gelegenheit gewartet, sie unter die Presse zu bringen. Es wuͤrde aber ein wesentliches Stuͤck weggefallen seyn, wenn ich nicht so bestuͤrzt und eilfertig gethan haͤtte. Meine werthesten Mitbruͤder, die wuͤnschende Gesellschaft, sieht die Schoͤnheit davon vortrefflich ein. Und es wuͤr- de sehr altvaͤterisch geklungen haben, wenn ich gesagt haͤtte, daß dieses Werkchen mit gruͤndlichem Vorbedachte, und reifer Ueberlegung geschrieben sey. . Nur vor wenig Tagen habe ich diesen Deinen Entschluß erfahren. Jch bin also nicht im Stande gewesen, auf gegenwaͤr- tige Arbeit den gehoͤrigen Fleiß zu wenden. Sie ist eine unreife Frucht Dieses Urtheil faͤlle ich von mir, aus einer gelehrten und allen Autoren gewoͤhnlichen Schamhaftigkeit; will es aber bey dem geneigten Leser moͤglichst verbitten. Es widerleget sich auch aus obigem von selbst, und ist nur eine Figur. weniger Stunden, und die haͤufig darinnen vorkommenden Fehler wird nichts, als Dein Wohlwollen, und meine beynahe ganz unglaubliche Eilfertigkeit entschuldigen muͤssen. Von der wenigen Muße Jch beziehe mich hier auf obige Anmerkungen. Wenn ich spraͤche, daß ich nichts zu thun haͤtte, auch allem Anse- hen nach so bald nicht mit einem Amte oder uͤberhaͤufter Arbeit beschweret werden duͤrfte, so redete ich zwar die Wahrheit; aber ich sagte etwas, quod indignum esset no- stris temporibus, indignum autore, indignum gratulante, \& fausta quaeuis appreeante. die ich habe, und der uͤber- der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. uͤberhaͤuften Arbeit, wodurch ich auf eine verdrieß- liche Art gebunden bin, mag ich nicht einmal et- was erwaͤhnen. Alle diese Hindernisse uͤbersteige ich auf eine mu- thige Art. Jch liefre dir diese Arbeit, und widme dir eine, wo nicht ganz neue Wir leben anitzt, dem Himmel sey Dank, in denen Zeiten, wo alles, was Athem hat, neue Wahrheiten erfin- det. Neue Wahrheiten bey dem Richterstuhle, neue Wahr- heiten bey dem Krankenbette, ja so gar neue Wahrheiten auf der Kanzel, und ich waͤre nicht werth, in diesem Jahr- hunderte gebohren zu seyn, wenn ich nicht im Stande waͤre, binnen weniger Frist eine ganze Kette neuer Wahr- heiten zu entdecken. und von mir zuerst erfundne, doch noch nicht sattsam erkannte Wahr- heit. Der Nutzen unsrer gelehrten Gluͤck- wuͤnschungsschreiben ist zu wichtig, als daß ich denselben mit Stillschweigen uͤbergehen sollte. Jch will denselben angenehm, deutlich, gruͤndlich und so beschreiben, daß mir hoffentlich niemand seinen Beyfall versagen, sondern vielmehr zugestehen wird; gegenwaͤrtige Schrift sey nach dem neusten Ge- schmacke, und als ein Urbild aller gelehrten und zu unsrer Zeit im Schwange gehenden Gluͤckwuͤn- schungsschreiben anzusehen. Besonders werde ich mich der Kuͤrze befleißigen Dieses ist eine edle Tugend, welche mir und meinen Col- legen, ohne Ruhm zu melden, nebst der Ordnung im Vor- trage, und der Buͤndigkeit im Denken, ganz eigen ist. Sed bono vino hedera non opus est. . A 4 §. 1. Von der Vortrefflichkeit §. 1. Jm Paradiese Jch bin, wie es uͤberhaupt gebraͤuchlich ist, allemal ge- wohnt, die Schoͤnheiten meiner Schriften zuerst anzumer- ken, damit es dem Leser desto leichter falle, weiter nach- zudenken. Gegenwaͤrtigen Abschnitt halte ich fuͤr ein Meisterstuͤck eines Gluͤckwuͤnschungsschreiben. Jch hatte versprochen, kurz zu schreiben, und fange, aller Kuͤrze un- beschadet, vom Paradiese an. Wie schwer sollte es einem andern fallen, die Woͤrter Paradies, Arche Noah, babylo- nischen Thurm, Sem, Asien, braune Mohren, Lybien, Ja- phet, Norden, bemalte Leute und Columbus, auf eine so natuͤrliche, lebhafte und buͤndige Art mit einander zu ver- knuͤpfen? Dieses kann ich, und meine Mitbruͤder. Was die Natur in einer Weite von vielen tausend Meilen faßt, das stellen wir auf einer einzigen Seite vor, und was in sechs tausend Jahren geschehen ist, das wissen wir in wenig Punkte zu schließen. Noch mehr. Wer haͤtte meynen sol- len, daß ich den Ursprung unsrer heutigen Gluͤckwuͤn- schungsschreiben in dem Paradiese zu suchen wuͤßte? Der folgende Abschnitt wird es weisen, daß ich ihn ruͤhmlichst gefunden habe. Lauter neue Wahrheiten! Es sey voritzt genug. Nunmehr weis der Leser, was er sich von mir zu versprechen hat. Und die Folge wird weisen, daß die- ses und alle auf solche Art eingerichtete Schreiben nichts anders sind, als ἐξωτικοϑαυματουργηματοταμ α. lebten unsre ersten Aeltern bey der groͤßten Zufriedenheit. Dieses Gluͤck dauerte nur wenige Zeit. Je haͤufiger sich ihre Nachkommen mehrten, desto heftiger nahm die Unruhe und das Elend der Sterblichen zu. Der kleine Ueberrest der alten, und die einzige Hoffnung der neuen Welt, schwammen in einem Kasten. Die Ruhe und Einigkeit schienen wieder hergestellt zu seyn: Es waͤhrte aber nicht lange. Die Herrschsucht wollte sich einen Thurm bis in die Wolken bauen: Doch eine hoͤhere Vorsicht zerstoͤr- te dieses verwegne Gebaͤude, und verwirrte die Spra- der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. Sprachen. Die Kinder Noah verstunden einan- der nicht mehr. Sie mußten sich trennen. Die stolzen Nachkommen Sems ließen sich in dem fetten Grunde Asiens nieder. Der braune Mohr er- waͤhlte sich die sandigten Gegenden Lybiens. Ob es die Soͤhne Japhets gewesen, welche sich unsre noͤrdliche Gegend zum Sitze ausgelesen, mag ich nicht untersuchen. Und es bemuͤhen sich die Ge- schichtsforscher noch bis itzt vergebens, wie die be- malten Einwohner in jenes Land gekommen sind, welches Columbus nach so spaͤten Jahren wieder bekannt gemacht hat. So sehr wurden diejeni- gen zerstreut, welche allerseits Kinder eines Vaters waren; und so wenig verstehen die Nachkommen einander, deren Aeltern nur eine Sprache geredet haben. §. 2. Das Gute hat seinen Ursprung vielmals einem Uebel zu danken. Aus der Zerruͤttung der Sprachen entstunden Gesellschaften. Diejenigen, welche eine Sprache redeten, verstunden einan- der, und schlugen sich daher zusammen. Die meisten von solchen Gesellschaften hatten zwar keine andre Absicht, als sich zu schuͤtzen, und zu naͤhren: Viele aber giengen hierinnen weiter. Die Sorge fuͤr ihren Leib hinderte sie nicht, an dasjenige zu den- ken, was noch weit edler war. Sie bemuͤhten sich, ihre Seele und deren Kraͤfte zu bessern. Sie richteten Schulen auf. Sie erfanden schoͤne Wis- senschaften, und brachten sie in Aufnahme. Aegy- pten legte den ersten Grundstein zu diesem vortreffli- chem Gebaͤude. Griechenland that es ihm nach, und A 5 uͤber- Von der Vortrefflichkeit uͤbertraf seinen Lehrmeister. Rom entriß Grie- chenland Zepter und Lorbeer, und pflanzte beides auf die fruchtbaren Hoͤhen des Capitoliums. Jn- nerliche Zerruͤttung, und fremde Gewalt verjagten die Musen aus dieser angenehmen Wohnung. Sie zogen sich weiter nach dem rauhen Norden, und wir sind nebst unsern Nachbarn so gluͤcklich gewor- den, ihres Umgangs zu genießen. Leipzig, das ge- lehrte Leipzig, hat sich hierinnen vor allen andern hohen Schulen eines besondern Vorzugs zu ruͤh- men. Tausend vortreffliche Werke sind unver- werfliche Zeugen hiervon. Jch uͤbergehe die mei- sten mit Stillschweigen, und will nur eine Art der- selben anfuͤhren. Wer Es versteht sich von selbst, daß ich hier nur von denen rede, welche ich mir zum Muster vorgesetzt habe, und denen gegenwaͤrtiges zu einem ruͤhmlichen Exempel dienen kann. Es giebt noch eine große Menge andrer Gluͤckwuͤnschungsschreiben, die aber bey ihrer Trocken- heit nur denen gefallen koͤnnen, die an unsrer itzigen und neusten Art zu denken keinen Geschmack haben. thut es uns an Gluͤck- wuͤnschungsschreiben zuvor? Wir haben es hierin- nen aufs Hoͤchste gebracht. Ein jedes derselben ist ein Jnnbegriff seltner Schoͤnheit; ein Kern ausbuͤn- diger Sachen, und ein Muster, welches die Vor- fahren mit stummer Verwunderung verehren wuͤr- den, die spaͤtesten Nachkommen aber, als unverwes- liche Merkmaale unsrer Gluͤckseligkeit ruͤhmen muͤs- sen. Dieses alles schreibt sich aus dem Paradiese her, W. Z. E. W. Finis coronat opus. Diese vier Buchstaben wollen mehr sa- §. 3. der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. §. 3. Jch habe also den ruͤhmlichen Ursprung der Gluͤckwuͤnschungsschreiben auf so eine Art dar- gethan, daß kein vernuͤnftiger Mensch Es ist die loͤbliche Gewohnheit meiner Bruͤder, daß man auf einen jeden Beweis einen Trumpf setzet. Jm Lateini- schen klingt es noch maͤnnlicher: Cui sanum est sinciput \& occiput. Jn meiner ratiocinatione practica, welche kuͤnftige Ostermesse ans Licht treten wird, sind zwey Alpha- bethe, solcher gruͤndlichen Formeln angemerket, welche aber groͤßtentheils aus dem Hollaͤndischen genommen sind. etwas daran auszusetzen haben wird. Nunmehr muß ich auch entwerfen, was ich eigentlich unter den nach der neusten Mode ein- gerichteten Gluͤckwuͤnschungsschreiben verstehe. Naͤmlich, ich verstehe darunter nichts anders, als eine sauber gedruckte Abhandlung, worinnen viele Worte, auf eine ungefaͤhre Art mit allen nur ersinn- lichen Anmerkungen ausgezieret sind, damit die Be- lesenheit des Verfassers in die Augen falle, die ge- lehrte Welt einen troͤstlichen Zuwachs erhalte, und bey dieser Gelegenheit dem Goͤnner oder Freun- de etwas annehmliches vorgesaget werde. Hier- von will ich ausfuͤhrlicher handeln. §. 4. Mit großem Vorbedachte, habe ich oben gesagt, ich wollte, was die Gluͤckwuͤnschungsschrei- ben sagen, als alle hieroglyphische Figuren der aͤgyptischen Priester. Sie zeigen an, daß ich fertig bin, daß ich or- dentlich gedacht habe, daß mein Beweis unumstoͤßlich ist. Man mag schreiben wie man will! Man setze nur zum Schlusse W. Z. E. W. so schreibt man mathematisch. Diese Buchstaben sind nichts anders, als das alte Plaudi- te. Der Verfasser bittet sich dadurch den Beyfall des Le- sers aus, daß er seine philosophische Rolle so vortrefflich gespielet hat. Von der Vortrefflichkeit ben waͤren, entwerfen Jch kann den Unterschied nicht besser ausdruͤcken, als durch die Distinction: Inter definitionem \& descri- ptionem. . Jch bin so pedan- tisch nicht, daß ich eine ordentliche Definition da- von machen wollte Es koͤmmt allerdings auf mein Wollen an. Denn ich weis sehr umstaͤndlich, was zu einer Definition erfodert wird, indem ich mehr als eine Logik eigenthuͤmlich besitze, und daselbst nur nachschlagen duͤrfte. Mehr gehoͤret zu einem rechtschaffnen Gelehrten nicht. . Dieses ist viel zu verdrieß- lich, zugeschweigen, daß es wider die Pflicht eines guten Buͤrgers laͤuft, eine Definition zu geben, in- dem uns die Gesetze selbst davor, als vor etwas ge- faͤhrlichem, warnen L. 202. D. de R. I. Omnis definitio etc. periculosa est etc. . Nur ehedem gieng es an, da man noch eigensinnig war, da man genau wis- sen wollte, wovon eigentlich die Rede waͤre; kurz, da man noch wenig schrieb, und viel dachte. Es ist dieses bis itzt ein beschwerlicher Fehler vieler Ge- lehrten, welche etwas bey Jahren sind. Jch und die Herren Scribenten von meinem Alter haben uns dieser Sklaverey entrissen. Dieses unterhaͤlt unsre Faͤhigkeit, daß wir mehr schreiben koͤnnen, als wir denken. Wir entwerfen; und behalten dadurch die Freyheit, zu sagen, was uns einfaͤllt. Wer mir nicht glauben will, der lese unsre Gluͤckwuͤnschungs- schreiben. §. 5. Jch nenne die Gluͤckwuͤnschungsschrei- ben eine Abhandlung. Es sey aber ferne von mir, daß ich dadurch anzeigen wollte, als muͤsse man der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. man dasjenige, was auf den Titelblatte steht, dar- innen ordentlich ausfuͤhren. Dieses ist schlechter- dings wider den Charakter meiner Gluͤckwuͤn- schungsschreiben. Man muß etwas sagen, dessen sich der Leser nicht versieht. Das Unerwartete ruͤhrt am meisten. Zum Exempel: Man thut, als wolle man von den Regeln der Geselligkeit han- deln, und erzaͤhlt die Geschichte des Aeneas und Turnus. Man verspricht, die Mittel zu zeigen, wodurch man gluͤcklich werden kann, und beschreibt dafuͤr das Wesen des Schwefels und Salzes. Man stellet sich, als wolle man die Vorzuͤge der heutigen Poesie anfuͤhren, und ruͤhmt die Fabeln des Crispinus Meine Leser werden es bestens entschuldigen, daß bey diesem Abschnitte keine Note ist. Es ist ein Versehen, wel- ches mir, besonders bey gegenwaͤrtiger Abhandlung, bey- nahe nicht zu verzeihen waͤre, wenn ich mich nicht hier- durch anheischig machte, es in folgenden Abschnitten wieder einzubringen. . §. 6. Diese Abhandlungen muͤssen sauber ge- druckt seyn. Dieses wird hauptsaͤchlich erfodert; darum habe ich es auch zuerst angemerket. Es nimmt den Leser unvermerkt ein, und indem er den schoͤnen Druck bewundert, so uͤbersieht er manchen Fehler. Zum Titel, bey welchem man sich der laͤngsten Der Titel, welchen ich dieser Schrift vorgesetzt habe, kann diesen Satz am besten beweisen. Jch hatte eine rechte Freude, als er fertig war, und mancher Dichter empfindet bey denen Versen, die er zur Welt gebracht, die kuͤ- und fuͤrchterlichsten Woͤrter zu bedie- nen Von der Vortrefflichkeit nen hat, nimmt man die ansehnlichsten Lettern. Soll er recht zierlich seyn, so muß er aussehen, wie die Grabschrift eines reichen Muͤßiggaͤngers, in wel- che der vergnuͤgte Erbe weit mehr setzen lassen, als der Verstorbne in seinem ganzen Leben zu thun faͤ- hig gewesen ist. Daß der Anfangsbuchstabe Videatur mein D. beym Anfange dieser Schrift! in einem zierlich geschnittnen Stocke stehen muß, versteht sich von selbst. Und jedermann wird zu Steuer Bey dem Worte Steuer faͤllt mir eine rare Muͤnze bey, welche ich auf den Titel stechen lassen. Ein andrer, der meine Faͤhigkeit im Denken nicht besitzt, wuͤrde nimmer- mehr darauf gekommen seyn. Weil ich dieses Werk selbst verlegen werde, so habe ich die Kosten nicht gescheut, dieses Kupfer verfertigen zu lassen. Es ist die allerneu- ste Mode. Es machet ein Buch beliebt. Und was das schoͤnste ist, so wird gar nicht erfodert, daß sich die Muͤnze zur Abhandlung schicke, oder etwas davon in derfelben gedacht werde. Wer haͤtte in meiner Lobschrift auf die Gluͤckwuͤnschungsschreiben, eine Steuermuͤnze suchen sol- len? Bloß dem Worte Steuer hat der Leser das schoͤ- ne Bildchen zu danken. der Wahrheit bekennen muͤssen, daß eine schlechte Abhandlung weit ertraͤglicher sey, als ein schlechter Anfangsbuchstabe. §. 7. Die Abhandlung muß aus zusammen ver- knuͤpften Worten bestehen. Worte sind also das Hauptstuͤcke unserer Gluͤckwuͤnschungsschreiben. Wenn man diese hat, so hat man alles. Es giebt noch viele unter unsern Gelehrten, deren Namen ich kuͤtzelnde Zufriedenheit lange nicht, welche ich bey mir ver- spuͤrt, als ich den ersten Bogen aus der Druckerey bekam. der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. ich aber aus Mitleiden verschweige, welche in dem irrigen Wahne stehen, man muͤsse zufoͤrderst wissen, was man schreiben wolle, und alsdann erst um die Worte und Ausdruͤckungen bekuͤmmert seyn. Ver- kehrte Meynung! Worte muß man zufoͤrderst ha- ben. Diese muß man mit einander verknuͤpfen; und alsdann sieht man, was man geschrieben hat. Es ist hier eben, wie mit der Poesie. Wenn ich den Reim Jch werde hiervon in meinem Poeta in nuce, oder in meiner Sammlung 10000 auserlesner Reime, vermittelst welcher man, besonders bey Magisterpromotionen, auf die leichteste poetische Art, satyrische und ernsthafte Gedichte binnen kurzer Zeit zu Papiere bringen kann, ausfuͤhrlich handeln. habe, so habe ich auch den Gedan- ken, welcher in den Vers soll; und wenn der Reim fehlt, so ist mir der schoͤnste Gedanke nichts nuͤtze. Je fremder die Worte sind, und ie weniger sie, außer der Verknuͤpfung, Aehnlichkeit mit einander haben, desto schoͤner wird die Schrift. Es wuͤrde sehr gemein lassen, wenn man nichts setzen wollte, als was durch eine natuͤrliche Folge aus einander floͤsse. Jch will ein Gleichniß Es wollte mir hier schwer fallen, einen ordentlichen Beweis zu machen. Jch bediene mich also mit großem Nutzen der Freyheit, welcher sich meine werthesten Mit- bruͤder vorlaͤngst angemaaßt haben. Daß sie naͤmlich mit Gleichnissen reden, wenn ihnen die trocknen Schluͤsse zu muͤhsam sind. geben. Du kennst, mein Freund, jenes Frauenzimmer, welches ihre ganze Nachbarschaft in Verwunderung bringt. Jhre Spitzen nimmt sie aus Holland. Die Ohr- ge- Von der Vortrefflichkeit gehenke aus Jndostan. Peru muß dasjenige lie- fern, was zum Halsschmucke noͤthig ist. Die Klei- dung ist ein Werk der Persianer. Jhr Fischbein- rock hat seinen Ursprung dem Nordpole zu danken, und sie wuͤrde tausend noͤthige Dinge entbehren muͤssen, wenn nicht die Sorgfalt der Kaufleute sol- che von dem Suͤderpole herzuschaffen wuͤßte. Von ihrem Vaterlande hat sie nichts, als den Koͤrper. Gleichwohl mußt du zugestehen, daß alle diese frem- den Sachen auf eine geschickte Art zusammen ver- knuͤpft sind; und jedermann die wohl ausgesonne- ne Pracht mit Hochachtung bewundert. Gleiche Beschaffenheit hat es mit unsern Gluͤckwuͤnschungs- schreiben. Sie kommen mir nicht anders vor, als ein praͤchtig ausgeputztes Frauenzimmer. Asien, Aegypten, Griechenland, Rom, Frankreich, Lon- don, Himmel und Hoͤlle haben ihren Antheil dar- an; alles muß etwas dazu hergeben. Dieses weis der Verfasser auf eine sinnreiche Art zu verknuͤpfen, daraus verfertigt er seine praͤchtige Schrift. §. 8. Diese Worte Die Regeln, welche ich in diesem Abschnitte gebe, wer- den sich durch ein Exempel am besten erlaͤutern lassen. Es war am 2 Jenner 1740, als ich in die wuͤnschende Ge- sellschaft trat. Jch mußte eine Antrittsrede halten, um meine Faͤhigkeit zu zeigen. Der Vorsitzende redete mich zuerst an. Er sagte mir die Regeln und Gesetze seiner Gesellschaft. Jch versprach, ihnen nachzuleben. Hier- auf gab er mir den Freymaͤurer, welcher das Jahr vor- her muͤssen auf eine un- gefaͤhre Art mit einander verknuͤpft seyn. Was die- der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. dieses sagen wolle, das ist in dem vorhergehenden Abschnitte groͤßtentheils ausgefuͤhrt. An diesem Or- will ich nur einige praktische Regeln geben, welche man bey allen dergleichen Ausarbeitungen mit be- sonderm Nutzen wird anwenden koͤnnen. Jch habe die Ehre, ein unwuͤrdiges Mitglied von derjenigen Gesellschaft zu seyn, welche seit geraumer Zeit auf dieser hohen Schule bluͤht, und sich die wuͤnschen- de Gesellschaft nennt. Sie besteht aus zwoͤlf Per- sonen, und einem Vorsitzer. Wir kommen alle Wo- chen einmal zusammen. Ein jeder von uns muß vier Gedanken mitbringen. Diese bestehen entwe- der, her geschrieben war, in die Hand, wies mir die uͤber jedem woͤchentlichen Blatte stehende Ueberschrift, und sagte, daß ich nach dieser Ordnung alsobald meine Antrittsrede hal- ten sollte. Jch fragte ihn, was fuͤr einen Satz ich aus- fuͤhren sollte. Er besann sich ein wenig, und sagte mir, ich soll- te handeln: Von der wahren Beschaffenheit eines vernuͤnf- tigen Buͤrgers. Hierauf hielt ich sogleich eine bewunderns- wuͤrdige Rede. Als ich mit solcher fertig war, gab ich den Freymaͤurer dem Vorsitzenden zuruͤck, welcher eine Gegenrede an mich hielt, und darinnen, nach Anleitung und Ordnung eben dieser Ueberschriften, von der damaligen ungemeinen Kaͤlte handelte. Er wendete dieses sehr natuͤrlich auf unsre Gesellschaft, und besonders auf mich an, ruͤhmte dabey wie leicht zu vermuthen ist, meine Rede ungemein, und hielt es mir, als einem Anfaͤnger, zu gute, daß ich mich in der ersten Haͤlfte derselben zu sehr an den aufgegebenen Satz gebun- den hatte: versicherte mich zugleich, daß die andre Haͤlf- te unverbesserlich, und nach ihrem neuesten Geschmacke sey Man wird die Wahrheit dieses Urtheils selbst er- kennen, wenn man sich das Vergnuͤgen machen will, sie zu lesen, zu dem Ende habe ich sie dieser Abhandlung bey- drucken lassen. Erster Theil. B Von der Vortrefflichkeit der, aus einem weisen Spruche eines Gelehrten, oder aus einer Ueberschrift, oder aus einem Stuͤcke des Alterthums und der Historie, oder aus einer kritischen Anmerkung. Sie duͤrfen nicht mit Fleiß ausgesucht, sondern muͤssen von ungefaͤhr gefunden, mithin von einander ganz unterschieden seyn. Ein jeder Gedanke wird auf einen besondern Zettel ge- schrieben. Auf solche Weise bringen wir auf 52 Zet- teln, 52 buͤndige Gedanken zusammen. Diese wirft der Vorsitzende in seinen Huth, ruͤhret sie wohl un- ter einander, und legt sie alsdann in einer Reihe auf den Tisch. Der, welchen die Ordnung zu re- den trifft, steht alsdann auf. Der Vorsitzende sagt ihm einen Satz, welcher ihm zuerst beyfaͤllt. Dieser muß sogleich abgehandelt werden, und in den 52 Zetteln findet er eine unerschoͤpfliche Quelle desjenigen, wodurch er, aus dem Stegreife, eine maͤnnliche, buͤndige, gelehrte, sinnreiche und lebhafte Rede, ohne Anstoß, vorbringen kann. Es ist dieses nichts unmoͤgliches. Ein jeder Gedanke fuͤhrt uns auf den andern. Ein zufaͤlliges Wort ist hier- zu genug. Will sich auch dieses nicht finden, so suchet man ein Gleichniß, oder ein Exempel. Das bewaͤhrteste Mittel ist die Erfindung, welche die Redner a contrario nennen. Sind aber die aufge- gebnen Gedanken gar zu hartnaͤckigt, und wollen sie sich auf keine Weise verbinden lassen, so sagen wir dieselben in ihrer unzertrennten Ordnung her, und schließen mit einem verwundrungsvollen: Jedoch, wo gerathe ich hin! Dieses heißt auf eine unge- faͤhre Art verknuͤpfen. §. 9. der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. §. 9. Wenn ich meine Worte auf eine unge- faͤhre Art verknuͤpfe, so muß ich sie auch mit allen nur ersinnlichen Anmerkungen auszieren, da- mit die Belesenheit des Verfassers in die Augen falle, und die gelehrte Welt einen troͤstlichen Zuwachs erhalte. Wie noͤthig, wie ruͤhmlich dieses sey, das werde ich in dem folgenden weisen. Fx Es wird dem gemeinen Wesen sehr zutraͤglich seyn, wenn ich hier anmerke, daß Virgilius das Woͤrtchen Ex besonders hundert und siebenzehnmal mit Nachdrucke anfuͤhret. Ecl. 3. Puero syluestri EX arbore lecta Aurea mala decem misi. Ecl. 6. Iniiciunt ipsis EX vincula sertis. Ecl. 7. EX illo Co- rydon. Ecl. 10. EX vobis vnus, Georg. L. 1. Collectae EX alto nubes. Ibid. Reuolant EX aequore mergi. Ib. nec minus EX imbri soles. Ib. L. 2. Inseritur vero EX foetu nucis etc. Ib. non vllo EX aequore cernes. Ib. EX se ipsa remittit. Ib. EX arbore Plantas. Ib. Oscilla EX alta suspendunt. Ibid. L. 3. Pugnam EX auro. Ib. EX hoste trophaea. Ib. aliam EX alia generando. Wegen der uͤbrigen Stellen beliebe der geneigte Leser den uͤber Virgilii Opera verfertigten Indicem Nicolai Erythraei aufzuschlagen, welchen ich hier mascula imitatione ausge- schrieben habe. vngue a Graeco ὄνυχες, Terent. in Eun. act. IV. Sc. 3. v. 6. Vnguibus in os alicui inuolare. Tibull. Libr. 1. el. 8. v. 12. Vnguinum praesegmina. Tertull. de Poenit. cap. 10. Repastinare vngues. Ouid. I. de arte amandi: Et nihil emineat \& sint sine sordibus vngues. Horat. I. epist. VII. v. 51. Cultello proprio purgantem leniter vngues. Videatur omnino Fabri Thesaurus, sub voce Vnguis. leonem Jch zweifle gar nicht, daß man nicht bey dem Worte Leo schoͤne Anmerkungen, aus den Alterthuͤmern, Geschichten, Muͤnzen, sinnreichen Spruͤchen gelehrter Maͤnner, der Naturkunde, Sternkunst, und andern Wissenschaften ma- chen . Jch gestehe zwar gar gern zu, daß es B 2 eine Von der Vortrefflichkeit eine etwas muͤhsame Arbeit ist: Jch weis Hesiod. Op. et Dies, v. 178. ss. Μ κέτ ἔπειτ ᾤϕειλου, ἐγὼ πέμπτοισι μετει῀ναι Ἀνδράσιν, ἀλλ ἤ πρ ϑε ϑανει῀ν, ἤ ἔπειτα γενέ αι. Νῦν γὰρ δὴ γένος ἐςὶ σιδήρεον, οὐδέ ποτ᾽ ἦμαρ Παύσομαι καμάτου κα ὀρζίως, οὐδέ τι νόκτωρ, Φϑειρόμενοι. Χαλει ας δὲ ϑευῖ δὼσουσι μερίμνας. aber auch, daß wir uns vielmals in andern Sachen keine Muͤhe verdrießen lassen, welche von solcher Wich- tigkeit lange nicht sind, als ein dergleichen loͤbliches Vorhaben. Diese Anmerkungen muͤssen aus vieler- ley Sprachen bestehen. Hierbey darf man schlech- terdings nicht sparsam seyn. Man schreibt fuͤr Ge- lehrte, und also muß man sie auf eine gelehrte Art unterhalten. Dieses Jch muß mich wundern, daß es Leute giebt, welche von einem Gelehrten mehr fodern wollen, als Sprachen. Es ist mir zu verdrießlich, mich in diesen Streit einzulassen. Jch will meine Gegner nur auf den R. Moses Ben-Mai- mon weisen, welcher sie zur Gnuͤge beschaͤmt, wenn er in Hal. Sanhedr. c. 2. v. 7. folgendermaßen redet: heißt aber gelehrt, wenn man viele Sprachen kann. Es ist eine leichte Sache, die Gottesgelahrtheit zu fassen, die innlaͤndischen, und auswaͤrtigen Rechte zu lernen, die Arzneykunst zu begreifen, und ein Meister der Weltweisheit zu wer- den chen koͤnnte. Es war auch dieses anfaͤnglich mein loͤbli- cher Vorsatz, und es wuͤrde diesem Abschnitte eine sonder- bare Zierde gegeben haben. Weil ich aber in allen Re- gistern, die ich besitze, davon nichts rechtes finden koͤnnen, so bin ich hinlaͤnglich entschuldigt. Denn es ist bekannt, daß wir Gelehrte nichts weiter wissen, als was in den Re- gistern steht. der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. den. Dazu gehoͤret nicht mehr, als hoͤchstens eine Zeit von drey Jahren, so ist man darinnen vollkom- men. Aber Sprachen zu lernen; dieses ist dasjeni- ge, womit wir in der zartesten Jugend anfangen, vom Morgen Dieses druͤckt der Ebraͤer also aus: Wenn ich nun die Beschreibung der uͤbrigen Morgenlaͤn- der, als des Chaldaͤers, und des Syrers, und des Arabers, dagegen halte: So muß ich dem gelehrten Flacius in Cla- ui Scripturae P. II. Tr. VII. p. m. 758. D. Wagenseil iu Synopsi Hist. Vniuers. P. I. p. m. 264. seq. beypflich- ten, welche die ebraͤische Sprache fuͤr die allererste und die Mutter der andern Sprachen halten. bis auf den Abend zubringen, und doch in dem spaͤtesten Alter noch nicht fertig sind. Sollte dieses nicht die wahre Gelehrsauikeit seyn? Sollten dieses nicht die sichersten Merkmaale seyn, wodurch man darthun kann, daß man ein wuͤrdiger Sohn des Apollo Jch kann nicht leugnen, daß es mir sehr sauer geworden, den Apollo hier anzubringen, und wer nicht weis, worin- nen die Schoͤnheit eines Gluͤckwuͤnschungsschreibens besteht, der doͤrfte wohl gar glauben, es klaͤnge gezwungen. Al- lein, es hat ein italienischer Poet gesagt: Eccoti, benigno Lettore un parto di poche sere, che se ben nato di nobile, non è però aborto di tenebre, ma si farà conoscere Fi- glio d’ APOLLO con qualche raggio di Parnaso. Weil ich sey? B 3 Zwar Von der Vortrefflichkeit Zwar moͤchte mancher einwenden: Es sey un- moͤglich, daß ein jeder eine so weitlaͤuftige Wissen- schaft in Sprachen besitze; man habe nicht allemal Gelegenheit, sie zu erlernen; Nicht ein jeder sey faͤ- hig On voit peu d’Esprits sans doute, qui ne soient capables de quelque Art ou de quelque Science. Ils ont tous un certain desir d’apprendre \& d’ augmenter leurs lumieres, qui se peut fortifier par une bonne Methode. Mr. No- ble dans l’ Ecole du monde. , solche zu fassen. Sollte man denn deswegen das reizende Vergnuͤgen entbehren, etwas zu schrei- ben? Keinesweges. Jch sehe es nicht, als eine un- umgaͤngliche Nothwendigkeit an, daß man viele Sprachen verstehen muͤsse. Jch verlange nur, daß die Anmerkungen aus vielen Sprachen bestehen sol- len. Was man nicht selbst kann, das werden doch wohl unsre guten Freunde koͤnnen. Diese It is a true saying, that misfortunes alone prove one’s friendships, they show us not only other peoples for us, but our own fvr them; we hardly know our selves any otherwise. New Letters of Mr. Al. Pope. p. 207. sind schul- dig, uns in der Noth zu helfen, und uns aus der Schande der Unwissenheit zu reißen. Wer wollte mir zumuthen, daß ich Griechisch, Rabbinisch, Ebraͤ- isch, Chaldaͤisch, Syrisch, Arabisch, Franzoͤsisch, Jtalienisch und Englisch koͤnnte? Jch verstehe nichts, als meine Muttersprache, und ein wenig Latein. Gleichwohl wuͤrde man es mir nimmermehr anse- hen, wenn ich nicht so offenherzig waͤre, und es an- itzt ich nun in meine Anmerkungen auch etwas Jtalienisches setzen wollte, gleichwohl mir nichts anders, als vorstehen- des, bekannt war: So habe ich lieber der natuͤrlichen Ord- nung ein wenig Gewalt anthun, als diese Schoͤnheit mis- sen wollen. der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. itzt oͤffentlich bekennte. Jch habe Jch muß hier die aufrichtige Fuͤrsorge meiner guten Freun- de oͤffentlich und mit Danke ruͤhmen. Jch habe durch ihre Beyhuͤlfe einen so schoͤnen Vorrath von Anmerkungen in verschiednen Sprachen, daß ich alle Stunden vermoͤ- gend bin, ein neues Werk zu schreiben. Nur kann ich noch nicht schluͤßig werden, wovon es handeln soll. ein halb Du- tzend gute Freunde, welche mich von Zeit zu Zeit mit gelehrten und fremden Anmerkungen verlegen, und ich habe ihrer Freygebigkeit dasjenige einzig und allein zu danken, was ich in gegenwaͤrtigem Abschnitte dem geneigten Leser mitgetheilet Herr Prof. Kehr in Petersburg hat mit eine auserlesene Sammlung von Noten in auslaͤndischen, und bey uns ganz unerhoͤrten Sprachen versprochen. Es ist mir verdrieß- lich, daß er in Erfuͤllung seines Versprechens so saumselig ist. Haͤtte ich sie anitzt gehabt, so wuͤrden sie gegenwaͤr- tiger Abhandlung ein besondres Ansehen gegeben haben. . Es ist dieses gar kein Fehler von mir. Wenn nie- mand nichts schreiben wollte, als was er verstuͤnde, so wuͤrde gewiß die Haͤlfte von den gelehrten Wer- ken wegfallen, welche alle Messen an das Licht tre- ten. Wir haben genug gethan, wenn wir unsre Namen auf den Titel setzen lassen. §. 10. Jn unsern Gluͤckwuͤnschungsschreiben pflegen wir unsern Goͤnnern oder guten Freun- den etwas annehmliches vorzusagen. Es koͤnnte das Ansehen gewinnen, als waͤre dieses der Hauptendzweck. Er ist es aber nicht. Wir schreiben nicht darum, weil wir etwas wuͤn- schen wollen; sondern wir wuͤnschen, damit wir schreiben koͤnnen. Die Erfahrung wird dieses am besten beweisen. Man sehe unsre Gluͤckwuͤnschungs- B 4 schrei- Von der Vortrefflichkeit schreiben an. Den groͤßten Theil macht eine so ge- nannte Abhandlung aus. Diese steht uns zu Eh- ren da. Ein kleiner Anhang gehoͤrt unserm Goͤnner oder guten Freunde. Jn jenem sagen wir ganz aus- fuͤhrlich, ohne uns zu nennen, was fuͤr tiefsinnige und unentbehrliche Mitglieder der gelehrten Welt wir sind. Jn diesem aber bedauern wir in moͤglich- ster Kuͤrze, daß die Schrift wider alles Vermuthen uns unter den Haͤnden gewachsen, und staͤrker ge- worden sey, als unser Vorsatz gewesen. Wir be- zeugen unsern Unwillen, daß wir abbrechen muͤssen; wir beklagen, daß der Raum zu enge, und die Zeit zu kurz ist, und was wir noch alles gleichsam auf der Flucht sagen koͤnnen, ist dieses: Die Verdien- ste Du wirst also, werthester Freund, mir nicht zumuthen, daß ich dir itzt einen ausfuͤhrlichen Wunsch, oder ein wohl- gesetztes Lob liefern solle. Jch goͤnne dir alles Gutes. Du besitzest mehr ruͤhmwuͤrdige Eigenschaften, als sich in ein Gluͤckwuͤnschungschreiben von dieser Art schicken. Jch liebe dich aufrichtig. Allein! Du wirst mir nicht fuͤr uͤbel halten, wenn ich davon gar nichts sage. Jch wuͤrde das Geluͤbde brechen, welche ich bey meinem Antritte in die gluͤckwuͤnschende Gesellschaft gethan; ich wuͤrde mir mei- ne Mitbruͤder zu Feinden machen. Dieses kannst du mir nicht ansinuen. Zu geschweigen, daß gegenwaͤrtige Ab- handlung fertig gewesen, ehe ich an dich gedacht habe. Jch und meines gleichen aber haben fuͤr dasjenige, was wir einmal geschrieben, viel zu viel Liebe und Hochachtung, als daß wir etwas ausstreichen oder aͤndern sollten. unsers Goͤnners oder Freundes waͤren ohne dieß jedermann bekannt, und wir wuͤrden unbillig handeln, wenn wir uns wagen wollten, etwas zu loben, welches wir bloß zu erzaͤhlen nicht einmal ver- moͤgend waͤren; empfehlen uns anbey dessen ho- hem Patrocinio oder Freundschaft, und verharren, bis der Gluͤckwuͤnschungsschreiben. bis zu dem letzten Hauche unsers Lebens, Diener und Freunde. Wuͤnsche von dieser Art schicken sich fuͤr alle; und dergleichen weitlaͤuftige Ausdruͤcke sind darum unentbehrlich, weil wir mit unsern Lobschriften lange vorher fertig sind, ehe wir noch wissen, wen wir loben. §. 11. Nunmehr habe ich den Ursprung der Gluͤckwuͤnschungsschreiben ganz kuͤrzlich gezeigt. Jch habe gesagt, was ich unter Gluͤckwuͤnschungs- schreiben verstehe. Jch bin diesen gemachten Ent- wurf stuͤckweise durchgegangen. Jch habe Regeln gegeben, und bin solchen selber gefolget. An No- ten, und Anmerkungen wird hoffentlich kein Man- gel seyn, und wenn ich nicht gar zu sittsam waͤre, so wuͤrde ich sagen; daß gegenwaͤrtige Schrift ein Muster aller Gluͤckwuͤnschungsschreiben, eine un- leugbare Probe meiner unerschoͤpflichen Faͤhigkeit im Denken, ein Jnnbegriff vieler inn- und auslaͤndi- schen Schoͤnheiten, und ein solches Werk waͤre, wel- ches, wie wir großen Geister tiefsinnig zu reden pfle- gen, wo nicht sich selbst uͤbertreffe, doch seine eigne Parallel sey. COROLLARIVM. Weil Corollarium nicht mehr, wie bey unsern Vorfahren, ene solche Proposition heißt, die aus denen vorherbestehen- den Saͤtzen durch eine natuͤrliche Folge fließt; sondern vielmehr dadurch dasjenige angezeiget wird, was auf das letzte weiße Blatt gedruckt wird. So bin ich befugt ge- wesen, diesen Anhang ein Corollarium zu nennen. A ls ich gegenwaͤrtige Abhandlung einem guten Freunde zu lesen gab: So entdeckte dieser gleich an- Von der Vortrefflichkeit anfangs einen großen Fehler daran. Jch haͤtte naͤmlich, sagte er, vergessen, dem Zoilus, beym Ein- gange meiner Schrift, eines zu versetzen. Jch haͤtte ihn warnen sollen, daß er sich mit seinem alles be- geifernden Zahne nicht an mich wagen sollte. Al- lein, es ist mit gutem Vorbedachte unterlassen wor- den. Jch will gar nicht boͤse werden, wenn sich je- mand wider dieses Werkchen auflehnet: Es soll mir vielmehr ein besondres Vergnuͤgen seyn. Auf solche Weise bekomme ich wieder Gelegenheit, etwas neues, und vielleicht noch viel zu schreiben. Jch ha- be mich schon auf verschiedne beißende und satyrische Gedanken gefaßt gemacht, womit ich meinen Ge- gner laͤcherlich machen will. Hiermit will ich also je- dermann, wer es auch sey, zu einem gelehrten Kam- pfe auffodern. Sollte aber niemand, wie ich fast vermuthe, das Herz haben, sich an mir zu vergrei- fen: So werde ich mich genoͤthigt sehen, in dem naͤchsten Gluͤckwuͤnschungsbriefe unter verdeckten Namen, selbst wider mich zu schreiben. Jch hoffe hierdurch im Stande zu seyn, in weniger Zeit der ge- lehrten Welt eine starke Sammlung auserlesener Streitschriften unter dem Titel SCRJBLE- RJANA, zu liefern. Schreiben muß ich, und zwar viel schreiben. Denn ich bin ein Gelehrter! Eine Eine Rede, beym Antritte in die Wuͤnschende Gesellschaft, nach den im vorstehenden 8 §, und der beygefuͤgten Anmerkung vorgeschriebnen Regeln aus dem Stegreife gehalten von Martin Scriblern, dem Juͤngern. Am 2 Jenner 1740. Antrittsrede von der wahren Beschaffenheit eines vernuͤnftigen Buͤrgers. Meine Herren, W ir machen uns allerseits ein Vergnuͤgen dar- aus, wenn man uns fuͤr ehrlich und ver- nuͤnftig haͤlt. Vir bonus, et prudens dici, delector ego, ac tu. Horat. . Ein solcher Mann wird durch seine Ehrlichkeit ansehnlich, und jeder muß die Verdienste desselben mit Stillschweigen bewundern Tum pietate grauem, ac meritis, si forte virum quem Conspexere, silent. Virgil. . Es ist aber auch nichts so gut, es ist zu etwas schaͤdlich. Was ist so nuͤtzlich, als das Feuer? Und gleichwohl kann man die praͤchtigsten Gebaͤude da- durch vernichten. Was dient mehr zu unsrer Si- cherheit, als das Schwerdt? Und oft bringt es uns selbst den Tod Nil prodest, quod non laedere possit idem. Igne, quid vtilius? Si quis tamen urere tecta Comparat, audaces instruit igne manus. Et latro, et cautus praecingitur ense viator, Ille sed insidias, hic sibi portat opem. Quid. . Wer Ehrlichkeit und Verdienste selbst von sich ruͤh- Von der wahren Beschaffenheit ruͤhmen will, dem glaubt man nicht, der macht sich verhaßt, der schadet sich selbst Quodcunque ostendis mihi sic, incredulus odi. Horat. . Fuͤr einen Großsprecher wird man ihn halten Quid dignum tanto feret hit promissor hiatu! Horat. , und glauben, daß er seine Fehler unter dem schein- baren Namen der Tugend verbergen wolle Fallit enim vitium specie virtutis et vmbra! Iuuenal. . Wer dasjenige in der That seyn will, was er von sich ruͤhmt, der hat unter allen Regeln beson- ders viere wohl in Acht zu nehmen Quatuor ex omni — — — Virgil. . Er muß seinen Beruf wohl abwarten, und nicht eher ruhen, bis er seiner Pflicht eine voͤllige Gnuͤge geleistet hat — — Susceptum perfice munus! Virgil. ; Er muß das Wahre von dem Falschen vor- sichtig zu unterscheiden wissen — — Pulsa, dignoscere eautus, Quid solidum crepet, et pictae tectoria linguae. Pers. ; Er muß, was seinem Amte wohlanstaͤndig ist, auf das genauste beobachten — — Rigidi seruator honesti. Lucan. ; Er muß endlich der weisen Vorsicht des Him- mels alles ruhig uͤberlassen Permittes ipsis expendere numinibus, quid Conueniat nobis, rebusque sit vtile nostris. Nam pro iucundis aptissima quaeque dabunt Dîi Charior est illis homo, qnam sibi. Iuuen. . Aber, eines vernuͤnftigen Buͤrgers. Aber, wie wenige unter uns thun dieses! Wie wenige kennen ihre eigne Schwaͤche — — Egomet me noui. SY. Pauci istuc faciunt homines, quod tu praedicas. Nam in foro vix dicimus quisque est, qui ipsus se nouerit. Plaut, ! Wie wenige warten ihren Beruf gebuͤhrend ab! Man sollte zwar meynen, sie waͤren in bestaͤndiger Arbeit und Unruhe; in der That aber thun sie gar nichts Est ardelionum quaedam Romae natio, Trepide eoncursans, occupata in otio, Gratis anhelans, multa agendo nihil agens. Phaedr. . Fodert ihr Beruf eine Verschwiegenheit, so glauben sie doch, es sey ihnen erlaubt, alles, was sie hoͤren, was in der Nacht der Vergessenheit, was noch so tief versteckt bleiben sollte, in der ganzen Welt auszubreiten — — loca nocte silentia late Sit mihi fas audita loqui: sit numine vestis Pandere res alta terra, et caligine mersas. Virgil. . Faͤllt ihnen auch zuweilen ihre Pflicht ein, fin- den sie eine innerliche Regung solche zu beobachten: So reut sie doch dieser Vorsatz gleich wieder. Sie bleiben bey dem ersten Schritte stille stehen, weiter gehen sie nicht fort. Dum licet, et modici tangunt praecordia motus, Si piget, in primo limine siste pedem. Ouid. . Viele stoͤrt die Rachbegierde in Beobachtung ihrer Pflichten, und diese verrathen, wie klein, wie niedertraͤchtig ihre unedle Seele sey — quippe minuti . Je Von der wahren Beschaffenheit Je leichter sie diesen Fehler vermeiden koͤnnten, desto thoͤrichter handeln sie, daß sie es nicht thun Tu quod cauere possis, stultum admittere est. Terent. . Und wie koͤnnten sie diese Leidenschaft wohl leich- ter uͤberwinden, als wenn sie bloß die Liebe zum Vaterlande ihr Augenmerk seyn ließen Vincet amor patriae ‒ ‒ Virgil. ? Die zweyte Pflicht war: Man muß das Wahre vom Falschen vorsich- tig zu unterscheiden wissen. Man duͤrfte hier nur der Wahrheit selbst folgen, welche durch ihren Glanz die dickste Finsterniß ver- treibt Noctem flammis funalia vincunt. Virgil. . Dieses ist der erste Grund, worauf diese ganze Wissenschaft ruht; nur diesen duͤrfte man sich be- kannt machen Elementa velint vt discere prima. Horat. . Allein, man ist zu verdrossen, und dieses macht uns die leichteste Sache beschwerlich Nulla est tam facilis res, quin difficilis siet Quam inuitus facias ‒ ‒ Terent. . Oft haben wir zu viel Eigenliebe; wir wollen unserm verdrießlichen Hochmuthe nicht entsagen, und Semper et infirmi est animi, exiguique voluptas Vltis. Iuuenal. eines vernuͤnftigen Buͤrgers. und eben dadurch wird unsre ganze Vorsicht zu Schanden gemacht Ingratam — — pone superbiam Ne currente retro funis eat rota. Horat. ; Oft glauben wir dem aͤußerlichen Scheine zu viel Nimium ne crede colori. Virgil. . Wenn man drittens in seinem Berufe das Wohlanstaͤndige beobachten will; so darf man kein abgeschmackter Nachahmer alles desjenigen seyn, was uns vorkoͤmmt Scribere si fas est imitantes turpia Mimos. Ouid. . Es ist unanstaͤndig, wenn man sich selbst groß machen will. Nur diejenigen betruͤgt man dadurch, die uns nicht kennen; denen, die uns besser kennen, wird man laͤcherlich — — Verbis jactans gloriam, Ignotos fallit, notis est derisui. Phaedr. . Es ist unanstaͤndig, wenn ein solcher Mann andrer spotten, und uͤber ihre Beschimpfung frohlo- cken will Scit risisse vafer, multum gaudere paratus Si Cynico barbam petulans Nonaria vellat. Pers. . Es ist unanstaͤndig, wenn man sich der oͤffentli- chen Gebraͤuche entziehen will, welche nichts aber- glaͤubisches, nichts eitles bey sich haben — — non haec solennia nobis Vana superstitio — — Virgil. . Erster Theil. C Kurz Von der wahren Beschaffenheit Kurz: Bey allen seinen Handlungen, darf er auch das schaͤrfste Urtheil der ganzen Welt nicht scheuen — — Volet haec sub luce videri Iudicis argutum quae non formidat acumen. Horat. . Die vierte und letzte Pflicht ist, daß er sich der liebreichen Vorsorge des Himmels uͤberlasse. Die Welt ist ein verfuͤhrerisches Labyrinth; man muß alles der Leitung des Himmels anheim stellen Vt quondam Creta fertur Labyrinthus in alta Parietibus textum caecis iter, ancipitemque Mille viis habuisse dolum, qua signa sequendi Falleret indeprensus et irremeabilis error. Virgil. . Je weniger man von ihm verlangt, desto mehr erhaͤlt man von ihm Quanto quisque sibi plura negauerit A Dis plura feret. — — Horat. . Es heißt hier gar nicht: ‒‒ ‒‒ cupidine caedis Vtitur ‒‒ et nunc quoque sanguine gaudet. — — — — eupidine caedis Vtitur — — et nunc quoque sanguine gaudet. Ouid. . Man thue seine Berufsarbeit, dafuͤr trage man Sorge; fuͤr das Uebrige sorgt der Himmel! Was will man weiter Et dubitant homines serere, atque impendere curam? Quid majora sequar. Virgil. ? Eine eines vernuͤnftigen Buͤrgers. Eine reiche Erndte wird so dann unsre Beloh- nung seyn Quid faciat laetas segetes Virgil. . Wir koͤnnen dieses thun, wir haben die Faͤhig- keit dazu vom Himmel erlangt — — Equidem credo, quia sit diuinitus illis Ingenium — — Virgil. , und dieser ist auch der erste Urheber davon — — Horum omnium causa Constituisse Deum fingunt. — — Lucret. . Non omnes arbusta iuuant humilesque myri- cae Non omnes arbusta iuuant, humilesque myricae. Virgil. ! Man darf nicht einen Augenblick aufschieben, seine Lebensart vernuͤnftig einzurichten Incipe, qui recte viuendi prorogat horam, Rusticus expectat, dum defuit amnis; at ille Labitur, et labetur in omne volubilis aeuum. Horat. , und eine Blutegel laͤßt nicht eher ab, zu saugen, bis sie ganz voll Blut ist Non missura cutem, nisi plena cruoris hirudo. Horat. . Meine Rede koͤnnte wohl hier manchem unor- dentlich und verwirrt scheinen — — Farrago libelli. Iuuenal. ), wenn man nicht bedaͤchte, daß der Mensch um deswillen aufrecht er- schaffen sey, damit er den Himmel betrachten solle Os homini sublime dedit, coelumque tueri Iussit, et erectos ad sidera tollere vultus. Ouid. . C 2 Gluͤck- Von der wahren Beschaffenheit Gluͤckselig ist derjenige, welcher von freyen Stuͤcken ohne Zwang thut, was recht ist, und kei- nen Richter scheuen darf — — — — Vindice nullo Sponte sua sine lege fidem rectumque colebat. Poena metusque aberant nec vincla minantia fixo Aere ligabantur. Nec supplex turba timebant Iudicis ora sui, sed erant sine iudice tuti. Ouid. . Dieses geschah in den ersten Zeiten; itzt sind sie viel schlimmer, und die Bosheit nimmt uͤberhand Quippe aliter tunc orbe nouo coelumque recenti Viuebant homines — — Omne aliud crimen mox ferrea protulit aetas. Iuuenal. . Die Waffen sind schaͤdlich; Wollust aber scha- det weit mehr — — Saeuior armis Luxuria incubuit. — — Iuuenal. . Sehr wohlbedaͤchtig hat Horaz gesagt: Torquet ab obscenis iam nunc sermonibus aurem Mox etiam pectus praeceptis format amicis, Asperitatis et inuidiae corrector et irae, Recte facta refert Torquet ab obscenis iam nunc sermonibus aurem, Mox etiam pectus praeceptis format amicis, Asperitatis et inuidiae corrector et irae Recte facta refert. Horat. . Und handelt derjenige nicht am vernuͤnftigsten, welcher nichts thoͤrichtes unternimmt Quanto rectius hic, qui nil molitur inepte. Horat. ? Doch wo gerathe ich hin! Jch komme zu weit ab. Jch verliere mich von meinen Zwecke. Horaz, eines vernuͤnftigen Buͤrgers. Horaz, den ich nur itzt gelobt habe, straft mich selbst, wenn er sagt: Seruetur ad imum, Qualis ab incepto processerit, et sibi constet — — Seruetur ad imum Qualis ab incepto processerit, et sibi constet. Horat. ! Der Haß gegen die Wollust hat diese kleine Un- ordnung verursacht. Und gewiß ist dieser Eifer noͤthig, denn wer die Schamhaftigkeit einmal ver- liert, findet sie nicht wieder Laesa pudicitia est, deperit illa semel. Ouid. . Allein es ist mein Vorsatz nicht, die Laster zu richten, und alle Narren durch die Musterung gehen zu lassen — — Huc propius me, Dum doceo insanire omnes, vos ordine adire. Horat. . Wenn wuͤrde ich fertig mit tadeln? Denn es ist alles voll vou laͤcherlichen Fehlern — — O quantum est in rebus inane! Pers. . Jch handle von den Pflichten eines ehrlichen und vernuͤnftigen Mannes. Jch habe oben vier Regeln gegeben: ich will noch die fuͤnfte hinzu- thun: Man muß friedfertig seyn, wenn man Gelegen- heit zu streiten hat; man muß dem Naͤchsten helfen, wenn man ihm gleich schaden koͤnnte; man muß C 3 sich Von der wahren Beschaffenheit ꝛc. sich der Tugend befleißigen wenn es auch erlaubt waͤre, lasterhaft zu seyn Tum certare odiis, tum res rapuisse licebit. Nunc sinite, et placidum heri componite foedus. Virgil. . Wer diese Regeln beobachtet, von dem kann man wohl nicht sagen, daß er sich mit geringen Klei- nigkeiten beschaͤfftige Rem peragit nullam — — Martial. . Es ist dieses ein wesentliches Stuͤck des Got- tesdienstes, welchen die Natur selbst den entlegen- sten Voͤlkern bekannt gemacht hat, und von welchem Lucrez sagt: Nunc, quae causa Deum per magnas numina gentes Peruolgauerit, et ararum compleuerit vrbes Non ita difficile est, rationem reddere verbis Nunc quae causa Deum per magnas numina gentes Peruolgauerit, et ararum compleuerit vrbes Non ita difficile est, rationem reddere verbis. Lucret. . Jch weis meine Herren, Sie haben einerley Meynung mit mir. Jch wuͤnsche, daß diese fluͤch- tige Probe den entscheidenden Beyfall einer so an- sehnlichen Gesellschaft erlangen moͤge. Dieses, und die Ehre ihr Mitglied zu werden, wird mich auf- muntern, Sie bis in meinen Tod mit Wuͤnschen zu uͤberhaͤufen. Klage Klage wider die weitlaͤuftige Schreibart. C 4 Hochedler Herr, Hochgeehrtester Herr, W elchergestalt Eure Hochedl. in Jhrer Mo- natsschrift, daß alle muntre Koͤpfe dieses großen deutschen Reichs die Freyheit haben sollten, Jhre Samm- lung durch ihren Beytrag zu befoͤrdern, hochgeneigt, und guͤnstig erlaubt, nicht minder, daß Denenselben sie die wohlgerathenen Proben von der Staͤrke ihres Geistes, und der Gruͤnd- lichkeit ihres Verstandes zur Bekanntmachung anvertrauen moͤchten, zugleich ersucht: Solches muß Ew. Hochedl. noch wohl erinnerlich seyn, erhellet auch aus der Vorrede de dato Leipzig, den 1ten Heumonats 1741. pag. 15. allenthalben in mehrerm. Nachdem nun von meinem hochgeehrtesten Herrn hierdurch ich befehliget zu seyn glaube, dasjenige, so zur Ausbesserung der deutschen Sprache dienet, treufleißigst und pflichtschuldigster Maßen beyzutra- gen, mithin den Vorwurf mit Grunde nicht befuͤrch- ten darf, quod culpa sit, immiscere se rei ad se non pertinenti, l. 36. D. de R. I. wenigstens wider den klaren Jnnhalt der Gesetze lau- fen wuͤrde, wenn jemand, daß ich mir diese Freyheit nehme, uͤbel deuten wollte, C 5 quia, Klage wider die quia, quotiens dubia interpretatio libertatis est, se- cundum libertatem respondendum erit, l. 20. ibid. und aber in denen bisherigen Monaten obmentio- nirter Schrift ich misfaͤllig wahrnehmen muͤssen, daß Dieselben uns zwar von verschiedenen Arten der Gelehrsamkeit Regeln und Proben mitgetheilet, im Gegentheil, wie die Schreibart maͤnnlich und buͤndig einzurichten sey, nicht alleine geflissentlicher Weise keine Anleitung gegeben, eius enim est non nolle, qui potest velle. Vlpianus. l. 1. ad Sabin. sondern auch zum mehrersten solche Stuͤcke uns vor- gelegt, in welchen oftermals die gruͤndlichsten Sa- chen durch eine widrige Schreibart ekelhaft, die Le- ser bey denen buͤndigsten Beweisen durch eine ver- druͤßliche Weitlaͤuftigkeit muͤde gemacht, und dasje- nige in funfzig Perioden eingehuͤllet worden, was doch auf die angenehmste und deutlichste Art in ei- nem einzigen Satze vorgetragen werden koͤnnen, sollen, oder moͤgen; iniustus enim videtur, qui per ambages exponit, quod vna formula comprendere potest. Pyrrhus Mauritius. de Satisd. \& fidej. Et illa actio est optima, quae breuissima. vid. Lan- francus de Oriano, de dilat. cf. Mantica de conuent. it. Loriottus de transact. \& Caccialupa de off. advoc. Als habe Ew. Hochedl. solches ich nicht bergen moͤgen, mit dem Ermahnen, Sie wollen, daß solchem allem abhelfliche Maße gegeben, und die bisherige weitlaͤuftige Schreibart geaͤndert, auch alles in einer beliebigen Kuͤrze abgefasset wer- den weitlaͤuftige Schreibart. den moͤge, gebuͤhrende Sorge tragen, oder, ent- stehenden Falls, daß ich dieserhalb nach gegen- waͤrtiger Probe eigne Regeln entwerfe, und Denenselben zur Bekanntmachung schierstkuͤnf- tig uͤbersende, Sich unfehlbar gewaͤrtigen. Und Denenselben bin ich uͤbrigens angenehme Freundschaft zu erweisen, vor die Person stets willig. Der ich verharre Ew. Hochedlen Meissen, den 9. Novembr. 1741. ergebenster CAIVS IAVOLENVS, I. V. D. Aduocatus \& Not. Publ. Cæs. cor. Reg. El. immatr. Unterdienstschuldigstes Jnserat. Auch, Hochgeehrtester Herr, duͤrfte zwar manchen aus Eigensinn beyfallen, daß diese meine Schreibart undeutlich, und dennoch weitlaͤuftig sey, ob ich gleich in einem Satze dasje- nige sagte, wozu ein andrer eine Ausfuͤhrung von vielen Perioden gebraucht haben wuͤrde, nicht we- niger, daß die Einstreuung altvaͤterischer Worte, und die barbarischen Namen fremder Rechtsgelehr- ten so abgeschmackt, als ihre beygebrachten Zeug- nisse waͤren; Dem- Klage wider die weitlaͤuftige ꝛc. Demnach aber und dieweil einiger Undeutlichkeit ich mit Grunde nicht beschuldiget werden mag, da ich dasjenige, so ich geschrieben, ganz wohl verstehe, einfolglich vor unzaͤhlig neuern Schriftstellern einen großen Vorzug verdiene, anbey wider die arithme- tische Verhaͤltniß laͤuft, daß dasjenige, so in einem einzigen Satze gesaget wird, eben so weitlaͤuftig seyn sollte, als das, wozu ich die muͤhsame Umschreibung vieler Perioden noͤthig habe, hiernaͤchst die Beybe- haltung geschickter Kunstwoͤrter vielmehr eine Lo- beserhebung, als Bestrafung, verdienet, uͤber dieses die Anziehung alter Rechtsgelehrten und ihrer Zeug- nisse allerdings nach dem neuesten Geschmacke zu seyn scheinet, da die eingebildetsten meiner Lands- leute zum oͤftern den Homer, Virgil, Boileau, Milton, und andere Auslaͤnder dasjenige griechisch, lateinisch, franzoͤsisch, und englisch sagen lassen, wor- auf vielmals ein auch nur halbgelehrter Deutscher von selbst gefallen seyn wuͤrde; Als zweifle nicht, Ew. Hochedlen werden sich meinen Vorschlag gefallen, und mir dasjenige Recht wiederfahren lassen, welches Sie einem Patrioten, und Befoͤrderer der deutschen Sprache schuldig sind. Jch bin Ew. Hochedlen Datum vt in litteris. ergebenster C. IAVOLENVS. Memoires d’ Amourette, oder Lobschrift auf Amouretten, ein Schooßhuͤndchen. Geneigter Leser! D ie vornehmste Sorge eines Schriftstellers geht dahin, wie er sich des Beyfalls seiner Leser versichern moͤge. Die meisten schrei- ben heutiges Tages aus Hunger; viele suchen be- ruͤhmt zu werden; einige wenige haben die Absicht zu erbauen; alle aber bemuͤhen sich, ihre Schriften beliebt zu machen. Meine gegenwaͤrtige Absicht ist keine von diesen dreyen. Jch schreibe einzig und allein darum, damit ich meine Gedanken will ge- druckt lesen. Dieses ist meine vornehmste Leiden- schaft. Jch habe dir es schon einmal zugestanden; ich will es auch itzt nicht leugnen. Jst es ja eine Suͤnde; so ist es doch nur eine Erbsuͤnde. Mein Vater ist ein Autor gewesen; mein Großvater hat Buͤcher geschrieben; von meines Urgroßvaters Faͤ- higkeit habe ich nur gestern noch eine nicht uͤbelge- rathne Probe aus dem Wuͤrzladen bekommen; und bloß eine unvermuthete Feuerbrunst ist Schuld dar- an, daß wir den Fleiß meines Aeltervaters nicht he- wundern koͤnnen. Wird man es mir also wohl uͤbel nehmen, wenn ich dem angebohrnen Triebe, zu schreiben, nicht widerstehen kann? Daß unsre Frauenzimmer noch itzt gern Liebesbriefe abfassen, solches koͤmmt uns gar nicht fremd vor. Denn schon Eva hat sehr zaͤrtlich an ihren Adam geschrieben, wie man den Beweis davon in Zieglers Heldenliebe fin- det. Hier siehst du also, geneigter Leser, meine Be- fugniß zum Schreiben. Und ob ich gleich weder aus Geld- Lobschrift auf Amouretten, Geldgeiz, noch aus Ehrgeiz, noch dem Vaterlande zum Besten, sondern lediglich zu meiner eignen Be- ruhigung, schreibe: So erachte ich es doch der Hoͤf- lichkeit gemaͤß zu seyn, daß ich mir dein Wohlwol- len, und eine guͤnstige Aufmerksamkeit ausbitte. Jch kann dieses, als eine schuldige Gegengefaͤllig- keit, von dir verlangen. Denn bloß dir zu Liebe habe ich mich uͤberwunden, gegenwaͤrtiger Arbeit den Ti- tel der Memoires zu geben; einen Titel, dessen allge- meinen Gebrauch du nebst vielen dergleichen Wohl- thaten dem Gehirne unsrer Nachbarn zu danken hast. Jch kenne die abgoͤttische Hochachtung, welche du fuͤr dergleichen Art von Schriften traͤgst, und weis deine Guͤtigkeit, welche die abgeschmacktesten Sa- chen bewundert, wenn sie nur diesen ansehnlichen Namen fuͤhren. Was haͤtte mich wohl sonst hierzu bewegen sollen? Jch bin vielleicht der erste, der von einem Thiere Memoires schreibt. Meine Amourette ist keine Marqvisinn; und ich kann nicht behaupten, daß sie aus einer besonders ansehnlichen Familie er- zeugt, oder von ihren Aeltern in der zarten Jugend verlohren, und erst nach spaͤten Jahren durch viele Abentheuer wiedergefunden worden sey. Eben so wenig getraue ich mir, dich zu bereden, daß sie ganz gemeiner Hunde Kind waͤre, und nur durch ihre blitzende Schoͤnheit, und eisenfeste Tugend einen ir- renden Ritter ihres Geschlechts gefesselt habe. Du wirst weder Liebesstreiche noch Entfuͤhrungen an- treffen; und da es nur ein Werk von etlichen Blaͤt- tern seyn soll, so siehst du wohl, wie wenig Aehnlich- keit es mit deinen Memoires habe, welche die Be- staͤndig- ein Schooßhuͤndchen. staͤndigkeit ihrer Helden nicht eher, als in dem ach- ten, oder zwoͤlften Bande, kroͤnen. Bloß dir zu Liebe, gebe ich meiner Schrift diesen Namen, und du wuͤrdest undankbar seyn, wenn du sie nicht mit geneigten Augen ansehen, und mit gebuͤhrender Ehr- furcht durchlesen wolltest. Jch halte es fuͤr etwas uͤberfluͤßiges, mein Ver- fahren zu rechtfertigen, daß ich auf einen Hund eine Lobschrift mache. Wer Amouretten von Person kennt, der weis, daß es ihre sonderbaren Eigen- schaften wohl verdienen, auf die Nachkommen ge- bracht zu werden. Wer sie aber nicht kennt, dem will ich sie durch die lebhaftesten Zuͤge bekannt ma- chen. Du kannst dich darauf verlassen, daß mir eine niedertraͤchtige Schmeicheley die Feder nicht fuͤhren wird. Jch darf Amourettens Tugenden nur erzaͤhlen, so ist auch die Lobschrift fertig. Soll- te ich etwan eine Leichenrede halten, oder einen Maͤ- cenaten wegen seiner Freygebigkeit und Verdienste herausstreichen: So wuͤrde ich alle Kuͤnste der Be- redsamkeit anwenden muͤssen, um meinen Zuhoͤrern eine verdaͤchtige Sache wahrscheinlich zu machen. Aber, weil ich Amouretten loben will, so darf ich nur die Wahrheit reden lassen. Diese brauchet keine Schminke. Von der Geburt unsrer Amourette, kann ich nicht viel besonders sagen. Sie ist im Jahre 1735 in Coͤlln, einem Dorfe an der Elbe, auf die Welt gekommen. Jch nenne dieses Dorf um deswillen ausdruͤcklich, damit ich der Nachwelt einen Zweifel, Erster Theil. D den Lobschrift auf Amouretten, den kuͤnftigen Geschichtschreibern eine muͤhsame Un- tersuchung, und den andern Doͤrfern selbiger Ge- gend einen hitzigen Wettstreit erspare, welches un- ter ihnen sich dieser Ehre anzumaaßen habe. Bey der Geburt selbst hat sich eben nichts merkwuͤrdiges zugetragen. Ein Winzer, ihr Pflegevater, sagte mir, daß sie gleich anfangs sehr gewinselt, und er daher befuͤrchtet habe, es wuͤrde ihr in der Welt ungluͤcklich gehen. Allein, die Folge hat gewiesen, daß diese aberglaͤubische Meynung ungegruͤndet ge- wesen ist. Jhre Mutter ist aus einem zwar guten, doch gemeinen, Buͤrgerhause; und ihr Vater soll von einem adlichen Hofe seyn. Es ist eine Ver- muthung, welche viele Umstaͤnde glaubwuͤrdig ma- chen. Die ganze Sache bleibt freylich eine Unge- wißheit. Allein, dieses ist etwas gewoͤhnliches, und kann Amouretten bey vernuͤnftigen Leuten nicht zum Vorwurfe gereichen. Sie hat noch zween Bruͤder gehabt, welche gleich nach der Geburt er- saͤuft worden sind, und meine Amourette wuͤrde ein gleiches Schicksal erfahren haben, wenn sie nicht ihre ehrliche und gute Gesichtsbildung davon be- freyet haͤtte. Sie blieb also die einzige in ihrer Mutterhuͤtte; und es waͤre daher kein Wunder ge- wesen, wenn man sie bey ihrer Auferziehung verzaͤr- telt, und in aller uͤppigen Wollust und eigenwilliger Freyheit gelassen haͤtte. Allein dieses geschah nicht. Sie ward von ihrer Mutter geliebt, welche sie auch nicht einmal einer Amme anvertrauen wollte, son- dern es fuͤr ihre Schuldigkeit hielt, sie selbst zu saͤu- gen. Bey zunehmendem Alter ward sie zu allen moͤgli- ein Schooßhuͤndchen. moͤglichen Hundetugenden angehalten. Jch ver- stehe darunter die Wachsamkeit, die Treue, ein freundliches Wesen, und die Reinlichkeit. Jn kurzer Zeit brachte sie es weit, und ihre besondre Faͤhigkeit, welche sie dabey zeigte, machte ihren An- verwandten manche Sorge, sie duͤrfte ihr Leben wohl nicht hoch bringen. Diese Sorge ist verge- bens gewesen, und es dient solches alten Leuten zum kraͤftigen Troste, welche daraus abnehmen koͤn- nen, man muͤsse eben nicht dumm seyn, wenn man zu Jahren gekommen ist. Kaum hatte sie es so weit gebracht, daß sie sich selbst forthelfen konnte: So trug ihre Mutter Be- denken, sie laͤnger unter ihrer Aufsicht zu behalten. Sie mußte ihre Wohnung verlassen, und ward in ein Haus gebracht, wo man sie mit vieler Guͤtigkeit aufnahm. Ob ihre Mutter bey dem Abschiede dieser einzig geliebten Tochter sehr klaͤglich gethan, solches ist mir unbekannt. Dieses hat man wohl aus ihrer nachherigen Auffuͤhrung gesehen, daß sie derselben viele gute Lehren mit auf den Weg gege- ben haben muͤsse. Jhr freundliches und dienstfer- tiges Bezeigen machte sie bey jedermann beliebt, und erwarb ihr den praͤchtigen Namen, den sie noch itzt fuͤhrt. Einen Umstand darf ich nicht vergessen, welcher in ihren Leben beynahe der merkwuͤrdigste gewesen ist. Um meine Amourette recht vollkommen zu machen, so war man bedacht, sie auf Reisen zu schi- cken. So gefaͤhrlich dieses zu seyn schien, und so D 2 viel Lobschrift auf Amouretten, viel Furcht unzaͤhlige Beyspiele deswegen haͤtten erwecken koͤnnen; so wenig ließ man sich doch da- von abwendig machen. Man wußte sich auf ihre Tugenden zu verlassen, und lediglich diesen hat man es zuzuschreiben, daß alles nach Wunsch abgelau- fen ist. Sie ward nach Großenhayn geschickt, ei- nem Orte, wo schon viel junge Hunde verfuͤhret worden sind. Amourette mußte ohne Hofmeister dahin gehen. Man hatte seine Ursachen. Sie hielt sich eine geraume Zeit daselbst auf, bis ein un- vermutheter Zufall sie noͤthigte, wieder in ihre Hei- math zu kehren. Es traf ungefaͤhr zu, daß ich gleich bey ihrer Ruͤckkunft gegenwaͤrtig war; und ich kann nicht laͤugnen, ich ward damals sehr er- baut: Denn Amourette brachte ihr redliches und unschuldiges Gemuͤthe wieder zuruͤck. Sie hatte ihre Wohlthaͤter nicht verkennen lernen, und ersetzte mit verdoppelten Liebkosungen dasjenige, was sie bisher entbehren muͤssen. Sie hatte ihre Stimme nicht geaͤndert; sie bellte noch eben so, wie vorher; und man merkte nicht die geringste laͤcherliche Nach- ahmung der Fremden an ihr. Jch kann nicht be- greifen, wie es zugegangen ist, daß sie auf ihrer Reise keine Schulden gemacht hat? Anfaͤnglich wollte man es gar nicht glauben; es befand sich aber in der That so. Jch vermuthe, daß sie keine Liebha- berinn vom Spielen, und von zaͤrtlicher Gesellschaft, sondern lediglich auf die Beobachtung ihrer Schul- digkeit bedacht gewesen ist. Von Moden, und an- dern galanten Neuigkeiten brachte sie gleichfalls nicht das geringste mit. Jch fuͤhre dieses um des- willen ein Schooßhuͤndchen. willen zu ihrem Lobe an, weil ich gehoͤrt habe, daß sich viele Hunde bey ihr nach dergleichen erkundigt haben, und ihr solches fuͤr eine Einfalt auslegen wollen. Gestehe es nur, geneigter Leser, meine Erzaͤh- lungen scheinen dir fabelhaft zu seyn. Von Rei- sen zu kommen; ohne Schulden, ohne Moden, mit unveraͤndertem Gemuͤthe? Dieses sind Sachen, welche wider alle Wahrscheinlichkeit laufen. Jch will dir nicht widersprechen. Jch behaupte aber doch, daß ich die Wahrheit geredet habe. Ver- lange keinen Beweis von mir. Du mußt mir glauben. Jch wuͤrde es ja nicht sagen, wenn es nicht wahr waͤre! Jst dieses nicht Beweis genug? Jch sehe schon; du wirst begierig, Amouretten genauer kennen zu lernen. Du willst ihre Gestalt wissen. Wie soll ich dir aber diese beschreiben, ohne daß es schmeichelhaft klingt? Wenn es unter den Hunden auch Poeten gaͤbe: So zweifle ich nicht, der sinnreichste unter ihnen wuͤrde sie also abmalen: „Jch soll dich besingen, bezaubernde Amourette! „Aber floͤße du mir zuvor das Feuer deiner Augen „in meine Adern, damit ich mich recht lebhaft aus- „druͤcken koͤnne! Die Natur hat an dir alle Schoͤn- „heiten verschwendet, und sich dergestalt erschoͤpft, „daß sie in langer Zeit nicht vermoͤgend seyn wird, „wieder einen solchen Hund zu zeugen. Deine „Haare, deine anbethenswuͤrdige Haare, uͤbertref- „fen die zarteste Seide des stolzen Persers. Auf „deiner Stirne scherzen die Gratien, und deine zarten D 3 Ohren Lobschrift auf Amouretten „Ohren wuͤrden vollkommen seyn, wenn sie nicht „immer bey unserm seufzenden Bellen taub waͤren. „Deine Augen sind Sonnen, welche durch ihre „freundlichen Stralen beleben, durch ihre erzuͤrn- „ten Blicke aber den zitternden Liebhaber Blitze, „und donnerschwangre Wolken gebaͤren. Deine „korallne Schnauze uͤbersteigt den Purpur der pran- „genden Morgenroͤthe. Deine weiße Brust uͤber- „trifft an Schoͤnheit den ewigen Schnee, welcher „auf den Gipfeln der unersteiglichen Alpen liegt. „Was Wunder, wenn dein Herz von Eise ist? „Deine wohlgebauten Pfoten tragen einen nied- „lichen Koͤrper, welchen die Natur durch braune „und weiße Flecke reizend gemacht hat. Gluͤckse- „lig ist der, welcher die aͤußerste Spitze deiner „Krallen anruͤhren darf. Dein zierlich gelockter „Schwanz ist der Sitz einer zaͤrtlichen und aufge- „weckten Seele, welche ihre Regungen durch freu- „diges Wedeln an den Tag legt. Verzeihe mir, „Amourette, wenn ich mein Rohr niederlege! Mei- „ne Muse wird eifersuͤchtig. Sie verlaͤßt mich!“ Dieses wuͤrde ungefaͤhr der Ausdruck eines Hun- depoeten seyn, und ich glaube, viele der unsrigen selbst koͤnnten ihm das Feuer eines Dichters nicht gaͤnzlich absprechen. Allein dieses ist zu weitlaͤuftig. Jch will dir eine kuͤrzere Beschreibung machen, wenn ich sage, daß Amourette einen artigen Kopf, ein weißes Fell mit braunen ordentlich gezeichneten Flecken, und alle Schoͤnheiten eines Schooßhundes hat. Was Wunder, wenn in einem so schoͤnen Koͤr- per auch eine schoͤne Hundeseele wohnt! Amou ein Schooßhuͤndchen. Amourette weis, daß sie schoͤn ist. Dieses hat sie mit unserm Frauenzimmer gemein. Allein, ihre Schoͤnheit macht sie weder hochmuͤthig, noch laͤcher- lich; und hierinnen ist sie von vielen unterschieden. Sie bringt nicht ganze Stunden vor dem Spiegel zu; sie schmuͤckt sich nicht, und nahm es fuͤr den groͤßten Schimpf an, als ich ihr nur im Scherze ein Schminkpflaͤsterchen unter das rechte Auge kleben wollte. Sie hat schon sechs neue Frauerzimmer- trachten erlebt, ist aber nicht zu bewegen gewesen, die ihrige zu aͤndern, von welcher sie glaubt, es sey die natuͤrlichste. Sie liebt Gesellschaft, sie stattet Besuch ab, und nimmt welchen an. Niemals aber hoͤrt man sie von ihren Naͤchsten uͤbel sprechen, oder mit einer boshaften Neugierigkeit nach andrer Hunde Um- staͤnde fragen. Sie redet auch nicht vom schoͤnen Wetter, und ob sie gleich nicht spielt, so wird ihr doch die Zeit nicht lang. Mit allen macht sie sich zwar nicht gemein; sie verachtet aber auch niemand. Der Rangstreit ist ihre kleinste Sorge, und ich habe es mit meinen Au- gen gesehen, daß sie einem Budel die Oberstelle ließ, von dem stadtkuͤndig war, daß sein Vater nur ein Fleischerhund gewesen. Aus dem Schmucke, oder andern Kostbarkeiten, macht sie sich wenig. Einige Halsbaͤnder und zwey Betten sind ihre ganze Gerade. Ob der Korb, in dem sie liegt, auch dazu gehoͤre, das moͤgen die Rechtsgelehrten unter sich ausmachen. D 4 Die Lobschrift auf Amouretten, Die Maͤßigkeit, welche sie beobachtet, ist merk- wuͤrdig. Sie frißt nicht mehr, als ihr gut ist, und saͤuft nicht eher, als wenn sie durstet. Nur darin- nen ist sie den Menschen aͤhnlich, daß sie eine Liebha- berinn vom Caffee ist. Dieses sind die vornehmsten Tugenden, welche meine Amourette zieren. Es ist kein Zweifel, daß sie deren nicht noch mehr besitzen sollte. Allein, sie macht so wenig Ruͤhmens von sich selbst, daß ich befuͤrchte, ich wuͤrde ihre Sittsamkeit beleidigen, wenn ich sie weiter lobte. Jch will unpartheyisch seyn. Jch will auch dasjenige von ihr anfuͤhren, was Uebelgesinnte fuͤr Fehler auslegen wollen. Zugleich aber werde ich zeigen, daß es Verleumdungen sind. Man wirft ihr vor, sie schlafe zu lange; sie liege bestaͤndig im Bette. Jst denn dieses ein Fehler? Jst es nicht vielmehr ein untruͤgliches Zeugniß, daß sie, wenigstens von vaͤterlicher Seite, aus einem vor- nehmen Hause sey? Sie soll verliebt seyn. Man will unschuldige Kleinigkeiten beobachtet haben, aus welchen die Laͤ- sterzungen ganze Romane machen. Es geschieht ihr zu viel. Zwar zu gewissen Zeiten empfindet sie einige verliebte Schwachheiten: Aber, ein kleiner Zwang, und noch mehr ein freundliches Zureden, ist vermoͤgend, sie von allen Unordnungen abzuhal- ten. Alsdann ist man erst tugendhaft, wenn man einen Trieb, zu fehlen, empfindet, wenn man Gele- genheit hat, solchen zu befriedigen, beides aber groß- muͤthig uͤberwindet. Sie ein Schooßhuͤndchen. Sie soll neidisch seyn. Man will es daraus schließen, daß sie in einen heftigen Eifer geraͤth, wenn sich ein fremder Hund ins Haus schleicht. Jst denn dieses neidisch? Jst es nicht eine Probe ihrer Wachsamkeit? Jeder Hund muß den andern am besten kennen. Vermuthlich sieht sie, daß diese fremden Hunde nur die tuͤckische Absicht haben, aus- zuforschen, was in einem Hause vorgehe, um bey der naͤchsten Zusammenkunft haͤmische Erzaͤhlungen davon zu machen. Noch eins faͤllt mir ein. Es wollte vor eini- gen Tagen ein guter Freund behaupten, Amourette sey dumm. Jch lachte daruͤber; er aber blieb da- bey. Er wollte wissen, daß sie vielmals ganz tief- sinnig, und ohne Gedanken laͤge, und sich zum oͤf- tern so weit vergaͤße, daß sie nicht einmal auf die aͤußerliche Reinlichkeit ihres Felles genugsam be- dacht waͤre. Du irrest dich, mein Freund, sagte ich zu ihm. Dieses ist kein Zeichen einer Dumm- heit. Amourette ist tiefsinnig, und denkt vielleicht auf eine Wahrheit. Wer weis, ob sie nicht die Quadratur des Zirkels untersucht, oder gar mit ei- ner philosophischen Spitzfindigkeit beschaͤfftigt ist? Jch werde in dieser Muthmaaßung dadurch bestaͤr- ket, weil sie ihre Gedanken nicht deutlich von sich geben kann, und ich unlaͤngst selber gesehen habe, daß sie mit dem Kopfe wider die Wand anlief. Sind dieses nicht Spuren einer abstracten Gelehr- samkeit? D 5 Es Lobschrift auf Amouretten ein ꝛc. Es sey genug! Jch habe Amourettens Ankunft, ihre Schicksale, ihre Leibes- und Gemuͤthsgaben, kurz, ich habe Amourettens Leben und Thaten be- schrieben. Sie lebt noch. Jch wuͤnsche ihren Verdiensten eine Dauer von vielen Jahren. Sie ist es wuͤrdig. Allein, sie ist auch sterblich, und stirbt vielleicht eher, als mancher Mensch, der sich so vieler Tugenden nicht ruͤhmen kann. O, ihr Dich- ter, die ihr so vielmals bey dem Grabe eines Laster- haften euer eigennuͤtziges Lob verschwendet! Sollte es geschehen; sollte meine Amourette sterben: Ver- ehrt die Wahrheit! Streut nur eine Hand voll Cy- pressenreiser auf ihre Asche! Besingt ihre seltnen Eigenschaften! Amourette verdient es! Wenig- stens werdet ihr von derselben mit gutem Grunde mehr sagen koͤnnen, als daß sie geboren und gestor- ben sey. Martin Scribler, der juͤngere. Lob- Lobschrift auf die boͤsen Maͤnner. M ein herannahendes Alter, und die eigne Er- fahrung werden mich hinlaͤnglich rechtferti- gen, da ich mir vorgenommen habe, auf die boͤsen Maͤnner eine Lobschrift zu machen. Der Spie- gel erinnert mich, daß es Zeit sey, ernsthaft zu werden. Hat man mir in meinen jungen Jahren mit Vergnuͤ- gen zugehoͤrt, wenn ich die unschuldigsten Handlun- gen der Mannspersonen auf eine boshafte Art beur- theilte: So wird man sich gegenwaͤrtige Schrift, als eine oͤffentliche Ehrenerklaͤrung gefallen lassen; da ich mir die Gewalt anthue, und diejenigen lobe, von denen vielleicht die meisten meiner Mitschwestern glauben, daß sie es am wenigsten verdienen. Ein zwanzigjaͤhriger Ehestand hat mich die Vortrefflich- keit der boͤsen Maͤnner einsehen gelehrt; und mein Beweis muß uͤberzeugend seyn, weil ich nichts rede, als was ich selbst erfahren habe. Diese Gruͤnde scheinen mir wichtig genug zu seyn; und ich bin ver- sichert, daß der Beruf desjenigen weisen Mundes, welcher vor einiger Zeit auf die boͤsen Weiber eine Lobrede gehalten hat, wenigstens nicht staͤrker gewe- sen ist, als der meinige. Noch etwas muß ich im Voraus erinnern. Fehlt gegenwaͤrtiger Abhandlung die Deutlichkeit, das Feuer, und die Ordnung im Vortrage: So bedenke man nur, daß sie ein Frauenzimmer geschrieben, ein Frauenzimmer, welches das Vorurtheil des Vaters nur in der Kuͤche erzogen, und dem die kluge Vor- sicht eines boͤsen Mannes alle Mittel benommen, deut- Lobschrift auf die boͤsen Maͤnner. deutlich zu reden, und vernuͤnftiger zu denken, als er selbst gedacht hat. Die unendliche Menge der boͤsen Maͤnner uͤber- hebt mich der Muͤhe, zu beschreiben, was ich eigentlich darunter verstehe. Durch das Gegentheil will ich der Sache zum Ueberflusse einige Erlaͤuterung geben. Es befinden sich noch hier und da Geschoͤpfe, welche man vernuͤnftige Maͤnner nennt. Diese stehen in dem aberglaͤubischen Wahne, als erfodre Pflicht und Gewissen, daß sie ihre Weiber ebenfalls fuͤr vernuͤnf- tige Creaturen halten, welche nicht zur Sklaverey, oder ihrem herrschsuͤchtigen Eigensinne zum Besten erschaffen, sondern um deßwillen da sind, daß durch eine aufrichtige Liebe, und beiderseitige Huͤlfe die Beschwerlichkeit des menschlichen Lebens erleichtert, und durch vereinte Sorgfalt dem Vaterlande nuͤtz- liche Buͤrger erzogen werden. Kurz, diese sehen ihre Weiber, als Freundinnen, an. Jch wuͤrde den Ungrund dieser Meynung ausfuͤhrlich widerlegen, wenn ich nicht gewiß wuͤßte, daß die allermeisten Maͤnner schon hinlaͤnglich davon uͤberzeugt waͤren. Ein Frauenzimmer ist ein Thier, welches vor andern Thieren die Ehre hat, daß es ein Mann zur Frau nimmt; welches bloß des Mannes wegen in die Welt gesetzet ist, und das mit einer blinden Ehrfurcht dem Willen seines Oberhauptes unterwuͤrfig seyn muß. Dieses ist der eigentliche Begriff, den man sich macht. Wer diesen Begriff zur Wirklichkeit bringt, der ver- dient allererst den ruͤhmlichen Beynamen eines boͤ- sen Mannes. Es Lobschrift auf die boͤsen Manner. Es erhellt hieraus, daß der Ursprung der boͤsen Maͤnner in dem Wesen der Sache und in der Natur selbst liegt. Waͤre dieses nicht, so wuͤrde mir es eben so wohl erlaubt seyn, den Adam an ihre Spitze zu stellen, als es einigen gefallen hat, die Eva zur boͤsen Frau zu machen. Jch halte aber die Anfuͤhrung solcher Exempel fuͤr allzu leichtsinnig, und ich glaube, ich werde besser thun, wenn ich ohne fernern Um- schweif dem Leser zeige, daß ich Ursache habe, die boͤsen Maͤnner zu loben. Das Laster der Eigenliebe ist so reizend, als ge- faͤhrlich. Man giebt es dem Frauenzimmer am meisten Schuld. Jch weis nicht, ob man Ursache darzu hat; so viel aber weis ich wohl, daß wir dem- jenigen unendlich verbunden sind, welcher uns davor schuͤtzt. Jch kenne einen Mann, ein Muster seines Geschlechts, die Krone aller boͤsen Maͤnner. Waͤre er nicht so sittsam und bescheiden, so wuͤrde ich ihn nennen. Dieser Mann giebt sich alle Muͤhe, die Eigenliebe seiner Frau zu daͤmpfen. Er kann nicht laͤugnen, daß sie vernuͤnftig ist; er will aber doch nicht, daß sie es glauben soll, oder daß sie andre Leu- te fuͤr vernuͤnftig halten. Wie soll er es anfangen? Er tadelt alle ihre Mienen; sie darf kein Wort re- den, so weist er, wie abgeschmackt es sey. Er beschaͤmt sie in oͤffentlichen Gesellschaften, ja er gesteht ihr nicht einmal die Faͤhigkeit zu, daß sie vernuͤnftige Kinder gebaͤren koͤnne, da er an dem Kinde erster Ehe weit mehr Verstand anmerkt, als an dem ihrigen, unge- achtet er der Vater zu beiden ist. Muͤssen wir nicht alle diesen Mann loben? Wie ungluͤcklich koͤnnte seine Frau Lobschrift auf die boͤsen Maͤnner. Frau werden, wenn die Eigenliebe ihre Leidenschaft wuͤrde? Reißt er sie nicht durch dergleichen Demuͤ- thigung aus ihrem Verderben? Ein Mann ist das Oberhaupt seiner Familie. Die- ses erfodern die Rechte, und nach eben diesen Rechten kann er alle Hochachtung verlangen. Will er ein lo- benswuͤrdiger Mann seyn, so muß er sich dieselbe zu erwerben wissen. Das geschieht am leichtesten auf die sinnliche Art. Was ist aber sinnlicher, als was der Koͤrper fuͤhlt? Und was fuͤhlt der Koͤrper nachdruͤck- licher, als Schlaͤge? Jst also nicht derjenige ein lo- benswuͤrdiger Mann, welcher bey seiner Frau mit geballter Faust die Rechte der Natur zu behaupten weis? Wenn ich sage, das Frauenzimmer sey ein schwa- ches Werkzeug, so sage ich nichts mehr, als was schon alle Welt weis. Diese angeborne Schwaͤche ist Ur- sache, daß wir den Lastern am wenigsten widerstehen koͤnnen. Eine geringe Reizung ist genug, uns laster- haft zu machen. Niemals aber sind die Reizungen staͤrker, als wenn wir uns in dem Ueberflusse aller Din- ge befinden. Dieser muß uns entzogen werden, wenn wir anders tugendhaft bleiben sollen. Es geschieht nur zu deinem Besten, geliebte Freundinn, daß dein Mann dir allen Ueberfluß benimmt, welcher deine Schwachheit rege machen koͤnnte. Er vertraut dei- nen Haͤnden nicht einen Groschen Geld an. Du mußt dir an dem elendesten Tranke, an den unschmackhafte- sten Speisen, an den schlechtesten Kleidern genuͤgen lassen. Es geschieht nicht aus Geiz; nein, meine Freundinn; es geschieht zu deinem Besten. Genug, daß Lobschrift auf die boͤsen Maͤnner. daß du dein Leben fristen kannst. Dieses ist die Ur- sache, warum wir essen, warum wir trinken, warum wir Kleider tragen. Der geringste Ueberfluß wuͤrde eine Quelle tausendfachen Ungluͤcks seyn. Jch habe nicht noͤthig, dieses genauer auszufuͤhren; du wirst es selbst einsehen koͤnnen. Jst die Maͤßigkeit eine so große Tugend, wie sie es denn wirklich ist, so muß wohl derjenige Mann laster- haft seyn, welcher sich unmaͤßig und wolluͤstig auffuͤh- ret? Keinesweges! Die Maͤnner geben uns die Ge- setze, niemand aber, der Gesetze giebt, ist denselben weiter unterworfen, als er es selbst fuͤr gut befindet. Dein Mann verspielt alle sein Vermoͤgen. Wie loͤblich ist dieses? Koͤnnte dich nicht der Besitz vie- les Geldes geizig machen, oder im Gegentheile zur Verschwendung reizen? Er ist niemals nuͤchtern. Allein, was kann dir wohl einen lebhaftern Abscheu vor der Trunkenheit machen, als ein besoffner Mann? Nur um deinetwillen besaͤuft er sich, damit du sehen sollst, was es fuͤr eine edle Sache um die Maͤßigkeit sey. Er entzieht sich deinen Armen, und bringt die meiste Zeit bey andern Weibsbildern zu. Er thut recht daran. Der bestaͤndige Besitz eines Gutes macht uns dasselbe ekelhaft. Du wuͤrdest ihn uͤber- druͤßig werden, wenn er niemals von deiner Seite kaͤme. Dein Mann ist lobenswuͤrdig. Dieses sind die Vortheile noch nicht alle, die wir von unsern boͤsen Maͤnnern haben. Nichts ist em- pfindlicher, als der Tod eines Mannes, welchen man innigst liebt. Wie sehr wird uns aber dieser hef- tige Schmerz erleichtert, wenn uns ein wolluͤstiger, Erster Theil. E ein Lobschrift auf die boͤsen Maͤnner. harter, ein ehrgeiziger, wenn uns ein boͤser Mann stirbt! Was ist leichter, als bey dergleichen Falle den Ruhm einer christlichen Standhaftigkeit zu er- werden? Wir trauern, weil uns der Schneider eine schwarze Kleidung gemacht hat; und wenn wir ja weinen, so geschieht es, weil sein Absterben nicht eher erfolgt ist. Noch tausend Ursachen koͤnnte ich anfuͤhren, die uns den boͤsen Maͤnnern verbindlich machen. Jch will aber mit Fleiß abbrechen, um denjenigen Fehler zu vermeiden, welchen man sonst dem Frauen- zimmer vorwirft. Es scheint mir uͤberfluͤßig zu seyn, wenn ich das Alterthum zu Huͤlfe rufen, und alle vier Theile der Welt auspluͤndern wollte, einen Satz zu beweisen, den die Beyspiele der meisten Maͤnner unsrer Stadt unlaͤugbar machen. Viel- leicht ist mir der Leser verbunden, daß ich dasjenige auf wenigen Blaͤttern sage, was ich mit einer klei- nen Ausdehnung in vier Bogen haͤtte vor- bringen koͤnnen. Trauer- Trauerrede eines Wittwers auf den Tod seiner Frau, in der Gesellschaft der geplagten Maͤnner gehalten; nebst einer Nachricht von dieser Gesellschaft. E 2 Nachricht von einer Gesellschaft geplagter Maͤnner. Mein Herr, S ie werden sich der Gefaͤlligkeit noch wohl erin- nern, welche Sie gegen diejenige erkenntliche Wittwe gehabt haben, die sich einbildete, sie koͤnnte ihre jungfraͤulichen Zungensuͤnden nicht schaͤr- fer buͤßen, als wenn sie eine Lobschrift auf die boͤsen Maͤnner verfertigte. Jch fodre itzt, im Namen unsers Geschlechts, eine gleiche Willfaͤhrigkeit von Jhnen, und ersuche Sie, beyliegende Trauerrede, die ich, auf den Tod meiner Frau, in der Gesellschaft der geplag- ten Maͤnner gehalten habe, bekannt zu machen. Es wuͤrde dem maͤnnlichen Geschlechte nachtheilig seyn, wenn es von dem weiblichen an Großmuth uͤbertrof- fen werden sollte; so viel kann ich Sie versichern, daß ich diese Trauerrede aus einem eben so redlichen Ge- muͤthe gemacht habe, als unsre Wittwe ihre Lob- schrift. Jch glaube nicht, daß Sie von dieser Gesellschaft der geplagten Maͤnner einige Nachricht haben werden. Es geht uns nicht viel besser, als den ersten Christen; wir versammlen uns nur bey verschloßnen Thuͤren, E 3 aus Nachricht aus Furcht vor den Weibern. Niemand weis die Ab- sicht unsrer Zusammenkunft, nicht einmal der Wirth, von dem wir das Zimmer gemiethet haben. Dieser haͤlt uns fuͤr Quacker, weil wir allezeit tiefsinnig aus- sehen, und die Koͤpfe haͤngen. Wir kommen woͤchent- lich einmal zusammen, und erzaͤhlen einander die Ver- folgungen, welche wir von Zeit zu Zeit ausstehen muͤs- sen. Sie koͤnnen glauben, daß es uns niemals an Ma- terie zu reden fehle. Es geht in unsrer Gesellschaft zu, wie in den Jnvalidenhaͤusern, wo die alten Soldaten, von nichts, als von Feldzuͤgen, von Hunger, von Be- schwerlichkeit des Krieges, von Treffen reden, und einander die empfangnen Wunden zeigen. Es ist mir nicht erlaubt, Jhnen von der Einrichtung dieser Ge- sellschaft naͤhere Nachricht zu geben; dieses aber darf ich wohl sagen, daß wir einen Vorsitzenden unter uns haben. Hierzu gelangt keiner, der nicht besondre Vorzuͤge hat. Demjenigen, welcher itzt diese Wuͤrde bekleidet, wollten verschiedne unter uns den Rang streitig machen; er behauptete ihn aber dadurch, daß er bezeugte, seine Frau ließe ihn allemal unter den Tisch kriechen, so oft er nicht gut thun wollte. Der Nutzen, welchen die Mitglieder unsrer Gesell- schaft haben, ist augenscheinlich. Jch sage nicht zu viel, wenn ich versichere, daß derjenige der beste Philo- soph sey, der eine boͤse Frau hat. Die Baͤndigung der Affecten, die Entsagung der Eigenliebe, der Bequem- lichkeit, des Vergnuͤgens, und alles dessen, was uns in Ausuͤbung der Weltweisheit stoͤren kann: dieses, sage ich, bringt niemand so hoch, als ein geplagter Mann. von geplagten Maͤnnern. Mann. Faͤllt ihm seine Frau in die Haare, so wird er sich daruͤber nicht entruͤsten; weil er glaubt, sie thue es mit zureichendem Grunde. Geht sie auf Eroberungen aus, und sie ist bemuͤht, den Haufen ihrer Anbeter zu vermehren: So wird er sich mit einer philosophischen Geduld waffnen; denn er weis, es wiederfahre ihm nichts, wozu er nicht praͤstabilirt sey. Schlagen sie alle Schriften der tiefsinnigsten Weltweisen nach, kein einziger wird eine boͤse Frau zur besten Welt rechnen; unsre ganze Gesellschaft aber ist davon uͤberzeugt. Vielleicht halten Sie diese unsre Gluͤckseligkeit nicht fuͤr beneidenswuͤrdig; ich will ihnen den Stand der geplagten Maͤnner auch auf der schoͤnen Seite zeigen. Niemand kennt den Werth der Gesundheit, der nicht vorher krank gewesen ist; ein Sklave, der zehen Jahr auf den Ruderbaͤnken geschmachtet hat, wird nach seiner Loslassung am besten sagen koͤnnen, wie edel die Freyheit sey: Und ein Mann, der eine boͤse Frau begraͤbt, empfindet einen solchen Grad der Wollust, den niemand beschreiben kann, als wer in meinen Umstaͤnden ist. Jch halte die Gesellschaft der geplagten Maͤnner fuͤr eine Pflanzschule, in welcher man die geschicktesten Leute zu den allerbeschwerlichsten Aemtern antrifft. Jch finde hiervon einen starken Beweis in der glaub- wuͤrdigen Reisebeschreibung des berufnen Klims, welcher unter andern vernuͤnftigen Gesetzen der Ein- wohner des Planeten Nazars besonders dieses ruͤhmt, E 4 daß Nachricht daß sie zu den beschwerlichsten Verrichtungen die ge- duldigsten Ehemaͤnner nehmen. Sie werden mir verzeihen, wenn ich Jhnen hier kein Verzeichniß von dergleichen muͤhseligen Aemtern mache; dieses einzi- ge muß ich, mit ihrer Erlaubniß, erinnern, daß sich, nach meiner Meynung, niemand besser zu einem Scri- benten schicke, als ein geplagter Mann. Bedenken Sie nur selbst, was ein Autor ausstehen muß. Er stellt sich den Urtheilen aller Welt bloß; er geht durch gute und boͤse Gerichte, und die letzten sind gewiß haͤufiger, so lange es mehr Leute giebt, die lesen, als die schreiben koͤnnen. Wie standhaft wird hierbey ein geplagter Mann seyn! Haben ihn die unfreund- lichen und gehaͤßigen Blicke, das Schelten, die Schimpfreden, ja so gar die erbitterten Haͤnde seiner Frau nicht zur Verzweiflung bringen koͤnnen; so wird er gewiß auch alsdann gelassen bleiben, wenn die Leser seine Schriften mit dem strengsten Eifer be- urtheilen. Jch weis nicht, mein Herr, ob sie verhei- rathet sind; ich sollte es aber fast glauben, und ich bin begierig, ihre Frau kennen zu lernen. Den sparsamen Wachsthum der schoͤnen Wissenschaften, schreibe ich keiner andern Ursache, als dieser, zu, daß es unter uns eine so große Anzahl Scribenten giebt, welche entwe- der gar keine, oder doch keine boͤsen, Weiber haben. Wenn diese schreiben, so haben sie nicht das Herz, bey ihrer guten Absicht standhaft zu bleiben. Die gering- ste Drohung, ein einziges Blatt erschreckt sie, und reißt ihnen die Feder aus der Hand; sie geben bey dem ersten Feuer die Flucht. Jch finde eine große Aehn- von geplagten Maͤnnern. Aehnlichkeit zwischen den Actien, und den Schriften dieser unabgehaͤrteten Scribenten. Eine Schifferzei- tung, ein Nordwestwind, ein kleiner Seesturm, ein Kaper ist vermoͤgend, zu machen, daß jene auf ein- mal fallen: Diese aber gerathen gleich ins Stecken, so bald ein Widersacher aufsteht, der ihnen die Zaͤhne weist. Jch vermuthe, es werde Jhnen diese Erzaͤhlung eine Hochachtung fuͤr unsre Gesellschaft beygebracht haben. Sie werden mich in dieser Meynung bestaͤr- ken, wenn Sie die Anstalt treffen, daß ich meine Trauerrede in dem naͤchsten Monate gedruckt lesen kann. Leben Sie wohl. E 5 Trauer- Trauerrede eines Wittwers, auf den Tod seiner Frau. Meine Herren, N iemals habe ich die Gesetze unsrer Gesellschaft mit mehrerm Vergnuͤgen beobachtet, als itzt, da ich mit Jhnen von dem Verluste reden soll, welchen ich durch das Absterben meines Weibes erlitten habe. Schon seit vielen Jahren wuͤnsche ich mir diese Gelegenheit zu reden, und dieses bloß darum, damit ich Jhnen in einem kurzen Abrisse die ganz be- sondern Eigenschaften meiner Frau vorstellen moͤchte, welche mich ein zehenjaͤhriger Ehestand deutlich genug hat kennen lehren. Sie wissen wohl, meine Herren, daß mir bey ihren Lebzeiten dieses zu thun nicht ver- goͤnnt war; sie konnte nichts weniger vertragen, als das Lob ihres Mannes, und alles, was ich von ihren Faͤhigkeiten erzaͤhlte, kam ihr verdaͤchtig vor. Nun- mehr befreyet mich ihr Tod auch von diesem Zwange, und wenn Sie bedenken wollen, wie sehr mich dieser Verlust schmerze: So werden Sie auch wohl einse- hen koͤnnen, wie groß mein Vergnuͤgen seyn muͤsse, da ich Sie von der Wichtigkeit desjenigen unterhal- ten kann, was ich verloren habe. Finden Sie viel- leicht nicht in meinen Angen die Blicke eines bekuͤm- mer- Trauerrede eines Wittwers. merten Wittwers: So wird Jhnen doch dieser Trauer- mantel, und dieser lange Flor von meiner Betruͤbniß zeugen koͤnnen. Jch bin eben so sehr geruͤhrt, als an- dre, welche der Himmel in meine Umstaͤnde versetzt hat: Nur darinnen unterscheide ich mich von jenen, daß ich meine Regungen durch kein Tuch zu verber- gen suche. Hierdurch machen Sie mich Jhnen so ver- bindlich, daß ich meine Wuͤnsche verdoppeln werde, Jhnen bey einer gleichen Gelegenheit eben so gefaͤl- lig seyn zu koͤnnen. Meine Liebe hat sich mit einer Krankheit angefan- gen, womit die meisten unsers Geschlechts befallen werden. Mir ist es einerley, ob man sie Milzsucht, oder Fieber, oder gar den verliebten Schwindel heißt; so viel weis ich noch, daß ich damals meine Freunde beredete, ich sey bezaubert, und dieses war allerdings nicht unwahrscheinlich. Ein Blick, ein einziger Blick von einer Person, die ich meine Grau- same nannte, brachte mich in die aͤußerste Verwir- rung. Jch sah, ich seufzte, und auf einmal empfand ich eine Gewalt in mir, welche mich alles Nachden- kens beraubte. Mein Gebluͤt kam in ein heftiges Wallen, ich ward unruhig, und gieng des Tages wohl hundertmal, diejenigen Haͤnde zu kuͤssen, wel- che mich, wie ich klagte, gefesselt hielten. Jch kuͤßte sie, und dieses brachte meine Bezauberung aufs hoͤch- ste. Jch verlor die Sprache, wenigstens diejenige, welche man bey gesunden Leuten hoͤrt. Jch redete von nichts, als von Sterben, von Entzuͤckungen, von Cometen, von Blitzen, von Sonnen, von Opfern; ja, Trauerrede ja, ich habe nach der Zeit erfahren, daß ich so gar in Versen geredet habe. Bald verwandelte mich mei- ne Zauberinn in einen Schaͤfer, und ich beschwur die Felsen; bald duͤnkte mich, ich sey mehr, als alle Koͤ- nige, und der Zepter war das geringste, was ich zu den Fuͤßen meiner Gebieterinn legen konnte. End- lich erbarmte sich meine Grausame. Sie gab mir ihre Hand, und dieses endigte meine Bezauberung auf einmal. Meine Gesichter verschwanden, und ich sah meine Frau. Alle schmeichelnde Entzuͤckun- gen verloren sich. Jch war weder Schaͤfer, noch Koͤnig; nichts blieb mir uͤbrig, als eine Gebieterinn. Sie werden es entschuldigen, meine Herren, wenn ich in dieser Beschreibung zu weitlaͤuftig gewesen bin. Sie haben sich vielleicht mehr als einmal gewundert, wie ich mich entschließen koͤnnen, eine Frau, wie die meinige, zu heirathen: nunmehr werden Sie einse- hen koͤnnen, daß die Ueberlegung an dieser Wahl keinen Antheil gehabt hat. Jch habe Jhnen einen ganz kurzen Abriß von den ganz besondern Eigenschaften meiner Frau verspro- chen; ich will dieses Versprechen erfuͤllen, und Sie werden finden, daß alles ganz besonders gewesen ist. Mich duͤnkt, diejenigen sehen den Nachdruck und Gebrauch unsrer Sprache nicht genugsam ein, wel- che das Wort, Ehestand, als einen Jnnbegriff alles desjenigen betrachten, was man durch zaͤrtliche Liebe, durch den hoͤchsten Grad der Freundschaft, durch ver- eines Wittwers. vernuͤnftigen Umgang, durch eine edle Bemuͤhung eines beiderseitigen Vergnuͤgens, und, ich weis nicht durch was fuͤr schoͤne Benennungen mehr, ausdruͤckt. Man findet vielleicht diese Bedeutung in den Woͤrter- buͤchern, oder in den Schriften philosophischer Jung- gesellen, dergleichen der Zuschauer gewesen ist; ich glaube aber nicht, daß eine solche Auslegung im ge- meinen Leben einen großen Nutzen habe. Wenig- stens war derjenige Ehestand ganz anders beschaffen, in welchen mich das Verhaͤngniß gesetzt hatte. Auch meiner Frau kann ich es nachruͤhmen, daß sie sich einen ganz andern Begriff davon machte. Sie war meine Frau, weil ich ihr Mann war; sie hatte mich ge- heirathet, um sich ernaͤhren zu lassen. Dieses hielt sie fuͤr ihre Pflichten des Ehestandes; und ich muß es ge- stehen, daß sie dieselben niemals gebrochen hat. Jch bewundre ihre Einsicht, wenn ich daran ge- denke, wie nachdruͤcklich sie die Meynung derer zu behaupten wußte, welche glauben, daß die Herr- schaft der Maͤnner in den Gesetzen der Natur nicht den geringsten Grund habe. Den Anfang zu ihrer unumschraͤnkten Macht legte sie durch Blicke, und schmeichlerische Mienen; ich ward erweicht, und gab mit Vergnuͤgen nach. Sie gieng weiter; sie befestig- te ihre Gewalt durch Worte, und ein ernsthafteres Verlangen. Jch schwieg, und ließ mir alles gefallen, um wenigstens den Rest der eingebildeten Herrschaft zu erhalten. Endlich machte sie ihren Sieg voll- kommen; sie befahl, sie drohte, und ich wußte durch nichts, als durch einen blinden Gehorsam, mein Schicksal ertraͤglich zu machen. Meine Trauerrede Meine Frau war viel zu edel gesinnt, als daß sie ihre Gemuͤthsruhe durch die Sorgen der Nahrung haͤtte unterbrechen sollen. Sie uͤberließ sich der Vorsehung des Gesindes. Sie befuͤrchtete, sie moͤch- te die Natur beschimpfen, wenn sie diejenigen schoͤ- nen Haͤnde in der Kuͤche besudelte, welche ich ehedem recht abgoͤttisch gekuͤßt hatte, und von denen ihre Ver- ehrer noch itzt zweifelhaft waren, ob sie den Schnee, oder den Alabaster, uͤbertraͤfen. Jch war so gluͤcklich, daß sich bestaͤndig Kenner fanden, welche meine Wahl vollkommen billigten. Sie wußten es meiner Frau auf das verbindlichste vorzusagen, daß sie die artigste Person von der Welt waͤre. Sie beneideten das Gluͤck desjenigen Sterbli- chen, welchem vergoͤnnt waͤre, eine so anbetenswuͤr- dige Goͤttinn zu lieben. Meine Frau nahm Antheil an meinem Gluͤcke; sie konnte diese Schmeicheley wohl leiden, und war allemal erfreut, ich weis aber nicht, ob uͤber ihre goͤttlichen Eigenschaften, oder dar- uͤber, daß man ihr sagte, ich sey ein Sterblicher. Die- ses muß ich noch zum Ruhme meiner Freunde erin- nern, daß sie dergleichen Lobeserhebungen niemals in meiner Anwesenheit vorbrachten; selbst meine Frau war hierinnen vorsichtig. Eine solche Erklaͤrung haͤt- te mich hochmuͤthig machen koͤnnen, und ich wuͤrde es nicht ohne Erroͤthung angehoͤrt haben, wenn man die- ses in meiner Gegenwart haͤtte sagen wollen. Meine Frau war bemuͤht, ihre natuͤrliche Schoͤn- heit durch einen praͤchtigen Aufputz noch mehr zu er- heben. eines Wittwers. heben. Sie wußte, daß die Kleidung noch zu etwas weiter, als zur Bedeckung der Bloͤße, dienlich waͤre. Jch kann nicht laͤugnen, daß mir diese ihre Einsicht sehr theuer zu stehen kam. Jch weis, wie viel es mich gekostet hat, nur ihren Reifenrock in baulichem We- sen zu erhalten, und es ist mehr als einmal geschehen, daß sie dasjenige an einen einzigen Kopfputz ge- wandt, was ich binnen vier Wochen, nicht ohne sau- re Muͤhe, erworben hatte. Sie hatte etwas gelesen, das sie fuͤr einen sinnreichen Scherz hielt, und mit Vergnuͤgen auf sich deutete, wenn sie sagte: Es waͤ- ren ihr alle vier Theile der Welt zinsbar: der Perser spinne fuͤr sie; der Mohr fange ihr die Perlen; der Amerikaner durchwuͤhle die Erde, ihr den noͤthigen Putz zu schaffen; der Europaͤer wage sein Leben, al- les dieses herzubringen; ihr Mann aber sey nur um deswillen erschaffen, daß er die noͤthigen Kosten dazu verdiene. Jch weis nicht, ob dieser Gedanke wohl ausgesonnen ist; daß er aber allerdings gegruͤndet gewesen, solches habe ich merklich genug empfunden. Sie duͤrfen nicht denken, meine Herren, als waͤre der Endzweck dieses praͤchtigen Aufputzes der gewe- sen, daß sie ihrem Manne haͤtte gefallen wollen. Kei- nesweges. Hierinnen war sie unbesorgt, und sie ge- hoͤrte unter die Zahl derjenigen Weiber, welche al- les fuͤr uͤberfluͤßig halten, was ihren Maͤnnern zu ge- fallen geschieht, und welche in ihrem Anzuge alsdann am unachtsamsten sind, wenn sie niemanden, als ihre Maͤnner, um sich haben. Die ganze Stadt soll- te Zeuge von ihrer wohlausgesonnenen Pracht seyn. Sie Trauerrede Sie besuchte Gesellschaften, welche ihr zu dieser Ab- sicht dienlich waren, und kehrte allezeit mit einer triumphirenden Miene zuruͤck, wenn sie merkte, daß sie den schmeichlerischen Beyfall eines artigen Herrn erhalten, und eine eifersuͤchtige Nachbarinn in Un- ruhe gesetzt hatte. So kostbar dieser Aufwand war, so sorgfaͤltig war meine geschickte Frau, denselben durch verschiedne Arten der Sparsamkeit einigermaaßen zu ersetzen. Niemals schien ihr das Gesinde boshafter zu seyn, als wenn die Zeit herankam, da es seinen Lohn fo- dern konnte. Sie war recht sinnreich in Erfindung der Ursachen, solchen zu verkuͤmmern, und konnte es mit einer wunderbaren Standhaftigkeit ansehen, wenn ein Dienstbothe mit leeren Haͤnden von ihr ziehen mußte. Nichts auf der Welt war ihrer Natur so zuwider, als die flehende Stimme eines Armen. Hierinnen erzeigte sie sich, als eine gute Buͤrgerinn, indem der Befehl wider die Bettler dasjenige Gesetz war, welches sie am liebsten mit einer unverbruͤchli- chen Sorgfalt beobachtete. Jch habe es nicht, ohne geruͤhrt zu werden, anhoͤren koͤnnen, so oft sie einen Duͤrftigen, der um eine geringe Gabe bat, mit dem heftigsten Eifer uͤber seine Faulheit, sein luͤderliches Leben, und seine niedertraͤchtige Auffuͤhrung von sich stieß. Wenn ich zuweilen dieses Bezeigen fuͤr un- freundlich halten wollte: So wußte mir meine gute Wirthinn die schweren Zeiten sehr lebhaft zu Gemuͤ- the zu fuͤhren. Aus eines Witwers. Aus dieser Erzaͤhlung koͤnnen Sie wohl sehen, daß unter den Tugenden meiner Frau das thaͤtige Chri- stenthum nicht die kleinste gewesen ist. Jch kann Sie, meine Herren, das im Ernste versichern, daß ihre An- dacht jedermann in die Augen fiel. Die ganze Wo- che hindurch war nichts vermoͤgend, ihre erqvickende Ruhe zu unterbrechen, und sie schlief ungestoͤrt so lange, bis sie ihre Berufsarbeit zum Caffeetische noͤ- thigte. Desto muntrer hingegen war sie an den Feyertagen. Sie bereitete sich etliche Stunden lang vor dem Spiegel zu ihrer Andacht, und wußte ihren Anzug mit einer sehr genauen Sorgfalt einzurichten, weil, wie sie sagte, die geringste Unordnung ihren Nebenchristen in der andaͤchtigen Beschaͤfftigung stoͤ- ren koͤnnte. Jn der Kirche waren ihre Augen ohne Unterlaß in Bewegung. Sie hat mich versichert, es geschaͤhe dieses nicht aus Neugierigkeit, sondern darum, weil sie ein Vergnuͤgen empfaͤnde, an einem Orte so viel glaͤubige Seelen beysammen zu sehen, welche allerseits mit ihr aus einerley Absicht dahin gekommen waͤren. Es erfodern, wie Jhnen bekannt ist, die Statuten hiesiges Orts, daß das Frauenzimmer des Nachmit- tags, nach geendigter Andacht, zusammen komme. Wer niemals die Ehre gehabt hat, dabey zu seyn, der koͤnnte glauben, es geschaͤhe dieses wegen des Caffees und des Spielens; allein, diese Meynung ist falsch; es geschieht lediglich in der Absicht, dasje- nige zu wiederholen, was man in der Kirche gehoͤrt und gesehen hat. Auch hierinnen uͤbertraf meine Frau ihr ganzes Geschlechte. Jch habe bey dieser Erster Theil. F Gele Trauerrede Gelegenheit mit Verwunderung gehoͤrt, wie auf- merksam sie in der Kirche gewesen war. Jhre Be- redsamkeit war erstaunend, wenn sie den Jnnhalt desjenigen beurtheilte, was an heiliger Staͤte gere- det worden war. Sie machte die ganze Gesellschaft dadurch aufgeraͤumt, und haͤtte wegen ihrer witzigen Spoͤtterey billig den Namen eines starken Geistes verdient, wenn sie eine Mannsperson gewesen waͤre. Die reichste Materie wird endlich erschoͤpft, und die Ordnung der Gedanken fuͤhrte meine strenge Rich- terinn auf die andern Personen, welche zugegen ge- wesen waren. Es schien etwas uͤbernatuͤrliches zu seyn, wenn man sie die geheimsten Nachrichten ihrer Nachbarn erzaͤhlen hoͤrte. Sie erklaͤrte die verstohl- nen Blicke jener Freundinn, welche die Eifersucht ih- res Mannes so behutsam gewoͤhnt hatte. Sie wußte von dem Faͤcher eines Frauenzimmers, welches ihr gegen uͤber gesessen, einen weitlaͤuftigen Roman zu erzaͤhlen, und schwur, daß vier wohlhabende Maͤn- ner vergebens seufzten. Sie stellte ihren Feinden mit einer ungemeinen Zuversicht die Nativitaͤt, wobey sie mit vieler Wahrscheinlichkeit anzeigte, warum es dieser oder jener ungluͤcklich gehen muͤßte. Der suͤndliche Hochmuth einer Frau, welche ihr acht Ta- ge vorher den Rang streitig gemacht, war die ein- zige Ursache, warum sie der Himmel zween Tage darauf augenscheinlich gezuͤchtigt, und durch einen Verlust gedemuͤthigt hatte, welchen ihr Mann in seiner Nahrung erlitten. Jedes Strafurtheil, das sie faͤllte, endigte sich mit dem christlichen Seufzer; sie wolle niemanden nichts Boͤses nachgeredet haben. Nun- eines Wittwers. Nunmehr wird mir es leicht fallen, Jhnen ei- nen genauern Begriff von der Kinderzucht meiner verstorbnen Frau beyzubringen. Sie wissen, mei- ne Herren, daß ich der Vater einer Tochter bin, und wenn Sie es nicht glauben wollen, so kann ich es Jhnen aus dem Kirchenbuche beweisen. Diese Tochter hat mir in den ersten sechs Wochen mehr, als die ganze folgende Zeit uͤber, gekostet. Jch will von dem praͤchtigen Aufputze des Wochenzim- mers nichts gedenken, welcher allerdings verschwen- derisch wuͤrde gewesen seyn, wenn er nicht zu Eh- ren meiner Frau, und ihrer Nachkommen, also ein- gerichtet worden waͤre: nur dieses muß ich erin- nern, daß mir damals die guten Wuͤnsche unzaͤhli- ger neugieriger Freundinnen mehr Schaden an meinen Einkuͤnften gethan haben, als jemals die Fluͤche meiner Feinde. Meine Frau hatte diese Tochter zur Welt gebracht, und also alles verrich- tet, was man von einer Mutter fodern kann. Der Wohlstand noͤthigte sie, eine Amme zu waͤhlen, welche die Pflichten der Ernaͤhrung uͤber sich naͤh- me. Schon im zweyten Jahre zeigte das Kind, zum unaussprechlichen Vergnuͤgen seiner werthe- sten Mama, die deutlichsten Proben eines durch- dringenden Verstandes, da es mit der groͤßten Hef- tigkeit dasjenige verlangte, was ihm einfiel, und mit Haͤnden und Fuͤßen seinen Unwillen bezeugte, wenn jemand so unbedachtsam war, und ihm wi- dersprach. Schlaͤge gehoͤren nur fuͤr die Kinder gemeiner Leute; meine Frau hielt es fuͤr eben so grausam, ihr Kind zu schlagen, als wider ihr eignes F 2 Ein- Trauerrede Eingeweide zu wuͤten. Man war sehr sorgfaͤltig, meine Tochter zu unterweisen. Das erste, was sie von ihrer Muttersprache lernte, war dieses: Sie sey ein artiges Kind, und wenn sie fromm waͤre, so sollte sie auch einen huͤbschen Mann bekommen. Diese wichtige Vermahnung war nicht ohne Nu- tzen. Die Hoffnung, einen Mann zu bekommen, hatte so vielen Nachdruck in dem Gemuͤthe dieser Tochter, daß sie alles faßte, was meine Frau fuͤr Tugenden ihres Geschlechts hielt. Jm vierten Jahre verstund sie die Wirkung des Spiegels; im fuͤnften erlangte sie einen Geschmack von schoͤnen Kleidern; im sechsten war sie vermoͤgend, uͤber ihre Gespielinnen zu spotten; im siebenten faßte sie die Regeln des Lombers, und andern Zeitvertreibes; im achten unterwies man sie in der Kunst, zaͤrtlich zu blicken, und artig zu seufzen, und nunmehr war meine Frau eben im Begriffe, ihr eine kleine Kennt- niß von demjenigen beyzubringen, was der gemeine Mann Christenthum und Wirthschaft nennt, als eine unverhoffte Krankheit diese sorgfaͤltige Mutter von ihrer hoffnungsvollen Tochter trennte. Jch komme itzt auf denjenigen Umstand meiner Ehe, an welchen ich nicht ohne die empfindlichste Ruͤhrung gedenken kann. Was bey einem Trauer- spiele die Aufwickelung des Knotens heißt, das ist in dem Ehestande der Tod unsrer Weiber. Je verwirrter, ie betruͤbter bey jenem das widrige Schicksal der aufgefuͤhrten Personen vorgestellt wird; desto wichtiger scheint uns die Aufwickelung. Jch eines Wittwers. Jch sehe dem Tode meiner Frau getrost entgegen, weil ich dadurch aufhoͤre, eine beschwerliche Rolle zu spielen, und weil ich ihr diejenige Ruhe von Herzen goͤnne, welche die Weltweisen so lebhaft zu ruͤhmen wissen. Meine Frau fiel in eine Krankheit, wobey gleich die ersten Anzeigen toͤdt- lich waren. Sie nahm ihre Zuflucht zum Arzte, welcher sie in seiner Sprache sehr umstaͤndlich ver- sicherte, daß sie sich nicht wohl befaͤnde. Er hatte Recht; denn das Uebel nahm in wenigen Stun- den dergestalt zu, daß er an nichts weiter gedachte, als sie nur nach gehoͤriger Ordnung zu ihren Vaͤ- tern zu versammlen. Man kann das Gemuͤth ei- nes Menschen niemals besser einsehen, als in dem- jenigen Augenblicke, wenn die Seele anfaͤngt, sich von der Beschwerlichkeit des Leibes frey zu machen. Dieses habe ich an meiner sterbenden Frau beob- achtet. Sie foderte einen Spiegel; sie sah sich an, und erschrack. Jch sterbe, rief sie, ich sterbe zu fruͤh! Meine Schuldigkeit war, sie zu troͤsten. Jch redete ihr zu; sie solle nur freudig sterben. Aber ein zorniger Blick unterbrach meine Vermahnung; sie stieß mich mit den Worten von sich: Schweig, Ver- raͤther! Dieses war ihr letzter Wille, welchen sie in dem Augenblicke mit ihrem Tode versiegelte. Jch bin nicht vermoͤgend, meine Herren, Jhnen dasjenige deutlich gnug zu beschreiben, was ich da- mals in meinem Gemuͤthe empfand. Stellen Sie sich einen Menschen vor, welchen ein fuͤrchterlicher Traum beunruhigt. Er befindet sich auf der See, F 3 wo Trauerrede eines Wittwers. wo ihn ein heftiger Sturm von der groͤßten Hoͤhe in den tiefsten Abgrund wirft; sein Schiff scheitert; er glaubt, nun sey alles verloren, und erwacht. Mein Ehestand hatte zehen Jahr gedauert, die schaͤrfsten Proben einer strengen Geduld hatte ich ausgehalten, noch sah ich nicht die geringste Hoff- nung, als meine Frau ganz unvermuthet starb. Dieses wird genug seyn, Jhnen, meine Herren, einen hinlaͤnglichen Begriff von den ganz besondern Eigenschaften meiner Frau beyzubringen. Nun- mehr werden Sie uͤberzeugt seyn, daß ich der Ehre, Jhr Mitglied zu heißen, nicht ganz unwuͤrdig gewe- sen. Jch bescheide mich dessen gar wohl, daß ich nur die unterste Stelle verdiene, da mir diejenigen Vorzuͤge nicht unbekannt sind, welche Jhre Wei- ber noch vor der meinigen haben. Ein Ein Auszug aus der Chronike des Doͤrfleins Querlequitsch, an der Elbe gelegen. F 4 Geneigter Leser, D u wirst mir nicht zumuthen, daß ich dir sagen soll, wie ich zu dem Manuscripte gekommen sey, von welchem ich dir gegenwaͤrtigen Aus- zug liefere. Wenn ich spraͤche, ich haͤtte es unter einem alten Gemaͤuer gefunden: So wuͤrdest du es vielleicht, als ein schaͤtzbares Alterthum, mit vieler Ehrfurcht durchlesen. Jch koͤnnte dich wohl auch bereden, es gehoͤrte in eine Bibliothek, und weil ich ein Gelehrter bin, so wuͤrdest du unfehlbar denken, ich haͤtte es mit lehrbegierigen Haͤnden heimlich ent- wendet. Allein, ich bin nicht gesonnen, dir eine Unwahrheit vorzusagen; du sollst aber auch die Wahrheit nicht erfahren. Sey zufrieden, daß ich dir ein Werk mittheile, welches allen Geschichtschrei- bern zur Vorschrift, und dir vielleicht zur Erbauung dienen kann. Den eigentlichen Verfasser dieser Chronike, und die Zeit, wenn sie geschrieben worden, kann ich nicht angeben. Auf dem Titelblatte steht an statt des Namens ein N. welches der Verfasser sonder Zweifel um deswillen gethan hat, daß er den Leser neugierig machte, und desto bekannter wuͤrde. Mei- ne Vermuthung geht dahin, es habe es ein ehema- liger Pfarrer daselbst geschrieben. Ob ich recht habe, wirst du aus denen Umstaͤnden urtheilen, die in dem Auszuge selbst vorkommen. Wenn aber dieser Pfarrer gelebt, und die historischen Nach- richten gesammlet hat, solches ist noch ungewisser. F 5 Jch Ein Auszug aus der Chronike Jch vermuthe, daß es kurz nach des Kanzlers Crells Tode geschehen sey; ich will aber niemanden meine Meynung aufdringen. Das Werk selbst ist von einer ziemlichen Weit- laͤuftigkeit, in Folio, vier Alphabeth stark. Die Schrift ist sehr klein und unleserlich, auch hin und wieder, ich weis nicht aus was fuͤr Ursachen, Platz gelassen worden. Der Auszug, den ich geben will, soll desto kuͤrzer seyn, und mit Ausfuͤllung der leeren Stellen moͤgen sich diejenigen belustigen, welche in Ergaͤnzung verstuͤmmelter Alterthuͤmer, wo nicht gluͤcklich, doch unermuͤdet sind. Gleich durch den ersten Anblick des Buchs wird man uͤberfuͤhrt, daß der Verfasser von einem beson- dern Geschmacke, und kein abgesagter Feind seiner Verdienste, muͤsse gewesen seyn. Man findet da- selbst ein Bild, welches er vermuthlich eigenhaͤndig entworfen hat, und das zwar nicht kuͤnstlich, doch ziemlich deutlich, gerathen ist. Es stellt die flie- gende Fama vor, die zwo sehr dicke Backen und eine Trompete kenntbar machen. An dieser haͤngt ein Tuch, worinnen man eine menschliche Figur mit einer Pechmuͤtze, einem Ueberschlaͤgelchen, und ei- ner so genannten Harzkappe erblickt. Es ist eine Umschrift dabey, von der ich aber nichts, als die beiden ersten Buchstaben errathen kann, welche nach meiner Einbildung P. L. und wie ich glaube, Pastor loci, heißen, wiewohl sie auch Poeta laureatus heißen koͤnnten. Aus den Wolken ragt eine Hand hervor, welche eine zusammengekruͤmmte Schlange, und noch etwas faßt, das vermuthlich ein Lorbeer- kranz des Doͤrfleins Querlequitsch. kranz seyn soll. Unten fesselt ein Genius die Zeit an einen Baum, in den die Buchstaben gegraben sind: S. H. N. Q. T. L. Q. M. Wenn ich mich nicht irre, so zielen diese auf den Vers: Semper honos, nomenque tuum laudesque manebunt. Dabey stehen sehr viele Leute, welche mit Ver- wunderung, und aufgehabnen Haͤnden, nach dem Bilde sehen. Sie sind alle sehr undeutlich gemalt, bis auf einen einzigen, den ich fuͤr den Schulmei- ster des Dorfs halte, weil er das Maul schrecklich aufsperrt. Die Aufschrift stellt eine Landschaft, und darinnen das Dorf Qverleqvitsch, vor, uͤber dem ein offnes Buch schwebt, das sonder Zweifel eine Concordanz, oder gar die Chronike selbst bedeu- ten soll. Jch finde diese Worte darinnen: Nil sine me. Dem Bilde gegen uͤber ist ein Blatt leer gelassen, auf welchem steht: Erklaͤrung meiner Er- findung. Ob er aber seine Erfindung selbst nicht verstanden hat; oder von dem Tode an der Erklaͤ- rung verhindert worden ist; das weis ich nicht. Jn Beschreibung dieses Bildes bin ich um deswil- len weitlaͤuftig gewesen, damit man das Alterthum des Buchs daraus abnehmen koͤnne; denn heuti- ges Tages, und schon seit vielen Jahren, sind derglei- chen praͤchtige Bilder gar nicht mehr gebraͤuchlich. Hierauf folgt der Titel, welcher ein neuer Be- weis des Alterthums, und so weitlaͤuftig ist, daß man ihn, ohne eine rechte gesunde Lunge zu haben, in ei- nem Athem nicht durchlesen kann. Jch will ihn ganz hersetzen; Hellgeblasene Kriegstrompete und Frie- densposaune! Das ist; eine kurz gefaßte Chronik des Ein Auszug aus der Chronike des weit beruͤhmten Doͤrfleins Qverleqvitsch an der Elbe, worinnen dessen beliebte, aber zuweilen be- truͤbte, Geschichte, von den aͤltesten, mittlern und neuern Zeiten, aus zuverlaͤßigen Nachrichten, alter Leute Munde, und andern Urkunden genommen, zugleich auch die darinnen einschlagende Geschichte der assyrischen, persischen, griechischen, und roͤmischen Monarchien, nebst denen merkwuͤrdigen Veraͤnde- rungen der Kaiserthuͤmer, Fuͤrstenthuͤmer und Rei- che, Leben und Thaten der Paͤbste, Kaiser, Koͤnige, Fuͤrsten ꝛc. nebst ihren guten und boͤsen Eigenschaf- ten, vorgetragen, die unergruͤndlichen Wunder der Natur an Sonne, Mond und Sternen, ingleichen an Pflanzen, Baͤumen, kriechenden und fliegenden Thieren, so wohl auf der Erde, als im Wasser, auch was sonsten lebet, webet, und Odem hat, lehr- reich beygebracht, und dadurch die verderblichen, ab- scheulichen und verteufelten Meynungen der Soci- nianer, Arrianer, Pelagianer, Manichaͤer, Wieder- taͤufer, Molinisten, Syneretisten, Atheisten, Jndiffe- rentisten, und aller Ketzer, die sich in Jsten endigen, heftig und kraͤftig widerlegt, zur Warnung und Vermahnung, besonders aber zum Troste des christ- lichen Haͤufleins in Qverleqvitsch, mit beliebter Kuͤr- ze, und eilfertiger Feder entworfen durch N. Auf der 1 Seite steht die Zueignungsschrift an seinen lieben Schwiegervater und Gevatter, George Klunkern, Buͤrgermeistern in Merane, auch des loͤblichen Schneiderhandwerks daselbst Oberaͤltesten. Er weiset darinnen die Aehnlichkeit, welche das Staͤdtlein Merane mit dem alten Rom habe, und nach- des Doͤrfleins Querlequitsch. nachdem er seinem Herrn Schwiegervater durch viele lateinische Stellen gewiesen hat, wer Cicero gewesen sey, so fragt er ihn und die ganze Buͤrger- schaft, ob Herr Klunker nicht ein andrer Cicero sey? Er beweist es durch Exempel, und unter an- dern daraus, daß er den Stadtschreiber daselbst, als einen gefaͤhrlichen Catilina, aus ihren Mauern ge- jagt; so daß man billig ausrufen koͤnnen: excessit! euasit! erupit! Auf der 5. S. schreitet er naͤher zu seinem Vor- haben, und fuͤhret die Ursachen an, die ihn bewogen haben, zu schreiben. Er erzaͤhlt dieselben nach der Reihe, und haͤlt darunter die fuͤr die wichtigste, da er dem heftigen und unaufhoͤrlichen Bitten, Flehen und Drohen seiner Freunde, Goͤnner und Vorgesetz- ten mit gutem Gewissen nicht laͤnger widerstehen, und lieber der gelehrten Welt dieses Buch mitthei- len, als Anlaß zu einigen Gewaltthaͤtigkeiten geben wollen. Von der 9 bis 12 S. weist er die Einrichtung des ganzen Werks; A. d. 13 S. aber dessen großen Nutzen und Von 15 bis 19 erklaͤrt er sich auf sechs Seiten, daß er wegen seiner vielen Amtsverrichtungen ab- brechen, und diese Zueignungsschrift schließen muͤsse, worauf a. d. 20 und 21 S. ein herzlicher Seufzer folgt. A. d. 22 S. stehen diese Worte: Ungeheuchelte Lobschriften und schuldige Ehrendenkmaale auf den T. T. Herrn, Herrn N. ‒ ‒ Verfassern der Chronike des Doͤrfleins Qverleqvitsch, aufgerichtet von nach- benannten gelehrten Maͤnnern. Es hat aber der Herr Ein Auszug aus der Chronike Herr N. solche vermuthlich nicht erlebt, weil bis p. 40 leere Seiten in dem Manuscripte sind. A. d. 40 S. faͤngt sich endlich die Chronike selbst mit den großen Buchstaben Q. B. D. V. an. Gott aber schuf nur ein Maͤnnlein, und ein Fraͤu- lein, sind seine ersten Worte, und er weist sodann, wie wunderbar, durch so viele Jahrhunderte, Laͤnder, und Orte, sich das menschliche Geschlecht fortgepflan- zet, so daß anitzt nur allein in Qverleqvitsch neun und achzig vernuͤnftige Seelen zu befinden waͤren, wobey er wuͤnscht, daß sie moͤchten fuͤr Krieg, Pest und theu- rer Zeit behuͤtet werden, welches sie zwar mit ihren Suͤnden gar wohl verdienet haͤtten. A. d. 46 S. geraͤth er auf den Einfall, wie es wohl vor tausend Jahren in Qverleqvitsch ausgese- hen habe? Er ist der Meynung, daß die dasige Ge- gend zu der Zeit ganz und gar unbewohnt gewesen, und vielleicht an dem Orte, wo anitzt die Kanzel ste- he, nichts als Rohrdommeln in der Wuͤsten, gehoͤrt worden sind. Hierauf legt er seine ganze Gelehr- samkeit aus, und redet von einem Cherusker Fuͤrsten Arminius, von den Hermunduren, und Mysen. Die Thracier und Scythen fallen ihm ein. Er erblaßt, wenn er an den Attila gedenkt, und bewundert das Schicksal, welches die Vandalen aus dem kalten Norden in das heiße Jtalien geworfen, um die schoͤ- nen Kuͤnste und Wissenschaften zu zerstoͤren. Er besinnt sich auf die Langobarden, und zieht zwoͤlf ge- lehrte Maͤnner an, welche diesen Namen von den langen Baͤrten herleiten. Auf des Doͤrfleins Qverleqvitsch. Auf der 59 S. koͤmmt er wieder zu sich selbst, und erinnert, er haͤtte um deswillen in seiner Erzaͤhlung ausgeschweift, weil er beweisen wollen, wer ihre Vor- fahren in dasiger Gegend gewesen waͤren. Die ganze Sache aber haͤlt er fuͤr ungewiß, und will lieber gar nichts, als etwas zweifelhaftes, sagen, indem ein ver- nuͤnftiger Mann nichts reden muͤsse, als was er mit gutem Grunde behaupten koͤnne. Er beseufzt den verderblichen Hussitenkrieg, in welchem vermuthlich die schoͤnsten Urkunden von diesem Dorfe verbrannt, oder mit nach Boͤhmen gefuͤhrt worden waͤren. Bey dieser Gelegenheit faͤllt ihm ein, daß Huß eine Gans heiße, und lacht recht herzlich uͤber die san- ctam simplicitatem des Bauers, welcher in Costnitz ein Buͤndel Holz zum Scheiterhaufen getragen, die- sen theuren Maͤrtyrer zu qvaͤlen. A. d. 66 S. will er, um mit Ehren und unbefleck- tem Gewissen aus diesem Krame zu kommen, einem jeden hierinnen seine Meynung lassen. Genug, spricht er, daß wir muͤssen Vorfahren gehabt haben; denn wo ein effectus ist, da ist auch eine causa; at- qui, schließt er weiter, ich und alle Bauern im Dor- fe sind ein effectus, Ergo muͤssen wir eine causam gehabt haben, und diese sind eben unsre Vorfahren, welche ich im Vorhergehenden so muͤhsam suchte. Durch eine ausfuͤhrliche Note zeigt der Herr Autor, in welchem modo dieser Schluß sey, und verwuͤnscht den Aristoteles in den Abgrund der Hoͤlle, weil er durch seine Sophisterey die ganze Welt mit Blind- heit geschlagen habe. Am Rande stehen die Wor- te: O Vernunft! wie schaͤdlich bist du! Die Dinte ist Ein Auszug aus der Chronike ist aber ganz frisch, und die Zuͤge sind nach der heuti- gen Art; daher ich vermuthe, diese Randglosse muͤsse nur etwan vor zwanzig Jahren gemacht seyn. A. d. 68 S. dankt er dem Himmel mit einem inn- bruͤnstigen Ach! daß er ihm Weisheit und Kraͤfte ver- liehen habe, aus diesem Labyrinthe der Alterthuͤmer gluͤcklich zu entkommen, und die verwirrten Nachrich- ten ihrer Vorfahren in ein helles Licht zu setzen. Er beschreibt so dann, mit ziemlicher Deutlichkeit, die La- ge, den Umfang, Groͤße, Zaͤune, Graben, und Einthei- lungen der Gassen des Doͤrfleins Qverleqvitsch, wel- ches ich aber alles unberuͤhrt lasse, weil der Ort je- dermann bekannt, und noch auf diese Stunde dessen aͤußerliche Beschaffenheit unveraͤndert ist. A. d. 80 S. besinnt er sich, daß er in der Eil verges- sen habe, zu sagen, wo der Name Qverleqvitsch her- stamme. Er hat aber so einen loͤblichen Abscheu vor alten Untersuchungen bekommen, daß er sich dabey nicht aufhaͤlt. Seine Meynung geht dahin, es sey, wegen seiner anmuthigen Lage, in dem Pabstthume querelarum quies genannt worden. Es koͤmmt ihm dieses hoͤchst wahrscheinlich vor, weil man nur die Buchstaben e und arum wegwerfen, und ies in itsch verwandeln duͤrfe. Er beweist dieses auch nach- druͤcklich, indem er sagt, man muͤsse keine gesunde Vernunft haben, wenn man die Wahrheit davon nicht einsehen wolle. A. d. 81 S. wird gehandelt von des Doͤrfleins Qverleqvitsch weltlichen Hauptgebaͤuden, und denen damit verknuͤpften Gerechtsamen, Gerichten, und Privilegien. Des gestrengen Junkers Rittersitz wird des Doͤrfleins Qverleqvitsch. wird zuerst vorgenommen. Es ist keine Mauer, keine Stube, kein Fenster, kein Ziegel auf dem Dache, wel- chen er nicht nach seiner Laͤnge und Breite beschreibt, ja den Einfaͤltigen zum Besten, hat er so gar einige Risse nebst dem Maasstabe beygefuͤgt. Es gehoͤrt eine ziemliche Geduld dazu, wenn man alles will durchlesen. Doch darf ihm dieses nicht als ein Feh- ler ausgelegt werden, weil er nichts gethan hat, als was unsre Scribenten mit einer unermuͤdeten Sorgfalt noch heutiges Tages thun. Ueber dem Thorwege entdeckt er eine alte steiner- ne Figur, welche nach dem verfertigten Entwurfe ver- muthlich nichts anders ist, als eine Verzierung von Laubwerke, er will es aber fuͤr ein hochadeliches Wa- pen ansehen, woraus er verschiedene Verbindungen des gestrengen Junkers mit andern Familien, und zugleich einige rechtsgegruͤndete Anspruͤche auf sechs Ritterguͤter ableitet. Einen Thurm, welcher den Bauern zum Gefaͤng- nisse dienen muß, haͤlt er fuͤr besonders merkwuͤrdig. Er nennt ihn ein Schrecken der Widerspaͤnstigen und einen Tempel der Gerechtigkeit, den Gerichts- voigt aber sacerdotem iustitiae, und zeigt bey dieser guten Gelegenheit, den gegruͤndeten Unterschied zwi- schen dem geistlichen und weltlichen Arme. Das Gemeindehaus kann er mit Stillschweigen nicht uͤbergehen. Er machet eine beynahe eben so lebhafte Abbildung davon, als von dem Rittersitze; uͤber die dabey stehende Linde aber, worunter die Bauern ordentlich zusammen kommen, bezeigt er eine herzliche Freude, weil sie ihn auf die Geschichte der Erster Theil. G alten Ein Auszug aus der Chronike alten abgoͤttischen Linden, und die Gewohnheit, un- ter freyem Himmel Gerichte zu halten, durch eine natuͤrliche Ordnung bringt. Er handelt diese Ma- terie mit vieler Belesenheit ab, und ich habe davon einige neuere Schriften gesehen, welche es ihm nicht gleich thun. A. d. 140 S. folgen die geistlichen Hauptgebaͤu- de. Sie bestehen nur aus der Kirche, Pfarre und Schulwohnung. Bey jedem aber machte er eine lan- ge Erzaͤhlung, und die Bilder sind auch nicht gespart. Jch will dem geneigten Leser mit einem Auszuge da- von nicht beschwerlich fallen. Einige Umstaͤnde aber kann ich nicht unberuͤhrt lassen. Wie lange die Kirche gestanden habe, weis er ei- gentlich nicht; wohl aber, daß sie schon im Pabstthu- me gewesen. Die Geschichte der Reformation nimmt hier viele Seiten weg, und es koͤmmt mir wahrschein- lich vor, daß Seckendorf sich dieses Manuscripts mit gutem Nutzen bedient habe. Den Weihkessel, wel- cher noch in der Kirche eingemauert ist, kann er ohne Thraͤnen niemals ansehen, und er haͤlt solchen fuͤr et- was, das zum papistischen Sauerteige gehoͤre. Den wohl angerichteten Beichtstuhl aber nennt er einen Schmuck und eine Zierde des ganzen Tempels. Bey einem vorgehabten Kirchenbaue hat sich hinter dem Altare etwas gefunden, welches der Herr Verfasser, als eine alte Muͤnze, sehr hoch haͤlt, und nicht allein einen Abriß davon, sondern auch die Muͤnze selbst beygefuͤgt. Anfaͤnglich hat er gar nicht gewußt, was er daraus machen solle. Aber durch eine unermuͤ- dete Untersuchung, und Beyhuͤlfe einiger gelehrten Freun- des Doͤrfleins Qverleqvitsch. Freunde, hat er auf einer Seite ein Roß im Wasser, auf dem andern aber eine Figur gefunden, welche bey nahe, als ein gekroͤntes Brustbild ausgesehen, mit der zwar etwas undeutlichen Umschrift: vedkend. Seine Freude uͤber diesen Fund ist ganz unaussprech- lich. Er beweist, daß diese Muͤnze Carl der Große auf Wittekinds Taufe habe praͤgen lassen. Er be- schreibt die ganzen Kriege der Sachsen, und ihre end- liche Bekehrung, und dankt dem Himmel mit gefalt- nen Haͤnden, welcher solchen großen Schatz so lange erhalten, und ihn mit dieser kostbaren Muͤnze bese- ligt habe. Jch schickte sie unlaͤngst dem beruͤhm- ten Herrn Professor Koͤhler zu, um seine Meynung daruͤber zu vernehmen, er schrieb mir aber, es sey nichts anders, als ein alter verrosteter Deckel von einer Mithridatbuͤchse. Er ruͤhmet ferner den schoͤnen Buͤchervorrath, womit die Sacristey ausgezieret sey, welche er des- wegen armamentarium sacrum nennet, und versi- chert, es waͤren so viele praktische Buͤcher, Sterne und Kerne, und andere biblische Ruͤstzeuge darinnen, daß man sich binnen einer halben Stunde mit einer trost- reichen Predigt bewaffnen koͤnne. Das bey der Kirche angemachte Halseisen soll ein untruͤgliches Merkmaal guter Policeyordnung seyn. Er wuͤnscht, daß alle diejenigen daran geschlos- sen wuͤrden, welche sich nicht schaͤmten, ihrem Pfar- rer, an statt des guten Decems, Wicken und Trespe zu geben, da ihnen doch dieser das Wort Gottes lauter und rein predige. G 2 Des Ein Auszug aus der Chronike Des Pfarrers Studierstube koͤmmt ihm nicht an- ders vor, als das trojanische Pferd. Aus diesem spricht er, waͤren so viel tapfre Helden gestiegen, wel- che das hochmuͤthige Troja in die Asche gelegt haͤtten; aus jener aber trete eine erbauliche Predigt nach der andern hervor, welche das stolze Babel bestuͤrmte. Doctor Luthers Hauspostille, nennt er sein Pal- ladium, dessen ganze Geschichte er aus dem Alter- thume hervorsuchet. Von der 203 bis 279 S. ist das Geschlechtregister der gestrengen Junkern von N. Erb-Lehn- und Ge- richtsherrn auf Qverleqvitsch. Jch will nur einige davon anfuͤhren, und mich, so viel moͤglich, seiner eignen Worte bedienen. Hanns von N. ward gebohren 1429 und lebte fuͤnf und sechzig Jahr. Man weis von ihm gar nichts weiter, als daß er einen sehr dicken Bauch gehabt hat. Hanns Ulrich von N. des vorigen Sohn, hat- te einen Jagdhund, welchen er unsaͤglich liebte. Als der Hund starb, schickte er dem Pfarrer eben so viel an Leichengebuͤhren, als wenn ein Sohn gestorben waͤre. Es mag ein loͤblicher Herr gewesen seyn. George von N. aß, trank, und vermaͤhlte sich dreymal. Seinen Bauern war er gewogen, dem Pfarrer aber spinnefeind. Er wollte nicht leiden, daß ihm dieser auf der Kanzel die derbe Wahrheit sagte, da es doch an einem so privilegirten Orte ge- schah. Von undenklichen Jahren her hatte der Pfarrer des Sonntags auf dem Herrnhofe gespeist, dieser George aber brachte es ab. Es war ein rech- ter des Doͤrfleins Qverleqvitsch. ter Atheiste, ohne Gottesfurcht und Gewissen, und wie er lebte, so starb er auch; denn er fiel vom Pferde, und brach den Hals. Nach dem Tode hat es hef- tig auf seinem Grabe getobt, und des Pfarrers Frau hat es mit ihren Ohren gehoͤrt, daß es nicht anders gewesen sey, als wenn sich die Katzen gebissen haͤtten. Er starb ohne Kinder, und das Guth fiel an seinen Vetter Casimir von N. Von der 280 bis 336 S. sind die Leben der Kir- chen- und Schuldiener daselbst beschrieben. Es ist die- ses mehr ein Zusammenhang vieler Lobschriften, als eine historische Erzaͤhlung; und wie dergleichen be- sondre und nach Befinden geheime Nachrichten, nur wenigen Leuten gefallen koͤnnen, den meisten aber ekelhaft sind: So ist auch von gegenwaͤrtiger Ab- handlung nicht zu leugnen, daß derjenige schlechter- dings Pfarrer in Qverleqvitsch seyn muß, der ein Vergnuͤgen daran finden soll. Jch will also die Geduld meines Lesers nicht misbrauchen, und nur etwas weniges daraus anfuͤhren. M. Heinrich Qvad, ein ehrwuͤrdiger Mann, predigte alle Wochen einmal, und starb. Er hat ein Buch geschrieben, welches den Titel fuͤhrt: προς ἑαυτον, oder wohlgemeynter Unterricht, fuͤr die ein- faͤltigen Pfarrherrn, wie sie sich auf der Kanzel zuͤch- tig geberden sollen. Mit Holzschnitten. George Voigt, verstund das Hauswesen vor- trefflich, und predigte ziemlich. M. Curt Hauchius. Er war ein starker Zelo- te. Er ward allemal braun im Gesichte, wenn er an den Pabst gedachte, und hat sechs und funfzig neue G 3 Ketzer Ein Auszug aus der Chronike Ketzer gemacht. Er lebte in großer Uneinigkeit mit seinem Gerichtsherrn, und hatte viel Verdruß mit der Gemeinde, wegen des Pfarrbaues. Ueber das Pfingstbier hat er sich sehr ereifert, woran er auch starb. M. Heinrich Bockstaudius sollte des Kanzlers Crells Ordonanz unterschreiben, dessen er sich weiger- te, und des Amts entsetzt ward. Der Herr Autor sieht diesen Umstand fuͤr merkwuͤrdig an, weil er glaubt, dieser sey der einzige unter allen Gelehrten, welcher lie- ber das Amt verlieren, als etwas schreiben wollen. Bis hieher gehen die Kirchendiener, und sind als- dann einige Blaͤtter leer gelassen, welches mich, wie ich im Eingange erwaͤhnt, auf die Vermuthung ge- bracht, daß gegenwaͤrtige Chronike nach Crells Tode geschrieben sey. Von den Schuldienern des Orts, deren der Au- tor zwanzig nahmhaft macht, will ich nur eines einzi- gen erwaͤhnen. Er hieß ihn Gall Veidt den Gros- sen. Es kam mir Anfangs laͤcherlich vor, daß er ei- nem Schulmeister diesen praͤchtigen Beynamen giebt; er behauptet es aber dadurch: Er habe zierlich schrei- ben und lesen koͤnnen, die Kinder fleißig unterrichtet, die Kirche reinlich gehalten, die Glocken wohl gelaͤu- tet, eine gute Passion singen koͤnnen, und alles voll- kommen gethan, was einem rechtschafnen Schulmei- ster gebuͤhrt. Mithin sey er zwar kein großer Held, aber doch ein großer Schulmeister gewesen. A. d. 336 S. findet man verschiedene gesammelte Nachrichten von gelehrten Qverleqvitschern, unter de- nen etwa folgende die beruͤhmtesten zu seyn scheinen. George des Doͤrfleins Qverleqvitsch. George Greif, eines Bauers Sohn, legte sich auf die Rechte, und advocirte in einem Staͤdtlein, ohnweit Magdeburg. Man hat, als etwas beson- ders an ihm wahrnehmen wollen, daß er sehr lange Finger, und im Gesichte eine so dicke Haut gehabt, daß er niemals roth geworden ist. Antonius Cuntz, gleichfalls einer der Rechte, wollte in Erfurt Doctor werden, und disputirte des- wegen de capillamento Vlpiani, wobey er auf der Catheder die Wichtigkeit seines Satzes mit solcher Heftigkeit vertheidigte, daß er sich etwas im Leibe zersprengte, und kurz drauf starb. Balthaser Wurzel, ein Arzt und geschickter Mann. Wenn ein Bauer Blaͤhungen hatte, so wußte er gleich, wie sie auf griechisch hießen. Er erfand viele Universalmedicinen und Lebenstinctu- ren, starb aber in seinen besten Jahren, und vermach- te der Buͤrgerschaft zu Zwencka einen halben Acker Landes zu einem neuen Kirchhofe. Martin Pinsel, ministerii candidatus, war des alten Martin Pinsels, Pfarrers zu Qverleqvitsch, Herr Sohn. Seine Mutter that in ihrer Schwan- gerschaft ein Geluͤbde, wenn ihr der Himmel einen Sohn geben wuͤrde, so sollte er ein Pfarrer werden. Jhr Wunsch ward zu allerseits Vergnuͤgen erfuͤllt, und der junge Pinsel von seinem Herrn Vater zu al- len guten Wissenschaften und Kuͤnsten angehalten. Er hatte aber einen schweren Kopf, eine stotternde Sprache, und ein langsames Gedaͤchtniß, bezeigte auch wenig Lust zum Studieren, sondern wollte schlechterdings ein Grobschmied werden. Allein die G 4 Mut- Ein Auszug aus der Chronike Mutter pruͤgelte ihn so lange, bis er seinen Beruf erkannte, wobey er auch blieb, und im neun und funfzigsten Jahre seines Alters als Jnformator zu Dresden sanft und selig entschlief. Jlgen Pape, ein Meistersaͤnger und poßierli- cher Mann. Er hatte sehr hohe Absaͤtze an seinen Schuhen, und gieng bestaͤndig, als wenn er im San- de wadete. Er schnaubte heftig, wenn er redete, und sang alles ab, was er sagte. Man hat ihn gar nicht lachen, wohl aber oftmals ohne Ursache weinen und zittern gesehen. Niemals war er vergnuͤgter, als wenn es donnerte, und sah, ohne, daß es ihm etwas schadete, in den Blitz. Er starb an der Schwulst, und schrieb: das blinde Alter, oder: Tobias ein Trauerspiel. Zacharias Pape, des vorigen Bruder, und auch ein Meistersaͤnger, doch von jenem ganz unterschie- den. Er schminkte sich dergestalt, daß man niemals seine natuͤrliche Farbe hat erfahren koͤnnen. Die Haͤnde wusch er sich in Rosenwasser, und kaute be- staͤndig suͤß Holz. Sein Wamms war mit Knoͤ- pfen von buntem Glase besetzt, und an dem Halse trug er ein ordentliches Pferdegelaͤute. Jn Nuͤrnberg war er unter eine Bande Gaukler gerathen; diese hat- ten ihn gelehrt, wie er seine Glieder auf eine erstau- nende Weise ausdehnen, in einem Augenblicke aber wieder zusammen ziehen konnte, daß er nicht groͤßer war, als ein Jgel. Er war sehr ungesund, und hatte immerzu Anfaͤlle vom hitzigen Fieber. Seine Gedich- te sind zusammengedruckt unter dem Titel: Canicu- lares. des Doͤrfleins Qverleqvitsch. lares. Er schrieb ein Sinngedichte auf seine Leyer, und lachte sich daruͤber zu tode. Endlich machen auf der 384 Seite allerhand ver- mischte Merkwuͤrdigkeiten einen erwuͤnschten Schluß. Die Zuͤge sind hier in dem Manuscripte von den vo- rigen ganz unterschieden, und ich glaube, daß des Ver- fassers Ehefrau diese Merkwuͤrdigkeiten niederge- schrieben habe. Meine Vermuthung ist nicht un- wahrscheinlich, die Sache aber behaͤlt doch ihren Werth, und die ganze Einrichtung ist noch itzt nicht altvaͤterisch geworden. Ja ich kenne einen gelehrten Mann, von dessen Chronike man schwoͤren sollte, daß seine Großmutter die angefuͤgten Merkwuͤrdigkeiten verfertigt habe. Jch weis nicht, ob ich mich um meine Leser ver- dient machen werde, wenn ich ihnen einen Auszug davon liefere. Vielleicht geben sie sich zufrieden, wenn sie auch nicht wissen, wie oft Soldaten daselbst im Qvartiere gelegen, und des gestrengen Junkers seine Feueresse gebrannt, oder die gnaͤdige Frau in der Kirche, zum Schrecken und schmerzlichen Beyleide aller Anwesenden, den Unterrock versengt habe. Eben so erbaulich ist es, wenn man liest, wie oftmals die Bauern in Qverleqvitsch mit dem Durchfalle heim- gesucht worden sind. Die Geschichte von einem Pferdediebe, dessen Lebenswandel, Verbrechen, Ge- fangennehmung, und erfolgter Strafe, machet viele Seiten aus, und die Unterredungen des Herrn Pfar- rers mit diesem Diebe sind von einer ziemlichen Weit- laͤuftigkeit, an und fuͤr sich aber sehr erbaulich. Des Schulmeisters aͤltester Sohn, ein Kind guter Art G 5 und Ein Auszug aus der Chronike ꝛc. und großer Hoffnung, ist Anno 1542 jaͤmmerlich in die Mistpfuͤtze gefallen, aber, zu gutem Gluͤcke, ohne Schaden. Wer diese und dergleichen klaͤgliche Be- gebenheiten mehr wissen will, dem kann ich das Ori- ginal selbst zeigen. Eine Frau, die den Drachen ge- habt hat, koͤnnte zwar viele leichtsinnige Gemuͤther aus ihrem verstockten Jrrthume reißen, und das Himmelszeichen, welches man im Jahre 1541, als eine gewisse Vorbedeutung der sechs Jahre darauf er- folgten Muͤhlberger Schlacht, gesehen, sollte wohl ver- moͤgend seyn, die Hartnaͤckigkeit unsrer Atheisten zu beschaͤmen. Allein mein Beruf ist nicht, Heiden zu bekehren; meine Schuldigkeit aber erfodert, den ge- neigten Leser nicht laͤnger aufzuhalten. Jch schließe also mit denjenigen Worten, die am Ende meines Manuscripts stehen: Exegi monumentum aere perennius. Non omnis moriar. Ein Ein Schreiben von vernuͤnftiger Erlernung der Sprachen und Wissenschaften auf niedern Schulen. Mein Herr, M an hat mir gesagt, Sie waͤren seit etlichen Monaten mit einer Sammlung verschied- ner deutscher Schriften beschaͤfftigt. Bey dieser Gelegenheit bekommen Sie vermuthlich viele Briefe von gelehrten Maͤnnern zu lesen. Jch zweif- le aber doch nicht, Sie werden Sich auf mein Bitten die kleine Gewalt anthun, und einen Brief eines jungen Menschen ansehen, welcher nur vor wenig Wochen die niedern Schulen verlassen hat, und im Begriffe steht, auf eine hohe Schule zu ziehen, um, gewoͤhnlichermaaßen, laͤngstens binnen drey Jah- ren zu absolviren. Daß ich mir diese Freyheit neh- me, dazu veranlaßt mich ein Umstand, von dessen Wichtigkeit ich Sie bald uͤberfuͤhren will. Jch habe mich sechs Jahr lang in einer Schule aufgehalten, welche vor allen uͤbrigen Schulen einen Vorzug, und zugleich den billigen Ruhm hat, daß viele große, und gelehrte Maͤnner den Grund ihres Gluͤcks darinnen gelegt haben. So bald ich die er- sten Jahre uͤberstanden, und mich geschickt gemacht hatte, die Sache mit einer reifern Ueberlegung einzusehen; so ließ ich bey einem unermuͤdeten Eifer diejenigen Wissenschaften mein Hauptwerk seyn, zu denen ich den groͤßten Trieb empfand, und welche ich fuͤr die edelsten unter allen hielt. Jch traue Jh- nen die Einsicht zu, daß Sie von selbst errathen koͤn- nen, worinnen also meine vornehmste Bemuͤhung bestanden habe. Es Von Erlernung der Sprachen Es ward uns Gelegenheit gegeben, die aͤltere und neuere Geschichte zu erlernen. Man lehrte uns die Geographie, und andre davon abhangende Wis- senschaften. Man bemuͤhte sich, uns einen kleinen Vorschmack von den Rechten eines jeden Reichs, und hauptsaͤchlich unsers Vaterlands beyzubringen. Es wurden auf Kosten der Obern Leute gehalten, welche die Jugend in der franzoͤsischen und italiaͤni- schen Sprache unterrichten sollten. Ja, welches beynahe unglaublich ist, so gar in der deutschen Sprache gab man uns Anleitung. Die mathema- tischen Wissenschaften wurden getrieben, so viel es auf Schulen moͤglich ist. Von der Malerey, Mu- sik, und Tanzkunst will ich nicht einmal etwas er- waͤhnen, so wenig, als von der Anweisung, wie man die Buchstaben leserlich und schoͤn schreiben soll. Was meynen Sie davon, mein Herr? Jch weis, Sie lassen mir die Gerechtigkeit wiederfahren, und trauen mir zu, daß ich die kostbare Zeit mit der- gleichen Sachen nicht verderbt habe. Es waͤre dieses ein Fehler gewesen, welchen man kaum mit dem gelinden Namen einer Jugendsuͤnde haͤtte ent- schuldigen koͤnnen; und ich glaube, meine Enkel wuͤrden sich dereinst schaͤmen muͤssen, wenn man ih- nen dergleichen gelehrte Schwachheiten von ihrem Großvater vorwuͤrfe. Meine Bemuͤhungen waren weit ruͤhmlicher. Lateinisch, Griechisch, Ebraͤisch, die Redekunst, und die Logik, dieses sind die Wissenschaften, worauf ich mich und Wissenschaften. mich mit einem unersaͤttlichen Fleiße, und mit Aus- schließung aller andern gelegt habe. Jst es nicht klaͤglich, daß man die Jugend zu Erlernung der Geschichte, und besonders unsrer ge- genwaͤrtigen Zeiten anhaͤlt. Dieses vermehrt ihre leichtsinnige Neugierigkeit, zu der sie ohne dem mehr als zu geneigt ist. Aus dieser Ursache habe ich mich jederzeit davor gehuͤtet, und ich kann mir ohne eiteln Ruhm nachsagen, daß mir dasjenige, was nach dem Raube der Helena in Griechenland vorgegangen, weit bekannter ist, als die Unruhe, worein Deutschland durch den Tod des Kaisers ge- stuͤrzt seyn soll. Wozu die Geographie, und die zugehoͤrigen Wissenschaften nuͤtzen, das kann ich nicht einsehen. Jch habe den Weg von der Schu- le nach meiner Heimath gewußt, ich will ihn auch wohl ohne Geographie nach Leipzig finden. Jch weis die Namens- und Geburtstage meiner gnaͤdi- gen Herrschaft; ich weis, daß unser Herr Pfarrer einen Todtenkopf mit einem Kreuze in seinem Pet- schafte hat; dieses hilft mir mehr, als wenn ich das ganze Geschlechte, und alle Wapen des Kaisers von Fez und Marocco auswendig koͤnnte. Daß ich die Rechte der Reiche und meines Vaterlands lernen soll, solches scheint mir ein verwegnes Unternehmen zu seyn. Es sind Geheimnisse, welche man nicht erforschen, sondern den Regenten uͤberlassen muß; zu geschweigen, daß man vielmals an den Hoͤfen selbst nicht weis, was Rechtens ist; wie will man es denn in den Schulen wissen? Die flatterhafte Eitelkeit der Franzosen, und die Gemuͤthseigenschaf- ten Von Erlernung der Sprachen ten der Jtaliaͤner haben mir jederzeit einen Abscheu vor ihren Sprachen gemacht. Deutsch zu lernen, klingt gar laͤcherlich. Unser Thorwaͤrter in der Schule konnte gutes Deutsch reden, ungeachtet er niemals in die Lehrstunden kam, und meine Mutter verstund mich allemal, wenn ich um Geld schrieb. Jch habe zwar gegenwaͤrtigen Brief von einem mei- ner guten Freunde durchsehen, und die Schreibart aͤndern lassen; dieses geschieht aber mehr aus einer Gefaͤlligkeit, als innerlichen Ueberzeugung, daß es noͤthig sey. Daß die mathematischen Wissenschaf- ten auf Schulen getrieben werden, das lasse ich eher gelten. Es kommen doch immer griechische Woͤr- ter darinnen vor. Die Malerey, Musik, und das Tanzen schicken sich am besten fuͤr Frauenzimmer, und die Kunst leserlich und schoͤn zu schreiben, fuͤr den Poͤbel. Denn gelehrte Leute muͤssen schlecht schreiben; dieses ist ein altes Herkommen. Sagen Sie mir aufrichtig, mein Herr, wie ge- faͤllt Jhnen dieser Beweis? Nicht wahr, vortreff- lich? Sollten Sie wohl in einem jungen Menschen so viel Verstand, und einen so guten Geschmack suchen? Die lateinische Sprache kam mir so einnehmend und reizend vor, daß ich mich schaͤme, ein gebohr- ner Deutscher zu seyn. Jn der griechischen Spra- che fand ich etwas, von dem ich viel zu wenig sage, wenn ich spreche, daß es reizend, und entzuͤckend war. Jch habe mich vielmals gewundert, warum man sie nicht bey Hofe einfuͤhrt, und ich bin gewiß versichert, ein Frauenzimmer wuͤrde bey einer grie- chischen und Wissenschaften. chischen Liebeserklaͤrung nimmermehr unempfindlich bleiben koͤnnen. Daß ich ebraͤisch ohne Punkte verstehe, das ist das wenigste, dessen ich mich ruͤh- men kann. Die Redekunst hatte mich recht bezau- bert. Die Regeln und Muster, die ich mir er- waͤhlte, waren zwar nach dem neusten, jedoch nach meinem Geschmacke. Besonders in den Figuren war ich sehr stark. Jch wußte alle ihre Vor- und Zunamen, und meine Reden, die ich hielt, bestun- den in nichts, als Fragen, und Anmerkungen. Die Erlernung der Logik war meine ernsthafteste Be- schaͤfftigung. Zwar die gemeine Art, zu denken, hat mir niemals gefallen wollen. Sie ist gar zu deut- lich, und die Kunstwoͤrter sind zu sehr gespart. Wenn ich jemanden, als ein Gelehrter, uͤberzeugen will, so muß meine Ueberzeugung kunstmaͤßig seyn, und ich mag denken, was ich will, so denke ich in forma. Meiner Abschiedsrede kann ich mich ohne einige Selbstliebe nicht erinnern. Jch handelte von den Rauchfaͤngen der alten Griechen, und insonder- heit der Lacedaͤmonier. Jn welcher Sprache ich dieselbe eigentlich gehalten habe; solches kann ich Jhnen nicht sagen. Wenn ich Jhre Ohren nicht beleidigte, so wuͤrde ich sie Ebraico-Latino-Grae- cam nennen. Dieses letzte Meisterstuͤck meiner Faͤ- higkeit mochte wohl Ursache seyn, daß man mir ein vortreffliches Schulzeugniß gab. Jch werde es mit nach Leipzig bringen, und also die Ehre haben, Jhnen Brief und Siegel uͤber meine Geschicklichkeit zu zeigen. Erster Theil. H Bis Von Erlernung der Sprachen Bis hieher klingen meine Erzaͤhlungen ganz ver- gnuͤgt. Sie werden den wichtigsten Umstand noch nicht einsehen koͤnnen, welcher mich bewogen hat, an Sie zu schreiben. Sie sollen ihn gleich erfahren. Von der Schule gieng ich nach Hause zu meinem Vater, welcher im Gebuͤrge ein adliches Rittergut gepachtet hat. Meine Absichten erfoderten, daß ich unserm gnaͤdigen Herrn sogleich meine Aufwartung machte. Er erkundigte sich nach der Einrichtung der Schule, und besonders meines bisherigen Stu- dierens. Jch erzaͤhlte ihm alles, was ich itzt ge- schrieben habe, und ich glaube, ich erzaͤhlte ihm noch mehr. Seine Aufmerksamkeit machte mich beredt, und ich versprach mir schon im voraus die Anwart- schaft auf eine Pfarre. Allein, wie sehr betrog ich mich in meiner Hoffnung! Urtheilen Sie selbst von meiner Bestuͤrzung, die ich empfand, als mir dersel- be mit einem ernsthaften Gesichte ungefaͤhr also ant- wortete: „Gewiß, mein Freund, ich bedaure ihn, „sein Vater hat das Geld verloren, und er die „Zeit verderbt. Er hat studiert, und ist keinem „Menschen zu etwas nuͤtze. Waͤre es nicht ver- „nuͤnftiger gewesen, wenn er sich auf diejenigen „Wissenschaften etwas mehr gelegt haͤtte, von de- „nen er geglaubt, daß sie so veraͤchtlich und uͤber- „fluͤßig sind? Muß er sich nicht schaͤmen, daß er in „Griechenland zu Hause, und in Sachsen ein „Fremdling ist? Daß er die Gesetze seines Solons „versteht, und nicht die geringste Kenntniß von den „Rechten seines Vaterlandes hat? Haͤtte er sich „nicht die Sprachen der Auslaͤnder wenigstens nur „in und Wissenschaften. „in etwas bekannt machen sollen; wenn er sie auch „allenfalls nicht besser gelernt haͤtte, als die deut- „sche? Wie viel brauchen wir lateinische, und grie- „chische Sprachmeister? Jch tadle deswegen nicht „an ihm, daß er lateinisch, und griechisch gelernt „hat. Dieses muß seyn, und ein Gelehrter, der es „nicht kann, koͤmmt mir eben so abgeschmackt vor, „als er, da er seine Muttersprache nicht besser ver- „steht. Was glaubt er wohl, daß ich mit meinem „Schneider anfangen sollte, wenn er nichts arbei- „ten koͤnnte, als solche Kleider, wie sie Seneca, „und Sokrates getragen haben? Wuͤrde der Kerl „nicht Hungers sterben muͤssen, wenn er sonst nichts „gelernt haͤtte? Mit seiner Redekunst lockt er kei- „nen Hund aus dem Ofen, geschweige, daß er die „Gemuͤther der Zuhoͤrer ruͤhren sollte, und seine „ganze Logik besteht aus Worten ohne Gedanken. „Hat ihm denn niemand auf der Schule gesagt, wie „unentbehrlich es heutiges Tages sey, daß man die „sogenannten gelehrten Sprachen und Kuͤnste, mit „den neuern Wissenschaften verknuͤpfe?“ Jch konnte dieses nicht laͤugnen. Jch gestund, daß ei- nige meiner Lehrer mich deswegen vielmals getadelt, und mir meine Bemuͤhungen, als unnuͤtze, vorgewor- fen haͤtten. Jch sagte aber auch, daß andre mei- nen Eifer aufgemuntert, und mir mit großer Zu- versicht prophezeihet haͤtten, ich wuͤrde dereinst die Zierde ihrer Schule, eine Brustwehr wider die ein- reißende Barbarey und eine Stuͤtze des Vaterlan- des seyn. Er schuͤttelte den Kopf, und ließ mich mit vielen derben Vermahnungen von sich gehen. H 2 Wie Von Erlernung der Sprachen Wie meynen Sie wohl, mein Herr, daß mir damals zu Muthe gewesen ist? Wahrhaftig, so sehr hat sich wohl Plato kaum geschaͤmt, als ihn Dio- genes durch einen nackigten Hahn, wegen seiner ir- rigen Meynung, laͤcherlich machen wollte. Jch gieng ganz bestuͤrzt nach Hause. Allein, das war noch nicht genug. Dieser Tag schien recht zu meiner Demuͤthigung ausersehen zu seyn. Jch fand unsern Hofmeister, welcher seinen Sohn mit vielem Eifer ausgescholten hatte. Jch hoͤrte nur noch so viel, daß er zu ihm sagte: „Du „bist mir ein braver Kerl! Du schickst dich zu al- „lem, wie der Esel zum Lautenschlagen. Ein Narr „bleibt ein Narr, und wenn man ihn im Moͤrsel zer- „stieße. Du kannst nichts, du hast nichts gelernt, „du willst nichts lernen, was soll denn endlich aus „dir werden? Halte dein Maul, oder ‒ ‒! Fort! „Packe dich! Geh mir aus den Augen!“ Jch er- staunte, als ich dieses hoͤrte. Wie? dachte ich. Unser Hofmeister, ein Bauer, ein Mann, der weder lesen noch schreiben kann; der versteht die Rede- kunst! Sarkasmus, Diasyrmus, Ploki, Anaphora, Ellipsis, Asyndeton, sind dieses nicht alle die Figu- ren, die ich itzt von ihm gehoͤrt habe? Und der Kerl hat nicht studiert! Wie geht das Ding zu? Jch redete ihn an. Jch fragte ihn, warum er sich so er- eifert haͤtte? Was! sprach er, das ist mein Junge, und ich soll mich nicht aͤrgern, daß sich der Schlin- gel auf die faule Seite legt? Neue Wunder! Un- ser Hofmeister versteht auch die Logik. Jst dieses nicht der Wissenschaften. nicht der buͤndigste Schluß in Darii? War es nicht eben so viel, als wenn er gesagt haͤtte: Wer einen ungerathnen Sohn hat, welcher sich auf die faule Seite legt, der muß sich aͤrgern; Atqui, ich habe einen solchen ungerathnen Sohn, Ergo muß ich mich aͤrgern. Jch muß es Jhnen gestehen, mein Herr, ich war damals ganz außer mir. Die empfindlichen Reden unsers gnaͤdigen Herrn machten mich nur unruhig, dieser Hofmeister aber ganz und gar kleinmuͤthig. Gehoͤrt zu einem Gelehrten heutiges Tages mehr, als Lateinisch, Griechisch, und Ebraͤisch; kann auch der einfaͤltigste Bauer in Figuren und Schluͤssen re- den, ohne daß er weis, wie sie auf griechisch heißen, oder in welcher Forme sie sind: Wozu nuͤtzt denn mir mein Fleiß? Warum habe ich mir so viele schlaflose Naͤchte gemacht? Sollte es wohl in der That vernuͤnftiger seyn, wenn man auf Schulen sich die Sprachen der Gelehrten zwar bekannt macht, zugleich aber auch in den neuern Sprachen, und, wie man sie nennt, in den galanten Wissen- schaften sich uͤbt? Sollte es wohl laͤcherlich seyn, wenn man sich einbildet, die Erlernung einiger Kunstwoͤrter machte uns zu Rednern und Philo- sophen? Nein, ich kann mich dieses nicht bereden. Jch gehe von der einmal gefaßten Meynung nicht ab. Das sey fern von mir. Und ich werde Jhnen, mein Herr, ungemein verbunden seyn, wenn Sie H 3 mich Von Erlernung der Sprachen ꝛc. mich zu meiner Beruhigung in diesem Urtheile be- staͤrken wollen. Jch werde dafuͤr ohne alle Figur in der besten Forme verharren, Dero ergebenster Diener, Jrenaͤus Mastigophorus, sonst Friedrich Geißelmann genannt. P. S. Jch habe bey muͤßigen Stunden des Hie- ronymus Comitem siue Lectionarium denen zum Besten in griechische Verse uͤbersetzt, welche der la- teinischen Sprache nicht maͤchtig sind. Weil ich nun glaube, daß es eine besondre Belustigung des Witzes abgeben kann: So uͤbersende ich Jhnen diese Uebersetzung zu beliebigem Gebrauche. Lebens- Lebenslauf eines Maͤrtyrers der Wahrheit. H 4 E s ist in Gesellschaften nichts gewoͤhnlicher, als daß einer den andern mit bestaͤndigen Erzaͤh- lungen von sich selbst, und seinen Faͤhigkeiten unterhaͤlt. Wir sind uns die naͤchsten; und weil wir schuldig sind, von unserm Naͤchsten alles gutes zu reden, so glauben wir, es erfodere die natuͤrliche Pflicht, uns selbst zu loben. Jch will die wahrhaf- ten Ursachen dieser thoͤrichten Eigenliebe nicht unter- suchen; weil ich nicht gesonnen bin, mir auch nach meinem Tode Feinde zu machen. Jch fuͤhre solches nur um deswillen an, damit ich mein gegenwaͤrtiges Vorhaben einigermaaßen rechtfertige. Bezeigst du so viel Geduld, andre anzuhoͤren, welche sich bey le- bendigen Leibe ruͤhmen: So goͤnne mir deine Auf- merksamkeit, wenn ich dir nach meinem Tode sage, wer ich gewesen bin. Das habe ich mit andern Menschen gemein, daß ich meinem Namen die Un- sterblichkeit wuͤnsche, wenn auch gleich der Koͤrper verwesen muß. Wolltest du mir aber verwehren, meinen Lebenslauf zu erzaͤhlen: So wuͤrde ich vor vielen ungluͤcklich seyn, an deren Verdienste man wenigstens so lange gedenkt, als die Erbtheilung waͤhrt. Die Liebe zur Wahrheit hat mich in so geringe Umstaͤnde gesetzt, daß meinen Tod beynahe niemand, als der Leichenschreiber, erfahren hat. Haͤtte ich ein ansehnliches Vermoͤgen besessen, so wuͤrden meine schmerzlichbetruͤbten Erben durch eine verhuͤllte Frau der ganzen Stadt haben ansagen H 5 las- Lebenslauf lassen, daß ihr Herr Vetter in Gott selig verschieden sey; oder ich wuͤrde mir noch auf meinem Todbet- te einen glaubwuͤrdigen Redner haben miethen koͤn- nen, welcher der christlichen Gemeine die ewige Wahrheit bewiesen haͤtte, daß unter allen erschreck- lichen der Tod das erschrecklichste, und meine tu- gendhafte Seele noch viel zu fruͤhzeitig aus ihrem drey und sechzig jaͤhrigen Koͤrper gefahren sey. Al- lein, meine Armuth hat mir nicht verstattet, einen so praͤchtigen Abschied aus der Welt zu nehmen. Jch bin gestorben, als ein Maͤrtyrer der Wahrheit, das ist, arm und unbeweint; und wenn die Nach- welt etwas von mir erfahren soll, so muß ich ihr sol- ches selbst sagen. Daß ich im Jahre 1674, den 17 September, zu Muͤhlberg, einem Staͤdtchen an der Elbe, geboren bin, solches scheint kein Umstand von besondrer Wichtigkeit zu seyn, und ich kann eben so wenig da- fuͤr, als es ohne mein Verschulden geschehen ist, daß mein Vater nicht ein Hochedelgebohrner, Hochedler, Vester, und Hochgelahrter Erb-Lehn- und Gerichts- herr auf drey Ritterguͤtern, sondern nur, wenn ich anders der Erzaͤhlung meiner Mutter glauben darf, Meister Lollinger, Buͤrger und Schneider daselbst, gewesen ist. Jch brachte zwo Zaͤhne mit auf die Welt, und lernte gleich im ersten Jahre reden, und schon im andern war ich vermoͤgend, durch mein Plaudern Vater und Mutter zu uͤbertaͤuben. Mei- ne Aeltern hielten dieses fuͤr eine vergnuͤgte Vorbe- deu- eines Martyrers. deutung, ich wuͤrde mit der Zeit ein großer Rechts- consulent werden. Sie irrten sich aber, und die Folge hat gelehrt, daß es ungluͤckliche Anzeigen meiner Liebe zur Wahrheit gewesen sind. Jch fieng fruͤhzeitig an, solches merken zu lassen. Kaum hatte ich vier Jahre erreicht, als ich bemerkte, daß mein Vater in seinem Berufe nicht gar zu gewissen- haft war. Jch verwies ihm solches auf eine zwar kindische, doch empfindliche, Art; und weil ich es oft that, so gab er mir endlich, durch einen derben Schilling, die ersten Fruͤchte der Wahrheit zu schme- cken. Jedoch ward ich dadurch nicht furchtsam. Mein Vater starb, und hinterließ meine Mutter, als eine junge Wittwe; mich aber, als einen uner- zognen Knaben. Meine Mutter that uͤber diesen Tod recht jaͤmmerlich. Sie heulte und schrie; sie versteckte sich hinter einen großen Schleyer; sie wuͤnschte mit ihrem Manne zu verwesen, und schwur der ganzen Welt ab. Jch dachte auch nach meiner kindischen Einfalt, es waͤre ihr Ernst, und ich blieb zwoͤlf Wochen lang in meinem Jrrthume. Nach deren Verlaufe ward sie aufgeraͤumt; sie scherzte, sie lachte, sie besuchte ihre Nachbarn, und ich sah verschiedne junge Leute aus- und eingehen, ohne daß sie boͤse daruͤber ward. Kurz, sie hatte ihren Mann vergessen, und die Lust war ihr vergan- gen, mit ihm zu verwesen. Jch fragte, warum sie mich und andre so betrogen haͤtte? Ein Paar Ohr- feigen aber waren die ganze Antwort. Einsmals sah sie in dem Spiegel, und fragte mich, ob sie nicht schoͤn Lebenslauf schoͤn waͤre? Jch sagte: Nein; und dieses brachte mich um alle muͤtterliche Liebe. Sie konnte mich nicht laͤnger um sich leiden, und es ward beschlos- sen, mich auf eine Schule zu thun. Es geschah auch, und ich kam an einen Ort, wo ich etliche Jahre lang die Gruͤnde der Sprache lernte. Man fand es fuͤr gut, mich auf eine andre Schule zu bringen; ich folgte willig, und man war anfaͤng- lich wohl mit mir zufrieden; es dauerte aber nicht lange. Einige meiner Mitschuͤler waren faul; ich verwies ihnen ihre Faulheit. Einige legten sich mit großem Eifer auf die Erlernung solcher Wissen- schaften, von denen ich glaubte, daß sie abgeschmackt, und einem Gelehrten nur zur Last waͤren. Einige waren hochmuͤthig, weil sie auf lateinisch und grie- chisch zu sagen wußten, wer sie erschaffen haͤtte. Diese versicherte ich, daß ich sie ohne Lachen nicht ansehen koͤnnte. Keiner aber dankte mir wegen meiner Freymuͤthigkeit, und alle machte ich mir zu Feinden. Der Zorn eines meiner Lehrer, von dem ich das gegruͤndete Urtheil faͤllte, er habe mehr Staͤr- ke in der Faust, als in der Gelehrsamkeit; dieser Zorn, sage ich, war so nachdruͤcklich, daß ich alsbald die Schule raͤumen, und in einer oͤffentlichen Ab- bitte mich bedanken mußte, daß man mich ohne wei- tern Schimpf gehen ließ. Dieser unvermuthete Streich haͤtte mich bald zum Mammelucken gemacht. Jm ersten Schrecken nahm ich mir fest vor, die Wahrheit nimmermehr wieder eines Maͤrtyrers. wieder zu reden. Es gieng mir aber, wie denjeni- gen Dichtern, welche die Verse verschwoͤren. Jch zog auf die hohe Schule, von der ich mir einen sehr edlen Begriff gemacht hatte, wodurch ich aber meine Unerfahrenheit verrieth. Leute, welche ihre einzige Sorge seyn ließen, wie sie den Pflichten gegen ihr Vaterland Genuͤge leisten, die Hoffnung ihrer Ael- tern erfuͤllen, und deren saure Muͤhe, und aufge- wandte Kosten vergelten koͤnnten; Leute, welche diejenigen Wissenschaften mit Ernste ausuͤbten, nach denen sie sich nennten; solche Leute dachte ich zu finden. Jch irrte mich. Gleich den ersten Abend erschreckte mich eine Gesellschaft trunkner Menschen, welche unter Schreyen und Wetzen nach ihren Wohnungen eilten. Anfaͤnglich glaubte ich, es sey ein Auf lauf, oder wenigstens Feuer in der Gasse. Jch sah durchs Fenster; in dem Augenblicke fiel ihr Anfuͤhrer in den Koth, und ich hoͤrte aus den Re- den der andern, daß sie sich bemuͤhten, einem Meister der Weltweisheit wieder auf die Beine zu helfen. Diese Begebenheit machte mich aufmerksam. Jch beobachtete die Sitten meiner Mitschuͤler genauer. Jch lernte einen kennen, welcher der Gottesgelahrt- heit eifrigst Beflißner war, und sich ruͤhmte, er habe sich in der Schenke zweymal fest gesoffen, wie er es nannte. Ein Landsmann von mir wollte sich die Wuͤrde eines Lehrers beider Rechte erstehen, weil er sich innerlich uͤberzeugt fand, daß nimmer- mehr etwas aus ihm werden wuͤrde. Eine Sum- me von zwoͤlf Thalern machte ihn zum Autor und Re- Lebenslauf Respondenten; und weil ich ihm, zu mehrerer Si- cherheit, seine Disputation ins Deutsche uͤbersetzen mußte, so versprach er mir zur Vergeltung ein an- sehnliches, welches er aber noch an demselben Abende verspielte, und mich auf seine bevorstehende Heirath vertroͤstete. Mein Stubennachbar erlernte die Medicin, gieng aber lieber mit fleischigten Koͤrpern, als ekelhaften Gerippen, um, und verfluchte den abgeschmackten Eigensinn seiner Lehrer, welche ihn mit so vielen griechischen Woͤrtern martern woll- ten. Diese und hundert dergleichen thoͤrichte Exem- pel fielen mir taͤglich in die Augen; und ich sollte schweigen? Und ich sollte die Wahrheit nicht re- den? Jch that mir alle Gewalt an, meinen Schwur nicht zu brechen, und manche, die einen schoͤnen Ge- danken, oder artigen Einfall haben, solchen aber nicht an den Mann bringen koͤnnen, empfinden das innerliche Nagen und den unruhigen Schmerz lan- ge nicht so sehr, als ich ihn dazumal empfand. Endlich uͤberwand die Natur allen Zwang. Jch sagte es ungescheut, daß das Verfahren der mei- sten meiner Mitschuͤler unverantwortlich und un- sinnig waͤre. Bey aller Gelegenheit stellte ich ih- nen ihre Thorheit so wohl ernsthaft, als laͤcherlich, vor. Jch schilderte zu verschiednenmalen nicht al- lein die Laster, sondern auch die Personen, auf eine satyrische Art in Versen ab; und wenn ich die- ses that, so empfand ich bey mir selbst eine doppelte Wollust. Allein, meine Ehrlichkeit, mein Eifer fuͤr die Wahrheit, meine billigsten Absichten wur- den eines Maͤrtyrers. den schlecht belohnt. Man mied meine Gesell- schaft, man verachtete, man verspottete, man ver- abscheute mich, und ich erfuhr, daß einige sich ver- schworen hatten, mich oͤffentlich zu beschimpfen. Es waͤre auch gewiß geschehen, wenn ich nicht bey Zeiten die Vorsicht gebraucht, und mich an einen andern Ort begeben haͤtte, um die angefangnen Studien zu vollenden. Das Schicksal fuͤhrte mich zu einem Manne, der mir freyen Unterhalt gab, und mir große Ge- faͤlligkeiten erwies. Er glaubte, seine Gemuͤths- neigung habe mit der meinigen viele Aehnlichkeit; und dieses bewog ihn zum Mitleiden. Jch kann nicht sagen, daß er ein hitziger Verehrer der Wahr- heit gewesen waͤre. Seine große Leidenschaft be- stund in der Begierde, Recht zu behalten, seine vor- gefaßte Meynung zu vertheidigen, und mit allen aufs unbarmherzigste zu verfahren, welche anders urtheilten. Er war einer von denen Gelehrten, welche die Faͤhigkeit nicht haben, selbst etwas nuͤtz- liches zu schreiben, aber mit desto groͤßerm Vorwitze die Schriften andrer durchwuͤhlen. Ein Comma, ein Punkt, ein einziger Buchstabe war vermoͤgend, ihn in die groͤßte Wuth zu bringen, und diejenigen in den Bann zu thun, welche ihm widersprachen. Er besaß einen erstaunenden Vorrath von Buͤchern nach seinem Geschmacke; wie er denn glaubte, der sey kein rechtschaffner Gelehrter, welcher nicht we- nigstens sechs bis acht Pfund Buͤcher geschrieben habe. Lebenslauf habe. Es fiel ihm ein, mich zu fragen, was ich von ihm hielte? Jch erblaßte uͤber diese Anfrage. Sollte ich sprechen, er waͤre ein geschickter und dem gemeinen Wesen nuͤtzlicher Mann, so wuͤrde er mich mit neuen Wohlthaten uͤberhaͤuft haben. Aber alle diese mußte ich verlieren, wenn ich die Wahr- heit redete. Jch redete sie aber doch. Jch sagte, daß Maͤnner von seinen Faͤhigkeiten bey dem Baue der Gelehrsamkeit unentbehrlich waͤren; indem sie den Schutt wegfuͤhren muͤßten, welcher den Bau- leuten hinderlich sey. Mehr brauchte ich nicht zu sagen, mich zu verderben. Jch mußte auf der Stelle aus dem Hause, unter Begleitung tausend lateinischer Schimpfwoͤrter, welche ich vorher mein Tage nicht gehoͤrt und erst lange hernach in Bur- manns Schriften gelesen habe. Der Verlust dieses Maͤcenaten ward mir durch einen Rechtsgelehrten reichlich ersetzet. Jn den Landesgesetzen war er ganz unerfahren, desto geuͤb- ter aber in den roͤmischen Rechten. Es gieng mir wohl bey ihm; weil man ihm aber hinterbrachte, ich haͤtte mich verlauten lassen, daß er mehr Ge- schicklichkeit habe, eine Rede pro rostris zu halten, als eine Ruͤge zu machen, so hub er seine Wohltha- ten gegen mich auf, und bewies mir ex l. 1. C. de donat. reuoc. daß ich ihm nicht wieder unter die Augen kommen sollte. Ein unverhoffter Zufall brachte mich in eine Stadt, wo es schien, ich wuͤrde den Grund zu mei- nem eines Maͤrtyrers. nem kuͤnftigen Gluͤcke legen. Es gieng mir alles nach Wunsche, und ich weis nicht, ob die Leute da- selbst die Wahrheit besser vertragen konnten, oder ob es daher kam, daß ich nicht alles oͤffentlich sagte, was ich bey mir selbst dachte. Man gab mir ein Amt, welches nicht ansehnlich, aber doch austraͤg- lich, war. Jch hatte es etliche Jahre verwaltet, als eine Gelegenheit erfoderte, einen Gluͤckwunsch zu verfertigen. Jch handelte darinnen von der Vernunft, und ließ ihn drucken, ob sich gleich meine Freunde mit allen Kraͤften dawider setzten. Ein Mann, welchen sein Amt ehrwuͤrdig machte, fand sich dadurch beleidigt. Es wuͤrde verdaͤchtig ge- lassen haben, wenn er seine Person haͤtte vertheidi- gen wollen, er vertheidigte also Schrift und Reli- gion. Auf eine unschuldige Art hatte ich das Wort Brosamen mit einfließen lassen. Dieses war ge- nug, Himmel und Hoͤlle zu bewegen. Ein Ver- aͤchter der Schrift, ein Religionsspoͤtter, ein Atheist; dieses waren die gelindesten Namen, die man mir gab. Einige glaubten gar, ich sey der Antichrist. Kurz, ich sollte mich oͤffentlich auf den Mund schla- gen, oder Amt und Stadt meiden. Jch waͤhlte das Letzte, und mußte zwoͤlf Jahr in der Jrre ge- hen, ehe ich den heiligen Zorn meiner Feinde ver- winden konnte. Endlich schien mein widriges Schicksal versoͤhnt zu seyn. Man bot mir ein Amt an, mit dem Be- dinge, ein Frauenzimmer zu heirathen. Hunger Erster Theil. J und Lebenslauf und Armuth uͤberwanden allen Zweifel. Meine bisherigen Umstaͤnden hatten mich so schuͤchtern ge- macht, daß ich mir vieles gefallen ließ, welches mir ehedem unertraͤglich gewesen seyn wuͤrde. Meine Frau liebte Gesellschaft; sie spielte. Vermoͤgen und Einnahme ward auf Putz verwendet, die Haushaltung versaͤumt, und mir zugemuthet, vie- les zu uͤbersehen, wozu mehr, als eine ordentliche Geduld, gehoͤrt. Meine Geduld ward ermuͤdet. Jch sagte, ein Weib muͤsse sich bemuͤhen, ihrem Manne zu gefallen, alle uͤbermaͤßigen Ausgaben vermeiden, der Wirthschaft vernuͤnftig vorstehen, und sich keiner Herrschaft anmaaßen, welche Schrift und Ordnung nur den Maͤnnern gelassen haͤtten. Aber, wie ungluͤcklich machten mich diese Wahrhei- ten! Jch empfand, daß der Zorn eines Weibes schaͤdlicher sey, als der Zorn aller andern Creatu- ren. Man hieß mich einen nackichten Bettler, ei- nen verlaufnen Kerl, den man auf der Straße auf- gelesen haͤtte, der nicht werth sey, daß er durch die Heirath eines liebenswuͤrdigen Frauenzimmers in eine so ansehnliche Schwaͤgerschaft aufgenommen worden; ja, es fehlte wenig, daß ich nicht meiner Frau eine kniende Abbitte haͤtte thun muͤssen, wel- che aber, ich weis nicht, ob zu meinem Gluͤcke oder Ungluͤcke, unvermuthet starb. Die Menge meiner Feinde verfolgte mich alsdann unaufhoͤr- lich. Hatte ich keines Menschen geschont, so war auch nunmehr niemand, der sich meiner annahm. Man wußte meine Vorgesetzten auf eine eines Maͤrtyrers. eine tuͤckische Art zu gewinnen, und mir Verbre- chen aufzubuͤrden, an denen ich gar keine Schuld hatte. Jch sollte mich verantworten, und meine Fehler gestehen; ich behauptete aber, ich waͤre unschuldig, meine Feinde waͤren Luͤgner, und meine Vorgesetzte geblendete und parteyische Richter. Dieses war Ursache genug, mich zu verdammen. Die Entsetzung von meinem Amte, die Entziehung meines wenigen Vermoͤgens und ein achtjaͤhriges Gefaͤngniß waren die Belohnun- gen meiner offenherzigen Redlichkeit. Jch ward endlich freygelassen, und man legte mir auf, Stadt und Land zu raͤumen. Jch that es, und seit- dem ist es mir unmoͤglich gewesen, irgendswo mein Gluͤcke zu finden; vielmehr sah ich mich ge- zwungen, den Rest meiner Jahre auf eine so niedertraͤchtige Art hinzubringen, daß ich Be- denken trage, solches der Nachwelt wissen zu las- sen. Jch bin endlich nackend und bloß, ohne Freunde, in der aͤußersten Verachtung, jedoch zu meiner Beruhigung, als ein Maͤrtyrer der Wahrheit, im Jahre ‒ ‒ ‒ gestorben, und hat mich gleich die ganze Welt verabscheut, so bin ich doch mit mir selbst zufrieden gewesen. Der Lebenslauf dieses so genannten Maͤrty- rers der Wahrheit hat mir merkwuͤrdig zu seyn geschienen. Er ist wirklich im Jahre 1738 in sei- J 2 ner Lebenslauf eines Maͤrtyrers. ner Wohnung todt gefunden worden, wo man ver- muthet, daß er vor Frost und Hunger gestorben sey. Sein Koͤrper ward auf die Anatomie ver- kauft, um die noͤthigsten Schulden zu bezahlen, und ich glaube, daß sein betruͤbtes Beyspiel allen denen zur nachdruͤcklichen Warnung dienen kann, welche sich einbilden, es sey ein großmuͤthiger Eifer fuͤr die Wahrheit, wenn sie ohne Ansehen der Per- son, ohne Freunde und Vorgesetzte zu schonen, das- jenige mit einer unverschaͤmten Stirne andern un- ter die Augen sagen, was ihnen oftmals Eigenliebe, Hochmuth, Undank, und Unvernunft in den Mund legen. Send- Sendschreiben von der Zulaͤßigkeit der Satyre. J 3 Mein Herr, S ie verlangen meine Gedanken von der Saty- re zu wissen. Jch soll Jhnen sagen, ob ich solche fuͤr zulaͤßig halte, und was vornehm- lich bey deren Verfertigung zu beobachten sey. Vielleicht koͤnnte ich der Muͤhe, davon zu schreiben, uͤberhoben seyn, wenn ich Sie auf diejenigen Buͤ- cher wiese, welche von beiden umstaͤndlich gehandelt haben. Jch nehme aber dennoch diese Arbeit mit Vergnuͤgen auf mich, weil ich glaube, der Unter- richt eines Freundes werde hierinnen mit noch meh- rerem Nachdrucke bey Jhnen wirken, als die Re- geln fremder Personen. Sie haben mich gebeten, Jhnen meine Gedanken davon zu schreiben; Sie duͤrfen Sich also um so viel weniger wundern, wenn Sie keine philosophische Abhandlung erhal- ten; und weil es ein Brief ist, den ich an Sie schi- cke, so bin ich hoffentlich entschuldigt, wenn ich keine systematische Ordnung dabey beobachte. Von der Zulaͤßigkeit der Satyre weitlaͤuftige Gruͤnde beyzubringen, scheint mir uͤberfluͤßig zu seyn. Jch kenne Jhre angeborne Neigung zu die- ser Art von Schriften, und ich glaube, es wuͤrde mir schwerer fallen, Sie zu uͤberzeugen, daß sie ver- werflich waͤren, als zu beweisen, daß ich sie aller- dings fuͤr ein noͤthiges Stuͤck der Sittenlehre halte. So lange eine Satyre diese Absicht behaͤlt, daß sie die Laster laͤcherlich machen, und den Menschen ei- J 4 nen Von der Zulaͤßigkeit nen Abscheu davor beybringen will: So lange sehe ich nicht, warum sie tadelhafter seyn soll, als die tiefsinnigste Abhandlung eines moralischen Satzes, welchen man durch eine Kette von Beweisen buͤn- dig, und durch die Zeugnisse beruͤhmter Maͤnner, oder gar der goͤttlichen Schrift ansehnlich machen will. Jch getraue mir so gar, zu behaupten, daß sie bey unterschiednen Faͤllen, und bey einer gewis- sen Art von Lastern beynahe nuͤtzlicher sey, als die ernsthafteste Strafpredigt. Wenn wir die Laster laͤcherlich machen; so greifen wir die Menschen an demjenigen Orte an, wo sie am empfindlichsten sind. Jhre Eigenliebe leidet darunter, und wenn sie nicht schon gar zu sehr verwildert sind, so muͤssen sie ei- nen Abscheu vor derjenigen Angewohnheit bekom- men, welche sie bey Vernuͤnftigen zum Gespoͤtte macht. Ein Exempel wird meinem Satze ein mehreres Licht geben. Jch will es aus demjeni- gen Theile der Belustigungen nehmen, welchen Sie mir zugeschickt haben S. Belustigungen des Verstandes und Witzes 2 B. 2 St. a. d. 190 S. . Wenn ich zum Harpax sagen wollte: Schaͤmst du dich nicht, du Geizhals, daß du mit so aͤngstlicher Sorge, mit so ungerech- ten Haͤnden, unter so vielem Seufzen der Armen, eine Hand voll Erde, ein beschwerliches, ein ver- gaͤngliches Gut an dich zu bringen suchst, welches du doch in der Welt lassen mußt, welches dir dein Leben kummervoll, und den Tod erschrecklich macht! Was meynen Sie, daß dieses beym Harpax fuͤr ei- nen der Satyre. nen Eindruck schaffen duͤrfte? Spraͤche ich: Be- denke doch, Harpax, was du thust! Der Geiz ist ja eine Wurzel alles Uebels, und die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke, und viel thoͤrichte und schaͤdliche Luͤste, welche die Menschen ins Verderben, und Verdammniß versenken! Ja, ja, wuͤrde Harpax sprechen, unser Pfarrer sagte es am Sonntage auch. Er wuͤrde gaͤhnen, und die- ses waͤre der ganze Nutzen von meiner Sittenlehre. Erzaͤhlen Sie ihm aber die Fabel vom kranken Hun- de, welcher nur um deswillen bey seinem Sterben un- ruhig und aͤngstlich ist, weil er die verscharrten Beine nicht noch vor seinem Ende fressen, oder mit sich nehmen soll, welcher gegen seinen vertrautesten Freund argwoͤhnisch ist, welcher sich seine besten Knochen herzuschleppen laͤßt, um solche wenigstens noch einmal anzuriechen, welcher mitten unter Seufzern und Geluͤbden fuͤr ein laͤngeres Leben seine geizige Seele von sich blaͤst. Erzaͤhlen Sie ihm, sage ich, diese Fabel; was gilts, Harpax wird sich schaͤmen, und wenigstens eine innerliche Ueberzeu- gung empfinden, daß seine Leidenschaft thoͤricht ist. Aber; wer hat euch den Beruf gegeben, andre zu tadeln? Seyd ihr selbst ohne Fehler, daß ihr euch um die Maͤngel des Naͤchsten bekuͤmmern koͤnnt? Schreibt ihr wohl eure Satyren aus Lie- be, zu bessern, und nicht vielmehr aus Begierde, zu lachen? Dieses sind gemeiniglich die Einwuͤrfe, die man macht. Sie sind leicht zu beantworten. Wer mir, als einem Liebhaber der Weltweisheit, die Macht gegeben hat, Sittenlehren zu schreiben, J 5 von Von der Zulaͤßigkeit von eben dem habe ich auch den Beruf, Satyren zu verfertigen. Daß ich selbst nicht ohne Fehler bin, solches benimmt dem Werthe der Sache nichts. Mancher zeigt den Menschen den Weg zum Him- mel, den er vielleicht selbst nicht geht, und den- noch bleibt sein Vortrag eine goͤttliche Wahrheit, welcher ich zu folgen verbunden bin. Die Er- bauung muß allezeit die Hauptabsicht einer Sa- tyre seyn. Daß ich aber uͤber die Fehler lache; daß ich sie andern laͤcherlich mache; dieses ist ein un- schuldiges Vergnuͤgen, welches man mir wohl goͤn- nen kann. Auf solche Art wuͤrde ich die Einwuͤrfe beant- worten: wir wollen aber doch auch denjenigen ken- nen lernen, welcher sie gemacht hat. Es ist nie- mand anders, als der, welcher sich getroffen merkt. Pruͤfen Sie diese Grundregel, Sie werden sie allemal wahr befinden. Jch will bey meinem obigen Exempel bleiben. Wer wird uͤber die Fabel vom Hunde schreyen? Gewiß nicht der junge Herr. Dieser wolluͤstige Verschwender haͤlt einen Geizigen fuͤr seinen Todfeind. Er wuͤrde daruͤber gelacht ha- ben, wenn er auch seinen eignen Vater darinnen abgeschildert gefunden haͤtte. Harpax sieht sein Bildniß; er erblickt sich in seiner natuͤrlichen Ge- stalt; diese koͤmmt ihm abscheulich vor. Er schmaͤht auf den Spiegel; er flucht demjenigen, der ihm sol- chen vorhaͤlt. Harpax ist der einzige, welcher Jhren Beruf hierzu wissen will, welcher Jhnen Jhre eig- nen Unvollkommenheiten vorwirft, welcher Jhre Absichten tadelhaft macht. Allein, der Satyre. Allein, die Satyre hat noch andre Feinde, wel- che behutsamer gehen. Sie loben die Einrichtung und Absicht derselben; sie geben aber nicht zu, daß je- mals ein Lasterhafter dadurch gebessert worden sey. Jchweis nicht, ob diese Wahrheit allgemein ist. Bessert die Satyre nicht allemal den Lasterhaften; so haͤlt sie doch vielleicht andre ab, lasterhaft zu wer- den. Fiele aber auch gleich beides weg; so muß die Satyre doch in ihrem Werthe bleiben. Nicht in ihr, sondern in den Gemuͤthern der Menschen waͤre der Fehler zu suchen. Wenn die Schaubuͤh- ne so eingerichtet ist, wie sie seyn soll: So verdient sie alle diejenige Hochachtung, welche man einer Sittenschule schuldig ist; und dennoch halte ich es fuͤr muͤhsam, die Beyspiele derer beyzubringen, wel- che durch die Schaubuͤhne gebessert worden sind. Wir stehen dabey; wir lachen uͤber die Thorheiten; wir haben Mitleiden mit der unterdruͤckten Tugend; wir koͤnnen uns kaum der Thraͤnen enthalten, wenn wir das standhafte Christenthum der Zayre sehen: Werden wir aber allemal tugendhafter? Werden wir beßre Christen? Wenigstens liegt der Fehler nicht an der Schaubuͤhne. Man koͤnnte noch sagen: Durch die Satyre erregen wir den Zorn andrer gegen uns; wir ma- chen uns Feinde: waͤre es nicht also den Regeln der Klugheit gemaͤß, sich mit einer so gefaͤhrlichen Arbeit gar nicht zu vermengen? Jch weis beynahe nicht, was ich hierauf antworten soll. Die Von der Zulaͤßigkeit Die Wahrheit, so edel sie ist, macht dennoch auch Feinde. Es wuͤrde unbedachtsam seyn, wenn man bey aller Gelegenheit die Wahrheit sagen woll- te, und ich glaube, wer Satyren schreiben will, der muß seine Umstaͤnde wissen, und allerdings vorsich- tig seyn. Vielleicht habe ich im Nachfolgenden Ge- legenheit, mehr davon zu reden. Dieses sind ungefaͤhr meine Gedanken von der Zulaͤßigkeit der Satyre. Die Lehre, von dem, was bey ihrer Verfertigung zu beobachten sey, ist von einem viel weitlaͤuftigern Umfange. Jch will die umstaͤndliche Abhandlung davon bis zu einer andern Gelegenheit, oder bis zu unsrer muͤndlichen Unterredung aussetzen, voritzt aber nur etwas erin- nern. Es wuͤrde schon genug seyn, wenn ich hier bloß dasjenige wiederholte, was ich oben von der Absicht der Satyre gesagt habe. Soll diese Absicht vernuͤnftig seyn, so muß sie suchen, die Laster laͤcher- lich zu machen, und den Menschen einen Abscheu davor beyzubringen. Was also kein Laster ist, mit dem hat die Saty- re nichts zu thun. Lisette schielt. Ein muthwilli- ger Kopf, welcher gern sinnreich heißen, und in ei- ner Gesellschaft die lustige Person abgeben wollte, beobachtet an Lisetten diesen natuͤrlichen Fehler. Waͤre er vernuͤnftig, so wuͤrde er hier eine Gele- genheit finden, an denjenigen mit dankbarem Ge- muͤthe zu denken, welcher ihm gesunde und muntre Augen gegoͤnnt hat; allein er ist zu leichtsinnig dazu. Er will lachen; er will andre zu lachen ma- chen, der Satyre. chen, und Lisette muß der unschuldige Gegenstand seiner ausschweifenden Einfaͤlle seyn. Aber Li- sette thut verliebt, sie wirft ihre schielenden Blicke mit einer wolluͤstigen Frechheit in der Kirche herum. Nunmehr wird sie laͤcherlich; nunmehr giebt sie die schoͤnste Gelegenheit zu einer Satyre. Eine der gemeinsten Regeln ist diese: Die Sa- tyre soll die Laster tadeln, nicht aber die Perso- nen. Jch muß dieser Regel Beyfall geben, und sie scheint aus demjenigen Satze zu fließen, welchen ich oben zum Grunde gelegt habe. Dennoch aber halte ich auch diejenigen nicht fuͤr strafbar, welche ihre Gedanken bey Verfertigung der Satyre auf eine gewisse Person richten. Meine Begriffe, mei- ne Ausdruͤckungen, meine ganze Arbeit wird viel lebhafter seyn, wenn ich ein Urbild vor mir sehe. Jch tadle alsdann nicht die Person, ich tadle das Laster, welches diese an sich hat. Lese ich den Ab- riß, welcher von dem leonischen Doctor in den Be- lustigungen gemacht worden ist: So werde ich viel- mehr geruͤhrt, wenn ich an Arganten denke; und vielleicht hat der Verfasser auch an ihn gedacht, um das Bild eines leonischen Doctors recht nach dem Leben zu schildern. Deswegen aber darf ich nicht sagen, daß dieses eine Satyre auf Arganten sey. Sie geht auf alle diejenigen, welche eben so, wie unser Argant, ihre faule Unwissenheit unter dem Doctor- huthe verbergen wollen. Gemeiniglich verstehen wir unter dem Worte Laster nur die drey Hauptfehler, den Ehrgeiz, Geld- geiz, Von der Zulaͤßigkeit geiz, und die Wollust. Jch glaube, es giebt noch einige Sachen, welche man so gar fuͤglich unter ei- nes von diesen dreyen Lastern nicht bringen kann, und mit denen die Satyre doch auch zu thun hat. Jch weis nicht, ob ich es werde ehrgeizig, geld- geizig oder gar wolluͤstig nennen koͤnnen, wenn das Frauenzimmer Jhres Orts in der groͤßten Kaͤlte mit dem Faͤcher geht, oder ein artiger Herr im Sturme und Regen den Huth unter dem Arme traͤgt. Dergleichen Gewohnheiten sind nicht la- sterhaft, aber vielleicht laͤcherlich; und es bleibt ei- nem Satyrenschreiber unverwehrt, uͤber beide zu lachen. Mit einigen Dingen der Gelehrsamkeit hat es gleiche Bewandniß. Jch will nur ein ein- ziges anfuͤhren. Wer uͤber diejenige Schreibart spotten wollte, die in oͤffentlichen Gerichten einge- fuͤhrt ist, und die man den Stylum curiae nennt, der wuͤrde unrecht handeln. Wenn aber Javole- nus an seine Schoͤne ein Schreiben schickt, das ei- ner Ruͤge aͤhnlicher sieht, als einem Liebesbriefe; so ist Javolenus ein Pedant. Er ist nicht lasterhaft; er verdient aber doch, daß man ihm seine Thorheit vorruͤckt. Wenn die Satyre die Laster der Menschen straft: So vertritt sie die Stelle der Wahrheit. Gleichwie aber diese keine Verstellung, noch einiges Ansehen der Person, leidet; also koͤnnte es auch scheinen, daß die Satyre keines Menschen schonen duͤrfe. Wenn ich dieses behauptete, so wuͤrden sonder der Satyre. sonder Zweifel sehr viele, und vielleicht die meisten jungen Leute, auf meine Seite treten. Jch bin aber ganz andrer Meynung. So verhaßt mir die Luͤgen ist, so unbesonnen scheint es zu seyn, wenn ich allemal die Wahrheit reden wollte. Kann ich durch ein vernuͤnftiges Stilleschweigen so wohl meinen Pflichten, als der geselligen Klugheit, Gnuͤ- ge thun, so thue ich am besten, wenn ich schweige. Jch bin verbunden, eher mein Leben zu lassen, als meinen Glauben zu verlaͤugnen. Wuͤrden Sie aber denjenigen nicht fuͤr unsinnig halten, welcher seinen Glauben ohne Noth nur darum bekennte, damit er sterben moͤchte. Die Pflichten gegen uns sind staͤrker, als die Pflichten, welche wir andern schuldig sind; und der Schade, welchen wir durch eine unuͤberlegte Freymuͤthigkeit uns selbst augen- scheinlich zuziehen, ist wichtiger, als der ungewisse Nutzen, den wir durch eine unbedachtsame Satyre zu schaffen suchen. Jch mag hier nicht unter- suchen, ob wir auch allemal die vernuͤnftige Ab- sicht haben, zu nutzen. Vielleicht ist es eine Be- gierde, bekannt zu werden; vielleicht ist es nur ein Muthwille, der uns die Feder in die Haͤnde giebt. Wie unvermerkt kann man sich selbst betruͤgen! Es giebt Personen, welche ihre Gewalt gefaͤhrlich, und ihr Stand ehrwuͤrdig macht, welche wir als Goͤnner und Befoͤrderer verehren muͤssen. Sie haben vielleicht ein tadelnswuͤrdiges Laster an sich; aber huͤten Sie Sich dieses Laster auzugreifen. Es bleiben noch tausend andre Fehler uͤbrig, wo- mit Von der Zulaͤßigkeit mit sich Jhre Satyre beschaͤfftigen kann. Wer wollte die Trunkenheit nicht fuͤr strafenswerth ach- ten? Stellen Sie Sich aber zween Soͤhne vor, welche ihren trunknen Vater auf der Erde und entbloͤßt liegen sehen. Der eine lacht daruͤber, er ruft die Nachbarschaft herzu; er zeigt ihr an sei- nem Vater, wie schaͤndlich die Trunkenheit sey, er weist ihr dessen Bloͤße. Der andre wendet sein Gesichte ab, er bedeckt den entbloͤßten Vater. Welcher von diesen beiden Soͤhnen ist wohl der vernuͤnftigste? Von der Schreibart, deren man sich in der Satyre zu bedienen hat, will ich nur noch ein paar Worte sagen. Mein Vortrag muß ordentlich seyn; denn ich will andre uͤberzeugen. Er muß nicht ausschweifend seyn, und meine Ueberlegung muß mehr Antheil daran haben, als meine Einbil- dungskraft. Aber dunkel darf er auch nicht seyn; denn ich will den Verstand meiner Leser nicht er- muͤden, sondern belustigen. Alle niedertraͤchtige, alle anstoͤßige Schreibart muß ich sorgfaͤltig ver- meiden; sonst werde ich mehr schaden, als erbauen. Viele glauben, recht beißend zu schreiben, wenn sie schmaͤhen und schimpfen. Allein dieses schickt sich fuͤr einen Sittenlehrer nicht, welcher die Laster und Fehler der Menschen laͤcherlich machen will. Vielmehr koͤnnte man sie unter die muthwilligen Jungen zaͤhlen, welche die Voruͤbergehenden mit Kothe werfen. Jch der Satyre. Jch muß noch etwas erwaͤhnen, welches be- sonders Jhnen nuͤtzlich seyn kann. Sie haben eine Lebensart erwaͤhlt, worinnen Sie, wie ich hoffe, kuͤnftighin Gelegenheit haben werden, oͤffentlich und an heiliger Staͤtte zu reden. An diesem Orte muͤssen Sie die Laster strafen; aber huͤten Sie Sich, daß Sie sie nicht alsdann laͤcherlich zu ma- chen suchen. Sie werden mir diese Warnung zu gute halten. Jch weis Jhre Neigung, und kenne große Maͤnner, welche ihre Lebhaftigkeit in diesen Fehler gebracht hat. Oftmals vergeht man sich wohl gar so weit, daß man auf der Kanzel uͤber solche Sachen eifert, welche nicht einmal wider die Wohlanstaͤndigkeit sind, geschweige wider das Christenthum laufen. Jch habe in meiner Jugend einen um die Kirche sehr verdienten Lehrer gekannt, welcher dem Volke die Pracht der Großen laͤcher- lich machen wollte, und mit dem Poeten sagte, sie haͤtten — — — — — sechs Viehe vor dem Wagen Und sechse hinten drauf. Redete er aber von den Feinden unsers Glau- bens, so wußte ich vielmals nicht, ob ich uͤber die Ketzerey weinen, oder lachen sollte? Dergleichen Vortrag ist allenfalls annehmlich, aber gewiß nicht erbaulich. Jch will Jhnen ein andres Muster ge- ben, da ich wohl wuͤnschen wollte, daß Sie es, wie in andern Sachen, also auch darinnen nachzuahmen Sich bemuͤhen moͤchten. Die Religionsspoͤtter sind Leute, welche wegen ihrer abgeschmackten Erster Theil. K Mey- Von der Zulaͤßigkeit der Satyre. Meynungen wohl verdienten, nicht uͤberfuͤhrt, sondern laͤcherlich gemacht zu werden; aber wie ernsthaft, wie beweglich, wie nachdruͤcklich weis nicht der beruͤhmte Mosheim ihnen ihre Thorhei- ten in seinen heiligen Reden vorzuhalten! Dieses ist die wahre Sprache eines geistlichen Redners. Wenn er von eben dieser Sache an einen vorneh- men Mann schreibt, oder in andern Schriften han- delt, so ist sein Ausdruck schon aufgeweckter, und in vielen Stellen satyrisch. Jch will die weitere Ausfuͤhrung dieses Satzes bis zu einer andern Zeit versparen, und ich werde alsdann Gelegenheit nehmen, meine Gedanken von den Stachelschriften uͤberhaupt, und insonderheit von der Kanzelsatyre durch neuere Exempel zu erlaͤutern. Von Von Unterweisung der Jugend. K 2 J ch habe unsern gestrigen Unterredungen wei- ter nachgedacht, mein werther Herrmann. Wir bemuͤhten uns, ausfindig zu machen: Warum es so schwer sey, eine gruͤndliche Gelehr- samkeit zu erlangen? Und woher es komme, daß so wenige unter den Gelehrten den ansehnlichen Titel verdienen, mit welchem sie ihre Bloͤße sorgfaͤltig zu bedecken wissen? Die von dir angefuͤhrten Ursachen sind wichtig genug. Die blinde Liebe der meisten Aeltern geht dahin, ihre Kinder zu ansehnlichen Mitgliedern des gemeinen Wesens zu machen. Der Sohn muß studieren, damit er Doctor werden kann. Er hat weder die Faͤhigkeit, noch den Willen, etwas recht- schaffnes zu lernen. Er lebt also sich zur Last, und dem Vaterlande zum Schimpfe. Waͤre dieser ein Schneider geworden, so wuͤrde er gewiß sein Brod verdienen, da er anitzt von der Sparsamkeit seiner Vorfahren, oder dem Einbringen seiner Frau le- ben muß. Du hast recht, mein Freund; vielleicht aber giebst du mir auch Beyfall, wenn ich eine Ursache anfuͤhre, welche noch allgemeiner ist. Erwaͤge nur einmal, wie die Anfuͤhrung unsrer Jugend zu der Gelehrsamkeit beschaffen ist. Bis in das zehente Jahr uͤberlaͤßt man uns der Aufsicht der Frauenzimmer, welche glauben, sie haben ge- nug gethan, wenn sie uns reinlich halten, wenn sie uns lesen lehren, und allenfalls einige Fragen aus K 3 dem Von Unterweisung dem Catechismus ins Gedaͤchtniß bringen. Nun- mehr ist es Zeit, daß man uns der Aufsicht eines Hofmeisters uͤbergiebt. Ob er von guten Sitten, ob er fleißig, ob er gelehrt ist; darnach fragt man eben nicht. Aber; wie viel verlangt der Herr fuͤr seine Muͤhe? Das ist unsre erste Sorge. Der Wohlfeilste bleibt allemal der Beste. Dieser fuͤhrt uns eben den Weg, welchen er selbst unter so vie- len Seufzern und Thraͤnen gegangen ist. Ein Ge- lehrter muß die lateinische Sprache verstehen. Die Sache hat ihre Richtigkeit. Man waͤhlt also eine Grammatik, welche die beste zu seyn scheint. Durch eine unermuͤdete und oftmals nachdruͤckliche Unter- weisung fassen wir eine Menge dunkler Kunstwoͤr- ter und weitlaͤuftiger Regeln, welche wir gewiß noch weniger verstehen, als die Sprache selbst, die wir daraus erlernen sollen. Endlich uͤberwinden wir diese Schwierigkeit. Man giebt uns des Ci- cero Schriften, nebst andern Buͤchern, zu lesen, und unsre Vaͤter weinen vor Freuden, wenn sie sehen, daß ihre Kinder im zwanzigsten Jahre dasjenige begriffen haben, was zu des Cicero Zeiten, in Rom, ein Junge von fuͤnf Jahren verstund. Nunmehro zieht der gelehrte, oder besser zu sagen, der lateini- sche Sohn auf hohe Schulen. Du darfst von ihm nicht verlangen, daß er in den alten und neuern Ge- schichten, in der Geographie, Genealogie, Zeitrech- nung, Wapenkunst, und dergleichen erfahren seyn, und einen Vorschmack von der Mathematik, Welt- weisheit und andern Wissenschaften erlanget haben sollte. Dazu hat er nicht Zeit gehabt; er hat muͤssen der Jugend. muͤssen Latein lernen. Es wuͤrde laͤcherlich seyn, wenn du ihn fragen wolltest, ob er deutsch verstuͤn- de? Ob er einen guten Brief schreiben koͤnnte? Er ist ja ein Deutscher; er ist in Meißen geboren; sollte er nicht Deutsch verstehen? Von der griechi- schen Sprache hat er noch zur Noth so viel begrif- fen, als er auf der hohen Schule, binnen drey Jah- ren zu verlernen gedenkt. Wie geschwind verlau- fen diese! Er muß eiligst nach Hause. Sein Va- ter verlangt es, weil ein Amt, und eine reiche Frau auf ihn warten. Nunmehr ist unser Gelehrter fertig! Sage mir, mein Freund, ob nicht dieses die ge- woͤhnlichste Art sey, unsre Jugend zu unterweisen? Du wirst es nicht laͤugnen koͤnnen; du wirst aber auch zugleich gestehen muͤssen, daß solches die wahr- hafte Ursache sey, warum nur so wenige sich eine rechtschaffne Gelehrsamkeit erwerben. Der ganze Fehler beruht meines Erachtens darinnen, daß wir glauben, wer die lateinische Sprache verstehe, der sey ein Gelehrter; und daß wir durch eine weit- laͤuftige Erlernung derselben, diejenige Zeit versaͤu- men, welche wir zugleich auf nuͤtzlichere Sachen wenden sollten. Aber soll ein Gelehrter kein Latein verstehen? Dieses ist meine Meynung keinesweges. Jch be- haupte vielmehr, daß er in dieser Sprache eben so stark seyn muͤsse, als in seiner Muttersprache. Nur das kann ich nicht begreifen, warum wir der Ju- gend die Erlernung derselben so schwer machen? K 4 Der Von Unterweisung Der alte Richard, welcher gestern in unsrer Ge- sellschaft war, soll mir zum Beweise meines Satzes dienen. Du kennst seinen Sohn, der anitzt durch wirkliche Verdienste unter den Gelehrten eine an- sehnliche Stelle bekleidet. Kaum hatte dieser das sechste Jahr erreicht, als ihn sein sorgfaͤltiger Vater der Aufsicht eines jungen Menschen anvertraute, welcher ihm die noͤthigsten Gruͤnde unsers Glau- bens beybringen, und ihn zu einer wohlanstaͤndigen Auffuͤhrung angewoͤhnen sollte. Alles, was er mit dem Knaben redete, was ihn dieser fragte; das mußte, so viel es moͤglich seyn wollte, in lateinischer Sprache geschehen. Jede Sache, die im Hause, auf der Gasse, in der Kirche, oder im Garten vor- kam, die gemeinsten Geschaͤffte, welche taͤglich vorfie- len, wurden auf Lateinisch benannt. Diese Be- muͤhung gieng gluͤcklich von statten. Nach Ver- lauf einer Zeit von vier Jahren war der junge Ri- chard schon vermoͤgend, sich in der lateinischen Sprache ordentlich und deutlich auszudruͤcken, und regelmaͤßig zu reden, ohne zu wissen, warum er sei- ne Worte eben so, und nicht anders, setzen muͤsse, Nunmehr glaubte man, daß es Zeit waͤre, ihn die vornehmsten Regeln der Grammatik zu lehren, und weil er die Sprache schon verstund, so faßte er diese in wenigen Monaten. Die griechische Sprache war ihm, als einem kuͤnftigen Gelehrten, zu wissen unentbehrlich. Weil aber sein Vater meynte, es sey eine gelehrte Eitelkeit, griechisch zu reden, oder dergleichen Schriften und Gedichte zu verfertigen: So schien es genug zu seyn, ihn nach den ordentli- chen der Jugend. chen Regeln so weit zu bringen, daß er alles ver- stuͤnde, was griechisch abgefaßt waͤre. Er erlangte auch solche Geschicklichkeit wirklich in wenigen Jah- ren. Weil man dieses nicht zu einem Hauptwerke machte: So blieben noch Stunden genug uͤbrig, ihm in andern Kuͤnsten und Wissenschaften Unter- weisung zu geben. Nach unsrer heutigen Einrich- tung ist es eine bekannte Sache, daß die franzoͤsische Sprache vielmals weit unentbehrlicher ist, als alle todte Sprachen der Morgenlaͤnder. Man nahm also einen Franzosen an, welcher ihn, durch Unter- richt und fleißigen Umgang, zu der gehoͤrigen Voll- kommenheit brachte. Hatte ihm sein Hofmeister schon in den ersten Jahren, bloß durch Gespraͤche, wo nicht eine Kenntniß von der Historie, dennoch eine Lust dazu beygebracht: So war es nachher um so viel leichter, auch darinnen weiter zu gehen. Die aͤltern Geschichten wurden nicht vergessen; die neuern aber, und besonders die Geschichte seines Vaterlandes, blieben allemal der Hauptzweck. Die groͤßern Schriften der lateinischen Redner und Poe- ten wurden zugleich sorgfaͤltig durchgegangen, nicht so wohl die Redensarten daraus zu erlernen, als vielmehr ihren ganzen Bau, und die Buͤndigkeit des Vortrags einzusehen. Hierdurch lernte unser Ri- chard die Zaͤrtlichkeit einer Ode, die Staͤrke eines Heldengedichts, und diejenigen Ursachen kennen, welche den Cicero zu einem Redner gemacht haben. Was konnte ihm auf eine solche Art wohl leichter fallen, als auch in seiner Muttersprache die Geschick- lichkeit zu erlangen, die einem Gelehrten so wohlan- K 5 staͤn- Von Unterweisung staͤndig ist? Man brachte ihm einen Begriff von der Weltweisheit bey, so weit er naͤmlich bey sei- nem damaligen Alter dazu vermoͤgend war; und man brauchte zugleich die Vorsicht, die Kraͤfte sei- nes Verstandes und Nachdenkens durch die mathe- matischen Wissenschaften zu schaͤrfen und in Ord- nung zu bringen. Zu seiner Gemuͤthsergetzung ward ihm ein Tanzmeister und ein Zeichenmeister nebst andern Kuͤnstlern gehalten, und Richard ist dennoch ein Gelehrter, ob er gleich wider die bishe- rige Gewohnheit gelernt hat, wie man leserlich und zierlich schreiben muͤsse. Wenn ich davon noch nichts gesagt habe, wie sorgfaͤltig man ihn von Zeit zu Zeit in seinem Christenthume unterwiesen; So darf man darum nicht denken, als ob dieses verab- saͤumt worden waͤre. Du kennst seinen vernuͤnf- tigen Vater, das ist schon genug. Auf solche Wei- se ward der Grund zu derjenigen Gelehrsamkeit ge- legt, welche Richard nunmehr besitzt. Nur dieses muß ich noch erinnern, daß man ihn erst im neun- zehenten Jahre auf die hohe Schule that, ungeachtet er die Kraͤfte vielleicht eher gehabt haͤtte, den De- gen zu tragen. Das Beyspiel dieses gelehrten Mannes uͤber- hebt mich aller Muͤhe, einige Regeln von der Un- terweisung unsrer Jngend in den ersten Jahren zu geben. Vielleicht zweifelst du aber, ob diese Art, die Jugend zu unterweisen, auch allgemein, und bey andern ebenfalls mit Nutzen anzuwenden sey? Jch getraue mir, solches zu behaupten. Jst der Jugend. Jst es wohl schwerer, die lateinische Sprache zu erlernen, als die franzoͤsische, oder die deutsche? Das kannst du nicht sagen. Wie alt bist du gewesen, als du deutsch reden konntest, und entsinnst du dich wohl, daß du schon im achten Jahre mit deiner Franzoͤsinn zu plaudern vermoͤgend warst? Der Umgang, eine fleißige Uebung, und der Mangel ei- ner verwirrten Methode und ekelhafter Regeln, brachten dich so zeitlich zu dieser Geschicklichkeit. Eben das verlange ich bey der lateinischen Sprache. Wo findet man aber diejenigen, welche geschickt sind, die Jugend auf solche Art zu unterweisen? wie viele giebt es nicht, die zwar wissen, wie sie auf der Ca- theder, aber nicht, wie sie in der Kuͤche lateinisch re- den sollen. Wir beide haben studiert; wir lassen uns beide Gelehrte nennen, und dennoch sollte es uns schwer fallen, die gemeinsten Handlungen der Menschen auszudruͤcken. Jch gebe dieses zu, mein werther Herrmann; ich glaube aber, daß dein Ein- wurf die Wahrheit meiner Meynung nicht wider- legt, sondern nur noch mehr bekraͤftigt. Waͤren wir, waͤren andre in ihrer Jugend besser angefuͤhrt worden: So wuͤrde es uns und andern an der Ge- schicklichkeit nicht fehlen, welche man allerdings bey wenigen antrifft. Unterdessen will ich dir doch ver- schiedne aufweisen, welche diese Geschicklichkeit wirk- lich besitzen, noch mehrere aber, welche gar wohl faͤ- hig waͤren, solche zu erlangen, wenn man nur ihre Bemuͤhung durch billige Vergeltungen aufmunter- te. Die Schuld faͤllt allemal auf die Aeltern zu- ruͤck, welche die Art, ihre Kinder zu unterweisen, entwe- Von Unterweisung der Jugend. entweder selbst nicht verstehen, oder aus Geiz die noͤthigen Kosten scheuen. Du kennst jenen Vater, welcher mehr auf seine Pferde wendet, als auf sei- nen Sohn. Er scheut keine Kosten, seinen Budel recht abzurichten zu lassen; wenn er aber dem Lehr- meister seines Sohnes ein Quartal bezahlen soll, so geschieht es niemals ohne innerlichen Widerwillen. Bedaͤchten wir nur, daß das Gluͤck unsrer Kinder, daß unsre eigne Ehre auf eine vernuͤnftige Unterwei- sung derselben ankaͤme, so wuͤrden wir hierinnen eher verschwenderisch, als karg seyn, und ich weis gewiß, es wuͤrden sich viele finden, welche vermoͤgend waͤ- ren, alles dasjenige zu leisten, was ich von einem Lehrmeister gefodert habe. Bedaͤchten wir aber auch, daß sich von unsern Kindern nur diejenigen den Studien widmen sollten, denen die Natur die Faͤhigkeiten darzu verliehen hat: So wuͤrden wir sehen, daß es sehr leicht sey, die Jugend nach derje- nigen Art zu unterweisen, welche mir die ver- nuͤnftigste zu seyn geschienen hat. Jrus. Jrus. Eine lucianische Erzaͤhlung. J rus, der verlaßne Jrus, dessen Nahrung in Brod und Wasser, die Kleidung in einem zer- rißnen Mantel, und das Lager in einer Hand voll Stroh bestund; dieser ward auf einmal der gluͤcklichste Mensch unter der Sonne. Die Vorsicht riß ihn aus dem Staube, und setzte ihn den Fuͤrsten an die Seite. Er sah sich in dem Besitze unermeßlicher Schaͤtze. Sein Auge erstarrte vor dem ungewoͤhnlichen Glanze des Goldes. Sein Palast war weit praͤchtiger ausgeputzt, als die Tem- pel der Goͤtter. Purpur und Gold waren seine schlechteste Kleidung, und seine Tafel konnte man billig einen Jnnbegriff alles dessen nennen, was die wolluͤstige Sorgfalt der Menschen zur Unterhaltung des Geschmacks ersonnen hatte. Eine unzaͤhlbare Menge schmeicherhafter Verehrer folgte ihm auf al- len Schritten. Wuͤrdigte er jemanden eines ge- neigten Blickes, so hielt man denselben schon fuͤr gluͤckselig, und wer seine Hand kuͤssen durfte, der schien allen beneidenswuͤrdig zu seyn. Er glaubte, der Name Jrus sey ihm ein bestaͤndiger Vorwurf seiner vormaligen Armuth; er nannte sich also Ce- raunius oder den Blitzenden, und das ganze Volk frohlockte uͤber diese edelmuͤthige Veraͤnderung. Ein Dichter, welcher ihn vormals nur zum Spotte den armen Jrus genannt hatte, dieser hungrige Dich- ter entdeckte eine Wahrheit, die bisher jedermann unbekannt gewesen, itzt aber von allen mit einem schmeichlerischen Beyfalle angenommen wurde: Jupi- Jrus, eine lucianische Erzaͤhlung. Jupiter haͤtte sich in des Ceraunius Mutter ver- liebt, und in einen Ochsen verwandelt gehabt, um ih- rer Liebe zu genießen. Nunmehr baute man ihm Altaͤre; man schwur bey seinem Namen, und die Priester waren beschaͤfftigt, in dem Eingeweide des Opferviehes zu finden, daß der große Ceraunius, dieser wuͤrdige Sohn des Jupiters, die einzige Stuͤtze von ganz Jthaka sey. Toxaris, sein ehemaliger Nachbar, ein Mann, welchen das Gluͤck, ein uner- muͤdeter Fleiß, und eine vernuͤnftige Sparsamkeit zu einem reichen Buͤrger gemacht hatten, war das erste Opfer seiner ungezaͤhmten Begierde. Er hatte ihn schon damals beneidet, als er noch Jrus hieß; und nunmehr war es Zeit, daß er ihn empfinden ließ, was derjenige vermoͤge, dessen Vater den Donner- keil in Haͤnden trage. Es traten Zeugen auf, wel- che behaupteten, Toxaris habe die Goͤtter gelaͤug- net, die Tempel beraubt, die Priester verspottet, und durch ungerechtes Gut seine Schaͤtze vermehrt. Er ward ins Gefaͤngniß geschmissen, und zu einem schmaͤhlichen Tode verdammt. Seine geaͤngstigte Frau, seine unschuldigen Kinder warfen sich mit Thraͤnen zu den Fuͤßen unsers unempfindlichen Ty- rannen; aber umsonst. Toxaris mußte sterben, und alle, die ihm angehoͤrten, mußten ins Elend ge- hen. Jrus blieb sein einziger Erbe. Noch etwas fehlte ihm an seiner Gluͤckseligkeit. Er wollte sich vermaͤhlen. Die Vornehmsten des Landes waren bemuͤht, in seine Verwandtschaft zu kommen. Me- nippus war allein so gluͤcklich, daß Jrus auf seine Tochter, Euforbia, die Augen warf. Er hoffte durch Jrus, eine lucianische Erzaͤhlung. durch eine naͤhere Verbindung mit dem angesehnen und reichen Menippus sein eignes Gluͤck noch mehr zu befestigen. Ueberdieses war Euforbia schoͤn genug, sein Herz einzunehmen. Jhr lockigtes Haar, ihre erhabne Stirne, ihre feurigen Augen, ihr reizender Mund, ihre bezaubernde Brust, ihr maje- staͤtischer Gang, kurz ihre ganze Gestalt, hatten den hochmuͤthigen Jrus gefesselt, und alle Dichter in Jthaka schwuren, daß Venus mehr als einmal uͤber diese Schoͤne eifersuͤchtig geworden waͤre. Die Vermaͤhlung geschah. Der große Sohn des Ju- piters eilte, seine Geliebte zu kuͤssen. O! sprach er, indem er sie umarmen wollte, o, wie vergnuͤgt ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Hier erwachte Jrus; seine Gluͤckseligkeit war nur ein Traum gewesen. Er lag noch auf eben dem Strohe, wohin er sich gestern gelegt, noch un- ter eben dem zerrißnen Mantel, womit er sich den Abend zuvor bedeckt hatte. Ceraunius war ver- schwunden, und der unschuldige Toxaris lebte noch. Eine Eine Todtenliste von Nicolaus Klimen, Kuͤstern an der Kreuzkirche zu Bergen in Norwegen. Erster Theil. L J ch habe unter dem Buͤchervorrathe meines Vaters den Aufsatz gefunden, welchen ich itzt meinen Lesern mittheile. Unser beruͤhmter Klim hat ihn geschrieben; ich kenne seine Hand ge- nau, und es wird wohl niemand zweifeln, daß es seine eigne Arbeit sey, wenn man nur dieses beden- ken will, daß er ein Mann war, welcher auf seinen unterirrdischen Reisen die Gemuͤther der Menschen vollkommen einsehen gelernt hatte. Als Kuͤster besaß er noch eben die Faͤhigkeiten, durch welche er sich als Kaiser in Quama ansehnlich und beliebt ge- macht hatte. Jch berufe mich auf seine unterirrdi- sche Reisebeschreibung, in welcher man die deutlich- sten Spuren finden wird, daß er als ein Philosoph gedacht hat. Gegenwaͤrtiger Aufsatz ist ein Verzeichniß unter- schiedner Personen, welche Zeit seines Kuͤsteramts in Bergen gestorben sind. Er sagt von einer jeden sei- ne Meynung, und die Liebe laͤßt uns hoffen, er wer- de in seinen Charakteren unparteyisch gewesen seyn. Es waͤre zu wuͤnschen, daß in allen Staͤdten derglei- chen Todtenlisten gehalten, und beym Schlusse des Jahres zum Drucke gegeben wuͤrden. Hierdurch erlangte man Gelegenheit, viele seiner Mitbuͤrger nach ihrem Tode besser kennen zu lernen, als man sie in ihrem Leben gekannt hat. Manche werden auf den Kanzeln als hochedle, hochgelahrte, hochwei- se, ehrsame und tugendbelobte abgekuͤndigt, welche bey ihrer Unwissenheit, bey ihrer niedertraͤchtigen, L 2 und Eine Todtenliste und laͤcherlichen Auffuͤhrung, keinen von diesen Ti- teln verdient haben. Es ist unbillig, daß wir den- jenigen im Grabe loben, welcher sich auf der Welt um einen guten Namen nicht bekuͤmmert hat. Durch eine Todtenliste von der Art, wie gegenwaͤrtige ist, wuͤrden wir die Ehre der Wahrheit retten; und ich zweifle nicht, daß unsre Buͤrger dadurch wenigstens eben so sehr erbaut werden duͤrften, als durch die jaͤhrlich gedruckten Nachrichten, wie viel Commu- nicanten gewesen, oder unehliche Kinder geboren worden. Jch will es dem Urtheile der Leser uͤber- lassen, ob meine Hoffnung gegruͤndet sey. Viel- leicht bedauern sie mit mir, daß gegenwaͤrtige Liste nicht vollstaͤndig, sondern durch die Unachtsamkeit der klimischen Erben, der Anfang, und vermuthlich ein großes Stuͤck davon verloren gegangen ist. Bergen in Norwegen am \frac{10}{21} des Wintermo- nats 1742. B. Abelinson. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ geizig, ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ geizig; er hatte es aber lediglich dem ehrwuͤrdigen Ansehen seines langen Rocks zu danken, daß niemand an ihm diejenigen Fehler tadelte, welche an andern wuͤrden unertraͤglich gewesen seyn. Gustav Trolle. Durch den Tod dieses Mannes verlor unsre Stadt mehr, als sie glaubte. Er war ein Dichter von einem ehrlichen Gemuͤthe; er von Nicolaus Klimen. er nahm jederzeit an dem Gluͤcke und Ungluͤcke sei- ner Mitbuͤrger vielen Antheil, und wuͤnschte allen Leuten Gutes. Seine Feinde nannten ihn nur spottweise den Gratulanten. Kein Namenstag oder Geburtstag ward begangen, an welchem er nicht gedruckte Merkmaale seiner Ehrfurcht uͤber- reichte. Unauf hoͤrlich ließ er die Haͤuser seiner Goͤnner und Freunde mit Freude und Wonne uͤber- schatten; und wenn der Himmel seine christlichen Wuͤnsche erhoͤrt haͤtte, so wuͤrden alle Rathmaͤnner in Bergen, vom Buͤrgermeister an bis auf den Stadtschreiber, wenigstens Nestors Jahre erreichet haben. Bey jedem Todesfalle tauchte er seinen Kiel in bittre Salsen und herben Wermuth ein. Er schien ganz untroͤstbar uͤber den Tod des Capel- lans, welcher drey Vornamen hatte, und also dem Berufe unsers Dichters sehr eintraͤglich war. Die Musen unterhielt er in bestaͤndiger Bewegung. So bald er die Feder eintunkte, so bald stunden sie alle neune auf seinem Zeddel. Sie hatten auch Ursa- che, gehorsam zu seyn; denn es war ein sehr hitzi- ger Mann. Wenn sie nicht gleich kamen, und ihm bey seiner sauern Arbeit vorspannten: So schimpfte er so lange auf sie, bis der Bogen voll war. Er machte ein Sinngedichte auf mich, als ich zum Kuͤ- ster an der Kreuzkirche erwaͤhlt ward; es war we- nigstens acht Groschen werth, und ich und meine Frau haben es niemals ohne Thraͤnen durchlesen koͤnnen. Bey Hochzeitgedichten war er sehr scherz- haft. Der Name des Braͤutigams oder der Braut mochte noch so verwirrt klingen, so wußte er ihn L 3 doch Eine Todtenliste doch so lange herum zu zerren, bis er in demselben einen Gedanken fand, der sich zur Wiege schickte. Die Deutschen haben ihm die Erfindung der Leber- reime zu danken, welche er, zum erstenmale an des Stadtschulzens Geburtstage, aus dem Stegreife machte, da er so trunken war, daß er von seinem Verstande nicht wußte. Er war weder eigennuͤtzig, noch geizig, und fuͤr sechzehen Groschen schuͤttete er sein ganzes Herz aus. Er starb auch in großer Ar- muth, und hinterließ nichts, als einen Lorbeerkranz, und einen zerrißnen Mantel. Suante Stuve, verwaltete das Stadtschul- zenamt zwanzig Jahre lang; seine Frau aber hatte das Directorium actorum. Diese machte auch die Abschiede, und die Parteyen mußten in ihrer Kuͤ- che gegen einander verfahren. Wer daselbst nicht erschien, der ward sachfaͤllig; wer aber den groͤßten Braten schickte, der hatte das groͤßte Recht. Schie- nen die Sachen gar zu zweifelhaft zu seyn, so muß- ten die Parteyen wuͤrfeln; derjenige gewann den Proceß, der die meisten Augen warf. Der Stadt- schreiber war sein Schwiegersohn, und hatte bey ihm freyen Tisch. Peter Brahe, ein witziger Kopf, ein Wunder der spielenden Natur, ein Greis von zwanzig Jah- ren. Alles war fruͤhzeitig an unserm Brahe. Schon im siebenten Jahre war er kluͤger, als seine Aeltern und Lehrmeister; im vierzehenten verwickel- te er sich in gelehrte Streitigkeiten, und schrieb kri- tische Anmerkungen uͤber die philosophischen Buͤcher seiner Zeit, welches in Norwegen einen großen Laͤr- men von Nicolaus Klimen. men machte. Er war heftig in seinen Meynun- gen, in seiner Schreibart spoͤttisch, und wenn ihn sein Witz uͤberfiel, welchem Uebel er oft ausgesetzt war, so schonte er keines Menschen. Auf seinen leiblichen Vater machte er Satyren. Er hatte eine so herzliche Neigung gegen sich und seine Einfaͤlle, daß er sich lieber wuͤrde den Staupbesen haben ge- ben lassen, als einen artigen Gedanken auf seinem Herzen und Gewissen behalten wollen. Er schrieb einen zierlich gedruckten Vers, welcher aber dem ge- neigten Leser schwerer zu verstehen war, als ihm zu machen. Die Prosodie war sein Leibstudium nicht, und die Grammatik fuͤr seine hohe Gelehrsamkeit zu niedrig. Jm zwanzigsten Jahre spuͤrte er eine merkliche Abnahme seines Verstandes, und ward so kindisch, als ein Greis von neunzig Jahren. Man glaubt, er habe sich damals selbst gefuͤhlt, und sein herannahendes Ende vermuthet; dieses will man aus einer Ode schließen, welche er unter dem Titel des Schwanengesangs der Nachwelt hinterlassen, und worinnen er von seiner muthwilligen Leyer Ab- schied genommen hat. Er starb auch wirklich kurz darauf, und hinterließ eine große Anzahl Titel zu Buͤchern, die er hat schreiben wollen. Gustav Gripp, ein Rathmann, und eine gut- herzige Seele; er hat in seinem Leben nicht wider- sprochen, und sagte zu allem, ja. Nirgends schlief er sanfter, als auf der Rathsstube, besonders, wenn die Rechtshaͤndel vorgetragen wurden. Kam die Reihe an ihn, sein Gutachten zu sagen: So weckte L 4 ihn Eine Todtenliste ihn sein Nachbar auf, und alsdann votirte er alle- mal, wie der regierende Buͤrgermeister. Hauns Erichson, ein fleißiger Mann. Er war in Sammlung und Lesung alter Buͤcher uner- muͤdet, lebte in seiner Studierstube zwey und sieben- zig Jahre, und ward nach seinem Tode nicht ver- mißt, weil er in seinem Leben der Welt mit nichts genutzt hat. Unter seinen Papieren hat man ei- nen Aufsatz gefunden, welcher den Titel fuͤhret; Unumstoͤßlicher Beweis, daß ein gruͤndlich Gelehr- ter nicht fuͤr andre Leute, sondern nur fuͤr sich, er- schaffen sey. Jugo Alricus, ein geschickter Arzt. Wer unter seinen Haͤnden starb, der starb dogmatisch. Er konnte aus dem Uringlase besser wahrsagen, als ein Zigeuner aus der Hand. Wenn er jemanden an den Puls fuͤhlte, so war dieses ein sichres Zei- chen eines herannahenden Todes. Er war Leib- medicus von allen denen, welche alte geizige Witt- wen, oder solche Weiber hatten, die sich nicht wie- der aus der Welt finden konnten; und er verwal- tete sein Amt redlich. Alle seine Patienten curir- te er auf griechisch; wie ich denn nachgerechnet ha- be, daß binnen dreyen Jahren uͤber vierhundert Leute am Hippokrates gestorben sind. Man kann leicht glauben, daß die Geistlichkeit, ich, der Kuͤster, und andre Todtengraͤber, diesem fleißigen Manne viel zu danken haben. Christian Tywede hatte auf der hohen Schu- le zu Abo seine Wissenschaften erlernt, war von einem von Nicolaus Klimen. einem unersaͤttlichen Hochmuthe, und doch dabey geizig, in seiner Freundschaft unbestaͤndig, gegen Vornehme niedertraͤchtig, gegen Geringe tyrannisch, in allen Arten wolluͤstig, in seiner Religion leichtsin- nig, im uͤbrigen aber ein Philosoph. Claeß Horn, war ein Sohn des reichen Jo- hann Horns, und ein Enkel des beruͤhmten ge- lehrten Elrich Horns. Jch nenne seine Vorfah- ren um deswillen, weil sein eigner Name nicht gar zu bekannt ist. Er hatte einen natuͤrlichen Abscheu vor aller Arbeit. Seine Tugenden bestunden in zehentausend Thalern Einkuͤnften. Haͤtte ihn die weise Vorsehung nicht mit diesem Vorzuge bega- bet, so wuͤrde er seinem Vaterlande zur Last gerei- chet haben. Seine Berufsarbeit war diese, daß er aus dem Bette aufstund, und sich wieder nieder- legte. Er lebte neun und funfzig Jahre; zieht man aber davon diejenige Zeit ab, in welcher er schlief, so hat er sein Alter nicht hoͤher, als auf neunzehen Jahre, gebracht. Man muß ihm die Gerechtig- keit widerfahren lassen, daß er einsah, wie wenig Antheil er an dem Vermoͤgen hatte, welches nicht er, sondern seine Voraͤltern durch ihren Fleiß ver- dient. Um deswillen betrachtete er sich nicht an- ders, als einen Verwalter fremder Guͤter, von wel- chen er einmal Rechnung ablegen muͤßte. Was er zu seiner hoͤchsten Nothdurft brauchte, das nahm er davon; weiter nichts. Haͤtte er durch sein Vermoͤgen nothleidenden Freunden unter die Arme greifen sollen: So wuͤrde er dieses fuͤr einen Eingriff in fremde Guͤter angesehen haben. End- L 5 lich Eine Todtenliste lich starb er, und hinterließ seine Schaͤtze einem Vet- ter, welcher unserm Horn die Augen mit Freuden zudruͤckte. Seinem letzten Willen zu Folge mußte ihm ein Leichenstein gesetzt werden, auf den dasje- nige kommen sollte, was er in seinem Leben ruͤhm- liches gethan hatte. Es steht also weiter nichts darauf, als dieses, daß er gestorben sey. Nilson Scribbens. Dieser gelehrte Mann hatte eine ganz besondre Natur. Unter andern war es merkwuͤrdig, daß bey ihm seine Gelehrsam- keit den Sitz im Magen hatte. So bald ihn hun- gerte; So bald fieng er auch an, Buͤcher zu schrei- ben. Aus der Groͤße seiner Schriften konnte man deutlich abnehmen, wie lange er gefastet hatte. Ein Tractaͤtchen von zween oder dreyen Bogen war ein untruͤgliches Merkmaal, daß er binnen vier und zwanzig Stunden nichts zu essen gehabt, und wenn der Hunger recht nagend war, so schrieb er auch Werke zu ganzen Alphabeten. Jn der großen Theurung im Jahre 1689, schrieb er die Universal- chronicke aller Nordscheine, welche sich seit dem To- de Koͤnig Knuts hatten sehen lassen, in zwoͤlf Baͤn- den, großquart, mit Figuren, nebst einer Vorrede wider die unbußfertigen Atheisten. Dieses gelehr- te Werk faͤngt schon an, rar zu werden, weil es gleich in den ersten Jahren stark verbraucht wor- den ist. Johann Kyle, ein Advocat, und geuͤbter Mann, welcher alle casus in terminis gehabt hatte. Seinen Clienten konnte er es gleich an den Kleidern ansehen, ob sie gerechte Sache hatten, oder nicht. von Nicolaus Klimen. nicht. Die Armen ermahnte er sehr ernstlich zum Frieden, und schlug ihnen seinen Beystand schlech- terdings ab; denn sie hatten kein Geld, und folg- lich Unrecht. Wessen er sich aber einmal annahm, den verließ er nicht, so lange derselbe noch einen Groschen im Beutel hatte. Sein groͤßter Vor- theil bestund im Schwoͤren. Er war auch selbst vermoͤgend, in einem Athem drey falsche Eide zu thun. Er verstund sich sehr wohl auf die Kunst, Zeugen zu machen. Der Schelme und Diebe nahm er sich recht vaͤterlich an, und wessen Sache er ver- theidigte, den redete er gewiß vom Galgen los. Steen Dalekerl, ein gelehrter Renomist. Er war ein Todfeind von allen denen, welche nicht so dachten, als er. Kein Gelehrter durfte sich bli- cken lassen, den er nicht mit der Feder in der Faust anfiel. Eigentlich hatte er sich auf nichts gelegt; aber eben um deswillen glaubte er, er sey geschickt, alles zu beurtheilen, es moͤchte seyn, aus welcher Disciplin es wollte. Er war aus Northolm gebuͤr- tig, und hielt alle diejenigen fuͤr Jdioten, welche nicht seine Landsleute waren. Besonders in Druckfehlern hatte er eine starke Einsicht, wouͤber er sich oftmals sehr lustig machte. Jn seiner Schreibart war er so spoͤttisch, wie ein Boots- knecht, und konnte schimpfen, wie ein Kunstrichter. Haͤtten ihn die unterirrdischen Einwohner der Stadt Keba gehabt; so wuͤrde er auf ihrem gelehr- ten Kampfjagen der beste Maskabus gewesen, und wenigstens fuͤr dreyßigtausend Ricatu verkauft worden seyn. Ursel Eine Todtenliste. Ursel Sigrid. Wollte kuͤnftig jemand die Ge- muͤthsbeschaffenheit dieser Frau beschreiben, der wuͤr- de in einer Person so viele verwirrte, und einander entgegen laufende Charaktere finden, daß es un- moͤglich scheint, dieselben auseinander zu wickeln, wofern man nicht in ihrem Lebenslaufe besonders drey Zeitpunkte fest setzt. Der erste geht bis in ihr dreyßigstes Jahr. Was die Auslaͤnder galant, und wir nach unsrer einfaͤltigen Muttersprache verbult nennen, das fand man damals in der groͤßten Vollkommenheit an ihr. Jhr Haus wimmelte von jungen Herren, die daselbst zusammen kamen, ihre verliebte Andacht zu verrichten, welche in einer sehr strengen Abgoͤt- terey bestund. Sie ließ sich anbeten, und schien doch unempfindlich dabey zu seyn. Man mochte sie einen Tieger, oder einen Engel, ihre Augen Son- nen oder donnerschwangre Wolken heißen, ihre Brust mit hartem Marmor, oder mit kaltem Schnee vergleichen; bey allem that sie gleichguͤltig. Die Seufzer ihrer Anbeter bewegten sie nicht; sie sah dieselben als einen Tribut an, welche ihr ihre Skla- ven schuldig waͤren, und diese hielten es schon fuͤr ein großes Gluͤck, wenn sie nur in ihrer Gegenwart seufzen konnten. Viele brachte diese angenomme- ne Sproͤdigkeit beynahe zur Verzweiflung. Sie schwuren, daß sie nicht laͤnger leben wollten, rede- ten von Gift und Dolche; sie leben aber noch alle, dem Himmel sey Dank, bis auf diese Stunde frisch und gesund. Man wird an dieser Erzaͤhlung kei- nen Zweifel tragen, wenn ich versichre, daß ich in meiner von Nicolaus Klimen. meiner Jugend selbst einer von denen gewesen bin, welche unter diesen verliebten Fesseln geschmachtet haben. Jch will glauben, daß mir dieses Gestaͤnd- niß eben nicht zur Ehre gereicht; vielleicht aber wird man mich entschuldigen, wenn man bedenkt, daß ich damals noch nicht Kuͤster an der Kreuzkir- che, sondern nur ein junger Mensch und Baccalau- reus der Philosophie war. Der Umgang, den ich auf Schulen mit griechischen und lateinischen Frauen- zimmern gehabt hatte, wirkte in mir die gewisse Zu- versicht; die norwegischen Schoͤnen wuͤrden eben so wohl mit sich reden lassen, als jene. Jch waͤhl- te bey meiner ersten Anrede an dieselbe die zaͤrtlich- ste Stelle aus dem Anakreon; es schien aber nicht, als wuͤrde sie dadurch sehr geruͤhrt. Jch strich meine Verdienste heraus, und erzaͤhlte ihr, daß ich drey Disputationen von den Pantoffeln der alten europaͤischen Voͤlker gehalten haͤtte; dennoch blieb sie gleichguͤltig. Jch wies ihr die Zeugnisse, wel- che ich zu Coppenhagen, meines Fleißes und mei- ner Gelehrsamkeit wegen, von der philosophischen und theologischen Facultaͤt bekommen hatte. Al- lein, ich glaube, ich wuͤrde den Greif, welcher mich auf den Planeten Nazar riß, eher dadurch bewegt haben, als diese Unempfindliche. Jch beschwur sie bey dem Rocken der Parcen, sie moͤchte mit mir Erbarmung haben; aber umsonst. Sie nannte mich einen Schulfuchs, und dieser Name war mir so unertraͤglich, daß ich halb rasend von ihr gieng. Kurz darauf geschah es, daß ich in die Gruft fiel, welche mich bekanntermaaßen, zu den unterirrdischen Ein- Eine Todtenliste Einwohnern brachte. Diesen Umstand fuͤhre ich um deswillen hier an, weil er die wahre Ursache meiner damaligen Tiefsinnigkeit ist, welche ich nicht einmal dem redlichen Abelin, und meinem guten Freunde, Magister Eduarden, vertraute; denn ich schaͤmte mich, wie ein Gelehrter, wenn er einen Do- natschnitzer gemacht hat. Jch komme wieder auf unsre Sigridinn. Diese bezeigte Grausamkeit war ihrer Natur so sehr zuwider, als der Abschied vieler von ihren Anbetern. Jhr Herz war eben so so wohl vom Fleische, als die Herzen andrer Frauen- zimmer. Allein, Seufzer, verliebte Fluͤche, zaͤrtli- che Verzweiflungen uud Disputationen von Pan- toffeln, waren freylich die Mittel nicht, durch wel- che man dieselbe gewinnen konnte. Ein Band, ein Kopfputz, eine neue Mode aus Hamburg, konnte diese Sproͤde so zahm machen, als ein Lamm. Jch verschweige es nur aus Hochachtung gegen meine ehemalige Schoͤne, und kraft tragender Amtspflicht, was ich in unserm Kirchenbuche gefunden habe. Der hollsteinische Edelmann ist noch vielen bekannt; er haͤtte freylich sein Wort halten sollen; doch hat er auch allemal bezahlt, als ein ehrlicher Cavalier. Doch genug! Waͤre ich nicht Kuͤster, so duͤrfte ich mehr reden. Was ich bisher erzaͤhlt habe, das macht den Lebenslauf meiner Heldinn bis in ihr dreyßigstes Jahr aus. Nunmehr koͤmmt der andre Aufzug, und die Rolle, welche sie darinnen bis in ihr vier- zigstes Jahr gespielt hat, ist nicht weniger merkwuͤr- dig, als die vorige. Mich duͤnkt, das dreyßigste Jahr von Nicolaus Klimen. Jahr sey bey der Schoͤnheit dasjenige, was im menschlichen Leben das große Stufenjahr heißt. Man wird wenig Schoͤnen finden, welche dasselbe uͤberleben; ich beweise dieses mit dem Exempel un- srer Sigridinn. Um diese Zeit verlor sich das Feuer ihrer Blicke, welches so viele Herzen in Flam- men gesetzt hatte. Jhre Anbeter verschwanden, mit ihren Reizungen: man konnte sie ansehen, oh- ne den Verstand zu verlieren, und wenn sie gleich unempfindlich that, so wollte doch niemand verzwei- feln. Nunmehr kam die Reihe zu seufzen an sie. Jn oͤffentlichen Gesellschaften war sie bemuͤht, den Rest ihrer Reizungen an den Tag zu legen, um wenigstens einen zu gewinnen, der ihr diejenigen Schmeicheleyen vorsagte, deren sie seit langen Jah- ren gewohnt war; aber umsonst. Man rechnete sie unter die galanten Alterthuͤmer, welche man nicht ansehen kann, ohne an die Fluͤchtigkeit der Zeit zu gedenken. Diese bezeigte Kaltsinnigkeit machte sie unruhig; sie suchte ihren Zweck zu erlan- gen, es moͤchte auch kosten, was es wolle. Jhre verstellte Sittsamkeit verlor sich gaͤnzlich; ihre Bli- cke wurden frech, ihr Umgang unverschaͤmt; sie suchte dasjenige mit Sturm zu erobern, was sie nicht mit List hatte erlangen koͤnnen. Nunmehr fieng sie an, veraͤchtlich zu werden. Ein Dichter, welcher ehedem ihr zu Ehren, alle Gestirne und Mi- neralien in seinen Versen verschwendet hatte; die- ser leichtsinnige Dichter, war so boshaft, daß er sie die Chronike von Bergen nennte, und ihre unge- zaͤhmte Auffuͤhrung dergestalt laͤcherlich machte, daß die Eine Todtenliste die ganze Stadt mit Fingern auf sie zeigte, und sie nur die verliebte Alte hieß. Diese allgemeine Verspottung brachte sie in die- jenigen Umstaͤnde, in welchen sie bis an ihren Tod geblieben ist. Sie sah sich in ihren Absichten betro- gen, und hatte alle fleischliche Hoffnung verloren; deswegen gerieth sie in Verzweiflung und ward fromm. Die Welt, die abtruͤnnige Welt, schien ihr ein Abscheu, und eine Moͤrdergrube zu seyn; sie seufzte, wenn sie ein schoͤnes Frauenzimmer sah, sie eiferte wider die unschuldigsten Gefaͤlligkeiten, die man artigen Personen erzeigte; denn dieses, sagte sie, sey der gerade Weg zur Hoͤllen. Reinlichkeit und Putz hielt sie fuͤr Eitelkeit, und Lockungen des Satans. Die Haare stunden ihr zu Berge, wenn sie tanzen sah; Schwefel und Pech wuͤrde das ge- ringste gewesen seyn, das sie auf diese verstockte Rotte wuͤrde haben herabfallen lassen, wenn sie im Himmel etwas zu befehlen gehabt haͤtte. Nach ihrer Meynung war der juͤngste Tag vor der Thuͤre, als um selbige Zeit die Weiber einiger Rathmaͤn- ner in Bergen anfiengen, die suͤndlichen Fontan- gen zu tragen. Von keinem Menschen redete sie Gutes, und verdammte die ganze Stadt, besonders aber das Frauenzimmer bey lebendigem Leibe. Widerfuhr jemanden ein Ungluͤck an seinem Koͤr- per oder an seiner Nahrung, so waren dieses alle- mal augenscheinliche Zorngerichte, welche uͤber das boͤse Geschlechte hereinbrachen. Den Dichter, welcher, wie ich’ gedacht habe, an ihrer andaͤchtigen Verwandlung die vornehmste Ursache war, sah sie schon von Nicolaus Klimen. schon in der Hoͤlle brennen, und er sollte schlechter- dings nirgends anders, als auf dem Misthaufen, sterben; denn er war ein Greuel vor ihren Augen. Auf der Welt wollte niemand mehr auf sie sehen; darum sah sie bestaͤndig gen Himmel. Jn Gesell- schaften mochte sie niemand haben; darum gieng sie einsam, und verschloß sich in ihr Kaͤmmerlein, und beseufzte vor ihrem Spiegel die Hinfaͤlligkeit aller Dinge. Sie starb endlich alt und lebenssatt, und hinterließ in den Nasen ihrer Mitschwestern einen starken Geruch der Heiligkeit. Thue ich ihr durch diese Erzaͤhlung zu viel, so bin ich gewissermaaßen zu entschuldigen; denn sie hat mir es in meiner Ju- gend auch sauer gemacht, als ich noch ein verliebter Baccalaureus war. Humulfo Humblus, ein lateinischer Mann, und geschworner Feind seiner Muttersprache. Nichts kam ihm niedertraͤchtiger vor, als die Bemuͤhung einiger Gelehrten, welche die norwegische Sprache in Aufnahme bringen, und gewisse Regeln der Schreibart fest setzen wollten. Jhm war es einer- ley, ob er Duyter, oder Titer schriebe; und wer ihn bereden wollte, nur das erste sey recht, den hielt er wenigstens fuͤr einen Grillenfaͤnger. Wenn er aber sah, daß jemand im Lateinischen ein D fuͤr ein T setzte, so schlug er die Haͤnde uͤber den Kopf zusammen, und vergoß die bittersten Thraͤnen uͤber den Verfall der schoͤnen Wissenschaften. Keinen Gedanken hielt er fuͤr artig, den man nicht aus dem Cicero beweisen konnte. Niemand verdiente, nach seiner Meynung, den Namen eines Gelehrten, der Erster Theil. M nicht Eine Todtenliste nicht zum wenigsten einen auctorein classicum edirt hatte. Er schrieb eine kritische Untersuchung der Frage: Ob Horaz die triefigten Augen von dem Rauche seiner Oellamve, oder von den gesalznen Fischen bekommen habe, die er in der Jugend bey seinem Vater gegessen. Er behauptete die erste Meynung; und weil sein College, der ehrliche Con- rector, der letzten Meynung zugethan war, so warf er einen so toͤdtlichen Haß auf ihn, daß er sich auch nicht einmal auf dem Todbette mit demselben ver- soͤhnen wollte. Ueber jeden Schnitzer wider die Grammatik konnte er sich aͤrgern, daß er das Po- dagra bekam; und als sein College, der Conrector, ein Programma in seiner Muttersprache schrieb, so ereiferte er sich dergestalt daruͤber, daß ihm das Po- dagra in den Leib trat, woran er auch starb. Stephan Waͤderhat, ein friedfertiger Sol- dat, welcher vor den Augen seiner Mutter als ein gehorsamer Sohn gewandelt hat, bis an seinen Tod. Er wuͤnschte fuͤr sein Vaterland zu sterben, und kam deswegen niemals aus Bergen. Er hat Zeit seiner Kriegsdienste vielen Belagerungen und Schlachten beygewohnt, aber nur von Haus aus. Etlichemal geschah es, daß er mit ins Feld ruͤcken sollte; so bald er aber Ordre bekam, so uͤberfiel ihn eine starke Engbruͤnstigkeit, und er uͤberschickte an seiner Stelle ein Attestat vom Stadtphysicus, daß er im Leibe nicht richtig waͤre, und an dieser Krank- heit vermuthlich nicht eher, als nach geendigtem Feldzuge, geheilt werden duͤrfte. Deswegen aber war er zu Hause nicht muͤßig; denn er trank alle Tage von Nicolaus Klimen. Tage die Gesundheit des commandirenden Gene- rals und seiner uͤbrigen Cameraden, die im Felde stunden, deren Wohlseyn er dergestalt zu Herzen nahm, daß er vielmals von seinen Sinnen nichts wußte. Es gereichte ihm auch auf dem Todbette zu sonderbarem Troste, daß er seine Haͤnde nie- mals mit Blute befleckt hatte. Jm uͤbrigen war er kuͤhn und unerschrocken, und machte sich weder aus Buͤrgern noch Bauern etwas, die er oftmals sei- nen kriegerischen Beruf empfinden ließ. Es ist eine bloße Verleumdung, daß ihm unser Pfarrer Schuld gab; er sey ein rechter Atheist, und glaube weder Himmel noch Hoͤlle. Es geschieht ihm zu- viel; denn ich habe es selbst gehoͤrt, daß er allemal uͤber das andere Wort sagte: Hohl mich der Teu- fel! und daß er zu jeder Luͤgen schwur. Das Frauenzimmer mochte er gern leiden; doch war er dabey nicht ekel. Er gerieth einmal beym Spie- len mit einem schwedischen Officier in Haͤndel, wel- cher ihn herausfoderte. Allein unser sanfmuͤthiger Waͤderhat war im Mutterleibe verwahrlost, daß ihm allemal Hoͤren und Sehen vergieng, wenn er einen bloßen Degen erblickte; deswegen schlug er die Ausfoderung vorsichtig ab, unter dem Vorwan- de: Er sey der einzige Sohn seiner Mutter, und der Stammhalter des Waͤderhatischen Geschlechts; wenn ein Ungluͤck geschaͤhe, so koͤnnte die Nachwelt um seine Kinder kommen, woruͤber er sich ein Ge- wissen machte, und mit einer Hand voll Blut sey ihm auch nicht gedient. Heuer im Fruͤhjahre be- kam er Befehl, sich schlechterdings marschfertig zu M 2 hal- Eine Todtenliste halten, und weder seine Engbruͤstigkeit, noch andre natuͤrliche Fehler vorzuschuͤtzen. Dieses war ein Donnerschlag in seinen Ohren, und die Tapferkeit fuhr ihm dergestalt in alle Glieder, daß er bis an sein seliges Ende zitterte, welches vier Tage darauf erfolgte, da er in den Armen seiner gebeugten Mut- ter starb, und in Frieden zu seinen Vaͤtern versam- melt ward. Curt Stemhill. Dieser Mann hatte in sei- ner Jugend hohe Absichten, und eine vornehme Ein- bildung von seinem kuͤnftigen Gluͤcke. Als er noch auf der Stadtschule zu Bergen studierte, dachte er wenigstens regierender Buͤrgermeister in seinem Vaterlande zu werden. Jn diesen schmeichelhaf- ten Gedanken bestaͤrkte ihn der Aberglaube seiner Mutter, welcher damals, als sie mit diesem Soh- ne schwanger gegangen war, getraͤumt hatte, sie braͤchte einen Knaben mit einer ernsthaften Miene, und einem sehr dicken Bauche zur Welt. Auf der hohen Schule zu Coppenhagen lernte er mehr Men- schen kennen, als er in seiner Vaterstadt jemals ge- sehen hatte. Dieses verringerte seine Hochachtung gegen sich selbst, und er erklaͤrte sich bey seiner Heim- kunft, daß er allenfalls mit dem Stadtschreiberdien- ste vorlieb nehmen wollte. Allein, auch in dieser Hoffnung sah er sich betrogen, und mußte es noch fuͤr ein unverdientes Gluͤcke rechnen, daß er bey zunehmenden Jahren, als Maͤgdleinschulmeister an der Barfuͤßerkirche, sein Brod verdienen konnte, welchem Amte er auch, bis an sein Ende mit der groͤßten Ernsthaftigkeit, und unermuͤdeten Faͤusten vorge- von Nicolaus Klimen. vorgestanden hat. Dem ungeachtet glaubte er, der Traum seiner Mutter sey erfuͤllt; denn ein re- gierender Buͤrgermeister habe hoͤchstens nur uͤber Hals und Hand die Gewalt, ein Schulmeister hin- gegen herrsche mit unumschraͤnkter Macht uͤber den ganzen Koͤrper seiner Schulkinder. Veit Seghersell, war aus einem adlichen Geschlechte, und ein Todfeind aller Hasen und Fuͤchse. Mit Hunden und Pferden gieng er um, als mit seines gleichen, und liebte ihre Gesellschaft am meisten, weil er unter ihnen die vernuͤnftigste Creatur war. Aus den Umgange mit Menschen machte er sich nicht viel; denn sie redeten allemal von Sachen, die er nicht verstund. Mit der Bibel konnte er sich gar nicht behelfen, desto besser aber mit dem Erbregister, welches seine Bauern nach- druͤcklich erfahren haben. Auf dem Nimrod hielt er große Stuͤcke, weil ihm sein Pfarrer gesagt hat- te, er wuͤrde ein gewaltiger Jaͤger genannt, er woll- te sich es auch nicht ausreden lassen, daß dieser Nimrod ein Landedelmann in Assyrien gewesen waͤre. Um die Geschichte auswaͤrtiger Voͤl- ker und seines Vaterlandes bekuͤmmerte er sich nicht; doch hatte er ein vortreffliches Gedaͤchtniß, wenn er auf seine Ahnen zu reden kam. Einen Buͤrger roch er auf zwanzig Schritte weit. Nichts war ihm unbegreiflicher, als wenn er hoͤrte, daß ein Mann wegen seiner Tapferkeit, wegen seiner Staatserfahrenheit, oder wegen andrer Verdienste, die er dem Vaterlande erzeigt hatte, in den Adel- stand erhoben ward; denn er sagte, wenn solche M 3 Ver- eine Todtenliste Verdienste einen Edelmann machten, so waͤre ihm und seines gleichen Vater und Mutter, und die ganze Sippschaft, nichts nuͤtze. Seine Wirth- schaft ward sehr unordentlich bestellt. War er nicht auf der Jagd, so saß er bey Tische, und als- dann war er vermoͤgend, seine ganze hochadliche Nachbarschaft zu Boden zu saufen. Seine Bauern machte er arm, und jagte sie durch Processe zum Dorfe hinaus. Er folgte ihnen aber selbst bald nach, weil er, wegen Schulden, seinem Verwalter das Gut uͤberlassen, und den Rest seines Lebens in Bergen zubringen mußte. Nicolaus Andreaͤ, handelte anfangs mit ge- doͤrrten Fischen, und war zugleich ein Wechsler. Diese Lebensart stund ihm aber nicht laͤnger an; er bemuͤhte sich also, Capellan in der fanoensischen Kirche, nicht weit von der Stadt, zu werden, wel- chen Dienst er auch, wider alles Vermuthen, er- hielt. Kein Mensch konnte begreifen, wie es zu- gienge. Er sagte aber; wer in Bergen einen Dienst haben wollte, der muͤßte entweder der Vetter eines Rathmannes, oder ein Lakey, oder ein Hahnrey seyn; folglich habe er einen dreyfachen Beruf zu seinem Amte. Wer nur einen solchen Dienst su- che, zu dem er sich schicke, der wuͤrde seinen Zweck nimmermehr erlangen. Ein Kutscher koͤnne ein Amtmann, ein Amtmann Superintendent, ein Su- perintendent hingegen ein Geldmaͤkler, und folg- lich dieser gar leicht ein Capellan werden. Er habe eine gute Lunge; er koͤnne schmaͤlen, und mit seinem von Nicolaus Klimen. seinem Willen solle ihn niemand um den Decem betruͤgen; mithin saͤhe er nicht, was man an ihm aussetzen wolle. Uffo Suanvita, eines Schneiders Sohn. Anfaͤnglich wollte der Vater, er sollte sein Hand- werk lernen; er stellte sich aber so dumm dabey an, daß man gar bald sah, er habe weder Witz noch Verstand genug, ein Schneider zu werden. Der betruͤbte Vater erzaͤhlte diese große Bloͤdigkeit des Sohnes einigen seiner Collegen, welche alle der Meynung waren, er schicke sich zu gar nichts wei- ter, als zu einem Gelehrten. Dieser Entschluß ward ins Werk gerichtet. Der dumme Sohn mußte studieren; er lebte auch wirklich sechs Jahr lang auf der niedern Schule zu Bergen, und drey Jahre auf der Universitaͤt zu Coppenhagen; sodann absolvirte er mit Ehren, und kehrte zu den werthen Seinigen zuruͤck, zwar aͤlter, aber nicht kluͤger. Nunmehr wußte sein Vater so wenig, als andre Leute, was mit dem gelehrten Herrn Sohne anzu- fangen sey. Er behielt ihn bey sich, und war zu- frieden, daß er ihn wenigstens in der Kuͤche brau- chen konnte. Er vertraute ihm zugleich die Auf- sicht uͤber seine Huͤhner an, welche er in der That mit vieler Sorgfalt fuͤtterte. Endlich starb der Vater, und die uͤbrigen Freunde erbarmten sich uͤber un- sern Suanvita, damit er nicht verhungern durfte. Diese kuͤmmerlichen Umstaͤnde aͤnderten sich auf einmal. Ein luͤbeckischer Kaufmann, welcher sein Vetter war, starb unvermuthet, und hinterließ ihm M 4 ein Eine Todtenliste ein ansehnliches Vermoͤgen. Kaum war er in dem Besitze desselben, als er einen innerlichen Beruf empfand, ein großer Mann zu werden. Was er in seinem Kopfe vermißte, das fand er in dem Geldkasten seines Vetters. Der Titel eines Strandraths hatte ihm von Jugend auf gefallen. Er glaubte, wer die Faͤhigkeiten besitze, jaͤhrlich drey tausend Thaler Renten zu heben, und ein sammtnes Kleid zu tragen, der habe Geschicklich- keit genug, ein Strandrath zu werden. Um des- willen fand er kein Bedenken, sich diesen Titel zu kaufen. Die Last, welche nunmehr Jhro Excel- lenz, der Herr Strandrath, auf seinen Schultern fuͤhlte, druͤckte ihn viel zu sehr, als daß er laͤnger vermoͤgend gewesen waͤre, sich auf den Fuͤßen zu erhalten. Er setzte sich also in einen Wagen, und zwey muntre Pferde schienen recht stolz zu seyn, daß ihnen die Ehre gegoͤnnt ward, diesen theuern Mann, diese Zierde des Vaterlandes, durch die Gassen zu schleppen. Er hatte sich eine ernsthafte und tiefsinnige Gesichtsbildung zugelegt; in seinem Umgange that er sehr geschaͤfftig; er hatte aber in der That itzt viel weniger zu thun, als ehedem in seines Vaters Hause, weil er damals eine ganze Heerde Huͤhner fuͤttern, nunmehr aber seinen Mops abrichten mußte, an dem er einen guten natuͤrlichen Verstand zu verspuͤren glaubte, welchen er niemals, ohne eine kleine Eifersucht zu empfinden, bewun- derte. Die Gelehrten nannte er nur Grillenfaͤn- ger und Pedanten. Er versicherte, daß er niemals an den Wissenschaften einen Geschmack gefunden, und von Nicolaus Klimen. und gleich anfangs bey sich gemerkt habe, daß er zu etwas groͤßerm, als zu einem Schulfuchse, gebo- ren sey. Durch die viele Berufsarbeit, die er zu verwalten hatte, war ihm das Gedaͤchtniß derge- stalt geschwaͤcht, daß er sich derjenigen Freunde gar nicht mehr erinnern konnte, bey denen er ehedem, nach seines Vaters Tode, das Gnadenbrod geges- sen hatte. Das konnte er sich gar nicht einbilden, daß sein Vater ein Schneider gewesen waͤre; Adler zeugten nur Adler, und kein Schneider einen Strandrath. Er bedauerte das fruͤhzeitige Ab- sterben seiner Mutter, welche ihm in dieser Sache ein großes Licht wuͤrde gegeben haben. Die Poe- ten mochte er gern leiden: er las aber von denen Gedichten, die ihm in Demuth, zur Bezeigung un- terthaͤnigster Devotion, uͤberreicht wurden, weiter nichts, als den Titel. War dieser recht ansehnlich und weitlaͤuftig; so sagte er, es sey ein Carmen von einem guten Geschmacke, und er zahlte die Gratula- tionsgebuͤhren willig. Sein Tod ist auch nieman- den so nahe gegangen, als den bergischen Musen. Waͤre alles dasjenige wahr gewesen, was in den Leichenversen stund; so wuͤrde der Verlust unersetz- lich gewesen seyn, welchen das Vaterland durch das Absterben dieses Maͤcenaten erlitten haͤtte. Man hat aber eben nicht gehoͤrt, daß durch seinen Tod eine merkliche Veraͤnderung im norwegischen Reiche vorgegangen waͤre. Carl Hunding, dieser Mann hatte durch das Gluͤcke und durch seinen unermuͤdeten Fleiß ein an- sehnliches Vermoͤgen erworben; gleichwohl seufzte er M 5 bestaͤn- Eine Todtenliste bestaͤndig uͤber die nahrlosen Zeiten und die erhoͤhten Abgaben, welche ihm noch zum Bettler machen wuͤrden. Mit seinem Schoͤpfer war er gar nicht zufrieden, daß er ihm einen Magen gegeben hatte; denn er glaubte, der Mensch wuͤrde viel ersparen koͤnnen, wenn ihn nicht hungerte. Er konnte sich gewaltig ereifern, wenn er auf die Kleiderpracht zu reden kam, und eine gestickte Weste hielt er fuͤr eine Todsuͤnde. Seiner Meynung nach waren die Kleider zu nichts nuͤtze, als daß sie uns an den klaͤglichen Fall der erstern Aeltern, und an den Ver- lust derjenigen Gluͤckseligkeit erinnern sollten, da wir keine Kleider wuͤrden noͤthig gehabt haben. Um deswillen flickte er sich weder Struͤmpfe noch Hosen; und je mehr diese zerloͤchert waren, desto naͤher glaubte er dem Stande der Unschuld zu kom- men. Alle seine Ausgaben rechnere er nach Pro- centen, und betete nicht einmal ein Vater Unser umsonst; denn die Gottseligkeit, sagte er, sey zu allen Dingen nuͤtze. Ward er ja einmal aufs aͤu- serste gebracht, und genoͤthigt, Ehrenhalber einen Thaler Geld zu verthun, so brach er es gewiß ent- weder dem Pfarrer, oder seinem Gesinde am Lohne wieder ab. Die Haut schauerte ihm, wenn ihn ein ein Duͤrftiger um einen Bissen Brod ansprach. Nichts war ihm unbegreiflicher, als die Langmuth des Himmels, welche diese nichtswuͤrdigen Muͤßig- gaͤnger auf dem Erdboden duldete. So oft ihm seine Frau ein Kind zur Welt brachte, so oft klagte er, daß er in seiner Nahrung einen empfindlichen Stoß erlitte; denn Kinder waͤren fressende Capi- talien. von Nicolaus Klimen. talien. Als sie zum fuͤnftenmale in die Wochen kam, so schien er ganz untroͤstbar; da er aber gar hoͤrte, daß es eine Tochter waͤre, so gerieth er in eiue solche Verzweiflung, daß er Bonis cediren woll- te, weil er glaubte, wer Toͤchter haͤtte, und sie nach der Mode erziehen sollte, der muͤßte banquerot wer- den, er sey auch so ehrlich, als er wolle. Starb ihm ein Kind, so war er allemal so vergnuͤgt dar- uͤber, als waͤre ihm eine ungewisse Schuld einge- gangen. Seine Frau gewoͤhnte er zu allen Arten der Maͤßigkeit, und sie wuͤrde sich haben sehr elend behelfen muͤssen, wenn sie nicht schoͤn ausgesehen haͤtte, auf solche Weise aber fanden sich verschiedne Liebhaber ihrer Waare, und sie verstund ihren Handel vortrefflich. Der Mann wußte dieses; er schien aber nicht eifersuͤchtig zu seyn: denn er meynte, es muͤsse jedermann mit seinem Pfunde wuchern, so gut er koͤnne; seine Frau thue nichts umsonst, und was ihm dadurch an der Ehre ab- gienge, das komme ihm am Gelde wieder zu gute; er gewinne also mehr dabey, als er verliere. Er war mit seiner Tochter ungluͤcklich; er konnte auch in der That seine Betruͤbniß daruͤber nicht bergen, doch zog er sich nicht so wohl die Schande, als die Vermehrung, seiner Familie zu Gemuͤthe. Er wollte diese ungerathne Tochter enterben, als er hoͤrte, daß sie bloß aus Neigung gegen ihren Lieb- haber diesen Fehltritt gethan hatte. Da aber die- ser sich erklaͤrte, sie zu heirathen, und zwar ohne Mitgift, so kam er auf einmal wieder zu sich selbst, und hielt diese Begebenheit fuͤr die gluͤcklichste in sei- Eine Todtenliste seinem Leben. Sein aͤltester Sohn war sehr luͤ- derlich, und verschwendete mehr Geld, als der Va- ter ersparen konnte. Weil ihm dieser keines gab, so borgte er bey andern Leuten; und wie der Va- ter niemals weniger, als funfzehen pro Cent nahm, so mußte auch der Sohn allemal so viel geben. Er wies alle Schuldner auf des Vaters Leiche an, welcher ihm auch das Vergnuͤgen machte, und starb. Denn er fiel in ein hitziges Fieber, welches ihm den Verstand noch verwirrter machte, als er bey gesunden Tagen gewesen war. Er redete von nichts, als Jnteressen, von boͤsen Schuldnern, und seinen Handelsbuͤchern. Sein Beichtvater war bemuͤht, ihn von dem Jrrdischen abzuziehen, und ihm Todesgedanken beyzubringen; er wies ihn auf das theure Loͤsegeld aller Welt. Nein, rief der Kranke, dafuͤr kann ich es nicht brauchen, es thut nach itzigem Cours nicht mehr, als ein und drey Qvart! Dieses waren seine letzten Worte, und er verschied. Stine Frogerta, ein frommes Weib. Sie hatte sehr oft andaͤchtige Entzuͤckungen, welche die Kinder dieser Welt ihrer verdorbnen Milz und dem ungesunden Gebluͤte zuschreiben wollten. Wenn sie betete, so betete sie mit Haͤnden und Fuͤßen, und man konnte die Wirkung ihres glaͤubigen Her- zens an allen Gliedern sehen; wie sie denn uͤber die Unbußfertigkeit der verstockten Welt sich derge- stalt betruͤbte, daß sie rothe Augen, und einen krum- men Hals bekommen hatte. Die dunkelsten Wor- von Nicolaus Klimen. Worte, und solche Formeln, welche etwas verwirr- tes in sich faßten, waren ihre Kern- und Trostseuf- zer; sie hielt dasjenige fuͤr die Sprache des Gei- stes, was die sich selbst gelaßne Vernunft nicht ver- stund. Die Liebe des Naͤchsten rechnete sie zwar nur unter das Caͤremonialgesetz, gleichwohl that sie den Armen im Urselinerkloster viel gutes; weil es allemal von der Kanzel abgekuͤndigt, und dem christlichen Wohlthaͤter vor oͤffentlicher Gemeine gedankt ward. Jhr Mann mußte sehr viel bey ihr ausstehen; denn wenn sie nicht betete, so zankte sie, und es ist mehr als einmal geschehen, daß sie ihm so gar mitten in der Andacht ein Bund Schluͤs- sel an den Kopf geschmissen hat. Jhr Ehrgeiz war unersaͤttlich, wenn sie auch bey dem Gottes- dienste auf die Knie niederfiel, so mußte es doch nach der Rangordnung geschehen. Sie hatte die Gabe zu wahrsagen, und Gesichter zu sehen. Das Geschrey einer Kraͤhe war ihr so verstaͤndlich, daß sie allemal wußte wer davon sterben wuͤrde. Heul- te ein Hund unter ihrem Fenster, so ward sie da- durch weit mehr geruͤhrt, als wenn unser Capellan eine Bußvermahnung hielt. Wenn sich ein Stern schneutzte, so fuhr es ihr in die Seele; und als ihr von faulen Eyern traͤumte, erschrack sie dergestalt daruͤber, daß sie das Testament machte, und sich zu ihrer Heimfahrt bereitete. Jn dieser Einbildung staͤrkte sie ihr Mann auf alle ersinnliche Weise, und war dabey so gluͤcklich, daß sie einige Wochen dar- auf starb. Fried- Eine Todtenliste Friedlev Frohton. Dieses hoffnungsvolle Kind hat sein Leben nicht hoͤher gebracht, als auf ein Jahr und drey Tage. Sein Vater, der Apo- theker in Bergen, kann sich uͤber den fruͤhzeitigen Verlust dieses tugendhaften Soͤhnleins noch itzt nicht troͤsten. Er fand einen recht maͤnnlichen Ver- stand an demselben, welches ihn vielmals auf die zweifelhaften Gedanken gebracht hat, ob es auch wirklich sein eigner Sohn waͤre. Alle Handlun- gen dieses Kindes verriethen, seiner Meynung nach, eine große Seele. Wenn es auf seinem Stuͤhlchen saß, so machte es eine so ernsthafte Miene, als ein Arzt, welcher bey dem Krankenbette sitzt, und zwei- felhaft ist, ob er den Patienten an Pulvern oder an Tropfen sterben lassen will. Eben diese ernst- hafte Miene hielt der aufmerksame Vater fuͤr einen untruͤglichen Beruf, daß sein Sohn in Doctorem medicinae promoviren muͤßte; nur war er noch zweifelhaft, ob es zu Upsal, oder zu Coppenhagen geschehen sollte, welche Ungewißheit ihm viel schlaf- lose Naͤchte machte. Schon im Geiste stellte er sich vor, wie ansehnlich der junge Herr Doctor Frothon in einer sammtnen Weste einher treten, und den Glanz seines vaͤterlichen Hauses empor bringen wuͤrde. Aber auf einmal verschwand diese suͤße Einbildung durch den Tod des hoffnungsvol- len Knabens, und der ungluͤckliche Vater hatte weiter keinen Trost, als diesen, daß er unter seinen Haͤnden starb; denn er war eben im Begriffe, ihm das letzte Clystier zu setzen, als er verschied. Sein Vaterland bedauerte er so sehr, als sich selbst. War von Nicolaus Klimen. War noch etwas vermoͤgend, ihn zu beruhigen, so waren es die vielen Exempel kluger Kinder, welche eben diese fruͤhzeitige Klugheit unter die Erde ge- bracht hatte. Er prophezeihte sich um deswillen ein hohes Alter, und die ganze Stadt glaubt es, daß er uͤber hundert Jahr leben kann, wenn der Verstand der Gesundheit schaͤdlich ist. Sivard Staͤrcoter, ein Astronomus, welcher am Tage die Sonne, und des Nachts den Mond mit so unermuͤdetem Fleiße beschaute, daß er zu nichts weiter geschickt war, als an die Gestirne zu sehen. Bey den unaufhoͤrlichen Betrachtungen des Himmels, hatte er memals Zeit gehabt, dasje- nige zu lernen, was auf der Erde, und in dem Um- gange mit Menschen, zu wissen noͤthig ist. Er war dadurch so tiefsinnig geworden, daß er seiner selbst vergaß. Mehr als einmal geschah es, daß er des Morgens im Schlafpelze, und ohne Hosen aus- gieng. Wer ihm begegnete, dem sah er starr in die Augen, schuͤttelte mit dem Kopfe, und redete nicht ein Wort. Aber von allem diesen wußte seine Seele nichts; denn der Koͤrper bewegte sich nur mechanisch. Kurz vor seinem Tode sah er mich in der Kirche; er gieng auf mich los, packte mich bey der Halskrause an, und sagte mit einer zerstreuten und mathematischen Miene zu mir: Die eccentrische Anomalie ist der Bogen des eccentrischen Zir- kels, zwischen der Linie Apsidum; das sollte er lange wissen, und ich schaͤme mich, daß ich es ihm erst itzt sagen muß. Darauf gieng er wieder Eine Todtenliste von Nic. Klimen. wieder von mir, und ließ mich voller Schrecken ste- hen; denn ich hatte geglaubt, er wuͤrde mich zum wenigsten erwuͤrgen wollen. Er hat sich vielmals des Nachts aus den Armen seiner Frau gerissen, wenn ihm eine astronomische Speculation einfiel. Anfangs kam ihr dieses sehr unertraͤglich vor, und sie hat zu gewissen Zeiten mehr uͤber die Sterne ge- seufzet, als mancher Liebhaber nicht thut. Endlich aber fand sie Gelegenheit, die Abwesenheit ihres Mannes durch den Zuspruch solcher Leute zu erse- tzen, welche irrdischer gesinnt waren, als jener. Je gestirnter der Himmel war, desto ungestoͤrter blieb sie in ihrem Vergnuͤgen; und wenn der Mann eine Mondenfinsterniß zu besorgen hatte, so konnte sie gewiß glauben, daß er an sie nicht denken wuͤrde. Schrei- Schreiben des Gratulanten an den Autor, nebst den Gedanken des Autors daruͤber. Erster Theil. N Schreiben des Gratulanten an den Autor. Mein Herr, J ch muß es Jhnen ohne Schmeicheley gestehen, daß ich mich niemals des Lachens enthalten kann, so oft Sie mir auf der Gasse begegnen. Sie sind ein Autor; und da ich mit Jhnen, wie ich bald erweisen will, gleiches Recht zu diesem praͤch- tigen Titel habe: So glaube ich, ein Autor kann den andern so wenig, als vormals bey den alten Roͤmern ein Vogeldeuter den andern, ohne Lachen ansehen. Sie schreiben aus Liebe zum Vaterlan- de; und so oft ich die Feder ansetze, so oft ist dieses meine Sorgfalt, daß ich meine geneigten Leser mit einer patriotischen Miene versichere, bloß die Liebe gegen meine Mitbuͤrger, und die zaͤrtlichste Neigung gegen das menschliche Geschlecht uͤberhaupt, habe mich auf den ruͤhmlichen Einfall gebracht, ihre Gluͤck- seligkeit durch meine Schriften zu befoͤrdern. Sie, mein Herr, haben alle gebuͤhrende Hochachtung ge- gen Sich selbst, und ich lasse mir in diesem Stuͤcke alle Gerechtigkeit widerfahren; denn das Wohl- wollen, welches ich gegen mich hege, ist so stark, daß ich mich fuͤr die vollkommenste Creatur unter der Sonnen halte, meine Schriften niemals ohne Be- wunderung ansehe, und ihnen den billigen Vorzug einraͤume, welchen sie vor allen andern haben. Ja ich beobachte die Pflichten meines Berufs so genau, N 2 daß Schreiben des Gratulanten daß ich niemals ohne Verachtung an diejenigen Werke gedenken kann, welche kuͤnftig die Presse verlassen werden. Sie schreiben, ohne zu denken, (wenigstens suchen Sie uns dieses zu bereden,) und ich muß Jhnen zugestehen, daß Sie, nach meiner Einsicht, diesen Charakter mit vieler Wahrschein- lichkeit zu behaupten wissen. Mir aber laͤßt dieses, ohne Ruhm zu melden, noch weit natuͤrlicher, als Jhnen. Wer mich kennt, und es kennen mich viel Leute, der giebt mir das Zeugniß, daß man gleich bey dem ersten Anblicke, bey den ersten Worten, die ich rede, auf die sinnlichste Art uͤberfuͤhrt werde, daß mich die Natur recht dazu erschaffen zu haben scheint, ein Autor, nach Jhrer Erklaͤrung, zu seyn; denn ich bin im Stande, viele Stunden hintereinander eine ganze Gesellschaft zu unterhalten, ohne daß man die geringste Spur eines Nachdenkens an mir entdeckt. Jch glaube, dieses wuͤrde genug seyn, Jhre Hoch- achtung zu verdienen; allein Sie wissen wohl, mein Herr, daß ein Autor am liebsten von sich selbst redet, und um deswillen werden Sie es nicht unguͤtig neh- men, wenn ich Jhnen noch ein kleines Verzeichniß meiner autormaͤßigen Faͤhigkeiten mittheile. Jch finde, wo ich mich nicht sehr irre, daß sie der Himmel mit aller derjenigen Herzhaftigkeit ausgeruͤstet hat, welche Jhnen und Jhren Herren Collegen, in diesem streitbaren Jahrhunderte, so unentbehrlich ist. Aber sollten Sie nur die Ehre haben, mich genauer zu ken- nen; so wuͤrden Sie an mir einen deutschen Bur- mann, einen kritischen Panduren, mit einem Worte, einen solchen Kunstrichter finden, der an Dreistigkeit, und an den Autor. und, wenn ichs sagen darf, an Unverschaͤmtheit alle diejenigen uͤbertrifft, welche bisher unserm Vaterlan- de so manche vergnuͤgte Stunde gemacht haben. Bey Jhren Schriften, mein Herr, haben Sie keine andre Absicht weiter, als daß ihr Name unsterblich, und die Bewunderung der spaͤtesten Nachwelt seyn moͤge. Dieses ist der einzige Umstand, in welchen ich von Jhrer Sittenlehre abgehe. Jch schreibe zwar auch fuͤr die Nachwelt; deswegen aber mag ich nicht fuͤr die Nachwelt hungern, und wenigstens scheint mir derjenige eine sehr betruͤbte Figur zu machen, welcher mit dem Lorbeer auf dem Haupte, und einem leeren Magen, der Unsterblichkeit entgegen sehen muß. Jch bin fuͤr das Vaterland, und mein Vaterland ist fuͤr mich geboren. Die Pflichten gegen mich selbst bleiben mir allezeit die staͤrksten, und ich empfinde den innerli- chen Beruf, ein Autor zu werden, niemals uͤberzeu- gender, als wenn mich hungert. Jch will nicht hoffen, daß mir dieses freye Bekenntniß bey Jhnen zum Nachtheile gereichen wird; denn ich kenne meine Her- ren Collegen gar zu genau, und weis es aus der Er- fahrung, daß sie niemals großmuͤthiger thun, als wenn sie die Freygebigkeit des Verlegers zur Un- sterblichkeit aufgemuntert hat. Es war noͤthig, Jh- nen dieses alles im Voraus zu sagen; denn nunmehr werden Sie wohl einsehen, daß ich zwar ein Autor, aber ein solcher Autor bin, dem sein Leben so lieb ist, als sein Nachruhm. Wollten Sie daran nur im gering- sten zweifeln; so darf ich Jhnen nur ein Wort sagen. Jch bin ein Poet, und eigentlich ein gluͤckwuͤnschender Poet; denn es darf es kein Maͤcenat oder keine Maͤ- N 3 cena- Schreiben des Gratulanten cenatinn wagen, einen Namens- oder Geburtstag, oder ein andres Fest zu begehen, denen ich nicht auf einem großen Regalbogen mit vieler Lebhaftigkeit er- zaͤhle, daß ich mit der tiefsten Ehrfurch, jedoch nicht ohne Ursache, verharre, der unterthaͤnigst gehorsam- ste Autor. Jch wuͤrde mich gegen Sie, mein Herr, nicht so aufrichtig erklaͤren, wenn Sie nicht selbst ein Bekenntniß von Jhrem guten Geschmacke in der Poe- sie abgelegt haͤtten. Jch weis wohl, was fuͤr Poeten auf Jhre Hochachtung einen Anspruch machen duͤr- fen. Leute, welche die Poesie zu andern Dingen, als zum gratuliren und condoliren, anwenden; Leute, de- nen die Fundgruben der edlen Reimkunst so wenig entdeckt sind, daß sie ihnen nicht, statt aller Wissen- schaften, dienen koͤnnen; Leute, welche das Amt, zu wuͤnschen, fuͤr so geringe halten, daß sie dabey noch Zeit haben, etwas zu lernen; solche Leute, sage ich, verdie- nen Jhre und meine Betrachtung eben so wenig, als alle Autoren uͤberhaupt, welche noch unter dem Zwan- ge der Vernunft stehen. Da ich aber hievon voͤllig frey bin; so wuͤrden Sie gegen Jhren Mitbruder sehr barbarisch seyn, wenn Sie mir, bey meinen Umstaͤnden, die ich Jhnen gleich entdecken will, Jhr Mitleiden ver- sagen wollten. Jch finde naͤmlich an meinem eignen Exempel, daß der Geschmack zu den schoͤnen Kuͤnsten und Wissenschaften leider in großen Verfall gerathen ist. Es verlohnt sich beynahe nicht mehr der Muͤhe, daß man den Leuten alles ersprießliche Wohlergehen anwuͤnscht. Jch erinnere mich der gluͤckseligen Zeiten noch wohl, da Braut und Braͤutigam noch nicht das Herz hatten, sich ohne unsre poetische Einseegnung zu Bette an den Autor. Bette zu legen. Kein Magister durfte sich unterste- hen, mit gutem Gewissen den Ring zu tragen, wenn er nicht wenigstens ein Dutzend gedruckte Zeugnisse von dem Besitze der sieben freyen Kuͤnste aufzuweisen hatte. Wir Poeten, (die Thraͤnen treten mir in die Augen, wenn ich daran gedenke,) wir goͤttlichen Poe- ten, hatten an der Geburt, und an dem Absterben uns- rer Nebenmenschen eben so viel Antheil, als die Heb- ammen und Aerzte. So bald ein Kind auf die Welt kam, so schwuren wir, so lange wir noch Athem und Reime hatten, daß es des theuern Vaters Ebenbild, und die Hoffnung des hohen Hauses, so wie des gan- zen Vaterlandes waͤre. Starb aber jemand, so war keine Muse auf dem Parnasse, welche nicht mit zu Grabe gehen mußte; denn es fehlte oftmals dem Wohlseligen an betruͤbten Erben, und dem Dichter an Gelde. Bartholus und Baldus hatten keine ruhi- ge Stunde; denn so bald ein gelehrter Herr Candidat, durch die weise Vorsehung seiner Mama, zum Prie- ster der Gerechtigkeit eingeweihet wurde; So zog ich diese graubaͤrtigen Rechtsgelehrten aus ihrer Gruft hervor, und ließ sie die Weisheit des jungen Herrn Doctors bewundern. Vergeben Sie mir, mein Herr, daß ich Sie mit Erzaͤhlung solcher Sachen aufhalte, die Jhnen nicht fremde sind, aber doch noch bekannter seyn wuͤrden, wenn Sie so, wie ich, unter Reimen und Wuͤnschen grau geworden waͤren. Jch bin niemals weitlaͤuftiger, als wenn ich auf die Gluͤckseligkeit der der vergangnen Zeiten zu reden komme, in welchen kein Handwerksmann lebte, der nicht auch zugleich ein Maͤcenat war. Es geht mir, wie den alten Schoͤnen, N 4 wel- Schreiben des Gratulanten welche sich derjenigen Jahre mit Wollust erinnern, da sie der Gegenstand verliebter Seufzer und zaͤrtlicher Blicke gewesen, aber eben um deswillen ein gerechtes Misfallen empfinden, da sie nunmehr ihre Schoͤnheit verschwunden, und sich von der Menge ihrer Anbeter verlassen sehen. Wenn es so fortgeht, so muß ich der ungluͤcklichste Mensch auf der Welt werden. Nie- mand verlangt etwas von meiner Waare. Man frei- het, man stirbt, man wird geboren, und alles dieses ohne mich. Nichts Boͤses soll man den Leuten wuͤn- schen; wuͤnscht man ihnen aber etwas Gutes, so wird es nicht bezahlt. Wo will hernach der Seegen her- kommen? Und sind unsre verstockten Mitbuͤrger nicht selbst Schuld daran, wenn sie weder Stern noch Gluͤck haben? Gewiß, mein Herr Autor, ich fuͤrchte, es sind itzt die letzten Zeiten, und die Atheisterey, die Philoso- phie, der Undank ‒ ‒ ‒. O mein Herr, die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich daran gedenke. Halten Sie mir meinen Eifer zu gute! Jch eifre nicht fuͤr mich, ich eifre fuͤr das Vaterland, fuͤr mein undankbares Va- terland, welches sich um tausend gute Wuͤnsche, und mich um manchen Gulden bringt. Jch habe vielmals den Einfall gehabt, ob es nicht billig waͤre, daß die Obrigkeit fuͤr die alten Poeten meiner Art eben die Sorgfalt truͤge, welche sie fuͤr abgedankte Soldaten, oder fuͤr abgelebte Maͤnner und Weiber hat. Sollte es nicht dem gemeinen Wesen sehr vortheilhaft seyn, wenn sie ein Gratulantenspital errichtete? Wenig- stens sollte es mir ein besondres Vergnuͤgen seyn, wenn ich den voruͤberreisenden Fremden die Allmosenbuͤchse vorhalten, und ihnen, fuͤr ihre Gaben, Gottes reichen Seegen an den Autor. Seegen anwuͤnschen sollte. Denn ich bin das Wuͤn- schen gewohnt, und um deswillen sollte mir diese Ar- beit nicht schwer fallen. Jch werde es aber wohl nicht erleben, daß dieser gute Vorschlag jemals zu Stande koͤmmt, und um deswillen wird es noͤthig seyn, daß ich auf andre Mittel sinne, welche zu meiner Erhaltung dienen koͤnnen. Es hat mir ein vornehmer Goͤnner den Vorschlag gethan, daß ich um die Stapelgerech- tigkeit ansuchen sollte, vermoͤge welcher nur ich allein, und sonst niemand, binnen zwanzig Meilen um mei- nen Aufenthalt herum, die Freyheit haben sollte, mei- nem Naͤchsten etwas Gutes zu wuͤnschen. Allein zu geschweigen, daß mir dieser Vorschlag ein wenig zu weitlaͤuftig aussieht; so fuͤrchte ich mich auch der Suͤn- de, da ich manche Seufzer und Thraͤnen auf mich brin- gen, und die Menge meiner gluͤckwuͤnschenden Mit- bruͤder in die erbaͤrmlichsten Umstaͤnde setzen wuͤrde. Jch habe noch einen andern Einfall. Sie sind be- ruͤhmt, mein Herr Autor; Sie sind in den witzigsten Gesellschaften bekannt, und ich hoͤre, daß Jhre Worte nicht ohne Nachdruck sind. Thun Sie das Werk der Barmherzigkeit an einem ungluͤckseligen Collegen, an einem Autor, an einem Poeten, der vor guten Wuͤn- schen bersten moͤchte! Empfehlen Sie mich Jhren Le- sern zu freygebigem Wohlwollen! Sagen Sie ihnen, daß ich einen natuͤrlichen Trieb zu singen habe: So werden sich Goͤnner genug finden, welche eine natuͤr- liche Begierde besitzen, besungen zu werden. Umsonst koͤnnen sie es freylich von mir nicht verlangen; aber ich will es doch gewiß billig machen. Jch will sie alle lo- ben, ich gebe Jhnen mein Wort; und ob ich gleich die N 5 Ver- Schreiben des Gratulanten Verdienste meiner Helden noch nicht weis: So ge- hoͤrt dieses doch nicht zur Hauptsache. Jch bin versi- chert, sie werden nicht unerkenntlich seyn, und schon dieses ist lobenswuͤrdig genug. Damit sie aber auch wissen moͤgen, wie viel sie sich von meiner Faͤhigkeit zu versprechen haben: so will ich ihnen einige Proben davon bekannt machen. Jch habe einen ziemlichen Vorrath schoͤner Gedanken, wovon die meisten bereits ausgearbeitet sind, und nur auf den Titel warten. Wollte aber jemand das Carmen auf seine besondern Umstaͤnde eingerichtet haben, oder waͤre er etwan gar so gluͤcklich, einen Namen zu fuͤhreu, welcher zu sinn- reichen und troͤstlichen Einfaͤllen Anlaß giebt: So bit- te ich, mir solches nur zu melden. Man darf nur nach dem Gratulanten fragen; es kennen mich alle Kin- der. Jch werde nicht undankbar seyn, Sie koͤnnen sich darauf verlassen; und ich wollte nichts mehr wuͤn- schen, als daß ich Jhren Vornamen wuͤßte, so sollten ein ganz Dutzend Goͤtter zu Jhrem Befehle stehen. Hier haben Sie ein kleines Verzeichniß meiner Ge- dichte! Die Taxe steht gleich dabey, und Sie werden finden, daß sie billig ist. Uebrigens verharre ich, Mein Herr, Jhr bedraͤngter Freund und Diener, der Gratulant. Liste einiger bis auf den Titel fertigen Gedichte. 1) Der gedruͤckte, aber erqvickte, Apollo. 1 Thl. 8 gr. 2) Der jauchzende Pindus uͤber die hoͤchst unvermu- thete Ankunft des ꝛc. ꝛc. Dieses ist um den gewoͤhn- lichen Marktpreis zu haben. 3) Hi- an den Autor. 3) Historisch-genealogische Nachrichten, wie viele aus Versehen den Gradum angenommen. Erster Theil. Der zweyte Theil soll kuͤnftiges Jahr fertig wer- den, weil das Werk sehr weitlaͤuftig wird. 2 Thlr. 4) Le jour sans pareil, oder die Sonne in Galla, bey dem hoͤchsterwuͤnschten Geburts- und Namensfe- ste ꝛc. ꝛc. kostet wegen des franzoͤsischen Titels 4 gr. mehr, als gewoͤhnlich. 5) Die traͤumende Clio. 1 Thl. NB. Dieses ist eine spitzige Satyre, und muß ohne Censur gedruckt werden. Jch habe mich niemals in dieses Feld gewagt; aber zu itziger Zeit brauchet man nichts, als Muth dazu. 6) Der Eselskopf, noch eine Satyre, nach dem heu- tigen Geschmacke, in der ironischen Schreibart ab- gefaßt. Jst nur fuͤr Leute, welche sich meiner Ge- schicklichkeit bey Streitschriften bedienen wollen. 1 Thl. 12 gr. 7) Zwey Dutzend Sonnette von verschiednem Jnn- halte, in welchen der letzte Vers allemal der schoͤn- ste ist, weil der geneigte Leser daselbst aufhoͤren kann. Das Stuͤck 8 gr. 8) Ein Dutzend dergleichen etwas feiner, weil ich die Pointen unterstrichen habe. Das Stuͤck 12 gr. Es kann aber auch nur in Batzen gezahlt werden. 9) Wohlgemeynter Himmelssturm bey dem gluͤck- lich erlebten Neuenjahre. 16 gr. 10) Die erbaͤrmliche Verzweiflung der Goͤtter, bey dem Grabe u. s. w. Bey der Bezahlung richte ich mich nach der Leiche, nachdem ich ihr viel oder we- nig Tugenden andichten muß. 11) Hi- Schreiben des Gratulanten. 11) Hitziger Streit zwischen der Tugend und einer rei- chen Weste, entschieden von der liebenswuͤrdigen N. N. bey ihrer Verbindung mit u. s. w. Ein Schaͤ- fergedichte, ist unter Bruͤdern 2 Thl. 2 gl. 6 pf. werth. Die 6 pf. gehen ab, wenn es baar bezahlt wird. 12) Hymen und die Reue, bey der im Himmel ge- schloßnen Ehe ꝛc. ꝛc. Dieses Stuͤck will ich um 12 gr. lassen, weil es mir schon lange auf dem Halse liegt. 13) Trauer- und Leichenrede uͤber den gewaltsamen Tod der Wahrheit, oder wohlgemeynter Wunsch, als der Wohledle, Großachtbare, und Wohlge- lahrte Herr, Herr ‒ ‒ von ‒ ‒ der ‒ ‒ eifrigst Befliß- ner, auf der hohen Schule zu ‒ ‒ die schon laͤngst verdiente hoͤchste Wuͤrde der Weltweisheit, nach aller Gelehrten sehnlichen Wuͤnschen, ruͤhmlichst erhielt ꝛc. Dieses Stuͤck wird umsonst ausgegeben. 14) Ungefaͤrbtes Zeugniß von den Verdiensten des ꝛc. ausgestellt von Aretophilo, kaiserlichen geschwor- nen Notario. Es darf sich niemand durch den Ti- tel abschrecken lassen, denn es ist poetisch ausge- fuͤhrt. 1 thl. 15) Die Blindheit des Schicksals, ein Leichengedicht. Jst durch und durch philosophisch, weil ich es selbst nicht verstehe, und wider die Anhaͤnger der besten Welt. Wird nach Belieben bezahlt. Anmerkung. Die Herren Auslaͤnder muͤssen die Preise dop- pelt bezahlen, denn ich schreibe bloß aus Liebe zum Vaterlande. Gedan- Gedanken des Autors uͤber das Schreiben des Gratulanten S. Belustigungen des Verstandes und Witzes 6 B. d. 168 u. f. S. . D er rechtschaffne Mann! Wie sehr wuͤrde ich dem guten Geschmack auf helfen, wenn ich ihn bey der Welt in einiges Ansehen setzen koͤnnte! Es ist ohnedem aus mit unsrer Poesie; es ist ganz aus damit, denn man hat andre Begriffe von ihren Regeln, und Schoͤnheiten, als ich davon habe. Die Vorschlaͤge, die er indessen von mir er- warten kann, sind leicht vorauszusehen. Jch bin der Autor; ich rathe also zum Drucke. Vielleicht thut die undankbare Welt die Augen auf, wenn sie seine Wuͤnsche beysammen sieht! Wenigstens koͤn- nen doch die Einkuͤnfte davon, auf einige Zeit seine Seufzer hemmen. Sollte sich aber, weil der Ge- schmack sehr boͤse ist, kein Verleger finden: So will ich ihm eine Heirath vorschlagen, die ich vielleicht selbst suchen wuͤrde, wenn keine Philippine waͤre. Folgende Liebeserklaͤrung, welche schon vergangne Michaelmesse, bey meinem Verleger eingelaufen, aus Versehen aber liegen geblieben ist, wird ihm mehr Licht geben. Allerschoͤnster Herr Autor, A s ich gestern, meiner Gewohnheit nach, um die Zeit, wenn die jungen Herren und die Schrift- steller sich in der Allee sehen lassen, auch daselbst spa- Gedanken des Autors spatzierte, um aus den Gesichtsbildungen die Gemuͤ- ther der Menschen zu untersuchen, so begegnete mir eine ungemein artige Person, welche sich vor den an- dern allen unterschied. Der Herr hatte den linken Arm in die Seite gestemmt, und sah sehr ernsthaft aus. Zuweilen lachte er auch, und schien sehr zufrie- den mit sich selbst zu seyn. Er redete mit dem Mun- de und den Haͤnden, ob er gleich ganz allein war; er drehte den Hut in die Runde, und als er bey mir vorbey gieng, waͤre er aus Tiefsinnigkeit beynahe hingestolpert. Jch bin von Stunde an in ihm ver- liebt geworden. Waren Sie es, allerliebster Herr Autor? Jch bin eben nicht haͤßlich, und habe ein ziemliches Vermoͤgen, daß ich Sie daher mit Dinte, Federn und Papier wohl versorgen wollte. Jch ster- be vor Ungeduld, ehe ich Nachricht erhalte. Jch bin Allerschoͤnster Herr Autor, Jhre demuͤthige Dienerinn, Elisabeth Contusch. N. S. Da ich unter meiner eignen Gewalt und Aufsicht stehe: So mag ich, ob ich gleich schon Do- ctorinn und Licenciatinn heißen koͤnnte, doch keinen andern, als den Autor, heirathen. Jch lasse mir alle Morgen, bey dem Nachttische, wenn ich mir die Haa- re, und das Gesicht zurichte, ein Stuͤck von Jhren Schriften vorlesen, welche ordentlich hinter dem Spiegel liegen. Es ist, als wenn ich mir noch ein- mal so gut gefiele, wenn ich Sie ablesen hoͤre. Wo ich mich erinnere, so hatte der Herr ein rund Gesicht, mit einer breiten Stirne. Es uͤber dieß Schreiben. Es ist nichts gewissers, als daß sich die Jungfer Contusch in ihren Muthmaaßungen geirrt hat. Jch sage es zum andernmale, daß mich meine Arbeit nicht so viel Muͤhe kostet, daß ich noͤthig haͤtte, da- bey tiefsinnig auszusehen. Jch pflege auch nicht nach- zudenken, wenn ich spatzieren gehe, sondern meine Schreibtafel setzt mich in Stand, auch da zu schrei- ben. Unfehlbar hat ihr also ein Poet begegnet. Und wie gluͤcklich waͤre der Zufall, wenn es mein Client gewesen waͤre! Jch weis von guter Hand, daß das artige Kind noch nicht vor Ungeduld gestorben ist. Jch werde mir also ein besondres Vergnuͤgen ma- chen, zwo Personen zu vereinigen, die fuͤr einander geboren zu seyn scheinen. Wie artig wird es nicht lassen, wenn er ihr zu der Zeit, da sie sich das Ge- sicht zurichtet, seine Gedichte vorliest! Jch finde oh- nedem in der Liste seiner Werke nichts verliebtes, und es waͤre Schade, wenn er der Welt sein poetisches Talent, von so einer gefaͤlligen Seite, verbergen wollte. Vielleicht stillt er mein Verlangen, wenn er, wegen seines Magens in Sicherheit ist. Weil aber ein gewisser beruͤhmter Schriftsteller sagt, daß man seit Erschaffung der Welt schon einige Bey- spiele von dem Eigensinne des schoͤnen Geschlechts aufzuweisen haͤtte: So koͤnnte es leicht kommen, daß die Jungfer Contusch ihr Gluͤck nicht erkennen, und eine Heirath ausschlagen wollte, wodurch sie alle Zuͤge ihres Gesichts verewigen koͤnnte. Jn die- sem Falle ersuche ich meinen Herrn Clienten, nur nicht zu verzagen. Jch will fuͤr ihn sorgen. Nach dem Entwurfe, den ich mir von meiner kuͤnftigen Hoheit Gedanken des Autors uͤber ꝛc. Hoheit gemacht habe, ist es nunmehr Zeit, Streit- schriften anzufangen. Ehestens werde ich meinen ersten Feldzug antreten. Mein Herr Client scheint uͤber Ehre und Schande weg zu seyn, und solche Leute sind zu brauchen. Man frage mich nicht: Wo meine Feinde sind, und wodurch man mich be- leidigt habe? Vielleicht werde ich boͤse, daß mich niemand boͤse machen will. Jch weis freylich noch nicht recht, was ich fuͤr eine Ursache, den Frieden zu brechen, ergreifen werde. Es ist aber mein Trost, daß es nur Kleinigkeiten seyn duͤrfen, weswegen wir Autoren das Recht haben, uns unsinnig anzu- stellen. Crede mihi, leuia sunt, propter quae non leuiter excandescimus, qualia quae pueros in ri- xam et iurgia concitant. Nihil ex his, quae tam tristes agimus, serium est, nihil magnum. Seneca. Ende des ersten Theils. Verzeichniß der Schriften, so in diesem Theile enthalten sind. I. Vorbericht; von dem Misbrauche der Satyre. II. De Epistolis gratulatoriis ΕΞΩΤΙΚΟ- ΘΑϒΜΑΤΟϒΡΓΗΜΑΤΟΤΑΜΕΙΟΙΣ; oder, von der Vortrefflichkeit der Gluͤckwuͤnschungsschreiben nach dem neuesten Geschmacke, a. d. 5. S. III. Antrittsrede in die Wuͤnschende Ge- sellschaft von der wahren Beschaffen- Erster Theil. O heit Verzeichniß heit eines vernuͤnftigen Buͤrgers, a. d. 29. S. IV. Klage wider die weitlaͤuftige Schreib- art, a. d. 41. S. V. Memoires d’ Amourette, oder Lob- schrift auf Amouretten, ein Schooß- huͤndchen, a. d. 47. S. VI. Lobschrift auf die boͤsen Maͤnner, a. d. 61. S. VII. Trauerrede eines Wittwers auf den Tod seiner Frau, in der Gesellschaft der geplagten Maͤnner gehalten; nebst einer Nachricht von dieser Ge- sellschaft, a. d. 69. S. VIII. der Schriften dieses Theils. VIII. Ein Auszug aus der Chronike des Doͤrf- leins Qverleqvitsch an der Elbe gele- gen, a. d. 89. S. IX. Ein Schreiben von vernuͤnftiger Erler- nung der Sprachen und Wissenschaf- ten auf niedern Schulen, a. d. 109. S. X. Lebenslauf eines Maͤrtyrers der Wahr- heit, a. d. 121. S. XI. Sendschreiben von der Zulaͤßigkeit der Satyre. a. d. 135. S. XII. Von Unterweisung der Jugend, a. d. 149. S. O 2 XIII. Verzeichniß der Schriften ꝛc. XIII. Jrns, eine lucianische Erzaͤhlung, a. d. 158. S. XIV. Eine Todtenliste von Nicolaus Klimen, Kuͤstern an der Kreuzkirche zu Ber- gen in Norwegen, a. d. 163. S. XV. Schreiben des Gratulanten an den Au- tor, nebst den Gedanken des Au- tors uͤber dieses Schreiben, a. d. 195. S.